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diff --git a/23740-8.txt b/23740-8.txt new file mode 100644 index 0000000..08d7f1d --- /dev/null +++ b/23740-8.txt @@ -0,0 +1,4377 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Zauberkaftan, by Koloman Mikszáth + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Zauberkaftan + +Author: Koloman Mikszáth + +Translator: Viktor Sziklai + +Release Date: December 5, 2007 [EBook #23740] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERKAFTAN *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Daniel Kraft and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + +Der Zauberkaftan + +Roman +von +Koloman Mikszáth + +Aus dem Ungarischen von +Viktor Sziklai + +Leipzig + +Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. + + + +Erstes Kapitel. + + +Jene Städte sind närrisch, welche klagen: Wir haben viel gelitten, bei +uns haben die Türken ein oder zwei Jahrhunderte gehaust. Wahrhaft +litten jene Städte, wo weder Türken hausten, noch Labanzen und +Kurutzen,[1] und welche sich aus eigner Kraft erhielten, wie zum +Beispiel Kecskemét; denn wo von den kriegführenden Parteien sich die +eine aufhielt, dort dominierte, plünderte nur die eine und die anderen +wagten sich nicht einmal hin, wo aber keine einzige wohnte, dorthin +gingen alle Erdbeeren sammeln. + + [1] Labanzen und Kurutzen waren ungarische Soldaten. + +Eines Tages wandelte den Ofner Pascha die Laune an, ein wenig zu +brandschatzen: »Mein Sohn Dervisch Beg, schreibe dem Kecskeméter +Richter!« Und der Brief ging sofort ab, aus dessen üppigem Stile der +Ausdruck nicht fehlte: »Ihr spielt mit Euren Köpfen!« + +Aber auch der Szolnoker Musta Beg ging nicht anders vor, denn er +brandschatzte Czegléd, Körös, Kecskemét und die umliegenden Dörfer. +Jede gesegnete Woche warf er ihnen neue Lasten aus, indem er schrieb: +»Diesen Herrenbrief sollt Ihr zu Pferde in jede Stadt, in jedes Dorf +tragen und darnach handeln.« + +Seine Gnaden, der tapfere Herr Emerich Koháry rechnete gleichfalls auf +die wohlhabenden Städte und erließ von Seite der Kaiserlichen aus +Szécsény Verordnungen, ja selbst der Gácser Stuhlrichter, Seine Gnaden +Herr Johann Darvas war nicht faul, ihnen an den Leib zu gehen, wenn +die Kurutzen etwas nötig hatten. Dazu kamen noch die herumschweifenden +tatarischen Horden und die verschiedenen Truppen, welche auf eigene +Faust arbeiteten. Und mit all diesen sollte man auf freundschaftlichem +Fuße leben! + +In Kecskemét gab es schon damals berühmte Märkte. Was den Augen schön, +dem Munde gut ist, das alles brachten die türkischen, deutschen und +ungarischen Kaufleute haufenweise hierher und der Markt hatte stets +ein trauriges Ende, denn wenn er eben im besten Zuge war, erhob sich +eine Wolke auf der sandigen Straße, es kam der Kurutze oder der Türke, +oder gar ein Haufe Labanzen sauste wie der Blitz nieder und verschwand +mit den wertvollsten Waren beladen wieder in einer Staubwolke. + +Die bitteren Pillen aber konnte dann die wohledle Stadt verschlucken, +denn hatten die Türken die Zelte geplündert, so fielen nunmehr die +Labanzen mit großen Rechnungen über sie her. + +Die Stadt habe ohne Verzug den Schaden der Kaufleute zu bezahlen, +sonst wird gestürmt; wenn der Labanze raubte, galt es auch gleich für +die armen Kecskeméter, denn dann verlangten die Kurutzen und Türken +Schadenersatz für ihre Kaufleute und diese Forderungen erreichten fast +immer die Höhe von tausend Goldstücken. + +Vergebens seufzte der Oberrichter Johann Szücs: »Woher nehmen, woher? +Das ist ja nicht das Kremnitzer Goldbergwerk; unter unseren Füßen ist +ja nichts als Sand, Sand bis hinunter zur Hölle.« + +Endlich ward die Sache doch unerträglich, man hielt großen Rat und +dann gingen die guten Leute zum Palatin, der aber nach der Erzählung +des Herrn Paul Fekete sehr mißmutig wurde, als sie ihm vortrugen, daß +sie eine Bitte an ihn hätten. + +»Verlanget nur nichts großes, denn ich gewähre es euch nicht.« + +»So sehr verlangen wir nichts großes, daß uns selbst das zu viel ist, +was wir haben.« + +»/Valde bene, valde bene/,« meinte der Palatin schmunzelnd. + +»Wir bitten Eure Gnaden, uns unsere Märkte zu nehmen.« + +Der Palatin dachte nach, hüstelte. »Hm, es ist kein richtiges Regime, +/amici/, das den Leuten etwas nimmt, wovon der Nehmende keinen +Vortheil hat.« + +Trotzdem kam bald darnach eine Ordre von Leopold I., daß die Kecskeméter +Märkte von nun an zu sein aufgehört haben. Selbstverständlich wurden +nun die Türken ebenso wütend wie die Kurutzen. »Diese elenden +Philister berauben uns unseres Nebenerwerbes.« Sie hatten jetzt +originelle Ideen. Am schwarzen Sonntag vor Ostern stürmte der berühmte +Kurutzenführer Stefan Csuda mit seinen Truppen in die Stadt. Sie +sprengten geradenwegs zum Stiftskloster. Hier befahl der Anführer +seinen Leuten: »Nichts anrühren, Kinder, nur den Quardian müßt ihr +gefangen nehmen, denn diesen werden sie auslösen.« Sie nahmen wirklich +den Quardian, den dicken Pater Bruno, gefangen, setzten ihn auf ein +Maultier, das bisher ein treuer Arbeiter des Klostergartens war, zumal +es die Wasserfässer schleppte. Damit aber der fluchende, strampelnde +Pater nicht vom Rücken des Buri falle (Buri hieß das Maultier), banden +sie ihn mit Stricken und Riemen fest ... Sie hatten sich nicht +verrechnet. Eine große Bestürzung griff Platz unter den katholischen +Gläubigen. Die Witwe Paul Fábián, die bucklige Julie Galgóczi und die +verwelkte Klara Bulki begannen unter dem Präsidium des Paters Litkei +sofort das Lösegeld zu sammeln, indem sie von Haus zu Haus wanderten. +»Lösen wir den armen Pater Bruno aus. Er hat eine prächtige Predigt zu +den Osterfeiertagen einstudiert, diese können wir nicht ungesprochen +lassen.« Hundert Goldstücke wurden gesammelt, mit diesen begaben sich +die Erwählten der Frauen auf den Weg zum Kurutzenlager: Senator +Gabriel Poroßnoki, Kurator Johann Babos und der Wagner, Herr Georg +Doma. + +Nach männiglichen Abenteuern und Mißgeschicken fanden sie endlich den +Stefan Csuda, der sie wild anfuhr: »Ihr seid die Kecskeméter, nicht +wahr? Nun, was wollt ihr?« + +»Wir sind ihn holen gekommen,« sprach der fromme Babos, seine winzigen +grauen Augen gegen den Himmel erhebend. + +»Wen, den Maulesel oder den Quardian?« scherzte der gutgelaunte Stefan +Csuda. + +»Beide, wenn wir übereinkommen können,« meinte Herr Poroßnoki. + +»Der Geistliche ist nicht viel wert, aber das Maultier können wir wohl +brauchen. Es schleppt die große Trommel.« + +Sehr wohl gefiel den guten Kecskemétern diese Erklärung des Kurutzen, +denn wenn der Geistliche nicht viel wert ist, wird er wohl billig zu +haben sein und sie nickten beifällig mit dem Kopfe. + +»Also woran sind wir mit Sr. Hochwürden?« + +»Ihr könnt ihn für drei Goldstücke haben.« + +Die drei Männer schauten sich lächelnd an, wie wenn sie sagen wollten, +»billig, wahrhaftig sehr billig!« Poroßnoki warf einen Flügel seines +blauen Mantels zurück und griff in die Tasche, um die drei Goldstücke +hervorzuholen. »Da sind sie! Nehmt sie, Herr!« + +Der Kurutzenführer schob die Hand des Senators bei Seite. »Den +Geistlichen brachte das Maultier, jetzt soll auch der Geistliche das +Maultier mitnehmen. Dies ist nur gerecht, ohne das Maultier ist kein +Geschäft.« + +»Hol's der Teufel,« meinte der Senator wohlgelaunt. »Welches Lösegeld +bezahlen wir für das Maultier?« + +»Der fixe Preis desselben beträgt,« gab Csuda jedes Wort betonend +zurück, »hundertsiebenundneunzig Goldstücke.« + +In den Bürgern stockte das Blut; der kleine Babos blinzelte auf den +Kurutzen, ob dieser nicht spaße, doch das gebräunte Antlitz blickte +jetzt sehr ernst, vordem war es bedeutend heiterer; die Kecskeméter +verzagten trotzdem nicht. + +»Hättet Ihr, Herr, das Herz, für ein Maultier so viel Geld zu nehmen, +wie für vier arabische Pferde. Überlaßt uns den Geistlichen separat! +Wir kommen lieber ein andersmal das Maultier einlösen,« ergänzte Herr +Babos. + +Jetzt übernahm wieder Herr Georg Doma die diplomatischen +Verhandlungen. Er meinte, das Maultier könnten ja die ehrwürdigen +Patres ohnehin nicht wieder benützen, nachdem dasselbe ein +kompromittiertes Individuum sei, das bereits Lagerdienst geleistet hat, +in einem protestantischen Truppenkörper. + +Den meisten Verstand besaß noch Herr Poroßnoki, denn er durchschaute +sofort, daß der Kurutzenführer zweihundert Goldstücke für den Quardian +haben wollte und die Geschichte mit dem Maultier bloß Spaßmacherei +sei. Er entnahm seiner Tasche den traditionellen Strumpf und ließ die +Goldstücke klimpern. »Hundert Stück ohne Fehl, nicht um ein Stück +mehr. Entweder nehmen wir das Geld wieder nach Hause oder den +Quardian. Es hängt von Euch ab, mein tapferer Herr.« + +»Nicht möglich,« schüttelte dieser den Kopf. + +»Bedenket aber,« meinte Babos, »daß man unsern Herrn Christus um +dreißig Silberlinge verkaufte. Wie sollten da für den Pater Bruno +nicht hundert Goldstücke genügen?« + +»Biblisieren Sie nicht!« schrie der Kurutz, »denn es ist wohl wahr, +daß sie unsern Heiland für dreißig Silberlinge verkauften, aber für +wie viel ihn das Christenthum vom Tode losgekauft hätte, das wissen +Sie nicht.« + +Unter solchen Plänkeleien schlossen sie den Handel endlich mit hundert +Dukaten ab, welche Herr Csuda einzeln besah, ob sie nicht abgefeilt +sind, dann klingen ließ, ob man an ihrem Klange nicht einen kleinen +Siebenbürger Accent wahrnehme (dort hielten sich nämlich zu jener Zeit +die Falschmünzer auf). Als dann alles ins reine gebracht war, lieferte +er den abgemagerten Pater Bruno aus, welchen die Deputation in großem +Triumph nach Hause führte. + +Aber nicht lange dauerte ihre Freude, denn als sie sich der Heimat +näherten, kaum Nagy-Körös verlassend, dessen Häuser noch im +abendlichen Nebel sichtbar waren, schimmerte von rechts der schlanke +Turm Kecskeméts hervor und eine sich nähernde Staubwolke. »Was zum +Teufel kann das sein?« frugen sich unsere Leute. + +»Offenbar kommt uns eine Prozession entgegen. Es wird auch eine Rede +geben /reverendissime/, freilich wird es eine solche geben. Es wird +nichts schaden, sich auf die Antwort vorzubereiten.« + +In den Augen Pater Brunos glänzten Thränen. »Meine armen guten +Gläubigen lieben mich, sie lieben mich schrecklich. Wer wird wohl die +Rede halten? Wahrscheinlich der schön sprechende Pater Litkei. +Freilich, freilich. Ich sehe ihn ja schon. Er ist es, dort voran. Ich +will ein Hund sein, wenn er es nicht ist.« + +Herr Georg Doma brauchte kein Hund zu sein, denn es war in der That +Pater Litkei; seinen breiträndrigen Hut, seine Riesengestalt konnte +man schon von weitem erkennen, nur war seine Begleitung gerade kein +Prozessionsvolk, sondern es waren türkische Soldaten. Der Galgenvogel +Ali Mirze Aga führte sie an. »Guten Abend, guten Abend!« rief er, als +er an unseren Reisenden vorüber ritt, »führt ihr den Geistlichen nach +Hause, ihr guten Leute? Wir auch den unseren.« + +Der Aga lachte, der Mönch Litkei rief den Namen Jesus, Pater Bruno +winkte ihm mit dem Taschentuch nach: »Auch dich werden wir auslösen, +mein lieber Sohn.« + +Und in der That war es seine erste Sache, zu Hause angelangt, eine +Sammlung einzuleiten. Witwe Paul Fábián, die bucklige Julianna +Galgóczi und die verblühte Klara Bulki suchten neuerdings die +barmherzigen Menschen auf: »Lasset den armen Mönch nicht in der Hand +des elenden Heiden zu Grunde gehen. Was würde die Christenheit von uns +denken?« Wenn die Börse nicht geöffnet ward, fügte Frau Paul Fábián +hinzu: + +»Und was würde Nagy-Körös[2] dazu sagen?« + + [2] Zwischen Nagy-Körös und Kecskemét herrscht seit Jahrhunderten + eine kleinliche Rivalität. + +Bei diesen Worten zog jeder Mensch von Kecskeméter Empfindung den +Zwanziger hervor und auch der Mönch Litkei konnte nach Hause gebracht +werden. Damit war die Sache nicht zu Ende, denn der Handel mit den +Geistlichen kam so sehr in Mode, daß, sobald irgend ein Truppanführer +ein klein wenig Geld brauchte, er sofort eine Verordnung erließ: »Ich +muß einen Kecskeméter Geistlichen haben.« (Das bedeutete schon eine +gewisse Summe auf dem Geldmarkte). Eine Zeit lang lösten sie die +frommen Bürger aus, bis der Herr Oberrichter Johann Szücs selbst, die +Ausbeutung der Stadt bedauernd, derselben mit der gottlosen Erklärung +ein Ende machte: »Wenn Gott seine Diener fortführen läßt, warum sollen +wir es nicht dulden? Schließlich ist ihr Herr in erster Reihe +verpflichtet, ihnen zu helfen.« + +Einige Mönche blieben den Räubern auf dem Hals, worauf sofort der Wert +der Geistlichen auf Null sank und die erobernden Herren sich nach +einer andern Ware umsahen. Es war unmöglich sie zu übertölpeln. Am +Tage Peter und Paul verübten die Szolnoker Türken einen Einbruch und +raubten unter den aus der Kirche kommenden Frauen die junge Gattin des +Oberrichters sowie die Frau Georg Doma. Die ganze Stadt war in +Aufruhr. »Das ist schon kein Spaß mehr, Gevatter!« Denn mit den +Pfaffen zu manipulieren, war nicht so arg. Diese erlitten keinen +Schaden, so lange sie bei den Türken waren. Aber die Frauen! Das ist +ganz etwas anderes. Donnerwetter, mit den Frauen kann man nicht so +manipulieren!... + +Johann Szücs war so erbittert, daß er sofort seiner Stelle als +Oberrichter entsagte und, nachdem er sein steinernes Haus verkauft +hatte, mit Georg Doma die Frauen holen ging. Herr Szücs gab +zweihundert Dukaten für seine Rippe. + +Georg Doma jedoch bot nur fünfundzwanzig Dukaten an, wenn man seine +Frau nach Hause läßt, hundert, wenn man sie behält, aber für immer -- +so daß er eine andere Frau nehmen kann. + +Zülfikar Aga überlegte eine Weile, dann sagte er traurig: »Nimm nur +die Frau, mein Freund.« + +Unterdessen bemächtigte sich der Kecskeméter ein panischer Schrecken. +Auch die Kurutzen waren eingebrochen und raubten die jungfräuliche +Tochter Vicza des steinreichen Thomas Bégh bei einer Hochzeit, als sie +eben mit dem jüngeren Michael Nagy tanzte. Was wird daraus werden, +Herr und Schöpfer? Aus den Häusern werden sie heute oder morgen die +kostbaren Frauen hervorziehen! + +Der Kalgaer Sultan ließ wiederholt verkünden, daß er auf die zehn +schönsten Frauen rechne. Auch die Ofner Türken konnten in jeder Stunde +kommen. Obwohl damals von den Kecskeméter Mädchen das Lied noch nicht +verkündete: »Wer ein Bursch ist, nimmt seine Braut von da«, waren sie +dennoch schon damals prächtig. Das leugneten selbst die Köröser jungen +Leute nicht. Die allgemeine Verzweiflung war daher gar nicht zu +verwundern. Die Lage war eine solche, wie in den sagenhaften, mit +schwarzem Tuch verhüllten Städten, wo der siebenköpfige Drache die +Jungfrauen der Reihe nach verzehrt. An welche kommt die Reihe, welche +folgt jetzt? Diese Ungewißheit war ein unsichtbares Seil, welches +jedermann in der Halsgegend fühlte. Zehnmal erschrak täglich der eine +und der andere Kaufmann vor einer Staubwolke, und wenn die dürren +Bäume des Talfája-Waldes des Nachts zu ächzen begannen, so glaubten +sie auch darin das Sausen der herannahenden Horden zu vernehmen: »Ach, +die Vagabunden kommen schon wieder.« + +Allabendlich falteten die Frauen ihre kleinen Hände und flehten +inbrünstig zu dem Patron der Stadt, dem Bischof Sankt Nikolaus. +Vielleicht kann der etwas thun mit dem Krummstabe, welcher auf dem +Stadtsiegel zu sehen ist. + +(Ich vermute, daß in diesen Gebeten /sub clausula/ enthalten war: +»Wenn das aber der Wille Gottes wäre -- so gieb, o Herr, daß lieber +die Husaren Czudas kommen sollen, als die hundeköpfigen Tartaren und +die Ofner Türken.«) + + + +Zweites Kapitel. + + +Die Erbitterung wuchs immer mehr. Die Angelegenheiten der Stadt sahen +immer schlechter aus. In der Rechtsprechung war eine Pause +eingetreten, denn man konnte nirgends Richter auftreiben, obwohl in +Kecskemét das »aufgetriebene Gericht« im Gebrauche stand. Man stellte +aus den zum Markte gekommenen Fremden den Gerichtshof zusammen. + +Jetzt aber, da Johann Szücs den Stab eines Oberrichters niederlegte, +gab es keinen, der darnach griff. Es hat niemand Tollkirschen +gegessen! + +Vier, fünf Verordnungen täglich zu erhalten, mit unmöglichen Wünschen +und mit dem liebenswürdigen Postskriptum: »Denn sonst werde ich Deine +Gnaden rädern lassen« -- und verrückt wie die Welt ist, führt man das +auch aus. Die Menschen beschwerten sich laut. »Entweder wir ziehen von +hier fort, oder wir sterben hier, aber so können wir nicht weiter +leben. Man muß etwas machen.« + +»Aber was? Die Türken können wir doch nicht allein aus dem Lande +jagen, wenn es der Kaiser selbst nicht thun kann.« + +Indem die Senatoren im Stadthause auf diese Weise gedankenvoll +berieten, rief mit einem Male eine Stimme zum geöffneten Fenster +hinein: »Ich aber sage euch, daß man die Türken nicht vertreiben, +sondern hieher nach Kecskemét bringen soll.« + +Die Senatoren blickten alle auf. »Wer ist der Tollkühne? Wer spricht +da draußen?« + +»Der Sohn des Schneiders Lestyák.« + +»Wie wagt der, unsere Rede zu unterbrechen,« sprach Martin Zaládi +indigniert und winkte dem Heiducken. »Schließen Sie das Fenster!« + +Gabriel Poroßnoki sprang auf, als ob ihn irgend eine elektrische Kraft +emporgehoben hätte. »Ich aber sage, daß man den jungen Mann nicht +wegtreiben, sondern hereinbringen soll, damit wir ihn anhören.« + +Die ernsten Stadtväter schüttelten die Köpfe, wagten es jedoch nicht, +dem angesehensten Senator zu widersprechen, nur Christoph Agoston +murrte: »Der Vater ist ein Narr und der Sohn auch. Von einem Studenten +sollen wir Rat begehren? Freilich, er hat es schon, denn er hat es.« + +»Was?« frug der neugierige Franz Kriston. + +»Das /consilium abeundi/ ... hahaha. Man hat ihn aus Großwardein +davongejagt. Ja, er soll uns Rat geben. Wir haben ohnehin kein großes +Ansehen; so soll denn unser Ansehen noch kleiner werden.« + +Dann erzählte er, daß der Vater blödsinnig sei. Kürzlich schickte der +wackere Pater Bruno seinen Rock zu ihm, damit er die Fettflecke +beseitige. Er beseitigte sie auch, aber so, daß er sie mit der Schere +ausschnitt. Den armen Pater Bruno traf beinahe der Schlag. + +Gyuri Pintyö, der Heiduck, brachte unterdessen atemlos den jungen +Lestyák herein. Es war ein hübscher, schlanker Junge mit so dichtem +Haar, wie eine Bürste. + +»Mein Sohn,« sprach ihn Poroßnoki höflich an, »vorhin hat du etwas +geschrien, was mein Ohr traf. Erkläre dich näher.« + +Max Lestyák kam nicht in Verwirrung, er drechselte seine Worte klar +und verständlich. »Ich habe in der That gedacht, wohledle Herren, daß +unter den Verhältnissen, in denen sich unsere liebe Geburtsstadt +befindet, die toten Fermans, die schriftlichen Versicherungen, nicht +viel wert sind. Hundertmal mehr Wert hätte ein lebender Beg, der unter +uns wohnend sehr viele kleine Unannehmlichkeiten von unseren Köpfen +fern hielte. Wir sind eine freie Stadt, wohledle Herren, aber unsere +Freiheit ist aus Ketten geschmiedet. Suchen wir einen Tyrannen, damit +wir leben können!« + +Die Senatoren blickten einander an, staunend, bezaubert. So schöne +warme Worte hatten sie schon lange nicht gehört, eine so schöne, +sonore Stimme war in diesem Saale noch nicht erklungen. Seit morgens +sitzen sie hier, ohne Rat und siehe da, es war, als ob sich unerwartet +eine Fackel im Dunkeln entzündet hätte. + +»Vivat!« rief Mathé Pußta aus. »Das ist eine kluge Rede.« + +»Er hat Recht!« sagte der greise Georg Pató, seine silberne Mentekette +schüttelnd, »er hat reines Korn aus der Spreu gesondert.« + +Gabriel Poroßnoki stand von seinem Sitze auf, ging auf Max Lestyák zu +und klopfte ihm auf die Schulter. »Junge, du hast von nun an eine +Stimme,« sagte er feierlich. »Setzen Sie sich zwischen uns, Herr +Michael Lestyák.« (Gerade war am grünen Tische ein Sessel frei: +derjenige des Johann Szücs.) + +Die Begeisterung brach bei diesen Worten aus. Die Ungarn lieben die +überraschenden Wendungen und das war eine. Die Stadtväter sprangen +auf, um dem Jungen die Hand zu drücken. Selbst Christoph Agoston +murmelte versöhnt zu Franz Kriston hingeneigt: »Wenn er nur nicht die +Züge seines Vaters hätte! Sein Vater kam noch als Slovake in Sandalen +nach Kecskemét.« + +»Das sieht man dem Knaben gar nicht an.« + +Wirklich konnte jedermann in einem ärztlichen Fachblatte kürzlich +lesen, daß wenn man die Wunde eines Weißen (in ärztlichem Jargon: das +Fehlen der Hautkontinuität) durch die Haut eines Negers ergänzt, daß +das kleine schwarze Hautstück allmählich weiß wird und daß +andererseits die weiße Haut auf dem Körper eines Negers schwarz wird. +Dieser Prozeß geht seit Jahrhunderten in den großen ungarischen +Städten vor sich. Eine fremde Familie geht nach der anderen ganz in +den ungarischen Körper auf, sie nehmen sogar die Farbe desselben an. +Der alte Schneider Lestyák sieht mit seinem grauen Haare, seinem +runden Kopfe wie ein Azteke, während Max mit seinem eiförmigen, harten +Gesichte, mit den nußbraunen Augen, mit seinem dünnen Schnurrbarte +schon ein wahrer Kumane ist, der sich in diesem Saale, wenn er in +einem anständigen Anzuge erschiene und nicht in Hemdärmeln, so +ausnehmen würde, wie der Enkel irgend eines an der Wand hängenden +alten Senators. + +Die Beratung nahm nun mit großer Begeisterung ihren Anfang. Man sprach +es einstimmig aus, daß die Politik Kecskeméts derzeit die sei, um +jeden Preis die Türken zu gewinnen. Dann ging der Vorsitzende +Poroßnoki auf einen anderen Gegenstand über: »Es ist noch die +Besetzung des Oberrichterstuhles zu erledigen. In glücklichen Zeiten +ist das die Belohnung der bürgerlichen Tugend. Die ganze Stadt nimmt +an der Wahl teil. Aber heute, da eine ganze Reihe von Oberrichtern das +Martyrium erlitt, den einen der Ofner Sandschakpascha aufs Rad +flechten ließ, der andere in trauriger Gefangenschaft im +Konstantinopler Jedikala zu Grunde ging, einen dritten die Kurutzen +mit ihren Piken totstachen, die Gattin eines vierten raubten, heute, +sage ich, ist die Annahme des richterlichen Stabes eine heroische +Selbstaufopferung und wir haben nicht das Recht irgend einen unserer +Mitbürger auf dem Wege der Wahl in den Rachen des Unglücks zu stürzen. +Denn wem würden die einzelnen jetzt ihre Stimme geben? Demjenigen, +welchen sie am meisten hochschätzen? Oder demjenigen, welchen sie +hassen? Ist es möglich, daß nicht das allgemeine Vertrauen, sondern +der allgemeine Haß Männer an die Spitze der öffentlichen +Angelegenheiten stelle? Ich, wohledle Herren, halte das für +unmöglich.« (Stürmischer Beifall.) + +»Wahr! So ist's!« + +»Unter solchen Umständen, da der Oberrichter aus den Senatoren gewählt +werden soll, giebt es nur den einzigen /modus vivendi/, daß jemand von +Ihnen freiwillig das Amt eines Oberrichters übernehme.« ... + +Unruhig ließ er seine Blicke im Kreise umherschweifen. + +Es herrschte kirchliche Ruhe im Saale. Die Senatoren rührten sich +nicht. + +»Niemand?« frug er mit düsterer Stirne. »Dann müssen wir zum letzten +Mittel greifen, welches unsere alten Gewohnheiten dann anordnen, wenn +von den Senatoren jemand eine Aufgabe von unheilvollem Ausgange +erhält. Pintyö, bringen Sie die Bleikiste herein.« + +Der Heiduck brachte eine kleine Bleikiste aus dem benachbarten Zimmer, +auf deren vier Seiten je ein Totenkopf ausgehauen war. + +»Hier sind die zwölf Würfel,« sagte Poroßnoki dumpf und ließ sie auf +die Mitte des Tisches kollern, auf dessen grüner Fläche die +eindringenden Strahlen der Herbstsonne mutwillig umhersprangen. Ein +schwarzer und elf weiße Würfel: »Wer den schwarzen zieht, wird +Oberrichter!« Die Würfel legte er wieder in die Kiste zurück. + +»Es sind aber nur elf Senatoren anwesend,« sprach Herr Kriston mit +zitternder Stimme dazwischen, »der eine Würfel ist überflüssig.« + +»Ausgenommen, wenn auch Herr Lestyák einen zieht.« + +»Wenn er eine Stimme hat, muß er auch ziehen,« meinte Herr Zaládi, +»der Mantel der Rechte ist mit Pflichten wattiert.« + +»Er soll ziehen!« entschied man einstimmig. + +Das Auge Lestyák's erglänzte, sein Gesicht erglühte. »Wenn ich nur den +schwarzen Würfel zöge,« dachte er bei sich. + +Unterdessen transpirierte mit Hilfe der Heiducken der Fall Lestyáks in +die draußen harrende Menge, daß die Senatoren seit dem Morgen +gedankenlos dasaßen, daß Max unter das Fenster kam und den Funken der +Weisheit unter sie warf, worauf Gabriel Poroßnoki ihn von der Gasse +hineinrufen ließ und ihn zum grünen Tische unter die Alten der Stadt +setzte. + +Hat jemand schon so etwas gehört? Aber Gabriel Poroßnoki ist dennoch +ein wackerer Mann, der selbst im Schnabel der Eule das Glänzende +bemerkt. + +Das Volk wogte lebhaft vor dem Gebäude. Von Zeit zu Zeit erscholl eine +Stimme aus der Menge: »Es lebe Max Lestyák! Wir wollen Lestyák sehen! +Wir wollen ihn hören!« + +Frau Fábián sprach zu einer großen Gruppe mit lebhaften Gebärden: +»Sein Verstand hat sich enthüllt. Gott hat ihm im Schlafe zu wissen +gegeben, was er sagen soll, wie unsere arme Stadt von den bösen Heiden +befreit werden kann. Warum Gott gerade ihn auserkor, fragen Sie, Frau +Létasi? Weil Se. heilige Majestät immer mit den Kindern der Handwerker +arbeitet. Unser Heiland, Christus, war der Sohn eines Zimmermanns und +dieser der Sohn eines Schneidermeisters. Aber seht nur, er kommt!« + +Aus dem Nachbarhause kam Herr Mathias Lestyák mit raschen Schritten, +indem er in der einen Hand zornig die Elle schwang und in der anderen +einen kornblumfarbigen Mantel hielt. »Wo ist dieser Kerl, daß ich ihn +tot schlage!« schrie er wild. »Er kam hierher, er muß hier sein.« + +»Er ist im Senat«. + +»Wer? Der Max? Wie kam er denn hin? Verbarg er sich vor mir? Ich will +doch warten, bis er herauskommt. Ich werde diesem Kerl schon zeigen! +Zu Staub will ich ihn zermalmen. Vor einer Stunde gab ich ihm daß +Bügeleisen, damit er es wärme, denn noch heute muß ich den Mantel des +Halaser Bürgermeisters nach Hause bringen, welcher darin mit einer +Deputation morgen ins Neograder Komitat geht. Ich rufe jetzt in die +Küche: >Max, bring' schon einmal das Bügeleisen!< Aber weder +Bügeleisen, noch Max erscheint. Soll da der Mensch nicht vor Zorn +bersten?« + +Valentin Katona, der Kürschner, ergriff die Partei des Sohnes. + +»Man kann einen erwachsenen Burschen nicht mehr als Schneidergesellen +beschäftigen und mit dem Wärmen des Plätteisens quälen.« + +»Kümmern Sie sich um Ihr eigenes Kalb,« erwiderte der Schneider roh. +»Was soll ich denn mit ihm anfangen? Früher oder später wird er +ohnehin aufgehängt. Er schnüffelt immer nach städtischen +Angelegenheiten umher. Ich werde dir schon städtische Angelegenheiten +geben. Ich werde den Lumpen braun und blau schlagen.« + +»Daraus wird nichts!« warf Valentin Katona neuerdings ein, an das +heutige große Verdienst des Jungen denkend. + +»Die Erde soll mich verschlingen, wenn ich ihn nicht züchtige.« + +Valentin Katona wollte eben seinem in weicherem Material arbeitenden +Kollegen erklären, wie Max in den Senat gelangte, als das Fenster des +Beratungssaales mit großem Lärm geöffnet wurde und der wohledle Herr +Gabriel Poroßnoki »Verehrliches Volk der Stadt Kecskemét!« mit +Stentorstimme hinausrief, worauf Grabesstille eintrat. »Ich melde euch +im Namen des Senates, daß vom heutigen Tage angefangen, auf ein Jahr +der wohledle und achtbare Herr Michael Lestyák nach unseren Gesetzen +und Gewohnheiten zum Oberrichter der Stadt gewählt wurde.« + +Ein Gemurmel der Überraschung ging durch die dicht gedrängte Menge. + +Es gab zuerst ein Gelächter: »Hahaha! Michael Lestyák! Hehehe!« + +Aber bald begegneten diese Stimmen anderen, welche vielleicht aus +Gewohnheit »Eljen«[3] schrien. + + [3] Hoch! + +Und nach ihnen schlossen sich hunderte von Stimmen dem ersten »Eljen« +an und wuchsen zu einem breiten, durchdringenden Schrei an ... Wenn +das erste »Eljen« bescheidener und das erste »Hahaha« frischer gewesen +wäre, dann hätte sich das »Eljen« geteilt und das himmelstürmende +Geschrei hätte jetzt so geklungen wie das Lachen der Hölle: Hahaha, +Hihihi! + +Je größer die Masse ist, desto leichter ist sie. Wie ein weicher +Flaum, welchen der erste Windhauch in die Höhe trägt, schwankt sie +nach rechts und links. + +Bei den stürmischen Eljenrufen ergoß sich das Volk aus den Gassen. Von +allen Seiten liefen Neugierige herbei. Einige kamen mit Wasserkübeln +und riefen: »Wo ist das Feuer?« oder sie gebrauchten Fragen wie: »Was +giebt's? Was ist geschehen?« + +Das Thor des Stadthauses öffnete sich und die Senatoren traten zu +zweien heraus, in der Mitte Michael Lestyák. + +»Er kommt! Er kommt!« Es entstand ein furchtbares Gedränge. Jedermann +wollte ihm nahe kommen. + +Er schritt stolz, würdevoll einher, wie wenn er nicht mehr der Michael +wäre. Die Röte der Jugend brannte auf seinen Wangen, die Augen ließ er +lächelnd über die Menge schweifen, wie sich dies für ein Glückskind +ziemt. + +Ihm zur Seite schritten zwei Heiducken[4] mit hocherhobenen Stäben, +gleichwie einstmal die Liktoren der römischen Konsuln. Das waren die +Attribute der Macht. + + [4] Komitats-Polizisten. + +Allein es war unserem wohlgeborenen Herrn Richter recht wohl zu gönnen +-- denn das zweiundzwanzigjährige Bürschchen in Hemdärmeln und +abgeschabter Weste nahm sich unter den ansehnlichen Senatoren in +silberknöpfigen Dolmans[5] etwas sonderbar aus. Vielleicht auch war +gerade dies die Sehenswürdigkeit, ob welcher das Volk in Jauchzen +ausbrach. + + [5] Mänteln. + +Der alte Lestyák wurde bald bleich, bald purpurrot. »Mein Gott, mein +Gott, träume ich denn?« (Und dabei rieb er sich die kleinen grauen +Augen, vielleicht auch wischte er eine vordringliche Thräne weg.) +»Nachbar, stützen Sie mich!« Und in der That wäre er zusammengesunken, +hätte Valentin Katona ihn nicht aufrecht gehalten. + +»Na, jetzt möge Ew. Wohlgeboren den Oberrichter der Stadt mit dem +spanischen Rohr bearbeiten, wenn Sie ein solch großer Potentat sind.« + +Er antwortete nichts, allein der Stock entfiel seiner kraftlosen Hand; +er schloß die Augen, allein selbst im Dunkeln fühlte er das Nahen des +Oberrichters; er sprang mit einem Satz, wie ein Hamster, auf ihn zu +und bedeckte ihn mit der ungebügelten neuen Mente, welche noch die +weißen Nähte und die Kreidestriche des Schneiders aufwies. + +Die Menge nahm auch dies mit brausendem Beifall auf, nur Valentin +Katona rief spaßhaft aus: »Halloh! Gevatter Mathias! In welchem Kleid +geht denn nunmehr der Halaser Bürgermeister nach Fülek?« + +Der alte Schneider antwortete in verbissenem Trotz: »Er soll im +Szür[6] dahin. Dazu ist er mir ein zu kleiner Mann, daß ich ihm eine +Mente nähe.« + + [6] Eine Art Weste. + +Und damit brach er sich, gleich einem wildgewordenen Stier einen Weg +durch die Menge, stürzte nach Hause, in den kleinen Garten vor seinem +Häuschen, wo ein großer Birnbaum seine rostroten Früchte begehrenswert +hängen ließ und seine mächtigen Zweige auf die Straße hinausstreckte. +Rasch wie ein Eichhorn kletterte er bis zur Krone hinauf und wie +wahnsinnig begann er an den oberen Zweigen zu rütteln. Die herrlich +duftenden Birnen, seine eifersüchtig gehüteten Schätze fielen dicht in +die Menge »Czup, czup«, und die Kinder und Weiber warfen sich auf den +Himmelssegen, gleich wie das Volk sich auf das Gold stürzt, das der +Oberstkämmerer bei der Krönung in die Luft streut. Auch bejahrte +Männer beugten sich nieder nach den rollenden Birnen. + +»Esset euch toll und voll! Da habt ihr eine Mahlzeit!« schrie der Alte +und rüttelte und schüttelte wild an dem alten Baum, so lange dieser +auch nur eine einzige Birne trug. + +.... So beging er die Installation seines Sohnes. + + + +Drittes Kapitel. + + +Der erste Rausch der Oberrichterwahl war vorüber. Am dritten Tag war +das Publikum ernüchtert. + +»Es war doch nur eine Dummheit,« sagte man. »Ein wahrhaftiger +Faschingsscherz.« + +»Man macht die Stadt lächerlich!« ließen manche sich vernehmen. + +»Das haben die Pfiffikusse, die Senatoren gethan, damit sie ihrer +eigenen lieben Haut zum Winterschlaf verhelfen.« + +Hier und dort brach auch der Ärger hervor, verriet sich der Neid und +ließ die Unzufriedenheit eine ihrer Blüten sehen. + +Allein die nüchternen Machthaber beeilten sich den neuen Oberrichter +anzuerkennen. + +Zülfikar Aga schrieb ihm einen freundlichen Brief aus »der +wohlgehüteten Festung Szolnok«, daß er sein Amt mit einer edlen That +beginnen könnte, wenn er die bei ihm, dem Aga, befindlichen beiden +Einsiedler auslösen wollte. + +Herr Stefan Csuda bat in ziemlich freundlichem Tone um vier +Wagenladungen Brot. + +Nur der Vertrauensmann des Ofner Kaimakam, Halil Effendi, der nach +Kecskemét kam, um hier Steuerangelegenheiten zu ordnen, fuhr im +Stadthause wütend auf, daß man ihn mit einem bartlosen Jüngling +unterhandeln lasse, worauf der Oberrichter sich auf den Fersen +umdrehte und die Thür heftig zuwarf. Einige Minuten später erschien +der Heiducke Pintyö, einen alten Ziegenbock am Stricke nach sich +schleppend. + +»Was willst du mit dem dummen Vieh, du ungläubiger Hund?« + +»Ich brachte es auf Befehl des Herrn Oberrichters. Der Herr möge mit +dem Bock da unterhandeln, der hat einen Bart.« + +Dieser Trumpf gefiel in Kecskemét und die Wage sank zu Gunsten Miskas. + +»Das wird ein Mann! Der läßt nicht mit sich umspringen. Er hat's dem +Effendi tüchtig gegeben. Einen solchen Oberrichter hatten wir noch +nicht.« Und sie beobachteten ihn seither sehr aufmerksam, was wohl aus +ihm werden würde. Und richtig brachte fast jeder Tag der öffentlichen +Meinung eine kleine Delikatesse. Man erzählte sich, der Oberrichter +habe den Goldschmied Johann Balogh und den aus Kronstadt hierher +verschlagenen berühmten Goldschmied Wenzel Walter zu sich berufen: sie +mögen eine Peitsche anfertigen, deren Griff aus reinem Gold sein +solle, ausgelegt mit Topasen, Smaragden und anderen strahlenden +Edelsteinen, ferner einen Filigran-Fokosch, dessen Stiel gleichfalls +Gold und dessen Scheide reines Silber sein müsse. Sie mögen den Tag +nicht für die Nacht ansehen, sie mögen's vielmehr umgekehrt thun. +Diese beiden wertvollen Dinge verschlängen eine Million. (Ja, hat denn +die Stadt für dergleichen Dinge Geld?) Am folgenden Sonntag gingen die +Richter und die beiden Senatoren sämtliche Geschäftsläden durch und +kauften den gesamten Vorrat an nationalfarbenen Bändern auf, alsdann +fuhren sie mit den vier Pferden der Stadt nach dem »Szikra« hinaus. +Der Szikra ist die Sahara der Stadt Kecskemét. Ein Meer aus Sand. +Seither haben die Enkel dort Bäume gepflanzt, damals war der Sand noch +frei, er wanderte und rollte in hohen, wilden Wellen, nach seinem +Gefallen ins Unendliche. Ringsumher auf einem unendlichen Gebiete +weder Wasser, noch Pflanze; die Sonne sendet ihre Strahlen in +lilienweißer Farbe auf die Milliarden winziger Sandkörner, welche sich +in augenblendender Schnelligkeit bewegen, wie wenn Tausende +unsichtbarer Besen unaufhörlich arbeiten würden, oder nur der +Sonnenstrahl sich auf ihnen bewegt und umherspringt. Von einem Tier, +einem lebenden Wesen ist keine Spur vorhanden. Dieses Landgebiet kann +nicht einmal einen kleinen Maulwurf hervorbringen. Denn dieses Gebiet +ist nur auf der Durchreise begriffen. Hier kann niemand zu Hause sein, +da die Erde selbst nicht zu Hause ist. Auch ein Maulwurf liebt es, +wenn er seinen Bau verläßt, ihn wieder vorzufinden. Ei, wer würde es +versuchen hier auch nur einen einzigen Sandhügel zu bezeichnen, den er +morgen wiederfindet? Die Hügel ziehen fort wie der unstäte Wanderer, +sie lösen sich und bilden sich an anderer Stelle wieder. ... Es +herrscht tiefe Totenstille. Nur zuweilen zwitschert eine Schwalbe oben +in der Luft, welche es nicht verschmäht, dort vorbeizufliegen. Weit, +sehr weit schnattert ein Wildentenpaar. Dort ist irgendwo ein Weiher. +Wenn die Sonne aufgeht, ringt sie sich aus einem Sandhügel empor und +sinkt am Abend wieder auf einen Sandhügel herab. Die Sonne selbst +erscheint als ein glänzender Sandhügel, dessen goldener Staub aus der +Höhe auf die graubraune einförmige Welt herabweht. Lange, lange muß +man wandern, bis endlich unwillkürlich ein Freudenruf auf die Lippen +kommt. Jetzt kann das Wasser schon nicht mehr weit sein. Zwischen +zwerghaften Weiden windet sich die romantische Theiß, unser +Süßwasserfluß. Links erglänzt eine kleine Hütte. Üppige Weiden breiten +sich hinter ihr aus, mit wehendem Röhricht. Den Oberrichter +interessierte das Leben der Pußten; er betrachtete Alles der Reihe +nach. Dann befahl er den Ochsen- und Pferdehirten, daß von heute in +vier Wochen bei Sonnenaufgang hundert schön gehörnte weiße Ochsen und +fünfzig der fehlerfreiesten Hengste, deren Mähnen mit nationalfarbenen +Bändern geschmückt, vor dem Stadthause stehen müssen. Auch von den +Hörnern der Ochsen sollen nationalfarbene Bänder herabwehen. Diese +Verfügung blieb nicht geheim, sobald die Herren nach Hause kamen, und +wenn es schon damals in Kecskemét Zeitungen gegeben haben würde, so +hätte der verantwortliche Redakteur diese Nachricht im Entrefilet +veröffentlicht. So aber sprachen die Bürger nur bei den Weinhumpen +davon: »Goldener Fokos! Mit nationalfarbigen Bändern geschmückte +Ochsen und Pferde! Vielleicht will der Sohn des Königs sich bei der +edlen Stadt als Hirt verdingen.« Aber noch größer wurde das Staunen am +anderen Tage, als Gyurka Pintyö es bei Trommelwirbel in den +Hauptgassen mit seiner groben Stimme verkündete: + +»Drum! Brum! Es wird allen jenen, welche es betrifft, kundgegeben!« +Hier pflegte in der Regel der trommelrührende Gyurka eine Pause zu +machen und seinen einem Sellerie ähnlichen Kopf zur Seite zu neigen, +wie eine traurige Gans, aber so geschickt, daß sein Mund bis an den +Rand der in der inneren Tasche seines Dolmans verborgenen Holzflasche +kam, aus welcher er einen guten Schluck that und dann mit durchnäßter +Kehle donnernd fortfuhr: »Daß, wer die Gemahlin des türkischen Kaisers +werden will, sich bis Sonntag bei dem wohledlen Herrn Oberrichter +melden soll.« + +Darauf entstand natürlich ein Hin- und Hergerede. »Ist der Oberrichter +wahnsinnig geworden.« + +»Ein unreifer Knabe!« brummten Viele. Die Eingeweihten, welche wußten, +was der Zweck sei, schüttelten die Köpfe. »Es wird keine Wirkung +haben.« Die Naiven jedoch erstaunten und freuten sich über die +Auszeichnung, denn es ist doch schön, daß der türkische Kaiser seine +Frau aus Kecskemét wählt. Se. Majestät hat einen guten Geschmack. +(Jetzt möge Nagy-Körös reden!) Mädchen und junge Witwen besprachen +erstaunt die interessante Neuigkeit. Sie spotteten und überhäuften +einander mit mutwilligen Reden fünf Tage lang am Brunnen. Der Plan des +Oberrichters streckte wie die Schnecke seine Hörnchen immer weiter +hinaus. Es kam die Nachricht, daß der Sultan Mahomet IV. nach Ofen +käme, auch erzählte man, daß man ihm die hundert Ochsen und fünfzig +Hengste bringe und daß für ihn die Senatoren als Geschenk die vier +schönsten Kecskeméter Mädchen auswählen. + +»Nur vier?« rief mutwillig die schöne Frau Paul Inokai aus; »armer +türkischer Kaiser!« + +»Und wenn du noch wüßtest, Schwester Borcsa,« erklärte Mathias Tóth, +»daß er zu Hause noch dreihundertundsechsundsechzig Frauen hat.« + +»Er muß viel zu thun haben,« warf die geistreiche Frau Georg Ugi ein, +»bis er sie alle des Morgens durchprügelt.« (Und sie schnalzte +mutwillig mit der Zunge.) Ein heller Weiberverstand, derjenige der +Kata Agoston, entdeckte sofort unter den vielen Frauen die +unglücklichste. »Was aber kommt auf die Arme, welche am 29. Februar an +der Reihe ist, in einem Jahre, wo der Februar nur 28 Tage hat?« + +Das konnte wirklich selbst Mathias Tóth nicht beantworten, er brummte +etwas, daß bei den Türken ein anderer Kalender sei, aber das hinderte +nicht, daß ein bis zum Weinen gehendes Mitleid über die +dreihundertsechsundsechzigste Frau sich der Weiber bemächtigte. (O, +arme, unglückliche Seele.) Dann gewann die Neugierde die Oberhand, wer +wohl die Unverfrorenheit haben wird, sich zu melden? Obwohl es keine +Narrheit wäre, zu erfahren, welche die vier schönsten Rosen in dem +Blumengarten Kecskeméts seien, welche der Magistrat auswählen würde? +Heimlich beschäftigten sich gewiß wieder eitle Herzen mit dem eitlen +Gedanken. Aber die Schamhaftigkeit sagte: »Still!« Das Gesicht des +Oberrichters nahm auch alsbald eine enttäuschte Miene an. Bis zum +Sonntag blieb kein einziges Fischlein an der Angel hängen. Das heißt, +daß Frau Fábián mit bemalten Augenbrauen, gesteiften Röcken hinkam. +»Rathen Sie, Herr Oberrichter, warum ich kam?« sprach sie mit ihrem +Blicke kokettierend. + +»Vielleicht kamen Sie um Steuer zu zahlen?« + +»Aber gehen Sie doch.« Und mit ihrem Spitzentuche wehte sie Lestyák +kokett zu. + +»Vielleicht kamen Sie um jemanden anzuklagen?« + +»Nein!« + +»Vielleicht sammeln Sie für die Pfaffen,« fuhr der Oberrichter fort. + +Frau Fábián neigte traurig das Haupt und seufzte: »Wenn Sie es nicht +erraten, dann würde ich es vergeblich sagen.« Es lag in ihrer Stimme +eine Art schmerzlicher Entsagung, eine seelenerschütternde +Melancholie. + +»Was! Sie kommen doch vielleicht nicht, um sich zu melden!« + +»Ich bin Witwe,« sagte sie schamhaft. + +»Das ist ein Grund. Hm!« + +»Ich thue es der Stadt zuliebe,« fuhr sie, bis zu den Ohren errötend, +fort. + +»Aber was würden Pater Bruno, Pater Litkei dazu sagen?« murmelte der +Oberrichter halb zornig, halb lachend, »welche Sie fast zur Heiligen +gemacht haben.« + +»Ich werde eine Messe für meine Seele lesen lassen. Meine Seele wird +auch fernerhin der Kirche bleiben, meinen Körper opfere ich für die +Stadt.« + +»Schön! Schön! Ich werde Ihren Namen notiren.« + +Noch einige aufgeblasene Gesichter meldeten sich außer ihr. Panna Nagy +aus der Czeglédergasse, Witwe Frau Kemenes, Maria Bán. Einige jagte +der Oberrichter aus seinem Zimmer hinaus. »Wirst du dich von hier +packen, du Scheusal, wem zum Teufel kannst du gefallen?« Einem +blatternarbigen Mädchen sagte er zornig: »Hast du zu Hause keinen +Spiegel?« + +»Ich habe keinen, wohledler Herr Oberrichter.« + +»Dann geh', mein Kind, suche dir irgendwo einen Kübel Wasser, +betrachte dich darin und komme zurück, wenn du den Mut hast.« + +Alle diese Details erregten in den wohlinformierten Kreisen große +Heiterkeit. Am nächsten Tage, Montag, war Senatssitzung und die +Senatoren selbst ließen einige bissige Bemerkungen über das +resultatlose Unternehmen fallen. »Nun, befindet sich schon jemand im +Käfig?« + +»Keine einzige ist geeignet,« antwortete Lestyák zornig. + +Herr Gabriel Poroßnoki lächelte gemütlich. + +»Wir haben uns verrechnet. Es wäre leichter für den Kaiser in +Kecskemét vier Mütter zu finden, als vier Odalisken,« sagte der +Oberrichter dezidiert. Er war hartnäckig und unbeugsam in Dingen, die +er sich einmal in den Kopf gesetzt hat. »Wir können nicht ohne Bouquet +gehen.« Und damit schob er den Senatoren den vertraulichen Brief des +Ofner Sandschakpaschas hin, der auf die Erkundigung, welches Geschenk +Sr. Majestät angenehm wäre, mit orientalischer Dunkelheit erwiderte: +»Bring' ihm Pferde, Waffen, Braten und Blumen!« + +Die Blumen müssen da sein. Punktum. Freilich meldete sich bisher +niemand -- weil noch keine Lockspeise ausgesetzt war. Der türkische +Sultan ist in der That keine solche. Wer schwärmt für den türkischen +Sultan? Wenn es noch irgend ein reicher, strammer Müller aus der +Theißgegend wäre, in einem hübschen, fest anliegenden hechtgrauen +Dolman, in Stiefeln und wenn er eine legitime Gattin suchen würde. +Aber der türkische Sultan! Von dem die Frauen unserer Gegend nur +wissen, daß er der Pascha der Paschas ist. Selbst der Spatz würde sich +ja nicht in den Hinterhalt locken lassen, in den aus weißen +Pferdehaaren gewundenen Ring, wenn zwischen den Strohhalmen nicht +rötliche Fruchtkörner hervorscheinen würden. Selbst die kleine Maus +würde nicht in die Falle gehen, wenn darin nicht das weiße Speckstück +verlockend glänzen würde. Auch den Kecskeméter Mädchen muß man die +Lockspeise ausstecken. Und was kann diese Lockspeise sein? Nun, du +lieber Himmel, was anders, als -- die Kleider. Perlen, Bänder, +Spitzen. Auch das ist eine heilige Dreifaltigkeit der Hölle. Von +Belzebub angefangen waltet darin jeder Teufel; der eine ruft: »Komm, +betrachte mich,« der andere ermutigt: »Probiere mich,« der dritte +flüstert: »Sei verdammt meinetwegen.« + +Michael Lestyák sandte dazu geeignete Frauen aus, die einen nach +Szegedin, die anderen nach Ofen zu den türkischen Kaufleuten, damit +sie die schönsten Seidenbrokatstoffe zusammenkaufen: mit Gold- und +Silberblumen durchwirkte Stoffe, feine Blondspitzen, rubinenbesetzte +Gürtel. Sie wurden beauftragt, alles in der glänzendsten Pracht +auszuwählen. Ihr Sinn soll so darauf gerichtet sein, als handelte es +sich darum, vier Prinzessinnen für den Ball herauszustaffieren. + +Der alte Lestyák selbst ruhte nicht, er setzte sich auf einen Wagen im +Auftrage seines Sohnes, um die benachbarten herrschaftlichen Familien +aufzusuchen: Die Vays, Fáys und Bárius, für welche er arbeitete (denn +er war weit und breit als ein meisterhafter Schneider berühmt), damit +er von ihnen für städtische Gemeinzwecke (denn auch sie alle sind +Grundbesitzer in Kecskemét) die Kleider nähenden Fräulein erbitte. +Überall waren die Herrschaftsdamen, die »Patrone der Stadt«, gnädig. +Meister Mathias konnte mit einer ganzen Wagenladung Fräulein nach +Hause kommen. Als in großen Kisten auch die Ware ankam und alles +bewundernswert war, begann unter der Aufsicht Mathias Lestyáks die +fieberhafte Thätigkeit bei Tag und Nacht. Die Scheren, Fingerhüte +klapperten, die Nadeln funkelten und nach und nach begannen die vielen +Sammet- und Seidenstücke Gestalt zu gewinnen. Auch Hauben wurden +verfertigt, für zwei Jungfrauen und zwei Frauen. Man braucht +vielleicht nicht zu sagen, daß, so viele Mädchen und Frauen es gab, +sie alle von diesen Wunderkleidern bei Tag sprachen und bei Nacht +träumten. Es wäre alles im besten Flusse gewesen, wenn der Quardian +Bruno und Pater Litkei sich nicht eingemischt hätten. Diesen gefiel +nämlich der Plan keineswegs, daß in Kecskemét eine türkische Behörde +sein und dies die Stadt gar selbst erbitten solle. »Wer Jehovas +Getreuer ist, der soll mit Allah nicht kokettieren. Denn den treulosen +Diener verstößt der eine Herr und der andere nimmt ihn nicht auf. Seid +auf der Hut, Kecskeméts gottesfürchtige Einwohner.« Sie schimpften, +hielten aufreizende Reden gegen den neuen Oberrichter, der mit den +Türken gemeinsame Sache macht, indem er ihnen die Stadt des heiligen +Nikolaus zuschanzen will, die Jungfrauen raubt und das Seelenheil +verkauft. + +Das Ungarherz ist ein guter trockener Zündschwamm: jeder Funke fängt. +Immer mehr Menschen wurden aufgeregt. Am folgenden Sonntag sammelten +sich unruhige Gruppen nach der heiligen Predigt vor dem Stadthause an, +welche mit drohenden Handbewegungen schrien: »Nieder mit dem +Oberrichter! Nieder mit den Senatoren!« Besonders die Katholiken waren +stark irritiert. Die Lutheraner, deren Vorfahren vor mehr als hundert +Jahren eingewandert sind und die aus Tolna hiehergekommenen Kalviner, +welche in jener Zeit abgesondert in der Friedhofgasse wohnten, liebten +ein wenig die mit den protestantischen Siebenbürger Fürsten +paktierenden Ungläubigen. Den Protestanten erscheint der Turban ebenso +absonderlich wie die Tiara. + +Die Herren Poroßnoki und Agoston liefen erregt zum Oberrichter: »Es +steht sehr schlecht. Das Volk unten ist empört. Hören Sie das nicht?« + +»Ich höre es,« antwortete er gleichmütig. + +»/Quid tunc?/ Sollen wir unseren Plan aufgeben?« + +Max sah sie spöttisch an. »Die Frage ist, ob er schlechter sei, +seitdem der Quardian ihn hintertreibt?« + +»Er ist nicht schlechter geworden,« sagte Poroßnoki, »aber wir müssen +mit den Eventualitäten rechnen. In zwei Wochen werden die beiden +Patres, welche großen Einfluß auf das Volk haben, dasselbe mit Hauen +und Hacken gegen uns treiben.« + +»Die Frage ist, ob wir das Schicksal Kecskeméts entscheiden oder die +Gasse? Ich glaube, wir. Es wird also bleiben, wie wir es beschlossen +haben.« + +Mit so viel Energie sprach der junge Oberrichter diese Worte aus, daß +sie selbst dem eisernen Charakter Poroßnokis imponierten, nur +Christoph Agoston hätte gern ein wenig gestritten. »Der Trotz ist +nicht immer vernünftig, Herr Oberrichter. Das Übel ist da! Dagegen muß +man etwas thun, ehe es uns über den Kopf wächst.« + +»Wir thun ja. Sie werden sich nach einer halben Stunde aufs Pferd +setzen.« + +»Ich?« + +»Sie reisen als geheimer Gesandter in einer wichtigen Angelegenheit.« + +»Wohin?« + +»Setzen Sie sich, wohledle Herren, aber legen Sie ein Schloß an Ihren +Mund, denn wer verrät, was ich sage, dem mache ich einen Strafprozeß.« + +»Er spricht wie ein Diktator,« murrte der kränkliche Zaládi. + +Unterdessen waren die Senatoren herein gekommen, blaß, mit +aufgedunsenen Gesichtern, einigen sah der Schreck aus den Augen. +»Hört! Hört!« + +»Herr Agoston, Sie werden den Kurutzentrupp aufsuchen, namentlich +Stefan Csuda.« + +»Diesen Dieb! Nun, dem werde ich es geben, er soll mir nur vor die +Augen treten.« + +»Sie werden ihm nichts thun, sondern vielmehr mit ihm höflich +unterhandeln, um wie viel er geneigt wäre, noch einmal den Quardian +und Pater Litkei zu rauben -- aber sofort. Diese beiden Menschen haben +wir einige Zeit nicht nötig.« + +Das ernste Gesicht der Stadtväter erheiterte sich zu einem Lächeln, +kein einziger war mehr blaß. Herr Poroßnoki schlug sich lustig mit der +Hand vor die Stirn. »Nun, das wäre mir auch nicht eingefallen. Eure +Gnaden sind ein geborener Diplomat.« + +»Die Notwendigkeit ist ein guter Lehrer, oft ein besserer als die +Erfahrung. Über die Pfaffen haben wir keine Macht, wir können sie +weder gefangen nehmen, noch ihnen die Kanzel verbieten. Es giebt nur +ein Mittel: Stefan Csuda.« + +»Wie viel kann ich versprechen?« fragte gut gelaunt der hinausgehende +Agoston. + +»Sie können es billig abmachen, denn er hat jetzt nichts mehr zu thun, +überdies schlägt es in sein Fach. Versprechen Sie ihm die Hälfte von +dem, was er begehrt.« + +Nach einer halben Stunde wirbelte bereits die Stute Agostons den Staub +aus der Czegléder Straße auf und am Abend des dritten Tages führten +die Csudas die frommen Mönche gebunden auf demselben Wege fort ... So +erfolgreich war die geheime Sendung des Herrn Christoph Agoston, +welche er bis zu seinem Todestage stets mit großer Vorliebe erzählte, +immer prächtiger, romantischer und in seinem Greisenalter mit den +prahlerischen Worten anfing: »Hei! Als ich noch plenipotenter +Gesandter war am Hofe Sr. Majestät des Herrn Thököly!« + + + +Viertes Kapitel. + + +Die Pfaffen wurden weggeführt, die Kecskeméter Volksrevolution schlief +ein und der denkwürdige Tag rückte heran, an welchem man nach Ofen zog +mit den Geschenken -- zum türkischen Kaiser. Die Kleider waren fertig +und an den letzten drei Tagen wurden sie auf dem Stadthause zur +allgemeinen Besichtigung ausgestellt. Nun, das gab eine Prozession. +Der Heiduck Pintyö behütete den großen Tisch, auf welchem die Schätze +verlockend ausgebreitet waren. Der alte Gyurka stand dort wie ein +Cherub, statt des Flammenschwertes hielt er den Haselnußstab in der +Hand. So schön war all der Flitter, daß er selbst darüber betroffen zu +sein schien. Solche Fetzen sind den Frauengesichtern eine große +Nachhilfe. Die hübscheren Frauenzimmer ermutigte er zuweilen, auch das +gehörte zu seinem Amte. »Probieren Sie es nur, mein Täubchen, dort im +anderen Zimmer.« Und wer hätte widerstanden? Gab es ein Herz, welches +nicht lauter gepocht hätte, einen Blick, der nicht gefangen genommen +worden wäre? Alle Pracht von »Tausend und eine Nacht« ist nichts +dagegen. Wie viele Mägdelein trippelten furchtsam wie Rehe um all +diese Herrlichkeiten und ließen die Blicke sanft über dieselben +schweifen, allein alsbald öffneten sich die Augen weit und begannen zu +leuchten wie zwei flammende Lichter, die Glieder begannen leise zu +beben, die Schläfen brannten und pulsierten rasch, und zu solcher Zeit +begann dann der Heiducke zu sprechen: »Probier's doch, mein Täubchen!« +Und sie probierten es und wären sie daran gestorben! Allein wehe, wer +den Glanz einmal angelegt. Herrliche Bänder wurden ihnen in die Haare +geflochten, der Leib wurde schlank geschnürt, man legte ihnen +wunderbar gestickte Hemden, Kleider aus himmelblauer Seide an, in +welche silberne Halbmonde gestickt waren, und dann die karmoisinroten +Stiefelchen und den blendenden Schmuck: »Na, mein Seelchen, jetzt +besieh dich doch einmal!« Man stellte einen Spiegel vor sie hin und +die Mädchen begannen zu jubeln vor Freude: sie sahen ein Feenmärchen. +Und wenn sie sich also bewunderten, vor Sehnsucht brennend, mit +wogendem Busen und mit dem süßen Hunger der Eitelkeit, da trat wieder +der Cherub vor: »Na, jetzt war's aber genug, entkleide dich -- oder +wenn es dir beliebt, so geh' für alle Zeit in solchen Kleidern +einher.« + +Welche hätte wohl die Kraft, zu sagen: »Ich lache Euch aus« und das +bezaubernde Mieder zu öffnen, die wundervollen Kleidchen vom Leib zu +schälen, die reizenden Karmoisinstiefelchen abzulegen, den funkelnden +Schmuck abzulösen und wieder hineinzukriechen in die alten Kittel. +Alle wollten den Versuch machen -- keine einzige aber legte die +Herrlichkeit gern ab. Selbst ältere Frauenspersonen bekamen bald das +Fieber, sie hätten sich gern in diesen Kleidern gesehen -- und es +waren ihrer, bei Gott, solche, die man in Szegedin als Hexen verbrannt +hätte. Schließlich mußte gar ein Verbot erlassen werden. Nur die +Schönen, Waisen und Armen durften die Kleider probieren. Gevatter +Pintyö hatte es so weit gebracht: er bestimmte, wer schön sei. Paris +hatte nur einen Apfel, er hatte einen ganzen Korb voll. Man bewarb +sich aber auch um seine Protektion mit bezauberndem Lächeln, mit +Schinken und Kuchen, auch ein Krug voll Wein stellte sich von da und +dort ein. Denn es war ja das kein kleines Amt. Dies stellte sich +sozusagen erst später heraus, als es nach zehn, zwanzig Jahren den +Frauen ein gewisses Ansehen gab, wenn sie sagen konnten: »Oho, mich +hat kein Storch ausgebrütet, auf meinem Leib prangten auch einst die +Kleider der Lestyák.« Es wurde beinahe ein Sprichwort daraus. Wie erst +damals, als die Sache noch warm war, konnte es da gleichgültig sein, +wer die Kleider tragen durfte und wer nicht, wer amtlicherseits schön +gefunden wurde und wer unbrauchbar war? Gar viele bittere, brennende +Thränen wurden da geweint. Ich will den Alten nicht des Mißbrauchs der +Amtsgewalt anklagen, auch dessen nicht, daß er sich bestechen ließ (es +fiele auch ein wenig schwer, dies heute, nach zweihundert Jahren +beweisen zu wollen) aber Thatsache ist einmal, daß er gar viele +Taktlosigkeiten beging. Da war zum Beispiel die Geschichte mit dem +Zigeunermädchen. + +Es kam nämlich die Kleine, in Lumpen gehüllt, barfuß, zerzaust, ließ +die großen Augen über die Schätze hinfliegen und der Mund blieb ihr +offen stehen. Wie glänzende Perlen aus dem Orient funkelten die weißen +Zähne im roten Mündchen. (Der alte Esel nahm es gar nicht wahr.) Sie +war noch ein Kind, schlank zwar, aber kräftig gebaut. Lange strich sie +um die Schätze herum, zauderte, bis sie den Heiducken endlich +anredete: »Und ich -- darf ich wohl?« + +Gyuri Bácsi blieb erst wie Eis, dann sagte er verächtlich: »Wozu ein +Hufeisen an einer Kröte Fuß? Geh' zum Teufel?« + +Als wäre jedes Wort eine Wolke gewesen, die sich auf das Antlitz des +Mädchens herabließ, so traurig wurde das Kind. Selbst dieses wild +aufgewachsene Eichhörnchen wurde von dem Tand gebannt. Es wandte sich +ab und wischte mit dem Arm die hervorquellenden Thränen aus den Augen. + +Zum Glück -- oder vielleicht zum Unglück -- war der Oberrichter eben +im Zimmer und betrachtete ihren Kummer. Er berührte mit der Hand ihre +Schulter. Erschreckt fuhr sie in die Höhe. »Wähle unter diesen +Kleidern und kleide dich an.« + +Zagend schaute sie zu ihm auf. »Der erlaubt es nicht!« (Sie zeigte mit +einer Gebärde auf Pintyö.) + +»Aber wenn ich es gestatte, ich, der Oberrichter der Stadt.« + +Sie lächelte unter Thränen, indem sie ihn anschaute. »Du befiehlst +hier? Wahrhaftig?« + +»Pintyö,« sprach der Oberrichter lächelnd, »tragen Sie der Kleinen das +schönste Kleid hinein. Sehen wir zu, was man aus ihr machen kann.« + +Sie konnten es schon nach einer Viertelstunde sehen. Als sie aus dem +Ankleidezimmer trat, gewaschen und angekleidet, da hörte man ein +Murmeln der Bewunderung. Ist's ein Traumgebilde oder ein lebendes +Wesen? Sie war wie eine Königstochter von blendender Schönheit. Das +kirschrote seidene Leibchen ließ entzückende Formen vermuten, der Rock +schlängelte sich anmutig bis zu den Knöcheln. Ihre Lippen wetteiferten +an Röte mit dem Rubin und ihr tiefschwarzer Zopf lief so weit +hinunter, als er nur etwas von ihrem Körper, sich daran zu schmiegen, +fand. + +»Wessen Tochter bist du?« fragte der Oberrichter entzückt. + +»Des alten Bürü Tochter, der beim >Schmucken Husaren< zu musizieren +pflegt.« (Der >Schmucke Husar< war eine berüchtigte Csárda unter den +Tanyen[7] des Theißufers.) + + [7] Eine Niederlassung. + +»Wie heißt du?« + +»Czinna.« + +»Kommst du mit uns nach Ofen?« + +Sie zuckte gleichgiltig mit der Schulter. + +»Kommst du, so gehört das Kleid dir.« + +»Ich gehe.« + +So fand man die erste Blüte des Blumenstraußes. Auch die übrigen +fanden sich. Man mußte nur von den vielen die passendsten drei +auswählen. Die flachshaarige Marie Bari mit ihren veilchenblauen +Augen, ihrer reizenden Taille; die stattliche, hohe Magdolna und die +runde, üppige Agnes Pál mit ihrem roten Gesicht, eine knospende Malve. +Nie küßte Schönere der Sultan, nie besang Herrlichere Firdusi. + +Nun konnten sie sich schon auf den Weg machen. Sonntags kam die +Rinderheerde, hundert prächtige Ochsen, alle mit hübschen Glocken, +bändergeschmückten Hörnern, es kamen die Pferde, fünfzig schlanke +Fohlen, jedes mit einem silbernen Glöcklein. Auf die beiden Wagen +setzten sich zu zweien die Mädchen, das heißt, zwei unter ihnen waren +Frauen, die »falschesten« zwei Frauen, denn sie gaben sich nur als +solche. In ihren blauen, mit silbernen Spangen versehenen Mänteln +bestiegen hierauf auch die Herren Senatoren die Wagen. Im ersten Wagen +saß der Oberrichter mit Franz Kriston, auf dem Rücksitz Josef Inockai. +Einer bringt die Hengste, der andere die Rinder. Herr Agoston, der auf +dem anderen Wagen saß, avancierte vom Deputierten zum Blumengärtner -- +so ist nun einmal die Politik. Gabriel Poroßnoki trug die Waffen in +prächtigem Seidenfutteral. Der Sechste vom Stadthause, der kleine +verwachsene Georg Imecs sah zwar nicht gut aus, aber er sprach gut +türkisch und tatarisch, so nahmen sie ihn mit zum »Schmieren«. Das +Eljengeschrei der Versammelten ertönt, die zu Hause gebliebenen Frauen +reißen die Tücher vom Kopfe, um mit denselben zu winken, die Kutscher +treiben ihre Pferde an, die Czikose[8] schwingen ihre Peitschen und +nun setzt sich der glänzende Zug unter Musikbegleitung in Bewegung, +denn die Glocken der hundert Ochsen ertönen und die fünfzig +Silberglocken läuten. Der Weg ist eintönig, wir beschreiben ihn nicht, +im Alföld ist alles gleichförmig. Die Ortschaften, die Städte, die +Dörfer, die Ebene mit ihrer Fata Morgana, der nur das Sinken des +Himmelsgewölbes ein Ende macht, der graue Boden, aus dem die matte +Herbstsonne buntfarbige Blumen zaubert, ist überall derselbe. Eine +Gemarkung gleicht so der anderen, wie eine Elle Tuch der anderen, wenn +sie von einem Stücke sind. Hie und da erblickt man eine einsame Tanya, +ein weißes Häuschen, einen Brunnen. Am Ende der Ortschaften erscheinen +die Windmühlen mit ihren ausgebreiteten Flügeln. Es ist wahrlich +köstlich, wie einförmig auch die großen Städte Alfölds waren. Jede +hatte ein Ding, womit sie sich brüstete. Debreczin mit seinem +Kollegium, Szegedin mit seiner Mathiaskirche, Kecskemét mit dem +Nikolausturm, auf dem im besten Einvernehmen der kalvinische Hahn, der +lutheranische Stern und das katholische Kreuz zu sehen waren; jede +Stadt hatte auch ein berühmt gewordenes Nahrungsmittel aufzuweisen, +Debreczin die Wurst, Kecskemét den Apfel, Szegedin den Paprika. Sie +entwickelten sich auch geistig gleichförmig, eine jede zeigte, was sie +/in puncto/ des Geistes kann. Debreczin hatte seinen Csokonai, +Szegedin seinen Dugonits, Kecskemét seinen Katona.[9] + + [8] Pferdehirten. + + [9] Ungarische Dichter. + +Unsere Helden aber reisten munter fort, bis sie sich endlich im großen +Ameisenhaufen Ofen befanden, wo sie sofort zu ihrer Aufgabe sich +stellten, jeder, wie sie ihm zugeteilt war. Die erste Rolle fiel dem +»Schmiermenschen« zu, der sich von der »schmierenden« Frau[10] nur +darin unterscheidet, daß er den Leuten die Schmerzen nicht mit Fett, +sondern mit Gold austreibt. Er lief von Pontius zu Pilatus, um dort zu +argumentieren, daß die Audienz bewilligt werde. Der Padischah +genehmigte, daß am Mittwoch die Stadt Kecskemét vor sein glanzvolles +Angesicht trete. + + [10] Eine ungarische Masseuse. + + + +Fünftes Kapitel. + + +In großer Gala erschienen unsere Freunde, den Säbel an der Seite. Herr +Michael Lestyák zeigte sich als ein fescher, hübscher Jüngling. Er +hielt die Ansprache, er beschrieb die traurigen Zustände in Kecskemét +so treu, so schön, daß die vier hinter ihm stehenden Senatoren in +Thränen ausbrachen. (Herr Imecs wurde bereits gestern nach Hause +gesendet.) Die Rede gipfelte nach vielen Stilblüten darin, daß die +Kecskeméter dem Allgewaltigen mit dem Ersuchen zu Füßen fallen, dieser +möge ihnen einen ständig in Kecskemét wohnenden Pascha bewilligen oder +einen anderen Würdenträger, wenn er auch nur so groß wäre, wie ein +kleiner Finger, der sie fortab vor den Plünderern bewahre. Blos das +Faktum, daß ein Mann des erhabenen Sultans in Kecskemét ist, rettet +den Frieden und die Existenz der Stadt. Nach einer rhetorischen +Wendung malte er es sodann schwungvoll aus, welch herrliches Leben der +Pascha dort führen würde; sie werden ihm ein Steinhaus bauen, werden +ihn schätzen und achten, werden ihn bedienen, aus ihrer Hand werde er +den süßen Honig essen können und so weiter. + +Nun übersetzte der Dolmetsch des Ofner Pascha Nazur Bey die Rede dem +Sultan, der dieselbe mit apathischem Gesichte und sehr gelangweilt zu +Ende hörte. Im übrigen war dieser ein ganz sympathischer Herr; etwa +vierzig Jahre alt. Hie und da nickte er dazu mit dem Kopfe. + +Ibrahim Pascha, der Ofner General, stand neben dem Sultan mit +verschränkten Armen und lauerte mit blutunterlaufenen Augen, wie wenn +er sagen würde: »Die Rede haben wir nun gehört, nun lasset uns die +Argumente sehen.« Diese folgten sofort. + +Gabriel Poroßnoki trat hervor, öffnete das apfelgrüne seidene +Futteral, das er vor sich hinhielt, er entnahm demselben die prächtig +gearbeitete goldene Peitsche und den Fokos, dann legte er sie auf den +Schemel zu Füßen des Sultans. »Wir legen zu deinen Füßen, erhabener +Herr, die Waffen Kecskeméts.« + +Der Sultan bückte sich, hob die Peitsche auf und betrachtete dieselbe +eine Zeitlang. Dann wechselte er mit Ibrahim einige leise Worte. + +Unterdessen hatte der Herr Senator Inokai gerade seine Kehle gewetzt +und leierte dann mit ehrerbietigem Krächzen folgendermaßen: »Deinen +heldenhaften Soldaten haben wir einen kleinen Braten gebracht, größter +der Sultane, sei so gnädig und betrachte denselben durch das Fenster.« + +Bey Nazur verdolmetschte auch dies mechanisch, worauf sich der Sultan +unwillig vom Sopha erhob, um zum Fenster zu treten, von wo aus die +prächtigen Rinder und Fohlen zu sehen waren, zu denen Herr Franz +Kriston den Prolog gestammelt. All' dies interessierte den mächtigen +Herrn des Orients nicht besonders, müde ließ er sich wieder auf das +Sopha fallen. ... Jetzt öffnete sich die Thür des Saales und ein +kühlender Windhauch schlich sich ein. Vielleicht hatte dies das +Knistern der vier Weiberröcke verursacht. Die Kecskeméter Mädchen +traten ein, frisch und lieblich. + +Der Sultan sprang erregt empor. Christophus Agoston stellte sich in +die Mitte des Zimmers, einem Schuljungen gleich und mit Gesten, als ob +er einen Strauß in den Händen hielte, den er dem Papa überreicht, +deklamierte er verschämt: »Wir brachten auch ein klein wenig Blumen, +gnädigster Herr.« + +Der Sultan verstand gewiß nicht die ungarischen Worte, jedoch er +geruhte jetzt auch ohne jedes weitere Hinzuthun zu lächeln. Dann rief +er fröhlich dem Ofner Pascha zu: »Einen Schleier über sie, schnell, +Ibrahim,« (dies wollte in orientalischer Sprache so viel heißen: +»Befleckt sie nicht einen Augenblick länger mit Euren wollüstigen +Blicken.«) + +Während der Pascha hinausstürzte, um Verfügungen zu treffen, teilte +der Sultan in langen gedehnten Worten etwas dem Dolmetsch mit. + +»Se. Majestät der Sultan, dessen Schatten Allah beschirme, sagt Euch, +Ihr Ungläubigen, daß er Eure Wünsche berücksichtigen wird. Verhaltet +Euch bis dahin ruhig und wartet draußen.« Der Dolmetsch winkte und +damit war die Deputation entlassen. + +Als aber Herr Agoston die gute Laune des Sultans sah, glaubte er die +Zeit gekommen, irgend eine ewig denkwürdige That zu vollführen; er zog +daher die hinausgehenden Vorsteher bei ihren Mantelflügeln zurück und +sprach zu dem Dolmetsch: »Mächtiger Dolmetsch, rechte Hand deines +Herrn, vermittle noch eine Bitte!« + +Der Großvezier, die anwesenden Paschas und Ulemas betrachteten den +Tollkühnen betroffen, und nicht weniger überrascht waren die +Kecskeméter Herren, aber der Sultan, an die Blumen Kecskeméts denkend, +lächelte noch immer, und wenn der Sultan lächelt, scheint die Sonne, +die Gräser wachsen, die Steine spielen Harfe und alles ist in Ordnung. + +»Nun, was wollt Ihr noch?« rief der Stellvertreter Ibrahim Paschas, +Hassan, aus. »Sagt es schnell, denn es warten noch viele Deputationen +draußen.« + +»Gerade das ist es,« fuhr Christoph Agoston ermutigt fort, »wir sahen +draußen die Nagy-Köröser Deputation und wir bitten Se. Majestät ganz +ergebenst, daß er ihr nichts gewähre, was sie auch verlangen möge.« + +Der Vertreter des Sultans lachte und interpretierte selbst dem +Beherrscher der Gläubigen diese zweite Bitte. + +Auch der Beherrscher der Gläubigen lachte über den sonderbaren Wunsch +(so etwas kam ihm in der Praxis noch nicht vor) und frug lebhaft, was +der Grund davon sei. + +Lestyák gab die Antwort: »Nagy-Körös und Kecskemét sind so mit +einander wie Mekka und Medina, wie Hund und Katze.« + +Der Sultan geriet in eine prächtige Laune, der Dolmetsch +interpretierte gleichfalls mit freudestrahlendem Gesicht die Antwort +des Herrschers: »Freut Euch! Der gnädige Padischah wird Eure erste +Bitte genau überlegen, die zweite vollführen.« + +Damit gingen die Kecskeméter in den Hof hinaus, den auf den Einlaß +wartenden Köröser Nachbarn »guten Morgen« wünschend. + +Nach einigen Minuten schlich sich der Vertraute des Sultans zu ihnen +und vertröstete die Senatoren, ihnen auf die Schulter klopfend: »Ihr +seid glückliche Spitzbuben! Ihr habt den Sultan ganz gewonnen und ihn +erheitert. Kein Zweifel, alles wird geschehen.« Er rieb sich zufrieden +die Hände. Es waren ihm nachträglich hundert Dukaten versprochen +worden, wenn in Kecskemét eine türkische Behörde installiert wird. + +Unter großen Hoffnungen schritten sie draußen auf und ab, die Rede des +Oberrichters lobend und das Auftreten Agostons. Herr Agoston selbst +war ganz entzückt. »Nicht wahr, daß ich etwas wert bin? Da giebt es +doch Verstand, Gevatter?« + +Nach ungefähr anderthalb Stunden kam der türkische Vertrauensmann +wieder zurück. Zornig schlenkerte er mit der Hand, sein Gesicht war +rot vor Grimm wie Paprika. »Nun, Schweine,« schrie er von weitem, »Ihr +habt Euer Glück mit Füßen getreten!« + +Die wackeren Herren sahen ihn versteinert an. »Was ist geschehen, um +Gotteswillen?« + +»Das ist geschehen, Ihr Esel, daß die Nagy-Köröser Deputation, die +Entfernung der Ofner und Szolnoker Paschas beklagend, als Sitz einer +zu errichtenden türkischen Obrigkeit Kecskemét wünschte.« + +»Wir aber« ... stotterte Josef Inokai. + +»Ihr aber ließet den Sultan versprechen, daß er den Wunsch der +Nagy-Köröser, welcher es auch sei, nicht erfüllen werde. Erstarret!« + +Damit drehte er ihnen den Rücken, nachdem er zuvor einige Male +türkisch vor sie hinspie. + +Man hätte die Betroffenheit sehen sollen. Lestyák nagte den +Schnurrbart, der ehrliche Poroßnoki schimpfte, Kriston bekam +Nasenbluten vor Schreck, der alte Inokai begann zu schluchzen, während +Herr Agoston direkt zu den Wagen ging, welche an der Donau standen, +sich in den einen hineinlegte und mit der Bunda[11] zudeckte, weil ihn +ein solches Fieber schüttelte, daß es, gleichmäßig verteilt, für +hundert Schnupfen ausgereicht hätte. + + [11] Ungarischer Pelz. + +»Jetzt könnten wir nach Hause gehen,« unterbrach Kriston die traurige +Ruhe. + +»Wir warten den Beschluß des Sultans ab,« meinte der Oberrichter. + +Es mag Vesperzeit gewesen sein, als der Kaimakam des Sultans in +Begleitung des Dolmetsch sie abholen kam. Er geleitete sie in einen +Saal und übergab ihnen einen Kaftan, indem er durch den Mund des +Dolmetsch sagte: »Das schickt Euch Se. Majestät der Padischah. Ihr +werdet gewiß einen guten Gebrauch davon machen!« + +Die Senatoren blickten traurig auf das dunkelgrüne +Sammetkleidungsstück, welches mit goldenen Schnüren und Bändern +geschmückt war und erstaunt schienen die Kecskeméter einander zu +fragen: »Also nur so viel?« + +Herr Poroßnoki gab seiner Unzufriedenheit auch in Worten Ausdruck: +»Mehr ließ Se. Majestät nicht sagen?« + +»Mehr nicht,« erwiderte der Kaimakam mit großem Phlegma. »Der Sultan +war Euch gut gesinnt, aber er mußte sein Wort einlösen. Ihr selbst +habt es doch gewünscht.« + +»Könnte man nicht noch einmal zu ihm gelangen?« + +»Das geht nicht.« + +»Donnerwetter! Wir sind schön daran! Es wird zu Hause eine Freude +geben.« + +»Wenn dem so ist,« sagte der Oberrichter kalt, »dann fassen Sie diesen +Kaftan an, Herr Kriston.« + +Franz Kriston ergriff sehr zornig und unehrerbietig den mit einer +Bärenhaut wattierten Mantel, so daß das eine Ende desselben die Erde +kehrte, und schleppte ihn mit großem Lärm dem Oberrichter nach. Als er +zu den Wagen gelangte, warf er ihn in eine Ecke wie einen Fetzen. + +Herr Agoston war bereits verschwunden; der eine Kutscher konnte über +ihn nur so viel Aufklärung geben, daß er sich im Wagen nach Waitzen +führen ließ, wo er eine verheiratete Tochter hatte, er sprach wenig, +denn seine Zähne klapperten sehr, aber so viel sagte er doch, daß er +Kecskemét nie wieder sehen werde. Als man die Pferde gefüttert und +getränkt hatte und die Unserigen sich auf den Heimweg begaben, +dunkelte es bereits, der Rauch der Schornsteine vermischte sich mit +dem Nebel, die Frösche quakten häßlich in den Pester Sümpfen (auf dem +jetzigen Kettenbrückenplatze), die Priester schrien unausstehlich von +den Ofner Minarets, während aus der Pester alten Burg die Eulen +geisterhaft hervorhuschten. Nur weit, in irgend einem Dörfchen erklang +eine weinerliche christliche Glocke. Der Nebel war rötlich-weiß, wie +frisch gemolkene Milch, halb durchsichtig, so daß man spöttisch +lachende kämpfende Drachen, gepanzerte Wundertiere, Gespenster in +Laken hervorscheinen sah. Am Himmelsgewölbe breitete sich eine einzige +dunkelblaue Wolke schwerfällig aus. + +Als sie die Pester Häuser verlassen hatten und mit schwerer Not aus +dem Sumpfe jenseits des Hatvaner Thores herauskamen, wo der Wagen +Kristons beinahe in einer Linnenbleiche stecken geblieben wäre, rückte +die Wolke mit einem Male fort und verschlang plötzlich den Mond, wie +wenn ein großer Silberthaler in einem blauen Strumpf versinkt. Es ward +etwas finsterer; eine feierliche, melancholische Stille kam über die +schlafende Natur. Nur die Wagen knisterten in ihren Achsen und hie und +da wurde ein Hahnenruf in den Pester Tanyen laut. Die Pferde zogen +ungern weiter, die Kutscher fluchten und die Senatoren saßen in tiefe +Gedanken versunken wortlos neben einander, nur zuweilen einige Worte +austauschend. Und doch hätten sie auch ihre Gedanken austauschen +können, denn diese waren die gleichen. Wenn der eine sagte: »Wie +sollen wir zu Hause das große Nichts übergeben?« antwortete der +andere, nachdem er in die Nacht hinein gestarrt hatte: »Ich wäre jetzt +lieber ein Schäferhund, als ein Kecskeméter Senator.« Der dritte hob +sein gebeugtes Haupt und setzte seufzend hinzu: »Für hundert Ochsen +und fünfzig Pferde einen grünen Mantel -- das ist ein guter Markt.« +Damit wurden sie wieder schweigsam und starrten neuerdings in den +weißen Nebel, aus welchem sich jene bizarren Gestalten abhoben. Mit +einem Male trat aus einer dieser Nebelsäulen ein Gespenst hervor. +Augenscheinlicher, wahrer als die anderen, es stellte sich den Pferden +entgegen ... und sein Schatten bewegte sich auf der Straße. Die Pferde +der Voranziehenden stutzten. Der Kutscher blickte auf. Ein weiche +weibliche Stimme erklang: »Bleiben Sie stehen!« + +Der katholische Inokai machte das Zeichen des Kreuzes: »Alle guten +Geister loben den Herrn!« + +»Wer bist du?« fragte Kriston. + +»Ich bin die Czinna, das Zigeunermädchen. Nehmt mich schnell in den +Wagen.« + +Anfangs erschrak nur Inokai, aber jetzt waren Kriston und Poroßnoki zu +Tode erschrocken. Sogar der auf dem anderen Wagen befindliche +Oberrichter verschmähte es nicht herabzuspringen. »Wie kommst du +hierher, du Krähe?« + +»Ich bin davon gelaufen!« antwortete Czinna kurz. + +»Gerade das ist's, warum bist du geflohen?« + +»Weil ich mich langweilte.« + +»Du Hundeleber!« schrie Kriston und kratzte sich den Kopf. »Weißt du, +daß man uns alle deineswegen hängt? Wirst du dich gleich zurückpacken! +Was sollen wir thun? Was sollen wir thun?« + +»Man muß sie zurückgeleiten,« meinte auch Poroßnoki. + +Die glänzende Fläche des Mondes trat jetzt hervor und beleuchtete das +schöne Mädchen. Ihr prächtiges Gewand war ganz beschmutzt, ihre +Stiefel waren kothig, der Rock im Sumpfe durchnäßt, durch welchen sie +watete. + +»Ich will nicht zurückgehen,« murrte sie trotzig und ihre weißen Zähne +leuchteten, denn sie klapperten ein wenig. Fröstelnd knöpfte sie ihren +Überwurf zu. + +»Du mußt zurückgehen,« sagte der Oberrichter, »wir spielen mit unseren +Köpfen.« + +Das Mädchen zuckte zusammen, richtete ihre schönen, großen Augen auf +den Oberrichter, aber mit einem so wunderbaren Blicke, daß der +Oberrichter ausrief: »Komm' also, setze dich zu mir in den Wagen. Ich +werde dich nach Hause führen.« + +»Herr Oberrichter! Herr Oberrichter!« warnte Poroßnoki melancholisch. +»Was thun Sie?« + +»Auf meine Verantwortung!« + +»/Juventus ventus/,« murrte Inokai. + +Die Augen Czinnas blitzten wieder, es lag darin die Wärme der +Hundetreue. Dann sprang sie zum Oberrichter mit einem leichten +Schwunge wie eine Wildkatze. + +Die Wagen setzten sich wieder in Bewegung. + +»Du frierst,« sagte Lestyák, ihrem Atemzuge lauschend. Dann zog er den +kaiserlichen Mantel hervor und breitete ihn über ihre Knie. Er +betastete mit seiner Handfläche ihre Stirn, sie war ein wenig heiß, +aber wie glatt, wie süß anzufühlen! Das Blut des Oberrichters begann +zu sieden. + +»Ach, es giebt nur einen glücklichen Menschen,« seufzte unterdessen +auf dem ersten Wagen Inokai, »Herrn Christoph Agoston, der seinen Kopf +an einen sicheren Ort gelegt hat, nach Waitzen.« + +»Ach, es giebt nur einen glücklichen Menschen,« seufzte im letzten +Wagen der junge Ochsenhirt vor dem alten Roßhirt: »Unseren +Oberrichter, Herrn Lestyák, denn dieser kostet die roten Lippen des +Zigeunermädchens und mißt mit dem Arm ihren schönen schlanken Leib.« + +»Sag' mir Czinna,« fragte der Oberrichter, »wie bist du entflohen?« + +»Ich bestimmte den alten Türken, welcher an der Thüre wachte, +einzuschlafen und er schlief ein.« + +»Wie konntest du mit ihm türkisch sprechen?« + +»Ich nahm mein Halsband vom Halse und gab es ihm.« + +»Und die anderen?« + +»Auch diese habe ich angeeifert, aber sie wollten nicht kommen. Hier +zu Hause hätten sie sich im Tagelohn verdingen müssen, dort gab es ein +prächtiges Mittagmahl, Braten, dreierlei geschmackvolle +Fruchtgattungen. Auch Mamaliga[12] gab es vielleicht dort. Das +Nachtmahl wartete ich nicht mehr ab.« + + [12] Kuchen aus Maismehl. + +»Aber du gingst doch gut gelaunt mit uns.« + +»Ich freute mich über die Kleider.« + +»Und du hast sie schon satt?« + +»Ich verabscheue sie und sehne mich nach meinen Lumpen.« + +»Ei, ei,« sagte der Oberrichter traurig, »du kannst noch viel Leid +über Kecskemét bringen! Man wird dich suchen, Czinna!« + +Sie schmiegte sich furchtsam an den Oberrichter und ihr ganzer Körper +zitterte wie Espenlaub. + +»Fürchte nichts, ich werde dich nicht verlassen, wenn ich es einmal +aussprach. Was ich sage, das ist gesagt.« + +Das Mädchen beugte sich über die Hand Lestyáks, küßte sie und weinte. + +Nervös, fast rauh erfaßte der junge Mann ihren Kopf, um ihn von seiner +Hand wegzuziehen und brummte ärgerlich: »Ich bin kein Bischof.« Als er +den Kopf des Mädchens aber erhob, floß mit einem Male die Welt vor ihm +zusammen, sie drehte sich im Kreise, die Sterne sprangen vor seinen +Augen umher, der Wagen schien umzufallen und er drückte ganz +selbstvergessen das schöne Haupt an seine Brust. Plötzlich gereute es +ihn ... und er ließ es wieder los. + +»Nun, nun ... was zum Teufel machst du, Czinna? Mach' keine Dummheiten +und küsse mir die Hand nicht, denn sonst werde ich deinen Zopf an den +Wagen binden, damit du deinen Kopf nicht bewegen kannst. Wie du den +Menschen in Verwirrung bringst!« + +Er erfaßte scherzend ihr dichtes, weiches Haargeflecht. + +»Nun, soll ich es an den Wagen binden?« + +»Wie Euer Gnaden wollen,« sagte das Mädchen sanft, ruhig. + +»Ich binde es nicht an, fürchte nichts. Ich denke an etwas anderes.« + +Lange Zeit schwiegen sie. Lestyák rieb sich oft mit der Hand die +Stirne. + +»Ich denke daran«, sagte er endlich flüsternd, »daß man deinen Zopf +bis zum Grund abschneiden müsse.« + +Czinna richtete ihre Augen verwundert auf ihn, diese glänzten selbst +im Finstern. + +»Neige dich näher zu mir, Czinna, damit der Kutscher nicht hört, was +ich sage. Schmiege dein Ohr an mein Gesicht an. Noch näher. Fürchte +nichts, ich werde Dich nicht küssen.« + +»Was liegt mir daran, küssen Sie mich.« + +»Dein Haar muß abgeschnitten werden.« + +»Was liegt mir daran, schneiden Sie's ab.« + +»Dann mußt du vom Wagen steigen ...« + +Das Mädchen machte eine unruhige Bewegung. + +»Denn man wird dich suchen und ich habe nicht genug Macht, um dich zu +schützen. Wer weiß übrigens, was mit mir geschieht. Ein schlimmes +Schicksal steht mir bevor. Du mußt also absteigen, das ist gewiß.« + +»Aber warum?« + +»Weil der Sultan oder der Ofner Pascha mächtiger ist, als der +Kecskeméter Richter. Wenn ich mächtiger wäre als sie, dann würdest du +jetzt bei mir bleiben und kein Haar würde dir gekrümmt werden.« + +»Ich verstehe Sie nicht.« + +»Du wirst mich bald verstehen. In dieser Kiste befindet sich ein +Männeranzug, ich habe ihn jetzt für mich in Ofen gekauft. Wenn du vom +Wagen springst, wirst du dich irgendwo als Bursch verkleiden; ich lege +dir auch ein paar Dukaten in die Tasche. Du wirst ein hübscher Junge +sein, was glaubst du? Der Teufel selbst wird die einstige Czinna nicht +erkennen.« + +Czinna seufzte und fing an zu weinen. + +»Schön langsam, nach Verlauf von Tagen wirst du nach Kecskemét +zurückkehren, womöglich auf anderen Wegen und bei meinem Vater als +wandernder Schneidergeselle, der Arbeit sucht, einkehren.« + +Czinna wischte sich die Thränen ab und lachte laut auf. + +»Es wird gut sein, es wird wirklich gut sein! Wenigstens kann ich Sie +täglich sehen.« + +»Wiehere nicht wie das kleine Füllen ... Das ist ein ernster Zustand. +Wenn der Alte sich weigern sollte dich anzunehmen, so wirst du ihm +diesen Ring zeigen, zum Zeichen dessen, daß ich es wünsche.« + +»Aber Sie werden ja zu Hause sein und können es auch mündlich sagen.« + +»Was weiß ich, wo ich sein werde,« antwortete er mürrisch und zog +einen Opalring vom Finger, ihn Czinna übergebend. + +Nach kurzer Pause fügte er hinzu: »Wenn er dich aber ohne Ring +aufnimmt, so zeige denselben nicht; mein Vater soll nicht ahnen, +niemand darf es wissen, wen die Männerkleidung bedeckt. Ich wünsche es +so.« + +»Dann wird es auch so sein,« sagte Czinna. + +»Und jetzt gehen wir an die Arbeit. Du mußt abspringen, so lange es +noch dunkel ist.« + +In der Lade befand sich eine große Scheere, mit welcher man die Mähnen +der Füllen zu ordnen pflegte. Als sie der Oberrichter hervorzog, +zitterte seine Hand, wie erst, als er die prächtigen Zöpfe erfaßte, um +dieselben zu vernichten. + +»Ich habe keinen Mut.« Und matt ließ er die Scheere fallen. + +»Was bedauern Sie dabei?« zürnte das Mädchen, die Scheere erfassend. +Das scharfe Eisen knisterte und der Haarwald war abgeschnitten. Das +Mädchen lächelte mit kronenlosem Kopfe. Dann flocht es aus den Zöpfen +die schweren Brokatbänder los, während Michael die Männerkleidung aus +der Kiste nahm. + +»Wenn du dich umgekleidet hast, merke gut auf, wirst du an das Ufer +der Theiß gehen, wo du sie am nächsten erreichst und wirst dein +abgelegtes Kleid neben einen Weidenbusch legen, wie es die einen +Selbstmord begehenden Mädchen zu thun pflegen, welche ihre Kleider +dort zurücklassen und nur ihren Schmerz mitnehmen ...« + +»Alles wird so sein ... alles.« + +»Hoho! Wehe! Wehe!« erscholl es in diesem Momente vom Wagen des +Kriston. + +»Was ist geschehen?« rief der Oberrichter hinüber. + +»Wir sind in irgend einen Morast gesunken.« Das war in der That kein +Wunder. Damals waren die Komitate noch Jungfrauen bezüglich des +Straßenbaues. Die Klage, daß man Kot auf Kot häufe und dies Landstraße +nenne, hatte damals noch keine Berechtigung, denn man häufte überhaupt +gar nichts. Die Ansicht war vorherrschend, »daß die Wagen die Straße +selbst machen.« Wo eine Radspur ist, dort sind schon Menschen passiert +und wenn sie schon passierten, »dann können auch wir dort wandeln.« + +Mit einem Male endete die Radspur und der Wagen saß bis zur Achse im +Moraste drin, welcher beim Mondschein einer grünseidenen Wiese glich. +Dieses Alföld, welches Petöfi ein offenes Buch nennt, ist eine tolle +Gegend. Bei Tage zeigt es mit seiner Fata Morgana das Land als Wasser, +des Nachts das Wasser als Land. (Wann soll der Mensch ihm glauben?) + +Der Kutscher fluchte, schlug das Pferd, daß die Stränge beinahe +rissen, er wußte aber eigentlich nicht, welche Richtung er wählen +sollte, wo ein Ausweg sei. Der andere Wagen versuchte in anderer +Richtung sein Glück. Auch dieser geriet in den Morast. + +»Wir werden hier zu Grunde gehen! Wer kennt den Weg?« + +Alle sprangen von den Wagen und begannen zu beraten. + +»So viel ist gewiß, daß wir uns bei den >Höllenteichen< befinden,« +sagte Herr Poroßnoki. »Es muß irgendwo ein Durchgang sein. Ich habe +oft von den Fuhrleuten gehört, daß man zwischen den Seen zum rechten +Wege gelangen könne.« + +»Aber wo? Wir werden so lange suchen, bis wir versinken.« + +»Man muß den alten Marczi aufwecken, der hat schon oft Ochsen nach +Pest getrieben, auch in der Zeit des regnerischen Herbstes. Wie, wenn +er den Weg kennt? Du, kleiner Pferdejunge, dort im letzten Wagen, +wecke deinen Bruder Márton auf.« + +Der schlanke Pali brauchte nicht mehr Worte, er schüttelte den +schlafenden Alten aus Leibeskräften. + +»Nun, was giebts? Was schüttelst du mich, du Frechling?« + +»Mit Respekt zu melden, alter Verwandter, wißt ihr den Weg nach +Kecskemét?« + +»Ich glaube,« antwortete der kurz angebundene Ochsenhirt. + +»Wir befinden uns hier bei den >Höllenteichen<. Die ersten zwei Wagen +stecken schon im Sumpfe. Blicken Sie um sich, wo wir einen Ausweg +finden.« + +Marczi sah zum Himmel empor und betrachtete sehr aufmerksam das +erhabene Gewölbe mit seinen Milliarden funkelnder Sterne. + +»Steigen Sie nicht hinunter, um den Platz zu sehen?« + +»Was soll ich daran sehen?« fuhr er mürrisch auf. »Der eine Sumpf ist +wie der andere.« + +Und wieder maß er aufmerksam das Himmelsgewölbe. Mit einem Male +richtete er sich im Wagen auf und rief zum Wagen Kristons hinüber: +»Siehst du, mein lieber Sohn, diesseits des großen Bären die zwei +kleinen Sterne, der eine ist sehr blaß, hellweiß, der andere feuriger, +aber kleiner, sie befinden sich gerade einander gegenüber?« + +»Ich sehe, Marczi Bácsi.«[13] + + [13] Onkel oder dem Sinne nach, Gevatter. + +»Nun, lenke den Wagen gegen die Seite der beiden Sterne, mein Lieber. +Dort ist der Weg.« + +Damit legte er sich wieder mit gutem Gewissen nieder, wie jemand, der +alles ins Reine gebracht hat. + +Die Herren kletterten gleichfalls aus dem knietiefen Wasser auf die +Wagen, allein bis der Oberrichter zu dem seinigen zurückgelangt war, +befand sich Czinna nicht mehr dort. Unbemerkt war sie während der +eingetretenen Verwirrung verschwunden, nur der große aufgelöste Zopf +dunkelte aus dem Innern des Wagens hervor. Max nahm seufzend die +herrlichen Haare in die Faust, dann begann er die Fäden in kleinen +Büscheln in den Sumpf zu streuen. Die schwarzen Fäden sanken leise +nieder, der Wind trug sie, so daß es schien, als flögen sie hinweg; +das grünliche Wasser spielte mit ihnen und schlang sie um die +Wasserlilien, um das Schilf und die buntkelchigen Erbsenblüten ... +Nachdem man endlich in Sicherheit war, da hielt des Oberrichters Hand +nur noch einen Faden, den er um seinen Ring wand. + +»Hoho!« rief er laut und dröhnend. »Wohin ist mein Mädchen geraten? +Auf welchem Wagen ist sie?« + +Von überall kam die Antwort: »Hier ist sie nicht! Hier auch nicht.« + +»Gott sei Dank!« flüsterten die Senatoren erleichtert auf, »daß sie +nun durchgegangen ist, die kleine Kröte!« + +Mit den Abenteuern hatte es nun ein Ende. Jetzt gelangte man ohne +Zwischenfall von den Tanyen zu Dörfern und von Dörfern zu Tanyen. Nur +hier und dort verwischte sich der Weg, allein das that nichts, war +doch Marczi da, der ihnen, so oft man ihn weckte, jederzeit den +richtigen Pfad wies. + +»Fahrt nur geradeaus auf den blinkenden kleinen Stern zu, der dort +neben dem kleinen Bären steht ...« + +Er war zu Hause unter den glänzenden Planeten des Himmelszeltes. Die +Erde ist unergründlich, der Himmel dagegen mit seinem blauen Felde ist +allezeit unveränderlich. Von dort herab maß er denn auch den Weg von +Pest bis zur edlen Stadt Kecskemét. Er wußte da so genau Bescheid, er +sah den Weg so klar, daß auf demselben vor seinen Augen förmlich Staub +aufwirbelte ..... + + + +Sechstes Kapitel. + + +Pintyö stellte die geladenen Böller auf dem Marktplatze auf; hier und +dort wurden Transparente errichtet: »Willkommen!« »Vivat!« und +dergleichen mehr. Der glänzend beredte Paul Fekete büffelte gerade an +einer Rede, welche also begann: »Wer kennt nicht den Ruf des weisen +und achtungswerten Seneca?« (Selbstverständlich kannte ihn jedermann, +denn Herr Paul Fekete lebte von den Aussprüchen dieses achtungswerten +und weisen Mannes.) + +Die Zigeuner des Bürüs strichen die Fiedelbogen mit Kolophonium, kurz, +es wurden große Vorbereitungen getroffen, und man hätte vielleicht +sogar die großen Glocken geläutet, wenn Herr Poroßnoki nicht bei +Czegléd, von seinem richtigen Verstande geleitet, Pali, den schmucken +Csikós, auf ein Roß gesetzt und ihm aufgetragen hätte, daheim zu +sagen, daß man keine Komödien inszenieren solle, da zur Lustigkeit +keine Ursache vorhanden sei. + +Der Herold rief große Verstimmung hervor, brummig und ärgerlich sah +man gegen Abend aus den Fenstern und hinter den Zäunen den Einzug der +Vorsteher mit an. Kein einziges »Eljen« war zu hören, nur die Hunde +bellten hinter den Wagen her. Allein es war ja auch besser so, wozu +die Schmach noch mästen, da sie ohnedies groß genug war!.. + +Noch am selben Abende erhielten die Ofner Ereignisse Flügel, man +erfuhr, wie die Köröser Kecskemét, das heißt, wie Kecskemét sich +selbst »abgekocht« hatte und wie ihnen der Sultan als Entgegnung auf +die vielen kostbaren Geschenke und Schätze einen Kaftan hingeworfen. + +Schmach und Schande! + +Allein wie konnten sie den Mangel an Schamgefühl haben und den Kaftan +auch nach Hause bringen? Am nächsten Tage sammelten sich große Mengen +vor dem Stadthause; die angeseheneren Bürger gingen in den Saal +hinauf, um hier aus amtlichem Munde das Ergebnis der Reise zu +vernehmen. So war es nämlich Sitte nach jeder großen Expedition. + +Das gewöhnlichere Volk, Weiber und Bursche spektakulirten draußen, +schrieen und suchten in unmöglichen Tönen eine Melodie zu dem Verse, +der soeben herrenlos auf den Lippen des Pöbels geboren worden war: + + »Kecskemét, magst glücklich sein, + Kaisers Kaftan ist ja dein!« + +Einige des Weges kommende Großköröser Fuhrleute steigerten noch die +Gereiztheit. Tüchtig in ihre Pferde einhauend, schrieen sie der Menge +höhnisch zu: + +»Hält der Kaftan auch warm?« + +Und fürwahr, er heizte den Senatoren dort oben tüchtig ein. Finster +saßen sie in ihren Stühlen. Einige, so Herr Inokai, ganz weichherzig +und verzagt, nur auf dem schönen Antlitze des Oberrichters leuchteten +noch Mut und Trotz. + +Poroßnoki malte die Ereignisse der Reise in einer schön komponierten +Rede, und er begann mit dem Herrgott, der Kecskemét so häufig +heimsucht, daß man ihn bereits als einen hier zuständigen Einwohner +betrachten konnte. Sie waren in gutem Glauben vorgegangen (der +Herrgott ist Zeuge!) und sie konnten nichts dafür, daß der Plan in +Trümmer ging. + +Was wahr ist, ist nun einmal wahr, die Auslagen waren ungeheuer, aber +sie hatten gedacht: Wer wagt, gewinnt! + +Anfangs hörte man fein ruhig zu und die hübsche Rede würde vielleicht +gar den Magistrat gerettet haben, hätte nicht bei den Details, wo +Poroßnoki mit großem Pathos sagte: »Und wir erschienen am Mittwoch vor +Sr. Majestät dem türkischen Kaiser, der in königlichem Ornate da saß,« +hätte, wie gesagt, hierbei Gáspár Permete nicht dazwischen gerufen: +»Eine Pfeife hatte er nicht im Munde?« + +Eine unbändige Heiterkeit malte sich auf allen Gesichtern und von da +ab folgte ein ungewaschener Zwischenruf dem anderen. Die Autorität +sank und kaum hatte der erste Funke im Stroh verfangen, als auch schon +alles aufloderte. + +»Sie haben das herrliche Geld dem Teufel in den Rachen geworfen! +Kleider mit Karfunkelsteinen haben sie jenen Personen nähen lassen! +Amtliche Gelegenheitsmacher! Eine Peitsche mit Edelsteinen haben Sie +mitgenommen! Das Geld wurde hirnlos verschleudert. Sie haben uns zum +Kinderspott gemacht! Ich komme gerade von draußen und da schreien die +Köröser auf dem Platze: >Hält der Kaftan auch warm?< Eine solche +Schmach unserer Stadt!... Darauf mögen Sie antworten!« + +Der riesig gebaute Josef Berkes sprang auf und mit hervorquellenden +Augen, brüllender Stimme und drohender Faust wütete er: + +»Danken Sie ab! Packen Sie sich vom grünen Tische!« + +Und unheildrohend, aus hundert Kehlen durchbrauste den Saal ein +Schrei, welcher daherfuhr wie der Orkan durch Baumgeäste. + +»Danken Sie ab!« + +Die aufgeregten Bürger drängten sich in einem stets enger werdenden +Ring um den grünen Tisch. Lestyák warf seinen Stuhl um, knöpfte von +seiner Weste das Stadtsiegel los, welches dort an einer Kette hing und +warf dasselbe mit der Kette zu Boden, so daß es bis in die äußerste +Ecke des Saales kollerte. + +»Da habt Ihr es! Ich brauch's nicht!« und er eilte zur Thür. + +Allein Blasius Putnoki stellte sich ihm entgegen. + +»Oho! Nicht so, Gevatter! Du bleibst. Ich klage dich vor Gott und +Menschen an, daß du mit den Feinden der Stadt unter einer Decke +gespielt, daß du die Schätze unserer heiligen Mutterkirche verkauft +hast. Du bist der Gefangene der Stadt!« + +»Auf wessen Anordnung?« fragte stolz und kalt Lestyák. + +Putnoki war betroffen, wie wenn man ihm die Zunge abgeschnitten hätte, +Lestyák hingegen entfernte sich, die Saalthür hinter sich zuschlagend. +Der Reihe nach standen jetzt die anderen Senatoren auf, sich dem +allgemeinen Willen unterwerfend. Sie legten ihr Amt nieder. In dem +entstandenen Chaos brach sich Herr Josef Berkes Bahn bis zum +Präsidentenstuhle. + +»Ich beantrage, daß, bis nach reiflicher Überlegung ein neuer +Beamtenkörper gewählt wird, die Angelegenheiten der Stadt eine aus +drei Mitgliedern bestehende Kommission führe. Ein katholischer, ein +kalvinischer und ein lutheranischer Mitbürger.« + +»So ist's!« schrie die Menge. + +Sofort rief man alle drei aus, die Herren Samuel Holeczy, Balázs +Putnoki und Josef Berkes. Das Triumvirat ging, als sich die Menge +zerstreute, in das benachbarte Zimmer, um zu beraten und sein erster +Beschluß war die Gefangennahme des jungen Lestyák. + +Der alte Lestyák weinte und schrie, als man den Stolz seines Herzens, +seinen Max ins Gefängnis führte. Zuerst griff er zum Bügeleisen und +wollte die Haiducken totschlagen. Als man ihm das Bügeleisen aus der +Hand riß, brachte er aus der Bibel geeignete Sätze zur Anwendung, +welche er wie Donnerkeile an die Köpfe Gyuri Pintyös und Pista Muskas +warf. + +»Man muß die Sache nicht so arg aufnehmen, lieber Vater,« sagte ein +wenig zornig der Ex-Oberrichter, »auch das dauert nicht ewig.« + +»Sie werden das noch bitter bereuen!« rief der Alte, seine Fäuste wie +ein Theaterheld ballend. »Wehe dir, Kecskemét, wie Sodom und Gomora +wehe ward.« + +»Uns kann das Glück noch lächeln,« tröstete Max. + +»Glück?« Und der Alte begann wieder zu schluchzen, wie ein altes Weib. +»Auch das Glück ist eine Göttin, ein Weib wie die anderen. Sie läuft +immer neuen Männern nach. Mit dem sie einmal ein Liebesverhältnis +hatte und ihn verließ, zu dem kehrt sie nicht wieder zurück.« + +Dann erfaßte er wieder verzweiflungsvoll mit den Bewegungen eines +Wahnsinnigen die Scheere und begann einen neuen Dolman, den er eben +fertig gestellt hatte, in Stücke zu zerschneiden, indem er heiser +röchelte: + +»Verdirb, Hund! Die Welt soll ein Ende haben.« + +Die Welt nahm zwar kein Ende, nur der Dolman und auch den armen Max +schleppte man in den dumpfen Kerker des Stadthauses. Er lief ihm nach, +aber bei der Thoreinfahrt wankten seine alten Beine und er konnte erst +an der Thürschwelle rufen: + +»Fürchte nichts, lieber Sohn, ich werde dich von dort erlösen, deine +Freiheit erringen.« + +Nun, fürwahr, das war auch damals keine große Sache! Man ging einfach +zum Ofner Pascha, einen kleinen Befehl zu erwirken, daß man ihn sofort +frei lasse. Wenn das Herz des Ofner Pascha nicht zu erweichen war, +ging man zum Szolnoker Pascha, auch dessen Befehl ist giltig. Nehmen +wir an, daß der Szolnoker Pascha gleichfalls in schlechter Laune war, +dann ist es ratsam, den Kalgaer Sultan aufzusuchen, oder nach Fülek +zum Vicegespan zu wandern, ja im schlimmsten Falle kann auch Herr +Csuda die Freilassung anordnen, wenn es nicht das Einfachste ist, sich +an den hochgebornen Herrn Stefan Koháry nach Szécsény zu wenden. Alle +diese wohledlen Herrschaften befehlen in Kecskemét. + +Gerade kam ein Wanderbursche zur rechten Zeit, der sich anbot, er war +ein hübscher, Vertrauen erweckender Bursche. + +Jetzt kann Herr Lestyák zuversichtlich seine Reisetasche umhängen und +die obige Namensliste dazu, der Bursche hingegen giebt auf das Haus +acht, übernimmt die Bestellungen und hält die ungeduldigen +Kundschaften mit Worten hin, die Magd Erzsike hingegen kocht für ihn +und sucht ihn auszuforschen. + +»Aber dann mein Sohn Laczi? -- nicht wahr du heißt Laczi? -- treibe +keinen Mutwillen mit dem Mädchen, ich warne dich, denn das ist mein +Patenkind.« + +So ging der Alte fort und blieb lange aus, erst im späten Winter +kehrte er zurück. + +Das Bein der heurigen Martinsgans weissagte einen strengen Winter und +es war in der That so. Die kämpfenden Parteien standen viel Elend aus. +Von den Kriegern des Herrn Thököly erfroren hundert bis zu +Weihnachten. Wegen des vorjährigen schlechten Jahres waren auch die +Lebensmittel knapp, die Soldaten froren nicht nur, sondern hungerten +auch dabei, kein Wunder, daß ihr Auftreten zuweilen grausam war. + +An jenem Abend, an welchem der alte Lestyák mit dem Ferman des Ofner +Pascha nach Hause kam, zog mit ihm zugleich ein Trupp des übel +beleumundeten Kalgaer Sultans vor die Stadt, unter der Führung Olaj +Begs, mit sehr vielen in Sklavenketten geschlagenen Frauen und Männern +und er sandte mit einem Reiter den Befehl an das Triumvirat: + +»Ungläubige Hunde! Wenn ihr morgen Vormittag nicht acht Wagen Brot, +vierzig Ochsen, zwanzig Wagen Holz und viertausendfünfhundert Gulden +schickt, werde ich sie nachmittags selbst mit meinen Soldaten holen +und von den Köpfen der Kecskeméter Regierung zwei abschneiden, denn +ein Richter hat an einem Kopfe genug. Versteht mich gut!« + +Im Stadthause entstand großer Schrecken. Die Haiducken liefen in +voller Eile von Haus zu Haus, daß man dem mächtigen Olaj Beg Brot +backe, daß man Holz zusammenscharre, aber am schwersten war es, das +Geld herbeizuschaffen, denn die Lade der Stadt stand leer. Einen +solchen Aderlaß erträgt man jetzt nicht. + +Mit verstörten Gesichtern fand sie Michael Lestyák, als er mit +Unterwürfigkeit hereinhumpelte. + +»Nun, was wollen Sie?« frug Putnoki rauh ... + +»Ich kam wegen des Sohnes, mein großer guter Herr.« + +»Wegen des Sohnes?« + +»Nun wegen meines Sohnes. Ich werde den Armen nach Hause bringen.« + +»Wenn wir ihn freilassen.« + +»Freilich, freilich,« sagte der Alte stolz, und breitete vor Herrn +Putnoki den Brief Ibrahim Paschas aus. »Übrigens wie Euer Gnaden +wollen.« + +Der Triumvir gab klein bei, als er den Brief des Pascha überflogen +hatte; er griff sich sogar an den Hals vor Schrecken, denn der gute +Ofner Ibrahim klopfte aus seinem Schreibrohr niemals die Tinte aus, +ohne eine kleine Gemütlichkeit in die ernsten Zeilen zu mischen. Auch +jetzt standen dort die wenigen Worte: »Ich sehe, daß Euer Hals Euch +stark juckt.« + +»Das ist etwas anderes,« sagte der Triumvir sich duckend. »Wir +gehorchen dem Befehle. Jetzt aber ist es schon spät Abend, auch ist +der Kerkermeister nicht hier. Wir werden unseren Bruder morgen früh +schon herauslassen.« + +Der Schneider ging nach Hause, aber die Morgendämmerung fand ihn schon +vor dem Thore des Stadthauses. Es war ein häßliches Wetter, ein großer +Nebel ballte sich zusammen und auch der Schnee fiel still herab. Die +Stadtherren kamen früh genug herein, besonders Putnoki, der über Nacht +einen guten Gedanken gefaßt hatte und sich beeilte, ihn seinen +Kollegen mitzuteilen. + +»Es wird nicht gut sein, wenn Lestyák auf freien Fuß gesetzt wird. +Sein Schädel ist mit viel Verstand und viel Spitzbüberei gefüttert.« + +»Ein harter Schädel, das ist wahr, aber mit dem Sandschak Pascha +können wir doch nicht Finger ziehen.« + +»Das glaube ich auch nicht. Wir lassen ihn frei, ich schicke ihn aber +an einen solchen Ort, von welchem er nicht wieder zurückkehrt. +Überlassen Sie das nur mir!« + +Die Gassen bevölkerten sich ungewöhnlich früh. Die Bewohner +beförderten teils in Karren, teils in Schiebkarren ihre Sachen auf die +naheliegenden Tanyen. + +Das Erscheinen Olaj Begs am Horizont malte Schrecken auf die +Gesichter. Denn der wackere Olaj Beg war thatsächlich kein solcher +Kleinigkeitskrämer wie Herr Csuda oder Derwisch Beg, welche sich mit +dem Raub eines Pfaffen oder eines schönen Mädchens begnügten. Der +verständige Olaj Beg arbeitete /en gros/. Er kam selten, aber wenn er +kam, trieb er eine ganze Gasse in Gefangenschaft, samt Frauen, +Kindern, Sack und Pack, samt Pferden, Rindern, nichts zurücklassend, +als die Schweine, welche unreine Tiere sind und mit dem heiligen Koran +in Widerspruch stehen. Ein solcher Mensch war Olaj Beg, das muß man +ihm lassen. + +Bei der Nachricht von seinen Forderungen kamen die einflußreichsten +Männer schon zeitlich morgens einzeln in das Rathaus; der eine brachte +ein wenig Geld, der andere kam, um Brot und Holz anzubieten. Die +schlechte Nachricht ist ein guter Wecker. + +Viele murrten, als Herr Putnoki den Befehl gab, den jungen Lestyák aus +dem Kerker vorzuführen. Er erschien ein wenig blaß, trug aber den Kopf +hoch. + +»Max Lestyák,« sagte der Triumvir feierlich, »Sie sind frei!« + +Ein unzufriedenes Murren entstand im Saale. + +»Der Ofner Vezir ist Ihr Patron,« bemerkte der Vorige satirisch. + +Lestyák erwiderte nichts. Er machte eine nervöse Bewegung, als ob er +gehen wollte. + +»Nicht dort ist Ofen. Warten Sie noch! Der Ofner Pascha ist nicht der +römische Papst, mein Herr Ex-Oberrichter, er kann Schlösser ausbrechen +und schließen, aber nicht Sünden vergeben. Diese müssen Sie abbüßen.« + +Eine peinliche Ruhe trat ein, man erwartete das Folgende mit +zurückgehaltenem Atem. + +»An unseren Grenzen steht der grausame Olaj Beg, dort jenseits des +Teiches Csalános. Er hat der Stadt einen großen Tribut auferlegt, +welchen man ihm bis heute Mittag übersenden müßte, aber es ist +unmöglich. Wissen Sie also, Lestyák, wozu wir Sie jetzt verurteilen?« + +»Sie werden es schon sagen, wenn Sie wollen.« + +Balázs Putnoki fuhr mit boshaftem Lachen fort: + +»Sie haben den berühmten Mantel gebracht, sehen wir nun, was Sie mit +demselben anzufangen wissen. Sie werden ihn anziehen und in ihm zum +Beg gehen.« + +Das Herz des jungen Mannes zog sich zusammen. Das kam unerwartet. +Seine Füße wankten fast. Aber rasch gewann er wieder Kraft. Wie zu +sich selbst sagte er: »Ich darf nicht erschrecken, ich darf es +nicht ...« Sein Herz schlug stark, seine Stimme wurde tonlos; aber die +Farbe des Gleichmuts lagerte auf seinem Gesicht. + +»Und was soll ich dem Beg sagen?« + +»Sagen Sie ihm, daß er sich mit der Hälfte des Tributs begnüge und +auch damit zwei Tage warte, bis wir ihn zusammengebracht haben. Oder +aber, zum Teufel, bieten Sie ihm den Kaftan an, welcher fünfzig +Pferde, hundert Ochsen und ungefähr viertausend Dukaten repräsentirt. +Er wird zufrieden sein. Hehehe! und was noch zurückkommt, das bringen +Sie in die städtische Kasse. Hahaha!« + +»Der wird mich ja sofort rädern lassen oder in Ketten schlagen.« + +Putnoki zuckte die Achseln. + +»Das ist Ihr Malheur.« + +»So?« rief Lestyák bitter aus. »Verurteilen Sie mich wirklich dazu?« + +Mit einem Blicke sah er die Triumvirn, die grauhaarigen Greise der +Stadt, der Reihe nach an. Diese nickten mit dem Kopfe zum Zeichen, daß +das Urteil gerecht sei. Man muß an den Vergeudern des öffentlichen +Vermögens ein abschreckendes Exempel statuieren. + +»Führen Sie mich lieber in den Kerker zurück,« sagte er +selbstvergessen, bereute es aber sofort. + +»Wovor fürchten Sie sich denn eigentlich so sehr?« klügelte bissig der +Triumvir, »den Kaftan werden Sie ja tragen.« + +Ein großes Gelächter entstand bei diesen Worten und das Blut schoß +Lestyák ins Gesicht. + +»Ich pflege mich nicht zu fürchten,« sagte er stolz. »Wann soll ich +gehen?« + +»Noch Vormittag, sobald ich die Anordnungen getroffen habe. Wollen Sie +bis dahin nicht beichten?« + +»Nein.« + +Der alte Schneider verkündete es verzweifelt der ganzen Stadt, welch' +unerhörtes Unrecht es sei, seinen Sohn in den Rachen des +Tartaren-Haufens zu schicken. Das ist ein Todesurteil ohne Verhör und +Verteidigung! + +»Denkt daran, wie sehr ihr ihn vor drei Monaten liebtet. Macht einen +Aufruhr, ergreift Hacken, Eisengabeln, kommt, ich führe euch an, damit +ihr das >dreiblätterige Kleeblatt< abmäht.« (Das war der Spottname des +Triumvirates.) + +Keine Hand rührte sich; Wurzeln haben ja nur die lebenden Bäume ... +höchstens in den mit Rosmarin und Muskaten geschmückten Fenstern ward +ein braunes oder blondes Mädchenantlitz traurig und ein tiefer Seufzer +brach sich vielleicht durch die Blätter der Blumen: »Armer Max +Lestyák!« Dann blieben diese schönen Gesichter auch weiterhin auf der +Lauer. + +»Wann kommt er? Wie gern möchte ich ihn im Kaftan sehen. Wie lange +zögert er.« + +Man sattelte sein Pferd im Hofe des Stadthauses. Leicht schwang er +sich in den Sattel, obwohl ihm der grüne Seidenmantel bis zu den +Fersen reichte. Er pfiff sogar, als er den linken Fuß in den +Steigbügel setzte. Auch zwei Trabanten setzten sich zu Pferde, und +hielten mit gezogenen Säbeln an seiner Seite Wache. + +Sie hielten aus dem rückwärtigen Thor ihren Auszug, damit die +angesammelten Neugierigen nicht schreien und lachen sollten. Das war +aber eine Sache zum Weinen! Die Triumvirn sahen zum Fenster hinaus, so +lange sie wegen des immer dichter werdenden Nebels sehen konnten. Herr +Putnoki rieb sich vergnügt die Hände. + +»Nun, der wird das Kecskeméter Horn auch nicht mehr hören!« (Denn es +war üblich, die Mittagszeit durch Hornrufe vom Turm Sankt Nikolaus zu +kennzeichnen.) Dann wandte er sich lebhaft den versammelten Bürgern +zu: »Jetzt aber beeilen wir uns, den Tribut auf Wagen zu laden, damit +Olaj Beg, wenn er sich erzürnt gegen die Stadt kehrt, die Sendung +schon unterwegs finde.« + +Die Trabanten begleiteten Lestyák nur bis ans Ende der Stadt, wie dies +bei den Verbannten zu geschehen pflegt. So stand es im Befehl. Es wäre +auch schade um die Trabanten gewesen, diese Leute bis ins feindliche +Lager zu senden, wo ihrer sicherer Tod harrte. + +Vielleicht geht Lestyák gar nicht weit, vielleicht schlägt er sich +irgendwo seitwärts in die Büsche, die Welt ist ja weit und hat vier +Ecken -- nun, so mag er es immerhin thun, wenn er nur nicht länger +hier lästig fällt. + +Aber da kam man just an den Rechten. Während er fürbaß über die +endlose Schneedecke dahinritt, dachte er bei sich: + +»Ich zieh von dannen; ich muß es wohl. Denn wenn ich bleibe, bin ich +für immer tot. Geh' ich aber fort, so kann es noch geschehen, daß sie +mich zurückrufen. Olaj Beg ist ein kluger Mensch; einen Toten kann er +zu nichts nützen, ein Lebender aber ist ihm stets eine Ware, zumal er +mit Sklaven handelt. Schlimmenfalls schleppt er mich in die +Gefangenschaft. Das kann man immerhin wagen.« + +Mit dem herabhängenden Flügel seines Mantels hieb er dem Gaule eins +auf den Rücken, wodurch die arme Mähre einigermaßen angespornt wurde. +Das Roß hatte schöne Karriere gemacht. Gestern noch drehte es sich in +der städtischen Tretmühle und heute sitzt ein Ritter in seinem Sattel. +(Gut genug für die Tartaren, spekulierten die Triumvirn.) + +»Ich werde auf den Richtplatz geschleppt!« murmelte der Reisende, und +das Blut kochte ihm vor Ingrimm. + +Er ballte die Faust. + +»Ei, könnt' ich nur je wieder heimkehren!« + +Dann gab er dem Gaul einen derben Stoß, der wohl den Triumvirn +zugedacht war, den aber das Tier ergebungsvoll erduldete. Es erhob +sich ein schärferer Wind. Vom Csalános-Teiche her klang ein fernes +Surren und Getöse: der Lärm des Tartaren-Kriegslagers. + +Trabe zu, Mähre, trabe zu! + +Er kam an einer tragbaren aus Schilf geflochtenen Mauer vorüber, wo +die Herden zu überwintern pflegten, die aber nur gegen den Wind Schutz +bot. Lestyák mußte daran vorbeireiten. Vom Pferde herab sah er, daß +ein Mann mit breitem, schwarzem Hut, in einen Mantel gehüllt dort +stehe: vielleicht hatte er sich vor dem Schneewehen dahin geflüchtet. +Der Mann kam näher und sprach: + +»Stehen Sie mir doch auf ein Wort, Herr Lestyák.« + +Lestyák blickte gar nicht hin und antwortete mürrisch: + +»Ihr wisset das Wort nicht, das mich zum Stehen brächte!« + +»Ich bin es -- Czinna.« + +Es gab also doch ein Wort, auf welches er stillestand, ja, vom Pferde +sprang. + +»Unglücksmädchen, wie kommst du hierher? Ei, was du für ein hübscher +Junge bist.« Und dabei lächelte er matt und traurig. + +»Es ist gut, daß Sie vom Pferde gestiegen sind, denn ich will es +ohnedies besteigen. Kommen Sie doch hierher, hinter die Mauer, aber +gleich und lassen Sie mich den Kaftan umlegen.« + +»Bist du wahnsinnig?« + +»Ich habe alles bedacht, als ich daheim hörte, wohin man Sie schickt. +Wenn Sie dahingehen, so tötet man Sie, oder schleppt Sie in die +Sklaverei, nicht?« + +»Du sagst es, Czinna!... Aber es ist ganz wundersam, daß du hier +bist.« + +Er blickte sie verwirrt an und schien sich an ihr nicht sattsehen zu +können. + +»Wenn man Sie tötet, dann giebt es kaum mehr ein Auferstehen.« + +»Na, das ist wohl wahr.« + +»Keine Späße jetzt! Sie sind ein schrecklicher Mensch! Schleppt man +Sie aber weg, so wird Sie gewiß niemand auslösen. Die Senatoren würden +es auch verhindern.« + +Max biß sich in die Lippen. + +»Wenn aber ich hingehe und mich als Lestyák ausgebe und sie mich +umbringen wollen, werden sie bemerken, daß ich eine Frau bin und den +Frauen thun die Tartaren nichts zu Leide, dann können Sie mich +auslösen; wenn sie mich aber nur gefangen mitnehmen, dann können Sie +mich um so eher als Lestyák auslösen. Geben Sie also schnell den +Mantel her.« + +Und während sie noch dies mit einschmeichelnder, süßer Stimme sagte, +hatte sie auch schon den Mantel herabgezogen. + +Max Lestyák widersetzte sich: + +»Nein, nein! Wo denkst du hin?« + +Die Argumentation von Czinna hatte ihre Wirkung trotzdem nicht +verfehlt. + +»Es ist schon möglich, daß es so ist;« und er rieb sich die Stirne. +»Ich löse dich aus, natürlich löse ich dich aus. Du sagst ja, du +wärest mir noch ein Leben schuldig. Schweige, man muß das nicht so +nehmen. Klügele nicht, Mädchen. Warte ein wenig. Ich weiß selbst +nicht, was wir machen sollen.« + +Das Mädchen aber blieb nicht stehen; sie hatte den Mantel bereits um +ihre schlanke Gestalt geworfen, im nächsten Augenblick schwang sie +sich auf das Pferd. Einen Augenblick später hatte sie bereits der +Nebel verschlungen, Lestyák lief ihr wütend nach. + +»Bleibe stehen!« schrie er mit donnernder Stimme. »Ich laß' dich nicht +fort. Ich befehle dir, stehen zu bleiben!« + +Er konnte schon reden, der Gute. Ein schwacher Augenblick und der +Fehler war begangen. Ein Augenblick der Schwäche ist der Kern des +Sturzes großer Männer. Das Mädchen ging und blieb erst beim +Tartaren-Lager stehen. + +»Führet mich vor den Feldherrn. Ich bin Max Lestyák, der Kecskeméter +Abgesandte.« + +»Steige vom Pferde, guter Mann, ich führe dich hin --« meinte ein +untersetzter Tartare mit gutem ungarischen Accent. »Ein schlechtes +Pferd gaben dir die Kecskeméter Richter. Da kommt eben unser Herr, Beg +Olaj, Allah beglänze lange seinen Bart.« + +Wahrhaftig, da erschien er, der mächtige Beg Olaj, auf seinem schönen +Rappen hielt er eben Revue über seine Truppen. + +»Der Kecskeméter Gesandte ist hier, mächtiger Beg!« meldete der +untersetzte Junge. + +Der Beg betrachtete den Gesandten und dessen Mantel sehr aufmerksam, +dann sprach er sanft: + +»Wende dich um, braver Junge, wenn ich dich mit der Bitte nicht +belästige.« + +Czinna drehte sich um. + +Beg Olaj warf nun von rückwärts einen Blick auf den Mantel. Dann +sprang er vom Pferde, warf sich vor Czinna zur Erde und küßte den Saum +des Mantels dreimal. Czinna staunte ihn an mit ihren großen schwarzen +Augen, sie glaubte zu träumen. + +»Allah ist groß und Mohamed sein Prophet. Was befiehlst du, +Abgesandter der Stadt Kecskemét?« + +Demütig und gebückt stand er vor ihr. Czinna zögerte ein wenig, dann +aber sagte sie mit herber Stimme: + +»Verlasset die Markung der Stadt Kecskemét sofort!« + +Olaj Beg hob seine schläfrigen Schafaugen gegen den Himmel, dann +wendete er sich zu den Truppen und schrie laut: + +»Wir ziehen ab! Sattelt!« + + + +Siebentes Kapitel. + + +Lestyák blieb bei der Schilfmauer und zerbrach sich den Kopf darüber, +was er beginnen, wohin er sich wenden sollte. In seinem schweren Kopfe +zerflossen die Gedanken wie geschmolzenes Blei, seine Glieder nahm +eine Schlaffheit gefangen, an seiner Seele nagte die Selbstanklage: +»Ich habe schlecht gehandelt, es war eine egoistische Feigheit.« Eine +peinigende Unruhe stach ihn wie mit Dornen. + +Düster blickte er vor sich hin. + +»Wohin führt mich nun mein Weg ...?« + +Der Nebel zerteilte sich ein wenig und unweit erglänzte das Riesenauge +des Sees Csalános, wie wenn er ihm zwinkernd zugerufen hätte: »Komm, +Lestyák, es wird am vernünftigsten sein, wenn du dich hierher legst, +dich mit einer silbernen Decke zudeckst und auf einem weichen +Sandpolster träumst!... Dies ist der geradeste Weg.« + +Einige Schritte machte er gegen den Teich, aber ein Strauch stellte +sich ihm in den Weg, der höchste in der ganzen Gegend; die dünnen Äste +hatten die kleinen Schneeflocken überdeckt: er bemerkte sie nicht und +stolperte über dieselben. Und als sein Ohr in diesem bitteren +Augenblicke den Körper der »lieben Mutter« berührte, da hörte er, +fühlte er plötzlich, daß derselbe weit weg erbebte, der dumpfe Schall +von tausend Pferdehufen war vernehmbar. Er schauerte zusammen. »Ach, +es kommen die Tartaren gegen die Stadt.« + +Doch ruhiger ward es, wie wenn der Lärm sich verzöge, er wurde immer +leiser und leiser, bald aber ging er ganz unter. Nur ein Pferd näherte +sich. Top! Top! Ja, wahrlich, es ist nur ein Pferd, und bei Gott die +Czinna sitzt darauf. Lestyák sprang in die Höhe, er wischte gar nicht +den Schmutz von seinen Kleidern, er lief ihr atemlos entgegen. + +»Du bist hier? Es fehlt dir nichts? Du bist wirklich hier? Was +geschah?« + +Czinna lächelte munter. Bevor sie antwortete, blies sie ihr +Gesichtchen in mädchenhaftem Übermut heldenhaft auf: + +»Es geschah nichts anderes, wie ich gehorsamst melde, als daß ich die +Tartaren vertrieben habe. Sie laufen wie besessen.« + +»Schwatze nicht!« + +Dies sollte so viel heißen: »Ich bitte dich, rede, rede!« Sie sprach +auch, doch vorerst streifte ihr glänzender Blick mit großer Liebe den +beschneiten grünen Kaftan. + +»Dieser Mantel ist schon etwas wert, mein Herr Max.« + +»Wirklich?« + +»Als ihn Olaj Beg gewahrte, stieg er vom Pferde, küßte den Saum +dreimal und fragte dann mit großer Demut, was ich befehle. Ich habe +ihm nun befohlen, daß sie sofort sich von dannen heben. Sie folgten +sofort und zogen ab.« + +Lestyák stand mit offenem Munde da. + +»Ist es möglich? Hat er wirklich eine solche Zauberkraft?« + +»So geschah es, Wort für Wort. Ich habe aber nicht viel Zeit zu +plaudern. Nehmen Sie den Kaftan, hier ist Ihr Pferd, setzen Sie sich +darauf. Ich werde mich auf einem andern Weg entfernen.« + +»Potztausend! Das ist ja ein wahrhaftiges Wunder!« jubelte Max, der +sich vor Staunen nicht erholen konnte. »Dann ist ja dieser Kaftan ein +großer Schatz!« + +»Das will ich wohl glauben. Jedoch beeilen Sie sich, denn sie könnten +kommen. Es ist mir, als wenn ich schon schwarze rollende Wagen, von +der Stadt kommend, sähe.« + +Lestyáks Stirn verfinsterte sich. + +»Du hast recht, Czinna, sage niemandem etwas! Ich danke dir für das, +was du gethan hast. Ich werde mit dir noch später sprechen ... heute +noch. Jawohl, ich spreche noch mit dir, Czinna.« + +»Schon gut,« meinte der fesche Bursche und verschwand gegen den Ried +hin. + +Lestyák ging den geraden Weg. In der That fand er die lange Wagenreihe +bald vor sich; diese brachte Brot und Holz, der Marczi trieb die +Ochsen mit saftigen Verwünschungen an. Vor dem Wagen ritt einer der +Triumvirn, Herr Samuel Holéczi, den /nervus rerum/ in der an seiner +Seite hängenden gelben Ledertasche tragend. Jenes Weib aber auf einem +Wagen, umgeben von hold geröteten Brotlaiben, es ist bei Gott Frau +Fábián; sie ist aus bloßer Neugierde mit von der Partie, um doch +endlich einen »hundsköpfigen Tartaren« zu schauen; und neben ihr +kauert der redegewandte Paul Fekete, mit den blinzelnden Hasenaugen +eine Schrift lesend. + +»Seht da! Ist das nicht der Lestyák?« stammelten betroffen die +Kecskeméter. »Der kommt aus dem Jenseits!« + +Samuel Holéczi, der dem Lestyák niemals so recht gram war (man weiß +ja, daß die Lutheraner immer zu einander halten) und den überdies eine +quälende Neugierde befiel, richtete an Herrn Max in weichem Tone die +Frage: + +»Nicht wahr, es ist nur Eure Seele, Amice, nicht Ihr selbst?« + +»Potztausend, nein, ich bin es selbst ohne meine Seele,« brummte +Lestyák bitterlich (wer weiß, woran er eben dachte?) »Aber Ihr, wohin +wandert Ihr denn?« + +»Es nahen Gäste unserer Gemarkung,« meinte in gemütlichem Galgenhumor +Holéczi. »Wir bringen ihnen eine kleine Kollation entgegen.« (Der edle +Herr war zumeist bei gesegneter Laune.) + +»Die werden aber nicht leicht zu erreichen sein!« + +»So?« + +»Freilich, sie sind schon über alle Berge. Gingen fort ohne +Verabschiedung.« + +»Ist das möglich?« quiekte die Frau Fábián dazwischen. + +»Schade!« grämte sich Herr Fekete. »Da komme ich um eine meiner +schönsten Reden.« + +Lestyák erzählte die Geschichte mit dem Mantel, ob welcher das Antlitz +des Herrn Samuel Holéczi augenblicklich alle Farben zu spielen begann. + +»Kein kleiner Fall,« brummte er, sich die stumpfe Nase mißvergnügt +kratzend. »Kein kleiner Fall, hm ... dergleichen hat sich wohl, +seitdem die Welt besteht, noch niemals zugetragen.« + +Indessen seine Verlegenheit währte nur einen Augenblick; er war ein +abgefeimter, schlauer Fuchs, der sich leicht wieder auf die Höhe der +Situation zu schwingen verstand. + +»He, ihr Fuhrleute, nun kehret wieder um! Ein großer Tag ist für +Kecskemét angebrochen.« + +Dann aber sprang er aus dem Sattel und sprach in ehrerbietigem Tone: + +»Schwingt Euch auf mein Pferd, Herr Max Lestyák. Es ist mir ein Kummer +und eine Schande, Euch im Sattel jenes Kleppergauls zu sehen.« + +»Laßt das nur. Ich danke. Mein Roß ist gut genug für mich. Wenn drei +Triumvirn mich auf dasselbe gesetzt, so ist einer nicht genug, um mich +aus dessen Sattel zu bringen.« + +»So mag denn Herr Fekete mein Pferd besteigen, um der Stadt die Kunde +von dem Geschehenen zu überbringen.« + +Das war aber dem »Cicero der Stadt« just recht, so fand er +Gelegenheit, für die ausgefallene Rede eine andere zu halten. + +»Freilich geh' ich. Wie sollt' ich nicht gehen? 'S ist ja eine wahre +Freude, so ein schönes Tier zu reiten. Aber gebt mir eine Gerte dazu, +da es mir nun einmal an Sporen fehlt.« + +Man brauchte keine Peitsche für den feurigen Renner, er galoppierte +mit dem großen Orator von dannen, wie die Fohlen des Märchens, denen +man in die Futtersäcke glühende Kohlen als Futter steckt. Fekete +selbst aber schwitzte und pustete, er war, als er am Platz anlangte, +völlig durchnäßt. Hier verkündete er dem sich immer mehr und mehr +ansammelnden Volke mit kühnen Redewendungen die besondere Gnade +Gottes, mit der dieser die Stadt bedachte, indem ein totes +Kleidungsstück beredt wurde und den Erzfeind von den Grenzen verjagte. + +»Es geschah ein Wunder. Edle Bürger Kecskeméts, lasset die Glocken +läuten. Der habgierige Olaj Beg warf sich zur Erde und küßte den +Mantel Lestyáks dreimal demütig und fragte ihn zerknirscht: >Was +befiehlst du, Abgesandter der Stadt Kecskemét?< Hierauf erhob Herr +Lestyák junior sein Haupt und antwortete: >Stört nicht meine Kreise -- +das heißt, hebt Euch von dannen.< Und so kommen sie zurück, die Wagen +mit Brot, die Ochsen, die Geldbeutel, der Triumvir und Max Lestyák.« + +Ein großer Freudenschrei war nun vernehmbar. Wie ein Lauffeuer +verbreitete sich die Nachricht von Straße zu Straße. Von Haus zu Haus +wurde die Nachricht getragen. Die gefallenen, verhaßten Senatoren +kamen wieder ans Tageslicht, sich unter das Volk mengend. Poroßnoki +wurde mit Eljenrufen begrüßt, dem alten Inokai machte man entblößten +Hauptes eine Gasse. Von Herrn Franz Kriston verlangte man mit großem +Lärm, er möge reden; dieser zögerte auch nicht lange, stellte sich auf +ein Krautfaß inmitten des Marktes und sprach blos: + +»Ich verlange von Euch Gerechtigkeit für jenen genialen Jüngling, der +diesen großen Sieg erfocht.« + +»Gerechtigkeit!« widerhallte es aus tausend Kehlen. + +Die Bevölkerung wogte auf und ab, wie ein angeschwollener Strom. Lärm, +Leben herrschte überall -- Männer und Frauen erzählten das Wunder des +redenden Mantels. Freilich flickte noch jeder etwas am Zeug. Eine +große Begeisterung atmeten die Leute ein. Jeder bewegte sich hin und +her, jeder schrie etwas anderes, und jeder dachte sich etwas. + +Schöne aufblühende Knospen, junge Mädchen kleideten die Frauen von +Kopf bis zu Fuß in Weiß, ehrsame Bürger stürzten in den Stall der +Stadt, um die berühmten vier Rapphengste einzuspannen (schnell die +Bänder in ihre Mähnen), alte Männer schleppten die Böller auf die +Straße. Unterwegs suchten sie den Feuerwerker bei den »drei Äpfeln« +auf. (Kommen Sie doch, Herr Hupka, wenn Sie einen Gott anerkennen. -- +»Nur noch einen Schluck!« bat Hupka.) + +Hochehrwürden Herr Péter Molitoriß, der lutheranische Pfarrer, stieg +selbst in den Turm des heiligen Nikolaus, damit er im gelegenen +Momente die Glocken läute. Aus den Dachluken krochen die Fahnenstangen +heraus mit ihren schlängelnden, wehenden trikoloren Flügeln. Ein wenig +fahl sind sie schon; sie sind noch aus der Zeit Bethlens[14] +herübergekommen. Seitdem blühten auch die Kecskeméter Hausdächer gar +wenig. Die elf gefallenen Senatoren hingen rasch die silberknöpfigen +Mentes an, banden die rasselnden Säbel um und nun stehen sie schon im +Halbkreise beim Thore des Stadthauses. + + [14] Ein Fürst Siebenbürgens. + +Eine bedeutend schwierigere Aufgabe fiel dem Herrn Paul Fekete zu +(woraus erhellt, daß nicht gleichmäßige Aufgaben die Schultern der +Männer des öffentlichen Lebens bedrücken), er mußte das Manuskript +umarbeiten; die Benennung mächtiger Beg mußte gestrichen werden, statt +dieser Ansprache mußte hingeschrieben werden: »Glorreicher Patriot.« +Statt der: »Wir kamen zu dir« mußte es heißen: »Du kamst zu uns +zurück« &c. (Gleichviel, es wird sich das doch ganz hübsch machen.) + +Obschon improvisiert, ging alles vortrefflich; nur der Galawagen +verspätete sich ein wenig; doch die Böller erdröhnten gleichzeitig, +die Glocken klangen feierlich und als Lestyáks Gestalt erschien, da +flutete ein Jubelgetöse durch die Straßen, das lawinengleich sich +fortwälzte, weithin, bis an die Pforten des Stadthauses. Da war es, wo +der Gefeierte abstieg, die wohlgesetzte Rede des Herrn Paul Fekete +anhörte, den weißgekleideten Jungfrauen einen lächelnden Gruß +zunickte, den verstoßenen Senatoren die Hand drückte und den Herrn +Poroßnoki vollends umarmte -- woraufhin man ihn auf die Schultern hob, +um ihn im Siegeszuge in das Stadthaus emporzutragen und zuletzt am +Präsidentenstuhle des grünen Ratstisches abzusetzen. + +So wie der Lärm sich ein wenig gelegt (denn der Saal war voll der +Notabilitäten des Gemeinwesens), erbat sich der schneeköpfige Mathäus +Pußta das Wort und feierte mit leiser, wie Wespengesumme tönender +Stimme Lestyáks Verdienste, um schließlich auszurufen: + +»Laßt ihn uns zum lebenslänglichen Oberrichter Kecskeméts erwählen.« + +Hei, wie das Gemäuer ob des Jubelgeschreies erbebte! Es dauerte +Minuten, ehe Kaspar Permete zu Worte kam und sich verständlich machen +konnte, ob er gleich mit allen Vieren gestikulierend andeuten wollte, +daß er ungemein Wichtiges zu sagen habe. + +»Ich aber, Kaspar Permete, der ich sothane Obrigkeit vor zwölf Jahren +durch ein Wort meines Mundes zu Falle gebracht, ich stehe nicht an, zu +erklären, daß ihm selbst die lebenslängliche Übertragung unserer +höchsten Würde eine zu kurze Frist sei.« + +»Nach seinem Tode kann er doch nicht gut präsidieren!« warf Herr +Gerson Zeke ein. + +»Doch, doch ... Laßt es uns aussprechen und ins Protokoll aufnehmen, +daß gleichwie die heilige Krone unseres Landes in der von Gottes +Gnaden ruhmreich regierenden Familie Habsburg sich von Vater auf Sohn +vererbt, desgleichen der Oberrichterstab auf die männlichen Nachkommen +Lestyáks übergehen möge für und für.« + +G e r s o n Z e k e: »Es giebt doch wohl noch einen kleinen +Unterschied zwischen den beiden.« + +K a s p a r P e r m e t e (wütend): »Es giebt keinen!« + +G e r s o n Z e k e: »Die Krone ist aus Gold, der Oberrichterstab +aber aus dem Holz der Kornelienstaude!« + +Diesen kleinen Konflikt unterbrach Herr Johann Deák aus der Czegléder +Gasse, der im Geruche eines sehr weisen Mannes stand. + +»Vetter Zeke ist im Rechte, denn die Krone glänzet stark auch auf +schwachen Häuptern, allein der Richterstab wird stets schwach in +schwachen Händen sein. Mithin geht es nicht an, diesen Stab blindlings +noch ungeborenen Nachkommen in die Hände zu drücken. Indessen ist es +ungeziemend, diesen großen Tag durch derlei Gezanke zu entweihen. Wir +wollen auf den Pfaden des ehrwürdigen Ernstes bleiben und nichts +überhasten, denn es wird uns niemand Dank dafür wissen, wenn wir ihm +eine Würde anbieten, die derzeit noch ein anderer inne hat. Die +Versammlung möge daher beschließen, daß das ohnedies nur provisorisch +errichtete Triumvirat abgeschafft wird.« + +»Die sind ja freiwillig durchgebrannt! Keiner von ihnen wagt es, sich +zu zeigen!« klang es von allen Seiten. + +»Sonach möget ihr die alten Senatoren wiederwählen und es kann dann +die protokollarische Inaugurierung der lebenslänglichen +Oberrichterschaft Lestyák's stattfinden.« + +Überflüssig zu sagen, daß alldies angenommen wurde. Der neue +Oberrichter saß so würdevoll da wie ein Dynast und nickte kühlen Dank +mit dem Kopfe. Sein Antlitz, bis dahin bleich, färbte sich jedoch +scharlachrot, als sich die Rufe erhoben: + +»Wir wollen die Geschichte mit dem Mantel hören! Er selbst soll sie +uns zum Besten geben!« + +Nervös bewegte er sich auf dem Sessel hin und her, wie wenn eine +eiserne Faust seine Kehle zusammenschnürte. Den Fall mit Olaj Beg +Hunderten zu erzählen ... Eine Scene, die er nie durchlebt, die er nie +gesehen hat. Lügen vor dem Angesichte der ganzen Stadt! Ach, welch' +großer Fehler war es, daß er nicht ins Lager gegangen war. Der Teufel +brachte ihm jenes Mädchen in den Weg. Und wenn er schon nicht dort +war, wäre es besser gewesen dies einzugestehen. Jetzt ist es schon +unmöglich, unmöglich ... + +Je größer seine Herrlichkeit war, um so mehr zerriß seine Seele das +Bewußtsein, daß ein unerwarteter Windhauch dieselbe zerstören könnte, +die Ohren des Midas wurden ja auch entdeckt. Er hatte das Gefühl, als +hätte er seinen Ruhm gestohlen, er konnte sich desselben nicht freuen, +und doch, er gebührte ihm ja, denn er war es, der den Mantel erworben +hatte. + +Hinter dem Lehnstuhl des Oberrichters schwebte ein unangenehmer +Schatten. + +»Hört! Hört!« tönte es immer lebhafter und intensiver. + +Es gab kein Entrinnen. Verlegen nahm er den Kaftan ab und legte ihn +auf den grünen Tisch. Hier der wertvolle Schatz der Stadt Kecskemét. +Dann erzählte er stotternd noch einmal die wundersame Geschichte des +grünen Mantels. Laute Ausbrüche der Freude würzten seinen Vortrag; +jeder jubelte, nur eine gebrochene Gestalt weinte in der letzten Bank. +Der mächtige Oberrichter, nunmehr der Diktator von Kecskemét, stand +auf, ging zu dem schluchzenden Manne, nahm ihn bei der Hand und +sprach: + +»Und jetzt gehen wir, mein guter Vater. Ich will daheim ein wenig +ausruhen.« + +Im kleinen Thore warteten schon die kleine Erzsi und der Laczi. Die +Krapfen waren schon hübsch gebacken und auch das Pörkölt[15] war schon +vollkommen, das Spanferkel bereits ausgekühlt, gerade gut, daß sie +kommen. + + [15] Ungarische Nationalspeise. + +»Ich habe es dir nicht gesagt, mein lieber Sohn, freilich, wann hätte +ich es dir sagen sollen, daß ich mit einem Gesellen arbeite, das +heißt, wir arbeiten jetzt schon zu Zweien.« + +Der Oberrichter machte ein gleichgiltiges Gesicht. + +»Der junge Bursche dort?« + +»Ich mußte ihn acceptieren, als ich nach Ofen zum Pascha intervenieren +ging. Denn ich habe dich zum Oberrichter gemacht, daß du es nun +erfahrest (das Auge des Alten schimmerte grünlich). Der alte Lestyák +ist ein ganzer Mann; was?.... Der Geselle, sage ich, war zur Arbeit +nötig, obzwar ich nicht bemerke, daß er auch nur das Geringste gemacht +hat. Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, zu erforschen, was er +kann. Bisher habe ich die Politik gemacht. Lache nicht, Junge, sonst +werde ich bös. Von nun an wirst du sie machen. Ein großartiges Blut, +das der Lestyák. Aber schau, wir sind ja schon zu Hause.« + +Wie süß ist das Elternhaus, wenn man es lange nicht gesehen hat. +Gemütlich raucht der Schornstein, munter nicken die Zweige des alten +Birnbaumes, im Hofe springt uns der Hund Bodri entgegen, im Zimmer die +Katze Czirmos, es lachen die Steinkrüge, die bekannten Thongefäße an +der Wand, die Möbel beginnen zu erzählen, es flackert das Feuer im +großen Ofen und wirft einen flammenden Streif auf die braune Thür. + +Der Alte seufzte: + +»Deine arme, gute Mutter, wenn man sie zu diesem Tage erwecken +könnte!« + +Man bringt das Essen, die Düfte desselben erfüllen das Zimmer, die +Erzsi geht hin und her, so auch der Geselle Laczi. + +»Lauf', mein Laczi, in den Keller, lauf und spute dich. Du aber, mein +Sohn, setze dich nieder, denn ich weiß, du bist hungrig, die +Gefangenenkost hat dich herabgebracht. Ich habe seit dem +Schreckenstage ebenfalls nichts gegessen. Vorerst hinderte mich die +Trauer und jetzt die große Freude. Ich habe in Ofen gelebt, wie das +Pferd des Nikolaus Toldy. Nur daß ich dich befreit habe.« + +»Ibrahim Pascha ist ein braver Mann,« flüsterte der Oberrichter +zerstreut (die eigenartige Situation Czinna gegenüber hatte ihn nervös +gemacht). + +»Ach bewahre! Ein arger Hund ist der Alte, zuerst war er wütend über +mich, es fehlte nicht viel und auch ich wäre ins Kühle gekommen.« + +»Warum?« + +»Wegen des Zigeunermädchens, wenn du dich ihrer erinnern kannst. Ist +die Suppe vielleicht nicht genügend gesalzen? Bringe das Salzfaß +herein, du Laczi!« + +Laczi zitterte wie Espenlaub. + +»Was fehlt denn dir? Fürchtest du dich vor meinem Sohne? Der beißt ja +nicht, wenn er auch ein großer Herr ist.« + +»Ich danke, ich bedarf des Salzes nicht. Also des Mädchens willen +zürnte Ibrahim?« + +»Er sagt, sie sei mit Euch durchgegangen und solange wir sie nicht +zurückgeben, oder nicht eingestehen wo sie ist, läßt er auch mich +einsperren ... Ich sagte, ich hätte seitdem nicht einmal ihren +Schatten gesehen.« + +»Das haben Sie nicht vernünftig gemacht --« murmelte der Oberrichter. +»Und das Weitere?« + +»Zum Glück kam eben zu jener Zeit der amtliche Bericht, daß man die +Kleider des Mädchens am Theißufer aufgefunden und auch den Leichnam +aus dem Flusse gefischt hat.« + +»Ach,« unterbrach ihn der Oberrichter munter. »Ist das Mädchen +gestorben?« + +»Was!« schrie der Geselle und ließ die Bratenschüssel fallen, die er +eben ans dem Ofen gehoben hatte, um sie auf den Tisch zu setzen. + +Der Meister fuhr ihn wütend an: + +»Du Lümmel! Hebe es auf, dann aber verschwinde!« Bald hiernach lachte +er aber schon: »Gar manches Wunder geschieht heute, die toten Ferkel +gehen auch schon durch.« (Das schön rot gebratene Tier kollerte bis +unter das Bett.) + +Laczi schlich krebsrot zur Thür. + +»Halt!« rief der Oberrichter, winkte ihm zu und flüsterte ihm etwas +ins Ohr. »Jetzt kannst du hinausgehen.« + +»Willst du etwas? Ich möchte es lieber der Erzsi sagen. Dieser ist +ungeschickt,« sagte er, dem Knaben nachblickend, »ich glaube nicht, +daß er vom Schneiderhandwerk viel versteht. Es ist dies, mein Sohn, +ein großartiges Handwerk, eine herrliche Wissenschaft. Die +Korrigierung der Schöpfungen Gottes; ich korrigiere den häßlichen Leib +und bringe Männlichkeit in die schiefen Schultern. Es ist dies schon +etwas, mein Söhnchen.« (Der alte Schneider fuhr begeistert durch seine +schütteren Flachshaare.) »Es ist schade um den Jungen, er hat ein so +sanftes, liebes Gesicht, daß er ganz gut ein Mädchen sein könnte.« + +»Heutigen Tages ist gar nichts unmöglich, mein lieber Vater.« + +»Das ist schon richtig, aber iß doch vom Braten. Wir haben auch noch +Krapfen. Ißt du den Kopf nicht gern?« + +»Ich esse schon, aber Sie, mein Vater, haben ja das Ende des Ofner +Ausfluges noch immer nicht erzählt.« + +»Als die amtliche Verständigung anlangte, wurde Ibrahim sofort guter +Laune, du kannst dir ja denken, wie ihn der Sultan bedrängte. Er +sandte sofort die Beweise des Todesfalles zum Padischah, mich rief er +zu sich, klopfte mir auf die Schulter, indem er sagte: >Ich sehe, ihr +seid rechtschaffene Leute,< (wir Lestyáks waren dies zu jeder Zeit). +>Hier ist der Befehl, deinen Sohn frei zu geben, jedoch sage es nicht, +du Hund, daß du es unentgeltlich bekommen hast, denn damit würdest du +mich zu Grunde richten;< und so gelangte ich zu dem Ferman.« + +»Er hat es übereilt.« + +»Wer? Ich?« + +»Nein, der Pascha.« + +»Ich verstehe dich nicht.« + +»So sehen Sie dorthin.« + +Durch die offene Thür schwebte heiter lächelnd Czinna, das +Zigeunermädchen, herein, sie hatte ein nettes Spitzenhemd an und ein +schwarzgetupftes Tuch: das Festgewand der Erzsike. Der alte Lestyák +taumelte zurück. + +»Eine feste Burg ist unser Gott!« schrie der Alte entsetzt und kalte +Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. »Das Zigeunermädchen! Von +dannen, du Gespenst!« + +»Es ist ja kein Gespenst, mein lieber Vater, sondern sie selbst.« + +»Hole mich der Teufel, wenn ich es glaube.« + +Man hörte ein Klopfen an der Thür, nicht als ob der Teufel auf den +Lockruf gekommen wäre. Gewiß nicht. Der Senator Máté Pußta trat ein in +Begleitung Paul Feketes und Gáspár Permetes. + +»Gott zum Gruß! Nehmen Sie Platz bei uns. Was bringen die Herren?« + +»Uns sendet die Versammlung vor das Angesicht Euer Wohlgeboren.« + +»Bereitwilligst lauschen wir euren Worten,« sagte der Oberrichter +würdevoll. + +Sie erzählten sonach kurz, was die Versammlung nach seinem Abschied +beschlossen habe: »Um den Herrn Agoston geht eine Deputation nach +Waitzen, das ist eins (dies ist sehr vernünftig), zweitens aber wird +der Kaftan dreißig Tage hindurch öffentlich zur Schau gestellt; jeder +kann ihn unentgeltlich bewundern, der Arme, wie der Reiche, der hier +Weilende, wie der Fremde, nur der Groß-Köröser zahlt zehn Denare.« +(Auch dies ist sehr richtig.) + +»Der wichtigste Beschluß aber ist,« fuhr Máté Pußta fort, »daß wir aus +der Kirche des heiligen Nikolaus den Reliquienhälter herüberbringen +ließen; darin wird der Kaftan versperrt sein bei Tag und bei Nacht. +Den Schlüssel sendet die Versammlung Ihnen, Herr Oberrichter, daß Sie +darauf achten, wie auf Ihr Augenlicht und ihn an einem Orte verwahren, +wohin keine fremde Hand gelangen kann.« + +Damit überreichte er den an einer grünen Schnur hängenden Schlüssel +dem Oberrichter. + +»Ich gehorche der Versammlung.« + +Er übernahm den Schlüssel, stand auf, trat zu Czinna und hängte ihr +denselben um den Hals. + +»Berge ihn an deiner Brust, Czinna.« + +Czinna errötete bis über die Ohren; sie zog mit einer unwillkürlichen +Bewegung das rote Tuch über die Augen, freilich kamen da rückwärts die +knabenhaften kurzen Haare zum Vorschein. + +Herr Máté Pußta bewegte, gegen das Fenster sich wendend, seinen großen +Kopf; das also ist der Ort, wohin keine fremde Hand gelangen kann. Der +schneeweiße Busen eines schönen Mädchens. + +Der Schneider rief lebhaft aus: + +»/Canis mater!/ Der Geselle Laczi.« (Er erkannte ihn an den Haaren.) + +Der Oberrichter lächelte. + +»So ist es, mein lieber Vater, wenn einmal die Wunder beginnen. Es +wird dies einmal zur Chronik werden, wie aus dem Schneidergesellen +eine Oberrichtersfrau wurde.« + +Die Glorie der Verklärung glänzte auf der Stirn des Mädchens, die +magische Kraft seines Blickes vermochte sie aber nicht weiter zu +ertragen. Sie glaubte vor Glückseligkeit sterben zu müssen. Ihre Hand +ans Herz drückend, stürzte sie aus dem Zimmer. Der Schneider sprang +giftig wie ein Hamster in die Höhe. + +»Was treibst du für Kabalen mit mir? Wenn du nicht Oberrichter der +Stadt Kecskemét wärest, möchte ich dir wohl etwas sagen. Dein Glück +dies, wahrlich, dein Glück. Und was bedeuten deine komischen Worte. +Was hast du vor?« + +»Ich nehme sie zur Frau.« + +»Du, zeitlebens Oberrichter der Stadt Kecskemét?« + +»Warum nicht?« + +Der Alte ließ traurig den Kopf hängen. + +»Der Ofner Pascha läßt uns beide umbringen, wenn er es erfährt.« + +»Auch gegen den Pascha schützt mich der Mantel. Im übrigen sucht man +ja Czinna nicht mehr, da sie sich schon in den Gedanken gefunden +haben, daß sie in der Theiß ertrunken sei.« + +»Es wird sich schon jemand finden, der es ihm einflüstert. Aber reden +Sie doch um Gottes willen, meine Herren, raten Sie ihm ab, stehen Sie +doch nicht da wie Holzklötze.« + +Auf diese Anrede nahm Gáspár Permete das Wort und redete ihm zu, daß +der Herr Oberrichter unter den reichsten Mädchen der Stadt wählen +könne; fünfzehn auf jeden Finger, diese niedere Abstammung aber passe +nicht zu seinem hohen Rang. + +»Das ist nur so gesagt,« meinte Max lachend. »Wie, wenn Czinna von den +ägyptischen Königen abstammt?« + +»Das, Herr Oberrichter, zu beweisen, würde schwer halten.« + +»Genau so schwer, wie Ihnen das Gegenteil, daß sie nicht von den +Pharaonen abstammt.« + +Permete lachte, auch Máté Pußta lachte; denn die Meinung Máté Pußtas +war: »Der Oberrichter weiß schon, was er thut. Man braucht ihm nie +dreinzureden.« + +Paul Fekete aber nahm die ethische Seite der Sache: + +»Eine Oberrichtersfrau kann nicht jede sein, es muß wenigstens eine +Person sein, die des Lesens und der Schrift mächtig, in allen Dingen +bewandert und dabei eine kluge Person ist.« + +»Eh!« meinte Max Lestyák ärgerlich, »der ehrenwerte Seneca meint, es +ist genug für die Frau, wenn sie so viel weiß, daß, wenn der Regen +tropft, man unter das Dach gehen muß.« + +»Hier reden wir wohl vergebens,« rief Herr Permete achselzuckend und +einen guten Abend wünschend zog er auch die anderen aus dem Zimmer. + +Unterwegs streuten die Herren in drei Richtungen den Roman der Czinna +aus. + +Es tagten auch heute überall die Klatschbasen. + +»Sie hat einen Zauber an ihm verübt, sie hat ihm etwas ins Getränk +gemischt, anders ist es unbegreiflich. Es ist entsetzlich, wie +fürchterlich so ein kluger Mann straucheln kann.« + +Besser noch als den Klatschbasen gefiel die Geschichte dem Balázs +Putnoki. Noch in derselben Nacht machte er sich auf den Weg zum Ofner +Pascha, um diesem anzuzeigen, daß das Zigeunermädchen lebe. Max +Lestyák halte sie verborgen und wolle sie zur Frau nehmen. Er kam aber +beim Ofner Pascha merkwürdig an, wie es sich später herausstellte. +Dieser hörte ihn an und fragte ihn dann mit gerunzelter Stirn: + +»Du behauptest also, daß sie lebt?« -- »Jawohl sie lebt.« Der Pascha +winkte die Leibgarde herbei. »Führet den Mann hinaus, laßt ihm fünfzig +Stockhiebe auf die Fußsohlen geben und bringet ihn dann wieder +herein.« Als sie ihn zurückbrachten, frug Ibrahim überaus +liebenswürdig: »Nun, lebt das Mädchen noch immer?« -- »Bewahre, sie +lebt nicht mehr, gnadenreicher Pascha.« Ibrahim rieb sich vergnügt die +Hände. »Lerne es, du Mann, daß eine Person, von der ich dem Sultan +einmal referierte, daß sie nicht lebt, zum mindesten sechs Fuß tief +unter der Erde liegt.« + +So erging es dem verräterischen Putnoki, aber ein Glück wie dasjenige +Max Lestyáks gehört auch zu den Seltenheiten. In herrlichstem Glanze +schien die Sonne auf ihn hernieder. Seine Macht wuchs von Tag zu Tag, +sein Ansehen festigte sich auch nach außen. + +Kecskemét begann eine große Rolle zu spielen. Der Mantel war ein +ganzes Heer wert, das den Feind zügelte. Ein Heer, das keiner Montur, +keiner Munition bedurfte, dem nichts schaden konnte, höchstens die +Motten. + +Die Kecskeméter fürchteten keinen Feind mehr. Im Gegenteil, sie +warteten mit vielem Vergnügen auf den Augenblick, wo eine +herumstreifende Türkenschaar mit ihnen anknüpfe. Es war dies immer ein +großes Amüsement für das Volk. Der Oberrichter zog zu solch' einer +Zeit mit dem Rappen der Stadt hinaus, vier Haiducken[16] ritten vor +ihm, vier hinter ihm, die Männer, Frauen, Kinder, gar oft die ganze +Stadt kamen mit, um den berauschenden Anblick zu genießen, wie die +türkischen Führer zum Mantelkusse sich neigten und wie sie den +Oberrichter demütig fragten: + + [16] Berittene städtische Beamte. + +»Mein Herr, was befiehlst du?« + +Ganze Legenden schwirrten im Lande von dem Zauberkaftan, mit allerlei +bunten Anhängseln verziert. -- Bald hieß es, daß derselbe in Zeiten +der Gefahr spreche und dem Richter Rat erteile, dann erzählte man, daß +der Kranke, der ihn berührt, gesundet, die Witwe oder Jungfrau, die +ihn küßt, heiratet. Die Klügeren behaupteten, daß der Kaftan kein +besonderes Wunder Gottes sei, sondern daß seine ganze Kraft darin +bestehe, daß mit der Unterschrift des Sultans der Satz hineingestickt +sei: »Gehorchet dem Träger des Mantels.« Herr Michael Lestyák selbst, +der das weltberühmte Kleidungsstück fachmännisch betrachtete, meinte +verächtlich: + +»Daran ist nichts Besonderes. Auch ich nähe einen solchen, wenn ich +Lust dazu habe.« + +Die Wunderkraft des Kaftans warf ein magisches Licht auf die Person. +Max kleidete sich in das farbenprächtige Kleid der Legenden. An +schönen Abenden erzählte man von ihm in den Hütten in einer Entfernung +von Hunderten von Meilen. Weit unter Szegedin, während der Kahn des +Fischers mit leisem Plätschern die Wellen durchschneidet, träumt er +selbst: »Was mag wohl der Kecskeméter Oberrichter machen?« + +Er ißt goldenen Speck zur Jause mit einem Karfunkelmesser. Der +sprechende Kaftan sagte seinem Feind nicht nur: »Hebt Euch weg von +Kecskemét,« sondern er sagte auch dem guten Freunde und den glänzenden +Kremnitzer Dukaten: »Kommt her nach Kecskemét.« Reiche Leute, edle +Herren kamen mit ihren Schätzen hierher, um in der sichersten Stadt zu +wohnen; die Eltern sandten am liebsten ihre Kinder dahin, damals +erschienen in den Straßen Kecskeméts das erstemal die verschiedenen +Studententypen, die seitdem dort bestehen; die Schule blühte, die +Bewohner bereicherten sich märchenhaft rasch. + +Freilich hat alles seine schlechten Seiten. Der Mantel zeugte das +viele Geld, das viele Geld zeugte die vielen Pustenbetyáren und +Räuber, die immer wieder Einfälle in das Kecskeméter Gebiet wagten. +Jedoch auch jedes schlechte Ding hat seine guten Seiten, der Betyáren +wegen verkündete man das Standrecht und da das Komitat sich nicht frei +bewegen konnte, wurde das Recht des Blutbannes provisorisch auf den +Kecskeméter Magistrat übertragen. Noch ein Haar und Kecskemét wird +königliche Freistadt. + + + +Achtes Kapitel. + + +Max Lestyák war Herr über Leben und Tod, und damit sein Ansehen noch +wachse, sandte ihm der König den Adel mit dem Prädikate »Von +Kecskemét«. Ein Ritter mit einem Kaftan bekleidet, stand auf dem +Wappen in silbernem Felde. In der anderen Hälfte des Schildes war auf +drei goldenen Kissen ein sich bäumender Fuchs. (Se. Majestät hat dies +gut ausgedacht.) Nur noch eines fehlte zur vollen Glückseligkeit: die +Hochzeit mit Czinna. + +Und auch dieser stand nichts mehr im Wege. Der alte Lestyák hatte sich +mit dem Gedanken schon lange befreundet, das kleine Ding wußte ihm +alles zu Gefallen zu thun, und wenn sie ihm das Kinn kraute, glaubte +er sich ins Himmelreich versetzt. Sie wurde aber auch immer schöner, +sie bekam runde Formen und ihr Gesicht war wie der Pfirsich, dessen +Blutfarbe selbst die zarte Hülle durchschlägt. Niemand kam ihr gleich +in Kumanien. Sie wurde der Liebling, die Vertraute des Alten, er +nannte sie »Tochter«, »Schwiegertochter« und redete nun selbst seinem +Sohn zu, sich zu beeilen, da er bei Gott sie sonst selbst heirate. + +Max tobte vor Ungeduld, wenn das kleinste Hindernis sich offenbarte; +wenn aber kein Hindernis war, nahm er die Sache leicht. + +Der erste Termin war für den Tag angesetzt, wo er den Ferman des Ofner +Pascha erwirkt, denn ohne diesen geht es denn doch nicht, obgleich der +Vogel auch dann sein Haus baut, wenn er auch befürchtet, daß grausame +Hände es zerstören. Der Ferman kam selbst: er war auf die Sohlen +Putnokis geschrieben. Es ist gewiß, daß der Pascha das Mädchen wohl +nie mehr behelligt. + +»Nun könnt Ihr schon Hochzeit halten!« redete ihnen der Alte zu. + +»Warten wir noch, bis das Haar der Czinna wieder gewachsen ist,« +antwortete Max. »Auf kurzen Haaren würde sich der Kranz übel +ausnehmen.« + +Im Laufe eines Jahres wuchs ihr auch das Haar und wie herrlich! Eines +Abends löste sie es während des süßen Geflüsters los, denn jetzt trug +sie es wie die Damen als Kranz um ihren Kopf gewunden und band die +beiden Hände ihres Max mit zwei dicken Flechten fest, wie man die der +Häftlinge zu binden pflegt. + +»Ein gefesselter Oberrichter,« lachte sie mutwillig. + +Max verstand den Wink. + +»Wahrlich, die Zeit der Hochzeit wäre schon da, ich erwarte sie schon +lange, aber wenn wir uns die Sache überlegen, schadet es nichts, wenn +du noch etwas lernst, ich aber will noch vorerst so viel verdienen, um +die Frau eines Oberrichters ernähren zu können.« + +Der Oberrichter nämlich ließ den hochgelehrten Herrn Molitoriß zum +Unterricht der Czinna ins Haus kommen; kaum war aber ein halbes Jahr +vergangen, so meinte der würdige Herr: + +»Was ich wußte, weiß sie schon.« + +Max Lestyák hatte etwas Geld zusammengescharrt, jedoch gerade zu +dieser Zeit kam der Adelsbrief. Das Glückskind fing an auf großem Fuß +zu leben; die Adeligen der Umgebung schlossen Kameradschaft mit ihm, +sie kamen zu ihm zu Besuch und er erwiderte denselben. Czinna +vernachlässigte er. Ein Adeliger kann doch nicht immer girren, er +macht sich ja lächerlich. Das elende Pergament hatte ihn wie +umgewandelt, wie wenn sein Blut wirklich blaublütiger geworden wäre, +wurde er noch launenhafter. + +Man sprach allüberall, daß er eine Beniczky heiraten solle, dann würde +aus ihm ein Obergespan gemacht werden in irgend einem Komitate Emerich +Tökölys, das noch in des Kaisers Händen ist. Doch dies alles ist nur +Geklatsch! Die Kecskeméter fabrizieren denselben, seitdem ihr +Oberrichter so groß wurde, daß Kecskemét neben ihm klein erscheint. + +Ach, wie blutete das Herz Czinnas. Auf der kleinen Holzbank unter dem +Birnbaum, wo sie an schönen Sommerabenden so oft flüsterten, wo Czinna +so glücklich war, saß Max jetzt selten, oft blieb er Wochen hindurch +in den Kastellen, und wenn er auch kam und ihr einige schöne Worte +sagte, der Schluß war immer: + +»Gieb nur auf deine Worte acht, Czinna, mein Täubchen, sprich nie von +jenem Tage, du weißt ja, welchen ich meine, sage nie, daß du dort +warst ... vor Olaj Beg, denn sonst bin ich verloren.« + +Czinna war es, als wenn man ihr ein Messer ins Herz stieße. Es tauchte +in ihr der Verdacht auf, daß sich Max vor ihr fürchte, aber sie nicht +liebe; er kettet sie mit dem Brautring nur deswegen an sich, daß er +sich ihres Schweigens versichere. Von Tag zu Tag wurde sie trauriger, +die roten Rosen verschwanden vom Gesichte, in den Augen fehlte der +entzückende Glanz, eine sanfte Melancholie war an seine Stelle +getreten. + +Schön war sie trotzdem. Der alte Lestyák erschrak; er glaubte, daß sie +krank sei, er hatte auch den Grund ihrer Krankheit herausgefunden. + +»Kränke dich nicht, trauere nicht, meine kleine Resedablüte. Er liebt +dich und glaube mir, wenn ich es sage, er möchte dich auch schon +morgen zum Traualtare führen, wenn er nur Geld hätte. Was er aber hat, +verspielt er mit den Fáys und Beniczkys. Ich kenne ihn, den Max, er +ist voller Dummheiten, aber sein Herz ist gut. Freilich könntet ihr +auch bei mir leben, wenn auch ärmlich, du weißt aber, wie verrückt er +ist, wenn er den Herrn spielen will; er ißt nicht einmal die +Erdbeeren, wenn er sie nicht auf einem silbernen Teller bekommt. Und +gerade jetzt leidet er an dieser Krankheit. Lassen wir ihn, bis er +seinen Wappenfuchs satt bekommt. Entweder der Fuchs frißt ihn oder er +den Fuchs. Im allgemeinen fressen diese Wappentiere sehr viel, meine +liebe Czinna.« + +Czinna seufzte bei solchen Reden; das schöne Wort war kein Balsam auf +ihre Wunde. + +»Seufze nicht, lächle doch ein wenig, wie ehedem. Wenn ich reden +dürfte, könnte ich dir wohl etwas sagen, daß du Lust zum Tanzen +bekämst.« + +Geheimnisvoll zwinkerte er mit den Augen und murmelnd mahnte er sich: +»Pst, laß deinem Mund nicht freien Lauf, Alter!« + +Was dieses geheimnisvolle Ding sein mochte, konnte sich Czinna nicht +recht vorstellen. Alles in allem war ihr bloß ein Umstand aufgefallen. +Seit einigen Tagen kamen zwei Herren zu Lestyák; spät am Abend kamen +sie, lange flüsterten sie mit einander, indem sie sich in die +Hinterstube einsperrten, nie erwähnte aber der Alte, was sie wollten, +sondern schweigend und zugeknöpft ging er unter den Seinigen herum. + +Endlich eines Abends nahm er den Kopf Czinnas in die Hände und wühlte +in ihrem dichten schwarzen Haar herum. Es war dies eine seiner +Lieblingsbeschäftigungen. + +»Freue dich, Czinnchen, freue dich! -- Dein Tag ist gekommen, nun wird +auch die Hochzeit stattfinden, ich lasse dir eine Ausstattung machen, +daß die Fáyschen Fräulein grün vor Neid werden. Lache doch, Czinna, du +hast ja so viel Geld, daß deine kleinen Kinder, wenn du welche haben +wirst (du mußt deswegen nicht erröten, was schämst du dich meiner +Enkelkinder) mit Goldstücken spielen werden.« + +Der Alte nahm einen Haufen Gold aus seinen Taschen und ließ diesen vor +Czinna funkeln. + +»Woher nahmen Sie diesen großen Schatz?« fragte erstaunt das Mädchen. + +»Was ist dies mit dem übrigen gemessen? Horch auf, mein Kind, ich will +dir alles erzählen. Für dich thue ich dies, was ich thue, einerseits, +weil ich weiß, daß Max dich ohne Geld nicht heiraten kann. Einerseits, +sage ich, dann spielt auch meine Eitelkeit mit hinein. Ich will ein +Kleid hinterlassen, daß die Schneider auch nach tausend Jahren +erzählen sollen: >Es lebte ein Mann, Namens Mathias Lestyák, der +machte dieses Kleidungsstück.<« + +»Ich ahne nicht einmal, wovon die Rede ist.« + +Der Alte fuhr flüsternd fort: + +»Zwei fremde Herren kamen zu mir, du kanntest sie ja schon, ein +kleiner Dicker und ein Goliath. Sie kamen in Vertretung einer Stadt, +den Namen derselben verschwiegen sie auch vor mir. Ich fragte sie +nicht, es ist mir ja gleichgiltig, welche es ist. Sie suchten mich, +wie gesagt, auf und sagten: >Meister, Schneider der Schneider, unter +allen Schneidern der größte! Wir suchten dich auf, um dich reich und +unsterblich zu machen.< >Was wollt ihr?< >Nähe uns einen Kaftan, +gleich jenem der Stadt Kecskemét, er soll aber dem anderen vollkommen +ähnlich sein, wie zwei Eier oder zwei Weizenkörner einander gleichen; +bist du dies im stande?< + +>Meine Nadel näht alles,< antwortete ich, >was mein Auge erblickt.<« + +Czinna zog sich fröstelnd zum alten Schneider hin ... + +»Und worin kamen Sie überein?« + +»Wir wurden handeleins. Nach vielem Hin- und Widerreden bestimmten +wir, daß sie fünftausend Goldstücke zahlen, fünfhundert gaben sie mir +im voraus, alles wird dir gehören, mein Kind.« + +»Können Sie ihn aber auch so nähen?« + +»Ich?« Und seine Augen flammten. »Geh' du Närrin! Wofür hältst du mich +denn? Es wird eine Prachtarbeit sein, wenn ich es dir sage.« + +»Wird aber kein Unglück geschehen?« fragte das Mädchen furchtsam. + +Der Alte lachte. + +»Was könnte denn passieren? Die andere Stadt wird nun auch einen +Kaftan haben, dies ist das Ganze. Und dann, daß der Türke, der jetzt +vielleicht zweihundert Städte plündert, gezwungen sein wird, sich mit +hundertneunundneunzig zu begnügen. Hungers wird er deswegen nicht +sterben.« + +»Richtig, richtig,« meinte Czinna zerstreut. + +»Du, mein Kind, giebst mir den Schlüssel und davon braucht niemand +etwas zu wissen: ich will mir dann den Kaftan besehen, ihn genau +prüfen und studieren; alsdann fertige ich rasch wie der Wind ein +getreues Ebenbild desselben an und nachher soll es eine Hochzeit +geben, wie sie wohl noch nicht erlebt wurde. Hei, wie sollen deine +zarten Füßchen im Brautreigen hüpfen.« + +Solchermaßen wurde alles aufs Genaueste ausgeklügelt: was für ein +Brautkleid es geben, wie der Kranz und das Schuhwerk beschaffen sein +werden, wie sie dem Max viertausend von den fünftausend Dukaten geben +wollen: »Da, nimm, und wirf deinem Weibe nicht vor, daß es dir nichts +mitgebracht habe.« Daraufhin werde er fragen: »Wo habt ihr das her?« +Sie aber werden antworten: »Wir haben es gefunden auf der löcherigen +Brücke.« Und zuletzt, da wollen sie ein Erbschaftsmärchen ersinnen und +damit bricht eine Zeit ewiger Glückseligkeit für alle an. + +Czinna ward heiter, lachte, klatschte sogar in die Händchen, so +unbändig gefiel ihr das Zukunftsbild, das ihr von Lestyák vorgegaukelt +worden. Andern Tags erschloß sich dem alten Schneider dank dem +Schlüssel Czinnas der Eisenschrank im Stadthause: er besichtigte +nochmals genau den Kaftan und ging sodann nach Szegedin, um bei den +vornehmen türkischen Kaufherren, die dort lebten, alles Zubehör, so +den feinen dunkelgrünen Sammet, die Schnüre und den Bärenpelz für das +Futter einzukaufen. Und so wie das alles gekauft war, ging er mit der +Fieberhast des Schöpfungsdranges an sein Werk. + +Das war aber keine geringe Aufgabe. Alle Abende holte er heimlich +unter seinem Oberkleide den Kaftan, um diesen am Morgen auf die +gleiche Weise an seinen Platz zurückzuschmuggeln. In die Stube des +Oberrichters hatte er freien Zutritt; darum fiel es auch niemandem +auf, daß er so oft kam und ging. Vielleicht hatte ihn der Oberrichter +nach etwas gesandt? + +Vom Abend bis zum frühen Morgen arbeitete er, eingeschlossen in seiner +hintersten Stube, mit der Inspiration und der Leidenschaft eines +Künstlers. Zuweilen erweckte er Czinna aus ihrem nächtigen Schlafe, um +ihr die einzelnen Stücke zu zeigen, die allmählich die Formen des +herrlichen Originals anzunehmen begannen. Seine Augen flammten, seine +Stirn glühte, seine Nüstern bebten und die Stimme zitterte vor +freudigem Hochmut: + +»Schau, hier diese Ärmel, den Kragen, schau!« + +Und erst als nach vierzehn Tagen die Kaftankopie bis zum letzten +Stiche fertig ward, da füllte sich ihm das Herz mit süßen +Empfindungen: + +»Kann es ein herrlicheres Werk auf der weiten Erde geben?« + +Es war eben Nachtzeit. Die Hähne krähten. Der Schneider blickte zum +Fenster hinaus. Für Mitternacht hatte er seine Leute hinbestellt und +die lauerten jetzt in der Umgebung, bis er den Kaftan fertigstellen +würde. Der Hofhund Bodri fing an, das Gekrähe mit seinem Gekläffe zu +beantworten: Aha, der wittert Menschen. Und in der That, sie kamen. +Der Schneider ließ sie ein. + +»Blicket hin!« + +Ein Ausruf der Bewunderung entrang sich ihren Lippen. Auf dem Bett +lagen zwei goldige Kaftans ausgebreitet, und die waren einander so +gleich, wie zwei Eier oder zwei Weizenkörner. + +»Und was meint ihr dazu?« fragte der Meister. + +Der Eine sprach: + +»Fürwahr, du bist der Schneider aller Schneider, der größte Schneider +aller Zeiten.« + +Der Andere sprach nichts, sondern griff nach seinem großen Gürtel und +goß einen Haufen Goldstücke mitten auf den Tisch. + +»Es sind genau 4500 Stück. Zähle sie nach, Meister, so du mir nicht +glauben willst.« + +»Der Teufel mag's zählen! Nicht für Geld, sondern um des Ruhmes willen +habe ich gearbeitet.« + +»Welchen sollen wir mitnehmen?« fragte der Goliath, auf die beiden +Kaftans weisend. »Welcher ist der unsere?« + +Lestyák stand zaudernd am Bette. Er dachte bei sich: + +»Soll ich ihnen m e i n Werk geben? Und es niemals, niemals +wiedersehen? Sie entführen es dann, weiß Gott wohin, und nie wieder +werde ich seine Schicksale erfahren. Und dann erfaßt mich eine +quälende Sorge, was aus ihm geworden sei? Ich sehe den Türken nicht, +der sich davor zur Erde beugt, vor meinem Werke, um es zu küssen, mein +Werk! Nein, nein! Der Erfolg kann nicht ausbleiben. Das Werk ist +vollkommen. Ich will es immerdar vor meinen Augen haben, mich +berauschen an seiner Herrlichkeit!« + +»Ei, warum bezeichnet Ihr uns nicht endlich den neuen?« polterte der +Goliath ungeduldig. + +»Und Ihr, warum steift Ihr Euch just auf den neuen?« + +»Weil ich weiß, daß Ihr mir den bestimmt habt.« + +Lestyák sprang verletzt auf. + +»Nein, nein,« stammelte er heiser ... »Und justament sollt Ihr den +alten wegtragen, den alten, den echten. Der neue ... der soll den +Kecskemétern bleiben.« + +Der Goliath nahm das Kleid und barg es hurtig unter seinem Mantel. Die +Thür ging auf und fiel gleich wieder ins Schloß. Die beiden Gestalten +entschwanden in der nächtigen Dunkelheit. + +Der Alte ging zu Bette, aber kein erquickender Schlaf wollte über ihn +kommen. Ihn quälten böse Traumgesichter. Die Dukaten, die er allesamt +in einen Korb gefegt und unter das Bett gestellt hatte, fingen an auf +dünnen Spinnenfüßen die Wand emporzuklettern: »Heda, ihr Spinnen, +husch hinab vom Gemäuer!« Ein Goldstück sprang ihm auf die Brust und +tanzte dort einen tollen Reigen. »Ei, na warte doch, dich soll ich +bald haben.« Er haschte nach der Münze, doch es war unmöglich, sie zu +fangen, obgleich ihre kalten Füße ihn stachen und ihn schaudern +machten, als ob sie Stecknadeln mit Eisspitzen wären, daß ihm die +Zähne zu klappern begannen. + +Dann schien es ihm wieder, daß ein kichernder Satan das teuflische +Gold ergreift, es in einem Kessel schmilzt und dann in sein Ohr gießt, +die heiße Flüssigkeit durchläuft seine Adern und sprengt seine +Schläfe. Und während sein Blut heftig kocht, rufen ihm entsetzliche +Stimmen zu: »Lestyák, was hast du gethan, ach was hast du gethan!« + +Er sprang auf, kleidete sich an, drückte seinen Kopf an die +Fenstertafel und erwartete den Morgen. Er fühlte eine große +Beklommenheit, traute es sich aber selbst nicht einzugestehen. Ah! Es +ist ja alles in Ordnung. Die Sache ist sicher, ganz sicher. Er trug +den Kaftan in die große Eisentruhe des Stadthauses, dann ging er in +die Schlafkammer von Czinna, um ihr den Schlüssel zu übergeben, wobei +er ihr ins Ohr flüsterte: + +»Alles ist gut, mein Herz, dort unter dem Bette wiehern schon die +Goldfüchse. Wir haben etwas, was wir vor den Hochzeitswagen spannen.« + +Vergebens strengte er sich an, ruhig zu sein; sein verstörtes Gesicht +widersprach dieser Ruhe. Er konnte nirgends seinen Platz finden. + +Wie die betäubte Fliege taumelte er hin und her, bis er endlich bei +seinem Sohn eintrat, wo er schon den Haiducken Pintyö mit einem Briefe +vorfand. + +Der Oberrichter sah sehr gut aus, sein Gesicht glänzte vor Lebenslust. +Gerade jetzt war er mit dem Ankleiden fertig geworden. + +Auch der Anzug war ganz anders, als ehedem, ganz für einen Edelmann +passend; statt des Dolmans ein Attila mit geschlitzten Ärmeln, im +Schlitz mit weichselroten Seideneinsätzen. + +»Guten Morgen, mein Vater! Was giebt es Neues?« + +»Ich wollte dich um etwas ersuchen.« + +»Dem Kecskeméter Oberrichter befiehlt nur ein Mann in ganz Kecskemét.« + +»Meinst du mich?« + +»Sie haben es erraten. Nun, was befehlen Sie?« + +»Eine Kleinigkeit, blos eine Laune. Wenn demnächst eine feindliche +Truppe nach Kecskemét kommt, möchte ich derselben im Kaftan +entgegengehen.« + +»Ei Teufel! Kein schlechter Spaß. Er kommt auch mir gelegen, denn ich +hätte heute ohnehin einen anderen senden müssen.« + +»Ist etwas los?« frug der Schneider hastig. + +»Eine Truppe des Großveziers Kara Mustafa lagert unweit seit +Mitternacht. Sie gehen von Belgrad nach Kékkö und haben um Proviant +hereingeschickt. Gerade ihren Brief brachte Pintyö.« + +»Prächtig!« rief der Schneider begeistert aus. »Ich gehe ihnen +entgegen.« + +»Sehr gut. Pintyö, lassen Sie für meinen Vater ein Pferd satteln.« + +»Welches? Den Büßke?« + +»Der Ráró wird vielleicht besser sein, er ist frommer. Heute könnte +ich nicht gehen, wir halten Gericht. Denken Sie, mein Vater, der +Kläger ist niemand Geringerer als der Kalgaer Tartaren-Sultan. Einige +Kecskeméter Burschen haben eine Schafherde weggetrieben und die vier +Wache habenden Tartaren weidlich geprügelt. Einer von ihnen starb +sogar.« + +»Die verkehrte Welt!« + +»Das Schönste an der Sache ist,« -- fuhr der Oberrichter fort -- »der +Nimbus der Stadt Kecskemét zwingt den Kalgaer Sultan dazu, nach +unseren Gesetzen das Recht zu beanspruchen, anstatt Genugthuung zu +nehmen nach seiner Laune. Auch dies hat nur der Kaftan verursacht. +Aber halt, beinahe hätte ich es vergessen, warten Sie nur, Pintyö. Vor +allem gehen Sie auf den Marktplatz und holen Sie vier zu Richtern +passende Personen, es können unter ihnen auch Türken sein, wenn es +sich gerade so trifft.« + +Es war der erste Markttag (denn seitdem der Kaftan da ist, hat +Kecskemét auch seine Märkte zurückerlangt), der alte Pintyö guckte in +die Hütten, lief den gutgekleideten Leuten nach und wenn er eine +angesehene Person erwischen konnte, leierte er die Formel her: + +»Im Namen des wohledlen Herrn Max Lestyák, Oberrichter der Stadt +Kecskemét! Es sei Euch, mein guter Herr, die Ehre gegeben und möge es +Euch nicht zu Lasten sein in unserem bescheidenen Gemeindehaus, um +dort weise und gerecht Recht zu sprechen über unsere Völker. +Ungehorsam zu sein, wäre nicht angeraten.« + +Bald hatte er den gelehrten Paul Börcsök aus Szegedin, den geistvollen +Franz Balogh aus Szentes engagiert, er fand den letzteren in der +Laczikonyha[17] schon beim sechsten Glas. (Jedoch auch so wird er gut +sein.) Dann zitierte er den Czegléder Lebzelter Stefan Torda und weil +der Oberrichter auch von Türken sprach, nahm er den langbärtigen +Mollah Cselebit aus Ofen mit, der Astrachen verkaufte und der jene +Städte, wo man den Kadi mit Stricken fängt, in des Teufels Umarmung +wünschte. So seinen Auftrag verrichtend, ging er in den Stall des +Stadthauses, putzte, kämmte den Ráró, fütterte ihn mit etwas Hafer, +dann legte er ihm den Sattel auf und ließ zu den Lestyáks +hinübersagen, daß der alte Herr kommen möge. + + [17] Volksküche. + +Der alte Lestyák eilte mit leichten Schritten aufs Stadthaus, wo das +Gericht schon versammelt war, der Oberrichter hatte noch zwei +Senatoren hinzugesellt, den Gabriel Poroßnoki und Agoston Kristof, er +selbst führte als Siebenter den Vorsitz. Als er seinen Vater +erblickte, sandte er Pintyö mit dem Stadtsiegel zu Czinna um den +Schlüssel, dann nahm er den Kaftan aus der Eisentruhe und zwei +Senatoren halfen dem alten Herrn, ihn anzuziehen. Dies war die +amtliche Zeremonie. + +»Gehen Sie, Vater, in Gottes Namen.« + +Draußen setzte dieser seine Füße in den Steigbügel, er warf sich in +die Brust, den Kopf nach rückwärts lehnend, wie ein echter Ritter. Die +fremden Marktgäste liefen neugierig hin, um den Vater des mächtigen +Oberrichters zu sehen, auf dessen dünnem Körper der weltberühmte +Mantel saß. Die Kecskeméter Bürger lüfteten lächelnd die Hüte, die +Kinder schrieen: + +»Vivat, Vivat, Lestyák bácsi![18]« + + [18] Etwa »Onkel Lestyák!« + +Einige flüsterten neidisch: + +»Glücklicher Vater, glücklicher Mensch!« + +Und wahrlich, jetzt war er glücklich. Mit ganzer Lunge atmete er die +balsamische Luft ein. Der Ráró tanzte stolz unter ihm. Von den kleinen +Gärten vor den Häusern lachten ihn die Jasmine und Lilien an, aus dem +eigenen Fenster winkte ihm Czinna mit einem weißen Tuche. Seine Unruhe +verschwand, er war weder müde, noch aufgeregt. Die Furcht des Soldaten +vor der Schlacht weicht in der Schlacht. Und er war jetzt dort im +Feuer, er glaubte den Ton der Trompeten zu hören: »Vorwärts, auf zum +Triumph!« + +Während nun seine Gestalt im Staube des Weges verschwand, saßen die +Senatoren und der Oberrichter ruhig beisammen, hörten den Thatbestand +von der Forttreibung der Schafherde an, so auch die langweiligen +Vorträge der Zeugen und Kläger. Nicht selten mengte sich ein Gähnen +der edlen Herren in das wüste Gespräch. + +Daß vor der Stadt ein hungeriger Feind stand, alterierte die Herren +wenig. Schneckenblut! Der Feind ist jetzt eine laufende Angelegenheit, +wie etwa wenn man ein Marktweib zur Ordnung weisen muß. Hierzu bedarf +es eines Mannes und eines Stockes, dazu eines Mannes und eines +Kaftans. + +Nur der Oberrichter bewegte sich unruhig in seinem Sessel, seitdem im +Saal in Vertretung des Kalgaer Sultans Olaj Beg erschien, mit seinem +Falkenblicke die Richter musternd, und frug, welcher von ihnen der +berühmte Oberrichter Max Lestyák sei -- worauf Agoston mit seinem +Ellbogen zur Tischspitze wies ... + +»Das ist nicht möglich,« murmelte Olaj Beg kopfschüttelnd. + +»Und doch bin ich Max Lestyák,« meinte der Oberrichter mit tonloser +Stimme. + +Der große Beg murrte verdrießlich: + +»Entweder flimmerte es vor meinen Augen, als wir vor dritthalb Jahren +in meinem Lager zusammen trafen, oder es wurde der Kopf Euer Hochedlen +seitdem vertauscht.« + +»Ja, man wird älter, es ist alles umsonst.« + +»Im übrigen habe ich Euch einen Brief gebracht. Den Brief hat der +Kalgaer Sultan geschrieben, mit honigsüßer Feder: + + >Mein lieber Sohn, tapferer Max Lestyák! + + Bestrafe, ich bitte dich, die bösen Wölfe, denn wenn du kein + abschreckendes Beispiel schaffst, so glaube mir, stehlen deine Leute + mir noch den Turban vom Kopfe. Ich würde es gern sehen, wenn du mir + einen Korb Köpfe senden würdest (die Räuber langen auch für zwei). + Schon lange habe ich mich an abgeschnittenen Kecskeméter Köpfen nicht + ergötzt. Meinen Abgesandten Olaj Beg, der Euch die nötigen + Aufklärungen geben wird, haltet hoch in Ehren. + + Ich bleibe dein mächtiger Herr und Freund, der + + Krimer Vizekhan (Kalgaer Sultan)<.« + +Lestyák überflog den Brief zerstreut, verwirrt, dann schob er ihn den +Richtern hin, damit diese sehen sollen, wie heikel die Potentaten mit +dem Kecskeméter Oberrichter umgehen. + +Unterdessen bemerkte er, bis über die Ohren rot werdend, den +forschenden Blick Olaj Begs, der immer auf ihm ruhte. Er saß auf +Nadeln unter unangenehmen Gefühlen; hierzu gesellte sich die Stunden +andauernde Flut der Geständnisse, der Dunst des Saales. Ein Schwindel +überkam ihn und gerade wollte er den Vorsitz an Poroßnoki abgeben, als +draußen ein Entsetzensschrei laut wurde und sich durch die Gassen +wälzte, immer näher und näher kommend, die Fenster erschütternd. + +Die Richter liefen entsetzt zum Fenster und taumelten totenbleich +zurück. Der Ráró lief wild gegen das Stadthaus, auf ihm saß +niedergebunden der alte Lestyák mit dem Kaftan -- aber ohne Kopf. Aus +dem Rumpfe tropfte das Blut. Das Pferd und der Kaftan waren mit Blut +bedeckt. + + + +Neuntes Kapitel. + + +Die Haare Poroßnokis standen zu Berge. + +»Entsetzlich!« + +Der Oberrichter fiel mit dem Gesichte auf den Tisch und schluchzte. + +»Unfaßbar!« bemerkte Olaj Beg, als man ihm erklärte, daß der Alte im +Kaftan bei einer Truppe des Großveziers war. + +Herr Agoston befaßte sich mit dem Oberrichter. + +»Kommen Sie, mein edler Herr. Lösen wir den Gerichtshof auf. Auch die +Grenzen der Pflicht übersteigt der große Schmerz, der Sie betroffen.« + +Max schauerte zusammen und wischte die Thränen aus den Augen. + +»Ich bin stark. Keinen Schritt weiche ich von hier, bis ich nicht +Rache genommen habe für meinen Vater. Dies hat man nicht im +Türkenlager gethan.« + +Sofort befahl er, daß man den Leichnam nach Hause trage und denselben +wasche. Zwei berittene Trabanten aber sollten die Blutspuren +verfolgen, bis sie den Kopf und die Erklärung des Rätsels fänden. + +»Den Kaftan nehmet ihm ab und bringet ihn herauf,« ergänzte Poroßnoki +die Ordre. + +Nach kurzer Zeit brachte Pintyö weinend den blutigen Mantel. Olaj Beg +und Mollah Cselebit sprangen in die Höhe und eilten den Saum zu +küssen, als sie aber näher kamen, verzog der Beg sein häßliches +Gesicht. + +»Bei Allah, das ist nicht der echte Kaftan! Es fehlt das Zeichen des +Scheik--ül--Islam.« + +Mollah Cselebit legte seine Hände über die Brust und wiederholte +gedankenvoll: + +»Das ist nicht das heilige Kleid.« + +Die Kecskeméter Bürger, die unter den Zuhörern saßen, sahen erstarrt +den Oberrichter an. + +»Verrat!« rief Kristof Agoston. + +Franz Kriston sprang von der Zeugenbank auf und stellte sich vor den +Oberrichter. + +»Verantworten Sie sich! Der Schlüssel war Ihnen anvertraut.« + +»Ich weiß von nichts,« sagte der Oberrichter gereizt. (Er war wie das +Eisen: desto härter, je mehr man es schlägt.) + +»Welch' großer Schlag, welcher Schlag für Kecskemét!« rief Poroßnoki +die Hände ringend. + +Wie der weggeschleuderte Stein, so schwirrten die Stimmen in der Luft: +»Tod dem Schuldigen!« + +»So ist's! Auch ich werde es aussprechen.« + +Zwischenrufe wurden laut. + +»Er gehört nicht auf den Präsidentenstuhl, sondern auf die +Anklagebank.« + +»Ruhe!« schrie der Oberrichter und klirrte mit dem Säbel, der, seitdem +er geadelt wurde, immer vor ihm auf dem Tisch lag. »Hier sitze ich im +Präsidentenstuhl und hier bleibe ich. Ich will sehen, wer sich zu +rühren getraut, wenn der Oberrichter von Kecskemét Ruhe gebietet.« + +Nur auf den Friedhöfen herrscht eine solche grauenhafte Stille, wie +sie nun eintrat. + +»Wer ist der Elende, der seinen Stachel gegen mich ausstreckt? Wenn +ich gewußt hätte, daß der Mantel nicht der echte ist, hätte ich in +demselben meinen eigenen Vater gesendet? Das Ding ist unbegreiflich. +Gott hat es gefallen, eine Prüfung zu senden über Kecskemét, jedoch +verzagen wir nicht, denn was immer auch geschehe, noch herrscht hier +eine starke Hand. Deswegen, mein lieber Herr Senator Kriston, eilen +Sie sofort und tragen Sie den Türken nach Talfája die verlangte +Brandschatzung, damit nicht aus zwei Übeln drei werden.« + +Kriston ging sofort, bevor er aber noch zur Thür gelangt war, öffnete +sich diese mit großem Geräusch und herein stürzte Czinna. Sie war +weiß, wie eine Lilie, ihr Gang unstät, aus ihren schönen Augen +stürzten Thränen. + +»Was suchst du hier?« fuhr sie der Oberrichter an, seine Brauen +zusammenziehend. »Geh' nach Hause weinen!« + +»Hier ist mein Platz!« + +Und sie stürzte in die Knie. Ihr roter, unten mit Spitzen versehener +Rock hob sich ein wenig in die Höhe und ließ ihre entzückenden Knöchel +sehen. + +Olaj Beg schleuderte den Sessel von sich. + +»Das ist sie, das ist sie! Mein Herr Max Lestyák, sehen Sie sich diese +hier an. Dieses Mädchen war bei mir im Lager. Nie erblicke ich Mekka, +wenn es nicht wahr ist.« + +Poroßnoki und Agoston richteten ihre Augen starr auf den Oberrichter, +der merklich verlegen wurde und bis über die Ohren rot war. Dies war +seine schwache Seite. Nun fing er an, die Energie zu verlieren. Czinna +beugte traurig den Kopf. + +»Nie sah ich dich, guter Mann.« + +Der Oberrichter warf ihr einen dankbaren Blick zu, wie wenn er sagen +wollte: »Du hast mich nur wiedergegeben,« dann zischte er zwischen den +Zähnen: »Alles fällt, stürzt, es war alles verfehlt.« + +»Was willst du, mein Kind?« fragte jetzt der Szenteser Franz Balogh. +»Warum stehst du nicht auf?« + +Der Brust des Mädchens entrang sich ein krampfhaftes Schluchzen. + +»Ich bin an allem Schuld. Ich bin die Schuldige. Ich habe den +Schlüssel der Eisentruhe dem Vater Lestyáks gegeben, da zu ihm aus +einer fremden Stadt Leute mit der Bitte kamen, er möge ihnen einen +Mantel, wie der unsrige ist, für fünftausend Goldstücke nähen.« + +Ein gefahrdrohendes Gemurmel folgte diesen Worten. Der Oberrichter +wendete sein bleiches Antlitz gegen die Wand. Auf diesen Schlag war er +nicht vorbereitet. + +»Wie konntest du dies thun?« schrie Poroßnoki, »sei aufrichtig, die +Aufrichtigkeit kann deine Sünde mildern.« + +Czinna drückte ihre Hände aufs Herz, ihre langen Wimpern schlossen +sich. Sie glaubte vor Schande vergehen zu müssen und doch mußte sie es +sagen in dieser traurigen Stunde. + +»Weil ich liebe, ich liebe Max Lestyák mehr als mein Leben, mehr als +diese Stadt. Der Alte hat viertausend Goldstücke für mich bestimmt, +damit sein Sohn, der seit dritthalb Jahren mit mir im Brautstand lebt, +mich zur Frau nehme. Er hat es bisher nicht gethan, weil wir beide arm +sind. Ich habe seinen Worten Glauben geschenkt und ihm den Schlüssel +übergeben.« + +Ihr bleiches Gesicht rötete sich, aus der weißen Lilie wurde eine +Rose, aber nur auf eine halbe Minute. + +»Welcher Skandal!« brüllte Herr Agoston. »Wenn ich nur bis an mein +Lebensende in Waitzen geblieben wäre.« + +»Was dann?« fragte Poroßnoki unruhig. + +Der Oberrichter faßte krampfhaft die Sessellehne, die Welt drehte sich +im Kreise, vor seinen Augen tanzten die winzigen Buchstaben, die der +Schriftführer aufs Papier warf. Seine Lippen biß er blutig: »Nur jetzt +noch, nur eine halbe Stunde noch soll ich keine Schwäche zeigen.« + +»Und dann?« nahm Czinna das Wort mit ersterbender Stimme. »Ja, dann. +Was geschah mir? (Mit ihrer Hand rieb sie ihre marmorglatte Stirn.) Er +ging zur Eisentruhe, bei Nacht nahm er den Kaftan mit und nähte dann +einen ähnlichen. In der vergangenen Nacht nahmen ihn die Besteller +mit.« + +»Alles ist klar,« murmelte Poroßnoki. »Er war ein stolzer Meister und +glaubte, wollte es zeigen, daß beide gleich sind. Und heute zog er ihn +an, damit er die Wirkung seines Prachtwerkes genieße.« + +»Und wer waren die Besteller?« frug der Szegediner Börcsök. Er dachte +bei sich: »Ob es nicht die Unserigen waren?« + +»Ich weiß es nicht,« antwortete Czinna. »Auch der Entseelte wußte es +nicht. Das Ganze geschah im Geheimen. >Eine weit liegende Stadt<, mehr +sagte er mir nicht.« + +»Die Stadt müssen wir auffinden,« meinte Herr Agoston traurig. + +»Wir werden sie finden,« sagte mit dumpfem Ton der Oberrichter. Dies +war sein erstes Wort während des Geständnisses. + +»Dies wird der Fall sein, wenn es eben der Fall sein wird,« meinte +Herr Permete mit bitterem Ton, »jetzt aber sind Sie ein Mann beim +Urteilsspruche, wenn Sie es zu sein vermögen.« + +Es war nicht anders, als wenn Herr Permete frisches Blut in seine +Adern gegossen hätte. Ihn, Max Lestyák, fordert man auf, ein Mann zu +sein! Seine Augen sprühten Funken. + +»Das werde ich auch sein,« sprach er rauh und zog ein mit Siegel +versehenes Dekret aus der Tasche. Er stand auf und begann feierlich zu +lesen: »Wir Leopold I. von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich ....« + +Seine Stimme versagte, sie wurde zum Röcheln, seine Hände zitterten, +nach Luft schnappend reichte er das Dekret Herrn Agoston hin. + +»Lesen Sie es vor!« Dann setzte er matt hinzu: »Ich bin ja auch nur +ein Mensch!« + +Wie wenn es ihm aber leid thäte, dies gesagt zu haben, rief er Pintyö +zu: + +»Man muß die Fenster öffnen. Mir ist nicht gut .... Die erstickende +Atmosphäre!« + +Herr Agoston verlas unterdessen das königliche Dekret, das auf +Diebstahlsfakten und auf Verrat das Standrecht für das Gebiet der +Stadt Kecskemét verkündete und den Magistrat von Kecskemét mit dem +Blutbannrechte bekleidete. + +Es folgt die Abstimmung. + +Dem Herrn Poroßnoki gehört das erste Votum: + +»Dieses Mädchen hat die Stadt verraten. Ich verurteile sie zum Tode +durch das Schwert.« + +Nach ihm folgte Herr Börcsök. + +»Schwert!« sagte er kurz. + +Mollah Cselebit sagte: + +»Sie hat es aus Liebe gethan. Sie ist nicht schuldig.« + +Nun kam an Herrn Franz Balogh die Reihe: + +»Sie wußte nicht, daß für die Stadt ein so entsetzliches Unglück +daraus erwachsen konnte. Sie thue Buße.« + +Es herrschte eine Stille, daß man das Pochen der Herzen, das Schwirren +eines zum Fenster hereingeflogenen Schmetterlings hören konnte. Zwei +Voten verlangten den Tod, die beiden anderen beließen das Leben. Es +folgte in der Abstimmung der Czegléder Lebzelter, er dachte lange +nach, aus seiner Stirn perlte der Schweiß. + +»Es wird ein wenig Kerker auch genügen,« stöhnte er. + +Diejenigen, deren Herz voller Teilnahme für das Mädchen war, atmeten +frei auf, sie wollten nicht, daß diesen herrlichen Hals das Richtbeil +vom Körper trenne. Nur Herr Agoston war noch zurück. + +»Tod!« rief er rauh. + +Wieder standen die Voten gleich. Der Präsident hatte zu entscheiden. +Welch' fürchterliche Scene! Der Oberrichter erhob sich mit +bewundernswürdiger Seelenruhe: elastisch dehnte sich seine Gestalt, er +nahm den neben seinem Säbel liegenden Stab zur Hand, und drehte an +demselben. Der Stab krachte; er war entzweigebrochen. + +»Tod!« sagte er vernehmbar und ruhig. + +Das Mädchen sah ihn entsetzt an, dann stürzte sie mit einem +markerschütternden Aufschrei zusammen. Aus den Reihen der Zuhörer +tönte Gezisch mit Eljenrufen untermengt. + +»Er ist doch ein großer Mann!« flüsterten die Kecskeméter einander zu. + +»Ein schlechter Mensch!« murmelte Mollah Cselebit. + +Der Oberrichter kümmerte sich um all' dies nicht, er verließ den +Richtertisch, jetzt verpflichtete ihn nichts mehr. Er beugte sich über +seine Geliebte, hob sie auf, küßte sie und flüsterte ihr ins Ohr: + +»Befürchte nichts, ich rette dich.« + +»Er hat zwei Herzen,« meinte Herr Permete zu seinen Kameraden. + +Und der Mann mit den zwei Herzen verließ den Saal mit sicheren, +männlichen Schritten, wie wenn nichts geschehen wäre, dann ging er +nach Hause, sperrte sich mit dem geköpften Leichnam ins Zimmer ein und +redete stundenlang zu demselben: + +»Warum hast du das gethan, warum hast du es gethan? Schau, welch' +Unglück du auf dich, auf mich und auf sie heraufbeschworen hast. Du +warst kein schlechter Mensch, ich weiß es wohl .... Der Ehrgeiz war +dein Henker. Man hat in dir dieses ungarische Ungeheuer erweckt. Aus +Ehrgeiz hast du den Kaftan gemacht, aus Ehrgeiz hast du den unsrigen +weggegeben. Du hast auch das arme Mädchen mit hineingerissen, wenn du +nur dies nicht gethan hättest, ihr Herz war der Hebel. Du hast ihn +gefunden. Alles zerfiel. Hier stehe ich gebrochen ... Ich konnte den +Schatz nicht ermessen, welchen ich in jenem Mädchen besaß ...« + +Dann verfügte er sich in das andere Zimmer und suchte den großen mit +Gold gefüllten Korb hervor ... + +»Da nimm's hin, Erzsi! Gehe in den Garten und streue es unter das +Volk!« + +Das weinende Mädchen gaffte und staunte, gehorchte aber dann dem +mächtigen Oberrichter der Stadt und streute die funkelnden Dukaten mit +vollen Händen in den Sand der Straße, in die Furchen, zwischen das +Gestrüpp. Der Oberrichter sah eine Weile vom Fenster aus dem Treiben +der Leute zu, wie sie um das Gold drängten und balgten. + +Als aber Erzsi zurückkehrte, war er nicht mehr da. Er war nirgends. +Wann er weggegangen, wohin er gegangen, niemand, niemand hatte ihn +gesehen. In Kecskemét hat keine Seele mehr mit ihm gesprochen. + + * * * * * + +Für den vierten Tag war Czinnas Enthauptung anberaumt worden. + +Drei Tage brachte sie in der Armesünderzelle zu. Sie betete vor dem +Kruzifix, auf welchem Tag und Nacht der Glanz zweier Wachskerzen +flimmerte. + +Diese Zeit reichte für alle Vorbereitungen hin. Die Zimmerleute +erbauten das Blutgerüst gegenüber dem grünen Thore des Stadthauses; +Paul Fekete war als Vertrauensmann damit beauftragt worden, den +Scharfrichter aus Fülek zu holen. (Die Senatoren hatten anderes zu +thun, sie forschten in den Kecskeméter Teichen nach dem verschwundenen +Oberrichter.) + +Endlich am vierten Tage, als von dem Turme der St. Nikolauskirche die +neunte Stunde schlug, entstand eine große Bewegung in der versammelten +Volksmenge. Es erklang die Armesünderglocke. + +Jetzt bringt man Czinna auf den Richtplatz. Sie ist mit einem +einfachen weißen Rock bekleidet, welchen fast ganz das aufgelöste +lange Haar bedeckt. + +Dem wird gleich Gáspár Szekeres, der Barbier abhelfen. Flugs war er +mit seiner Scheere zur Verurteilten geeilt und mit einem Schnitt war +es um das schöne Haar geschehen ... damit's den Scharfrichter nicht in +seiner Arbeit hindere. Dann stellte sich Franz Kriston auf einen Stuhl +und verlas das Todesurteil. + +Nun ergriff Pater Bruno das Mädchen bei der Hand, um es auf das Podium +zu führen, wo der Scharfrichter wartete, das scharfgeschliffene +Richtschwert in der einen, die weiße Binde in der anderen Hand +haltend. Damit werden ihr die Augen verbunden. + +»Entsetzlich, das mit anzusehen!« sprach Frau Paul Nagy und schloß die +Augen. + +»So schön und sie muß sterben --« seufzte Gerson Zeke. + +»Noch einen Augenblick,« erklärte Frau Fábián, »-- und es giebt ein +heiratsfähiges Mädchen weniger.« + +»Die sind noch immer dicht genug gesäet,« meinte Johann Szomor. + +»Noch nie habe ich eine solch' traurige Exekution mit angesehen,« +sagte Stefan Tóth mit wichtiger Miene, »und doch habe ich schon viele +gesehen. Erstens giebt es kein einziges nasses Auge. Auch der alte +Bürü ist schon eine ganze Woche fort mit seiner Fiedel. Zweitens ist +in diesem Falle von nirgendsher das Wehen des Gnadentuches zu +erwarten; drittens ....« + +Er hatte keine Zeit, den begonnenen Satz auszusprechen, denn eine +große Staubwolke entstand auf der Czegléderstraße, schmucke +Kuruczen-Hußáren mit gezogenem Säbel stürmten mit großem +Schlachtenlärm zum Richtplatz heran. Voran einige mit herabgelassenem +Helmvisier, auf schönen Pferden. + +»Der Feind, der Feind!« schrie die Menge und zerstob in alle +Windrichtungen. + +Eine große Verwirrung entstand. Pater Bruno sprang vom Podium herab +und mit klappernden Zähnen stürzte er dem Stadthause zu: + +»Es wird das ein Wunder sein. Um mich kommt man, man führt mich schon +weg!« + +Auch die Senatoren suchten ihr Heil in der Flucht. Der Scharfrichter +ließ das Richtschwert fallen, auch er flüchtete. + +Das Ganze war das Werk eines Augenblickes; der eine gepanzerte Krieger +erklomm im Nu mit seinem Rosse das Blutgerüst und schwang das Mädchen +wie eine Feder in den Sattel. Niemand stellte sich ihm in den Weg, +niemand fragte, was er wolle? Auch er fragte niemand, ob es erlaubt +sei. Die kleine Abteilung verschwand, wie sie gekommen, in einer +Nebengasse. + +Langsam kamen die erschreckten Einwohner wieder hervor. Die Senatoren +freuten sich, daß man nur Czinna mitgenommen und sonst nichts. Es sei +kein Schade um das Mädchen. + +Der Henker machte ein saures Gesicht; man möge ihm Arbeit geben, da er +sich von so weit herbemüht hat. + +Viele, die hinter den Umzäunungen die Szene mit angesehen hatten, +schwuren bei Himmel und Erde, daß der Held mit dem herabgelassenen +Helmvisier, der auf das Blutgerüst gesprengt war, niemand anders sei, +als Max Lestyák. Man erkannte ihn an seiner Gestalt, an seinen +Bewegungen, an seinen glänzenden, nußbraunen Augen. Man suche ihn +nicht im Wasser des stillen Teiches. + +Frau Johanna Deák, die eine vertrauenswürdige Person ist, hörte, wie +Czinna dem Helden unterwegs zuflüsterte: + +»Wirst du noch einmal warten, bis mein Haar wieder gewachsen ist?« + +Der Held antwortete ganz vernehmlich: + +»Nein, Czinna, nein, ich warte nicht.« + + * * * * * + +Ob es so war, oder nicht, der Himmel weiß es. Von diesem Tage +angefangen aber suchte man Max Lestyák nicht mehr unter den Toten, +sondern erwartete ihn täglich zurück. + +Wenn er verschwand, so hatte er wohl seinen Grund dazu gehabt. Er ging +den Kaftan suchen und nahm auch seine Braut mit. Was ist da weiter +dabei! (Er hat gut daran gethan.) + +Einmal, Ihr werdet es sehen, wird er wieder nach Hause kommen auf +einem Eisenschimmel mit goldenem Zügel, den Kaftan umgeworfen. +Einstens, wenn eine große Gefahr Kecskemét bedrohen wird, kommt er +nach Hause, setzt sich in den Oberrichterstuhl und fährt wie ein Blitz +zwischen die Feinde. + +Sie warteten lange, lange. Auch jene sind schon ausgestorben, die als +Kinder dem Kaftan nachgelaufen sind, jedoch auch die Enkel der Enkel +harren noch immer seiner Heimkehr. + + +Ende. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Zauberkaftan, by Koloman Mikszáth + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERKAFTAN *** + +***** This file should be named 23740-8.txt or 23740-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/3/7/4/23740/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Daniel Kraft and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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