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diff --git a/23532-h/23532-h.htm b/23532-h/23532-h.htm new file mode 100644 index 0000000..067a904 --- /dev/null +++ b/23532-h/23532-h.htm @@ -0,0 +1,2168 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Betrachtung, by Franz Kafka + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + body { margin-left: 15%; margin-right: 15%; } + + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + + h1, h2 { text-align: center; clear: both; } + .new-h2 { margin-top: 6em; } + + .center { text-align: center; } + + .pagenum { position: absolute; + left: 88%; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + } + + #limited { width: 18em; text-align: justify; margin: 10em auto 10em auto; } + + #toc { list-style-type: none; + width: 18em; + margin: 0 auto 0 auto; + padding: 0; + position: relative; + } + #toc li { padding: 0.25em 0 0.25em 0; } + #toc .link { position: absolute; right: 0; } +// --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Betrachtung, by Franz Kafka + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Betrachtung + +Author: Franz Kafka + +Release Date: November 18, 2007 [EBook #23532] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BETRACHTUNG *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<p class="center" style="margin-top: 80px;">FRANZ KAFKA</p> + +<h1>BETRACHTUNG</h1> + +<p style="width: 100px; margin: 4em auto 8em auto;"> +<img src="images/title.png" width="100" height="66" alt="" title="" /> +</p> + +<p class="center" style="font-size: 0.8em;">MDCCCCXIII</p> + +<p class="center" style="font-size: 0.8em;">ERNST ROWOHLT VERLAG</p> + +<p class="center" style="font-size: 0.8em;">LEIPZIG</p> + +<p id="limited">Dies Buch wurde in 800 numerierten +Exemplaren im November 1912 von der +Offizin Poeschel & Trepte gedruckt<br/> +No.</p> + +<p class="center">Copyright 1912 by Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig</p> + +<p class="center" style="font-size: 1.4em; margin: 10em auto 10em auto;">Für M. B.</p> + + +<div class="new-h2"></div> +<h2>INHALT</h2> + + +<ul id="toc"> +<li>Kinder auf der Landstraße <span class="link"><a href="#Page_1">1</a></span></li> + +<li>Entlarvung eines Bauernfängers <span class="link"><a href="#Page_17">17</a></span></li> + +<li>Der plötzliche Spaziergang <span class="link"><a href="#Page_27">27</a></span></li> + +<li>Entschlüsse <span class="link"><a href="#Page_32">32</a></span></li> + +<li>Der Ausflug ins Gebirge <span class="link"><a href="#Page_36">36</a></span></li> + +<li>Das Unglück des Junggesellen <span class="link"><a href="#Page_39">39</a></span></li> + +<li>Der Kaufmann <span class="link"><a href="#Page_42">42</a></span></li> + +<li>Zerstreutes Hinausschaun <span class="link"><a href="#Page_51">51</a></span></li> + +<li>Der Nachhauseweg <span class="link"><a href="#Page_53">53</a></span></li> + +<li>Die Vorüberlaufenden <span class="link"><a href="#Page_56">56</a></span></li> + +<li>Der Fahrgast <span class="link"><a href="#Page_59">59</a></span></li> + +<li>Kleider <span class="link"><a href="#Page_63">63</a></span></li> + +<li>Die Abweisung <span class="link"><a href="#Page_66">66</a></span></li> + +<li>Zum Nachdenken für Herrenreiter <span class="link"><a href="#Page_70">70</a></span></li> + +<li>Das Gassenfenster <span class="link"><a href="#Page_75">75</a></span></li> + +<li>Wunsch, Indianer zu werden <span class="link"><a href="#Page_77">77</a></span></li> + +<li>Die Bäume <span class="link"><a href="#Page_79">79</a></span></li> + +<li>Unglücklichsein <span class="link"><a href="#Page_80">80</a></span></li> +</ul> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_1">[1]</a></span></p> +<h2>Kinder +auf der Landstraße</h2> + + +<p>Ich hörte die Wagen an dem +Gartengitter vorüberfahren, +manchmal sah ich sie auch +durch die schwach bewegten +Lücken im Laub. Wie krachte +in dem heißen Sommer das Holz +<span class='pagenum'><a name="Page_2">[2]</a></span> +in ihren Speichen und Deichseln! +Arbeiter kamen von den +Feldern und lachten, daß es +eine Schande war.</p> + +<p>Ich saß auf unserer kleinen +Schaukel, ich ruhte mich gerade +aus zwischen den Bäumen +im Garten meiner Eltern.</p> + +<p>Vor dem Gitter hörte es nicht +auf. Kinder im Laufschritt waren +im Augenblick vorüber; +Getreidewagen mit Männern +und Frauen auf den Garben +und rings herum verdunkelten +die Blumenbeete; gegen Abend +sah ich einen Herrn mit einem +<span class='pagenum'><a name="Page_3">[3]</a></span> +Stock langsam spazieren gehn +und paar Mädchen, die Arm +in Arm ihm entgegenkamen, +traten grüßend ins seitliche +Gras.</p> + +<p>Dann flogen Vögel wie sprühend +auf, ich folgte ihnen mit +den Blicken, sah, wie sie in +einem Atemzug stiegen, bis ich +nicht mehr glaubte, daß sie +stiegen, sondern daß ich falle, +und fest mich an den Seilen +haltend aus Schwäche ein wenig +zu schaukeln anfing. Bald schaukelte +ich stärker, als die Luft +schon kühler wehte und statt +<span class='pagenum'><a name="Page_4">[4]</a></span> +der fliegenden Vögel zitternde +Sterne erschienen.</p> + +<p>Bei Kerzenlicht bekam ich +mein Nachtmahl. Oft hatte ich +beide Arme auf der Holzplatte +und, schon müde, biß ich in +mein Butterbrot. Die stark +durchbrochenen Vorhänge +bauschten sich im warmen +Wind, und manchmal hielt sie +einer, der draußen vorüberging, +mit seinen Händen fest, +wenn er mich besser sehen +und mit mir reden wollte. +Meistens verlöschte die Kerze +bald und in dem dunklen Kerzenrauch +<span class='pagenum'><a name="Page_5">[5]</a></span> +trieben sich noch eine +Zeitlang die versammelten +Mücken herum. Fragte mich +einer vom Fenster aus, so sah +ich ihn an, als schaue ich ins +Gebirge oder in die bloße Luft, +und auch ihm war an einer +Antwort nicht viel gelegen.</p> + +<p>Sprang dann einer über die +Fensterbrüstung und meldete, +die anderen seien schon vor +dem Haus, so stand ich freilich +seufzend auf.</p> + +<p>»Nein, warum seufzst Du so? +Was ist denn geschehn? Ist es +ein besonderes, nie gut zu +<span class='pagenum'><a name="Page_6">[6]</a></span> +machendes Unglück? Werden +wir uns nie davon erholen können? +Ist wirklich alles verloren?«</p> + +<p>Nichts war verloren. Wir +liefen vor das Haus. »Gott sei +Dank, da seid Ihr endlich!« – +»Du kommst halt immer zu +spät!« – »Wieso denn ich?« – +»Gerade Du, bleib zu Hause, +wenn Du nicht mitwillst.« – +»Keine Gnaden!« – »Was? Keine +Gnaden? Wie redest Du?«</p> + +<p>Wir durchstießen den Abend +mit dem Kopf. Es gab keine +Tages- und keine Nachtzeit. +Bald rieben sich unsere Westenknöpfe +<span class='pagenum'><a name="Page_7">[7]</a></span> +aneinander wie Zähne, +bald liefen wir in gleichbleibender +Entfernung, Feuer im +Mund, wie Tiere in den Tropen. +Wie Kürassiere in alten +Kriegen, stampfend und hoch +in der Luft, trieben wir einander +die kurze Gasse hinunter und +mit diesem Anlauf in den Beinen +die Landstraße weiter hinauf. +Einzelne traten in den +Straßengraben, kaum verschwanden +sie vor der dunklen +Böschung, standen sie schon +wie fremde Leute oben auf dem +Feldweg und schauten herab.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_8">[8]</a></span> +»Kommt doch herunter!« – +»Kommt zuerst herauf!« – »Damit +Ihr uns herunterwerfet, +fällt uns nicht ein, so gescheit +sind wir noch.« – »So feig seid +Ihr, wollt Ihr sagen. Kommt +nur, kommt!« – »Wirklich? Ihr? +Gerade Ihr werdet uns hinunterwerfen? +Wie müßtet Ihr +aussehen?«</p> + +<p>Wir machten den Angriff, +wurden vor die Brust gestoßen +und legten uns in das Gras des +Straßengrabens, fallend und +freiwillig. Alles war gleichmäßig +erwärmt, wir spürten nicht +<span class='pagenum'><a name="Page_9">[9]</a></span> +Wärme, nicht Kälte im Gras, +nur müde wurde man.</p> + +<p>Wenn man sich auf die rechte +Seite drehte, die Hand unters +Ohr gab, da wollte man gerne +einschlafen. Zwar wollte man +sich noch einmal aufraffen mit +erhobenem Kinn, dafür aber +in einen tieferen Graben fallen. +Dann wollte man, den Arm quer +vorgehalten, die Beine schiefgeweht, +sich gegen die Luft werfen +und wieder bestimmt in +einen noch tieferen Graben +fallen. Und damit wollte man +gar nicht aufhören.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_10">[10]</a></span> +Wie man sich im letzten +Graben richtig zum Schlafen +aufs äußerste strecken würde, +besonders in den Knien, daran +dachte man noch kaum und +lag, zum Weinen aufgelegt, wie +krank auf dem Rücken. Man +zwinkerte, wenn einmal ein +Junge, die Ellbogen bei den Hüften, +mit dunklen Sohlen über +uns von der Böschung auf die +Straße sprang.</p> + +<p>Den Mond sah man schon +in einiger Höhe, ein Postwagen +fuhr in seinem Licht vorbei. +Ein schwacher Wind erhob sich +<span class='pagenum'><a name="Page_11">[11]</a></span> +allgemein, auch im Graben +fühlte man ihn, und in der +Nähe fing der Wald zu rauschen +an. Da lag einem nicht +mehr soviel daran, allein zu +sein.</p> + +<p>»Wo seid Ihr?« – »Kommt +her!« – »Alle zusammen!« – +»Was versteckst Du Dich, laß +den Unsinn!« – »Wißt Ihr nicht, +daß die Post schon vorüber +ist?« – »Aber nein! Schon vorüber?« +– »Natürlich, während +Du geschlafen hast, ist sie vorübergefahren.« +– »Ich habe geschlafen? +Nein so etwas!« – +<span class='pagenum'><a name="Page_12">[12]</a></span> +»Schweig nur, man sieht es Dir +doch an.« – »Aber ich bitte +Dich.« – »Kommt!«</p> + +<p>Wir liefen enger beisammen, +manche reichten einander die +Hände, den Kopf konnte man +nicht genug hoch haben, weil +es abwärts ging. Einer schrie +einen indianischen Kriegsruf +heraus, wir bekamen in die +Beine einen Galopp wie niemals, +bei den Sprüngen hob +uns in den Hüften der Wind. +Nichts hätte uns aufhalten können; +wir waren so im Laufe, +daß wir selbst beim Überholen +<span class='pagenum'><a name="Page_13">[13]</a></span> +die Arme verschränken und +ruhig uns umsehen konnten.</p> + +<p>Auf der Wildbachbrücke +blieben wir stehn; die weiter +gelaufen waren, kehrten zurück. +Das Wasser unten schlug +an Steine und Wurzeln, als +wäre es nicht schon spät abend. +Es gab keinen Grund dafür, +warum nicht einer auf das Geländer +der Brücke sprang.</p> + +<p>Hinter Gebüschen in der +Ferne fuhr ein Eisenbahnzug +heraus, alle Coupées waren beleuchtet, +die Glasfenster sicher +herabgelassen. Einer von uns +<span class='pagenum'><a name="Page_14">[14]</a></span> +begann einen Gassenhauer zu +singen, aber wir alle wollten +singen. Wir sangen viel rascher +als der Zug fuhr, wir schaukelten +die Arme, weil die Stimme +nicht genügte, wir kamen mit +unseren Stimmen in ein Gedränge, +in dem uns wohl war. +Wenn man seine Stimme unter +andere mischt, ist man wie +mit einem Angelhaken gefangen.</p> + +<p>So sangen wir, den Wald im +Rücken, den fernen Reisenden +in die Ohren. Die Erwachsenen +wachten noch im Dorfe, die +<span class='pagenum'><a name="Page_15">[15]</a></span> +Mütter richteten die Betten für +die Nacht.</p> + +<p>Es war schon Zeit. Ich küßte +den, der bei mir stand, reichte +den drei Nächsten nur so die +Hände, begann den Weg zurückzulaufen, +keiner rief mich. +Bei der ersten Kreuzung, wo sie +mich nicht mehr sehen konnten, +bog ich ein und lief auf +Feldwegen wieder in den Wald. +Ich strebte zu der Stadt im Süden +hin, von der es in unserem +Dorfe hieß:</p> + +<p>»Dort sind Leute! Denkt Euch, +die schlafen nicht!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_16">[16]</a></span> +»Und warum denn nicht?«</p> + +<p>»Weil sie nicht müde werden.«</p> + +<p>»Und warum denn nicht?«</p> + +<p>»Weil sie Narren sind.«</p> + +<p>»Werden denn Narren nicht +müde?«</p> + +<p>»Wie könnten Narren müde +werden!«</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_17">[17]</a></span></p> +<h2>Entlarvung +eines Bauernfängers</h2> + + +<p>Endlich gegen 10 Uhr abends +kam ich mit einem mir von früher +her nur flüchtig bekannten +Mann, der sich mir diesmal +unversehens wieder angeschlossen +und mich zwei Stunden +<span class='pagenum'><a name="Page_18">[18]</a></span> +lang in den Gassen herumgezogen +hatte, vor dem herrschaftlichen +Hause an, in das +ich zu einer Gesellschaft geladen +war.</p> + +<p>»So!« sagte ich und klatschte +in die Hände zum Zeichen der +unbedingten Notwendigkeit +des Abschieds. Weniger bestimmte +Versuche hatte ich +schon einige gemacht. Ich war +schon ganz müde.</p> + +<p>»Gehn Sie gleich hinauf?« +fragte er. In seinem Munde +hörte ich ein Geräusch wie vom +Aneinanderschlagen der Zähne.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_19">[19]</a></span> +»Ja.«</p> + +<p>Ich war doch eingeladen, ich +hatte es ihm gleich gesagt. Aber +ich war eingeladen, hinaufzukommen, +wo ich schon so gerne +gewesen wäre, und nicht hier +unten vor dem Tor zu stehn +und an den Ohren meines Gegenübers +vorüberzuschauen. +Und jetzt noch mit ihm stumm +zu werden, als seien wir zu +einem langen Aufenthalt auf +diesem Fleck entschlossen. Dabei +nahmen an diesem Schweigen +gleich die Häuser rings +herum ihren Anteil, und das +<span class='pagenum'><a name="Page_20">[20]</a></span> +Dunkel über ihnen bis zu den +Sternen. Und die Schritte unsichtbarer +Spaziergänger, deren +Wege zu erraten man nicht +Lust hatte, der Wind, der immer +wieder an die gegenüberliegende +Straßenseite sich +drückte, ein Grammophon, das +gegen die geschlossenen Fenster +irgendeines Zimmers sang, +– sie ließen aus diesem Schweigen +sich hören, als sei es ihr +Eigentum seit jeher und für +immer.</p> + +<p>Und mein Begleiter fügte sich +in seinem und – nach einem +<span class='pagenum'><a name="Page_21">[21]</a></span> +Lächeln – auch in meinem +Namen, streckte die Mauer entlang +den rechten Arm aufwärts +und lehnte sein Gesicht, die +Augen schließend, an ihn.</p> + +<p>Doch dieses Lächeln sah ich +nicht mehr ganz zu Ende, denn +Scham drehte mich plötzlich +herum. Erst an diesem Lächeln +also hatte ich erkannt, daß das +ein Bauernfänger war, nichts +weiter. Und ich war doch schon +Monate lang in dieser Stadt, +hatte geglaubt, diese Bauernfänger +durch und durch zu kennen, +wie sie bei Nacht aus Seitenstraßen, +<span class='pagenum'><a name="Page_22">[22]</a></span> +die Hände vorgestreckt, +wie Gastwirte uns entgegentreten, +wie sie sich um die Anschlagsäule, +bei der wir stehen, +herumdrücken, wie zum Versteckenspielen +und hinter der +Säulenrundung hervor zumindest +mit einem Auge spionieren, +wie sie in Straßenkreuzungen, +wenn wir ängstlich werden, auf +einmal vor uns schweben auf +der Kante unseres Trottoirs! +Ich verstand sie doch so gut, +sie waren ja meine ersten städtischen +Bekannten in den kleinen +Wirtshäusern gewesen, und +<span class='pagenum'><a name="Page_23">[23]</a></span> +ich verdankte ihnen den ersten +Anblick einer Unnachgiebigkeit, +die ich mir jetzt so wenig +von der Erde wegdenken +konnte, daß ich sie schon in +mir zu fühlen begann. Wie +standen sie einem noch gegenüber, +selbst wenn man ihnen +schon längst entlaufen war, +wenn es also längst nichts mehr +zu fangen gab! Wie setzten sie +sich nicht, wie fielen sie nicht +hin, sondern sahen einen mit +Blicken an, die noch immer, +wenn auch nur aus der Ferne, +überzeugten! Und ihre Mittel +<span class='pagenum'><a name="Page_24">[24]</a></span> +waren stets die gleichen: Sie +stellten sich vor uns hin, so +breit sie konnten; suchten uns +abzuhalten von dort, wohin +wir strebten; bereiteten uns +zum Ersatz eine Wohnung in +ihrer eigenen Brust, und bäumte +sich endlich das gesammelte +Gefühl in uns auf, nahmen +sie es als Umarmung, in die +sie sich warfen, das Gesicht +voran.</p> + +<p>Und diese alten Späße hatte +ich diesmal erst nach so langem +Beisammensein erkannt. Ich +zerrieb mir die Fingerspitzen +<span class='pagenum'><a name="Page_25">[25]</a></span> +an einander, um die Schande +ungeschehen zu machen.</p> + +<p>Mein Mann aber lehnte hier +noch wie früher, hielt sich noch +immer für einen Bauernfänger, +und die Zufriedenheit mit seinem +Schicksal rötete ihm die +freie Wange.</p> + +<p>»Erkannt!« sagte ich und +klopfte ihm noch leicht auf die +Schulter. Dann eilte ich die +Treppe hinauf und die so grundlos +treuen Gesichter der Dienerschaft +oben im Vorzimmer +freuten mich wie eine schöne +Überraschung. Ich sah sie alle +<span class='pagenum'><a name="Page_26">[26]</a></span> +der Reihe nach an, während +man mir den Mantel abnahm +und die Stiefel abstaubte. Aufatmend +und langgestreckt betrat +ich dann den Saal.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_27">[27]</a></span></p> +<h2>Der +plötzliche Spaziergang</h2> + + +<p>Wenn man sich am Abend +endgültig entschlossen zu haben +scheint, zu Hause zu bleiben, +den Hausrock angezogen hat, +nach dem Nachtmahl beim beleuchteten +Tische sitzt und jene +<span class='pagenum'><a name="Page_28">[28]</a></span> +Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen +hat, nach dessen +Beendigung man gewohnheitsgemäß +schlafen geht, wenn +draußen ein unfreundliches +Wetter ist, welches das Zuhausebleiben +selbstverständlich +macht, wenn man jetzt +auch schon so lange bei Tisch +stillgehalten hat, daß das Weggehen +allgemeines Erstaunen +hervorrufen müßte, wenn nun +auch schon das Treppenhaus +dunkel und das Haustor gesperrt +ist, und wenn man nun +trotz alledem in einem plötzlichen +<span class='pagenum'><a name="Page_29">[29]</a></span> +Unbehagen aufsteht, den +Rock wechselt, sofort straßenmäßig +angezogen erscheint, +weggehen zu müssen erklärt, +es nach kurzem Abschied auch +tut, je nach der Schnelligkeit, +mit der man die Wohnungstür +zuschlägt, mehr oder weniger +Ärger zu hinterlassen +glaubt, wenn man sich auf der +Gasse wiederfindet, mit Gliedern, +die diese schon unerwartete +Freiheit, die man ihnen +verschafft hat, mit besonderer +Beweglichkeit beantworten, +wenn man durch diesen einen +<span class='pagenum'><a name="Page_30">[30]</a></span> +Entschluß alle Entschlußfähigkeit +in sich gesammelt fühlt, +wenn man mit größerer als der +gewöhnlichen Bedeutung erkennt, +daß man ja mehr Kraft +als Bedürfnis hat, die schnellste +Veränderung leicht zu bewirken +und zu ertragen, und wenn +man so die langen Gassen hinläuft, +– dann ist man für diesen +Abend gänzlich aus seiner +Familie ausgetreten, die ins +Wesenlose abschwenkt, während +man selbst, ganz fest, +schwarz vor Umrissenheit, hinten +die Schenkel schlagend, sich +<span class='pagenum'><a name="Page_31">[31]</a></span> +zu seiner wahren Gestalt erhebt.</p> + +<p>Verstärkt wird alles noch, +wenn man zu dieser späten +Abendzeit einen Freund aufsucht, +um nachzusehen, wie +es ihm geht.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_32">[32]</a></span></p> +<h2>Entschlüsse</h2> + + +<p>Aus einem elenden Zustand +sich zu erheben, muß selbst +mit gewollter Energie leicht +sein. Ich reiße mich vom Sessel +los, umlaufe den Tisch, mache +Kopf und Hals beweglich, +bringe Feuer in die Augen, +<span class='pagenum'><a name="Page_33">[33]</a></span> +spanne die Muskeln um sie +herum. Arbeite jedem Gefühl +entgegen, begrüße A. stürmisch, +wenn er jetzt kommen wird, +dulde B. freundlich in meinem +Zimmer, ziehe bei C. alles, was +gesagt wird, trotz Schmerz und +Mühe mit langen Zügen in +mich hinein.</p> + +<p>Aber selbst wenn es so geht, +wird mit jedem Fehler, der +nicht ausbleiben kann, das +Ganze, das Leichte und das +Schwere, stocken, und ich +werde mich im Kreise zurückdrehen +müssen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_34">[34]</a></span> +Deshalb bleibt doch der beste +Rat, alles hinzunehmen, als +schwere Masse sich verhalten +und fühle man sich selbst fortgeblasen, +keinen unnötigen +Schritt sich ablocken lassen, +den anderen mit Tierblick anschaun, +keine Reue fühlen, kurz, +das, was vom Leben als Gespenst +noch übrig ist, mit eigener +Hand niederdrücken, +d. h., die letzte grabmäßige +Ruhe noch vermehren und +nichts außer ihr mehr bestehen +lassen.</p> + +<p>Eine charakteristische Bewegung +<span class='pagenum'><a name="Page_35">[35]</a></span> +eines solchen Zustandes +ist das Hinfahren des kleinen +Fingers über die Augenbrauen.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_36">[36]</a></span></p> +<h2>Der +Ausflug ins Gebirge</h2> + + +<p>»Ich weiß nicht«, rief ich +ohne Klang, »ich weiß ja nicht. +Wenn niemand kommt, dann +kommt eben niemand. Ich habe +niemandem etwas Böses getan, +niemand hat mir etwas Böses +<span class='pagenum'><a name="Page_37">[37]</a></span> +getan, niemand aber will mir +helfen. Lauter niemand. Aber +so ist es doch nicht. Nur daß mir +niemand hilft –, sonst wäre +lauter niemand hübsch. Ich +würde ganz gern – warum +denn nicht – einen Ausflug mit +einer Gesellschaft von lauter +Niemand machen. Natürlich +ins Gebirge, wohin denn sonst? +Wie sich diese Niemand aneinander +drängen, diese vielen +quer gestreckten und eingehängten +Arme, diese vielen +Füße, durch winzige Schritte +getrennt! Versteht sich, daß alle +<span class='pagenum'><a name="Page_38">[38]</a></span> +in Frack sind. Wir gehen so +lala, der Wind fährt durch +die Lücken, die wir und unsere +Gliedmaßen offen lassen. Die +Hälse werden im Gebirge frei! +Es ist ein Wunder, daß wir +nicht singen.«</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_39">[39]</a></span></p> +<h2>Das Unglück +des Junggesellen</h2> + + +<p>Es scheint so arg, Junggeselle +zu bleiben, als alter Mann +unter schwerer Wahrung der +Würde um Aufnahme zu bitten, +wenn man einen Abend +mit Menschen verbringen will, +<span class='pagenum'><a name="Page_40">[40]</a></span> +krank zu sein und aus dem Winkel +seines Bettes wochenlang +das leere Zimmer anzusehn, +immer vor dem Haustor Abschied +zu nehmen, niemals neben +seiner Frau sich die Treppe +hinaufzudrängen, in seinem +Zimmer nur Seitentüren zu +haben, die in fremde Wohnungen +führen, sein Nachtmahl +in einer Hand nach Hause zu +tragen, fremde Kinder anstaunen +zu müssen und nicht immerfort +wiederholen zu dürfen: +»Ich habe keine«, sich im Aussehn +und Benehmen nach ein +<span class='pagenum'><a name="Page_41">[41]</a></span> +oder zwei Junggesellen der +Jugenderinnerungen auszubilden.</p> + +<p>So wird es sein, nur daß man +auch in Wirklichkeit heute und +später selbst dastehen wird, mit +einem Körper und einem wirklichen +Kopf, also auch einer +Stirn, um mit der Hand an sie +zu schlagen.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_42">[42]</a></span></p> +<h2>Der Kaufmann</h2> + + +<p>Es ist möglich, daß einige +Leute Mitleid mit mir haben, +aber ich spüre nichts davon. +Mein kleines Geschäft erfüllt +mich mit Sorgen, die mich +innen an Stirne und Schläfen +<span class='pagenum'><a name="Page_43">[43]</a></span> +schmerzen, aber ohne mir Zufriedenheit +in Aussicht zu stellen, +denn mein Geschäft ist +klein.</p> + +<p>Für Stunden im voraus muß +ich Bestimmungen treffen, das +Gedächtnis des Hausdieners +wachhalten, vor befürchteten +Fehlern warnen und in einer +Jahreszeit die Moden der folgenden +berechnen, nicht wie +sie unter Leuten meines Kreises +herrschen werden, sondern bei +unzugänglichen Bevölkerungen +auf dem Lande.</p> + +<p>Mein Geld haben fremde +<span class='pagenum'><a name="Page_44">[44]</a></span> +Leute; ihre Verhältnisse können +mir nicht deutlich sein; +das Unglück, das sie treffen +könnte, ahne ich nicht; wie +könnte ich es abwehren! Vielleicht +sind sie verschwenderisch +geworden und geben ein Fest +in einem Wirtshausgarten und +andere halten sich für ein Weilchen +auf der Flucht nach Amerika +bei diesem Feste auf.</p> + +<p>Wenn nun am Abend eines +Werketages das Geschäft gesperrt +wird und ich plötzlich +Stunden vor mir sehe, in denen +ich für die ununterbrochenen +<span class='pagenum'><a name="Page_45">[45]</a></span> +Bedürfnisse meines Geschäftes +nichts werde arbeiten können, +dann wirft sich meine am Morgen +weit vorausgeschickte Aufregung +in mich, wie eine zurückkehrende +Flut, hält es +aber in mir nicht aus und ohne +Ziel reißt sie mich mit.</p> + +<p>Und doch kann ich diese +Laune gar nicht benützen und +kann nur nach Hause gehn, +denn ich habe Gesicht und +Hände schmutzig und verschwitzt, +das Kleid fleckig und +staubig, die Geschäftsmütze auf +dem Kopfe und von Kistennägeln +<span class='pagenum'><a name="Page_46">[46]</a></span> +zerkratzte Stiefel. Ich +gehe dann wie auf Wellen, +klappere mit den Fingern beider +Hände und mir entgegenkommenden +Kindern fahre ich +über das Haar.</p> + +<p>Aber der Weg ist zu kurz. +Gleich bin ich in meinem Hause, +öffne die Lifttür und trete ein.</p> + +<p>Ich sehe, daß ich jetzt und +plötzlich allein bin. Andere, die +über Treppen steigen müssen, +ermüden dabei ein wenig, müssen +mit eilig atmenden Lungen +warten, bis man die Tür der +Wohnung öffnen kommt, haben +<span class='pagenum'><a name="Page_47">[47]</a></span> +dabei einen Grund für Ärger +und Ungeduld, kommen jetzt +ins Vorzimmer, wo sie den +Hut aufhängen, und erst bis +sie durch den Gang an einigen +Glastüren vorbei in ihr eigenes +Zimmer kommen, sind sie allein.</p> + +<p>Ich aber bin gleich allein im +Lift, und schaue, auf die Knie +gestützt, in den schmalen Spiegel. +Als der Lift sich zu heben +anfängt, sage ich:</p> + +<p>»Seid still, tretet zurück, wollt +Ihr in den Schatten der Bäume, +hinter die Draperien der Fenster, +in das Laubengewölbe?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_48">[48]</a></span> +Ich rede mit den Zähnen und +die Treppengeländer gleiten an +den Milchglasscheiben hinunter +wie stürzendes Wasser.</p> + +<p>»Flieget weg; Euere Flügel, +die ich niemals gesehen habe, +mögen Euch ins dörfliche Tal +tragen oder nach Paris, wenn +es Euch dorthin treibt.</p> + +<p>Doch genießet die Aussicht +des Fensters, wenn die Prozessionen +aus allen drei Straßen +kommen, einander nicht ausweichen, +durcheinander gehn +und zwischen ihren letzten +Reihen den freien Platz wieder +<span class='pagenum'><a name="Page_49">[49]</a></span> +entstehen lassen. Winket mit +den Tüchern, seid entsetzt, seid +gerührt, lobet die schöne Dame, +die vorüberfährt.</p> + +<p>Geht über den Bach auf der +hölzernen Brücke, nickt den +badenden Kindern zu und staunet +über das Hurra der tausend +Matrosen auf dem fernen +Panzerschiff.</p> + +<p>Verfolget nur den unscheinbaren +Mann und wenn Ihr ihn +in einen Torweg gestoßen habt, +beraubt ihn und seht ihm dann, +jeder die Hände in den Taschen, +nach, wie er traurig seines +<span class='pagenum'><a name="Page_50">[50]</a></span> +Weges in die linke Gasse +geht.</p> + +<p>Die verstreut auf ihren Pferden +galoppierende Polizei bändigt +die Tiere und drängt Euch +zurück. Lasset sie, die leeren +Gassen werden sie unglücklich +machen, ich weiß es. Schon +reiten sie, ich bitte, paarweise +weg, langsam um die Straßenecken, +fliegend über die Plätze.«</p> + +<p>Dann muß ich aussteigen, +den Aufzug hinunterlassen, an +der Türglocke läuten, und das +Mädchen öffnet die Tür, während +ich grüße.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_51">[51]</a></span></p> +<h2>Zerstreutes +Hinausschaun</h2> + + +<p>Was werden wir in diesen +Frühlingstagen tun, die jetzt +rasch kommen? Heute früh +war der Himmel grau, geht +man aber jetzt zum Fenster, +so ist man überrascht und lehnt +<span class='pagenum'><a name="Page_52">[52]</a></span> +die Wange an die Klinke des +Fensters.</p> + +<p>Unten sieht man das Licht +der freilich schon sinkenden +Sonne auf dem Gesicht des +kindlichen Mädchens, das so +geht und sich umschaut, und +zugleich sieht man den Schatten +des Mannes darauf, der +hinter ihm rascher kommt.</p> + +<p>Dann ist der Mann schon +vorübergegangen und das Gesicht +des Kindes ist ganz hell.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_53">[53]</a></span></p> +<h2>Der Nachhauseweg</h2> + + +<p>Man sehe die Überzeugungskraft +der Luft nach dem Gewitter! +Meine Verdienste erscheinen +mir und überwältigen +mich, wenn ich mich auch +nicht sträube.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_54">[54]</a></span> +Ich marschiere und mein +Tempo ist das Tempo dieser +Gassenseite, dieser Gasse, dieses +Viertels. Ich bin mit Recht verantwortlich +für alle Schläge +gegen Türen, auf die Platten der +Tische, für alle Trinksprüche, +für die Liebespaare in ihren +Betten, in den Gerüsten der +Neubauten, in dunklen Gassen +an die Häusermauern gepreßt, +auf den Ottomanen der Bordelle.</p> + +<p>Ich schätze meine Vergangenheit +gegen meine Zukunft, +finde aber beide vortrefflich, +<span class='pagenum'><a name="Page_55">[55]</a></span> +kann keiner von beiden den +Vorzug geben und nur die Ungerechtigkeit +der Vorsehung, +die mich so begünstigt, muß +ich tadeln.</p> + +<p>Nur als ich in mein Zimmer +trete, bin ich ein wenig nachdenklich, +aber ohne daß ich +während des Treppensteigens +etwas Nachdenkenswertes gefunden +hätte. Es hilft mir nicht +viel, daß ich das Fenster gänzlich +öffne und daß in einem Garten +die Musik noch spielt.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_56">[56]</a></span></p> +<h2>Die +Vorüberlaufenden</h2> + + +<p>Wenn man in der Nacht +durch eine Gasse spazieren +geht, und ein Mann, von weitem +schon sichtbar – denn die Gasse +vor uns steigt an und es ist Vollmond +– uns entgegenläuft, so +<span class='pagenum'><a name="Page_57">[57]</a></span> +werden wir ihn nicht anpacken, +selbst wenn er schwach und +zerlumpt ist, selbst wenn jemand +hinter ihm läuft und +schreit, sondern wir werden +ihn weiter laufen lassen.</p> + +<p>Denn es ist Nacht, und wir +können nicht dafür, daß die +Gasse im Vollmond vor uns +aufsteigt, und überdies, vielleicht +haben diese zwei die +Hetze zu ihrer Unterhaltung +veranstaltet, vielleicht verfolgen +beide einen dritten, vielleicht +wird der erste unschuldig +verfolgt, vielleicht will der +<span class='pagenum'><a name="Page_58">[58]</a></span> +zweite morden, und wir würden +Mitschuldige des Mordes, vielleicht +wissen die zwei nichts +von einander, und es läuft nur +jeder auf eigene Verantwortung +in sein Bett, vielleicht +sind es Nachtwandler, vielleicht +hat der erste Waffen.</p> + +<p>Und endlich, dürfen wir nicht +müde sein, haben wir nicht +soviel Wein getrunken? Wir +sind froh, daß wir auch den +zweiten nicht mehr sehn.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_59">[59]</a></span></p> +<h2>Der Fahrgast</h2> + + +<p>Ich stehe auf der Plattform +des elektrischen Wagens und +bin vollständig unsicher in +Rücksicht meiner Stellung in +dieser Welt, in dieser Stadt, in +meiner Familie. Auch nicht +<span class='pagenum'><a name="Page_60">[60]</a></span> +beiläufig könnte ich angeben, +welche Ansprüche ich in irgendeiner +Richtung mit Recht +vorbringen könnte. Ich kann +es gar nicht verteidigen, daß +ich auf dieser Plattform stehe, +mich an dieser Schlinge halte, +von diesem Wagen mich tragen +lasse, daß Leute dem Wagen +ausweichen oder still gehn +oder vor den Schaufenstern +ruhn. – Niemand verlangt es +ja von mir, aber das ist gleichgültig.</p> + +<p>Der Wagen nähert sich einer +Haltestelle, ein Mädchen stellt +<span class='pagenum'><a name="Page_61">[61]</a></span> +sich nahe den Stufen, zum Aussteigen +bereit. Sie erscheint mir +so deutlich, als ob ich sie betastet +hätte. Sie ist schwarz gekleidet, +die Rockfalten bewegen +sich fast nicht, die Bluse ist +knapp und hat einen Kragen +aus weißer kleinmaschiger +Spitze, die linke Hand hält sie +flach an die Wand, der Schirm +in ihrer Rechten steht auf der +zweitobersten Stufe. Ihr Gesicht +ist braun, die Nase, an +den Seiten schwach gepreßt, +schließt rund und breit ab. Sie +hat viel braunes Haar und verwehte +<span class='pagenum'><a name="Page_62">[62]</a></span> +Härchen an der rechten +Schläfe. Ihr kleines Ohr +liegt eng an, doch sehe ich, da +ich nahe stehe, den ganzen +Rücken der rechten Ohrmuschel +und den Schatten an +der Wurzel.</p> + +<p>Ich fragte mich damals: Wieso +kommt es, daß sie nicht über +sich verwundert ist, daß sie +den Mund geschlossen hält und +nichts dergleichen sagt?</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_63">[63]</a></span></p> +<h2>Kleider</h2> + + +<p>Oft wenn ich Kleider mit vielfachen +Falten, Rüschen und Behängen +sehe, die über schönen +Körper schön sich legen, dann +denke ich, daß sie nicht lange +so erhalten bleiben, sondern +<span class='pagenum'><a name="Page_64">[64]</a></span> +Falten bekommen, nicht mehr +gerade zu glätten, Staub bekommen, +der, dick in der Verzierung, +nicht mehr zu entfernen +ist, und daß niemand +so traurig und lächerlich sich +wird machen wollen, täglich +das gleiche kostbare Kleid früh +anzulegen und abends auszuziehn.</p> + +<p>Doch sehe ich Mädchen, die +wohl schön sind und vielfache +reizende Muskeln und Knöchelchen +und gespannte Haut +und Massen dünner Haare zeigen, +und doch tagtäglich in +<span class='pagenum'><a name="Page_65">[65]</a></span> +diesem einen natürlichen Maskenanzug +erscheinen, immer +das gleiche Gesicht in die gleichen +Handflächen legen und +von ihrem Spiegel widerscheinen +lassen.</p> + +<p>Nur manchmal am Abend, +wenn sie spät von einem Feste +kommen, scheint es ihnen im +Spiegel abgenützt, gedunsen, +verstaubt, von allen schon gesehn +und kaum mehr tragbar.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_66">[66]</a></span></p> +<h2>Die Abweisung</h2> + + +<p>Wenn ich einem schönen +Mädchen begegne und sie bitte: +»Sei so gut, komm mit mir« +und sie stumm vorübergeht, so +meint sie damit:</p> + +<p>»Du bist kein Herzog mit +<span class='pagenum'><a name="Page_67">[67]</a></span> +fliegendem Namen, kein breiter +Amerikaner mit indianischem +Wuchs, mit wagrecht ruhenden +Augen, mit einer von der +Luft der Rasenplätze und der +sie durchströmenden Flüsse +massierten Haut, Du hast keine +Reisen gemacht zu den großen +Seen und auf ihnen, die ich +weiß nicht wo zu finden sind. +Also ich bitte, warum soll ich, +ein schönes Mädchen, mit Dir +gehn?«</p> + +<p>»Du vergißt, Dich trägt kein +Automobil in langen Stößen +schaukelnd durch die Gasse; +<span class='pagenum'><a name="Page_68">[68]</a></span> +ich sehe nicht die in ihre Kleider +gepreßten Herren Deines Gefolges, +die Segensprüche für Dich +murmelnd in genauem Halbkreis +hinter Dir gehn; Deine +Brüste sind im Mieder gut geordnet, +aber Deine Schenkel +und Hüften entschädigen sich +für jene Enthaltsamkeit; Du +trägst ein Taffetkleid mit plissierten +Falten, wie es im vorigen +Herbste uns durchaus +allen Freude machte, und doch +lächelst Du – diese Lebensgefahr +auf dem Leibe – bisweilen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_69">[69]</a></span> +»Ja, wir haben beide recht +und, um uns dessen nicht unwiderleglich +bewußt zu werden, +wollen wir, nicht wahr, +lieber jeder allein nach Hause +gehn.«</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_70">[70]</a></span></p> +<h2>Zum Nachdenken für +Herrenreiter</h2> + + +<p>Nichts, wenn man es überlegt, +kann dazu verlocken, in +einem Wettrennen der erste +sein zu wollen.</p> + +<p>Der Ruhm, als der beste +Reiter eines Landes anerkannt +<span class='pagenum'><a name="Page_71">[71]</a></span> +zu werden, freut beim Losgehn +des Orchesters zu stark, als daß +sich am Morgen danach die +Reue verhindern ließe.</p> + +<p>Der Neid der Gegner, listiger, +ziemlich einflußreicher Leute, +muß uns in dem engen Spalier +schmerzen, das wir nun durchreiten +nach jener Ebene, die +bald vor uns leer war bis auf +einige überrundete Reiter, die +klein gegen den Rand des Horizonts +anritten.</p> + +<p>Viele unserer Freunde eilen +den Gewinn zu beheben und +nur über die Schultern weg +<span class='pagenum'><a name="Page_72">[72]</a></span> +schreien sie von den entlegenen +Schaltern ihr Hurra zu uns; +die besten Freunde aber haben +gar nicht auf unser Pferd gesetzt, +da sie fürchteten, käme +es zum Verluste, müßten sie +uns böse sein, nun aber, da +unser Pferd das erste war und +sie nichts gewonnen haben, +drehn sie sich um, wenn +wir vorüberkommen und +schauen lieber die Tribünen +entlang.</p> + +<p>Die Konkurrenten rückwärts, +fest im Sattel, suchen das Unglück +zu überblicken, das sie +<span class='pagenum'><a name="Page_73">[73]</a></span> +getroffen hat, und das Unrecht, +das ihnen irgendwie zugefügt +wird; sie nehmen ein frisches +Aussehen an, als müsse ein +neues Rennen anfangen und +ein ernsthaftes nach diesem +Kinderspiel.</p> + +<p>Vielen Damen scheint der +Sieger lächerlich, weil er sich +aufbläht und doch nicht weiß, +was anzufangen mit dem ewigen +Händeschütteln, Salutieren, +Sich-Niederbeugen und In-die-Ferne-Grüßen, +während die +Besiegten den Mund geschlossen +haben und die Hälse ihrer +<span class='pagenum'><a name="Page_74">[74]</a></span> +meist wiehernden Pferde +leichthin klopfen.</p> + +<p>Endlich fängt es gar aus dem +trüb gewordenen Himmel zu +regnen an.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_75">[75]</a></span></p> +<h2>Das Gassenfenster</h2> + + +<p>Wer verlassen lebt und sich +doch hie und da irgendwo +anschließen möchte, wer mit +Rücksicht auf die Veränderungen +der Tageszeit, der Witterung, +der Berufsverhältnisse +und dergleichen ohne weiteres +<span class='pagenum'><a name="Page_76">[76]</a></span> +irgend einen beliebigen Arm +sehen will, an dem er sich halten +könnte, – der wird es ohne +ein Gassenfenster nicht lange +treiben. Und steht es mit ihm so, +daß er gar nichts sucht und nur +als müder Mann, die Augen +auf und ab zwischen Publikum +und Himmel, an seine Fensterbrüstung +tritt, und er will nicht +und hat ein wenig den Kopf +zurückgeneigt, so reißen ihn +doch unten die Pferde mit in +ihr Gefolge von Wagen und +Lärm und damit endlich der +menschlichen Eintracht zu.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_77">[77]</a></span></p> +<h2>Wunsch, +Indianer zu werden</h2> + + +<p>Wenn man doch ein Indianer +wäre, gleich bereit, und +auf dem rennenden Pferde, +schief in der Luft, immer wieder +kurz erzitterte über dem zitternden +Boden, bis man die +<span class='pagenum'><a name="Page_78">[78]</a></span> +Sporen ließ, denn es gab keine +Sporen, bis man die Zügel wegwarf, +denn es gab keine Zügel, +und kaum das Land vor sich als +glatt gemähte Heide sah, schon +ohne Pferdehals und Pferdekopf.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_79">[79]</a></span></p> +<h2>Die Bäume</h2> + + +<p>Denn wir sind wie Baumstämme +im Schnee. Scheinbar +liegen sie glatt auf, und mit +kleinem Anstoß sollte man sie +wegschieben können. Nein, das +kann man nicht, denn sie sind +fest mit dem Boden verbunden. +Aber sieh, sogar das ist +nur scheinbar.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_80">[80]</a></span></p> +<h2>Unglücklichsein</h2> + + +<p>Als es schon unerträglich geworden +war – einmal gegen +Abend im November – und +ich über den schmalen Teppich +meines Zimmers wie in einer +Rennbahn einherlief, durch den +<span class='pagenum'><a name="Page_81">[81]</a></span> +Anblick der beleuchteten Gasse +erschreckt, wieder wendete, +und in der Tiefe des Zimmers, +im Grund des Spiegels doch +wieder ein neues Ziel bekam, +und aufschrie, um nur den +Schrei zu hören, dem nichts +antwortet und dem auch nichts +die Kraft des Schreiens nimmt, +der also aufsteigt, ohne Gegengewicht, +und nicht aufhören +kann, selbst wenn er verstummt, +da öffnete sich aus der Wand +heraus die Tür, so eilig, weil +doch Eile nötig war und selbst +die Wagenpferde unten auf dem +<span class='pagenum'><a name="Page_82">[82]</a></span> +Pflaster wie wildgewordene +Pferde in der Schlacht, die +Gurgeln preisgegeben, sich erhoben.</p> + +<p>Als kleines Gespenst fuhr ein +Kind aus dem ganz dunklen +Korridor, in dem die Lampe +noch nicht brannte, und blieb +auf den Fußspitzen stehn, auf +einem unmerklich schaukelnden +Fußbodenbalken. Von der +Dämmerung des Zimmers +gleich geblendet, wollte es mit +dem Gesicht rasch in seine +Hände, beruhigte sich aber unversehens +mit dem Blick zum +<span class='pagenum'><a name="Page_83">[83]</a></span> +Fenster, vor dessen Kreuz der +hochgetriebene Dunst der +Straßenbeleuchtung endlich +unter dem Dunkel liegen blieb. +Mit dem rechten Ellbogen hielt +es sich vor der offenen Tür +aufrecht an der Zimmerwand +und ließ den Luftzug von draußen +um die Gelenke der Füße +streichen, auch den Hals, auch +die Schläfen entlang.</p> + +<p>Ich sah ein wenig hin, dann +sagte ich »Guten Tag« und nahm +meinen Rock vom Ofenschirm, +weil ich nicht so halb nackt +dastehen wollte. Ein Weilchen +<span class='pagenum'><a name="Page_84">[84]</a></span> +lang hielt ich den Mund offen, +damit mich die Aufregung +durch den Mund verlasse. Ich +hatte schlechten Speichel in +mir, im Gesicht zitterten mir +die Augenwimpern, kurz, es +fehlte mir nichts, als gerade +dieser allerdings erwartete Besuch.</p> + +<p>Das Kind stand noch an der +Wand auf dem gleichen Platz, +es hatte die rechte Hand an +die Mauer gepreßt und konnte, +ganz rotwangig, dessen nicht +satt werden, daß die weißgetünchte +Wand grobkörnig war +<span class='pagenum'><a name="Page_85">[85]</a></span> +und die Fingerspitzen rieb. Ich +sagte: »Wollen Sie tatsächlich +zu mir? Ist es kein Irrtum? +Nichts leichter als ein Irrtum +in diesem großen Hause. Ich +heiße Soundso, wohne im dritten +Stock. Bin ich also der, den +Sie besuchen wollen?«</p> + +<p>»Ruhe, Ruhe!« sagte das Kind +über die Schulter weg, »alles +ist schon richtig.«</p> + +<p>»Dann kommen Sie weiter +ins Zimmer herein, ich möchte +die Tür schließen.«</p> + +<p>»Die Tür habe ich jetzt gerade +geschlossen. Machen Sie sich +<span class='pagenum'><a name="Page_86">[86]</a></span> +keine Mühe. Beruhigen Sie sich +überhaupt.«</p> + +<p>»Reden Sie nicht von Mühe. +Aber auf diesem Gange wohnt +eine Menge Leute, alle sind +natürlich meine Bekannten; die +meisten kommen jetzt aus den +Geschäften; wenn sie in einem +Zimmer reden hören, glauben +sie einfach das Recht zu haben, +aufzumachen und nachzuschaun, +was los ist. Es ist einmal +schon so. Diese Leute haben +die tägliche Arbeit hinter sich; +wem würden sie sich in der +provisorischen Abendfreiheit +<span class='pagenum'><a name="Page_87">[87]</a></span> +unterwerfen! Übrigens wissen +Sie es ja auch. Lassen Sie mich +die Türe schließen.«</p> + +<p>»Ja was ist denn? Was haben +Sie? Meinetwegen kann das +ganze Haus hereinkommen. +Und dann noch einmal: Ich +habe die Türe schon geschlossen, +glauben Sie denn, nur Sie +können die Türe schließen? +Ich habe sogar mit dem Schlüssel +zugesperrt.«</p> + +<p>»Dann ist gut. Mehr will ich +ja nicht. Mit dem Schlüssel +hätten Sie gar nicht zusperren +müssen. Und jetzt machen Sie +<span class='pagenum'><a name="Page_88">[88]</a></span> +es sich nur behaglich, wenn +Sie schon einmal da sind. Sie +sind mein Gast. Vertrauen Sie +mir völlig. Machen Sie sich +nur breit ohne Angst. Ich werde +Sie weder zum Hierbleiben +zwingen, noch zum Weggehn. +Muß ich das erst sagen? Kennen +Sie mich so schlecht?«</p> + +<p>»Nein. Sie hätten das wirklich +nicht sagen müssen. Noch +mehr, Sie hätten es gar nicht +sagen sollen. Ich bin ein Kind; +warum soviel Umstände mit +mir machen?«</p> + +<p>»So schlimm ist es nicht. Natürlich, +<span class='pagenum'><a name="Page_89">[89]</a></span> +ein Kind. Aber gar so +klein sind Sie nicht. Sie sind +schon ganz erwachsen. Wenn +Sie ein Mädchen wären, dürften +Sie sich nicht so einfach mit +mir in einem Zimmer einsperren.«</p> + +<p>»Darüber müssen wir uns +keine Sorge machen. Ich wollte +nur sagen: Daß ich Sie so gut +kenne, schützt mich wenig, es +enthebt Sie nur der Anstrengung, +mir etwas vorzulügen. +Trotzdem aber machen Sie mir +Komplimente. Lassen Sie das, +ich fordere Sie auf, lassen Sie +<span class='pagenum'><a name="Page_90">[90]</a></span> +das. Dazu kommt, daß ich Sie +nicht überall und immerfort +kenne, gar bei dieser Finsternis. +Es wäre viel besser, wenn +Sie Licht machen ließen. Nein, +lieber nicht. Immerhin werde +ich mir merken, daß Sie mir +schon gedroht haben.«</p> + +<p>»Wie? Ich hätte Ihnen gedroht? +Aber ich bitte Sie. Ich +bin ja so froh, daß Sie endlich +hier sind. Ich sage ›endlich‹, +weil es schon so spät ist. Es ist +mir unbegreiflich, warum Sie so +spät gekommen sind. Da ist es +möglich, daß ich in der Freude +<span class='pagenum'><a name="Page_91">[91]</a></span> +so durcheinander gesprochen +habe und daß Sie es gerade +so verstanden haben. Daß ich +so gesprochen habe, gebe ich +zehnmal zu, ja ich habe Ihnen +mit Allem gedroht, was Sie wollen. +– Nur keinen Streit, um +Himmelswillen! – Aber wie +konnten Sie es glauben? Wie +konnten Sie mich so kränken? +Warum wollen Sie mir mit aller +Gewalt dieses kleine Weilchen +Ihres Hierseins verderben? Ein +fremder Mensch wäre entgegenkommender +als Sie.«</p> + +<p>»Das glaube ich; das war keine +<span class='pagenum'><a name="Page_92">[92]</a></span> +Weisheit. So nah, als Ihnen ein +fremder Mensch entgegenkommen +kann, bin ich Ihnen schon +von Natur aus. Das wissen Sie +auch, wozu also die Wehmut? +Sagen Sie, daß Sie Komödie +spielen wollen, und ich gehe +augenblicklich.«</p> + +<p>»So? Auch das wagen Sie mir +zu sagen? Sie sind ein wenig +zu kühn. Am Ende sind Sie +doch in meinem Zimmer. Sie +reiben Ihre Finger wie verrückt +an meiner Wand. Mein +Zimmer, meine Wand! Und +außerdem ist das, was Sie sagen, +<span class='pagenum'><a name="Page_93">[93]</a></span> +lächerlich, nicht nur frech. Sie +sagen, Ihre Natur zwinge Sie, +mit mir in dieser Weise zu +reden. Wirklich? Ihre Natur +zwingt Sie? Das ist nett von +Ihrer Natur. Ihre Natur ist +meine, und wenn ich mich von +Natur aus freundlich zu Ihnen +verhalte, so dürfen auch Sie +nicht anders.«</p> + +<p>»Ist das freundlich?«</p> + +<p>»Ich rede von früher.«</p> + +<p>»Wissen Sie, wie ich später +sein werde?«</p> + +<p>»Nichts weiß ich.«</p> + +<p>Und ich ging zum Nachttisch +<span class='pagenum'><a name="Page_94">[94]</a></span> +hin, auf dem ich die Kerze anzündete. +Ich hatte in jener Zeit +weder Gas noch elektrisches +Licht in meinem Zimmer. Ich +saß dann noch eine Weile beim +Tisch, bis ich auch dessen müde +wurde, den Überzieher anzog, +den Hut vom Kanapee nahm +und die Kerze ausblies. Beim +Hinausgehen verfing ich mich +in ein Sesselbein.</p> + +<p>Auf der Treppe traf ich einen +Mieter aus dem gleichen Stockwerk.</p> + +<p>»Sie gehen schon wieder weg, +Sie Lump?« fragte er, auf seinen +<span class='pagenum'><a name="Page_95">[95]</a></span> +über zwei Stufen ausgebreiteten +Beinen ausruhend.</p> + +<p>»Was soll ich machen?« sagte +ich, »jetzt habe ich ein Gespenst +im Zimmer gehabt.«</p> + +<p>»Sie sagen das mit der gleichen +Unzufriedenheit, wie wenn Sie +ein Haar in der Suppe gefunden +hätten.«</p> + +<p>»Sie spaßen. Aber merken Sie +sich, ein Gespenst ist ein Gespenst.«</p> + +<p>»Sehr wahr. Aber wie, wenn +man überhaupt nicht an Gespenster +glaubt?«</p> + +<p>»Ja meinen Sie denn, ich +<span class='pagenum'><a name="Page_96">[96]</a></span> +glaube an Gespenster? Was hilft +mir aber dieses Nichtglauben?«</p> + +<p>»Sehr einfach. Sie müssen +eben keine Angst mehr haben, +wenn ein Gespenst wirklich zu +Ihnen kommt.«</p> + +<p>»Ja, aber das ist doch die +nebensächliche Angst. Die eigentliche +Angst ist die Angst +vor der Ursache der Erscheinung. +Und diese Angst bleibt. +Die habe ich geradezu großartig +in mir.« Ich fing vor Nervosität +an, alle meine Taschen +zu durchsuchen.</p> + +<p>»Da Sie aber vor der Erscheinung +<span class='pagenum'><a name="Page_97">[97]</a></span> +selbst keine Angst hatten, +hätten Sie sie doch ruhig nach +ihrer Ursache fragen können!«</p> + +<p>»Sie haben offenbar noch nie +mit Gespenstern gesprochen. +Aus denen kann man ja niemals +eine klare Auskunft bekommen. +Das ist ein Hinundher. +Diese Gespenster scheinen +über ihre Existenz mehr im +Zweifel zu sein, als wir, was +übrigens bei ihrer Hinfälligkeit +kein Wunder ist.«</p> + +<p>»Ich habe aber gehört, daß +man sie auffüttern kann.«</p> + +<p>»Da sind Sie gut berichtet. +<span class='pagenum'><a name="Page_98">[98]</a></span> +Das kann man. Aber wer wird +das machen?«</p> + +<p>»Warum nicht? Wenn es ein +weibliches Gespenst ist z. B.« +sagte er und schwang sich auf +die obere Stufe.</p> + +<p>»Ach so«, sagte ich, »aber +selbst dann steht es nicht dafür.«</p> + +<p>Ich besann mich. Mein Bekannter +war schon so hoch, daß +er sich, um mich zu sehen, unter +einer Wölbung des Treppenhauses +vorbeugen mußte. »Aber +trotzdem«, rief ich, »wenn Sie +mir dort oben mein Gespenst +wegnehmen, dann ist es zwischen +<span class='pagenum'><a name="Page_99">[99]</a></span> +uns aus, für immer.«</p> + +<p>»Aber das war ja nur Spaß«, +sagte er und zog den Kopf +zurück.</p> + +<p style="margin-bottom: 80px;">»Dann ist es gut«, sagte ich +und hätte jetzt eigentlich ruhig +spazieren gehen können. Aber +weil ich mich gar so verlassen +fühlte, ging ich lieber hinauf +und legte mich schlafen.</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Betrachtung, by Franz Kafka + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BETRACHTUNG *** + +***** This file should be named 23532-h.htm or 23532-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/3/5/3/23532/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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