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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:04:53 -0700 |
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| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:04:53 -0700 |
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diff --git a/23393-8.txt b/23393-8.txt new file mode 100644 index 0000000..f0042e0 --- /dev/null +++ b/23393-8.txt @@ -0,0 +1,4068 @@ +The Project Gutenberg eBook, Japanische Märchen, by Karl Alberti, +Illustrated by T. Tokikuni and Fritz Kracher + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Japanische Märchen + + +Author: Karl Alberti + + + +Release Date: November 7, 2007 [eBook #23393] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JAPANISCHE MäRCHEN*** + + +E-text prepared by Louise Hope, Alexander Bauer, Jana Srna, and the +Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team +(https://www.pgdp.net) + + + +Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this + file which includes the original illustrations. + See 23393-h.htm or 23393-h.zip: + (https://www.gutenberg.org/dirs/2/3/3/9/23393/23393-h/23393-h.htm) + or + (https://www.gutenberg.org/dirs/2/3/3/9/23393/23393-h.zip) + + +Anmerkung zur Transkription: + + Das »Inhalts-Verzeichnis« stand ursprünglich am Ende des Buches. + + Einige Druckfehler sind am Ende des e-text notiert. + + + + + +JAPANISCHE MÄRCHEN + +Eine Sammlung der schönsten Märchen, +Sagen und Fabeln Japans +für die deutsche Jugend ausgewählt +und frei ins Deutsche übersetzt von + +PROFESSOR KARL ALBERTI + +in Tokyo. Bilder v. T. Tokikuni, Tokyo. +Deckelbild von Fritz Kracher, München + + + + + + + +Cl. Attenkofersche Verlagsbuchhandlung, Straubing. + +Alle Rechte einschließlich +des Übersetzungsrechtes +vorbehalten. + +Druck der Cl. Attenkoferschen Buch- und Kunstdruckerei +Straubing, Bayern. + + + + +Inhalts-Verzeichnis. + Seite + + Zur Einführung 3 + Juki-onna 5 + Der weiße Fuchs 9 + Urashima Taro 12 + Wenn man mit Kobolden tanzt 21 + Neid bringt Leid 24 + Der schlaue Polizist 27 + Der Abt des Klosters Yakhusi 30 + List geht über Gewalt 32 + Die Kröte von Osaka und die von Kyoto 34 + Der Affe und der Sake 36 + Die Auster 38 + Der Sperling mit abgeschnittener Zunge 39 + Die geplagte Krabbe 43 + Der kluge Hase 49 + Maorigashima 55 + Der Hase und der Dachs 58 + Schlauheit schützt nicht vor Täuschung 64 + Der bedächtige Reiher 65 + Belohnte Kindesliebe 66 + Der bestrafte Tierquäler 69 + Rai-taro 70 + Hotaru 75 + Horaisan 77 + Die Wünsche des Steinhauers 84 + + + + + [Abbildung] + +Zur Einführung. + + +Nicht mit Unrecht wird Japan als das »wunderbare Sonnenland« +bezeichnet; denn neben seinen wirklich wunderbaren Naturreizen bieten +Kunst und Literatur, ganz besonders die des Altertums, eine schier +unerschöpfliche Fundgrube nicht nur für den wissenschaftlichen +Forscher sondern auch für den Schöngeist und für den Freund eines +reinen Volkstums. Gar reich, und nicht hinter der deutschen +zurückstehend, ist die japanische Märchenwelt, aus der ich hier eine +Auswahl zusammengestellt und für die deutsche Jugend bearbeitet habe. + +Es ist dies meines Wissens _das erste Werk_, das aus dem reichen +Märchenschatze Japans der deutschen Jugend eine sorgfältig +zusammengestellte Auswahl bietet; mag auch das eine oder andere hier +und dort einmal irgendwo veröffentlicht und dadurch bekannt sein, +so ist dies doch meistens zerstreut in Zeitungen, Zeitschriften oder +wissenschaftlichen Werken in wörtlicher Übersetzung erfolgt und nur +für Erwachsene geeignet. + +Keine jener Veröffentlichungen ist von mir benutzt worden oder hat mir +als Vorlage gedient, sondern lediglich die japanischen Ausgaben und +mündliche Erzählungen der Japaner; deshalb enthält das Vorliegende +auch viele Fabeln und dergl., die nur im Munde des Volkes leben, von +denen sich also in der Literatur selbst keine Spuren finden. + +Da dieses Buch der deutschen Jugend gewidmet ist, mußten bei der +Auswahl und Bearbeitung größte Sorgfalt aufgewendet und manche Stellen +verändert, fortgelassen oder durch andere ersetzt werden, um das ganze +dem Verständnis der Jugend anzupassen, dies umsomehr, als die +Originale oft eine derart freie Sprache führen, daß man sie, unserem +deutschen Moralempfinden entsprechend, nicht jedermann in die Hand +geben kann. + +Durch Beifügung erläuternder Anmerkungen, historischer Daten usw. +dürfte dieses Buch einen über den Rahmen einfacher Märchenlektüre +hinausgehenden Wert gewinnen. + +Besonderer Dank sei an dieser Stelle den Herren Dr. Miyauchi, Ohno, +Nakamura, Hajime Iwane und K. Nakamatsu für ihre liebenswürdige +Beihilfe zu diesem Werke; auch dem Herrn T. Tokikuni, der die farbigen +Bilder zeichnete, während die übrigen älteren und neueren japanischen +Werken entnommen sind. + +Möge daher diese Gabe, die ich der Jugend in meiner deutschen Heimat +von hier aus dem fernen Osten, aus dem Lande der aufgehenden Sonne +biete, gern angenommen werden und Beifall finden. + + Tokyo. + + _Karl Alberti._ + + + + + [Verzierung] + +Juki-onna.[1] + + +Es waren einmal zwei Holzhauer: der eine hieß Nishikaze[2], dieser war +ein älterer Mann, während der andere Teramichi hieß und noch ein +Jüngling war. Beide wohnten im gleichen Dorfe und gingen jeden Tag +zusammen in den Wald um Holz zu schlagen. Um in den Wald zu gelangen, +mußten sie einen großen Fluß passieren, über den eine Fähre +eingerichtet war. Als sie eines Tages spät mit ihrer Arbeit fertig +waren, wurden sie von einem furchtbaren Schneesturm überrascht; sie +eilten zur Fähre, mußten aber zu ihrem großen Schrecken sehen, daß der +Fährmann soeben übergesetzt war und sich auf der anderen Seite des +reißenden Flusses befand, von der er des rasenden Sturmes wegen +vorläufig nicht zurück konnte. Da die Beiden im Freien das Ende des +Sturmes nicht abwarten konnten, beschlossen sie in das nahebei +befindliche Haus des Fährmanns zu gehen und dort dessen Rückkehr +abzuwarten. Gesagt, getan! Im Hause angekommen, warfen sie sich zur +Erde, nachdem sie Tür und Fenster wohl verwahrt hatten und lauschten +dem Tosen des Sturmes. Der Ältere, ermüdet von des Tages Last und +Arbeit, war bald in Schlaf verfallen; aber der Jüngere konnte kein +Auge schließen, denn das Heulen, Brausen, Rauschen und Krachen war +unheimlich und das Häuschen erzitterte in allen Fugen. + +Plötzlich gab es einen fürchterlichen Schlag, als wollte der Sturm das +Haus zertrümmern, die Tür sprang auf und ein eisiger Wind mit einer +riesigen Schneewolke drang herein. Entsetzt starrte Teramichi auf die +Wolke, denn diese bewegte sich auf und ab und nahm endlich menschliche +Gestalt an, die Gestalt einer Frau in weißem Gewande und wandte sich +zu der Stelle, wo Nishikaze schlief; dort beugte sie sich zu dem +Schläfer nieder, ihrem Munde entströmte ein weißer Nebel, der sich auf +das Gesicht des Mannes ausbreitete, dann richtete sie sich auf und kam +auf Teramichi zu, der, unfähig ein Glied zu rühren, die Augen +angstvoll weit geöffnet hielt. Dicht vor ihm angekommen neigte sie +sich nahe auf sein Gesicht und sah ihn ein Weilchen ruhig an; dann +sprach sie leise, ihre Stimme war wie ein Hauch und ihr Gesicht nahm +freundlichere Züge an: »Deinen Kameraden habe ich getötet, wie alles, +das in mein Bereich kommt. Auch du solltest sein Los teilen, doch bist +du noch kein Mann und hast noch nicht gelebt. Drum sei verschont! Doch +diese Schonung wird dir nur so lange Zeit, als du schweigen kannst. +Kommt auch nur ein Wort von dem über deine Lippen, was du hier +erlebtest, -- sei es zu wem es wolle, nicht Vater, nicht Mutter, nicht +Weib noch Kind, niemand, hörst du, niemand darf erfahren, was hier +geschah, -- so treffe ich dich, wo es auch sei! Denke daran!« + + [Abbildung] + +Nach diesen Worten schwebte sie langsam empor und verschwand durch die +Tür. + +Jetzt wich der Bann von dem jungen Manne, er sprang auf, eilte zur Tür +und verschloß sie fest. Dann wandte er sich zu seinem Kameraden und +rief ihn an; doch dieser rührte sich nicht, er war steif und starr, er +war tot, sein Gesicht verklärte ein glückliches Lächeln. Endlich ließ +der Sturm nach und der Morgen brach an und der Fährmann, der nun +zurückkehrte, fand beide Männer in seinem Häuschen und hielt sie für +tot, für erfroren; doch als er sie aufhob, tat Teramichi einen tiefen +Seufzer, schlug die Augen auf und kam bald wieder zu sich, während +Nishikaze tot blieb und begraben wurde. + +Der junge Mann aber ging wieder seinem Berufe nach und wanderte +tagtäglich in den Wald, erzählte niemand sein Abenteuer, das er mit +der Schneefrau, denn eine solche war es, wie ihm zur Gewißheit wurde, +hatte. So gingen zwei Jahre dahin. + +Als er eines Abends nach vollbrachtem Tagewerk wieder heimwärts +wanderte, begegnete ihm ein junges hübsches Mädchen, das ihm so +gefiel, daß er sich in ein Gespräch einließ. Das Mädchen erzählte ihm, +daß es Waise sei und zu entfernt wohnenden Verwandten wandern wolle, +wo es hoffe aufgenommen zu werden. + +Als das Paar nahe dem Dorfe war, in dem Teramichi wohnte, sprach +dieser zu dem Mädchen: + +»Es ist jetzt Abend und kalt und die Wege sind unsicher; komm mit in +meine armselige Hütte und nimm teil an dem bescheidenen Mahle, das +meine Mutter bereitet hat! Ruhe dich dann aus und so du willst, kannst +du morgen früh deine Wanderung fortsetzen!« + +Das Mädchen, das sich »Juki« nannte, nahm dies Anerbieten an und +begleitete den jungen Mann in sein Haus, wo die Mutter ihm eine +freundliche Aufnahme bereitete. Als es sich ausgeruht hatte und am +andern Morgen sich wieder auf den Weg machen wollte, bat die Mutter, +es möge doch noch einige Tage bleiben und wenn es niemand in der Welt +habe, der es erwarte, so möge es bleiben, so lang es wolle und ihr +etwas zur Hand gehen, da sie selbst schon alt sei und sich schon +längst eine Stütze im Hause gewünscht habe. Da auch Teramichi, der zu +dem Mädchen in heißer Liebe entbrannt war, sich den Bitten seiner +Mutter anschloß, so schlug es ein und blieb im Hause. + +Wie es nun so geht, wenn ein Mann einem Mädchen mit reiner Liebe +zugetan, daß das Mädchen schließlich auch Liebe empfindet, so war es +auch hier und es dauerte nicht lange Zeit, so hatten sich beide ihre +Liebe erklärt und Teramichi und Juki wurden ein Paar. + +Juki war stets eine brave Frau und verehrte ihre Schwiegermutter in +kindlicher Liebe bis diese starb; dann widmete sie sich nur ihrem +Manne und ihren Kindern, von denen sie im Laufe der Jahre ihrem Gatten +zehn geschenkt hatte. Die Kinder blühten und gediehen und wuchsen +heran; keine Krankheit, kein Unglück störte den Frieden und das Glück +dieser Ehe, die jedermann als die beste im ganzen Lande pries. + +Als ganz besonderes Wunder aber wurde erwähnt, daß Juki immer jung +aussah, immer blühend und in voller Kraft war und man keinerlei Spuren +des Alterns bei ihr wahrnehmen konnte. So vergingen die Jahre, als +eines Abends im Winter, als das Paar im traulichen Zwiegespräch +beisammensaß, wieder einmal ein furchtbarer Schneesturm losbrach. Der +Mann erschauerte, indem er seines Erlebnisses in der Hütte des +Fährmannes gedachte und sinnend betrachtete er seine Frau, die ihm +schöner als je erschien und plötzlich glaubte er in ihrem Gesicht eine +Ähnlichkeit mit der Schneefrau zu entdecken, die ihm damals vor vielen +Jahren das Leben schenkte. Diese Ähnlichkeit trat immer deutlicher +hervor, so daß er den Ausruf nicht zurückhalten konnte: »Nein, du bist +schöner!« + +Juki wurde aufmerksam und fragte, was diese Worte bedeuten sollten; +ohne zu zögern, halb im Traum, erzählte er ihr nun sein Abenteuer, das +er mit der Schneefrau hatte und schloß seine Erzählung mit den Worten: +»Sie war schön, aber geisterhaft schön; du aber bist menschlich, +natürlich schön!« + +Da erhob sich Juki und erschreckt sah der Mann, wie sie größer und +größer wurde, wie ihr Gesicht sich verklärte, die Kleidung sich in +lichtes Weiß verwandelte und sie endlich so vor ihm stand, wie damals +die Schneefrau. Er stürzte zu Boden, streckte die Arme aus und rief: +»Ja du bist es doch, verzeih, verzeih!« + +Sie aber schüttelte das Haupt und herrschte ihn an: + +»Ja ich bin es! Konntest du den Mund nicht halten, nachdem du solange +geschwiegen hast? Ich könnte dich jetzt töten; ein Hauch aus meinem +Munde würde deine Glieder erstarren lassen, das wäre die gerechte +Strafe, daß du nicht nur dein, sondern auch mein Glück zerstört hast! +Denn sieh!« -- hier nahm ihre Stimme einen milden Klang an -- »als ich +dich damals in jener Hütte als blühenden hübschen Jüngling so hilflos +vor mir sah, da tatest du mir leid, aber nicht nur leid; ich fühlte +den Wunsch in mir, auch einmal Menschenglück zu genießen, anstatt +stets zu zerstören. Ja, ich liebte dich und nahte mich dir in +menschlicher Gestalt, ich genoß an deiner Seite Jahre ungetrübten +Glücks. Jetzt hast du es selbst zerstört und ich muß zurück in mein +kaltes Reich und du? -- Ich gedenke des Glücks, das ich genossen und +der armen dort ruhenden Kinder, denen ich neben der Mutter nicht auch +den Vater rauben will. Mögest du drum leben; bleibe den Kindern ein +guter Vater und suche dadurch dein heutiges Unrecht zu sühnen!« + +Damit drückte sie ihm einen Kuß auf die Stirne, der, obgleich eiskalt, +wie Feuer brannte; die Tür sprang auf, ein wirbelnder Schneeschauer +durchtobte das Haus und entführte Juki-onna, den Mann einsam +zurücklassend. + +Von diesem Tage an blieb er, der sonst stets heiter und guter Dinge +war, ernst und kein fröhliches Wort kam mehr über seine Lippen; er +lebte nur seinen Kindern, zog sie zu tüchtigen, braven Menschen auf +und als nach vielen Jahren wieder einmal ein Schneesturm brauste, nahm +dieser die Seele des Mannes mit und führte sie seiner »Juki-onna« zu. + +Die Leute aber sagten, als sie ihn am andern Morgen tot fanden, er sei +erfroren. + + [Abbildung] + + + [Anmerkung 1: Juki = Schnee, onna = Frau, Juki-onna + = Schneefrau.] + + [Anmerkung 2: Sprich Nishikase.] + + + + +Der weiße Fuchs. + + [Abbildung] + + +Vor vielen Jahren jagte einmal im Walde von Shimoda[1] der Sohn eines +Fürsten. Er hatte das seltene Glück einen schneeweißen Fuchs +weiblichen Geschlechts zu fangen. Er wollte das Tier töten, aber +Yasuna, der Sohn eines Tempelaufsehers, der sich an der Jagd +beteiligte, bat es ihm zu schenken, weil er wußte, daß solche Füchse +mit weißem Fell Zauberkräfte besitzen, mehrere tausend Jahre alt +werden und sich in jede beliebige Gestalt verwandeln können. Aber der +Sohn des Fürsten wollte das schöne Fell des Tieres für sich haben, +schlug Yasuna die Bitte ab und befahl seinen Leuten die Füchsin zu +töten. Yasuna aber bemächtigte sich dieser mit Gewalt, indem er mit +den Jägern kämpfte und obgleich aus vielen Wunden blutend, konnte er +doch mit dem Tiere flüchten. Nachdem er eine Weile gelaufen war, brach +er erschöpft zusammen; er mußte die Füchsin loslassen, die schnell im +Walde verschwand. Seltsamerweise kam plötzlich seine Verlobte Kuzunoha +daher, die, als sie seine Wunden sah, sie ihm verband und ihn nach +Hause geleitete. + +Yasuna war erstaunt seine Verlobte bei sich zu sehen, die er bei ihren +Eltern, die in der Kumamoto-Provinz[2], weit entfernt von Shimoda, +wohnten, vermutete, und fragte daher, wie es komme, daß sie sich jetzt +hier befinde und ihn im Walde gefunden habe. + +Kuzunoha aber antwortete: »Frage mich jetzt nicht, noch ist es nicht +Zeit, dir dies zu erklären. Ist es an der Zeit, so wirst du alles +erfahren!« + +Damit beruhigte sich Yasuna, der glücklich war, seine Braut bei sich +zu haben. Er zögerte nicht lange, sondern machte einige Tage darauf +mit ihr Hochzeit. Einige Jahre lebten beide glücklich und zufrieden +und ein herziger Knabe, den Kuzunoha ihm geschenkt hatte, verschönte +ihr Glück. Diesem Knaben hatten sie den Namen Dokyo[3] gegeben. + +Eines Tages war Yasuna im Walde gewesen und kehrte erst spät abends +zurück. Als er vor seinem Hause ankam, war er nicht wenig überrascht, +vor der Tür seine Schwiegereltern mit seiner Frau stehen zu sehen, die +sich lebhaft unterhielten; er trat näher, begrüßte sie und fragte, +warum sie nicht in das Haus gingen, sondern vor der Tür ständen. + +Sein Schwiegervater aber fuhr ihn zornig an, was das heißen solle, daß +er sich die ganzen Jahre lang nicht um seine Braut bekümmert habe und +jetzt mit einem andern Weibe zusammenlebe. + +Yasuna wußte nicht, was er zu solcher Rede sagen sollte und war noch +mehr verwundert, als auch seine Braut ihm die gleichen Vorwürfe +machte. Er öffnete kurzer Hand die Tür des Hauses und lud alle ein +einzutreten. »Wir können uns da drinnen weiter darüber unterhalten, +was eure Vorwürfe bedeuten sollen; hier auf der Straße ist nicht der +Ort dazu!« sagte er und wollte vorangehen, prallte aber zurück, denn +im Zimmer saß seine Frau und nähte! -- Hier draußen stand aber auch +seine Frau; die aber behauptete, noch nicht seine Frau zu sein, +sondern nur seine Verlobte! Wer war die richtige, wer die falsche +Kuzunoha? -- Er schloß nun ganz lautlos die Tür, trat zurück und sagte +zu seinen Schwiegereltern: »Wartet hier einen Augenblick, ich komme +gleich zurück!« + +Dann trat er in sein Haus, begrüßte seine Frau und sagte ihr: »Deine +Eltern sind angekommen, rüste dich, sie zu empfangen! In einer Stunde +sind wir wieder hier!« + +Nachdem die Frau zugesagt halte, alles aufs beste zu besorgen, ging +Yasuna zu den Schwiegereltern zurück und bat sie mit ihm einen +Spaziergang zu machen, nach einer Stunde würde er sie in sein Haus +führen. + +Auf dem Wege erzählten ihm die Schwiegereltern, daß das bei ihnen +befindliche Mädchen tatsächlich ihre Tochter Kuzunoha, seine Braut sei +und daß diese untröstlich darüber, daß Yasuna in der langen Zeit +nichts habe von sich hören lassen, ihre Eltern veranlaßt habe, die +weite Reise mit ihr zu machen. Jetzt angekommen, müßten sie zu ihrer +großen Betrübnis sehen, daß bereits eine andere Frau im Hause sei! + +Yasuna erzählte sein Abenteuer und seine glückliche Ehe. + +Unter diesem Gespräch war die Stunde vergangen, alle kehrten zurück +und gingen ins Haus; aber es war keine Frau zu sehen, nur das Kind lag +auf seinem Lager und weinte, jubelte aber der Kuzunoha zu, die den +Knaben auf den Arm nahm und mit ihm scherzte. Dann erzählte der Knabe +ihr einen sonderbaren Traum, den er gehabt habe und fragte, was er +bedeute. Er sagte zur Kuzunoha: »Vorhin, als ich schlief, sagtest du +zu mir, daß du gar kein Mensch, sondern eine verzauberte Füchsin +seiest. Der Vater habe dir einmal das Leben gerettet und deshalb +habest du menschliche Gestalt angenommen und seist ihm in Gestalt +seiner Braut erschienen um ihm zu danken. Jetzt sei aber die wirkliche +Braut gekommen und so müssest du scheiden. Ich solle dies dem Vater +erzählen und ich soll brav und gut werden und bleiben. Ein dummer +Traum, nicht wahr!« + +Alle sahen sich erstaunt an, war doch jetzt das Rätsel geklärt. Die +wirkliche Kuzunoha blieb nun im Hause als rechtmäßige Gattin Yasunas +und erzog den kleinen Dokyo zu einem tüchtigen Menschen, der klug und +tapfer wurde. + +Von der weißen Füchsin hat man nie wieder etwas gehört. + + + [Anmerkung 1: Shimoda = Ort auf der Halbinsel Izu, nahe bei + Yokohama.] + + [Anmerkung 2: Kumamoto = Stadt und Provinz im Süden Japans nahe + bei Nagasaki.] + + [Anmerkung 3: Dokyo = Mut.] + + + + + [Verzierung] + +Urashima Taro.[1] + + +In einem Fischerdorfe, nahe dem heutigen Yokohama lebte vor vielen, +vielen Jahren ein junger Fischer namens Urashima Taro. Als er eines +Abends vom Fischfang zurückkehrte und recht zufrieden und guter Dinge +war, weil er gute Beute gemacht hatte, sah er am Strande eine Schar +Knaben, die eine kleine Schildkröte gefangen hatten und sie an einer +an einem ihrer Vorderbeine befestigten Schnur im Kreise herumschwangen +und quälten[2]. Urashima, der die Tiere gern hatte und jede Quälerei +harmloser Tiere verabscheute, fühlte auch jetzt wieder Mitleid mit dem +armen Tierchen und ging auf die Kinder zu. + +Indem er seiner Stimme einen energischen Ton gab, schalt er die +Kinder. »Was ist das für eine Bosheit«, rief er empört aus, »dieses +schuldlose und hilflose Tier so zu quälen! Wißt ihr nicht, daß Gott im +Himmel solche böse Kinder bestraft, die arme Tiere mißhandeln? Zeigt +einmal her, wem gehört denn diese Schildkröte?« + +»Dieses Tier gehört niemandem!« entgegnete der älteste der Knaben und +fügte noch unverschämt hinzu: »Wir können machen, was wir wollen; und +wenn wir ein Vergnügen daran haben das Tier zu töten, so ist das unser +freier Wille und geht keinen anderen etwas an!« + +Urashima sah ein, daß er diesem frechen Bengel nicht mit Morallehren +kommen dürfe; denn auf solche harte Herzen haben Worte keinen Einfluß; +er änderte also seine Taktik und sagte nun mit möglichst milder +Stimme: »Nun, nun, ärgert euch nur nicht, das war nicht so bös +gemeint; aber diese allerliebste Schildkröte gefällt mir und ich +möchte sie gern besitzen. Wollt ihr euch in einen Handel mit mir +einlassen? Wie wäre es, wenn ihr mir das Tier verkaufen würdet? Für +Geld könnt ihr euch etwas kaufen und euch bessere Freude machen, als +daß ihr dieses Tier hier im Kreise herumschleudert!« + +Die Kinder gingen erfreut schnell auf den Handel ein und überließen +Urashima gegen einige Silbermünzen die Schildkröte. + +Urashima nahm sie in die Hand, ging bis zum Wasser und setzte das Tier +ins Meer, indem er sagte: + +»Armes Tierchen, nicht um dich der Freiheit zu berauben, sondern dir +die Freiheit wiederzugeben, habe ich dich gekauft; nun schwimme hin +und sei in Zukunft vorsichtiger, damit du nicht wieder in böser Buben +Hände fällst!« Er blieb noch ein Weilchen stehen und sah zufrieden +lächelnd der schnell im Wasser dahinschwimmenden Schildkröte nach, bis +er sie nicht mehr erblickte; dann nahm er sein Fischereigerät und +seine Fische und ging wohlgemut in seine Hütte. + +Am andern Morgen ging er wie gewöhnlich seinem Handwerk nach. Als er +mit seinem Kahne auf dem Meer war und seine Netze ausgeworfen hatte, +hörte er plötzlich ein zartes Stimmchen rufen: + +»Urashima sama!«[3] + +Erstaunt sah er sich um, konnte aber nicht entdecken, woher die Stimme +ertönte und wer seinen Namen rief. Da ertönte es abermals: + +»Urashima sama!« + +Jetzt merkte er, daß die Stimme aus dem Wasser kam und er beugte sich +über den Rand seines Bootes und erblickte die kleine Schildkröte, die +er am Tage vorher aus den Händen der Buben befreit hatte. Im ersten +Moment war er erschrocken; doch faßte er sich ein Herz und fragte: +»Warst du es, die mich rief?« + +»Gewiß!« antwortete das Tierchen. »Ich bin gekommen um euch meinen +Dank für euere gestrige edle Tat zu sagen. Und weil ihr mir meine +Freiheit gegeben habt, möchte ich euch etwas recht Schönes zeigen! +Habt ihr Lust, so folget mir!« + +Urashima dachte: Was kann es wohl sein, das mir dieses unscheinbare +Tier zeigen könnte? Doch nichts Besonderes. Aber das macht auch +nichts, es will sich mir dankbar erweisen und so will ich ihm auch die +Freude nicht verderben. Nachdem er sich so ein Weilchen bedacht hatte, +fragte er doch vorsorglich: + +»Dauert es auch nicht lange? Ich will dir gerne folgen, aber ich habe +nicht viel Zeit zu versäumen. Wohin soll es denn gehen?« + +»Garnicht weit von hier. Ich beabsichtige nur, euch zum Palast unserer +Meereskönigin Otohime zu führen und euch dort Wunderdinge zu zeigen!« + +»Das ist ganz unmöglich«, erwiderte Urashima, »denn ich kann nicht so +schnell schwimmen und nicht so gut tauchen wie ihr und was schließlich +die Hauptsache ist, ich kann ja im Wasser nicht atmen und dich deshalb +nicht auf den Meeresgrund begleiten!« + +»Macht euch deshalb keine Sorge, Urashima«, entgegnete die +Schildkröte, »steigt auf meinen Rücken und das weitere werdet ihr +sehen!« + +»Aber mein Boot -- --« meinte Urashima bedenklich. + +»Das findet ihr hier wieder, ich führe euch zurück!« unterbrach ihn +das Tier. + +»Aber du bist so klein, du kannst mich nicht tragen!« rief Urashima +noch immer bedenklich. + +Da rauschte es im Wasser, die Schildkröte dehnte und streckte sich und +staunend sah Urashima, wie sie sich immer mehr vergrößerte, bis sie +die gleiche Größe des Bootes hatte, dann fragte sie lachend: + +»Nun? -- Bin ich noch zu schwach für dich?« Da schwanden Urashima alle +Bedenken, flugs stieg er aus seinem Boote, nachdem er dasselbe +sicherheitshalber verankert hatte und nahm auf dem Rücken des Tieres +Platz. + +»Halte dich nur recht fest und fürchte dich nicht!« Nach einiger Zeit +rief die Schildkröte: »Nun schließe fest die Augen und öffne sie nicht +eher, als bis ich es dir sage. Auch halte ein Weilchen den Atem an, +es dauert nicht lange!« + +Urashima tat, wie ihm geheißen und dann fühlte er, wie das Tier im +Wasser versank; das Wasser rauschte und brauste um seine Ohren; +ängstlich klammerte er sich mit beiden Händen an das Schild seines +sonderbaren Reitpferdes; aber eingedenk der Mahnung behielt er die +Augen geschlossen und hielt den Atem an. + +Schon glaubte er, es ginge mit ihm zu Ende; da ertönte der Ruf: +»Jetzt!« + +Da öffnete er seine Augen und sah sich auf dem Grunde des Meeres, +dessen feiner Sand aus lauter Perlen bestand. In der Ferne sah er ein +riesiges Gebäude in blendendem Glanze schimmern, auf das die +Schildkröte mit ihrem Reiter zuschwamm. Endlich kamen sie an und +standen vor einem großen Tore, das aus purem Golde mit Edelsteinen +verziert war. Zwei große unheimliche Meerdrachen lagen vor dem Tore +und glotzten Urashima mit fürchterlich rollenden Augen an, so daß ihm +ganz ängstlich wurde. Als die Drachen aber die Schildkröte erblickten, +ließen ihre drohenden Blicke nach und sie versuchten freundlichere +Gesichter zu machen. + +»Nun steige ab und warte hier!« sagte die Schildkröte und ging dann, +nachdem Urashima abgestiegen war und sich auf den Boden gesetzt hatte, +durch das Tor. + +Urashima sah sich dann um und wunderte sich sehr, daß er, obgleich er +sich auf dem Meeresgrunde befand und das Meerwasser ihn umgab, doch +ganz trocken war und ohne Beschwerden atmen konnte, ja die Luft kam +ihm sogar viel reiner und würziger vor, als die oben auf der Erde. + +Es dauerte gar nicht lange, da kehrte die Schildkröte zurück; ihr +folgte eine große Anzahl Fische in allen Größen, Formen und Farben, +wie sie der Ozean birgt; nur trugen alle ein ganz lichtes Gewebe in +blauer Farbe, wie ein Kleid, und hatten silberne Aufschläge. Sie +umringten Urashima, der sich erhoben hatte, und begrüßten ihn durch +Neigen ihres Kopfes ehrerbietig. + +Dann nahten sich zwei größere Fische, die auch ein blaues Kleid +anhatten aber mit goldenen Aufschlägen, und die ein ebensolches Kleid +brachten und ohne etwas zu reden, Urashima die Fischerkleider auszogen +und mit dem mitgebrachten blauen Gewande bekleideten. + +Urashima ließ alles willenlos mit sich geschehen; er sagte sich, nun +bin ich einmal hier und kann allein nicht fort. Schlimm wird es mir +sicherlich nicht ergehen; denn, wen man mit einem Ehrengewande +bekleidet, den wird man wohl nicht verschlingen. + +Nachdem ihm auch noch herrliche Sammetpantoffel an die Füße gesteckt +waren, kam eine wunderbar schöne Zofe, nahm ihn bei der Hand und +führte ihn durch das Tor, während die Fische als Ehrengeleite in +respektvoller Entfernung in schönster Ordnung folgten. + +Nachdem sie das Tor durchschritten hatten, gelangten sie an eine +Marmortreppe, die sieben Stufen hatte und an einem Tor von glänzendem +Mahagoniholz, an dem zahlreiche Smaragde flimmerten, endete. Hier +angelangt, öffnete die Zofe das Tor und ließ Urashima eintreten, der +sich nun in einem großen Saale befand, dessen unbeschreibliche Pracht +seine Augen fast blendete. Zwanzig Säulen von reinstem Kristall trugen +die aus Korallen gebildete Decke des Saales, von der eine Unmenge +kostbarer Lampen herabhing, in denen wohlriechende Öle brannten. Die +Wände waren alle aus Marmor und trugen zum Schmuck die verschiedensten +Edelsteine und Rubinen. In der Mitte des Saales befand sich ein +diamantener Thron, auf dem Otohime, die Meereskönigin saß, schön wie +die Morgenröte, die das bleiche Nachtgestirn vertreibt. Den Thron +umgab eine unendliche Menge von Würdenträgern und Palastbeamten, alle +in kostbare Gewänder gekleidet. Die ganze Pracht war für den an +derartige Schönheit und Wunder nicht gewohnten jungen Fischer so +blendend, daß er nur zögernd und halb willenlos, langsam einen Fuß vor +den andern setzte und sich so dem Throne nahte, wo er sich +ehrfurchtsvoll und demütig niederwerfen wollte. Aber die Königin, die +seine Ueberraschung und sein Zögern mit mildem, freundlichem Lächeln +beobachtet hatte, erhob sich schnell, ergriff Urashima bei der Hand +und verhinderte so sein Niederfallen. Mit einer Stimme, die dem Klange +einer silbernen Glocke glich, süß und rein, sagte sie zu ihm: + +»Sei mir willkommen. Ich habe gehört, daß du gestern in selbstloser +Weise einer meiner liebsten Dienerinnen das Leben gerettet hast. So +war es mein aufrichtiger Wunsch, dir diese edle Tat zu vergelten und +dir meine Dankbarkeit zu beweisen. Deshalb habe ich dich zu mir +eingeladen und ich habe mich gefreut, daß du so furchtlos warst und +der Gefahr nicht achtetest, den Weg hierher zu unternehmen. Wer +furchtlos ist, ist in der Regel auch treu!« Der junge Fischer wußte +nicht, wie ihm geschah und er war so verlegen und befangen, daß er +auch nicht ein Wort zu erwidern vermochte; er machte nur eine stumme, +sittsame Verbeugung. + +Auf einen Wink der Königin wurden ihm nun seidene Polster gebracht, +auf die er sich niederlassen mußte, dann stellte man ein +elfenbeinernes Tischchen vor ihm hin, auf dem sich auf einer roten +Lackplatte schmackhafte Speisen verschiedenster Art befanden, die ihm +sämtlich unbekannt waren. Er ließ sich nicht länger nötigen, sondern +sprach den Speisen und Getränken tapfer zu. Es war für ihn im wahren +Sinne des Wortes eine Göttermahlzeit; hatte er doch in seinem ganzen +Leben noch nie derartige Sachen gesehen, geschweige denn jemals +gekostet. + +Als er sein Mahl beendet hatte, forderte ihn die Königin auf, sich den +Palast anzuschauen; sie führte ihn von Saal zu Saal, von Zimmer zu +Zimmer durch alle Räumlichkeiten, die mit verschwenderischer Pracht +ausgestattet waren und jede nur irgend mögliche Bequemlichkeit +aufwiesen. + +Das wunderbarste aber war der Garten, der vier große Beete enthielt, +die den vier Jahreszeiten entsprachen. + +Das eine Beet, der Frühling, enthielt zahllose Pflaumen- und +Kirschbäume, die über und über dicht mit Blüten besät waren und auf +einem saftigen dunkelgrünen Rasen standen. Auf den Zweigen saßen +zahlreiche Nachtigallen, die ihre lieblichen Romanzen melodisch +ertönen ließen und eine unendliche Menge Lerchen hatte ihre Nester in +dem Blütenmeere erbaut. + +Nach Süden zu befand sich das Beet des Sommers: Hier standen +Birnen- und Aepfelbäume, deren Zweige sich unter der Last der +herrlichsten Früchte bis nahe zum Erdboden beugten. Grillen und +Zikaden erfüllten die Luft mit ihrem einförmigen und betäubenden +Geschrei. Die große Hitze, die in diesem Teile herrschte, wurde +gemildert durch einen sanften, kühlenden Wind. + +Das dritte Beet, der Herbst, im westlichen Teile gelegen, war ganz +bedeckt mit welken Blättern und Chrysanthemenblüten, während das im +Norden befindliche vierte Beet, den Winter, ein dichter Schneeteppich +bedeckte und Eisfelder und ein zugefrorener Graben es umgrenzten. So +verbrachte Urashima sieben lange Tage im Palaste der Meereskönigin und +wurde gar nicht müde, all die Wunder und Herrlichkeiten anzustaunen, +die ihm täglich gezeigt wurden und im Entzücken über die liebliche +Schönheit Otohimes vergaß er ganz seine Heimat, seinen Vater, sein +Weib und seine Kinder. Aber eines Tages, als er wieder müßig +umherschlenderte, kamen ihm diese doch wieder in Erinnerung und ein +tiefes Heimweh befiel ihn. Er seufzte schwer und sprach: + +»Was mag wohl mein Vater von meiner langen Abwesenheit denken, wie +unruhig werden meine Frau und Kinder sein und meine Rückkehr erwarten! +Vielleicht glauben sie sogar, daß ich gestorben bin, verschlungen von +den Wogen des Meeres, auf dem Grunde des Ozeans ruhe!« + +Ohne sich lange zu besinnen, eilte er zur Königin und bat, ihn zu den +Seinen zurückführen zu lassen, da er jetzt schon sieben Tage von Hause +abwesend sei und die Seinen sich sicherlich ängstigen würden. + +Die Königin, die vergeblich sich bemühte, Urashima die Heimwehgedanken +auszureden, nahm, als sie sah, daß ihre Worte nichts halfen, ihn mit +sich in ihr Zimmer, und überreichte ihm ein kleines, fest verschnürtes +Lackkästchen, indem sie sagte: »Ich habe keine Gewalt dich hier gegen +deinen Willen zurückzuhalten, obgleich ich weiß, daß deine Rückkehr in +die Heimat dir nur Elend bringen wird. Aber nimm hier zur Erinnerung +an mich dieses Kästchen, es wird dir immer nützlich sein und dir, wenn +du den Wunsch hast, zu mir zurückzukehren, diese Rückkehr ermöglichen. +Diesen Wert behält das Kästchen aber nur so lange, als es uneröffnet +bleibt. Also beachte wohl! Laß dich nie durch sträfliche Neugierde und +durch sonst irgend welche Umstände verleiten, jemals das Band, das das +Kästchen verschlossen hält, zu lösen und den Deckel zu lüften; es wäre +dein Tod und nie fändest du den Weg zu mir. Willst du zu mir zurück, +so gehe mit dem verschlossenen Kästchen an den Strand und rufe meinen +Namen, so werde ich dir eine meiner Dienerinnen senden, die dich +hergeleitet. Also beherzige meine Worte und laß das Kästchen +geschlossen, dein Leben liegt darin. Und nun lebe wohl!« + +Sie küßte ihn auf die Stirne und geleitete ihn bis zum Tore. Hier +stand die Schildkröte bereit, die Urashima bestieg. In kurzer Zeit war +sie mit ihm am Strande, wo sie ihn verließ. Mit dem Kästchen unterm +Arm wollte er schnell seinem Dörfchen zuwandern, blieb aber auf seinem +Wege wiederholt stehen; denn es kam ihm alles, der Strand, der Weg, +die Bäume und Felder etwas verändert vor. Mehrmals glaubte er, daß die +Schildkröte ihn an einer verkehrten Stelle abgeladen hätte, aber doch +war ihm dieses oder jenes wiederum bekannt, so daß er schließlich sich +mit dem Gedanken beruhigte, der siebentägige Aufenthalt auf dem Grunde +des Meeres habe seine Augen, seine Sehkraft beeinflußt. + +Als er aber endlich in seinem Dorfe ankam, da waren die Häuser und +Hütten alle verändert, auf dem Markte standen Bäume, die er nie +gesehen hatte; die Bewohner waren ihm unbekannt und so ängstlich er +auch jedem ins Gesicht schaute, er konnte keinen Bekannten entdecken, +auch die Kinder erschienen ihm fremdartig, die auch ihn verwundert +anstarrten und ihm dann nachliefen. Er wurde ganz irre und wußte nicht +mehr, was er denken oder glauben sollte; doch hielt ihn die Hoffnung +aufrecht von den Seinen Aufklärung über diese wunderbare Verwandlung +seiner Heimat während seiner nur siebentägigen Abwesenheit zu +erhalten. Doch je näher er zu seinem Hause kam, desto ängstlicher war +ihm zu Mute und große Bangigkeit erfüllte sein Gemüt. Was wird er +hören müssen? + +Aber! o Schmerz! -- Als er an die Stelle kam, da seine Hütte +gestanden, da war sie nicht mehr vorhanden. Ein öder, wüster, mit +Unkraut überwucherter Schutthaufen war der Platz seiner Geburt. Keine +Spur von seinem Vater, seiner Frau, seinen Kindern, nichts von allem, +was ihm lieb und teuer war, war zu sehen. Schmerzerfüllt sank er +weinend zu Boden, während in einiger Entfernung die Leute und Kinder +ihn umringten. Da trat aus der Menge ein gebeugter Greis hervor und +näherte sich Urashima mit der Frage: + +»Wer seid ihr Fremdling und wen suchet ihr hier? Was erfüllt eure +Seele mit Kummer und Schmerz?« + +»Mein Alter«, antwortete Urashima mit schmerzbebender Stimme leise, +»vor sieben Tagen verließ ich das Haus, das an dieser Stätte stand und +kehrte nun zurück, finde aber nur einen Schutthaufen, ich sehe fremde +Leute, fremde Gestalten und auch euch kenne ich nicht, sah euch noch +nie in diesem Dorfe, sagt, was ist hier in den sieben Tagen geschehen? +Wo sind mein Vater, mein Weib, meine Kinder, die ich hier zurückließ? +O bitte, löst mir dieses Rätsel, reißt die Binde von meinen Augen, daß +ich sehen kann!« + +»Ich verstehe euch nicht, junger Mann!« entgegnete der Greis, »diese +Stätte ist ein Trümmerhaufen, solange ich denken kann. Ich kenne euch +nicht; wer seid ihr? Wie ist euer Name?« + +»Ich bin Urashima Taro, der Fischer!« rief Urashima. + +»Urashima Taro? -- --« rief der Greis voller Erstaunen und wich +schreckerfüllt einige Schritte zurück. »Seid ihr ein Gespenst? -- ein +Schattenbild? -- Urashima Taro könnt ihr nicht sein! Es geht hier die +Sage und ich erinnere mich aus meiner Jugendzeit, da von diesem noch +oft an dunkeln Abenden erzählt wurde, dieser junge Fischer ging vor +nun 700 Jahren eines Morgens aufs Meer und kehrte nicht mehr zurück. +Die Gräber seiner Angehörigen könnt ihr auf dem Friedhofe noch heute +sehen, allerdings zerfallen, verwittert!« -- + +Urashima erblaßte, »siebenhundert Jahre?« rief er verzweifelt aus und +rang die Hände. Jetzt wurde ihm alles klar. Jetzt verstand er alles! +Sieben Tage im Palaste der Königin waren sieben Jahrhunderte. Tiefe +Traurigkeit bemächtigte sich seiner, er erzählte dem Alten mit +stockender Stimme sein Lebensschicksal, dann erhob er sich und verließ +schwankenden Schrittes wie ein Träumender das Haus; er wandte sich +wieder dem Meere zu und ließ sich dort am Strande nieder, seine Lage +bedenkend. + + [Abbildung] + +Tiefsinnig betrachtete er die rollenden Wogen, die unermeßliche Fläche +und schaute verlangend nach der Schildkröte aus, daß sie ihn wieder +zurückführe in das ewig jugendliche Reich der Meereskönigin; er dachte +aber in seiner Traurigkeit nicht daran, sie zu rufen und so sah er +vergeblich nach dem Tiere aus. + +Dann fiel sein Blick auf das Kästchen, das ihm die Königin beim +Abschiede gegeben hatte und das er gedankenlos neben sich auf den Sand +gelegt hatte. + +»Was bedeutet dieses Kästchen?« fragte er sich. Die schöne Königin hat +zwar gesagt, es sei mein Leben darin und ich werde es verlieren, wenn +ich das Kästchen öffne. Ist dieses Gebot aber vielleicht nur eine +Probe? Enthält das Kästchen nicht vielmehr mein Glück? Ist alles, was +ich heute erlebte, nur eine Täuschung und schwindet diese, wenn ich +das Kästchen öffne? Und selbst wenn ich sterben sollte, was schadet +es? Bin ich jetzt nicht ein Fremdling in meiner Heimat und habe +niemanden, niemanden, der mich liebt, der mich kennt? Ohne Vater, ohne +Familie, ohne Bekannte, ohne Freunde bin ich schlimmer daran als ein +Heimatloser; da ist mir der Tod nur ein Gewinn, er bietet mir etwas +Besseres, als dieses unglückselige Leben! So sprechend, löste er +langsam die Schnur, die um das Kästchen geschlungen war und öffnete +ein wenig den Deckel. + +Da stieg ein kleines weißes Wölkchen aus dem Kästchen empor, breitete +sich dann aus, erhob sich und schwebte langsam über das Meer der +Richtung zu, wo sich der Palast der Meereskönigin befand. + +Laut aufschreiend sprang Urashima empor und breitete sehnsüchtig die +Arme aus, aber -- ein jäher heftiger Schmerz durchzuckte seinen Körper +und er ließ die Arme sinken, da blickte er auf seine Hand und ein +eisiger Schauer befiel ihn, die Hand, soeben noch so frisch und rosig, +war welk, runzlig und knochig wie die eines Greises; nun fühlte er +auch wie sein Blut erstarrte, wie es träger durch seine Adern floß, +die Haut zog sich in Falten, der Herzschlag stockte, noch einmal +schaute er ins Wasser, da spiegelte sich ihm ein verrunzeltes graues +Greisenantlitz mit spärlich weißem Haar entgegen, sein eigenes +Antlitz, vor Minuten noch in Jugendfrische, jetzt mumienhaft +verändert. Mit einem Wehelaut sank er zu Boden und ein Häuflein grauen +Staubes bezeichnete die Stätte, da Urashima jugendfrisch zurückgekehrt +in wenigen Minuten zu Staub wurde.[4] + + + [Anmerkung 1: Sprich: Uraschima; Urashima = Eigenname, taro + = ältester Sohn, im übertragenen Sinne etwa: der Erstgeborene, + der Ältere.] + + [Anmerkung 2: Derartige Tierquälereien kann man noch heute + tagtäglich als eine Belustigung der japanischen Jugend +beobachten.] + + [Anmerkung 3: »sama« auch »san« = Herr, sama ist die höflichere + Form als san.] + + [Anmerkung 4: Die Schicksale Urashima's sind urkundlich bestätigt. + Die Zeit seiner Abwesenheit in der japanischen Chronik wird + 477--825 n.Chr. angegeben, also 348 Jahre. In den Märchen, die + verschiedenartig lauten, schwankt die Zeit zwischen 300 bis 7000 + Jahre. Ich habe die mittlere Zeit gewählt, die in den neuesten + japanischen Ausgaben auf 700 Jahre angegeben wird. Im Dorfe + Kanagawa bei Yokohama werden heute noch das Grab und die + Fischergeräte Urashima's gezeigt. Urashima ist eine der + beliebtesten Märchenfiguren Japans.] + + + + + [Verzierung] + +Wenn man mit Kobolden tanzt! + + +In alter Zeit lebte einmal ein Landmann, der hatte auf der rechten +Wange eine große Geschwulst, groß wie eine Birne. Als dieser Landmann +eines Tages in den Wald ging um Reisig zu sammeln, wurde er von einem +Gewitter überrascht und flüchtete in einen hohlen Baum, wo er Schutz +vor dem Regen fand. Als das Gewitter endlich aufhörte, war es Nacht +geworden und der Landmann konnte den Weg nach Hause nicht finden; +deshalb blieb er in der Höhlung des Baumes sitzen und erwartete den +Morgen. + +Im Walde aber war es sehr einsam und schaurig und der Mann konnte vor +Angst und Furcht nicht schlafen. Gegen Mitternacht hörte er plötzlich +Stimmen und lautes Lachen. Verwundert streckte er den Kopf hervor und +sah eine Anzahl Kobolde mit den sonderbarsten Gesichtern und in +verschiedener Gestalt. Diese hatten gerade in der Nähe des Baumes, in +dem der Landmann saß, Platz genommen und ergötzten sich am Trunk. Als +sie genug getrunken hatten, begannen sie zu singen und zu tanzen. Der +Landmann, der gern tanzte und ebenso gern einen guten Trunk Sake[1] zu +sich genommen hätte, konnte es in seinem Versteck nicht länger +aushalten, denn die Lust der Kobolde wirkte auf ihn ansteckend. + +Er kam also hervor und näherte sich den Tanzenden, die, als sie einen +Menschen erblickten, erschraken und forteilen wollten. Er rief ihnen +aber zu: »Bleibt nur da, ich will euch nur zeigen, wie man besser +tanzt!« Und gleich darauf begann er sich lustig im Tanze zu drehen. + +Die Kobolde freuten sich über sein Tanzen und versuchten es ihm +nachzumachen, auch gaben sie ihm zu essen und zu trinken. + +War das eine Fröhlichkeit! Sie dauerte bis der Morgen graute. + +[Buntbild] + +Da sprachen die Kobolde: »Du hast uns durch deine Gesellschaft +hocherfreut. Komme doch auch morgen nacht wieder!« + +Der Landmann sagte dies zu; aber die Kobolde wollten ein Unterpfand +haben, daß er auch sicherlich käme. »Weißt du«, sagten sie zu ihm, +»wir werden zur Sicherheit deine Geschwulst nehmen, du kannst sie dann +morgen wieder bekommen.« + +Damit griff der Sprecher gleich an die Wange des Mannes und nahm ihm +die Geschwulst fort, ohne daß er einen Schmerz verspürte. Hierauf +eilten alle lachend fort, ihm zurufend, nicht zu vergessen wieder zu +kommen. + +Der Landmann befühlte seine Wange, sie war ganz glatt und hatte keine +Spur der Geschwulst mehr, nicht einmal eine Narbe; er war darüber +außerordentlich froh und nahm sich vor, diesen Platz in Zukunft zu +meiden und den Kobolden aus dem Wege zu gehen; denn er hatte gar kein +Verlangen die Geschwulst wieder zu bekommen. + +Er ging also zufrieden nach Hause, wo alle ihn verwundert anstaunten, +daß er seine Geschwulst ohne jede Spur verloren hatte. Er erzählte +dann, welches Glück ihm die Kobolde für sein Tanzen bereiteten, +verschwieg aber kluger Weise, daß sie ihm die Geschwulst nur als +Unterpfand für sein Wiederkommen abgenommen hatten. + +Nun wohnte in dem Dorfe noch ein Landmann mit einer Geschwulst auf der +Wange. Dieser hatte die Geschwulst auf der linken Seite. + +Als er von dem Glück seines Nachbarn hörte, wollte auch er seiner +Geschwulst los werden und ließ sich den Platz genau beschreiben, +wo der erste Landmann die Kobolde getroffen hatte. + +In der Nacht ging er dorthin und traf die Kobolde auch wirklich an. Er +wollte aber erst hören, was sie sagten und versteckte sich daher in +dieselbe Höhlung, in der in der Nacht vorher der andere Landmann +gesteckt hatte. + +Die Kobolde aber sprachen nicht viel, sondern schauten sich von Zeit +zu Zeit erwartend um, bis endlich einer sagte: »Unser Freund von +gestern scheint heute nicht zu kommen!« + +Als dies der Landmann hörte, sprang er tanzend hervor und rief: »Da +bin ich schon!« + +Nun freuten sich alle, gaben ihm zu trinken und forderten ihn dann auf +wieder seine Kunst zu zeigen. + +Er war aber ein ungeschickter Tänzer; auch konnte er nicht viel Sake +vertragen, sodaß sein Tanz noch ungeschickter war und er steif und +torkelnd umherhopste. Es war den Kobolden kein Vergnügen, dem Manne +zuzuschauen und so riefen sie: »Du bist heute nicht so geschickt wie +gestern und wir haben heute keine Freude an deiner Gesellschaft. Mach, +daß du fort kommst und laß dich nie wieder bei uns sehen; da wir von +dir keine Erinnerung wünschen, so hast du hier deine Geschwulst +wieder!« + +Der eine Kobold zog sie aus der Tasche und warf sie dem verdutzten +Manne ins Gesicht, klitsch -- klatsch -- saß sie an der rechten Wange. +Dann stieß man ihn fort und er mußte jetzt mit zwei Geschwülsten +heimkehren. -- + +Das kommt davon, wenn man neidischen Sinnes das gleiche Glück besitzen +will, das andere genießen! + + [Abbildung] + + + [Anmerkung 1: Sake = aus Reis bereiteter, stark alkoholhaltiger + Wein, der heiß getrunken wird.] + + + + + [Verzierung] + +Neid bringt Leid. + + [Abbildung] + + +Es ist schon lange, lange Zeit her! Da lebte einmal in einem kleinen +Städtchen ein alter Mann. Dieser hatte in seinem ganzen Leben +jedermann nur Gutes getan, war fromm und gut. Deshalb hatten ihn auch +alle Leute lieb, obgleich er arm war. Gerade gegenüber dem Hause +dieses guten alten Mannes wohnte ein anderer alter Mann, der sehr +reich war, aber nicht gut, sondern habgierig und alles, was er sah, +gern haben wollte. + +Nun hatte der gute Mann leider kein Kind und keine Verwandte und er +hätte ganz einsam leben müssen, was er nicht wollte; denn er wünschte +auch in seinem Hause jemanden zu haben, den er lieb haben könnte und +der ihn wieder liebe. Deshalb schaffte er sich ein allerliebstes +kleines Hündchen an, hegte und pflegte es und hatte bald seine große +Freude an dem possierlichen Tierchen, das dem Alten alle Liebe vergalt +und so treu und anhänglich war, daß es nie von der Seite seines Herrn +wich, sondern ihn auf allen seinen Wegen begleitete. + +Eines Tages gingen der Herr und sein Hündchen spazieren und kamen an +ein ödes Feld. Da bellte plötzlich das Hündchen, eilte zu einer Stelle +in der Mitte des Feldes und begann mit seinen Pfötchen heftig zu +scharren, indem es seinen Herrn treuherzig bittend ansah, als wollte +es sagen: + +»Hier grabe nach, hier ist etwas für dich!« Der Alte verstand sein +Hündchen, eilte nach Hause, holte einen Spaten und grub an der Stelle +nach, die das Hündchen bezeichnet hatte und siehe da! Als der Mann ein +Weilchen gegraben hatte, fand er in dem Loche einen Haufen goldener +Koban[1], worüber er hocherfreut war, das Geld nach Hause trug und +einen großen Teil den Armen spendete. + +Trotzdem er nun reich war, blieb er freundlich und bescheiden wie +bisher, hatte aber sein Hündchen noch viel, viel lieber. + +Der böse Nachbar aber neidete das Glück des Alten und da er erfahren +hatte, wodurch dieser zu dem Reichtum gekommen war, suchte er das +Hündchen in sein Haus zu locken, damit es auch ihm Stellen zeige, wo +goldene Koban verborgen wären. Aber das Hündchen folgte den Lockungen +nicht und wich nie von seines Herrn Seite. + + [Abbildung] + +Da nun der habgierige Mensch mit List nichts erreichen konnte, wandte +er Gewalt an, indem er das Hündchen, als dieses ruhig vor dem Hause +saß, ergriff und in sein Haus schleppte; dann band er es mit einem +Strick und führte es aufs Feld, damit es ihm vergrabene Schätze zeige. +Das Hündchen scharrte auch wirklich an verschiedenen Stellen, aber +immer, wenn der Mann den harten Boden aufgeschlagen und im Schweiße +seines Angesichts nachgegraben hatte, fand er nichts als stinkenden +Unrat, so daß er erboste, das Hündchen mit seiner Hacke erschlug und +den Leichnam dem guten Alten in den Garten warf. + +Der Alte war darüber sehr betrübt und begrub seinen Liebling unter +einen Baum im Garten, und obgleich er wohl wußte, wer der Übeltäter +war, trug er es ihm doch nicht nach, noch forderte er Sühne für die +begangene Tat. + +Kurze Zeit darauf erschien ihm eines Nachts das Hündchen im Traum und +sagte zu ihm: + +»Trauere nicht länger, mein Tod wird dir noch größeres Glück bringen, +wenn du meinen Rat befolgst. Haue den Baum, unter dem ich begraben +bin, um und mache dir aus dem Holze einen Reismörser[2] und Schlegel!« + +Der Alte tat, wie ihm geheißen und als er den Mörser in Gebrauch nahm, +welch ein Wunder! Da quoll aus dem Mörser der Mochi[3] und nahm kein +Ende, bis der Alte zu stampfen aufhörte. Dieser war nun überglücklich; +denn er brauchte keinen Reis mehr zu kaufen und konnte überdies den +Armen des Ortes reichlich abgeben. + +Dem bösen Nachbar aber, dem dieses neue Glück seines Gegenübers zu +Ohren kam, ließ es keine Ruhe; er wollte und mußte den Mörser haben. +Deshalb ging er zu dem Alten und bat, er möge ihm doch den Mörser +wenigstens einmal, nur auf einen Tag leihen, er bringe ihn gewiß am +andern Morgen zurück. Der Alte war gutmütig genug dem Manne zu glauben +und ihm den Mörser zu leihen, den dieser hocherfreut in sein Haus +trug, ihn bis obenan mit Reis füllte und dann zu stampfen anfing. Aber +o Graus! Anstatt schöner Mochi quoll ekelerregender Kot hervor und +erfüllte mit seinem Gestank das ganze Haus. Da ergriff der schlechte +Mann eine Axt, hieb den Mörser samt Schlegel in viele Stücke und +verbrannte diese zu Asche. + +Aber auch ob dieser neuen Bosheit ergrimmte der seines Mörsers +beraubte Alte nicht, sondern folgte dem Rate seines toten Hündchens, +das ihm wieder im Traum erschienen war, und holte sich die Asche von +dem Mörser aus dem Hause seines Nachbars und bewahrte sie in einem +Gefäße sorgfältig auf. + +Da kam eines Tages im Spätherbst, als alle Bäume und Sträucher kahl +waren, der Daimyo[4] mit seinem Gefolge angeritten und mußte am Hause +unseres guten Alten, das an der Landstraße lag, vorüber. Der Alte +ergriff nun schnell einige Hände voll von der Asche, kletterte auf +einen am Wege stehenden Kirschbaum, und gerade als der Daimyo darunter +war, streute er die Asche aus. Der Daimyo und sein Gefolge waren im +ersten Augenblick starr vor Schreck, dann ergriff sie der Zorn ob +solcher Freveltat und sie wollten den Alten ergreifen. + +Aber, welch Entzücken erfaßte alle! Überall, wohin die Asche geflogen +war, grünte und blühte es, die Äste und Zweige waren voller Blätter +und Blüten und anstatt der Asche rieselte ein feiner Regen lichter +Kirschblüten auf den Daimyo und sein Gefolge nieder. Alles schrie vor +Freude über solch ein Wunder laut auf und die den Alten soeben noch +züchtigen wollten, umarmten ihn und priesen seine Wundertat. + +Der Daimyo war gerührt von solcher sinnigen Aufmerksamkeit und machte +dem Alten reiche Geschenke; auch schickte er ihm, als er die +Geschichte des Hündchens gehört hatte, ein anderes allerliebstes +Hündchen. + +Der böse Nachbar aber barst fast vor Neid und Zorn; trotzdem aber ging +er wieder zu dem gutmütigen Manne und fragte ihn, ob er noch etwas +Asche übrig hätte, er möge ihm doch ein wenig geben, was der Alte auch +tat. + +Als der schlechte Mann nun einmal hörte, daß der Daimyo mit seinem +Gefolge wieder des Weges kam, hatte er nichts eiligeres zu tun, als +die geschenkt erhaltene Asche zu nehmen und damit ebenfalls auf einen +Baum zu klettern. Als der Daimyo dann unter dem Baum vorbeiritt, +streute der Mensch wirklich die Asche über ihn aus, aber kein Blatt +und keine Blüte zeigte sich, sondern die Asche blieb Asche und flog +dem Daimyo und seinen Leuten in Augen, Ohren, Nase und Mund, so daß +ein jeder sich voller Zorn auf den Übeltäter stürzte, ihn gehörig +durchprügelte, dann in Ketten legte und ins Gefängnis steckte, wo er +nach langen großen Schmerzen verstarb. -- So ergehe es allen Neidern +und Habgierigen, die dem Nächsten sein Glück nicht gönnen und es an +sich reißen möchten, anstatt sich über das Glück des Nachbars mit +diesem zu freuen! + +[Buntbild] + + + [Anmerkung 1: Koban = Altjapanische Goldmünzen. Diese Goldmünzen + hatten länglichrunde Form, waren ohne Inschrift und wurden 1588 + zum ersten Male in Japan, unter Hideyoshi, geprägt und +ausgegeben.] + + [Anmerkung 2: Großes Holzgefäß zum Reis stampfen.] + + [Anmerkung 3: Mochi = sprich Mo-tschi, zu einem zähen Brei + zerstampfter Reis, der zu Kuchen (Reiskuchen) verwendet wird. + Diese Kuchen heißen Mochigwashi (Mochi-gwashi).] + + [Anmerkung 4: Daimyo = Fürst.] + + + + + [Verzierung] + +Der schlaue Polizist.[1] + + +Der frühere Kaiser von Korea hatte sich eine Geheimpolizei +eingerichtet, die für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen mußte und +Räubereien und Diebstahl verhindern sollte. Aber wie das oft so ist. +Die Verbrechen wollten kein Ende nehmen und der Kaiser war recht +ärgerlich. Er ließ sich den Obersten der Polizei kommen und machte ihm +Vorwürfe. Der Oberste aber verteidigte seine Leute und sagte, sie +seien alle tüchtig und geschickt. + +Da meinte der Kaiser, nur der sei ein geschickter Polizist, der alle +Schliche und Listen der Diebe kenne und solche selbst anwenden könne. +Er werde die Leute auf die Probe stellen. Sie sollen sich alle am +anderen Morgen im Palaste einfinden. + +Als am Morgen die Polizisten alle in der Vorhalle des Palastes +versammelt waren, erschien der Kaiser, in der Hand einen seidenen +Beutel haltend. Diesen Beutel füllte der Kaiser mit Gold und ließ ihn +mitten an der Decke der Halle aufhängen, so hoch, daß ihn niemand mit +der Hand erreichen konnte. + +Dann sagte der Kaiser: + +»Hier hängt der Beutel mit Gold. Er bleibt drei Tage lang hängen. Eine +Wache wird stets dabei sein. Gelingt es einem von euch diesen Beutel +binnen der drei Tage zu entfernen, ohne daß jemand es bemerkt, so +gehört ihm der Beutel samt Inhalt und ihr alle sollt fernerhin in +meinen Diensten bleiben. Gelingt aber keinem von euch die Aufgabe, +so jage ich euch alle zum Teufel!« + +Da war allgemeines Köpfeschütteln und tief betrübt gingen die +Polizisten heim; denn es schien unmöglich den Beutel zu entfernen, +weil der Kaiser eine Wache von vier Mann aufgestellt hatte, die den +Beutel Tag und Nacht bewachen mußte. Für Nachlässigkeit war der Wache +mit Kopfabschlagen gedroht. + +So kam der dritte Tag heran; der Beutel aber hing noch unberührt an +der Decke und die Polizisten erwarteten ihre Entlassung. Da meldete +sich zum Erstaunen aller einer der jüngsten Leute und erklärte, er +wolle es versuchen aber er müsse noch mindestens zwei Tage Zeit haben. + +Er wurde zum Kaiser geführt; dieser lachte den jungen Menschen aus und +sagte: »Auch wenn ich euch zehn Wochen Zeit gebe, das Kunststück +gelingt euch doch nicht!« + +»Das mag stimmen!« erwiderte dieser, »und ich glaube selbst, daß nur +ein Wunder uns helfen kann, aber vielleicht tritt ein solches Wunder +in den zwei Tagen ein!« Dem Kaiser gefiel diese kecke Antwort. »Gut, +so soll es sein! Diese zwei Tage seien euch noch gewährt!« +entschied er. + +Der junge Polizist betrachtete sich in der Halle den Beutel ganz genau +und prägte sich alles fest ins Gedächtnis; dann eilte er nach Hause +und fertigte sich einen ganz gleichen Beutel, den er mit kleinen +Steinchen füllte. + +Am zweiten Tage nahm er diesen Beutel, steckte ihn in den Ärmel seiner +Jacke und ließ sich beim Kaiser melden, dieser empfing ihn und fragte, +ob das Wunder schon geschehen sei. + +Der Polizist bat hierauf den Kaiser sich den Beutel einmal ansehen zu +dürfen, dieser genehmigte es und ging selbst mit zur Halle, wo der +Beutel noch immer hing, bewacht von vier Soldaten. + +Nachdem er sich den Beutel ein Weilchen von allen Seiten angesehen +hatte, fragte er, ob es gestattet sei den Beutel in die Hand zu +nehmen. Auch das genehmigte der Kaiser. Der Polizist holte hierauf +eine Bank, stellte sich darauf und nahm den Beutel vom Haken, sah ihn +sich wieder an und steckte ihn in den Ärmel, indem er sagte: + +»Auf diese Weise würde es gehen!« + +Der Kaiser erwiderte lachend: »So ginge es wohl, ist aber nicht +erlaubt. Der Beutel soll fortgenommen werden, ohne daß es jemand weiß. +Hänge ihn also nur ruhig wieder an die Decke und gib zu, daß auch du +ihn nicht ausführen kannst!« + +Der Andre machte scheinbar ein trauriges Gesicht, zog seufzend den +Beutel wieder hervor und hängte ihn auf. Er hatte aber nicht den +Beutel mit dem Golde genommen, sondern ihn im Ärmel mit dem von ihm +vorbereiteten und mit Steinen gefüllten Beutel vertauscht und diesen +aufgehangen, während er den echten Beutel im Ärmel behielt und sich +mit diesem entfernte, indem er dem Kaiser versicherte, er hoffe bis +zum anderen Morgen doch das Kunststück ausführen zu können. + +Der Kaiser ließ daher für diese Nacht die Wache verdoppeln; auch mußte +die Halle so hell erleuchtet werden, daß der Beutel stets zu sehen +war. + +Der nächste Tag kam und auf Befehl des Kaisers mußten sich alle +Polizisten in der Halle versammeln um, wie der Kaiser beabsichtigte, +sie für immer ihres Dienstes zu entlassen. Er herrschte die Leute denn +auch recht unfreundlich an und wandte sich dann an jenen jungen +Polizisten, indem er ihn höhnisch fragte, ob das Wunder geschehen sei. + +»Ich glaube ja!«, erwiderte dieser. + +»Er ist total verrückt oder unverschämt frech!« rief da der Kaiser. +»Glaubt er denn, ich kann nicht sehen? Da hängt doch der Beutel!« + +»Ich sehe,« erwiderte der Gescholtene, »daß dort wohl ein Beutel +hängt, ob es aber der wirkliche ist, möchte ich bezweifeln!« + +»Das ist denn doch zu stark!« schrie der Kaiser. »Holt den Beutel +herunter und bringt ihn her!« befahl er der Wache. + +Der Beutel wurde abgenommen und dem Kaiser gebracht, der ihn öffnete, +aber ein ganz verwundertes Gesicht machte, als er nur Steine in dem +Beutel fand und beim genaueren Sehen erkannte, daß es gar nicht der +frühere Beutel war. + +»Kerl, wie hat er das fertig gebracht?« fragte er den listigen Mann. +Dieser erzählte, wie er einen gleichen Beutel angefertigt und diesen +dann in des Kaisers Gegenwart vertauscht habe. + +»Bist ein verteufelt schlauer Bursche!« sagte dann der Kaiser. »Und da +du mir der Klügste von allen zu sein scheinst, sollst du deren +Oberster sein und ich will sie nicht entlassen. Sorge dafür, daß deine +Leute ihre Pflicht tun und dir nacheifern!« Und so geschah es! + + [Abbildung] + + + [Anmerkung 1: Koreanischen Ursprungs. Wurde deshalb in diese + Sammlung mit aufgenommen, da Korea 1910 Japan einverleibt wurde + und jetzt unter dem Namen »Chosen« eine japanische Provinz ist. + Obige Erzählung erinnert an den »listigen Dieb« aus »1001 Nacht.«] + + + + + [Verzierung] + +Der Abt des Klosters Yakushi. + + +Bei Nara auf der Straße nach Osaka liegt ein altes Kloster, das heute +allgemein unter dem Namen Nishi no Kiyo[1] bekannt ist, obgleich sein +alter wirklicher Name »Yakushi-ji«[2] ist. + +Einst war in diesem Kloster ein frommer, gottesfürchtiger Abt, der +sich bemühte, durch seinen Lebenswandel allen ein gutes Beispiel zu +geben; er sammelte keine Reichtümer an, sondern verteilte die dem +Kloster gemachten Geschenke und Gaben wieder an die Armen und behielt +keinen Sen für sich. So hoffte er, wenn seine Todesstunde nahe, als +gerechter Diener in Buddha's Paradies einziehen zu können. Als aber +diese Stunde kam und er gottergeben des Boten Buddha's harrte, der ihn +abrufen sollte, da sah er nicht diesen, sondern einen feurigen Wagen +nahen, der von allerlei buntfarbigen Höllengeistern gezogen wurde. Der +Abt war aufs tiefste erschrocken und bat um Auskunft, was er, der sich +keines Unrechts bewußt war, Böses begangen habe, da anstatt Buddhas +Bote Diener der Hölle kämen. Die Antwort lautete: + +»Du hast vor vielen Jahren eine Maß Reis aus dem Klostereigentum für +dich entnommen und bis heute noch nicht zurückgegeben. Dieser Sünde +wegen harret deiner die Hölle!« + +Der Abt bat, ihm noch Zeit zu gönnen, diese von ihm längst vergessene +Schuld, der er keine Bedeutung beigelegt habe, tilgen zu können. Diese +Bitte wurde ihm gewährt. + +Er rief hierauf alle Klosterbrüder und Schüler des Klosters an sein +Lager, erzählte ihnen die Gefahr, in der er wegen der geringen +unbedachten Schuld geschwebt habe und sagte: »Nehmet alle meine +geringe Habe, veräußert sie und gebet den Erlös zum Klostergute, auf +daß meine Schuld getilgt werde und ich in Frieden sterben kann. Euch +alle aber ermahne ich, laßt diese Lehre nie aus eurem Herzen +schwinden, denn wenn mir schon einer einzigen Maß Reis wegen die Hölle +drohte, wie mag es denen erst ergehen, die sich bewußt am Klostergute +vergreifen und Reichtümer zur Lust und zum Wohlleben aufsammeln!« + +Nachdem er dies gesagt hatte, legte er sich zurück, seine Lippen +murmelten: »Der Friedensbote naht!« »Namida Butsu -- Heiliger Buddha +hilf!« Ein Lächeln verklärte sein Gesicht, er war tot, eingegangen in +das Paradies als getreuer Diener des Herrn. + + + [Anmerkung 1: Hort des Westens, Nishi-Welt.] + + [Anmerkung 2: Yakushi = Name des Heilgottes, ji = Kloster. Dieses + Kloster befand sich früher im westlichen Teile der Stadt. Da + letztere heute teilweise zerfallen und viel von ihrer Größe und + ihrem Umfang verloren hat, ist die Lage des Klosters jetzt + außerhalb der Stadt an der Landstraße.] + + + + + [Verzierung] + +List geht über Gewalt.[1] + + +Vor vielen, vielen Jahren lebte einmal ein Holzfäller. Der ging stets +in den Wald, um Bäume zu fällen. Als er einmal wieder im Walde war, +hörte er plötzlich ein dumpfes Brüllen, das von einem wilden Tiere zu +kommen schien. Voller Angst kletterte er auf einen Baum und versteckte +sich dort. Da das Brüllen andauerte, aber nicht näher kam, so packte +ihn die Neugierde zu sehen, woher es komme. + +Er kletterte also wieder von dem Baum und schlich sich zu der Gegend +hin, aus der das Brüllen erscholl. So kam er immer näher und sah +endlich eine Raubtierfalle, in der sich ein Tiger gefangen hatte, der +sich vergeblich bemühte wieder frei zu kommen und ein wütendes Brüllen +ausstieß. + +Als dieser den Holzfäller bemerkte, rief er ihm zu: »Was gaffst du +mich an? Mache mich lieber frei und ich zeige dir einen Platz, wo +viele Reichtümer verborgen sind!« + +»Daß ich dumm wäre!« entgegnete der Mann. »Bist du frei, so frißt du +mich auf!« + +»Wenn du mich befreist, tue ich dir sicherlich nichts!« versicherte +der Tiger und gab so viele schöne gute Worte, daß der Holzfäller sich +bereden ließ und den Tiger befreite. + +Kaum war dieser frei, so dehnte und streckte er sich, dann sah er +seinen Befreier eine Weile an und sagte: + +»Seit gestern steckte ich in dieser Falle und habe daher einen solchen +Riesenhunger, daß ich dich fressen will. Was brauchst du Reichtümer? +Einmal mußt du doch sterben und wenn ich dich fresse, erspare ich dir +die Kosten des Begräbnisses.« + +»Hältst du so dein Wort? Ist das deine Dankbarkeit?« rief der +Holzfäller. + +»Ach was!« sprach der Tiger. »Mit leerem Magen fühlt man keine +Dankbarkeit, erst muß ich meinen Hunger gestillt haben!« So stritten +sich die Beiden eine Zeitlang, da kam ein munterer Hase angesprungen, +hörte den Streit und fragte, warum der Tiger den Mann fressen wolle. + +Der Tiger erzählte ihm, daß der Mann ihn zwar befreit habe, daß aber +das Gefühl des Hungers stärker sei als das der Dankbarkeit. + +»Ganz recht, alter Onkel!« sagte da der Hase. »Verspeise den Mann mit +gutem Appetit, wenn er so dumm war, euch zu befreien; denn bei euch +Großen kommt immer zuerst der Magen und dann alles andere. -- Aber, +was sehe ich! Aus diesem Dinge konntet ihr euch bei eurer Stärke nicht +selbst befreien?« sprach der Hase ganz erstaunt weiter, indem er die +Falle betrachtete. »Ich glaube, alter Onkel, ihr flunkert!« + +»Ich flunkern?« rief ärgerlich werdend der Tiger und rannte wieder in +die Falle, dem Hasen zeigend, wie er gefangen wurde. »Seht! so ging +ich, ohne zu beachten, was es ist, hier in die Falle!« + +»Schön, schön! nun möchte ich aber auch gern sehen, wie es der Mensch +gemacht hat, euch zu befreien, werter Onkel!« lachte der Hase, sprang +auf die Falle, löste flink den Riegel, so daß die Falle sich schloß +und der Tiger wieder gefangen war. + + [Abbildung] + +»So!« sagte der Hase zum Holzfäller, »wenn es euch nun beliebt, den +alten Sünder da drinnen wieder zu befreien, mag er euch mit vollem +Recht verspeisen; ich aber will nicht dabei sein!« So sprechend machte +er ein Männchen und sprang lustig in den Wald hinein. + +Der Holzfäller, froh sein Leben gerettet zu sehen, hütete sich +natürlich, den Tiger zum zweiten Male zu befreien und eilte frohgemut +zu seiner Arbeitsstätte zurück, verfolgt von dem wütenden Gebrüll des +überlisteten alten Räubers. + +So kommt man mit List weiter als mit Gewalt und wer mehr seinem Magen +folgt als seinem Verstande, geht meistens zugrunde. + + + [Anmerkung 1: Koreanische Fabel. Vergl. Anmerkung zu »der schlaue + Polizist« Seite 27.] + + + + + [Verzierung] + +Die Kröte von Osaka und die von Kyoto. + + +In Kyoto wohnte einmal eine Kröte, die sehr reich und gelehrt war. +Einmal hörte sie von Naniwa[1] und den dortigen Kunstschätzen sprechen +und sie bekam den Wunsch diese einmal zu sehen. + +Eines schönen Frühlingstages machte sie sich denn auch auf die Reise, +die sie aber zu Fuß unternahm, weil man bei einer Fußreise mehr sehen +und erfahren kann. + +So wanderte sie denn von Kyoto den Weg entlang, der nach Osaka führt +und kam über Myosin und Yamasaki bei Hishi Kaido, wo der berühmte Berg +Tenno ist, über den der Weg führt. + +Da der Tenno yama[2] in der Mitte zwischen Kyoto und Osaka liegt, so +beschloß die Kröte, als sie mit Mühe und Not die Berghöhe erklettert +hatte Rast zu machen. + +Nun wohnte aber auch in Osaka eine Kröte, die zur gleichen Zeit den +Wunsch hatte, Kyoto zu sehen; auch diese machte sich auf den Weg und +kam nach vieler Mühe über Tokatsuki ebenfalls auf dem Gipfel des +Tennoyama an, wo sie mit ihrer Kollegin aus Osaka zusammentraf. + +Beide Kröten begrüßten sich, wie es bei solch hohen Herrschaften +üblich ist, mit vielen Verbeugungen und besprachen ihre Reise. + +Schließlich sagten sie: »Wir haben hier erst die Hälfte unserer Reise +hinter uns und die andere Hälfte noch vor uns. Aber unsere Beine und +Hüften schmerzen uns und drücken uns nieder. Da wir von hier Osaka und +Kyoto sehen können, so wollen wir uns auf unsere fünf Zehen stellen +und jede den Ort betrachten, wo wir hin wollten. Auf diese Weise +vermeiden wir weitere Anstrengung und Schmerzen!« + +So taten sie. + +Die Kröte von Osaka wendete den Kopf nach Kyoto, die von Kyoto nach +Osaka, dann richteten sie sich auf ihren Hinterfüßen auf und +betrachteten aufmerksam die betreffende Stadt. + +Da nun aber die Kröten ihre Augen oben auf dem Kopfe haben, (woran die +beiden nicht dachten), so schauen sie, wenn sie sich emporrichten +stets rückwärts. Und so kam es, daß die Kröte von Osaka nicht Kyoto +sondern Osaka und die andere gleichfalls nicht Osaka sondern Kyoto +sah, jede also die Stadt, von der sie hergekommen war. + +Als sie genug geschaut hatten, sagte die Kröte von Kyoto: »Ich habe +gehört, daß Osaka eine berühmte Kunststadt sein soll; aber ich sehe, +sie ist gar nicht anders als Kyoto. Da ist es besser gleich +heimzukehren!« + +Auch die Kröte von Osaka sagte, indem sie eine verächtliche Grimasse +schnitt: »Und ich hörte, daß die Hauptstadt[3] die schönste Stadt des +Landes sei und einer Blume gleiche; jetzt sehe ich aber, daß sie +vollständig Osaka gleicht. Da kehre ich auch um und gehe heim!« + +Sie begrüßten sich gegenseitig zum Abschied und gingen eine jede in +ihre Heimatstadt zurück. + +Wir können an diesem Beispiel lernen, daß oft ein falsches Urteil +gefällt wird, weil man seine Augen nicht richtig benutzt und nicht +weiß, wo man sie hat. Daher ergeht es vielen Menschen so wie diesen +Kröten. + + + [Anmerkung 1: Naniwa = altjapanischer Name für Osaka.] + + [Anmerkung 2: Tennoyama = Berg Tenno, Tenno = Name, yama = Berg.] + + [Anmerkung 3: Kyoto war von 794 bis 1869 die Hauptstadt Japans.] + + + + + [Verzierung] + +Der Affe und der Sake.[1] + + [Abbildung] + + +Es wollte einmal ein Jäger einen Affen fangen. Da aber die Affen sehr +schlaue Tiere sind, gelang es ihm lange Zeit nicht einen zu fangen. + +Da fiel ihm plötzlich eine List ein. Er nahm eine große Schüssel, +füllte sie bis obenan mit Sake und stellte sie etwas entfernt vom +Rande des Waldes auf. + +Der Affe hatte, hinter den Blättern eines Baumes versteckt, dem Jäger +zugeschaut und als dieser sich entfernt hatte, sprang er vom Baume und +wollte sehen, was in der Schüssel sei. + +Er roch, daß es Sake sei. + +»Aha!« dachte er, »ich soll den Sake trinken und wenn ich betrunken +bin, will mich der Jäger fangen. Aber ich bin klüger als er denkt und +werde von dem Sake nichts trinken.« + +Damit ging er zurück, blieb aber nach einem Weilchen stehen; denn der +Sake roch doch zu lieblich und verführerisch. + +»Was kann es schaden«, setzte er sein Selbstgespräch fort, »wenn ich +nur davon nippe und einige Tropfen genieße! Das macht noch lange nicht +betrunken. Nur vorsichtig muß ich sein und darf nicht zu viel +trinken!« + +Zögernd ging er wieder zurück und näherte sich der Schüssel; dann +schlürfte er einige Tropfen, die ihm recht gut schmeckten. + +»Ein wenig mehr kann nichts schaden!« dachte er weiter und nahm wieder +einige Tropfen zu sich. + +»Ah, wie das wohl tut!« sprach er mit dem Sake liebäugelnd, »nur noch +einen kräftigen Schluck, dann aber sei es genug und fort von hier«. + +Er nahm nun einen recht großen Schluck und lief dann zum Walde zurück, +aber am Rande blieb er stehen. + +»Noch bin ich nicht betrunken,« meinte er, »und ich merke nichts +weiter als ein angenehmes Wohlgefühl. Zu stark scheint mir also der +Sake nicht zu sein oder ich kann mehr vertragen, als ich dachte. + +Übrigens habe ich ja auch fast gar nichts getrunken; die Schüssel ist +noch nahezu voll. Also schnell nochmals hin und einen guten Zug +getan.« + +Auch dies geschah; aber der Zug war so kräftig, daß nur noch ein +kleiner Rest in der Schüssel blieb, den der Affe überlegend +betrachtete und schließlich auch noch leerte; »denn dieser kleine +Rest,« so philosophierte er, »macht jetzt auch nichts mehr aus.« + +So war die Schüssel leer geworden, aber Kopf und Wangen des Affen +waren voll; er konnte den Wald nicht mehr erkennen und wurde sehr +müde. + +Er nahm daher die Schüssel, stülpte sie um und legte sie unter seinen +Kopf; dann schlief er ein, indem er noch dachte: »Was mag wohl aus +dieser Geschichte jetzt werden?« + +Kaum war er eingeschlafen, so kam der Jäger, band ihn und trug ihn +nach Hause. + +Als der Affe ausgeschlafen hatte, fand er sich in einem Käfig und +hatte fürchterliche Schmerzen im Schädel. + +So geht es, wenn man lüstern ist und sich nicht zu beherrschen weiß. +Wer am Sake riecht, trinkt ihn dann auch. + + [Abbildung] + + + [Anmerkung 1: Sake = Reiswein.] + + + + + [Verzierung] + +Die Auster. + + +Auf dem Meeresgrunde lebte einmal eine Auster. Diese hatte, wie alle +Austern, sehr starke Schalen, die sie, wenn ein verdächtiges Geräusch +ertönte, jedesmal fest schloß; denn dann konnte ihr, wie sie glaubte, +nie etwas Böses geschehen. Die Fische im Meere beneideten sie deshalb +und sagten zu ihr: »Frau Auster, Ihr habt eine schöne Festung; wenn +Ihr sie schließt, seid Ihr sicher und könnt daher ein recht schönes +Wohlleben führen!« + +»Es ist nicht weit her,« erwiderte die Auster bescheiden aber mit +Stolz; »wenn ich auch vor äußerer Gefahr sicher bin, so bin ich doch +nicht ohne Not; denn es ist gar zu langweilig das Leben!« + +In diesem Augenblick gab es unter den Fischen eine große Unruhe und +das Wasser wurde aufgerührt, flugs schloß die Auster ihre Schalen und +dachte: »Ach, die armen Fische! Jedenfalls ist da wieder ein Netz oder +eine Angel. Ich bin nur froh, daß ich in meiner Schale sicher bin! Ja, +ja, man muß stets vorsichtig sein!« + +Die Auster verhielt sich ganz ruhig; nachdem das Geräusch verstummt +war, wollte sie sehen, was geschehen sei und öffnete vorsichtig die +Schalen, aber o Schreck: An ihrer Schale hing ein Zettel, auf dem +stand: »Diese Auster kostet 2 _sen_!«[1] + +Sie befand sich auf dem Ladentisch eines Fischhändlers. + +Hieraus kann man lernen, sich nie in Sicherheit zu wiegen und nie vor +einer Gefahr die Augen zu schließen. + + + [Anmerkung 1: Ein _Sen_, jetzige japanische Münze = 2 Pfennig.] + + + + + + [Verzierung] + +Der Sperling mit abgeschnittener Zunge. + + +Es lebte einmal ein altes Ehepaar. Der Mann war stets mitleidsvoll und +erbarmte sich der Tiere. Er war ruhig und nie unzufrieden. Seine Frau +war gerade das Gegenteil von ihm, habgierig, unzufrieden und +rachsüchtig. + +Eines Tages fand der Mann im Garten einen jungen Sperling, der sich +einen Flügel gebrochen hatte und deshalb nicht weiterfliegen konnte. +Den Mann dauerte das arme Tierchen, er nahm es daher vom Boden auf und +trug es behutsam in sein Haus. Dort verband er den verletzten Flügel +und bettete den Sperling in einen Vogelkorb, den er mit Watte +ausgepolstert hatte. + +Dank der sorgsamen Pflege, die der Mann dem Sperling angedeihen ließ, +heilte der Flügel recht schnell und bald konnte das Tierchen wieder +fliegen. + +Einige Tage später ging der Mann früh morgens in den Wald um trockene +Äste und Laub zu sammeln, damit er Feuerungsmaterial habe. Dies tat +der Mann sonst täglich, hatte es aber während der Pflege des Sperlings +ganz vergessen, so daß er, als er sah, daß es dem Vogel besser gehe, +sich endlich wieder auf den Weg machte. Er hatte aber dem Sperling +kein Futter hingesetzt, weil er glaubte, bald wieder zurück zu sein. + +Den Sperling hungerte nun, und um Nahrung zu suchen, hüpfte er aus dem +Körbchen und eilte vor das Haus, wo die Frau des Mannes sich gerade +einen dicken Stärkekleister zurecht gemacht hatte. Den Kleister sehen +und seinen Hunger stillen, war eins. Aber die Alte kam gerade hinzu, +als es sich der Sperling schmecken ließ. Wütend darüber lief die Frau +ins Haus, holte eine Schere; dann ergriff sie den Sperling, schnitt +ihm die Zunge ab und ließ ihn fliegen, indem sie ihm nachrief: »Warte +ich will dich lehren, fremder Leute Kleister zu fressen!« + +Der Sperling flog schnell davon und war bald im nahen Walde +verschwunden. + +Als der Mann mit seiner Holzlast zurückkam und die Alte, noch immer +wütend, ihm erzählte, daß der Sperling von ihrem Kleister genascht und +sie ihm zur Strafe dafür die Zunge abgeschnitten habe, da ward er sehr +betrübt, setzte seine Holzlast nieder und ging fort, um das arme +Tierchen zu suchen. Er wanderte lange Zeit von Dorf zu Dorf, indem er +überall fragte: »Habt Ihr nicht einen Sperling mit abgeschnittener +Zunge gesehen?« Aber niemand hatte ihn gesehen, niemand konnte +Auskunft geben. + +Endlich kam er an ein dich{tes Ge}büsch, vor dem ein hübscher kleiner +Sperling wartete, der, als er den alten Ma{nn s}ah, ihm entgegenhüpfte +und sich verneigte. + +»Ich bin der Sohn des Sperlings, den du gepflegt hast«, sagte er; »ich +habe beobachtet, daß du meinen Vater suchst. Sei beruhigt, mein Vater +ist gesund heimgekommen und erwartet dich. Ich bin dir entgegen +gekommen, um dich zu erwarten und in unser Haus zu geleiten. Also, +bitte, komm und folge mir!« + +Da war der Mann von Herzen froh und folgte freudig dem voranhüpfenden +Sperling. + +Nach einem Weilchen kamen sie an ein großes, schönes Haus, in dem +viele, viele Sperlinge versammelt waren, darunter jener Sperling, den +der Alte gepflegt hatte. Dieser lud ihn freundlich ein näher zu treten +und ließ ihn Platz nehmen. Er sagte: »Dir braven Manne zu Ehren habe +ich das heutige Fest veranstaltet. Nun iß und trink und laß es dir +wohl sein; ich werde dir zeigen, daß auch ein Sperling dankbar sein +kann!« + +Als der Alte Platz genommen hatte, wurden ihm gebackene Fische, +Fleisch, Kuchen und allerlei Leckerbissen vorgesetzt, so viel und so +schön und gut wie er noch nie in seinem Leben gesehen, viel weniger +denn gegessen hatte. Dazu wurde eine herrliche Musik gemacht und +muntere Sperlingweibchen und Sperlingfräulein führten einen +kunstvollen Tanz auf. Kurz, der alte Mann kam aus dem Staunen garnicht +heraus und glaubte im Himmel zu sein, so schön erschien ihm dies +alles, ihm, der bisher zwar nicht gehungert, wohl aber kümmerlich in +Not und Sorge gelebt hatte. + +Zum großen Leidwesen aller ging auch dieses schöne Fest, wie alles in +der Welt, einmal zu Ende und der Mann verabschiedete sich unter vielen +Dankesworten von den gastfreundlichen und dankbaren Sperlingen. Der +Sperling aber, den der Mann gepflegt hatte, führte ihn noch in ein +Zimmer und zeigte ihm zwei Lackkästen, der eine groß, der andere +klein, und sagte ihm: »Damit du nicht leer nach Hause kommst, wähle +dir einen dieser beiden Kästen zur Erinnerung an mich!« + +Der Alte dachte, den großen zu nehmen wäre unbescheiden; »auch bin ich +alt und schwach und kann den kleinen besser tragen.« + +[Buntbild] + +Also wählte er den kleinen Kasten und nahm ihn auf den Rücken, indem +er dem Sperling nochmals für alles Gute und Schöne, das er gesehen und +genossen hatte, bestens dankte. Der Sperling begleitete ihn noch ein +Stückchen Wegs und als er sich von dem alten Manne am Rande des Waldes +verabschiedete, warnte er ihn, unterwegs den Kasten zu öffnen. Er +dürfe ihn erst zu Hause öffnen. Der Alte versprach es; während er nun +seines Weges dahinschritt, wurde der Kasten auf seinem Rücken immer +schwerer, so daß er ihn kaum zu tragen vermochte und mehrmals in +Versuchung kam, ihn abzusetzen und zu sehen, was darinnen sei; aber er +gedachte der Warnung des Sperlings und schritt tapfer weiter, bis er +endlich ganz erschöpft bei seinem Hause ankam. Hier empfing ihn seine +Frau mit Scheltworten und hieß ihn einen Nichtstuer und Herumtreiber. + +Als der Mann ihr aber erzählte, wie es ihm ergangen sei, da wurde sie +sehr neugierig und beide öffneten den Kasten. + +Man denke sich die Freude! Der Kasten war bis obenan mit Gold und +Edelsteinen und kostbaren Dingen gefüllt. Nun hatte alle Not ein Ende. +Der Alte mußte nochmals sein Erlebnis ganz genau erzählen. Als die +Frau hörte, daß er von den beiden Kästen den kleineren gewählt habe, +da wurde sie ganz bleich vor Ärger und Wut und schrie den Alten an: +»Du bist und bleibst ein dummer Kerl! Nein solche grenzenlose Dummheit +ist mir noch nie vorgekommen, einen kleinen Kasten zu nehmen, wenn du +einen großen erhalten kannst. Gleich trägst du den Kasten zurück und +holst den größeren!« + +»Dann wäre ich wirklich dumm«, erwiderte der Alte, »das, was wir jetzt +haben, reicht für unser Leben aus, ja, es ist mehr als zuviel. Was +sollen wir mit noch größerem Reichtum. Ich bin vollständig zufrieden +und glücklich!« + +Da wurde die Frau noch böser und rief: »Dann sei du es, ich will aber +den großen Kasten unbedingt haben und werde ihn mir selbst holen!« + +Kaum hatte sie dieses gesagt, da war sie auch schon zum Hause hinaus +und auf dem Wege zum Sperlingsheim. + +Am Gebüsch angekommen, stand wieder der kleine Sperling da. + +»Führe mich zu deinem Vater!« herrschte sie ihn an. + +»Komm!« erwiderte kurz der Sperling und hüpfte voran. + +Im Sperlingsheim waren nur noch wenige Sperlinge anwesend. Der +Sperling, dem die Frau die Zunge abgeschnitten hatte, empfing die Frau +und sagte zu ihr: »Ich weiß schon, warum du kommst. Doch erst setze +dich und erhole dich von deinem Wege!« + +Sie wurde ins Haus geführt und mußte sich setzen, dann brachte man ihr +allerlei Essen und Getränke in geschlossenen Schüsseln. + +Als sie lüstern den Deckel von der ersten Schüssel hob, da sprang ein +Frosch heraus. Dann machte sie sich an die anderen Schüsseln, aber in +jeder war irgend ein Untier wie Kröten, Schlangen u. dgl. verborgen +und in den Trinkgefäßen war übelriechendes Wasser, so daß sie sich mit +Ekel und Entsetzen abwenden und hungrig aufstehen mußte. Hierauf wurde +sie in das Zimmer geführt, wo wieder zwei Kästen standen, der eine +groß, der andere klein. Ohne lange zu warten, ergriff sie den großen +Kasten, nahm ihn auf den Rücken und eilte davon. Der Sperling rief ihr +noch nach: »Öffne den Kasten nicht unterwegs!« »Schon gut, schon gut!« +schrie die Alte zurück, ohne sich aufzuhalten; denn sie konnte ihre +Begierde gar nicht verbergen. + +Auf der Hälfte des Weges plagte sie die Neugier, sie mußte unbedingt +wissen, wieviel in dem Kasten sei. Ihre Neugierde und Habsucht ließen +es nicht zu, daß sie wartete, bis sie daheim war. An einer lichten +Stelle im Walde setzte sie den Kasten ab und vor Aufregung zitternd +hob sie den Deckel ab, um über den Reichtum herzufallen. + +Aber mit furchtbarem Getöse flog ihr der Deckel aus den Händen und dem +Kasten entstiegen eine Unzahl schrecklicher Gestalten, Gespenster, +Geister, Teufel und Drachen und bedrohten die Frau, die vor Schreck +auf den Rücken fiel, dann aber emporsprang und schreiend davonlief, +die Schar der dem Kasten entsprungenen fürchterlichen Gestalten mit +Gebrüll hinter ihr her. + +Die Frau lief, was sie laufen konnte, sie hielt sich dabei die Ohren +zu, um das entsetzliche Gebrüll nicht zu hören und jeden Augenblick +glaubte sie, die Krallen eines der Ungetüme im Nacken zu fühlen. So +rannte sie durch den Wald, stieß an Bäume und zerschlug sich die +Stirne, während die Zweige sie ins Gesicht peitschten und die Dornen +ihre Kleider, Füße und Hände zerrissen. Erst am Waldesrande wurde das +Getöse leiser und verstummte endlich ganz, als sie erschöpft, +zerschunden und zerschlagen vor ihrem Hause ankam, wo sie ohne +Besinnung zusammenfiel. Ihr Mann kam heraus, trug sie ins Haus und +pflegte sie. Als sie endlich wieder die Augen aufschlug und gesund +wurde, da war sie ganz umgewandelt, sie war still und geduldig und +sagte kein böses Wort mehr. + +Darüber freute sich der Mann sehr und lebte mit seiner jetzt braven +Frau noch viele, viele lange Jahre, während deren beide von ihrem +Reichtum den Armen abgaben und Freunde und Beschützer der Tierwelt +wurden. Die Vögel und Tiere des Waldes kamen jetzt immer gern zum +Hause der alten Leute und fürchteten sich nicht mehr vor der bösen +Frau, die nun vollständig von ihren bösen Leidenschaften befreit war +und den Tieren gern Futter streute. + +So erwies sich ein Sperling dankbar und besserte die Frau, die ihm die +Zunge abgeschnitten hatte, durch den furchtbaren Schreck, den sie nie +vergaß. + + + + + [Verzierung] + +Die geplagte Krabbe. + + +In uralten Zeiten, als die Tiere noch wie die Menschen lebten, Häuser +bauten und Felder bestellten, lebte einmal in einem kleinen, sauberen +Häuschen eine Krabbe, dicht an einem Berge und zwar an dessen +Schattenseite, weil es dort nicht zu heiß wird, sondern immer hübsch +kühl und feucht bleibt, wie es die Krabben lieben. Diese Krabbe war +eine fleißige und tüchtige Hausfrau, die sich mit ihrer Hände Arbeit +mühselig aber redlich durchs Leben schlug, dabei ihr Häuschen stets in +Ordnung hielt und so von früh bis spät beschäftigt war. Eines Tages +nun hatte es sich ein Pilger im Schatten nahe bei ihrem Hause bequem +gemacht und sein Mittagsmahl gehalten. Als er wieder weiter wanderte, +ließ er einige kleine Reste gekochten Reises liegen und die Krabbe +hatte nichts eiliger zu tun, als diese Reste in ihr Häuschen zu +schaffen. Dies hatte aber ein Affe beobachtet, der ebenfalls Appetit +auf Reis hatte. Er kam schnell herbei und schlug der Krabbe vor den +Reis zu teilen. Die gutmütige Krabbe war dazu gern bereit, aber die +Hälfte des Restes war dem Affen doch zu wenig, um seinen Appetit zu +befriedigen und so schlug er vor, die Krabbe solle ihm den ganzen Rest +des Reises geben, wofür er ihr eine Hand voll Kakikerne geben wolle. +Er hatte nämlich kurz vorher eine rote, saftige Kaki[1] gegessen und +die Kerne aufgehoben: Man sieht, der Affe war ein schlauer Patron und +dachte die Krabbe zu überlisten. + +Die Krabbe ging auch auf den Tausch ein und nahm die Kakikerne in +Empfang, während der Affe den Reis empfing, den er sogleich verzehrte +und sich dann, die dumme Krabbe verspottend, lachend entfernte. Die +Krabbe war aber gar nicht so dumm als der Affe dachte; sie wußte sehr +wohl, warum sie den Tausch annahm. Nachdem sich nämlich der Affe +entfernt hatte, ging sie in ihren Garten, der sich vor ihrem Häuschen +befand, wählte dort eine schöne Stelle gerade am Eingange und pflanzte +dort die Kerne ein, dann trug sie Wasser aus dem nahen Bache herbei +und goß dieses auf die eingepflanzten Kerne. Dann sorgte sie +tagtäglich, daß der Platz ungestört blieb und hatte endlich die Freude +zu sehen, daß aus einem der Kerne wirklich ein Pflänzchen emporschoß. + +Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dem zarten Pflänzchen, dank der +Sorgfalt und Pflege, die die Krabbe darauf verwendete, ein recht +kräftiger Kakibaum, der auch bald schöne, saftige Früchte, so süß wie +Ame[2] trug, und dessen Zweige der Krabbe überdies reichlich Schatten +spendeten. + +So verging eine geraume Zeit. Eines schönen Tages aber spazierte unser +Affe vorbei und sah mit großem Erstaunen den schönen Kakibaum voll +herrlicher Früchte. Er trat näher, begrüßte die Krabbe mit +ausgesuchtester Höflichkeit und fragte, wie dieser Baum hieher komme, +wo doch früher nicht einmal ein Strauch war. Die Krabbe erzählte mit +großer Befriedigung, daß der Baum aus einem der Kerne ersprossen sei, +die sie vor Jahren von dem Affen gegen den Reis eingetauscht habe. +»So, so!« meinte da der Affe, »dann wäre es ja eigentlich mein Baum +und die Früchte wären ebenfalls mein Eigentum!« + +»Warum nicht gar!« rief entrüstet die Krabbe; »du hast die Kerne in +Tausch gegeben, ich habe sie also redlich erworben. Die Kerne waren +also nicht mehr dein Eigentum, denn du hast den Reis dafür genommen. +Überdies ist es nur meiner Arbeit und meiner Mühe gelungen, den Baum +großzuziehen, du hast also gar keinen Anteil daran.« + +»Na, seid nur nicht gleich so bös!« entgegnete lachend der Affe, »ich +habe ja nur einen Scherz gemacht; oder dachtet ihr, ich würde euch den +schweren Baum fortschleppen? Aber, damit ich es euch sage, ich habe +gerade etwas Hunger und so einige schöne Kaki hätte ich gern wieder +einmal gegessen!« + +Die Krabbe war schnell besänftigt, und da der Affe gar zu schön zu +bitten verstand, erlaubte sie es ihm, sich selbst einige Früchte vom +Baume zu holen, da sie nicht so gut klettern könne als er, der Affe. +Auch mußte dieser ihr versprechen die Hälfte der reifen Früchte ihr +herabzuwerfen, die andere Hälfte könne er dann verzehren oder +mitnehmen. Der Affe ließ sich dies nicht zweimal sagen, sondern +versprach der Krabbe ihren Wunsch zu erfüllen, und kletterte schnell +am Baum empor. + +Kaum war er oben, als er an sein Versprechen nicht mehr dachte, er +suchte sich die schönsten Früchte aus und verspeiste sie in aller +Gemütlichkeit. Die arme Krabbe wartete und wartete, aber der Affe +dachte nicht daran, ihr auch nur eine Kaki hinabzuwerfen, so daß sie +ihn endlich an Erfüllung seines Versprechens mahnte. Der jedoch warf +ihr jetzt lachend nur die Kerne ins Gesicht und als die Krabbe darüber +ärgerlich wurde und den Affen einen Schwindler, Betrüger und Dieb +nannte, da riß er unreife und harte Früchte ab und schleuderte sie auf +die Krabbe, die sich dem Bombardement nur durch schleunigste Flucht +entziehen konnte. + + [Abbildung] + +Da sie nun einsah, daß sie auf diese Weise mit dem Affen nicht fertig +würde, dachte sie sich eine List aus und rief, indem sie langsam +zurückkehrte, als der Affe sich gerade seine Taschen mit den reifsten +Früchten gefüllt hatte: + +»Nun laß es einmal genug sein des absonderlichen Spaßes; daß du werfen +kannst, habe ich gesehen. Man sagt aber auch, daß ihr Affen so schöne +Purzelbäume schlagen und am Schwanze hängend euch von Zweig zu Zweig +schwingen könnt, das kannst du sicherlich nicht!« + +»Was kann ich nicht, du dumme Krabbe? Ich kann keine Purzelbäume +schlagen?« schrie ganz empört der Affe. »Da schau her, du dummes +Vieh!« Dies sagend, hing er sich am Schwanze auf, schwang sich über +verschiedene Zweige und machte die schönsten Bauchwellen an einem +kräftigen, glatten Aste. Darauf nun hatte die Krabbe nur gewartet; +denn beim Herabhängen und Schwingen waren natürlicherweise dem Affen +die Früchte aus den Taschen gefallen und rollten am Boden dahin, +wo sie die Krabbe schnell auflas und in ihr Häuschen in Sicherheit +brachte. + +Als der Affe mit seinen Turnkunststückchen fertig war und siegesbewußt +der Krabbe einige Spottworte zurufen wollte, da merkte er, daß seine +Taschen leer waren und sah, wie die Krabbe soeben die letzte Kaki +auflas. + +Voller Wut, sich überlistet zu sehen, war er mit einem Satze vom +Baume, warf sich auf die Krabbe, prügelte sie windelweich und ließ sie +halbtot liegen, dann machte er sich schleunigst davon. Die arme Krabbe +aber schleppte sich, als der Affe verschwunden war, mühselig und unter +großen Schmerzen zum Bache, wo sie ihre Wunden wusch und kühlte. Nun +hatte aber die Krabbe eine Freundin, nämlich eine Wespe, die in einem +alten, abgestorbenen Baume, der am Rande des Baches stand, wohnte. +Diese sah, wie die Krabbe ihre Wunden wusch; sie flog herbei und +fragte, was denn geschehen sei. + +Die Krabbe erzählte ihr die Schandtat des Affen, worüber die Wespe +sehr empört war und beschloß den Affen zu bestrafen; sie flog zu +einigen anderen Freunden, erzählte denen die Geschichte weiter und +hatte es endlich auch soweit gebracht, daß zwei derselben, nämlich ein +Ei und ein großer, schwerer Reismörser sich mit ihr einig erklärten +den Affen zu bestrafen. Zunächst aber mußte die Krabbe erst wieder +gesund werden, weshalb die drei sie aufsuchten und in ihrem Leiden so +vortrefflich verpflegten, daß sie bald wieder ganz hergestellt war bis +auf eine kleine Lähmung im rechten Vorderbein. + +Als nun die Krabbe wieder ausgehen konnte, wurde Kriegsrat gehalten. +Die Krabbe, die gutmütig war und mit dem Aufhören der Schmerzen auch +keine Rachegedanken mehr hatte, wollte jedoch von einer so strengen +Bestrafung, wie das Töten des Affen, das die andern vorschlugen, +nichts wissen. Schließlich einigte man sich dahin, daß, wenn der Affe +um Verzeihung bitte und verspreche nichts Böses mehr gegen die Krabbe +zu unternehmen, ihm verziehen werden solle; wenn nicht, müsse es ihm +ans Leben gehen. + +Die Wespe erhielt den Auftrag diesen Beschluß dem Affen zu verkünden +und ihn aufzufordern, vor dem Hause der Krabbe zu erscheinen, um seine +Entschuldigung vorzubringen. Sie flog, sum, sum, in den nicht zu weit +entfernten Wald, wo der Affe wohnte, und hatte das Glück ihn +anzutreffen. Mit lautem Summen flog sie durchs Fenster ins Zimmer, +wo der Affe bei einem Fläschchen Sake[3] hockte[4]. + +»Was bringt ihr denn Gutes, Frau Wespe?« fragte er. + +»Gutes oder Böses, wie ihr es nehmen wollt!« entgegnete die Wespe und +richtete ihren Auftrag aus. Der Affe lachte: »Eure Drohung verlache +ich, wie könnt ihr euch erdreisten mir mit dem Tode zu drohen, da +müssen doch erst andre kommen als ihr winzigen Geschöpfe.« »Seid nur +nicht zu übermütig«, sagte die Wespe, »so klein wir sind, haben wir +doch unsre Waffen!« + +»Prahle nicht, dummes Vieh!« rief der Affe ärgerlich; aber kaum hatte +er das gesagt, so saß ihm die Wespe schon auf der Nase und versetzte +ihm einen recht kräftigen Stich. Brüllend vor Schmerz sprang er da auf +und schrie: »Ich komme, ich werde kommen!« + +»Schön! das war dein Glück! Aber hüte dich vor schlechten Streichen, +du entrinnst uns nicht!« Mit diesen Worten flog die Wespe davon und +verkündete ihren Freunden daheim das Resultat ihrer Sendung. + +Am andern Tage mußte die Krabbe sich noch krank stellen und sie legte +sich auf ihr Lager sich bis zum Kopfe zudeckend, der Mörser stellte +sich außen auf einen Vorsprung oberhalb der Tür, das Ei legte sich auf +den Herd und die Wespe setzte sich auf den Rand eines Wasserkübels, +der in einer dunkeln Ecke stand. So erwarteten alle vier den Affen. Es +dauerte auch gar nicht lange, so kam er ganz furchtsam angeschlichen. +Seine Nase war infolge des Wespenstiches furchtbar angeschwollen, das +sah so komisch aus, daß der Mörser sich vor Lachen schüttelte und fast +von seinem Platze gestürzt wäre, wenn er sich nicht schnell +festgehalten hätte. Der Affe sah sich sorgfältig nach allen Seiten um; +als er aber niemanden erblickte, kam er näher und spähte durch die Tür +ins Zimmer, wo er die Krabbe still liegen sah. Nun kehrte sein Mut +zurück und er trat keck ins Zimmer und begrüßte mit scheinheiliger +Miene die Krabbe, die ganz krank und elend tat und mit leiser Stimme +seinen Gruß erwiderte. Sie erwartete, daß der Affe seine Bitte um +Verzeihung vorbringen werde; dem war aber sein alter Übermut wieder +zurückgekehrt und er dachte gar nicht daran sich zu demütigen, +vielmehr erblickte er das Ei auf dem Herde, das er schnell ergriff, +indem er höhnisch lächelnd sagte: »Du also bist eins von denen, die +mir ans Leben wollen? Das darf nicht ungestraft dahingehen. Deine +Frechheit soll jetzt dich das Leben kosten und dabei sollst du mir +noch recht schön schmecken, denn Eier esse ich zu gerne!« + +»Hüte dich, Affe,« rief warnend die Krabbe, »du weißt, was deiner +wartet, wenn du deine bösen Streiche nicht läßt!« + +»Da sieh, wie ich deine und deiner sogenannten Freunde Drohung +fürchte!« sagte da der Affe und legte das Ei auf die glühenden Kohlen +um es zu backen. Aber die Strafe folgte auf dem Fuße; denn als er sich +auf das Ei niederbeugte um zu beobachten, wie die Schale sich durch +die heiße Glut braun färbte, da platzte die Schale und die heißen +Stücke flogen ihm in die Augen und verbrannten ihm das Gesicht. + +Um den Schmerz zu lindern, eilte er zum Wasserkübel; aber hier wartete +seiner die Wespe, die, als er sein Gesicht ins Wasser stecken wollte, +unbarmherzig auf ihn losstach, so daß er vor Schmerz heulend aus dem +Zimmer eilen wollte; doch, als er durch die Türe lief, sprang von oben +der Mörser herunter und hieb mit seinem Schlegel auf den Affen ein; +nun kam auch die Krabbe und die Wespe heraus; erstere setzte sich auf +das Genick des Affen und zwickte ihn, die Wespe zog ihr Schwert und +stach ihn tot. Auch das Ei hatte sich wieder erholt und schaute dem +Spektakel zu. + +So straften die unscheinbaren Wesen den böswilligen Affen. + +Daraus folgt, daß böse Taten immer ihren Lohn finden und daß man als +Rächer auch den Kleinsten nicht gering achten soll. + +Nach dem Tode des Affen lebte die Krabbe noch viele, viele Jahre in +Ruhe und Zufriedenheit im Schatten des Kakibaumes und wenn man sie +auch nicht getötet hat, so lebt sie heute doch nicht mehr. + + [Abbildung] + + + [Anmerkung 1: Kaki = Persimonpflaume. Diospyros Kaki hat in Japan + die Größe eines Apfels und ist sehr beliebt. Wird frisch gegessen, + auch getrocknet nach Feigenart.] + + [Anmerkung 2: Ame (Ton auf dem e) = Weizengluten. Aus Weizen + bereiteter Sirup, dem Honig entsprechend.] + + [Anmerkung 3: Sake = Reiswein.] + + [Anmerkung 4: Bekanntlich sitzen die Japaner nicht auf Stühlen + sondern hocken auf dem Fußboden, wie verschiedene Bilder dieses + Buches zeigen.] + + +[Buntbild] + + + + + [Verzierung] + +Der kluge Hase. + + +Eines schönen Tages schwamm der Fischkönig[1] in seinem Reiche +wohlgemut umher; es war ein wunderschöner Tag und die Sonne erhellte +das Wasser bis nahe auf den Grund. Da erblickte er plötzlich vor sich +einen dicken, fetten Wurm, der ihm gar appetitlich erschien und da er +gerade einen kleinen Hunger verspürte, so schwamm er auf den Wurm zu, +schnappte nach ihm und -- ein furchtbarer Schmerz durchzuckte seinen +Körper, denn er saß an einer Angel, deren Haken ihm im Maule saß. Er +zerrte und zerrte, und nach heftigem Kampfe und unter großen Schmerzen +gelang es ihm endlich die Angelschnur zu zerreißen und in sein Schloß +zu schwimmen, wo er sich auf sein Lager warf und die Leibärzte rufen +ließ. Als diese am Bette des Fischkönigs standen, erzählte er ihnen +sein Ungemach, wie er an der Angel festgesessen und wie es ihm endlich +gelungen sei, sich durch Zerreißen der Angelschnur zu befreien und +sich davor zu bewahren, daß sein königlicher Leib gewöhnlichen +Zweibeinern, die man Menschen heiße, zur Speise diene. + +»Aber der verdammte Haken,« schloß er seine Erzählung, »der sitzt hier +fest im Halse und mir ist es unmöglich ihn zu entfernen, ich leide +furchtbare Schmerzen. Wer ihn mir herausbringt, den will ich königlich +belohnen.« Da standen nun die Ärzte ratlos am Bette des Fischkönigs +und beratschlagten, was zu tun sei. + +Der König wurde ärgerlich und ließ in seinem Reiche verkünden, wer ihm +den Angelhaken aus dem Halse entferne, den werde er mit königlichen +Ehren versehen und reich belohnen. + +Da ward eine große Bewegung im Wasser, von allen Seiten eilten die +Untertanen herbei, die Großen und Würdenträger bis zu den Kleinsten, +vom Walfisch bis zum Stint. Alle, alle kamen, hörten die Botschaft, +aber sie schüttelten ihr Haupt, denn niemand wußte Rat, niemand konnte +sagen, wie man einen Angelhaken aus dem Schlunde eines Fisches +entferne. + +Da meldete sich endlich eine Schildkröte, die ganz im Hintergrunde +gestanden hatte. Man schob sie nach vorne und da erklärte sie, daß das +beste Mittel zwei ganz frische Hasenaugen (Lichter) seien; diese müsse +man auf die Stelle auflegen, wo der Haken sitze, dann würde der Haken +durch die Hasenaugen herausgezogen. Die Anwesenden stimmten der +Schildkröte zu, und auch den Ärzten, die den Rat mit angehört hatten, +erschien er gut. + +Aber wo die Hasenaugen hernehmen? Der König entschied: »Wer ein +Hilfsmittel vorschlägt, hat auch für ein solches zu sorgen; geh also +Schildkröte und besorge mir die Hasenaugen oder du darfst dich in +meinem Reiche nicht mehr blicken lassen!« + +»Gut!« sagte die Schildkröte, »ich werde Euch einen Hasen +herbeischaffen, die Augen müßt ihr Ärzte selbst ihm nehmen und mir +gestatten mich zu entfernen, da ich kein Blut sehen und riechen kann!« + +Des waren alle zufrieden und die Schildkröte machte sich auf den Weg +und freute sich schon auf die großen Ehren und Geschenke, die ihr +zuteil werden würden, wenn es ihr gelinge den Hasen in des Königs +Schloß zu bringen. Sie kletterte also aus dem Wasser und wanderte +einem Hügel zu, auf dem, wie sie wußte, ein Hase sich niedergelassen +hatte. Sie hatte Glück; denn als sie mühsam den Hügel erklettert +hatte, sah sie den Hasen gerade beim Frühstück sitzen; er hatte einen +prachtvollen Krautkopf vor sich, an dem er knabberte. Als der Hase das +Geräusch der sich nähernden Schildkröte hörte, ließ er erschreckt den +Krautkopf fallen und richtete sich auf seinen Hinterbeinen empor, um +zu sehen, wer da komme. Da er aber sah, daß es nur die Schildkröte +war, beruhigte er sich und begrüßte sie. »Was verschafft mir denn die +Ehre Eueres Besuches, verehrte Frau Schildkröte?« fragte er. + +»Nichts Besonderes, Herr Lampe!« antwortete die Schildkröte, vom +Klettern noch ganz atemlos. »Man hat im Reiche des Fischkönigs die +wunderschöne Aussicht gerühmt, die man von hier haben soll, und so bin +ich abgesandt, festzustellen, ob dies wirklich so ist. Ihr gestattet +doch, daß ich mich ein wenig umschaue!« + +»Bitte, bitte!« erwiderte der Hase. + +Die Schildkröte schaute hierauf nach vorn, schaute nach hinten, +schaute nach rechts und schaute nach links, machte auch einige +Schritte bald nach dieser, bald nach jener Seite und tat, als ob sie +alles sorgfältig betrachtete, dann meinte sie: »So etwas besonders +Schönes kann ich nicht sehen, da hat man diese Gegend mehr gerühmt als +sie wert ist!« + +»Ja, Frau Schildkröte,« entgegnete der Hase, »auf dieser Seite des +Hügels gibt es nichts Besonderes zu sehen, da müßt Ihr Euch schon auf +die andre Seite bemühen! Kommt, ich will Euch führen!« + +»Was gibt es denn auf der andern Seite des Hügels?« + +»Viel, viel Besseres als hier! Hier gibt es nur Wiesen und Weiden, +aber auf der andern Seite prachtvolle Kraut- und Rübenfelder, so +saftig, so delikat, eine wahre Wonne!« rief der Hase. + +Die Schildkröte lachte und meinte: »Ihr seht die Sache mit dem +Magen anstatt mit den Augen. Doch bleibt nur, ich habe keine Lust, +Kraut- und Rübenfelder zu sehen, da lob ich mir doch das Land des +Fischkönigs, da gibt es alles Gute und Schöne, prachtvolle, kühle +Wälder, herrliche Wiesen, Täler, Höhen und Felder, auf denen die +Krautköpfe viel größer und saftiger sind als hier auf der trockenen +Erde. Und dann die Bequemlichkeit, keine Mühe und Anstrengung. Hier +mußte ich um zu Euch zu gelangen, mühsam klettern, so daß ich fast den +Atem verlor, während mich das Wasser überall hinträgt, wohin ich will. +Und dann die Ruhe und Sicherheit dort unten, da gibt es keine Menschen +und keine Jäger! Nein, wißt Ihr Herr Hase, Eure ganze schöne Gegend +und die ganze Erde kann mir gestohlen werden, ich lobe mir mein Reich +und will mich nur schnell wieder auf den Heimweg machen!« + +»Hm, Hm!« machte der Hase und dachte ein Weilchen nach. »Hört mal, +Frau Schildkröte, Ihr habt mir Eure Gegend so schön geschildert, daß +ich wirklich Lust bekomme, sie einmal zu sehen; aber leider geht es +nicht, denn in dem verflixten Wasser kann unsereiner ja gar nicht +leben. Könntet Ihr mir nicht einen Krautkopf von da unten gelegentlich +mal schicken oder mitbringen?« + +»Das geht leider nicht!« entgegnete die listige Schildkröte, die +bemerkte, daß der Hase Lust hatte in das Reich des Fischkönigs +mitzukommen. »Unsere Krautköpfe sind so groß, daß ich auch nicht einen +tragen kann. Aber, kommt doch mit mir. Das Wasser wird Euch keinerlei +Umstände machen, ob Ihr in der Luft oder im Wasser lebt, ist alles +gleich, das ist alles nur Gewohnheit!« + +»Das mag gut und schön sein, aber ich kann nicht schwimmen!« sagte +betrübt der Hase. + +»Das macht nichts!« rief die Schildkröte, die kaum noch ihre Aufregung +und Freude unterdrücken konnte, »wenn Ihr mit mir geht, will ich Euch +gerne aus reiner Freundschaft helfen und in unser Reich bringen. Ihr +steigt, wenn wir am Wasser angekommen sind, auf meinen Rücken, steckt +Eure Pfoten vorne unter mein Schild und haltet Euch so fest an. Ich +führe Euch dann sicher hinunter und, wenn es Euch nicht gefällt, +ebenso sicher wieder zurück!« + +Der Hase traute der Geschichte doch nicht so recht, er hatte eine +furchtbare Angst vor dem Wasser, aber die Schildkröte stellte ihm die +Reise ganz ungefährlich dar und gab ihm schließlich sogar ihr +Ehrenwort, daß ihm das Wasser nicht das geringste tun werde. + +Da war der Hase überwunden und er beschloß die Reise zu wagen. Als nun +beide am Rande des Wassers angekommen waren, stieg er auf den Rücken +der Schildkröte und hielt sich mit seinen Vorderpfoten am Schilde der +Kröte fest, die langsam ins Wasser ging. Dem Hasen wurde es doch +ungemütlich, als er das kalte Wasser fühlte und als es ihm sogar über +den Kopf ging, da schloß er ängstlich die Augen. Dann öffnete er sie +wieder und sah nun, daß das Wasser ihm wirklich keine Beschwerde +machte. Er war ganz entzückt von den Wundern unter dem Wasser, von +denen er bisher keine Ahnung hatte, er sah blühende Täler mit saftigen +Wiesen, grünende Felder, schimmernde Berge, bewachsen mit Rosen und +anderen Blumen, die er nicht kannte. + +Und dann das Leben im Wasser! Tausende von Fischen umschwärmten ihn +und jubelten ihm zu. Da kamen auf einmal lange, schmale, zierliche +Fische angeschwommen, denen alle andern ehrerbietig Platz machten. +»Was sind das für Tiere?« fragte der Hase. »Das sind Diener des +Königs!« antwortete die Schildkröte. + +Als diese Fische nahe waren, machten sie dem Hasen ihr Kompliment, +beglückwünschten ihn, daß er den Mut zu solcher Reise gehabt habe und +erzählten ihm, daß der König von seinem Besuche gehört habe und seinen +Mut bewundre. Der König wolle einen so mutigen Hasen sehen und lade +ihn in sein Schloß ein. + +Der Hase war ganz stolz auf solche Ehre und nahm die Einladung an. Die +Fische kehrten um und schwammen voran, während die Schildkröte mit dem +Hasen folgte. + +Im Schlosse des Königs angelangt, stieg der Hase von seinem Sitze und +wurde in das Krankenzimmer geführt, während die Schildkröte sich +einstweilen aus dem Staube machte. + +Im Krankenzimmer waren nur die Ärzte um den König versammelt, die den +Hasen freundlich einluden auf einem prachtvollen Muschelsessel Platz +zu nehmen. Dann besprachen sich die Ärzte leise, wie man wohl am +leichtesten dem Hasen die Augen nehmen könne. Der Hase hatte aber gute +Ohren und so hörte er mit Entsetzen dieses leise Gespräch und obwohl +ihm die Haare klitschnaß am Leibe klebten, standen sie ihm doch +sogleich vor Angst zu Berge. Er verwünschte seine Neugier und +überlegte, wie er sich am besten aus dieser Schlinge ziehen könne, die +ihm die Schildkröte gelegt hatte. Endlich kam ihm ein Gedanke. »Hört, +Ihr Herren!« rief er, »ich hörte, daß Ihr von meinen Augen sprachet. +Was ist es damit, was wollt Ihr mit meinen Augen?« + +Die Ärzte erklärten ihm in höflicher Weise die ganze Angelegenheit und +baten, daß er, um das Leben des Königs zu retten, seine Augen +freiwillig hergeben solle! + +»Das ist aber dumm,« sagte der Hase, der tat, als ob er nachdenke und +seine Ohren hin und her bewegte, »ja, ja das ist dumm von der +Schildkröte, daß sie mir das nicht gleich gesagt hat, dann wäre Eurem +König jetzt schon geholfen. Ihr müßt nämlich wissen, Ihr hohen und +gelehrten Herren, daß wir Hasen vier Augen haben, nämlich zwei +natürliche und zwei aus Bergkristall gefertigte. Diese letzteren +tragen wir, um die natürlichen Augen zu schonen, so bei staubigem oder +Regenwetter, bei Sturm und Ungewitter. Da mir nun Eure Schildkröte +nicht sagte, weshalb ich herkommen sollte, so steckte ich meine +künstlichen Augen ein, weil ich glaubte, daß die natürlichen Augen, +mit denen ich auf dem Lande sehe, hier im Wasser mir wenig nützen +würden oder sogar beschädigt werden könnten. Diese natürlichen Augen +habe ich daheim verborgen und es wird mir eine große Freude sein, sie +Eurem König zu seiner Heilung anzubieten. Es bleibt nichts weiter +übrig,« fügte er scheinheilig hinzu, »als daß Ihr die Schildkröte +wieder ans Land schickt und meine Augen holen lasset!« »Ja, wird denn +die Schildkröte die Augen auch finden?« warf einer der Ärzte ein. + +»Man muß sie fragen!« sagte ein anderer und so wurde die Schildkröte +wieder gerufen. Diese kam fröhlich herbei, denn sie glaubte nun sei +alles zu Ende und ihr Glück sei gemacht. Aber wie erschrak sie, als +sie den Hasen ganz munter, mit seinen Augen im Kopfe auf dem +Muschelsessel sitzen sah. Sie wußte nicht, was sie denken sollte und +war höchst erstaunt, daß sie Scheltworte zu hören bekam, anstatt Worte +des Dankes. Man machte ihr Vorwürfe, daß sie einem so liebenswürdigen +Herrn nicht gleich gesagt habe, was man von ihm wolle, sie habe +dadurch die Heilung des Königs verzögert. + +»Das ist gut!« dachte die Schildkröte, »aber das kommt davon her, wenn +man Großen einen Dienst erweisen will. Wie man es auch macht, richtig +ist es nie!« Die Schildkröte wurde nun gefragt, ob sie sich getraue, +die Augen des Hasen zu finden und herzubringen, wenn der Hase ihr den +Ort genau beschreibe, wo er sie verborgen habe. + +Aber die Schildkröte erklärte, daß sie es wohl übernehmen wolle, die +Augen zu finden; sie aber herzubringen, das sei für sie zu riskant, +denn sie verstehe es nicht, mit so empfindlichen Dingen, als die Augen +sind, umzugehen. Am besten sei es wohl, wenn der Hase sie selbst hole, +hin und her wolle sie den Hasen gern tragen. Das war es, was der Hase +gern wollte, er tat aber so, als ob das für ihn zuviel verlangt sei, +auch der König wurde ärgerlich und sagte: + +»Ist es nicht genug, daß der Hase uns seine Augen anbietet? Sollen wir +einem so liebenswürdigen Herrn zumuten, auch noch selbst den Weg zu +machen, bloß weil Ihr Schildkröte zu lässig waret? Nein! machet Euch +sofort auf den Weg und seht zu, wie Ihr die Augen herbringt. Eure +Sache ist es, den Fehler, den ihr begangen, wieder gut zu machen!« + +Der Hase, der Angst hatte, daß man ihn wirklich da behalten würde, +nahm sich zusammen und entgegnete: + +»Verzeiht, edler König! Aber ich glaube Frau Schildkröte hat Recht. +Wenn sie die Augen auch findet, fürchte ich doch, daß sie damit nicht +richtig umgeht und sie verletzt, so daß sie für Euch ohne Nutzen sind. +Erlaubt also, daß ich die Schildkröte begleite und die Augen selbst +überreiche. Dieser kleine Weg ist keine Mühe, und selbst, wenn es Mühe +wäre, für Euch, edler König, um Euch zu helfen ist mir keine Mühe zu +groß!« + +Alle waren erstaunt über solch großen Edelmut, sie schämten sich aber +auch zugleich, daß man den Hasen habe betrügen wollen, ihn, der so +großmütig war, den Weg nochmals zu machen, nur um dem König einen +Dienst erweisen zu können. Nach langem Hin- und Herreden wurde der +Schildkröte denn schließlich befohlen, den Hasen ans Land zu bringen +und ihn ungefährdet mit den Augen wieder zum König zu führen. + +Die Schildkröte nahm also den Hasen, nachdem sich dieser höflichst +verabschiedet hatte, wieder auf den Rücken und trug ihn ans Land. Dort +angekommen, schüttelte der Hase das Wasser aus seinem Fell und sprach +zur Schildkröte: + +»Du listiges Vieh, beinahe hättest du mich überlistet, aber meine List +war besser als die deine und Eure Dummheit größer als die meine. Wenn +du Hasenaugen brauchst, suche sie dir nur. Ich brauche die meinen +vorläufig noch für mich. Lebt also wohl und grüßet Euren König recht +schön von mir!« + +Sprach's, sprang auf und eilte den Hügel hinan, die verdutzte +Schildkröte sprachlos zurücklassend. + +Seit dieser Zeit geht der Hase einer jeden Schildkröte vorsichtig aus +dem Wege und die Schildkröte lebt seitdem bald im Wasser, bald auf dem +Lande, denn im Wasser fürchtet sie den Fischkönig und auf dem Lande +hofft sie noch immer ein Paar Hasenaugen zu finden. + + + [Anmerkung 1: Gemeint ist der Karpfen, der in Japan als Sinnbild + der Kraft und Stärke gilt, weil er gegen den Strom schwimmt und + selbst Wasserfälle und Stromschnellen überwindet.] + + + + + [Verzierung] + +Maorigashima[1]. + + +Maorigashima war einst eine blühende Insel, deren Bewohner glücklich +und zufrieden leben konnten, da alles, was man zum Leben braucht, die +Insel hervorbrachte. Auch gab es dort einen vorzüglichen Ton, aus dem +die Leute prachtvolle Töpfe und Schalen bereiteten, die hochbezahlt +wurden. Aus diesem Grunde herrschte auf der Insel Wohlstand und +Reichtum, arme Leute gab es dort überhaupt nicht. + +Die Insel lag im Süden von Japan, nahe bei dem heutigen Formosa, ihr +Herrscher war Pairuno, ein gottesfürchtiger und gerechter Fürst, der +mit großer Betrübnis sah, wie der Reichtum und das Wohlleben die +Sitten seiner Untertanen verdarb, wie diese immer mehr sich der +Völlerei und dem Nichtstun ergaben und die Lehren der Götter +verachteten. + +Alle Mahnungen und das gute Beispiel eines gottgefälligen, redlichen +Lebens des Herrschers vermochten nicht, die Bewohner von Maorigashima +wieder auf den Pfad eines ehrsamen Lebenswandels zurückzubringen; im +Gegenteil, die Laster nahmen überhand, selbst die Beamten, die sich +bisher noch immer in Schranken gehalten hatten, ergaben sich +schließlich dem lasterhaften Leben und vernachlässigten ihre +Pflichten. Als Pairuno sah, daß alle seine guten Lehren nichts helfen +wollten und daß ihm die Macht fehlte, gewaltsam eine Besserung der +Zustände herbeizuführen, weil ja die Beamten selbst ein zügelloses +Leben führten und nicht mehr gehorchten, wandte er sich an die Götter +und bat diese um Hilfe und Rettung. + +Eines Tages war er wieder im Tempel in inbrünstigem Gebete versunken, +da hörte er eine Stimme, die ihm zuraunte: + +»Das Maß der Sünden Maorigashima's ist voll und die Götter haben +beschlossen, die Insel mit allen Bewohnern zu vernichten. Du allein +bist ausersehen am Leben zu bleiben, um der Nachwelt den Untergang der +Insel zu verkünden, auf daß andre sich daran ein Beispiel nehmen. +Halte darum ein Schiff bereit, um, wenn die Stunde naht, dich dem +Strafgerichte zu entziehen, das die Götter über Maorigashima und seine +Bewohner verhängt haben. Weil du gerecht bist und die Götter ehrst, +sollst du die Stunde des Gerichts wissen. Wenn das Antlitz der +Tempelwächter, die als Bildsäulen am Eingang des Tempels stehen, rot +sein werden, dann schiffe dich ein und säume nicht; solange die +Antlitze ihre weiße Farbe behalten, hat es keine Gefahr!« + +Pairuno dankte den Göttern für die Offenbarung und bat diese seinen +Untertanen bekannt geben zu dürfen, auf daß sich bekehren könne, wer +es wolle. + +Die Götter bewilligten die Bitte und gaben Pairuno die Zusicherung, +daß ein Jeder, der sich freiwillig mit ihm einschiffe, verschont und +gerettet sein werde. Hocherfreut ging der Herrscher in seinen Palast +zurück. Er ließ alle Beamten rufen und verkündete ihnen, was ihm die +Götter offenbart hatten; auch gab er Befehl, dies dem ganzen Volke +bekannt zu geben. + +Aber die Beamten und das Volk verlachten die Warnung und spotteten +über ihren Fürsten, ja einer der Beamten schlich sich eines Nachts +heimlich zum Tempel und beschmierte die Gesichter der Bildsäulen mit +rotem Ton. + +Als Pairuno dies am Morgen sah, glaubte er die Stunde des +Strafgerichts gekommen und schiffte sich schnell mit den Seinen ein. +Er forderte das Volk auf sich zu retten und bat zu ihm aufs Schiff zu +kommen. Doch alle verlachten ihn und der Spötter, der in der Nacht die +Gesichter der Bildsäulen beschmiert hatte, gestand seine Tat +hohnlachend ein, indem er erklärte, daß nicht die Götter, sondern er +die Rotfärbung vorgenommen habe. + +Aber Pairuno entgegnete ernst: + + »Die Götter haben mir nicht gesagt, daß sie selbst das Weiß der + Angesichter der Tempelwächter in Rot verwandeln werden, sondern + sie haben mir nur gesagt, wenn das Antlitz rot sein werde, dann + sei die Stunde gekommen! Rot sind jetzt die Angesichter und an + den Worten der Götter soll man nicht drehen und deuteln. Wenn du + Spötter den Göttern vorgegriffen hast, umso schlimmer für dich!« + +Damit gab Pairuno den Befehl vom Lande abzustoßen und in angemessener +Entfernung zu verharren. Kaum war das geschehen, da verfinsterte sich +die Luft, ein Brausen ertönte aus der Tiefe des Meeres, dessen Wellen +sich hoch auftürmten, und die Insel sank mit allem, was darauf war, +auf den Meeresgrund. Dann wurde es wieder licht, das Meer lag ruhig +wie immer, ein azurblauer Himmel lächelte, aber von der blühenden +Insel war nichts mehr zu sehen. Pairuno fuhr nach dem Festlande und +gab Kunde vom Ende Maorigashima's und seiner Bewohner. + +Noch heute, wenn bei ruhigem Wetter und mondklaren Nächten Fischer +über die Stätte fahren, da die Insel einst gestanden, können sie tief +unten die Straßen und Häuser erkennen; manchmal geschieht es auch, daß +die Netze das eine oder andere Stück der früher auf Maorigashima +angefertigten kostbaren Töpferwaren, eine Vase, eine Schale oder +irgend einen Topf enthalten. Solche Gegenstände sind sehr begehrt und +werden hoch bezahlt, deshalb wird ein jeder Fischer glücklich +gepriesen, der ein solches Stück findet. Viele hat es schon verlockt, +nach solchen Gegenständen zu suchen, doch nur, wer reinen Herzens ist +und den nicht die Sucht nach Reichtum treibt, den lassen die Götter +einiges finden; alle übrigen aber müssen mit leeren Händen und oftmals +auch mit zerrissenen Netzen heimkehren. + + + [Anmerkung 1: Sprich: Maurigaschima. Diese Sage erinnert an die + »Vineta« Sage.] + + [Verzierung] + + + + + [Verzierung] + +Der Hase und der Dachs. + + + [Abbildung] + +Zwischen hohen Bergen lebte vor langen, langen Jahren ein betagtes +Ehepaar, das sich durch fleißige Arbeit redlich, doch kümmerlich +nährte. Der Mann ging täglich in den Wald, um Reisig zu sammeln, das +er verkaufte, und aus dem Erlös bestritt er den Lebensunterhalt. +Während der Mann im Walde war, kochte und wusch die Frau und machte +das Haus sauber. + +Im Laufe der vielen Jahre hatte der Mann die Bekanntschaft eines +weißen Hasen gemacht. Die Bekanntschaft wurde immer fester und so kam +es zu einer regelrechten Freundschaft. Immer, wenn sie sich trafen, +unterhielten sie sich freundschaftlich über dieses und jenes, denn zu +damaliger Zeit konnten die Tiere noch sprechen. An Feiertagen luden +sie sich auch oft zum Essen ein und machten sich einander Geschenke. + +Nun hatte aber in der Nähe der Wohnung des Hasen ein alter Dachs +seinen Bau; das war ein alter Hagestolz, ein griesgrämiger Kerl und +ein Geizhals dazu. Den verdroß die innige Freundschaft des Hasen mit +dem Menschen und er suchte die zwei auf alle mögliche Weise +auseinander zu bringen und zu entzweien. Aber alles, was er versuchte, +blieb vergeblich, alle seine Niederträchtigkeiten scheiterten an der +festen Freundschaft. Als nun eines Tages der Mann wieder den Hasen +besuchte, brachte er ihm auch einige Süßigkeiten mit, die die Frau +gebacken hatte. Als sich der Mann mit dem Hasen unterhielt und ihm die +Süßigkeiten geben wollte, da hatte sich der Dachs hinzugeschlichen und +sie gestohlen. Da wurden beide recht ärgerlich und beschlossen, dem +Dachse endlich sein Handwerk zu legen. Sie begaben sich zu seinem Bau +und trafen ihn gerade dabei die Süßigkeiten zu verzehren. Der Mann +packte den Dachs schnell beim Kragen, band ihm mit einem recht festen +Strick die Beine zusammen und trug ihn nach Hause. + +Hier zeigte er ihn seiner Frau und sagte zu ihr: »Der Kerl hat sich +durch seine Niederträchtigkeit jetzt selbst geschadet. Wir werden ihn +schlachten und dann zu Mittag verspeisen!« Mit diesen Worten hing er +den Dachs an einem oberen Querbalken in der Küche auf und ging +nochmals in den Wald, um noch schnell etwas Reisig zur Feuerung zu +holen. + +Die Frau nahm während dieser Zeit ihren Reismörser und begann Reis zum +Mittagessen zu stampfen. Während ihrer Arbeit hörte sie oben den Dachs +stöhnen und seufzen; obwohl sie Mitleid mit dem Tiere hatte, ließ sie +sich an ihrer Arbeit nicht stören und tat, als ob sie nichts gehört +hätte. + +Doch der Dachs hörte nicht auf zu wehklagen; denn er wollte das +Mitleid der Frau erregen, weil er hoffte, sie würde ihn freilassen; +als er aber sah, daß alles Lamentieren nichts half, wurde er +nachdenklich und besann sich auf eine List, denn loskommen wollte er +wenigstens und sei es auch nur auf eine Minute. Die Dachse können sich +nämlich in jede Gestalt verwandeln, doch können sie das nur, wenn sie +im freien Gebrauche ihrer Gliedmaßen sind. Gefesselt vermögen sie ihre +Kunst nicht auszuüben. Darauf baute er nun seinen Plan, um nicht nur +frei zu kommen, sondern sich auch zu rächen. Deshalb hörte er mit +seinem Gewimmer auf und rief der Frau mit sanftmütigster Stimme zu: +»Aber, liebe Frau, was quälen Sie sich denn so sehr! Das Reisstampfen +ist für eine alte Frau doch zu anstrengend. Lassen Sie mich hinunter +und ich will Ihnen diese Arbeit abnehmen!« + +»Ich danke,« erwiderte die Frau, »bleibt nur hübsch da oben, denn +helfen würdet Ihr mir doch nicht, sondern auskneifen. Dann könnten wir +Euch nicht zu Mittag essen und mein Mann würde zornig werden und mich +schlagen!« + +»Aber seid doch nicht so ängstlich,« sprach der Dachs mit +einschmeichelnder Stimme, »schließt doch alle Fenster und Türen, dann +kann ich nicht fort. Ich verspreche Euch nicht fortzulaufen und Euer +Mann braucht gar nichts davon zu erfahren, denn Ihr hängt mich hier +wieder auf, wenn ich Euch geholfen habe. Glaubt es mir, ich tue es nur +Euch zu lieb, weil es mir leid tut eine alte Frau sich so schwer +quälen zu sehen!« + +Die Frau wurde schwankend und als der Dachs bemerkte, daß seine Worte +nicht ohne Erfolg blieben, redete er noch mehr schöne Worte, so daß +die Frau -- einfältig, wie sie war, -- seinen Worten wirklich Glauben +schenkte und ihn losband. Kaum war der Dachs auf dem Fußboden und +frei, so stürzte er sich auf die Frau, tötete sie, nahm ihr die +Kleider fort und legte sie sich selbst an, sich so in die Frau +verwandelnd. Dann schnitt er von der toten Frau einige Stücke Fleisch +ab, warf diese in den Mörser und vermischte sie mit dem Reis. Die +übrigen Teile des Leichnams warf er hinter dem Hause auf einen Haufen. +Nun kochte er ein schönes Gericht und als der Mann zurückkam, bekam er +es zum Essen vorgesetzt. Der Mann glaubte natürlich, es sei seine +Frau, die den Dachs während seiner Abwesenheit geschlachtet hätte. Er +freute sich sehr darüber und das Essen schmeckte ihm vortrefflich, nur +wunderte er sich, daß das Fleisch etwas zähe und mager war. + +Er bot dem Dachs, der ihn in Gestalt der Frau bediente[1], auch etwas +zum Essen an, dieser aber dankte und sagte, als der Mann alles +aufgegessen hatte, zu diesem recht spöttisch: + +»Nun, du armer Mann, du hast deine Frau gegessen! Pfui über dich, +seine eigene Frau zu essen. Gehe hinaus, wenn du mir nicht glaubst, +und schaue, was hinter dem Hause liegt!« + +Damit nahm er wieder seine Gestalt als Dachs an und rannte zum Hause +hinaus. Der Mann, aufs höchste erschreckt, eilte auch hinaus und +erblickte hinter dem Hause den zerstückelten Leichnam seiner Frau. +Er brach darüber in Tränen aus und war ganz untröstlich. + +Da kam der Hase daher und vernahm die traurige Geschichte. Er tröstete +den Mann, so gut er konnte und versprach den Dachs zu bestrafen und +den Tod der Frau seines Freundes zu rächen. + +[Buntbild] + +Er nahm in der Küche etwas Miso[2] und mischte dieses mit gestoßenem +rotem Pfeffer, dann kehrte er in den Wald zurück, wo er bald den Dachs +traf, der sich Spreu für sein Lager gesammelt hatte. Der Hase half ihm +das Bündel auf den Rücken und als der Dachs damit seinem Bau +zuwanderte, zündete der Hase es flink an. Da das Bündel recht fest auf +den Rücken gebunden war, was der Hase absichtlich getan hatte, so fiel +es nicht eher herunter, als bis die Schnur, womit es befestigt war, +durchgebrannt war, natürlich war auch der Rücken des Dachses arg +verbrannt. Scheinbar hilfsbereit, sagte der Hase: »Jammere doch nicht, +wie ein altes Weib. Ich habe eine gute Salbe gegen Brandwunden, halte +still und laß dich einreiben!« + +Der Dachs biß die Zähne zusammen und der Hase machte sich daran, den +verbrannten Rücken mit dem mit rotem Pfeffer gemischten Miso +einzuschmieren. + +Daß er dabei nicht sanft verfuhr, kann man sich denken, ebenso, daß +der Dachs seinen Schmerz nicht mehr verbeißen konnte und furchtbar zu +heulen anfing, als Miso und Pfeffer in seinen Wunden zu wirken +begannen. + +Er erlitt höllische Schmerzen und schleppte sich mühselig in seinen +Bau, wo er unter Weh und Ach auf seinem Lager zusammenbrach. »Hättest +du früher gewinselt, ginge es dir heute nicht _so_ schlecht!« rief ihm +der Hase zu, als er ihn verließ, um zu dem alten Manne zu eilen und +diesem von der Bestrafung des Bösewichts Mitteilung zu machen. + +Der Mann aber, der inzwischen seine Frau begraben hatte, war mit +dieser Bestrafung nicht zufrieden, er verlangte den Tod des Dachses +als Sühne, denn er befürchtete mit Recht, daß, wenn dieser wieder +gesund sei, er noch weitere Rache nehmen würde. Dem Hasen leuchtete +dies ein und er machte einen anderen Plan, um den Dachs ums Leben zu +bringen: Er baute also zwei Boote, ein kleines aus Holz und ein +größeres aus Ton. Nachdem diese fertig waren, besuchte er den Dachs um +zu sehen, wie es ihm gehe. Bei diesem war inzwischen die Wunde etwas +geheilt, aber er litt furchtbaren Hunger, hatte er doch während seines +Krankseins nichts zu sich genommen. Als er den Hasen erblickte, freute +er sich, denn er glaubte wirklich, daß ihm die schreckliche Salbe +geholfen habe; er bat ihn, doch etwas zum essen zu besorgen. Der Hase +aber erwiderte: »Ich habe leider nichts hier, aber im Flusse sah ich +einige wundervolle Fische, komm mit, die wollen wir uns fangen.« +Obgleich der Dachs vor Hunger und Schwäche kaum gehen konnte, +schleppte er sich doch bis zum Flußufer, wo die beiden Boote lagen. +Der Hase fragte: »Welches willst du nehmen?« »Natürlich das große,« +entschied der Dachs, »ich bin einmal der Vornehmere und dann auch +schwerer als du, da würde mich das kleine Boot nicht tragen!« + +Damit kletterte er auch schon in das Tonboot, während der Hase, +zufrieden mit seiner List, in das kleine hölzerne Boot sprang. + +Sie ruderten nun beide bis in die Mitte des Flusses, doch ließ sich +kein Fisch sehen, worüber der Dachs recht zornig wurde. + +»Dort ist einer!« rief der Hase plötzlich. Als der Dachs sich +umwendete um nach dem Fische zu schauen, da nahm der Hase sein Ruder +und tat einen kräftigen Schlag nach dem andern Boote, das natürlich +sofort in Stücke sprang. Der Dachs fiel laut aufschreiend ins Wasser +und wollte sich durch Schwimmen retten. Aber der Hase war in seinem +Boote schnell hinter ihm her und hieb mit dem Ruder auf ihn ein, bei +jedem Schlage ausrufend: »Das ist für die ermordete alte Frau, das ist +für die ermordete alte Frau!« + +So schlug er solange auf den Dachs ein, bis dieser wirklich ganz tot +war und von einigen großen Fischen, die gerade vorbeikamen, +aufgefressen wurde. + +Nun war der Hase fröhlich und guter Dinge, fuhr ans Ufer zurück und +eilte zu seinem alten Freunde um ihm die Freudenbotschaft zu bringen. + +»Der Dachs ist tot, der Dachs ist tot. Deine Frau ist gerächt!« rief +er schon von weitem und erzählte, im Hause des alten Mannes +angekommen, diesem, wie er den Dachs aufs Wasser gelockt, wie er das +Boot zerschlagen und endlich den Bösewicht getötet habe, der nachher +von den Fischen gefressen wurde. Da wurde der Mann, der bisher immer +noch Furcht hatte, daß der Dachs auch ihm und dem Hasen ein Leid +zufügen werde, wieder frohen Herzens. Er lud den Hasen ein mit an das +Grab seiner Frau zu kommen. + +Als beide am Grabe standen, rief der Mann, gleich als wenn seine Frau +noch lebe: + +»Liebe Frau! Du bist jetzt gerächt. Der Dachs, unser Widersacher ist +tot, getötet von meinem Freund, dem weißen Hasen, hier neben mir. Wir +können jetzt ohne Sorge sein, der Bösewicht wird uns nicht mehr +schaden!« + +Nachdem er dies gesagt hatte, machte er drei tiefe Verbeugungen[3] und +ging mit dem Hasen in das Haus zurück. Hier bereitete er diesem ein +Essen, so gut er es konnte und es hatte, um seine Dankbarkeit zu +beweisen. + +Er lud den Hasen ein doch bei ihm zu bleiben und in seinem Hause zu +wohnen, aber der Hase schlug dies dankend aus. Er sagte, er könne +nicht schlafen in einem Raume, der ein Dach habe. Er könne nur +schlafen im Freien unter dem Dache des Himmels. + +So mußte sich der alte Mann zufrieden geben und in seinem Hause allein +wohnen, aber er blieb nur wenig im Hause, den ganzen Tag ging er in +den Wald und unterhielt sich mit dem Hasen; sie sprachen über alle +möglichen Dinge, ihr Hauptgespräch aber bildete der Dachs, der durch +seinen Neid und seine Feindschaft sich selbst ums Leben gebracht habe. +War das Wetter schlecht, so besuchte der Hase den Mann im Hause und +brachte ihm stets schöne Früchte mit. + +So lebten beide in Ruhe und Frieden, in Eintracht und Freundschaft +noch viele, viele Jahre. Wann sie gestorben sind, weiß man nicht; aber +der weiße Hase hatte diese Geschichte seinen Verwandten erzählt, und +diese sie wieder den ihren und so weiter bis auf den heutigen Tag, +wo sie niedergeschrieben und gedruckt wurde, damit sie nie vergessen +werde und sich ein Jeder erinnere, daß man sich selbst straft, wenn +man mißgünstig die Freundschaft anderer stören will. + + + [Anmerkung 1: In den japanischen Familien ist es noch vielfach + Sitte, daß der Mann allein ißt und von seiner Frau bedient wird. + Sind Kinder vorhanden, so ißt der Mann mit den Söhnen zuerst, die + Frau mit den Töchtern später.] + + [Anmerkung 2: Miso = Aus Bohnen, Hefe und Salz bereitete dickliche + Brühe.] + + [Anmerkung 3: Japanische Sitte. In Japan wird jedes + Familienereignis, Geburt, Verlobung, Hochzeit, Tod etc. den Ahnen + der Familie verkündet.] + + [Verzierung] + + + + + [Verzierung] + +Schlauheit schützt nicht vor Täuschung. + + +Im japanischen Meere lebt ein giftiger Fisch, der den Namen Fugu[1] +hat. Einen solchen Fisch hatte einst ein Mann gefangen und sich +zubereitet. Schließlich kamen ihm aber doch Bedenken und er warf +zunächst ein Stückchen seiner Katze hin. Diese ergriff es und eilte +damit davon. Der Mann lief ihr nach um zu sehen, ob es ihr etwas +schade. Die Katze aber war unter einen Holzhaufen gekrochen und kam +nach einem Weilchen wieder ganz munter hervor. + +Nun dachte der Mann, daß die Katze das Stück Fisch ohne Schaden zu +sich genommen habe. Wenn ein so schlaues Tier, wie eine Katze, einen +Fisch, der für giftig gehalten wird, nicht verabscheue, sondern +unbedenklich verzehre, dann könne er es auch tun; er setzte sich hin +und aß mit großem Behagen das Fischgericht. Die Katze aber war +wirklich ein schlaues Tier; denn auch ihr waren Bedenken gekommen und +sie hatte deshalb das Stück Fisch vorläufig versteckt um erst zu +sehen, ob ihr Herr vom Fische genieße. Als sie nun sah, daß er ihn mit +gutem Appetit verzehrte, da lief auch sie zurück und ließ es sich +schmecken. Aber die Folgen blieben nicht aus. Das Gift fing bald an zu +wirken und Herr und Katze starben unter großen Qualen. So sieht man, +wie sich selbst der Schlaueste manchmal täuschen läßt. + + + [Anmerkung 1: Fugu, ein stachlicher Fisch zur Gattung der + Tetrodon gehörig; das Fleisch dieses Fisches ist giftig und + daher ungenießbar. Er wird nur gefangen um als Düngemittel + verwendet zu werden.] + + [Verzierung] + + + + + [Verzierung] + +Der bedächtige Reiher. + + +Ein Reiher spazierte am frühen Morgen im Teiche gravitätisch auf und +ab; er hatte Hunger und suchte sich Beute. Da sah er plötzlich einen +zierlichen Aal sich durch das klare Wasser schlängeln; auch ein +munteres Fischlein kam herbeigeschwommen und endlich hüpfte ein Frosch +auf ein großes Lotosblatt und stimmte seinen Morgengesang an. + +»Hei!« dachte der Reiher, »das ist reiche Beute! Aber welchen von den +dreien nehme ich zuerst?« + +Nachdenkend neigte er seinen Kopf, aber während er überlegte, hatten +die drei Tierlein ihren gefährlichen Feind erblickt. + +Der Frosch war mit einem Satz im Wasser verschwunden; das Fischlein +tauchte schnell unter und schwamm davon und der Aal verkroch sich im +tiefsten Schlamm. + +Da stand nun der Reiher, als er sich entschieden hatte, wieder einsam, +die sichere Beute war verschwunden und neue wollte sich nicht zeigen. +Er steht noch heute nachdenklich im Teiche und wartet noch immer. +So geht es allen zu Bedächtigen, die über dem Überlegen das Handeln +vergessen. + + [Abbildung] + + + + + [Verzierung] + +Belohnte Kindesliebe. + + +Vor ungefähr zweihundert Jahren lebte in der zwischen Inaba und Harima +gelegenen Provinz Mino nahe beim Städtchen Tarni ein Holzhacker, der +nur einen Sohn hatte. Beide waren sehr arm und mußten täglich ins +Gebirge, um durch Holzhauen ihr Brot mühsam und spärlich zu verdienen. +Solange beide gesund und kräftig waren, gelang es ihnen auch ihren +Lebensunterhalt zu gewinnen. Aber der Vater wurde immer älter und +immer steifer und ungelenkiger wurden seine Glieder, sodaß schließlich +der Sohn allein in den Wald gehen mußte, während der Alte daheim +blieb. Dem jungen Manne machte dies keine große Sorge; kräftig und +rüstig, wie er war, arbeitete er umso fleißiger und war glücklich, +wenn er außer der täglichen Nahrung noch einige Sen[1] mehr verdient +hatte, um seinem alten Vater ein Fläschchen Sake[2] kaufen zu können, +den dieser leidenschaftlich gern trank und der ihm auch wohltat und +ihn kräftigte. + +Nun kam aber einmal ein sehr kalter Winter und der Schnee bedeckte bis +spät in den Frühling Feld und Flur und machte die Wege ungangbar, +sodaß der junge Holzhauer nur einen kärglichen Verdienst fand und +daher oftmals seinem Vater nicht den gewohnten Sake kaufen konnte. +Darüber war er natürlich sehr traurig und betete oft zu den Göttern, +sie möchten doch dem harten Winter ein Ende machen oder ihm anderweit +Hilfe senden. Eines Tages hatte er wieder nur eine ganz kleine Last +Holz in die Stadt bringen können, und der Erlös reichte nicht einmal +zu dem Nötigsten, geschweige denn zu einem Fläschchen Sake für den +Vater. Obgleich ihm der Sakehändler gern auf Borg gegeben hätte, +wollte der junge Mann davon nichts wissen, denn er gedachte des +Sprichworts: »Schulden sind schlimmer als Motten im Pelz!«[3] + +So ging er denn betrübt heim und dachte während seines Weges nur +darüber nach, wie er seinem Vater eine Stärkung verschaffen könnte. +Am Fuße des Tagiyama angekommen, hockte er sich nieder um ein Weilchen +auszuruhen, aber auch hier fand er keine Ruhe vor seinen Sorgen und so +wandte er sich wieder in inbrünstigem Gebete zu den Göttern. + +Da hörte er plötzlich ein seltsames Rauschen, Dampf stieg an der Seite +des Berges auf und ein eigentümlicher Geruch, fast wie erwärmter Sake, +erfüllte die Luft. Schnell war die Müdigkeit des jungen Mannes +verschwunden, er sprang auf und eilte zur Stelle, wo der leichte Dampf +aufstieg. + +Was erblickte er da? Welches Wunder sahen seine Augen? + +Dort, wo stets eine kahle Felsenstelle war, sprang jetzt ein munterer +Quell hervor und hüpfte in lustigen Sprüngen dem Tale zu. Der junge +Mann schöpfte in der hohlen Hand etwas Wasser, das warm war, und +kostete es. Welch' eigentümlicher Geschmack! So etwas hatte er noch +nie getrunken. »Das ist ein Geschenk von Euch, o Götter!« rief er aus +und füllte, nachdem er ein Dankgebet verrichtet hatte, seine +Reiseflasche mit dem kostbaren Naß. + +Frohgemut und seiner Sorge ledig, eilte er nun seinem Heime zu, wo er +seinem Vater den wundervollen Trank verabreichte. Es war aber auch +wirklich ein Wundertrank, denn der alte Mann fühlte neue Kräfte in +seinen Körper einziehen; ja, am nächsten Tage fühlte er sich schon so +weit gekräftigt, daß er aufstehen und, auf seinen Sohn gestützt, zur +Quelle wandern konnte. »Sollte diese Gabe der Götter nur zum Trinken +sein?« fragte sich der Sohn und riet seinem Vater in dem warmen Wasser +ein Bad zu nehmen, was dieser auch tat. Er merkte, daß nach dem Bade +seine Gliederschmerzen nachließen. + +Tagtäglich wanderten nun beide zu dem wunderbaren Quell und nach +kurzer Zeit war der Alte so weit hergestellt, daß er seinen Sohn +wieder in den Wald begleiten und bei seinem Tagwerke helfen konnte; +infolgedessen waren beide von aller Sorge befreit und konnten +zufrieden und glücklich leben. + +Die Kunde von dieser wunderbaren Heilung verbreitete sich natürlich +schnell und von fern und nah eilten Kranke und Gebrechliche herbei um +Heilung ihrer Leiden zu suchen und zu finden. Selbst dem Kaiser wurde +von dieser Heilquelle berichtet, der, nachdem er sich von der +Richtigkeit überzeugt hatte, ihr den Namen Yoro[4] geben ließ, ja, +er nannte sogar die Zeitepoche von der Entstehung der Quelle +»Yoro-Zeit.«[5] + +Die Quelle -- eine Mineralquelle -- hat ihre Heilkraft bis auf den +heutigen Tag behalten.[6] + + + [Anmerkung 1: Japanische Kupfermünze heutiger Währung = 2 Pfg.] + + [Anmerkung 2: Reiswein.] + + [Anmerkung 3: Japanisches Sprichwort. Es ähnelt dem deutschen + »Borgen macht Sorgen!«] + + [Anmerkung 4: Yo = Kraft, Stärke, Pflege, ro = das Alter, Yoro + = Kräftigung oder Pflege des Alters.] + + [Anmerkung 5: Wie in China ist es auch in Japan Sitte, die + Jahreszahl nicht ununterbrochen fortlaufend zu führen, sondern in + Zeitepochen, von irgend einem besonderen Ereignis abgeleitet. So + haben die Japaner jetzt nicht 1912 sondern das Jahr »45 Meiji«, + d.h. »Aera des wahren Friedens«.] + + [Anmerkung 6: Der vollständige Name der Quelle ist: Yoronotaki + auch Yorogataki, taki = Wasserfall, Yoro siehe oben.] + + +[Buntbild] + + + + [Verzierung] + +Der bestrafte Tierquäler. + + +In Yedo[1] lebte vor Jahren ein Schirmmacher, dessen Verdienst sehr +gering war, sodaß er mit Not und Sorgen zu kämpfen hatte. Auf einem +Jahrmarkt sah er einmal in einer Bude einen Tiger ausgestellt und als +er beobachtete, wie sich alles Volk in diese Bude drängte und der +Besitzer eine gute Einnahme hatte, kam er auf den Gedanken gleichfalls +auf den Märkten einen Tiger auszustellen. + +Wo aber einen Tiger hernehmen? In Japan gab es keine, zum Kaufen hatte +er kein Geld. Er wußte sich jedoch zu helfen. In einem Laden hatte er +ein Tigerfell gesehen, dies erhandelte er; dann nahm er ein Kalb und +nähte dieses in das Tigerfell. Damit es aber durch sein Blöken seine +wahre Gestalt nicht verrate, band er dem Tiere das Maul zu. + +Nun zog er auf die Messen und Märkte und hatte großen Zulauf, denn +solch einen zahmen und friedfertigen Tiger hatte noch niemand gesehen. + +Da der Verkehr in seiner Bude vom frühen Morgen bis zum späten Abend +kein Ende nahm, er aber auch durch eine Pause seine Einnahmen nicht +schmälern wollte, so fand er keine Zeit und Gelegenheit das arme Kalb +zu füttern oder zu tränken, sodaß dasselbe nach einigen Tagen zu +Grunde ging. + +Da kaufte er sich ein anderes Kalb und so weiter, bis er wohl an zehn +Kälber seiner Geldgier geopfert hatte. Doch die Götter schlafen nicht +und rächen jede Unbill, die ihren Geschöpfen zugefügt wird. + +Eines Tages wurde der Mann krank, er verlor seine Sprache und nur ein +klägliches Blöken ertönte, wenn er sprechen wollte. Dann ergriff ihn +der Wahnsinn; er riß seine Kleider vom Leibe, umhüllte sich mit dem +Tigerfell und eilte in komischen Sprüngen und unter fortwährendem +Blöken auf die Straße. Hier diente er der Jugend zum Spott, die ihn +mit Steinen und Unrat bewarf. So trieb er es drei Tage lang, er konnte +weder essen noch trinken und starb endlich eines elenden Todes. + +Das war die Strafe der Götter für seine Tierquälerei. + + + [Anmerkung 1: Das heutige Tokyo.] + + + + + [Verzierung] + +Rai-taro[1]. + + +Raiden, auch Rai-jin, der Donnergott, genießt in Japan große +Verehrung; er ist aber sehr gefürchtet, wenn er in Begleitung von +Futen, dem Sturmgeist, auftritt; denn dann tobt und heult er in den +Bergen und in den Schluchten; dann kracht es in den Wäldern und die +Sonne versteckt sich vor dem wütenden Heer der Sturm- und +Donnergeister. Allen voran stürmt hoch oben in den Lüften, umgeben von +schwarzen Wolken, Futen heran, ein behaartes grausiges Ungeheuer mit +krallenbewehrten Händen und Füßen. Zwei große lange Hauer ragen aus +seinem Maule, eine glatte Nase, stumpfe, kurze Ohren und tückisch +blitzende Augen vervollständigen die schreckenerregende Gestalt dieses +Unholds. Diesem folgt, ihm an Gestalt und Aussehen gleich, Raiden, der +fünf Trommeln mit sich führt, auf die er mit einer großen Keule +schlägt; zwischendurch wirft er die feurige Donnerkatze, die überall, +wo sie hinfällt, Unheil anrichtet. Mit ihren glühenden Krallen +zerschmettert sie Berge und zündet Bäume und Häuser an, sengt Menschen +und Vieh zu Tode oder zeichnet sie für Lebenszeit. Futen trägt quer +über den Schultern einen Sack, der vier Öffnungen hat und in dem die +Winde stecken. Hält er den Sack geschlossen, dann herrscht Windstille +auf Erden; aber die Schiffer auf dem Meere bitten ihn doch den Sack +ein klein wenig zu öffnen, auf daß sie gute Fahrt haben. Macht Futen +eine Öffnung ganz auf, dann bricht ein Gewittersturm heraus; wehe, +dreimal wehe aber, wenn er den Sack an zwei Stellen öffnet, denn dann +kommt ein Wirbelsturm daher, der alles in seinen Bereich Kommende +vernichtet. Einen solchen Sturm nennt man in Japan »Tai-fu« -- großer +Wind -- Orkan. -- Und nun will ich einmal von diesen beiden Unholden +ein Stücklein erzählen, aus dem man ersehen kann, daß sie nicht immer +so böswillige Gesellen sind, als sie scheinen. + +Hoch oben an der Nordwestküste Japans, im Nordosten vom Biwasee, ragt +das ewig weiße Haupt eines der höchsten Berge Japans stolz empor. Es +ist der Hakusan[2] auch »Shirayama« genannt. + +Am Fuße dieses Berges wohnte vor Zeiten ein armer Bauer, namens +Bimbo[3], er trug also seinen Namen mit Recht. Dieser Bauer hatte sich +zeitlebens schwer geplagt, konnte es aber nie zum Wohlstand oder +sorgenfreien Leben bringen, denn sein kleiner Acker befand sich hoch +in einer Einbuchtung des Berges und die Ernte hing allein vom Wetter +ab, da ihm jede andere Wasserzufuhr mangelte. Mit vieler Mühe hatte er +mit seinem Weibe jahraus, jahrein das Feld bestellt, doch der +Erntesegen blieb oft aus. + + [Abbildung] + +Auch in diesem Jahre, da diese Geschichte beginnt, hatte er große +Sorgen, denn Tag für Tag sandte die Sonne ihre verzehrenden Strahlen +auf das Reisfeld des armen Bimbo. Kein regenspendendes Wölkchen ließ +sich blicken, kein Windhauch regte sich und die noch nicht reifen +Reisähren hingen schlaff herab. + +Bimbo und sein Weib seufzten schwer und bang und fragten sich oft, +warum der Himmel ihnen zürne. Alles schlage ihnen zum Unheil aus. +Selbst das höchste Glück des Menschen, der größte Segen der Götter, +ein Kind, war ihnen bisher versagt geblieben, obgleich sie oft +inbrünstig darum gebeten hatten. Jetzt waren sie schon betagt und +hatten jede Hoffnung aufgegeben, ihren Lebensabend durch Kinder +verschönt zu sehen; sie hatten sich darein ergeben, ein einsames Alter +in Sorgen und Not zu haben; denn auch jetzt wieder schien die Ernte +durch den heißen, trocknen Sommer vernichtet zu werden. + +Sehnsüchtig und flehend sahen die beiden Leutchen nach dem Wetter aus, +ob sich denn nirgends ein Lüftchen rege und den segenspendenden Regen +bringe. Doch nichts, nichts! Der Himmel blieb klar und wolkenlos und +betrübt wollten die beiden nach Hause gehen, als sich fern am +Horizonte ein leichter Schleier zeigte. + +»Wind -- Sturm!« rief der Bauer freudig aus, »das bringt Regen!« + +Er hatte sich nicht getäuscht. + +Näher und näher wehte der Schleier, er zerriß in viele Fetzen, die +sich zu dunkeln Wolken formten, sich näherten und endlich zu einer +dichten Wolkenwand zusammenballten. Da kam es heran, zuerst ein leises +Raunen, dann ein Flüstern in den Zweigen. Scheu verkrochen sich die +Vögel und die Sänger des Waldes verstummten, nur krächzende Raben und +Sturmvögel durchkreisten die Luft. Jetzt zischte und pfiff es zwischen +den Bäumen, die angstvoll und bebend ihre Häupter senkten. Nun ging es +los das Stöhnen, Knattern, Rasseln, Fauchen, Heulen und Dröhnen und +wie ein Heer wilder Rachegeister raste der Sturm heran. Bimbo und sein +Weib achteten nicht des furchtbaren Unwetters; ihr Herz war voller +Freude, denn dieser Sturm bedeutete für sie Segen; Segen nicht nur der +Ernte, sondern noch einen andern Segen, den sie nicht erwarteten. + +[Buntbild] + +Nach dem ersten Anprall des Sturmes ergoß sich das kostbare Naß des +Himmels auf die lechzenden Fluren und tränkte die ausgedörrte Mutter +Erde. Bimbo sah dies alles mit Entzücken und drückte zufrieden die +Hand seines Weibes. Da fuhr plötzlich ein blendender Blitzstrahl +zwischen ihnen zur Erde und blendete ihnen die Augen, während ein +furchtbarer Donnerschlag ertönte, sodaß beide betäubt niedersanken. +Als sie aus ihrer Betäubung erwachten, hatte sich das Unwetter +verzogen und die Sonne lachte wieder auf die erquickte, prangende Flur +hernieder. Aber Bimbo und seine Frau waren nicht mehr allein, denn zu +ihrem größten Erstaunen lag neben ihnen ein hübsches Kindlein, ein +Knabe, genau an der Stelle, wo der Blitz in den Erdboden gefahren war. +Es lächelte gar lieblich und freundlich und streckte seine rosigen +Ärmchen den beiden hochbeglückten Alten entgegen. + +Schnell hob Bimbo das Kindlein vom nassen Erdboden auf und barg es +schützend unter seinem Strohmantel[4]; dann eilte er mit seiner Frau +heim und bereitete dem Kinde ein warmes Lager. + +Jetzt war bei den beiden Alten Freude eingekehrt und ihr langjähriger +Wunsch erfüllt. Endlich hatten sie ein Kindlein, hatten etwas, für das +sie sorgen und an das sie all ihre Liebe verschwenden konnten. + +Wie sollte der Name sein? + +Darüber war Bimbo nicht im Zweifel. + +»Das Kind hat uns Raiden geschenkt«, sagte er zu seiner Frau; »deshalb +wollen wir es Raitaro nennen!« + +Und so geschah es. + +Der Knabe wuchs heran zur Freude seiner Eltern, doch war er ganz +anders geartet als die andern Kinder des Dorfes. Er fand kein +Vergnügen daran mit den andern Kindern herumzutollen oder an ihren +Spielen teilzunehmen. Am liebsten begleitete er seinen Vater auf das +Feld oder tummelte sich allein im Walde umher oder lag oft stundenlang +auf dem Rücken und verfolgte den Lauf der Winde und den Flug der +Vögel. Ein Unwetter versetzte ihn in Entzücken und beim Rollen des +Donners brach er in ein lautes Jauchzen aus. + +Hatten so die alten Leute ihre Freude an dem Kinde, brachte dieses +ihnen auch Segen und hielt jedes Unheil fern. Die Felder gaben +reichliche Ernte, keine Dürre und kein übermäßiger Regen vernichtete +mehr die Frucht mühevoller Arbeit, und alles gedieh Bimbo zum Besten, +so daß er es bald zu einem gewissen Wohlstand brachte. + +Achtzehn Jahre waren schließlich dahin gerollt; man feierte den Tag +der Auffindung Raitaros durch ein festliches Gelage, mit Sang und +fröhlichen Worten. Raitaro aber blieb still und in sich gekehrt und +vergeblich war die Mühe seiner Eltern ihn aufzuheitern. Als der Abend +nahte und die Dämmerung hereinbrach, erhob sich Raitaro und dankte +seinen Eltern für alles Gute, das sie ihm erwiesen hatten. »Meine Zeit +ist um«, sagte er zuletzt, »meine Absicht euch zu nützen ist gelungen, +auch in Zukunft werde ich über euch wachen. Lebt wohl!« + +Während dieser Worte hatte sich eine dunkle Wolke genähert und senkte +sich nun langsam auf Raitaro nieder, ihn vollständig einhüllend; dann +erhob sie sich wieder und verschwand eilends in unermeßlicher Höhe; +der Platz aber, wo Raitaro gestanden hatte, war leer. + +Bimbo und seine Frau waren ganz bestürzt und traurig und konnten es +gar nicht begreifen, daß sie nun in ihren alten Tagen doch einsam sein +sollten; da sie jetzt aber keine Not zu leiden brauchten und +sorgenfrei leben konnten, so wurde der Trennungsschmerz gemildert und +in stiller Wehmut fügten sie sich in das Unabänderliche. Sie lebten +noch viele Jahre und starben endlich beide hochbetagt zur gleichen +Stunde. Auf ihr Grab wurde ein Stein gesetzt, auf dem die Geschichte +Raitaro's erzählt und dieser selbst in Gestalt eines fliegenden +Drachen abgebildet wurde. Dieser Stein ist noch heute vorhanden, doch +hüllt ihn eine vielhundertjährige Moosdecke ein. Wer sich aber Mühe +gibt, kann aus den verwitterten Schriftzeichen die Geschichte von +Raitaro, dem Donnersohne, entziffern, so wie ich sie hier +wiedererzählt habe. + + + [Anmerkung 1: Rai = Donner, taro = Sohn, = Sohn des Donners, + Donnersohn.] + + [Anmerkung 2: Sprich: Haksan = Haku = weiß; auch Shiro = weiß. + Also »weißer Berg.« Er ist ein seit 1554 erloschener Vulkan und + 2720 m hoch. Die Schneehöhe auf diesem Berge ist im Winter enorm, + man hat schon bei 800 Meter Höhe eine Schneehöhe von 6 bis 7 Meter + gefunden, sodaß eine Besteigung des Berges über einen Kilometer + hinauf im Winter undurchführbar war.] + + [Anmerkung 3: Bimbo = arm.] + + [Anmerkung 4: Die Bauern, Schiffer usw. tragen auch heute noch + bei Regenwetter einen Mantel aus Stroh, in der Regel Reisstroh, + gefertigt, der warm hält und den Regen nicht durchläßt. Ein + solcher Mantel hat die Form einer Pellerine und ist ½ bis ¾ Meter + lang.] + + [Verzierung] + + + + + [Verzierung] + +Hotaru.[1] + + +In einer Lotosblüte, die in einem großen Teiche stand, wohnte eine +Johanniswürmchen-Familie: Vater, Mutter und Tochter. + +Die letztere, »Klein-Hotaru« genannt, war ein gar liebliches Geschöpf. +Wenn der Abend mild und schön war, ging sie auf dem großen Lotosblatte +spazieren, das für sie ein herrlicher Garten war. + +Oft lauschte sie dem Konzert der Frösche, die im gleichen Teiche +wohnten. War es dunkel, so zündete sie ihr Laternchen an; dieses +strahlte ein so himmlisch schimmerndes Licht aus, daß selbst der Mond +sich beschämt verstecken mußte. + +Da Klein-Hotaru nun so ein liebes Ding war, konnte es nicht +ausbleiben, daß sie bald von Freiern umschwärmt wurde. Tagsüber nahte +sich ihr niemand; aber auch des Abends, wenn sie träumend im Dunkeln +saß, blieb sie allein, denn dann konnte sie keiner ihrer zahlreichen +Freier erblicken. Hatte sie aber ihr Laternchen angezündet, dann gab +es ein munteres Treiben; dann summte, brummte und zirpte es; dann +flatterte, schwirrte und surrte es; dann kamen sie alle, die die +schöne Hotaru zur Frau begehrten. Da waren Falter, Käfer, Bienen, +Fliegen, kurz jedes fliegende Insekt war vertreten und zeigte seine +Künste, um Gnade vor Hotaru's Augen zu finden. Diese aber blieb +unnahbar; zwar erfreute es sie und sie war stolz, so umschwärmt zu +werden; auch machte ihr das Treiben all der Tierlein anfänglich großen +Spaß, endlich aber wurde ihr diese fortwährende Zudringlichkeit +lästig, hatte sie doch nicht ein einziges Stündchen mehr für sich, +in dem sie sich ungestört ihren Träumereien hingeben konnte, und sie +beschloß sich all der Freier zu entledigen. + +Deshalb sagte sie zu ihnen: + +»Ich will gern einen von Euch freien, aber wer mein Gemahl werden +will, muß mir ein Licht bringen, das mindestens ebenso leuchtet wie +das meine!« Alle hörten diese Entscheidung und machten sich schnell +auf den Weg ein solches Licht zu suchen und herbeizuschaffen. Ein +jeder wollte der erste sein, um Hotaru sicher zu erringen. + +Das gab nun im ersten Augenblick ein fürchterliches Gedränge, umsomehr +als Hotaru ihr Laternchen verlöscht hatte. Manchem Falter wurde ein +Flügel zerknickt, manches Käferlein fiel in den Teich und wurde von +einem Frosche verschluckt, Beinchen und Fühlhörner gingen verloren, +kurz, es war ein unbeschreiblicher Wirrwarr, der aber auch schließlich +ein Ende nahm wie alle Dinge auf dieser Welt. + +Dann zog ein jedes seinem Ziele zu; überall, wo ein Lichtschein zu +erblicken war, flogen auch die Freier heran. Der Nachtfalter war der +erste, der zum Opfer fiel. Er flog durch ein offenes Fenster in ein +Zimmer, wo ein Gelehrter beim Lampenschein über seinen Büchern saß, +stieß und verbrannte sich sein Köpfchen an dem heißen Lampenzylinder. +Trotz der Schmerzen gab er seine Versuche zur Flamme zu kommen nicht +auf und war auch endlich durch ein Luftloch des Brenners gekrochen; +aber, o weh! die Flamme versengte seine Flügel und zisch -- zisch -- +der Falter war tot. + +So ging es Tausenden der Freier; der eine stürzte in die Glut des +Kohlenbeckens, ein anderer in die Flamme einer Kerze, andere flogen +sogar den Menschen in die Augen und wurden getötet. Aber immer neue +Scharen durchschwirrten die Luft, um ein Lichtlein zu erhaschen und +Hotaru heimführen zu können. + +Von all dem erfuhr auch Hitaro[2] und dachte bei sich, wenn so viele +Freier um Hotaru zu erlangen, ihr Leben wagen und es lassen, dann muß +sie sehr schön sein. Deshalb machte er sich eines Abends auf den Weg +um Hotaru zu sehen. Seine Wohnung war nur acht Lotosblüten entfernt +von der Hotarus. Als er Hotaru erblickt hatte, da war er so entzückt, +daß er schleunigst heimkehrte und zu Hotarus Eltern den Vermittler +schickte, der um ihre Hand anhalten mußte[3] und sie auch zugesagt +erhielt, umsomehr, als er die Bedingung Hotarus erfüllen konnte, denn +er hatte ja ein ebenso liebliches Lichtlein wie sie selbst und war +überdies ein schmucker Bursche. Nachdem so alles in Ordnung war, wurde +die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert. Sie lebten glücklich und +zufrieden bis an ihr Ende und hinterließen eine zahlreiche +Nachkommenschaft. Die Bedingung aber, daß ein jeder, der eines dieser +Johanniswürmchen freien wollte, ein Lichtlein mitbringen müsse, wurde +hoch in Ehren gehalten und galt von nun an als Familiengesetz. + +Deshalb sagt man, wenn des Abends die Insekten um das Licht schwirren +und sich die Flügel verbrennen: »Das war Hotarus Freier« oder auch: +»Johanniswürmchen hat die Freier ausgeschickt.« + + + [Anmerkung 1: Hotaru = Johanniswürmchen.] + + [Anmerkung 2: Hitaro = Hi = Feuer, taro = Sohn = Feuersohn + = Leuchtkäfer.] + + [Anmerkung 3: Japanische Sitte erfordert, daß die Brautwerbung + durch einen dritten -- Vermittler -- erfolgt. Unschicklich wäre + es, wollte der Freier es selbst tun.] + + + + + [Verzierung] + +Horaisan.[1] + + +Auf den Inseln des ewigen Lebens, Horaisan genannt, herrscht ewiges +Glück und ewiger Frieden, dort gibt es weder Schmerz noch Krankheit +noch Tod, weder Leiden noch Unfrieden, dort herrscht ewiger Frühling +und ewige Pracht; kein Sturm, kein Winter vernichtet die in ewiger +Schönheit prangende Natur. + +Deshalb ist es kein Wunder, daß die Menschen sich nach diesem Lande +sehnen und nichts unversucht lassen es zu finden. Doch ist es noch +keinem Menschen, der in der Absicht auszog jenes wunderbare Land zu +suchen, gelungen, es zu finden, denn eine lange, lange Seereise trennt +es von allen bekannten Ländern; aber niemand weiß die Richtung, in der +er ziehen muß, um es zu finden; niemand kennt die Lage des +hochgelobten Landes, nur die Schwalben und Sommervögel, die im Winter +Japan verlassen, kennen die glückseligen Inseln und ziehen dorthin, +wenn der Wintersturm Japan durchbraust. Wer aber reinen Herzens ist +und nicht in der Absicht auszieht, sich dem Kampfe des Lebens zu +entziehen, wer nicht beabsichtigt in Frieden und Glück zu leben, ohne +vorher seine Pflichten gegen Gott und Menschen zu erfüllen, dem kann +es geschehen, daß ihn ein günstiger von den Göttern gesandter Wind zu +den ewig grünen Inseln führt, doch nimmer kehrt er dann zurück, denn +gestillt ist all sein Sehnen und ein jeder Wunsch befriedigt. + +Vor langen, langen Jahren, so berichtet uns der japanische +Geschichtenerzähler, schenkten die Götter einigen Auserwählten das +große Glück, Horaisan zu finden; aber nur einer namens Wasobiowo +kehrte zurück und brachte Kunde von diesem glückseligen Lande, ja, +es gelang ihm sogar eine Frucht von dort mitzubringen, nämlich die +Orange, die vordem in Japan ganz unbekannt war, heute aber dank der +von Wasobiowo mitgebrachten ersten Frucht auch hier heimisch ist. + +Es wird erzählt, daß einst in China ein grausamer Kaiser regierte, +herrschsüchtig und unduldsam, sodaß niemand, der etwas konnte oder +verstand, seines Lebens sicher war; denn er allein wollte der einzige +sein, in allem vollkommen. Wer mehr konnte als er, den ließ er +beseitigen. Dieser Kaiser hatte auch wie alle Kaiser einen Leibarzt, +der hieß Jofuku. Das war ein gar gelehrter Herr und außerordentlich +klug, doch der Kaiser trachtete ihm nach dem Leben, weil er des Arztes +Klugheit fürchtete. Er konnte ihm aber nichts anhaben, denn er wußte +keinen besseren Arzt. Endlich aber wurde der Arzt dieses Lebens in +Furcht und Schrecken satt und er dachte eine List aus, wie er es +anstellen könne, aus dem Lande und aus dem Bereiche des Kaisers zu +flüchten. + +Es kam ihm auch ein guter Gedanke und so sagte er eines schönen Tages +zum Kaiser: + +»Ihr habt doch neulich von den immergrünen Inseln des ewigen Lebens +erzählen hören. Gebt mir die Erlaubnis sie zu suchen, damit ich von +dort heilkräftige Kräuter und ewiges Leben verleihende Früchte für +Euch holen kann. Wenn es mir gelingt, werdet Ihr in ewiger +Glückseligkeit leben, an nichts Mangel leiden und Herrscher der ganzen +Welt werden!« + +Diese Rede schmeichelte dem Kaiser und in der Hoffnung noch größere +Macht und Gewalt zu erlangen, gab er dem Arzte die Erlaubnis zur +Abreise, drohte ihm aber den Tod an, wenn er ohne die begehrten Gaben +zurückkehren würde. + +Der Arzt erhielt ein Schiff und ein großes Gefolge und schiffte sich +ein. In Japan angekommen, ließ er in der Nacht, als das Gefolge ans +Land gegangen war und sich dort belustigte, in aller Stille die Anker +lichten und fuhr weiter um einen anderen Platz zu suchen. + +Was er nun aber garnicht beabsichtigt hatte, das wollten ihm die +Götter gelingen lassen; denn plötzlich erhob sich ein furchtbarer +Sturm und trieb das Schiff mehrere Tage hin und her, das Steuer ging +verloren, die Schiffsbemannung wurde vom Sturme ins Meer geschleudert +und als endlich wieder schönes Wetter eintrat, war der Arzt nur noch +allein auf dem Schiffe, das er nicht zu regieren verstand. Ein +tapferer Mann wie er, verzweifelte nicht, sondern wandte sich an die +Götter und siehe da, als er sein Gebet vollendet hatte, wurde das +Schiff in ruhiger Fahrt vorwärts getrieben und landete endlich auf +Horaisan. + +Kaum hatte er das Schiff verlassen und das Land betreten, da versank +das Schiff spurlos im Meere, ihm jede Rückkehr abschneidend. Am +Strande traf er den Japaner Wasobiowo, der ihn begrüßte und ihm +erklärte, wo er sich befinde. Da war der Arzt froh und dachte garnicht +mehr daran, nach China zurückzukehren, um dem grausamen Kaiser +unverdientes Glück zu bringen, sondern er blieb auf Horaisan und +niemand hat seitdem wieder etwas von ihm gehört. + +Anders Wasobiowo. Dieser lebte früher in Nagasaki, wo er ein Häuschen +besaß, das er mit einem Diener bewohnte und wo er in stiller +Zurückgezogenheit lebte, sich nur mit Wissenschaften und allerhand +Künsten beschäftigend. Seine liebste Beschäftigung war das Angeln und +er konnte oft tagelang auf dem Meere zubringen, einzig allein nur um +zu angeln oder im Boote liegend den Gang der Gestirne zu beobachten +und zu berechnen. + +Eines Abends war er, wieder mit seinem Angelgerät versehen, bei +herrlichem Mondschein aufs Meer hinausgerudert. Die sternenklare, +ruhige Nacht aber ließ ihn das Angeln vergessen; träumend verfolgte er +den Lauf der Sterne und freute sich des kräftigen, Kühlung wehenden +Meeresodems. + +Die Ruder entglitten seinen Händen und er wußte nicht, wie lange er +sich seinen träumerischen Gedanken überlassen hatte, als sich der +Himmel überzog und ein furchtbares Unwetter heranraste. Ohne Ruder war +er machtlos den Wellen und dem Sturme preisgegeben und nur mit Hilfe +des Steuers vermochte er das Boot vor dem Kentern zu bewahren, das mit +unheimlicher Schnelligkeit bald über die hochgehenden Wogen dahin +schoß bald in die schwarzen Wellentäler versank, die es zu +verschlingen drohten. Endlich legte sich das Wüten des Sturmes, es +wurde heller Tag; aber Wasobiowo sah nichts als das unermeßliche, +wogende Meer, nirgends ein Zeichen, nirgends einen Punkt, an dem das +ruhelos schweifende Auge einen Anhalt gefunden hätte um sich zu +orientieren. + +Er ergab sich in sein Schicksal und harrte des Abends, um aus der +Stellung der Sterne bestimmen zu können, wo er sich befinde. + +Am Abend, als die Sterne zum Vorschein kamen, da sah er zu seinem +Schrecken, daß er mehrere hundert Meilen von der Heimat entfernt war +und er garnicht daran denken konnte ohne Ruder dorthin zurückzukehren, +umsoweniger als ihn entgegengesetzt wehender Wind immer weiter führte. + +Wasobiowo hoffte in dieser Richtung bald ein Land zu finden oder einem +Schiffe zu begegnen; deshalb suchte er mit Hilfe des Steuers möglichst +geraden Kurs zu halten, was ihm auch gelang, da die Windrichtung sich +änderte. + +Drei volle Monate trieb er so auf dem Meere und lebte nur von den +Fischen, die er mit seiner Angel fing und roh verzehren mußte, da er +kein Feuerzeug bei sich hatte. Nach dieser langen Zeit endlich +begannen sich im Wasser Pflanzen zu zeigen, die, je weiter er kam, +immer dichter wurden; das Meer verlor seine glänzende Farbe und ging +endlich in einen dicht mit Pflanzen aller Art bewachsenen Sumpf über, +in dem das Boot nicht mehr weiter konnte. Aber Wasobiowo verlor nicht +den Mut. Er ergriff die Pflanzen und zog daran und siehe, sie hielten +stand wie Stricke. Nun begann eine mühselige Arbeit. Von Pflanze zu +Pflanze greifend, zog er sich mit dem Boote immer weiter durch dieses +Pflanzengewirr, durch diesen Morast. Über vierzig Stunden dauerte die +Arbeit; todmüde, kraftlos und halbverhungert war er, denn hier gab es +auch nicht das kleinste Lebewesen, das er als Nahrung verwenden +konnte, als er endlich diese unheilvolle Strecke überwunden hatte. Nun +lag vor ihm ein silberglänzendes Meer und in einiger Entfernung +schimmerte ein grünes Land, überragt von einem bis zum Himmel +reichenden Berge. Es war Horaisan mit dem Fusan[2]; doch wußte +Wasobiowo dies noch nicht, ja ahnte es nicht einmal, sondern freute +sich nur endlich wieder Land zu sehen. Eine Strömung führte ihn dem +Lande zu und nach zehn Stunden stieß sein Boot auf den wie Gold und +Silber glänzenden, sandbedeckten Strand. Hocherfreut sprang er aus dem +Boote, fiel nieder und dankte den Göttern für seine Rettung. + +Da aber -- o Wunder! Als er sich nach dem Gebete erhob, war alle seine +Müdigkeit verschwunden; vergessen waren alle Strapazen seiner Reise; +er fühlte weder Hunger noch Durst und ein wonniges Kräftegefühl +durchdrang ihn. + +Da näherten sieh ihm weise, ehrwürdige Männer und schöne, edle Damen, +die ihn begrüßten; sie priesen sein Glück, die Reise nach Horaisan +überstanden zu haben und nahmen ihn als neuen Bürger in ihre Mitte +auf. + +Jetzt wußte er, daß er auf Horaisan war, auf Horaisan, das er stets +für ein sagenhaftes, nicht existierendes Land gehalten hatte. Es +existierte also wirklich, ja, er war jetzt selbst in dieses wunderbare +Land gekommen und als Bürger aufgenommen. + +Wieder dankte er den Göttern. + +Die Stunden eilen und werden zu Tagen, diese zu Wochen, dann zu Monden +und endlich zu Jahren. Die Jahre zu Jahrhunderten, dann zu +Jahrtausenden und so weiter in unzählbarer Menge bis in alle Ewigkeit. + +Aber auf Horaisan gibt es keine Stunden, keinen Tag und keine Nacht, +keine Zeiten und keinen Zeitenwechsel, kein Essen und kein Trinken, +kein Leid und keinen Tod. In ewiger Glückseligkeit, in geistreichen +Gesprächen, bei anregenden Unterhaltungen, bei _Musik_, Gesang und +Tanz streicht die Zeit unaufhaltsam ohne Wechsel und deshalb unbemerkt +vorüber. + + [Abbildung] + +Wer vermag daher zu sagen, wie lange Zeit Wasobiowo auf Horaisan war, +ob es Jahrzehnte oder Jahrhunderte waren, als die Götter einen neuen +Ankömmling sandten, jenen chinesischen Arzt Jofuku. + +Seit dessen Ankunft jedoch war Wasobiowo wie umgewandelt. Hatte der +Arzt Heimatsluft mitgebracht, hatte sein Erscheinen in Wasobiowo einen +schlummernden Gedanken geweckt? + +Wer vermag es zu sagen? + +Jedenfalls fühlte er sich nicht mehr wohl in diesem ewigen Einerlei +der Glückseligkeit und er sehnte den Tod herbei. Für diesen war jedoch +Horaisan unerreichbar, hier hatte dieser bleiche Gast kein Heim; +deshalb konnte Wasobiowo hier auch nicht sterben; sogar sich selbst +den Tod zu geben, war nicht möglich, denn im Wasser ging man nicht +unter, vom Berge konnte man sich nicht hinabstürzen, denn die Luft +trug wie das Wasser, es gab weder Waffen noch Gifte um sich das Leben +zu nehmen. Nur ein einziges Mittel gab es, das war: »Fort von +Horaisan!« + +Aber wie? + +Kommen nicht alljährlich die heimatlichen Vögel nach Horaisan um dort +die Zeit zu verbringen, da in Japan der Winter herrscht? + +An diesen Umstand denkend, beschloß Wasobiowo sich einen der stärksten +und größten Vögel zu fangen, ihn zu zähmen und abzurichten, damit er +auf dessem Rücken nach der Heimat zurückkehren könne. + +Kaum hatte er diesen Entschluß gefaßt, als er auch ans Werk ging, denn +es war gerade die Zeit, da die Zugvögel auf Horaisan ankamen. Unter +diesen war ein besonders großer und starker Kranich, der kräftig genug +erschien, Wasobiowo als Reitpferd dienen zu können. + +Diesen zähmte er sich; er hatte ihn auch bald so weit abgerichtet, daß +der Vogel ihn aufsteigen ließ und mit ihm kleine Strecken weit flog. + +Als dann der Zeitpunkt kam, da die Vögel sich zur Heimreise +anschickten, da packte Wasobiowo eine große Menge von Früchten +zusammen, von denen er auf seiner Reise leben wollte; denn sobald er +Horaisan verlassen hatte, mußte er wieder an Essen und Trinken denken. +Vorher besprach er sich noch mit dem chinesischen Arzte und lud ihn +zur Mitreise ein, dieser jedoch erwiderte: + +»Ich danke sehr für Ihre liebenswürdige Einladung, aber ich wäre ein +Tor, wollte ich dieses vollkommene Leben auf Horaisan mit dem +unvollkommenen in Japan oder China oder sonst einem von Menschen +bewohnten Lande vertauschen. Reisen Sie glücklich und mögen Sie es nie +bereuen, dieses glückselige Land verlassen zu haben, denn die Rückkehr +ist schwierig, sogar unmöglich!« + +Wasobiowo sagte lächelnd: »Ich hoffe, daß ich meinen Entschluß nie +bereuen werde, denn meine Seele findet keinen Gefallen an untätiger +Glückseligkeit. Das wahre Glück für mich liegt nicht in ewiger Jugend +und Nichtstun, sondern in Arbeit, Schaffen und Streben für andere; +habe ich für meine Mitmenschen gewirkt, dann habe ich auch für mich +gewirkt!« + +Hatte er Recht? Ich glaube es! + +Also stieg Wasobiowo auf den Rücken des Kranichs und dieser stieg mit +ihm empor zum azurblauen Himmel. Dann ging es über viele unbekannte +Länder und Städte, durch das Land der Riesen und der Zwerge, der +Einbeiner und der Dreiäugigen und durch viele andere wunderbare +Länder; überall hörte und sah Wasobiowo das Leben und Treiben der +Bewohner und lernte vielerlei Dinge und Weisheiten. + +Endlich aber kam er wieder in Japan an. Alle Leute staunten ihn an, +sein Name war fast vergessen, denn nicht weniger als siebenhundert +Jahre war er fort gewesen, aber der Aufenthalt auf Horaisan hatte auf +seinen Körper solchen Einfluß gehabt, daß es ihm nicht ging wie +Urashima, dem Fischer, sondern daß er bei Gesundheit und Kräften war, +als wäre er nur wenige Tage abwesend gewesen. Von allen Früchten, die +er aus dem Lande des ewigen Glückes mitgenommen hatte, brachte er nur +noch eine Orange mit. Diese pflanzte er im Garten und sie trug +tausendfältige Frucht und von ihr stammen die heute in Japan +wachsenden Orangen. + +Wasobiowo lebte noch viele, viele Jahre als weiser und zufriedener +Mann und erzählte oft von seinem Aufenthalte auf Horaisan und von +seiner Reise auf dem Kranich. + +[Buntbild] + +Seinem Angelvergnügen aber blieb er bis ins späte Alter treu und fuhr +noch oft des Abends aufs Meer hinaus. Von einer dieser Ausfahrten +kehrte er nicht mehr zurück. Sein gekentertes Boot wurde später, auf +hoher See treibend, aufgefunden. Von Wasobiowo jedoch war nirgends +eine Spur. + +Ob er wieder nach Horaisan zurückgekehrt war? + +Sein Andenken wird in Japan hoch in Ehren gehalten als des einzigen +Mannes, der Kunde von Horaisan brachte und die Orange von dort nach +Japan verpflanzte. + +Im Munde des Geschichtenerzählers, in Wort und Schrift lebt die +wunderbare Reise Wasobiowos fort und in vielen Tempeln, in Büchern und +Symbolen findet man ihn dargestellt, wie er auf dem Kranich sitzend, +über das Meer getragen wird. + + + [Anmerkung 1: Horai = Elysium; nach einer Erklärung von R. Lehmann + Name eines fabelhaften Berges im Meere, wo die frommen Einsiedler + in ewiger Jugend wohnen. san = Glückberg. Horaisan in sinngemäßer + Uebersetzung: Land des ewigen Lebens.] + + [Anmerkung 2: Fu = Vater, Fusan = Vaterberg oder Vater der Berge, + nicht zu verwechseln mit dem Fujisan in Japan.] + + [Verzierung] + + + + + [Verzierung] + +Die Wünsche des Steinhauers. + + +Es lebte einmal ein Steinhauer, der mußte sich im Schweiße seines +Angesichts plagen; denn sein Handwerk war ein schweres. Doch da seine +Arbeiten immer gut waren, so verdiente er so viel, daß er ohne Sorgen +und zufrieden leben konnte. + +Seine Arbeitsstätte war am Fuße eines hohen Felsens, von dem er Steine +losschlug und sie bearbeitete, entweder zu Grabsteinen, zu +Türschwellen oder zu irgendwelchen andern Zwecken. Bei diesem Felsen +nun hauste ein alter Berggeist, der, wie die Leute erzählten, die +Wünsche derjenigen, denen er wohlwollte, erfüllte. Eines Tages hatte +der Steinhauer einen großen Gartenstein bei einem reichen Bürger +abgeliefert und gesehen, wie wohl der es sich sein lassen könne. Als +er an seiner Arbeitsstätte schweißtriefend wieder angekommen war und +den Schlegel ergriffen hatte, um seine Arbeit fortzusetzen, da +erinnerte er sich des reichen Mannes, der geschützt und wohllebend, +daheim sitzen konnte und sich nicht so schwer zu bemühen brauchte wie +er, der Steinhauer. »Ach,« seufzte er, »wer es doch auch so gut haben +könnte!« + +»Dein Wunsch sei dir erfüllt! Gehe heim!« erschallte plötzlich eine +dumpfe Stimme, die aus der Höhe zu kommen schien. + +Der Steinhauer war sehr verwundert, legte dem aber keine Bedeutung +bei, sondern setzte seine Arbeit ruhig fort. Er hatte wohl von jenem +Gerede gehört, wonach hier ein Geist hause, der Wünsche erfülle, doch +glaubte er nicht daran, sondern war der Meinung, daß ihn irgend ein +Schalk, der seine Stoßseufzer gehört habe, äffen wolle. + +Während der Arbeit ließen ihm die Gedanken keine Ruhe und da ein +besonders heißer Tag war, so machte er früher als sonst Feierabend, +lud sein Handwerkzeug auf und ging heim. Wie erstaunte er aber, als er +bei seiner Hütte ankam! Diese war verschwunden; an ihrer Stelle stand +ein gar stattliches Haus, mit allem eingerichtet, was zu einem +sorgenlosen, behaglichen Wohlleben nötig war. + +Nun sah er, daß tatsächlich beim Felsen ein guter Geist wohnen müsse, +der seinen Wunsch gehört und erfüllt habe. + +Sehr erfreut und ganz glücklich warf er sein Handwerkzeug beiseite und +ging in das Haus. Ein gutes Essen stand bereit, ebenso war ein warmes +Bad vorbereitet, auch fehlten nicht gute Kleider und weiche Polster. + +Sein Wunsch war nun erfüllt und er gab sich ganz dem guten Leben hin, +das er sich gewünscht hatte. Bald kam ihm sein früherer Beruf als ein +böser Traum vor und er wunderte sich oft, wie er hatte so lange +zufrieden sein können. + +Aber wie es so geht und wie ein Sprichwort sagt: »Auf einen Wunsch +folgen mehrere« oder »wer Macht hat, will größere Macht«, so ging es +auch dem Steinhauer. + +Einmal saß er an einem heißen Sommertage, sich fächelnd, auf der +Veranda seines Hauses, als in einer Sänfte ein Fürst vorübergetragen +wurde; eine Anzahl Diener schritt rechts und links von der Sänfte; sie +trugen große, prachtvolle Fächer, mit denen sie dem Fürsten Kühlung +zufächelten. Ein großes Gefolge begleitete ihn und alle Menschen +warfen sich zu Boden und grüßten in dieser Weise den Fürsten. + +Da ward der Steinhauer mißmutig und sagte: »Ja, der Fürst hat es gut, +der braucht nicht zu Fuß zu gehen, braucht sich nicht eigenhändig +Kühlung zuzufächeln und alle Welt verneigt sich vor ihm. Wenn es +ginge, möchte ich auch so ein Fürst sein!« + +Kaum hatte er dies gesagt, da ertönte wieder die Stimme: »Du hast es +gewünscht, drum sei es!« + +Jetzt war er ein Fürst. Verschwunden war das schöne Häuschen, dafür +stand ein herrlicher Palast an der Stelle; zahlreiche Diener liefen +hin und her und kamen jedem seiner Befehle nach. Er wurde in einer +Sänfte umhergetragen, Diener in kostbarer Kleidung fächelten ihm +Kühlung zu und alle Welt verneigte sich vor ihm. Anfänglich machte ihm +diese neue Veränderung viel Vergnügen, bald aber ward er des ewigen +Einerleis überdrüssig und dachte darüber nach, wie er noch besseres +ersinnen könnte. Und als er sah, wie die Sonne so glühend brannte, wie +ihre Strahlen Leben spendeten, zugleich aber auch Feld und Flur +verbrannten, ja ihn selbst nicht schonten, sondern sein Gesicht trotz +Sänfte, Schirmen und Fächern bräunte, da glaubte er, daß die Sonne das +allgewaltigste Ding sei, dem nichts unerreichbar wäre, und so rief er +aus: »Wenn's möglich wäre, möchte ich die Sonne sein!« + +»Du sollst sie sein!« rief die Stimme und sogleich stand unser +Steinhauer oben am Himmel als Sonne und schleuderte mit dem größten +Vergnügen seine Strahlen nach allen Seiten, verbrannte das Gras auf +den Wiesen, die Ernte auf den Feldern, ja zündete sogar Wälder an. +Kurz, er trieb im Übermute seiner Macht allerhand Allotria wie ein +Kind mit einem neuen Spielzeug. Wie dieses aber bald des Spieles +überdrüssig wird, so auch der Steinhauer und als sich ihm eine Wolke +in den Weg stellte und seinem Treiben Einhalt gebot, indem sie +verhinderte, daß die Strahlen die Erde trafen, da wurde er bitterböse +und schrie: + +»Was, die winzige Wolke hindert mich an meinem Spiel? Dann ist sie ja +mächtiger als ich, die Sonne. Da möchte ich denn doch lieber die Wolke +sein!« + +»Es sei!« hörte er die Stimme zu sich herauftönen. + +Jetzt schwebte er als Wolke zwischen Erde und Sonne und freute sich +der Sonne einen Schabernack spielen zu können, indem er ihre Strahlen +auffing. Jetzt sah er auch, wie infolge des Schattens, den er auf die +überhitzte Erde warf, alles zu grünen und blühen begann. Dazu gehört +auch Wasser, dachte er, und öffnete seine Schleusen. Hei, wie das +prasselte und plätscherte! Er freute sich königlich über das Treiben +auf der Erde, wie die Menschen rannten und sich zu schützen suchten, +wie die Vöglein sich verbargen und wie die Bäume sich beugten unter +der Last des prasselnden Regens. Und immer mehr ließ er es regnen, +nicht mehr in kleinen Tropfen, nein, in zerschmetternden Güssen, so +daß die Bäche und Flüsse die Wassermenge nicht zu fassen vermochten +und über die Ufer traten. Alles Land wurde überschwemmt, Bäume +entwurzelt, Dämme fortgerissen und von den Bergen stürzten die Wasser +in donnernden Kaskaden hernieder, alles sich ihnen in den Weg +Stellende mit sich reißend. Nur ein einsamer Fels stand ruhig und +fest, ihm vermochte das rasende Ungewitter nichts anzuhaben; stolz +ragte sein Haupt bis nahe zur Wolke empor und die Steinhauer-Wolke +glaubte sogar ein spöttisches Lachen zu hören. Das ergrimmte ihn noch +mehr und in äußerster Wut sandte er einige Blitze auf den Felsen und +goß über ihn den Rest seines Wassers aus. Aber es half alles nichts; +der Fels wankte und wich nicht und endlich mußte die Wolke erschöpft +ihr Wüten einstellen. + +»So will ich denn ein Felsen sein!« lautete nun sein Wunsch und wieder +rief ihm die Stimme Erfüllung zu. + +Jetzt war er der Fels, stand stolz und selbstbewußt da und freute sich +seiner unbegrenzten Macht. Nicht die Strahlen der Sonne, nicht der +strömende Regen konnten ihm etwas anhaben. Jetzt glaubte der +Steinhauer sein Ziel erreicht zu haben und der Mächtigste dieser Erde +zu sein; denn niemand vermochte ihm Schaden zuzufügen oder ihn von +seiner Stelle zu bewegen. + +Niemand! + +Wirklich niemand? + +Die Freude währte nicht lange; eines Morgens hörte er an seinem Fuße +hämmern und kratzen und als er hinunterschaute, da sah er ein winziges +Menschenkind mit Keil und Hammer bewaffnet, Stück für Stück vom Felsen +losschlagen. + +»Wenn das so weiter geht«, brummte er, »bleibt ja nichts von mir +übrig. Sollte man es für möglich halten? Was alle wütenden Elemente +nicht vermögen, das tut so ein kleiner Knirps von einem Menschen. Das +darf nicht sein, da will ich lieber dieser Mensch sein.« + +»So sei, was du vordem warst!« ertönte die Stimme des Berggeistes. + +Und der Fels wurde wieder zum Steinhauer, der vom frühen Morgen bis +zum späten Abend mühsam die Steine aus dem Felsen brach und zufrieden +und glücklich war mit dem, was er hatte. + +Er war von seinen Wünschen geheilt und hatte einsehen gelernt, daß in +jedem Stande und in jedem Berufe etwas zu wünschen übrig bleibt, weil +es auf dieser Erde nichts Vollkommenes gibt. + +[Abbildung: Japanischer Glücksgott.] + + + + * * * * * + + + +Fehler und Unregelmässigkeiten + + erblickte die kleine Schildkröte [erklickte] + es wird ... dir... diese Rückkehr ermöglichen [dich] + ging er wieder zu dem gutmütigen Manne und fragte ihn [nnd] + »Hältst du so dein Wort? [Hälst] + sprach er mit dem Sake liebäugelnd [Sacke] + daß er von den beiden Kästen den kleineren gewählt habe [Kasten] + sie hielt sich dabei die Ohren zu [dahei] + Ihr hohen und gelehrten Herren [nnd] + Er baute also zwei Boote [Bote] + und brachte ihm stets schöne Früchte mit [brachte im] + +Satzzeichen: + + »Seid ihr ein Gespenst? -- ein Schattenbild? [» _fehlt_] + »Was bedeutet dieses Kästchen?« fragte er sich. Die schöne Königin + [keine weiteren Anführungszeichen] + »Kerl, wie hat er das fertig gebracht?« [! _anstatt_ ?] + »Schön, schön! nun möchte ich aber [»Schön, schön!« nun] + weitere Anstrengung und Schmerzen!« [« _fehlt_] + vor Aufregung zitternd hob sie den Deckel ab, [_, unsichtbar_] + und richtete sich auf seinen Hinterbeinen empor, [, _unsichtbar_] + Die Schildkröte schaute hierauf nach vorn [»Die Schildkröte] + seine Augen freiwillig hergeben solle! [solle!«] + Maorigashima[1]. [. fehlt] + komm mit, die wollen wir uns fangen.« [« fehlt] + d.h. »Aera des wahren Friedens« [d h.] + Rai-taro[1]. [. fehlt] + fügten sie sich in das Unabänderliche. [. unsichtbar] + +Original ungeändert: + + wie alles, das in mein Bereich kommt + [_Fehler für »meinen«?_] + Doch diese Schonung wird dir nur so lange Zeit + an das Schild seines sonderbaren Reitpferdes + [_»Schild« wird regelmässig als Neutrum behandelt_] + wollte auch er seiner Geschwulst los werden + Nun hatte der gute Mann leider kein Kind und keine Verwandte + begrub seinen Liebling unter einen Baum im Garten + Dem bösen Nachbar aber + anstatt sich über das Glück des Nachbars mit diesem zu freuen + [_»Nachbarn« vielleicht besser an beiden Stellen_] + Da letztere heute teilweise zerfallen + nun kam auch die Krabbe und die Wespe heraus + steckt Eure Pfoten vorne unter mein Schild + und machten sich einander Geschenke + [_besser »einander« ohne »sich«_] + er bat ihn, doch etwas zum essen zu besorgen + [_»zu essen« oder »zum Essen«_] + damit er auf dessem Rücken nach der Heimat zurückkehren könne + +Fehldruck: + + Endlich kam er an ein dich{tes Ge}büsch, vor dem ein hübscher + kleiner Sperling wartete, der, als er den alten Ma{nn s}ah, ihm + entgegenhüpfte und sich verneigte. + + _Ein Paar Buchstaben sind hier ausgefallen, so:_ + + ... ein dich büsch, + ... alten Ma ah, ihm + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JAPANISCHE MäRCHEN*** + + +******* This file should be named 23393-8.txt or 23393-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/dirs/2/3/3/9/23393 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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