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+The Project Gutenberg EBook of Zweierlei Denken, by August Büttner
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Zweierlei Denken
+ Ein Beitrag zur Physiologie des Denkens
+
+Author: August Büttner
+
+Release Date: September 23, 2007 [EBook #22738]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWEIERLEI DENKEN ***
+
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+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+ Zweierlei Denken
+
+ Ein Beitrag zur Physiologie des Denkens
+
+
+ Vortrag
+ gehalten auf der Versammlung Deutscher
+ Naturforscher und Ärzte in Salzburg 1909
+
+ von
+
+ A. Büttner
+
+
+ Leipzig
+ Verlag von Johann Ambrosius Barth
+ 1910
+
+
+ Spamersche Buchdruckerei in Leipzig
+
+
+
+
+Zweierlei Denken.
+
+Ein Kapitel aus der Physiologie des Denkens.
+
+
+Mein Thema, das die Gegenüberstellung von zweierlei Formen des Denkens,
+des vorstellenden und des begrifflichen Denkens, zum Gegenstande hat,
+ist ein Kapitel mitten aus dem Buche einer verhältnismäßig neuen
+Wissenschaft, der naturwissenschaftlichen Psychologie. Deshalb ist es
+nötig, wenigstens in aller Kürze, vorauszuschicken, was ich als den
+Inhalt der vorhergehenden Kapitel, also als die Grundlage meiner
+Erörterungen ansehe.
+
+Dies um so mehr, als diese Grundlagen -- wie es bei einer so jungen
+Wissenschaft nicht anders möglich ist -- noch keineswegs allgemeiner
+Anerkennung sich erfreuen. Und gerade unter Ihnen, meine Herren, die Sie
+zum Teil als Pioniere auf den Gebieten der Neurologie und Hirnanatomie
+die Fundamente unserer Wissenschaft legen und sich nur zu oft der noch
+klaffenden Lücken schmerzlich bewußt sein werden, wird gewiß mancher
+sein, der es für unwissenschaftlich, ja vermessen halten wird, auf einem
+so schwankenden Grunde ein kühnes Gebäude zu errichten. Aber mein
+Vorgehen widerspricht bewährten Denkgrundsätzen nicht, ist
+methodologisch nicht falsch! Denn so unzweckmäßig es im praktischen
+Leben wäre, die Tragfähigkeit eines Baugrundes daran erproben zu
+wollen, ob das darauf gebaute Haus einfällt -- wobei ja gar leicht auch
+der Wißbegierige zu Schaden kommt --, so unschädlich und unentbehrlich
+ist dies Verfahren in der Wissenschaft: ob eine Hypothese festen Boden
+der Erkenntnis darstellt, wird am besten daran erprobt, ob das auf ihr
+errichtete Gebäude von Folgerungen nicht zusammenstürzt.
+
+Die Grenzen, innerhalb deren sich meine Erörterungen halten sollen,
+fallen zusammen mit den Grenzen des physikalisch Quantitativen. Es sind
+lediglich energetische Prozesse, Prozesse also, die räumlich, zeitlich
+und kausal meßbar sind, die uns beschäftigen werden. Jenseits der
+Grenzen dieses Vortrages liegt das =Bewußte, Qualitative, eigentlich
+Psychische=. Zwar teile ich die fast allgemeine Ansicht nicht, daß diese
+Seite unseres Wesens jenseits der Grenzen der Naturwissenschaft
+überhaupt liegt -- damit wären wir dem Dualismus trotz aller
+verhüllenden Worte von Identität, von äußerer und innerer Anschauung
+u. dgl. unrettbar verfallen --, aber jedenfalls liegt es außerhalb der
+Möglichkeit, sie hier =nebenher= zu behandeln.
+
+Gleichwohl werde ich mir erlauben, mich der =Ausdrücke= der
+Bewußtseins-Psychologie zu bedienen, darunter aber die entsprechenden
+physiologischen Vorstellungen zu verstehen. Nur für die
+Bewußtseins-Psychologie ist ja bisher eine Terminologie ausgebildet, und
+es wäre sehr lästig und zeitraubend, wenn ich z. B., um das Wort
+»Empfindung« zu vermeiden, jedesmal das Nervengebilde beschreiben
+wollte, das ihr entspricht. Die Parallelismustheorie gestattet uns ja
+auch von vornherein ein solches allgemeines Sichentsprechen anzunehmen.
+Eine Unklarheit kann, bei der prinzipiellen Ausschließung des Bewußten
+aus unseren Erörterungen, dadurch nicht entstehen.
+
+Das Ausgangsgebilde der seelischen Entwicklung ist der =Reflex=.
+
+Der Reflex ist unterseelisch, unterbewußt, wenn die Verbindung zwischen
+den sensorischen und den motorischen Bahnen durch wenige verbindende
+Fasern, meist des Rückenmarkes, hergestellt wird, er wird psychisch,
+bewußt, wenn die Verbindung durch die zahllosen Fasern des nervösen
+Zentralorgans bewirkt wird: wenn das Gehirn =denkt=.
+
+Das Resultat dieser zentralen Prozesse ist eine motorische Reaktion, die
+-- zum großen Vorteil des Individuums -- nicht lediglich (wie beim
+einfachen Reflex) dem gerade gegenwärtig wirkenden Reize entspricht,
+sondern auch mancherlei frühere Reize berücksichtigt.
+
+In =Nervenprozessen= also, so dürfen wir annehmen, besteht alles Denken,
+alles psychische Geschehen -- diese aber, worin bestehen sie?
+
+Die einzige Funktion der Nerven ist es -- hier folge ich den
+bewundernswerten Ausführungen von =Kassowitz=[1] --, einen chemischen
+Zerfallprozeß von einem Ende zum anderen hindurchzuleiten. Ein Prozeß,
+der in ganz gleicher Weise in allem lebenden Protoplasma vor sich geht
+-- und, dürfen wir sagen, dessen Leben ausmacht --, durcheilt die
+Nervenbahn infolge ihrer besonders labilen chemischen und mechanischen
+Struktur mit der Geschwindigkeit von etwa 30 m/Sek., während unmittelbar
+hinterher der Nerv aus den Zerfallprodukten selbst und aus den im
+Blutstrom herangeschafften chemischen Energien sich wieder aufbaut.
+Nichts Weiteres soll in den Nerven vorgehen. In einfache
+Leitungsprozesse also sind alle psychischen Prozesse aufzulösen und die
+=Aufgabe= einer naturwissenschaftlichen Psychologie =besteht darin=,
+alles seelische Geschehen in Ausdrücken von Leitungs- oder Bahnprozessen
+zu begreifen. Daß mit Lösung dieser Aufgabe das Seelenleben sich in
+einer großartigen Einfachheit darstellen würde, die siegreich alle die
+Worterklärungen der alten Psychologie aus dem Felde schlagen müßte,
+leuchtet ohne weiteres ein. Aber noch mehr! Wenn die Hypothese sich als
+stichhaltig erweist, so werden wir erwarten dürfen, daß nicht nur die
+=bekannten Erscheinungen= in ihr Gewand sich einkleiden lassen, sondern
+daß auch =neue Einsichten= durch sie erschlossen und bekannte durch sie
+=schärfer gefaßt= werden können. Und um das letztere handelt es sich uns
+bei der Unterscheidung des vorstellenden und des begrifflichen Denkens.
+
+ [1] Allgemeine Biologie, Wien 1906.
+
+Verfolgen wir zunächst die =aufsteigende Reihe der Nervenbahngebilde=.
+
+Von der Außenwelt werden durch Vermittlung der Sinnesorgane in den
+sensorischen Nerven Ströme (d. h. Zerfallprozesse) ausgelöst, die bis zu
+den Sinnessphären des Gehirns fortgeleitet werden und hier einen
+gewissen Komplex von Bahnen innervieren, d. h. =Empfindungen=
+hervorrufen.
+
+Mehrere derartige Stromkomplexe fließen, wenn sie gleichzeitig erregt
+werden, also etwa von =einem= Objekte herrühren, leicht zusammen und
+bilden so ein großes Bahngebilde -- die =Wahrnehmung=. Wir wollen diese
+durch ihre Konfiguration eindeutig bestimmten Nervenbahngebilde
+=Bahnfiguren= nennen.
+
+Diese Bahnfiguren haben natürlich mit den Objekten keinerlei
+Ähnlichkeit. Sie verhalten sich zu den Dingen nicht wie ihre Bilder,
+sondern wie ihre =Symbole=, ihre konventionellen Vertreter.
+
+Jeder Nervenstrom hinterläßt den Nerven in einer Verfassung, wodurch er
+für eine wiederholte Erregung leichter passierbar wird. Die Bahnfigur
+einer Wahrnehmung kann =so= leicht wieder belebt werden, und zwar nicht
+nur von den Sinnesorganen, sondern auch vom Zentrum aus. Die
+wiederbelebten Bahnfiguren sind =Vorstellungen=.
+
+Diese Eigenschaft der Nervensubstanz -- durch Wiederholung des Zerfalls
+zerfallfähiger zu werden -- ist wohl eine der schwerstverständlichen, da
+zu ihr am wenigsten Seitenstücke in der Chemie des Leblosen zu finden
+sind. Die Ausdrücke »ausschleifen«, »bahnen«, die nur mechanische
+Vorgänge andeuten, sind nur Notbehelfe für die Vorstellung. Indessen
+gibt es nicht den geringsten Grund, an der Erklärbarkeit des
+Bahnungsprozesses zu zweifeln.
+
+In dem Strömen der Erregung von einer Bahnfigur zur anderen oder von
+zwei gleichzeitig erregten Figuren zueinander besteht die =Assoziation=
+der Vorstellungen und bei reicherer Entfaltung das =Denken in
+Vorstellungen=.
+
+Und der Aufbau der Seelengebilde setzt sich fort: Wie die Bahnfiguren
+uns die Dinge und ihre Beziehungen vertreten, so können sie selbst
+vertreten werden durch einen ihrer Teile, durch eine phonetische Gruppe
+-- das =Wort=. =Auf die Symbolschicht der Vorstellungen baut sich so
+gleichsam ein höheres Stockwerk auf, eine Schicht von Symbolen 2.
+Grades, von Übersymbolen.= Es entsteht ein Bau, wie wir ihn uns etwa in
+dieser Figur schematisch veranschaulichen können.
+
+[Illustration: Schema des Aufbaus des Verstandes]
+
+Wie es zu dem so hoch bedeutsamen =Schritt der Sprachbildung= gekommen
+ist, einem Schritt, den uns bekanntlich die ganze Tierwelt nicht hat
+nachmachen können? Sie wissen, daß es dafür eine ganze Anzahl Theorien
+gibt. Ich bin der Ansicht, daß das =Mitteilungsbedürfnis= entscheidend
+war: Der Mensch ist eben kein Individuum, sondern ein soziales Wesen.
+Daß dafür die akustische Sphäre wegen ihrer engen Verbindung mit der
+motorischen Sprachsphäre besonders geeignet war, bedarf keiner
+Erörterung. Die =Warn-= und =Lockrufe= der gesellig lebenden Tiere
+stellen meines Erachtens die ersten primitiven Worte und Begriffe dar --
+die Begriffe »Gefahr«, »Nahrung«! Denn das ist der große Gewinn durch
+die Übersymbolbildung, daß uns das Wort alle die Vorstellungen vertritt,
+von deren Figur es einen Teil ausmacht. Mit einem Laut kann schon das
+Tier vielerlei Gefahren, vielerlei Nahrungsmöglichkeiten bezeichnen. Das
+Wort begreift symbolisch eine große Zahl von Vorstellungen. =Begriff und
+Wort sind fast identisch.= Denn sie sind =dieselbe Bahnfigur= im
+Sprachzentrum. Nur daß beim =Begriff= mehr die Verbindungen dieser Figur
+mit den Vorstellungen belebt sind, beim =Wort= mehr die zu den
+motorischen Nerven. Das scheint mir eine klare Darstellung des so viel
+umstrittenen Verhältnisses.
+
+Die Worte und Begriffe vertreten die Vorstellungen, wie das Papiergeld,
+der Wechsel das Metallgeld vertritt, oder wie die Gesandten ihre Mächte
+vertreten, wodurch bekanntlich der Geldverkehr, der diplomatische
+Verkehr außerordentlich erleichtert wird. Es entsteht in der
+Sprachregion ein =neues Denken=, und unsere Frage ist nun: =Wie verhält
+sich dies sprachliche, begriffliche Denken zu dem vorstellenden Denken?=
+
+Ohne weiteres ist klar, daß das vorstellende Denken nähere Verbindungen
+mit der Welt der Objekte, der Wirklichkeit hat -- das Begriffliche ist
+ja überhaupt nur durch die Vorstellungen mit dieser verbunden --, und
+daß es darin die größere Gewähr besitzt, der Wirklichkeit zu
+entsprechen, richtig auf sie reagieren zu können.
+
+Dagegen besitzt das begriffliche Denken die Vorzüge, leichter mit großen
+Vorstellungsmassen operieren und sich Anderen mitteilen zu können.
+
+Daher wird das erstere von denen geübt, die mit den Dingen zu tun haben,
+das letztere von denen, die mit Menschen und Spekulationen sich
+beschäftigen.
+
+In =Vorstellungen= denkt der Naturforscher, der Arzt, der Erfinder,
+Techniker, Landwirt, Offizier, überhaupt der Mann der praktischen
+Berufe. Aber auch der Schachspieler, der seine künstliche Wirklichkeit
+vor sich hat.
+
+In =Begriffen= denkt der spekulative Philosoph, der Theologe, Jurist.
+
+In beiden der Staatsmann, der Kaufmann, da sie sowohl mit Dingen wie mit
+Menschen zu rechnen haben.
+
+Den Mathematiker müssen wir spalten in einen Geometriker, der in
+Vorstellungen, und einen Arithmetiker, der in Begriffen denkt. (Poincaré
+unterscheidet den intuitiven von dem logischen Mathematiker, was auf
+dasselbe hinauskommt.)
+
+Also:
+
+ hier =Sach=denken, dort =Sprach=denken,
+
+ hier =Naturwissenschaft=, dort Geisteswissenschaft oder besser
+ =Begriffswissenschaft=,
+
+ hier individuelles =Wirklichkeitsdenken=, dort =soziales Denken=.
+
+Schon aus dieser Gegenüberstellung ist klar, wie tief dieser Gegensatz
+in unser Leben einschneidet, wie wichtig es deshalb auch in praktischer
+Hinsicht ist, über ihn volle Klarheit zu gewinnen.
+
+Und es ist ganz erstaunlich, wie schwer der Menschheit diese
+Klarheit geworden ist und wie verhängnisvoll oft die Fehler gewesen
+sind, die aus einem Verkennen der Natur des sprachlichen Denkens
+entsprungen sind. Erstaunlich, aber erklärlich. Mit der Bildung von
+sprachlichen Übersymbolen war dem Menschen ein Instrument gegeben,
+das Denken zugleich =leichter= und =mächtiger= und =sozialer= zu machen:
+Nicht mehr brauchten jetzt die Verbindungen zwischen den Bahnfiguren
+das ganze Gehirn zu durchziehen, von einer Sinnessphäre zur anderen,
+sondern in dem engen Bereich der Sprachsphäre konnten sie vollzogen
+werden. Dabei umfaßten die Begriffe mehr Einzelheiten als selbst die
+Sammelvorstellungen; die Denkoperationen mit ihnen waren dementsprechend
+allgemeiner, ergiebiger und fruchtbarer. Was Wunder, daß die Menschen
+dies wundervolle Instrument mit Eifer und naivem Vertrauen handhabten,
+ohne sich über seine Natur und Leistungen klar zu sein, ja daß
+schließlich die es Handhabenden von einem wahren Machtrausch ergriffen
+wurden. So zieht sich eine Kette des Mißverstehens von den indischen
+Denkern, die in Begriffen von größter Allgemeinheit (d. h.
+Vorstellungslosigkeit) schwelgten, über die griechischen Sophisten, die
+die Dialektik des begrifflichen Denkens zu praktischen Zwecken
+ausbildeten und zum Teil mißbrauchten, über =Plato=, dem nur die
+Begriffe das wahre Sein, die Dinge nur dessen Abglanz waren, durch das
+Mittelalter, in dem die Realisten die Realexistenz der Begriffe
+vertraten, durch die deutsche spekulative Philosophie hindurch bis in
+unsere Tage.
+
+=Das leichte Zusammenfassen= vieler Vorstellungen in dem Übersymbol
+eines Wortes bewirkt, daß =zuerst= im Sprachzentrum, mit Überspringen
+gleichsam des Vorstellungsgebietes, ein Zusammenfassen zustande kommt.
+Es verführt uns aber auch leicht dazu, uns bei diesem Zusammenfassen als
+einer wirklichen Erkenntnis zu beruhigen. So sehen wir in allen
+Wissenschaften -- nicht zum wenigsten in der Psychologie -- Worte die
+erste Stufe der Erkenntnis bilden und für vollgültige Erklärungen
+genommen werden. Und lange dauert es stets, ehe sie mit Vorstellungen
+durchtränkt und dabei meistens durch bessere ersetzt werden. So geht die
+Erkenntnis häufig den umgekehrten Weg des physiologischen Prozesses.
+
+Das =leichte Kombinieren= ferner der Begriffe im Sprachzentrum verleitet
+unausgesetzt zu demselben Fehler, den die Börse, das Verkehrszentrum,
+begeht, wenn sie den bequemen Papierverkehr zu selbständig und zu
+losgelöst von der Wirklichkeit der Waren, die durch die Papiere
+symbolisiert werden, betreibt. In beiden Fällen entstehen haltlose
+Gebilde, die schließlich mit der Wirklichkeit kollidierend
+zusammenbrechen.
+
+Wohl kaum abzuwehren brauche ich die Auffassung, als würde das
+vorstellende Denken reinlich getrennt vom Begrifflichen von uns
+ausgeübt. Es wäre ja, nachdem einmal das wundervolle Instrument der
+Sprache geschaffen ist, unverzeihlich, wenn nicht auch die sich seiner
+bedienten, deren Denken sich eng an die Wirklichkeit anschließt und
+deshalb =vorzugsweise= in Vorstellungen bewegt. Damit erledigt sich auch
+die oft erörterte Frage, ob es ein nicht-sprachliches Denken überhaupt
+gibt.
+
+Gehen wir aber, nachdem wir den allgemeinen Charakter der beiden
+Denkformen festgestellt haben, nunmehr genauer auf die Vorgänge, die
+sich in ihnen abspielen, ein!
+
+Wir haben das Denken aufgefaßt als eine Folge von Zerfallprozessen, die
+das sehr labile Protoplasma der Hirnnerven durcheilen, nachdem sie an
+einem Ende eingeleitet sind. Stellen wir uns aber das Wirrsal von
+Millionen zerfallbereiter Fasern vor, durchflogen gleichsam von einem
+glimmenden Brande, dessen Verlauf durch nichts bestimmt wird als durch
+die mehr oder weniger große Zerfallbereitschaft der einzelnen
+Fasergruppen, so scheint diese Vorstellung doch recht wenig Ähnlichkeit
+mit der eines =geordneten Denkens= zu haben.
+
+Bloße chemische Zerfallprozesse -- wie sollen die in ihrer vollendeten
+=Formlosigkeit= die =scharfen Formanschauungen= darstellen können, die
+dem Künstler oder dem Chirurgen oder dem Jäger oder auch nur seinem
+Wilde eigentümlich sind, wie in ihrer =Unberechenbarkeit= -- denn alle
+Auslöseprozesse sind unberechenbar -- die =genauen Messungen und
+Berechnungen= herstellen, die der Astronom, der Physiker ausübt? Wie
+soll in diesem Wirrsal der =Charakter der Ordnung=, der Über- und
+Unterordnung zustande kommen, den das Denken des Mathematikers, des
+Logikers, des Juristen verlangt?
+
+=Wie ordnen sich die Nervenprozesse, die das Denken ausmachen, so, daß
+sie der Wirklichkeit entsprechen, -- das ist in der Tat die
+Kardinalfrage=, von deren Beantwortung unser Verständnis des Vorganges,
+ja die Haltbarkeit der ganzen Hypothese abhängt.
+
+Natürlich müssen wir bei dem Beantwortungsversuch auf alle die schönen
+Worte, wie Verstand, Kategorien, logische Grundsätze usw., verzichten,
+die den Bewußtseinspsychologen zur Erklärung der Ordnung im Denken zur
+Verfügung stehen, -- es sei denn, daß es uns gelänge, ihnen einen
+physikalisch-chemischen Sinn zu verleihen.
+
+Sehen wir also zu, wo wir mechanisch ordnende Prinzipien entdecken.
+
+Ordnung kann dem Gehirnprozesse entweder =von innen= (aus sich selbst)
+oder von =außen= kommen.
+
+Da wir alles seelische Geschehen als veranlaßt =von außen=, zur Wirkung
+=nach außen= auffassen, so liegt es nahe, zu untersuchen, ob die
+Außenwelt die Ordnung schaffende Macht ist. Und in der Tat ist dies der
+Fall.
+
+Jede unserer Bewegungen, die einem falschen Raumbilde entstammt und
+deshalb ihr Ziel verfehlt, z. B. die falschen Greifbewegungen des
+kleinen Kindes, wird von der Außenwelt mit einem erziehenden Klaps
+beantwortet. Und diese korrigierende Wirkung reicht von den einfachsten
+Reflexbewegungen bis zu unseren aus kompliziertestem Denken
+entsprungenen Handlungen. =Die Wirklichkeit merzt die nicht in sie
+passenden, mit anderen durch sie hervorgerufenen Vorstellungen
+kollidierenden Bahnfiguren aus.=
+
+Man könnte einwenden, daß doch die Tiere zusammengesetzte
+Instinkthandlungen sofort richtig vollführen, daß ihnen also ein
+ordnendes Prinzip eingeboren sein müsse und sie somit der Erziehung
+durch die Wirklichkeit nicht bedürften. Aber Instinkthandlungen sind
+nicht anders zu beurteilen als eingeübte Handlungen, bei denen auch die
+Lehrmeisterin Wirklichkeit =nicht mehr= tätig zu sein braucht, weil sie
+es früher war.
+
+Aber die Korrektur, die die Außenwelt an unseren Vorstellungen vornimmt,
+würde uns von geringem Nutzen sein, wenn die große Kraftverschwendung,
+die damit verbunden ist, in jedem einzelnen Falle wiederholt werden
+müßte. Erst dadurch, daß die =richtige= Bahn nun zu einer solchen
+=geringsten Widerstandes= wird, entsteht eine =dauerhafte= »Anpassung
+der inneren an äußere Bewegungen«, wie die Formel Spencers vom Leben
+lautet.
+
+Da sich aber in der Außenwelt die Beziehungen des =Nebeneinander=,
+=Nacheinander= und =Durch-= oder =Aus=einander unausgesetzt wiederholen,
+so werden auch die entsprechenden Vorstellungen des =Raumes=, der =Zeit=
+und der =Ursache= in vorzüglich ausgeschliffenen Bahnen verlaufen. Sie
+werden, wie gelehrige Schüler, nicht nur ihr Pensum bald fehlerlos
+auswendig können, sondern selbst die Korrektur der anderen Vorstellungen
+übernehmen können. Sie stehen für uns dann als die ordnenden Kräfte des
+Vorstellungslebens um so mehr da, als ihre eigene Erziehung durch die
+Wirklichkeit =vor= unserm Bewußtwerden und vor unserer Geburt liegt.
+
+Lassen Sie uns daher einen Blick auf die Erziehung dieser Erzieher
+werfen.
+
+Zunächst die =Raumvorstellung=. Sie ist entstanden -- wie jetzt wohl
+unter den neueren Psychologen feststeht -- aus Bewegungsempfindungen.
+Durch die Bewegung der Augenmuskeln entsteht, wenn der gelbe Fleck der
+Retina die Linien eines Objekts verfolgt, die Vorstellung der Fläche,
+wenn die beiden Augen konvergent gestellt werden, die der Tiefe. =Dabei
+erzwingt die Wirklichkeit durch unausgesetztes Korrigieren falscher
+Bewegungen ein genaues Entsprechen der Bahnfigur (der Vorstellung) und
+des Objektes.= In gleicher Weise kann auch durch die Bewegung des Armes
+beim Abtasten eines Gegenstandes die Raumvorstellung gebildet werden.
+Und die beiden so gewonnenen Raumvorstellungen kollidieren nicht
+-- werden also von uns identifiziert. Da diese Bewegungsempfindungen aus
+=Beziehungen= zwischen den Empfindungen zweier Lagen bestehen, so können
+wir die Raumvorstellung bezeichnen als =die zu einer einheitlichen
+Vorstellung verschmolzene Gesamtheit unserer Bewegungsbeziehungen=.
+
+In einer interessanten und einleuchtenden Arbeit hat Heinrich Sachs
+nachgewiesen, daß diese Verschmelzung schon in einem subkortikalen
+Zentrum, dem Augenmuskelkern, erfolgt, so daß die Raumvorstellung schon
+=als fertige Einheit= zu den im Großhirn entstehenden Gebilden in
+Beziehungen treten würde. Es ist klar, daß durch eine solche,
+abgesondert von den anderen Vorstellungen erfolgte Entstehung der
+Eindruck eines Nichtgewordenseins, einer Apriorität noch verstärkt
+werden muß, der auch ohne diese Hypothese aus der Befestigung der Bahnen
+in ungezählten Vorgeschlechtern verständlich ist.
+
+Die =Zeitvorstellung= entsteht aus den Empfindungen des Nacheinander, in
+welchem sich alle Bewegung, sowohl die innere wie die äußere, vollzieht.
+Dasselbe Nacheinander, nicht als Kontinuum, sondern in einzelnen
+Wiederholungen empfunden, ergibt die =Zahl=. Zeit- und Zahlvorstellung
+spiegeln also =die objektive Ordnung des inneren= wie =des äußeren
+Geschehens= wider. Sie wirken ihrerseits ordnend auf alle Vorstellungen,
+die das Zeit- oder Zahlmoment enthalten. Ihre =Ein=dimensionalität, die
+eine Verwirrung nicht zuläßt, gestaltet ihre ordnende Kraft besonders
+einfach und klar.
+
+Die Vorstellung =kausaler= Beziehungen endlich ist, wie jetzt wohl
+allgemein angenommen wird, aus den Beziehungen der Innen- zur Außenwelt
+entstanden. Zwei sich immer wiederholende Vorgänge sind es, die sich uns
+unter dem Bilde von =Ursache und Wirkung= darstellen: die Wirkung der
+Außenwelt auf uns und unsere Wirkung auf die Außenwelt -- der Anfang und
+das Ende der Reflexkette. Einen Schlag empfinden wir als =Ursache= des
+Schmerzes und die motorische Innervation unserer Armmuskeln als
+=Ursache= der Armbewegung. Diese Doppelvorgänge stehen in einer
+Beziehung zueinander, die durch das zeitliche Nacheinander
+augenscheinlich nicht erschöpft wird -- bekanntlich wollte
+Hume sie daraus hervorgehen lassen --, in der vielmehr das
+Durcheinander-bewirkt-werden, das Auseinander-hervorgehen, der
+Kraftcharakter vorherrscht.
+
+Die so aus uns geschöpfte Vorstellung der Kausalität wurde nun zunächst
+=begrifflich= untersucht. Sie wissen, daß sich die philosophische
+Debatte der letzten 200 Jahre großenteils um diesen Begriff gedreht hat.
+Schauen wir auf den heutigen Zustand, so können wir nur sagen: mit recht
+wenig Erfolg! Es gelang nicht einmal, den Begriff der Ursache von dem
+der Bedingung und dem der Veranlassung scharf abzugrenzen, noch sich
+über die Gleichartigkeit oder Ungleichartigkeit von Ursache und Wirkung
+einig zu werden. So definiert ein neuerer Psychologe (Höfler) Ursache
+als »die Summe der notwendigen =Bedingungen= eines Anfanges«. Ein
+anderer (Stumpf) erklärt »Ursache und Wirkung brauchen nicht gleichartig
+zu sein«. Und sogar Naturforscher von einem Range wie Verworn lassen
+sich durch die Philosophen mißtrauisch gegen den =Begriff= der
+Kausalität machen und geben die Lösung preis, die sie als Naturforscher
+im =vorstellenden= Denken in der Hand haben.
+
+»Ein gesetzmäßiger Vorgang oder Zustand«, erklärt Verworn, »ist nie
+eindeutig bestimmt durch eine einzige Ursache, sondern immer nur durch
+eine Summe von =Bedingungen=, die sämtlich gleichwertig sind, weil sie
+eben notwendig sind. Kausale Gesetzmäßigkeit ist spekulative Mystik,
+=konditionale= Gesetzmäßigkeit ist =Erfahrung=! Alle Gesetzmäßigkeit hat
+=konditionale Form=: wenn es regnet, dann ist es naß.« Das wäre also
+Bankrotterklärung des Kausalbegriffs in bester Form!
+
+Aber die konditionale Form ist nur eine Sprachform und weit entfernt
+davon, die Form der Erfahrung, der direkten Vorstellung zu sein! Diese
+ist doch so: wir sehen, daß beim Regen die getroffenen Gegenstände naß
+werden; wir sehen das häufig und bilden eine feste Verbindung der
+Vorstellungen Regen und naß. Oder in unserer physiologischen Deutung:
+zwischen den gleichzeitig erregten Bahnfiguren Regen und naß schleifen
+sich Verbindungsbahnen aus, die bei jeder folgenden Erregung vertieft
+werden, so daß schließlich die Erregung =einer= Figur mit Sicherheit die
+der anderen nach sich zieht. Es ist =lediglich sprachliche Form=, wenn
+wir sagen: wir =schließen= aus der häufigen Beobachtung, daß es =immer,
+wenn= es regnet, naß wird.
+
+Das ist nebenher ein gutes Beispiel für unser Thema.
+
+Klarheit aber und Festigkeit und messende Genauigkeit erwachsen dem
+Ursachebegriff =aus der Außenwelt= und nur aus ihr. Die Erkenntnis, daß
+alles Geschehen in einem Energiewechsel beruht, und daß dabei die
+verschwindende Energie der neu erscheinenden =quantitativ gleich= ist,
+hebt =die eine= Bedingung des Geschehens, die der Wirkung gleich ist,
+als »Ursache« heraus aus den übrigen Bedingungen, die zu bloßen
+Leitformen der besonderen Art der Energiewirkung herabsinken. So ist das
+sinkende Wassergewicht die einzige =Ursache= der von der Turbinenwelle
+geleisteten Arbeit, während die Leitformen des Gerinnes, der Turbine
+selbst usw. die allerdings auch notwendigen =Bedingungen= darstellen,
+die z. B. verhindern, daß die Energie des Wassergefälles sich in anderer
+Weise äußert, etwa in freiem Sturz sich in Wärmeenergie umsetzt.
+
+Daraus, daß wir diese Bedingungen für die besondere Form des
+Energieumsatzes als =notwendig= bezeichnen, zu schließen, daß
+sie der Ursache gleichwertig sind, -- auch das ist nichts als
+eine zu vertrauensvolle Anwendung einer Sprachform auf
+Wirklichkeitsvorstellungen.
+
+=Aus der Außenwelt= also -- im Zusammenwirken mit der physischen
+Innenwelt -- =beziehen die drei allein herrschenden Vorstellungen des
+Raumes, der Zeit und der Ursache ihre ordnende Kraft=. Da die Außenwelt
+direkt nur mit unserm =vorstellenden= Denken in Verbindung steht, so
+wirken auch diese drei Ordnungsprinzipien direkt nur in diesem.
+
+Gibt es aber vielleicht noch andere als diese drei Ordnungsmächte? Da
+alles energetische Geschehen aus ihnen restlos erklärbar ist, so
+brauchen wir zur Erklärung der Außenwelt weiter keine, kennen auch
+keine. Von außen her können uns also keine weiteren Quellen der Ordnung
+kommen.
+
+Obwohl nun diese drei Vorstellungen sich ihrer physiologischen Natur
+nach nicht von anderen unterscheiden, werden wir doch berechtigt sein,
+sie sowohl wegen ihrer engen und erschöpfenden Beziehungen zur Außenwelt
+als wegen ihrer ordnenden Bedeutung in unserer Vorstellungswelt mit
+einem besonderen Namen zu bezeichnen. Wir werden dafür den für die
+ordnenden Verstandeskräfte üblichen Namen »=Kategorien=« wählen dürfen,
+ungeachtet sie wesentlich verschieden von den =Kantschen Kategorien=
+sind.
+
+Denn sie sind nicht eigenartige, unerklärte Mächte des Verstandes wie
+jene, sondern normale Beziehungsvorstellungen.
+
+Sie sind nicht a priori, sondern durch Erfahrung geworden.
+
+Kant zählt zwölf Formen des Verstandes und dazu zwei der Sinnlichkeit
+(Raum und Zeit), entsprechend seiner scharfen Scheidung zwischen
+Sinnlichkeit und Verstand, wir kennen nur die genannten drei, die für
+Sinnlichkeit wie für Verstand -- für uns nichts Verschiedenartiges --
+gelten.
+
+Kant leitet seine Kategorien aus den Schlußformen her, also aus Formen
+des sprachlichen, abgeleiteten Denkens, ein besonders nach unserer
+Anschauung recht unglücklicher Gedanke; wir gewinnen die unsrigen aus
+den Beziehungen der Außenwelt, der Quelle alles seelischen Geschehens.
+
+Welches sind nun aber =die ordnenden Kräfte im begrifflichen Denken=?
+Wenn die Kräfte der Außenwelt durch die Schicht des vorstellenden
+Denkens schon gleichsam absorbiert sind -- gibt es nicht ähnlich
+wirkende innere Kräfte in der begrifflichen Schicht?
+
+Wir können, von unserm physikalisch-chemischen Gesichtspunkt aus, keine
+entdecken!
+
+Wie, wird man mich anfahren, kennen Sie nicht die alles Denken
+beherrschende Macht der =Logik= -- in deren Namen schon Sprechen und
+Denken und Ordnung vereinigt ist?
+
+In der Tat, jeder fügt sich dieser Großmacht. Sogar die Mathematiker,
+die sich fast ausschließlich in unseren Kategorien des Raumes und der
+Zeit bewegen, sind zum Teil bemüht, von Anschauungen möglichst abzusehen
+und ihre Axiome in ein rein logisches Gewand zu kleiden.
+
+Die Logiker nun gar kennen ihres Machtgefühls keine Grenzen. »In der
+Ausbildung, Entwicklung und Verknüpfung«, sagt einer von ihnen,
+Drobisch, »der durch die Erfahrung gegebenen Elemente geht das logische
+Denken =selbständig und ohne Seitenblicke auf die Erfahrung seinen
+eigenen Weg=, gelangt zu komplizierteren und reichhaltigeren Formen und
+erweitert durch Anwendung dieser Formen auf die unmittelbaren Tatsachen
+der Wahrnehmung und des Bewußtseins die Erkenntnis =ins Unbegrenzte=.«
+
+Daß dieser auf logischem Wege gewonnenen Erkenntnis die Tatsachen
+entsprechen, ist ausgemacht -- nur, ob ihre Tragweite noch über unsere
+Welt hinausgeht, kann zweifelhaft sein! »Ob den allgemeinen und
+notwendigen Formen des Denkens,« fährt Drobisch fort, »=denen sich
+tatsächlich die Anschauungen fügen=, =über diese hinaus= eine reale
+Bedeutung zukommt, ob sie das Wesen der Dinge ausdrücken oder sich gar
+in ihnen Evolutionen des Absoluten abspiegeln, darüber kann nur die
+Metaphysik Aufschluß geben, die aber wiederum, um den Rückweg zum
+Gegebenen nicht zu verlieren, ohne den leitenden Faden der formalen
+Logik nicht einen Schritt in das dunkle Labyrinth der transzendenten
+Spekulation wagen kann.«
+
+Was hier als möglich hingestellt ist, wird von =Hegel= bekanntlich als
+wirklich behauptet; nach ihm sind die =sprachlichen Denkformen= zugleich
+=Wirklichkeitsformen= und seine =Logik= ist deshalb =zugleich Physik und
+Metaphysik=.
+
+Und doch -- und doch -- wir finden in unserm Schema für diese Königin
+keinen Thron, ja nicht einmal eine Lücke, in der wir sie unterbringen
+könnten. Ehe wir aber deswegen unser Schema preisgeben, sehen wir zu,
+wie sich die Logik, von unserm Standpunkte gesehen, ausnimmt.
+
+Zunächst die vier »=Normalgesetze des Denkens=«.
+
+1. Der Identitätssatz: _A_ = _A_. Der Satz bezieht sich nicht auf eine
+Wiederholung derselben Vorstellung, denn dann wäre er falsch, sondern
+besagt in der Tat nur: dasselbe ist dasselbe und immer wieder dasselbe.
+Das ist aber eine =Sprachform= ohne jeden Vorstellungsinhalt und deshalb
+völlig leer.
+
+2. Der Satz vom Widerspruch: _A_ kann nicht gleichzeitig _B_ und nicht
+_B_ sein, d. h. in unserm Vorstellungskreise: die Bahnfigur _A_ kann
+nicht gleichzeitig mit der _B_ verbunden und nicht verbunden sein. Aber
+die Verbindung kann durch mehr oder weniger Fasern hergestellt sein,
+auch durch so wenige, daß es unmöglich ist, sich klar zu werden, ob sie
+überhaupt besteht. Der Apfel kann nicht zugleich gelb und nicht gelb
+sein -- das ist logisch, aber bei weitem nicht immer vorstellungsmäßig
+klar. Denn die gelbe Farbe kann bis zur Unmerklichkeit in die grüne oder
+in die rote übergehen. Zweifelfrei ist die Anwendung des Satzes nur, wo
+es sich um quantitative, also räumliche, zeitliche, kausale Beziehungen
+handelt, wie: dieser Punkt kann nicht zugleich innerhalb und außerhalb
+dieses Kreises liegen, die Tat kann nicht zugleich gestern und nicht
+gestern geschehen sein usw. Das verweist uns auf unsere Kategorien von
+Raum und Zeit als den Kern des Satzes.
+
+Das =dritte Gesetz= »vom ausgeschlossenen Dritten oder Mittleren«: _A_
+ist entweder _B_ oder nicht _B_, ein Drittes oder Mittleres gibt es
+nicht; der Punkt liegt entweder in dem Kreise oder nicht in dem Kreise
+-- ist der Vorstellung nach mit dem zweiten Gesetz gleichbedeutend und
+nur in der Sprachform verschieden: derselbe Sinn ist dort negativ, hier
+positiv ausgedrückt.
+
+Das =vierte Gesetz=: Jedes richtige Urteil ist einer logisch
+zureichenden Begründung fähig, spricht nur die vertrauensvolle Annahme
+aus, daß genügende ordnende Kräfte im richtigen sprachlichen Denken zur
+Verfügung stehen, ohne eine davon nachzuweisen. Bekanntlich aber halten
+wir vieles für richtig, ohne es logisch begründen zu können.
+
+So erschließen uns diese vier Normalgesetze keine =neuen= Quellen der
+Denkordnung. Von ihnen wird nun aber bei dem =Hauptstück der Logik=, der
+=Lehre von den Schlüssen=, nicht einmal viel Gebrauch gemacht. Vielmehr
+treten hier zu unserer Überraschung neue »Grundsätze« auf, die ohne
+weiteres als feststehend und einleuchtend angenommen werden. So stützt
+sich der »Schluß der ersten Figur« (nach Drobisch) auf die Grundsätze:
+
+ 1. worin das Ganze enthalten ist, darin ist auch sein Teil
+ enthalten,
+
+ 2. wovon das Ganze ausgeschlossen ist, davon ist auch jeder Teil
+ ausgeschlossen.
+
+Diese Beziehungen zwischen dem Ganzen und seinen Teilen sind aber
+=offensichtlich dem Vorstellungsgebiet des Raumes und der Zeit=
+entnommen und =dadurch= allerdings ohne weiteres einleuchtend.
+
+Und so weiterschreitend können wir die ganze Syllogistik in Raum- und
+Zeitvorstellungen auflösen. Das ist schon von Fr. Alb. Lange geschehen,
+der sämtliche Schlußformen zeichnerisch dargestellt und nachgewiesen
+hat, daß sie =aus der räumlichen Anschauung= ihre =überzeugende Kraft=
+beziehen. Er hat auch mit Recht bemerkt, daß der korrekteste logische
+Beweis, um uns zu überzeugen, der Ergänzung durch die räumlich-zeitliche
+=Anschauung eines Beispiels= bedarf.
+
+Kurz, wir dürfen es aussprechen: =die ordnende Kraft der Logik=, die
+sich ausschließlich im begrifflichen Denken betätigt, =entstammt den
+Vorstellungskategorien und durch diese der Außenwelt=.
+
+=Die Kategorien, in sprachliches Gewand gekleidet,
+sprachlich-begrifflichem Denken angepaßt -- nichts anderes ist die
+Logik.=
+
+Ist damit auch einerseits gegeben, daß ihre Macht eine abgeleitete, ihre
+=Zuverlässigkeit= eine geringere ist als die der direkten Kategorien,
+und daß größere Vorsicht bei ihrer Anwendung geboten ist, um Fehler zu
+vermeiden -- wer kennt nicht logische Schlußreihen, z. B. juristische
+oder philosophische, die ihren Urhebern vollkommen bündig und gegen
+jeden Angriff gesichert erschienen sind und doch als fehlerhaft sich
+erwiesen haben --, so ist damit doch auch anderseits die ungeheure
+Bedeutung ausgesprochen, die ihr als Vertreterin der ordnenden
+Prinzipien in dem unser Leben beherrschenden Gebiete des sprachlichen
+Denkens zukommt. Ja man kann sagen, daß, wie das Denken erst in seiner
+mittelbaren, sprachlichen Form seine volle Macht erreicht hat, so auch
+seine ordnenden Kräfte in der Logik.
+
+Für das Verständnis aber des Denkens ist damit erreicht -- daß eine
+völlig rätselhafte, scheinbar seine innerste Natur ausmachende Potenz
+als ein Beziehungskomplex zwischen chemischen Vorgängen begriffen ist!
+
+Haben wir so die Ordnung nicht nur im vorstellenden, sondern auch im
+begrifflichen Denken als wesentlich aus der Außenwelt herrührend
+erkannt, so müssen wir, ehe wir dies Kapitel schließen, uns doch noch
+vergewissern, ob nicht die Innenwelt, d. h. das scheinbar so formlos
+verlaufende chemische Kräftespiel selbst, uns gewisse Ordnungskräfte zu
+liefern vermag. Wir haben bereits gesehen, daß die Nervenprozesse nach
+allgemeinem physikalischem Gesetz die Bahnen geringsten Widerstandes
+wählen, und daß daraus gewisse Gesetzmäßigkeiten in der Assoziation und
+im Denken sich ergeben. Dabei ist es besonders ein Fall, der, sich immer
+wiederholend, größte Bedeutung erlangt.
+
+Wenn die Vorstellung eines wünschenswerten Zustandes, eines zu
+erstrebenden Zieles (durch Assoziationen irgend welcher Art) in uns
+auftaucht, so suchen wir Mittel, sie zu verwirklichen, d. h. wir suchen
+die Vorstellungen unseres gegenwärtigen Zustandes, von dem wir ja
+ausgehen müssen, mit jener auf möglichst kurzem Wege zu verbinden,
+anders ausgedrückt: die gleichzeitigen Erregungen der Bahnfiguren
+einerseits des Zieles, anderseits des Ausgangspunktes verbinden sich
+durch Mittelfiguren, die den geringsten Bahnwiderstand bieten.
+
+So wirkt die =Zielvorstellung=, der =Zweckbegriff= mittels des Gesetzes
+vom geringsten Widerstande =ordnend= auf unser Denken. Und da alles
+Denken Handlungen zum schließlichen Ziel und Zweck hat, so ist dieser
+=innere= Ordnungsfaktor von größter, unausgesetzter Wirksamkeit.
+
+Müssen wir ihn also nicht den drei aus der Außenwelt stammenden als
+vierte Kategorie zuordnen?
+
+Er unterscheidet sich jedenfalls wesentlich von ihnen. =Anders als die
+Ursachevorstellung=, die zwar aus der Beziehung innerer zu äußeren
+Vorgängen gewonnen ist, aber durch die Außenwelt allein Form und Kraft
+und Präzision erhalten hat, =ist der Zweckbegriff auf innere Vorgänge
+beschränkt geblieben=. Denn alle energetischen Vorgänge sind ohne ihn,
+mit Hilfe der anderen drei Kategorien allein, erklärbar. Es fehlt ihm
+deshalb gänzlich die diesen eigene =messende= Kraft, aus welchem Fehlen
+man auch umgekehrt auf sein Nichtvorkommen im äußeren Geschehen
+schließen kann. Seine herrschende Stellung aber im begrifflichen Denken
+und seine enge Beziehung zu den unsere Zielvorstellungen bestimmenden
+Gefühlen -- gilt doch zwecklos und wertlos fast als gleichbedeutend --
+machen es verständlich, daß man bestrebt war, den Zweckbegriff auch in
+der Außenwelt zu finden, und daß um seine Geltung in dieser, d. h. um
+die =teleologische Weltanschauung=, ein hartnäckiger Kampf seit der Zeit
+geführt wird, wo man angefangen hat, mißtrauisch gegen Worte zu werden.
+-- Wir erkennen demnach in der Zweckvorstellung eine ordnende Kraft von
+vielleicht nicht geringerer Stärke als die der drei Kategorien, aber von
+anderer Art, weil lediglich aus dem inneren physischen Geschehen statt
+aus dem äußeren stammend.
+
+Hiermit will ich die Gegenüberstellung des vorstellenden und des
+begrifflichen Denkens beschließen.
+
+Sie zeigt uns ein Bild, das diese beiden Formen unseres Denkens in weit
+verschiedeneren und markierteren Umrissen erkennen läßt, als wir gewohnt
+sind, sie zu sehen. Es war vielleicht nicht uninteressant zu sehen, wie
+weit die von uns stets gemeinsam gehandhabten Denkformen unter dem
+physiologischen Gesichtspunkt auseinanderrücken.
+
+Es war ein Versuch, dem Namen nach vertraute, der Vorstellung nach aber
+unbekannte geistige Erscheinungen unter der Form physikalisch-chemischer
+Vorgänge zu deuten.
+
+Ich werde zufrieden sein, wenn Sie daraus die Überzeugung gewonnen
+haben, daß ein solcher Versuch schon nach dem heutigen Stande der
+Naturwissenschaften nicht aussichtslos und fähig ist, uns neue Einblicke
+in die Natur unseres Geistes zu verschaffen.
+
+Sie werden mir wohl nicht vorwerfen, daß ich manche und sogar wichtige
+zu meinem Stoffe gehörigen Teile übergangen habe -- denn das ist
+selbstverständlich und bei einem so ausgedehnten Stoffe unvermeidlich.
+
+Sie werden es mir aber mit Recht als Fehler anrechnen, daß ich überhaupt
+ein so reiches Thema gewählt habe, ein Thema, das in der kurzen mir
+zustehenden Zeit keine andere als eine skizzenhafte und lückenhafte
+Behandlung zuließ.
+
+Ich darf aber erwähnen, daß meine Ausführungen nur einen Ausschnitt aus
+einer größeren Arbeit bilden, in der sie in breiterer Ausführung und
+besser gestützt durch einen größeren Zusammenhang demnächst erscheinen
+werden[2].
+
+ [2] Unter dem Titel: =Autonomer Idealismus auf Grundlage einer
+ durchgeführt mechanistischen Seelenauffassung=.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Zweierlei Denken, by August Büttner
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWEIERLEI DENKEN ***
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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+
+
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