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+ The Project Gutenberg eBook of Der Wehrwolf, by Hermann L&ouml;ns
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+The Project Gutenberg EBook of Der Wehrwolf, by Hermann Löns
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Der Wehrwolf
+ Eine Bauernchronik
+
+Author: Hermann Löns
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+Release Date: October 2, 2007 [EBook #22824]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEHRWOLF ***
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+Produced by Norbert H. Langkau, Constanze Hofmann and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+<div class="notes">
+<p><b>Anmerkung zur Transkription:</b></p>
+<p>Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
+ansonsten aber wie im Original belassen. Die korrigierten Stellen sind im
+Text mit einer roten Linie gekennzeichnet, der <ins class="correction" title="so wie hier">
+Originaltext</ins> erscheint beim
+&Uuml;berfahren mit der Maus.</p>
+
+<p>Am Ende des Buches befindet sich eine Liste mit Worterkl&auml;rungen. Die erkl&auml;rten
+W&ouml;rter wurden im Text blau unterstrichen gekennzeichnet. Die Erkl&auml;rung erscheint beim
+&Uuml;berfahren mit der Maus, das Wort ist ausserdem mit der zugeh&ouml;rigen Erkl&auml;rung verlinkt.</p>
+
+<p>Ein Inhaltsverzeichnis ist im Original nicht vorhanden, zur leichteren
+Lesbarkeit hier Verweise zu den einzelnen Kapiteln:</p>
+
+<!-- Autogenerated TOC. Modify or delete as required. -->
+<ul class="lsoff">
+<li><a href="#Die_Haidbauern">Die Haidbauern</a></li>
+<li><a href="#Die_Mansfelder">Die Mansfelder</a></li>
+<li><a href="#Die_Braunschweiger">Die Braunschweiger</a></li>
+<li><a href="#Die_Weimaraner">Die Weimaraner</a></li>
+<li><a href="#Die_Marodebrueder">Die Marodebr&uuml;der</a></li>
+<li><a href="#Die_Bruchbauern">Die Bruchbauern</a></li>
+<li><a href="#Die_Wehrwoelfe">Die Wehrw&ouml;lfe</a></li>
+<li><a href="#Die_Schnitter">Die Schnitter</a></li>
+<li><a href="#Die_Kirchenleute">Die Kirchenleute</a></li>
+<li><a href="#Die_Hochzeiter">Die Hochzeiter</a></li>
+<li><a href="#Die_Kaiserlichen">Die Kaiserlichen</a></li>
+<li><a href="#Die_Schweden">Die Schweden</a></li>
+<li><a href="#Die_Haidbauern2">Die Haidbauern</a></li>
+<li><a href="#Worterklaerung">Worterkl&auml;rung</a></li>
+</ul>
+<!-- End Autogenerated TOC. -->
+</div>
+
+<p class="titlepage newpart">Hermann L&ouml;ns</p>
+
+<h1>Der Wehrwolf</h1>
+
+<div class="center">
+ <img src="images/titel.png" width="425" height="571"
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+ title="" />
+</div>
+
+<p class="titlepage">Eine Bauernchronik<br />
+101.-120. Tausend<br />
+Verlegt bei Eugen Diederichs<br />
+Jena 1920</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p class="titlepage">Alle Rechte, insbesondere das der &Uuml;bersetzung in
+fremde Sprachen (auch ins Ungarische) vorbehalten.<br />
+<span class="f">Copyright 1920 by Eugen Diederichs Verlag in Jena.</span></p>
+
+<h2><a name="Die_Haidbauern" id="Die_Haidbauern"></a>Die Haidbauern<span class='pagenum'><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span></h2>
+
+<p>Im Anfange war es w&uuml;st und leer in der Haide. Der Adler f&uuml;hrte &uuml;ber Tage
+das gro&szlig;e Wort, und bei Nacht hatte es der Uhu; B&auml;r und Wolf waren
+Herren im Lande und hatten Macht &uuml;ber jegliches Getier.</p>
+
+<p>Kein Mensch wehrte es ihnen, denn die paar armseligen Wilden, die dort
+vom Jagen und Fischen lebten, waren froh, wenn sie das Leben hatten und
+gingen den Untieren liebendgern aus der Kehr.</p>
+
+<p>Da kamen eines Abends andere Menschen zugereist, die blanke Gesichter
+und gelbes Haar hatten; mit Pferd und Wagen, Kind und Kegel kamen sie
+an, und mit Hunden und Federvieh.</p>
+
+<p>Es gefiel ihnen gut in der Haide, denn sie kamen daher, wo das Eis noch
+bis in den Mai auf den P&uuml;mpen stand und im Oktober schon wieder Schnee
+fiel.</p>
+
+<p>Ein jeder suchte sich einen Platz und baute sich darauf ein breites Haus
+mit spitzem Dach, das mit <dfn title="Rohr"><a href="#w1_2" class="gloss">Reet</a></dfn> und <dfn title="Haidscholle"><a href="#w1_3" class="gloss">Plaggen</a></dfn> gedeckt war und am Giebel ein
+paar bunte Pferdek&ouml;pfe aus Holz aufwies.</p>
+
+<p>Jeglicher Hof lag f&uuml;r sich. Ganz zu hinderst in der Haide wohnte
+Reineke; sein Nachbar war Hingst; auf ihn folgte Marten, darauf Hennig,
+hinterher Hors, und dann Bock und Bolle und Otte und Katz und Duw und
+Specht und Petz und Ul und wie sie alle hie&szlig;en, und zuletzt Wulf, ein
+langer Mann mit lustigen Augen und einer hellen Stimme, der sich da
+angebaut hatte, wo das Bruch anfing.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span></p><p>Der Wulfshof hatte das beste Weideland von allen H&ouml;fen, aber der Bauer
+hatte auch am meisten mit den W&ouml;lfen und B&auml;ren zu tun und mit den
+schwarzbraunen Leuten, die hinten im Bruche lebten. Doch das war ihm
+gerade recht und seinen Jungens nicht minder; je bunter es herging, um
+so lieber war es ihnen, und so wurden es Kerle, wie die B&auml;ume, mit
+H&auml;nden, wie B&auml;renpfoten; aber dennoch konnte sie ein jeder gern leiden,
+dieweil sie so <dfn title="frisch, klar"><a href="#w1_4" class="gloss">grall</a></dfn> in die Welt sahen und allewege lachten.</p>
+
+<p>Das kam ihnen und ihren Kindern und Kindeskindern auch gut zupasse, denn
+es ging zuzeiten wild genug her in der Haide; fremde V&ouml;lker zogen durch,
+und die Haidbauern mu&szlig;ten m&auml;chtig aufpassen, da&szlig; sie nicht umgerannt
+wurden. Aber es waren ihrer von Jahrhundert zu Jahrhundert in &Ouml;dringen,
+wie das Dorf hie&szlig;, immer mehr geworden; sie hielten stand, schmissen die
+Feinde zur&uuml;ck oder bargen die Weibsleute, die Kinder und das Vieh in der
+Wallburg im Bruche und setzten den Fremden durch &Uuml;berfallen und Ablauern
+solange zu, bis sie sich wieder d&uuml;nne machten.</p>
+
+<p>Die M&auml;nner vom Wulfshofe waren dabei immer vorneweg. Manch einer von
+ihnen blieb mit einem Pfeile im Halse oder einem Speere in der Brust
+dabei liegen, aber es blieb immer noch einer &uuml;brig, der den Namen am
+Leben hielt.</p>
+
+<p>Mittlerweile nahmen sie immer mehr Land unter den Pflug und machten das
+Bruch zu Wiesenland und Weide; zehn Geb&auml;ude z&auml;hlte der Hof, der wie eine
+Burg hinter Wall und Graben in seinem Eichbusche lag, und in dem gro&szlig;en
+<span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>Hause war kein Mangel an Waffen und Ger&auml;ten aller Art.</p>
+
+<p>In dem Flett standen neben dem Herde ein Dutzend schwerer silberner
+Teller auf dem B&ouml;rt an der Feuerwand. Als die Bergbauern ihre Boten
+schickten und die Haidbauern baten, ihnen beizustehen, die R&ouml;mer aus dem
+Land zu jagen, war auch ein Sohn vom Wulfshofe mit ausgezogen. Als er
+schon ein alter Mann war, lachte er noch, wenn er darauf zu sprechen
+kam, wie Varus mitsamt seinen Leuten vor die Hunde ging.</p>
+
+<p>&raquo;Junge,&laquo; sagte der alte Mann, &raquo;das war ein Spa&szlig;! Was haben wir die
+krummen Hunde <dfn title="schlagen"><a href="#w1_5" class="gloss">geweift</a></dfn>! So St&uuml;cker zwanzig habe ich allein vor den <dfn title="Gehirn, auch Sch&auml;del"><a href="#w1_6" class="gloss">Br&auml;gen</a></dfn>
+geschlagen, da&szlig; es nur so ballerte, denn sie hatten alle Kappen aus
+Blech auf. Na, und denn habe ich zum Andenken die blanken K&uuml;mpe
+mitgebracht. Machen sie sich da nicht fein?&laquo;</p>
+
+<p>Mit den R&ouml;mern waren die Bauern bald fertig geworden, aber dann kam der
+Franke, und der war z&auml;he wie Aalleder. Holte er sich heute auch eine
+Jacke voll Schl&auml;ge, morgen war er wieder da. Ein Wulf war dabei gewesen,
+als <dfn title="Wittekind"><a href="#w1_7" class="gloss">Weking</a></dfn> das fr&auml;nkische Heer am S&uuml;ntel zu <dfn title="gehacktes Fleisch"><a href="#w1_8" class="gloss">rohem Mett</a></dfn> hackte, aber zwei
+von den Wulfsbauern waren auch unter den M&auml;nnern, die Karl an der
+<dfn title="Halsbach"><a href="#w1_9" class="gloss">Halsbeeke</a></dfn> bei der <dfn title="Verden an der Aller"><a href="#w1_10" class="gloss">gro&szlig;en F&auml;hre</a></dfn> wie Vieh abschlachten lie&szlig;. Als darauf
+alles, was ein Messer halten konnte, ihm an den Hals sprang, waren auch
+drei Wulfs dabei; sie waren nicht zur&uuml;ckgekommen.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich aber sagten die <dfn title="Haidbauer"><a href="#w1_11" class="gloss">Haidjer</a></dfn> sich: &raquo;Gegen ein Fuder Mist kann
+einer allein nicht anstinken.&laquo; So zahlten sie denn Zins, sagten dem Wode
+und der Frigge ab, lie&szlig;en sich taufen und wurden mit der Zeit ganz
+ordentliche Christen, vorz&uuml;glich, als einer von ihnen,<span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span> der nach der
+V&auml;ter Brauch den alten G&ouml;ttern einen Schimmel auf dem Hingstberge
+geschlachtet hatte, daf&uuml;r unter das Beil mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Ganz zahm wurden sie nach au&szlig;en hin und sie lie&szlig;en sich sogar einen
+fr&auml;nkischen Ritter vor die Nase setzen. Aber von innen blieben sie die
+Alten; wenn im heiligen r&ouml;mischen Reiche einmal wieder alles <dfn title="kopf&uuml;ber"><a href="#w1_12" class="gloss">koppheister</a></dfn>
+ging, dann kamen sie vor Tau und Tag &uuml;ber die Haide geritten, steckten
+die Burg an allen vier Ecken an und schlugen alles, was einen Bart
+hatte, vor den Kopf.</p>
+
+<p>Das half ihnen auf die Dauer aber doch nichts; die fremden Herren nahmen
+ihnen mit Gewalt und List ein Recht nach dem andern, und schlie&szlig;lich
+wurden sie alle zinspflichtige Lehnsm&auml;nner bis auf den Wulfsbauern; denn
+der hatte einen Freibrief als <dfn title="Bauer, der in Kriegsf&auml;llen ein Pferd zu stellen hat"><a href="#w1_13" class="gloss">Sattelmeier</a></dfn>, weil ein Wulf einmal den
+Herzog Billung vor seinen Feinden gerettet hatte. Wenn sich nun auch
+heute das Kloster und morgen der Ritter alle M&uuml;he gab, den Wulfshof
+<dfn title="lehnspflichtig machen"><a href="#w1_14" class="gloss">anzumeiern</a></dfn>, die Wulfsbauern wu&szlig;ten sich davor zu wahren.</p>
+
+<p>Sie hatten ja auch sonst ihre liebe Not, denn bald war Krieg im Lande,
+bald r&uuml;hrten sich die Raubritter. Wenn der Bauer pfl&uuml;gte, hatte er
+w&auml;hrenddem den Speer und die Armbrust bei seiner Jacke liegen, und mehr
+als einmal fing er mit seinen Leuten ein paar Schnapph&auml;hne ab und
+brachte sie &uuml;ber die Seite. Da das aber einmal so war, so machte er sich
+weiter keine Gedanken dar&uuml;ber; seine Augen blieben hell und das Lachen
+verlernte er auch nicht.</p>
+
+<p>Als die Bauern die neue Lehre annahmen und dem Pater aufsagten, mu&szlig;te
+der Wulfsbauer zu ihm gehen<span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span> und ihm das klarmachen, weil der Pater ein
+guter alter Mann war und die Bauern glaubten, kein anderer k&ouml;nne ihm die
+Sache so gelinde beibringen, wie Harm Wulf, dessen Hauptredensart es
+war: &raquo;Es ist alles man ein &Uuml;bergang&laquo;, und dabei schlug er den Wolf in
+der <dfn title="Grube"><a href="#w1_15" class="gloss">Kuhle</a></dfn> tot und lachte dazu.</p>
+
+<p>Hinterher kamen ja wohl einmal Zeiten, da&szlig; auch der Wulfsbauer eine
+krause Stirn und dunkle Augen kriegte und nicht mehr so laut lachte. Das
+war Anno 1519, als Hans Magerkohl, der Bischoff von Hildesheim, sich mit
+dem Braunschweiger Herzog k&auml;mmte und die Bauern dabei Haare lassen
+mu&szlig;ten. In Burgdorf kr&auml;hte der rote Hahn lauthals und ein Wulf, der dort
+in eine Ackerb&uuml;rgerstelle hineingeheiratet hatte, kam mit dem wei&szlig;en
+Stocke wieder nach dem Wulfshofe und starb bald vor Herzeleid, denn die
+braunschweigischen Kriegsv&ouml;lker hatten seine junge Frau zuschanden
+gemacht.</p>
+
+<p>Ein Trupp von dem Gesindel kam auch bis vor den Wulfshof; aber da es nur
+bei zwanzig waren, fanden sie nicht wieder zur&uuml;ck; der Bauer schlug sie
+mit seinen S&ouml;hnen und Knechten tot, fuhr sie in das Bruch und <dfn title="eingraben"><a href="#w1_16" class="gloss">rodete sie
+bei</a></dfn>.</p>
+
+<p>Auch sein Sohn verlernte sp&auml;ter auf einige Zeit das Lachen, denn als man
+den neunten Juli des Jahres 1553 schrieb, kam es auf dem Vogelherde bei
+Sievershausen zu dem gro&szlig;en Treffen zwischen dem Braunschweiger und dem
+Sachsen auf der einen und dem Kalenberger und dem Brandenburger auf der
+anderen Seite.</p>
+
+<p>Schrecklich ging es vor und nach der Schlacht in der Haide zu; doch der
+Wulfsbauer hatte beizeiten Wind<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> gekriegt und die Frauensleute, die
+Kinder und das Vieh und alles, was Geldeswert hatte, im Bruche geborgen;
+er selber aber und seine Leute hatten sich mit den anderen Bauern
+zusammengetan, und wo sie einen Haufen Fu&szlig;volk oder Reiter trafen, denen
+ging es schlecht. &Uuml;ber zweihundert von ihnen schossen und schlugen die
+Bauern tot. Wenn sie sie eingruben, lachte der Wulfsbauer und sagte:
+&raquo;Man soll alle Arbeit mit Freuden tun, vorz&uuml;glich, wenn sie sich lohnt&laquo;;
+damit meinte er dann die Waffen und das bare Geld, das die Kriegsleute
+bei sich hatten.</p>
+
+<p>Wenn es auch noch so hart herging, ihre <dfn title="frisch, klar"><a href="#w1_4" class="gloss">grallen</a></dfn> Augen und ihr helles
+Lachen verloren die Wulfsbauern so leicht nicht; es mu&szlig;te schon sehr
+schlimm kommen, da&szlig; es anders mit ihnen wurde.</p>
+
+<p>Das tat es denn auch. Es gingen im Jahre 1623 allerlei Ger&uuml;chte von
+einem Kriege um, den der Kaiser mit den B&ouml;hmen wegen der neuen Lehre
+f&uuml;hrte und der immer weiter fra&szlig;. Zudem hatte es sehr viele wunderliche
+Zeichen gegeben. Es waren Rosen gewachsen, aus denen wieder Rosen kamen,
+das Brot hatte geblutet, auf den <dfn title="Feldweg"><a href="#w1_17" class="gloss">Koppelwegen</a></dfn> lagen <dfn title="gallertartige
+Massen, entweder Gallertflechten oder die Eileiter von Fr&ouml;schen, die von
+Iltissen oder Reihern wieder ausgew&uuml;rgt sind"><a href="#w1_18" class="gloss">Sternschnuppen</a></dfn>, drei
+Tage hintereinander im Juli kamen Unmassen von <dfn title="Wasserjungfer"><a href="#w1_19" class="gloss">Schillebolden</a></dfn> &uuml;ber die
+Haide geflogen und hinterher ebensoviele <dfn title="Schmetterling"><a href="#w1_20" class="gloss">Butterv&ouml;gel</a></dfn>; es gab mehr
+Mi&szlig;geburten beim Vieh, denn je zuvor, die M&auml;use heckten unm&auml;&szlig;ig, <dfn title="unregelm&auml;&szlig;ig erscheinende nordische V&ouml;gel"><a href="#w1_21" class="gloss">Pest-
+und Sterbev&ouml;gel</a></dfn> lie&szlig;en sich sehen, am Himmel zeigten sich feurige M&auml;nner
+und ein Stern, der wie ein Schwert aussah, fiel herunter.</p>
+
+<p>Daraus sagten manche Leute Krieg, Hunger, Brand und Pest an. Es dauerte
+auch nicht lange, da&szlig; ein<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span> gro&szlig;es Sterben anging, vorz&uuml;glich in den
+St&auml;dten, wo die Menschen eng aufeinandersa&szlig;en und allerlei fremdes Volk
+zusammenkam. Um den Herrgott wieder um gut Wetter zu bitten, zogen ganze
+Haufen von halbnackten M&auml;nnern und Weibern mit Ketten um den H&auml;lsen
+hinter einem Kreuze her, heulten und schrien wie unklug, schlugen sich
+mit Stricken die R&uuml;cken, da&szlig; das Blut nur so spritzte, und sangen zum
+Gotterbarmen.</p>
+
+<p>Als Harm Wulf, der Anerbe vom Wulfshofe, Torf nach der Stadt fuhr, war
+er einem solchen Zuge begegnet und sehr falsch geworden, denn er hatte
+junge Pferde vor dem Wagen, und die wollten mit Gewalt vom Wege, als die
+verr&uuml;ckten V&ouml;lker angebr&uuml;llt kamen.</p>
+
+<p>Hinterher mu&szlig;te er aber dar&uuml;ber lachen; es hatte zu albern ausgesehen,
+wie sie alle auf einmal die Arme in die Luft schmissen und lossangen:
+&raquo;Hui halt' auf eure H&auml;nde, da&szlig; Gott dies Sterben wende, hui streckt aus
+eure Arme, da&szlig; Gott sich eur' erbarme!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r ein dummerhaftiges Lied!&laquo; dachte er und pfiff das
+<dfn title="ein bekanntes altes Lied"><a href="#w1_23" class="gloss">Brummelbeerlied</a></dfn>.</p>
+
+<h2><a name="Die_Mansfelder" id="Die_Mansfelder"></a>Die Mansfelder<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span></h2>
+
+<p>Als er am anderen Morgen durch die Haide ging, lachte er auch vor sich
+hin, aber nicht mehr &uuml;ber die Gei&szlig;ler, denn die hatte er l&auml;ngst
+vergessen.</p>
+
+<p>Er dachte daran, was sein Vater ihm gesagt hatte, da&szlig; es n&auml;mlich an der
+Zeit w&auml;re, da&szlig; er freien m&uuml;sse und den Hof &uuml;bernehmen solle. Und er
+dachte an Rose Ul.</p>
+
+<p>Denn das sollte seine Frau werden, das <dfn title="h&uuml;bsch"><a href="#w2_1" class="gloss">glatteste</a></dfn> M&auml;dchen weit und breit,
+und Ulenvaters einziges Kind, mit der er immer am liebsten beim
+Erntebiere getanzt hatte. Darum lachte er vor sich hin.</p>
+
+<p>Er drehte eine Maiblume, die er an der alten Wallburg im Holze
+abgerissen hatte, zwischen den Z&auml;hnen und sah &uuml;ber die Haide, die ganz
+gr&uuml;n von dem jungen Birkenlaube war und ganz blank von der Sonne.</p>
+
+<p>Vom Bruche her kam zwischen den hohen <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangel</a></dfn>b&uuml;schen ein Mann
+angegangen. Er blieb stehen, zeigte mit dem Finger auf die Blume, die
+Harm im Munde hielt, <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">griente</a></dfn> und sagte: &raquo;Friggeblumen, wer die bricht,
+Junggeselle bleibt er l&auml;nger nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Harm lachte und gab ihm die Hand. Immer mu&szlig;te er sich wundern, wenn er
+Ulenvater sah; denn der war so ganz anders, als alle Leute, die er
+kannte. Jedes Wort, das er sprach, hatte einen doppelten Sinn; er hatte
+den ganzen Kopf voller Dummheiten, aber auch voller Klugheit, und man
+sagte von ihm, da&szlig; er mehr k&ouml;nne als Brot essen.</p>
+
+<p>Aber das war man ein Altweiberschnack; er war<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span> drei Jahre auf die hohe
+Schule in Helmstedt gegangen und hatte da flei&szlig;ig gelernt, sowohl
+geistliche Sachen, wie denn auch, was gegen Krankheiten bei Mensch und
+Vieh gut war; dann aber war der Hoferbe abgestorben und weil weiter kein
+Sohn da war, mu&szlig;te er den Hof annehmen; und nun hie&szlig; er zum Spa&szlig; der
+Papenbur.</p>
+
+<p>Er wurde jedoch ein Bauer, wie nur einer, blo&szlig; da&szlig; er in vielem seinen
+eigenen Weg ging: so konnte er niemals nach der Kirche hinfinden, denn
+er sagte: &raquo;Wer da wei&szlig;, wie man W&uuml;rste macht, der i&szlig;t schon keine.&laquo; Dann
+hatte er die Gabe, alles, was er sagte, in Reime zu bringen, wenn er
+gerade wollte; es wurde keine Hochzeit abgehalten, bei der Ulenvater
+nicht seinen Vers sagte, und jedesmal einen anderen. Er hatte Augen, die
+hatten gar keine Farbe; wie Wasser sahen sie aus. Die wenigsten Menschen
+hielten ihnen stand, und wenn er einen Hund ansah, und war der auch noch
+so b&ouml;se, er machte, da&szlig; er fortkam.</p>
+
+<p>Nun stand er da, als wenn er nicht bis drei z&auml;hlen konnte, <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">griente</a></dfn> und
+sagte, indem er auf das Schie&szlig;gewehr wies, das Harm auf den R&uuml;cken
+hatte: &raquo;All wieder nach dem Saufang?&laquo; Und dann lachte er lauthals, denn
+der Saufang war dicht beim Ulenhofe, und wenn Harm am Saufang war, dann
+dauerte es nicht lange und Rose hatte vor dem Hofe zu tun.</p>
+
+<p>Das war auch jetzt so. Als Wulf dort angekommen war und gesehen hatte,
+da&szlig; der Fang noch aufstand, steckte er drei Finger in den Mund und pfiff
+wie der Schwarzspecht. Es dauerte eine Weile, da h&ouml;rte er hinter sich
+ein Ger&auml;usch; als er sich umdrehte, sah er<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span> bei einer Eiche etwas
+Feuerrotes, und das war ein roter Rock, und nun gab es ein Jagen um den
+Baum und dann ein Quieken.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Junge,&laquo; pustete das M&auml;dchen und ihre Brust ging auf und ab, &raquo;du
+bringst mich ja rein von Atem! Und schickt sich das wohl?&laquo; Aber dann
+lie&szlig; sie sich doch dahinziehen, wo das Moos ganz eben und trocken war,
+und lie&szlig; sich k&uuml;ssen und k&uuml;&szlig;te wieder, und z&auml;hlte, wie oft der Kuckuck
+rief, denn so lange sollte sie leben; aber er rief blo&szlig; zweimal und da
+sagte sie: &raquo;So ein fauler Hund!&laquo; und lachte dabei.</p>
+
+<p>Vom Hofe rief es. Das M&auml;dchen sprang in die H&ouml;he: &raquo;Bis heute abend!
+Mutter ruft schon. Komm aber nicht vor dem Vesper, denn bis dahin habe
+ich alle H&auml;nde voll zu tun.&laquo; Sie machte sich los und Harm sah ihr
+lachend nach, wie sie so flink dahinging, da&szlig; der rote Rock wie eine
+Flamme hin und her wehte, und ihr Haar, das leuchtete wie eitel Gold
+unter der kleinen M&uuml;tze, um die die Bindeb&auml;nder man so flogen.</p>
+
+<p>Ehe sie &uuml;ber das <dfn title="&Uuml;bertritt in der Umz&auml;unung"><a href="#w2_4" class="gloss">Stegel</a></dfn> stieg, sah sie sich noch einmal um; dann war sie
+fort und Harm war zumute, als wenn die Sonne nicht mehr so sch&ouml;n schien
+und als ob die V&ouml;gel lange nicht mehr so lustig s&auml;ngen; aber dann pfiff
+er das <dfn title="ein bekanntes altes Lied"><a href="#w1_23" class="gloss">Brummelbeerlied</a></dfn> durch die Z&auml;hne und lachte wieder vor sich hin,
+als er &uuml;ber die Haide ging, und seine Augen waren so blau wie der Himmel
+&uuml;ber ihm.</p>
+
+<p>Das blieben sie auch bis zur Hochzeit und auf ihr erst recht. Es war
+eine gro&szlig;e Hochzeit und lustig ging es dabei her, obzwar kein einziger
+Mann betrunken war.<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span></p>
+
+<p>Einige Bauern redeten zwar davon, da&szlig; es immer gef&auml;hrlicher im Reich
+auss&auml;he, aber was fragte Harm Wulf danach, als er mit seiner jungen Frau
+unter Lachen und Juchen in die <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn> geschoben wurde, und nach den
+feurigen M&auml;nnern am Himmel und dem blutenden Brot und den <dfn title="unregelm&auml;&szlig;ig erscheinende nordische V&ouml;gel"><a href="#w1_21" class="gloss">Pest- und
+Sterbev&ouml;geln</a></dfn>? Er nahm seine Rose in den Arm und sagte: &raquo;Eine <dfn title="Eule"><a href="#w2_6" class="gloss">Ule</a></dfn> habe
+ich gefangen, aber was f&uuml;r eine <dfn title="h&uuml;bsch"><a href="#w2_1" class="gloss">glatte</a></dfn> Ule auch!&laquo; Und dann lachte er
+&uuml;ber seinen Witz.</p>
+
+<p>Er blieb am Lachen bis auf den Tag, da&szlig; seine Rose zu liegen kam, aber
+dann lachte er noch mehr, blo&szlig; nicht so laut und mehr mit den Augen;
+denn ein Junge lag neben ihr, ein Junge, ein Staat von einem Jungen ein
+wahrer B&auml;r von einem Jungen, einer von zehn vollwichtigen Pfunden und
+ein h&uuml;bscher Junge von vornherein.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte er am dritten Tage zu seiner Frau, die schon wieder Farbe
+auf den Backen hatte, &raquo;was ist das nun eigentlich, ein Ulenk&uuml;ken oder
+ein Wolfslamm?&laquo; Und dann lachte er laut &uuml;ber seinen Schnack.</p>
+
+<p>Er lachte, wenn er zur Arbeit ging, er lachte, wenn er von ihr kam. Er
+hatte fr&uuml;her auch ein sch&ouml;nes Leben gehabt, aber so, wie es jetzt war,
+mit solcher <dfn title="h&uuml;bsch"><a href="#w2_1" class="gloss">glatten</a></dfn> Frau und so einem gesunden Jungen, das war doch ganz
+etwas anders! Er konnte sich vor Freude gar nicht bergen, so <dfn title="&uuml;berm&uuml;tig"><a href="#w2_7" class="gloss">w&auml;hlig</a></dfn> war
+ihm zumute, und wenn ab und zu Reineke oder Marten oder einer von den
+anderen &Ouml;dringern sich so anstellte, wie eine Kr&auml;he, wenn der Fuchs
+ankommt, und erz&auml;hlte, was er in Celle oder Burgdorf oder Peine geh&ouml;rt
+hatte: da&szlig; n&auml;mlich Krieg in der Welt war und es nicht mehr lange dauern<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+werde, bis da&szlig; es auch in der Haide an zu stinken anfange, der
+Wulfsbauer pfiff, wenn er s&auml;ete oder pfl&uuml;gte, das <dfn title="ein bekanntes altes Lied"><a href="#w1_23" class="gloss">Brummelbeerlied</a></dfn>,
+dachte an seine Rose und an seinen l&uuml;ttjen Hermke und daran, wie gut er
+es doch getroffen hatte.</p>
+
+<p>Hermke konnte ihm schon an der Hand seiner Mutter entgegentappeln und
+&raquo;Vater!&laquo; rufen, wenn Harm vom Felde kam, und es war so weit, da&szlig; er bald
+einen Bruder oder eine Schwester bekommen sollte, da ritt der Bauer
+eines Morgens nach der Stadt, um seinen Hofzins beim Amte zu bezahlen.
+Es war ein sch&ouml;ner Morgen; die Birken an den Stra&szlig;en waren eben
+aufgebrochen, alle Finken schlugen, die <dfn title="Haidlerche"><a href="#w2_8" class="gloss">Dullerchen</a></dfn> sangen und das Bruch
+war von oben bis unten rot, denn der <dfn title="ein Strauch, Porst oder Gagel, auch Gerbermyrte genannt, Myrica gale L"><a href="#w2_9" class="gloss">Post</a></dfn> war am Bl&uuml;hen. Harm setzte
+sich in einen schlanken Trab, da&szlig; der Sand hinter ihm nur so <dfn title="stauben"><a href="#w2_10" class="gloss">m&uuml;lmte</a></dfn>,
+denn er dachte: &raquo;Je eher du in der Stadt bist, desto fr&uuml;her bist du
+wieder auf dem Hofe.&laquo;</p>
+
+<p>Er kam aber erst am sp&auml;ten Abend nach Hause und er kam zu Fu&szlig;e an. Als
+er n&auml;mlich seine Steuern bezahlt hatte und nach dem Kruge vor der Stadt
+ging, wo er seinen Falben eingestellt hatte, um das Torgeld zu sparen,
+da war dort ein wildes Leben. Ein Mansfelder Feldhauptmann mit einem
+Trupp Kriegsvolk war angekommen und es ging hoch her. Die Kerle hatten
+alle rote K&ouml;pfe von Bier und Schnaps und nun schrien sie und <dfn title="br&uuml;llen"><a href="#w2_11" class="gloss">b&ouml;lkten</a></dfn> und
+<dfn title="kreischen"><a href="#w2_12" class="gloss">kriej&ouml;hlten</a></dfn> und machten sich mit den verlaufenen Frauensleuten, die sie
+bei sich hatten, allerlei Kurzweil, da&szlig; es eine Schande war, das
+anzusehen. Die T&ouml;chter des Wirts und die M&auml;gde waren &uuml;bel dran; sogar
+die Wirtsfrau, die doch gewi&szlig;<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> kein Ansehen mehr hatte, konnte sich vor
+den L&uuml;mmeln nicht bergen.</p>
+
+<p>Als der Wulfsbauer um das Haus nach dem Stalle gehen wollte, kam ihm ein
+Kerl <ins class="correction" title="entgegegen">entgegen</ins>, der eine rote Feder auf dem Hute und einen
+gef&auml;hrlichen pechschwarzen Schnauzbart unter seiner langen Nase hatte.
+Als er den Bauern sah, juchte er laut auf, nahm ihn in den Arm, k&uuml;&szlig;te
+ihn auf beide Backen, da&szlig; Harm der Schnapsgeruch um die Ohren schlug,
+fa&szlig;te ihn an die Schultern, hielt ihn von sich ab, lachte &uuml;ber sein
+ganzes gelbes Gesicht, nahm ihn wieder in den Arm und br&uuml;llte:
+&raquo;Brudderh&auml;rz mainiges! Wie lange habben wirr uns nicht ges&auml;henn? Aberr
+die Freide, die Freide! Auf das wollen wirr aberr einen trrinkenn!&laquo; Er
+zog den Bauern, der gar nicht wu&szlig;te, was er davon halten sollte, unter
+das Fenster und schrie: &raquo;Frau Wirrtinn, zwei Birr f&uuml;rr mainen Freind und
+mich, wo ich so lange nicht ges&auml;henn habbe.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gro&szlig;magd brachte das Bier, aber als der fremde Kerl sie in den Arm
+kniff, machte sie Wulf mit den Augen Zeichen, denn sie war eine
+H&auml;uslingstochter aus &Ouml;dringen, und als der Reiter das Bier hinnehmen
+wollte, juchte sie auf und lie&szlig; beide Kr&uuml;ge fallen. Der fremde Mensch
+schimpfte Mord und Brand, aber da rief der Hauptmann und er mu&szlig;te fort.
+Als Harm schnell machte, da&szlig; er weiter kam, winkte ihn Trine Reineke auf
+die Diele: &raquo;Wulfsbauer,&laquo; sagte sie, &raquo;um Christi Blut und Wunden, da&szlig; du
+blo&szlig; den Luderv&ouml;lkern nicht Bescheid tust! Wer Bescheid tut, der ist
+angeworben. Kiek, da ist <dfn title="Christian"><a href="#w7_18" class="gloss">Krischan</a></dfn> Bolle, den haben sie schon eingeseift,
+den <dfn title="Dummkopf"><a href="#w2_13" class="gloss">D&ouml;llmer</a></dfn>! Mit jedwedem hat<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span> er auf Bruderschaft angesto&szlig;en und nun
+hat er den bunten Lappen um den Arm und kann sich morgen f&uuml;r Gott und
+den Deubel totschie&szlig;en lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&Auml;ngstlich sah ihn das h&uuml;bsche M&auml;dchen, das auf dem Wulfshofe als
+<dfn title="Kleinmagd"><a href="#w2_14" class="gloss">L&uuml;tjemagd</a></dfn> angefangen hatte, in die Augen: &raquo;Sieh man blo&szlig; zu, da&szlig; du
+weiter kommst! Je eher da&szlig; du fortkommst, je besser ist das f&uuml;r dich.
+Das sind ja keine Menschen nicht, das ist das reine Vieh. O Gotte!&laquo; Sie
+schlug die Sch&uuml;rze vor das Gesicht und weinte los.</p>
+
+<p>&raquo;Na, Deern,&laquo; beruhigte Harm sie, indem er ihr auf die Schulter schlug,
+&raquo;das ist alles man ein &Uuml;bergang. Aber recht hast du, wer hier nichts
+verloren hat, soll sich nicht weiter aufhalten.&laquo; Er bezahlte die beiden
+Kr&uuml;ge Bier, gab dem M&auml;dchen ein Bringgeld und ging nach den St&auml;llen. Da
+war es noch toller als vor dem Hause. Sieben Ro&szlig;knechte, einer noch
+schlimmer aussehend als der andre, hielten einen alten Tr&ouml;deljuden zum
+besten, spuckten ihm in die H&auml;nde, warfen ihm seine Waren durcheinander
+und wollten ihn zwingen, Schweinewurst zu essen. Drei andere stachen
+eine Sau ab, einer machte sich mit einem <dfn title="Zigeuner"><a href="#w2_15" class="gloss">Tater</a></dfn>nm&auml;dchen das knapp zw&ouml;lf
+Jahre alt sein konnte, zu schaffen, ein anderer lag besoffen auf dem
+Mist und noch einer hatte einen Hahn in den H&auml;nden und drehte ihm den
+Hals ab.</p>
+
+<p>&raquo;Gottes Wunder,&laquo; dachte der Bauer, &raquo;was ist das f&uuml;r eine Zucht und
+Wirtschaft!&laquo; Er dr&uuml;ckte sich an den betrunkenen V&ouml;lkern vorbei und ging
+in den Pferdestall. Sein Falber war da, hatte aber ein herrschaftliches
+Geschirr um und zwei Mantels&auml;cke aufgeschnallt.<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> Er schirrte ihn ab,
+machte sich ein Halfter aus einem Ende Strick und f&uuml;hrte das Pferd aus
+dem Stalle. Schon war er meist vom Hofe, da kam ihm ein Reiter, der
+einen roten Bart hatte, der ihm bis &uuml;ber den Kragen hing, entgegen und
+schnauzte ihn an, wo er mit dem Pferd hinwolle.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist doch von jeher mein Falber gewesen!&laquo; gab ihm der Bauer zur&uuml;ck.
+&raquo;Ferdl, Tonio, Pitter, Wladslaw, daher, daher!&laquo; schrie der rotb&auml;rtige
+Mensch; &raquo;wem ist das Pferd hier, diesem Mann da oder Korporal Tillmann
+Anspach? H&auml;h? Ruft ihn mal her! Wollen doch mal sehen, wessen Wort mehr
+gilt, das von einem ehrlichen Kriegsmann, der f&uuml;r die reine Lehre
+fechten tut, oder von so 'nem Bauern, der zu Fu&szlig;e kommt und zu Pferde
+weiter will!&laquo;</p>
+
+<p>Harm bekam einen roten Kopf und fa&szlig;te nach der Hosennaht, wo er das
+Messer stecken hatte, aber er besann sich, denn er war einer gegen
+anderthalb Dutzend, und nun kam auch der Korporal an, ein Mensch, so
+d&uuml;rr wie ein Bohnenstiefel und mit einer Narbe vom Auge bis zum Kinn,
+und hinter ihm noch ein Dutzend Reiter, die alle Gesichter hatten wie
+dem Gottseibeiuns seine Vetternschaft.</p>
+
+<p>Als der Korporal h&ouml;rte, wovon die Rede war, sch&uuml;ttelte er den Kopf, hob
+zwei Finger hoch und schwur: &raquo;So wahr ich hier auf zwei Beinen stehe,&laquo;
+und dabei hob er den einen Fu&szlig; auf, &raquo;verdammigt will ich sein, wenn das
+nicht der Falbe ist, den ich zu Martini von Schlome Schmul zu K&ouml;lle am
+Rhing f&uuml;r drei&szlig;ig schwere Taler und einen guten Weinkauf erstanden habe.
+Darauf will ich leben und sterben, so wahr ich ein<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> getreuer
+Christenmensch und kein papistischer Hundsfott bin!&laquo;</p>
+
+<p>Harm Wulf sah sich um: er stand zwischen drei&szlig;ig oder mehr verwogenen
+Kerlen, denen es auf eine Handvoll Menschenblut weiter nicht ankam.
+Betrunken waren sie ja alle, und wenn er erst auf dem Falben sa&szlig; und er
+gab ihnen die Eisen in die Z&auml;hne! Aber der Gaul war schlie&szlig;lich nicht
+wert, da&szlig; er sich daf&uuml;r in Not und Gefahr begab, und das Tier hatte eine
+dumme Gewohnheit: es stand auf den Pfiff! Sollte es also einem von den
+Kerlen in den Kopf kommen, zu fl&ouml;tjen, dann war er der Dumme und seine
+Frau konnte auf ihn lauern, bis sie alt und grau war, denn drei, viere
+von den <dfn title="Pferdeknecht"><a href="#w2_16" class="gloss">Koppelknechten</a></dfn> machten schon ihre Messer locker, und das
+Frauensmensch da mit dem schwarzen Haare, von dem die Butter nur so
+herunterlief, stie&szlig; den Kerl, der neben ihr stand, den scheel&auml;ugigen mit
+den Blatternarben, in einem fort in die Rippen und machte Augen wie ein
+Wolf, der Luder wittert.</p>
+
+<p>Harm Wulf lachte mit eins auf. &raquo;Kinder und Leute,&laquo; juchte er, &raquo;das ist
+ja hier ein Leben, noch doller als beim Martensmarkt auf der Burg! Da
+wird so ein Haidbauer, als wie ich bin, der man alle halbe Jahre einen
+fremden Menschen zu sehen kriegt, ganz d&ouml;sig von im Koppe. Ist ja auch
+wahr! Ich habe ja meinen Falben in der Burg! Ja, ja, man soll vor dem
+Mittagbrot den Schnaps aus dem Balge lassen. Na, denn nichts f&uuml;r ungut!
+Irren ist menschlich, sagte der Hahn, da gab er sich mit der Ente ab.
+Und nun wollen wir einen nehmen, da&szlig; die Haide wackelt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kiek sieh,&laquo; schrie er lauthals, &raquo;da ist ja auch mein<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> alter Freund,&laquo;
+und damit nahm er den Mann mit dem schwarzen Schnauzbart, der die rote
+Feder auf dem Hute stecken hatte, unter den Arm und schrie &uuml;ber den Hof:
+&raquo;Howingvater, Trine, Deern, <dfn title="schnell"><a href="#w2_17" class="gloss">hille</a></dfn>, hille! Bier her!&laquo;</p>
+
+<p>Als die Reiter ihm lachend folgten, warf er einen Reichstaler auf das
+Fensterb&ouml;rt und sang: &raquo;Ich hab' noch einen Taler, der soll versoffen
+sein,&laquo; stie&szlig; mit jedwedem an und machte seine Witze, aber dabei wahrte
+er sich den R&uuml;cken, behielt seine Lippen trocken und go&szlig; das Bier und
+den Schnaps &uuml;ber seine Schulter gegen die Wand.</p>
+
+<p>Die h&uuml;bsche Trina wu&szlig;te nicht, wo sie so schnell Bier herkriegen
+sollte, so lustig ging es zu. Aber als sie zum achten Male wiederkam,
+war der Wulfsbauer nicht mehr da. Er hatte einen Witz von Ulenvaters
+<dfn title="derb"><a href="#w2_18" class="gloss">quantester</a></dfn> Sorte zum besten gegeben, und als die betrunkene Bande vor
+Lachen nicht wu&szlig;te, wo sie bleiben sollte, und einer dem anderen, der
+sich auf die Landessprache nicht verstand, <dfn title="erkl&auml;ren"><a href="#w2_19" class="gloss">verklarte</a></dfn>, was der Bauer
+gesagt hatte, und sich auf die Reithosen schlug und wie ein Ochse
+br&uuml;llte, da gab Wulf der Wirtin etwas in das Ohr, und auf einmal schrie
+die: &raquo;Das Essen ist da! Zum Essen!&laquo; Da standen alle auf und Wulf dr&uuml;ckte
+sich hinter die B&auml;ume.</p>
+
+<p>Er kam gl&uuml;cklich davon. Einen <dfn title="Pferdeknecht"><a href="#w2_16" class="gloss">Koppelknecht</a></dfn>, der ihm <dfn title="entgegenkommen"><a href="#w2_20" class="gloss">in die M&ouml;te kam</a></dfn>,
+stie&szlig; er mit der Faust unter das Herz, da&szlig; der Mensch ohne ein Wort in
+die Jauche schlug. Der Rotbart fragte ihn: &raquo;Brudder, libber Brudder,
+trinken wirr noch eins?&laquo; aber er gab ihm einen Buff, da&szlig; der Kerl mit
+dem Kopf in die Hecke<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> scho&szlig;, und als das Taternm&auml;dchen Hallo schreien
+wollte, machte er ein paar Augen und hielt ihr das Messer vor das
+Gesicht, da&szlig; sie erst so wei&szlig; wie ein Bettuch wurde, ihn dann anlachte
+und sagte: &raquo;Ei a su a starkes Mahn, hiebsches Mahn!&laquo; Er aber trat sie
+von sich weg und sprang in den Busch, und als er erst dort war, da
+verholte er sich, bi&szlig; die Z&auml;hne durcheinander, machte eine Faust und
+fluchte: &raquo;Ich sollte man blo&szlig;, ich sollte man, wenn ich noch ein lediger
+Kerl w&auml;re! dann solltet ihr mir den Falben bezahlen, was er wert ist,
+ihr Schweinepack!&laquo;</p>
+
+<p>Aber als er dann in der Haide war, beruhigte er sich, und als er meist
+beim Hofe war und seine Frau ihm entgegenkam, ganz wei&szlig; im Gesicht und
+ordentlich blau unter den Augen, denn noch keinmal war er so lange
+ausgeblieben, da konnte er schon wieder mit dem Munde lachen und ihr
+das, was ihm zugesto&szlig;en war, so erz&auml;hlen, als wenn das blo&szlig; ein dummer
+Spa&szlig; gewesen w&auml;re.</p>
+
+<p>Doch als er hinterher in der <dfn title="Alkoven"><a href="#w2_21" class="gloss">Butze</a></dfn> lag und &uuml;berdachte, wie es ihm
+gegangen war, machte er die Finger an beiden H&auml;nden krumm. Wenn er nicht
+an seine Frau gedacht h&auml;tte, die da neben ihm lag und so ruhig schlief,
+als wenn es auf der Welt nichts und weiter nichts als lauter Engel gab,
+dann h&auml;tte er am liebsten geflucht wie sein Schwiegervater, wenn der
+ganz falsch war, loslegte: &raquo;Das tote Pferd soll dich schlagen!&laquo; h&auml;tte er
+geflucht.</p>
+
+<p>Aber so lag er da, ohne sich zu r&uuml;hren, obzwar ihm stickend hei&szlig; war.
+Den Morgen hatte er noch das <dfn title="ein bekanntes altes Lied"><a href="#w1_23" class="gloss">Brummelbeerlied</a></dfn> durch die Z&auml;hne gefl&ouml;tet,
+als er nach<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> der Stadt ritt, und jetzt? Jetzt lag er da und dachte an
+das Lied, das der rotb&auml;rtige dicke Kerl ihm in das Gesicht gebr&uuml;llt
+hatte, derselbe Kerl, dem er nachher den Heckenst&ouml;&szlig;er gezeigt hatte. Wie
+ein unkluges St&uuml;ck Vieh hatte er gebr&uuml;llt:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Mansfeld kommt,<br /></span>
+<span class="i0">der Mansfeld kommt,<br /></span>
+<span class="i0">der Mansfeld ist schon da,<br /></span>
+<span class="i0">truderiderallala,<br /></span>
+<span class="i0">jetzt ist der Mansfeld da.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<h2><a name="Die_Braunschweiger" id="Die_Braunschweiger"></a>Die Braunschweiger<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span></h2>
+
+
+<p>Am folgenden Tage aber, als der kleine Hermke auf seinen Knieen
+Hopphoppreiter machte, ihm die Ohren lang zog und lustig kr&auml;hte, bekam
+er wieder helle Augen, doch als er nachher s&auml;ete, wollte ihm das, was er
+im Kruge belebt hatte, nicht aus dem Sinne.</p>
+
+<p>&raquo;Das soll doch mit dem Deubel zugehen,&laquo; dachte er, &raquo;da&szlig; ich dem
+hergelaufenen Kerl das Pferd f&uuml;r nichts und wieder nichts lassen soll
+und obendrein noch einen ausgeben mu&szlig;!&laquo; Er dachte lange &uuml;ber die Sache
+nach und weil er doch auf dem Ulenhofe zu tun hatte, besprach er sich
+mit seinem Schwiegervater.</p>
+
+<p>&raquo;Tja,&laquo; sagte Ulenvater und spuckte in das Feuer, &raquo;tja, das ist eine
+dummerhaftige Sache. Du kannst den Schaden ja wohl <dfn title="heben"><a href="#w3_1" class="gloss">b&ouml;ren</a></dfn>, aber ein Pferd
+ist doch kein H&uuml;hnerei und reichlich gut zum Verschenken. Wei&szlig;t du was?
+Ich habe sowieso in Celle zu tun, und da wollten die V&ouml;lker ja hin, wie
+du sagst. Ich will mal sehen, was sich machen l&auml;&szlig;t. Ich komme mit den
+Herren vom Hofe ganz gut aus, seitdem sich unser Herzog damals hier auf
+der Jagd &uuml;ber das wilde Schweinelied halb ungesund gelacht hat.
+Vielleicht ist es gut, da&szlig; du mitf&auml;hrst. Heute kann ich nicht, aber
+morgen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie fuhren dann auch am andern Morgen los. Es war wieder ein sch&ouml;ner
+Tag; die Lerchen sangen &uuml;ber der Haide und im Bruche fl&ouml;tete der <dfn title="der gro&szlig;e Brachvogel -- Anm.: im Original Kal&uuml;t"><a href="#w3_2" class="gloss">Kol&uuml;t</a></dfn>.
+Die beiden Bauern aber sahen brummig vor sich hin und als sie vor sich
+drei Reiter zu Gesicht bekamen, fa&szlig;te Harm die Z&uuml;gel fester und
+Ulenvater legte die Pistole, die er<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> mitgenommen hatte, neben sich in
+das Wagenstroh. Die Reiter aber ritten vorbei, indem sie ihnen nur eben
+dankten, als sie ihnen die Tageszeit boten.</p>
+
+<p>Es waren drei Kerle mit Gesichtern, wie sie der Teufel nicht besser
+haben kann; der eine konnte seine Augen gar nicht von dem Gespanne
+wegkriegen, und als Harm sich umdrehte, sah er, da&szlig; sie haltgemacht
+hatten und miteinander redeten. Aber dann setzten sie sich in Trab und
+ritten quer in die Haide hinein.</p>
+
+<p>Noch allerlei Volk begegnete ihnen; zuerst zwei Landstreicher, dann
+drei, dann Tatern, die mit ihrem Planwagen dahergezogen kamen, und in
+dem es von nackigten Kindern wimmelte. Eins davon, ein M&auml;dchen, das wohl
+schon an die dreizehn Jahre alt war, aber so blo&szlig; war wie ein Fisch,
+sprang aus dem Wagen und ehe Harm es sich versah, sa&szlig; es bei ihm auf dem
+Sattelpferd und bettelte ihn an und drei, vier andere machten sich bei
+Ulenvater im Wagen zu schaffen.</p>
+
+<p>&raquo;Das <dfn title="verd&auml;chtige Menschen"><a href="#w11_5" class="gloss">Takelzeug</a></dfn> ist noch z&auml;her als wie Hirschl&auml;use,&laquo; meinte der
+Wulfsbauer, als sie die nackte Gesellschaft abgesch&uuml;ttelt hatten, und er
+setzte hinzu: &raquo;Was f&uuml;r V&ouml;lker jetzt im Lande herumstromen! Eine Schande
+ist es, da&szlig; da nichts getan wird! Gaudiebe und <dfn title="Vagabund"><a href="#w3_3" class="gloss">Vagelbunden</a></dfn> sind beinahe
+die Herren jetzt. Wenn das so beibleibt, kann es noch gut werden.&laquo;</p>
+
+<p>Indem er sich nach den Zigeunern umsah, wurde er gewahr, da&szlig; die drei
+Reiter umgedreht hatten und hinter ihnen herkamen. Das schien ihm
+verd&auml;chtig und deshalb lie&szlig; er die Pferde ordentlich laufen; so kam er
+fr&uuml;her vor der Stadt an, als die Reiter.</p>
+
+<p>Bei dem Tore sah es bunt aus; eine Menge fremden<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> Kriegsvolkes lag dort,
+und als die Bauern den W&auml;chter fragten, was das f&uuml;r eine Bewandtnis
+habe, h&ouml;rten sie, da&szlig; das allerlei Gesindel war, da&szlig; der Halberst&auml;dter
+Bistumsverwalter Christian von Braunschweig gegen die Kaiserlichen
+angeworben hatte. Die Leute hielten sich ziemlich anst&auml;ndig, denn sie
+lagen unter den Kanonen der Stadt und eine Abteilung herzoglicher
+Kriegsknechte unter einem Hauptmann pa&szlig;te auf, da&szlig; sie keinen Unfug
+anstellten. Aber Harm dachte sich, als er sie besah: &raquo;Die mehrsten sehen
+aus, als wenn sie mit einem Strick um den Hals weggelaufen sind.&laquo;</p>
+
+<p>In Celle spannten sie in der Wirtschaft zur goldenen Sonne aus, wo sie
+gut bekannt waren, und fr&uuml;hst&uuml;ckten mit vier Bauern aus dem Gau
+Flottwede. &raquo;Wir werden bald allerlei gewahr werden,&laquo; meinte der
+Wathlinger <dfn title="Gemeindevorsteher"><a href="#w9_14" class="gloss">Burvogt</a></dfn>; &raquo;die Wienh&auml;user N&ouml;nnekens haben sich schon d&uuml;nne
+gemacht, denn sonst k&ouml;nnten sie wohl bald ihr Nonnenfleisch losgeworden
+sein. In Altencelle haben die Halunken von Kriegsleuten den Bauern mit
+Gewalt die W&uuml;rste und Schinken genommen und sie obendrein mit Schl&auml;gen
+zugedeckt. Der Vollmeier Pieper in Burg liegt auf den Tod; er wollte es
+nicht leiden, da&szlig; sie sich an seinen T&ouml;chtern vergriffen, und da hat ihm
+ein Kerl mit dem S&auml;bel &uuml;ber den Kopf geschlagen, da&szlig; der <dfn title="Gehirn, auch Sch&auml;del"><a href="#w1_6" class="gloss">Br&auml;gen</a></dfn>
+herauskam.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah sich um und fl&uuml;sterte dann: &raquo;Der Kerl, der das getan hat, ist
+aber auch verschwunden; es wird gesagt, die Knechte haben ihn um die
+Ecke gebracht. In Wathlingen sind auch zwei von den Br&uuml;dern
+fortgekommen. Meinen Segen haben sie!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist das eine,&laquo; sagte ein Bauer aus Eicklingen,<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> &raquo;das ist das eine.
+Seines Lebens ist man nicht mehr sicher, und dazu kommen noch die
+Steuern. Der Landtag hat die dreifache Schatzung ausgeschrieben und es
+hei&szlig;t, da&szlig; das nicht das letztemal sein soll, denn das Land braucht
+jetzt Geld f&uuml;r Soldaten. Ja, das ist wohl so, und das w&auml;re auch noch
+auszuhalten, aber dann kommen die fremden V&ouml;lker und legen uns auch noch
+allerlei Lasten auf, das hei&szlig;t, wenn sie nicht &uuml;berhaupt nehmen, was sie
+kriegen k&ouml;nnen. Pohlmanns <dfn title="Ludwig"><a href="#w3_4" class="gloss">Ludjen</a></dfn> haben sie eine milchende Kuh von der
+Weide genommen, und als er wenigstens Geld wollte, haben sie ihn
+ausgelacht, und als Hein Reimers vom Felde kam, ist er zwei gute Pferde
+auf die Art losgeworden. Wenn das so weiter geht, gibt es kein Recht und
+kein Gesetz mehr!&laquo;</p>
+
+<p>Nun erz&auml;hlten die &Ouml;dringer, weswegen sie nach Celle gekommen waren; aber
+alle meinten, sie sollten den Falben ruhig in den Rauchfang schreiben,
+denn wenn die Obrigkeit hinter alle solche Sachen hinterfassen sollte,
+dann h&auml;tte sie viel zu tun. Ul aber meinte, versuchen wollte er es doch
+und ging los.</p>
+
+<p>Nach zwei Stunden kam er wieder und lie&szlig; den Kopf h&auml;ngen, wie ein
+krankes Huhn. Ganz begossen sah er aus. &raquo;Ja, Junge,&laquo; sagte er, &raquo;ist das
+ein Betrieb! Angeschnauzt haben sie mich; ich sollte sie mit solchen
+Dummheiten in Ruhe lassen, denn sie h&auml;tten Notwendigeres zu tun, als
+hinter deinem Pferde herzulaufen. Na, so unrecht haben sie ja nicht,
+denn wie mir der zweite Koch erz&auml;hlte, geht es ja jetzt in der Welt her,
+wie in einem Ameisenhaufen, bei dem der Specht zugange ist. Die
+Kaiserlichen kommen von der<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span> einen, der Braunschweiger und der Durlacher
+von der anderen Seite, und was unser regierender Herzog ist, der mu&szlig;
+zusehen, da&szlig; er sich nicht dabei die Finger klemmt. Na, Mertens meinte,
+Herzog Georg, den sie doch zum Kreisoberst gemacht haben und der an die
+zwanzigtausend Mann unter sich hat, der wird schon daf&uuml;r sorgen, da&szlig; sie
+uns nicht lebendig schinden. Aber den Falben bist du darum doch quitt.
+Tors Pferd soll den Kerl schlagen!&laquo;</p>
+
+<p>Er schlug sich Feuer f&uuml;r seine Pfeife, spuckte vor sich hin und sah
+seinen Eidam an: &raquo;Ich wei&szlig; nicht, ich glaube, es geht nicht anders: wir
+m&uuml;ssen daran denken, was dein Gro&szlig;vater immer sagte: Helf dir selber,
+dann helft dir auch unser Herregott! Denn warum? Die Obrigkeit, die wird
+alle H&auml;nde voll zu tun haben, da&szlig; sie im allgemeinen f&uuml;r Ordnung sorgt,
+soweit das angeht; der einzelne Mann mu&szlig; sich selber wahren. Ich wei&szlig;
+man nicht, wie wir das anstellen sollen; denn was sollen wir zum
+Beispiel machen, wenn solche Galgenv&ouml;gel, wie sie vor dem Tore liegen,
+hundert St&uuml;ck und mehr, nach &Ouml;dringen verschlagen werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Komm,&laquo; meinte er dann, &raquo;wollen weg! Hier haben wir ja doch nichts mehr
+zu holen.&laquo; Er rief den Wirt und bezahlte. &raquo;Nanu,&laquo; schrie er auf einmal,
+&raquo;Harm, Junge, was ist denn das?&laquo; Und schnell lief er aus der T&uuml;re. Als
+Harm ihm in den Hof nachging, sah er, da&szlig; einer der drei Reiter, die
+ihnen am Morgen begegnet waren, das Sattelpferd aus dem Stalle zog.</p>
+
+<p>&raquo;Hoho!&laquo; rief er und machte das Messer locker, &raquo;was soll denn das
+hei&szlig;en?&laquo; Der fremde Mann sah ihn an und lachte: &raquo;Na, ich kann mir ja
+doch wohl das Pferd<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span> mal ansehen! Ich habe dem Knecht das ja gesagt und
+ihn gefragt, wem es geh&ouml;rte. Ich bin n&auml;mlich Pferdeh&auml;ndler und dein
+Pferd hat mir gleich in die Augen gestochen, denn es pa&szlig;t ganz zu einem,
+auf das ich handele, und das w&uuml;rde ein feines herrschaftliches Gespann
+geben. Was soll es gelten?&laquo;</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer sch&uuml;ttelte den Kopf: &raquo;Es ist mir nicht feil,&laquo; sagte er
+und f&uuml;hrte es vor den Wagen. &raquo;Na, denn nicht; was nicht ist, kann noch
+werden. Vielleicht besinnst du dich.&laquo; Damit ging der H&auml;ndler ab.</p>
+
+<p>Die &Ouml;dringer sahen ihm mit schiefen Augen nach, und der Wirt schnippte
+mit den Fingern. &raquo;Tja der,&laquo; knurrte er, &raquo;der und Pferdeh&auml;ndler! Wer so
+billig einkauft, kann es zu was bringen in der Welt. Er kehrt &ouml;fter bei
+mir ein und verzehren tut er gut, aber ich sehe ihn lieber gehen als
+kommen, zum ersten, weil mir seine Augen nicht gefallen k&ouml;nnen, und dann
+weil ich ihn mit V&ouml;lkern von der <dfn title="die Marsch bei Celle"><a href="#w3_5" class="gloss">Masch</a></dfn> zusammengesehen habe, denen jeder
+Kerl, der was auf sich h&auml;lt, aus dem Wege geht. Hanebut hei&szlig;t er, Jasper
+Hanebut, und aus Bothfeld bei Hannover soll er sein, und die er meist
+bei sich hat, H&auml;nschen von Roden und Kaspar Reusche, den Br&uuml;dern traue
+ich auch nicht &uuml;ber den Weg.&laquo;</p>
+
+<p>Gerade als sie losfahren wollten, gab es von der Stechbahn her ein
+gro&szlig;es Geschrei. Ein Bauer kam zwischen zwei Stadtknechten daher und
+hinter ihm ging seine Tochter, ein blasses M&auml;dchen von siebzehn Jahren,
+das in ihre Sch&uuml;rze weinte. Der Bauer schimpfte gewaltig: &raquo;Verfluchte
+Zucht!&laquo; schrie er; &raquo;totschlagen soll man die Hunde! Ich bin wahrhaftig<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>
+keiner, der nicht einen Spa&szlig; vertr&auml;gt, aber was zu viel ist, das ist zu
+viel. Ist denn meine Tochter dazu da, da&szlig; jeder Lausepelz seinen
+<dfn title="Unfug"><a href="#w3_6" class="gloss">Hahnj&ouml;kel</a></dfn> damit treiben kann? Na, so bald tut der L&uuml;mmel das nicht
+wieder; sein eines Auge pa&szlig;t ihm in vier Wochen noch nicht wieder in den
+Kopf, und es tut mir blo&szlig; leid, da&szlig; es nicht ganz herausgekommen ist.
+Und ich will doch sehen, ob noch Recht und Gerechtigkeit im Lande ist,
+und ob wir in einem christlichen Staate leben oder unter T&uuml;rken und
+Heiden!&laquo;</p>
+
+<p>Ein Handwerksmeister, den der Wirt kannte, erz&auml;hlte, was los war. Der
+Bauer, der aus Boye war und mit seiner Tochter, die es auf der Brust
+hatte, zum Doktor wollte, war zwischen das Halberst&auml;dter Kriegsvolk
+geraten, und die hatten das M&auml;dchen hergekriegt und abgedr&uuml;ckt, als wenn
+es ein Taternfrauenzimmer war. Ihr Vater hatte dann dem einen Kerl eins
+mit der Faust ins Gesicht gegeben, da&szlig; das Auge gleich vor dem Kopfe
+stand, na, und der Ordnung halber mu&szlig;te die Sache untersucht werden.
+&raquo;Aber,&laquo; setzte der Mann hinzu, &raquo;sie werden ihn wohl gleich laufen
+lassen; vom Schlosse aus ist den Braunschweigern angesagt worden, wenn
+sie nicht in einer Stunde unterwegs sind, dann w&uuml;rden die Leute des
+Herzogs sie auf den Trab bringen.&laquo; Er sah die Bauern an: &raquo;Ich w&uuml;rde an
+eurer Stelle noch etwas warten, ehe da&szlig; ich losfahre; sie ziehen gerade
+ab und gute Laune haben sie just nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Das schien den &Ouml;dringern ein guter Rat zu sein, und so gingen sie mit
+dem Manne wieder in die Gaststube. Gerade als die Kastenuhr ausholte, um
+die zweite Stunde anzumelden, ri&szlig; Ul die Augen auf, machte ein<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span> Gesicht,
+als ob er etwas Schreckliches sah, und sprang auf: &raquo;Komm,&laquo; rief er,
+&raquo;jetzt ist es aber Zeit! Wir brauchen ja nicht die Heerstra&szlig;e zu fahren,
+wir k&ouml;nnen den <dfn title="Volksweg, unbefestigter Weg"><a href="#w3_7" class="gloss">Dietweg</a></dfn> durch die Haide nehmen. Ich habe eine Unruhe auf
+dem Leibe, ich wei&szlig; nicht, was das mit mir ist. Vielleicht, da&szlig; ich mich
+habe allzuviel &auml;rgern m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie fuhren also los. Vor dem Tore war es still, blo&szlig; da&szlig; da noch
+allerlei Zigeunervolk lag. Als sie in die Haide einbiegen wollten, rief
+es hinter ihnen; drei Bauern aus Engensen kamen angeritten. &raquo;Tag!&laquo; rief
+der &auml;lteste, &raquo;nehmt uns mit! Wie es heutzutage hergeht, reist man zu
+f&uuml;nfen besser, als zu dreien und zweien. Vorhin sind hier drei M&auml;nner
+vorbeigeritten, die sahen aus, als wenn sie der Deubel aus dem <dfn title="Umh&auml;ngetasche, Jagdtasche"><a href="#w3_8" class="gloss">Holster</a></dfn>
+verloren hat. Es ist Zeit, da&szlig; Herzog Georg mal mit dem engen Kamm &uuml;ber
+das Land geht; es hat sich allerlei Ungeziefer angesammelt.&laquo; Er drehte
+sich um und winkte einem jungen Bauern zu, der die Heerstra&szlig;e entlang
+ritt: &raquo;Hinnerk, komm lieber hier, dennso hast du keine Langeweile
+unterwegs!&laquo; So waren sie selbst sechse, und da jeder eine Pistole und
+das gro&szlig;e Messer bei sich hatte, brauchten sie sich nicht zu sorgen.</p>
+
+<p>&raquo;Wulfsbauer,&laquo; sagte der Engenser, &raquo;wir k&ouml;nnen jetzt die Ohren
+steifhalten, wir gemeinen Bauern. Bei uns haben wir das schon abgemacht:
+Tatern und anderes fremdes Volk, das sich bei uns sehen l&auml;&szlig;t, das wird
+ohne weiteres mit der Peitsche begr&uuml;&szlig;t, denn die Bande zeigt den
+R&auml;ubern, denn was anderes sind doch diese Kriegsknechte nicht, blo&szlig; den
+Weg, wo es was zu holen gibt. In Ehlershausen haben sie vorige<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span> Woche
+zwei von diesen Kerlen, die ein Pferd von der Weide geholt hatten, in
+aller Heimlichkeit aufgeh&auml;ngt und <dfn title="eingraben"><a href="#w1_16" class="gloss">beigerodet</a></dfn>. Und das ist ganz recht so:
+denn erstens sind es keine richtigen Menschen, und au&szlig;erdem, warum
+bleiben sie nicht, wo sie hingeh&ouml;ren?&laquo;</p>
+
+<p>Die anderen Bauern nickten, blo&szlig; Ulenvater nicht; denn der sa&szlig; da, sah
+mit gro&szlig;en Augen &uuml;ber die Haide, machte einen Mund, wie ein Untier,
+murmelte ab und zu etwas vor sich hin, und als Harm ebenfalls &uuml;ber die
+Haide sah, denn er dachte, da w&auml;re etwas, da war ihm, als spr&auml;nge ein
+Mann hinter die <dfn title="verkr&uuml;ppelte Kiefer"><a href="#w3_9" class="gloss">Kr&uuml;ppelfuhren</a></dfn>. Er sagte es Drewes, und der Engenser
+achtete auf den Weg und rief mit einem Male: &raquo;Kann schon stimmen: hier
+sind eins, zwei, drei Reiter hergekommen. Es soll mich wundern, wenn das
+nicht die verd&auml;chtigen Kerle von vorhin sind. Na, la&szlig; sie man kommen!
+Wir sind unsrer sechse und dreschen eine gute Nummer.&laquo;</p>
+
+<p>Sie taten nun, als ob die Haide ein Garten Gottes war, <dfn title="&uuml;berlaut reden"><a href="#w3_10" class="gloss">prahlten</a></dfn> und
+lachten, hatten aber die H&auml;nde an den Pistolen und hielten scharf
+Umschau. Sie sahen aber nichts Verd&auml;chtiges, blo&szlig;, da&szlig; mit einem Male
+aus den Fuhren drei Hirsche herauspolterten, als wenn die W&ouml;lfe dahinter
+waren, und als sie an der Stelle vorbeikamen, h&ouml;rten sie im Busche einen
+Hengst wiehern, denn die &Ouml;dringer hatten eine Stute als Handpferd, und
+die schien rossig werden zu wollen. Sie sahen sich an, <dfn title="&uuml;berlaut reden"><a href="#w3_10" class="gloss">prahlten</a></dfn> dann
+aber blo&szlig; noch lauter los und lachten wie unklug, bis auf den Papenbur,
+denn der sa&szlig; ganz still, bi&szlig; an seinen Lippen herum und sah dahin, wo
+&Ouml;dringen liegen mu&szlig;te.<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span></p>
+
+<p>Als sie eine Viertelstunde weiter waren, h&ouml;rten sie den Hengst wieder
+wiehern, und mit eins winkte Drewes die anderen zur&uuml;ck, jagte in die
+Haide hinein und es war ihnen, als wenn da etwas lief; ob das nun aber
+ein Mensch oder ein Tier war, das konnten sie nicht sehen. Mit einem
+Male h&ouml;rten sie etwas, wie einen Schrei, und dann kam Drewes wieder
+angeritten und sagte: &raquo;Ich dachte, es w&auml;re ein Wolf.&laquo;</p>
+
+<p>Harm, neben dem er ritt, sah ihn sich genau an und da fand er, da&szlig; an
+dem dicken Kr&uuml;ckstock, den der Engenser am Sattel h&auml;ngen hatte, denn er
+hatte rechts ein kurzes Bein, frisches Blut war. Drewes fing den Blick
+auf: &raquo;Ein Zigeuner, der schon seit einer Stunde neben uns hergestunken
+ist. Er hat wohl den Spion f&uuml;r die drei Buschklepper machen sollen, aber
+ich habe ihm ordentlich eins ausgewischt. Einer weniger! Anders geht das
+nun einmal nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Wulf gefiel der Engenser nicht mehr so gut. Gewi&szlig;, die Tatern waren man
+ja halbe Menschen, und Christen waren sie erst recht nicht, wenn sie
+ihre Kinder auch in einem weg taufen lie&szlig;en der Patengulden halber, aber
+gleich darauf loszuschlagen, wie auf ein wildes Tier, das wollte Harm
+denn doch nicht in den Kopf. Aber er mu&szlig;te Drewes recht geben, als der
+leise zu ihm sagte: &raquo;Wenn in jedem Dorfe ein t&uuml;chtiger Kerl ist, und der
+holt alles zusammen, was sich wehren kann, und ein Dorf hilft dem
+anderen, dennso w&uuml;rde das schon gehen. Den Donner auch, wir sind doch
+nicht dazu da, da&szlig; Hans Hungerdarm und Jans Schmachtlapp <dfn title="ihn gemein behandeln"><a href="#w10_21" class="gloss">mit uns
+Schindluder spielt</a></dfn>! Das sage ich dir, und so sollte es ein jeder halten:
+ehe da&szlig; ich mir und meinen<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span> Leuten einen Finger ritzen lasse, lieber
+will ich bis &uuml;ber die Enkel im Blute gehen! Na, denn adj&uuml;s auch!&laquo; Er
+ritt mit den drei andern nach links ab.</p>
+
+<p>Wulf und Ul waren kaum ein Ende allein weitergefahren, da h&ouml;rten sie
+wieder den Hengst wiehern, und als sie haltmachten, kamen die drei
+fremden Reiter langsam hinter ihnen her. &raquo;Was die Kerls wohl von uns
+wollen?&laquo; meinte Ulenvater; &raquo;wollen so tun, als wenn an den Str&auml;ngen was
+<dfn title="verwickelt"><a href="#w3_11" class="gloss">vertoddert</a></dfn> ist, denn wenn sie uns an den Balg wollen, so k&ouml;nnen wir uns
+hinter dem Wagen bergen und sie mit einem guten Schusse begr&uuml;&szlig;en.&laquo; Sie
+stiegen also ab und machten sich an dem Geschirr zu tun, w&auml;hrend die
+Reiter langsam n&auml;her kamen.</p>
+
+<p>Als sie meist bei ihnen waren, rief der eine, von dem der Wirt in Celle
+gesagt hatte, da&szlig; er Hanebut hie&szlig;: &raquo;Na, willst du das Pferd jetzt
+verkaufen?&laquo; und dabei hatte er das Gewehr vor sich auf dem Sattel. Wulf
+sch&uuml;ttelte den Kopf und sagte: &raquo;Es ist mir nicht feil,&laquo; und w&auml;hrenddem
+stellte er sich hinter das Gespann und hatte die Pistole zur Hand, und
+Ul machte es ebenso. &raquo;Ich mu&szlig; das Pferd aber haben, zum Donner noch
+einmal!&laquo; schrie der Kerl; &raquo;also wie ist es damit?&laquo; Er machte runde Augen
+und hielt das Gewehr mehr nach Wulf hin.</p>
+
+<p>In demselben Augenblicke h&ouml;rte Wulf, da&szlig; die Engenser wieder angeritten
+kamen, denn Drewes Sattel piepte auf ganz absonderliche Weise, und da
+wollten die Buschklepper fort, aber nun krachte es schon; der eine, der
+hinter Hanebut hielt, fiel mit dem Kopfe vorn&uuml;ber, hielt sich aber noch
+und jagte hinter den<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span> beiden anderen, die die Hasen machten, in die
+Haide, st&uuml;rzte aber bald aus dem Sattel, wurde jedoch von Hanebut
+aufgegriffen und hinter sich gezogen, w&auml;hrend sein Pferd wie wild hin
+und her lief. Hinter ihnen her jagten die Engenser und schossen noch
+zweimal.</p>
+
+<p>&raquo;Da sind wir ja noch gerade rechtzeitig gekommen, Kinder!&laquo; lachte
+Drewes, als er zur&uuml;ckkam; &raquo;ich drehe mich noch einmal um und sehe die
+L&uuml;mmel hinter euch herreiten! Na, der eine soll wohl ein sch&ouml;nes
+<dfn title="Sch&auml;delbrummen"><a href="#w3_12" class="gloss">Br&auml;gensch&uuml;lpen</a></dfn> haben! Ein Schade, da&szlig; sich mir gerade so eine vermuckte
+Fliege auf das Korn setzen mu&szlig;te, als ich losdr&uuml;ckte; dadurch bin ich
+ein bi&szlig;chen zu hoch abgekommen! Aber ein Hauptspa&szlig; war es doch, und eine
+sch&ouml;ne Hose voll Angst wird das Gesindel wohl mitgenommen haben. Und den
+Braunen sind sie auch los!&laquo;</p>
+
+<p>Er klappte mit der Zunge und ritt auf das Pferd los: &raquo;Na, Hans, komm
+doch mal her! So sch&ouml;n!&laquo; Er hielt es am Halfter fest und besah es von
+allen Seiten. &raquo;Das dachte ich mir doch gleich,&laquo; meinte er dann; &raquo;seht
+mal her: ist das nicht Tidke Rundes Marke?&laquo; Damit wies er auf das
+Zeichen, das der Hengst auf der Schulter hatte. &raquo;Na, gekauft ist das
+bestimmt nicht, denn als ich vorige Woche von ihm einen Vierj&auml;hrigen
+haben wollte, sagte er, er h&auml;tte selbst keinen &uuml;ber, da ihm einer an der
+Kolik gefallen ist. Da haben wir uns eine Runde Bier verdient, und die
+wollen wir gleich in Ehlershausen im voraus trinken. Hasenjagen macht
+eine trockene Leber.&laquo;</p>
+
+<p>Im Kruge gab es einen gro&szlig;en Aufstand, als die sechs Bauern mit dem
+Hengste ankamen, denn Runde<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> aus Wettmar war schon dagewesen und hatte
+erz&auml;hlt, da&szlig; ihm in der Nacht der Braune aus dem Grasgarten gestohlen
+war. Es waren eine ganze Menge Bauern aus dem Orte und aus der Umgegend
+da, die &uuml;ber die Braunschweiger sprachen. Wo sie hingekommen waren,
+hatten sie sich unn&uuml;tz gemacht, aber da sie blo&szlig; hundert Mann stark
+waren und die Bauern keine freundlichen Gesichter machten, war es noch
+halbwege gut abgegangen, zudem viele davon angetrunken waren und kaum
+auf den Beinen stehen konnten. Die letzten waren eben erst abgezogen und
+man konnte, da der Wind nach dem Dorfe stand, noch h&ouml;ren, wie sie
+br&uuml;llten. &raquo;Lustige Braunschweiger seind wir&laquo;, sangen sie.</p>
+
+<p>Aus der einen Runde sollten zwei werden, aber die &Ouml;dringer hatten keine
+Ruhe. Ul bekam immer gl&auml;unigere Augen, und auch Harm war nicht gut
+zumute; je n&auml;her er bei seinem Hofe war, um so unheimlicher wurde es
+ihm. Als er den Hof meist sehen konnte, kam ihm der Knecht
+entgegengelaufen. &raquo;Na, was ist los?&laquo; rief er ihm zu; denn da&szlig; nicht
+alles in der Reihe war, merkte er gleich.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Bauer,&laquo; stotterte der Knecht, &raquo;die Frau, es waren von den Biestern
+welche auf dem Hofe und die haben die H&uuml;hner, die haben sie greifen
+wollen, und da kam die Frau und wollte ihnen das wehren. Und da hat sie
+der eine Kerl mit dem Gewehr vor den Leib geschlagen, und da liegt sie
+nun und ist von sich. Und das Kind, es war ein M&auml;dchen, das ist tot.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Junge,&laquo; br&uuml;llte der Bauer, &raquo;und die B&auml;uerin, wie ist das mit der?&laquo; Der
+Knecht fuhr zur&uuml;ck und stotterte noch mehr: &raquo;Das soll wohl nicht auf
+Leben und Tod<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span> gehn, sagt <dfn title="scherzhaft f&uuml;r Hebamme"><a href="#w3_14" class="gloss">Mutter Griebsch</a></dfn>; die sagt, das w&auml;re blo&szlig; eine
+Allmacht von dem Schreck!&laquo; Er ging neben dem Bauer her. &raquo;Bei Uhre zwei,
+da war das, da kamen die Schinder an. Erst wollten sie Bier und dann
+Schnaps, und dann ging einer bei die H&uuml;hner, und da ist das denn so
+gekommen.&laquo;</p>
+
+<p>Duwenmutter kam den Bauern in der <dfn title="Seitent&uuml;re, von Halbe-Seite"><a href="#w3_15" class="gloss">Halbet&uuml;re</a></dfn> entgegen: &raquo;Man ruhig! sie
+schl&auml;ft jetzt. Vorhin hat sie das Fieber gehabt und immer nach dir
+gerufen; aber nachher, da ist sie eingeschlafen und hat gut geschwitzt.&laquo;
+Sie weinte los: &raquo;So'n n&uuml;dliches M&auml;dchen, das L&uuml;ttje! da&szlig; das sterben
+mu&szlig;te, ehe da&szlig; es auf der Welt war! Diese Hunde, diese gottverfluchten
+Hunde! Bei lebendigem Leibe k&ouml;nnte ich sie brennen sehen! Und die Frau
+hat dem Kerl kaum ein b&ouml;ses Wort gesagt. Sie rief man blo&szlig;: Doch nicht
+die Legehenne! Ich will dir ja gern eine Wurst geben! Und daf&uuml;r liegt
+sie jetzt da und das Kind ist tot!&laquo; Sie hob ein Laken auf, das &uuml;ber zwei
+zusammengestellten St&uuml;hlen lag. &raquo;Kiek! da ist es. Es w&auml;re ein sch&ouml;nes
+und gesundes Kind geworden.&laquo;</p>
+
+<p>Harm sah kaum danach hin. Er hatte die Schuhe ausgezogen und ging nach
+der <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn>. Seine Frau schlief; er h&ouml;rte, da&szlig; sie ruhig atmete. Er holte
+sich ein Glas Wasser und ein St&uuml;ck Trockenbrot und setzte sich in den
+Backenstuhl neben den Ofen. Die Gedanken gingen ihm im Kopfe hin und
+her, wie die Schwalben &uuml;ber der Wiese. Mit der Zeit wurde er ruhiger,
+aber an schlafen konnte er nicht denken. &raquo;Ja, Drewes hat recht,&laquo; dachte
+er, &raquo;jeder ist sich selber der N&auml;chste. Besser fremdes Blut am Messer,
+als ein fremdes Messer im eigenen Blut!&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span></p>
+
+<p>Ihm war zu Sinne, als m&uuml;&szlig;te er verr&uuml;ckt werden vor Ingrimm. Seine Frau
+hatte einer von diesen Kerlen vor den Leib geschlagen, seine Frau, die
+keiner Fliege ein Leid antun konnte. Am liebsten h&auml;tte er sich wieder
+auf das Pferd gesetzt und w&auml;re hinter dem Kerle dreingeritten. Aber das
+war ja Unsinn! Es hatte keinen Zweck, daran zu denken, wie sch&ouml;n es
+w&auml;re, den Menschen so lange zu w&uuml;rgen und zu schlagen, bis kein Leben
+mehr in ihm war.</p>
+
+<p>So sa&szlig; er die ganze Nacht mit offenen Augen da und sah nach der <dfn title="Alkoven"><a href="#w2_21" class="gloss">Butze</a></dfn>,
+in der seine Frau schlief. Als die Eule laut an zu <dfn title="&uuml;berlaut reden"><a href="#w3_10" class="gloss">prahlen</a></dfn> fing, r&uuml;hrte
+die B&auml;uerin sich und rief leise: &raquo;Harm, Mann!&laquo; Da ging er schnell vor
+das Bett und nahm ihre Hand in seine, und so blieb er stehen, bis es Tag
+wurde. Da setzte er sich wieder in den gro&szlig;en Stuhl und sah vor sich
+hin, bis ihm die Augen zufielen. Aber er fuhr sofort wieder in die H&ouml;he
+und sah sich wild um, und dann seufzte er und setzte sich wieder.</p>
+
+<p>Er hatte getr&auml;umt, er war hinter den Kerlen hergeritten und hatte den
+einen, gerade den, den er meinte, angetroffen, wie er daherwankte und
+das Braunschweiger Lied sang, und da hatte er ihn von hinten gepackt und
+<dfn title="d&auml;mpfen, w&uuml;rgen"><a href="#w3_16" class="gloss">ged&uuml;mpt</a></dfn>, bis er blau im Gesicht wurde und keinen Finger mehr r&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Leise ging er aus der <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn> und wusch sich drau&szlig;en in einem Eimer. Ihm
+war, als wollte ihm das Blut aus den Ohren springen, und jedes Haar auf
+dem Kopfe kribbelte ihm. Solche b&ouml;sen Augen hatte er, da&szlig; <dfn title="Greifzu, ein alter Hundename"><a href="#w3_17" class="gloss">Grieptoo</a></dfn> den
+Schwanz einzog, als er ihn ansah.<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span></p>
+
+<p>Aber war es nicht auch zum Verr&uuml;cktwerden? Da lag nun seine Frau und wer
+wei&szlig;, ob sie am Leben blieb, und der Kerl, der Hund, sa&szlig; vielleicht
+wieder mit dem Bierkrug in der Hand da und sang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Herzog Christian hat uns wohl bedacht,<br /></span>
+<span class="i0">Bier und Branntwein uns mitgebracht,<br /></span>
+<span class="i0">Musikanten zum Spielen,<br /></span>
+<span class="i0">sch&ouml;ne M&auml;dchen zum Vergn&uuml;gen<br /></span>
+<span class="i0">bei Bier und bei Wein,<br /></span>
+<span class="i0">lust'ge Braunschweiger woll'n wir sein!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<h2><a name="Die_Weimaraner" id="Die_Weimaraner"></a>Die Weimaraner<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span></h2>
+
+
+<p>Es war von da ab sehr still auf dem Wulfshofe. Die B&auml;uerin kam langsam
+wieder zu Kr&auml;ften, aber sie wurde lange nicht mehr die lustige Frau von
+ehedem; sie blieb bla&szlig; und in sich gekehrt und <dfn title="erschrecken"><a href="#w4_1" class="gloss">verjagte sich</a></dfn> bei jeder
+Kleinigkeit.</p>
+
+<p>Der Bauer war auch anders geworden; die Wut und der Ingrimm fra&szlig;en ihm
+das Herz ab. Er hatte es verlernt, bei der Arbeit zu fl&ouml;ten, und wenn er
+lachte, so war das, als ob die Herbstsonne einen Augenblick durch die
+Wolken kam.</p>
+
+<p>Es war auch keine Zeit zum Fl&ouml;ten und Lachen. Die Steuern nahmen immer
+mehr zu, Bettelvolk aller Art zog im Lande umher, Westfalen,
+Friedl&auml;nder, Lipper, die bis dahin in Ruhe und Frieden gelebt hatten,
+aber jetzt mit dem wei&szlig;en Stocke gehen mu&szlig;ten, weil ihnen die Mansfelder
+oder die Braunschweiger alles genommen und ihnen noch dazu das Dach &uuml;ber
+dem Kopfe angesteckt hatten.</p>
+
+<p>Schrecklich war es, was die Leute zu erz&auml;hlen hatten, mehr als ein
+Mensch aushalten kann, ohne verr&uuml;ckt zu werden. Harm traf mitten in der
+Haide eine Frau an, die sang und betete und lobte Gott f&uuml;r seine G&uuml;te.
+Er hatte das nicht mit ansehen k&ouml;nnen und sie mit auf den Hof genommen,
+wo sie halbwege wieder zu sich kam. Sie hatte auf einem guten Hofe
+gesessen; ihr Mann war zu Tode gequ&auml;lt, ihre drei T&ouml;chter und der kleine
+Junge auch; da war sie &uuml;bergeschnappt und in die Welt hineingelaufen.<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span></p>
+
+<p>Sie a&szlig; wie ein Wolf und erz&auml;hlte dazwischen; es war gr&auml;&szlig;lich anzusehen,
+wie sie dabei trockene Augen behielt, in einem fort lachte und wieder
+betete und Gott zum Lobe sang. Der Bauer war froh, als sie ging, obzwar
+sie ihn von Herzen dauerte, aber die B&auml;uerin war ganz krank von dem
+geworden, was die fremde Frau erz&auml;hlte, und dreimal fuhr sie in der
+Nacht in die H&ouml;he und schrie und beruhigte sich erst wieder, als Harm
+ihre Hand nahm und ihr zusprach. Am anderen Tage war sie so elend, da&szlig;
+sie nicht aus dem Bette konnte, und jedesmal, wenn eine T&uuml;r zuschlug,
+<dfn title="erschrecken"><a href="#w4_1" class="gloss">verjagte sie</a></dfn> sich.</p>
+
+<p>Seit der Zeit verbot der Bauer es seinen Leuten, von dem zu reden, was
+in der Welt vorging; soweit es sich machen lie&szlig;, blieb er auf dem Hofe
+und lie&szlig; die Feldarbeit den Knechten. So sauer es ihn auch ankam, er
+zwang sich zum Lachen und Fl&ouml;ten, denn er merkte, da&szlig; das der Frau gut
+tat, und bei kleinem wurde es mit ihr besser. Wenn sie dann abends den
+Jungen zu Bett brachte und der redete Korn und <dfn title="Spreu"><a href="#w4_2" class="gloss">Kaff</a></dfn> durcheinander und
+quiekte und lachte, dann konnte sie auch wieder mitlachen; aber es war
+doch nicht mehr das Lachen, das sie fr&uuml;her hatte und bei dem es dem
+Bauern immer ganz hei&szlig; unter dem Brusttuche wurde. Ihr Vater, der sich
+jetzt viel auf dem Wulfshofe blicken lie&szlig;, gab sich alle M&uuml;he, sie mit
+seinen Dummheiten aufzumuntern, aber es war und blieb doch man ein
+halbes Werk.</p>
+
+<p>Da das Auspressen und Pl&uuml;ndern und das Qu&auml;len und Martern kein Ende
+nahm, hatten die Bauern rund um das Bruch miteinander abgemacht, sich
+gegenseitig<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span> bescheid zu geben, damit das Vieh und die Frauensleute
+geborgen werden konnten. Alle paar Wochen mu&szlig;te einer der Knechte
+losjagen, wenn von irgendwo schlimme Post kam, oder die &Ouml;dringer trieben
+Hals &uuml;ber Kopf ihr Vieh in den Burgwall mitten im Bruche und lie&szlig;en ihre
+Frauen und M&auml;gde so lange in den Plaggenh&uuml;tten, bis die Luft wieder
+sauber war. Seinen besten Knecht hatte der Wulfsbauer dabei eingeb&uuml;&szlig;t.
+Er war zum n&auml;chsten Dorfe geritten, um anzusagen, da&szlig; ein Haufen
+weimarscher Kriegsknechte auf dem Wege war; am anderen Tage war der
+Schimmel wieder da, aber mit Blut auf dem R&uuml;cken und einem Streifschu&szlig;
+am Halse; Katz aber kam nicht wieder.</p>
+
+<p>Bis dahin hatte der Wulfshof unter dem Kriege weniger ausgestanden als
+die anderen H&ouml;fe in &Ouml;dringen, weil er zu sehr abseits lag. Auch
+Landstreicher fanden sich deshalb selten hin. Da kam an einem
+Herbstmorgen, als es &uuml;ber Nacht zum ersten Male gefroren hatte, ein
+Zigeunerweib angebettelt, das ein halbnacktes Kind an der Brust hatte.
+Ulenvater wollte den Hund auf sie loslassen, aber seine Tochter und der
+Bauer wehrten es ihm. &raquo;Vater,&laquo; sagte die B&auml;uerin, &raquo;sie hat ein Kind an
+der Brust und sieht halb verhungert aus!&laquo; Der Alte brummte, als sie der
+Frau warme Milch, Brot und getragene Kleider <ins class="correction" title="ab">gab</ins>, und der <dfn title="Gro&szlig;vater"><a href="#w4_3" class="gloss">Altvater</a></dfn>
+Wulf, der nicht mehr viel sagte, seitdem er sich auf die <dfn title="Altenteil"><a href="#w4_4" class="gloss">Leibzucht</a></dfn>
+begeben hatte, meinte: &raquo;Wenn dich das man nicht gereuen wird, M&auml;dchen!&laquo;</p>
+
+<p>Am Nachmittage kamen drei&szlig;ig Weimaraner unter einem Offizier auf den
+Hof. Mitten &uuml;ber die Haide, wo kaum ein Weg war, kamen sie, und der
+<dfn title="Gro&szlig;vater"><a href="#w4_3" class="gloss">Altvater</a></dfn><span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span> sagte: &raquo;Da haben wir es schon!&laquo; Sie verhielten sich ziemlich
+anst&auml;ndig, weil es ihnen an Wurst und Brot nicht fehlte und der Offizier
+darauf sah, da&szlig; sie n&uuml;chtern blieben, weil sie noch einen gro&szlig;en Marsch
+vorhatten. Aber ob der Bauer sich noch so sehr str&auml;ubte, er mu&szlig;te zwei
+Gespanne herleihen, und weil der Knecht von einem Pferd geschlagen war
+und ein steifes Knie hatte, mu&szlig;te Harm selber mit, so schwer ihn das
+auch ankam.</p>
+
+<p>Anfangs hie&szlig; es, seine Pferde w&uuml;rden blo&szlig; bis Burgdorf gebraucht; aber
+als man auf der hohen Haide war, kam ein Zigeuner angelaufen, sprach mit
+dem F&uuml;hrer und der Zug schwenkte nach Wettmar ab, wo zwei Wagen mit
+Hafer standen, die Wulf weiterbringen sollte.</p>
+
+<p>Es war schon meist Abend, als sie in Bissendorf ankamen. Da ging es wild
+her; alles lag voll von weimarschen Truppen und es war ein Gebr&uuml;ll und
+Getue, da&szlig; Wulf ganz dumm zumute wurde. Der Wirt und die Wirtin sahen
+aus, als wenn sie aus dem Grabe geholt waren; der Magd hing das Haar
+lose um den Kopf, und Brusttuch und Hemd waren ihr kurz und klein
+gerissen, und die Kinder sa&szlig;en auf einem Haufen hinter dem Backhause und
+streichelten den Hund, den einer von den Kerlen totgeschlagen hatte. Bei
+ihnen sa&szlig; der Knecht, hielt sich die Seite und spuckte Blut, denn er
+hatte einen Kolbensto&szlig; in die Rippen bekommen, weil er sich f&uuml;r die Magd
+aufgeschmissen hatte.</p>
+
+<p>Wulf wartete und wartete, denn der Offizier hatte ihm gesagt: &raquo;Seine
+Pferde kriegt er wieder.&laquo; Es war meist <ins class="correction" title="Miternacht">Mitternacht</ins>, da gab Wulf f&uuml;r einen
+Soldaten einen Krug Bier aus, damit der Mann den Offizier<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span> an sein Wort
+erinnern sollte. Gerade wollte er seinen Geldbeutel wieder einstecken,
+da wurde ihm der aus der Hand gerissen und ehe er sich versah, lag er
+vor der T&uuml;re. Er griff nach seinem Messer, nahm sich aber zusammen und
+wartete, bis der Offizier schlafen gehen wollte, und als ein langer
+Mann, den die anderen Herr Oberst anredeten, ihm in den Weg kam, nahm er
+seinen Hut ab und fragte, ob er jetzt nicht seine Pferde bekommen
+k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>&raquo;Maul halten!&laquo; schnauzte der Offizier; &raquo;was gehen mich seine Pferde an,
+dummes Bauernvieh!&laquo; Wulf w&uuml;rgte es im Halse, aber er hielt sich zur&uuml;ck:
+&raquo;Herr Oberst, der Herr Offizier hat es mir fest und heilig versprochen,
+da&szlig; ich meine Gespanne wieder haben soll,&laquo; sagte er, und er wunderte
+sich selbst dar&uuml;ber, da&szlig; er das so ruhig sagen konnte. Der Offizier
+bekam einen roten Kopf: &raquo;Ist er verr&uuml;ckt, dreckiger L&uuml;mmel?&laquo; schrie er
+ihn an; &raquo;ist er verr&uuml;ckt? Stellt sich der Kerl mir in den Weg! Weg da!&laquo;
+Und als der Bauer nicht sofort Platz machte, schlug er ihn mit den
+langen gelben Stulphandschuhen, die er in der Hand trug, in das Gesicht,
+da&szlig; es knallte, und ging an ihm vorbei.</p>
+
+<p>Wulf blieb wie ein Stock an der Wand stehen. Er h&ouml;rte es kaum, da&szlig; ein
+Tro&szlig;knecht ihm sagte: &raquo;Krieg ist Krieg und hin ist hin! Tr&ouml;ste dich, wie
+ich es getan habe; ich hatte auch einmal Haus und Hof und jetzt bin ich
+froh, wenn ich Brot und Bier habe.&laquo;</p>
+
+<p>Er ging in den Grasgarten und setzte sich auf einen schr&auml;gen Baum. Es
+war eine sternklare kalte Nacht, aber der Bauer merkte die K&auml;lte nicht.
+Er a&szlig; sein Brot und seine Wurst so ruhig wie immer, trank seinen<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>
+Schnaps und &uuml;berlegte, was zu machen war. So sa&szlig; er da, bis es an zu
+<dfn title="d&auml;mmern"><a href="#w4_5" class="gloss">schummern</a></dfn> fing und es im Hause wieder laut wurde. Die Magd, die Wasser
+aus dem Hofe holte, rief ihn an, weil er eine Sch&uuml;ssel Suppe essen
+sollte, und das tat er auch.</p>
+
+<p>Der Tro&szlig;knecht kam auch in das Haus und Harm brachte aus ihm heraus, wo
+es hingehen sollte, und auch, da&szlig; der Mann, der ihn geschlagen hatte,
+ein leibhaftiger Satan und Menschenschinder war. &raquo;Der kann dabeistehen
+und sich h&ouml;gen, wenn sie ein M&auml;dchen zu Tode qu&auml;len,&laquo; erz&auml;hlte der
+Knecht und gab einige St&uuml;cke zum besten, da&szlig; es dem anderen kalt und
+hei&szlig; durcheinander &uuml;ber den R&uuml;cken lief.</p>
+
+<p>Als er weg war, machte der Wulfsbauer sein d&uuml;mmstes Gesicht und ging
+bald hier, bald dahin, gleich als w&uuml;&szlig;te er nicht, wo er vor Langerweile
+bleiben sollte. Auf einem Fensterb&ouml;rt lag ein Pulverhorn und ein
+Kugelbeutel; als niemand hinsah, warf er beides &uuml;ber den Zaun unter den
+<dfn title="Holunder"><a href="#w4_6" class="gloss">Hollerbusch</a></dfn>. Dann sah er sich so lange um, bis er eine B&uuml;chse fand, und
+die besorgte er auch beiseite. Zuletzt traf er den jungen Offizier, der
+bei ihm auf dem Hofe gewesen war; er bat ihn, ihm die Pferde wieder zu
+verschaffen. Der junge Mensch, der den Abend zuviel getrunken und sein
+ganzes Geld verspielt hatte, zuckte die Achseln und ging an ihm vor&uuml;ber,
+ohne ein Wort zu sagen. Als Harm ihm nachging und ihm sagte: &raquo;Ihr habt
+es mir doch versprochen!&laquo; schrie er: &raquo;Hast du noch nicht genug? Scher
+dich zum Teufel!&laquo; und dabei hob er die Reitpeitsche.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn nicht, denn nicht!&laquo; sagte der Bauer vor sich hin, lie&szlig; sich noch
+einen Teller Brotsuppe und ein St&uuml;ck<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span> Trockenbrot schenken, denn der
+Wirt sagte: &raquo;Dein Geld haben die Schweine ja doch bei mir versoffen!&laquo;
+Als die Luft rein war, steckte er das Pulverhorn und den Kugelbeutel
+ein, nahm die B&uuml;chse unter seinen Mantel, sah sich um, ob ihn auch
+niemand gewahr wurde, und dann dr&uuml;ckte er sich von einem Baum zum
+andern, bis er weit genug vom Kruge war und in die Haide kam.</p>
+
+<p>Er war ganz ruhig; er wu&szlig;te, wie er sich bezahlt machen wollte. Ganz
+langsam ging er, sich immer in Deckung haltend, im gro&szlig;en Bogen dem
+Bruche zu und nach der Stra&szlig;e hin, und da suchte er sich eine Stelle, wo
+lauter Torfstiche waren, so da&szlig; kein Reiter dort durchkonnte. Da wartete
+er, bis es Zeit f&uuml;r ihn wurde.</p>
+
+<p>Hinten in der Haide fiel ein Schu&szlig;; im Moore war ein Birkhuhn am
+Prahlen; ein Fuchs kam quer &uuml;ber die Stra&szlig;e, kriegte Wind von dem Bauern
+und machte kehrt; Krammetsv&ouml;gel fielen zu Felde; M&auml;use piepten in den
+<dfn title="Erle"><a href="#w4_7" class="gloss">Ellernb&uuml;schen</a></dfn>; eine Elster flog &uuml;ber ihn weg.</p>
+
+<p>Dann blies im Dorfe ein Horn, einmal, zweimal und ein drittes Mal.
+&raquo;Jetzt, jetzt!&laquo; dachte Harm. Es dauerte nicht lange und er h&ouml;rte das
+Gepolter der Wagen, das Klappen der Peitschen, ein Pferd wieherte, eine
+Stute; ein Hengst antwortete und dann alle anderen. Der Trompeter blies
+ein lustiges St&uuml;ck, die Reiter sangen; sch&ouml;n h&ouml;rte sich das an. Wulf
+kannte das Lied; er pfiff die Weise vor sich hin, lachte und dachte:
+&raquo;Gleich, gleich!&laquo;</p>
+
+<p>Sie kamen; ein, zwei, drei Reiter, dann ein ganzer Haufen, dann wieder
+einer, der Trompeter, dann der F&auml;hnrich, ein dicker Mann mit lustigem
+Gesicht, der junge Offizier, neben ihm noch einer; sie erz&auml;hlten sich<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>
+etwas, lachten laut und zielten mit der Hand nach einem Raben, der &uuml;ber
+die Stra&szlig;e flog und sofort abschwenkte. Dann kam ein Frauenzimmer
+angeritten, an jeder Seite einen Reitknecht. Das war die Person, die der
+Oberst bei sich hatte, ein ausnehmend sch&ouml;nes M&auml;dchen. Es drehte sich um
+und rief etwas hinter sich.</p>
+
+<p>Und dann kam der Oberst. Er sah aus, als wenn er wenig getrunken und gut
+geschlafen hatte; er klopfte mit seiner rechten Hand, die in dem gelben
+Stulphandschuh steckte, seinem Apfelschimmel den Hals.</p>
+
+<p>Wulf sah in sich genau an, denn er wollte das Gesicht f&uuml;r immer im
+Ged&auml;chtnis behalten. Dann nahm er den Mann auf das Korn, gerade in dem
+Augenblicke, als der Oberst ihm das volle Gesicht zudrehte. Erst zielte
+er auf die Brust, aber dann ging er tiefer und so wie es knallte, sah er
+durch das Feuer, da&szlig; der Mann beide Arme &uuml;ber sich warf und nach der
+Seite klappte, und gleich darauf h&ouml;rte er ihn schreien: &raquo;O Jesus!&laquo; und
+hinterher quietschte das Frauenzimmer auf.</p>
+
+<p>Aber da war der Bauer schon ein Ende weiter. Er hatte es sich vorher
+genau &uuml;berlegt, wie er es machen mu&szlig;te, damit ihn keiner zu sehen bekam.
+Als das Schreien und Rufen losging und ein Dutzend Sch&uuml;sse in den
+<dfn title="Erle"><a href="#w4_7" class="gloss">Ellernbusch</a></dfn> gefeuert wurden, in dem er gelauert hatte, da hatte er schon
+den <dfn title="Torfgrube"><a href="#w4_8" class="gloss">Abstich</a></dfn> und ein tiefes <dfn title="Sumpf"><a href="#w4_9" class="gloss">Flatt</a></dfn> hinter sich; von einem Birkenbusche
+nach dem anderen kriechend kam er zu dem <dfn title="H&uuml;gel"><a href="#w4_10" class="gloss">Anberg</a></dfn>, von dem aus er nach der
+Stra&szlig;e hinsehen konnte.</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te lachen, wie sie da hin und her ritten und durcheinanderjagten,
+gerade als wenn sie das zum Vergn&uuml;gen taten! Und jetzt lachte er
+hellwege auf, denn<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span> drei Reiter, nein vier, die in das Moor
+hineinjagten, waren auf einmal weg und das Wasser spritzte auf.</p>
+
+<p>&raquo;Daf&uuml;r ist es eigentlich heute morgen zu frisch,&laquo; sagte er vor sich hin
+und sch&uuml;ttelte den Kopf, als noch drei Reiter in das Bruch ritten. Zwei
+sanken gleich ein und kehrten um; der eine aber, der einen Schecken
+ritt, kam beinahe bis zur Haide, aber da brach das Pferd ein, der Reiter
+schlug in den Morast, da&szlig; es nur so quatschte, und das Pferd trabte
+ledig weiter.</p>
+
+<p>Wulf sprang auf und kroch geb&uuml;ckt von einem <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangel</a></dfn>busch zum anderen,
+bis er weit genug war. Er sah noch, da&szlig; mehrere Reiter abstiegen und zu
+Fu&szlig; in das Bruch gingen; dann aber lief er, was er konnte, bis er da
+war, wo der Schecke stand, hin und her trat und nicht recht wu&szlig;te, was
+er machen sollte, um aus dem Morast herauszukommen. Als er den Bauern
+sah, prustete er freundlich, und in aller Gem&auml;chlichkeit konnte Wulf ihn
+packen und an einem Busche anbinden.</p>
+
+<p>Er blieb so lange hinter einem <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangel</a></dfn> liegen, bis der Zug sich wieder
+aufmachte. Ungef&auml;hr konnte er z&auml;hlen, wie viele Pferde es waren. Der
+Apfelschimmel ging ledig und das Frauenzimmer war auch nicht mehr
+beritten, denn der verr&uuml;ckte rote Hut, den sie aufhatte, war jetzt auf
+dem einem Wagen zu sehen.</p>
+
+<p>Der Bauer nickte; er wu&szlig;te, da&szlig; er seine Sache gut gemacht hatte. Er
+lauerte so lange, bis der Zug im Walde verschwunden war und dann noch
+eine Viertelstunde. Dann ging er vorsichtig dahin, wo er die B&uuml;chse
+versteckt hatte, lud sie auf das neue und kroch dahin, wo der Reiter so
+schwer gest&uuml;rzt war. Er fand ihn<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span> gleich. Der Mann hatte den Kopf unter
+der Brust und r&uuml;hrte sich nicht mehr; er hatte sich das Genick
+<ins class="correction" title="abgest&uuml;rtzt">abgest&uuml;rzt</ins>.</p>
+
+<p>Es war kein gemeiner Reiter, sondern ein Wachtmeister. Wulf nahm ihm den
+G&uuml;rtel ab, schnitt die Jacke auf, und dann lachte er vor sich hin: elf
+Dukaten hatte der Kerl in der R&uuml;ckenbahn eingen&auml;ht und sieben auf der
+Brust, und in der Tasche hatte er drei Taler und noch mehrere
+Schillinge. Zudem hatte er ein sehr sch&ouml;nes Dolchmesser au&szlig;er dem S&auml;bel
+am G&uuml;rtel. Das Messer nahm Harm an sich, den S&auml;bel lie&szlig; er liegen, aber
+die beiden langen Pistolen, die er in der Satteltasche des Pferdes fand,
+behielt er.</p>
+
+<p>Als er in dem Halfter noch wei&szlig;es Brot, eine Flasche Schnaps, ein
+gebratenes Huhn und Salz fand, war er vollends zufrieden. Er setzte sich
+neben das Pferd, fr&uuml;hst&uuml;ckte in aller Ruhe, gab dem Schecken das Brot,
+das er aus Bissendorf mitgenommen hatte, schlug sich die Pfeife an,
+rauchte sie langsam zu Ende und ritt dann in schlankem Trabe nach Hause.</p>
+
+<p>Schon von weitem wurde er gewahr, da&szlig; seine Frau nach ihm aussah. Sie
+lachte und weinte durcheinander, als sie ihn sah: &raquo;O Gott, Harm,&laquo; rief
+sie, &raquo;kein Auge habe ich zugetan die ganze Nacht! Gott sei Lob und Dank,
+da&szlig; du wieder da bist! Was hab' ich mich gebangt! Aber wo hast du den
+Schecken her? Und wo sind unsere Pferde?&laquo;</p>
+
+<p>Ihr Mann lachte lustig auf: &raquo;Ja, M&auml;dchen, die habe ich ihnen lassen
+m&uuml;ssen; aber ich habe sie gut bezahlt gekriegt. Sieh mal!&laquo; Er hielt ihr
+das Geld hin. &raquo;Aber jetzt bin ich hungrig wie ein Wolf; solchen Hunger
+habe<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> ich lange nicht gehabt. Gestern bin ich vor &Auml;rger nicht zu meinem
+Rechte gekommen. Was macht denn der Junge? Und hat sich sonst nichts
+Besonderes begeben? Um so besser.&laquo;</p>
+
+<p>Er war so aufgekratzt und hatte so blanke Augen, da&szlig; seine Frau sich
+&uuml;ber ihn wundern mu&szlig;te, und die Angst, die sie den Tag vorher und die
+Nacht gehabt hatte, schlug bei ihr in lauter Freude um. So wurde es ein
+Tag, wie er auf dem Hofe lange nicht mehr gewesen war, so viel Lachen
+und Fl&ouml;ten gab es. Harm trug seinen Jungen Huckepack, lie&szlig; ihn auf den
+Knien reiten und sang ihm dazu das Lied vor, das der Trompeter den
+Morgen geblasen hatte.</p>
+
+<p>Ein Reiter kam auf den Hof; es war Drewes. &raquo;Hast du das Neueste schon
+geh&ouml;rt?&laquo; fragte er Wulf leise und grieflachte dabei wie ein
+Scharfrichter. &raquo;Heute morgen ist der Weimarsche Oberst, oder was er
+sonst ist, hinter Bissendorf bei der alten Wolfskuhle aus dem Busche
+totgeschossen. Das hei&szlig;t, ganz tot ist er nicht gleich gewesen; sie
+haben ihn noch bis Hope gefahren und da ist ihm die Puste ausgegangen.
+Ich habe die Geschichte in Mellendorf geh&ouml;rt. Und ein Wachtmeister und
+ein Reiter sind noch dazu im Bruche ersoffen, als sie hinter dem
+Scharfsch&uuml;tzen hersuchten. Die <dfn title="Dummkopf"><a href="#w2_13" class="gloss">D&ouml;llmer</a></dfn>! h&auml;tten da wegbleiben sollen!&laquo;</p>
+
+<p>Er sah den Wulfsbauern von der Seite an: &raquo;Deine Pferde bist du
+losgeworden, habe ich geh&ouml;rt. Der Knecht sagt, du hast sie gut bezahlt
+gekriegt. Das ist ja das reine Wunder! Mir haben sie zwei vor dem Pfluge
+weggenommen und noch nicht einmal ein Gottvergelts daf&uuml;r gegeben.
+Sch&ouml;nes Wetter heute! Ich<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span> glaube aber, da&szlig; es &uuml;ber Nacht umschl&auml;gt. Na
+adj&uuml;s auch!&laquo;</p>
+
+<p>Er tat so, als ob er gehen wollte, drehte sich aber noch einmal um: &raquo;Na,
+ekelst du dich jetzt noch vor mir, da&szlig; ich mir damals den Kr&uuml;ckstock
+blutig gerissen habe? Sei man ruhig, brauchst nichts zu sagen, und ich
+will auch nichts gesagt haben! Gesch&auml;ft ist Gesch&auml;ft. Wir sind keine
+Leute, die sich etwas schenken lassen, aber umsonst geben wir auch
+nichts her. Und da&szlig; du es wei&szlig;t: &uuml;bermorgen wollen wir dar&uuml;ber sprechen,
+wie es jetzt hier werden soll. Einer f&uuml;r alle und alle f&uuml;r einen mu&szlig; es
+hei&szlig;en, sonst gehen wir allesamt vor die Hunde. In Wettmar haben die
+Schandkerle zwei Bauernt&ouml;chter mit Gewalt verunehrt, in Berghof haben
+sie einen H&auml;usling so mit Schl&auml;gen zugedeckt, da&szlig; der Mann daran
+gestorben ist. Deshalb wollen wir auf dem Hingstberge zusammenkommen,
+&uuml;bermorgen um Uhre neune, von jedem Dorfe um das Bruch herum einer oder
+zwei. F&uuml;r &Ouml;dringen mu&szlig;t du kommen, denn der Burvogt hat seinen b&ouml;sen
+Husten.</p>
+
+<p>&raquo;So, was ich noch sagen wollte! Die Schwefelbande, die gestern in
+Bissendorf lag, kommt hier nicht wieder her. Sie sind froh, wenn sie
+erst hier weg sind, denn der papistische General, Till oder so &auml;hnlich
+hei&szlig;t er, ist ihnen auf der Naht. Wollen hoffen, da&szlig; er hier nicht
+vorbeikommt. <dfn title="Kreuzotter"><a href="#w4_11" class="gloss">Addern</a></dfn> und <dfn title="Natter"><a href="#w4_12" class="gloss">Schnaken</a></dfn> sind zweierlei, aber Gift haben sie
+alle beide.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah ihn von der Seite an: &raquo;Also brauchst du keine Bange zu haben, da&szlig;
+sie das Gesch&auml;ft reut, und da&szlig; du das Geld wieder hergeben mu&szlig;t, und den
+Schecken, den du zugekriegt hast. Aber das Pferd sieht zu dummerhaftig<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>
+aus; ich w&uuml;rde es ein bi&szlig;chen auff&auml;rben, sonst lachen dich die Leute
+aus, wenn du damit pfl&uuml;gst, und sagen: der Wulfsbauer pfl&uuml;gt jetzt mit
+seiner schwarzbunten Kuh! Na, denn also bis &uuml;bermorgen!&laquo;</p>
+
+<p>Damit ging er. Harm tat, wie Drewes ihm geraten hatte, und am Abend war
+der Schecke ein Rappe. Er war kaum mit der Arbeit fertig, da war der
+Engenser wieder da. &raquo;Mensch,&laquo; sagte er, &raquo;du mu&szlig;t mithelfen. Eben kommt
+von Wiekenberg Botschaft, da&szlig; an die drei&szlig;ig Kerle durch das Bruch
+ziehen. In Wiekenberg haben sie einen Hof angesteckt und die Leute lahm
+und krumm geschlagen. So f&uuml;nfzig bis sechzig Leute kriegen wir zusammen.
+Auf auf zum fr&ouml;hlichen Jagen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer machte ein verdrie&szlig;liches Gesicht; er hatte geglaubt,
+sich so recht ausschlafen zu k&ouml;nnen, und nun konnte er wieder die Nacht
+um die Ohren schlagen und wie ein Wolf im Busche liegen. Und dann seine
+Frau, so lustig war sie seit langer Zeit nicht gewesen. Ihre Augen
+lachten man so, wenn sie ihn ansah, und Backen hatte sie wie damals, ehe
+ihr das Ungl&uuml;ck zustie&szlig;. Au&szlig;erdem, wer wei&szlig;, wohin die Leute, von denen
+Drewes redete, zogen? Und schlie&szlig;lich: sie hatten ihm ja nichts getan!
+Das mit dem Obersten, das war etwas anderes; der hatte ihn in das
+Gesicht geschlagen! Aber aus dem Hinterhalte Leute &uuml;ber den Haufen
+schie&szlig;en, mit denen er gar nichts vorgehabt hatte, das war ihm nicht
+nach der M&uuml;tze.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du was, Drewes?&laquo; sagte er, &raquo;ich kann den Kopp nicht halten; ich
+habe die ganze Nacht drau&szlig;en aufgesessen und den Tag &uuml;ber in Moor und
+Haide zugebracht. Und meine Frau, du wei&szlig;t ja, wie die ist!<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span> Zum ersten
+Male seit damals ist sie wieder wie vordem; heute kann ich nicht von ihr
+fort. Ich habe genug Sorge um sie gehabt das ganze Jahr. Und ob ich nun
+mit dabei bin oder nicht, davon wird der Brei auch nicht dicker, zumal
+ich kein Pferd habe, auf das ich mich verlassen kann. La&szlig; mich dabei
+lieber weg, heute wenigstens!&laquo;</p>
+
+<p>Der Engenser sah ihn von der Seite an. &raquo;Ist wahr, du siehst aus, als
+wenn dir der Kopp nach dem Bette h&auml;ngt. Na, wir werden auch so mit ihnen
+fertig werden. Vielleicht, da&szlig; du morgen fr&uuml;h nachkommst, denn wir
+wollen gleich los, damit wir sie vor Tau und Tag in die Mache kriegen.
+Aber das n&auml;chstemal rechnen wir auf dich. Bedenke, wenn du uns nicht
+hilfst, meinst du, da&szlig; ein anderer f&uuml;r dich die Finger r&uuml;hren wird? Du
+hast doch schon genug ausgestanden, als da&szlig; du noch erst warten willst,
+bis dir wieder einer was tut, ehe du zuschl&auml;gst. Tote F&uuml;chse bei&szlig;en
+nicht mehr! Aber wie du willst. Und denn adj&uuml;s auch!&laquo;</p>
+
+<p>Harm wurde ordentlich das Herz leicht, als Drewes fort war, und als er
+in das Haus ging, pfiff er das Lied vor sich hin, das die Reiter den
+Morgen gesungen hatten:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nichts Sch&ouml;nres kann mich erfreuen,<br /></span>
+<span class="i0">als wenn der Sommer angeht;<br /></span>
+<span class="i0">da bl&uuml;hen die Rosen im Garten,<br /></span>
+<span class="i0">ju ja im Garten;<br /></span>
+<span class="i0">Trompeter, die blasen ins Feld.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<h2><a name="Die_Marodebrueder" id="Die_Marodebrueder"></a>Die Marodebr&uuml;der<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span></h2>
+
+
+<p>Es war keine schlechte Jagd gewesen, die die Bauern gemacht hatten. Als
+der Nebel in die H&ouml;he ging, hatten sie die Bande ankommen sehen. Sie
+warteten, bis sie sie mitten im nassen Bruche hatten, und dann schossen
+sie sie zusammen wie eingelappte Hirsche; nicht einer kam gesund davon.
+Zweiundzwanzig waren es, die dalagen, alte Kerle mit Gesichtern wie
+Leder, und junge Burschen, die wie Milch und Blut aussahen. Einer von
+ihnen, den Drewes &uuml;bergeritten hatte, hatte geschrien: &raquo;Erbarmen! Meine
+Mutter!&laquo; Aber das hatte ihm nichts geholfen; der Engenser schlug ihn tot
+und schrie: &raquo;Junge Katzen kratzen auch!&laquo;</p>
+
+<p>Er lachte, als er dem Wulfsbauern das erz&auml;hlte, als w&auml;re es blo&szlig; ein
+Spa&szlig; gewesen, und seine breiten wei&szlig;en Z&auml;hne bl&auml;nkerten man so. &raquo;Ja,
+diesmal hat's <dfn title="gl&uuml;cken"><a href="#w5_1" class="gloss">geschlumpt</a></dfn>,&laquo; <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">griente</a></dfn> er. &raquo;Und f&uuml;r umsonst haben wir die
+Arbeit nicht getan,&laquo; warf er hinterher; &raquo;auf meinen Teil sind allein elf
+harte Taler gekommen. Ein Schade, da&szlig; es keine Reiter waren! ein paar
+billige Pferde, die h&auml;tten mir schon gepa&szlig;t. Und nun will ich nach
+Hause, sonst kriege ich es mit meiner Altschen zu tun.&laquo; Er sch&uuml;ttelte
+sich und Harm lachte, denn er wu&szlig;te, da&szlig; Christel Drewes ein Maulwerk
+hatte, gegen das keiner ankonnte.</p>
+
+<p>Rose rief Harm zum Essen; das Herz lachte ihm im Leibe, als er sie
+ansah. Das Leben war sch&ouml;n, trotz alledem! Und endlich mu&szlig;te es doch
+wieder Frieden werden; die hohen Herren mu&szlig;ten es doch leid werden, das
+Kriegsspielen, das sie ein Heidengeld kostete und<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span> viel Menschen dazu.
+Was man so bei Wege h&ouml;rte, war ja auch zu schrecklich: &uuml;berall Mord und
+Brand und Pest und Hungersnot. Da war es im Bruche doch noch besser.
+Krieg ist Krieg und beim G&auml;nserupfen fliegen Federn. Das ist einmal
+nicht anders!</p>
+
+<p>So dachte der Bauer und freute sich &uuml;ber seine <dfn title="h&uuml;bsch"><a href="#w2_1" class="gloss">glatte</a></dfn> Frau und den
+Jungen, der von Tag zu Tag niedlicher wurde und alle Augenblicke ein
+paar W&ouml;rter mehr konnte. Er dachte: &raquo;Wenn erst noch ein Kind da ist und
+Rose mehr Arbeit damit hat, dann wird sie &uuml;ber alles eher fortkommen.&laquo;
+So wurde es denn auch. Es kam ein kleines M&auml;dchen an, ein kr&auml;ftiges und
+gesundes Kind, und nun wurde die Frau wieder, wie sie fr&uuml;her war.</p>
+
+<p>Der Krieg war zwar immer noch nicht zu Ende, aber auf dem Wulfshofe
+merkte man von ihm beinahe nichts. Ab und zu kamen Truppen durch das
+Land, bald von dieser, bald von jener Art, und dann ging es da, wo sie
+herzogen, nicht sauber zu; mehr als einmal war am Tage Rauch und am
+Abend ein roter Schein &uuml;ber dem Bruche zu sehen.</p>
+
+<p>Hin und wieder lie&szlig;en sich auch Marodebr&uuml;der und Parteig&auml;nger blicken,
+sahen sich aber sehr vor; denn das Bruch war bei allen Landstreichern
+verrufen. Hin ging mancher, aber her kam so leicht keiner; denn Drewes
+hatte einen richtigen Kundschafterdienst zugange gebracht, und sobald
+das Horn rief, liefen die Bauern zusammen und Gnade Gott, wen sie
+fingen! Das Bruch konnte schlimme Geschichten erz&auml;hlen, aber es schwieg.
+Blo&szlig; die <dfn title="Geheimzeichen"><a href="#w5_2" class="gloss">Warnzinken</a></dfn>, die die Zigeuner an allen Feldsteinhaufen und
+<dfn title="gro&szlig;er, weit sichtbarer Baum"><a href="#w5_3" class="gloss">Wahrb&auml;umen</a></dfn> angebracht<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span> hatten, und manches blanke Goldst&uuml;ck, mancher
+harte Taler, den die Bauern im Kasten hatten, manches Pferd, das in
+ihren St&auml;llen stand, und die Pistolen, Spie&szlig;e, Kugelb&uuml;chsen, S&auml;bel und
+Dolche, die in allen <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nzen</a></dfn> hingen, sprachen von den M&auml;nnern, deren
+Eigentum sie einst waren und &uuml;ber deren Knochen jetzt Moorerde lag und
+Kraut wuchs.</p>
+
+<p>Einige Jahre trieben die Bauern das so in aller Stille; jeder Mann wu&szlig;te
+darum, aber keiner sprach dar&uuml;ber. Drewes f&uuml;hrte eine harte Hand und es
+hie&szlig;, da&szlig; der H&auml;usling Metjen aus Ehlershausen, der in dem Verdachte
+stand, es mit den Tillyschen gehalten zu haben, indem er ihnen den Weg
+durch das Bruch gewiesen hatte, und der drei Tage darauf vor seinem
+Hause mit einer <dfn title="gedrehter Weidenzweig"><a href="#w5_4" class="gloss">Wiede</a></dfn> um den Hals im Apfelbaume hing, von Drewes und
+zwei anderen Bauern dahingebracht war.</p>
+
+<p>Es war ein prachtvoller Vorherbsttag, als der Wulfsbauer Nachricht
+bekam, er solle bei vier Uhr am Hingstberge sein; es war die dreifache
+Schatzung auch f&uuml;r die Knechte und M&auml;gde ausgeschrieben, und dar&uuml;ber
+sollte verhandelt werden, wurde ihm gemeldet. Es war so warm, da&szlig; ihm
+der blanke Schwei&szlig; unter dem Hute herauslief, als er durch das Bruch
+ritt. Unter dem blauen Himmel flog ein Adler in die Runde; bald war er
+silbern, bald sah er wie Gold aus. Hier und da war die Haide noch am
+Bl&uuml;hen und alle Augenblicke flog ein Haufen von kleinen V&ouml;geln &uuml;ber das
+Bruch und zwitscherte.</p>
+
+<p>Harm holte tief Luft und w&auml;hrend er so dahinritt, fl&ouml;tete er sein
+Leiblied vor sich hin und dachte: &raquo;Bei<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span> achte, wenn die Kinder schlafen
+gehen, bist du wieder zur&uuml;ck.&laquo; Er freute sich, wenn er daran dachte, wie
+sie <dfn title="kichern"><a href="#w5_5" class="gloss">gnickern</a></dfn> und quietschen w&uuml;rden, wenn er sie kitzelte.</p>
+
+<p>Am Hingstberge waren an die hundert Bauern zusammen. Sie standen in
+kleinen Haufen um das alte Heidengrab und sprachen vom Wetter und &uuml;ber
+das Vieh, oder sa&szlig;en am Boden und vesperten oder rauchten. Drewes hatte
+es sich auf einem der gro&szlig;en Steine bequem gemacht; er hielt die Pfeife
+zwischen den Z&auml;hnen und schnitt Kerben in seinen Schwarzdornkr&uuml;ckstock.
+So genau machte er das, als wenn es darauf ankam, da&szlig; eine nicht anders
+als die &uuml;brigen war. Als er den &Ouml;dringer abspringen sah, nickte er ihm
+zu und sagte: &raquo;Feines Grummetwetter heute! Eigentlich zu schade zum
+<dfn title="schwatzen"><a href="#w5_6" class="gloss">Verkl&ouml;hnen</a></dfn>; aber es mu&szlig;te sein, denn wir haben wichtige
+Angelegenheiten.&laquo;</p>
+
+<p>Nach einer Viertelstunde sagte er dem Knecht, den er bei sich hatte:
+&raquo;Jetzt sind sie wohl alle da; man zu!&laquo; Da blies der Junge dreimal in das
+Horn. Jeder h&ouml;rte auf zu reden oder zu essen und machte, da&szlig; er nach dem
+alten Heidengrabe kam, auf dem Drewes stand, sich auf seinen Stock
+st&uuml;tzte und sich so lange umsah, bis alles Reden aufh&ouml;rte.</p>
+
+<p>&raquo;Liebe Freunde,&laquo; fing er an, &raquo;ich habe euch heute etwas zu sagen, das
+euch <dfn title="h&uuml;bsch"><a href="#w2_1" class="gloss">glatt</a></dfn> heruntergehen wird. Wir haben schwere Jahre hinter uns, und
+wer wei&szlig;, was noch kommt. Es ist so, als ob unser Herrgott f&uuml;r eine
+Weile die Herrschaft abgegeben hat und nun hat der leibhaftige Satan das
+Leit in der Hand. Hier am Bruche ist es noch halbwege gegangen. Der eine
+oder der andere von uns hat ja Haare lassen m&uuml;ssen, manch<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span> einer auch
+ein St&uuml;ck Fell und wom&ouml;glich Fleisch und Blut, aber anderswo ist es
+gr&auml;sig hergegangen. Was der Mansfelder schonte oder der Braunschweiger,
+der ja nun seinen Lohn gekriegt hat, denn im Westf&auml;lischen hat ihn der
+Till oder wie er hei&szlig;t, <dfn title="schlagen"><a href="#w1_5" class="gloss">geweift</a></dfn>, da&szlig; seine mehrsten Leute ihr eigen Blut
+gesoffen haben, ja, wo war ich doch? ach so: oder ob es die Kaiserlichen
+sind, die Papisten und Ligisten, sie sind von ein und derselben
+Boshaftigkeit. Nicht Frauen noch Kinder sind sicher vor den Hunden.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah Mann um Mann an: &raquo;Ein jeder Mensch, und ist er noch so arm, Frau
+und Kinder sind ihm ans Herz gewachsen, und an Haus und Hof h&auml;ngt er.
+Wir wollen daf&uuml;r sorgen, und so weit es sich hat machen lassen, haben
+wir es schon getan,&laquo; und damit zeigte er auf das Bruch und lachte und
+die M&auml;nner lachten alle leise. &raquo;Aber bislang mu&szlig;ten wir uns heimlich
+unserer Haut wehren, mu&szlig;ten wie die Strauchdiebe uns herumdr&uuml;cken, wenn
+wir das Gesindel, das sich hier herumtrieb, los sein wollten, und einer
+konnte dem anderen nicht mehr gerade in die Augen sehen. Von jetzt ab
+k&ouml;nnen wir das frei tun.&laquo;</p>
+
+<p>Er hob seinen Stock hoch und zeigte die Kerben daran. &raquo;Seht her! ich
+habe einhundertundsiebzehn Kerben hier eingeschnitten, zweiunddrei&szlig;ig
+auf der einen und die &uuml;brigen auf der anderen Seite. Die f&uuml;nfundachtzig
+Kerben bedeuten, da&szlig; ich mitgeholfen habe, f&uuml;nfundachtzig Landstreicher,
+Gaudiebe, Tatern und Marodebr&uuml;der und einen verr&auml;terischen Hund
+dahinzubringen, wo sie von Gottes und Rechtes wegen hingeh&ouml;ren, unter
+die Erde n&auml;mlich, da&szlig; die W&uuml;rmer sie<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span> fressen, wenn sie sich davor nicht
+ekeln. Die zweiunddrei&szlig;ig Kerben aber, meine Freunde, die bedeuten, da&szlig;
+ich zweiunddrei&szlig;ig Menschen von dieser Art mit meiner eigenen Hand
+beiseite gebracht habe.&laquo;</p>
+
+<p>Er holte tief Luft, wischte sich mit der Hand &uuml;ber die Stirn und sprach
+leiser: &raquo;Unser Herrgott wird mir das vergeben. Auge um Auge, Zahn um
+Zahn, so lehrt uns die Schrift. Wir sind hier keine R&auml;uber und M&ouml;rder,
+aber wenn der Wolf uns &uuml;ber das Weidevieh kommt und der Marder uns an
+die H&uuml;hner geht, dann besinnen wir uns nicht lange. Ich habe bis zu dem
+Tage, da&szlig; das Schinden hier losging, keinem Menschen einen Schlag
+gegeben, seitdem ich die Jungenshosen aushabe, und lieber w&auml;re es mir,
+ich h&auml;tte reine Finger. Aber was sein mu&szlig;, mu&szlig; sein, und ich schlafe so
+gut als wie vordem, und ich glaube, es ist keiner unter uns, der das von
+sich nicht auch sagen kann.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah die M&auml;nner der Reihe nach an und plinkte dem einen oder anderen,
+der ihm blanke Augen machte, besonders zu. &raquo;Eins aber, meine lieben
+Freunde,&laquo; ging er weiter in seiner Rede, &raquo;das dr&uuml;ckte uns doch dabei.
+Was wir taten, mu&szlig;ten wir tun, aber es war uns nicht nach der M&uuml;tze, da&szlig;
+wir es ohne die Erlaubnis unseres Herrn Herzogs,&laquo; er nahm den Hut ab und
+alle taten es ihm nach, &raquo;tun mu&szlig;ten. Von heute ab,&laquo; und er sprach heller
+und lachte dabei, &raquo;ist das anders, denn unser lieber Herr Herzog, den
+Gott erhalten m&ouml;ge, hat uns wissen lassen, wir sollen zusehen, da&szlig; wir
+uns so gut wehren sollen, wie wir irgend k&ouml;nnen, und alle Hundsf&ouml;tter,
+die hier nicht hergeh&ouml;ren, totschie&szlig;en wie tolle Hunde.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span></p>
+
+<p>Er lachte, da&szlig; man seine gro&szlig;en Z&auml;hne sah: &raquo;Na, an uns soll es nicht
+fehlen, da&szlig; unser Herr Herzog seinen Willen kriegt! Lieber w&auml;re es uns
+ja, wir k&ouml;nnten so leben wie fr&uuml;her, unsere Arbeit in Frieden tun und
+Gott loben. Aber das ist nun einmal nicht anders und darum sage ich
+euch: was nicht hierher geh&ouml;rt, was im Lande herumzieht und raubt und
+stiehlt, was Menschen schindet und H&auml;user ansteckt, das ist Raubzeug und
+mu&szlig; auch so behandelt werden. Schimpf um Schimpf, Schlag um Schlag, Blut
+um Blut, daran wollen wir festhalten, auf da&szlig; es uns gut geht und wir
+lange leben auf Erden!&laquo;</p>
+
+<p>Er wischte sich den Schwei&szlig; aus dem Gesichte und schlo&szlig;: &raquo;So, nun wi&szlig;t
+ihr, wie ihr dran seid. Und ich denke, meine lieben Freunde, es ist
+nicht mehr als recht, wenn ich euch bitte, es mir nachzutun,&laquo; und dabei
+nahm er seinen Hut ab, hielt ihn hoch und schrie: &raquo;Lang lebe unser
+Herzog Christian, unser allergn&auml;digster Herr!&laquo;</p>
+
+<p>Die Kr&auml;hen, die &uuml;ber das Bruch flogen, schwenkten zur Seite, so schrien
+die M&auml;nner. Alle hatten sie blanke Augen, als sie zu Drewes gingen und
+ihm sagten: &raquo;Drewsbur, das war aber eine Rede! Besser kann es unser Herr
+Pastor nicht.&laquo; Aber dann horchten sie wieder auf, denn die Wiekenberger
+erz&auml;hlten, da&szlig; es &uuml;berall von Kriegsv&ouml;lkern wimmelte, von D&auml;nen und
+Ligisten und von Mansfeldern und Braunschweigern, die der Tilly und der
+Waldstein hin und her jagten wie der Hund die H&uuml;hner, und die es mit
+Brennen und Morden schlimmer trieben als vorher.</p>
+
+<p>Was eigentlich los war, wu&szlig;te so recht keiner. Der<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> eine sagte: &raquo;Die
+D&auml;nen wollen uns das Land nehmen,&laquo; die anderen: &raquo;Nein, es ist, da&szlig; wir
+wieder papistisch werden sollen,&laquo; und etliche meinten, der Kaiser h&auml;tte
+da nichts mit zu tun, der lebe da unten und frage den Teufel danach, was
+anderswo vor sich gehe. Der Waldstein und der Tilly wollten sich blo&szlig;
+bereichern an Land und Bargeld; darauf laufe alles hinaus.</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer hatte wohl gefunden, da&szlig; Drewes ganz ausgezeichnet
+geredet hatte und da&szlig; er in allem recht hatte, aber so ganz war er nicht
+bei der Sache; er dachte an seine Frau und die Kinder und da&szlig; <ins class="correction" title="er">es</ins>
+bei Kleinem Zeit f&uuml;r ihn w&uuml;rde, nach Hause zu reiten, damit er es nicht
+verpasse, wenn die Kr&ouml;ten zu Bette gebracht w&uuml;rden. Er mu&szlig;te lachen,
+wenn er daran dachte, wie Hermken ihn nach dem Mittag so bei den Ohren
+gerissen hatte, da&szlig; es ordentlich weh tat.</p>
+
+<p>Er ritt mit Klaus Hennecke, dem Sohne des Vorstehers, nach Hause. Die
+Luft war weich und warm; die Kiebitze riefen im Grunde und in der H&ouml;he
+meldeten sich die Regenpfeifer.</p>
+
+<p>Klaus fing endlich zu reden an: &raquo;Mit unserem Vater wird es immer
+schlimmer; er liegt jetzt schon die achte Woche. Ich glaube, dieses Mal
+kommt er nicht wieder durch!&laquo; Er sah &uuml;ber das Bruch. &raquo;Kiek, was ist denn
+das da f&uuml;r eine putzwunderliche Wolke &uuml;ber &Ouml;dringen? I, das sieht ja
+meist wie Rauch aus! Aber es ist doch wohl blo&szlig; eine Wolke.&laquo;</p>
+
+<p>Der Ansicht war Harm auch; aber als sie den Bogen um die Torfkuhlen
+machten und unter den Wind kamen, prusteten beide Pferde auf einmal los
+und wurden unruhig, so da&szlig; die beiden Bauern meinten, sie witterten<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>
+einen Wolf. Als sie aber ein Ende weiter waren, hielt Hennecke an,
+schn&uuml;ffelte und meinte: &raquo;Das riecht gewi&szlig; und wahrhaftig nach Rauch! Am
+Ende haben die L&ouml;rke von H&uuml;tejungens wieder einen Unsinn angestellt.&laquo;
+Harm mu&szlig;te ihm recht geben, denn es roch nach Rauch, aber er dachte sich
+weiter nichts dabei.</p>
+
+<p>Zuletzt rochen sie aber nichts mehr, denn der Wind ging unter dem Holze
+anders. So wie sie aber in der hohen Haide waren, roch es wieder
+st&auml;rker, und als sie die krausen Fuhren hinter sich hatten und oben auf
+dem <dfn title="H&uuml;gel"><a href="#w4_10" class="gloss">Anberge</a></dfn> waren, schrien sie wie aus einem Munde: &raquo;O Gotte!&laquo; Denn da,
+wo &Ouml;dringen lag, war die ganze Luft schwarz.</p>
+
+<p>Sie sahen sich an; einer sah so k&auml;sig aus wie der andere. Ohne ein Wort
+zu sagen, lie&szlig;en sie die Pferde schneller laufen. Der Brandgeruch wurde
+immer schlimmer, und was ihnen noch schwerer auf das Herz fiel, das war,
+da&szlig; das Grummet auf den Wiesen noch genau so lag, wie nach dem Mittag,
+als sie vorbeigeritten waren. Sie jagten, was die Pferde hergeben
+wollten, und als sie aus dem Walde kamen, hielten sie und zitterten am
+ganzen Leibe. Vor ihnen auf dem Wege lag der Kuhhirt tot auf dem R&uuml;cken
+und sein Hund schn&uuml;ffelte an ihm herum.</p>
+
+<p>Sie sprangen ab und sahen sich T&ouml;nnes an; er hatte einen Schnitt &uuml;ber
+den ganzen Hals. Sie zogen ihn beiseite und dann horchten sie nach dem
+Dorfe hin. Da war es ganz still, nur die <dfn title="Dohle"><a href="#w5_8" class="gloss">Kahkr&auml;hen</a></dfn> l&auml;rmten &uuml;ber den
+Eichen. Sie gingen Schritt f&uuml;r Schritt n&auml;her, die eine Hand am Messer
+und die andere am Z&uuml;gel. Im Wege lag eine zerbrochene Steingutflasche,
+wie sie<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span> im Dorfe keiner hatte. Weiterhin fanden sie einen blutigen
+Lappen und daneben ein St&uuml;ck Wurst. Sie hielten an und horchten: Nichts
+war zu h&ouml;ren, keine menschliche Stimme war zu vernehmen, kein St&uuml;ck Vieh
+br&uuml;llte, kein Hahn gackerte, kein Hund bellte.</p>
+
+<p>So kamen sie an den Reinkenhof. Der stand noch, aber die Fenster waren
+eingeschlagen, die T&uuml;ren standen offen, Bettfedern lagen &uuml;berall
+verstreut und Stroh und Heu und Hafer. Im Hause war alles kurz und klein
+geschlagen. Im Flett ging die gelbbunte Katze umher und quarrte
+gottsj&auml;mmerlich. Die <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn> sah aus als wie ein Schweinestall; voller
+Unrat war sie. Kein Stuhl war mehr heil, kein Teller mehr ganz. Im
+Grasgarten lagen der Kopf und die Beine und die Kaldaunen von einem
+rotbunten Kalbe und daneben das Spinnrad, aber in lauter St&uuml;cken.</p>
+
+<p>Klaus und Harm sprachen kein Wort. Sie kamen nach Hingstmanns Hof. Da
+sah es genau so aus, nur da&szlig; quer &uuml;ber der <dfn title="Diele, der Hauptraum im Hause"><a href="#w6_13" class="gloss">Deele</a></dfn> der <ins class="correction" title="H&uuml;ttejunge">H&uuml;tejunge</ins> tot
+dalag; er hatte ein tiefes Loch in der Stirn. Bei Mertens war es nicht
+anders und auf dem Henkenhofe desgleichen, blo&szlig; da&szlig; da wenigstens keine
+Leiche zu finden war. Auch auf den anderen H&ouml;fen war gepl&uuml;ndert und
+alles entzweigeschlagen, aber die Bauern schienen rechtzeitig Wind
+bekommen zu haben, so da&szlig; sie sich hatten bergen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Mit einem Male sah sich der Wulfsbauer wild um und rief: &raquo;Ja, aber wo
+brennt es denn? Heiliger Gott!&laquo; Er sa&szlig; auf und jagte davon und hinter
+ihm her jagte Klaus Hennecke. Quer durch die Haide ritten sie, und je
+weiter sie kamen, um so mehr roch es nach Rauch,<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span> und dann hielt Harm
+Wulf an und sprang ab und machte ein Gesicht, als ob er losweinen wollte
+und sah dahin, wo sein Hof gestanden hatte, denn da war alles ein Rauch
+und ein Qualm, blo&szlig; da&szlig; hier und da eine Flamme zu sehen war.</p>
+
+<p>&raquo;Wawawas ist dededenn dadas?&laquo; stotterte er. Ihm war, als ob er kein
+bi&szlig;chen Kraft mehr in den Beinen hatte, so da&szlig; er Klaus an den Arm
+fassen mu&szlig;te. Und dann schrie er: &raquo;Rose, Rose!&laquo; Er lief um die
+Brandst&auml;tte herum, in den Grasgarten hinein, sah in den <dfn title="Ziehbrunnen"><a href="#w5_9" class="gloss">Sod</a></dfn>, kletterte
+auf den brennenden Balken hin und her, sah gegen Himmel, sch&uuml;ttelte den
+Kopf und sagte mit einem Lachen, bei dem es Hennecke kalt &uuml;berlief: &raquo;In
+der Burg, sie wird in der Burg sein!&laquo;</p>
+
+<p>Klaus nickte: &raquo;Ja, das glaube ich auch. Da werden sie wohl alle
+miteinander hin sein und das Vieh auch. Und der Junge von
+<ins class="correction" title="Hinstmanns">Hingstmanns</ins> und T&ouml;nnes, die werden allein noch drau&szlig;en
+gewesen sein, und da mu&szlig;te es ihnen so gehen. Wollen nach der Burg
+gehen, und wenn sie da nicht sind, dann m&uuml;ssen wir, ja, am besten ist es
+wohl, wir reiten dann zuerst nach Engensen; auf dem Drewshofe kriegen
+wir am ersten Bescheid.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sa&szlig;en auf und ritten &uuml;ber die Haide und durch die Fuhren und von da
+in das Bruch hinein. Es <dfn title="d&auml;mmern"><a href="#w4_5" class="gloss">schummerte</a></dfn> schon, als sie dort ankamen; der Uhu
+flog &uuml;ber sie hinweg und als er im Walde war, schrie er hohl. Der Nebel
+stand dick hinter den Torfstichen, in der Luft klingelten die Enten und
+in den Wiesen schreckten die Rehe.</p>
+
+<p>Keiner sprach ein Wort; ab und zu hielten sie an und horchten dahin, wo
+der alte Burgwall lag, und<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span> dann sahen sie wieder vor sich auf den Weg,
+dem man es anmerkte, da&szlig; Menschen und Vieh frisch darauf gegangen waren.
+In der <dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn> war es so duster, da&szlig; sie absteigen mu&szlig;ten. Hin und her
+ging es, bald nach rechts, dann geradeaus, dann halb links und so in
+einem fort. Ab und zu polterte eine Taube vor ihnen weg, oder ein St&uuml;ck
+Wild brach durch das Holz. Dann blieben sie stehen und horchten. Aber
+immer und immer h&ouml;rten sie keine Stimme und kein Kuhgebr&uuml;ll.</p>
+
+<p>Endlich war es ihnen, als ob sie ein Licht vor sich sahen, und als sie
+stehen blieben, h&ouml;rten sie, da&szlig; ihnen gegen&uuml;ber ein St&uuml;ck Vieh am
+Br&uuml;llen war. Dann knackte ein B&uuml;chsenhahn und hinterher noch einer, und
+eine Stimme, es war die des jungen Bolle, rief ihnen halblaut zu: &raquo;Wer
+da?&laquo; Harm fl&uuml;sterte ihm zu: &raquo;Wir sind es, Harm und Klaus. Wo ist meine
+Frau?&laquo;</p>
+
+<p><dfn title="Adolf"><a href="#w10_1" class="gloss">Atze</a></dfn> Bolle w&uuml;rgte, als er etwas im Halse hatte, und brummte dann: &raquo;Komm
+man erst nach der Burg! Ich habe hier Wache und wei&szlig; nicht, wer alles da
+ist. Es ging ja Hals &uuml;ber Kopf heute, denn wir mu&szlig;ten machen, da&szlig; uns
+das Gesindel nicht kriegte. Aber Ulenvater, den habe ich vorhin gesehen,
+ehe da&szlig; ich wegging.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, was ist denn das?&laquo; meinte er, als etwas Schwarzes an ihm
+vorbeisprang. Es war Harms Hund. Er stellte sich wie unklug an, bellte
+und jaulte durcheinander, sprang an dem Bauern in die H&ouml;he, leckte ihm
+die H&auml;nde, lief vor und bellte, kam wieder zur&uuml;ck und mit einem Male
+setzte er sich hin und heulte so schrecklich, da&szlig; Bolle rief: &raquo;Ruhig,
+<dfn title="Hund"><a href="#w5_11" class="gloss">Teebe</a></dfn>!&laquo;</p>
+
+<p>Der erste Mensch, den Wulf sah, als er in den Wall<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span> kam, war die
+Reinkenb&auml;uerin. So wie sie ihn zu Gesichte bekam, schrie sie auf: &raquo;O
+Gotte, Wulfsbur!&laquo; und dann fing sie an zu weinen. &raquo;Was ist?&laquo; schrie
+Harm, &raquo;wo ist Rose?&laquo; Aber die Frau weinte, da&szlig; es sie stie&szlig;, und brachte
+kein Wort heraus.</p>
+
+<p>Harm sah hin und her, aber wo er einen Menschen ansah, der ging schnell
+zur&uuml;ck. Endlich fand er seinen Schwiegervater. &raquo;Wo ist Rose?&laquo; brachte er
+eben noch heraus, denn er war ganz heiser vor Angst. Der alte Mann hatte
+ein Gesicht, als w&auml;re er aus dem Grabe genommen. &raquo;Ja, Junge,&laquo; sagte er
+und fa&szlig;te Harm an beide H&auml;nde, &raquo;ja, Junge,&laquo; und dabei fing er bitterlich
+an zu weinen, &raquo;unsere Rose ist bei unserem Herrgott!&laquo;</p>
+
+<p>Harm machte eine Bewegung, als wollte er ihm an den Hals springen: &raquo;Was
+sagst du? tot?&laquo; Er fing an zu lachen. &raquo;Das ist ja, das kann ja, aber so
+rede doch, kein einer sagt mir, wo Rose ist!&laquo; Und dann rief er mit einer
+Stimme, die sich anh&ouml;rte, als ob sie zersprungen war, durch den ganzen
+Wall: &raquo;Rose, Rose, wo bist du?&laquo;</p>
+
+<p>Neben ihm stand Hingstmann: &raquo;Ruhig, Mensch, Renneckenvater liegt im
+Sterben. Und die Horstmannsche hat vor Aufregung etwas L&uuml;ttjes gekriegt
+und es geht ihr nicht gut.&laquo; Er hielt ihm die Flasche hin: &raquo;Trink erst
+mal!&laquo; Aber Wulf stie&szlig; ihn zur&uuml;ck: &raquo;Ich will wissen, was mit meiner Frau
+los ist, will ich wissen! Und wo sind die Kinder? Mein Hermken und das
+L&uuml;ttje? Kinder und Leute, so tut doch endlich einer das Maul auf!&laquo;</p>
+
+<p>Es kamen noch zwei Bauern. &raquo;Ja, einmal mu&szlig; er es doch wissen,&laquo; sagte
+Mertens. Er legte ihm die Hand<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span> auf die Schulter: &raquo;Ja, Harm, was hilft
+das alles? Deine liebe Frau ist nicht mehr am Leben; sie ist im Hause
+geblieben. Und die Kinder auch. Und dein Vater auch und der eine Knecht
+und ebenso die beiden M&auml;dchen. Wei&szlig; der Teufel, wie die beistigen Hunde
+zu allererst nach dir hingefunden haben, wo dein Hof doch so ablegen
+ist?&laquo;</p>
+
+<p>Harm sah von einem zum anderen; er sah aus wie ein Kind, das sich vor
+dem Hunde nicht von der Stelle traut. Seine H&auml;nde gingen an seinen Hosen
+auf und ab, seine Lippen <dfn title="zittern"><a href="#w10_6" class="gloss">beberten</a></dfn>, der kalte Schwei&szlig; stand ihm vor der
+Stirn; jeder konnte h&ouml;ren, wie ihm das Herz im Leibe arbeitete und wie
+ihm die Luft nicht zum Halse herauswollte. Endlich qu&auml;lte er heraus:
+&raquo;Ja, sind sie verbrannt, oder was ist?&laquo;</p>
+
+<p>Die M&auml;nner sahen weg, schlie&szlig;lich sagte Horstmann: &raquo;Wir wissen da alle
+weiter nichts von. Der einzigste Mensch, der am Leben geblieben ist, das
+ist <dfn title="Theodor"><a href="#w5_12" class="gloss">Thedel</a></dfn>. Aber der ist ja wohl ganz von Sinnen geworden; der sitzt da
+hinten beim Feuer und <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">grient</a></dfn> und sieht in einem fort das Messer an, das
+er in der Hand hat.&laquo;</p>
+
+<p>Harm st&uuml;rzte mehr, als er ging, dahin, wo er den Knecht sitzen sah. Als
+er vor ihm stand, lachte der ihm in das Gesicht und wies ihm das Messer;
+aber mit einem Male lie&szlig; er es fallen, schlug beide H&auml;nde vor den Kopf
+und heulte los. Der Bauer sch&uuml;ttelte ihn. &raquo;Junge, denn sag' du es mir
+doch, was sich nun eigentlich begeben hat! Kein einer Mensch will was
+davon wissen.&laquo; Er setzte sich neben ihn und legte ihm die Hand &uuml;ber den
+Hals. &raquo;Nun los!&laquo; befahl er.</p>
+
+<p>Der Knecht sah ihn zuerst an, als ob er ihn noch kein<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span> eines Mal gesehen
+hatte, und dann fing er an: &raquo;Sie sind alle tot, alle miteinander. Die
+Frau ist tot und Hinnerk ist tot und Hermken ist tot und das L&uuml;ttje auch
+und Trina ist tot und der <dfn title="Gro&szlig;vater"><a href="#w4_3" class="gloss">Altvater</a></dfn> ist tot und meine Schwester Alheid
+ist auch tot. Alle sind tot, blo&szlig; ich nicht. Ich war im Busche Holz
+machen und vor dem Hauen habe ich nichts geh&ouml;rt, als bis da&szlig; es zu sp&auml;t
+war, denn sie sind aus dem Bruche gekommen.&laquo;</p>
+
+<p>Sehr viel konnte er auch nicht erz&auml;hlen, denn das meiste war schon
+vor&uuml;ber, als er zur&uuml;ckkam. Aber das wenige, was er gesehen hatte, das
+war so, da&szlig; er von dem Bauern abr&uuml;cken mu&szlig;te, denn der hatte ein Gesicht
+und ein paar Augen darin, da&szlig; es ihm kalt im Genick wurde. Aber der
+Bauer sagte: &raquo;Weiter, man weiter, ich will alles wissen,&laquo; und nur ab und
+zu st&ouml;hnte er oder schnatterte mit dem Munde, da&szlig; Thedel seine Z&auml;hne
+klappern h&ouml;rte.</p>
+
+<p>Als er alles aus ihm heraus hatte, sagte er: &raquo;Ja, Thedel, ich und du,
+das ist nun der ganze Wulfshof. Was willst du jetzt machen? Willst du
+einen anderen Dienst annehmen oder willst du bei mir bleiben? Denn,
+versteh mich recht, Bauer will ich jetzt nicht mehr spielen; wo der
+Teufel geerntet hat, habe ich keine Lusten mehr, zu pfl&uuml;gen und zu s&auml;en.
+Aber,&laquo; setzte er nach einer kleinen Weile zu, &raquo;wo sind die Mordbrenner
+denn hin?&laquo;</p>
+
+<p>Der Junge zuckte die Achseln. &raquo;Quer &uuml;ber die Haide sind sie und bei der
+Schirmfuhre haben sie sich geteilt. Was die Tatern sind, die sind auf
+Berghof zu, und die anderen, die m&ouml;gen wohl nach Celle hin sein, denn da
+wollten sie hin, hat mir der Mann gesagt.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Welcher Mann?&laquo; fuhr ihm der Bauer dazwischen. Der Junge grieflachte
+abscheulich. &raquo;Der sich an deinem Honigbier so scheu&szlig;lich besoffen hat,
+da&szlig; er nicht aus der Stelle konnte und in der Haide liegen blieb und
+schlief.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, und wo ist er jetzt?&laquo; fuhr es Wulf heraus. &raquo;Der mag da wohl noch
+liegen,&laquo; <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">griente</a></dfn> der Knecht. &raquo;Wieso noch liegen?&laquo; fragte der Bauer
+weiter. Der andere lachte &uuml;ber das ganze Gesicht: &raquo;Na, weil ich ihm, als
+er wie ein Fa&szlig; dalag, die H&auml;nde und die F&uuml;&szlig;e zusammengebunden habe und
+denn auch, weil er, als er sich vern&uuml;chtert hatte und ich aus ihm heraus
+hatte, was ich wissen wollte, wohl nicht viel Leben in sich behalten
+hat.&laquo;</p>
+
+<p>Der Bauer lachte b&ouml;se: &raquo;Was hast du mit ihm angefangen, Thedel?&laquo; Und
+sein Lachen wurde noch t&uuml;ckischer, als der Knecht ihm das Messer wies
+und ihm erz&auml;hlte, was er mit dem Manne gemacht hatte. &raquo;Denn,&laquo; sagte er,
+&raquo;es war der Schlimmsten einer. Gerade der ist es gewesen, der meine
+Schwester umgebracht hat, er und das heilige Kreuz und der S&auml;ugling. Und
+die m&uuml;ssen auch noch daran, sage ich, oder ich will keinen seligen Tod
+haben!&laquo;</p>
+
+<p>Der Bauer sah ihn dumm an: &raquo;Heiliges Kreuz? S&auml;ugling? Was hei&szlig;t das?&laquo;
+Thedel erz&auml;hlte: &raquo;Als meist alles vorbei war und die mehrsten besoffen
+waren wie die Schweine, bin ich auf allen vieren hinter dem Hagen
+hergekrochen und da sah ich einen Kerl, der war so lang, wie ich noch
+keinen Menschen gesehen habe, und der hatte einen ganz kleinen Kopf wie
+ein Kind und auch genau solche Stimme, wenn er das Maul<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span> auftat, und
+keinen Bart hatte er auch nicht, und zu dem sagten sie S&auml;ugling. Und der
+andere, der war so kurz und dick wie ein Krautfa&szlig;, und er hatte einen
+fuchsigen Knebelbart und zwei Narben im Gesicht, so dick wie ein Finger
+und so rot wie ein Hahnenkamm, die eine von der Stirn bis in das Maul
+und die andere von einem Ohr bis an das andere, just so, da&szlig; es wie ein
+Kreuz aussah, und deswegen schimpften sie ihn wohl auch Heiliges Kreuz.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah vor sich hin: &raquo;Die beiden haben meine Schwester hingemartert; ich
+habe es geh&ouml;rt, wie sie dar&uuml;ber ihre Witze machten, die beiden und der
+andere, der besoffen in der Haide liegen blieb. Na, dem habe ich es
+besorgt! Ich hatte ihm das Maul zugestoppt, denn ich dachte: wenn er an
+zu <dfn title="br&uuml;llen"><a href="#w2_11" class="gloss">b&ouml;lken</a></dfn> f&auml;ngt und die anderen h&ouml;ren es, dann l&auml;ufst du am Ende dumm
+an. Die beiden anderen haben noch eine ganze Weile hinter ihm
+hergefl&ouml;tjet, bis es ihnen zu langweilig geworden ist. Ich bin blo&szlig;
+neugierig, ob er morgen fr&uuml;h noch am Leben ist!&laquo;</p>
+
+<p>Mitten im Reden schlief er ein. Der Bauer deckte ihm einen Mantel &uuml;ber
+und dabei sah er, da&szlig; der Knecht so ruhig schlief, wie immer. Er mu&szlig;te
+noch oft hinsehen; wie ein Kind, das keiner Fliege wehtun konnte, sah er
+aus. Er war der einzige Mensch im ganzen Dorfe, der es nicht mit ansehen
+konnte, wenn ein Schwein geschlachtet wurde, und dabei hatte er den
+Mordbrenner geschunden, wie der Henkersknecht einen armen S&uuml;nder.</p>
+
+<p>&raquo;Recht hat er getan!&laquo; dachte der Bauer; &raquo;Schimpf um Schimpf, Schlag um
+Schlag, Blut um Blut, sagt Drewes.&laquo; Er sah in das Feuer und sah darin
+einen<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span> langen Kerl mit einem kleinen Kopf und einer d&uuml;nnen Stimme, und
+einen anderen, kurz und dick wie ein Fa&szlig; und mit zwei Narben im Gesicht,
+die &uuml;ber Kreuz standen. Er sah sie vor sich liegen mit gebundenen
+H&auml;nden, alte Lappen in den M&auml;ulern und Angstschwei&szlig; auf der Stirn, und
+er stand davor, trat sie mit F&uuml;&szlig;en und hielt ihnen sein Messer vor die
+Augen.</p>
+
+<p>Lange sa&szlig; er so da und dachte an weiter nichts. Aber mit einem Male
+wurden ihm die Augen na&szlig;. In einer von den Plaggenh&uuml;tten weinte ein Kind
+und eine Frau sang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Eia wiwi,<br /></span>
+<span class="i0">keen sl&ouml;ppt denn nu bi mi?<br /></span>
+<span class="i0">Wi willt dat nu ganz anners maaken,<br /></span>
+<span class="i0">Heini schall in de Eia slaapen,<br /></span>
+<span class="i0">eia wiwi.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<h2><a name="Die_Bruchbauern" id="Die_Bruchbauern"></a>Die Bruchbauern<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span></h2>
+
+
+<p>Es war hellichter Tag, als Harm Wulf aufwachte. Er war im Sitzen
+eingeschlafen, und so fest hatte er geschlafen, da&szlig; er sich erst gar
+nicht vermuntern konnte und sich ganz wild umsah, weil er nicht wu&szlig;te,
+wo er war.</p>
+
+<p>Aber dann stand er auf, so schwer und so langsam, als wenn er nicht
+vierundzwanzig, sondern achtundvierzig Jahre hinter sich hatte.
+Hingstmann, der gerade vorbeikam, <dfn title="erschrecken"><a href="#w4_1" class="gloss">verjagte sich</a></dfn>, als er ihn sah, denn
+der Wulfsbauer hatte ein ganz altes Gesicht und Augen, in denen kein
+Leben war, und an den Seiten war sein Haar grau geworden.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn er man blo&szlig; weinen k&ouml;nnte, Ulenvater!&laquo; sagte die Reinkenb&auml;uerin;
+&raquo;das ist ja schrecklich, wie der Mann das in sich hineinfri&szlig;t!&laquo; Aber
+Harm weinte nicht. Er a&szlig;, wie immer, sprach aber nicht mehr, als Ja und
+Nein, half die Schanzen h&ouml;her machen und Schuppen bauen und was sonst
+f&uuml;r Arbeit n&ouml;tig war. Um Uhre zehne ging er mit Thedel fort und als sie
+wiederkamen, hatten beide ganz blanke Augen und der Junge <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">griente</a></dfn> in
+einem fort, so da&szlig; es scheu&szlig;lich anzusehen war.</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du jetzt anfangen, Harm?&laquo; fragte ihn abends, als sie beim
+Feuer sa&szlig;en, sein Schwiegervater; &raquo;willst du den Hof wieder aufbauen?&laquo;
+Sein Eidam sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Ich habe eine andere Arbeit vor. Es
+kann sein, da&szlig; ich lange fortbleibe, vielleicht bin ich aber auch bald
+wieder da. Damit du es wei&szlig;t:<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span> das Geld haben die Raubv&ouml;gel nicht
+gefunden. Ich w&uuml;rde es ihnen gern geg&ouml;nnt haben, wenn sonst alles so
+geblieben w&auml;re, wie es war. Solltest du also in Bedr&auml;ngnis kommen, so
+wei&szlig;t du es zu finden; so ganz wenig ist es nicht. Und an dem andern
+Platz, du wei&szlig;t ja Bescheid, ist Saatkorn genug, und von Wurst und
+Schinken ist da auch eine ganze Masse, und von K&auml;se und Honigbier auch.
+Und da liegen auch noch die Pistolen und das eine Gewehr. Hast du etwas
+Tabak &uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>Er stopfte sich die Pfeife, hielt einen Fuhrenzweig in das Feuer, bis er
+Flammen fing, und brannte damit seinen Tabak an. &raquo;Wei&szlig;t du was?&laquo; fuhr er
+dann fort, &raquo;mit mir ist das so: gro&szlig;e Lusten zum Leben habe ich nicht
+mehr. La&szlig; mich ausreden! Vielleicht, da&szlig; ich sie wiederkriege, wenn ich
+mit den beiden Hauptmordbrennern abgerechnet habe. Denn das habe ich
+fest vor. Wer Menschenblut vergie&szlig;t, dessen Blut soll wieder vergossen
+werden! Thedel will auch mit; sie stehen bei ihm gleichfalls in der
+Kreide, Alheids halber. Grieptoo kann bei dir bleiben; der Hund k&ouml;nnte
+mir im Wege sein!&laquo;</p>
+
+<p>Ein Haufen von V&ouml;geln kam angeflogen, lie&szlig; sich in den hohen Tannen
+nieder und l&auml;rmte gewaltig. Harm sah in die H&ouml;he: &raquo;Da ist ja das Unzeug
+wieder, von denen Hingstmanns Vater sagte, sie zeigen Krieg und
+Pestilenz an. Vielleicht hat er auch recht, denn meinen Tag habe ich
+solche V&ouml;gel noch nicht gesehen. Einen fand ich tot in der Haide liegen;
+er war rot wie Blut und sein Schnabel ging &uuml;ber Kreuz. Aber was wollt
+ihr nun anfangen? In &Ouml;dringen seid ihr keinen<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span> Tag eures Lebens sicher,
+denn was gestern war, kann morgen wieder sein. Ich glaube, das beste
+wird sein, ihr baut euch hier im Bruche auf dem Peerhopsberge an; da
+finden sie euch so leicht nicht und Frucht w&auml;chst da zur Not schon. Und
+die Burg hier, die m&uuml;&szlig;t ihr noch fester machen; der Graben mu&szlig; tiefer
+und jedesmal da, wo der Zugang einen Knick macht, da mu&szlig; eine Wolfskuhle
+hin.&laquo;</p>
+
+<p>Der alte Mann nickte. &raquo;Ja, wir haben gestern ganz dasselbe gesagt. Das
+Vieh haben wir ja noch, die Pferde auch, und das beste wird sein,
+solange als wie der Krieg dauert, wirtschaften wir in einen Pott, so
+sauer uns das auch ankommen wird. Aber du solltest doch lieber hier
+bleiben; was willst du in der weiten Welt? Sieh mal, Junge, das Ungl&uuml;ck
+ist geschehen, und ich trage ebenso schwer daran wie du. Eine Frau
+kriegst du schlie&szlig;lich wieder, ich aber keine Tochter. Du hast noch ein
+ganzes Leben vor dir, mit mir ist das anders. Und doch bleibe ich hier,
+wo ich geboren bin.&laquo;</p>
+
+<p>Der andere sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Wiederkommen tue ich, so wie ich es
+kann. Aber ich habe einen Eid vor mir selber geschworen und dabei mu&szlig;
+ich bleiben. Und &uuml;berdies, hier w&uuml;rde ich verr&uuml;ckt werden, wo ich bei
+jedem Schritt und Tritt daran denken mu&szlig;, wie es fr&uuml;her war.&laquo; Er rief
+den Knecht heran: &raquo;Zeig mal dein Messer her!&laquo; Der Junge <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">griente</a></dfn> und zog
+es aus der Scheide. &raquo;So, ist gut; leg' dich man schlafen, morgen fr&uuml;h
+wollen wir los!&laquo;</p>
+
+<p>Er sah Ul an. &raquo;Der Mann, der Alheid umgebracht hat, lebt nicht mehr;
+Thedel hat es ihm besorgt und die W&ouml;lfe. Heute morgen haben wir ihn
+<dfn title="eingraben"><a href="#w1_16" class="gloss">beigerodet</a></dfn> unter der breiten<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span> Fuhre hinter meinem Hof. Es liegen
+allerlei Steine auf der Stelle. Aber zwei von den Schandkerlen sind noch
+am Leben und sollten sie sich hierher verlaufen, ein ganz unmenschlich
+langer mit wei&szlig;en Haaren, aber noch ein junger Kerl, und einen unklug
+kleinen Kopf hat er und eine Stimme, als wie ein Kind, und dann noch
+einer, so kurz und dick, als wie ein Fa&szlig; mit einem fuchsigen Knebelbart
+und zwei Narben im Gesicht, so breit, wie ein Finger und ganz rot, die
+eine von der Stirn bis in das Maul und die andere von einem Ohr zum
+andern, da&szlig; es wie ein Kreuz aussieht und darum hei&szlig;t der Kerl auch das
+heilige Kreuz und der andere der S&auml;ugling. Wenn die sich hier blicken
+lassen, die d&uuml;rft ihr nicht totschlagen; lebendig will ich sie haben,
+h&ouml;rst du. Denn von Zeit zu Zeit komme ich wieder.&laquo;</p>
+
+<p>Es wurde aber v&ouml;llig Herbst, ehe da&szlig; er wiederkam. Bolles Bernd, der an
+dem Tage die Wache auf dem Halloberge hatte, sagte gerade zu Mertens
+<dfn title="Gerhard"><a href="#w10_8" class="gloss">Gerd</a></dfn>, der ihm Gesellschaft leistete: &raquo;Wie sch&ouml;n die Birkenb&auml;ume blo&szlig;ig
+aussehen! als wie das reine Gold!&laquo; Dann machte er einen langen Hals, wie
+ein Birkhahn, stie&szlig; Gerd in die Rippen und sagte: &raquo;Was ist denn das da
+im Bullenbruche? Das ist ja gerade, als wenn das ein Reiter zu Pferde
+ist! Gewi&szlig; und wahrhaftig, es ist einer. Sogar zwei sind es!&laquo;</p>
+
+<p>Er barg sich hinter den B&uuml;schen und winkte Gerd, und als sie bei den
+dicken Fuhren waren, nahm er das lange Horn vor den Mund und blies laut
+los, so da&szlig; ein Hase, der unter einem Haidbusche geschlafen hatte, wie
+albern herausscho&szlig; und den <dfn title="Fu&szlig;weg"><a href="#w6_1" class="gloss">Pattweg</a></dfn> entlang lief. Dreimal blies der Junge
+in das Horn, und jedesmal<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span> auf eine andere Art, und nach einer Weile zum
+vierten Male und so laut und lang, da&szlig; es auf eine halbe Meile in der
+Runde zu h&ouml;ren war.</p>
+
+<p>&raquo;Aufpassen tun sie,&laquo; sagte Harm Wulf zu Thedel; &raquo;wir m&uuml;ssen uns zu
+erkennen geben, denn sonst k&ouml;nnten wir am Ende eine Handvoll Hackblei in
+die Rippen kriegen, ehe wir uns das vermuten. Zeig ihnen, da&szlig; du es auch
+noch kannst!&laquo; Der Knecht nahm das kleine Horn, das er am Sattel h&auml;ngen
+hatte, wischte sich &uuml;ber den Mund, <dfn title="r&auml;uspern"><a href="#w6_2" class="gloss">gremsterte</a></dfn> und spuckte und dann blies
+er nach dem Halloberge hin. Von dem Berge kam eine kurze Antwort zur&uuml;ck,
+die Thedel ebenso zur&uuml;ckgab.</p>
+
+<p>&raquo;Das h&ouml;rt sich just so an,&laquo; meinte Bernd, &raquo;als ob das Niehusthedel ist,
+der da bl&auml;st; aber was hat der f&uuml;r Zeug an? Der sieht ja leibhaftig aus
+wie ein Kriegsmann! Was h&auml;ltst du davon?&laquo; Der andere legte die Hand vor
+die Augen, als er hinter dem Busche hersah: &raquo;Ja, er ist es, das ist
+sicher. Und der andere, das ist der Wulfsbur. Ich h&auml;tte ihn beinahe
+nicht gekannt, solchen Bart hat er sich wachsen lassen. Na, denn so mu&szlig;
+ich wieder abblasen.&laquo;</p>
+
+<p>Er nahm das Horn wieder hoch, aber der andere wehrte es ihm: &raquo;Wart' man
+erst!&laquo; Sie blieben in Deckung stehen, bis die Reiter ganz nahe heran
+waren. Erst dann trat er vor und rief: &raquo;Na, wieder zur&uuml;ck von der Reise,
+Harm? Und du auch, Thedel? Meist h&auml;tten wir euch nicht gekannt, so wie
+ihr ausseht. Aber jetzt blase ab, Gerd!&laquo; rief er dem Jungen zu, der
+etwas abseits stand und &uuml;ber das ganze Gesicht lachte, denn Thedel war
+sein guter Freund, und der Wulfsbauer hatte ihm einmal das Leben
+gerettet, als er auf dem<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span> <dfn title="Teich, T&uuml;mpel"><a href="#w1_1" class="gloss">Pumpe</a></dfn> durch das Eis gebrochen war. Er setzte
+das Horn wieder an und blies dreimal auf eine andere Art.</p>
+
+<p>&raquo;Dennso k&ouml;nnen wir ja fr&uuml;hst&uuml;cken,&laquo; meinte der Wulfsbauer, als er aus
+dem Sattel war, zu Thedel; &raquo;mach die Pferde an und gib die <dfn title="Umh&auml;ngetasche, Jagdtasche"><a href="#w3_8" class="gloss">Holster</a></dfn> her!
+Ihr k&ouml;nnt mithalten; wir haben reichlich.&laquo; Er packte aus: da waren
+W&uuml;rste und dicke Scheiben Schinken und Braten und eine halbe gebratene
+Gans, ein gro&szlig;es St&uuml;ck K&auml;se, zweierlei Brot und eine gro&szlig;e Blechflasche.
+Die anderen machten lange Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Lebt ihr immer so?&laquo; Harm lachte: &raquo;Mehrstens! aber nehmt man dreiste an,
+es ist nicht geraubt und nicht gestohlen, das hei&szlig;t, von uns nicht, denn
+die drei Marodebr&uuml;der, denen wir das gestern abnahmen, werden es wohl
+nicht mit barem Gelde bezahlt haben. Aber wie sieht es in &Ouml;dringen aus?&laquo;</p>
+
+<p>Bolle hob die Faust, in der er das Messer hatte, auf und lie&szlig; sie auf
+den Boden fallen. &raquo;&Ouml;dringen?&laquo; er zuckte die Achseln, &raquo;&Ouml;dringen, das gibt
+es nicht mehr. Alles ein Schutt und ein M&uuml;ll!&laquo; Als der Wulfsbauer und
+Thedel ihn ansahen, erz&auml;hlte er: &raquo;Drei Wochen lang war alles ruhig, da
+zogen einige wieder hin, Hingstmanns und Eickhofs und Bostelmann und
+Bruns auch. Die andern rieten ihnen ab, aber sie wollten ja nicht h&ouml;ren.
+Und den einen Abend, wir waren gerade dabei, das letzte Grummet
+einzuholen, da sahen wir &uuml;ber dem Dorfe einen hellichten Schein und bald
+darauf kam Tidke, du wei&szlig;t doch, der H&uuml;tejunge bei Hingstmanns, und der
+erz&auml;hlte, da&szlig; zwei Taternweiber einer Bande von Mordbrennern den Weg
+gewiesen haben, und kein einer Mensch ist lebendig geblieben.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span></p>
+
+<p>Er machte einen b&ouml;sen Mund, lachte dann und erz&auml;hlte weiter: &raquo;Tidke
+hatte gewacht, weil das eine Fohlen krank war, und so konnte er sich
+bergen. Die anderen sind meist im Schlafe umgebracht. Alle Hunde lagen
+tot da; die Taternweiber werden ihnen Gift hingeworfen haben.&laquo; Er
+schnitt von dem Brot, das er in der Hand hatte, ein St&uuml;ck ab, steckte es
+in den Mund, stippte ein St&uuml;ck Braten in die Salzdose und steckte es
+auch in den Mund, und als er beides auf hatte, fuhr er fort:</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind in der Nacht gleich losgeritten und haben von &uuml;berall Hilfe
+geholt; wir waren unser achtzig und n&uuml;chtern, und die Bluthunde knapp
+drei&szlig;ig und besoffen. Es ist keiner von ihnen am Leben geblieben. So
+St&uuml;cker zwanzig schossen und schlugen wir gleich tot, als sie &uuml;ber die
+Magethaide kamen und in das D&uuml;sterbrok wollten, und die anderen, es
+waren zehn oder elf, die fingen wir lebendig und nahmen sie in das Bruch
+mit.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah erst Harm und dann Thedel an, nickte mit dem Kopfe und <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">griente</a></dfn>:
+&raquo;Und dann hielten wir Gericht &uuml;ber sie ab. Tidke mu&szlig;te bei jedem
+angeben, was damit gemacht werden sollte, weil er doch gewisserma&szlig;en
+dar&uuml;ber zu sagen hatte, denn seiner Mutter, sie war schon &uuml;ber siebzig,
+hatten sie auch den Hals abgeschnitten. Alle haben sie geschrien wie die
+Wilden, und gebetet und gebettelt haben sie, als es ihnen an den Schluck
+ging, bis auf das eine Taternfrauenzimmer, die junge, die eigentlich
+ganz <dfn title="h&uuml;bsch"><a href="#w2_1" class="gloss">glatt</a></dfn> aussah bis auf die gelbe Haut und das schwarze Haar, denn das
+war ein <dfn title="Biest"><a href="#w3_13" class="gloss">Beist</a></dfn> und schimpfte blo&szlig;, als wir sie aufhingen, und<span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span> bi&szlig; um
+sich, wie ein Fuchs, der im Eisen sitzt. Aber geholfen hat ihr das
+nichts, denn Tidke sagte: Die hat Bruns l&uuml;ttjen Jungen mit den Kopf
+gegen den <dfn title="der Baum, an den die H&auml;lften des Tores angeschlossen werden"><a href="#w6_3" class="gloss">D&ouml;ssel</a></dfn> geschlagen! Erst sollte sie blo&szlig; nackigt ausgezogen
+werden und durchgepeitscht, aber als wir das h&ouml;rten, hingen wir sie zu
+alleroberst an die Eiche!&laquo;</p>
+
+<p>Er lachte lustig: &raquo;Wie der olle Baum aussah, sage ich dir, als die elf
+Galgenv&ouml;gel daranhingen! Ulenvater sagte: Das ist ja ordentlich, als
+wenn wir ein Mastjahr haben! Und gelohnt hat es sich auch; &uuml;ber
+zweihundert Dukaten hatten die V&ouml;lker bei sich.&laquo;</p>
+
+<p>Als sie mit dem Fr&uuml;hst&uuml;cke fertig waren, brach Harm mit Thedel auf. Sie
+ritten erst nach &Ouml;dringen. Da stand kein Haus mehr; alle H&ouml;fe waren
+aufgebrannt. &raquo;Ich habe es ihnen ja vorausgesagt, da&szlig; es so kommen
+mu&szlig;te,&laquo; sagte der Bauer; &raquo;aber schrecklich ist es doch; das sch&ouml;ne Dorf!
+Komm, ich kann das nicht mit ansehen. Und alle tot, alle! Hingstmanns
+und Bruns und Eickhoffs und Bostelmann und Klausmutter auch. Wie oft hat
+sie mir nicht einen Apfel mitgegeben f&uuml;r Hermken, denn sie hatte da
+einen Baum, so sch&ouml;ne &Auml;pfel hatten wir alle nicht. Es ist zum
+Gotterbarmen!&laquo;</p>
+
+<p>Als sie vor dem Bruche waren, hielten sie, und Thedel mu&szlig;te blasen. Es
+dauerte wohl eine Viertelstunde, da kam Klaus Henneke mit einem Knecht
+hinter den B&uuml;schen hervor. Beide hatten scharf gemacht und hatten ein
+wahres Unget&uuml;m von einem Hund bei sich. Harm rief sie mit Namen an, und
+da kamen sie n&auml;her, aber erst, als sie dicht bei ihnen waren, sicherten
+sie ihre B&uuml;chsen und riefen den Hund an.<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span></p>
+
+<p>Klaus freute sich aufrichtig, als er Harm sah. &raquo;Ich dachte all, du w&auml;rst
+nicht mehr am Leben! Ja, hier hat sich allerlei ge&auml;ndert. Unser Vater
+ist tot und unsere Mutter ist ihm bald nachgefolgt. Das ist kein Leben
+f&uuml;r solche alten Leute, wie wir es jetzt hier im Bruche haben; die W&ouml;lfe
+haben es besser. Ein paar von den Knechten sind schon ausger&uuml;ckt und
+unter das Volk gegangen. Verdenken kann es ihnen auch keiner, denn wer
+will hier in Busch und <dfn title="trockne Zweige"><a href="#w6_4" class="gloss">Braken</a></dfn> herumliegen und Rindenbrot und Wurzeln
+essen. An Fleisch mangelt es ja nicht, denn wir schie&szlig;en und fangen so
+manchen Hirsch und manches wilde Schwein, aber ein Leben ist das nicht,
+so wie das jetzt ist. Man kommt auf ganz dummerhaftige Gedanken dabei.
+Mertensvater hat sich all' aufgeh&auml;ngt!&laquo;</p>
+
+<p>Dem Wulfsbauer, dem das wilde Leben im Lande das Herz verh&auml;rtet hatte,
+zog sich dennoch die Brust zusammen, als er nach dem Peerhobsberge kam.
+&raquo;Du lieber Gott im Himmel, wie sehen die Leute aus!&laquo; dachte er; &raquo;und
+wohnen tun sie schlechter als das Vieh!&laquo; Aus Fuhren und <dfn title="Haidscholle"><a href="#w1_3" class="gloss">Plaggen</a></dfn> hatten
+sie sich notd&uuml;rftig H&uuml;tten gebaut und sie mit <dfn title="Rohr"><a href="#w1_2" class="gloss">Reet</a></dfn> und <dfn title="Riedgras"><a href="#w6_5" class="gloss">Risch</a></dfn> bedeckt;
+auf Haidstreu und Torfmoos schliefen sie und ihr E&szlig;geschirr war aus
+<dfn title="Erle"><a href="#w4_7" class="gloss">Ellern</a></dfn>holz. Die Frauen waren alle bla&szlig; und elend, keins von den Kindern
+hatte rote Backen und dicke Beine, und die M&auml;nner hatten Augen, so
+falsch wie die <dfn title="Wildkatze"><a href="#w8_5" class="gloss">Buschkater</a></dfn>.</p>
+
+<p>Aber sie freuten sich doch alle, als sie die beiden ankommen sahen, denn
+es war doch wieder einmal eine Abwechslung in dem elenden Leben. Die
+gro&szlig;en Bauern, die Thedel bislang blo&szlig; von der Seite angesehen<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span> hatten,
+konnten ihn nicht genug ausfragen. Doch der Knecht, der in seinem
+ledernen Wams und den hohen Krempstiefeln wie ein Kriegsmann aussah, gab
+nicht viel von sich. &raquo;Ja, was ist da viel zu erz&auml;hlen? Wir haben so viel
+Elend gesehen, da&szlig; es nicht zu sagen ist. Stellenweise m&uuml;ssen sie Wachen
+vor die Kirchh&ouml;fe stellen, damit das verhungerte Volk nicht die Toten
+auffri&szlig;t. Vor Peine haben wir gesehen, wie ein Kerl ger&auml;dert wurde, der
+Kinder gestohlen hat, und die hat er dann geschlachtet und gebraten, und
+als wir durch Gro&szlig; Goltern kamen, waren gerade die Ligisten
+durchgezogen, und die hatten das ganze Dorf angesteckt und Feuer an den
+Kirchturm gelegt, so da&szlig; dreiunddrei&szlig;ig Menschen, Gro&szlig; und Klein,
+umgekommen sind. Meist schlugen wir uns auf eigene Kanne Bier durch;
+mitunter taten wir uns auch mit den redlichen Bauern, die in den W&auml;ldern
+lagen, zusammen, und gingen gegen das Gesindel an. <dfn title="ein Gau zwischen Hannover und Burgdorf"><a href="#w6_6" class="gloss">Im gro&szlig;en Freien</a></dfn>
+haben wir in einer Stunde achtundvierzig St&uuml;ck von der Welt gebracht.
+Aber der Hauptspa&szlig; war doch im Kalenbergischen; da waren wir unserer
+dreihundert und haben sie gehetzt, wie der Hund den Hasen. Das war ganz
+gro&szlig;artig, sag ich euch!&laquo;</p>
+
+<p>Gerade wollte er weiter erz&auml;hlen, da h&ouml;rten sie es rufen: &raquo;<dfn title="ein Weckruf"><a href="#w6_7" class="gloss">Jeduch</a></dfn>,
+jeduch, jeduch!&laquo; Die Bauern sprangen auf, ihre Augen wurden blank: &raquo;Pa&szlig;t
+auf, heute gibt es bei uns Hasenjagd!&laquo; So war es auch. Drewes aus
+Engensen hatte ansagen lassen, da&szlig; ein Zug der Waldsteiner, vierzig Mann
+stark, unterwegs war; alle, die abkommen k&ouml;nnten, sollten sofort zum
+Hingstberge kommen. &raquo;Kommst du mit?&laquo; fragten die anderen<span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span> Harm. &raquo;Na ob!&laquo;
+sagte der und lachte; &raquo;der Mensch will doch auch einmal ein Vergn&uuml;gen
+haben. Und Thedel bleibt auch nicht hier, das k&ouml;nnt ihr glauben. Der
+Junge kann treffen, sage ich euch!&laquo;</p>
+
+<p>Es waren &uuml;ber anderthalb Hundert Bauern und Knechte am Hingstberge
+zusammen, als der Wulfsbauer mit dem Knechte ankam. Sie standen aber
+nicht da und lachten und schwatzten, wie an jenem Tage, als die
+Marodebr&uuml;der &uuml;ber den Wulfshof kamen; sie sprachen leise miteinander und
+sahen mit schiefen Augen um sich. Sie waren auch nicht wie rechtliche
+Bauern anzusehen, sondern mehr wie Kriegsknechte und Wegelagerer. Alle
+hatten sie B&uuml;chsen in der Hand und Spie&szlig;e &uuml;ber den R&uuml;cken, und zum
+wenigsten eine Pistole im G&uuml;rtel und einen S&auml;bel oder einen langen
+Dolch. Die meisten trugen auch B&auml;rte und sahen &uuml;berhaupt wenig
+rechtschaffen aus, bis auf Drewes, der sich ganz trug wie vordem.</p>
+
+<p>Der &Ouml;dringer erschrak ordentlich, als der Engenser sich umdrehte und er
+ihm ins Gesicht sehen konnte. Das war ja ein alter Mann geworden! Ganz
+gelb war er im Gesicht und hatte eine Falte bei der anderen. &raquo;Nee,&laquo;
+sagte ein Bauer aus Wettmar, als Wulf ihn fragte, ob Drewes krank
+gewesen war, &raquo;nee, krank war er nicht, aber er ist Witmann geworden. Du
+hast sie ja gekannt, seine Christel, sie und ihr Maulwerk! Na, das hat
+sie ja auch das Leben gekostet, denn als ihr ein paar d&auml;nische Soldaten
+die W&uuml;rste und die Schinken vom <dfn title="Boden"><a href="#w6_8" class="gloss">Wiem</a></dfn> holten, <dfn title="einen ausschimpfen"><a href="#w12_1" class="gloss">machte sie ihnen eine
+solche Schande</a></dfn>, da&szlig; der eine sie mit dem S&auml;bel &uuml;ber den D&ouml;z schlug und
+das konnte sie nun doch nicht vertragen. Wir<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span> dachten alle, Drewes wird
+heilsfroh sein, da&szlig; er sie los ist, und sich eine Junge und H&uuml;bsche
+suchen. Wie man sich aber irren kann: in drei Wochen ist der Mann um
+zwanzig Jahre &auml;lter geworden! Es ist ein Jammer, und wir merken es auch,
+denn so wie fr&uuml;her legt er sich nicht mehr f&uuml;r das allgemeine Wohl ins
+Zeug. Die beste Kraft ist aus ihm heraus; er ist wie verregnetes Heu
+geworden.&laquo;</p>
+
+<p>Das merkte Wulf, als Drewes an zu reden fing. Schon wie er so dastand,
+auf den dicken Schlehbuschstock gest&uuml;tzt, sah man, da&szlig; er nicht mehr der
+Alte war; was er sprach, hatte Hand und Fu&szlig; wie vordem, aber es war doch
+nicht der alte Mut darin; dritter Schnitt war es, ohne Saft und Kraft.</p>
+
+<p>&raquo;Liebe Freunde,&laquo; fing er an, &raquo;in dieser Zeit hat mancher von uns zum
+lieben Gott gebetet: unser t&auml;glich Brot gib uns heute! Der Herr hat
+unser Gebet erh&ouml;rt; er schickt uns Brot. Jeder tue das Seine, da&szlig; dieser
+Tag uns zum Gedeihen anschlage! Was im einzelnen zu machen ist, wird ein
+jeder von seinem Obmann gewahr werden. Eins noch will ich euch sagen:
+ich sehe unseren Freund aus &Ouml;dringen, den Wulfsbur, unter uns. Ich
+denke, ihr seid es alle zufrieden, da&szlig; er in dieser Sache das Leit in
+die Hand nimmt; er wird uns darin wohl gern zu willen sein.&laquo; Die Bauern
+nickten. &raquo;Eins noch,&laquo; so schlo&szlig; der Engenser seine Rede, &raquo;gebe ich euch
+zu bedenken: haltet euch genau an die Befehle und seht euch vor, da&szlig; die
+Pferde gesund bleiben! Die meisten werden aus der Nachbarschaft sein.
+Und nun Gott befohlen!&laquo;</p>
+
+<p>Die Obm&auml;nner und Drewes stellten sich um Wulf.<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span> &raquo;Meine Meinung ist die,&laquo;
+fing Jasper Winkelmann aus Fuhrberg an, &raquo;wir m&uuml;ssen sie zwischen uns
+kriegen, und das geht am besten in den hohen Fuhren vor dem Bruche. Also
+mu&szlig; ein Teil abwarten, bis sie vorbei sind, und ein Teil vor ihnen sein,
+damit sie nicht wegk&ouml;nnen, und die anderen m&uuml;ssen rechts und links vom
+Wege die Begleitmannschaft bilden, und das m&uuml;ssen alles junge Kerle
+sein, die leise treten und sich schnell hinter dem Geb&uuml;sche bergen
+k&ouml;nnen.&laquo; Er machte mit seinem Stocke Striche in den Sand: &raquo;Seht her, so
+meine ich das! Hier ist der Zug, das da sind unsere Leute, die hinter
+ihnen sind, und das da, die, die vor ihnen sind, und hier sind wir, die
+wir nebenher gehen. Sobald sie nun mitten in den hohen Fuhren sind,
+fangen wir an zu tuten und zu schie&szlig;en, und ihr da kommt ihnen von oben
+und unten &uuml;ber den Hals. Nat&uuml;rlich mu&szlig; bei jedem Haufen einer sein, der
+sich genau auf das Blasen versteht, damit wir nicht in den <dfn title="Patsche"><a href="#w6_9" class="gloss">Br&ouml;ddel</a></dfn>
+kommen.&laquo;</p>
+
+<p>Die allgemeine Meinung war, da&szlig; es so am besten war, und so teilten sich
+erst die &auml;lteren Leute in zwei Abteilungen und zogen ab, und dann die
+j&uuml;ngeren. Der Wulfsbauer nahm die Seite nach dem Bruche zu, weil er da
+am besten Bescheid wu&szlig;te. Erst gingen sie alle auf einen Haufen und
+redeten halblaut, dann ging einer hinter dem anderen und das Reden h&ouml;rte
+auf.</p>
+
+<p>Wulf ging voran, neben ihm schlich Thedel, hinter ihm kam Klaus
+Hennke. Das Wetter war g&uuml;nstig. Die Sonne hatte den Erdboden
+ausgetrocknet, aber doch nicht so, da&szlig; alle <dfn title="trockne Zweige"><a href="#w6_4" class="gloss">Braken</a></dfn> unter den F&uuml;&szlig;en
+knackten. Der Wind hatte sich gelegt und die Luft war hellh&ouml;rig.<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span> Wenn
+irgendwo ein Specht arbeitete oder ein Vogel in dem trockenen Laube
+krispelte, so konnte man das weithin h&ouml;ren.</p>
+
+<p>Harm hatte sich auf einen <dfn title="das Wurzelwerk eines vom Sturme geworfenen Baumes"><a href="#w6_10" class="gloss">Wurfboden</a></dfn> gesetzt und rauchte vor sich hin. In
+den Fuhren piepten die kleinen V&ouml;gel, eine Eichkatze lief von Stamm zu
+Stamm und die Sonne machte das Brommelbeerkraut so gr&uuml;n, als w&auml;re es
+Juni. Hennke sa&szlig; auf einem alten <dfn title="Baumstumpf"><a href="#w6_11" class="gloss">Stucken</a></dfn>; er sah aus, als ob er
+eingeschlafen war. Der Knecht stand bolzensteif vor einem Stamme, hatte
+die B&uuml;chse scharf gemacht und drehte langsam den Kopf hin und her,
+gleich als ob er sich auf Hirsche angestellt hatte.</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer machte sich gerade eine neue Pfeife zurecht, da prahlte
+halbrechts der <dfn title="Eichelh&auml;her"><a href="#w6_12" class="gloss">Markwart</a></dfn>. Thedel sah den Bauern einen Augenblick an,
+drehte aber gleich den Kopf wieder weg. Der Markwart schrie in einem
+fort, und dann meldete ein Specht, und zugleich eine Drossel. Der Knecht
+wippte leise mit dem rechten Fu&szlig;e, Klaus machte die Augen ein bi&szlig;chen
+mehr auf, Harm sa&szlig; da und rauchte, blo&szlig; da&szlig; er den Kopf schiefer hielt.
+Ein Pferd wieherte, eine Peitsche klappte, ein Fluchwort kam hinterher.
+Dann polterten R&auml;der.</p>
+
+<p>Harm winkte den Knecht neben sich. &raquo;Halt das Horn bereit!&laquo; sagte er
+leise zu ihm. Thedel nahm das Horn zur Hand. &raquo;Nicht eher, als bis ich es
+sage!&laquo; fl&uuml;sterte ihm der Bauer in das Ohr. Der Knecht nickte. &raquo;H&uuml;h!&laquo;
+ging es vor ihnen und noch einmal &raquo;h&uuml;h!&laquo; Ein Pferd prustete, ein Mann
+schn&auml;uzte sich. Jetzt kamen die ersten, sechs Mann zu Fu&szlig;, die B&uuml;chsen
+fertig zum Schu&szlig;, in einem fort die K&ouml;pfe von rechts nach links drehend.
+Ab und zu blieben sie stehen und redeten halblaut<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>. Harm h&ouml;rte, was der
+eine sagte: &raquo;Verdammigt noch mal, ist das hier ein Sauweg! Wenn wir hier
+man erst raus w&auml;ren!&laquo; Der Bauer lachte hinter seinem Gesichte und
+dachte: &raquo;Ja, wenn!&laquo;</p>
+
+<p>Drei Reiter kamen hinterher. &raquo;Sch&ouml;ne Pferde!&laquo; dachte Wulf. Der zweite
+Wagen kam, wieder ein paar Mann zu Fu&szlig;, dahinter ein Reiter, ein langer,
+d&uuml;nner Kerl mit einem ganz kleinen Kopf. Der Bauer stand auf und
+zitterte am ganzen Leibe. Aber der Mann hatte eine tiefe Stimme; also
+war er es nicht. Noch ein Wagen kam an und noch einer und immer mehr,
+jetzt der letzte. Harm wollte schon dem Knecht zurufen, da&szlig; er blasen
+sollte, da h&ouml;rte er noch einen Wagen poltern. Er machte sich fertig.
+Hinter dem Wagen ritt ein dicker Mann, der einen wei&szlig;en Spitzenkragen
+umhatte, der ihm bis &uuml;ber die Schultern hing. Er hatte eine rote Nase
+und ein doppeltes Kinn und sah verdrie&szlig;lich aus.</p>
+
+<p>&raquo;Das dicke Ende kommt allemal hinterher,&laquo; dachte der Bauer und scho&szlig;.
+Der Rotschimmel machte einen Satz und warf den Mann ab. &raquo;Jetzt kannst du
+blasen, Thedel,&laquo; fl&uuml;sterte Wulf, &raquo;aber Deckung nehmen!&laquo; Der Knecht
+stellte sich hinter den <dfn title="das Wurzelwerk eines vom Sturme geworfenen Baumes"><a href="#w6_10" class="gloss">Wurfboden</a></dfn> und legte los: &raquo;Tirr&auml; tuut, tirr&auml;
+tuut, tirr&auml; tuut!&laquo; ging es. Dann aber nahm Thedel seine B&uuml;chse, lief
+schnell nach vorne, zielte lange und so wie er dr&uuml;ckte, sah er zur&uuml;ck
+und lachte, lud aber gleich wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Tirr&auml; tut!&laquo; kam es von unten her und &uuml;berall knallte es. Ab und zu
+h&ouml;rte man einen Fluch und einen Schrei, und dazwischen ein kurzes
+Lachen, und oben fiel ein Schu&szlig; und nun wieder unten einer. Dann kam<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>
+ein Mann angeritten, kreidewei&szlig; im Gesicht; er blieb, sowie Thedel
+geschossen hatte, erst noch eine Weile sitzen, bis er zur Seite fiel,
+und das Pferd schleppte ihn durch den Dreck. Hinter ihm her kam ein
+anderer angehinkt und hielt sich den Kopf. Harm wartete, bis er auf drei
+Schritt heran war, hielt ihm die Pistole entgegen und scho&szlig; ihn nieder.</p>
+
+<p>Die Sch&uuml;sse fielen sp&auml;rlicher, das Fluchen und Schreien hatte aufgeh&ouml;rt.
+&raquo;Ich glaube, wir sind damit durch,&laquo; rief Wulf dem Jungen zu. Der nickte.
+&raquo;Wollen noch eine Weile warten!&laquo; meinte der Bauer. Thedel lud die
+B&uuml;chsen und die Pistolen, derweil der andere sich die Pfeife stopfte und
+anbrannte. &raquo;Nun kannst du loslegen,&laquo; rief er ihm zu. &raquo;All' uut, all'
+uut?&laquo; blies Thedel. Nach einer Weile kam von unten die Antwort: &raquo;Is all
+ut!&laquo;</p>
+
+<p>Der Bauer nahm seine B&uuml;chse und ging auf den Kn&uuml;ppeldamm. &Uuml;berall kamen
+Bauern aus den Fuhren. Alle nickten Harm zu: &raquo;Das ging, wie geschmiert!&laquo;
+Er nickte: &raquo;Fangt man erst die ledigen Pferde ein, das andere l&auml;uft uns
+nicht weg!&laquo; sagte er und alle lachten, aber sie machten lange Gesichter,
+als er befahl: &raquo;Und jetzt m&uuml;ssen wir sie erst <dfn title="eingraben"><a href="#w1_16" class="gloss">beiroden</a></dfn> und die Wagen in
+den Busch fahren. Das Bargeld und die Wertsachen geht an Drewes; der
+soll das Austeilen machen. Und wem ein Pferd genommen ist in dieser
+Zeit, der kommt an erster Stelle. F&uuml;r mich la&szlig;t eine gute B&uuml;chse &uuml;brig,
+bar Geld will ich nicht haben.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah alle an, die da herumstanden: &raquo;Seid ihr auch alle heil
+geblieben?&laquo; Einer rief: &raquo;Ja, blo&szlig; Viekenludolf ist ein bi&szlig;chen zur Ader
+gelassen. Na, der hat<span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span> ja auch mehr Blut, wie er als Junggeselle
+brauchen kann!&laquo; Alle lachten lauthals los.</p>
+
+<p>Sie hatten sechsundsechzig Pferde, einen Wagen voll Wurst und Schinken
+und elf Wagen mit Hafer, Mehl und Brot, ungerechnet das Bargeld, die
+Kleider und die Waffen, gefangen. Ein junger Kerl schrie los: &raquo;Kinder,
+wer gibt auf das Gesch&auml;ft einen aus?&laquo; Alle lachten und Harm rief:
+&raquo;Drewes und ich, nicht wahr, Drewes?&laquo; Der tat so, als ob er lachen
+wollte. &raquo;Ist auch wahr,&laquo; rief der Wulfsbauer, &raquo;immer kann man nicht
+arbeiten. Heute Abend ist es zu sp&auml;t und wir haben auch noch allerhand
+vor, und viele von uns haben einen weiten Weg, aber morgen sollen sich
+die Junggesellen, soweit sie abkommen k&ouml;nnen, im Engenser Kruge treffen
+und ihre M&auml;dchen mitbringen, aber die Gewehre auch, und beim n&auml;chsten
+Male kommen die anderen dran, die morgen zu Hause bleiben m&uuml;ssen. Und
+nun <dfn title="schnell"><a href="#w2_17" class="gloss">hille</a></dfn>!&laquo; trieb er; &raquo;man darf morgen hier nicht sehen, was sich
+begeben hat. Die Wagen m&uuml;ssen in den Busch, und was sonst daliegt, mu&szlig;
+unter die Erde. Auf Schweineschlachten kommt Reinemachen!&laquo; Wieder lachte
+alles und ging fr&ouml;hlich an das Werk. Eine Stunde sp&auml;ter, als der Mond
+herauskam, sah der Kn&uuml;ppeldamm so blank aus, wie am Morgen.</p>
+
+<p>Am anderen Nachmittage traf sich das junge Volk in Engensen im Kruge und
+tanzte, da&szlig; die <dfn title="Diele, der Hauptraum im Hause"><a href="#w6_13" class="gloss">Deele</a></dfn> donnerte, aber der Wulfsbauer sorgte daf&uuml;r, da&szlig;
+nicht zu viel getrunken wurde und da&szlig; rund um den Krug und nach allen
+Richtungen um das Dorf Wachtposten standen. Er selber stand an der
+gro&szlig;en T&uuml;re und sah zu,<span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span> rauchte und trank ab und zu einen Schluck Bier
+aus dem Kruge, den er neben sich stehen hatte.</p>
+
+<p>Ein M&auml;dchen fiel ihm auf; sie mochte knapp achtzehn Jahre alt sein,
+hatte ein Gesicht wie Milch und Blut, Haare wie Haferstroh und war wie
+eine Tanne gewachsen. Sie tanzte mit einem langen, d&uuml;nnen Bauernsohn,
+der ein Gesicht hatte wie ein Pott voll M&auml;use. Ein jedesmal, wenn sie an
+Harm vorbeitanzte, sah sie ihn an, als wollte sie ihm ihr Herz vor die
+F&uuml;&szlig;e legen. Es war Drewes zweite Tochter Wieschen, h&ouml;rte er, von der man
+sagte, sie sei rein wie Nesselkraut, und mehr als einer von den Jungens
+im Dorfe hatte ein dickes Maul mitgenommen, wenn er einen S&uuml;&szlig;en von ihr
+haben wollte.</p>
+
+<p>Als ein neuer Tanz gespielt wurde, tanzte sie blo&szlig; einmal rund und als
+sie bei dem &Ouml;dringer war, machte sie sich von ihrem T&auml;nzer los und
+sagte: &raquo;Nu kann ich nicht mehr. Himmel, was hab' ich f&uuml;r'n Durst!&laquo; Harm
+hielt ihr den Krug hin. Sie wurde &uuml;ber und &uuml;ber rot, lachte ihn an und
+sagte: &raquo;Sollst auch bedankt sein!&laquo; Er sah an ihr herunter und zeigte mit
+dem Kopfe nach ihrem T&auml;nzer: &raquo;Ist das dein Br&auml;utigam?&laquo; Sie sch&uuml;ttelte
+den Kopf: &raquo;Nee, ich hab' noch keinen,&laquo; und dabei sah sie ihn wieder so
+an, wie vorher.</p>
+
+<p>Aber da schrie der Wirt &raquo;Feierabend!&laquo; und mitten im Singen h&ouml;rte das
+junge Volk auf. Wieschen gab Harm die Hand und sagte: &raquo;Sollst dich mal
+bei uns sehen lassen, Wulfsbur; seit Mutter tot ist, wird Vater so
+wunderlich. Und nun gute Nacht auch und gute Reise!&laquo;</p>
+
+<p>Harm steckte noch das Bier im Gebl&uuml;t, als er sich<span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span> auf den Heuboden
+hinlegte, und als er beim Einschlafen war, ging ihm immer das Lied im
+Kopfe rund, das die jungen Leute zuletzt gesungen hatten:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Kumm &uuml;m de Middenacht,<br /></span>
+<span class="i0">kumm um Klock een!<br /></span>
+<span class="i0">Vadder sl&ouml;pt, Mudder sl&ouml;pt,<br /></span>
+<span class="i0">ick slap alleen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<h2><a name="Die_Wehrwoelfe" id="Die_Wehrwoelfe"></a>Die Wehrw&ouml;lfe<span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span></h2>
+
+
+<p>Harm blieb f&uuml;r das erste im Bruche. Er hatte allen m&ouml;glichen
+landfahrenden Leuten, soweit es nicht Raub- und Mordgesindel war, von
+der vielen Beute, die er gemacht hatte, manchen Taler zukommen lassen,
+damit sie bei Drewes in Engensen oder anderswo Nachricht hinterlassen
+sollten, wo er das Heilige Kreuz und den S&auml;ugling antreffen konnte, denn
+er hatte gesagt, er h&auml;tte ein Gesch&auml;ft mit ihnen vor.</p>
+
+<p>Er besprach sich nun mit Ulenvater &uuml;ber das Leben, das die &Ouml;dringer auf
+dem Peerhobsberge f&uuml;hrten. &raquo;Das schlimmste ist,&laquo; sagte er, &raquo;sie lauern
+darauf, da&szlig; der Krieg aufh&ouml;ren soll und solange behelfen sie sich mit
+Hungern und Nichtstun. Das ist verkehrt! Wir m&uuml;ssen so tun, als ob wir
+ewig und drei Tage hier bleiben wollen. Mit Reden richtet man aber
+nichts aus, und deshalb wollen wir beide uns ein regelrechtes Haus
+bauen, und soweit es geht, auch Land unter den Pflug nehmen. Du sollst
+sehen, einer nach dem anderen tritt dann in unsere Stapfen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Alte nickte: &raquo;Da hast du v&ouml;llig recht; das habe ich mir auch schon
+gesagt, denn wenn ich auch heute oder morgen sterben kann, s&uuml;ndhaft ist
+es darum doch, die H&auml;nde in den Scho&szlig; legen und unserem Herrgott den Tag
+abstehlen. Und diese &Ouml;rtlichkeit ist gar nicht so uneben! Selbst in
+Regenjahren kommt das Wasser hier nicht her, und der Boden ist gut, und
+wenn sp&auml;ter ein Durchstich nach der <dfn title="ein Moorflu&szlig;"><a href="#w7_1" class="gloss">Wietze</a></dfn> gemacht wird, und der<span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span> Busch
+wegkommt, dann sollst du mal sehen, was hier nicht alles w&auml;chst!&laquo;</p>
+
+<p>Es gab einen gro&szlig;en Aufstand auf dem Berge, als es hie&szlig;: &raquo;Der Wulfsbauer
+und Ulenvater bauen sich ein festes Haus!&laquo; Es waren aber kaum die
+<dfn title="Hauptbalken"><a href="#w7_2" class="gloss">St&auml;nder</a></dfn> eingesetzt, da fing schon ein anderer an, es ihnen nachzutun,
+und es war sch&ouml;n anzusehen, wie gerade mit einem Male wieder die M&auml;nner
+gingen, welche blanken Augen die Frauen bekamen und wie auch die Kinder
+sich herausmachten, denn nun hatten sie doch wieder an etwas anderes zu
+denken, als an ihr Ungl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer sparte nicht; er hatte Geld genug, und so holte er
+Zimmerleute und Tischler aus den Nachbard&ouml;rfern heran, und als das Haus
+fertig war, und weder die Pferdek&ouml;pfe an den Windbrettern noch der
+Spruch &uuml;ber der gro&szlig;en T&uuml;re fehlte, da sagten alle: &raquo;Es ist wirklich ein
+sch&ouml;nes Haus, alles was recht ist, wenn es auch man halb so gro&szlig; ist und
+nicht so bunt, wie das alte Haus.&laquo;</p>
+
+<p>Der Spruch aber, den Harm Wulf in den Torbalken hatte einhauen lassen,
+hie&szlig;: &raquo;Helf dir selber, so helft dir unser Herre Gott.&laquo; Das gefiel manch
+einem erst nicht recht. Aber als dann der Wulfsbauer seine <dfn title="Richtefest"><a href="#w7_3" class="gloss">Hausrichte</a></dfn>
+gab, wurden sie anderer Meinung. Alles war eingeladen, was im Bruche
+wohnte und noch allerlei <dfn title="Verwandtschaft"><a href="#w7_4" class="gloss">Freundschaft</a></dfn> aus der Haide. Wulf hatte
+reichlich f&uuml;r Essen und Trinken gesorgt und auch f&uuml;r Musik, aber er
+hatte auch sagen lassen, jedweder sollte sich so fein machen, wie sonst
+zum Burgdorfer Martinsmarkt. So sah es bunt und lustig vor dem Hause aus
+von<span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span> roten Kleidern und wei&szlig;en und blauen R&ouml;cken, und alle Gesichter
+waren voller Freude.</p>
+
+<p>Es war einer von den Tagen, an dem Sonne und Regen hintereinander her
+sind, wo aber die Sonne die meisten Tr&uuml;mpfe vorweisen kann. Ein frischer
+Wind ging, da&szlig; das Laub in den jungen Eichen rauschte und die Fuhren und
+Tannen nur so brummten, und die Kr&auml;nze aus <dfn title="Stechpalme"><a href="#w7_5" class="gloss">H&uuml;lsen</a></dfn> und die langen Ketten
+aus Tannhecke hin und her flogen; die wei&szlig;en B&auml;nder daran wehten und die
+bunten Eierschalen klingelten und klapperten, da&szlig; die Kinder vor
+Vergn&uuml;gen nicht wu&szlig;ten, wo sie sich bergen sollten.</p>
+
+<p>Als alle da waren, kam Ulenvater aus der gro&szlig;en T&uuml;re und hinter ihm der
+Bauer. Er hatte sich seinen Bart abgenommen und trug den blauen, rot
+ausgeschlagenen Rock mit den blanken Talerkn&ouml;pfen. Die gro&szlig;en Kinder
+stellten sich zusammen, Fiedelfritze aus Mellendorf gab den Ton an und
+hell klang das Lied: &raquo;Gro&szlig;er Gott, dich loben wir.&laquo; Alle M&auml;nner nahmen
+die H&uuml;te ab und sangen mit, und die Frauen auch, und da war nicht einer,
+dem das Wasser nicht in die Augen kam.</p>
+
+<p>Dann stellte sich Ulenvater vorne hin und sprach: &raquo;Alle, die wir hier
+versammelt sind, Mannsleute und Frauen, Knecht, Magd und Kind,
+Boshaftigkeit und Niedertracht haben uns von Haus und Hof gebracht. Also
+schwer uns das Ungl&uuml;ck schlug, da&szlig; wir allhier im wilden Bruch wie die
+W&ouml;lfe uns m&uuml;ssen verstecken, da&szlig; uns die Mordbrenner nicht entdecken.
+Anfangs haben wir meist verzagt, haben gegreinet und geklagt, dachten,
+ach w&auml;ren wir besser tot, als so zu leben in &Auml;ngsten<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span> und Not. Haben uns
+aber noch besonnen und dies Haus zu bauen begonnen, haben es gl&uuml;cklich
+emporgebracht, weil uns sch&uuml;tzte des Herren Macht.&laquo;</p>
+
+<p>Alle, die da standen, sahen den alten Mann, dessen Augen so fr&ouml;hlich und
+doch so absonderlich aussahen, gro&szlig; an, und die Kinder standen mit
+offenen M&auml;ulern da und wu&szlig;ten nicht, was sie zu Ulenvater sagen sollten.
+Das war ja gerade, als wie in der Kirche! Aber nun holte er tief Luft,
+machte ein anderes Gesicht und fuhr fort: &raquo;Und weil das Haus nun fertig
+steht, und nichts dran fehlt, so wie ihr seht, so wollen wir nach altem
+Brauch den Tag beschlie&szlig;en in Freuden auch, essen, was uns der Herr
+bescheert, und mit Verstand, wie es sich geh&ouml;rt, hinternach auch lustig
+sein bei einem Glas Bier oder Branntewein; und nun, liebe Freunde,
+tretet ein!&laquo;</p>
+
+<p>War das ein Leben und ein Lachen! Die Altmutter Horstmann, die noch
+keiner wieder hatte lachen sehen, seitdem sie aus dem alten Dorfe hatte
+herausm&uuml;ssen, <dfn title="kichern"><a href="#w5_5" class="gloss">gnickerte</a></dfn> in einem fort vor sich hin und brummte: &raquo;Nee,
+dieser Ulenvater aber auch, was der f&uuml;r <dfn title="Witze"><a href="#w7_6" class="gloss">Kneepe</a></dfn> im Koppe hat!&laquo; und Klaus
+Hennke, der gr&ouml;&szlig;te <dfn title="Sauertopf"><a href="#w7_7" class="gloss">Dr&ouml;gmichel</a></dfn> von allen, lachte hellwege weg. Eine so
+lustige Hausrichte hatte es sogar oben im Dorfe noch nicht gegeben. Und
+wenn auch kein Tropfen Honigbier und kein Glas Wein auf dem Tische
+gewesen w&auml;re, es w&auml;re doch toll genug hergegangen. Schon beim Essen
+waren alle m&auml;chtig aufgekratzt, und als der Tanz losging, erst recht,
+und wilder und h&ouml;her waren die roten R&ouml;cke noch keinmal geflogen und
+das, was darin war, als auf des Wulfsbauern Hausrichte.</p>
+
+<p>Aber er hatte auch an alles gedacht. D&uuml;nnbier war<span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span> da und Met, und zwei
+F&auml;sser <dfn title="schweres Bier"><a href="#w7_8" class="gloss">Mumm</a></dfn> und ein Tabak, wie ihn noch keiner geraucht hatte, und das
+war auch kein Wunder, denn den hatten Drewes und seine Haidg&auml;nger vor
+einiger Zeit einer Kolonne abgenommen und zw&ouml;lf F&auml;sser spanischen Wein
+dazu, der so s&uuml;&szlig; wie Honig war, und davon bekamen die ganzen alten
+M&auml;nner und Frauen jeder ein oder zwei Glas zur Herzst&auml;rkung. &raquo;Ich bin
+nun all im neunzigsten Jahre oder so herum,&laquo; sagte der Hausmann vom
+Bollenhofe, &raquo;aber so gut ist es mir noch keinen Tag in meinem Leben
+nicht gegangen,&laquo; und dabei nickte er ganz gl&uuml;cklich seinen Urenkeln zu,
+die alle Backen voll von dem s&uuml;&szlig;en Rosinenbrote hatten, das f&uuml;r die
+liederlichen Weibsleute bestimmt war, die die Waldsteinschen Offiziere
+mit sich herumschleppten.</p>
+
+<p>Sogar Drewes sah anders aus, als die Zeit vorher. Er stand zwischen
+seinen beiden T&ouml;chtern, dem gro&szlig;en breiten Lieschen, die mit ihrem Manne
+den Hof bewirtschaftete, und dem schlanken Wieschen, die kein Auge von
+dem Wulfsbauern lie&szlig; und nicht mittanzen wollte, weil sie, wie sie
+sagte, nicht gut zuwege war. Aber dabei sah sie aus wie eine
+Rose im Morgentau, und hatte Augen, so blau wie der liebe Himmel, und
+wenn sie lachte, so war das, als wenn die M&auml;rzendrossel an zu schlagen
+fangen will. &raquo;Nee, Wulfsbur,&laquo; sagte sie, als der sie fragte, warum sie
+nicht auch tanzte, &raquo;nee, danach ist mir heute nicht ums Herz. Ich kann
+mich gar nicht satt genug sehen, wie lustig die &Ouml;dringer sind nach
+alledem, was sie ausgestanden haben! H&ouml;r' blo&szlig;, was sie singen! Damit
+hast du dir einen Gotteslohn verdient.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span></p>
+
+<p>Bis zehn dauerte der Tanz, aber er hielt noch lange vor. Von da ab h&ouml;rte
+man die M&auml;nner wieder fl&ouml;ten und die M&auml;dchen sangen bei der Arbeit, und
+wenn es auch Arbeit f&uuml;r Mannsleute war, die sie tun mu&szlig;ten. Denn Wulf
+hatte es den Leuten klar gemacht, da&szlig; es nun erstens n&ouml;tig w&auml;re, die
+Burg zu befestigen, da&szlig; dreihundert Mann sie nicht erst&uuml;rmen konnten,
+und da&szlig; das, was im Herbst vergessen war, jetzt gemacht werden mu&szlig;te. So
+wurde der Burggraben tiefer und der Wall h&ouml;her gemacht und sowohl die
+Grabensohle, wie die Wallwand wurde dicht an dicht so mit langen spitzen
+Pf&auml;hlen besetzt, da&szlig; kaum eine Katze, geschweige denn ein Mensch
+durchkonnte. Zudem wurde rings um den Wall ein Verhau aus Dornb&uuml;schen
+gemacht, so hoch und so dicht, da&szlig; selbst der Teufel und seine
+Gro&szlig;mutter nicht dar&uuml;berweg konnten. Rund um die Burg waren an allen
+Zuwegen <dfn title="ein Zeichen, das viel als Hausmarke gebraucht wurde"><a href="#w7_9" class="gloss">Wolfsangeln</a></dfn> in die B&auml;ume geschnitten und das bedeutete: &raquo;Wahr'
+dich, denn vor dir ist ein Loch, und wenn du da hineinf&auml;llst, bist du
+des Todes!&laquo; Dazu kam noch, da&szlig; die beiden Fahrwege jeder viermal mit
+Schlagb&auml;umen versperrt werden konnten.</p>
+
+<p>Alles das hatte Wulf bei seinen Streiffahrten hier und da gesehen und
+sich eine Lehre daraus genommen, und zur gr&ouml;&szlig;eren Sicherheit hatte er an
+vier Stellen auf dem Sandberge im Bruche <dfn title="Luginsland"><a href="#w7_10" class="gloss">Auskieke</a></dfn> in den Kronen der
+<dfn title="gro&szlig;er, weit sichtbarer Baum"><a href="#w5_3" class="gloss">Wahrb&auml;ume</a></dfn> machen lassen, in denen den Tag &uuml;ber Jungens als Wachtposten
+sa&szlig;en, die H&ouml;rner bei sich hatten und bliesen, wenn die Luft unrein
+wurde.</p>
+
+<p>Es dauerte nicht lange, und alles, was kein reines Hemd anhatte, machte
+einen Bogen um das Bruch,<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span> denn es hatte sich herumgesprochen, da&szlig; es da
+nicht geheuer war. Ab und zu sah man M&auml;nner mit schwarzen Gesichtern in
+dem Busche, und an mehreren Stellen waren zwei Fuhrenb&auml;ume kahl gemacht
+und ein dritter dar&uuml;ber genagelt, und zu allermeist hing ein Mann mit
+seinem Halse daran, oder zwei oder drei und kein Mensch wu&szlig;te, wer es
+war und wer sie gerichtet hatte, ausgenommen die Bauern in der Runde,
+und wenn der Wind die Galgenfr&uuml;chte hin und her wehte, lachten sie und
+sagten: &raquo;Die Bruchglocken l&auml;uten heute aber fein!&laquo;</p>
+
+<p>Dieweil der Winter milde war, konnte allerlei Arbeit getan werden. Die
+Bauern rodeten den Busch auf dem Peerhobsberge, teilten das Land ein und
+verlosten es, zogen Gr&auml;ben und W&auml;lle um die Weidekoppeln, holten die
+gro&szlig;en Steine aus der Haide und brachen den <dfn title="Raseneisenstein"><a href="#w7_11" class="gloss">Ort</a></dfn> im Bruche, damit sie
+Grundmauern und feste W&auml;nde machen konnten.</p>
+
+<p>Als der <dfn title="Februar"><a href="#w7_12" class="gloss">Hornung</a></dfn> zu Ende war, sah es auf dem Peerhobsberge schon anders
+aus, als im Herbste, zumal es an Nahrung nicht gebrach. Denn Fleisch
+lieferte das Bruch genug; es war lebendig voll von Hirschen, Fische gab
+es in der <dfn title="ein Moorflu&szlig;"><a href="#w7_1" class="gloss">Wietze</a></dfn> in H&uuml;lle und F&uuml;lle, und f&uuml;r Brot sorgte der Wulfsbauer.
+Er hatte aus drei&szlig;ig jungen Kerlen eine Schleichtruppe zusammengestellt
+und einen Kundschafterdienst in die Reihe gebracht. Wurde nun gemeldet:
+hier kommt ein Proviantzug oder da sind Marketender, so dauerte es nicht
+lange und es knallte, und drei&szlig;ig M&auml;nner mit schwarzen Gesichtern
+lachten lauthals los und sagten: &raquo;Nun kann Mutter wieder Brot schneiden,
+ohne da&szlig; sie so niepe zusehen braucht.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span></p>
+
+<p>Viekenludolf aus Rammlingen, Windhund bei allem, was einen roten Rock
+anhatte, und der wildeste T&auml;nzer beim Erntebier und wo sonst sich eine
+Fiedel h&ouml;ren lie&szlig;, und ein Kerl, der &uuml;berall gern dabei war, wo man sich
+umsonst zur Ader lassen konnte, der hatte, als sie Ende M&auml;rz drei
+Marketenderwagen des kaiserlichen Heeres bei Seite gebracht hatten, im
+Kruge zu Obbershagen gesagt: &raquo;Wir haben nun ein so sch&ouml;nes Kind aus den
+Windeln heraus, aber einen Namen, den hat es noch nicht. Unser
+Hauptmann, der hei&szlig;t Wulf, und ein richtiger Wolf ist es auch, denn wo
+er zubei&szlig;t, da gibt es dreiunddrei&szlig;ig L&ouml;cher. Dennso bin ich der
+Meinung, da&szlig; wir uns die Wehrw&ouml;lfe nennen und zum Zeichen, wo wir der
+Niedertracht gewehrt haben, drei Beilhiebe hinterlassen, einen hin,
+einen her und den dritten in die Quer. Und davon soll keiner was wissen,
+als wir dreimal elfe, so sich nennen die W&ouml;lfe, und wer dar&uuml;ber das Maul
+aufmacht, der soll zwischen zwei r&auml;udigen Hunden mit der <dfn title="gedrehter Weidenzweig"><a href="#w5_4" class="gloss">Wiede</a></dfn> um den
+Hals so lange h&auml;ngen, bis man nicht mehr wissen tut, wer am mehrsten
+stinkt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ein Wort, das hat den Kopf vorne und den <dfn title="Schwanz"><a href="#w7_13" class="gloss">Steert</a></dfn> <dfn title="hinten"><a href="#w7_14" class="gloss">achtern</a></dfn>, wie es
+sich geh&ouml;rt,&laquo; sprach der Hauptmann, &raquo;und was unser Wolfsbruder da so hin
+gesagt hat, als wenn das blo&szlig; ein Spa&szlig; ist, als wie er einem beim Biere
+aus dem Maule rutscht, es ist Verstand darin und Einsicht. So, wie wir
+hier sind, dreimal elf Mann, kann uns der leibhaftige Gottseibeiuns
+selber nicht bange machen, und wenn er jetzt mitten unter uns zu stehen
+kommt. Denn was will er uns machen, uns ledigen Leuten, von denen
+keiner<span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span> Kind und Kegel hat, Viekenludolf vielleicht ausgenommen, der ja
+Hahn bei allen H&uuml;hnern sein soll.&laquo;</p>
+
+<p>Sie lachten alle, wie die <dfn title="Gr&uuml;nspecht"><a href="#w7_15" class="gloss">Buchh&ouml;lzer Hengste</a></dfn>, blo&szlig; Viekenludolf nicht,
+denn der kratzte sich hinter den Ohren. Als es dann wieder still war,
+ging Wulf weiter: &raquo;So m&uuml;ssen wir uns f&uuml;r die Eheleute und die <dfn title="Witwe"><a href="#w7_16" class="gloss">Witfrauen</a></dfn>
+und die alten Leute und die Waisen aufnehmen. Aber dazu m&uuml;ssen wir unser
+mehr sein, m&uuml;ssen es auf hundert Mann und dar&uuml;ber bringen, alles Kerle,
+wie wir, die noch lachen k&ouml;nnen, wenn ihnen ein St&uuml;ck Hackblei nicht aus
+dem Wege gehen will. So soll sich denn ein jeder einen bis zwei oder
+drei gute Freunde suchen, und die sollen mithelfen, wenn es not tut. Es
+sollen aber alles Junggesellen sein und kein einer, der einziger Sohn
+einer Witfrau ist, soll dabei sein, und wenn einer ein M&auml;dchen mit einem
+Kinde sitzen hat, der soll sich zuvor bedenken, ehe er sich mit uns
+einl&auml;&szlig;t. Wenn so einer aber Ungl&uuml;ck hat, so soll es unser erstes sein,
+da&szlig; das Frauenmensch und das Kind nicht Not und Mangel leiden. Und
+anjetzt wollen wir uns verbr&uuml;dern auf Not und Tod, Gut und Blut, da&szlig;
+alle f&uuml;r einen stehen, und einer f&uuml;r alle, aber wir alle f&uuml;r alles, was
+um und im Bruche leben tut und unserer Art ist.&laquo;</p>
+
+<p>Der Wirtssohn, der einer von den dreimal elfen war, mu&szlig;te das gro&szlig;e Glas
+holen. Das Bier wurde beiseite geschoben und edler Wein, der auf der
+Landstra&szlig;e zwischen Burgdorf und Celle f&uuml;r umsonst gewachsen war, kam
+auf den Tisch. Sie standen alle auf, hakten die Arme ineinander, da&szlig; es
+einen engen Kreis gab, und Harm nahm das Glas, trank, gab es
+Viekenludolf, und so ging es <dfn title="der Reihe nach"><a href="#w7_17" class="gloss">reihum</a></dfn>, bis es leer war. Dann sang<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>
+Gr&ouml;nhagekrischan aus Hamb&uuml;hren, der stillste von allen, aber ein Mann
+trotz seiner zwanzig Jahre, den Wehrwolfsvers vor, der ihm just
+beigefallen war, und der Hauptmann legte einen wei&szlig;en Stock auf den
+Tisch, sein langes Messer und eine <dfn title="gedrehter Weidenzweig"><a href="#w5_4" class="gloss">Wiede</a></dfn> und sprach: &raquo;So der Stock
+bricht, so das <dfn title="Messer"><a href="#w7_19" class="gloss">Metz</a></dfn> sticht, oder die Wiede wird zugericht'!&laquo;</p>
+
+<p>Sie w&auml;hlten darauf Viekenludolf als zweites Haupt, machten fest, wo und
+wann sie sich regelm&auml;&szlig;ig treffen wollten, und auf welche Weise der eine
+dem anderen Nachricht geben sollte, ohne da&szlig; dem Boten alles aufgedeckt
+zu werden brauchte, und dann gingen sie auseinander. Der Peerhobstler
+blieb noch eine Weile mit dem Wirtssohn sitzen, denn er hatte eine
+Botschaft aus Wietze bekommen, da&szlig; die Leute, die er suchte, sich in
+Ahlden hatten blicken lassen. Er hatte vor Arbeit und Gesch&auml;ften manchen
+Tag nicht mehr an sie gedacht; jetzt aber standen sie ihm wieder alle
+Stunden vor den Augen, und er hatte sich vorgenommen, nicht eher locker
+zu lassen, bis er ihnen ihren verdienten Lohn bei Heller und Pfennig
+ausgezahlt hatte.</p>
+
+<p>So ritt er denn, als am anderen Mittag Thedel mit Grieptoo ankam, los.
+Den Hund hatte er in der letzten Zeit meist immer bei sich, denn er
+hatte es herausgebracht, da&szlig; der eine Hauptnase hatte und zwischen
+hundert Mann den herausfand, auf dessen F&auml;hrte er ihn legte. Ohne Hund
+h&auml;tte er den Zigeuner, der mit sechs Stehldieben die Gegend unsicher
+machte, nicht in der Erdh&ouml;hle im Bissendorfer Holze aufgesp&uuml;rt und zur
+Warnung aller unehrlichen Leute samt seinen Spie&szlig;gesellen vor dem Dorfe
+an die Birkenb&auml;ume<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span> h&auml;ngen k&ouml;nnen, und ohne ihn w&auml;re er einmal beinahe
+den Mannschaften des Tilly in die Finger gefallen, die hinter ihm her
+waren, als er ihnen wieder einmal den Brotkorb h&ouml;her geh&auml;ngt und den
+Bierkrug vor dem Maule aus der Hand geschlagen hatte.</p>
+
+<p>Es war einer von den <dfn title="Fr&uuml;hjahr"><a href="#w7_20" class="gloss">Vorjahr</a></dfn>stagen, an denen der Morgennebel sich, so
+lange er es eben kann, vor die Sonne stellt. So wurde es meist elfe, ehe
+die Sonne ihn unter die F&uuml;&szlig;e bekam, aber dann wurde es um so sch&ouml;ner, so
+da&szlig; sogar Thedel, der sonst ganz und gar bei der Arbeit war, alles mit
+Augen sah, was auf dem Boden lebte und in den L&uuml;ften webte, und dem
+Bauern war nicht anders zumute. &raquo;Junge,&laquo; sagte er, &raquo;das ist ein Tag, bei
+dem hat sich unser Herrgott aber m&auml;chtig viel M&uuml;he gegeben! Wenn es sich
+irgend machen l&auml;&szlig;t, dennso m&ouml;chte ich heute den Finger nicht gern krumm
+machen, und ich glaube, du w&uuml;rdest auch lieber sehen, ob du Ehlers <dfn title="M&auml;dchenname"><a href="#w7_21" class="gloss">Hille</a></dfn>
+nicht im Schummern irgendwo antreffen k&ouml;nntest, wo euch keiner <dfn title="entgegenkommen"><a href="#w2_20" class="gloss">in die
+M&ouml;te kommt</a></dfn>.&laquo;</p>
+
+<p>Thedel ritt vor ihm und hatte die Sonne im Gesichte, und seine Ohren
+sahen mit einem Male aus als wie zwei <dfn title="Klatschrose, Feldmohn"><a href="#w7_22" class="gloss">Klapprosen</a></dfn>. Er sagte nichts, gab
+aber einen Seufzer von sich, der so lang und so dick wie ein
+Pferdeschwanz war, so da&szlig; Harm herzlich lachen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Na,&laquo; sagte er, denn er sah, da&szlig; der Knecht ein Gesicht machte, wie der
+Zaunigel, wenn ihn der Hund anbellt, &raquo;was nicht ist, kann noch werden.
+Vorl&auml;ufig haben wir ja noch andere Arbeit vor, und erst die Arbeit, dann
+das Vergn&uuml;gen, sagt Viekenludolf, da schlug er Kassenkrischan drei Z&auml;hne
+in den Hals und ging mit seinem <dfn title="T&auml;nzerin"><a href="#w7_23" class="gloss">Danzeschatz</a></dfn> in den Grasgarten. Aber
+wenn<span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span> zwei gewisse Leute das Fliegen gelernt haben, ohne da&szlig; sie gerade
+heilige Engel geworden sind, dann, Niehusthedel, sollst du ein Haus zu
+eigen haben mit einem gro&szlig;m&auml;chtigen Bett und einer <dfn title="h&uuml;bsch"><a href="#w2_1" class="gloss">glatten</a></dfn> Frau drin,
+wenn du willst, und es soll mich nicht wundern, wenn sie vorne Hille und
+hinten Ehlers hei&szlig;t, Arme, wie ein paar Fuhrenb&auml;ume und Haare, wie das
+Gras da hat, wo die Sonne so aufliegt.&laquo;</p>
+
+<p>Er hielt den Schecken an, der mit der Zeit vergessen hatte, da&szlig; er ein
+Rappe sein sollte: &raquo;Was hat denn der Hund da? Der steht ja, als wenn da
+ein Mensch ist, denn f&uuml;r umsonst h&auml;lt er den Kopf nicht so dumm und
+stellt sich auf drei Beine! Wollen doch mal zusehen!&laquo; Er ritt langsam
+hin und sagte dann: &raquo;Stimmt! Ganz, wie ich es sagte: ein Mensch! Ein
+Frauenzimmer anscheinend, das barfu&szlig; geht, aber kein Taternweibsst&uuml;ck,
+denn die gro&szlig;en Zehen stehen einw&auml;rts. Aber jung ist sie und gro&szlig; ist
+sie, und mager, und Angst hat sie gehabt. Sie kann dazu auch krank sein,
+denn sie hat von dem Birkenbaum bis hierher zweimal umgeknickt, und hier
+hat sie einmal niedergesessen. Wollen doch mal zusehen, wo sie ist. Weit
+kann sie nicht sein, denn die Spur steht nagelfrisch im Sande, und kein
+Tau ist auch nicht drin. Grieptoo, daher! So, Thedel, nimm du den Hund
+an und gib mir Wittkopp, aber halte die Hand am Hahn; der Deubel kann
+sein Spiel haben!&laquo;</p>
+
+<p>Er nahm den Z&uuml;gel des Bl&auml;ssen in die linke Hand und machte die Pistolen
+locker, und dieweil Thedel mit dem Hunde am Riemen die Spur hielt,
+folgte er ihm auf den Hacken nach, scharf Umschau haltend, ob nicht
+irgendwo ein Dorn im Grase war. Sie waren so bis<span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span> vor ein altes
+Steingrab gekommen, das ganz von <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangeln</a></dfn> und <dfn title="Stechpalme"><a href="#w7_5" class="gloss">H&uuml;lsen</a></dfn> bewachsen war,
+als der Hund stand. Thedel fa&szlig;te ihn mit der linken Hand unter die
+<dfn title="Halsband"><a href="#w7_24" class="gloss">Halsung</a></dfn>, hielt in der rechten die Pistole und ging sachte Schritt um
+Schritt vor, und hinter ihm hielt der Wulfsbauer und hatte scharf
+gemacht.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Zaunigel oder ein <dfn title="Iltis"><a href="#w7_25" class="gloss">Ilk</a></dfn> oder eine <dfn title="Kreuzotter"><a href="#w4_11" class="gloss">Adder</a></dfn> ist es nicht,&laquo; dachte der
+Bauer, denn Grieptoo wedelte. Aber dann fuhr er zur&uuml;ck, denn so wie
+Thedel die B&uuml;sche beiseite bog, schrie ein Frauenzimmer auf, und so
+schrecklich schrie sie, da&szlig; es Harm durch Mark und Knochen ging. Als er
+n&auml;her ritt, sah er halb unter den Steinen ein M&auml;dchen auf den Knien
+liegen, das hatte die H&auml;nde unter dem Mund gefaltet, machte Augen, als
+wenn ihr ein Messer am Halse sa&szlig;, zitterte am <ins class="correction" title="ganze">ganzen</ins> Leibe und
+schrie: &raquo;Ach Gott, ach Gott, ach Gott, tut mir doch nichts, tut mir doch
+nichts! Meinen lieben Vater haben sie totgemacht, meine gute Mutter
+haben sie umgebracht, um unseres heiligsten Herrn Jesu Leiden und
+Sterben willen, tut mir nichts und la&szlig;t mich hier sterben!&laquo;</p>
+
+<p>Der Knecht ri&szlig; den Hund zur&uuml;ck und machte ein ganz ungl&uuml;ckliches
+Gesicht, und der Bauer sah hin und her, als ob es ihm selber an das
+Leben gehen sollte. Dann steckte er die Pistole fort, hob die Schwurhand
+in die H&ouml;he und rief &uuml;ber den Hals des Schecken dem M&auml;dchen zu: &raquo;Wir tun
+keinem was, so er nicht ein Erzhalunke ist. Wir sind ehrliche und
+rechtliche Bauern und haben selber genug ausgestanden. Habe man keine
+Bange!&laquo; Er zeigte auf den Hund. &raquo;Kiek, wie Grieptoo mit dem <dfn title="Schwanz"><a href="#w7_13" class="gloss">Steert</a></dfn>
+wackelt! Bei wem er das tut, der<span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span> braucht vor uns keine Angsten zu
+haben. Siehst du, M&auml;dchen, der Hund will dich lecken. So recht, mein
+Hund, so brav, Grieptoo! Die arme Deern braucht nicht zu schreien.
+Thedel, la&szlig; ihn man los!&laquo;</p>
+
+<p>Der Hund ging schweifwedelnd und mit kleinen Ohren auf das M&auml;dchen zu,
+leckte ihm die F&uuml;&szlig;e und dann das Gesicht und knurrte und <dfn title="piepen"><a href="#w7_26" class="gloss">fiepte</a></dfn>, und mit
+einem Male nahm ihn das M&auml;dchen in den Arm, dr&uuml;ckte ihn an sich, k&uuml;&szlig;te
+ihn, weinte erb&auml;rmlich los und rief, indem sie die beiden M&auml;nner ansah:
+&raquo;O Gott Lob und Dank! Ja, ich sehe es euch an den Augen an, ihr seid
+rechtliche Leute und werdet mir nichts tun.&laquo;</p>
+
+<p>Dann fiel sie auf ihr Gesicht und blieb so liegen, und ihr Haar, das so
+rot war, wie ein trockener <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangel</a></dfn>busch in der Sonne, fiel lang vor
+sie hin.</p>
+
+<p>Wulf stieg ab und gab Thedel die Pferde zu halten. Er nahm das M&auml;dchen
+auf und brachte es dahin, wo die Sonne das Haidmoos abgetrocknet hatte,
+zog seine Jacke aus, drehte sie zusammen und legte sie ihr unter den
+Hals. Dann bog er einen breiten <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangel</a></dfn>busch nieder, schnitt ihn ab
+und steckte ihn so ein, da&szlig; er seinen Schatten auf das Gesicht der
+Jungfer warf. Einen Augenblick sah er sie genau an, indem er bei ihr
+kniete; sie hatte schwarze H&ouml;fe unter den Augen, ihre Backen waren
+eingefallen, am Halse sah man alle Sehnen und Adern, und ihre Lippen
+waren kreidewei&szlig;.</p>
+
+<p>Er sch&uuml;ttelte den Kopf und stand auf. &raquo;Sie ist vor Hunger halb tot und
+halb vor Angst.&laquo; Er machte das Sattelholster auf, holte die Flasche
+heraus, go&szlig; etwas Wein in seine Hand, kniete nieder und, nachdem er dem
+M&auml;dchen ein bi&szlig;chen davon auf die Lippen hatte laufen<span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span> lassen, rieb er
+ihr mit dem Rest die Nase und die Schl&auml;fen. Sie schlug die Augen auf,
+machte wieder das Gesicht, als wie da, wo sie die M&auml;nner zu allererst
+sah, versuchte dann sich aufzurichten, fiel aber wieder auf die Jacke
+zur&uuml;ck und sagte: &raquo;Mich hungert so; o, wie mich hungert!&laquo;</p>
+
+<p>Harm hatte schon das <dfn title="Umh&auml;ngetasche, Jagdtasche"><a href="#w3_8" class="gloss">Holster</a></dfn> in der Hand. Er setzte sich neben sie,
+brach ein ganz kleines St&uuml;ckchen Brot ab, denn er sah, wie ihr das
+Wasser aus dem Munde lief, als sie das Brot roch, gab es ihr und sagte:
+&raquo;Langsam! Je langsamer, da&szlig; du essen tust, desto mehr sollst du haben.&laquo;
+Aber sie konnte es nicht herunterkriegen, so viel sie auch schluckte und
+w&uuml;rgte, und da go&szlig; er aus der Flasche ein bi&szlig;chen von dem spanischen
+Wein in seine Hand und gab ihr das ein, und als sie das herunter hatte,
+da seufzte sie tief auf, l&auml;chelte dumm und <dfn title="gieren"><a href="#w7_27" class="gloss">gibberte</a></dfn> mit beiden H&auml;nden
+nach dem Brote hin.</p>
+
+<p>Der Bauer nahm sie in den Arm, als wenn sie ein kleines Kind war, und
+hielt das Brot so, da&szlig; sie jedesmal nicht mehr als ein St&uuml;ck, wie ein
+Fingernagel gro&szlig;, abbei&szlig;en konnte, und dazwischen gab er ihr ebenso
+kleine St&uuml;cke Salzfleisch und ab und zu von dem Weine. Es wurde ihm
+ordentlich leicht um das Herz, als sie immer ruhiger a&szlig; und trank und
+nicht mehr so blau unter den Augen anzusehen war und die H&auml;nde
+stillhalten konnte. Dann legte er ihr auf den Holsterdeckel das Brot und
+das Fleisch hin, stellte die Flasche daneben und sagte: &raquo;So, nun bist du
+so weit, da&szlig; du allein fertig werden kannst und dich nicht krank essen
+tust,&laquo; und dabei nahm er seinen Arm von ihren Schultern weg.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen sah ihn so an, da&szlig; ihm die Binde um<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span> den Hals zu eng wurde
+und da merkte er, was f&uuml;r ein Bild von Mensch sie war trotz des
+ungemachten Haares, und obzwar sie im Gesicht schmutzig war und &uuml;berall
+geschunden. Und dann merkte er auch, da&szlig; sie an sich heruntersah, und
+heimlich ihr Hemd unter dem Halse zumachen wollte, aber das war kurz und
+klein gerissen und das Leibchen hing so um sie herum, da&szlig; er die drei
+halb roten, halb schwarzen Schrammen gewahr wurde, die ihr kreuz und
+quer &uuml;ber die Brust gingen.</p>
+
+<p>&raquo;Thedel,&laquo; rief er, &raquo;geh' mal nach dem <dfn title="H&uuml;gel"><a href="#w4_10" class="gloss">Anberge</a></dfn>, wir m&uuml;ssen aufpassen!&laquo;
+Der Knecht tat, wie ihm gehei&szlig;en war. Wulf band sein Brusttuch ab, legte
+es dem M&auml;dchen von hinten &uuml;ber die Schultern und zur&uuml;ck, so da&szlig; er es
+ihr im Kreuz zusammenbinden konnte. &raquo;Es ist doch noch immer frisch,&laquo;
+meinte er und nickte ihr zu; &raquo;du k&ouml;nntest dir was wegholen.&laquo; Indem zog
+er auch schon die Schuhe aus, band sich die Knieb&auml;nder los, zog die
+Str&uuml;mpfe ab und gab sie ihr mit den Worten: &raquo;Reichlich weit sind sie ja
+wohl, aber wenn einer man 'ne Kuh hat, kann er keine Ziegenmilch
+verkaufen,&laquo; und dabei lachte er.</p>
+
+<p>Aber er bekam einen Kopf, wie ein Legehuhn, und ihm wurde, als wenn er
+auf einen Ameisenhaufen zu sitzen gekommen war, als sie ihn gro&szlig; ansah,
+die H&auml;nde faltete, die Augen &uuml;berlaufen lie&szlig; und mit einem Male seine
+Hand zu fassen kriegte, sich b&uuml;ckte und ihm die Hand k&uuml;&szlig;te, da&szlig; sie na&szlig;
+von ihren Tr&auml;nen wurde. Fast grob stie&szlig; er sie zur&uuml;ck und fragte: &raquo;Bist
+du auch satt? Wir haben noch genug und die Katz soll uns den Magen schon
+nicht hinter die Stachelbeeren schleppen. Aber nun wollen wir zusehen,
+da&szlig; wir irgendwo Wasser zu<span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span> finden kriegen, denn ein Spiegelglas pflege
+ich nicht bei mir zu haben, wogegen ich ein St&uuml;ck Band habe, da&szlig; du dir
+das Haar ein bi&szlig;chen machen kannst.&laquo; Er machte einen langen Hals. &raquo;Da
+unten sind <dfn title="Erle"><a href="#w4_7" class="gloss">Ellern</a></dfn>, und wo die sind, ist eine <dfn title="Bach"><a href="#w7_28" class="gloss">Beeke</a></dfn>, und wo eine Beeke
+ist, pflegt Wasser zu sein. Denn so wollen wir los!&laquo;</p>
+
+<p>Er nahm sie auf den Arm und ging mit ihr nach dem Grund. &raquo;Wie leicht sie
+blo&szlig; ist!&laquo; dachte er und dann wurde ihm sonderbar zu Sinne, denn ihr
+Atem ging ihm &uuml;ber den Mund und ihr Haar roch, da&szlig; ihm die Brust eng
+wurde, und zudem f&uuml;hlte er, wie ihr Herz schnell gegen das seine schlug,
+und das wurde davon angesteckt. So war er heilsfroh, als er sie bei der
+Beeke absetzen konnte, aber ehe er sie f&uuml;r sich lie&szlig;, brach er einen
+<dfn title="Erle"><a href="#w4_7" class="gloss">Ellern</a></dfn>zweig ab, nahm ihr am Fu&szlig;e Ma&szlig; und sagte lachend: &raquo;Jetzo mu&szlig; ich
+mich an das Schustern begeben! Und wenn du wieder in der Reihe bist,
+dennso kannst du dich ja melden.&laquo;</p>
+
+<p>Thedel wu&szlig;te nicht, was er sagen sollte, als der Bauer ihn anwies: &raquo;Zieh
+die Stiefel aus!&laquo; Aber er machte ganz krumme Augen, als Wulf das Messer
+nahm und die Krempen, Thedels gr&ouml;&szlig;ter Stolz, abschnitt, und erst, als er
+sie aufschnitt und L&ouml;cher hineinstach und eine Strippe durchzog, wu&szlig;te
+er, was das zu bedeuten hatte, und da sagte er: &raquo;Erst wollte ich meist
+falsch werden, denn ich dachte, du wolltest mir einen Schabernack vor
+die T&uuml;r stellen.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen h&auml;tte beinahe gelacht, als Wulf ihr die Strippenschuhe gab,
+aber sie nahm sie gern, denn sie ging in den Str&uuml;mpfen auf der Haide,
+wie die Katze &uuml;ber die nasse Dele. &raquo;Alles in Ordnung?&laquo; fragte der<span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span> Bauer
+sie, und als sie nickte, nahm er sie um, hob sie auf den Schecken und
+setzte sich hinter sie. &raquo;Thedel, reite vorweg,&laquo; rief er, &raquo;denn ich kann
+so meine Augen nicht recht brauchen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Himmel hatte sich noch mehr aufgehellt; die <dfn title="Haidlerche"><a href="#w2_8" class="gloss">Dullerchen</a></dfn> sangen aus
+ihm heraus, die <dfn title="Baumpieper, ein Vogel"><a href="#w7_29" class="gloss">Moorm&auml;nnchen</a></dfn> stiegen auf, zwitscherten und lie&szlig;en sich
+nieder, der <dfn title="ein Strauch, Porst oder Gagel, auch Gerbermyrte genannt, Myrica gale L"><a href="#w2_9" class="gloss">Post</a></dfn> war am Aufbrechen, und hier und da steckte sich ein
+Weidenbusch gelb an. Harm lie&szlig; den Schecken Schritt gehen. &raquo;Denn,&laquo; sagte
+er, &raquo;da wir doch einmal Aufenthalt gehabt haben, soll es uns auf die
+Zeit nun auch nicht mehr ankommen!&laquo;</p>
+
+<p>Ihm war leicht um das Herz. Er dachte, es war, weil er ein armseliges
+Menschenkind geborgen hatte, aber wenn er ihr Haar roch und ihr Herz
+schlagen h&ouml;rte und ihre Backe ansah, so mager, so bla&szlig; und doch so
+sch&ouml;n, und das kleine feine Ohr, das die roten Locken ab und zu
+freilie&szlig;en, und den d&uuml;nnen wei&szlig;en Hals, der aus dem roten Tuche
+herauskam, und ihre Hand, die auf seinem Schenkel lag, und wenn er
+f&uuml;hlte, wie ihr linker Arm um seinen Leib war, dann wu&szlig;te er nicht: ist
+das nun sch&ouml;n oder ist das scheu&szlig;lich? Aber im allgemeinen gefiel es ihm
+so, wie es war, doch ganz gut.</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du die beiden <dfn title="Storch"><a href="#w7_30" class="gloss">Hainottern</a></dfn>?&laquo; fragte er sie und zeigte mit dem
+Kopfe an ihrem Gesichte vorbei dahin, wo zwei Waldst&ouml;rche &uuml;ber einer
+<dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn> in die Runde flogen, da&szlig; es nur so blitzte und blinkerte. Das
+M&auml;dchen nickte. &raquo;Da wollen wir hin. Da sollst du dich erst einmal nach
+Lusten ausschlafen und hinterher wollen wir daf&uuml;r sorgen, da&szlig; du sonst
+in die Reihe kommst. Und damit du es wei&szlig;t: ich hei&szlig;e Harm und war auf<span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>
+dem Wulfshofe zu &Ouml;dringen Bauer, bis eines Tages der Teufel seine
+Knechte auf uns loslie&szlig;. Und nun leben wir denn jetzt, wie der Wolf auf
+der Haide und der Adler &uuml;ber dem Bruche, blo&szlig; da&szlig; wir keine Hasen fangen
+tun, denn so sind wir nicht, n&auml;mlich wir jagen man blo&szlig; auf F&uuml;chse und
+allerhand anderes Beisterzeug. Und das da ist Niehusthedel, dem geht es
+just so, man er hat mit der Zeit irgendwo sein Herz bei einem M&auml;dchen in
+der Sch&uuml;rze vergessen, und so hat er es ganz gut, denn wer was will, der
+hat schon was.&laquo;</p>
+
+<p>Er h&ouml;rte auf, denn er wunderte sich, wie er dazu kam, diesem M&auml;dchen,
+das er gar nicht kannte, und von dem er nicht wu&szlig;te, woher sie war, und
+was mit ihr los war, seine halben Tr&uuml;mpfe zu weisen. Aber dann merkte
+er, da&szlig; seine Zunge von selber Galopp ritt. &raquo;Wie hei&szlig;t du denn?&laquo; fragte
+er, und als sie sagte: &raquo;Johanna&laquo;, meinte er: &raquo;Und was willst du jetzt
+anfangen?&laquo; Sie drehte ihm das Gesicht zu und sah ihn an: &raquo;Behalte mich
+bei dir; ich kann allerlei und will gern alle Arbeit tun, die es gibt.
+Was soll ich blo&szlig; anfangen, wenn ich nicht bei dir bleiben darf? Bitte,
+bitte, behalte mich bei dir! Deine Frau braucht vielleicht eine Magd.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;r' zu,&laquo; sagte er, und seine Stimme h&ouml;rte sich mit einem Male an, als
+wenn Asche darauf war, &raquo;ich habe keine Frau. Ich bin ein Mann, der wie
+der Mausaar da in der Luft ist. Aber ich sehe es dir an, da&szlig; kein Falsch
+in dir ist, und wenn es dir bei uns gefallen tut, dennso sollst du gern
+bei uns bleiben. Also sorgen brauchst du dich nicht. Die n&auml;chste Zeit
+kommen wir freilich nicht nach Hause, weil ich ein Gesch&auml;ft hier<span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span> herum
+habe. Und das ist derart, da&szlig; es besser ist, du gehst vorl&auml;ufig als
+Mannsbild durch. Auf einem Pferder&uuml;cken kannst du dich halten, das sehe
+ich. Weiter brauchst du nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will alles tun, was du willst,&laquo; antwortete sie, und er mu&szlig;te
+wegsehen, denn er hielt die Augen, die sie ihm machte, nicht aus. &raquo;Und
+nun, damit du es wei&szlig;t, wer ich bin,&laquo; sagte sie, &raquo;mein Vater war
+Prediger im Bayrischen. Wir lebten in Frieden, bis der Krieg kam. Da
+ging das halbe Dorf in Flammen auf und die meisten Leute kamen um. Da
+suchte Vater sich eine andere Stelle, und so kamen wir bis in diese
+Gegend, wo die Leute sehr gut zu uns waren, besser, als anderswo. Vater
+wollte nach Hannover, denn er dachte, da&szlig; er vielleicht da wohl ein
+kleines Amt bekommen k&ouml;nnte, denn er hatte Briefe an Ratsherren und
+andere Herren von Ansehen mit. Da holten uns die Tillyschen ein, denn
+ein Taternm&auml;dchen, dem ich ein b&ouml;ses Geschw&uuml;r aufgemacht hatte, sagte
+ihnen, welche Art Leute wir waren, und da waren sie wie die leibhaftigen
+Teufel. Ich will dir das ein anderes Mal erz&auml;hlen; ich darf jetzt daran
+nicht denken. Ich habe zusehen m&uuml;ssen, wie sie meinen Vater so schlugen,
+da&szlig; ihm das Blut aus dem Munde kam, und als meine Mutter ihnen fluchte,
+haben sie sie vor meinen leiblichen Augen im Brunnentrog ers&auml;uft. Ich
+wei&szlig; heute noch nicht, wie ich fortgekommen bin. Ich wei&szlig; nur, da&szlig; sie
+alle betrunken waren, und dann bin ich immerzu gelaufen und erst wieder
+zu mir gekommen, als ich im Busche hinfiel. Und dann bin ich wieder
+gelaufen, was ich konnte und bin wieder hingefallen und habe dagelegen,
+bis ich wieder bei mir<span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span> war, und habe Gras gegessen und Wurzeln, und bin
+allem aus dem Wege gegangen, das Menschenangesicht hatte. Und dann hast
+du mich aufgefunden.&laquo;</p>
+
+<p>Sie warf ihm den anderen Arm um den Hals und legte ihren Kopf an seine
+Brust: &raquo;Du willst mich behalten, sagst du? Du bist gut, du bist so gut!&laquo;
+Sie weinte, da&szlig; die Tr&auml;nen ihm durch die Hose schlugen, und er lie&szlig; sie
+weinen, was sie wollte, denn er merkte, da&szlig; ihr das gut tat. Erst, als
+sie dicht vor Jeversen waren, sagte er: &raquo;So, jetzt m&uuml;ssen wir absteigen.
+Thedel, sieh zu, wie die <dfn title="Biene"><a href="#w7_31" class="gloss">Immen</a></dfn> fliegen, und ob wir unter oder &uuml;ber dem
+Winde sind. Wir bleiben derweilen im Busche. Und sieh zu, da&szlig; du
+Mannszeug bekommst und alles, was dazu geh&ouml;rt, das der Jungfer pa&szlig;t,
+aber rede nicht weiter dar&uuml;ber, was blo&szlig; die Haide wissen braucht.&laquo;</p>
+
+<p>Er legte dem M&auml;dchen seinen Mantel hin, drehte seine Jacke zusammen,
+machte ihr ein Kopfkissen daraus und sagte: &raquo;Leg' dich hin und schlaf!
+Ich will mich ein bi&szlig;chen waschen. Grieptoo, dahin! Der Hund wird daf&uuml;r
+sorgen, da&szlig; du geruhig schlafen kannst. Ich bleibe ganz in der N&auml;he.&laquo; Er
+wickelte sie in den Mantel und bettete sie zurecht. Sie l&auml;chelte ihm zu,
+wie ein kleines Kind, das zu Bett gebracht wird, seufzte auf und machte
+die Augen zu. Der Hund setzte sich neben sie, beroch sie, und dann legte
+er sich auch hin, behielt den Kopf aber hoch.</p>
+
+<p>Harm hatte schon die zweite Pfeife aus, da kam Thedel erst zur&uuml;ck. Er
+brachte das Zeug mit, und was dazu geh&ouml;rte, und fl&uuml;sterte: &raquo;<dfn title="er dreht sich, ist nicht best&auml;ndig"><a href="#w7_32" class="gloss">Der Wind
+k&uuml;selt</a></dfn>. Im Kruge sitzen vier Leute, die da nicht hingeh&ouml;ren und<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span> haben
+das gro&szlig;e Wort. Der Kr&uuml;ger hat ein Gesicht, wie eine <dfn title="Waldkauz"><a href="#w9_4" class="gloss">Kattule</a></dfn>, so haben
+sie ihn geschlagen, und nun sind sie besoffen und schinden die
+Frauensleute. Kein einer traut sich an sie ran, denn sie haben damit
+geprahlt, da&szlig; noch mehr von ihren Leuten nachkommen tun.&laquo;</p>
+
+<p>Wulf klopfte seine Pfeife aus. &raquo;Hm,&laquo; meinte er, &raquo;hm, wei&szlig;
+Warnekenswibert schon Bescheid und Hilmersheine? Das ist gut; dennso
+wollen wir uns nicht l&auml;nger aufhalten und mal sehen, was das f&uuml;r G&auml;ste
+sind.&laquo; Er nahm das Zeug und ging nach dem Busche. Grieptoo wedelte ihn
+an, da&szlig; sein Schwanz laut auf die Erde schlug, und davon wachte das
+M&auml;dchen auf. &raquo;Hier!&laquo; sagte der Wulfsbauer, &raquo;bis eben warst du eine
+Johanna, jetzt mu&szlig;t du einen Hans aus dir machen. Ich gehe jetzt solange
+beizu, bis du dich umgezogen hast; ich und Thedel, wir haben im Dorfe zu
+tun. Willst du lieber mit dem Hunde bei den Pferden bleiben, oder willst
+du mit uns? Aber ich sage dir, es gibt tote M&auml;nner zu sehen! Also du
+willst mit? Sch&ouml;n! Ein Mann mu&szlig; Wehr und Waffen haben, hier ist ein
+Messer und da nimm die Pistole! Sie ist fertig. Und nun komm! Grieptoo,
+da&szlig; du mir keinen an die Pferde l&auml;&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>Der Hund lie&szlig; die Ohren h&auml;ngen und sah ihnen so lange nach, bis sie um
+die Ecke waren. &raquo;Also, h&ouml;r zu, Hans!&laquo; sagte Harm; &raquo;es ist wieder
+Gesindel im Kruge, das die Leute schindet. Das k&ouml;nnen wir nicht leiden,
+und darum wollen wir mit dem groben Besen ausfegen. Du h&auml;ltst dich immer
+hinter mir, verstehst du, und erst, wenn der Ast an zu knastern f&auml;ngt,
+kannst du<span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span> mir die Hand hinhalten.&laquo; Er sah nach dem Machangelhagen und
+winkte: &raquo;Na, wir haben euch wohl beim Vespern aufgest&ouml;rt?&laquo; meinte er zu
+den beiden jungen Leuten, die da standen und das M&auml;dchen ansahen. &raquo;Das
+ist ein guter Freund. Und nun wollen wir los! Wer Raben fangen will,
+darf nicht warten, bis sie fl&uuml;gge sind.&laquo;</p>
+
+<p>Sie gingen durch einen Eichbusch, stiegen &uuml;ber ein <dfn title="&Uuml;bertritt in der Umz&auml;unung"><a href="#w2_4" class="gloss">Stegel</a></dfn>, gingen quer
+durch eine <dfn title="Diele, der Hauptraum im Hause"><a href="#w6_13" class="gloss">Deele</a></dfn>, und dann sagte Wulf: &raquo;Ihr beide geht nun ein jeder f&uuml;r
+sich hin und seht zu, da&szlig; ihr bei der Halbet&uuml;r bleiben k&ouml;nnt, und wenn
+einer aus der gro&szlig;en T&uuml;re Wasser gie&szlig;t, so ist das das Zeichen, da&szlig; wir
+kommen sollen. Die Bleikn&uuml;ppel habt ihr ja wohl? In einer ordentlichen
+Wirtschaft mu&szlig; man saubere Arbeit machen!&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden Bauerns&ouml;hne lachten im Halse und gingen ab; Harm, Thedel und
+Johanna stiegen &uuml;ber einen Zaun, dr&uuml;ckten sich unter den Fenstern des
+Kruges her, und dann sagte der Bauer: &raquo;So, Thedel, dennso mach dein
+d&uuml;mmstes Gesicht!&laquo;</p>
+
+<p>Hinter einem Stapel Brennholz blieb Wulf stehen, und das M&auml;dchen stand
+hinter ihm; er f&uuml;hlte ihren Atem &uuml;ber seiner Halsbinde. Aus dem Kruge
+kam ein rohes Lachen, dann quietschte ein Frauenzimmer. Harm f&uuml;hlte, wie
+das M&auml;dchen hinter ihm am ganzen Leibe flog. Er drehte den Kopf nach
+ihr. &raquo;Hast du Bange!&laquo; fl&uuml;sterte er. &raquo;Bange nicht, aber was anderes!&laquo;
+sagte sie, und er nickte ihr zu.</p>
+
+<p>In demselben Augenblicke go&szlig; die Wirtin einen Eimer Wasser aus der
+gro&szlig;en T&uuml;re. &raquo;Komm!&laquo; fl&uuml;sterte Wulf, pfiff erst das <dfn title="ein bekanntes altes Lied"><a href="#w1_23" class="gloss">Brummelbeerlied</a></dfn> und
+ging<span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span> dann laut lachend in das Haus, wo ein Kerl am Feuer sa&szlig; und die
+j&uuml;ngste Tochter, ein Kind von zw&ouml;lf Jahren, in den Klauen hatte, indes
+ein anderer die Magd hin und her zog. Die beiden anderen, die schon
+geh&ouml;rig einen sitzen hatten, standen da und tranken.</p>
+
+<p>&raquo;Na, das geht hier ja m&auml;chtig lustig zu!&laquo; rief der &Ouml;dringer laut; &raquo;'n
+Abend zusammen!&laquo; Und indem schlug er den Kerl, der vor dem Feuer sa&szlig;,
+mit dem kurzen Bleikn&uuml;ppel, den er aus dem linken &Auml;rmel holte, &uuml;ber den
+Kopf, da&szlig; der Mensch tot auf die <dfn title="die eisernen Stangen, auf denen die brennenden Baumst&uuml;mpfe liegen"><a href="#w7_33" class="gloss">Brandruten</a></dfn> fiel, und kaum, da&szlig; er
+dalag, klappte der um, der die Magd im Arme hielt, denn Warnekenswibert
+hatte ihn gut bedient. Die beiden anderen Reiter machten dumme
+Gesichter; aber ehe sie recht begriffen hatten, was los war, lagen sie
+&uuml;ber kreuz da, denn Wulf hatte den einen besorgt und Hilmersheine den
+anderen.</p>
+
+<p>&raquo;So, nun sind wir unter uns, jetzt gebe ich einen aus,&laquo; lachte der
+Wulfsbauer, als das Flett sauber war, und dann fragte er das M&auml;dchen
+leise: &raquo;Du hast nun wohl Angst vor uns gekriegt?&laquo; Sie sah ihn mit
+blanken Augen an und sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Na, denn wollen wir vespern,
+und darauf werden wir das Schlafen n&ouml;tig haben, vorz&uuml;glich du, wo du
+dazu in der letzten Zeit nicht gekommen bist. Hast auch Platz f&uuml;r uns
+drei, Kordeskord?&laquo; Der Wirt nickte. &raquo;Masse, da&szlig; hei&szlig;t, Thedel kann bei
+unserm Knecht schlafen, und ihr beide nehmt die G&auml;stebutze.&laquo;</p>
+
+<p>Als Harm mit dem M&auml;dchen allein war, sagte er: &raquo;So, nun leg dich man
+hin, Hans; ausziehen brauchst du dich nicht viel, denn wir m&uuml;ssen fr&uuml;h
+los. Du kannst ruhig schlafen, ein ganzes Dorf wacht &uuml;ber uns. Wer<span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span> wir
+sind, wirst du ja nun gewahr geworden sein. An unseren H&auml;nden ist kein
+Blut, h&ouml;chstens an unseren Bleist&ouml;cken, aber das ist auch nicht viel
+mehr wert. Einen Schelm mu&szlig; man wie einen Schelm begr&uuml;&szlig;en, und die
+Wespen kriegt man am besten durch kochliches Wasser aus dem Grasgarten.&laquo;</p>
+
+<p>Johanna hatte sich kaum lang gemacht, da schlief sie schon. Der
+Wulfsbauer konnte anfangs gar nicht schlafen, denn er mochte sich nicht
+r&uuml;hren, um das M&auml;dchen nicht aufzuwecken. Allerlei Gedanken gingen ihm
+durch den Kopf, aber zuletzt fielen ihm die Augen doch zu und er
+schlief, bis die Wirtin hereinkam und sagte: &raquo;Es ist bei f&uuml;nfe und <dfn title="das Fr&uuml;hst&uuml;ck"><a href="#w7_34" class="gloss">die
+Morgenzeit</a></dfn> ist fertig.&laquo; Damit ging sie fort und lie&szlig; den <dfn title="&Ouml;ll&auml;mpchen"><a href="#w7_35" class="gloss">Kr&uuml;sel</a></dfn> auf dem
+Schemel stehen.</p>
+
+<p>Harm stand leise auf und leuchtete hinter der Hand in die <dfn title="Alkoven"><a href="#w2_21" class="gloss">Butze</a></dfn> hinein:
+&raquo;Schade!&laquo; dachte er, &raquo;sie schl&auml;ft just so sch&ouml;n!&laquo; Aber da seufzte das
+M&auml;dchen tief auf, hob die H&auml;nde in die H&ouml;he, machte die Augen auf, und
+als sie den Bauern vor sich sah, fl&uuml;sterte sie: &raquo;Ach so, du bist es!&laquo;
+Und dabei lachte sie ihn an. &raquo;Ja, nun mu&szlig;t du aufstehen,&laquo; sagte er.
+&raquo;Bleibe noch einen Augenblick liegen, ich hole dir erst eine Sch&uuml;ssel
+Suppe und Waschwasser, und unterdessen besorge ich dir ein Pferd, denn
+wir wollen flott reiten.&laquo;</p>
+
+<p>Als es eben hellichter Tag war, waren sie bei einem einstelligen Hofe.
+&raquo;Hier bleiben wir bis Mittag,&laquo; sagte Harm. &raquo;Sag mal, Hausfreund, du
+reitest ja wie ein <dfn title="Pferdeknecht"><a href="#w2_16" class="gloss">Koppelknecht</a></dfn>.&laquo; Johanna lachte: &raquo;Pastorenkinder lernen
+alles, au&szlig;er Frommsein,&laquo; sagte sie, &raquo;und schie&szlig;en kann ich auch nicht
+schlecht. Aber ich verstehe mich<span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span> auch auf das Kochen und
+Str&uuml;mpfestricken.&laquo; Wulf lachte: &raquo;Das mu&szlig; ich sagen, denn kannst du mehr,
+als wie ich,&laquo; und da lachte sie noch einmal, und er dachte bei sich:
+&raquo;Wenn sie noch &ouml;fter so lacht, denn wird die Geschichte sengerich f&uuml;r
+mich.&laquo;</p>
+
+<p>Wodshorn hie&szlig; der Hof; der Bauer sprach kaum ein Wort und die B&auml;uerin
+auch nicht viel mehr. Sie lie&szlig;en es aber an nichts fehlen. Um Uhre neune
+kam ein Bauernsohn an und teilte Wulf etwas unter vier Augen mit, und da
+sagte Harm zu Johanna: &raquo;Nun m&uuml;ssen wir doch bis morgen bleiben. Das
+beste ist, du legst dich wieder schlafen; ich will das auch tun. Wer
+schlau ist, der i&szlig;t und schl&auml;ft heutzutage im voraus. Du kannst mit der
+B&auml;uerin ganz offen reden; sie wei&szlig; Bescheid. Sie hat ein Herz wie Gold,
+aber sie hat Schreckliches durchgemacht; deshalb spricht sie nicht und
+darum hat sie auch das Lachen verlernt.&laquo;</p>
+
+<p>Es war bei zw&ouml;lf Uhr, da wachte das M&auml;dchen auf. Die B&auml;uerin stand vor
+ihr und sagte: &raquo;Wenn du lieber liegen bleiben willst, denn bringe ich
+dir das Essen in das Bett.&laquo; Johanna sch&uuml;ttelte den Kopf: &raquo;Nein, dann
+m&uuml;&szlig;t' ich mich ja sch&auml;men; ich will aufstehen.&laquo; Die Frau l&auml;chelte:
+&raquo;Willst du auch lieber M&auml;dchenzeug anziehen? Es ist was da, das dir
+passen wird; hier im Hause sind blo&szlig; lauter Leute, die nicht mehr reden,
+als sie sollen. Morgen kannst du wieder als <dfn title="Pferdeknecht"><a href="#w2_16" class="gloss">Koppelknecht</a></dfn> gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie legte ihr den roten Rock, das Leibchen, Str&uuml;mpfe und Schuhe und
+alles, was dazu geh&ouml;rte, hin, und als sie nach einer Weile wieder in die
+<dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn> kam, und das M&auml;dchen fix und fertig stehen sah, nickt sie ihr zu,
+aber mit eins nahm sie sie in den Arm, k&uuml;&szlig;te sie und weinte<span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span> an ihrem
+Halse. &raquo;Ich hatte zwei T&ouml;chter, gesunde, <dfn title="h&uuml;bsch"><a href="#w2_1" class="gloss">glatte</a></dfn> M&auml;dchen, Zwillinge. Alle
+beide haben wir vor einem Jahre tot im Busch gefunden. Wenn es dir in
+Peerhobstel nicht zusagt, komm hierher; du sollst wie eine Tochter
+gehalten werden.&laquo; Sie wischte sich die Augen. &raquo;Ja, was hilft das Weinen!
+Und es sind mehr da, denen es so gegangen ist, dem Wulfsbur nicht zum
+wenigsten. Ich will dir das verz&auml;hlen, denn einmal mu&szlig;t du es doch
+gewahr werden.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen h&ouml;rte zu und holte kaum Luft, solange die Frau sprach, aber
+die Tr&auml;nen liefen ihr &uuml;ber die Backen. &raquo;Ja,&laquo; sagte der Bauer, der auch
+in die <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn> gekommen war, &raquo;den Wulfsbauern h&auml;ttest du fr&uuml;her sehen
+sollen! Bei dem war jeden Tag Feiertag. Und jetzt, da ist er wie der
+<dfn title="Wolf"><a href="#w7_36" class="gloss">Grauhund</a></dfn>, der &uuml;ber die Haide l&auml;uft und erst zufrieden ist, wenn er Blut
+lecken kann.&laquo;</p>
+
+<p>Nach dem Mittagbrot, bei dem kaum ein Wort geredet wurde, half Johanna
+der B&auml;uerin im Hause; dann setzten sich beide hinter das Haus auf die
+Bank und strickten. Die Sonne schien warm, im Rasen bl&uuml;hten die
+<dfn title="Narzisse"><a href="#w8_2" class="gloss">Osterblumen</a></dfn>, die gelben <dfn title="Schmetterling"><a href="#w1_20" class="gloss">Butterv&ouml;gel</a></dfn> flogen, die Elster suchte sich
+Reisig f&uuml;r ihr Nest, im Holze schlug die Zippe, und &uuml;ber der <dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn>
+flogen zwei <dfn title="Schlangenadler"><a href="#w7_37" class="gloss">Addernadler</a></dfn> und riefen laut.</p>
+
+<p>Zwei Tage blieb der Wulfsbauer mit Thedel aus. Als er wiederkam, sah er
+m&uuml;de aus, hatte dunkle Augen und enge Lippen. &raquo;Das Gesch&auml;ft hat sich
+zerschlagen,&laquo; sagte er; &raquo;heute bin ich zu m&uuml;de und will erst
+ausschlafen. Morgen fr&uuml;h wollen wir nach Peerhobstel.&laquo;</p>
+
+<p>In der Nacht zog ein Gewitter vor&uuml;ber. Johanna<span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span> wachte davon auf und
+<dfn title="erschrecken"><a href="#w4_1" class="gloss">verjagte sich</a></dfn>; aber als sie neben sich die B&auml;uerin, und vor der <dfn title="Alkoven"><a href="#w2_21" class="gloss">Butze</a></dfn>
+Grieptoo fest und tief atmen h&ouml;rte, schlief sie gleich wieder ein. Als
+sie am Morgen das Mannszeug anzog, packte die Frau die M&auml;dchenkleider
+zusammen, machte ein B&uuml;ndel daraus und sagte: &raquo;So, das soll deins sein,
+meine Tochter! Und das du es nicht vergessen tust: auf Wodshorn ist
+immer eine <dfn title="Alkoven"><a href="#w2_21" class="gloss">Butze</a></dfn> und ein Platz am Tische f&uuml;r dich da.&laquo;</p>
+
+<p>Es war ein sch&ouml;ner Morgen geworden; die <dfn title="Birkhuhn"><a href="#w7_38" class="gloss">Moorh&uuml;hner</a></dfn> waren &uuml;berall zu
+gange, die Kraniche prahlten, die Kiebitze riefen und die <dfn title="Heerschnepfe, Bekassine"><a href="#w7_39" class="gloss">Himmelsziegen</a></dfn>
+meckerten. &Uuml;berall in den Gr&uuml;nden war der <dfn title="ein Strauch, Porst oder Gagel, auch Gerbermyrte genannt, Myrica gale L"><a href="#w2_9" class="gloss">Post</a></dfn> ganz rot, und ab und zu
+stand ein Weidenbusch da, der wie eine helle Flamme aussah. Ein Rudel
+Hirsche zog &uuml;ber die Haide, blieb stehen, als es drei Reiter ansichtig
+wurde, und zog dann schneller dem Moore zu.</p>
+
+<p>Als sie vor Fuhrberg &uuml;ber die hohe Haide ritten, heulte hinter ihnen der
+Wolf. Der Bauer drehte sich um und sagte: &raquo;Das sind unsere Leute!&laquo; und
+er gab den Wolfsruf zur&uuml;ck. Bald darauf kamen zwei Reiter aus dem
+Busche; es war Viekenludolf und Gr&ouml;nhagenkrischan. &raquo;Na, schon so fr&uuml;h
+auf, Ludolf?&laquo; begr&uuml;&szlig;te ihn Wulf; &raquo;bist wohl gar nicht im Bette gewesen?&laquo;
+Der Dollhund <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">griente</a></dfn>: &raquo;In meinem allerdings nicht. Schade, da&szlig; du
+gestern nicht dabei warst! Wir haben einen guten Zug gemacht. Na, wir
+kommen da ja vorbei; kannst es dir selber ansehen.&laquo; Er sah nach Johanna
+hin. &raquo;Ist ein Freund von mir, Hans gehei&szlig;en,&laquo; sagte der &Ouml;dringer. &raquo;Hm,&laquo;
+brummte der Rammlinger und wollte <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">grienen</a></dfn>, verkniff es sich aber, denn
+der andere lud ihn dazu nicht ein.<span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span></p>
+
+<p>Er ritt mit Wulf voran und fl&uuml;sterte ihm etwas zu. Harm lie&szlig; ihn dann
+vorausreiten und fragte Johanna: &raquo;Hans, kannst du es mit ansehen, wenn
+ein Birkenbaum faule &Auml;pfel tr&auml;gt? Es sind ein paar Schandkerle weniger
+geworden auf der Welt. Ich mu&szlig; dahin; wenn du willst, kannst du mit
+Thedel hier so lange warten.&laquo; Das M&auml;dchen sch&uuml;ttelte den Kopf: &raquo;Ich
+wollte froh sein, wenn alle Birken so reich tragen wollten; dann h&auml;tten
+es alle Menschen, die frommen Herzens sind, besser!&laquo; Der Bauer nickte.</p>
+
+<p>Da, wo der <dfn title="Volksweg, unbefestigter Weg"><a href="#w3_7" class="gloss">Dietweg</a></dfn> die Heerstra&szlig;e schnitt, standen etliche hohe Birken
+beieinander. F&uuml;nf M&auml;nner und zwei Frauen hingen daran. &Uuml;ber jedem war
+eine aufrechtstehende Wolfsangel in die Rinde gehauen, und der &auml;lteste
+Mann, ein Kerl mit einem schwarzen Bart, hatte ein Brett zwischen die
+H&auml;nde gebunden; mit R&ouml;tel waren darauf folgende Worte geschrieben:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir sind Unser 3 Mal Elve<br /></span>
+<span class="i0">und nennen uns die W&ouml;lwe<br /></span>
+<span class="i0">und geben auf jedweden Acht<br /></span>
+<span class="i0">der Lange finger macht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<h2><a name="Die_Schnitter" id="Die_Schnitter"></a>Die Schnitter<span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span></h2>
+
+
+<p>Wulf und seine Begleitung blieben bis zur <dfn title="D&auml;mmerung"><a href="#w8_1" class="gloss">Ulenflucht</a></dfn> auf dem Viekenhofe
+in Fuhrberg und kamen erst im Dunkeln nach Peerhobstel. Alles machte
+lange Augen, als es hie&szlig;: der Wulfsbauer hat sich eine Magd mitgebracht.
+Aber weil sie sich nicht sehen lie&szlig; und alles, was eben helfen konnte,
+alle H&auml;nde voll zu tun hatte, so k&uuml;mmerte sich keiner weiter um sie.</p>
+
+<p>Mit der Zeit wurde Johanna mit den Frauensleuten bekannt. Erst mu&szlig;ten
+sie heimlich &uuml;ber sie lachen, weil sie das rote Haar hatte, hochdeutsch
+sprach und H&auml;nde wie eine Edelfrau hatte. Als aber Wittenmutter zu
+liegen kam und die Magd vom Wulfshofe ihr in ihrer schweren Stunde auf
+das beste beistand und auch hinterher jeden Tag daf&uuml;r sorgte, da&szlig; die
+Zwillinge zu ihrem Rechte kamen, sah man, was man an ihr hatte, zumal
+sie sonst wie eine Magd arbeitete.</p>
+
+<p>Die Kinder, die erst mit dem Finger im Munde dagestanden hatten, wenn
+sie ihnen mit der Hand &uuml;ber die K&ouml;pfe ging, gew&ouml;hnten sich bald an sie,
+und mit der Zeit hatte sie sie alle miteinander jeden Sonntagnachmittag
+um sich; dann erz&auml;hlte sie ihnen allerhand Geschichten und brachte den
+M&auml;dchen Stricken, N&auml;hen und Stopfen bei.</p>
+
+<p>&raquo;Das hat uns hier gefehlt, Harm,&laquo; sagte Ulenvater, der das M&auml;dchen ganz
+an das Herz genommen hatte; &raquo;nun haben wir einen Schulmeister, wie es
+besser keinen gibt, wenn er auch lange Haare hat. Mit
+Geschichtenerz&auml;hlen hat es angefangen und jetzt bringt sie ihnen<span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span> auch
+das Lesen und Schreiben bei. Wei&szlig;t du was? Krackenmutter ihr Mieken, das
+w&auml;re eine L&uuml;ttjemagd f&uuml;r uns; denn hat die andere mehr Zeit f&uuml;r die
+Kinder und die Kranken, denn darauf versteht sie sich wie ein gelernter
+Doktor.&laquo;</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer war das sehr zufrieden. Als er ihr Grieptoo hielt, der
+sich einen Schlehdorn eingetreten hatte, woraus ein Geschw&uuml;r geworden
+war, und sie es aufschnitt und dem Hunde die Pfote verbunden hatte,
+fragte er sie: &raquo;Sag' mal, was kannst du eigentlich nicht? Reiten kannst
+du, schie&szlig;en kannst du, der Hausarbeit bist du gewachsen, auf das Vieh
+verstehst du dich auch, kannst mit kranken Leuten umgehen, bist dabei
+auch Schulmeister und Wehmutter und g&auml;rtnerst, da&szlig; es eine Freude ist;
+wo hast du das alles her, M&auml;dchen?&laquo;</p>
+
+<p>Sie steckte sich rot an und sagte: &raquo;Reiten mu&szlig;te ich zu Hause lernen,
+weil ich Vater bei seinen Krankenbesuchen begleitete, und das Schie&szlig;en
+hat mir der alte Amtmann, Gott hab ihn selig! beigebracht, denn der
+sagte: ein Frauenzimmer hat das noch n&ouml;tiger als ein Mannsmensch,
+dieweil es mehr zu verlieren hat als blo&szlig; das nackigte Leben. Und das
+andere, das kommt wohl, weil Vater Doktor werden wollte, aber aus sich
+heraus sp&auml;ter einen anderen Ruf bekam, und weil der Lehrer, den wir
+hatten, besser Hosen flicken konnte, als die Kinder lehren, und da nahm
+sich Vater ihrer an und ich mu&szlig;te ihm dabei an die Hand gehen. Und von
+meiner Mutter habe ich dann das andere gelernt, besonders das Umgehen
+mit dem Vieh und mit den Blumen, denn darauf verstand sie sich
+vorz&uuml;glich.&laquo;</p>
+
+<p><ins class="correction" title="Da&szlig;">Das</ins> mu&szlig;te wohl so gewesen sein, denn sonst h&auml;tte<span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span> es um den neuen
+Hof nicht so <dfn title="h&uuml;bsch"><a href="#w2_1" class="gloss">glatt</a></dfn> ausgesehen. Thedel hatte einen sch&ouml;nen Zaun um den
+Garten gemacht, und da es sich gerade so pa&szlig;te, kam die Pforte zwischen
+zwei gro&szlig;m&auml;chtige <dfn title="Stechpalme"><a href="#w7_5" class="gloss">H&uuml;lsenb&uuml;sche</a></dfn> zu stehen, die von Johanna so
+zurechtgeschnitten wurden, da&szlig; sie ganz gleich aussahen, unten breit und
+oben spitz, und vor die kleine T&uuml;r setzte Thedel zwei spitze <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangeln</a></dfn>.
+Von allen Blumen und B&uuml;schen, die in den w&uuml;sten G&auml;rten von &Ouml;dringen
+wuchsen, schleppte der Knecht so viel heran als n&ouml;tig war, und wenn er
+mit dem Bauern &uuml;ber Land mu&szlig;te, sah er nach, wo sch&ouml;ne Blumen in den
+G&auml;rten waren oder in T&ouml;pfen gezogen wurden, und davon lie&szlig; er sich
+Ableger geben, so <ins class="correction" title="das">da&szlig;</ins> er bald allgemein nicht mehr anders hie&szlig;
+als der Blumenthedel.</p>
+
+<p>Es war aber auch eine Pracht, wie in dem Garten alles gedieh; zwar f&uuml;r
+die Schneegl&ouml;ckchen, die Maiblumen und Osterblumen und die Kaiserkronen
+und Pfingstrosen und Tulpen war es in dem Jahre schon zu sp&auml;t, aber die
+Schl&uuml;sselblumen hatten sch&ouml;n gebl&uuml;ht und im Juni hingen alle Zaunecken
+voll von wilden Rosen. Am ganzen Hause kletterten die Efeuranken hoch,
+der <dfn title="Holunder"><a href="#w4_6" class="gloss">Hollerbusch</a></dfn> beim Backhause war &uuml;ber und &uuml;ber wei&szlig; und die
+Goldlackb&uuml;sche waren in der Sonne anzusehen wie kupferne Kannen. Wenn
+dann Johanna an den B&uuml;schen sich mit dem Messer zu schaffen machte und
+die Sonne schien ihr auf das Haar und die blo&szlig;en Arme, von denen die
+wei&szlig;en &Auml;rmel weit zur&uuml;ckgingen, und der rote Rock wippte, wenn sie sich
+b&uuml;ckte, um ein Unkraut auszurei&szlig;en, dann sagte der alte Ul: &raquo;Ein
+Staatsfrauensmensch ist es,&laquo; und stie&szlig; Harm in die Rippen und blinkte
+ihm zu: &raquo;wenn ich halb so alt w&auml;re,<span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span> dennso w&uuml;&szlig;te ich, was ich zu tun
+h&auml;tte. Oder soll sie dir ein anderer wegschnappen? Denn da&szlig; sie dir in
+die Augen sticht, das habe ich all lange spitz, und eine bessere Frau
+kriegst du so bald nicht wieder.&laquo;</p>
+
+<p>Der Ansicht war der Bauer auch, und mehr als einmal hatte er sich einen
+Sto&szlig; gegeben, um dahin zu kommen, wohin er wollte; aber immer war es
+ihm, als wenn ein Graben zwischen ihnen war. Denn was war er? Nicht da&szlig;
+er sich minder vorkam, weil sie mehr gelernt hatte, aber er traute sich
+nicht an sie heran, und das um so weniger, je mehr er mit ihr zusammen
+war. Fr&uuml;her war er mit Leib und Seele dabei gewesen, wenn es galt, der
+Haide die Fl&ouml;he aus dem Pelze zu klopfen; wenn er jetzt aber im Moore
+lauerte oder im Busche lag, dachte er immer an ein Gesicht, um das das
+Haar so rot war wie die Abendsonne auf den Fuhrenst&auml;mmen, und an zwei
+runde Arme, die aus wei&szlig;en &Auml;rmeln herauskamen. Denn mit Freuden sah er,
+da&szlig; Johanna Fleisch und Farbe bekommen hatte; das Leibchen sa&szlig; ihr prall
+und der rote Rock hing ihr nicht mehr so lose um die Lenden.</p>
+
+<p>Am Johannistage war Ulenvater mit Thedel nach Obbershagen gefahren, wo
+sein Vetter einen Hof hatte. Harm und Johanna waren allein, denn Mieken
+war auf einige Tage zu Hause, weil Krackenmutter nicht ganz munter war.
+Es war den ganzen Tag gl&uuml;hhei&szlig; gewesen und gegen Abend k&uuml;hlte es sich
+keineswegs ab, so da&szlig; der Bauer, der mit Johanna im Garten auf der Bank
+sa&szlig;, meinte: &raquo;Wir werden wohl ein Wetter kriegen,&laquo; denn &uuml;ber dem
+Halloberge standen dicke Wettert&uuml;rme. Es wetterleuchtete dann auch immer
+mehr, und<span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span> Wulf sah, da&szlig; jedesmal, wenn die Wolke auseinanderri&szlig;, das
+M&auml;dchen mit der Hand nach dem Mieder fa&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du Bange?&laquo; fragte er. Sie sch&uuml;ttelte den Kopf: &raquo;Nein, es steckt
+mir blo&szlig; so in den Gliedern; ich bin ganz alle.&laquo; Sie sah auch blasser
+als sonst aus und hatte wieder einen Blick in den Augen wie damals, als
+Grieptoo sie aufgesp&uuml;rt hatte. Harm kam es in den Sinn, wie er sie
+damals im Arme gehalten und wie ein Kind gef&uuml;ttert hatte, und wie
+nachher, als sie vor ihm auf dem Schecken sa&szlig;, ihr Haar so gerochen
+hatte, da&szlig; ihm ganz sonderbar wurde. Er sah ihre H&auml;nde an, die auf ihrer
+Sch&uuml;rze lagen. Sie waren braun geworden und die Arme gleichfalls, aber
+fein und vornehm waren sie deshalb doch geblieben, obzwar sie vor keiner
+Arbeit zur&uuml;ckgingen. &raquo;Sie ist und bleibt ein feines Fr&auml;ulein,&laquo; dachte er
+und seufzte so tief auf, da&szlig; sie ihn anlachte.</p>
+
+<p>&raquo;Das h&ouml;rt sich ja ganz gef&auml;hrlich an!&laquo; meinte sie; &raquo;hast du was auf dem
+Herzen, was dich dr&uuml;ckt?&laquo; Wie sie ihn so lustig von der Seite ansah, da
+dachte er: &raquo;Jetzt oder nie!&laquo; Aber es blieb beim Denken, denn er wu&szlig;te
+nicht: &raquo;Geht das wohl, da&szlig; du sie einfach um den Leib fassen tust, oder
+ist es wohlanst&auml;ndiger, da&szlig; du ihr sagst, wie dir zumute ist?&laquo;</p>
+
+<p>Da kam ein Kind angelaufen, da&szlig; sich einen Splitter eingerissen hatte,
+und nun hatte er es wieder verpa&szlig;t. Er a&szlig; abends wenig, wu&szlig;te meist
+nicht, wo er mit seinen Augen bleiben sollte, kam sich &uuml;berhaupt ganz
+ungl&uuml;cklich in seiner Haut vor und war froh, als es Zeit zum Schlafen
+war, denn das Wetter war zur&uuml;ckgegangen.<span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span></p>
+
+<p>Er konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er &auml;rgerte sich &uuml;ber sich
+selber, wu&szlig;te aber keinen Weg, der ihn zum Busche herausbrachte. Zudem
+hatte er Angst, er k&ouml;nnte es mit dem M&auml;dchen verderben, und so lief er
+mit seinen Gedanken immer in die Runde. Zuletzt mu&szlig;te er doch wohl
+eingeschlafen sein, denn mit einem Male sah er einen blauen Schein und
+h&ouml;rte einen harten Schlag; das Wetter war wieder zur&uuml;ckgekommen.</p>
+
+<p>Die Pferde schlugen gegen die Wand, die K&uuml;he rissen an den Ketten. Er
+stand auf, hing sich den Mantel um und ging auf die <dfn title="Diele, der Hauptraum im Hause"><a href="#w6_13" class="gloss">Deele</a></dfn>. Da lief er
+Johanna in die M&ouml;te, die ebenfalls im Mantel aus ihrer <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn> kam. Der
+Blitz zeigte ihm, da&szlig; sie kreidewei&szlig; war. &raquo;Ist dir schlecht?&laquo; fragte er.
+Sie sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Es ist blo&szlig; das Wetter; im Bett war es mir zu
+stickig.&laquo; Aber als der n&auml;chste Blitz und hinterher ein gewaltiger
+Donnerschlag da war, schrie sie auf, fa&szlig;te sich nach der Brust und fiel
+gegen die Wand. Er sprang schnell zu, fa&szlig;te sie um und f&uuml;hrte sie in die
+gro&szlig;e <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn>, lie&szlig; sie sich auf die Ofenbank setzen und r&uuml;ckte an sie
+heran.</p>
+
+<p>Blitz und Donner kamen auf einen Schlag. Das M&auml;dchen wollte sich
+zusammennehmen, aber ihr Mund behielt den Schrei nicht, und da nahm er
+sie in die Arme, legte ihren Kopf an seine Brust und deckte ihr seinen
+Mantelkragen &uuml;ber das Gesicht; so hielt er sie, ihr ab und zu, wenn es
+wieder blitzte und krachte, die Schultern klopfend und ihr zuredend wie
+einem jungen Pferde, das vor einem <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangel</a></dfn> scheuen will. Sie lag ganz
+still und zitterte keinmal mehr, und blo&szlig;, wenn das Wetter es gar zu gut
+meinte, f&uuml;hlte er, da&szlig; ihre H&auml;nde flogen.<span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span></p>
+
+<p>Nach einer kleinen halben Stunde h&ouml;rte das Blitzen und Donnern auf. Es
+go&szlig; wie mit Mollen und es wurde k&uuml;hl in der <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn>. Er nahm ihr den
+Mantel von dem Gesicht und da merkte er, wie sie ihn fest in den Arm
+nahm, und er f&uuml;hlte, da&szlig; zwischen ihnen beiden kein Wall und kein Graben
+mehr war, da&szlig; sie zusammengeh&ouml;rten in Freud und Leid, und er nahm sich,
+was ihm zukam.</p>
+
+<p>&raquo;Das war eine schlimme Nacht!&laquo; rief Ulenvater, als er am anderen Mittag
+in die gro&szlig;e <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn> trat. Er war das letzte Ende zu Fu&szlig; gegangen, denn
+Thedel wollte noch etwas Tannhecke zum Streuen holen, und weil der Alte
+einen leisen Schritt hatte, so konnte Johanna nicht so schnell von Harms
+Scho&szlig; herunter, wie sie wohl wollte. So stand sie da, hatte die Augen
+auf dem Estrich und Backen wie Pfingstrosen so rot, strich an ihrer
+Sch&uuml;rze herum und platzte schlie&szlig;lich heraus: &raquo;Blo&szlig; anfangs&laquo;. Dann
+schlug sie aber die H&auml;nde vor das Gesicht und lachte und auch Harm
+lachte und Ul erst recht, denn er merkte bald, wo es eingeschlagen
+hatte.</p>
+
+<p>Er sah von einem zum anderen und schlie&szlig;lich sagte er: &raquo;Na, dennso
+w&uuml;nsche ich euch alles Gute, meine Kinder! denn das seid ihr mir beide
+geworden.&laquo; Aber dann schlug er auf den Tisch: &raquo;Das ist mir ja ein <dfn title="trocken"><a href="#w8_3" class="gloss">dr&ouml;ges</a></dfn>
+<dfn title="Verlobung"><a href="#w8_4" class="gloss">L&ouml;ft</a></dfn>! Nicht einmal ein Glas Wein und ein St&uuml;ck Kuchen kriegt man
+vorgesetzt? I, da&szlig; ist doch sonst keine Weise hierzulande!&laquo;</p>
+
+<p>Die junge Frau lief, was sie konnte, und bald stand eine irdene Flasche
+mit Wein auf dem Tisch, &uuml;ber den sie ein reines Tuch gelegt hatte, und
+ein bunter Teller<span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span> mit Kuchen und ein noch bunterer Krug mit einem noch
+viel bunteren Blumenstrau&szlig;, und drei hohe Gl&auml;ser von der feinsten Art,
+aus denen die spanischen Offiziere von den Kaiserlichen eigentlich
+trinken wollten, kamen auf den Tisch, und der Wein, der auch f&uuml;r andere
+Leute bestimmt gewesen war, schmeckte denen, die ihn tranken, darum doch
+nicht schlechter, wenn auch Johanna blo&szlig; ein halbes Glas trank und dann
+schon sagte, da&szlig; die <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn> mit ihr in die Runde ginge.</p>
+
+<p>&raquo;Harm,&laquo; sagte der Alte, als Johanna aufwusch, &raquo;eins will ich dir aber
+sagen: der erste Paster, den ich auftreibe, mu&szlig; her und die Sache
+richtig machen. Es sind jetzt wilde Zeiten und der Teufel kann sein
+Spiel haben. Deine Frau steht ganz allein da; gibt es ein Ungl&uuml;ck, dann
+kann sie am wei&szlig;en Stocke &uuml;ber Land gehen, denn es wird manche da sein,
+die ihr den Platz hier nicht g&ouml;nnt und ihr allerhand anh&auml;ngen wird. Es
+sind jetzt die Zeiten nicht, da&szlig; wir eine regelrechte Hochzeit abhalten,
+denn der Himmel bezieht sich immer mehr. Der Tilly, der papistische
+Hund, jagt die D&auml;nem&auml;rkschen hin und her, und die Pestilenz ist auch
+wieder da. La&szlig;t euch einsegnen und damit holla! Die Hauptsache ist die,
+da&szlig; du dich des Nachts nun nicht mehr so zu graulen brauchst!&laquo;</p>
+
+<p>So wurde es denn auch gemacht, und es war auch gut, da&szlig; der Bauer sich
+mit der Trauung beeilt hatte, denn so konnte er mit mehr Ruhe an
+Peerhobstel zur&uuml;ckdenken, wenn er wieder den Wolf auf der Haide spielen
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Das war jetzt nicht ganz selten der Fall. Tilly und die D&auml;nen zogen sich
+um die festen Pl&auml;tze wie die Hunde<span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span> um die Knochen, und wo man hinh&ouml;rte,
+gab es Not und Tod und Menschenschinderei. Wo die Kriegsv&ouml;lker geerntet
+hatten, da zogen die Marodebr&uuml;der mit der Hungerharke hinterher und man
+vernahm alle Tage gr&auml;&szlig;liche Geschichten von totgequ&auml;lten und
+hingemetzelten Frauen, denn was den Unmenschen in die H&auml;nde fiel, ob ein
+siecher Greis oder ein Brustkind, es mu&szlig;te des Todes sein.</p>
+
+<p>Die Wehrw&ouml;lfe hatten darum alle H&auml;nde voll zu tun. Es waren jetzt ihrer
+hundertelf Nachtboten geworden, wozu noch an die zweihundert Tagboten
+kamen. So ging die Arbeit flott vonstatten, und manche B&auml;ume an den
+Stra&szlig;en trugen Fr&uuml;chte, die selbst der happigste Junge liebendgern
+h&auml;ngen lie&szlig;. Dabei sahen sich aber die Wehrw&ouml;lfe ihre Leute genau an und
+behandelten jedermann, wie es seine Stellung mit sich brachte; was eine
+Feldbinde am Arm hatte, bekam die Kugel und kam unter die Erde, das
+andere Pack aber wurde mit der <dfn title="gedrehter Weidenzweig"><a href="#w5_4" class="gloss">Wiede</a></dfn> geehrt und die Kr&auml;hen und W&ouml;lfe
+mu&szlig;ten das Weitere besorgen.</p>
+
+<p>Es war ein grauer M&auml;rzentag, da hatte der Wulfsbauer auf dem Amte zu
+tun. Irgendeine Sp&uuml;rnase hatte es herausgebracht, da&szlig; die &Ouml;dringer jetzt
+Peerhobstler hie&szlig;en und noch nicht so verhungert waren, als da&szlig; man
+ihnen nicht die Schatzung zumuten k&ouml;nnte. Das stand ihnen aber gar nicht
+an und Harm Wulf als Vorsteher wollte ihnen das vom Halse schaffen. Als
+er den Herren vom Amte sagte: &raquo;Solange ihr uns nicht sch&uuml;tzt, wird von
+uns nicht geschatzt,&laquo; wurde er ein ausversch&auml;mter Kerl gehei&szlig;en; aber er
+hielt die Nase hoch und sagte: &raquo;Ich will doch mal sehen, ob<span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span> unser Herr
+Herzog Christian nicht eine andere Meinung von der Sache hat; ansonsten
+stecken wir lieber unsere H&auml;user an und leben vom Betteln und Stehlen,
+bis man uns ein Amt gibt, damit wir auch Leute schinden k&ouml;nnen, die sich
+in Bruch und Busch bergen m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>Als er aus der T&uuml;r ging, stand Thedel da; er war ganz wei&szlig; um die Nase,
+hatte Augen wie ein <dfn title="Wildkatze"><a href="#w8_5" class="gloss">Buschkater</a></dfn> im Dunkeln und sagte: &raquo;Der S&auml;ugling und
+das Heilige Kreuz sitzen halb besoffen im Kruge und Viekenludolf macht
+sie noch besoffener.&laquo; Der Bauer ri&szlig; die Augen auf: &raquo;Wahr und gewi&szlig;?&laquo; Der
+Knecht nickte: &raquo;Ich stand hinter dem rotb&auml;rtigen Hund und hatte schon
+die Hand am <dfn title="Messer"><a href="#w7_19" class="gloss">Metz</a></dfn>; aber da dachte ich noch zum Gl&uuml;cke daran, da&szlig; das
+nicht in deinem Sinne ist. Heute kommen sie uns nicht mehr aus dem Sack,
+Bauer, wie seinerzeit in Ahlden. Ich bin schon in Hee&szlig;el gewesen und in
+Schillerslage, und von da ist an alle gerechten Leute Meldung gemacht;
+dennso sollen sie diesmal wohl daran glauben m&uuml;ssen!&laquo;</p>
+
+<p>Indem Wulf mit Thedel nach dem Kruge ging, bed&uuml;nkte es ihn, als wenn ihm
+gar nicht so froh zu Sinne war, wie es eigentlich sein mu&szlig;te. Er dachte
+mehr an Peerhobstel und an seine Frau, als an die Galgenkl&ouml;ppel, aber
+darum ging er zuerst doch schnell, bis er sich selber &raquo;Prr!&laquo; zurief und
+so langweilig die Stra&szlig;e hinaufging, als h&auml;tte er so viel Zeit wie ein
+Knecht, der den Stall ausmisten soll. Er fragte auch noch die Kr&uuml;gerin,
+die vor der T&uuml;re stand, nach ihren Kindern, aber mit eins konnte er
+nicht mehr zuh&ouml;ren, denn er hatte eine Stimme geh&ouml;rt, eine Mannsstimme,
+aber so hell, als ob ein Hengstfohlen loslegt, eine Stimme, die er noch<span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>
+keinmal geh&ouml;rt hatte und die er doch kannte; denn wenn er allein im
+Busche lauerte oder &uuml;ber die Haide ritt, hatte er sie oft vernommen. Er
+dachte an den Nachmittag auf dem Hingstberge und daran, wie er mit
+Henneckenklaus durch das Torfmoor geritten war und Brandluft in die Nase
+bekommen hatte, und an all das andere. Seine Rose stand vor ihm, Hermke
+an der Sch&uuml;rze und auf dem Arme die kleine Maria, und er bi&szlig; die Z&auml;hne
+aufeinander, da&szlig; es krachte, so da&szlig; die Kr&uuml;gerin sich ordentlich
+<dfn title="erschrecken"><a href="#w4_1" class="gloss">verjagte</a></dfn>.</p>
+
+<p>Aber dann ging er in die Bauernstube, ohne hinzusehen, wer dasa&szlig;,
+stellte sich an die <dfn title="Schanktisch"><a href="#w8_6" class="gloss">Tonbank</a></dfn> und lie&szlig; sich Bier einschenken, h&ouml;rte, was
+der Kr&uuml;ger ihm vorschnackte, mit einem Ohre an, stellte dann seinen Krug
+auf den Tisch, der neben der T&uuml;re stand, holte sein Brot und seinen
+Speck aus der Tasche, zog sein Messer und a&szlig; so langsam und bedachtsam
+wie allezeit, bis Viekenludolf aufsah, seine rechte Hand auf den Tisch
+legte, erst den Daumen, dann den Zeigefinger und dann den Mittelfinger
+aus der Faust springen lie&szlig;, gleich als wollte er die Zeche nachrechnen,
+und dann das Heilige Kreuz anschrie: &raquo;Noch so ein St&uuml;ck, du altes
+Saufloch! dann gebe ich noch einen aus; denn lachen tu ich vor mein
+Leben gern.&laquo;</p>
+
+<p>Der Peerhobstler sah sich jetzt die Leute genauer an, und ihm war auf
+einen Augenblick, als wenn sie die H&auml;lse schon lang und die Zunge vor
+dem Munde hatten; denn bei ihnen sa&szlig; noch Wulf genannt Sch&uuml;tte aus
+Wennebostel, Harms Halbbruder, der da in einen Hof geheiratet hatte,
+M&uuml;nstermanns Dettmer und Gr&ouml;nhagenkrischan; am Ofen stand Duwenhinrich
+und<span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span> Flebbendiedrich, und Aschenkurt spielte mit der Katze, die unter
+der Bank sa&szlig; und nach seinen Fingern hakte; und da sa&szlig;en die beiden
+Unholde, hielten die Augen mit M&uuml;he offen und freuten sich wie die
+<dfn title="Zaunk&ouml;nig"><a href="#w8_7" class="gloss">Schneek&ouml;nige</a></dfn>, wenn ihre Zotenreden und Greuelsgeschichten die M&auml;nner zum
+Lachen brachten.</p>
+
+<p>&raquo;Bist du all schon in Schillerslage gewesen, S&auml;ugling?&laquo; fragte
+Viekenludolf; &raquo;da ist eine lustige Wirtschaft. Der Wirt hat dir da ein
+M&auml;dchen, da werden die alten Kerle noch nach verr&uuml;ckt, sage ich dir.
+Aber das M&auml;dchen ist als wie eine Nessel. Ich m&ouml;chte den sehen, der der
+den Kranz abnimmt. Unter uns ist keiner, der das kann.&laquo;</p>
+
+<p>Harm lachte im Halse, denn erstens hatte der Wirt blo&szlig; eine alte Magd
+und das war ein liederliches St&uuml;ck, und die sah noch dazu so aus als wie
+eine tote Katze, die acht Tage im Regen gelegen hat. Der S&auml;ugling aber
+schlug sich auf seine klapprige Brust: &raquo;Wenn einer, dann bin ich es,
+denn ich habe ein ausversch&auml;mtes Gl&uuml;ck bei die Menscher!&laquo; Sein
+Lumpenbruder stimmte ihm bei: &raquo;Ja, das hat er; alles was recht ist, das
+ist ein Aast uff der Fiedel; das hei&szlig;t,&laquo; fuhr er fort, und er sah dabei
+halb frech, halb bange aus, &raquo;wenn es nicht anders geht, dann macht er
+nicht viel Faxen und dreht ihnen den Schluck ab.&laquo;</p>
+
+<p>Der S&auml;ugling, der gerade einen gro&szlig;en Krug Honigbier durch seinen langen
+Hals hatte rutschen lassen, lachte wie eine Kuckuckin: &raquo;Verdammig, das
+tu ich! Wozu sind denn die Menscher da? Und &uuml;berhaupt und so, was ein
+forscher Kerl ist, der Kurasche hat, der wird nicht erst acht Tage
+herumpiepen wie ein <dfn title="Sperling"><a href="#w8_8" class="gloss">L&uuml;ning</a></dfn>.<span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span> So 'n bi&szlig;chen Zureden das hilft schon,&laquo;
+sagte er und klappte seine Hand auf und zu, wie ein Sto&szlig;habicht die
+Krallen.</p>
+
+<p>Unter der T&uuml;r stand Thedel und sah ihm in den Nacken. Dem Wulfsbauern
+lief es kalt &uuml;ber den R&uuml;cken, als er den Blick sah, den sein Knecht nach
+dem Halunken hinschmi&szlig;; ihm war, als prahlte da kein lebendiger Mann
+mehr, sondern ein toter Leichnam. Und nun fing der Kerl noch an zu
+singen, und er lachte dabei, als er quiekte: &raquo;O Galgen, du hohes Haus,
+du siehst so gr&auml;sig aus, so gr&auml;sig aus; ich seh dich gar nicht an, denn
+ich wei&szlig;, ich komme dran, ja, ich komme dran.&laquo;</p>
+
+<p>Der Bauer ging in den Hof, denn Viekenludolf hatte mit der Zunge
+geklappt. &raquo;Bald ist der Haber reif zum Schneiden,&laquo; sagte der Rammlinger;
+&raquo;er l&auml;&szlig;t den Kopp schon h&auml;ngen.&laquo; Er sah nach dem Himmel. &raquo;Es kl&auml;rt sich
+auf; noch eine Lage Met und sie laufen hinter uns her wie die Hennen
+hinter dem Hahn.&laquo; Er klopfte seine Pfeife aus: &raquo;Morgen fr&uuml;h um sieben
+Uhr sind wir auf der Haide ober dem zweiten Dorfe.&laquo; Er stopfte die
+Pfeife und lie&szlig; sich von Harm ein Kr&uuml;mel Feuer geben. &raquo;Schweres St&uuml;ck
+Arbeit, solche Saufl&ouml;cher um den Verstand zu bringen, kann ich dir
+sagen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer machte seine Zeche glatt und ging gegen&uuml;ber zum Juden, wo
+er so lange auf eine Brustnadel handelte, bis Flebbendiedrich und der
+Wennebosteler Wulf und Duwenhinrich fortritten, und dann ritten
+Viekenludolf und Aschenkurt fort und hatten die beiden M&auml;nner zwischen
+sich, die nicht merkten, da&szlig; hinter einem jeden von ihnen sein
+leibhaftiger Tod aufgesessen war, denn sie juchten und <dfn title="br&uuml;llen"><a href="#w2_11" class="gloss">b&ouml;lkten</a></dfn> das<span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span> Lied
+vom Butzemann, der im Deutschen Reiche umgeht.</p>
+
+<p>Als sie schon um die Ecke waren, h&ouml;rte der Peerhobstler sie noch
+<dfn title="kreischen"><a href="#w2_12" class="gloss">kriej&ouml;hlen</a></dfn>: &raquo;Der Kaiser schl&auml;gt die Trumm mit H&auml;nden und mit F&uuml;&szlig;en&laquo;, und
+da&szlig; die Kinder ihnen nachschrien: &raquo;Duhnedier, Duhnedier!&laquo;</p>
+
+<p>Dann brach er den Handel ab, bezahlte, was der Jude angeschlagen hatte,
+wof&uuml;r dieser ein Mal &uuml;ber das andere Mal den R&uuml;cken krumm machte, und da
+kam der Knecht auch schon mit dem Schecken aus der Einfahrt.</p>
+
+<p>Der Bauer stieg steif in den Sattel und ritt, als wenn er zum ersten
+Male einen Pferder&uuml;cken zwischen den Beinen hatte, aber so wie er das
+Torgeld los war, setzte er sich in Trab und war bald hinter den Reitern.
+Im Schillersl&auml;ger Kruge verhielt er sich ganz ruhig, aber als er auf
+seiner Strohsch&uuml;tte lag, konnte er nicht viel schlafen, denn er hatte
+alle seine Gedanken da, wo seine Frau war.</p>
+
+<p>So war er schon bei f&uuml;nfe in den Stiefeln. Thedel sa&szlig; vor der T&uuml;re des
+Stalles, in dem die beiden Halsabschneider schliefen. Er grieflachte:
+&raquo;Der eine ist schon eine Weile munter und vern&uuml;chtert hat er sich auch,
+und wenn er nicht einen alten Scheuerlappen im Maule h&auml;tte, w&uuml;rde er
+<dfn title="einen ausschimpfen"><a href="#w12_1" class="gloss">eine sch&ouml;ne Schande machen</a></dfn>, dieweil ich ihm die &Auml;rmel vor den H&auml;nden
+zugebunden habe, und vom Estrich kann er auch nicht, weil da ein Ring
+auf der Kellerklappe ist und da ist ein Strick an, und den hat er um das
+Leib.&laquo; Er spuckte seinen Priem aus: &raquo;Der andere hat gestern noch so viel
+Honigbier gesoffen, da&szlig; er &uuml;berhaupt nichts von sich wei&szlig;, und<span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span> ich
+glaube, vor heute abend ist er nicht so weit, da&szlig; wir uns mit ihm
+befassen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer lie&szlig; sich Suppe und Brot geben, rauchte zwei Pfeifen aus
+und schickte bei sechse Thedel voran. Um halbig sieben kamen etliche
+Bauern angeritten, klappten mit den Peitschen, bis der Wirt herauskam,
+taten so, als s&auml;hen sie den Peerhobstler nicht, tranken ihr Warmbier im
+Sattel und ritten weiter. Dann knarrte ein Wagen, der Knecht knallte
+dreimal schnell hintereinander und viermal in Abst&auml;nden und pfiff: &raquo;Zieh
+Schimmel, zieh, im Dreck bis an die Knie.&laquo; Aus dem Hause rief
+Viekenludolf: &raquo;Jochen, kannst mich ein Ende mitnehmen; ich habe kleine
+F&uuml;&szlig;e von eurem Bier gekriegt!&laquo; Da stand auch Harm auf: &raquo;Mir geht es
+nicht anders; nimm mich auch mit; auf eine Handvoll Tabak soll es mir
+nicht ankommen.&laquo; Er setzte sich auf das <dfn title="Wagenbrett"><a href="#w8_9" class="gloss">Sch&uuml;tt</a></dfn> und sah vor sich in das
+Wagenstroh, das ab und zu hin und her flog, und aus dem mitunter ein Ton
+kam, als wenn ein Schwein darunter lag.</p>
+
+<p>Noch sa&szlig; der Nebel in der Haide. &raquo;Das wird ein sch&ouml;ner Tag,&laquo; sagte der
+Knecht; &raquo;die Wettmarer Musiker blasen,&laquo; denn man h&ouml;rte die Kraniche vom
+Moore her lauthals prahlen. Eine Anbauerfrau sah den Wagen kommen,
+nickte und sagte: &raquo;Na, denn sieh man zu, Jochen, da&szlig; du deine Schweine
+gut los wirst!&laquo; Ein <dfn title="Kolkrabe"><a href="#w8_10" class="gloss">Rauk</a></dfn> rief aus dem Nebel; das Wagenstroh ging hin und
+her. &raquo;Hast den schwarzen Bruder geh&ouml;rt?&laquo; fragte der Rammlinger den
+Knecht; &raquo;die Raben kriegen es heute gut!&laquo; Aus dem Stroh kam ein Grunzen.
+Ein Reiter trabte vorbei, noch einer und hinterher ein<span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span> dritter. &raquo;Nach
+'m Schweinemarkt?&laquo; riefen sie dem Knecht zu. Der nickte und <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">griente</a></dfn>.</p>
+
+<p>Alle hundertundelf Wehrw&ouml;lfe und meist ebenso viele Boten standen um den
+Haidberg. Als der Wagen angefahren kam, ging ein Gemurmel reihum. Der
+Nebel teilte sich und fing zu tanzen an, und da wurden zwei Fuhrenb&auml;ume
+sichtbar, denen die Kronen abgehauen waren und die oben ein Querholz
+hatten, das sie zusammenhielt; daran hing links ein toter Hund und
+rechts ein verrecktes Schwein, und dazwischen waren zwei Stricke, die
+bis auf den Erdboden reichten. Um beide B&auml;ume war ein Kranz von Steinen
+gemacht, der vorne offen war, und in jedem Stamm war die Wolfsangel
+aufrecht eingehauen, so da&szlig; sie offenbar zu sehen war.</p>
+
+<p>Der Knecht nickte den M&auml;nnern zu, schrie &raquo;Prrr!&laquo; band die Z&uuml;gel an,
+stieg ab, spuckte aus, ging langsam hinter den Wagen, zog das Sch&uuml;tt
+fort, winkte zwei M&auml;nnern zu und dann zog er einen Sack unter dem Stroh
+weg, der sich bewegte, und die M&auml;nner halfen ihm, ihn auf den Boden zu
+legen, und bei dem anderen auch. Der Wulfsbauer und Viekenludolf waren
+abgestiegen und dahin gegangen, wo Meine Drewes stand; er hatte zwei
+abgesch&auml;lte Weidenst&ouml;cke in der Hand. Er winkte und es war so still, wie
+in einer leeren Kirche.</p>
+
+<p>Alle die zweihundert M&auml;nner sahen dorthin, wo die Knechte die S&auml;cke
+aufbanden, die beiden M&auml;nner herauszogen und ihnen die Fu&szlig;koppeln
+abbanden, sie auf die Beine stellten und bis vor den Oberobmann
+brachten, nachdem sie ihnen die Lappen aus dem Munde genommen hatten.
+Kein einer lie&szlig; einen Laut h&ouml;ren,<span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span> sogar Niehusthedel nicht, der mit dem
+Wulfsbauern voran stand und ein Gesicht machte wie ein Untier.
+Vierhundert Augen sahen kalt auf die beiden Erzhalunken, die dastanden
+und vor Todesangst und Katzenjammer wie Espenlaub <dfn title="zittern"><a href="#w10_6" class="gloss">beberten</a></dfn>, aber keinen
+Ton herausbrachten.</p>
+
+<p>Der Oberobmann sah ihnen in die Gesichter und fing an: &raquo;Als Obmann der
+Wehrw&ouml;lfe habe ich euch entboten zu einem offenen und gerechten Ding auf
+roher Haide und gemeinem Lande, weil wir das Recht sprechen wollen ober
+diese beiden M&auml;nner. Wer hat wider sie etwas vorzubringen?&laquo;</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer stellte sich vornehin: &raquo;Ich verklage sie auf den Feuertod
+meiner Ehefrau Rose geb&uuml;rtigen Ul aus &Ouml;dringen und derer und meiner
+unm&uuml;ndigen Kinder Hermke und Maria Wulf, und wegen Brandstiftung, Raub
+und Diebstahl an totem und lebendigem Gut.&laquo;</p>
+
+<p>Er ging zur&uuml;ck und Thedel stellte sich an seinen Platz und rief: &raquo;Ich
+verklage sie auf den Feuertod meiner Schwester Alheid <ins class="correction" title="Niehues">Niehus</ins> aus
+&Ouml;dringen, eines Waisenkindes, noch nicht f&uuml;nfzehn Maien alt!&laquo;</p>
+
+<p>Er ging zur&uuml;ck und machte Viekenludolf Platz, und der schrie: &raquo;Ich
+verklage sie im Namen von ehrbaren Jungfrauen, <dfn title="Witwe"><a href="#w7_16" class="gloss">Witfrauen</a></dfn>, Schwangeren
+und W&ouml;chnerinnen, unschuldigen M&auml;dchen und unm&uuml;ndigen Kindern, Kranken
+und Schwachen, an denen sie sich vergriffen haben. Ich schreik <dfn title="Racheruf"><a href="#w8_11" class="gloss">Hallo</a></dfn>
+&uuml;ber sie und abermals Hallo und zum dritten Male Hallo und Hallo und
+Hallo und Hallo, und will es mit sieben Eiden beschw&ouml;ren, da&szlig; sie
+siebenmal und siebzig den Tod verdient haben<span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span> nach dem, was sie mir
+gestern mit ihren eigenen M&auml;ulern im Kruge zu Burgdorf in ihrer dummen
+Besoffenheit verz&auml;hlt haben.&laquo;</p>
+
+<p>Der Obmann sah sich um: &raquo;Ist einer da, der noch etwas vorzubringen hat
+gegen diese M&auml;nner oder der f&uuml;r sie ein Wort einlegen will? Hier darf
+ein jeder frei reden, ohne da&szlig; es ihm nachgetragen wird.&laquo;</p>
+
+<p>Es wurde ganz still in der Runde. Die Sonne kam heraus und beschien die
+zweihundert Gesichter der M&auml;nner; sie waren alle wie aus Stein. Eine
+Kr&auml;he flog vorbei und quarrte, und in den krausen Fuhren lockten lustig
+die Meisen.</p>
+
+<p>Die dreimal elf Unterobm&auml;nner sonderten sich ab und murmelten
+durcheinander; dann ging einer von ihnen zu dem Oberobmann hin und sagte
+ihm etwas.</p>
+
+<p>&raquo;Dennso haben wir befunden,&laquo; sprach der Richter, &raquo;da&szlig; sie beide um ihre
+H&auml;lse eine <dfn title="gedrehter Weidenzweig"><a href="#w5_4" class="gloss">Wiede</a></dfn> haben sollen und aufgeh&auml;ngt werden sollen sieben Schuh
+h&ouml;her, denn ein gemeiner Schandkerl, und zwischen den &Auml;sern von einem
+verreckten K&ouml;ter und einer gefallenen Sau bis sie tot sind, und es soll
+sich keiner getrauen und sie abnehmen und bestatten, wenn es ihn nicht
+gel&uuml;stet, an ihre Stelle zu kommen!&laquo;</p>
+
+<p>Er brach den einen Stock und warf ihn hinter sich und den anderen und
+gab die <dfn title="gedrehter Weidenzweig"><a href="#w5_4" class="gloss">Wieden</a></dfn> hin, und da fiel der S&auml;ugling auf die Knie und schrie:
+&raquo;Erbarm',&laquo; denn weiter kam er nicht, weil er die Wiede schon &uuml;ber dem
+Adamsapfel hatte, und das Heilige Kreuz hatte knapp gewimmert: &raquo;Noch
+einen Augenblick, mir ist so schlecht!&laquo; da stand er schon mit der
+weidenen Krause um die <dfn title="Gurgel"><a href="#w8_12" class="gloss">Strosse</a></dfn> zwischen den dreimal elf M&auml;nnern unter<span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>
+der Feldglocke; ehe die Kr&auml;he dreimal geschrien hatte, schwenkte der
+Wind sie hin und her, und dazu das Brett, das ihnen zwischen die H&auml;nde
+gebunden war und auf dem zu lesen stand: &raquo;Wir Sind di W&ouml;lwe 1 Hundert
+und Elwe. Dis sind 2 Hunde und 2 Schweine. Sie Sind ganz obereine.&laquo;</p>
+
+<p>Der Steinkreis wurde geschlossen. Die M&auml;nner gingen weg. Der Wulfsbauer
+hatte das Kinn auf der Brust. Thedel sah noch einmal zur&uuml;ck und
+Viekenludolf sagte, indem er nach dem Galgen hinwies: &raquo;Kiek, Thedel,
+deine Hochzeitsglocken l&auml;uten!&laquo; Aber Thedel antwortete nicht und ging
+hinter Wulf her.</p>
+
+<p>Als sie beide durch die Fuhren ritten, sagte der Bauer: &raquo;So, und nun
+wollen wir da nicht mehr dran denken, Thedel! Wannehr willst du freien?
+Am liebsten wohl gleich heute? Na, von mir aus kann es losgehen; bringe
+man alles in die Reihe! Oder hast du das all?&laquo; Er sah sich um und
+lachte, denn der Knecht hatte die Sonne im Nacken und deswegen waren
+seine Ohren so rot anzusehen, wie an dem Morgen in der Jeverser Haide,
+als Grieptoo das M&auml;dchen fand.</p>
+
+<p>&raquo;Und jetzt, Galopp, Buntscheck!&laquo; rief Harm seinem Pferde zu, und sie
+flitzten dahin, da&szlig; die <dfn title="Haidscholle"><a href="#w1_3" class="gloss">Plaggen</a></dfn> nur so flogen und die <dfn title="Goldregenpfeifer, ein Vogel"><a href="#w8_13" class="gloss">T&uuml;ten</a></dfn> hinter ihnen
+herschimpften. Der Bauer dachte an seine Johanna und der Knecht an seine
+Hille, und eine Stunde sp&auml;ter standen die Pferde vor den Krippen.</p>
+
+<p>Am anderen Tage hatte der Bauer blanke Augen und sein Knecht erst recht.
+Sie fuhren nach der W&uuml;ste, denn sie wollten da junge Obstb&auml;ume, und was
+da noch zu gebrauchen war f&uuml;r den Garten, ausgraben. Als<span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span> Wulf sich &uuml;ber
+Mittag hinter einem Busche die Augen w&auml;rmte, st&ouml;berte Thedel in dem
+Schutt herum. Er fand allerlei Geschirr, das noch gut zu gebrauchen war,
+desgleichen &Auml;xte und anderes Ger&auml;t, und als er die schwarzen Balken
+fortzog, auf denen schon allerlei Moos wuchs, schlug er mit der Hacke
+auf Eisen. Er hatte den Kesselhaken des Wulfshofes gefunden, ein
+Prachtst&uuml;ck, wie es weit und breit kein zweites gab, auf dem oben am
+Kopfe die Wolfsangel, die Hausmarke der Wulfsbauern, eingehauen war;
+darunter aber stand zu lesen: Ao 1111 Do.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist mehr wert, als wenn du hundert Taler in Gold gefunden hast,
+Thedel,&laquo; sagte der Bauer, &raquo;und daf&uuml;r will ich dir ein Haus hinstellen
+mit allem, was dazu geh&ouml;rt. Denn ich will dir etwas sagen: Knecht bist
+du jetzt lange genug bei mir gewesen. Wenn du mir in der Folge in der
+<dfn title="schnell"><a href="#w2_17" class="gloss">hillen</a></dfn> Zeit mit deiner Frau helfen willst gegen das &uuml;bliche Lohn, so bin
+ich das sehr zufrieden. Ich habe mir das aber n&auml;mlich lange &uuml;berdacht:
+geradeso, wie ich nicht der Lehnsmann des Edelherrn sein will, sollst du
+auch nicht mein Hausmann sein. Du bist mir mehr als ein getreuer Knecht
+gewesen diese schlimmen Jahre &uuml;ber, und es ist nicht mehr als recht, da&szlig;
+du jetzt dein eigener Herr wirst, vorausgesetzt, da&szlig; du vor deiner Hille
+die Hosen zu wahren wei&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>Thedel brummte etwas vor sich hin, als wenn ihm der Bauer das Bett vor
+den Hof gestellt h&auml;tte, aber als er ausgespannt hatte, konnte er gar
+nicht schnell genug nach seinem M&auml;dchen kommen, und als er zur&uuml;ckkam, da
+fl&ouml;tete er wie unklug. Dann setzte er sich hin<span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span> und scheuerte mit Wasser
+und Asche den alten Kesselhaken ab und hatte nicht eher Ruhe, als bis er
+da hing, wo er hingeh&ouml;rte.</p>
+
+<p>Dann aber griff er die Arbeit an, wie der Fuchs den Hasen, und obzwar
+der Bauer nicht wu&szlig;te, wo der Knecht die Zeit zum Essen und Schlafen
+hernahm, so wurde Thedel mit jeder Woche runder im Gesichte und der Bart
+wuchs ihm zusehends. Seine Hille ging aber auch nicht schlecht
+auseinander, so da&szlig; der Bauer sagte: &raquo;M&auml;dchen, wenn du so bei bleibst,
+dennso brauchst du das doppelte Zeug f&uuml;r den Rock und wirst deinem
+Thedel eine teuere Frau.&laquo; Hille aber lachte und grub darauf los, als
+wenn der Boden die reine Butter war.</p>
+
+<p>Wie ihr und Thedel, so ging es aber meist allen Leuten auf dem
+Peerhobsberge. Sogar die Kinder halfen beim Roden und Umgraben, und was
+fr&uuml;her f&uuml;r eine Schandnot angesehen war, wenn n&auml;mlich ein Frauensmensch
+sich in den Pflug spannte, jetzt galt das als ein Vergn&uuml;gen. Es gab
+keine Bauern und keine Knechte und keine B&auml;uerin und keine M&auml;gde in
+Peerhobstel, es war eine Gemeinde flei&szlig;iger Leute, von denen jeder f&uuml;r
+sich und alle f&uuml;r das Gesamt schanzten, so da&szlig; es auf den D&ouml;rfern um das
+Bruch hie&szlig;: &raquo;Einig wie die Peerhobstler!&laquo; &Ouml;dland war genug da, Holz und
+Weide wuchs allen zu, und wem es an Saatkorn mangelt oder an Ger&auml;ten,
+dem wurde ausgeholfen, ehe er darum gebeten hatte.</p>
+
+<p>Der neue Boden trug nicht so schlecht, als man gedacht hatte, zumal der
+Sand, denn eine Mergelbank stand nicht allzu weit an, der Schmorboden in
+der<span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span> Ellernriede war fett wie eine Hochzeitssuppe, und wo das Moor
+gebrannt und mit Sand gemengt wurde, lohnte es die M&uuml;he schon. Wenn es
+auch an Unkraut nicht gebrach, es stand doch alles besser, als man
+gehofft hatte, und als die Hauptarbeit getan war, sagte der Wulfsbauer
+zu den Dreiunddrei&szlig;ig: &raquo;Und jetzt wollen wir unserem Bruder Thedel sein
+Unterkriech bauen! denn ich glaube, es wird Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>Dieweil viele H&auml;nde mithalfen, stand das Haus bald da, und Thedel wu&szlig;te
+nicht, was er sagen sollte, als Bettzeug und Geschirr und was sonst dazu
+geh&ouml;rte, wenn der Mensch zu selbstzweien hausen geht, ganz von selber
+ankam, denn die Hundertelfe machten sich ein Vergn&uuml;gen daraus, ihm zu
+helfen, wo sie konnten, ohne da&szlig; sie hinterher ankamen und ihr Teil
+wieder aba&szlig;en.</p>
+
+<p>Es war &uuml;berhaupt kaum einer von den geschworenen Wehrw&ouml;lfen bei der
+Hochzeit. Am Abend vorher war n&auml;mlich wieder einmal <dfn title="der Meldekn&uuml;ppel, durch den die Bauern zur Versammlung, gerufen wurden"><a href="#w10_2" class="gloss">der bunte Stock</a></dfn> von
+Dorf zu Dorf gegangen und zwar mit einem roten Bande darum, und so
+mu&szlig;ten s&auml;mtliche huntertelfe und alle Tag- und Nachtboten am Platze
+sein, weil zwei Haufen von Marodebr&uuml;dern best&auml;tigt waren. Der eine davon
+verschwand im Meitzer Busche, und die Raben und F&uuml;chse wu&szlig;ten allein die
+Stelle anzugeben, wo das Gesindel unter den Tannen lag, der andere aber
+kam bei Th&ouml;nse unter die R&auml;der, und es blieb nichts davon &uuml;brig, als der
+Anf&uuml;hrer, und der hing da, wo der <dfn title="Volksweg, unbefestigter Weg"><a href="#w3_7" class="gloss">Dietweg</a></dfn> <dfn title="sich gabeln"><a href="#w8_14" class="gloss">sich zwillte</a></dfn>, so lange an
+einer Birke, bis es ihm da zu langweilig wurde.</p>
+
+<p>Drei Tage darauf machte Viekenludolf einen Hauptstreich<span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span>. Er gab mit
+zweien von den Dreiunddrei&szlig;ig einigen Pappenheimern, die auf den D&ouml;rfern
+Pferde zum Kriegspreise gekauft hatten, das Ehrengeleit. Im Burgwedeler
+Holze machten die Reiter Halt, tr&auml;nkten die Pferde und dann sich selber,
+aber nicht mit Wasser, und so lange, bis sie die Haide f&uuml;r ein Federbett
+ansahen. Da schlich sich Viekenludolf hin, <dfn title="d&auml;mpfen, w&uuml;rgen"><a href="#w3_16" class="gloss">d&uuml;mpte</a></dfn> die Wache, bis sie an
+kein Luftholen mehr dachte, und schnitt schnell allen Pferden die
+Fu&szlig;fesseln durch. Mittlerweile war Kunrad, sein Knecht, nach dem Dorfe
+geritten und hatte sich eine rossige Stute und ein Dutzend Leute geholt,
+die gerade weiter nichts zu tun hatten. Dann ritt Viekenludolf mit der
+Stute &uuml;ber dem Winde an dem Lagerplatze vorbei und zockelte die ganzen
+Pferde hinter sich her, und die jungen Leute aus Burgwedel sorgten
+daf&uuml;r, da&szlig; die Reiter sich keine Blasen liefen. So behielt mancher Bauer
+sein Pferd im Stall und brauchte nicht mit der letzten Kuh zu pfl&uuml;gen.</p>
+
+<p>Denn die Not war stellenweise schon gro&szlig;. D&auml;nen und Kaiserliche zogen
+durch die Haide, und wo sie gewesen waren, wurden die Suppen l&auml;nger. Am
+besten hatten es noch die Leute auf dem Peerhobsberge, denn zu ihnen
+fand das Kriegsvolk nicht hin und das &uuml;brige Ungeziefer lie&szlig; sich im
+Bruche nicht blicken.</p>
+
+<p>So konnten die Bruchbauern ihren Hafer in Ruhe bergen und brauchten sich
+nicht immer dabei umzusehen. Es fehlte die Erntekrone nicht und auch das
+Erntefeuer war da und es schlug hellwege auf, als nach altem Brauch die
+Opfergarbe hineingeworfen wurde. Dann zogen die Knechte und M&auml;dchen ab;
+Mertenshinrich<span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span> schwenkte eine lange Fuhrenstange, die ganz bunt
+abgesch&auml;lt war, und daran war oben der Kopf von einem Hahn und daran die
+&Auml;hrenhalme aus der letzten Feldecke und bunte B&auml;nder, die der Wind
+bewegte, und lustig war es anzuh&ouml;ren, als das junge Volk sang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wode, Wode, Wode,<br /></span>
+<span class="i0">wi halt dinen Peere Fode;<br /></span>
+<span class="i0">in d&uuml;ssem Jahr Dissel un Dorn,<br /></span>
+<span class="i0">anner Jahr beeter Korn!<br /></span>
+</div></div>
+
+<h2><a name="Die_Kirchenleute" id="Die_Kirchenleute"></a>Die Kirchenleute<span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span></h2>
+
+
+<p>Besseres Korn gab es im n&auml;chsten Jahre wohl, aber auch reichlich Disteln
+und Dornen, denn der Krieg wollte und wollte nicht aufh&ouml;ren. Tilly und
+die D&auml;nen zogen sich immer noch hin und her, und wo sie sich kabbelten,
+war alles zertreten.</p>
+
+<p>Herzog Christian, der nicht wu&szlig;te, auf welche Seite er sich schlagen
+sollte, mu&szlig;te es mit ansehen, wie das Land verw&uuml;stet und die Leute
+ausgeraubt wurden, aber alle Einnahmen konnte er auch nicht schie&szlig;en
+lassen, und so kam auf dem Landtage wieder eine dreifache Schatzung
+heraus.</p>
+
+<p>Als der Peerhobstler Vorsteher davon Meldung bekam, sattelte er den
+Schecken und ritt mit Thedel nach Celle. Ihm wurde schlecht zumute auf
+dem Wege; man merkte es, da&szlig; &uuml;berall der Hunger an dem Herdfeuer sa&szlig;,
+und da&szlig; die Pest in die Fenster sah. Unter den Mauern von Celle waren
+erb&auml;rmliche H&uuml;tten und Schuppen aufgebaut; darin fristeten die Bauern
+aus den ausgeraubten D&ouml;rfern ihr Leben durch Betteln und Stehlen und
+auch durch Raub und Mord.</p>
+
+<p>Als die beiden Peerhobstler, zu denen unterwegs noch sechs von den
+Dreiunddrei&szlig;ig gesto&szlig;en waren, damit der Unterobmann sicherer reisen
+konnte, vor dem Kruge einen Schnaps tranken, sahen sie eine Frau, die
+auf dem Anger ihr Kind begraben hatte und dabei ein ganz zufriedenes
+Gesicht machte. Als Wulf sich dar&uuml;ber verwunderte, meinte sie: &raquo;Ja, so
+wie es heutigen<span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span> Tages zugeht, mu&szlig; man weinen, wenn eins kommt, und Gott
+loben, wenn es wieder geht!&laquo;</p>
+
+<p>Just kam ein Kerl aus dem Kruge, ging auf die Frau zu, fa&szlig;te sie um,
+obzwar die Frau nicht danach aussah, als ob sie einem Manne gefallen
+konnte, denn sie hatte kaum ein Lot Fleisch im Gesichte. Sie wehrte
+sich, aber der Kerl lachte und wollte sie vor sich hersto&szlig;en. Da ritt
+der Wulfsbauer hin, langte den Mann am Hosenbund hoch und setzte ihn so
+unsacht in einem Schlehbusch, da&szlig; der L&uuml;mmel f&uuml;r das erste darin blieb.</p>
+
+<p>&raquo;Das war mannhaft getan!&laquo; rief es hinter dem Bauern, und aus einem
+herrschaftlichen Wagen nickte ihm eine Edeldame zu, als er sich
+umdrehte. &raquo;Wie hei&szlig;t er?&laquo; fragte sie, und als er seinen Namen
+offenbarte, sagte sie: &raquo;Wenn er einmal eine Hilfe n&ouml;tig hat, die Gr&auml;fin
+Trutta von Merreshoffen kann ihm vielleicht die T&uuml;r aufmachen lassen.&laquo;
+Der Bauer zog den Hut: &raquo;Dann bin ich so frei, gn&auml;digste Gr&auml;fin, auf dem
+Fleck darum zu bitten. Ich habe den gro&szlig;en Wunsch, unserem
+allergn&auml;digsten Landesherrn eine Gemeindeangelegenheit vorzutragen, und
+ohne F&uuml;rsprache ist es wohl ein schweres Ding f&uuml;r einen einfachen
+Bauersmann, als wie ich bin, an ihn ranzukommen.&laquo; Die Gr&auml;fin lachte:
+&raquo;Melde er sich nur um elf Uhr; er kommt schon ran.&laquo; Sie nickte ihm zu,
+lachte noch einmal und fuhr weiter.</p>
+
+<p>Schlag elfe war der Bauer im Schlosse. Ein Lakai fragte ihn: &raquo;Was will
+er?&laquo; Wulf sah den kleinen Mann von oben an: &raquo;F&uuml;r ihn bin ich ein ihr und
+kein er,&laquo; gab er ihm auf den Kopf; &raquo;ich bin bei dem allergn&auml;digsten
+Herrn Herzog angemeldet!&laquo; Der Mann<span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span> machte ein dummes Gesicht, ging
+fort, und bald darauf kam ein anderer Diener, der den Peerhobstler in
+ein Zimmer f&uuml;hrte, in dem ein Offizier Wache stand; einige andere
+herrschaftliche Personen lauerten da auch schon. Alle sahen den Bauern
+an, der zwischen ihnen aussah, wie ein Eichbaum &uuml;ber lauter
+<dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangel</a></dfn>b&uuml;schen. Erst wurde ein kleiner alter Herr abgerufen, der
+gleich wiederkam und einem anderen zufl&uuml;sterte: &raquo;Sch&ouml;n Wetter heute!&laquo;
+Dann winkte der Offizier dem Bauern.</p>
+
+<p>Dem war anfangs erst etwas <dfn title="beklommen"><a href="#w9_1" class="gloss">benaud</a></dfn> zumute, aber als der Herzog ihm die
+Hand gab und ihn fragte: &raquo;Na, wo dr&uuml;cken ihn denn die <dfn title="H&uuml;hneraugen"><a href="#w9_2" class="gloss">Kr&auml;henaugen</a></dfn>?&laquo; da
+erz&auml;hlte er kurz, womit er hergekommen war. Der Herzog sah ihn ernst an:
+&raquo;Geht nicht, geht schlecht; k&ouml;nnten alle kommen. Schatzung mu&szlig; bezahlt
+werden! Wovon Wege erhalten, f&uuml;r Ordnung sorgen?&laquo; Er kniff sich die
+Stirn: &raquo;Will ihm was sagen, aber behalte er es f&uuml;r sich: will in
+Anbetracht der besonderen Umst&auml;nde Steuer aus meiner Tasche hinlegen auf
+f&uuml;nf Jahre. Dann m&uuml;&szlig;te ihr aber schatzen, wie die anderen alle. &Uuml;brigens
+aller Ehren wert, da&szlig; Kopf hochgehalten und Maul nicht h&auml;ngen gelassen
+wie Leithund. Habe schon von ihm geh&ouml;rt, das und,&laquo; er sah ihn scharf,
+aber nicht ungut an, &raquo;auch noch etwas anderes. Immer vorsichtig sein,
+sich nicht auf mich berufen, wenn es sich nicht um augenscheinliche
+R&auml;uber und M&ouml;rder handelt? Verstanden?&laquo; Der Bauer nickte.</p>
+
+<p>Der Herzog besann sich einen Augenblick, fragte nach der Ernte und ob im
+Bruche die Pest auch schon Quartier genommen hatte, und dann schmi&szlig; er
+Wulf das Wort zwischen die Beine: &raquo;Wer sind die Wehrw&ouml;lfe?&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span> Der
+Peerhobstler hob die Hand: &raquo;Dar&uuml;ber steht mir keine Rede zu!&laquo; Der Herzog
+machte eine krause Stirn: &raquo;Auch gegen mir &uuml;ber nicht?&laquo; Und als er wieder
+keine andere Antwort bekam, fragte er: &raquo;Geh&ouml;rt wohl selber dazu?&laquo; Dann
+aber lachte er und sagte: &raquo;Na, vielleicht besser so! Darf nicht alles
+wissen; sonst am Ende aufkommen daf&uuml;r. So schon Sorge genug! Schlimme
+Zeit, Gott sei's geklagt! Hoffen, bald anders wird! Halt er sich
+wacker!&laquo;</p>
+
+<p>Als Wulf die T&uuml;re im R&uuml;cken hatte, sah er lauter runde Augen um sich,
+und auf der Treppe zeigte ihm der Diener, der ihn heraufgebracht hatte,
+einen R&uuml;cken, so krumm, als wie ein <dfn title="Rotkehlchen"><a href="#w9_3" class="gloss">Rotbr&uuml;stchen</a></dfn> ihn zu machen pflegt,
+und er wollte ihn ausfragen; der Bauer aber stellte sich dumm und
+machte, da&szlig; er nach der Goldenen Sonne kam, hielt sich aber auch da
+nicht lange auf, sondern a&szlig; nur einen Happen zu seinem Schoppen und ging
+wieder los.</p>
+
+<p>Am Torkruge traf er die anderen Wehrw&ouml;lfe, die zu zweien und zu dreien
+vor und in dem Kruge standen oder sa&szlig;en und so taten, als ob der eine
+Teil den anderen nicht kannte. Es waren noch einige andere M&auml;nner da,
+auch der Kerl, der vorhin die Frau umgefa&szlig;t hatte, und jetzt kannte Wulf
+ihn, es war der Mensch, der sich damals in der Goldenen Sonne so
+verd&auml;chtig um sein Pferd angestellt hatte.</p>
+
+<p>Er hatte geh&ouml;rig einen sitzen und prahlte wie ein <dfn title="Eichelh&auml;her"><a href="#w6_12" class="gloss">Markwart</a></dfn> und, als der
+Bauer an den Tresen ging, schrie er: &raquo;Kannst du nicht die Tageszeit
+bieten, wenn du hereinkommen tust, wie sich das geh&ouml;ren tut, du Flegel?&laquo;
+Der Bauer ging auf ihn zu: &raquo;Ich will dich<span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span> beflegeln,&laquo; sagte er, und
+damit schlug er ihm mit dem Handr&uuml;cken gegen das Gesicht, da&szlig; der Kerl
+mit einem Male die Stiefel da hatte, wo eben der Hut gewesen war. Sofort
+sprang er wieder auf: &raquo;Hund,&laquo; br&uuml;llte er, &raquo;Hund von einem Dreckbauern,
+du mu&szlig;t sterben!&laquo; Er zog das Messer heraus, aber da warf ihm
+G&ouml;deckengustel einen Stuhl gegen die Schienbeine, da&szlig; der Kerl den
+Estrich unter sich verlor, und Scheelenludchen und Meineckenfritze
+langten ihn sich, nahmen ihm die Pistolen ab, walkten ihn, bis er so
+weich wie Quark war, und schmissen ihn vor die T&uuml;re, da&szlig; es man so
+<dfn title="stauben"><a href="#w2_10" class="gloss">m&uuml;lmte</a></dfn>. Er hinkte nach dem Stalle und holte sein Pferd. Als er
+aufsteigen wollte, legte ihm Wulf die Hand auf den Arm: &raquo;Wahre dich,
+Stehldieb, wahre dich! Es wachsen Birkenb&auml;ume und <dfn title="gedrehter Weidenzweig"><a href="#w5_4" class="gloss">Wieden</a></dfn> die Masse in
+der Haide. Du bist mir das zweitemal <dfn title="entgegenkommen"><a href="#w2_20" class="gloss">in die M&ouml;te gekommen</a></dfn>. Beim dritten
+Male ist Schlu&szlig; und du kommst unter die Wolfsangel zu h&auml;ngen.&laquo; Er hatte
+es ganz leise gesagt, aber Jasper Hahnebut verlor alle Farbe und
+zitterte so, da&szlig; er kaum auf das Pferd kommen konnte.</p>
+
+<p>Scheele lachte: &raquo;H&auml;tten ihm lieber gleich heute das Fliegen umsonst
+beibringen sollen!&laquo; Der Obmann sch&uuml;ttelte den Kopf: &raquo;Unter dem
+Stadtbann? das wollen wir lieber bleiben lassen!&laquo; Und als Menneke
+meinte: &raquo;Na, wenigstens war es ein kleiner Spa&szlig;!&laquo; da machte der
+Wulfsbauer eine krause Stirn und sagte: &raquo;Ich habe diese Sp&auml;&szlig;e dicke; es
+vergeht ja meist kein Tag, da&szlig; man seine Faust, oder was man gerade drin
+hat, nicht gebrauchen mu&szlig;. Und gerade heute w&auml;re ich meinen Weg
+liebendgern in Frieden gegangen.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span></p>
+
+<p>Es sollte aber noch besser kommen; als die Bauern eine Stunde geritten
+waren und an einem Fuhrenbusche vorbeikamen, knallte es; G&ouml;deckes Rappe
+stieg in die H&ouml;he und st&uuml;rzte zusammen. &raquo;Deckung nehmen!&laquo; schrie der
+Wulfsbauer und hob G&ouml;decke, der heil geblieben war, hinter sich; es
+knallte noch dreimal, aber die Kugeln fanden nicht zu den Reitern hin.
+&raquo;Umsonst nehmen wir nichts!&laquo; sagte Wulf; &raquo;reitet sofort los und holt
+soviel Leute, wie ihr kriegen k&ouml;nnt, und dann wollen wir die F&uuml;chse
+ausr&auml;uchern, die hinterh&auml;ltschen Hunde, denn dies geht mir doch &uuml;ber den
+Spa&szlig;. Ich passe derweilen auf, wo sie bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>Er band sein Pferd an einer Fuhre an und schlich sich mit G&ouml;decke von
+der R&uuml;ckseite so nah an den Busch, als es eben ging. Beide standen bis
+an die Lenden in einem alten Torfstiche und sahen hinter den
+Birkenb&uuml;schen dahin, wo die Wegelagerer sa&szlig;en. Es war ein Dutzend
+Tillyscher Soldaten, die sich unter dem Winde ein Feuer gemacht hatten,
+&uuml;ber dem sie einen Bratspie&szlig; hin und her drehten. Ab und zu stand einer
+auf, holte trockenes Holz und warf es in das Feuer.</p>
+
+<p>Es mochte eine Stunde vergangen sein, da fl&uuml;sterte der Wulfsbauer: &raquo;Pa&szlig;
+auf, Gustel, gleich geht es los!&laquo; Damit hing er sich den Bleikn&uuml;ppel
+&uuml;ber das Handgelenk und spannte die Pistolen. G&ouml;decke nickte und machte
+gleichfalls scharf, denn mit eins sprangen die Soldaten auf, sahen sich
+wild um, und man konnte ordentlich sehen, da&szlig; ihnen nicht sauber zumute
+war, denn sie liefen hin und her, b&uuml;ckten sich und sahen sich um wie
+Schafe im neuen Stall. Da h&ouml;rte Harm Wulf hinter sich ein Rotkehlchen
+ticken, und als sich umsah,<span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span> stand Thedel da, <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">griente</a></dfn> &uuml;ber das ganze
+Gesicht und fl&uuml;sterte: &raquo;Wir haben sie im Kessel, alle miteinander!&laquo; Dann
+dr&uuml;ckte er sich linkerhand in einen Busch.</p>
+
+<p>Kaum war er fort, da h&ouml;rte man ein Schreien: &raquo;Heiliges Marrija!&laquo; und
+hinterher kam es: &raquo;Hundsblutt verdammtiges, niddertr&auml;chtiges!&laquo; Der
+Wulfsbauer lachte im Halse: &raquo;Ja, ja, Blut um Blut,&laquo; fl&uuml;sterte er und sah
+mit blanken Augen dahin, wo die Soldaten hin und her liefen. Dann
+knallte es jenseits des Busches, und dann noch einmal und es roch nach
+Rauch, und dann wurde es hei&szlig; und mit einem Male brannte der Busch von
+unten bis oben und der Rauch schlug hin und her und da schrie es.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rst du, wie sie piepen, Gustel?&laquo; fl&uuml;sterte Wulf mit bl&auml;nkrigen Augen.
+Dann nahm er die Pistole hoch, strich an dem Baume an und scho&szlig;; sowie
+der Schu&szlig; fiel, h&ouml;rte Gustel einen Schrei und sah einen Mann, der
+lichterloh brennend aus dem Busche kam, in den <dfn title="Torfgrube"><a href="#w4_8" class="gloss">Abstich</a></dfn> fallen, da&szlig; es
+quatschte.</p>
+
+<p>In demselben Augenblicke fiel hinter dem Busche wieder ein Schu&szlig; und
+gleich darauf noch einer, und dann rechts einer und links einer, und
+dann h&ouml;rte man einen Schrei: &raquo;Erbarmung!&laquo; schrie es, aber blo&szlig; einmal.
+Vor G&ouml;decke kroch etwas Brennendes aus dem Busch heraus, schleppte sich
+bis an den Graben und sprang hinein, blieb einen Augenblick in dem
+nassen Moose liegen, drehte sich dort wimmernd hin und her und versuchte
+dann herauszuklettern, aber der Bauer lie&szlig; es dazu nicht kommen; er
+schlug mit dem Bleistock danach hin und es wurde still vor ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, das war der letzte,&laquo; meinte Wulf und<span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span> G&ouml;decke nickte. Da
+rief es auch schon hinter ihnen. Hermenharm, Ottenchristoph und
+Plessenotte kamen von der einen Seite an und von der anderen
+Hohlst&ouml;nnes, Hassenphilipp und Hornbostelwillem. Die sieben Fuhrberger
+Bauerns&ouml;hne waren na&szlig; wie die Katzen und hatten Gesichter und H&auml;nde wie
+die Kohlenbrenner, aber sie lachten unb&auml;ndig.</p>
+
+<p>&raquo;Die schie&szlig;en nicht wieder auf ehrliche Leute,&laquo; sagte G&ouml;deckengustel.
+Hermenharm sch&uuml;ttelte den Kopf: &raquo;Sicher nicht, und alte Weiber schlagen
+sie auch nicht mehr bis auf den Tod. L&uuml;deckenmutter haben sie ein Schaf
+weggenommen und sie geschlagen, als sie kein Geld hatte, da&szlig; sie nun
+daliegt und Blut spuckt. Lumpenzeug! Aber nun braucht der Wolf und der
+Fuchs kein Messer; sie werden alle so schon m&uuml;rbe genug sein! Alle haben
+sie daran glauben m&uuml;ssen, alle mitsamt. Schade, da&szlig; es nicht mehr waren.
+Und nun wollen wir l&ouml;schen!&laquo;</p>
+
+<p>Die Arbeit war bald getan, denn &uuml;ber den Moorgraben konnte das Feuer
+nicht, rechts lag ein Sandfeld und links war eine Torfkuhle neben der
+anderen, und hinter dem Busche ein nasses <dfn title="Sumpf"><a href="#w4_9" class="gloss">Flatt</a></dfn>. &raquo;H&auml;tten sie sich vorher
+gut umgesehen,&laquo; meinte Ottenchristoph, &raquo;dennso w&auml;re manch einer von
+ihnen uns wohl noch fortgekommen. Aber sie waren ja so unklug wie die
+Schafe, wenn es brennt, und wo der eine hinlief, mu&szlig;te der andere auch
+hin.&laquo;</p>
+
+<p>Sie lachten alle, nur der &Ouml;dringer Burvogt machte ein b&ouml;ses Gesicht.
+&raquo;Wenn es so beibleibt, kommen wir heute nicht mehr nach Hause, Thedel,&laquo;
+brummte er. &raquo;Da&szlig; man noch nicht einmal in Moor und Bruch<span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span> seines Lebens
+sicher ist! &Uuml;berall treibt sich das Beistervolk jetzt rum, wo man es
+nicht vermutet. Beim besten Willen kann man jetzt nicht &uuml;ber Land
+reiten, ohne sich die H&auml;nde rot zu machen.&laquo;</p>
+
+<p>So war es in der Tat. Als sie das Feuer <dfn title="d&auml;mpfen, w&uuml;rgen"><a href="#w3_16" class="gloss">ged&uuml;mpt</a></dfn> hatten und die
+Fuhrberger nach Hause geritten waren und Wulf und Thedel, und die drei
+anderen auf der H&ouml;he von &Ouml;dringen waren, heulte hinter ihnen der Wolf;
+Thedel gab Antwort, und da kamen zwei Bauern angeritten, da&szlig; das Feuer
+aus dem Kies schlug. Viekenludolf und Sch&uuml;tte waren es.</p>
+
+<p>&raquo;Auf Tornhop war Danzefest,&laquo; schrie der Rammlinger, &raquo;und Schlachtefest
+dabei! Na, es ist noch halbwege gut gegangen; wir kriegten fr&uuml;h genug
+Wind in die Nase und haben den Leuten gezeigt, was Landesbrauch in der
+Haide ist.&laquo; Mit einem Male machte er ein anderes Gesicht: &raquo;Den sch&ouml;nen
+Hof hat das Gesindel nat&uuml;rlich angesteckt, und Steers Wieschen, die da
+als Magd diente, mu&szlig;te ihnen gerade in die M&ouml;te gelaufen sein, denn die
+fanden wir tot im Busche liegen; die anderen haben sich aber alle bergen
+k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>Harms Halbbruder knurrte durch die Z&auml;hne und wurde rot und blau unter
+den Augen. &raquo;Es wird wohl nicht anders kommen, als da&szlig; wir alle unsere
+D&ouml;rfer anstecken und uns im Bruche bergen m&uuml;ssen. Ich bin gestern zwei
+Pferde und das ganze Federvieh losgeworden. Was soll man machen, wenn
+drei&szlig;ig, vierzig solche Kerle auf einmal ankommen? Vor dem, was einzeln
+in der Haide heruml&auml;uft, braucht man ja keine Bange zu haben. Drei von
+dem Ungeziefer haben wir vorgestern im Mastbruche angetroffen. Nun bitte
+ich<span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span> einen Menschen, was tun die da mitten in der Wildnis?&laquo; Er lachte.
+&raquo;Na, wenn es euch hier so gut gef&auml;llt, sollt ihr da auch bleiben,&laquo; sagte
+unser Krischan und machte den Finger krumm, &raquo;und ich auch.&laquo;</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer hatte seine gute Laune schon lange verloren und machte
+ein Gesicht wie eine <dfn title="Waldkauz"><a href="#w9_4" class="gloss">Kattule</a></dfn>, und Thedel sah aus wie ein Zaunigel.
+&raquo;Immer und immer kommt einem was dazwischen,&laquo; spuckte er, und Harm wu&szlig;te
+wohl, was er meinte, denn Thedel hatte noch Gras schneiden wollen, wenn
+er fr&uuml;h genug nach Hause kam, und jetzt war es meist Abend.</p>
+
+<p>In der Schweineriede br&uuml;llte ein <dfn title="Rohrdommel"><a href="#w9_5" class="gloss">Moorochs</a></dfn>, die Enten flogen um und von
+der <dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn> h&ouml;rte man den Uhu rufen. <dfn title="der Nebel steigt"><a href="#w9_6" class="gloss">Der Fuchs braute</a></dfn> in den Gr&uuml;nden und
+&uuml;ber dem Halloberge war der Himmel so rot wie ein M&auml;dchenrock.</p>
+
+<p>Sie ritten langsam, und als sie vor dem <dfn title="Luginsland"><a href="#w7_10" class="gloss">Auskiek</a></dfn> waren, machte Thedel den
+Wolf. &raquo;Kannst man stille sein, Thedel,&laquo; rief es vor ihnen, und
+Bollenkrischan kam hinter einem <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangel</a></dfn> vor. &raquo;Na, du wirst dich
+wundern, wenn du auf den Hof kommen wirst, <ins class="correction" title="Burgvogt">Burvogt</ins>,&laquo; lachte
+er dann; &raquo;es ist Besuch bei dir angekommen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Bauer ri&szlig; die Augen auf: &raquo;Besuch?&laquo; Der andere nickte: &raquo;Jawoll,
+Mensch, feiner Besuch, Besuch aus dem Seebenspring!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Krischan!&laquo; schrie der Bauer und b&uuml;ckte sich ganz tief, &raquo;Krischan, ist
+das wahr? Und was denn, ein Junge oder eine Deern?&laquo;</p>
+
+<p>Bolle zog seinen Mund ganz breit: &raquo;Ein Junge und eine Deern, Wulfsbauer!
+Um Uhre viere der Junge<span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span> und eine Stunde hinterher das M&auml;dchen. Und was
+die B&auml;uerin ist, der geht es soweit gut, und den beiden L&uuml;tjen auch.&laquo;</p>
+
+<p>Wulf machte ein Gesicht wie ein Pfingstmorgen. &raquo;Thedel,&laquo; rief er, &raquo;hast
+du geh&ouml;rt, Thedel? Zwei auf einmal! Junge, nun bin ich dir aber doch
+&uuml;ber! Fixer warst du ja; na, daf&uuml;r hast du ja auch 'ne Frau, die Hille
+hei&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ja auch ein gro&szlig;er Bauer,&laquo; sagte Thedel und lachte, &raquo;und ich
+habe man eine kleine Stelle und mu&szlig; es auch darin langsam angehen
+lassen.&laquo;</p>
+
+<p>Wenn Harm h&auml;tte sagen sollen, wie er auf den Hof gekommen war, er h&auml;tte
+das nicht gekonnt. &raquo;Deubel, M&auml;dchen,&laquo; sagte Thedel, als er bei seiner
+Frau sa&szlig; und zusah, wie die ihren Jungen stillte, &raquo;Deubel, ist der Bauer
+geritten! Ich mu&szlig;te man in einem fort rufen: wahr dich! denn es war mir
+meist so, als k&uuml;mmerte er sich den Kuckuck um die Wolfskuhlen.&laquo;</p>
+
+<p>Als er das erz&auml;hlte, sa&szlig; der Bauer vor der <dfn title="Alkoven"><a href="#w2_21" class="gloss">Butze</a></dfn>, hatte seinen einen Arm
+unter dem Nacken seiner Frau und ihre H&auml;nde in seiner linken Hand.
+&raquo;Meine Johanna!&laquo; sagte er, &raquo;meine gute Frau! Ist das ein Gl&uuml;ck und ein
+Segen!&laquo; Er sah dahin, wo zwei, drei, vier Kinderh&auml;nde auf der Bettdecke
+zugange waren, sch&uuml;ttelte den Kopf, lachte und gab seiner Frau einen Ku&szlig;
+auf den Mund, aber blo&szlig; so sachte hin, denn er sah, da&szlig; ihr die Augen
+wieder zufallen wollten, und als Duwenmutter ihm zuwinkte, ging er aus
+der <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn> und stellte sich vor die gro&szlig;e T&uuml;re.</p>
+
+<p>Ihm war ganz dumm im Kopf. Nun hatte er wieder zwei Kinder! Und eine
+Frau, so sch&ouml;n und so klug<span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span> und so gut! Er sah &uuml;ber das Bruch nach den
+Haidbergen, &uuml;ber denen der Himmel immer noch hell war. In den <dfn title="Erle"><a href="#w4_7" class="gloss">Ellern</a></dfn>
+schlug eine Nachtigall, die Fr&ouml;sche waren am Prahlen, der Ziegenmelker
+pfiff und klappte mit den Fl&uuml;geln und die Luft brachte den Geruch von
+allerlei Blumen her.</p>
+
+<p>Er ging in das Haus zur&uuml;ck und a&szlig;, aber hinterher ging er noch einmal um
+den Hof, denn er hatte Grieptoo und <dfn title="Haltfest, alter Hundename"><a href="#w9_7" class="gloss">Holwi&szlig;</a></dfn> knurren h&ouml;ren, aber das taten
+sie wohl blo&szlig;, weil hinten in der Haide ein Wolf heulte. Dem Bauern war
+sonderbar zumute geworden; als er sich umdrehte, sah er, da&szlig; der Himmel
+&uuml;ber dem Halloberge immer heller wurde, aber nicht so, als ob da ein
+Feuer war, sondern mehr, als wenn die Sonne schon wieder in die H&ouml;he
+kommen wollte. Ganz rot wurde es da, und immer heller, und lange blaue
+Striche waren darin zu sehen.</p>
+
+<p>Er sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Was das nun wieder f&uuml;r ein Unsinn ist?&laquo; dachte
+er; &raquo;ist das jetzt ein gutes Wahrzeichen oder ein schlimmer Vorspuk?&laquo;
+Dann war es ihm, als ob in dem roten Schein, und gewi&szlig; und wahrhaftig,
+er konnte es ganz deutlich sehen, da&szlig; eine gro&szlig;e, schwarze Wolfsangel
+sich am Himmel bildete, die dort lange stehen blieb, bis sie
+auseinanderging, und der rote Schein allein noch &uuml;ber dem Berge war,
+sch&ouml;n anzusehen.</p>
+
+<p>Er nahm das f&uuml;r kein schlechtes Zeichen. Eine Weile noch w&uuml;rde die
+Wolfsangel in Kraft bleiben m&uuml;ssen und die Wehrw&ouml;lfe hatten das Bruch zu
+h&uuml;ten, aber dann w&uuml;rde es sich aufkl&auml;ren, Friede w&uuml;rde es sein auf Erden
+und statt Heulens und Z&auml;hneklapperns w&uuml;rde<span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span> Jubel und Frohlocken auf den
+Gefilden sein. So dachte er, als er im Einschlafen war.</p>
+
+<p>Vorl&auml;ufig aber wurde es damit noch nichts. Oft genug noch heulte der
+Wolf in der Haide, mehr als einmal jagten die Tagboten hin und her und
+die Dreiunddrei&szlig;ig hatten mehr Arbeit, als ihnen recht war, und die
+Hundertelfe kamen nicht viel zur Ruhe. Sie waren es alle reichlich leid,
+das Landh&uuml;ten und das Schandwehren; manch einer von ihnen kam nicht mehr
+recht zum Lachen, au&szlig;er Viekenludolf, aber bei dem kam es auch nicht so
+recht aus dem Herzen, denn den einen Abend hatte er noch ein h&uuml;bsches
+M&auml;dchen im Arm gehabt und am anderen mu&szlig;te er dabeistehen und zusehen,
+wie sie begraben wurde, und es war ihm man ein schlechter Trost, da&szlig;
+anderthalb Dutzend D&auml;nen, die den Hof &uuml;berfallen hatten, steif und kalt
+unter der Erde lagen.</p>
+
+<p>Es wurde schlimmer als je vordem. Als es sich herumsprach, da&szlig; der Tilly
+den D&auml;nenk&ouml;nig bei Lutter geschlagen hatte und hinter ihm her war, war
+die Angst vor ihm gro&szlig; im Lande, aber die D&auml;nen trieben es eher &auml;rger
+als die Kaiserlichen; wo sie hinliefen, hinterlie&szlig;en sie Asche, Schutt
+und Not, und waren sie vorbei, dann kamen die Waldsteinschen und w&uuml;teten
+wie die Besessenen. Zwar hie&szlig; es mit einem Male, da&szlig; es Frieden geben
+sollte, denn Tilly war in Celle und verhandelte mit dem Herzoge, aber es
+kam nur noch schlimmer; so schlimm wurde es, da&szlig; Viekenludolf ein ganz
+anderes Lachen bekam.</p>
+
+<p>&raquo;Drewes,&laquo; sagte er und schlug mit der Faust auf den Tisch, da&szlig; der Hund
+an zu bellen fing; &raquo;bislang war<span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span> das ja mehr ein Spa&szlig;, wenn es auch
+manch einem nicht so vorkam, dem wir das Luftholen abgew&ouml;hnten; jetzt
+aber h&ouml;rt sich die Gem&uuml;tlichkeit auf! Wehrw&ouml;lfe waren wir; jetzt m&uuml;ssen
+wir Bei&szlig;w&ouml;lfe werden. Der Wulfsbauer denkt genau so, Drewes! Wer heute
+nicht zubei&szlig;t, der wird gebissen. Man kommt ja nicht mehr zu seiner
+Ruhe, und es ist wahrhaftig bald eine Woche her, da&szlig; ich in einem
+ordentlichen Bette war. Und wie sieht es im Lande aus! Hunger und Pest
+und Pest und Hunger, wohin man sehen tut. Wer nicht umgebracht wird, der
+h&auml;ngt sich auf oder springt in das Wasser. Ein Donnerwetter soll da
+reinschlagen!&laquo;</p>
+
+<p>Er sorgte daf&uuml;r, da&szlig; es oft genug einschlug, denn seitdem der Wulfsbauer
+<dfn title="verheiratet"><a href="#w9_8" class="gloss">befreit</a></dfn> war, hatte er das Leit in die Hand nehmen m&uuml;ssen, und das hatte
+er gern getan, denn das Ackern hatte doch keinen Zweck mehr. Kaum war
+der Hafer unter Dach und Fach, so fra&szlig;en ihn fremde Pferde, und wer Brot
+backte, der tat es f&uuml;r andere Leute. So lag denn Viekenludolf mit seinen
+Leuten meist in Busch und Haide herum und die anderen Obm&auml;nner auch, und
+wenn sie zusammenkamen, dann hie&szlig; es: &raquo;Na, wer hat nun die meisten L&auml;use
+geknickt?&laquo; Und der bester Mann war, der mu&szlig;te einen ausgeben.</p>
+
+<p>Wie die W&ouml;lfe, so wurden sie alle miteinander, die M&auml;nner. Wehe dem, den
+sie fingen. Hatten sie Zeit genug, dann war ihnen das Blei zu schade und
+die <dfn title="gedrehter Weidenzweig"><a href="#w5_4" class="gloss">Wiede</a></dfn> zu milde, und gr&auml;&szlig;liche Dinge trugen sich in <dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn> und Haide
+zu. Als Wulf an einem m&auml;chtig kalten Wintertage mit Schewenkasper,
+seinem neuen Knechte, durch die Haide ritt, sahen sie &uuml;ber einem<span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span>
+Fuhrenhorst etliche Raben umschichtig auf und nieder gehen, und als sie
+hinkamen, fanden sie vier splitterfasernackte M&auml;nner, die zwischen die
+B&auml;ume gebunden waren. Drei davon waren schon totgefroren, der eine
+jappte noch.</p>
+
+<p>Schewenkasper war Knecht auf dem Tornhope gewesen, der von den d&auml;nischen
+Mordhunden niedergebrannt war, und Steers Wieschen, die da als Magd
+gedient hatte und ihr Leben lassen mu&szlig;te, weil sie dem Schandvolke
+gerade in den Weg gelaufen war, das war sein Schatz gewesen. Kasper
+hatte fr&uuml;her schon nicht viel gesagt und blo&szlig; gelacht, wenn es gar nicht
+anders gehen wollte, aber jetzt sprach er kaum mehr und das Lachen hatte
+er ganz verlernt, au&szlig;er wenn er den Hoferben oder das kleine M&auml;dchen
+wartete, das Rose hie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Du h&auml;ttest man auch gleich ein Frauensmensch werden sollen,&laquo; pflegte
+Mieken zu sagen, wenn er sich mit den Kindern abgab; &raquo;was ist das f&uuml;r
+ein Werk? Schleppst dich da in einem fort mit den Kr&ouml;ten ab und andere
+Leute h&uuml;ten das Land!&laquo; Kasper aber sagte nichts und lie&szlig; vor Bartolds
+und Roses Nasen einen Hampelmann tanzen, da&szlig; es klingelte und klapperte,
+denn er hatte ihn von oben bis unten mit Perlen und bunten Steinen
+beh&auml;ngt, die er bei einem Waldsteiner Hauptmann im Hosensack gefunden
+hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Dumme Trine!&laquo; dachte er, als er Miekens roten Rock nicht mehr sah,
+&raquo;dumme Trine!&laquo; Und w&auml;hrend er den Hampelmann tanzen lie&szlig;, dachte er an
+den Abend, als er mit G&ouml;deckengustel und Scheelenludjen und Bollesbernd
+an der Heerstra&szlig;e auf Anstand gewesen war. &raquo;Alle Tage ist Jagdtag, aber
+nicht alle Tage ist<span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span> Fangtag,&laquo; hatte <dfn title="Ludwig"><a href="#w3_4" class="gloss">Ludjen</a></dfn> gesagt, als es schon an zu
+<dfn title="d&auml;mmern"><a href="#w4_5" class="gloss">schummern</a></dfn> fing. Aber dann hatte er das Ohr auf die Erde gelegt. &raquo;Die
+Hirsche ziehen!&laquo; fl&uuml;sterte er und machte sich fertig. Vier Reiter kamen
+in hellem Galopp an.</p>
+
+<p>Da ri&szlig; Bernd an einer Schnur, die auf der Stra&szlig;e lag, ein wei&szlig;er Lappen
+flog vor den Pferden auf, da&szlig; sie scheuten, und dann knallte es dreimal
+und dann noch einmal, und Kasper machte ein ganz dummes Gesicht, als auf
+sein Teil f&uuml;nf blanke Dukaten, ein Paar neue Stiefel und noch allerlei
+Kram kam, so die bunte Kette, die der Hauptmann in der Tasche hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, jetzt, wo es zu sp&auml;t ist, Wieschen,&laquo; dachte er, &raquo;da haben wir das
+Geld! Was soll ich jetzt mit dem Schiet?&laquo; Er gab es dem Bauern zum
+Aufheben, denn er brauchte nichts als Essen und Kleider, und die waren
+billig, denn es wuchs davon genug in der Haide, wenn man sich darauf
+verstand. Und Schewenkasper verstand sich darauf. Es war ihm wahrhaftig
+nicht um die Beute zu tun, aber wenn er mit den anderen mal wieder ein
+paar D&auml;nen oder Kaiserliche, oder was es sonst war, beiseite gebracht
+hatte, dann dachte er: &raquo;So, ihr bringt anderer Leute M&auml;dchen nicht mehr
+um!&laquo; Wenn er dann mit den Kindern Huckepack und Hopphoppreiter spielte,
+dann sah er aus, als h&auml;tte er nie einen Finger krumm gemacht.</p>
+
+<p>Viel machte er sich auch nicht daraus, &raquo;aber Arbeit ist Arbeit,&laquo; dachte
+er, wenn er wieder einmal heranmu&szlig;te. Viel lieber war es ihm schon, wenn
+er rechtschaffen arbeiten konnte oder Wolfsfallen bauen mu&szlig;te, denn die
+W&ouml;lfe nahmen ganz gef&auml;hrlich zu und auch die Luchse sp&uuml;rten sich wieder
+mehr, weil keiner ihnen<span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span> wehrte, da schlimmere Biester, die wie Menschen
+aussahen, aber die reinen Teufel waren, sich mehr als n&ouml;tig blicken
+lie&szlig;en. Schneller als sonst bekamen die Bauern Falten um den Mund, und
+mancher Sohn war schon mit vierzig Jahren so grau, wie sein Vater es
+kaum mit sechzig war.</p>
+
+<p>Harm Wulf war noch immer ein junger Kerl, aber als sein Hof abgebrannt
+war, war ihm Asche auf den Kopf geflogen und Ru&szlig; in die Augen gekommen
+und Rauch in den Mund. Wenn er seine sch&ouml;ne Frau und seinen beiden
+gesunden Kinder ansah, wurden seine Augen wieder hell und seine Lippen
+gingen auseinander; sein Haar aber war und blieb an den Seiten grau, und
+nicht oft mehr fl&ouml;tete er das <dfn title="ein bekanntes altes Lied"><a href="#w1_23" class="gloss">Brummelbeerlied</a></dfn>.</p>
+
+<p>An einem Juliabend aber h&ouml;rte die B&auml;uerin, wie er fl&ouml;tete, als er dem
+Knechte den Fuchs gab. Er ging auf sie zu, fa&szlig;te sie um und sagte:
+&raquo;Freue dich, Johanna, es wird Frieden! die D&auml;nen ziehen ab. Ich habe es
+in Burgdorf als fest und sicher vernommen.&laquo; Die Frau machte ihr
+gl&uuml;cklichstes Gesicht, aber dann fa&szlig;te sie sich mit der Hand nach der
+Brust und verlor alles Blut aus den Backen; gleich darauf aber lachte
+sie wieder und sagte: &raquo;Es war die gro&szlig;e Freude, Harm. Frieden! Ja, den
+w&uuml;nscht sich wohl ein jeder. Gott sei Lob und Dank!&laquo;</p>
+
+<p>Es war ein sch&ouml;ner Abend. Der Himmel &uuml;ber dem Haidberge war rot, die
+Rosen rochen stark und in dem <dfn title="Riedgras"><a href="#w6_5" class="gloss">Risch</a></dfn> an der <dfn title="Bach"><a href="#w7_28" class="gloss">Beeke</a></dfn> sang ein Vogel ganz
+wundersch&ouml;n. Der Bauer und die B&auml;uerin sa&szlig;en auf der Gartenbank und
+sahen in den Abend. Ab und zu rief eine Eule in der <dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn>, oder eine
+Ente schnatterte an der<span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span> <dfn title="Bach"><a href="#w7_28" class="gloss">Beeke</a></dfn> und unter dem Dache piepten die jungen
+Schwalben. Die B&auml;uerin hatte ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes
+gelegt und hatte ein Gesicht wie ein Kirchenengel. &raquo;Frieden, Frieden!&laquo;
+fl&uuml;sterte sie und bekam nasse Augen.</p>
+
+<p>Aber so schnell vertrugen sich die hohen Herren nicht. Zwar die D&auml;nen
+zogen ab, aber die anderen blieben, und noch manches Mal war der Himmel
+rot von etwas anderem als von der Abendsonne, und die Wehrw&ouml;lfe mu&szlig;ten
+mitten in der Ernte die Sensen liegen lassen und die Kugelb&uuml;chsen hinter
+dem <dfn title="Schrank"><a href="#w9_9" class="gloss">Schapp</a></dfn> herkriegen, denn allzusehr dr&uuml;ckten die Kaiserlichen das
+Land, obzwar der Herzog treu zu dem Kaiser stand, soviel ihm das auch
+verdacht wurde. Der Hunger und die Not wurden so gro&szlig; im Lande, da&szlig; die
+rechtlichsten Bauern nicht mehr anders leben konnten, als wenn sie auf
+Mord und Raub ausgingen. Das war dann das Allerschlimmste, wenn die
+Wehrgenossenschaft Hand an Leute legen mu&szlig;te, die vordem kein anderes
+Blut vergossen hatten als das von Vieh und Gefl&uuml;gel.</p>
+
+<p>Es war an einem Aprilabend, als der Wulfsbauer abgerufen wurde. Von
+Mellendorf her war eine Bande von R&auml;ubern gemeldet, die den Weg auf das
+Bruch zu nehmen sollte. Bauern aus dem Kalenbergischen, der Neust&auml;dter
+Gegend und aus dem Stifte Hildesheim waren es, die l&auml;ngst kein Dach mehr
+hatten, unter dem sie schlafen konnten. &raquo;Dieses St&uuml;ck will mir nicht
+gefallen,&laquo; sagte Drewes zu Wulf; &raquo;fremde V&ouml;lker, wenn es die noch w&auml;ren,
+da kommt es auf ein paar mehr oder weniger nicht an! Aber diese Leute
+da, die blo&szlig; der Hunger soweit gebracht hat, das ist, als wenn man<span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span>
+seinen besten Hund an den Kopp schie&szlig;en mu&szlig;, wenn er die Dollwut hat. Es
+sind doch Menschen wie unsereins!&laquo;</p>
+
+<p>Der Peerhobstler nickte. &raquo;Wei&szlig;t du,&laquo; sagte er, &raquo;das beste ist, wir geben
+ihnen auf, da&szlig; sie einen anderen Weg nehmen; vielleicht, da&szlig; sie
+Verstand annehmen. Ich will ihnen das sagen. Ich glaube kaum, da&szlig; einer
+von ihnen ein Schie&szlig;gewehr hat, und wenn schon, so f&auml;llt er um, wenn er
+Dampf macht. Da ist keiner bei, der noch ein Kalb festhalten kann, wenn
+es weg will. Am Dietberge habe ich sie dicht an mir vorbeiziehen sehen;
+ordentlich elend ist mir dabei geworden!&laquo;</p>
+
+<p>Der Engenser sch&uuml;ttelte den Kopf: &raquo;Es ist besser, ich mache das. St&ouml;&szlig;t
+mir etwas zu, dann ist das weiter nicht schlimm; meine Kinder sind gro&szlig;
+genug, um sich selber zu helfen; deine aber nicht. Zudem kommt mir das
+als Oberobmann auch mehr zu.&laquo;</p>
+
+<p>Der Junge, den er bei sich hatte, kroch hinter den krausen Fuhren her
+und sagte den W&ouml;lfen Bescheid. &raquo;Der reinste <dfn title="Unsinn"><a href="#w9_10" class="gloss">Duffsinn</a></dfn> ist das nun
+wieder,&laquo; knurrte Viekenludolf; &raquo;Drewes wird alt und bei kleinem taugt er
+nicht mehr zum Obmann. Mich soll blo&szlig; wundern, was dabei herauskommt;
+was Gutes bestimmt nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Er sollte recht behalten. Kaum war Drewes hinter dem Busche heraus und
+hatte eben gerufen: &raquo;Leute, ich rate euch zum Guten; bleibt hier weg,
+die Welt ist gro&szlig; genug!&laquo; da zog ein langer Kerl, der einen roten
+Frauenrock als Mantel umgeh&auml;ngt hatte, eine Pistole heraus, schrie:
+&raquo;Dennso mach uns Platz!&laquo; und scho&szlig; den Engenser &uuml;ber den Haufen.</p>
+
+<p>Er und sechs andere lagen beinahe in demselben<span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span> Augenblicke da und
+f&auml;rbten den Sand rot, und eine Viertelstunde sp&auml;ter liefen zwei Drittel
+der Bande den Weg zur&uuml;ck, den sie gekommen waren, ohne sich nach denen
+umzusehen, die in der Haide liegenblieben; aber davon wurde Drewes nicht
+besser; er lag mit dem R&uuml;cken gegen einen <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangel</a></dfn>busch, st&ouml;hnte und
+hielt sich den Unterleib, denn da hatte er den Schu&szlig; hinbekommen.</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer untersuchte den Einschu&szlig;. &raquo;Wei&szlig;t du was, Drewes,&laquo; meinte
+er, &raquo;was das beste ist? Wir tragen dich zu mir. Einmal ist es bis dahin
+der ebenste Weg und dann liegst du da am ruhigsten, und hast au&szlig;erdem
+die beste Pflege, denn was meine Frau ist, die versteht sich auf sowas
+vorz&uuml;glich.&laquo;</p>
+
+<p>Drewes war das zufrieden, vorausgesetzt, da&szlig; anderen Tags sein Wieschen
+kam, denn die k&ouml;nne er um sich nicht missen, sagte er. Sie kam auch. Der
+Wulfsbauer machte gro&szlig;e Augen, als er sie sah, denn er hatte sie lange
+nicht gesehen, wenn er auch oft genug auf dem Dreweshofe gewesen war.
+&raquo;Ein Bild von einem M&auml;dchen ist das ja geworden!&laquo; dachte er, als sie vor
+ihm stand und ein um das andere Mal wei&szlig; und rot aussehend wurde. &raquo;Was
+hat sie blo&szlig;?&laquo; dachte er, als er das sah, aber dann k&uuml;mmerte er sich
+weiter nicht um sie.</p>
+
+<p>Mit ihrem Vater stand es besser, als es zuerst aussah. Die Wulfsb&auml;uerin
+hatte die Kugel gleich gefunden und herausgenommen, aber dem Engenser
+gesagt, unter zwei Wochen d&uuml;rfte er nicht aus dem Bette. &raquo;Na, Langeweile
+sollst du nicht haben,&laquo; meinte sie, &raquo;erstens hast du ja Wieschen, und
+wenn ich Zeit habe, will ich dir immer etwas vorlesen.&laquo;</p>
+
+<p>Das war Drewes sehr zufrieden, denn in der letzten<span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span> Zeit war er immer
+fr&ouml;mmer geworden. &raquo;Wieschen, kannst da auch sitzen gehen!&laquo; rief er, wenn
+die B&auml;uerin mit der Bibel kam; &raquo;das tut dir auch keinen Schaden, wenn du
+zuh&ouml;rst.&laquo; Aber meistens hatte Wieschen dies oder das zu tun, und wenn
+sie endlich kam, dann wurde sie umschichtig wei&szlig; und rot, wenn die Frau
+sie ansah, so da&szlig; die aus ihr nicht klug werden konnte, zumal das
+M&auml;dchen beim Essen kein eines Mal aufsehen mochte und an jedem Bissen
+herumw&uuml;rgte.</p>
+
+<p>Den einen Vormittag stand die B&auml;uerin in der <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn> und sah Wieschen zu,
+die im Garten mit den Kindern spielte, denn das tat sie, sobald es eben
+anging. Da kam der Bauer und nickte dem M&auml;dchen freundlich zu, und die
+Frau sah, da&szlig; ihr die Brust auf und ab ging und da&szlig; sie erst ganz wei&szlig;
+im Gesichte wurde und sich dann rot ansteckte. Der Bauer lachte, als er
+sie so dasitzen sah: &raquo;Mu&szlig;t sehen, da&szlig; du auch bald zu welchen kommst,&laquo;
+rief er lustig; &raquo;mich wundert &uuml;berhaupt, da&szlig; du noch immer <dfn title="beschrieen &ndash; verheiratet"><a href="#w9_11" class="gloss">unbeschrien</a></dfn>
+bist. Die Engenser Jungens m&uuml;ssen wohl alle keine Augen haben!&laquo; Damit
+ging er um die Hausecke.</p>
+
+<p>Da ging der B&auml;uerin mit einem Male ein Licht auf, denn das M&auml;dchen sah
+hinter dem Bauern her, gleich als h&auml;tte er ihr ein gro&szlig;es Unrecht
+angetan, k&uuml;&szlig;te den Jungen, den sie auf dem Scho&szlig;e hatte und der seinem
+Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war, wie unklug, und dann hielt
+sie die Hand vor die Augen und weinte, da&szlig; es sie sch&uuml;ttelte.</p>
+
+<p>Die Frau fa&szlig;te mit der Hand nach ihrem Mieder, trat vom Fenster zur&uuml;ck
+und setzte sich in den <dfn title="Lehnstuhl mit Kopfst&uuml;tzen"><a href="#w9_12" class="gloss">Ohrenstuhl</a></dfn>; sie holte tief Luft und griff sich
+ein &uuml;ber das<span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span> andere Mal nach der Brust. Aber dann stand sie auf, ging
+in den Garten, nahm dem M&auml;dchen die Hand von den Augen weg und sagte:
+&raquo;Du bangst dich wohl nach eurem Hofe? In drei, vier Tagen, denke ich,
+kann dein Vater wieder hin.&laquo; Und dabei strich sie ihr &uuml;ber die Backe.</p>
+
+<p>Nach dem Mittag war sie mit ihr allein im Hause, Drewes schlief, der
+Bauer war mit Ul und dem Knecht nach den Koppeln gegangen und Mieken war
+in den Busch nach Feuerholz geschickt.</p>
+
+<p>&raquo;So,&laquo; sagte die Frau und zog das M&auml;dchen neben sich auf die Bank, &raquo;nun
+wollen wir beiden gro&szlig;en Frauensleute es uns aber einmal gem&uuml;tlich
+machen. Die Kinder schlafen wie die <dfn title="Iltis"><a href="#w7_25" class="gloss">Ilke</a></dfn>.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen wurde wei&szlig; und rot und konnte der Frau nicht in die Augen
+sehen. Die nahm sie bei der Hand: &raquo;Das ist mir doch verwunderlich, da&szlig;
+ein M&auml;dchen als wie du noch keinen an der Hand hat. Machst du dir aus
+den Mannsleuten nichts? Denn da&szlig; sie sich aus dir nichts machen sollten,
+das redet mir doch keiner ein!&laquo;</p>
+
+<p>Dem M&auml;dchen ging die Brust auf und ab; sie wu&szlig;te nicht, wo sie mit den
+Augen bleiben sollte und w&uuml;rgte als ob ihr etwas im Halse steckte.
+&raquo;Wieschen,&laquo; sagte die Frau und legte ihr den Arm um die Schulter, &raquo;ich
+wei&szlig; mehr als du dir denkst. Bleib ruhig sitzen, wir m&uuml;ssen einmal ganz
+offen reden.&laquo;</p>
+
+<p>Sie nahm die Hand des M&auml;dchens und legte sie an ihr Mieder: &raquo;F&uuml;hlst du,
+wie mein Herz arbeitet?&laquo; Sie zog den Kopf des M&auml;dchens an ihre Brust:
+&raquo;Jetzt kannst du es ganz genau h&ouml;ren.&laquo; Wieschen fuhr in die H&ouml;he und sah
+die Frau ganz erschrocken an.<span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Ja, M&auml;dchen,&laquo; sagte sie dann, &raquo;jetzt arbeitet es wie wild, und zuzeiten
+ist es, als ob ich &uuml;berhaupt keins habe. Bei meinem Zwillingsbruder war
+es just so; mitten im hellen Lachen fiel er um und <dfn title="ohnm&auml;chtig werden"><a href="#w10_7" class="gloss">blieb uns weg</a></dfn>. Und so
+wird es mit mir auch gehen. Seitdem ich so Schreckliches mit ansehen
+mu&szlig;te, ist es ganz schlimm damit geworden. Wenn ich mich blo&szlig; ein ganz
+bi&szlig;chen <dfn title="erschrecken"><a href="#w4_1" class="gloss">verjage</a></dfn>, oder wenn ich mich sehr freuen mu&szlig;, dann bleibt mir das
+Herz stehen und hinterher ist es, als wenn es mir aus dem Halse heraus
+will.&laquo;</p>
+
+<p>Sie seufzte tief auf: &raquo;So, jetzt ist es wieder besser damit. Aber das
+kann heute sein oder morgen, denn lange dauert es nicht mehr, und ich
+schlage um und dann,&laquo; sie nahm das M&auml;dchen fest in den Arm, &raquo;dann haben
+meine Kinder keine Mutter, die f&uuml;r sie sorgt. Und nun,&laquo; sagte sie und
+trocknete sich die Augen aus, &raquo;wei&szlig; ich ein M&auml;dchen, ein treues und
+gutes M&auml;dchen, das meine Kinder von Herzen gern hat, und ihren Vater
+auch, und deswegen ist sie bis heute noch ledig geblieben, obzwar sie
+rundherum die sch&ouml;nste von allen ist.&laquo;</p>
+
+<p>Wieschen schnappte erst nach Luft, und mit einem Male fiel sie der
+B&auml;uerin um den Hals und weinte. &raquo;Ja, aber daf&uuml;r kann ich doch nichts,
+und es ist schlecht von mir, da&szlig; ich ihn dir nicht geg&ouml;nnt habe, wo du
+doch dreimal besser f&uuml;r ihn bist, als wie ich!&laquo; Sie versuchte zu
+l&auml;cheln: &raquo;Aber so schlimm wird es doch mit dir nicht sein. Ich will
+meine Gedanken zu Bette bringen, denn, denn,&laquo; sie barg ihren Kopf von
+neuem an der Brust der Frau, &raquo;du bist so gut und aus mir macht er sich
+doch kein bi&szlig;chen!&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span></p>
+
+<p>Die B&auml;uerin l&auml;chelte: &raquo;Wieschen, glaubst du, eine Frau als wie ich, die
+so viel durchgemacht hat, macht in solchen Dingen Spa&szlig;? Ich habe mein
+Teil gehabt, Elend und Not genug und hinterher mehr Gl&uuml;ck und Segen, als
+eine Frau in diesen Zeiten verlangen kann, und wenn ich wei&szlig;, da&szlig; du
+einmal f&uuml;r die Kinder sorgen wirst, dann wird mir meine letzte Stunde
+nicht so sauer werden. Versprichst du mir das?&laquo; Das M&auml;dchen nickte, ohne
+ein Wort zu sagen, und die Tr&auml;nen liefen ihr &uuml;ber die Backen.</p>
+
+<p>Als der Bauer zur&uuml;ckkam, sah er seine Frau und dann das M&auml;dchen an und
+sagte: &raquo;Ihr seht ja beide aus, als wenn ihr das Abendmahl genommen
+habt!&laquo; Die B&auml;uerin l&auml;chelte ihm zu, aber Wieschen ging schnell in das
+Flett.</p>
+
+<p>Am Morgen des Tages, an dem Drewes wieder nach Engensen fahren sollte,
+setzte sich die B&auml;uerin zu ihm. &raquo;Drewes,&laquo; sagte sie und nahm ihn bei der
+Hand, und seine Augen, die lange nicht mehr so waren wie ehedem, bekamen
+ordentlich Feuer, als sie ihn ansah: &raquo;Drewes, jetzt will ich dir einmal
+etwas sagen, aber du darfst mir da nicht zwischenreden. Also h&ouml;re zu! Du
+hast mir selber gesagt, du wirst aus Wieschen nicht klug, weil sie sich
+um die Mannsleute nicht k&uuml;mmert. Seit letzten <dfn title="Tag der Frigga, Freitag"><a href="#w9_13" class="gloss">Friggetag</a></dfn> wei&szlig; ich, warum
+das so ist; sie hat all lange einen, aber einen, der Frau und Kinder hat
+und der an ihr vorbeisieht.&laquo;</p>
+
+<p>Sie drohte dem Bauer mit dem Finger, denn der machte seine b&ouml;sesten
+Augen: &raquo;Erst abwarten und dann krumme Augen machen! Die Frau, von der
+ich rede, wei&szlig; das und sie ist von Herzen froh dar&uuml;ber, denn<span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span> sie ist
+sich bewu&szlig;t, da&szlig; sie heute oder morgen sterben kann, weil sie ein
+schwaches Herz hat; und nun kann sie sich f&uuml;r ihre Kinder keine bessere
+Zweitmutter w&uuml;nschen und f&uuml;r ihren Mann,&laquo; hier liefen ihr die Augen an,
+&raquo;keine bessere Frau als dein Wieschen, denn die Frau, das bin ich,
+Drewsbur!&laquo;</p>
+
+<p>Sie fa&szlig;te sich nach der Brust, holte tief auf und sah ihn freundlich an:
+&raquo;So, nun wei&szlig;t du es, und ich denke, der Wulfsbur wird dir als Eidam
+wohl pa&szlig;lich sein. Und mit Wieschen habe ich auch schon geredet.
+Nat&uuml;rlich kommt sie sich nun etwas dumm vor, aber sie kann mir jetzt
+mitten in die Augen sehen, denn sie wei&szlig;, wie ich ihr zugetan bin.&laquo;</p>
+
+<p>Drewes sch&uuml;ttelte den Kopf; er wu&szlig;te nicht, was er dazu sagen sollte.
+Dann nickte er: &raquo;Darin kannst du recht haben, Wulfsb&auml;uerin, darin hast
+du sicher recht, da&szlig; das M&auml;dchen ihre Gedanken da hat, wo du meinst; nun
+wird mir allerlei klar, wo mir bis zur Stunde Busch und Kraut vor war.
+Aber das andere, das schlage dir man aus dem Kopf! Du siehst aus als wie
+das ewige Leben, und wenn ich drei&szlig;ig Jahre j&uuml;nger w&auml;re und du ein
+lediges M&auml;dchen, dennso solltest du mal sehen, wer sich am meisten um
+dich k&uuml;mmern t&auml;te!&laquo;</p>
+
+<p>Er lachte lustig, wenigstens tat er so, aber sogleich schrie er:
+&raquo;Wieschen, Wieschen, Mieken Mieken!&laquo; denn die B&auml;uerin war vorn
+&uuml;bergeschlagen und lag mit dem Gesichte auf seinem Scho&szlig;e, und als
+Wieschen hereinkam, sah sie zum ersten Male in ihrem Leben, da&szlig; ihr
+Vater auch Angst haben konnte, richtige, wirkliche Angst, denn er hatte
+ein paar ganz ungl&uuml;ckliche Augen im Kopfe.<span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span></p>
+
+<p>Die B&auml;uerin kam bei kleinem wieder zu sich und sah beim Essen so frisch
+und gesund aus wie immer, aber bevor Drewes in den Wagen stieg, nahm er
+sie bei der Hand und sagte: &raquo;Ich komme bald wieder, halte dich gesund!&laquo;
+und dann drehte er sich um, denn da&szlig; ihm die Augen na&szlig; wurden, das
+brauchte kein einer zu sehen. Wieschen aber nahm die B&auml;uerin um den Hals
+und weinte hellwege lo&szlig;, so da&szlig; Harm hinterher den Kopf sch&uuml;ttelte und
+sagte: &raquo;Ein putzwunderliches M&auml;dchen, diese Wieschen; erst dachte ich,
+sie kann dich vor den Tod nicht ausstehen, und jetzt hat sie sich, als
+wenn sie dich vor Gernhaben auffressen will!&laquo; Dann stieg er auf den
+Rappen und ritt mit Thedel hinter dem Wagen her. Von Wieschen bekam er
+aber kein vern&uuml;nftiges Wort heraus, und er wu&szlig;te nicht, was er von ihr
+halten sollte.</p>
+
+<p>Es war &uuml;berhaupt ein putzwunderlicher Tag; denn als Wulf gegen Abend mit
+Thedel zur&uuml;ckritt, h&ouml;rten sie etwas singen, und als sie sich in die
+B&uuml;gel stellten, sahen sie einen Mann hinter einem <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangel</a></dfn> sitzen, der
+ein Knie zwischen den H&auml;nden hielt und lauthals sang: &raquo;Umg&uuml;rte die, o
+Gott, mit Kr&auml;ften in ihrem Amt, Beruf und Stand, die zu des Predigtamts
+Gesch&auml;ften dein gnadenvoller Ruf gesandt.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden Bauern sahen sich an und sch&uuml;ttelten die K&ouml;pfe; aber als der
+Vers zu Ende war, ritten sie dicht heran, denn da&szlig; sie diesem Manne
+gegen&uuml;ber nicht scharf zu machen brauchten, das war so klar wie eine
+Brandhaide. &raquo;Guten Abend,&laquo; rief der Bauer; &raquo;na, was machst du denn
+hier?&laquo;</p>
+
+<p>Der junge Mensch nickte, stand dann langsam auf<span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span> und sagte: &raquo;Ich w&uuml;nsche
+ihm dasselbe, und was ich hier mache? Ich warte, was der Herr mir
+schickt. Doch gestatte er mir: da ich ein Prediger bin, wenn auch ohne
+Amtes seit einiger Zeit, d&uuml;rfte mir wohl die Anrede Ihr und Herr
+zukommen.&laquo;</p>
+
+<p>Niehus <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">griente</a></dfn> und der Bauer lachte: &raquo;Nichts f&uuml;r ungut, Euer Ehren, aber
+da&szlig; ihr ein geistlicher Herr seid, konnte ich euch von der Nase nicht
+ablesen. Aber wo kommt ihr her und wohin des Weges? Nehmt meine
+Neubegier nicht krumm, doch es geht jetzt nicht gerade sauber auf der
+Welt her, und wer sich bei uns blicken l&auml;&szlig;t, der mu&szlig; uns schon Rede und
+Antwort stehen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Fremde sah ihn mit klaren Augen an: &raquo;So wisse er denn, ich bin der
+Kaplan Jakobus Jeremias Josephus Puttfarkenius. Seitdem der Herr den
+Jebusitern Macht &uuml;ber die Gerechten gegeben hat und als Strafe f&uuml;r
+unsere S&uuml;nden ihnen die Zuchtruten des Restitutionsediktes verlieh, ward
+ich meiner Kapellanstelle ledig und bin wie ein Blatt, das der Wind vor
+sich herweht.&laquo;</p>
+
+<p>Der Bauer lachte: &raquo;Viel anders seht ihr auch nicht aus. Aber da wir doch
+gerade vespern wollen, und mehr bei uns haben, als wir brauchen, und ihr
+nicht so aussehet, als h&auml;ttet ihr heute schon satt gekriegt, so k&ouml;nnt
+ihr mittun, wenn ihr dazu Lusten habt.&laquo;</p>
+
+<p>Der junge Geistliche sah gegen den Himmel: &raquo;Herr,&laquo; rief er, &raquo;deine G&uuml;te
+w&auml;hret ewiglich!&laquo; Er gab dem Bauern die Hand. &raquo;Es war gestern morgen in
+dem Dorfe Fuhrbergen, als ich das letzte St&uuml;ck Brotes a&szlig;. Seitdem ist
+die Rinde der Birkenb&auml;ume meine Nahrung<span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span> gewesen, doch bin ich dieser
+Speise nicht gew&ouml;hnt und wollte fast verzagen, wenn ich mich nicht mit
+dem Spruche getr&ouml;stet h&auml;tte: der, der die jungen Raben speist, wird auch
+meiner nicht vergessen.&laquo;</p>
+
+<p>Er a&szlig; wie ein Drescher und hinterher sah er gleich ganz anders aus, und
+die Hose hing ihm nicht mehr so bummelig vor dem Leibe. Dankbar sah er
+den Bauern an und fragte dann: &raquo;In Fuhrberg habe ich die Bekanntschaft
+eines Bauern gemacht, der Ludolf Vieken hei&szlig;t und zu Rammlingen geb&uuml;rtig
+ist. Zu diesem Manne fa&szlig;te ich ein Zutrauen, obzwar er mir nicht auf dem
+Wege des Herrn zu wandeln schien, dieweil er Fl&uuml;che und unn&uuml;tze Schw&uuml;re
+aus seinem Munde herausgehen lie&szlig;. Aber der Herr wird ihn schon
+erleuchten, denn er hat mich aus den H&auml;nden der Heiden errettet, so man
+Tatern nennt, und unaufgefordert sein Brot mit mir geteilt, und sein
+Bier, als er h&ouml;rte, da&szlig; ich n&uuml;chtern war wie ein Kindlein, das zum
+ersten Male die Wand beschreit.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah den Bauern mit seinen gro&szlig;en hellen Augen an: &raquo;Kennt er hier in
+der Gegend einen Mann namens Harm Wulf? An den hat mich der Rammlinger
+gewiesen, denn er sagte mir, derselbe k&ouml;nnte in seinem Dorf, dessen Name
+mir entfiel, vielleicht einen Prediger gebrauchen. Und die Ehefrau
+dieses Mannes soll, wie mir gesagt wurde, eines ausgetriebenen Predigers
+Tochter sein?&laquo;</p>
+
+<p>Der Bauer l&auml;chelte: &raquo;Hat Viekenludolf euch kein Zeichen mitgegeben?&laquo; Der
+andere nickte: &raquo;Das wohl, doch scheint es mir d&uuml;rftig zu sein und fast
+h&auml;tte ich es von mir getan. Seht her!&laquo; Er zog einen Lappen aus<span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span> der
+Tasche und wickelte eine Rabenfeder aus, die zweimal geknickt und deren
+Enden auf geheime Art ineinandergedreht waren.</p>
+
+<p>&raquo;Dennso ist das recht,&laquo; sagte der Bauer; &raquo;ich bin der
+<ins class="correction" title="Burgvogt">Burvogt</ins> Harm Wulf aus Peerhobstel, und es kann sein, da&szlig; ihr
+bei uns eine St&auml;tte finden k&ouml;nnt, denn wir M&auml;nner k&ouml;nnen uns in diesen
+Zeiten kaum noch nach der Kirche trauen und die Frauensleute schon gar
+nicht. Ich sehe es euch an, da&szlig; ihr ein rechtlicher Mann seid. Es ist
+eine b&ouml;se Zeit; landfremden Leuten trauen wir gemeiniglich nicht &uuml;ber
+den Weg, und deshalb m&uuml;&szlig;t ihr mir in die Hand versprechen an Eides
+Statt: nichts zu verraten, was ihr h&ouml;rt und seht, ob ihr nun bei uns
+bleibet oder nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Puttfarken sah ihn ernst an: &raquo;Ich habe eine Probe davon <dfn title="erleben"><a href="#w12_7" class="gloss">belebt</a></dfn>, welcher
+Art er zu sein scheint; die drei Tatern, die mich auf der Stra&szlig;e
+hinwarfen, um mich auszurauben, h&auml;ngen an drei Birkenb&auml;umen. H&auml;tten die
+Toren gewu&szlig;t, da&szlig; ich nur das mein eigen nenne, was ich auf dem Leibe
+trage, und das wohl kaum ein Jude anders als geschenkt nimmt, sie lebten
+vielleicht noch. Ich habe viel Greuel gesehen auf meinen Wegen, und ich
+glaube, wer dem &Uuml;bel wehrt, der handelt nicht wider des Herrn Gebot. Und
+so will ich denn geloben, was er von mir fordert.&laquo;</p>
+
+<p>Der Bauer wartete, bis es <dfn title="d&auml;mmern"><a href="#w4_5" class="gloss">schummerte</a></dfn>, und derweilen fragte er aus dem
+Prediger heraus, was er heraushaben wollte. Der Mann gefiel ihm und
+Thedel auch, und Grieptoo nicht minder, und somit durfte er vor Niehus
+aufsitzen und bis vor die <dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn> reiten.</p>
+
+<p>&raquo;M&auml;dchen,&laquo; sagte Thedel nachher zu seiner Hille, die<span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span> schon wieder so
+aussah, als ob es bald noch einen kleinen Niehus geben sollte, &raquo;da haben
+wir dir einen Kerl auf der Haide aufgegabelt, eine ganz putzige Kruke!
+Sitzt da im Sand und singt nach der Schwierigkeit ein geistliches Lied,
+hat nicht Messer noch Schie&szlig;gewehr bei sich und macht ein Gesicht, als
+wenn es lauter Engel auf der Welt gibt, und dabei haben ihn gestern erst
+die Tatern unter sich gehabt. Es ist meist so, als ob er zu dumm ist,
+als da&szlig; er Bange hat; nicht einmal hat er <dfn title="erschrecken"><a href="#w4_1" class="gloss">sich verjagt</a></dfn>, als wir von den
+Wachen angerufen wurden.&laquo;</p>
+
+<p>Thedel hatte recht; Furcht hatte Ehren Puttfarken nicht, zum mindesten
+keine Menschenfurcht. Das mu&szlig;te Viekenludolf sp&uuml;ren, als er nach vier
+Wochen auf den neuen Hof geritten kam und auf der <dfn title="Diele, der Hauptraum im Hause"><a href="#w6_13" class="gloss">Deele</a></dfn> Mieken zu fassen
+kriegte: &raquo;Deubel auch, Deern!&laquo; rief er und dr&uuml;ckte sie, da&szlig; ihr die
+Rippen knasterten; &raquo;du machst dich ja m&auml;chtig heraus.&laquo;</p>
+
+<p>Aber was machte er f&uuml;r runde Augen, als der Prediger aus der <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn> trat
+und ihm sagte: &raquo;Der Herr segne seinen Eingang, Viekenbur! Aber sage er
+mal: ist es notwendig, den Teufel zum Zeugen anzurufen, weil Gott diese
+Jungfrau bl&uuml;hen und gedeihen l&auml;&szlig;t? Und schickt es sich in einem ehrbaren
+Bauernhause, und pa&szlig;t es sich f&uuml;r einen rechtlichen Bauern, einer
+ordentlichen <dfn title="Witwe"><a href="#w7_16" class="gloss">Witfrau</a></dfn> Tochter zu behandeln wie ein liederliches
+Weibsst&uuml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>Viekenludolf machte so verbiesterte Augen wie ein Hund, den eine <dfn title="Kreuzotter"><a href="#w4_11" class="gloss">Adder</a></dfn>
+anprustet; aber dann lachte er: &raquo;Ist das der Dank, da&szlig; ich euch vor den
+Tatern bewahrt habe?&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span></p>
+
+<p>Der Prediger nickte: &raquo;Jawohl, das ist der Dank. Er hat mich vor Tatern
+und Heiden bewahrt und ich will seine Seele vor dem H&ouml;llenfeuer
+bewahren. Und nun trete er ein und nehme Platz, bis die B&auml;uerin kommt;
+die Magd soll sie rufen.&laquo;</p>
+
+<p>Von dem Tage an hatte er zwei dicke Freunde; der eine war Schewenkasper,
+denn der sagte nachher zu Thedel: &raquo;Er hat es dem Viekenbur aber geh&ouml;rig
+gegeben, sage ich dir. Ist das aber auch eine Art, sich aufzuf&uuml;hren, wie
+der es tut? Kein eines M&auml;dchen kann sich ja vor ihm bergen!&laquo; Der andere
+aber war Viekenludolf selber, denn als er nachher wieder ein
+Donnerwetter aus dem Munde lie&szlig;, wusch ihm der Prediger den Kopf noch
+einmal, und das gefiel dem Dausenddeubel, denn es war ihm etwas Neues.
+&raquo;Du,&laquo; sagte er zu dem Wulfsbauern, &raquo;den behaltet man; der ist gut!&laquo;</p>
+
+<p>So dachten die Peerhobstler auch, denn nachdem Puttfarken von der
+B&auml;uerin ordentlich herausgef&uuml;ttert war, sah er wie ein rechtschaffener
+Prediger aus, und obzwar er noch reichlich jung war, so war er doch ein
+guter Prediger und trotz seiner Redensarten ein Mann, der in die Welt
+pa&szlig;te.</p>
+
+<p>Er scheute sich vor keiner Arbeit, soweit sie sich f&uuml;r ihn schickte, und
+mehr als einmal sagte der Wulfsbauer zu ihm: &raquo;Wie ein Knecht braucht ihr
+nun gerade nicht zu arbeiten.&laquo; Aber dann bekam er jedesmal zu h&ouml;ren:
+&raquo;Glaubt er, Wulfsbauer, da&szlig; mir das bei den Leuten nicht n&uuml;tzt, wenn ich
+grabe und rode wie sie selber? Und au&szlig;erdem; es macht mir Freude; bin
+ich doch auch eines Bauern Sohn.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span></p>
+
+<p>Er sa&szlig; so gut zu Pferde wie die Peerhobstler selber, und mit der Zeit
+lernte er auch mit dem Schie&szlig;gewehr umzugehen wie ein gelernter J&auml;ger,
+und manchen Braten brachte er aus dem Busche mit. Auch Aalk&ouml;rbe konnte
+er machen, Netze stricken und Setzangeln stellen, denn sein v&auml;terlicher
+Hof, den die Mansfelder samt allem, was darauf war, niedergebrannt
+hatten, hatte da unten an der Weser gelegen.</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer fand, das er kein schlechtes Gesch&auml;ft gemacht hatte, als
+er diesen Mann auf der Haide aufsammelte, allein schon, weil die B&auml;uerin
+immer einen von ihrer Art bei der Hand hatte, wenn Wulf &uuml;ber Land mu&szlig;te,
+was immer &ouml;fter der Fall war; denn das mit dem Frieden, das war wie der
+Rauhfrost auf der Haide gewesen und lange vergessen, und es wurde
+schlimmer denn je. Die Schweden waren gekommen, und der Herzog, dem es
+l&auml;ngst nicht mehr gepa&szlig;t hatte, die Gesch&auml;fte der Papisten zu besorgen,
+war zu ihnen &uuml;bergegangen, und nun sengten und brannten die Pappenheimer
+in seinem Lande.</p>
+
+<p>&Ouml;fter als sonst kam der Bauer mit krauser Stirn nach Hause, und dann war
+es ihm ein Trost, wenn der Prediger ihm mit mutigen Worten und einem
+geistlichen Liede &uuml;ber die Sorgen weghalf, denn Puttfarken hatte
+Abendandachten auf dem Hofe zugange gebracht, zu denen ein jeder kommen
+durfte, der dazu Lusten hatte. Besonders den alten Leuten, die seit
+Jahren keine Kirche mehr gesehen hatten, war es ein gro&szlig;er Trost,
+konnten sie einmal wieder gemeinsam Gott mit Gebet und Gesang ehren.</p>
+
+<p>Es war von jeher ordentlich und sinnig auf dem<span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span> neuen Hofe zugegangen,
+aber seitdem der Prediger da war, waren die Abende noch gem&uuml;tlicher als
+sonst, denn der junge Mann hatte allerlei Kenntnisse und konnte erz&auml;hlen
+wie ein Buch von dem, wie es in der Welt zugegangen war von Adam an bis
+auf die letzten Zeiten; da nun der Bauer in den ganzen Jahren jedes
+Buch, das ihm bei den Wehrfahrten in die H&auml;nde gefallen war, mitgebracht
+hatte, weil er wu&szlig;te, da&szlig; seine Frau daran ihre Freude hatte, so las der
+Prediger ihnen an den langen Winterabenden daraus das beste vor und
+wu&szlig;te alles so zu erkl&auml;ren, da&szlig; selbst Schewenkasper in dem einen Winter
+mehr lernte, als in seinem ganzen Leben.</p>
+
+<p>Seitdem die B&auml;uerin eigene Kinder hatte, konnte sie sich der anderen
+nicht mehr so viel annehmen wie anfangs, und so machte es sich ganz von
+selber, da&szlig; der Prediger Schule abhielt, zuerst f&uuml;r die Kinder und dann
+auch f&uuml;r die Knechte und M&auml;gde, und dazu kamen auch die Bauern gern,
+denn alles, was ihre Gedanken von der schlimmen Zeit abhielt, wurde
+ihnen zum Trost und zur Erquickung.</p>
+
+<p>Ging es doch immer schrecklicher in der Welt her. So ablegen <ins class="correction" title="da&szlig;">das</ins>
+Dorf auch war, es sprach sich genug bis zu ihm hin und die Bauern
+bekamen es mit der kalten Angst, als Gr&ouml;nhagenkrischan ein fliegendes
+Blatt mitbrachte, auf dem gedruckt stand, was der Tilly und der
+Pappenheimer mit Magdeburg angestellt hatten.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Sonntage war Predigt auf dem neuen Hofe. Schewenkasper und
+Thedel hatten aus Kl&ouml;tzen und Stangen Sitzreihen vor dem Hause
+aufgeschlagen und vor der gro&szlig;en T&uuml;r eine Art Kanzel gebaut, die<span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span> von
+der B&auml;uerin und Mieken mit Tannhecke und Maien zurechtgemacht war, und
+ein wei&szlig;es Tuch mit einem roten Kreuze war dar&uuml;ber gesteckt.</p>
+
+<p>Bei halbig zehne waren die Peerhobstler auf dem Hofe; alle waren da
+au&szlig;er den Brustkindern und den Wachen. Es war ein Morgen, wie er nicht
+sch&ouml;ner sein konnte; die Sonne stand hell am Himmel, die Buchfinken
+schlugen, die Schwalben spielten in der Luft und auf allen <dfn title="D&uuml;ngerhaufen"><a href="#w9_15" class="gloss">Misten</a></dfn> waren
+die H&auml;hne am Kr&auml;hen.</p>
+
+<p>Alle waren sie in ihrem besten Zeuge da, die M&auml;nner und die Frauen, und
+alle hatten ihre Kinder herausgeputzt, so gut es ging. Sie stie&szlig;en sich
+an und zeigten auf die Kanzel und fl&uuml;sterten leise miteinander, und die
+Altmutter Horstmann bekam nasse Augen, als sie das rote Kreuz auf dem
+wei&szlig;en Laken sah.</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer stimmte das Lied an: &raquo;Allein Gott in der H&ouml;h' sei Ehr'
+und Dank f&uuml;r seine Gnade,&laquo; und alle fielen mit ein. W&auml;hrenddem stieg der
+Prediger auf die Kanzel und betete vor sich hin. Er hatte einen
+schwarzen Gehrock an, den die B&auml;uerin gemacht hatte, und er kam den
+Bauern anders vor als bislang, wo er in Blaulinnen und Beiderwand
+gegangen war.</p>
+
+<p>Es war kirchenstill auf dem Hofe, als der Vers zu Ende gesungen war und
+die Leute aufgestanden waren, nur da&szlig; man die jungen Schwalben piepen
+h&ouml;rte. &raquo;Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und
+die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen,&laquo; begann der
+Prediger und fuhr fort: &raquo;Vernehmet in Andacht das Wort der Heiligen
+Schrift, das geschrieben steht Psalm einhundertsiebenunddrei&szlig;ig: An den
+Wassern zu Babel sa&szlig;en wir und<span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span> weinten, wenn wir an Zion gedachten.&laquo; Er
+schlug sein Buch zu und fing an zu sprechen.</p>
+
+<p>Die Leute horchten auf, denn eine solche Predigt hatten sie noch keinmal
+vernommen. Das war, als wenn sie selber zueinander redeten, so klar und
+doch so ganz anders. Er sprach, wie es vordem war um das Bruch, und wie
+es nun aussah. Er lie&szlig; &Ouml;dringen wieder aufleben und lie&szlig; es in Rauch und
+Asche aufgehen, erinnerte an Tod und Not und an alles andere, was die
+Jahre gebracht hatten an Leid und Elend. Alle Frauen weinten in ihren
+Sch&uuml;rzen und die M&auml;nner sahen vor sich hin.</p>
+
+<p>Ruhig und eben hatte der Prediger gesprochen, aber dann lie&szlig; er Blitz
+und Donner aus seinem Munde kommen. Mit einer Stimme, die sich wie ein
+Ungewitter anh&ouml;rte, las er das fliegende Blatt vor und hing Worte daran,
+die herunterkamen wie die Axt auf den Baum. &raquo;Des Herrn Hand wird sie
+treffen, die Bluthunde, die der Kindlein in der Wiege nicht schonten und
+kein Erbarmen hatten mit unschuldigem Blute,&laquo; rief er; &raquo;zermalmen wird
+er sie in seinem Grimme und hinstreuen, da&szlig; ihre Feinde sie mit F&uuml;&szlig;en
+treten, und wenn sie dann rufen: 'Herr, o Herr, ach, ach!' so wird er
+seine Ohren verschlie&szlig;en, denn nicht zu tilgen ist ihre Schandtat, und
+ihre Greuel bleiben ewiglich bestehen.&laquo;</p>
+
+<p>Da h&ouml;rten die Frauen zu weinen auf und die M&auml;nner sahen ihn mit blanken
+Augen an; alle Gesichter wurden klar, als er tr&ouml;stliche Worte und
+Spr&uuml;che fand, die Herzen zu erquicken und die Seelen zu laben mit
+Hoffnung auf bessere Zeiten und Zuversicht auf die G&uuml;te<span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span> des
+barmherzigen Gottes, und es war keiner da, der sich nicht gelobte, treu
+auszuharren in der Furcht des Herrn, m&ouml;ge kommen, was da wolle.</p>
+
+<p>Wie ein Wetterrollen h&ouml;rte es sich an, als die Gemeinde ihrem Prediger
+das Glaubensbekenntnis nachsprach, und bis zum Himmel schallte es, als
+sie sang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Wort sie sollen lassen stahn<br /></span>
+<span class="i0">und kein Dank dazu haben;<br /></span>
+<span class="i0">er ist bei uns wohl auf dem Plan<br /></span>
+<span class="i0">mit seinem Geist und Gaben;<br /></span>
+<span class="i0">nehmen sie uns den Leib,<br /></span>
+<span class="i0">Ehre, Kind und Weib,<br /></span>
+<span class="i0">la&szlig; fahren dahin,<br /></span>
+<span class="i0">sie habens 's kein Gewinn:<br /></span>
+<span class="i0">das Reich mu&szlig; uns doch bleiben!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<h2><a name="Die_Hochzeiter" id="Die_Hochzeiter"></a>Die Hochzeiter<span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span></h2>
+
+
+<p>Der Prediger sollte recht behalten. Anderthalb Jahre sp&auml;ter, zu der
+Zeit, als in Peerhobstel der Hafer geschnitten wurde, kam das Tillysche
+Heer unter die Sense des Schwedenk&ouml;nigs.</p>
+
+<p>Es dauerte nicht lange und die Botschaft davon kam bis in das Bruch. Der
+Wulfsbauer hatte sie in Burgdorf vernommen, wo er zu tun hatte. &raquo;Junge,&laquo;
+sagte Thedel zu Bollenatze, &raquo;heute sind wir aber geritten, als ob der
+b&ouml;se Feind hinter uns war, so ging das!&laquo;</p>
+
+<p>Drei Tage darauf war Erntedankfest auf dem neuen Hofe. Noch keinmal war
+die Kanzel so sch&ouml;n mit Haidkr&auml;nzen und Blumen ausgeschm&uuml;ckt gewesen,
+und noch niemals hatten die Leute so helle Augen gehabt, seitdem sie im
+Bruche leben mu&szlig;ten, und es war ihnen, als ob der Himmel noch nicht
+einmal so blank gewesen war.</p>
+
+<p>Aber eine solche Predigt, wie sie an dem Tage zu h&ouml;ren bekamen, hatten
+sie noch nie <dfn title="erleben"><a href="#w12_7" class="gloss">belebt</a></dfn>. Die Bauern rissen die Augen auf: das war doch etwas
+anderes, als ihnen der alte Pastor in Wettmar bieten konnte, das war wie
+die Posaune des J&uuml;ngsten Gerichtes, und dann auch wieder, als wenn ein
+Engel Gottes zu ihnen redete, und wenn ihnen eins an der Predigt nicht
+gefiel, so war es, da&szlig; sie sie unter freiem Himmel anh&ouml;ren mu&szlig;ten.</p>
+
+<p>&raquo;Tja,&laquo; sagte der alte Horstmann, &raquo;eine Kirche, die m&uuml;ssen wir haben, das
+steht bei mir fest. Und wenn<span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span> auch kein Turm daran ist, und sie auch man
+aus Balken und <dfn title="Raseneisenstein"><a href="#w7_11" class="gloss">Ortstein</a></dfn> ist, es ist doch etwas anderes, als wenn die
+H&auml;hne mitsingen und die Hunde mitten in die Predigt blaffen. Das ist
+meine Meinung und dabei bleibe ich!&laquo;</p>
+
+<p>Die anderen dachten nicht anders, und so trugen sie dem Prediger das
+vor. &raquo;Meine lieben Kinder,&laquo; sagte er, und kein einer <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">griente</a></dfn>, als der
+junge Mann so zu ihnen sprach, &raquo;das war schon immer mein herzlichster
+Wunsch, doch wollte ich euch die Last nicht zumuten. Aber da ihr selber
+damit ankommt, so sage ich nur: Der Herr lohne euch und euren Kindern
+und Kindeskindern die Freude, die ihr mir damit gemacht habt!&laquo;</p>
+
+<p>Es ging nicht so ganz schnell mit dem Bau, denn die Feldarbeit durfte
+dar&uuml;ber nicht liegen bleiben, und zudem mu&szlig;ten die jungen Leute mehr als
+einmal aufsitzen und &uuml;ber die Haide reiten, wenn das Horn rief oder der
+bunte Stock umging. Es wurde auch keine stolze Kirche, sondern mehr eine
+Kapelle, aber fest genug waren die <dfn title="Raseneisenstein"><a href="#w7_11" class="gloss">Ortstein</a></dfn>w&auml;nde und dicht genug das
+Dach aus Eichenbalken, und in dem h&ouml;lzernen Glockenturm, der dabeistand,
+hing zwar blo&szlig; eine ganz kleine Glocke; denn viel weiter, als da&szlig; man
+sie auf jedem Hofe h&ouml;ren konnte, sollte sie nicht zu vernehmen sein.</p>
+
+<p>Denn es wurde schlimmer und schlimmer von Tag zu Tag. Seitdem der Herzog
+schwedisch geworden war, schickte der Kaiser ihm einen Bullenbei&szlig;er nach
+dem anderen in das Land, und es war kein Ende der Not. Bislang waren die
+schwersten Wetter immer an dem Dorfe vorbeigezogen, aber bald schlug es
+dicht dabei ein: die Pappenheimer st&uuml;rmten Burgdorf; ein halbes Tausend
+B&uuml;rger kam dabei um, und die anderen waren<span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span> zu Bettlern geworden, denn
+was nicht geraubt wurde an Geld und Gut, das fra&szlig; das Feuer. Kaum war
+das vor&uuml;ber, so kamen die Waldsteinschen Bluthunde, und die Burgdorfer
+mu&szlig;ten Haus und Hof im Stiche lassen und zusehen, wie sie in dem wilden
+Walde ihr Leben fristeten.</p>
+
+<p>Greulich ging es jetzt im Lande her, so schlimm, da&szlig; die Leute am Leben
+verzagten und alle Zucht und Sitte aufh&ouml;rte. Die Wehrw&ouml;lfe bedachten
+sich nicht mehr lange, wenn ganze Haufen von fremden, halbverhungerten
+Bauern angezogen kamen, sondern machten schnell die Finger krumm.
+Drei&szlig;ig Marodebr&uuml;der fingen sie auf der Magethaide auf einmal und hingen
+sie an einem einzigen Galgen quer &uuml;ber den <dfn title="Volksweg, unbefestigter Weg"><a href="#w3_7" class="gloss">Dietweg</a></dfn>, und der Anf&uuml;hrer
+bekam ein Brett vor den Leib, und darauf stand geschrieben: &raquo;Wir sind
+die W&ouml;lve drei mal einhundert und Elwe, wahret Euch, wir bellen nicht,
+sondern bei&szlig;en sogleich.&laquo; Davor <dfn title="erschrecken"><a href="#w4_1" class="gloss">verjagte sich</a></dfn> eine Bande von hundert
+Mann, die unter dem gr&uuml;nen Johann des Weges kam, so sehr, da&szlig; sie
+<dfn title="ohne sich zu besinnen"><a href="#w10_3" class="gloss">unbesonnen</a></dfn> umdrehte.</p>
+
+<p>Ihr Anf&uuml;hrer wurde so geschimpft, weil er vom Kopf bis zu den F&uuml;&szlig;en gr&uuml;n
+gekleidet war. An seinen H&auml;nden <dfn title="kleben"><a href="#w10_4" class="gloss">backte</a></dfn> mehr Blut, als an denen aller
+M&auml;nner, die hinter ihm herzogen, und von denen ein jeder es doch
+reichlich wert war, von unten herauf lebendig ger&auml;dert zu werden.</p>
+
+<p>Er pflegte zu fluchen: &raquo;So wahr mir der Teufel, mein lieber Freund,
+helfe!&laquo; Das tat er auch, als er mit seiner Bande an dem Tage vor einem
+Tannenbusche lag und eine gr&auml;&szlig;liche <dfn title="einen ausschimpfen"><a href="#w12_1" class="gloss">Schande machte</a></dfn>: &raquo;Sch&ouml;ne<span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span> Lumpenkerle
+seid ihr mir!&laquo; schimpfte er; &raquo;vor M&auml;nnern wegzulaufen, die an ihren
+H&auml;lsen h&auml;ngen! Der Teufel, mein guter Freund, soll euch lotweise holen!&laquo;</p>
+
+<p>Die Pfeife fiel ihm aus der Hand, denn eine Stimme, von der keiner
+wu&szlig;te, ist sie hier oder ist sie da, war zu h&ouml;ren: &raquo;Er steht hinter dir
+und holt dich, ehe da&szlig; die Sonne untergeht!&laquo; rief sie und dann kam ein
+Lachen hinterher, da&szlig; die Weibsleute schrien, wie die Schweine, und Hals
+&uuml;ber Kopf sprangen die M&auml;nner auf und wankten durch die Haide.</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer und Thedel mu&szlig;ten sich das Lachen verbei&szlig;en. Das waren
+nun an die sechzig Kerle und an die vierzig Weiber, und ein einziger
+alter Mann jug sie hin, wo er sie hinhaben wollte. &raquo;Ja, ich kann es noch
+zur Gen&uuml;ge,&laquo; sagte Ulenvater, &raquo;und ich bin heilsfroh, da&szlig; ich die Kunst
+diesem verr&uuml;ckten Thesel von Rabitze seinerzeit abgelernt habe, womit er
+in Helmstedt in der Schenke den Leuten die Haare in die H&ouml;he stellte.&laquo;
+Er hob den Finger hoch: &raquo;Sie blasen all! Na, denn bis nachher! Ich alter
+Kr&ouml;ppel kann euch dabei doch nicht weiter helfen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberobmann und Thedel dr&uuml;ckten sich vorne in den Busch. An vier,
+f&uuml;nf Stellen wurde geblasen, dann fiel ein Schu&szlig;. Die Weibsbilder
+schrien, und dann knallte es &uuml;berall und Wulf und Thedel sprangen von
+einem <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangel</a></dfn> zum anderen, schossen, luden wieder, sprangen weiter und
+warteten, bis einer von der Bande herankam, zielten dann lange, und wenn
+es knallte, schlug er ein Rad. Wie die Hasen im Kessel wurden sie
+zusammengeschossen, ganz gleich, ob sie Hosen oder R&ouml;cke anhatten.<span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Damit sie nicht hecken, die <dfn title="F&uuml;chsin, auch wie Metze f&uuml;r liederliches Weib gebraucht"><a href="#w10_5" class="gloss">Betzen</a></dfn>,&laquo; sagte Gr&ouml;nhagen, als er eine gro&szlig;e
+Frau mit schwarzen Haaren, die sich hinter dem gr&uuml;nen Johann bergen
+wollte, durch den Kopf scho&szlig;. Dann sprang er von hinten zu und ri&szlig; den
+Mann an seinem Barte zu Boden, drehte ihm die Arme auf den R&uuml;cken, und
+G&ouml;deckengustel band ihm die Daumen &uuml;bereinander. Dann stellten sie ihn
+an eine Fuhre und er mu&szlig;te zusehen, wie seine Mordgesellen unter die
+Erde kamen, und als das vorbei war, wurde er aufgeh&auml;ngt, ehe da&szlig; die
+Sonne unterging.</p>
+
+<p>Wenn nun auch derartige Begebenheiten mehr als n&ouml;tig dazwischen kamen,
+die Kapelle wurde fertig bis auf den Schlu&szlig;stein &uuml;ber der gro&szlig;en T&uuml;re,
+und darin war ein Kreuz eingehauen, das aus zwei &uuml;bereinanderliegenden
+Wolfsangeln gebildet war. Auch die Kirchhofsmauer wurde fertig; hoch und
+fest war sie, denn es lagen genug gro&szlig;e Steine in der Haide herum, und
+hinter die Mauer wurde ein Zaun aus spitzen Pf&auml;hlen gemacht und
+Wei&szlig;dornb&uuml;sche dazwischen gepflanzt, und um die Mauer ein Graben
+gezogen, so tief, bis da&szlig; das Grundwasser herauskam, damit in der
+h&ouml;chsten Not die Kapelle den Bauern als letzte Rettung dienen konnte.</p>
+
+<p>Am achtzehnten Nebelung des Jahres 1632 wurde das erste Grab auf dem
+Kirchhofe gemacht, und als der Prediger die Leichenrede hielt, waren
+alle Augen na&szlig;, auch die der M&auml;nner, denn die Wulfsb&auml;uerin war es, die
+sie begruben. Sie hatte wohl ab und zu einen ihrer Anf&auml;lle gehabt, sah
+aber immer so frisch und rot aus, als fehlte ihr nichts, und blo&szlig; der
+Prediger wu&szlig;te, wie es um sie stand, denn dem hatte sie sich
+anvertraut.<span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span></p>
+
+<p>Er sah bla&szlig; und elend aus, als er am Abend in seiner <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn> bei der
+kleinen eisernen &Ouml;llampe sa&szlig;, denn sein Herz, das sich bis dahin noch
+keinem Weibe zugewandt hatte, hatte immer schnell geschlagen, wenn er
+die Frau nur von weitem sah. Aber mit keinem Blicke, geschweige denn mit
+einem Worte, hatte er sie merken lassen, wie es um ihn stand. Als Mieken
+kam und sagte: &raquo;Die Frau ist uns eben <dfn title="ohnm&auml;chtig werden"><a href="#w10_7" class="gloss">weggeblieben</a></dfn>,&laquo; da war er wohl so
+wei&szlig;, wie eine Wand, als er in die <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn> kam, und seine H&auml;nde <dfn title="zittern"><a href="#w10_6" class="gloss">beberten</a></dfn>,
+als er ihr die Augen zudr&uuml;ckte, aber keiner sah es ihm an, wie ihm
+zumute war.</p>
+
+<p>Als er aber am Abend nach der Beerdigung das Kirchenbuch auf den Tisch
+legte und die G&auml;nsefeder in das schwere silberne Tintenfa&szlig; steckte, das
+einer von der Bande des gr&uuml;nen Johann im Zwerchsack gehabt hatte, da
+fielen zwei Tr&auml;nen auf das grobe Papier, auf das er mit seiner sch&ouml;nen
+gro&szlig;en Schrift die Worte hinsetzte: &raquo;Ao. Dnj 1632 den 18. Novembris
+wurde die Wulfsb&auml;uerin und Ehefrau des Burvogtes Harm Wulf Johanna Maria
+Elissabeth b&uuml;rtigke Neugebauerin/des ausgetriebenen bayerischen
+Praedicatoris Bartoldi Neugebaueri/Ehren/eheliche Tochter/allhier
+bestattet. Selbige war eine Leuchte voor allen Weibern. HERR! gieb ihr
+die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihr!&laquo; Als er einen Monat
+sp&auml;ter darunter schrieb: &raquo;Sie starb desselbigen Tages, da der
+Schwedische K&ouml;nig Gustavus Adolfus / GOTT habe ihn selig! / bei der
+Statt L&uuml;ttzen zu Tote gekommen ist,&laquo; da fielen noch einmal zwei Tr&auml;nen
+auf das Blatt.</p>
+
+<p>&Uuml;ber diesem Buche sa&szlig; der Prediger manchen lieben<span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span> Abend, denn er hatte
+aus den Bauern alles herausgefragt, was sich in &Ouml;dringen und hinterher
+in Peerhobstel an wichtigen Dingen begeben hatte, und das hatte er sich
+auf allerlei Zettel geschrieben. Von einem Wehrzuge hatte dann
+Renneckenklaus au&szlig;er einem silbernen Kreuze und einem goldenen
+Altarkelche das Buch mitgebracht, das die Marodebr&uuml;der mit sich
+geschleppt hatten, weil es in teueres Leder gebunden war und drei
+silbervergoldete Schl&ouml;sser hatte, und nun sa&szlig; der Prediger, so oft er
+Zeit hatte, dar&uuml;ber und schrieb alles das hinein, was er erfahren hatte.</p>
+
+<p>Auf der ersten Seite war ein schwarzes Kreuz gemalt, das aus einem roten
+Herzen kam; darunter war zu lesen: &raquo;Vnser Anfang Vnd Vnser Ende steht im
+Namen des HERRN, der Himmel Vnd Erde gemachet hat.&laquo; Auf der zweiten
+Seite aber stand: &raquo;<span class="f" lang="la">HISTORIA PEERHOBSTELIANA OEDRINGENSIS que</span> / das ist:
+Gr&uuml;ndlicher Wahrhaftiger Vnd Bestendiger bericht Von dem anjetzt w&uuml;sten
+Dorfe Oedringen vnd der Nohtkirche vnd Gemeinde Peerhobstel/sowohl, was
+sich unter seinen Zeiten begeben als wa&szlig; ehr Veber di fr&uuml;heren
+herau&szlig;bekomen/der posteritet Vnd nachkommen zu gut Vnd besten/durch J.
+J. Josefum Puttfarkenium, Praedicatorem Ao. Dnj 1632.&laquo;</p>
+
+<p>Schon im n&auml;chsten Monat mu&szlig;te der Prediger wieder einen Todesfall
+eintragen, und wenn ihm dabei auch keine Tr&auml;nen aus den Augen liefen, so
+ruhig, wie sonst, schrieb er doch nicht, denn wieder war ihm jemand
+genommen, dem er mehr zugetan war, als irgendeinem anderen aus der
+Gemeinde. Der alte Ul war es; schon l&auml;ngere Zeit hatte er es auf der
+Brust gehabt,<span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span> und als die Wulfsb&auml;uerin ihm unter den H&auml;nden <dfn title="ohnm&auml;chtig werden"><a href="#w10_7" class="gloss">wegblieb</a></dfn>
+und nicht wieder zu sich kam, da wurde er wie ein Schatten an der Wand,
+denn wer es nicht wu&szlig;te, wie es war, der h&auml;tte die beiden f&uuml;r Vater und
+Tochter gehalten, wenn er sie zusammen sah. Bevor er ganz von sich kam,
+hatte er noch gesagt: &raquo;Ich komme zu meinen T&ouml;chtern Rose und Johanna.&laquo;</p>
+
+<p>Ein Vierteljahr darauf, als die erste <dfn title="Haidlerche"><a href="#w2_8" class="gloss">Dullerche</a></dfn> &uuml;ber der Haide sang und
+die R&auml;uke &uuml;ber der <dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn> riefen, ritt der Prediger mit Schewenkasper,
+der ihm neben der Arbeit auf dem neuen Hofe um den Gotteslohn als K&uuml;ster
+diente, und mit Mertensgerd, der auch einer von den Stillen um ihn war,
+die keine starken Getr&auml;nke und kein unchristliches Wort in den Mund
+nahmen, nach Engensen. Die Wulfsb&auml;uerin hatte ihm alles anvertraut, was
+zwischen ihr, Wieschen und Drewesvater abgemacht war, denn ihrem Mann
+wollte sie keine Unruhe machen. Der Prediger hatte ihr in die Hand
+versprechen m&uuml;ssen, da&szlig; er daf&uuml;r sorgen wolle, da&szlig; das M&auml;dchen als
+B&auml;uerin auf den neuen Hof k&auml;me.</p>
+
+<p>&raquo;So also sieht der ber&uuml;hmte Oberobmann Meine Drewes aus!&laquo; dachte der
+Prediger, als er dem Burvogte die Hand gab. So alt und mit so wei&szlig;en
+Haaren und so vielen Falten um den Mund und bei den Augen hatte er ihn
+sich nicht vorgestellt. Wenn der Mann auch noch wie eine Eiche dastand,
+der Wurm sa&szlig; in ihm und unter der Borke war er morsch und <dfn title="mulmig, wurmstichig"><a href="#w10_9" class="gloss">olmig</a></dfn>.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te wohl, was den Mann dr&uuml;ckte, der eines Tages gesagt hatte: &raquo;Ehe
+da&szlig; ich mir und meinen Leuten auch nur einen Finger ritzen lasse, will
+ich lieber bis &uuml;ber die Enkel im Blute gehen.&laquo; Aber wem ging<span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span> es nicht
+so von den M&auml;nnern, die sich auf ihren H&ouml;fen gehalten hatten?</p>
+
+<p>Als er dann mit dem Bauern &uuml;ber Wieschen und den Wulfsbauern gesprochen
+hatte und mit ihm allein war, denn das M&auml;dchen war mit der Magd melken
+gegangen, und der alte Mann ihm offenbarte, was er auf dem Herzen hatte,
+tr&ouml;stete er ihn, so gut er konnte. &raquo;Wer sich und die Seinen gegen
+Schandtat und Greuel wehrt und <dfn title="Witwe"><a href="#w7_16" class="gloss">Witfrauen</a></dfn> und Waisen besch&uuml;tzt,
+Drewsbur,&laquo; sagte er, &raquo;den wird unser Herrgott willkommen hei&szlig;en, und
+wenn seine H&auml;nde auch &uuml;ber und &uuml;ber rot sind.&laquo; Da hatte der alte Mann
+tief aufgeseufzt und gesagt: &raquo;Dennso will ich mir dar&uuml;ber keine Gedanken
+mehr machen, euer Ehren.&laquo;</p>
+
+<p>Hinterher sprach der Prediger dann mit Wieschen. Das M&auml;dchen wurde immer
+stiller, je mehr er sprach, und schlie&szlig;lich sagte sie: &raquo;Ich habe
+gedacht, da&szlig; ich dar&uuml;ber weg bin, aber dem ist nicht so. Mein Wort halte
+ich, und ich w&uuml;rde es halten, wenn ich auch in der Zeit gelernt h&auml;tte,
+einen anderen gern zu haben. Das ist nun nicht so, jedennoch: der
+Wulfsbauer denkt in keiner Weise an mich, und es w&auml;re mir schrecklich,
+zu denken, wenn er glaubte, ich h&auml;tte auf den Tod seiner Frau gelauert.
+Ich bin kein eines Mal in der Kirche gewesen, ohne Gott zu bitten, da&szlig;
+er ihr ein langes Leben geben soll, denn seit dem Tage, da&szlig; sie sich mit
+mir ausgesprochen hat, ist sie mir so lieb gewesen, als wie eine
+Schwester. Und wenn er eine andere findet, die ihm lieber ist, und die
+ist gut zu den Kindern, keine sollte das mehr freuen, als mich, denn um
+alles in der Welt m&ouml;chte ich nicht, da&szlig; er denkt, ich wollte ihn<span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>
+zwingen, weil seine selige Frau einmal diesen Wunsch hatte.&laquo;</p>
+
+<p>Der Prediger gab ihr die Hand: &raquo;Eine solche Antwort, die pa&szlig;t sich f&uuml;r
+eine christliche Jungfrau. Verlasse sie sich ganz auf mich! Mein lieber
+Freund soll nichts von ihr denken, was ihr nicht angenehm ist. Und nun
+will ich gern, wie es ihr Vater w&uuml;nscht, eine kurze Abendandacht halten,
+denn bei kleinem wird es Zeit, da&szlig; wir uns zum Aufbruch r&uuml;sten.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Andacht sah er neben der Haustochter ein M&auml;dchen knieen, die
+ein Gesicht hatte, das ihn an seine selige Mutter erinnerte. Sie sah
+aus, als h&auml;tte sie viel B&ouml;ses ausgestanden; aber als sie einmal nach ihm
+hinsah, merkte er, da&szlig; ihr Herz rein und gut geblieben war. Er sah
+hinterher, da&szlig; es die Magd war; er wu&szlig;te nicht, warum er nach ihr
+hinsehen mu&szlig;te, als sie die St&uuml;hle beiseite stellte, und er h&auml;tte gern
+gewu&szlig;t, was es mit ihr f&uuml;r ein Bewenden habe, aber er fragte darum doch
+nicht danach.</p>
+
+<p>Es <dfn title="d&auml;mmern"><a href="#w4_5" class="gloss">schummerte</a></dfn> schon, als er mit den anderen durch die Haide ritt. In den
+Gr&uuml;nden stieg der Nebel auf, die Fr&ouml;sche knurrten in den P&uuml;mpen, von der
+<dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn> heulten die W&ouml;lfe den Mond an und im Moore waren die Kraniche am
+Prahlen. In der Richtung nach Mellendorf zu war der Himmel rot; da
+brannte ein Hof oder ein Dorf. &raquo;Errette sie, Herr,&laquo; betete der Prediger
+in sich hinein, &raquo;vor den b&ouml;sen Menschen; beh&uuml;te sie vor den frevelhaften
+Leuten!&laquo;</p>
+
+<p>Sie waren meist am Brehloh, da polterten lauthals schreiend ein paar
+Kr&auml;hen aus den Tannen. &raquo;Prrr!&laquo; rief Mertensgerd und ri&szlig; sein Pferd
+zur&uuml;ck,<span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span> und die anderen taten das auch und nahmen die Pistolen zur
+Hand. In demselben Augenblicke kam ein roter Schein aus dem Busche und
+eine Kugel flog &uuml;ber den Prediger hin, aber sogleich scho&szlig; der auch und
+h&ouml;rte einen Mann aufschreien, und da sah er, da&szlig; ein anderer auf den
+K&uuml;ster anlegte; er ritt ihn &uuml;ber den Haufen, und als er kehrt machte,
+h&ouml;rte er einen Schu&szlig; und der Kerl, der sich gerade wieder aufrappeln
+wollte, fiel um; Mertensgerd hatte ihn geschossen.</p>
+
+<p>Als sie in der blanken Haide waren, hielt der Prediger an: &raquo;Lasset uns
+dem Herrn danken f&uuml;r seine G&uuml;te,&laquo; sagte er, indem er die Kappe abnahm;
+&raquo;lasset uns beten: Herr, Herr, meine starke Hilfe, du beschirmst mein
+Haupt zur Zeit des Streites.&laquo; Als er sich wieder bedeckt hatte, sagte
+er: &raquo;Es steht geschrieben: Wer Menschenblut vergie&szlig;t, dessen Blut soll
+wieder vergossen werden. Auf uns trifft das nicht zu; wer seinem Bruder
+aus dem Hinterhalte nach dem Leben trachtet der ist, wie der Wolf; sein
+Blut beflecket den nicht der ihn erschl&auml;gt. Unsere H&auml;nde sind rein vor
+dem Herrn.&laquo;</p>
+
+<p>Am anderen Tage suchten Thedel, <ins class="correction" title="Rennekenklaus">Renneckenklaus</ins> und Mertensgerd das
+Brehloh ab. Die W&ouml;lfe hatten saubere Arbeit gemacht; eine Handvoll Taler
+hatten sie aber liegen lassen, und ein paar gute Pistolen. &raquo;Das mu&szlig; ich
+sagen,&laquo; meinte Thedel zu dem Wulfsbauern, &raquo;das ist ein Prediger, wie er
+zu uns pa&szlig;t. Ich dachte: der kann blo&szlig; mit der Schrift schie&szlig;en; aber
+was denkt man nicht alles von einem Menschen, ehe man nicht drei
+Scheffel Salz mit ihm gegessen hat. Ich sage man blo&szlig;: unser Prediger!
+So einen soll man<span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span> erst wieder suchen. Wer h&auml;tte das gedacht, als er den
+Tag hinter dem <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangel</a></dfn>busch sa&szlig; und lauthals singen tat!&laquo;</p>
+
+<p>Seit diesem Tage stand Puttfarken noch anders da als zuvor, und als er
+sich von selber anbot, auf Wache zu ziehen, und das so oft tat, wie die
+Reihe an ihm war, da brauchte er nicht erst darum zu bitten, und es
+wurde ihm der Kapelle gegen&uuml;ber ein Haus gebaut, wie es sich schickte
+und was darein geh&ouml;rte, kam alles von selber an. &raquo;Nun fehlt euch blo&szlig;
+noch eine <dfn title="h&uuml;bsch"><a href="#w2_1" class="gloss">glatte</a></dfn> Frau,&laquo; meinte der Burvogt; &raquo;dann habt ihr alles in der
+Reihe.&laquo; Aber Puttfarken schlug die Augen unter sich und sagte: &raquo;Damit
+hat es noch Zeit, Wulfsbur.&laquo; Als er aber abends &uuml;ber seinem Buche sa&szlig;,
+mu&szlig;te er an die Magd vom Dreweshofe denken.</p>
+
+<p>Am anderen Tage, als er den Bauern beim Grabenmachen antraf und mit ihm
+vesperte, fing er an: &raquo;Burvogt, gestern hat er mir gesagt, da&szlig; in meinem
+Hause eine Frau fehlt, und ich sagte, da&szlig; es damit noch Zeit habe. Aber
+jetzt will ich ihm etwas sagen: in seinem Hause, da fehlt eine Frau. La&szlig;
+er mich erst zu Ende reden! Das sage ich nicht, weil ich denke, er kann
+jetzt schon seine selige Frau vergessen haben und seine Augen auf eine
+andere schmei&szlig;en, dazu kenne ich ihn viel zu gut; aber es ist einmal der
+Kinder wegen und dann auch, weil, was er nicht wei&szlig;, ein M&auml;dchen da ist,
+das ihn vom ersten Tage gern hat, an dem es ihn gesehen hat, und das
+seinen Kindern die beste Zweitmutter sein wird, die man sich denken
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>Der Bauer sch&uuml;ttelte erst den Kopf, als der Prediger so sprach, aber als
+der ihm <dfn title="erkl&auml;ren"><a href="#w2_19" class="gloss">verklarte</a></dfn>, da&szlig; die B&auml;uerin<span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span> ihm aufgetragen hatte, daf&uuml;r zu
+sorgen, da&szlig; Wieschen ihr Versprechen hielt, da meinte er blo&szlig; noch: &raquo;Die
+junge <dfn title="h&uuml;bsch"><a href="#w2_1" class="gloss">glatte</a></dfn> Deern ist viel zu schade f&uuml;r mich. Seht her!&laquo; und dabei
+nahm er den Hut ab; &raquo;halbig grau bin ich schon, denn ich habe doch
+allerlei <dfn title="auf den R&uuml;cken nehmen"><a href="#w10_10" class="gloss">aufhucken</a></dfn> m&uuml;ssen in diesen Jahren, und das beste, was ich zu
+bieten hatte, zur H&auml;lfte liegt es in &Ouml;dringen unter der Asche und zur
+H&auml;lfte bei der Kirche unter dem Rasen. Das M&auml;dchen verdient einen Mann,
+der ihr mehr zu bieten hat, als wie ich.&laquo;</p>
+
+<p>F&uuml;r den Tag schwieg der Prediger von der Sache; aber nachdem er einmal
+wieder in Engensen gewesen war, kam er ab und zu darauf zur&uuml;ck und lie&szlig;
+nicht eher nach, als bis der Bauer sagte: &raquo;Wenn das Jahr sich gewendet
+hat, seitdem meine Johanna fort mu&szlig;te, und Wieschen noch ebenso denkt,
+als wie sie zu euch gesagt hat, dennso soll es so werden, wie sie es mit
+meiner seligen Frau abgemacht hat. Der Kinder wegen w&auml;re es mir schon am
+liebsten, sie kommt schon morgen, aber das w&auml;re einmal gegen jede Art
+und au&szlig;erdem: ehe das Jahr nicht hinter mir ist, fasse ich keine Frau
+an. Da&szlig; ich das beim ersten Male getan habe, hat mich oft genug
+gedauert, wenn es auch nicht anders ging.&laquo;</p>
+
+<p>Eine Woche sp&auml;ter war Wieschen da. Sie kam aber nicht allein, denn ihr
+Vater war bei ihr. Der Prediger hatte ihnen klar gemacht, da&szlig; die beiden
+Kinder je eher, je besser unter die Hand k&auml;men, die sie fernerhin h&uuml;ten
+sollte, und da hatte der alte Mann gesagt: &raquo;Und ich? an mich denkt wohl
+kein Mensch! Was bin ich denn, wenn Wieschen weg ist? Lieschen, die hat
+ihren Mann und ihre Kinder, die hat keine Zeit f&uuml;r mich.<span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span> Wenn ihr mich
+mit in den Kauf nehmt, schlage ich ein; sonst kann aus dem Handel nichts
+werden.&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte aber seine Hintergedanken, als er das sagte; denn wenn er auch
+seine Tochter nicht missen mochte, in der Hauptsache war es, da&szlig; er bei
+dem Prediger sein wollte; denn wenn er dem in die Augen sah, dann verga&szlig;
+er die dummen Gedanken, die er jetzt so oft hatte, und sah nicht die
+vielen wei&szlig;en Gesichter mit den roten L&ouml;chern in der Stirn, bangte sich
+nicht vor den M&auml;nnern, die mit einer <dfn title="gedrehter Weidenzweig"><a href="#w5_4" class="gloss">Wiede</a></dfn> um den Hals vor einer Birke
+hin und her gingen und an die er jedesmal denken mu&szlig;te, wenn er einen
+Birkenbaum sah oder den Pendel in der Kastenuhr.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist mir gerade recht,&laquo; sagte der Prediger, der es wohl merkte, wo
+hinaus der alte Mann wollte; &raquo;und pa&szlig;t es sich f&uuml;r ihn auf dem neuen
+Hofe nicht, so ist er mir herzlich willkommen, denn in meinem Hause bin
+ich doch so allein, wie der Dachs in seinem Loche, und jedweden
+geschlagenen Abend kann ich unm&ouml;glich bei dem Wulfsbauern sitzen!&laquo;</p>
+
+<p>Aber damit war dieser nun nicht zufrieden; er r&auml;umte Drewes und Wieschen
+die gro&szlig;e Schlafd&ouml;nze ein. Sie lebten nun so hin wie Bruder und
+Schwester, der Bauer und das M&auml;dchen, und erst im Julmond kam es in
+Engensen zur <dfn title="Verlobung"><a href="#w8_4" class="gloss">L&ouml;ft</a></dfn> und Ehestiftung; aber obzwar sie damit schon vor der
+ganzen <dfn title="Verwandtschaft"><a href="#w7_4" class="gloss">Freundschaft</a></dfn> nach dem alten Brauche als Eheleute galten, die
+Ehed&ouml;nze beschritten sie erst, als der Prediger sie zusammengegeben
+hatte, denn das hatte er sich als Kuppelpelz ausbedungen.</p>
+
+<p>&raquo;Wisse,&laquo; sagte er zu dem Bauern, &raquo;ich bin selber<span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span> Bauernsohn und wei&szlig;
+wohl, da&szlig; die L&ouml;ft als volle Ehe galt, ehe da&szlig; die kirchliche Trauung
+aufkam. Da wir diese aber nun einmal haben, so soll es so sein, da&szlig; erst
+mit ihr eine christliche Ehe beginnt, vorz&uuml;glich in seinem Falle, wo er
+schon einen Hoferben hat, und dann auch, weil der Burvogt auch in diesen
+Dingen dem Dorfe ein Beispiel sein soll, und schlie&szlig;lich, weil er kein
+Junggeselle ist, der die Zeit nicht abwarten kann.&laquo; Er war sehr
+zufrieden gewesen, als der Bauer sofort einschlug und sagte: &raquo;Das ist
+ganz meine Meinung.&laquo;</p>
+
+<p>Es war blo&szlig; eine stille Hochzeit, denn dem Br&auml;utigam war nicht nach
+Tanzen und Trinken zumute und der Braut erst recht nicht, und zudem war
+Landestrauer, da kurz zuvor Herzog Christian mit Tode abgegangen war,
+und am letzten Ende waren die Zeiten nicht danach. Aber es war eine
+sch&ouml;ne Traurede, die der Prediger hielt, und es war manch einer im
+Dorfe, der da sagte: &raquo;In einer Weise ist eine <dfn title="Hochzeit"><a href="#w10_11" class="gloss">Brutlacht</a></dfn> wie diese doch
+anst&auml;ndiger, als wenn in einem Ende hin gesoffen und gefressen wird.&laquo;</p>
+
+<p>Die Braut war sehr still gewesen die ganzen Tage vorher, und unter der
+Trauung sah sie aus wie der Kalk an der Kirchenwand, denn sie hatte
+zuviel Bange, da&szlig; der Bauer sie blo&szlig; gezwungen nahm. Am anderen Tage
+aber sah sie schon wieder aus wie immer, denn als sie mit ihrem Manne
+allein war, hatte er sie an der Hand genommen und ihr gesagt: &raquo;Ich habe
+in der Zeit, die du hier warst, doch herausgefunden, da&szlig; ich innerlich
+noch nicht alt und kalt bin, und da&szlig; ich es dir nicht gezeigt habe, wie
+gern ich dich habe, das tat ich,<span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span> weil ich bis auf den heutigen Tag
+gelobt habe, dich nicht anzufassen. Aber jetzt, Wieschen,&laquo; und dabei
+fa&szlig;te er sie um und gab ihr einen Ku&szlig;, &raquo;bist du meine Frau, und so weit
+es an mir liegt, soll es dich nicht gereuen, da&szlig; du es geworden bist.&laquo;
+Da hatte die junge Frau erst so geweint, da&szlig; ihm ganz &auml;ngstlich zumute
+wurde; aber als er ihr die H&auml;nde vom Gesicht machte, sah er, da&szlig; das
+Sonnenregen war, und seine Frau lachte und warf ihm die Arme um den
+Hals.</p>
+
+<p>Es war gut gewesen, da&szlig; es auf der Hochzeit des Wulfsbauern blo&szlig; einen
+Tischtrunk gegeben hatte, denn am anderen Morgen wurde die halbe
+Jungmannschaft vom Peerhobstberge abgerufen; lose Haufen von Schweden
+lie&szlig;en sich in der Umgegend blicken und hausten schlimmer als das Vieh.
+Seitdem ihr K&ouml;nig gefallen war, kannten sie keine Zucht mehr, und
+Frauensch&auml;nden und Kinderschinden, das war ihnen weiter nichts als ein
+kleiner Spa&szlig;. Aber der eine Haufen, der durch das Bruch ziehen wollte,
+lernte bald, da&szlig; es da auch wintertags <dfn title="Gelse, winzige M&uuml;cke"><a href="#w10_12" class="gloss">Gnitten</a></dfn> gab. Als sie mit ihren
+G&auml;ulen m&uuml;hselig durch Schnee und Morast zogen, fingen die bleiernen
+Gnitten an zu bei&szlig;en, da&szlig; das Blut danach kam. &raquo;Tja,&laquo; sagte
+Viekenludolf; &raquo;wer nicht wei&szlig;, was Landesbrauch ist, der l&auml;uft oft dumm
+an.&laquo;</p>
+
+<p>Am Sonntag Dreik&ouml;nige hatten die Peerhobstler wieder gesungen: &raquo;Und wenn
+die Welt voll Teufel w&auml;r!&laquo; Es war an dem: was sie zu Ohren bekamen, war
+Mord und Brand. Wenn einmal eine Woche kein roter Schein am Himmel
+stand, nachdem die Sonne untergegangen war, dann vermi&szlig;ten die Leute
+beinahe etwas, und nach einer Leiche am Stra&szlig;enbord wurde<span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span> nicht mehr
+hingesehen, als vordem nach einer verreckten Katze. Der Prediger hatte
+einen schweren Stand, da&szlig; er seine Gemeinde bei Christi Wort und Lehre
+hielt, denn wie an der Pest die Leiber, so siechten an der greulichen
+Zeit die Seelen hin.</p>
+
+<p>Das Herz wollte ihm im Leibe stehen bleiben, wenn er erz&auml;hlen h&ouml;rte, in
+welcher Weise die Bauern an ihren Peinigern Rache nahmen, und er
+<dfn title="erschrecken"><a href="#w4_1" class="gloss">verjagte sich</a></dfn>, als Schewenkasper ihm in aller Seelenruhe erz&auml;hlte: &raquo;In
+Brelingen hat ein einstelliger Bauer, der im Busche wohnt, seit einem
+halben Jahre einen von den Pappenheimern an der Kette im Stalle liegen,
+so da&szlig; er aus dem Troge fressen mu&szlig;. Der Mann hat ganz recht; die Hunde
+haben ihm seine Frau zuschanden gemacht, und wer sich als Hund ausgibt,
+mu&szlig; es wie ein Hund haben.&laquo;</p>
+
+<p>Heute die Kaiserlichen, morgen die Schweden; das ging immer umschichtig.
+Den einen Tag hie&szlig; es: &raquo;Wienhausen ist ausgeraubt,&laquo; und hinterher: &raquo;In
+Altencelle ist der Pastor zu Tode geschlagen worden.&laquo; Je l&auml;nger es
+dauerte, um so schlimmer wurde es. Das platte Land wimmelte von
+Freibeutern und B&auml;renh&auml;utern. &raquo;Wenn es so beibleibt,&laquo; knurrte Sch&uuml;tte,
+&raquo;dann werden uns die <dfn title="gedrehter Weidenzweig"><a href="#w5_4" class="gloss">Wieden</a></dfn> knapp und wir m&uuml;ssen nachpflanzen,&laquo; und
+Viekenludolf lachte: &raquo;Soviel M&uuml;he machen wir uns schon lange nicht mehr,
+denn sonst h&auml;ngen am Ende schon alle Birken voll und auf die Dauer ist
+das wirklich kein sch&ouml;ner Anblick. Mit dem <dfn title="Bleikn&uuml;ppel"><a href="#w10_13" class="gloss">Bleibengel</a></dfn> geht es sowieso
+schneller.&laquo;</p>
+
+<p>Ganz schlimm wurde es aber erst, als Herzog Georg, der Bruder des
+Landesherrn, wieder zu dem Kaiser<span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span> &uuml;berging, weil die Schweden ihn <dfn title="zum Narren haben"><a href="#w10_14" class="gloss">f&uuml;r
+einen Bauern kaufen</a></dfn> wollten. Es war, als wenn die H&ouml;lle alle ihre Teufel
+auf einmal von sich gegeben h&auml;tte, und der Prediger sagte nichts mehr,
+wenn er h&ouml;rte, wie die Bauern Gleiches mit Gleichem vergalten. Die
+Feldbestellung hatte meist ganz aufgeh&ouml;rt; die St&auml;lle standen leer; die
+Menschen gruben nach wilden Wurzeln und fra&szlig;en M&auml;use und Ratten,
+Schnecken und Fr&ouml;sche, Hunde und Katzen, und manches St&uuml;ck Fleisch, das
+in den Topf oder auf den Rost kam, war nicht von einem St&uuml;ck Vieh, und
+<ins class="correction" title="Wildpret">Wildbret</ins> war es auch nicht. Mancher, der blo&szlig; hundert
+Schritte von seinem Dorfe wegging, kam wohl wieder zur&uuml;ck, aber in
+St&uuml;cken, die unter dem Mantel getragen wurden, und die Eltern mu&szlig;ten
+aufpassen, wenn sie ihre Kinder behalten wollten.</p>
+
+<p>Der Prediger war noch keine drei&szlig;ig Jahre alt, da hatte er schon graue
+Haare &uuml;ber den Ohren, und die Falten, die er um den Mund hatte, waren so
+tief wie bei einem alten Manne. Dabei war es auf dem Peerhobsberge noch
+auszuhalten. War auch die Ernte schlecht gewesen, mu&szlig;te auch in jedem
+Hause Baumrinde in das Brot gebacken werden oder Eichelschrot, satt
+wurden sie doch immer, denn es wuchs allerlei in der <dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn>, das sich
+essen lie&szlig;, und an Wildbret und Fischen mangelte es niemals. Aber das
+schlimmste f&uuml;r die Leute war, da&szlig; sie ewig Angst haben mu&szlig;ten, da&szlig; eines
+Tages ein so starker Haufen Kriegsvolk nach dem Dorfe hinfinden k&ouml;nne,
+da&szlig; sie sich seiner nicht erwehren konnten.</p>
+
+<p>Auch dem Prediger wurde es oft schlecht unter dem Brusttuche. Um sich
+selber bangte er sich nicht. Doch<span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span> seitdem in Engensen Kroaten ziemlich
+schlimm gehaust hatten, aber schleunigst abziehen mu&szlig;ten, weil die
+Wehrw&ouml;lfe dreimal so stark waren als sie, so da&szlig; keiner von dem
+Takelvolk mehr den Weg zur&uuml;ckfand, konnte er keine Nacht mehr ruhig
+schlafen, denn er mu&szlig;te immer und immer daran denken, wie es Thormanns
+Grete, die als Magd auf dem Dreweshofe diente, bei einer solchen
+Gelegenheit gehen konnte.</p>
+
+<p>Er hatte es dem M&auml;dchen gleich angesehen, da&szlig; sie etwas Schweres hinter
+sich hatte, und er hatte es von dem alten Drewes herausgefragt, was das
+war. Sie war die j&uuml;ngste Tochter vom Tornhofe, aus dem ihre Eltern
+wegliefen, als ein Trupp Raubgesindel darauf loszog und wobei Steers
+Wieschen, Schewenkaspers Schatz, elendiglich zu Tode kam. Der Hof ging
+in Flammen auf, und da zogen Thormanns auf einen anderen Hof vor
+Wettmar, der ihnen auch geh&ouml;rte und den sie verpachtet hatten; jedoch
+acht Wochen darauf lebte keiner von der ganzen Familie mehr au&szlig;er Grete,
+und die blo&szlig; deshalb, weil sie sich bei den jungen Drewes verdingt
+hatte, wo sie wie eine Tochter gehalten wurde, denn Witte, der
+Drewesbur, war Vetter zu ihr.</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte blo&szlig; wissen, was unser Prediger immer und immer in Engensen
+zu tun hat,&laquo; sagte Thedel zu seiner Hille, die mittlerweile schon das
+vierte Kind an der Brust hatte, aber dabei immer v&ouml;lliger wurde; &raquo;es
+geht kaum eine Woche hin, da&szlig; er da nicht hinreitet.&laquo; Seine Frau lachte:
+&raquo;Er wird da wohl ein Gesch&auml;ft mit jemand haben, der einen roten Rock
+anhat und das Haar in einem <dfn title="Knoten"><a href="#w10_15" class="gloss">Dutten</a></dfn> tr&auml;gt,&laquo; meinte sie. &raquo;Der? der denkt
+an alles andere als an die Weibsleute,&laquo; sagte<span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span> Thedel; &raquo;nee, M&auml;dchen;
+dieses Mal bist du vom Wege abgekommen.&laquo;</p>
+
+<p>Es war aber doch so; ehe ein Monat hin war, zog Grete Thormann mit
+allem, was sie hatte, und das war nicht viel, auf den neuen Hof, und von
+da ab war der Prediger mehr da als in seinem eigenen Hause, und am
+n&auml;chsten Sonntag schmi&szlig; er sich und Grete von der Kanzel, und zwei
+Wochen sp&auml;ter traute sie der Pastor in Wettmar in aller Stille. Seit der
+Zeit sah der Prediger nicht mehr so d&uuml;ster vor sich hin, und seine Frau
+bekam auch ein anderes Gesicht, besonders zehn Monate sp&auml;ter, als sie
+noch etwas anderes zu tun bekam, als Brot zu backen und die Kuh zu
+melken; nach zwei Monaten stand ihr der rote Rock hinten ein ganzes Ende
+von den Hacken ab, so rund war sie geworden, und auch der Prediger
+setzte an wie eine Gans, die von der Stoppel in den Stall kommt.</p>
+
+<p>Am besten aber bekam das Freien Schewenkasper. Die ganze Zeit hatte er
+sich mit Mieken herumgekabbelt. Der eine stand dem anderen im Wege. Alle
+Augenblicke h&ouml;rte man Miekens Stimme: &raquo;Oller Stoffel! <dfn title="dumm"><a href="#w10_16" class="gloss">d&ouml;tscher</a></dfn> Hammel!&laquo;
+oder so etwas &Auml;hnliches, und hinter ihr her brummte es dann: &raquo;Dumme
+Trine! olle Gaffelzange!&laquo; Schlie&szlig;lich wurde es der B&auml;uerin zu dumm
+damit, und als sich die beiden im Stall mal wieder anbellten, schlug sie
+die T&uuml;re zu, hakte das Holzschlo&szlig; ein und rief: &raquo;So, nun kommt ihr erst
+wieder heraus, wenn ihr gut Freund geworden seid!&laquo;</p>
+
+<p>Nun war die R&uuml;ckwand des Stalles aber aus <dfn title="Flechtwerk"><a href="#w10_17" class="gloss">Flachtenwerk</a></dfn>, und da schlich
+sich die B&auml;uerin hin und horchte. &raquo;Harm,&laquo; sagte sie abends und lachte,
+da&szlig; das Bett<span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span> knackte, &raquo;ein Schade, da&szlig; du das nicht auch geh&ouml;rt hast!
+Erst war alles still. <ins class="correction" title="Daun">Dann</ins> fing Mieken an: &raquo;Vertragen? mit so 'm
+ollen <dfn title="widerlicher Mensch"><a href="#w10_18" class="gloss">Pottekel</a></dfn>? Denke nicht dran! So 'n <dfn title="maulfaul"><a href="#w10_19" class="gloss">faulm&auml;ulscher</a></dfn> Hund! Was ich da
+wohl nach frage, wie der sich zu mir stellen tut! Nicht so viel, wie der
+Hahn auf 'm Schwanz tragen kann! Lieber such' 'ch mir 'n anderen Dienst!
+Das fehlte noch grade! Wer war denn eher da? Soll hingehen, wo er
+hergekommen ist.&laquo; Und dann auf einmal: &raquo;Davor hab 'ch 'm immer die
+Fu&szlig;lappen gen&auml;ht und Str&uuml;mpfe hab 'ch 'm auch gestrickt und die B&uuml;chsen
+geflickt und das ist der Dank!&laquo; Und dann heulte sie lauthals los. Na
+und denn h&ouml;rte ich Kasper brummen als so 'n <dfn title="Dachs"><a href="#w10_20" class="gloss">Tachs</a></dfn>, und denn war alles
+stille. Na, als ich sie denn rauslie&szlig;, da hatte Mieken die Augen unter
+sich und Kasper <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">griente</a></dfn> als wie ein Honigkuchenpferd und sagt: &raquo;Du
+sollst auch vielmal bedankt sein, B&auml;uerin, und in vier Wochen, da wollen
+wir freien.&laquo;</p>
+
+<p>Das taten sie denn auch und &uuml;ber acht Monate war ein kleiner Kasper und
+ein l&uuml;tjes Mieken da, und Schewenkasper konnte auf einmal das Maul
+aufmachen und das Lachen lernte er auch noch. &raquo;Ich wei&szlig; gar nicht, euer
+Ehren, was das jetzt ist,&laquo; sagte der Wulfsbauer; &raquo;es ist ja wie die
+reine Verabredung: wohin man h&ouml;rt, &uuml;berall regnet es Zwillinge, wenn es
+nicht gar Drillinge sind. Wenn das so beibleibt, dennso k&ouml;nnen sich
+unsere Kinder eine Kirche bauen, die f&uuml;nfmal so gro&szlig; ist, und mehr Land
+m&uuml;ssen sie auch unter den Pflug nehmen als wie heute. Mein Wieschen
+bringt mir zu dem einen Paar noch eins, eure liebe Frau will darin auch
+nicht zur&uuml;ckstehen, bei Bolles sind<span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span> in zwei Jahren vier Kinder
+angekommen, Schewenkasper l&auml;&szlig;t sich auch nicht lumpen; das war doch
+fr&uuml;her nicht so! Na, wenn ich mal den bunten Stock und das gro&szlig;e Horn
+abgebe, dann kriegt der, der nach mir kommt, die doppelte Arbeit.&laquo;</p>
+
+<p>So war es aber nicht nur auf dem Peerhobsberge; es war, als wenn das
+Volk durch doppelte und dreifache Geburten die L&ouml;cher wieder anf&uuml;llen
+wollte, die Krieg, Pest und Hunger gerissen hatten und immer mehr
+rissen. Ganze D&ouml;rfer waren w&uuml;st, andere hatten kaum noch ein Viertel der
+Einwohner; was nicht tot war, trieb sich im Lande herum oder lag halb
+verhungert unter den Mauern von Celle, wo die Kanonen wenigstens etwas
+Schutz vor den Mordbanden boten, die heute der Kaiser, morgen der
+Schwede auf das Land hetzte, und mit denen es gar kein Ende nehmen
+wollte. Zehn Jahre und mehr spielten sie schon Schindluder damit, und
+wenn die Kinder, die in dieser Zeit aufgewachsen waren, zu h&ouml;ren
+bekamen, da&szlig; es einmal eine Zeit gab, in der man sich jeden Tag
+sattessen konnte, dann lachten sie und sagten: &raquo;Kann der aber l&uuml;gen!&laquo; So
+schrecklich wurde es, da&szlig; man Pestleichen fra&szlig; und da&szlig; Eltern ihre
+Kinder tot machten, weil sie ihnen keinen Bissen Brot mehr geben
+konnten.</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer erz&auml;hlte dem Prediger gr&auml;sige Sachen von dem, was er
+unterwegs <dfn title="erleben"><a href="#w12_7" class="gloss">belebt</a></dfn> hatte, als er in Celle zu tun gehabt hatte. Die
+St&auml;ndeversammlung hatte dem Herzog August die Mittel bewilligt, da&szlig; sein
+Bruder Georg Eisenhand Krieg gegen alles f&uuml;hren sollte, was dem Lande
+das Blut absaugte. Schatzung auf Schatzung wurde ausgeschrieben und
+Knecht und Magd mu&szlig;ten<span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span> ihren letzten Groschen hergeben. Da war der
+Wulfsbauer nach der Hauptstadt geritten. Die Gr&auml;fin Merreshoffen, die
+schon graue Haare bekommen hatte, denn ihre drei Br&uuml;der hatte der Krieg
+gefressen und ihre Schwester war unter den Toren von L&uuml;neburg mit ihrer
+Dienerschaft auf gr&auml;&szlig;liche Weise umgebracht, gab ihm einen Brief, und so
+wurde er bei dem Minister vorgelassen.</p>
+
+<p>Der behielt den Bauern eine Stunde bei sich und fuhr mit ihm nachher zum
+Herzog, und da erz&auml;hlte Wulf, wie er und die anderen sich geholfen
+hatten, denn der Minister wu&szlig;te die H&auml;lfte doch schon. Der Herzog, der
+etwas &auml;ngstlicher Art war, wurde ganz wei&szlig; im Gesicht, als der Bauer
+sagte: &raquo;Allergn&auml;digster Herr, gez&auml;hlt haben wir sie nicht, aber es kann
+wohl bis auf einige Tausend hinlangen, denen wir das Genick l&auml;nger
+gemacht haben.&laquo; Der Minister aber sagte: &raquo;Wenn sie alle so w&auml;ren, wenn
+sie alle so w&auml;ren! Dann st&auml;nde es besser um unser armes Land.&laquo; Er sprach
+eine Weile vertraulich mit dem Herzog und dann sagte er zu Wulf: &raquo;Der
+allergn&auml;digste Herr erl&auml;&szlig;t Peerhobstel jede Schatzung, solange der Krieg
+anh&auml;lt, daf&uuml;r, da&szlig; ihr euch als wackere M&auml;nner und treue Untertanen
+bewiesen habt.&laquo;</p>
+
+<p>Zwei Tage sp&auml;ter war der Bauer mit zw&ouml;lf von den dreiunddrei&szlig;ig
+Unterobm&auml;nnern wieder in Celle und legte dem Minister einen Beutel mit
+tausend Talern in Gold als freiwilliges Geschenk auf den Tisch. &raquo;Das ist
+mir beim Wehren so in den Fingern h&auml;ngen geblieben,&laquo; sagte er, &raquo;und ich
+denke, unser Herr Herzog hat wohl Verwendung daf&uuml;r.&laquo; Der Minister
+schlug<span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span> ihm auf die Schulter und sch&uuml;ttelte ihm die Hand. &raquo;Er ist ein
+ganzer Kerl, Burvogt, wollte Gott, da&szlig; wir mehr von seiner Art h&auml;tten!
+Wie lange bleibt er noch in Celle und wo ist er eingekehrt?&laquo; Als der
+Bauer ihm das gesagt hatte, sagte er: &raquo;In zwei Stunden schicke ich ihm
+etwas.&laquo;</p>
+
+<p>Es war noch nicht anderthalb Stunden hin, da fuhr ein herzoglicher Wagen
+vor der goldenen Sonne vor und ein Kammerherr mit einem Diener stieg
+aus. Sie gingen in das herrschaftliche Zimmer und gleich darauf kam der
+Wirt und winkte dem Bauern: &raquo;Du sollst mal r&uuml;berkommen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Kammerherr rollte ein Papier auf und las vor, was darin stand, und
+dem Bauern wurde es dunkel vor den Augen, denn das war mehr, als er
+erwartet hatte: Schatzfreiheit f&uuml;r Peerhobstel so lange der Krieg
+anhielt, amtliche Anerkennung der Kirchengemeinde Peerhobstel unter
+Belassung des Pfarrers Puttfarken, Befreiung des neuen Hofes von allen
+Lasten f&uuml;r ewige Zeiten mit Ausnahme der Stellung eines Reiters zu
+Pferde f&uuml;r jeden Kriegsfall.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist zuviel, Euer Gnaden,&laquo; sagte der Bauer, &raquo;das ist zuviel.&laquo; Der
+Kammerherr aber l&auml;chelte und nahm dem Diener den Kasten ab, den der in
+der Hand trug, machte ihn auf und sagte, indem er auf ein kleines Bild
+im goldenen Rahmen wies, auf dem der Herzog war, wie er leibte und
+lebte: &raquo;Das schickt ihm unser allergn&auml;digster Herr und einen sch&ouml;nen
+Dank dazu und er l&auml;&szlig;t sagen: wenn er wieder einmal eine Bitte hat, soll
+er man dreiste kommen.&laquo;</p>
+
+<p>Am meisten freute sich der Prediger, als der Burvogt<span class='pagenum'><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span> noch an demselben
+Abend den bunten Stock rundgehen lie&szlig; und Bauernmal ansagte; er konnte
+nicht anders, er mu&szlig;te erst nach Hause laufen und seiner Frau zurufen:
+&raquo;Der Herzog hat die Gemeinde anerkannt, Margarete! Und mich auch! Und so
+bleiben wir hier, bis der Herr uns zu sich ruft!&laquo; Dabei liefen ihm die
+Tr&auml;nen &uuml;ber das Gesicht und er mu&szlig;te sich hinsetzen, so schwach wurde es
+ihm in den Beinen.</p>
+
+<p>Er hatte aber die Freude auch bitter n&ouml;tig, denn immer mehr dr&uuml;ckte es
+ihn, wie der Krieg auch &uuml;ber Peerhobstel seine Schatten schmi&szlig; und die
+Leute hart und kalt machte. Nun aber hatte er einen Text f&uuml;r den
+n&auml;chsten Sonntag. Er machte der Gemeinde offenbar, wie gut sie es h&auml;tte
+gegen das, was andere Leute auszustehen h&auml;tten, und also sollten sie
+nicht klagen und verzagen, sondern in der Furcht des Herrn leben und die
+K&ouml;pfe hochhalten.</p>
+
+<p>Die Leute <dfn title="schauern"><a href="#w10_22" class="gloss">schudderten</a></dfn> zusammen, als sie vernahmen, wie es anderswo
+zuging, und dankten Gott, da&szlig; es bei ihnen nicht so war, wie in der
+Gegend, von der das fliegende Blatt meldete, das der Burvogt aus Celle
+mitgebracht hatte und das der Prediger ihnen vorlas, denn am Schlusse
+hie&szlig; es darin:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Aus Hunger nach dem Brot<br /></span>
+<span class="i0">in W&auml;ldern viel erfroren,<br /></span>
+<span class="i0">von Haus und Hof verjagt:<br /></span>
+<span class="i0">zwei Kinder man fund mit Schmerzen,<br /></span>
+<span class="i0">die von ihrer Mutter Herzen<br /></span>
+<span class="i0">aus Hungersnot genagt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<h2><a name="Die_Kaiserlichen" id="Die_Kaiserlichen"></a>Die Kaiserlichen<span class='pagenum'><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span></h2>
+
+
+<p>Es wurde ein harter Winter und der Schnee blieb liegen. Die Peerhobstler
+hatten Angst, da&szlig; ihre Fu&szlig;spuren Feinde in das Dorf ziehen w&uuml;rden, und
+so mu&szlig;ten sie sich nach jedem Neuschnee daran geben und an dem Dorfe
+vorbei falsche F&auml;hrten durch die Haide machen.</p>
+
+<p>So hatten sie wenigstens etwas zu tun und verfielen nicht vor
+Langerweile in Tr&uuml;bsinn. Damit die Arbeit nicht abri&szlig;, so ging der
+Wulfsbauer dabei, wenn die K&auml;lte einmal nachlie&szlig; und der Boden weich
+wurde, ein festes Blockhaus in der Wallburg zu bauen, denn er sagte
+sich, da&szlig; doch noch einmal ein Haufen Mordgesindel nach dem
+Peerhobsberge hinfinden k&ouml;nnte, und dann war es schlimm.</p>
+
+<p>Thedel machte ihm das sofort nach, und dann Bolle und Henke und Duwe und
+Rennecke, und schlie&szlig;lich wollte jeder in der Burg ein Haus mit Stall
+haben. Sie bauten die H&auml;user dicht an den Wall heran und deckten sie mit
+<dfn title="Haidscholle"><a href="#w1_3" class="gloss">Plaggen</a></dfn>, damit sie nicht so leicht Feuer fangen konnten. Damit die Burg
+noch sicherer war, leiteten sie eine Quelle in den Burggraben, nachdem
+sie ihn vorher noch tiefer und steiler gemacht hatten.</p>
+
+<p>Zuletzt wurde der Zuweg abgegraben und eine Fallbr&uuml;cke kam statt seiner
+dahin. Auch ein Brunnen wurde gegraben, und schlie&szlig;lich wurde alles
+Pulver und Blei, das zu entbehren war, in die Blockh&uuml;tten geschafft und
+alle &uuml;berfl&uuml;ssigen Schie&szlig;gewehre und sonstigen Waffen, auch Pfannen und
+T&ouml;pfe dort untergebracht<span class='pagenum'><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span>, Brennholz, Kleidungsst&uuml;cke und Mundvorrat
+aller Art und Viehfutter, sowie alle Immenk&ouml;rbe aus dem Dorfe. Als alles
+fertig war, hielt der Burvogt auf dem Bauernmale eine Rede und sagte:
+&raquo;Jetzt k&ouml;nnen sie kommen, wenn sie lustig sind; wir wollen sie schon gut
+bedienen!&laquo;</p>
+
+<p>Da hielten die Bauern die K&ouml;pfe wieder h&ouml;her. Was konnte ihnen auch viel
+geschehen? Setzte ihnen der Feind den roten Hahn auf das Dach, la&szlig;
+fahren dahin! Holz wuchs genug in der <dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn>, alle Wertsachen und das
+Bargeld lagen im Wall, und ehe der Feind beim Dorfe war, hatten die
+Wachen ihn schon spitz und meldeten ihn an. Denn nach der Ernte war der
+Wachdienst noch besser eingerichtet, als w&auml;hrend des Sommers. Die
+<dfn title="Luginsland"><a href="#w7_10" class="gloss">Auskieke</a></dfn> in den Wahrb&auml;umen waren so fest und dicht gemacht, da&szlig; es f&uuml;r
+die Wachen darin wohl auszuhalten war, zumal es an warmen Kleidern und
+Pelzen nicht mangelte, hatten die Wehrw&ouml;lfe doch genug davon erbeutet.
+Zudem streiften den ganzen Tag &uuml;ber berittene Wachen durch die Haide.</p>
+
+<p>Damit den Leuten die Abende nicht zu lang wurden, sorgte der Prediger
+f&uuml;r allerhand Zeitvertreib. Im Pfarrhause veranstaltete er
+Zusammenk&uuml;nfte, bei denen die heilige Schrift ausgelegt wurde, und an
+etlichen Tagen las er aus anderen B&uuml;chern vor, damit die Leute einmal
+wieder von Herzen lachen konnten. Er erz&auml;hlte ihnen, wie es in der
+Marsch an der Unterweser aussah, wo er zu Hause war, und was er auf der
+hohen Schule <dfn title="erleben"><a href="#w12_7" class="gloss">belebt</a></dfn> hatte, und da taute einem nach dem anderen die Zunge
+im Munde los und jeder erz&auml;hlte irgend etwas. Sogar Schewenkasper tat
+das und er war<span class='pagenum'><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span> sehr stolz, da&szlig; alle so m&auml;chtig lachten; sie taten das
+aber, weil kein Mensch an dem, was er sagte, herausfinden konnte: was
+ist nun Kopf und was <dfn title="Schwanz"><a href="#w7_13" class="gloss">Steert</a></dfn>?</p>
+
+<p>Alle zwei Wochen gab es auf dem neuen Hofe Tanz f&uuml;r das junge Volk, denn
+Wittenfritze spielte die Fiedel und Duwenhinrich verstand sich gro&szlig;artig
+auf die Pickelfl&ouml;te. Es ging lustig auf diesen Tanzabenden zu, lustig,
+aber doch sinnig, denn au&szlig;er einem Trunk Bier gab es nichts weiter, und
+wenn auch nicht so viel gejucht wurde und die roten R&ouml;cke auch nicht
+ganz so hoch flogen als sonst, daf&uuml;r gab es auch keinen Zank und Streit
+und am anderen Tage keine dicken K&ouml;pfe. Es tanzten aber auch die
+<dfn title="verheiratet"><a href="#w9_8" class="gloss">befreiten</a></dfn> Leute mit. Ein gro&szlig;es Hallo gab es, als sogar der Prediger
+zeigte, da&szlig; er und seine Frau so gut tanzen konnten wie einer, und als
+die M&auml;dchen freie Hand hatten, wollte eine jede mit ihm tanzen. &raquo;Ja,
+unser Prediger, das ist einer!&laquo; sagte Thedel, als er mit seiner Hille
+nach Hause schob.</p>
+
+<p>So ging der Winter schneller hin, als man dachte, und besondere
+Ungelegenheiten brachte er auch nicht. Einmal war allerdings eine gro&szlig;e
+Bande von Schweden dem Dorfe ziemlich nahe gekommen, als der Wulfsbauer
+und seine beiden Knechte, die auf Streifwache geritten waren, sie spitz
+kriegten. Da zeigte Schewenkasper, da&szlig; er doch nicht so dumm war, wie er
+sich anstellte, und lieferte ein St&uuml;ck, da&szlig; er auf einmal ein ber&uuml;hmter
+Mann wurde, sogar bei seiner Frau, die ihn jeden Tag mit seiner
+Maulfaulheit und Dr&ouml;gigkeit aufzog. Als er acht Tage sp&auml;ter im Kruge zu
+Engensen sa&szlig;, war er sehr stolz, als Viekenludolf ihm sagte: &raquo;Wenn du
+nicht ein verheirateter Mann w&auml;rest, m&uuml;&szlig;test<span class='pagenum'><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span> du eigentlich Oberobmann
+werden. Aber nun verz&auml;hl uns das mal, wie es war!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tja,&laquo; sagte Schewenkasper, &raquo;tja, das war an dem Morgen nach der Nacht,
+tja, an demselbigten Morgen, als Duwes Wittkopp das Kalb mit den zwei
+K&ouml;ppen kriegte. Tja, da dachte ich gleich: wenn das man nichts zu
+bedeuten hat, dachte ich. Tja, so war es denn auch. So bei Uhre achte,
+es kann aber auch schon neune gewesen sein, sagte der Bauer zu mir und
+Gird: wollen 'n b&uuml;schen in die Haide, v'lleicht, da&szlig; wir was Neues
+gewahr werden. Na, wir also los! Tja, und als wir meist am Bullenbruch
+sind, das hei&szlig;t, wir waren noch auf dem H&ouml;ltkebrunnen, was meint ihr
+wohl, kommen da Reiter an und gleich an die vierzig St&uuml;ck. Gird, sagte
+der Bauer da, mach, da&szlig; du nach dem Peerhobsberge kommst und la&szlig; tuten
+und blasen! Wir wollen sehen, da&szlig; wir Hilfe kriegen. Tja, und da kam mir
+ein Gedanke, wahrhaftig, und ich sagte: Wulfsbur, sagte ich, wenn wir
+nun in den Busch reiten, wo wir ober dem Wind sind, und ich mache wie
+eine Kuh oder zwei oder drei und wie ein Kalb und das Schweinegeschrei
+habe ich auch los, tja, das habe ich, vielleicht, da&szlig; wir sie damit vom
+Wege <dfn title="fortlocken"><a href="#w11_1" class="gloss">wegzocken</a></dfn>. Und der Bauer war das zufrieden. Kasper, sagte er, das
+ist ein Gedanke! Na, wir also in den Busch, bis wir ober dem Wind sind,
+und da ich losgelegt. Erst so ganz sachteken: miuh, miuh, wie so 'ne
+<dfn title="F&auml;rse, junge Kuh"><a href="#w11_2" class="gloss">St&auml;rke</a></dfn>. Und hinterher: muuh, und immer gef&auml;hrlicher <dfn title="br&uuml;llen"><a href="#w2_11" class="gloss">geb&ouml;lkt</a></dfn>, und
+dazwischen n&ouml;ff, n&ouml;ff, n&ouml;ff und wit, wit, wit, als wie ein Schwein, und
+ab und zu lie&szlig; ich eine Stute loslegen oder ein F&uuml;llen, tja, und was
+meint ihr, richtig fallen sie darauf rein, die<span class='pagenum'><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span> <dfn title="Dummkopf"><a href="#w2_13" class="gloss">D&ouml;llmer</a></dfn>, und wir zocken
+sie aus dem Bullenbruche nach dem Osterhohl und von da nach der
+Nienwohle, und von da nach dem D&uuml;sterbrook, und von da nach dem
+Neegenbarkenbusch, und dann hast 'e nicht gesehen, klabuster, klabuster
+nach Rammlingen geritten und Hilfe geholt, tja. Na, und das andere, das
+wi&szlig;t ihr ja besser als wie ich.&laquo;</p>
+
+<p>Das war n&auml;mlich auch ganz lustig. In Rammlingen waren gerade an die
+achtzig von den Dreihundertdreiunddrei&szlig;ig zusammen, und als die beiden
+Peerhobstler angeritten kamen und Meldung machten, schrie Sch&uuml;tte: &raquo;Das
+kommt uns gut zu passe! Und nun will ich euch was sagen: wir wollen das
+einmal anders machen als bislang. Das alte Ablauern hinter den B&uuml;schen
+ist auf die Dauer langweilig, meine ich. Wir holen uns noch St&uuml;cker
+zwanzig Mann und mehr dazu und dann reiten wir sie glatt &uuml;ber. Es mu&szlig;
+doch mit dem Deubel zugehen, wenn wir sie nicht unter die F&uuml;&szlig;e kriegen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberobmann hatte eine andere Meinung, aber die &uuml;brigen waren alle
+daf&uuml;r und so ging es denn los. Sie kriegten noch unterwegs an die
+drei&szlig;ig von ihren Leuten zusammen, so da&szlig; sie ihrer hundertundzehne
+waren, machten sich alle die Gesichter schwarz und ritten los.
+G&ouml;deckengustel und zwei andere ritten voran. Die Schweden zogen durch
+das Jammertal, wo nichts war als Sand und krause Fuhren. Als sie mitten
+in den Haidbergen waren, fielen die Bauern von zwei Seiten &uuml;ber sie her.
+Die Jungens bliesen auf den H&ouml;rnern und klappten mit den langen
+Peitschen. Die Schweden hatten lauter zusammengestohlene Pferde, und die
+wurden verr&uuml;ckt, als sie das Anjuchen und das<span class='pagenum'><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span> Klappen h&ouml;rten, liefen
+einander &uuml;ber den Haufen und brachen nach allen Ecken aus. Und da taten
+die Pistolen, die Bleikn&uuml;ppel und die <dfn title="Beil"><a href="#w11_3" class="gloss">Barten</a></dfn> ihre Schuldigkeit, bis der
+letzte Reiter aus dem Sattel war. Aber von den Wehrw&ouml;lfen hatten sieben
+Mann auch t&uuml;chtig etwas abgekriegt und am meisten Sch&uuml;tte; er hatte
+einen Schu&szlig; mitten durch die Brust und starb nach einer Viertelstunde.
+Sein letztes Wort aber war: &raquo;Kinder, war das ein Spa&szlig;!&laquo;</p>
+
+<p>Mitten im Jammertale lag eine <dfn title="Grube"><a href="#w1_15" class="gloss">Kuhle</a></dfn>, da kamen die Schweden alle hinein,
+und seitdem hie&szlig; die Stelle das Schwedenloch. Nicht weit davon lag ein
+<dfn title="Sumpf"><a href="#w4_9" class="gloss">Flatt</a></dfn>, das nannten sie das gro&szlig;e Hundebei&szlig;en. Im <dfn title="Februar"><a href="#w7_12" class="gloss">Hornung</a></dfn> hatte da
+n&auml;mlich wieder ein Trupp Schweden gelegen, f&uuml;nfzehn K&ouml;pfe stark, und die
+Bauern wollten gerade hin und sie aus dem Wege besorgen, da kamen Thedel
+und Gird angeritten und meldeten, da&szlig; von der anderen Seite ein Dutzend
+Kaiserliche ankamen. Da sagte der Oberobmann: &raquo;So, da soll ein Hund den
+anderen bei&szlig;en!&laquo; Er ritt nach der Burg, zog sich wie ein Kaiserlicher
+an, und dann ritt er so dicht an den Schweden vorbei, da&szlig; die seine
+Farben erkennen konnten. Sofort waren sie hinter ihm her, aber sie
+verstanden sich auf das Reiten in der hohen Haide schlecht, und so
+zockte sie der Wulfsbauer den Kaiserlichen in den Hals und machte sich
+dann d&uuml;nne. Die Bauern warteten, bis alles kopps&uuml;ber, koppsunter ging,
+und dann fegten sie das <dfn title="Spreu"><a href="#w4_2" class="gloss">Kaff</a></dfn> von der <dfn title="Diele, der Hauptraum im Hause"><a href="#w6_13" class="gloss">Deele</a></dfn>.</p>
+
+<p>Das gab dann jedesmal genug zu erz&auml;hlen im Dorfe, und so wurde es
+Fr&uuml;hling, ehe man wu&szlig;te, wie es zugegangen war. Besser wurde es da auch
+noch nicht mit<span class='pagenum'><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span> dem Kriege, aber die Feldarbeit fing an und die Leute
+wu&szlig;ten, wozu sie auf der Welt waren, wenn sie sich auch wie die W&ouml;lfe im
+Bruche bergen mu&szlig;ten, denn einmal zogen Tag f&uuml;r Tag die Kriegsv&ouml;lker hin
+und her und zweitens ging der schwarze Tod wieder um. So hielten sich
+die Peerhobstler f&uuml;r sich, um die Pest nicht in das Bruch zu schleppen.
+Da sie gewohnt waren, sich und ihre H&auml;user rein zu halten, keinen Hunger
+litten und m&auml;&szlig;ig lebten, so schielte die Seuche wohl nach dem Dorfe,
+mu&szlig;te es aber zufrieden lassen.</p>
+
+<p>Durch die Arbeit kamen die Leute &uuml;ber ihre &Auml;ngste und Sorgen am besten
+weg. Darum, was drau&szlig;en vorging, scherten sie sich wenig. &raquo;Sind wir nun
+schwedisch oder sind wir kaiserlich?&laquo; fragte der Burvogt den Prediger;
+&raquo;ich finde da nicht mehr durch. Viekenludolf sagt, der Regent wei&szlig; auch
+nicht, wie er daran ist, und darum hat er sich mit den Hessen
+zusammengetan und geht gegen alles an, was hier nicht hergeh&ouml;rt, ganz
+so, wie wir, und das ist auch das einzig wahre!&laquo;</p>
+
+<p>Er war mittlerweile meist ganz grau geworden; das Hin- und Herjagen in
+der Haide und alles das andere hatte ihm den Kopf abgebleicht, seine
+Stirne kraus und seinen Mund eng gemacht. Sonst war er aber noch ganz
+der alte, und zw&ouml;lf Stunden im Sattel zu sein, das machte ihm nicht viel
+aus. Bei allen wichtigen Sachen war er nun wieder das Haupt, denn
+Viekenludolf war zu sehr Dollhund und konnte das Abwarten nicht
+vertragen. W&auml;re Wulf nicht gewesen, so h&auml;tte der Rammlinger all lange
+unter der Erde gelegen, denn als ihm einmal wieder die Hand vor der Zeit
+an zu jucken fing, kam er zwischen vier schwedische Reiter,<span class='pagenum'><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span> und die
+deckten ihn so zu, da&szlig; es meist aus mit ihm war; aber da kam der
+Peerhobstler angedonnert und schlug den Mann, der Vieken aus dem Sattel
+stechen wollte, das Genick ab, und einem anderen schlug er den Arm ab,
+und der dritte bekam eins vor die Stirn; von dem vierten aber kriegte er
+den S&auml;bel mitten durch das Gesicht, ehe er ihn in die Haide schmi&szlig;. &raquo;Das
+ist man blo&szlig; &auml;u&szlig;erlich, altes M&auml;dchen,&laquo; sagte er und schlug seiner Frau
+auf die Lende; &raquo;bind' mir 'n Lappen um und gib mir 'n Honigbrot, denn
+wein' ich auch nicht mehr.&laquo;</p>
+
+<p>Da lachte die B&auml;uerin. Sie war ziemlich auseinandergegangen, aber noch
+viel sch&ouml;ner als wie als M&auml;dchen, die blankeste Frau war sie weit und
+breit und die lustigste auch, und das war f&uuml;r den Bauern die Hauptsache,
+denn der hatte oft seine dusteren Zeiten. Es ging ihm wie Drewes, der
+jetzt den Gro&szlig;vater spielte, denn seine Tochter hatte schon das vierte
+Kind. Wenn er sich mit den Kindern abgab, konnte er noch lachen, da&szlig; man
+alle seine Z&auml;hne sah, aber wenn sie schliefen, dann sah er oft die
+vielen wei&szlig;en Gesichter mit den roten L&ouml;chern in der Stirn und
+Birkenb&auml;ume, vor denen tote M&auml;nner hin und her gingen wie der Pendel an
+der Kastenuhr. Dann ging er zum Prediger und lie&szlig; sich von dem die
+Gnitten vertreiben.</p>
+
+<p>Mit solchen Gedanken hatte sich sein Eidam auch herumzuschlagen, aber am
+meisten Sorge machte ihm doch das, was vor ihm lag. Achtzehn Jahre lang
+hatte er nun den Wolf spielen m&uuml;ssen; er war noch tiefer durch
+Menschenblut gegangen als Drewes; aber wenn es ihm bis an den Hals
+gestanden h&auml;tte, er h&auml;tte sich<span class='pagenum'><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span> nichts daraus gemacht, wenn es endlich
+ein Ende damit gehabt h&auml;tte. Aber die Haide wimmelte und krimmelte von
+<dfn title="verd&auml;chtige Menschen"><a href="#w11_5" class="gloss">Takelzeug</a></dfn>; Schweden und W&auml;lsche, Krabatten und Slowaken, das fra&szlig;, was
+der Bauer s&auml;te, und soff, was die B&auml;uerin melkte; das Rauben und
+Pl&uuml;ndern, Sengen und Brennen, Schimpfen und Sch&auml;nden, Morden und
+Martern, es war das Ende davon weg.</p>
+
+<p>So manches Mal hatte der Bauer den Gedanken: &raquo;H&auml;tten wir uns lieber
+nicht gewehrt, dann l&auml;gen wir all unter der Erde und brauchten uns nicht
+zu sorgen!&laquo; Sowie aber das Horn rief und die <dfn title="Brett, das mit zwei H&auml;mmern geschlagen wird und einen weithin vernehmbaren Schall gibt"><a href="#w11_6" class="gloss">Hillebillen</a></dfn> meldeten, da&szlig;
+fremde Hunde auf der Stra&szlig;e waren, langte er die B&uuml;chse hinter dem
+<dfn title="Schrank"><a href="#w9_9" class="gloss">Schapp</a></dfn> her, kriegte den Bleikn&uuml;ppel von dem Hirschgeweih, schmi&szlig; die
+Beine &uuml;ber den Rappen, und wenn er dann wiederkam, oft erst nach Tagen,
+hungrig, m&uuml;de, na&szlig; von Regen oder Schwei&szlig;, nach Kien, <dfn title="ein Strauch, Porst oder Gagel, auch Gerbermyrte genannt, Myrica gale L"><a href="#w2_9" class="gloss">Post</a></dfn> und Haide
+riechend wie ein Pferdehirt, dann sagte er doch, und er lachte ein
+bi&szlig;chen dabei: &raquo;F&uuml;r dieses Mal haben wir sie noch &uuml;ber den Berg
+gebracht!&laquo; Dann fiel er auf das Bett und schlief einen ganzen Tag wie
+ein Toter. Am anderen Tage aber wusch er sich von oben bis unten, zog
+frische Leibw&auml;sche und anderes Zeug an, und dann erst spielte er mit den
+Kindern und nahm sein Wieschen in den Arm. Wer ihn dann zu sehen bekam,
+konnte es sich nicht denken, da&szlig; es derselbe Mann war, der vor zwei
+Tagen einem kaiserlichen Offizier, der um Gnade bat, zuschrie: &raquo;Jawoll,
+aber von dieser Art!&laquo; und damit schlug er ihn tot.</p>
+
+<p>Was sollte er auch machen? Ob Schwede, ob Kaiserlicher, womit der eine
+gekocht war, damit war der<span class='pagenum'><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span> andere gebr&uuml;ht; hier wurden die Menschen im
+Namen der heiligen Maria totgequ&auml;lt und anderswo wurden sie der reinen
+Lehre wegen geschunden. Zu all dem Elend starb noch Georg Eisenhand, wie
+es hie&szlig;, an Gift, das er in Hildesheim bekommen haben sollte, als er mit
+dem schwedischen General unterhandelte, und nun war es, als ob das Land
+ganz in Blut ersaufen sollte. Die Bauern hielten die Schinderei
+schlie&szlig;lich nicht mehr aus; sie rotteten sich offen zusammen und halfen
+sich, so gut es gehen wollte, und ging es schief, dann war es auch nicht
+schlimm; wer tot war, dem konnte das Herz nicht mehr brechen &uuml;ber dem
+qu&auml;lhaftigen Leben.</p>
+
+<p>Viekenludolf hatte geheult wie ein &uuml;bergefahrener Hund, als ihm gemeldet
+wurde, da&szlig; bei Dachtmissen zweihundert Bauern von den Kaiserlichen
+hingemordet waren, denn er hatte mehr als einen Freund dort gehabt und
+auch noch etwas anderes, woran ihm noch mehr lag. Er ritt mit seinen
+Leuten los, aber er kam zu sp&auml;t, und blo&szlig; zwanzig Mann bekam er unter
+die Knie, und sechs davon lebendig und der eine war ein Offizier. Er
+lie&szlig; sie alle mitten im Busche aufh&auml;ngen, als wenn es gemeines
+Raubgesindel war, und als der Hauptmann dagegen anwollte, schrie er:
+&raquo;Dann behandelt den Herrn wie einen Offizier und h&auml;ngt ihn an seiner
+S&auml;belkoppel auf und nicht an einer <dfn title="gedrehter Weidenzweig"><a href="#w5_4" class="gloss">Wiede</a></dfn>!&laquo; Ja, man sagte, vorher h&auml;tte
+er ihm in das Gesicht gespuckt.</p>
+
+<p>Das mu&szlig;te wohl wahr sein, denn bald darauf traf ihn die Strafe; er mu&szlig;te
+freien. Bisher hatte er immer Gl&uuml;ck gehabt; aber wie es so kam,
+G&ouml;deckengustels<span class='pagenum'><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span> Schwester Trina, von der h&auml;tte er die Finger lassen
+sollen, denn in allem verstanden die W&ouml;lfe unter sich Spa&szlig;, blo&szlig; nicht
+in solchen Dingen. So lie&szlig; er denn das Maul h&auml;ngen wie ein Rehbock, der
+eine Ricke suchen geht, als G&ouml;decke ihm eines Abends sagte: &raquo;Unser Trina
+meint, da&szlig; es bald Zeit w&auml;re, da&szlig; ihr beide freit.&laquo; Zwei Wochen sp&auml;ter
+war die Hochzeit; es war eine lustige Hochzeit, blo&szlig; f&uuml;r den Br&auml;utigam
+nicht, denn der sagte zu Gr&ouml;nhagenkrischan: &raquo;Ja, die Frauensleute, da
+mu&szlig; 'n sich mit vorsehen; die nehmen gleich alles wortw&ouml;rtlich!&laquo;</p>
+
+<p>Er blieb auch hinterher zweiter Obmann, denn er war froh, wenn es
+drau&szlig;en was zu tun gab. &raquo;Diese ewige <dfn title="z&auml;rtlich dr&uuml;cken"><a href="#w11_7" class="gloss">Knutscherei</a></dfn>!&laquo; st&ouml;hnte er; &raquo;lieber
+Himmel, klettern hat doch blo&szlig; so lange Sinn und Verstand, bis da&szlig; man
+den Appel vom Baume hat; nachher da ist es <dfn title="Unfug"><a href="#w3_6" class="gloss">Hahnj&ouml;kelei</a></dfn>.&laquo; So war er und
+sein Brauner meist unterwegs, denn es regnete jeden Tag Ungeziefer, was
+da nur herunterwollte, auf das Land: heute Schweden, morgen Weimaraner,
+dann Hessen und dann fing es wieder von vorn damit an. Ihm aber machte
+solch ein Leben Spa&szlig;, und wenn er nach Hause kam, warf er eine Handvoll
+Taler mit ein paar Goldf&uuml;chsen dazwischen auf den Tisch und sagte: &raquo;Wenn
+es so beibleibt, Trina, dennso mu&szlig;t du deine Sparstr&uuml;mpfe so lang bis
+ans Leib stricken!&laquo; Aber als er einmal nach Hause kam und ihr ganz
+gl&uuml;cklich erz&auml;hlte, da&szlig; nun jeder Mann zwei Frauen nehmen d&uuml;rfe oder
+drei, denn der Krieg und die Pest h&auml;tten so viel Menschen geschluckt,
+da&szlig; es ohne das nicht mehr ginge, da machte Trina ein paar Augen wie die
+Katze im Herdloch, lohnte<span class='pagenum'><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span> Weesemanns Lotte, ein ansehnliches M&auml;dchen,
+auf dem Fleck ab und nahm eine Magd, die wie eine Wildscheuche anzusehen
+war. Er aber sagte zu Gr&ouml;nhagen: &raquo;Ein Stachelschwein ist wie eine
+Kinderhand gegen meine Trina. Ach ja, das oberste vom Bier schmeckt
+immer am mehrsten!&laquo;</p>
+
+<p>Aber er kam nicht allzuviel dazu, sich zu bedauern. Heute kam der
+kaiserliche Oberst Heister dahergekrebst, morgen murkste der Torstenson
+mit seinen Schweden im Lande herum; rund um Celle lagen die Bauern mit
+Weib und Kind, hungerten und lauerten auf den Tod und stritten sich
+darum, was nun besser schmecken t&auml;te, ein schwedisches Rippenst&uuml;ck oder
+ein gut kaiserlicher Lendenbraten, denn so weit war es schon gekommen,
+da&szlig; man offenbar Menschenfleisch fra&szlig; und auf Verabredung auf
+Menschenjagd auszog. Die Peerhobstler aber hatten das nicht n&ouml;tig; sie
+hatten noch allerlei Vieh und Wildbret gab es zur Gen&uuml;ge, aber
+Pferdefleisch a&szlig;en sie hier und da doch, wenn bei der Wehrarbeit in der
+Haide eine Kugel aus Versehen einmal ein Pferd statt des Reiters
+getroffen hatte, und dann sagten sie: &raquo;Stutenk&auml;lber schmecken auch.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sa&szlig;en den einen Morgen im Mai alle drei auf der Bank im Garten vor
+dem neuen Hofe, die drei Obm&auml;nner, Drewes, Wulf und Vieken. Die
+Pfingstrosen waren am Aufbl&uuml;hen, die Schwalben flogen ab und zu, die
+Immen waren zugange und die Kinder sangen: &raquo;Maik&auml;fer flieg, der Vater
+ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt,
+Maik&auml;fer flieg!&laquo; Sie sangen und juchten und <dfn title="kreischen"><a href="#w2_12" class="gloss">kriej&ouml;hlten</a></dfn> und sprangen
+hinter dem K&auml;fer her, der<span class='pagenum'><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span> durch die Sonne flog, da&szlig; seine Fl&uuml;gel wie
+Gold aussahen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ein neues Lied,&laquo; sagte der Engenser; &raquo;das haben wir als Kinder
+noch nicht gesungen. Ja, die Welt wird jeden Tag neu.&laquo; Der Peerhobstler
+nickte: &raquo;Aber nicht besser, Drewes; ich glaube nicht, da&szlig; ich es noch
+<dfn title="erleben"><a href="#w12_7" class="gloss">belebe</a></dfn>, da&szlig; es Frieden gibt.&laquo; Der Rammlinger sagte: &raquo;Ich bin der
+gleichen Ansicht. Bislang fand ich das soweit ganz lustig, aber ich wei&szlig;
+nicht, liegt es daran, da&szlig; man &auml;lter wird, oder ist es, da&szlig; ich jetzt
+einen kleinen Jungen habe; so rechte Lusten habe ich auch nicht mehr an
+diesen Geschichten. Zuletzt wird es einem &uuml;ber, wenn man einen &uuml;ber den
+anderen Tag den Bleibengel vom Haken langen mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>In der Haide fing eine Wache an zu blasen und dann noch eine, und eine
+Hillebille war zu h&ouml;ren und noch eine. Harm und Ludolf standen auf: &raquo;Na,
+dann hilft das nichts; die Arbeit mu&szlig; getan werden. Adj&uuml;s, Drewsbur; ich
+bin blo&szlig; neugierig, was jetzt wieder los ist! Und das d&uuml;mmste ist: meine
+Trina, die glaubt ja nicht, wenn ich drau&szlig;en liege, da&szlig; ich das blo&szlig; den
+Schweden und den anderen zu Gefallen tue; da hei&szlig;t es immer und jeden
+Tag: na, der Schwede, der wird wohl einen roten Rock anhaben, und mich
+soll nicht wundern, wenn er Weesemannslotte hei&szlig;t!&laquo; Er kratzte sich
+hinter den Ohren: &raquo;Ja, die Frauensleute! Soweit sind sie ja ganz
+niedlich; wenn sie man nicht so'n leeges Maul h&auml;tte!&laquo;</p>
+
+<p>Er gab einen Seufzer von sich wie einen Arm lang. Drewes aber lachte:
+&raquo;Das schadt dir gar nichts, Viekenbur, das ist dir sogar recht, du
+Dollhund! Wenn du eine<span class='pagenum'><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span> Frau h&auml;tt'st wie andere Leute, das arme Tier
+k&ouml;nnte einen dauern. Auf'n Steinpott h&ouml;rt ein ebensolchiger Deckel auf,
+das ist die nat&uuml;rliche Ordnung, und ein <dfn title="Eichkatze"><a href="#w11_8" class="gloss">Katteeker</a></dfn> und ein <dfn title="Kr&ouml;te"><a href="#w5_7" class="gloss">Lork</a></dfn>, das gibt
+ein schlechtes Gespann. Aber nun seht man zu, da&szlig; wir kein Flohbei&szlig;en
+kriegen!&laquo;</p>
+
+<p>Das taten sie denn auch. Die Wachen hatten gut aufgepa&szlig;t und die
+Hillebillen hatten einen langen Atem gehabt; die Kaiserlichen machten
+dumme Gesichter, als das Tuten und Blasen und Bimmeln rundherum losging,
+und erst recht, als es &uuml;berall knallte und doch kein Mensch zu sehen
+war, denn die <dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn> war dick und das Bruch na&szlig;. So waren sie heilsfroh,
+als sie erst wieder in der hellen Haide waren, und auch da hielten sie
+sich nicht lange auf, denn zwischen den krausen Fuhren und den
+<dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangeln</a></dfn> war bald hier ein Pferdekopf mit einem Gesicht dar&uuml;ber zu
+sehen, bald da einer und es wurden immer mehr, gerade wie vor einem
+Immenkorbe, wenn der Specht daran herumarbeitet.</p>
+
+<p>&raquo;Das sind mehr als hundert Mann,&laquo; sagte der Offizier, der mit dem Ohr
+auf der Erde gehorcht hatte; &raquo;der Satan wei&szlig;, wo die Kerle herkommen.
+Vorw&auml;rts, marsch!&laquo; So zogen sie dahin, die Gesichter alle Augenblicke
+hinter sich, und hinter ihnen her ritten die Bauern, hier drei, dort
+zehn, da wieder ein paar und &uuml;berall welche.</p>
+
+<p>&raquo;Denen soll heute der Atem kurz werden und Pferdefleisch soll es sie
+auch kosten,&laquo; lachte Wulf; aber Viekenludolf ritt im Galopp voran, bis
+er auf hundert Schritte heran war, und dann stellte er sich in die
+B&uuml;gel, sah &uuml;ber den <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangel</a></dfn>busch weg, klappte mit der Peitsche<span class='pagenum'><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span> und
+schrie: &raquo;Kiejuh, kiejuh! Schlah doot, schlah doot, all doot, all doot,
+all dooot!&laquo;</p>
+
+<p>Da war es, als ob die Wespen zwischen die Leute da vorne gekommen waren.
+Der Offizier fluchte und schlug zwei Kerle mit dem S&auml;bel &uuml;ber die K&ouml;pfe,
+da&szlig; sie zu Boden schossen, aber es war kein Halten mehr; von hinten und
+von vorne, und rechter Hand und zur Linken, &uuml;berall &raquo;kiejuh!&laquo; und in
+einem Ende &raquo;kiejuh!&laquo; und dazwischen das Peitschenklappen und das
+scheu&szlig;liche Schreien: &raquo;Schlah doot, schlah doot, all doot, all doot, all
+dooot!&laquo; Da schrie der Offizier, indem er beide Arme in die H&ouml;he schmi&szlig;:
+&raquo;Heilige Maria!&laquo; und wollte hinterdrein, aber der Bleikn&uuml;ppel des
+Oberobmanns traf ihn in das Genick; er fiel vorn&uuml;ber, und erst, als der
+Schimmel in einen <dfn title="Wasserloch"><a href="#w11_9" class="gloss">Sohl</a></dfn> st&uuml;rzte, fiel auch der tote Mann herunter.</p>
+
+<p>&raquo;Na, wie ist es gegangen?&laquo; fragte Drewes, als Wulf und Ludolf am
+Nachmittage zur&uuml;ckkamen, na&szlig; wie die Fr&ouml;sche und hungrig wie die
+H&uuml;tejungens. &raquo;Fein,&laquo; schrie der Rammlinger, &raquo;sie laufen noch und werden
+wohl morgen auch noch laufen. Wir haben ihnen was zum Laufen eingegeben,
+aber etwas, das gleich durchschl&auml;gt. Sobald werden sie wohl nicht
+wiederkommen, und St&uuml;cker zwanzig von ihnen h&ouml;chstens um Mitternacht, um
+nachzusehen, wo sie nun eigentlich sind. Kinder, habe ich einen Hunger
+und einen Durst! Wulfsb&auml;uerin, jede Arbeit ist ihres Lohnes wert und
+Dreschen macht einen langen Magen. Aber hinsehen darfst du heute nicht,
+wenn ich mich hinter den Schinken knie, Wieschen, ansonsten k&ouml;nntest du
+denken, bei meiner Trina kriege ich man halb satt.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span></p>
+
+<p>Vater Drewes lachte und dachte, wie oft auch er mit solch einem
+Schlachterhunger nach Hause gekommen war. &raquo;Junge,&laquo; sagte er und go&szlig; den
+Metkrug bis oben voll, &raquo;Junge, man lebt ordentlich wieder auf, wenn man
+dich so prahlen h&ouml;rt! Und wie das auch ist, Spa&szlig; macht es doch, und wenn
+einem hinterher auch einmal graulig zumute wird, wenn man in seinem
+Bette liegt; alles was recht ist: wir haben doch gezeigt, da&szlig; wir keine
+B&auml;hl&auml;mmer sind, und darauf wollen wir ansto&szlig;en: hoch jeder Mann, der
+sich nicht an den Balg kommen l&auml;&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>Er lie&szlig; den Krug, auf dem zu lesen stand: &raquo;Fifat, es l&auml;be die
+Vreundschaft&laquo;, rundgehen, aber als er ihn seinem Eidam gab, mu&szlig;te er den
+erst ansto&szlig;en, denn Harm horchte nach dem Grasgarten hin, wo die Kinder
+ein neues Spiel spielten, und dabei sangen sie:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Schwed is kommen,<br /></span>
+<span class="i0">hat alles genommen;<br /></span>
+<span class="i0">hat die Fenster zerschlagen,<br /></span>
+<span class="i0">hat Blei rausgegraben,<br /></span>
+<span class="i0">hat Kugeln von gegossen<br /></span>
+<span class="i0">hat alles verschossen;<br /></span>
+<span class="i0">alles verrischossen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<h2><a name="Die_Schweden" id="Die_Schweden"></a>Die Schweden<span class='pagenum'><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span></h2>
+
+
+<p>Was die Kinder gesungen hatten, sollte bald wahr werden. Der Schwede
+kam; vor ihm ging die Angst her, hinter ihm die Not und neben ihm die
+Pest.</p>
+
+<p>&raquo;Bet', Kinder, bet', morgen kommt der Schwed', morgen kommt der
+Ossenstern, der wird die Kinder beten lern'&laquo;, damit brachte man die
+Kleinen zu Bette; sie lernten es und sangen es auf dieselbe lustige Art,
+wie sie den Maik&auml;fer und die Sonnenk&auml;lbchen das Fliegen lehrten, so da&szlig;
+es den gro&szlig;en Leuten kalt &uuml;ber den Puckel lief.</p>
+
+<p>&Uuml;berall wurde vom Frieden gesprochen, aber kein Mensch glaubte, da&szlig; es
+dazu kommen w&uuml;rde, noch nicht einmal, als Oxenstierna in Celle
+Aufenthalt nahm und von da nach Osnabr&uuml;ck reiste, wo die anderen waren,
+die das Fell des Reiches versoffen. Eher glaubte man an das Ende der
+Welt und &uuml;berall liefen Leute herum und schrien: &raquo;F&uuml;rchtet Gott und
+gebet ihm die Ehre, denn die Zeit seines Gerichtes ist gekommen!&laquo;</p>
+
+<p>Selbst der Prediger lie&szlig; mitunter den Kopf h&auml;ngen und sagte zu seiner
+Frau: &raquo;Margarete, es ist schwer, nicht an Gott zu zweifeln, wenn man
+h&ouml;ren mu&szlig;, wie es zugeht. Der Viekenbauer hat erz&auml;hlt, da&szlig; die Schweden
+Kinder zum Spa&szlig; martern, und bei dem Tro&szlig;zuge, den er zuletzt &uuml;berfallen
+hat, waren acht junge M&auml;dchen von Stande als Packtr&auml;gerinnen und die
+Schweden schlugen mit den Peitschen auf sie ein wie auf das Vieh. Doch
+das ist das wenigste, was sie auszustehen<span class='pagenum'><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span> hatten. Gott, mein Gott,
+warum l&auml;ssest du ein solches geschehen!&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte es sehr schwer, denn die Bauern murrten wider den Herrn. &raquo;Was
+hilft uns das ganze Gutsein,&laquo; hatte Schewenkasper gesagt, &raquo;wenn man
+davon nichts hat als Angsten und Sorgen!&laquo; Aber er hatte doch
+geschwiegen, als der Prediger ihm sagte: &raquo;Sch&auml;me dich, Kasper! Hast
+gesunde Kinder und eine blanke Frau und jeden Tag genug zu essen!&laquo;</p>
+
+<p>Dem geistlichen Herrn ging es aber oft nicht anders als dem Hausmann und
+dem Wulfsbauern und allen &uuml;brigen ebenso, sogar dem Rammlinger, denn er
+war eines Tages angekommen und hatte gesagt: &raquo;Ich habe es dicke! Ich
+will hinter dem Pfluge hergehen und abends mit den L&uuml;tjen spielen, aber
+nicht alle paar Tage lebendige Menschen umbringen!&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte sich bei kleinem an seine Trina gew&ouml;hnt, besonders, als hinter
+dem Jungen ein M&auml;dchen ankam, denn ein Sch&uuml;rzennarr, wie er einmal war,
+hatte er sich dar&uuml;ber ganz verdreht vor Freude angestellt, und wenn er
+eben Zeit hatte, schleppte er sich mit dem Kinde ab. Auf seine Trina
+lie&szlig; er nichts mehr kommen. Sie hatte ihn einmal dabei betroffen, wie er
+die <dfn title="Kleinmagd"><a href="#w2_14" class="gloss">L&uuml;tjemagd</a></dfn> im Arme hatte, ihm eine gr&auml;&szlig;liche <dfn title="einen ausschimpfen"><a href="#w12_1" class="gloss">Schande gemacht</a></dfn> und
+geschrien: &raquo;Noch ein einziges Mal und ich gehe mit den L&uuml;tjen ins
+Wasser!&laquo; Da hatte er es mit der heiligen Angst gekriegt und ihr hoch und
+teuer gelobt, da&szlig; er die Jungensschuhe ausziehen und sich wie ein Kerl
+auff&uuml;hren wollte. Was seinen Hof und das Dorf anbetraf, so hielt er auch
+Wort, aber er war viel unterwegs, und da es in den D&ouml;rfern an M&auml;nnern<span class='pagenum'><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>
+mangelte, so wurde es ihm sauer, sein Versprechen einzuhalten.</p>
+
+<p>An einem sch&ouml;nen Maimorgen ritt er mit einem der wildesten der j&uuml;ngeren
+Wehrw&ouml;lfe, Schierhorns Helmke, durch das Bullenbruch. Er hatte eine
+Laune wie ein <dfn title="Zaunk&ouml;nig"><a href="#w8_7" class="gloss">Schneek&ouml;nig</a></dfn>, denn er hatte es bei Weesemanns Lotte gut
+getroffen. &raquo;Sch&ouml;ne Luft von Tage, Helmke,&laquo; sagte er und schlug sich
+seine Pfeife an. Als sie brannte, sah er &uuml;ber die Haide. &raquo;Helmke, kiek,
+zwei fremde Reiter, Schweden oder so etwas! Wollen doch einmal ein
+bi&szlig;chen hin und ihnen die Tageszeit bieten! Was meinst du? Immer
+h&ouml;flich, sagte die Kr&auml;he und machte jedesmal einen Diener, wenn sie dem
+<dfn title="Kiebitz"><a href="#w12_2" class="gloss">Piewitt</a></dfn> ein Ei aussoff.&laquo;</p>
+
+<p>Schierhorn war gleich mit dabei. Sie hingen die Bleikn&uuml;ppel &uuml;ber die
+Handgelenke, zogen die Pistolen und ritten in guter Deckung den Reitern
+entgegen. Den ersten scho&szlig; der Rammlinger aus <ins class="correction" title="den">dem</ins> Sattel, aber da
+sah er auch, da&szlig; er nicht zwei, sondern ein ganzes Dutzend Schweden vor
+sich hatte, und jetzt hie&szlig; es den Hasen machen und aus den G&auml;ulen
+herausholen, was darin war. Es knallte zwar ein paarmal hinter ihnen
+her, aber au&szlig;er Helmkes Grauschimmel, der den halben <dfn title="Schwanz"><a href="#w7_13" class="gloss">Steert</a></dfn> missen
+mu&szlig;te, blieben sie heil. Als sie aber meist an der <dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn> waren, kamen
+ihnen zehn andere Schweden in die M&ouml;te, und da konnten sie nicht anders,
+als da&szlig; sie sich im Busche bargen.</p>
+
+<p>Die Schweden suchten noch eine Weile herum, zogen dann aber ab.
+Unterwegs trafen sie zwei Taternweiber an und bekamen aus denen heraus,
+da&szlig; in der <dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn> ein Dorf lag. &raquo;Beeses Leit sich da wohnen, Herr<span class='pagenum'><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span>
+hiebsches,&laquo; sagte die Alte, und die Junge schmi&szlig; dazwischen: &raquo;Machen
+alles tott, was gutes Leit ist, Suldatten un Zigeiner!&laquo; Der Wachtmeister
+sagte: &raquo;O ha! also da stecken die Br&uuml;der! Na, die wollen wir aber
+ausschwefeln!&laquo; Er nahm die Weiber mit und ritt spornstreichs nach
+Fuhrberg, wo Graf K&ouml;nigsmark mit viel Volk lag, und machte Meldung.
+Mitten in der Nacht wurden hundertundf&uuml;nfzig Mann losgeschickt, die
+solange in der <ins class="correction" title="Magerhaide">Magethaide</ins> lagern mu&szlig;ten, bis es <dfn title="d&auml;mmern"><a href="#w4_5" class="gloss">schummerte</a></dfn>.</p>
+
+<p>Es war noch ganz grau, da h&ouml;rte Gird, der mit Bolles Atze die Wache vor
+dem Bullenbruche hatte, sie herankommen; er blies, aber da h&ouml;rte er es
+auch schon am Kohlenberge tuten, und bei der Dornkuhle ging es auch los;
+die Schweden waren von drei Seiten zugleich gekommen. Mit knapper Not
+konnten die Peerhobstler sich und ihr Vieh in dem Walle bergen; der
+letzte war der Wulfsbauer und hinterher kam Schewenkasper gewankt; er
+hatte noch schnell das Bild des Herzogs aus der <dfn title="Stube"><a href="#w2_5" class="gloss">D&ouml;nze</a></dfn> mitgenommen und
+die gelbbunte Katze. &raquo;Damit die Kinder doch was zu spielen haben
+w&auml;hrenddem,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>Die Schweden p&uuml;rschten sich vorsichtig an das Dorf heran. Alles war
+still, blo&szlig; da&szlig; die H&uuml;hner gackerten und die Schwalben zwitscherten. Die
+Gewehre in der Hand machten die Soldaten sich an die H&auml;user heran; kein
+Mensch war zu finden. Sie suchten Schuppen und Keller nach; alles war
+leer. Es wurde ihnen unheimlich zumute. Aber da kam ein Reiter mit einem
+schwedischen Mantel angelaufen, den er auf Horstmanns Hofe gefunden
+hatte, und nun wurde gr&uuml;ndlich<span class='pagenum'><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span> nachgesucht und eine ganze Menge Waffen
+und Kleider wurden gefunden, die augenscheinlich totgeschossenen
+Schweden geh&ouml;rt hatten. &raquo;Und wenn ich ewig und drei Tage suchen soll,&laquo;
+fluchte der Hauptmann, &raquo;finden will ich sie, und dann k&ouml;nnt ihr euch mit
+ihnen einen kleinen Scherz machen, Leute!&laquo; Die Soldaten lachten, aber
+nicht so ganz von Herzen.</p>
+
+<p>An die drei Stunden dauerte es, bis sie den Ringwall fanden, und elf
+Mann st&uuml;rzten sich dabei in den Wolfskuhlen zu Tode. Die anderen kamen
+heil hin, konnten aber nichts sehen, denn die Dornen lagen haushoch und
+waren fest <dfn title="zusammenflechten, ineinanderwirken"><a href="#w12_3" class="gloss">ineinandergewrickt</a></dfn>. &raquo;Paar Mann auf die B&auml;ume; zusehen, was
+das nun ist!&laquo; befahl der Anf&uuml;hrer. Zwei Leute kletterten in die Tannen.
+Kaum waren sie so hoch, da&szlig; sie den Mund aufmachen wollten, da knallte
+es zweimal und beide fielen wie die S&auml;cke herunter.</p>
+
+<p>&raquo;Schweinebande!&laquo; schimpfte der Hauptmann; &raquo;fort mit dem Kram da!&laquo; Die
+Soldaten zogen die Dornen weg, mu&szlig;ten aber St&uuml;ck um St&uuml;ck losbrechen, so
+fest sa&szlig;en sie ineinander. Aber dann horchten sie auf; im Walle wurde
+geblasen. Unheimlich h&ouml;rte sich das an, als wenn die Katzen quarrten und
+die W&ouml;lfe hinterher heulten, und dann fing es an zu bimmeln, erst
+langsam und dann immer schneller, und hinter dem Walde fing das Tuten
+und das Bimmeln an drei Stellen zugleich an. Die Soldaten sahen sich um;
+die Sache gefiel ihnen nicht so ganz besonders.</p>
+
+<p>&raquo;Na, wird's bald!&laquo; schrie der Offizier und schlug die Leute, die bei dem
+Dornverhau waren, mit der Peitsche &uuml;ber die R&uuml;cken, da&szlig; es klappte.
+&raquo;Drei&szlig;ig<span class='pagenum'><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span> Mann hierher, aber 'n bi&szlig;chen fix.&laquo; Die Soldaten arbeiteten,
+da&szlig; es krachte. Ein Rabe flog &uuml;ber den Wall hin, rief laut und machte
+einen Bogen, der Schwarzspecht lachte und die <dfn title="Eichelh&auml;her"><a href="#w6_12" class="gloss">Markwarte</a></dfn> schimpften &uuml;ber
+den L&auml;rm. &raquo;Feste, feste!&laquo; schrie der Hauptmann; &raquo;in einer Stunde m&uuml;ssen
+wir sie haben! Wollen den Buschkleppern mal zeigen, was es hei&szlig;t, fromme
+schwedische Kriegsleute abzuschie&szlig;en wie Rehb&ouml;cke. Immer lustig weiter!
+Je fr&uuml;her wir hier fertig sind, um so eher kommt ihr zu euren M&auml;dchen!&laquo;</p>
+
+<p>Viekenludolf lachte: &raquo;Oder auch nicht!&laquo; sagte er und sah den Wulfsbauern
+von der Seite an. Mit dem war den Tag schlecht Kirschen essen: &raquo;Du
+treibst dich bei den Weibsleuten rum,&laquo; sagte er, &raquo;und wir k&ouml;nnen daf&uuml;r
+den Puckel hinhalten. Eine Schande wert ist es! Ich habe es mir aber
+immer gedacht, da&szlig; du uns noch einmal eine sch&ouml;ne Suppe anr&uuml;hren wirst.
+Aber was hilft das alles? Jetzt hei&szlig;t es: keine Kugel unn&uuml;tz, keinen
+Zoll Fell gezeigt, und alles getan, was ich sage. Und wer sich danach
+nicht richten tut, der soll es so haben, wie er es verdient!&laquo;</p>
+
+<p>Viekenludolf lief ein Schudder &uuml;ber, als er den Mann da so stehen sah,
+das Gewehr in der Faust, ganz gelb im Gesicht, blau unter den &Auml;ugen, und
+mit einem Mund wie ein Strich. Aber dann wurde ihm besser, denn der
+Obmann befahl: &raquo;Sorge daf&uuml;r, da&szlig; die <dfn title="Biene"><a href="#w7_31" class="gloss">Immen</a></dfn> zur Stelle sind! Und die
+Frauensleute sollen Pech hei&szlig; machen und Wasser. Komm aber gleich
+wieder! Warte mal: auch die Jungens sollen jeder ein Schie&szlig;gewehr haben;
+heute mu&szlig; ein jeder helfen. Es geht um Kopf und Kragen und um noch<span class='pagenum'><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span>
+mehr, denn kriegen sie uns, dennso lassen sie uns lange sterben!&laquo;</p>
+
+<p>Die Dornen wurden durchsichtig; man sah die Gesichter der Soldaten und
+Viekenludolf wollte schie&szlig;en. &raquo;Bist du verr&uuml;ckt?&laquo; schnauzte ihn Wulf
+leise an; &raquo;erst mu&szlig; das Haupt fallen, dann kommt das andere ran!&laquo;
+Er sah durch das Schie&szlig;loch, ging zur&uuml;ck, schob sein Gewehr durch,
+zielte lange und scho&szlig;. Ein Gebr&uuml;ll kam von dr&uuml;ben: &raquo;Der l&auml;&szlig;t das
+Prahlen f&uuml;r eine Weile sein,&laquo; fl&uuml;sterte er dem Rammlinger zu;
+&raquo;Blattschu&szlig;! Er war weg wie ein Wieselchen.&laquo; Er stie&szlig; einen Jungen an:
+&raquo;Sie sollen tuten und bimmeln, so toll sie k&ouml;nnen; wir m&uuml;ssen Hilfe
+haben, h&ouml;rst du? Und wenn ihnen das Blut aus den Ohren spritzt, blasen
+sollen sie oder ich blase ihnen was!&laquo;</p>
+
+<p>Die Schweden standen um ihren Hauptmann; der lag im Grase mit dem R&uuml;cken
+gegen eine Fuhre, und jedesmal, wenn er atmete, sprang ihm das helle
+Blut aus der Brust. Ein ganz junger Offizier, ein Junge meist noch,
+kniete bei ihm und wischte ihm den Todesschwei&szlig; von der Stirn. Der
+Sterbende bewegte die Lippen; der junge Mann b&uuml;ckte sich ganz tief,
+nickte und sprang auf: &raquo;Wir m&uuml;ssen unseren Herrn Hauptmann r&auml;chen.
+Freiwillige vor!&laquo; Blo&szlig; ein Dutzend meldete sich, voran der alte
+Wachtmeister. &raquo;Lumpenpack!&laquo; schrie der Offizier; &raquo;bei den Weibern, da
+seid ihr Helden, aber hier geht's euch in die Hosen.&laquo; Er zeigte auf
+einige Leute, die sich nach hinten dr&uuml;cken wollten. &raquo;Ihr da, voran, und
+wehe, wer einen Zoll zur&uuml;ckgeht!&laquo; Er hielt ihnen die Pistole vor die
+Augen.<span class='pagenum'><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span></p>
+
+<p>Die M&auml;nner murrten; es waren alles Bluthunde schlimmster Art, aber diese
+unheimliche Burg mitten im nassen Busche, die Scharfsch&uuml;tzen darin, das
+sonderbare Tuten und Bimmeln in der Runde, das klemmte ihnen die H&auml;lse
+zusammen. Der Offizier rief zwanzig bei Namen: &raquo;Ich z&auml;hle eins, zwei,
+drei, und wer dann nicht im Graben ist, der schluckt sein eigen Blut.
+Denkt an Gustav Adolf, denkt an Breitenfelde, denkt daran, da&szlig; ihr
+Schweden seid und keine Krabatten! Also: jeder zwei Pistolen in den
+Brustlatz und das Finnmesser zwischen die Z&auml;hne! Und jetzt mit Gott f&uuml;r
+Schweden! Eins, zwei, drei!&laquo; Er fa&szlig;te sich nach der Brust und st&uuml;rzte in
+das Gras; der Wulfsbauer hatte ihn mitten durch das Herz geschossen.</p>
+
+<p>Einen einzigen Blick schmi&szlig; der Wachtmeister nach ihm hin; dann schrie
+er: &raquo;Vorw&auml;rts marsch!&laquo; und sprang mit einem Satze in den Graben und mit
+einem Male war das Wasser voll von Schweden; aber es war, als wenn es
+kochend war, so schrien sie alle auf einmal auf, denn wie sie da waren,
+ein jeder von ihnen war in die spitzen Pf&auml;hle gesprungen.</p>
+
+<p>&raquo;Schie&szlig;t sie doch wenigstens tot, das ist ja schrecklich!&laquo; rief der
+Prediger, aber der Obmann sch&uuml;ttelte den Kopf: &raquo;Nein, euer Ehren, wir
+haben dazu keine Zeit, und je l&auml;nger sie da quietschen, um so sp&auml;ter
+trauen sich die anderen heran. Aber geht hin und sagt, da&szlig; &uuml;berall gut
+aufgepa&szlig;t wird und da&szlig; geblasen und gebimmelt wird, und dann haltet euch
+zu den Frauen und den Kindern, da seid ihr n&ouml;tiger!&laquo;</p>
+
+<p>Es war auf einmal ganz still. Man h&ouml;rte die Finken schlagen und die
+Meisen piepen und ab und zu br&uuml;llte<span class='pagenum'><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span> eine Kuh in den St&auml;llen. Es h&ouml;rte
+sich bald an, als ob die Schweden abgezogen w&auml;ren. Aber nach einer Weile
+h&ouml;rte man Axtschl&auml;ge. &raquo;Haltet die Immen zur Hand!&laquo; sagte der Obmann zu
+Kasper, &raquo;und das hei&szlig;e Wasser und den Teer! Sie werden wohl eine Br&uuml;cke
+machen wollen. Na, viel soll ihnen das auch nicht helfen, glaube ich.&laquo;</p>
+
+<p>Er fr&uuml;hst&uuml;ckte, behielt aber die Augen am Kuckloch, und dann steckte er
+sich eine Pfeife an. Er hatte den &Auml;rger &uuml;ber den Rammlinger hinter sich
+und au&szlig;erdem hatten die Wachen gemeldet, da&szlig; von zwei Seiten Antwort
+gekommen war, und so dachte er: &raquo;Es wird schon gut gehen!&laquo;</p>
+
+<p>Aber dann &auml;rgerte er sich, da&szlig; er eine gro&szlig;e Dummheit gemacht hatte.
+Einen kugelsicheren Kiekturm h&auml;tte er in der Burg aufschlagen lassen
+sollen, dann konnte er sehen, was dr&uuml;ben gemacht wurde. &raquo;Na, d&uuml;mmer
+werde ich da auch nicht von,&laquo; dachte er.</p>
+
+<p>Zwei Stunden hatte er so dagesessen, da lie&szlig; das Hacken dr&uuml;ben nach. Man
+h&ouml;rte, wie die Leute schleppten und st&ouml;hnten. Der Wulfsbauer schickte
+den Jungen hin: &raquo;Sie sollen sich immenfest machen und die K&ouml;rbe hierher
+bringen! Und dann alles an die L&ouml;cher, aber um den ganzen Wall, und
+hier,&laquo; er drehte sich nach Viekenludolf um, &raquo;die Scharfsch&uuml;tzen her,
+aber erst geschossen, wenn ich sage, und auch dann noch nicht, wenn ich
+einmal schie&szlig;e!&laquo;</p>
+
+<p>Nach einer Weile standen zwanzig Popanze rechts und links bei ihm. Die
+Bauern hatten die Immenmasken aufgesetzt, sich T&uuml;cher um die H&auml;lse
+gewickelt, dicke R&ouml;cke und drei Paar Hosen angezogen und diese<span class='pagenum'><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span> unten
+zugebunden. Alle hatten dicke Handschuhe an und jeder sein Schie&szlig;gewehr
+vor sich stehen. Hinter dem Vorsteher und Viekenludolf lagen die
+Immenk&ouml;rbe; sie waren an lange Stangen gebunden und es brummte darin wie
+in einem Wasserkessel, denn die Ausfl&uuml;ge waren verrammelt.</p>
+
+<p>Der Fuhrberger fl&uuml;sterte: &raquo;Ich habe einen frei!&laquo; Der Obmann nickte:
+&raquo;Denn man zu!&laquo; Es knallte; ein Schrei kam von dr&uuml;ben, dann ein lautes
+Fluchen. Man h&ouml;rte die Dornb&uuml;sche krachen. Eine Br&uuml;cke aus Fuhrenstangen
+bohrte sich durch und kam erst langsam, dann schneller &uuml;ber das Wasser.
+Der Burvogt drehte die B&uuml;chse nach der Seite, zielte und scho&szlig;. Dr&uuml;ben
+wurde wieder geflucht. &raquo;Wer einen frei hat, soll ihn totschie&szlig;en,&laquo;
+befahl er; &raquo;aber Vorsicht! wir haben keinen einen Mann &uuml;ber!&laquo; Es knallte
+f&uuml;nfmal, die Br&uuml;cke fiel in das Wasser, ging aber wieder in die H&ouml;he und
+wies eine breite und hohe Schutzwand aus Tannhecke und Fuhrenzweigen
+auf.</p>
+
+<p>&raquo;Wer will die <dfn title="Biene"><a href="#w7_31" class="gloss">Immen</a></dfn> werfen?&laquo; fragte Wulf; &raquo;kein verheirateter Kerl darf
+es sein, du auch nicht, Ludolf. Aber Helmke, du!&laquo; Schierhorn kam und
+stellte sich neben den Oberobmann. &raquo;So,&laquo; befahl der, &raquo;jetzt, so wie ich
+rufe, ihr sechs da, so schnell wie es geht, die K&ouml;rbe offen, Helmke die
+Stangen in die Hand gegeben, und ihr andern pa&szlig;t auf und sorgt daf&uuml;r,
+da&szlig; keiner ihm was tun kann. Und hat er Ungl&uuml;ck, gehst du an seine
+Stelle, Hinrich, und dann du, Jochen. Und beileibe nicht die Immen in
+das Wasser schmei&szlig;en; alle mitten in die Dornen! Die Leute auf der
+Br&uuml;cke kriegen wir so schon klein!&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span></p>
+
+<p>In der Burg wieherte eine Stute; dr&uuml;ben antworteten die Hengste. Von der
+Haide her h&ouml;rte man es tuten und dann bimmeln, aus der Burg wurde
+geantwortet. Der Kuckuck rief. Ein gelber Schmetterling flog &uuml;ber das
+Wasser, setzte sich auf den Kopf von einem der toten M&auml;nner in dem
+Graben und flog &uuml;ber die Dornb&uuml;sche. &raquo;Er will die anderen auch holen,&laquo;
+fl&uuml;sterte der Rammlinger und <dfn title="grinsen"><a href="#w2_3" class="gloss">griente</a></dfn>.</p>
+
+<p>Von dr&uuml;ben h&ouml;rte man keinen Laut. Dann knasterten die Dornen und mit
+einem Male scho&szlig; die Br&uuml;cke &uuml;ber das Wasser und stie&szlig; sich in dem Walle
+fest. &raquo;Aufpassen, ruhig schie&szlig;en!&laquo; fl&uuml;sterte der Obmann. Sechs Schweden
+liefen wie verr&uuml;ckt die Br&uuml;cke entlang; es knallte ein paarmal und blo&szlig;
+einer kam oben an, ein junger Kerl mit Haaren, so hell wie bei einem
+Kinde. &raquo;Nicht schie&szlig;en!&laquo; rief Wulf; &raquo;lebendig fangen!&laquo; So wie der junge
+Mann &uuml;ber das Schutzdach wollte, ri&szlig; ihn Schierhorn her&uuml;ber und warf ihn
+dem Viekenbauer zu. &raquo;Binden und hinlegen, aber nichts tun!&laquo; schrie der
+Obmann und scho&szlig;, und dann rief er: &raquo;Die Immen!&laquo;</p>
+
+<p>Schierhorn, der mit der Maske und dem vielen Zeug wie der leibhaftige
+Satan aussah, stand geb&uuml;ckt hinter der Schutzwand, den Bleikn&uuml;ppel am
+Handgelenk, und schielte &uuml;ber sich. Eine Hand packte in die Tannhecke.
+Der Bauer schlug mit dem Totschl&auml;ger danach, ein Schrei kam, die Hand
+verschwand, das Wasser quatschte und dann schrie es lange. Ein Schu&szlig;
+fiel; wieder spritzte das Wasser auf. Ganz sachte, als machte er das
+alle Tage so, stellte sich Schewenkasper hinter den Ehlersh&auml;user, lie&szlig;
+sich einen Immenkorb geben, ri&szlig; den<span class='pagenum'><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span> Boden ab, stellte die Stange hoch
+und gab sie Schierhorn in die H&auml;nde. Der nahm sie, wog sie, und dann
+schrie er: &raquo;Aufgepa&szlig;t, ihr da!&laquo; und kippte die Stange um und hinterher
+noch eine, und die dritte, die vierte, und die f&uuml;nfte und die sechste.</p>
+
+<p>Wieder liefen Schweden &uuml;ber die Br&uuml;cke. Drei bekamen Kugeln, vier
+kletterten &uuml;ber das Schutzdach, aber Schierhorn und Kasper warfen sie in
+den Graben. Dann h&ouml;rte man es dr&uuml;ben fluchen, darauf schreien, dann ging
+ein Summen und Brummen los. Das Fluchen und Schreien nahm kein Ende, es
+wurde immer schlimmer damit, man h&ouml;rte, wie die Pferde um sich schlugen
+und sich losrissen, Hunde heulten auf, das Brummen wurde immer
+gef&auml;hrlicher, die ganze Luft war voll von Immen und hinter dem Wall
+stand Viekenludolf, bog sich vor Lachen krumm, schlug sich auf den
+Schinken, da&szlig; es knallte, und rief: &raquo;Ich gehe dot, ich gehe dot!&laquo;</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer mu&szlig;te auch lachen. Dann ging er hin, band dem Schweden
+die H&auml;nde los und sagte: &raquo;Steh' auf!&laquo; Der junge Mensch stand da,
+kreidewei&szlig; um die Nase. Der Bauer griff ihn an die Brust: &raquo;Kannst du
+deutsch?&laquo; Der Junge zitterte am ganzen Leibe: &raquo;Ja!&laquo; brachte er heraus.
+&raquo;Bist am Ende selber ein Deutscher?&laquo; Der Mensch nickte. &raquo;Woher?&laquo; Er
+w&uuml;rgte: &raquo;Aus Sachsen!&laquo; Der Bauer holte tief Luft: &raquo;Schweinehund!
+Eigentlich solltest du sterben. Aber lauf hin und sage ihnen, sie sollen
+machen, da&szlig; sie fortkommen. Wir haben noch genug Immen und unsere
+Freunde kommen all. Und wenn dich einer fragt, wo du warst, dann sag'
+ihnen: bei den Wehrw&ouml;lfen! Du<span class='pagenum'><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span> bist der erste, den wir lebendig
+fortlassen.&laquo; Der Soldat zitterte so, da&szlig; er kaum &uuml;ber die Br&uuml;cke konnte,
+und als er am Ufer ankam, fiel er hin.</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer hielt die Hand hoch: &raquo;Pst! sie tuten sich wieder
+zusammen! Was ist denn das? Das sind ja unsere Leute! H&ouml;rt ihr, ein
+Schu&szlig;! Junge, das ist gut, ich bin halb verdurstet!&laquo; Er trank den ganzen
+Krug D&uuml;nnbier aus, den der Junge ihm reichte und dann sagte er: &raquo;Nun
+m&uuml;ssen wir erst wieder zusehen, da&szlig; unsere Immen ihren &Auml;rger vergessen.
+Die werden sch&ouml;n falsch sein! Na, <dfn title="Sch&auml;delbrummen"><a href="#w3_12" class="gloss">Br&auml;gensch&uuml;lpen</a></dfn> werden sie aber auch
+wohl alle haben. Und jetzt lauft hin und sagt den Frauensleuten
+Bescheid, aber sie sollen nicht herauskommen, wenn sie ihre <dfn title="h&uuml;bsch"><a href="#w2_1" class="gloss">glatten</a></dfn>
+Gesichter behalten wollen, denn sonst kriegen sie M&auml;uler wie die
+Baumaffen. So, und nun kann die H&auml;lfte losgehen und sehen, was unsere
+Mutter ihm gekocht hat. Aber la&szlig;t mir was &uuml;ber!&laquo;</p>
+
+<p>Er horchte nach der <dfn title="urw&uuml;chsiger Wald"><a href="#w5_10" class="gloss">Wohld</a></dfn> hin und nickte. Da fielen immer mehr Sch&uuml;sse
+und das Tuten und Blasen h&ouml;rte nicht auf. Der Bauer stand wie ein Baum
+da. Dann lachte er. &raquo;H&ouml;rst du sie, Ludolf?&laquo; Der nickte: &raquo;Ja, Unsere
+k&uuml;hlen ihnen jetzt die <dfn title="Blasen von Bienenstichen"><a href="#w12_4" class="gloss">Immenquaddeln</a></dfn>,&laquo; sagte er; &raquo;mit 'm Bleikn&uuml;ppel,
+das ist da gut f&uuml;r!&laquo; Der Wulfsbauer hob den Finger hoch: &raquo;Unsere haben
+sie zwischen sich. Stille! H&ouml;rst es? Junge, Junge, ein Schade, da&szlig; wir
+da nicht bei sind!&laquo; Er zitterte vor Aufregung: &raquo;H&ouml;r' blo&szlig;ig, wie sie
+<dfn title="br&uuml;llen"><a href="#w2_11" class="gloss">b&ouml;lken</a></dfn>: Schlah dooot!&laquo; Er hielt die H&auml;nde neben den Mund und br&uuml;llte
+&uuml;ber den Graben hin: &raquo;Slah doot, slah doot, all doot, all doot, all
+dooot!&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span></p>
+
+<p>Und dann kam es aus den Blockh&uuml;tten heraus wie Gesang; die beiden Bauern
+horchten; die Frauen und Kinder sangen: &raquo;Nun danket alle Gott mit
+Herzen, Mund und H&auml;nden!&laquo;</p>
+
+<p>Es dauerte nicht lange, da waren die Wehrw&ouml;lfe da. Sie lachten und
+riefen &uuml;ber den Graben: &raquo;Na, die Hauptarbeit war ja schon gemacht; wir
+h&auml;tten ruhig zu Hause bleiben k&ouml;nnen! So, nun wollen wir erst dieses
+dummerhaftige Dings wegnehmen und zu Feuerholz machen!&laquo; Der Wulfsbauer
+schrie: &raquo;Nee, das k&ouml;nnen wir hier ganz gut brauchen, bringt es nach der
+Br&uuml;cke! Aber erst kann einer von euch herkommen und uns verz&auml;hlen, wie
+es geworden ist; denn da&szlig; wir h&ouml;llschen neugierig sind, k&ouml;nnt ihr euch
+wohl denken!&laquo;</p>
+
+<p>Jasper Winkelmann aus Fuhrberg und Ehlershinnerk aus Engensen kamen &uuml;ber
+die Br&uuml;cke. &raquo;Junge,&laquo; sagte der Fuhrberger und schlug dem Rammlinger auf
+die Schulter, &raquo;hast dich aber fein gemacht! Willst wohl wieder <dfn title="auf Liebschaft gehen"><a href="#w12_5" class="gloss">fr&uuml;ndjen
+gehn</a></dfn>! Ein Schade, da&szlig; du nicht mit dabei warst! Wir konnten vor Lachen
+meist nicht schie&szlig;en. Ich glaube, kein einer von ihnen i&szlig;t in seinem
+ganzen Leben ein Honigbrot wieder. Du h&auml;ttest mal sehen sollen, wie die
+Pferde auskeilten, und die Kerls, Mensch, ich sage dir, zum Krempeln war
+es! Sie fl&ouml;hten sich als wie die jungen Hunde, und ich glaube, hinter
+jedem <dfn title="Wachholder"><a href="#w2_2" class="gloss">Machangel</a></dfn> in der Haide sitzt einer und pult sich die <dfn title="Bienenstachel"><a href="#w12_6" class="gloss">Immenangeln</a></dfn>
+aus der Pelle. Was haben wir gelacht!&laquo;</p>
+
+<p>Der Wulfsbauer nahm die Maske ab. &raquo;Sonst hei&szlig;t es: erst die Arbeit, dann
+das Vergn&uuml;gen,&laquo; sagte er, &raquo;aber bei uns ist das umgekehrt. Holt mal noch
+ein paar<span class='pagenum'><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span> Mann ran und N&auml;gel und <dfn title="gedrehter Weidenzweig"><a href="#w5_4" class="gloss">Wieden</a></dfn> und Barten; wir wollen hier
+schnell einen Turm machen, damit, wenn sie wiederkommen, wir sie von
+oben begr&uuml;&szlig;en k&ouml;nnen, denn das mit den Immen, das ist auf die Dauer denn
+doch zu teuer. Und was sollen die Kinder sagen, wenn wir so mit dem
+Honig aasen!&laquo;</p>
+
+<p>Die Schweden kamen aber nicht wieder, weder diese noch andere. Was kein
+Mensch f&uuml;r m&ouml;glich gehalten hatte, das schien wahr werden zu wollen. Es
+sprach sich bis in die Haide hinein, da&szlig; es nun bestimmt, aber auch ganz
+bestimmt Frieden werden sollte. Man merkte es an allerlei Vorzeichen:
+die St&ouml;rche br&uuml;teten wieder auf den D&auml;chern und nicht mehr in den
+W&auml;ldern; die Winterkr&auml;hen gingen fr&uuml;her weg als vordem; der M&auml;usefra&szlig;
+h&ouml;rte auf; man fand keine <dfn title="gallertartige
+Massen, entweder Gallertflechten oder die Eileiter von Fr&ouml;schen, die von
+Iltissen oder Reihern wieder ausgew&uuml;rgt sind"><a href="#w1_18" class="gloss">Sternschnuppen</a></dfn> mehr; die feurigen M&auml;nner am
+Himmel kamen nicht wieder; die <dfn title="unregelm&auml;&szlig;ig erscheinende nordische V&ouml;gel"><a href="#w1_21" class="gloss">Pest- und Sterbev&ouml;gel</a></dfn> waren wie
+weggeblasen.</p>
+
+<p>Die Marodebr&uuml;der und Parteig&auml;nger zogen immer noch im Lande um; aber
+ihre gute Zeit war vorbei. Wo sie sich blicken lie&szlig;en, lief das Volk
+zusammen und schlug sie tot, und die Tatern und was sonst ohne Haus und
+Herd war, desgleichen. Die Bauern kamen langsam aus den B&uuml;schen
+herausgekrochen und hingen die Kesselhaken wieder &uuml;ber die Herde, wenn
+die H&auml;user noch da waren, oder bauten sich neue so gut es ging. Hier und
+da wurde auch wieder gepfl&uuml;gt und ges&auml;t, und die Toten kamen unter die
+Erde, wie es sich geh&ouml;rte, und wurden nicht in einen alten Sack
+<dfn title="eingraben"><a href="#w1_16" class="gloss">beigerodet</a></dfn>.</p>
+
+<p>Aber so ganz traute man dem Frieden doch nicht. Es war ja auch gar nicht
+zu denken. Frieden? Arbeiten<span class='pagenum'><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span> und essen und schlafen ohne Angst und
+Bange? Keinen Feuerschein mehr am Himmel sehen? Kein Ach- und
+Wehgeschrei mehr h&ouml;ren? Wieder lachen und singen d&uuml;rfen? Und spielen und
+tanzen? Und sich dar&uuml;ber freuen, wenn ein Kind geboren wird? Wer das
+glaubt, der ist unklug! Dem hat der Krieg den Verstand verr&uuml;ckt! F&uuml;r den
+ist es Zeit, da&szlig; man f&uuml;r ihn aufpa&szlig;t! Denn es geht ja doch bald wieder
+los! Das kennt man ja! Nach dem L&uuml;becker Frieden Anno 1629 wurde es blo&szlig;
+noch schlimmer! Und das waren nun schon sechzehn Jahre her, nein,
+siebzehn. Und vor vier Jahren, hatte der Herzog da nicht seinen Frieden
+mit dem Kaiser gemacht? Und was hat es geholfen? Gar nichts, es wurde
+blo&szlig; noch einmal so doll!</p>
+
+<p>Aber zuletzt mu&szlig;ten sie es doch glauben. Es war wirklich anders geworden
+in der Welt. Not und Elend gab es ja noch &uuml;berall genug, aber das Morden
+und Martern war doch nicht mehr so im Gange. Es bl&uuml;hten auch viel mehr
+Blumen, die V&ouml;gel sangen sch&ouml;ner denn je und die Luft war so ganz
+anders, gar nicht mehr so, als wenn es immer nach Rauch und Blut roch.
+Es mu&szlig;te also doch wohl stimmen, was der Prediger in der Kapelle
+vortrug, da&szlig; es dem Kaiser und den F&uuml;rsten ernst damit war. Sonst w&uuml;rde
+der alte Drewes nicht mit einem Male wieder den Kopf so hoch halten.
+&raquo;Das will ich noch <dfn title="erleben"><a href="#w12_7" class="gloss">beleben</a></dfn>, aber denn ist es Zeit f&uuml;r mich,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>Er erlebte es noch. Es war Anfang November, da kam Viekenludolf
+angejagt, schrie wie ein Unget&uuml;m, sprang vom Pferde wie ein Junge,
+drehte die Wulfsb&auml;uerin herum, da&szlig; man ihre halben Beine sah, lachte<span class='pagenum'><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span>
+wie unklug und rief: &raquo;Ihr glaubt wohl, ich bin besoffen? Keine Spur! Ich
+bin so n&uuml;chtern wie ein <dfn title="n&uuml;chtern"><a href="#w12_8" class="gloss">ungeb&ouml;rntes</a></dfn> Kalb. Aber es ist Friede, Friede f&uuml;r
+immer, gewi&szlig; und wahrhaftig, und wenn ihr es mir nicht glauben wollt,
+hier lest, oder der Prediger soll es vorlesen! Das habe ich von einem
+Manne gekauft, der mehr solche Bl&auml;tter aus Celle mitgebracht hat.
+Unserem Herzog sein Siegel ist darunter. Da, euer Ehren!&laquo; Er fiel auf
+die Bank und jappte und mit einem Male lief ihm das Wasser aus den
+Augen.</p>
+
+<p>Er sprang aber gleich wieder auf, denn der Wulfsbauer kam angelaufen. Er
+war im Grasgarten gewesen und hatte das Schreien und Weinen und Lachen
+geh&ouml;rt. Und nun stand er da und <dfn title="zittern"><a href="#w10_6" class="gloss">beberte</a></dfn> an allen Gliedern und sah wie
+eine frisch gekalkte Wand im Gesichte aus. &raquo;Wawawas ist llos?&laquo; stotterte
+er. Der Prediger hob die Hand. &raquo;Ich werde vorlesen.&laquo; Alle falteten die
+H&auml;nde, blo&szlig; der Burvogt nicht; der hatte keine Kraft dazu. Er stand an
+der Hauswand, sah ganz elend aus, hatte den Mund offen und ganz
+ungl&uuml;ckliche Augen, und holte so tief Luft, als wenn er ersticken m&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Der Prediger hatte zu Ende gelesen. Alles lachte und weinte wie verr&uuml;ckt
+durcheinander. Mit einem Male drehten sich alle um. Was war denn das?
+Der Wulfsbauer hatte ganz schrecklich aufgeschrien, und jetzt stand er
+mit dem Kopfe gegen die gro&szlig;e T&uuml;r, hatte die H&auml;nde vor dem Gesicht und
+weinte wie ein Kind. Dann drehte er sich um, ging wie ein todkranker
+Mann auf seine Frau los, nahm sie an den Arm und sagte: &raquo;Mutter, bring
+mich zu Bett; ich bin ja so m&uuml;de!&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span></p>
+
+<p>Die Frau fa&szlig;te ihn unter den Arm, wischte ihm die Tr&auml;nen ab und sagte:
+&raquo;Ja, ja, ich bringe dich zu Bett, mein Junge. Du sollst nun auch sch&ouml;n
+schlafen.&laquo; Da lachte keiner von den Leuten mehr; es wurde ganz still,
+nur da&szlig; auf der Wiese die Kinder das neue Lied sangen, das sie in der
+Schule gelernt hatten:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Herzlich tut mich erfreuen<br /></span>
+<span class="i0">die fr&ouml;hliche Sommerzeit,<br /></span>
+<span class="i0">all mein Gebl&uuml;t erneuen,<br /></span>
+<span class="i0">die Mai in Wollust freit;<br /></span>
+<span class="i0">die Lerch tut sich erschwingen<br /></span>
+<span class="i0">mit ihrem hellen Schall,<br /></span>
+<span class="i0">lieblich die V&ouml;gelein singen<br /></span>
+<span class="i0">dazu die Nachtigall.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<h2><a name="Die_Haidbauern2" id="Die_Haidbauern2"></a>Die Haidbauern<span class='pagenum'><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span></h2>
+
+
+<p>Der Wulfsbauer schlief sich ordentlich aus; er schlief drei und eine
+halbe Woche lang, und er w&auml;re wohl &uuml;berhaupt nicht aufgewacht, wenn er
+nicht so eine B&auml;rennatur gehabt h&auml;tte.</p>
+
+<p>Denn er hatte das Nervenfieber bekommen. Es war zu viel f&uuml;r ihn gewesen.
+Auch hatte er zu tief durch Blut gehen m&uuml;ssen; erst bis an die Enkel,
+dann bis zu den Knien, bis er bis &uuml;ber die Lenden darin stand und es
+immer h&ouml;her und h&ouml;her stieg, so da&szlig; es ihn schlie&szlig;lich bis an den Mund
+kam. Viel hatte nicht mehr gefehlt, da lief es ihm da hinein und er
+mu&szlig;te ersticken.</p>
+
+<p>Schon l&auml;ngst hatte er es nicht mitansehen k&ouml;nnen, wenn ein Schwein
+geschlachtet wurde. Wurst, die aus Blut gemacht war, a&szlig; er seit Jahren
+nicht mehr, und ihm wurde schlecht, wenn sich eins von den Kindern in
+den Finger schnitt.</p>
+
+<p>Aber er hatte das alles f&uuml;r sich selbst behalten; zu keinem Menschen
+hatte er dar&uuml;ber gesprochen, weder zu Drewes, noch zum Viekenbauer, noch
+zu dem Prediger, geschweige denn zu der B&auml;uerin. Er hatte all seinen
+Ekel jeden Tag in sich hineingefressen wie der Hund seinen Unrat, und
+hatte dar&uuml;ber harte Augen und einen engen Mund gekriegt und vor der Zeit
+ganz graue Haare.</p>
+
+<p>Nun waren sie schneewei&szlig; geworden, wo er knapp f&uuml;nfzig Jahre alt war.
+Aber die f&uuml;nfundzwanzig Kriegsjahre hatten doppeltes Gewicht; er kam
+sich vor, als wenn er schon achtzig auf dem Puckel hatte. Er<span class='pagenum'><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span> wurde
+wieder ganz gesund, er ging dahin wie ein junger Mann, er konnte
+arbeiten wie ein Knecht von f&uuml;nfundzwanzig, er hielt noch eine volle
+Sense mit einer Hand wagerecht, er hatte kein bi&szlig;chen von seinem Gesicht
+und Geh&ouml;r verloren, er konnte noch &uuml;ber das ganze Dorf schreien, er ritt
+wie ein Junge, er a&szlig; wie ein Drescher, aber alt war er darum doch.</p>
+
+<p>Nicht, da&szlig; er in der Arbeit nachlie&szlig;; das war eher umgekehrt. So wie er
+wieder auf den Beinen war, lie&szlig; er auf der W&uuml;ste Bauholz schneiden, denn
+den Wulfshof hatte er f&uuml;r seinen zweiten Sohn bestimmt. Er hatte den
+einen nicht lieber als den anderen, aber Johanna, und wenn sie ihm auch
+die liebste von seinen Frauen gewesen war, sie war immerhin aus der
+Fremde gewesen, und deshalb hatte er ihren Sohn auch auf den Namen
+Bartold taufen lassen, denn so hie&szlig; ihr Vater; den Jungen aber, den er
+von Wieschen als ersten bekommen, nannte er Harm, wie jeder &auml;lteste Wulf
+gerufen wurde. Der bekam also den alten Hof und den alten Kesselhaken,
+auf dem zu lesen stand: Ao 1111 Do. Bartold aber blieb auf dem neuen
+Hofe und hie&szlig; bald nicht mehr Wulf, sondern Niehoff, und als Hausmarke
+nahm er zwei Wolfsangeln, die &uuml;ber Kreuz standen.</p>
+
+<p>Auch in den Gemeindeangelegenheiten ging der Burvogt scharf in das
+Geschirr. Sein erstes war, da&szlig; er f&uuml;r eine Kirche sorgte, denn eine
+eigene Kirche waren die Peerhobstler nun einmal gew&ouml;hnt. Das gab viel
+Lauferei und Schreiberei, aber Wulf setzte es zuletzt doch durch, und
+als der Prediger fragte: &raquo;Ja, aber das Geld?&laquo; da sagte der Bauer: &raquo;Ich
+gebe f&uuml;nftausend Taler in Gold, denn ich will es los sein,&laquo; und da
+wu&szlig;te<span class='pagenum'><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span> Puttfarken, was das f&uuml;r Geld war. Au&szlig;erdem war noch die Kette aus
+bunten Steinen und Perlen da, die Schewenkasper seinerzeit dem
+kaiserlichen Hauptmann aus dem Hosensack genommen hatte und die meist
+ebensoviel wert war, und die anderen Bauern gaben auch nicht wenig, denn
+die Beutegelder dr&uuml;ckten ihnen allen auf der Brust. Zu allerletzt kam
+noch der Viekenbauer, z&auml;hlte tausend blanke Taler vor den Prediger hin
+und sagte: &raquo;Das ist vor den Schreck, den ich euch allen durch meine
+Dummheit eingejagt habe, und Trina meint &uuml;berhaupt: solch Geld, das
+bringt doch keinen Segen!&laquo; Und so bekam &Ouml;dringen die Kirche.</p>
+
+<p>Auch als es f&uuml;r den Herzog hie&szlig;, Gelder f&uuml;r die Schweden
+zusammenzukratzen und die schweren Schatzungen kamen, mu&szlig;te sich der
+Wulfsbauer geh&ouml;rig r&uuml;hren und mehrere Male ritt er nach Celle, bis er es
+fertigbrachte, da&szlig; die kleinen Leute nicht zu sehr mit Lasten bedr&uuml;ckt
+wurden. Die Gr&auml;fin Merreshoffen lebte noch, wenn sie auch schon ganz
+wei&szlig; und d&uuml;nn war und ein Gesicht wie Wachs hatte.</p>
+
+<p>Sie lie&szlig; sich viel von dem Peerhobstler erz&auml;hlen, nickte und sagte: &raquo;Ja,
+es ging ein b&ouml;ser Wind damals. Hier sitzen wir, sind noch keine sechzig
+alt und sehen wie achtzig &uuml;ber den Ohren aus. Aber er hat wenigstens
+seine Gesundheit und Frau und Kinder, und ich habe nichts als das
+bi&szlig;chen Geld und allerlei dummerhaftige Erinnerungen. Aber verlasse er
+sich darauf: die Sache kommt in Ordnung; darauf hat er meine Hand!&laquo; Als
+er ging, sagte sie zu ihrer Nichte: &raquo;Ich habe blo&szlig; zwei M&auml;nner in meinem
+Leben gekannt, Georg Eisenhand und den da, Brigitta!&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span></p>
+
+<p>Mehr als einmal mu&szlig;te Harm beweisen, da&szlig; er noch der alte war. Die
+kleine Arbeit hatte er dem Viekenbauer und Schierhornhelmke &uuml;berlassen,
+und die seiften die Haide so gr&uuml;ndlich ab, da&szlig; sich kein Ungeziefer mehr
+darin halten wollte. Er lebte noch eine ganze <dfn title="Reihe"><a href="#w13_1" class="gloss">Stiege</a></dfn> von Jahren und
+konnte viererlei Enkelkinder auf den Knien reiten lassen.</p>
+
+<p>Aber als dann seine Frau starb, hatte er so recht keine Lust am Leben
+mehr. Er hatte sein Teil Arbeit im Leben getan und mehr als das; er war
+nicht mehr n&ouml;tig auf der Welt. Seine Augen waren mittlerweile wieder
+etwas heller geworden, aber sein Mund sah aus, als wenn er Angst hatte,
+da&szlig; ihm Blut hineinlaufen konnte. Er starb jedoch ganz sanft und alle
+seine Kinder und Kindeskinder waren bei ihm, und der Viekenbauer, der
+noch immer hinter jedem <dfn title="h&uuml;bsch"><a href="#w2_1" class="gloss">glatten</a></dfn> M&auml;dchen hersehen mu&szlig;te, wennschon das
+nicht viel Zweck mehr hatte, und Thedel und der Prediger, der wie ein
+ganz alter Mann aussah.</p>
+
+<p>Es war eine <dfn title="Beerdigung"><a href="#w13_2" class="gloss">Leiche</a></dfn>, wie man sie um das Bruch herum noch nicht <dfn title="erleben"><a href="#w12_7" class="gloss">belebt</a></dfn>
+hatte. Alle Wehrw&ouml;lfe gingen mit, die noch am Leben waren, und au&szlig;erdem
+jeder, der eben Zeit hatte, so da&szlig; der Wulfshof schwarz von Menschen
+war. Es war ein dusterer Sp&auml;therbsttag, als Harm Wulf auf immer schlafen
+ging, und w&auml;hrend der Leichenandacht auf der <dfn title="Diele, der Hauptraum im Hause"><a href="#w6_13" class="gloss">Deele</a></dfn> <dfn title="d&uuml;nn regnen"><a href="#w13_3" class="gloss">nieselte</a></dfn> es. Als aber
+der Prediger nach der Beerdigung von der Kanzel den Nachruf f&uuml;r den
+Toten hielt, worin er ihn mit Simson verglich und mit Judas, dem
+Makkab&auml;er, die ihre V&ouml;lker vor den Feinden bewahrten, rot bis an den
+Hals vor Blut gewesen waren und doch Gott wohlgef<span class='pagenum'><a name="Page_239" id="Page_239">[239]</a></span>&auml;llig, da kam die
+Sonne durch und alle Gesichter sahen hell aus, und auch die Wehrw&ouml;lfe
+bekamen blanke Augen und dachten an die schrecklichen und doch so
+sch&ouml;nen Tage, da sie einen Tag um den anderen den Bleikn&uuml;ppel &uuml;ber der
+Hand h&auml;ngen hatten.</p>
+
+<p>In der besten Stube des Wulfshofes zu &Ouml;dringen h&auml;ngt heute noch der
+Bleikn&uuml;ppel an der Sofawand unter dem kleinen Bilde mit dem alten
+Goldrahmen. Ein Museum hat sich viel M&uuml;he um den Kn&uuml;ppel gegeben, aber
+der Vorsteher und Landtagsabgeordnete Herman Wulff gab ihn nicht um
+Geld, noch um gute Worte her. &raquo;Wenn der nicht gewesen w&auml;re, so w&auml;ren wir
+auch nicht da,&laquo; sagte er. Wenn fremde Leute fragen, was das f&uuml;r ein Ding
+ist, dann zuckt er die Achseln und sagt: &raquo;Das ist noch von fr&uuml;her!&laquo;
+Seinen S&ouml;hnen aber hat er erz&auml;hlt, was er und sie dem alten Kn&uuml;ppel mit
+der Lederschlinge zu verdanken haben, und warum auf dem &auml;ltesten
+Grabsteine der Wulffs nichts weiter zu sehen ist denn eine aufrechte
+Wolfsangel.</p>
+
+<p>Ein jedesmal, wenn einer der Jungens zum ersten Male das Abendmahl nahm,
+lie&szlig; er ihn in dem alten Kirchenbuche das lesen, was der weiland
+Prediger Puttfarken &uuml;ber Harm Wulf geschrieben hatte, als er gestorben
+war; und so hei&szlig;t die Stelle: &raquo;Ehr war ein Held vor seinem Volke und hat
+es getrevlich gesch&uuml;tzet vor den Philistern und Amalekitern ober zwanzig
+Jahre, da der gro&szlig;e Krieg gewe&szlig;en ist. Ehr ruhe in dem Frieden GOTTES!&laquo;</p>
+
+<p>Die hellen Augen haben sie wiederbekommen, die Wulfsbauern, die engen
+Lippen aber behielten sie als<span class='pagenum'><a name="Page_240" id="Page_240">[240]</a></span> Erbe von Harm Wulf. So lustig, wie er als
+Jungkerl war, sind sie alle nicht, aber seinen eisernen Kopf hat er
+ihnen nachgelassen. Einer von ihnen wurde in den Freiheitskriegen ein
+hoher Offizier und sollte den Adel bekommen: &raquo;Mein Name ist mir so
+gerade gut,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>&Uuml;ber der <dfn title="Einfahrtstor"><a href="#w13_4" class="gloss">Missent&uuml;r</a></dfn> des Wulfshofes steht heute noch der Spruch im Balken:
+&raquo;Helf dir selber, so helfet dir unser Herre Gott!&laquo; Danach haben sich
+alle Wulfsbauern gerichtet.</p>
+
+<p>Herman Wulff ist ein ernster Mann, der nicht oft lacht und kaum einmal
+fl&ouml;tet. Aber an dem Tage, als die Bruchbauern ihren Mann bei der
+Reichstagswahl durchbekamen, lachte Herman Wulff, und als er nach Hause
+ging, fl&ouml;tete er das <dfn title="ein bekanntes altes Lied"><a href="#w1_23" class="gloss">Brummelbeerlied</a></dfn>.</p>
+
+
+
+<h2><a name="Worterklaerung" id="Worterklaerung"></a>Worterkl&auml;rung<span class='pagenum'><a name="Page_241" id="Page_241">[241]</a></span></h2>
+
+
+<p>Um eine v&ouml;llige Einheitlichkeit zwischen dem Stoffe und der Form zu
+erzielen, ist in diesem Buche sowohl f&uuml;r den erz&auml;hlenden Teil wie f&uuml;r
+die Gespr&auml;che die heutige Ausdrucksweise der Bauern der L&uuml;neburger Haide
+gew&auml;hlt, die sich in der Hauptsache mit der Redeweise des Landvolkes von
+ganz Nordwestdeutschland deckt. Ost- und s&uuml;ddeutschen Lesern sind
+vielleicht die folgenden Erkl&auml;rungen einiger Ausdr&uuml;cke angenehm.</p>
+
+
+<h3>1. <a href="#Die_Haidbauern">Die Haidbauern</a> S. 1</h3>
+
+<p><em class="g"><a name="w1_1" id="w1_1"></a>Pump</em>, Teich, T&uuml;mpel. &ndash; <em class="g"><a name="w1_2" id="w1_2"></a>Reet</em>, Rohr. &ndash; <em class="g"><a name="w1_3" id="w1_3"></a>Plagge</em>,
+Haidscholle. &ndash; <em class="g"><a name="w1_4" id="w1_4"></a>grall</em>, frisch, klar. &ndash; <em class="g"><a name="w1_5" id="w1_5"></a>weifen</em>,
+schlagen. &ndash; <em class="g"><a name="w1_6" id="w1_6"></a>Br&auml;gen</em>, Gehirn, auch Sch&auml;del. &ndash; <em class="g"><a name="w1_7" id="w1_7"></a>Weking</em>, Wittekind. &ndash; <em class="g"><a name="w1_8" id="w1_8"></a>rohes Mett</em>, gehacktes
+Fleisch. &ndash; <em class="g"><a name="w1_9" id="w1_9"></a>Halsbeeke</em>, Halsbach. &ndash; <em class="g"><a name="w1_10" id="w1_10"></a>Die gro&szlig;e
+F&auml;hre</em>, Verden an der Aller. &ndash; <em class="g"><a name="w1_11" id="w1_11"></a>Haidjer</em>, Haidbauer. &ndash; <em class="g"><a name="w1_12" id="w1_12"></a>koppheister</em>, kopf&uuml;ber. &ndash; <em class="g"><a name="w1_13" id="w1_13"></a>Sattelmeier</em>, Bauer, der in
+Kriegsf&auml;llen ein Pferd zu stellen hat. &ndash; <em class="g"><a name="w1_14" id="w1_14"></a>anmeiern</em>, lehnspflichtig
+machen. &ndash; <em class="g"><a name="w1_15" id="w1_15"></a>Kuhle</em>, Grube. &ndash; <em class="g"><a name="w1_16" id="w1_16"></a>beiroden</em>, eingraben. &ndash; <em class="g"><a name="w1_17" id="w1_17"></a>Koppelweg</em>, Feldweg. &ndash; <em class="g"><a name="w1_18" id="w1_18"></a>Sternschnuppe</em>, gallertartige
+Massen, entweder Gallertflechten oder die Eileiter von Fr&ouml;schen, die von
+Iltissen oder Reihern wieder ausgew&uuml;rgt sind. &ndash; <em class="g"><a name="w1_19" id="w1_19"></a>Schillebold</em>,
+Wasserjungfer. &ndash; <em class="g"><a name="w1_20" id="w1_20"></a>Buttervogel</em>, Schmetterling. &ndash; <em class="g"><a name="w1_21" id="w1_21"></a>Pest- und
+Sterbev&ouml;gel</em>, unregelm&auml;&szlig;ig erscheinende nordische V&ouml;gel, wie
+Kreuzschnabel, Seidenschwanz, Nu&szlig;h&auml;her. &ndash; <em class="g"><a name="w1_22" id="w1_22"></a>Brummelbeere</em>, Brombeere.
+&ndash; <em class="g"><a name="w1_23" id="w1_23"></a>Brummelbeerlied</em>, ein bekanntes altes Lied, das folgenderma&szlig;en
+beginnt: Es wollt ein M&auml;dchen fr&uuml;h aufstehn, wohl drei vier St&uuml;ndelein
+vor Tag.</p>
+
+
+<h3>2. <a href="#Die_Mansfelder">Die Mansfelder</a> S. 8</h3>
+
+<p><em class="g"><a name="w2_1" id="w2_1"></a>glatt</em>, h&uuml;bsch. &ndash; <em class="g"><a name="w2_2" id="w2_2"></a>Machangel</em>, Wachholder. &ndash; <em class="g"><a name="w2_3" id="w2_3"></a>grienen</em>, grinsen.
+&ndash; <em class="g"><a name="w2_4" id="w2_4"></a>Stegel</em>, &Uuml;bertritt in der Umz&auml;unung. &ndash; <em class="g"><a name="w2_5" id="w2_5"></a>D&ouml;nze</em>, Stube.
+&ndash; <em class="g"><a name="w2_6" id="w2_6"></a>Ule</em>, Eule. &ndash; <em class="g"><a name="w2_7" id="w2_7"></a>w&auml;hlig</em>, &uuml;berm&uuml;tig. &ndash; <em class="g"><a name="w2_8" id="w2_8"></a>Dullerche</em>,
+Haidlerche. &ndash; <em class="g"><a name="w2_9" id="w2_9"></a>Post</em>, ein Strauch, Porst oder Gagel, auch
+Gerbermyrte genannt, <span class="f" lang="la">Myrica gale L</span>. &ndash; <em class="g"><a name="w2_10" id="w2_10"></a>m&uuml;lmen</em>, stauben. &ndash; <em
+class="g"><a name="w2_11" id="w2_11"></a>b&ouml;lken</em>, br&uuml;llen. &ndash; <em class="g"><a name="w2_12" id="w2_12"></a>kriej&ouml;hlen</em>, kreischen. &ndash; <em
+class="g"><a name="w2_13" id="w2_13"></a>D&ouml;llmer</em>,<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[242]</a></span> Dummkopf. &ndash; <em class="g"><a name="w2_14" id="w2_14"></a>L&uuml;tjemagd</em>, Kleinmagd.
+&ndash; <em class="g"><a name="w2_15" id="w2_15"></a>Tater</em>, Zigeuner. &ndash; <em class="g"><a name="w2_16" id="w2_16"></a>Koppelknecht</em>, Pferdeknecht. &ndash; <em
+class="g"><a name="w2_17" id="w2_17"></a>hille</em>, schnell. &ndash; <em class="g"><a name="w2_18" id="w2_18"></a>quant</em>, derb. &ndash; <em class="g"><a name="w2_19" id="w2_19"></a>verklaren</em>,
+erkl&auml;ren. &ndash; <em class="g"><a name="w2_20" id="w2_20"></a>in die M&ouml;te kommen</em>, entgegenkommen. &ndash; <em class="g"><a name="w2_21" id="w2_21">Butze</a></em>,
+Alkoven.</p>
+
+
+<h3>3. <a href="#Die_Braunschweiger">Die Braunschweiger</a> S. 20</h3>
+
+<p><em class="g"><a name="w3_1" id="w3_1"></a>b&ouml;ren</em>, heben. &ndash; <em class="g"><a name="w3_2" id="w3_2"></a>Kol&uuml;t</em>, der gro&szlig;e Brachvogel. &ndash; <em class="g"><a name="w3_3" id="w3_3"></a>Vagelbund</em>,
+Vagabund. &ndash; <em class="g"><a name="w3_4" id="w3_4"></a>Ludjen</em>, Ludwig. &ndash; <em class="g"><a name="w3_5" id="w3_5"></a>Masch</em>, die Marsch bei Celle.
+&ndash; <em class="g"><a name="w3_6" id="w3_6"></a>Hahnj&ouml;kel</em>, Unfug. &ndash; <em class="g"><a name="w3_7" id="w3_7"></a>Dietweg</em>, Volksweg, unbefestigter Weg.
+&ndash; <em class="g"><a name="w3_8" id="w3_8"></a>Holster</em>, Umh&auml;ngetasche, Jagdtasche. &ndash; <em class="g"><a name="w3_9" id="w3_9"></a>Kr&uuml;ppelfuhre</em>,
+verkr&uuml;ppelte Kiefer. &ndash; <em class="g"><a name="w3_10" id="w3_10"></a>prahlen</em>, &uuml;berlaut reden. &ndash; <em
+class="g"><a name="w3_11" id="w3_11"></a>vertoddert</em>, verwickelt. &ndash; <em class="g"><a name="w3_12" id="w3_12"></a>Br&auml;gensch&uuml;lpen</em>,
+Sch&auml;delbrummen. &ndash; <em class="g"><a name="w3_13" id="w3_13"></a>Beist</em>, Biest. &ndash; <em class="g"><a name="w3_14" id="w3_14"></a>Mutter Griebsch</em>,
+scherzhaft f&uuml;r Hebamme. &ndash; <em class="g"><a name="w3_15" id="w3_15"></a>Halbet&uuml;re</em>, Seitent&uuml;re, von Halbe-Seite.
+&ndash; <em class="g"><a name="w3_16" id="w3_16"></a>d&uuml;mpen</em>, d&auml;mpfen, w&uuml;rgen. &ndash; <em class="g"><a name="w3_17" id="w3_17"></a>Grieptoo</em>, Greifzu, ein alter
+Hundename.</p>
+
+
+<h3>4. <a href="#Die_Weimaraner">Die Weimaraner</a> S. 36</h3>
+
+<p><em class="g"><a name="w4_1" id="w4_1"></a>sich verjagen</em>, erschrecken. &ndash; <em class="g"><a name="w4_2" id="w4_2"></a>Kaff</em>, Spreu. &ndash; <em class="g"><a name="w4_3" id="w4_3"></a>Altvater</em>,
+Gro&szlig;vater. &ndash; <em class="g"><a name="w4_4" id="w4_4"></a>Leibzucht</em>, Altenteil. &ndash; <em class="g"><a name="w4_5" id="w4_5"></a>schummern</em>, d&auml;mmern.
+&ndash; <em class="g"><a name="w4_6" id="w4_6"></a>Holler</em>, Holunder. &ndash; <em class="g"><a name="w4_7" id="w4_7"></a>Eller</em>, Erle. &ndash; <em class="g"><a name="w4_8" id="w4_8"></a>Abstich</em>,
+Torfgrube. &ndash; <em class="g"><a name="w4_9" id="w4_9"></a>Flatt</em>, Sumpf. &ndash; <em class="g"><a name="w4_10" id="w4_10"></a>Anberg</em>, H&uuml;gel. &ndash; <em class="g"><a name="w4_11" id="w4_11"></a>Adder</em>,
+Kreuzotter. &ndash; <em class="g"><a name="w4_12" id="w4_12"></a>Schnake</em>, Natter.</p>
+
+
+<h3>5. <a href="#Die_Marodebrueder">Die Marodebr&uuml;der</a> S. 50</h3>
+
+<p><em class="g"><a name="w5_1" id="w5_1"></a>schlumpen</em>, gl&uuml;cken. &ndash; <em class="g"><a name="w5_2" id="w5_2"></a>Warnzinken</em>, Geheimzeichen. &ndash; <em class="g"><a name="w5_3" id="w5_3"></a>Wahrbaum</em>,
+gro&szlig;er, weit sichtbarer Baum. &ndash; <em class="g"><a name="w5_4" id="w5_4"></a>Wiede</em>, gedrehter Weidenzweig.
+&ndash; <em class="g"><a name="w5_5" id="w5_5"></a>gnickern</em>, kichern. &ndash; <em class="g"><a name="w5_6" id="w5_6"></a>kl&ouml;hnen</em>, schwatzen. &ndash; <em class="g"><a name="w5_7" id="w5_7"></a>Lork</em>,
+Kr&ouml;te. &ndash; <em class="g"><a name="w5_8" id="w5_8"></a>Kahkr&auml;he</em>, Dohle. &ndash; <em class="g"><a name="w5_9" id="w5_9"></a>Sod</em>, Ziehbrunnen. &ndash; <em class="g"><a name="w5_10" id="w5_10"></a>Wohld</em>,
+urw&uuml;chsiger Wald. &ndash; <em class="g"><a name="w5_11" id="w5_11"></a>Teebe</em>, Hund. &ndash; <em class="g"><a name="w5_12" id="w5_12"></a>Thedel</em>, Theodor.</p>
+
+
+<h3>6. <a href="#Die_Bruchbauern">Die Bruchbauern</a> S. 68</h3>
+
+<p><em class="g"><a name="w6_1" id="w6_1"></a>Pattweg</em>, Fu&szlig;weg. &ndash; <em class="g"><a name="w6_2" id="w6_2"></a>gremstern</em>, r&auml;uspern. &ndash; <em class="g"><a name="w6_3" id="w6_3"></a>D&ouml;ssel</em>, der Baum,
+an den die H&auml;lften des Tores angeschlossen werden. &ndash; <em class="g"><a name="w6_4" id="w6_4"></a>Braken</em>,
+trockne Zweige. &ndash; <em class="g"><a name="w6_5" id="w6_5"></a>Risch</em>, Riedgras. &ndash; <em class="g"><a name="w6_6" id="w6_6"></a>Der gro&szlig;e Freie</em>, ein
+Gau zwischen Hannover und Burgdorf. &ndash; <em class="g"><a name="w6_7" id="w6_7"></a><ins class="correction" title="im Text &raquo;Jeduch&laquo;">Jedoch</ins></em>, ein Weckruf. &ndash;
+<em class="g"><a name="w6_8" id="w6_8"></a>Wiem</em>, Boden. &ndash; <em class="g"><a name="w6_9" id="w6_9"></a>Br&ouml;ddel</em>, Patsche. &ndash; <em class="g"><a name="w6_10" id="w6_10"></a>Wurfboden</em>, das Wurzelwerk
+eines vom Sturme geworfenen<span class='pagenum'><a name="Page_243" id="Page_243">[243]</a></span> Baumes. &ndash; <em class="g"><a name="w6_11" id="w6_11"></a><ins class="correction" title="im Text &raquo;Stucken&laquo;">Stuken</ins></em>, Baumstumpf.
+&ndash; <em class="g"><a name="w6_12" id="w6_12"></a>Markwart</em>, Eichelh&auml;her. &ndash; <em class="g"><a name="w6_13" id="w6_13"></a>Deele</em>, Diele, der Hauptraum im
+Hause.</p>
+
+
+<h3>7. <a href="#Die_Wehrwoelfe">Die Wehrw&ouml;lfe</a> S. 87</h3>
+
+<p><em class="g"><a name="w7_1" id="w7_1"></a>Wietze</em>, ein Moorflu&szlig;. &ndash; <em class="g"><a name="w7_2" id="w7_2"></a>St&auml;nder</em>, Hauptbalken. &ndash; <em class="g"><a name="w7_3" id="w7_3"></a>Hausrichte</em>,
+Richtefest. &ndash; <em class="g"><a name="w7_4" id="w7_4"></a>Freundschaft</em>, Verwandtschaft. &ndash; <em class="g"><a name="w7_5" id="w7_5"></a>H&uuml;lse</em>,
+Stechpalme. &ndash; <em class="g"><a name="w7_6" id="w7_6"></a>Kneepe</em>, Witze. &ndash; <em class="g"><a name="w7_7" id="w7_7"></a>Dr&ouml;gmichel</em>, Sauertopf.
+&ndash; <em class="g"><a name="w7_8" id="w7_8"></a>Mumm</em>, schweres Bier. &ndash; <em class="g"><a name="w7_9" id="w7_9"></a>Wolfsangel</em>, ein Zeichen, das viel
+als Hausmarke gebraucht wurde und das folgende Form hatte:
+<img class="inline" src="images/wolfsangel1.png" width="72" height="23" alt="Zeichen: Wolfsangel Variante 1" /> oder <img class="inline" src="images/wolfsangel2.png" width="83" height="23" alt="Zeichen: Wolfsangel Variante 2" />. &ndash; <em class="g"><a name="w7_10" id="w7_10"></a>Auskiek</em>,
+Luginsland. &ndash; <em class="g"><a name="w7_11" id="w7_11"></a>Ort</em> oder <em class="g">Ortstein</em>, Raseneisenstein. &ndash; <em class="g"><a name="w7_12" id="w7_12"></a>Hornung</em>,
+Februar. &ndash; <em class="g"><a name="w7_13" id="w7_13"></a>Steert</em>, Schwanz. &ndash; <em class="g"><a name="w7_14" id="w7_14"></a>achtern</em>, hinten. &ndash; <em
+class="g"><a name="w7_15" id="w7_15"></a>Buchholzer Hengst</em>, Gr&uuml;nspecht. &ndash; <em class="g"><a name="w7_16" id="w7_16"></a>Witfrau</em>, Witwe. &ndash;
+<em class="g"><a name="w7_17" id="w7_17"></a>reihum</em>, der Reihe nach. &ndash; <em class="g"><a name="w7_18" id="w7_18"></a>Krischan</em>, Christian. &ndash; <em class="g"><a name="w7_19" id="w7_19"></a>Metz</em>,
+Messer. &ndash; <em class="g"><a name="w7_20" id="w7_20"></a>Vorjahr</em>, Fr&uuml;hjahr. &ndash; <em class="g"><a name="w7_21" id="w7_21"></a>Hille</em>, M&auml;dchenname. &ndash;
+<em class="g"><a name="w7_22" id="w7_22"></a>Klapprose</em>, Klatschrose, Feldmohn. &ndash; <em class="g"><a name="w7_23" id="w7_23"></a>Danzeschatz</em>, T&auml;nzerin. &ndash;
+<em class="g"><a name="w7_24" id="w7_24"></a>Halsung</em>, Halsband. &ndash; <em class="g"><a name="w7_25" id="w7_25"></a>Ilk</em>, Iltis. &ndash; <em class="g"><a name="w7_26" id="w7_26"></a>fiepen</em>, piepen. &ndash;
+<em class="g"><a name="w7_27" id="w7_27"></a>gibbern</em>, gieren. &ndash; <em class="g"><a name="w7_28" id="w7_28"></a>Beeke</em>, Bach. &ndash; <em class="g"><a name="w7_29" id="w7_29"></a>Moorm&auml;nnchen</em>, Baumpieper,
+ein Vogel. &ndash; <em class="g"><a name="w7_30" id="w7_30"></a>Hainotter</em>, Storch. &ndash; <em class="g"><a name="w7_31" id="w7_31"></a>Imme</em>, Biene. &ndash; <em class="g"><a name="w7_32" id="w7_32"></a>Der
+Wind k&uuml;selt</em>, er dreht sich, ist nicht best&auml;ndig. &ndash; <em class="g"><a name="w7_33" id="w7_33"></a>Brandrute</em>, die
+eisernen Stangen, auf denen die brennenden Baumst&uuml;mpfe liegen. &ndash;
+<em class="g"><a name="w7_34" id="w7_34"></a>Die Morgenzeit</em>, das Fr&uuml;hst&uuml;ck. &ndash; <em class="g"><a name="w7_35" id="w7_35"></a>Kr&uuml;sel</em>, &Ouml;ll&auml;mpchen. &ndash; <em
+class="g"><a name="w7_36" id="w7_36"></a>Grauhund</em>, Wolf. &ndash; <em class="g"><a name="w7_37" id="w7_37"></a>Addernadler</em>, Schlangenadler. &ndash;
+<em class="g"><a name="w7_38" id="w7_38"></a>Moorhuhn</em>, Birkhuhn. &ndash; <em class="g"><a name="w7_39" id="w7_39"></a>Himmelsziege</em>, Heerschnepfe, Bekassine.</p>
+
+
+<h3>8. <a href="#Die_Schnitter">Die Schnitter</a> S. 116</h3>
+
+<p><em class="g"><a name="w8_1" id="w8_1"></a>Ulenflucht</em>, D&auml;mmerung. &ndash; <em class="g"><a name="w8_2" id="w8_2"></a>Osterblume</em>, Narzisse. &ndash; <em class="g"><a name="w8_3" id="w8_3"></a>dr&ouml;ge</em>,
+trocken. &ndash; <em class="g"><a name="w8_4" id="w8_4"></a>L&ouml;ft</em>, Verlobung. &ndash; <em class="g"><a name="w8_5" id="w8_5"></a>Buschkater</em>, Wildkatze. &ndash;
+<em class="g"><a name="w8_6" id="w8_6"></a>Tonbank</em>, Schanktisch. &ndash; <em class="g"><a name="w8_7" id="w8_7"></a>Schneek&ouml;nig</em>, Zaunk&ouml;nig. &ndash; <em class="g"><a name="w8_8" id="w8_8"></a>L&uuml;ning</em>,
+Sperling. &ndash; <em class="g"><a name="w8_9" id="w8_9"></a>Sch&uuml;tt</em>, Wagenbrett. &ndash; <em class="g"><a name="w8_10" id="w8_10"></a>Rauk</em>, Kolkrabe. &ndash;
+<em class="g"><a name="w8_11" id="w8_11"></a>Hallo</em>, Racheruf. &ndash; <em class="g"><a name="w8_12" id="w8_12"></a>Strosse</em>, Gurgel. &ndash; <em class="g"><a name="w8_13" id="w8_13"></a>T&uuml;te</em>,
+Goldregenpfeifer, ein Vogel. &ndash; <em class="g"><a name="w8_14" id="w8_14"></a>sich zwillen</em>, sich gabeln.</p>
+
+
+<h3>9. <a href="#Die_Kirchenleute">Die Kirchenleute</a> S. 140</h3>
+
+<p><em class="g"><a name="w9_1" id="w9_1"></a>benaud</em>, beklommen. &ndash; <em class="g"><a name="w9_2" id="w9_2"></a>Kr&auml;henaugen</em>, H&uuml;hneraugen. &ndash; <em
+class="g"><a name="w9_3" id="w9_3"></a>Rotbr&uuml;stchen</em>, Rotkehlchen. &ndash; <em class="g"><a name="w9_4" id="w9_4"></a>Kattule</em>, Waldkauz. &ndash;
+<em class="g"><a name="w9_5" id="w9_5"></a>Moorochs</em>, Rohrdommel. &ndash; <em class="g"><a name="w9_6" id="w9_6"></a>Der Fuchs braut</em>, d.&nbsp;h. der Nebel
+steigt.<span class='pagenum'><a name="Page_244" id="Page_244">[244]</a></span> &ndash; <em class="g"><a name="w9_7" id="w9_7"></a>Holwi&szlig;</em>, Haltfest, alter Hundename. &ndash; <em
+class="g"><a name="w9_8" id="w9_8"></a>befreiet</em>, verheiratet. &ndash; <em class="g"><a name="w9_9" id="w9_9"></a>Schapp</em>, Schrank. &ndash; <em
+class="g"><a name="w9_10" id="w9_10"></a>Duffsinn</em>, Unsinn. &ndash; <em class="g"><a name="w9_11" id="w9_11"></a>beschrieen</em>, verheiratet. &ndash; <em
+class="g"><a name="w9_12" id="w9_12"></a>Ohrenstuhl</em>, Lehnstuhl mit Kopfst&uuml;tzen. &ndash; <em class="g"><a name="w9_13" id="w9_13"></a>Friggetag</em>, Tag
+der Frigga, Freitag. &ndash; <em class="g"><a name="w9_14" id="w9_14"></a>Burvogt</em>, Gemeindevorsteher. &ndash; <em class="g"><a name="w9_15" id="w9_15"></a>Miste</em>,
+D&uuml;ngerhaufen.</p>
+
+
+<h3>10. <a href="#Die_Hochzeiter">Die Hochzeiter</a> S. 176</h3>
+
+<p><em class="g"><a name="w10_1" id="w10_1"></a>Atze</em>, Adolf. &ndash; <em class="g"><a name="w10_2" id="w10_2"></a>Der bunte Stock</em>, der Meldekn&uuml;ppel, durch den die
+Bauern zur Versammlung, dem Bauernmale, gerufen wurden. &ndash; <em
+class="g"><a name="w10_3" id="w10_3"></a>unbesonnen</em>, ohne sich zu besinnen. &ndash; <em class="g"><a name="w10_4" id="w10_4"></a>backen</em>, kleben.
+&ndash; <em class="g"><a name="w10_5" id="w10_5"></a>Betze</em>, F&uuml;chsin, auch wie Metze f&uuml;r liederliches Weib gebraucht.
+&ndash; <em class="g"><a name="w10_6" id="w10_6"></a>bebern</em>, zittern. &ndash; <em class="g"><a name="w10_7" id="w10_7"></a>wegbleiben</em>, ohnm&auml;chtig werden.&ndash;
+<em class="g"><a name="w10_8" id="w10_8"></a>Gerd</em>, Gerhard. &ndash; <em class="g"><a name="w10_9" id="w10_9"></a>olmig</em>, mulmig, wurmstichig. &ndash; <em class="g"><a name="w10_10" id="w10_10"></a>aufhucken</em>,
+auf den R&uuml;cken nehmen. &ndash; <em class="g"><a name="w10_11" id="w10_11"></a>Brutlacht</em>, Hochzeit. &ndash; <em class="g"><a name="w10_12" id="w10_12"></a>Gnitte</em>,
+Gelse, winzige M&uuml;cke. &ndash; <em class="g"><a name="w10_13" id="w10_13"></a>Bleibengel</em>, Bleikn&uuml;ppel. &ndash; <em class="g"><a name="w10_14" id="w10_14"></a>f&uuml;r einen
+Bauern kaufen</em>, zum Narren haben. &ndash; <em class="g"><a name="w10_15" id="w10_15"></a>Dutten</em>, Knoten. &ndash; <em class="g"><a name="w10_16" id="w10_16"></a>d&ouml;tsch</em>,
+dumm. &ndash; <em class="g"><a name="w10_17" id="w10_17"></a>Flachtenwerk</em>, Flechtwerk. &ndash; <em class="g"><a name="w10_18" id="w10_18"></a>Pottekel</em>, widerlicher
+Mensch. &ndash; <em class="g"><a name="w10_19" id="w10_19"></a>faulm&auml;ulsch</em>, maulfaul. &ndash; <em class="g"><a name="w10_20" id="w10_20"></a>Tachs</em>, Dachs. &ndash; <em class="g"><a name="w10_21" id="w10_21"></a>mit
+jemand Schindluder spielen</em>, ihn gemein behandeln. &ndash; <em class="g"><a name="w10_22" id="w10_22"></a>schuddern</em>,
+schauern.</p>
+
+
+<h3>11. <a href="#Die_Kaiserlichen">Die Kaiserlichen</a> S. 201</h3>
+
+<p><em class="g"><a name="w11_1" id="w11_1"></a>wegzocken</em>, fortlocken. &ndash; <em class="g"><a name="w11_2" id="w11_2"></a>St&auml;rke</em>, F&auml;rse, junge Kuh. &ndash; <em class="g"><a name="w11_3" id="w11_3"></a>Barte</em>,
+Beil. &ndash; <em class="g"><a name="w11_4" id="w11_4"></a>blank</em>, sch&ouml;n, von Frauenzimmern gesagt. &ndash; <em class="g"><a name="w11_5" id="w11_5"></a>Takelzeug</em>,
+verd&auml;chtige Menschen. &ndash; <em class="g"><a name="w11_6" id="w11_6"></a>Hillebille</em>, ein an zwei Stricken
+aufgeh&auml;ngtes Brett, das mit zwei H&auml;mmern geschlagen wird und einen
+weithin vernehmbaren Schall gibt. &ndash; <em class="g"><a name="w11_7" id="w11_7"></a>knutschen</em>, z&auml;rtlich dr&uuml;cken.
+&ndash; <em class="g"><a name="w11_8" id="w11_8"></a>Katteeker</em>, Eichkatze. &ndash; <em class="g"><a name="w11_9" id="w11_9"></a>Sohl</em>, Wasserloch.</p>
+
+
+<h3>12. <a href="#Die_Schweden">Die Schweden</a> S. 217</h3>
+
+<p><em class="g"><a name="w12_1" id="w12_1"></a>einem eine Schande machen</em>, einen ausschimpfen.&ndash; <em class="g"><a name="w12_2" id="w12_2"></a>Piewitt</em>, Kiebitz.
+&ndash; <em class="g"><a name="w12_3" id="w12_3"></a>wricken</em>, zusammenflechten, ineinanderwirken. &ndash; <em
+class="g"><a name="w12_4" id="w12_4"></a>Immenquaddeln</em>, Blasen von Bienenstichen. &ndash; <em class="g"><a name="w12_5" id="w12_5"></a>fr&uuml;ndjen
+gehen</em>, auf Liebschaft gehen. &ndash; <em class="g"><a name="w12_6" id="w12_6"></a>Immenangel</em>, Bienenstachel. &ndash;
+<em class="g"><a name="w12_7" id="w12_7"></a>beleben</em>, erleben. &ndash; <em class="g"><a name="w12_8" id="w12_8"></a>ungeb&ouml;rnt</em>, n&uuml;chtern.</p>
+
+
+<h3>13. <a href="#Die_Haidbauern2">Die Haidbauern</a> S. 235</h3>
+
+<p><em class="g"><a name="w13_1" id="w13_1"></a>Stiege</em>, Reihe. &ndash; <em class="g"><a name="w13_2" id="w13_2"></a>Leiche</em>, Beerdigung. &ndash; <em class="g"><a name="w13_3" id="w13_3"></a>nieseln</em>, d&uuml;nn regnen.
+&ndash; <em class="g"><a name="w13_4" id="w13_4"></a>Missent&uuml;r</em>, Einfahrtstor.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p class="center">Druck von Hesse &amp; Becker in Leipzig.</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Wehrwolf, by Hermann Löns
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEHRWOLF ***
+
+***** This file should be named 22824-h.htm or 22824-h.zip *****
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+Produced by Norbert H. Langkau, Constanze Hofmann and the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+
+
+
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+
+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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+++ b/22824-h/images/titel.png
Binary files differ
diff --git a/22824-h/images/wolfsangel1.png b/22824-h/images/wolfsangel1.png
new file mode 100644
index 0000000..00d4b92
--- /dev/null
+++ b/22824-h/images/wolfsangel1.png
Binary files differ
diff --git a/22824-h/images/wolfsangel2.png b/22824-h/images/wolfsangel2.png
new file mode 100644
index 0000000..b2c37d6
--- /dev/null
+++ b/22824-h/images/wolfsangel2.png
Binary files differ