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diff --git a/22738-8.txt b/22738-8.txt new file mode 100644 index 0000000..5dda5f8 --- /dev/null +++ b/22738-8.txt @@ -0,0 +1,1128 @@ +The Project Gutenberg EBook of Zweierlei Denken, by August Büttner + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Zweierlei Denken + Ein Beitrag zur Physiologie des Denkens + +Author: August Büttner + +Release Date: September 23, 2007 [EBook #22738] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWEIERLEI DENKEN *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + + + + Zweierlei Denken + + Ein Beitrag zur Physiologie des Denkens + + + Vortrag + gehalten auf der Versammlung Deutscher + Naturforscher und Ärzte in Salzburg 1909 + + von + + A. Büttner + + + Leipzig + Verlag von Johann Ambrosius Barth + 1910 + + + Spamersche Buchdruckerei in Leipzig + + + + +Zweierlei Denken. + +Ein Kapitel aus der Physiologie des Denkens. + + +Mein Thema, das die Gegenüberstellung von zweierlei Formen des Denkens, +des vorstellenden und des begrifflichen Denkens, zum Gegenstande hat, +ist ein Kapitel mitten aus dem Buche einer verhältnismäßig neuen +Wissenschaft, der naturwissenschaftlichen Psychologie. Deshalb ist es +nötig, wenigstens in aller Kürze, vorauszuschicken, was ich als den +Inhalt der vorhergehenden Kapitel, also als die Grundlage meiner +Erörterungen ansehe. + +Dies um so mehr, als diese Grundlagen -- wie es bei einer so jungen +Wissenschaft nicht anders möglich ist -- noch keineswegs allgemeiner +Anerkennung sich erfreuen. Und gerade unter Ihnen, meine Herren, die Sie +zum Teil als Pioniere auf den Gebieten der Neurologie und Hirnanatomie +die Fundamente unserer Wissenschaft legen und sich nur zu oft der noch +klaffenden Lücken schmerzlich bewußt sein werden, wird gewiß mancher +sein, der es für unwissenschaftlich, ja vermessen halten wird, auf einem +so schwankenden Grunde ein kühnes Gebäude zu errichten. Aber mein +Vorgehen widerspricht bewährten Denkgrundsätzen nicht, ist +methodologisch nicht falsch! Denn so unzweckmäßig es im praktischen +Leben wäre, die Tragfähigkeit eines Baugrundes daran erproben zu +wollen, ob das darauf gebaute Haus einfällt -- wobei ja gar leicht auch +der Wißbegierige zu Schaden kommt --, so unschädlich und unentbehrlich +ist dies Verfahren in der Wissenschaft: ob eine Hypothese festen Boden +der Erkenntnis darstellt, wird am besten daran erprobt, ob das auf ihr +errichtete Gebäude von Folgerungen nicht zusammenstürzt. + +Die Grenzen, innerhalb deren sich meine Erörterungen halten sollen, +fallen zusammen mit den Grenzen des physikalisch Quantitativen. Es sind +lediglich energetische Prozesse, Prozesse also, die räumlich, zeitlich +und kausal meßbar sind, die uns beschäftigen werden. Jenseits der +Grenzen dieses Vortrages liegt das =Bewußte, Qualitative, eigentlich +Psychische=. Zwar teile ich die fast allgemeine Ansicht nicht, daß diese +Seite unseres Wesens jenseits der Grenzen der Naturwissenschaft +überhaupt liegt -- damit wären wir dem Dualismus trotz aller +verhüllenden Worte von Identität, von äußerer und innerer Anschauung +u. dgl. unrettbar verfallen --, aber jedenfalls liegt es außerhalb der +Möglichkeit, sie hier =nebenher= zu behandeln. + +Gleichwohl werde ich mir erlauben, mich der =Ausdrücke= der +Bewußtseins-Psychologie zu bedienen, darunter aber die entsprechenden +physiologischen Vorstellungen zu verstehen. Nur für die +Bewußtseins-Psychologie ist ja bisher eine Terminologie ausgebildet, und +es wäre sehr lästig und zeitraubend, wenn ich z. B., um das Wort +»Empfindung« zu vermeiden, jedesmal das Nervengebilde beschreiben +wollte, das ihr entspricht. Die Parallelismustheorie gestattet uns ja +auch von vornherein ein solches allgemeines Sichentsprechen anzunehmen. +Eine Unklarheit kann, bei der prinzipiellen Ausschließung des Bewußten +aus unseren Erörterungen, dadurch nicht entstehen. + +Das Ausgangsgebilde der seelischen Entwicklung ist der =Reflex=. + +Der Reflex ist unterseelisch, unterbewußt, wenn die Verbindung zwischen +den sensorischen und den motorischen Bahnen durch wenige verbindende +Fasern, meist des Rückenmarkes, hergestellt wird, er wird psychisch, +bewußt, wenn die Verbindung durch die zahllosen Fasern des nervösen +Zentralorgans bewirkt wird: wenn das Gehirn =denkt=. + +Das Resultat dieser zentralen Prozesse ist eine motorische Reaktion, die +-- zum großen Vorteil des Individuums -- nicht lediglich (wie beim +einfachen Reflex) dem gerade gegenwärtig wirkenden Reize entspricht, +sondern auch mancherlei frühere Reize berücksichtigt. + +In =Nervenprozessen= also, so dürfen wir annehmen, besteht alles Denken, +alles psychische Geschehen -- diese aber, worin bestehen sie? + +Die einzige Funktion der Nerven ist es -- hier folge ich den +bewundernswerten Ausführungen von =Kassowitz=[1] --, einen chemischen +Zerfallprozeß von einem Ende zum anderen hindurchzuleiten. Ein Prozeß, +der in ganz gleicher Weise in allem lebenden Protoplasma vor sich geht +-- und, dürfen wir sagen, dessen Leben ausmacht --, durcheilt die +Nervenbahn infolge ihrer besonders labilen chemischen und mechanischen +Struktur mit der Geschwindigkeit von etwa 30 m/Sek., während unmittelbar +hinterher der Nerv aus den Zerfallprodukten selbst und aus den im +Blutstrom herangeschafften chemischen Energien sich wieder aufbaut. +Nichts Weiteres soll in den Nerven vorgehen. In einfache +Leitungsprozesse also sind alle psychischen Prozesse aufzulösen und die +=Aufgabe= einer naturwissenschaftlichen Psychologie =besteht darin=, +alles seelische Geschehen in Ausdrücken von Leitungs- oder Bahnprozessen +zu begreifen. Daß mit Lösung dieser Aufgabe das Seelenleben sich in +einer großartigen Einfachheit darstellen würde, die siegreich alle die +Worterklärungen der alten Psychologie aus dem Felde schlagen müßte, +leuchtet ohne weiteres ein. Aber noch mehr! Wenn die Hypothese sich als +stichhaltig erweist, so werden wir erwarten dürfen, daß nicht nur die +=bekannten Erscheinungen= in ihr Gewand sich einkleiden lassen, sondern +daß auch =neue Einsichten= durch sie erschlossen und bekannte durch sie +=schärfer gefaßt= werden können. Und um das letztere handelt es sich uns +bei der Unterscheidung des vorstellenden und des begrifflichen Denkens. + + [1] Allgemeine Biologie, Wien 1906. + +Verfolgen wir zunächst die =aufsteigende Reihe der Nervenbahngebilde=. + +Von der Außenwelt werden durch Vermittlung der Sinnesorgane in den +sensorischen Nerven Ströme (d. h. Zerfallprozesse) ausgelöst, die bis zu +den Sinnessphären des Gehirns fortgeleitet werden und hier einen +gewissen Komplex von Bahnen innervieren, d. h. =Empfindungen= +hervorrufen. + +Mehrere derartige Stromkomplexe fließen, wenn sie gleichzeitig erregt +werden, also etwa von =einem= Objekte herrühren, leicht zusammen und +bilden so ein großes Bahngebilde -- die =Wahrnehmung=. Wir wollen diese +durch ihre Konfiguration eindeutig bestimmten Nervenbahngebilde +=Bahnfiguren= nennen. + +Diese Bahnfiguren haben natürlich mit den Objekten keinerlei +Ähnlichkeit. Sie verhalten sich zu den Dingen nicht wie ihre Bilder, +sondern wie ihre =Symbole=, ihre konventionellen Vertreter. + +Jeder Nervenstrom hinterläßt den Nerven in einer Verfassung, wodurch er +für eine wiederholte Erregung leichter passierbar wird. Die Bahnfigur +einer Wahrnehmung kann =so= leicht wieder belebt werden, und zwar nicht +nur von den Sinnesorganen, sondern auch vom Zentrum aus. Die +wiederbelebten Bahnfiguren sind =Vorstellungen=. + +Diese Eigenschaft der Nervensubstanz -- durch Wiederholung des Zerfalls +zerfallfähiger zu werden -- ist wohl eine der schwerstverständlichen, da +zu ihr am wenigsten Seitenstücke in der Chemie des Leblosen zu finden +sind. Die Ausdrücke »ausschleifen«, »bahnen«, die nur mechanische +Vorgänge andeuten, sind nur Notbehelfe für die Vorstellung. Indessen +gibt es nicht den geringsten Grund, an der Erklärbarkeit des +Bahnungsprozesses zu zweifeln. + +In dem Strömen der Erregung von einer Bahnfigur zur anderen oder von +zwei gleichzeitig erregten Figuren zueinander besteht die =Assoziation= +der Vorstellungen und bei reicherer Entfaltung das =Denken in +Vorstellungen=. + +Und der Aufbau der Seelengebilde setzt sich fort: Wie die Bahnfiguren +uns die Dinge und ihre Beziehungen vertreten, so können sie selbst +vertreten werden durch einen ihrer Teile, durch eine phonetische Gruppe +-- das =Wort=. =Auf die Symbolschicht der Vorstellungen baut sich so +gleichsam ein höheres Stockwerk auf, eine Schicht von Symbolen 2. +Grades, von Übersymbolen.= Es entsteht ein Bau, wie wir ihn uns etwa in +dieser Figur schematisch veranschaulichen können. + +[Illustration: Schema des Aufbaus des Verstandes] + +Wie es zu dem so hoch bedeutsamen =Schritt der Sprachbildung= gekommen +ist, einem Schritt, den uns bekanntlich die ganze Tierwelt nicht hat +nachmachen können? Sie wissen, daß es dafür eine ganze Anzahl Theorien +gibt. Ich bin der Ansicht, daß das =Mitteilungsbedürfnis= entscheidend +war: Der Mensch ist eben kein Individuum, sondern ein soziales Wesen. +Daß dafür die akustische Sphäre wegen ihrer engen Verbindung mit der +motorischen Sprachsphäre besonders geeignet war, bedarf keiner +Erörterung. Die =Warn-= und =Lockrufe= der gesellig lebenden Tiere +stellen meines Erachtens die ersten primitiven Worte und Begriffe dar -- +die Begriffe »Gefahr«, »Nahrung«! Denn das ist der große Gewinn durch +die Übersymbolbildung, daß uns das Wort alle die Vorstellungen vertritt, +von deren Figur es einen Teil ausmacht. Mit einem Laut kann schon das +Tier vielerlei Gefahren, vielerlei Nahrungsmöglichkeiten bezeichnen. Das +Wort begreift symbolisch eine große Zahl von Vorstellungen. =Begriff und +Wort sind fast identisch.= Denn sie sind =dieselbe Bahnfigur= im +Sprachzentrum. Nur daß beim =Begriff= mehr die Verbindungen dieser Figur +mit den Vorstellungen belebt sind, beim =Wort= mehr die zu den +motorischen Nerven. Das scheint mir eine klare Darstellung des so viel +umstrittenen Verhältnisses. + +Die Worte und Begriffe vertreten die Vorstellungen, wie das Papiergeld, +der Wechsel das Metallgeld vertritt, oder wie die Gesandten ihre Mächte +vertreten, wodurch bekanntlich der Geldverkehr, der diplomatische +Verkehr außerordentlich erleichtert wird. Es entsteht in der +Sprachregion ein =neues Denken=, und unsere Frage ist nun: =Wie verhält +sich dies sprachliche, begriffliche Denken zu dem vorstellenden Denken?= + +Ohne weiteres ist klar, daß das vorstellende Denken nähere Verbindungen +mit der Welt der Objekte, der Wirklichkeit hat -- das Begriffliche ist +ja überhaupt nur durch die Vorstellungen mit dieser verbunden --, und +daß es darin die größere Gewähr besitzt, der Wirklichkeit zu +entsprechen, richtig auf sie reagieren zu können. + +Dagegen besitzt das begriffliche Denken die Vorzüge, leichter mit großen +Vorstellungsmassen operieren und sich Anderen mitteilen zu können. + +Daher wird das erstere von denen geübt, die mit den Dingen zu tun haben, +das letztere von denen, die mit Menschen und Spekulationen sich +beschäftigen. + +In =Vorstellungen= denkt der Naturforscher, der Arzt, der Erfinder, +Techniker, Landwirt, Offizier, überhaupt der Mann der praktischen +Berufe. Aber auch der Schachspieler, der seine künstliche Wirklichkeit +vor sich hat. + +In =Begriffen= denkt der spekulative Philosoph, der Theologe, Jurist. + +In beiden der Staatsmann, der Kaufmann, da sie sowohl mit Dingen wie mit +Menschen zu rechnen haben. + +Den Mathematiker müssen wir spalten in einen Geometriker, der in +Vorstellungen, und einen Arithmetiker, der in Begriffen denkt. (Poincaré +unterscheidet den intuitiven von dem logischen Mathematiker, was auf +dasselbe hinauskommt.) + +Also: + + hier =Sach=denken, dort =Sprach=denken, + + hier =Naturwissenschaft=, dort Geisteswissenschaft oder besser + =Begriffswissenschaft=, + + hier individuelles =Wirklichkeitsdenken=, dort =soziales Denken=. + +Schon aus dieser Gegenüberstellung ist klar, wie tief dieser Gegensatz +in unser Leben einschneidet, wie wichtig es deshalb auch in praktischer +Hinsicht ist, über ihn volle Klarheit zu gewinnen. + +Und es ist ganz erstaunlich, wie schwer der Menschheit diese +Klarheit geworden ist und wie verhängnisvoll oft die Fehler gewesen +sind, die aus einem Verkennen der Natur des sprachlichen Denkens +entsprungen sind. Erstaunlich, aber erklärlich. Mit der Bildung von +sprachlichen Übersymbolen war dem Menschen ein Instrument gegeben, +das Denken zugleich =leichter= und =mächtiger= und =sozialer= zu machen: +Nicht mehr brauchten jetzt die Verbindungen zwischen den Bahnfiguren +das ganze Gehirn zu durchziehen, von einer Sinnessphäre zur anderen, +sondern in dem engen Bereich der Sprachsphäre konnten sie vollzogen +werden. Dabei umfaßten die Begriffe mehr Einzelheiten als selbst die +Sammelvorstellungen; die Denkoperationen mit ihnen waren dementsprechend +allgemeiner, ergiebiger und fruchtbarer. Was Wunder, daß die Menschen +dies wundervolle Instrument mit Eifer und naivem Vertrauen handhabten, +ohne sich über seine Natur und Leistungen klar zu sein, ja daß +schließlich die es Handhabenden von einem wahren Machtrausch ergriffen +wurden. So zieht sich eine Kette des Mißverstehens von den indischen +Denkern, die in Begriffen von größter Allgemeinheit (d. h. +Vorstellungslosigkeit) schwelgten, über die griechischen Sophisten, die +die Dialektik des begrifflichen Denkens zu praktischen Zwecken +ausbildeten und zum Teil mißbrauchten, über =Plato=, dem nur die +Begriffe das wahre Sein, die Dinge nur dessen Abglanz waren, durch das +Mittelalter, in dem die Realisten die Realexistenz der Begriffe +vertraten, durch die deutsche spekulative Philosophie hindurch bis in +unsere Tage. + +=Das leichte Zusammenfassen= vieler Vorstellungen in dem Übersymbol +eines Wortes bewirkt, daß =zuerst= im Sprachzentrum, mit Überspringen +gleichsam des Vorstellungsgebietes, ein Zusammenfassen zustande kommt. +Es verführt uns aber auch leicht dazu, uns bei diesem Zusammenfassen als +einer wirklichen Erkenntnis zu beruhigen. So sehen wir in allen +Wissenschaften -- nicht zum wenigsten in der Psychologie -- Worte die +erste Stufe der Erkenntnis bilden und für vollgültige Erklärungen +genommen werden. Und lange dauert es stets, ehe sie mit Vorstellungen +durchtränkt und dabei meistens durch bessere ersetzt werden. So geht die +Erkenntnis häufig den umgekehrten Weg des physiologischen Prozesses. + +Das =leichte Kombinieren= ferner der Begriffe im Sprachzentrum verleitet +unausgesetzt zu demselben Fehler, den die Börse, das Verkehrszentrum, +begeht, wenn sie den bequemen Papierverkehr zu selbständig und zu +losgelöst von der Wirklichkeit der Waren, die durch die Papiere +symbolisiert werden, betreibt. In beiden Fällen entstehen haltlose +Gebilde, die schließlich mit der Wirklichkeit kollidierend +zusammenbrechen. + +Wohl kaum abzuwehren brauche ich die Auffassung, als würde das +vorstellende Denken reinlich getrennt vom Begrifflichen von uns +ausgeübt. Es wäre ja, nachdem einmal das wundervolle Instrument der +Sprache geschaffen ist, unverzeihlich, wenn nicht auch die sich seiner +bedienten, deren Denken sich eng an die Wirklichkeit anschließt und +deshalb =vorzugsweise= in Vorstellungen bewegt. Damit erledigt sich auch +die oft erörterte Frage, ob es ein nicht-sprachliches Denken überhaupt +gibt. + +Gehen wir aber, nachdem wir den allgemeinen Charakter der beiden +Denkformen festgestellt haben, nunmehr genauer auf die Vorgänge, die +sich in ihnen abspielen, ein! + +Wir haben das Denken aufgefaßt als eine Folge von Zerfallprozessen, die +das sehr labile Protoplasma der Hirnnerven durcheilen, nachdem sie an +einem Ende eingeleitet sind. Stellen wir uns aber das Wirrsal von +Millionen zerfallbereiter Fasern vor, durchflogen gleichsam von einem +glimmenden Brande, dessen Verlauf durch nichts bestimmt wird als durch +die mehr oder weniger große Zerfallbereitschaft der einzelnen +Fasergruppen, so scheint diese Vorstellung doch recht wenig Ähnlichkeit +mit der eines =geordneten Denkens= zu haben. + +Bloße chemische Zerfallprozesse -- wie sollen die in ihrer vollendeten +=Formlosigkeit= die =scharfen Formanschauungen= darstellen können, die +dem Künstler oder dem Chirurgen oder dem Jäger oder auch nur seinem +Wilde eigentümlich sind, wie in ihrer =Unberechenbarkeit= -- denn alle +Auslöseprozesse sind unberechenbar -- die =genauen Messungen und +Berechnungen= herstellen, die der Astronom, der Physiker ausübt? Wie +soll in diesem Wirrsal der =Charakter der Ordnung=, der Über- und +Unterordnung zustande kommen, den das Denken des Mathematikers, des +Logikers, des Juristen verlangt? + +=Wie ordnen sich die Nervenprozesse, die das Denken ausmachen, so, daß +sie der Wirklichkeit entsprechen, -- das ist in der Tat die +Kardinalfrage=, von deren Beantwortung unser Verständnis des Vorganges, +ja die Haltbarkeit der ganzen Hypothese abhängt. + +Natürlich müssen wir bei dem Beantwortungsversuch auf alle die schönen +Worte, wie Verstand, Kategorien, logische Grundsätze usw., verzichten, +die den Bewußtseinspsychologen zur Erklärung der Ordnung im Denken zur +Verfügung stehen, -- es sei denn, daß es uns gelänge, ihnen einen +physikalisch-chemischen Sinn zu verleihen. + +Sehen wir also zu, wo wir mechanisch ordnende Prinzipien entdecken. + +Ordnung kann dem Gehirnprozesse entweder =von innen= (aus sich selbst) +oder von =außen= kommen. + +Da wir alles seelische Geschehen als veranlaßt =von außen=, zur Wirkung +=nach außen= auffassen, so liegt es nahe, zu untersuchen, ob die +Außenwelt die Ordnung schaffende Macht ist. Und in der Tat ist dies der +Fall. + +Jede unserer Bewegungen, die einem falschen Raumbilde entstammt und +deshalb ihr Ziel verfehlt, z. B. die falschen Greifbewegungen des +kleinen Kindes, wird von der Außenwelt mit einem erziehenden Klaps +beantwortet. Und diese korrigierende Wirkung reicht von den einfachsten +Reflexbewegungen bis zu unseren aus kompliziertestem Denken +entsprungenen Handlungen. =Die Wirklichkeit merzt die nicht in sie +passenden, mit anderen durch sie hervorgerufenen Vorstellungen +kollidierenden Bahnfiguren aus.= + +Man könnte einwenden, daß doch die Tiere zusammengesetzte +Instinkthandlungen sofort richtig vollführen, daß ihnen also ein +ordnendes Prinzip eingeboren sein müsse und sie somit der Erziehung +durch die Wirklichkeit nicht bedürften. Aber Instinkthandlungen sind +nicht anders zu beurteilen als eingeübte Handlungen, bei denen auch die +Lehrmeisterin Wirklichkeit =nicht mehr= tätig zu sein braucht, weil sie +es früher war. + +Aber die Korrektur, die die Außenwelt an unseren Vorstellungen vornimmt, +würde uns von geringem Nutzen sein, wenn die große Kraftverschwendung, +die damit verbunden ist, in jedem einzelnen Falle wiederholt werden +müßte. Erst dadurch, daß die =richtige= Bahn nun zu einer solchen +=geringsten Widerstandes= wird, entsteht eine =dauerhafte= »Anpassung +der inneren an äußere Bewegungen«, wie die Formel Spencers vom Leben +lautet. + +Da sich aber in der Außenwelt die Beziehungen des =Nebeneinander=, +=Nacheinander= und =Durch-= oder =Aus=einander unausgesetzt wiederholen, +so werden auch die entsprechenden Vorstellungen des =Raumes=, der =Zeit= +und der =Ursache= in vorzüglich ausgeschliffenen Bahnen verlaufen. Sie +werden, wie gelehrige Schüler, nicht nur ihr Pensum bald fehlerlos +auswendig können, sondern selbst die Korrektur der anderen Vorstellungen +übernehmen können. Sie stehen für uns dann als die ordnenden Kräfte des +Vorstellungslebens um so mehr da, als ihre eigene Erziehung durch die +Wirklichkeit =vor= unserm Bewußtwerden und vor unserer Geburt liegt. + +Lassen Sie uns daher einen Blick auf die Erziehung dieser Erzieher +werfen. + +Zunächst die =Raumvorstellung=. Sie ist entstanden -- wie jetzt wohl +unter den neueren Psychologen feststeht -- aus Bewegungsempfindungen. +Durch die Bewegung der Augenmuskeln entsteht, wenn der gelbe Fleck der +Retina die Linien eines Objekts verfolgt, die Vorstellung der Fläche, +wenn die beiden Augen konvergent gestellt werden, die der Tiefe. =Dabei +erzwingt die Wirklichkeit durch unausgesetztes Korrigieren falscher +Bewegungen ein genaues Entsprechen der Bahnfigur (der Vorstellung) und +des Objektes.= In gleicher Weise kann auch durch die Bewegung des Armes +beim Abtasten eines Gegenstandes die Raumvorstellung gebildet werden. +Und die beiden so gewonnenen Raumvorstellungen kollidieren nicht +-- werden also von uns identifiziert. Da diese Bewegungsempfindungen aus +=Beziehungen= zwischen den Empfindungen zweier Lagen bestehen, so können +wir die Raumvorstellung bezeichnen als =die zu einer einheitlichen +Vorstellung verschmolzene Gesamtheit unserer Bewegungsbeziehungen=. + +In einer interessanten und einleuchtenden Arbeit hat Heinrich Sachs +nachgewiesen, daß diese Verschmelzung schon in einem subkortikalen +Zentrum, dem Augenmuskelkern, erfolgt, so daß die Raumvorstellung schon +=als fertige Einheit= zu den im Großhirn entstehenden Gebilden in +Beziehungen treten würde. Es ist klar, daß durch eine solche, +abgesondert von den anderen Vorstellungen erfolgte Entstehung der +Eindruck eines Nichtgewordenseins, einer Apriorität noch verstärkt +werden muß, der auch ohne diese Hypothese aus der Befestigung der Bahnen +in ungezählten Vorgeschlechtern verständlich ist. + +Die =Zeitvorstellung= entsteht aus den Empfindungen des Nacheinander, in +welchem sich alle Bewegung, sowohl die innere wie die äußere, vollzieht. +Dasselbe Nacheinander, nicht als Kontinuum, sondern in einzelnen +Wiederholungen empfunden, ergibt die =Zahl=. Zeit- und Zahlvorstellung +spiegeln also =die objektive Ordnung des inneren= wie =des äußeren +Geschehens= wider. Sie wirken ihrerseits ordnend auf alle Vorstellungen, +die das Zeit- oder Zahlmoment enthalten. Ihre =Ein=dimensionalität, die +eine Verwirrung nicht zuläßt, gestaltet ihre ordnende Kraft besonders +einfach und klar. + +Die Vorstellung =kausaler= Beziehungen endlich ist, wie jetzt wohl +allgemein angenommen wird, aus den Beziehungen der Innen- zur Außenwelt +entstanden. Zwei sich immer wiederholende Vorgänge sind es, die sich uns +unter dem Bilde von =Ursache und Wirkung= darstellen: die Wirkung der +Außenwelt auf uns und unsere Wirkung auf die Außenwelt -- der Anfang und +das Ende der Reflexkette. Einen Schlag empfinden wir als =Ursache= des +Schmerzes und die motorische Innervation unserer Armmuskeln als +=Ursache= der Armbewegung. Diese Doppelvorgänge stehen in einer +Beziehung zueinander, die durch das zeitliche Nacheinander +augenscheinlich nicht erschöpft wird -- bekanntlich wollte +Hume sie daraus hervorgehen lassen --, in der vielmehr das +Durcheinander-bewirkt-werden, das Auseinander-hervorgehen, der +Kraftcharakter vorherrscht. + +Die so aus uns geschöpfte Vorstellung der Kausalität wurde nun zunächst +=begrifflich= untersucht. Sie wissen, daß sich die philosophische +Debatte der letzten 200 Jahre großenteils um diesen Begriff gedreht hat. +Schauen wir auf den heutigen Zustand, so können wir nur sagen: mit recht +wenig Erfolg! Es gelang nicht einmal, den Begriff der Ursache von dem +der Bedingung und dem der Veranlassung scharf abzugrenzen, noch sich +über die Gleichartigkeit oder Ungleichartigkeit von Ursache und Wirkung +einig zu werden. So definiert ein neuerer Psychologe (Höfler) Ursache +als »die Summe der notwendigen =Bedingungen= eines Anfanges«. Ein +anderer (Stumpf) erklärt »Ursache und Wirkung brauchen nicht gleichartig +zu sein«. Und sogar Naturforscher von einem Range wie Verworn lassen +sich durch die Philosophen mißtrauisch gegen den =Begriff= der +Kausalität machen und geben die Lösung preis, die sie als Naturforscher +im =vorstellenden= Denken in der Hand haben. + +»Ein gesetzmäßiger Vorgang oder Zustand«, erklärt Verworn, »ist nie +eindeutig bestimmt durch eine einzige Ursache, sondern immer nur durch +eine Summe von =Bedingungen=, die sämtlich gleichwertig sind, weil sie +eben notwendig sind. Kausale Gesetzmäßigkeit ist spekulative Mystik, +=konditionale= Gesetzmäßigkeit ist =Erfahrung=! Alle Gesetzmäßigkeit hat +=konditionale Form=: wenn es regnet, dann ist es naß.« Das wäre also +Bankrotterklärung des Kausalbegriffs in bester Form! + +Aber die konditionale Form ist nur eine Sprachform und weit entfernt +davon, die Form der Erfahrung, der direkten Vorstellung zu sein! Diese +ist doch so: wir sehen, daß beim Regen die getroffenen Gegenstände naß +werden; wir sehen das häufig und bilden eine feste Verbindung der +Vorstellungen Regen und naß. Oder in unserer physiologischen Deutung: +zwischen den gleichzeitig erregten Bahnfiguren Regen und naß schleifen +sich Verbindungsbahnen aus, die bei jeder folgenden Erregung vertieft +werden, so daß schließlich die Erregung =einer= Figur mit Sicherheit die +der anderen nach sich zieht. Es ist =lediglich sprachliche Form=, wenn +wir sagen: wir =schließen= aus der häufigen Beobachtung, daß es =immer, +wenn= es regnet, naß wird. + +Das ist nebenher ein gutes Beispiel für unser Thema. + +Klarheit aber und Festigkeit und messende Genauigkeit erwachsen dem +Ursachebegriff =aus der Außenwelt= und nur aus ihr. Die Erkenntnis, daß +alles Geschehen in einem Energiewechsel beruht, und daß dabei die +verschwindende Energie der neu erscheinenden =quantitativ gleich= ist, +hebt =die eine= Bedingung des Geschehens, die der Wirkung gleich ist, +als »Ursache« heraus aus den übrigen Bedingungen, die zu bloßen +Leitformen der besonderen Art der Energiewirkung herabsinken. So ist das +sinkende Wassergewicht die einzige =Ursache= der von der Turbinenwelle +geleisteten Arbeit, während die Leitformen des Gerinnes, der Turbine +selbst usw. die allerdings auch notwendigen =Bedingungen= darstellen, +die z. B. verhindern, daß die Energie des Wassergefälles sich in anderer +Weise äußert, etwa in freiem Sturz sich in Wärmeenergie umsetzt. + +Daraus, daß wir diese Bedingungen für die besondere Form des +Energieumsatzes als =notwendig= bezeichnen, zu schließen, daß +sie der Ursache gleichwertig sind, -- auch das ist nichts als +eine zu vertrauensvolle Anwendung einer Sprachform auf +Wirklichkeitsvorstellungen. + +=Aus der Außenwelt= also -- im Zusammenwirken mit der physischen +Innenwelt -- =beziehen die drei allein herrschenden Vorstellungen des +Raumes, der Zeit und der Ursache ihre ordnende Kraft=. Da die Außenwelt +direkt nur mit unserm =vorstellenden= Denken in Verbindung steht, so +wirken auch diese drei Ordnungsprinzipien direkt nur in diesem. + +Gibt es aber vielleicht noch andere als diese drei Ordnungsmächte? Da +alles energetische Geschehen aus ihnen restlos erklärbar ist, so +brauchen wir zur Erklärung der Außenwelt weiter keine, kennen auch +keine. Von außen her können uns also keine weiteren Quellen der Ordnung +kommen. + +Obwohl nun diese drei Vorstellungen sich ihrer physiologischen Natur +nach nicht von anderen unterscheiden, werden wir doch berechtigt sein, +sie sowohl wegen ihrer engen und erschöpfenden Beziehungen zur Außenwelt +als wegen ihrer ordnenden Bedeutung in unserer Vorstellungswelt mit +einem besonderen Namen zu bezeichnen. Wir werden dafür den für die +ordnenden Verstandeskräfte üblichen Namen »=Kategorien=« wählen dürfen, +ungeachtet sie wesentlich verschieden von den =Kantschen Kategorien= +sind. + +Denn sie sind nicht eigenartige, unerklärte Mächte des Verstandes wie +jene, sondern normale Beziehungsvorstellungen. + +Sie sind nicht a priori, sondern durch Erfahrung geworden. + +Kant zählt zwölf Formen des Verstandes und dazu zwei der Sinnlichkeit +(Raum und Zeit), entsprechend seiner scharfen Scheidung zwischen +Sinnlichkeit und Verstand, wir kennen nur die genannten drei, die für +Sinnlichkeit wie für Verstand -- für uns nichts Verschiedenartiges -- +gelten. + +Kant leitet seine Kategorien aus den Schlußformen her, also aus Formen +des sprachlichen, abgeleiteten Denkens, ein besonders nach unserer +Anschauung recht unglücklicher Gedanke; wir gewinnen die unsrigen aus +den Beziehungen der Außenwelt, der Quelle alles seelischen Geschehens. + +Welches sind nun aber =die ordnenden Kräfte im begrifflichen Denken=? +Wenn die Kräfte der Außenwelt durch die Schicht des vorstellenden +Denkens schon gleichsam absorbiert sind -- gibt es nicht ähnlich +wirkende innere Kräfte in der begrifflichen Schicht? + +Wir können, von unserm physikalisch-chemischen Gesichtspunkt aus, keine +entdecken! + +Wie, wird man mich anfahren, kennen Sie nicht die alles Denken +beherrschende Macht der =Logik= -- in deren Namen schon Sprechen und +Denken und Ordnung vereinigt ist? + +In der Tat, jeder fügt sich dieser Großmacht. Sogar die Mathematiker, +die sich fast ausschließlich in unseren Kategorien des Raumes und der +Zeit bewegen, sind zum Teil bemüht, von Anschauungen möglichst abzusehen +und ihre Axiome in ein rein logisches Gewand zu kleiden. + +Die Logiker nun gar kennen ihres Machtgefühls keine Grenzen. »In der +Ausbildung, Entwicklung und Verknüpfung«, sagt einer von ihnen, +Drobisch, »der durch die Erfahrung gegebenen Elemente geht das logische +Denken =selbständig und ohne Seitenblicke auf die Erfahrung seinen +eigenen Weg=, gelangt zu komplizierteren und reichhaltigeren Formen und +erweitert durch Anwendung dieser Formen auf die unmittelbaren Tatsachen +der Wahrnehmung und des Bewußtseins die Erkenntnis =ins Unbegrenzte=.« + +Daß dieser auf logischem Wege gewonnenen Erkenntnis die Tatsachen +entsprechen, ist ausgemacht -- nur, ob ihre Tragweite noch über unsere +Welt hinausgeht, kann zweifelhaft sein! »Ob den allgemeinen und +notwendigen Formen des Denkens,« fährt Drobisch fort, »=denen sich +tatsächlich die Anschauungen fügen=, =über diese hinaus= eine reale +Bedeutung zukommt, ob sie das Wesen der Dinge ausdrücken oder sich gar +in ihnen Evolutionen des Absoluten abspiegeln, darüber kann nur die +Metaphysik Aufschluß geben, die aber wiederum, um den Rückweg zum +Gegebenen nicht zu verlieren, ohne den leitenden Faden der formalen +Logik nicht einen Schritt in das dunkle Labyrinth der transzendenten +Spekulation wagen kann.« + +Was hier als möglich hingestellt ist, wird von =Hegel= bekanntlich als +wirklich behauptet; nach ihm sind die =sprachlichen Denkformen= zugleich +=Wirklichkeitsformen= und seine =Logik= ist deshalb =zugleich Physik und +Metaphysik=. + +Und doch -- und doch -- wir finden in unserm Schema für diese Königin +keinen Thron, ja nicht einmal eine Lücke, in der wir sie unterbringen +könnten. Ehe wir aber deswegen unser Schema preisgeben, sehen wir zu, +wie sich die Logik, von unserm Standpunkte gesehen, ausnimmt. + +Zunächst die vier »=Normalgesetze des Denkens=«. + +1. Der Identitätssatz: _A_ = _A_. Der Satz bezieht sich nicht auf eine +Wiederholung derselben Vorstellung, denn dann wäre er falsch, sondern +besagt in der Tat nur: dasselbe ist dasselbe und immer wieder dasselbe. +Das ist aber eine =Sprachform= ohne jeden Vorstellungsinhalt und deshalb +völlig leer. + +2. Der Satz vom Widerspruch: _A_ kann nicht gleichzeitig _B_ und nicht +_B_ sein, d. h. in unserm Vorstellungskreise: die Bahnfigur _A_ kann +nicht gleichzeitig mit der _B_ verbunden und nicht verbunden sein. Aber +die Verbindung kann durch mehr oder weniger Fasern hergestellt sein, +auch durch so wenige, daß es unmöglich ist, sich klar zu werden, ob sie +überhaupt besteht. Der Apfel kann nicht zugleich gelb und nicht gelb +sein -- das ist logisch, aber bei weitem nicht immer vorstellungsmäßig +klar. Denn die gelbe Farbe kann bis zur Unmerklichkeit in die grüne oder +in die rote übergehen. Zweifelfrei ist die Anwendung des Satzes nur, wo +es sich um quantitative, also räumliche, zeitliche, kausale Beziehungen +handelt, wie: dieser Punkt kann nicht zugleich innerhalb und außerhalb +dieses Kreises liegen, die Tat kann nicht zugleich gestern und nicht +gestern geschehen sein usw. Das verweist uns auf unsere Kategorien von +Raum und Zeit als den Kern des Satzes. + +Das =dritte Gesetz= »vom ausgeschlossenen Dritten oder Mittleren«: _A_ +ist entweder _B_ oder nicht _B_, ein Drittes oder Mittleres gibt es +nicht; der Punkt liegt entweder in dem Kreise oder nicht in dem Kreise +-- ist der Vorstellung nach mit dem zweiten Gesetz gleichbedeutend und +nur in der Sprachform verschieden: derselbe Sinn ist dort negativ, hier +positiv ausgedrückt. + +Das =vierte Gesetz=: Jedes richtige Urteil ist einer logisch +zureichenden Begründung fähig, spricht nur die vertrauensvolle Annahme +aus, daß genügende ordnende Kräfte im richtigen sprachlichen Denken zur +Verfügung stehen, ohne eine davon nachzuweisen. Bekanntlich aber halten +wir vieles für richtig, ohne es logisch begründen zu können. + +So erschließen uns diese vier Normalgesetze keine =neuen= Quellen der +Denkordnung. Von ihnen wird nun aber bei dem =Hauptstück der Logik=, der +=Lehre von den Schlüssen=, nicht einmal viel Gebrauch gemacht. Vielmehr +treten hier zu unserer Überraschung neue »Grundsätze« auf, die ohne +weiteres als feststehend und einleuchtend angenommen werden. So stützt +sich der »Schluß der ersten Figur« (nach Drobisch) auf die Grundsätze: + + 1. worin das Ganze enthalten ist, darin ist auch sein Teil + enthalten, + + 2. wovon das Ganze ausgeschlossen ist, davon ist auch jeder Teil + ausgeschlossen. + +Diese Beziehungen zwischen dem Ganzen und seinen Teilen sind aber +=offensichtlich dem Vorstellungsgebiet des Raumes und der Zeit= +entnommen und =dadurch= allerdings ohne weiteres einleuchtend. + +Und so weiterschreitend können wir die ganze Syllogistik in Raum- und +Zeitvorstellungen auflösen. Das ist schon von Fr. Alb. Lange geschehen, +der sämtliche Schlußformen zeichnerisch dargestellt und nachgewiesen +hat, daß sie =aus der räumlichen Anschauung= ihre =überzeugende Kraft= +beziehen. Er hat auch mit Recht bemerkt, daß der korrekteste logische +Beweis, um uns zu überzeugen, der Ergänzung durch die räumlich-zeitliche +=Anschauung eines Beispiels= bedarf. + +Kurz, wir dürfen es aussprechen: =die ordnende Kraft der Logik=, die +sich ausschließlich im begrifflichen Denken betätigt, =entstammt den +Vorstellungskategorien und durch diese der Außenwelt=. + +=Die Kategorien, in sprachliches Gewand gekleidet, +sprachlich-begrifflichem Denken angepaßt -- nichts anderes ist die +Logik.= + +Ist damit auch einerseits gegeben, daß ihre Macht eine abgeleitete, ihre +=Zuverlässigkeit= eine geringere ist als die der direkten Kategorien, +und daß größere Vorsicht bei ihrer Anwendung geboten ist, um Fehler zu +vermeiden -- wer kennt nicht logische Schlußreihen, z. B. juristische +oder philosophische, die ihren Urhebern vollkommen bündig und gegen +jeden Angriff gesichert erschienen sind und doch als fehlerhaft sich +erwiesen haben --, so ist damit doch auch anderseits die ungeheure +Bedeutung ausgesprochen, die ihr als Vertreterin der ordnenden +Prinzipien in dem unser Leben beherrschenden Gebiete des sprachlichen +Denkens zukommt. Ja man kann sagen, daß, wie das Denken erst in seiner +mittelbaren, sprachlichen Form seine volle Macht erreicht hat, so auch +seine ordnenden Kräfte in der Logik. + +Für das Verständnis aber des Denkens ist damit erreicht -- daß eine +völlig rätselhafte, scheinbar seine innerste Natur ausmachende Potenz +als ein Beziehungskomplex zwischen chemischen Vorgängen begriffen ist! + +Haben wir so die Ordnung nicht nur im vorstellenden, sondern auch im +begrifflichen Denken als wesentlich aus der Außenwelt herrührend +erkannt, so müssen wir, ehe wir dies Kapitel schließen, uns doch noch +vergewissern, ob nicht die Innenwelt, d. h. das scheinbar so formlos +verlaufende chemische Kräftespiel selbst, uns gewisse Ordnungskräfte zu +liefern vermag. Wir haben bereits gesehen, daß die Nervenprozesse nach +allgemeinem physikalischem Gesetz die Bahnen geringsten Widerstandes +wählen, und daß daraus gewisse Gesetzmäßigkeiten in der Assoziation und +im Denken sich ergeben. Dabei ist es besonders ein Fall, der, sich immer +wiederholend, größte Bedeutung erlangt. + +Wenn die Vorstellung eines wünschenswerten Zustandes, eines zu +erstrebenden Zieles (durch Assoziationen irgend welcher Art) in uns +auftaucht, so suchen wir Mittel, sie zu verwirklichen, d. h. wir suchen +die Vorstellungen unseres gegenwärtigen Zustandes, von dem wir ja +ausgehen müssen, mit jener auf möglichst kurzem Wege zu verbinden, +anders ausgedrückt: die gleichzeitigen Erregungen der Bahnfiguren +einerseits des Zieles, anderseits des Ausgangspunktes verbinden sich +durch Mittelfiguren, die den geringsten Bahnwiderstand bieten. + +So wirkt die =Zielvorstellung=, der =Zweckbegriff= mittels des Gesetzes +vom geringsten Widerstande =ordnend= auf unser Denken. Und da alles +Denken Handlungen zum schließlichen Ziel und Zweck hat, so ist dieser +=innere= Ordnungsfaktor von größter, unausgesetzter Wirksamkeit. + +Müssen wir ihn also nicht den drei aus der Außenwelt stammenden als +vierte Kategorie zuordnen? + +Er unterscheidet sich jedenfalls wesentlich von ihnen. =Anders als die +Ursachevorstellung=, die zwar aus der Beziehung innerer zu äußeren +Vorgängen gewonnen ist, aber durch die Außenwelt allein Form und Kraft +und Präzision erhalten hat, =ist der Zweckbegriff auf innere Vorgänge +beschränkt geblieben=. Denn alle energetischen Vorgänge sind ohne ihn, +mit Hilfe der anderen drei Kategorien allein, erklärbar. Es fehlt ihm +deshalb gänzlich die diesen eigene =messende= Kraft, aus welchem Fehlen +man auch umgekehrt auf sein Nichtvorkommen im äußeren Geschehen +schließen kann. Seine herrschende Stellung aber im begrifflichen Denken +und seine enge Beziehung zu den unsere Zielvorstellungen bestimmenden +Gefühlen -- gilt doch zwecklos und wertlos fast als gleichbedeutend -- +machen es verständlich, daß man bestrebt war, den Zweckbegriff auch in +der Außenwelt zu finden, und daß um seine Geltung in dieser, d. h. um +die =teleologische Weltanschauung=, ein hartnäckiger Kampf seit der Zeit +geführt wird, wo man angefangen hat, mißtrauisch gegen Worte zu werden. +-- Wir erkennen demnach in der Zweckvorstellung eine ordnende Kraft von +vielleicht nicht geringerer Stärke als die der drei Kategorien, aber von +anderer Art, weil lediglich aus dem inneren physischen Geschehen statt +aus dem äußeren stammend. + +Hiermit will ich die Gegenüberstellung des vorstellenden und des +begrifflichen Denkens beschließen. + +Sie zeigt uns ein Bild, das diese beiden Formen unseres Denkens in weit +verschiedeneren und markierteren Umrissen erkennen läßt, als wir gewohnt +sind, sie zu sehen. Es war vielleicht nicht uninteressant zu sehen, wie +weit die von uns stets gemeinsam gehandhabten Denkformen unter dem +physiologischen Gesichtspunkt auseinanderrücken. + +Es war ein Versuch, dem Namen nach vertraute, der Vorstellung nach aber +unbekannte geistige Erscheinungen unter der Form physikalisch-chemischer +Vorgänge zu deuten. + +Ich werde zufrieden sein, wenn Sie daraus die Überzeugung gewonnen +haben, daß ein solcher Versuch schon nach dem heutigen Stande der +Naturwissenschaften nicht aussichtslos und fähig ist, uns neue Einblicke +in die Natur unseres Geistes zu verschaffen. + +Sie werden mir wohl nicht vorwerfen, daß ich manche und sogar wichtige +zu meinem Stoffe gehörigen Teile übergangen habe -- denn das ist +selbstverständlich und bei einem so ausgedehnten Stoffe unvermeidlich. + +Sie werden es mir aber mit Recht als Fehler anrechnen, daß ich überhaupt +ein so reiches Thema gewählt habe, ein Thema, das in der kurzen mir +zustehenden Zeit keine andere als eine skizzenhafte und lückenhafte +Behandlung zuließ. + +Ich darf aber erwähnen, daß meine Ausführungen nur einen Ausschnitt aus +einer größeren Arbeit bilden, in der sie in breiterer Ausführung und +besser gestützt durch einen größeren Zusammenhang demnächst erscheinen +werden[2]. + + [2] Unter dem Titel: =Autonomer Idealismus auf Grundlage einer + durchgeführt mechanistischen Seelenauffassung=. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Zweierlei Denken, by August Büttner + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWEIERLEI DENKEN *** + +***** This file should be named 22738-8.txt or 22738-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/2/7/3/22738/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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