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+ <title>Hermann und Dorothea</title>
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+<pre>
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+Project Gutenberg's Hermann und Dorothea, by Johann Wolfgang von Goethe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+Title: Hermann und Dorothea
+
+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Release Date: October 6, 2019 [EBook #2312]
+First posted: September, 2000
+Last updated: April 3, 2015
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN UND DOROTHEA ***
+
+
+
+
+Produced by Michael Pullen, corrections by Andrew Sly
+
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+
+<div id="titlepage">
+<h1>Hermann und Dorothea</h1>
+
+<p style="font-size: 150%;">Johann Wolfgang Goethe</p>
+</div>
+
+
+<p><b>Inhalt:</b></p>
+<ul>
+<li>Erster Gesang: Kalliope. Schicksal und Anteil</li>
+<li>Zweiter Gesang: Terpsichore. Hermann</li>
+<li>Dritter Gesang: Thalia. Die Bürger</li>
+<li>Vierter Gesang: Euterpe. Mutter und Sohn</li>
+<li>Fünfter Gesang: Polyhymnia. Der Weltbürger</li>
+<li>Sechster Gesang: Klio. Das Zeitalter</li>
+<li>Siebenter Gesang: Erato. Dorothea</li>
+<li>Achter Gesang: Melpomene. Hermann und Dorothea</li>
+<li>Neunter Gesang: Urania. Aussicht</li>
+</ul>
+
+
+
+<h2>Kalliope<br />
+
+Schicksal und Anteil</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Hab ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen!</span><br />
+<span class="line">Ist doch die Stadt wie gekehrt! wie ausgestorben! Nicht funfzig,</span><br />
+<span class="line">Deucht mir, blieben zurück von allen unsern Bewohnern.</span><br />
+<span class="line">Was die Neugier nicht tut! So rennt und läuft nun ein jeder,</span><br />
+<span class="line">Um den traurigen Zug der armen Vertriebnen zu sehen.</span><br />
+<span class="line">Bis zum Dammweg, welchen sie ziehn, ist's immer ein Stündchen,</span><br />
+<span class="line">Und da läuft man hinab, im heißen Staube des Mittags.</span><br />
+<span class="line">Möcht' ich mich doch nicht rühren vom Platz, um zu sehen das Elend</span><br />
+<span class="line">Guter fliehender Menschen, die nun, mit geretteter Habe,</span><br />
+<span class="line">Leider, das überrheinische Land, das schöne, verlassend,</span><br />
+<span class="line">Zu uns herüberkommen und durch den glücklichen Winkel</span><br />
+<span class="line">Dieses fruchtbaren Tals und seiner Krümmungen wandern.</span><br />
+<span class="line">Trefflich hast du gehandelt, o Frau, daß du milde den Sohn fort</span><br />
+<span class="line">Schicktest, mit altem Linnen und etwas Essen und Trinken,</span><br />
+<span class="line">Um es den Armen zu spenden; denn Geben ist Sache des Reichen.</span><br />
+<span class="line">Was der Junge doch fährt! und wie er bändigt die Hengste!</span><br />
+<span class="line">Sehr gut nimmt das Kütschchen sich aus, das neue; bequemlich</span><br />
+<span class="line">Säßen viere darin, und auf dem Bocke der Kutscher.</span><br />
+<span class="line">Diesmal fuhr er allein; wie rollt es leicht um die Ecke!&rdquo;</span><br />
+<span class="line">So sprach, unter dem Tore des Hauses sitzend am Markte,</span><br />
+<span class="line">Wohlbehaglich, zur Frau der Wirt zum Goldenen Löwen.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es versetzte darauf die kluge verständige Hausfrau:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Vater, nicht gerne verschenk ich die abgetragene Leinwand,</span><br />
+<span class="line">Denn sie ist zu manchem Gebrauch und für Geld nicht zu haben,</span><br />
+<span class="line">Wenn man ihrer bedarf. Doch heute gab ich so gerne</span><br />
+<span class="line">Manches bessere Stück an Überzügen und Hemden,</span><br />
+<span class="line">Denn ich hörte von Kindern und Alten, die nackend dahergehn.</span><br />
+<span class="line">Wirst du mir aber verzeihn? denn auch dein Schrank ist geplündert.</span><br />
+<span class="line">Und besonders den Schlafrock mit indianischen Blumen,</span><br />
+<span class="line">Von dem feinsten Kattun, mit feinem Flanelle gefüttert,</span><br />
+<span class="line">Gab ich hin; er ist dünn und alt und ganz aus der Mode.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber es lächelte drauf der treffliche Hauswirt und sagte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Ungern vermiß ich ihn doch, den alten kattunenen Schlafrock,</span><br />
+<span class="line">Echt ostindischen Stoffs; so etwas kriegt man nicht wieder.</span><br />
+<span class="line">Wohl! ich trug ihn nicht mehr. Man will jetzt freilich, der Mann soll</span><br />
+<span class="line">Immer gehn im Surtout und in der Pekesche sich zeigen,</span><br />
+<span class="line">Immer gestiefelt sein; verbannt ist Pantoffel und Mütze.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Siehe!&rdquo; versetzte die Frau, &ldquo;dort kommen schon einige wieder,</span><br />
+<span class="line">Die den Zug mit gesehn; er muß doch wohl schon vorbei sein.</span><br />
+<span class="line">Seht, wie allen die Schuhe so staubig sind! wie die Gesichter</span><br />
+<span class="line">Glühen! und jeglicher führt das Schnupftuch und wischt sich den Schweiß ab.</span><br />
+<span class="line">Möcht' ich doch auch in der Hitze nach solchem Schauspiel so weit nicht</span><br />
+<span class="line">Laufen und leiden! Fürwahr, ich habe genug am Erzählten.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es sagte darauf der gute Vater mit Nachdruck:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Solch ein Wetter ist selten zu solcher Ernte gekommen,</span><br />
+<span class="line">Und wir bringen die Frucht herein, wie das Heu schon herein ist,</span><br />
+<span class="line">Trocken; der Himmel ist hell, es ist kein Wölkchen zu sehen,</span><br />
+<span class="line">Und von Morgen wehet der Wind mit lieblicher Kühlung.</span><br />
+<span class="line">Das ist beständiges Wetter! und überreif ist das Korn schon;</span><br />
+<span class="line">Morgen fangen wir an zu schneiden die reichliche Ernte.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Als er so sprach, vermehrten sich immer die Scharen der Männer</span><br />
+<span class="line">Und der Weiber, die über den Markt sich nach Hause begaben;</span><br />
+<span class="line">Und so kam auch zurück mit seinen Töchtern gefahren</span><br />
+<span class="line">Rasch, an die andere Seite des Markts, der begüterte Nachbar,</span><br />
+<span class="line">An sein erneuertes Haus, der erste Kaufmann des Ortes,</span><br />
+<span class="line">Im geöffneten Wagen (er war in Landau verfertigt).</span><br />
+<span class="line">Lebhaft wurden die Gassen; denn wohl war bevölkert das Städtchen,</span><br />
+<span class="line">Mancher Fabriken befliß man sich da, und manches Gewerbes.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und so saß das trauliche Paar, sich unter dem Torweg</span><br />
+<span class="line">Über das wandernde Volk mit mancher Bemerkung ergötzend.</span><br />
+<span class="line">Endlich aber begann die würdige Hausfrau und sagte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Seht! dort kommt der Prediger her, es kommt auch der Nachbar</span><br />
+<span class="line">Apotheker mit ihm: die sollen uns alles erzählen,</span><br />
+<span class="line">Was sie draußen gesehn und was zu schauen nicht froh macht.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Freundlich kamen heran die beiden und grüßten das Ehpaar,</span><br />
+<span class="line">Setzten sich auf die Bänke, die hölzernen, unter dem Torweg,</span><br />
+<span class="line">Staub von den Füßen schüttelnd, und Luft mit dem Tuche sich fächelnd.</span><br />
+<span class="line">Da begann denn zuerst, nach wechselseitigen Grüßen,</span><br />
+<span class="line">Der Apotheker zu sprechen und sagte, beinahe verdrießlich:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;So sind die Menschen fürwahr! und einer ist doch wie der andre,</span><br />
+<span class="line">Daß er zu gaffen sich freut, wenn den Nächsten ein Unglück befället!</span><br />
+<span class="line">Läuft doch jeder, die Flamme zu sehn, die verderblich emporschlägt,</span><br />
+<span class="line">Jeder den armen Verbrecher, der peinlich zum Tode geführt wird.</span><br />
+<span class="line">Jeder spaziert nun hinaus, zu schauen der guten Vertriebnen</span><br />
+<span class="line">Elend, und niemand bedenkt, daß ihn das ähnliche Schicksal</span><br />
+<span class="line">Auch, vielleicht zunächst, betreffen kann, oder doch künftig.</span><br />
+<span class="line">Unverzeihlich find ich den Leichtsinn; doch liegt er im Menschen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es sagte darauf der edle verständige Pfarrherr,</span><br />
+<span class="line">Er, die Zierde der Stadt, ein Jüngling näher dem Manne.</span><br />
+<span class="line">Dieser kannte das Leben und kannte der Hörer Bedürfnis,</span><br />
+<span class="line">War vom hohen Werte der heiligen Schriften durchdrungen,</span><br />
+<span class="line">Die uns der Menschen Geschick enthüllen und ihre Gesinnung;</span><br />
+<span class="line">Und so kannt' er auch wohl die besten weltlichen Schriften.</span><br />
+<span class="line">Dieser sprach: &ldquo;Ich tadle nicht gern, was immer dem Menschen</span><br />
+<span class="line">Für unschädliche Triebe die gute Mutter Natur gab;</span><br />
+<span class="line">Denn was Verstand und Vernunft nicht immer vermögen, vermag oft</span><br />
+<span class="line">Solch ein glücklicher Hang, der unwiderstehlich uns leitet.</span><br />
+<span class="line">Lockte die Neugier nicht den Menschen mit heftigen Reizen,</span><br />
+<span class="line">Sagt! erführ' er wohl je, wie schön sich die weltlichen Dinge</span><br />
+<span class="line">Gegeneinander verhalten? Denn erst verlangt er das Neue,</span><br />
+<span class="line">Suchet das Nützliche dann mit unermüdetem Fleiße;</span><br />
+<span class="line">Endlich begehrt er das Gute, das ihn erhebet und wert macht.</span><br />
+<span class="line">In der Jugend ist ihm ein froher Gefährte der Leichtsinn,</span><br />
+<span class="line">Der die Gefahr ihm verbirgt und heilsam geschwinde die Spuren</span><br />
+<span class="line">Tilget des schmerzlichen Übels, sobald es nur irgend vorbeizog.</span><br />
+<span class="line">Freilich ist er zu preisen, der Mann, dem in reiferen Jahren</span><br />
+<span class="line">Sich der gesetzte Verstand aus solchem Frohsinn entwickelt,</span><br />
+<span class="line">Der im Glück wie im Unglück sich eifrig und tätig bestrebet;</span><br />
+<span class="line">Denn das Gute bringt er hervor und ersetzet den Schaden.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Freundlich begann sogleich die ungeduldige Hausfrau:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Saget uns, was ihr gesehn; denn das begehrt' ich zu wissen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Schwerlich", versetzte darauf der Apotheker mit Nachdruck,</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Werd ich so bald mich freun nach dem, was ich alles erfahren.</span><br />
+<span class="line">Und wer erzählet es wohl, das mannigfaltigste Elend!</span><br />
+<span class="line">Schon von ferne sahn wir den Staub, noch eh' wir die Wiesen</span><br />
+<span class="line">Abwärts kamen; der Zug war schon von Hügel zu Hügel</span><br />
+<span class="line">Unabsehlich dahin, man konnte wenig erkennen.</span><br />
+<span class="line">Als wir nun aber den Weg, der quer durchs Tal geht, erreichten,</span><br />
+<span class="line">War Gedräng und Getümmel noch groß der Wandrer und Wagen.</span><br />
+<span class="line">Leider sahen wir noch genug der Armen vorbeiziehn,</span><br />
+<span class="line">Konnten einzeln erfahren, wie bitter die schmerzliche Flucht sei,</span><br />
+<span class="line">Und wie froh das Gefühl des eilig geretteten Lebens.</span><br />
+<span class="line">Traurig war es zu sehn, die mannigfaltige Habe,</span><br />
+<span class="line">Die ein Haus nur verbirgt, das wohlversehne, und die ein</span><br />
+<span class="line">Guter Wirt umher an die rechten Stellen gesetzt hat,</span><br />
+<span class="line">Immer bereit zum Gebrauche, denn alles ist nötig und nützlich,</span><br />
+<span class="line">Nun zu sehen das alles, auf mancherlei Wagen und Karren</span><br />
+<span class="line">Durcheinander geladen, mit Übereilung geflüchtet.</span><br />
+<span class="line">Über dem Schranke lieget das Sieb und die wollene Decke,</span><br />
+<span class="line">In dem Backtrog das Bett und das Leintuch über dem Spiegel.</span><br />
+<span class="line">Ach! und es nimmt die Gefahr, wie wir beim Brande vor zwanzig</span><br />
+<span class="line">Jahren auch wohl gesehn, dem Menschen alle Besinnung,</span><br />
+<span class="line">Daß er das Unbedeutende faßt und das Teure zurückläßt.</span><br />
+<span class="line">Also führten auch hier, mit unbesonnener Sorgfalt,</span><br />
+<span class="line">Schlechte Dinge sie fort, die Ochsen und Pferde beschwerend:</span><br />
+<span class="line">Alte Bretter und Fässer, den Gänsestall und den Käfig.</span><br />
+<span class="line">Auch so keuchten die Weiber und Kinder, mit Bündeln sich schleppend,</span><br />
+<span class="line">Unter Körben und Butten voll Sachen keines Gebrauches;</span><br />
+<span class="line">Denn es verläßt der Mensch so ungern das Letzte der Habe.</span><br />
+<span class="line">Und so zog auf dem staubigen Weg der drängende Zug fort,</span><br />
+<span class="line">Ordnungslos und verwirrt. Mit schwächeren Tieren der eine</span><br />
+<span class="line">Wünschte langsam zu fahren, ein andrer emsig zu eilen.</span><br />
+<span class="line">Da entstand ein Geschrei der gequetschten Weiber und Kinder,</span><br />
+<span class="line">Und ein Blöken des Viehes, dazwischen der Hunde Gebelfer,</span><br />
+<span class="line">Und ein Wehlaut der Alten und Kranken, die hoch auf dem schweren</span><br />
+<span class="line">Übergepackten Wagen auf Betten saßen und schwankten.</span><br />
+<span class="line">Aber, aus dem Gleise gedrängt, nach dem Rande des Hochwegs</span><br />
+<span class="line">Irrte das knarrende Rad; es stürzt' in den Graben das Fuhrwerk,</span><br />
+<span class="line">Umgeschlagen, und weithin entstürzten im Schwunge die Menschen,</span><br />
+<span class="line">Mit entsetzlichem Schrein, in das Feld hin, aber doch glücklich.</span><br />
+<span class="line">Später stürzten die Kasten und fielen näher dem Wagen.</span><br />
+<span class="line">Wahrlich, wer im Fallen sie sah, der erwartete nun sie</span><br />
+<span class="line">Unter der Last der Kisten und Schränke zerschmettert zu schauen.</span><br />
+<span class="line">Und so lag zerbrochen der Wagen und hülflos die Menschen;</span><br />
+<span class="line">Denn die übrigen gingen und zogen eilig vorüber,</span><br />
+<span class="line">Nur sich selber bedenkend und hingerissen vom Strome.</span><br />
+<span class="line">Und wir eilten hinzu und fanden die Kranken und Alten,</span><br />
+<span class="line">Die zu Haus und im Bett schon kaum ihr dauerndes Leiden</span><br />
+<span class="line">Trügen, hier auf dem Boden beschädigt ächzen und jammern,</span><br />
+<span class="line">Von der Sonne verbrannt und erstickt vom wogenden Staube.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es sagte darauf gerührt der menschliche Hauswirt:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Möge doch Hermann sie treffen und sie erquicken und kleiden.</span><br />
+<span class="line">Ungern würd' ich sie sehn; mich schmerzt der Anblick des Jammers.</span><br />
+<span class="line">Schon von dem ersten Bericht so großer Leiden gerühret,</span><br />
+<span class="line">Schickten wir eilend ein Scherflein von unserm Überfluß, daß nur</span><br />
+<span class="line">Einige würden gestärkt, und schienen uns selber beruhigt.</span><br />
+<span class="line">Aber laßt uns nicht mehr die traurigen Bilder erneuern;</span><br />
+<span class="line">Denn es beschleichet die Furcht gar bald die Herzen der Menschen,</span><br />
+<span class="line">Und die Sorge, die mehr als selbst mir das Übel verhaßt ist.</span><br />
+<span class="line">Tretet herein in den hinteren Raum, das kühlere Sälchen.</span><br />
+<span class="line">Nie scheint Sonne dahin, nie dringet wärmere Luft dort</span><br />
+<span class="line">Durch die stärkeren Mauern; und Mütterchen bringt uns ein Gläschen</span><br />
+<span class="line">Dreiundachtziger her, damit wir die Grillen vertreiben.</span><br />
+<span class="line">Hier ist nicht freundlich zu trinken; die Fliegen umsummen die Gläser.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und sie gingen dahin und freuten sich alle der Kühlung.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines,</span><br />
+<span class="line">In geschliffener Flasche auf blankem zinnernem Runde,</span><br />
+<span class="line">Mit den grünlichen Römern, den echten Bechern des Rheinweins.</span><br />
+<span class="line">Und so sitzend umgaben die drei den glänzend gebohnten</span><br />
+<span class="line">Runden, braunen Tisch, er stand auf mächtigen Füßen.</span><br />
+<span class="line">Heiter klangen sogleich die Gläser des Wirtes und Pfarrers;</span><br />
+<span class="line">Doch unbeweglich hielt der dritte denkend das seine,</span><br />
+<span class="line">Und es fordert' ihn auf der Wirt mit freundlichen Worten:</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Frisch, Herr Nachbar, getrunken! denn noch bewahrte vor Unglück</span><br />
+<span class="line">Gott uns gnädig und wird auch künftig uns also bewahren.</span><br />
+<span class="line">Denn wer erkennet es nicht, daß seit dem schrecklichen Brande,</span><br />
+<span class="line">Da er so hart uns gestraft, er uns nun beständig erfreut hat</span><br />
+<span class="line">Und beständig beschützt, so wie der Mensch sich des Auges</span><br />
+<span class="line">Köstlichen Apfel bewahrt, der vor allen Gliedern ihm lieb ist.</span><br />
+<span class="line">Sollt' er fernerhin nicht uns schützen und Hülfe bereiten?</span><br />
+<span class="line">Denn man sieht es erst recht, wie viel er vermag, in Gefahren;</span><br />
+<span class="line">Sollt' er die blühende Stadt, die er erst durch fleißige Bürger</span><br />
+<span class="line">Neu aus der Asche gebaut und dann sie reichlich gesegnet,</span><br />
+<span class="line">Jetzo wieder zerstören und alle Bemühung vernichten?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Heiter sagte darauf der treffliche Pfarrer und milde:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Haltet am Glauben fest und fest an dieser Gesinnung;</span><br />
+<span class="line">Denn sie macht im Glücke verständig und sicher, im Unglück</span><br />
+<span class="line">Reicht sie den schönsten Trost und belebt die herrlichste Hoffnung.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte der Wirt mit männlichen, klugen Gedanken:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wie begrüßt' ich so oft mit Staunen die Fluten des Rheinstroms,</span><br />
+<span class="line">Wenn ich, reisend nach meinem Geschäft, ihm wieder mich nahte!</span><br />
+<span class="line">Immer schien er mir groß und erhob mir Sinn und Gemüte;</span><br />
+<span class="line">Aber ich konnte nicht denken, daß bald sein liebliches Ufer</span><br />
+<span class="line">Sollte werden ein Wall, um abzuwehren den Franken,</span><br />
+<span class="line">Und sein verbreitetes Bett ein allverhindernder Graben.</span><br />
+<span class="line">Seht, so schützt die Natur, so schützen die wackeren Deutschen</span><br />
+<span class="line">Und so schützt uns der Herr; wer wollte töricht verzagen?</span><br />
+<span class="line">Müde schon sind die Streiter, und alles deutet auf Frieden.</span><br />
+<span class="line">Möge doch auch, wenn das Fest, das lang erwünschte, gefeiert</span><br />
+<span class="line">Wird, in unserer Kirche, die Glocke dann tönt zu der Orgel,</span><br />
+<span class="line">Und die Trompete schmettert, das hohe &lsquo;Te Deum&rsquo; begleitend &mdash;</span><br />
+<span class="line">Möge mein Hermann doch auch an diesem Tage, Herr Pfarrer,</span><br />
+<span class="line">Mit der Braut, entschlossen, vor Euch am Altare sich stellen,</span><br />
+<span class="line">Und das glückliche Fest, in allen den Landen begangen,</span><br />
+<span class="line">Auch mir künftig erscheinen, der häuslichen Freuden ein Jahrstag!</span><br />
+<span class="line">Aber ungern seh ich den Jüngling, der immer so tätig</span><br />
+<span class="line">Mir in dem Hause sich regt, nach außen langsam und schüchtern.</span><br />
+<span class="line">Wenig findet er Lust, sich unter Leuten zu zeigen;</span><br />
+<span class="line">Ja, er vermeidet sogar der jungen Mädchen Gesellschaft</span><br />
+<span class="line">Und den fröhlichen Tanz, den alle Jugend begehret.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach er und horchte. Man hörte der stampfenden Pferde</span><br />
+<span class="line">Fernes Getöse sich nahn, man hörte den rollenden Wagen,</span><br />
+<span class="line">Der mit gewaltiger Eile nun donnert' unter den Torweg.</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Terpsichore<br />
+
+Hermann</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Als nun der wohlgebildete Sohn ins Zimmer hereintrat,</span><br />
+<span class="line">Schaute der Prediger ihm mit scharfen Blicken entgegen</span><br />
+<span class="line">Und betrachtete seine Gestalt und sein ganzes Benehmen</span><br />
+<span class="line">Mit dem Auge des Forschers, der leicht die Mienen enträtselt,</span><br />
+<span class="line">Lächelte dann und sprach zu ihm mit traulichen Worten:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Kommt Ihr doch als ein veränderter Mensch! Ich habe noch niemals</span><br />
+<span class="line">Euch so munter gesehn und Eure Blicke so lebhaft.</span><br />
+<span class="line">Fröhlich kommt Ihr und heiter; man sieht, Ihr habet die Gaben</span><br />
+<span class="line">Unter die Armen verteilt und ihren Segen empfangen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Ruhig erwiderte drauf der Sohn, mit ernstlichen Worten:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Ob ich löblich gehandelt? ich weiß es nicht; aber mein Herz hat</span><br />
+<span class="line">Mich geheißen zu tun, so wie ich genau nun erzähle.</span><br />
+<span class="line">Mutter, Ihr kramtet so lange, die alten Stücke zu suchen</span><br />
+<span class="line">Und zu wählen; nur spät war erst das Bündel zusammen,</span><br />
+<span class="line">Auch der Wein und das Bier ward langsam, sorglich gepacket.</span><br />
+<span class="line">Als ich nun endlich vors Tor und auf die Straße hinauskam,</span><br />
+<span class="line">Strömte zurück die Menge der Bürger mit Weibern und Kindern,</span><br />
+<span class="line">Mir entgegen; denn fern war schon der Zug der Vertriebnen.</span><br />
+<span class="line">Schneller hielt ich mich dran und fuhr behende dem Dorf zu,</span><br />
+<span class="line">Wo sie, wie ich gehört, heut übernachten und rasten.</span><br />
+<span class="line">Als ich nun meines Weges die neue Straße hinanfuhr,</span><br />
+<span class="line">Fiel mir ein Wagen ins Auge, von tüchtigen Bäumen gefüget,</span><br />
+<span class="line">Von zwei Ochsen gezogen, den größten und stärksten des Auslands,</span><br />
+<span class="line">Nebenher aber ging mit starken Schritten ein Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Lenkte mit langem Stabe die beiden gewaltigen Tiere,</span><br />
+<span class="line">Trieb sie an und hielt sie zurück, sie leitete klüglich.</span><br />
+<span class="line">Als mich das Mädchen erblickte, so trat sie den Pferden gelassen</span><br />
+<span class="line">Näher und sagte zu mir: &lsquo;Nicht immer war es mit uns so</span><br />
+<span class="line">Jammervoll, als Ihr uns heut auf diesen Wegen erblicket.</span><br />
+<span class="line">Noch nicht bin ich gewohnt, vom Fremden die Gabe zu heischen,</span><br />
+<span class="line">Die er oft ungern gibt, um los zu werden den Armen;</span><br />
+<span class="line">Aber mich dränget die Not, zu reden. Hier auf dem Strohe</span><br />
+<span class="line">Liegt die erst entbundene Frau des reichen Besitzers,</span><br />
+<span class="line">Die ich mit Stieren und Wagen noch kaum, die Schwangre, gerettet.</span><br />
+<span class="line">Spät nur kommen wir nach, und kaum das Leben erhielt sie.</span><br />
+<span class="line">Nun liegt, neugeboren, das Kind ihr nackend im Arme,</span><br />
+<span class="line">Und mit wenigem nur vermögen die Unsern zu helfen,</span><br />
+<span class="line">Wenn wir im nächsten Dorf, wo wir heute zu rasten gedenken,</span><br />
+<span class="line">Auch sie finden, wiewohl ich fürchte, sie sind schon vorüber.</span><br />
+<span class="line">Wär' Euch irgend von Leinwand nur was Entbehrliches, wenn Ihr</span><br />
+<span class="line">Hier aus der Nachbarschaft seid, so spendet's gütig den Armen.&rsquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach sie, und matt erhob sich vom Strohe die bleiche</span><br />
+<span class="line">Wöchnerin, schaute nach mir; ich aber sagte dagegen:</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Guten Menschen fürwahr spricht oft ein himmlischer Geist zu,</span><br />
+<span class="line">Daß sie fühlen die Not, die dem armen Bruder bevorsteht;</span><br />
+<span class="line">Denn so gab mir die Mutter, im Vorgefühle von eurem</span><br />
+<span class="line">Jammer, ein Bündel, sogleich es der nackten Notdurft zu reichen.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Und ich löste die Knoten der Schnur und gab ihr den Schlafrock</span><br />
+<span class="line">Unsers Vaters dahin, und gab ihr Hemden und Leintuch.</span><br />
+<span class="line">Und sie dankte mit Freuden und rief: &lsquo;Der Glückliche glaubt nicht,</span><br />
+<span class="line">Daß noch Wunder geschehn; denn nur im Elend erkennt man</span><br />
+<span class="line">Gottes Hand und Finger, der gute Menschen zum Guten</span><br />
+<span class="line">Leitet. Was er durch Euch an uns tut, tu er Euch selber.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Und ich sah die Wöchnerin froh die verschiedene Leinwand,</span><br />
+<span class="line">Aber besonders den weichen Flanell des Schlafrocks befühlen.</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Eilen wir&rsquo;, sagte zu ihr die Jungfrau, &lsquo;dem Dorf zu, in welchem</span><br />
+<span class="line">Unsre Gemeine schon rastet und diese Nacht durch sich aufhält;</span><br />
+<span class="line">Dort besorg ich sogleich das Kinderzeug, alles und jedes.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Und sie grüßte mich noch und sprach den herzlichsten Dank aus,</span><br />
+<span class="line">Trieb die Ochsen; da ging der Wagen. Ich aber verweilte,</span><br />
+<span class="line">Hielt die Pferde noch an; denn Zwiespalt war mir im Herzen,</span><br />
+<span class="line">Ob ich mit eilenden Rossen das Dorf erreichte, die Speisen</span><br />
+<span class="line">Unter das übrige Volk zu spenden, oder sogleich hier</span><br />
+<span class="line">Alles dem Mädchen gäbe, damit sie es weislich verteilte.</span><br />
+<span class="line">Und ich entschied mich gleich in meinem Herzen und fuhr ihr</span><br />
+<span class="line">Sachte nach und erreichte sie bald und sagte behende:</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Gutes Mädchen, mir hat die Mutter nicht Leinwand alleine</span><br />
+<span class="line">Auf den Wagen gegeben, damit ich den Nackten bekleide,</span><br />
+<span class="line">Sondern sie fügte dazu noch Speis' und manches Getränke,</span><br />
+<span class="line">Und es ist mir genug davon im Kasten des Wagens.</span><br />
+<span class="line">Nun bin ich aber geneigt, auch diese Gaben in deine</span><br />
+<span class="line">Hand zu legen, und so erfüll ich am besten den Auftrag;</span><br />
+<span class="line">Du verteilst sie mit Sinn, ich müßte dem Zufall gehorchen.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Drauf versetzte das Mädchen: &lsquo;Mit aller Treue verwend ich</span><br />
+<span class="line">Eure Gaben; der Dürftige soll sich derselben erfreuen.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Also sprach sie. Ich öffnete schnell die Kasten des Wagens,</span><br />
+<span class="line">Brachte die Schinken hervor, die schweren, brachte die Brote,</span><br />
+<span class="line">Flaschen Weines und Biers, und reicht' ihr alles und jedes.</span><br />
+<span class="line">Gerne hätt' ich noch mehr ihr gegeben; doch leer war der Kasten.</span><br />
+<span class="line">Alles packte sie drauf zu der Wöchnerin Füßen und zog so</span><br />
+<span class="line">Weiter; ich eilte zurück mit meinen Pferden der Stadt zu.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Als nun Hermann geendet, da nahm der gesprächige Nachbar</span><br />
+<span class="line">Gleich das Wort und rief: &ldquo;O glücklich, wer in den Tagen</span><br />
+<span class="line">Dieser Flucht und Verwirrung in seinem Haus nur allein lebt,</span><br />
+<span class="line">Wem nicht Frau und Kinder zur Seite bange sich schmiegen!</span><br />
+<span class="line">Glücklich fühl ich mich jetzt; ich möcht' um vieles nicht heute</span><br />
+<span class="line">Vater heißen und nicht für Frau und Kinder besorgt sein.</span><br />
+<span class="line">Öfters dacht' ich mir auch schon die Flucht und habe die besten</span><br />
+<span class="line">Sachen zusammengepaßt, das alte Geld und die Ketten</span><br />
+<span class="line">Meiner seligen Mutter, das alles noch heilig verwahrt liegt.</span><br />
+<span class="line">Freilich bliebe noch vieles zurück, das so leicht nicht geschafft wird.</span><br />
+<span class="line">Selbst die Kräuter und Wurzeln, mit vielem Fleiße gesammelt,</span><br />
+<span class="line">Mißt' ich ungern, wenn auch der Wert der Ware nicht groß ist.</span><br />
+<span class="line">Bleibt der Provisor zurück, so geh ich getröstet von Hause.</span><br />
+<span class="line">Hab ich die Barschaft gerettet und meinen Körper, so hab ich</span><br />
+<span class="line">Alles gerettet; der einzelne Mann entfliehet am leichtsten.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Nachbar", versetzte darauf der junge Hermann mit Nachdruck,</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Keinesweges denk ich wie Ihr und tadle die Rede.</span><br />
+<span class="line">Ist wohl der ein würdiger Mann, der im Glück und im Unglück</span><br />
+<span class="line">Sich nur allein bedenkt und Leiden und Freuden zu teilen</span><br />
+<span class="line">Nicht verstehet und nicht dazu von Herzen bewegt wird?</span><br />
+<span class="line">Lieber möcht' ich als je mich heute zur Heirat entschließen;</span><br />
+<span class="line">Denn manch gutes Mädchen bedarf des schützenden Mannes</span><br />
+<span class="line">Und der Mann des erheiternden Weibs, wenn ihm Unglück bevorsteht.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Lächelnd sagte darauf der Vater: &ldquo;So hör ich dich gerne!</span><br />
+<span class="line">Solch ein vernünftiges Wort hast du mir selten gesprochen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber es fiel sogleich die gute Mutter behend ein:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sohn, fürwahr! du hast recht; wir Eltern gaben das Beispiel.</span><br />
+<span class="line">Denn wir haben uns nicht an fröhlichen Tagen erwählet,</span><br />
+<span class="line">Und uns knüpfte vielmehr die traurigste Stunde zusammen.</span><br />
+<span class="line">Montag morgens &mdash; ich weiß es genau, denn Tages vorher war</span><br />
+<span class="line">Jener schreckliche Brand, der unser Städtchen verzehrte &mdash;</span><br />
+<span class="line">Zwanzig Jahre sind's nun; es war ein Sonntag wie heute,</span><br />
+<span class="line">Heiß und trocken die Zeit und wenig Wasser im Orte.</span><br />
+<span class="line">Alle Leute waren, spazierend in festlichen Kleidern,</span><br />
+<span class="line">Auf den Dörfern verteilt und in den Schenken und Mühlen.</span><br />
+<span class="line">Und am Ende der Stadt begann das Feuer. Der Brand lief</span><br />
+<span class="line">Eilig die Straßen hindurch, erzeugend sich selber den Zugwind.</span><br />
+<span class="line">Und es brannten die Scheunen der reich gesammelten Ernte,</span><br />
+<span class="line">Und es brannten die Straßen bis zu dem Markt, und das Haus war</span><br />
+<span class="line">Meines Vaters hierneben verzehrt und dieses zugleich mit.</span><br />
+<span class="line">Wenig flüchteten wir. Ich saß, die traurige Nacht durch,</span><br />
+<span class="line">Vor der Stadt auf dem Anger, die Kasten und Betten bewahrend;</span><br />
+<span class="line">Doch zuletzt befiel mich der Schlaf, und als nun des Morgens</span><br />
+<span class="line">Mich die Kühlung erweckte, die vor der Sonne herabfällt,</span><br />
+<span class="line">Sah ich den Rauch und die Glut und die hohlen Mauern und Essen.</span><br />
+<span class="line">Da war beklemmt mein Herz; allein die Sonne ging wieder</span><br />
+<span class="line">Herrlicher auf als je und flößte mir Mut in die Seele.</span><br />
+<span class="line">Da erhob ich mich eilend. Es trieb mich, die Stätte zu sehen,</span><br />
+<span class="line">Wo die Wohnung gestanden, und ob sich die Hühner gerettet,</span><br />
+<span class="line">Die ich besonders geliebt; denn kindisch war mein Gemüt noch.</span><br />
+<span class="line">Als ich nun über die Trümmer des Hauses und Hofes daherstieg,</span><br />
+<span class="line">Die noch rauchten, und so die Wohnung wüst und zerstört sah,</span><br />
+<span class="line">Kamst du zur andern Seite herauf und durchsuchtest die Stätte.</span><br />
+<span class="line">Dir war ein Pferd in dem Stalle verschüttet; die glimmenden Balken</span><br />
+<span class="line">Lagen darüber und Schutt, und nichts zu sehn war vom Tiere.</span><br />
+<span class="line">Also standen wir gegeneinander, bedenklich und traurig:</span><br />
+<span class="line">Denn die Wand war gefallen, die unsere Höfe geschieden.</span><br />
+<span class="line">Und du faßtest darauf mich bei der Hand an und sagtest:</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Lieschen, wie kommst du hieher? Geh weg! du verbrennest die Sohlen;</span><br />
+<span class="line">Denn der Schutt ist heiß, er sengt mir die stärkeren Stiefeln.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Und du hobest mich auf und trugst mich herüber durch deinen</span><br />
+<span class="line">Hof weg. Da stand noch das Tor des Hauses mit seinem Gewölbe,</span><br />
+<span class="line">Wie es jetzt steht; es war allein von allem geblieben.</span><br />
+<span class="line">Und du setztest mich nieder und küßtest mich und ich verwehrt' es.</span><br />
+<span class="line">Aber du sagtest darauf mit freundlich bedeutenden Worten:</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Siehe, das Haus liegt nieder. Bleib hier, und hilf mir es bauen,</span><br />
+<span class="line">Und ich helfe dagegen auch deinem Vater an seinem.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Doch ich verstand dich nicht, bis du zum Vater die Mutter</span><br />
+<span class="line">Schicktest und schnell das Gelübd' der fröhlichen Ehe vollbracht war.</span><br />
+<span class="line">Noch erinnr' ich mich heute des halbverbrannten Gebälkes</span><br />
+<span class="line">Freudig und sehe die Sonne noch immer so herrlich heraufgehn;</span><br />
+<span class="line">Denn mir gab der Tag den Gemahl, es haben die ersten</span><br />
+<span class="line">Zeiten der wilden Zerstörung den Sohn mir der Jugend gegeben.</span><br />
+<span class="line">Darum lob ich dich, Hermann, daß du mit reinem Vertrauen</span><br />
+<span class="line">Auch ein Mädchen dir denkst in diesen traurigen Zeiten</span><br />
+<span class="line">Und es wagtest zu frein im Krieg und über den Trümmern.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte sogleich der Vater lebhaft und sagte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Die Gesinnung ist löblich, und wahr ist auch die Geschichte,</span><br />
+<span class="line">Mütterchen, die du erzählst; denn so ist alles begegnet.</span><br />
+<span class="line">Aber besser ist besser. Nicht einen jeden betrifft es,</span><br />
+<span class="line">Anzufangen von vorn sein ganzes Leben und Wesen;</span><br />
+<span class="line">Nicht soll jeder sich quälen, wie wir und andere taten,</span><br />
+<span class="line">Oh, wie glücklich ist der, dem Vater und Mutter das Haus schon</span><br />
+<span class="line">Wohlbestellt übergeben und der mit Gedeihen es ausziert!</span><br />
+<span class="line">Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft.</span><br />
+<span class="line">Mancherlei Dinge bedarf der Mensch, und alles wird täglich</span><br />
+<span class="line">Teurer; da seh er sich vor, des Geldes mehr zu erwerben.</span><br />
+<span class="line">Und so hoff ich von dir, mein Hermann, daß du mir nächstens</span><br />
+<span class="line">In das Haus die Braut mit schöner Mitgift hereinführst;</span><br />
+<span class="line">Denn ein wackerer Mann verdient ein begütertes Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Und es behaget so wohl, wenn mit dem gewünscheten Weibchen</span><br />
+<span class="line">Auch in Körben und Kasten die nützliche Gabe hereinkommt.</span><br />
+<span class="line">Nicht umsonst bereitet durch manche Jahre die Mutter</span><br />
+<span class="line">Viele Leinwand der Tochter, von feinem und starkem Gewebe;</span><br />
+<span class="line">Nicht umsonst verehren die Paten ihr Silbergeräte,</span><br />
+<span class="line">Und der Vater sondert im Pulte das seltene Goldstück:</span><br />
+<span class="line">Denn sie soll dereinst mit ihren Gütern und Gaben</span><br />
+<span class="line">Jenen Jüngling erfreun, der sie vor allen erwählt hat.</span><br />
+<span class="line">Ja, ich weiß, wie behaglich ein Weibchen im Hause sich findet,</span><br />
+<span class="line">Das ihr eignes Gerät in Küch' und Zimmern erkennet</span><br />
+<span class="line">Und das Bette sich selbst und den Tisch sich selber gedeckt hat.</span><br />
+<span class="line">Nur wohl ausgestattet möcht' ich im Hause die Braut sehn;</span><br />
+<span class="line">Denn die Arme wird doch nur zuletzt vom Manne verachtet,</span><br />
+<span class="line">Und er hält sie als Magd, die als Magd mit dem Bündel hereinkam.</span><br />
+<span class="line">Ungerecht bleiben die Männer, und die Zeiten der Liebe vergehen.</span><br />
+<span class="line">Ja, mein Hermann, du würdest mein Alter höchlich erfreuen,</span><br />
+<span class="line">Wenn du mir bald ins Haus ein Schwiegertöchterchen brächtest</span><br />
+<span class="line">Aus der Nachbarschaft her, aus jenem Hause, dem grünen.</span><br />
+<span class="line">Reich ist der Mann fürwahr: sein Handel und seine Fabriken</span><br />
+<span class="line">Machen ihn täglich reicher: denn wo gewinnt nicht der Kaufmann?</span><br />
+<span class="line">Nur drei Töchter sind da; sie teilen allein das Vermögen.</span><br />
+<span class="line">Schon ist die ältste bestimmt, ich weiß es; aber die zweite</span><br />
+<span class="line">Wie die dritte sind noch, und vielleicht nicht lange, zu haben.</span><br />
+<span class="line">Wär' ich an deiner Statt, ich hätte bis jetzt nicht gezaudert,</span><br />
+<span class="line">Eins mir der Mädchen geholt, so wie ich das Mütterchen forttrug.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte der Sohn bescheiden dem dringenden Vater:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wirklich, mein Wille war auch, wie Eurer, eine der Töchter</span><br />
+<span class="line">Unsers Nachbars zu wählen. Wir sind zusammen erzogen,</span><br />
+<span class="line">Spielten neben dem Brunnen am Markt in früheren Zeiten,</span><br />
+<span class="line">Und ich habe sie oft vor der Knaben Wildheit beschützet.</span><br />
+<span class="line">Doch das ist lange schon her; es bleiben die wachsenden Mädchen</span><br />
+<span class="line">Endlich billig zu Haus und fliehn die wilderen Spiele.</span><br />
+<span class="line">Wohlgezogen sind sie gewiß! Ich ging auch zuzeiten</span><br />
+<span class="line">Noch aus alter Bekanntschaft, so wie Ihr es wünschtet, hinüber;</span><br />
+<span class="line">Aber ich konnte mich nie in ihrem Umgang erfreuen.</span><br />
+<span class="line">Denn sie tadelten stets an mir, das mußt' ich ertragen:</span><br />
+<span class="line">Gar zu lang war mein Rock, zu grob das Tuch und die Farbe</span><br />
+<span class="line">Gar zu gemein und die Haare nicht recht gestutzt und gekräuselt.</span><br />
+<span class="line">Endlich hatt' ich im Sinne, mich auch zu putzen wie jene</span><br />
+<span class="line">Handelsbübchen, die stets am Sonntag drüben sich zeigen,</span><br />
+<span class="line">Und um die halbseiden im Sommer das Läppchen herumhängt.</span><br />
+<span class="line">Aber noch früh genug merkt' ich, sie hatten mich immer zum besten,</span><br />
+<span class="line">Und das war mir empfindlich, mein Stolz war beleidigt; doch mehr noch</span><br />
+<span class="line">Kränkte mich's tief, daß so sie den guten Willen verkannten,</span><br />
+<span class="line">Den ich gegen sie hegte, besonders Minchen, die jüngste.</span><br />
+<span class="line">Denn so war ich zuletzt an Ostern hinübergegangen,</span><br />
+<span class="line">Hatte den neuen Rock, der jetzt nur oben im Schrank hängt,</span><br />
+<span class="line">Angezogen und war frisiert wie die übrigen Bursche.</span><br />
+<span class="line">Als ich eintrat, kicherten sie; doch zog ich's auf mich nicht.</span><br />
+<span class="line">Minchen saß am Klavier; es war der Vater zugegen,</span><br />
+<span class="line">Hörte die Töchterchen singen und war entzückt und in Laune.</span><br />
+<span class="line">Manches verstand ich nicht, was in den Liedern gesagt war,</span><br />
+<span class="line">Aber ich hörte viel von Pamina, viel von Tamino,</span><br />
+<span class="line">Und ich wollte doch auch nicht stumm sein! Sobald sie geendet,</span><br />
+<span class="line">Fragt' ich dem Texte nach und nach den beiden Personen.</span><br />
+<span class="line">Alle schwiegen darauf und lächelten; aber der Vater</span><br />
+<span class="line">Sagte: &lsquo;Nicht wahr, mein Freund, Er kennt nur Adam und Eva?&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Niemand hielt sich alsdann, und laut auf lachten die Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Laut auf lachten die Knaben, es hielt den Bauch sich der Alte.</span><br />
+<span class="line">Fallen ließ ich den Hut vor Verlegenheit, und das Gekicher</span><br />
+<span class="line">Dauerte fort und fort, soviel sie auch sangen und spielten.</span><br />
+<span class="line">Und ich eilte beschämt und verdrießlich wieder nach Hause,</span><br />
+<span class="line">Hängte den Rock in den Schrank und zog die Haare herunter</span><br />
+<span class="line">Mit den Fingern und schwur, nicht mehr zu betreten die Schwelle.</span><br />
+<span class="line">Und ich hatte wohl recht; denn eitel sind sie und lieblos,</span><br />
+<span class="line">Und ich höre, noch heiß' ich bei ihnen immer Tamino.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte die Mutter: &ldquo;Du solltest, Hermann, so lange</span><br />
+<span class="line">Mit den Kindern nicht zürnen; denn Kinder sind sie ja sämtlich.</span><br />
+<span class="line">Minchen fürwahr ist gut und war dir immer gewogen;</span><br />
+<span class="line">Neulich fragte sie noch nach dir. Die solltest du wählen!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte bedenklich der Sohn: &ldquo;Ich weiß nicht, es prägte</span><br />
+<span class="line">Jener Verdruß sich so tief bei mir ein, ich möchte fürwahr nicht</span><br />
+<span class="line">Sie am Klaviere mehr sehn und ihre Liedchen vernehmen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Doch der Vater fuhr auf und sprach die zornigen Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wenig Freud' erleb ich an dir! Ich sagt' es doch immer,</span><br />
+<span class="line">Als du zu Pferden nur und Lust nur bezeugtest zum Acker:</span><br />
+<span class="line">Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegüterten Mannes,</span><br />
+<span class="line">Tust du; indessen muß der Vater des Sohnes entbehren,</span><br />
+<span class="line">Der ihm zur Ehre doch auch vor andern Bürgern sich zeigte.</span><br />
+<span class="line">Und so täuschte mich früh mit leerer Hoffnung die Mutter,</span><br />
+<span class="line">Wenn in der Schule das Lesen und Schreiben und Lernen dir niemals</span><br />
+<span class="line">Wie den andern gelang und du immer der Unterste saßest.</span><br />
+<span class="line">Freilich! das kommt daher, wenn Ehrgefühl nicht im Busen</span><br />
+<span class="line">Eines Jünglinges lebt und wenn er nicht höher hinauf will.</span><br />
+<span class="line">Hätte mein Vater gesorgt für mich, so wie ich für dich tat,</span><br />
+<span class="line">Mich zur Schule gesendet und mir die Lehrer gehalten,</span><br />
+<span class="line">Ja, ich wäre was anders als Wirt zum Goldenen Löwen!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber der Sohn stand auf und nahte sich schweigend der Türe,</span><br />
+<span class="line">Langsam und ohne Geräusch; allein der Vater, entrüstet,</span><br />
+<span class="line">Rief ihm nach: &ldquo;So gehe nur hin! ich kenne den Trotzkopf!</span><br />
+<span class="line">Geh und führe fortan die Wirtschaft, daß ich nicht schelte;</span><br />
+<span class="line">Aber denke nur nicht, du wollest ein bäurisches Mädchen</span><br />
+<span class="line">Je mir bringen ins Haus, als Schwiegertochter, die Trulle!</span><br />
+<span class="line">Lange hab ich gelebt und weiß mit Menschen zu handeln,</span><br />
+<span class="line">Weiß zu bewirten die Herren und Frauen, daß sie zufrieden</span><br />
+<span class="line">Von mir weggehn, ich weiß den Fremden gefällig zu schmeicheln.</span><br />
+<span class="line">Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertöchterchen endlich</span><br />
+<span class="line">Wiederbegegnen und so mir die viele Mühe versüßen!</span><br />
+<span class="line">Spielen soll sie mir auch das Klavier; es sollen die schönsten,</span><br />
+<span class="line">Besten Leute der Stadt sich mit Vergnügen versammeln,</span><br />
+<span class="line">Wie es sonntags geschieht im Hause des Nachbars!&rdquo; Da drückte</span><br />
+<span class="line">Leise der Sohn auf die Klinke, und so verließ er die Stube.</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Thalia<br />
+
+Die Bürger</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Also entwich der bescheidene Sohn der heftigen Rede;</span><br />
+<span class="line">Aber der Vater fuhr in der Art fort, wie er begonnen &mdash;</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Was im Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm, und schwerlich</span><br />
+<span class="line">Wird mich des herzlichsten Wunsches Erfüllung jemals erfreuen,</span><br />
+<span class="line">Daß der Sohn dem Vater nicht gleich sei, sondern ein Beßrer.</span><br />
+<span class="line">Denn was wäre das Haus, was wäre die Stadt, wenn nicht immer</span><br />
+<span class="line">Jeder gedächte mit Lust zu erhalten und zu erneuen</span><br />
+<span class="line">Und zu verbessern auch, wie die Zeit uns lehrt und das Ausland!</span><br />
+<span class="line">Soll doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden entwachsen</span><br />
+<span class="line">Und verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat,</span><br />
+<span class="line">Keine Spur nachlassend von seiner lebendigen Wirkung!</span><br />
+<span class="line">Sieht man am Hause doch gleich so deutlich, wes Sinnes der Herr sei,</span><br />
+<span class="line">Wie man, das Städtchen betretend, die Obrigkeiten beurteilt.</span><br />
+<span class="line">Denn wo die Türme verfallen und Mauern, wo in den Gräben</span><br />
+<span class="line">Unrat sich häufet und Unrat auf allen Gassen herumliegt,</span><br />
+<span class="line">Wo der Stein aus der Fuge sich rückt und nicht wieder gesetzt wird,</span><br />
+<span class="line">Wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neue</span><br />
+<span class="line">Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret.</span><br />
+<span class="line">Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket,</span><br />
+<span class="line">Da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal,</span><br />
+<span class="line">Wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewöhnet.</span><br />
+<span class="line">Darum hab ich gewünscht, es solle sich Hermann auf Reisen</span><br />
+<span class="line">Bald begeben und sehn zum wenigsten Straßburg und Frankfurt</span><br />
+<span class="line">Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.</span><br />
+<span class="line">Denn wer die Städte gesehn, die großen und reinlichen, ruht nicht,</span><br />
+<span class="line">Künftig die Vaterstadt selbst, so klein sie auch sei, zu verzieren.</span><br />
+<span class="line">Lobt nicht der Fremde bei uns die ausgebesserten Tore</span><br />
+<span class="line">Und den geweihten Turm und die wohlerneuerte Kirche?</span><br />
+<span class="line">Rühmt nicht jeder das Pflaster? die wasserreichen, verdeckten,</span><br />
+<span class="line">Wohlverteilten Kanäle, die Nutzen und Sicherheit bringen,</span><br />
+<span class="line">Daß dem Feuer sogleich beim ersten Ausbruch gewehrt sei,</span><br />
+<span class="line">Ist das nicht alles geschehn seit jenem schrecklichen Brande?</span><br />
+<span class="line">Bauherr war ich sechsmal im Rat und habe mir Beifall,</span><br />
+<span class="line">Habe mir herzlichen Dank von guten Bürgern verdienet,</span><br />
+<span class="line">Was ich angab, emsig betrieben und so auch die Anstalt</span><br />
+<span class="line">Redlicher Männer vollführt, die sie unvollendet verließen.</span><br />
+<span class="line">So kam endlich die Lust in jedes Mitglied des Rates.</span><br />
+<span class="line">Alle bestreben sich jetzt, und schon ist der neue Chausseebau</span><br />
+<span class="line">Fest beschlossen, der uns mit der großen Straße verbindet.</span><br />
+<span class="line">Aber ich fürchte nur sehr, so wird die Jugend nicht handeln!</span><br />
+<span class="line">Denn die einen, sie denken auf Lust und vergänglichen Putz nur,</span><br />
+<span class="line">Andere hocken zu Haus und brüten hinter dem Ofen.</span><br />
+<span class="line">Und das fürcht ich, ein solcher wird Hermann immer mir bleiben.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es versetzte sogleich die gute verständige Mutter:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Immer bist du doch, Vater, so ungerecht gegen den Sohn! und</span><br />
+<span class="line">So wird am wenigsten dir dein Wunsch des Guten erfüllet.</span><br />
+<span class="line">Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen;</span><br />
+<span class="line">So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,</span><br />
+<span class="line">Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren.</span><br />
+<span class="line">Denn der eine hat die, die anderen andere Gaben;</span><br />
+<span class="line">Jeder braucht sie, und jeder ist doch nur auf eigene Weise</span><br />
+<span class="line">Gut und glücklich. Ich lasse mir meinen Hermann nicht schelten;</span><br />
+<span class="line">Denn, ich weiß es, er ist der Güter, die er dereinst erbt,</span><br />
+<span class="line">Wert und ein trefflicher Wirt, ein Muster Bürgern und Bauern,</span><br />
+<span class="line">Und im Rate gewiß, ich seh es voraus, nicht der Letzte.</span><br />
+<span class="line">Aber täglich mit Schelten und Tadeln hemmst du dem Armen</span><br />
+<span class="line">Allen Mut in der Brust, so wie du es heute getan hast.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und sie verließ die Stube sogleich und eilte dem Sohn nach,</span><br />
+<span class="line">Daß sie ihn irgendwo fänd' und ihn mit gütigen Worten</span><br />
+<span class="line">Wieder erfreute; denn er, der treffliche Sohn, er verdient' es.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Lächelnd sagte darauf, sobald sie hinweg war, der Vater:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sind doch ein wunderlich Volk die Weiber, so wie die Kinder!</span><br />
+<span class="line">Jedes lebet so gern nach seinem eignen Belieben,</span><br />
+<span class="line">Und man sollte hernach nur immer loben und streicheln.</span><br />
+<span class="line">Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten:</span><br />
+<span class="line">Wer nicht vorwärts geht, der kommt zurücke! So bleibt es.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es versetzte darauf der Apotheker bedächtig:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Gerne geb ich es zu, Herr Nachbar, und sehe mich immer</span><br />
+<span class="line">Selbst nach dem Besseren um, wofern es nicht teuer doch neu ist;</span><br />
+<span class="line">Aber hilft es fürwahr, wenn man nicht die Fülle des Gelds hat,</span><br />
+<span class="line">Tätig und rührig zu sein und innen und außen zu bessern?</span><br />
+<span class="line">Nur zu sehr ist der Bürger beschränkt; das Gute vermag er</span><br />
+<span class="line">Nicht zu erlangen, wenn er es kennt. Zu schwach ist sein Beutel,</span><br />
+<span class="line">Das Bedürfnis zu groß; so wird er immer gehindert.</span><br />
+<span class="line">Manches hätt' ich getan; allein wer scheut nicht die Kosten</span><br />
+<span class="line">Solcher Verändrung, besonders in diesen gefährlichen Zeiten!</span><br />
+<span class="line">Lange lachte mir schon mein Haus im modischen Kleidchen,</span><br />
+<span class="line">Lange glänzten durchaus mit großen Scheiben die Fenster;</span><br />
+<span class="line">Aber wer tut dem Kaufmann es nach, der bei seinem Vermögen</span><br />
+<span class="line">Auch die Wege noch kennt, auf welchen das Beste zu haben?</span><br />
+<span class="line">Seht nur das Haus an da drüben, das neue! Wie prächtig in grünen</span><br />
+<span class="line">Feldern die Stukkatur der weißen Schnörkel sich ausnimmt!</span><br />
+<span class="line">Groß sind die Tafeln der Fenster, wie glänzen und spiegeln die Scheiben,</span><br />
+<span class="line">Daß verdunkelt stehn die übrigen Häuser des Marktes!</span><br />
+<span class="line">Und doch waren die unsern gleich nach dem Brande die schönsten,</span><br />
+<span class="line">Die Apotheke zum Engel sowie der Goldene Löwe.</span><br />
+<span class="line">So war mein Garten auch in der ganzen Gegend berühmt, und</span><br />
+<span class="line">Jeder Reisende stand und sah durch die roten Staketen</span><br />
+<span class="line">Nach den Bettlern von Stein und nach den farbigen Zwergen.</span><br />
+<span class="line">Wem ich den Kaffee dann gar in dem herrlichen Grottenwerk reichte,</span><br />
+<span class="line">Das nun freilich verstaubt und halb verfallen mir dasteht,</span><br />
+<span class="line">Der erfreute sich hoch des farbig schimmernden Lichtes</span><br />
+<span class="line">Schön geordneter Muscheln; und mit geblendetem Auge</span><br />
+<span class="line">Schaute der Kenner selbst den Bleiglanz und die Korallen.</span><br />
+<span class="line">Ebenso ward in dem Saale die Malerei auch bewundert,</span><br />
+<span class="line">Wo die geputzten Herren und Damen im Garten spazieren</span><br />
+<span class="line">Und mit spitzigen Fingern die Blumen reichen und halten.</span><br />
+<span class="line">Ja, wer sähe das jetzt nur noch an! Ich gehe verdrießlich</span><br />
+<span class="line">Kaum mehr hinaus; denn alles soll anders sein und geschmackvoll,</span><br />
+<span class="line">Wie sie's heißen, und weiß die Latten und hölzernen Bänke.</span><br />
+<span class="line">Alles ist einfach und glatt, nicht Schnitzwerk oder Vergoldung</span><br />
+<span class="line">Will man mehr, und es kostet das fremde Holz nun am meisten.</span><br />
+<span class="line">Nun, ich wär' es zufrieden, mir auch was Neues zu schaffen;</span><br />
+<span class="line">Auch zu gehn mit der Zeit und oft zu verändern den Hausrat;</span><br />
+<span class="line">Aber es fürchtet sich jeder, auch nur zu rücken das Kleinste,</span><br />
+<span class="line">Denn wer vermöchte wohl jetzt die Arbeitsleute zu zahlen?</span><br />
+<span class="line">Neulich kam mir's in Sinn, den Engel Michael wieder,</span><br />
+<span class="line">Der mir die Offizin bezeichnet, vergolden zu lassen</span><br />
+<span class="line">Und den greulichen Drachen, der ihm zu Füßen sich windet;</span><br />
+<span class="line">Aber ich ließ ihn verbräunt, wie er ist; mich schreckte die Fordrung.&rdquo;</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Euterpe<br />
+
+Mutter und Sohn</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Also sprachen die Männer, sich unterhaltend. Die Mutter</span><br />
+<span class="line">Ging indessen, den Sohn erst vor dem Hause zu suchen,</span><br />
+<span class="line">Auf der steinernen Bank, wo sein gewöhnlicher Sitz war.</span><br />
+<span class="line">Als sie daselbst ihn nicht fand, so ging sie, im Stalle zu schauen,</span><br />
+<span class="line">Ob er die herrlichen Pferde, die Hengste, selber besorgte,</span><br />
+<span class="line">Die er als Fohlen gekauft und die er niemand vertraute.</span><br />
+<span class="line">Und es sagte der Knecht: &ldquo;Er ist in den Garten gegangen.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Da durchschritt sie behende die langen doppelten Höfe,</span><br />
+<span class="line">Ließ die Ställe zurück und die wohlgezimmerten Scheunen,</span><br />
+<span class="line">Trat in den Garten, der weit bis an die Mauern des Städtchens</span><br />
+<span class="line">Reichte, schritt ihn hindurch und freute sich jegliches Wachstums,</span><br />
+<span class="line">Stellte die Stützen zurecht, auf denen beladen die Äste</span><br />
+<span class="line">Ruhten des Apfelbaums, wie des Birnbaums lastende Zweige,</span><br />
+<span class="line">Nahm gleich einige Raupen vom kräftig strotzenden Kohl weg;</span><br />
+<span class="line">Denn ein geschäftiges Weib tut keine Schritte vergebens.</span><br />
+<span class="line">Also war sie ans Ende des langen Gartens gekommen,</span><br />
+<span class="line">Bis zur Laube, mit Geißblatt bedeckt; nicht fand sie den Sohn da,</span><br />
+<span class="line">Ebensowenig, als sie bis jetzt ihn im Garten erblickte.</span><br />
+<span class="line">Aber nur angelehnt war das Pförtchen, das aus der Laube,</span><br />
+<span class="line">Aus besonderer Gunst, durch die Mauer des Städtchens gebrochen</span><br />
+<span class="line">Hatte der Ahnherr einst, der würdige Burgemeister.</span><br />
+<span class="line">Und so ging sie bequem den trocknen Graben hinüber,</span><br />
+<span class="line">Wo an der Straße sogleich der wohl umzäunete Weinberg</span><br />
+<span class="line">Aufstieg steileren Pfads, die Fläche zur Sonne gekehret.</span><br />
+<span class="line">Auch den schritt sie hinauf und freute der Fülle der Trauben</span><br />
+<span class="line">Sich im Steigen, die kaum sich unter den Blättern verbargen.</span><br />
+<span class="line">Schattig war und bedeckt der hohe mittlere Laubgang,</span><br />
+<span class="line">Den man auf Stufen erstieg von unbehauenen Platten.</span><br />
+<span class="line">Und es hingen herein Gutedel und Muskateller,</span><br />
+<span class="line">Rötlich-blaue daneben von ganz besonderer Größe,</span><br />
+<span class="line">Alle mit Fleiße gepflanzt, der Gäste Nachtisch zu zieren.</span><br />
+<span class="line">Aber den übrigen Berg bedeckten einzelne Stöcke,</span><br />
+<span class="line">Kleinere Trauben tragend, von denen der köstliche Wein kommt.</span><br />
+<span class="line">Also schritt sie hinauf, sich schon des Herbstes erfreuend</span><br />
+<span class="line">Und des festlichen Tags, an dem die Gegend im Jubel</span><br />
+<span class="line">Trauben lieset und tritt und den Most in die Fässer versammelt,</span><br />
+<span class="line">Feuerwerke des Abends von allen Orten und Enden</span><br />
+<span class="line">Leuchten und knallen und so der Ernten schönste geehrt wird.</span><br />
+<span class="line">Doch unruhiger ging sie, nachdem sie dem Sohne gerufen</span><br />
+<span class="line">Zwei-, auch dreimal und nur das Echo vielfach zurückkam,</span><br />
+<span class="line">Das von den Türmen der Stadt, ein sehr geschwätziges, herklang.</span><br />
+<span class="line">Ihn zu suchen war ihr so fremd; er entfernte sich niemals.</span><br />
+<span class="line">Weit, er sagt' es ihr denn, um zu verhüten die Sorge</span><br />
+<span class="line">Seiner liebenden Mutter und ihre Furcht vor dem Unfall.</span><br />
+<span class="line">Aber sie hoffte noch stets, ihn doch auf dem Wege zu finden;</span><br />
+<span class="line">Denn die Türen, die untre sowie die obre, des Weinbergs</span><br />
+<span class="line">Standen gleichfalls offen. Und so nun trat sie ins Feld ein,</span><br />
+<span class="line">Das mit weiter Fläche den Rücken des Hügels bedeckte.</span><br />
+<span class="line">Immer noch wandelte sie auf eigenem Boden und freute</span><br />
+<span class="line">Sich der eigenen Saat und des herrlich nickenden Kornes,</span><br />
+<span class="line">Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte.</span><br />
+<span class="line">Zwischen den Äckern schritt sie hindurch, auf dem Raine, den Fußpfad,</span><br />
+<span class="line">Hatte den Birnbaum im Auge, den großen, der auf dem Hügel</span><br />
+<span class="line">Stand, die Grenze der Felder, die ihrem Hause gehörten.</span><br />
+<span class="line">Wer ihn gepflanzt, man konnt' es nicht wissen. Er war in der Gegend</span><br />
+<span class="line">Weit und breit gesehn und berühmt die Früchte des Baumes.</span><br />
+<span class="line">Unter ihm pflegten die Schnitter des Mahls sich zu freuen am Mittag</span><br />
+<span class="line">Und die Hirten des Viehs in seinem Schatten zu warten;</span><br />
+<span class="line">Bänke fanden sie da von rohen Steinen und Rasen.</span><br />
+<span class="line">Und sie irrete nicht; dort saß ihr Hermann und ruhte,</span><br />
+<span class="line">Saß mit dem Arme gestützt und schien in die Gegend zu schauen</span><br />
+<span class="line">Jenseits, nach dem Gebirg, er kehrte der Mutter den Rücken.</span><br />
+<span class="line">Sachte schlich sie hinan und rührt' ihm leise die Schulter.</span><br />
+<span class="line">Und er wandte sich schnell; da sah sie ihm Tränen im Auge.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Mutter", sagt' er betroffen, &ldquo;Ihr überrascht mich!&rdquo; Und eilig</span><br />
+<span class="line">Trocknet' er ab die Träne, der Jüngling edlen Gefühles.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wie? du weinest, mein Sohn?&rdquo; versetzte die Mutter betroffen;</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Daran kenn ich dich nicht! ich habe das niemals erfahren!</span><br />
+<span class="line">Sag, was beklemmt dir das Herz? was treibt dich, einsam zu sitzen</span><br />
+<span class="line">Unter dem Birnbaum hier? was bringt dir Tränen ins Auge?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es nahm sich zusammen der treffliche Jüngling und sagte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wahrlich, dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo</span><br />
+<span class="line">Nicht die Not der Menschen, der umgetriebnen, empfindet;</span><br />
+<span class="line">Dem ist kein Sinn in dem Haupte, der nicht um sein eigenes Wohl sich</span><br />
+<span class="line">Und um des Vaterlands Wohl in diesen Tagen bekümmert.</span><br />
+<span class="line">Was ich heute gesehn und gehört, das rührte das Herz mir;</span><br />
+<span class="line">Und nun ging ich heraus und sah die herrliche weite</span><br />
+<span class="line">Landschaft, die sich vor uns in fruchtbaren Hügeln umherschlingt,</span><br />
+<span class="line">Sah die goldene Frucht den Garben entgegen sich neigen</span><br />
+<span class="line">Und ein reichliches Obst und volle Kammern versprechen.</span><br />
+<span class="line">Aber, ach! wie nah ist der Feind! Die Fluten des Rheines</span><br />
+<span class="line">Schützen uns zwar; doch ach! was sind nun Fluten und Berge</span><br />
+<span class="line">Jenem schrecklichen Volke, das wie ein Gewitter daherzieht!</span><br />
+<span class="line">Denn sie rufen zusammen aus allen Enden die Jugend</span><br />
+<span class="line">Wie das Alter und dringen gewaltig vor, und die Menge</span><br />
+<span class="line">Scheut den Tod nicht; es dringt gleich nach der Menge die Menge.</span><br />
+<span class="line">Ach! und ein Deutscher wagt, in seinem Hause zu bleiben?</span><br />
+<span class="line">Hofft vielleicht zu entgehen dem alles bedrohenden Unfall?</span><br />
+<span class="line">Liebe Mutter, ich sag Euch, am heutigen Tage verdrießt mich,</span><br />
+<span class="line">Daß man mich neulich entschuldigt, als man die Streitenden auslas</span><br />
+<span class="line">Aus den Bürgern. Fürwahr! ich bin der einzige Sohn nur,</span><br />
+<span class="line">Und die Wirtschaft ist groß und wichtig unser Gewerbe;</span><br />
+<span class="line">Aber wär' ich nicht besser, zu widerstehen da vorne</span><br />
+<span class="line">An der Grenze, als hier zu erwarten Elend und Knechtschaft?</span><br />
+<span class="line">Ja, mir hat es der Geist gesagt, und im innersten Busen</span><br />
+<span class="line">Regt sich Mut und Begier, dem Vaterlande zu leben</span><br />
+<span class="line">Und zu sterben und andern ein würdiges Beispiel zu geben.</span><br />
+<span class="line">Wahrlich, wäre die Kraft der deutschen Jugend beisammen,</span><br />
+<span class="line">An der Grenze, verbündet, nicht nachzugeben den Fremden,</span><br />
+<span class="line">Oh, sie sollten uns nicht den herrlichen Boden betreten</span><br />
+<span class="line">Und vor unseren Augen die Früchte des Landes verzehren,</span><br />
+<span class="line">Nicht den Männern gebieten und rauben Weiber und Mädchen!</span><br />
+<span class="line">Sehet, Mutter, mir ist im tiefsten Herzen beschlossen,</span><br />
+<span class="line">Bald zu tun und gleich, was recht mir deucht und verständig;</span><br />
+<span class="line">Denn wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste.</span><br />
+<span class="line">Sehet, ich werde nicht wieder nach Hause kehren! Von hier aus</span><br />
+<span class="line">Geh ich gerad in die Stadt und übergebe den Kriegern</span><br />
+<span class="line">Diesen Arm und dies Herz, dem Vaterlande zu dienen.</span><br />
+<span class="line">Sage der Vater alsdann, ob nicht der Ehre Gefühl mir</span><br />
+<span class="line">Auch den Busen belebt und ob ich nicht höher hinauf will!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte bedeutend die gute verständige Mutter,</span><br />
+<span class="line">Stille Tränen vergießend, sie kamen ihr leichtlich ins Auge:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sohn, was hat sich in dir verändert und deinem Gemüte,</span><br />
+<span class="line">Daß du zu deiner Mutter nicht redest wie gestern und immer,</span><br />
+<span class="line">Offen und frei, und sagst, was deinen Wünschen gemäß ist?</span><br />
+<span class="line">Hörte jetzt ein Dritter dich reden, er würde fürwahr dich</span><br />
+<span class="line">Höchlich loben und deinen Entschluß als den edelsten preisen,</span><br />
+<span class="line">Durch dein Wort verführt und deine bedeutenden Reden.</span><br />
+<span class="line">Doch ich tadle dich nur; denn sieh, ich kenne dich besser.</span><br />
+<span class="line">Du verbirgst dein Herz und hast ganz andre Gedanken.</span><br />
+<span class="line">Denn ich weiß es, dich ruft nicht die Trommel, nicht die Trompete,</span><br />
+<span class="line">Nicht begehrst du zu scheinen in der Montur vor den Mädchen;</span><br />
+<span class="line">Denn es ist deine Bestimmung, so wacker und brav du auch sonst bist,</span><br />
+<span class="line">Wohl zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen.</span><br />
+<span class="line">Darum sage mir frei: was dringt dich zu dieser Entschließung?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Ernsthaft sagte der Sohn: &ldquo;Ihr irret, Mutter. Ein Tag ist</span><br />
+<span class="line">Nicht dem anderen gleich. Der Jüngling reifet zum Manne;</span><br />
+<span class="line">Besser im stillen reift er zur Tat oft als im Geräusche</span><br />
+<span class="line">Wilden, schwankenden Lebens, das manchen Jüngling verderbt hat.</span><br />
+<span class="line">Und so still ich auch bin und war, so hat in der Brust mir</span><br />
+<span class="line">Doch sich gebildet ein Herz, das Unrecht hasset und Unbill,</span><br />
+<span class="line">Und ich verstehe recht gut die weltlichen Dinge zu sondern;</span><br />
+<span class="line">Auch hat die Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärket.</span><br />
+<span class="line">Alles, fühl ich, ist wahr; ich darf es kühnlich behaupten.</span><br />
+<span class="line">Und doch tadelt Ihr mich mit Recht, o Mutter, und habt mich</span><br />
+<span class="line">Auf halbwahren Worten ertappt und halber Verstellung.</span><br />
+<span class="line">Denn, gesteh' ich es nur, nicht ruft die nahe Gefahr mich</span><br />
+<span class="line">Aus dem Hause des Vaters und nicht der hohe Gedanke,</span><br />
+<span class="line">Meinem Vaterland hülfreich zu sein und schrecklich den Feinden.</span><br />
+<span class="line">Worte waren es nur, die ich sprach: sie sollten vor Euch nur</span><br />
+<span class="line">Meine Gefühle verstecken, die mir das Herz zerreißen.</span><br />
+<span class="line">Und so laßt mich, o Mutter! Denn da ich vergebliche Wünsche</span><br />
+<span class="line">Hege im Busen, so mag auch mein Leben vergeblich dahingehn.</span><br />
+<span class="line">Denn ich weiß es recht wohl: der einzelne schadet sich selber,</span><br />
+<span class="line">Der sich hingibt, wenn sich nicht alle zum Ganzen bestreben.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Fahre nur fort", so sagte darauf die verständige Mutter,</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Alles mir zu erzählen, das Größte wie das Geringste!</span><br />
+<span class="line">Denn die Männer sind heftig und denken nur immer das Letzte,</span><br />
+<span class="line">Und die Hindernis treibt die Heftigen leicht von dem Wege;</span><br />
+<span class="line">Aber ein Weib ist geschickt, auf Mittel zu denken, und wandelt</span><br />
+<span class="line">Auch den Umweg, geschickt zu ihrem Zweck zu gelangen.</span><br />
+<span class="line">Sage mir alles daher, warum du so heftig bewegt bist,</span><br />
+<span class="line">Wie ich dich niemals gesehn, und das Blut dir wallt in den Adern,</span><br />
+<span class="line">Wider Willen die Träne dem Auge sich dringt zu entstürzen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da überließ sich dem Schmerze der gute Jüngling und weinte,</span><br />
+<span class="line">Weinte laut an der Brust der Mutter und sprach so erweichet:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wahrlich! des Vaters Wort hat heute mich kränkend getroffen,</span><br />
+<span class="line">Das ich niemals verdient, nicht heut und keinen der Tage.</span><br />
+<span class="line">Denn die Eltern zu ehren war früh mein Liebstes, und niemand</span><br />
+<span class="line">Schien mir klüger zu sein und weiser, als die mich erzeugten</span><br />
+<span class="line">Und mit Ernst mir in dunkeler Zeit der Kindheit geboten.</span><br />
+<span class="line">Vieles hab ich fürwahr von meinen Gespielen geduldet,</span><br />
+<span class="line">Wenn sie mit Tücke mir oft den guten Willen vergalten;</span><br />
+<span class="line">Oftmals hab ich an ihnen nicht Wurf noch Streiche gerochen:</span><br />
+<span class="line">Aber spotteten sie mir den Vater aus, wenn er sonntags</span><br />
+<span class="line">Aus der Kirche kam mit würdig bedächtigem Schritte,</span><br />
+<span class="line">Lachten sie über das Band der Mütze, die Blumen des Schlafrocks,</span><br />
+<span class="line">Den er so stattlich trug und der erst heute verschenkt ward:</span><br />
+<span class="line">Fürchterlich ballte sich gleich die Faust mir, mit grimmigem Wüten</span><br />
+<span class="line">Fiel ich sie an und schlug und traf mit blindem Beginnen,</span><br />
+<span class="line">Ohne zu sehen, wohin. Sie heulten mit blutigen Nasen</span><br />
+<span class="line">Und entrissen sich kaum den wütenden Tritten und Schlägen.</span><br />
+<span class="line">Und so wuchs ich heran, um viel vom Vater zu dulden,</span><br />
+<span class="line">Der statt anderer mich gar oft mit Worten herumnahm,</span><br />
+<span class="line">Wenn bei Rat ihm Verdruß in der letzten Sitzung erregt ward,</span><br />
+<span class="line">Und ich büßte den Streit und die Ränke seiner Kollegen.</span><br />
+<span class="line">Oftmals habt Ihr mich selbst bedauert; denn vieles ertrug ich,</span><br />
+<span class="line">Stets in Gedanken der Eltern von Herzen zu ehrende Wohltat,</span><br />
+<span class="line">Die nur sinnen, für uns zu mehren die Hab' und die Güter,</span><br />
+<span class="line">Und sich selber manches entziehn, um zu sparen den Kindern.</span><br />
+<span class="line">Aber, ach! nicht das Sparen allein, um spät zu genießen,</span><br />
+<span class="line">Macht das Glück, es macht nicht das Glück der Haufe beim Haufen,</span><br />
+<span class="line">Nicht der Acker am Acker, so schön sich die Güter auch schließen.</span><br />
+<span class="line">Denn der Vater wird alt, und mit ihm altern die Söhne,</span><br />
+<span class="line">Ohne die Freude des Tags, und mit der Sorge für morgen.</span><br />
+<span class="line">Sagt mir, und schauet hinab, wie herrlich liegen die schönen,</span><br />
+<span class="line">Reichen Gebreite nicht da, und unten Weinberg und Gärten,</span><br />
+<span class="line">Dort die Scheunen und Ställe, die schöne Reihe der Güter!</span><br />
+<span class="line">Aber seh ich dann dort das Hinterhaus, wo an dem Giebel</span><br />
+<span class="line">Sich das Fenster uns zeigt von meinem Stübchen im Dache,</span><br />
+<span class="line">Denk ich die Zeiten zurück, wie manche Nacht ich den Mond schon</span><br />
+<span class="line">Dort erwartet und schon so manchen Morgen die Sonne,</span><br />
+<span class="line">Wenn der gesunde Schlaf mir nur wenige Stunden genügte:</span><br />
+<span class="line">Ach! da kommt mir so einsam vor, wie die Kammer, der Hof und</span><br />
+<span class="line">Garten, das herrliche Feld, das über die Hügel sich hinstreckt;</span><br />
+<span class="line">Alles liegt so öde vor mir: ich entbehre der Gattin.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da antwortete drauf die gute Mutter verständig:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sohn, mehr wünschest du nicht, die Braut in die Kammer zu führen,</span><br />
+<span class="line">Daß dir werde die Nacht zur schönen Hälfte des Lebens</span><br />
+<span class="line">Und die Arbeit des Tags dir freier und eigener werde,</span><br />
+<span class="line">Als der Vater es wünscht und die Mutter. Wir haben dir immer</span><br />
+<span class="line">Zugeredet, ja dich getrieben, ein Mädchen zu wählen.</span><br />
+<span class="line">Aber mir ist es bekannt, und jetzo sagt es das Herz mir:</span><br />
+<span class="line">Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechte</span><br />
+<span class="line">Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten,</span><br />
+<span class="line">Und es wirket die Furcht, die falsche zu greifen, am meisten.</span><br />
+<span class="line">Soll ich dir sagen, mein Sohn, so hast du, ich glaube, gewählet,</span><br />
+<span class="line">Denn dein Herz ist getroffen und mehr als gewöhnlich empfindlich.</span><br />
+<span class="line">Sag es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die Seele:</span><br />
+<span class="line">Jenes Mädchen ist's, das vertriebene, die du gewählt hast.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Liebe Mutter, Ihr sagt's!&rdquo; versetzte lebhaft der Sohn drauf.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Ja, sie ist's! und führ ich sie nicht als Braut mir nach Hause</span><br />
+<span class="line">Heute noch, ziehet sie fort, verschwindet vielleicht mir auf immer</span><br />
+<span class="line">In der Verwirrung des Kriegs und im traurigen Hin- und Herziehn.</span><br />
+<span class="line">Mutter, ewig umsonst gedeiht mir die reiche Besitzung</span><br />
+<span class="line">Dann vor Augen, umsonst sind künftige Jahre mir fruchtbar.</span><br />
+<span class="line">Ja, das gewohnte Haus und der Garten ist mir zuwider;</span><br />
+<span class="line">Ach! und die Liebe der Mutter, sie selbst nicht tröstet den Armen.</span><br />
+<span class="line">Denn es löset die Liebe, das fühl ich, jegliche Bande,</span><br />
+<span class="line">Wenn sie die ihrigen knüpft; und nicht das Mädchen allein läßt</span><br />
+<span class="line">Vater und Mutter zurück, wenn sie dem erwähleten Mann folgt;</span><br />
+<span class="line">Auch der Jüngling, er weiß nichts mehr von Mutter und Vater,</span><br />
+<span class="line">Wenn er das Mädchen sieht, das einziggeliebte, davonziehn.</span><br />
+<span class="line">Darum lasset mich gehn, wohin die Verzweiflung mich antreibt.</span><br />
+<span class="line">Denn mein Vater, er hat die entscheidenden Worte gesprochen,</span><br />
+<span class="line">Und sein Haus ist nicht mehr das meine, wenn er das Mädchen</span><br />
+<span class="line">Ausschließt, das ich allein nach Haus zu führen begehre.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte behend die gute verständige Mutter:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Stehen wie Felsen doch zwei Männer gegeneinander!</span><br />
+<span class="line">Unbewegt und stolz will keiner dem andern sich nähern,</span><br />
+<span class="line">Keiner zum guten Worte, dem ersten, die Zunge bewegen.</span><br />
+<span class="line">Darum sag ich dir, Sohn: noch lebt die Hoffnung in meinem</span><br />
+<span class="line">Herzen, daß er sie dir, wenn sie gut und brav ist, verlobe,</span><br />
+<span class="line">Obgleich arm, so entschieden er auch die Arme versagt hat.</span><br />
+<span class="line">Denn er redet gar manches in seiner heftigen Art aus,</span><br />
+<span class="line">Das er doch nicht vollbringt; so gibt er auch zu das Versagte.</span><br />
+<span class="line">Aber ein gutes Wort verlangt er und kann es verlangen;</span><br />
+<span class="line">Denn er ist Vater! Auch wissen wir wohl, sein Zorn ist nach Tische,</span><br />
+<span class="line">Wo er heftiger spricht und anderer Gründe bezweifelt,</span><br />
+<span class="line">Nie bedeutend; es reget der Wein dann jegliche Kraft auf</span><br />
+<span class="line">Seines heftigen Wollens und läßt ihn die Worte der andern</span><br />
+<span class="line">Nicht vernehmen, er hört und fühlt alleine sich selber.</span><br />
+<span class="line">Aber es kommt der Abend heran, und die vielen Gespräche</span><br />
+<span class="line">Sind nun zwischen ihm und seinen Freunden gewechselt.</span><br />
+<span class="line">Milder ist er fürwahr, ich weiß, wenn das Räuschchen vorbei ist</span><br />
+<span class="line">Und er das Unrecht fühlt, das er andern lebhaft erzeugte.</span><br />
+<span class="line">Komm! wir wagen es gleich; das Frischgewagte gerät nur,</span><br />
+<span class="line">Und wir bedürfen der Freunde, die jetzo bei ihm noch versammelt</span><br />
+<span class="line">Sitzen; besonders wird uns der würdige Geistliche helfen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach sie behende und zog, vom Steine sich hebend,</span><br />
+<span class="line">Auch vom Sitze den Sohn, den willig folgenden. Beide</span><br />
+<span class="line">Kamen schweigend herunter, den wichtigen Vorsatz bedenkend.</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Polyhymnia<br />
+
+Der Weltbürger</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Aber es saßen die drei noch immer sprechend zusammen,</span><br />
+<span class="line">Mit dem geistlichen Herrn der Apotheker beim Wirte,</span><br />
+<span class="line">Und es war das Gespräch noch immer ebendasselbe,</span><br />
+<span class="line">Das viel hin und her nach allen Seiten geführt ward.</span><br />
+<span class="line">Aber der treffliche Pfarrer versetzte, würdig gesinnt, drauf:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Widersprechen will ich Euch nicht. Ich weiß es, der Mensch soll</span><br />
+<span class="line">Immer streben zum Bessern; und, wie wir sehen, er strebt auch</span><br />
+<span class="line">Immer dem Höheren nach, zum wenigsten sucht er das Neue.</span><br />
+<span class="line">Aber geht nicht zu weit! Denn neben diesen Gefühlen</span><br />
+<span class="line">Gab die Natur uns auch die Lust zu verharren im Alten</span><br />
+<span class="line">Und sich dessen zu freun, was jeder lange gewohnt ist.</span><br />
+<span class="line">Aller Zustand ist gut, der natürlich ist und vernünftig.</span><br />
+<span class="line">Vieles wünscht sich der Mensch, und doch bedarf er nur wenig;</span><br />
+<span class="line">Denn die Tage sind kurz, und beschränkt der Sterblichen Schicksal.</span><br />
+<span class="line">Niemals tadl' ich den Mann, der immer, tätig und rastlos</span><br />
+<span class="line">Umgetrieben, das Meer und alle Straßen der Erde</span><br />
+<span class="line">Kühn und emsig befährt und sich des Gewinnes erfreuet,</span><br />
+<span class="line">Welcher sich reichlich um ihn und um die Seinen herum häuft;</span><br />
+<span class="line">Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Bürger,</span><br />
+<span class="line">Der sein väterlich Erbe mit stillen Schritten umgehet</span><br />
+<span class="line">Und die Erde besorgt, so wie es die Stunden gebieten.</span><br />
+<span class="line">Nicht verändert sich ihm in jedem Jahre der Boden,</span><br />
+<span class="line">Nicht streckt eilig der Baum, der neugepflanzte, die Arme</span><br />
+<span class="line">Gegen den Himmel aus, mit reichlichen Blüten gezieret.</span><br />
+<span class="line">Nein, der Mann bedarf der Geduld; er bedarf auch des reinen,</span><br />
+<span class="line">Immer gleichen, ruhigen Sinns und des graden Verstandes.</span><br />
+<span class="line">Denn nur wenige Samen vertraut er der nährenden Erde,</span><br />
+<span class="line">Wenige Tiere nur versteht er, mehrend, zu ziehen;</span><br />
+<span class="line">Denn das Nützliche bleibt allein sein ganzer Gedanke.</span><br />
+<span class="line">Glücklich, wem die Natur ein so gestimmtes Gemüt gab!</span><br />
+<span class="line">Er ernähret uns alle. Und Heil dem Bürger des kleinen</span><br />
+<span class="line">Städtchens, welcher ländlich Gewerb mit Bürgergewerb paart!</span><br />
+<span class="line">Auf ihm liegt nicht der Druck, der ängstlich den Landmann beschränket;</span><br />
+<span class="line">Ihn verwirrt nicht die Sorge der viel begehrenden Städter,</span><br />
+<span class="line">Die dem Reicheren stets und dem Höheren, wenig vermögend,</span><br />
+<span class="line">Nachzustreben gewohnt sind, besonders die Weiber und Mädchen.</span><br />
+<span class="line">Segnet immer darum des Sohnes ruhig Bemühen</span><br />
+<span class="line">Und die Gattin, die einst er, die gleichgesinnte, sich wählet.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach er. Es trat die Mutter zugleich mit dem Sohn ein,</span><br />
+<span class="line">Führend ihn bei der Hand und vor den Gatten ihn stellend.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Vater", sprach sie, &ldquo;wie oft gedachten wir, untereinander</span><br />
+<span class="line">Schwatzend, des fröhlichen Tags, der kommen würde, wenn künftig</span><br />
+<span class="line">Hermann, seine Braut sich erwählend, uns endlich erfreute!</span><br />
+<span class="line">Hin und wider dachten wir da; bald dieses, bald jenes</span><br />
+<span class="line">Mädchen bestimmten wir ihm mit elterlichem Geschwätze.</span><br />
+<span class="line">Nun ist er kommen, der Tag; nun hat die Braut ihm der Himmel</span><br />
+<span class="line">Hergeführt und gezeigt, es hat sein Herz nun entschieden.</span><br />
+<span class="line">Sagten wir damals nicht immer: er solle selber sich wählen?</span><br />
+<span class="line">Wünschtest du nicht noch vorhin, er möchte heiter und lebhaft</span><br />
+<span class="line">Für ein Mädchen empfinden? Nun ist die Stunde gekommen!</span><br />
+<span class="line">Ja, er hat gefühlt und gewählt und ist männlich entschieden.</span><br />
+<span class="line">Jenes Mädchen ist's, die Fremde, die ihm begegnet.</span><br />
+<span class="line">Gib sie ihm; oder er bleibt, so schwur er, im ledigen Stande.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es sagte der Sohn: &ldquo;Die gebt mir, Vater! Mein Herz hat</span><br />
+<span class="line">Rein und sicher gewählt; Euch ist sie die würdigste Tochter.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber der Vater schwieg. Da stand der Geistliche schnell auf,</span><br />
+<span class="line">Nahm das Wort und sprach: &ldquo;Der Augenblick nur entscheidet</span><br />
+<span class="line">Über das Leben des Menschen und über sein ganzes Geschicke;</span><br />
+<span class="line">Denn nach langer Beratung ist doch ein jeder Entschluß nur</span><br />
+<span class="line">Werk des Moments, es ergreift doch nur der Verständ'ge das Rechte.</span><br />
+<span class="line">Immer gefährlicher ist's, beim Wählen dieses und jenes</span><br />
+<span class="line">Nebenher zu bedenken und so das Gefühl zu verwirren.</span><br />
+<span class="line">Rein ist Hermann, ich kenn ihn von Jugend auf, und er streckte</span><br />
+<span class="line">Schon als Knabe die Hände nicht aus nach diesem und jenem.</span><br />
+<span class="line">Was er begehrte, das war ihm gemäß; so hielt er es fest auch.</span><br />
+<span class="line">Seid nicht scheu und verwundert, daß nun auf einmal erscheinet,</span><br />
+<span class="line">Was Ihr so lange gewünscht. Es hat die Erscheinung fürwahr nicht</span><br />
+<span class="line">Jetzt die Gestalt des Wunsches, so wie Ihr ihn etwa geheget.</span><br />
+<span class="line">Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte; die Gaben</span><br />
+<span class="line">Kommen von oben herab, in ihren eignen Gestalten.</span><br />
+<span class="line">Nun verkennet es nicht, das Mädchen, das Eurem geliebten,</span><br />
+<span class="line">Guten, verständigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat.</span><br />
+<span class="line">Glücklich ist der, dem sogleich die erste Geliebte die Hand reicht,</span><br />
+<span class="line">Dem der lieblichste Wunsch nicht heimlich im Herzen verschmachtet!</span><br />
+<span class="line">Ja, ich seh es ihm an, es ist sein Schicksal entschieden.</span><br />
+<span class="line">Wahre Neigung vollendet sogleich zum Manne den Jüngling.</span><br />
+<span class="line">Nicht beweglich ist er; ich fürchte, versagt Ihr ihm dieses,</span><br />
+<span class="line">Gehen die Jahre dahin, die schönsten, in traurigem Leben.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte sogleich der Apotheker bedächtig,</span><br />
+<span class="line">Dem schon lange das Wort von der Lippe zu springen bereit war:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Laßt uns auch diesmal doch nur die Mittelstraße betreten!</span><br />
+<span class="line">Eile mit Weile! das war selbst Kaiser Augustus' Devise.</span><br />
+<span class="line">Gerne schick ich mich an, den lieben Nachbarn zu dienen,</span><br />
+<span class="line">Meinen geringen Verstand zu ihrem Nutzen zu brauchen:</span><br />
+<span class="line">Und besonders bedarf die Jugend, daß man sie leite.</span><br />
+<span class="line">Laßt mich also hinaus; ich will es prüfen, das Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Will die Gemeinde befragen, in der sie lebt und bekannt ist.</span><br />
+<span class="line">Niemand betriegt mich so leicht; ich weiß die Worte zu schätzen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte sogleich der Sohn mit geflügelten Worten:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Tut es, Nachbar, und geht und erkundigt Euch. Aber ich wünsche,</span><br />
+<span class="line">Daß der Herr Pfarrer sich auch in Eurer Gesellschaft befinde;</span><br />
+<span class="line">Zwei so treffliche Männer sind unverwerfliche Zeugen.</span><br />
+<span class="line">Oh, mein Vater! sie ist nicht hergelaufen, das Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Keine, die durch das Land auf Abenteuer umherschweift,</span><br />
+<span class="line">Und den Jüngling bestrickt, den unerfahrnen, mit Ränken.</span><br />
+<span class="line">Nein; das wilde Geschick des allverderblichen Krieges,</span><br />
+<span class="line">Das die Welt zerstört und manches feste Gebäude</span><br />
+<span class="line">Schon aus dem Grunde gehoben, hat auch die Arme vertrieben.</span><br />
+<span class="line">Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Elend?</span><br />
+<span class="line">Fürsten fliehen vermummt, und Könige leben verbannet.</span><br />
+<span class="line">Ach, so ist auch sie, von ihren Schwestern die beste,</span><br />
+<span class="line">Aus dem Lande getrieben; ihr eignes Unglück vergessend,</span><br />
+<span class="line">Steht sie anderen bei, ist ohne Hülfe noch hülfreich.</span><br />
+<span class="line">Groß sind Jammer und Not, die über die Erde sich breiten;</span><br />
+<span class="line">Sollte nicht auch ein Glück aus diesem Unglück hervorgehn</span><br />
+<span class="line">Und ich, im Arme der Braut, der zuverlässigen Gattin,</span><br />
+<span class="line">Mich nicht erfreuen des Kriegs, so wie Ihr des Brandes Euch freutet?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte der Vater und tat bedeutend den Mund auf:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wie ist, o Sohn, dir die Zunge gelöst, die schon dir im Munde</span><br />
+<span class="line">Lange Jahre gestockt und nur sich dürftig bewegte!</span><br />
+<span class="line">Muß ich doch heut erfahren, was jedem Vater gedroht ist:</span><br />
+<span class="line">Daß den Willen des Sohns, den heftigen, gerne die Mutter</span><br />
+<span class="line">Allzu gelind begünstigt und jeder Nachbar Partei nimmt,</span><br />
+<span class="line">Wenn es über den Vater nun hergeht oder den Ehmann.</span><br />
+<span class="line">Aber ich will euch zusammen nicht widerstehen; was hülf' es?</span><br />
+<span class="line">Denn ich sehe doch schon hier Trotz und Tränen im voraus.</span><br />
+<span class="line">Gehet und prüfet und bringt in Gottes Namen die Tochter</span><br />
+<span class="line">Mir ins Haus; wo nicht, so mag er das Mädchen vergessen!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also der Vater. Es rief der Sohn mit froher Gebärde:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Noch vor Abend ist Euch die trefflichste Tochter bescheret,</span><br />
+<span class="line">Wie sie der Mann sich wünscht, dem ein kluger Sinn in der Brust lebt.</span><br />
+<span class="line">Glücklich ist die Gute dann auch, so darf ich es hoffen.</span><br />
+<span class="line">Ja, sie danket mir ewig, daß ich ihr Vater und Mutter</span><br />
+<span class="line">Wiedergegeben in Euch, so wie sie verständige Kinder</span><br />
+<span class="line">Wünschen. Aber ich zaudre nicht mehr; ich schirre die Pferde</span><br />
+<span class="line">Gleich und führe die Freunde hinaus auf die Spur der Geliebten,</span><br />
+<span class="line">Überlasse die Männer sich selbst und der eigenen Klugheit,</span><br />
+<span class="line">Richte, so schwör ich Euch zu, mich ganz nach ihrer Entscheidung,</span><br />
+<span class="line">Und ich seh es nicht wieder, als bis es mein ist, das Mädchen.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und so ging er hinaus, indessen manches die andern</span><br />
+<span class="line">Weislich erwogen und schnell die wichtige Sache besprachen.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die mutigen Hengste</span><br />
+<span class="line">Ruhig standen und rasch den reinen Hafer verzehrten</span><br />
+<span class="line">Und das trockene Heu, auf der besten Wiese gehauen.</span><br />
+<span class="line">Eilig legt' er ihnen darauf das blanke Gebiß an,</span><br />
+<span class="line">Zog die Riemen sogleich durch die schön versilberten Schnallen</span><br />
+<span class="line">Und befestigte dann die langen, breiteren Zügel,</span><br />
+<span class="line">Führte die Pferde heraus in den Hof, wo der willige Knecht schon</span><br />
+<span class="line">Vorgeschoben die Kutsche, sie leicht an der Deichsel bewegend.</span><br />
+<span class="line">Abgemessen knüpften sie drauf an die Waage mit saubern</span><br />
+<span class="line">Stricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde.</span><br />
+<span class="line">Hermann faßte die Peitsche; dann saß er und rollt' in den Torweg.</span><br />
+<span class="line">Als die Freunde nun gleich die geräumigen Plätze genommen,</span><br />
+<span class="line">Rollte der Wagen eilig und ließ das Pflaster zurücke,</span><br />
+<span class="line">Ließ zurück die Mauern der Stadt und die reinlichen Türme.</span><br />
+<span class="line">So fuhr Hermann dahin, der wohlbekannten Chaussee zu,</span><br />
+<span class="line">Rasch, und säumete nicht und fuhr bergan wie bergunter.</span><br />
+<span class="line">Als er aber nunmehr den Turm des Dorfes erblickte</span><br />
+<span class="line">Und nicht fern mehr lagen die gartenumgebenen Häuser,</span><br />
+<span class="line">Dacht' er bei sich selbst, nun anzuhalten die Pferde.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Von dem würdigen Dunkel erhabener Linden umschattet,</span><br />
+<span class="line">Die Jahrhunderte schon an dieser Stelle gewurzelt,</span><br />
+<span class="line">War mit Rasen bedeckt ein weiter grünender Anger</span><br />
+<span class="line">Vor dem Dorfe, den Bauern und nahen Städtern ein Lustort.</span><br />
+<span class="line">Flach gegraben befand sich unter den Bäumen ein Brunnen.</span><br />
+<span class="line">Stieg man die Stufen hinab, so zeigten sich steinerne Bänke,</span><br />
+<span class="line">Rings um die Quelle gesetzt, die immer lebendig hervorquoll,</span><br />
+<span class="line">Reinlich, mit niedriger Mauer gefaßt, zu schöpfen bequemlich.</span><br />
+<span class="line">Hermann aber beschloß, in diesem Schatten die Pferde</span><br />
+<span class="line">Mit dem Wagen zu halten. Er tat so und sagte die Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Steiget, Freunde, nun aus und geht, damit Ihr erfahret,</span><br />
+<span class="line">Ob das Mädchen auch wert der Hand sei, die ich ihr biete.</span><br />
+<span class="line">Zwar ich glaub es, und mir erzählt Ihr nichts Neues und Seltnes;</span><br />
+<span class="line">Hätt' ich allein zu tun, so ging' ich behend zu dem Dorf hin,</span><br />
+<span class="line">Und mit wenigen Worten entschiede die Gute mein Schicksal.</span><br />
+<span class="line">Und Ihr werdet sie bald vor allen andern erkennen;</span><br />
+<span class="line">Denn wohl schwerlich ist an Bildung ihr eine vergleichbar.</span><br />
+<span class="line">Aber ich geb Euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider:</span><br />
+<span class="line">Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen,</span><br />
+<span class="line">Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an;</span><br />
+<span class="line">Sauber hat sie den Saum des Hemdes zur Krause gefaltet,</span><br />
+<span class="line">Die ihr das Kinn umgibt, das runde, mit reinlicher Anmut;</span><br />
+<span class="line">Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund;</span><br />
+<span class="line">Stark sind vielmal die Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt;</span><br />
+<span class="line">Vielgefaltet und blau fängt unter dem Latze der Rock an</span><br />
+<span class="line">Und umschlägt ihr im Gehn die wohlgebildeten Knöchel.</span><br />
+<span class="line">Doch das will ich Euch sagen und noch mir ausdrücklich erbitten:</span><br />
+<span class="line">Redet nicht mit dem Mädchen, und laßt nicht merken die Absicht,</span><br />
+<span class="line">Sondern befraget die andern und hört, was sie alles erzählen.</span><br />
+<span class="line">Habt Ihr Nachricht genug, zu beruhigen Vater und Mutter,</span><br />
+<span class="line">Kehret zu mir dann zurück, und wir bedenken das Weitre.</span><br />
+<span class="line">Also dacht' ich mir's aus, den Weg her, den wir gefahren.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach er. Es gingen darauf die Freunde dem Dorf zu,</span><br />
+<span class="line">Wo in Gärten und Scheunen und Häusern die Menge von Menschen</span><br />
+<span class="line">Wimmelte, Karrn an Karrn die breite Straße dahin stand.</span><br />
+<span class="line">Männer versorgten das brüllende Vieh und die Pferd' an den Wagen,</span><br />
+<span class="line">Wäsche trockneten emsig auf allen Hecken die Weiber,</span><br />
+<span class="line">Und es ergötzten die Kinder sich plätschernd im Wasser des Baches.</span><br />
+<span class="line">Also durch die Wagen sich drängend, durch Menschen und Tiere,</span><br />
+<span class="line">Sahen sie rechts und links sich um, die gesendeten Späher,</span><br />
+<span class="line">Ob sie nicht etwa das Bild des bezeichneten Mädchens erblickten;</span><br />
+<span class="line">Aber keine von allen erschien die herrliche Jungfrau.</span><br />
+<span class="line">Stärker fanden sie bald das Gedränge. Da war um die Wagen</span><br />
+<span class="line">Streit der drohenden Männer, worein sich mischten die Weiber,</span><br />
+<span class="line">Schreiend. Da nahte sich schnell mit würdigen Schritten ein Alter,</span><br />
+<span class="line">Trat zu den Scheltenden hin; und sogleich verklang das Getöse,</span><br />
+<span class="line">Als er Ruhe gebot, und väterlich ernst sie bedrohte.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Hat uns", rief er, &ldquo;noch nicht das Unglück also gebändigt,</span><br />
+<span class="line">Daß wir endlich verstehn, uns untereinander zu dulden</span><br />
+<span class="line">Und zu vertragen, wenn auch nicht jeder die Handlungen abmißt?</span><br />
+<span class="line">Unverträglich fürwahr ist der Glückliche! Werden die Leiden</span><br />
+<span class="line">Endlich euch lehren, nicht mehr, wie sonst, mit dem Bruder zu hadern?</span><br />
+<span class="line">Gönnet einander den Platz auf fremdem Boden und teilet,</span><br />
+<span class="line">Was ihr habet, zusammen, damit ihr Barmherzigkeit findet!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sagte der Mann, und alle schwiegen; verträglich</span><br />
+<span class="line">Ordneten Vieh und Wagen die wieder besänftigten Menschen.</span><br />
+<span class="line">Als der Geistliche nun die Rede des Mannes vernommen</span><br />
+<span class="line">Und den ruhigen Sinn des fremden Richters entdeckte,</span><br />
+<span class="line">Trat er an ihn heran und sprach die bedeutenden Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Vater, fürwahr! wenn das Volk in glücklichen Tagen dahinlebt,</span><br />
+<span class="line">Von der Erde sich nährend, die weit und breit sich auftut</span><br />
+<span class="line">Und die erwünschten Gaben in Jahren und Monden erneuert,</span><br />
+<span class="line">Da geht alles von selbst, und jeder ist sich der Klügste</span><br />
+<span class="line">Wie der Beste; und so bestehen sie nebeneinander,</span><br />
+<span class="line">Und der vernünftigste Mann ist wie ein andrer gehalten:</span><br />
+<span class="line">Denn was alles geschieht, geht still, wie von selber, den Gang fort.</span><br />
+<span class="line">Aber zerrüttet die Not die gewöhnlichen Wege des Lebens,</span><br />
+<span class="line">Reißt das Gebäude nieder und wühlet Garten und Saat um,</span><br />
+<span class="line">Treibt den Mann und das Weib vom Raume der traulichen Wohnung,</span><br />
+<span class="line">Schleppt in die Irre sie fort, durch ängstliche Tage und Nächte:</span><br />
+<span class="line">Ach! da sieht man sich um, wer wohl der verständigste Mann sei,</span><br />
+<span class="line">Und er redet nicht mehr die herrlichen Worte vergebens.</span><br />
+<span class="line">Sagt mir, Vater, Ihr seid gewiß der Richter von diesen</span><br />
+<span class="line">Flüchtigen Männern, der Ihr sogleich die Gemüter beruhigt?</span><br />
+<span class="line">Ja, Ihr erscheint mir heut als einer der ältesten Führer,</span><br />
+<span class="line">Die durch Wüsten und Irren vertriebene Völker geleitet.</span><br />
+<span class="line">Denk ich doch eben, ich rede mit Josua oder mit Moses.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es versetzte darauf mit ernstem Blicke der Richter:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wahrlich, unsere Zeit vergleicht sich den seltensten Zeiten,</span><br />
+<span class="line">Die die Geschichte bemerkt, die heilige wie die gemeine.</span><br />
+<span class="line">Denn wer gestern und heut in diesen Tagen gelebt hat,</span><br />
+<span class="line">Hat schon Jahre gelebt: so drängen sich alle Geschichten.</span><br />
+<span class="line">Denk ich ein wenig zurück, so scheint mir ein graues Alter</span><br />
+<span class="line">Auf dem Haupte zu liegen, und doch ist die Kraft noch lebendig.</span><br />
+<span class="line">Oh, wir anderen dürfen uns wohl mit jenen vergleichen,</span><br />
+<span class="line">Denen in ernster Stund' erschien im feurigen Busche</span><br />
+<span class="line">Gott der Herr; auch uns erschien er in Wolken und Feuer.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Als nun der Pfarrer darauf noch weiter zu sprechen geneigt war</span><br />
+<span class="line">Und das Schicksal des Manns und der Seinen zu hören verlangte,</span><br />
+<span class="line">Sagte behend der Gefährte mit heimlichen Worten ins Ohr ihm:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sprecht mit dem Richter nur fort und bringt das Gespräch auf das Mädchen.</span><br />
+<span class="line">Aber ich gehe herum, sie aufzusuchen, und komme</span><br />
+<span class="line">Wieder, sobald ich sie finde.&rdquo; Es nickte der Pfarrer dagegen,</span><br />
+<span class="line">Und durch die Hecken und Gärten und Scheunen suchte der Späher.</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Klio<br />
+
+Das Zeitalter</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Als nun der geistliche Herr den fremden Richter befragte,</span><br />
+<span class="line">Was die Gemeine gelitten, wie lang sie von Hause vertrieben,</span><br />
+<span class="line">Sagte der Mann darauf: &ldquo;Nicht kurz sind unsere Leiden;</span><br />
+<span class="line">Denn wir haben das Bittre der sämtlichen Jahre getrunken,</span><br />
+<span class="line">Schrecklicher, weil auch uns die schönste Hoffnung zerstört ward.</span><br />
+<span class="line">Denn wer leugnet es wohl, daß hoch sich das Herz ihm erhoben,</span><br />
+<span class="line">Ihm die freiere Brust mit reineren Pulsen geschlagen,</span><br />
+<span class="line">Als sich der erste Glanz der neuen Sonne heranhob,</span><br />
+<span class="line">Als man hörte vom Rechte der Menschen, das allen gemein sei,</span><br />
+<span class="line">Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit!</span><br />
+<span class="line">Damals hoffte jeder sich selbst zu leben; es schien sich</span><br />
+<span class="line">Aufzulösen das Band, das viele Länder umstrickte,</span><br />
+<span class="line">Das der Müßiggang und der Eigennutz in der Hand hielt.</span><br />
+<span class="line">Schauten nicht alle Völker in jenen drängenden Tagen</span><br />
+<span class="line">Nach der Hauptstadt der Welt, die es schon so lange gewesen</span><br />
+<span class="line">Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente?</span><br />
+<span class="line">Waren nicht jener Männer, der ersten Verkünder der Botschaft,</span><br />
+<span class="line">Namen den höchsten gleich, die unter die Sterne gesetzt sind?</span><br />
+<span class="line">Wuchs nicht jeglichem Menschen der Mut und der Geist und die Sprache?</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und wir waren zuerst, als Nachbarn, lebhaft entzündet.</span><br />
+<span class="line">Drauf begann der Krieg, und die Züge bewaffneter Franken</span><br />
+<span class="line">Rückten näher; allein sie schienen nur Freundschaft zu bringen.</span><br />
+<span class="line">Und die brachten sie auch: denn ihnen erhöht war die Seele</span><br />
+<span class="line">Allen; sie pflanzten mit Lust die munteren Bäume der Freiheit,</span><br />
+<span class="line">Jedem das Seine versprechend, und jedem die eigne Regierung.</span><br />
+<span class="line">Hoch erfreute sich da die Jugend, sich freute das Alter,</span><br />
+<span class="line">Und der muntere Tanz begann um die neue Standarte.</span><br />
+<span class="line">So gewannen sie bald, die überwiegenden Franken,</span><br />
+<span class="line">Erst der Männer Geist, mit feurigem munterm Beginnen,</span><br />
+<span class="line">Dann die Herzen der Weiber, mit unwiderstehlicher Anmut.</span><br />
+<span class="line">Leicht selbst schien uns der Druck des vielbedürfenden Krieges;</span><br />
+<span class="line">Denn die Hoffnung umschwebte vor unsern Augen die Ferne,</span><br />
+<span class="line">Lockte die Blicke hinaus in neueröffnete Bahnen.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Oh, wie froh ist die Zeit, wenn mit der Braut sich der Bräut'gam</span><br />
+<span class="line">Schwinget im Tanze, den Tag der gewünschten Verbindung erwartend!</span><br />
+<span class="line">Aber herrlicher war die Zeit, in der uns das Höchste,</span><br />
+<span class="line">Was der Mensch sich denkt, als nah und erreichbar sich zeigte.</span><br />
+<span class="line">Da war jedem die Zunge gelöst; es sprachen die Greise,</span><br />
+<span class="line">Männer und Jünglinge laut voll hohen Sinns und Gefühles.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber der Himmel trübte sich bald. Um den Vorteil der Herrschaft</span><br />
+<span class="line">Stritt ein verderbtes Geschlecht, unwürdig, das Gute zu schaffen.</span><br />
+<span class="line">Sie ermordeten sich und unterdrückten die neuen</span><br />
+<span class="line">Nachbarn und Brüder und sandten die eigennützige Menge.</span><br />
+<span class="line">Und es praßten bei uns die Obern und raubten im großen,</span><br />
+<span class="line">Und es raubten und praßten bis zu dem Kleinsten die Kleinen;</span><br />
+<span class="line">Jeder schien nur besorgt, es bleibe was übrig für morgen.</span><br />
+<span class="line">Allzu groß war die Not, und täglich wuchs die Bedrückung;</span><br />
+<span class="line">Niemand vernahm das Geschrei, sie waren die Herren des Tages.</span><br />
+<span class="line">Da fiel Kummer und Wut auch selbst ein gelaßnes Gemüt an,</span><br />
+<span class="line">Jeder sann nur und schwur, die Beleidigung alle zu rächen</span><br />
+<span class="line">Und den bittern Verlust der doppelt betrogenen Hoffnung.</span><br />
+<span class="line">Und es wendete sich das Glück auf die Seite der Deutschen,</span><br />
+<span class="line">Und der Franke floh mit eiligen Märschen zurücke.</span><br />
+<span class="line">Ach, da fühlten wir erst das traurige Schicksal des Krieges!</span><br />
+<span class="line">Denn der Sieger ist groß und gut; zum wenigsten scheint er's,</span><br />
+<span class="line">Und er schonet den Mann, den besiegten, als wär' er der seine,</span><br />
+<span class="line">Wenn er ihm täglich nützt und mit den Gütern ihm dienet.</span><br />
+<span class="line">Aber der Flüchtige kennt kein Gesetz; denn er wehrt nur den Tod ab</span><br />
+<span class="line">Und verzehret nur schnell und ohne Rücksicht die Güter.</span><br />
+<span class="line">Dann ist sein Gemüt auch erhitzt, und es kehrt die Verzweiflung</span><br />
+<span class="line">Aus dem Herzen hervor das frevelhafte Beginnen.</span><br />
+<span class="line">Nichts ist heilig ihm mehr; er raubt es. Die wilde Begierde</span><br />
+<span class="line">Dringt mit Gewalt auf das Weib und macht die Lust zum Entsetzen.</span><br />
+<span class="line">Überall sieht er den Tod und genießt die letzten Minuten</span><br />
+<span class="line">Grausam, freut sich des Bluts und freut sich des heulenden Jammers.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Grimmig erhob sich darauf in unsern Männern die Wut nun,</span><br />
+<span class="line">Das Verlorne zu rächen und zu verteid'gen die Reste.</span><br />
+<span class="line">Alles ergriff die Waffen, gelockt von der Eile des Flüchtlings</span><br />
+<span class="line">Und vom blassen Gesicht und scheu unsicheren Blicke.</span><br />
+<span class="line">Rastlos nun erklang das Getön der stürmenden Glocke,</span><br />
+<span class="line">Und die künft'ge Gefahr hielt nicht die grimmige Wut auf.</span><br />
+<span class="line">Schnell verwandelte sich des Feldbaus friedliche Rüstung</span><br />
+<span class="line">Nun in Wehre; da troff von Blute Gabel und Sense.</span><br />
+<span class="line">Ohne Begnadigung fiel der Feind und ohne Verschonung;</span><br />
+<span class="line">Überall raste die Wut und die feige, tückische Schwäche.</span><br />
+<span class="line">Möcht' ich den Menschen doch nie in dieser schnöden Verirrung</span><br />
+<span class="line">Wieder sehn! Das wütende Tier ist ein besserer Anblick.</span><br />
+<span class="line">Sprech' er doch nie von Freiheit, als könn' er sich selber regieren!</span><br />
+<span class="line">Losgebunden erscheint, sobald die Schranken hinweg sind,</span><br />
+<span class="line">Alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurücktrieb.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Trefflicher Mann!&rdquo; versetzte darauf der Pfarrer mit Nachdruck,</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wenn ihr den Menschen verkennt, so kann ich Euch darum nicht schelten;</span><br />
+<span class="line">Habt Ihr doch Böses genug erlitten vorn wüsten Beginnen!</span><br />
+<span class="line">Wolltet Ihr aber zurück die traurigen Tage durchschauen,</span><br />
+<span class="line">Würdet Ihr selber gestehen, wie oft Ihr auch Gutes erblicktet.</span><br />
+<span class="line">Manches Treffliche, das verborgen bleibt in dem Herzen,</span><br />
+<span class="line">Regt die Gefahr es nicht auf, und drängt die Not nicht den Menschen,</span><br />
+<span class="line">Daß er als Engel sich zeig', erscheine den andern ein Schutzgott.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Lächelnd versetzte darauf der alte würdige Richter.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Ihr erinnert mich klug, wie oft nach dem Brande des Hauses</span><br />
+<span class="line">Man den betrübten Besitzer an Gold und Silber erinnert,</span><br />
+<span class="line">Das geschmolzen im Schutt nun überblieben zerstreut liegt.</span><br />
+<span class="line">Wenig ist es fürwahr, doch auch das wenige köstlich;</span><br />
+<span class="line">Und der Verarmte gräbet ihm nach und freut sich des Fundes.</span><br />
+<span class="line">Und so kehr ich auch gern die heitern Gedanken zu jenen</span><br />
+<span class="line">Wenigen guten Taten, die aufbewahrt das Gedächtnis.</span><br />
+<span class="line">Ja, ich will es nicht leugnen, ich sah sich Feinde versöhnen,</span><br />
+<span class="line">Um die Stadt vom Übel zu retten; ich sah auch der Freunde,</span><br />
+<span class="line">Sah der Eltern Lieb' und der Kinder Unmögliches wagen;</span><br />
+<span class="line">Sah, wie der Jüngling auf einmal zum Mann ward, sah, wie der Greis sich</span><br />
+<span class="line">Wieder verjüngte, das Kind sich selbst als Jüngling enthüllte.</span><br />
+<span class="line">Ja, und das schwache Geschlecht, so wie es gewöhnlich genannt wird,</span><br />
+<span class="line">Zeigte sich tapfer und mächtig und gegenwärtigen Geistes.</span><br />
+<span class="line">Und so laßt mich vor allen der schönen Tat noch erwähnen,</span><br />
+<span class="line">Die hochherzig ein Mädchen vollbrachte, die treffliche Jungfrau,</span><br />
+<span class="line">Die auf dem großen Gehöft allein mit den Mädchen zurückblieb;</span><br />
+<span class="line">Denn es waren die Männer auch gegen die Fremden gezogen.</span><br />
+<span class="line">Da überfiel den Hof ein Trupp verlaufnen Gesindels,</span><br />
+<span class="line">Plündernd, und drängte sogleich sich in die Zimmer der Frauen.</span><br />
+<span class="line">Sie erblickten das Bild der schön erwachsenen Jungfrau</span><br />
+<span class="line">Und die lieblichen Mädchen, noch eher Kinder zu heißen.</span><br />
+<span class="line">Da ergriff sie wilde Begier, sie stürmten gefühllos</span><br />
+<span class="line">Auf die zitternde Schar und aufs hochherzige Mädchen.</span><br />
+<span class="line">Aber sie riß dem einen sogleich von der Seite den Säbel,</span><br />
+<span class="line">Hieb ihn nieder gewaltig; er stürzt' ihr blutend zu Füßen.</span><br />
+<span class="line">Dann mit männlichen Streichen befreite sie tapfer die Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Traf noch viere der Räuber; doch die entflohen dem Tode.</span><br />
+<span class="line">Dann verschloß sie den Hof und harrte der Hülfe, bewaffnet.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Als der Geistliche nun das Lob des Mädchens vernommen,</span><br />
+<span class="line">Stieg die Hoffnung sogleich für seinen Freund im Gemüt auf,</span><br />
+<span class="line">Und er war im Begriff, zu fragen, wohin sie geraten?</span><br />
+<span class="line">Ob auf der traurigen Flucht sie nun mit dem Volk sich befinde?</span><br />
+<span class="line">Aber da trat herbei der Apotheker behende,</span><br />
+<span class="line">Zupfte den geistlichen Herrn und sagte die wispernden Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Hab ich doch endlich das Mädchen aus vielen hundert gefunden,</span><br />
+<span class="line">Nach der Beschreibung! So kommt und sehet sie selber mit Augen;</span><br />
+<span class="line">Nehmet den Richter mit Euch, damit wir das Weitere hören!&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und sie kehrten sich um, und weg war gerufen der Richter</span><br />
+<span class="line">Von den Seinen, die ihn, bedürftig des Rates, verlangten.</span><br />
+<span class="line">Doch es folgte sogleich dem Apotheker der Pfarrherr</span><br />
+<span class="line">An die Lücke des Zauns, und jener deutete listig.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Seht Ihr", sagt' er, &ldquo;das Mädchen? Sie hat die Puppe gewickelt,</span><br />
+<span class="line">Und ich erkenne genau den alten Kattun und den blauen</span><br />
+<span class="line">Kissenüberzug wohl, den ihr Hermann im Bündel gebracht hat.</span><br />
+<span class="line">Sie verwendete schnell, fürwahr, und gut die Geschenke.</span><br />
+<span class="line">Diese sind deutliche Zeichen, es treffen die übrigen alle;</span><br />
+<span class="line">Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen,</span><br />
+<span class="line">Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an;</span><br />
+<span class="line">Sauber ist der Saum des Hemdes zur Krause gefaltet</span><br />
+<span class="line">Und umgibt ihr das Kinn, das runde, mit reinlicher Anmut;</span><br />
+<span class="line">Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund,</span><br />
+<span class="line">Und die starken Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt;</span><br />
+<span class="line">Sitzt sie gleich, so sehen wir doch die treffliche Größe</span><br />
+<span class="line">Und den blauen Rock, der, vielgefaltet, vom Busen</span><br />
+<span class="line">Reichlich herunterwallt zum wohlgebildeten Knöchel.</span><br />
+<span class="line">Ohne Zweifel, sie ist's. Drum kommet, damit wir vernehmen,</span><br />
+<span class="line">Ob sie gut und tugendhaft sei, ein häusliches Mädchen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte der Pfarrer, mit Blicken die Sitzende prüfend:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Daß sie den Jüngling entzückt, fürwahr, es ist mir kein Wunder,</span><br />
+<span class="line">Denn sie hält vor dem Blick des erfahrenen Mannes die Probe.</span><br />
+<span class="line">Glücklich, wem doch Mutter Natur die rechte Gestalt gab!</span><br />
+<span class="line">Denn sie empfiehlst ihn stets, und nirgends ist er ein Fremdling.</span><br />
+<span class="line">Jeder nahet sich gern, und jeder möchte verweilen,</span><br />
+<span class="line">Wenn die Gefälligkeit nur sich zu der Gestalt noch gesellet.</span><br />
+<span class="line">Ich versichr' Euch, es ist dem Jüngling ein Mädchen gefunden,</span><br />
+<span class="line">Das ihm die künftigen Tage des Lebens herrlich erheitert,</span><br />
+<span class="line">Treu mit weiblicher Kraft durch alle Zeiten ihm beisteht.</span><br />
+<span class="line">So ein vollkommener Körper gewiß verwahrt auch die Seele</span><br />
+<span class="line">Rein, und die rüstige Jugend verspricht ein glückliches Alter.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es sagte darauf der Apotheker bedenklich:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Trüget doch öfter der Schein! Ich mag dem Äußern nicht trauen,</span><br />
+<span class="line">Denn ich habe das Sprichwort so oft erprobet gefunden:</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Eh' du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret,</span><br />
+<span class="line">Darfst du nicht leichtlich ihm trauen; dich macht die Zeit nur gewisser,</span><br />
+<span class="line">Wie du es habest mit ihm und wie die Freundschaft bestehe.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Lasset uns also zuerst bei guten Leuten uns umtun,</span><br />
+<span class="line">Denen das Mädchen bekannt ist und die uns von ihr nun erzählen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Auch ich lobe die Vorsicht", versetzte der Geistliche folgend;</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Frein wir doch nicht für uns! Für andere frein ist bedenklich.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und sie gingen darauf dem wackern Richter entgegen,</span><br />
+<span class="line">Der in seinen Geschäften die Straße wieder heraufkam.</span><br />
+<span class="line">Und zu ihm sprach sogleich der kluge Pfarrer mit Vorsicht:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sagt! wir haben ein Mädchen gesehn, das im Garten zunächst hier</span><br />
+<span class="line">Unter dem Apfelbaum sitzt und Kindern Kleider verfertigt</span><br />
+<span class="line">Aus getragnem Kattun, der ihr vermutlich geschenkt ward.</span><br />
+<span class="line">Uns gefiel die Gestalt, sie scheint der Wackeren eine.</span><br />
+<span class="line">Saget uns, was Ihr wißt; wir fragen aus löblicher Absicht.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Als, in den Garten zu blicken, der Richter sogleich nun herzutrat,</span><br />
+<span class="line">Sagt' er: &ldquo;Diese kennet Ihr schon; denn wenn ich erzählte</span><br />
+<span class="line">Von der herrlichen Tat, die jene Jungfrau verrichtet,</span><br />
+<span class="line">Als sie das Schwert ergriff und sich und die Ihren beschützte &mdash;</span><br />
+<span class="line">Diese war's! Ihr seht es ihr an, sie ist rüstig geboren,</span><br />
+<span class="line">Aber so gut wie stark; denn ihren alten Verwandten</span><br />
+<span class="line">Pflegte sie bis zum Tode, da ihn der Jammer dahinriß</span><br />
+<span class="line">Über des Städtchens Not und seiner Besitzung Gefahren.</span><br />
+<span class="line">Auch, mit stillem Gemüt, hat sie die Schmerzen ertragen</span><br />
+<span class="line">Über des Bräutigams Tod, der, ein edler Jüngling, im ersten</span><br />
+<span class="line">Feuer des hohen Gedankens nach edler Freiheit zu streben,</span><br />
+<span class="line">Selbst hinging nach Paris und bald den schrecklichen Tod fand;</span><br />
+<span class="line">Denn wie zu Hause, so dort, bestritt er Willkür und Ränke.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Also sagte der Richter. Die beiden schieden und dankten,</span><br />
+<span class="line">Und der Geistliche zog ein Goldstück (das Silber des Beutels</span><br />
+<span class="line">War vor einigen Stunden von ihm schon milde verspendet,</span><br />
+<span class="line">Als er die Flüchtlinge sah in traurigen Haufen vorbeiziehn),</span><br />
+<span class="line">Und er reicht' es dem Schulzen und sagte: &ldquo;Teilet den Pfennig</span><br />
+<span class="line">Unter die Dürftigen aus, und Gott vermehre die Gabe!&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Doch es weigerte sich der Mann und sagte: &ldquo;Wir haben</span><br />
+<span class="line">Manchen Taler gerettet und manche Kleider und Sachen,</span><br />
+<span class="line">Und ich hoffe, wir kehren zurück, noch eh es verzehrt ist.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte der Pfarrer und drückt' ihm das Geld in die Hand ein:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Niemand säume zu geben in diesen Tagen, und niemand</span><br />
+<span class="line">Weigre sich anzunehmen, was ihm die Milde geboten!</span><br />
+<span class="line">Niemand weiß, wie lang er es hat, was er ruhig besitzet;</span><br />
+<span class="line">Niemand, wie lang er noch in fremden Landen umherzieht</span><br />
+<span class="line">Und des Ackers entbehrt und des Gartens, der ihn ernähret.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Ei doch!&rdquo; sagte darauf der Apotheker geschäftig,</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wäre mir jetzt nur Geld in der Tasche, so solltet Ihr's haben,</span><br />
+<span class="line">Groß wie klein; denn viele gewiß der Euren bedürfen's.</span><br />
+<span class="line">Unbeschenkt doch laß ich Euch nicht, damit Ihr den Willen</span><br />
+<span class="line">Sehet, woferne die Tat auch hinter dem Willen zurückbleibt.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Also sprach er und zog den gestickten ledernen Beutel</span><br />
+<span class="line">An den Riemen hervor, worin der Tobak ihm verwahrt war,</span><br />
+<span class="line">Öffnete zierlich und teilte; da fanden sich einige Pfeifen.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Klein ist die Gabe", setzt' er dazu. Da sagte der Schultheiß.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Guter Tobak ist doch dem Reisenden immer willkommen.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und es lobte darauf der Apotheker den Knaster.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber der Pfarrherr zog ihn hinweg, und sie schieden vom Richter.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Eilen wir!&rdquo; sprach der verständige Mann; &ldquo;es wartet der Jüngling</span><br />
+<span class="line">Peinlich. Er höre so schnell als möglich die fröhliche Botschaft.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und sie eilten und kamen und fanden den Jüngling gelehnet</span><br />
+<span class="line">An den Wagen unter den Linden. Die Pferde zerstampften</span><br />
+<span class="line">Wild den Rasen; er hielt sie im Zaum und stand in Gedanken,</span><br />
+<span class="line">Blickte still vor sich hin und sah die Freunde nicht eher,</span><br />
+<span class="line">Bis sie kommend ihn riefen und fröhliche Zeichen ihm gaben.</span><br />
+<span class="line">Schon von ferne begann der Apotheker zu sprechen;</span><br />
+<span class="line">Doch sie traten näher hinzu. Da faßte der Pfarrherr</span><br />
+<span class="line">Seine Hand und sprach und nahm dem Gefährten das Wort weg:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Heil dir, junger Mann! dein treues Auge, dein treues</span><br />
+<span class="line">Herz hat richtig gewählt! Glück dir und dem Weibe der Jugend!</span><br />
+<span class="line">Deiner ist sie wert; drum komm und wende den Wagen,</span><br />
+<span class="line">Daß wir fahrend sogleich die Ecke des Dorfes erreichen,</span><br />
+<span class="line">Um sie werben und bald nach Hause führen die Gute.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber der Jüngling stand, und ohne Zeichen der Freude</span><br />
+<span class="line">Hört' er die Worte des Boten, die himmlisch waren und tröstlich,</span><br />
+<span class="line">Seufzete tief und sprach: &ldquo;Wir kamen mit eilendem Fuhrwerk,</span><br />
+<span class="line">Und wir ziehen vielleicht beschämt und langsam nach Hause;</span><br />
+<span class="line">Denn hier hat mich, seitdem ich warte, die Sorge befallen,</span><br />
+<span class="line">Argwohn und Zweifel und alles, was nur ein liebendes Herz kränkt.</span><br />
+<span class="line">Glaubt Ihr, wenn wir nur kommen, so werde das Mädchen uns folgen,</span><br />
+<span class="line">Weil wir reich sind, aber sie arm und vertrieben einherzieht?</span><br />
+<span class="line">Armut selbst macht stolz, die unverdiente. Genügsam</span><br />
+<span class="line">Scheint das Mädchen und tätig; und so gehört ihr die Welt an.</span><br />
+<span class="line">Glaubt Ihr, es sei ein Weib von solcher Schönheit und Sitte</span><br />
+<span class="line">Aufgewachsen, um nie den guten Jüngling zu reizen?</span><br />
+<span class="line">Glaubt Ihr, sie habe bis jetzt ihr Herz verschlossen der Liebe?</span><br />
+<span class="line">Fahret nicht rasch bis hinan; wir möchten zu unsrer Beschämung</span><br />
+<span class="line">Sachte die Pferde herum nach Hause lenken. Ich fürchte,</span><br />
+<span class="line">Irgendein Jüngling besitzt dies Herz, und die wackere Hand hat</span><br />
+<span class="line">Eingeschlagen und schon dem Glücklichen Treue versprochen.</span><br />
+<span class="line">Ach! da steh ich vor ihr mit meinem Antrag beschämet.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Ihn zu trösten, öffnete drauf der Pfarrer den Mund schon;</span><br />
+<span class="line">Doch es fiel der Gefährte mit seiner gesprächigen Art ein:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Freilich! so wären wir nicht vorzeiten verlegen gewesen,</span><br />
+<span class="line">Da ein jedes Geschäft nach seiner Weise vollbracht ward.</span><br />
+<span class="line">Hatten die Eltern die Braut für ihren Sohn sich ersehen,</span><br />
+<span class="line">Ward zuvörderst ein Freund vom Hause vertraulich gerufen;</span><br />
+<span class="line">Diesen sandte man dann als Freiersmann zu den Eltern</span><br />
+<span class="line">Der erkorenen Braut, der dann in stattlichem Putze</span><br />
+<span class="line">Sonntags etwa nach Tische den würdigen Bürger besuchte,</span><br />
+<span class="line">Freundliche Worte mit ihm im allgemeinen zuvörderst</span><br />
+<span class="line">Wechselnd und klug das Gespräch zu lenken und wenden verstehend.</span><br />
+<span class="line">Endlich nach langem Umschweif ward auch der Tochter erwähnet,</span><br />
+<span class="line">Rühmlich, und rühmlich des Manns und des Hauses, von dem man gesandt war.</span><br />
+<span class="line">Kluge Leute merkten die Absicht; der kluge Gesandte</span><br />
+<span class="line">Merkte den Willen gar bald und konnte sich weiter erklären.</span><br />
+<span class="line">Lehnte den Antrag man ab, so war auch ein Korb nicht verdrießlich.</span><br />
+<span class="line">Aber gelang es denn auch, so war der Freiersmann immer</span><br />
+<span class="line">In dem Hause der Erste bei jedem häuslichen Feste;</span><br />
+<span class="line">Denn es erinnerte sich durchs ganze Leben das Ehpaar,</span><br />
+<span class="line">Daß die geschickte Hand den ersten Knoten geschlungen.</span><br />
+<span class="line">Jetzt ist aber das alles mit andern guten Gebräuchen</span><br />
+<span class="line">Aus der Mode gekommen, und jeder freit für sich selber.</span><br />
+<span class="line">Nehme denn jeglicher auch den Korb mit eigenen Händen,</span><br />
+<span class="line">Der ihm etwa beschert ist, und stehe beschämt vor dem Mädchen!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Sei es, wie ihm auch sei!&rdquo; versetzte der Jüngling, der kaum auf</span><br />
+<span class="line">Alle die Worte gehört und schon sich im stillen entschlossen;</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Selber geh ich und will mein Schicksal selber erfahren</span><br />
+<span class="line">Aus dem Munde des Mädchens, zu dem ich das größte Vertrauen</span><br />
+<span class="line">Hege, das irgendein Mensch nur je zu dem Weibe gehegt hat.</span><br />
+<span class="line">Was sie sagt, das ist gut, es ist vernünftig, das weiß ich.</span><br />
+<span class="line">Soll ich sie auch zum letztenmal sehn, so will ich noch einmal</span><br />
+<span class="line">Diesem offenen Blick des schwarzen Auges begegnen;</span><br />
+<span class="line">Drück ich sie nie an das Herz, so will ich die Brust und die Schultern</span><br />
+<span class="line">Einmal noch sehn, die mein Arm so sehr zu umschließen begehret;</span><br />
+<span class="line">Will den Mund noch sehen, von dem ein Kuß und das Ja mich</span><br />
+<span class="line">Glücklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstöret.</span><br />
+<span class="line">Aber laßt mich allein! Ihr sollt nicht warten. Begebet</span><br />
+<span class="line">Euch zu Vater und Mutter zurück, damit sie erfahren,</span><br />
+<span class="line">Daß sich der Sohn nicht geirrt, und daß es wert ist das Mädchen.</span><br />
+<span class="line">Und so laßt mich allein! Den Fußweg über den Hügel</span><br />
+<span class="line">An dem Birnbaum hin und unsern Weinberg hinunter</span><br />
+<span class="line">Geh ich näher nach Hause zurück. Oh, daß ich die Traute</span><br />
+<span class="line">Freudig und schnell heimführte! Vielleicht auch schleich ich alleine</span><br />
+<span class="line">Jene Pfade nach Haus und betrete froh sie nicht wieder.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach er und gab dem geistlichen Herrn die Zügel,</span><br />
+<span class="line">Der verständig sie faßte, die schäumenden Rosse beherrschend,</span><br />
+<span class="line">Schnell den Wagen bestieg und den Sitz des Führers besetzte.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Gerne vertrau ich, mein Freund, Euch Seel' und Geist und Gemüt an;</span><br />
+<span class="line">Aber Leib und Gebein ist nicht zum besten verwahret,</span><br />
+<span class="line">Wenn die geistliche Hand der weltlichen Zügel sich anmaßt.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Doch du lächeltest drauf, verständiger Pfarrer, und sagtest:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sitzet nur ein, und getrost vertraut mir den Leib, wie die Seele;</span><br />
+<span class="line">Denn geschickt ist die Hand schon lange, den Zügel zu führen,</span><br />
+<span class="line">Und das Auge geübt, die künstlichste Wendung zu treffen.</span><br />
+<span class="line">Denn wir waren in Straßburg gewohnt, den Wagen zu lenken,</span><br />
+<span class="line">Als ich den jungen Baron dahin begleitete; täglich</span><br />
+<span class="line">Rollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Tor durch,</span><br />
+<span class="line">Staubige Wege hinaus, bis fern zu den Auen und Linden,</span><br />
+<span class="line">Mitten durch Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Halb getröstet bestieg darauf der Nachbar den Wagen,</span><br />
+<span class="line">Saß wie einer, der sich zum weislichen Sprunge bereitet;</span><br />
+<span class="line">Und die Hengste rannten nach Hause, begierig des Stalles.</span><br />
+<span class="line">Aber die Wolke des Staubs quoll unter den mächtigen Hufen.</span><br />
+<span class="line">Lange noch stand der Jüngling und sah den Staub sich erheben,</span><br />
+<span class="line">Sah den Staub sich zerstreun; so stand er ohne Gedanken.</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Erato<br />
+
+Dorothea</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne</span><br />
+<span class="line">Sie noch einmal ins Auge, die schnell verschwindende, faßte,</span><br />
+<span class="line">Dann im dunkeln Gebüsch und an der Seite des Felsens</span><br />
+<span class="line">Schweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet,</span><br />
+<span class="line">Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben:</span><br />
+<span class="line">So bewegte vor Hermann die liebliche Bildung des Mädchens</span><br />
+<span class="line">Sanft sich vorbei und schien dem Pfad ins Getreide zu folgen.</span><br />
+<span class="line">Aber er fuhr aus dem staunenden Traum auf, wendete langsam</span><br />
+<span class="line">Nach dem Dorfe sich zu und staunte wieder; denn wieder</span><br />
+<span class="line">Kam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Mädchens entgegen.</span><br />
+<span class="line">Fest betrachtet' er sie; es war kein Scheinbild, sie war es</span><br />
+<span class="line">Selber. Den größeren Krug und einen kleinern am Henkel</span><br />
+<span class="line">Tragend in jeglicher Hand: so schritt sie geschäftig zum Brunnen.</span><br />
+<span class="line">Und er ging ihr freudig entgegen. Es gab ihm ihr Anblick</span><br />
+<span class="line">Mut und Kraft; er sprach zu seiner Verwunderten also:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Find ich dich, wackeres Mädchen, so bald aufs neue beschäftigt,</span><br />
+<span class="line">Hülfreich andern zu sein und gern zu erquicken die Menschen?</span><br />
+<span class="line">Sag, warum kommst du allein zum Quell, der doch so entfernt liegt,</span><br />
+<span class="line">Da sich andere doch mit dem Wasser des Dorfes begnügen?</span><br />
+<span class="line">Freilich ist dies von besonderer Kraft und lieblich zu kosten.</span><br />
+<span class="line">Jener Kranken bringst du es wohl, die du treulich gerettet?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Freundlich begrüßte sogleich das gute Mädchen den Jüngling,</span><br />
+<span class="line">Sprach: &ldquo;So ist schon hier der Weg mir zum Brunnen belohnet,</span><br />
+<span class="line">Da ich finde den Guten, der uns so vieles gereicht hat;</span><br />
+<span class="line">Denn der Anblick des Gebers ist, wie die Gaben, erfreulich.</span><br />
+<span class="line">Kommt und sehet doch selber, wer Eure Milde genossen,</span><br />
+<span class="line">Und empfanget den ruhigen Dank von allen Erquickten.</span><br />
+<span class="line">Daß Ihr aber sogleich vernehmet, warum ich gekommen,</span><br />
+<span class="line">Hier zu schöpfen, wo rein und unablässig der Quell fließt,</span><br />
+<span class="line">Sag ich Euch dies: es haben die unvorsichtigen Menschen</span><br />
+<span class="line">Alles Wasser getrübt im Dorfe, mit Pferden und Ochsen</span><br />
+<span class="line">Gleich durchwatend den Quell, der Wasser bringt den Bewohnern.</span><br />
+<span class="line">Und so haben sie auch mit Waschen und Reinigen alle</span><br />
+<span class="line">Tröge des Dorfes beschmutzt und alle Brunnen besudelt;</span><br />
+<span class="line">Denn ein jeglicher denkt nur, sich selbst und das nächste Bedürfnis</span><br />
+<span class="line">Schnell zu befriedigen und rasch, und nicht des Folgenden denkt er.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach sie und war die breiten Stufen hinunter</span><br />
+<span class="line">Mit dem Begleiter gelangt; und auf das Mäuerchen setzten</span><br />
+<span class="line">Beide sich nieder des Quells. Sie beugte sich über, zu schöpfen;</span><br />
+<span class="line">Und er faßte den anderen Krug und beugte sich über.</span><br />
+<span class="line">Und sie sahen gespiegelt ihr Bild in der Bläue des Himmels</span><br />
+<span class="line">Schwanken und nickten sich zu und grüßten sich freundlich im Spiegel.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Laß mich trinken", sagte darauf der heitere Jüngling;</span><br />
+<span class="line">Und sie reicht' ihm den Krug. Dann ruhten sie beide, vertraulich</span><br />
+<span class="line">Auf die Gefäße gelehnt; sie aber sagte zum Freunde:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sage, wie find ich dich hier? und ohne Wagen und Pferde</span><br />
+<span class="line">Ferne vom Ort, wo ich erst dich gesehn? wie bist du gekommen?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Denkend schaute Hermann zur Erde; dann hob er die Blicke</span><br />
+<span class="line">Ruhig gegen sie auf und sah ihr freundlich ins Auge,</span><br />
+<span class="line">Fühlte sich still und getrost. Jedoch ihr von Liebe zu sprechen,</span><br />
+<span class="line">Wär' ihm unmöglich gewesen; ihr Auge blickte nicht Liebe,</span><br />
+<span class="line">Aber hellen Verstand, und gebot verständig zu reden.</span><br />
+<span class="line">Und er faßte sich schnell, und sagte traulich zum Mädchen:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Laß mich reden, mein Kind, und deine Fragen erwidern.</span><br />
+<span class="line">Deinetwegen kam ich hierher! was soll ich's verbergen?</span><br />
+<span class="line">Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern</span><br />
+<span class="line">Denen ich treulich das Haus und die Güter helfe verwalten</span><br />
+<span class="line">Als der einzige Sohn, und unsre Geschäfte sind vielfach.</span><br />
+<span class="line">Alle Felder besorg ich, der Vater waltet im Hause</span><br />
+<span class="line">Fleißig, die tätige Mutter belebt im ganzen die Wirtschaft.</span><br />
+<span class="line">Aber du hast gewiß auch erfahren, wie sehr das Gesinde</span><br />
+<span class="line">Bald durch Leichtsinn und bald durch Untreu plaget die Hausfrau,</span><br />
+<span class="line">Immer sie nötigt zu wechseln und Fehler um Fehler zu tauschen.</span><br />
+<span class="line">Lange wünschte die Mutter daher sich ein Mädchen im Hause,</span><br />
+<span class="line">Das mit der Hand nicht allein, das auch mit dem Herzen ihr hülfe,</span><br />
+<span class="line">An der Tochter Statt, der leider frühe verlornen.</span><br />
+<span class="line">Nun, als ich heut am Wagen dich sah, in froher Gewandtheit,</span><br />
+<span class="line">Sah die Stärke des Arms und die volle Gesundheit der Glieder,</span><br />
+<span class="line">Als ich die Worte vernahm, die verständigen, war ich betroffen,</span><br />
+<span class="line">Und ich eilte nach Hause, den Eltern und Freunden die Fremde</span><br />
+<span class="line">Rühmend nach ihrem Verdienst. Nun komm ich dir aber zu sagen,</span><br />
+<span class="line">Was sie wünschen wie ich. &mdash; Verzeih mir die stotternde Rede.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Scheuet Euch nicht", so sagte sie drauf, &ldquo;das Weitre zu sprechen;</span><br />
+<span class="line">Ihr beleidigt mich nicht, ich hab es dankbar empfunden.</span><br />
+<span class="line">Sagt es nur grad heraus; mich kann das Wort nicht erschrecken:</span><br />
+<span class="line">Dingen möchtet Ihr mich als Magd für Vater und Mutter,</span><br />
+<span class="line">Zu versehen das Haus, das wohlerhalten Euch dasteht;</span><br />
+<span class="line">Und Ihr glaubet an mir ein tüchtiges Mädchen zu finden,</span><br />
+<span class="line">Zu der Arbeit geschickt und nicht von rohem Gemüte.</span><br />
+<span class="line">Euer Antrag war kurz, so soll die Antwort auch kurz sein.</span><br />
+<span class="line">Ja, ich gehe mit Euch und folge dem Rufe des Schicksals.</span><br />
+<span class="line">Meine Pflicht ist erfüllt, ich habe die Wöchnerin wieder</span><br />
+<span class="line">Zu den Ihren gebracht, sie freuen sich alle der Rettung;</span><br />
+<span class="line">Schon sind die meisten beisammen, die übrigen werden sich finden.</span><br />
+<span class="line">Alle denken gewiß, in kurzen Tagen zur Heimat</span><br />
+<span class="line">Wiederzukehren, so pflegt sich stets der Vertriebne zu schmeicheln,</span><br />
+<span class="line">Aber ich täusche mich nicht mit leichter Hoffnung in diesen</span><br />
+<span class="line">Traurigen Tagen, die uns noch traurige Tage versprechen:</span><br />
+<span class="line">Denn gelöst sind die Bande der Welt; wer knüpfet sie wieder</span><br />
+<span class="line">Als allein nur die Not, die höchste, die uns bevorsteht!</span><br />
+<span class="line">Kann ich im Hause des würdigen Manns mich, dienend, ernähren</span><br />
+<span class="line">Unter den Augen der trefflichen Frau, so tu ich es gerne;</span><br />
+<span class="line">Denn ein wanderndes Mädchen ist immer von schwankendem Rufe.</span><br />
+<span class="line">Ja, ich gehe mit Euch, sobald ich die Krüge den Freunden</span><br />
+<span class="line">Wiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten.</span><br />
+<span class="line">Kommt! Ihr müsset sie sehen, und mich von ihnen empfangen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Fröhlich hörte der Jüngling des willigen Mädchens Entschließung,</span><br />
+<span class="line">Zweifelnd, ob er ihr nun die Wahrheit sollte gestehen.</span><br />
+<span class="line">Aber es schien ihm das beste zu sein, in dem Wahn sie zu lassen,</span><br />
+<span class="line">In sein Haus sie zu führen, zu werben um Liebe nur dort erst.</span><br />
+<span class="line">Ach! und den goldenen Ring erblickt' er am Finger des Mädchens;</span><br />
+<span class="line">Und so ließ er sie sprechen und horchte fleißig den Worten.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Laßt uns", fuhr sie nun fort, &ldquo;zurücke kehren! Die Mädchen</span><br />
+<span class="line">Werden immer getadelt, die lange beim Brunnen verweilen;</span><br />
+<span class="line">Und doch ist es am rinnenden Quell so lieblich zu schwätzen.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Also standen sie auf und schauten beide noch einmal</span><br />
+<span class="line">In den Brunnen zurück, und süßes Verlangen ergriff sie.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Schweigend nahm sie darauf die beiden Krüge beim Henkel,</span><br />
+<span class="line">Stieg die Stufen hinan, und Hermann folgte der Lieben.</span><br />
+<span class="line">Einen Krug verlangt' er von ihr, die Bürde zu teilen.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Laßt ihn", sprach sie; &ldquo;es trägt sich besser die gleichere Last so.</span><br />
+<span class="line">Und der Herr, der künftig befiehlt, er soll mir nicht dienen.</span><br />
+<span class="line">Seht mich so ernst nicht an, als wäre mein Schicksal bedenklich!</span><br />
+<span class="line">Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung!</span><br />
+<span class="line">Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen,</span><br />
+<span class="line">Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Hause gehöret.</span><br />
+<span class="line">Dienet die Schwester dem Bruder doch früh, sie dienet den Eltern,</span><br />
+<span class="line">Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen</span><br />
+<span class="line">Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schaffen für andre.</span><br />
+<span class="line">Wohl ihr, wenn sie daran sich gewöhnt, daß kein Weg ihr zu sauer</span><br />
+<span class="line">Wird, und die Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden des Tages,</span><br />
+<span class="line">Daß ihr niemals die Arbeit zu klein und die Nadel zu fein dünkt,</span><br />
+<span class="line">Daß sie sich ganz vergißt und leben mag nur in andern!</span><br />
+<span class="line">Denn als Mutter, fürwahr, bedarf sie der Tugenden alle,</span><br />
+<span class="line">Wenn der Säugling die Krankende weckt und Nahrung begehret</span><br />
+<span class="line">Von der Schwachen und so zu Schmerzen Sorgen sich häufen.</span><br />
+<span class="line">Zwanzig Männer verbunden ertrügen nicht diese Beschwerde,</span><br />
+<span class="line">Und sie sollen es nicht; doch sollen sie dankbar es einsehn.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach sie und war mit ihrem stillen Begleiter</span><br />
+<span class="line">Durch den Garten gekommen, bis an die Tenne der Scheune,</span><br />
+<span class="line">Wo die Wöchnerin lag, die sie froh mit den Töchtern verlassen,</span><br />
+<span class="line">Jenen geretteten Mädchen, den schönen Bildern der Unschuld.</span><br />
+<span class="line">Beide traten hinein; und von der anderen Seite</span><br />
+<span class="line">Trat, ein Kind an jeglicher Hand, der Richter zugleich ein.</span><br />
+<span class="line">Diese waren bisher der jammernden Mutter verloren;</span><br />
+<span class="line">Aber gefunden hatte sie nun im Gewimmel der Alte.</span><br />
+<span class="line">Und sie sprangen mit Lust, die liebe Mutter zu grüßen,</span><br />
+<span class="line">Sich des Bruders zu freun, des unbekannten Gespielen!</span><br />
+<span class="line">Auf Dorotheen sprangen sie dann und grüßten sie freundlich,</span><br />
+<span class="line">Brot verlangend und Obst, vor allem aber zu trinken.</span><br />
+<span class="line">Und sie reichte das Wasser herum. Da tranken die Kinder,</span><br />
+<span class="line">Und die Wöchnerin trank mit den Töchtern, so trank auch der Richter.</span><br />
+<span class="line">Alle waren geletzt und lobten das herrliche Wasser;</span><br />
+<span class="line">Säuerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Da versetzte das Mädchen mit ernsten Blicken und sagte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Freunde, dieses ist wohl das letztemal, daß ich den Krug Euch</span><br />
+<span class="line">Führe zum Munde, daß ich die Lippen mit Wasser Euch netze:</span><br />
+<span class="line">Aber wenn Euch fortan am heißen Tage der Trunk labt,</span><br />
+<span class="line">Wenn Ihr im Schatten der Ruh' und der reinen Quellen genießet,</span><br />
+<span class="line">Dann gedenket auch mein und meines freundlichen Dienstes,</span><br />
+<span class="line">Den ich aus Liebe mehr als aus Verwandtschaft geleistet.</span><br />
+<span class="line">Was Ihr mir Gutes erzeigt, erkenn ich durchs künftige Leben.</span><br />
+<span class="line">Ungern laß ich Euch zwar; doch jeder ist diesmal dem andern</span><br />
+<span class="line">Mehr zur Last als zum Trost, und alle müssen wir endlich</span><br />
+<span class="line">Uns im fremden Lande zerstreun, wenn die Rückkehr versagt ist.</span><br />
+<span class="line">Seht, hier steht der Jüngling, dem wir die Gaben verdanken,</span><br />
+<span class="line">Diese Hülle des Kinds und jene willkommene Speise.</span><br />
+<span class="line">Dieser kommt und wirbt, in seinem Haus mich zu sehen,</span><br />
+<span class="line">Daß ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern;</span><br />
+<span class="line">Und ich schlag es nicht ab; denn überall dienet das Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Und ihr wäre zur Last, bedient im Hause zu ruhen.</span><br />
+<span class="line">Also folg ich ihm gern; er scheint ein verständiger Jüngling,</span><br />
+<span class="line">Und so werden die Eltern es sein, wie Reichen geziemet.</span><br />
+<span class="line">Darum lebet nun wohl, geliebte Freundin, und freuet</span><br />
+<span class="line">Euch des lebendigen Säuglings, der schon so gesund Euch anblickt.</span><br />
+<span class="line">Drücket Ihr ihn an die Brust in diesen farbigen Wickeln,</span><br />
+<span class="line">Oh, so gedenket des Jünglings, des guten, der sie uns reichte,</span><br />
+<span class="line">Und der künftig auch mich, die Eure, nähret und kleidet!</span><br />
+<span class="line">Und Ihr, trefflicher Mann", so sprach sie, gewendet zum Richter,</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Habet Dank, daß Ihr Vater mir wart in mancherlei Fällen!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und sie kniete darauf zur guten Wöchnerin nieder,</span><br />
+<span class="line">Küßte die weinende Frau und vernahm des Segens Gelispel.</span><br />
+<span class="line">Aber du sagtest indes, ehrwürdiger Richter, zu Hermann:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Billig seid Ihr, o Freund, zu den guten Wirten zu zählen,</span><br />
+<span class="line">Die mit tüchtigen Menschen den Haushalt zu führen bedacht sind.</span><br />
+<span class="line">Denn ich habe wohl oft gesehn, daß man Rinder und Pferde,</span><br />
+<span class="line">So wie Schafe, genau bei Tausch und Handel betrachtet;</span><br />
+<span class="line">Aber den Menschen, der alles erhält, wenn er tüchtig und gut ist,</span><br />
+<span class="line">Und der alles zerstreut und zerstört durch falsches Beginnen,</span><br />
+<span class="line">Diesen nimmt man nur so auf Glück und Zufall ins Haus ein</span><br />
+<span class="line">Und bereuet zu spät ein übereiltes Entschließen.</span><br />
+<span class="line">Aber es scheint, Ihr versteht's; denn Ihr habt ein Mädchen erwählet,</span><br />
+<span class="line">Euch zu dienen im Haus und Euren Eltern, das brav ist.</span><br />
+<span class="line">Haltet sie wohl! Ihr werdet, solang sie der Wirtschaft sich annimmt,</span><br />
+<span class="line">Nicht die Schwester vermissen, noch Eure Eltern die Tochter.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Viele kamen indes, der Wöchnerin nahe Verwandte,</span><br />
+<span class="line">Manches bringend und ihr die bessere Wohnung verkündend.</span><br />
+<span class="line">Alle vernahmen des Mädchens Entschluß und segneten Hermann</span><br />
+<span class="line">Mit bedeutenden Blicken und mit besondern Gedanken.</span><br />
+<span class="line">Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig ans Ohr hin:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wenn aus dem Herrn ein Bräutigam wird, so ist sie geborgen.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Hermann faßte darauf sie bei der Hand an und sagte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Laß uns gehen! es neigt sich der Tag, und fern ist das Städtchen.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Lebhaft gesprächig umarmten darauf Dorotheen die Weiber.</span><br />
+<span class="line">Hermann zog sie hinweg; noch viele Grüße befahl sie.</span><br />
+<span class="line">Aber da fielen die Kinder mit Schrein und entsetzlichem Weinen</span><br />
+<span class="line">Ihr in die Kleider und wollten die zweite Mutter nicht lassen.</span><br />
+<span class="line">Aber ein' und die andre der Weiber sagte gebietend:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Stille, Kinder! sie geht in die Stadt, und bringt euch des guten</span><br />
+<span class="line">Zuckerbrotes genug, das euch der Bruder bestellte,</span><br />
+<span class="line">Als der Storch ihn jüngst beim Zuckerbäcker vorbeitrug,</span><br />
+<span class="line">Und ihr sehet sie bald mit den schön vergoldeten Deuten.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und so ließen die Kinder sie los, und Hermann entriß sie</span><br />
+<span class="line">Noch den Umarmungen kaum und den ferne winkenden Tüchern.</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Melpomene<br />
+
+Hermann und Dorothea</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,</span><br />
+<span class="line">Die in Wolken sich tief, gewitterdrohend, verhüllte,</span><br />
+<span class="line">Aus dem Schleier, bald hier bald dort, mit glühenden Blicken</span><br />
+<span class="line">Strahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Möge das drohende Wetter", so sagte Hermann, &ldquo;nicht etwa</span><br />
+<span class="line">Schloßen uns bringen und heftigen Guß; denn schön ist die Ernte.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und sie freuten sich beide des hohen, wankenden Kornes,</span><br />
+<span class="line">Das die Durchschreitenden fast, die hohen Gestalten, erreichte.</span><br />
+<span class="line">Und es sagte darauf das Mädchen zum leitenden Freunde:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Guter, dem ich zunächst ein freundlich Schicksal verdanke,</span><br />
+<span class="line">Dach und Fach, wenn im Freien so manchem Vertriebnen der Sturm dräut!</span><br />
+<span class="line">Saget mir jetzt vor allem und lehret die Eltern mich kennen,</span><br />
+<span class="line">Denen ich künftig zu dienen von ganzer Seele geneigt bin;</span><br />
+<span class="line">Denn kennt jemand den Herrn, so kann er ihm leichter genug tun,</span><br />
+<span class="line">Wenn er die Dinge bedenkt, die jenem die wichtigsten scheinen,</span><br />
+<span class="line">Und auf die er den Sinn, den fest bestimmten, gesetzt hat.</span><br />
+<span class="line">Darum saget mir doch: wie gewinn ich Vater und Mutter?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es versetzte dagegen der gute, verständige Jüngling:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Oh, wie geb ich dir recht, du kluges, treffliches Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Daß du zuvörderst dich nach dem Sinne der Eltern befragest!</span><br />
+<span class="line">Denn so strebt' ich bisher vergebens, dem Vater zu dienen,</span><br />
+<span class="line">Wenn ich der Wirtschaft mich als wie der meinigen annahm,</span><br />
+<span class="line">Früh den Acker und spät und so besorgend den Weinberg.</span><br />
+<span class="line">Meine Mutter befriedigt' ich wohl, sie wußt' es zu schätzen;</span><br />
+<span class="line">Und so wirst du ihr auch das trefflichste Mädchen erscheinen,</span><br />
+<span class="line">Wenn du das Haus besorgst, als wenn du das deine bedächtest.</span><br />
+<span class="line">Aber dem Vater nicht so; denn dieser liebet den Schein auch.</span><br />
+<span class="line">Gutes Mädchen, halte mich nicht für kalt und gefühllos,</span><br />
+<span class="line">Wenn ich den Vater dir sogleich, der Fremden, enthülle.</span><br />
+<span class="line">Ja, ich schwör es, das erstemal ist's, daß frei mir ein solches</span><br />
+<span class="line">Wort die Zunge verläßt, die nicht zu schwatzen gewohnt ist;</span><br />
+<span class="line">Aber du lockst mir hervor aus der Brust ein jedes Vertrauen.</span><br />
+<span class="line">Einige Zierde verlangt der gute Vater im Leben,</span><br />
+<span class="line">Wünschet äußere Zeichen der Liebe, so wie der Verehrung,</span><br />
+<span class="line">Und er würde vielleicht vom schlechteren Diener befriedigt,</span><br />
+<span class="line">Der dies wüßte zu nutzen, und würde dem besseren gram sein.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Freudig sagte sie drauf, zugleich die schnelleren Schritte</span><br />
+<span class="line">Durch den dunkelnden Pfad verdoppelnd mit leichter Bewegung:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Beide zusammen hoff ich fürwahr zufriedenzustellen;</span><br />
+<span class="line">Denn der Mutter Sinn ist wie mein eigenes Wesen,</span><br />
+<span class="line">Und der äußeren Zierde bin ich von Jugend nicht fremde.</span><br />
+<span class="line">Unsere Nachbarn, die Franken, in ihren früheren Zeiten</span><br />
+<span class="line">Hielten auf Höflichkeit viel; sie war dem Edlen und Bürger</span><br />
+<span class="line">Wie den Bauern gemein, und jeder empfahl sie den Seinen.</span><br />
+<span class="line">Und so brachten bei uns auf deutscher Seite gewöhnlich</span><br />
+<span class="line">Auch die Kinder des Morgens mit Händeküssen und Knickschen</span><br />
+<span class="line">Segenswünsche den Eltern und hielten sittlich den Tag aus.</span><br />
+<span class="line">Alles, was ich gelernt und was ich von jung auf gewohnt bin,</span><br />
+<span class="line">Was von Herzen mir geht &mdash; ich will es dem Alten erzeigen.</span><br />
+<span class="line">Aber wer sagt mir nunmehr: wie soll ich dir selber begegnen,</span><br />
+<span class="line">Dir, dem einzigen Sohn und künftig meinem Gebieter?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach sie, und eben gelangten sie unter den Birnbaum.</span><br />
+<span class="line">Herrlich glänzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter;</span><br />
+<span class="line">Nacht war's, völlig bedeckt das letzte Schimmern der Sonne.</span><br />
+<span class="line">Und so lagen vor ihnen in Massen gegeneinander</span><br />
+<span class="line">Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkeler Nächte.</span><br />
+<span class="line">Und es hörte die Frage, die freundliche, gern in dem Schatten</span><br />
+<span class="line">Hermann, des herrlichen Baums, am Orte, der ihm so lieb war,</span><br />
+<span class="line">Der noch heute die Tränen um seine Vertriebne gesehen.</span><br />
+<span class="line">Und indem sie sich nieder ein wenig zu ruhen gesetzet,</span><br />
+<span class="line">Sagte der liebende Jüngling, die Hand des Mädchens ergreifend:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Laß dein Herz dir es sagen, und folg ihm frei nur in allem!&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Aber er wagte kein weiteres Wort, so sehr auch die Stunde</span><br />
+<span class="line">Günstig war; er fürchtete, nur ein Nein zu ereilen,</span><br />
+<span class="line">Ach, und er fühlte den Ring am Finger, das schmerzliche Zeichen.</span><br />
+<span class="line">Also saßen sie still und schweigend nebeneinander.</span><br />
+<span class="line">Aber das Mädchen begann und sagte: &ldquo;Wie find ich des Mondes</span><br />
+<span class="line">Herrlichen Schein so süß! er ist der Klarheit des Tags gleich.</span><br />
+<span class="line">Seh ich doch dort in der Stadt die Häuser deutlich und Höfe,</span><br />
+<span class="line">An dem Giebel ein Fenster; mich deucht, ich zähle die Scheiben.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Was du siehst", versetzte darauf der gehaltene Jüngling,</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Das ist unsere Wohnung, in die ich nieder dich führe,</span><br />
+<span class="line">Und dies Fenster dort ist meines Zimmers im Dache,</span><br />
+<span class="line">Das vielleicht das deine nun wird; wir verändern im Hause.</span><br />
+<span class="line">Diese Felder sind unser, sie reifen zur morgenden Ernte.</span><br />
+<span class="line">Hier im Schatten wollen wir ruhn und des Mahles genießen.</span><br />
+<span class="line">Aber laß uns nunmehr hinab durch Weinberg und Garten</span><br />
+<span class="line">Steigen; denn sieh, es rückt das schwere Gewitter herüber,</span><br />
+<span class="line">Wetterleuchtend und bald verschlingend den lieblichen Vollmond.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und so standen sie auf und wandelten nieder, das Feld hin,</span><br />
+<span class="line">Durch das mächtige Korn, der nächtlichen Klarheit sich freuend;</span><br />
+<span class="line">Und sie waren zum Weinberg gelangt und traten ins Dunkel.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter,</span><br />
+<span class="line">Die, unbehauen gelegt, als Stufen dienten im Laubgang.</span><br />
+<span class="line">Langsam schritt sie hinab, auf seinen Schultern die Hände;</span><br />
+<span class="line">Und mit schwankenden Lichtern, durchs Laub, überblickte der Mond sie,</span><br />
+<span class="line">Eh' er, von Wetterwolken umhüllt, im Dunkeln das Paar ließ.</span><br />
+<span class="line">Sorglich stützte der Starke das Mädchen, das über ihn herhing;</span><br />
+<span class="line">Aber sie, unkundig des Steigs und der roheren Stufen,</span><br />
+<span class="line">Fehlte tretend, es knackte der Fuß, sie drohte zu fallen.</span><br />
+<span class="line">Eilig streckte gewandt der sinnige Jüngling den Arm aus,</span><br />
+<span class="line">Hielt empor die Geliebte; sie sank ihm leis auf die Schulter,</span><br />
+<span class="line">Brust war gesenkt an Brust und Wang' an Wange. So stand er,</span><br />
+<span class="line">Starr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebändigt,</span><br />
+<span class="line">Drückte nicht fester sie an, er stemmte sich gegen die Schwere.</span><br />
+<span class="line">Und so fühlt' er die herrliche Last, die Wärme des Herzens</span><br />
+<span class="line">Und den Balsam des Atems, an seinen Lippen verhauchet,</span><br />
+<span class="line">Trug mit Mannesgefühl die Heldengröße des Weibes.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Doch sie verhehlte den Schmerz und sagte die scherzenden Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Das bedeutet Verdruß, so sagen bedenkliche Leute</span><br />
+<span class="line">Wenn beim Eintritt ins Haus, nicht fern von der Schwelle, der Fuß knackt.</span><br />
+<span class="line">Hätt' ich mir doch fürwahr ein besseres Zeichen gewünschet!</span><br />
+<span class="line">Laß uns ein wenig verweilen, damit dich die Eltern nicht tadeln</span><br />
+<span class="line">Wegen der hinkenden Magd, und ein schlechter Wirt du erscheinest.&rdquo;</span></div>
+</div>
+
+
+
+<h2>Urania<br />
+
+Aussicht</h2>
+
+<div class="verse"><div class="stanza">
+<span class="line">Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt,</span><br />
+<span class="line">Auf dem Wege bisher den trefflichen Jüngling geleitet,</span><br />
+<span class="line">An die Brust ihm das Mädchen noch vor der Verlobung gedrückt habt:</span><br />
+<span class="line">Helfet auch ferner den Bund des lieblichen Paares vollenden,</span><br />
+<span class="line">Teilet die Wolken sogleich, die über ihr Glück sich heraufziehn!</span><br />
+<span class="line">Aber saget vor allem, was jetzt im Hause geschiehet!</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Ungeduldig betrat die Mutter zum drittenmal wieder</span><br />
+<span class="line">Schon das Zimmer der Männer, das sorglich erst sie verlassen,</span><br />
+<span class="line">Sprechend vom nahen Gewitter, vom schnellen Verdunkeln des Mondes;</span><br />
+<span class="line">Dann vom Außenbleiben des Sohns und der Nächte Gefahren;</span><br />
+<span class="line">Tadelte lebhaft die Freunde, daß, ohne das Mädchen zu sprechen,</span><br />
+<span class="line">Ohne zu werben für ihn, sie so bald sich vom Jüngling getrennet.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">&ldquo;Mache nicht schlimmer das Übel!&rdquo; versetzt' unmutig der Vater;</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Denn du siehst, wir harren ja selbst, und warten des Ausgangs.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber gelassen begann der Nachbar sitzend zu sprechen:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Immer verdank ich es doch in solch unruhiger Stunde</span><br />
+<span class="line">Meinem seligen Vater, der mir, als Knaben, die Wurzel</span><br />
+<span class="line">Aller Ungeduld ausriß, daß auch kein Fäschen zurückblieb</span><br />
+<span class="line">Und ich erwarten lernte sogleich, wie keiner der Weisen.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sagt", versetzte der Pfarrer, &ldquo;welch Kunststück brauchte der Alte?&rdquo;</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Das erzähl ich Euch gern, denn jeder kann es sich merken",</span><br />
+<span class="line">Sagte der Nachbar darauf. &ldquo;Als Knabe stand ich am Sonntag</span><br />
+<span class="line">Ungeduldig einmal, die Kutsche begierig erwartend,</span><br />
+<span class="line">Die uns sollte hinaus zum Brunnen führen der Linden.</span><br />
+<span class="line">Doch sie kam nicht; ich lief wie ein Wiesel dahin und dorthin,</span><br />
+<span class="line">Treppen hinauf und hinab und von dem Fenster zur Türe.</span><br />
+<span class="line">Meine Hände prickelten mir; ich kratzte die Tische,</span><br />
+<span class="line">Trappelte stampfend herum, und nahe war mir das Weinen.</span><br />
+<span class="line">Alles sah der gelassene Mann; doch als ich es endlich</span><br />
+<span class="line">Gar zu töricht betrieb, ergriff er mich ruhig beim Arme,</span><br />
+<span class="line">Führte zum Fenster mich hin und sprach die bedenklichen Worte:</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Siehst du des Tischlers da drüben für heute geschlossene Werkstatt?</span><br />
+<span class="line">Morgen eröffnet er sie; da rühret sich Hobel und Säge,</span><br />
+<span class="line">Und so geht es von frühe bis Abend die fleißigen Stunden.</span><br />
+<span class="line">Aber bedenke dir dies: der Morgen wird künftig erscheinen,</span><br />
+<span class="line">Da der Meister sich regt mit allen seinen Gesellen</span><br />
+<span class="line">Dir den Sarg zu bereiten und schnell und geschickt zu vollenden;</span><br />
+<span class="line">Und sie tragen das bretterne Haus geschäftig herüber,</span><br />
+<span class="line">Das den Geduld'gen zuletzt und den Ungeduldigen aufnimmt,</span><br />
+<span class="line">Und gar bald ein drückendes Dach zu tragen bestimmt ist.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Alles sah ich sogleich im Geiste wirklich geschehen,</span><br />
+<span class="line">Sah die Bretter gefügt und die schwarze Farbe bereitet,</span><br />
+<span class="line">Saß geduldig nunmehr und harrete ruhig der Kutsche.</span><br />
+<span class="line">Rennen andere nun in zweifelhafter Erwartung</span><br />
+<span class="line">Ungebärdig herum, da muß ich des Sarges gedenken.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Lächelnd sagte der Pfarrer: &ldquo;Des Todes rührendes Bild steht</span><br />
+<span class="line">Nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen.</span><br />
+<span class="line">Jenen drängt es ins Leben zurück und lehret ihn handeln;</span><br />
+<span class="line">Diesem stärkt es, zu künftigem Heil, im Trübsal die Hoffnung;</span><br />
+<span class="line">Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit Unrecht</span><br />
+<span class="line">Hat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen.</span><br />
+<span class="line">Zeige man doch dem Jüngling des edel reifenden Alters</span><br />
+<span class="line">Wert und dem Alter die Jugend, daß beide des ewigen Kreises</span><br />
+<span class="line">Sich erfreuen und so sich Leben im Leben vollende!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber die Tür ging auf. Es zeigte das herrliche Paar sich,</span><br />
+<span class="line">Und es erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten</span><br />
+<span class="line">Über die Bildung der Braut, des Bräutigams Bildung vergleichbar;</span><br />
+<span class="line">Ja, es schien die Türe zu klein, die hohen Gestalten</span><br />
+<span class="line">Einzulassen, die nun zusammen betraten die Schwelle.</span><br />
+<span class="line">Hermann stellte den Eltern sie vor mit fliegenden Worten.</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Hier ist", sagt' er, &ldquo;ein Mädchen, so wie Ihr im Hause sie wünschet.</span><br />
+<span class="line">Lieber Vater, empfanget sie gut; sie verdient es. Und liebe</span><br />
+<span class="line">Mutter, befragt sie sogleich nach dem ganzen Umfang der Wirtschaft,</span><br />
+<span class="line">Daß Ihr seht, wie sehr sie verdient, Euch näher zu werden.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Eilig führt' er darauf den trefflichen Pfarrer beiseite,</span><br />
+<span class="line">Sagte: &ldquo;Würdiger Herr, nun helft mir aus dieser Besorgnis</span><br />
+<span class="line">Schnell, und löset den Knoten, vor dessen Entwicklung ich schaudre.</span><br />
+<span class="line">Denn ich habe das Mädchen als meine Braut nicht geworben,</span><br />
+<span class="line">Sondern sie glaubt, als Magd in das Haus zu gehn, und ich fürchte,</span><br />
+<span class="line">Daß unwillig sie flieht, sobald wir gedenken der Heirat.</span><br />
+<span class="line">Aber entschieden sei es sogleich! Nicht länger im Irrtum</span><br />
+<span class="line">Soll sie bleiben, wie ich nicht länger den Zweifel ertrage.</span><br />
+<span class="line">Eilet und zeiget auch hier die Weisheit, die wir verehren!&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und es wendete sich der Geistliche gleich zur Gesellschaft.</span><br />
+<span class="line">Aber leider getrübt war durch die Rede des Vaters</span><br />
+<span class="line">Schon die Seele des Mädchens; er hatte die munteren Worte</span><br />
+<span class="line">Mit behaglicher Art im guten Sinne gesprochen:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Ja, das gefällt mir, mein Kind! Mit Freuden erfahr' ich, der Sohn hat</span><br />
+<span class="line">Auch wie der Vater Geschmack, der seinerzeit es gewiesen.</span><br />
+<span class="line">Immer die Schönste zum Tanze geführt und endlich die Schönste</span><br />
+<span class="line">In sein Haus als Frau sich geholt; das Mütterchen war es.</span><br />
+<span class="line">Denn an der Braut, die der Mann sich erwählt, läßt gleich sich erkennen,</span><br />
+<span class="line">Welches Geistes er ist, und ob er sich eigenen Wert fühlt.</span><br />
+<span class="line">Aber Ihr brauchtet wohl auch nur wenig Zeit zur Entschließung?</span><br />
+<span class="line">Denn mich dünket fürwahr, ihm ist so schwer nicht zu folgen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Hermann hörte die Worte nur flüchtig; ihm bebten die Glieder</span><br />
+<span class="line">Innen, und stille war der ganze Kreis nun auf einmal.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber das treffliche Mädchen, von solchen spöttischen Worten,</span><br />
+<span class="line">Wie sie ihr schienen, verletzt und tief in der Seele getroffen,</span><br />
+<span class="line">Stand, mit fliegender Röte die Wange bis gegen den Nacken</span><br />
+<span class="line">Übergossen; doch hielt sie sich an und nahm sich zusammen,</span><br />
+<span class="line">Sprach zu dem Alten darauf, nicht völlig die Schmerzen verbergend:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Traun! zu solchem Empfang hat mich der Sohn nicht bereitet,</span><br />
+<span class="line">Der mir des Vaters Art geschildert, des trefflichen Bürgers;</span><br />
+<span class="line">Und ich weiß, ich stehe vor Euch, dem gebildeten Manne,</span><br />
+<span class="line">Der sich klug mit jedem beträgt und gemäß den Personen.</span><br />
+<span class="line">Aber so scheint es, Ihr fühlt nicht Mitleid genug mit der Armen,</span><br />
+<span class="line">Die nun die Schwelle betritt und die Euch zu dienen bereit ist;</span><br />
+<span class="line">Denn sonst würdet Ihr nicht mit bitterem Spotte mir zeigen,</span><br />
+<span class="line">Wie entfernt mein Geschick von Eurem Sohn und von Euch sei.</span><br />
+<span class="line">Freilich tret ich nur arm, mit kleinem Bündel ins Haus ein,</span><br />
+<span class="line">Das mit allem versehn die frohen Bewohner gewiß macht;</span><br />
+<span class="line">Aber ich kenne mich wohl und fühle das ganze Verhältnis.</span><br />
+<span class="line">Ist es edel, mich gleich mit solchem Spotte zu treffen,</span><br />
+<span class="line">Der auf der Schwelle beinah mich schon aus dem Hause zurücktreibt?&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Bang bewegte sich Hermann und winkte dem geistlichen Freunde,</span><br />
+<span class="line">Daß er ins Mittel sich schlüge, sogleich zu verscheuchen den Irrtum.</span><br />
+<span class="line">Eilig trat der Kluge heran und schaute des Mädchens</span><br />
+<span class="line">Stillen Verdruß und gehaltenen Schmerz und Tränen im Auge.</span><br />
+<span class="line">Da befahl ihm sein Geist, nicht gleich die Verwirrung zu lösen,</span><br />
+<span class="line">Sondern vielmehr das bewegte Gemüt zu prüfen des Mädchens.</span><br />
+<span class="line">Und er sagte darauf zu ihr mit versuchenden Worten:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sicher, du überlegtest nicht wohl, o Mädchen des Auslands,</span><br />
+<span class="line">Wenn du bei Fremden zu dienen dich allzu eilig entschlossest,</span><br />
+<span class="line">Was es heiße, das Haus des gebietenden Herrn zu betreten;</span><br />
+<span class="line">Denn der Handschlag bestimmt das ganze Schicksal des Jahres,</span><br />
+<span class="line">Und gar vieles zu dulden verbindet ein einziges Jawort.</span><br />
+<span class="line">Sind doch nicht das Schwerste des Diensts die ermüdenden Wege,</span><br />
+<span class="line">Nicht der bittere Schweiß der ewig drängenden Arbeit;</span><br />
+<span class="line">Denn mit dem Knechte zugleich bemüht sich der tätige Freie:</span><br />
+<span class="line">Aber zu dulden die Laune des Herrn, wenn er ungerecht tadelt,</span><br />
+<span class="line">Oder dieses und jenes begehrt, mit sich selber in Zwiespalt,</span><br />
+<span class="line">Und die Heftigkeit noch der Frauen, die leicht sich erzürnet,</span><br />
+<span class="line">Mit der Kinder roher und übermütiger Unart:</span><br />
+<span class="line">Das ist schwer zu ertragen, und doch die Pflicht zu erfüllen</span><br />
+<span class="line">Ungesäumt und rasch, und selbst nicht mürrisch zu stocken.</span><br />
+<span class="line">Doch du scheinst mir dazu nicht geschickt, da die Scherze des Vaters</span><br />
+<span class="line">Schon dich treffen so tief, und doch nichts gewöhnlicher vorkommt,</span><br />
+<span class="line">Als ein Mädchen zu plagen, daß wohl ihr ein Jüngling gefalle.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach er. Es fühlte die treffende Rede das Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Und sie hielt sich nicht mehr; es zeigten sich ihre Gefühle</span><br />
+<span class="line">Mächtig, es hob sich die Brust, aus der ein Seufzer hervordrang,</span><br />
+<span class="line">Und sie sagte sogleich mit heiß vergossenen Tränen:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Oh, nie weiß der verständige Mann, der im Schmerz uns zu raten</span><br />
+<span class="line">Denkt, wie wenig sein Wort, das kalte, die Brust zu befreien</span><br />
+<span class="line">Je von dem Leiden vermag, das ein hohes Schicksal uns auflegt.</span><br />
+<span class="line">Ihr seid glücklich und froh, wie sollt' ein Scherz Euch verwunden?</span><br />
+<span class="line">Doch der Krankende fühlt auch schmerzlich die leise Berührung.</span><br />
+<span class="line">Nein, es hülfe mir nichts, wenn selbst mir Verstellung gelänge.</span><br />
+<span class="line">Zeige sich gleich, was später nur tiefere Schmerzen vermehrte</span><br />
+<span class="line">Und mich drängte vielleicht in stillverzehrendes Elend.</span><br />
+<span class="line">Laßt mich wieder hinweg! Ich darf im Hause nicht bleiben;</span><br />
+<span class="line">Ich will fort und gehe, die armen Meinen zu suchen,</span><br />
+<span class="line">Die ich im Unglück verließ, für mich nur das Bessere wählend.</span><br />
+<span class="line">Dies ist mein fester Entschluß; und ich darf Euch darum nun bekennen,</span><br />
+<span class="line">Was im Herzen sich sonst wohl Jahre hätte verborgen.</span><br />
+<span class="line">Ja, des Vaters Spott hat tief mich getroffen: nicht, weil ich</span><br />
+<span class="line">Stolz und empfindlich bin, wie es wohl der Magd nicht geziemet,</span><br />
+<span class="line">Sondern weil mir fürwahr im Herzen die Neigung sich regte</span><br />
+<span class="line">Gegen den Jüngling, der heute mir als ein Erretter erschienen.</span><br />
+<span class="line">Denn als er erst auf der Straße mich ließ, so war er mir immer</span><br />
+<span class="line">In Gedanken geblieben; ich dachte des glücklichen Mädchens,</span><br />
+<span class="line">Das er vielleicht schon als Braut im Herzen möchte bewahren.</span><br />
+<span class="line">Und als ich wieder am Brunnen ihn fand, da freut' ich mich seines</span><br />
+<span class="line">Anblicks so sehr, als wär' mir der Himmlischen einer erschienen.</span><br />
+<span class="line">Und ich folgt' ihm so gern, als nun er zur Magd mich geworben.</span><br />
+<span class="line">Doch mir schmeichelte freilich das Herz (ich will es gestehen)</span><br />
+<span class="line">Auf dem Wege hierher, als könnt' ich vielleicht ihn verdienen,</span><br />
+<span class="line">Wenn ich würde des Hauses dereinst unentbehrliche Stütze.</span><br />
+<span class="line">Aber, ach! nun seh ich zuerst die Gefahren, in die ich</span><br />
+<span class="line">Mich begab, so nah dem still Geliebten zu wohnen.</span><br />
+<span class="line">Nun erst fühl ich, wie weit ein armes Mädchen entfernt ist</span><br />
+<span class="line">Von dem reicheren Jüngling, und wenn sie die Tüchtigste wäre.</span><br />
+<span class="line">Alles das hab ich gesagt, damit ihr das Herz nicht verkennet,</span><br />
+<span class="line">Das ein Zufall beleidigt, dem ich die Besinnung verdanke.</span><br />
+<span class="line">Denn das mußt' ich erwarten, die stillen Wünsche verbergend,</span><br />
+<span class="line">Daß er sich brächte zunächst die Braut zum Hause geführet;</span><br />
+<span class="line">Und wie hätt' ich alsdann die heimlichen Schmerzen ertragen?</span><br />
+<span class="line">Glücklich bin ich gewarnt, und glücklich löst das Geheimnis</span><br />
+<span class="line">Von dem Busen sich los, jetzt, da noch das Übel ist heilbar.</span><br />
+<span class="line">Aber das sei nun gesagt! Und nun soll im Hause mich länger</span><br />
+<span class="line">Hier nichts halten, wo ich beschämt und ängstlich nur stehe,</span><br />
+<span class="line">Frei die Neigung bekennend und jene törichte Hoffnung.</span><br />
+<span class="line">Nicht die Nacht, die breit sich bedeckt mit sinkenden Wolken,</span><br />
+<span class="line">Nicht der rollende Donner (ich hör ihn) soll mich verhindern,</span><br />
+<span class="line">Nicht des Regens Guß, der draußen gewaltsam herabschlägt,</span><br />
+<span class="line">Noch der sausende Sturm. Das hab ich alles ertragen</span><br />
+<span class="line">Auf der traurigen Flucht und nah am verfolgenden Feinde.</span><br />
+<span class="line">Und ich gehe nun wieder hinaus, wie ich lange gewohnt bin,</span><br />
+<span class="line">Von dem Strudel der Zeit ergriffen, von allem zu scheiden.</span><br />
+<span class="line">Lebet wohl! ich bleibe nicht länger; es ist nun geschehen.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach sie, sich rasch zurück nach der Türe bewegend,</span><br />
+<span class="line">Unter dem Arm das Bündelchen noch, das sie brachte, bewahrend.</span><br />
+<span class="line">Aber die Mutter ergriff mit beiden Armen das Mädchen,</span><br />
+<span class="line">Um den Leib sie fassend, und rief verwundert und staunend:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Sag, was bedeutet mir dies? und diese vergeblichen Tränen?</span><br />
+<span class="line">Nein, ich lasse dich nicht; du bist mir des Sohnes Verlobte.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Aber der Vater stand mit Widerwillen dagegen,</span><br />
+<span class="line">Auf die Weinende schauend, und sprach die verdrießlichen Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Also das ist mir zuletzt für die höchste Nachsicht geworden,</span><br />
+<span class="line">Daß mir das Unangenehmste geschieht noch zum Schlusse des Tages!</span><br />
+<span class="line">Denn mir ist unleidlicher nichts, als Tränen der Weiber,</span><br />
+<span class="line">Leidenschaftlich Geschrei, das heftig verworren beginnet,</span><br />
+<span class="line">Was mit ein wenig Vernunft sich ließe gemächlicher schlichten.</span><br />
+<span class="line">Mir ist lästig, noch länger dies wunderliche Beginnen</span><br />
+<span class="line">Anzuschauen. Vollendet es selbst! ich gehe zu Bette.&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und er wandte sich schnell und eilte zur Kammer zu gehen,</span><br />
+<span class="line">Wo ihm das Ehbett stand und wo er zu ruhen gewohnt war.</span><br />
+<span class="line">Aber ihn hielt der Sohn und sagte die flehenden Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Vater, eilet nur nicht und zürnt nicht über das Mädchen!</span><br />
+<span class="line">Ich nur habe die Schuld von aller Verwirrung zu tragen,</span><br />
+<span class="line">Die unerwartet der Freund noch durch Verstellung vermehrt hat.</span><br />
+<span class="line">Redet, würdiger Herr! denn Euch vertraut' ich die Sache.</span><br />
+<span class="line">Häufet nicht Angst und Verdruß; vollendet lieber das Ganze!</span><br />
+<span class="line">Denn ich möchte so hoch Euch nicht in Zukunft verehren,</span><br />
+<span class="line">Wenn Ihr Schadenfreude nur übt statt herrlicher Weisheit.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Lächelnd versetzte darauf der würdige Pfarrer und sagte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Welche Klugheit hätte denn wohl das schöne Bekenntnis</span><br />
+<span class="line">Dieser Guten entlockt und uns enthüllt ihr Gemüte?</span><br />
+<span class="line">Ist nicht die Sorge sogleich dir zur Wonn' und Freude geworden?</span><br />
+<span class="line">Rede darum nur selbst! was bedarf es fremder Erklärung?&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Nun trat Hermann hervor und sprach die freundlichen Worte:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Laß dich die Tränen nicht reun, noch diese flüchtigen Schmerzen;</span><br />
+<span class="line">Denn sie vollenden mein Glück und, wie ich wünsche, das deine.</span><br />
+<span class="line">Nicht das treffliche Mädchen als Magd, die Fremde, zu dingen,</span><br />
+<span class="line">Kam ich zum Brunnen; ich kam, um deine Liebe zu werben.</span><br />
+<span class="line">Aber, ach! mein schüchterner Blick, er konnte die Neigung</span><br />
+<span class="line">Deines Herzens nicht sehn; nur Freundlichkeit sah er im Auge,</span><br />
+<span class="line">Als aus dem Spiegel du ihn des ruhigen Brunnens begrüßtest.</span><br />
+<span class="line">Dich ins Haus nur zu führen, es war schon die Hälfte des Glückes.</span><br />
+<span class="line">Aber nun vollendest du mir's! Oh, sei mir gesegnet!&rdquo;</span><br />
+<span class="line">Und es schaute das Mädchen mit tiefer Rührung zum Jüngling</span><br />
+<span class="line">Und vermied nicht Umarmung und Kuß, den Gipfel der Freude,</span><br />
+<span class="line">Wenn sie den Liebenden sind die lang ersehnte Versichrung</span><br />
+<span class="line">Künftigen Glücks im Leben, das nun ein unendliches scheinet.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und den übrigen hatte der Pfarrherr alles erkläret.</span><br />
+<span class="line">Aber das Mädchen kam, vor dem Vater sich herzlich mit Anmut</span><br />
+<span class="line">Neigend und so ihm die Hand, die zurückgezogene, küssend,</span><br />
+<span class="line">Sprach: &ldquo;Ihr werdet gerecht der Überraschten verzeihen,</span><br />
+<span class="line">Erst die Tränen des Schmerzes und nun die Tränen der Freude.</span><br />
+<span class="line">Oh, vergebt mir jenes Gefühl! vergebt mir auch dieses</span><br />
+<span class="line">Und laßt nur mich ins Glück, das neu mir gegönnte, mich finden!</span><br />
+<span class="line">Ja, der erste Verdruß, an dem ich Verworrene schuld war,</span><br />
+<span class="line">Sei der letzte zugleich! Wozu die Magd sich verpflichtet,</span><br />
+<span class="line">Treu, zu liebendem Dienst, den soll die Tochter Euch leisten!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und der Vater umarmte sie gleich, die Tränen verbergend.</span><br />
+<span class="line">Traulich kam die Mutter herbei und küßte sie herzlich,</span><br />
+<span class="line">Schüttelte Hand in Hand; es schwiegen die weinenden Frauen.</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Eilig faßte darauf der gute verständige Pfarrherr</span><br />
+<span class="line">Erst des Vaters Hand und zog ihm vom Finger den Trauring</span><br />
+<span class="line">(Nicht so leicht; er war vom rundlichen Gliede gehalten),</span><br />
+<span class="line">Nahm den Ring der Mutter darauf und verlobte die Kinder,</span><br />
+<span class="line">Sprach: &ldquo;Noch einmal sei der goldenen Reifen Bestimmung,</span><br />
+<span class="line">Fest ein Band zu knüpfen, das völlig gleiche dem alten.</span><br />
+<span class="line">Dieser Jüngling ist tief von der Liebe zum Mädchen durchdrungen</span><br />
+<span class="line">Und das Mädchen gesteht, daß auch ihr der Jüngling erwünscht ist.</span><br />
+<span class="line">Also verlob' ich euch hier und segn' euch künftigen Zeiten,</span><br />
+<span class="line">Mit dem Willen der Eltern und mit dem Zeugnis des Freundes.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Und es neigte sich gleich mit Segenswünschen der Nachbar.</span><br />
+<span class="line">Aber als der geistliche Herr den goldenen Reif nun</span><br />
+<span class="line">Steckt' an die Hand des Mädchens, erblickt' er den anderen staunend,</span><br />
+<span class="line">Den schon Hermann zuvor am Brunnen sorglich betrachtet.</span><br />
+<span class="line">Und er sagte darauf mit freundlich scherzenden Worten:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Wie! du verlobest dich schon zum zweitenmal? Daß nicht der erste</span><br />
+<span class="line">Bräutigam bei dem Altar sich zeige mit hinderndem Einspruch!&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Aber sie sagte darauf. &ldquo;Oh, laßt mich dieser Erinnrung</span><br />
+<span class="line">Einen Augenblick weihen! Denn wohl verdient sie der Gute,</span><br />
+<span class="line">Der mir ihn scheidend gab und nicht zur Heimat zurückkam.</span><br />
+<span class="line">Alles sah er voraus, als rasch die Liebe der Freiheit,</span><br />
+<span class="line">Als ihn die Lust, im neuen veränderten Wesen zu wirken,</span><br />
+<span class="line">Trieb nach Paris zu gehn, dahin, wo er Kerker und Tod fand.</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Lebe glücklich&rsquo;, sagt' er. &lsquo;Ich gehe; denn alles bewegt sich</span><br />
+<span class="line">Jetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen.</span><br />
+<span class="line">Grundgesetze lösen sich auf der festesten Staaten,</span><br />
+<span class="line">Und es löst der Besitz sich los vom alten Besitzer,</span><br />
+<span class="line">Freund sich los von Freund: so löst sich Liebe von Liebe.</span><br />
+<span class="line">Ich verlasse dich hier; und wo ich jemals dich wieder</span><br />
+<span class="line">Finde &mdash; wer weiß es? Vielleicht sind diese Gespräche die letzten.</span><br />
+<span class="line">Nur ein Fremdling, sagt man mit Recht, ist der Mensch hier auf Erden;</span><br />
+<span class="line">Mehr ein Fremdling als jemals ist nun ein jeder geworden.</span><br />
+<span class="line">Uns gehört der Boden nicht mehr; es wandern die Schätze;</span><br />
+<span class="line">Gold und Silber schmilzt aus den alten heiligen Formen;</span><br />
+<span class="line">Alles regt sich, als wollte die Welt, die gestaltete, rückwärts</span><br />
+<span class="line">Lösen in Chaos und Nacht sich auf, und neu sich gestalten.</span><br />
+<span class="line">Du bewahrst mir dein Herz; und finden dereinst wir uns wieder</span><br />
+<span class="line">Über den Trümmern der Welt, so sind wir erneute Geschöpfe,</span><br />
+<span class="line">Umgebildet und frei und unabhängig vom Schicksal.</span><br />
+<span class="line">Denn was fesselte den, der solche Tage durchlebt hat!</span><br />
+<span class="line">Aber soll es nicht sein, daß je wir, aus diesen Gefahren</span><br />
+<span class="line">Glücklich entronnen, uns einst mit Freuden wieder umfangen,</span><br />
+<span class="line">Oh, so erhalte mein schwebendes Bild vor deinen Gedanken,</span><br />
+<span class="line">Daß du mit gleichem Mute zu Glück und Unglück bereit seist!</span><br />
+<span class="line">Locket neue Wohnung dich an und neue Verbindung,</span><br />
+<span class="line">So genieße mit Dank, was dann dir das Schicksal bereitet!</span><br />
+<span class="line">Liebe die Liebenden rein und halte dem Guten dich dankbar.</span><br />
+<span class="line">Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fuß auf;</span><br />
+<span class="line">Denn es lauert der doppelte Schmerz des neuen Verlustes.</span><br />
+<span class="line">Heilig sei dir der Tag; doch schätze das Leben nicht höher</span><br />
+<span class="line">Als ein anderes Gut, und alle Güter sind trüglich.&rsquo;</span><br />
+<span class="line">Also sprach er: und nie erschien der Edle mir wieder.</span><br />
+<span class="line">Alles verlor ich indes, und tausendmal dacht' ich der Warnung.</span><br />
+<span class="line">Nun auch denk ich des Worts, da schön mir die Liebe das Glück hier</span><br />
+<span class="line">Neu bereitet und mir die herrlichsten Hoffnungen aufschließt.</span><br />
+<span class="line">Oh, verzeih, mein trefflicher Freund, daß ich, selbst an dem Arm dich</span><br />
+<span class="line">Haltend, bebe! So scheint dem endlich gelandeten Schiffer</span><br />
+<span class="line">Auch der sicherste Grund des festesten Bodens zu schwanken.&rdquo;</span></div>
+<div class="stanza">
+<span class="line">Also sprach sie und steckte die Ringe nebeneinander.</span><br />
+<span class="line">Aber der Bräutigam sprach mit edler männlicher Rührung:</span><br />
+<span class="line">&ldquo;Desto fester sei, bei der allgemeinen Erschüttrung,</span><br />
+<span class="line">Dorothea, der Bund! Wir wollen halten und dauern,</span><br />
+<span class="line">Fest uns halten und fest der schönen Güter Besitztum.</span><br />
+<span class="line">Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist,</span><br />
+<span class="line">Der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter;</span><br />
+<span class="line">Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich.</span><br />
+<span class="line">Nicht dem Deutschen geziemt es, die fürchterliche Bewegung</span><br />
+<span class="line">Fortzuleiten und auch zu wanken hierhin und dorthin.</span><br />
+<span class="line">&lsquo;Dies ist unser!&rsquo; so laß uns sagen und so es behaupten!</span><br />
+<span class="line">Denn es werden noch stets die entschlossenen Völker gepriesen,</span><br />
+<span class="line">Die für Gott und Gesetz, für Eltern, Weiber und Kinder</span><br />
+<span class="line">Stritten und gegen den Feind zusammenstehend erlagen.</span><br />
+<span class="line">Du bist mein; und nun ist das Meine meiner als jemals.</span><br />
+<span class="line">Nicht mit Kummer will ich's bewahren und sorgend genießen,</span><br />
+<span class="line">Sondern mit Mut und Kraft. Und drohen diesmal die Feinde</span><br />
+<span class="line">Oder künftig, so rüste mich selbst und reiche die Waffen.</span><br />
+<span class="line">Weiß ich durch dich nur versorgt das Haus und die liebenden Eltern,</span><br />
+<span class="line">Oh, so stellt sich die Brust dem Feinde sicher entgegen.</span><br />
+<span class="line">Und gedächte jeder wie ich, so stünde die Macht auf</span><br />
+<span class="line">Gegen die Macht, und wir erfreuten uns alle des Friedens.&rdquo;</span></div>
+</div>
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+End of Project Gutenberg's Hermann und Dorothea, by Johann Wolfgang von Goethe
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN UND DOROTHEA ***
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