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+The Project Gutenberg EBook of Der Wehrwolf, by Hermann Löns
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Wehrwolf
+ Eine Bauernchronik
+
+Author: Hermann Löns
+
+Release Date: October 2, 2007 [EBook #22824]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEHRWOLF ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Constanze Hofmann and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Mit _Unterstrichen_ gekennzeichneter Text ist im Original
+gesperrt gedruckt.
+
+Mit =Gleichheitszeichen= markierte Phrasen sind im Original nicht
+in Fraktur gedruckte Textstellen.
+
+Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
+ansonsten aber wie im Original belassen. Eine Auflistung aller
+vorgenommenen Korrekturen findet sich am Ende des Textes.
+
+Der Text enthält eine Wortliste, die einige der verwendeten Dialektwörter
+erklärt. Diese findet sich am Ende des Buches.
+
+ * * * * *
+
+ Hermann Löns
+
+ Der Wehrwolf
+
+ [Illustration]
+
+ Eine Bauernchronik
+ 101.-120. Tausend
+ Verlegt bei Eugen Diederichs
+ Jena 1920
+
+
+Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in
+fremde Sprachen (auch ins Ungarische) vorbehalten.
+=Copyright 1920 by Eugen Diederichs Verlag in Jena.=
+
+
+
+
+Die Haidbauern
+
+
+Im Anfange war es wüst und leer in der Haide. Der Adler führte über Tage
+das große Wort, und bei Nacht hatte es der Uhu; Bär und Wolf waren
+Herren im Lande und hatten Macht über jegliches Getier.
+
+Kein Mensch wehrte es ihnen, denn die paar armseligen Wilden, die dort
+vom Jagen und Fischen lebten, waren froh, wenn sie das Leben hatten und
+gingen den Untieren liebendgern aus der Kehr.
+
+Da kamen eines Abends andere Menschen zugereist, die blanke Gesichter
+und gelbes Haar hatten; mit Pferd und Wagen, Kind und Kegel kamen sie
+an, und mit Hunden und Federvieh.
+
+Es gefiel ihnen gut in der Haide, denn sie kamen daher, wo das Eis noch
+bis in den Mai auf den Pümpen stand und im Oktober schon wieder Schnee
+fiel.
+
+Ein jeder suchte sich einen Platz und baute sich darauf ein breites Haus
+mit spitzem Dach, das mit Reet und Plaggen gedeckt war und am Giebel ein
+paar bunte Pferdeköpfe aus Holz aufwies.
+
+Jeglicher Hof lag für sich. Ganz zu hinderst in der Haide wohnte
+Reineke; sein Nachbar war Hingst; auf ihn folgte Marten, darauf Hennig,
+hinterher Hors, und dann Bock und Bolle und Otte und Katz und Duw und
+Specht und Petz und Ul und wie sie alle hießen, und zuletzt Wulf, ein
+langer Mann mit lustigen Augen und einer hellen Stimme, der sich da
+angebaut hatte, wo das Bruch anfing.
+
+Der Wulfshof hatte das beste Weideland von allen Höfen, aber der Bauer
+hatte auch am meisten mit den Wölfen und Bären zu tun und mit den
+schwarzbraunen Leuten, die hinten im Bruche lebten. Doch das war ihm
+gerade recht und seinen Jungens nicht minder; je bunter es herging, um
+so lieber war es ihnen, und so wurden es Kerle, wie die Bäume, mit
+Händen, wie Bärenpfoten; aber dennoch konnte sie ein jeder gern leiden,
+dieweil sie so grall in die Welt sahen und allewege lachten.
+
+Das kam ihnen und ihren Kindern und Kindeskindern auch gut zupasse, denn
+es ging zuzeiten wild genug her in der Haide; fremde Völker zogen durch,
+und die Haidbauern mußten mächtig aufpassen, daß sie nicht umgerannt
+wurden. Aber es waren ihrer von Jahrhundert zu Jahrhundert in Ödringen,
+wie das Dorf hieß, immer mehr geworden; sie hielten stand, schmissen die
+Feinde zurück oder bargen die Weibsleute, die Kinder und das Vieh in der
+Wallburg im Bruche und setzten den Fremden durch Überfallen und Ablauern
+solange zu, bis sie sich wieder dünne machten.
+
+Die Männer vom Wulfshofe waren dabei immer vorneweg. Manch einer von
+ihnen blieb mit einem Pfeile im Halse oder einem Speere in der Brust
+dabei liegen, aber es blieb immer noch einer übrig, der den Namen am
+Leben hielt.
+
+Mittlerweile nahmen sie immer mehr Land unter den Pflug und machten das
+Bruch zu Wiesenland und Weide; zehn Gebäude zählte der Hof, der wie eine
+Burg hinter Wall und Graben in seinem Eichbusche lag, und in dem großen
+Hause war kein Mangel an Waffen und Geräten aller Art.
+
+In dem Flett standen neben dem Herde ein Dutzend schwerer silberner
+Teller auf dem Bört an der Feuerwand. Als die Bergbauern ihre Boten
+schickten und die Haidbauern baten, ihnen beizustehen, die Römer aus dem
+Land zu jagen, war auch ein Sohn vom Wulfshofe mit ausgezogen. Als er
+schon ein alter Mann war, lachte er noch, wenn er darauf zu sprechen
+kam, wie Varus mitsamt seinen Leuten vor die Hunde ging.
+
+»Junge,« sagte der alte Mann, »das war ein Spaß! Was haben wir die
+krummen Hunde geweift! So Stücker zwanzig habe ich allein vor den Brägen
+geschlagen, daß es nur so ballerte, denn sie hatten alle Kappen aus
+Blech auf. Na, und denn habe ich zum Andenken die blanken Kümpe
+mitgebracht. Machen sie sich da nicht fein?«
+
+Mit den Römern waren die Bauern bald fertig geworden, aber dann kam der
+Franke, und der war zähe wie Aalleder. Holte er sich heute auch eine
+Jacke voll Schläge, morgen war er wieder da. Ein Wulf war dabei gewesen,
+als Weking das fränkische Heer am Süntel zu rohem Mett hackte, aber zwei
+von den Wulfsbauern waren auch unter den Männern, die Karl an der
+Halsbeeke bei der großen Fähre wie Vieh abschlachten ließ. Als darauf
+alles, was ein Messer halten konnte, ihm an den Hals sprang, waren auch
+drei Wulfs dabei; sie waren nicht zurückgekommen.
+
+Schließlich aber sagten die Haidjer sich: »Gegen ein Fuder Mist kann
+einer allein nicht anstinken.« So zahlten sie denn Zins, sagten dem Wode
+und der Frigge ab, ließen sich taufen und wurden mit der Zeit ganz
+ordentliche Christen, vorzüglich, als einer von ihnen, der nach der
+Väter Brauch den alten Göttern einen Schimmel auf dem Hingstberge
+geschlachtet hatte, dafür unter das Beil mußte.
+
+Ganz zahm wurden sie nach außen hin und sie ließen sich sogar einen
+fränkischen Ritter vor die Nase setzen. Aber von innen blieben sie die
+Alten; wenn im heiligen römischen Reiche einmal wieder alles koppheister
+ging, dann kamen sie vor Tau und Tag über die Haide geritten, steckten
+die Burg an allen vier Ecken an und schlugen alles, was einen Bart
+hatte, vor den Kopf.
+
+Das half ihnen auf die Dauer aber doch nichts; die fremden Herren nahmen
+ihnen mit Gewalt und List ein Recht nach dem andern, und schließlich
+wurden sie alle zinspflichtige Lehnsmänner bis auf den Wulfsbauern; denn
+der hatte einen Freibrief als Sattelmeier, weil ein Wulf einmal den
+Herzog Billung vor seinen Feinden gerettet hatte. Wenn sich nun auch
+heute das Kloster und morgen der Ritter alle Mühe gab, den Wulfshof
+anzumeiern, die Wulfsbauern wußten sich davor zu wahren.
+
+Sie hatten ja auch sonst ihre liebe Not, denn bald war Krieg im Lande,
+bald rührten sich die Raubritter. Wenn der Bauer pflügte, hatte er
+währenddem den Speer und die Armbrust bei seiner Jacke liegen, und mehr
+als einmal fing er mit seinen Leuten ein paar Schnapphähne ab und
+brachte sie über die Seite. Da das aber einmal so war, so machte er sich
+weiter keine Gedanken darüber; seine Augen blieben hell und das Lachen
+verlernte er auch nicht.
+
+Als die Bauern die neue Lehre annahmen und dem Pater aufsagten, mußte
+der Wulfsbauer zu ihm gehen und ihm das klarmachen, weil der Pater ein
+guter alter Mann war und die Bauern glaubten, kein anderer könne ihm die
+Sache so gelinde beibringen, wie Harm Wulf, dessen Hauptredensart es
+war: »Es ist alles man ein Übergang«, und dabei schlug er den Wolf in
+der Kuhle tot und lachte dazu.
+
+Hinterher kamen ja wohl einmal Zeiten, daß auch der Wulfsbauer eine
+krause Stirn und dunkle Augen kriegte und nicht mehr so laut lachte. Das
+war Anno 1519, als Hans Magerkohl, der Bischoff von Hildesheim, sich mit
+dem Braunschweiger Herzog kämmte und die Bauern dabei Haare lassen
+mußten. In Burgdorf krähte der rote Hahn lauthals und ein Wulf, der dort
+in eine Ackerbürgerstelle hineingeheiratet hatte, kam mit dem weißen
+Stocke wieder nach dem Wulfshofe und starb bald vor Herzeleid, denn die
+braunschweigischen Kriegsvölker hatten seine junge Frau zuschanden
+gemacht.
+
+Ein Trupp von dem Gesindel kam auch bis vor den Wulfshof; aber da es nur
+bei zwanzig waren, fanden sie nicht wieder zurück; der Bauer schlug sie
+mit seinen Söhnen und Knechten tot, fuhr sie in das Bruch und rodete sie
+bei.
+
+Auch sein Sohn verlernte später auf einige Zeit das Lachen, denn als man
+den neunten Juli des Jahres 1553 schrieb, kam es auf dem Vogelherde bei
+Sievershausen zu dem großen Treffen zwischen dem Braunschweiger und dem
+Sachsen auf der einen und dem Kalenberger und dem Brandenburger auf der
+anderen Seite.
+
+Schrecklich ging es vor und nach der Schlacht in der Haide zu; doch der
+Wulfsbauer hatte beizeiten Wind gekriegt und die Frauensleute, die
+Kinder und das Vieh und alles, was Geldeswert hatte, im Bruche geborgen;
+er selber aber und seine Leute hatten sich mit den anderen Bauern
+zusammengetan, und wo sie einen Haufen Fußvolk oder Reiter trafen, denen
+ging es schlecht. Über zweihundert von ihnen schossen und schlugen die
+Bauern tot. Wenn sie sie eingruben, lachte der Wulfsbauer und sagte:
+»Man soll alle Arbeit mit Freuden tun, vorzüglich, wenn sie sich lohnt«;
+damit meinte er dann die Waffen und das bare Geld, das die Kriegsleute
+bei sich hatten.
+
+Wenn es auch noch so hart herging, ihre grallen Augen und ihr helles
+Lachen verloren die Wulfsbauern so leicht nicht; es mußte schon sehr
+schlimm kommen, daß es anders mit ihnen wurde.
+
+Das tat es denn auch. Es gingen im Jahre 1623 allerlei Gerüchte von
+einem Kriege um, den der Kaiser mit den Böhmen wegen der neuen Lehre
+führte und der immer weiter fraß. Zudem hatte es sehr viele wunderliche
+Zeichen gegeben. Es waren Rosen gewachsen, aus denen wieder Rosen kamen,
+das Brot hatte geblutet, auf den Koppelwegen lagen Sternschnuppen, drei
+Tage hintereinander im Juli kamen Unmassen von Schillebolden über die
+Haide geflogen und hinterher ebensoviele Buttervögel; es gab mehr
+Mißgeburten beim Vieh, denn je zuvor, die Mäuse heckten unmäßig, Pest-
+und Sterbevögel ließen sich sehen, am Himmel zeigten sich feurige Männer
+und ein Stern, der wie ein Schwert aussah, fiel herunter.
+
+Daraus sagten manche Leute Krieg, Hunger, Brand und Pest an. Es dauerte
+auch nicht lange, daß ein großes Sterben anging, vorzüglich in den
+Städten, wo die Menschen eng aufeinandersaßen und allerlei fremdes Volk
+zusammenkam. Um den Herrgott wieder um gut Wetter zu bitten, zogen ganze
+Haufen von halbnackten Männern und Weibern mit Ketten um den Hälsen
+hinter einem Kreuze her, heulten und schrien wie unklug, schlugen sich
+mit Stricken die Rücken, daß das Blut nur so spritzte, und sangen zum
+Gotterbarmen.
+
+Als Harm Wulf, der Anerbe vom Wulfshofe, Torf nach der Stadt fuhr, war
+er einem solchen Zuge begegnet und sehr falsch geworden, denn er hatte
+junge Pferde vor dem Wagen, und die wollten mit Gewalt vom Wege, als die
+verrückten Völker angebrüllt kamen.
+
+Hinterher mußte er aber darüber lachen; es hatte zu albern ausgesehen,
+wie sie alle auf einmal die Arme in die Luft schmissen und lossangen:
+»Hui halt' auf eure Hände, daß Gott dies Sterben wende, hui streckt aus
+eure Arme, daß Gott sich eur' erbarme!«
+
+»Was für ein dummerhaftiges Lied!« dachte er und pfiff das
+Brummelbeerlied.
+
+
+
+
+Die Mansfelder
+
+
+Als er am anderen Morgen durch die Haide ging, lachte er auch vor sich
+hin, aber nicht mehr über die Geißler, denn die hatte er längst
+vergessen.
+
+Er dachte daran, was sein Vater ihm gesagt hatte, daß es nämlich an der
+Zeit wäre, daß er freien müsse und den Hof übernehmen solle. Und er
+dachte an Rose Ul.
+
+Denn das sollte seine Frau werden, das glatteste Mädchen weit und breit,
+und Ulenvaters einziges Kind, mit der er immer am liebsten beim
+Erntebiere getanzt hatte. Darum lachte er vor sich hin.
+
+Er drehte eine Maiblume, die er an der alten Wallburg im Holze
+abgerissen hatte, zwischen den Zähnen und sah über die Haide, die ganz
+grün von dem jungen Birkenlaube war und ganz blank von der Sonne.
+
+Vom Bruche her kam zwischen den hohen Machangelbüschen ein Mann
+angegangen. Er blieb stehen, zeigte mit dem Finger auf die Blume, die
+Harm im Munde hielt, griente und sagte: »Friggeblumen, wer die bricht,
+Junggeselle bleibt er länger nicht.«
+
+Harm lachte und gab ihm die Hand. Immer mußte er sich wundern, wenn er
+Ulenvater sah; denn der war so ganz anders, als alle Leute, die er
+kannte. Jedes Wort, das er sprach, hatte einen doppelten Sinn; er hatte
+den ganzen Kopf voller Dummheiten, aber auch voller Klugheit, und man
+sagte von ihm, daß er mehr könne als Brot essen.
+
+Aber das war man ein Altweiberschnack; er war drei Jahre auf die hohe
+Schule in Helmstedt gegangen und hatte da fleißig gelernt, sowohl
+geistliche Sachen, wie denn auch, was gegen Krankheiten bei Mensch und
+Vieh gut war; dann aber war der Hoferbe abgestorben und weil weiter kein
+Sohn da war, mußte er den Hof annehmen; und nun hieß er zum Spaß der
+Papenbur.
+
+Er wurde jedoch ein Bauer, wie nur einer, bloß daß er in vielem seinen
+eigenen Weg ging: so konnte er niemals nach der Kirche hinfinden, denn
+er sagte: »Wer da weiß, wie man Würste macht, der ißt schon keine.« Dann
+hatte er die Gabe, alles, was er sagte, in Reime zu bringen, wenn er
+gerade wollte; es wurde keine Hochzeit abgehalten, bei der Ulenvater
+nicht seinen Vers sagte, und jedesmal einen anderen. Er hatte Augen, die
+hatten gar keine Farbe; wie Wasser sahen sie aus. Die wenigsten Menschen
+hielten ihnen stand, und wenn er einen Hund ansah, und war der auch noch
+so böse, er machte, daß er fortkam.
+
+Nun stand er da, als wenn er nicht bis drei zählen konnte, griente und
+sagte, indem er auf das Schießgewehr wies, das Harm auf den Rücken
+hatte: »All wieder nach dem Saufang?« Und dann lachte er lauthals, denn
+der Saufang war dicht beim Ulenhofe, und wenn Harm am Saufang war, dann
+dauerte es nicht lange und Rose hatte vor dem Hofe zu tun.
+
+Das war auch jetzt so. Als Wulf dort angekommen war und gesehen hatte,
+daß der Fang noch aufstand, steckte er drei Finger in den Mund und pfiff
+wie der Schwarzspecht. Es dauerte eine Weile, da hörte er hinter sich
+ein Geräusch; als er sich umdrehte, sah er bei einer Eiche etwas
+Feuerrotes, und das war ein roter Rock, und nun gab es ein Jagen um den
+Baum und dann ein Quieken.
+
+»Ach, Junge,« pustete das Mädchen und ihre Brust ging auf und ab, »du
+bringst mich ja rein von Atem! Und schickt sich das wohl?« Aber dann
+ließ sie sich doch dahinziehen, wo das Moos ganz eben und trocken war,
+und ließ sich küssen und küßte wieder, und zählte, wie oft der Kuckuck
+rief, denn so lange sollte sie leben; aber er rief bloß zweimal und da
+sagte sie: »So ein fauler Hund!« und lachte dabei.
+
+Vom Hofe rief es. Das Mädchen sprang in die Höhe: »Bis heute abend!
+Mutter ruft schon. Komm aber nicht vor dem Vesper, denn bis dahin habe
+ich alle Hände voll zu tun.« Sie machte sich los und Harm sah ihr
+lachend nach, wie sie so flink dahinging, daß der rote Rock wie eine
+Flamme hin und her wehte, und ihr Haar, das leuchtete wie eitel Gold
+unter der kleinen Mütze, um die die Bindebänder man so flogen.
+
+Ehe sie über das Stegel stieg, sah sie sich noch einmal um; dann war sie
+fort und Harm war zumute, als wenn die Sonne nicht mehr so schön schien
+und als ob die Vögel lange nicht mehr so lustig sängen; aber dann pfiff
+er das Brummelbeerlied durch die Zähne und lachte wieder vor sich hin,
+als er über die Haide ging, und seine Augen waren so blau wie der Himmel
+über ihm.
+
+Das blieben sie auch bis zur Hochzeit und auf ihr erst recht. Es war
+eine große Hochzeit und lustig ging es dabei her, obzwar kein einziger
+Mann betrunken war.
+
+Einige Bauern redeten zwar davon, daß es immer gefährlicher im Reich
+aussähe, aber was fragte Harm Wulf danach, als er mit seiner jungen Frau
+unter Lachen und Juchen in die Dönze geschoben wurde, und nach den
+feurigen Männern am Himmel und dem blutenden Brot und den Pest- und
+Sterbevögeln? Er nahm seine Rose in den Arm und sagte: »Eine Ule habe
+ich gefangen, aber was für eine glatte Ule auch!« Und dann lachte er
+über seinen Witz.
+
+Er blieb am Lachen bis auf den Tag, daß seine Rose zu liegen kam, aber
+dann lachte er noch mehr, bloß nicht so laut und mehr mit den Augen;
+denn ein Junge lag neben ihr, ein Junge, ein Staat von einem Jungen ein
+wahrer Bär von einem Jungen, einer von zehn vollwichtigen Pfunden und
+ein hübscher Junge von vornherein.
+
+»Ja,« sagte er am dritten Tage zu seiner Frau, die schon wieder Farbe
+auf den Backen hatte, »was ist das nun eigentlich, ein Ulenküken oder
+ein Wolfslamm?« Und dann lachte er laut über seinen Schnack.
+
+Er lachte, wenn er zur Arbeit ging, er lachte, wenn er von ihr kam. Er
+hatte früher auch ein schönes Leben gehabt, aber so, wie es jetzt war,
+mit solcher glatten Frau und so einem gesunden Jungen, das war doch ganz
+etwas anders! Er konnte sich vor Freude gar nicht bergen, so wählig war
+ihm zumute, und wenn ab und zu Reineke oder Marten oder einer von den
+anderen Ödringern sich so anstellte, wie eine Krähe, wenn der Fuchs
+ankommt, und erzählte, was er in Celle oder Burgdorf oder Peine gehört
+hatte: daß nämlich Krieg in der Welt war und es nicht mehr lange dauern
+werde, bis daß es auch in der Haide an zu stinken anfange, der
+Wulfsbauer pfiff, wenn er säete oder pflügte, das Brummelbeerlied,
+dachte an seine Rose und an seinen lüttjen Hermke und daran, wie gut er
+es doch getroffen hatte.
+
+Hermke konnte ihm schon an der Hand seiner Mutter entgegentappeln und
+»Vater!« rufen, wenn Harm vom Felde kam, und es war so weit, daß er bald
+einen Bruder oder eine Schwester bekommen sollte, da ritt der Bauer
+eines Morgens nach der Stadt, um seinen Hofzins beim Amte zu bezahlen.
+Es war ein schöner Morgen; die Birken an den Straßen waren eben
+aufgebrochen, alle Finken schlugen, die Dullerchen sangen und das Bruch
+war von oben bis unten rot, denn der Post war am Blühen. Harm setzte
+sich in einen schlanken Trab, daß der Sand hinter ihm nur so mülmte,
+denn er dachte: »Je eher du in der Stadt bist, desto früher bist du
+wieder auf dem Hofe.«
+
+Er kam aber erst am späten Abend nach Hause und er kam zu Fuße an. Als
+er nämlich seine Steuern bezahlt hatte und nach dem Kruge vor der Stadt
+ging, wo er seinen Falben eingestellt hatte, um das Torgeld zu sparen,
+da war dort ein wildes Leben. Ein Mansfelder Feldhauptmann mit einem
+Trupp Kriegsvolk war angekommen und es ging hoch her. Die Kerle hatten
+alle rote Köpfe von Bier und Schnaps und nun schrien sie und bölkten und
+kriejöhlten und machten sich mit den verlaufenen Frauensleuten, die sie
+bei sich hatten, allerlei Kurzweil, daß es eine Schande war, das
+anzusehen. Die Töchter des Wirts und die Mägde waren übel dran; sogar
+die Wirtsfrau, die doch gewiß kein Ansehen mehr hatte, konnte sich vor
+den Lümmeln nicht bergen.
+
+Als der Wulfsbauer um das Haus nach dem Stalle gehen wollte, kam ihm ein
+Kerl entgegen, der eine rote Feder auf dem Hute und einen
+gefährlichen pechschwarzen Schnauzbart unter seiner langen Nase hatte.
+Als er den Bauern sah, juchte er laut auf, nahm ihn in den Arm, küßte
+ihn auf beide Backen, daß Harm der Schnapsgeruch um die Ohren schlug,
+faßte ihn an die Schultern, hielt ihn von sich ab, lachte über sein
+ganzes gelbes Gesicht, nahm ihn wieder in den Arm und brüllte:
+»Brudderhärz mainiges! Wie lange habben wirr uns nicht gesähenn? Aberr
+die Freide, die Freide! Auf das wollen wirr aberr einen trrinkenn!« Er
+zog den Bauern, der gar nicht wußte, was er davon halten sollte, unter
+das Fenster und schrie: »Frau Wirrtinn, zwei Birr fürr mainen Freind und
+mich, wo ich so lange nicht gesähenn habbe.«
+
+Die Großmagd brachte das Bier, aber als der fremde Kerl sie in den Arm
+kniff, machte sie Wulf mit den Augen Zeichen, denn sie war eine
+Häuslingstochter aus Ödringen, und als der Reiter das Bier hinnehmen
+wollte, juchte sie auf und ließ beide Krüge fallen. Der fremde Mensch
+schimpfte Mord und Brand, aber da rief der Hauptmann und er mußte fort.
+Als Harm schnell machte, daß er weiter kam, winkte ihn Trine Reineke auf
+die Diele: »Wulfsbauer,« sagte sie, »um Christi Blut und Wunden, daß du
+bloß den Ludervölkern nicht Bescheid tust! Wer Bescheid tut, der ist
+angeworben. Kiek, da ist Krischan Bolle, den haben sie schon eingeseift,
+den Döllmer! Mit jedwedem hat er auf Bruderschaft angestoßen und nun
+hat er den bunten Lappen um den Arm und kann sich morgen für Gott und
+den Deubel totschießen lassen.«
+
+Ängstlich sah ihn das hübsche Mädchen, das auf dem Wulfshofe als
+Lütjemagd angefangen hatte, in die Augen: »Sieh man bloß zu, daß du
+weiter kommst! Je eher daß du fortkommst, je besser ist das für dich.
+Das sind ja keine Menschen nicht, das ist das reine Vieh. O Gotte!« Sie
+schlug die Schürze vor das Gesicht und weinte los.
+
+»Na, Deern,« beruhigte Harm sie, indem er ihr auf die Schulter schlug,
+»das ist alles man ein Übergang. Aber recht hast du, wer hier nichts
+verloren hat, soll sich nicht weiter aufhalten.« Er bezahlte die beiden
+Krüge Bier, gab dem Mädchen ein Bringgeld und ging nach den Ställen. Da
+war es noch toller als vor dem Hause. Sieben Roßknechte, einer noch
+schlimmer aussehend als der andre, hielten einen alten Trödeljuden zum
+besten, spuckten ihm in die Hände, warfen ihm seine Waren durcheinander
+und wollten ihn zwingen, Schweinewurst zu essen. Drei andere stachen
+eine Sau ab, einer machte sich mit einem Taternmädchen das knapp zwölf
+Jahre alt sein konnte, zu schaffen, ein anderer lag besoffen auf dem
+Mist und noch einer hatte einen Hahn in den Händen und drehte ihm den
+Hals ab.
+
+»Gottes Wunder,« dachte der Bauer, »was ist das für eine Zucht und
+Wirtschaft!« Er drückte sich an den betrunkenen Völkern vorbei und ging
+in den Pferdestall. Sein Falber war da, hatte aber ein herrschaftliches
+Geschirr um und zwei Mantelsäcke aufgeschnallt. Er schirrte ihn ab,
+machte sich ein Halfter aus einem Ende Strick und führte das Pferd aus
+dem Stalle. Schon war er meist vom Hofe, da kam ihm ein Reiter, der
+einen roten Bart hatte, der ihm bis über den Kragen hing, entgegen und
+schnauzte ihn an, wo er mit dem Pferd hinwolle.
+
+»Das ist doch von jeher mein Falber gewesen!« gab ihm der Bauer zurück.
+»Ferdl, Tonio, Pitter, Wladslaw, daher, daher!« schrie der rotbärtige
+Mensch; »wem ist das Pferd hier, diesem Mann da oder Korporal Tillmann
+Anspach? Häh? Ruft ihn mal her! Wollen doch mal sehen, wessen Wort mehr
+gilt, das von einem ehrlichen Kriegsmann, der für die reine Lehre
+fechten tut, oder von so 'nem Bauern, der zu Fuße kommt und zu Pferde
+weiter will!«
+
+Harm bekam einen roten Kopf und faßte nach der Hosennaht, wo er das
+Messer stecken hatte, aber er besann sich, denn er war einer gegen
+anderthalb Dutzend, und nun kam auch der Korporal an, ein Mensch, so
+dürr wie ein Bohnenstiefel und mit einer Narbe vom Auge bis zum Kinn,
+und hinter ihm noch ein Dutzend Reiter, die alle Gesichter hatten wie
+dem Gottseibeiuns seine Vetternschaft.
+
+Als der Korporal hörte, wovon die Rede war, schüttelte er den Kopf, hob
+zwei Finger hoch und schwur: »So wahr ich hier auf zwei Beinen stehe,«
+und dabei hob er den einen Fuß auf, »verdammigt will ich sein, wenn das
+nicht der Falbe ist, den ich zu Martini von Schlome Schmul zu Kölle am
+Rhing für dreißig schwere Taler und einen guten Weinkauf erstanden habe.
+Darauf will ich leben und sterben, so wahr ich ein getreuer
+Christenmensch und kein papistischer Hundsfott bin!«
+
+Harm Wulf sah sich um: er stand zwischen dreißig oder mehr verwogenen
+Kerlen, denen es auf eine Handvoll Menschenblut weiter nicht ankam.
+Betrunken waren sie ja alle, und wenn er erst auf dem Falben saß und er
+gab ihnen die Eisen in die Zähne! Aber der Gaul war schließlich nicht
+wert, daß er sich dafür in Not und Gefahr begab, und das Tier hatte eine
+dumme Gewohnheit: es stand auf den Pfiff! Sollte es also einem von den
+Kerlen in den Kopf kommen, zu flötjen, dann war er der Dumme und seine
+Frau konnte auf ihn lauern, bis sie alt und grau war, denn drei, viere
+von den Koppelknechten machten schon ihre Messer locker, und das
+Frauensmensch da mit dem schwarzen Haare, von dem die Butter nur so
+herunterlief, stieß den Kerl, der neben ihr stand, den scheeläugigen mit
+den Blatternarben, in einem fort in die Rippen und machte Augen wie ein
+Wolf, der Luder wittert.
+
+Harm Wulf lachte mit eins auf. »Kinder und Leute,« juchte er, »das ist
+ja hier ein Leben, noch doller als beim Martensmarkt auf der Burg! Da
+wird so ein Haidbauer, als wie ich bin, der man alle halbe Jahre einen
+fremden Menschen zu sehen kriegt, ganz dösig von im Koppe. Ist ja auch
+wahr! Ich habe ja meinen Falben in der Burg! Ja, ja, man soll vor dem
+Mittagbrot den Schnaps aus dem Balge lassen. Na, denn nichts für ungut!
+Irren ist menschlich, sagte der Hahn, da gab er sich mit der Ente ab.
+Und nun wollen wir einen nehmen, daß die Haide wackelt!«
+
+»Kiek sieh,« schrie er lauthals, »da ist ja auch mein alter Freund,«
+und damit nahm er den Mann mit dem schwarzen Schnauzbart, der die rote
+Feder auf dem Hute stecken hatte, unter den Arm und schrie über den Hof:
+»Howingvater, Trine, Deern, hille, hille! Bier her!«
+
+Als die Reiter ihm lachend folgten, warf er einen Reichstaler auf das
+Fensterbört und sang: »Ich hab' noch einen Taler, der soll versoffen
+sein,« stieß mit jedwedem an und machte seine Witze, aber dabei wahrte
+er sich den Rücken, behielt seine Lippen trocken und goß das Bier und
+den Schnaps über seine Schulter gegen die Wand.
+
+Die hübsche Trina wußte nicht, wo sie so schnell Bier herkriegen
+sollte, so lustig ging es zu. Aber als sie zum achten Male wiederkam,
+war der Wulfsbauer nicht mehr da. Er hatte einen Witz von Ulenvaters
+quantester Sorte zum besten gegeben, und als die betrunkene Bande vor
+Lachen nicht wußte, wo sie bleiben sollte, und einer dem anderen, der
+sich auf die Landessprache nicht verstand, verklarte, was der Bauer
+gesagt hatte, und sich auf die Reithosen schlug und wie ein Ochse
+brüllte, da gab Wulf der Wirtin etwas in das Ohr, und auf einmal schrie
+die: »Das Essen ist da! Zum Essen!« Da standen alle auf und Wulf drückte
+sich hinter die Bäume.
+
+Er kam glücklich davon. Einen Koppelknecht, der ihm in die Möte kam,
+stieß er mit der Faust unter das Herz, daß der Mensch ohne ein Wort in
+die Jauche schlug. Der Rotbart fragte ihn: »Brudder, libber Brudder,
+trinken wirr noch eins?« aber er gab ihm einen Buff, daß der Kerl mit
+dem Kopf in die Hecke schoß, und als das Taternmädchen Hallo schreien
+wollte, machte er ein paar Augen und hielt ihr das Messer vor das
+Gesicht, daß sie erst so weiß wie ein Bettuch wurde, ihn dann anlachte
+und sagte: »Ei a su a starkes Mahn, hiebsches Mahn!« Er aber trat sie
+von sich weg und sprang in den Busch, und als er erst dort war, da
+verholte er sich, biß die Zähne durcheinander, machte eine Faust und
+fluchte: »Ich sollte man bloß, ich sollte man, wenn ich noch ein lediger
+Kerl wäre! dann solltet ihr mir den Falben bezahlen, was er wert ist,
+ihr Schweinepack!«
+
+Aber als er dann in der Haide war, beruhigte er sich, und als er meist
+beim Hofe war und seine Frau ihm entgegenkam, ganz weiß im Gesicht und
+ordentlich blau unter den Augen, denn noch keinmal war er so lange
+ausgeblieben, da konnte er schon wieder mit dem Munde lachen und ihr
+das, was ihm zugestoßen war, so erzählen, als wenn das bloß ein dummer
+Spaß gewesen wäre.
+
+Doch als er hinterher in der Butze lag und überdachte, wie es ihm
+gegangen war, machte er die Finger an beiden Händen krumm. Wenn er nicht
+an seine Frau gedacht hätte, die da neben ihm lag und so ruhig schlief,
+als wenn es auf der Welt nichts und weiter nichts als lauter Engel gab,
+dann hätte er am liebsten geflucht wie sein Schwiegervater, wenn der
+ganz falsch war, loslegte: »Das tote Pferd soll dich schlagen!« hätte er
+geflucht.
+
+Aber so lag er da, ohne sich zu rühren, obzwar ihm stickend heiß war.
+Den Morgen hatte er noch das Brummelbeerlied durch die Zähne geflötet,
+als er nach der Stadt ritt, und jetzt? Jetzt lag er da und dachte an
+das Lied, das der rotbärtige dicke Kerl ihm in das Gesicht gebrüllt
+hatte, derselbe Kerl, dem er nachher den Heckenstößer gezeigt hatte. Wie
+ein unkluges Stück Vieh hatte er gebrüllt:
+
+ Der Mansfeld kommt,
+ der Mansfeld kommt,
+ der Mansfeld ist schon da,
+ truderiderallala,
+ jetzt ist der Mansfeld da.
+
+
+
+
+Die Braunschweiger
+
+
+Am folgenden Tage aber, als der kleine Hermke auf seinen Knieen
+Hopphoppreiter machte, ihm die Ohren lang zog und lustig krähte, bekam
+er wieder helle Augen, doch als er nachher säete, wollte ihm das, was er
+im Kruge belebt hatte, nicht aus dem Sinne.
+
+»Das soll doch mit dem Deubel zugehen,« dachte er, »daß ich dem
+hergelaufenen Kerl das Pferd für nichts und wieder nichts lassen soll
+und obendrein noch einen ausgeben muß!« Er dachte lange über die Sache
+nach und weil er doch auf dem Ulenhofe zu tun hatte, besprach er sich
+mit seinem Schwiegervater.
+
+»Tja,« sagte Ulenvater und spuckte in das Feuer, »tja, das ist eine
+dummerhaftige Sache. Du kannst den Schaden ja wohl bören, aber ein Pferd
+ist doch kein Hühnerei und reichlich gut zum Verschenken. Weißt du was?
+Ich habe sowieso in Celle zu tun, und da wollten die Völker ja hin, wie
+du sagst. Ich will mal sehen, was sich machen läßt. Ich komme mit den
+Herren vom Hofe ganz gut aus, seitdem sich unser Herzog damals hier auf
+der Jagd über das wilde Schweinelied halb ungesund gelacht hat.
+Vielleicht ist es gut, daß du mitfährst. Heute kann ich nicht, aber
+morgen.«
+
+Sie fuhren dann auch am andern Morgen los. Es war wieder ein schöner
+Tag; die Lerchen sangen über der Haide und im Bruche flötete der Kolüt.
+Die beiden Bauern aber sahen brummig vor sich hin und als sie vor sich
+drei Reiter zu Gesicht bekamen, faßte Harm die Zügel fester und
+Ulenvater legte die Pistole, die er mitgenommen hatte, neben sich in
+das Wagenstroh. Die Reiter aber ritten vorbei, indem sie ihnen nur eben
+dankten, als sie ihnen die Tageszeit boten.
+
+Es waren drei Kerle mit Gesichtern, wie sie der Teufel nicht besser
+haben kann; der eine konnte seine Augen gar nicht von dem Gespanne
+wegkriegen, und als Harm sich umdrehte, sah er, daß sie haltgemacht
+hatten und miteinander redeten. Aber dann setzten sie sich in Trab und
+ritten quer in die Haide hinein.
+
+Noch allerlei Volk begegnete ihnen; zuerst zwei Landstreicher, dann
+drei, dann Tatern, die mit ihrem Planwagen dahergezogen kamen, und in
+dem es von nackigten Kindern wimmelte. Eins davon, ein Mädchen, das wohl
+schon an die dreizehn Jahre alt war, aber so bloß war wie ein Fisch,
+sprang aus dem Wagen und ehe Harm es sich versah, saß es bei ihm auf dem
+Sattelpferd und bettelte ihn an und drei, vier andere machten sich bei
+Ulenvater im Wagen zu schaffen.
+
+»Das Takelzeug ist noch zäher als wie Hirschläuse,« meinte der
+Wulfsbauer, als sie die nackte Gesellschaft abgeschüttelt hatten, und er
+setzte hinzu: »Was für Völker jetzt im Lande herumstromen! Eine Schande
+ist es, daß da nichts getan wird! Gaudiebe und Vagelbunden sind beinahe
+die Herren jetzt. Wenn das so beibleibt, kann es noch gut werden.«
+
+Indem er sich nach den Zigeunern umsah, wurde er gewahr, daß die drei
+Reiter umgedreht hatten und hinter ihnen herkamen. Das schien ihm
+verdächtig und deshalb ließ er die Pferde ordentlich laufen; so kam er
+früher vor der Stadt an, als die Reiter.
+
+Bei dem Tore sah es bunt aus; eine Menge fremden Kriegsvolkes lag dort,
+und als die Bauern den Wächter fragten, was das für eine Bewandtnis
+habe, hörten sie, daß das allerlei Gesindel war, daß der Halberstädter
+Bistumsverwalter Christian von Braunschweig gegen die Kaiserlichen
+angeworben hatte. Die Leute hielten sich ziemlich anständig, denn sie
+lagen unter den Kanonen der Stadt und eine Abteilung herzoglicher
+Kriegsknechte unter einem Hauptmann paßte auf, daß sie keinen Unfug
+anstellten. Aber Harm dachte sich, als er sie besah: »Die mehrsten sehen
+aus, als wenn sie mit einem Strick um den Hals weggelaufen sind.«
+
+In Celle spannten sie in der Wirtschaft zur goldenen Sonne aus, wo sie
+gut bekannt waren, und frühstückten mit vier Bauern aus dem Gau
+Flottwede. »Wir werden bald allerlei gewahr werden,« meinte der
+Wathlinger Burvogt; »die Wienhäuser Nönnekens haben sich schon dünne
+gemacht, denn sonst könnten sie wohl bald ihr Nonnenfleisch losgeworden
+sein. In Altencelle haben die Halunken von Kriegsleuten den Bauern mit
+Gewalt die Würste und Schinken genommen und sie obendrein mit Schlägen
+zugedeckt. Der Vollmeier Pieper in Burg liegt auf den Tod; er wollte es
+nicht leiden, daß sie sich an seinen Töchtern vergriffen, und da hat ihm
+ein Kerl mit dem Säbel über den Kopf geschlagen, daß der Brägen
+herauskam.«
+
+Er sah sich um und flüsterte dann: »Der Kerl, der das getan hat, ist
+aber auch verschwunden; es wird gesagt, die Knechte haben ihn um die
+Ecke gebracht. In Wathlingen sind auch zwei von den Brüdern
+fortgekommen. Meinen Segen haben sie!«
+
+»Das ist das eine,« sagte ein Bauer aus Eicklingen, »das ist das eine.
+Seines Lebens ist man nicht mehr sicher, und dazu kommen noch die
+Steuern. Der Landtag hat die dreifache Schatzung ausgeschrieben und es
+heißt, daß das nicht das letztemal sein soll, denn das Land braucht
+jetzt Geld für Soldaten. Ja, das ist wohl so, und das wäre auch noch
+auszuhalten, aber dann kommen die fremden Völker und legen uns auch noch
+allerlei Lasten auf, das heißt, wenn sie nicht überhaupt nehmen, was sie
+kriegen können. Pohlmanns Ludjen haben sie eine milchende Kuh von der
+Weide genommen, und als er wenigstens Geld wollte, haben sie ihn
+ausgelacht, und als Hein Reimers vom Felde kam, ist er zwei gute Pferde
+auf die Art losgeworden. Wenn das so weiter geht, gibt es kein Recht und
+kein Gesetz mehr!«
+
+Nun erzählten die Ödringer, weswegen sie nach Celle gekommen waren; aber
+alle meinten, sie sollten den Falben ruhig in den Rauchfang schreiben,
+denn wenn die Obrigkeit hinter alle solche Sachen hinterfassen sollte,
+dann hätte sie viel zu tun. Ul aber meinte, versuchen wollte er es doch
+und ging los.
+
+Nach zwei Stunden kam er wieder und ließ den Kopf hängen, wie ein
+krankes Huhn. Ganz begossen sah er aus. »Ja, Junge,« sagte er, »ist das
+ein Betrieb! Angeschnauzt haben sie mich; ich sollte sie mit solchen
+Dummheiten in Ruhe lassen, denn sie hätten Notwendigeres zu tun, als
+hinter deinem Pferde herzulaufen. Na, so unrecht haben sie ja nicht,
+denn wie mir der zweite Koch erzählte, geht es ja jetzt in der Welt her,
+wie in einem Ameisenhaufen, bei dem der Specht zugange ist. Die
+Kaiserlichen kommen von der einen, der Braunschweiger und der Durlacher
+von der anderen Seite, und was unser regierender Herzog ist, der muß
+zusehen, daß er sich nicht dabei die Finger klemmt. Na, Mertens meinte,
+Herzog Georg, den sie doch zum Kreisoberst gemacht haben und der an die
+zwanzigtausend Mann unter sich hat, der wird schon dafür sorgen, daß sie
+uns nicht lebendig schinden. Aber den Falben bist du darum doch quitt.
+Tors Pferd soll den Kerl schlagen!«
+
+Er schlug sich Feuer für seine Pfeife, spuckte vor sich hin und sah
+seinen Eidam an: »Ich weiß nicht, ich glaube, es geht nicht anders: wir
+müssen daran denken, was dein Großvater immer sagte: Helf dir selber,
+dann helft dir auch unser Herregott! Denn warum? Die Obrigkeit, die wird
+alle Hände voll zu tun haben, daß sie im allgemeinen für Ordnung sorgt,
+soweit das angeht; der einzelne Mann muß sich selber wahren. Ich weiß
+man nicht, wie wir das anstellen sollen; denn was sollen wir zum
+Beispiel machen, wenn solche Galgenvögel, wie sie vor dem Tore liegen,
+hundert Stück und mehr, nach Ödringen verschlagen werden?«
+
+»Komm,« meinte er dann, »wollen weg! Hier haben wir ja doch nichts mehr
+zu holen.« Er rief den Wirt und bezahlte. »Nanu,« schrie er auf einmal,
+»Harm, Junge, was ist denn das?« Und schnell lief er aus der Türe. Als
+Harm ihm in den Hof nachging, sah er, daß einer der drei Reiter, die
+ihnen am Morgen begegnet waren, das Sattelpferd aus dem Stalle zog.
+
+»Hoho!« rief er und machte das Messer locker, »was soll denn das
+heißen?« Der fremde Mann sah ihn an und lachte: »Na, ich kann mir ja
+doch wohl das Pferd mal ansehen! Ich habe dem Knecht das ja gesagt und
+ihn gefragt, wem es gehörte. Ich bin nämlich Pferdehändler und dein
+Pferd hat mir gleich in die Augen gestochen, denn es paßt ganz zu einem,
+auf das ich handele, und das würde ein feines herrschaftliches Gespann
+geben. Was soll es gelten?«
+
+Der Wulfsbauer schüttelte den Kopf: »Es ist mir nicht feil,« sagte er
+und führte es vor den Wagen. »Na, denn nicht; was nicht ist, kann noch
+werden. Vielleicht besinnst du dich.« Damit ging der Händler ab.
+
+Die Ödringer sahen ihm mit schiefen Augen nach, und der Wirt schnippte
+mit den Fingern. »Tja der,« knurrte er, »der und Pferdehändler! Wer so
+billig einkauft, kann es zu was bringen in der Welt. Er kehrt öfter bei
+mir ein und verzehren tut er gut, aber ich sehe ihn lieber gehen als
+kommen, zum ersten, weil mir seine Augen nicht gefallen können, und dann
+weil ich ihn mit Völkern von der Masch zusammengesehen habe, denen jeder
+Kerl, der was auf sich hält, aus dem Wege geht. Hanebut heißt er, Jasper
+Hanebut, und aus Bothfeld bei Hannover soll er sein, und die er meist
+bei sich hat, Hänschen von Roden und Kaspar Reusche, den Brüdern traue
+ich auch nicht über den Weg.«
+
+Gerade als sie losfahren wollten, gab es von der Stechbahn her ein
+großes Geschrei. Ein Bauer kam zwischen zwei Stadtknechten daher und
+hinter ihm ging seine Tochter, ein blasses Mädchen von siebzehn Jahren,
+das in ihre Schürze weinte. Der Bauer schimpfte gewaltig: »Verfluchte
+Zucht!« schrie er; »totschlagen soll man die Hunde! Ich bin wahrhaftig
+keiner, der nicht einen Spaß verträgt, aber was zu viel ist, das ist zu
+viel. Ist denn meine Tochter dazu da, daß jeder Lausepelz seinen
+Hahnjökel damit treiben kann? Na, so bald tut der Lümmel das nicht
+wieder; sein eines Auge paßt ihm in vier Wochen noch nicht wieder in den
+Kopf, und es tut mir bloß leid, daß es nicht ganz herausgekommen ist.
+Und ich will doch sehen, ob noch Recht und Gerechtigkeit im Lande ist,
+und ob wir in einem christlichen Staate leben oder unter Türken und
+Heiden!«
+
+Ein Handwerksmeister, den der Wirt kannte, erzählte, was los war. Der
+Bauer, der aus Boye war und mit seiner Tochter, die es auf der Brust
+hatte, zum Doktor wollte, war zwischen das Halberstädter Kriegsvolk
+geraten, und die hatten das Mädchen hergekriegt und abgedrückt, als wenn
+es ein Taternfrauenzimmer war. Ihr Vater hatte dann dem einen Kerl eins
+mit der Faust ins Gesicht gegeben, daß das Auge gleich vor dem Kopfe
+stand, na, und der Ordnung halber mußte die Sache untersucht werden.
+»Aber,« setzte der Mann hinzu, »sie werden ihn wohl gleich laufen
+lassen; vom Schlosse aus ist den Braunschweigern angesagt worden, wenn
+sie nicht in einer Stunde unterwegs sind, dann würden die Leute des
+Herzogs sie auf den Trab bringen.« Er sah die Bauern an: »Ich würde an
+eurer Stelle noch etwas warten, ehe daß ich losfahre; sie ziehen gerade
+ab und gute Laune haben sie just nicht.«
+
+Das schien den Ödringern ein guter Rat zu sein, und so gingen sie mit
+dem Manne wieder in die Gaststube. Gerade als die Kastenuhr ausholte, um
+die zweite Stunde anzumelden, riß Ul die Augen auf, machte ein Gesicht,
+als ob er etwas Schreckliches sah, und sprang auf: »Komm,« rief er,
+»jetzt ist es aber Zeit! Wir brauchen ja nicht die Heerstraße zu fahren,
+wir können den Dietweg durch die Haide nehmen. Ich habe eine Unruhe auf
+dem Leibe, ich weiß nicht, was das mit mir ist. Vielleicht, daß ich mich
+habe allzuviel ärgern müssen.«
+
+Sie fuhren also los. Vor dem Tore war es still, bloß daß da noch
+allerlei Zigeunervolk lag. Als sie in die Haide einbiegen wollten, rief
+es hinter ihnen; drei Bauern aus Engensen kamen angeritten. »Tag!« rief
+der älteste, »nehmt uns mit! Wie es heutzutage hergeht, reist man zu
+fünfen besser, als zu dreien und zweien. Vorhin sind hier drei Männer
+vorbeigeritten, die sahen aus, als wenn sie der Deubel aus dem Holster
+verloren hat. Es ist Zeit, daß Herzog Georg mal mit dem engen Kamm über
+das Land geht; es hat sich allerlei Ungeziefer angesammelt.« Er drehte
+sich um und winkte einem jungen Bauern zu, der die Heerstraße entlang
+ritt: »Hinnerk, komm lieber hier, dennso hast du keine Langeweile
+unterwegs!« So waren sie selbst sechse, und da jeder eine Pistole und
+das große Messer bei sich hatte, brauchten sie sich nicht zu sorgen.
+
+»Wulfsbauer,« sagte der Engenser, »wir können jetzt die Ohren
+steifhalten, wir gemeinen Bauern. Bei uns haben wir das schon abgemacht:
+Tatern und anderes fremdes Volk, das sich bei uns sehen läßt, das wird
+ohne weiteres mit der Peitsche begrüßt, denn die Bande zeigt den
+Räubern, denn was anderes sind doch diese Kriegsknechte nicht, bloß den
+Weg, wo es was zu holen gibt. In Ehlershausen haben sie vorige Woche
+zwei von diesen Kerlen, die ein Pferd von der Weide geholt hatten, in
+aller Heimlichkeit aufgehängt und beigerodet. Und das ist ganz recht so:
+denn erstens sind es keine richtigen Menschen, und außerdem, warum
+bleiben sie nicht, wo sie hingehören?«
+
+Die anderen Bauern nickten, bloß Ulenvater nicht; denn der saß da, sah
+mit großen Augen über die Haide, machte einen Mund, wie ein Untier,
+murmelte ab und zu etwas vor sich hin, und als Harm ebenfalls über die
+Haide sah, denn er dachte, da wäre etwas, da war ihm, als spränge ein
+Mann hinter die Krüppelfuhren. Er sagte es Drewes, und der Engenser
+achtete auf den Weg und rief mit einem Male: »Kann schon stimmen: hier
+sind eins, zwei, drei Reiter hergekommen. Es soll mich wundern, wenn das
+nicht die verdächtigen Kerle von vorhin sind. Na, laß sie man kommen!
+Wir sind unsrer sechse und dreschen eine gute Nummer.«
+
+Sie taten nun, als ob die Haide ein Garten Gottes war, prahlten und
+lachten, hatten aber die Hände an den Pistolen und hielten scharf
+Umschau. Sie sahen aber nichts Verdächtiges, bloß, daß mit einem Male
+aus den Fuhren drei Hirsche herauspolterten, als wenn die Wölfe dahinter
+waren, und als sie an der Stelle vorbeikamen, hörten sie im Busche einen
+Hengst wiehern, denn die Ödringer hatten eine Stute als Handpferd, und
+die schien rossig werden zu wollen. Sie sahen sich an, prahlten dann
+aber bloß noch lauter los und lachten wie unklug, bis auf den Papenbur,
+denn der saß ganz still, biß an seinen Lippen herum und sah dahin, wo
+Ödringen liegen mußte.
+
+Als sie eine Viertelstunde weiter waren, hörten sie den Hengst wieder
+wiehern, und mit eins winkte Drewes die anderen zurück, jagte in die
+Haide hinein und es war ihnen, als wenn da etwas lief; ob das nun aber
+ein Mensch oder ein Tier war, das konnten sie nicht sehen. Mit einem
+Male hörten sie etwas, wie einen Schrei, und dann kam Drewes wieder
+angeritten und sagte: »Ich dachte, es wäre ein Wolf.«
+
+Harm, neben dem er ritt, sah ihn sich genau an und da fand er, daß an
+dem dicken Krückstock, den der Engenser am Sattel hängen hatte, denn er
+hatte rechts ein kurzes Bein, frisches Blut war. Drewes fing den Blick
+auf: »Ein Zigeuner, der schon seit einer Stunde neben uns hergestunken
+ist. Er hat wohl den Spion für die drei Buschklepper machen sollen, aber
+ich habe ihm ordentlich eins ausgewischt. Einer weniger! Anders geht das
+nun einmal nicht!«
+
+Wulf gefiel der Engenser nicht mehr so gut. Gewiß, die Tatern waren man
+ja halbe Menschen, und Christen waren sie erst recht nicht, wenn sie
+ihre Kinder auch in einem weg taufen ließen der Patengulden halber, aber
+gleich darauf loszuschlagen, wie auf ein wildes Tier, das wollte Harm
+denn doch nicht in den Kopf. Aber er mußte Drewes recht geben, als der
+leise zu ihm sagte: »Wenn in jedem Dorfe ein tüchtiger Kerl ist, und der
+holt alles zusammen, was sich wehren kann, und ein Dorf hilft dem
+anderen, dennso würde das schon gehen. Den Donner auch, wir sind doch
+nicht dazu da, daß Hans Hungerdarm und Jans Schmachtlapp mit uns
+Schindluder spielt! Das sage ich dir, und so sollte es ein jeder halten:
+ehe daß ich mir und meinen Leuten einen Finger ritzen lasse, lieber
+will ich bis über die Enkel im Blute gehen! Na, denn adjüs auch!« Er
+ritt mit den drei andern nach links ab.
+
+Wulf und Ul waren kaum ein Ende allein weitergefahren, da hörten sie
+wieder den Hengst wiehern, und als sie haltmachten, kamen die drei
+fremden Reiter langsam hinter ihnen her. »Was die Kerls wohl von uns
+wollen?« meinte Ulenvater; »wollen so tun, als wenn an den Strängen was
+vertoddert ist, denn wenn sie uns an den Balg wollen, so können wir uns
+hinter dem Wagen bergen und sie mit einem guten Schusse begrüßen.« Sie
+stiegen also ab und machten sich an dem Geschirr zu tun, während die
+Reiter langsam näher kamen.
+
+Als sie meist bei ihnen waren, rief der eine, von dem der Wirt in Celle
+gesagt hatte, daß er Hanebut hieß: »Na, willst du das Pferd jetzt
+verkaufen?« und dabei hatte er das Gewehr vor sich auf dem Sattel. Wulf
+schüttelte den Kopf und sagte: »Es ist mir nicht feil,« und währenddem
+stellte er sich hinter das Gespann und hatte die Pistole zur Hand, und
+Ul machte es ebenso. »Ich muß das Pferd aber haben, zum Donner noch
+einmal!« schrie der Kerl; »also wie ist es damit?« Er machte runde Augen
+und hielt das Gewehr mehr nach Wulf hin.
+
+In demselben Augenblicke hörte Wulf, daß die Engenser wieder angeritten
+kamen, denn Drewes Sattel piepte auf ganz absonderliche Weise, und da
+wollten die Buschklepper fort, aber nun krachte es schon; der eine, der
+hinter Hanebut hielt, fiel mit dem Kopfe vornüber, hielt sich aber noch
+und jagte hinter den beiden anderen, die die Hasen machten, in die
+Haide, stürzte aber bald aus dem Sattel, wurde jedoch von Hanebut
+aufgegriffen und hinter sich gezogen, während sein Pferd wie wild hin
+und her lief. Hinter ihnen her jagten die Engenser und schossen noch
+zweimal.
+
+»Da sind wir ja noch gerade rechtzeitig gekommen, Kinder!« lachte
+Drewes, als er zurückkam; »ich drehe mich noch einmal um und sehe die
+Lümmel hinter euch herreiten! Na, der eine soll wohl ein schönes
+Brägenschülpen haben! Ein Schade, daß sich mir gerade so eine vermuckte
+Fliege auf das Korn setzen mußte, als ich losdrückte; dadurch bin ich
+ein bißchen zu hoch abgekommen! Aber ein Hauptspaß war es doch, und eine
+schöne Hose voll Angst wird das Gesindel wohl mitgenommen haben. Und den
+Braunen sind sie auch los!«
+
+Er klappte mit der Zunge und ritt auf das Pferd los: »Na, Hans, komm
+doch mal her! So schön!« Er hielt es am Halfter fest und besah es von
+allen Seiten. »Das dachte ich mir doch gleich,« meinte er dann; »seht
+mal her: ist das nicht Tidke Rundes Marke?« Damit wies er auf das
+Zeichen, das der Hengst auf der Schulter hatte. »Na, gekauft ist das
+bestimmt nicht, denn als ich vorige Woche von ihm einen Vierjährigen
+haben wollte, sagte er, er hätte selbst keinen über, da ihm einer an der
+Kolik gefallen ist. Da haben wir uns eine Runde Bier verdient, und die
+wollen wir gleich in Ehlershausen im voraus trinken. Hasenjagen macht
+eine trockene Leber.«
+
+Im Kruge gab es einen großen Aufstand, als die sechs Bauern mit dem
+Hengste ankamen, denn Runde aus Wettmar war schon dagewesen und hatte
+erzählt, daß ihm in der Nacht der Braune aus dem Grasgarten gestohlen
+war. Es waren eine ganze Menge Bauern aus dem Orte und aus der Umgegend
+da, die über die Braunschweiger sprachen. Wo sie hingekommen waren,
+hatten sie sich unnütz gemacht, aber da sie bloß hundert Mann stark
+waren und die Bauern keine freundlichen Gesichter machten, war es noch
+halbwege gut abgegangen, zudem viele davon angetrunken waren und kaum
+auf den Beinen stehen konnten. Die letzten waren eben erst abgezogen und
+man konnte, da der Wind nach dem Dorfe stand, noch hören, wie sie
+brüllten. »Lustige Braunschweiger seind wir«, sangen sie.
+
+Aus der einen Runde sollten zwei werden, aber die Ödringer hatten keine
+Ruhe. Ul bekam immer gläunigere Augen, und auch Harm war nicht gut
+zumute; je näher er bei seinem Hofe war, um so unheimlicher wurde es
+ihm. Als er den Hof meist sehen konnte, kam ihm der Knecht
+entgegengelaufen. »Na, was ist los?« rief er ihm zu; denn daß nicht
+alles in der Reihe war, merkte er gleich.
+
+»Ach, Bauer,« stotterte der Knecht, »die Frau, es waren von den Biestern
+welche auf dem Hofe und die haben die Hühner, die haben sie greifen
+wollen, und da kam die Frau und wollte ihnen das wehren. Und da hat sie
+der eine Kerl mit dem Gewehr vor den Leib geschlagen, und da liegt sie
+nun und ist von sich. Und das Kind, es war ein Mädchen, das ist tot.«
+
+»Junge,« brüllte der Bauer, »und die Bäuerin, wie ist das mit der?« Der
+Knecht fuhr zurück und stotterte noch mehr: »Das soll wohl nicht auf
+Leben und Tod gehn, sagt Mutter Griebsch; die sagt, das wäre bloß eine
+Allmacht von dem Schreck!« Er ging neben dem Bauer her. »Bei Uhre zwei,
+da war das, da kamen die Schinder an. Erst wollten sie Bier und dann
+Schnaps, und dann ging einer bei die Hühner, und da ist das denn so
+gekommen.«
+
+Duwenmutter kam den Bauern in der Halbetüre entgegen: »Man ruhig! sie
+schläft jetzt. Vorhin hat sie das Fieber gehabt und immer nach dir
+gerufen; aber nachher, da ist sie eingeschlafen und hat gut geschwitzt.«
+Sie weinte los: »So'n nüdliches Mädchen, das Lüttje! daß das sterben
+mußte, ehe daß es auf der Welt war! Diese Hunde, diese gottverfluchten
+Hunde! Bei lebendigem Leibe könnte ich sie brennen sehen! Und die Frau
+hat dem Kerl kaum ein böses Wort gesagt. Sie rief man bloß: Doch nicht
+die Legehenne! Ich will dir ja gern eine Wurst geben! Und dafür liegt
+sie jetzt da und das Kind ist tot!« Sie hob ein Laken auf, das über zwei
+zusammengestellten Stühlen lag. »Kiek! da ist es. Es wäre ein schönes
+und gesundes Kind geworden.«
+
+Harm sah kaum danach hin. Er hatte die Schuhe ausgezogen und ging nach
+der Dönze. Seine Frau schlief; er hörte, daß sie ruhig atmete. Er holte
+sich ein Glas Wasser und ein Stück Trockenbrot und setzte sich in den
+Backenstuhl neben den Ofen. Die Gedanken gingen ihm im Kopfe hin und
+her, wie die Schwalben über der Wiese. Mit der Zeit wurde er ruhiger,
+aber an schlafen konnte er nicht denken. »Ja, Drewes hat recht,« dachte
+er, »jeder ist sich selber der Nächste. Besser fremdes Blut am Messer,
+als ein fremdes Messer im eigenen Blut!«
+
+Ihm war zu Sinne, als müßte er verrückt werden vor Ingrimm. Seine Frau
+hatte einer von diesen Kerlen vor den Leib geschlagen, seine Frau, die
+keiner Fliege ein Leid antun konnte. Am liebsten hätte er sich wieder
+auf das Pferd gesetzt und wäre hinter dem Kerle dreingeritten. Aber das
+war ja Unsinn! Es hatte keinen Zweck, daran zu denken, wie schön es
+wäre, den Menschen so lange zu würgen und zu schlagen, bis kein Leben
+mehr in ihm war.
+
+So saß er die ganze Nacht mit offenen Augen da und sah nach der Butze,
+in der seine Frau schlief. Als die Eule laut an zu prahlen fing, rührte
+die Bäuerin sich und rief leise: »Harm, Mann!« Da ging er schnell vor
+das Bett und nahm ihre Hand in seine, und so blieb er stehen, bis es Tag
+wurde. Da setzte er sich wieder in den großen Stuhl und sah vor sich
+hin, bis ihm die Augen zufielen. Aber er fuhr sofort wieder in die Höhe
+und sah sich wild um, und dann seufzte er und setzte sich wieder.
+
+Er hatte geträumt, er war hinter den Kerlen hergeritten und hatte den
+einen, gerade den, den er meinte, angetroffen, wie er daherwankte und
+das Braunschweiger Lied sang, und da hatte er ihn von hinten gepackt und
+gedümpt, bis er blau im Gesicht wurde und keinen Finger mehr rührte.
+
+Leise ging er aus der Dönze und wusch sich draußen in einem Eimer. Ihm
+war, als wollte ihm das Blut aus den Ohren springen, und jedes Haar auf
+dem Kopfe kribbelte ihm. Solche bösen Augen hatte er, daß Grieptoo den
+Schwanz einzog, als er ihn ansah.
+
+Aber war es nicht auch zum Verrücktwerden? Da lag nun seine Frau und wer
+weiß, ob sie am Leben blieb, und der Kerl, der Hund, saß vielleicht
+wieder mit dem Bierkrug in der Hand da und sang:
+
+ Herzog Christian hat uns wohl bedacht,
+ Bier und Branntwein uns mitgebracht,
+ Musikanten zum Spielen,
+ schöne Mädchen zum Vergnügen
+ bei Bier und bei Wein,
+ lust'ge Braunschweiger woll'n wir sein!
+
+
+
+
+Die Weimaraner
+
+
+Es war von da ab sehr still auf dem Wulfshofe. Die Bäuerin kam langsam
+wieder zu Kräften, aber sie wurde lange nicht mehr die lustige Frau von
+ehedem; sie blieb blaß und in sich gekehrt und verjagte sich bei jeder
+Kleinigkeit.
+
+Der Bauer war auch anders geworden; die Wut und der Ingrimm fraßen ihm
+das Herz ab. Er hatte es verlernt, bei der Arbeit zu flöten, und wenn er
+lachte, so war das, als ob die Herbstsonne einen Augenblick durch die
+Wolken kam.
+
+Es war auch keine Zeit zum Flöten und Lachen. Die Steuern nahmen immer
+mehr zu, Bettelvolk aller Art zog im Lande umher, Westfalen,
+Friedländer, Lipper, die bis dahin in Ruhe und Frieden gelebt hatten,
+aber jetzt mit dem weißen Stocke gehen mußten, weil ihnen die Mansfelder
+oder die Braunschweiger alles genommen und ihnen noch dazu das Dach über
+dem Kopfe angesteckt hatten.
+
+Schrecklich war es, was die Leute zu erzählen hatten, mehr als ein
+Mensch aushalten kann, ohne verrückt zu werden. Harm traf mitten in der
+Haide eine Frau an, die sang und betete und lobte Gott für seine Güte.
+Er hatte das nicht mit ansehen können und sie mit auf den Hof genommen,
+wo sie halbwege wieder zu sich kam. Sie hatte auf einem guten Hofe
+gesessen; ihr Mann war zu Tode gequält, ihre drei Töchter und der kleine
+Junge auch; da war sie übergeschnappt und in die Welt hineingelaufen.
+
+Sie aß wie ein Wolf und erzählte dazwischen; es war gräßlich anzusehen,
+wie sie dabei trockene Augen behielt, in einem fort lachte und wieder
+betete und Gott zum Lobe sang. Der Bauer war froh, als sie ging, obzwar
+sie ihn von Herzen dauerte, aber die Bäuerin war ganz krank von dem
+geworden, was die fremde Frau erzählte, und dreimal fuhr sie in der
+Nacht in die Höhe und schrie und beruhigte sich erst wieder, als Harm
+ihre Hand nahm und ihr zusprach. Am anderen Tage war sie so elend, daß
+sie nicht aus dem Bette konnte, und jedesmal, wenn eine Tür zuschlug,
+verjagte sie sich.
+
+Seit der Zeit verbot der Bauer es seinen Leuten, von dem zu reden, was
+in der Welt vorging; soweit es sich machen ließ, blieb er auf dem Hofe
+und ließ die Feldarbeit den Knechten. So sauer es ihn auch ankam, er
+zwang sich zum Lachen und Flöten, denn er merkte, daß das der Frau gut
+tat, und bei kleinem wurde es mit ihr besser. Wenn sie dann abends den
+Jungen zu Bett brachte und der redete Korn und Kaff durcheinander und
+quiekte und lachte, dann konnte sie auch wieder mitlachen; aber es war
+doch nicht mehr das Lachen, das sie früher hatte und bei dem es dem
+Bauern immer ganz heiß unter dem Brusttuche wurde. Ihr Vater, der sich
+jetzt viel auf dem Wulfshofe blicken ließ, gab sich alle Mühe, sie mit
+seinen Dummheiten aufzumuntern, aber es war und blieb doch man ein
+halbes Werk.
+
+Da das Auspressen und Plündern und das Quälen und Martern kein Ende
+nahm, hatten die Bauern rund um das Bruch miteinander abgemacht, sich
+gegenseitig bescheid zu geben, damit das Vieh und die Frauensleute
+geborgen werden konnten. Alle paar Wochen mußte einer der Knechte
+losjagen, wenn von irgendwo schlimme Post kam, oder die Ödringer trieben
+Hals über Kopf ihr Vieh in den Burgwall mitten im Bruche und ließen ihre
+Frauen und Mägde so lange in den Plaggenhütten, bis die Luft wieder
+sauber war. Seinen besten Knecht hatte der Wulfsbauer dabei eingebüßt.
+Er war zum nächsten Dorfe geritten, um anzusagen, daß ein Haufen
+weimarscher Kriegsknechte auf dem Wege war; am anderen Tage war der
+Schimmel wieder da, aber mit Blut auf dem Rücken und einem Streifschuß
+am Halse; Katz aber kam nicht wieder.
+
+Bis dahin hatte der Wulfshof unter dem Kriege weniger ausgestanden als
+die anderen Höfe in Ödringen, weil er zu sehr abseits lag. Auch
+Landstreicher fanden sich deshalb selten hin. Da kam an einem
+Herbstmorgen, als es über Nacht zum ersten Male gefroren hatte, ein
+Zigeunerweib angebettelt, das ein halbnacktes Kind an der Brust hatte.
+Ulenvater wollte den Hund auf sie loslassen, aber seine Tochter und der
+Bauer wehrten es ihm. »Vater,« sagte die Bäuerin, »sie hat ein Kind an
+der Brust und sieht halb verhungert aus!« Der Alte brummte, als sie der
+Frau warme Milch, Brot und getragene Kleider gab, und der Altvater
+Wulf, der nicht mehr viel sagte, seitdem er sich auf die Leibzucht
+begeben hatte, meinte: »Wenn dich das man nicht gereuen wird, Mädchen!«
+
+Am Nachmittage kamen dreißig Weimaraner unter einem Offizier auf den
+Hof. Mitten über die Haide, wo kaum ein Weg war, kamen sie, und der
+Altvater sagte: »Da haben wir es schon!« Sie verhielten sich ziemlich
+anständig, weil es ihnen an Wurst und Brot nicht fehlte und der Offizier
+darauf sah, daß sie nüchtern blieben, weil sie noch einen großen Marsch
+vorhatten. Aber ob der Bauer sich noch so sehr sträubte, er mußte zwei
+Gespanne herleihen, und weil der Knecht von einem Pferd geschlagen war
+und ein steifes Knie hatte, mußte Harm selber mit, so schwer ihn das
+auch ankam.
+
+Anfangs hieß es, seine Pferde würden bloß bis Burgdorf gebraucht; aber
+als man auf der hohen Haide war, kam ein Zigeuner angelaufen, sprach mit
+dem Führer und der Zug schwenkte nach Wettmar ab, wo zwei Wagen mit
+Hafer standen, die Wulf weiterbringen sollte.
+
+Es war schon meist Abend, als sie in Bissendorf ankamen. Da ging es wild
+her; alles lag voll von weimarschen Truppen und es war ein Gebrüll und
+Getue, daß Wulf ganz dumm zumute wurde. Der Wirt und die Wirtin sahen
+aus, als wenn sie aus dem Grabe geholt waren; der Magd hing das Haar
+lose um den Kopf, und Brusttuch und Hemd waren ihr kurz und klein
+gerissen, und die Kinder saßen auf einem Haufen hinter dem Backhause und
+streichelten den Hund, den einer von den Kerlen totgeschlagen hatte. Bei
+ihnen saß der Knecht, hielt sich die Seite und spuckte Blut, denn er
+hatte einen Kolbenstoß in die Rippen bekommen, weil er sich für die Magd
+aufgeschmissen hatte.
+
+Wulf wartete und wartete, denn der Offizier hatte ihm gesagt: »Seine
+Pferde kriegt er wieder.« Es war meist Miternacht, da gab Wulf für einen
+Soldaten einen Krug Bier aus, damit der Mann den Offizier an sein Wort
+erinnern sollte. Gerade wollte er seinen Geldbeutel wieder einstecken,
+da wurde ihm der aus der Hand gerissen und ehe er sich versah, lag er
+vor der Türe. Er griff nach seinem Messer, nahm sich aber zusammen und
+wartete, bis der Offizier schlafen gehen wollte, und als ein langer
+Mann, den die anderen Herr Oberst anredeten, ihm in den Weg kam, nahm er
+seinen Hut ab und fragte, ob er jetzt nicht seine Pferde bekommen
+könnte.
+
+»Maul halten!« schnauzte der Offizier; »was gehen mich seine Pferde an,
+dummes Bauernvieh!« Wulf würgte es im Halse, aber er hielt sich zurück:
+»Herr Oberst, der Herr Offizier hat es mir fest und heilig versprochen,
+daß ich meine Gespanne wieder haben soll,« sagte er, und er wunderte
+sich selbst darüber, daß er das so ruhig sagen konnte. Der Offizier
+bekam einen roten Kopf: »Ist er verrückt, dreckiger Lümmel?« schrie er
+ihn an; »ist er verrückt? Stellt sich der Kerl mir in den Weg! Weg da!«
+Und als der Bauer nicht sofort Platz machte, schlug er ihn mit den
+langen gelben Stulphandschuhen, die er in der Hand trug, in das Gesicht,
+daß es knallte, und ging an ihm vorbei.
+
+Wulf blieb wie ein Stock an der Wand stehen. Er hörte es kaum, daß ein
+Troßknecht ihm sagte: »Krieg ist Krieg und hin ist hin! Tröste dich, wie
+ich es getan habe; ich hatte auch einmal Haus und Hof und jetzt bin ich
+froh, wenn ich Brot und Bier habe.«
+
+Er ging in den Grasgarten und setzte sich auf einen schrägen Baum. Es
+war eine sternklare kalte Nacht, aber der Bauer merkte die Kälte nicht.
+Er aß sein Brot und seine Wurst so ruhig wie immer, trank seinen
+Schnaps und überlegte, was zu machen war. So saß er da, bis es an zu
+schummern fing und es im Hause wieder laut wurde. Die Magd, die Wasser
+aus dem Hofe holte, rief ihn an, weil er eine Schüssel Suppe essen
+sollte, und das tat er auch.
+
+Der Troßknecht kam auch in das Haus und Harm brachte aus ihm heraus, wo
+es hingehen sollte, und auch, daß der Mann, der ihn geschlagen hatte,
+ein leibhaftiger Satan und Menschenschinder war. »Der kann dabeistehen
+und sich högen, wenn sie ein Mädchen zu Tode quälen,« erzählte der
+Knecht und gab einige Stücke zum besten, daß es dem anderen kalt und
+heiß durcheinander über den Rücken lief.
+
+Als er weg war, machte der Wulfsbauer sein dümmstes Gesicht und ging
+bald hier, bald dahin, gleich als wüßte er nicht, wo er vor Langerweile
+bleiben sollte. Auf einem Fensterbört lag ein Pulverhorn und ein
+Kugelbeutel; als niemand hinsah, warf er beides über den Zaun unter den
+Hollerbusch. Dann sah er sich so lange um, bis er eine Büchse fand, und
+die besorgte er auch beiseite. Zuletzt traf er den jungen Offizier, der
+bei ihm auf dem Hofe gewesen war; er bat ihn, ihm die Pferde wieder zu
+verschaffen. Der junge Mensch, der den Abend zuviel getrunken und sein
+ganzes Geld verspielt hatte, zuckte die Achseln und ging an ihm vorüber,
+ohne ein Wort zu sagen. Als Harm ihm nachging und ihm sagte: »Ihr habt
+es mir doch versprochen!« schrie er: »Hast du noch nicht genug? Scher
+dich zum Teufel!« und dabei hob er die Reitpeitsche.
+
+»Wenn nicht, denn nicht!« sagte der Bauer vor sich hin, ließ sich noch
+einen Teller Brotsuppe und ein Stück Trockenbrot schenken, denn der
+Wirt sagte: »Dein Geld haben die Schweine ja doch bei mir versoffen!«
+Als die Luft rein war, steckte er das Pulverhorn und den Kugelbeutel
+ein, nahm die Büchse unter seinen Mantel, sah sich um, ob ihn auch
+niemand gewahr wurde, und dann drückte er sich von einem Baum zum
+andern, bis er weit genug vom Kruge war und in die Haide kam.
+
+Er war ganz ruhig; er wußte, wie er sich bezahlt machen wollte. Ganz
+langsam ging er, sich immer in Deckung haltend, im großen Bogen dem
+Bruche zu und nach der Straße hin, und da suchte er sich eine Stelle, wo
+lauter Torfstiche waren, so daß kein Reiter dort durchkonnte. Da wartete
+er, bis es Zeit für ihn wurde.
+
+Hinten in der Haide fiel ein Schuß; im Moore war ein Birkhuhn am
+Prahlen; ein Fuchs kam quer über die Straße, kriegte Wind von dem Bauern
+und machte kehrt; Krammetsvögel fielen zu Felde; Mäuse piepten in den
+Ellernbüschen; eine Elster flog über ihn weg.
+
+Dann blies im Dorfe ein Horn, einmal, zweimal und ein drittes Mal.
+»Jetzt, jetzt!« dachte Harm. Es dauerte nicht lange und er hörte das
+Gepolter der Wagen, das Klappen der Peitschen, ein Pferd wieherte, eine
+Stute; ein Hengst antwortete und dann alle anderen. Der Trompeter blies
+ein lustiges Stück, die Reiter sangen; schön hörte sich das an. Wulf
+kannte das Lied; er pfiff die Weise vor sich hin, lachte und dachte:
+»Gleich, gleich!«
+
+Sie kamen; ein, zwei, drei Reiter, dann ein ganzer Haufen, dann wieder
+einer, der Trompeter, dann der Fähnrich, ein dicker Mann mit lustigem
+Gesicht, der junge Offizier, neben ihm noch einer; sie erzählten sich
+etwas, lachten laut und zielten mit der Hand nach einem Raben, der über
+die Straße flog und sofort abschwenkte. Dann kam ein Frauenzimmer
+angeritten, an jeder Seite einen Reitknecht. Das war die Person, die der
+Oberst bei sich hatte, ein ausnehmend schönes Mädchen. Es drehte sich um
+und rief etwas hinter sich.
+
+Und dann kam der Oberst. Er sah aus, als wenn er wenig getrunken und gut
+geschlafen hatte; er klopfte mit seiner rechten Hand, die in dem gelben
+Stulphandschuh steckte, seinem Apfelschimmel den Hals.
+
+Wulf sah in sich genau an, denn er wollte das Gesicht für immer im
+Gedächtnis behalten. Dann nahm er den Mann auf das Korn, gerade in dem
+Augenblicke, als der Oberst ihm das volle Gesicht zudrehte. Erst zielte
+er auf die Brust, aber dann ging er tiefer und so wie es knallte, sah er
+durch das Feuer, daß der Mann beide Arme über sich warf und nach der
+Seite klappte, und gleich darauf hörte er ihn schreien: »O Jesus!« und
+hinterher quietschte das Frauenzimmer auf.
+
+Aber da war der Bauer schon ein Ende weiter. Er hatte es sich vorher
+genau überlegt, wie er es machen mußte, damit ihn keiner zu sehen bekam.
+Als das Schreien und Rufen losging und ein Dutzend Schüsse in den
+Ellernbusch gefeuert wurden, in dem er gelauert hatte, da hatte er schon
+den Abstich und ein tiefes Flatt hinter sich; von einem Birkenbusche
+nach dem anderen kriechend kam er zu dem Anberg, von dem aus er nach der
+Straße hinsehen konnte.
+
+Er mußte lachen, wie sie da hin und her ritten und durcheinanderjagten,
+gerade als wenn sie das zum Vergnügen taten! Und jetzt lachte er
+hellwege auf, denn drei Reiter, nein vier, die in das Moor
+hineinjagten, waren auf einmal weg und das Wasser spritzte auf.
+
+»Dafür ist es eigentlich heute morgen zu frisch,« sagte er vor sich hin
+und schüttelte den Kopf, als noch drei Reiter in das Bruch ritten. Zwei
+sanken gleich ein und kehrten um; der eine aber, der einen Schecken
+ritt, kam beinahe bis zur Haide, aber da brach das Pferd ein, der Reiter
+schlug in den Morast, daß es nur so quatschte, und das Pferd trabte
+ledig weiter.
+
+Wulf sprang auf und kroch gebückt von einem Machangelbusch zum anderen,
+bis er weit genug war. Er sah noch, daß mehrere Reiter abstiegen und zu
+Fuß in das Bruch gingen; dann aber lief er, was er konnte, bis er da
+war, wo der Schecke stand, hin und her trat und nicht recht wußte, was
+er machen sollte, um aus dem Morast herauszukommen. Als er den Bauern
+sah, prustete er freundlich, und in aller Gemächlichkeit konnte Wulf ihn
+packen und an einem Busche anbinden.
+
+Er blieb so lange hinter einem Machangel liegen, bis der Zug sich wieder
+aufmachte. Ungefähr konnte er zählen, wie viele Pferde es waren. Der
+Apfelschimmel ging ledig und das Frauenzimmer war auch nicht mehr
+beritten, denn der verrückte rote Hut, den sie aufhatte, war jetzt auf
+dem einem Wagen zu sehen.
+
+Der Bauer nickte; er wußte, daß er seine Sache gut gemacht hatte. Er
+lauerte so lange, bis der Zug im Walde verschwunden war und dann noch
+eine Viertelstunde. Dann ging er vorsichtig dahin, wo er die Büchse
+versteckt hatte, lud sie auf das neue und kroch dahin, wo der Reiter so
+schwer gestürzt war. Er fand ihn gleich. Der Mann hatte den Kopf unter
+der Brust und rührte sich nicht mehr; er hatte sich das Genick
+abgestürzt.
+
+Es war kein gemeiner Reiter, sondern ein Wachtmeister. Wulf nahm ihm den
+Gürtel ab, schnitt die Jacke auf, und dann lachte er vor sich hin: elf
+Dukaten hatte der Kerl in der Rückenbahn eingenäht und sieben auf der
+Brust, und in der Tasche hatte er drei Taler und noch mehrere
+Schillinge. Zudem hatte er ein sehr schönes Dolchmesser außer dem Säbel
+am Gürtel. Das Messer nahm Harm an sich, den Säbel ließ er liegen, aber
+die beiden langen Pistolen, die er in der Satteltasche des Pferdes fand,
+behielt er.
+
+Als er in dem Halfter noch weißes Brot, eine Flasche Schnaps, ein
+gebratenes Huhn und Salz fand, war er vollends zufrieden. Er setzte sich
+neben das Pferd, frühstückte in aller Ruhe, gab dem Schecken das Brot,
+das er aus Bissendorf mitgenommen hatte, schlug sich die Pfeife an,
+rauchte sie langsam zu Ende und ritt dann in schlankem Trabe nach Hause.
+
+Schon von weitem wurde er gewahr, daß seine Frau nach ihm aussah. Sie
+lachte und weinte durcheinander, als sie ihn sah: »O Gott, Harm,« rief
+sie, »kein Auge habe ich zugetan die ganze Nacht! Gott sei Lob und Dank,
+daß du wieder da bist! Was hab' ich mich gebangt! Aber wo hast du den
+Schecken her? Und wo sind unsere Pferde?«
+
+Ihr Mann lachte lustig auf: »Ja, Mädchen, die habe ich ihnen lassen
+müssen; aber ich habe sie gut bezahlt gekriegt. Sieh mal!« Er hielt ihr
+das Geld hin. »Aber jetzt bin ich hungrig wie ein Wolf; solchen Hunger
+habe ich lange nicht gehabt. Gestern bin ich vor Ärger nicht zu meinem
+Rechte gekommen. Was macht denn der Junge? Und hat sich sonst nichts
+Besonderes begeben? Um so besser.«
+
+Er war so aufgekratzt und hatte so blanke Augen, daß seine Frau sich
+über ihn wundern mußte, und die Angst, die sie den Tag vorher und die
+Nacht gehabt hatte, schlug bei ihr in lauter Freude um. So wurde es ein
+Tag, wie er auf dem Hofe lange nicht mehr gewesen war, so viel Lachen
+und Flöten gab es. Harm trug seinen Jungen Huckepack, ließ ihn auf den
+Knien reiten und sang ihm dazu das Lied vor, das der Trompeter den
+Morgen geblasen hatte.
+
+Ein Reiter kam auf den Hof; es war Drewes. »Hast du das Neueste schon
+gehört?« fragte er Wulf leise und grieflachte dabei wie ein
+Scharfrichter. »Heute morgen ist der Weimarsche Oberst, oder was er
+sonst ist, hinter Bissendorf bei der alten Wolfskuhle aus dem Busche
+totgeschossen. Das heißt, ganz tot ist er nicht gleich gewesen; sie
+haben ihn noch bis Hope gefahren und da ist ihm die Puste ausgegangen.
+Ich habe die Geschichte in Mellendorf gehört. Und ein Wachtmeister und
+ein Reiter sind noch dazu im Bruche ersoffen, als sie hinter dem
+Scharfschützen hersuchten. Die Döllmer! hätten da wegbleiben sollen!«
+
+Er sah den Wulfsbauern von der Seite an: »Deine Pferde bist du
+losgeworden, habe ich gehört. Der Knecht sagt, du hast sie gut bezahlt
+gekriegt. Das ist ja das reine Wunder! Mir haben sie zwei vor dem Pfluge
+weggenommen und noch nicht einmal ein Gottvergelts dafür gegeben.
+Schönes Wetter heute! Ich glaube aber, daß es über Nacht umschlägt. Na
+adjüs auch!«
+
+Er tat so, als ob er gehen wollte, drehte sich aber noch einmal um: »Na,
+ekelst du dich jetzt noch vor mir, daß ich mir damals den Krückstock
+blutig gerissen habe? Sei man ruhig, brauchst nichts zu sagen, und ich
+will auch nichts gesagt haben! Geschäft ist Geschäft. Wir sind keine
+Leute, die sich etwas schenken lassen, aber umsonst geben wir auch
+nichts her. Und daß du es weißt: übermorgen wollen wir darüber sprechen,
+wie es jetzt hier werden soll. Einer für alle und alle für einen muß es
+heißen, sonst gehen wir allesamt vor die Hunde. In Wettmar haben die
+Schandkerle zwei Bauerntöchter mit Gewalt verunehrt, in Berghof haben
+sie einen Häusling so mit Schlägen zugedeckt, daß der Mann daran
+gestorben ist. Deshalb wollen wir auf dem Hingstberge zusammenkommen,
+übermorgen um Uhre neune, von jedem Dorfe um das Bruch herum einer oder
+zwei. Für Ödringen mußt du kommen, denn der Burvogt hat seinen bösen
+Husten.
+
+»So, was ich noch sagen wollte! Die Schwefelbande, die gestern in
+Bissendorf lag, kommt hier nicht wieder her. Sie sind froh, wenn sie
+erst hier weg sind, denn der papistische General, Till oder so ähnlich
+heißt er, ist ihnen auf der Naht. Wollen hoffen, daß er hier nicht
+vorbeikommt. Addern und Schnaken sind zweierlei, aber Gift haben sie
+alle beide.«
+
+Er sah ihn von der Seite an: »Also brauchst du keine Bange zu haben, daß
+sie das Geschäft reut, und daß du das Geld wieder hergeben mußt, und den
+Schecken, den du zugekriegt hast. Aber das Pferd sieht zu dummerhaftig
+aus; ich würde es ein bißchen auffärben, sonst lachen dich die Leute
+aus, wenn du damit pflügst, und sagen: der Wulfsbauer pflügt jetzt mit
+seiner schwarzbunten Kuh! Na, denn also bis übermorgen!«
+
+Damit ging er. Harm tat, wie Drewes ihm geraten hatte, und am Abend war
+der Schecke ein Rappe. Er war kaum mit der Arbeit fertig, da war der
+Engenser wieder da. »Mensch,« sagte er, »du mußt mithelfen. Eben kommt
+von Wiekenberg Botschaft, daß an die dreißig Kerle durch das Bruch
+ziehen. In Wiekenberg haben sie einen Hof angesteckt und die Leute lahm
+und krumm geschlagen. So fünfzig bis sechzig Leute kriegen wir zusammen.
+Auf auf zum fröhlichen Jagen!«
+
+Der Wulfsbauer machte ein verdrießliches Gesicht; er hatte geglaubt,
+sich so recht ausschlafen zu können, und nun konnte er wieder die Nacht
+um die Ohren schlagen und wie ein Wolf im Busche liegen. Und dann seine
+Frau, so lustig war sie seit langer Zeit nicht gewesen. Ihre Augen
+lachten man so, wenn sie ihn ansah, und Backen hatte sie wie damals, ehe
+ihr das Unglück zustieß. Außerdem, wer weiß, wohin die Leute, von denen
+Drewes redete, zogen? Und schließlich: sie hatten ihm ja nichts getan!
+Das mit dem Obersten, das war etwas anderes; der hatte ihn in das
+Gesicht geschlagen! Aber aus dem Hinterhalte Leute über den Haufen
+schießen, mit denen er gar nichts vorgehabt hatte, das war ihm nicht
+nach der Mütze.
+
+»Weißt du was, Drewes?« sagte er, »ich kann den Kopp nicht halten; ich
+habe die ganze Nacht draußen aufgesessen und den Tag über in Moor und
+Haide zugebracht. Und meine Frau, du weißt ja, wie die ist! Zum ersten
+Male seit damals ist sie wieder wie vordem; heute kann ich nicht von ihr
+fort. Ich habe genug Sorge um sie gehabt das ganze Jahr. Und ob ich nun
+mit dabei bin oder nicht, davon wird der Brei auch nicht dicker, zumal
+ich kein Pferd habe, auf das ich mich verlassen kann. Laß mich dabei
+lieber weg, heute wenigstens!«
+
+Der Engenser sah ihn von der Seite an. »Ist wahr, du siehst aus, als
+wenn dir der Kopp nach dem Bette hängt. Na, wir werden auch so mit ihnen
+fertig werden. Vielleicht, daß du morgen früh nachkommst, denn wir
+wollen gleich los, damit wir sie vor Tau und Tag in die Mache kriegen.
+Aber das nächstemal rechnen wir auf dich. Bedenke, wenn du uns nicht
+hilfst, meinst du, daß ein anderer für dich die Finger rühren wird? Du
+hast doch schon genug ausgestanden, als daß du noch erst warten willst,
+bis dir wieder einer was tut, ehe du zuschlägst. Tote Füchse beißen
+nicht mehr! Aber wie du willst. Und denn adjüs auch!«
+
+Harm wurde ordentlich das Herz leicht, als Drewes fort war, und als er
+in das Haus ging, pfiff er das Lied vor sich hin, das die Reiter den
+Morgen gesungen hatten:
+
+ Nichts Schönres kann mich erfreuen,
+ als wenn der Sommer angeht;
+ da blühen die Rosen im Garten,
+ ju ja im Garten;
+ Trompeter, die blasen ins Feld.
+
+
+
+
+Die Marodebrüder
+
+
+Es war keine schlechte Jagd gewesen, die die Bauern gemacht hatten. Als
+der Nebel in die Höhe ging, hatten sie die Bande ankommen sehen. Sie
+warteten, bis sie sie mitten im nassen Bruche hatten, und dann schossen
+sie sie zusammen wie eingelappte Hirsche; nicht einer kam gesund davon.
+Zweiundzwanzig waren es, die dalagen, alte Kerle mit Gesichtern wie
+Leder, und junge Burschen, die wie Milch und Blut aussahen. Einer von
+ihnen, den Drewes übergeritten hatte, hatte geschrien: »Erbarmen! Meine
+Mutter!« Aber das hatte ihm nichts geholfen; der Engenser schlug ihn tot
+und schrie: »Junge Katzen kratzen auch!«
+
+Er lachte, als er dem Wulfsbauern das erzählte, als wäre es bloß ein
+Spaß gewesen, und seine breiten weißen Zähne blänkerten man so. »Ja,
+diesmal hat's geschlumpt,« griente er. »Und für umsonst haben wir die
+Arbeit nicht getan,« warf er hinterher; »auf meinen Teil sind allein elf
+harte Taler gekommen. Ein Schade, daß es keine Reiter waren! ein paar
+billige Pferde, die hätten mir schon gepaßt. Und nun will ich nach
+Hause, sonst kriege ich es mit meiner Altschen zu tun.« Er schüttelte
+sich und Harm lachte, denn er wußte, daß Christel Drewes ein Maulwerk
+hatte, gegen das keiner ankonnte.
+
+Rose rief Harm zum Essen; das Herz lachte ihm im Leibe, als er sie
+ansah. Das Leben war schön, trotz alledem! Und endlich mußte es doch
+wieder Frieden werden; die hohen Herren mußten es doch leid werden, das
+Kriegsspielen, das sie ein Heidengeld kostete und viel Menschen dazu.
+Was man so bei Wege hörte, war ja auch zu schrecklich: überall Mord und
+Brand und Pest und Hungersnot. Da war es im Bruche doch noch besser.
+Krieg ist Krieg und beim Gänserupfen fliegen Federn. Das ist einmal
+nicht anders!
+
+So dachte der Bauer und freute sich über seine glatte Frau und den
+Jungen, der von Tag zu Tag niedlicher wurde und alle Augenblicke ein
+paar Wörter mehr konnte. Er dachte: »Wenn erst noch ein Kind da ist und
+Rose mehr Arbeit damit hat, dann wird sie über alles eher fortkommen.«
+So wurde es denn auch. Es kam ein kleines Mädchen an, ein kräftiges und
+gesundes Kind, und nun wurde die Frau wieder, wie sie früher war.
+
+Der Krieg war zwar immer noch nicht zu Ende, aber auf dem Wulfshofe
+merkte man von ihm beinahe nichts. Ab und zu kamen Truppen durch das
+Land, bald von dieser, bald von jener Art, und dann ging es da, wo sie
+herzogen, nicht sauber zu; mehr als einmal war am Tage Rauch und am
+Abend ein roter Schein über dem Bruche zu sehen.
+
+Hin und wieder ließen sich auch Marodebrüder und Parteigänger blicken,
+sahen sich aber sehr vor; denn das Bruch war bei allen Landstreichern
+verrufen. Hin ging mancher, aber her kam so leicht keiner; denn Drewes
+hatte einen richtigen Kundschafterdienst zugange gebracht, und sobald
+das Horn rief, liefen die Bauern zusammen und Gnade Gott, wen sie
+fingen! Das Bruch konnte schlimme Geschichten erzählen, aber es schwieg.
+Bloß die Warnzinken, die die Zigeuner an allen Feldsteinhaufen und
+Wahrbäumen angebracht hatten, und manches blanke Goldstück, mancher
+harte Taler, den die Bauern im Kasten hatten, manches Pferd, das in
+ihren Ställen stand, und die Pistolen, Spieße, Kugelbüchsen, Säbel und
+Dolche, die in allen Dönzen hingen, sprachen von den Männern, deren
+Eigentum sie einst waren und über deren Knochen jetzt Moorerde lag und
+Kraut wuchs.
+
+Einige Jahre trieben die Bauern das so in aller Stille; jeder Mann wußte
+darum, aber keiner sprach darüber. Drewes führte eine harte Hand und es
+hieß, daß der Häusling Metjen aus Ehlershausen, der in dem Verdachte
+stand, es mit den Tillyschen gehalten zu haben, indem er ihnen den Weg
+durch das Bruch gewiesen hatte, und der drei Tage darauf vor seinem
+Hause mit einer Wiede um den Hals im Apfelbaume hing, von Drewes und
+zwei anderen Bauern dahingebracht war.
+
+Es war ein prachtvoller Vorherbsttag, als der Wulfsbauer Nachricht
+bekam, er solle bei vier Uhr am Hingstberge sein; es war die dreifache
+Schatzung auch für die Knechte und Mägde ausgeschrieben, und darüber
+sollte verhandelt werden, wurde ihm gemeldet. Es war so warm, daß ihm
+der blanke Schweiß unter dem Hute herauslief, als er durch das Bruch
+ritt. Unter dem blauen Himmel flog ein Adler in die Runde; bald war er
+silbern, bald sah er wie Gold aus. Hier und da war die Haide noch am
+Blühen und alle Augenblicke flog ein Haufen von kleinen Vögeln über das
+Bruch und zwitscherte.
+
+Harm holte tief Luft und während er so dahinritt, flötete er sein
+Leiblied vor sich hin und dachte: »Bei achte, wenn die Kinder schlafen
+gehen, bist du wieder zurück.« Er freute sich, wenn er daran dachte, wie
+sie gnickern und quietschen würden, wenn er sie kitzelte.
+
+Am Hingstberge waren an die hundert Bauern zusammen. Sie standen in
+kleinen Haufen um das alte Heidengrab und sprachen vom Wetter und über
+das Vieh, oder saßen am Boden und vesperten oder rauchten. Drewes hatte
+es sich auf einem der großen Steine bequem gemacht; er hielt die Pfeife
+zwischen den Zähnen und schnitt Kerben in seinen Schwarzdornkrückstock.
+So genau machte er das, als wenn es darauf ankam, daß eine nicht anders
+als die übrigen war. Als er den Ödringer abspringen sah, nickte er ihm
+zu und sagte: »Feines Grummetwetter heute! Eigentlich zu schade zum
+Verklöhnen; aber es mußte sein, denn wir haben wichtige
+Angelegenheiten.«
+
+Nach einer Viertelstunde sagte er dem Knecht, den er bei sich hatte:
+»Jetzt sind sie wohl alle da; man zu!« Da blies der Junge dreimal in das
+Horn. Jeder hörte auf zu reden oder zu essen und machte, daß er nach dem
+alten Heidengrabe kam, auf dem Drewes stand, sich auf seinen Stock
+stützte und sich so lange umsah, bis alles Reden aufhörte.
+
+»Liebe Freunde,« fing er an, »ich habe euch heute etwas zu sagen, das
+euch glatt heruntergehen wird. Wir haben schwere Jahre hinter uns, und
+wer weiß, was noch kommt. Es ist so, als ob unser Herrgott für eine
+Weile die Herrschaft abgegeben hat und nun hat der leibhaftige Satan das
+Leit in der Hand. Hier am Bruche ist es noch halbwege gegangen. Der eine
+oder der andere von uns hat ja Haare lassen müssen, manch einer auch
+ein Stück Fell und womöglich Fleisch und Blut, aber anderswo ist es
+gräsig hergegangen. Was der Mansfelder schonte oder der Braunschweiger,
+der ja nun seinen Lohn gekriegt hat, denn im Westfälischen hat ihn der
+Till oder wie er heißt, geweift, daß seine mehrsten Leute ihr eigen Blut
+gesoffen haben, ja, wo war ich doch? ach so: oder ob es die Kaiserlichen
+sind, die Papisten und Ligisten, sie sind von ein und derselben
+Boshaftigkeit. Nicht Frauen noch Kinder sind sicher vor den Hunden.«
+
+Er sah Mann um Mann an: »Ein jeder Mensch, und ist er noch so arm, Frau
+und Kinder sind ihm ans Herz gewachsen, und an Haus und Hof hängt er.
+Wir wollen dafür sorgen, und so weit es sich hat machen lassen, haben
+wir es schon getan,« und damit zeigte er auf das Bruch und lachte und
+die Männer lachten alle leise. »Aber bislang mußten wir uns heimlich
+unserer Haut wehren, mußten wie die Strauchdiebe uns herumdrücken, wenn
+wir das Gesindel, das sich hier herumtrieb, los sein wollten, und einer
+konnte dem anderen nicht mehr gerade in die Augen sehen. Von jetzt ab
+können wir das frei tun.«
+
+Er hob seinen Stock hoch und zeigte die Kerben daran. »Seht her! ich
+habe einhundertundsiebzehn Kerben hier eingeschnitten, zweiunddreißig
+auf der einen und die übrigen auf der anderen Seite. Die fünfundachtzig
+Kerben bedeuten, daß ich mitgeholfen habe, fünfundachtzig Landstreicher,
+Gaudiebe, Tatern und Marodebrüder und einen verräterischen Hund
+dahinzubringen, wo sie von Gottes und Rechtes wegen hingehören, unter
+die Erde nämlich, daß die Würmer sie fressen, wenn sie sich davor nicht
+ekeln. Die zweiunddreißig Kerben aber, meine Freunde, die bedeuten, daß
+ich zweiunddreißig Menschen von dieser Art mit meiner eigenen Hand
+beiseite gebracht habe.«
+
+Er holte tief Luft, wischte sich mit der Hand über die Stirn und sprach
+leiser: »Unser Herrgott wird mir das vergeben. Auge um Auge, Zahn um
+Zahn, so lehrt uns die Schrift. Wir sind hier keine Räuber und Mörder,
+aber wenn der Wolf uns über das Weidevieh kommt und der Marder uns an
+die Hühner geht, dann besinnen wir uns nicht lange. Ich habe bis zu dem
+Tage, daß das Schinden hier losging, keinem Menschen einen Schlag
+gegeben, seitdem ich die Jungenshosen aushabe, und lieber wäre es mir,
+ich hätte reine Finger. Aber was sein muß, muß sein, und ich schlafe so
+gut als wie vordem, und ich glaube, es ist keiner unter uns, der das von
+sich nicht auch sagen kann.«
+
+Er sah die Männer der Reihe nach an und plinkte dem einen oder anderen,
+der ihm blanke Augen machte, besonders zu. »Eins aber, meine lieben
+Freunde,« ging er weiter in seiner Rede, »das drückte uns doch dabei.
+Was wir taten, mußten wir tun, aber es war uns nicht nach der Mütze, daß
+wir es ohne die Erlaubnis unseres Herrn Herzogs,« er nahm den Hut ab und
+alle taten es ihm nach, »tun mußten. Von heute ab,« und er sprach heller
+und lachte dabei, »ist das anders, denn unser lieber Herr Herzog, den
+Gott erhalten möge, hat uns wissen lassen, wir sollen zusehen, daß wir
+uns so gut wehren sollen, wie wir irgend können, und alle Hundsfötter,
+die hier nicht hergehören, totschießen wie tolle Hunde.«
+
+Er lachte, daß man seine großen Zähne sah: »Na, an uns soll es nicht
+fehlen, daß unser Herr Herzog seinen Willen kriegt! Lieber wäre es uns
+ja, wir könnten so leben wie früher, unsere Arbeit in Frieden tun und
+Gott loben. Aber das ist nun einmal nicht anders und darum sage ich
+euch: was nicht hierher gehört, was im Lande herumzieht und raubt und
+stiehlt, was Menschen schindet und Häuser ansteckt, das ist Raubzeug und
+muß auch so behandelt werden. Schimpf um Schimpf, Schlag um Schlag, Blut
+um Blut, daran wollen wir festhalten, auf daß es uns gut geht und wir
+lange leben auf Erden!«
+
+Er wischte sich den Schweiß aus dem Gesichte und schloß: »So, nun wißt
+ihr, wie ihr dran seid. Und ich denke, meine lieben Freunde, es ist
+nicht mehr als recht, wenn ich euch bitte, es mir nachzutun,« und dabei
+nahm er seinen Hut ab, hielt ihn hoch und schrie: »Lang lebe unser
+Herzog Christian, unser allergnädigster Herr!«
+
+Die Krähen, die über das Bruch flogen, schwenkten zur Seite, so schrien
+die Männer. Alle hatten sie blanke Augen, als sie zu Drewes gingen und
+ihm sagten: »Drewsbur, das war aber eine Rede! Besser kann es unser Herr
+Pastor nicht.« Aber dann horchten sie wieder auf, denn die Wiekenberger
+erzählten, daß es überall von Kriegsvölkern wimmelte, von Dänen und
+Ligisten und von Mansfeldern und Braunschweigern, die der Tilly und der
+Waldstein hin und her jagten wie der Hund die Hühner, und die es mit
+Brennen und Morden schlimmer trieben als vorher.
+
+Was eigentlich los war, wußte so recht keiner. Der eine sagte: »Die
+Dänen wollen uns das Land nehmen,« die anderen: »Nein, es ist, daß wir
+wieder papistisch werden sollen,« und etliche meinten, der Kaiser hätte
+da nichts mit zu tun, der lebe da unten und frage den Teufel danach, was
+anderswo vor sich gehe. Der Waldstein und der Tilly wollten sich bloß
+bereichern an Land und Bargeld; darauf laufe alles hinaus.
+
+Der Wulfsbauer hatte wohl gefunden, daß Drewes ganz ausgezeichnet
+geredet hatte und daß er in allem recht hatte, aber so ganz war er nicht
+bei der Sache; er dachte an seine Frau und die Kinder und daß es
+bei Kleinem Zeit für ihn würde, nach Hause zu reiten, damit er es nicht
+verpasse, wenn die Kröten zu Bette gebracht würden. Er mußte lachen,
+wenn er daran dachte, wie Hermken ihn nach dem Mittag so bei den Ohren
+gerissen hatte, daß es ordentlich weh tat.
+
+Er ritt mit Klaus Hennecke, dem Sohne des Vorstehers, nach Hause. Die
+Luft war weich und warm; die Kiebitze riefen im Grunde und in der Höhe
+meldeten sich die Regenpfeifer.
+
+Klaus fing endlich zu reden an: »Mit unserem Vater wird es immer
+schlimmer; er liegt jetzt schon die achte Woche. Ich glaube, dieses Mal
+kommt er nicht wieder durch!« Er sah über das Bruch. »Kiek, was ist denn
+das da für eine putzwunderliche Wolke über Ödringen? I, das sieht ja
+meist wie Rauch aus! Aber es ist doch wohl bloß eine Wolke.«
+
+Der Ansicht war Harm auch; aber als sie den Bogen um die Torfkuhlen
+machten und unter den Wind kamen, prusteten beide Pferde auf einmal los
+und wurden unruhig, so daß die beiden Bauern meinten, sie witterten
+einen Wolf. Als sie aber ein Ende weiter waren, hielt Hennecke an,
+schnüffelte und meinte: »Das riecht gewiß und wahrhaftig nach Rauch! Am
+Ende haben die Lörke von Hütejungens wieder einen Unsinn angestellt.«
+Harm mußte ihm recht geben, denn es roch nach Rauch, aber er dachte sich
+weiter nichts dabei.
+
+Zuletzt rochen sie aber nichts mehr, denn der Wind ging unter dem Holze
+anders. So wie sie aber in der hohen Haide waren, roch es wieder
+stärker, und als sie die krausen Fuhren hinter sich hatten und oben auf
+dem Anberge waren, schrien sie wie aus einem Munde: »O Gotte!« Denn da,
+wo Ödringen lag, war die ganze Luft schwarz.
+
+Sie sahen sich an; einer sah so käsig aus wie der andere. Ohne ein Wort
+zu sagen, ließen sie die Pferde schneller laufen. Der Brandgeruch wurde
+immer schlimmer, und was ihnen noch schwerer auf das Herz fiel, das war,
+daß das Grummet auf den Wiesen noch genau so lag, wie nach dem Mittag,
+als sie vorbeigeritten waren. Sie jagten, was die Pferde hergeben
+wollten, und als sie aus dem Walde kamen, hielten sie und zitterten am
+ganzen Leibe. Vor ihnen auf dem Wege lag der Kuhhirt tot auf dem Rücken
+und sein Hund schnüffelte an ihm herum.
+
+Sie sprangen ab und sahen sich Tönnes an; er hatte einen Schnitt über
+den ganzen Hals. Sie zogen ihn beiseite und dann horchten sie nach dem
+Dorfe hin. Da war es ganz still, nur die Kahkrähen lärmten über den
+Eichen. Sie gingen Schritt für Schritt näher, die eine Hand am Messer
+und die andere am Zügel. Im Wege lag eine zerbrochene Steingutflasche,
+wie sie im Dorfe keiner hatte. Weiterhin fanden sie einen blutigen
+Lappen und daneben ein Stück Wurst. Sie hielten an und horchten: Nichts
+war zu hören, keine menschliche Stimme war zu vernehmen, kein Stück Vieh
+brüllte, kein Hahn gackerte, kein Hund bellte.
+
+So kamen sie an den Reinkenhof. Der stand noch, aber die Fenster waren
+eingeschlagen, die Türen standen offen, Bettfedern lagen überall
+verstreut und Stroh und Heu und Hafer. Im Hause war alles kurz und klein
+geschlagen. Im Flett ging die gelbbunte Katze umher und quarrte
+gottsjämmerlich. Die Dönze sah aus als wie ein Schweinestall; voller
+Unrat war sie. Kein Stuhl war mehr heil, kein Teller mehr ganz. Im
+Grasgarten lagen der Kopf und die Beine und die Kaldaunen von einem
+rotbunten Kalbe und daneben das Spinnrad, aber in lauter Stücken.
+
+Klaus und Harm sprachen kein Wort. Sie kamen nach Hingstmanns Hof. Da
+sah es genau so aus, nur daß quer über der Deele der Hütejunge tot
+dalag; er hatte ein tiefes Loch in der Stirn. Bei Mertens war es nicht
+anders und auf dem Henkenhofe desgleichen, bloß daß da wenigstens keine
+Leiche zu finden war. Auch auf den anderen Höfen war geplündert und
+alles entzweigeschlagen, aber die Bauern schienen rechtzeitig Wind
+bekommen zu haben, so daß sie sich hatten bergen können.
+
+Mit einem Male sah sich der Wulfsbauer wild um und rief: »Ja, aber wo
+brennt es denn? Heiliger Gott!« Er saß auf und jagte davon und hinter
+ihm her jagte Klaus Hennecke. Quer durch die Haide ritten sie, und je
+weiter sie kamen, um so mehr roch es nach Rauch, und dann hielt Harm
+Wulf an und sprang ab und machte ein Gesicht, als ob er losweinen wollte
+und sah dahin, wo sein Hof gestanden hatte, denn da war alles ein Rauch
+und ein Qualm, bloß daß hier und da eine Flamme zu sehen war.
+
+»Wawawas ist dededenn dadas?« stotterte er. Ihm war, als ob er kein
+bißchen Kraft mehr in den Beinen hatte, so daß er Klaus an den Arm
+fassen mußte. Und dann schrie er: »Rose, Rose!« Er lief um die
+Brandstätte herum, in den Grasgarten hinein, sah in den Sod, kletterte
+auf den brennenden Balken hin und her, sah gegen Himmel, schüttelte den
+Kopf und sagte mit einem Lachen, bei dem es Hennecke kalt überlief: »In
+der Burg, sie wird in der Burg sein!«
+
+Klaus nickte: »Ja, das glaube ich auch. Da werden sie wohl alle
+miteinander hin sein und das Vieh auch. Und der Junge von Hingstmanns
+und Tönnes, die werden allein noch draußen gewesen sein, und da mußte es
+ihnen so gehen. Wollen nach der Burg gehen, und wenn sie da nicht sind,
+dann müssen wir, ja, am besten ist es wohl, wir reiten dann zuerst nach
+Engensen; auf dem Drewshofe kriegen wir am ersten Bescheid.«
+
+Sie saßen auf und ritten über die Haide und durch die Fuhren und von da
+in das Bruch hinein. Es schummerte schon, als sie dort ankamen; der Uhu
+flog über sie hinweg und als er im Walde war, schrie er hohl. Der Nebel
+stand dick hinter den Torfstichen, in der Luft klingelten die Enten und
+in den Wiesen schreckten die Rehe.
+
+Keiner sprach ein Wort; ab und zu hielten sie an und horchten dahin, wo
+der alte Burgwall lag, und dann sahen sie wieder vor sich auf den Weg,
+dem man es anmerkte, daß Menschen und Vieh frisch darauf gegangen waren.
+In der Wohld war es so duster, daß sie absteigen mußten. Hin und her
+ging es, bald nach rechts, dann geradeaus, dann halb links und so in
+einem fort. Ab und zu polterte eine Taube vor ihnen weg, oder ein Stück
+Wild brach durch das Holz. Dann blieben sie stehen und horchten. Aber
+immer und immer hörten sie keine Stimme und kein Kuhgebrüll.
+
+Endlich war es ihnen, als ob sie ein Licht vor sich sahen, und als sie
+stehen blieben, hörten sie, daß ihnen gegenüber ein Stück Vieh am
+Brüllen war. Dann knackte ein Büchsenhahn und hinterher noch einer, und
+eine Stimme, es war die des jungen Bolle, rief ihnen halblaut zu: »Wer
+da?« Harm flüsterte ihm zu: »Wir sind es, Harm und Klaus. Wo ist meine
+Frau?«
+
+Atze Bolle würgte, als er etwas im Halse hatte, und brummte dann: »Komm
+man erst nach der Burg! Ich habe hier Wache und weiß nicht, wer alles da
+ist. Es ging ja Hals über Kopf heute, denn wir mußten machen, daß uns
+das Gesindel nicht kriegte. Aber Ulenvater, den habe ich vorhin gesehen,
+ehe daß ich wegging.«
+
+»Na, was ist denn das?« meinte er, als etwas Schwarzes an ihm
+vorbeisprang. Es war Harms Hund. Er stellte sich wie unklug an, bellte
+und jaulte durcheinander, sprang an dem Bauern in die Höhe, leckte ihm
+die Hände, lief vor und bellte, kam wieder zurück und mit einem Male
+setzte er sich hin und heulte so schrecklich, daß Bolle rief: »Ruhig,
+Teebe!«
+
+Der erste Mensch, den Wulf sah, als er in den Wall kam, war die
+Reinkenbäuerin. So wie sie ihn zu Gesichte bekam, schrie sie auf: »O
+Gotte, Wulfsbur!« und dann fing sie an zu weinen. »Was ist?« schrie
+Harm, »wo ist Rose?« Aber die Frau weinte, daß es sie stieß, und brachte
+kein Wort heraus.
+
+Harm sah hin und her, aber wo er einen Menschen ansah, der ging schnell
+zurück. Endlich fand er seinen Schwiegervater. »Wo ist Rose?« brachte er
+eben noch heraus, denn er war ganz heiser vor Angst. Der alte Mann hatte
+ein Gesicht, als wäre er aus dem Grabe genommen. »Ja, Junge,« sagte er
+und faßte Harm an beide Hände, »ja, Junge,« und dabei fing er bitterlich
+an zu weinen, »unsere Rose ist bei unserem Herrgott!«
+
+Harm machte eine Bewegung, als wollte er ihm an den Hals springen: »Was
+sagst du? tot?« Er fing an zu lachen. »Das ist ja, das kann ja, aber so
+rede doch, kein einer sagt mir, wo Rose ist!« Und dann rief er mit einer
+Stimme, die sich anhörte, als ob sie zersprungen war, durch den ganzen
+Wall: »Rose, Rose, wo bist du?«
+
+Neben ihm stand Hingstmann: »Ruhig, Mensch, Renneckenvater liegt im
+Sterben. Und die Horstmannsche hat vor Aufregung etwas Lüttjes gekriegt
+und es geht ihr nicht gut.« Er hielt ihm die Flasche hin: »Trink erst
+mal!« Aber Wulf stieß ihn zurück: »Ich will wissen, was mit meiner Frau
+los ist, will ich wissen! Und wo sind die Kinder? Mein Hermken und das
+Lüttje? Kinder und Leute, so tut doch endlich einer das Maul auf!«
+
+Es kamen noch zwei Bauern. »Ja, einmal muß er es doch wissen,« sagte
+Mertens. Er legte ihm die Hand auf die Schulter: »Ja, Harm, was hilft
+das alles? Deine liebe Frau ist nicht mehr am Leben; sie ist im Hause
+geblieben. Und die Kinder auch. Und dein Vater auch und der eine Knecht
+und ebenso die beiden Mädchen. Weiß der Teufel, wie die beistigen Hunde
+zu allererst nach dir hingefunden haben, wo dein Hof doch so ablegen
+ist?«
+
+Harm sah von einem zum anderen; er sah aus wie ein Kind, das sich vor
+dem Hunde nicht von der Stelle traut. Seine Hände gingen an seinen Hosen
+auf und ab, seine Lippen beberten, der kalte Schweiß stand ihm vor der
+Stirn; jeder konnte hören, wie ihm das Herz im Leibe arbeitete und wie
+ihm die Luft nicht zum Halse herauswollte. Endlich quälte er heraus:
+»Ja, sind sie verbrannt, oder was ist?«
+
+Die Männer sahen weg, schließlich sagte Horstmann: »Wir wissen da alle
+weiter nichts von. Der einzigste Mensch, der am Leben geblieben ist, das
+ist Thedel. Aber der ist ja wohl ganz von Sinnen geworden; der sitzt da
+hinten beim Feuer und grient und sieht in einem fort das Messer an, das
+er in der Hand hat.«
+
+Harm stürzte mehr, als er ging, dahin, wo er den Knecht sitzen sah. Als
+er vor ihm stand, lachte der ihm in das Gesicht und wies ihm das Messer;
+aber mit einem Male ließ er es fallen, schlug beide Hände vor den Kopf
+und heulte los. Der Bauer schüttelte ihn. »Junge, denn sag' du es mir
+doch, was sich nun eigentlich begeben hat! Kein einer Mensch will was
+davon wissen.« Er setzte sich neben ihn und legte ihm die Hand über den
+Hals. »Nun los!« befahl er.
+
+Der Knecht sah ihn zuerst an, als ob er ihn noch kein eines Mal gesehen
+hatte, und dann fing er an: »Sie sind alle tot, alle miteinander. Die
+Frau ist tot und Hinnerk ist tot und Hermken ist tot und das Lüttje auch
+und Trina ist tot und der Altvater ist tot und meine Schwester Alheid
+ist auch tot. Alle sind tot, bloß ich nicht. Ich war im Busche Holz
+machen und vor dem Hauen habe ich nichts gehört, als bis daß es zu spät
+war, denn sie sind aus dem Bruche gekommen.«
+
+Sehr viel konnte er auch nicht erzählen, denn das meiste war schon
+vorüber, als er zurückkam. Aber das wenige, was er gesehen hatte, das
+war so, daß er von dem Bauern abrücken mußte, denn der hatte ein Gesicht
+und ein paar Augen darin, daß es ihm kalt im Genick wurde. Aber der
+Bauer sagte: »Weiter, man weiter, ich will alles wissen,« und nur ab und
+zu stöhnte er oder schnatterte mit dem Munde, daß Thedel seine Zähne
+klappern hörte.
+
+Als er alles aus ihm heraus hatte, sagte er: »Ja, Thedel, ich und du,
+das ist nun der ganze Wulfshof. Was willst du jetzt machen? Willst du
+einen anderen Dienst annehmen oder willst du bei mir bleiben? Denn,
+versteh mich recht, Bauer will ich jetzt nicht mehr spielen; wo der
+Teufel geerntet hat, habe ich keine Lusten mehr, zu pflügen und zu säen.
+Aber,« setzte er nach einer kleinen Weile zu, »wo sind die Mordbrenner
+denn hin?«
+
+Der Junge zuckte die Achseln. »Quer über die Haide sind sie und bei der
+Schirmfuhre haben sie sich geteilt. Was die Tatern sind, die sind auf
+Berghof zu, und die anderen, die mögen wohl nach Celle hin sein, denn da
+wollten sie hin, hat mir der Mann gesagt.«
+
+»Welcher Mann?« fuhr ihm der Bauer dazwischen. Der Junge grieflachte
+abscheulich. »Der sich an deinem Honigbier so scheußlich besoffen hat,
+daß er nicht aus der Stelle konnte und in der Haide liegen blieb und
+schlief.«
+
+»Na, und wo ist er jetzt?« fuhr es Wulf heraus. »Der mag da wohl noch
+liegen,« griente der Knecht. »Wieso noch liegen?« fragte der Bauer
+weiter. Der andere lachte über das ganze Gesicht: »Na, weil ich ihm, als
+er wie ein Faß dalag, die Hände und die Füße zusammengebunden habe und
+denn auch, weil er, als er sich vernüchtert hatte und ich aus ihm heraus
+hatte, was ich wissen wollte, wohl nicht viel Leben in sich behalten
+hat.«
+
+Der Bauer lachte böse: »Was hast du mit ihm angefangen, Thedel?« Und
+sein Lachen wurde noch tückischer, als der Knecht ihm das Messer wies
+und ihm erzählte, was er mit dem Manne gemacht hatte. »Denn,« sagte er,
+»es war der Schlimmsten einer. Gerade der ist es gewesen, der meine
+Schwester umgebracht hat, er und das heilige Kreuz und der Säugling. Und
+die müssen auch noch daran, sage ich, oder ich will keinen seligen Tod
+haben!«
+
+Der Bauer sah ihn dumm an: »Heiliges Kreuz? Säugling? Was heißt das?«
+Thedel erzählte: »Als meist alles vorbei war und die mehrsten besoffen
+waren wie die Schweine, bin ich auf allen vieren hinter dem Hagen
+hergekrochen und da sah ich einen Kerl, der war so lang, wie ich noch
+keinen Menschen gesehen habe, und der hatte einen ganz kleinen Kopf wie
+ein Kind und auch genau solche Stimme, wenn er das Maul auftat, und
+keinen Bart hatte er auch nicht, und zu dem sagten sie Säugling. Und der
+andere, der war so kurz und dick wie ein Krautfaß, und er hatte einen
+fuchsigen Knebelbart und zwei Narben im Gesicht, so dick wie ein Finger
+und so rot wie ein Hahnenkamm, die eine von der Stirn bis in das Maul
+und die andere von einem Ohr bis an das andere, just so, daß es wie ein
+Kreuz aussah, und deswegen schimpften sie ihn wohl auch Heiliges Kreuz.«
+
+Er sah vor sich hin: »Die beiden haben meine Schwester hingemartert; ich
+habe es gehört, wie sie darüber ihre Witze machten, die beiden und der
+andere, der besoffen in der Haide liegen blieb. Na, dem habe ich es
+besorgt! Ich hatte ihm das Maul zugestoppt, denn ich dachte: wenn er an
+zu bölken fängt und die anderen hören es, dann läufst du am Ende dumm
+an. Die beiden anderen haben noch eine ganze Weile hinter ihm
+hergeflötjet, bis es ihnen zu langweilig geworden ist. Ich bin bloß
+neugierig, ob er morgen früh noch am Leben ist!«
+
+Mitten im Reden schlief er ein. Der Bauer deckte ihm einen Mantel über
+und dabei sah er, daß der Knecht so ruhig schlief, wie immer. Er mußte
+noch oft hinsehen; wie ein Kind, das keiner Fliege wehtun konnte, sah er
+aus. Er war der einzige Mensch im ganzen Dorfe, der es nicht mit ansehen
+konnte, wenn ein Schwein geschlachtet wurde, und dabei hatte er den
+Mordbrenner geschunden, wie der Henkersknecht einen armen Sünder.
+
+»Recht hat er getan!« dachte der Bauer; »Schimpf um Schimpf, Schlag um
+Schlag, Blut um Blut, sagt Drewes.« Er sah in das Feuer und sah darin
+einen langen Kerl mit einem kleinen Kopf und einer dünnen Stimme, und
+einen anderen, kurz und dick wie ein Faß und mit zwei Narben im Gesicht,
+die über Kreuz standen. Er sah sie vor sich liegen mit gebundenen
+Händen, alte Lappen in den Mäulern und Angstschweiß auf der Stirn, und
+er stand davor, trat sie mit Füßen und hielt ihnen sein Messer vor die
+Augen.
+
+Lange saß er so da und dachte an weiter nichts. Aber mit einem Male
+wurden ihm die Augen naß. In einer von den Plaggenhütten weinte ein Kind
+und eine Frau sang:
+
+ Eia wiwi,
+ keen slöppt denn nu bi mi?
+ Wi willt dat nu ganz anners maaken,
+ Heini schall in de Eia slaapen,
+ eia wiwi.
+
+
+
+
+Die Bruchbauern
+
+
+Es war hellichter Tag, als Harm Wulf aufwachte. Er war im Sitzen
+eingeschlafen, und so fest hatte er geschlafen, daß er sich erst gar
+nicht vermuntern konnte und sich ganz wild umsah, weil er nicht wußte,
+wo er war.
+
+Aber dann stand er auf, so schwer und so langsam, als wenn er nicht
+vierundzwanzig, sondern achtundvierzig Jahre hinter sich hatte.
+Hingstmann, der gerade vorbeikam, verjagte sich, als er ihn sah, denn
+der Wulfsbauer hatte ein ganz altes Gesicht und Augen, in denen kein
+Leben war, und an den Seiten war sein Haar grau geworden.
+
+»Wenn er man bloß weinen könnte, Ulenvater!« sagte die Reinkenbäuerin;
+»das ist ja schrecklich, wie der Mann das in sich hineinfrißt!« Aber
+Harm weinte nicht. Er aß, wie immer, sprach aber nicht mehr, als Ja und
+Nein, half die Schanzen höher machen und Schuppen bauen und was sonst
+für Arbeit nötig war. Um Uhre zehne ging er mit Thedel fort und als sie
+wiederkamen, hatten beide ganz blanke Augen und der Junge griente in
+einem fort, so daß es scheußlich anzusehen war.
+
+»Was willst du jetzt anfangen, Harm?« fragte ihn abends, als sie beim
+Feuer saßen, sein Schwiegervater; »willst du den Hof wieder aufbauen?«
+Sein Eidam schüttelte den Kopf. »Ich habe eine andere Arbeit vor. Es
+kann sein, daß ich lange fortbleibe, vielleicht bin ich aber auch bald
+wieder da. Damit du es weißt: das Geld haben die Raubvögel nicht
+gefunden. Ich würde es ihnen gern gegönnt haben, wenn sonst alles so
+geblieben wäre, wie es war. Solltest du also in Bedrängnis kommen, so
+weißt du es zu finden; so ganz wenig ist es nicht. Und an dem andern
+Platz, du weißt ja Bescheid, ist Saatkorn genug, und von Wurst und
+Schinken ist da auch eine ganze Masse, und von Käse und Honigbier auch.
+Und da liegen auch noch die Pistolen und das eine Gewehr. Hast du etwas
+Tabak über?«
+
+Er stopfte sich die Pfeife, hielt einen Fuhrenzweig in das Feuer, bis er
+Flammen fing, und brannte damit seinen Tabak an. »Weißt du was?« fuhr er
+dann fort, »mit mir ist das so: große Lusten zum Leben habe ich nicht
+mehr. Laß mich ausreden! Vielleicht, daß ich sie wiederkriege, wenn ich
+mit den beiden Hauptmordbrennern abgerechnet habe. Denn das habe ich
+fest vor. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen
+werden! Thedel will auch mit; sie stehen bei ihm gleichfalls in der
+Kreide, Alheids halber. Grieptoo kann bei dir bleiben; der Hund könnte
+mir im Wege sein!«
+
+Ein Haufen von Vögeln kam angeflogen, ließ sich in den hohen Tannen
+nieder und lärmte gewaltig. Harm sah in die Höhe: »Da ist ja das Unzeug
+wieder, von denen Hingstmanns Vater sagte, sie zeigen Krieg und
+Pestilenz an. Vielleicht hat er auch recht, denn meinen Tag habe ich
+solche Vögel noch nicht gesehen. Einen fand ich tot in der Haide liegen;
+er war rot wie Blut und sein Schnabel ging über Kreuz. Aber was wollt
+ihr nun anfangen? In Ödringen seid ihr keinen Tag eures Lebens sicher,
+denn was gestern war, kann morgen wieder sein. Ich glaube, das beste
+wird sein, ihr baut euch hier im Bruche auf dem Peerhopsberge an; da
+finden sie euch so leicht nicht und Frucht wächst da zur Not schon. Und
+die Burg hier, die müßt ihr noch fester machen; der Graben muß tiefer
+und jedesmal da, wo der Zugang einen Knick macht, da muß eine Wolfskuhle
+hin.«
+
+Der alte Mann nickte. »Ja, wir haben gestern ganz dasselbe gesagt. Das
+Vieh haben wir ja noch, die Pferde auch, und das beste wird sein,
+solange als wie der Krieg dauert, wirtschaften wir in einen Pott, so
+sauer uns das auch ankommen wird. Aber du solltest doch lieber hier
+bleiben; was willst du in der weiten Welt? Sieh mal, Junge, das Unglück
+ist geschehen, und ich trage ebenso schwer daran wie du. Eine Frau
+kriegst du schließlich wieder, ich aber keine Tochter. Du hast noch ein
+ganzes Leben vor dir, mit mir ist das anders. Und doch bleibe ich hier,
+wo ich geboren bin.«
+
+Der andere schüttelte den Kopf. »Wiederkommen tue ich, so wie ich es
+kann. Aber ich habe einen Eid vor mir selber geschworen und dabei muß
+ich bleiben. Und überdies, hier würde ich verrückt werden, wo ich bei
+jedem Schritt und Tritt daran denken muß, wie es früher war.« Er rief
+den Knecht heran: »Zeig mal dein Messer her!« Der Junge griente und zog
+es aus der Scheide. »So, ist gut; leg' dich man schlafen, morgen früh
+wollen wir los!«
+
+Er sah Ul an. »Der Mann, der Alheid umgebracht hat, lebt nicht mehr;
+Thedel hat es ihm besorgt und die Wölfe. Heute morgen haben wir ihn
+beigerodet unter der breiten Fuhre hinter meinem Hof. Es liegen
+allerlei Steine auf der Stelle. Aber zwei von den Schandkerlen sind noch
+am Leben und sollten sie sich hierher verlaufen, ein ganz unmenschlich
+langer mit weißen Haaren, aber noch ein junger Kerl, und einen unklug
+kleinen Kopf hat er und eine Stimme, als wie ein Kind, und dann noch
+einer, so kurz und dick, als wie ein Faß mit einem fuchsigen Knebelbart
+und zwei Narben im Gesicht, so breit, wie ein Finger und ganz rot, die
+eine von der Stirn bis in das Maul und die andere von einem Ohr zum
+andern, daß es wie ein Kreuz aussieht und darum heißt der Kerl auch das
+heilige Kreuz und der andere der Säugling. Wenn die sich hier blicken
+lassen, die dürft ihr nicht totschlagen; lebendig will ich sie haben,
+hörst du. Denn von Zeit zu Zeit komme ich wieder.«
+
+Es wurde aber völlig Herbst, ehe daß er wiederkam. Bolles Bernd, der an
+dem Tage die Wache auf dem Halloberge hatte, sagte gerade zu Mertens
+Gerd, der ihm Gesellschaft leistete: »Wie schön die Birkenbäume bloßig
+aussehen! als wie das reine Gold!« Dann machte er einen langen Hals, wie
+ein Birkhahn, stieß Gerd in die Rippen und sagte: »Was ist denn das da
+im Bullenbruche? Das ist ja gerade, als wenn das ein Reiter zu Pferde
+ist! Gewiß und wahrhaftig, es ist einer. Sogar zwei sind es!«
+
+Er barg sich hinter den Büschen und winkte Gerd, und als sie bei den
+dicken Fuhren waren, nahm er das lange Horn vor den Mund und blies laut
+los, so daß ein Hase, der unter einem Haidbusche geschlafen hatte, wie
+albern herausschoß und den Pattweg entlang lief. Dreimal blies der Junge
+in das Horn, und jedesmal auf eine andere Art, und nach einer Weile zum
+vierten Male und so laut und lang, daß es auf eine halbe Meile in der
+Runde zu hören war.
+
+»Aufpassen tun sie,« sagte Harm Wulf zu Thedel; »wir müssen uns zu
+erkennen geben, denn sonst könnten wir am Ende eine Handvoll Hackblei in
+die Rippen kriegen, ehe wir uns das vermuten. Zeig ihnen, daß du es auch
+noch kannst!« Der Knecht nahm das kleine Horn, das er am Sattel hängen
+hatte, wischte sich über den Mund, gremsterte und spuckte und dann blies
+er nach dem Halloberge hin. Von dem Berge kam eine kurze Antwort zurück,
+die Thedel ebenso zurückgab.
+
+»Das hört sich just so an,« meinte Bernd, »als ob das Niehusthedel ist,
+der da bläst; aber was hat der für Zeug an? Der sieht ja leibhaftig aus
+wie ein Kriegsmann! Was hältst du davon?« Der andere legte die Hand vor
+die Augen, als er hinter dem Busche hersah: »Ja, er ist es, das ist
+sicher. Und der andere, das ist der Wulfsbur. Ich hätte ihn beinahe
+nicht gekannt, solchen Bart hat er sich wachsen lassen. Na, denn so muß
+ich wieder abblasen.«
+
+Er nahm das Horn wieder hoch, aber der andere wehrte es ihm: »Wart' man
+erst!« Sie blieben in Deckung stehen, bis die Reiter ganz nahe heran
+waren. Erst dann trat er vor und rief: »Na, wieder zurück von der Reise,
+Harm? Und du auch, Thedel? Meist hätten wir euch nicht gekannt, so wie
+ihr ausseht. Aber jetzt blase ab, Gerd!« rief er dem Jungen zu, der
+etwas abseits stand und über das ganze Gesicht lachte, denn Thedel war
+sein guter Freund, und der Wulfsbauer hatte ihm einmal das Leben
+gerettet, als er auf dem Pumpe durch das Eis gebrochen war. Er setzte
+das Horn wieder an und blies dreimal auf eine andere Art.
+
+»Dennso können wir ja frühstücken,« meinte der Wulfsbauer, als er aus
+dem Sattel war, zu Thedel; »mach die Pferde an und gib die Holster her!
+Ihr könnt mithalten; wir haben reichlich.« Er packte aus: da waren
+Würste und dicke Scheiben Schinken und Braten und eine halbe gebratene
+Gans, ein großes Stück Käse, zweierlei Brot und eine große Blechflasche.
+Die anderen machten lange Augen.
+
+»Lebt ihr immer so?« Harm lachte: »Mehrstens! aber nehmt man dreiste an,
+es ist nicht geraubt und nicht gestohlen, das heißt, von uns nicht, denn
+die drei Marodebrüder, denen wir das gestern abnahmen, werden es wohl
+nicht mit barem Gelde bezahlt haben. Aber wie sieht es in Ödringen aus?«
+
+Bolle hob die Faust, in der er das Messer hatte, auf und ließ sie auf
+den Boden fallen. »Ödringen?« er zuckte die Achseln, »Ödringen, das gibt
+es nicht mehr. Alles ein Schutt und ein Müll!« Als der Wulfsbauer und
+Thedel ihn ansahen, erzählte er: »Drei Wochen lang war alles ruhig, da
+zogen einige wieder hin, Hingstmanns und Eickhofs und Bostelmann und
+Bruns auch. Die andern rieten ihnen ab, aber sie wollten ja nicht hören.
+Und den einen Abend, wir waren gerade dabei, das letzte Grummet
+einzuholen, da sahen wir über dem Dorfe einen hellichten Schein und bald
+darauf kam Tidke, du weißt doch, der Hütejunge bei Hingstmanns, und der
+erzählte, daß zwei Taternweiber einer Bande von Mordbrennern den Weg
+gewiesen haben, und kein einer Mensch ist lebendig geblieben.«
+
+Er machte einen bösen Mund, lachte dann und erzählte weiter: »Tidke
+hatte gewacht, weil das eine Fohlen krank war, und so konnte er sich
+bergen. Die anderen sind meist im Schlafe umgebracht. Alle Hunde lagen
+tot da; die Taternweiber werden ihnen Gift hingeworfen haben.« Er
+schnitt von dem Brot, das er in der Hand hatte, ein Stück ab, steckte es
+in den Mund, stippte ein Stück Braten in die Salzdose und steckte es
+auch in den Mund, und als er beides auf hatte, fuhr er fort:
+
+»Wir sind in der Nacht gleich losgeritten und haben von überall Hilfe
+geholt; wir waren unser achtzig und nüchtern, und die Bluthunde knapp
+dreißig und besoffen. Es ist keiner von ihnen am Leben geblieben. So
+Stücker zwanzig schossen und schlugen wir gleich tot, als sie über die
+Magethaide kamen und in das Düsterbrok wollten, und die anderen, es
+waren zehn oder elf, die fingen wir lebendig und nahmen sie in das Bruch
+mit.«
+
+Er sah erst Harm und dann Thedel an, nickte mit dem Kopfe und griente:
+»Und dann hielten wir Gericht über sie ab. Tidke mußte bei jedem
+angeben, was damit gemacht werden sollte, weil er doch gewissermaßen
+darüber zu sagen hatte, denn seiner Mutter, sie war schon über siebzig,
+hatten sie auch den Hals abgeschnitten. Alle haben sie geschrien wie die
+Wilden, und gebetet und gebettelt haben sie, als es ihnen an den Schluck
+ging, bis auf das eine Taternfrauenzimmer, die junge, die eigentlich
+ganz glatt aussah bis auf die gelbe Haut und das schwarze Haar, denn das
+war ein Beist und schimpfte bloß, als wir sie aufhingen, und biß um
+sich, wie ein Fuchs, der im Eisen sitzt. Aber geholfen hat ihr das
+nichts, denn Tidke sagte: Die hat Bruns lüttjen Jungen mit den Kopf
+gegen den Dössel geschlagen! Erst sollte sie bloß nackigt ausgezogen
+werden und durchgepeitscht, aber als wir das hörten, hingen wir sie zu
+alleroberst an die Eiche!«
+
+Er lachte lustig: »Wie der olle Baum aussah, sage ich dir, als die elf
+Galgenvögel daranhingen! Ulenvater sagte: Das ist ja ordentlich, als
+wenn wir ein Mastjahr haben! Und gelohnt hat es sich auch; über
+zweihundert Dukaten hatten die Völker bei sich.«
+
+Als sie mit dem Frühstücke fertig waren, brach Harm mit Thedel auf. Sie
+ritten erst nach Ödringen. Da stand kein Haus mehr; alle Höfe waren
+aufgebrannt. »Ich habe es ihnen ja vorausgesagt, daß es so kommen
+mußte,« sagte der Bauer; »aber schrecklich ist es doch; das schöne Dorf!
+Komm, ich kann das nicht mit ansehen. Und alle tot, alle! Hingstmanns
+und Bruns und Eickhoffs und Bostelmann und Klausmutter auch. Wie oft hat
+sie mir nicht einen Apfel mitgegeben für Hermken, denn sie hatte da
+einen Baum, so schöne Äpfel hatten wir alle nicht. Es ist zum
+Gotterbarmen!«
+
+Als sie vor dem Bruche waren, hielten sie, und Thedel mußte blasen. Es
+dauerte wohl eine Viertelstunde, da kam Klaus Henneke mit einem Knecht
+hinter den Büschen hervor. Beide hatten scharf gemacht und hatten ein
+wahres Ungetüm von einem Hund bei sich. Harm rief sie mit Namen an, und
+da kamen sie näher, aber erst, als sie dicht bei ihnen waren, sicherten
+sie ihre Büchsen und riefen den Hund an.
+
+Klaus freute sich aufrichtig, als er Harm sah. »Ich dachte all, du wärst
+nicht mehr am Leben! Ja, hier hat sich allerlei geändert. Unser Vater
+ist tot und unsere Mutter ist ihm bald nachgefolgt. Das ist kein Leben
+für solche alten Leute, wie wir es jetzt hier im Bruche haben; die Wölfe
+haben es besser. Ein paar von den Knechten sind schon ausgerückt und
+unter das Volk gegangen. Verdenken kann es ihnen auch keiner, denn wer
+will hier in Busch und Braken herumliegen und Rindenbrot und Wurzeln
+essen. An Fleisch mangelt es ja nicht, denn wir schießen und fangen so
+manchen Hirsch und manches wilde Schwein, aber ein Leben ist das nicht,
+so wie das jetzt ist. Man kommt auf ganz dummerhaftige Gedanken dabei.
+Mertensvater hat sich all' aufgehängt!«
+
+Dem Wulfsbauer, dem das wilde Leben im Lande das Herz verhärtet hatte,
+zog sich dennoch die Brust zusammen, als er nach dem Peerhobsberge kam.
+»Du lieber Gott im Himmel, wie sehen die Leute aus!« dachte er; »und
+wohnen tun sie schlechter als das Vieh!« Aus Fuhren und Plaggen hatten
+sie sich notdürftig Hütten gebaut und sie mit Reet und Risch bedeckt;
+auf Haidstreu und Torfmoos schliefen sie und ihr Eßgeschirr war aus
+Ellernholz. Die Frauen waren alle blaß und elend, keins von den Kindern
+hatte rote Backen und dicke Beine, und die Männer hatten Augen, so
+falsch wie die Buschkater.
+
+Aber sie freuten sich doch alle, als sie die beiden ankommen sahen, denn
+es war doch wieder einmal eine Abwechslung in dem elenden Leben. Die
+großen Bauern, die Thedel bislang bloß von der Seite angesehen hatten,
+konnten ihn nicht genug ausfragen. Doch der Knecht, der in seinem
+ledernen Wams und den hohen Krempstiefeln wie ein Kriegsmann aussah, gab
+nicht viel von sich. »Ja, was ist da viel zu erzählen? Wir haben so viel
+Elend gesehen, daß es nicht zu sagen ist. Stellenweise müssen sie Wachen
+vor die Kirchhöfe stellen, damit das verhungerte Volk nicht die Toten
+auffrißt. Vor Peine haben wir gesehen, wie ein Kerl gerädert wurde, der
+Kinder gestohlen hat, und die hat er dann geschlachtet und gebraten, und
+als wir durch Groß Goltern kamen, waren gerade die Ligisten
+durchgezogen, und die hatten das ganze Dorf angesteckt und Feuer an den
+Kirchturm gelegt, so daß dreiunddreißig Menschen, Groß und Klein,
+umgekommen sind. Meist schlugen wir uns auf eigene Kanne Bier durch;
+mitunter taten wir uns auch mit den redlichen Bauern, die in den Wäldern
+lagen, zusammen, und gingen gegen das Gesindel an. Im großen Freien
+haben wir in einer Stunde achtundvierzig Stück von der Welt gebracht.
+Aber der Hauptspaß war doch im Kalenbergischen; da waren wir unserer
+dreihundert und haben sie gehetzt, wie der Hund den Hasen. Das war ganz
+großartig, sag ich euch!«
+
+Gerade wollte er weiter erzählen, da hörten sie es rufen: »Jeduch,
+jeduch, jeduch!« Die Bauern sprangen auf, ihre Augen wurden blank: »Paßt
+auf, heute gibt es bei uns Hasenjagd!« So war es auch. Drewes aus
+Engensen hatte ansagen lassen, daß ein Zug der Waldsteiner, vierzig Mann
+stark, unterwegs war; alle, die abkommen könnten, sollten sofort zum
+Hingstberge kommen. »Kommst du mit?« fragten die anderen Harm. »Na ob!«
+sagte der und lachte; »der Mensch will doch auch einmal ein Vergnügen
+haben. Und Thedel bleibt auch nicht hier, das könnt ihr glauben. Der
+Junge kann treffen, sage ich euch!«
+
+Es waren über anderthalb Hundert Bauern und Knechte am Hingstberge
+zusammen, als der Wulfsbauer mit dem Knechte ankam. Sie standen aber
+nicht da und lachten und schwatzten, wie an jenem Tage, als die
+Marodebrüder über den Wulfshof kamen; sie sprachen leise miteinander und
+sahen mit schiefen Augen um sich. Sie waren auch nicht wie rechtliche
+Bauern anzusehen, sondern mehr wie Kriegsknechte und Wegelagerer. Alle
+hatten sie Büchsen in der Hand und Spieße über den Rücken, und zum
+wenigsten eine Pistole im Gürtel und einen Säbel oder einen langen
+Dolch. Die meisten trugen auch Bärte und sahen überhaupt wenig
+rechtschaffen aus, bis auf Drewes, der sich ganz trug wie vordem.
+
+Der Ödringer erschrak ordentlich, als der Engenser sich umdrehte und er
+ihm ins Gesicht sehen konnte. Das war ja ein alter Mann geworden! Ganz
+gelb war er im Gesicht und hatte eine Falte bei der anderen. »Nee,«
+sagte ein Bauer aus Wettmar, als Wulf ihn fragte, ob Drewes krank
+gewesen war, »nee, krank war er nicht, aber er ist Witmann geworden. Du
+hast sie ja gekannt, seine Christel, sie und ihr Maulwerk! Na, das hat
+sie ja auch das Leben gekostet, denn als ihr ein paar dänische Soldaten
+die Würste und die Schinken vom Wiem holten, machte sie ihnen eine
+solche Schande, daß der eine sie mit dem Säbel über den Döz schlug und
+das konnte sie nun doch nicht vertragen. Wir dachten alle, Drewes wird
+heilsfroh sein, daß er sie los ist, und sich eine Junge und Hübsche
+suchen. Wie man sich aber irren kann: in drei Wochen ist der Mann um
+zwanzig Jahre älter geworden! Es ist ein Jammer, und wir merken es auch,
+denn so wie früher legt er sich nicht mehr für das allgemeine Wohl ins
+Zeug. Die beste Kraft ist aus ihm heraus; er ist wie verregnetes Heu
+geworden.«
+
+Das merkte Wulf, als Drewes an zu reden fing. Schon wie er so dastand,
+auf den dicken Schlehbuschstock gestützt, sah man, daß er nicht mehr der
+Alte war; was er sprach, hatte Hand und Fuß wie vordem, aber es war doch
+nicht der alte Mut darin; dritter Schnitt war es, ohne Saft und Kraft.
+
+»Liebe Freunde,« fing er an, »in dieser Zeit hat mancher von uns zum
+lieben Gott gebetet: unser täglich Brot gib uns heute! Der Herr hat
+unser Gebet erhört; er schickt uns Brot. Jeder tue das Seine, daß dieser
+Tag uns zum Gedeihen anschlage! Was im einzelnen zu machen ist, wird ein
+jeder von seinem Obmann gewahr werden. Eins noch will ich euch sagen:
+ich sehe unseren Freund aus Ödringen, den Wulfsbur, unter uns. Ich
+denke, ihr seid es alle zufrieden, daß er in dieser Sache das Leit in
+die Hand nimmt; er wird uns darin wohl gern zu willen sein.« Die Bauern
+nickten. »Eins noch,« so schloß der Engenser seine Rede, »gebe ich euch
+zu bedenken: haltet euch genau an die Befehle und seht euch vor, daß die
+Pferde gesund bleiben! Die meisten werden aus der Nachbarschaft sein.
+Und nun Gott befohlen!«
+
+Die Obmänner und Drewes stellten sich um Wulf. »Meine Meinung ist die,«
+fing Jasper Winkelmann aus Fuhrberg an, »wir müssen sie zwischen uns
+kriegen, und das geht am besten in den hohen Fuhren vor dem Bruche. Also
+muß ein Teil abwarten, bis sie vorbei sind, und ein Teil vor ihnen sein,
+damit sie nicht wegkönnen, und die anderen müssen rechts und links vom
+Wege die Begleitmannschaft bilden, und das müssen alles junge Kerle
+sein, die leise treten und sich schnell hinter dem Gebüsche bergen
+können.« Er machte mit seinem Stocke Striche in den Sand: »Seht her, so
+meine ich das! Hier ist der Zug, das da sind unsere Leute, die hinter
+ihnen sind, und das da, die, die vor ihnen sind, und hier sind wir, die
+wir nebenher gehen. Sobald sie nun mitten in den hohen Fuhren sind,
+fangen wir an zu tuten und zu schießen, und ihr da kommt ihnen von oben
+und unten über den Hals. Natürlich muß bei jedem Haufen einer sein, der
+sich genau auf das Blasen versteht, damit wir nicht in den Bröddel
+kommen.«
+
+Die allgemeine Meinung war, daß es so am besten war, und so teilten sich
+erst die älteren Leute in zwei Abteilungen und zogen ab, und dann die
+jüngeren. Der Wulfsbauer nahm die Seite nach dem Bruche zu, weil er da
+am besten Bescheid wußte. Erst gingen sie alle auf einen Haufen und
+redeten halblaut, dann ging einer hinter dem anderen und das Reden hörte
+auf.
+
+Wulf ging voran, neben ihm schlich Thedel, hinter ihm kam Klaus
+Hennke. Das Wetter war günstig. Die Sonne hatte den Erdboden
+ausgetrocknet, aber doch nicht so, daß alle Braken unter den Füßen
+knackten. Der Wind hatte sich gelegt und die Luft war hellhörig. Wenn
+irgendwo ein Specht arbeitete oder ein Vogel in dem trockenen Laube
+krispelte, so konnte man das weithin hören.
+
+Harm hatte sich auf einen Wurfboden gesetzt und rauchte vor sich hin. In
+den Fuhren piepten die kleinen Vögel, eine Eichkatze lief von Stamm zu
+Stamm und die Sonne machte das Brommelbeerkraut so grün, als wäre es
+Juni. Hennke saß auf einem alten Stucken; er sah aus, als ob er
+eingeschlafen war. Der Knecht stand bolzensteif vor einem Stamme, hatte
+die Büchse scharf gemacht und drehte langsam den Kopf hin und her,
+gleich als ob er sich auf Hirsche angestellt hatte.
+
+Der Wulfsbauer machte sich gerade eine neue Pfeife zurecht, da prahlte
+halbrechts der Markwart. Thedel sah den Bauern einen Augenblick an,
+drehte aber gleich den Kopf wieder weg. Der Markwart schrie in einem
+fort, und dann meldete ein Specht, und zugleich eine Drossel. Der Knecht
+wippte leise mit dem rechten Fuße, Klaus machte die Augen ein bißchen
+mehr auf, Harm saß da und rauchte, bloß daß er den Kopf schiefer hielt.
+Ein Pferd wieherte, eine Peitsche klappte, ein Fluchwort kam hinterher.
+Dann polterten Räder.
+
+Harm winkte den Knecht neben sich. »Halt das Horn bereit!« sagte er
+leise zu ihm. Thedel nahm das Horn zur Hand. »Nicht eher, als bis ich es
+sage!« flüsterte ihm der Bauer in das Ohr. Der Knecht nickte. »Hüh!«
+ging es vor ihnen und noch einmal »hüh!« Ein Pferd prustete, ein Mann
+schnäuzte sich. Jetzt kamen die ersten, sechs Mann zu Fuß, die Büchsen
+fertig zum Schuß, in einem fort die Köpfe von rechts nach links drehend.
+Ab und zu blieben sie stehen und redeten halblaut. Harm hörte, was der
+eine sagte: »Verdammigt noch mal, ist das hier ein Sauweg! Wenn wir hier
+man erst raus wären!« Der Bauer lachte hinter seinem Gesichte und
+dachte: »Ja, wenn!«
+
+Drei Reiter kamen hinterher. »Schöne Pferde!« dachte Wulf. Der zweite
+Wagen kam, wieder ein paar Mann zu Fuß, dahinter ein Reiter, ein langer,
+dünner Kerl mit einem ganz kleinen Kopf. Der Bauer stand auf und
+zitterte am ganzen Leibe. Aber der Mann hatte eine tiefe Stimme; also
+war er es nicht. Noch ein Wagen kam an und noch einer und immer mehr,
+jetzt der letzte. Harm wollte schon dem Knecht zurufen, daß er blasen
+sollte, da hörte er noch einen Wagen poltern. Er machte sich fertig.
+Hinter dem Wagen ritt ein dicker Mann, der einen weißen Spitzenkragen
+umhatte, der ihm bis über die Schultern hing. Er hatte eine rote Nase
+und ein doppeltes Kinn und sah verdrießlich aus.
+
+»Das dicke Ende kommt allemal hinterher,« dachte der Bauer und schoß.
+Der Rotschimmel machte einen Satz und warf den Mann ab. »Jetzt kannst du
+blasen, Thedel,« flüsterte Wulf, »aber Deckung nehmen!« Der Knecht
+stellte sich hinter den Wurfboden und legte los: »Tirrä tuut, tirrä
+tuut, tirrä tuut!« ging es. Dann aber nahm Thedel seine Büchse, lief
+schnell nach vorne, zielte lange und so wie er drückte, sah er zurück
+und lachte, lud aber gleich wieder.
+
+»Tirrä tut!« kam es von unten her und überall knallte es. Ab und zu
+hörte man einen Fluch und einen Schrei, und dazwischen ein kurzes
+Lachen, und oben fiel ein Schuß und nun wieder unten einer. Dann kam
+ein Mann angeritten, kreideweiß im Gesicht; er blieb, sowie Thedel
+geschossen hatte, erst noch eine Weile sitzen, bis er zur Seite fiel,
+und das Pferd schleppte ihn durch den Dreck. Hinter ihm her kam ein
+anderer angehinkt und hielt sich den Kopf. Harm wartete, bis er auf drei
+Schritt heran war, hielt ihm die Pistole entgegen und schoß ihn nieder.
+
+Die Schüsse fielen spärlicher, das Fluchen und Schreien hatte aufgehört.
+»Ich glaube, wir sind damit durch,« rief Wulf dem Jungen zu. Der nickte.
+»Wollen noch eine Weile warten!« meinte der Bauer. Thedel lud die
+Büchsen und die Pistolen, derweil der andere sich die Pfeife stopfte und
+anbrannte. »Nun kannst du loslegen,« rief er ihm zu. »All' uut, all'
+uut?« blies Thedel. Nach einer Weile kam von unten die Antwort: »Is all
+ut!«
+
+Der Bauer nahm seine Büchse und ging auf den Knüppeldamm. Überall kamen
+Bauern aus den Fuhren. Alle nickten Harm zu: »Das ging, wie geschmiert!«
+Er nickte: »Fangt man erst die ledigen Pferde ein, das andere läuft uns
+nicht weg!« sagte er und alle lachten, aber sie machten lange Gesichter,
+als er befahl: »Und jetzt müssen wir sie erst beiroden und die Wagen in
+den Busch fahren. Das Bargeld und die Wertsachen geht an Drewes; der
+soll das Austeilen machen. Und wem ein Pferd genommen ist in dieser
+Zeit, der kommt an erster Stelle. Für mich laßt eine gute Büchse übrig,
+bar Geld will ich nicht haben.«
+
+Er sah alle an, die da herumstanden: »Seid ihr auch alle heil
+geblieben?« Einer rief: »Ja, bloß Viekenludolf ist ein bißchen zur Ader
+gelassen. Na, der hat ja auch mehr Blut, wie er als Junggeselle
+brauchen kann!« Alle lachten lauthals los.
+
+Sie hatten sechsundsechzig Pferde, einen Wagen voll Wurst und Schinken
+und elf Wagen mit Hafer, Mehl und Brot, ungerechnet das Bargeld, die
+Kleider und die Waffen, gefangen. Ein junger Kerl schrie los: »Kinder,
+wer gibt auf das Geschäft einen aus?« Alle lachten und Harm rief:
+»Drewes und ich, nicht wahr, Drewes?« Der tat so, als ob er lachen
+wollte. »Ist auch wahr,« rief der Wulfsbauer, »immer kann man nicht
+arbeiten. Heute Abend ist es zu spät und wir haben auch noch allerhand
+vor, und viele von uns haben einen weiten Weg, aber morgen sollen sich
+die Junggesellen, soweit sie abkommen können, im Engenser Kruge treffen
+und ihre Mädchen mitbringen, aber die Gewehre auch, und beim nächsten
+Male kommen die anderen dran, die morgen zu Hause bleiben müssen. Und
+nun hille!« trieb er; »man darf morgen hier nicht sehen, was sich
+begeben hat. Die Wagen müssen in den Busch, und was sonst daliegt, muß
+unter die Erde. Auf Schweineschlachten kommt Reinemachen!« Wieder lachte
+alles und ging fröhlich an das Werk. Eine Stunde später, als der Mond
+herauskam, sah der Knüppeldamm so blank aus, wie am Morgen.
+
+Am anderen Nachmittage traf sich das junge Volk in Engensen im Kruge und
+tanzte, daß die Deele donnerte, aber der Wulfsbauer sorgte dafür, daß
+nicht zu viel getrunken wurde und daß rund um den Krug und nach allen
+Richtungen um das Dorf Wachtposten standen. Er selber stand an der
+großen Türe und sah zu, rauchte und trank ab und zu einen Schluck Bier
+aus dem Kruge, den er neben sich stehen hatte.
+
+Ein Mädchen fiel ihm auf; sie mochte knapp achtzehn Jahre alt sein,
+hatte ein Gesicht wie Milch und Blut, Haare wie Haferstroh und war wie
+eine Tanne gewachsen. Sie tanzte mit einem langen, dünnen Bauernsohn,
+der ein Gesicht hatte wie ein Pott voll Mäuse. Ein jedesmal, wenn sie an
+Harm vorbeitanzte, sah sie ihn an, als wollte sie ihm ihr Herz vor die
+Füße legen. Es war Drewes zweite Tochter Wieschen, hörte er, von der man
+sagte, sie sei rein wie Nesselkraut, und mehr als einer von den Jungens
+im Dorfe hatte ein dickes Maul mitgenommen, wenn er einen Süßen von ihr
+haben wollte.
+
+Als ein neuer Tanz gespielt wurde, tanzte sie bloß einmal rund und als
+sie bei dem Ödringer war, machte sie sich von ihrem Tänzer los und
+sagte: »Nu kann ich nicht mehr. Himmel, was hab' ich für'n Durst!« Harm
+hielt ihr den Krug hin. Sie wurde über und über rot, lachte ihn an und
+sagte: »Sollst auch bedankt sein!« Er sah an ihr herunter und zeigte mit
+dem Kopfe nach ihrem Tänzer: »Ist das dein Bräutigam?« Sie schüttelte
+den Kopf: »Nee, ich hab' noch keinen,« und dabei sah sie ihn wieder so
+an, wie vorher.
+
+Aber da schrie der Wirt »Feierabend!« und mitten im Singen hörte das
+junge Volk auf. Wieschen gab Harm die Hand und sagte: »Sollst dich mal
+bei uns sehen lassen, Wulfsbur; seit Mutter tot ist, wird Vater so
+wunderlich. Und nun gute Nacht auch und gute Reise!«
+
+Harm steckte noch das Bier im Geblüt, als er sich auf den Heuboden
+hinlegte, und als er beim Einschlafen war, ging ihm immer das Lied im
+Kopfe rund, das die jungen Leute zuletzt gesungen hatten:
+
+ Kumm üm de Middenacht,
+ kumm um Klock een!
+ Vadder slöpt, Mudder slöpt,
+ ick slap alleen.
+
+
+
+
+Die Wehrwölfe
+
+
+Harm blieb für das erste im Bruche. Er hatte allen möglichen
+landfahrenden Leuten, soweit es nicht Raub- und Mordgesindel war, von
+der vielen Beute, die er gemacht hatte, manchen Taler zukommen lassen,
+damit sie bei Drewes in Engensen oder anderswo Nachricht hinterlassen
+sollten, wo er das Heilige Kreuz und den Säugling antreffen konnte, denn
+er hatte gesagt, er hätte ein Geschäft mit ihnen vor.
+
+Er besprach sich nun mit Ulenvater über das Leben, das die Ödringer auf
+dem Peerhobsberge führten. »Das schlimmste ist,« sagte er, »sie lauern
+darauf, daß der Krieg aufhören soll und solange behelfen sie sich mit
+Hungern und Nichtstun. Das ist verkehrt! Wir müssen so tun, als ob wir
+ewig und drei Tage hier bleiben wollen. Mit Reden richtet man aber
+nichts aus, und deshalb wollen wir beide uns ein regelrechtes Haus
+bauen, und soweit es geht, auch Land unter den Pflug nehmen. Du sollst
+sehen, einer nach dem anderen tritt dann in unsere Stapfen.«
+
+Der Alte nickte: »Da hast du völlig recht; das habe ich mir auch schon
+gesagt, denn wenn ich auch heute oder morgen sterben kann, sündhaft ist
+es darum doch, die Hände in den Schoß legen und unserem Herrgott den Tag
+abstehlen. Und diese Örtlichkeit ist gar nicht so uneben! Selbst in
+Regenjahren kommt das Wasser hier nicht her, und der Boden ist gut, und
+wenn später ein Durchstich nach der Wietze gemacht wird, und der Busch
+wegkommt, dann sollst du mal sehen, was hier nicht alles wächst!«
+
+Es gab einen großen Aufstand auf dem Berge, als es hieß: »Der Wulfsbauer
+und Ulenvater bauen sich ein festes Haus!« Es waren aber kaum die
+Ständer eingesetzt, da fing schon ein anderer an, es ihnen nachzutun,
+und es war schön anzusehen, wie gerade mit einem Male wieder die Männer
+gingen, welche blanken Augen die Frauen bekamen und wie auch die Kinder
+sich herausmachten, denn nun hatten sie doch wieder an etwas anderes zu
+denken, als an ihr Unglück.
+
+Der Wulfsbauer sparte nicht; er hatte Geld genug, und so holte er
+Zimmerleute und Tischler aus den Nachbardörfern heran, und als das Haus
+fertig war, und weder die Pferdeköpfe an den Windbrettern noch der
+Spruch über der großen Türe fehlte, da sagten alle: »Es ist wirklich ein
+schönes Haus, alles was recht ist, wenn es auch man halb so groß ist und
+nicht so bunt, wie das alte Haus.«
+
+Der Spruch aber, den Harm Wulf in den Torbalken hatte einhauen lassen,
+hieß: »Helf dir selber, so helft dir unser Herre Gott.« Das gefiel manch
+einem erst nicht recht. Aber als dann der Wulfsbauer seine Hausrichte
+gab, wurden sie anderer Meinung. Alles war eingeladen, was im Bruche
+wohnte und noch allerlei Freundschaft aus der Haide. Wulf hatte
+reichlich für Essen und Trinken gesorgt und auch für Musik, aber er
+hatte auch sagen lassen, jedweder sollte sich so fein machen, wie sonst
+zum Burgdorfer Martinsmarkt. So sah es bunt und lustig vor dem Hause aus
+von roten Kleidern und weißen und blauen Röcken, und alle Gesichter
+waren voller Freude.
+
+Es war einer von den Tagen, an dem Sonne und Regen hintereinander her
+sind, wo aber die Sonne die meisten Trümpfe vorweisen kann. Ein frischer
+Wind ging, daß das Laub in den jungen Eichen rauschte und die Fuhren und
+Tannen nur so brummten, und die Kränze aus Hülsen und die langen Ketten
+aus Tannhecke hin und her flogen; die weißen Bänder daran wehten und die
+bunten Eierschalen klingelten und klapperten, daß die Kinder vor
+Vergnügen nicht wußten, wo sie sich bergen sollten.
+
+Als alle da waren, kam Ulenvater aus der großen Türe und hinter ihm der
+Bauer. Er hatte sich seinen Bart abgenommen und trug den blauen, rot
+ausgeschlagenen Rock mit den blanken Talerknöpfen. Die großen Kinder
+stellten sich zusammen, Fiedelfritze aus Mellendorf gab den Ton an und
+hell klang das Lied: »Großer Gott, dich loben wir.« Alle Männer nahmen
+die Hüte ab und sangen mit, und die Frauen auch, und da war nicht einer,
+dem das Wasser nicht in die Augen kam.
+
+Dann stellte sich Ulenvater vorne hin und sprach: »Alle, die wir hier
+versammelt sind, Mannsleute und Frauen, Knecht, Magd und Kind,
+Boshaftigkeit und Niedertracht haben uns von Haus und Hof gebracht. Also
+schwer uns das Unglück schlug, daß wir allhier im wilden Bruch wie die
+Wölfe uns müssen verstecken, daß uns die Mordbrenner nicht entdecken.
+Anfangs haben wir meist verzagt, haben gegreinet und geklagt, dachten,
+ach wären wir besser tot, als so zu leben in Ängsten und Not. Haben uns
+aber noch besonnen und dies Haus zu bauen begonnen, haben es glücklich
+emporgebracht, weil uns schützte des Herren Macht.«
+
+Alle, die da standen, sahen den alten Mann, dessen Augen so fröhlich und
+doch so absonderlich aussahen, groß an, und die Kinder standen mit
+offenen Mäulern da und wußten nicht, was sie zu Ulenvater sagen sollten.
+Das war ja gerade, als wie in der Kirche! Aber nun holte er tief Luft,
+machte ein anderes Gesicht und fuhr fort: »Und weil das Haus nun fertig
+steht, und nichts dran fehlt, so wie ihr seht, so wollen wir nach altem
+Brauch den Tag beschließen in Freuden auch, essen, was uns der Herr
+bescheert, und mit Verstand, wie es sich gehört, hinternach auch lustig
+sein bei einem Glas Bier oder Branntewein; und nun, liebe Freunde,
+tretet ein!«
+
+War das ein Leben und ein Lachen! Die Altmutter Horstmann, die noch
+keiner wieder hatte lachen sehen, seitdem sie aus dem alten Dorfe hatte
+herausmüssen, gnickerte in einem fort vor sich hin und brummte: »Nee,
+dieser Ulenvater aber auch, was der für Kneepe im Koppe hat!« und Klaus
+Hennke, der größte Drögmichel von allen, lachte hellwege weg. Eine so
+lustige Hausrichte hatte es sogar oben im Dorfe noch nicht gegeben. Und
+wenn auch kein Tropfen Honigbier und kein Glas Wein auf dem Tische
+gewesen wäre, es wäre doch toll genug hergegangen. Schon beim Essen
+waren alle mächtig aufgekratzt, und als der Tanz losging, erst recht,
+und wilder und höher waren die roten Röcke noch keinmal geflogen und
+das, was darin war, als auf des Wulfsbauern Hausrichte.
+
+Aber er hatte auch an alles gedacht. Dünnbier war da und Met, und zwei
+Fässer Mumm und ein Tabak, wie ihn noch keiner geraucht hatte, und das
+war auch kein Wunder, denn den hatten Drewes und seine Haidgänger vor
+einiger Zeit einer Kolonne abgenommen und zwölf Fässer spanischen Wein
+dazu, der so süß wie Honig war, und davon bekamen die ganzen alten
+Männer und Frauen jeder ein oder zwei Glas zur Herzstärkung. »Ich bin
+nun all im neunzigsten Jahre oder so herum,« sagte der Hausmann vom
+Bollenhofe, »aber so gut ist es mir noch keinen Tag in meinem Leben
+nicht gegangen,« und dabei nickte er ganz glücklich seinen Urenkeln zu,
+die alle Backen voll von dem süßen Rosinenbrote hatten, das für die
+liederlichen Weibsleute bestimmt war, die die Waldsteinschen Offiziere
+mit sich herumschleppten.
+
+Sogar Drewes sah anders aus, als die Zeit vorher. Er stand zwischen
+seinen beiden Töchtern, dem großen breiten Lieschen, die mit ihrem Manne
+den Hof bewirtschaftete, und dem schlanken Wieschen, die kein Auge von
+dem Wulfsbauern ließ und nicht mittanzen wollte, weil sie, wie sie
+sagte, nicht gut zuwege war. Aber dabei sah sie aus wie eine
+Rose im Morgentau, und hatte Augen, so blau wie der liebe Himmel, und
+wenn sie lachte, so war das, als wenn die Märzendrossel an zu schlagen
+fangen will. »Nee, Wulfsbur,« sagte sie, als der sie fragte, warum sie
+nicht auch tanzte, »nee, danach ist mir heute nicht ums Herz. Ich kann
+mich gar nicht satt genug sehen, wie lustig die Ödringer sind nach
+alledem, was sie ausgestanden haben! Hör' bloß, was sie singen! Damit
+hast du dir einen Gotteslohn verdient.«
+
+Bis zehn dauerte der Tanz, aber er hielt noch lange vor. Von da ab hörte
+man die Männer wieder flöten und die Mädchen sangen bei der Arbeit, und
+wenn es auch Arbeit für Mannsleute war, die sie tun mußten. Denn Wulf
+hatte es den Leuten klar gemacht, daß es nun erstens nötig wäre, die
+Burg zu befestigen, daß dreihundert Mann sie nicht erstürmen konnten,
+und daß das, was im Herbst vergessen war, jetzt gemacht werden mußte. So
+wurde der Burggraben tiefer und der Wall höher gemacht und sowohl die
+Grabensohle, wie die Wallwand wurde dicht an dicht so mit langen spitzen
+Pfählen besetzt, daß kaum eine Katze, geschweige denn ein Mensch
+durchkonnte. Zudem wurde rings um den Wall ein Verhau aus Dornbüschen
+gemacht, so hoch und so dicht, daß selbst der Teufel und seine
+Großmutter nicht darüberweg konnten. Rund um die Burg waren an allen
+Zuwegen Wolfsangeln in die Bäume geschnitten und das bedeutete: »Wahr'
+dich, denn vor dir ist ein Loch, und wenn du da hineinfällst, bist du
+des Todes!« Dazu kam noch, daß die beiden Fahrwege jeder viermal mit
+Schlagbäumen versperrt werden konnten.
+
+Alles das hatte Wulf bei seinen Streiffahrten hier und da gesehen und
+sich eine Lehre daraus genommen, und zur größeren Sicherheit hatte er an
+vier Stellen auf dem Sandberge im Bruche Auskieke in den Kronen der
+Wahrbäume machen lassen, in denen den Tag über Jungens als Wachtposten
+saßen, die Hörner bei sich hatten und bliesen, wenn die Luft unrein
+wurde.
+
+Es dauerte nicht lange, und alles, was kein reines Hemd anhatte, machte
+einen Bogen um das Bruch, denn es hatte sich herumgesprochen, daß es da
+nicht geheuer war. Ab und zu sah man Männer mit schwarzen Gesichtern in
+dem Busche, und an mehreren Stellen waren zwei Fuhrenbäume kahl gemacht
+und ein dritter darüber genagelt, und zu allermeist hing ein Mann mit
+seinem Halse daran, oder zwei oder drei und kein Mensch wußte, wer es
+war und wer sie gerichtet hatte, ausgenommen die Bauern in der Runde,
+und wenn der Wind die Galgenfrüchte hin und her wehte, lachten sie und
+sagten: »Die Bruchglocken läuten heute aber fein!«
+
+Dieweil der Winter milde war, konnte allerlei Arbeit getan werden. Die
+Bauern rodeten den Busch auf dem Peerhobsberge, teilten das Land ein und
+verlosten es, zogen Gräben und Wälle um die Weidekoppeln, holten die
+großen Steine aus der Haide und brachen den Ort im Bruche, damit sie
+Grundmauern und feste Wände machen konnten.
+
+Als der Hornung zu Ende war, sah es auf dem Peerhobsberge schon anders
+aus, als im Herbste, zumal es an Nahrung nicht gebrach. Denn Fleisch
+lieferte das Bruch genug; es war lebendig voll von Hirschen, Fische gab
+es in der Wietze in Hülle und Fülle, und für Brot sorgte der Wulfsbauer.
+Er hatte aus dreißig jungen Kerlen eine Schleichtruppe zusammengestellt
+und einen Kundschafterdienst in die Reihe gebracht. Wurde nun gemeldet:
+hier kommt ein Proviantzug oder da sind Marketender, so dauerte es nicht
+lange und es knallte, und dreißig Männer mit schwarzen Gesichtern
+lachten lauthals los und sagten: »Nun kann Mutter wieder Brot schneiden,
+ohne daß sie so niepe zusehen braucht.«
+
+Viekenludolf aus Rammlingen, Windhund bei allem, was einen roten Rock
+anhatte, und der wildeste Tänzer beim Erntebier und wo sonst sich eine
+Fiedel hören ließ, und ein Kerl, der überall gern dabei war, wo man sich
+umsonst zur Ader lassen konnte, der hatte, als sie Ende März drei
+Marketenderwagen des kaiserlichen Heeres bei Seite gebracht hatten, im
+Kruge zu Obbershagen gesagt: »Wir haben nun ein so schönes Kind aus den
+Windeln heraus, aber einen Namen, den hat es noch nicht. Unser
+Hauptmann, der heißt Wulf, und ein richtiger Wolf ist es auch, denn wo
+er zubeißt, da gibt es dreiunddreißig Löcher. Dennso bin ich der
+Meinung, daß wir uns die Wehrwölfe nennen und zum Zeichen, wo wir der
+Niedertracht gewehrt haben, drei Beilhiebe hinterlassen, einen hin,
+einen her und den dritten in die Quer. Und davon soll keiner was wissen,
+als wir dreimal elfe, so sich nennen die Wölfe, und wer darüber das Maul
+aufmacht, der soll zwischen zwei räudigen Hunden mit der Wiede um den
+Hals so lange hängen, bis man nicht mehr wissen tut, wer am mehrsten
+stinkt.«
+
+»Das ist ein Wort, das hat den Kopf vorne und den Steert achtern, wie es
+sich gehört,« sprach der Hauptmann, »und was unser Wolfsbruder da so hin
+gesagt hat, als wenn das bloß ein Spaß ist, als wie er einem beim Biere
+aus dem Maule rutscht, es ist Verstand darin und Einsicht. So, wie wir
+hier sind, dreimal elf Mann, kann uns der leibhaftige Gottseibeiuns
+selber nicht bange machen, und wenn er jetzt mitten unter uns zu stehen
+kommt. Denn was will er uns machen, uns ledigen Leuten, von denen
+keiner Kind und Kegel hat, Viekenludolf vielleicht ausgenommen, der ja
+Hahn bei allen Hühnern sein soll.«
+
+Sie lachten alle, wie die Buchhölzer Hengste, bloß Viekenludolf nicht,
+denn der kratzte sich hinter den Ohren. Als es dann wieder still war,
+ging Wulf weiter: »So müssen wir uns für die Eheleute und die Witfrauen
+und die alten Leute und die Waisen aufnehmen. Aber dazu müssen wir unser
+mehr sein, müssen es auf hundert Mann und darüber bringen, alles Kerle,
+wie wir, die noch lachen können, wenn ihnen ein Stück Hackblei nicht aus
+dem Wege gehen will. So soll sich denn ein jeder einen bis zwei oder
+drei gute Freunde suchen, und die sollen mithelfen, wenn es not tut. Es
+sollen aber alles Junggesellen sein und kein einer, der einziger Sohn
+einer Witfrau ist, soll dabei sein, und wenn einer ein Mädchen mit einem
+Kinde sitzen hat, der soll sich zuvor bedenken, ehe er sich mit uns
+einläßt. Wenn so einer aber Unglück hat, so soll es unser erstes sein,
+daß das Frauenmensch und das Kind nicht Not und Mangel leiden. Und
+anjetzt wollen wir uns verbrüdern auf Not und Tod, Gut und Blut, daß
+alle für einen stehen, und einer für alle, aber wir alle für alles, was
+um und im Bruche leben tut und unserer Art ist.«
+
+Der Wirtssohn, der einer von den dreimal elfen war, mußte das große Glas
+holen. Das Bier wurde beiseite geschoben und edler Wein, der auf der
+Landstraße zwischen Burgdorf und Celle für umsonst gewachsen war, kam
+auf den Tisch. Sie standen alle auf, hakten die Arme ineinander, daß es
+einen engen Kreis gab, und Harm nahm das Glas, trank, gab es
+Viekenludolf, und so ging es reihum, bis es leer war. Dann sang
+Grönhagekrischan aus Hambühren, der stillste von allen, aber ein Mann
+trotz seiner zwanzig Jahre, den Wehrwolfsvers vor, der ihm just
+beigefallen war, und der Hauptmann legte einen weißen Stock auf den
+Tisch, sein langes Messer und eine Wiede und sprach: »So der Stock
+bricht, so das Metz sticht, oder die Wiede wird zugericht'!«
+
+Sie wählten darauf Viekenludolf als zweites Haupt, machten fest, wo und
+wann sie sich regelmäßig treffen wollten, und auf welche Weise der eine
+dem anderen Nachricht geben sollte, ohne daß dem Boten alles aufgedeckt
+zu werden brauchte, und dann gingen sie auseinander. Der Peerhobstler
+blieb noch eine Weile mit dem Wirtssohn sitzen, denn er hatte eine
+Botschaft aus Wietze bekommen, daß die Leute, die er suchte, sich in
+Ahlden hatten blicken lassen. Er hatte vor Arbeit und Geschäften manchen
+Tag nicht mehr an sie gedacht; jetzt aber standen sie ihm wieder alle
+Stunden vor den Augen, und er hatte sich vorgenommen, nicht eher locker
+zu lassen, bis er ihnen ihren verdienten Lohn bei Heller und Pfennig
+ausgezahlt hatte.
+
+So ritt er denn, als am anderen Mittag Thedel mit Grieptoo ankam, los.
+Den Hund hatte er in der letzten Zeit meist immer bei sich, denn er
+hatte es herausgebracht, daß der eine Hauptnase hatte und zwischen
+hundert Mann den herausfand, auf dessen Fährte er ihn legte. Ohne Hund
+hätte er den Zigeuner, der mit sechs Stehldieben die Gegend unsicher
+machte, nicht in der Erdhöhle im Bissendorfer Holze aufgespürt und zur
+Warnung aller unehrlichen Leute samt seinen Spießgesellen vor dem Dorfe
+an die Birkenbäume hängen können, und ohne ihn wäre er einmal beinahe
+den Mannschaften des Tilly in die Finger gefallen, die hinter ihm her
+waren, als er ihnen wieder einmal den Brotkorb höher gehängt und den
+Bierkrug vor dem Maule aus der Hand geschlagen hatte.
+
+Es war einer von den Vorjahrstagen, an denen der Morgennebel sich, so
+lange er es eben kann, vor die Sonne stellt. So wurde es meist elfe, ehe
+die Sonne ihn unter die Füße bekam, aber dann wurde es um so schöner, so
+daß sogar Thedel, der sonst ganz und gar bei der Arbeit war, alles mit
+Augen sah, was auf dem Boden lebte und in den Lüften webte, und dem
+Bauern war nicht anders zumute. »Junge,« sagte er, »das ist ein Tag, bei
+dem hat sich unser Herrgott aber mächtig viel Mühe gegeben! Wenn es sich
+irgend machen läßt, dennso möchte ich heute den Finger nicht gern krumm
+machen, und ich glaube, du würdest auch lieber sehen, ob du Ehlers Hille
+nicht im Schummern irgendwo antreffen könntest, wo euch keiner in die
+Möte kommt.«
+
+Thedel ritt vor ihm und hatte die Sonne im Gesichte, und seine Ohren
+sahen mit einem Male aus als wie zwei Klapprosen. Er sagte nichts, gab
+aber einen Seufzer von sich, der so lang und so dick wie ein
+Pferdeschwanz war, so daß Harm herzlich lachen mußte.
+
+»Na,« sagte er, denn er sah, daß der Knecht ein Gesicht machte, wie der
+Zaunigel, wenn ihn der Hund anbellt, »was nicht ist, kann noch werden.
+Vorläufig haben wir ja noch andere Arbeit vor, und erst die Arbeit, dann
+das Vergnügen, sagt Viekenludolf, da schlug er Kassenkrischan drei Zähne
+in den Hals und ging mit seinem Danzeschatz in den Grasgarten. Aber
+wenn zwei gewisse Leute das Fliegen gelernt haben, ohne daß sie gerade
+heilige Engel geworden sind, dann, Niehusthedel, sollst du ein Haus zu
+eigen haben mit einem großmächtigen Bett und einer glatten Frau drin,
+wenn du willst, und es soll mich nicht wundern, wenn sie vorne Hille und
+hinten Ehlers heißt, Arme, wie ein paar Fuhrenbäume und Haare, wie das
+Gras da hat, wo die Sonne so aufliegt.«
+
+Er hielt den Schecken an, der mit der Zeit vergessen hatte, daß er ein
+Rappe sein sollte: »Was hat denn der Hund da? Der steht ja, als wenn da
+ein Mensch ist, denn für umsonst hält er den Kopf nicht so dumm und
+stellt sich auf drei Beine! Wollen doch mal zusehen!« Er ritt langsam
+hin und sagte dann: »Stimmt! Ganz, wie ich es sagte: ein Mensch! Ein
+Frauenzimmer anscheinend, das barfuß geht, aber kein Taternweibsstück,
+denn die großen Zehen stehen einwärts. Aber jung ist sie und groß ist
+sie, und mager, und Angst hat sie gehabt. Sie kann dazu auch krank sein,
+denn sie hat von dem Birkenbaum bis hierher zweimal umgeknickt, und hier
+hat sie einmal niedergesessen. Wollen doch mal zusehen, wo sie ist. Weit
+kann sie nicht sein, denn die Spur steht nagelfrisch im Sande, und kein
+Tau ist auch nicht drin. Grieptoo, daher! So, Thedel, nimm du den Hund
+an und gib mir Wittkopp, aber halte die Hand am Hahn; der Deubel kann
+sein Spiel haben!«
+
+Er nahm den Zügel des Blässen in die linke Hand und machte die Pistolen
+locker, und dieweil Thedel mit dem Hunde am Riemen die Spur hielt,
+folgte er ihm auf den Hacken nach, scharf Umschau haltend, ob nicht
+irgendwo ein Dorn im Grase war. Sie waren so bis vor ein altes
+Steingrab gekommen, das ganz von Machangeln und Hülsen bewachsen war,
+als der Hund stand. Thedel faßte ihn mit der linken Hand unter die
+Halsung, hielt in der rechten die Pistole und ging sachte Schritt um
+Schritt vor, und hinter ihm hielt der Wulfsbauer und hatte scharf
+gemacht.
+
+»Ein Zaunigel oder ein Ilk oder eine Adder ist es nicht,« dachte der
+Bauer, denn Grieptoo wedelte. Aber dann fuhr er zurück, denn so wie
+Thedel die Büsche beiseite bog, schrie ein Frauenzimmer auf, und so
+schrecklich schrie sie, daß es Harm durch Mark und Knochen ging. Als er
+näher ritt, sah er halb unter den Steinen ein Mädchen auf den Knien
+liegen, das hatte die Hände unter dem Mund gefaltet, machte Augen, als
+wenn ihr ein Messer am Halse saß, zitterte am ganzen Leibe und
+schrie: »Ach Gott, ach Gott, ach Gott, tut mir doch nichts, tut mir doch
+nichts! Meinen lieben Vater haben sie totgemacht, meine gute Mutter
+haben sie umgebracht, um unseres heiligsten Herrn Jesu Leiden und
+Sterben willen, tut mir nichts und laßt mich hier sterben!«
+
+Der Knecht riß den Hund zurück und machte ein ganz unglückliches
+Gesicht, und der Bauer sah hin und her, als ob es ihm selber an das
+Leben gehen sollte. Dann steckte er die Pistole fort, hob die Schwurhand
+in die Höhe und rief über den Hals des Schecken dem Mädchen zu: »Wir tun
+keinem was, so er nicht ein Erzhalunke ist. Wir sind ehrliche und
+rechtliche Bauern und haben selber genug ausgestanden. Habe man keine
+Bange!« Er zeigte auf den Hund. »Kiek, wie Grieptoo mit dem Steert
+wackelt! Bei wem er das tut, der braucht vor uns keine Angsten zu
+haben. Siehst du, Mädchen, der Hund will dich lecken. So recht, mein
+Hund, so brav, Grieptoo! Die arme Deern braucht nicht zu schreien.
+Thedel, laß ihn man los!«
+
+Der Hund ging schweifwedelnd und mit kleinen Ohren auf das Mädchen zu,
+leckte ihm die Füße und dann das Gesicht und knurrte und fiepte, und mit
+einem Male nahm ihn das Mädchen in den Arm, drückte ihn an sich, küßte
+ihn, weinte erbärmlich los und rief, indem sie die beiden Männer ansah:
+»O Gott Lob und Dank! Ja, ich sehe es euch an den Augen an, ihr seid
+rechtliche Leute und werdet mir nichts tun.«
+
+Dann fiel sie auf ihr Gesicht und blieb so liegen, und ihr Haar, das so
+rot war, wie ein trockener Machangelbusch in der Sonne, fiel lang vor
+sie hin.
+
+Wulf stieg ab und gab Thedel die Pferde zu halten. Er nahm das Mädchen
+auf und brachte es dahin, wo die Sonne das Haidmoos abgetrocknet hatte,
+zog seine Jacke aus, drehte sie zusammen und legte sie ihr unter den
+Hals. Dann bog er einen breiten Machangelbusch nieder, schnitt ihn ab
+und steckte ihn so ein, daß er seinen Schatten auf das Gesicht der
+Jungfer warf. Einen Augenblick sah er sie genau an, indem er bei ihr
+kniete; sie hatte schwarze Höfe unter den Augen, ihre Backen waren
+eingefallen, am Halse sah man alle Sehnen und Adern, und ihre Lippen
+waren kreideweiß.
+
+Er schüttelte den Kopf und stand auf. »Sie ist vor Hunger halb tot und
+halb vor Angst.« Er machte das Sattelholster auf, holte die Flasche
+heraus, goß etwas Wein in seine Hand, kniete nieder und, nachdem er dem
+Mädchen ein bißchen davon auf die Lippen hatte laufen lassen, rieb er
+ihr mit dem Rest die Nase und die Schläfen. Sie schlug die Augen auf,
+machte wieder das Gesicht, als wie da, wo sie die Männer zu allererst
+sah, versuchte dann sich aufzurichten, fiel aber wieder auf die Jacke
+zurück und sagte: »Mich hungert so; o, wie mich hungert!«
+
+Harm hatte schon das Holster in der Hand. Er setzte sich neben sie,
+brach ein ganz kleines Stückchen Brot ab, denn er sah, wie ihr das
+Wasser aus dem Munde lief, als sie das Brot roch, gab es ihr und sagte:
+»Langsam! Je langsamer, daß du essen tust, desto mehr sollst du haben.«
+Aber sie konnte es nicht herunterkriegen, so viel sie auch schluckte und
+würgte, und da goß er aus der Flasche ein bißchen von dem spanischen
+Wein in seine Hand und gab ihr das ein, und als sie das herunter hatte,
+da seufzte sie tief auf, lächelte dumm und gibberte mit beiden Händen
+nach dem Brote hin.
+
+Der Bauer nahm sie in den Arm, als wenn sie ein kleines Kind war, und
+hielt das Brot so, daß sie jedesmal nicht mehr als ein Stück, wie ein
+Fingernagel groß, abbeißen konnte, und dazwischen gab er ihr ebenso
+kleine Stücke Salzfleisch und ab und zu von dem Weine. Es wurde ihm
+ordentlich leicht um das Herz, als sie immer ruhiger aß und trank und
+nicht mehr so blau unter den Augen anzusehen war und die Hände
+stillhalten konnte. Dann legte er ihr auf den Holsterdeckel das Brot und
+das Fleisch hin, stellte die Flasche daneben und sagte: »So, nun bist du
+so weit, daß du allein fertig werden kannst und dich nicht krank essen
+tust,« und dabei nahm er seinen Arm von ihren Schultern weg.
+
+Das Mädchen sah ihn so an, daß ihm die Binde um den Hals zu eng wurde
+und da merkte er, was für ein Bild von Mensch sie war trotz des
+ungemachten Haares, und obzwar sie im Gesicht schmutzig war und überall
+geschunden. Und dann merkte er auch, daß sie an sich heruntersah, und
+heimlich ihr Hemd unter dem Halse zumachen wollte, aber das war kurz und
+klein gerissen und das Leibchen hing so um sie herum, daß er die drei
+halb roten, halb schwarzen Schrammen gewahr wurde, die ihr kreuz und
+quer über die Brust gingen.
+
+»Thedel,« rief er, »geh' mal nach dem Anberge, wir müssen aufpassen!«
+Der Knecht tat, wie ihm geheißen war. Wulf band sein Brusttuch ab, legte
+es dem Mädchen von hinten über die Schultern und zurück, so daß er es
+ihr im Kreuz zusammenbinden konnte. »Es ist doch noch immer frisch,«
+meinte er und nickte ihr zu; »du könntest dir was wegholen.« Indem zog
+er auch schon die Schuhe aus, band sich die Kniebänder los, zog die
+Strümpfe ab und gab sie ihr mit den Worten: »Reichlich weit sind sie ja
+wohl, aber wenn einer man 'ne Kuh hat, kann er keine Ziegenmilch
+verkaufen,« und dabei lachte er.
+
+Aber er bekam einen Kopf, wie ein Legehuhn, und ihm wurde, als wenn er
+auf einen Ameisenhaufen zu sitzen gekommen war, als sie ihn groß ansah,
+die Hände faltete, die Augen überlaufen ließ und mit einem Male seine
+Hand zu fassen kriegte, sich bückte und ihm die Hand küßte, daß sie naß
+von ihren Tränen wurde. Fast grob stieß er sie zurück und fragte: »Bist
+du auch satt? Wir haben noch genug und die Katz soll uns den Magen schon
+nicht hinter die Stachelbeeren schleppen. Aber nun wollen wir zusehen,
+daß wir irgendwo Wasser zu finden kriegen, denn ein Spiegelglas pflege
+ich nicht bei mir zu haben, wogegen ich ein Stück Band habe, daß du dir
+das Haar ein bißchen machen kannst.« Er machte einen langen Hals. »Da
+unten sind Ellern, und wo die sind, ist eine Beeke, und wo eine Beeke
+ist, pflegt Wasser zu sein. Denn so wollen wir los!«
+
+Er nahm sie auf den Arm und ging mit ihr nach dem Grund. »Wie leicht sie
+bloß ist!« dachte er und dann wurde ihm sonderbar zu Sinne, denn ihr
+Atem ging ihm über den Mund und ihr Haar roch, daß ihm die Brust eng
+wurde, und zudem fühlte er, wie ihr Herz schnell gegen das seine schlug,
+und das wurde davon angesteckt. So war er heilsfroh, als er sie bei der
+Beeke absetzen konnte, aber ehe er sie für sich ließ, brach er einen
+Ellernzweig ab, nahm ihr am Fuße Maß und sagte lachend: »Jetzo muß ich
+mich an das Schustern begeben! Und wenn du wieder in der Reihe bist,
+dennso kannst du dich ja melden.«
+
+Thedel wußte nicht, was er sagen sollte, als der Bauer ihn anwies: »Zieh
+die Stiefel aus!« Aber er machte ganz krumme Augen, als Wulf das Messer
+nahm und die Krempen, Thedels größter Stolz, abschnitt, und erst, als er
+sie aufschnitt und Löcher hineinstach und eine Strippe durchzog, wußte
+er, was das zu bedeuten hatte, und da sagte er: »Erst wollte ich meist
+falsch werden, denn ich dachte, du wolltest mir einen Schabernack vor
+die Tür stellen.«
+
+Das Mädchen hätte beinahe gelacht, als Wulf ihr die Strippenschuhe gab,
+aber sie nahm sie gern, denn sie ging in den Strümpfen auf der Haide,
+wie die Katze über die nasse Dele. »Alles in Ordnung?« fragte der Bauer
+sie, und als sie nickte, nahm er sie um, hob sie auf den Schecken und
+setzte sich hinter sie. »Thedel, reite vorweg,« rief er, »denn ich kann
+so meine Augen nicht recht brauchen!«
+
+Der Himmel hatte sich noch mehr aufgehellt; die Dullerchen sangen aus
+ihm heraus, die Moormännchen stiegen auf, zwitscherten und ließen sich
+nieder, der Post war am Aufbrechen, und hier und da steckte sich ein
+Weidenbusch gelb an. Harm ließ den Schecken Schritt gehen. »Denn,« sagte
+er, »da wir doch einmal Aufenthalt gehabt haben, soll es uns auf die
+Zeit nun auch nicht mehr ankommen!«
+
+Ihm war leicht um das Herz. Er dachte, es war, weil er ein armseliges
+Menschenkind geborgen hatte, aber wenn er ihr Haar roch und ihr Herz
+schlagen hörte und ihre Backe ansah, so mager, so blaß und doch so
+schön, und das kleine feine Ohr, das die roten Locken ab und zu
+freiließen, und den dünnen weißen Hals, der aus dem roten Tuche
+herauskam, und ihre Hand, die auf seinem Schenkel lag, und wenn er
+fühlte, wie ihr linker Arm um seinen Leib war, dann wußte er nicht: ist
+das nun schön oder ist das scheußlich? Aber im allgemeinen gefiel es ihm
+so, wie es war, doch ganz gut.
+
+»Siehst du die beiden Hainottern?« fragte er sie und zeigte mit dem
+Kopfe an ihrem Gesichte vorbei dahin, wo zwei Waldstörche über einer
+Wohld in die Runde flogen, daß es nur so blitzte und blinkerte. Das
+Mädchen nickte. »Da wollen wir hin. Da sollst du dich erst einmal nach
+Lusten ausschlafen und hinterher wollen wir dafür sorgen, daß du sonst
+in die Reihe kommst. Und damit du es weißt: ich heiße Harm und war auf
+dem Wulfshofe zu Ödringen Bauer, bis eines Tages der Teufel seine
+Knechte auf uns losließ. Und nun leben wir denn jetzt, wie der Wolf auf
+der Haide und der Adler über dem Bruche, bloß daß wir keine Hasen fangen
+tun, denn so sind wir nicht, nämlich wir jagen man bloß auf Füchse und
+allerhand anderes Beisterzeug. Und das da ist Niehusthedel, dem geht es
+just so, man er hat mit der Zeit irgendwo sein Herz bei einem Mädchen in
+der Schürze vergessen, und so hat er es ganz gut, denn wer was will, der
+hat schon was.«
+
+Er hörte auf, denn er wunderte sich, wie er dazu kam, diesem Mädchen,
+das er gar nicht kannte, und von dem er nicht wußte, woher sie war, und
+was mit ihr los war, seine halben Trümpfe zu weisen. Aber dann merkte
+er, daß seine Zunge von selber Galopp ritt. »Wie heißt du denn?« fragte
+er, und als sie sagte: »Johanna«, meinte er: »Und was willst du jetzt
+anfangen?« Sie drehte ihm das Gesicht zu und sah ihn an: »Behalte mich
+bei dir; ich kann allerlei und will gern alle Arbeit tun, die es gibt.
+Was soll ich bloß anfangen, wenn ich nicht bei dir bleiben darf? Bitte,
+bitte, behalte mich bei dir! Deine Frau braucht vielleicht eine Magd.«
+
+»Hör' zu,« sagte er, und seine Stimme hörte sich mit einem Male an, als
+wenn Asche darauf war, »ich habe keine Frau. Ich bin ein Mann, der wie
+der Mausaar da in der Luft ist. Aber ich sehe es dir an, daß kein Falsch
+in dir ist, und wenn es dir bei uns gefallen tut, dennso sollst du gern
+bei uns bleiben. Also sorgen brauchst du dich nicht. Die nächste Zeit
+kommen wir freilich nicht nach Hause, weil ich ein Geschäft hier herum
+habe. Und das ist derart, daß es besser ist, du gehst vorläufig als
+Mannsbild durch. Auf einem Pferderücken kannst du dich halten, das sehe
+ich. Weiter brauchst du nichts.«
+
+»Ich will alles tun, was du willst,« antwortete sie, und er mußte
+wegsehen, denn er hielt die Augen, die sie ihm machte, nicht aus. »Und
+nun, damit du es weißt, wer ich bin,« sagte sie, »mein Vater war
+Prediger im Bayrischen. Wir lebten in Frieden, bis der Krieg kam. Da
+ging das halbe Dorf in Flammen auf und die meisten Leute kamen um. Da
+suchte Vater sich eine andere Stelle, und so kamen wir bis in diese
+Gegend, wo die Leute sehr gut zu uns waren, besser, als anderswo. Vater
+wollte nach Hannover, denn er dachte, daß er vielleicht da wohl ein
+kleines Amt bekommen könnte, denn er hatte Briefe an Ratsherren und
+andere Herren von Ansehen mit. Da holten uns die Tillyschen ein, denn
+ein Taternmädchen, dem ich ein böses Geschwür aufgemacht hatte, sagte
+ihnen, welche Art Leute wir waren, und da waren sie wie die leibhaftigen
+Teufel. Ich will dir das ein anderes Mal erzählen; ich darf jetzt daran
+nicht denken. Ich habe zusehen müssen, wie sie meinen Vater so schlugen,
+daß ihm das Blut aus dem Munde kam, und als meine Mutter ihnen fluchte,
+haben sie sie vor meinen leiblichen Augen im Brunnentrog ersäuft. Ich
+weiß heute noch nicht, wie ich fortgekommen bin. Ich weiß nur, daß sie
+alle betrunken waren, und dann bin ich immerzu gelaufen und erst wieder
+zu mir gekommen, als ich im Busche hinfiel. Und dann bin ich wieder
+gelaufen, was ich konnte und bin wieder hingefallen und habe dagelegen,
+bis ich wieder bei mir war, und habe Gras gegessen und Wurzeln, und bin
+allem aus dem Wege gegangen, das Menschenangesicht hatte. Und dann hast
+du mich aufgefunden.«
+
+Sie warf ihm den anderen Arm um den Hals und legte ihren Kopf an seine
+Brust: »Du willst mich behalten, sagst du? Du bist gut, du bist so gut!«
+Sie weinte, daß die Tränen ihm durch die Hose schlugen, und er ließ sie
+weinen, was sie wollte, denn er merkte, daß ihr das gut tat. Erst, als
+sie dicht vor Jeversen waren, sagte er: »So, jetzt müssen wir absteigen.
+Thedel, sieh zu, wie die Immen fliegen, und ob wir unter oder über dem
+Winde sind. Wir bleiben derweilen im Busche. Und sieh zu, daß du
+Mannszeug bekommst und alles, was dazu gehört, das der Jungfer paßt,
+aber rede nicht weiter darüber, was bloß die Haide wissen braucht.«
+
+Er legte dem Mädchen seinen Mantel hin, drehte seine Jacke zusammen,
+machte ihr ein Kopfkissen daraus und sagte: »Leg' dich hin und schlaf!
+Ich will mich ein bißchen waschen. Grieptoo, dahin! Der Hund wird dafür
+sorgen, daß du geruhig schlafen kannst. Ich bleibe ganz in der Nähe.« Er
+wickelte sie in den Mantel und bettete sie zurecht. Sie lächelte ihm zu,
+wie ein kleines Kind, das zu Bett gebracht wird, seufzte auf und machte
+die Augen zu. Der Hund setzte sich neben sie, beroch sie, und dann legte
+er sich auch hin, behielt den Kopf aber hoch.
+
+Harm hatte schon die zweite Pfeife aus, da kam Thedel erst zurück. Er
+brachte das Zeug mit, und was dazu gehörte, und flüsterte: »Der Wind
+küselt. Im Kruge sitzen vier Leute, die da nicht hingehören und haben
+das große Wort. Der Krüger hat ein Gesicht, wie eine Kattule, so haben
+sie ihn geschlagen, und nun sind sie besoffen und schinden die
+Frauensleute. Kein einer traut sich an sie ran, denn sie haben damit
+geprahlt, daß noch mehr von ihren Leuten nachkommen tun.«
+
+Wulf klopfte seine Pfeife aus. »Hm,« meinte er, »hm, weiß
+Warnekenswibert schon Bescheid und Hilmersheine? Das ist gut; dennso
+wollen wir uns nicht länger aufhalten und mal sehen, was das für Gäste
+sind.« Er nahm das Zeug und ging nach dem Busche. Grieptoo wedelte ihn
+an, daß sein Schwanz laut auf die Erde schlug, und davon wachte das
+Mädchen auf. »Hier!« sagte der Wulfsbauer, »bis eben warst du eine
+Johanna, jetzt mußt du einen Hans aus dir machen. Ich gehe jetzt solange
+beizu, bis du dich umgezogen hast; ich und Thedel, wir haben im Dorfe zu
+tun. Willst du lieber mit dem Hunde bei den Pferden bleiben, oder willst
+du mit uns? Aber ich sage dir, es gibt tote Männer zu sehen! Also du
+willst mit? Schön! Ein Mann muß Wehr und Waffen haben, hier ist ein
+Messer und da nimm die Pistole! Sie ist fertig. Und nun komm! Grieptoo,
+daß du mir keinen an die Pferde läßt!«
+
+Der Hund ließ die Ohren hängen und sah ihnen so lange nach, bis sie um
+die Ecke waren. »Also, hör zu, Hans!« sagte Harm; »es ist wieder
+Gesindel im Kruge, das die Leute schindet. Das können wir nicht leiden,
+und darum wollen wir mit dem groben Besen ausfegen. Du hältst dich immer
+hinter mir, verstehst du, und erst, wenn der Ast an zu knastern fängt,
+kannst du mir die Hand hinhalten.« Er sah nach dem Machangelhagen und
+winkte: »Na, wir haben euch wohl beim Vespern aufgestört?« meinte er zu
+den beiden jungen Leuten, die da standen und das Mädchen ansahen. »Das
+ist ein guter Freund. Und nun wollen wir los! Wer Raben fangen will,
+darf nicht warten, bis sie flügge sind.«
+
+Sie gingen durch einen Eichbusch, stiegen über ein Stegel, gingen quer
+durch eine Deele, und dann sagte Wulf: »Ihr beide geht nun ein jeder für
+sich hin und seht zu, daß ihr bei der Halbetür bleiben könnt, und wenn
+einer aus der großen Türe Wasser gießt, so ist das das Zeichen, daß wir
+kommen sollen. Die Bleiknüppel habt ihr ja wohl? In einer ordentlichen
+Wirtschaft muß man saubere Arbeit machen!«
+
+Die beiden Bauernsöhne lachten im Halse und gingen ab; Harm, Thedel und
+Johanna stiegen über einen Zaun, drückten sich unter den Fenstern des
+Kruges her, und dann sagte der Bauer: »So, Thedel, dennso mach dein
+dümmstes Gesicht!«
+
+Hinter einem Stapel Brennholz blieb Wulf stehen, und das Mädchen stand
+hinter ihm; er fühlte ihren Atem über seiner Halsbinde. Aus dem Kruge
+kam ein rohes Lachen, dann quietschte ein Frauenzimmer. Harm fühlte, wie
+das Mädchen hinter ihm am ganzen Leibe flog. Er drehte den Kopf nach
+ihr. »Hast du Bange!« flüsterte er. »Bange nicht, aber was anderes!«
+sagte sie, und er nickte ihr zu.
+
+In demselben Augenblicke goß die Wirtin einen Eimer Wasser aus der
+großen Türe. »Komm!« flüsterte Wulf, pfiff erst das Brummelbeerlied und
+ging dann laut lachend in das Haus, wo ein Kerl am Feuer saß und die
+jüngste Tochter, ein Kind von zwölf Jahren, in den Klauen hatte, indes
+ein anderer die Magd hin und her zog. Die beiden anderen, die schon
+gehörig einen sitzen hatten, standen da und tranken.
+
+»Na, das geht hier ja mächtig lustig zu!« rief der Ödringer laut; »'n
+Abend zusammen!« Und indem schlug er den Kerl, der vor dem Feuer saß,
+mit dem kurzen Bleiknüppel, den er aus dem linken Ärmel holte, über den
+Kopf, daß der Mensch tot auf die Brandruten fiel, und kaum, daß er
+dalag, klappte der um, der die Magd im Arme hielt, denn Warnekenswibert
+hatte ihn gut bedient. Die beiden anderen Reiter machten dumme
+Gesichter; aber ehe sie recht begriffen hatten, was los war, lagen sie
+über kreuz da, denn Wulf hatte den einen besorgt und Hilmersheine den
+anderen.
+
+»So, nun sind wir unter uns, jetzt gebe ich einen aus,« lachte der
+Wulfsbauer, als das Flett sauber war, und dann fragte er das Mädchen
+leise: »Du hast nun wohl Angst vor uns gekriegt?« Sie sah ihn mit
+blanken Augen an und schüttelte den Kopf. »Na, denn wollen wir vespern,
+und darauf werden wir das Schlafen nötig haben, vorzüglich du, wo du
+dazu in der letzten Zeit nicht gekommen bist. Hast auch Platz für uns
+drei, Kordeskord?« Der Wirt nickte. »Masse, daß heißt, Thedel kann bei
+unserm Knecht schlafen, und ihr beide nehmt die Gästebutze.«
+
+Als Harm mit dem Mädchen allein war, sagte er: »So, nun leg dich man
+hin, Hans; ausziehen brauchst du dich nicht viel, denn wir müssen früh
+los. Du kannst ruhig schlafen, ein ganzes Dorf wacht über uns. Wer wir
+sind, wirst du ja nun gewahr geworden sein. An unseren Händen ist kein
+Blut, höchstens an unseren Bleistöcken, aber das ist auch nicht viel
+mehr wert. Einen Schelm muß man wie einen Schelm begrüßen, und die
+Wespen kriegt man am besten durch kochliches Wasser aus dem Grasgarten.«
+
+Johanna hatte sich kaum lang gemacht, da schlief sie schon. Der
+Wulfsbauer konnte anfangs gar nicht schlafen, denn er mochte sich nicht
+rühren, um das Mädchen nicht aufzuwecken. Allerlei Gedanken gingen ihm
+durch den Kopf, aber zuletzt fielen ihm die Augen doch zu und er
+schlief, bis die Wirtin hereinkam und sagte: »Es ist bei fünfe und die
+Morgenzeit ist fertig.« Damit ging sie fort und ließ den Krüsel auf dem
+Schemel stehen.
+
+Harm stand leise auf und leuchtete hinter der Hand in die Butze hinein:
+»Schade!« dachte er, »sie schläft just so schön!« Aber da seufzte das
+Mädchen tief auf, hob die Hände in die Höhe, machte die Augen auf, und
+als sie den Bauern vor sich sah, flüsterte sie: »Ach so, du bist es!«
+Und dabei lachte sie ihn an. »Ja, nun mußt du aufstehen,« sagte er.
+»Bleibe noch einen Augenblick liegen, ich hole dir erst eine Schüssel
+Suppe und Waschwasser, und unterdessen besorge ich dir ein Pferd, denn
+wir wollen flott reiten.«
+
+Als es eben hellichter Tag war, waren sie bei einem einstelligen Hofe.
+»Hier bleiben wir bis Mittag,« sagte Harm. »Sag mal, Hausfreund, du
+reitest ja wie ein Koppelknecht.« Johanna lachte: »Pastorenkinder lernen
+alles, außer Frommsein,« sagte sie, »und schießen kann ich auch nicht
+schlecht. Aber ich verstehe mich auch auf das Kochen und
+Strümpfestricken.« Wulf lachte: »Das muß ich sagen, denn kannst du mehr,
+als wie ich,« und da lachte sie noch einmal, und er dachte bei sich:
+»Wenn sie noch öfter so lacht, denn wird die Geschichte sengerich für
+mich.«
+
+Wodshorn hieß der Hof; der Bauer sprach kaum ein Wort und die Bäuerin
+auch nicht viel mehr. Sie ließen es aber an nichts fehlen. Um Uhre neune
+kam ein Bauernsohn an und teilte Wulf etwas unter vier Augen mit, und da
+sagte Harm zu Johanna: »Nun müssen wir doch bis morgen bleiben. Das
+beste ist, du legst dich wieder schlafen; ich will das auch tun. Wer
+schlau ist, der ißt und schläft heutzutage im voraus. Du kannst mit der
+Bäuerin ganz offen reden; sie weiß Bescheid. Sie hat ein Herz wie Gold,
+aber sie hat Schreckliches durchgemacht; deshalb spricht sie nicht und
+darum hat sie auch das Lachen verlernt.«
+
+Es war bei zwölf Uhr, da wachte das Mädchen auf. Die Bäuerin stand vor
+ihr und sagte: »Wenn du lieber liegen bleiben willst, denn bringe ich
+dir das Essen in das Bett.« Johanna schüttelte den Kopf: »Nein, dann
+müßt' ich mich ja schämen; ich will aufstehen.« Die Frau lächelte:
+»Willst du auch lieber Mädchenzeug anziehen? Es ist was da, das dir
+passen wird; hier im Hause sind bloß lauter Leute, die nicht mehr reden,
+als sie sollen. Morgen kannst du wieder als Koppelknecht gehen.«
+
+Sie legte ihr den roten Rock, das Leibchen, Strümpfe und Schuhe und
+alles, was dazu gehörte, hin, und als sie nach einer Weile wieder in die
+Dönze kam, und das Mädchen fix und fertig stehen sah, nickt sie ihr zu,
+aber mit eins nahm sie sie in den Arm, küßte sie und weinte an ihrem
+Halse. »Ich hatte zwei Töchter, gesunde, glatte Mädchen, Zwillinge. Alle
+beide haben wir vor einem Jahre tot im Busch gefunden. Wenn es dir in
+Peerhobstel nicht zusagt, komm hierher; du sollst wie eine Tochter
+gehalten werden.« Sie wischte sich die Augen. »Ja, was hilft das Weinen!
+Und es sind mehr da, denen es so gegangen ist, dem Wulfsbur nicht zum
+wenigsten. Ich will dir das verzählen, denn einmal mußt du es doch
+gewahr werden.«
+
+Das Mädchen hörte zu und holte kaum Luft, solange die Frau sprach, aber
+die Tränen liefen ihr über die Backen. »Ja,« sagte der Bauer, der auch
+in die Dönze gekommen war, »den Wulfsbauern hättest du früher sehen
+sollen! Bei dem war jeden Tag Feiertag. Und jetzt, da ist er wie der
+Grauhund, der über die Haide läuft und erst zufrieden ist, wenn er Blut
+lecken kann.«
+
+Nach dem Mittagbrot, bei dem kaum ein Wort geredet wurde, half Johanna
+der Bäuerin im Hause; dann setzten sich beide hinter das Haus auf die
+Bank und strickten. Die Sonne schien warm, im Rasen blühten die
+Osterblumen, die gelben Buttervögel flogen, die Elster suchte sich
+Reisig für ihr Nest, im Holze schlug die Zippe, und über der Wohld
+flogen zwei Addernadler und riefen laut.
+
+Zwei Tage blieb der Wulfsbauer mit Thedel aus. Als er wiederkam, sah er
+müde aus, hatte dunkle Augen und enge Lippen. »Das Geschäft hat sich
+zerschlagen,« sagte er; »heute bin ich zu müde und will erst
+ausschlafen. Morgen früh wollen wir nach Peerhobstel.«
+
+In der Nacht zog ein Gewitter vorüber. Johanna wachte davon auf und
+verjagte sich; aber als sie neben sich die Bäuerin, und vor der Butze
+Grieptoo fest und tief atmen hörte, schlief sie gleich wieder ein. Als
+sie am Morgen das Mannszeug anzog, packte die Frau die Mädchenkleider
+zusammen, machte ein Bündel daraus und sagte: »So, das soll deins sein,
+meine Tochter! Und das du es nicht vergessen tust: auf Wodshorn ist
+immer eine Butze und ein Platz am Tische für dich da.«
+
+Es war ein schöner Morgen geworden; die Moorhühner waren überall zu
+gange, die Kraniche prahlten, die Kiebitze riefen und die Himmelsziegen
+meckerten. Überall in den Gründen war der Post ganz rot, und ab und zu
+stand ein Weidenbusch da, der wie eine helle Flamme aussah. Ein Rudel
+Hirsche zog über die Haide, blieb stehen, als es drei Reiter ansichtig
+wurde, und zog dann schneller dem Moore zu.
+
+Als sie vor Fuhrberg über die hohe Haide ritten, heulte hinter ihnen der
+Wolf. Der Bauer drehte sich um und sagte: »Das sind unsere Leute!« und
+er gab den Wolfsruf zurück. Bald darauf kamen zwei Reiter aus dem
+Busche; es war Viekenludolf und Grönhagenkrischan. »Na, schon so früh
+auf, Ludolf?« begrüßte ihn Wulf; »bist wohl gar nicht im Bette gewesen?«
+Der Dollhund griente: »In meinem allerdings nicht. Schade, daß du
+gestern nicht dabei warst! Wir haben einen guten Zug gemacht. Na, wir
+kommen da ja vorbei; kannst es dir selber ansehen.« Er sah nach Johanna
+hin. »Ist ein Freund von mir, Hans geheißen,« sagte der Ödringer. »Hm,«
+brummte der Rammlinger und wollte grienen, verkniff es sich aber, denn
+der andere lud ihn dazu nicht ein.
+
+Er ritt mit Wulf voran und flüsterte ihm etwas zu. Harm ließ ihn dann
+vorausreiten und fragte Johanna: »Hans, kannst du es mit ansehen, wenn
+ein Birkenbaum faule Äpfel trägt? Es sind ein paar Schandkerle weniger
+geworden auf der Welt. Ich muß dahin; wenn du willst, kannst du mit
+Thedel hier so lange warten.« Das Mädchen schüttelte den Kopf: »Ich
+wollte froh sein, wenn alle Birken so reich tragen wollten; dann hätten
+es alle Menschen, die frommen Herzens sind, besser!« Der Bauer nickte.
+
+Da, wo der Dietweg die Heerstraße schnitt, standen etliche hohe Birken
+beieinander. Fünf Männer und zwei Frauen hingen daran. Über jedem war
+eine aufrechtstehende Wolfsangel in die Rinde gehauen, und der älteste
+Mann, ein Kerl mit einem schwarzen Bart, hatte ein Brett zwischen die
+Hände gebunden; mit Rötel waren darauf folgende Worte geschrieben:
+
+ Wir sind Unser 3 Mal Elve
+ und nennen uns die Wölwe
+ und geben auf jedweden Acht
+ der Lange finger macht.
+
+
+
+
+Die Schnitter
+
+
+Wulf und seine Begleitung blieben bis zur Ulenflucht auf dem Viekenhofe
+in Fuhrberg und kamen erst im Dunkeln nach Peerhobstel. Alles machte
+lange Augen, als es hieß: der Wulfsbauer hat sich eine Magd mitgebracht.
+Aber weil sie sich nicht sehen ließ und alles, was eben helfen konnte,
+alle Hände voll zu tun hatte, so kümmerte sich keiner weiter um sie.
+
+Mit der Zeit wurde Johanna mit den Frauensleuten bekannt. Erst mußten
+sie heimlich über sie lachen, weil sie das rote Haar hatte, hochdeutsch
+sprach und Hände wie eine Edelfrau hatte. Als aber Wittenmutter zu
+liegen kam und die Magd vom Wulfshofe ihr in ihrer schweren Stunde auf
+das beste beistand und auch hinterher jeden Tag dafür sorgte, daß die
+Zwillinge zu ihrem Rechte kamen, sah man, was man an ihr hatte, zumal
+sie sonst wie eine Magd arbeitete.
+
+Die Kinder, die erst mit dem Finger im Munde dagestanden hatten, wenn
+sie ihnen mit der Hand über die Köpfe ging, gewöhnten sich bald an sie,
+und mit der Zeit hatte sie sie alle miteinander jeden Sonntagnachmittag
+um sich; dann erzählte sie ihnen allerhand Geschichten und brachte den
+Mädchen Stricken, Nähen und Stopfen bei.
+
+»Das hat uns hier gefehlt, Harm,« sagte Ulenvater, der das Mädchen
+ganz an das Herz genommen hatte; »nun haben wir einen Schulmeister,
+wie es besser keinen gibt, wenn er auch lange Haare hat. Mit
+Geschichtenerzählen hat es angefangen und jetzt bringt sie ihnen auch
+das Lesen und Schreiben bei. Weißt du was? Krackenmutter ihr Mieken, das
+wäre eine Lüttjemagd für uns; denn hat die andere mehr Zeit für die
+Kinder und die Kranken, denn darauf versteht sie sich wie ein gelernter
+Doktor.«
+
+Der Wulfsbauer war das sehr zufrieden. Als er ihr Grieptoo hielt, der
+sich einen Schlehdorn eingetreten hatte, woraus ein Geschwür geworden
+war, und sie es aufschnitt und dem Hunde die Pfote verbunden hatte,
+fragte er sie: »Sag' mal, was kannst du eigentlich nicht? Reiten kannst
+du, schießen kannst du, der Hausarbeit bist du gewachsen, auf das Vieh
+verstehst du dich auch, kannst mit kranken Leuten umgehen, bist dabei
+auch Schulmeister und Wehmutter und gärtnerst, daß es eine Freude ist;
+wo hast du das alles her, Mädchen?«
+
+Sie steckte sich rot an und sagte: »Reiten mußte ich zu Hause lernen,
+weil ich Vater bei seinen Krankenbesuchen begleitete, und das Schießen
+hat mir der alte Amtmann, Gott hab ihn selig! beigebracht, denn der
+sagte: ein Frauenzimmer hat das noch nötiger als ein Mannsmensch,
+dieweil es mehr zu verlieren hat als bloß das nackigte Leben. Und das
+andere, das kommt wohl, weil Vater Doktor werden wollte, aber aus sich
+heraus später einen anderen Ruf bekam, und weil der Lehrer, den wir
+hatten, besser Hosen flicken konnte, als die Kinder lehren, und da nahm
+sich Vater ihrer an und ich mußte ihm dabei an die Hand gehen. Und von
+meiner Mutter habe ich dann das andere gelernt, besonders das Umgehen
+mit dem Vieh und mit den Blumen, denn darauf verstand sie sich
+vorzüglich.«
+
+Das mußte wohl so gewesen sein, denn sonst hätte es um den neuen
+Hof nicht so glatt ausgesehen. Thedel hatte einen schönen Zaun um den
+Garten gemacht, und da es sich gerade so paßte, kam die Pforte zwischen
+zwei großmächtige Hülsenbüsche zu stehen, die von Johanna so
+zurechtgeschnitten wurden, daß sie ganz gleich aussahen, unten breit und
+oben spitz, und vor die kleine Tür setzte Thedel zwei spitze Machangeln.
+Von allen Blumen und Büschen, die in den wüsten Gärten von Ödringen
+wuchsen, schleppte der Knecht so viel heran als nötig war, und wenn er
+mit dem Bauern über Land mußte, sah er nach, wo schöne Blumen in den
+Gärten waren oder in Töpfen gezogen wurden, und davon ließ er sich
+Ableger geben, so daß er bald allgemein nicht mehr anders hieß
+als der Blumenthedel.
+
+Es war aber auch eine Pracht, wie in dem Garten alles gedieh; zwar für
+die Schneeglöckchen, die Maiblumen und Osterblumen und die Kaiserkronen
+und Pfingstrosen und Tulpen war es in dem Jahre schon zu spät, aber die
+Schlüsselblumen hatten schön geblüht und im Juni hingen alle Zaunecken
+voll von wilden Rosen. Am ganzen Hause kletterten die Efeuranken hoch,
+der Hollerbusch beim Backhause war über und über weiß und die
+Goldlackbüsche waren in der Sonne anzusehen wie kupferne Kannen. Wenn
+dann Johanna an den Büschen sich mit dem Messer zu schaffen machte und
+die Sonne schien ihr auf das Haar und die bloßen Arme, von denen die
+weißen Ärmel weit zurückgingen, und der rote Rock wippte, wenn sie sich
+bückte, um ein Unkraut auszureißen, dann sagte der alte Ul: »Ein
+Staatsfrauensmensch ist es,« und stieß Harm in die Rippen und blinkte
+ihm zu: »wenn ich halb so alt wäre, dennso wüßte ich, was ich zu tun
+hätte. Oder soll sie dir ein anderer wegschnappen? Denn daß sie dir in
+die Augen sticht, das habe ich all lange spitz, und eine bessere Frau
+kriegst du so bald nicht wieder.«
+
+Der Ansicht war der Bauer auch, und mehr als einmal hatte er sich einen
+Stoß gegeben, um dahin zu kommen, wohin er wollte; aber immer war es
+ihm, als wenn ein Graben zwischen ihnen war. Denn was war er? Nicht daß
+er sich minder vorkam, weil sie mehr gelernt hatte, aber er traute sich
+nicht an sie heran, und das um so weniger, je mehr er mit ihr zusammen
+war. Früher war er mit Leib und Seele dabei gewesen, wenn es galt, der
+Haide die Flöhe aus dem Pelze zu klopfen; wenn er jetzt aber im Moore
+lauerte oder im Busche lag, dachte er immer an ein Gesicht, um das das
+Haar so rot war wie die Abendsonne auf den Fuhrenstämmen, und an zwei
+runde Arme, die aus weißen Ärmeln herauskamen. Denn mit Freuden sah er,
+daß Johanna Fleisch und Farbe bekommen hatte; das Leibchen saß ihr prall
+und der rote Rock hing ihr nicht mehr so lose um die Lenden.
+
+Am Johannistage war Ulenvater mit Thedel nach Obbershagen gefahren, wo
+sein Vetter einen Hof hatte. Harm und Johanna waren allein, denn Mieken
+war auf einige Tage zu Hause, weil Krackenmutter nicht ganz munter war.
+Es war den ganzen Tag glühheiß gewesen und gegen Abend kühlte es sich
+keineswegs ab, so daß der Bauer, der mit Johanna im Garten auf der Bank
+saß, meinte: »Wir werden wohl ein Wetter kriegen,« denn über dem
+Halloberge standen dicke Wettertürme. Es wetterleuchtete dann auch immer
+mehr, und Wulf sah, daß jedesmal, wenn die Wolke auseinanderriß, das
+Mädchen mit der Hand nach dem Mieder faßte.
+
+»Hast du Bange?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf: »Nein, es steckt
+mir bloß so in den Gliedern; ich bin ganz alle.« Sie sah auch blasser
+als sonst aus und hatte wieder einen Blick in den Augen wie damals, als
+Grieptoo sie aufgespürt hatte. Harm kam es in den Sinn, wie er sie
+damals im Arme gehalten und wie ein Kind gefüttert hatte, und wie
+nachher, als sie vor ihm auf dem Schecken saß, ihr Haar so gerochen
+hatte, daß ihm ganz sonderbar wurde. Er sah ihre Hände an, die auf ihrer
+Schürze lagen. Sie waren braun geworden und die Arme gleichfalls, aber
+fein und vornehm waren sie deshalb doch geblieben, obzwar sie vor keiner
+Arbeit zurückgingen. »Sie ist und bleibt ein feines Fräulein,« dachte er
+und seufzte so tief auf, daß sie ihn anlachte.
+
+»Das hört sich ja ganz gefährlich an!« meinte sie; »hast du was auf dem
+Herzen, was dich drückt?« Wie sie ihn so lustig von der Seite ansah, da
+dachte er: »Jetzt oder nie!« Aber es blieb beim Denken, denn er wußte
+nicht: »Geht das wohl, daß du sie einfach um den Leib fassen tust, oder
+ist es wohlanständiger, daß du ihr sagst, wie dir zumute ist?«
+
+Da kam ein Kind angelaufen, daß sich einen Splitter eingerissen hatte,
+und nun hatte er es wieder verpaßt. Er aß abends wenig, wußte meist
+nicht, wo er mit seinen Augen bleiben sollte, kam sich überhaupt ganz
+unglücklich in seiner Haut vor und war froh, als es Zeit zum Schlafen
+war, denn das Wetter war zurückgegangen.
+
+Er konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er ärgerte sich über sich
+selber, wußte aber keinen Weg, der ihn zum Busche herausbrachte. Zudem
+hatte er Angst, er könnte es mit dem Mädchen verderben, und so lief er
+mit seinen Gedanken immer in die Runde. Zuletzt mußte er doch wohl
+eingeschlafen sein, denn mit einem Male sah er einen blauen Schein und
+hörte einen harten Schlag; das Wetter war wieder zurückgekommen.
+
+Die Pferde schlugen gegen die Wand, die Kühe rissen an den Ketten. Er
+stand auf, hing sich den Mantel um und ging auf die Deele. Da lief er
+Johanna in die Möte, die ebenfalls im Mantel aus ihrer Dönze kam. Der
+Blitz zeigte ihm, daß sie kreideweiß war. »Ist dir schlecht?« fragte er.
+Sie schüttelte den Kopf. »Es ist bloß das Wetter; im Bett war es mir zu
+stickig.« Aber als der nächste Blitz und hinterher ein gewaltiger
+Donnerschlag da war, schrie sie auf, faßte sich nach der Brust und fiel
+gegen die Wand. Er sprang schnell zu, faßte sie um und führte sie in die
+große Dönze, ließ sie sich auf die Ofenbank setzen und rückte an sie
+heran.
+
+Blitz und Donner kamen auf einen Schlag. Das Mädchen wollte sich
+zusammennehmen, aber ihr Mund behielt den Schrei nicht, und da nahm er
+sie in die Arme, legte ihren Kopf an seine Brust und deckte ihr seinen
+Mantelkragen über das Gesicht; so hielt er sie, ihr ab und zu, wenn es
+wieder blitzte und krachte, die Schultern klopfend und ihr zuredend wie
+einem jungen Pferde, das vor einem Machangel scheuen will. Sie lag ganz
+still und zitterte keinmal mehr, und bloß, wenn das Wetter es gar zu gut
+meinte, fühlte er, daß ihre Hände flogen.
+
+Nach einer kleinen halben Stunde hörte das Blitzen und Donnern auf. Es
+goß wie mit Mollen und es wurde kühl in der Dönze. Er nahm ihr den
+Mantel von dem Gesicht und da merkte er, wie sie ihn fest in den Arm
+nahm, und er fühlte, daß zwischen ihnen beiden kein Wall und kein Graben
+mehr war, daß sie zusammengehörten in Freud und Leid, und er nahm sich,
+was ihm zukam.
+
+»Das war eine schlimme Nacht!« rief Ulenvater, als er am anderen Mittag
+in die große Dönze trat. Er war das letzte Ende zu Fuß gegangen, denn
+Thedel wollte noch etwas Tannhecke zum Streuen holen, und weil der Alte
+einen leisen Schritt hatte, so konnte Johanna nicht so schnell von Harms
+Schoß herunter, wie sie wohl wollte. So stand sie da, hatte die Augen
+auf dem Estrich und Backen wie Pfingstrosen so rot, strich an ihrer
+Schürze herum und platzte schließlich heraus: »Bloß anfangs«. Dann
+schlug sie aber die Hände vor das Gesicht und lachte und auch Harm
+lachte und Ul erst recht, denn er merkte bald, wo es eingeschlagen
+hatte.
+
+Er sah von einem zum anderen und schließlich sagte er: »Na, dennso
+wünsche ich euch alles Gute, meine Kinder! denn das seid ihr mir beide
+geworden.« Aber dann schlug er auf den Tisch: »Das ist mir ja ein dröges
+Löft! Nicht einmal ein Glas Wein und ein Stück Kuchen kriegt man
+vorgesetzt? I, daß ist doch sonst keine Weise hierzulande!«
+
+Die junge Frau lief, was sie konnte, und bald stand eine irdene Flasche
+mit Wein auf dem Tisch, über den sie ein reines Tuch gelegt hatte, und
+ein bunter Teller mit Kuchen und ein noch bunterer Krug mit einem noch
+viel bunteren Blumenstrauß, und drei hohe Gläser von der feinsten Art,
+aus denen die spanischen Offiziere von den Kaiserlichen eigentlich
+trinken wollten, kamen auf den Tisch, und der Wein, der auch für andere
+Leute bestimmt gewesen war, schmeckte denen, die ihn tranken, darum doch
+nicht schlechter, wenn auch Johanna bloß ein halbes Glas trank und dann
+schon sagte, daß die Dönze mit ihr in die Runde ginge.
+
+»Harm,« sagte der Alte, als Johanna aufwusch, »eins will ich dir aber
+sagen: der erste Paster, den ich auftreibe, muß her und die Sache
+richtig machen. Es sind jetzt wilde Zeiten und der Teufel kann sein
+Spiel haben. Deine Frau steht ganz allein da; gibt es ein Unglück, dann
+kann sie am weißen Stocke über Land gehen, denn es wird manche da sein,
+die ihr den Platz hier nicht gönnt und ihr allerhand anhängen wird. Es
+sind jetzt die Zeiten nicht, daß wir eine regelrechte Hochzeit abhalten,
+denn der Himmel bezieht sich immer mehr. Der Tilly, der papistische
+Hund, jagt die Dänemärkschen hin und her, und die Pestilenz ist auch
+wieder da. Laßt euch einsegnen und damit holla! Die Hauptsache ist die,
+daß du dich des Nachts nun nicht mehr so zu graulen brauchst!«
+
+So wurde es denn auch gemacht, und es war auch gut, daß der Bauer sich
+mit der Trauung beeilt hatte, denn so konnte er mit mehr Ruhe an
+Peerhobstel zurückdenken, wenn er wieder den Wolf auf der Haide spielen
+mußte.
+
+Das war jetzt nicht ganz selten der Fall. Tilly und die Dänen zogen sich
+um die festen Plätze wie die Hunde um die Knochen, und wo man hinhörte,
+gab es Not und Tod und Menschenschinderei. Wo die Kriegsvölker geerntet
+hatten, da zogen die Marodebrüder mit der Hungerharke hinterher und man
+vernahm alle Tage gräßliche Geschichten von totgequälten und
+hingemetzelten Frauen, denn was den Unmenschen in die Hände fiel, ob ein
+siecher Greis oder ein Brustkind, es mußte des Todes sein.
+
+Die Wehrwölfe hatten darum alle Hände voll zu tun. Es waren jetzt ihrer
+hundertelf Nachtboten geworden, wozu noch an die zweihundert Tagboten
+kamen. So ging die Arbeit flott vonstatten, und manche Bäume an den
+Straßen trugen Früchte, die selbst der happigste Junge liebendgern
+hängen ließ. Dabei sahen sich aber die Wehrwölfe ihre Leute genau an und
+behandelten jedermann, wie es seine Stellung mit sich brachte; was eine
+Feldbinde am Arm hatte, bekam die Kugel und kam unter die Erde, das
+andere Pack aber wurde mit der Wiede geehrt und die Krähen und Wölfe
+mußten das Weitere besorgen.
+
+Es war ein grauer Märzentag, da hatte der Wulfsbauer auf dem Amte zu
+tun. Irgendeine Spürnase hatte es herausgebracht, daß die Ödringer jetzt
+Peerhobstler hießen und noch nicht so verhungert waren, als daß man
+ihnen nicht die Schatzung zumuten könnte. Das stand ihnen aber gar nicht
+an und Harm Wulf als Vorsteher wollte ihnen das vom Halse schaffen. Als
+er den Herren vom Amte sagte: »Solange ihr uns nicht schützt, wird von
+uns nicht geschatzt,« wurde er ein ausverschämter Kerl geheißen; aber er
+hielt die Nase hoch und sagte: »Ich will doch mal sehen, ob unser Herr
+Herzog Christian nicht eine andere Meinung von der Sache hat; ansonsten
+stecken wir lieber unsere Häuser an und leben vom Betteln und Stehlen,
+bis man uns ein Amt gibt, damit wir auch Leute schinden können, die sich
+in Bruch und Busch bergen müssen.«
+
+Als er aus der Tür ging, stand Thedel da; er war ganz weiß um die Nase,
+hatte Augen wie ein Buschkater im Dunkeln und sagte: »Der Säugling und
+das Heilige Kreuz sitzen halb besoffen im Kruge und Viekenludolf macht
+sie noch besoffener.« Der Bauer riß die Augen auf: »Wahr und gewiß?« Der
+Knecht nickte: »Ich stand hinter dem rotbärtigen Hund und hatte schon
+die Hand am Metz; aber da dachte ich noch zum Glücke daran, daß das
+nicht in deinem Sinne ist. Heute kommen sie uns nicht mehr aus dem Sack,
+Bauer, wie seinerzeit in Ahlden. Ich bin schon in Heeßel gewesen und in
+Schillerslage, und von da ist an alle gerechten Leute Meldung gemacht;
+dennso sollen sie diesmal wohl daran glauben müssen!«
+
+Indem Wulf mit Thedel nach dem Kruge ging, bedünkte es ihn, als wenn ihm
+gar nicht so froh zu Sinne war, wie es eigentlich sein mußte. Er dachte
+mehr an Peerhobstel und an seine Frau, als an die Galgenklöppel, aber
+darum ging er zuerst doch schnell, bis er sich selber »Prr!« zurief und
+so langweilig die Straße hinaufging, als hätte er so viel Zeit wie ein
+Knecht, der den Stall ausmisten soll. Er fragte auch noch die Krügerin,
+die vor der Türe stand, nach ihren Kindern, aber mit eins konnte er
+nicht mehr zuhören, denn er hatte eine Stimme gehört, eine Mannsstimme,
+aber so hell, als ob ein Hengstfohlen loslegt, eine Stimme, die er noch
+keinmal gehört hatte und die er doch kannte; denn wenn er allein im
+Busche lauerte oder über die Haide ritt, hatte er sie oft vernommen. Er
+dachte an den Nachmittag auf dem Hingstberge und daran, wie er mit
+Henneckenklaus durch das Torfmoor geritten war und Brandluft in die Nase
+bekommen hatte, und an all das andere. Seine Rose stand vor ihm, Hermke
+an der Schürze und auf dem Arme die kleine Maria, und er biß die Zähne
+aufeinander, daß es krachte, so daß die Krügerin sich ordentlich
+verjagte.
+
+Aber dann ging er in die Bauernstube, ohne hinzusehen, wer dasaß,
+stellte sich an die Tonbank und ließ sich Bier einschenken, hörte, was
+der Krüger ihm vorschnackte, mit einem Ohre an, stellte dann seinen Krug
+auf den Tisch, der neben der Türe stand, holte sein Brot und seinen
+Speck aus der Tasche, zog sein Messer und aß so langsam und bedachtsam
+wie allezeit, bis Viekenludolf aufsah, seine rechte Hand auf den Tisch
+legte, erst den Daumen, dann den Zeigefinger und dann den Mittelfinger
+aus der Faust springen ließ, gleich als wollte er die Zeche nachrechnen,
+und dann das Heilige Kreuz anschrie: »Noch so ein Stück, du altes
+Saufloch! dann gebe ich noch einen aus; denn lachen tu ich vor mein
+Leben gern.«
+
+Der Peerhobstler sah sich jetzt die Leute genauer an, und ihm war auf
+einen Augenblick, als wenn sie die Hälse schon lang und die Zunge vor
+dem Munde hatten; denn bei ihnen saß noch Wulf genannt Schütte aus
+Wennebostel, Harms Halbbruder, der da in einen Hof geheiratet hatte,
+Münstermanns Dettmer und Grönhagenkrischan; am Ofen stand Duwenhinrich
+und Flebbendiedrich, und Aschenkurt spielte mit der Katze, die unter
+der Bank saß und nach seinen Fingern hakte; und da saßen die beiden
+Unholde, hielten die Augen mit Mühe offen und freuten sich wie die
+Schneekönige, wenn ihre Zotenreden und Greuelsgeschichten die Männer zum
+Lachen brachten.
+
+»Bist du all schon in Schillerslage gewesen, Säugling?« fragte
+Viekenludolf; »da ist eine lustige Wirtschaft. Der Wirt hat dir da ein
+Mädchen, da werden die alten Kerle noch nach verrückt, sage ich dir.
+Aber das Mädchen ist als wie eine Nessel. Ich möchte den sehen, der der
+den Kranz abnimmt. Unter uns ist keiner, der das kann.«
+
+Harm lachte im Halse, denn erstens hatte der Wirt bloß eine alte Magd
+und das war ein liederliches Stück, und die sah noch dazu so aus als wie
+eine tote Katze, die acht Tage im Regen gelegen hat. Der Säugling aber
+schlug sich auf seine klapprige Brust: »Wenn einer, dann bin ich es,
+denn ich habe ein ausverschämtes Glück bei die Menscher!« Sein
+Lumpenbruder stimmte ihm bei: »Ja, das hat er; alles was recht ist, das
+ist ein Aast uff der Fiedel; das heißt,« fuhr er fort, und er sah dabei
+halb frech, halb bange aus, »wenn es nicht anders geht, dann macht er
+nicht viel Faxen und dreht ihnen den Schluck ab.«
+
+Der Säugling, der gerade einen großen Krug Honigbier durch seinen langen
+Hals hatte rutschen lassen, lachte wie eine Kuckuckin: »Verdammig, das
+tu ich! Wozu sind denn die Menscher da? Und überhaupt und so, was ein
+forscher Kerl ist, der Kurasche hat, der wird nicht erst acht Tage
+herumpiepen wie ein Lüning. So 'n bißchen Zureden das hilft schon,«
+sagte er und klappte seine Hand auf und zu, wie ein Stoßhabicht die
+Krallen.
+
+Unter der Tür stand Thedel und sah ihm in den Nacken. Dem Wulfsbauern
+lief es kalt über den Rücken, als er den Blick sah, den sein Knecht nach
+dem Halunken hinschmiß; ihm war, als prahlte da kein lebendiger Mann
+mehr, sondern ein toter Leichnam. Und nun fing der Kerl noch an zu
+singen, und er lachte dabei, als er quiekte: »O Galgen, du hohes Haus,
+du siehst so gräsig aus, so gräsig aus; ich seh dich gar nicht an, denn
+ich weiß, ich komme dran, ja, ich komme dran.«
+
+Der Bauer ging in den Hof, denn Viekenludolf hatte mit der Zunge
+geklappt. »Bald ist der Haber reif zum Schneiden,« sagte der Rammlinger;
+»er läßt den Kopp schon hängen.« Er sah nach dem Himmel. »Es klärt sich
+auf; noch eine Lage Met und sie laufen hinter uns her wie die Hennen
+hinter dem Hahn.« Er klopfte seine Pfeife aus: »Morgen früh um sieben
+Uhr sind wir auf der Haide ober dem zweiten Dorfe.« Er stopfte die
+Pfeife und ließ sich von Harm ein Krümel Feuer geben. »Schweres Stück
+Arbeit, solche Sauflöcher um den Verstand zu bringen, kann ich dir
+sagen!«
+
+Der Wulfsbauer machte seine Zeche glatt und ging gegenüber zum Juden, wo
+er so lange auf eine Brustnadel handelte, bis Flebbendiedrich und der
+Wennebosteler Wulf und Duwenhinrich fortritten, und dann ritten
+Viekenludolf und Aschenkurt fort und hatten die beiden Männer zwischen
+sich, die nicht merkten, daß hinter einem jeden von ihnen sein
+leibhaftiger Tod aufgesessen war, denn sie juchten und bölkten das Lied
+vom Butzemann, der im Deutschen Reiche umgeht.
+
+Als sie schon um die Ecke waren, hörte der Peerhobstler sie noch
+kriejöhlen: »Der Kaiser schlägt die Trumm mit Händen und mit Füßen«, und
+daß die Kinder ihnen nachschrien: »Duhnedier, Duhnedier!«
+
+Dann brach er den Handel ab, bezahlte, was der Jude angeschlagen hatte,
+wofür dieser ein Mal über das andere Mal den Rücken krumm machte, und da
+kam der Knecht auch schon mit dem Schecken aus der Einfahrt.
+
+Der Bauer stieg steif in den Sattel und ritt, als wenn er zum ersten
+Male einen Pferderücken zwischen den Beinen hatte, aber so wie er das
+Torgeld los war, setzte er sich in Trab und war bald hinter den Reitern.
+Im Schillersläger Kruge verhielt er sich ganz ruhig, aber als er auf
+seiner Strohschütte lag, konnte er nicht viel schlafen, denn er hatte
+alle seine Gedanken da, wo seine Frau war.
+
+So war er schon bei fünfe in den Stiefeln. Thedel saß vor der Türe des
+Stalles, in dem die beiden Halsabschneider schliefen. Er grieflachte:
+»Der eine ist schon eine Weile munter und vernüchtert hat er sich auch,
+und wenn er nicht einen alten Scheuerlappen im Maule hätte, würde er
+eine schöne Schande machen, dieweil ich ihm die Ärmel vor den Händen
+zugebunden habe, und vom Estrich kann er auch nicht, weil da ein Ring
+auf der Kellerklappe ist und da ist ein Strick an, und den hat er um das
+Leib.« Er spuckte seinen Priem aus: »Der andere hat gestern noch so viel
+Honigbier gesoffen, daß er überhaupt nichts von sich weiß, und ich
+glaube, vor heute abend ist er nicht so weit, daß wir uns mit ihm
+befassen können.«
+
+Der Wulfsbauer ließ sich Suppe und Brot geben, rauchte zwei Pfeifen aus
+und schickte bei sechse Thedel voran. Um halbig sieben kamen etliche
+Bauern angeritten, klappten mit den Peitschen, bis der Wirt herauskam,
+taten so, als sähen sie den Peerhobstler nicht, tranken ihr Warmbier im
+Sattel und ritten weiter. Dann knarrte ein Wagen, der Knecht knallte
+dreimal schnell hintereinander und viermal in Abständen und pfiff: »Zieh
+Schimmel, zieh, im Dreck bis an die Knie.« Aus dem Hause rief
+Viekenludolf: »Jochen, kannst mich ein Ende mitnehmen; ich habe kleine
+Füße von eurem Bier gekriegt!« Da stand auch Harm auf: »Mir geht es
+nicht anders; nimm mich auch mit; auf eine Handvoll Tabak soll es mir
+nicht ankommen.« Er setzte sich auf das Schütt und sah vor sich in das
+Wagenstroh, das ab und zu hin und her flog, und aus dem mitunter ein Ton
+kam, als wenn ein Schwein darunter lag.
+
+Noch saß der Nebel in der Haide. »Das wird ein schöner Tag,« sagte der
+Knecht; »die Wettmarer Musiker blasen,« denn man hörte die Kraniche vom
+Moore her lauthals prahlen. Eine Anbauerfrau sah den Wagen kommen,
+nickte und sagte: »Na, denn sieh man zu, Jochen, daß du deine Schweine
+gut los wirst!« Ein Rauk rief aus dem Nebel; das Wagenstroh ging hin und
+her. »Hast den schwarzen Bruder gehört?« fragte der Rammlinger den
+Knecht; »die Raben kriegen es heute gut!« Aus dem Stroh kam ein Grunzen.
+Ein Reiter trabte vorbei, noch einer und hinterher ein dritter. »Nach
+'m Schweinemarkt?« riefen sie dem Knecht zu. Der nickte und griente.
+
+Alle hundertundelf Wehrwölfe und meist ebenso viele Boten standen um den
+Haidberg. Als der Wagen angefahren kam, ging ein Gemurmel reihum. Der
+Nebel teilte sich und fing zu tanzen an, und da wurden zwei Fuhrenbäume
+sichtbar, denen die Kronen abgehauen waren und die oben ein Querholz
+hatten, das sie zusammenhielt; daran hing links ein toter Hund und
+rechts ein verrecktes Schwein, und dazwischen waren zwei Stricke, die
+bis auf den Erdboden reichten. Um beide Bäume war ein Kranz von Steinen
+gemacht, der vorne offen war, und in jedem Stamm war die Wolfsangel
+aufrecht eingehauen, so daß sie offenbar zu sehen war.
+
+Der Knecht nickte den Männern zu, schrie »Prrr!« band die Zügel an,
+stieg ab, spuckte aus, ging langsam hinter den Wagen, zog das Schütt
+fort, winkte zwei Männern zu und dann zog er einen Sack unter dem Stroh
+weg, der sich bewegte, und die Männer halfen ihm, ihn auf den Boden zu
+legen, und bei dem anderen auch. Der Wulfsbauer und Viekenludolf waren
+abgestiegen und dahin gegangen, wo Meine Drewes stand; er hatte zwei
+abgeschälte Weidenstöcke in der Hand. Er winkte und es war so still, wie
+in einer leeren Kirche.
+
+Alle die zweihundert Männer sahen dorthin, wo die Knechte die Säcke
+aufbanden, die beiden Männer herauszogen und ihnen die Fußkoppeln
+abbanden, sie auf die Beine stellten und bis vor den Oberobmann
+brachten, nachdem sie ihnen die Lappen aus dem Munde genommen hatten.
+Kein einer ließ einen Laut hören, sogar Niehusthedel nicht, der mit dem
+Wulfsbauern voran stand und ein Gesicht machte wie ein Untier.
+Vierhundert Augen sahen kalt auf die beiden Erzhalunken, die dastanden
+und vor Todesangst und Katzenjammer wie Espenlaub beberten, aber keinen
+Ton herausbrachten.
+
+Der Oberobmann sah ihnen in die Gesichter und fing an: »Als Obmann der
+Wehrwölfe habe ich euch entboten zu einem offenen und gerechten Ding auf
+roher Haide und gemeinem Lande, weil wir das Recht sprechen wollen ober
+diese beiden Männer. Wer hat wider sie etwas vorzubringen?«
+
+Der Wulfsbauer stellte sich vornehin: »Ich verklage sie auf den Feuertod
+meiner Ehefrau Rose gebürtigen Ul aus Ödringen und derer und meiner
+unmündigen Kinder Hermke und Maria Wulf, und wegen Brandstiftung, Raub
+und Diebstahl an totem und lebendigem Gut.«
+
+Er ging zurück und Thedel stellte sich an seinen Platz und rief: »Ich
+verklage sie auf den Feuertod meiner Schwester Alheid Niehus aus
+Ödringen, eines Waisenkindes, noch nicht fünfzehn Maien alt!«
+
+Er ging zurück und machte Viekenludolf Platz, und der schrie: »Ich
+verklage sie im Namen von ehrbaren Jungfrauen, Witfrauen, Schwangeren
+und Wöchnerinnen, unschuldigen Mädchen und unmündigen Kindern, Kranken
+und Schwachen, an denen sie sich vergriffen haben. Ich schreik Hallo
+über sie und abermals Hallo und zum dritten Male Hallo und Hallo und
+Hallo und Hallo, und will es mit sieben Eiden beschwören, daß sie
+siebenmal und siebzig den Tod verdient haben nach dem, was sie mir
+gestern mit ihren eigenen Mäulern im Kruge zu Burgdorf in ihrer dummen
+Besoffenheit verzählt haben.«
+
+Der Obmann sah sich um: »Ist einer da, der noch etwas vorzubringen hat
+gegen diese Männer oder der für sie ein Wort einlegen will? Hier darf
+ein jeder frei reden, ohne daß es ihm nachgetragen wird.«
+
+Es wurde ganz still in der Runde. Die Sonne kam heraus und beschien die
+zweihundert Gesichter der Männer; sie waren alle wie aus Stein. Eine
+Krähe flog vorbei und quarrte, und in den krausen Fuhren lockten lustig
+die Meisen.
+
+Die dreimal elf Unterobmänner sonderten sich ab und murmelten
+durcheinander; dann ging einer von ihnen zu dem Oberobmann hin und sagte
+ihm etwas.
+
+»Dennso haben wir befunden,« sprach der Richter, »daß sie beide um ihre
+Hälse eine Wiede haben sollen und aufgehängt werden sollen sieben Schuh
+höher, denn ein gemeiner Schandkerl, und zwischen den Äsern von einem
+verreckten Köter und einer gefallenen Sau bis sie tot sind, und es soll
+sich keiner getrauen und sie abnehmen und bestatten, wenn es ihn nicht
+gelüstet, an ihre Stelle zu kommen!«
+
+Er brach den einen Stock und warf ihn hinter sich und den anderen und
+gab die Wieden hin, und da fiel der Säugling auf die Knie und schrie:
+»Erbarm',« denn weiter kam er nicht, weil er die Wiede schon über dem
+Adamsapfel hatte, und das Heilige Kreuz hatte knapp gewimmert: »Noch
+einen Augenblick, mir ist so schlecht!« da stand er schon mit der
+weidenen Krause um die Strosse zwischen den dreimal elf Männern unter
+der Feldglocke; ehe die Krähe dreimal geschrien hatte, schwenkte der
+Wind sie hin und her, und dazu das Brett, das ihnen zwischen die Hände
+gebunden war und auf dem zu lesen stand: »Wir Sind di Wölwe 1 Hundert
+und Elwe. Dis sind 2 Hunde und 2 Schweine. Sie Sind ganz obereine.«
+
+Der Steinkreis wurde geschlossen. Die Männer gingen weg. Der Wulfsbauer
+hatte das Kinn auf der Brust. Thedel sah noch einmal zurück und
+Viekenludolf sagte, indem er nach dem Galgen hinwies: »Kiek, Thedel,
+deine Hochzeitsglocken läuten!« Aber Thedel antwortete nicht und ging
+hinter Wulf her.
+
+Als sie beide durch die Fuhren ritten, sagte der Bauer: »So, und nun
+wollen wir da nicht mehr dran denken, Thedel! Wannehr willst du freien?
+Am liebsten wohl gleich heute? Na, von mir aus kann es losgehen; bringe
+man alles in die Reihe! Oder hast du das all?« Er sah sich um und
+lachte, denn der Knecht hatte die Sonne im Nacken und deswegen waren
+seine Ohren so rot anzusehen, wie an dem Morgen in der Jeverser Haide,
+als Grieptoo das Mädchen fand.
+
+»Und jetzt, Galopp, Buntscheck!« rief Harm seinem Pferde zu, und sie
+flitzten dahin, daß die Plaggen nur so flogen und die Tüten hinter ihnen
+herschimpften. Der Bauer dachte an seine Johanna und der Knecht an seine
+Hille, und eine Stunde später standen die Pferde vor den Krippen.
+
+Am anderen Tage hatte der Bauer blanke Augen und sein Knecht erst recht.
+Sie fuhren nach der Wüste, denn sie wollten da junge Obstbäume, und was
+da noch zu gebrauchen war für den Garten, ausgraben. Als Wulf sich über
+Mittag hinter einem Busche die Augen wärmte, stöberte Thedel in dem
+Schutt herum. Er fand allerlei Geschirr, das noch gut zu gebrauchen war,
+desgleichen Äxte und anderes Gerät, und als er die schwarzen Balken
+fortzog, auf denen schon allerlei Moos wuchs, schlug er mit der Hacke
+auf Eisen. Er hatte den Kesselhaken des Wulfshofes gefunden, ein
+Prachtstück, wie es weit und breit kein zweites gab, auf dem oben am
+Kopfe die Wolfsangel, die Hausmarke der Wulfsbauern, eingehauen war;
+darunter aber stand zu lesen: Ao 1111 Do.
+
+»Das ist mehr wert, als wenn du hundert Taler in Gold gefunden hast,
+Thedel,« sagte der Bauer, »und dafür will ich dir ein Haus hinstellen
+mit allem, was dazu gehört. Denn ich will dir etwas sagen: Knecht bist
+du jetzt lange genug bei mir gewesen. Wenn du mir in der Folge in der
+hillen Zeit mit deiner Frau helfen willst gegen das übliche Lohn, so bin
+ich das sehr zufrieden. Ich habe mir das aber nämlich lange überdacht:
+geradeso, wie ich nicht der Lehnsmann des Edelherrn sein will, sollst du
+auch nicht mein Hausmann sein. Du bist mir mehr als ein getreuer Knecht
+gewesen diese schlimmen Jahre über, und es ist nicht mehr als recht, daß
+du jetzt dein eigener Herr wirst, vorausgesetzt, daß du vor deiner Hille
+die Hosen zu wahren weißt.«
+
+Thedel brummte etwas vor sich hin, als wenn ihm der Bauer das Bett vor
+den Hof gestellt hätte, aber als er ausgespannt hatte, konnte er gar
+nicht schnell genug nach seinem Mädchen kommen, und als er zurückkam, da
+flötete er wie unklug. Dann setzte er sich hin und scheuerte mit Wasser
+und Asche den alten Kesselhaken ab und hatte nicht eher Ruhe, als bis er
+da hing, wo er hingehörte.
+
+Dann aber griff er die Arbeit an, wie der Fuchs den Hasen, und obzwar
+der Bauer nicht wußte, wo der Knecht die Zeit zum Essen und Schlafen
+hernahm, so wurde Thedel mit jeder Woche runder im Gesichte und der Bart
+wuchs ihm zusehends. Seine Hille ging aber auch nicht schlecht
+auseinander, so daß der Bauer sagte: »Mädchen, wenn du so bei bleibst,
+dennso brauchst du das doppelte Zeug für den Rock und wirst deinem
+Thedel eine teuere Frau.« Hille aber lachte und grub darauf los, als
+wenn der Boden die reine Butter war.
+
+Wie ihr und Thedel, so ging es aber meist allen Leuten auf dem
+Peerhobsberge. Sogar die Kinder halfen beim Roden und Umgraben, und was
+früher für eine Schandnot angesehen war, wenn nämlich ein Frauensmensch
+sich in den Pflug spannte, jetzt galt das als ein Vergnügen. Es gab
+keine Bauern und keine Knechte und keine Bäuerin und keine Mägde in
+Peerhobstel, es war eine Gemeinde fleißiger Leute, von denen jeder für
+sich und alle für das Gesamt schanzten, so daß es auf den Dörfern um das
+Bruch hieß: »Einig wie die Peerhobstler!« Ödland war genug da, Holz und
+Weide wuchs allen zu, und wem es an Saatkorn mangelt oder an Geräten,
+dem wurde ausgeholfen, ehe er darum gebeten hatte.
+
+Der neue Boden trug nicht so schlecht, als man gedacht hatte, zumal der
+Sand, denn eine Mergelbank stand nicht allzu weit an, der Schmorboden in
+der Ellernriede war fett wie eine Hochzeitssuppe, und wo das Moor
+gebrannt und mit Sand gemengt wurde, lohnte es die Mühe schon. Wenn es
+auch an Unkraut nicht gebrach, es stand doch alles besser, als man
+gehofft hatte, und als die Hauptarbeit getan war, sagte der Wulfsbauer
+zu den Dreiunddreißig: »Und jetzt wollen wir unserem Bruder Thedel sein
+Unterkriech bauen! denn ich glaube, es wird Zeit.«
+
+Dieweil viele Hände mithalfen, stand das Haus bald da, und Thedel wußte
+nicht, was er sagen sollte, als Bettzeug und Geschirr und was sonst dazu
+gehörte, wenn der Mensch zu selbstzweien hausen geht, ganz von selber
+ankam, denn die Hundertelfe machten sich ein Vergnügen daraus, ihm zu
+helfen, wo sie konnten, ohne daß sie hinterher ankamen und ihr Teil
+wieder abaßen.
+
+Es war überhaupt kaum einer von den geschworenen Wehrwölfen bei der
+Hochzeit. Am Abend vorher war nämlich wieder einmal der bunte Stock von
+Dorf zu Dorf gegangen und zwar mit einem roten Bande darum, und so
+mußten sämtliche huntertelfe und alle Tag- und Nachtboten am Platze
+sein, weil zwei Haufen von Marodebrüdern bestätigt waren. Der eine davon
+verschwand im Meitzer Busche, und die Raben und Füchse wußten allein die
+Stelle anzugeben, wo das Gesindel unter den Tannen lag, der andere aber
+kam bei Thönse unter die Räder, und es blieb nichts davon übrig, als der
+Anführer, und der hing da, wo der Dietweg sich zwillte, so lange an
+einer Birke, bis es ihm da zu langweilig wurde.
+
+Drei Tage darauf machte Viekenludolf einen Hauptstreich. Er gab mit
+zweien von den Dreiunddreißig einigen Pappenheimern, die auf den Dörfern
+Pferde zum Kriegspreise gekauft hatten, das Ehrengeleit. Im Burgwedeler
+Holze machten die Reiter Halt, tränkten die Pferde und dann sich selber,
+aber nicht mit Wasser, und so lange, bis sie die Haide für ein Federbett
+ansahen. Da schlich sich Viekenludolf hin, dümpte die Wache, bis sie an
+kein Luftholen mehr dachte, und schnitt schnell allen Pferden die
+Fußfesseln durch. Mittlerweile war Kunrad, sein Knecht, nach dem Dorfe
+geritten und hatte sich eine rossige Stute und ein Dutzend Leute geholt,
+die gerade weiter nichts zu tun hatten. Dann ritt Viekenludolf mit der
+Stute über dem Winde an dem Lagerplatze vorbei und zockelte die ganzen
+Pferde hinter sich her, und die jungen Leute aus Burgwedel sorgten
+dafür, daß die Reiter sich keine Blasen liefen. So behielt mancher Bauer
+sein Pferd im Stall und brauchte nicht mit der letzten Kuh zu pflügen.
+
+Denn die Not war stellenweise schon groß. Dänen und Kaiserliche zogen
+durch die Haide, und wo sie gewesen waren, wurden die Suppen länger. Am
+besten hatten es noch die Leute auf dem Peerhobsberge, denn zu ihnen
+fand das Kriegsvolk nicht hin und das übrige Ungeziefer ließ sich im
+Bruche nicht blicken.
+
+So konnten die Bruchbauern ihren Hafer in Ruhe bergen und brauchten sich
+nicht immer dabei umzusehen. Es fehlte die Erntekrone nicht und auch das
+Erntefeuer war da und es schlug hellwege auf, als nach altem Brauch die
+Opfergarbe hineingeworfen wurde. Dann zogen die Knechte und Mädchen ab;
+Mertenshinrich schwenkte eine lange Fuhrenstange, die ganz bunt
+abgeschält war, und daran war oben der Kopf von einem Hahn und daran die
+Ährenhalme aus der letzten Feldecke und bunte Bänder, die der Wind
+bewegte, und lustig war es anzuhören, als das junge Volk sang:
+
+ Wode, Wode, Wode,
+ wi halt dinen Peere Fode;
+ in düssem Jahr Dissel un Dorn,
+ anner Jahr beeter Korn!
+
+
+
+
+Die Kirchenleute
+
+
+Besseres Korn gab es im nächsten Jahre wohl, aber auch reichlich Disteln
+und Dornen, denn der Krieg wollte und wollte nicht aufhören. Tilly und
+die Dänen zogen sich immer noch hin und her, und wo sie sich kabbelten,
+war alles zertreten.
+
+Herzog Christian, der nicht wußte, auf welche Seite er sich schlagen
+sollte, mußte es mit ansehen, wie das Land verwüstet und die Leute
+ausgeraubt wurden, aber alle Einnahmen konnte er auch nicht schießen
+lassen, und so kam auf dem Landtage wieder eine dreifache Schatzung
+heraus.
+
+Als der Peerhobstler Vorsteher davon Meldung bekam, sattelte er den
+Schecken und ritt mit Thedel nach Celle. Ihm wurde schlecht zumute auf
+dem Wege; man merkte es, daß überall der Hunger an dem Herdfeuer saß,
+und daß die Pest in die Fenster sah. Unter den Mauern von Celle waren
+erbärmliche Hütten und Schuppen aufgebaut; darin fristeten die Bauern
+aus den ausgeraubten Dörfern ihr Leben durch Betteln und Stehlen und
+auch durch Raub und Mord.
+
+Als die beiden Peerhobstler, zu denen unterwegs noch sechs von den
+Dreiunddreißig gestoßen waren, damit der Unterobmann sicherer reisen
+konnte, vor dem Kruge einen Schnaps tranken, sahen sie eine Frau, die
+auf dem Anger ihr Kind begraben hatte und dabei ein ganz zufriedenes
+Gesicht machte. Als Wulf sich darüber verwunderte, meinte sie: »Ja, so
+wie es heutigen Tages zugeht, muß man weinen, wenn eins kommt, und Gott
+loben, wenn es wieder geht!«
+
+Just kam ein Kerl aus dem Kruge, ging auf die Frau zu, faßte sie um,
+obzwar die Frau nicht danach aussah, als ob sie einem Manne gefallen
+konnte, denn sie hatte kaum ein Lot Fleisch im Gesichte. Sie wehrte
+sich, aber der Kerl lachte und wollte sie vor sich herstoßen. Da ritt
+der Wulfsbauer hin, langte den Mann am Hosenbund hoch und setzte ihn so
+unsacht in einem Schlehbusch, daß der Lümmel für das erste darin blieb.
+
+»Das war mannhaft getan!« rief es hinter dem Bauern, und aus einem
+herrschaftlichen Wagen nickte ihm eine Edeldame zu, als er sich
+umdrehte. »Wie heißt er?« fragte sie, und als er seinen Namen
+offenbarte, sagte sie: »Wenn er einmal eine Hilfe nötig hat, die Gräfin
+Trutta von Merreshoffen kann ihm vielleicht die Tür aufmachen lassen.«
+Der Bauer zog den Hut: »Dann bin ich so frei, gnädigste Gräfin, auf dem
+Fleck darum zu bitten. Ich habe den großen Wunsch, unserem
+allergnädigsten Landesherrn eine Gemeindeangelegenheit vorzutragen, und
+ohne Fürsprache ist es wohl ein schweres Ding für einen einfachen
+Bauersmann, als wie ich bin, an ihn ranzukommen.« Die Gräfin lachte:
+»Melde er sich nur um elf Uhr; er kommt schon ran.« Sie nickte ihm zu,
+lachte noch einmal und fuhr weiter.
+
+Schlag elfe war der Bauer im Schlosse. Ein Lakai fragte ihn: »Was will
+er?« Wulf sah den kleinen Mann von oben an: »Für ihn bin ich ein ihr und
+kein er,« gab er ihm auf den Kopf; »ich bin bei dem allergnädigsten
+Herrn Herzog angemeldet!« Der Mann machte ein dummes Gesicht, ging
+fort, und bald darauf kam ein anderer Diener, der den Peerhobstler in
+ein Zimmer führte, in dem ein Offizier Wache stand; einige andere
+herrschaftliche Personen lauerten da auch schon. Alle sahen den Bauern
+an, der zwischen ihnen aussah, wie ein Eichbaum über lauter
+Machangelbüschen. Erst wurde ein kleiner alter Herr abgerufen, der
+gleich wiederkam und einem anderen zuflüsterte: »Schön Wetter heute!«
+Dann winkte der Offizier dem Bauern.
+
+Dem war anfangs erst etwas benaud zumute, aber als der Herzog ihm die
+Hand gab und ihn fragte: »Na, wo drücken ihn denn die Krähenaugen?« da
+erzählte er kurz, womit er hergekommen war. Der Herzog sah ihn ernst an:
+»Geht nicht, geht schlecht; könnten alle kommen. Schatzung muß bezahlt
+werden! Wovon Wege erhalten, für Ordnung sorgen?« Er kniff sich die
+Stirn: »Will ihm was sagen, aber behalte er es für sich: will in
+Anbetracht der besonderen Umstände Steuer aus meiner Tasche hinlegen auf
+fünf Jahre. Dann müßte ihr aber schatzen, wie die anderen alle. Übrigens
+aller Ehren wert, daß Kopf hochgehalten und Maul nicht hängen gelassen
+wie Leithund. Habe schon von ihm gehört, das und,« er sah ihn scharf,
+aber nicht ungut an, »auch noch etwas anderes. Immer vorsichtig sein,
+sich nicht auf mich berufen, wenn es sich nicht um augenscheinliche
+Räuber und Mörder handelt? Verstanden?« Der Bauer nickte.
+
+Der Herzog besann sich einen Augenblick, fragte nach der Ernte und ob im
+Bruche die Pest auch schon Quartier genommen hatte, und dann schmiß er
+Wulf das Wort zwischen die Beine: »Wer sind die Wehrwölfe?« Der
+Peerhobstler hob die Hand: »Darüber steht mir keine Rede zu!« Der Herzog
+machte eine krause Stirn: »Auch gegen mir über nicht?« Und als er wieder
+keine andere Antwort bekam, fragte er: »Gehört wohl selber dazu?« Dann
+aber lachte er und sagte: »Na, vielleicht besser so! Darf nicht alles
+wissen; sonst am Ende aufkommen dafür. So schon Sorge genug! Schlimme
+Zeit, Gott sei's geklagt! Hoffen, bald anders wird! Halt er sich
+wacker!«
+
+Als Wulf die Türe im Rücken hatte, sah er lauter runde Augen um sich,
+und auf der Treppe zeigte ihm der Diener, der ihn heraufgebracht hatte,
+einen Rücken, so krumm, als wie ein Rotbrüstchen ihn zu machen pflegt,
+und er wollte ihn ausfragen; der Bauer aber stellte sich dumm und
+machte, daß er nach der Goldenen Sonne kam, hielt sich aber auch da
+nicht lange auf, sondern aß nur einen Happen zu seinem Schoppen und ging
+wieder los.
+
+Am Torkruge traf er die anderen Wehrwölfe, die zu zweien und zu dreien
+vor und in dem Kruge standen oder saßen und so taten, als ob der eine
+Teil den anderen nicht kannte. Es waren noch einige andere Männer da,
+auch der Kerl, der vorhin die Frau umgefaßt hatte, und jetzt kannte Wulf
+ihn, es war der Mensch, der sich damals in der Goldenen Sonne so
+verdächtig um sein Pferd angestellt hatte.
+
+Er hatte gehörig einen sitzen und prahlte wie ein Markwart und, als der
+Bauer an den Tresen ging, schrie er: »Kannst du nicht die Tageszeit
+bieten, wenn du hereinkommen tust, wie sich das gehören tut, du Flegel?«
+Der Bauer ging auf ihn zu: »Ich will dich beflegeln,« sagte er, und
+damit schlug er ihm mit dem Handrücken gegen das Gesicht, daß der Kerl
+mit einem Male die Stiefel da hatte, wo eben der Hut gewesen war. Sofort
+sprang er wieder auf: »Hund,« brüllte er, »Hund von einem Dreckbauern,
+du mußt sterben!« Er zog das Messer heraus, aber da warf ihm
+Gödeckengustel einen Stuhl gegen die Schienbeine, daß der Kerl den
+Estrich unter sich verlor, und Scheelenludchen und Meineckenfritze
+langten ihn sich, nahmen ihm die Pistolen ab, walkten ihn, bis er so
+weich wie Quark war, und schmissen ihn vor die Türe, daß es man so
+mülmte. Er hinkte nach dem Stalle und holte sein Pferd. Als er
+aufsteigen wollte, legte ihm Wulf die Hand auf den Arm: »Wahre dich,
+Stehldieb, wahre dich! Es wachsen Birkenbäume und Wieden die Masse in
+der Haide. Du bist mir das zweitemal in die Möte gekommen. Beim dritten
+Male ist Schluß und du kommst unter die Wolfsangel zu hängen.« Er hatte
+es ganz leise gesagt, aber Jasper Hahnebut verlor alle Farbe und
+zitterte so, daß er kaum auf das Pferd kommen konnte.
+
+Scheele lachte: »Hätten ihm lieber gleich heute das Fliegen umsonst
+beibringen sollen!« Der Obmann schüttelte den Kopf: »Unter dem
+Stadtbann? das wollen wir lieber bleiben lassen!« Und als Menneke
+meinte: »Na, wenigstens war es ein kleiner Spaß!« da machte der
+Wulfsbauer eine krause Stirn und sagte: »Ich habe diese Späße dicke; es
+vergeht ja meist kein Tag, daß man seine Faust, oder was man gerade drin
+hat, nicht gebrauchen muß. Und gerade heute wäre ich meinen Weg
+liebendgern in Frieden gegangen.«
+
+Es sollte aber noch besser kommen; als die Bauern eine Stunde geritten
+waren und an einem Fuhrenbusche vorbeikamen, knallte es; Gödeckes Rappe
+stieg in die Höhe und stürzte zusammen. »Deckung nehmen!« schrie der
+Wulfsbauer und hob Gödecke, der heil geblieben war, hinter sich; es
+knallte noch dreimal, aber die Kugeln fanden nicht zu den Reitern hin.
+»Umsonst nehmen wir nichts!« sagte Wulf; »reitet sofort los und holt
+soviel Leute, wie ihr kriegen könnt, und dann wollen wir die Füchse
+ausräuchern, die hinterhältschen Hunde, denn dies geht mir doch über den
+Spaß. Ich passe derweilen auf, wo sie bleiben.«
+
+Er band sein Pferd an einer Fuhre an und schlich sich mit Gödecke von
+der Rückseite so nah an den Busch, als es eben ging. Beide standen bis
+an die Lenden in einem alten Torfstiche und sahen hinter den
+Birkenbüschen dahin, wo die Wegelagerer saßen. Es war ein Dutzend
+Tillyscher Soldaten, die sich unter dem Winde ein Feuer gemacht hatten,
+über dem sie einen Bratspieß hin und her drehten. Ab und zu stand einer
+auf, holte trockenes Holz und warf es in das Feuer.
+
+Es mochte eine Stunde vergangen sein, da flüsterte der Wulfsbauer: »Paß
+auf, Gustel, gleich geht es los!« Damit hing er sich den Bleiknüppel
+über das Handgelenk und spannte die Pistolen. Gödecke nickte und machte
+gleichfalls scharf, denn mit eins sprangen die Soldaten auf, sahen sich
+wild um, und man konnte ordentlich sehen, daß ihnen nicht sauber zumute
+war, denn sie liefen hin und her, bückten sich und sahen sich um wie
+Schafe im neuen Stall. Da hörte Harm Wulf hinter sich ein Rotkehlchen
+ticken, und als sich umsah, stand Thedel da, griente über das ganze
+Gesicht und flüsterte: »Wir haben sie im Kessel, alle miteinander!« Dann
+drückte er sich linkerhand in einen Busch.
+
+Kaum war er fort, da hörte man ein Schreien: »Heiliges Marrija!« und
+hinterher kam es: »Hundsblutt verdammtiges, nidderträchtiges!« Der
+Wulfsbauer lachte im Halse: »Ja, ja, Blut um Blut,« flüsterte er und sah
+mit blanken Augen dahin, wo die Soldaten hin und her liefen. Dann
+knallte es jenseits des Busches, und dann noch einmal und es roch nach
+Rauch, und dann wurde es heiß und mit einem Male brannte der Busch von
+unten bis oben und der Rauch schlug hin und her und da schrie es.
+
+»Hörst du, wie sie piepen, Gustel?« flüsterte Wulf mit blänkrigen Augen.
+Dann nahm er die Pistole hoch, strich an dem Baume an und schoß; sowie
+der Schuß fiel, hörte Gustel einen Schrei und sah einen Mann, der
+lichterloh brennend aus dem Busche kam, in den Abstich fallen, daß es
+quatschte.
+
+In demselben Augenblicke fiel hinter dem Busche wieder ein Schuß und
+gleich darauf noch einer, und dann rechts einer und links einer, und
+dann hörte man einen Schrei: »Erbarmung!« schrie es, aber bloß einmal.
+Vor Gödecke kroch etwas Brennendes aus dem Busch heraus, schleppte sich
+bis an den Graben und sprang hinein, blieb einen Augenblick in dem
+nassen Moose liegen, drehte sich dort wimmernd hin und her und versuchte
+dann herauszuklettern, aber der Bauer ließ es dazu nicht kommen; er
+schlug mit dem Bleistock danach hin und es wurde still vor ihm.
+
+»Ich glaube, das war der letzte,« meinte Wulf und Gödecke nickte. Da
+rief es auch schon hinter ihnen. Hermenharm, Ottenchristoph und
+Plessenotte kamen von der einen Seite an und von der anderen
+Hohlstönnes, Hassenphilipp und Hornbostelwillem. Die sieben Fuhrberger
+Bauernsöhne waren naß wie die Katzen und hatten Gesichter und Hände wie
+die Kohlenbrenner, aber sie lachten unbändig.
+
+»Die schießen nicht wieder auf ehrliche Leute,« sagte Gödeckengustel.
+Hermenharm schüttelte den Kopf: »Sicher nicht, und alte Weiber schlagen
+sie auch nicht mehr bis auf den Tod. Lüdeckenmutter haben sie ein Schaf
+weggenommen und sie geschlagen, als sie kein Geld hatte, daß sie nun
+daliegt und Blut spuckt. Lumpenzeug! Aber nun braucht der Wolf und der
+Fuchs kein Messer; sie werden alle so schon mürbe genug sein! Alle haben
+sie daran glauben müssen, alle mitsamt. Schade, daß es nicht mehr waren.
+Und nun wollen wir löschen!«
+
+Die Arbeit war bald getan, denn über den Moorgraben konnte das Feuer
+nicht, rechts lag ein Sandfeld und links war eine Torfkuhle neben der
+anderen, und hinter dem Busche ein nasses Flatt. »Hätten sie sich vorher
+gut umgesehen,« meinte Ottenchristoph, »dennso wäre manch einer von
+ihnen uns wohl noch fortgekommen. Aber sie waren ja so unklug wie die
+Schafe, wenn es brennt, und wo der eine hinlief, mußte der andere auch
+hin.«
+
+Sie lachten alle, nur der Ödringer Burvogt machte ein böses Gesicht.
+»Wenn es so beibleibt, kommen wir heute nicht mehr nach Hause, Thedel,«
+brummte er. »Daß man noch nicht einmal in Moor und Bruch seines Lebens
+sicher ist! Überall treibt sich das Beistervolk jetzt rum, wo man es
+nicht vermutet. Beim besten Willen kann man jetzt nicht über Land
+reiten, ohne sich die Hände rot zu machen.«
+
+So war es in der Tat. Als sie das Feuer gedümpt hatten und die
+Fuhrberger nach Hause geritten waren und Wulf und Thedel, und die drei
+anderen auf der Höhe von Ödringen waren, heulte hinter ihnen der Wolf;
+Thedel gab Antwort, und da kamen zwei Bauern angeritten, daß das Feuer
+aus dem Kies schlug. Viekenludolf und Schütte waren es.
+
+»Auf Tornhop war Danzefest,« schrie der Rammlinger, »und Schlachtefest
+dabei! Na, es ist noch halbwege gut gegangen; wir kriegten früh genug
+Wind in die Nase und haben den Leuten gezeigt, was Landesbrauch in der
+Haide ist.« Mit einem Male machte er ein anderes Gesicht: »Den schönen
+Hof hat das Gesindel natürlich angesteckt, und Steers Wieschen, die da
+als Magd diente, mußte ihnen gerade in die Möte gelaufen sein, denn die
+fanden wir tot im Busche liegen; die anderen haben sich aber alle bergen
+können!«
+
+Harms Halbbruder knurrte durch die Zähne und wurde rot und blau unter
+den Augen. »Es wird wohl nicht anders kommen, als daß wir alle unsere
+Dörfer anstecken und uns im Bruche bergen müssen. Ich bin gestern zwei
+Pferde und das ganze Federvieh losgeworden. Was soll man machen, wenn
+dreißig, vierzig solche Kerle auf einmal ankommen? Vor dem, was einzeln
+in der Haide herumläuft, braucht man ja keine Bange zu haben. Drei von
+dem Ungeziefer haben wir vorgestern im Mastbruche angetroffen. Nun bitte
+ich einen Menschen, was tun die da mitten in der Wildnis?« Er lachte.
+»Na, wenn es euch hier so gut gefällt, sollt ihr da auch bleiben,« sagte
+unser Krischan und machte den Finger krumm, »und ich auch.«
+
+Der Wulfsbauer hatte seine gute Laune schon lange verloren und machte
+ein Gesicht wie eine Kattule, und Thedel sah aus wie ein Zaunigel.
+»Immer und immer kommt einem was dazwischen,« spuckte er, und Harm wußte
+wohl, was er meinte, denn Thedel hatte noch Gras schneiden wollen, wenn
+er früh genug nach Hause kam, und jetzt war es meist Abend.
+
+In der Schweineriede brüllte ein Moorochs, die Enten flogen um und von
+der Wohld hörte man den Uhu rufen. Der Fuchs braute in den Gründen und
+über dem Halloberge war der Himmel so rot wie ein Mädchenrock.
+
+Sie ritten langsam, und als sie vor dem Auskiek waren, machte Thedel den
+Wolf. »Kannst man stille sein, Thedel,« rief es vor ihnen, und
+Bollenkrischan kam hinter einem Machangel vor. »Na, du wirst dich
+wundern, wenn du auf den Hof kommen wirst, Burvogt,« lachte
+er dann; »es ist Besuch bei dir angekommen.«
+
+Der Bauer riß die Augen auf: »Besuch?« Der andere nickte: »Jawoll,
+Mensch, feiner Besuch, Besuch aus dem Seebenspring!«
+
+»Krischan!« schrie der Bauer und bückte sich ganz tief, »Krischan, ist
+das wahr? Und was denn, ein Junge oder eine Deern?«
+
+Bolle zog seinen Mund ganz breit: »Ein Junge und eine Deern, Wulfsbauer!
+Um Uhre viere der Junge und eine Stunde hinterher das Mädchen. Und was
+die Bäuerin ist, der geht es soweit gut, und den beiden Lütjen auch.«
+
+Wulf machte ein Gesicht wie ein Pfingstmorgen. »Thedel,« rief er, »hast
+du gehört, Thedel? Zwei auf einmal! Junge, nun bin ich dir aber doch
+über! Fixer warst du ja; na, dafür hast du ja auch 'ne Frau, die Hille
+heißt.«
+
+»Du bist ja auch ein großer Bauer,« sagte Thedel und lachte, »und ich
+habe man eine kleine Stelle und muß es auch darin langsam angehen
+lassen.«
+
+Wenn Harm hätte sagen sollen, wie er auf den Hof gekommen war, er hätte
+das nicht gekonnt. »Deubel, Mädchen,« sagte Thedel, als er bei seiner
+Frau saß und zusah, wie die ihren Jungen stillte, »Deubel, ist der Bauer
+geritten! Ich mußte man in einem fort rufen: wahr dich! denn es war mir
+meist so, als kümmerte er sich den Kuckuck um die Wolfskuhlen.«
+
+Als er das erzählte, saß der Bauer vor der Butze, hatte seinen einen Arm
+unter dem Nacken seiner Frau und ihre Hände in seiner linken Hand.
+»Meine Johanna!« sagte er, »meine gute Frau! Ist das ein Glück und ein
+Segen!« Er sah dahin, wo zwei, drei, vier Kinderhände auf der Bettdecke
+zugange waren, schüttelte den Kopf, lachte und gab seiner Frau einen Kuß
+auf den Mund, aber bloß so sachte hin, denn er sah, daß ihr die Augen
+wieder zufallen wollten, und als Duwenmutter ihm zuwinkte, ging er aus
+der Dönze und stellte sich vor die große Türe.
+
+Ihm war ganz dumm im Kopf. Nun hatte er wieder zwei Kinder! Und eine
+Frau, so schön und so klug und so gut! Er sah über das Bruch nach den
+Haidbergen, über denen der Himmel immer noch hell war. In den Ellern
+schlug eine Nachtigall, die Frösche waren am Prahlen, der Ziegenmelker
+pfiff und klappte mit den Flügeln und die Luft brachte den Geruch von
+allerlei Blumen her.
+
+Er ging in das Haus zurück und aß, aber hinterher ging er noch einmal um
+den Hof, denn er hatte Grieptoo und Holwiß knurren hören, aber das taten
+sie wohl bloß, weil hinten in der Haide ein Wolf heulte. Dem Bauern war
+sonderbar zumute geworden; als er sich umdrehte, sah er, daß der Himmel
+über dem Halloberge immer heller wurde, aber nicht so, als ob da ein
+Feuer war, sondern mehr, als wenn die Sonne schon wieder in die Höhe
+kommen wollte. Ganz rot wurde es da, und immer heller, und lange blaue
+Striche waren darin zu sehen.
+
+Er schüttelte den Kopf. »Was das nun wieder für ein Unsinn ist?« dachte
+er; »ist das jetzt ein gutes Wahrzeichen oder ein schlimmer Vorspuk?«
+Dann war es ihm, als ob in dem roten Schein, und gewiß und wahrhaftig,
+er konnte es ganz deutlich sehen, daß eine große, schwarze Wolfsangel
+sich am Himmel bildete, die dort lange stehen blieb, bis sie
+auseinanderging, und der rote Schein allein noch über dem Berge war,
+schön anzusehen.
+
+Er nahm das für kein schlechtes Zeichen. Eine Weile noch würde die
+Wolfsangel in Kraft bleiben müssen und die Wehrwölfe hatten das Bruch zu
+hüten, aber dann würde es sich aufklären, Friede würde es sein auf Erden
+und statt Heulens und Zähneklapperns würde Jubel und Frohlocken auf den
+Gefilden sein. So dachte er, als er im Einschlafen war.
+
+Vorläufig aber wurde es damit noch nichts. Oft genug noch heulte der
+Wolf in der Haide, mehr als einmal jagten die Tagboten hin und her und
+die Dreiunddreißig hatten mehr Arbeit, als ihnen recht war, und die
+Hundertelfe kamen nicht viel zur Ruhe. Sie waren es alle reichlich leid,
+das Landhüten und das Schandwehren; manch einer von ihnen kam nicht mehr
+recht zum Lachen, außer Viekenludolf, aber bei dem kam es auch nicht so
+recht aus dem Herzen, denn den einen Abend hatte er noch ein hübsches
+Mädchen im Arm gehabt und am anderen mußte er dabeistehen und zusehen,
+wie sie begraben wurde, und es war ihm man ein schlechter Trost, daß
+anderthalb Dutzend Dänen, die den Hof überfallen hatten, steif und kalt
+unter der Erde lagen.
+
+Es wurde schlimmer als je vordem. Als es sich herumsprach, daß der Tilly
+den Dänenkönig bei Lutter geschlagen hatte und hinter ihm her war, war
+die Angst vor ihm groß im Lande, aber die Dänen trieben es eher ärger
+als die Kaiserlichen; wo sie hinliefen, hinterließen sie Asche, Schutt
+und Not, und waren sie vorbei, dann kamen die Waldsteinschen und wüteten
+wie die Besessenen. Zwar hieß es mit einem Male, daß es Frieden geben
+sollte, denn Tilly war in Celle und verhandelte mit dem Herzoge, aber es
+kam nur noch schlimmer; so schlimm wurde es, daß Viekenludolf ein ganz
+anderes Lachen bekam.
+
+»Drewes,« sagte er und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß der Hund
+an zu bellen fing; »bislang war das ja mehr ein Spaß, wenn es auch
+manch einem nicht so vorkam, dem wir das Luftholen abgewöhnten; jetzt
+aber hört sich die Gemütlichkeit auf! Wehrwölfe waren wir; jetzt müssen
+wir Beißwölfe werden. Der Wulfsbauer denkt genau so, Drewes! Wer heute
+nicht zubeißt, der wird gebissen. Man kommt ja nicht mehr zu seiner
+Ruhe, und es ist wahrhaftig bald eine Woche her, daß ich in einem
+ordentlichen Bette war. Und wie sieht es im Lande aus! Hunger und Pest
+und Pest und Hunger, wohin man sehen tut. Wer nicht umgebracht wird, der
+hängt sich auf oder springt in das Wasser. Ein Donnerwetter soll da
+reinschlagen!«
+
+Er sorgte dafür, daß es oft genug einschlug, denn seitdem der Wulfsbauer
+befreit war, hatte er das Leit in die Hand nehmen müssen, und das hatte
+er gern getan, denn das Ackern hatte doch keinen Zweck mehr. Kaum war
+der Hafer unter Dach und Fach, so fraßen ihn fremde Pferde, und wer Brot
+backte, der tat es für andere Leute. So lag denn Viekenludolf mit seinen
+Leuten meist in Busch und Haide herum und die anderen Obmänner auch, und
+wenn sie zusammenkamen, dann hieß es: »Na, wer hat nun die meisten Läuse
+geknickt?« Und der bester Mann war, der mußte einen ausgeben.
+
+Wie die Wölfe, so wurden sie alle miteinander, die Männer. Wehe dem, den
+sie fingen. Hatten sie Zeit genug, dann war ihnen das Blei zu schade und
+die Wiede zu milde, und gräßliche Dinge trugen sich in Wohld und Haide
+zu. Als Wulf an einem mächtig kalten Wintertage mit Schewenkasper,
+seinem neuen Knechte, durch die Haide ritt, sahen sie über einem
+Fuhrenhorst etliche Raben umschichtig auf und nieder gehen, und als sie
+hinkamen, fanden sie vier splitterfasernackte Männer, die zwischen die
+Bäume gebunden waren. Drei davon waren schon totgefroren, der eine
+jappte noch.
+
+Schewenkasper war Knecht auf dem Tornhope gewesen, der von den dänischen
+Mordhunden niedergebrannt war, und Steers Wieschen, die da als Magd
+gedient hatte und ihr Leben lassen mußte, weil sie dem Schandvolke
+gerade in den Weg gelaufen war, das war sein Schatz gewesen. Kasper
+hatte früher schon nicht viel gesagt und bloß gelacht, wenn es gar nicht
+anders gehen wollte, aber jetzt sprach er kaum mehr und das Lachen hatte
+er ganz verlernt, außer wenn er den Hoferben oder das kleine Mädchen
+wartete, das Rose hieß.
+
+»Du hättest man auch gleich ein Frauensmensch werden sollen,« pflegte
+Mieken zu sagen, wenn er sich mit den Kindern abgab; »was ist das für
+ein Werk? Schleppst dich da in einem fort mit den Kröten ab und andere
+Leute hüten das Land!« Kasper aber sagte nichts und ließ vor Bartolds
+und Roses Nasen einen Hampelmann tanzen, daß es klingelte und klapperte,
+denn er hatte ihn von oben bis unten mit Perlen und bunten Steinen
+behängt, die er bei einem Waldsteiner Hauptmann im Hosensack gefunden
+hatte.
+
+»Dumme Trine!« dachte er, als er Miekens roten Rock nicht mehr sah,
+»dumme Trine!« Und während er den Hampelmann tanzen ließ, dachte er an
+den Abend, als er mit Gödeckengustel und Scheelenludjen und Bollesbernd
+an der Heerstraße auf Anstand gewesen war. »Alle Tage ist Jagdtag, aber
+nicht alle Tage ist Fangtag,« hatte Ludjen gesagt, als es schon an zu
+schummern fing. Aber dann hatte er das Ohr auf die Erde gelegt. »Die
+Hirsche ziehen!« flüsterte er und machte sich fertig. Vier Reiter kamen
+in hellem Galopp an.
+
+Da riß Bernd an einer Schnur, die auf der Straße lag, ein weißer Lappen
+flog vor den Pferden auf, daß sie scheuten, und dann knallte es dreimal
+und dann noch einmal, und Kasper machte ein ganz dummes Gesicht, als auf
+sein Teil fünf blanke Dukaten, ein Paar neue Stiefel und noch allerlei
+Kram kam, so die bunte Kette, die der Hauptmann in der Tasche hatte.
+
+»Ja, jetzt, wo es zu spät ist, Wieschen,« dachte er, »da haben wir das
+Geld! Was soll ich jetzt mit dem Schiet?« Er gab es dem Bauern zum
+Aufheben, denn er brauchte nichts als Essen und Kleider, und die waren
+billig, denn es wuchs davon genug in der Haide, wenn man sich darauf
+verstand. Und Schewenkasper verstand sich darauf. Es war ihm wahrhaftig
+nicht um die Beute zu tun, aber wenn er mit den anderen mal wieder ein
+paar Dänen oder Kaiserliche, oder was es sonst war, beiseite gebracht
+hatte, dann dachte er: »So, ihr bringt anderer Leute Mädchen nicht mehr
+um!« Wenn er dann mit den Kindern Huckepack und Hopphoppreiter spielte,
+dann sah er aus, als hätte er nie einen Finger krumm gemacht.
+
+Viel machte er sich auch nicht daraus, »aber Arbeit ist Arbeit,« dachte
+er, wenn er wieder einmal heranmußte. Viel lieber war es ihm schon, wenn
+er rechtschaffen arbeiten konnte oder Wolfsfallen bauen mußte, denn die
+Wölfe nahmen ganz gefährlich zu und auch die Luchse spürten sich wieder
+mehr, weil keiner ihnen wehrte, da schlimmere Biester, die wie Menschen
+aussahen, aber die reinen Teufel waren, sich mehr als nötig blicken
+ließen. Schneller als sonst bekamen die Bauern Falten um den Mund, und
+mancher Sohn war schon mit vierzig Jahren so grau, wie sein Vater es
+kaum mit sechzig war.
+
+Harm Wulf war noch immer ein junger Kerl, aber als sein Hof abgebrannt
+war, war ihm Asche auf den Kopf geflogen und Ruß in die Augen gekommen
+und Rauch in den Mund. Wenn er seine schöne Frau und seinen beiden
+gesunden Kinder ansah, wurden seine Augen wieder hell und seine Lippen
+gingen auseinander; sein Haar aber war und blieb an den Seiten grau, und
+nicht oft mehr flötete er das Brummelbeerlied.
+
+An einem Juliabend aber hörte die Bäuerin, wie er flötete, als er dem
+Knechte den Fuchs gab. Er ging auf sie zu, faßte sie um und sagte:
+»Freue dich, Johanna, es wird Frieden! die Dänen ziehen ab. Ich habe es
+in Burgdorf als fest und sicher vernommen.« Die Frau machte ihr
+glücklichstes Gesicht, aber dann faßte sie sich mit der Hand nach der
+Brust und verlor alles Blut aus den Backen; gleich darauf aber lachte
+sie wieder und sagte: »Es war die große Freude, Harm. Frieden! Ja, den
+wünscht sich wohl ein jeder. Gott sei Lob und Dank!«
+
+Es war ein schöner Abend. Der Himmel über dem Haidberge war rot, die
+Rosen rochen stark und in dem Risch an der Beeke sang ein Vogel ganz
+wunderschön. Der Bauer und die Bäuerin saßen auf der Gartenbank und
+sahen in den Abend. Ab und zu rief eine Eule in der Wohld, oder eine
+Ente schnatterte an der Beeke und unter dem Dache piepten die jungen
+Schwalben. Die Bäuerin hatte ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes
+gelegt und hatte ein Gesicht wie ein Kirchenengel. »Frieden, Frieden!«
+flüsterte sie und bekam nasse Augen.
+
+Aber so schnell vertrugen sich die hohen Herren nicht. Zwar die Dänen
+zogen ab, aber die anderen blieben, und noch manches Mal war der Himmel
+rot von etwas anderem als von der Abendsonne, und die Wehrwölfe mußten
+mitten in der Ernte die Sensen liegen lassen und die Kugelbüchsen hinter
+dem Schapp herkriegen, denn allzusehr drückten die Kaiserlichen das
+Land, obzwar der Herzog treu zu dem Kaiser stand, soviel ihm das auch
+verdacht wurde. Der Hunger und die Not wurden so groß im Lande, daß die
+rechtlichsten Bauern nicht mehr anders leben konnten, als wenn sie auf
+Mord und Raub ausgingen. Das war dann das Allerschlimmste, wenn die
+Wehrgenossenschaft Hand an Leute legen mußte, die vordem kein anderes
+Blut vergossen hatten als das von Vieh und Geflügel.
+
+Es war an einem Aprilabend, als der Wulfsbauer abgerufen wurde. Von
+Mellendorf her war eine Bande von Räubern gemeldet, die den Weg auf das
+Bruch zu nehmen sollte. Bauern aus dem Kalenbergischen, der Neustädter
+Gegend und aus dem Stifte Hildesheim waren es, die längst kein Dach mehr
+hatten, unter dem sie schlafen konnten. »Dieses Stück will mir nicht
+gefallen,« sagte Drewes zu Wulf; »fremde Völker, wenn es die noch wären,
+da kommt es auf ein paar mehr oder weniger nicht an! Aber diese Leute
+da, die bloß der Hunger soweit gebracht hat, das ist, als wenn man
+seinen besten Hund an den Kopp schießen muß, wenn er die Dollwut hat. Es
+sind doch Menschen wie unsereins!«
+
+Der Peerhobstler nickte. »Weißt du,« sagte er, »das beste ist, wir geben
+ihnen auf, daß sie einen anderen Weg nehmen; vielleicht, daß sie
+Verstand annehmen. Ich will ihnen das sagen. Ich glaube kaum, daß einer
+von ihnen ein Schießgewehr hat, und wenn schon, so fällt er um, wenn er
+Dampf macht. Da ist keiner bei, der noch ein Kalb festhalten kann, wenn
+es weg will. Am Dietberge habe ich sie dicht an mir vorbeiziehen sehen;
+ordentlich elend ist mir dabei geworden!«
+
+Der Engenser schüttelte den Kopf: »Es ist besser, ich mache das. Stößt
+mir etwas zu, dann ist das weiter nicht schlimm; meine Kinder sind groß
+genug, um sich selber zu helfen; deine aber nicht. Zudem kommt mir das
+als Oberobmann auch mehr zu.«
+
+Der Junge, den er bei sich hatte, kroch hinter den krausen Fuhren her
+und sagte den Wölfen Bescheid. »Der reinste Duffsinn ist das nun
+wieder,« knurrte Viekenludolf; »Drewes wird alt und bei kleinem taugt er
+nicht mehr zum Obmann. Mich soll bloß wundern, was dabei herauskommt;
+was Gutes bestimmt nicht!«
+
+Er sollte recht behalten. Kaum war Drewes hinter dem Busche heraus und
+hatte eben gerufen: »Leute, ich rate euch zum Guten; bleibt hier weg,
+die Welt ist groß genug!« da zog ein langer Kerl, der einen roten
+Frauenrock als Mantel umgehängt hatte, eine Pistole heraus, schrie:
+»Dennso mach uns Platz!« und schoß den Engenser über den Haufen.
+
+Er und sechs andere lagen beinahe in demselben Augenblicke da und
+färbten den Sand rot, und eine Viertelstunde später liefen zwei Drittel
+der Bande den Weg zurück, den sie gekommen waren, ohne sich nach denen
+umzusehen, die in der Haide liegenblieben; aber davon wurde Drewes nicht
+besser; er lag mit dem Rücken gegen einen Machangelbusch, stöhnte und
+hielt sich den Unterleib, denn da hatte er den Schuß hinbekommen.
+
+Der Wulfsbauer untersuchte den Einschuß. »Weißt du was, Drewes,« meinte
+er, »was das beste ist? Wir tragen dich zu mir. Einmal ist es bis dahin
+der ebenste Weg und dann liegst du da am ruhigsten, und hast außerdem
+die beste Pflege, denn was meine Frau ist, die versteht sich auf sowas
+vorzüglich.«
+
+Drewes war das zufrieden, vorausgesetzt, daß anderen Tags sein Wieschen
+kam, denn die könne er um sich nicht missen, sagte er. Sie kam auch. Der
+Wulfsbauer machte große Augen, als er sie sah, denn er hatte sie lange
+nicht gesehen, wenn er auch oft genug auf dem Dreweshofe gewesen war.
+»Ein Bild von einem Mädchen ist das ja geworden!« dachte er, als sie vor
+ihm stand und ein um das andere Mal weiß und rot aussehend wurde. »Was
+hat sie bloß?« dachte er, als er das sah, aber dann kümmerte er sich
+weiter nicht um sie.
+
+Mit ihrem Vater stand es besser, als es zuerst aussah. Die Wulfsbäuerin
+hatte die Kugel gleich gefunden und herausgenommen, aber dem Engenser
+gesagt, unter zwei Wochen dürfte er nicht aus dem Bette. »Na, Langeweile
+sollst du nicht haben,« meinte sie, »erstens hast du ja Wieschen, und
+wenn ich Zeit habe, will ich dir immer etwas vorlesen.«
+
+Das war Drewes sehr zufrieden, denn in der letzten Zeit war er immer
+frömmer geworden. »Wieschen, kannst da auch sitzen gehen!« rief er, wenn
+die Bäuerin mit der Bibel kam; »das tut dir auch keinen Schaden, wenn du
+zuhörst.« Aber meistens hatte Wieschen dies oder das zu tun, und wenn
+sie endlich kam, dann wurde sie umschichtig weiß und rot, wenn die Frau
+sie ansah, so daß die aus ihr nicht klug werden konnte, zumal das
+Mädchen beim Essen kein eines Mal aufsehen mochte und an jedem Bissen
+herumwürgte.
+
+Den einen Vormittag stand die Bäuerin in der Dönze und sah Wieschen zu,
+die im Garten mit den Kindern spielte, denn das tat sie, sobald es eben
+anging. Da kam der Bauer und nickte dem Mädchen freundlich zu, und die
+Frau sah, daß ihr die Brust auf und ab ging und daß sie erst ganz weiß
+im Gesichte wurde und sich dann rot ansteckte. Der Bauer lachte, als er
+sie so dasitzen sah: »Mußt sehen, daß du auch bald zu welchen kommst,«
+rief er lustig; »mich wundert überhaupt, daß du noch immer unbeschrien
+bist. Die Engenser Jungens müssen wohl alle keine Augen haben!« Damit
+ging er um die Hausecke.
+
+Da ging der Bäuerin mit einem Male ein Licht auf, denn das Mädchen sah
+hinter dem Bauern her, gleich als hätte er ihr ein großes Unrecht
+angetan, küßte den Jungen, den sie auf dem Schoße hatte und der seinem
+Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war, wie unklug, und dann hielt
+sie die Hand vor die Augen und weinte, daß es sie schüttelte.
+
+Die Frau faßte mit der Hand nach ihrem Mieder, trat vom Fenster zurück
+und setzte sich in den Ohrenstuhl; sie holte tief Luft und griff sich
+ein über das andere Mal nach der Brust. Aber dann stand sie auf, ging
+in den Garten, nahm dem Mädchen die Hand von den Augen weg und sagte:
+»Du bangst dich wohl nach eurem Hofe? In drei, vier Tagen, denke ich,
+kann dein Vater wieder hin.« Und dabei strich sie ihr über die Backe.
+
+Nach dem Mittag war sie mit ihr allein im Hause, Drewes schlief, der
+Bauer war mit Ul und dem Knecht nach den Koppeln gegangen und Mieken war
+in den Busch nach Feuerholz geschickt.
+
+»So,« sagte die Frau und zog das Mädchen neben sich auf die Bank, »nun
+wollen wir beiden großen Frauensleute es uns aber einmal gemütlich
+machen. Die Kinder schlafen wie die Ilke.«
+
+Das Mädchen wurde weiß und rot und konnte der Frau nicht in die Augen
+sehen. Die nahm sie bei der Hand: »Das ist mir doch verwunderlich, daß
+ein Mädchen als wie du noch keinen an der Hand hat. Machst du dir aus
+den Mannsleuten nichts? Denn daß sie sich aus dir nichts machen sollten,
+das redet mir doch keiner ein!«
+
+Dem Mädchen ging die Brust auf und ab; sie wußte nicht, wo sie mit den
+Augen bleiben sollte und würgte als ob ihr etwas im Halse steckte.
+»Wieschen,« sagte die Frau und legte ihr den Arm um die Schulter, »ich
+weiß mehr als du dir denkst. Bleib ruhig sitzen, wir müssen einmal ganz
+offen reden.«
+
+Sie nahm die Hand des Mädchens und legte sie an ihr Mieder: »Fühlst du,
+wie mein Herz arbeitet?« Sie zog den Kopf des Mädchens an ihre Brust:
+»Jetzt kannst du es ganz genau hören.« Wieschen fuhr in die Höhe und sah
+die Frau ganz erschrocken an.
+
+»Ja, Mädchen,« sagte sie dann, »jetzt arbeitet es wie wild, und zuzeiten
+ist es, als ob ich überhaupt keins habe. Bei meinem Zwillingsbruder war
+es just so; mitten im hellen Lachen fiel er um und blieb uns weg. Und so
+wird es mit mir auch gehen. Seitdem ich so Schreckliches mit ansehen
+mußte, ist es ganz schlimm damit geworden. Wenn ich mich bloß ein ganz
+bißchen verjage, oder wenn ich mich sehr freuen muß, dann bleibt mir das
+Herz stehen und hinterher ist es, als wenn es mir aus dem Halse heraus
+will.«
+
+Sie seufzte tief auf: »So, jetzt ist es wieder besser damit. Aber das
+kann heute sein oder morgen, denn lange dauert es nicht mehr, und ich
+schlage um und dann,« sie nahm das Mädchen fest in den Arm, »dann haben
+meine Kinder keine Mutter, die für sie sorgt. Und nun,« sagte sie und
+trocknete sich die Augen aus, »weiß ich ein Mädchen, ein treues und
+gutes Mädchen, das meine Kinder von Herzen gern hat, und ihren Vater
+auch, und deswegen ist sie bis heute noch ledig geblieben, obzwar sie
+rundherum die schönste von allen ist.«
+
+Wieschen schnappte erst nach Luft, und mit einem Male fiel sie der
+Bäuerin um den Hals und weinte. »Ja, aber dafür kann ich doch nichts,
+und es ist schlecht von mir, daß ich ihn dir nicht gegönnt habe, wo du
+doch dreimal besser für ihn bist, als wie ich!« Sie versuchte zu
+lächeln: »Aber so schlimm wird es doch mit dir nicht sein. Ich will
+meine Gedanken zu Bette bringen, denn, denn,« sie barg ihren Kopf von
+neuem an der Brust der Frau, »du bist so gut und aus mir macht er sich
+doch kein bißchen!«
+
+Die Bäuerin lächelte: »Wieschen, glaubst du, eine Frau als wie ich, die
+so viel durchgemacht hat, macht in solchen Dingen Spaß? Ich habe mein
+Teil gehabt, Elend und Not genug und hinterher mehr Glück und Segen, als
+eine Frau in diesen Zeiten verlangen kann, und wenn ich weiß, daß du
+einmal für die Kinder sorgen wirst, dann wird mir meine letzte Stunde
+nicht so sauer werden. Versprichst du mir das?« Das Mädchen nickte, ohne
+ein Wort zu sagen, und die Tränen liefen ihr über die Backen.
+
+Als der Bauer zurückkam, sah er seine Frau und dann das Mädchen an und
+sagte: »Ihr seht ja beide aus, als wenn ihr das Abendmahl genommen
+habt!« Die Bäuerin lächelte ihm zu, aber Wieschen ging schnell in das
+Flett.
+
+Am Morgen des Tages, an dem Drewes wieder nach Engensen fahren sollte,
+setzte sich die Bäuerin zu ihm. »Drewes,« sagte sie und nahm ihn bei der
+Hand, und seine Augen, die lange nicht mehr so waren wie ehedem, bekamen
+ordentlich Feuer, als sie ihn ansah: »Drewes, jetzt will ich dir einmal
+etwas sagen, aber du darfst mir da nicht zwischenreden. Also höre zu! Du
+hast mir selber gesagt, du wirst aus Wieschen nicht klug, weil sie sich
+um die Mannsleute nicht kümmert. Seit letzten Friggetag weiß ich, warum
+das so ist; sie hat all lange einen, aber einen, der Frau und Kinder hat
+und der an ihr vorbeisieht.«
+
+Sie drohte dem Bauer mit dem Finger, denn der machte seine bösesten
+Augen: »Erst abwarten und dann krumme Augen machen! Die Frau, von der
+ich rede, weiß das und sie ist von Herzen froh darüber, denn sie ist
+sich bewußt, daß sie heute oder morgen sterben kann, weil sie ein
+schwaches Herz hat; und nun kann sie sich für ihre Kinder keine bessere
+Zweitmutter wünschen und für ihren Mann,« hier liefen ihr die Augen an,
+»keine bessere Frau als dein Wieschen, denn die Frau, das bin ich,
+Drewsbur!«
+
+Sie faßte sich nach der Brust, holte tief auf und sah ihn freundlich an:
+»So, nun weißt du es, und ich denke, der Wulfsbur wird dir als Eidam
+wohl paßlich sein. Und mit Wieschen habe ich auch schon geredet.
+Natürlich kommt sie sich nun etwas dumm vor, aber sie kann mir jetzt
+mitten in die Augen sehen, denn sie weiß, wie ich ihr zugetan bin.«
+
+Drewes schüttelte den Kopf; er wußte nicht, was er dazu sagen sollte.
+Dann nickte er: »Darin kannst du recht haben, Wulfsbäuerin, darin hast
+du sicher recht, daß das Mädchen ihre Gedanken da hat, wo du meinst; nun
+wird mir allerlei klar, wo mir bis zur Stunde Busch und Kraut vor war.
+Aber das andere, das schlage dir man aus dem Kopf! Du siehst aus als wie
+das ewige Leben, und wenn ich dreißig Jahre jünger wäre und du ein
+lediges Mädchen, dennso solltest du mal sehen, wer sich am meisten um
+dich kümmern täte!«
+
+Er lachte lustig, wenigstens tat er so, aber sogleich schrie er:
+»Wieschen, Wieschen, Mieken Mieken!« denn die Bäuerin war vorn
+übergeschlagen und lag mit dem Gesichte auf seinem Schoße, und als
+Wieschen hereinkam, sah sie zum ersten Male in ihrem Leben, daß ihr
+Vater auch Angst haben konnte, richtige, wirkliche Angst, denn er hatte
+ein paar ganz unglückliche Augen im Kopfe.
+
+Die Bäuerin kam bei kleinem wieder zu sich und sah beim Essen so frisch
+und gesund aus wie immer, aber bevor Drewes in den Wagen stieg, nahm er
+sie bei der Hand und sagte: »Ich komme bald wieder, halte dich gesund!«
+und dann drehte er sich um, denn daß ihm die Augen naß wurden, das
+brauchte kein einer zu sehen. Wieschen aber nahm die Bäuerin um den Hals
+und weinte hellwege loß, so daß Harm hinterher den Kopf schüttelte und
+sagte: »Ein putzwunderliches Mädchen, diese Wieschen; erst dachte ich,
+sie kann dich vor den Tod nicht ausstehen, und jetzt hat sie sich, als
+wenn sie dich vor Gernhaben auffressen will!« Dann stieg er auf den
+Rappen und ritt mit Thedel hinter dem Wagen her. Von Wieschen bekam er
+aber kein vernünftiges Wort heraus, und er wußte nicht, was er von ihr
+halten sollte.
+
+Es war überhaupt ein putzwunderlicher Tag; denn als Wulf gegen Abend mit
+Thedel zurückritt, hörten sie etwas singen, und als sie sich in die
+Bügel stellten, sahen sie einen Mann hinter einem Machangel sitzen, der
+ein Knie zwischen den Händen hielt und lauthals sang: »Umgürte die, o
+Gott, mit Kräften in ihrem Amt, Beruf und Stand, die zu des Predigtamts
+Geschäften dein gnadenvoller Ruf gesandt.«
+
+Die beiden Bauern sahen sich an und schüttelten die Köpfe; aber als der
+Vers zu Ende war, ritten sie dicht heran, denn daß sie diesem Manne
+gegenüber nicht scharf zu machen brauchten, das war so klar wie eine
+Brandhaide. »Guten Abend,« rief der Bauer; »na, was machst du denn
+hier?«
+
+Der junge Mensch nickte, stand dann langsam auf und sagte: »Ich wünsche
+ihm dasselbe, und was ich hier mache? Ich warte, was der Herr mir
+schickt. Doch gestatte er mir: da ich ein Prediger bin, wenn auch ohne
+Amtes seit einiger Zeit, dürfte mir wohl die Anrede Ihr und Herr
+zukommen.«
+
+Niehus griente und der Bauer lachte: »Nichts für ungut, Euer Ehren, aber
+daß ihr ein geistlicher Herr seid, konnte ich euch von der Nase nicht
+ablesen. Aber wo kommt ihr her und wohin des Weges? Nehmt meine
+Neubegier nicht krumm, doch es geht jetzt nicht gerade sauber auf der
+Welt her, und wer sich bei uns blicken läßt, der muß uns schon Rede und
+Antwort stehen.«
+
+Der Fremde sah ihn mit klaren Augen an: »So wisse er denn, ich bin der
+Kaplan Jakobus Jeremias Josephus Puttfarkenius. Seitdem der Herr den
+Jebusitern Macht über die Gerechten gegeben hat und als Strafe für
+unsere Sünden ihnen die Zuchtruten des Restitutionsediktes verlieh, ward
+ich meiner Kapellanstelle ledig und bin wie ein Blatt, das der Wind vor
+sich herweht.«
+
+Der Bauer lachte: »Viel anders seht ihr auch nicht aus. Aber da wir doch
+gerade vespern wollen, und mehr bei uns haben, als wir brauchen, und ihr
+nicht so aussehet, als hättet ihr heute schon satt gekriegt, so könnt
+ihr mittun, wenn ihr dazu Lusten habt.«
+
+Der junge Geistliche sah gegen den Himmel: »Herr,« rief er, »deine Güte
+währet ewiglich!« Er gab dem Bauern die Hand. »Es war gestern morgen in
+dem Dorfe Fuhrbergen, als ich das letzte Stück Brotes aß. Seitdem ist
+die Rinde der Birkenbäume meine Nahrung gewesen, doch bin ich dieser
+Speise nicht gewöhnt und wollte fast verzagen, wenn ich mich nicht mit
+dem Spruche getröstet hätte: der, der die jungen Raben speist, wird auch
+meiner nicht vergessen.«
+
+Er aß wie ein Drescher und hinterher sah er gleich ganz anders aus, und
+die Hose hing ihm nicht mehr so bummelig vor dem Leibe. Dankbar sah er
+den Bauern an und fragte dann: »In Fuhrberg habe ich die Bekanntschaft
+eines Bauern gemacht, der Ludolf Vieken heißt und zu Rammlingen gebürtig
+ist. Zu diesem Manne faßte ich ein Zutrauen, obzwar er mir nicht auf dem
+Wege des Herrn zu wandeln schien, dieweil er Flüche und unnütze Schwüre
+aus seinem Munde herausgehen ließ. Aber der Herr wird ihn schon
+erleuchten, denn er hat mich aus den Händen der Heiden errettet, so man
+Tatern nennt, und unaufgefordert sein Brot mit mir geteilt, und sein
+Bier, als er hörte, daß ich nüchtern war wie ein Kindlein, das zum
+ersten Male die Wand beschreit.«
+
+Er sah den Bauern mit seinen großen hellen Augen an: »Kennt er hier in
+der Gegend einen Mann namens Harm Wulf? An den hat mich der Rammlinger
+gewiesen, denn er sagte mir, derselbe könnte in seinem Dorf, dessen Name
+mir entfiel, vielleicht einen Prediger gebrauchen. Und die Ehefrau
+dieses Mannes soll, wie mir gesagt wurde, eines ausgetriebenen Predigers
+Tochter sein?«
+
+Der Bauer lächelte: »Hat Viekenludolf euch kein Zeichen mitgegeben?« Der
+andere nickte: »Das wohl, doch scheint es mir dürftig zu sein und fast
+hätte ich es von mir getan. Seht her!« Er zog einen Lappen aus der
+Tasche und wickelte eine Rabenfeder aus, die zweimal geknickt und deren
+Enden auf geheime Art ineinandergedreht waren.
+
+»Dennso ist das recht,« sagte der Bauer; »ich bin der
+Burvogt Harm Wulf aus Peerhobstel, und es kann sein, daß ihr
+bei uns eine Stätte finden könnt, denn wir Männer können uns in diesen
+Zeiten kaum noch nach der Kirche trauen und die Frauensleute schon gar
+nicht. Ich sehe es euch an, daß ihr ein rechtlicher Mann seid. Es ist
+eine böse Zeit; landfremden Leuten trauen wir gemeiniglich nicht über
+den Weg, und deshalb müßt ihr mir in die Hand versprechen an Eides
+Statt: nichts zu verraten, was ihr hört und seht, ob ihr nun bei uns
+bleibet oder nicht.«
+
+Puttfarken sah ihn ernst an: »Ich habe eine Probe davon belebt, welcher
+Art er zu sein scheint; die drei Tatern, die mich auf der Straße
+hinwarfen, um mich auszurauben, hängen an drei Birkenbäumen. Hätten die
+Toren gewußt, daß ich nur das mein eigen nenne, was ich auf dem Leibe
+trage, und das wohl kaum ein Jude anders als geschenkt nimmt, sie lebten
+vielleicht noch. Ich habe viel Greuel gesehen auf meinen Wegen, und ich
+glaube, wer dem Übel wehrt, der handelt nicht wider des Herrn Gebot. Und
+so will ich denn geloben, was er von mir fordert.«
+
+Der Bauer wartete, bis es schummerte, und derweilen fragte er aus dem
+Prediger heraus, was er heraushaben wollte. Der Mann gefiel ihm und
+Thedel auch, und Grieptoo nicht minder, und somit durfte er vor Niehus
+aufsitzen und bis vor die Wohld reiten.
+
+»Mädchen,« sagte Thedel nachher zu seiner Hille, die schon wieder so
+aussah, als ob es bald noch einen kleinen Niehus geben sollte, »da haben
+wir dir einen Kerl auf der Haide aufgegabelt, eine ganz putzige Kruke!
+Sitzt da im Sand und singt nach der Schwierigkeit ein geistliches Lied,
+hat nicht Messer noch Schießgewehr bei sich und macht ein Gesicht, als
+wenn es lauter Engel auf der Welt gibt, und dabei haben ihn gestern erst
+die Tatern unter sich gehabt. Es ist meist so, als ob er zu dumm ist,
+als daß er Bange hat; nicht einmal hat er sich verjagt, als wir von den
+Wachen angerufen wurden.«
+
+Thedel hatte recht; Furcht hatte Ehren Puttfarken nicht, zum mindesten
+keine Menschenfurcht. Das mußte Viekenludolf spüren, als er nach vier
+Wochen auf den neuen Hof geritten kam und auf der Deele Mieken zu fassen
+kriegte: »Deubel auch, Deern!« rief er und drückte sie, daß ihr die
+Rippen knasterten; »du machst dich ja mächtig heraus.«
+
+Aber was machte er für runde Augen, als der Prediger aus der Dönze trat
+und ihm sagte: »Der Herr segne seinen Eingang, Viekenbur! Aber sage er
+mal: ist es notwendig, den Teufel zum Zeugen anzurufen, weil Gott diese
+Jungfrau blühen und gedeihen läßt? Und schickt es sich in einem ehrbaren
+Bauernhause, und paßt es sich für einen rechtlichen Bauern, einer
+ordentlichen Witfrau Tochter zu behandeln wie ein liederliches
+Weibsstück?«
+
+Viekenludolf machte so verbiesterte Augen wie ein Hund, den eine Adder
+anprustet; aber dann lachte er: »Ist das der Dank, daß ich euch vor den
+Tatern bewahrt habe?«
+
+Der Prediger nickte: »Jawohl, das ist der Dank. Er hat mich vor Tatern
+und Heiden bewahrt und ich will seine Seele vor dem Höllenfeuer
+bewahren. Und nun trete er ein und nehme Platz, bis die Bäuerin kommt;
+die Magd soll sie rufen.«
+
+Von dem Tage an hatte er zwei dicke Freunde; der eine war Schewenkasper,
+denn der sagte nachher zu Thedel: »Er hat es dem Viekenbur aber gehörig
+gegeben, sage ich dir. Ist das aber auch eine Art, sich aufzuführen, wie
+der es tut? Kein eines Mädchen kann sich ja vor ihm bergen!« Der andere
+aber war Viekenludolf selber, denn als er nachher wieder ein
+Donnerwetter aus dem Munde ließ, wusch ihm der Prediger den Kopf noch
+einmal, und das gefiel dem Dausenddeubel, denn es war ihm etwas Neues.
+»Du,« sagte er zu dem Wulfsbauern, »den behaltet man; der ist gut!«
+
+So dachten die Peerhobstler auch, denn nachdem Puttfarken von der
+Bäuerin ordentlich herausgefüttert war, sah er wie ein rechtschaffener
+Prediger aus, und obzwar er noch reichlich jung war, so war er doch ein
+guter Prediger und trotz seiner Redensarten ein Mann, der in die Welt
+paßte.
+
+Er scheute sich vor keiner Arbeit, soweit sie sich für ihn schickte, und
+mehr als einmal sagte der Wulfsbauer zu ihm: »Wie ein Knecht braucht ihr
+nun gerade nicht zu arbeiten.« Aber dann bekam er jedesmal zu hören:
+»Glaubt er, Wulfsbauer, daß mir das bei den Leuten nicht nützt, wenn ich
+grabe und rode wie sie selber? Und außerdem; es macht mir Freude; bin
+ich doch auch eines Bauern Sohn.«
+
+Er saß so gut zu Pferde wie die Peerhobstler selber, und mit der Zeit
+lernte er auch mit dem Schießgewehr umzugehen wie ein gelernter Jäger,
+und manchen Braten brachte er aus dem Busche mit. Auch Aalkörbe konnte
+er machen, Netze stricken und Setzangeln stellen, denn sein väterlicher
+Hof, den die Mansfelder samt allem, was darauf war, niedergebrannt
+hatten, hatte da unten an der Weser gelegen.
+
+Der Wulfsbauer fand, das er kein schlechtes Geschäft gemacht hatte, als
+er diesen Mann auf der Haide aufsammelte, allein schon, weil die Bäuerin
+immer einen von ihrer Art bei der Hand hatte, wenn Wulf über Land mußte,
+was immer öfter der Fall war; denn das mit dem Frieden, das war wie der
+Rauhfrost auf der Haide gewesen und lange vergessen, und es wurde
+schlimmer denn je. Die Schweden waren gekommen, und der Herzog, dem es
+längst nicht mehr gepaßt hatte, die Geschäfte der Papisten zu besorgen,
+war zu ihnen übergegangen, und nun sengten und brannten die Pappenheimer
+in seinem Lande.
+
+Öfter als sonst kam der Bauer mit krauser Stirn nach Hause, und dann war
+es ihm ein Trost, wenn der Prediger ihm mit mutigen Worten und einem
+geistlichen Liede über die Sorgen weghalf, denn Puttfarken hatte
+Abendandachten auf dem Hofe zugange gebracht, zu denen ein jeder kommen
+durfte, der dazu Lusten hatte. Besonders den alten Leuten, die seit
+Jahren keine Kirche mehr gesehen hatten, war es ein großer Trost,
+konnten sie einmal wieder gemeinsam Gott mit Gebet und Gesang ehren.
+
+Es war von jeher ordentlich und sinnig auf dem neuen Hofe zugegangen,
+aber seitdem der Prediger da war, waren die Abende noch gemütlicher als
+sonst, denn der junge Mann hatte allerlei Kenntnisse und konnte erzählen
+wie ein Buch von dem, wie es in der Welt zugegangen war von Adam an bis
+auf die letzten Zeiten; da nun der Bauer in den ganzen Jahren jedes
+Buch, das ihm bei den Wehrfahrten in die Hände gefallen war, mitgebracht
+hatte, weil er wußte, daß seine Frau daran ihre Freude hatte, so las der
+Prediger ihnen an den langen Winterabenden daraus das beste vor und
+wußte alles so zu erklären, daß selbst Schewenkasper in dem einen Winter
+mehr lernte, als in seinem ganzen Leben.
+
+Seitdem die Bäuerin eigene Kinder hatte, konnte sie sich der anderen
+nicht mehr so viel annehmen wie anfangs, und so machte es sich ganz von
+selber, daß der Prediger Schule abhielt, zuerst für die Kinder und dann
+auch für die Knechte und Mägde, und dazu kamen auch die Bauern gern,
+denn alles, was ihre Gedanken von der schlimmen Zeit abhielt, wurde
+ihnen zum Trost und zur Erquickung.
+
+Ging es doch immer schrecklicher in der Welt her. So ablegen das
+Dorf auch war, es sprach sich genug bis zu ihm hin und die Bauern
+bekamen es mit der kalten Angst, als Grönhagenkrischan ein fliegendes
+Blatt mitbrachte, auf dem gedruckt stand, was der Tilly und der
+Pappenheimer mit Magdeburg angestellt hatten.
+
+Am nächsten Sonntage war Predigt auf dem neuen Hofe. Schewenkasper und
+Thedel hatten aus Klötzen und Stangen Sitzreihen vor dem Hause
+aufgeschlagen und vor der großen Tür eine Art Kanzel gebaut, die von
+der Bäuerin und Mieken mit Tannhecke und Maien zurechtgemacht war, und
+ein weißes Tuch mit einem roten Kreuze war darüber gesteckt.
+
+Bei halbig zehne waren die Peerhobstler auf dem Hofe; alle waren da
+außer den Brustkindern und den Wachen. Es war ein Morgen, wie er nicht
+schöner sein konnte; die Sonne stand hell am Himmel, die Buchfinken
+schlugen, die Schwalben spielten in der Luft und auf allen Misten waren
+die Hähne am Krähen.
+
+Alle waren sie in ihrem besten Zeuge da, die Männer und die Frauen, und
+alle hatten ihre Kinder herausgeputzt, so gut es ging. Sie stießen sich
+an und zeigten auf die Kanzel und flüsterten leise miteinander, und die
+Altmutter Horstmann bekam nasse Augen, als sie das rote Kreuz auf dem
+weißen Laken sah.
+
+Der Wulfsbauer stimmte das Lied an: »Allein Gott in der Höh' sei Ehr'
+und Dank für seine Gnade,« und alle fielen mit ein. Währenddem stieg der
+Prediger auf die Kanzel und betete vor sich hin. Er hatte einen
+schwarzen Gehrock an, den die Bäuerin gemacht hatte, und er kam den
+Bauern anders vor als bislang, wo er in Blaulinnen und Beiderwand
+gegangen war.
+
+Es war kirchenstill auf dem Hofe, als der Vers zu Ende gesungen war und
+die Leute aufgestanden waren, nur daß man die jungen Schwalben piepen
+hörte. »Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und
+die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen,« begann der
+Prediger und fuhr fort: »Vernehmet in Andacht das Wort der Heiligen
+Schrift, das geschrieben steht Psalm einhundertsiebenunddreißig: An den
+Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.« Er
+schlug sein Buch zu und fing an zu sprechen.
+
+Die Leute horchten auf, denn eine solche Predigt hatten sie noch keinmal
+vernommen. Das war, als wenn sie selber zueinander redeten, so klar und
+doch so ganz anders. Er sprach, wie es vordem war um das Bruch, und wie
+es nun aussah. Er ließ Ödringen wieder aufleben und ließ es in Rauch und
+Asche aufgehen, erinnerte an Tod und Not und an alles andere, was die
+Jahre gebracht hatten an Leid und Elend. Alle Frauen weinten in ihren
+Schürzen und die Männer sahen vor sich hin.
+
+Ruhig und eben hatte der Prediger gesprochen, aber dann ließ er Blitz
+und Donner aus seinem Munde kommen. Mit einer Stimme, die sich wie ein
+Ungewitter anhörte, las er das fliegende Blatt vor und hing Worte daran,
+die herunterkamen wie die Axt auf den Baum. »Des Herrn Hand wird sie
+treffen, die Bluthunde, die der Kindlein in der Wiege nicht schonten und
+kein Erbarmen hatten mit unschuldigem Blute,« rief er; »zermalmen wird
+er sie in seinem Grimme und hinstreuen, daß ihre Feinde sie mit Füßen
+treten, und wenn sie dann rufen: 'Herr, o Herr, ach, ach!' so wird er
+seine Ohren verschließen, denn nicht zu tilgen ist ihre Schandtat, und
+ihre Greuel bleiben ewiglich bestehen.«
+
+Da hörten die Frauen zu weinen auf und die Männer sahen ihn mit blanken
+Augen an; alle Gesichter wurden klar, als er tröstliche Worte und
+Sprüche fand, die Herzen zu erquicken und die Seelen zu laben mit
+Hoffnung auf bessere Zeiten und Zuversicht auf die Güte des
+barmherzigen Gottes, und es war keiner da, der sich nicht gelobte, treu
+auszuharren in der Furcht des Herrn, möge kommen, was da wolle.
+
+Wie ein Wetterrollen hörte es sich an, als die Gemeinde ihrem Prediger
+das Glaubensbekenntnis nachsprach, und bis zum Himmel schallte es, als
+sie sang:
+
+ Das Wort sie sollen lassen stahn
+ und kein Dank dazu haben;
+ er ist bei uns wohl auf dem Plan
+ mit seinem Geist und Gaben;
+ nehmen sie uns den Leib,
+ Ehre, Kind und Weib,
+ laß fahren dahin,
+ sie habens 's kein Gewinn:
+ das Reich muß uns doch bleiben!
+
+
+
+
+Die Hochzeiter
+
+
+Der Prediger sollte recht behalten. Anderthalb Jahre später, zu der
+Zeit, als in Peerhobstel der Hafer geschnitten wurde, kam das Tillysche
+Heer unter die Sense des Schwedenkönigs.
+
+Es dauerte nicht lange und die Botschaft davon kam bis in das Bruch. Der
+Wulfsbauer hatte sie in Burgdorf vernommen, wo er zu tun hatte. »Junge,«
+sagte Thedel zu Bollenatze, »heute sind wir aber geritten, als ob der
+böse Feind hinter uns war, so ging das!«
+
+Drei Tage darauf war Erntedankfest auf dem neuen Hofe. Noch keinmal war
+die Kanzel so schön mit Haidkränzen und Blumen ausgeschmückt gewesen,
+und noch niemals hatten die Leute so helle Augen gehabt, seitdem sie im
+Bruche leben mußten, und es war ihnen, als ob der Himmel noch nicht
+einmal so blank gewesen war.
+
+Aber eine solche Predigt, wie sie an dem Tage zu hören bekamen, hatten
+sie noch nie belebt. Die Bauern rissen die Augen auf: das war doch etwas
+anderes, als ihnen der alte Pastor in Wettmar bieten konnte, das war wie
+die Posaune des Jüngsten Gerichtes, und dann auch wieder, als wenn ein
+Engel Gottes zu ihnen redete, und wenn ihnen eins an der Predigt nicht
+gefiel, so war es, daß sie sie unter freiem Himmel anhören mußten.
+
+»Tja,« sagte der alte Horstmann, »eine Kirche, die müssen wir haben, das
+steht bei mir fest. Und wenn auch kein Turm daran ist, und sie auch man
+aus Balken und Ortstein ist, es ist doch etwas anderes, als wenn die
+Hähne mitsingen und die Hunde mitten in die Predigt blaffen. Das ist
+meine Meinung und dabei bleibe ich!«
+
+Die anderen dachten nicht anders, und so trugen sie dem Prediger das
+vor. »Meine lieben Kinder,« sagte er, und kein einer griente, als der
+junge Mann so zu ihnen sprach, »das war schon immer mein herzlichster
+Wunsch, doch wollte ich euch die Last nicht zumuten. Aber da ihr selber
+damit ankommt, so sage ich nur: Der Herr lohne euch und euren Kindern
+und Kindeskindern die Freude, die ihr mir damit gemacht habt!«
+
+Es ging nicht so ganz schnell mit dem Bau, denn die Feldarbeit durfte
+darüber nicht liegen bleiben, und zudem mußten die jungen Leute mehr als
+einmal aufsitzen und über die Haide reiten, wenn das Horn rief oder der
+bunte Stock umging. Es wurde auch keine stolze Kirche, sondern mehr eine
+Kapelle, aber fest genug waren die Ortsteinwände und dicht genug das
+Dach aus Eichenbalken, und in dem hölzernen Glockenturm, der dabeistand,
+hing zwar bloß eine ganz kleine Glocke; denn viel weiter, als daß man
+sie auf jedem Hofe hören konnte, sollte sie nicht zu vernehmen sein.
+
+Denn es wurde schlimmer und schlimmer von Tag zu Tag. Seitdem der Herzog
+schwedisch geworden war, schickte der Kaiser ihm einen Bullenbeißer nach
+dem anderen in das Land, und es war kein Ende der Not. Bislang waren die
+schwersten Wetter immer an dem Dorfe vorbeigezogen, aber bald schlug es
+dicht dabei ein: die Pappenheimer stürmten Burgdorf; ein halbes Tausend
+Bürger kam dabei um, und die anderen waren zu Bettlern geworden, denn
+was nicht geraubt wurde an Geld und Gut, das fraß das Feuer. Kaum war
+das vorüber, so kamen die Waldsteinschen Bluthunde, und die Burgdorfer
+mußten Haus und Hof im Stiche lassen und zusehen, wie sie in dem wilden
+Walde ihr Leben fristeten.
+
+Greulich ging es jetzt im Lande her, so schlimm, daß die Leute am Leben
+verzagten und alle Zucht und Sitte aufhörte. Die Wehrwölfe bedachten
+sich nicht mehr lange, wenn ganze Haufen von fremden, halbverhungerten
+Bauern angezogen kamen, sondern machten schnell die Finger krumm.
+Dreißig Marodebrüder fingen sie auf der Magethaide auf einmal und hingen
+sie an einem einzigen Galgen quer über den Dietweg, und der Anführer
+bekam ein Brett vor den Leib, und darauf stand geschrieben: »Wir sind
+die Wölve drei mal einhundert und Elwe, wahret Euch, wir bellen nicht,
+sondern beißen sogleich.« Davor verjagte sich eine Bande von hundert
+Mann, die unter dem grünen Johann des Weges kam, so sehr, daß sie
+unbesonnen umdrehte.
+
+Ihr Anführer wurde so geschimpft, weil er vom Kopf bis zu den Füßen grün
+gekleidet war. An seinen Händen backte mehr Blut, als an denen aller
+Männer, die hinter ihm herzogen, und von denen ein jeder es doch
+reichlich wert war, von unten herauf lebendig gerädert zu werden.
+
+Er pflegte zu fluchen: »So wahr mir der Teufel, mein lieber Freund,
+helfe!« Das tat er auch, als er mit seiner Bande an dem Tage vor einem
+Tannenbusche lag und eine gräßliche Schande machte: »Schöne Lumpenkerle
+seid ihr mir!« schimpfte er; »vor Männern wegzulaufen, die an ihren
+Hälsen hängen! Der Teufel, mein guter Freund, soll euch lotweise holen!«
+
+Die Pfeife fiel ihm aus der Hand, denn eine Stimme, von der keiner
+wußte, ist sie hier oder ist sie da, war zu hören: »Er steht hinter dir
+und holt dich, ehe daß die Sonne untergeht!« rief sie und dann kam ein
+Lachen hinterher, daß die Weibsleute schrien, wie die Schweine, und Hals
+über Kopf sprangen die Männer auf und wankten durch die Haide.
+
+Der Wulfsbauer und Thedel mußten sich das Lachen verbeißen. Das waren
+nun an die sechzig Kerle und an die vierzig Weiber, und ein einziger
+alter Mann jug sie hin, wo er sie hinhaben wollte. »Ja, ich kann es noch
+zur Genüge,« sagte Ulenvater, »und ich bin heilsfroh, daß ich die Kunst
+diesem verrückten Thesel von Rabitze seinerzeit abgelernt habe, womit er
+in Helmstedt in der Schenke den Leuten die Haare in die Höhe stellte.«
+Er hob den Finger hoch: »Sie blasen all! Na, denn bis nachher! Ich alter
+Kröppel kann euch dabei doch nicht weiter helfen.«
+
+Der Oberobmann und Thedel drückten sich vorne in den Busch. An vier,
+fünf Stellen wurde geblasen, dann fiel ein Schuß. Die Weibsbilder
+schrien, und dann knallte es überall und Wulf und Thedel sprangen von
+einem Machangel zum anderen, schossen, luden wieder, sprangen weiter und
+warteten, bis einer von der Bande herankam, zielten dann lange, und wenn
+es knallte, schlug er ein Rad. Wie die Hasen im Kessel wurden sie
+zusammengeschossen, ganz gleich, ob sie Hosen oder Röcke anhatten.
+
+»Damit sie nicht hecken, die Betzen,« sagte Grönhagen, als er eine große
+Frau mit schwarzen Haaren, die sich hinter dem grünen Johann bergen
+wollte, durch den Kopf schoß. Dann sprang er von hinten zu und riß den
+Mann an seinem Barte zu Boden, drehte ihm die Arme auf den Rücken, und
+Gödeckengustel band ihm die Daumen übereinander. Dann stellten sie ihn
+an eine Fuhre und er mußte zusehen, wie seine Mordgesellen unter die
+Erde kamen, und als das vorbei war, wurde er aufgehängt, ehe daß die
+Sonne unterging.
+
+Wenn nun auch derartige Begebenheiten mehr als nötig dazwischen kamen,
+die Kapelle wurde fertig bis auf den Schlußstein über der großen Türe,
+und darin war ein Kreuz eingehauen, das aus zwei übereinanderliegenden
+Wolfsangeln gebildet war. Auch die Kirchhofsmauer wurde fertig; hoch und
+fest war sie, denn es lagen genug große Steine in der Haide herum, und
+hinter die Mauer wurde ein Zaun aus spitzen Pfählen gemacht und
+Weißdornbüsche dazwischen gepflanzt, und um die Mauer ein Graben
+gezogen, so tief, bis daß das Grundwasser herauskam, damit in der
+höchsten Not die Kapelle den Bauern als letzte Rettung dienen konnte.
+
+Am achtzehnten Nebelung des Jahres 1632 wurde das erste Grab auf dem
+Kirchhofe gemacht, und als der Prediger die Leichenrede hielt, waren
+alle Augen naß, auch die der Männer, denn die Wulfsbäuerin war es, die
+sie begruben. Sie hatte wohl ab und zu einen ihrer Anfälle gehabt, sah
+aber immer so frisch und rot aus, als fehlte ihr nichts, und bloß der
+Prediger wußte, wie es um sie stand, denn dem hatte sie sich
+anvertraut.
+
+Er sah blaß und elend aus, als er am Abend in seiner Dönze bei der
+kleinen eisernen Öllampe saß, denn sein Herz, das sich bis dahin noch
+keinem Weibe zugewandt hatte, hatte immer schnell geschlagen, wenn er
+die Frau nur von weitem sah. Aber mit keinem Blicke, geschweige denn mit
+einem Worte, hatte er sie merken lassen, wie es um ihn stand. Als Mieken
+kam und sagte: »Die Frau ist uns eben weggeblieben,« da war er wohl so
+weiß, wie eine Wand, als er in die Dönze kam, und seine Hände beberten,
+als er ihr die Augen zudrückte, aber keiner sah es ihm an, wie ihm
+zumute war.
+
+Als er aber am Abend nach der Beerdigung das Kirchenbuch auf den Tisch
+legte und die Gänsefeder in das schwere silberne Tintenfaß steckte, das
+einer von der Bande des grünen Johann im Zwerchsack gehabt hatte, da
+fielen zwei Tränen auf das grobe Papier, auf das er mit seiner schönen
+großen Schrift die Worte hinsetzte: »Ao. Dnj 1632 den 18. Novembris
+wurde die Wulfsbäuerin und Ehefrau des Burvogtes Harm Wulf Johanna Maria
+Elissabeth bürtigke Neugebauerin/des ausgetriebenen bayerischen
+Praedicatoris Bartoldi Neugebaueri/Ehren/eheliche Tochter/allhier
+bestattet. Selbige war eine Leuchte voor allen Weibern. HERR! gieb ihr
+die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihr!« Als er einen Monat
+später darunter schrieb: »Sie starb desselbigen Tages, da der
+Schwedische König Gustavus Adolfus / GOTT habe ihn selig! / bei der
+Statt Lüttzen zu Tote gekommen ist,« da fielen noch einmal zwei Tränen
+auf das Blatt.
+
+Über diesem Buche saß der Prediger manchen lieben Abend, denn er hatte
+aus den Bauern alles herausgefragt, was sich in Ödringen und hinterher
+in Peerhobstel an wichtigen Dingen begeben hatte, und das hatte er sich
+auf allerlei Zettel geschrieben. Von einem Wehrzuge hatte dann
+Renneckenklaus außer einem silbernen Kreuze und einem goldenen
+Altarkelche das Buch mitgebracht, das die Marodebrüder mit sich
+geschleppt hatten, weil es in teueres Leder gebunden war und drei
+silbervergoldete Schlösser hatte, und nun saß der Prediger, so oft er
+Zeit hatte, darüber und schrieb alles das hinein, was er erfahren hatte.
+
+Auf der ersten Seite war ein schwarzes Kreuz gemalt, das aus einem roten
+Herzen kam; darunter war zu lesen: »Vnser Anfang Vnd Vnser Ende steht im
+Namen des HERRN, der Himmel Vnd Erde gemachet hat.« Auf der zweiten
+Seite aber stand: »=HISTORIA PEERHOBSTELIANA OEDRINGENSIS que= / das ist:
+Gründlicher Wahrhaftiger Vnd Bestendiger bericht Von dem anjetzt wüsten
+Dorfe Oedringen vnd der Nohtkirche vnd Gemeinde Peerhobstel/sowohl, was
+sich unter seinen Zeiten begeben als waß ehr Veber di früheren
+heraußbekomen/der posteritet Vnd nachkommen zu gut Vnd besten/durch J.
+J. Josefum Puttfarkenium, Praedicatorem Ao. Dnj 1632.«
+
+Schon im nächsten Monat mußte der Prediger wieder einen Todesfall
+eintragen, und wenn ihm dabei auch keine Tränen aus den Augen liefen, so
+ruhig, wie sonst, schrieb er doch nicht, denn wieder war ihm jemand
+genommen, dem er mehr zugetan war, als irgendeinem anderen aus der
+Gemeinde. Der alte Ul war es; schon längere Zeit hatte er es auf der
+Brust gehabt, und als die Wulfsbäuerin ihm unter den Händen wegblieb
+und nicht wieder zu sich kam, da wurde er wie ein Schatten an der Wand,
+denn wer es nicht wußte, wie es war, der hätte die beiden für Vater und
+Tochter gehalten, wenn er sie zusammen sah. Bevor er ganz von sich kam,
+hatte er noch gesagt: »Ich komme zu meinen Töchtern Rose und Johanna.«
+
+Ein Vierteljahr darauf, als die erste Dullerche über der Haide sang und
+die Räuke über der Wohld riefen, ritt der Prediger mit Schewenkasper,
+der ihm neben der Arbeit auf dem neuen Hofe um den Gotteslohn als Küster
+diente, und mit Mertensgerd, der auch einer von den Stillen um ihn war,
+die keine starken Getränke und kein unchristliches Wort in den Mund
+nahmen, nach Engensen. Die Wulfsbäuerin hatte ihm alles anvertraut, was
+zwischen ihr, Wieschen und Drewesvater abgemacht war, denn ihrem Mann
+wollte sie keine Unruhe machen. Der Prediger hatte ihr in die Hand
+versprechen müssen, daß er dafür sorgen wolle, daß das Mädchen als
+Bäuerin auf den neuen Hof käme.
+
+»So also sieht der berühmte Oberobmann Meine Drewes aus!« dachte der
+Prediger, als er dem Burvogte die Hand gab. So alt und mit so weißen
+Haaren und so vielen Falten um den Mund und bei den Augen hatte er ihn
+sich nicht vorgestellt. Wenn der Mann auch noch wie eine Eiche dastand,
+der Wurm saß in ihm und unter der Borke war er morsch und olmig.
+
+Er wußte wohl, was den Mann drückte, der eines Tages gesagt hatte: »Ehe
+daß ich mir und meinen Leuten auch nur einen Finger ritzen lasse, will
+ich lieber bis über die Enkel im Blute gehen.« Aber wem ging es nicht
+so von den Männern, die sich auf ihren Höfen gehalten hatten?
+
+Als er dann mit dem Bauern über Wieschen und den Wulfsbauern gesprochen
+hatte und mit ihm allein war, denn das Mädchen war mit der Magd melken
+gegangen, und der alte Mann ihm offenbarte, was er auf dem Herzen hatte,
+tröstete er ihn, so gut er konnte. »Wer sich und die Seinen gegen
+Schandtat und Greuel wehrt und Witfrauen und Waisen beschützt,
+Drewsbur,« sagte er, »den wird unser Herrgott willkommen heißen, und
+wenn seine Hände auch über und über rot sind.« Da hatte der alte Mann
+tief aufgeseufzt und gesagt: »Dennso will ich mir darüber keine Gedanken
+mehr machen, euer Ehren.«
+
+Hinterher sprach der Prediger dann mit Wieschen. Das Mädchen wurde immer
+stiller, je mehr er sprach, und schließlich sagte sie: »Ich habe
+gedacht, daß ich darüber weg bin, aber dem ist nicht so. Mein Wort halte
+ich, und ich würde es halten, wenn ich auch in der Zeit gelernt hätte,
+einen anderen gern zu haben. Das ist nun nicht so, jedennoch: der
+Wulfsbauer denkt in keiner Weise an mich, und es wäre mir schrecklich,
+zu denken, wenn er glaubte, ich hätte auf den Tod seiner Frau gelauert.
+Ich bin kein eines Mal in der Kirche gewesen, ohne Gott zu bitten, daß
+er ihr ein langes Leben geben soll, denn seit dem Tage, daß sie sich mit
+mir ausgesprochen hat, ist sie mir so lieb gewesen, als wie eine
+Schwester. Und wenn er eine andere findet, die ihm lieber ist, und die
+ist gut zu den Kindern, keine sollte das mehr freuen, als mich, denn um
+alles in der Welt möchte ich nicht, daß er denkt, ich wollte ihn
+zwingen, weil seine selige Frau einmal diesen Wunsch hatte.«
+
+Der Prediger gab ihr die Hand: »Eine solche Antwort, die paßt sich für
+eine christliche Jungfrau. Verlasse sie sich ganz auf mich! Mein lieber
+Freund soll nichts von ihr denken, was ihr nicht angenehm ist. Und nun
+will ich gern, wie es ihr Vater wünscht, eine kurze Abendandacht halten,
+denn bei kleinem wird es Zeit, daß wir uns zum Aufbruch rüsten.«
+
+Während der Andacht sah er neben der Haustochter ein Mädchen knieen, die
+ein Gesicht hatte, das ihn an seine selige Mutter erinnerte. Sie sah
+aus, als hätte sie viel Böses ausgestanden; aber als sie einmal nach ihm
+hinsah, merkte er, daß ihr Herz rein und gut geblieben war. Er sah
+hinterher, daß es die Magd war; er wußte nicht, warum er nach ihr
+hinsehen mußte, als sie die Stühle beiseite stellte, und er hätte gern
+gewußt, was es mit ihr für ein Bewenden habe, aber er fragte darum doch
+nicht danach.
+
+Es schummerte schon, als er mit den anderen durch die Haide ritt. In den
+Gründen stieg der Nebel auf, die Frösche knurrten in den Pümpen, von der
+Wohld heulten die Wölfe den Mond an und im Moore waren die Kraniche am
+Prahlen. In der Richtung nach Mellendorf zu war der Himmel rot; da
+brannte ein Hof oder ein Dorf. »Errette sie, Herr,« betete der Prediger
+in sich hinein, »vor den bösen Menschen; behüte sie vor den frevelhaften
+Leuten!«
+
+Sie waren meist am Brehloh, da polterten lauthals schreiend ein paar
+Krähen aus den Tannen. »Prrr!« rief Mertensgerd und riß sein Pferd
+zurück, und die anderen taten das auch und nahmen die Pistolen zur
+Hand. In demselben Augenblicke kam ein roter Schein aus dem Busche und
+eine Kugel flog über den Prediger hin, aber sogleich schoß der auch und
+hörte einen Mann aufschreien, und da sah er, daß ein anderer auf den
+Küster anlegte; er ritt ihn über den Haufen, und als er kehrt machte,
+hörte er einen Schuß und der Kerl, der sich gerade wieder aufrappeln
+wollte, fiel um; Mertensgerd hatte ihn geschossen.
+
+Als sie in der blanken Haide waren, hielt der Prediger an: »Lasset uns
+dem Herrn danken für seine Güte,« sagte er, indem er die Kappe abnahm;
+»lasset uns beten: Herr, Herr, meine starke Hilfe, du beschirmst mein
+Haupt zur Zeit des Streites.« Als er sich wieder bedeckt hatte, sagte
+er: »Es steht geschrieben: Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll
+wieder vergossen werden. Auf uns trifft das nicht zu; wer seinem Bruder
+aus dem Hinterhalte nach dem Leben trachtet der ist, wie der Wolf; sein
+Blut beflecket den nicht der ihn erschlägt. Unsere Hände sind rein vor
+dem Herrn.«
+
+Am anderen Tage suchten Thedel, Renneckenklaus und Mertensgerd das
+Brehloh ab. Die Wölfe hatten saubere Arbeit gemacht; eine Handvoll Taler
+hatten sie aber liegen lassen, und ein paar gute Pistolen. »Das muß ich
+sagen,« meinte Thedel zu dem Wulfsbauern, »das ist ein Prediger, wie er
+zu uns paßt. Ich dachte: der kann bloß mit der Schrift schießen; aber
+was denkt man nicht alles von einem Menschen, ehe man nicht drei
+Scheffel Salz mit ihm gegessen hat. Ich sage man bloß: unser Prediger!
+So einen soll man erst wieder suchen. Wer hätte das gedacht, als er den
+Tag hinter dem Machangelbusch saß und lauthals singen tat!«
+
+Seit diesem Tage stand Puttfarken noch anders da als zuvor, und als er
+sich von selber anbot, auf Wache zu ziehen, und das so oft tat, wie die
+Reihe an ihm war, da brauchte er nicht erst darum zu bitten, und es
+wurde ihm der Kapelle gegenüber ein Haus gebaut, wie es sich schickte
+und was darein gehörte, kam alles von selber an. »Nun fehlt euch bloß
+noch eine glatte Frau,« meinte der Burvogt; »dann habt ihr alles in der
+Reihe.« Aber Puttfarken schlug die Augen unter sich und sagte: »Damit
+hat es noch Zeit, Wulfsbur.« Als er aber abends über seinem Buche saß,
+mußte er an die Magd vom Dreweshofe denken.
+
+Am anderen Tage, als er den Bauern beim Grabenmachen antraf und mit ihm
+vesperte, fing er an: »Burvogt, gestern hat er mir gesagt, daß in meinem
+Hause eine Frau fehlt, und ich sagte, daß es damit noch Zeit habe. Aber
+jetzt will ich ihm etwas sagen: in seinem Hause, da fehlt eine Frau. Laß
+er mich erst zu Ende reden! Das sage ich nicht, weil ich denke, er kann
+jetzt schon seine selige Frau vergessen haben und seine Augen auf eine
+andere schmeißen, dazu kenne ich ihn viel zu gut; aber es ist einmal der
+Kinder wegen und dann auch, weil, was er nicht weiß, ein Mädchen da ist,
+das ihn vom ersten Tage gern hat, an dem es ihn gesehen hat, und das
+seinen Kindern die beste Zweitmutter sein wird, die man sich denken
+kann.«
+
+Der Bauer schüttelte erst den Kopf, als der Prediger so sprach, aber als
+der ihm verklarte, daß die Bäuerin ihm aufgetragen hatte, dafür zu
+sorgen, daß Wieschen ihr Versprechen hielt, da meinte er bloß noch: »Die
+junge glatte Deern ist viel zu schade für mich. Seht her!« und dabei
+nahm er den Hut ab; »halbig grau bin ich schon, denn ich habe doch
+allerlei aufhucken müssen in diesen Jahren, und das beste, was ich zu
+bieten hatte, zur Hälfte liegt es in Ödringen unter der Asche und zur
+Hälfte bei der Kirche unter dem Rasen. Das Mädchen verdient einen Mann,
+der ihr mehr zu bieten hat, als wie ich.«
+
+Für den Tag schwieg der Prediger von der Sache; aber nachdem er einmal
+wieder in Engensen gewesen war, kam er ab und zu darauf zurück und ließ
+nicht eher nach, als bis der Bauer sagte: »Wenn das Jahr sich gewendet
+hat, seitdem meine Johanna fort mußte, und Wieschen noch ebenso denkt,
+als wie sie zu euch gesagt hat, dennso soll es so werden, wie sie es mit
+meiner seligen Frau abgemacht hat. Der Kinder wegen wäre es mir schon am
+liebsten, sie kommt schon morgen, aber das wäre einmal gegen jede Art
+und außerdem: ehe das Jahr nicht hinter mir ist, fasse ich keine Frau
+an. Daß ich das beim ersten Male getan habe, hat mich oft genug
+gedauert, wenn es auch nicht anders ging.«
+
+Eine Woche später war Wieschen da. Sie kam aber nicht allein, denn ihr
+Vater war bei ihr. Der Prediger hatte ihnen klar gemacht, daß die beiden
+Kinder je eher, je besser unter die Hand kämen, die sie fernerhin hüten
+sollte, und da hatte der alte Mann gesagt: »Und ich? an mich denkt wohl
+kein Mensch! Was bin ich denn, wenn Wieschen weg ist? Lieschen, die hat
+ihren Mann und ihre Kinder, die hat keine Zeit für mich. Wenn ihr mich
+mit in den Kauf nehmt, schlage ich ein; sonst kann aus dem Handel nichts
+werden.«
+
+Er hatte aber seine Hintergedanken, als er das sagte; denn wenn er auch
+seine Tochter nicht missen mochte, in der Hauptsache war es, daß er bei
+dem Prediger sein wollte; denn wenn er dem in die Augen sah, dann vergaß
+er die dummen Gedanken, die er jetzt so oft hatte, und sah nicht die
+vielen weißen Gesichter mit den roten Löchern in der Stirn, bangte sich
+nicht vor den Männern, die mit einer Wiede um den Hals vor einer Birke
+hin und her gingen und an die er jedesmal denken mußte, wenn er einen
+Birkenbaum sah oder den Pendel in der Kastenuhr.
+
+»Das ist mir gerade recht,« sagte der Prediger, der es wohl merkte, wo
+hinaus der alte Mann wollte; »und paßt es sich für ihn auf dem neuen
+Hofe nicht, so ist er mir herzlich willkommen, denn in meinem Hause bin
+ich doch so allein, wie der Dachs in seinem Loche, und jedweden
+geschlagenen Abend kann ich unmöglich bei dem Wulfsbauern sitzen!«
+
+Aber damit war dieser nun nicht zufrieden; er räumte Drewes und Wieschen
+die große Schlafdönze ein. Sie lebten nun so hin wie Bruder und
+Schwester, der Bauer und das Mädchen, und erst im Julmond kam es in
+Engensen zur Löft und Ehestiftung; aber obzwar sie damit schon vor der
+ganzen Freundschaft nach dem alten Brauche als Eheleute galten, die
+Ehedönze beschritten sie erst, als der Prediger sie zusammengegeben
+hatte, denn das hatte er sich als Kuppelpelz ausbedungen.
+
+»Wisse,« sagte er zu dem Bauern, »ich bin selber Bauernsohn und weiß
+wohl, daß die Löft als volle Ehe galt, ehe daß die kirchliche Trauung
+aufkam. Da wir diese aber nun einmal haben, so soll es so sein, daß erst
+mit ihr eine christliche Ehe beginnt, vorzüglich in seinem Falle, wo er
+schon einen Hoferben hat, und dann auch, weil der Burvogt auch in diesen
+Dingen dem Dorfe ein Beispiel sein soll, und schließlich, weil er kein
+Junggeselle ist, der die Zeit nicht abwarten kann.« Er war sehr
+zufrieden gewesen, als der Bauer sofort einschlug und sagte: »Das ist
+ganz meine Meinung.«
+
+Es war bloß eine stille Hochzeit, denn dem Bräutigam war nicht nach
+Tanzen und Trinken zumute und der Braut erst recht nicht, und zudem war
+Landestrauer, da kurz zuvor Herzog Christian mit Tode abgegangen war,
+und am letzten Ende waren die Zeiten nicht danach. Aber es war eine
+schöne Traurede, die der Prediger hielt, und es war manch einer im
+Dorfe, der da sagte: »In einer Weise ist eine Brutlacht wie diese doch
+anständiger, als wenn in einem Ende hin gesoffen und gefressen wird.«
+
+Die Braut war sehr still gewesen die ganzen Tage vorher, und unter der
+Trauung sah sie aus wie der Kalk an der Kirchenwand, denn sie hatte
+zuviel Bange, daß der Bauer sie bloß gezwungen nahm. Am anderen Tage
+aber sah sie schon wieder aus wie immer, denn als sie mit ihrem Manne
+allein war, hatte er sie an der Hand genommen und ihr gesagt: »Ich habe
+in der Zeit, die du hier warst, doch herausgefunden, daß ich innerlich
+noch nicht alt und kalt bin, und daß ich es dir nicht gezeigt habe, wie
+gern ich dich habe, das tat ich, weil ich bis auf den heutigen Tag
+gelobt habe, dich nicht anzufassen. Aber jetzt, Wieschen,« und dabei
+faßte er sie um und gab ihr einen Kuß, »bist du meine Frau, und so weit
+es an mir liegt, soll es dich nicht gereuen, daß du es geworden bist.«
+Da hatte die junge Frau erst so geweint, daß ihm ganz ängstlich zumute
+wurde; aber als er ihr die Hände vom Gesicht machte, sah er, daß das
+Sonnenregen war, und seine Frau lachte und warf ihm die Arme um den
+Hals.
+
+Es war gut gewesen, daß es auf der Hochzeit des Wulfsbauern bloß einen
+Tischtrunk gegeben hatte, denn am anderen Morgen wurde die halbe
+Jungmannschaft vom Peerhobstberge abgerufen; lose Haufen von Schweden
+ließen sich in der Umgegend blicken und hausten schlimmer als das Vieh.
+Seitdem ihr König gefallen war, kannten sie keine Zucht mehr, und
+Frauenschänden und Kinderschinden, das war ihnen weiter nichts als ein
+kleiner Spaß. Aber der eine Haufen, der durch das Bruch ziehen wollte,
+lernte bald, daß es da auch wintertags Gnitten gab. Als sie mit ihren
+Gäulen mühselig durch Schnee und Morast zogen, fingen die bleiernen
+Gnitten an zu beißen, daß das Blut danach kam. »Tja,« sagte
+Viekenludolf; »wer nicht weiß, was Landesbrauch ist, der läuft oft dumm
+an.«
+
+Am Sonntag Dreikönige hatten die Peerhobstler wieder gesungen: »Und wenn
+die Welt voll Teufel wär!« Es war an dem: was sie zu Ohren bekamen, war
+Mord und Brand. Wenn einmal eine Woche kein roter Schein am Himmel
+stand, nachdem die Sonne untergegangen war, dann vermißten die Leute
+beinahe etwas, und nach einer Leiche am Straßenbord wurde nicht mehr
+hingesehen, als vordem nach einer verreckten Katze. Der Prediger hatte
+einen schweren Stand, daß er seine Gemeinde bei Christi Wort und Lehre
+hielt, denn wie an der Pest die Leiber, so siechten an der greulichen
+Zeit die Seelen hin.
+
+Das Herz wollte ihm im Leibe stehen bleiben, wenn er erzählen hörte, in
+welcher Weise die Bauern an ihren Peinigern Rache nahmen, und er
+verjagte sich, als Schewenkasper ihm in aller Seelenruhe erzählte: »In
+Brelingen hat ein einstelliger Bauer, der im Busche wohnt, seit einem
+halben Jahre einen von den Pappenheimern an der Kette im Stalle liegen,
+so daß er aus dem Troge fressen muß. Der Mann hat ganz recht; die Hunde
+haben ihm seine Frau zuschanden gemacht, und wer sich als Hund ausgibt,
+muß es wie ein Hund haben.«
+
+Heute die Kaiserlichen, morgen die Schweden; das ging immer umschichtig.
+Den einen Tag hieß es: »Wienhausen ist ausgeraubt,« und hinterher: »In
+Altencelle ist der Pastor zu Tode geschlagen worden.« Je länger es
+dauerte, um so schlimmer wurde es. Das platte Land wimmelte von
+Freibeutern und Bärenhäutern. »Wenn es so beibleibt,« knurrte Schütte,
+»dann werden uns die Wieden knapp und wir müssen nachpflanzen,« und
+Viekenludolf lachte: »Soviel Mühe machen wir uns schon lange nicht mehr,
+denn sonst hängen am Ende schon alle Birken voll und auf die Dauer ist
+das wirklich kein schöner Anblick. Mit dem Bleibengel geht es sowieso
+schneller.«
+
+Ganz schlimm wurde es aber erst, als Herzog Georg, der Bruder des
+Landesherrn, wieder zu dem Kaiser überging, weil die Schweden ihn für
+einen Bauern kaufen wollten. Es war, als wenn die Hölle alle ihre Teufel
+auf einmal von sich gegeben hätte, und der Prediger sagte nichts mehr,
+wenn er hörte, wie die Bauern Gleiches mit Gleichem vergalten. Die
+Feldbestellung hatte meist ganz aufgehört; die Ställe standen leer; die
+Menschen gruben nach wilden Wurzeln und fraßen Mäuse und Ratten,
+Schnecken und Frösche, Hunde und Katzen, und manches Stück Fleisch, das
+in den Topf oder auf den Rost kam, war nicht von einem Stück Vieh, und
+Wildbret war es auch nicht. Mancher, der bloß hundert Schritte von
+seinem Dorfe wegging, kam wohl wieder zurück, aber in Stücken, die unter
+dem Mantel getragen wurden, und die Eltern mußten aufpassen, wenn sie
+ihre Kinder behalten wollten.
+
+Der Prediger war noch keine dreißig Jahre alt, da hatte er schon graue
+Haare über den Ohren, und die Falten, die er um den Mund hatte, waren so
+tief wie bei einem alten Manne. Dabei war es auf dem Peerhobsberge noch
+auszuhalten. War auch die Ernte schlecht gewesen, mußte auch in jedem
+Hause Baumrinde in das Brot gebacken werden oder Eichelschrot, satt
+wurden sie doch immer, denn es wuchs allerlei in der Wohld, das sich
+essen ließ, und an Wildbret und Fischen mangelte es niemals. Aber das
+schlimmste für die Leute war, daß sie ewig Angst haben mußten, daß eines
+Tages ein so starker Haufen Kriegsvolk nach dem Dorfe hinfinden könne,
+daß sie sich seiner nicht erwehren konnten.
+
+Auch dem Prediger wurde es oft schlecht unter dem Brusttuche. Um sich
+selber bangte er sich nicht. Doch seitdem in Engensen Kroaten ziemlich
+schlimm gehaust hatten, aber schleunigst abziehen mußten, weil die
+Wehrwölfe dreimal so stark waren als sie, so daß keiner von dem
+Takelvolk mehr den Weg zurückfand, konnte er keine Nacht mehr ruhig
+schlafen, denn er mußte immer und immer daran denken, wie es Thormanns
+Grete, die als Magd auf dem Dreweshofe diente, bei einer solchen
+Gelegenheit gehen konnte.
+
+Er hatte es dem Mädchen gleich angesehen, daß sie etwas Schweres hinter
+sich hatte, und er hatte es von dem alten Drewes herausgefragt, was das
+war. Sie war die jüngste Tochter vom Tornhofe, aus dem ihre Eltern
+wegliefen, als ein Trupp Raubgesindel darauf loszog und wobei Steers
+Wieschen, Schewenkaspers Schatz, elendiglich zu Tode kam. Der Hof ging
+in Flammen auf, und da zogen Thormanns auf einen anderen Hof vor
+Wettmar, der ihnen auch gehörte und den sie verpachtet hatten; jedoch
+acht Wochen darauf lebte keiner von der ganzen Familie mehr außer Grete,
+und die bloß deshalb, weil sie sich bei den jungen Drewes verdingt
+hatte, wo sie wie eine Tochter gehalten wurde, denn Witte, der
+Drewesbur, war Vetter zu ihr.
+
+»Ich möchte bloß wissen, was unser Prediger immer und immer in Engensen
+zu tun hat,« sagte Thedel zu seiner Hille, die mittlerweile schon das
+vierte Kind an der Brust hatte, aber dabei immer völliger wurde; »es
+geht kaum eine Woche hin, daß er da nicht hinreitet.« Seine Frau lachte:
+»Er wird da wohl ein Geschäft mit jemand haben, der einen roten Rock
+anhat und das Haar in einem Dutten trägt,« meinte sie. »Der? der denkt
+an alles andere als an die Weibsleute,« sagte Thedel; »nee, Mädchen;
+dieses Mal bist du vom Wege abgekommen.«
+
+Es war aber doch so; ehe ein Monat hin war, zog Grete Thormann mit
+allem, was sie hatte, und das war nicht viel, auf den neuen Hof, und von
+da ab war der Prediger mehr da als in seinem eigenen Hause, und am
+nächsten Sonntag schmiß er sich und Grete von der Kanzel, und zwei
+Wochen später traute sie der Pastor in Wettmar in aller Stille. Seit der
+Zeit sah der Prediger nicht mehr so düster vor sich hin, und seine Frau
+bekam auch ein anderes Gesicht, besonders zehn Monate später, als sie
+noch etwas anderes zu tun bekam, als Brot zu backen und die Kuh zu
+melken; nach zwei Monaten stand ihr der rote Rock hinten ein ganzes Ende
+von den Hacken ab, so rund war sie geworden, und auch der Prediger
+setzte an wie eine Gans, die von der Stoppel in den Stall kommt.
+
+Am besten aber bekam das Freien Schewenkasper. Die ganze Zeit hatte er
+sich mit Mieken herumgekabbelt. Der eine stand dem anderen im Wege. Alle
+Augenblicke hörte man Miekens Stimme: »Oller Stoffel! dötscher Hammel!«
+oder so etwas Ähnliches, und hinter ihr her brummte es dann: »Dumme
+Trine! olle Gaffelzange!« Schließlich wurde es der Bäuerin zu dumm
+damit, und als sich die beiden im Stall mal wieder anbellten, schlug sie
+die Türe zu, hakte das Holzschloß ein und rief: »So, nun kommt ihr erst
+wieder heraus, wenn ihr gut Freund geworden seid!«
+
+Nun war die Rückwand des Stalles aber aus Flachtenwerk, und da schlich
+sich die Bäuerin hin und horchte. »Harm,« sagte sie abends und lachte,
+daß das Bett knackte, »ein Schade, daß du das nicht auch gehört hast!
+Erst war alles still. Dann fing Mieken an: »Vertragen? mit so 'm
+ollen Pottekel? Denke nicht dran! So 'n faulmäulscher Hund! Was ich da
+wohl nach frage, wie der sich zu mir stellen tut! Nicht so viel, wie der
+Hahn auf 'm Schwanz tragen kann! Lieber such' 'ch mir 'n anderen Dienst!
+Das fehlte noch grade! Wer war denn eher da? Soll hingehen, wo er
+hergekommen ist.« Und dann auf einmal: »Davor hab 'ch 'm immer die
+Fußlappen genäht und Strümpfe hab 'ch 'm auch gestrickt und die Büchsen
+geflickt und das ist der Dank!« Und dann heulte sie lauthals los. Na
+und denn hörte ich Kasper brummen als so 'n Tachs, und denn war alles
+stille. Na, als ich sie denn rausließ, da hatte Mieken die Augen unter
+sich und Kasper griente als wie ein Honigkuchenpferd und sagt: »Du
+sollst auch vielmal bedankt sein, Bäuerin, und in vier Wochen, da wollen
+wir freien.«
+
+Das taten sie denn auch und über acht Monate war ein kleiner Kasper und
+ein lütjes Mieken da, und Schewenkasper konnte auf einmal das Maul
+aufmachen und das Lachen lernte er auch noch. »Ich weiß gar nicht, euer
+Ehren, was das jetzt ist,« sagte der Wulfsbauer; »es ist ja wie die
+reine Verabredung: wohin man hört, überall regnet es Zwillinge, wenn es
+nicht gar Drillinge sind. Wenn das so beibleibt, dennso können sich
+unsere Kinder eine Kirche bauen, die fünfmal so groß ist, und mehr Land
+müssen sie auch unter den Pflug nehmen als wie heute. Mein Wieschen
+bringt mir zu dem einen Paar noch eins, eure liebe Frau will darin auch
+nicht zurückstehen, bei Bolles sind in zwei Jahren vier Kinder
+angekommen, Schewenkasper läßt sich auch nicht lumpen; das war doch
+früher nicht so! Na, wenn ich mal den bunten Stock und das große Horn
+abgebe, dann kriegt der, der nach mir kommt, die doppelte Arbeit.«
+
+So war es aber nicht nur auf dem Peerhobsberge; es war, als wenn das
+Volk durch doppelte und dreifache Geburten die Löcher wieder anfüllen
+wollte, die Krieg, Pest und Hunger gerissen hatten und immer mehr
+rissen. Ganze Dörfer waren wüst, andere hatten kaum noch ein Viertel der
+Einwohner; was nicht tot war, trieb sich im Lande herum oder lag halb
+verhungert unter den Mauern von Celle, wo die Kanonen wenigstens etwas
+Schutz vor den Mordbanden boten, die heute der Kaiser, morgen der
+Schwede auf das Land hetzte, und mit denen es gar kein Ende nehmen
+wollte. Zehn Jahre und mehr spielten sie schon Schindluder damit, und
+wenn die Kinder, die in dieser Zeit aufgewachsen waren, zu hören
+bekamen, daß es einmal eine Zeit gab, in der man sich jeden Tag
+sattessen konnte, dann lachten sie und sagten: »Kann der aber lügen!« So
+schrecklich wurde es, daß man Pestleichen fraß und daß Eltern ihre
+Kinder tot machten, weil sie ihnen keinen Bissen Brot mehr geben
+konnten.
+
+Der Wulfsbauer erzählte dem Prediger gräsige Sachen von dem, was er
+unterwegs belebt hatte, als er in Celle zu tun gehabt hatte. Die
+Ständeversammlung hatte dem Herzog August die Mittel bewilligt, daß sein
+Bruder Georg Eisenhand Krieg gegen alles führen sollte, was dem Lande
+das Blut absaugte. Schatzung auf Schatzung wurde ausgeschrieben und
+Knecht und Magd mußten ihren letzten Groschen hergeben. Da war der
+Wulfsbauer nach der Hauptstadt geritten. Die Gräfin Merreshoffen, die
+schon graue Haare bekommen hatte, denn ihre drei Brüder hatte der Krieg
+gefressen und ihre Schwester war unter den Toren von Lüneburg mit ihrer
+Dienerschaft auf gräßliche Weise umgebracht, gab ihm einen Brief, und so
+wurde er bei dem Minister vorgelassen.
+
+Der behielt den Bauern eine Stunde bei sich und fuhr mit ihm nachher zum
+Herzog, und da erzählte Wulf, wie er und die anderen sich geholfen
+hatten, denn der Minister wußte die Hälfte doch schon. Der Herzog, der
+etwas ängstlicher Art war, wurde ganz weiß im Gesicht, als der Bauer
+sagte: »Allergnädigster Herr, gezählt haben wir sie nicht, aber es kann
+wohl bis auf einige Tausend hinlangen, denen wir das Genick länger
+gemacht haben.« Der Minister aber sagte: »Wenn sie alle so wären, wenn
+sie alle so wären! Dann stände es besser um unser armes Land.« Er sprach
+eine Weile vertraulich mit dem Herzog und dann sagte er zu Wulf: »Der
+allergnädigste Herr erläßt Peerhobstel jede Schatzung, solange der Krieg
+anhält, dafür, daß ihr euch als wackere Männer und treue Untertanen
+bewiesen habt.«
+
+Zwei Tage später war der Bauer mit zwölf von den dreiunddreißig
+Unterobmännern wieder in Celle und legte dem Minister einen Beutel mit
+tausend Talern in Gold als freiwilliges Geschenk auf den Tisch. »Das ist
+mir beim Wehren so in den Fingern hängen geblieben,« sagte er, »und ich
+denke, unser Herr Herzog hat wohl Verwendung dafür.« Der Minister
+schlug ihm auf die Schulter und schüttelte ihm die Hand. »Er ist ein
+ganzer Kerl, Burvogt, wollte Gott, daß wir mehr von seiner Art hätten!
+Wie lange bleibt er noch in Celle und wo ist er eingekehrt?« Als der
+Bauer ihm das gesagt hatte, sagte er: »In zwei Stunden schicke ich ihm
+etwas.«
+
+Es war noch nicht anderthalb Stunden hin, da fuhr ein herzoglicher Wagen
+vor der goldenen Sonne vor und ein Kammerherr mit einem Diener stieg
+aus. Sie gingen in das herrschaftliche Zimmer und gleich darauf kam der
+Wirt und winkte dem Bauern: »Du sollst mal rüberkommen!«
+
+Der Kammerherr rollte ein Papier auf und las vor, was darin stand, und
+dem Bauern wurde es dunkel vor den Augen, denn das war mehr, als er
+erwartet hatte: Schatzfreiheit für Peerhobstel so lange der Krieg
+anhielt, amtliche Anerkennung der Kirchengemeinde Peerhobstel unter
+Belassung des Pfarrers Puttfarken, Befreiung des neuen Hofes von allen
+Lasten für ewige Zeiten mit Ausnahme der Stellung eines Reiters zu
+Pferde für jeden Kriegsfall.
+
+»Das ist zuviel, Euer Gnaden,« sagte der Bauer, »das ist zuviel.« Der
+Kammerherr aber lächelte und nahm dem Diener den Kasten ab, den der in
+der Hand trug, machte ihn auf und sagte, indem er auf ein kleines Bild
+im goldenen Rahmen wies, auf dem der Herzog war, wie er leibte und
+lebte: »Das schickt ihm unser allergnädigster Herr und einen schönen
+Dank dazu und er läßt sagen: wenn er wieder einmal eine Bitte hat, soll
+er man dreiste kommen.«
+
+Am meisten freute sich der Prediger, als der Burvogt noch an demselben
+Abend den bunten Stock rundgehen ließ und Bauernmal ansagte; er konnte
+nicht anders, er mußte erst nach Hause laufen und seiner Frau zurufen:
+»Der Herzog hat die Gemeinde anerkannt, Margarete! Und mich auch! Und so
+bleiben wir hier, bis der Herr uns zu sich ruft!« Dabei liefen ihm die
+Tränen über das Gesicht und er mußte sich hinsetzen, so schwach wurde es
+ihm in den Beinen.
+
+Er hatte aber die Freude auch bitter nötig, denn immer mehr drückte es
+ihn, wie der Krieg auch über Peerhobstel seine Schatten schmiß und die
+Leute hart und kalt machte. Nun aber hatte er einen Text für den
+nächsten Sonntag. Er machte der Gemeinde offenbar, wie gut sie es hätte
+gegen das, was andere Leute auszustehen hätten, und also sollten sie
+nicht klagen und verzagen, sondern in der Furcht des Herrn leben und die
+Köpfe hochhalten.
+
+Die Leute schudderten zusammen, als sie vernahmen, wie es anderswo
+zuging, und dankten Gott, daß es bei ihnen nicht so war, wie in der
+Gegend, von der das fliegende Blatt meldete, das der Burvogt aus Celle
+mitgebracht hatte und das der Prediger ihnen vorlas, denn am Schlusse
+hieß es darin:
+
+ Aus Hunger nach dem Brot
+ in Wäldern viel erfroren,
+ von Haus und Hof verjagt:
+ zwei Kinder man fund mit Schmerzen,
+ die von ihrer Mutter Herzen
+ aus Hungersnot genagt.
+
+
+
+
+Die Kaiserlichen
+
+
+Es wurde ein harter Winter und der Schnee blieb liegen. Die Peerhobstler
+hatten Angst, daß ihre Fußspuren Feinde in das Dorf ziehen würden, und
+so mußten sie sich nach jedem Neuschnee daran geben und an dem Dorfe
+vorbei falsche Fährten durch die Haide machen.
+
+So hatten sie wenigstens etwas zu tun und verfielen nicht vor
+Langerweile in Trübsinn. Damit die Arbeit nicht abriß, so ging der
+Wulfsbauer dabei, wenn die Kälte einmal nachließ und der Boden weich
+wurde, ein festes Blockhaus in der Wallburg zu bauen, denn er sagte
+sich, daß doch noch einmal ein Haufen Mordgesindel nach dem
+Peerhobsberge hinfinden könnte, und dann war es schlimm.
+
+Thedel machte ihm das sofort nach, und dann Bolle und Henke und Duwe und
+Rennecke, und schließlich wollte jeder in der Burg ein Haus mit Stall
+haben. Sie bauten die Häuser dicht an den Wall heran und deckten sie mit
+Plaggen, damit sie nicht so leicht Feuer fangen konnten. Damit die Burg
+noch sicherer war, leiteten sie eine Quelle in den Burggraben, nachdem
+sie ihn vorher noch tiefer und steiler gemacht hatten.
+
+Zuletzt wurde der Zuweg abgegraben und eine Fallbrücke kam statt seiner
+dahin. Auch ein Brunnen wurde gegraben, und schließlich wurde alles
+Pulver und Blei, das zu entbehren war, in die Blockhütten geschafft und
+alle überflüssigen Schießgewehre und sonstigen Waffen, auch Pfannen und
+Töpfe dort untergebracht, Brennholz, Kleidungsstücke und Mundvorrat
+aller Art und Viehfutter, sowie alle Immenkörbe aus dem Dorfe. Als alles
+fertig war, hielt der Burvogt auf dem Bauernmale eine Rede und sagte:
+»Jetzt können sie kommen, wenn sie lustig sind; wir wollen sie schon gut
+bedienen!«
+
+Da hielten die Bauern die Köpfe wieder höher. Was konnte ihnen auch viel
+geschehen? Setzte ihnen der Feind den roten Hahn auf das Dach, laß
+fahren dahin! Holz wuchs genug in der Wohld, alle Wertsachen und das
+Bargeld lagen im Wall, und ehe der Feind beim Dorfe war, hatten die
+Wachen ihn schon spitz und meldeten ihn an. Denn nach der Ernte war der
+Wachdienst noch besser eingerichtet, als während des Sommers. Die
+Auskieke in den Wahrbäumen waren so fest und dicht gemacht, daß es für
+die Wachen darin wohl auszuhalten war, zumal es an warmen Kleidern und
+Pelzen nicht mangelte, hatten die Wehrwölfe doch genug davon erbeutet.
+Zudem streiften den ganzen Tag über berittene Wachen durch die Haide.
+
+Damit den Leuten die Abende nicht zu lang wurden, sorgte der Prediger
+für allerhand Zeitvertreib. Im Pfarrhause veranstaltete er
+Zusammenkünfte, bei denen die heilige Schrift ausgelegt wurde, und an
+etlichen Tagen las er aus anderen Büchern vor, damit die Leute einmal
+wieder von Herzen lachen konnten. Er erzählte ihnen, wie es in der
+Marsch an der Unterweser aussah, wo er zu Hause war, und was er auf der
+hohen Schule belebt hatte, und da taute einem nach dem anderen die Zunge
+im Munde los und jeder erzählte irgend etwas. Sogar Schewenkasper tat
+das und er war sehr stolz, daß alle so mächtig lachten; sie taten das
+aber, weil kein Mensch an dem, was er sagte, herausfinden konnte: was
+ist nun Kopf und was Steert?
+
+Alle zwei Wochen gab es auf dem neuen Hofe Tanz für das junge Volk, denn
+Wittenfritze spielte die Fiedel und Duwenhinrich verstand sich großartig
+auf die Pickelflöte. Es ging lustig auf diesen Tanzabenden zu, lustig,
+aber doch sinnig, denn außer einem Trunk Bier gab es nichts weiter, und
+wenn auch nicht so viel gejucht wurde und die roten Röcke auch nicht
+ganz so hoch flogen als sonst, dafür gab es auch keinen Zank und Streit
+und am anderen Tage keine dicken Köpfe. Es tanzten aber auch die
+befreiten Leute mit. Ein großes Hallo gab es, als sogar der Prediger
+zeigte, daß er und seine Frau so gut tanzen konnten wie einer, und als
+die Mädchen freie Hand hatten, wollte eine jede mit ihm tanzen. »Ja,
+unser Prediger, das ist einer!« sagte Thedel, als er mit seiner Hille
+nach Hause schob.
+
+So ging der Winter schneller hin, als man dachte, und besondere
+Ungelegenheiten brachte er auch nicht. Einmal war allerdings eine große
+Bande von Schweden dem Dorfe ziemlich nahe gekommen, als der Wulfsbauer
+und seine beiden Knechte, die auf Streifwache geritten waren, sie spitz
+kriegten. Da zeigte Schewenkasper, daß er doch nicht so dumm war, wie er
+sich anstellte, und lieferte ein Stück, daß er auf einmal ein berühmter
+Mann wurde, sogar bei seiner Frau, die ihn jeden Tag mit seiner
+Maulfaulheit und Drögigkeit aufzog. Als er acht Tage später im Kruge zu
+Engensen saß, war er sehr stolz, als Viekenludolf ihm sagte: »Wenn du
+nicht ein verheirateter Mann wärest, müßtest du eigentlich Oberobmann
+werden. Aber nun verzähl uns das mal, wie es war!«
+
+»Tja,« sagte Schewenkasper, »tja, das war an dem Morgen nach der Nacht,
+tja, an demselbigten Morgen, als Duwes Wittkopp das Kalb mit den zwei
+Köppen kriegte. Tja, da dachte ich gleich: wenn das man nichts zu
+bedeuten hat, dachte ich. Tja, so war es denn auch. So bei Uhre achte,
+es kann aber auch schon neune gewesen sein, sagte der Bauer zu mir und
+Gird: wollen 'n büschen in die Haide, v'lleicht, daß wir was Neues
+gewahr werden. Na, wir also los! Tja, und als wir meist am Bullenbruch
+sind, das heißt, wir waren noch auf dem Höltkebrunnen, was meint ihr
+wohl, kommen da Reiter an und gleich an die vierzig Stück. Gird, sagte
+der Bauer da, mach, daß du nach dem Peerhobsberge kommst und laß tuten
+und blasen! Wir wollen sehen, daß wir Hilfe kriegen. Tja, und da kam mir
+ein Gedanke, wahrhaftig, und ich sagte: Wulfsbur, sagte ich, wenn wir
+nun in den Busch reiten, wo wir ober dem Wind sind, und ich mache wie
+eine Kuh oder zwei oder drei und wie ein Kalb und das Schweinegeschrei
+habe ich auch los, tja, das habe ich, vielleicht, daß wir sie damit vom
+Wege wegzocken. Und der Bauer war das zufrieden. Kasper, sagte er, das
+ist ein Gedanke! Na, wir also in den Busch, bis wir ober dem Wind sind,
+und da ich losgelegt. Erst so ganz sachteken: miuh, miuh, wie so 'ne
+Stärke. Und hinterher: muuh, und immer gefährlicher gebölkt, und
+dazwischen nöff, nöff, nöff und wit, wit, wit, als wie ein Schwein, und
+ab und zu ließ ich eine Stute loslegen oder ein Füllen, tja, und was
+meint ihr, richtig fallen sie darauf rein, die Döllmer, und wir zocken
+sie aus dem Bullenbruche nach dem Osterhohl und von da nach der
+Nienwohle, und von da nach dem Düsterbrook, und von da nach dem
+Neegenbarkenbusch, und dann hast 'e nicht gesehen, klabuster, klabuster
+nach Rammlingen geritten und Hilfe geholt, tja. Na, und das andere, das
+wißt ihr ja besser als wie ich.«
+
+Das war nämlich auch ganz lustig. In Rammlingen waren gerade an die
+achtzig von den Dreihundertdreiunddreißig zusammen, und als die beiden
+Peerhobstler angeritten kamen und Meldung machten, schrie Schütte: »Das
+kommt uns gut zu passe! Und nun will ich euch was sagen: wir wollen das
+einmal anders machen als bislang. Das alte Ablauern hinter den Büschen
+ist auf die Dauer langweilig, meine ich. Wir holen uns noch Stücker
+zwanzig Mann und mehr dazu und dann reiten wir sie glatt über. Es muß
+doch mit dem Deubel zugehen, wenn wir sie nicht unter die Füße kriegen!«
+
+Der Oberobmann hatte eine andere Meinung, aber die übrigen waren alle
+dafür und so ging es denn los. Sie kriegten noch unterwegs an die
+dreißig von ihren Leuten zusammen, so daß sie ihrer hundertundzehne
+waren, machten sich alle die Gesichter schwarz und ritten los.
+Gödeckengustel und zwei andere ritten voran. Die Schweden zogen durch
+das Jammertal, wo nichts war als Sand und krause Fuhren. Als sie mitten
+in den Haidbergen waren, fielen die Bauern von zwei Seiten über sie her.
+Die Jungens bliesen auf den Hörnern und klappten mit den langen
+Peitschen. Die Schweden hatten lauter zusammengestohlene Pferde, und die
+wurden verrückt, als sie das Anjuchen und das Klappen hörten, liefen
+einander über den Haufen und brachen nach allen Ecken aus. Und da taten
+die Pistolen, die Bleiknüppel und die Barten ihre Schuldigkeit, bis der
+letzte Reiter aus dem Sattel war. Aber von den Wehrwölfen hatten sieben
+Mann auch tüchtig etwas abgekriegt und am meisten Schütte; er hatte
+einen Schuß mitten durch die Brust und starb nach einer Viertelstunde.
+Sein letztes Wort aber war: »Kinder, war das ein Spaß!«
+
+Mitten im Jammertale lag eine Kuhle, da kamen die Schweden alle hinein,
+und seitdem hieß die Stelle das Schwedenloch. Nicht weit davon lag ein
+Flatt, das nannten sie das große Hundebeißen. Im Hornung hatte da
+nämlich wieder ein Trupp Schweden gelegen, fünfzehn Köpfe stark, und die
+Bauern wollten gerade hin und sie aus dem Wege besorgen, da kamen Thedel
+und Gird angeritten und meldeten, daß von der anderen Seite ein Dutzend
+Kaiserliche ankamen. Da sagte der Oberobmann: »So, da soll ein Hund den
+anderen beißen!« Er ritt nach der Burg, zog sich wie ein Kaiserlicher
+an, und dann ritt er so dicht an den Schweden vorbei, daß die seine
+Farben erkennen konnten. Sofort waren sie hinter ihm her, aber sie
+verstanden sich auf das Reiten in der hohen Haide schlecht, und so
+zockte sie der Wulfsbauer den Kaiserlichen in den Hals und machte sich
+dann dünne. Die Bauern warteten, bis alles koppsüber, koppsunter ging,
+und dann fegten sie das Kaff von der Deele.
+
+Das gab dann jedesmal genug zu erzählen im Dorfe, und so wurde es
+Frühling, ehe man wußte, wie es zugegangen war. Besser wurde es da auch
+noch nicht mit dem Kriege, aber die Feldarbeit fing an und die Leute
+wußten, wozu sie auf der Welt waren, wenn sie sich auch wie die Wölfe im
+Bruche bergen mußten, denn einmal zogen Tag für Tag die Kriegsvölker hin
+und her und zweitens ging der schwarze Tod wieder um. So hielten sich
+die Peerhobstler für sich, um die Pest nicht in das Bruch zu schleppen.
+Da sie gewohnt waren, sich und ihre Häuser rein zu halten, keinen Hunger
+litten und mäßig lebten, so schielte die Seuche wohl nach dem Dorfe,
+mußte es aber zufrieden lassen.
+
+Durch die Arbeit kamen die Leute über ihre Ängste und Sorgen am besten
+weg. Darum, was draußen vorging, scherten sie sich wenig. »Sind wir nun
+schwedisch oder sind wir kaiserlich?« fragte der Burvogt den Prediger;
+»ich finde da nicht mehr durch. Viekenludolf sagt, der Regent weiß auch
+nicht, wie er daran ist, und darum hat er sich mit den Hessen
+zusammengetan und geht gegen alles an, was hier nicht hergehört, ganz
+so, wie wir, und das ist auch das einzig wahre!«
+
+Er war mittlerweile meist ganz grau geworden; das Hin- und Herjagen in
+der Haide und alles das andere hatte ihm den Kopf abgebleicht, seine
+Stirne kraus und seinen Mund eng gemacht. Sonst war er aber noch ganz
+der alte, und zwölf Stunden im Sattel zu sein, das machte ihm nicht viel
+aus. Bei allen wichtigen Sachen war er nun wieder das Haupt, denn
+Viekenludolf war zu sehr Dollhund und konnte das Abwarten nicht
+vertragen. Wäre Wulf nicht gewesen, so hätte der Rammlinger all lange
+unter der Erde gelegen, denn als ihm einmal wieder die Hand vor der Zeit
+an zu jucken fing, kam er zwischen vier schwedische Reiter, und die
+deckten ihn so zu, daß es meist aus mit ihm war; aber da kam der
+Peerhobstler angedonnert und schlug den Mann, der Vieken aus dem Sattel
+stechen wollte, das Genick ab, und einem anderen schlug er den Arm ab,
+und der dritte bekam eins vor die Stirn; von dem vierten aber kriegte er
+den Säbel mitten durch das Gesicht, ehe er ihn in die Haide schmiß. »Das
+ist man bloß äußerlich, altes Mädchen,« sagte er und schlug seiner Frau
+auf die Lende; »bind' mir 'n Lappen um und gib mir 'n Honigbrot, denn
+wein' ich auch nicht mehr.«
+
+Da lachte die Bäuerin. Sie war ziemlich auseinandergegangen, aber noch
+viel schöner als wie als Mädchen, die blankeste Frau war sie weit und
+breit und die lustigste auch, und das war für den Bauern die Hauptsache,
+denn der hatte oft seine dusteren Zeiten. Es ging ihm wie Drewes, der
+jetzt den Großvater spielte, denn seine Tochter hatte schon das vierte
+Kind. Wenn er sich mit den Kindern abgab, konnte er noch lachen, daß man
+alle seine Zähne sah, aber wenn sie schliefen, dann sah er oft die
+vielen weißen Gesichter mit den roten Löchern in der Stirn und
+Birkenbäume, vor denen tote Männer hin und her gingen wie der Pendel an
+der Kastenuhr. Dann ging er zum Prediger und ließ sich von dem die
+Gnitten vertreiben.
+
+Mit solchen Gedanken hatte sich sein Eidam auch herumzuschlagen, aber am
+meisten Sorge machte ihm doch das, was vor ihm lag. Achtzehn Jahre lang
+hatte er nun den Wolf spielen müssen; er war noch tiefer durch
+Menschenblut gegangen als Drewes; aber wenn es ihm bis an den Hals
+gestanden hätte, er hätte sich nichts daraus gemacht, wenn es endlich
+ein Ende damit gehabt hätte. Aber die Haide wimmelte und krimmelte von
+Takelzeug; Schweden und Wälsche, Krabatten und Slowaken, das fraß, was
+der Bauer säte, und soff, was die Bäuerin melkte; das Rauben und
+Plündern, Sengen und Brennen, Schimpfen und Schänden, Morden und
+Martern, es war das Ende davon weg.
+
+So manches Mal hatte der Bauer den Gedanken: »Hätten wir uns lieber
+nicht gewehrt, dann lägen wir all unter der Erde und brauchten uns nicht
+zu sorgen!« Sowie aber das Horn rief und die Hillebillen meldeten, daß
+fremde Hunde auf der Straße waren, langte er die Büchse hinter dem
+Schapp her, kriegte den Bleiknüppel von dem Hirschgeweih, schmiß die
+Beine über den Rappen, und wenn er dann wiederkam, oft erst nach Tagen,
+hungrig, müde, naß von Regen oder Schweiß, nach Kien, Post und Haide
+riechend wie ein Pferdehirt, dann sagte er doch, und er lachte ein
+bißchen dabei: »Für dieses Mal haben wir sie noch über den Berg
+gebracht!« Dann fiel er auf das Bett und schlief einen ganzen Tag wie
+ein Toter. Am anderen Tage aber wusch er sich von oben bis unten, zog
+frische Leibwäsche und anderes Zeug an, und dann erst spielte er mit den
+Kindern und nahm sein Wieschen in den Arm. Wer ihn dann zu sehen bekam,
+konnte es sich nicht denken, daß es derselbe Mann war, der vor zwei
+Tagen einem kaiserlichen Offizier, der um Gnade bat, zuschrie: »Jawoll,
+aber von dieser Art!« und damit schlug er ihn tot.
+
+Was sollte er auch machen? Ob Schwede, ob Kaiserlicher, womit der eine
+gekocht war, damit war der andere gebrüht; hier wurden die Menschen im
+Namen der heiligen Maria totgequält und anderswo wurden sie der reinen
+Lehre wegen geschunden. Zu all dem Elend starb noch Georg Eisenhand, wie
+es hieß, an Gift, das er in Hildesheim bekommen haben sollte, als er mit
+dem schwedischen General unterhandelte, und nun war es, als ob das Land
+ganz in Blut ersaufen sollte. Die Bauern hielten die Schinderei
+schließlich nicht mehr aus; sie rotteten sich offen zusammen und halfen
+sich, so gut es gehen wollte, und ging es schief, dann war es auch nicht
+schlimm; wer tot war, dem konnte das Herz nicht mehr brechen über dem
+quälhaftigen Leben.
+
+Viekenludolf hatte geheult wie ein übergefahrener Hund, als ihm gemeldet
+wurde, daß bei Dachtmissen zweihundert Bauern von den Kaiserlichen
+hingemordet waren, denn er hatte mehr als einen Freund dort gehabt und
+auch noch etwas anderes, woran ihm noch mehr lag. Er ritt mit seinen
+Leuten los, aber er kam zu spät, und bloß zwanzig Mann bekam er unter
+die Knie, und sechs davon lebendig und der eine war ein Offizier. Er
+ließ sie alle mitten im Busche aufhängen, als wenn es gemeines
+Raubgesindel war, und als der Hauptmann dagegen anwollte, schrie er:
+»Dann behandelt den Herrn wie einen Offizier und hängt ihn an seiner
+Säbelkoppel auf und nicht an einer Wiede!« Ja, man sagte, vorher hätte
+er ihm in das Gesicht gespuckt.
+
+Das mußte wohl wahr sein, denn bald darauf traf ihn die Strafe; er mußte
+freien. Bisher hatte er immer Glück gehabt; aber wie es so kam,
+Gödeckengustels Schwester Trina, von der hätte er die Finger lassen
+sollen, denn in allem verstanden die Wölfe unter sich Spaß, bloß nicht
+in solchen Dingen. So ließ er denn das Maul hängen wie ein Rehbock, der
+eine Ricke suchen geht, als Gödecke ihm eines Abends sagte: »Unser Trina
+meint, daß es bald Zeit wäre, daß ihr beide freit.« Zwei Wochen später
+war die Hochzeit; es war eine lustige Hochzeit, bloß für den Bräutigam
+nicht, denn der sagte zu Grönhagenkrischan: »Ja, die Frauensleute, da
+muß 'n sich mit vorsehen; die nehmen gleich alles wortwörtlich!«
+
+Er blieb auch hinterher zweiter Obmann, denn er war froh, wenn es
+draußen was zu tun gab. »Diese ewige Knutscherei!« stöhnte er; »lieber
+Himmel, klettern hat doch bloß so lange Sinn und Verstand, bis daß man
+den Appel vom Baume hat; nachher da ist es Hahnjökelei.« So war er und
+sein Brauner meist unterwegs, denn es regnete jeden Tag Ungeziefer, was
+da nur herunterwollte, auf das Land: heute Schweden, morgen Weimaraner,
+dann Hessen und dann fing es wieder von vorn damit an. Ihm aber machte
+solch ein Leben Spaß, und wenn er nach Hause kam, warf er eine Handvoll
+Taler mit ein paar Goldfüchsen dazwischen auf den Tisch und sagte: »Wenn
+es so beibleibt, Trina, dennso mußt du deine Sparstrümpfe so lang bis
+ans Leib stricken!« Aber als er einmal nach Hause kam und ihr ganz
+glücklich erzählte, daß nun jeder Mann zwei Frauen nehmen dürfe oder
+drei, denn der Krieg und die Pest hätten so viel Menschen geschluckt,
+daß es ohne das nicht mehr ginge, da machte Trina ein paar Augen wie die
+Katze im Herdloch, lohnte Weesemanns Lotte, ein ansehnliches Mädchen,
+auf dem Fleck ab und nahm eine Magd, die wie eine Wildscheuche anzusehen
+war. Er aber sagte zu Grönhagen: »Ein Stachelschwein ist wie eine
+Kinderhand gegen meine Trina. Ach ja, das oberste vom Bier schmeckt
+immer am mehrsten!«
+
+Aber er kam nicht allzuviel dazu, sich zu bedauern. Heute kam der
+kaiserliche Oberst Heister dahergekrebst, morgen murkste der Torstenson
+mit seinen Schweden im Lande herum; rund um Celle lagen die Bauern mit
+Weib und Kind, hungerten und lauerten auf den Tod und stritten sich
+darum, was nun besser schmecken täte, ein schwedisches Rippenstück oder
+ein gut kaiserlicher Lendenbraten, denn so weit war es schon gekommen,
+daß man offenbar Menschenfleisch fraß und auf Verabredung auf
+Menschenjagd auszog. Die Peerhobstler aber hatten das nicht nötig; sie
+hatten noch allerlei Vieh und Wildbret gab es zur Genüge, aber
+Pferdefleisch aßen sie hier und da doch, wenn bei der Wehrarbeit in der
+Haide eine Kugel aus Versehen einmal ein Pferd statt des Reiters
+getroffen hatte, und dann sagten sie: »Stutenkälber schmecken auch.«
+
+Sie saßen den einen Morgen im Mai alle drei auf der Bank im Garten vor
+dem neuen Hofe, die drei Obmänner, Drewes, Wulf und Vieken. Die
+Pfingstrosen waren am Aufblühen, die Schwalben flogen ab und zu, die
+Immen waren zugange und die Kinder sangen: »Maikäfer flieg, der Vater
+ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt,
+Maikäfer flieg!« Sie sangen und juchten und kriejöhlten und sprangen
+hinter dem Käfer her, der durch die Sonne flog, daß seine Flügel wie
+Gold aussahen.
+
+»Das ist ein neues Lied,« sagte der Engenser; »das haben wir als Kinder
+noch nicht gesungen. Ja, die Welt wird jeden Tag neu.« Der Peerhobstler
+nickte: »Aber nicht besser, Drewes; ich glaube nicht, daß ich es noch
+belebe, daß es Frieden gibt.« Der Rammlinger sagte: »Ich bin der
+gleichen Ansicht. Bislang fand ich das soweit ganz lustig, aber ich weiß
+nicht, liegt es daran, daß man älter wird, oder ist es, daß ich jetzt
+einen kleinen Jungen habe; so rechte Lusten habe ich auch nicht mehr an
+diesen Geschichten. Zuletzt wird es einem über, wenn man einen über den
+anderen Tag den Bleibengel vom Haken langen muß.«
+
+In der Haide fing eine Wache an zu blasen und dann noch eine, und eine
+Hillebille war zu hören und noch eine. Harm und Ludolf standen auf: »Na,
+dann hilft das nichts; die Arbeit muß getan werden. Adjüs, Drewsbur; ich
+bin bloß neugierig, was jetzt wieder los ist! Und das dümmste ist: meine
+Trina, die glaubt ja nicht, wenn ich draußen liege, daß ich das bloß den
+Schweden und den anderen zu Gefallen tue; da heißt es immer und jeden
+Tag: na, der Schwede, der wird wohl einen roten Rock anhaben, und mich
+soll nicht wundern, wenn er Weesemannslotte heißt!« Er kratzte sich
+hinter den Ohren: »Ja, die Frauensleute! Soweit sind sie ja ganz
+niedlich; wenn sie man nicht so'n leeges Maul hätte!«
+
+Er gab einen Seufzer von sich wie einen Arm lang. Drewes aber lachte:
+»Das schadt dir gar nichts, Viekenbur, das ist dir sogar recht, du
+Dollhund! Wenn du eine Frau hätt'st wie andere Leute, das arme Tier
+könnte einen dauern. Auf'n Steinpott hört ein ebensolchiger Deckel auf,
+das ist die natürliche Ordnung, und ein Katteeker und ein Lork, das gibt
+ein schlechtes Gespann. Aber nun seht man zu, daß wir kein Flohbeißen
+kriegen!«
+
+Das taten sie denn auch. Die Wachen hatten gut aufgepaßt und die
+Hillebillen hatten einen langen Atem gehabt; die Kaiserlichen machten
+dumme Gesichter, als das Tuten und Blasen und Bimmeln rundherum losging,
+und erst recht, als es überall knallte und doch kein Mensch zu sehen
+war, denn die Wohld war dick und das Bruch naß. So waren sie heilsfroh,
+als sie erst wieder in der hellen Haide waren, und auch da hielten sie
+sich nicht lange auf, denn zwischen den krausen Fuhren und den
+Machangeln war bald hier ein Pferdekopf mit einem Gesicht darüber zu
+sehen, bald da einer und es wurden immer mehr, gerade wie vor einem
+Immenkorbe, wenn der Specht daran herumarbeitet.
+
+»Das sind mehr als hundert Mann,« sagte der Offizier, der mit dem Ohr
+auf der Erde gehorcht hatte; »der Satan weiß, wo die Kerle herkommen.
+Vorwärts, marsch!« So zogen sie dahin, die Gesichter alle Augenblicke
+hinter sich, und hinter ihnen her ritten die Bauern, hier drei, dort
+zehn, da wieder ein paar und überall welche.
+
+»Denen soll heute der Atem kurz werden und Pferdefleisch soll es sie
+auch kosten,« lachte Wulf; aber Viekenludolf ritt im Galopp voran, bis
+er auf hundert Schritte heran war, und dann stellte er sich in die
+Bügel, sah über den Machangelbusch weg, klappte mit der Peitsche und
+schrie: »Kiejuh, kiejuh! Schlah doot, schlah doot, all doot, all doot,
+all dooot!«
+
+Da war es, als ob die Wespen zwischen die Leute da vorne gekommen waren.
+Der Offizier fluchte und schlug zwei Kerle mit dem Säbel über die Köpfe,
+daß sie zu Boden schossen, aber es war kein Halten mehr; von hinten und
+von vorne, und rechter Hand und zur Linken, überall »kiejuh!« und in
+einem Ende »kiejuh!« und dazwischen das Peitschenklappen und das
+scheußliche Schreien: »Schlah doot, schlah doot, all doot, all doot, all
+dooot!« Da schrie der Offizier, indem er beide Arme in die Höhe schmiß:
+»Heilige Maria!« und wollte hinterdrein, aber der Bleiknüppel des
+Oberobmanns traf ihn in das Genick; er fiel vornüber, und erst, als der
+Schimmel in einen Sohl stürzte, fiel auch der tote Mann herunter.
+
+»Na, wie ist es gegangen?« fragte Drewes, als Wulf und Ludolf am
+Nachmittage zurückkamen, naß wie die Frösche und hungrig wie die
+Hütejungens. »Fein,« schrie der Rammlinger, »sie laufen noch und werden
+wohl morgen auch noch laufen. Wir haben ihnen was zum Laufen eingegeben,
+aber etwas, das gleich durchschlägt. Sobald werden sie wohl nicht
+wiederkommen, und Stücker zwanzig von ihnen höchstens um Mitternacht, um
+nachzusehen, wo sie nun eigentlich sind. Kinder, habe ich einen Hunger
+und einen Durst! Wulfsbäuerin, jede Arbeit ist ihres Lohnes wert und
+Dreschen macht einen langen Magen. Aber hinsehen darfst du heute nicht,
+wenn ich mich hinter den Schinken knie, Wieschen, ansonsten könntest du
+denken, bei meiner Trina kriege ich man halb satt.«
+
+Vater Drewes lachte und dachte, wie oft auch er mit solch einem
+Schlachterhunger nach Hause gekommen war. »Junge,« sagte er und goß den
+Metkrug bis oben voll, »Junge, man lebt ordentlich wieder auf, wenn man
+dich so prahlen hört! Und wie das auch ist, Spaß macht es doch, und wenn
+einem hinterher auch einmal graulig zumute wird, wenn man in seinem
+Bette liegt; alles was recht ist: wir haben doch gezeigt, daß wir keine
+Bählämmer sind, und darauf wollen wir anstoßen: hoch jeder Mann, der
+sich nicht an den Balg kommen läßt!«
+
+Er ließ den Krug, auf dem zu lesen stand: »Fifat, es läbe die
+Vreundschaft«, rundgehen, aber als er ihn seinem Eidam gab, mußte er den
+erst anstoßen, denn Harm horchte nach dem Grasgarten hin, wo die Kinder
+ein neues Spiel spielten, und dabei sangen sie:
+
+ Der Schwed is kommen,
+ hat alles genommen;
+ hat die Fenster zerschlagen,
+ hat Blei rausgegraben,
+ hat Kugeln von gegossen
+ hat alles verschossen;
+ alles verrischossen.
+
+
+
+
+Die Schweden
+
+
+Was die Kinder gesungen hatten, sollte bald wahr werden. Der Schwede
+kam; vor ihm ging die Angst her, hinter ihm die Not und neben ihm die
+Pest.
+
+»Bet', Kinder, bet', morgen kommt der Schwed', morgen kommt der
+Ossenstern, der wird die Kinder beten lern'«, damit brachte man die
+Kleinen zu Bette; sie lernten es und sangen es auf dieselbe lustige Art,
+wie sie den Maikäfer und die Sonnenkälbchen das Fliegen lehrten, so daß
+es den großen Leuten kalt über den Puckel lief.
+
+Überall wurde vom Frieden gesprochen, aber kein Mensch glaubte, daß es
+dazu kommen würde, noch nicht einmal, als Oxenstierna in Celle
+Aufenthalt nahm und von da nach Osnabrück reiste, wo die anderen waren,
+die das Fell des Reiches versoffen. Eher glaubte man an das Ende der
+Welt und überall liefen Leute herum und schrien: »Fürchtet Gott und
+gebet ihm die Ehre, denn die Zeit seines Gerichtes ist gekommen!«
+
+Selbst der Prediger ließ mitunter den Kopf hängen und sagte zu seiner
+Frau: »Margarete, es ist schwer, nicht an Gott zu zweifeln, wenn man
+hören muß, wie es zugeht. Der Viekenbauer hat erzählt, daß die Schweden
+Kinder zum Spaß martern, und bei dem Troßzuge, den er zuletzt überfallen
+hat, waren acht junge Mädchen von Stande als Packträgerinnen und die
+Schweden schlugen mit den Peitschen auf sie ein wie auf das Vieh. Doch
+das ist das wenigste, was sie auszustehen hatten. Gott, mein Gott,
+warum lässest du ein solches geschehen!«
+
+Er hatte es sehr schwer, denn die Bauern murrten wider den Herrn. »Was
+hilft uns das ganze Gutsein,« hatte Schewenkasper gesagt, »wenn man
+davon nichts hat als Angsten und Sorgen!« Aber er hatte doch
+geschwiegen, als der Prediger ihm sagte: »Schäme dich, Kasper! Hast
+gesunde Kinder und eine blanke Frau und jeden Tag genug zu essen!«
+
+Dem geistlichen Herrn ging es aber oft nicht anders als dem Hausmann und
+dem Wulfsbauern und allen übrigen ebenso, sogar dem Rammlinger, denn er
+war eines Tages angekommen und hatte gesagt: »Ich habe es dicke! Ich
+will hinter dem Pfluge hergehen und abends mit den Lütjen spielen, aber
+nicht alle paar Tage lebendige Menschen umbringen!«
+
+Er hatte sich bei kleinem an seine Trina gewöhnt, besonders, als hinter
+dem Jungen ein Mädchen ankam, denn ein Schürzennarr, wie er einmal war,
+hatte er sich darüber ganz verdreht vor Freude angestellt, und wenn er
+eben Zeit hatte, schleppte er sich mit dem Kinde ab. Auf seine Trina
+ließ er nichts mehr kommen. Sie hatte ihn einmal dabei betroffen, wie er
+die Lütjemagd im Arme hatte, ihm eine gräßliche Schande gemacht und
+geschrien: »Noch ein einziges Mal und ich gehe mit den Lütjen ins
+Wasser!« Da hatte er es mit der heiligen Angst gekriegt und ihr hoch und
+teuer gelobt, daß er die Jungensschuhe ausziehen und sich wie ein Kerl
+aufführen wollte. Was seinen Hof und das Dorf anbetraf, so hielt er auch
+Wort, aber er war viel unterwegs, und da es in den Dörfern an Männern
+mangelte, so wurde es ihm sauer, sein Versprechen einzuhalten.
+
+An einem schönen Maimorgen ritt er mit einem der wildesten der jüngeren
+Wehrwölfe, Schierhorns Helmke, durch das Bullenbruch. Er hatte eine
+Laune wie ein Schneekönig, denn er hatte es bei Weesemanns Lotte gut
+getroffen. »Schöne Luft von Tage, Helmke,« sagte er und schlug sich
+seine Pfeife an. Als sie brannte, sah er über die Haide. »Helmke, kiek,
+zwei fremde Reiter, Schweden oder so etwas! Wollen doch einmal ein
+bißchen hin und ihnen die Tageszeit bieten! Was meinst du? Immer
+höflich, sagte die Krähe und machte jedesmal einen Diener, wenn sie dem
+Piewitt ein Ei aussoff.«
+
+Schierhorn war gleich mit dabei. Sie hingen die Bleiknüppel über die
+Handgelenke, zogen die Pistolen und ritten in guter Deckung den Reitern
+entgegen. Den ersten schoß der Rammlinger aus dem Sattel, aber da
+sah er auch, daß er nicht zwei, sondern ein ganzes Dutzend Schweden vor
+sich hatte, und jetzt hieß es den Hasen machen und aus den Gäulen
+herausholen, was darin war. Es knallte zwar ein paarmal hinter ihnen
+her, aber außer Helmkes Grauschimmel, der den halben Steert missen
+mußte, blieben sie heil. Als sie aber meist an der Wohld waren, kamen
+ihnen zehn andere Schweden in die Möte, und da konnten sie nicht anders,
+als daß sie sich im Busche bargen.
+
+Die Schweden suchten noch eine Weile herum, zogen dann aber ab.
+Unterwegs trafen sie zwei Taternweiber an und bekamen aus denen heraus,
+daß in der Wohld ein Dorf lag. »Beeses Leit sich da wohnen, Herr
+hiebsches,« sagte die Alte, und die Junge schmiß dazwischen: »Machen
+alles tott, was gutes Leit ist, Suldatten un Zigeiner!« Der Wachtmeister
+sagte: »O ha! also da stecken die Brüder! Na, die wollen wir aber
+ausschwefeln!« Er nahm die Weiber mit und ritt spornstreichs nach
+Fuhrberg, wo Graf Königsmark mit viel Volk lag, und machte Meldung.
+Mitten in der Nacht wurden hundertundfünfzig Mann losgeschickt, die
+solange in der Magethaide lagern mußten, bis es schummerte.
+
+Es war noch ganz grau, da hörte Gird, der mit Bolles Atze die Wache vor
+dem Bullenbruche hatte, sie herankommen; er blies, aber da hörte er es
+auch schon am Kohlenberge tuten, und bei der Dornkuhle ging es auch los;
+die Schweden waren von drei Seiten zugleich gekommen. Mit knapper Not
+konnten die Peerhobstler sich und ihr Vieh in dem Walle bergen; der
+letzte war der Wulfsbauer und hinterher kam Schewenkasper gewankt; er
+hatte noch schnell das Bild des Herzogs aus der Dönze mitgenommen und
+die gelbbunte Katze. »Damit die Kinder doch was zu spielen haben
+währenddem,« sagte er.
+
+Die Schweden pürschten sich vorsichtig an das Dorf heran. Alles war
+still, bloß daß die Hühner gackerten und die Schwalben zwitscherten. Die
+Gewehre in der Hand machten die Soldaten sich an die Häuser heran; kein
+Mensch war zu finden. Sie suchten Schuppen und Keller nach; alles war
+leer. Es wurde ihnen unheimlich zumute. Aber da kam ein Reiter mit einem
+schwedischen Mantel angelaufen, den er auf Horstmanns Hofe gefunden
+hatte, und nun wurde gründlich nachgesucht und eine ganze Menge Waffen
+und Kleider wurden gefunden, die augenscheinlich totgeschossenen
+Schweden gehört hatten. »Und wenn ich ewig und drei Tage suchen soll,«
+fluchte der Hauptmann, »finden will ich sie, und dann könnt ihr euch mit
+ihnen einen kleinen Scherz machen, Leute!« Die Soldaten lachten, aber
+nicht so ganz von Herzen.
+
+An die drei Stunden dauerte es, bis sie den Ringwall fanden, und elf
+Mann stürzten sich dabei in den Wolfskuhlen zu Tode. Die anderen kamen
+heil hin, konnten aber nichts sehen, denn die Dornen lagen haushoch und
+waren fest ineinandergewrickt. »Paar Mann auf die Bäume; zusehen, was
+das nun ist!« befahl der Anführer. Zwei Leute kletterten in die Tannen.
+Kaum waren sie so hoch, daß sie den Mund aufmachen wollten, da knallte
+es zweimal und beide fielen wie die Säcke herunter.
+
+»Schweinebande!« schimpfte der Hauptmann; »fort mit dem Kram da!« Die
+Soldaten zogen die Dornen weg, mußten aber Stück um Stück losbrechen, so
+fest saßen sie ineinander. Aber dann horchten sie auf; im Walle wurde
+geblasen. Unheimlich hörte sich das an, als wenn die Katzen quarrten und
+die Wölfe hinterher heulten, und dann fing es an zu bimmeln, erst
+langsam und dann immer schneller, und hinter dem Walde fing das Tuten
+und das Bimmeln an drei Stellen zugleich an. Die Soldaten sahen sich um;
+die Sache gefiel ihnen nicht so ganz besonders.
+
+»Na, wird's bald!« schrie der Offizier und schlug die Leute, die bei dem
+Dornverhau waren, mit der Peitsche über die Rücken, daß es klappte.
+»Dreißig Mann hierher, aber 'n bißchen fix.« Die Soldaten arbeiteten,
+daß es krachte. Ein Rabe flog über den Wall hin, rief laut und machte
+einen Bogen, der Schwarzspecht lachte und die Markwarte schimpften über
+den Lärm. »Feste, feste!« schrie der Hauptmann; »in einer Stunde müssen
+wir sie haben! Wollen den Buschkleppern mal zeigen, was es heißt, fromme
+schwedische Kriegsleute abzuschießen wie Rehböcke. Immer lustig weiter!
+Je früher wir hier fertig sind, um so eher kommt ihr zu euren Mädchen!«
+
+Viekenludolf lachte: »Oder auch nicht!« sagte er und sah den Wulfsbauern
+von der Seite an. Mit dem war den Tag schlecht Kirschen essen: »Du
+treibst dich bei den Weibsleuten rum,« sagte er, »und wir können dafür
+den Puckel hinhalten. Eine Schande wert ist es! Ich habe es mir aber
+immer gedacht, daß du uns noch einmal eine schöne Suppe anrühren wirst.
+Aber was hilft das alles? Jetzt heißt es: keine Kugel unnütz, keinen
+Zoll Fell gezeigt, und alles getan, was ich sage. Und wer sich danach
+nicht richten tut, der soll es so haben, wie er es verdient!«
+
+Viekenludolf lief ein Schudder über, als er den Mann da so stehen sah,
+das Gewehr in der Faust, ganz gelb im Gesicht, blau unter den Augen, und
+mit einem Mund wie ein Strich. Aber dann wurde ihm besser, denn der
+Obmann befahl: »Sorge dafür, daß die Immen zur Stelle sind! Und die
+Frauensleute sollen Pech heiß machen und Wasser. Komm aber gleich
+wieder! Warte mal: auch die Jungens sollen jeder ein Schießgewehr haben;
+heute muß ein jeder helfen. Es geht um Kopf und Kragen und um noch
+mehr, denn kriegen sie uns, dennso lassen sie uns lange sterben!«
+
+Die Dornen wurden durchsichtig; man sah die Gesichter der Soldaten und
+Viekenludolf wollte schießen. »Bist du verrückt?« schnauzte ihn Wulf
+leise an; »erst muß das Haupt fallen, dann kommt das andere ran!«
+Er sah durch das Schießloch, ging zurück, schob sein Gewehr durch,
+zielte lange und schoß. Ein Gebrüll kam von drüben: »Der läßt das
+Prahlen für eine Weile sein,« flüsterte er dem Rammlinger zu;
+»Blattschuß! Er war weg wie ein Wieselchen.« Er stieß einen Jungen an:
+»Sie sollen tuten und bimmeln, so toll sie können; wir müssen Hilfe
+haben, hörst du? Und wenn ihnen das Blut aus den Ohren spritzt, blasen
+sollen sie oder ich blase ihnen was!«
+
+Die Schweden standen um ihren Hauptmann; der lag im Grase mit dem Rücken
+gegen eine Fuhre, und jedesmal, wenn er atmete, sprang ihm das helle
+Blut aus der Brust. Ein ganz junger Offizier, ein Junge meist noch,
+kniete bei ihm und wischte ihm den Todesschweiß von der Stirn. Der
+Sterbende bewegte die Lippen; der junge Mann bückte sich ganz tief,
+nickte und sprang auf: »Wir müssen unseren Herrn Hauptmann rächen.
+Freiwillige vor!« Bloß ein Dutzend meldete sich, voran der alte
+Wachtmeister. »Lumpenpack!« schrie der Offizier; »bei den Weibern, da
+seid ihr Helden, aber hier geht's euch in die Hosen.« Er zeigte auf
+einige Leute, die sich nach hinten drücken wollten. »Ihr da, voran, und
+wehe, wer einen Zoll zurückgeht!« Er hielt ihnen die Pistole vor die
+Augen.
+
+Die Männer murrten; es waren alles Bluthunde schlimmster Art, aber diese
+unheimliche Burg mitten im nassen Busche, die Scharfschützen darin, das
+sonderbare Tuten und Bimmeln in der Runde, das klemmte ihnen die Hälse
+zusammen. Der Offizier rief zwanzig bei Namen: »Ich zähle eins, zwei,
+drei, und wer dann nicht im Graben ist, der schluckt sein eigen Blut.
+Denkt an Gustav Adolf, denkt an Breitenfelde, denkt daran, daß ihr
+Schweden seid und keine Krabatten! Also: jeder zwei Pistolen in den
+Brustlatz und das Finnmesser zwischen die Zähne! Und jetzt mit Gott für
+Schweden! Eins, zwei, drei!« Er faßte sich nach der Brust und stürzte in
+das Gras; der Wulfsbauer hatte ihn mitten durch das Herz geschossen.
+
+Einen einzigen Blick schmiß der Wachtmeister nach ihm hin; dann schrie
+er: »Vorwärts marsch!« und sprang mit einem Satze in den Graben und mit
+einem Male war das Wasser voll von Schweden; aber es war, als wenn es
+kochend war, so schrien sie alle auf einmal auf, denn wie sie da waren,
+ein jeder von ihnen war in die spitzen Pfähle gesprungen.
+
+»Schießt sie doch wenigstens tot, das ist ja schrecklich!« rief der
+Prediger, aber der Obmann schüttelte den Kopf: »Nein, euer Ehren, wir
+haben dazu keine Zeit, und je länger sie da quietschen, um so später
+trauen sich die anderen heran. Aber geht hin und sagt, daß überall gut
+aufgepaßt wird und daß geblasen und gebimmelt wird, und dann haltet euch
+zu den Frauen und den Kindern, da seid ihr nötiger!«
+
+Es war auf einmal ganz still. Man hörte die Finken schlagen und die
+Meisen piepen und ab und zu brüllte eine Kuh in den Ställen. Es hörte
+sich bald an, als ob die Schweden abgezogen wären. Aber nach einer Weile
+hörte man Axtschläge. »Haltet die Immen zur Hand!« sagte der Obmann zu
+Kasper, »und das heiße Wasser und den Teer! Sie werden wohl eine Brücke
+machen wollen. Na, viel soll ihnen das auch nicht helfen, glaube ich.«
+
+Er frühstückte, behielt aber die Augen am Kuckloch, und dann steckte er
+sich eine Pfeife an. Er hatte den Ärger über den Rammlinger hinter sich
+und außerdem hatten die Wachen gemeldet, daß von zwei Seiten Antwort
+gekommen war, und so dachte er: »Es wird schon gut gehen!«
+
+Aber dann ärgerte er sich, daß er eine große Dummheit gemacht hatte.
+Einen kugelsicheren Kiekturm hätte er in der Burg aufschlagen lassen
+sollen, dann konnte er sehen, was drüben gemacht wurde. »Na, dümmer
+werde ich da auch nicht von,« dachte er.
+
+Zwei Stunden hatte er so dagesessen, da ließ das Hacken drüben nach. Man
+hörte, wie die Leute schleppten und stöhnten. Der Wulfsbauer schickte
+den Jungen hin: »Sie sollen sich immenfest machen und die Körbe hierher
+bringen! Und dann alles an die Löcher, aber um den ganzen Wall, und
+hier,« er drehte sich nach Viekenludolf um, »die Scharfschützen her,
+aber erst geschossen, wenn ich sage, und auch dann noch nicht, wenn ich
+einmal schieße!«
+
+Nach einer Weile standen zwanzig Popanze rechts und links bei ihm. Die
+Bauern hatten die Immenmasken aufgesetzt, sich Tücher um die Hälse
+gewickelt, dicke Röcke und drei Paar Hosen angezogen und diese unten
+zugebunden. Alle hatten dicke Handschuhe an und jeder sein Schießgewehr
+vor sich stehen. Hinter dem Vorsteher und Viekenludolf lagen die
+Immenkörbe; sie waren an lange Stangen gebunden und es brummte darin wie
+in einem Wasserkessel, denn die Ausflüge waren verrammelt.
+
+Der Fuhrberger flüsterte: »Ich habe einen frei!« Der Obmann nickte:
+»Denn man zu!« Es knallte; ein Schrei kam von drüben, dann ein lautes
+Fluchen. Man hörte die Dornbüsche krachen. Eine Brücke aus Fuhrenstangen
+bohrte sich durch und kam erst langsam, dann schneller über das Wasser.
+Der Burvogt drehte die Büchse nach der Seite, zielte und schoß. Drüben
+wurde wieder geflucht. »Wer einen frei hat, soll ihn totschießen,«
+befahl er; »aber Vorsicht! wir haben keinen einen Mann über!« Es knallte
+fünfmal, die Brücke fiel in das Wasser, ging aber wieder in die Höhe und
+wies eine breite und hohe Schutzwand aus Tannhecke und Fuhrenzweigen
+auf.
+
+»Wer will die Immen werfen?« fragte Wulf; »kein verheirateter Kerl darf
+es sein, du auch nicht, Ludolf. Aber Helmke, du!« Schierhorn kam und
+stellte sich neben den Oberobmann. »So,« befahl der, »jetzt, so wie ich
+rufe, ihr sechs da, so schnell wie es geht, die Körbe offen, Helmke die
+Stangen in die Hand gegeben, und ihr andern paßt auf und sorgt dafür,
+daß keiner ihm was tun kann. Und hat er Unglück, gehst du an seine
+Stelle, Hinrich, und dann du, Jochen. Und beileibe nicht die Immen in
+das Wasser schmeißen; alle mitten in die Dornen! Die Leute auf der
+Brücke kriegen wir so schon klein!«
+
+In der Burg wieherte eine Stute; drüben antworteten die Hengste. Von der
+Haide her hörte man es tuten und dann bimmeln, aus der Burg wurde
+geantwortet. Der Kuckuck rief. Ein gelber Schmetterling flog über das
+Wasser, setzte sich auf den Kopf von einem der toten Männer in dem
+Graben und flog über die Dornbüsche. »Er will die anderen auch holen,«
+flüsterte der Rammlinger und griente.
+
+Von drüben hörte man keinen Laut. Dann knasterten die Dornen und mit
+einem Male schoß die Brücke über das Wasser und stieß sich in dem Walle
+fest. »Aufpassen, ruhig schießen!« flüsterte der Obmann. Sechs Schweden
+liefen wie verrückt die Brücke entlang; es knallte ein paarmal und bloß
+einer kam oben an, ein junger Kerl mit Haaren, so hell wie bei einem
+Kinde. »Nicht schießen!« rief Wulf; »lebendig fangen!« So wie der junge
+Mann über das Schutzdach wollte, riß ihn Schierhorn herüber und warf ihn
+dem Viekenbauer zu. »Binden und hinlegen, aber nichts tun!« schrie der
+Obmann und schoß, und dann rief er: »Die Immen!«
+
+Schierhorn, der mit der Maske und dem vielen Zeug wie der leibhaftige
+Satan aussah, stand gebückt hinter der Schutzwand, den Bleiknüppel am
+Handgelenk, und schielte über sich. Eine Hand packte in die Tannhecke.
+Der Bauer schlug mit dem Totschläger danach, ein Schrei kam, die Hand
+verschwand, das Wasser quatschte und dann schrie es lange. Ein Schuß
+fiel; wieder spritzte das Wasser auf. Ganz sachte, als machte er das
+alle Tage so, stellte sich Schewenkasper hinter den Ehlershäuser, ließ
+sich einen Immenkorb geben, riß den Boden ab, stellte die Stange hoch
+und gab sie Schierhorn in die Hände. Der nahm sie, wog sie, und dann
+schrie er: »Aufgepaßt, ihr da!« und kippte die Stange um und hinterher
+noch eine, und die dritte, die vierte, und die fünfte und die sechste.
+
+Wieder liefen Schweden über die Brücke. Drei bekamen Kugeln, vier
+kletterten über das Schutzdach, aber Schierhorn und Kasper warfen sie in
+den Graben. Dann hörte man es drüben fluchen, darauf schreien, dann ging
+ein Summen und Brummen los. Das Fluchen und Schreien nahm kein Ende, es
+wurde immer schlimmer damit, man hörte, wie die Pferde um sich schlugen
+und sich losrissen, Hunde heulten auf, das Brummen wurde immer
+gefährlicher, die ganze Luft war voll von Immen und hinter dem Wall
+stand Viekenludolf, bog sich vor Lachen krumm, schlug sich auf den
+Schinken, daß es knallte, und rief: »Ich gehe dot, ich gehe dot!«
+
+Der Wulfsbauer mußte auch lachen. Dann ging er hin, band dem Schweden
+die Hände los und sagte: »Steh' auf!« Der junge Mensch stand da,
+kreideweiß um die Nase. Der Bauer griff ihn an die Brust: »Kannst du
+deutsch?« Der Junge zitterte am ganzen Leibe: »Ja!« brachte er heraus.
+»Bist am Ende selber ein Deutscher?« Der Mensch nickte. »Woher?« Er
+würgte: »Aus Sachsen!« Der Bauer holte tief Luft: »Schweinehund!
+Eigentlich solltest du sterben. Aber lauf hin und sage ihnen, sie sollen
+machen, daß sie fortkommen. Wir haben noch genug Immen und unsere
+Freunde kommen all. Und wenn dich einer fragt, wo du warst, dann sag'
+ihnen: bei den Wehrwölfen! Du bist der erste, den wir lebendig
+fortlassen.« Der Soldat zitterte so, daß er kaum über die Brücke konnte,
+und als er am Ufer ankam, fiel er hin.
+
+Der Wulfsbauer hielt die Hand hoch: »Pst! sie tuten sich wieder
+zusammen! Was ist denn das? Das sind ja unsere Leute! Hört ihr, ein
+Schuß! Junge, das ist gut, ich bin halb verdurstet!« Er trank den ganzen
+Krug Dünnbier aus, den der Junge ihm reichte und dann sagte er: »Nun
+müssen wir erst wieder zusehen, daß unsere Immen ihren Ärger vergessen.
+Die werden schön falsch sein! Na, Brägenschülpen werden sie aber auch
+wohl alle haben. Und jetzt lauft hin und sagt den Frauensleuten
+Bescheid, aber sie sollen nicht herauskommen, wenn sie ihre glatten
+Gesichter behalten wollen, denn sonst kriegen sie Mäuler wie die
+Baumaffen. So, und nun kann die Hälfte losgehen und sehen, was unsere
+Mutter ihm gekocht hat. Aber laßt mir was über!«
+
+Er horchte nach der Wohld hin und nickte. Da fielen immer mehr Schüsse
+und das Tuten und Blasen hörte nicht auf. Der Bauer stand wie ein Baum
+da. Dann lachte er. »Hörst du sie, Ludolf?« Der nickte: »Ja, Unsere
+kühlen ihnen jetzt die Immenquaddeln,« sagte er; »mit 'm Bleiknüppel,
+das ist da gut für!« Der Wulfsbauer hob den Finger hoch: »Unsere haben
+sie zwischen sich. Stille! Hörst es? Junge, Junge, ein Schade, daß wir
+da nicht bei sind!« Er zitterte vor Aufregung: »Hör' bloßig, wie sie
+bölken: Schlah dooot!« Er hielt die Hände neben den Mund und brüllte
+über den Graben hin: »Slah doot, slah doot, all doot, all doot, all
+dooot!«
+
+Und dann kam es aus den Blockhütten heraus wie Gesang; die beiden Bauern
+horchten; die Frauen und Kinder sangen: »Nun danket alle Gott mit
+Herzen, Mund und Händen!«
+
+Es dauerte nicht lange, da waren die Wehrwölfe da. Sie lachten und
+riefen über den Graben: »Na, die Hauptarbeit war ja schon gemacht; wir
+hätten ruhig zu Hause bleiben können! So, nun wollen wir erst dieses
+dummerhaftige Dings wegnehmen und zu Feuerholz machen!« Der Wulfsbauer
+schrie: »Nee, das können wir hier ganz gut brauchen, bringt es nach der
+Brücke! Aber erst kann einer von euch herkommen und uns verzählen, wie
+es geworden ist; denn daß wir höllschen neugierig sind, könnt ihr euch
+wohl denken!«
+
+Jasper Winkelmann aus Fuhrberg und Ehlershinnerk aus Engensen kamen über
+die Brücke. »Junge,« sagte der Fuhrberger und schlug dem Rammlinger auf
+die Schulter, »hast dich aber fein gemacht! Willst wohl wieder fründjen
+gehn! Ein Schade, daß du nicht mit dabei warst! Wir konnten vor Lachen
+meist nicht schießen. Ich glaube, kein einer von ihnen ißt in seinem
+ganzen Leben ein Honigbrot wieder. Du hättest mal sehen sollen, wie die
+Pferde auskeilten, und die Kerls, Mensch, ich sage dir, zum Krempeln war
+es! Sie flöhten sich als wie die jungen Hunde, und ich glaube, hinter
+jedem Machangel in der Haide sitzt einer und pult sich die Immenangeln
+aus der Pelle. Was haben wir gelacht!«
+
+Der Wulfsbauer nahm die Maske ab. »Sonst heißt es: erst die Arbeit, dann
+das Vergnügen,« sagte er, »aber bei uns ist das umgekehrt. Holt mal noch
+ein paar Mann ran und Nägel und Wieden und Barten; wir wollen hier
+schnell einen Turm machen, damit, wenn sie wiederkommen, wir sie von
+oben begrüßen können, denn das mit den Immen, das ist auf die Dauer denn
+doch zu teuer. Und was sollen die Kinder sagen, wenn wir so mit dem
+Honig aasen!«
+
+Die Schweden kamen aber nicht wieder, weder diese noch andere. Was kein
+Mensch für möglich gehalten hatte, das schien wahr werden zu wollen. Es
+sprach sich bis in die Haide hinein, daß es nun bestimmt, aber auch ganz
+bestimmt Frieden werden sollte. Man merkte es an allerlei Vorzeichen:
+die Störche brüteten wieder auf den Dächern und nicht mehr in den
+Wäldern; die Winterkrähen gingen früher weg als vordem; der Mäusefraß
+hörte auf; man fand keine Sternschnuppen mehr; die feurigen Männer am
+Himmel kamen nicht wieder; die Pest- und Sterbevögel waren wie
+weggeblasen.
+
+Die Marodebrüder und Parteigänger zogen immer noch im Lande um; aber
+ihre gute Zeit war vorbei. Wo sie sich blicken ließen, lief das Volk
+zusammen und schlug sie tot, und die Tatern und was sonst ohne Haus und
+Herd war, desgleichen. Die Bauern kamen langsam aus den Büschen
+herausgekrochen und hingen die Kesselhaken wieder über die Herde, wenn
+die Häuser noch da waren, oder bauten sich neue so gut es ging. Hier und
+da wurde auch wieder gepflügt und gesät, und die Toten kamen unter die
+Erde, wie es sich gehörte, und wurden nicht in einen alten Sack
+beigerodet.
+
+Aber so ganz traute man dem Frieden doch nicht. Es war ja auch gar nicht
+zu denken. Frieden? Arbeiten und essen und schlafen ohne Angst und
+Bange? Keinen Feuerschein mehr am Himmel sehen? Kein Ach- und
+Wehgeschrei mehr hören? Wieder lachen und singen dürfen? Und spielen und
+tanzen? Und sich darüber freuen, wenn ein Kind geboren wird? Wer das
+glaubt, der ist unklug! Dem hat der Krieg den Verstand verrückt! Für den
+ist es Zeit, daß man für ihn aufpaßt! Denn es geht ja doch bald wieder
+los! Das kennt man ja! Nach dem Lübecker Frieden Anno 1629 wurde es bloß
+noch schlimmer! Und das waren nun schon sechzehn Jahre her, nein,
+siebzehn. Und vor vier Jahren, hatte der Herzog da nicht seinen Frieden
+mit dem Kaiser gemacht? Und was hat es geholfen? Gar nichts, es wurde
+bloß noch einmal so doll!
+
+Aber zuletzt mußten sie es doch glauben. Es war wirklich anders geworden
+in der Welt. Not und Elend gab es ja noch überall genug, aber das Morden
+und Martern war doch nicht mehr so im Gange. Es blühten auch viel mehr
+Blumen, die Vögel sangen schöner denn je und die Luft war so ganz
+anders, gar nicht mehr so, als wenn es immer nach Rauch und Blut roch.
+Es mußte also doch wohl stimmen, was der Prediger in der Kapelle
+vortrug, daß es dem Kaiser und den Fürsten ernst damit war. Sonst würde
+der alte Drewes nicht mit einem Male wieder den Kopf so hoch halten.
+»Das will ich noch beleben, aber denn ist es Zeit für mich,« sagte er.
+
+Er erlebte es noch. Es war Anfang November, da kam Viekenludolf
+angejagt, schrie wie ein Ungetüm, sprang vom Pferde wie ein Junge,
+drehte die Wulfsbäuerin herum, daß man ihre halben Beine sah, lachte
+wie unklug und rief: »Ihr glaubt wohl, ich bin besoffen? Keine Spur! Ich
+bin so nüchtern wie ein ungebörntes Kalb. Aber es ist Friede, Friede für
+immer, gewiß und wahrhaftig, und wenn ihr es mir nicht glauben wollt,
+hier lest, oder der Prediger soll es vorlesen! Das habe ich von einem
+Manne gekauft, der mehr solche Blätter aus Celle mitgebracht hat.
+Unserem Herzog sein Siegel ist darunter. Da, euer Ehren!« Er fiel auf
+die Bank und jappte und mit einem Male lief ihm das Wasser aus den
+Augen.
+
+Er sprang aber gleich wieder auf, denn der Wulfsbauer kam angelaufen. Er
+war im Grasgarten gewesen und hatte das Schreien und Weinen und Lachen
+gehört. Und nun stand er da und beberte an allen Gliedern und sah wie
+eine frisch gekalkte Wand im Gesichte aus. »Wawawas ist llos?« stotterte
+er. Der Prediger hob die Hand. »Ich werde vorlesen.« Alle falteten die
+Hände, bloß der Burvogt nicht; der hatte keine Kraft dazu. Er stand an
+der Hauswand, sah ganz elend aus, hatte den Mund offen und ganz
+unglückliche Augen, und holte so tief Luft, als wenn er ersticken müßte.
+
+Der Prediger hatte zu Ende gelesen. Alles lachte und weinte wie verrückt
+durcheinander. Mit einem Male drehten sich alle um. Was war denn das?
+Der Wulfsbauer hatte ganz schrecklich aufgeschrien, und jetzt stand er
+mit dem Kopfe gegen die große Tür, hatte die Hände vor dem Gesicht und
+weinte wie ein Kind. Dann drehte er sich um, ging wie ein todkranker
+Mann auf seine Frau los, nahm sie an den Arm und sagte: »Mutter, bring
+mich zu Bett; ich bin ja so müde!«
+
+Die Frau faßte ihn unter den Arm, wischte ihm die Tränen ab und sagte:
+»Ja, ja, ich bringe dich zu Bett, mein Junge. Du sollst nun auch schön
+schlafen.« Da lachte keiner von den Leuten mehr; es wurde ganz still,
+nur daß auf der Wiese die Kinder das neue Lied sangen, das sie in der
+Schule gelernt hatten:
+
+ Herzlich tut mich erfreuen
+ die fröhliche Sommerzeit,
+ all mein Geblüt erneuen,
+ die Mai in Wollust freit;
+ die Lerch tut sich erschwingen
+ mit ihrem hellen Schall,
+ lieblich die Vögelein singen
+ dazu die Nachtigall.
+
+
+
+
+Die Haidbauern
+
+
+Der Wulfsbauer schlief sich ordentlich aus; er schlief drei und eine
+halbe Woche lang, und er wäre wohl überhaupt nicht aufgewacht, wenn er
+nicht so eine Bärennatur gehabt hätte.
+
+Denn er hatte das Nervenfieber bekommen. Es war zu viel für ihn gewesen.
+Auch hatte er zu tief durch Blut gehen müssen; erst bis an die Enkel,
+dann bis zu den Knien, bis er bis über die Lenden darin stand und es
+immer höher und höher stieg, so daß es ihn schließlich bis an den Mund
+kam. Viel hatte nicht mehr gefehlt, da lief es ihm da hinein und er
+mußte ersticken.
+
+Schon längst hatte er es nicht mitansehen können, wenn ein Schwein
+geschlachtet wurde. Wurst, die aus Blut gemacht war, aß er seit Jahren
+nicht mehr, und ihm wurde schlecht, wenn sich eins von den Kindern in
+den Finger schnitt.
+
+Aber er hatte das alles für sich selbst behalten; zu keinem Menschen
+hatte er darüber gesprochen, weder zu Drewes, noch zum Viekenbauer, noch
+zu dem Prediger, geschweige denn zu der Bäuerin. Er hatte all seinen
+Ekel jeden Tag in sich hineingefressen wie der Hund seinen Unrat, und
+hatte darüber harte Augen und einen engen Mund gekriegt und vor der Zeit
+ganz graue Haare.
+
+Nun waren sie schneeweiß geworden, wo er knapp fünfzig Jahre alt war.
+Aber die fünfundzwanzig Kriegsjahre hatten doppeltes Gewicht; er kam
+sich vor, als wenn er schon achtzig auf dem Puckel hatte. Er wurde
+wieder ganz gesund, er ging dahin wie ein junger Mann, er konnte
+arbeiten wie ein Knecht von fünfundzwanzig, er hielt noch eine volle
+Sense mit einer Hand wagerecht, er hatte kein bißchen von seinem Gesicht
+und Gehör verloren, er konnte noch über das ganze Dorf schreien, er ritt
+wie ein Junge, er aß wie ein Drescher, aber alt war er darum doch.
+
+Nicht, daß er in der Arbeit nachließ; das war eher umgekehrt. So wie er
+wieder auf den Beinen war, ließ er auf der Wüste Bauholz schneiden, denn
+den Wulfshof hatte er für seinen zweiten Sohn bestimmt. Er hatte den
+einen nicht lieber als den anderen, aber Johanna, und wenn sie ihm auch
+die liebste von seinen Frauen gewesen war, sie war immerhin aus der
+Fremde gewesen, und deshalb hatte er ihren Sohn auch auf den Namen
+Bartold taufen lassen, denn so hieß ihr Vater; den Jungen aber, den er
+von Wieschen als ersten bekommen, nannte er Harm, wie jeder älteste Wulf
+gerufen wurde. Der bekam also den alten Hof und den alten Kesselhaken,
+auf dem zu lesen stand: Ao 1111 Do. Bartold aber blieb auf dem neuen
+Hofe und hieß bald nicht mehr Wulf, sondern Niehoff, und als Hausmarke
+nahm er zwei Wolfsangeln, die über Kreuz standen.
+
+Auch in den Gemeindeangelegenheiten ging der Burvogt scharf in das
+Geschirr. Sein erstes war, daß er für eine Kirche sorgte, denn eine
+eigene Kirche waren die Peerhobstler nun einmal gewöhnt. Das gab viel
+Lauferei und Schreiberei, aber Wulf setzte es zuletzt doch durch, und
+als der Prediger fragte: »Ja, aber das Geld?« da sagte der Bauer: »Ich
+gebe fünftausend Taler in Gold, denn ich will es los sein,« und da
+wußte Puttfarken, was das für Geld war. Außerdem war noch die Kette aus
+bunten Steinen und Perlen da, die Schewenkasper seinerzeit dem
+kaiserlichen Hauptmann aus dem Hosensack genommen hatte und die meist
+ebensoviel wert war, und die anderen Bauern gaben auch nicht wenig, denn
+die Beutegelder drückten ihnen allen auf der Brust. Zu allerletzt kam
+noch der Viekenbauer, zählte tausend blanke Taler vor den Prediger hin
+und sagte: »Das ist vor den Schreck, den ich euch allen durch meine
+Dummheit eingejagt habe, und Trina meint überhaupt: solch Geld, das
+bringt doch keinen Segen!« Und so bekam Ödringen die Kirche.
+
+Auch als es für den Herzog hieß, Gelder für die Schweden
+zusammenzukratzen und die schweren Schatzungen kamen, mußte sich der
+Wulfsbauer gehörig rühren und mehrere Male ritt er nach Celle, bis er es
+fertigbrachte, daß die kleinen Leute nicht zu sehr mit Lasten bedrückt
+wurden. Die Gräfin Merreshoffen lebte noch, wenn sie auch schon ganz
+weiß und dünn war und ein Gesicht wie Wachs hatte.
+
+Sie ließ sich viel von dem Peerhobstler erzählen, nickte und sagte: »Ja,
+es ging ein böser Wind damals. Hier sitzen wir, sind noch keine sechzig
+alt und sehen wie achtzig über den Ohren aus. Aber er hat wenigstens
+seine Gesundheit und Frau und Kinder, und ich habe nichts als das
+bißchen Geld und allerlei dummerhaftige Erinnerungen. Aber verlasse er
+sich darauf: die Sache kommt in Ordnung; darauf hat er meine Hand!« Als
+er ging, sagte sie zu ihrer Nichte: »Ich habe bloß zwei Männer in meinem
+Leben gekannt, Georg Eisenhand und den da, Brigitta!«
+
+Mehr als einmal mußte Harm beweisen, daß er noch der alte war. Die
+kleine Arbeit hatte er dem Viekenbauer und Schierhornhelmke überlassen,
+und die seiften die Haide so gründlich ab, daß sich kein Ungeziefer mehr
+darin halten wollte. Er lebte noch eine ganze Stiege von Jahren und
+konnte viererlei Enkelkinder auf den Knien reiten lassen.
+
+Aber als dann seine Frau starb, hatte er so recht keine Lust am Leben
+mehr. Er hatte sein Teil Arbeit im Leben getan und mehr als das; er war
+nicht mehr nötig auf der Welt. Seine Augen waren mittlerweile wieder
+etwas heller geworden, aber sein Mund sah aus, als wenn er Angst hatte,
+daß ihm Blut hineinlaufen konnte. Er starb jedoch ganz sanft und alle
+seine Kinder und Kindeskinder waren bei ihm, und der Viekenbauer, der
+noch immer hinter jedem glatten Mädchen hersehen mußte, wennschon das
+nicht viel Zweck mehr hatte, und Thedel und der Prediger, der wie ein
+ganz alter Mann aussah.
+
+Es war eine Leiche, wie man sie um das Bruch herum noch nicht belebt
+hatte. Alle Wehrwölfe gingen mit, die noch am Leben waren, und außerdem
+jeder, der eben Zeit hatte, so daß der Wulfshof schwarz von Menschen
+war. Es war ein dusterer Spätherbsttag, als Harm Wulf auf immer schlafen
+ging, und während der Leichenandacht auf der Deele nieselte es. Als aber
+der Prediger nach der Beerdigung von der Kanzel den Nachruf für den
+Toten hielt, worin er ihn mit Simson verglich und mit Judas, dem
+Makkabäer, die ihre Völker vor den Feinden bewahrten, rot bis an den
+Hals vor Blut gewesen waren und doch Gott wohlgefällig, da kam die
+Sonne durch und alle Gesichter sahen hell aus, und auch die Wehrwölfe
+bekamen blanke Augen und dachten an die schrecklichen und doch so
+schönen Tage, da sie einen Tag um den anderen den Bleiknüppel über der
+Hand hängen hatten.
+
+In der besten Stube des Wulfshofes zu Ödringen hängt heute noch der
+Bleiknüppel an der Sofawand unter dem kleinen Bilde mit dem alten
+Goldrahmen. Ein Museum hat sich viel Mühe um den Knüppel gegeben, aber
+der Vorsteher und Landtagsabgeordnete Herman Wulff gab ihn nicht um
+Geld, noch um gute Worte her. »Wenn der nicht gewesen wäre, so wären wir
+auch nicht da,« sagte er. Wenn fremde Leute fragen, was das für ein Ding
+ist, dann zuckt er die Achseln und sagt: »Das ist noch von früher!«
+Seinen Söhnen aber hat er erzählt, was er und sie dem alten Knüppel mit
+der Lederschlinge zu verdanken haben, und warum auf dem ältesten
+Grabsteine der Wulffs nichts weiter zu sehen ist denn eine aufrechte
+Wolfsangel.
+
+Ein jedesmal, wenn einer der Jungens zum ersten Male das Abendmahl nahm,
+ließ er ihn in dem alten Kirchenbuche das lesen, was der weiland
+Prediger Puttfarken über Harm Wulf geschrieben hatte, als er gestorben
+war; und so heißt die Stelle: »Ehr war ein Held vor seinem Volke und hat
+es getrevlich geschützet vor den Philistern und Amalekitern ober zwanzig
+Jahre, da der große Krieg geweßen ist. Ehr ruhe in dem Frieden GOTTES!«
+
+Die hellen Augen haben sie wiederbekommen, die Wulfsbauern, die engen
+Lippen aber behielten sie als Erbe von Harm Wulf. So lustig, wie er als
+Jungkerl war, sind sie alle nicht, aber seinen eisernen Kopf hat er
+ihnen nachgelassen. Einer von ihnen wurde in den Freiheitskriegen ein
+hoher Offizier und sollte den Adel bekommen: »Mein Name ist mir so
+gerade gut,« sagte er.
+
+Über der Missentür des Wulfshofes steht heute noch der Spruch im Balken:
+»Helf dir selber, so helfet dir unser Herre Gott!« Danach haben sich
+alle Wulfsbauern gerichtet.
+
+Herman Wulff ist ein ernster Mann, der nicht oft lacht und kaum einmal
+flötet. Aber an dem Tage, als die Bruchbauern ihren Mann bei der
+Reichstagswahl durchbekamen, lachte Herman Wulff, und als er nach Hause
+ging, flötete er das Brummelbeerlied.
+
+
+
+
+Worterklärung
+
+
+Um eine völlige Einheitlichkeit zwischen dem Stoffe und der Form zu
+erzielen, ist in diesem Buche sowohl für den erzählenden Teil wie für
+die Gespräche die heutige Ausdrucksweise der Bauern der Lüneburger Haide
+gewählt, die sich in der Hauptsache mit der Redeweise des Landvolkes von
+ganz Nordwestdeutschland deckt. Ost- und süddeutschen Lesern sind
+vielleicht die folgenden Erklärungen einiger Ausdrücke angenehm.
+
+
+1. Die Haidbauern S. 1
+
+_Pump_, Teich, Tümpel. -- _Reet_, Rohr. -- _Plagge_, Haidscholle. --
+_grall_, frisch, klar. -- _weifen_, schlagen. -- _Brägen_, Gehirn, auch
+Schädel. -- _Weking_, Wittekind. -- _rohes Mett_, gehacktes Fleisch. --
+_Halsbeeke_, Halsbach. -- _Die große Fähre_, Verden an der Aller. --
+_Haidjer_, Haidbauer. -- _koppheister_, kopfüber. -- _Sattelmeier_,
+Bauer, der in Kriegsfällen ein Pferd zu stellen hat. -- _anmeiern_,
+lehnspflichtig machen. -- _Kuhle_, Grube. -- _beiroden_, eingraben. --
+_Koppelweg_, Feldweg. -- _Sternschnuppe_, gallertartige Massen, entweder
+Gallertflechten oder die Eileiter von Fröschen, die von Iltissen oder
+Reihern wieder ausgewürgt sind. -- _Schillebold_, Wasserjungfer. --
+_Buttervogel_, Schmetterling. -- _Pest- und Sterbevögel_, unregelmäßig
+erscheinende nordische Vögel, wie Kreuzschnabel, Seidenschwanz,
+Nußhäher. -- _Brummelbeere_, Brombeere. -- _Brummelbeerlied_, ein
+bekanntes altes Lied, das folgendermaßen beginnt: Es wollt ein Mädchen
+früh aufstehn, wohl drei vier Stündelein vor Tag.
+
+
+2. Die Mansfelder S. 8
+
+_glatt_, hübsch. -- _Machangel_, Wachholder. -- _grienen_, grinsen. --
+_Stegel_, Übertritt in der Umzäunung. -- _Dönze_, Stube. -- _Ule_, Eule.
+-- _wählig_, übermütig. -- _Dullerche_, Haidlerche. -- _Post_, ein
+Strauch, Porst oder Gagel, auch Gerbermyrte genannt, =Myrica gale L=. --
+_mülmen_, stauben. -- _bölken_, brüllen. -- _kriejöhlen_, kreischen. --
+_Döllmer_, Dummkopf. --_Lütjemagd_, Kleinmagd. -- _Tater_, Zigeuner. --
+_Koppelknecht_, Pferdeknecht. -- _hille_, schnell. -- _quant_, derb. --
+_verklaren_, erklären. -- _in die Möte kommen_, entgegenkommen. --
+_Butze_, Alkoven.
+
+
+3. Die Braunschweiger S. 20
+
+_bören_, heben. -- _Kolüt_, der große Brachvogel. -- _Vagelbund_,
+Vagabund. --_Ludjen_, Ludwig. -- _Masch_, die Marsch bei Celle. --
+_Hahnjökel_, Unfug. --_Dietweg_, Volksweg, unbefestigter Weg. --
+_Holster_, Umhängetasche, Jagdtasche. -- _Krüppelfuhre_, verkrüppelte
+Kiefer. -- _prahlen_, überlaut reden. -- _vertoddert_, verwickelt. --
+_Brägenschülpen_, Schädelbrummen. --_Beist_, Biest. -- _Mutter
+Griebsch_, scherzhaft für Hebamme. -- _Halbetüre_, Seitentüre, von
+Halbe-Seite. -- _dümpen_, dämpfen, würgen. -- _Grieptoo_, Greifzu, ein
+alter Hundename.
+
+
+4. Die Weimaraner S. 36
+
+_sich verjagen_, erschrecken. -- _Kaff_, Spreu. -- _Altvater_,
+Großvater. --_Leibzucht_, Altenteil. -- _schummern_, dämmern. --
+_Holler_, Holunder. --_Eller_, Erle. -- _Abstich_, Torfgrube. --
+_Flatt_, Sumpf. -- _Anberg_, Hügel. -- _Adder_, Kreuzotter. --
+_Schnake_, Natter.
+
+
+5. Die Marodebrüder S. 50
+
+_schlumpen_, glücken. -- _Warnzinken_, Geheimzeichen. -- _Wahrbaum_,
+großer, weit sichtbarer Baum. -- _Wiede_, gedrehter Weidenzweig. --
+_gnickern_, kichern. -- _klöhnen_, schwatzen. -- _Lork_, Kröte. --
+_Kahkrähe_, Dohle. --_Sod_, Ziehbrunnen. -- _Wohld_, urwüchsiger Wald.
+-- _Teebe_, Hund. -- _Thedel_, Theodor.
+
+
+6. Die Bruchbauern S. 68
+
+_Pattweg_, Fußweg. -- _gremstern_, räuspern. -- _Dössel_, der Baum, an
+den die Hälften des Tores angeschlossen werden. -- _Braken_, trockne
+Zweige. --_Risch_, Riedgras. -- _Der große Freie_, ein Gau zwischen
+Hannover und Burgdorf. -- _Jedoch_, ein Weckruf. -- _Wiem_, Boden. --
+_Bröddel_, Patsche. --Wurfboden, das Wurzelwerk eines vom Sturme
+geworfenen Baumes. --_Stuken_, Baumstumpf. -- _Markwart_, Eichelhäher.
+-- _Deele_, Diele, der Hauptraum im Hause.
+
+
+7. Die Wehrwölfe S. 87
+
+_Wietze_, ein Moorfluß. -- _Ständer_, Hauptbalken. -- _Hausrichte_,
+Richtefest. -- _Freundschaft_, Verwandtschaft. -- _Hülse_, Stechpalme.
+-- _Kneepe_, Witze. -- _Drögmichel_, Sauertopf. -- _Mumm_, schweres Bier.
+-- _Wolfsangel_, ein Zeichen, das viel als Hausmarke gebraucht wurde und
+das folgende Form hatte: ´----, oder ´--/--,. -- _Auskiek_, Luginsland.
+-- _Ort_ oder _Ortstein_, Raseneisenstein. -- _Hornung_, Februar. --
+_Steert_, Schwanz. -- _achtern_, hinten. -- _Buchholzer Hengst_,
+Grünspecht. -- _Witfrau_, Witwe. -- _reihum_, der Reihe nach. --
+_Krischan_, Christian. -- _Metz_, Messer. -- _Vorjahr_, Frühjahr. --
+_Hille_, Mädchenname. -- _Klapprose_, Klatschrose, Feldmohn. --
+_Danzeschatz_, Tänzerin. -- _Halsung_, Halsband. -- _Ilk_, Iltis. --
+_fiepen_, piepen. -- _gibbern_, gieren. -- _Beeke_, Bach. --
+_Moormännchen_, Baumpieper, ein Vogel. -- _Hainotter_, Storch. --
+_Imme_, Biene. -- _Der Wind küselt_, er dreht sich, ist nicht beständig.
+-- _Brandrute_, die eisernen Stangen, auf denen die brennenden
+Baumstümpfe liegen. -- _Die Morgenzeit_, das Frühstück. -- _Krüsel_,
+Öllämpchen. -- _Grauhund_, Wolf. -- _Addernadler_, Schlangenadler. --
+_Moorhuhn_, Birkhuhn. -- _Himmelsziege_, Heerschnepfe, Bekassine.
+
+
+8. Die Schnitter S. 116
+
+_Ulenflucht_, Dämmerung. -- _Osterblume_, Narzisse. -- _dröge_, trocken.
+--_Löft_, Verlobung. -- _Buschkater_, Wildkatze. -- _Tonbank_,
+Schanktisch. --_Schneekönig_, Zaunkönig. -- _Lüning_, Sperling. --
+_Schütt_, Wagenbrett. --_Rauk_, Kolkrabe. -- _Hallo_, Racheruf. --
+_Strosse_, Gurgel. -- _Tüte_, Goldregenpfeifer, ein Vogel. -- _sich
+zwillen_, sich gabeln.
+
+
+9. Die Kirchenleute S. 140
+
+_benaud_, beklommen. -- _Krähenaugen_, Hühneraugen. -- _Rotbrüstchen_,
+Rotkehlchen. -- _Kattule_, Waldkauz. -- _Moorochs_, Rohrdommel. -- _Der
+Fuchs braut_, d. h. der Nebel steigt. -- _Holwiß_, Haltfest, alter
+Hundename. --_befreiet_, verheiratet. -- _Schapp_, Schrank. --
+_Duffsinn_, Unsinn. --_beschrieen_, verheiratet. -- _Ohrenstuhl_,
+Lehnstuhl mit Kopfstützen. --_Friggetag_, Tag der Frigga, Freitag. --
+_Burvogt_, Gemeindevorsteher. --_Miste_, Düngerhaufen.
+
+
+10. Die Hochzeiter S. 176
+
+_Atze_, Adolf. -- _Der bunte Stock_, der Meldeknüppel, durch den die
+Bauern zur Versammlung, dem Bauernmale, gerufen wurden. -- _unbesonnen_,
+ohne sich zu besinnen. -- _backen_, kleben. -- _Betze_, Füchsin, auch
+wie Metze für liederliches Weib gebraucht. -- _bebern_, zittern. --
+_wegbleiben_, ohnmächtig werden.-- _Gerd_, Gerhard. -- _olmig_, mulmig,
+wurmstichig. -- _aufhucken_, auf den Rücken nehmen. -- _Brutlacht_,
+Hochzeit. -- _Gnitte_, Gelse, winzige Mücke. -- _Bleibengel_,
+Bleiknüppel. -- _für einen Bauern kaufen_, zum Narren haben. --
+_Dutten_, Knoten. -- _dötsch_, dumm. --_Flachtenwerk_, Flechtwerk. --
+_Pottekel_, widerlicher Mensch. --_faulmäulsch_, maulfaul. -- _Tachs_,
+Dachs. -- _mit jemand Schindluder spielen_, ihn gemein behandeln. --
+_schuddern_, schauern.
+
+
+11. Die Kaiserlichen S. 201
+
+_wegzocken_, fortlocken. -- _Stärke_, Färse, junge Kuh. -- _Barte_,
+Beil. --_blank_, schön, von Frauenzimmern gesagt. -- _Takelzeug_,
+verdächtige Menschen. -- _Hillebille_, ein an zwei Stricken aufgehängtes
+Brett, das mit zwei Hämmern geschlagen wird und einen weithin
+vernehmbaren Schall gibt. -- _knutschen_, zärtlich drücken. --
+_Katteeker_, Eichkatze. -- _Sohl_, Wasserloch.
+
+
+12. Die Schweden S. 217
+
+_einem eine Schande machen_, einen ausschimpfen.-- _Piewitt_, Kiebitz.
+--_wricken_, zusammenflechten, ineinanderwirken. -- _Immenquaddeln_,
+Blasen von Bienenstichen. -- _fründjen gehen_, auf Liebschaft gehen.
+--_Immenangel_, Bienenstachel. -- _beleben_, erleben. -- _ungebörnt_,
+nüchtern.
+
+
+13. Die Haidbauern S. 235
+
+_Stiege_, Reihe. -- _Leiche_, Beerdigung. -- _nieseln_, dünn regnen. --
+_Missentür_, Einfahrtstor.
+
+ * * * * *
+
+Druck von Hesse & Becker in Leipzig.
+
+ * * * * *
+
+Anmerkung zur Transkription: im Text korrigierte Fehler
+
+Kerl entgegen, der eine rote Feder
+ Im Original: entgegegen
+
+und im Bruche flötete der Kolüt.
+ Im Original: Kalüt
+
+als sie der Frau warme Milch, Brot und getragene Kleider gab,
+ Im Original: Kleider ab
+
+Es war meist Mitternacht, da gab Wulf für einen
+ Im Original: Miternacht
+
+er hatte sich das Genick abgestürzt.
+ Im Original: abgestürtzt
+
+und daß es bei Kleinem Zeit für ihn würde, nach Hause zu reiten,
+ Im Original: daß er
+
+nur daß quer über der Deele der Hütejunge
+ Im Original: Hüttejunge
+
+Und der Junge von Hingstmanns und Tönnes
+ Im Original: Hinstmanns
+
+nicht gut zuwege war, aber dabei sah sie aus wie
+ Im Original: Aber
+
+zitterte am ganzen Leibe
+ Im Original: ganze
+
+Das mußte wohl so gewesen sein
+ Im Original: Daß
+
+so daß er bald allgemein nicht mehr
+ Im Original: das
+
+meiner Schwester Alheid Niehus
+ Im Original: Niehues
+
+wenn du auf den Hof kommen wirst, Burvogt
+
+ich bin der Burvogt Harm Wulf aus Peerhobstel
+ Im Original jeweils Burgvogt
+
+So ablegen das Dorf auch war
+ Im Original: daß
+
+Am anderen Tage suchten Thedel, Renneckenklaus und Mertensgerd
+ Im Original: Rennekenklaus
+
+und Wildbret war es auch nicht
+ Im Original: Wildpret
+
+Dann fing Mieken an
+ Im Original: Daun
+
+Den ersten schoß der Rammlinger aus dem Sattel
+ Im Original: aus den Sattel
+
+solange in der Magethaide lagern mußten
+ Im Original: in der Magerhaide
+
+Worterklärungen: in 6. Die Bruchbauern:
+ Stuken wird im Text »Stucken« geschrieben
+ Jedoch wird im Text »Jeduch« geschrieben
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Wehrwolf, by Hermann Löns
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEHRWOLF ***
+
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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+opportunities to fix the problem.
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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