summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/23393-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:04:53 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:04:53 -0700
commitc690c19d51a51583c032c82e79f41dbe54d970be (patch)
tree427f393626af7833b21614c75fc340f197ce2f23 /23393-8.txt
initial commit of ebook 23393HEADmain
Diffstat (limited to '23393-8.txt')
-rw-r--r--23393-8.txt4068
1 files changed, 4068 insertions, 0 deletions
diff --git a/23393-8.txt b/23393-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..f0042e0
--- /dev/null
+++ b/23393-8.txt
@@ -0,0 +1,4068 @@
+The Project Gutenberg eBook, Japanische Märchen, by Karl Alberti,
+Illustrated by T. Tokikuni and Fritz Kracher
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Japanische Märchen
+
+
+Author: Karl Alberti
+
+
+
+Release Date: November 7, 2007 [eBook #23393]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JAPANISCHE MäRCHEN***
+
+
+E-text prepared by Louise Hope, Alexander Bauer, Jana Srna, and the
+Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
+(https://www.pgdp.net)
+
+
+
+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustrations.
+ See 23393-h.htm or 23393-h.zip:
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/2/3/3/9/23393/23393-h/23393-h.htm)
+ or
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/2/3/3/9/23393/23393-h.zip)
+
+
+Anmerkung zur Transkription:
+
+ Das »Inhalts-Verzeichnis« stand ursprünglich am Ende des Buches.
+
+ Einige Druckfehler sind am Ende des e-text notiert.
+
+
+
+
+
+JAPANISCHE MÄRCHEN
+
+Eine Sammlung der schönsten Märchen,
+Sagen und Fabeln Japans
+für die deutsche Jugend ausgewählt
+und frei ins Deutsche übersetzt von
+
+PROFESSOR KARL ALBERTI
+
+in Tokyo. Bilder v. T. Tokikuni, Tokyo.
+Deckelbild von Fritz Kracher, München
+
+
+
+
+
+
+
+Cl. Attenkofersche Verlagsbuchhandlung, Straubing.
+
+Alle Rechte einschließlich
+des Übersetzungsrechtes
+vorbehalten.
+
+Druck der Cl. Attenkoferschen Buch- und Kunstdruckerei
+Straubing, Bayern.
+
+
+
+
+Inhalts-Verzeichnis.
+ Seite
+
+ Zur Einführung 3
+ Juki-onna 5
+ Der weiße Fuchs 9
+ Urashima Taro 12
+ Wenn man mit Kobolden tanzt 21
+ Neid bringt Leid 24
+ Der schlaue Polizist 27
+ Der Abt des Klosters Yakhusi 30
+ List geht über Gewalt 32
+ Die Kröte von Osaka und die von Kyoto 34
+ Der Affe und der Sake 36
+ Die Auster 38
+ Der Sperling mit abgeschnittener Zunge 39
+ Die geplagte Krabbe 43
+ Der kluge Hase 49
+ Maorigashima 55
+ Der Hase und der Dachs 58
+ Schlauheit schützt nicht vor Täuschung 64
+ Der bedächtige Reiher 65
+ Belohnte Kindesliebe 66
+ Der bestrafte Tierquäler 69
+ Rai-taro 70
+ Hotaru 75
+ Horaisan 77
+ Die Wünsche des Steinhauers 84
+
+
+
+
+ [Abbildung]
+
+Zur Einführung.
+
+
+Nicht mit Unrecht wird Japan als das »wunderbare Sonnenland«
+bezeichnet; denn neben seinen wirklich wunderbaren Naturreizen bieten
+Kunst und Literatur, ganz besonders die des Altertums, eine schier
+unerschöpfliche Fundgrube nicht nur für den wissenschaftlichen
+Forscher sondern auch für den Schöngeist und für den Freund eines
+reinen Volkstums. Gar reich, und nicht hinter der deutschen
+zurückstehend, ist die japanische Märchenwelt, aus der ich hier eine
+Auswahl zusammengestellt und für die deutsche Jugend bearbeitet habe.
+
+Es ist dies meines Wissens _das erste Werk_, das aus dem reichen
+Märchenschatze Japans der deutschen Jugend eine sorgfältig
+zusammengestellte Auswahl bietet; mag auch das eine oder andere hier
+und dort einmal irgendwo veröffentlicht und dadurch bekannt sein,
+so ist dies doch meistens zerstreut in Zeitungen, Zeitschriften oder
+wissenschaftlichen Werken in wörtlicher Übersetzung erfolgt und nur
+für Erwachsene geeignet.
+
+Keine jener Veröffentlichungen ist von mir benutzt worden oder hat mir
+als Vorlage gedient, sondern lediglich die japanischen Ausgaben und
+mündliche Erzählungen der Japaner; deshalb enthält das Vorliegende
+auch viele Fabeln und dergl., die nur im Munde des Volkes leben, von
+denen sich also in der Literatur selbst keine Spuren finden.
+
+Da dieses Buch der deutschen Jugend gewidmet ist, mußten bei der
+Auswahl und Bearbeitung größte Sorgfalt aufgewendet und manche Stellen
+verändert, fortgelassen oder durch andere ersetzt werden, um das ganze
+dem Verständnis der Jugend anzupassen, dies umsomehr, als die
+Originale oft eine derart freie Sprache führen, daß man sie, unserem
+deutschen Moralempfinden entsprechend, nicht jedermann in die Hand
+geben kann.
+
+Durch Beifügung erläuternder Anmerkungen, historischer Daten usw.
+dürfte dieses Buch einen über den Rahmen einfacher Märchenlektüre
+hinausgehenden Wert gewinnen.
+
+Besonderer Dank sei an dieser Stelle den Herren Dr. Miyauchi, Ohno,
+Nakamura, Hajime Iwane und K. Nakamatsu für ihre liebenswürdige
+Beihilfe zu diesem Werke; auch dem Herrn T. Tokikuni, der die farbigen
+Bilder zeichnete, während die übrigen älteren und neueren japanischen
+Werken entnommen sind.
+
+Möge daher diese Gabe, die ich der Jugend in meiner deutschen Heimat
+von hier aus dem fernen Osten, aus dem Lande der aufgehenden Sonne
+biete, gern angenommen werden und Beifall finden.
+
+ Tokyo.
+
+ _Karl Alberti._
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Juki-onna.[1]
+
+
+Es waren einmal zwei Holzhauer: der eine hieß Nishikaze[2], dieser war
+ein älterer Mann, während der andere Teramichi hieß und noch ein
+Jüngling war. Beide wohnten im gleichen Dorfe und gingen jeden Tag
+zusammen in den Wald um Holz zu schlagen. Um in den Wald zu gelangen,
+mußten sie einen großen Fluß passieren, über den eine Fähre
+eingerichtet war. Als sie eines Tages spät mit ihrer Arbeit fertig
+waren, wurden sie von einem furchtbaren Schneesturm überrascht; sie
+eilten zur Fähre, mußten aber zu ihrem großen Schrecken sehen, daß der
+Fährmann soeben übergesetzt war und sich auf der anderen Seite des
+reißenden Flusses befand, von der er des rasenden Sturmes wegen
+vorläufig nicht zurück konnte. Da die Beiden im Freien das Ende des
+Sturmes nicht abwarten konnten, beschlossen sie in das nahebei
+befindliche Haus des Fährmanns zu gehen und dort dessen Rückkehr
+abzuwarten. Gesagt, getan! Im Hause angekommen, warfen sie sich zur
+Erde, nachdem sie Tür und Fenster wohl verwahrt hatten und lauschten
+dem Tosen des Sturmes. Der Ältere, ermüdet von des Tages Last und
+Arbeit, war bald in Schlaf verfallen; aber der Jüngere konnte kein
+Auge schließen, denn das Heulen, Brausen, Rauschen und Krachen war
+unheimlich und das Häuschen erzitterte in allen Fugen.
+
+Plötzlich gab es einen fürchterlichen Schlag, als wollte der Sturm das
+Haus zertrümmern, die Tür sprang auf und ein eisiger Wind mit einer
+riesigen Schneewolke drang herein. Entsetzt starrte Teramichi auf die
+Wolke, denn diese bewegte sich auf und ab und nahm endlich menschliche
+Gestalt an, die Gestalt einer Frau in weißem Gewande und wandte sich
+zu der Stelle, wo Nishikaze schlief; dort beugte sie sich zu dem
+Schläfer nieder, ihrem Munde entströmte ein weißer Nebel, der sich auf
+das Gesicht des Mannes ausbreitete, dann richtete sie sich auf und kam
+auf Teramichi zu, der, unfähig ein Glied zu rühren, die Augen
+angstvoll weit geöffnet hielt. Dicht vor ihm angekommen neigte sie
+sich nahe auf sein Gesicht und sah ihn ein Weilchen ruhig an; dann
+sprach sie leise, ihre Stimme war wie ein Hauch und ihr Gesicht nahm
+freundlichere Züge an: »Deinen Kameraden habe ich getötet, wie alles,
+das in mein Bereich kommt. Auch du solltest sein Los teilen, doch bist
+du noch kein Mann und hast noch nicht gelebt. Drum sei verschont! Doch
+diese Schonung wird dir nur so lange Zeit, als du schweigen kannst.
+Kommt auch nur ein Wort von dem über deine Lippen, was du hier
+erlebtest, -- sei es zu wem es wolle, nicht Vater, nicht Mutter, nicht
+Weib noch Kind, niemand, hörst du, niemand darf erfahren, was hier
+geschah, -- so treffe ich dich, wo es auch sei! Denke daran!«
+
+ [Abbildung]
+
+Nach diesen Worten schwebte sie langsam empor und verschwand durch die
+Tür.
+
+Jetzt wich der Bann von dem jungen Manne, er sprang auf, eilte zur Tür
+und verschloß sie fest. Dann wandte er sich zu seinem Kameraden und
+rief ihn an; doch dieser rührte sich nicht, er war steif und starr, er
+war tot, sein Gesicht verklärte ein glückliches Lächeln. Endlich ließ
+der Sturm nach und der Morgen brach an und der Fährmann, der nun
+zurückkehrte, fand beide Männer in seinem Häuschen und hielt sie für
+tot, für erfroren; doch als er sie aufhob, tat Teramichi einen tiefen
+Seufzer, schlug die Augen auf und kam bald wieder zu sich, während
+Nishikaze tot blieb und begraben wurde.
+
+Der junge Mann aber ging wieder seinem Berufe nach und wanderte
+tagtäglich in den Wald, erzählte niemand sein Abenteuer, das er mit
+der Schneefrau, denn eine solche war es, wie ihm zur Gewißheit wurde,
+hatte. So gingen zwei Jahre dahin.
+
+Als er eines Abends nach vollbrachtem Tagewerk wieder heimwärts
+wanderte, begegnete ihm ein junges hübsches Mädchen, das ihm so
+gefiel, daß er sich in ein Gespräch einließ. Das Mädchen erzählte ihm,
+daß es Waise sei und zu entfernt wohnenden Verwandten wandern wolle,
+wo es hoffe aufgenommen zu werden.
+
+Als das Paar nahe dem Dorfe war, in dem Teramichi wohnte, sprach
+dieser zu dem Mädchen:
+
+»Es ist jetzt Abend und kalt und die Wege sind unsicher; komm mit in
+meine armselige Hütte und nimm teil an dem bescheidenen Mahle, das
+meine Mutter bereitet hat! Ruhe dich dann aus und so du willst, kannst
+du morgen früh deine Wanderung fortsetzen!«
+
+Das Mädchen, das sich »Juki« nannte, nahm dies Anerbieten an und
+begleitete den jungen Mann in sein Haus, wo die Mutter ihm eine
+freundliche Aufnahme bereitete. Als es sich ausgeruht hatte und am
+andern Morgen sich wieder auf den Weg machen wollte, bat die Mutter,
+es möge doch noch einige Tage bleiben und wenn es niemand in der Welt
+habe, der es erwarte, so möge es bleiben, so lang es wolle und ihr
+etwas zur Hand gehen, da sie selbst schon alt sei und sich schon
+längst eine Stütze im Hause gewünscht habe. Da auch Teramichi, der zu
+dem Mädchen in heißer Liebe entbrannt war, sich den Bitten seiner
+Mutter anschloß, so schlug es ein und blieb im Hause.
+
+Wie es nun so geht, wenn ein Mann einem Mädchen mit reiner Liebe
+zugetan, daß das Mädchen schließlich auch Liebe empfindet, so war es
+auch hier und es dauerte nicht lange Zeit, so hatten sich beide ihre
+Liebe erklärt und Teramichi und Juki wurden ein Paar.
+
+Juki war stets eine brave Frau und verehrte ihre Schwiegermutter in
+kindlicher Liebe bis diese starb; dann widmete sie sich nur ihrem
+Manne und ihren Kindern, von denen sie im Laufe der Jahre ihrem Gatten
+zehn geschenkt hatte. Die Kinder blühten und gediehen und wuchsen
+heran; keine Krankheit, kein Unglück störte den Frieden und das Glück
+dieser Ehe, die jedermann als die beste im ganzen Lande pries.
+
+Als ganz besonderes Wunder aber wurde erwähnt, daß Juki immer jung
+aussah, immer blühend und in voller Kraft war und man keinerlei Spuren
+des Alterns bei ihr wahrnehmen konnte. So vergingen die Jahre, als
+eines Abends im Winter, als das Paar im traulichen Zwiegespräch
+beisammensaß, wieder einmal ein furchtbarer Schneesturm losbrach. Der
+Mann erschauerte, indem er seines Erlebnisses in der Hütte des
+Fährmannes gedachte und sinnend betrachtete er seine Frau, die ihm
+schöner als je erschien und plötzlich glaubte er in ihrem Gesicht eine
+Ähnlichkeit mit der Schneefrau zu entdecken, die ihm damals vor vielen
+Jahren das Leben schenkte. Diese Ähnlichkeit trat immer deutlicher
+hervor, so daß er den Ausruf nicht zurückhalten konnte: »Nein, du bist
+schöner!«
+
+Juki wurde aufmerksam und fragte, was diese Worte bedeuten sollten;
+ohne zu zögern, halb im Traum, erzählte er ihr nun sein Abenteuer, das
+er mit der Schneefrau hatte und schloß seine Erzählung mit den Worten:
+»Sie war schön, aber geisterhaft schön; du aber bist menschlich,
+natürlich schön!«
+
+Da erhob sich Juki und erschreckt sah der Mann, wie sie größer und
+größer wurde, wie ihr Gesicht sich verklärte, die Kleidung sich in
+lichtes Weiß verwandelte und sie endlich so vor ihm stand, wie damals
+die Schneefrau. Er stürzte zu Boden, streckte die Arme aus und rief:
+»Ja du bist es doch, verzeih, verzeih!«
+
+Sie aber schüttelte das Haupt und herrschte ihn an:
+
+»Ja ich bin es! Konntest du den Mund nicht halten, nachdem du solange
+geschwiegen hast? Ich könnte dich jetzt töten; ein Hauch aus meinem
+Munde würde deine Glieder erstarren lassen, das wäre die gerechte
+Strafe, daß du nicht nur dein, sondern auch mein Glück zerstört hast!
+Denn sieh!« -- hier nahm ihre Stimme einen milden Klang an -- »als ich
+dich damals in jener Hütte als blühenden hübschen Jüngling so hilflos
+vor mir sah, da tatest du mir leid, aber nicht nur leid; ich fühlte
+den Wunsch in mir, auch einmal Menschenglück zu genießen, anstatt
+stets zu zerstören. Ja, ich liebte dich und nahte mich dir in
+menschlicher Gestalt, ich genoß an deiner Seite Jahre ungetrübten
+Glücks. Jetzt hast du es selbst zerstört und ich muß zurück in mein
+kaltes Reich und du? -- Ich gedenke des Glücks, das ich genossen und
+der armen dort ruhenden Kinder, denen ich neben der Mutter nicht auch
+den Vater rauben will. Mögest du drum leben; bleibe den Kindern ein
+guter Vater und suche dadurch dein heutiges Unrecht zu sühnen!«
+
+Damit drückte sie ihm einen Kuß auf die Stirne, der, obgleich eiskalt,
+wie Feuer brannte; die Tür sprang auf, ein wirbelnder Schneeschauer
+durchtobte das Haus und entführte Juki-onna, den Mann einsam
+zurücklassend.
+
+Von diesem Tage an blieb er, der sonst stets heiter und guter Dinge
+war, ernst und kein fröhliches Wort kam mehr über seine Lippen; er
+lebte nur seinen Kindern, zog sie zu tüchtigen, braven Menschen auf
+und als nach vielen Jahren wieder einmal ein Schneesturm brauste, nahm
+dieser die Seele des Mannes mit und führte sie seiner »Juki-onna« zu.
+
+Die Leute aber sagten, als sie ihn am andern Morgen tot fanden, er sei
+erfroren.
+
+ [Abbildung]
+
+
+ [Anmerkung 1: Juki = Schnee, onna = Frau, Juki-onna
+ = Schneefrau.]
+
+ [Anmerkung 2: Sprich Nishikase.]
+
+
+
+
+Der weiße Fuchs.
+
+ [Abbildung]
+
+
+Vor vielen Jahren jagte einmal im Walde von Shimoda[1] der Sohn eines
+Fürsten. Er hatte das seltene Glück einen schneeweißen Fuchs
+weiblichen Geschlechts zu fangen. Er wollte das Tier töten, aber
+Yasuna, der Sohn eines Tempelaufsehers, der sich an der Jagd
+beteiligte, bat es ihm zu schenken, weil er wußte, daß solche Füchse
+mit weißem Fell Zauberkräfte besitzen, mehrere tausend Jahre alt
+werden und sich in jede beliebige Gestalt verwandeln können. Aber der
+Sohn des Fürsten wollte das schöne Fell des Tieres für sich haben,
+schlug Yasuna die Bitte ab und befahl seinen Leuten die Füchsin zu
+töten. Yasuna aber bemächtigte sich dieser mit Gewalt, indem er mit
+den Jägern kämpfte und obgleich aus vielen Wunden blutend, konnte er
+doch mit dem Tiere flüchten. Nachdem er eine Weile gelaufen war, brach
+er erschöpft zusammen; er mußte die Füchsin loslassen, die schnell im
+Walde verschwand. Seltsamerweise kam plötzlich seine Verlobte Kuzunoha
+daher, die, als sie seine Wunden sah, sie ihm verband und ihn nach
+Hause geleitete.
+
+Yasuna war erstaunt seine Verlobte bei sich zu sehen, die er bei ihren
+Eltern, die in der Kumamoto-Provinz[2], weit entfernt von Shimoda,
+wohnten, vermutete, und fragte daher, wie es komme, daß sie sich jetzt
+hier befinde und ihn im Walde gefunden habe.
+
+Kuzunoha aber antwortete: »Frage mich jetzt nicht, noch ist es nicht
+Zeit, dir dies zu erklären. Ist es an der Zeit, so wirst du alles
+erfahren!«
+
+Damit beruhigte sich Yasuna, der glücklich war, seine Braut bei sich
+zu haben. Er zögerte nicht lange, sondern machte einige Tage darauf
+mit ihr Hochzeit. Einige Jahre lebten beide glücklich und zufrieden
+und ein herziger Knabe, den Kuzunoha ihm geschenkt hatte, verschönte
+ihr Glück. Diesem Knaben hatten sie den Namen Dokyo[3] gegeben.
+
+Eines Tages war Yasuna im Walde gewesen und kehrte erst spät abends
+zurück. Als er vor seinem Hause ankam, war er nicht wenig überrascht,
+vor der Tür seine Schwiegereltern mit seiner Frau stehen zu sehen, die
+sich lebhaft unterhielten; er trat näher, begrüßte sie und fragte,
+warum sie nicht in das Haus gingen, sondern vor der Tür ständen.
+
+Sein Schwiegervater aber fuhr ihn zornig an, was das heißen solle, daß
+er sich die ganzen Jahre lang nicht um seine Braut bekümmert habe und
+jetzt mit einem andern Weibe zusammenlebe.
+
+Yasuna wußte nicht, was er zu solcher Rede sagen sollte und war noch
+mehr verwundert, als auch seine Braut ihm die gleichen Vorwürfe
+machte. Er öffnete kurzer Hand die Tür des Hauses und lud alle ein
+einzutreten. »Wir können uns da drinnen weiter darüber unterhalten,
+was eure Vorwürfe bedeuten sollen; hier auf der Straße ist nicht der
+Ort dazu!« sagte er und wollte vorangehen, prallte aber zurück, denn
+im Zimmer saß seine Frau und nähte! -- Hier draußen stand aber auch
+seine Frau; die aber behauptete, noch nicht seine Frau zu sein,
+sondern nur seine Verlobte! Wer war die richtige, wer die falsche
+Kuzunoha? -- Er schloß nun ganz lautlos die Tür, trat zurück und sagte
+zu seinen Schwiegereltern: »Wartet hier einen Augenblick, ich komme
+gleich zurück!«
+
+Dann trat er in sein Haus, begrüßte seine Frau und sagte ihr: »Deine
+Eltern sind angekommen, rüste dich, sie zu empfangen! In einer Stunde
+sind wir wieder hier!«
+
+Nachdem die Frau zugesagt halte, alles aufs beste zu besorgen, ging
+Yasuna zu den Schwiegereltern zurück und bat sie mit ihm einen
+Spaziergang zu machen, nach einer Stunde würde er sie in sein Haus
+führen.
+
+Auf dem Wege erzählten ihm die Schwiegereltern, daß das bei ihnen
+befindliche Mädchen tatsächlich ihre Tochter Kuzunoha, seine Braut sei
+und daß diese untröstlich darüber, daß Yasuna in der langen Zeit
+nichts habe von sich hören lassen, ihre Eltern veranlaßt habe, die
+weite Reise mit ihr zu machen. Jetzt angekommen, müßten sie zu ihrer
+großen Betrübnis sehen, daß bereits eine andere Frau im Hause sei!
+
+Yasuna erzählte sein Abenteuer und seine glückliche Ehe.
+
+Unter diesem Gespräch war die Stunde vergangen, alle kehrten zurück
+und gingen ins Haus; aber es war keine Frau zu sehen, nur das Kind lag
+auf seinem Lager und weinte, jubelte aber der Kuzunoha zu, die den
+Knaben auf den Arm nahm und mit ihm scherzte. Dann erzählte der Knabe
+ihr einen sonderbaren Traum, den er gehabt habe und fragte, was er
+bedeute. Er sagte zur Kuzunoha: »Vorhin, als ich schlief, sagtest du
+zu mir, daß du gar kein Mensch, sondern eine verzauberte Füchsin
+seiest. Der Vater habe dir einmal das Leben gerettet und deshalb
+habest du menschliche Gestalt angenommen und seist ihm in Gestalt
+seiner Braut erschienen um ihm zu danken. Jetzt sei aber die wirkliche
+Braut gekommen und so müssest du scheiden. Ich solle dies dem Vater
+erzählen und ich soll brav und gut werden und bleiben. Ein dummer
+Traum, nicht wahr!«
+
+Alle sahen sich erstaunt an, war doch jetzt das Rätsel geklärt. Die
+wirkliche Kuzunoha blieb nun im Hause als rechtmäßige Gattin Yasunas
+und erzog den kleinen Dokyo zu einem tüchtigen Menschen, der klug und
+tapfer wurde.
+
+Von der weißen Füchsin hat man nie wieder etwas gehört.
+
+
+ [Anmerkung 1: Shimoda = Ort auf der Halbinsel Izu, nahe bei
+ Yokohama.]
+
+ [Anmerkung 2: Kumamoto = Stadt und Provinz im Süden Japans nahe
+ bei Nagasaki.]
+
+ [Anmerkung 3: Dokyo = Mut.]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Urashima Taro.[1]
+
+
+In einem Fischerdorfe, nahe dem heutigen Yokohama lebte vor vielen,
+vielen Jahren ein junger Fischer namens Urashima Taro. Als er eines
+Abends vom Fischfang zurückkehrte und recht zufrieden und guter Dinge
+war, weil er gute Beute gemacht hatte, sah er am Strande eine Schar
+Knaben, die eine kleine Schildkröte gefangen hatten und sie an einer
+an einem ihrer Vorderbeine befestigten Schnur im Kreise herumschwangen
+und quälten[2]. Urashima, der die Tiere gern hatte und jede Quälerei
+harmloser Tiere verabscheute, fühlte auch jetzt wieder Mitleid mit dem
+armen Tierchen und ging auf die Kinder zu.
+
+Indem er seiner Stimme einen energischen Ton gab, schalt er die
+Kinder. »Was ist das für eine Bosheit«, rief er empört aus, »dieses
+schuldlose und hilflose Tier so zu quälen! Wißt ihr nicht, daß Gott im
+Himmel solche böse Kinder bestraft, die arme Tiere mißhandeln? Zeigt
+einmal her, wem gehört denn diese Schildkröte?«
+
+»Dieses Tier gehört niemandem!« entgegnete der älteste der Knaben und
+fügte noch unverschämt hinzu: »Wir können machen, was wir wollen; und
+wenn wir ein Vergnügen daran haben das Tier zu töten, so ist das unser
+freier Wille und geht keinen anderen etwas an!«
+
+Urashima sah ein, daß er diesem frechen Bengel nicht mit Morallehren
+kommen dürfe; denn auf solche harte Herzen haben Worte keinen Einfluß;
+er änderte also seine Taktik und sagte nun mit möglichst milder
+Stimme: »Nun, nun, ärgert euch nur nicht, das war nicht so bös
+gemeint; aber diese allerliebste Schildkröte gefällt mir und ich
+möchte sie gern besitzen. Wollt ihr euch in einen Handel mit mir
+einlassen? Wie wäre es, wenn ihr mir das Tier verkaufen würdet? Für
+Geld könnt ihr euch etwas kaufen und euch bessere Freude machen, als
+daß ihr dieses Tier hier im Kreise herumschleudert!«
+
+Die Kinder gingen erfreut schnell auf den Handel ein und überließen
+Urashima gegen einige Silbermünzen die Schildkröte.
+
+Urashima nahm sie in die Hand, ging bis zum Wasser und setzte das Tier
+ins Meer, indem er sagte:
+
+»Armes Tierchen, nicht um dich der Freiheit zu berauben, sondern dir
+die Freiheit wiederzugeben, habe ich dich gekauft; nun schwimme hin
+und sei in Zukunft vorsichtiger, damit du nicht wieder in böser Buben
+Hände fällst!« Er blieb noch ein Weilchen stehen und sah zufrieden
+lächelnd der schnell im Wasser dahinschwimmenden Schildkröte nach, bis
+er sie nicht mehr erblickte; dann nahm er sein Fischereigerät und
+seine Fische und ging wohlgemut in seine Hütte.
+
+Am andern Morgen ging er wie gewöhnlich seinem Handwerk nach. Als er
+mit seinem Kahne auf dem Meer war und seine Netze ausgeworfen hatte,
+hörte er plötzlich ein zartes Stimmchen rufen:
+
+»Urashima sama!«[3]
+
+Erstaunt sah er sich um, konnte aber nicht entdecken, woher die Stimme
+ertönte und wer seinen Namen rief. Da ertönte es abermals:
+
+»Urashima sama!«
+
+Jetzt merkte er, daß die Stimme aus dem Wasser kam und er beugte sich
+über den Rand seines Bootes und erblickte die kleine Schildkröte, die
+er am Tage vorher aus den Händen der Buben befreit hatte. Im ersten
+Moment war er erschrocken; doch faßte er sich ein Herz und fragte:
+»Warst du es, die mich rief?«
+
+»Gewiß!« antwortete das Tierchen. »Ich bin gekommen um euch meinen
+Dank für euere gestrige edle Tat zu sagen. Und weil ihr mir meine
+Freiheit gegeben habt, möchte ich euch etwas recht Schönes zeigen!
+Habt ihr Lust, so folget mir!«
+
+Urashima dachte: Was kann es wohl sein, das mir dieses unscheinbare
+Tier zeigen könnte? Doch nichts Besonderes. Aber das macht auch
+nichts, es will sich mir dankbar erweisen und so will ich ihm auch die
+Freude nicht verderben. Nachdem er sich so ein Weilchen bedacht hatte,
+fragte er doch vorsorglich:
+
+»Dauert es auch nicht lange? Ich will dir gerne folgen, aber ich habe
+nicht viel Zeit zu versäumen. Wohin soll es denn gehen?«
+
+»Garnicht weit von hier. Ich beabsichtige nur, euch zum Palast unserer
+Meereskönigin Otohime zu führen und euch dort Wunderdinge zu zeigen!«
+
+»Das ist ganz unmöglich«, erwiderte Urashima, »denn ich kann nicht so
+schnell schwimmen und nicht so gut tauchen wie ihr und was schließlich
+die Hauptsache ist, ich kann ja im Wasser nicht atmen und dich deshalb
+nicht auf den Meeresgrund begleiten!«
+
+»Macht euch deshalb keine Sorge, Urashima«, entgegnete die
+Schildkröte, »steigt auf meinen Rücken und das weitere werdet ihr
+sehen!«
+
+»Aber mein Boot -- --« meinte Urashima bedenklich.
+
+»Das findet ihr hier wieder, ich führe euch zurück!« unterbrach ihn
+das Tier.
+
+»Aber du bist so klein, du kannst mich nicht tragen!« rief Urashima
+noch immer bedenklich.
+
+Da rauschte es im Wasser, die Schildkröte dehnte und streckte sich und
+staunend sah Urashima, wie sie sich immer mehr vergrößerte, bis sie
+die gleiche Größe des Bootes hatte, dann fragte sie lachend:
+
+»Nun? -- Bin ich noch zu schwach für dich?« Da schwanden Urashima alle
+Bedenken, flugs stieg er aus seinem Boote, nachdem er dasselbe
+sicherheitshalber verankert hatte und nahm auf dem Rücken des Tieres
+Platz.
+
+»Halte dich nur recht fest und fürchte dich nicht!« Nach einiger Zeit
+rief die Schildkröte: »Nun schließe fest die Augen und öffne sie nicht
+eher, als bis ich es dir sage. Auch halte ein Weilchen den Atem an,
+es dauert nicht lange!«
+
+Urashima tat, wie ihm geheißen und dann fühlte er, wie das Tier im
+Wasser versank; das Wasser rauschte und brauste um seine Ohren;
+ängstlich klammerte er sich mit beiden Händen an das Schild seines
+sonderbaren Reitpferdes; aber eingedenk der Mahnung behielt er die
+Augen geschlossen und hielt den Atem an.
+
+Schon glaubte er, es ginge mit ihm zu Ende; da ertönte der Ruf:
+»Jetzt!«
+
+Da öffnete er seine Augen und sah sich auf dem Grunde des Meeres,
+dessen feiner Sand aus lauter Perlen bestand. In der Ferne sah er ein
+riesiges Gebäude in blendendem Glanze schimmern, auf das die
+Schildkröte mit ihrem Reiter zuschwamm. Endlich kamen sie an und
+standen vor einem großen Tore, das aus purem Golde mit Edelsteinen
+verziert war. Zwei große unheimliche Meerdrachen lagen vor dem Tore
+und glotzten Urashima mit fürchterlich rollenden Augen an, so daß ihm
+ganz ängstlich wurde. Als die Drachen aber die Schildkröte erblickten,
+ließen ihre drohenden Blicke nach und sie versuchten freundlichere
+Gesichter zu machen.
+
+»Nun steige ab und warte hier!« sagte die Schildkröte und ging dann,
+nachdem Urashima abgestiegen war und sich auf den Boden gesetzt hatte,
+durch das Tor.
+
+Urashima sah sich dann um und wunderte sich sehr, daß er, obgleich er
+sich auf dem Meeresgrunde befand und das Meerwasser ihn umgab, doch
+ganz trocken war und ohne Beschwerden atmen konnte, ja die Luft kam
+ihm sogar viel reiner und würziger vor, als die oben auf der Erde.
+
+Es dauerte gar nicht lange, da kehrte die Schildkröte zurück; ihr
+folgte eine große Anzahl Fische in allen Größen, Formen und Farben,
+wie sie der Ozean birgt; nur trugen alle ein ganz lichtes Gewebe in
+blauer Farbe, wie ein Kleid, und hatten silberne Aufschläge. Sie
+umringten Urashima, der sich erhoben hatte, und begrüßten ihn durch
+Neigen ihres Kopfes ehrerbietig.
+
+Dann nahten sich zwei größere Fische, die auch ein blaues Kleid
+anhatten aber mit goldenen Aufschlägen, und die ein ebensolches Kleid
+brachten und ohne etwas zu reden, Urashima die Fischerkleider auszogen
+und mit dem mitgebrachten blauen Gewande bekleideten.
+
+Urashima ließ alles willenlos mit sich geschehen; er sagte sich, nun
+bin ich einmal hier und kann allein nicht fort. Schlimm wird es mir
+sicherlich nicht ergehen; denn, wen man mit einem Ehrengewande
+bekleidet, den wird man wohl nicht verschlingen.
+
+Nachdem ihm auch noch herrliche Sammetpantoffel an die Füße gesteckt
+waren, kam eine wunderbar schöne Zofe, nahm ihn bei der Hand und
+führte ihn durch das Tor, während die Fische als Ehrengeleite in
+respektvoller Entfernung in schönster Ordnung folgten.
+
+Nachdem sie das Tor durchschritten hatten, gelangten sie an eine
+Marmortreppe, die sieben Stufen hatte und an einem Tor von glänzendem
+Mahagoniholz, an dem zahlreiche Smaragde flimmerten, endete. Hier
+angelangt, öffnete die Zofe das Tor und ließ Urashima eintreten, der
+sich nun in einem großen Saale befand, dessen unbeschreibliche Pracht
+seine Augen fast blendete. Zwanzig Säulen von reinstem Kristall trugen
+die aus Korallen gebildete Decke des Saales, von der eine Unmenge
+kostbarer Lampen herabhing, in denen wohlriechende Öle brannten. Die
+Wände waren alle aus Marmor und trugen zum Schmuck die verschiedensten
+Edelsteine und Rubinen. In der Mitte des Saales befand sich ein
+diamantener Thron, auf dem Otohime, die Meereskönigin saß, schön wie
+die Morgenröte, die das bleiche Nachtgestirn vertreibt. Den Thron
+umgab eine unendliche Menge von Würdenträgern und Palastbeamten, alle
+in kostbare Gewänder gekleidet. Die ganze Pracht war für den an
+derartige Schönheit und Wunder nicht gewohnten jungen Fischer so
+blendend, daß er nur zögernd und halb willenlos, langsam einen Fuß vor
+den andern setzte und sich so dem Throne nahte, wo er sich
+ehrfurchtsvoll und demütig niederwerfen wollte. Aber die Königin, die
+seine Ueberraschung und sein Zögern mit mildem, freundlichem Lächeln
+beobachtet hatte, erhob sich schnell, ergriff Urashima bei der Hand
+und verhinderte so sein Niederfallen. Mit einer Stimme, die dem Klange
+einer silbernen Glocke glich, süß und rein, sagte sie zu ihm:
+
+»Sei mir willkommen. Ich habe gehört, daß du gestern in selbstloser
+Weise einer meiner liebsten Dienerinnen das Leben gerettet hast. So
+war es mein aufrichtiger Wunsch, dir diese edle Tat zu vergelten und
+dir meine Dankbarkeit zu beweisen. Deshalb habe ich dich zu mir
+eingeladen und ich habe mich gefreut, daß du so furchtlos warst und
+der Gefahr nicht achtetest, den Weg hierher zu unternehmen. Wer
+furchtlos ist, ist in der Regel auch treu!« Der junge Fischer wußte
+nicht, wie ihm geschah und er war so verlegen und befangen, daß er
+auch nicht ein Wort zu erwidern vermochte; er machte nur eine stumme,
+sittsame Verbeugung.
+
+Auf einen Wink der Königin wurden ihm nun seidene Polster gebracht,
+auf die er sich niederlassen mußte, dann stellte man ein
+elfenbeinernes Tischchen vor ihm hin, auf dem sich auf einer roten
+Lackplatte schmackhafte Speisen verschiedenster Art befanden, die ihm
+sämtlich unbekannt waren. Er ließ sich nicht länger nötigen, sondern
+sprach den Speisen und Getränken tapfer zu. Es war für ihn im wahren
+Sinne des Wortes eine Göttermahlzeit; hatte er doch in seinem ganzen
+Leben noch nie derartige Sachen gesehen, geschweige denn jemals
+gekostet.
+
+Als er sein Mahl beendet hatte, forderte ihn die Königin auf, sich den
+Palast anzuschauen; sie führte ihn von Saal zu Saal, von Zimmer zu
+Zimmer durch alle Räumlichkeiten, die mit verschwenderischer Pracht
+ausgestattet waren und jede nur irgend mögliche Bequemlichkeit
+aufwiesen.
+
+Das wunderbarste aber war der Garten, der vier große Beete enthielt,
+die den vier Jahreszeiten entsprachen.
+
+Das eine Beet, der Frühling, enthielt zahllose Pflaumen- und
+Kirschbäume, die über und über dicht mit Blüten besät waren und auf
+einem saftigen dunkelgrünen Rasen standen. Auf den Zweigen saßen
+zahlreiche Nachtigallen, die ihre lieblichen Romanzen melodisch
+ertönen ließen und eine unendliche Menge Lerchen hatte ihre Nester in
+dem Blütenmeere erbaut.
+
+Nach Süden zu befand sich das Beet des Sommers: Hier standen
+Birnen- und Aepfelbäume, deren Zweige sich unter der Last der
+herrlichsten Früchte bis nahe zum Erdboden beugten. Grillen und
+Zikaden erfüllten die Luft mit ihrem einförmigen und betäubenden
+Geschrei. Die große Hitze, die in diesem Teile herrschte, wurde
+gemildert durch einen sanften, kühlenden Wind.
+
+Das dritte Beet, der Herbst, im westlichen Teile gelegen, war ganz
+bedeckt mit welken Blättern und Chrysanthemenblüten, während das im
+Norden befindliche vierte Beet, den Winter, ein dichter Schneeteppich
+bedeckte und Eisfelder und ein zugefrorener Graben es umgrenzten. So
+verbrachte Urashima sieben lange Tage im Palaste der Meereskönigin und
+wurde gar nicht müde, all die Wunder und Herrlichkeiten anzustaunen,
+die ihm täglich gezeigt wurden und im Entzücken über die liebliche
+Schönheit Otohimes vergaß er ganz seine Heimat, seinen Vater, sein
+Weib und seine Kinder. Aber eines Tages, als er wieder müßig
+umherschlenderte, kamen ihm diese doch wieder in Erinnerung und ein
+tiefes Heimweh befiel ihn. Er seufzte schwer und sprach:
+
+»Was mag wohl mein Vater von meiner langen Abwesenheit denken, wie
+unruhig werden meine Frau und Kinder sein und meine Rückkehr erwarten!
+Vielleicht glauben sie sogar, daß ich gestorben bin, verschlungen von
+den Wogen des Meeres, auf dem Grunde des Ozeans ruhe!«
+
+Ohne sich lange zu besinnen, eilte er zur Königin und bat, ihn zu den
+Seinen zurückführen zu lassen, da er jetzt schon sieben Tage von Hause
+abwesend sei und die Seinen sich sicherlich ängstigen würden.
+
+Die Königin, die vergeblich sich bemühte, Urashima die Heimwehgedanken
+auszureden, nahm, als sie sah, daß ihre Worte nichts halfen, ihn mit
+sich in ihr Zimmer, und überreichte ihm ein kleines, fest verschnürtes
+Lackkästchen, indem sie sagte: »Ich habe keine Gewalt dich hier gegen
+deinen Willen zurückzuhalten, obgleich ich weiß, daß deine Rückkehr in
+die Heimat dir nur Elend bringen wird. Aber nimm hier zur Erinnerung
+an mich dieses Kästchen, es wird dir immer nützlich sein und dir, wenn
+du den Wunsch hast, zu mir zurückzukehren, diese Rückkehr ermöglichen.
+Diesen Wert behält das Kästchen aber nur so lange, als es uneröffnet
+bleibt. Also beachte wohl! Laß dich nie durch sträfliche Neugierde und
+durch sonst irgend welche Umstände verleiten, jemals das Band, das das
+Kästchen verschlossen hält, zu lösen und den Deckel zu lüften; es wäre
+dein Tod und nie fändest du den Weg zu mir. Willst du zu mir zurück,
+so gehe mit dem verschlossenen Kästchen an den Strand und rufe meinen
+Namen, so werde ich dir eine meiner Dienerinnen senden, die dich
+hergeleitet. Also beherzige meine Worte und laß das Kästchen
+geschlossen, dein Leben liegt darin. Und nun lebe wohl!«
+
+Sie küßte ihn auf die Stirne und geleitete ihn bis zum Tore. Hier
+stand die Schildkröte bereit, die Urashima bestieg. In kurzer Zeit war
+sie mit ihm am Strande, wo sie ihn verließ. Mit dem Kästchen unterm
+Arm wollte er schnell seinem Dörfchen zuwandern, blieb aber auf seinem
+Wege wiederholt stehen; denn es kam ihm alles, der Strand, der Weg,
+die Bäume und Felder etwas verändert vor. Mehrmals glaubte er, daß die
+Schildkröte ihn an einer verkehrten Stelle abgeladen hätte, aber doch
+war ihm dieses oder jenes wiederum bekannt, so daß er schließlich sich
+mit dem Gedanken beruhigte, der siebentägige Aufenthalt auf dem Grunde
+des Meeres habe seine Augen, seine Sehkraft beeinflußt.
+
+Als er aber endlich in seinem Dorfe ankam, da waren die Häuser und
+Hütten alle verändert, auf dem Markte standen Bäume, die er nie
+gesehen hatte; die Bewohner waren ihm unbekannt und so ängstlich er
+auch jedem ins Gesicht schaute, er konnte keinen Bekannten entdecken,
+auch die Kinder erschienen ihm fremdartig, die auch ihn verwundert
+anstarrten und ihm dann nachliefen. Er wurde ganz irre und wußte nicht
+mehr, was er denken oder glauben sollte; doch hielt ihn die Hoffnung
+aufrecht von den Seinen Aufklärung über diese wunderbare Verwandlung
+seiner Heimat während seiner nur siebentägigen Abwesenheit zu
+erhalten. Doch je näher er zu seinem Hause kam, desto ängstlicher war
+ihm zu Mute und große Bangigkeit erfüllte sein Gemüt. Was wird er
+hören müssen?
+
+Aber! o Schmerz! -- Als er an die Stelle kam, da seine Hütte
+gestanden, da war sie nicht mehr vorhanden. Ein öder, wüster, mit
+Unkraut überwucherter Schutthaufen war der Platz seiner Geburt. Keine
+Spur von seinem Vater, seiner Frau, seinen Kindern, nichts von allem,
+was ihm lieb und teuer war, war zu sehen. Schmerzerfüllt sank er
+weinend zu Boden, während in einiger Entfernung die Leute und Kinder
+ihn umringten. Da trat aus der Menge ein gebeugter Greis hervor und
+näherte sich Urashima mit der Frage:
+
+»Wer seid ihr Fremdling und wen suchet ihr hier? Was erfüllt eure
+Seele mit Kummer und Schmerz?«
+
+»Mein Alter«, antwortete Urashima mit schmerzbebender Stimme leise,
+»vor sieben Tagen verließ ich das Haus, das an dieser Stätte stand und
+kehrte nun zurück, finde aber nur einen Schutthaufen, ich sehe fremde
+Leute, fremde Gestalten und auch euch kenne ich nicht, sah euch noch
+nie in diesem Dorfe, sagt, was ist hier in den sieben Tagen geschehen?
+Wo sind mein Vater, mein Weib, meine Kinder, die ich hier zurückließ?
+O bitte, löst mir dieses Rätsel, reißt die Binde von meinen Augen, daß
+ich sehen kann!«
+
+»Ich verstehe euch nicht, junger Mann!« entgegnete der Greis, »diese
+Stätte ist ein Trümmerhaufen, solange ich denken kann. Ich kenne euch
+nicht; wer seid ihr? Wie ist euer Name?«
+
+»Ich bin Urashima Taro, der Fischer!« rief Urashima.
+
+»Urashima Taro? -- --« rief der Greis voller Erstaunen und wich
+schreckerfüllt einige Schritte zurück. »Seid ihr ein Gespenst? -- ein
+Schattenbild? -- Urashima Taro könnt ihr nicht sein! Es geht hier die
+Sage und ich erinnere mich aus meiner Jugendzeit, da von diesem noch
+oft an dunkeln Abenden erzählt wurde, dieser junge Fischer ging vor
+nun 700 Jahren eines Morgens aufs Meer und kehrte nicht mehr zurück.
+Die Gräber seiner Angehörigen könnt ihr auf dem Friedhofe noch heute
+sehen, allerdings zerfallen, verwittert!« --
+
+Urashima erblaßte, »siebenhundert Jahre?« rief er verzweifelt aus und
+rang die Hände. Jetzt wurde ihm alles klar. Jetzt verstand er alles!
+Sieben Tage im Palaste der Königin waren sieben Jahrhunderte. Tiefe
+Traurigkeit bemächtigte sich seiner, er erzählte dem Alten mit
+stockender Stimme sein Lebensschicksal, dann erhob er sich und verließ
+schwankenden Schrittes wie ein Träumender das Haus; er wandte sich
+wieder dem Meere zu und ließ sich dort am Strande nieder, seine Lage
+bedenkend.
+
+ [Abbildung]
+
+Tiefsinnig betrachtete er die rollenden Wogen, die unermeßliche Fläche
+und schaute verlangend nach der Schildkröte aus, daß sie ihn wieder
+zurückführe in das ewig jugendliche Reich der Meereskönigin; er dachte
+aber in seiner Traurigkeit nicht daran, sie zu rufen und so sah er
+vergeblich nach dem Tiere aus.
+
+Dann fiel sein Blick auf das Kästchen, das ihm die Königin beim
+Abschiede gegeben hatte und das er gedankenlos neben sich auf den Sand
+gelegt hatte.
+
+»Was bedeutet dieses Kästchen?« fragte er sich. Die schöne Königin hat
+zwar gesagt, es sei mein Leben darin und ich werde es verlieren, wenn
+ich das Kästchen öffne. Ist dieses Gebot aber vielleicht nur eine
+Probe? Enthält das Kästchen nicht vielmehr mein Glück? Ist alles, was
+ich heute erlebte, nur eine Täuschung und schwindet diese, wenn ich
+das Kästchen öffne? Und selbst wenn ich sterben sollte, was schadet
+es? Bin ich jetzt nicht ein Fremdling in meiner Heimat und habe
+niemanden, niemanden, der mich liebt, der mich kennt? Ohne Vater, ohne
+Familie, ohne Bekannte, ohne Freunde bin ich schlimmer daran als ein
+Heimatloser; da ist mir der Tod nur ein Gewinn, er bietet mir etwas
+Besseres, als dieses unglückselige Leben! So sprechend, löste er
+langsam die Schnur, die um das Kästchen geschlungen war und öffnete
+ein wenig den Deckel.
+
+Da stieg ein kleines weißes Wölkchen aus dem Kästchen empor, breitete
+sich dann aus, erhob sich und schwebte langsam über das Meer der
+Richtung zu, wo sich der Palast der Meereskönigin befand.
+
+Laut aufschreiend sprang Urashima empor und breitete sehnsüchtig die
+Arme aus, aber -- ein jäher heftiger Schmerz durchzuckte seinen Körper
+und er ließ die Arme sinken, da blickte er auf seine Hand und ein
+eisiger Schauer befiel ihn, die Hand, soeben noch so frisch und rosig,
+war welk, runzlig und knochig wie die eines Greises; nun fühlte er
+auch wie sein Blut erstarrte, wie es träger durch seine Adern floß,
+die Haut zog sich in Falten, der Herzschlag stockte, noch einmal
+schaute er ins Wasser, da spiegelte sich ihm ein verrunzeltes graues
+Greisenantlitz mit spärlich weißem Haar entgegen, sein eigenes
+Antlitz, vor Minuten noch in Jugendfrische, jetzt mumienhaft
+verändert. Mit einem Wehelaut sank er zu Boden und ein Häuflein grauen
+Staubes bezeichnete die Stätte, da Urashima jugendfrisch zurückgekehrt
+in wenigen Minuten zu Staub wurde.[4]
+
+
+ [Anmerkung 1: Sprich: Uraschima; Urashima = Eigenname, taro
+ = ältester Sohn, im übertragenen Sinne etwa: der Erstgeborene,
+ der Ältere.]
+
+ [Anmerkung 2: Derartige Tierquälereien kann man noch heute
+ tagtäglich als eine Belustigung der japanischen Jugend
+beobachten.]
+
+ [Anmerkung 3: »sama« auch »san« = Herr, sama ist die höflichere
+ Form als san.]
+
+ [Anmerkung 4: Die Schicksale Urashima's sind urkundlich bestätigt.
+ Die Zeit seiner Abwesenheit in der japanischen Chronik wird
+ 477--825 n.Chr. angegeben, also 348 Jahre. In den Märchen, die
+ verschiedenartig lauten, schwankt die Zeit zwischen 300 bis 7000
+ Jahre. Ich habe die mittlere Zeit gewählt, die in den neuesten
+ japanischen Ausgaben auf 700 Jahre angegeben wird. Im Dorfe
+ Kanagawa bei Yokohama werden heute noch das Grab und die
+ Fischergeräte Urashima's gezeigt. Urashima ist eine der
+ beliebtesten Märchenfiguren Japans.]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Wenn man mit Kobolden tanzt!
+
+
+In alter Zeit lebte einmal ein Landmann, der hatte auf der rechten
+Wange eine große Geschwulst, groß wie eine Birne. Als dieser Landmann
+eines Tages in den Wald ging um Reisig zu sammeln, wurde er von einem
+Gewitter überrascht und flüchtete in einen hohlen Baum, wo er Schutz
+vor dem Regen fand. Als das Gewitter endlich aufhörte, war es Nacht
+geworden und der Landmann konnte den Weg nach Hause nicht finden;
+deshalb blieb er in der Höhlung des Baumes sitzen und erwartete den
+Morgen.
+
+Im Walde aber war es sehr einsam und schaurig und der Mann konnte vor
+Angst und Furcht nicht schlafen. Gegen Mitternacht hörte er plötzlich
+Stimmen und lautes Lachen. Verwundert streckte er den Kopf hervor und
+sah eine Anzahl Kobolde mit den sonderbarsten Gesichtern und in
+verschiedener Gestalt. Diese hatten gerade in der Nähe des Baumes, in
+dem der Landmann saß, Platz genommen und ergötzten sich am Trunk. Als
+sie genug getrunken hatten, begannen sie zu singen und zu tanzen. Der
+Landmann, der gern tanzte und ebenso gern einen guten Trunk Sake[1] zu
+sich genommen hätte, konnte es in seinem Versteck nicht länger
+aushalten, denn die Lust der Kobolde wirkte auf ihn ansteckend.
+
+Er kam also hervor und näherte sich den Tanzenden, die, als sie einen
+Menschen erblickten, erschraken und forteilen wollten. Er rief ihnen
+aber zu: »Bleibt nur da, ich will euch nur zeigen, wie man besser
+tanzt!« Und gleich darauf begann er sich lustig im Tanze zu drehen.
+
+Die Kobolde freuten sich über sein Tanzen und versuchten es ihm
+nachzumachen, auch gaben sie ihm zu essen und zu trinken.
+
+War das eine Fröhlichkeit! Sie dauerte bis der Morgen graute.
+
+[Buntbild]
+
+Da sprachen die Kobolde: »Du hast uns durch deine Gesellschaft
+hocherfreut. Komme doch auch morgen nacht wieder!«
+
+Der Landmann sagte dies zu; aber die Kobolde wollten ein Unterpfand
+haben, daß er auch sicherlich käme. »Weißt du«, sagten sie zu ihm,
+»wir werden zur Sicherheit deine Geschwulst nehmen, du kannst sie dann
+morgen wieder bekommen.«
+
+Damit griff der Sprecher gleich an die Wange des Mannes und nahm ihm
+die Geschwulst fort, ohne daß er einen Schmerz verspürte. Hierauf
+eilten alle lachend fort, ihm zurufend, nicht zu vergessen wieder zu
+kommen.
+
+Der Landmann befühlte seine Wange, sie war ganz glatt und hatte keine
+Spur der Geschwulst mehr, nicht einmal eine Narbe; er war darüber
+außerordentlich froh und nahm sich vor, diesen Platz in Zukunft zu
+meiden und den Kobolden aus dem Wege zu gehen; denn er hatte gar kein
+Verlangen die Geschwulst wieder zu bekommen.
+
+Er ging also zufrieden nach Hause, wo alle ihn verwundert anstaunten,
+daß er seine Geschwulst ohne jede Spur verloren hatte. Er erzählte
+dann, welches Glück ihm die Kobolde für sein Tanzen bereiteten,
+verschwieg aber kluger Weise, daß sie ihm die Geschwulst nur als
+Unterpfand für sein Wiederkommen abgenommen hatten.
+
+Nun wohnte in dem Dorfe noch ein Landmann mit einer Geschwulst auf der
+Wange. Dieser hatte die Geschwulst auf der linken Seite.
+
+Als er von dem Glück seines Nachbarn hörte, wollte auch er seiner
+Geschwulst los werden und ließ sich den Platz genau beschreiben,
+wo der erste Landmann die Kobolde getroffen hatte.
+
+In der Nacht ging er dorthin und traf die Kobolde auch wirklich an. Er
+wollte aber erst hören, was sie sagten und versteckte sich daher in
+dieselbe Höhlung, in der in der Nacht vorher der andere Landmann
+gesteckt hatte.
+
+Die Kobolde aber sprachen nicht viel, sondern schauten sich von Zeit
+zu Zeit erwartend um, bis endlich einer sagte: »Unser Freund von
+gestern scheint heute nicht zu kommen!«
+
+Als dies der Landmann hörte, sprang er tanzend hervor und rief: »Da
+bin ich schon!«
+
+Nun freuten sich alle, gaben ihm zu trinken und forderten ihn dann auf
+wieder seine Kunst zu zeigen.
+
+Er war aber ein ungeschickter Tänzer; auch konnte er nicht viel Sake
+vertragen, sodaß sein Tanz noch ungeschickter war und er steif und
+torkelnd umherhopste. Es war den Kobolden kein Vergnügen, dem Manne
+zuzuschauen und so riefen sie: »Du bist heute nicht so geschickt wie
+gestern und wir haben heute keine Freude an deiner Gesellschaft. Mach,
+daß du fort kommst und laß dich nie wieder bei uns sehen; da wir von
+dir keine Erinnerung wünschen, so hast du hier deine Geschwulst
+wieder!«
+
+Der eine Kobold zog sie aus der Tasche und warf sie dem verdutzten
+Manne ins Gesicht, klitsch -- klatsch -- saß sie an der rechten Wange.
+Dann stieß man ihn fort und er mußte jetzt mit zwei Geschwülsten
+heimkehren. --
+
+Das kommt davon, wenn man neidischen Sinnes das gleiche Glück besitzen
+will, das andere genießen!
+
+ [Abbildung]
+
+
+ [Anmerkung 1: Sake = aus Reis bereiteter, stark alkoholhaltiger
+ Wein, der heiß getrunken wird.]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Neid bringt Leid.
+
+ [Abbildung]
+
+
+Es ist schon lange, lange Zeit her! Da lebte einmal in einem kleinen
+Städtchen ein alter Mann. Dieser hatte in seinem ganzen Leben
+jedermann nur Gutes getan, war fromm und gut. Deshalb hatten ihn auch
+alle Leute lieb, obgleich er arm war. Gerade gegenüber dem Hause
+dieses guten alten Mannes wohnte ein anderer alter Mann, der sehr
+reich war, aber nicht gut, sondern habgierig und alles, was er sah,
+gern haben wollte.
+
+Nun hatte der gute Mann leider kein Kind und keine Verwandte und er
+hätte ganz einsam leben müssen, was er nicht wollte; denn er wünschte
+auch in seinem Hause jemanden zu haben, den er lieb haben könnte und
+der ihn wieder liebe. Deshalb schaffte er sich ein allerliebstes
+kleines Hündchen an, hegte und pflegte es und hatte bald seine große
+Freude an dem possierlichen Tierchen, das dem Alten alle Liebe vergalt
+und so treu und anhänglich war, daß es nie von der Seite seines Herrn
+wich, sondern ihn auf allen seinen Wegen begleitete.
+
+Eines Tages gingen der Herr und sein Hündchen spazieren und kamen an
+ein ödes Feld. Da bellte plötzlich das Hündchen, eilte zu einer Stelle
+in der Mitte des Feldes und begann mit seinen Pfötchen heftig zu
+scharren, indem es seinen Herrn treuherzig bittend ansah, als wollte
+es sagen:
+
+»Hier grabe nach, hier ist etwas für dich!« Der Alte verstand sein
+Hündchen, eilte nach Hause, holte einen Spaten und grub an der Stelle
+nach, die das Hündchen bezeichnet hatte und siehe da! Als der Mann ein
+Weilchen gegraben hatte, fand er in dem Loche einen Haufen goldener
+Koban[1], worüber er hocherfreut war, das Geld nach Hause trug und
+einen großen Teil den Armen spendete.
+
+Trotzdem er nun reich war, blieb er freundlich und bescheiden wie
+bisher, hatte aber sein Hündchen noch viel, viel lieber.
+
+Der böse Nachbar aber neidete das Glück des Alten und da er erfahren
+hatte, wodurch dieser zu dem Reichtum gekommen war, suchte er das
+Hündchen in sein Haus zu locken, damit es auch ihm Stellen zeige, wo
+goldene Koban verborgen wären. Aber das Hündchen folgte den Lockungen
+nicht und wich nie von seines Herrn Seite.
+
+ [Abbildung]
+
+Da nun der habgierige Mensch mit List nichts erreichen konnte, wandte
+er Gewalt an, indem er das Hündchen, als dieses ruhig vor dem Hause
+saß, ergriff und in sein Haus schleppte; dann band er es mit einem
+Strick und führte es aufs Feld, damit es ihm vergrabene Schätze zeige.
+Das Hündchen scharrte auch wirklich an verschiedenen Stellen, aber
+immer, wenn der Mann den harten Boden aufgeschlagen und im Schweiße
+seines Angesichts nachgegraben hatte, fand er nichts als stinkenden
+Unrat, so daß er erboste, das Hündchen mit seiner Hacke erschlug und
+den Leichnam dem guten Alten in den Garten warf.
+
+Der Alte war darüber sehr betrübt und begrub seinen Liebling unter
+einen Baum im Garten, und obgleich er wohl wußte, wer der Übeltäter
+war, trug er es ihm doch nicht nach, noch forderte er Sühne für die
+begangene Tat.
+
+Kurze Zeit darauf erschien ihm eines Nachts das Hündchen im Traum und
+sagte zu ihm:
+
+»Trauere nicht länger, mein Tod wird dir noch größeres Glück bringen,
+wenn du meinen Rat befolgst. Haue den Baum, unter dem ich begraben
+bin, um und mache dir aus dem Holze einen Reismörser[2] und Schlegel!«
+
+Der Alte tat, wie ihm geheißen und als er den Mörser in Gebrauch nahm,
+welch ein Wunder! Da quoll aus dem Mörser der Mochi[3] und nahm kein
+Ende, bis der Alte zu stampfen aufhörte. Dieser war nun überglücklich;
+denn er brauchte keinen Reis mehr zu kaufen und konnte überdies den
+Armen des Ortes reichlich abgeben.
+
+Dem bösen Nachbar aber, dem dieses neue Glück seines Gegenübers zu
+Ohren kam, ließ es keine Ruhe; er wollte und mußte den Mörser haben.
+Deshalb ging er zu dem Alten und bat, er möge ihm doch den Mörser
+wenigstens einmal, nur auf einen Tag leihen, er bringe ihn gewiß am
+andern Morgen zurück. Der Alte war gutmütig genug dem Manne zu glauben
+und ihm den Mörser zu leihen, den dieser hocherfreut in sein Haus
+trug, ihn bis obenan mit Reis füllte und dann zu stampfen anfing. Aber
+o Graus! Anstatt schöner Mochi quoll ekelerregender Kot hervor und
+erfüllte mit seinem Gestank das ganze Haus. Da ergriff der schlechte
+Mann eine Axt, hieb den Mörser samt Schlegel in viele Stücke und
+verbrannte diese zu Asche.
+
+Aber auch ob dieser neuen Bosheit ergrimmte der seines Mörsers
+beraubte Alte nicht, sondern folgte dem Rate seines toten Hündchens,
+das ihm wieder im Traum erschienen war, und holte sich die Asche von
+dem Mörser aus dem Hause seines Nachbars und bewahrte sie in einem
+Gefäße sorgfältig auf.
+
+Da kam eines Tages im Spätherbst, als alle Bäume und Sträucher kahl
+waren, der Daimyo[4] mit seinem Gefolge angeritten und mußte am Hause
+unseres guten Alten, das an der Landstraße lag, vorüber. Der Alte
+ergriff nun schnell einige Hände voll von der Asche, kletterte auf
+einen am Wege stehenden Kirschbaum, und gerade als der Daimyo darunter
+war, streute er die Asche aus. Der Daimyo und sein Gefolge waren im
+ersten Augenblick starr vor Schreck, dann ergriff sie der Zorn ob
+solcher Freveltat und sie wollten den Alten ergreifen.
+
+Aber, welch Entzücken erfaßte alle! Überall, wohin die Asche geflogen
+war, grünte und blühte es, die Äste und Zweige waren voller Blätter
+und Blüten und anstatt der Asche rieselte ein feiner Regen lichter
+Kirschblüten auf den Daimyo und sein Gefolge nieder. Alles schrie vor
+Freude über solch ein Wunder laut auf und die den Alten soeben noch
+züchtigen wollten, umarmten ihn und priesen seine Wundertat.
+
+Der Daimyo war gerührt von solcher sinnigen Aufmerksamkeit und machte
+dem Alten reiche Geschenke; auch schickte er ihm, als er die
+Geschichte des Hündchens gehört hatte, ein anderes allerliebstes
+Hündchen.
+
+Der böse Nachbar aber barst fast vor Neid und Zorn; trotzdem aber ging
+er wieder zu dem gutmütigen Manne und fragte ihn, ob er noch etwas
+Asche übrig hätte, er möge ihm doch ein wenig geben, was der Alte auch
+tat.
+
+Als der schlechte Mann nun einmal hörte, daß der Daimyo mit seinem
+Gefolge wieder des Weges kam, hatte er nichts eiligeres zu tun, als
+die geschenkt erhaltene Asche zu nehmen und damit ebenfalls auf einen
+Baum zu klettern. Als der Daimyo dann unter dem Baum vorbeiritt,
+streute der Mensch wirklich die Asche über ihn aus, aber kein Blatt
+und keine Blüte zeigte sich, sondern die Asche blieb Asche und flog
+dem Daimyo und seinen Leuten in Augen, Ohren, Nase und Mund, so daß
+ein jeder sich voller Zorn auf den Übeltäter stürzte, ihn gehörig
+durchprügelte, dann in Ketten legte und ins Gefängnis steckte, wo er
+nach langen großen Schmerzen verstarb. -- So ergehe es allen Neidern
+und Habgierigen, die dem Nächsten sein Glück nicht gönnen und es an
+sich reißen möchten, anstatt sich über das Glück des Nachbars mit
+diesem zu freuen!
+
+[Buntbild]
+
+
+ [Anmerkung 1: Koban = Altjapanische Goldmünzen. Diese Goldmünzen
+ hatten länglichrunde Form, waren ohne Inschrift und wurden 1588
+ zum ersten Male in Japan, unter Hideyoshi, geprägt und
+ausgegeben.]
+
+ [Anmerkung 2: Großes Holzgefäß zum Reis stampfen.]
+
+ [Anmerkung 3: Mochi = sprich Mo-tschi, zu einem zähen Brei
+ zerstampfter Reis, der zu Kuchen (Reiskuchen) verwendet wird.
+ Diese Kuchen heißen Mochigwashi (Mochi-gwashi).]
+
+ [Anmerkung 4: Daimyo = Fürst.]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Der schlaue Polizist.[1]
+
+
+Der frühere Kaiser von Korea hatte sich eine Geheimpolizei
+eingerichtet, die für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen mußte und
+Räubereien und Diebstahl verhindern sollte. Aber wie das oft so ist.
+Die Verbrechen wollten kein Ende nehmen und der Kaiser war recht
+ärgerlich. Er ließ sich den Obersten der Polizei kommen und machte ihm
+Vorwürfe. Der Oberste aber verteidigte seine Leute und sagte, sie
+seien alle tüchtig und geschickt.
+
+Da meinte der Kaiser, nur der sei ein geschickter Polizist, der alle
+Schliche und Listen der Diebe kenne und solche selbst anwenden könne.
+Er werde die Leute auf die Probe stellen. Sie sollen sich alle am
+anderen Morgen im Palaste einfinden.
+
+Als am Morgen die Polizisten alle in der Vorhalle des Palastes
+versammelt waren, erschien der Kaiser, in der Hand einen seidenen
+Beutel haltend. Diesen Beutel füllte der Kaiser mit Gold und ließ ihn
+mitten an der Decke der Halle aufhängen, so hoch, daß ihn niemand mit
+der Hand erreichen konnte.
+
+Dann sagte der Kaiser:
+
+»Hier hängt der Beutel mit Gold. Er bleibt drei Tage lang hängen. Eine
+Wache wird stets dabei sein. Gelingt es einem von euch diesen Beutel
+binnen der drei Tage zu entfernen, ohne daß jemand es bemerkt, so
+gehört ihm der Beutel samt Inhalt und ihr alle sollt fernerhin in
+meinen Diensten bleiben. Gelingt aber keinem von euch die Aufgabe,
+so jage ich euch alle zum Teufel!«
+
+Da war allgemeines Köpfeschütteln und tief betrübt gingen die
+Polizisten heim; denn es schien unmöglich den Beutel zu entfernen,
+weil der Kaiser eine Wache von vier Mann aufgestellt hatte, die den
+Beutel Tag und Nacht bewachen mußte. Für Nachlässigkeit war der Wache
+mit Kopfabschlagen gedroht.
+
+So kam der dritte Tag heran; der Beutel aber hing noch unberührt an
+der Decke und die Polizisten erwarteten ihre Entlassung. Da meldete
+sich zum Erstaunen aller einer der jüngsten Leute und erklärte, er
+wolle es versuchen aber er müsse noch mindestens zwei Tage Zeit haben.
+
+Er wurde zum Kaiser geführt; dieser lachte den jungen Menschen aus und
+sagte: »Auch wenn ich euch zehn Wochen Zeit gebe, das Kunststück
+gelingt euch doch nicht!«
+
+»Das mag stimmen!« erwiderte dieser, »und ich glaube selbst, daß nur
+ein Wunder uns helfen kann, aber vielleicht tritt ein solches Wunder
+in den zwei Tagen ein!« Dem Kaiser gefiel diese kecke Antwort. »Gut,
+so soll es sein! Diese zwei Tage seien euch noch gewährt!«
+entschied er.
+
+Der junge Polizist betrachtete sich in der Halle den Beutel ganz genau
+und prägte sich alles fest ins Gedächtnis; dann eilte er nach Hause
+und fertigte sich einen ganz gleichen Beutel, den er mit kleinen
+Steinchen füllte.
+
+Am zweiten Tage nahm er diesen Beutel, steckte ihn in den Ärmel seiner
+Jacke und ließ sich beim Kaiser melden, dieser empfing ihn und fragte,
+ob das Wunder schon geschehen sei.
+
+Der Polizist bat hierauf den Kaiser sich den Beutel einmal ansehen zu
+dürfen, dieser genehmigte es und ging selbst mit zur Halle, wo der
+Beutel noch immer hing, bewacht von vier Soldaten.
+
+Nachdem er sich den Beutel ein Weilchen von allen Seiten angesehen
+hatte, fragte er, ob es gestattet sei den Beutel in die Hand zu
+nehmen. Auch das genehmigte der Kaiser. Der Polizist holte hierauf
+eine Bank, stellte sich darauf und nahm den Beutel vom Haken, sah ihn
+sich wieder an und steckte ihn in den Ärmel, indem er sagte:
+
+»Auf diese Weise würde es gehen!«
+
+Der Kaiser erwiderte lachend: »So ginge es wohl, ist aber nicht
+erlaubt. Der Beutel soll fortgenommen werden, ohne daß es jemand weiß.
+Hänge ihn also nur ruhig wieder an die Decke und gib zu, daß auch du
+ihn nicht ausführen kannst!«
+
+Der Andre machte scheinbar ein trauriges Gesicht, zog seufzend den
+Beutel wieder hervor und hängte ihn auf. Er hatte aber nicht den
+Beutel mit dem Golde genommen, sondern ihn im Ärmel mit dem von ihm
+vorbereiteten und mit Steinen gefüllten Beutel vertauscht und diesen
+aufgehangen, während er den echten Beutel im Ärmel behielt und sich
+mit diesem entfernte, indem er dem Kaiser versicherte, er hoffe bis
+zum anderen Morgen doch das Kunststück ausführen zu können.
+
+Der Kaiser ließ daher für diese Nacht die Wache verdoppeln; auch mußte
+die Halle so hell erleuchtet werden, daß der Beutel stets zu sehen
+war.
+
+Der nächste Tag kam und auf Befehl des Kaisers mußten sich alle
+Polizisten in der Halle versammeln um, wie der Kaiser beabsichtigte,
+sie für immer ihres Dienstes zu entlassen. Er herrschte die Leute denn
+auch recht unfreundlich an und wandte sich dann an jenen jungen
+Polizisten, indem er ihn höhnisch fragte, ob das Wunder geschehen sei.
+
+»Ich glaube ja!«, erwiderte dieser.
+
+»Er ist total verrückt oder unverschämt frech!« rief da der Kaiser.
+»Glaubt er denn, ich kann nicht sehen? Da hängt doch der Beutel!«
+
+»Ich sehe,« erwiderte der Gescholtene, »daß dort wohl ein Beutel
+hängt, ob es aber der wirkliche ist, möchte ich bezweifeln!«
+
+»Das ist denn doch zu stark!« schrie der Kaiser. »Holt den Beutel
+herunter und bringt ihn her!« befahl er der Wache.
+
+Der Beutel wurde abgenommen und dem Kaiser gebracht, der ihn öffnete,
+aber ein ganz verwundertes Gesicht machte, als er nur Steine in dem
+Beutel fand und beim genaueren Sehen erkannte, daß es gar nicht der
+frühere Beutel war.
+
+»Kerl, wie hat er das fertig gebracht?« fragte er den listigen Mann.
+Dieser erzählte, wie er einen gleichen Beutel angefertigt und diesen
+dann in des Kaisers Gegenwart vertauscht habe.
+
+»Bist ein verteufelt schlauer Bursche!« sagte dann der Kaiser. »Und da
+du mir der Klügste von allen zu sein scheinst, sollst du deren
+Oberster sein und ich will sie nicht entlassen. Sorge dafür, daß deine
+Leute ihre Pflicht tun und dir nacheifern!« Und so geschah es!
+
+ [Abbildung]
+
+
+ [Anmerkung 1: Koreanischen Ursprungs. Wurde deshalb in diese
+ Sammlung mit aufgenommen, da Korea 1910 Japan einverleibt wurde
+ und jetzt unter dem Namen »Chosen« eine japanische Provinz ist.
+ Obige Erzählung erinnert an den »listigen Dieb« aus »1001 Nacht.«]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Der Abt des Klosters Yakushi.
+
+
+Bei Nara auf der Straße nach Osaka liegt ein altes Kloster, das heute
+allgemein unter dem Namen Nishi no Kiyo[1] bekannt ist, obgleich sein
+alter wirklicher Name »Yakushi-ji«[2] ist.
+
+Einst war in diesem Kloster ein frommer, gottesfürchtiger Abt, der
+sich bemühte, durch seinen Lebenswandel allen ein gutes Beispiel zu
+geben; er sammelte keine Reichtümer an, sondern verteilte die dem
+Kloster gemachten Geschenke und Gaben wieder an die Armen und behielt
+keinen Sen für sich. So hoffte er, wenn seine Todesstunde nahe, als
+gerechter Diener in Buddha's Paradies einziehen zu können. Als aber
+diese Stunde kam und er gottergeben des Boten Buddha's harrte, der ihn
+abrufen sollte, da sah er nicht diesen, sondern einen feurigen Wagen
+nahen, der von allerlei buntfarbigen Höllengeistern gezogen wurde. Der
+Abt war aufs tiefste erschrocken und bat um Auskunft, was er, der sich
+keines Unrechts bewußt war, Böses begangen habe, da anstatt Buddhas
+Bote Diener der Hölle kämen. Die Antwort lautete:
+
+»Du hast vor vielen Jahren eine Maß Reis aus dem Klostereigentum für
+dich entnommen und bis heute noch nicht zurückgegeben. Dieser Sünde
+wegen harret deiner die Hölle!«
+
+Der Abt bat, ihm noch Zeit zu gönnen, diese von ihm längst vergessene
+Schuld, der er keine Bedeutung beigelegt habe, tilgen zu können. Diese
+Bitte wurde ihm gewährt.
+
+Er rief hierauf alle Klosterbrüder und Schüler des Klosters an sein
+Lager, erzählte ihnen die Gefahr, in der er wegen der geringen
+unbedachten Schuld geschwebt habe und sagte: »Nehmet alle meine
+geringe Habe, veräußert sie und gebet den Erlös zum Klostergute, auf
+daß meine Schuld getilgt werde und ich in Frieden sterben kann. Euch
+alle aber ermahne ich, laßt diese Lehre nie aus eurem Herzen
+schwinden, denn wenn mir schon einer einzigen Maß Reis wegen die Hölle
+drohte, wie mag es denen erst ergehen, die sich bewußt am Klostergute
+vergreifen und Reichtümer zur Lust und zum Wohlleben aufsammeln!«
+
+Nachdem er dies gesagt hatte, legte er sich zurück, seine Lippen
+murmelten: »Der Friedensbote naht!« »Namida Butsu -- Heiliger Buddha
+hilf!« Ein Lächeln verklärte sein Gesicht, er war tot, eingegangen in
+das Paradies als getreuer Diener des Herrn.
+
+
+ [Anmerkung 1: Hort des Westens, Nishi-Welt.]
+
+ [Anmerkung 2: Yakushi = Name des Heilgottes, ji = Kloster. Dieses
+ Kloster befand sich früher im westlichen Teile der Stadt. Da
+ letztere heute teilweise zerfallen und viel von ihrer Größe und
+ ihrem Umfang verloren hat, ist die Lage des Klosters jetzt
+ außerhalb der Stadt an der Landstraße.]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+List geht über Gewalt.[1]
+
+
+Vor vielen, vielen Jahren lebte einmal ein Holzfäller. Der ging stets
+in den Wald, um Bäume zu fällen. Als er einmal wieder im Walde war,
+hörte er plötzlich ein dumpfes Brüllen, das von einem wilden Tiere zu
+kommen schien. Voller Angst kletterte er auf einen Baum und versteckte
+sich dort. Da das Brüllen andauerte, aber nicht näher kam, so packte
+ihn die Neugierde zu sehen, woher es komme.
+
+Er kletterte also wieder von dem Baum und schlich sich zu der Gegend
+hin, aus der das Brüllen erscholl. So kam er immer näher und sah
+endlich eine Raubtierfalle, in der sich ein Tiger gefangen hatte, der
+sich vergeblich bemühte wieder frei zu kommen und ein wütendes Brüllen
+ausstieß.
+
+Als dieser den Holzfäller bemerkte, rief er ihm zu: »Was gaffst du
+mich an? Mache mich lieber frei und ich zeige dir einen Platz, wo
+viele Reichtümer verborgen sind!«
+
+»Daß ich dumm wäre!« entgegnete der Mann. »Bist du frei, so frißt du
+mich auf!«
+
+»Wenn du mich befreist, tue ich dir sicherlich nichts!« versicherte
+der Tiger und gab so viele schöne gute Worte, daß der Holzfäller sich
+bereden ließ und den Tiger befreite.
+
+Kaum war dieser frei, so dehnte und streckte er sich, dann sah er
+seinen Befreier eine Weile an und sagte:
+
+»Seit gestern steckte ich in dieser Falle und habe daher einen solchen
+Riesenhunger, daß ich dich fressen will. Was brauchst du Reichtümer?
+Einmal mußt du doch sterben und wenn ich dich fresse, erspare ich dir
+die Kosten des Begräbnisses.«
+
+»Hältst du so dein Wort? Ist das deine Dankbarkeit?« rief der
+Holzfäller.
+
+»Ach was!« sprach der Tiger. »Mit leerem Magen fühlt man keine
+Dankbarkeit, erst muß ich meinen Hunger gestillt haben!« So stritten
+sich die Beiden eine Zeitlang, da kam ein munterer Hase angesprungen,
+hörte den Streit und fragte, warum der Tiger den Mann fressen wolle.
+
+Der Tiger erzählte ihm, daß der Mann ihn zwar befreit habe, daß aber
+das Gefühl des Hungers stärker sei als das der Dankbarkeit.
+
+»Ganz recht, alter Onkel!« sagte da der Hase. »Verspeise den Mann mit
+gutem Appetit, wenn er so dumm war, euch zu befreien; denn bei euch
+Großen kommt immer zuerst der Magen und dann alles andere. -- Aber,
+was sehe ich! Aus diesem Dinge konntet ihr euch bei eurer Stärke nicht
+selbst befreien?« sprach der Hase ganz erstaunt weiter, indem er die
+Falle betrachtete. »Ich glaube, alter Onkel, ihr flunkert!«
+
+»Ich flunkern?« rief ärgerlich werdend der Tiger und rannte wieder in
+die Falle, dem Hasen zeigend, wie er gefangen wurde. »Seht! so ging
+ich, ohne zu beachten, was es ist, hier in die Falle!«
+
+»Schön, schön! nun möchte ich aber auch gern sehen, wie es der Mensch
+gemacht hat, euch zu befreien, werter Onkel!« lachte der Hase, sprang
+auf die Falle, löste flink den Riegel, so daß die Falle sich schloß
+und der Tiger wieder gefangen war.
+
+ [Abbildung]
+
+»So!« sagte der Hase zum Holzfäller, »wenn es euch nun beliebt, den
+alten Sünder da drinnen wieder zu befreien, mag er euch mit vollem
+Recht verspeisen; ich aber will nicht dabei sein!« So sprechend machte
+er ein Männchen und sprang lustig in den Wald hinein.
+
+Der Holzfäller, froh sein Leben gerettet zu sehen, hütete sich
+natürlich, den Tiger zum zweiten Male zu befreien und eilte frohgemut
+zu seiner Arbeitsstätte zurück, verfolgt von dem wütenden Gebrüll des
+überlisteten alten Räubers.
+
+So kommt man mit List weiter als mit Gewalt und wer mehr seinem Magen
+folgt als seinem Verstande, geht meistens zugrunde.
+
+
+ [Anmerkung 1: Koreanische Fabel. Vergl. Anmerkung zu »der schlaue
+ Polizist« Seite 27.]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Die Kröte von Osaka und die von Kyoto.
+
+
+In Kyoto wohnte einmal eine Kröte, die sehr reich und gelehrt war.
+Einmal hörte sie von Naniwa[1] und den dortigen Kunstschätzen sprechen
+und sie bekam den Wunsch diese einmal zu sehen.
+
+Eines schönen Frühlingstages machte sie sich denn auch auf die Reise,
+die sie aber zu Fuß unternahm, weil man bei einer Fußreise mehr sehen
+und erfahren kann.
+
+So wanderte sie denn von Kyoto den Weg entlang, der nach Osaka führt
+und kam über Myosin und Yamasaki bei Hishi Kaido, wo der berühmte Berg
+Tenno ist, über den der Weg führt.
+
+Da der Tenno yama[2] in der Mitte zwischen Kyoto und Osaka liegt, so
+beschloß die Kröte, als sie mit Mühe und Not die Berghöhe erklettert
+hatte Rast zu machen.
+
+Nun wohnte aber auch in Osaka eine Kröte, die zur gleichen Zeit den
+Wunsch hatte, Kyoto zu sehen; auch diese machte sich auf den Weg und
+kam nach vieler Mühe über Tokatsuki ebenfalls auf dem Gipfel des
+Tennoyama an, wo sie mit ihrer Kollegin aus Osaka zusammentraf.
+
+Beide Kröten begrüßten sich, wie es bei solch hohen Herrschaften
+üblich ist, mit vielen Verbeugungen und besprachen ihre Reise.
+
+Schließlich sagten sie: »Wir haben hier erst die Hälfte unserer Reise
+hinter uns und die andere Hälfte noch vor uns. Aber unsere Beine und
+Hüften schmerzen uns und drücken uns nieder. Da wir von hier Osaka und
+Kyoto sehen können, so wollen wir uns auf unsere fünf Zehen stellen
+und jede den Ort betrachten, wo wir hin wollten. Auf diese Weise
+vermeiden wir weitere Anstrengung und Schmerzen!«
+
+So taten sie.
+
+Die Kröte von Osaka wendete den Kopf nach Kyoto, die von Kyoto nach
+Osaka, dann richteten sie sich auf ihren Hinterfüßen auf und
+betrachteten aufmerksam die betreffende Stadt.
+
+Da nun aber die Kröten ihre Augen oben auf dem Kopfe haben, (woran die
+beiden nicht dachten), so schauen sie, wenn sie sich emporrichten
+stets rückwärts. Und so kam es, daß die Kröte von Osaka nicht Kyoto
+sondern Osaka und die andere gleichfalls nicht Osaka sondern Kyoto
+sah, jede also die Stadt, von der sie hergekommen war.
+
+Als sie genug geschaut hatten, sagte die Kröte von Kyoto: »Ich habe
+gehört, daß Osaka eine berühmte Kunststadt sein soll; aber ich sehe,
+sie ist gar nicht anders als Kyoto. Da ist es besser gleich
+heimzukehren!«
+
+Auch die Kröte von Osaka sagte, indem sie eine verächtliche Grimasse
+schnitt: »Und ich hörte, daß die Hauptstadt[3] die schönste Stadt des
+Landes sei und einer Blume gleiche; jetzt sehe ich aber, daß sie
+vollständig Osaka gleicht. Da kehre ich auch um und gehe heim!«
+
+Sie begrüßten sich gegenseitig zum Abschied und gingen eine jede in
+ihre Heimatstadt zurück.
+
+Wir können an diesem Beispiel lernen, daß oft ein falsches Urteil
+gefällt wird, weil man seine Augen nicht richtig benutzt und nicht
+weiß, wo man sie hat. Daher ergeht es vielen Menschen so wie diesen
+Kröten.
+
+
+ [Anmerkung 1: Naniwa = altjapanischer Name für Osaka.]
+
+ [Anmerkung 2: Tennoyama = Berg Tenno, Tenno = Name, yama = Berg.]
+
+ [Anmerkung 3: Kyoto war von 794 bis 1869 die Hauptstadt Japans.]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Der Affe und der Sake.[1]
+
+ [Abbildung]
+
+
+Es wollte einmal ein Jäger einen Affen fangen. Da aber die Affen sehr
+schlaue Tiere sind, gelang es ihm lange Zeit nicht einen zu fangen.
+
+Da fiel ihm plötzlich eine List ein. Er nahm eine große Schüssel,
+füllte sie bis obenan mit Sake und stellte sie etwas entfernt vom
+Rande des Waldes auf.
+
+Der Affe hatte, hinter den Blättern eines Baumes versteckt, dem Jäger
+zugeschaut und als dieser sich entfernt hatte, sprang er vom Baume und
+wollte sehen, was in der Schüssel sei.
+
+Er roch, daß es Sake sei.
+
+»Aha!« dachte er, »ich soll den Sake trinken und wenn ich betrunken
+bin, will mich der Jäger fangen. Aber ich bin klüger als er denkt und
+werde von dem Sake nichts trinken.«
+
+Damit ging er zurück, blieb aber nach einem Weilchen stehen; denn der
+Sake roch doch zu lieblich und verführerisch.
+
+»Was kann es schaden«, setzte er sein Selbstgespräch fort, »wenn ich
+nur davon nippe und einige Tropfen genieße! Das macht noch lange nicht
+betrunken. Nur vorsichtig muß ich sein und darf nicht zu viel
+trinken!«
+
+Zögernd ging er wieder zurück und näherte sich der Schüssel; dann
+schlürfte er einige Tropfen, die ihm recht gut schmeckten.
+
+»Ein wenig mehr kann nichts schaden!« dachte er weiter und nahm wieder
+einige Tropfen zu sich.
+
+»Ah, wie das wohl tut!« sprach er mit dem Sake liebäugelnd, »nur noch
+einen kräftigen Schluck, dann aber sei es genug und fort von hier«.
+
+Er nahm nun einen recht großen Schluck und lief dann zum Walde zurück,
+aber am Rande blieb er stehen.
+
+»Noch bin ich nicht betrunken,« meinte er, »und ich merke nichts
+weiter als ein angenehmes Wohlgefühl. Zu stark scheint mir also der
+Sake nicht zu sein oder ich kann mehr vertragen, als ich dachte.
+
+Übrigens habe ich ja auch fast gar nichts getrunken; die Schüssel ist
+noch nahezu voll. Also schnell nochmals hin und einen guten Zug
+getan.«
+
+Auch dies geschah; aber der Zug war so kräftig, daß nur noch ein
+kleiner Rest in der Schüssel blieb, den der Affe überlegend
+betrachtete und schließlich auch noch leerte; »denn dieser kleine
+Rest,« so philosophierte er, »macht jetzt auch nichts mehr aus.«
+
+So war die Schüssel leer geworden, aber Kopf und Wangen des Affen
+waren voll; er konnte den Wald nicht mehr erkennen und wurde sehr
+müde.
+
+Er nahm daher die Schüssel, stülpte sie um und legte sie unter seinen
+Kopf; dann schlief er ein, indem er noch dachte: »Was mag wohl aus
+dieser Geschichte jetzt werden?«
+
+Kaum war er eingeschlafen, so kam der Jäger, band ihn und trug ihn
+nach Hause.
+
+Als der Affe ausgeschlafen hatte, fand er sich in einem Käfig und
+hatte fürchterliche Schmerzen im Schädel.
+
+So geht es, wenn man lüstern ist und sich nicht zu beherrschen weiß.
+Wer am Sake riecht, trinkt ihn dann auch.
+
+ [Abbildung]
+
+
+ [Anmerkung 1: Sake = Reiswein.]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Die Auster.
+
+
+Auf dem Meeresgrunde lebte einmal eine Auster. Diese hatte, wie alle
+Austern, sehr starke Schalen, die sie, wenn ein verdächtiges Geräusch
+ertönte, jedesmal fest schloß; denn dann konnte ihr, wie sie glaubte,
+nie etwas Böses geschehen. Die Fische im Meere beneideten sie deshalb
+und sagten zu ihr: »Frau Auster, Ihr habt eine schöne Festung; wenn
+Ihr sie schließt, seid Ihr sicher und könnt daher ein recht schönes
+Wohlleben führen!«
+
+»Es ist nicht weit her,« erwiderte die Auster bescheiden aber mit
+Stolz; »wenn ich auch vor äußerer Gefahr sicher bin, so bin ich doch
+nicht ohne Not; denn es ist gar zu langweilig das Leben!«
+
+In diesem Augenblick gab es unter den Fischen eine große Unruhe und
+das Wasser wurde aufgerührt, flugs schloß die Auster ihre Schalen und
+dachte: »Ach, die armen Fische! Jedenfalls ist da wieder ein Netz oder
+eine Angel. Ich bin nur froh, daß ich in meiner Schale sicher bin! Ja,
+ja, man muß stets vorsichtig sein!«
+
+Die Auster verhielt sich ganz ruhig; nachdem das Geräusch verstummt
+war, wollte sie sehen, was geschehen sei und öffnete vorsichtig die
+Schalen, aber o Schreck: An ihrer Schale hing ein Zettel, auf dem
+stand: »Diese Auster kostet 2 _sen_!«[1]
+
+Sie befand sich auf dem Ladentisch eines Fischhändlers.
+
+Hieraus kann man lernen, sich nie in Sicherheit zu wiegen und nie vor
+einer Gefahr die Augen zu schließen.
+
+
+ [Anmerkung 1: Ein _Sen_, jetzige japanische Münze = 2 Pfennig.]
+
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Der Sperling mit abgeschnittener Zunge.
+
+
+Es lebte einmal ein altes Ehepaar. Der Mann war stets mitleidsvoll und
+erbarmte sich der Tiere. Er war ruhig und nie unzufrieden. Seine Frau
+war gerade das Gegenteil von ihm, habgierig, unzufrieden und
+rachsüchtig.
+
+Eines Tages fand der Mann im Garten einen jungen Sperling, der sich
+einen Flügel gebrochen hatte und deshalb nicht weiterfliegen konnte.
+Den Mann dauerte das arme Tierchen, er nahm es daher vom Boden auf und
+trug es behutsam in sein Haus. Dort verband er den verletzten Flügel
+und bettete den Sperling in einen Vogelkorb, den er mit Watte
+ausgepolstert hatte.
+
+Dank der sorgsamen Pflege, die der Mann dem Sperling angedeihen ließ,
+heilte der Flügel recht schnell und bald konnte das Tierchen wieder
+fliegen.
+
+Einige Tage später ging der Mann früh morgens in den Wald um trockene
+Äste und Laub zu sammeln, damit er Feuerungsmaterial habe. Dies tat
+der Mann sonst täglich, hatte es aber während der Pflege des Sperlings
+ganz vergessen, so daß er, als er sah, daß es dem Vogel besser gehe,
+sich endlich wieder auf den Weg machte. Er hatte aber dem Sperling
+kein Futter hingesetzt, weil er glaubte, bald wieder zurück zu sein.
+
+Den Sperling hungerte nun, und um Nahrung zu suchen, hüpfte er aus dem
+Körbchen und eilte vor das Haus, wo die Frau des Mannes sich gerade
+einen dicken Stärkekleister zurecht gemacht hatte. Den Kleister sehen
+und seinen Hunger stillen, war eins. Aber die Alte kam gerade hinzu,
+als es sich der Sperling schmecken ließ. Wütend darüber lief die Frau
+ins Haus, holte eine Schere; dann ergriff sie den Sperling, schnitt
+ihm die Zunge ab und ließ ihn fliegen, indem sie ihm nachrief: »Warte
+ich will dich lehren, fremder Leute Kleister zu fressen!«
+
+Der Sperling flog schnell davon und war bald im nahen Walde
+verschwunden.
+
+Als der Mann mit seiner Holzlast zurückkam und die Alte, noch immer
+wütend, ihm erzählte, daß der Sperling von ihrem Kleister genascht und
+sie ihm zur Strafe dafür die Zunge abgeschnitten habe, da ward er sehr
+betrübt, setzte seine Holzlast nieder und ging fort, um das arme
+Tierchen zu suchen. Er wanderte lange Zeit von Dorf zu Dorf, indem er
+überall fragte: »Habt Ihr nicht einen Sperling mit abgeschnittener
+Zunge gesehen?« Aber niemand hatte ihn gesehen, niemand konnte
+Auskunft geben.
+
+Endlich kam er an ein dich{tes Ge}büsch, vor dem ein hübscher kleiner
+Sperling wartete, der, als er den alten Ma{nn s}ah, ihm entgegenhüpfte
+und sich verneigte.
+
+»Ich bin der Sohn des Sperlings, den du gepflegt hast«, sagte er; »ich
+habe beobachtet, daß du meinen Vater suchst. Sei beruhigt, mein Vater
+ist gesund heimgekommen und erwartet dich. Ich bin dir entgegen
+gekommen, um dich zu erwarten und in unser Haus zu geleiten. Also,
+bitte, komm und folge mir!«
+
+Da war der Mann von Herzen froh und folgte freudig dem voranhüpfenden
+Sperling.
+
+Nach einem Weilchen kamen sie an ein großes, schönes Haus, in dem
+viele, viele Sperlinge versammelt waren, darunter jener Sperling, den
+der Alte gepflegt hatte. Dieser lud ihn freundlich ein näher zu treten
+und ließ ihn Platz nehmen. Er sagte: »Dir braven Manne zu Ehren habe
+ich das heutige Fest veranstaltet. Nun iß und trink und laß es dir
+wohl sein; ich werde dir zeigen, daß auch ein Sperling dankbar sein
+kann!«
+
+Als der Alte Platz genommen hatte, wurden ihm gebackene Fische,
+Fleisch, Kuchen und allerlei Leckerbissen vorgesetzt, so viel und so
+schön und gut wie er noch nie in seinem Leben gesehen, viel weniger
+denn gegessen hatte. Dazu wurde eine herrliche Musik gemacht und
+muntere Sperlingweibchen und Sperlingfräulein führten einen
+kunstvollen Tanz auf. Kurz, der alte Mann kam aus dem Staunen garnicht
+heraus und glaubte im Himmel zu sein, so schön erschien ihm dies
+alles, ihm, der bisher zwar nicht gehungert, wohl aber kümmerlich in
+Not und Sorge gelebt hatte.
+
+Zum großen Leidwesen aller ging auch dieses schöne Fest, wie alles in
+der Welt, einmal zu Ende und der Mann verabschiedete sich unter vielen
+Dankesworten von den gastfreundlichen und dankbaren Sperlingen. Der
+Sperling aber, den der Mann gepflegt hatte, führte ihn noch in ein
+Zimmer und zeigte ihm zwei Lackkästen, der eine groß, der andere
+klein, und sagte ihm: »Damit du nicht leer nach Hause kommst, wähle
+dir einen dieser beiden Kästen zur Erinnerung an mich!«
+
+Der Alte dachte, den großen zu nehmen wäre unbescheiden; »auch bin ich
+alt und schwach und kann den kleinen besser tragen.«
+
+[Buntbild]
+
+Also wählte er den kleinen Kasten und nahm ihn auf den Rücken, indem
+er dem Sperling nochmals für alles Gute und Schöne, das er gesehen und
+genossen hatte, bestens dankte. Der Sperling begleitete ihn noch ein
+Stückchen Wegs und als er sich von dem alten Manne am Rande des Waldes
+verabschiedete, warnte er ihn, unterwegs den Kasten zu öffnen. Er
+dürfe ihn erst zu Hause öffnen. Der Alte versprach es; während er nun
+seines Weges dahinschritt, wurde der Kasten auf seinem Rücken immer
+schwerer, so daß er ihn kaum zu tragen vermochte und mehrmals in
+Versuchung kam, ihn abzusetzen und zu sehen, was darinnen sei; aber er
+gedachte der Warnung des Sperlings und schritt tapfer weiter, bis er
+endlich ganz erschöpft bei seinem Hause ankam. Hier empfing ihn seine
+Frau mit Scheltworten und hieß ihn einen Nichtstuer und Herumtreiber.
+
+Als der Mann ihr aber erzählte, wie es ihm ergangen sei, da wurde sie
+sehr neugierig und beide öffneten den Kasten.
+
+Man denke sich die Freude! Der Kasten war bis obenan mit Gold und
+Edelsteinen und kostbaren Dingen gefüllt. Nun hatte alle Not ein Ende.
+Der Alte mußte nochmals sein Erlebnis ganz genau erzählen. Als die
+Frau hörte, daß er von den beiden Kästen den kleineren gewählt habe,
+da wurde sie ganz bleich vor Ärger und Wut und schrie den Alten an:
+»Du bist und bleibst ein dummer Kerl! Nein solche grenzenlose Dummheit
+ist mir noch nie vorgekommen, einen kleinen Kasten zu nehmen, wenn du
+einen großen erhalten kannst. Gleich trägst du den Kasten zurück und
+holst den größeren!«
+
+»Dann wäre ich wirklich dumm«, erwiderte der Alte, »das, was wir jetzt
+haben, reicht für unser Leben aus, ja, es ist mehr als zuviel. Was
+sollen wir mit noch größerem Reichtum. Ich bin vollständig zufrieden
+und glücklich!«
+
+Da wurde die Frau noch böser und rief: »Dann sei du es, ich will aber
+den großen Kasten unbedingt haben und werde ihn mir selbst holen!«
+
+Kaum hatte sie dieses gesagt, da war sie auch schon zum Hause hinaus
+und auf dem Wege zum Sperlingsheim.
+
+Am Gebüsch angekommen, stand wieder der kleine Sperling da.
+
+»Führe mich zu deinem Vater!« herrschte sie ihn an.
+
+»Komm!« erwiderte kurz der Sperling und hüpfte voran.
+
+Im Sperlingsheim waren nur noch wenige Sperlinge anwesend. Der
+Sperling, dem die Frau die Zunge abgeschnitten hatte, empfing die Frau
+und sagte zu ihr: »Ich weiß schon, warum du kommst. Doch erst setze
+dich und erhole dich von deinem Wege!«
+
+Sie wurde ins Haus geführt und mußte sich setzen, dann brachte man ihr
+allerlei Essen und Getränke in geschlossenen Schüsseln.
+
+Als sie lüstern den Deckel von der ersten Schüssel hob, da sprang ein
+Frosch heraus. Dann machte sie sich an die anderen Schüsseln, aber in
+jeder war irgend ein Untier wie Kröten, Schlangen u. dgl. verborgen
+und in den Trinkgefäßen war übelriechendes Wasser, so daß sie sich mit
+Ekel und Entsetzen abwenden und hungrig aufstehen mußte. Hierauf wurde
+sie in das Zimmer geführt, wo wieder zwei Kästen standen, der eine
+groß, der andere klein. Ohne lange zu warten, ergriff sie den großen
+Kasten, nahm ihn auf den Rücken und eilte davon. Der Sperling rief ihr
+noch nach: »Öffne den Kasten nicht unterwegs!« »Schon gut, schon gut!«
+schrie die Alte zurück, ohne sich aufzuhalten; denn sie konnte ihre
+Begierde gar nicht verbergen.
+
+Auf der Hälfte des Weges plagte sie die Neugier, sie mußte unbedingt
+wissen, wieviel in dem Kasten sei. Ihre Neugierde und Habsucht ließen
+es nicht zu, daß sie wartete, bis sie daheim war. An einer lichten
+Stelle im Walde setzte sie den Kasten ab und vor Aufregung zitternd
+hob sie den Deckel ab, um über den Reichtum herzufallen.
+
+Aber mit furchtbarem Getöse flog ihr der Deckel aus den Händen und dem
+Kasten entstiegen eine Unzahl schrecklicher Gestalten, Gespenster,
+Geister, Teufel und Drachen und bedrohten die Frau, die vor Schreck
+auf den Rücken fiel, dann aber emporsprang und schreiend davonlief,
+die Schar der dem Kasten entsprungenen fürchterlichen Gestalten mit
+Gebrüll hinter ihr her.
+
+Die Frau lief, was sie laufen konnte, sie hielt sich dabei die Ohren
+zu, um das entsetzliche Gebrüll nicht zu hören und jeden Augenblick
+glaubte sie, die Krallen eines der Ungetüme im Nacken zu fühlen. So
+rannte sie durch den Wald, stieß an Bäume und zerschlug sich die
+Stirne, während die Zweige sie ins Gesicht peitschten und die Dornen
+ihre Kleider, Füße und Hände zerrissen. Erst am Waldesrande wurde das
+Getöse leiser und verstummte endlich ganz, als sie erschöpft,
+zerschunden und zerschlagen vor ihrem Hause ankam, wo sie ohne
+Besinnung zusammenfiel. Ihr Mann kam heraus, trug sie ins Haus und
+pflegte sie. Als sie endlich wieder die Augen aufschlug und gesund
+wurde, da war sie ganz umgewandelt, sie war still und geduldig und
+sagte kein böses Wort mehr.
+
+Darüber freute sich der Mann sehr und lebte mit seiner jetzt braven
+Frau noch viele, viele lange Jahre, während deren beide von ihrem
+Reichtum den Armen abgaben und Freunde und Beschützer der Tierwelt
+wurden. Die Vögel und Tiere des Waldes kamen jetzt immer gern zum
+Hause der alten Leute und fürchteten sich nicht mehr vor der bösen
+Frau, die nun vollständig von ihren bösen Leidenschaften befreit war
+und den Tieren gern Futter streute.
+
+So erwies sich ein Sperling dankbar und besserte die Frau, die ihm die
+Zunge abgeschnitten hatte, durch den furchtbaren Schreck, den sie nie
+vergaß.
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Die geplagte Krabbe.
+
+
+In uralten Zeiten, als die Tiere noch wie die Menschen lebten, Häuser
+bauten und Felder bestellten, lebte einmal in einem kleinen, sauberen
+Häuschen eine Krabbe, dicht an einem Berge und zwar an dessen
+Schattenseite, weil es dort nicht zu heiß wird, sondern immer hübsch
+kühl und feucht bleibt, wie es die Krabben lieben. Diese Krabbe war
+eine fleißige und tüchtige Hausfrau, die sich mit ihrer Hände Arbeit
+mühselig aber redlich durchs Leben schlug, dabei ihr Häuschen stets in
+Ordnung hielt und so von früh bis spät beschäftigt war. Eines Tages
+nun hatte es sich ein Pilger im Schatten nahe bei ihrem Hause bequem
+gemacht und sein Mittagsmahl gehalten. Als er wieder weiter wanderte,
+ließ er einige kleine Reste gekochten Reises liegen und die Krabbe
+hatte nichts eiliger zu tun, als diese Reste in ihr Häuschen zu
+schaffen. Dies hatte aber ein Affe beobachtet, der ebenfalls Appetit
+auf Reis hatte. Er kam schnell herbei und schlug der Krabbe vor den
+Reis zu teilen. Die gutmütige Krabbe war dazu gern bereit, aber die
+Hälfte des Restes war dem Affen doch zu wenig, um seinen Appetit zu
+befriedigen und so schlug er vor, die Krabbe solle ihm den ganzen Rest
+des Reises geben, wofür er ihr eine Hand voll Kakikerne geben wolle.
+Er hatte nämlich kurz vorher eine rote, saftige Kaki[1] gegessen und
+die Kerne aufgehoben: Man sieht, der Affe war ein schlauer Patron und
+dachte die Krabbe zu überlisten.
+
+Die Krabbe ging auch auf den Tausch ein und nahm die Kakikerne in
+Empfang, während der Affe den Reis empfing, den er sogleich verzehrte
+und sich dann, die dumme Krabbe verspottend, lachend entfernte. Die
+Krabbe war aber gar nicht so dumm als der Affe dachte; sie wußte sehr
+wohl, warum sie den Tausch annahm. Nachdem sich nämlich der Affe
+entfernt hatte, ging sie in ihren Garten, der sich vor ihrem Häuschen
+befand, wählte dort eine schöne Stelle gerade am Eingange und pflanzte
+dort die Kerne ein, dann trug sie Wasser aus dem nahen Bache herbei
+und goß dieses auf die eingepflanzten Kerne. Dann sorgte sie
+tagtäglich, daß der Platz ungestört blieb und hatte endlich die Freude
+zu sehen, daß aus einem der Kerne wirklich ein Pflänzchen emporschoß.
+
+Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dem zarten Pflänzchen, dank der
+Sorgfalt und Pflege, die die Krabbe darauf verwendete, ein recht
+kräftiger Kakibaum, der auch bald schöne, saftige Früchte, so süß wie
+Ame[2] trug, und dessen Zweige der Krabbe überdies reichlich Schatten
+spendeten.
+
+So verging eine geraume Zeit. Eines schönen Tages aber spazierte unser
+Affe vorbei und sah mit großem Erstaunen den schönen Kakibaum voll
+herrlicher Früchte. Er trat näher, begrüßte die Krabbe mit
+ausgesuchtester Höflichkeit und fragte, wie dieser Baum hieher komme,
+wo doch früher nicht einmal ein Strauch war. Die Krabbe erzählte mit
+großer Befriedigung, daß der Baum aus einem der Kerne ersprossen sei,
+die sie vor Jahren von dem Affen gegen den Reis eingetauscht habe.
+»So, so!« meinte da der Affe, »dann wäre es ja eigentlich mein Baum
+und die Früchte wären ebenfalls mein Eigentum!«
+
+»Warum nicht gar!« rief entrüstet die Krabbe; »du hast die Kerne in
+Tausch gegeben, ich habe sie also redlich erworben. Die Kerne waren
+also nicht mehr dein Eigentum, denn du hast den Reis dafür genommen.
+Überdies ist es nur meiner Arbeit und meiner Mühe gelungen, den Baum
+großzuziehen, du hast also gar keinen Anteil daran.«
+
+»Na, seid nur nicht gleich so bös!« entgegnete lachend der Affe, »ich
+habe ja nur einen Scherz gemacht; oder dachtet ihr, ich würde euch den
+schweren Baum fortschleppen? Aber, damit ich es euch sage, ich habe
+gerade etwas Hunger und so einige schöne Kaki hätte ich gern wieder
+einmal gegessen!«
+
+Die Krabbe war schnell besänftigt, und da der Affe gar zu schön zu
+bitten verstand, erlaubte sie es ihm, sich selbst einige Früchte vom
+Baume zu holen, da sie nicht so gut klettern könne als er, der Affe.
+Auch mußte dieser ihr versprechen die Hälfte der reifen Früchte ihr
+herabzuwerfen, die andere Hälfte könne er dann verzehren oder
+mitnehmen. Der Affe ließ sich dies nicht zweimal sagen, sondern
+versprach der Krabbe ihren Wunsch zu erfüllen, und kletterte schnell
+am Baum empor.
+
+Kaum war er oben, als er an sein Versprechen nicht mehr dachte, er
+suchte sich die schönsten Früchte aus und verspeiste sie in aller
+Gemütlichkeit. Die arme Krabbe wartete und wartete, aber der Affe
+dachte nicht daran, ihr auch nur eine Kaki hinabzuwerfen, so daß sie
+ihn endlich an Erfüllung seines Versprechens mahnte. Der jedoch warf
+ihr jetzt lachend nur die Kerne ins Gesicht und als die Krabbe darüber
+ärgerlich wurde und den Affen einen Schwindler, Betrüger und Dieb
+nannte, da riß er unreife und harte Früchte ab und schleuderte sie auf
+die Krabbe, die sich dem Bombardement nur durch schleunigste Flucht
+entziehen konnte.
+
+ [Abbildung]
+
+Da sie nun einsah, daß sie auf diese Weise mit dem Affen nicht fertig
+würde, dachte sie sich eine List aus und rief, indem sie langsam
+zurückkehrte, als der Affe sich gerade seine Taschen mit den reifsten
+Früchten gefüllt hatte:
+
+»Nun laß es einmal genug sein des absonderlichen Spaßes; daß du werfen
+kannst, habe ich gesehen. Man sagt aber auch, daß ihr Affen so schöne
+Purzelbäume schlagen und am Schwanze hängend euch von Zweig zu Zweig
+schwingen könnt, das kannst du sicherlich nicht!«
+
+»Was kann ich nicht, du dumme Krabbe? Ich kann keine Purzelbäume
+schlagen?« schrie ganz empört der Affe. »Da schau her, du dummes
+Vieh!« Dies sagend, hing er sich am Schwanze auf, schwang sich über
+verschiedene Zweige und machte die schönsten Bauchwellen an einem
+kräftigen, glatten Aste. Darauf nun hatte die Krabbe nur gewartet;
+denn beim Herabhängen und Schwingen waren natürlicherweise dem Affen
+die Früchte aus den Taschen gefallen und rollten am Boden dahin,
+wo sie die Krabbe schnell auflas und in ihr Häuschen in Sicherheit
+brachte.
+
+Als der Affe mit seinen Turnkunststückchen fertig war und siegesbewußt
+der Krabbe einige Spottworte zurufen wollte, da merkte er, daß seine
+Taschen leer waren und sah, wie die Krabbe soeben die letzte Kaki
+auflas.
+
+Voller Wut, sich überlistet zu sehen, war er mit einem Satze vom
+Baume, warf sich auf die Krabbe, prügelte sie windelweich und ließ sie
+halbtot liegen, dann machte er sich schleunigst davon. Die arme Krabbe
+aber schleppte sich, als der Affe verschwunden war, mühselig und unter
+großen Schmerzen zum Bache, wo sie ihre Wunden wusch und kühlte. Nun
+hatte aber die Krabbe eine Freundin, nämlich eine Wespe, die in einem
+alten, abgestorbenen Baume, der am Rande des Baches stand, wohnte.
+Diese sah, wie die Krabbe ihre Wunden wusch; sie flog herbei und
+fragte, was denn geschehen sei.
+
+Die Krabbe erzählte ihr die Schandtat des Affen, worüber die Wespe
+sehr empört war und beschloß den Affen zu bestrafen; sie flog zu
+einigen anderen Freunden, erzählte denen die Geschichte weiter und
+hatte es endlich auch soweit gebracht, daß zwei derselben, nämlich ein
+Ei und ein großer, schwerer Reismörser sich mit ihr einig erklärten
+den Affen zu bestrafen. Zunächst aber mußte die Krabbe erst wieder
+gesund werden, weshalb die drei sie aufsuchten und in ihrem Leiden so
+vortrefflich verpflegten, daß sie bald wieder ganz hergestellt war bis
+auf eine kleine Lähmung im rechten Vorderbein.
+
+Als nun die Krabbe wieder ausgehen konnte, wurde Kriegsrat gehalten.
+Die Krabbe, die gutmütig war und mit dem Aufhören der Schmerzen auch
+keine Rachegedanken mehr hatte, wollte jedoch von einer so strengen
+Bestrafung, wie das Töten des Affen, das die andern vorschlugen,
+nichts wissen. Schließlich einigte man sich dahin, daß, wenn der Affe
+um Verzeihung bitte und verspreche nichts Böses mehr gegen die Krabbe
+zu unternehmen, ihm verziehen werden solle; wenn nicht, müsse es ihm
+ans Leben gehen.
+
+Die Wespe erhielt den Auftrag diesen Beschluß dem Affen zu verkünden
+und ihn aufzufordern, vor dem Hause der Krabbe zu erscheinen, um seine
+Entschuldigung vorzubringen. Sie flog, sum, sum, in den nicht zu weit
+entfernten Wald, wo der Affe wohnte, und hatte das Glück ihn
+anzutreffen. Mit lautem Summen flog sie durchs Fenster ins Zimmer,
+wo der Affe bei einem Fläschchen Sake[3] hockte[4].
+
+»Was bringt ihr denn Gutes, Frau Wespe?« fragte er.
+
+»Gutes oder Böses, wie ihr es nehmen wollt!« entgegnete die Wespe und
+richtete ihren Auftrag aus. Der Affe lachte: »Eure Drohung verlache
+ich, wie könnt ihr euch erdreisten mir mit dem Tode zu drohen, da
+müssen doch erst andre kommen als ihr winzigen Geschöpfe.« »Seid nur
+nicht zu übermütig«, sagte die Wespe, »so klein wir sind, haben wir
+doch unsre Waffen!«
+
+»Prahle nicht, dummes Vieh!« rief der Affe ärgerlich; aber kaum hatte
+er das gesagt, so saß ihm die Wespe schon auf der Nase und versetzte
+ihm einen recht kräftigen Stich. Brüllend vor Schmerz sprang er da auf
+und schrie: »Ich komme, ich werde kommen!«
+
+»Schön! das war dein Glück! Aber hüte dich vor schlechten Streichen,
+du entrinnst uns nicht!« Mit diesen Worten flog die Wespe davon und
+verkündete ihren Freunden daheim das Resultat ihrer Sendung.
+
+Am andern Tage mußte die Krabbe sich noch krank stellen und sie legte
+sich auf ihr Lager sich bis zum Kopfe zudeckend, der Mörser stellte
+sich außen auf einen Vorsprung oberhalb der Tür, das Ei legte sich auf
+den Herd und die Wespe setzte sich auf den Rand eines Wasserkübels,
+der in einer dunkeln Ecke stand. So erwarteten alle vier den Affen. Es
+dauerte auch gar nicht lange, so kam er ganz furchtsam angeschlichen.
+Seine Nase war infolge des Wespenstiches furchtbar angeschwollen, das
+sah so komisch aus, daß der Mörser sich vor Lachen schüttelte und fast
+von seinem Platze gestürzt wäre, wenn er sich nicht schnell
+festgehalten hätte. Der Affe sah sich sorgfältig nach allen Seiten um;
+als er aber niemanden erblickte, kam er näher und spähte durch die Tür
+ins Zimmer, wo er die Krabbe still liegen sah. Nun kehrte sein Mut
+zurück und er trat keck ins Zimmer und begrüßte mit scheinheiliger
+Miene die Krabbe, die ganz krank und elend tat und mit leiser Stimme
+seinen Gruß erwiderte. Sie erwartete, daß der Affe seine Bitte um
+Verzeihung vorbringen werde; dem war aber sein alter Übermut wieder
+zurückgekehrt und er dachte gar nicht daran sich zu demütigen,
+vielmehr erblickte er das Ei auf dem Herde, das er schnell ergriff,
+indem er höhnisch lächelnd sagte: »Du also bist eins von denen, die
+mir ans Leben wollen? Das darf nicht ungestraft dahingehen. Deine
+Frechheit soll jetzt dich das Leben kosten und dabei sollst du mir
+noch recht schön schmecken, denn Eier esse ich zu gerne!«
+
+»Hüte dich, Affe,« rief warnend die Krabbe, »du weißt, was deiner
+wartet, wenn du deine bösen Streiche nicht läßt!«
+
+»Da sieh, wie ich deine und deiner sogenannten Freunde Drohung
+fürchte!« sagte da der Affe und legte das Ei auf die glühenden Kohlen
+um es zu backen. Aber die Strafe folgte auf dem Fuße; denn als er sich
+auf das Ei niederbeugte um zu beobachten, wie die Schale sich durch
+die heiße Glut braun färbte, da platzte die Schale und die heißen
+Stücke flogen ihm in die Augen und verbrannten ihm das Gesicht.
+
+Um den Schmerz zu lindern, eilte er zum Wasserkübel; aber hier wartete
+seiner die Wespe, die, als er sein Gesicht ins Wasser stecken wollte,
+unbarmherzig auf ihn losstach, so daß er vor Schmerz heulend aus dem
+Zimmer eilen wollte; doch, als er durch die Türe lief, sprang von oben
+der Mörser herunter und hieb mit seinem Schlegel auf den Affen ein;
+nun kam auch die Krabbe und die Wespe heraus; erstere setzte sich auf
+das Genick des Affen und zwickte ihn, die Wespe zog ihr Schwert und
+stach ihn tot. Auch das Ei hatte sich wieder erholt und schaute dem
+Spektakel zu.
+
+So straften die unscheinbaren Wesen den böswilligen Affen.
+
+Daraus folgt, daß böse Taten immer ihren Lohn finden und daß man als
+Rächer auch den Kleinsten nicht gering achten soll.
+
+Nach dem Tode des Affen lebte die Krabbe noch viele, viele Jahre in
+Ruhe und Zufriedenheit im Schatten des Kakibaumes und wenn man sie
+auch nicht getötet hat, so lebt sie heute doch nicht mehr.
+
+ [Abbildung]
+
+
+ [Anmerkung 1: Kaki = Persimonpflaume. Diospyros Kaki hat in Japan
+ die Größe eines Apfels und ist sehr beliebt. Wird frisch gegessen,
+ auch getrocknet nach Feigenart.]
+
+ [Anmerkung 2: Ame (Ton auf dem e) = Weizengluten. Aus Weizen
+ bereiteter Sirup, dem Honig entsprechend.]
+
+ [Anmerkung 3: Sake = Reiswein.]
+
+ [Anmerkung 4: Bekanntlich sitzen die Japaner nicht auf Stühlen
+ sondern hocken auf dem Fußboden, wie verschiedene Bilder dieses
+ Buches zeigen.]
+
+
+[Buntbild]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Der kluge Hase.
+
+
+Eines schönen Tages schwamm der Fischkönig[1] in seinem Reiche
+wohlgemut umher; es war ein wunderschöner Tag und die Sonne erhellte
+das Wasser bis nahe auf den Grund. Da erblickte er plötzlich vor sich
+einen dicken, fetten Wurm, der ihm gar appetitlich erschien und da er
+gerade einen kleinen Hunger verspürte, so schwamm er auf den Wurm zu,
+schnappte nach ihm und -- ein furchtbarer Schmerz durchzuckte seinen
+Körper, denn er saß an einer Angel, deren Haken ihm im Maule saß. Er
+zerrte und zerrte, und nach heftigem Kampfe und unter großen Schmerzen
+gelang es ihm endlich die Angelschnur zu zerreißen und in sein Schloß
+zu schwimmen, wo er sich auf sein Lager warf und die Leibärzte rufen
+ließ. Als diese am Bette des Fischkönigs standen, erzählte er ihnen
+sein Ungemach, wie er an der Angel festgesessen und wie es ihm endlich
+gelungen sei, sich durch Zerreißen der Angelschnur zu befreien und
+sich davor zu bewahren, daß sein königlicher Leib gewöhnlichen
+Zweibeinern, die man Menschen heiße, zur Speise diene.
+
+»Aber der verdammte Haken,« schloß er seine Erzählung, »der sitzt hier
+fest im Halse und mir ist es unmöglich ihn zu entfernen, ich leide
+furchtbare Schmerzen. Wer ihn mir herausbringt, den will ich königlich
+belohnen.« Da standen nun die Ärzte ratlos am Bette des Fischkönigs
+und beratschlagten, was zu tun sei.
+
+Der König wurde ärgerlich und ließ in seinem Reiche verkünden, wer ihm
+den Angelhaken aus dem Halse entferne, den werde er mit königlichen
+Ehren versehen und reich belohnen.
+
+Da ward eine große Bewegung im Wasser, von allen Seiten eilten die
+Untertanen herbei, die Großen und Würdenträger bis zu den Kleinsten,
+vom Walfisch bis zum Stint. Alle, alle kamen, hörten die Botschaft,
+aber sie schüttelten ihr Haupt, denn niemand wußte Rat, niemand konnte
+sagen, wie man einen Angelhaken aus dem Schlunde eines Fisches
+entferne.
+
+Da meldete sich endlich eine Schildkröte, die ganz im Hintergrunde
+gestanden hatte. Man schob sie nach vorne und da erklärte sie, daß das
+beste Mittel zwei ganz frische Hasenaugen (Lichter) seien; diese müsse
+man auf die Stelle auflegen, wo der Haken sitze, dann würde der Haken
+durch die Hasenaugen herausgezogen. Die Anwesenden stimmten der
+Schildkröte zu, und auch den Ärzten, die den Rat mit angehört hatten,
+erschien er gut.
+
+Aber wo die Hasenaugen hernehmen? Der König entschied: »Wer ein
+Hilfsmittel vorschlägt, hat auch für ein solches zu sorgen; geh also
+Schildkröte und besorge mir die Hasenaugen oder du darfst dich in
+meinem Reiche nicht mehr blicken lassen!«
+
+»Gut!« sagte die Schildkröte, »ich werde Euch einen Hasen
+herbeischaffen, die Augen müßt ihr Ärzte selbst ihm nehmen und mir
+gestatten mich zu entfernen, da ich kein Blut sehen und riechen kann!«
+
+Des waren alle zufrieden und die Schildkröte machte sich auf den Weg
+und freute sich schon auf die großen Ehren und Geschenke, die ihr
+zuteil werden würden, wenn es ihr gelinge den Hasen in des Königs
+Schloß zu bringen. Sie kletterte also aus dem Wasser und wanderte
+einem Hügel zu, auf dem, wie sie wußte, ein Hase sich niedergelassen
+hatte. Sie hatte Glück; denn als sie mühsam den Hügel erklettert
+hatte, sah sie den Hasen gerade beim Frühstück sitzen; er hatte einen
+prachtvollen Krautkopf vor sich, an dem er knabberte. Als der Hase das
+Geräusch der sich nähernden Schildkröte hörte, ließ er erschreckt den
+Krautkopf fallen und richtete sich auf seinen Hinterbeinen empor, um
+zu sehen, wer da komme. Da er aber sah, daß es nur die Schildkröte
+war, beruhigte er sich und begrüßte sie. »Was verschafft mir denn die
+Ehre Eueres Besuches, verehrte Frau Schildkröte?« fragte er.
+
+»Nichts Besonderes, Herr Lampe!« antwortete die Schildkröte, vom
+Klettern noch ganz atemlos. »Man hat im Reiche des Fischkönigs die
+wunderschöne Aussicht gerühmt, die man von hier haben soll, und so bin
+ich abgesandt, festzustellen, ob dies wirklich so ist. Ihr gestattet
+doch, daß ich mich ein wenig umschaue!«
+
+»Bitte, bitte!« erwiderte der Hase.
+
+Die Schildkröte schaute hierauf nach vorn, schaute nach hinten,
+schaute nach rechts und schaute nach links, machte auch einige
+Schritte bald nach dieser, bald nach jener Seite und tat, als ob sie
+alles sorgfältig betrachtete, dann meinte sie: »So etwas besonders
+Schönes kann ich nicht sehen, da hat man diese Gegend mehr gerühmt als
+sie wert ist!«
+
+»Ja, Frau Schildkröte,« entgegnete der Hase, »auf dieser Seite des
+Hügels gibt es nichts Besonderes zu sehen, da müßt Ihr Euch schon auf
+die andre Seite bemühen! Kommt, ich will Euch führen!«
+
+»Was gibt es denn auf der andern Seite des Hügels?«
+
+»Viel, viel Besseres als hier! Hier gibt es nur Wiesen und Weiden,
+aber auf der andern Seite prachtvolle Kraut- und Rübenfelder, so
+saftig, so delikat, eine wahre Wonne!« rief der Hase.
+
+Die Schildkröte lachte und meinte: »Ihr seht die Sache mit dem
+Magen anstatt mit den Augen. Doch bleibt nur, ich habe keine Lust,
+Kraut- und Rübenfelder zu sehen, da lob ich mir doch das Land des
+Fischkönigs, da gibt es alles Gute und Schöne, prachtvolle, kühle
+Wälder, herrliche Wiesen, Täler, Höhen und Felder, auf denen die
+Krautköpfe viel größer und saftiger sind als hier auf der trockenen
+Erde. Und dann die Bequemlichkeit, keine Mühe und Anstrengung. Hier
+mußte ich um zu Euch zu gelangen, mühsam klettern, so daß ich fast den
+Atem verlor, während mich das Wasser überall hinträgt, wohin ich will.
+Und dann die Ruhe und Sicherheit dort unten, da gibt es keine Menschen
+und keine Jäger! Nein, wißt Ihr Herr Hase, Eure ganze schöne Gegend
+und die ganze Erde kann mir gestohlen werden, ich lobe mir mein Reich
+und will mich nur schnell wieder auf den Heimweg machen!«
+
+»Hm, Hm!« machte der Hase und dachte ein Weilchen nach. »Hört mal,
+Frau Schildkröte, Ihr habt mir Eure Gegend so schön geschildert, daß
+ich wirklich Lust bekomme, sie einmal zu sehen; aber leider geht es
+nicht, denn in dem verflixten Wasser kann unsereiner ja gar nicht
+leben. Könntet Ihr mir nicht einen Krautkopf von da unten gelegentlich
+mal schicken oder mitbringen?«
+
+»Das geht leider nicht!« entgegnete die listige Schildkröte, die
+bemerkte, daß der Hase Lust hatte in das Reich des Fischkönigs
+mitzukommen. »Unsere Krautköpfe sind so groß, daß ich auch nicht einen
+tragen kann. Aber, kommt doch mit mir. Das Wasser wird Euch keinerlei
+Umstände machen, ob Ihr in der Luft oder im Wasser lebt, ist alles
+gleich, das ist alles nur Gewohnheit!«
+
+»Das mag gut und schön sein, aber ich kann nicht schwimmen!« sagte
+betrübt der Hase.
+
+»Das macht nichts!« rief die Schildkröte, die kaum noch ihre Aufregung
+und Freude unterdrücken konnte, »wenn Ihr mit mir geht, will ich Euch
+gerne aus reiner Freundschaft helfen und in unser Reich bringen. Ihr
+steigt, wenn wir am Wasser angekommen sind, auf meinen Rücken, steckt
+Eure Pfoten vorne unter mein Schild und haltet Euch so fest an. Ich
+führe Euch dann sicher hinunter und, wenn es Euch nicht gefällt,
+ebenso sicher wieder zurück!«
+
+Der Hase traute der Geschichte doch nicht so recht, er hatte eine
+furchtbare Angst vor dem Wasser, aber die Schildkröte stellte ihm die
+Reise ganz ungefährlich dar und gab ihm schließlich sogar ihr
+Ehrenwort, daß ihm das Wasser nicht das geringste tun werde.
+
+Da war der Hase überwunden und er beschloß die Reise zu wagen. Als nun
+beide am Rande des Wassers angekommen waren, stieg er auf den Rücken
+der Schildkröte und hielt sich mit seinen Vorderpfoten am Schilde der
+Kröte fest, die langsam ins Wasser ging. Dem Hasen wurde es doch
+ungemütlich, als er das kalte Wasser fühlte und als es ihm sogar über
+den Kopf ging, da schloß er ängstlich die Augen. Dann öffnete er sie
+wieder und sah nun, daß das Wasser ihm wirklich keine Beschwerde
+machte. Er war ganz entzückt von den Wundern unter dem Wasser, von
+denen er bisher keine Ahnung hatte, er sah blühende Täler mit saftigen
+Wiesen, grünende Felder, schimmernde Berge, bewachsen mit Rosen und
+anderen Blumen, die er nicht kannte.
+
+Und dann das Leben im Wasser! Tausende von Fischen umschwärmten ihn
+und jubelten ihm zu. Da kamen auf einmal lange, schmale, zierliche
+Fische angeschwommen, denen alle andern ehrerbietig Platz machten.
+»Was sind das für Tiere?« fragte der Hase. »Das sind Diener des
+Königs!« antwortete die Schildkröte.
+
+Als diese Fische nahe waren, machten sie dem Hasen ihr Kompliment,
+beglückwünschten ihn, daß er den Mut zu solcher Reise gehabt habe und
+erzählten ihm, daß der König von seinem Besuche gehört habe und seinen
+Mut bewundre. Der König wolle einen so mutigen Hasen sehen und lade
+ihn in sein Schloß ein.
+
+Der Hase war ganz stolz auf solche Ehre und nahm die Einladung an. Die
+Fische kehrten um und schwammen voran, während die Schildkröte mit dem
+Hasen folgte.
+
+Im Schlosse des Königs angelangt, stieg der Hase von seinem Sitze und
+wurde in das Krankenzimmer geführt, während die Schildkröte sich
+einstweilen aus dem Staube machte.
+
+Im Krankenzimmer waren nur die Ärzte um den König versammelt, die den
+Hasen freundlich einluden auf einem prachtvollen Muschelsessel Platz
+zu nehmen. Dann besprachen sich die Ärzte leise, wie man wohl am
+leichtesten dem Hasen die Augen nehmen könne. Der Hase hatte aber gute
+Ohren und so hörte er mit Entsetzen dieses leise Gespräch und obwohl
+ihm die Haare klitschnaß am Leibe klebten, standen sie ihm doch
+sogleich vor Angst zu Berge. Er verwünschte seine Neugier und
+überlegte, wie er sich am besten aus dieser Schlinge ziehen könne, die
+ihm die Schildkröte gelegt hatte. Endlich kam ihm ein Gedanke. »Hört,
+Ihr Herren!« rief er, »ich hörte, daß Ihr von meinen Augen sprachet.
+Was ist es damit, was wollt Ihr mit meinen Augen?«
+
+Die Ärzte erklärten ihm in höflicher Weise die ganze Angelegenheit und
+baten, daß er, um das Leben des Königs zu retten, seine Augen
+freiwillig hergeben solle!
+
+»Das ist aber dumm,« sagte der Hase, der tat, als ob er nachdenke und
+seine Ohren hin und her bewegte, »ja, ja das ist dumm von der
+Schildkröte, daß sie mir das nicht gleich gesagt hat, dann wäre Eurem
+König jetzt schon geholfen. Ihr müßt nämlich wissen, Ihr hohen und
+gelehrten Herren, daß wir Hasen vier Augen haben, nämlich zwei
+natürliche und zwei aus Bergkristall gefertigte. Diese letzteren
+tragen wir, um die natürlichen Augen zu schonen, so bei staubigem oder
+Regenwetter, bei Sturm und Ungewitter. Da mir nun Eure Schildkröte
+nicht sagte, weshalb ich herkommen sollte, so steckte ich meine
+künstlichen Augen ein, weil ich glaubte, daß die natürlichen Augen,
+mit denen ich auf dem Lande sehe, hier im Wasser mir wenig nützen
+würden oder sogar beschädigt werden könnten. Diese natürlichen Augen
+habe ich daheim verborgen und es wird mir eine große Freude sein, sie
+Eurem König zu seiner Heilung anzubieten. Es bleibt nichts weiter
+übrig,« fügte er scheinheilig hinzu, »als daß Ihr die Schildkröte
+wieder ans Land schickt und meine Augen holen lasset!« »Ja, wird denn
+die Schildkröte die Augen auch finden?« warf einer der Ärzte ein.
+
+»Man muß sie fragen!« sagte ein anderer und so wurde die Schildkröte
+wieder gerufen. Diese kam fröhlich herbei, denn sie glaubte nun sei
+alles zu Ende und ihr Glück sei gemacht. Aber wie erschrak sie, als
+sie den Hasen ganz munter, mit seinen Augen im Kopfe auf dem
+Muschelsessel sitzen sah. Sie wußte nicht, was sie denken sollte und
+war höchst erstaunt, daß sie Scheltworte zu hören bekam, anstatt Worte
+des Dankes. Man machte ihr Vorwürfe, daß sie einem so liebenswürdigen
+Herrn nicht gleich gesagt habe, was man von ihm wolle, sie habe
+dadurch die Heilung des Königs verzögert.
+
+»Das ist gut!« dachte die Schildkröte, »aber das kommt davon her, wenn
+man Großen einen Dienst erweisen will. Wie man es auch macht, richtig
+ist es nie!« Die Schildkröte wurde nun gefragt, ob sie sich getraue,
+die Augen des Hasen zu finden und herzubringen, wenn der Hase ihr den
+Ort genau beschreibe, wo er sie verborgen habe.
+
+Aber die Schildkröte erklärte, daß sie es wohl übernehmen wolle, die
+Augen zu finden; sie aber herzubringen, das sei für sie zu riskant,
+denn sie verstehe es nicht, mit so empfindlichen Dingen, als die Augen
+sind, umzugehen. Am besten sei es wohl, wenn der Hase sie selbst hole,
+hin und her wolle sie den Hasen gern tragen. Das war es, was der Hase
+gern wollte, er tat aber so, als ob das für ihn zuviel verlangt sei,
+auch der König wurde ärgerlich und sagte:
+
+»Ist es nicht genug, daß der Hase uns seine Augen anbietet? Sollen wir
+einem so liebenswürdigen Herrn zumuten, auch noch selbst den Weg zu
+machen, bloß weil Ihr Schildkröte zu lässig waret? Nein! machet Euch
+sofort auf den Weg und seht zu, wie Ihr die Augen herbringt. Eure
+Sache ist es, den Fehler, den ihr begangen, wieder gut zu machen!«
+
+Der Hase, der Angst hatte, daß man ihn wirklich da behalten würde,
+nahm sich zusammen und entgegnete:
+
+»Verzeiht, edler König! Aber ich glaube Frau Schildkröte hat Recht.
+Wenn sie die Augen auch findet, fürchte ich doch, daß sie damit nicht
+richtig umgeht und sie verletzt, so daß sie für Euch ohne Nutzen sind.
+Erlaubt also, daß ich die Schildkröte begleite und die Augen selbst
+überreiche. Dieser kleine Weg ist keine Mühe, und selbst, wenn es Mühe
+wäre, für Euch, edler König, um Euch zu helfen ist mir keine Mühe zu
+groß!«
+
+Alle waren erstaunt über solch großen Edelmut, sie schämten sich aber
+auch zugleich, daß man den Hasen habe betrügen wollen, ihn, der so
+großmütig war, den Weg nochmals zu machen, nur um dem König einen
+Dienst erweisen zu können. Nach langem Hin- und Herreden wurde der
+Schildkröte denn schließlich befohlen, den Hasen ans Land zu bringen
+und ihn ungefährdet mit den Augen wieder zum König zu führen.
+
+Die Schildkröte nahm also den Hasen, nachdem sich dieser höflichst
+verabschiedet hatte, wieder auf den Rücken und trug ihn ans Land. Dort
+angekommen, schüttelte der Hase das Wasser aus seinem Fell und sprach
+zur Schildkröte:
+
+»Du listiges Vieh, beinahe hättest du mich überlistet, aber meine List
+war besser als die deine und Eure Dummheit größer als die meine. Wenn
+du Hasenaugen brauchst, suche sie dir nur. Ich brauche die meinen
+vorläufig noch für mich. Lebt also wohl und grüßet Euren König recht
+schön von mir!«
+
+Sprach's, sprang auf und eilte den Hügel hinan, die verdutzte
+Schildkröte sprachlos zurücklassend.
+
+Seit dieser Zeit geht der Hase einer jeden Schildkröte vorsichtig aus
+dem Wege und die Schildkröte lebt seitdem bald im Wasser, bald auf dem
+Lande, denn im Wasser fürchtet sie den Fischkönig und auf dem Lande
+hofft sie noch immer ein Paar Hasenaugen zu finden.
+
+
+ [Anmerkung 1: Gemeint ist der Karpfen, der in Japan als Sinnbild
+ der Kraft und Stärke gilt, weil er gegen den Strom schwimmt und
+ selbst Wasserfälle und Stromschnellen überwindet.]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Maorigashima[1].
+
+
+Maorigashima war einst eine blühende Insel, deren Bewohner glücklich
+und zufrieden leben konnten, da alles, was man zum Leben braucht, die
+Insel hervorbrachte. Auch gab es dort einen vorzüglichen Ton, aus dem
+die Leute prachtvolle Töpfe und Schalen bereiteten, die hochbezahlt
+wurden. Aus diesem Grunde herrschte auf der Insel Wohlstand und
+Reichtum, arme Leute gab es dort überhaupt nicht.
+
+Die Insel lag im Süden von Japan, nahe bei dem heutigen Formosa, ihr
+Herrscher war Pairuno, ein gottesfürchtiger und gerechter Fürst, der
+mit großer Betrübnis sah, wie der Reichtum und das Wohlleben die
+Sitten seiner Untertanen verdarb, wie diese immer mehr sich der
+Völlerei und dem Nichtstun ergaben und die Lehren der Götter
+verachteten.
+
+Alle Mahnungen und das gute Beispiel eines gottgefälligen, redlichen
+Lebens des Herrschers vermochten nicht, die Bewohner von Maorigashima
+wieder auf den Pfad eines ehrsamen Lebenswandels zurückzubringen; im
+Gegenteil, die Laster nahmen überhand, selbst die Beamten, die sich
+bisher noch immer in Schranken gehalten hatten, ergaben sich
+schließlich dem lasterhaften Leben und vernachlässigten ihre
+Pflichten. Als Pairuno sah, daß alle seine guten Lehren nichts helfen
+wollten und daß ihm die Macht fehlte, gewaltsam eine Besserung der
+Zustände herbeizuführen, weil ja die Beamten selbst ein zügelloses
+Leben führten und nicht mehr gehorchten, wandte er sich an die Götter
+und bat diese um Hilfe und Rettung.
+
+Eines Tages war er wieder im Tempel in inbrünstigem Gebete versunken,
+da hörte er eine Stimme, die ihm zuraunte:
+
+»Das Maß der Sünden Maorigashima's ist voll und die Götter haben
+beschlossen, die Insel mit allen Bewohnern zu vernichten. Du allein
+bist ausersehen am Leben zu bleiben, um der Nachwelt den Untergang der
+Insel zu verkünden, auf daß andre sich daran ein Beispiel nehmen.
+Halte darum ein Schiff bereit, um, wenn die Stunde naht, dich dem
+Strafgerichte zu entziehen, das die Götter über Maorigashima und seine
+Bewohner verhängt haben. Weil du gerecht bist und die Götter ehrst,
+sollst du die Stunde des Gerichts wissen. Wenn das Antlitz der
+Tempelwächter, die als Bildsäulen am Eingang des Tempels stehen, rot
+sein werden, dann schiffe dich ein und säume nicht; solange die
+Antlitze ihre weiße Farbe behalten, hat es keine Gefahr!«
+
+Pairuno dankte den Göttern für die Offenbarung und bat diese seinen
+Untertanen bekannt geben zu dürfen, auf daß sich bekehren könne, wer
+es wolle.
+
+Die Götter bewilligten die Bitte und gaben Pairuno die Zusicherung,
+daß ein Jeder, der sich freiwillig mit ihm einschiffe, verschont und
+gerettet sein werde. Hocherfreut ging der Herrscher in seinen Palast
+zurück. Er ließ alle Beamten rufen und verkündete ihnen, was ihm die
+Götter offenbart hatten; auch gab er Befehl, dies dem ganzen Volke
+bekannt zu geben.
+
+Aber die Beamten und das Volk verlachten die Warnung und spotteten
+über ihren Fürsten, ja einer der Beamten schlich sich eines Nachts
+heimlich zum Tempel und beschmierte die Gesichter der Bildsäulen mit
+rotem Ton.
+
+Als Pairuno dies am Morgen sah, glaubte er die Stunde des
+Strafgerichts gekommen und schiffte sich schnell mit den Seinen ein.
+Er forderte das Volk auf sich zu retten und bat zu ihm aufs Schiff zu
+kommen. Doch alle verlachten ihn und der Spötter, der in der Nacht die
+Gesichter der Bildsäulen beschmiert hatte, gestand seine Tat
+hohnlachend ein, indem er erklärte, daß nicht die Götter, sondern er
+die Rotfärbung vorgenommen habe.
+
+Aber Pairuno entgegnete ernst:
+
+ »Die Götter haben mir nicht gesagt, daß sie selbst das Weiß der
+ Angesichter der Tempelwächter in Rot verwandeln werden, sondern
+ sie haben mir nur gesagt, wenn das Antlitz rot sein werde, dann
+ sei die Stunde gekommen! Rot sind jetzt die Angesichter und an
+ den Worten der Götter soll man nicht drehen und deuteln. Wenn du
+ Spötter den Göttern vorgegriffen hast, umso schlimmer für dich!«
+
+Damit gab Pairuno den Befehl vom Lande abzustoßen und in angemessener
+Entfernung zu verharren. Kaum war das geschehen, da verfinsterte sich
+die Luft, ein Brausen ertönte aus der Tiefe des Meeres, dessen Wellen
+sich hoch auftürmten, und die Insel sank mit allem, was darauf war,
+auf den Meeresgrund. Dann wurde es wieder licht, das Meer lag ruhig
+wie immer, ein azurblauer Himmel lächelte, aber von der blühenden
+Insel war nichts mehr zu sehen. Pairuno fuhr nach dem Festlande und
+gab Kunde vom Ende Maorigashima's und seiner Bewohner.
+
+Noch heute, wenn bei ruhigem Wetter und mondklaren Nächten Fischer
+über die Stätte fahren, da die Insel einst gestanden, können sie tief
+unten die Straßen und Häuser erkennen; manchmal geschieht es auch, daß
+die Netze das eine oder andere Stück der früher auf Maorigashima
+angefertigten kostbaren Töpferwaren, eine Vase, eine Schale oder
+irgend einen Topf enthalten. Solche Gegenstände sind sehr begehrt und
+werden hoch bezahlt, deshalb wird ein jeder Fischer glücklich
+gepriesen, der ein solches Stück findet. Viele hat es schon verlockt,
+nach solchen Gegenständen zu suchen, doch nur, wer reinen Herzens ist
+und den nicht die Sucht nach Reichtum treibt, den lassen die Götter
+einiges finden; alle übrigen aber müssen mit leeren Händen und oftmals
+auch mit zerrissenen Netzen heimkehren.
+
+
+ [Anmerkung 1: Sprich: Maurigaschima. Diese Sage erinnert an die
+ »Vineta« Sage.]
+
+ [Verzierung]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Der Hase und der Dachs.
+
+
+ [Abbildung]
+
+Zwischen hohen Bergen lebte vor langen, langen Jahren ein betagtes
+Ehepaar, das sich durch fleißige Arbeit redlich, doch kümmerlich
+nährte. Der Mann ging täglich in den Wald, um Reisig zu sammeln, das
+er verkaufte, und aus dem Erlös bestritt er den Lebensunterhalt.
+Während der Mann im Walde war, kochte und wusch die Frau und machte
+das Haus sauber.
+
+Im Laufe der vielen Jahre hatte der Mann die Bekanntschaft eines
+weißen Hasen gemacht. Die Bekanntschaft wurde immer fester und so kam
+es zu einer regelrechten Freundschaft. Immer, wenn sie sich trafen,
+unterhielten sie sich freundschaftlich über dieses und jenes, denn zu
+damaliger Zeit konnten die Tiere noch sprechen. An Feiertagen luden
+sie sich auch oft zum Essen ein und machten sich einander Geschenke.
+
+Nun hatte aber in der Nähe der Wohnung des Hasen ein alter Dachs
+seinen Bau; das war ein alter Hagestolz, ein griesgrämiger Kerl und
+ein Geizhals dazu. Den verdroß die innige Freundschaft des Hasen mit
+dem Menschen und er suchte die zwei auf alle mögliche Weise
+auseinander zu bringen und zu entzweien. Aber alles, was er versuchte,
+blieb vergeblich, alle seine Niederträchtigkeiten scheiterten an der
+festen Freundschaft. Als nun eines Tages der Mann wieder den Hasen
+besuchte, brachte er ihm auch einige Süßigkeiten mit, die die Frau
+gebacken hatte. Als sich der Mann mit dem Hasen unterhielt und ihm die
+Süßigkeiten geben wollte, da hatte sich der Dachs hinzugeschlichen und
+sie gestohlen. Da wurden beide recht ärgerlich und beschlossen, dem
+Dachse endlich sein Handwerk zu legen. Sie begaben sich zu seinem Bau
+und trafen ihn gerade dabei die Süßigkeiten zu verzehren. Der Mann
+packte den Dachs schnell beim Kragen, band ihm mit einem recht festen
+Strick die Beine zusammen und trug ihn nach Hause.
+
+Hier zeigte er ihn seiner Frau und sagte zu ihr: »Der Kerl hat sich
+durch seine Niederträchtigkeit jetzt selbst geschadet. Wir werden ihn
+schlachten und dann zu Mittag verspeisen!« Mit diesen Worten hing er
+den Dachs an einem oberen Querbalken in der Küche auf und ging
+nochmals in den Wald, um noch schnell etwas Reisig zur Feuerung zu
+holen.
+
+Die Frau nahm während dieser Zeit ihren Reismörser und begann Reis zum
+Mittagessen zu stampfen. Während ihrer Arbeit hörte sie oben den Dachs
+stöhnen und seufzen; obwohl sie Mitleid mit dem Tiere hatte, ließ sie
+sich an ihrer Arbeit nicht stören und tat, als ob sie nichts gehört
+hätte.
+
+Doch der Dachs hörte nicht auf zu wehklagen; denn er wollte das
+Mitleid der Frau erregen, weil er hoffte, sie würde ihn freilassen;
+als er aber sah, daß alles Lamentieren nichts half, wurde er
+nachdenklich und besann sich auf eine List, denn loskommen wollte er
+wenigstens und sei es auch nur auf eine Minute. Die Dachse können sich
+nämlich in jede Gestalt verwandeln, doch können sie das nur, wenn sie
+im freien Gebrauche ihrer Gliedmaßen sind. Gefesselt vermögen sie ihre
+Kunst nicht auszuüben. Darauf baute er nun seinen Plan, um nicht nur
+frei zu kommen, sondern sich auch zu rächen. Deshalb hörte er mit
+seinem Gewimmer auf und rief der Frau mit sanftmütigster Stimme zu:
+»Aber, liebe Frau, was quälen Sie sich denn so sehr! Das Reisstampfen
+ist für eine alte Frau doch zu anstrengend. Lassen Sie mich hinunter
+und ich will Ihnen diese Arbeit abnehmen!«
+
+»Ich danke,« erwiderte die Frau, »bleibt nur hübsch da oben, denn
+helfen würdet Ihr mir doch nicht, sondern auskneifen. Dann könnten wir
+Euch nicht zu Mittag essen und mein Mann würde zornig werden und mich
+schlagen!«
+
+»Aber seid doch nicht so ängstlich,« sprach der Dachs mit
+einschmeichelnder Stimme, »schließt doch alle Fenster und Türen, dann
+kann ich nicht fort. Ich verspreche Euch nicht fortzulaufen und Euer
+Mann braucht gar nichts davon zu erfahren, denn Ihr hängt mich hier
+wieder auf, wenn ich Euch geholfen habe. Glaubt es mir, ich tue es nur
+Euch zu lieb, weil es mir leid tut eine alte Frau sich so schwer
+quälen zu sehen!«
+
+Die Frau wurde schwankend und als der Dachs bemerkte, daß seine Worte
+nicht ohne Erfolg blieben, redete er noch mehr schöne Worte, so daß
+die Frau -- einfältig, wie sie war, -- seinen Worten wirklich Glauben
+schenkte und ihn losband. Kaum war der Dachs auf dem Fußboden und
+frei, so stürzte er sich auf die Frau, tötete sie, nahm ihr die
+Kleider fort und legte sie sich selbst an, sich so in die Frau
+verwandelnd. Dann schnitt er von der toten Frau einige Stücke Fleisch
+ab, warf diese in den Mörser und vermischte sie mit dem Reis. Die
+übrigen Teile des Leichnams warf er hinter dem Hause auf einen Haufen.
+Nun kochte er ein schönes Gericht und als der Mann zurückkam, bekam er
+es zum Essen vorgesetzt. Der Mann glaubte natürlich, es sei seine
+Frau, die den Dachs während seiner Abwesenheit geschlachtet hätte. Er
+freute sich sehr darüber und das Essen schmeckte ihm vortrefflich, nur
+wunderte er sich, daß das Fleisch etwas zähe und mager war.
+
+Er bot dem Dachs, der ihn in Gestalt der Frau bediente[1], auch etwas
+zum Essen an, dieser aber dankte und sagte, als der Mann alles
+aufgegessen hatte, zu diesem recht spöttisch:
+
+»Nun, du armer Mann, du hast deine Frau gegessen! Pfui über dich,
+seine eigene Frau zu essen. Gehe hinaus, wenn du mir nicht glaubst,
+und schaue, was hinter dem Hause liegt!«
+
+Damit nahm er wieder seine Gestalt als Dachs an und rannte zum Hause
+hinaus. Der Mann, aufs höchste erschreckt, eilte auch hinaus und
+erblickte hinter dem Hause den zerstückelten Leichnam seiner Frau.
+Er brach darüber in Tränen aus und war ganz untröstlich.
+
+Da kam der Hase daher und vernahm die traurige Geschichte. Er tröstete
+den Mann, so gut er konnte und versprach den Dachs zu bestrafen und
+den Tod der Frau seines Freundes zu rächen.
+
+[Buntbild]
+
+Er nahm in der Küche etwas Miso[2] und mischte dieses mit gestoßenem
+rotem Pfeffer, dann kehrte er in den Wald zurück, wo er bald den Dachs
+traf, der sich Spreu für sein Lager gesammelt hatte. Der Hase half ihm
+das Bündel auf den Rücken und als der Dachs damit seinem Bau
+zuwanderte, zündete der Hase es flink an. Da das Bündel recht fest auf
+den Rücken gebunden war, was der Hase absichtlich getan hatte, so fiel
+es nicht eher herunter, als bis die Schnur, womit es befestigt war,
+durchgebrannt war, natürlich war auch der Rücken des Dachses arg
+verbrannt. Scheinbar hilfsbereit, sagte der Hase: »Jammere doch nicht,
+wie ein altes Weib. Ich habe eine gute Salbe gegen Brandwunden, halte
+still und laß dich einreiben!«
+
+Der Dachs biß die Zähne zusammen und der Hase machte sich daran, den
+verbrannten Rücken mit dem mit rotem Pfeffer gemischten Miso
+einzuschmieren.
+
+Daß er dabei nicht sanft verfuhr, kann man sich denken, ebenso, daß
+der Dachs seinen Schmerz nicht mehr verbeißen konnte und furchtbar zu
+heulen anfing, als Miso und Pfeffer in seinen Wunden zu wirken
+begannen.
+
+Er erlitt höllische Schmerzen und schleppte sich mühselig in seinen
+Bau, wo er unter Weh und Ach auf seinem Lager zusammenbrach. »Hättest
+du früher gewinselt, ginge es dir heute nicht _so_ schlecht!« rief ihm
+der Hase zu, als er ihn verließ, um zu dem alten Manne zu eilen und
+diesem von der Bestrafung des Bösewichts Mitteilung zu machen.
+
+Der Mann aber, der inzwischen seine Frau begraben hatte, war mit
+dieser Bestrafung nicht zufrieden, er verlangte den Tod des Dachses
+als Sühne, denn er befürchtete mit Recht, daß, wenn dieser wieder
+gesund sei, er noch weitere Rache nehmen würde. Dem Hasen leuchtete
+dies ein und er machte einen anderen Plan, um den Dachs ums Leben zu
+bringen: Er baute also zwei Boote, ein kleines aus Holz und ein
+größeres aus Ton. Nachdem diese fertig waren, besuchte er den Dachs um
+zu sehen, wie es ihm gehe. Bei diesem war inzwischen die Wunde etwas
+geheilt, aber er litt furchtbaren Hunger, hatte er doch während seines
+Krankseins nichts zu sich genommen. Als er den Hasen erblickte, freute
+er sich, denn er glaubte wirklich, daß ihm die schreckliche Salbe
+geholfen habe; er bat ihn, doch etwas zum essen zu besorgen. Der Hase
+aber erwiderte: »Ich habe leider nichts hier, aber im Flusse sah ich
+einige wundervolle Fische, komm mit, die wollen wir uns fangen.«
+Obgleich der Dachs vor Hunger und Schwäche kaum gehen konnte,
+schleppte er sich doch bis zum Flußufer, wo die beiden Boote lagen.
+Der Hase fragte: »Welches willst du nehmen?« »Natürlich das große,«
+entschied der Dachs, »ich bin einmal der Vornehmere und dann auch
+schwerer als du, da würde mich das kleine Boot nicht tragen!«
+
+Damit kletterte er auch schon in das Tonboot, während der Hase,
+zufrieden mit seiner List, in das kleine hölzerne Boot sprang.
+
+Sie ruderten nun beide bis in die Mitte des Flusses, doch ließ sich
+kein Fisch sehen, worüber der Dachs recht zornig wurde.
+
+»Dort ist einer!« rief der Hase plötzlich. Als der Dachs sich
+umwendete um nach dem Fische zu schauen, da nahm der Hase sein Ruder
+und tat einen kräftigen Schlag nach dem andern Boote, das natürlich
+sofort in Stücke sprang. Der Dachs fiel laut aufschreiend ins Wasser
+und wollte sich durch Schwimmen retten. Aber der Hase war in seinem
+Boote schnell hinter ihm her und hieb mit dem Ruder auf ihn ein, bei
+jedem Schlage ausrufend: »Das ist für die ermordete alte Frau, das ist
+für die ermordete alte Frau!«
+
+So schlug er solange auf den Dachs ein, bis dieser wirklich ganz tot
+war und von einigen großen Fischen, die gerade vorbeikamen,
+aufgefressen wurde.
+
+Nun war der Hase fröhlich und guter Dinge, fuhr ans Ufer zurück und
+eilte zu seinem alten Freunde um ihm die Freudenbotschaft zu bringen.
+
+»Der Dachs ist tot, der Dachs ist tot. Deine Frau ist gerächt!« rief
+er schon von weitem und erzählte, im Hause des alten Mannes
+angekommen, diesem, wie er den Dachs aufs Wasser gelockt, wie er das
+Boot zerschlagen und endlich den Bösewicht getötet habe, der nachher
+von den Fischen gefressen wurde. Da wurde der Mann, der bisher immer
+noch Furcht hatte, daß der Dachs auch ihm und dem Hasen ein Leid
+zufügen werde, wieder frohen Herzens. Er lud den Hasen ein mit an das
+Grab seiner Frau zu kommen.
+
+Als beide am Grabe standen, rief der Mann, gleich als wenn seine Frau
+noch lebe:
+
+»Liebe Frau! Du bist jetzt gerächt. Der Dachs, unser Widersacher ist
+tot, getötet von meinem Freund, dem weißen Hasen, hier neben mir. Wir
+können jetzt ohne Sorge sein, der Bösewicht wird uns nicht mehr
+schaden!«
+
+Nachdem er dies gesagt hatte, machte er drei tiefe Verbeugungen[3] und
+ging mit dem Hasen in das Haus zurück. Hier bereitete er diesem ein
+Essen, so gut er es konnte und es hatte, um seine Dankbarkeit zu
+beweisen.
+
+Er lud den Hasen ein doch bei ihm zu bleiben und in seinem Hause zu
+wohnen, aber der Hase schlug dies dankend aus. Er sagte, er könne
+nicht schlafen in einem Raume, der ein Dach habe. Er könne nur
+schlafen im Freien unter dem Dache des Himmels.
+
+So mußte sich der alte Mann zufrieden geben und in seinem Hause allein
+wohnen, aber er blieb nur wenig im Hause, den ganzen Tag ging er in
+den Wald und unterhielt sich mit dem Hasen; sie sprachen über alle
+möglichen Dinge, ihr Hauptgespräch aber bildete der Dachs, der durch
+seinen Neid und seine Feindschaft sich selbst ums Leben gebracht habe.
+War das Wetter schlecht, so besuchte der Hase den Mann im Hause und
+brachte ihm stets schöne Früchte mit.
+
+So lebten beide in Ruhe und Frieden, in Eintracht und Freundschaft
+noch viele, viele Jahre. Wann sie gestorben sind, weiß man nicht; aber
+der weiße Hase hatte diese Geschichte seinen Verwandten erzählt, und
+diese sie wieder den ihren und so weiter bis auf den heutigen Tag,
+wo sie niedergeschrieben und gedruckt wurde, damit sie nie vergessen
+werde und sich ein Jeder erinnere, daß man sich selbst straft, wenn
+man mißgünstig die Freundschaft anderer stören will.
+
+
+ [Anmerkung 1: In den japanischen Familien ist es noch vielfach
+ Sitte, daß der Mann allein ißt und von seiner Frau bedient wird.
+ Sind Kinder vorhanden, so ißt der Mann mit den Söhnen zuerst, die
+ Frau mit den Töchtern später.]
+
+ [Anmerkung 2: Miso = Aus Bohnen, Hefe und Salz bereitete dickliche
+ Brühe.]
+
+ [Anmerkung 3: Japanische Sitte. In Japan wird jedes
+ Familienereignis, Geburt, Verlobung, Hochzeit, Tod etc. den Ahnen
+ der Familie verkündet.]
+
+ [Verzierung]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Schlauheit schützt nicht vor Täuschung.
+
+
+Im japanischen Meere lebt ein giftiger Fisch, der den Namen Fugu[1]
+hat. Einen solchen Fisch hatte einst ein Mann gefangen und sich
+zubereitet. Schließlich kamen ihm aber doch Bedenken und er warf
+zunächst ein Stückchen seiner Katze hin. Diese ergriff es und eilte
+damit davon. Der Mann lief ihr nach um zu sehen, ob es ihr etwas
+schade. Die Katze aber war unter einen Holzhaufen gekrochen und kam
+nach einem Weilchen wieder ganz munter hervor.
+
+Nun dachte der Mann, daß die Katze das Stück Fisch ohne Schaden zu
+sich genommen habe. Wenn ein so schlaues Tier, wie eine Katze, einen
+Fisch, der für giftig gehalten wird, nicht verabscheue, sondern
+unbedenklich verzehre, dann könne er es auch tun; er setzte sich hin
+und aß mit großem Behagen das Fischgericht. Die Katze aber war
+wirklich ein schlaues Tier; denn auch ihr waren Bedenken gekommen und
+sie hatte deshalb das Stück Fisch vorläufig versteckt um erst zu
+sehen, ob ihr Herr vom Fische genieße. Als sie nun sah, daß er ihn mit
+gutem Appetit verzehrte, da lief auch sie zurück und ließ es sich
+schmecken. Aber die Folgen blieben nicht aus. Das Gift fing bald an zu
+wirken und Herr und Katze starben unter großen Qualen. So sieht man,
+wie sich selbst der Schlaueste manchmal täuschen läßt.
+
+
+ [Anmerkung 1: Fugu, ein stachlicher Fisch zur Gattung der
+ Tetrodon gehörig; das Fleisch dieses Fisches ist giftig und
+ daher ungenießbar. Er wird nur gefangen um als Düngemittel
+ verwendet zu werden.]
+
+ [Verzierung]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Der bedächtige Reiher.
+
+
+Ein Reiher spazierte am frühen Morgen im Teiche gravitätisch auf und
+ab; er hatte Hunger und suchte sich Beute. Da sah er plötzlich einen
+zierlichen Aal sich durch das klare Wasser schlängeln; auch ein
+munteres Fischlein kam herbeigeschwommen und endlich hüpfte ein Frosch
+auf ein großes Lotosblatt und stimmte seinen Morgengesang an.
+
+»Hei!« dachte der Reiher, »das ist reiche Beute! Aber welchen von den
+dreien nehme ich zuerst?«
+
+Nachdenkend neigte er seinen Kopf, aber während er überlegte, hatten
+die drei Tierlein ihren gefährlichen Feind erblickt.
+
+Der Frosch war mit einem Satz im Wasser verschwunden; das Fischlein
+tauchte schnell unter und schwamm davon und der Aal verkroch sich im
+tiefsten Schlamm.
+
+Da stand nun der Reiher, als er sich entschieden hatte, wieder einsam,
+die sichere Beute war verschwunden und neue wollte sich nicht zeigen.
+Er steht noch heute nachdenklich im Teiche und wartet noch immer.
+So geht es allen zu Bedächtigen, die über dem Überlegen das Handeln
+vergessen.
+
+ [Abbildung]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Belohnte Kindesliebe.
+
+
+Vor ungefähr zweihundert Jahren lebte in der zwischen Inaba und Harima
+gelegenen Provinz Mino nahe beim Städtchen Tarni ein Holzhacker, der
+nur einen Sohn hatte. Beide waren sehr arm und mußten täglich ins
+Gebirge, um durch Holzhauen ihr Brot mühsam und spärlich zu verdienen.
+Solange beide gesund und kräftig waren, gelang es ihnen auch ihren
+Lebensunterhalt zu gewinnen. Aber der Vater wurde immer älter und
+immer steifer und ungelenkiger wurden seine Glieder, sodaß schließlich
+der Sohn allein in den Wald gehen mußte, während der Alte daheim
+blieb. Dem jungen Manne machte dies keine große Sorge; kräftig und
+rüstig, wie er war, arbeitete er umso fleißiger und war glücklich,
+wenn er außer der täglichen Nahrung noch einige Sen[1] mehr verdient
+hatte, um seinem alten Vater ein Fläschchen Sake[2] kaufen zu können,
+den dieser leidenschaftlich gern trank und der ihm auch wohltat und
+ihn kräftigte.
+
+Nun kam aber einmal ein sehr kalter Winter und der Schnee bedeckte bis
+spät in den Frühling Feld und Flur und machte die Wege ungangbar,
+sodaß der junge Holzhauer nur einen kärglichen Verdienst fand und
+daher oftmals seinem Vater nicht den gewohnten Sake kaufen konnte.
+Darüber war er natürlich sehr traurig und betete oft zu den Göttern,
+sie möchten doch dem harten Winter ein Ende machen oder ihm anderweit
+Hilfe senden. Eines Tages hatte er wieder nur eine ganz kleine Last
+Holz in die Stadt bringen können, und der Erlös reichte nicht einmal
+zu dem Nötigsten, geschweige denn zu einem Fläschchen Sake für den
+Vater. Obgleich ihm der Sakehändler gern auf Borg gegeben hätte,
+wollte der junge Mann davon nichts wissen, denn er gedachte des
+Sprichworts: »Schulden sind schlimmer als Motten im Pelz!«[3]
+
+So ging er denn betrübt heim und dachte während seines Weges nur
+darüber nach, wie er seinem Vater eine Stärkung verschaffen könnte.
+Am Fuße des Tagiyama angekommen, hockte er sich nieder um ein Weilchen
+auszuruhen, aber auch hier fand er keine Ruhe vor seinen Sorgen und so
+wandte er sich wieder in inbrünstigem Gebete zu den Göttern.
+
+Da hörte er plötzlich ein seltsames Rauschen, Dampf stieg an der Seite
+des Berges auf und ein eigentümlicher Geruch, fast wie erwärmter Sake,
+erfüllte die Luft. Schnell war die Müdigkeit des jungen Mannes
+verschwunden, er sprang auf und eilte zur Stelle, wo der leichte Dampf
+aufstieg.
+
+Was erblickte er da? Welches Wunder sahen seine Augen?
+
+Dort, wo stets eine kahle Felsenstelle war, sprang jetzt ein munterer
+Quell hervor und hüpfte in lustigen Sprüngen dem Tale zu. Der junge
+Mann schöpfte in der hohlen Hand etwas Wasser, das warm war, und
+kostete es. Welch' eigentümlicher Geschmack! So etwas hatte er noch
+nie getrunken. »Das ist ein Geschenk von Euch, o Götter!« rief er aus
+und füllte, nachdem er ein Dankgebet verrichtet hatte, seine
+Reiseflasche mit dem kostbaren Naß.
+
+Frohgemut und seiner Sorge ledig, eilte er nun seinem Heime zu, wo er
+seinem Vater den wundervollen Trank verabreichte. Es war aber auch
+wirklich ein Wundertrank, denn der alte Mann fühlte neue Kräfte in
+seinen Körper einziehen; ja, am nächsten Tage fühlte er sich schon so
+weit gekräftigt, daß er aufstehen und, auf seinen Sohn gestützt, zur
+Quelle wandern konnte. »Sollte diese Gabe der Götter nur zum Trinken
+sein?« fragte sich der Sohn und riet seinem Vater in dem warmen Wasser
+ein Bad zu nehmen, was dieser auch tat. Er merkte, daß nach dem Bade
+seine Gliederschmerzen nachließen.
+
+Tagtäglich wanderten nun beide zu dem wunderbaren Quell und nach
+kurzer Zeit war der Alte so weit hergestellt, daß er seinen Sohn
+wieder in den Wald begleiten und bei seinem Tagwerke helfen konnte;
+infolgedessen waren beide von aller Sorge befreit und konnten
+zufrieden und glücklich leben.
+
+Die Kunde von dieser wunderbaren Heilung verbreitete sich natürlich
+schnell und von fern und nah eilten Kranke und Gebrechliche herbei um
+Heilung ihrer Leiden zu suchen und zu finden. Selbst dem Kaiser wurde
+von dieser Heilquelle berichtet, der, nachdem er sich von der
+Richtigkeit überzeugt hatte, ihr den Namen Yoro[4] geben ließ, ja,
+er nannte sogar die Zeitepoche von der Entstehung der Quelle
+»Yoro-Zeit.«[5]
+
+Die Quelle -- eine Mineralquelle -- hat ihre Heilkraft bis auf den
+heutigen Tag behalten.[6]
+
+
+ [Anmerkung 1: Japanische Kupfermünze heutiger Währung = 2 Pfg.]
+
+ [Anmerkung 2: Reiswein.]
+
+ [Anmerkung 3: Japanisches Sprichwort. Es ähnelt dem deutschen
+ »Borgen macht Sorgen!«]
+
+ [Anmerkung 4: Yo = Kraft, Stärke, Pflege, ro = das Alter, Yoro
+ = Kräftigung oder Pflege des Alters.]
+
+ [Anmerkung 5: Wie in China ist es auch in Japan Sitte, die
+ Jahreszahl nicht ununterbrochen fortlaufend zu führen, sondern in
+ Zeitepochen, von irgend einem besonderen Ereignis abgeleitet. So
+ haben die Japaner jetzt nicht 1912 sondern das Jahr »45 Meiji«,
+ d.h. »Aera des wahren Friedens«.]
+
+ [Anmerkung 6: Der vollständige Name der Quelle ist: Yoronotaki
+ auch Yorogataki, taki = Wasserfall, Yoro siehe oben.]
+
+
+[Buntbild]
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Der bestrafte Tierquäler.
+
+
+In Yedo[1] lebte vor Jahren ein Schirmmacher, dessen Verdienst sehr
+gering war, sodaß er mit Not und Sorgen zu kämpfen hatte. Auf einem
+Jahrmarkt sah er einmal in einer Bude einen Tiger ausgestellt und als
+er beobachtete, wie sich alles Volk in diese Bude drängte und der
+Besitzer eine gute Einnahme hatte, kam er auf den Gedanken gleichfalls
+auf den Märkten einen Tiger auszustellen.
+
+Wo aber einen Tiger hernehmen? In Japan gab es keine, zum Kaufen hatte
+er kein Geld. Er wußte sich jedoch zu helfen. In einem Laden hatte er
+ein Tigerfell gesehen, dies erhandelte er; dann nahm er ein Kalb und
+nähte dieses in das Tigerfell. Damit es aber durch sein Blöken seine
+wahre Gestalt nicht verrate, band er dem Tiere das Maul zu.
+
+Nun zog er auf die Messen und Märkte und hatte großen Zulauf, denn
+solch einen zahmen und friedfertigen Tiger hatte noch niemand gesehen.
+
+Da der Verkehr in seiner Bude vom frühen Morgen bis zum späten Abend
+kein Ende nahm, er aber auch durch eine Pause seine Einnahmen nicht
+schmälern wollte, so fand er keine Zeit und Gelegenheit das arme Kalb
+zu füttern oder zu tränken, sodaß dasselbe nach einigen Tagen zu
+Grunde ging.
+
+Da kaufte er sich ein anderes Kalb und so weiter, bis er wohl an zehn
+Kälber seiner Geldgier geopfert hatte. Doch die Götter schlafen nicht
+und rächen jede Unbill, die ihren Geschöpfen zugefügt wird.
+
+Eines Tages wurde der Mann krank, er verlor seine Sprache und nur ein
+klägliches Blöken ertönte, wenn er sprechen wollte. Dann ergriff ihn
+der Wahnsinn; er riß seine Kleider vom Leibe, umhüllte sich mit dem
+Tigerfell und eilte in komischen Sprüngen und unter fortwährendem
+Blöken auf die Straße. Hier diente er der Jugend zum Spott, die ihn
+mit Steinen und Unrat bewarf. So trieb er es drei Tage lang, er konnte
+weder essen noch trinken und starb endlich eines elenden Todes.
+
+Das war die Strafe der Götter für seine Tierquälerei.
+
+
+ [Anmerkung 1: Das heutige Tokyo.]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Rai-taro[1].
+
+
+Raiden, auch Rai-jin, der Donnergott, genießt in Japan große
+Verehrung; er ist aber sehr gefürchtet, wenn er in Begleitung von
+Futen, dem Sturmgeist, auftritt; denn dann tobt und heult er in den
+Bergen und in den Schluchten; dann kracht es in den Wäldern und die
+Sonne versteckt sich vor dem wütenden Heer der Sturm- und
+Donnergeister. Allen voran stürmt hoch oben in den Lüften, umgeben von
+schwarzen Wolken, Futen heran, ein behaartes grausiges Ungeheuer mit
+krallenbewehrten Händen und Füßen. Zwei große lange Hauer ragen aus
+seinem Maule, eine glatte Nase, stumpfe, kurze Ohren und tückisch
+blitzende Augen vervollständigen die schreckenerregende Gestalt dieses
+Unholds. Diesem folgt, ihm an Gestalt und Aussehen gleich, Raiden, der
+fünf Trommeln mit sich führt, auf die er mit einer großen Keule
+schlägt; zwischendurch wirft er die feurige Donnerkatze, die überall,
+wo sie hinfällt, Unheil anrichtet. Mit ihren glühenden Krallen
+zerschmettert sie Berge und zündet Bäume und Häuser an, sengt Menschen
+und Vieh zu Tode oder zeichnet sie für Lebenszeit. Futen trägt quer
+über den Schultern einen Sack, der vier Öffnungen hat und in dem die
+Winde stecken. Hält er den Sack geschlossen, dann herrscht Windstille
+auf Erden; aber die Schiffer auf dem Meere bitten ihn doch den Sack
+ein klein wenig zu öffnen, auf daß sie gute Fahrt haben. Macht Futen
+eine Öffnung ganz auf, dann bricht ein Gewittersturm heraus; wehe,
+dreimal wehe aber, wenn er den Sack an zwei Stellen öffnet, denn dann
+kommt ein Wirbelsturm daher, der alles in seinen Bereich Kommende
+vernichtet. Einen solchen Sturm nennt man in Japan »Tai-fu« -- großer
+Wind -- Orkan. -- Und nun will ich einmal von diesen beiden Unholden
+ein Stücklein erzählen, aus dem man ersehen kann, daß sie nicht immer
+so böswillige Gesellen sind, als sie scheinen.
+
+Hoch oben an der Nordwestküste Japans, im Nordosten vom Biwasee, ragt
+das ewig weiße Haupt eines der höchsten Berge Japans stolz empor. Es
+ist der Hakusan[2] auch »Shirayama« genannt.
+
+Am Fuße dieses Berges wohnte vor Zeiten ein armer Bauer, namens
+Bimbo[3], er trug also seinen Namen mit Recht. Dieser Bauer hatte sich
+zeitlebens schwer geplagt, konnte es aber nie zum Wohlstand oder
+sorgenfreien Leben bringen, denn sein kleiner Acker befand sich hoch
+in einer Einbuchtung des Berges und die Ernte hing allein vom Wetter
+ab, da ihm jede andere Wasserzufuhr mangelte. Mit vieler Mühe hatte er
+mit seinem Weibe jahraus, jahrein das Feld bestellt, doch der
+Erntesegen blieb oft aus.
+
+ [Abbildung]
+
+Auch in diesem Jahre, da diese Geschichte beginnt, hatte er große
+Sorgen, denn Tag für Tag sandte die Sonne ihre verzehrenden Strahlen
+auf das Reisfeld des armen Bimbo. Kein regenspendendes Wölkchen ließ
+sich blicken, kein Windhauch regte sich und die noch nicht reifen
+Reisähren hingen schlaff herab.
+
+Bimbo und sein Weib seufzten schwer und bang und fragten sich oft,
+warum der Himmel ihnen zürne. Alles schlage ihnen zum Unheil aus.
+Selbst das höchste Glück des Menschen, der größte Segen der Götter,
+ein Kind, war ihnen bisher versagt geblieben, obgleich sie oft
+inbrünstig darum gebeten hatten. Jetzt waren sie schon betagt und
+hatten jede Hoffnung aufgegeben, ihren Lebensabend durch Kinder
+verschönt zu sehen; sie hatten sich darein ergeben, ein einsames Alter
+in Sorgen und Not zu haben; denn auch jetzt wieder schien die Ernte
+durch den heißen, trocknen Sommer vernichtet zu werden.
+
+Sehnsüchtig und flehend sahen die beiden Leutchen nach dem Wetter aus,
+ob sich denn nirgends ein Lüftchen rege und den segenspendenden Regen
+bringe. Doch nichts, nichts! Der Himmel blieb klar und wolkenlos und
+betrübt wollten die beiden nach Hause gehen, als sich fern am
+Horizonte ein leichter Schleier zeigte.
+
+»Wind -- Sturm!« rief der Bauer freudig aus, »das bringt Regen!«
+
+Er hatte sich nicht getäuscht.
+
+Näher und näher wehte der Schleier, er zerriß in viele Fetzen, die
+sich zu dunkeln Wolken formten, sich näherten und endlich zu einer
+dichten Wolkenwand zusammenballten. Da kam es heran, zuerst ein leises
+Raunen, dann ein Flüstern in den Zweigen. Scheu verkrochen sich die
+Vögel und die Sänger des Waldes verstummten, nur krächzende Raben und
+Sturmvögel durchkreisten die Luft. Jetzt zischte und pfiff es zwischen
+den Bäumen, die angstvoll und bebend ihre Häupter senkten. Nun ging es
+los das Stöhnen, Knattern, Rasseln, Fauchen, Heulen und Dröhnen und
+wie ein Heer wilder Rachegeister raste der Sturm heran. Bimbo und sein
+Weib achteten nicht des furchtbaren Unwetters; ihr Herz war voller
+Freude, denn dieser Sturm bedeutete für sie Segen; Segen nicht nur der
+Ernte, sondern noch einen andern Segen, den sie nicht erwarteten.
+
+[Buntbild]
+
+Nach dem ersten Anprall des Sturmes ergoß sich das kostbare Naß des
+Himmels auf die lechzenden Fluren und tränkte die ausgedörrte Mutter
+Erde. Bimbo sah dies alles mit Entzücken und drückte zufrieden die
+Hand seines Weibes. Da fuhr plötzlich ein blendender Blitzstrahl
+zwischen ihnen zur Erde und blendete ihnen die Augen, während ein
+furchtbarer Donnerschlag ertönte, sodaß beide betäubt niedersanken.
+Als sie aus ihrer Betäubung erwachten, hatte sich das Unwetter
+verzogen und die Sonne lachte wieder auf die erquickte, prangende Flur
+hernieder. Aber Bimbo und seine Frau waren nicht mehr allein, denn zu
+ihrem größten Erstaunen lag neben ihnen ein hübsches Kindlein, ein
+Knabe, genau an der Stelle, wo der Blitz in den Erdboden gefahren war.
+Es lächelte gar lieblich und freundlich und streckte seine rosigen
+Ärmchen den beiden hochbeglückten Alten entgegen.
+
+Schnell hob Bimbo das Kindlein vom nassen Erdboden auf und barg es
+schützend unter seinem Strohmantel[4]; dann eilte er mit seiner Frau
+heim und bereitete dem Kinde ein warmes Lager.
+
+Jetzt war bei den beiden Alten Freude eingekehrt und ihr langjähriger
+Wunsch erfüllt. Endlich hatten sie ein Kindlein, hatten etwas, für das
+sie sorgen und an das sie all ihre Liebe verschwenden konnten.
+
+Wie sollte der Name sein?
+
+Darüber war Bimbo nicht im Zweifel.
+
+»Das Kind hat uns Raiden geschenkt«, sagte er zu seiner Frau; »deshalb
+wollen wir es Raitaro nennen!«
+
+Und so geschah es.
+
+Der Knabe wuchs heran zur Freude seiner Eltern, doch war er ganz
+anders geartet als die andern Kinder des Dorfes. Er fand kein
+Vergnügen daran mit den andern Kindern herumzutollen oder an ihren
+Spielen teilzunehmen. Am liebsten begleitete er seinen Vater auf das
+Feld oder tummelte sich allein im Walde umher oder lag oft stundenlang
+auf dem Rücken und verfolgte den Lauf der Winde und den Flug der
+Vögel. Ein Unwetter versetzte ihn in Entzücken und beim Rollen des
+Donners brach er in ein lautes Jauchzen aus.
+
+Hatten so die alten Leute ihre Freude an dem Kinde, brachte dieses
+ihnen auch Segen und hielt jedes Unheil fern. Die Felder gaben
+reichliche Ernte, keine Dürre und kein übermäßiger Regen vernichtete
+mehr die Frucht mühevoller Arbeit, und alles gedieh Bimbo zum Besten,
+so daß er es bald zu einem gewissen Wohlstand brachte.
+
+Achtzehn Jahre waren schließlich dahin gerollt; man feierte den Tag
+der Auffindung Raitaros durch ein festliches Gelage, mit Sang und
+fröhlichen Worten. Raitaro aber blieb still und in sich gekehrt und
+vergeblich war die Mühe seiner Eltern ihn aufzuheitern. Als der Abend
+nahte und die Dämmerung hereinbrach, erhob sich Raitaro und dankte
+seinen Eltern für alles Gute, das sie ihm erwiesen hatten. »Meine Zeit
+ist um«, sagte er zuletzt, »meine Absicht euch zu nützen ist gelungen,
+auch in Zukunft werde ich über euch wachen. Lebt wohl!«
+
+Während dieser Worte hatte sich eine dunkle Wolke genähert und senkte
+sich nun langsam auf Raitaro nieder, ihn vollständig einhüllend; dann
+erhob sie sich wieder und verschwand eilends in unermeßlicher Höhe;
+der Platz aber, wo Raitaro gestanden hatte, war leer.
+
+Bimbo und seine Frau waren ganz bestürzt und traurig und konnten es
+gar nicht begreifen, daß sie nun in ihren alten Tagen doch einsam sein
+sollten; da sie jetzt aber keine Not zu leiden brauchten und
+sorgenfrei leben konnten, so wurde der Trennungsschmerz gemildert und
+in stiller Wehmut fügten sie sich in das Unabänderliche. Sie lebten
+noch viele Jahre und starben endlich beide hochbetagt zur gleichen
+Stunde. Auf ihr Grab wurde ein Stein gesetzt, auf dem die Geschichte
+Raitaro's erzählt und dieser selbst in Gestalt eines fliegenden
+Drachen abgebildet wurde. Dieser Stein ist noch heute vorhanden, doch
+hüllt ihn eine vielhundertjährige Moosdecke ein. Wer sich aber Mühe
+gibt, kann aus den verwitterten Schriftzeichen die Geschichte von
+Raitaro, dem Donnersohne, entziffern, so wie ich sie hier
+wiedererzählt habe.
+
+
+ [Anmerkung 1: Rai = Donner, taro = Sohn, = Sohn des Donners,
+ Donnersohn.]
+
+ [Anmerkung 2: Sprich: Haksan = Haku = weiß; auch Shiro = weiß.
+ Also »weißer Berg.« Er ist ein seit 1554 erloschener Vulkan und
+ 2720 m hoch. Die Schneehöhe auf diesem Berge ist im Winter enorm,
+ man hat schon bei 800 Meter Höhe eine Schneehöhe von 6 bis 7 Meter
+ gefunden, sodaß eine Besteigung des Berges über einen Kilometer
+ hinauf im Winter undurchführbar war.]
+
+ [Anmerkung 3: Bimbo = arm.]
+
+ [Anmerkung 4: Die Bauern, Schiffer usw. tragen auch heute noch
+ bei Regenwetter einen Mantel aus Stroh, in der Regel Reisstroh,
+ gefertigt, der warm hält und den Regen nicht durchläßt. Ein
+ solcher Mantel hat die Form einer Pellerine und ist ½ bis ¾ Meter
+ lang.]
+
+ [Verzierung]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Hotaru.[1]
+
+
+In einer Lotosblüte, die in einem großen Teiche stand, wohnte eine
+Johanniswürmchen-Familie: Vater, Mutter und Tochter.
+
+Die letztere, »Klein-Hotaru« genannt, war ein gar liebliches Geschöpf.
+Wenn der Abend mild und schön war, ging sie auf dem großen Lotosblatte
+spazieren, das für sie ein herrlicher Garten war.
+
+Oft lauschte sie dem Konzert der Frösche, die im gleichen Teiche
+wohnten. War es dunkel, so zündete sie ihr Laternchen an; dieses
+strahlte ein so himmlisch schimmerndes Licht aus, daß selbst der Mond
+sich beschämt verstecken mußte.
+
+Da Klein-Hotaru nun so ein liebes Ding war, konnte es nicht
+ausbleiben, daß sie bald von Freiern umschwärmt wurde. Tagsüber nahte
+sich ihr niemand; aber auch des Abends, wenn sie träumend im Dunkeln
+saß, blieb sie allein, denn dann konnte sie keiner ihrer zahlreichen
+Freier erblicken. Hatte sie aber ihr Laternchen angezündet, dann gab
+es ein munteres Treiben; dann summte, brummte und zirpte es; dann
+flatterte, schwirrte und surrte es; dann kamen sie alle, die die
+schöne Hotaru zur Frau begehrten. Da waren Falter, Käfer, Bienen,
+Fliegen, kurz jedes fliegende Insekt war vertreten und zeigte seine
+Künste, um Gnade vor Hotaru's Augen zu finden. Diese aber blieb
+unnahbar; zwar erfreute es sie und sie war stolz, so umschwärmt zu
+werden; auch machte ihr das Treiben all der Tierlein anfänglich großen
+Spaß, endlich aber wurde ihr diese fortwährende Zudringlichkeit
+lästig, hatte sie doch nicht ein einziges Stündchen mehr für sich,
+in dem sie sich ungestört ihren Träumereien hingeben konnte, und sie
+beschloß sich all der Freier zu entledigen.
+
+Deshalb sagte sie zu ihnen:
+
+»Ich will gern einen von Euch freien, aber wer mein Gemahl werden
+will, muß mir ein Licht bringen, das mindestens ebenso leuchtet wie
+das meine!« Alle hörten diese Entscheidung und machten sich schnell
+auf den Weg ein solches Licht zu suchen und herbeizuschaffen. Ein
+jeder wollte der erste sein, um Hotaru sicher zu erringen.
+
+Das gab nun im ersten Augenblick ein fürchterliches Gedränge, umsomehr
+als Hotaru ihr Laternchen verlöscht hatte. Manchem Falter wurde ein
+Flügel zerknickt, manches Käferlein fiel in den Teich und wurde von
+einem Frosche verschluckt, Beinchen und Fühlhörner gingen verloren,
+kurz, es war ein unbeschreiblicher Wirrwarr, der aber auch schließlich
+ein Ende nahm wie alle Dinge auf dieser Welt.
+
+Dann zog ein jedes seinem Ziele zu; überall, wo ein Lichtschein zu
+erblicken war, flogen auch die Freier heran. Der Nachtfalter war der
+erste, der zum Opfer fiel. Er flog durch ein offenes Fenster in ein
+Zimmer, wo ein Gelehrter beim Lampenschein über seinen Büchern saß,
+stieß und verbrannte sich sein Köpfchen an dem heißen Lampenzylinder.
+Trotz der Schmerzen gab er seine Versuche zur Flamme zu kommen nicht
+auf und war auch endlich durch ein Luftloch des Brenners gekrochen;
+aber, o weh! die Flamme versengte seine Flügel und zisch -- zisch --
+der Falter war tot.
+
+So ging es Tausenden der Freier; der eine stürzte in die Glut des
+Kohlenbeckens, ein anderer in die Flamme einer Kerze, andere flogen
+sogar den Menschen in die Augen und wurden getötet. Aber immer neue
+Scharen durchschwirrten die Luft, um ein Lichtlein zu erhaschen und
+Hotaru heimführen zu können.
+
+Von all dem erfuhr auch Hitaro[2] und dachte bei sich, wenn so viele
+Freier um Hotaru zu erlangen, ihr Leben wagen und es lassen, dann muß
+sie sehr schön sein. Deshalb machte er sich eines Abends auf den Weg
+um Hotaru zu sehen. Seine Wohnung war nur acht Lotosblüten entfernt
+von der Hotarus. Als er Hotaru erblickt hatte, da war er so entzückt,
+daß er schleunigst heimkehrte und zu Hotarus Eltern den Vermittler
+schickte, der um ihre Hand anhalten mußte[3] und sie auch zugesagt
+erhielt, umsomehr, als er die Bedingung Hotarus erfüllen konnte, denn
+er hatte ja ein ebenso liebliches Lichtlein wie sie selbst und war
+überdies ein schmucker Bursche. Nachdem so alles in Ordnung war, wurde
+die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert. Sie lebten glücklich und
+zufrieden bis an ihr Ende und hinterließen eine zahlreiche
+Nachkommenschaft. Die Bedingung aber, daß ein jeder, der eines dieser
+Johanniswürmchen freien wollte, ein Lichtlein mitbringen müsse, wurde
+hoch in Ehren gehalten und galt von nun an als Familiengesetz.
+
+Deshalb sagt man, wenn des Abends die Insekten um das Licht schwirren
+und sich die Flügel verbrennen: »Das war Hotarus Freier« oder auch:
+»Johanniswürmchen hat die Freier ausgeschickt.«
+
+
+ [Anmerkung 1: Hotaru = Johanniswürmchen.]
+
+ [Anmerkung 2: Hitaro = Hi = Feuer, taro = Sohn = Feuersohn
+ = Leuchtkäfer.]
+
+ [Anmerkung 3: Japanische Sitte erfordert, daß die Brautwerbung
+ durch einen dritten -- Vermittler -- erfolgt. Unschicklich wäre
+ es, wollte der Freier es selbst tun.]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Horaisan.[1]
+
+
+Auf den Inseln des ewigen Lebens, Horaisan genannt, herrscht ewiges
+Glück und ewiger Frieden, dort gibt es weder Schmerz noch Krankheit
+noch Tod, weder Leiden noch Unfrieden, dort herrscht ewiger Frühling
+und ewige Pracht; kein Sturm, kein Winter vernichtet die in ewiger
+Schönheit prangende Natur.
+
+Deshalb ist es kein Wunder, daß die Menschen sich nach diesem Lande
+sehnen und nichts unversucht lassen es zu finden. Doch ist es noch
+keinem Menschen, der in der Absicht auszog jenes wunderbare Land zu
+suchen, gelungen, es zu finden, denn eine lange, lange Seereise trennt
+es von allen bekannten Ländern; aber niemand weiß die Richtung, in der
+er ziehen muß, um es zu finden; niemand kennt die Lage des
+hochgelobten Landes, nur die Schwalben und Sommervögel, die im Winter
+Japan verlassen, kennen die glückseligen Inseln und ziehen dorthin,
+wenn der Wintersturm Japan durchbraust. Wer aber reinen Herzens ist
+und nicht in der Absicht auszieht, sich dem Kampfe des Lebens zu
+entziehen, wer nicht beabsichtigt in Frieden und Glück zu leben, ohne
+vorher seine Pflichten gegen Gott und Menschen zu erfüllen, dem kann
+es geschehen, daß ihn ein günstiger von den Göttern gesandter Wind zu
+den ewig grünen Inseln führt, doch nimmer kehrt er dann zurück, denn
+gestillt ist all sein Sehnen und ein jeder Wunsch befriedigt.
+
+Vor langen, langen Jahren, so berichtet uns der japanische
+Geschichtenerzähler, schenkten die Götter einigen Auserwählten das
+große Glück, Horaisan zu finden; aber nur einer namens Wasobiowo
+kehrte zurück und brachte Kunde von diesem glückseligen Lande, ja,
+es gelang ihm sogar eine Frucht von dort mitzubringen, nämlich die
+Orange, die vordem in Japan ganz unbekannt war, heute aber dank der
+von Wasobiowo mitgebrachten ersten Frucht auch hier heimisch ist.
+
+Es wird erzählt, daß einst in China ein grausamer Kaiser regierte,
+herrschsüchtig und unduldsam, sodaß niemand, der etwas konnte oder
+verstand, seines Lebens sicher war; denn er allein wollte der einzige
+sein, in allem vollkommen. Wer mehr konnte als er, den ließ er
+beseitigen. Dieser Kaiser hatte auch wie alle Kaiser einen Leibarzt,
+der hieß Jofuku. Das war ein gar gelehrter Herr und außerordentlich
+klug, doch der Kaiser trachtete ihm nach dem Leben, weil er des Arztes
+Klugheit fürchtete. Er konnte ihm aber nichts anhaben, denn er wußte
+keinen besseren Arzt. Endlich aber wurde der Arzt dieses Lebens in
+Furcht und Schrecken satt und er dachte eine List aus, wie er es
+anstellen könne, aus dem Lande und aus dem Bereiche des Kaisers zu
+flüchten.
+
+Es kam ihm auch ein guter Gedanke und so sagte er eines schönen Tages
+zum Kaiser:
+
+»Ihr habt doch neulich von den immergrünen Inseln des ewigen Lebens
+erzählen hören. Gebt mir die Erlaubnis sie zu suchen, damit ich von
+dort heilkräftige Kräuter und ewiges Leben verleihende Früchte für
+Euch holen kann. Wenn es mir gelingt, werdet Ihr in ewiger
+Glückseligkeit leben, an nichts Mangel leiden und Herrscher der ganzen
+Welt werden!«
+
+Diese Rede schmeichelte dem Kaiser und in der Hoffnung noch größere
+Macht und Gewalt zu erlangen, gab er dem Arzte die Erlaubnis zur
+Abreise, drohte ihm aber den Tod an, wenn er ohne die begehrten Gaben
+zurückkehren würde.
+
+Der Arzt erhielt ein Schiff und ein großes Gefolge und schiffte sich
+ein. In Japan angekommen, ließ er in der Nacht, als das Gefolge ans
+Land gegangen war und sich dort belustigte, in aller Stille die Anker
+lichten und fuhr weiter um einen anderen Platz zu suchen.
+
+Was er nun aber garnicht beabsichtigt hatte, das wollten ihm die
+Götter gelingen lassen; denn plötzlich erhob sich ein furchtbarer
+Sturm und trieb das Schiff mehrere Tage hin und her, das Steuer ging
+verloren, die Schiffsbemannung wurde vom Sturme ins Meer geschleudert
+und als endlich wieder schönes Wetter eintrat, war der Arzt nur noch
+allein auf dem Schiffe, das er nicht zu regieren verstand. Ein
+tapferer Mann wie er, verzweifelte nicht, sondern wandte sich an die
+Götter und siehe da, als er sein Gebet vollendet hatte, wurde das
+Schiff in ruhiger Fahrt vorwärts getrieben und landete endlich auf
+Horaisan.
+
+Kaum hatte er das Schiff verlassen und das Land betreten, da versank
+das Schiff spurlos im Meere, ihm jede Rückkehr abschneidend. Am
+Strande traf er den Japaner Wasobiowo, der ihn begrüßte und ihm
+erklärte, wo er sich befinde. Da war der Arzt froh und dachte garnicht
+mehr daran, nach China zurückzukehren, um dem grausamen Kaiser
+unverdientes Glück zu bringen, sondern er blieb auf Horaisan und
+niemand hat seitdem wieder etwas von ihm gehört.
+
+Anders Wasobiowo. Dieser lebte früher in Nagasaki, wo er ein Häuschen
+besaß, das er mit einem Diener bewohnte und wo er in stiller
+Zurückgezogenheit lebte, sich nur mit Wissenschaften und allerhand
+Künsten beschäftigend. Seine liebste Beschäftigung war das Angeln und
+er konnte oft tagelang auf dem Meere zubringen, einzig allein nur um
+zu angeln oder im Boote liegend den Gang der Gestirne zu beobachten
+und zu berechnen.
+
+Eines Abends war er, wieder mit seinem Angelgerät versehen, bei
+herrlichem Mondschein aufs Meer hinausgerudert. Die sternenklare,
+ruhige Nacht aber ließ ihn das Angeln vergessen; träumend verfolgte er
+den Lauf der Sterne und freute sich des kräftigen, Kühlung wehenden
+Meeresodems.
+
+Die Ruder entglitten seinen Händen und er wußte nicht, wie lange er
+sich seinen träumerischen Gedanken überlassen hatte, als sich der
+Himmel überzog und ein furchtbares Unwetter heranraste. Ohne Ruder war
+er machtlos den Wellen und dem Sturme preisgegeben und nur mit Hilfe
+des Steuers vermochte er das Boot vor dem Kentern zu bewahren, das mit
+unheimlicher Schnelligkeit bald über die hochgehenden Wogen dahin
+schoß bald in die schwarzen Wellentäler versank, die es zu
+verschlingen drohten. Endlich legte sich das Wüten des Sturmes, es
+wurde heller Tag; aber Wasobiowo sah nichts als das unermeßliche,
+wogende Meer, nirgends ein Zeichen, nirgends einen Punkt, an dem das
+ruhelos schweifende Auge einen Anhalt gefunden hätte um sich zu
+orientieren.
+
+Er ergab sich in sein Schicksal und harrte des Abends, um aus der
+Stellung der Sterne bestimmen zu können, wo er sich befinde.
+
+Am Abend, als die Sterne zum Vorschein kamen, da sah er zu seinem
+Schrecken, daß er mehrere hundert Meilen von der Heimat entfernt war
+und er garnicht daran denken konnte ohne Ruder dorthin zurückzukehren,
+umsoweniger als ihn entgegengesetzt wehender Wind immer weiter führte.
+
+Wasobiowo hoffte in dieser Richtung bald ein Land zu finden oder einem
+Schiffe zu begegnen; deshalb suchte er mit Hilfe des Steuers möglichst
+geraden Kurs zu halten, was ihm auch gelang, da die Windrichtung sich
+änderte.
+
+Drei volle Monate trieb er so auf dem Meere und lebte nur von den
+Fischen, die er mit seiner Angel fing und roh verzehren mußte, da er
+kein Feuerzeug bei sich hatte. Nach dieser langen Zeit endlich
+begannen sich im Wasser Pflanzen zu zeigen, die, je weiter er kam,
+immer dichter wurden; das Meer verlor seine glänzende Farbe und ging
+endlich in einen dicht mit Pflanzen aller Art bewachsenen Sumpf über,
+in dem das Boot nicht mehr weiter konnte. Aber Wasobiowo verlor nicht
+den Mut. Er ergriff die Pflanzen und zog daran und siehe, sie hielten
+stand wie Stricke. Nun begann eine mühselige Arbeit. Von Pflanze zu
+Pflanze greifend, zog er sich mit dem Boote immer weiter durch dieses
+Pflanzengewirr, durch diesen Morast. Über vierzig Stunden dauerte die
+Arbeit; todmüde, kraftlos und halbverhungert war er, denn hier gab es
+auch nicht das kleinste Lebewesen, das er als Nahrung verwenden
+konnte, als er endlich diese unheilvolle Strecke überwunden hatte. Nun
+lag vor ihm ein silberglänzendes Meer und in einiger Entfernung
+schimmerte ein grünes Land, überragt von einem bis zum Himmel
+reichenden Berge. Es war Horaisan mit dem Fusan[2]; doch wußte
+Wasobiowo dies noch nicht, ja ahnte es nicht einmal, sondern freute
+sich nur endlich wieder Land zu sehen. Eine Strömung führte ihn dem
+Lande zu und nach zehn Stunden stieß sein Boot auf den wie Gold und
+Silber glänzenden, sandbedeckten Strand. Hocherfreut sprang er aus dem
+Boote, fiel nieder und dankte den Göttern für seine Rettung.
+
+Da aber -- o Wunder! Als er sich nach dem Gebete erhob, war alle seine
+Müdigkeit verschwunden; vergessen waren alle Strapazen seiner Reise;
+er fühlte weder Hunger noch Durst und ein wonniges Kräftegefühl
+durchdrang ihn.
+
+Da näherten sieh ihm weise, ehrwürdige Männer und schöne, edle Damen,
+die ihn begrüßten; sie priesen sein Glück, die Reise nach Horaisan
+überstanden zu haben und nahmen ihn als neuen Bürger in ihre Mitte
+auf.
+
+Jetzt wußte er, daß er auf Horaisan war, auf Horaisan, das er stets
+für ein sagenhaftes, nicht existierendes Land gehalten hatte. Es
+existierte also wirklich, ja, er war jetzt selbst in dieses wunderbare
+Land gekommen und als Bürger aufgenommen.
+
+Wieder dankte er den Göttern.
+
+Die Stunden eilen und werden zu Tagen, diese zu Wochen, dann zu Monden
+und endlich zu Jahren. Die Jahre zu Jahrhunderten, dann zu
+Jahrtausenden und so weiter in unzählbarer Menge bis in alle Ewigkeit.
+
+Aber auf Horaisan gibt es keine Stunden, keinen Tag und keine Nacht,
+keine Zeiten und keinen Zeitenwechsel, kein Essen und kein Trinken,
+kein Leid und keinen Tod. In ewiger Glückseligkeit, in geistreichen
+Gesprächen, bei anregenden Unterhaltungen, bei _Musik_, Gesang und
+Tanz streicht die Zeit unaufhaltsam ohne Wechsel und deshalb unbemerkt
+vorüber.
+
+ [Abbildung]
+
+Wer vermag daher zu sagen, wie lange Zeit Wasobiowo auf Horaisan war,
+ob es Jahrzehnte oder Jahrhunderte waren, als die Götter einen neuen
+Ankömmling sandten, jenen chinesischen Arzt Jofuku.
+
+Seit dessen Ankunft jedoch war Wasobiowo wie umgewandelt. Hatte der
+Arzt Heimatsluft mitgebracht, hatte sein Erscheinen in Wasobiowo einen
+schlummernden Gedanken geweckt?
+
+Wer vermag es zu sagen?
+
+Jedenfalls fühlte er sich nicht mehr wohl in diesem ewigen Einerlei
+der Glückseligkeit und er sehnte den Tod herbei. Für diesen war jedoch
+Horaisan unerreichbar, hier hatte dieser bleiche Gast kein Heim;
+deshalb konnte Wasobiowo hier auch nicht sterben; sogar sich selbst
+den Tod zu geben, war nicht möglich, denn im Wasser ging man nicht
+unter, vom Berge konnte man sich nicht hinabstürzen, denn die Luft
+trug wie das Wasser, es gab weder Waffen noch Gifte um sich das Leben
+zu nehmen. Nur ein einziges Mittel gab es, das war: »Fort von
+Horaisan!«
+
+Aber wie?
+
+Kommen nicht alljährlich die heimatlichen Vögel nach Horaisan um dort
+die Zeit zu verbringen, da in Japan der Winter herrscht?
+
+An diesen Umstand denkend, beschloß Wasobiowo sich einen der stärksten
+und größten Vögel zu fangen, ihn zu zähmen und abzurichten, damit er
+auf dessem Rücken nach der Heimat zurückkehren könne.
+
+Kaum hatte er diesen Entschluß gefaßt, als er auch ans Werk ging, denn
+es war gerade die Zeit, da die Zugvögel auf Horaisan ankamen. Unter
+diesen war ein besonders großer und starker Kranich, der kräftig genug
+erschien, Wasobiowo als Reitpferd dienen zu können.
+
+Diesen zähmte er sich; er hatte ihn auch bald so weit abgerichtet, daß
+der Vogel ihn aufsteigen ließ und mit ihm kleine Strecken weit flog.
+
+Als dann der Zeitpunkt kam, da die Vögel sich zur Heimreise
+anschickten, da packte Wasobiowo eine große Menge von Früchten
+zusammen, von denen er auf seiner Reise leben wollte; denn sobald er
+Horaisan verlassen hatte, mußte er wieder an Essen und Trinken denken.
+Vorher besprach er sich noch mit dem chinesischen Arzte und lud ihn
+zur Mitreise ein, dieser jedoch erwiderte:
+
+»Ich danke sehr für Ihre liebenswürdige Einladung, aber ich wäre ein
+Tor, wollte ich dieses vollkommene Leben auf Horaisan mit dem
+unvollkommenen in Japan oder China oder sonst einem von Menschen
+bewohnten Lande vertauschen. Reisen Sie glücklich und mögen Sie es nie
+bereuen, dieses glückselige Land verlassen zu haben, denn die Rückkehr
+ist schwierig, sogar unmöglich!«
+
+Wasobiowo sagte lächelnd: »Ich hoffe, daß ich meinen Entschluß nie
+bereuen werde, denn meine Seele findet keinen Gefallen an untätiger
+Glückseligkeit. Das wahre Glück für mich liegt nicht in ewiger Jugend
+und Nichtstun, sondern in Arbeit, Schaffen und Streben für andere;
+habe ich für meine Mitmenschen gewirkt, dann habe ich auch für mich
+gewirkt!«
+
+Hatte er Recht? Ich glaube es!
+
+Also stieg Wasobiowo auf den Rücken des Kranichs und dieser stieg mit
+ihm empor zum azurblauen Himmel. Dann ging es über viele unbekannte
+Länder und Städte, durch das Land der Riesen und der Zwerge, der
+Einbeiner und der Dreiäugigen und durch viele andere wunderbare
+Länder; überall hörte und sah Wasobiowo das Leben und Treiben der
+Bewohner und lernte vielerlei Dinge und Weisheiten.
+
+Endlich aber kam er wieder in Japan an. Alle Leute staunten ihn an,
+sein Name war fast vergessen, denn nicht weniger als siebenhundert
+Jahre war er fort gewesen, aber der Aufenthalt auf Horaisan hatte auf
+seinen Körper solchen Einfluß gehabt, daß es ihm nicht ging wie
+Urashima, dem Fischer, sondern daß er bei Gesundheit und Kräften war,
+als wäre er nur wenige Tage abwesend gewesen. Von allen Früchten, die
+er aus dem Lande des ewigen Glückes mitgenommen hatte, brachte er nur
+noch eine Orange mit. Diese pflanzte er im Garten und sie trug
+tausendfältige Frucht und von ihr stammen die heute in Japan
+wachsenden Orangen.
+
+Wasobiowo lebte noch viele, viele Jahre als weiser und zufriedener
+Mann und erzählte oft von seinem Aufenthalte auf Horaisan und von
+seiner Reise auf dem Kranich.
+
+[Buntbild]
+
+Seinem Angelvergnügen aber blieb er bis ins späte Alter treu und fuhr
+noch oft des Abends aufs Meer hinaus. Von einer dieser Ausfahrten
+kehrte er nicht mehr zurück. Sein gekentertes Boot wurde später, auf
+hoher See treibend, aufgefunden. Von Wasobiowo jedoch war nirgends
+eine Spur.
+
+Ob er wieder nach Horaisan zurückgekehrt war?
+
+Sein Andenken wird in Japan hoch in Ehren gehalten als des einzigen
+Mannes, der Kunde von Horaisan brachte und die Orange von dort nach
+Japan verpflanzte.
+
+Im Munde des Geschichtenerzählers, in Wort und Schrift lebt die
+wunderbare Reise Wasobiowos fort und in vielen Tempeln, in Büchern und
+Symbolen findet man ihn dargestellt, wie er auf dem Kranich sitzend,
+über das Meer getragen wird.
+
+
+ [Anmerkung 1: Horai = Elysium; nach einer Erklärung von R. Lehmann
+ Name eines fabelhaften Berges im Meere, wo die frommen Einsiedler
+ in ewiger Jugend wohnen. san = Glückberg. Horaisan in sinngemäßer
+ Uebersetzung: Land des ewigen Lebens.]
+
+ [Anmerkung 2: Fu = Vater, Fusan = Vaterberg oder Vater der Berge,
+ nicht zu verwechseln mit dem Fujisan in Japan.]
+
+ [Verzierung]
+
+
+
+
+ [Verzierung]
+
+Die Wünsche des Steinhauers.
+
+
+Es lebte einmal ein Steinhauer, der mußte sich im Schweiße seines
+Angesichts plagen; denn sein Handwerk war ein schweres. Doch da seine
+Arbeiten immer gut waren, so verdiente er so viel, daß er ohne Sorgen
+und zufrieden leben konnte.
+
+Seine Arbeitsstätte war am Fuße eines hohen Felsens, von dem er Steine
+losschlug und sie bearbeitete, entweder zu Grabsteinen, zu
+Türschwellen oder zu irgendwelchen andern Zwecken. Bei diesem Felsen
+nun hauste ein alter Berggeist, der, wie die Leute erzählten, die
+Wünsche derjenigen, denen er wohlwollte, erfüllte. Eines Tages hatte
+der Steinhauer einen großen Gartenstein bei einem reichen Bürger
+abgeliefert und gesehen, wie wohl der es sich sein lassen könne. Als
+er an seiner Arbeitsstätte schweißtriefend wieder angekommen war und
+den Schlegel ergriffen hatte, um seine Arbeit fortzusetzen, da
+erinnerte er sich des reichen Mannes, der geschützt und wohllebend,
+daheim sitzen konnte und sich nicht so schwer zu bemühen brauchte wie
+er, der Steinhauer. »Ach,« seufzte er, »wer es doch auch so gut haben
+könnte!«
+
+»Dein Wunsch sei dir erfüllt! Gehe heim!« erschallte plötzlich eine
+dumpfe Stimme, die aus der Höhe zu kommen schien.
+
+Der Steinhauer war sehr verwundert, legte dem aber keine Bedeutung
+bei, sondern setzte seine Arbeit ruhig fort. Er hatte wohl von jenem
+Gerede gehört, wonach hier ein Geist hause, der Wünsche erfülle, doch
+glaubte er nicht daran, sondern war der Meinung, daß ihn irgend ein
+Schalk, der seine Stoßseufzer gehört habe, äffen wolle.
+
+Während der Arbeit ließen ihm die Gedanken keine Ruhe und da ein
+besonders heißer Tag war, so machte er früher als sonst Feierabend,
+lud sein Handwerkzeug auf und ging heim. Wie erstaunte er aber, als er
+bei seiner Hütte ankam! Diese war verschwunden; an ihrer Stelle stand
+ein gar stattliches Haus, mit allem eingerichtet, was zu einem
+sorgenlosen, behaglichen Wohlleben nötig war.
+
+Nun sah er, daß tatsächlich beim Felsen ein guter Geist wohnen müsse,
+der seinen Wunsch gehört und erfüllt habe.
+
+Sehr erfreut und ganz glücklich warf er sein Handwerkzeug beiseite und
+ging in das Haus. Ein gutes Essen stand bereit, ebenso war ein warmes
+Bad vorbereitet, auch fehlten nicht gute Kleider und weiche Polster.
+
+Sein Wunsch war nun erfüllt und er gab sich ganz dem guten Leben hin,
+das er sich gewünscht hatte. Bald kam ihm sein früherer Beruf als ein
+böser Traum vor und er wunderte sich oft, wie er hatte so lange
+zufrieden sein können.
+
+Aber wie es so geht und wie ein Sprichwort sagt: »Auf einen Wunsch
+folgen mehrere« oder »wer Macht hat, will größere Macht«, so ging es
+auch dem Steinhauer.
+
+Einmal saß er an einem heißen Sommertage, sich fächelnd, auf der
+Veranda seines Hauses, als in einer Sänfte ein Fürst vorübergetragen
+wurde; eine Anzahl Diener schritt rechts und links von der Sänfte; sie
+trugen große, prachtvolle Fächer, mit denen sie dem Fürsten Kühlung
+zufächelten. Ein großes Gefolge begleitete ihn und alle Menschen
+warfen sich zu Boden und grüßten in dieser Weise den Fürsten.
+
+Da ward der Steinhauer mißmutig und sagte: »Ja, der Fürst hat es gut,
+der braucht nicht zu Fuß zu gehen, braucht sich nicht eigenhändig
+Kühlung zuzufächeln und alle Welt verneigt sich vor ihm. Wenn es
+ginge, möchte ich auch so ein Fürst sein!«
+
+Kaum hatte er dies gesagt, da ertönte wieder die Stimme: »Du hast es
+gewünscht, drum sei es!«
+
+Jetzt war er ein Fürst. Verschwunden war das schöne Häuschen, dafür
+stand ein herrlicher Palast an der Stelle; zahlreiche Diener liefen
+hin und her und kamen jedem seiner Befehle nach. Er wurde in einer
+Sänfte umhergetragen, Diener in kostbarer Kleidung fächelten ihm
+Kühlung zu und alle Welt verneigte sich vor ihm. Anfänglich machte ihm
+diese neue Veränderung viel Vergnügen, bald aber ward er des ewigen
+Einerleis überdrüssig und dachte darüber nach, wie er noch besseres
+ersinnen könnte. Und als er sah, wie die Sonne so glühend brannte, wie
+ihre Strahlen Leben spendeten, zugleich aber auch Feld und Flur
+verbrannten, ja ihn selbst nicht schonten, sondern sein Gesicht trotz
+Sänfte, Schirmen und Fächern bräunte, da glaubte er, daß die Sonne das
+allgewaltigste Ding sei, dem nichts unerreichbar wäre, und so rief er
+aus: »Wenn's möglich wäre, möchte ich die Sonne sein!«
+
+»Du sollst sie sein!« rief die Stimme und sogleich stand unser
+Steinhauer oben am Himmel als Sonne und schleuderte mit dem größten
+Vergnügen seine Strahlen nach allen Seiten, verbrannte das Gras auf
+den Wiesen, die Ernte auf den Feldern, ja zündete sogar Wälder an.
+Kurz, er trieb im Übermute seiner Macht allerhand Allotria wie ein
+Kind mit einem neuen Spielzeug. Wie dieses aber bald des Spieles
+überdrüssig wird, so auch der Steinhauer und als sich ihm eine Wolke
+in den Weg stellte und seinem Treiben Einhalt gebot, indem sie
+verhinderte, daß die Strahlen die Erde trafen, da wurde er bitterböse
+und schrie:
+
+»Was, die winzige Wolke hindert mich an meinem Spiel? Dann ist sie ja
+mächtiger als ich, die Sonne. Da möchte ich denn doch lieber die Wolke
+sein!«
+
+»Es sei!« hörte er die Stimme zu sich herauftönen.
+
+Jetzt schwebte er als Wolke zwischen Erde und Sonne und freute sich
+der Sonne einen Schabernack spielen zu können, indem er ihre Strahlen
+auffing. Jetzt sah er auch, wie infolge des Schattens, den er auf die
+überhitzte Erde warf, alles zu grünen und blühen begann. Dazu gehört
+auch Wasser, dachte er, und öffnete seine Schleusen. Hei, wie das
+prasselte und plätscherte! Er freute sich königlich über das Treiben
+auf der Erde, wie die Menschen rannten und sich zu schützen suchten,
+wie die Vöglein sich verbargen und wie die Bäume sich beugten unter
+der Last des prasselnden Regens. Und immer mehr ließ er es regnen,
+nicht mehr in kleinen Tropfen, nein, in zerschmetternden Güssen, so
+daß die Bäche und Flüsse die Wassermenge nicht zu fassen vermochten
+und über die Ufer traten. Alles Land wurde überschwemmt, Bäume
+entwurzelt, Dämme fortgerissen und von den Bergen stürzten die Wasser
+in donnernden Kaskaden hernieder, alles sich ihnen in den Weg
+Stellende mit sich reißend. Nur ein einsamer Fels stand ruhig und
+fest, ihm vermochte das rasende Ungewitter nichts anzuhaben; stolz
+ragte sein Haupt bis nahe zur Wolke empor und die Steinhauer-Wolke
+glaubte sogar ein spöttisches Lachen zu hören. Das ergrimmte ihn noch
+mehr und in äußerster Wut sandte er einige Blitze auf den Felsen und
+goß über ihn den Rest seines Wassers aus. Aber es half alles nichts;
+der Fels wankte und wich nicht und endlich mußte die Wolke erschöpft
+ihr Wüten einstellen.
+
+»So will ich denn ein Felsen sein!« lautete nun sein Wunsch und wieder
+rief ihm die Stimme Erfüllung zu.
+
+Jetzt war er der Fels, stand stolz und selbstbewußt da und freute sich
+seiner unbegrenzten Macht. Nicht die Strahlen der Sonne, nicht der
+strömende Regen konnten ihm etwas anhaben. Jetzt glaubte der
+Steinhauer sein Ziel erreicht zu haben und der Mächtigste dieser Erde
+zu sein; denn niemand vermochte ihm Schaden zuzufügen oder ihn von
+seiner Stelle zu bewegen.
+
+Niemand!
+
+Wirklich niemand?
+
+Die Freude währte nicht lange; eines Morgens hörte er an seinem Fuße
+hämmern und kratzen und als er hinunterschaute, da sah er ein winziges
+Menschenkind mit Keil und Hammer bewaffnet, Stück für Stück vom Felsen
+losschlagen.
+
+»Wenn das so weiter geht«, brummte er, »bleibt ja nichts von mir
+übrig. Sollte man es für möglich halten? Was alle wütenden Elemente
+nicht vermögen, das tut so ein kleiner Knirps von einem Menschen. Das
+darf nicht sein, da will ich lieber dieser Mensch sein.«
+
+»So sei, was du vordem warst!« ertönte die Stimme des Berggeistes.
+
+Und der Fels wurde wieder zum Steinhauer, der vom frühen Morgen bis
+zum späten Abend mühsam die Steine aus dem Felsen brach und zufrieden
+und glücklich war mit dem, was er hatte.
+
+Er war von seinen Wünschen geheilt und hatte einsehen gelernt, daß in
+jedem Stande und in jedem Berufe etwas zu wünschen übrig bleibt, weil
+es auf dieser Erde nichts Vollkommenes gibt.
+
+[Abbildung: Japanischer Glücksgott.]
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+Fehler und Unregelmässigkeiten
+
+ erblickte die kleine Schildkröte [erklickte]
+ es wird ... dir... diese Rückkehr ermöglichen [dich]
+ ging er wieder zu dem gutmütigen Manne und fragte ihn [nnd]
+ »Hältst du so dein Wort? [Hälst]
+ sprach er mit dem Sake liebäugelnd [Sacke]
+ daß er von den beiden Kästen den kleineren gewählt habe [Kasten]
+ sie hielt sich dabei die Ohren zu [dahei]
+ Ihr hohen und gelehrten Herren [nnd]
+ Er baute also zwei Boote [Bote]
+ und brachte ihm stets schöne Früchte mit [brachte im]
+
+Satzzeichen:
+
+ »Seid ihr ein Gespenst? -- ein Schattenbild? [» _fehlt_]
+ »Was bedeutet dieses Kästchen?« fragte er sich. Die schöne Königin
+ [keine weiteren Anführungszeichen]
+ »Kerl, wie hat er das fertig gebracht?« [! _anstatt_ ?]
+ »Schön, schön! nun möchte ich aber [»Schön, schön!« nun]
+ weitere Anstrengung und Schmerzen!« [« _fehlt_]
+ vor Aufregung zitternd hob sie den Deckel ab, [_, unsichtbar_]
+ und richtete sich auf seinen Hinterbeinen empor, [, _unsichtbar_]
+ Die Schildkröte schaute hierauf nach vorn [»Die Schildkröte]
+ seine Augen freiwillig hergeben solle! [solle!«]
+ Maorigashima[1]. [. fehlt]
+ komm mit, die wollen wir uns fangen.« [« fehlt]
+ d.h. »Aera des wahren Friedens« [d h.]
+ Rai-taro[1]. [. fehlt]
+ fügten sie sich in das Unabänderliche. [. unsichtbar]
+
+Original ungeändert:
+
+ wie alles, das in mein Bereich kommt
+ [_Fehler für »meinen«?_]
+ Doch diese Schonung wird dir nur so lange Zeit
+ an das Schild seines sonderbaren Reitpferdes
+ [_»Schild« wird regelmässig als Neutrum behandelt_]
+ wollte auch er seiner Geschwulst los werden
+ Nun hatte der gute Mann leider kein Kind und keine Verwandte
+ begrub seinen Liebling unter einen Baum im Garten
+ Dem bösen Nachbar aber
+ anstatt sich über das Glück des Nachbars mit diesem zu freuen
+ [_»Nachbarn« vielleicht besser an beiden Stellen_]
+ Da letztere heute teilweise zerfallen
+ nun kam auch die Krabbe und die Wespe heraus
+ steckt Eure Pfoten vorne unter mein Schild
+ und machten sich einander Geschenke
+ [_besser »einander« ohne »sich«_]
+ er bat ihn, doch etwas zum essen zu besorgen
+ [_»zu essen« oder »zum Essen«_]
+ damit er auf dessem Rücken nach der Heimat zurückkehren könne
+
+Fehldruck:
+
+ Endlich kam er an ein dich{tes Ge}büsch, vor dem ein hübscher
+ kleiner Sperling wartete, der, als er den alten Ma{nn s}ah, ihm
+ entgegenhüpfte und sich verneigte.
+
+ _Ein Paar Buchstaben sind hier ausgefallen, so:_
+
+    ... ein dich      büsch,
+     ... alten Ma    ah, ihm
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JAPANISCHE MäRCHEN***
+
+
+******* This file should be named 23393-8.txt or 23393-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+https://www.gutenberg.org/dirs/2/3/3/9/23393
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://www.gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+