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+The Project Gutenberg EBook of Der Zauberkaftan, by Koloman Mikszáth
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Zauberkaftan
+
+Author: Koloman Mikszáth
+
+Translator: Viktor Sziklai
+
+Release Date: December 5, 2007 [EBook #23740]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERKAFTAN ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Daniel Kraft and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+Der Zauberkaftan
+
+Roman
+von
+Koloman Mikszáth
+
+Aus dem Ungarischen von
+Viktor Sziklai
+
+Leipzig
+
+Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+
+Jene Städte sind närrisch, welche klagen: Wir haben viel gelitten, bei
+uns haben die Türken ein oder zwei Jahrhunderte gehaust. Wahrhaft
+litten jene Städte, wo weder Türken hausten, noch Labanzen und
+Kurutzen,[1] und welche sich aus eigner Kraft erhielten, wie zum
+Beispiel Kecskemét; denn wo von den kriegführenden Parteien sich die
+eine aufhielt, dort dominierte, plünderte nur die eine und die anderen
+wagten sich nicht einmal hin, wo aber keine einzige wohnte, dorthin
+gingen alle Erdbeeren sammeln.
+
+ [1] Labanzen und Kurutzen waren ungarische Soldaten.
+
+Eines Tages wandelte den Ofner Pascha die Laune an, ein wenig zu
+brandschatzen: »Mein Sohn Dervisch Beg, schreibe dem Kecskeméter
+Richter!« Und der Brief ging sofort ab, aus dessen üppigem Stile der
+Ausdruck nicht fehlte: »Ihr spielt mit Euren Köpfen!«
+
+Aber auch der Szolnoker Musta Beg ging nicht anders vor, denn er
+brandschatzte Czegléd, Körös, Kecskemét und die umliegenden Dörfer.
+Jede gesegnete Woche warf er ihnen neue Lasten aus, indem er schrieb:
+»Diesen Herrenbrief sollt Ihr zu Pferde in jede Stadt, in jedes Dorf
+tragen und darnach handeln.«
+
+Seine Gnaden, der tapfere Herr Emerich Koháry rechnete gleichfalls auf
+die wohlhabenden Städte und erließ von Seite der Kaiserlichen aus
+Szécsény Verordnungen, ja selbst der Gácser Stuhlrichter, Seine Gnaden
+Herr Johann Darvas war nicht faul, ihnen an den Leib zu gehen, wenn
+die Kurutzen etwas nötig hatten. Dazu kamen noch die herumschweifenden
+tatarischen Horden und die verschiedenen Truppen, welche auf eigene
+Faust arbeiteten. Und mit all diesen sollte man auf freundschaftlichem
+Fuße leben!
+
+In Kecskemét gab es schon damals berühmte Märkte. Was den Augen schön,
+dem Munde gut ist, das alles brachten die türkischen, deutschen und
+ungarischen Kaufleute haufenweise hierher und der Markt hatte stets
+ein trauriges Ende, denn wenn er eben im besten Zuge war, erhob sich
+eine Wolke auf der sandigen Straße, es kam der Kurutze oder der Türke,
+oder gar ein Haufe Labanzen sauste wie der Blitz nieder und verschwand
+mit den wertvollsten Waren beladen wieder in einer Staubwolke.
+
+Die bitteren Pillen aber konnte dann die wohledle Stadt verschlucken,
+denn hatten die Türken die Zelte geplündert, so fielen nunmehr die
+Labanzen mit großen Rechnungen über sie her.
+
+Die Stadt habe ohne Verzug den Schaden der Kaufleute zu bezahlen,
+sonst wird gestürmt; wenn der Labanze raubte, galt es auch gleich für
+die armen Kecskeméter, denn dann verlangten die Kurutzen und Türken
+Schadenersatz für ihre Kaufleute und diese Forderungen erreichten fast
+immer die Höhe von tausend Goldstücken.
+
+Vergebens seufzte der Oberrichter Johann Szücs: »Woher nehmen, woher?
+Das ist ja nicht das Kremnitzer Goldbergwerk; unter unseren Füßen ist
+ja nichts als Sand, Sand bis hinunter zur Hölle.«
+
+Endlich ward die Sache doch unerträglich, man hielt großen Rat und
+dann gingen die guten Leute zum Palatin, der aber nach der Erzählung
+des Herrn Paul Fekete sehr mißmutig wurde, als sie ihm vortrugen, daß
+sie eine Bitte an ihn hätten.
+
+»Verlanget nur nichts großes, denn ich gewähre es euch nicht.«
+
+»So sehr verlangen wir nichts großes, daß uns selbst das zu viel ist,
+was wir haben.«
+
+»/Valde bene, valde bene/,« meinte der Palatin schmunzelnd.
+
+»Wir bitten Eure Gnaden, uns unsere Märkte zu nehmen.«
+
+Der Palatin dachte nach, hüstelte. »Hm, es ist kein richtiges Regime,
+/amici/, das den Leuten etwas nimmt, wovon der Nehmende keinen
+Vortheil hat.«
+
+Trotzdem kam bald darnach eine Ordre von Leopold I., daß die Kecskeméter
+Märkte von nun an zu sein aufgehört haben. Selbstverständlich wurden
+nun die Türken ebenso wütend wie die Kurutzen. »Diese elenden
+Philister berauben uns unseres Nebenerwerbes.« Sie hatten jetzt
+originelle Ideen. Am schwarzen Sonntag vor Ostern stürmte der berühmte
+Kurutzenführer Stefan Csuda mit seinen Truppen in die Stadt. Sie
+sprengten geradenwegs zum Stiftskloster. Hier befahl der Anführer
+seinen Leuten: »Nichts anrühren, Kinder, nur den Quardian müßt ihr
+gefangen nehmen, denn diesen werden sie auslösen.« Sie nahmen wirklich
+den Quardian, den dicken Pater Bruno, gefangen, setzten ihn auf ein
+Maultier, das bisher ein treuer Arbeiter des Klostergartens war, zumal
+es die Wasserfässer schleppte. Damit aber der fluchende, strampelnde
+Pater nicht vom Rücken des Buri falle (Buri hieß das Maultier), banden
+sie ihn mit Stricken und Riemen fest ... Sie hatten sich nicht
+verrechnet. Eine große Bestürzung griff Platz unter den katholischen
+Gläubigen. Die Witwe Paul Fábián, die bucklige Julie Galgóczi und die
+verwelkte Klara Bulki begannen unter dem Präsidium des Paters Litkei
+sofort das Lösegeld zu sammeln, indem sie von Haus zu Haus wanderten.
+»Lösen wir den armen Pater Bruno aus. Er hat eine prächtige Predigt zu
+den Osterfeiertagen einstudiert, diese können wir nicht ungesprochen
+lassen.« Hundert Goldstücke wurden gesammelt, mit diesen begaben sich
+die Erwählten der Frauen auf den Weg zum Kurutzenlager: Senator
+Gabriel Poroßnoki, Kurator Johann Babos und der Wagner, Herr Georg
+Doma.
+
+Nach männiglichen Abenteuern und Mißgeschicken fanden sie endlich den
+Stefan Csuda, der sie wild anfuhr: »Ihr seid die Kecskeméter, nicht
+wahr? Nun, was wollt ihr?«
+
+»Wir sind ihn holen gekommen,« sprach der fromme Babos, seine winzigen
+grauen Augen gegen den Himmel erhebend.
+
+»Wen, den Maulesel oder den Quardian?« scherzte der gutgelaunte Stefan
+Csuda.
+
+»Beide, wenn wir übereinkommen können,« meinte Herr Poroßnoki.
+
+»Der Geistliche ist nicht viel wert, aber das Maultier können wir wohl
+brauchen. Es schleppt die große Trommel.«
+
+Sehr wohl gefiel den guten Kecskemétern diese Erklärung des Kurutzen,
+denn wenn der Geistliche nicht viel wert ist, wird er wohl billig zu
+haben sein und sie nickten beifällig mit dem Kopfe.
+
+»Also woran sind wir mit Sr. Hochwürden?«
+
+»Ihr könnt ihn für drei Goldstücke haben.«
+
+Die drei Männer schauten sich lächelnd an, wie wenn sie sagen wollten,
+»billig, wahrhaftig sehr billig!« Poroßnoki warf einen Flügel seines
+blauen Mantels zurück und griff in die Tasche, um die drei Goldstücke
+hervorzuholen. »Da sind sie! Nehmt sie, Herr!«
+
+Der Kurutzenführer schob die Hand des Senators bei Seite. »Den
+Geistlichen brachte das Maultier, jetzt soll auch der Geistliche das
+Maultier mitnehmen. Dies ist nur gerecht, ohne das Maultier ist kein
+Geschäft.«
+
+»Hol's der Teufel,« meinte der Senator wohlgelaunt. »Welches Lösegeld
+bezahlen wir für das Maultier?«
+
+»Der fixe Preis desselben beträgt,« gab Csuda jedes Wort betonend
+zurück, »hundertsiebenundneunzig Goldstücke.«
+
+In den Bürgern stockte das Blut; der kleine Babos blinzelte auf den
+Kurutzen, ob dieser nicht spaße, doch das gebräunte Antlitz blickte
+jetzt sehr ernst, vordem war es bedeutend heiterer; die Kecskeméter
+verzagten trotzdem nicht.
+
+»Hättet Ihr, Herr, das Herz, für ein Maultier so viel Geld zu nehmen,
+wie für vier arabische Pferde. Überlaßt uns den Geistlichen separat!
+Wir kommen lieber ein andersmal das Maultier einlösen,« ergänzte Herr
+Babos.
+
+Jetzt übernahm wieder Herr Georg Doma die diplomatischen
+Verhandlungen. Er meinte, das Maultier könnten ja die ehrwürdigen
+Patres ohnehin nicht wieder benützen, nachdem dasselbe ein
+kompromittiertes Individuum sei, das bereits Lagerdienst geleistet hat,
+in einem protestantischen Truppenkörper.
+
+Den meisten Verstand besaß noch Herr Poroßnoki, denn er durchschaute
+sofort, daß der Kurutzenführer zweihundert Goldstücke für den Quardian
+haben wollte und die Geschichte mit dem Maultier bloß Spaßmacherei
+sei. Er entnahm seiner Tasche den traditionellen Strumpf und ließ die
+Goldstücke klimpern. »Hundert Stück ohne Fehl, nicht um ein Stück
+mehr. Entweder nehmen wir das Geld wieder nach Hause oder den
+Quardian. Es hängt von Euch ab, mein tapferer Herr.«
+
+»Nicht möglich,« schüttelte dieser den Kopf.
+
+»Bedenket aber,« meinte Babos, »daß man unsern Herrn Christus um
+dreißig Silberlinge verkaufte. Wie sollten da für den Pater Bruno
+nicht hundert Goldstücke genügen?«
+
+»Biblisieren Sie nicht!« schrie der Kurutz, »denn es ist wohl wahr,
+daß sie unsern Heiland für dreißig Silberlinge verkauften, aber für
+wie viel ihn das Christenthum vom Tode losgekauft hätte, das wissen
+Sie nicht.«
+
+Unter solchen Plänkeleien schlossen sie den Handel endlich mit hundert
+Dukaten ab, welche Herr Csuda einzeln besah, ob sie nicht abgefeilt
+sind, dann klingen ließ, ob man an ihrem Klange nicht einen kleinen
+Siebenbürger Accent wahrnehme (dort hielten sich nämlich zu jener Zeit
+die Falschmünzer auf). Als dann alles ins reine gebracht war, lieferte
+er den abgemagerten Pater Bruno aus, welchen die Deputation in großem
+Triumph nach Hause führte.
+
+Aber nicht lange dauerte ihre Freude, denn als sie sich der Heimat
+näherten, kaum Nagy-Körös verlassend, dessen Häuser noch im
+abendlichen Nebel sichtbar waren, schimmerte von rechts der schlanke
+Turm Kecskeméts hervor und eine sich nähernde Staubwolke. »Was zum
+Teufel kann das sein?« frugen sich unsere Leute.
+
+»Offenbar kommt uns eine Prozession entgegen. Es wird auch eine Rede
+geben /reverendissime/, freilich wird es eine solche geben. Es wird
+nichts schaden, sich auf die Antwort vorzubereiten.«
+
+In den Augen Pater Brunos glänzten Thränen. »Meine armen guten
+Gläubigen lieben mich, sie lieben mich schrecklich. Wer wird wohl die
+Rede halten? Wahrscheinlich der schön sprechende Pater Litkei.
+Freilich, freilich. Ich sehe ihn ja schon. Er ist es, dort voran. Ich
+will ein Hund sein, wenn er es nicht ist.«
+
+Herr Georg Doma brauchte kein Hund zu sein, denn es war in der That
+Pater Litkei; seinen breiträndrigen Hut, seine Riesengestalt konnte
+man schon von weitem erkennen, nur war seine Begleitung gerade kein
+Prozessionsvolk, sondern es waren türkische Soldaten. Der Galgenvogel
+Ali Mirze Aga führte sie an. »Guten Abend, guten Abend!« rief er, als
+er an unseren Reisenden vorüber ritt, »führt ihr den Geistlichen nach
+Hause, ihr guten Leute? Wir auch den unseren.«
+
+Der Aga lachte, der Mönch Litkei rief den Namen Jesus, Pater Bruno
+winkte ihm mit dem Taschentuch nach: »Auch dich werden wir auslösen,
+mein lieber Sohn.«
+
+Und in der That war es seine erste Sache, zu Hause angelangt, eine
+Sammlung einzuleiten. Witwe Paul Fábián, die bucklige Julianna
+Galgóczi und die verblühte Klara Bulki suchten neuerdings die
+barmherzigen Menschen auf: »Lasset den armen Mönch nicht in der Hand
+des elenden Heiden zu Grunde gehen. Was würde die Christenheit von uns
+denken?« Wenn die Börse nicht geöffnet ward, fügte Frau Paul Fábián
+hinzu:
+
+»Und was würde Nagy-Körös[2] dazu sagen?«
+
+ [2] Zwischen Nagy-Körös und Kecskemét herrscht seit Jahrhunderten
+ eine kleinliche Rivalität.
+
+Bei diesen Worten zog jeder Mensch von Kecskeméter Empfindung den
+Zwanziger hervor und auch der Mönch Litkei konnte nach Hause gebracht
+werden. Damit war die Sache nicht zu Ende, denn der Handel mit den
+Geistlichen kam so sehr in Mode, daß, sobald irgend ein Truppanführer
+ein klein wenig Geld brauchte, er sofort eine Verordnung erließ: »Ich
+muß einen Kecskeméter Geistlichen haben.« (Das bedeutete schon eine
+gewisse Summe auf dem Geldmarkte). Eine Zeit lang lösten sie die
+frommen Bürger aus, bis der Herr Oberrichter Johann Szücs selbst, die
+Ausbeutung der Stadt bedauernd, derselben mit der gottlosen Erklärung
+ein Ende machte: »Wenn Gott seine Diener fortführen läßt, warum sollen
+wir es nicht dulden? Schließlich ist ihr Herr in erster Reihe
+verpflichtet, ihnen zu helfen.«
+
+Einige Mönche blieben den Räubern auf dem Hals, worauf sofort der Wert
+der Geistlichen auf Null sank und die erobernden Herren sich nach
+einer andern Ware umsahen. Es war unmöglich sie zu übertölpeln. Am
+Tage Peter und Paul verübten die Szolnoker Türken einen Einbruch und
+raubten unter den aus der Kirche kommenden Frauen die junge Gattin des
+Oberrichters sowie die Frau Georg Doma. Die ganze Stadt war in
+Aufruhr. »Das ist schon kein Spaß mehr, Gevatter!« Denn mit den
+Pfaffen zu manipulieren, war nicht so arg. Diese erlitten keinen
+Schaden, so lange sie bei den Türken waren. Aber die Frauen! Das ist
+ganz etwas anderes. Donnerwetter, mit den Frauen kann man nicht so
+manipulieren!...
+
+Johann Szücs war so erbittert, daß er sofort seiner Stelle als
+Oberrichter entsagte und, nachdem er sein steinernes Haus verkauft
+hatte, mit Georg Doma die Frauen holen ging. Herr Szücs gab
+zweihundert Dukaten für seine Rippe.
+
+Georg Doma jedoch bot nur fünfundzwanzig Dukaten an, wenn man seine
+Frau nach Hause läßt, hundert, wenn man sie behält, aber für immer --
+so daß er eine andere Frau nehmen kann.
+
+Zülfikar Aga überlegte eine Weile, dann sagte er traurig: »Nimm nur
+die Frau, mein Freund.«
+
+Unterdessen bemächtigte sich der Kecskeméter ein panischer Schrecken.
+Auch die Kurutzen waren eingebrochen und raubten die jungfräuliche
+Tochter Vicza des steinreichen Thomas Bégh bei einer Hochzeit, als sie
+eben mit dem jüngeren Michael Nagy tanzte. Was wird daraus werden,
+Herr und Schöpfer? Aus den Häusern werden sie heute oder morgen die
+kostbaren Frauen hervorziehen!
+
+Der Kalgaer Sultan ließ wiederholt verkünden, daß er auf die zehn
+schönsten Frauen rechne. Auch die Ofner Türken konnten in jeder Stunde
+kommen. Obwohl damals von den Kecskeméter Mädchen das Lied noch nicht
+verkündete: »Wer ein Bursch ist, nimmt seine Braut von da«, waren sie
+dennoch schon damals prächtig. Das leugneten selbst die Köröser jungen
+Leute nicht. Die allgemeine Verzweiflung war daher gar nicht zu
+verwundern. Die Lage war eine solche, wie in den sagenhaften, mit
+schwarzem Tuch verhüllten Städten, wo der siebenköpfige Drache die
+Jungfrauen der Reihe nach verzehrt. An welche kommt die Reihe, welche
+folgt jetzt? Diese Ungewißheit war ein unsichtbares Seil, welches
+jedermann in der Halsgegend fühlte. Zehnmal erschrak täglich der eine
+und der andere Kaufmann vor einer Staubwolke, und wenn die dürren
+Bäume des Talfája-Waldes des Nachts zu ächzen begannen, so glaubten
+sie auch darin das Sausen der herannahenden Horden zu vernehmen: »Ach,
+die Vagabunden kommen schon wieder.«
+
+Allabendlich falteten die Frauen ihre kleinen Hände und flehten
+inbrünstig zu dem Patron der Stadt, dem Bischof Sankt Nikolaus.
+Vielleicht kann der etwas thun mit dem Krummstabe, welcher auf dem
+Stadtsiegel zu sehen ist.
+
+(Ich vermute, daß in diesen Gebeten /sub clausula/ enthalten war:
+»Wenn das aber der Wille Gottes wäre -- so gieb, o Herr, daß lieber
+die Husaren Czudas kommen sollen, als die hundeköpfigen Tartaren und
+die Ofner Türken.«)
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+
+Die Erbitterung wuchs immer mehr. Die Angelegenheiten der Stadt sahen
+immer schlechter aus. In der Rechtsprechung war eine Pause
+eingetreten, denn man konnte nirgends Richter auftreiben, obwohl in
+Kecskemét das »aufgetriebene Gericht« im Gebrauche stand. Man stellte
+aus den zum Markte gekommenen Fremden den Gerichtshof zusammen.
+
+Jetzt aber, da Johann Szücs den Stab eines Oberrichters niederlegte,
+gab es keinen, der darnach griff. Es hat niemand Tollkirschen
+gegessen!
+
+Vier, fünf Verordnungen täglich zu erhalten, mit unmöglichen Wünschen
+und mit dem liebenswürdigen Postskriptum: »Denn sonst werde ich Deine
+Gnaden rädern lassen« -- und verrückt wie die Welt ist, führt man das
+auch aus. Die Menschen beschwerten sich laut. »Entweder wir ziehen von
+hier fort, oder wir sterben hier, aber so können wir nicht weiter
+leben. Man muß etwas machen.«
+
+»Aber was? Die Türken können wir doch nicht allein aus dem Lande
+jagen, wenn es der Kaiser selbst nicht thun kann.«
+
+Indem die Senatoren im Stadthause auf diese Weise gedankenvoll
+berieten, rief mit einem Male eine Stimme zum geöffneten Fenster
+hinein: »Ich aber sage euch, daß man die Türken nicht vertreiben,
+sondern hieher nach Kecskemét bringen soll.«
+
+Die Senatoren blickten alle auf. »Wer ist der Tollkühne? Wer spricht
+da draußen?«
+
+»Der Sohn des Schneiders Lestyák.«
+
+»Wie wagt der, unsere Rede zu unterbrechen,« sprach Martin Zaládi
+indigniert und winkte dem Heiducken. »Schließen Sie das Fenster!«
+
+Gabriel Poroßnoki sprang auf, als ob ihn irgend eine elektrische Kraft
+emporgehoben hätte. »Ich aber sage, daß man den jungen Mann nicht
+wegtreiben, sondern hereinbringen soll, damit wir ihn anhören.«
+
+Die ernsten Stadtväter schüttelten die Köpfe, wagten es jedoch nicht,
+dem angesehensten Senator zu widersprechen, nur Christoph Agoston
+murrte: »Der Vater ist ein Narr und der Sohn auch. Von einem Studenten
+sollen wir Rat begehren? Freilich, er hat es schon, denn er hat es.«
+
+»Was?« frug der neugierige Franz Kriston.
+
+»Das /consilium abeundi/ ... hahaha. Man hat ihn aus Großwardein
+davongejagt. Ja, er soll uns Rat geben. Wir haben ohnehin kein großes
+Ansehen; so soll denn unser Ansehen noch kleiner werden.«
+
+Dann erzählte er, daß der Vater blödsinnig sei. Kürzlich schickte der
+wackere Pater Bruno seinen Rock zu ihm, damit er die Fettflecke
+beseitige. Er beseitigte sie auch, aber so, daß er sie mit der Schere
+ausschnitt. Den armen Pater Bruno traf beinahe der Schlag.
+
+Gyuri Pintyö, der Heiduck, brachte unterdessen atemlos den jungen
+Lestyák herein. Es war ein hübscher, schlanker Junge mit so dichtem
+Haar, wie eine Bürste.
+
+»Mein Sohn,« sprach ihn Poroßnoki höflich an, »vorhin hat du etwas
+geschrien, was mein Ohr traf. Erkläre dich näher.«
+
+Max Lestyák kam nicht in Verwirrung, er drechselte seine Worte klar
+und verständlich. »Ich habe in der That gedacht, wohledle Herren, daß
+unter den Verhältnissen, in denen sich unsere liebe Geburtsstadt
+befindet, die toten Fermans, die schriftlichen Versicherungen, nicht
+viel wert sind. Hundertmal mehr Wert hätte ein lebender Beg, der unter
+uns wohnend sehr viele kleine Unannehmlichkeiten von unseren Köpfen
+fern hielte. Wir sind eine freie Stadt, wohledle Herren, aber unsere
+Freiheit ist aus Ketten geschmiedet. Suchen wir einen Tyrannen, damit
+wir leben können!«
+
+Die Senatoren blickten einander an, staunend, bezaubert. So schöne
+warme Worte hatten sie schon lange nicht gehört, eine so schöne,
+sonore Stimme war in diesem Saale noch nicht erklungen. Seit morgens
+sitzen sie hier, ohne Rat und siehe da, es war, als ob sich unerwartet
+eine Fackel im Dunkeln entzündet hätte.
+
+»Vivat!« rief Mathé Pußta aus. »Das ist eine kluge Rede.«
+
+»Er hat Recht!« sagte der greise Georg Pató, seine silberne Mentekette
+schüttelnd, »er hat reines Korn aus der Spreu gesondert.«
+
+Gabriel Poroßnoki stand von seinem Sitze auf, ging auf Max Lestyák zu
+und klopfte ihm auf die Schulter. »Junge, du hast von nun an eine
+Stimme,« sagte er feierlich. »Setzen Sie sich zwischen uns, Herr
+Michael Lestyák.« (Gerade war am grünen Tische ein Sessel frei:
+derjenige des Johann Szücs.)
+
+Die Begeisterung brach bei diesen Worten aus. Die Ungarn lieben die
+überraschenden Wendungen und das war eine. Die Stadtväter sprangen
+auf, um dem Jungen die Hand zu drücken. Selbst Christoph Agoston
+murmelte versöhnt zu Franz Kriston hingeneigt: »Wenn er nur nicht die
+Züge seines Vaters hätte! Sein Vater kam noch als Slovake in Sandalen
+nach Kecskemét.«
+
+»Das sieht man dem Knaben gar nicht an.«
+
+Wirklich konnte jedermann in einem ärztlichen Fachblatte kürzlich
+lesen, daß wenn man die Wunde eines Weißen (in ärztlichem Jargon: das
+Fehlen der Hautkontinuität) durch die Haut eines Negers ergänzt, daß
+das kleine schwarze Hautstück allmählich weiß wird und daß
+andererseits die weiße Haut auf dem Körper eines Negers schwarz wird.
+Dieser Prozeß geht seit Jahrhunderten in den großen ungarischen
+Städten vor sich. Eine fremde Familie geht nach der anderen ganz in
+den ungarischen Körper auf, sie nehmen sogar die Farbe desselben an.
+Der alte Schneider Lestyák sieht mit seinem grauen Haare, seinem
+runden Kopfe wie ein Azteke, während Max mit seinem eiförmigen, harten
+Gesichte, mit den nußbraunen Augen, mit seinem dünnen Schnurrbarte
+schon ein wahrer Kumane ist, der sich in diesem Saale, wenn er in
+einem anständigen Anzuge erschiene und nicht in Hemdärmeln, so
+ausnehmen würde, wie der Enkel irgend eines an der Wand hängenden
+alten Senators.
+
+Die Beratung nahm nun mit großer Begeisterung ihren Anfang. Man sprach
+es einstimmig aus, daß die Politik Kecskeméts derzeit die sei, um
+jeden Preis die Türken zu gewinnen. Dann ging der Vorsitzende
+Poroßnoki auf einen anderen Gegenstand über: »Es ist noch die
+Besetzung des Oberrichterstuhles zu erledigen. In glücklichen Zeiten
+ist das die Belohnung der bürgerlichen Tugend. Die ganze Stadt nimmt
+an der Wahl teil. Aber heute, da eine ganze Reihe von Oberrichtern das
+Martyrium erlitt, den einen der Ofner Sandschakpascha aufs Rad
+flechten ließ, der andere in trauriger Gefangenschaft im
+Konstantinopler Jedikala zu Grunde ging, einen dritten die Kurutzen
+mit ihren Piken totstachen, die Gattin eines vierten raubten, heute,
+sage ich, ist die Annahme des richterlichen Stabes eine heroische
+Selbstaufopferung und wir haben nicht das Recht irgend einen unserer
+Mitbürger auf dem Wege der Wahl in den Rachen des Unglücks zu stürzen.
+Denn wem würden die einzelnen jetzt ihre Stimme geben? Demjenigen,
+welchen sie am meisten hochschätzen? Oder demjenigen, welchen sie
+hassen? Ist es möglich, daß nicht das allgemeine Vertrauen, sondern
+der allgemeine Haß Männer an die Spitze der öffentlichen
+Angelegenheiten stelle? Ich, wohledle Herren, halte das für
+unmöglich.« (Stürmischer Beifall.)
+
+»Wahr! So ist's!«
+
+»Unter solchen Umständen, da der Oberrichter aus den Senatoren gewählt
+werden soll, giebt es nur den einzigen /modus vivendi/, daß jemand von
+Ihnen freiwillig das Amt eines Oberrichters übernehme.« ...
+
+Unruhig ließ er seine Blicke im Kreise umherschweifen.
+
+Es herrschte kirchliche Ruhe im Saale. Die Senatoren rührten sich
+nicht.
+
+»Niemand?« frug er mit düsterer Stirne. »Dann müssen wir zum letzten
+Mittel greifen, welches unsere alten Gewohnheiten dann anordnen, wenn
+von den Senatoren jemand eine Aufgabe von unheilvollem Ausgange
+erhält. Pintyö, bringen Sie die Bleikiste herein.«
+
+Der Heiduck brachte eine kleine Bleikiste aus dem benachbarten Zimmer,
+auf deren vier Seiten je ein Totenkopf ausgehauen war.
+
+»Hier sind die zwölf Würfel,« sagte Poroßnoki dumpf und ließ sie auf
+die Mitte des Tisches kollern, auf dessen grüner Fläche die
+eindringenden Strahlen der Herbstsonne mutwillig umhersprangen. Ein
+schwarzer und elf weiße Würfel: »Wer den schwarzen zieht, wird
+Oberrichter!« Die Würfel legte er wieder in die Kiste zurück.
+
+»Es sind aber nur elf Senatoren anwesend,« sprach Herr Kriston mit
+zitternder Stimme dazwischen, »der eine Würfel ist überflüssig.«
+
+»Ausgenommen, wenn auch Herr Lestyák einen zieht.«
+
+»Wenn er eine Stimme hat, muß er auch ziehen,« meinte Herr Zaládi,
+»der Mantel der Rechte ist mit Pflichten wattiert.«
+
+»Er soll ziehen!« entschied man einstimmig.
+
+Das Auge Lestyák's erglänzte, sein Gesicht erglühte. »Wenn ich nur den
+schwarzen Würfel zöge,« dachte er bei sich.
+
+Unterdessen transpirierte mit Hilfe der Heiducken der Fall Lestyáks in
+die draußen harrende Menge, daß die Senatoren seit dem Morgen
+gedankenlos dasaßen, daß Max unter das Fenster kam und den Funken der
+Weisheit unter sie warf, worauf Gabriel Poroßnoki ihn von der Gasse
+hineinrufen ließ und ihn zum grünen Tische unter die Alten der Stadt
+setzte.
+
+Hat jemand schon so etwas gehört? Aber Gabriel Poroßnoki ist dennoch
+ein wackerer Mann, der selbst im Schnabel der Eule das Glänzende
+bemerkt.
+
+Das Volk wogte lebhaft vor dem Gebäude. Von Zeit zu Zeit erscholl eine
+Stimme aus der Menge: »Es lebe Max Lestyák! Wir wollen Lestyák sehen!
+Wir wollen ihn hören!«
+
+Frau Fábián sprach zu einer großen Gruppe mit lebhaften Gebärden:
+»Sein Verstand hat sich enthüllt. Gott hat ihm im Schlafe zu wissen
+gegeben, was er sagen soll, wie unsere arme Stadt von den bösen Heiden
+befreit werden kann. Warum Gott gerade ihn auserkor, fragen Sie, Frau
+Létasi? Weil Se. heilige Majestät immer mit den Kindern der Handwerker
+arbeitet. Unser Heiland, Christus, war der Sohn eines Zimmermanns und
+dieser der Sohn eines Schneidermeisters. Aber seht nur, er kommt!«
+
+Aus dem Nachbarhause kam Herr Mathias Lestyák mit raschen Schritten,
+indem er in der einen Hand zornig die Elle schwang und in der anderen
+einen kornblumfarbigen Mantel hielt. »Wo ist dieser Kerl, daß ich ihn
+tot schlage!« schrie er wild. »Er kam hierher, er muß hier sein.«
+
+»Er ist im Senat«.
+
+»Wer? Der Max? Wie kam er denn hin? Verbarg er sich vor mir? Ich will
+doch warten, bis er herauskommt. Ich werde diesem Kerl schon zeigen!
+Zu Staub will ich ihn zermalmen. Vor einer Stunde gab ich ihm daß
+Bügeleisen, damit er es wärme, denn noch heute muß ich den Mantel des
+Halaser Bürgermeisters nach Hause bringen, welcher darin mit einer
+Deputation morgen ins Neograder Komitat geht. Ich rufe jetzt in die
+Küche: >Max, bring' schon einmal das Bügeleisen!< Aber weder
+Bügeleisen, noch Max erscheint. Soll da der Mensch nicht vor Zorn
+bersten?«
+
+Valentin Katona, der Kürschner, ergriff die Partei des Sohnes.
+
+»Man kann einen erwachsenen Burschen nicht mehr als Schneidergesellen
+beschäftigen und mit dem Wärmen des Plätteisens quälen.«
+
+»Kümmern Sie sich um Ihr eigenes Kalb,« erwiderte der Schneider roh.
+»Was soll ich denn mit ihm anfangen? Früher oder später wird er
+ohnehin aufgehängt. Er schnüffelt immer nach städtischen
+Angelegenheiten umher. Ich werde dir schon städtische Angelegenheiten
+geben. Ich werde den Lumpen braun und blau schlagen.«
+
+»Daraus wird nichts!« warf Valentin Katona neuerdings ein, an das
+heutige große Verdienst des Jungen denkend.
+
+»Die Erde soll mich verschlingen, wenn ich ihn nicht züchtige.«
+
+Valentin Katona wollte eben seinem in weicherem Material arbeitenden
+Kollegen erklären, wie Max in den Senat gelangte, als das Fenster des
+Beratungssaales mit großem Lärm geöffnet wurde und der wohledle Herr
+Gabriel Poroßnoki »Verehrliches Volk der Stadt Kecskemét!« mit
+Stentorstimme hinausrief, worauf Grabesstille eintrat. »Ich melde euch
+im Namen des Senates, daß vom heutigen Tage angefangen, auf ein Jahr
+der wohledle und achtbare Herr Michael Lestyák nach unseren Gesetzen
+und Gewohnheiten zum Oberrichter der Stadt gewählt wurde.«
+
+Ein Gemurmel der Überraschung ging durch die dicht gedrängte Menge.
+
+Es gab zuerst ein Gelächter: »Hahaha! Michael Lestyák! Hehehe!«
+
+Aber bald begegneten diese Stimmen anderen, welche vielleicht aus
+Gewohnheit »Eljen«[3] schrien.
+
+ [3] Hoch!
+
+Und nach ihnen schlossen sich hunderte von Stimmen dem ersten »Eljen«
+an und wuchsen zu einem breiten, durchdringenden Schrei an ... Wenn
+das erste »Eljen« bescheidener und das erste »Hahaha« frischer gewesen
+wäre, dann hätte sich das »Eljen« geteilt und das himmelstürmende
+Geschrei hätte jetzt so geklungen wie das Lachen der Hölle: Hahaha,
+Hihihi!
+
+Je größer die Masse ist, desto leichter ist sie. Wie ein weicher
+Flaum, welchen der erste Windhauch in die Höhe trägt, schwankt sie
+nach rechts und links.
+
+Bei den stürmischen Eljenrufen ergoß sich das Volk aus den Gassen. Von
+allen Seiten liefen Neugierige herbei. Einige kamen mit Wasserkübeln
+und riefen: »Wo ist das Feuer?« oder sie gebrauchten Fragen wie: »Was
+giebt's? Was ist geschehen?«
+
+Das Thor des Stadthauses öffnete sich und die Senatoren traten zu
+zweien heraus, in der Mitte Michael Lestyák.
+
+»Er kommt! Er kommt!« Es entstand ein furchtbares Gedränge. Jedermann
+wollte ihm nahe kommen.
+
+Er schritt stolz, würdevoll einher, wie wenn er nicht mehr der Michael
+wäre. Die Röte der Jugend brannte auf seinen Wangen, die Augen ließ er
+lächelnd über die Menge schweifen, wie sich dies für ein Glückskind
+ziemt.
+
+Ihm zur Seite schritten zwei Heiducken[4] mit hocherhobenen Stäben,
+gleichwie einstmal die Liktoren der römischen Konsuln. Das waren die
+Attribute der Macht.
+
+ [4] Komitats-Polizisten.
+
+Allein es war unserem wohlgeborenen Herrn Richter recht wohl zu gönnen
+-- denn das zweiundzwanzigjährige Bürschchen in Hemdärmeln und
+abgeschabter Weste nahm sich unter den ansehnlichen Senatoren in
+silberknöpfigen Dolmans[5] etwas sonderbar aus. Vielleicht auch war
+gerade dies die Sehenswürdigkeit, ob welcher das Volk in Jauchzen
+ausbrach.
+
+ [5] Mänteln.
+
+Der alte Lestyák wurde bald bleich, bald purpurrot. »Mein Gott, mein
+Gott, träume ich denn?« (Und dabei rieb er sich die kleinen grauen
+Augen, vielleicht auch wischte er eine vordringliche Thräne weg.)
+»Nachbar, stützen Sie mich!« Und in der That wäre er zusammengesunken,
+hätte Valentin Katona ihn nicht aufrecht gehalten.
+
+»Na, jetzt möge Ew. Wohlgeboren den Oberrichter der Stadt mit dem
+spanischen Rohr bearbeiten, wenn Sie ein solch großer Potentat sind.«
+
+Er antwortete nichts, allein der Stock entfiel seiner kraftlosen Hand;
+er schloß die Augen, allein selbst im Dunkeln fühlte er das Nahen des
+Oberrichters; er sprang mit einem Satz, wie ein Hamster, auf ihn zu
+und bedeckte ihn mit der ungebügelten neuen Mente, welche noch die
+weißen Nähte und die Kreidestriche des Schneiders aufwies.
+
+Die Menge nahm auch dies mit brausendem Beifall auf, nur Valentin
+Katona rief spaßhaft aus: »Halloh! Gevatter Mathias! In welchem Kleid
+geht denn nunmehr der Halaser Bürgermeister nach Fülek?«
+
+Der alte Schneider antwortete in verbissenem Trotz: »Er soll im
+Szür[6] dahin. Dazu ist er mir ein zu kleiner Mann, daß ich ihm eine
+Mente nähe.«
+
+ [6] Eine Art Weste.
+
+Und damit brach er sich, gleich einem wildgewordenen Stier einen Weg
+durch die Menge, stürzte nach Hause, in den kleinen Garten vor seinem
+Häuschen, wo ein großer Birnbaum seine rostroten Früchte begehrenswert
+hängen ließ und seine mächtigen Zweige auf die Straße hinausstreckte.
+Rasch wie ein Eichhorn kletterte er bis zur Krone hinauf und wie
+wahnsinnig begann er an den oberen Zweigen zu rütteln. Die herrlich
+duftenden Birnen, seine eifersüchtig gehüteten Schätze fielen dicht in
+die Menge »Czup, czup«, und die Kinder und Weiber warfen sich auf den
+Himmelssegen, gleich wie das Volk sich auf das Gold stürzt, das der
+Oberstkämmerer bei der Krönung in die Luft streut. Auch bejahrte
+Männer beugten sich nieder nach den rollenden Birnen.
+
+»Esset euch toll und voll! Da habt ihr eine Mahlzeit!« schrie der Alte
+und rüttelte und schüttelte wild an dem alten Baum, so lange dieser
+auch nur eine einzige Birne trug.
+
+.... So beging er die Installation seines Sohnes.
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+
+Der erste Rausch der Oberrichterwahl war vorüber. Am dritten Tag war
+das Publikum ernüchtert.
+
+»Es war doch nur eine Dummheit,« sagte man. »Ein wahrhaftiger
+Faschingsscherz.«
+
+»Man macht die Stadt lächerlich!« ließen manche sich vernehmen.
+
+»Das haben die Pfiffikusse, die Senatoren gethan, damit sie ihrer
+eigenen lieben Haut zum Winterschlaf verhelfen.«
+
+Hier und dort brach auch der Ärger hervor, verriet sich der Neid und
+ließ die Unzufriedenheit eine ihrer Blüten sehen.
+
+Allein die nüchternen Machthaber beeilten sich den neuen Oberrichter
+anzuerkennen.
+
+Zülfikar Aga schrieb ihm einen freundlichen Brief aus »der
+wohlgehüteten Festung Szolnok«, daß er sein Amt mit einer edlen That
+beginnen könnte, wenn er die bei ihm, dem Aga, befindlichen beiden
+Einsiedler auslösen wollte.
+
+Herr Stefan Csuda bat in ziemlich freundlichem Tone um vier
+Wagenladungen Brot.
+
+Nur der Vertrauensmann des Ofner Kaimakam, Halil Effendi, der nach
+Kecskemét kam, um hier Steuerangelegenheiten zu ordnen, fuhr im
+Stadthause wütend auf, daß man ihn mit einem bartlosen Jüngling
+unterhandeln lasse, worauf der Oberrichter sich auf den Fersen
+umdrehte und die Thür heftig zuwarf. Einige Minuten später erschien
+der Heiducke Pintyö, einen alten Ziegenbock am Stricke nach sich
+schleppend.
+
+»Was willst du mit dem dummen Vieh, du ungläubiger Hund?«
+
+»Ich brachte es auf Befehl des Herrn Oberrichters. Der Herr möge mit
+dem Bock da unterhandeln, der hat einen Bart.«
+
+Dieser Trumpf gefiel in Kecskemét und die Wage sank zu Gunsten Miskas.
+
+»Das wird ein Mann! Der läßt nicht mit sich umspringen. Er hat's dem
+Effendi tüchtig gegeben. Einen solchen Oberrichter hatten wir noch
+nicht.« Und sie beobachteten ihn seither sehr aufmerksam, was wohl aus
+ihm werden würde. Und richtig brachte fast jeder Tag der öffentlichen
+Meinung eine kleine Delikatesse. Man erzählte sich, der Oberrichter
+habe den Goldschmied Johann Balogh und den aus Kronstadt hierher
+verschlagenen berühmten Goldschmied Wenzel Walter zu sich berufen: sie
+mögen eine Peitsche anfertigen, deren Griff aus reinem Gold sein
+solle, ausgelegt mit Topasen, Smaragden und anderen strahlenden
+Edelsteinen, ferner einen Filigran-Fokosch, dessen Stiel gleichfalls
+Gold und dessen Scheide reines Silber sein müsse. Sie mögen den Tag
+nicht für die Nacht ansehen, sie mögen's vielmehr umgekehrt thun.
+Diese beiden wertvollen Dinge verschlängen eine Million. (Ja, hat denn
+die Stadt für dergleichen Dinge Geld?) Am folgenden Sonntag gingen die
+Richter und die beiden Senatoren sämtliche Geschäftsläden durch und
+kauften den gesamten Vorrat an nationalfarbenen Bändern auf, alsdann
+fuhren sie mit den vier Pferden der Stadt nach dem »Szikra« hinaus.
+Der Szikra ist die Sahara der Stadt Kecskemét. Ein Meer aus Sand.
+Seither haben die Enkel dort Bäume gepflanzt, damals war der Sand noch
+frei, er wanderte und rollte in hohen, wilden Wellen, nach seinem
+Gefallen ins Unendliche. Ringsumher auf einem unendlichen Gebiete
+weder Wasser, noch Pflanze; die Sonne sendet ihre Strahlen in
+lilienweißer Farbe auf die Milliarden winziger Sandkörner, welche sich
+in augenblendender Schnelligkeit bewegen, wie wenn Tausende
+unsichtbarer Besen unaufhörlich arbeiten würden, oder nur der
+Sonnenstrahl sich auf ihnen bewegt und umherspringt. Von einem Tier,
+einem lebenden Wesen ist keine Spur vorhanden. Dieses Landgebiet kann
+nicht einmal einen kleinen Maulwurf hervorbringen. Denn dieses Gebiet
+ist nur auf der Durchreise begriffen. Hier kann niemand zu Hause sein,
+da die Erde selbst nicht zu Hause ist. Auch ein Maulwurf liebt es,
+wenn er seinen Bau verläßt, ihn wieder vorzufinden. Ei, wer würde es
+versuchen hier auch nur einen einzigen Sandhügel zu bezeichnen, den er
+morgen wiederfindet? Die Hügel ziehen fort wie der unstäte Wanderer,
+sie lösen sich und bilden sich an anderer Stelle wieder. ... Es
+herrscht tiefe Totenstille. Nur zuweilen zwitschert eine Schwalbe oben
+in der Luft, welche es nicht verschmäht, dort vorbeizufliegen. Weit,
+sehr weit schnattert ein Wildentenpaar. Dort ist irgendwo ein Weiher.
+Wenn die Sonne aufgeht, ringt sie sich aus einem Sandhügel empor und
+sinkt am Abend wieder auf einen Sandhügel herab. Die Sonne selbst
+erscheint als ein glänzender Sandhügel, dessen goldener Staub aus der
+Höhe auf die graubraune einförmige Welt herabweht. Lange, lange muß
+man wandern, bis endlich unwillkürlich ein Freudenruf auf die Lippen
+kommt. Jetzt kann das Wasser schon nicht mehr weit sein. Zwischen
+zwerghaften Weiden windet sich die romantische Theiß, unser
+Süßwasserfluß. Links erglänzt eine kleine Hütte. Üppige Weiden breiten
+sich hinter ihr aus, mit wehendem Röhricht. Den Oberrichter
+interessierte das Leben der Pußten; er betrachtete Alles der Reihe
+nach. Dann befahl er den Ochsen- und Pferdehirten, daß von heute in
+vier Wochen bei Sonnenaufgang hundert schön gehörnte weiße Ochsen und
+fünfzig der fehlerfreiesten Hengste, deren Mähnen mit nationalfarbenen
+Bändern geschmückt, vor dem Stadthause stehen müssen. Auch von den
+Hörnern der Ochsen sollen nationalfarbene Bänder herabwehen. Diese
+Verfügung blieb nicht geheim, sobald die Herren nach Hause kamen, und
+wenn es schon damals in Kecskemét Zeitungen gegeben haben würde, so
+hätte der verantwortliche Redakteur diese Nachricht im Entrefilet
+veröffentlicht. So aber sprachen die Bürger nur bei den Weinhumpen
+davon: »Goldener Fokos! Mit nationalfarbigen Bändern geschmückte
+Ochsen und Pferde! Vielleicht will der Sohn des Königs sich bei der
+edlen Stadt als Hirt verdingen.« Aber noch größer wurde das Staunen am
+anderen Tage, als Gyurka Pintyö es bei Trommelwirbel in den
+Hauptgassen mit seiner groben Stimme verkündete:
+
+»Drum! Brum! Es wird allen jenen, welche es betrifft, kundgegeben!«
+Hier pflegte in der Regel der trommelrührende Gyurka eine Pause zu
+machen und seinen einem Sellerie ähnlichen Kopf zur Seite zu neigen,
+wie eine traurige Gans, aber so geschickt, daß sein Mund bis an den
+Rand der in der inneren Tasche seines Dolmans verborgenen Holzflasche
+kam, aus welcher er einen guten Schluck that und dann mit durchnäßter
+Kehle donnernd fortfuhr: »Daß, wer die Gemahlin des türkischen Kaisers
+werden will, sich bis Sonntag bei dem wohledlen Herrn Oberrichter
+melden soll.«
+
+Darauf entstand natürlich ein Hin- und Hergerede. »Ist der Oberrichter
+wahnsinnig geworden.«
+
+»Ein unreifer Knabe!« brummten Viele. Die Eingeweihten, welche wußten,
+was der Zweck sei, schüttelten die Köpfe. »Es wird keine Wirkung
+haben.« Die Naiven jedoch erstaunten und freuten sich über die
+Auszeichnung, denn es ist doch schön, daß der türkische Kaiser seine
+Frau aus Kecskemét wählt. Se. Majestät hat einen guten Geschmack.
+(Jetzt möge Nagy-Körös reden!) Mädchen und junge Witwen besprachen
+erstaunt die interessante Neuigkeit. Sie spotteten und überhäuften
+einander mit mutwilligen Reden fünf Tage lang am Brunnen. Der Plan des
+Oberrichters streckte wie die Schnecke seine Hörnchen immer weiter
+hinaus. Es kam die Nachricht, daß der Sultan Mahomet IV. nach Ofen
+käme, auch erzählte man, daß man ihm die hundert Ochsen und fünfzig
+Hengste bringe und daß für ihn die Senatoren als Geschenk die vier
+schönsten Kecskeméter Mädchen auswählen.
+
+»Nur vier?« rief mutwillig die schöne Frau Paul Inokai aus; »armer
+türkischer Kaiser!«
+
+»Und wenn du noch wüßtest, Schwester Borcsa,« erklärte Mathias Tóth,
+»daß er zu Hause noch dreihundertundsechsundsechzig Frauen hat.«
+
+»Er muß viel zu thun haben,« warf die geistreiche Frau Georg Ugi ein,
+»bis er sie alle des Morgens durchprügelt.« (Und sie schnalzte
+mutwillig mit der Zunge.) Ein heller Weiberverstand, derjenige der
+Kata Agoston, entdeckte sofort unter den vielen Frauen die
+unglücklichste. »Was aber kommt auf die Arme, welche am 29. Februar an
+der Reihe ist, in einem Jahre, wo der Februar nur 28 Tage hat?«
+
+Das konnte wirklich selbst Mathias Tóth nicht beantworten, er brummte
+etwas, daß bei den Türken ein anderer Kalender sei, aber das hinderte
+nicht, daß ein bis zum Weinen gehendes Mitleid über die
+dreihundertsechsundsechzigste Frau sich der Weiber bemächtigte. (O,
+arme, unglückliche Seele.) Dann gewann die Neugierde die Oberhand, wer
+wohl die Unverfrorenheit haben wird, sich zu melden? Obwohl es keine
+Narrheit wäre, zu erfahren, welche die vier schönsten Rosen in dem
+Blumengarten Kecskeméts seien, welche der Magistrat auswählen würde?
+Heimlich beschäftigten sich gewiß wieder eitle Herzen mit dem eitlen
+Gedanken. Aber die Schamhaftigkeit sagte: »Still!« Das Gesicht des
+Oberrichters nahm auch alsbald eine enttäuschte Miene an. Bis zum
+Sonntag blieb kein einziges Fischlein an der Angel hängen. Das heißt,
+daß Frau Fábián mit bemalten Augenbrauen, gesteiften Röcken hinkam.
+»Rathen Sie, Herr Oberrichter, warum ich kam?« sprach sie mit ihrem
+Blicke kokettierend.
+
+»Vielleicht kamen Sie um Steuer zu zahlen?«
+
+»Aber gehen Sie doch.« Und mit ihrem Spitzentuche wehte sie Lestyák
+kokett zu.
+
+»Vielleicht kamen Sie um jemanden anzuklagen?«
+
+»Nein!«
+
+»Vielleicht sammeln Sie für die Pfaffen,« fuhr der Oberrichter fort.
+
+Frau Fábián neigte traurig das Haupt und seufzte: »Wenn Sie es nicht
+erraten, dann würde ich es vergeblich sagen.« Es lag in ihrer Stimme
+eine Art schmerzlicher Entsagung, eine seelenerschütternde
+Melancholie.
+
+»Was! Sie kommen doch vielleicht nicht, um sich zu melden!«
+
+»Ich bin Witwe,« sagte sie schamhaft.
+
+»Das ist ein Grund. Hm!«
+
+»Ich thue es der Stadt zuliebe,« fuhr sie, bis zu den Ohren errötend,
+fort.
+
+»Aber was würden Pater Bruno, Pater Litkei dazu sagen?« murmelte der
+Oberrichter halb zornig, halb lachend, »welche Sie fast zur Heiligen
+gemacht haben.«
+
+»Ich werde eine Messe für meine Seele lesen lassen. Meine Seele wird
+auch fernerhin der Kirche bleiben, meinen Körper opfere ich für die
+Stadt.«
+
+»Schön! Schön! Ich werde Ihren Namen notiren.«
+
+Noch einige aufgeblasene Gesichter meldeten sich außer ihr. Panna Nagy
+aus der Czeglédergasse, Witwe Frau Kemenes, Maria Bán. Einige jagte
+der Oberrichter aus seinem Zimmer hinaus. »Wirst du dich von hier
+packen, du Scheusal, wem zum Teufel kannst du gefallen?« Einem
+blatternarbigen Mädchen sagte er zornig: »Hast du zu Hause keinen
+Spiegel?«
+
+»Ich habe keinen, wohledler Herr Oberrichter.«
+
+»Dann geh', mein Kind, suche dir irgendwo einen Kübel Wasser,
+betrachte dich darin und komme zurück, wenn du den Mut hast.«
+
+Alle diese Details erregten in den wohlinformierten Kreisen große
+Heiterkeit. Am nächsten Tage, Montag, war Senatssitzung und die
+Senatoren selbst ließen einige bissige Bemerkungen über das
+resultatlose Unternehmen fallen. »Nun, befindet sich schon jemand im
+Käfig?«
+
+»Keine einzige ist geeignet,« antwortete Lestyák zornig.
+
+Herr Gabriel Poroßnoki lächelte gemütlich.
+
+»Wir haben uns verrechnet. Es wäre leichter für den Kaiser in
+Kecskemét vier Mütter zu finden, als vier Odalisken,« sagte der
+Oberrichter dezidiert. Er war hartnäckig und unbeugsam in Dingen, die
+er sich einmal in den Kopf gesetzt hat. »Wir können nicht ohne Bouquet
+gehen.« Und damit schob er den Senatoren den vertraulichen Brief des
+Ofner Sandschakpaschas hin, der auf die Erkundigung, welches Geschenk
+Sr. Majestät angenehm wäre, mit orientalischer Dunkelheit erwiderte:
+»Bring' ihm Pferde, Waffen, Braten und Blumen!«
+
+Die Blumen müssen da sein. Punktum. Freilich meldete sich bisher
+niemand -- weil noch keine Lockspeise ausgesetzt war. Der türkische
+Sultan ist in der That keine solche. Wer schwärmt für den türkischen
+Sultan? Wenn es noch irgend ein reicher, strammer Müller aus der
+Theißgegend wäre, in einem hübschen, fest anliegenden hechtgrauen
+Dolman, in Stiefeln und wenn er eine legitime Gattin suchen würde.
+Aber der türkische Sultan! Von dem die Frauen unserer Gegend nur
+wissen, daß er der Pascha der Paschas ist. Selbst der Spatz würde sich
+ja nicht in den Hinterhalt locken lassen, in den aus weißen
+Pferdehaaren gewundenen Ring, wenn zwischen den Strohhalmen nicht
+rötliche Fruchtkörner hervorscheinen würden. Selbst die kleine Maus
+würde nicht in die Falle gehen, wenn darin nicht das weiße Speckstück
+verlockend glänzen würde. Auch den Kecskeméter Mädchen muß man die
+Lockspeise ausstecken. Und was kann diese Lockspeise sein? Nun, du
+lieber Himmel, was anders, als -- die Kleider. Perlen, Bänder,
+Spitzen. Auch das ist eine heilige Dreifaltigkeit der Hölle. Von
+Belzebub angefangen waltet darin jeder Teufel; der eine ruft: »Komm,
+betrachte mich,« der andere ermutigt: »Probiere mich,« der dritte
+flüstert: »Sei verdammt meinetwegen.«
+
+Michael Lestyák sandte dazu geeignete Frauen aus, die einen nach
+Szegedin, die anderen nach Ofen zu den türkischen Kaufleuten, damit
+sie die schönsten Seidenbrokatstoffe zusammenkaufen: mit Gold- und
+Silberblumen durchwirkte Stoffe, feine Blondspitzen, rubinenbesetzte
+Gürtel. Sie wurden beauftragt, alles in der glänzendsten Pracht
+auszuwählen. Ihr Sinn soll so darauf gerichtet sein, als handelte es
+sich darum, vier Prinzessinnen für den Ball herauszustaffieren.
+
+Der alte Lestyák selbst ruhte nicht, er setzte sich auf einen Wagen im
+Auftrage seines Sohnes, um die benachbarten herrschaftlichen Familien
+aufzusuchen: Die Vays, Fáys und Bárius, für welche er arbeitete (denn
+er war weit und breit als ein meisterhafter Schneider berühmt), damit
+er von ihnen für städtische Gemeinzwecke (denn auch sie alle sind
+Grundbesitzer in Kecskemét) die Kleider nähenden Fräulein erbitte.
+Überall waren die Herrschaftsdamen, die »Patrone der Stadt«, gnädig.
+Meister Mathias konnte mit einer ganzen Wagenladung Fräulein nach
+Hause kommen. Als in großen Kisten auch die Ware ankam und alles
+bewundernswert war, begann unter der Aufsicht Mathias Lestyáks die
+fieberhafte Thätigkeit bei Tag und Nacht. Die Scheren, Fingerhüte
+klapperten, die Nadeln funkelten und nach und nach begannen die vielen
+Sammet- und Seidenstücke Gestalt zu gewinnen. Auch Hauben wurden
+verfertigt, für zwei Jungfrauen und zwei Frauen. Man braucht
+vielleicht nicht zu sagen, daß, so viele Mädchen und Frauen es gab,
+sie alle von diesen Wunderkleidern bei Tag sprachen und bei Nacht
+träumten. Es wäre alles im besten Flusse gewesen, wenn der Quardian
+Bruno und Pater Litkei sich nicht eingemischt hätten. Diesen gefiel
+nämlich der Plan keineswegs, daß in Kecskemét eine türkische Behörde
+sein und dies die Stadt gar selbst erbitten solle. »Wer Jehovas
+Getreuer ist, der soll mit Allah nicht kokettieren. Denn den treulosen
+Diener verstößt der eine Herr und der andere nimmt ihn nicht auf. Seid
+auf der Hut, Kecskeméts gottesfürchtige Einwohner.« Sie schimpften,
+hielten aufreizende Reden gegen den neuen Oberrichter, der mit den
+Türken gemeinsame Sache macht, indem er ihnen die Stadt des heiligen
+Nikolaus zuschanzen will, die Jungfrauen raubt und das Seelenheil
+verkauft.
+
+Das Ungarherz ist ein guter trockener Zündschwamm: jeder Funke fängt.
+Immer mehr Menschen wurden aufgeregt. Am folgenden Sonntag sammelten
+sich unruhige Gruppen nach der heiligen Predigt vor dem Stadthause an,
+welche mit drohenden Handbewegungen schrien: »Nieder mit dem
+Oberrichter! Nieder mit den Senatoren!« Besonders die Katholiken waren
+stark irritiert. Die Lutheraner, deren Vorfahren vor mehr als hundert
+Jahren eingewandert sind und die aus Tolna hiehergekommenen Kalviner,
+welche in jener Zeit abgesondert in der Friedhofgasse wohnten, liebten
+ein wenig die mit den protestantischen Siebenbürger Fürsten
+paktierenden Ungläubigen. Den Protestanten erscheint der Turban ebenso
+absonderlich wie die Tiara.
+
+Die Herren Poroßnoki und Agoston liefen erregt zum Oberrichter: »Es
+steht sehr schlecht. Das Volk unten ist empört. Hören Sie das nicht?«
+
+»Ich höre es,« antwortete er gleichmütig.
+
+»/Quid tunc?/ Sollen wir unseren Plan aufgeben?«
+
+Max sah sie spöttisch an. »Die Frage ist, ob er schlechter sei,
+seitdem der Quardian ihn hintertreibt?«
+
+»Er ist nicht schlechter geworden,« sagte Poroßnoki, »aber wir müssen
+mit den Eventualitäten rechnen. In zwei Wochen werden die beiden
+Patres, welche großen Einfluß auf das Volk haben, dasselbe mit Hauen
+und Hacken gegen uns treiben.«
+
+»Die Frage ist, ob wir das Schicksal Kecskeméts entscheiden oder die
+Gasse? Ich glaube, wir. Es wird also bleiben, wie wir es beschlossen
+haben.«
+
+Mit so viel Energie sprach der junge Oberrichter diese Worte aus, daß
+sie selbst dem eisernen Charakter Poroßnokis imponierten, nur
+Christoph Agoston hätte gern ein wenig gestritten. »Der Trotz ist
+nicht immer vernünftig, Herr Oberrichter. Das Übel ist da! Dagegen muß
+man etwas thun, ehe es uns über den Kopf wächst.«
+
+»Wir thun ja. Sie werden sich nach einer halben Stunde aufs Pferd
+setzen.«
+
+»Ich?«
+
+»Sie reisen als geheimer Gesandter in einer wichtigen Angelegenheit.«
+
+»Wohin?«
+
+»Setzen Sie sich, wohledle Herren, aber legen Sie ein Schloß an Ihren
+Mund, denn wer verrät, was ich sage, dem mache ich einen Strafprozeß.«
+
+»Er spricht wie ein Diktator,« murrte der kränkliche Zaládi.
+
+Unterdessen waren die Senatoren herein gekommen, blaß, mit
+aufgedunsenen Gesichtern, einigen sah der Schreck aus den Augen.
+»Hört! Hört!«
+
+»Herr Agoston, Sie werden den Kurutzentrupp aufsuchen, namentlich
+Stefan Csuda.«
+
+»Diesen Dieb! Nun, dem werde ich es geben, er soll mir nur vor die
+Augen treten.«
+
+»Sie werden ihm nichts thun, sondern vielmehr mit ihm höflich
+unterhandeln, um wie viel er geneigt wäre, noch einmal den Quardian
+und Pater Litkei zu rauben -- aber sofort. Diese beiden Menschen haben
+wir einige Zeit nicht nötig.«
+
+Das ernste Gesicht der Stadtväter erheiterte sich zu einem Lächeln,
+kein einziger war mehr blaß. Herr Poroßnoki schlug sich lustig mit der
+Hand vor die Stirn. »Nun, das wäre mir auch nicht eingefallen. Eure
+Gnaden sind ein geborener Diplomat.«
+
+»Die Notwendigkeit ist ein guter Lehrer, oft ein besserer als die
+Erfahrung. Über die Pfaffen haben wir keine Macht, wir können sie
+weder gefangen nehmen, noch ihnen die Kanzel verbieten. Es giebt nur
+ein Mittel: Stefan Csuda.«
+
+»Wie viel kann ich versprechen?« fragte gut gelaunt der hinausgehende
+Agoston.
+
+»Sie können es billig abmachen, denn er hat jetzt nichts mehr zu thun,
+überdies schlägt es in sein Fach. Versprechen Sie ihm die Hälfte von
+dem, was er begehrt.«
+
+Nach einer halben Stunde wirbelte bereits die Stute Agostons den Staub
+aus der Czegléder Straße auf und am Abend des dritten Tages führten
+die Csudas die frommen Mönche gebunden auf demselben Wege fort ... So
+erfolgreich war die geheime Sendung des Herrn Christoph Agoston,
+welche er bis zu seinem Todestage stets mit großer Vorliebe erzählte,
+immer prächtiger, romantischer und in seinem Greisenalter mit den
+prahlerischen Worten anfing: »Hei! Als ich noch plenipotenter
+Gesandter war am Hofe Sr. Majestät des Herrn Thököly!«
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+
+Die Pfaffen wurden weggeführt, die Kecskeméter Volksrevolution schlief
+ein und der denkwürdige Tag rückte heran, an welchem man nach Ofen zog
+mit den Geschenken -- zum türkischen Kaiser. Die Kleider waren fertig
+und an den letzten drei Tagen wurden sie auf dem Stadthause zur
+allgemeinen Besichtigung ausgestellt. Nun, das gab eine Prozession.
+Der Heiduck Pintyö behütete den großen Tisch, auf welchem die Schätze
+verlockend ausgebreitet waren. Der alte Gyurka stand dort wie ein
+Cherub, statt des Flammenschwertes hielt er den Haselnußstab in der
+Hand. So schön war all der Flitter, daß er selbst darüber betroffen zu
+sein schien. Solche Fetzen sind den Frauengesichtern eine große
+Nachhilfe. Die hübscheren Frauenzimmer ermutigte er zuweilen, auch das
+gehörte zu seinem Amte. »Probieren Sie es nur, mein Täubchen, dort im
+anderen Zimmer.« Und wer hätte widerstanden? Gab es ein Herz, welches
+nicht lauter gepocht hätte, einen Blick, der nicht gefangen genommen
+worden wäre? Alle Pracht von »Tausend und eine Nacht« ist nichts
+dagegen. Wie viele Mägdelein trippelten furchtsam wie Rehe um all
+diese Herrlichkeiten und ließen die Blicke sanft über dieselben
+schweifen, allein alsbald öffneten sich die Augen weit und begannen zu
+leuchten wie zwei flammende Lichter, die Glieder begannen leise zu
+beben, die Schläfen brannten und pulsierten rasch, und zu solcher Zeit
+begann dann der Heiducke zu sprechen: »Probier's doch, mein Täubchen!«
+Und sie probierten es und wären sie daran gestorben! Allein wehe, wer
+den Glanz einmal angelegt. Herrliche Bänder wurden ihnen in die Haare
+geflochten, der Leib wurde schlank geschnürt, man legte ihnen
+wunderbar gestickte Hemden, Kleider aus himmelblauer Seide an, in
+welche silberne Halbmonde gestickt waren, und dann die karmoisinroten
+Stiefelchen und den blendenden Schmuck: »Na, mein Seelchen, jetzt
+besieh dich doch einmal!« Man stellte einen Spiegel vor sie hin und
+die Mädchen begannen zu jubeln vor Freude: sie sahen ein Feenmärchen.
+Und wenn sie sich also bewunderten, vor Sehnsucht brennend, mit
+wogendem Busen und mit dem süßen Hunger der Eitelkeit, da trat wieder
+der Cherub vor: »Na, jetzt war's aber genug, entkleide dich -- oder
+wenn es dir beliebt, so geh' für alle Zeit in solchen Kleidern
+einher.«
+
+Welche hätte wohl die Kraft, zu sagen: »Ich lache Euch aus« und das
+bezaubernde Mieder zu öffnen, die wundervollen Kleidchen vom Leib zu
+schälen, die reizenden Karmoisinstiefelchen abzulegen, den funkelnden
+Schmuck abzulösen und wieder hineinzukriechen in die alten Kittel.
+Alle wollten den Versuch machen -- keine einzige aber legte die
+Herrlichkeit gern ab. Selbst ältere Frauenspersonen bekamen bald das
+Fieber, sie hätten sich gern in diesen Kleidern gesehen -- und es
+waren ihrer, bei Gott, solche, die man in Szegedin als Hexen verbrannt
+hätte. Schließlich mußte gar ein Verbot erlassen werden. Nur die
+Schönen, Waisen und Armen durften die Kleider probieren. Gevatter
+Pintyö hatte es so weit gebracht: er bestimmte, wer schön sei. Paris
+hatte nur einen Apfel, er hatte einen ganzen Korb voll. Man bewarb
+sich aber auch um seine Protektion mit bezauberndem Lächeln, mit
+Schinken und Kuchen, auch ein Krug voll Wein stellte sich von da und
+dort ein. Denn es war ja das kein kleines Amt. Dies stellte sich
+sozusagen erst später heraus, als es nach zehn, zwanzig Jahren den
+Frauen ein gewisses Ansehen gab, wenn sie sagen konnten: »Oho, mich
+hat kein Storch ausgebrütet, auf meinem Leib prangten auch einst die
+Kleider der Lestyák.« Es wurde beinahe ein Sprichwort daraus. Wie erst
+damals, als die Sache noch warm war, konnte es da gleichgültig sein,
+wer die Kleider tragen durfte und wer nicht, wer amtlicherseits schön
+gefunden wurde und wer unbrauchbar war? Gar viele bittere, brennende
+Thränen wurden da geweint. Ich will den Alten nicht des Mißbrauchs der
+Amtsgewalt anklagen, auch dessen nicht, daß er sich bestechen ließ (es
+fiele auch ein wenig schwer, dies heute, nach zweihundert Jahren
+beweisen zu wollen) aber Thatsache ist einmal, daß er gar viele
+Taktlosigkeiten beging. Da war zum Beispiel die Geschichte mit dem
+Zigeunermädchen.
+
+Es kam nämlich die Kleine, in Lumpen gehüllt, barfuß, zerzaust, ließ
+die großen Augen über die Schätze hinfliegen und der Mund blieb ihr
+offen stehen. Wie glänzende Perlen aus dem Orient funkelten die weißen
+Zähne im roten Mündchen. (Der alte Esel nahm es gar nicht wahr.) Sie
+war noch ein Kind, schlank zwar, aber kräftig gebaut. Lange strich sie
+um die Schätze herum, zauderte, bis sie den Heiducken endlich
+anredete: »Und ich -- darf ich wohl?«
+
+Gyuri Bácsi blieb erst wie Eis, dann sagte er verächtlich: »Wozu ein
+Hufeisen an einer Kröte Fuß? Geh' zum Teufel?«
+
+Als wäre jedes Wort eine Wolke gewesen, die sich auf das Antlitz des
+Mädchens herabließ, so traurig wurde das Kind. Selbst dieses wild
+aufgewachsene Eichhörnchen wurde von dem Tand gebannt. Es wandte sich
+ab und wischte mit dem Arm die hervorquellenden Thränen aus den Augen.
+
+Zum Glück -- oder vielleicht zum Unglück -- war der Oberrichter eben
+im Zimmer und betrachtete ihren Kummer. Er berührte mit der Hand ihre
+Schulter. Erschreckt fuhr sie in die Höhe. »Wähle unter diesen
+Kleidern und kleide dich an.«
+
+Zagend schaute sie zu ihm auf. »Der erlaubt es nicht!« (Sie zeigte mit
+einer Gebärde auf Pintyö.)
+
+»Aber wenn ich es gestatte, ich, der Oberrichter der Stadt.«
+
+Sie lächelte unter Thränen, indem sie ihn anschaute. »Du befiehlst
+hier? Wahrhaftig?«
+
+»Pintyö,« sprach der Oberrichter lächelnd, »tragen Sie der Kleinen das
+schönste Kleid hinein. Sehen wir zu, was man aus ihr machen kann.«
+
+Sie konnten es schon nach einer Viertelstunde sehen. Als sie aus dem
+Ankleidezimmer trat, gewaschen und angekleidet, da hörte man ein
+Murmeln der Bewunderung. Ist's ein Traumgebilde oder ein lebendes
+Wesen? Sie war wie eine Königstochter von blendender Schönheit. Das
+kirschrote seidene Leibchen ließ entzückende Formen vermuten, der Rock
+schlängelte sich anmutig bis zu den Knöcheln. Ihre Lippen wetteiferten
+an Röte mit dem Rubin und ihr tiefschwarzer Zopf lief so weit
+hinunter, als er nur etwas von ihrem Körper, sich daran zu schmiegen,
+fand.
+
+»Wessen Tochter bist du?« fragte der Oberrichter entzückt.
+
+»Des alten Bürü Tochter, der beim >Schmucken Husaren< zu musizieren
+pflegt.« (Der >Schmucke Husar< war eine berüchtigte Csárda unter den
+Tanyen[7] des Theißufers.)
+
+ [7] Eine Niederlassung.
+
+»Wie heißt du?«
+
+»Czinna.«
+
+»Kommst du mit uns nach Ofen?«
+
+Sie zuckte gleichgiltig mit der Schulter.
+
+»Kommst du, so gehört das Kleid dir.«
+
+»Ich gehe.«
+
+So fand man die erste Blüte des Blumenstraußes. Auch die übrigen
+fanden sich. Man mußte nur von den vielen die passendsten drei
+auswählen. Die flachshaarige Marie Bari mit ihren veilchenblauen
+Augen, ihrer reizenden Taille; die stattliche, hohe Magdolna und die
+runde, üppige Agnes Pál mit ihrem roten Gesicht, eine knospende Malve.
+Nie küßte Schönere der Sultan, nie besang Herrlichere Firdusi.
+
+Nun konnten sie sich schon auf den Weg machen. Sonntags kam die
+Rinderheerde, hundert prächtige Ochsen, alle mit hübschen Glocken,
+bändergeschmückten Hörnern, es kamen die Pferde, fünfzig schlanke
+Fohlen, jedes mit einem silbernen Glöcklein. Auf die beiden Wagen
+setzten sich zu zweien die Mädchen, das heißt, zwei unter ihnen waren
+Frauen, die »falschesten« zwei Frauen, denn sie gaben sich nur als
+solche. In ihren blauen, mit silbernen Spangen versehenen Mänteln
+bestiegen hierauf auch die Herren Senatoren die Wagen. Im ersten Wagen
+saß der Oberrichter mit Franz Kriston, auf dem Rücksitz Josef Inockai.
+Einer bringt die Hengste, der andere die Rinder. Herr Agoston, der auf
+dem anderen Wagen saß, avancierte vom Deputierten zum Blumengärtner --
+so ist nun einmal die Politik. Gabriel Poroßnoki trug die Waffen in
+prächtigem Seidenfutteral. Der Sechste vom Stadthause, der kleine
+verwachsene Georg Imecs sah zwar nicht gut aus, aber er sprach gut
+türkisch und tatarisch, so nahmen sie ihn mit zum »Schmieren«. Das
+Eljengeschrei der Versammelten ertönt, die zu Hause gebliebenen Frauen
+reißen die Tücher vom Kopfe, um mit denselben zu winken, die Kutscher
+treiben ihre Pferde an, die Czikose[8] schwingen ihre Peitschen und
+nun setzt sich der glänzende Zug unter Musikbegleitung in Bewegung,
+denn die Glocken der hundert Ochsen ertönen und die fünfzig
+Silberglocken läuten. Der Weg ist eintönig, wir beschreiben ihn nicht,
+im Alföld ist alles gleichförmig. Die Ortschaften, die Städte, die
+Dörfer, die Ebene mit ihrer Fata Morgana, der nur das Sinken des
+Himmelsgewölbes ein Ende macht, der graue Boden, aus dem die matte
+Herbstsonne buntfarbige Blumen zaubert, ist überall derselbe. Eine
+Gemarkung gleicht so der anderen, wie eine Elle Tuch der anderen, wenn
+sie von einem Stücke sind. Hie und da erblickt man eine einsame Tanya,
+ein weißes Häuschen, einen Brunnen. Am Ende der Ortschaften erscheinen
+die Windmühlen mit ihren ausgebreiteten Flügeln. Es ist wahrlich
+köstlich, wie einförmig auch die großen Städte Alfölds waren. Jede
+hatte ein Ding, womit sie sich brüstete. Debreczin mit seinem
+Kollegium, Szegedin mit seiner Mathiaskirche, Kecskemét mit dem
+Nikolausturm, auf dem im besten Einvernehmen der kalvinische Hahn, der
+lutheranische Stern und das katholische Kreuz zu sehen waren; jede
+Stadt hatte auch ein berühmt gewordenes Nahrungsmittel aufzuweisen,
+Debreczin die Wurst, Kecskemét den Apfel, Szegedin den Paprika. Sie
+entwickelten sich auch geistig gleichförmig, eine jede zeigte, was sie
+/in puncto/ des Geistes kann. Debreczin hatte seinen Csokonai,
+Szegedin seinen Dugonits, Kecskemét seinen Katona.[9]
+
+ [8] Pferdehirten.
+
+ [9] Ungarische Dichter.
+
+Unsere Helden aber reisten munter fort, bis sie sich endlich im großen
+Ameisenhaufen Ofen befanden, wo sie sofort zu ihrer Aufgabe sich
+stellten, jeder, wie sie ihm zugeteilt war. Die erste Rolle fiel dem
+»Schmiermenschen« zu, der sich von der »schmierenden« Frau[10] nur
+darin unterscheidet, daß er den Leuten die Schmerzen nicht mit Fett,
+sondern mit Gold austreibt. Er lief von Pontius zu Pilatus, um dort zu
+argumentieren, daß die Audienz bewilligt werde. Der Padischah
+genehmigte, daß am Mittwoch die Stadt Kecskemét vor sein glanzvolles
+Angesicht trete.
+
+ [10] Eine ungarische Masseuse.
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+
+In großer Gala erschienen unsere Freunde, den Säbel an der Seite. Herr
+Michael Lestyák zeigte sich als ein fescher, hübscher Jüngling. Er
+hielt die Ansprache, er beschrieb die traurigen Zustände in Kecskemét
+so treu, so schön, daß die vier hinter ihm stehenden Senatoren in
+Thränen ausbrachen. (Herr Imecs wurde bereits gestern nach Hause
+gesendet.) Die Rede gipfelte nach vielen Stilblüten darin, daß die
+Kecskeméter dem Allgewaltigen mit dem Ersuchen zu Füßen fallen, dieser
+möge ihnen einen ständig in Kecskemét wohnenden Pascha bewilligen oder
+einen anderen Würdenträger, wenn er auch nur so groß wäre, wie ein
+kleiner Finger, der sie fortab vor den Plünderern bewahre. Blos das
+Faktum, daß ein Mann des erhabenen Sultans in Kecskemét ist, rettet
+den Frieden und die Existenz der Stadt. Nach einer rhetorischen
+Wendung malte er es sodann schwungvoll aus, welch herrliches Leben der
+Pascha dort führen würde; sie werden ihm ein Steinhaus bauen, werden
+ihn schätzen und achten, werden ihn bedienen, aus ihrer Hand werde er
+den süßen Honig essen können und so weiter.
+
+Nun übersetzte der Dolmetsch des Ofner Pascha Nazur Bey die Rede dem
+Sultan, der dieselbe mit apathischem Gesichte und sehr gelangweilt zu
+Ende hörte. Im übrigen war dieser ein ganz sympathischer Herr; etwa
+vierzig Jahre alt. Hie und da nickte er dazu mit dem Kopfe.
+
+Ibrahim Pascha, der Ofner General, stand neben dem Sultan mit
+verschränkten Armen und lauerte mit blutunterlaufenen Augen, wie wenn
+er sagen würde: »Die Rede haben wir nun gehört, nun lasset uns die
+Argumente sehen.« Diese folgten sofort.
+
+Gabriel Poroßnoki trat hervor, öffnete das apfelgrüne seidene
+Futteral, das er vor sich hinhielt, er entnahm demselben die prächtig
+gearbeitete goldene Peitsche und den Fokos, dann legte er sie auf den
+Schemel zu Füßen des Sultans. »Wir legen zu deinen Füßen, erhabener
+Herr, die Waffen Kecskeméts.«
+
+Der Sultan bückte sich, hob die Peitsche auf und betrachtete dieselbe
+eine Zeitlang. Dann wechselte er mit Ibrahim einige leise Worte.
+
+Unterdessen hatte der Herr Senator Inokai gerade seine Kehle gewetzt
+und leierte dann mit ehrerbietigem Krächzen folgendermaßen: »Deinen
+heldenhaften Soldaten haben wir einen kleinen Braten gebracht, größter
+der Sultane, sei so gnädig und betrachte denselben durch das Fenster.«
+
+Bey Nazur verdolmetschte auch dies mechanisch, worauf sich der Sultan
+unwillig vom Sopha erhob, um zum Fenster zu treten, von wo aus die
+prächtigen Rinder und Fohlen zu sehen waren, zu denen Herr Franz
+Kriston den Prolog gestammelt. All' dies interessierte den mächtigen
+Herrn des Orients nicht besonders, müde ließ er sich wieder auf das
+Sopha fallen. ... Jetzt öffnete sich die Thür des Saales und ein
+kühlender Windhauch schlich sich ein. Vielleicht hatte dies das
+Knistern der vier Weiberröcke verursacht. Die Kecskeméter Mädchen
+traten ein, frisch und lieblich.
+
+Der Sultan sprang erregt empor. Christophus Agoston stellte sich in
+die Mitte des Zimmers, einem Schuljungen gleich und mit Gesten, als ob
+er einen Strauß in den Händen hielte, den er dem Papa überreicht,
+deklamierte er verschämt: »Wir brachten auch ein klein wenig Blumen,
+gnädigster Herr.«
+
+Der Sultan verstand gewiß nicht die ungarischen Worte, jedoch er
+geruhte jetzt auch ohne jedes weitere Hinzuthun zu lächeln. Dann rief
+er fröhlich dem Ofner Pascha zu: »Einen Schleier über sie, schnell,
+Ibrahim,« (dies wollte in orientalischer Sprache so viel heißen:
+»Befleckt sie nicht einen Augenblick länger mit Euren wollüstigen
+Blicken.«)
+
+Während der Pascha hinausstürzte, um Verfügungen zu treffen, teilte
+der Sultan in langen gedehnten Worten etwas dem Dolmetsch mit.
+
+»Se. Majestät der Sultan, dessen Schatten Allah beschirme, sagt Euch,
+Ihr Ungläubigen, daß er Eure Wünsche berücksichtigen wird. Verhaltet
+Euch bis dahin ruhig und wartet draußen.« Der Dolmetsch winkte und
+damit war die Deputation entlassen.
+
+Als aber Herr Agoston die gute Laune des Sultans sah, glaubte er die
+Zeit gekommen, irgend eine ewig denkwürdige That zu vollführen; er zog
+daher die hinausgehenden Vorsteher bei ihren Mantelflügeln zurück und
+sprach zu dem Dolmetsch: »Mächtiger Dolmetsch, rechte Hand deines
+Herrn, vermittle noch eine Bitte!«
+
+Der Großvezier, die anwesenden Paschas und Ulemas betrachteten den
+Tollkühnen betroffen, und nicht weniger überrascht waren die
+Kecskeméter Herren, aber der Sultan, an die Blumen Kecskeméts denkend,
+lächelte noch immer, und wenn der Sultan lächelt, scheint die Sonne,
+die Gräser wachsen, die Steine spielen Harfe und alles ist in Ordnung.
+
+»Nun, was wollt Ihr noch?« rief der Stellvertreter Ibrahim Paschas,
+Hassan, aus. »Sagt es schnell, denn es warten noch viele Deputationen
+draußen.«
+
+»Gerade das ist es,« fuhr Christoph Agoston ermutigt fort, »wir sahen
+draußen die Nagy-Köröser Deputation und wir bitten Se. Majestät ganz
+ergebenst, daß er ihr nichts gewähre, was sie auch verlangen möge.«
+
+Der Vertreter des Sultans lachte und interpretierte selbst dem
+Beherrscher der Gläubigen diese zweite Bitte.
+
+Auch der Beherrscher der Gläubigen lachte über den sonderbaren Wunsch
+(so etwas kam ihm in der Praxis noch nicht vor) und frug lebhaft, was
+der Grund davon sei.
+
+Lestyák gab die Antwort: »Nagy-Körös und Kecskemét sind so mit
+einander wie Mekka und Medina, wie Hund und Katze.«
+
+Der Sultan geriet in eine prächtige Laune, der Dolmetsch
+interpretierte gleichfalls mit freudestrahlendem Gesicht die Antwort
+des Herrschers: »Freut Euch! Der gnädige Padischah wird Eure erste
+Bitte genau überlegen, die zweite vollführen.«
+
+Damit gingen die Kecskeméter in den Hof hinaus, den auf den Einlaß
+wartenden Köröser Nachbarn »guten Morgen« wünschend.
+
+Nach einigen Minuten schlich sich der Vertraute des Sultans zu ihnen
+und vertröstete die Senatoren, ihnen auf die Schulter klopfend: »Ihr
+seid glückliche Spitzbuben! Ihr habt den Sultan ganz gewonnen und ihn
+erheitert. Kein Zweifel, alles wird geschehen.« Er rieb sich zufrieden
+die Hände. Es waren ihm nachträglich hundert Dukaten versprochen
+worden, wenn in Kecskemét eine türkische Behörde installiert wird.
+
+Unter großen Hoffnungen schritten sie draußen auf und ab, die Rede des
+Oberrichters lobend und das Auftreten Agostons. Herr Agoston selbst
+war ganz entzückt. »Nicht wahr, daß ich etwas wert bin? Da giebt es
+doch Verstand, Gevatter?«
+
+Nach ungefähr anderthalb Stunden kam der türkische Vertrauensmann
+wieder zurück. Zornig schlenkerte er mit der Hand, sein Gesicht war
+rot vor Grimm wie Paprika. »Nun, Schweine,« schrie er von weitem, »Ihr
+habt Euer Glück mit Füßen getreten!«
+
+Die wackeren Herren sahen ihn versteinert an. »Was ist geschehen, um
+Gotteswillen?«
+
+»Das ist geschehen, Ihr Esel, daß die Nagy-Köröser Deputation, die
+Entfernung der Ofner und Szolnoker Paschas beklagend, als Sitz einer
+zu errichtenden türkischen Obrigkeit Kecskemét wünschte.«
+
+»Wir aber« ... stotterte Josef Inokai.
+
+»Ihr aber ließet den Sultan versprechen, daß er den Wunsch der
+Nagy-Köröser, welcher es auch sei, nicht erfüllen werde. Erstarret!«
+
+Damit drehte er ihnen den Rücken, nachdem er zuvor einige Male
+türkisch vor sie hinspie.
+
+Man hätte die Betroffenheit sehen sollen. Lestyák nagte den
+Schnurrbart, der ehrliche Poroßnoki schimpfte, Kriston bekam
+Nasenbluten vor Schreck, der alte Inokai begann zu schluchzen, während
+Herr Agoston direkt zu den Wagen ging, welche an der Donau standen,
+sich in den einen hineinlegte und mit der Bunda[11] zudeckte, weil ihn
+ein solches Fieber schüttelte, daß es, gleichmäßig verteilt, für
+hundert Schnupfen ausgereicht hätte.
+
+ [11] Ungarischer Pelz.
+
+»Jetzt könnten wir nach Hause gehen,« unterbrach Kriston die traurige
+Ruhe.
+
+»Wir warten den Beschluß des Sultans ab,« meinte der Oberrichter.
+
+Es mag Vesperzeit gewesen sein, als der Kaimakam des Sultans in
+Begleitung des Dolmetsch sie abholen kam. Er geleitete sie in einen
+Saal und übergab ihnen einen Kaftan, indem er durch den Mund des
+Dolmetsch sagte: »Das schickt Euch Se. Majestät der Padischah. Ihr
+werdet gewiß einen guten Gebrauch davon machen!«
+
+Die Senatoren blickten traurig auf das dunkelgrüne
+Sammetkleidungsstück, welches mit goldenen Schnüren und Bändern
+geschmückt war und erstaunt schienen die Kecskeméter einander zu
+fragen: »Also nur so viel?«
+
+Herr Poroßnoki gab seiner Unzufriedenheit auch in Worten Ausdruck:
+»Mehr ließ Se. Majestät nicht sagen?«
+
+»Mehr nicht,« erwiderte der Kaimakam mit großem Phlegma. »Der Sultan
+war Euch gut gesinnt, aber er mußte sein Wort einlösen. Ihr selbst
+habt es doch gewünscht.«
+
+»Könnte man nicht noch einmal zu ihm gelangen?«
+
+»Das geht nicht.«
+
+»Donnerwetter! Wir sind schön daran! Es wird zu Hause eine Freude
+geben.«
+
+»Wenn dem so ist,« sagte der Oberrichter kalt, »dann fassen Sie diesen
+Kaftan an, Herr Kriston.«
+
+Franz Kriston ergriff sehr zornig und unehrerbietig den mit einer
+Bärenhaut wattierten Mantel, so daß das eine Ende desselben die Erde
+kehrte, und schleppte ihn mit großem Lärm dem Oberrichter nach. Als er
+zu den Wagen gelangte, warf er ihn in eine Ecke wie einen Fetzen.
+
+Herr Agoston war bereits verschwunden; der eine Kutscher konnte über
+ihn nur so viel Aufklärung geben, daß er sich im Wagen nach Waitzen
+führen ließ, wo er eine verheiratete Tochter hatte, er sprach wenig,
+denn seine Zähne klapperten sehr, aber so viel sagte er doch, daß er
+Kecskemét nie wieder sehen werde. Als man die Pferde gefüttert und
+getränkt hatte und die Unserigen sich auf den Heimweg begaben,
+dunkelte es bereits, der Rauch der Schornsteine vermischte sich mit
+dem Nebel, die Frösche quakten häßlich in den Pester Sümpfen (auf dem
+jetzigen Kettenbrückenplatze), die Priester schrien unausstehlich von
+den Ofner Minarets, während aus der Pester alten Burg die Eulen
+geisterhaft hervorhuschten. Nur weit, in irgend einem Dörfchen erklang
+eine weinerliche christliche Glocke. Der Nebel war rötlich-weiß, wie
+frisch gemolkene Milch, halb durchsichtig, so daß man spöttisch
+lachende kämpfende Drachen, gepanzerte Wundertiere, Gespenster in
+Laken hervorscheinen sah. Am Himmelsgewölbe breitete sich eine einzige
+dunkelblaue Wolke schwerfällig aus.
+
+Als sie die Pester Häuser verlassen hatten und mit schwerer Not aus
+dem Sumpfe jenseits des Hatvaner Thores herauskamen, wo der Wagen
+Kristons beinahe in einer Linnenbleiche stecken geblieben wäre, rückte
+die Wolke mit einem Male fort und verschlang plötzlich den Mond, wie
+wenn ein großer Silberthaler in einem blauen Strumpf versinkt. Es ward
+etwas finsterer; eine feierliche, melancholische Stille kam über die
+schlafende Natur. Nur die Wagen knisterten in ihren Achsen und hie und
+da wurde ein Hahnenruf in den Pester Tanyen laut. Die Pferde zogen
+ungern weiter, die Kutscher fluchten und die Senatoren saßen in tiefe
+Gedanken versunken wortlos neben einander, nur zuweilen einige Worte
+austauschend. Und doch hätten sie auch ihre Gedanken austauschen
+können, denn diese waren die gleichen. Wenn der eine sagte: »Wie
+sollen wir zu Hause das große Nichts übergeben?« antwortete der
+andere, nachdem er in die Nacht hinein gestarrt hatte: »Ich wäre jetzt
+lieber ein Schäferhund, als ein Kecskeméter Senator.« Der dritte hob
+sein gebeugtes Haupt und setzte seufzend hinzu: »Für hundert Ochsen
+und fünfzig Pferde einen grünen Mantel -- das ist ein guter Markt.«
+Damit wurden sie wieder schweigsam und starrten neuerdings in den
+weißen Nebel, aus welchem sich jene bizarren Gestalten abhoben. Mit
+einem Male trat aus einer dieser Nebelsäulen ein Gespenst hervor.
+Augenscheinlicher, wahrer als die anderen, es stellte sich den Pferden
+entgegen ... und sein Schatten bewegte sich auf der Straße. Die Pferde
+der Voranziehenden stutzten. Der Kutscher blickte auf. Ein weiche
+weibliche Stimme erklang: »Bleiben Sie stehen!«
+
+Der katholische Inokai machte das Zeichen des Kreuzes: »Alle guten
+Geister loben den Herrn!«
+
+»Wer bist du?« fragte Kriston.
+
+»Ich bin die Czinna, das Zigeunermädchen. Nehmt mich schnell in den
+Wagen.«
+
+Anfangs erschrak nur Inokai, aber jetzt waren Kriston und Poroßnoki zu
+Tode erschrocken. Sogar der auf dem anderen Wagen befindliche
+Oberrichter verschmähte es nicht herabzuspringen. »Wie kommst du
+hierher, du Krähe?«
+
+»Ich bin davon gelaufen!« antwortete Czinna kurz.
+
+»Gerade das ist's, warum bist du geflohen?«
+
+»Weil ich mich langweilte.«
+
+»Du Hundeleber!« schrie Kriston und kratzte sich den Kopf. »Weißt du,
+daß man uns alle deineswegen hängt? Wirst du dich gleich zurückpacken!
+Was sollen wir thun? Was sollen wir thun?«
+
+»Man muß sie zurückgeleiten,« meinte auch Poroßnoki.
+
+Die glänzende Fläche des Mondes trat jetzt hervor und beleuchtete das
+schöne Mädchen. Ihr prächtiges Gewand war ganz beschmutzt, ihre
+Stiefel waren kothig, der Rock im Sumpfe durchnäßt, durch welchen sie
+watete.
+
+»Ich will nicht zurückgehen,« murrte sie trotzig und ihre weißen Zähne
+leuchteten, denn sie klapperten ein wenig. Fröstelnd knöpfte sie ihren
+Überwurf zu.
+
+»Du mußt zurückgehen,« sagte der Oberrichter, »wir spielen mit unseren
+Köpfen.«
+
+Das Mädchen zuckte zusammen, richtete ihre schönen, großen Augen auf
+den Oberrichter, aber mit einem so wunderbaren Blicke, daß der
+Oberrichter ausrief: »Komm' also, setze dich zu mir in den Wagen. Ich
+werde dich nach Hause führen.«
+
+»Herr Oberrichter! Herr Oberrichter!« warnte Poroßnoki melancholisch.
+»Was thun Sie?«
+
+»Auf meine Verantwortung!«
+
+»/Juventus ventus/,« murrte Inokai.
+
+Die Augen Czinnas blitzten wieder, es lag darin die Wärme der
+Hundetreue. Dann sprang sie zum Oberrichter mit einem leichten
+Schwunge wie eine Wildkatze.
+
+Die Wagen setzten sich wieder in Bewegung.
+
+»Du frierst,« sagte Lestyák, ihrem Atemzuge lauschend. Dann zog er den
+kaiserlichen Mantel hervor und breitete ihn über ihre Knie. Er
+betastete mit seiner Handfläche ihre Stirn, sie war ein wenig heiß,
+aber wie glatt, wie süß anzufühlen! Das Blut des Oberrichters begann
+zu sieden.
+
+»Ach, es giebt nur einen glücklichen Menschen,« seufzte unterdessen
+auf dem ersten Wagen Inokai, »Herrn Christoph Agoston, der seinen Kopf
+an einen sicheren Ort gelegt hat, nach Waitzen.«
+
+»Ach, es giebt nur einen glücklichen Menschen,« seufzte im letzten
+Wagen der junge Ochsenhirt vor dem alten Roßhirt: »Unseren
+Oberrichter, Herrn Lestyák, denn dieser kostet die roten Lippen des
+Zigeunermädchens und mißt mit dem Arm ihren schönen schlanken Leib.«
+
+»Sag' mir Czinna,« fragte der Oberrichter, »wie bist du entflohen?«
+
+»Ich bestimmte den alten Türken, welcher an der Thüre wachte,
+einzuschlafen und er schlief ein.«
+
+»Wie konntest du mit ihm türkisch sprechen?«
+
+»Ich nahm mein Halsband vom Halse und gab es ihm.«
+
+»Und die anderen?«
+
+»Auch diese habe ich angeeifert, aber sie wollten nicht kommen. Hier
+zu Hause hätten sie sich im Tagelohn verdingen müssen, dort gab es ein
+prächtiges Mittagmahl, Braten, dreierlei geschmackvolle
+Fruchtgattungen. Auch Mamaliga[12] gab es vielleicht dort. Das
+Nachtmahl wartete ich nicht mehr ab.«
+
+ [12] Kuchen aus Maismehl.
+
+»Aber du gingst doch gut gelaunt mit uns.«
+
+»Ich freute mich über die Kleider.«
+
+»Und du hast sie schon satt?«
+
+»Ich verabscheue sie und sehne mich nach meinen Lumpen.«
+
+»Ei, ei,« sagte der Oberrichter traurig, »du kannst noch viel Leid
+über Kecskemét bringen! Man wird dich suchen, Czinna!«
+
+Sie schmiegte sich furchtsam an den Oberrichter und ihr ganzer Körper
+zitterte wie Espenlaub.
+
+»Fürchte nichts, ich werde dich nicht verlassen, wenn ich es einmal
+aussprach. Was ich sage, das ist gesagt.«
+
+Das Mädchen beugte sich über die Hand Lestyáks, küßte sie und weinte.
+
+Nervös, fast rauh erfaßte der junge Mann ihren Kopf, um ihn von seiner
+Hand wegzuziehen und brummte ärgerlich: »Ich bin kein Bischof.« Als er
+den Kopf des Mädchens aber erhob, floß mit einem Male die Welt vor ihm
+zusammen, sie drehte sich im Kreise, die Sterne sprangen vor seinen
+Augen umher, der Wagen schien umzufallen und er drückte ganz
+selbstvergessen das schöne Haupt an seine Brust. Plötzlich gereute es
+ihn ... und er ließ es wieder los.
+
+»Nun, nun ... was zum Teufel machst du, Czinna? Mach' keine Dummheiten
+und küsse mir die Hand nicht, denn sonst werde ich deinen Zopf an den
+Wagen binden, damit du deinen Kopf nicht bewegen kannst. Wie du den
+Menschen in Verwirrung bringst!«
+
+Er erfaßte scherzend ihr dichtes, weiches Haargeflecht.
+
+»Nun, soll ich es an den Wagen binden?«
+
+»Wie Euer Gnaden wollen,« sagte das Mädchen sanft, ruhig.
+
+»Ich binde es nicht an, fürchte nichts. Ich denke an etwas anderes.«
+
+Lange Zeit schwiegen sie. Lestyák rieb sich oft mit der Hand die
+Stirne.
+
+»Ich denke daran«, sagte er endlich flüsternd, »daß man deinen Zopf
+bis zum Grund abschneiden müsse.«
+
+Czinna richtete ihre Augen verwundert auf ihn, diese glänzten selbst
+im Finstern.
+
+»Neige dich näher zu mir, Czinna, damit der Kutscher nicht hört, was
+ich sage. Schmiege dein Ohr an mein Gesicht an. Noch näher. Fürchte
+nichts, ich werde Dich nicht küssen.«
+
+»Was liegt mir daran, küssen Sie mich.«
+
+»Dein Haar muß abgeschnitten werden.«
+
+»Was liegt mir daran, schneiden Sie's ab.«
+
+»Dann mußt du vom Wagen steigen ...«
+
+Das Mädchen machte eine unruhige Bewegung.
+
+»Denn man wird dich suchen und ich habe nicht genug Macht, um dich zu
+schützen. Wer weiß übrigens, was mit mir geschieht. Ein schlimmes
+Schicksal steht mir bevor. Du mußt also absteigen, das ist gewiß.«
+
+»Aber warum?«
+
+»Weil der Sultan oder der Ofner Pascha mächtiger ist, als der
+Kecskeméter Richter. Wenn ich mächtiger wäre als sie, dann würdest du
+jetzt bei mir bleiben und kein Haar würde dir gekrümmt werden.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht.«
+
+»Du wirst mich bald verstehen. In dieser Kiste befindet sich ein
+Männeranzug, ich habe ihn jetzt für mich in Ofen gekauft. Wenn du vom
+Wagen springst, wirst du dich irgendwo als Bursch verkleiden; ich lege
+dir auch ein paar Dukaten in die Tasche. Du wirst ein hübscher Junge
+sein, was glaubst du? Der Teufel selbst wird die einstige Czinna nicht
+erkennen.«
+
+Czinna seufzte und fing an zu weinen.
+
+»Schön langsam, nach Verlauf von Tagen wirst du nach Kecskemét
+zurückkehren, womöglich auf anderen Wegen und bei meinem Vater als
+wandernder Schneidergeselle, der Arbeit sucht, einkehren.«
+
+Czinna wischte sich die Thränen ab und lachte laut auf.
+
+»Es wird gut sein, es wird wirklich gut sein! Wenigstens kann ich Sie
+täglich sehen.«
+
+»Wiehere nicht wie das kleine Füllen ... Das ist ein ernster Zustand.
+Wenn der Alte sich weigern sollte dich anzunehmen, so wirst du ihm
+diesen Ring zeigen, zum Zeichen dessen, daß ich es wünsche.«
+
+»Aber Sie werden ja zu Hause sein und können es auch mündlich sagen.«
+
+»Was weiß ich, wo ich sein werde,« antwortete er mürrisch und zog
+einen Opalring vom Finger, ihn Czinna übergebend.
+
+Nach kurzer Pause fügte er hinzu: »Wenn er dich aber ohne Ring
+aufnimmt, so zeige denselben nicht; mein Vater soll nicht ahnen,
+niemand darf es wissen, wen die Männerkleidung bedeckt. Ich wünsche es
+so.«
+
+»Dann wird es auch so sein,« sagte Czinna.
+
+»Und jetzt gehen wir an die Arbeit. Du mußt abspringen, so lange es
+noch dunkel ist.«
+
+In der Lade befand sich eine große Scheere, mit welcher man die Mähnen
+der Füllen zu ordnen pflegte. Als sie der Oberrichter hervorzog,
+zitterte seine Hand, wie erst, als er die prächtigen Zöpfe erfaßte, um
+dieselben zu vernichten.
+
+»Ich habe keinen Mut.« Und matt ließ er die Scheere fallen.
+
+»Was bedauern Sie dabei?« zürnte das Mädchen, die Scheere erfassend.
+Das scharfe Eisen knisterte und der Haarwald war abgeschnitten. Das
+Mädchen lächelte mit kronenlosem Kopfe. Dann flocht es aus den Zöpfen
+die schweren Brokatbänder los, während Michael die Männerkleidung aus
+der Kiste nahm.
+
+»Wenn du dich umgekleidet hast, merke gut auf, wirst du an das Ufer
+der Theiß gehen, wo du sie am nächsten erreichst und wirst dein
+abgelegtes Kleid neben einen Weidenbusch legen, wie es die einen
+Selbstmord begehenden Mädchen zu thun pflegen, welche ihre Kleider
+dort zurücklassen und nur ihren Schmerz mitnehmen ...«
+
+»Alles wird so sein ... alles.«
+
+»Hoho! Wehe! Wehe!« erscholl es in diesem Momente vom Wagen des
+Kriston.
+
+»Was ist geschehen?« rief der Oberrichter hinüber.
+
+»Wir sind in irgend einen Morast gesunken.« Das war in der That kein
+Wunder. Damals waren die Komitate noch Jungfrauen bezüglich des
+Straßenbaues. Die Klage, daß man Kot auf Kot häufe und dies Landstraße
+nenne, hatte damals noch keine Berechtigung, denn man häufte überhaupt
+gar nichts. Die Ansicht war vorherrschend, »daß die Wagen die Straße
+selbst machen.« Wo eine Radspur ist, dort sind schon Menschen passiert
+und wenn sie schon passierten, »dann können auch wir dort wandeln.«
+
+Mit einem Male endete die Radspur und der Wagen saß bis zur Achse im
+Moraste drin, welcher beim Mondschein einer grünseidenen Wiese glich.
+Dieses Alföld, welches Petöfi ein offenes Buch nennt, ist eine tolle
+Gegend. Bei Tage zeigt es mit seiner Fata Morgana das Land als Wasser,
+des Nachts das Wasser als Land. (Wann soll der Mensch ihm glauben?)
+
+Der Kutscher fluchte, schlug das Pferd, daß die Stränge beinahe
+rissen, er wußte aber eigentlich nicht, welche Richtung er wählen
+sollte, wo ein Ausweg sei. Der andere Wagen versuchte in anderer
+Richtung sein Glück. Auch dieser geriet in den Morast.
+
+»Wir werden hier zu Grunde gehen! Wer kennt den Weg?«
+
+Alle sprangen von den Wagen und begannen zu beraten.
+
+»So viel ist gewiß, daß wir uns bei den >Höllenteichen< befinden,«
+sagte Herr Poroßnoki. »Es muß irgendwo ein Durchgang sein. Ich habe
+oft von den Fuhrleuten gehört, daß man zwischen den Seen zum rechten
+Wege gelangen könne.«
+
+»Aber wo? Wir werden so lange suchen, bis wir versinken.«
+
+»Man muß den alten Marczi aufwecken, der hat schon oft Ochsen nach
+Pest getrieben, auch in der Zeit des regnerischen Herbstes. Wie, wenn
+er den Weg kennt? Du, kleiner Pferdejunge, dort im letzten Wagen,
+wecke deinen Bruder Márton auf.«
+
+Der schlanke Pali brauchte nicht mehr Worte, er schüttelte den
+schlafenden Alten aus Leibeskräften.
+
+»Nun, was giebts? Was schüttelst du mich, du Frechling?«
+
+»Mit Respekt zu melden, alter Verwandter, wißt ihr den Weg nach
+Kecskemét?«
+
+»Ich glaube,« antwortete der kurz angebundene Ochsenhirt.
+
+»Wir befinden uns hier bei den >Höllenteichen<. Die ersten zwei Wagen
+stecken schon im Sumpfe. Blicken Sie um sich, wo wir einen Ausweg
+finden.«
+
+Marczi sah zum Himmel empor und betrachtete sehr aufmerksam das
+erhabene Gewölbe mit seinen Milliarden funkelnder Sterne.
+
+»Steigen Sie nicht hinunter, um den Platz zu sehen?«
+
+»Was soll ich daran sehen?« fuhr er mürrisch auf. »Der eine Sumpf ist
+wie der andere.«
+
+Und wieder maß er aufmerksam das Himmelsgewölbe. Mit einem Male
+richtete er sich im Wagen auf und rief zum Wagen Kristons hinüber:
+»Siehst du, mein lieber Sohn, diesseits des großen Bären die zwei
+kleinen Sterne, der eine ist sehr blaß, hellweiß, der andere feuriger,
+aber kleiner, sie befinden sich gerade einander gegenüber?«
+
+»Ich sehe, Marczi Bácsi.«[13]
+
+ [13] Onkel oder dem Sinne nach, Gevatter.
+
+»Nun, lenke den Wagen gegen die Seite der beiden Sterne, mein Lieber.
+Dort ist der Weg.«
+
+Damit legte er sich wieder mit gutem Gewissen nieder, wie jemand, der
+alles ins Reine gebracht hat.
+
+Die Herren kletterten gleichfalls aus dem knietiefen Wasser auf die
+Wagen, allein bis der Oberrichter zu dem seinigen zurückgelangt war,
+befand sich Czinna nicht mehr dort. Unbemerkt war sie während der
+eingetretenen Verwirrung verschwunden, nur der große aufgelöste Zopf
+dunkelte aus dem Innern des Wagens hervor. Max nahm seufzend die
+herrlichen Haare in die Faust, dann begann er die Fäden in kleinen
+Büscheln in den Sumpf zu streuen. Die schwarzen Fäden sanken leise
+nieder, der Wind trug sie, so daß es schien, als flögen sie hinweg;
+das grünliche Wasser spielte mit ihnen und schlang sie um die
+Wasserlilien, um das Schilf und die buntkelchigen Erbsenblüten ...
+Nachdem man endlich in Sicherheit war, da hielt des Oberrichters Hand
+nur noch einen Faden, den er um seinen Ring wand.
+
+»Hoho!« rief er laut und dröhnend. »Wohin ist mein Mädchen geraten?
+Auf welchem Wagen ist sie?«
+
+Von überall kam die Antwort: »Hier ist sie nicht! Hier auch nicht.«
+
+»Gott sei Dank!« flüsterten die Senatoren erleichtert auf, »daß sie
+nun durchgegangen ist, die kleine Kröte!«
+
+Mit den Abenteuern hatte es nun ein Ende. Jetzt gelangte man ohne
+Zwischenfall von den Tanyen zu Dörfern und von Dörfern zu Tanyen. Nur
+hier und dort verwischte sich der Weg, allein das that nichts, war
+doch Marczi da, der ihnen, so oft man ihn weckte, jederzeit den
+richtigen Pfad wies.
+
+»Fahrt nur geradeaus auf den blinkenden kleinen Stern zu, der dort
+neben dem kleinen Bären steht ...«
+
+Er war zu Hause unter den glänzenden Planeten des Himmelszeltes. Die
+Erde ist unergründlich, der Himmel dagegen mit seinem blauen Felde ist
+allezeit unveränderlich. Von dort herab maß er denn auch den Weg von
+Pest bis zur edlen Stadt Kecskemét. Er wußte da so genau Bescheid, er
+sah den Weg so klar, daß auf demselben vor seinen Augen förmlich Staub
+aufwirbelte .....
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+
+Pintyö stellte die geladenen Böller auf dem Marktplatze auf; hier und
+dort wurden Transparente errichtet: »Willkommen!« »Vivat!« und
+dergleichen mehr. Der glänzend beredte Paul Fekete büffelte gerade an
+einer Rede, welche also begann: »Wer kennt nicht den Ruf des weisen
+und achtungswerten Seneca?« (Selbstverständlich kannte ihn jedermann,
+denn Herr Paul Fekete lebte von den Aussprüchen dieses achtungswerten
+und weisen Mannes.)
+
+Die Zigeuner des Bürüs strichen die Fiedelbogen mit Kolophonium, kurz,
+es wurden große Vorbereitungen getroffen, und man hätte vielleicht
+sogar die großen Glocken geläutet, wenn Herr Poroßnoki nicht bei
+Czegléd, von seinem richtigen Verstande geleitet, Pali, den schmucken
+Csikós, auf ein Roß gesetzt und ihm aufgetragen hätte, daheim zu
+sagen, daß man keine Komödien inszenieren solle, da zur Lustigkeit
+keine Ursache vorhanden sei.
+
+Der Herold rief große Verstimmung hervor, brummig und ärgerlich sah
+man gegen Abend aus den Fenstern und hinter den Zäunen den Einzug der
+Vorsteher mit an. Kein einziges »Eljen« war zu hören, nur die Hunde
+bellten hinter den Wagen her. Allein es war ja auch besser so, wozu
+die Schmach noch mästen, da sie ohnedies groß genug war!..
+
+Noch am selben Abende erhielten die Ofner Ereignisse Flügel, man
+erfuhr, wie die Köröser Kecskemét, das heißt, wie Kecskemét sich
+selbst »abgekocht« hatte und wie ihnen der Sultan als Entgegnung auf
+die vielen kostbaren Geschenke und Schätze einen Kaftan hingeworfen.
+
+Schmach und Schande!
+
+Allein wie konnten sie den Mangel an Schamgefühl haben und den Kaftan
+auch nach Hause bringen? Am nächsten Tage sammelten sich große Mengen
+vor dem Stadthause; die angeseheneren Bürger gingen in den Saal
+hinauf, um hier aus amtlichem Munde das Ergebnis der Reise zu
+vernehmen. So war es nämlich Sitte nach jeder großen Expedition.
+
+Das gewöhnlichere Volk, Weiber und Bursche spektakulirten draußen,
+schrieen und suchten in unmöglichen Tönen eine Melodie zu dem Verse,
+der soeben herrenlos auf den Lippen des Pöbels geboren worden war:
+
+ »Kecskemét, magst glücklich sein,
+ Kaisers Kaftan ist ja dein!«
+
+Einige des Weges kommende Großköröser Fuhrleute steigerten noch die
+Gereiztheit. Tüchtig in ihre Pferde einhauend, schrieen sie der Menge
+höhnisch zu:
+
+»Hält der Kaftan auch warm?«
+
+Und fürwahr, er heizte den Senatoren dort oben tüchtig ein. Finster
+saßen sie in ihren Stühlen. Einige, so Herr Inokai, ganz weichherzig
+und verzagt, nur auf dem schönen Antlitze des Oberrichters leuchteten
+noch Mut und Trotz.
+
+Poroßnoki malte die Ereignisse der Reise in einer schön komponierten
+Rede, und er begann mit dem Herrgott, der Kecskemét so häufig
+heimsucht, daß man ihn bereits als einen hier zuständigen Einwohner
+betrachten konnte. Sie waren in gutem Glauben vorgegangen (der
+Herrgott ist Zeuge!) und sie konnten nichts dafür, daß der Plan in
+Trümmer ging.
+
+Was wahr ist, ist nun einmal wahr, die Auslagen waren ungeheuer, aber
+sie hatten gedacht: Wer wagt, gewinnt!
+
+Anfangs hörte man fein ruhig zu und die hübsche Rede würde vielleicht
+gar den Magistrat gerettet haben, hätte nicht bei den Details, wo
+Poroßnoki mit großem Pathos sagte: »Und wir erschienen am Mittwoch vor
+Sr. Majestät dem türkischen Kaiser, der in königlichem Ornate da saß,«
+hätte, wie gesagt, hierbei Gáspár Permete nicht dazwischen gerufen:
+»Eine Pfeife hatte er nicht im Munde?«
+
+Eine unbändige Heiterkeit malte sich auf allen Gesichtern und von da
+ab folgte ein ungewaschener Zwischenruf dem anderen. Die Autorität
+sank und kaum hatte der erste Funke im Stroh verfangen, als auch schon
+alles aufloderte.
+
+»Sie haben das herrliche Geld dem Teufel in den Rachen geworfen!
+Kleider mit Karfunkelsteinen haben sie jenen Personen nähen lassen!
+Amtliche Gelegenheitsmacher! Eine Peitsche mit Edelsteinen haben Sie
+mitgenommen! Das Geld wurde hirnlos verschleudert. Sie haben uns zum
+Kinderspott gemacht! Ich komme gerade von draußen und da schreien die
+Köröser auf dem Platze: >Hält der Kaftan auch warm?< Eine solche
+Schmach unserer Stadt!... Darauf mögen Sie antworten!«
+
+Der riesig gebaute Josef Berkes sprang auf und mit hervorquellenden
+Augen, brüllender Stimme und drohender Faust wütete er:
+
+»Danken Sie ab! Packen Sie sich vom grünen Tische!«
+
+Und unheildrohend, aus hundert Kehlen durchbrauste den Saal ein
+Schrei, welcher daherfuhr wie der Orkan durch Baumgeäste.
+
+»Danken Sie ab!«
+
+Die aufgeregten Bürger drängten sich in einem stets enger werdenden
+Ring um den grünen Tisch. Lestyák warf seinen Stuhl um, knöpfte von
+seiner Weste das Stadtsiegel los, welches dort an einer Kette hing und
+warf dasselbe mit der Kette zu Boden, so daß es bis in die äußerste
+Ecke des Saales kollerte.
+
+»Da habt Ihr es! Ich brauch's nicht!« und er eilte zur Thür.
+
+Allein Blasius Putnoki stellte sich ihm entgegen.
+
+»Oho! Nicht so, Gevatter! Du bleibst. Ich klage dich vor Gott und
+Menschen an, daß du mit den Feinden der Stadt unter einer Decke
+gespielt, daß du die Schätze unserer heiligen Mutterkirche verkauft
+hast. Du bist der Gefangene der Stadt!«
+
+»Auf wessen Anordnung?« fragte stolz und kalt Lestyák.
+
+Putnoki war betroffen, wie wenn man ihm die Zunge abgeschnitten hätte,
+Lestyák hingegen entfernte sich, die Saalthür hinter sich zuschlagend.
+Der Reihe nach standen jetzt die anderen Senatoren auf, sich dem
+allgemeinen Willen unterwerfend. Sie legten ihr Amt nieder. In dem
+entstandenen Chaos brach sich Herr Josef Berkes Bahn bis zum
+Präsidentenstuhle.
+
+»Ich beantrage, daß, bis nach reiflicher Überlegung ein neuer
+Beamtenkörper gewählt wird, die Angelegenheiten der Stadt eine aus
+drei Mitgliedern bestehende Kommission führe. Ein katholischer, ein
+kalvinischer und ein lutheranischer Mitbürger.«
+
+»So ist's!« schrie die Menge.
+
+Sofort rief man alle drei aus, die Herren Samuel Holeczy, Balázs
+Putnoki und Josef Berkes. Das Triumvirat ging, als sich die Menge
+zerstreute, in das benachbarte Zimmer, um zu beraten und sein erster
+Beschluß war die Gefangennahme des jungen Lestyák.
+
+Der alte Lestyák weinte und schrie, als man den Stolz seines Herzens,
+seinen Max ins Gefängnis führte. Zuerst griff er zum Bügeleisen und
+wollte die Haiducken totschlagen. Als man ihm das Bügeleisen aus der
+Hand riß, brachte er aus der Bibel geeignete Sätze zur Anwendung,
+welche er wie Donnerkeile an die Köpfe Gyuri Pintyös und Pista Muskas
+warf.
+
+»Man muß die Sache nicht so arg aufnehmen, lieber Vater,« sagte ein
+wenig zornig der Ex-Oberrichter, »auch das dauert nicht ewig.«
+
+»Sie werden das noch bitter bereuen!« rief der Alte, seine Fäuste wie
+ein Theaterheld ballend. »Wehe dir, Kecskemét, wie Sodom und Gomora
+wehe ward.«
+
+»Uns kann das Glück noch lächeln,« tröstete Max.
+
+»Glück?« Und der Alte begann wieder zu schluchzen, wie ein altes Weib.
+»Auch das Glück ist eine Göttin, ein Weib wie die anderen. Sie läuft
+immer neuen Männern nach. Mit dem sie einmal ein Liebesverhältnis
+hatte und ihn verließ, zu dem kehrt sie nicht wieder zurück.«
+
+Dann erfaßte er wieder verzweiflungsvoll mit den Bewegungen eines
+Wahnsinnigen die Scheere und begann einen neuen Dolman, den er eben
+fertig gestellt hatte, in Stücke zu zerschneiden, indem er heiser
+röchelte:
+
+»Verdirb, Hund! Die Welt soll ein Ende haben.«
+
+Die Welt nahm zwar kein Ende, nur der Dolman und auch den armen Max
+schleppte man in den dumpfen Kerker des Stadthauses. Er lief ihm nach,
+aber bei der Thoreinfahrt wankten seine alten Beine und er konnte erst
+an der Thürschwelle rufen:
+
+»Fürchte nichts, lieber Sohn, ich werde dich von dort erlösen, deine
+Freiheit erringen.«
+
+Nun, fürwahr, das war auch damals keine große Sache! Man ging einfach
+zum Ofner Pascha, einen kleinen Befehl zu erwirken, daß man ihn sofort
+frei lasse. Wenn das Herz des Ofner Pascha nicht zu erweichen war,
+ging man zum Szolnoker Pascha, auch dessen Befehl ist giltig. Nehmen
+wir an, daß der Szolnoker Pascha gleichfalls in schlechter Laune war,
+dann ist es ratsam, den Kalgaer Sultan aufzusuchen, oder nach Fülek
+zum Vicegespan zu wandern, ja im schlimmsten Falle kann auch Herr
+Csuda die Freilassung anordnen, wenn es nicht das Einfachste ist, sich
+an den hochgebornen Herrn Stefan Koháry nach Szécsény zu wenden. Alle
+diese wohledlen Herrschaften befehlen in Kecskemét.
+
+Gerade kam ein Wanderbursche zur rechten Zeit, der sich anbot, er war
+ein hübscher, Vertrauen erweckender Bursche.
+
+Jetzt kann Herr Lestyák zuversichtlich seine Reisetasche umhängen und
+die obige Namensliste dazu, der Bursche hingegen giebt auf das Haus
+acht, übernimmt die Bestellungen und hält die ungeduldigen
+Kundschaften mit Worten hin, die Magd Erzsike hingegen kocht für ihn
+und sucht ihn auszuforschen.
+
+»Aber dann mein Sohn Laczi? -- nicht wahr du heißt Laczi? -- treibe
+keinen Mutwillen mit dem Mädchen, ich warne dich, denn das ist mein
+Patenkind.«
+
+So ging der Alte fort und blieb lange aus, erst im späten Winter
+kehrte er zurück.
+
+Das Bein der heurigen Martinsgans weissagte einen strengen Winter und
+es war in der That so. Die kämpfenden Parteien standen viel Elend aus.
+Von den Kriegern des Herrn Thököly erfroren hundert bis zu
+Weihnachten. Wegen des vorjährigen schlechten Jahres waren auch die
+Lebensmittel knapp, die Soldaten froren nicht nur, sondern hungerten
+auch dabei, kein Wunder, daß ihr Auftreten zuweilen grausam war.
+
+An jenem Abend, an welchem der alte Lestyák mit dem Ferman des Ofner
+Pascha nach Hause kam, zog mit ihm zugleich ein Trupp des übel
+beleumundeten Kalgaer Sultans vor die Stadt, unter der Führung Olaj
+Begs, mit sehr vielen in Sklavenketten geschlagenen Frauen und Männern
+und er sandte mit einem Reiter den Befehl an das Triumvirat:
+
+»Ungläubige Hunde! Wenn ihr morgen Vormittag nicht acht Wagen Brot,
+vierzig Ochsen, zwanzig Wagen Holz und viertausendfünfhundert Gulden
+schickt, werde ich sie nachmittags selbst mit meinen Soldaten holen
+und von den Köpfen der Kecskeméter Regierung zwei abschneiden, denn
+ein Richter hat an einem Kopfe genug. Versteht mich gut!«
+
+Im Stadthause entstand großer Schrecken. Die Haiducken liefen in
+voller Eile von Haus zu Haus, daß man dem mächtigen Olaj Beg Brot
+backe, daß man Holz zusammenscharre, aber am schwersten war es, das
+Geld herbeizuschaffen, denn die Lade der Stadt stand leer. Einen
+solchen Aderlaß erträgt man jetzt nicht.
+
+Mit verstörten Gesichtern fand sie Michael Lestyák, als er mit
+Unterwürfigkeit hereinhumpelte.
+
+»Nun, was wollen Sie?« frug Putnoki rauh ...
+
+»Ich kam wegen des Sohnes, mein großer guter Herr.«
+
+»Wegen des Sohnes?«
+
+»Nun wegen meines Sohnes. Ich werde den Armen nach Hause bringen.«
+
+»Wenn wir ihn freilassen.«
+
+»Freilich, freilich,« sagte der Alte stolz, und breitete vor Herrn
+Putnoki den Brief Ibrahim Paschas aus. Ȇbrigens wie Euer Gnaden
+wollen.«
+
+Der Triumvir gab klein bei, als er den Brief des Pascha überflogen
+hatte; er griff sich sogar an den Hals vor Schrecken, denn der gute
+Ofner Ibrahim klopfte aus seinem Schreibrohr niemals die Tinte aus,
+ohne eine kleine Gemütlichkeit in die ernsten Zeilen zu mischen. Auch
+jetzt standen dort die wenigen Worte: »Ich sehe, daß Euer Hals Euch
+stark juckt.«
+
+»Das ist etwas anderes,« sagte der Triumvir sich duckend. »Wir
+gehorchen dem Befehle. Jetzt aber ist es schon spät Abend, auch ist
+der Kerkermeister nicht hier. Wir werden unseren Bruder morgen früh
+schon herauslassen.«
+
+Der Schneider ging nach Hause, aber die Morgendämmerung fand ihn schon
+vor dem Thore des Stadthauses. Es war ein häßliches Wetter, ein großer
+Nebel ballte sich zusammen und auch der Schnee fiel still herab. Die
+Stadtherren kamen früh genug herein, besonders Putnoki, der über Nacht
+einen guten Gedanken gefaßt hatte und sich beeilte, ihn seinen
+Kollegen mitzuteilen.
+
+»Es wird nicht gut sein, wenn Lestyák auf freien Fuß gesetzt wird.
+Sein Schädel ist mit viel Verstand und viel Spitzbüberei gefüttert.«
+
+»Ein harter Schädel, das ist wahr, aber mit dem Sandschak Pascha
+können wir doch nicht Finger ziehen.«
+
+»Das glaube ich auch nicht. Wir lassen ihn frei, ich schicke ihn aber
+an einen solchen Ort, von welchem er nicht wieder zurückkehrt.
+Überlassen Sie das nur mir!«
+
+Die Gassen bevölkerten sich ungewöhnlich früh. Die Bewohner
+beförderten teils in Karren, teils in Schiebkarren ihre Sachen auf die
+naheliegenden Tanyen.
+
+Das Erscheinen Olaj Begs am Horizont malte Schrecken auf die
+Gesichter. Denn der wackere Olaj Beg war thatsächlich kein solcher
+Kleinigkeitskrämer wie Herr Csuda oder Derwisch Beg, welche sich mit
+dem Raub eines Pfaffen oder eines schönen Mädchens begnügten. Der
+verständige Olaj Beg arbeitete /en gros/. Er kam selten, aber wenn er
+kam, trieb er eine ganze Gasse in Gefangenschaft, samt Frauen,
+Kindern, Sack und Pack, samt Pferden, Rindern, nichts zurücklassend,
+als die Schweine, welche unreine Tiere sind und mit dem heiligen Koran
+in Widerspruch stehen. Ein solcher Mensch war Olaj Beg, das muß man
+ihm lassen.
+
+Bei der Nachricht von seinen Forderungen kamen die einflußreichsten
+Männer schon zeitlich morgens einzeln in das Rathaus; der eine brachte
+ein wenig Geld, der andere kam, um Brot und Holz anzubieten. Die
+schlechte Nachricht ist ein guter Wecker.
+
+Viele murrten, als Herr Putnoki den Befehl gab, den jungen Lestyák aus
+dem Kerker vorzuführen. Er erschien ein wenig blaß, trug aber den Kopf
+hoch.
+
+»Max Lestyák,« sagte der Triumvir feierlich, »Sie sind frei!«
+
+Ein unzufriedenes Murren entstand im Saale.
+
+»Der Ofner Vezir ist Ihr Patron,« bemerkte der Vorige satirisch.
+
+Lestyák erwiderte nichts. Er machte eine nervöse Bewegung, als ob er
+gehen wollte.
+
+»Nicht dort ist Ofen. Warten Sie noch! Der Ofner Pascha ist nicht der
+römische Papst, mein Herr Ex-Oberrichter, er kann Schlösser ausbrechen
+und schließen, aber nicht Sünden vergeben. Diese müssen Sie abbüßen.«
+
+Eine peinliche Ruhe trat ein, man erwartete das Folgende mit
+zurückgehaltenem Atem.
+
+»An unseren Grenzen steht der grausame Olaj Beg, dort jenseits des
+Teiches Csalános. Er hat der Stadt einen großen Tribut auferlegt,
+welchen man ihm bis heute Mittag übersenden müßte, aber es ist
+unmöglich. Wissen Sie also, Lestyák, wozu wir Sie jetzt verurteilen?«
+
+»Sie werden es schon sagen, wenn Sie wollen.«
+
+Balázs Putnoki fuhr mit boshaftem Lachen fort:
+
+»Sie haben den berühmten Mantel gebracht, sehen wir nun, was Sie mit
+demselben anzufangen wissen. Sie werden ihn anziehen und in ihm zum
+Beg gehen.«
+
+Das Herz des jungen Mannes zog sich zusammen. Das kam unerwartet.
+Seine Füße wankten fast. Aber rasch gewann er wieder Kraft. Wie zu
+sich selbst sagte er: »Ich darf nicht erschrecken, ich darf es
+nicht ...« Sein Herz schlug stark, seine Stimme wurde tonlos; aber die
+Farbe des Gleichmuts lagerte auf seinem Gesicht.
+
+»Und was soll ich dem Beg sagen?«
+
+»Sagen Sie ihm, daß er sich mit der Hälfte des Tributs begnüge und
+auch damit zwei Tage warte, bis wir ihn zusammengebracht haben. Oder
+aber, zum Teufel, bieten Sie ihm den Kaftan an, welcher fünfzig
+Pferde, hundert Ochsen und ungefähr viertausend Dukaten repräsentirt.
+Er wird zufrieden sein. Hehehe! und was noch zurückkommt, das bringen
+Sie in die städtische Kasse. Hahaha!«
+
+»Der wird mich ja sofort rädern lassen oder in Ketten schlagen.«
+
+Putnoki zuckte die Achseln.
+
+»Das ist Ihr Malheur.«
+
+»So?« rief Lestyák bitter aus. »Verurteilen Sie mich wirklich dazu?«
+
+Mit einem Blicke sah er die Triumvirn, die grauhaarigen Greise der
+Stadt, der Reihe nach an. Diese nickten mit dem Kopfe zum Zeichen, daß
+das Urteil gerecht sei. Man muß an den Vergeudern des öffentlichen
+Vermögens ein abschreckendes Exempel statuieren.
+
+»Führen Sie mich lieber in den Kerker zurück,« sagte er
+selbstvergessen, bereute es aber sofort.
+
+»Wovor fürchten Sie sich denn eigentlich so sehr?« klügelte bissig der
+Triumvir, »den Kaftan werden Sie ja tragen.«
+
+Ein großes Gelächter entstand bei diesen Worten und das Blut schoß
+Lestyák ins Gesicht.
+
+»Ich pflege mich nicht zu fürchten,« sagte er stolz. »Wann soll ich
+gehen?«
+
+»Noch Vormittag, sobald ich die Anordnungen getroffen habe. Wollen Sie
+bis dahin nicht beichten?«
+
+»Nein.«
+
+Der alte Schneider verkündete es verzweifelt der ganzen Stadt, welch'
+unerhörtes Unrecht es sei, seinen Sohn in den Rachen des
+Tartaren-Haufens zu schicken. Das ist ein Todesurteil ohne Verhör und
+Verteidigung!
+
+»Denkt daran, wie sehr ihr ihn vor drei Monaten liebtet. Macht einen
+Aufruhr, ergreift Hacken, Eisengabeln, kommt, ich führe euch an, damit
+ihr das >dreiblätterige Kleeblatt< abmäht.« (Das war der Spottname des
+Triumvirates.)
+
+Keine Hand rührte sich; Wurzeln haben ja nur die lebenden Bäume ...
+höchstens in den mit Rosmarin und Muskaten geschmückten Fenstern ward
+ein braunes oder blondes Mädchenantlitz traurig und ein tiefer Seufzer
+brach sich vielleicht durch die Blätter der Blumen: »Armer Max
+Lestyák!« Dann blieben diese schönen Gesichter auch weiterhin auf der
+Lauer.
+
+»Wann kommt er? Wie gern möchte ich ihn im Kaftan sehen. Wie lange
+zögert er.«
+
+Man sattelte sein Pferd im Hofe des Stadthauses. Leicht schwang er
+sich in den Sattel, obwohl ihm der grüne Seidenmantel bis zu den
+Fersen reichte. Er pfiff sogar, als er den linken Fuß in den
+Steigbügel setzte. Auch zwei Trabanten setzten sich zu Pferde, und
+hielten mit gezogenen Säbeln an seiner Seite Wache.
+
+Sie hielten aus dem rückwärtigen Thor ihren Auszug, damit die
+angesammelten Neugierigen nicht schreien und lachen sollten. Das war
+aber eine Sache zum Weinen! Die Triumvirn sahen zum Fenster hinaus, so
+lange sie wegen des immer dichter werdenden Nebels sehen konnten. Herr
+Putnoki rieb sich vergnügt die Hände.
+
+»Nun, der wird das Kecskeméter Horn auch nicht mehr hören!« (Denn es
+war üblich, die Mittagszeit durch Hornrufe vom Turm Sankt Nikolaus zu
+kennzeichnen.) Dann wandte er sich lebhaft den versammelten Bürgern
+zu: »Jetzt aber beeilen wir uns, den Tribut auf Wagen zu laden, damit
+Olaj Beg, wenn er sich erzürnt gegen die Stadt kehrt, die Sendung
+schon unterwegs finde.«
+
+Die Trabanten begleiteten Lestyák nur bis ans Ende der Stadt, wie dies
+bei den Verbannten zu geschehen pflegt. So stand es im Befehl. Es wäre
+auch schade um die Trabanten gewesen, diese Leute bis ins feindliche
+Lager zu senden, wo ihrer sicherer Tod harrte.
+
+Vielleicht geht Lestyák gar nicht weit, vielleicht schlägt er sich
+irgendwo seitwärts in die Büsche, die Welt ist ja weit und hat vier
+Ecken -- nun, so mag er es immerhin thun, wenn er nur nicht länger
+hier lästig fällt.
+
+Aber da kam man just an den Rechten. Während er fürbaß über die
+endlose Schneedecke dahinritt, dachte er bei sich:
+
+»Ich zieh von dannen; ich muß es wohl. Denn wenn ich bleibe, bin ich
+für immer tot. Geh' ich aber fort, so kann es noch geschehen, daß sie
+mich zurückrufen. Olaj Beg ist ein kluger Mensch; einen Toten kann er
+zu nichts nützen, ein Lebender aber ist ihm stets eine Ware, zumal er
+mit Sklaven handelt. Schlimmenfalls schleppt er mich in die
+Gefangenschaft. Das kann man immerhin wagen.«
+
+Mit dem herabhängenden Flügel seines Mantels hieb er dem Gaule eins
+auf den Rücken, wodurch die arme Mähre einigermaßen angespornt wurde.
+Das Roß hatte schöne Karriere gemacht. Gestern noch drehte es sich in
+der städtischen Tretmühle und heute sitzt ein Ritter in seinem Sattel.
+(Gut genug für die Tartaren, spekulierten die Triumvirn.)
+
+»Ich werde auf den Richtplatz geschleppt!« murmelte der Reisende, und
+das Blut kochte ihm vor Ingrimm.
+
+Er ballte die Faust.
+
+»Ei, könnt' ich nur je wieder heimkehren!«
+
+Dann gab er dem Gaul einen derben Stoß, der wohl den Triumvirn
+zugedacht war, den aber das Tier ergebungsvoll erduldete. Es erhob
+sich ein schärferer Wind. Vom Csalános-Teiche her klang ein fernes
+Surren und Getöse: der Lärm des Tartaren-Kriegslagers.
+
+Trabe zu, Mähre, trabe zu!
+
+Er kam an einer tragbaren aus Schilf geflochtenen Mauer vorüber, wo
+die Herden zu überwintern pflegten, die aber nur gegen den Wind Schutz
+bot. Lestyák mußte daran vorbeireiten. Vom Pferde herab sah er, daß
+ein Mann mit breitem, schwarzem Hut, in einen Mantel gehüllt dort
+stehe: vielleicht hatte er sich vor dem Schneewehen dahin geflüchtet.
+Der Mann kam näher und sprach:
+
+»Stehen Sie mir doch auf ein Wort, Herr Lestyák.«
+
+Lestyák blickte gar nicht hin und antwortete mürrisch:
+
+»Ihr wisset das Wort nicht, das mich zum Stehen brächte!«
+
+»Ich bin es -- Czinna.«
+
+Es gab also doch ein Wort, auf welches er stillestand, ja, vom Pferde
+sprang.
+
+»Unglücksmädchen, wie kommst du hierher? Ei, was du für ein hübscher
+Junge bist.« Und dabei lächelte er matt und traurig.
+
+»Es ist gut, daß Sie vom Pferde gestiegen sind, denn ich will es
+ohnedies besteigen. Kommen Sie doch hierher, hinter die Mauer, aber
+gleich und lassen Sie mich den Kaftan umlegen.«
+
+»Bist du wahnsinnig?«
+
+»Ich habe alles bedacht, als ich daheim hörte, wohin man Sie schickt.
+Wenn Sie dahingehen, so tötet man Sie, oder schleppt Sie in die
+Sklaverei, nicht?«
+
+»Du sagst es, Czinna!... Aber es ist ganz wundersam, daß du hier
+bist.«
+
+Er blickte sie verwirrt an und schien sich an ihr nicht sattsehen zu
+können.
+
+»Wenn man Sie tötet, dann giebt es kaum mehr ein Auferstehen.«
+
+»Na, das ist wohl wahr.«
+
+»Keine Späße jetzt! Sie sind ein schrecklicher Mensch! Schleppt man
+Sie aber weg, so wird Sie gewiß niemand auslösen. Die Senatoren würden
+es auch verhindern.«
+
+Max biß sich in die Lippen.
+
+»Wenn aber ich hingehe und mich als Lestyák ausgebe und sie mich
+umbringen wollen, werden sie bemerken, daß ich eine Frau bin und den
+Frauen thun die Tartaren nichts zu Leide, dann können Sie mich
+auslösen; wenn sie mich aber nur gefangen mitnehmen, dann können Sie
+mich um so eher als Lestyák auslösen. Geben Sie also schnell den
+Mantel her.«
+
+Und während sie noch dies mit einschmeichelnder, süßer Stimme sagte,
+hatte sie auch schon den Mantel herabgezogen.
+
+Max Lestyák widersetzte sich:
+
+»Nein, nein! Wo denkst du hin?«
+
+Die Argumentation von Czinna hatte ihre Wirkung trotzdem nicht
+verfehlt.
+
+»Es ist schon möglich, daß es so ist;« und er rieb sich die Stirne.
+»Ich löse dich aus, natürlich löse ich dich aus. Du sagst ja, du
+wärest mir noch ein Leben schuldig. Schweige, man muß das nicht so
+nehmen. Klügele nicht, Mädchen. Warte ein wenig. Ich weiß selbst
+nicht, was wir machen sollen.«
+
+Das Mädchen aber blieb nicht stehen; sie hatte den Mantel bereits um
+ihre schlanke Gestalt geworfen, im nächsten Augenblick schwang sie
+sich auf das Pferd. Einen Augenblick später hatte sie bereits der
+Nebel verschlungen, Lestyák lief ihr wütend nach.
+
+»Bleibe stehen!« schrie er mit donnernder Stimme. »Ich laß' dich nicht
+fort. Ich befehle dir, stehen zu bleiben!«
+
+Er konnte schon reden, der Gute. Ein schwacher Augenblick und der
+Fehler war begangen. Ein Augenblick der Schwäche ist der Kern des
+Sturzes großer Männer. Das Mädchen ging und blieb erst beim
+Tartaren-Lager stehen.
+
+»Führet mich vor den Feldherrn. Ich bin Max Lestyák, der Kecskeméter
+Abgesandte.«
+
+»Steige vom Pferde, guter Mann, ich führe dich hin --« meinte ein
+untersetzter Tartare mit gutem ungarischen Accent. »Ein schlechtes
+Pferd gaben dir die Kecskeméter Richter. Da kommt eben unser Herr, Beg
+Olaj, Allah beglänze lange seinen Bart.«
+
+Wahrhaftig, da erschien er, der mächtige Beg Olaj, auf seinem schönen
+Rappen hielt er eben Revue über seine Truppen.
+
+»Der Kecskeméter Gesandte ist hier, mächtiger Beg!« meldete der
+untersetzte Junge.
+
+Der Beg betrachtete den Gesandten und dessen Mantel sehr aufmerksam,
+dann sprach er sanft:
+
+»Wende dich um, braver Junge, wenn ich dich mit der Bitte nicht
+belästige.«
+
+Czinna drehte sich um.
+
+Beg Olaj warf nun von rückwärts einen Blick auf den Mantel. Dann
+sprang er vom Pferde, warf sich vor Czinna zur Erde und küßte den Saum
+des Mantels dreimal. Czinna staunte ihn an mit ihren großen schwarzen
+Augen, sie glaubte zu träumen.
+
+»Allah ist groß und Mohamed sein Prophet. Was befiehlst du,
+Abgesandter der Stadt Kecskemét?«
+
+Demütig und gebückt stand er vor ihr. Czinna zögerte ein wenig, dann
+aber sagte sie mit herber Stimme:
+
+»Verlasset die Markung der Stadt Kecskemét sofort!«
+
+Olaj Beg hob seine schläfrigen Schafaugen gegen den Himmel, dann
+wendete er sich zu den Truppen und schrie laut:
+
+»Wir ziehen ab! Sattelt!«
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+
+Lestyák blieb bei der Schilfmauer und zerbrach sich den Kopf darüber,
+was er beginnen, wohin er sich wenden sollte. In seinem schweren Kopfe
+zerflossen die Gedanken wie geschmolzenes Blei, seine Glieder nahm
+eine Schlaffheit gefangen, an seiner Seele nagte die Selbstanklage:
+»Ich habe schlecht gehandelt, es war eine egoistische Feigheit.« Eine
+peinigende Unruhe stach ihn wie mit Dornen.
+
+Düster blickte er vor sich hin.
+
+»Wohin führt mich nun mein Weg ...?«
+
+Der Nebel zerteilte sich ein wenig und unweit erglänzte das Riesenauge
+des Sees Csalános, wie wenn er ihm zwinkernd zugerufen hätte: »Komm,
+Lestyák, es wird am vernünftigsten sein, wenn du dich hierher legst,
+dich mit einer silbernen Decke zudeckst und auf einem weichen
+Sandpolster träumst!... Dies ist der geradeste Weg.«
+
+Einige Schritte machte er gegen den Teich, aber ein Strauch stellte
+sich ihm in den Weg, der höchste in der ganzen Gegend; die dünnen Äste
+hatten die kleinen Schneeflocken überdeckt: er bemerkte sie nicht und
+stolperte über dieselben. Und als sein Ohr in diesem bitteren
+Augenblicke den Körper der »lieben Mutter« berührte, da hörte er,
+fühlte er plötzlich, daß derselbe weit weg erbebte, der dumpfe Schall
+von tausend Pferdehufen war vernehmbar. Er schauerte zusammen. »Ach,
+es kommen die Tartaren gegen die Stadt.«
+
+Doch ruhiger ward es, wie wenn der Lärm sich verzöge, er wurde immer
+leiser und leiser, bald aber ging er ganz unter. Nur ein Pferd näherte
+sich. Top! Top! Ja, wahrlich, es ist nur ein Pferd, und bei Gott die
+Czinna sitzt darauf. Lestyák sprang in die Höhe, er wischte gar nicht
+den Schmutz von seinen Kleidern, er lief ihr atemlos entgegen.
+
+»Du bist hier? Es fehlt dir nichts? Du bist wirklich hier? Was
+geschah?«
+
+Czinna lächelte munter. Bevor sie antwortete, blies sie ihr
+Gesichtchen in mädchenhaftem Übermut heldenhaft auf:
+
+»Es geschah nichts anderes, wie ich gehorsamst melde, als daß ich die
+Tartaren vertrieben habe. Sie laufen wie besessen.«
+
+»Schwatze nicht!«
+
+Dies sollte so viel heißen: »Ich bitte dich, rede, rede!« Sie sprach
+auch, doch vorerst streifte ihr glänzender Blick mit großer Liebe den
+beschneiten grünen Kaftan.
+
+»Dieser Mantel ist schon etwas wert, mein Herr Max.«
+
+»Wirklich?«
+
+»Als ihn Olaj Beg gewahrte, stieg er vom Pferde, küßte den Saum
+dreimal und fragte dann mit großer Demut, was ich befehle. Ich habe
+ihm nun befohlen, daß sie sofort sich von dannen heben. Sie folgten
+sofort und zogen ab.«
+
+Lestyák stand mit offenem Munde da.
+
+»Ist es möglich? Hat er wirklich eine solche Zauberkraft?«
+
+»So geschah es, Wort für Wort. Ich habe aber nicht viel Zeit zu
+plaudern. Nehmen Sie den Kaftan, hier ist Ihr Pferd, setzen Sie sich
+darauf. Ich werde mich auf einem andern Weg entfernen.«
+
+»Potztausend! Das ist ja ein wahrhaftiges Wunder!« jubelte Max, der
+sich vor Staunen nicht erholen konnte. »Dann ist ja dieser Kaftan ein
+großer Schatz!«
+
+»Das will ich wohl glauben. Jedoch beeilen Sie sich, denn sie könnten
+kommen. Es ist mir, als wenn ich schon schwarze rollende Wagen, von
+der Stadt kommend, sähe.«
+
+Lestyáks Stirn verfinsterte sich.
+
+»Du hast recht, Czinna, sage niemandem etwas! Ich danke dir für das,
+was du gethan hast. Ich werde mit dir noch später sprechen ... heute
+noch. Jawohl, ich spreche noch mit dir, Czinna.«
+
+»Schon gut,« meinte der fesche Bursche und verschwand gegen den Ried
+hin.
+
+Lestyák ging den geraden Weg. In der That fand er die lange Wagenreihe
+bald vor sich; diese brachte Brot und Holz, der Marczi trieb die
+Ochsen mit saftigen Verwünschungen an. Vor dem Wagen ritt einer der
+Triumvirn, Herr Samuel Holéczi, den /nervus rerum/ in der an seiner
+Seite hängenden gelben Ledertasche tragend. Jenes Weib aber auf einem
+Wagen, umgeben von hold geröteten Brotlaiben, es ist bei Gott Frau
+Fábián; sie ist aus bloßer Neugierde mit von der Partie, um doch
+endlich einen »hundsköpfigen Tartaren« zu schauen; und neben ihr
+kauert der redegewandte Paul Fekete, mit den blinzelnden Hasenaugen
+eine Schrift lesend.
+
+»Seht da! Ist das nicht der Lestyák?« stammelten betroffen die
+Kecskeméter. »Der kommt aus dem Jenseits!«
+
+Samuel Holéczi, der dem Lestyák niemals so recht gram war (man weiß
+ja, daß die Lutheraner immer zu einander halten) und den überdies eine
+quälende Neugierde befiel, richtete an Herrn Max in weichem Tone die
+Frage:
+
+»Nicht wahr, es ist nur Eure Seele, Amice, nicht Ihr selbst?«
+
+»Potztausend, nein, ich bin es selbst ohne meine Seele,« brummte
+Lestyák bitterlich (wer weiß, woran er eben dachte?) »Aber Ihr, wohin
+wandert Ihr denn?«
+
+»Es nahen Gäste unserer Gemarkung,« meinte in gemütlichem Galgenhumor
+Holéczi. »Wir bringen ihnen eine kleine Kollation entgegen.« (Der edle
+Herr war zumeist bei gesegneter Laune.)
+
+»Die werden aber nicht leicht zu erreichen sein!«
+
+»So?«
+
+»Freilich, sie sind schon über alle Berge. Gingen fort ohne
+Verabschiedung.«
+
+»Ist das möglich?« quiekte die Frau Fábián dazwischen.
+
+»Schade!« grämte sich Herr Fekete. »Da komme ich um eine meiner
+schönsten Reden.«
+
+Lestyák erzählte die Geschichte mit dem Mantel, ob welcher das Antlitz
+des Herrn Samuel Holéczi augenblicklich alle Farben zu spielen begann.
+
+»Kein kleiner Fall,« brummte er, sich die stumpfe Nase mißvergnügt
+kratzend. »Kein kleiner Fall, hm ... dergleichen hat sich wohl,
+seitdem die Welt besteht, noch niemals zugetragen.«
+
+Indessen seine Verlegenheit währte nur einen Augenblick; er war ein
+abgefeimter, schlauer Fuchs, der sich leicht wieder auf die Höhe der
+Situation zu schwingen verstand.
+
+»He, ihr Fuhrleute, nun kehret wieder um! Ein großer Tag ist für
+Kecskemét angebrochen.«
+
+Dann aber sprang er aus dem Sattel und sprach in ehrerbietigem Tone:
+
+»Schwingt Euch auf mein Pferd, Herr Max Lestyák. Es ist mir ein Kummer
+und eine Schande, Euch im Sattel jenes Kleppergauls zu sehen.«
+
+»Laßt das nur. Ich danke. Mein Roß ist gut genug für mich. Wenn drei
+Triumvirn mich auf dasselbe gesetzt, so ist einer nicht genug, um mich
+aus dessen Sattel zu bringen.«
+
+»So mag denn Herr Fekete mein Pferd besteigen, um der Stadt die Kunde
+von dem Geschehenen zu überbringen.«
+
+Das war aber dem »Cicero der Stadt« just recht, so fand er
+Gelegenheit, für die ausgefallene Rede eine andere zu halten.
+
+»Freilich geh' ich. Wie sollt' ich nicht gehen? 'S ist ja eine wahre
+Freude, so ein schönes Tier zu reiten. Aber gebt mir eine Gerte dazu,
+da es mir nun einmal an Sporen fehlt.«
+
+Man brauchte keine Peitsche für den feurigen Renner, er galoppierte
+mit dem großen Orator von dannen, wie die Fohlen des Märchens, denen
+man in die Futtersäcke glühende Kohlen als Futter steckt. Fekete
+selbst aber schwitzte und pustete, er war, als er am Platz anlangte,
+völlig durchnäßt. Hier verkündete er dem sich immer mehr und mehr
+ansammelnden Volke mit kühnen Redewendungen die besondere Gnade
+Gottes, mit der dieser die Stadt bedachte, indem ein totes
+Kleidungsstück beredt wurde und den Erzfeind von den Grenzen verjagte.
+
+»Es geschah ein Wunder. Edle Bürger Kecskeméts, lasset die Glocken
+läuten. Der habgierige Olaj Beg warf sich zur Erde und küßte den
+Mantel Lestyáks dreimal demütig und fragte ihn zerknirscht: >Was
+befiehlst du, Abgesandter der Stadt Kecskemét?< Hierauf erhob Herr
+Lestyák junior sein Haupt und antwortete: >Stört nicht meine Kreise --
+das heißt, hebt Euch von dannen.< Und so kommen sie zurück, die Wagen
+mit Brot, die Ochsen, die Geldbeutel, der Triumvir und Max Lestyák.«
+
+Ein großer Freudenschrei war nun vernehmbar. Wie ein Lauffeuer
+verbreitete sich die Nachricht von Straße zu Straße. Von Haus zu Haus
+wurde die Nachricht getragen. Die gefallenen, verhaßten Senatoren
+kamen wieder ans Tageslicht, sich unter das Volk mengend. Poroßnoki
+wurde mit Eljenrufen begrüßt, dem alten Inokai machte man entblößten
+Hauptes eine Gasse. Von Herrn Franz Kriston verlangte man mit großem
+Lärm, er möge reden; dieser zögerte auch nicht lange, stellte sich auf
+ein Krautfaß inmitten des Marktes und sprach blos:
+
+»Ich verlange von Euch Gerechtigkeit für jenen genialen Jüngling, der
+diesen großen Sieg erfocht.«
+
+»Gerechtigkeit!« widerhallte es aus tausend Kehlen.
+
+Die Bevölkerung wogte auf und ab, wie ein angeschwollener Strom. Lärm,
+Leben herrschte überall -- Männer und Frauen erzählten das Wunder des
+redenden Mantels. Freilich flickte noch jeder etwas am Zeug. Eine
+große Begeisterung atmeten die Leute ein. Jeder bewegte sich hin und
+her, jeder schrie etwas anderes, und jeder dachte sich etwas.
+
+Schöne aufblühende Knospen, junge Mädchen kleideten die Frauen von
+Kopf bis zu Fuß in Weiß, ehrsame Bürger stürzten in den Stall der
+Stadt, um die berühmten vier Rapphengste einzuspannen (schnell die
+Bänder in ihre Mähnen), alte Männer schleppten die Böller auf die
+Straße. Unterwegs suchten sie den Feuerwerker bei den »drei Äpfeln«
+auf. (Kommen Sie doch, Herr Hupka, wenn Sie einen Gott anerkennen. --
+»Nur noch einen Schluck!« bat Hupka.)
+
+Hochehrwürden Herr Péter Molitoriß, der lutheranische Pfarrer, stieg
+selbst in den Turm des heiligen Nikolaus, damit er im gelegenen
+Momente die Glocken läute. Aus den Dachluken krochen die Fahnenstangen
+heraus mit ihren schlängelnden, wehenden trikoloren Flügeln. Ein wenig
+fahl sind sie schon; sie sind noch aus der Zeit Bethlens[14]
+herübergekommen. Seitdem blühten auch die Kecskeméter Hausdächer gar
+wenig. Die elf gefallenen Senatoren hingen rasch die silberknöpfigen
+Mentes an, banden die rasselnden Säbel um und nun stehen sie schon im
+Halbkreise beim Thore des Stadthauses.
+
+ [14] Ein Fürst Siebenbürgens.
+
+Eine bedeutend schwierigere Aufgabe fiel dem Herrn Paul Fekete zu
+(woraus erhellt, daß nicht gleichmäßige Aufgaben die Schultern der
+Männer des öffentlichen Lebens bedrücken), er mußte das Manuskript
+umarbeiten; die Benennung mächtiger Beg mußte gestrichen werden, statt
+dieser Ansprache mußte hingeschrieben werden: »Glorreicher Patriot.«
+Statt der: »Wir kamen zu dir« mußte es heißen: »Du kamst zu uns
+zurück« &c. (Gleichviel, es wird sich das doch ganz hübsch machen.)
+
+Obschon improvisiert, ging alles vortrefflich; nur der Galawagen
+verspätete sich ein wenig; doch die Böller erdröhnten gleichzeitig,
+die Glocken klangen feierlich und als Lestyáks Gestalt erschien, da
+flutete ein Jubelgetöse durch die Straßen, das lawinengleich sich
+fortwälzte, weithin, bis an die Pforten des Stadthauses. Da war es, wo
+der Gefeierte abstieg, die wohlgesetzte Rede des Herrn Paul Fekete
+anhörte, den weißgekleideten Jungfrauen einen lächelnden Gruß
+zunickte, den verstoßenen Senatoren die Hand drückte und den Herrn
+Poroßnoki vollends umarmte -- woraufhin man ihn auf die Schultern hob,
+um ihn im Siegeszuge in das Stadthaus emporzutragen und zuletzt am
+Präsidentenstuhle des grünen Ratstisches abzusetzen.
+
+So wie der Lärm sich ein wenig gelegt (denn der Saal war voll der
+Notabilitäten des Gemeinwesens), erbat sich der schneeköpfige Mathäus
+Pußta das Wort und feierte mit leiser, wie Wespengesumme tönender
+Stimme Lestyáks Verdienste, um schließlich auszurufen:
+
+»Laßt ihn uns zum lebenslänglichen Oberrichter Kecskeméts erwählen.«
+
+Hei, wie das Gemäuer ob des Jubelgeschreies erbebte! Es dauerte
+Minuten, ehe Kaspar Permete zu Worte kam und sich verständlich machen
+konnte, ob er gleich mit allen Vieren gestikulierend andeuten wollte,
+daß er ungemein Wichtiges zu sagen habe.
+
+»Ich aber, Kaspar Permete, der ich sothane Obrigkeit vor zwölf Jahren
+durch ein Wort meines Mundes zu Falle gebracht, ich stehe nicht an, zu
+erklären, daß ihm selbst die lebenslängliche Übertragung unserer
+höchsten Würde eine zu kurze Frist sei.«
+
+»Nach seinem Tode kann er doch nicht gut präsidieren!« warf Herr
+Gerson Zeke ein.
+
+»Doch, doch ... Laßt es uns aussprechen und ins Protokoll aufnehmen,
+daß gleichwie die heilige Krone unseres Landes in der von Gottes
+Gnaden ruhmreich regierenden Familie Habsburg sich von Vater auf Sohn
+vererbt, desgleichen der Oberrichterstab auf die männlichen Nachkommen
+Lestyáks übergehen möge für und für.«
+
+G e r s o n Z e k e: »Es giebt doch wohl noch einen kleinen
+Unterschied zwischen den beiden.«
+
+K a s p a r P e r m e t e (wütend): »Es giebt keinen!«
+
+G e r s o n Z e k e: »Die Krone ist aus Gold, der Oberrichterstab
+aber aus dem Holz der Kornelienstaude!«
+
+Diesen kleinen Konflikt unterbrach Herr Johann Deák aus der Czegléder
+Gasse, der im Geruche eines sehr weisen Mannes stand.
+
+»Vetter Zeke ist im Rechte, denn die Krone glänzet stark auch auf
+schwachen Häuptern, allein der Richterstab wird stets schwach in
+schwachen Händen sein. Mithin geht es nicht an, diesen Stab blindlings
+noch ungeborenen Nachkommen in die Hände zu drücken. Indessen ist es
+ungeziemend, diesen großen Tag durch derlei Gezanke zu entweihen. Wir
+wollen auf den Pfaden des ehrwürdigen Ernstes bleiben und nichts
+überhasten, denn es wird uns niemand Dank dafür wissen, wenn wir ihm
+eine Würde anbieten, die derzeit noch ein anderer inne hat. Die
+Versammlung möge daher beschließen, daß das ohnedies nur provisorisch
+errichtete Triumvirat abgeschafft wird.«
+
+»Die sind ja freiwillig durchgebrannt! Keiner von ihnen wagt es, sich
+zu zeigen!« klang es von allen Seiten.
+
+»Sonach möget ihr die alten Senatoren wiederwählen und es kann dann
+die protokollarische Inaugurierung der lebenslänglichen
+Oberrichterschaft Lestyák's stattfinden.«
+
+Überflüssig zu sagen, daß alldies angenommen wurde. Der neue
+Oberrichter saß so würdevoll da wie ein Dynast und nickte kühlen Dank
+mit dem Kopfe. Sein Antlitz, bis dahin bleich, färbte sich jedoch
+scharlachrot, als sich die Rufe erhoben:
+
+»Wir wollen die Geschichte mit dem Mantel hören! Er selbst soll sie
+uns zum Besten geben!«
+
+Nervös bewegte er sich auf dem Sessel hin und her, wie wenn eine
+eiserne Faust seine Kehle zusammenschnürte. Den Fall mit Olaj Beg
+Hunderten zu erzählen ... Eine Scene, die er nie durchlebt, die er nie
+gesehen hat. Lügen vor dem Angesichte der ganzen Stadt! Ach, welch'
+großer Fehler war es, daß er nicht ins Lager gegangen war. Der Teufel
+brachte ihm jenes Mädchen in den Weg. Und wenn er schon nicht dort
+war, wäre es besser gewesen dies einzugestehen. Jetzt ist es schon
+unmöglich, unmöglich ...
+
+Je größer seine Herrlichkeit war, um so mehr zerriß seine Seele das
+Bewußtsein, daß ein unerwarteter Windhauch dieselbe zerstören könnte,
+die Ohren des Midas wurden ja auch entdeckt. Er hatte das Gefühl, als
+hätte er seinen Ruhm gestohlen, er konnte sich desselben nicht freuen,
+und doch, er gebührte ihm ja, denn er war es, der den Mantel erworben
+hatte.
+
+Hinter dem Lehnstuhl des Oberrichters schwebte ein unangenehmer
+Schatten.
+
+»Hört! Hört!« tönte es immer lebhafter und intensiver.
+
+Es gab kein Entrinnen. Verlegen nahm er den Kaftan ab und legte ihn
+auf den grünen Tisch. Hier der wertvolle Schatz der Stadt Kecskemét.
+Dann erzählte er stotternd noch einmal die wundersame Geschichte des
+grünen Mantels. Laute Ausbrüche der Freude würzten seinen Vortrag;
+jeder jubelte, nur eine gebrochene Gestalt weinte in der letzten Bank.
+Der mächtige Oberrichter, nunmehr der Diktator von Kecskemét, stand
+auf, ging zu dem schluchzenden Manne, nahm ihn bei der Hand und
+sprach:
+
+»Und jetzt gehen wir, mein guter Vater. Ich will daheim ein wenig
+ausruhen.«
+
+Im kleinen Thore warteten schon die kleine Erzsi und der Laczi. Die
+Krapfen waren schon hübsch gebacken und auch das Pörkölt[15] war schon
+vollkommen, das Spanferkel bereits ausgekühlt, gerade gut, daß sie
+kommen.
+
+ [15] Ungarische Nationalspeise.
+
+»Ich habe es dir nicht gesagt, mein lieber Sohn, freilich, wann hätte
+ich es dir sagen sollen, daß ich mit einem Gesellen arbeite, das
+heißt, wir arbeiten jetzt schon zu Zweien.«
+
+Der Oberrichter machte ein gleichgiltiges Gesicht.
+
+»Der junge Bursche dort?«
+
+»Ich mußte ihn acceptieren, als ich nach Ofen zum Pascha intervenieren
+ging. Denn ich habe dich zum Oberrichter gemacht, daß du es nun
+erfahrest (das Auge des Alten schimmerte grünlich). Der alte Lestyák
+ist ein ganzer Mann; was?.... Der Geselle, sage ich, war zur Arbeit
+nötig, obzwar ich nicht bemerke, daß er auch nur das Geringste gemacht
+hat. Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, zu erforschen, was er
+kann. Bisher habe ich die Politik gemacht. Lache nicht, Junge, sonst
+werde ich bös. Von nun an wirst du sie machen. Ein großartiges Blut,
+das der Lestyák. Aber schau, wir sind ja schon zu Hause.«
+
+Wie süß ist das Elternhaus, wenn man es lange nicht gesehen hat.
+Gemütlich raucht der Schornstein, munter nicken die Zweige des alten
+Birnbaumes, im Hofe springt uns der Hund Bodri entgegen, im Zimmer die
+Katze Czirmos, es lachen die Steinkrüge, die bekannten Thongefäße an
+der Wand, die Möbel beginnen zu erzählen, es flackert das Feuer im
+großen Ofen und wirft einen flammenden Streif auf die braune Thür.
+
+Der Alte seufzte:
+
+»Deine arme, gute Mutter, wenn man sie zu diesem Tage erwecken
+könnte!«
+
+Man bringt das Essen, die Düfte desselben erfüllen das Zimmer, die
+Erzsi geht hin und her, so auch der Geselle Laczi.
+
+»Lauf', mein Laczi, in den Keller, lauf und spute dich. Du aber, mein
+Sohn, setze dich nieder, denn ich weiß, du bist hungrig, die
+Gefangenenkost hat dich herabgebracht. Ich habe seit dem
+Schreckenstage ebenfalls nichts gegessen. Vorerst hinderte mich die
+Trauer und jetzt die große Freude. Ich habe in Ofen gelebt, wie das
+Pferd des Nikolaus Toldy. Nur daß ich dich befreit habe.«
+
+»Ibrahim Pascha ist ein braver Mann,« flüsterte der Oberrichter
+zerstreut (die eigenartige Situation Czinna gegenüber hatte ihn nervös
+gemacht).
+
+»Ach bewahre! Ein arger Hund ist der Alte, zuerst war er wütend über
+mich, es fehlte nicht viel und auch ich wäre ins Kühle gekommen.«
+
+»Warum?«
+
+»Wegen des Zigeunermädchens, wenn du dich ihrer erinnern kannst. Ist
+die Suppe vielleicht nicht genügend gesalzen? Bringe das Salzfaß
+herein, du Laczi!«
+
+Laczi zitterte wie Espenlaub.
+
+»Was fehlt denn dir? Fürchtest du dich vor meinem Sohne? Der beißt ja
+nicht, wenn er auch ein großer Herr ist.«
+
+»Ich danke, ich bedarf des Salzes nicht. Also des Mädchens willen
+zürnte Ibrahim?«
+
+»Er sagt, sie sei mit Euch durchgegangen und solange wir sie nicht
+zurückgeben, oder nicht eingestehen wo sie ist, läßt er auch mich
+einsperren ... Ich sagte, ich hätte seitdem nicht einmal ihren
+Schatten gesehen.«
+
+»Das haben Sie nicht vernünftig gemacht --« murmelte der Oberrichter.
+»Und das Weitere?«
+
+»Zum Glück kam eben zu jener Zeit der amtliche Bericht, daß man die
+Kleider des Mädchens am Theißufer aufgefunden und auch den Leichnam
+aus dem Flusse gefischt hat.«
+
+»Ach,« unterbrach ihn der Oberrichter munter. »Ist das Mädchen
+gestorben?«
+
+»Was!« schrie der Geselle und ließ die Bratenschüssel fallen, die er
+eben ans dem Ofen gehoben hatte, um sie auf den Tisch zu setzen.
+
+Der Meister fuhr ihn wütend an:
+
+»Du Lümmel! Hebe es auf, dann aber verschwinde!« Bald hiernach lachte
+er aber schon: »Gar manches Wunder geschieht heute, die toten Ferkel
+gehen auch schon durch.« (Das schön rot gebratene Tier kollerte bis
+unter das Bett.)
+
+Laczi schlich krebsrot zur Thür.
+
+»Halt!« rief der Oberrichter, winkte ihm zu und flüsterte ihm etwas
+ins Ohr. »Jetzt kannst du hinausgehen.«
+
+»Willst du etwas? Ich möchte es lieber der Erzsi sagen. Dieser ist
+ungeschickt,« sagte er, dem Knaben nachblickend, »ich glaube nicht,
+daß er vom Schneiderhandwerk viel versteht. Es ist dies, mein Sohn,
+ein großartiges Handwerk, eine herrliche Wissenschaft. Die
+Korrigierung der Schöpfungen Gottes; ich korrigiere den häßlichen Leib
+und bringe Männlichkeit in die schiefen Schultern. Es ist dies schon
+etwas, mein Söhnchen.« (Der alte Schneider fuhr begeistert durch seine
+schütteren Flachshaare.) »Es ist schade um den Jungen, er hat ein so
+sanftes, liebes Gesicht, daß er ganz gut ein Mädchen sein könnte.«
+
+»Heutigen Tages ist gar nichts unmöglich, mein lieber Vater.«
+
+»Das ist schon richtig, aber iß doch vom Braten. Wir haben auch noch
+Krapfen. Ißt du den Kopf nicht gern?«
+
+»Ich esse schon, aber Sie, mein Vater, haben ja das Ende des Ofner
+Ausfluges noch immer nicht erzählt.«
+
+»Als die amtliche Verständigung anlangte, wurde Ibrahim sofort guter
+Laune, du kannst dir ja denken, wie ihn der Sultan bedrängte. Er
+sandte sofort die Beweise des Todesfalles zum Padischah, mich rief er
+zu sich, klopfte mir auf die Schulter, indem er sagte: >Ich sehe, ihr
+seid rechtschaffene Leute,< (wir Lestyáks waren dies zu jeder Zeit).
+>Hier ist der Befehl, deinen Sohn frei zu geben, jedoch sage es nicht,
+du Hund, daß du es unentgeltlich bekommen hast, denn damit würdest du
+mich zu Grunde richten;< und so gelangte ich zu dem Ferman.«
+
+»Er hat es übereilt.«
+
+»Wer? Ich?«
+
+»Nein, der Pascha.«
+
+»Ich verstehe dich nicht.«
+
+»So sehen Sie dorthin.«
+
+Durch die offene Thür schwebte heiter lächelnd Czinna, das
+Zigeunermädchen, herein, sie hatte ein nettes Spitzenhemd an und ein
+schwarzgetupftes Tuch: das Festgewand der Erzsike. Der alte Lestyák
+taumelte zurück.
+
+»Eine feste Burg ist unser Gott!« schrie der Alte entsetzt und kalte
+Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. »Das Zigeunermädchen! Von
+dannen, du Gespenst!«
+
+»Es ist ja kein Gespenst, mein lieber Vater, sondern sie selbst.«
+
+»Hole mich der Teufel, wenn ich es glaube.«
+
+Man hörte ein Klopfen an der Thür, nicht als ob der Teufel auf den
+Lockruf gekommen wäre. Gewiß nicht. Der Senator Máté Pußta trat ein in
+Begleitung Paul Feketes und Gáspár Permetes.
+
+»Gott zum Gruß! Nehmen Sie Platz bei uns. Was bringen die Herren?«
+
+»Uns sendet die Versammlung vor das Angesicht Euer Wohlgeboren.«
+
+»Bereitwilligst lauschen wir euren Worten,« sagte der Oberrichter
+würdevoll.
+
+Sie erzählten sonach kurz, was die Versammlung nach seinem Abschied
+beschlossen habe: »Um den Herrn Agoston geht eine Deputation nach
+Waitzen, das ist eins (dies ist sehr vernünftig), zweitens aber wird
+der Kaftan dreißig Tage hindurch öffentlich zur Schau gestellt; jeder
+kann ihn unentgeltlich bewundern, der Arme, wie der Reiche, der hier
+Weilende, wie der Fremde, nur der Groß-Köröser zahlt zehn Denare.«
+(Auch dies ist sehr richtig.)
+
+»Der wichtigste Beschluß aber ist,« fuhr Máté Pußta fort, »daß wir aus
+der Kirche des heiligen Nikolaus den Reliquienhälter herüberbringen
+ließen; darin wird der Kaftan versperrt sein bei Tag und bei Nacht.
+Den Schlüssel sendet die Versammlung Ihnen, Herr Oberrichter, daß Sie
+darauf achten, wie auf Ihr Augenlicht und ihn an einem Orte verwahren,
+wohin keine fremde Hand gelangen kann.«
+
+Damit überreichte er den an einer grünen Schnur hängenden Schlüssel
+dem Oberrichter.
+
+»Ich gehorche der Versammlung.«
+
+Er übernahm den Schlüssel, stand auf, trat zu Czinna und hängte ihr
+denselben um den Hals.
+
+»Berge ihn an deiner Brust, Czinna.«
+
+Czinna errötete bis über die Ohren; sie zog mit einer unwillkürlichen
+Bewegung das rote Tuch über die Augen, freilich kamen da rückwärts die
+knabenhaften kurzen Haare zum Vorschein.
+
+Herr Máté Pußta bewegte, gegen das Fenster sich wendend, seinen großen
+Kopf; das also ist der Ort, wohin keine fremde Hand gelangen kann. Der
+schneeweiße Busen eines schönen Mädchens.
+
+Der Schneider rief lebhaft aus:
+
+»/Canis mater!/ Der Geselle Laczi.« (Er erkannte ihn an den Haaren.)
+
+Der Oberrichter lächelte.
+
+»So ist es, mein lieber Vater, wenn einmal die Wunder beginnen. Es
+wird dies einmal zur Chronik werden, wie aus dem Schneidergesellen
+eine Oberrichtersfrau wurde.«
+
+Die Glorie der Verklärung glänzte auf der Stirn des Mädchens, die
+magische Kraft seines Blickes vermochte sie aber nicht weiter zu
+ertragen. Sie glaubte vor Glückseligkeit sterben zu müssen. Ihre Hand
+ans Herz drückend, stürzte sie aus dem Zimmer. Der Schneider sprang
+giftig wie ein Hamster in die Höhe.
+
+»Was treibst du für Kabalen mit mir? Wenn du nicht Oberrichter der
+Stadt Kecskemét wärest, möchte ich dir wohl etwas sagen. Dein Glück
+dies, wahrlich, dein Glück. Und was bedeuten deine komischen Worte.
+Was hast du vor?«
+
+»Ich nehme sie zur Frau.«
+
+»Du, zeitlebens Oberrichter der Stadt Kecskemét?«
+
+»Warum nicht?«
+
+Der Alte ließ traurig den Kopf hängen.
+
+»Der Ofner Pascha läßt uns beide umbringen, wenn er es erfährt.«
+
+»Auch gegen den Pascha schützt mich der Mantel. Im übrigen sucht man
+ja Czinna nicht mehr, da sie sich schon in den Gedanken gefunden
+haben, daß sie in der Theiß ertrunken sei.«
+
+»Es wird sich schon jemand finden, der es ihm einflüstert. Aber reden
+Sie doch um Gottes willen, meine Herren, raten Sie ihm ab, stehen Sie
+doch nicht da wie Holzklötze.«
+
+Auf diese Anrede nahm Gáspár Permete das Wort und redete ihm zu, daß
+der Herr Oberrichter unter den reichsten Mädchen der Stadt wählen
+könne; fünfzehn auf jeden Finger, diese niedere Abstammung aber passe
+nicht zu seinem hohen Rang.
+
+»Das ist nur so gesagt,« meinte Max lachend. »Wie, wenn Czinna von den
+ägyptischen Königen abstammt?«
+
+»Das, Herr Oberrichter, zu beweisen, würde schwer halten.«
+
+»Genau so schwer, wie Ihnen das Gegenteil, daß sie nicht von den
+Pharaonen abstammt.«
+
+Permete lachte, auch Máté Pußta lachte; denn die Meinung Máté Pußtas
+war: »Der Oberrichter weiß schon, was er thut. Man braucht ihm nie
+dreinzureden.«
+
+Paul Fekete aber nahm die ethische Seite der Sache:
+
+»Eine Oberrichtersfrau kann nicht jede sein, es muß wenigstens eine
+Person sein, die des Lesens und der Schrift mächtig, in allen Dingen
+bewandert und dabei eine kluge Person ist.«
+
+»Eh!« meinte Max Lestyák ärgerlich, »der ehrenwerte Seneca meint, es
+ist genug für die Frau, wenn sie so viel weiß, daß, wenn der Regen
+tropft, man unter das Dach gehen muß.«
+
+»Hier reden wir wohl vergebens,« rief Herr Permete achselzuckend und
+einen guten Abend wünschend zog er auch die anderen aus dem Zimmer.
+
+Unterwegs streuten die Herren in drei Richtungen den Roman der Czinna
+aus.
+
+Es tagten auch heute überall die Klatschbasen.
+
+»Sie hat einen Zauber an ihm verübt, sie hat ihm etwas ins Getränk
+gemischt, anders ist es unbegreiflich. Es ist entsetzlich, wie
+fürchterlich so ein kluger Mann straucheln kann.«
+
+Besser noch als den Klatschbasen gefiel die Geschichte dem Balázs
+Putnoki. Noch in derselben Nacht machte er sich auf den Weg zum Ofner
+Pascha, um diesem anzuzeigen, daß das Zigeunermädchen lebe. Max
+Lestyák halte sie verborgen und wolle sie zur Frau nehmen. Er kam aber
+beim Ofner Pascha merkwürdig an, wie es sich später herausstellte.
+Dieser hörte ihn an und fragte ihn dann mit gerunzelter Stirn:
+
+»Du behauptest also, daß sie lebt?« -- »Jawohl sie lebt.« Der Pascha
+winkte die Leibgarde herbei. »Führet den Mann hinaus, laßt ihm fünfzig
+Stockhiebe auf die Fußsohlen geben und bringet ihn dann wieder
+herein.« Als sie ihn zurückbrachten, frug Ibrahim überaus
+liebenswürdig: »Nun, lebt das Mädchen noch immer?« -- »Bewahre, sie
+lebt nicht mehr, gnadenreicher Pascha.« Ibrahim rieb sich vergnügt die
+Hände. »Lerne es, du Mann, daß eine Person, von der ich dem Sultan
+einmal referierte, daß sie nicht lebt, zum mindesten sechs Fuß tief
+unter der Erde liegt.«
+
+So erging es dem verräterischen Putnoki, aber ein Glück wie dasjenige
+Max Lestyáks gehört auch zu den Seltenheiten. In herrlichstem Glanze
+schien die Sonne auf ihn hernieder. Seine Macht wuchs von Tag zu Tag,
+sein Ansehen festigte sich auch nach außen.
+
+Kecskemét begann eine große Rolle zu spielen. Der Mantel war ein
+ganzes Heer wert, das den Feind zügelte. Ein Heer, das keiner Montur,
+keiner Munition bedurfte, dem nichts schaden konnte, höchstens die
+Motten.
+
+Die Kecskeméter fürchteten keinen Feind mehr. Im Gegenteil, sie
+warteten mit vielem Vergnügen auf den Augenblick, wo eine
+herumstreifende Türkenschaar mit ihnen anknüpfe. Es war dies immer ein
+großes Amüsement für das Volk. Der Oberrichter zog zu solch' einer
+Zeit mit dem Rappen der Stadt hinaus, vier Haiducken[16] ritten vor
+ihm, vier hinter ihm, die Männer, Frauen, Kinder, gar oft die ganze
+Stadt kamen mit, um den berauschenden Anblick zu genießen, wie die
+türkischen Führer zum Mantelkusse sich neigten und wie sie den
+Oberrichter demütig fragten:
+
+ [16] Berittene städtische Beamte.
+
+»Mein Herr, was befiehlst du?«
+
+Ganze Legenden schwirrten im Lande von dem Zauberkaftan, mit allerlei
+bunten Anhängseln verziert. -- Bald hieß es, daß derselbe in Zeiten
+der Gefahr spreche und dem Richter Rat erteile, dann erzählte man, daß
+der Kranke, der ihn berührt, gesundet, die Witwe oder Jungfrau, die
+ihn küßt, heiratet. Die Klügeren behaupteten, daß der Kaftan kein
+besonderes Wunder Gottes sei, sondern daß seine ganze Kraft darin
+bestehe, daß mit der Unterschrift des Sultans der Satz hineingestickt
+sei: »Gehorchet dem Träger des Mantels.« Herr Michael Lestyák selbst,
+der das weltberühmte Kleidungsstück fachmännisch betrachtete, meinte
+verächtlich:
+
+»Daran ist nichts Besonderes. Auch ich nähe einen solchen, wenn ich
+Lust dazu habe.«
+
+Die Wunderkraft des Kaftans warf ein magisches Licht auf die Person.
+Max kleidete sich in das farbenprächtige Kleid der Legenden. An
+schönen Abenden erzählte man von ihm in den Hütten in einer Entfernung
+von Hunderten von Meilen. Weit unter Szegedin, während der Kahn des
+Fischers mit leisem Plätschern die Wellen durchschneidet, träumt er
+selbst: »Was mag wohl der Kecskeméter Oberrichter machen?«
+
+Er ißt goldenen Speck zur Jause mit einem Karfunkelmesser. Der
+sprechende Kaftan sagte seinem Feind nicht nur: »Hebt Euch weg von
+Kecskemét,« sondern er sagte auch dem guten Freunde und den glänzenden
+Kremnitzer Dukaten: »Kommt her nach Kecskemét.« Reiche Leute, edle
+Herren kamen mit ihren Schätzen hierher, um in der sichersten Stadt zu
+wohnen; die Eltern sandten am liebsten ihre Kinder dahin, damals
+erschienen in den Straßen Kecskeméts das erstemal die verschiedenen
+Studententypen, die seitdem dort bestehen; die Schule blühte, die
+Bewohner bereicherten sich märchenhaft rasch.
+
+Freilich hat alles seine schlechten Seiten. Der Mantel zeugte das
+viele Geld, das viele Geld zeugte die vielen Pustenbetyáren und
+Räuber, die immer wieder Einfälle in das Kecskeméter Gebiet wagten.
+Jedoch auch jedes schlechte Ding hat seine guten Seiten, der Betyáren
+wegen verkündete man das Standrecht und da das Komitat sich nicht frei
+bewegen konnte, wurde das Recht des Blutbannes provisorisch auf den
+Kecskeméter Magistrat übertragen. Noch ein Haar und Kecskemét wird
+königliche Freistadt.
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+
+Max Lestyák war Herr über Leben und Tod, und damit sein Ansehen noch
+wachse, sandte ihm der König den Adel mit dem Prädikate »Von
+Kecskemét«. Ein Ritter mit einem Kaftan bekleidet, stand auf dem
+Wappen in silbernem Felde. In der anderen Hälfte des Schildes war auf
+drei goldenen Kissen ein sich bäumender Fuchs. (Se. Majestät hat dies
+gut ausgedacht.) Nur noch eines fehlte zur vollen Glückseligkeit: die
+Hochzeit mit Czinna.
+
+Und auch dieser stand nichts mehr im Wege. Der alte Lestyák hatte sich
+mit dem Gedanken schon lange befreundet, das kleine Ding wußte ihm
+alles zu Gefallen zu thun, und wenn sie ihm das Kinn kraute, glaubte
+er sich ins Himmelreich versetzt. Sie wurde aber auch immer schöner,
+sie bekam runde Formen und ihr Gesicht war wie der Pfirsich, dessen
+Blutfarbe selbst die zarte Hülle durchschlägt. Niemand kam ihr gleich
+in Kumanien. Sie wurde der Liebling, die Vertraute des Alten, er
+nannte sie »Tochter«, »Schwiegertochter« und redete nun selbst seinem
+Sohn zu, sich zu beeilen, da er bei Gott sie sonst selbst heirate.
+
+Max tobte vor Ungeduld, wenn das kleinste Hindernis sich offenbarte;
+wenn aber kein Hindernis war, nahm er die Sache leicht.
+
+Der erste Termin war für den Tag angesetzt, wo er den Ferman des Ofner
+Pascha erwirkt, denn ohne diesen geht es denn doch nicht, obgleich der
+Vogel auch dann sein Haus baut, wenn er auch befürchtet, daß grausame
+Hände es zerstören. Der Ferman kam selbst: er war auf die Sohlen
+Putnokis geschrieben. Es ist gewiß, daß der Pascha das Mädchen wohl
+nie mehr behelligt.
+
+»Nun könnt Ihr schon Hochzeit halten!« redete ihnen der Alte zu.
+
+»Warten wir noch, bis das Haar der Czinna wieder gewachsen ist,«
+antwortete Max. »Auf kurzen Haaren würde sich der Kranz übel
+ausnehmen.«
+
+Im Laufe eines Jahres wuchs ihr auch das Haar und wie herrlich! Eines
+Abends löste sie es während des süßen Geflüsters los, denn jetzt trug
+sie es wie die Damen als Kranz um ihren Kopf gewunden und band die
+beiden Hände ihres Max mit zwei dicken Flechten fest, wie man die der
+Häftlinge zu binden pflegt.
+
+»Ein gefesselter Oberrichter,« lachte sie mutwillig.
+
+Max verstand den Wink.
+
+»Wahrlich, die Zeit der Hochzeit wäre schon da, ich erwarte sie schon
+lange, aber wenn wir uns die Sache überlegen, schadet es nichts, wenn
+du noch etwas lernst, ich aber will noch vorerst so viel verdienen, um
+die Frau eines Oberrichters ernähren zu können.«
+
+Der Oberrichter nämlich ließ den hochgelehrten Herrn Molitoriß zum
+Unterricht der Czinna ins Haus kommen; kaum war aber ein halbes Jahr
+vergangen, so meinte der würdige Herr:
+
+»Was ich wußte, weiß sie schon.«
+
+Max Lestyák hatte etwas Geld zusammengescharrt, jedoch gerade zu
+dieser Zeit kam der Adelsbrief. Das Glückskind fing an auf großem Fuß
+zu leben; die Adeligen der Umgebung schlossen Kameradschaft mit ihm,
+sie kamen zu ihm zu Besuch und er erwiderte denselben. Czinna
+vernachlässigte er. Ein Adeliger kann doch nicht immer girren, er
+macht sich ja lächerlich. Das elende Pergament hatte ihn wie
+umgewandelt, wie wenn sein Blut wirklich blaublütiger geworden wäre,
+wurde er noch launenhafter.
+
+Man sprach allüberall, daß er eine Beniczky heiraten solle, dann würde
+aus ihm ein Obergespan gemacht werden in irgend einem Komitate Emerich
+Tökölys, das noch in des Kaisers Händen ist. Doch dies alles ist nur
+Geklatsch! Die Kecskeméter fabrizieren denselben, seitdem ihr
+Oberrichter so groß wurde, daß Kecskemét neben ihm klein erscheint.
+
+Ach, wie blutete das Herz Czinnas. Auf der kleinen Holzbank unter dem
+Birnbaum, wo sie an schönen Sommerabenden so oft flüsterten, wo Czinna
+so glücklich war, saß Max jetzt selten, oft blieb er Wochen hindurch
+in den Kastellen, und wenn er auch kam und ihr einige schöne Worte
+sagte, der Schluß war immer:
+
+»Gieb nur auf deine Worte acht, Czinna, mein Täubchen, sprich nie von
+jenem Tage, du weißt ja, welchen ich meine, sage nie, daß du dort
+warst ... vor Olaj Beg, denn sonst bin ich verloren.«
+
+Czinna war es, als wenn man ihr ein Messer ins Herz stieße. Es tauchte
+in ihr der Verdacht auf, daß sich Max vor ihr fürchte, aber sie nicht
+liebe; er kettet sie mit dem Brautring nur deswegen an sich, daß er
+sich ihres Schweigens versichere. Von Tag zu Tag wurde sie trauriger,
+die roten Rosen verschwanden vom Gesichte, in den Augen fehlte der
+entzückende Glanz, eine sanfte Melancholie war an seine Stelle
+getreten.
+
+Schön war sie trotzdem. Der alte Lestyák erschrak; er glaubte, daß sie
+krank sei, er hatte auch den Grund ihrer Krankheit herausgefunden.
+
+»Kränke dich nicht, trauere nicht, meine kleine Resedablüte. Er liebt
+dich und glaube mir, wenn ich es sage, er möchte dich auch schon
+morgen zum Traualtare führen, wenn er nur Geld hätte. Was er aber hat,
+verspielt er mit den Fáys und Beniczkys. Ich kenne ihn, den Max, er
+ist voller Dummheiten, aber sein Herz ist gut. Freilich könntet ihr
+auch bei mir leben, wenn auch ärmlich, du weißt aber, wie verrückt er
+ist, wenn er den Herrn spielen will; er ißt nicht einmal die
+Erdbeeren, wenn er sie nicht auf einem silbernen Teller bekommt. Und
+gerade jetzt leidet er an dieser Krankheit. Lassen wir ihn, bis er
+seinen Wappenfuchs satt bekommt. Entweder der Fuchs frißt ihn oder er
+den Fuchs. Im allgemeinen fressen diese Wappentiere sehr viel, meine
+liebe Czinna.«
+
+Czinna seufzte bei solchen Reden; das schöne Wort war kein Balsam auf
+ihre Wunde.
+
+»Seufze nicht, lächle doch ein wenig, wie ehedem. Wenn ich reden
+dürfte, könnte ich dir wohl etwas sagen, daß du Lust zum Tanzen
+bekämst.«
+
+Geheimnisvoll zwinkerte er mit den Augen und murmelnd mahnte er sich:
+»Pst, laß deinem Mund nicht freien Lauf, Alter!«
+
+Was dieses geheimnisvolle Ding sein mochte, konnte sich Czinna nicht
+recht vorstellen. Alles in allem war ihr bloß ein Umstand aufgefallen.
+Seit einigen Tagen kamen zwei Herren zu Lestyák; spät am Abend kamen
+sie, lange flüsterten sie mit einander, indem sie sich in die
+Hinterstube einsperrten, nie erwähnte aber der Alte, was sie wollten,
+sondern schweigend und zugeknöpft ging er unter den Seinigen herum.
+
+Endlich eines Abends nahm er den Kopf Czinnas in die Hände und wühlte
+in ihrem dichten schwarzen Haar herum. Es war dies eine seiner
+Lieblingsbeschäftigungen.
+
+»Freue dich, Czinnchen, freue dich! -- Dein Tag ist gekommen, nun wird
+auch die Hochzeit stattfinden, ich lasse dir eine Ausstattung machen,
+daß die Fáyschen Fräulein grün vor Neid werden. Lache doch, Czinna, du
+hast ja so viel Geld, daß deine kleinen Kinder, wenn du welche haben
+wirst (du mußt deswegen nicht erröten, was schämst du dich meiner
+Enkelkinder) mit Goldstücken spielen werden.«
+
+Der Alte nahm einen Haufen Gold aus seinen Taschen und ließ diesen vor
+Czinna funkeln.
+
+»Woher nahmen Sie diesen großen Schatz?« fragte erstaunt das Mädchen.
+
+»Was ist dies mit dem übrigen gemessen? Horch auf, mein Kind, ich will
+dir alles erzählen. Für dich thue ich dies, was ich thue, einerseits,
+weil ich weiß, daß Max dich ohne Geld nicht heiraten kann. Einerseits,
+sage ich, dann spielt auch meine Eitelkeit mit hinein. Ich will ein
+Kleid hinterlassen, daß die Schneider auch nach tausend Jahren
+erzählen sollen: >Es lebte ein Mann, Namens Mathias Lestyák, der
+machte dieses Kleidungsstück.<«
+
+»Ich ahne nicht einmal, wovon die Rede ist.«
+
+Der Alte fuhr flüsternd fort:
+
+»Zwei fremde Herren kamen zu mir, du kanntest sie ja schon, ein
+kleiner Dicker und ein Goliath. Sie kamen in Vertretung einer Stadt,
+den Namen derselben verschwiegen sie auch vor mir. Ich fragte sie
+nicht, es ist mir ja gleichgiltig, welche es ist. Sie suchten mich,
+wie gesagt, auf und sagten: >Meister, Schneider der Schneider, unter
+allen Schneidern der größte! Wir suchten dich auf, um dich reich und
+unsterblich zu machen.< >Was wollt ihr?< >Nähe uns einen Kaftan,
+gleich jenem der Stadt Kecskemét, er soll aber dem anderen vollkommen
+ähnlich sein, wie zwei Eier oder zwei Weizenkörner einander gleichen;
+bist du dies im stande?<
+
+>Meine Nadel näht alles,< antwortete ich, >was mein Auge erblickt.<«
+
+Czinna zog sich fröstelnd zum alten Schneider hin ...
+
+»Und worin kamen Sie überein?«
+
+»Wir wurden handeleins. Nach vielem Hin- und Widerreden bestimmten
+wir, daß sie fünftausend Goldstücke zahlen, fünfhundert gaben sie mir
+im voraus, alles wird dir gehören, mein Kind.«
+
+»Können Sie ihn aber auch so nähen?«
+
+»Ich?« Und seine Augen flammten. »Geh' du Närrin! Wofür hältst du mich
+denn? Es wird eine Prachtarbeit sein, wenn ich es dir sage.«
+
+»Wird aber kein Unglück geschehen?« fragte das Mädchen furchtsam.
+
+Der Alte lachte.
+
+»Was könnte denn passieren? Die andere Stadt wird nun auch einen
+Kaftan haben, dies ist das Ganze. Und dann, daß der Türke, der jetzt
+vielleicht zweihundert Städte plündert, gezwungen sein wird, sich mit
+hundertneunundneunzig zu begnügen. Hungers wird er deswegen nicht
+sterben.«
+
+»Richtig, richtig,« meinte Czinna zerstreut.
+
+»Du, mein Kind, giebst mir den Schlüssel und davon braucht niemand
+etwas zu wissen: ich will mir dann den Kaftan besehen, ihn genau
+prüfen und studieren; alsdann fertige ich rasch wie der Wind ein
+getreues Ebenbild desselben an und nachher soll es eine Hochzeit
+geben, wie sie wohl noch nicht erlebt wurde. Hei, wie sollen deine
+zarten Füßchen im Brautreigen hüpfen.«
+
+Solchermaßen wurde alles aufs Genaueste ausgeklügelt: was für ein
+Brautkleid es geben, wie der Kranz und das Schuhwerk beschaffen sein
+werden, wie sie dem Max viertausend von den fünftausend Dukaten geben
+wollen: »Da, nimm, und wirf deinem Weibe nicht vor, daß es dir nichts
+mitgebracht habe.« Daraufhin werde er fragen: »Wo habt ihr das her?«
+Sie aber werden antworten: »Wir haben es gefunden auf der löcherigen
+Brücke.« Und zuletzt, da wollen sie ein Erbschaftsmärchen ersinnen und
+damit bricht eine Zeit ewiger Glückseligkeit für alle an.
+
+Czinna ward heiter, lachte, klatschte sogar in die Händchen, so
+unbändig gefiel ihr das Zukunftsbild, das ihr von Lestyák vorgegaukelt
+worden. Andern Tags erschloß sich dem alten Schneider dank dem
+Schlüssel Czinnas der Eisenschrank im Stadthause: er besichtigte
+nochmals genau den Kaftan und ging sodann nach Szegedin, um bei den
+vornehmen türkischen Kaufherren, die dort lebten, alles Zubehör, so
+den feinen dunkelgrünen Sammet, die Schnüre und den Bärenpelz für das
+Futter einzukaufen. Und so wie das alles gekauft war, ging er mit der
+Fieberhast des Schöpfungsdranges an sein Werk.
+
+Das war aber keine geringe Aufgabe. Alle Abende holte er heimlich
+unter seinem Oberkleide den Kaftan, um diesen am Morgen auf die
+gleiche Weise an seinen Platz zurückzuschmuggeln. In die Stube des
+Oberrichters hatte er freien Zutritt; darum fiel es auch niemandem
+auf, daß er so oft kam und ging. Vielleicht hatte ihn der Oberrichter
+nach etwas gesandt?
+
+Vom Abend bis zum frühen Morgen arbeitete er, eingeschlossen in seiner
+hintersten Stube, mit der Inspiration und der Leidenschaft eines
+Künstlers. Zuweilen erweckte er Czinna aus ihrem nächtigen Schlafe, um
+ihr die einzelnen Stücke zu zeigen, die allmählich die Formen des
+herrlichen Originals anzunehmen begannen. Seine Augen flammten, seine
+Stirn glühte, seine Nüstern bebten und die Stimme zitterte vor
+freudigem Hochmut:
+
+»Schau, hier diese Ärmel, den Kragen, schau!«
+
+Und erst als nach vierzehn Tagen die Kaftankopie bis zum letzten
+Stiche fertig ward, da füllte sich ihm das Herz mit süßen
+Empfindungen:
+
+»Kann es ein herrlicheres Werk auf der weiten Erde geben?«
+
+Es war eben Nachtzeit. Die Hähne krähten. Der Schneider blickte zum
+Fenster hinaus. Für Mitternacht hatte er seine Leute hinbestellt und
+die lauerten jetzt in der Umgebung, bis er den Kaftan fertigstellen
+würde. Der Hofhund Bodri fing an, das Gekrähe mit seinem Gekläffe zu
+beantworten: Aha, der wittert Menschen. Und in der That, sie kamen.
+Der Schneider ließ sie ein.
+
+»Blicket hin!«
+
+Ein Ausruf der Bewunderung entrang sich ihren Lippen. Auf dem Bett
+lagen zwei goldige Kaftans ausgebreitet, und die waren einander so
+gleich, wie zwei Eier oder zwei Weizenkörner.
+
+»Und was meint ihr dazu?« fragte der Meister.
+
+Der Eine sprach:
+
+»Fürwahr, du bist der Schneider aller Schneider, der größte Schneider
+aller Zeiten.«
+
+Der Andere sprach nichts, sondern griff nach seinem großen Gürtel und
+goß einen Haufen Goldstücke mitten auf den Tisch.
+
+»Es sind genau 4500 Stück. Zähle sie nach, Meister, so du mir nicht
+glauben willst.«
+
+»Der Teufel mag's zählen! Nicht für Geld, sondern um des Ruhmes willen
+habe ich gearbeitet.«
+
+»Welchen sollen wir mitnehmen?« fragte der Goliath, auf die beiden
+Kaftans weisend. »Welcher ist der unsere?«
+
+Lestyák stand zaudernd am Bette. Er dachte bei sich:
+
+»Soll ich ihnen m e i n Werk geben? Und es niemals, niemals
+wiedersehen? Sie entführen es dann, weiß Gott wohin, und nie wieder
+werde ich seine Schicksale erfahren. Und dann erfaßt mich eine
+quälende Sorge, was aus ihm geworden sei? Ich sehe den Türken nicht,
+der sich davor zur Erde beugt, vor meinem Werke, um es zu küssen, mein
+Werk! Nein, nein! Der Erfolg kann nicht ausbleiben. Das Werk ist
+vollkommen. Ich will es immerdar vor meinen Augen haben, mich
+berauschen an seiner Herrlichkeit!«
+
+»Ei, warum bezeichnet Ihr uns nicht endlich den neuen?« polterte der
+Goliath ungeduldig.
+
+»Und Ihr, warum steift Ihr Euch just auf den neuen?«
+
+»Weil ich weiß, daß Ihr mir den bestimmt habt.«
+
+Lestyák sprang verletzt auf.
+
+»Nein, nein,« stammelte er heiser ... »Und justament sollt Ihr den
+alten wegtragen, den alten, den echten. Der neue ... der soll den
+Kecskemétern bleiben.«
+
+Der Goliath nahm das Kleid und barg es hurtig unter seinem Mantel. Die
+Thür ging auf und fiel gleich wieder ins Schloß. Die beiden Gestalten
+entschwanden in der nächtigen Dunkelheit.
+
+Der Alte ging zu Bette, aber kein erquickender Schlaf wollte über ihn
+kommen. Ihn quälten böse Traumgesichter. Die Dukaten, die er allesamt
+in einen Korb gefegt und unter das Bett gestellt hatte, fingen an auf
+dünnen Spinnenfüßen die Wand emporzuklettern: »Heda, ihr Spinnen,
+husch hinab vom Gemäuer!« Ein Goldstück sprang ihm auf die Brust und
+tanzte dort einen tollen Reigen. »Ei, na warte doch, dich soll ich
+bald haben.« Er haschte nach der Münze, doch es war unmöglich, sie zu
+fangen, obgleich ihre kalten Füße ihn stachen und ihn schaudern
+machten, als ob sie Stecknadeln mit Eisspitzen wären, daß ihm die
+Zähne zu klappern begannen.
+
+Dann schien es ihm wieder, daß ein kichernder Satan das teuflische
+Gold ergreift, es in einem Kessel schmilzt und dann in sein Ohr gießt,
+die heiße Flüssigkeit durchläuft seine Adern und sprengt seine
+Schläfe. Und während sein Blut heftig kocht, rufen ihm entsetzliche
+Stimmen zu: »Lestyák, was hast du gethan, ach was hast du gethan!«
+
+Er sprang auf, kleidete sich an, drückte seinen Kopf an die
+Fenstertafel und erwartete den Morgen. Er fühlte eine große
+Beklommenheit, traute es sich aber selbst nicht einzugestehen. Ah! Es
+ist ja alles in Ordnung. Die Sache ist sicher, ganz sicher. Er trug
+den Kaftan in die große Eisentruhe des Stadthauses, dann ging er in
+die Schlafkammer von Czinna, um ihr den Schlüssel zu übergeben, wobei
+er ihr ins Ohr flüsterte:
+
+»Alles ist gut, mein Herz, dort unter dem Bette wiehern schon die
+Goldfüchse. Wir haben etwas, was wir vor den Hochzeitswagen spannen.«
+
+Vergebens strengte er sich an, ruhig zu sein; sein verstörtes Gesicht
+widersprach dieser Ruhe. Er konnte nirgends seinen Platz finden.
+
+Wie die betäubte Fliege taumelte er hin und her, bis er endlich bei
+seinem Sohn eintrat, wo er schon den Haiducken Pintyö mit einem Briefe
+vorfand.
+
+Der Oberrichter sah sehr gut aus, sein Gesicht glänzte vor Lebenslust.
+Gerade jetzt war er mit dem Ankleiden fertig geworden.
+
+Auch der Anzug war ganz anders, als ehedem, ganz für einen Edelmann
+passend; statt des Dolmans ein Attila mit geschlitzten Ärmeln, im
+Schlitz mit weichselroten Seideneinsätzen.
+
+»Guten Morgen, mein Vater! Was giebt es Neues?«
+
+»Ich wollte dich um etwas ersuchen.«
+
+»Dem Kecskeméter Oberrichter befiehlt nur ein Mann in ganz Kecskemét.«
+
+»Meinst du mich?«
+
+»Sie haben es erraten. Nun, was befehlen Sie?«
+
+»Eine Kleinigkeit, blos eine Laune. Wenn demnächst eine feindliche
+Truppe nach Kecskemét kommt, möchte ich derselben im Kaftan
+entgegengehen.«
+
+»Ei Teufel! Kein schlechter Spaß. Er kommt auch mir gelegen, denn ich
+hätte heute ohnehin einen anderen senden müssen.«
+
+»Ist etwas los?« frug der Schneider hastig.
+
+»Eine Truppe des Großveziers Kara Mustafa lagert unweit seit
+Mitternacht. Sie gehen von Belgrad nach Kékkö und haben um Proviant
+hereingeschickt. Gerade ihren Brief brachte Pintyö.«
+
+»Prächtig!« rief der Schneider begeistert aus. »Ich gehe ihnen
+entgegen.«
+
+»Sehr gut. Pintyö, lassen Sie für meinen Vater ein Pferd satteln.«
+
+»Welches? Den Büßke?«
+
+»Der Ráró wird vielleicht besser sein, er ist frommer. Heute könnte
+ich nicht gehen, wir halten Gericht. Denken Sie, mein Vater, der
+Kläger ist niemand Geringerer als der Kalgaer Tartaren-Sultan. Einige
+Kecskeméter Burschen haben eine Schafherde weggetrieben und die vier
+Wache habenden Tartaren weidlich geprügelt. Einer von ihnen starb
+sogar.«
+
+»Die verkehrte Welt!«
+
+»Das Schönste an der Sache ist,« -- fuhr der Oberrichter fort -- »der
+Nimbus der Stadt Kecskemét zwingt den Kalgaer Sultan dazu, nach
+unseren Gesetzen das Recht zu beanspruchen, anstatt Genugthuung zu
+nehmen nach seiner Laune. Auch dies hat nur der Kaftan verursacht.
+Aber halt, beinahe hätte ich es vergessen, warten Sie nur, Pintyö. Vor
+allem gehen Sie auf den Marktplatz und holen Sie vier zu Richtern
+passende Personen, es können unter ihnen auch Türken sein, wenn es
+sich gerade so trifft.«
+
+Es war der erste Markttag (denn seitdem der Kaftan da ist, hat
+Kecskemét auch seine Märkte zurückerlangt), der alte Pintyö guckte in
+die Hütten, lief den gutgekleideten Leuten nach und wenn er eine
+angesehene Person erwischen konnte, leierte er die Formel her:
+
+»Im Namen des wohledlen Herrn Max Lestyák, Oberrichter der Stadt
+Kecskemét! Es sei Euch, mein guter Herr, die Ehre gegeben und möge es
+Euch nicht zu Lasten sein in unserem bescheidenen Gemeindehaus, um
+dort weise und gerecht Recht zu sprechen über unsere Völker.
+Ungehorsam zu sein, wäre nicht angeraten.«
+
+Bald hatte er den gelehrten Paul Börcsök aus Szegedin, den geistvollen
+Franz Balogh aus Szentes engagiert, er fand den letzteren in der
+Laczikonyha[17] schon beim sechsten Glas. (Jedoch auch so wird er gut
+sein.) Dann zitierte er den Czegléder Lebzelter Stefan Torda und weil
+der Oberrichter auch von Türken sprach, nahm er den langbärtigen
+Mollah Cselebit aus Ofen mit, der Astrachen verkaufte und der jene
+Städte, wo man den Kadi mit Stricken fängt, in des Teufels Umarmung
+wünschte. So seinen Auftrag verrichtend, ging er in den Stall des
+Stadthauses, putzte, kämmte den Ráró, fütterte ihn mit etwas Hafer,
+dann legte er ihm den Sattel auf und ließ zu den Lestyáks
+hinübersagen, daß der alte Herr kommen möge.
+
+ [17] Volksküche.
+
+Der alte Lestyák eilte mit leichten Schritten aufs Stadthaus, wo das
+Gericht schon versammelt war, der Oberrichter hatte noch zwei
+Senatoren hinzugesellt, den Gabriel Poroßnoki und Agoston Kristof, er
+selbst führte als Siebenter den Vorsitz. Als er seinen Vater
+erblickte, sandte er Pintyö mit dem Stadtsiegel zu Czinna um den
+Schlüssel, dann nahm er den Kaftan aus der Eisentruhe und zwei
+Senatoren halfen dem alten Herrn, ihn anzuziehen. Dies war die
+amtliche Zeremonie.
+
+»Gehen Sie, Vater, in Gottes Namen.«
+
+Draußen setzte dieser seine Füße in den Steigbügel, er warf sich in
+die Brust, den Kopf nach rückwärts lehnend, wie ein echter Ritter. Die
+fremden Marktgäste liefen neugierig hin, um den Vater des mächtigen
+Oberrichters zu sehen, auf dessen dünnem Körper der weltberühmte
+Mantel saß. Die Kecskeméter Bürger lüfteten lächelnd die Hüte, die
+Kinder schrieen:
+
+»Vivat, Vivat, Lestyák bácsi![18]«
+
+ [18] Etwa »Onkel Lestyák!«
+
+Einige flüsterten neidisch:
+
+»Glücklicher Vater, glücklicher Mensch!«
+
+Und wahrlich, jetzt war er glücklich. Mit ganzer Lunge atmete er die
+balsamische Luft ein. Der Ráró tanzte stolz unter ihm. Von den kleinen
+Gärten vor den Häusern lachten ihn die Jasmine und Lilien an, aus dem
+eigenen Fenster winkte ihm Czinna mit einem weißen Tuche. Seine Unruhe
+verschwand, er war weder müde, noch aufgeregt. Die Furcht des Soldaten
+vor der Schlacht weicht in der Schlacht. Und er war jetzt dort im
+Feuer, er glaubte den Ton der Trompeten zu hören: »Vorwärts, auf zum
+Triumph!«
+
+Während nun seine Gestalt im Staube des Weges verschwand, saßen die
+Senatoren und der Oberrichter ruhig beisammen, hörten den Thatbestand
+von der Forttreibung der Schafherde an, so auch die langweiligen
+Vorträge der Zeugen und Kläger. Nicht selten mengte sich ein Gähnen
+der edlen Herren in das wüste Gespräch.
+
+Daß vor der Stadt ein hungeriger Feind stand, alterierte die Herren
+wenig. Schneckenblut! Der Feind ist jetzt eine laufende Angelegenheit,
+wie etwa wenn man ein Marktweib zur Ordnung weisen muß. Hierzu bedarf
+es eines Mannes und eines Stockes, dazu eines Mannes und eines
+Kaftans.
+
+Nur der Oberrichter bewegte sich unruhig in seinem Sessel, seitdem im
+Saal in Vertretung des Kalgaer Sultans Olaj Beg erschien, mit seinem
+Falkenblicke die Richter musternd, und frug, welcher von ihnen der
+berühmte Oberrichter Max Lestyák sei -- worauf Agoston mit seinem
+Ellbogen zur Tischspitze wies ...
+
+»Das ist nicht möglich,« murmelte Olaj Beg kopfschüttelnd.
+
+»Und doch bin ich Max Lestyák,« meinte der Oberrichter mit tonloser
+Stimme.
+
+Der große Beg murrte verdrießlich:
+
+»Entweder flimmerte es vor meinen Augen, als wir vor dritthalb Jahren
+in meinem Lager zusammen trafen, oder es wurde der Kopf Euer Hochedlen
+seitdem vertauscht.«
+
+»Ja, man wird älter, es ist alles umsonst.«
+
+»Im übrigen habe ich Euch einen Brief gebracht. Den Brief hat der
+Kalgaer Sultan geschrieben, mit honigsüßer Feder:
+
+ >Mein lieber Sohn, tapferer Max Lestyák!
+
+ Bestrafe, ich bitte dich, die bösen Wölfe, denn wenn du kein
+ abschreckendes Beispiel schaffst, so glaube mir, stehlen deine Leute
+ mir noch den Turban vom Kopfe. Ich würde es gern sehen, wenn du mir
+ einen Korb Köpfe senden würdest (die Räuber langen auch für zwei).
+ Schon lange habe ich mich an abgeschnittenen Kecskeméter Köpfen nicht
+ ergötzt. Meinen Abgesandten Olaj Beg, der Euch die nötigen
+ Aufklärungen geben wird, haltet hoch in Ehren.
+
+ Ich bleibe dein mächtiger Herr und Freund, der
+
+ Krimer Vizekhan (Kalgaer Sultan)<.«
+
+Lestyák überflog den Brief zerstreut, verwirrt, dann schob er ihn den
+Richtern hin, damit diese sehen sollen, wie heikel die Potentaten mit
+dem Kecskeméter Oberrichter umgehen.
+
+Unterdessen bemerkte er, bis über die Ohren rot werdend, den
+forschenden Blick Olaj Begs, der immer auf ihm ruhte. Er saß auf
+Nadeln unter unangenehmen Gefühlen; hierzu gesellte sich die Stunden
+andauernde Flut der Geständnisse, der Dunst des Saales. Ein Schwindel
+überkam ihn und gerade wollte er den Vorsitz an Poroßnoki abgeben, als
+draußen ein Entsetzensschrei laut wurde und sich durch die Gassen
+wälzte, immer näher und näher kommend, die Fenster erschütternd.
+
+Die Richter liefen entsetzt zum Fenster und taumelten totenbleich
+zurück. Der Ráró lief wild gegen das Stadthaus, auf ihm saß
+niedergebunden der alte Lestyák mit dem Kaftan -- aber ohne Kopf. Aus
+dem Rumpfe tropfte das Blut. Das Pferd und der Kaftan waren mit Blut
+bedeckt.
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+
+Die Haare Poroßnokis standen zu Berge.
+
+»Entsetzlich!«
+
+Der Oberrichter fiel mit dem Gesichte auf den Tisch und schluchzte.
+
+»Unfaßbar!« bemerkte Olaj Beg, als man ihm erklärte, daß der Alte im
+Kaftan bei einer Truppe des Großveziers war.
+
+Herr Agoston befaßte sich mit dem Oberrichter.
+
+»Kommen Sie, mein edler Herr. Lösen wir den Gerichtshof auf. Auch die
+Grenzen der Pflicht übersteigt der große Schmerz, der Sie betroffen.«
+
+Max schauerte zusammen und wischte die Thränen aus den Augen.
+
+»Ich bin stark. Keinen Schritt weiche ich von hier, bis ich nicht
+Rache genommen habe für meinen Vater. Dies hat man nicht im
+Türkenlager gethan.«
+
+Sofort befahl er, daß man den Leichnam nach Hause trage und denselben
+wasche. Zwei berittene Trabanten aber sollten die Blutspuren
+verfolgen, bis sie den Kopf und die Erklärung des Rätsels fänden.
+
+»Den Kaftan nehmet ihm ab und bringet ihn herauf,« ergänzte Poroßnoki
+die Ordre.
+
+Nach kurzer Zeit brachte Pintyö weinend den blutigen Mantel. Olaj Beg
+und Mollah Cselebit sprangen in die Höhe und eilten den Saum zu
+küssen, als sie aber näher kamen, verzog der Beg sein häßliches
+Gesicht.
+
+»Bei Allah, das ist nicht der echte Kaftan! Es fehlt das Zeichen des
+Scheik--ül--Islam.«
+
+Mollah Cselebit legte seine Hände über die Brust und wiederholte
+gedankenvoll:
+
+»Das ist nicht das heilige Kleid.«
+
+Die Kecskeméter Bürger, die unter den Zuhörern saßen, sahen erstarrt
+den Oberrichter an.
+
+»Verrat!« rief Kristof Agoston.
+
+Franz Kriston sprang von der Zeugenbank auf und stellte sich vor den
+Oberrichter.
+
+»Verantworten Sie sich! Der Schlüssel war Ihnen anvertraut.«
+
+»Ich weiß von nichts,« sagte der Oberrichter gereizt. (Er war wie das
+Eisen: desto härter, je mehr man es schlägt.)
+
+»Welch' großer Schlag, welcher Schlag für Kecskemét!« rief Poroßnoki
+die Hände ringend.
+
+Wie der weggeschleuderte Stein, so schwirrten die Stimmen in der Luft:
+»Tod dem Schuldigen!«
+
+»So ist's! Auch ich werde es aussprechen.«
+
+Zwischenrufe wurden laut.
+
+»Er gehört nicht auf den Präsidentenstuhl, sondern auf die
+Anklagebank.«
+
+»Ruhe!« schrie der Oberrichter und klirrte mit dem Säbel, der, seitdem
+er geadelt wurde, immer vor ihm auf dem Tisch lag. »Hier sitze ich im
+Präsidentenstuhl und hier bleibe ich. Ich will sehen, wer sich zu
+rühren getraut, wenn der Oberrichter von Kecskemét Ruhe gebietet.«
+
+Nur auf den Friedhöfen herrscht eine solche grauenhafte Stille, wie
+sie nun eintrat.
+
+»Wer ist der Elende, der seinen Stachel gegen mich ausstreckt? Wenn
+ich gewußt hätte, daß der Mantel nicht der echte ist, hätte ich in
+demselben meinen eigenen Vater gesendet? Das Ding ist unbegreiflich.
+Gott hat es gefallen, eine Prüfung zu senden über Kecskemét, jedoch
+verzagen wir nicht, denn was immer auch geschehe, noch herrscht hier
+eine starke Hand. Deswegen, mein lieber Herr Senator Kriston, eilen
+Sie sofort und tragen Sie den Türken nach Talfája die verlangte
+Brandschatzung, damit nicht aus zwei Übeln drei werden.«
+
+Kriston ging sofort, bevor er aber noch zur Thür gelangt war, öffnete
+sich diese mit großem Geräusch und herein stürzte Czinna. Sie war
+weiß, wie eine Lilie, ihr Gang unstät, aus ihren schönen Augen
+stürzten Thränen.
+
+»Was suchst du hier?« fuhr sie der Oberrichter an, seine Brauen
+zusammenziehend. »Geh' nach Hause weinen!«
+
+»Hier ist mein Platz!«
+
+Und sie stürzte in die Knie. Ihr roter, unten mit Spitzen versehener
+Rock hob sich ein wenig in die Höhe und ließ ihre entzückenden Knöchel
+sehen.
+
+Olaj Beg schleuderte den Sessel von sich.
+
+»Das ist sie, das ist sie! Mein Herr Max Lestyák, sehen Sie sich diese
+hier an. Dieses Mädchen war bei mir im Lager. Nie erblicke ich Mekka,
+wenn es nicht wahr ist.«
+
+Poroßnoki und Agoston richteten ihre Augen starr auf den Oberrichter,
+der merklich verlegen wurde und bis über die Ohren rot war. Dies war
+seine schwache Seite. Nun fing er an, die Energie zu verlieren. Czinna
+beugte traurig den Kopf.
+
+»Nie sah ich dich, guter Mann.«
+
+Der Oberrichter warf ihr einen dankbaren Blick zu, wie wenn er sagen
+wollte: »Du hast mich nur wiedergegeben,« dann zischte er zwischen den
+Zähnen: »Alles fällt, stürzt, es war alles verfehlt.«
+
+»Was willst du, mein Kind?« fragte jetzt der Szenteser Franz Balogh.
+»Warum stehst du nicht auf?«
+
+Der Brust des Mädchens entrang sich ein krampfhaftes Schluchzen.
+
+»Ich bin an allem Schuld. Ich bin die Schuldige. Ich habe den
+Schlüssel der Eisentruhe dem Vater Lestyáks gegeben, da zu ihm aus
+einer fremden Stadt Leute mit der Bitte kamen, er möge ihnen einen
+Mantel, wie der unsrige ist, für fünftausend Goldstücke nähen.«
+
+Ein gefahrdrohendes Gemurmel folgte diesen Worten. Der Oberrichter
+wendete sein bleiches Antlitz gegen die Wand. Auf diesen Schlag war er
+nicht vorbereitet.
+
+»Wie konntest du dies thun?« schrie Poroßnoki, »sei aufrichtig, die
+Aufrichtigkeit kann deine Sünde mildern.«
+
+Czinna drückte ihre Hände aufs Herz, ihre langen Wimpern schlossen
+sich. Sie glaubte vor Schande vergehen zu müssen und doch mußte sie es
+sagen in dieser traurigen Stunde.
+
+»Weil ich liebe, ich liebe Max Lestyák mehr als mein Leben, mehr als
+diese Stadt. Der Alte hat viertausend Goldstücke für mich bestimmt,
+damit sein Sohn, der seit dritthalb Jahren mit mir im Brautstand lebt,
+mich zur Frau nehme. Er hat es bisher nicht gethan, weil wir beide arm
+sind. Ich habe seinen Worten Glauben geschenkt und ihm den Schlüssel
+übergeben.«
+
+Ihr bleiches Gesicht rötete sich, aus der weißen Lilie wurde eine
+Rose, aber nur auf eine halbe Minute.
+
+»Welcher Skandal!« brüllte Herr Agoston. »Wenn ich nur bis an mein
+Lebensende in Waitzen geblieben wäre.«
+
+»Was dann?« fragte Poroßnoki unruhig.
+
+Der Oberrichter faßte krampfhaft die Sessellehne, die Welt drehte sich
+im Kreise, vor seinen Augen tanzten die winzigen Buchstaben, die der
+Schriftführer aufs Papier warf. Seine Lippen biß er blutig: »Nur jetzt
+noch, nur eine halbe Stunde noch soll ich keine Schwäche zeigen.«
+
+»Und dann?« nahm Czinna das Wort mit ersterbender Stimme. »Ja, dann.
+Was geschah mir? (Mit ihrer Hand rieb sie ihre marmorglatte Stirn.) Er
+ging zur Eisentruhe, bei Nacht nahm er den Kaftan mit und nähte dann
+einen ähnlichen. In der vergangenen Nacht nahmen ihn die Besteller
+mit.«
+
+»Alles ist klar,« murmelte Poroßnoki. »Er war ein stolzer Meister und
+glaubte, wollte es zeigen, daß beide gleich sind. Und heute zog er ihn
+an, damit er die Wirkung seines Prachtwerkes genieße.«
+
+»Und wer waren die Besteller?« frug der Szegediner Börcsök. Er dachte
+bei sich: »Ob es nicht die Unserigen waren?«
+
+»Ich weiß es nicht,« antwortete Czinna. »Auch der Entseelte wußte es
+nicht. Das Ganze geschah im Geheimen. >Eine weit liegende Stadt<, mehr
+sagte er mir nicht.«
+
+»Die Stadt müssen wir auffinden,« meinte Herr Agoston traurig.
+
+»Wir werden sie finden,« sagte mit dumpfem Ton der Oberrichter. Dies
+war sein erstes Wort während des Geständnisses.
+
+»Dies wird der Fall sein, wenn es eben der Fall sein wird,« meinte
+Herr Permete mit bitterem Ton, »jetzt aber sind Sie ein Mann beim
+Urteilsspruche, wenn Sie es zu sein vermögen.«
+
+Es war nicht anders, als wenn Herr Permete frisches Blut in seine
+Adern gegossen hätte. Ihn, Max Lestyák, fordert man auf, ein Mann zu
+sein! Seine Augen sprühten Funken.
+
+»Das werde ich auch sein,« sprach er rauh und zog ein mit Siegel
+versehenes Dekret aus der Tasche. Er stand auf und begann feierlich zu
+lesen: »Wir Leopold I. von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich ....«
+
+Seine Stimme versagte, sie wurde zum Röcheln, seine Hände zitterten,
+nach Luft schnappend reichte er das Dekret Herrn Agoston hin.
+
+»Lesen Sie es vor!« Dann setzte er matt hinzu: »Ich bin ja auch nur
+ein Mensch!«
+
+Wie wenn es ihm aber leid thäte, dies gesagt zu haben, rief er Pintyö
+zu:
+
+»Man muß die Fenster öffnen. Mir ist nicht gut .... Die erstickende
+Atmosphäre!«
+
+Herr Agoston verlas unterdessen das königliche Dekret, das auf
+Diebstahlsfakten und auf Verrat das Standrecht für das Gebiet der
+Stadt Kecskemét verkündete und den Magistrat von Kecskemét mit dem
+Blutbannrechte bekleidete.
+
+Es folgt die Abstimmung.
+
+Dem Herrn Poroßnoki gehört das erste Votum:
+
+»Dieses Mädchen hat die Stadt verraten. Ich verurteile sie zum Tode
+durch das Schwert.«
+
+Nach ihm folgte Herr Börcsök.
+
+»Schwert!« sagte er kurz.
+
+Mollah Cselebit sagte:
+
+»Sie hat es aus Liebe gethan. Sie ist nicht schuldig.«
+
+Nun kam an Herrn Franz Balogh die Reihe:
+
+»Sie wußte nicht, daß für die Stadt ein so entsetzliches Unglück
+daraus erwachsen konnte. Sie thue Buße.«
+
+Es herrschte eine Stille, daß man das Pochen der Herzen, das Schwirren
+eines zum Fenster hereingeflogenen Schmetterlings hören konnte. Zwei
+Voten verlangten den Tod, die beiden anderen beließen das Leben. Es
+folgte in der Abstimmung der Czegléder Lebzelter, er dachte lange
+nach, aus seiner Stirn perlte der Schweiß.
+
+»Es wird ein wenig Kerker auch genügen,« stöhnte er.
+
+Diejenigen, deren Herz voller Teilnahme für das Mädchen war, atmeten
+frei auf, sie wollten nicht, daß diesen herrlichen Hals das Richtbeil
+vom Körper trenne. Nur Herr Agoston war noch zurück.
+
+»Tod!« rief er rauh.
+
+Wieder standen die Voten gleich. Der Präsident hatte zu entscheiden.
+Welch' fürchterliche Scene! Der Oberrichter erhob sich mit
+bewundernswürdiger Seelenruhe: elastisch dehnte sich seine Gestalt, er
+nahm den neben seinem Säbel liegenden Stab zur Hand, und drehte an
+demselben. Der Stab krachte; er war entzweigebrochen.
+
+»Tod!« sagte er vernehmbar und ruhig.
+
+Das Mädchen sah ihn entsetzt an, dann stürzte sie mit einem
+markerschütternden Aufschrei zusammen. Aus den Reihen der Zuhörer
+tönte Gezisch mit Eljenrufen untermengt.
+
+»Er ist doch ein großer Mann!« flüsterten die Kecskeméter einander zu.
+
+»Ein schlechter Mensch!« murmelte Mollah Cselebit.
+
+Der Oberrichter kümmerte sich um all' dies nicht, er verließ den
+Richtertisch, jetzt verpflichtete ihn nichts mehr. Er beugte sich über
+seine Geliebte, hob sie auf, küßte sie und flüsterte ihr ins Ohr:
+
+»Befürchte nichts, ich rette dich.«
+
+»Er hat zwei Herzen,« meinte Herr Permete zu seinen Kameraden.
+
+Und der Mann mit den zwei Herzen verließ den Saal mit sicheren,
+männlichen Schritten, wie wenn nichts geschehen wäre, dann ging er
+nach Hause, sperrte sich mit dem geköpften Leichnam ins Zimmer ein und
+redete stundenlang zu demselben:
+
+»Warum hast du das gethan, warum hast du es gethan? Schau, welch'
+Unglück du auf dich, auf mich und auf sie heraufbeschworen hast. Du
+warst kein schlechter Mensch, ich weiß es wohl .... Der Ehrgeiz war
+dein Henker. Man hat in dir dieses ungarische Ungeheuer erweckt. Aus
+Ehrgeiz hast du den Kaftan gemacht, aus Ehrgeiz hast du den unsrigen
+weggegeben. Du hast auch das arme Mädchen mit hineingerissen, wenn du
+nur dies nicht gethan hättest, ihr Herz war der Hebel. Du hast ihn
+gefunden. Alles zerfiel. Hier stehe ich gebrochen ... Ich konnte den
+Schatz nicht ermessen, welchen ich in jenem Mädchen besaß ...«
+
+Dann verfügte er sich in das andere Zimmer und suchte den großen mit
+Gold gefüllten Korb hervor ...
+
+»Da nimm's hin, Erzsi! Gehe in den Garten und streue es unter das
+Volk!«
+
+Das weinende Mädchen gaffte und staunte, gehorchte aber dann dem
+mächtigen Oberrichter der Stadt und streute die funkelnden Dukaten mit
+vollen Händen in den Sand der Straße, in die Furchen, zwischen das
+Gestrüpp. Der Oberrichter sah eine Weile vom Fenster aus dem Treiben
+der Leute zu, wie sie um das Gold drängten und balgten.
+
+Als aber Erzsi zurückkehrte, war er nicht mehr da. Er war nirgends.
+Wann er weggegangen, wohin er gegangen, niemand, niemand hatte ihn
+gesehen. In Kecskemét hat keine Seele mehr mit ihm gesprochen.
+
+ * * * * *
+
+Für den vierten Tag war Czinnas Enthauptung anberaumt worden.
+
+Drei Tage brachte sie in der Armesünderzelle zu. Sie betete vor dem
+Kruzifix, auf welchem Tag und Nacht der Glanz zweier Wachskerzen
+flimmerte.
+
+Diese Zeit reichte für alle Vorbereitungen hin. Die Zimmerleute
+erbauten das Blutgerüst gegenüber dem grünen Thore des Stadthauses;
+Paul Fekete war als Vertrauensmann damit beauftragt worden, den
+Scharfrichter aus Fülek zu holen. (Die Senatoren hatten anderes zu
+thun, sie forschten in den Kecskeméter Teichen nach dem verschwundenen
+Oberrichter.)
+
+Endlich am vierten Tage, als von dem Turme der St. Nikolauskirche die
+neunte Stunde schlug, entstand eine große Bewegung in der versammelten
+Volksmenge. Es erklang die Armesünderglocke.
+
+Jetzt bringt man Czinna auf den Richtplatz. Sie ist mit einem
+einfachen weißen Rock bekleidet, welchen fast ganz das aufgelöste
+lange Haar bedeckt.
+
+Dem wird gleich Gáspár Szekeres, der Barbier abhelfen. Flugs war er
+mit seiner Scheere zur Verurteilten geeilt und mit einem Schnitt war
+es um das schöne Haar geschehen ... damit's den Scharfrichter nicht in
+seiner Arbeit hindere. Dann stellte sich Franz Kriston auf einen Stuhl
+und verlas das Todesurteil.
+
+Nun ergriff Pater Bruno das Mädchen bei der Hand, um es auf das Podium
+zu führen, wo der Scharfrichter wartete, das scharfgeschliffene
+Richtschwert in der einen, die weiße Binde in der anderen Hand
+haltend. Damit werden ihr die Augen verbunden.
+
+»Entsetzlich, das mit anzusehen!« sprach Frau Paul Nagy und schloß die
+Augen.
+
+»So schön und sie muß sterben --« seufzte Gerson Zeke.
+
+»Noch einen Augenblick,« erklärte Frau Fábián, »-- und es giebt ein
+heiratsfähiges Mädchen weniger.«
+
+»Die sind noch immer dicht genug gesäet,« meinte Johann Szomor.
+
+»Noch nie habe ich eine solch' traurige Exekution mit angesehen,«
+sagte Stefan Tóth mit wichtiger Miene, »und doch habe ich schon viele
+gesehen. Erstens giebt es kein einziges nasses Auge. Auch der alte
+Bürü ist schon eine ganze Woche fort mit seiner Fiedel. Zweitens ist
+in diesem Falle von nirgendsher das Wehen des Gnadentuches zu
+erwarten; drittens ....«
+
+Er hatte keine Zeit, den begonnenen Satz auszusprechen, denn eine
+große Staubwolke entstand auf der Czegléderstraße, schmucke
+Kuruczen-Hußáren mit gezogenem Säbel stürmten mit großem
+Schlachtenlärm zum Richtplatz heran. Voran einige mit herabgelassenem
+Helmvisier, auf schönen Pferden.
+
+»Der Feind, der Feind!« schrie die Menge und zerstob in alle
+Windrichtungen.
+
+Eine große Verwirrung entstand. Pater Bruno sprang vom Podium herab
+und mit klappernden Zähnen stürzte er dem Stadthause zu:
+
+»Es wird das ein Wunder sein. Um mich kommt man, man führt mich schon
+weg!«
+
+Auch die Senatoren suchten ihr Heil in der Flucht. Der Scharfrichter
+ließ das Richtschwert fallen, auch er flüchtete.
+
+Das Ganze war das Werk eines Augenblickes; der eine gepanzerte Krieger
+erklomm im Nu mit seinem Rosse das Blutgerüst und schwang das Mädchen
+wie eine Feder in den Sattel. Niemand stellte sich ihm in den Weg,
+niemand fragte, was er wolle? Auch er fragte niemand, ob es erlaubt
+sei. Die kleine Abteilung verschwand, wie sie gekommen, in einer
+Nebengasse.
+
+Langsam kamen die erschreckten Einwohner wieder hervor. Die Senatoren
+freuten sich, daß man nur Czinna mitgenommen und sonst nichts. Es sei
+kein Schade um das Mädchen.
+
+Der Henker machte ein saures Gesicht; man möge ihm Arbeit geben, da er
+sich von so weit herbemüht hat.
+
+Viele, die hinter den Umzäunungen die Szene mit angesehen hatten,
+schwuren bei Himmel und Erde, daß der Held mit dem herabgelassenen
+Helmvisier, der auf das Blutgerüst gesprengt war, niemand anders sei,
+als Max Lestyák. Man erkannte ihn an seiner Gestalt, an seinen
+Bewegungen, an seinen glänzenden, nußbraunen Augen. Man suche ihn
+nicht im Wasser des stillen Teiches.
+
+Frau Johanna Deák, die eine vertrauenswürdige Person ist, hörte, wie
+Czinna dem Helden unterwegs zuflüsterte:
+
+»Wirst du noch einmal warten, bis mein Haar wieder gewachsen ist?«
+
+Der Held antwortete ganz vernehmlich:
+
+»Nein, Czinna, nein, ich warte nicht.«
+
+ * * * * *
+
+Ob es so war, oder nicht, der Himmel weiß es. Von diesem Tage
+angefangen aber suchte man Max Lestyák nicht mehr unter den Toten,
+sondern erwartete ihn täglich zurück.
+
+Wenn er verschwand, so hatte er wohl seinen Grund dazu gehabt. Er ging
+den Kaftan suchen und nahm auch seine Braut mit. Was ist da weiter
+dabei! (Er hat gut daran gethan.)
+
+Einmal, Ihr werdet es sehen, wird er wieder nach Hause kommen auf
+einem Eisenschimmel mit goldenem Zügel, den Kaftan umgeworfen.
+Einstens, wenn eine große Gefahr Kecskemét bedrohen wird, kommt er
+nach Hause, setzt sich in den Oberrichterstuhl und fährt wie ein Blitz
+zwischen die Feinde.
+
+Sie warteten lange, lange. Auch jene sind schon ausgestorben, die als
+Kinder dem Kaftan nachgelaufen sind, jedoch auch die Enkel der Enkel
+harren noch immer seiner Heimkehr.
+
+
+Ende.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Zauberkaftan, by Koloman Mikszáth
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERKAFTAN ***
+
+***** This file should be named 23740-8.txt or 23740-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/3/7/4/23740/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Daniel Kraft and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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