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diff --git a/22630-h/22630-h.htm b/22630-h/22630-h.htm new file mode 100644 index 0000000..5288e74 --- /dev/null +++ b/22630-h/22630-h.htm @@ -0,0 +1,13388 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Der Roman eines geborenen Verbrechers, by Augusto Bianchi + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + body { margin-left: 15%; margin-right: 15%; } + + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + + h1 { text-align: center; } + + h2, h3, h4 { text-align: center; + clear: both; + } + + .new-h2 { margin-top: 6em; } + .new-h3 { margin-top: 3em; } + .new-h4 { margin-top: 3em; } + + table { border-collapse: collapse; width: 60%; margin: 2em auto 2em auto; } + table caption { text-align: left; font-weight: normal; font-style: normal; } + table td { padding-top: 2px; padding-bottom: 2px; } + table td.einheit { width: 4em; vertical-align: bottom; } + table td.right { width: 4em; vertical-align: bottom; } + + table.tastgefuehl td { text-align: center; } + + blockquote { width: 80%; margin: 3em auto 3em auto; } + + cite, em, i, q { font-weight: normal; font-style: italic; } + cite.normal { font-style: normal; } + + b, strong { font-weight: bold; font-style: normal; } + + .center { text-align: center; } + .right { text-align: right; } + + .gesperrt { letter-spacing: 0.25em; } + em.gesperrt { font-weight: normal; font-style: normal; } + + .name { text-align: right; padding-right: 20%; } + + .figcenter { margin: auto; text-align: center; } + + .pagenum { position: absolute; + left: 88%; + font-size: small; + text-align: right; + color: #808080; + } + + ol.alpha { list-style-type: lower-alpha; } + ol.decimal { list-style-type: decimal; } + ol.alpha li, + ol.decimal li { padding: 0.25em 0 0.25em 0; text-align: justify; } + + .footnotes { border: 1px dashed #808080; margin-bottom: 80px; padding: 20px; } + .footnote { margin-left: 5%; margin-right: 5%; } + .footnote .label, + .fnanchor { vertical-align: super; text-decoration: none; font-size: x-small; font-weight: normal; } + + .tnote { width: 30em; border: 1px dashed #808080; background-color: #f6f6f6; text-align: justify; padding: 0.5em; margin: 80px auto 80px auto; } + + .portrait { float: left; clear: left; width: 220px; padding: 0; text-align: center; } + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Der Roman eines geborenen Verbrechers, by Antonino M. + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Roman eines geborenen Verbrechers + Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M... + +Author: Antonino M. + +Editor: Augusto G. Bianchi + +Translator: Friedrich Ramhorst + +Other: Silvio Venturi + +Release Date: September 16, 2007 [EBook #22630] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROMAN EINES GEBORENEN *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<p class="tnote">Anmerkungen zur Transkription:<br/><br/> +Der Text der zur Transkription herangezogenen Ausgabe wurde in Hinblick +auf Unregelmäßigkeiten in der Zeichensetzung und Rechtschreibung dem +Original getreu übertragen. Lediglich einige offensichtliche Druckfehler +wurden korrigiert.</p> + +<div class="portrait"> +<img src="images/antonino.jpg" width="165" height="300" alt="" title="" style="border: 2px solid #808080; padding: 1px;" /> +<div style="padding-bottom: 6em;">Portrait des <b>Antonino M…</b><br/> +<small style="font-size: 0.8em;">Strafgefangener.<br/> +Verurteilt: 5 Jahre Gefängnis wegen Mord. – +3 Jahre Gefängnis wegen versuchten Mord. – +1 Jahr Gefängnis wegen Bedrohung. – 4 Jahre +Strafcompagnie. – 2 Monate Eisen wegen +Fälschung. – 16 Jahre und 6 Monate wegen +versuchten Brudermord.</small></div> +</div> + + +<h1>Der Roman<br/> +<small style="font-size: 70%;">eines</small><br/> +<big style="font-size: 120%;">geborenen Verbrechers.</big></h1> + + +<p class="center" style="line-height: 1.5em;"><big class="gesperrt" style="font-size: 120%;">Selbstbiographie</big><br/> +des<br/> +<big style="font-weight: bold; font-size: 120%;">Strafgefangenen Antonino M…</big></p> + +<p class="center">von<br/> +<big style="font-size: 120%;">A. G. Bianchi.</big><br/> +(Mitglied des <cite>Corriere della Serra</cite> in Mailand)</p> + + +<p class="center" style="margin-top: 2em; line-height: 1.4em;">Zu wissenschaftlichen Zwecken herausgegeben<br/> +mit einem psychiatrischen Gutachten<br/> +von Professor<br/> +<big style="font-size: 120%;">Silvio Venturi</big><br/> +<small style="font-size: 90%;">Direktor der Provinzial-Irrenanstalt in Catanzaro.</small></p> + + +<p class="center" style="margin-top: 2em;">Autorisierte deutsche Übersetzung von <b>Dr. Friedrich Ramhorst</b>.</p> + + +<p class="center" style="margin-top: 3em;"><big style="font-size: 110%;">Berlin</big> und <big style="font-size: 110%;">Leipzig</big><br/> +<big class="gesperrt" style="font-size: 110%;">Alfred H. Fried & Cie.</big><br/> +<small style="font-size: 90%;">1894.</small></p> + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_iii">[III]</a></span></p> +<h2>Vorrede.</h2> + + +<div class="new-h3"></div> +<h3>I.</h3> + +<p>Dieses Buch kann und soll nicht nach gewöhnlichen +Gesichtspunkten beurteilt werden: Der Titel Roman ist +subjektiv gerechtfertigt, insofern die Empfindung, welche +den Helden dieser Blätter veranlaßte, sie zu schreiben, +sicher nicht von der verschieden ist, welche viele zeitgenössische +Autoren veranlaßte, ihre Gedanken und Gefühle +in einer oft selbstbiographischen Form herauszugeben. +Dostojewski's »<cite class="normal">Schuld und Sühne</cite>«, Zola's »<cite lang="fr" xml:lang="fr">Bête +humaine</cite>« und Gabriele d'Annunzio's »<cite lang="it" xml:lang="it">Giovanni +Episcopo</cite>« und »<cite lang="it" xml:lang="it">l'Innocente</cite>« sind die letzten Proben +dieser pathologischen Litteratur, wo die Genialität der +Verfasser zu einer tiefen Intuition krankhafter Bewußtseinsphasen +sich erhebt und die Kunst das Ansehen der +Wahrheit erreicht.</p> + +<p>In diesem Fall ist die Kunst arm, aber die Aufrichtigkeit +ist vielleicht größer, und die Unerfahrenheit des +Verfassers dient dazu, ihr Relief zu geben; denn wenn +das Wahre sich hervorhebt und einen unverkennbaren +stilistischen Ausdruck annimmt, so kann das Unwahre +<span class='pagenum'><a name="Page_iv">[IV]</a></span> +nicht, wie bei den berufsmäßigen Schriftstellern, den +Firnis stilistischen Schmuckes oder der angenehmen +Täuschung erlangen.</p> + +<p>So kommt es, daß das, was nach der Absicht des +Verfassers ein Kunstwerk sein sollte, in der That ein +wissenschaftliches Dokument geworden ist.</p> + +<p>Der Verbrecher, diese antisoziale Individualität +kann sich mit Recht als die <em lang="en" xml:lang="en">great attraction</em> der zeitgenössischen +Litteratur bezeichnen: Feuilletonromane und +Gerichtsberichterstattung, um nicht vom wirklichen Kunstwerk +zu reden – alles dreht sich um den Verbrecher +und die verschiedenartigsten Gefühle werden wachgerufen; +das gewöhnliche Interesse, das sich am Unwahrscheinlichen +entzündet, das Mitleid mit dem Unglück, die +Hoffnung auf die Rehabilitation, der Fatalismus.</p> + +<p>Auch die Wissenschaft ist der Frage näher getreten, +und wenn die Kunst das Interesse des Abenteuers dem des +psychologischen Einzelfalls hintanstellt, so tritt für die +Wissenschaft das Studium des Verbrechens hinter dem +Studium des Individuums zurück. Zwischen der Darstellung +des Verbrechers, wie sie von den alten und wie sie von den +neuen Schriftstellern geübt werden, ist genau derselbe +Unterschied wie zwischen dem althergebrachten Studium +des Verbrechens, das durch die Macht der Tradition +noch in den Gesetzen herrscht, und der neuen Wissenschaft, +welche das Studium des Verbrechers fordert.</p> + +<p>Aber die Wissenschaft hat notwendiger Weise vorerst in +der Allgemeinheit stehen bleiben müssen, sie mußte Hunderte +und aber Hunderte von Verbrechern beobachten, um das mehr +<span class='pagenum'><a name="Page_v">[V]</a></span> +oder weniger häufige Wiederkehren eines physischen oder +psychischen Charakters zu erkennen, und aus diesen Beobachtungen +sind Theorien hergeleitet, welche nicht immer +auf jeden einzelnen Fall passen. Ebenso wie die Bewohner +eines Landes nicht völlig dem Nationaltypus +entsprechen, ebenso wenig entsprechen die Insassen der +Gefängnisse dem Verbrechertypus.</p> + +<p>Diese Mannigfaltigkeit der kriminellen Elemente, +die nur eine Folge der Mannigfaltigkeit der Ursachen +ist, von denen die Menschengeschicke abhängen, ließ den +Typus in der Vorstellung der Gelehrten unbestimmt und +unsicher erscheinen.</p> + +<p>Lombroso, der eine graphische Reproduktion des typischen +Verbrecherschädels erlangen wollte, nahm seine Zuflucht +zur zusammengesetzten Photographie, indem er +die zu einer Aufnahme nötige Zeit in sechs Abschnitte +teilte, und in jedem dieser Abschnitte einen anderen +Schädel vor das Objekt brachte. Auf diese Weise wiederholten +sich die jedem Schädel gemeinsamen Züge und +kamen schärfer zum Ausdruck, und während die Photographie +nicht als die Reproduktion eines einzelnen bezeichnet +werden konnte, ähnelte sie allen in ihren typischen +Elementen.</p> + +<p>»Der Typus ist eine synthetische Impression«, hat +Gratiolet gesagt. Und Goethe definierte ihn als ein +»abstraktes und allgemeines Bild«.</p> + +<p>Geoffroy St.-Hilaire schrieb: »Der Typus einer +Art zeigt sich niemals unseren Augen, er erscheint nur +unserm Geist. Er ist eine Art festen und gemeinsamen +<span class='pagenum'><a name="Page_vi">[VI]</a></span> +Mittelpunktes, um den sich die verschiedenen Differenzierungen +als Abweichungen und Schwankungen +gruppieren.«</p> + +<p>Anderseits schien das Studium des Typus notwendiger +als das des Einzelfalls, da ja die synthetische +Impression immer dem analytischen Studium voraufgeht.</p> + +<p>Heutzutage glaubt man diese synthetische Impression +erreicht zu haben, und der Verbrecher wird physisch und +psychisch als ein Typus beschrieben, der zwischen dem +Wilden, dem Epileptiker und dem moralisch Irrsinnigen +rangiert.</p> + +<p>Gegen diesen Glauben lehnt sich das analytische +Studium auf. Nachdem die typischen Verbrechercharaktere +abstrakt beschrieben sind, läßt sich feststellen, wer als Verbrecher +angesehen werden kann, und man kann zum +Studium des Individuums fortschreiten.</p> + +<p>Das hat zuerst <em class="gesperrt">Lombroso</em> erkannt, der in seinem +»Archiv« zahlreiche Einzelfälle beschreibt und in seinem +»<cite lang="it" xml:lang="it">Palimsesti del carcere</cite>« verschiedene Selbstbiographien +von Verbrechern veröffentlicht hat. Aber vielleicht ist das +Studium immer ein hastiges gewesen, da es mehr dem +Zweck dienen mußte, dem allgemeingiltigen Gesetz die +Grundlage zu liefern, als die Untersuchung der Einzelfälle +zu vertiefen und zu beleben. Und daraus kann +man keinen Vorwurf herleiten, die Wissenschaft war +dazu noch nicht reif und hatte anderes und dringlicheres +zu thun.</p> + +<p>Diese Veröffentlichung soll einen Beitrag bilden zu +dem Studium der Verbrecherpersönlichkeit, einerseits durch +<span class='pagenum'><a name="Page_vii">[VII]</a></span> +den Bericht der Erlebnisse, die der Verbrecher mit eigener +Hand niedergeschrieben hat, andererseits durch das Gutachten +des berühmten Gelehrten Silvio Venturi, Professors +an der Universität Neapel und Direktors des +Irrenhauses zu Girifalco, der Gelegenheit hatte, den +Verbrecher zu beobachten und zu studieren.</p> + + +<div class="new-h3"></div> +<h3>II.</h3> + +<p>Der Held dieses Buches lebt und befindet sich zur +Zeit in einem der zahlreichen Gefängnisse des Königreichs +Italiens. Mit Rücksicht auf seine Familie und seine +Kinder habe ich seinen Namen nicht vollständig gegeben +und die Namen vieler Persönlichkeiten verschwiegen. +Wenn er von dieser Veröffentlichung wüßte, würde er +wahrscheinlich gegen diese Unterdrückung protestieren, die +doch nichts weiter ist als ein Akt der Rücksicht gegen +sein Unglück. Es ist unzweifelhaft, daß er von der +Publikation seines Buches seine Rehabilitation erwarten +würde, denn er nennt sich stets einen Unglücklichen, nie +einen Schuldigen, und widmet seine Denkwürdigkeiten, +die so voll Schmutzigkeiten sind, dem Liebling unter +seinen Söhnen.</p> + +<p>Indessen sein Name existiert heute nicht mehr, statt +dessen trägt er eine Nummer, denn das Gesetz hat ihn +jeder Persönlichkeit entkleidet, und sein Name gehört nur +seinen armen Kindern. Die elementarste Menschlichkeit +mußte mich veranlassen, den Namen eines Mannes zu +verschweigen, den das Gesetz der bürgerlichen Rechte beraubt +<span class='pagenum'><a name="Page_viii">[VIII]</a></span> +und die Wissenschaft der moralischen Verantwortlichkeit +bar erklärt hat.</p> + +<p>Besser als sein Name wird seine Erzählung und die +im vorigen Jahre aufgenommene Photographie wirken,<a name="FNanchor_1_1" href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> +und das Zeugnis des Prof. Venturi dürfte jeden +Zweifel über die Authentizität zerstreuen.</p> + +<p>Ich habe M… nicht gesehen und kann mir ein +Urteil über ihn nur aus dem Kontrast bilden, welcher +zwischen seiner Selbstbiographie und seinem wirklichen +Lebenslauf besteht.</p> + +<p>Venturi, der berühmte Verfasser der <cite lang="it" xml:lang="it">Degenerazioni +psicosessuali</cite>, der bei dem letzten Prozeß gegen M… +als Sachverständiger hinzugezogen wurde, hat sich lebhaft +zum Studium des Helden hingezogen gefühlt; ihm übergab +M… das Manuskript seiner Denkwürdigkeiten, +und auf diesem Wege ist es an mich gelangt. Ich würde +es nicht veröffentlicht haben, wenn mir der wissenschaftliche +Beistand des Psychiaters gefehlt hätte, und wenn +dieser mich nicht in den Stand gesetzt hätte, die objektive +Wahrheit gegenüber der subjektiven Darstellung des +M… festzustellen.</p> + +<p>Nach den Ermittelungen Venturi's gebe ich im +Folgenden eine Biographie des M…, welche in vielen +Fällen den Schlüssel zum Verständnis der Selbstbiographie +abgeben, deren Lücken ausfüllen und die Fälschungen +aufdecken wird, die entweder von einer ihm +oft selbst unbewußten irrtümlichen Auslegung der Dinge +oder von der Verbrechereitelkeit diktiert sind.</p> + + +<div class="new-h3"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_ix">[IX]</a></span></p> +<h3>III.</h3> + +<p>Antonino M… wurde in Parghelia, Provinz +Catanzaro, im Jahre 1850 geboren. Er ist heute 42 +Jahre alt. Er war einer jener kleinen Grundbesitzer, +die für die südlichen Provinzen charakteristisch sind. Seine +Eltern sind tot; sein Vater starb im Alter von 45 Jahren +an Bauchfelltuberkulose (<i lang="la" xml:lang="la">tabes mesenterica</i>), die Mutter +mit 37 Jahren in der Entbindung. Der Vatersbruder +starb als Verrückter, er hatte eine bescheidene Bildung, +aber glaubte, daß er an Gelehrsamkeit und Weisheit +unerreicht dastehe, er litt an gelegentlichem Verfolgungswahn, +so daß er mehrere Male in große Erregung geriet, +weil er meinte, daß unter seinem Bette Soldaten +verborgen seien, die ihm nach dem Leben trachteten, und +daß er sich von den Leuten, die nur in seiner Phantasie +lebten, dadurch befreien wollte, daß er sein Haus +ansteckte.</p> + +<p>Eine Vaterschwester, die noch lebt, wird in der +ganzen Stadt die »Verrückte« genannt, sie führt ein +einsiedlerisches Leben, flucht unaufhörlich und läuft aus +dem Hause.</p> + +<p>M… hat einen Bruder und eine Schwester, die +gesund sind.</p> + +<p>Im Alter von 10 Jahren wurde M… mehrere +Monate krank, man hielt ihn für schwindsüchtig, aber +er genas vollständig. Er genoß keinen anderen Unterricht, +als in der Elementarschule seiner Vaterstadt, einer +Schule, die vor dreißig Jahren als ein legalisierter +<span class='pagenum'><a name="Page_x">[X]</a></span> +Analphabetismus bezeichnet werden kann. Das ist +bemerkenswert, denn es macht die Proben von Genie, +die sich in der Selbstbiographie fanden, noch auffälliger.</p> + +<p>Mit siebzehn Jahren begannen die Verhängnisse +seines – wie er es nennt – bejammernswerten Lebens. +Eines Tages schoß er auf öffentlichem Platz, ohne +ersichtlichen Grund, nur um eine seinem Bruder zugefügte +Kränkung zu rächen – auf einen Landsmann, der +sofort eine Leiche war. Der Gerichtshof in Monteleone +verurteilte ihn zu fünf Jahren Gefängnis.</p> + +<p>Hier schloß er Freundschaft mit den berühmtesten +Camorristen jener Zeit; die berüchtigsten kalabrischen +Briganten, die in den Gefängnissen Catanzaros saßen, +waren, wie er sagt, seine treuesten Freunde.</p> + +<p>Er nahm an einem Aufstand im Gefängnis teil, +der durch das Eingreifen der Zivilbehörden von Catanzaro +beigelegt wurde. Von hier aus kam er nach Pizzo, +dann nach Lucera di Puglia.</p> + +<p>In Pizzo blieb er nur einen Monat, aber das +genügte schon für ihn, die Strafgefangenen zu einem +Fluchtversuch zu verleiten, der nur durch Zufall +mißlang.</p> + +<p>Von Pizzo kam er nach Neapel in das Gefängnis +del Carmine, wo er von dem Haupt der Camorristen +herzlich aufgenommen wurde. Fortan hatte er seinen +Genossen Liebe und Achtung und dem Masto blinden +Gehorsam geschworen; er war Mitglied der Camorra. +<span class='pagenum'><a name="Page_xi">[XI]</a></span> +Mit lebhaftem Verstand begabt, begriff er rasch die +Regeln der Gesellschaft, sein Name war bekannt und gefürchtet +wie der eines alten Genossen. Von Neapel +kam er nach Foggia und dann nach Lucera mit einigen +Gefährten, die ihn als Haupt der Camorra anerkannten.</p> + +<p>So fand er, ein Jüngling noch, ehe er noch den +Einfluß der ersten Strafe richtig gefühlt hatte, welche +Verbrecher von nicht verdorbenen Anlagen demütigt, im +Gefängnis einen Ort, welcher der Entwickelung einer +verbrecherischen Persönlichkeit Vorschub leistet, die nur +schlechter und raffinierter aus dem Gefängnis heraus +kommt: der impulsive und blutdürstige Charakter hat +dort oft Gelegenheit, hervorzubrechen und nicht immer in +richtiger Beziehung zu den Thatsachen, die entweder +falsch interpretiert werden oder sich als kleine Funken +erweisen, welche einen ganzen Brand entfachen, der von +dem immer brennenden Herd ausgeht. Wenig fehlte +und er hätte eines Tages den Krankenwärter erschlagen, +der nach seiner Darstellung in das Chinin Kalkstaub +mischte.</p> + +<p>Von Lucera, wo ihn das Sumpffieber heimsuchte, +kam er nach der Strafanstalt zu Neapel. Hier setzte er +sich sofort mit den Camorristen in Beziehung und nahm +Teil an einem heftigen Kampf zwischen kalabrischen und +neapolitanischen Camorristen, einer wahren Schlacht, bei +der sechzehn tötlich verwundet, einem Wächter die Eingeweide +ausgerissen, zwei getötet und einer leicht verwundet +wurde. Von Natur blutdürstig, fand er im +<span class='pagenum'><a name="Page_xii">[XII]</a></span> +Kampf seine eigentliche Atmosphäre. Als Camorrist +tätowierte er sich, indem er sich auf die Brust ein Losungswort +der Camorra schrieb: Tod der Schmach!</p> + + +<div class="new-h3"></div> +<h3>IV.</h3> + +<p>Nach verbüßter Strafzeit kehrte er nach Parghelia +zurück, blieb hier einen Monat und wurde dann Soldat. +Auch als solcher setzte er sein schlimmes Leben fort. Er +duldete keine Vorwürfe, keine Tadel, verachtete die Vorgesetzten, +verlor ihre Achtung und zettelte Intriguen gegen +sie an. Seine gewaltthätige, blutdürstige, bösartige Natur +wurde durch ein übertriebenes Selbstgefühl angestachelt: +überall witterte er Nachstellung, Mangel an Respekt, +Verrat; überall sah er Kränkungen und Aufreizungen.</p> + +<p>Zeitweilig war er ruhig und friedlich; während +solcher immer kurzen Periode war er freundlich gegen +die Kameraden, die Vorgesetzten und seine fern weilende +Familie. Aber plötzlich war das vorbei, die Luft nahm +in seinen Augen eine andere Farbe an, und Zorn- und +Wutausbrüche, Flüche, Blut- und Rachedurst waren die +Folgen, ohne einen anderen Grund, als daß ein Wort +oder eine Handlung mißgedeutet wurde, die für jeden +anderen ohne Belang gewesen wären.</p> + +<p>Eines Tages gebot ein Vorgesetzter ihm Ruhe – +er ohrfeigte ihn und versuchte ihn zu töten. Er wurde +zu drei Jahren Gefängnis verurteilt; nachdem diese verbüßt +waren, kam er wieder zum Regiment. Er änderte +sich nicht. Die Perversität seiner Empfindungen machte +<span class='pagenum'><a name="Page_xiii">[XIII]</a></span> +ihn zum Päderasten, er knüpfte mit einem Kameraden +ein Verhältnis an. Er schrieb einen anonymen Brief +gegen seinen Sergeanten und verwundete seinen Kameraden +im Gesicht, und wurde zu einem weiteren Jahre +verurteilt. Im Kerker versuchte er mit einer halben +Scheere, aus der er sich einen Dolch gemacht hatte, einen +Kameraden umzubringen, um sich wegen einer alten +Kränkung zu rächen, obschon der Gegenstand seines Hasses +schon an sich in einem Zustand war, der Mitleid hätte +einflößen können. Von da kam er zur zweiten und dann +zur ersten Strafkompagnie in Venedig, wo er sich durch +sein tückisches und unverbesserliches Benehmen auszeichnete. +Strenger Arrest, langes Fasten nützten nichts; +für ihn waren die Strafen immer ungerecht; jeder mißhandelte, +mißachtete ihn.</p> + +<p>Schon um diese Zeit (1879) brach sein heftiger +und wilder Haß gegen seinen Bruder Michele los, der, +wie er meinte, ihn vernachlässigte und seinen Tod +wünschte, um sich die väterliche Erbschaft anzueignen, die +schon zum größten Teil sich angeeignet zu haben er ihn +beschuldigte. Die ersten Zeichen dieses Hasses traten +hervor, als er im Lazarett zu Cava dei Tirreni war, +wo er einen Brief seines Bruders, der Nachricht von +ihm verlangte, mit häßlichen Worten und Hohngelächter +empfing. Der einzige Grund für diese Zwietracht +konnte in dem Temperament des M… gefunden +werden.</p> + +<p>Bei der Strafkompagnie versuchte er eines Tages +einen Lieutenant zu ermorden, weil dieser ihn bestraft +<span class='pagenum'><a name="Page_xiv">[XIV]</a></span> +hatte. Er wartete, bis der unglückliche Lieutenant Nachts die +Ronde machte, und mit dem Dolch in der Hand, den er +sowohl als Gefangener wie als Soldat immer bei sich +zu tragen oder im Strohsack oder im Futter der Kleidung +zu verbergen pflegte, lauerte er Stunden lang; +und nur dem Umstand, daß der Lieutenant von einem +Kameraden gewarnt wurde, ist es zu danken, daß der +Anschlag mißglückte.</p> + +<p>Der Mangel an moralischem Gefühl zeigt sich auch +darin, daß er eines Tages einen Kameraden, einen Schreiber +im Militärbureau, dazu verführte, ihm eine Änderung in +dem Register zu gestatten, indem er das Datum seiner +Aushebung um ein Jahr zurückschrieb, um auf diese +Weise ein Jahr früher vom Militär loszukommen.</p> + +<p>Durch diese Fälschung gelang es ihm, ein Jahr +früher verabschiedet zu werden; auf der Heimreise bekam +er Händel mit den Eisenbahnbeamten und um ein Haar +wäre es zur Schlägerei gekommen.</p> + +<p>Die Fälschung wurde entdeckt, und er wurde von +der Militärverwaltung reklamiert, darüber entrüstete er +sich heftig, bewaffnete sich wie ein richtiger Brigant und +begab sich in die Wälder. Aber er sah ein, daß er auf +diese Weise doch nicht durchkommen würde und stellte +sich der Militärbehörde in Catanzaro, die ihn wieder +nach Venedig zur Strafkompagnie schickte. Durch eine +günstige Beurteilung des Thatbestandes wurde er von +der Anklage der Desertion freigesprochen.</p> + +<p>Kaum wieder bei der Kompagnie, wurde er zu zwei +Monaten Wasser und Brot und zur Kettenstrafe verurteilt. +<span class='pagenum'><a name="Page_xv">[XV]</a></span> +Er hatte den Skorbut; nachdem er geheilt war, +kam er wieder in strengen Arrest bei Wasser und Brot +und so verbrachte er das ganze Jahr fast immer in +Arrest und in Ketten.</p> + + +<div class="new-h3"></div> +<h3>V.</h3> + +<p>Im September 1882 kehrte er zu seiner Familie +zurück, nachdem er vierzehn Jahre lang im Gefängnisse +und in der Strafkompagnie gewesen war.</p> + +<p>Zuerst empfindet M… selbst, daß ihm Bruder +und Schwägerin freundlich entgegenkamen. Und in der +That nahmen sie ihn liebevoll auf, ließen ihn an ihrem +Tische essen und gewährten ihm, was ihre finanzielle +Lage gestattete. Nichts in der Selbstbiographie deutet +an, woraus der Haß gegen den Bruder entsprungen sein +kann, er häuft nur Schmähungen und wüste Schimpfreden +gegen ihn. Aber wenn man die Antecedentien und +den Charakter des Antonino M… in Erwägung zieht, +so begreift man, daß zwischen den Brüdern keine Eintracht +herrschen konnte. Antonino lebte im Hause seines +Bruders in unhaltbarem Zustande, er konnte nicht zeitlebens +wie ein Sohn von seiner Schwägerin zwei Soldi +täglich für Tabak entgegen nehmen. Da er von sich eine +übertriebene Meinung hatte und den Bruder mißachtete und +ihn als Haupt der Familie haßte, so mußte Antonino +notwendiger Weise eines Tages das Bedürfnis fühlen, +fortzuziehen und für sich allein zu leben und mit der +Familie des Bruders vollständig zu brechen. Er that +es, und um die Position zu befestigen, nahm er sich +<span class='pagenum'><a name="Page_xvi">[XVI]</a></span> +eine Frau in der Person eines Mädchens aus Tropea, +eines sanften, zärtlichen Wesens, einer kleinen Madonna, +die sich ihm zum Weibe gab, besiegt von seiner Ueberredungskunst +und von Mitleid mit seinem Unglück.</p> + +<p>Neues Unheil hatte diese Verbindung im Gefolge.</p> + +<p>Das knappe ererbte Vermögen konnte nicht ausreichen, +außerdem hatte er keinen Hang zur Arbeit, war +liederlich, rauchte, trank und gefiel sich darin, sich vor +den andern beim Kaufen hervorzuthun. Sein Bruder stand +ihm immer als derjenige vor Augen, der den größeren +Teil des väterlichen Vermögens geerbt hatte, daher sein +Haß, sein unbändiger Neid, seine Rachgier gegen ihn. +Er erzählt selbst einen weiteren Grund und dieser bestand +darin, daß seine beiden Tanten zu Gunsten des +Sohnes des Michele testiert und so Antonino des zu +erwartenden Erbteiles beraubt hatten.</p> + +<p>So waren genug psychologische und thatsächliche +Motive vorhanden, um zu begreifen, in welcher Gemütsverfassung +Antonino gegen seinen Bruder war, und früher +oder später mußte der angesammelte Haß zum Ausbruch +kommen. Es war eine Lawine, die sich losgelöst hatte, +und immer wachsend, dem Abgrund zurollte, die Hindernisse, +die sich ihr in den Weg stellten, zerstörend. Antonino, +der sich mehr und mehr in seinen Zorn verbiß, machte kein +Hehl aus seinem Haß, er sprach öffentlich davon und +von seinen Rachegedanken, und schürte dadurch noch mehr +den Brand in seinem Innern; vielleicht dienten auch die +Ermahnungen der Vorsichtigen und die Vorhaltungen der +<span class='pagenum'><a name="Page_xvii">[XVII]</a></span> +Ruhigen dazu, seine Lust am Schrecklichen und seine +Neigung zur Rache noch zu verstärken.</p> + +<p>Sein argwöhnisches Temperament war eine natürliche +Folge seiner Eitelkeit. Der übermäßigen Anmaßung +entsprach immer der Argwohn, daß ihm von seiten der +andern nicht mit der nötigen Achtung begegnet werde und +daher die fortwährende Tendenz, sich verfolgt zu glauben. +Daher auch die übertriebene falsche Auslegung der Worte, +der Absichten, der Thaten anderer, besonders der Personen, +denen er stärkere Aufmerksamkeit schenkte und von +denen er für seinen Haß und seine Drohungen Kränkungen, +Beleidigungen, Verachtung und Unbill zu +empfangen glaubte. Zuerst mußte die Schwägerin den +Ausbruch des Sturmes spüren. Eines Tages begab er +sich in das Haus seines Bruders, und man weiß nicht +aus welchem Grunde, genug, er bedrohte sie mit einem +Revolver, der Bruder kam dazu, und es gelang ihm das Blutvergießen +zu verhindern, aber Antonino brachte ihm eine +Bißwunde in die Hand bei, mit welcher er ihm den +Revolver entriß. Es erfolgte die Klage und trotz der +heuchlerischen Verteidigung, der demütigen Erklärungen +und der wortreichen Beredsamkeit wurde Antonino zu +einem Monat Gefängnis verurteilt. Es würde dieses +Vorkommnisses nicht bedurft haben, um Antonino zu allen +Frevelthaten gegen seinen Bruder fähig zu machen, aber +es diente ihm in der Öffentlichkeit als Rechtfertigung für +seine schon offen ausgesprochenen Blut- und Rachegedanken.</p> + +<p>Von diesem Augenblick ab war das Leben des armen +Michele eine fortwährende Angst und Aufregung; er +<span class='pagenum'><a name="Page_xviii">[XVIII]</a></span> +traute sich nicht die Nase aus dem Fenster zu stecken +oder die Füße vor die Thür zu setzen, ohne die Überzeugung +zu haben, daß er von seinem Bruder getötet +würde, der ihm <i lang="la" xml:lang="la">coram publico</i> unaufhörlich nachstellte +und den Augenblick nicht erwarten konnte, wo er seinem +Bruder den Rest geben würde.</p> + +<p>Antonino erklärte öffentlich: Was mache ich mir aus +dem Gefängnis!? Ein halber Tag oder zwanzig Jahre +sind mir einerlei; ich werde Mann und Frau umbringen +und dann bin ich zufrieden.</p> + +<p>Er wußte, daß die Freunde seines Bruders ihn +durch einen Pfiff herauszurufen pflegten, und so versuchte +er eines Abends, ihn auf dieselbe Weise an das +Fenster zu locken. Aber der Bruder merkte, woher der +Pfiff kam, und antwortete nicht. Ein anderes Mal lauerte +er ihm auf und trat endlich mit einer Flinte bewaffnet +in das Haus seines Bruders.</p> + +<p>Öfter sah man ihn mit der Flinte am Fenster der +Küche stehen und warten, daß der Bruder sich am Fenster +seiner gegenüber liegenden Küche zeige. So fest stand +bei ihm der Plan, daß er Frau und Kinder fortschickte +und allein blieb, um sich ganz der Überwachung seines +Bruders und der Ausführung des Mordes zu widmen. +Und so trat denn endlich am 29. September 1889 das +ein, was <em class="gesperrt">notwendig</em> eintreten mußte.</p> + +<p>Es war ein Sonntag, und Antonino M… pflegte +alle Sonntag seine Familie, die er leidenschaftlich liebte, +in Tropea zu besuchen. Diesen Sonntag blieb er in +Parghelia; er wollte ein Ende machen. Er nahm eine +<span class='pagenum'><a name="Page_xix">[XIX]</a></span> +Doppelflinte, lud sie mit Schrot und mit einer Kugel +und stellte sich auf die Lauer. Aber der Bruder kam +nicht, er war drüben in der Küche mit seiner Frau und +einer Tante und zerkleinerte Holz. Antonino lief hinzu, +um in die Küche zu eilen, aber das Fenster war sehr +hoch. Er nahm eine Leiter, stellte sie ans Fenster, stieg +hinauf, sah den Bruder bei der Arbeit, nahm die Flinte +und schoß zweimal auf seinen Bruder, den er am Kopfe +verwundete.</p> + +<p>Kaum war das Verbrechen verübt, so lud er von +neuem und entfloh. Um freien Durchgang zu haben, +rief er: »Platz da, Platz da!« Niemand hielt ihn an, +denn alle kannten seinen blutdürstigen Charakter sowie +seine Geneigtheit zu Gewaltthätigkeiten, und wer ihn +sah, floh entsetzt beiseite.</p> + +<p>Einen Monat lang hielt er sich verborgen, endlich +am 27. Oktober 1889 wurde er in Monteleone auf +offener Straße verhaftet, nicht ohne daß er vorher einen +Verteidigungsversuch gemacht hatte, indem er an den +Staatsanwalt ein Schreiben gerichtet hatte, in welchem er +die That als das Werk eines Zufalls darstellte, in der +Hoffnung, daß diese plumpe Verdrehung der Thatsache +ihm irgendwie dienlich sein könnte.</p> + +<p>Nachdem er dem Gefängnis zu Monteleone übergeben +war, zweifelte man, ob M… im Vollbesitz seiner geistigen +Kräfte sei, und er wurde daher der Irrenanstalt zu Girifalco +zur Beobachtung überwiesen. Bei dieser Gelegenheit +hatte Venturi ihn zu studieren, und das Resultat dieser +seiner Studien wird weiter unten abgedruckt.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_xx">[XX]</a></span> +Vor dem Gerichtshof zu Monteleone im April 1891 +definierte Venturi ihn als einen <em class="gesperrt">geborenen Verbrecher</em>, +einen Menschen, der sich der Strafbarkeit seiner Handlungen +nicht so voll bewußt ist, wie es das Gesetz erfordert, +um eine Verurteilung aussprechen zu können. Er +schloß sein Gutachten folgendermaßen:</p> + +<p>»M… würde also nach dem geschriebenen Gesetz +für das begangene Verbrechen nicht verantwortlich oder +nur halbverantwortlich sein, da er es nicht bei vollem +Bewußtsein und in voller Freiheit seines Willens ausgeführt +hat.</p> + +<p>»<i lang="la" xml:lang="la">Quid faciendum!</i></p> + +<p>»Wenn er als unverantwortlich erkannt wird, wird +man ihn dann in Freiheit lassen?</p> + +<p>»Er würde versuchen, seinen Bruder wiederum zu +ermorden, und ohne Zweifel mit größerer Ruhe, da er +seine Straflosigkeit kennt und sich daher für berechtigt +hält, mit der ganzen menschlichen Gesellschaft aufzuräumen. +Soll man ihn in die Irrenstrafanstalt bringen, wie es +das Gesetz für diejenigen vorschreibt, welche in einem +krankhaften Hang zum Verbrechen leben, und denen die +Gelegenheit genommen werden soll, ein Verbrechen zu +wiederholen? Er würde zeitlebens darin verbleiben +müssen, denn es ist nicht vorauszusehen, daß M… +mit der Zeit seine Natur ändert, noch giebt es Heilmittel, +die das bewirken können. Wie soll das Ziel erreicht +werden, welches das Gesetz im Auge hat, um +einen sicheren Schutz gegen das Verbrechen zu schaffen, +ohne daß deshalb die Gesellschaft sich zu dem erlittenen +<span class='pagenum'><a name="Page_xxi">[XXI]</a></span> +Schaden noch mit der Sorge für den lebenslänglichen Unterhalt +des Verbrechers belasten müßte?</p> + +<p>»Die Antwort liegt mir auf den Lippen, aber ich +will sie nicht aussprechen, weil unsere Mondscheinromantik +vorschreibt, auch die zu lieben, die uns Böses thun, also +gerade das Gegenteil von dem, was die Natur thut, +welche durch ihre ewigen Kämpfe eine reinigende Zuchtwahl +vornimmt.</p> + +<p>»Meine Herren Geschworenen, die Strafirrenanstalt +in Italien ist ein Unding. Thatsache ist, daß die gefährlichen +Narren, die nicht für strafbar erkannt werden, +wieder frei herumlaufen, oder wenn sie ins Irrenhaus +gebracht werden, mit Hilfe ihrer Advokaten bald wieder +herauskommen. Und das Gesetz begünstigt ihre Entlassung. +Wenn M… zu zehn Jahren verurteilt wird, +so ist es so gut wie sicher, daß er während dieser Zeit +die Gesellschaft nicht belästigen kann.</p> + +<p>»Bedenken Sie: der Bruder hofft, daß er weder begnadigt +wird, noch vor der Zeit wegen guter Führung +entlassen wird. Alles kann daraus folgen!«</p> + +<p>Ehe die Verhandlung geschlossen wurde, hielt M… +eine Verteidigungsrede, die zwei Stunden dauerte. Er +sprach mit unerhörter Emphase, er ließ sich in seinem +Gedankengang und in der Erregung so sehr hinreißen, +daß er in einen förmlichen Zustand der Raserei geriet, +so daß man ihn beruhigen und die Sitzung unterbrechen +mußte. Das Publikum war der Ueberzeugung, daß er +für unzurechnungsfähig erklärt werden würde; der Bruder, +der ihn von draußen hörte, flehte Gott, die Sachverständigen, +<span class='pagenum'><a name="Page_xxii">[XXII]</a></span> +die Geschworenen an, daß er verurteilt werden +möchte. Wehe ihm, wenn er freigesprochen wurde. Er +traute dem Panacee der Strafirrenanstalt nicht.</p> + +<p>Während der ganzen Verhandlung gegen M… +war seine Familie, ein Engel von Weib, und seine hübschen +Kinder zugegen, und erschütterten durch ihr unaufhörliches +Weinen das Publikum. Er wurde unter der üblichen +Annahme mildernder Umstände zu sechzehneinhalb Jahren +Zuchthaus verurteilt.</p> + + +<div class="new-h3"></div> +<h3>VI.</h3> + +<p>Das ist der Mann, dessen Biographie ich veröffentliche; +das ist sein Leben inmitten der Hilfsmittelchen, +mit denen die Gesellschaft sich einbildet, sich selbst verteidigen +und verbrecherische Neigungen unterdrücken und +sogar bessern zu können.</p> + +<p>Aber anstatt Betrachtungen anzustellen, will ich +eine andere Seite seiner Individualität aufschlagen, ich +meine die physische und psychische Darstellung seiner Person. +Und dazu gebe ich einem Manne das Wort, der dazu +besser berufen ist als ich, dem Professor Silvio Venturi, +welcher mit wissenschaftlicher Genauigkeit die besonderen +Charakteristika des M… darlegen wird.</p> + +<div class="new-h4"></div> +<h4>Physische Untersuchung.</h4> + +<p>Wenige Tage nach der Einlieferung des M… in +die Irrenanstalt zu Girifalco schritt ich zu einer eingehenden +Untersuchung, die folgendes Resultat ergab.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_xxiii">[XXIII]</a></span> +<span class="gesperrt">Allgemeiner Befund</span>: Kräftiger Knochenbau, +starkes Fettpolster, Dolicocephale, Haar etwas spärlich, +dunkelbraun, ab und zu mit weißen Fäden durchzogen; +ziemlich hohe Stirn mit Längs- und Querfurchen. Die +Ohren gut gewachsen, aber leicht henkelförmig, Gegenleisten +kaum vorhanden, mit Spuren des Darwin'schen Höckers. +Die Augen in gleicher Höhe, im linken Auge eine Nickhaut, +Conjunktiva normal. Augenbrauen normal, rechts +stärker geschwungen als links. Das Wangenjochbein tritt +wenig hervor, weil mit Fettpolster bedeckt, der Gesichtsausdruck +ist schlaff und welk. Die Zähne sind unterbrochen. +Am Daumen der linken Hand eine Narbe, die +von einem schneidenden Werkzeug herrührt, ebenso eine +in der Leistendrüsengegend. Mehrfache Tätowierungen, +auf dem rechten Arm: <i>ors fuduli</i>, auf der Brust: <i lang="it" xml:lang="it">a +morte l'infame</i> (Tod der Schmach), auf dem linken +Arm <i>V</i> und <i>K</i>, auf dem Rücken der rechten Hand +<i>O</i> und <i>F</i>.</p> + +<table summary="Craniometrie"> +<caption><span class="gesperrt">Craniometrie</span>:</caption> +<tr> + <td><i lang="la" xml:lang="la">Diameter ant. post. maximus</i></td> + <td class="center einheit"><i>mm</i></td> + <td class="right">191</td> +</tr> +<tr> + <td><i lang="la" xml:lang="la">Diameter transversalis</i></td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">153</td> +</tr> +<tr> + <td>Kopfindex</td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">80</td> +</tr> +<tr> + <td>Horizontaler Umfang</td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">550</td> +</tr> +<tr> + <td>Vorderer (halber) Umfang</td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">275</td> +</tr> +<tr> + <td>Hinterer (halber) Umfang</td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">275</td> +</tr> +<tr> + <td><i lang="la" xml:lang="la">Curva longitudinalis</i></td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">300</td> +</tr> +<tr> + <td><i lang="la" xml:lang="la">Curva transversalis</i></td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">220</td> +</tr> +<tr> + <td><i lang="la" xml:lang="la">Diameter bifrontalis minimus</i></td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">95</td> +</tr> +<tr> + <td>Stirnhöhe</td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">60</td> +</tr> +</table> + +<table summary="Prosopometrie"> +<caption><span class='pagenum'><a name="Page_xxiv">[XXIV]</a></span> +<span class="gesperrt">Prosopometrie</span>:</caption> +<tr> + <td>Gesichtshöhe</td> + <td class="center einheit"><i>mm</i></td> + <td class="right">127</td> +</tr> +<tr> + <td><i lang="la" xml:lang="la">Diameter bizigomaticus</i></td> + <td class="center einheit"><i>"</i></td> + <td class="right">115</td> +</tr> +<tr> + <td>Gesichtsindex</td> + <td class="center einheit"><i>"</i></td> + <td class="right">30</td> +</tr> +</table> + +<table summary="Anthropometrie"> +<caption><span class="gesperrt">Anthropometrie</span>:</caption> +<tr> + <td>Größe</td> + <td class="center einheit"><i>m</i></td> + <td class="right">1,56</td> +</tr> +<tr> + <td>Weite der ausgestreckten Arme</td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">1,58</td> +</tr> +<tr> + <td>Brustumfang</td> + <td class="center einheit"><i>cm</i></td> + <td class="right">85</td> +</tr> +<tr> + <td><i lang="la" xml:lang="la">Linea jugulo-xifoidea</i></td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">16</td> +</tr> +<tr> + <td><i lang="la" xml:lang="la">Linea xifo-umbilicalis</i></td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">25</td> +</tr> +<tr> + <td><i lang="la" xml:lang="la">Linea umbilico-pubica</i></td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">15,05</td> +</tr> +<tr> + <td><i lang="la" xml:lang="la">Linea biiliaca</i></td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">29</td> +</tr> +<tr> + <td>Länge des Oberschenkels</td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">68,05</td> +</tr> +<tr> + <td>Länge des Unterschenkels</td> + <td class="center einheit">"</td> + <td class="right">30</td> +</tr> +<tr> + <td>Körpergewicht</td> + <td class="center einheit"><i>kg</i></td> + <td class="right">75,00</td> +</tr> +</table> + +<p>Kurzer dicker Hals – die <i lang="la" xml:lang="la">fossae</i> ober- und unterhalb +des Schlüsselbeins mit Fettpolster bedeckt – breite +Brust, die interkostalen Zwischenräume wenig sichtbar. +– Ausatmung auf beiden Seiten der Brust gleichmäßig +– Anzahl der Atmungen siebzehn in der Minute. Bei +Perkussion und Auskultation der Brust ist weder vor +noch nach der Atmung etwas Abnormales zu bemerken.</p> + +<p><span class="gesperrt">Blutumlauf</span>: Herzdämpfung von normaler Größe +– Herztöne rein – regelmäßiger und kräftiger Pulsschlag +– normale Funktion der Arterien.</p> + +<p><span class="gesperrt">Verdauungsapparat</span>: Zunge rein und feucht. – Ab +und zu leidet er an Schmerzen in den Eingeweiden. +<span class='pagenum'><a name="Page_xxv">[XXV]</a></span>– +Stuhlgang regelmäßig. – Bauch weich und unempfindlich +gegen Druck.</p> + +<p><span class="gesperrt">Geschlechtsapparat</span>: Geschlechtsorgane normal +– große Hoden. Die Untersuchung des Urins ergiebt +folgendes Resultat: strohgelbe Farbe – saure Reaktion – +Eiweiß und Zucker nicht vorhanden – kohlensaure Salze +in geringer Menge – alkalische und erdige Phosphate in +normaler Menge – Chloride ziemlich selten. – Bei mikroskopischer +Untersuchung erscheinen keine organischen +Gebilde.</p> + +<p><span class="gesperrt">Leberdämpfung</span> von normalem Umfang, indolent.</p> + +<p><span class="gesperrt">Milzdämpfung</span> normal.</p> + +<p><span class="gesperrt">Vasomotorische Erscheinungen</span>: Die hyperhämischen +Linien des Trousseau'schen Phänomens zeigen sich +rasch und dauernd auf der Brust wie auf dem Unterleib.</p> + +<p><span class="gesperrt">Wärmeerzeugung</span> normal.</p> + +<p><span class="gesperrt">Sensibilität</span>:</p> + +<p><span class="gesperrt">Tastgefühl</span>: Er fühlte die beiden Punkte des +Aethesiometers als zwei</p> + +<table summary="Punkte des Aethesiometers" class="tastgefuehl"> +<tr> + <td>auf</td> + <td>der</td> + <td>Stirn</td> + <td>rechts</td> + <td>in</td> + <td>der</td> + <td>Entfernung</td> + <td>von</td> + <td>42</td> + <td><i>mm</i></td> +</tr> +<tr> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>links</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>37</td> + <td>"</td> +</tr> +<tr> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>Schulter</td> + <td>rechts</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>86</td> + <td>"</td> +</tr> +<tr> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>links</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>72</td> + <td>"</td> +</tr> +<tr> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>Brust</td> + <td>rechts</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>89</td> + <td>"</td> +</tr> +<tr> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>links</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>82</td> + <td>"</td> +</tr> +<tr> + <td>"</td> + <td>dem</td> + <td>Unterleib</td> + <td>rechts</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>77</td> + <td>"</td> +</tr> +<tr> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>links</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>63</td> + <td>"</td> +</tr> +<tr> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>Schenkel</td> + <td>rechts</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>73</td> + <td>"</td> +</tr> +<tr> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>links</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>69</td> + <td>"</td> +</tr> +<tr> + <td><span class='pagenum'><a name="Page_xxvi">[XXVI]</a></span>"</td> + <td>der</td> + <td>Zunge</td> + <td>rechts</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>39</td> + <td>"</td> +</tr> +<tr> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>links</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>"</td> + <td>50</td> + <td>"</td> +</tr> +</table> + +<p><span class="gesperrt">Ortssinn</span>: Wenn man ihn an verschiedenen Punkten +des Kopfes und der Brust berührt, so vermag er den +Punkt anzugeben; auf dem Unterleib ist eine Differenz +von 4–5 <i>cm</i> vorhanden.</p> + +<p><span class="gesperrt">Schmerzempfindung</span>: Einen einfachen Stich +empfindet er in verschiedenen Körpergegenden gleich gut.</p> + +<p><span class="gesperrt">Wärmeempfindung</span>: Er faßt rasch und sicher die +Wärmeunterschiede verschiedener Gegenstände.</p> + +<p><span class="gesperrt">Sehvermögen</span>: Auf dem rechten Auge normal, +auf dem linken vermindert. – Farbensinn normal.</p> + +<p><span class="gesperrt">Gehör</span>: Auf dem rechten Ohr hört er das Ticken +der Uhr nicht, selbst wenn sie ihm direkt an das Ohr +gelegt wird, auf dem linken nur in einer Entfernung +von 15–20 <i>cm</i>.</p> + +<p><span class="gesperrt">Geruch</span>: Scheint nicht beeinträchtigt.</p> + +<p><span class="gesperrt">Geschmack</span>: Bei Experimenten mit Chinin und +Chlornatron konnte er den Geschmack nicht angeben. – +Bei Chinin sagte er nach verschiedenen Versuchen: Diese +Substanz scheint mir einen bitteren Geschmack zu haben.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit leidet er an Bauchschmerzen.</p> + +<p><span class="gesperrt">Abnormale subjektive Sensationen</span>: Er klagt +oft über Schwindel und heftigen Kopfschmerz – in der +linken Schläfe empfindet er auf einem Raum von der +Größe einer Hand oft ein Kribbeln, und es scheint ihm, +als ob die Haare sich daselbst sträuben.</p> + +<div class="new-h4"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_xxvii">[XXVII]</a></span></p> +<h4>Bewegungen.</h4> + +<p>Der Gang ist im Ganzen regelmäßig. Jede willkürliche +Bewegung geschieht leicht und vollständig.</p> + +<p>Die Pupillen sind zentral und rund, reagieren gut, +aber nicht gleichmäßig auf Licht- und Schmerzreiz; die +linke rascher als die rechte. Zunge und Lippen ruhig, +starkes Zittern der Hände.</p> + +<p><span class="gesperrt">Reflexivbewegungen</span>: Unterleibreflex normal; Hodenmuskelreflex +rechts stärker als links, Kniescheibenreflex +lebhaft.</p> + +<p><span class="gesperrt">Dynamometer</span>: r. H. 35; l. H. 35; beide Hände 45.</p> + +<div class="new-h4"></div> +<h4>Psychische Funktionen.</h4> + +<p><span class="gesperrt">Psychosensorielle Erscheinungen</span>: Die Wahrnehmung +ist in der Periode der Ruhe normal. Im Augenblick +der Erregung scheint er Sinnesstörungen unterworfen, +er sieht seine Feinde, die ihn bedrohen und beleidigen.</p> + +<p><span class="gesperrt">Gedankengang</span>: Wenn er ruhig ist, regelmäßig; +in der Erregung zeigt er fieberhafte und verworrene +Verfolgungswahngedanken. Er spricht allein gegen die +vermeintliche Ursache seiner Leiden, schimpft, schreit und +flucht; lebhafte Einbildungskraft, gutes Gedächtnis. Er +erinnert sich an alle Einzelheiten seines Lebens, nur +wenn man ihn nach seinen Verbrechen fragt, will er +sich nicht erinnern oder sie in einem Augenblick begangen +haben, wo er sich selbst nicht kannte. Aufmerksamkeit +rasch und lebhaft.</p> + +<p><span class="gesperrt">Stimmung</span>: Gewöhnlich trübe, nachdenklich; fragt +man ihn nach seinen Verbrechen, so wird er zerknirscht, +<span class='pagenum'><a name="Page_xxviii">[XXVIII]</a></span> +stützt den Kopf und weint. Er denkt liebevoll seiner +Familie und sagt, daß um seinetwillen Weib und Kinder +werden betteln gehen müssen.</p> + +<p><span class="gesperrt">Willen und Instinkt</span>: Er ist gelehrig, höflich, +fleißig. Er verkehrt mit den ruhigeren seiner Gefährten +und verträgt sich mit den andern. Wenn ihn die +gewöhnlichen Anfälle überkommen, ist er heftig, sonst +ruhig. Der Fortpflanzungstrieb ist normal; er ist ein +starker Onanist.</p> + +<p><span class="gesperrt">Bewußtsein</span>: Er weiß, daß er im Irrenhaus +ist, und auch, daß er beobachtet wird, um zu ermitteln, +ob er irrsinnig ist. Er empfiehlt sich der Gnade seiner +Vorgesetzten und versucht sie auf alle Weise zu überzeugen, +daß er sein Verbrechen in einem Augenblick des +Wahnsinns vollbrachte.</p> + +<p><span class="gesperrt">Sprache und Schrift</span>: Er spricht rasch, gut und +ziemlich formvoll, ebenso wie er leicht und eindringlich +schreibt, abgesehen von den Fehlern, die von seinem geringen +Bildungsgrad herrühren. Er macht Gedichte +von derbem und oft hochfliegendem Inhalt in sorgfältiger +Form. Die Stimme hat tiefe und kräftige +Färbung.</p> + +<p><span class="gesperrt">Gesichtsausdruck</span>: Rundes volles Gesicht wie +ein Fettkrämer. Die Augen hält er immer niedergeschlagen; +wenn er erregt wird, bewegt er alle Gesichtsmuskeln +und begleitet seine Worte durch Gesten.</p> + +<p><span class="gesperrt">Schlaf und Traum</span>: Er schläft gut und spricht +nie im Traum.</p> + +<hr style="display: none;"/> +<p style="margin-top: 4em;"><span class='pagenum'><a name="Page_xxix">[XXIX]</a></span> +M… wurde von Venturi einer mehrmonatigen +Beobachtung unterworfen; ich reproduziere seine Beobachtungen +während dieses Zeitraums.</p> + +<p><span class="gesperrt">Februar 1890.</span> Die ersten vier Tage nach seiner +Einlieferung war er erregt. Er sprach mit sich selbst, +hauptsächlich nachts, und fluchte auf ein Frauenzimmer, +das er die Ursache seines Unglücks nannte. Gefragt, +weshalb er im Irrenhause sei, antwortete er: <em class="gesperrt">wegen +einer verfluchten Sau, die mich verfolgt. Daß +ich verrückt bin, sagten in Parghelia alle, aber +diese Hure, meine Schwägerin, hat die Schuld</em>. +Er behauptet, sich an sein Verbrechen nicht zu erinnern. +Wenn er spricht, so schüttelt er den Kopf und alle Gesichtsmuskeln +geraten in Bewegung. Nach einem Tage +wurde er ruhig, bat, daß man die Zwangsjacke ihm +abnehmen möchte und versprach, sich gut zu führen. Er +möchte in der Schneiderstube beschäftigt werden. Wurde +bewilligt. Er scheint das Handwerk im Gefängnis etwas +gelernt zu haben.</p> + +<p><span class="gesperrt">März 1890.</span> Der Angeklagte giebt keine Ursache +zu Tadeln, er ist höflich und fleißig. Am 11. März +erwachte er schlechter Laune, sprach mit sich selbst, behauptete +Stimmen zu hören und jene Frau zu sehen, die er als +sein Unglück bezeichnet. Er fluchte gegen diese Frau, +knirschte mit den Zähnen und bedrohte sie. Er hatte +es auch mit einem Hauptmann zu thun, den er nicht +nennt, und der ihm zu drei Jahren Gefängnis verholfen +hätte. Nach fünf Stunden der Erregung mit anscheinenden +Hallucinationen beruhigte er sich. Später +<span class='pagenum'><a name="Page_xxx">[XXX]</a></span> +erklärte er auf Befragen, daß er starkes Kopfweh habe, +und behauptet, sich an nichts zu erinnern. Nachher bat +er um Entschuldigung, wenn er vielleicht jemand beleidigt +haben sollte. Am 12. ging er wieder in die +Werkstatt.</p> + +<p><span class="gesperrt">April 1890.</span> Immer ruhig, höflich, antwortet +verständig auf alle Fragen; hatte keinen Anfall mehr. +Heimlich schrieb er einen Brief, den er durch einen +anderen Kranken, der das Zutrauen der Vorgesetzten +besitzt, einer Person seiner Heimatstadt, die seine Familie +kennt, zustellen lassen wollte. Auch ein Brief an seine +Frau war dabei, in dem er ihr empfahl, guten Mut +zu haben, denn er sei zufrieden mit seinen Vorgesetzten. +Er bat um etwas Geld, um sich Zigarren zu kaufen. +Dann fügte er hinzu: »Sei unbesorgt und denke, daß +ich bald komme. Du weißt, was ich Dir mitteilen will. +Ich küsse Papa und Mama die Hand, und lasse die +Verwandten grüßen. Ich küsse und segne meine Kinder, +grüße Vetter S… Ich umarme Dich.«</p> + +<p>Am 14. gegen Abend war er sehr schlechter Laune; er +sprach mit sich selbst wie gewöhnlich, so daß man ihn nachts +allein unterbringen mußte; er fluchte gegen die bekannte +Frau, schlief sehr wenig. Am 15. war er niedergeschlagen, +promenierte auf dem Hof, weinte, sagte, daß +sein Nervensystem in Aufregung sei und daß er Ruhe +brauche. Er schien innerliches Fieber zu haben. Das +Schreien und Lärmen der Gefährten verletzte seine +Nerven; gegen Mittag wurde er wieder ruhig und verlangte +nach Arbeit.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_xxxi">[XXXI]</a></span> +Am 13. April wurde er aufgefordert, die Einzelheiten +des versuchten Brudermordes niederzuschreiben; +anfangs wollte er nicht, dann, nachdem man ihm gesagt +hatte, daß es ihm von Nutzen sein könnte, ließ er sich +dazu bereit finden.<a name="FNanchor_2_2" href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> – Mitten im Schreiben warf er +die Feder weg, und fing an zu schreien und zu fluchen, +und Bruder, Schwägerin und Verwandte zu bedrohen +und zu verwünschen. Man mußte ihn unschädlich machen. +Auf mehrmaliges Rufen antwortete er nicht; endlich +kam er herein und sagte, daß er es mit den Spilingoten +zu thun hätte, mit denen er sich schlagen wollte.</p> + +<p>Später wurde er ruhiger, zu Mittag wies er das +Essen zurück. Er sagte, daß er von den Schlägen, die +er bekommen hatte, vollständig gebrochen sei und große +Schmerzen leide.</p> + +<p>Dem Arzt gegenüber beklagte er sich über die Behandlung. +Sie, sagte er, lassen mich prügeln, daß es +eine Art hat, während ich mich um meine Angelegenheiten +kümmere; aber Sie werden es bereuen. Später +wurde er ruhig wie gewöhnlich und behauptete auf Befragen, +sich an nichts zu erinnern, bat auch um Entschuldigung, +wenn er jemand beleidigt haben sollte.</p> + +<p><span class="gesperrt">7. Mai.</span> Er wurde von neuem genau untersucht, +aber keinerlei Veränderungen wahrgenommen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_xxxii">[XXXII]</a></span> +Man sagte ihm, daß er den Kopf eines Poeten +habe; er antwortete rasch: Was nützt die Poesie? Dante +starb in der Verbannung, Tasso im Hospital. Er erinnerte +sich an alle Einzelheiten seines Lebens, nur +sagte er, daß ihm die Umstände nicht gegenwärtig seien, +welche zu dem Mord, den er in seinem 17. Lebensjahr +begangen hatte, führten.</p> + +<p><span class="gesperrt">17. Mai.</span> Immer ruhig. Gestern beleidigte ihn +ein Leidensgefährte, er prügelte ihn durch. Er wurde +bestraft, aber war nicht empört darüber. Seit einigen +Tagen sucht er einen Gefährten zur Flucht zu überreden. +Auf Fragen antwortet er zusammenhängend, +spricht gut von seinen Vorgesetzten, von denen er, wie +er sagt, gut behandelt wird, erinnert sich genau an die +Einzelheiten seines Lebens; wenn man ihm eine von +ihm gehaßte Person nennt, stößt er Flüche und Verwünschungen +aus. Er arbeitet in der Schneiderstube +und führt sich gut.</p> + +<p><span class="gesperrt">Juni 1890.</span> Betragen wie gewöhnlich; höflich, +dienstfertig, gehorsam; er ist es zufrieden, im Irrenhaus +zu bleiben, wenn seine Vorgesetzten es wollen. Er verlangt +Lektüre, versucht zu dichten, aber klagt selbst, daß +ihm die dichterische Ader und der Schwung fehlt. Er +versucht, die Vorgesetzten sich geneigt zu machen und sie +zu rühren, indem er sagt, daß seine Familie ohne ihn +betteln gehen müsse. Er schrieb einen langen Brief an +seine Frau, in dem er sich zufrieden und ergeben zeigt. +Eines Tages verlangte er ein Blatt Papier und schrieb +<span class='pagenum'><a name="Page_xxxiii">[XXXIII]</a></span> +einen Vers aus Dante: und einen halb rhetorischen, halb +wahnsinnigen Entwurf: »Der Gedanke«.</p> + +<p><span class="gesperrt">Juli 1890.</span> Er arbeitet fleißig in der Schneiderstube, +und sein Benehmen ist in jeder Beziehung untadelhaft. +In Worten und Briefen lobt er die Vorgesetzten, +daß sie Mitleid mit einem armen Unglücklichen +haben. Seiner Frau schreibt er, unbesorgt zu sein und +zu hoffen. »Sorge für das Wohl unserer Kinder und +achte darauf, daß ihnen kein Schaden zustößt.« »Ich +empfehle Dir,« sagt er ein anderes Mal, »immer heiter +zu sein und Dich mit Mut und Ergebung zu wappnen,« +und er prophezeit ihr eine glückliche Zukunft. Er +ist mit Allem und mit Allen zufrieden und verlangt und +wünscht nichts. –</p> + +<p>Damit schließt die Beobachtungsperiode des M…</p> + +<div class="new-h4"></div> +<h4>Diagnostische Erwägungen.</h4> + +<p>Nachdem so die Persönlichkeit des Antonino M… +dargestellt ist, nachdem auch seine physische Beschaffenheit +mit Rücksicht auf die körperliche Entwickelung und +die Funktionen des vegetativen Lebens genau untersucht +ist, nachdem alles in Erwägung gezogen ist, was während +der Zeit, wo er in Observation war, in die Erscheinung +getreten ist, wobei keine Gelegenheit und kein Mittel +unbenutzt gelassen sind, um normale Veranlagung und +krankhafte Neigungen zu entdecken, werden wir jetzt alles +darlegen, was zu einem diagnostischen Urteil über den +Geisteszustand des M… führen kann.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_xxxiv">[XXXIV]</a></span> +Wir fanden bei Antonino M…:</p> + +<ol class="decimal"><li><p><span class="gesperrt">Erbliche krankhafte Veranlagung.</span> Wir +wollen auf die Mitteilungen über diesen Punkt kein +Gewicht legen, da sie von der Ehefrau des M… +herstammen, die an der Verteidigung interessiert ist. +Dennoch ist eine Wahrscheinlichkeit vorhanden. Wie wir +später sehen werden, läßt sich der krankhafte Charakter +des M… als ein Komplex von Anomalien der Entwickelung +darstellen, der nicht individuellen Ursprung haben +kann, sondern ihm von seiner Familie überkommen sein +muß, insofern er nämlich, abgesehen davon, daß er sie +schon in sehr jugendlichem Alter zeigt, einen angestammten +Mangel an dem Halt zeigt, vermittelst dessen Leute aus +gesunden Familien gewöhnlich zum Gleichgewicht der geistigen +Kräfte und der Nervenfunktionen gelangen.</p></li> + +<li><p><span class="gesperrt">Gewohnheitsmäßigen Hang zum Verbrechen.</span> +M… hat von seinem 18. Jahr bis heute +in einer ununterbrochenen Kette von Verbrechen gelebt, +die ohne Ausnahme alle nicht durch genügende, der +Gesamtwirkung entsprechende Motive erklärt sind.</p> + +<p>Deshalb ist kein Zweifel, daß man in M… +eine Disposition zum Verbrechen annehmen muß, die an +seine Konstitution gebunden ist. Es giebt keinen Fall, +an dem man besser zeigen kann, daß es Verbrecher giebt, die +es erst durch natürlichen Hang zum Verbrechen geworden sind. +Das zeigt auch die Erwägung, daß er eine gewisse Art von +Verbrechen und keine anderen begeht; in seiner Persönlichkeit +ist immer das Movens zu einem Verbrechen gegeben, er +<span class='pagenum'><a name="Page_xxxv">[XXXV]</a></span> +findet in jeder gegebenen Bedingung der Umgebung oder +der Gesellschaft einen Anlaß, mit Gewaltthätigkeiten, Aufruhr +und Blutthaten zu antworten, und er kann deshalb aus den +verschiedensten Gesichtspunkten als der prägnanteste Typus +des antisozialen Menschen bezeichnet werden. Strafen, +Leiden, Vorwürfe, Entfernung vom Vaterland und den +Angehörigen hatten keinen Einfluß auf die Ausbrüche +seiner Natur. Er war und ist eine Gestalt des <em class="gesperrt">instinktiven +Verbrechers</em>, aus der Klasse der unmoralischen +blutdürstigen Verbrecher. Ich hebe die bemerkenswerte +Thatsache hervor, daß M… keinen Hang zum Diebstahl gehabt +zu haben scheint. Unter den geborenen Verbrechern, den +krankhaften Produkten individueller Entwickelung oder konstitutioneller +Krankheit muß man mehrere Typen unterscheiden, +welche gemeinsame und verschiedene Charakterzüge haben, +die die Grenze zwischen den einzelnen bezeichnen, ohne +deshalb die Thatsache auszuschließen, daß in demselben +Individuum ein gemischter Typus auftreten kann. Nach +den Ermittelungen hervorragender Kriminalisten sondern +sich die Diebe von den Mördern und den Verbrechern +gegen die guten Sitten, welche letztere auch Mörder +und Diebe sein können, aber die Unterscheidung zwischen +den beiden ersteren ist häufiger. Das entspricht mit +großer Deutlichkeit dem klinischen Typus, den M… +als Verbrecher der zweiten Klasse darstellt. Wir sagen +das, weil seine päderastischen Anwandlungen von besonderen +Umständen hervorgerufen und vorübergehend waren, +und nicht zu anderen sexuellen Scheußlichkeiten sich entwickelten, +die sonst den Sexualperversen eigen sind. Auch +<span class='pagenum'><a name="Page_xxxvi">[XXXVI]</a></span> +die Fälschung, die er einmal beging, kann man nicht +als dem Diebestypus zuzuzählen bezeichnen, denn die +Absicht, in der er sie beging, war vielmehr der Ausdruck +eines Mangels an moralischem Gefühl, als eine Tendenz +zu den Verbrechen, zu welchen Verstellung, Vorbereitung, +Zähigkeit und gemeiner Charakter gehören. Der Umstand, +daß M… sich auch in seiner Straf- und Dienstzeit +wiederholt über Geldmangel beklagt, ohne daß er, wenigstens +soviel wir wissen, sich zum Stehlen hat hinreißen +lassen, zeigt, wie sehr der besondere und unbezwingliche Hang +zum Verbrechen der natürliche Effekt seiner Konstitution +und nicht außerhalb seines Organismus wirkender Bedingungen +war. M… zeigt, abgesehen von einer besonderen +Hartnäckigkeit und einer raschen Auffassungsgabe, +die ihn unter seinen Gefährten hervorragen läßt und ihm +leicht die Mittel zum Verbrechen und zur Verteidigung +in die Hand giebt, eine der gewöhnlichen Intelligenz +der Verbrecher überlegene Intelligenz, welche seinen +Geist zu Urteilen allgemeinerer Art führt, so daß er +den Rohstoff zu einem Schriftsteller und Philosophen in +sich trägt.</p> + +<p>M… war und ist auch besonderer Affekte des +Hasses und der Liebe fähig, die an Intensität, Art und +Färbung sich sehr von denen unterscheiden, welche bisweilen +einen weniger unedlen Zug des gewöhnlichen Verbrechers +bilden, bei dem es schon viel ist, wenn er inmitten +der vielen Beweise für einen weitgehenden Mangel +an moralischem Gefühl irgend eine zärtliche Neigung +oder eine anscheinende Edelmütigkeit entwickelt, wenn +<span class='pagenum'><a name="Page_xxxvii">[XXXVII]</a></span> +er Personen oder Umständen sich gegenüber befindet, +die sein Gelüst oder sein Interesse nicht reizen.</p> + +<p>Man weiß, in welche Übertreibung eine gewisse +Bewunderung für die Affekte und den Großmut der Verbrecher, +besonders der Briganten, ausgeartet ist. M… +ist ein geborener Verbrecher, bei dem die Perioden, wo +er wild, grausam, heftig, falsch, verworfen, zornig, hochmütig, +argwöhnisch &c. &c. ist, mit anderen abwechseln, +wo er weniger wild gewesen und sogar teilweise edelmütig +und liebevoll ist. Deshalb muß man festhalten, +daß M… als Verbrecher nicht von der Geburt allein +den ganzen Umfang seiner krankhaften moralischen Disposition +habe. Der geborene Verbrecher hat als krankhafte +Individualität seine Analogien mit stark nervenkranken +und seelenkranken Personen, bei denen die Krankheit +eine Folge von Entwickelungsanomalien infolge ererbter +Ursachen oder eine Folge von Einflüssen degenerierender +Art ist, die sich im Verlauf des Lebens geltend +machen. Insbesondere hat der geborene Verbrecher +Analogie mit dem Epileptiker und dem moralisch Irren. +Wir wollen sehen, worin bei M… diese Analogien +bestehen.</p></li> + +<li><p><span class="gesperrt">Anzeichen epileptischer Natur.</span> Diese finden +sich überall in M…'s Leben, und es genügt ganz +allgemein, auf die exzessiven Zustände hinzuweisen, die +immer die Handlungen und Gedanken des M… +begleiteten.</p> + +<p>M… hat alle moralischen Eigenschaften der +Epileptiker – er ist cholerisch, aufbrausend, ausschweifend, +<span class='pagenum'><a name="Page_xxxviii">[XXXVIII]</a></span> +grausam, verleumderisch, argwöhnisch, neidisch, eitel und +übertrieben im Haß und in der Liebe. Man kann sagen, +daß jede gute That und jedes Verbrechen aus der einen +oder der anderen krankhaften Eigenschaft seines Temperaments +hergeleitet werden kann. Und wenn M… +ein geborener Verbrecher ist, weil bei ihm das Verbrechen +nicht nur gewohnheitsmäßig und unwiderstehlich und durch +unverhältnismäßige Anlässe hervorgerufen erscheint, sondern +auch, weil die Neigung zum Verbrechen mit der Entwickelung +seiner physischen und psychischen Persönlichkeit +wuchs, und er sie erblich überkommen hatte als Ausdruck +einer unstäten und krankhaften Naturanlage, so kann man +sagen, daß sein Verbrechertum sich in seinen einzelnen +Zügen immer durch den Mechanismus epileptischer Momente +manifestierte: M… ist ein geborener Verbrecher, +der regelmäßig unter der Wirkung epileptischer Anfälle +Verbrechen begeht. Er stellt mit einem Wort die Form +des gewohnheitsmäßigen epileptischen Verbrechertums dar.</p> + +<p>Ein Beweis für die epileptische Natur des M… +ist die Periodizität, in welcher sich sein krankhaftes Temperament +äußert, indem die Zeiten, wo er ganz Zorn, Haß +und Rachsucht ist, mit solchen abwechseln, wo er sanft, +freundlich, milde, verliebt &c. ist.</p> + +<p>Aber nicht nur auf Ausdrücke des Temperaments +beschränkte sich die psychische Epilepsie des M…, um +diese psychische Epilepsie zu bestätigen, hatte er auch zuweilen +wirkliche heftige Anfälle einer epileptischen Verrücktheit. +Einmal, zur Zeit der Cholera, hatte M… +einen Augenblick des Deliriums, das man als eine vorübergehende +<span class='pagenum'><a name="Page_xxxix">[XXXIX]</a></span> +Verrücktheit epileptischer Natur bezeichnen +kann. Ein ander Mal wurde er zu Hause in seinem +Zimmer aufgefunden als Opfer einer geistigen Störung, +die bald nachher sich entfernte.</p> + +<p>In meiner Anstalt litt er dreimal an Anfällen weitergehender +Verrücktheit, die heftig auftraten und sich als +Störungen des Gedankenganges, Wutausbrüche, schreckhafte +Hallucinationen des Gefühls und des Gehörs, +Mordgelüste charakterisierten, denen Schlafsucht, Abgespanntheit, +Niedergeschlagenheit und Kopfschmerz +folgten.</p> + +<p>Diese Anfälle waren unzweifelhaft epileptischer Natur, +weil sie sich mehrere Male wiederholten und auf der +Basis eines epileptischen Temperaments und ererbter +krankhafter Anlagen sich entwickelten. Abgesehen davon, +daß sie im wesentlichen in schreckhaften Fiebern und +Gefühlshallucinationen bestanden.</p></li> + +<li><p><span class="gesperrt">Veränderungen des moralischen Gefühls.</span> +Das Leben des M… ist übervoll von Verstößen +gegen die Gefühle der Menschlichkeit, der Verwandtschaftlichkeit +und der Gerechtigkeit. Alle seine Verbrechen +stehen in keinem Verhältnis zu der Schuld des Opfers, +in jedem Fall zeigte er einen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl +und Mitleid. Er haßte seinen Bruder und seine +Schwägerin, ohne daß er in seinen Schriften auch nur +einen einzigen Grund dafür angeben kann und nur, weil +er neidisch auf sie ist, die frei und ruhig leben können; +während der Bruder nie seine verwandtschaftlichen +Pflichten versäumt zu haben scheint. Sein Benehmen +<span class='pagenum'><a name="Page_xl">[XL]</a></span> +gegen seine Genossen im Gefängnis und im Heer, seine +Zugehörigkeit zur Camorra zeigen seine Perversität zur +Genüge. Aber auch hier greift dieselbe Ausnahme statt +wie bei der verbrecherischen Natur des M…; nicht +in allen Fällen und nicht allen Dingen gegenüber zeigte +er den Mangel an moralischem Gefühl. Unter gewissen +Umständen war er menschlich, anständig, edelmütig, und +gewissen Personen zeigte er lebhafte und andauernde +Zärtlichkeit. In Foggia, wo er in enger Freundschaft +mit den Camorristen lebte, rettete er einen Gefährten +vor der Rache der Camorra, er liebte und bewunderte +den Hauptmann der Strafkompagnie, war im allgemeinen +ein guter Kamerad und liebte sein Weib und seine +Kinder mit seltener Kraft. Dies zeigt einerseits, daß +M… nicht an einem vollständigen Mangel moralischer +Gefühlt litt, der Blödsinn gewesen wäre, und +andererseits beweist es zur Evidenz, daß die Veränderungen +des moralischen Gefühls an die Bedingungen +geknüpft waren, die ich als epileptische bezeichnet habe +und die bisweilen die ganze Persönlichkeit des M… +nach der einen oder anderen Richtung hin verändern. +Deshalb stützen auch die Änderungen des moralischen +Gefühls die Ansicht, daß der gewohnheitsmäßige Hang +zum Verbrechen, der stets in ihm lebendig war, das +Produkt bestimmter krankhafter Konditionen gewesen sei, +die sich auf die Manifestation der epileptischen Art beziehen, +welche intensive periodische Änderungen der Persönlichkeit +bewirken und besondere Arten zu empfinden, +zu wollen und zu handeln hervorbringen. M… ist +<span class='pagenum'><a name="Page_xli">[XLI]</a></span> +demnach nicht der geborene Verbrecher, der Verwandtschaft +mit dem Epileptiker und dem moralisch Irren hat, +er ist vielmehr im wesentlichen ein Epileptiker, welcher +gewohnheitsmäßig kraft der Anreizungen und der krankhaften +Empfindungsart seiner epileptischen Natur Verbrechen +begeht.</p> + +<p>Mit anderen Worten, in seinem Fall sind es nicht +die Epilepsie oder der moralische Irrsinn, welche das +angeborene Verbrechertum vervollständigen, sondern umgekehrt, +das Verbrechertum und der moralische Irrsinn +sind Ausdrucksweisen seiner Epilepsie.</p></li> + +<li><p><span class="gesperrt">Geniale Momente.</span> Die Lektüre der umfangreichen +Schrift M…'s läßt erkennen, daß er eine +lebhafte Intelligenz besitzt, die über das Mittelmaß +hinausgeht und von Zeit zu Zeit zu Geistesprodukten +gelangt, die genial genannt werden können. Das zeigt +sich in seiner wirkungsvollen, präzisen, energischen Schreibweise, +in der glücklichen Wiedergabe einer Situation durch +ein einziges Wort, in einzelnen Dichtungen, in denen die +kräftige und glühende Auffassung geradezu wunderbar ist. +Auch darin zeigt sich wieder sein Temperament, welches +in jedem Fall excessiv, gigantisch ist, und welches sich +gelegentlich zu dem erhebt, was man gewöhnlich Augenblicke +der Inspiration nennt.</p></li> + +<li><p><span class="gesperrt">Verfolgungs- und Größenwahnideen.</span> +M… war ein Individuum, das die Dinge von +hervorragend subjektivem Standpunkt ansah. Er hatte +seltene Augenblicke der Ruhe, wo er bis zu einem gewissen +Grad von seiner eigenen Individualität zu abstrahieren +<span class='pagenum'><a name="Page_xlii">[XLII]</a></span> +und die Dinge gerecht und billig zu beurteilen vermochte.</p> + +<p>Alle Personen, so uninteressant und unwichtig sie +für sein Leben auch gewesen sein mögen, er beurteilte +sie immer als Freunde oder Feinde seines Ichs. Die +Vorgesetzten, Gefährten, Beamten, Wächter waren entweder +sehr schlechte oder sehr gute Leute. Entweder +thaten sie ihm Unbill an, oder sie erwiesen ihm Höflichkeiten. +Eine solche Art zu denken und zu urteilen ist +den Personen eigen, die wir erblich belastet nennen, und +die nicht genügend Mäßigung und Halt besitzen, sodaß +sie automatischen Handlungen und Reflexen leicht unterworfen +sind. Es sind Individuen, bei denen, wenn man +so sagen darf, der Wille durch eine besondere Art zu empfinden +beherrscht wird, wodurch alle ihre Handlungen +eine gewisse Widerstandslosigkeit bekommen. Das klare +Bewußtsein läßt sie oft im Stich, wenn auch sonst +Intelligenz und Urteilskraft vorhanden ist, und sie urteilen +über eine Fülle von Eindrücken, die durch ihre +vorschnelle, übertriebene und irrige Art zu empfinden gefälscht +werden. In diesen Fällen hat das den Dingen +gegenübergestellte »Ich« das ausschließliche Übergewicht, +und die Dinge sind oder sind nicht, je nachdem wie dieser +oder jener Empfindungsmodus in dem Individuum es +bestimmt. Je nachdem, ob sie entschlossen sind, die Dinge +schmerzlich oder angenehm zu erfassen, schaffen sie sich +eine systematische Disposition von größerer oder geringerer +Intensität, um von schwierigem oder leichtem Temperament +zu sein und sich verfolgt oder befriedigt zu fühlen. +<span class='pagenum'><a name="Page_xliii">[XLIII]</a></span> +Im allgemeinen wird jedoch aus der eben beschriebenen +Hyperästhesie eine Gemütslage geschaffen, welche je nach +den Augenblicken oder den Dingen wechselt, und so folgen +sich abwechselnd angenehme und unangenehme Dispositionen. +Der Exzessive, der von Natur argwöhnisch ist, +ist gewöhnlich auch hochmütig, der Verfolgte ist auch stolz. +Abgesehen von der Abnormität des Geistes wäre die +Logik vollkommen. M… hatte, gleichzeitig mit dem +Glauben, überall verfolgt oder geachtet, verraten oder +geliebt zu werden, immer eine hohe Meinung von seinem +Wert und seinen Verdiensten, und eine Art selbstherrlicher +Gerechtigkeit, welches ihm oft das Verbrechen, welches +er begeht, als eine gerechte That erscheinen läßt. Zuweilen +erreicht seine Disposition zum Argwohn und zum +Hochmut den Grad eines wirklichen Deliriums. Der +Haß gegen den Bruder und die Schwägerin ist nicht +mehr und nicht weniger als ein Verfolgungswahn, denn er +wuchs ohne einen Schatten genügenden Grunds und nährte +sich von rein imaginären Ansichten. Der Zorn gegen +den zweiten Hauptmann der Strafkompagnie steigerte sich +zur wahnsinnigen Heftigkeit. Seine Beredsamkeit in der +Verteidigungsrede vor dem Militärgericht und dem +Gerichtshof zu Monteleone zeigte krankhafte Selbstüberhebung. +Welche Beziehungen hat nun diese Disposition +zur Verfolgungs- und Selbstüberhebungswahnidee mit +der epileptischen Natur, dem gewohnheitsmäßigen Verbrechertum +und dem moralischen Irrsinn des M…? +Wir haben gezeigt, daß die Epilepsie nicht jene gewöhnliche +unverhüllte war, die sich in konvulsivischer Manifestation +<span class='pagenum'><a name="Page_xliv">[XLIV]</a></span> +äußert, sondern daß sie sich vielmehr darauf +beschränkt, eine sogenannte psychische Epilepsie zu sein, +die sich in gelegentlichen psychischen Störungen äußert.</p> + +<p>Anstatt der Konvulsionen ist sie vorwiegend eine +auf den Ausdruck des epileptischen Temperaments beschränkte +Epilepsie. Sie ist eine, wie ich es nenne, +<em class="gesperrt">diffuse</em> Epilepsie, will sagen, die Wirkung eines +Moments unvollständiger Entwicklung der Epilepsie selbst, +welche durch eine Serie epileptischer Individualitäten +hindurch sich ausgestaltet, bis sie den Gipfel der selbstthätigen +Impulsion erreicht hat, die auf einen beschränkten +Zeitraum (epileptischer Anfall) und einen bestimmten +Sitz im Gehirn beschränkt ist; anderenteils ist sie bei +M… auf der Staffel der Ausgestaltung nicht mehr +soweit zurück, daß sie nicht in gewissen epileptischen Anfällen +zum Ausdruck gelangt, die als Zeichen ihrer +Unreife die Möglichkeit zeitlicher Beschränkung und die +rasche und leichte Veränderlichkeit des Temperaments +aufweisen. Daher die seltsame Wandelbarkeit des M…, +unmoralisch, grausam, sanft und poetisch. Der argwöhnische +und selbstgefällige Habitus des M… ist nichts anderes +als der rudimentäre Ausdruck jener psychischen Manifestationen, +die während des epileptischen Anfalls hyperbolische +Wahnsinnsformen annehmen und neue und akute +Bewußtseinszustände und Handlungen schaffen.</p> + +<p>Auch die Thatsache, daß M…'s Dispositionen +zum Delirieren nicht in einem gewöhnlichen Anfall ihren +Ursprung hatten, sondern im Laufe der Entwickelung +seiner Person wuchsen und hierbei Gestalt und Intensität +<span class='pagenum'><a name="Page_xlv">[XLV]</a></span> +aus den Konditionen der anderen krankhaften Anzeichen +gewannen, zusammen mit der Erwägung, daß die beiden +Formen des Deliriums nicht wie bei der gewöhnlichen +Entwickelung der Paranoia auf einander folgten, sondern +ohne logische Beziehung neben einander aufwuchsen als +Äußerungen der besonderen Disposition zur Reaktion, +beweist, daß sie nur Äußerungen der degenerierten +erblich überkommenen konstitutionellen Natur des M… +sind.</p> + +<p>Dieser M… leidet demnach, um unser Urteil +zusammen zu fassen, soweit die historischen und psychologischen +Beweise ergeben, an nervös-psychischer Degeneration, +welche sich durch dunkle, rudimentäre und vielfältige +Manifestationen äußert. Wenn die Epilepsie des +M… sich in der einen oder der anderen Weise mit +großer Intensität geäußert hätte, so würde sie eine geringere +Mannigfaltigkeit der Äußerungen und sich als isolierte +Form gezeigt haben. So ist zu schließen, daß +M…, der im Grunde und hauptsächlich Epileptiker +ist, auch ein Verbrecher, ein moralisch Irrsinniger, ein +Genie und ein an Verfolgungs- und Größenwahn Leidender +ist.</p> + +<p>Vielleicht würden, wenn die degenerierte Natur des +M… weniger ausgesprochen wäre, als sie es wirklich +ist, die einzelnen krankhaften Erscheinungen von der Epilepsie +weniger in Abhängigkeit gestanden haben, und +würden anstatt die Schwestern, vielmehr die Töchter +einer krankhaften Gesamterscheinung sein, die wegen der +Differenzierung und Entwicklung der einzelnen Symptome +<span class='pagenum'><a name="Page_xlvi">[XLVI]</a></span> +sich aufgelöst hätte, ohne uns zur Erkenntnis zu gelangen. +In dem Grade, wie die Epilepsie bei M… +herrschte, konnte sie, wenn nicht als die Wurzel, so +doch als der Stamm erscheinen, um den die krankhaften +Erscheinungen hervortreten. Daher die wichtige +Erwägung, daß die Disposition zum Verfolgungs- und +Größenwahn mächtig dazu beitrug, den epileptischen +Mechanismus in Bewegung zu setzen, durch den das +Verbrechen ihm entsprang, insofern als diese Disposition +in ihm den Boden schuf für die falsche Abschätzung, +der die Reaktion entsprach, die ihrerseits mit der +Größe der Beleidigung in keinem Verhältnis stand.</p> + +<p>Wir wollen sehen, ob unser Urteil durch die +physische Untersuchung gestützt wird, die wir wiederholt +an M… angestellt haben.</p></li> + +<li><p><span class="gesperrt">Anomalien im Körperbau.</span> Unsere sorgfältigen +Untersuchungen haben zunächst einige Anomalien +im Körperbau entdeckt, welche zwar keinen hohen Grad +erreichen, die dennoch nicht übersehen werden dürfen. +Es liegen vor:</p> + +<ol class="alpha"><li>Leicht henkelförmige Ohren.</li> +<li>Spuren von Darwin'schem Höcker.</li> +<li>Kurzschädel.</li> +<li>Unterbrochene Zähne.</li></ol> + +<p>Diese Anomalien sind hervorragend atavistischer +Natur, sie enthüllen ein Zurückbleiben in der körperlichen +Entwicklung und erinnern an anatomische Gebilde, +die bei den Tieren ersichtlich sind, mit denen der Mensch +<span class='pagenum'><a name="Page_xlvii">[XLVII]</a></span> +möglicherweise gleichen Ursprung hat. Der Kurzschädel +würde an und für sich wenig Bedeutung haben, aber +sie gewinnt, weil M… Kalabreser ist, wo der Langschädel +die Regel ist, so daß das Gegenteil eine gewisse +Rassendegeneration andeutet.</p></li> + +<li><p><span class="gesperrt">Anomalien in der Sinnesempfindung.</span> +Hier finden wir die größten Anomalien. M… hat:</p> + +<ol class="alpha"><li>Subanästhesie des Tastgefühls am ganzen +Körper, aber mehr auf der rechten Seite, +mit Ausnahme der Zunge, wo sie auf der +linken Seite größer ist.</li> + +<li>Verringerte Sehkraft auf dem rechten Auge.</li> + +<li>Fehlen des Gehörs auf der rechten und sehr +schwaches Gehör auf der linken Seite.</li> + +<li>Sehr schwaches Geschmacksvermögen.</li></ol> + +<p>Diese Anomalien der Sinnesempfindungen haben +Wert als funktionelle Anomalien, die oft mit der +Epilepsie verbunden sind.</p></li> + +<li><p><span class="gesperrt">Tätowierungen.</span> Die Tätowierung ist bei M… +ein klinisches Phänomen, und hat einen hervorragenden +psychologischen, soziologischen und pathologischen Wert. +Die Tätowierung erscheint bei den Gefängnisinsassen, +selten bei den Soldaten, welche Rachepläne und Erkennungszeichen +unter der verbrecherischen Gesellschaft +verabreden. Für den Schmerz, den die Tätowierung +mit sich bringt und der gesunde Personen davon zurückhält, +zeigen die Verbrecher eine gewisse Unempfindlichkeit +<span class='pagenum'><a name="Page_xlviii">[XLVIII]</a></span> +und setzen sich demselben freiwillig aus. Die Tätowierung +zeigt deutlich die Leichtfertigkeit und die Eitelkeit, die +dem gewohnheitsmäßigen Verbrecher eigen sind, und +die in ihm Gewissensbisse nicht aufkommen lassen und +ihm eine Empfindung des eitlen Ruhms und der +Überlegenheit verleihen.</p></li> + +<li><p><span class="gesperrt">Subjektive Empfindungsstörungen.</span> Er +leidet an Schwindel, heftigen Kopfschmerzen, glaubt, daß +das Haar sich ihm sträubt, und empfindet nervöse Abspannung +in mehr oder minder naher Beziehung mit +epileptischen Vorkommnissen.</p></li> + +<li><p><span class="gesperrt">Anomalien der Bewegung.</span> Unter dieser +Rubrik verzeichnen wir:</p> + +<ol class="alpha"><li>Schwachen Reflex der Pupillen;</li> +<li>Zittern der Hände;</li> +<li>geringe dynamometrische Kraft.</li></ol> + +<p>Alle diese Eigentümlichkeiten sind den Familien der +erblich Degenerierten mit ungenügender Entwickelung +gemeinsam, von denen die Blödsinnigen, die Nervösen, +die Verbrecher, die moralisch Irrsinnigen und die, welche +leicht in frühzeitige Paranoia verfallen, herstammen.</p></li> +</ol> + +<p>Alle diese Anomalien vervollständigen das Bild, +welches die historisch-psychische Betrachtung des M… +ergab. Sie beweisen, daß der Körper des M… eine +Verzögerung und Ungleichheit der Entwickelung erfahren +hat, aber diese Anomalien sind im einzelnen nicht genügend +entwickelt, um eine derselben besonders hervortreten +zu lassen. Auch hier hat sich die reversive Degeneration +<span class='pagenum'><a name="Page_xlix">[XLIX]</a></span> +des M… auf einen rudimentären Grad +beschränkt; daher das gleichzeitige Auftreten so vieler +funktioneller Manifestationen verschiedener oder unentwickelter +Natur.</p> + +<p>Das pathologische Fundament der nervös-psychischen +Anomalien des M… haben wir hauptsächlich in der +Epilepsie gefunden, um welche sich als symptomatische +oder coordinierte Erscheinungen alle anderen reihen: +Verbrechertum, moralischer Irrsinn, Genialität, Verfolgungs- +und Größenwahn. Das pathologisch-anatomische +Fundament der Anomalie des Körperbaues, der +Sinnesempfindungen und der Bewegungen tritt nicht +so evident hervor, aber es ist ohne Zweifel die gehemmte +Entwickelung der morphologischen Konstitution +der Nervenzentren. Wie die psychische Epilepsie nicht +bis zu den konvulsivischen Störungen vorschritt, so sind +auch die Störungen des anatomischen Baues rudimentär, +auch mit Beziehung zur Epilepsie, da sie nicht so +weit gehen, dem Schädel die sonst bei den anderen +Formen der Epilepsie gewöhnliche Form des Plattkopfes +zu geben. Das Benehmen des M… in dem Irrenhause +war ein solches, wie man es nach Kenntnis und +Schätzung seiner Antecedentien erwarten konnte. M… +war intelligent, vielleicht glaubte er, daß das Irrenhaus +und das Urteil der Irrenärzte allein ihn der Justiz +entziehen könnte. Zuversichtlich und selbstvertrauend +hatte er den festen Vorsatz, zum Ziel zu gelangen. +Auch er hatte seine Periode gewöhnlichen Simulantentums, +worin sich die Eile, das gewünschte Urteil zu +<span class='pagenum'><a name="Page_l">[L]</a></span> +erlangen, äußerte. Aber sein scharfer Verstand mag +ihm gesagt haben, daß er seine Position verdarb, und +daß in den Augen der Psychiater die Simulation lächerlich +und unwirksam ist. Deshalb wechselte er seine +Taktik und suchte durch sein Benehmen das Wohlwollen +und das Mitleid derer, die direkt oder indirekt einen +Einfluß auf sein Urteil üben könnten, für sich zu gewinnen.</p> + +<p>Aber sein Leiden enthüllte sich uns ohnehin, weil wir +in den unnachahmlichen und physischen Anomalien die +volle Übereinstimmung mit den psychischen Anomalien +fanden. Jeder begreift, wie sehr seine Manuskripte +Zeugnisse sind, die unser volles Vertrauen verdienen. +In ihnen zeigt sich, ohne daß der Schreiber es gewollt +hatte, die ganze krankhafte Anlage seines Temperaments, +und sie sind eine treue Wiedergabe seines Charakters +und eine genaue Formel der ganzen Dynamik, die ihn +immer wieder zum Verbrechen hintrieb.</p> + +<div class="new-h4"></div> +<h4>Gesamturteil.</h4> + +<p>Wir halten es für voll erwiesen, daß M… ein +durch erbliche Veranlagung degenerierter Mensch ist, +welcher Zeichen einer leichten anatomischen und funktionellen +Entwickelungshemmung und atavistische und +pathologische Zeichen aufweist, welche auf das Gebiet +der nicht zur vollen Reife gelangten Entwickelung gehören.</p> + +<p>Genau gesprochen halten wir ihn befallen von +Formen des instinktiven Verbrechertums, des moralischen +<span class='pagenum'><a name="Page_li">[LI]</a></span> +Irrsinns, des Verfolgungs- und Größenwahns, welche +alle, obgleich ursprünglich die Erzeugnisse der reversiven +Degeneration, von der Epilepsie beherrscht werden, an +der M… auch leidet, und auch diese ist, wie die +anderen krankhaften Erscheinungen, im rudimentären +Zustande vorhanden.</p> + +<p>Wir haben vorher gesagt, wie aus der Gesamtheit +der krankhaften Natur des M… die Beweggründe zu +seinen verbrecherischen Thaten entspringen mußten, denn +er empfand und urteilte exzessiv, wie er auch subjektiv +im Handeln und Reagieren war. Er tötete, verwundete +und beleidigte, weil er sich beleidigt und verfolgt glaubte. +Er tötete, verwundete und beleidigte ohne Erregung und +ohne Mitleid, weil er keine normale Empfindung für +Moral und Mitleid hatte. Er tötete, verwundete und +beleidigte, wo kein genügender Grund dazu vorlag, denn +in seinem heftigen impulsiven Charakter kamen die hemmenden +und mäßigenden Faktoren nicht genügend zur +Geltung. Der Fall des versuchten Brudermordes wird +durch unsere Definierung des M… vollständig erklärt. +Er haßte seinen Bruder infolge seiner Verfolgungswahnidee +und der mangelhaften Art, verwandtschaftliche Liebe, +Dankbarkeit und Verträglichkeit zu empfinden. Er bereitete +das Verbrechen zähe und umsichtig vor, infolge +seines exzessiv reizbaren und rachsüchtigen Temperaments. +Er schoß den unschuldigen Bruder mitten in die Brust, +weil in ihm Zorn und Haß blind, die Empfindungen +verworren waren und jedes Maß fehlte. Er bereitete +seine Verteidigung mit Zähigkeit und Verlogenheit vor, +<span class='pagenum'><a name="Page_lii">[LII]</a></span> +weil in ihm das ursprüngliche Gefühl der Selbsterhaltung +riesenhaft überwog, jenes riesenhafte Gefühl, welches +alle anderen sozialen Gefühle in ihm verdrängt, soweit +sie nicht seiner, dem bürgerlichen Leben widerstrebenden +Natur sich anpassen. Er handelte stets zum augenfälligen +Nachteil für sich und die andern, oft auch unter der +Illusion des unmittelbaren eigenen Nutzens. Er war +kein Verbrecher aus Dummheit, denn er war intelligent; +er war ein Verbrecher aus Instinkt, in ihm war ein +Charakter der Unordnung, des Schadens, des sozialen +Umsturzes personifiziert.</p> + +<p>Er ist der Typus des Verbrechers, den die Gesellschaft +<em class="gesperrt">bösartig</em> nennt, jener Typus, den die Lombrososche +Doktrin zu leugnen drohte, und welcher der gewöhnlichen +Ansicht von der Geißel entspricht, die Gott entsendet, +um die sündige Gesellschaft zu strafen.</p> + +<p>In meinen Augen ist das in Wirklichkeit der Fall, +denn wissenschaftlich gesprochen ist er einer der Faktoren +des sozialen Gleichgewichts, und er blüht und gedeiht +in der Gesellschaft, wo sich die biologische Notwendigkeit +der Beschränkung der Bevölkerung geltend macht. Die +flüchtigen und seltenen Anzeichen des Genies in ihm +deuten darauf hin, daß die Natur von demselben Stoff +wie für die abnormale Entwickelung die Elemente jedes für +die Erhaltung des Gleichgewichts in der menschlichen Gesellschaft +bestimmten Instruments nimmt. M…, in dem +die Charakteristik des Verbrechers vorherrscht, wurde ein +vorwiegend negatives Element.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_liii">[LIII]</a></span> +War M…, als er den Brudermord versuchte, in +einem Zustand, daß er nicht das vom Gesetz erforderliche +Bewußtsein seiner strafbaren Handlung hatte? Das +würde außer Zweifel sein, wenn er die That während +einer den epileptischen Anfällen vorausgehenden Verrücktheit +begangen hätte. Aber er gebrauchte lange Vorbereitungen +dazu, und in dieser Zeit wußte er, was er +thun wollte und was er auch gethan hat, er wußte es +bis auf den Tag und die Minute.</p> + +<p>Aber war es wirkliches Bewußtsein von seiner That, +das M… hatte?</p> + +<p>Wir unterscheiden zwei Bewußtseinsformen, eine +intellektuelle und eine moralische. Daß er die erstere +hatte, ist klar – aber die zweite? Hier muß man das +sogenannte moralische Bewußtsein in der <em class="gesperrt">Erkenntnis</em> +der Immoralität einer Handlung und in der <em class="gesperrt">Empfindung</em> +dieser Immoralität unterscheiden.</p> + +<p>Bei der ersten weiß ein Individuum, daß eine gewisse +Handlung nicht nur andern schädlich ist, sondern +auch, daß sie in der Gesellschaft, in der er lebt, für +tadelnswert und verdammungswürdig gehalten wird; bei +der zweiten empfindet er einen instinktiven Schauder, die +That zu begehen, welche die Gesellschaft tadelt und verdammt. +In der Regel existieren bei der bürgerlichen +Erziehung beide Formen gleichzeitig neben einander. +Aber es ist möglich, daß die Erkenntnis der Immoralität +vorhanden und die <em class="gesperrt">Empfindung</em> derselben nicht +zur Ausbildung gelangt ist. Dies ist der Fall bei dem +Zustande der Anomalie in der Formation der geistigen +<span class='pagenum'><a name="Page_liv">[LIV]</a></span> +Persönlichkeit; bei den entgegengesetzten Zuständen der +Dekadenz kann das moralische Empfinden vorhanden +sein, während die Erkenntnis verschwunden oder verändert +oder verdunkelt ist – oder umgekehrt; diese +kann bleiben, während die Empfindung der Moralität +verloren, abgeschwächt oder verändert sein kann. Auch +können beide nicht gebildet, oder schlecht gebildet, oder +verfallen oder verändert sein.<a name="FNanchor_3_3" href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a></p> + +<p>Von grundlegender Bedeutung für die strafgesetzliche +Verantwortlichkeit ist die Erkenntnis der Handlung; +demgemäß muß diese Verantwortlichkeit die Erkenntnis +der Immoralität voraussetzen und der Empfindung der +Immoralität allmählich näher kommen.</p> + +<p>Hatte nun M… in dem Augenblick, wo er den +Brudermord versuchte, die Erkenntnis der Immoralität +seiner Handlung? Gewiß, aber nicht entsprechend der +Erkenntnis, welche in der Gesellschaft, in der er lebte, +gewöhnlich ist. Er wußte, daß die Gesellschaft seine +Handlung tadeln würde, aber er wußte bei sich selbst, +daß die anderen und nicht er Unrecht hatten, und daß +er natürlicher Weise das Recht habe, das zu thun, was +er that. Ein Mensch von seinem Charakter hatte sich +eine eigene Welt gestaltet, die seinen eigenen Gedanken +entspricht, und er handelte in der Ueberzeugung, etwas +zu thun, was von den andern getadelt werden würde, +aber nicht von den Gesetzen der Gerechtigkeit, wie er +<span class='pagenum'><a name="Page_lv">[LV]</a></span> +sie auffaßte. Er hatte, um es so auszudrücken, das +intellektuelle Bewußtsein der juristischen Immoralität +seines Verbrechens, aber nicht die eigentliche Überzeugung +der Immoralität der That selbst. Es ist genau die +Sache wie mit einem Menschenfresser, der hier zu Lande +einen Menschen verzehren würde: Er weiß, daß dies für +schändlich gehalten wird, aber er selbst findet es in der +Ordnung. Und da dieser Wilde nicht von der Immoralität +überzeugt ist, als welche die andern seine +Handlung erklären, so kann sich in ihm, so lange diese +seine Meinung andauert, nicht eine Empfindung festsetzen, +welche ihn spontan von seiner Handlung zurückschrecken +lassen würde.</p> + +<p>Das moralische Empfinden des M… wurde sicherlich +nach dem Muster des speziellen Begriffs der Moralität, +die er in sich trug, gebildet.</p> + +<p>Heutzutage will das Gesetz, daß nur die im intellektuellen +Bewußtsein begangenen Handlungen bestraft +werden, oder meint es mit dem allgemeinen Wort »Bewußtsein« +auch das moralische Bewußtsein? Wenn es +auch dieses fordert, so ist klar, daß es dasselbe nach +dem Muster desjenigen verlangt, wie es das Erbteil +der gesunden und normalen Gesellschaft ist, und nicht +wie es als Produkt irgend welcher krankhaften Geisteszustände +erscheinen kann, und ohne Zweifel soll das +Gesetz auch die Existenz des moralischen Bewußtseins +fordern; denn das natürliche Fundament eines jeden +Gesetzes ist bei einem freien Volke die allgemeine Überzeugung +von seiner moralischen Nützlichkeit.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_lvi">[LVI]</a></span> +Hatte nun M…, als er die That beging, die volle +Freiheit des Handelns?</p> + +<p>Man kann sagen, er hatte sie weder ganz, noch +fehlte sie ihm vollständig. Die freiwillige Handlung ist +nicht ein freies Produkt des Geistes. Sie ist das Resultat +vorhergehender psychologischer Motive, deren Intensität +einen analogen freiwilligen Akt als Resultat +giebt, und die Intensität der psychologischen Motive und +der darauf folgenden Handlung steht in Beziehung mit +der gewöhnlichen Art zu empfinden und zu urteilen und +entspricht der Persönlichkeit.</p> + +<p>Wir haben gesagt, daß M… durch seine epileptische +Anlage exzessiv, heftig und impulsiv war. Daraus geht +hervor, daß die Freiheit, über welche M… anscheinend +verfügte, keine eigentliche, sondern durch sein Temperament +beeinflußt war. Es ist bekannt, daß die Epileptiker +leicht zu übertriebener Reaktion hingerissen werden.</p> + +<p>Der Wille ist der Ausdruck einer kordialen Funktion, +er ist das Produkt einer langsamen Evolutionsarbeit, +welche als entfernte Antecedentien die automatischen +Bewegungen und als Vermittler die Reflexhandlungen +hat. Das, was automatisch und reflexiv ist, ist +eine Nervenkraft, die noch nicht so weit ausgestaltet ist, +daß sie ein Ausdruck bewußter Funktion ist. Das, was +in den Willensakten exzessiv ist, ist eine Nervenkraft, +die unter dem Impuls automatischer oder reflexiver +Aktionen handelt. Zwischen dem Willensakt und dem +Urteil, das ihm vorhergeht, besteht bei normalen Bedingungen +ein Äquivalent der Intensität; der Exzeß des +<span class='pagenum'><a name="Page_lvii">[LVII]</a></span> +Willens stellt ein Gewicht dar, welches von außen dem +Gleichgewicht hinzugefügt ist, ebenso wie das Gegenteil +bei der Willenlosigkeit der Fall ist.</p> + +<p>Die Epilepsie ist an sich selbst eine krankhafte Thatsache, +welche einen Zustand der ungenügenden Willensentwickelung +darstellt; sie ist der Ausdruck der Permanenz +automatischer oder halbreflexiver Einflüsse. Um so +eher mischt sie sich in diejenigen Willensakte, die von +dem Urteil oder der Empfindung hervorgerufen sind, +je weniger sie voll entwickelt, d. h. je mehr sie diffus ist.</p> + +<p>M… leidet an dem, was ich <em class="gesperrt">diffuse Epilepsie</em> +nenne, und was gewöhnlich epileptisches Temperament +genannt wird, und deshalb können seine Willensakte +niemals richtig an der Intensität der logischen Motive, +die sie hervorrufen, gemessen werden. Wenn er gegen +seinen Bruder gerechten Grund zum Haß zu haben +glaubte, und wenn seine Vernunft ihm das Urteil eingegeben +hatte, sich zu rächen, so ging sein Wille außerordentlich +über die Vorschriften der Vernunft hinaus, +bis zum Mord.</p> + +<p>Und deshalb war M… am Tage des Verbrechens +nicht freier Herr seiner Handlungen.</p> + +<p>Demnach würde M… im Sinne des Gesetzes +nicht für das begangene Verbrechen verantwortlich gewesen +sein, sondern entweder unverantwortlich oder halb +verantwortlich.</p> + +<p>Ist er unverantwortlich oder halb verantwortlich?</p> + +<p>Das sind Fragen, die gewöhnlich dem Richter vorgelegt +werden, der sie löst, indem er die Umstände, +<span class='pagenum'><a name="Page_lviii">[LVIII]</a></span> +Thatsachen und Folgerungen sich in seiner Weise zurechtlegt.</p> + +<p>Der Irrenarzt hat nicht die subtilen und endlosen +Unterscheidungen des Rhetorikers oder Metaphysikers zur +Verfügung, die ihm gestatten, die Schuld oder das Verdienst +an einer gegebenen Handlung zum Teil auf die +Seele und zum Teil auf den Körper zu verteilen.</p> + +<p>Als ich mich dem dunklen Abgrund näherte, wo +die Seelenthätigkeit sich vollzieht, da hat mir die schwache +Leuchte der Wissenschaft flüchtig einige der Faktoren +enthüllt, welche die gröbsten Äußerungen des Geistes +bestimmen. Und dieses geringe Ergebnis genügte, um +mich zu überzeugen, daß auch in der Thätigkeit des +Geistes ein unabänderlicher Determinismus herrscht, daß +unter gegebenen Umständen besondere Aktionen bestimmte +notwendige Wirkungen hervorrufen. Aber in der langen +Kette von Reizen, welche jede Bewegung des Geistes +bestimmt, vermag man nicht zu sagen, wie weit eine +Aktion durch eine andere aufgehoben oder beeinflußt +werden kann.</p> + +<p>Wenn in M… beim Begehen seines Verbrechens +der Einfluß realer äußerer Motive die Reaktion bestimmt, +so wissen wir nicht, einerseits inwieweit diese +Motive Unterstützung oder Widerstand in seinem habituellen +Charakter fanden (d. h. in seiner gewöhnlichen +Art zu denken und zu reagieren, die durch erbliche und +erworbene Neigungen, welche allmählich aus der Erfahrung +hergenommen werden, bewirkt ist), und inwieweit +andererseits die realen Motive einen Antrieb oder +<span class='pagenum'><a name="Page_lix">[LIX]</a></span> +eine mehr oder minder starke Färbung durch jenes +Mittelmaß empfangen haben, welches gewöhnlichen Menschen +zukommen würde, die ungefähr in seiner Lage und +seinen Verhältnissen sich befinden. Wenn man also +sagen wollte, daß M… bis zu dem oder jenem Grade +die moralische Verantwortung für sein Verbrechen trage, +so hieße das glauben machen, daß man den Vorgang, +der sich in der Seele bis zum Zustandekommen eines +bestimmten Willensaktes abspielt, genau übersieht.</p> + +<p>Der Wissenschaft soll man solche Fragen nicht vorlegen, +sie gehören den Metaphysikern und den Theologen, +welche den Fuß auf den festen Boden setzen, der ihnen +durch ein Axiom oder ein Dogma gegeben wird, und von +wo aus sie durch Syllogismen weiter schließen. Uns +fehlen beide Prämissen.</p> + +<p>Was heißt verantwortlich oder unverantwortlich für +den Gelehrten?</p> + +<p>Wir können bezüglich des M… nur die Erklärung +abgeben: das Verbrechen erfolgte als Reaktion +auf Motive, die zum großen Teil delirienartiger Natur +waren, und die in dem krankhaften Temperament des +M… günstige Konditionen gefunden haben, um exzessive +und unmoralische Wirkungen hervorzubringen.</p> + +<p>Ist M… strafbar oder nicht?</p> + +<p>Auch auf diese Frage hat der Irrenarzt nicht zu +antworten.</p> + +<p>Der Begriff der Strafe, wie er vom Gesetzbuch +verstanden wird, ist eine soziale Konvention, welche, um +angenommen zu werden, als notwendige Voraussetzung +<span class='pagenum'><a name="Page_lx">[LX]</a></span> +die allgemeinen und besonderen Bedingungen hat, unter +welchen im allgemeinen Verträge als giltig anerkannt +werden. Dazu gehört in erster Linie die geistige Gesundheit +des Kontrahenten.</p> + +<p>In unserm Fall ist M… nicht gesund; folglich +hat man mit Bezug auf ihn nicht von einer »Strafe« +zu sprechen. Vielmehr hat der Irrenarzt sich zu fragen: +Ist es möglich und wahrscheinlich, daß er unter denselben +oder ähnlichen Umständen die That wiederholt, +und glaubt die Behörde eventuell ein Mittel zu finden, +ihn für die Gesellschaft unschädlich zu machen?</p> + +<p>Auf diese Frage antworten wir: M… wird nie +von seiner Krankheit gesunden und wird deshalb immer +geneigt sein, die Verbrechen zu wiederholen, von denen +seine Existenz bis heute voll ist. Und deshalb hat die +Behörde, in der Ueberzeugung, daß in dem vorliegenden +Fall den M… keine Schuld trifft und ihn darum +keine Strafe treffen kann, dafür zu sorgen, daß er unschädlich +gemacht werde.</p> + +<p>Soll sie ihn in die Verbrecherirrenanstalt schicken?</p> + +<p>Er müßte an einen sicheren Ort gebracht werden, +den er nicht eher verlassen dürfte, bis er unschädlich +ist.</p> + +<p>Wird das nie eintreten?</p> + +<p>Man wird im Ernst nicht glauben, daß das vermittelst +der Heilkunst geschehen kann, aber vielleicht +könnte in dem Laufe der organischen Entwicklung des +M… ein Moment kommen, wo M… für die Gesellschaft +<span class='pagenum'><a name="Page_lxi">[LXI]</a></span> +unschädlich ist. Vielleicht könnte das Alter das +herbeiführen.</p> + +<p>Der erfahrene Mann, der mit der Überwachung +des M… vertraut ist, könnte seiner Zeit beurteilen, +ob der Fall eingetreten ist.</p> + +<p>Und ohne den Makel der Schuld und ohne irgend +eine Form der Strafe müßte M… der Öffentlichkeit +die Sicherheit bieten, daß von ihm jetzt keine den Mitmenschen +nachteilige Handlung mehr ausgehen wird.</p> + +<p>Wenn übrigens der Gerichtshof die Sache anders +auffaßt und M… zu einer langen Kerkerstrafe verurteilt, +so würde der Irrenarzt sich dabei beruhigen, daß +dem gefährlichen Menschen, wenn auch vermittelst des +Gefängnisses, die Gelegenheit, weitere Verbrechen zu begehen, +entzogen wird.</p> + +<p>Wenn über der Kerkerthür nicht das Wort »Strafe« +geschrieben stände, oder wenn, besser noch, diesem Wort +eine vernünftigere Bedeutung beigelegt würde, wie etwa +<em class="gesperrt">Besserung</em> oder <em class="gesperrt">Abwehr</em>, wieviel besser würde dann +dieser Kerker sein als die Verbrecherirrenanstalt, aus der +ein gefälliger Richter nach einem unqualifizierbaren Artikel +des gegenwärtigen Gesetzbuchs die gefährlichen +Menschen entlassen kann, welche Mittel haben, sich ihm +zu empfehlen.</p> + +<p>Girifalco, Juli 1891.</p> + +<p style="text-align: center; padding-left: 45%;">Prof. Silvio Venturi,<br /> +Direktor des Provinzial-Irrenhauses.</p> + + +<div class="new-h3"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_lxii">[LXII]</a></span></p> +<h3>VII.</h3> + +<p>Das Gutachten Venturis beantwortet in so erschöpfender +Weise alle Fragen, welche sich über die +pathologische Persönlichkeit des Antonino M… erheben +könnten, daß ich kein Wort hinzufügen werde.<a name="FNanchor_4_4" href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a></p> + +<p>Venturi hatte gleichzeitig mit Lombroso darauf hingewiesen, +daß in dem geborenem Verbrecher ein atavistisches +Produkt, eine Fusion der Epilepsie und des moralischen +Irrsinns vorliegt. Später, in seinem Buch über +die <cite lang="it" xml:lang="it">Degenerazioni psicosessuali</cite> stellte er als biologisches +Merkmal des instinktiven Verbrechertums (des geborenen +Verbrechers Lombrosos) nicht mehr die erbliche Perversität, +sondern die Tendenz der Rasse und der Art +zur Selbstvernichtung auf, vermittelst Individuen, welche +dazu gehören, und welche, indem sie sich selbst oder +anderen schaden, entgegengesetzt wie das Genie handeln.</p> + +<p>Jetzt hat Venturi Gelegenheit, in M…, dessen +Biographie ich veröffentliche, die wahrhafte Verkörperung +des Typus des geborenen Verbrechers vorzustellen, +in welchem die Krankhaftigkeit und die bösartige Tendenz +zum Schlechten, die von selbst ohne erkennbaren Nutzen +für den Handelnden, in Thätigkeit tritt, vereinigt sind, +<span class='pagenum'><a name="Page_lxiii">[LXIII]</a></span> +wodurch M… als ein antibiologisches, antisoziales +Wesen erscheint.</p> + +<p>Dies vorausgeschickt gelange ich dazu, einige Worte +über die Selbstbiographie des M… zu sagen.</p> + +<p>Es ist nichts Gewöhnliches, daß die Verbrecher ihre +Memoiren schreiben, und ich will dreist behaupten, daß +der Fall einer so genauen und detaillierten Schilderung, +die mehrere Male unterbrochen und wieder aufgenommen +wird, äußerst selten ist.</p> + +<p>Professor Lombroso hat in seinen <cite lang="it" xml:lang="it">Palimsesti del +Carcere</cite> einige dieser Schriften gesammelt, die alle sehr +verworren sind und oft den Eindruck der Verrücktheit +machen. Zum großen Teil stammen sie von Verbrechern, +welche pathologisch dem M… ähnlich, d. h. moralisch +irre und epileptisch sind.</p> + +<p>M… ist kein Schriftsteller, um so wunderbarer +ist seine mechanische Art zu erzählen und sein Versuch, +den Ereignissen und den begleitenden Umständen eine +gewisse objektive Darstellung zu verleihen. Er hat +Phantasie im Übermaß, oft entdeckt man in der verschwommenen +Form die Tendenz, zu abstrakten Begriffen +zu gelangen, aber, wie er sagt, seine Feder vermag dem +Faden seines Gedankens nicht zu folgen.</p> + +<p>Wenn man ihn genauer definieren will, so ist er +ein Graphomane; die regelmäßige, gedrängte Schreibart, +die in langen und geraden Linien seine großen Blätter +bedeckt, die Vorliebe für gewisse Konstruktionen, die +Wiederkehr der Widmungen und die Wiederholung gewisser +<span class='pagenum'><a name="Page_lxiv">[LXIV]</a></span> +Phrasen in einer gegebenen Form lassen es vermuten. +Aber was mich in dieser Ansicht noch mehr bekräftigt, +sind folgende zwei Thatsachen.</p> + +<ol class="decimal"> +<li>Die vollständige Nutzlosigkeit der Memoiren, die +anstatt ihn zu rechtfertigen bezüglich der Verbrechen, +wegen deren er bestraft wurde, noch andere nicht minder +schwere ans Licht bringen, wie z. B. das schamlose Verhältnis +mit dem Korporal Alfonso S… und den +Mordversuch auf den Lieutenant.</li> + +<li>Die zweite Thatsache ist etwas verwickelter. Die +Thätigkeit des Schriftstellers richtet sich nach gewissen +Graden der Kulturhöhe und des sozialen Nutzens. Ein +Volk fängt an, Bücher zu besitzen, wenn es zu einem +gewissen Grade der Entwicklung gediehen ist, wo diese +Form einer präziseren geistigen Manifestation sich ihm +als ein Fortschritt darstellt. Die wilden Völkerschaften +schreiben keine Bücher, so lange ihr Dach bedroht, ihr +Lebensunterhalt dürftig und ihr Leben stets gefahrumgeben +ist. Die Abessinier, welche doch das erste Volk Afrikas +sind, haben als ganze Litteratur einige Gebetbücher, +welche nur von den Priestern verstanden werden. Und +die Buschmänner hatten einige Fabeln und Sprichwörter +in den Zeiten ihres Glücks, aber nach ihrem Verfall +verloren sie auch diese primitive Litteratur. So geht +es auch mit den Menschen. Wenn ein Individuum +ohne Bildung, ohne höheres Wissen, dessen Existenz +stets eine Kette von Elend war, litterarisch thätig ist, +so ist das entschieden eine anormale Erscheinung.</li> +</ol> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_lxv">[LXV]</a></span> +Er mag ein Genie sein, aber da die Genies sich +leider nicht an jeder Straßenecke finden, so wird er +in 999 Fällen unter 1000 ein Narr sein.</p> + +<p>Antonino M… konnte kein regelrechter Schriftsteller +sein, da er es auch nicht als Mensch war, +höchstens konnte der Mangel an moralischem Bewußtsein +ihm den Vorzug einer auffälligen innerlichen Aufrichtigkeit +geben …</p> + +<p>Unter diesem Gesichtspunkt sind seine Memoiren +ein wichtiges Dokument für das Studium gewisser »Aufrichtigkeiten« +alter und neuer Schriftsteller. Von den +Bekenntnissen J. J. Rousseau's bis zu den Memoiren +Casanovas, bis zu gewissen Hymnen Paul Verlaine's +auf sein <em lang="fr" xml:lang="fr">péché radieux</em>, um von anderen übel berufenen +Zeitgenossen zu schweigen, und bis zu dieser +Selbstbiographie herab – das psychologische Phänomen +ist immer dasselbe und läßt sich in zwei Formeln zusammenfassen: +<em class="gesperrt">Mangel an moralischem Bewußtsein +und Eitelkeit</em>.</p> + +<p>Ich glaube, daß die Intelligenz sehr wenig mit +dem moralischen Bewußtsein zu thun hat: Pritchard, +Pinel, Nicholson, Maudsley, Tamassia – alle stimmen +darin überein, daß sie bei den moralisch Irren den +Intellekt vollständig in Ordnung fanden. Höchstens +könnte nach Zelle, Mac Ferland, Gray eine gewisse +Schwäche oder Unregelmäßigkeit vorliegen oder nach +Campagne eine Absonderlichkeit<a name="FNanchor_5_5" href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>, die sich aber, wie +<span class='pagenum'><a name="Page_lxvi">[LXVI]</a></span> +Morel bemerkt, in einem besonderen intellektuellen Habitus, +in einer Gewandtheit im Sprechen, Schreiben +oder einer Kunstfertigkeit mit Vorherrschung der Tendenz +zum Paradoxen äußern kann. Und Venturi glaubt, +daß, während bei Verbrechern die gewöhnliche Intelligenz +mangelhaft ist, die höhere Intelligenz nicht selten vorkommt.</p> + +<p>Das Wort Aufrichtigkeit ist eines von denen, deren +Bedeutung oft mißbraucht werden: es kann nicht absolut +verstanden werden, weil die Aufrichtigkeit meist eine +subjektive ist, sie ist, sozusagen dem Lügen entgegengesetzt. +Aufrichtigkeit besteht trotz gewisser konventioneller Formen, +wie z. B. die Scham, der Anstand &c., welche die Wahrheit +verbergen und dennoch nicht Lüge genannt werden +können; wie übrigens auch der Wilde und das Kind +immer lügenhafter sind, als der zivilisierte Mensch, trotzdem +sie durch Scham oder Anstand nicht befangen sind.</p> + +<p>Venturi macht gegenwärtig in einer Abhandlung, +welche in der von Tonnini in Palermo veröffentlichten +Revue erscheint, die Lüge zum Gegenstand des Studiums +und faßt sie als ein Phänomen der Degeneration +auf, das seinen Ursprung in den Familien hat, aus denen +die Lügner hervorgehen. Ebenso möchte ich sagen, +weshalb könnte nicht auch die Aufrichtigkeit, wenn sie +sich mit unwiderstehlicher Tendenz und ohne Nutzen für +das Individuum selbst äußert, eine Thatsache degenerierter +Anlage sein, eine jener Äußerungen des Verbrecher-Charakters, +der sich oft mit der Eitelkeit vermengt, einer +jener Defekte, deren die Verbrecher so voll sind?</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_lxvii">[LXVII]</a></span> +Ich will hier keine Psychophysiologie der Aufrichtigkeit +schreiben, um so weniger, als es für das, was ich +sagen will, mir genügt, eine anerkannte Wahrheit anzuführen: +nämlich daß wir mit Vernunft aufrichtig sind, +insofern wir unnütze Vorurteile bekämpfen, aber daß +das keine normale und gesunde Aufrichtigkeit mehr ist, +die nicht die Bedeutung fühlt, welche gewisse Gewohnheiten +mit dem Gange der Entwicklung genommen haben. +Wer nicht den Druck der Scham empfindet, wenn er +seine sexuellen Schändlichkeiten aufdeckt und sich ohne +Schaudern einer Blutthat rühmt, der thut nicht mehr +und nicht weniger als der Wilde, in dem das Gefühl +der Scham noch nicht erweckt ist und der barbarische +Krieger, der sich den Skalp der getöteten Feinde als +Trophäe an den Gürtel hängt.</p> + +<p>Diese Dinge mit liebevoller Genauigkeit zu erzählen +und mit Wohlgefallen zu anatomisieren, das ist etwas, was +der normale Mensch vergebens versuchen wird. Jeder wird +in seinem Leben seinen abnormalen Impuls gehabt haben, +aber er wird sich bemühen, ihn zu vergessen; und nicht +einmal einer besonderen Anstrengung wird es dazu bedürfen, +denn bei den nicht degenerierten Menschen +unterdrückt die Vernunft, der kritische Sinn gewissermaßen +automatisch die Abnormalität des Aktes.</p> + +<p>Den moralisch Irren fehlt dieser kritische Sinn, +die Intelligenz gehorcht den Impulsen und hemmt sie +nicht, sie dient ihnen gern und sucht sie zu rechtfertigen. +Sie töten – und sie werden beweisen, daß das Leben +eines Menschen das eines andern wert ist. Sie verführen +<span class='pagenum'><a name="Page_lxviii">[LXVIII]</a></span> +ein unerfahrenes Mädchen und verlassen es – +und sie werden das Recht der freien Liebe predigen. +Sie sind Päderasten – und sie werden sagen, es ist +erlaubt, weil es möglich ist.</p> + +<p>Im Leben stellt sich das deutlicher dar, als geschrieben. +Denn beim Schreiben schärft sich die Intelligenz, +ein Schimmer von Verständnis für das, was +schändlich und unehrenhaft ist, bricht sich Bahn, es giebt +keinen Menschen, er sei denn Idiot, der so niedrig ist, +daß er nicht ein Streben nach etwas besserem oder weniger +Unvollkommenem fühlt. Aber ein anderes ist die Moralität, +ein anderes die Erkenntnis des Moralischen.</p> + +<p>Zuweilen giebt sich wohl ein solch kleiner Fonds +von kritischem Sinn zu erkennen, und daraus resultieren +dann die lyrischen Stellen, die anscheinenden Gewissensbisse. +Aber die Erzählung geht weiter, ohne Rückhalt, +und der Verfasser zeigt sich in der Aufdeckung der +Thatsache, so wie er wirklich ist, mit einer Selbstgefälligkeit, +wie sie nur ein Exhibitionist haben kann, der seine +Geschlechtsorgane zeigt.</p> + +<p>Die Eitelkeit ist das erste Agens; ihre autobiographischen +Erzählungen entspringen der Vermutung, +daß sie hervorragend interessante Individuen sind, und +daß ihre Erlebnisse große Bedeutung haben. Und da +sie einen großen Teil ihres Seelenlebens ausmachten, so +empfinden sie das Bedürfnis, sie sich wieder vor ihr +geistiges Auge zu führen.</p> + +<p>Es ist dasselbe Bedürfnis, welches viele ungebildete +Menschen empfinden, sich den Namen ihrer Geliebten +<span class='pagenum'><a name="Page_lxix">[LXIX]</a></span> +oder ihre Verbrechen in die Haut zu tätowieren. Es +wird genügen, das schöne Beispiel eines Verbrechers zu +zitieren, den Prof. Santangelo<a name="FNanchor_6_6" href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> beschreibt und der 106 +Tätowierungen auf dem Leib trug, aus denen man seinen +ganzen Lebenslauf rekonstruieren konnte.</p> + +<p>M… ist ein vollendeter Typus des moralisch +irren und epileptischen Schriftstellers; der Mangel an +kritischem Sinn und Gerechtigkeit tritt klar hervor, und +die Eitelkeit zeigt sich auf jeder Seite des Buches. +Wenn er studiert hätte, würde er als Schriftsteller +manchem Zeitgenossen ebenbürtig zur Seite treten. Die +Kenntnis der Moral würde tiefer gewesen sein und +festeren Halt gewonnen haben. Statt dessen mußte er +nun notwendiger Weise auf dieser Stufe litterarischer +Entwickelung stehen bleiben, wo der Intellekt die Dinge +in der Gestalt sieht, wie sie den andern erscheinen; die +unbewußte Nachahmung hat noch nicht der unmittelbaren +selbständigen Anschauung Platz gemacht, welche die +Originalität ausmacht.</p> + +<p>So ist für ihn der große Meister des Stils Francesco +Mastriani, jener populäre Zola, der den Naturalismus +zur Trivialität und die Romantik zur weichlichen +Sentimentalität herabgezogen hat.</p> + +<p>Und diese Empfänglichkeit, diese unbewußte Zugänglichkeit +für fremde Einflüsse zeigt sich besonders in +seinen Dichtungen. Neue Wörter, die er liest, bleiben +ihm haften, wenn er ihnen auch nur schwer einen ihm +<span class='pagenum'><a name="Page_lxx">[LXX]</a></span> +verständlichen Sinn beizulegen vermag, den er durch +eine volksetymologische Deutung zu ermitteln und durch +entsprechende orthographische Abänderungen festzuhalten +sucht.</p> + +<p>Deshalb scheint mir, könnten diese Memoiren auch +für das Studium des Phänomens eines in der Bildung +begriffenen Schriftstellers von Interesse sein.</p> + + +<div class="new-h3"></div> +<h3>VIII.</h3> + +<p>Und hiermit will ich schließen.</p> + +<p>Die Schule Lombrosos schreitet ihren Siegespfad +weiter und schlägt die neidische Polemik durch Thatsachen.</p> + +<p>Und während auf dem Kriminalisten-Kongreß in +Brüssel das Ende des Verbrechertypus Lombrosos verkündet +wurde, erschienen die <cite lang="it" xml:lang="it">Degenerazioni psicosessuali</cite> +Venturis und lieferten den Beweis, daß die +italienischen Gelehrten nicht auf eine Formel eingeschworen +waren; und bei Schluß des Kongresses zeigte +die französische Übersetzung der <cite lang="it" xml:lang="it">Sociologia criminale</cite> +Ferris in ihrem neuen erweiterten Gewande, daß nicht +allein der biologische, sondern auch der soziologische +Faktor von den Mitarbeitern Lombrosos studiert wurde, +und dieser hat mit seinen <cite lang="it" xml:lang="it">Nuove Scoperte</cite> geantwortet, +welche in ihrem Aufbau und in der Masse +der Thatsachen den Gang der italienischen Wissenschaft +kennzeichnen. Und während dieser Band erscheint, wird +<em lang="it" xml:lang="it">la donna delinquente</em> die Gegner ermahnen, wofern +sie nicht blind sind, im Negieren vorsichtig zu sein, +<span class='pagenum'><a name="Page_lxxi">[LXXI]</a></span> +und dieses Werk wird den Beweis liefern, daß hinter dem +Meister eine Reihe hoffnungsvoller Jünger stehe, unter +denen mein Freund Guglielmo Ferrero als der Ersten einer +hervorragt.</p> + +<p>Als ich nach Schluß des Kongresses meine Bemerkungen +Gabriele Tarde dargelegt hatte, und lange +Erwiderungen von ihm empfing,<a name="FNanchor_7_7" href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> da brannte ich vor +Begier, wieder in die Arena hinabzusteigen, – aber +Lombroso sagte mir: Nein, man muß mit Thaten, nicht +mit Worten kämpfen!</p> + +<p>Diese Ermahnungen haben mich ganz besonders zu +dieser Veröffentlichung veranlaßt, in der Hoffnung, daß +auch ich dazu beitragen könnte, der Wahrheit eine Gasse +zu öffnen, um die Zweifel und Spottreden zu entkräften, +welche verurteilen, ehe sie noch geprüft haben; daß +auch ich helfen könnte, unsere Strafgesetzbücher und +Strafanstalten in einer den Bedürfnissen des wirklichen +Lebens angepaßten Weise umzugestalten.</p> + +<p>Besser als ich es vermag, wird die Selbstbiographie +des M… den Leser überzeugen, wie schlecht +diese Institute funktionieren, die den Verbrecher nicht +blos bestraft, sondern auch gebessert der menschlichen +Gesellschaft zurückgeben sollten.</p> + +<p>Antonino M… ist nicht durchweg der geborene +Verbrecher Lombrosos, denn, wie ich schon sagte, dieser +ist ein Typus und jener ein Individuum. Er beweist +aber, wie Epilepsie und moralischer Irrsinn sich im Verbrecher +<span class='pagenum'><a name="Page_lxxii">[LXXII]</a></span> +zusammenfinden. Und die direkten sozialen Ursachen +seines Verbrechertums wird man schwer finden können.</p> + +<p>Als Gabriele Tarde<a name="FNanchor_8_8" href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> zusammen mit dem +Dr. Lacassagne die Leitung der neunten Serie des französischen +Archives übernahm, da eröffnete er sie mit +einer Verteidigung der soziologischen Kriterien, die den +Stolz der französischen Schule ausmachen, und er schloß +mit der Weissagung einer Versöhnung in der objektiven +Forschung nach der Wahrheit, die nur auf Thatsachen +sich gründen kann.</p> + +<p>Gabriele Tarde wird nicht leugnen können, daß +die Italiener sich bemühen, ein gutes Beispiel der positiven +Methode zu geben, vom grundlegenden Werk des +Meisters bis herab zu dem bescheidenen popularisierenden +Beitrag des letzten unter seinen Schülern.</p> + +<p>25. April 1893.</p> + +<p class="gesperrt name">A. G. Bianchi.</p> + +<p style="width: 80%; font-size: 90%; margin: 6em auto 0 auto;">Es konnte nicht die Aufgabe der Übersetzung sein, die Mängel, welche die +ungenügende allgemeine und litterarische Bildung des M… seiner Darstellung +anhaften ließ, zu beschönigen. Wenn der Herausgeber die Selbstbiographie mit +Recht ein wissenschaftliches Dokument nennt, so durfte der Übersetzer sich Kürzungen +und Milderungen des Ausdrucks nur in mäßigem Umfange gestatten. +Von einer Übersetzung der Dichtungen des M… ist Abstand genommen, weil +die pathologische Persönlichkeit des Verfassers aus dem Gebotenen hinlänglich +erhellt, und das eingehende litterarische Studium, dessen das Werk des M… nach +dem Hinweise Bianchi's wert ist, derselben entbehren kann.</p> + +<p class="name" style="width: 80%; font-size: 90%;">Dr. F. R.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<p class="center" style="font-size: 120%; font-weight: bold; margin-bottom: 2em;">Antonino M…</p> + +<h2>Selbstbiographie.</h2> + + + +<div class="new-h3"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_3">[3]</a></span></p> +<h3><a name="Erster_Teil">Erster Teil.</a><br/> +Mein erstes Unglück.</h3> + + +<div class="new-h4"></div> +<h4>Vorbemerkungen.</h4> + +<p>Wer rund geboren wird, kann nicht viereckig sterben.</p> + +<p>Der Stern, der Dir im Mutterleibe strahlte, wird +Dir ins Grab folgen.</p> + +<p>Wer blind geboren wird, der wird nie den Himmel +schauen.</p> + +<p>Wenn Du Dir heute den Arm brichst, wirst Du +morgen zum Galgen geschickt.</p> + +<p>Der erste Fehler führt zu einem Abgrund von +Unheil.</p> + +<p>Wer den Verstand nicht zu beherrschen weiß, kommt +gar rasch ins Gefängnis.</p> + + +<div class="new-h4"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_4">[4]</a></span></p> +<h4>Meinem lieben Söhnchen Fernando Antonio.</h4> + +<p class="center">Mein geliebter Junge!</p> + +<p>Ich bin sehr unglücklich geworden und das rauhe +Schicksal hatte niemals Mitleid mit mir, nie wurde es +müde, mich zu verfolgen, und von der Wiege bis zum +Grabe ist mir dieses elende und traurige Leben eine +ständige Marter.</p> + +<p>Dir erzähle ich die Verhängnisse meines bejammernswerten +Lebens, und wenn Betrug und die Schmach dieser +bösen Welt Dir die Schritte zu dem rauhen Pfad in +der menschlichen Gesellschaft erschließen werden, dann +weine keine Thräne um das Andenken Deines unglücklichen +Erzeugers, nein, denn Weinen kommt den schwachen, +feigen Herzen zu. – Deines muß stark und ruhig sein +bei dem Anblick meines Unglücks; stark, stolz und weltverachtend; +aber lerne, o Sohn, auf dem geraden Weg +der Tugend und der Ehre wandeln, <em class="gesperrt">lerne, mein +süßes Söhnchen</em><a name="FNanchor_9_9" href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> geduldig, ruhig und kalt sein, +im Einverständnis und im Gegensatz mit der menschlichen +Gesellschaft, lerne, vorausschauend für die Zukunft +sein, ein Verächter der Feigen, ein Spötter der Heuchler, +eifere den großen und edlen Thaten nach, sei ein liebreicher +<span class='pagenum'><a name="Page_5">[5]</a></span> +Bruder der Bekümmerten, ein Freund der Gerechten +und Ehrenhaften, gesittet und ehrfurchtsvoll gegen +alle, besonders gegen alte und rechtschaffene Leute, ein +Freund der Armen, und Deine Hand strecke sich gerne +aus zum Trost der Elenden. Sei ehrlich und anständig +im Sprechen und bilde Dir aus der Erziehung eine +zweite Natur.</p> + +<p>Liebe und achte Gott den Höchsten, bete zu ihm +von Herzen in nächtlicher Stille und mit der Stirn im +Staube, bete zu ihm an den heiligen Stätten; denn er, +unser Gott, der Herrgott unserer Väter, wird Dir ein +Führer und ein Tröster sein in den Widerwärtigkeiten +des Lebens. Wende Dich an ihn in Deinen Nöten, in +Deiner Bedrängnis, und Du wirst Trost, Kraft und +Ergebung finden.</p> + +<p>Liebe, achte und habe Mitleid mit Deinem Nächsten, +er ist von Deinem Fleisch und Blut, er ist unglücklich +und betrübt wie Du.</p> + +<p>Wolle Deinen Schwestern wohl, ich lege es Dir +an's Herz, und ich beschwöre Dich bei der Liebe, die ich +zu Dir habe, bei den Thränen, die ich um Dich vergossen +habe, bei den Küssen voll unaussprechlicher Zärtlichkeit, +die ich Dir gegeben, liebe sie von Herzen, hilf +ihnen in ihren Nöten und sei ihnen ein zärtlicher Vater. +Ja, nicht wahr, mein lieber Junge, Du wirst Deine +armen Schwestern lieben! Liebe sie, denn ich liebe sie, +so wie ich Dich nur lieben kann, und um sie vor Schande +zu bewahren, sollst Du Dein Leben auf's Spiel setzen, +<span class='pagenum'><a name="Page_6">[6]</a></span> +und tausend und abertausend Mal wagen; wenn nicht, +<strong>verfluche</strong><a name="FNanchor_10_10" href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> ich Dich!!</p> + +<p>Lerne aus meinem Leben ein Mensch sein, lerne +geduldig leiden und Deine Schritte zum Schönen, Guten, +Besten lenken.</p> + +<p>Führe Deine Seele zur Ehre, zur Tugend, zur +Weisheit.</p> + +<p>Lies oft meine Briefe und klage mich der Übertreibung, +der Überspanntheit, der Unverschämtheit, der +Tollheit an, wie es die thaten, die mich kannten, und +ich will Dir alles verzeihen; alles will ich Dir vergeben, +Dir, der Du der köstliche Edelstein meiner Seele warst, +Dir, dem Atem meines Lebens, dem Traum meiner +Träume.</p> + +<p>Parghelia, im Januar 1889.</p> + +<p class="name">Dein Vater<br /> +Antonino M…</p> + + +<div class="new-h4"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_7">[7]</a></span></p> +<h4>Der Mord.</h4> + +<p>Am Mittage des 17. September des Jahres 1868 +habe ich auf einem öffentlichen Platze einen armen +Menschen ermordet. Ich war damals achtzehn Jahre +alt, von erregbarem Temperament, von heißem Sinn, +und ob aus Antrieb des Zornes oder nicht<a name="FNanchor_11_11" href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>, das schlechte +Betragen jenes Dummkopfes, meines Bruders, ist die +Ursache gewesen, daß ich einen Menschen ermordete und +mich kopfüber in ein Meer von Schmach stürzte.</p> + +<p>Die rauchende Pistole in der Hand, mit verzerrtem +Gesicht und klopfendem Herzen schlich ich in das Haus +des Herrn Francesco Antonio Calzona, der mich mit +dem Ausdruck der Achtung und des Mitleids empfing. +Er gab mir einen Strohhut, denn meiner war an dem +Ort des blutigen Ereignisses abgefallen, während ich +mit dem Sohne des Ermordeten rang. Ich nahm einen +derben Knotenstock in die Hand, kletterte über eine Einfassungsmauer +des Gartens und fing an, wie Kain +über das Feld zu laufen, verfolgt von dem Gebell der +Hunde, während ein entsetzliches Röcheln mir zu folgen +schien, das mir sagte:</p> + +<p>»Was hast Du gethan, Du <strong>Mörder</strong>?!«</p> + +<p>Am Abend jenes verhängnisvollen Tages begab ich +mich nach Tropea zu meinem Onkel, dem Doktor V…, +<span class='pagenum'><a name="Page_8">[8]</a></span> +der mich aufnahm und mich in einem kleinen Schlupfwinkel +hinter der Treppe versteckte; dort zusammengekauert +beschmutzte ich mich mit Spinnengewebe und +Staub; man schloß mich in meinem Versteck ein, so daß +ich in völliger Dunkelheit blieb; bald hörte ich eilige +Schritte auf der Treppe, es waren die Karabinieri, die, +nachdem sie eine gründliche Haussuchung angestellt hatten, +davongingen, die Handschellen mit sich tragend.</p> + +<p>Spät am Abend ließ man mich aus dem engen +Loch heraus, zog mir die Uniform eines Fußjägers an +und mit meinen beiden Vettern zog ich in der Richtung +nach Coccorino ab. In jenem elenden Dorf, das fast +von lauter Verwandten von mir mütterlicherseits bewohnt +wird, wurde ich mit Liebe aufgenommen und man brachte +mir alle erdenkliche Rücksicht entgegen.</p> + +<p>Acht Monate lang blieb ich dort zwischen den Feigenbäumen, +öfter machte ich nächtliche Ausflüge nach den +benachbarten Dörfern und nach Parghelia, Nachts schlief +ich auf Strohbündeln oder am Fuße eines Feigenbaumes.</p> + +<p>Wollt ihr ein Bild von jenem Dorfe? Mit zwei +Worten ist es rasch geschildert. Dreißig schlecht gebaute +und gedeckte Hütten, alt und von elendester Bauart, die +Straßen ein Haufen tierischen Unrats, so daß man sich +den Hals bricht, wenn man nicht Acht giebt, wo man +den Fuß hinsetzt; wie ein Riese beherrscht das ganze +der Schloßturm des Barons Fabiani, des Herrn und +Beschützers der ländlichen Hütten und ihrer Bewohner.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_9">[9]</a></span> +Nichts anderes sieht man als einen Hain von +Feigenbäumen, deren schmackhafte Früchte sehr beliebt +sind; nicht weit von diesem erbärmlichen Wohnort sieht +man Coccorinello, an Leib und Seele jenem verwandt. +Die Einwohner beider Dörfer sind elende Ackerarbeiter, +zwei oder drei Familien ausgenommen, die ein kleines +Stück Land besitzen, mit Feigenbäumen von allen Arten, +blutfarben, naturfarben und weiß, bepflanzt.</p> + +<p>Der Pfarrer dient als Arzt und als Apotheker, er +betrügt die armen Kerle, schindet hier ein altes Huhn, +da ein Paar Eier und dort einen Korb mit Früchten.</p> + +<p>Die Einwohner sind gutherzig, ehrerbietig und +liebenswürdig gegen Fremde, aber unwissend und abergläubisch.</p> + +<p>Während ich in Coccorino im Hause meines Onkels +Domenico weilte, eines guten Alten, der dem Bacchus +sehr ergeben war, waren mir diese Verwandten sehr gewogen +und wetteiferten darin, mir mein Versteck weniger +unerträglich zu machen; meine Base Caterinuzzo, das +Faktotum der Lagerräume und des Hauses des Barons +Fabiani, regalierte mich oft mit schmackhaftem Kuchen +oder Käse oder anderen Sachen; sie hatte mich sehr gerne +und ich konnte aus dem Wohlwollen entnehmen, daß +ein wenig <em class="gesperrt">irdische</em> Liebe darin steckte. Sie war jung +und nicht häßlich, aber in meiner kritischen Lage konnte +ich mich um ihre bangen Seufzer wenig kümmern.</p> + +<p>Eines Tages kam meine Tante Domenica an, eine +Schwester meiner Mutter, mit ihrer Tochter Vincenzina, +einer achtzehnjährigen Jungfrau, schön wie die Sonne, +<span class='pagenum'><a name="Page_10">[10]</a></span> +schön und verführerisch in der That, und wer sie kennt, +wird mich nicht Lügen strafen; sie kamen Geschäfte halber +aus Parghelia hierher; mir kommt es nicht zu, die Nase +in die Angelegenheiten der Mutter und der Tochter zu +stecken, die mir etwas launisch, aber durchaus ehrbar +schienen.</p> + +<p>Vincenzina verliebte sich, so viel ich sehen konnte, +in einen Vetter von mir, Antonino del V… aus +Coccorino; als ich sie sah, so frisch und rosig, kam mir +die Laune, ihr den Hof zu machen; wir sahen uns, wir +lächelten uns an, und unsere Herzen krampften sich zusammen; +eines Tages, als wir gerade allein waren, +sagte ich ihr zitternd:</p> + +<p>»Vincenzina, ich liebe Dich!«</p> + +<p>»Ich liebe Dich auch,« antwortete sie errötend.</p> + +<p>»So wollen wir uns immer lieben?« fragte ich.</p> + +<p>»Immer, immer,« antwortete sie mit Thränen in +den Augen; »aber Du wirst nicht fortgehen, nicht wahr, +Antonino?«</p> + +<p>Eine dichte Wolke flog über meine Seele, mein +Herz wurde kalt, ich war vernichtet und stotterte:</p> + +<p>»Die Zeit … die Wechselfälle des Lebens … +es wäre möglich …«</p> + +<p>Wir liebten uns die Tage, die sie in Coccorino +blieb, und ihre Mutter war mit unserer Liebe zufrieden. +Und wollt ihr es glauben? Niemand dachte daran, daß +ich vom Gesetz verfolgt wurde, der Gefahr ausgesetzt, eine +Verurteilung zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit zu erhalten, +niemand dachte daran, nicht einmal ich.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_11">[11]</a></span> +Nach einigen Tagen reisten meine Tante und ihre +Tochter wieder ab, ich will nicht von der bitteren Trennung +sprechen; wir reichten uns die Hände; Vincenzina +und ich küßten uns und unsere Wangen bedeckten sich +mit heißen Thränen. Wir setzten unsere Liebe im Briefwechsel +fort. Heiß und zärtlich waren die Briefe Vincenzinas, +und heißer und verliebter waren die meinen, +die ich ihr täglich zukommen ließ. Es entstand eine +mächtige Eifersucht zwischen mir und meinem Vetter +Antonino, dem ersten Liebhaber Vincenzinas, den sie +plötzlich verließ, indem sie mich an die Stelle ihres ersten +Liebhabers treten ließ. Wenn nicht die Verhältnisse gewesen +wären, wer weiß, was zwischen den leidenschaftlichen +Liebhabern vorgekommen wäre.</p> + +<p>Ich begab mich Nachts einige Male nach Parghelia +in das Haus Vincenzinas, dort in einem Winkel der +Kammer neben einander sitzend, schworen wir uns ewige +Liebe, ewige Treue.</p> + +<p>Eines Tages gelangte ein Freibrief auf acht Tage +an mich, den mir Herr Bruno Chimirri, mein Anwalt +in Catanzaro schickte. Von einigen meiner Vettern begleitet, +begab ich mich nach meinem Hause in Parghelia.</p> + +<p>Ich vergaß mitzuteilen, daß während meiner Verborgenheit +meine beiden Schwestern sich mit zwei Spilingoten +verheirateten, Antonio M… und Giuseppe +M…, beides Vettern. Die beiden Ehen wurden geschlossen, +ohne daß ich etwas davon wußte. Mein Onkel, +der Priester Girolami M…, Bruder meines verstorbenen +Vaters, ein sehr gelehrter und wissenschaftlicher +<span class='pagenum'><a name="Page_12">[12]</a></span> +Mann, aber unkundig der Ränke dieser Welt und einfältig +wie ein Kind, möchte ich sagen, willigte in die +Ehe ein; man lockte ihn dadurch, daß man ihm zu verstehen +gab, jene gewaltthätigen Männer seien Mordkerle +und von allen gefürchtet, und daß dadurch, daß er mit +ihnen verwandt würde, er und die Familie geachtet und +gefürchtet sein würde. Armer blinder Herr!!…</p> + +<p>Doch zu mir zurück und man verzeihe die Abschweifung.</p> + +<p>Zu Hause fand ich Domenico M…, den Vater +des eben erwähnten Antonio, der trotzdem die Mütze +eines Kapitäns der Nationalgarde trug. An jenem +Tage aßen und tranken wir vergnügt, aber am Abend +gingen meine Vettern von Coccorino weg. Am folgenden +Tage nach dem ersten Aufenthalt in meinem Hause begab +ich mich zu meiner Geliebten Vincenzina, und an +jenem Tage blieb ich bei ihnen zum Essen. Eine Tante +von mir, eine Nonne, dumm und boshaft wie Proserpina, +brachte uns ein fettes Huhn, um mein letztes Mahl mit +Vincenzina zu feiern.</p> + +<p>Jener Tag ist ein Tag der Freude und der Liebe +für mich gewesen; die hübsche, rosige Hand meiner +Geliebten reichte mir einen Flügel des Huhnes dar, dann +einen Becher voll schäumenden Weins, indem sie mit +der größten Anmut von der Welt sagte:</p> + +<p>»Trink, Antonino, trink auf mein Wohl.« Und +ich trank begeistert, berückt, indem ich ihr in die schwarzen +leuchtenden Augen schaute.</p> + +<p>Nachdem das Liebesmahl beendet, trat Vincenzina, +ihre Mutter und ich zu einer geheimen Ratssitzung zusammen +<span class='pagenum'><a name="Page_13">[13]</a></span> +und begannen zu erwägen, wie Vincenzina und +ich uns durch unlösbare Banden knüpfen sollten. Nach +verschiedenen Meinungsäußerungen wurde beschlossen, den +Pfarrer zu rufen und uns in Gegenwart zweier Zeugen +heimlich zu verbinden. So geschah es. Nachdem der +ehrwürdige Erzpriester Don Girolamo Toccane gerufen +war, ein alter und hinfälliger Mann, und zwei Zeugen, +wurde er veranlaßt, sich zu setzen. Kaum saß er, so +pflanzte ich mich vor ihm auf und sagte mit fester, deutlicher +und lauter Stimme zu ihm:</p> + +<p>»Hochwürden, diese« – indem ich Vincenzina zeigte, +»ist meine rechtmäßige Gattin.«</p> + +<p>Vincenzina erhebt sich und sagt mit gleicher Stimme:</p> + +<p>»Dies, Hochwürden,« – indem sie auf mich zeigte, +»Antonino M… ist mein rechtmäßiger Gatte.«</p> + +<p>Wütend erhebt sich der Hochwürdige und fluchend +und gestikulierend geht er seiner Wege.</p> + +<p>Ich verehrte Vincenzina einen Ring mit Diamanten +und sie gab mir einen Ring mit ihrem goldenen Haar.</p> + +<p>Es nahte sich der Tag, wo ich nach Catanzaro +abreisen und mich dem Präfekten vorstellen mußte.</p> + +<p>Es wurde beschlossen, daß Domenico M… <i lang="la" xml:lang="la">alias</i> +Stadtvorsteher und Vincenzo M… <i lang="la" xml:lang="la">alias</i> Beigeordneter +mich nach Catanzaro begleiten sollten. Es giebt in +jenem Parghelia einige Bürschchen, die sich als Helden, +als Mordkerle ersten Ranges aufspielen, die sich für Wunder +was halten und nachher der Polizei Hülfe leisten, sie +verteidigen und beschützen: gemeine, dumme, falsche +Seelen! Sage ich unrecht, meine teuren Landsleute?</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_14">[14]</a></span> +Folgen wir dem Faden unserer Erzählung und beschäftigen +wir uns nicht mit jenen Dummköpfen, jenen +Kanaillen von Spionen.</p> + +<p>Von den Karabinieri begleitet, mußte ich mitten +durchs Dorf gehen, um zu Vincenzina zu kommen und +ihr das letzte Lebewohl zu sagen: wir küßten uns und +unsere Thränen flossen zusammen, sie fiel ohnmächtig in +meine Arme …</p> + +<p>Ich durchwanderte die ganze Gegend, von den Bewaffneten +begleitet. In Tropea empfing ein vierspänniger +Wagen Domenico M…, Vincenzo M… +und mich, im Galopp fuhren wir durch Monteleone, +ohne daß jemand den Mund aufthat.</p> + +<p>In Catanzaro begeben wir uns zu meinen Anwälten, +den Herren Bruno Chimirri und Giacinto Oliverio.</p> + +<p>Ich wurde dem Herrn Präfekten vorgeführt, und +nachdem dieser den Haftbefehl ausgefertigt hatte, wurde +ich durch einen Wächter der öffentlichen Sicherheit in +das Gerichtsgefängnis S. Giovanni geleitet.</p> + +<p>Der Wachtmeister, Luigi S…, früher ein berüchtigtes +Mitglied der Camorra, jetzt ein wütender +Verfolger derselben, zeichnet mein Signalement, Namen +und Vornamen in ein großes Register ein, ein Gefangenenwärter +befiehlt mir, mich auszuziehen und eine +sorgfältige und gründliche Untersuchung ergeht über meine +Kleider und über meine Person; dann kleide ich mich +wieder an und werde in das sogenannte Neue Gefängnis +geführt, wo man mich im Kassenzimmer läßt. Es waren +drei Zimmer, von ungefähr zehn Gefangenen bewohnt, +<span class='pagenum'><a name="Page_15">[15]</a></span> +darunter ein alter Mönch und zwei Priester, die wegen +Beihülfe zum Raub angeschuldigt waren und mehrere +andere Bürger wegen anderer Anschuldigungen. Unter +dem Fenster, wo ich weilte, und das durch ein vergittertes +Mauerwerk gesichert war, war ein kleiner Hofraum, +wo ungefähr zwanzig berüchtigte Briganten Luft +schöpften, da waren die berüchtigten Pietro Bianchi, +Bulfalaro, Pietro Lo Monaco, Perelli und andere, alle +von den Assisen in Catanzaro zum Tode verurteilt, die +sich hier während der Berufung befanden, um nach Bestätigung +des Urteils durch den Kassationshof nach Reggio +Calabria überführt zu werden, wo sie die sanfte Schneide +des Henkerbeils zu kosten bekommen, als Strafe für ihre +Räuberei<a name="FNanchor_12_12" href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a>.</p> + +<p>Ich blieb zwei Monate in jenem Labyrinth des +Jammers und erinnere mich, daß ich in eines der Fenster +die Worte eingeschnitten hatte:</p> + +<p>»Antonino M…, zum Tode verurteilt.«</p> + +<p>Aus dem Neuen Gefängnis kam ich ins Alte Gefängnis, +das demselben benachbart ist; dort fand ich +eine zweite Hölle, eine neue Brut elender Gefangener.</p> + +<p>Ich mühe mich ab, einen Begriff davon zu geben, aber +es würde die Feder eines Eugène Sue oder eines Francesco +Mastriani nötig sein, um hundert dicke Bände zu schreiben, +<span class='pagenum'><a name="Page_16">[16]</a></span> +um die Leidenschaften, die Charaktere und die Herzen der +Menschen zu schildern.</p> + +<p>Ein großer und geräumiger Hofraum, der sechshundert +Gefangene aufnehmen konnte, und ringsum elf +Zimmer wie feuchte dunkle Höhlen. Ein einziges enges +und niedriges Fenster mit zwei dicken Eisengittern liefert +ein fahles, trübes Licht, und wenn man mit dem Blick +sucht, sieht man draußen nichts als eine hohe massive +Mauer; Läuse und andere ekelhafte Insekten kriechen +scharenweise an den feuchten Wänden herum, ein widriger +Fäulnisgeruch entströmt dem Pflaster. Am Eingang der +Höhle waren zwei große Gitter, eins von Eisen, das +andere von Holz, und wenn im rauhen Winter der +Sturm raste, dann wurde in dem ekelhaften Loch ein +höllischer Tanz aufgeführt. Die Bewohner der traurigen +Gruft waren hagere, dürre, schimmelige, leichenhafte Gestalten, +das Auge, der Spiegel der Seele, war erloschen +und lag tief in der Höhle.</p> + +<p>Schlecht gekleidet, schlecht ernährt, unsauber – +trotzdem waren diese elenden Geschöpfe des lieben Gottes +lustig, die Feinde Gottes und seiner gütigen Vorsehung.</p> + +<p>Da waren zum Tode Verurteilte, zu zwanzig-, +zehn-, fünfjähriger, zu lebenslänglicher Zwangsarbeit +Verurteilte, solche, die zu sechs Monaten, zu einer Woche, +zu einem Tage, zu einer Stunde verurteilt waren, Angeschuldigte, +die entsetzt dem Ende ihres Dramas entgegenschauten, +alles in buntem Gemisch durcheinander; zusammengekauert, +eingeschlossen in einen eisernen Ring, +unter der unerbittlichen Hand des Unglücks und unter +<span class='pagenum'><a name="Page_17">[17]</a></span> +der schweren Geißel der Gefängniswächter. Das war der +Raum zu ebener Erde.</p> + +<p>Der obere Raum setzte sich aus fünf großen Zimmern +zusammen, die an dreihundert Gefangene enthalten +konnten. Ein großer Säulengang mit langen Eisengittern +in Hufeisenform diente dazu, die Gefangenen der +oberen Wohnung aufzunehmen, wenn sie ihre Stunde +frische Luft schöpften, und diente als Durchgang für die +Wärter und die Gefangenen; zur linken des Eingangs +war das Krankenzimmer, in zwei höher gelegenen Zimmern +wohnten die Wärter. Um die oberen Räume +kennen zu lernen, braucht man nur die unteren zu vergleichen, +die ihnen gleich waren, was Schmutz und Lebensführung +betrifft; jedoch mit dem Unterschied, daß man zu +ebener Erde mit dem Strohsack auf dem nackten Boden, +oben dagegen auf Pritschen lag; je zwei der fauligen und +stinkigen Strohsäcke nahmen drei Gefangene auf.</p> + +<p>Die Nahrung war sehr schlecht; die Suppe ein +ranziger, bitterer, ekelhafter Brei, das Brot trocken, +schwarz, widerlich; aber man achtete diese Nahrung wenig +oder gar nicht, denn Donnerstags und Sonntags brachte +jede Familie ihren verwandten Gefangenen einen gut gefüllten +Quersack und Geld mit, das in der unten gelegenen +Schenke ausgegeben wurde.<a name="FNanchor_13_13" href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a></p> + +<p>Eines Morgens, als wir auf dem Hofe waren, +zur Zeit der Freistunde, befand ich mich im Säulengang, +denn ich war in eines der oberen Zimmer geschickt; es +<span class='pagenum'><a name="Page_18">[18]</a></span> +ertönt die Glocke als Zeichen, daß die zum Luftschöpfen +gewährte Stunde vorbei war und jeder Gefangene in +sein Gemach zurück mußte. Beim gewohnten Geräusch +rührt sich keiner, als ob man das Klingeln der Glocke +nicht gehört hätte; es läutet zum zweiten Mal; dieselbe +Gleichgiltigkeit bei den Gefangenen; nun stellten sich die +Wächter mit ihrem Oberhaupt im Kreise auf, schreiend +und drohend. Ein Schrei, ein drohendes Gebrüll erscholl +aus tausend Kehlen.</p> + +<p>»Nieder mit der Kanaille, nieder die Polizisten, +schlagt den Wachtmeister tot, schlagt die Wächter tot!« +Und zweitausend Augen funkelten im Dunkeln und +tausend spitze Eisen erhoben sich drohend in die Luft. +Der Wachtmeister und seine Untergebenen flohen schleunigst, +vernagelten die Eisengitter, eine Abteilung Soldaten +mit aufgepflanztem Bajonnett bewachte den Ausgang, +zwei Kanonen wurden aufgefahren, die Mündung nach +dem Schloß S. Giovanni gerichtet.</p> + +<p>Der Präfekt, von zwei anderen obrigkeitlichen Personen +begleitet, kommt hinzu, und alle gehen zusammen +mit dem Wachtmeister auf den Säulengang, dem wütenden +Haufen gebietend, daß jeder sich in seine Zelle begeben +solle.</p> + +<p>»Herunter!« so ertönte es, »hinaus mit dem +Schurken!« und tausend Eisen leuchteten drohend zu dem +Präfekten empor. Nun ersuchte der Beamte die Menge +einen Augenblick um Ruhe; er ließ den Gefangenen +Diogene Pierre rufen und sprach mit ihm, während ein +triumphierendes Lachen seine trockenen Lippen umspielte.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_19">[19]</a></span> +»Brüder und Freunde«, rief Pierre der schweigenden +Menge zu, »geht alle hinein!«</p> + +<p>Schweigen folgte diesen Worten, die Menge zog +sich zurück, wie eine Viehherde in den Stall geht. Tags +darauf wurde Diogene Pierre, der zum Tode verurteilt +war, ein berüchtigter Räuber und Mitglied der Camorra, +seiner Anstalt übergeben, um die heimatliche Luft zu genießen; +wenige Tage später durchbrach er ein Gitter des +Gefängnisses und entfloh auf das Land, in der +Hoffnung, etwas zu seiner Zerstreuung zu finden, aber +er fand nur eine gute Kugel von dreiviertel Lot Blei, die +ihm ins Rückgrat gejagt wurde, sodaß er alsbald vor +seinem Teufel stand, eine Rechnung über seine Heldenthat +abzulegen. Nachdem Pierre aus dem Gefängnis fort war, +verlor die Verschwörung ihre Kraft und Kühnheit; die +Camorristen, ungefähr vierzig an der Zahl, wurden +in schrecklichen düsteren Zellen in Eisen gelegt und +ihrem Schicksal überliefert, wenn sie verurteilt waren; +unter scharfe Aufsicht gestellt, wenn sie in Untersuchung +waren. Mehr als alle hatte Francesco Pantano, dem +die Knochen tüchtig mit der Zwangsjacke geschnürt wurden, +zu leiden.</p> + +<p>Meine Verteidiger kamen einige Male, um mich +zu sehen; sie gaben mir wenig Hoffnung über den Ausgang +meiner Sache; umsoweniger, da die Anklage auf +Mord mit Vorbedacht und mit Nachstellung lautete.</p> + +<p>Ich blieb acht Monate in der Misthöhle zu Catanzaro, +bis eine Abteilung der Karabinieri in schleunigem +und besonderem Auftrag mich fesselte, um mich nach +<span class='pagenum'><a name="Page_20">[20]</a></span> +Monteleone zu bringen; dort war eine besondere Sitzung +der Assisen eröffnet und wurden alle, welche an der +Ueberführung teilnahmen, in öffentlicher Verhandlung +abgeurteilt und ich mit ihnen.</p> + +<p>Es war der 1. August des Jahres 1869; gefesselt +ging ich zwischen zwei Karabinieri nach Tiriolo ab, zu +Fuß. In diesen Hundstagen mußte ich sechs Stunden +marschieren, der Sonnenglut ausgesetzt; um Mittag kam +ich in Tiriolo an, müde und matt, ohne Geld und halb +tot vor Hunger und Durst; ich hatte nur Schwarzbrötchen, +die man mir gegeben hatte, als ich den Kerker zu Catanzaro +verließ, aber was nützten sie mir?</p> + +<p>Mir war die Kehle zugeschnürt, ausgetrocknet, daß +ich mit Mühe und Not etwas salziges Wasser schlucken +konnte; die Nacht habe ich auf einer groben Pritsche +geschlafen; Tags darauf wurde ich von den Bewaffneten +in der Richtung nach Maida geführt und machte wieder +fünf oder sechs Stunden angestrengten Marsches; dort +warfen sie mich in eine Höhle, welche die Höhle von +Maida genannt wird. Ein breites langes Fenster mit +zwei ungeheueren Gittern versehen, öffnet sich nach einer +Terrasse hin, gegenüber lag eine <em class="gesperrt">Spinnerei</em>; dieses +Fenster war brusthoch, sowohl von innen wie von außen. +Da lag ich in der finsteren Höhle, gewiß würde ich +sterben, ehe ich nach Monteleone kam; seit zwei Tagen +war mein armer Magen völlig leer, die Kehle geschlossen +und so ausgetrocknet, daß ich kaum sprechen konnte. Von +unserm Herrgott und den Heiligen verlassen, wie konnte +ich die Nacht durchleben, um morgen wieder fünf oder +<span class='pagenum'><a name="Page_21">[21]</a></span> +sechs Stunden Wegs zu machen. Und ich beklagte mich +über Gott und seine Vorsehung.</p> + +<p>Ich Dummkopf!</p> + +<p>Die Vorsehung Gottes verläßt die Geschöpfe nie, +nein, sie verläßt sie nicht, der irregelenkte Mensch wird +von dem Blick des göttlichen Schöpfers verfolgt.<a name="FNanchor_14_14" href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a></p> + +<p>Unter meinem Fenster ging eine gute Alte vorbei, +sie sah mich und lächelte mich an, indem sie sagte: »Du +hier! Dein Papa und Deine Mama wissen nichts! O, +ich eile zu ihnen, ich werde es ihnen sagen!« Und +hinkend lief sie davon. Ich hielt sie für verrückt oder +albern, und gab nichts auf das, was sie mir gesagt hatte.</p> + +<p>Es vergingen keine zwei Stunden, als ein edler +Greis mit langem weißen Bart sich vor mein Fenster +stellte und mich lächelnd ansah. Ich fragte ihn:</p> + +<p>»Herr! wünschen Sie etwas von mir?«</p> + +<p>»Nichts«, antwortete er freundlich, »aber bitte, +könnten Sie mir sagen, woher Sie sind und wie Sie +<span class='pagenum'><a name="Page_22">[22]</a></span> +heißen?« Nachdem ich ihn befriedigt hatte, fragte +ich ihn:</p> + +<p>»Würden Sie mir den Grund Ihrer Fragen +nennen?«</p> + +<p>»Wissen Sie, braver Jüngling«, sagte er, »Sie +ähneln vollständig meinem Sohne Peppino, wenn Sie +in mein Haus kämen, würden meine Frau und meine +Söhne Sie für ihn halten; ich wundere mich, wie die +Natur Sie meinem Sohne so ähnlich hat machen können; +wissen Sie«, fügte er hinzu, nachdem er mich aufmerksam +angesehen hatte, »ich beglückwünsche mich dazu, ich +bin darüber froh; was ich für Sie thun kann, werde +ich thun, wie meinem Sohn; nachher werde ich ihn +hierher führen, ich will, daß er Sie umarme.«</p> + +<p>Er ging dann, nachdem er mir die Hand gereicht +hatte, indem er kaum die Thränen zurückhielt, die ihm +in seine himmlisch schönen Augen traten.</p> + +<p>Nicht lange darauf ließ der Wärter mich in sein +Zimmer treten, ein Jüngling und jener edle Greis waren +da, sie sahen mich zwei Minuten lang an, dann wandte +sich der Vater an den Sohn und sagte:</p> + +<p>»Wohlan, Peppino, umarme ihn!«</p> + +<p>Der liebe junge Mann warf sich in meine Arme, +wir küßten uns wiederholt innig, der Greis, dem die +Thränen über die blassen Wangen rannen, küßte mich +mehrere Male, indem er sagte:</p> + +<p>»Mein Sohn, ich segne Dich!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_23">[23]</a></span> +Sie wollten von meinem Unglück hören, und als +sie erfuhren, daß ich seit drei Tagen nichts gegessen +hatte, waren sie sehr betrübt. Ich sagte zu ihm:</p> + +<p>»Herr, könnte ich Ihren Namen wissen, damit er +sich meiner Seele einpräge, weil ich Ihnen heißen Dank +schulde?«</p> + +<p>»Ja, mein Sohn, ich heiße Francesco R…, dies«, +auf seinen Sohn zeigend, »ist mein geliebter Sohn +Peppino, wir stehen ganz zu Ihrer Verfügung.«</p> + +<p>»Dank, Herr, Dank für Ihr edles Herz; mir genügt +die väterliche Zärtlichkeit, die Sie mir erwiesen haben +und zu wissen, daß die Vorsehung ihre elenden Geschöpfe +nicht verläßt.«</p> + +<p>Sie gingen, indem sie sagten, daß sie bald zurückkehren +würden.</p> + +<p>Am Mittag kamen sie mit einem Diener zurück, +der einen großen Korb auf dem Kopf trug.</p> + +<p>Herr Francesco sagte zu mir:</p> + +<p>»Mein Sohn, ich gehe zu meiner Familie zurück, +ich habe heute viel zu thun, wir werden uns heute +Abend wiedersehen; mein Sohn bleibt hier, um mit Dir +zu speisen und zu plaudern.« Er drückte mir die Hand +und ging.</p> + +<p>Der Gefangenenwärter machte eine schöne Tafel zurecht, +wir setzten uns zu Dreien nieder und fingen heiter +an zu essen und von dem ausgezeichneten Wein zu trinken. +Eine schöne Geflügelsuppe, zwei gesottene Hühner, ein +Kalbsbraten, gebratene Eier, Käse und viel Obst machten +<span class='pagenum'><a name="Page_24">[24]</a></span> +unser Mahl aus. Wir sprachen von vielerlei Dingen +und Peppino sagte oft zu dem Wärter:</p> + +<p>»Geben Sie mir diesen teuren Gefangenen, damit +er heute Abend bei mir schläft und daß ich ihn meiner +lieben Mama zeigen kann.«</p> + +<p>Der Wärter wollte es nicht zugeben.</p> + +<p>Peppino schenkte mir ein Paket toskanischer Cigarren.</p> + +<p>Abends kam der edle Herr wieder und sagte zu mir:</p> + +<p>»Ich habe mit dem Offizier der Karabinieri, einem +guten Freunde von mir, gesprochen, und habe ihn gebeten, +alles daran zu setzen, daß Sie morgen nicht abreisen +müssen und ein paar Tage hier bleiben können. Wir +begaben uns zu der Station der Karabinieri, wo er, +nachdem man meine Papiere untersucht, mich zu seinem +Leidwesen wissen ließ, daß er mir nicht dienlich sein +könne, da es unmöglich sei; Sie müssen übermorgen +auf dem Gericht zu Monteleone sein, da Ihre Sache +verhandelt wird. Das schmerzte mich nicht wenig, denn +ich hatte den Vorschlag gemacht, morgen meine Frau +mitzubringen; da ich ihr von Ihnen erzählt hatte, +äußerte sie den lebhaftesten Wunsch, Sie zu sehen.«</p> + +<p>Er erkundigte sich, ob ich gegessen und getrunken +habe; wenn ich etwas benötigte, solle ich es ihn +wissen lassen.</p> + +<p>»Herr«, sagte ich, »ich mißbrauche Ihre Menschenfreundlichkeit, +aber die absolute Notwendigkeit, in der ich +bin, läßt mich anspruchsvoll sein …«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_25">[25]</a></span> +»Nein, nein«, antwortete er erregt, »sprechen Sie, +sprechen Sie, wir stehen ganz zu Ihrer Verfügung.«</p> + +<p>»Ich brauche fünf Lire, um den dringendsten Bedürfnissen +zu begegnen, wenn ich in Pizzo und in Monteleone +sein werde.«</p> + +<p>»Peppino«, sagte der Vater zu dem Sohn, »geh' +nach Hause und versorge den braven Jüngling mit Geld.« +Peppino steckt die Hand in die Tasche, leert seine Geldtasche, +nimmt zwei Fünflirenoten und giebt sie mir.</p> + +<p>»Nein, nein«, ruft der Vater, »mein Sohn, das +ist zu wenig, geh' nach Hause und versorge Deinen +Bruder mit Geld.«</p> + +<p>»Ich danke, Herr«, sage ich, »ich danke, das ist zu +viel, fünf Lire genügen mir.«</p> + +<p>»Und ich sage, daß es zu wenig ist«, sagte Herr +Francesco erregt, »geh' nach Hause, sonst …«</p> + +<p>»Herr, ich nehme nicht einen Centesimo mehr an; +wenn Sie auf Ihren Vorschlag bestehen, bin ich gezwungen, +die zehn Lire zurückzugeben.«</p> + +<p>»Nun wohl, dann nehmen Sie dies kleine Geschenk +an, als Pfand meiner Liebe für Sie«, und indem er einen +goldenen Ring vom Finger nahm, steckte er ihn an meine +Hand – »und ich bitte Sie, ihn oft anzusehen und sich +meiner zu erinnern. Wenn Sie etwas bedürfen sollten, +so erinnern Sie sich an Francesco R…, und wenn +ich die wenigen Tage, die mir noch verbleiben, vollendet +habe, dann werde ich es meinen Söhnen als Vermächtnis +lassen, Ihrer zu gedenken, um Ihnen bei jeder Not beizustehen. +Morgen werden Sie nach Pizzo abreisen, mein +<span class='pagenum'><a name="Page_26">[26]</a></span> +Sohn wird Sie vor dem Gefängnis mit einem Wagen +und einem Kutscher erwarten, ich habe Sie den Karabinieri +warm empfohlen und hoffe, Sie werden keine +unangenehme Reise haben.« Er umarmte mich und küßte +mich mehrere Male, mich mit väterlicher Zärtlichkeit an +die Brust drückend.</p> + +<p>Tags darauf in der Frühe reiste ich, nachdem ich +Peppino umarmt hatte, von dannen.</p> + +<p>In Monteleone kam ich am Abend des vierten +August an, am folgenden Tage sollte ich den Assisen +vorgeführt werden.</p> + +<p>Der Anwalt Herr Chimirri kam zu mir und sagte +mir, daß er in Geschäften in Monteleone sei und daß +er aus reinem Zufall erfahren habe, daß meine Sache +verhandelt werden solle. Meine Verwandten waren nicht +gekommen, Entlastungszeugen waren nicht vorhanden; +so erwarteten mich denn zwanzig Jahre Zwangsarbeit.</p> + +<p>Herr Chimirri kam nicht in Verlegenheit, die Schlauheit +der Advokaten geht weit.</p> + +<p>»Geben Sie mir rasch vier Personen aus Ihrer +Heimat an, die entweder tot oder im Ausland sind.«</p> + +<p>»Pasquale Colace fu Francesco, Leonardo Calzona +di Francesco Antonio, Marco Colace fu Francesco +Antonio, Antonino Mazzitelli di Vincenzo.«</p> + +<p>Er schrieb die armen Verstorbenen in sein Notizbuch +und ging.</p> + +<p>Ich werde in den Gerichtssaal geführt, nehme auf +der Anklagebank Platz, die Geschworenen werden ausgelost, +<span class='pagenum'><a name="Page_27">[27]</a></span> +als alles in Ordnung ist und ich verhört worden bin, +werden die Belastungszeugen gerufen, deren acht waren, +die Rache gegen mich schnoben und mich als einen +wahren Mörder hinstellten. Es werden die Entlastungszeugen +gerufen, der Gerichtsdiener öffnet die Thür des +Zeugenzimmers und ruft:</p> + +<p>»Pasquale Colace fu Francesco.«</p> + +<p>»Nicht erschienen.«</p> + +<p>»Marco Colace fu Francesco Antonio.«</p> + +<p>»Nicht erschienen.«</p> + +<p>»Leonardo Calzona di Francesco Antonio.«</p> + +<p>»Nicht erschienen.«</p> + +<p>»Antonino Mazzitelli di Vincenzo.«</p> + +<p>»Nicht erschienen.«</p> + +<p>»Beim Aufruf fehlen alle, Herr Vorsitzender.«</p> + +<p>Wer weiß, ob diese armen Toten wissen, daß sie +vor dem Gericht zu Monteleone eine lächerliche unsinnige +Macht darstellen.</p> + +<p>Mein Verteidiger erhebt sich und protestiert.</p> + +<p>»Die Entlastungszeugen fehlen, ich kann die Verhandlung +nicht fortsetzen.«</p> + +<p>»Herr Präsident!« ruft einer der gegnerischen +Partei, »diese Zeugen sind lange vorher gestorben, ehe +der Angeklagte das Verbrechen beging.«</p> + +<p>»Sie sind tot?« sagte mein Verteidiger, »so werden +wir sehen, ob sie auf Kosten des Angeklagten aus dem +Höllenrachen gezogen werden sollen, um ihre Aussage +abzugeben, oder ob ein anderer Entlastungsbeweis angetreten +werden soll.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_28">[28]</a></span> +Alle lachten bei dieser Rede des Herrn Chimirri, +der Vorsitzende läutet und sagt:</p> + +<p>»Die Verhandlung ist geschlossen.«</p> + +<p>Alle blieben mit langer Nase sitzen und ich wurde +ins Gefängnis geführt.</p> + +<p>Ich erinnere mich nicht, welcher Streit sich zwischen +mir und einem Gefangenenwärter entspann, – ich geriet +in Zorn und gab ihm eine Ohrfeige, wodurch ich mir +vierzehn Tage Wasser und Brot zuzog, während der +Oberwächter De Cola, der halb blind war, mir sagte:</p> + +<p>»Das haben Sie gut gemacht, der Wärter war +eine Kanaille.«</p> + + +<div class="new-h4"></div> +<h4>Fünf Jahre.</h4> + +<p>Am Mittag des 17. November 1869, vierzehn +Monate nach dem blutigen Ereignis, verurteilte der Hof +der Assisen zu Monteleone mich zu der Strafe von fünf +Jahren Gefängnis und zu den Kosten des Urteils, wegen +Totschlags, begangen im Zorn und infolge schwerer Aufreizung.</p> + +<p>Ich schrieb an Herrn Francesco R… in Tiriolo, +teilte ihm die gegen mich erkannte Strafe mit und +schickte ihm eine Anweisung über zehn Lire, das Geld, +<span class='pagenum'><a name="Page_29">[29]</a></span> +welches er mir geliehen hatte, als ich das dortige Gefängnis +verließ.</p> + +<p>Ich bewahre noch seinen Brief auf, als heiliges +Pfand meiner Dankbarkeit gegen ihn.</p> + +<p>Folgendermaßen lautet der Brief des Herrn R…:</p> + +<blockquote><p class="center">Mein gottgesegneter Sohn!</p> + +<p>»Ihre Verurteilung hat mich nicht wenig betrübt, +und betrübt sind auch meine Frau und meine Söhne.</p> + +<p>Ich danke Ihnen für die Empfindungen edlen +Wohlwollens, die Sie in Ihrem Schreiben bekunden und +bitte Sie zu glauben, daß unsere Liebe zu Ihnen immer dieselbe +ist wie in dem Augenblick, da wir zuerst das Glück +hatten, Sie zu sehen. Ich schicke Ihnen die Anweisung +über zehn Lire zurück, und mir mißfällt Ihre Handlungsweise; +ich hatte den Wunsch, Ihnen Geld zu schicken, +aber ich möchte Ihr Ehrgefühl nicht verletzen, da ich Sie +als sehr zartfühlend erkannt habe; doch bitte ich Sie, +sich in jedem Augenblick an mich zu wenden, wo Sie +etwas nötig haben, mit Vergnügen und ohne jeden +Eigennutz werde ich Ihnen schreiben, wie nur ein zärtlicher +Vater es vermag.</p> + +<p>Bewahren Sie uns immer Ihre Liebe, wie auch +wir Sie immer lieben werden. Ihr zärtlicher Brief ist +wiederholt von mir gelesen worden und unsere Herzen +sehnen sich danach, Sie zwischen uns zu sehen. Fassen +Sie Mut, fünf Jahre vergehen schnell, verlassen Sie sich +auf die göttliche Vorsehung, die, wie Sie selbst sagen, +ihre Geschöpfe nie verläßt.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_30">[30]</a></span> +Wenn Sie frei sind, vergessen Sie nicht den Alten +in Maida, kommen Sie und überraschen Sie uns, ja? +Und werde ich unter der Zahl der Lebenden sein, um +Sie wieder zu umarmen? Wenn ich fehlen sollte, +werden meine Söhne Sie statt meiner umarmen.</p> + +<p>Geben Sie oft Nachricht von sich und Ihrem +Aufenthalt, fordern Sie immer etwas von mir. Meine +Frau ist betrübt, Sie nicht gesehen zu haben, sie weint +bei Ihrem Brief.</p> + +<p>Empfangen Sie die Grüße meiner Familie, Peppino +umarmt Sie und sagt, daß er Sie dort besuchen will.</p> + +<p>Ich küsse Sie von Herzen und segne Sie.</p> + +<p>Maida, den 2. Dezember 1869.</p> + +<p class="name">Ihr zärtlicher Vater<br/> +Francesco R…«</p></blockquote> + +<p>In der Zwischenzeit, während ich mich im Gefängnis +zu Catanzaro befand, heirateten meine Schwestern, und +mein Bruder verheiratete sich mit Micheline M…, einer +Spilingotin, der Schwester eines von denen, die meine +Schwestern geheiratet hatten. Während diese Brut und +der Dummkopf, mein Bruder, sich auf den Festen Hymens +ergötzten, Wein tranken und das halbe Erbteil +verpraßten, das mein unglücklicher Vater ihnen hinterlassen +hatte, seufzte ich Ärmster in den finsteren Höhlen +zu San Giovanni in Catanzaro.</p> + +<p>Ich weiß nicht, wie lange ich im Gefängnis zu +Monteleone blieb. Jener gute Alte, mein Onkel, der +<span class='pagenum'><a name="Page_31">[31]</a></span> +Priester Girolamo M… kam oft, mich besuchen, wobei +er Micheline, das Weib meines Bruders als einen Engel +schilderte, und er pflegte sie einen »himmlischen Engel« +zu nennen, und sagte, daß sie schön und kräftig sei. Ich +konnte daraus entnehmen, daß er an der famosen Micheline +etwas fand, das ihn erregte und ihm einen heimlichen +Kitzel verursachte, so alt er war, oder daß er etwas +elastisches gesehen habe, worüber er den Kopf verlor. +Der arme Thor!</p> + +<p>Micheline M…, die Tochter des Schurken Betta, +die verbissene Schülerin der Grundsätze des berüchtigten +<strong>Ruina</strong>, ein Engel an Leib und Seele!!</p> + +<p>Wir werden seiner Zeit von diesem Engel sprechen +und dann werden die Spilingoten und meine Landsleute +mir Gerechtigkeit widerfahren lassen.</p> + +<p>Es kam Befehl vom Ministerium, daß achtzig Gefangene +aus dem Gefängnis Calabriens nach Lucera do +Puglia geführt werden sollten, um dort ihre Strafe zu +verbüßen, und in dieser Zahl war ich mit inbegriffen.</p> + +<p>In meiner Abteilung waren wir neun in einem +Zuge. Wir reisten über Pizzo und in jenem Gefängnis +sollten wir den Tag erwarten, wo der Dampfer kam, +der uns nach Neapel bringen sollte. In Pizzo beauftragte +meine Familie meinen Verwandten, Michela +M…, damit, alles mögliche zu thun vermittelst ärztlicher +Zeugnisse, daß ich an jenem Tage nicht mit abreiste. +Ich blieb einen Monat im Gefängnis zu Pizzo, +alle andern Gefangenen waren in Lucera angekommen, +ich allein fehlte. Im Gefängnis zu Pizzo waren in +<span class='pagenum'><a name="Page_32">[32]</a></span> +dem Zimmer, wo ich wohnte, noch fünfzehn oder zwanzig +Gefangene, meistens zu Kettenstrafen verurteilt, die nach +dem Bagno geführt werden sollten, die andern waren +Angeklagte und standen unter schwerem Verdacht.</p> + +<p>Man kam überein, einen Fluchtversuch zu machen, +und im Fall des Gelingens auf das Land zu fliehen. +Man fing an, an dem Abtritt zu arbeiten, es war nur +nötig, das Loch in der Mauer so zu erweitern, daß ein +Mann knapp hindurch ging. Wir verschafften uns die +zu dieser Arbeit geeigneten Eisen und begannen in aller +Ruhe zu arbeiten, und wenn Abends der Wärter kam, +um die Gefangenen zu zählen, dann leuchtete er auch +mit einer Laterne auf den Abtritt, um die Mauer zu +inspizieren; aber wir waren schlauer als er, und wenn wir +einen Teil des Tages gearbeitet hatten, brachten wir +alles wieder mit Kot und Erde in Ordnung, daß es +aussah, als sei nichts zerstört; nachher, nach der abendlichen +Inspektion, gingen wir wieder mit unseren Eisen +ins Werk. Wir arbeiteten fünf oder sechs Tage, so daß +an der Außenseite nur noch der Kalk an der Mauer +blieb, der nach einem Hammerschlag nachgegeben hätte.</p> + +<p>Wir hielten Rat: diese Nacht mußten wir fliehen, +aber ein starkes Hindernis stellte sich uns entgegen, denn +nahe dem Ort, wo die Flucht statthaben sollte, stand die +Schildwache.</p> + +<p>Was war zu thun?</p> + +<p>Wir beschlossen, das Los zu werfen, und wer +herauskam, sollte die Mauer sprengen, sich rasch auf die +Schildwache stürzen und sie niederschlagen, ohne daß sie +<span class='pagenum'><a name="Page_33">[33]</a></span> +Alarm machen konnte. Nachdem wir gelost hatten, +wollte das Schicksal, daß ein gewisser Luigi Martelli +aus Catanzaro bestimmt wurde, der zu zwanzigjähriger +Zwangsarbeit verurteilt war; der zweite sollte ich sein, +dann die andern der Reihe nach.</p> + +<p>Den ganzen Tag beratschlagten wir, jeder von uns +war mit einem langen dreieckigen Dolch bewaffnet.</p> + +<p>Abends kam der Wärter zu dem gewöhnlichen Besuch, +zählte die Gefangenen, und als er vor dem Gefangenen +Farabella vorbeikommt, öffnet dieser die Tabaksdose, +die er in der Hand hatte und sagt zu dem Wärter:</p> + +<p>»Herr Ciccio, nehmen Sie eine Prise?«</p> + +<p>Ciccio nahm die Prise und sagte:</p> + +<p>»Ich danke, Farabella.«</p> + +<p>Er ging auf den Abtritt, untersuchte die Mauern +und entfernte sich.</p> + +<p>Es konnte ungefähr sechs Uhr sein, als eine Abteilung +Soldaten mit aufgepflanztem Gewehr und Karabinieri +das Haus umstellten. Die Thür unseres Zimmers +öffnet sich, es tritt der Chef mit zehn Karabinieri +mit aufgepflanztem Bajonett herein, wir müssen uns +paarweise in Reihen aufstellen, wir werden untersucht +und es wird entdeckt, daß wir mit langen Dolchen bewaffnet +sind.</p> + +<p>Der Anführer stößt von außen mit einem Gewehrkolben +gegen die Mauer des Abtritts und die schwache +Kalkkruste geht in Stücke.</p> + +<p>Der Abtritt wird untersucht, unsere Arbeit entdeckt, +man findet die Meißel, die Stangen und Hämmer, die im +<span class='pagenum'><a name="Page_34">[34]</a></span> +Kot begraben lagen. Wir werden mit Eisen und Handschellen +und starken Ketten gebunden und der Chef der +Wache frägt:</p> + +<p>»Wer heißt hier Antonino M…?«</p> + +<p>»Ich, Herr«, antwortete ich.</p> + +<p>»Wächter«, befiehlt der Anführer, »lassen Sie den +Gefangenen M… in das obere Zimmer gehen, aber bewachen +Sie ihn gut!«</p> + +<p>Dank meinem Verwandten Michele Accorinti ging +ich frei aus, denn nachher habe ich erfahren, daß die +armen Teufel tüchtig geprügelt wurden und als am +folgenden Tage der Dampfer auf der Rhede vorbei kam, +mußten sie unter strenger Aufsicht nach ihrem Bestimmungsort +abreisen; die Angeschuldigten nach Monteleone +mit warmen Empfehlungen von dem Direktor und +dem Chef.</p> + +<p>Ich vergaß dem Leser mitzuteilen, daß ich während +der Zeit, da ich in dem Gefängnis zu Catanzaro war, +eine lebhafte Korrespondenz mit Vincenzina unterhielt +und daß, als ich in Monteleone ankam, mein Onkel, +der Priester und meine Verwandten mir drohten, daß +sie mich meinem Schicksal überlassen würden, wenn ich +Vincenzina nicht verließe – alles nur Verschwörung der +Schurken aus Spilinga, die hofften, daß ich mit der +Zeit eine ihrer Töchter heiraten würde, um mich in +Schimpf und Schande zu bringen, wie sie es mit dem +Laffen, meinem Bruder, gemacht hatten.</p> + +<p>Ich war gezwungen, mich zu fügen, und dann +dachte ich: Ich komme vor Gericht unter einer nicht +<span class='pagenum'><a name="Page_35">[35]</a></span> +leichten Anschuldigung, wer weiß, was für Folgen mir +in der Hinsicht begegnen können. Die arme Vincenzina +mußte inzwischen warten, wer weiß wie lange. Wer +kann die Wechselfälle des Lebens erforschen?</p> + +<p>Wenn ich die Strafe verbüßt hatte, mußte ich Soldat +werden und zwar erster Klasse des Jahrgangs 1850. +Was konnte mir beim Militär begegnen? Unter einem +so strengen Regiment war es bei meinem erregbaren +Temperament leicht möglich, daß ich neuer Schande entgegenging.</p> + +<p>Ich schrieb Vincenzina einen Brief, in welchem ich +ihr mein trauriges Mißgeschick und die harte Folgezeit, +die mir bevorstand, mitteilte; ich bat sie, mir meine +Schwäche zu verzeihen, und sagte, daß wenn die Vorsehung +mir geholfen hätte, bald in meine Heimat zurückzukehren, +ich nicht verfehlt haben würde, ihr die Hand +zu reichen, und daß ich sie noch immer liebte.</p> + +<p>Ich sandte ihr ihren Ring zurück, indem ich sie bat, +den meinen meiner Familie zuzustellen, um meine Verwandten +zu befriedigen, die so empört gegen uns seien.</p> + +<p>Die arme Vincenzina antwortete mir, daß sie alles +so gemacht, wie ihr befohlen, daß sie meine traurige Lage +beklage, daß sie mich als ihren Vetter immer lieben werde und +daß für mich, als ihren Verlobten, ihre Liebe ewig, unerschütterlich +sei, daß sie über mein trauriges Mißgeschick +weine und daß sie für meine Befreiung bete.</p> + +<p>Jetzt wollen wir den Faden meiner Erzählung wieder +aufnehmen. Am Sonntag nach dem, an welchem meine +Gefährten abgereist waren, reiste ich nach Neapel ab, +<span class='pagenum'><a name="Page_36">[36]</a></span> +begleitet von drei Karabinieri und einem Genossen, der +zu fünfzehnjähriger Zwangsarbeit verurteilt war. Er +war nach dem Bagno in Favignana bestimmt und hieß +Luigi Perrone aus der Provinz Cosenza und war aus wohlhabender +Familie; als Angehöriger der Camorra war +er wegen gewisser Vergehen, die er im Gefängnis zu +Cosenza verübt hatte, von dieser Sekte dazu verurteilt, +daß ihm das Gesicht zerschnitten werde, aber bis zu diesem +Augenblick hatte noch kein Picciotto die Ehre gehabt, das +fertig zu bekommen.</p> + +<p>Er gestand mir, daß er in Neapel im Gefängnis +del Carmina nicht mit mir in das Durchgangszimmer +kommen wollte, aus Furcht, daß ich ihn verunstaltete, +weil die Camorristen von seiner Durchreise benachrichtigt +waren und daß er dem Oberwächter davon Mitteilung +machen wolle.</p> + +<p>Ich bat ihn mit mir zu kommen, da ich dafür einstehen +würde, daß ihm nichts begegnen soll, es sei nicht +schicklich für einen anständigen Picciotto, sich mit dem +Oberwärter ins Einvernehmen zu setzen; eine noch schlimmere +Sache könne für ihn eintreten, wenn er im Bagno +sein würde; daß es meine Sorge sein solle, ihn der Gesellschaft +in Favignana zu empfehlen, wo ich verschiedene +Mitglieder kannte, und ich nannte ihm einige gute Camorristen +von Ruf, die meine engsten Freunde waren.<a name="FNanchor_15_15" href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_37">[37]</a></span> +Auf mein Zureden willigte er ein; in Neapel angekommen, +im Gefängnis del Carmina, traten wir in +das Durchgangszimmer ein: ein großes Gemach mit gewölbten +Bogen und Säulen, ich glaube, in alten Zeiten +ist es eine Klosterkirche gewesen; hier waren ungefähr +zweihundert Passagiere, die Tag für Tag, ja Augenblick +für Augenblick nach ihrem Bestimmungsort abreisten, +während andere Züge von dreißig oder fünfzig Gefangenen, +ihre Stelle einnahmen – es war ein höllisches Kommen +und Gehen.</p> + +<p>Ich fand in diesem Raum einen gewissen Sansosti +da Serra S. Bruno, einen berüchtigten Camorristen +und ein Haupt der Gesellschaft, der zu lebenslänglichem +Kerker verurteilt war und noch die Entscheidung eines +anderen Prozesses erwartete, wegen eines im Bagno zu +Piombino begangenen Mordes. Er war wie ein zum +Galgen Bestimmter gekleidet: rote Jacke und Mütze und +grüne Hosen; an den Füßen schleppte er mühsam zwei +lange Ketten und große eiserne Ringe, die ein höllisches +Geräusch machten. Sansosti war ein alter Bekannter +von mir, der, nachdem er mich kaum gesehen hatte, herbeieilte, +um mich zu umarmen und mir ins Ohr zu flüstern:</p> + +<p>»Das Stichwort?«</p> + +<p>»Liebe und Achtung den Gefährten, blinder Gehorsam +dem Masto.«</p> + +<p>»Liebe und Achtung hast Du, blinden Gehorsam +wirst Du mir gegenüber beobachten.« Wir küßten uns, er +gab mir zwei Cigarren und wir setzten uns auf die +Pritsche.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_38">[38]</a></span> +»Nun, teurer Genosse«, sagte er, »erzähle mir, wie +es den Gefährten in Catanzaro und Monteleone geht, +ich möchte über gar vieles unterrichtet sein.«</p> + +<p>»Lieber Sansosti, die Gefährten sind zerstreut, jener +Verräter Diogene Perri hat sie verraten.«</p> + +<p>Dann erzählte ich ihm das ganze Abenteuer mit +Perri, seinen Tod und wie es den Camorristen in +Catanzaro gegangen war, indem ich ihn genau über +viele andere Angelegenheiten der Camorra unterrichtete. +Dann sagte er:</p> + +<p>»Und jener elende Perrone, hat man ihn nicht +vorbeikommen sehen?«</p> + +<p>Es muß erwähnt werden, daß Sansosti den Perrone +nur dem Namen nach kannte; denn als Perrone sich im +Gefängnis zu Catanzaro befand, war er allein in einer +Zelle eingeschlossen, aus Furcht, daß die Camorristen ihn +ermordeten, und Sansosti hatte ihn niemals gesehen.</p> + +<p>»Mir scheint, er ist abgereist«, antwortete ich +Sansosti.</p> + +<p>»Das glaube ich nicht, bei Gott nicht. Seit sechs +Monaten erwarte ich ihn schon, jeden Gefangenenzug, der +ankommt, beobachte ich und erkundige mich nach jedem, +der ankommt und abgeht; man sagte mir, daß er noch +nicht fort sei und Du M…, hol's der Teufel, hast +ihn in keinem Gefängniß getroffen? Weißt Du, was +unsere Brüder im Gefängnis zu Cosenza beschlossen +haben? »Wer den Picciotto Luigi Perrone verstümmelt, +wird, wenn er <em class="gesperrt">nicht Camorrist</em> ist, sofort <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Picciotto +di mala vita</em>; gehört er zur Camorra, so avanziert er +<span class='pagenum'><a name="Page_39">[39]</a></span> +zwei Grade; ist er Picciotto, so wird er <em class="gesperrt">Camorrist</em>, +ist er Camorrist, so wird er eigentlicher Camorrist; +ist es der <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Masto</em> oder auch ein Haupt der Gesellschaft, +so soll er von allen und für alles unantastbar sein und +überall in seinem Kreise als Haupt der Gesellschaft +anerkannt werden.« Noch hat keiner von uns das Glück +gehabt, aber beim Blute der Madonna, er muß hier +vorbei, noch ist er nicht zurück …, und jener Jüngling, +der mit Dir kam, wer ist er?«</p> + +<p>»Ein Freund von mir, ein braver Junge, Nicht-Mitglied +der Camorra; zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt +und nach der Anstalt in Aversa bestimmt.«</p> + +<p>»Aber sage mir, M…, glaubst Du, daß dieser +ehrlose Perrone noch lange hat, ehe er hier durchkommt?«</p> + +<p>»Ich glaube, daß er mit einer anderen Abteilung +kommen wird, denn in Pizzo habe ich erfahren, daß er +in Catanzaro krank lag.«</p> + +<p>»Sehr wohl; jetzt, wenn Du etwas brauchst, verfüge +auch über uns; wir sind hier elf Genossen, mit +Dir sind wir zwölf.«</p> + +<p>»Lieber Sansosti, würdest Du mir einen Gefallen +thun, wenn ich Dich darum bitte?«</p> + +<p>»Sicher, bei Gott, mein Bruder!«</p> + +<p>»Wohlan, höre mich an, und dann mach' mit mir, +was Du willst. Ich, lieber Sansosti, bin nicht mehr +der, als welchen Du mich einst gekannt hast; ich bin zu +fünf Jahren verurteilt und habe mir vorgenommen, in +Frieden in mein Haus zurückzukehren. Jetzt bin ich es +<span class='pagenum'><a name="Page_40">[40]</a></span> +müde, von der Camorra sprechen zu hören, von Picciotti, +von Rechten und Pflichten. Der wahre Camorrist, der +wahre Picciotto ist der, welcher geduldig seine Strafe +verbüßt und dann zurückkehrt, um seine Freiheit zu +genießen, anstatt in diesen entsetzlichen unheilvollen Höhlen +alt zu werden.«</p> + +<p>»Mir recht, mein lieber M…, ich habe Mitleid +mit Dir, thu' was Du willst; ich will Dir Deinen +schönen Entschluß nicht von der Seele reißen; aber heute +Abend wirst Du mit mir speisen, damit ich Dich der +Gesellschaft vorstellen kann.«</p> + +<p>»Mach' was Du willst, Sansosti, aber es würde +besser sein, mich von dieser Vorstellung zu entbinden.«</p> + +<p>»Nein, nein; ich will es.«</p> + +<p>Wir erhoben uns und schritten durch das von +Schmutz und Ungeziefer starrende Zimmer. Perrone, der +Ärmste, saß in einem Winkel, in seinem Mantel eingehüllt +und zitterte bis in das Mark seiner Knochen, +doch nicht vor Kälte, sondern vor Furcht.</p> + +<p>Kaum hatte ich dem berüchtigten Camorristen entfliehen +können, dem Verächter der Menschen und der +Natur, als ich mich Perrone näherte; ich fand ihn bleich, +entsetzt; ich sprach ihm Mut zu und teilte ihm mit, daß +er von niemand gekannt sei und daß die Dinge eine +gute Wendung nähmen. Der Ärmste küßte mir die +Hände und umklammerte meine Knie, während zwei +heiße Thränen auf meine Finger niederfielen.</p> + +<p>Abends, um die achte Stunde, wurde eine Tafel +auf einer Pritsche errichtet; wir acht Gefangenen setzten +<span class='pagenum'><a name="Page_41">[41]</a></span> +uns, denn ein Picciotto konnte nicht die Ehre haben, +mit den Camorristen zusammen zu essen; am unteren +Ende der Tafel wurde ihnen etwas gereicht. Während +die Zähne und die Magen arbeiteten, sagte Sansosti:</p> + +<p>»Ich stelle der Gesellschaft einen neuen Genossen, +M…, vor, meinen Landsmann, den ich genau kenne; +er ist hier auf der Durchreise.« Die Camorristen drückten +mir die Hände und küßten mir die Wange, dasselbe that +ich. Wir aßen vergnügt und tranken viel, das Mahl +war reichlich, der Wein vorzüglich; dann zündeten wir +die Cigarren an, gingen im Zimmer umher und sprachen +von Schandthaten der Camorra.</p> + +<p>Und wer trug die Kosten dieser ungeheuerlichen +Komödie? Es waren die armen Unglücklichen, die nicht +der berüchtigten Sekte der Camorra angehörten.</p> + +<p>Ich könnte viele Episoden mitteilen, welche die verhärtetsten +Gemüter erschauern machen würden, aber meine +Absicht, meine Pflicht, und weil ich nicht meineidig werden +will, erlauben es mir nicht, und ich übergehe sie, um +nicht den Menschen und seinen Schöpfer zu verfluchen.<a name="FNanchor_16_16" href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_42">[42]</a></span> +Nachts berieten Perrone und ich, was am folgenden +Tage geschehen sollte, wenn er mit lauter Stimme von +dem Gefangenenwärter zum Aufbruch aufgerufen werden +würde.</p> + +<p>Am Morgen näherte ich mich dem Ausgangsgitter +und sprach mit dem Wärter, den ich fragte, ob er heute +beim Aufruf der Gefangenen, die fort müssen, zugegen +sein werde. Er antwortete bejahend; darauf teilte ich +ihm mit, daß ein Gefährte von mir, der heute abreisen +müßte, sich großer Gefahr aussetzte, wenn er entdeckt +würde, und ich bat ihn, mir den Gefallen zu thun, wenn +der Name Perrone an die Reihe käme, statt dessen den +meinigen zu rufen, worauf Perrone, der von dem Plan +unterrichtet sei, das Zimmer verlassen würde; auf diese +Weise würde er für heute gerettet sein. Der Wärter gab +meiner Bitte gern nach, er vermerkte mit Bleistift die +Namen auf der Karte und sagte:</p> + +<p>»Es ist in Ordnung, fürchten Sie nichts, Sie sind +ein heller Kopf.«</p> + +<p>Mittag kam heran, das Gitter wird geöffnet, der +Wärter tritt mit einer Abteilung von zwanzig Gefangenen +herein, er hält ein Blatt Papier in den Händen und +ruft drohend:</p> + +<p>»Ruhe, Ruhe!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_43">[43]</a></span> +Als die Ruhe hergestellt ist, hält er sich das Blatt +vor Augen und liest laut das Verzeichnis der Gefangenen +vor, die abreisen mußten. Perrone stand an dem +Ausgangsgitter, der Wärter rief ungefähr zehn Namen +auf, dann rief er:</p> + +<p>»M…«</p> + +<p>Perrone stürzte hinaus und stieg eilig die Treppe +hinauf, während ein anderer Wärter unten rief:</p> + +<p>»Hierbleiben! Wohin? Hierbleiben, zum Teufel!«</p> + +<p>Die aufgerufenen Gefangenen gingen hinaus, das +Gitter wird geschlossen, ich ging mit Sansosti auf und +ab, der zu mir sagte:</p> + +<p>»Jetzt glaube ich's; er ist noch nicht durchgekommen, +soviel ist sicher. Der elende Perrone, hier muß er +durch; hier werden wir unsere Rechnung glatt machen, +da es in Calabrien nicht möglich war, was sagst Du, +M…?«</p> + +<p>»Ich glaube es, ich glaube es gern; wenn er noch +nicht durch ist, muß er noch kommen, – wenn er nicht +mit der Eisenbahn transportiert wird.«</p> + +<p>»Mit der Eisenbahn? Du meinst, daß ihn die +Regierung zum Vergnügen in Italien herumreisen +lassen wird?«</p> + +<p>»Wenn er noch nicht durch ist«, erwiderte ich, +»muß er sicher hier vorbei – aber, lieber Sansosti, +was geht es Dich an, daß Perrone dem Haupt der +Gesellschaft, dem Guardavalle, das Gesicht mit einem +Messer aufschnitt? Was für ein Interesse hast Du +daran, Dich in diese Dinge zu mischen! Genügen Dir +<span class='pagenum'><a name="Page_44">[44]</a></span> +nicht die traurigen Strafen und die Leiden, die er jetzt +duldet?«</p> + +<p>»Welche Strafen, welche Leiden? Und bist Du +M…, der so spricht? Hast Du Dich seit den zwei +Jahren so verändert? Haben wir nicht geschworen, die +Schmach zu bekämpfen? Habe ich Dir nicht die Worte +auf die Brust eingeschnitten: Tod der Schmach! Hast +Du nicht mit Deinen Genossen geschworen, die Schmach +auszurotten!?«</p> + +<p>»O, damals waren andere Zeiten, ein anderes Herz +schlug mir damals in der Brust, und glaube mir, Sansosti, +nachdem ich die Strafe erhalten habe, habe ich +Mitleid mit allen Unglücklichen und Entehrten, ich liebe +sie alle wie meine Brüder, die Guten und die Bösen, +die Armen und die Reichen, ob sie Genossen der Camorra +sind oder nicht.«</p> + +<p>»Nein, M…, nein; die Schmachvollen sind immer +schmachvoll, sie verdienen keine Rücksicht und kein Mitleid. +Erinnerst Du Dich, als ich Dir im Gefängnis +zu Catanzaro einen Stoß gab? Damals kannte ich Dich +nicht; und Du, der Du die Beleidigung empfandest, verschafftest +Dir ein scharfes Eisen, um mich zu ermorden, +während ich auf dem Abtritt meine Bedürfnisse verrichtete. +Und warum? Weil ich Dich beleidigt hatte, +und heute willst Du nicht, daß ein Elender, der die +ganze Camorra beleidigt, verstümmelt wird.«</p> + +<p>Das waren die Gespräche, die ich mit diesem Galeerenhunde +führte in den drei Tagen, die ich im Gefängnis +del Carmine war.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_45">[45]</a></span> +Ich allein, gefesselt und von zwei Karabinieri begleitet, +fuhr mit der Eisenbahn in einem Wagen dritter +Klasse nach Foggia, machte in Benevento Rast und setzte +Tags darauf meine Reise fort. Im Gefängnis zu +Foggia wurde ich in ein Zimmer zu ebener Erde gebracht; +hier traf ich einige dreißig Gefangene.</p> + +<p>Man muß wissen, daß ich ein großes dickes Buch +bei mir trug, in dessen Einband eine lange Messerschneide +verborgen war, ähnlich der, mit welcher die Lämmer +geschlachtet werden; dieses Buch und das Messer hatte +mir ein Camorrist im Gefängnis zu Pizzo geschenkt. +Ich trug es bei mir, um unter Umständen Gebrauch +davon zu machen … Kaum war ich in dem Zimmer, +als ich mir einen halben Liter Wein bringen ließ, den +ich mit zwei Soldi bezahlte, denn der Liter kostete vier +Soldi, ein ausgezeichneter Barlettawein, denn damals +war die Traubenkrankheit noch nicht in Apulien aufgetreten.</p> + +<p>Ich habe mich auf eines der Fenster gesetzt, das +von außen mit Holzfachwerk verkleidet ist, damit man +nicht sehen soll, was draußen vorgeht; ruhig und friedlich +trinke ich meinen halben Liter Wein, um den Magen +zu wärmen, der seit zwölf Stunden trocken war. Während +ich den Göttertrank schlürfte, freute ich mich, daß +ich müde war und mich an einem mir unbekannten Ort +befand. Ein hübscher bartloser Jüngling von sechszehn +bis siebzehn Jahren, anständig gekleidet und aufgeputzt +wie ein Dämchen, mit einer schief auf den Kopf gestülpten +roten Kappe, wie sie im Gefängnis zu Catanzaro +<span class='pagenum'><a name="Page_46">[46]</a></span> +angefertigt werden, mit Flittern von verschiedener Farbe +geschmückt, nähert sich mir und sagt:</p> + +<p>»Freund, könnte ich die Ehre haben, Ihnen zwei +Worte sagen zu dürfen?«</p> + +<p>»Auch hundert,« antwortete ich mit verdrießlicher +Stimme.</p> + +<p>»Hier ist die Societa del Diritto, sie möchte etwas +von Ihnen beanspruchen.«</p> + +<p>»Haben Sie ein wenig Geduld, mein lieber Picciotto, +nachher werden Sie bedient, aber sagen Sie mir, +wer sind Sie?«</p> + +<p>»Ich bin ein Picciotto di sgarro.«</p> + +<p>»Schön. Haben die das Amt des Picciotto <i lang="fr" xml:lang="fr">du +jour</i>?«</p> + +<p>»Zu dienen.«</p> + +<p>»Dann thun Sie mir den Gefallen und sagen Sie +dem Camorristen <i lang="fr" xml:lang="fr">du jour</i>, daß ich um eine Unterredung +mit ihm bitten lasse.«</p> + +<p>»Wir haben hier keinen Camorristen <i lang="fr" xml:lang="fr">du jour</i>, das +Haupt der Gesellschaft macht hier alles.«</p> + +<p>»Wie?« rief ich verwundert aus, »eine Societa del +Diritto, die aus mehr als zwei Genossen besteht, hat +keinen Camorristen <i lang="fr" xml:lang="fr">du jour</i>? Das ist mir neu, sehr neu, +trotzdem ich nicht gerade wenig weiß.«</p> + +<p>»Wir machen hier alles selbst, wir beraten alles +zusammen, und je mehr einer weiß, desto besser ist es +für ihn.«</p> + +<p>»Bravo, mein Picciotto, bravo, tausendmal bravo! +Wir machen alles selbst – also alles macht ihr selbst! +<span class='pagenum'><a name="Page_47">[47]</a></span> +Ihr braucht niemand Rechenschaft zu geben von dem, +was ihr thut. Was für eine Bande seid ihr denn? +Nicht übel: »wir machen alles selbst«. Dann werden +also auch die Picciotti bei Euch zur Versammlung zugelassen?«</p> + +<p>»Natürlich; der Picciotto wird zuerst zugelassen.«</p> + +<p>»Nun sagen Sie mir, lieber Picciotto, welches sind +die Pflichten eines Picciotto di sgarro, seine Funktionen +und die Beziehungen, die er zur Gesellschaft haben soll?«</p> + +<p>»Das weiß ich nicht, denn ich kann weder lesen +noch schreiben, ich gehorche den Befehlen, die mir meine +Genossen geben.«</p> + +<p>»Nun, dann will ich es Ihnen sagen. Die Pflichten +eines Picciotto di sgarro sind, entweder zu betrügen +oder betrogen zu werden; haben Sie verstanden?… +Aber nun marsch! Nachher werden wir uns wiedersehen!«</p> + +<p>Er ging verdrießlich ab. Fünfzehn Gefangene +nahmen ihn in die Mitte und umringten ihn. Es waren +die Camorristen, welche die Gesellschaft ausmachten und +ich glaube, daß der elende Picciotto erzählte, was ihm +bei mir begegnet war.</p> + +<p>Ich maß den Kreis mit den Blicken und schätzte +die Hallunken ab. Ich bin allein, dachte ich, aber ich +habe ein Messer, ich bin bewaffnet, kann ich es darauf +ankommen lassen, ich allein, es mit jenen fünfzehn +Hallunken aufzunehmen? Und wenn jene auch bewaffnet +seien, und bessere Waffen haben als ich? Sie sind +<span class='pagenum'><a name="Page_48">[48]</a></span> +fünfzehn, ich allein; wenn ich einen Genossen hätte, der +mir den Rücken decken würde – ja, dann würde sich +das Schauspiel ändern. Dann könnte man es wagen; +aber allein, allein geht es nicht; ich muß die Klugheit +siegen lassen und abwarten.</p> + +<p>Der Picciotto erscheint wieder und sagt:</p> + +<p>»Die Gesellschaft möchte sich von Ihnen etwas +spendieren lassen.«</p> + +<p>»Sagen Sie mir, lieber Picciotto, sind Sie verurteilt?«</p> + +<p>»Noch nicht.«</p> + +<p>»Sind Sie angeschuldigt?«</p> + +<p>»Zu dienen.«</p> + +<p>»Wo wird Ihre Sache verhandelt?«</p> + +<p>»In Lucera.«</p> + +<p>»Schön, könnte ich die Ehre haben, Ihren Namen +zu erfahren?«</p> + +<p>»Paolo Pescari, zu dienen.«</p> + +<p>»Sehr schön.«</p> + +<p>Ich knöpfte meine Weste auf, öffnete das Hemd +und zog ein Amulet der Madonna del Carmine hervor, +das ich um den Hals trug. Ich öffnete es und nahm +eine Fünflirenote heraus, die ich dem Picciotto mit den +Worten reichte:</p> + +<p>»Bitte, das genügt für Ihre Gesellschaft; aber Sie, +erinnern Sie sich, daß sie Ihnen ein Calabreser Namens +M… gegeben hat.«</p> + +<p>»Ich danke, ich werde es nicht vergessen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_49">[49]</a></span> +Man glaubt nicht, was in meinem Herzen vorging +und was ich auf den Lippen hatte, die Nacht ergriff +mich ein heftiges Fieber mit Delirien.<a name="FNanchor_17_17" href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a></p> + +<p>Ich blieb fünf Tage in jenem Flecken und dachte: +Was werden meine Gefährten sagen und die, welche +mich gekannt haben, wenn sie erfahren, daß ich im +Gefängnis zu Foggia für die Camorra habe bezahlen +müssen?</p> + +<p>Wo sollte ich mich verbergen?<a name="FNanchor_18_18" href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a></p> + +<p>Sie werden sagen: »Jeder Vogel liebt sein Nest.«</p> + +<p>Und je mehr ich daran dachte, um so mehr stieg +mir das Blut zum Kopfe.</p> + +<p>In Lucera angekommen, schloß man mich in das +Gefängnis San Domenico, in ein Zimmer, wo zwanzig +Calabreser waren, lauter Bekannte von mir. Man muß +beachten, daß in Lucera drei Gefängnisse waren: das Gerichtsgefängnis, +das Gefängnis San Francesco und San +Domenico, die alle dicht bei einander liegen.</p> + +<p>Folgendermaßen war das Gefängnis San Domenico +beschaffen: Zwei lange Zimmer mit je einem Fenster, +die auf den Bürgersteig an der schönen breiten Straße +inmitten der Stadt hinaus gingen. Die Fenster waren +<span class='pagenum'><a name="Page_50">[50]</a></span> +mannshoch, mit zwei großen Gittern und einem Netz +aus Gußeisen versehen; zwei andere Fenster gingen auf +einen kleinen Hof hinaus; zwischen den beiden Zimmern +lag der Wachtraum, etwas weiter oben das Zimmer der +Wärter mit dem Amtszimmer des Oberwärters, des +Peppino Crigna.</p> + +<p>Wir waren einundzwanzig Mann, liebten uns als +gute Unglücksgefährten und halfen uns gegenseitig.</p> + +<p>Von dem, was mir damals im Gefängnis zu Foggia +begegnete, sagte ich meinen Genossen nichts, denn ich +konnte einem camorristischen Gericht unterworfen und bestraft +werden.</p> + +<p>Zwar spricht Francesco Mastriani in seinen Romanen +ausführlich von der Camorra, aber die Camorra +der alten Zeiten ist etwas ganz anderes als die von +heute, alles ist verändert, die Gesetze, Einrichtungen, +Kleidung, Arbeiten, Jargon, Rechte und vieles andere; +nur der alte Name ist von früherher geblieben und +sonst nichts. Jedes mal, wenn eine Abteilung von +Gefangenen ankam, stellte ich mich an's Fenster des +Hofraumes, um zu sehen, ob der Picciotto aus Foggia +ankäme, aber zwei Monate lang erwartete ich ihn vergebens. +Eines Tages, als ein Zug von nur wenigen +Gefangenen ankommt, höre ich einen Wärter rufen:</p> + +<p>»Transport aus Foggia!«</p> + +<p>Ich trete an's Fenster, blicke und suche mit dem +Auge und sehe den Picciotto aus Foggia, mit seiner +schief aufgestülpten roten Kappe.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_51">[51]</a></span> +Ich rufe den Wärter Peppino, der mein Freund ist, +da ich ihm täglich zwei Brote liefere, die er mir mit +fünfzehn Centesimi bezahlt.</p> + +<p>»Peppino«, sprach ich, »jener Bursche mit der +schiefen roten Mütze ist Paolo Pescari, mein lieber +Freund; haben Sie die Güte, ihn nach der Untersuchung +in mein Zimmer zu schicken.«</p> + +<p>»Wärter Cicciotto«, sagt der Oberwärter zu einem +in der Nähe stehenden Wärter, »wenn Sie den Paolo +Pescari durchsucht haben, lassen Sie ihn hier hereinkommen.«</p> + +<p>»Sehr wohl«, antwortet der Wärter.</p> + +<p>Ich begab mich wieder zu meinen Gefährten und +erzählte ihnen mein Abenteuer im Gefängnis zu Foggia, +wobei ich nicht die fünf Lire vergaß, die ich dem falschen +Picciotto gegeben hatte.</p> + +<p>Die wackeren Genossen gerieten in große Wut, der +eine wollte ihn töten, der andere die Nase abschneiden, +der dritte das Gesicht verstümmeln – alle fluchten und +drohten durcheinander, die Fäuste streckten sich in die +Höhe und die Messer wurden hervorgezogen.</p> + +<p>Ich mußte sie bitten, sich zu beruhigen und das zu +thun, was ich dachte.</p> + +<p>»Liebe Genossen«, sagte ich, »wir wollen ihn weder +töten, noch verstümmeln; das thut man nicht mit einem +armen Burschen, der so elend ist wie wir; ich will Euch +ein Mittel angeben, eine famose Posse aufzuführen, +wobei keiner zu leiden braucht. – Bildet eine camorristische +Gesellschaft, ernennt ein Haupt, wählt die +<span class='pagenum'><a name="Page_52">[52]</a></span> +Camorristen, die Picciotti, die Novizen, stellt eine richtige +Societa di diritto dar; wenn der Picciotto Pescari eintritt, +dann fragt ihn erst nach den Aufnahmerechten, +dann nach den Wohnungsrechten; das Übrige werde ich +machen: wenn Ihr in Zukunft Rechenschaft über Euer +Benehmen ablegen müßt, so stehe ich für alles ein; ich +bürge für alles, was daraus folgen kann; aber ich bitte +Euch, die Hand in der Tasche zu lassen und nicht das +Messer gegen den gemeinen falschen Picciotto zu gebrauchen; +ich werde mich beiseite halten und keinen Anteil an +der Komödie nehmen und ihr müßt mich gleichgiltig +behandeln.«</p> + +<p>Sie traten zusammen und thaten, was ich angeordnet +hatte.</p> + +<p>Der Picciotto Paolo Pescari tritt ein und sagt:</p> + +<p>»Heil den Genossen!«</p> + +<p>Er verhunzte das Losungswort oder kannte es nicht, +es lautete statt dessen:</p> + +<p>»Heil und Frieden den Genossen, Achtung Allen!«</p> + +<p>Statt sich das Haar zu glätten oder das Kinn zu +berühren, rückte er die Mütze auf dem Kopf zurecht. +Im Zimmer wurde er von den hungrigen Kerlen umzingelt, +in der Hand trug er einen großen Sack, der +von einem ergriffen wurde, der das Amt des Zimmerkehrers +hatte und der den Sack auf das Bett warf.</p> + +<p>Die Kerle erkundigten sich, woher er käme, wessen +er angeklagt sei, wer sein Verteidiger wäre, ob er diesen +oder jenen Camorristen oder Picciotto kannte. Zitternd +und nachdenklich antwortete er auf die Fragen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_53">[53]</a></span> +Ich lag auf meinem Bette, mit dem Rücken auf +dem Strohsack und rauchte eine Pfeife. Als mir der +Bursche reif und durch das Hin- und Herfragen +genügend verwirrt schien, erhob ich mich, trat an das +Fenster und rief:</p> + +<p>»Frau M…, Frau M…!«</p> + +<p>Es war die Wärterin, die auf Kosten der Gefangenen +gehalten wurde, und die mir wegen verschiedener +kleiner Gefälligkeiten zugethan war.</p> + +<p>Die M… kommt, tritt an das Gitter und sagt:</p> + +<p>»Was giebt es, mein lieber M…?«</p> + +<p>»Nichts, aber ich möchte wissen, wieviel Geld der +Gefangene Paolo Pescari im Bureau deponiert hat.«</p> + +<p>»Sofort«, sagte sie und ging. Bald kam sie wieder +und sagte:</p> + +<p>»Der Gefangene Paolo Pescari hat im Bureau +dreißig Lire deponiert.«</p> + +<p>»Ich weiß, liebe M…, ich kann mich auf Dich +verlassen, wie Du auf mich und meine Genossen. Wenn +Du nachher kommst, um die Rechnungen zu schreiben, +so beachte, daß Paolo Pescari Dir eine Nota von +dreißig Lire überreichen wird, fünfzehn sind für Dich, +die andern fünfzehn werde ich für Essen, Trinken und +Rauchen ausgeben, hast Du begriffen?«</p> + +<p>»M…, Du wirst mich um meine Stellung +bringen.«</p> + +<p>»Du wirst nichts verlieren, verlaß' Dich auf mich.«</p> + +<p>»Ich rechne darauf, M…«</p> + +<p>»Schön, sind wir einig?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_54">[54]</a></span> +»Ja, wir sind einig.«</p> + +<p>Ich setzte mich auf mein Bett, nahm ein Blatt +Papier und schrieb mit großer deutlicher Schrift:</p> + +<table summary="Kostenrechnung für den Gefangenen Paolo Pescari"> +<caption class="gesperrt" style="text-align: center; margin: auto;">Kostenrechnung für den Gefangenen Paolo +Pescari.</caption> +<tr> + <td>Kalbfleisch, 20 Portionen</td> + <td class="center">L.</td> + <td class="right">5,–</td> +</tr> +<tr> + <td>Kuchen, 20 Portionen</td> + <td class="center">"</td> + <td class="right">5,–</td> +</tr> +<tr> + <td>20 Liter Wein <i>à</i> 5 Soldi</td> + <td class="center">"</td> + <td class="right">10,–</td> +</tr> +<tr> + <td>Gemüse</td> + <td class="center">"</td> + <td class="right">2,–</td> +</tr> +<tr> + <td>Rauch- und Schnupftabak, Cigarren</td> + <td class="center" style="border-bottom: 1px solid black;">"</td> + <td class="right" style="border-bottom: 1px solid black;">8,–</td> +</tr> +<tr> + <td></td> + <td class="center">L.</td> + <td class="right">30,–</td> +</tr> +</table> + +<p>Nachdem ich diese Nota geschrieben hatte, rief ich +einen Genossen und sagte:</p> + +<p>»Achte auf das, was ich Dir sage und mache +folgendes: Dies ist eine Nota über 30 L., die der neue +Picciotto der M… geben sollte, wenn sie nach den +Rechnungen kommt; ich habe alles mit ihr abgemacht.«</p> + +<p>»Schön, M…, ich habe verstanden, heute wird +gegessen und getrunken.«</p> + +<p>Ich übergab die Nota einem Genossen, der die +andern von meinem Werk unterrichtete.</p> + +<p>Als die Speisestunde kam, sagte ein Picciotto der +neuen Gesellschaft zu Pescari:</p> + +<p>»Freund, ist es mir gestattet, mit Erlaubnis dieser +Herren eine Bitte auszusprechen?«</p> + +<p>»Auch zwei«, erwiderte Pescari kühn. Sie traten +in einen Winkel des Zimmers; der neue Picciotto, mit +<span class='pagenum'><a name="Page_55">[55]</a></span> +der Mütze auf dem rechten Ohr, die rechte Hand in das +Hemd gesteckt, sagt zu Pescari:</p> + +<p>»Freund, die Gesellschaft möchte von Ihnen etwas +spendiert haben, läßt sich das machen?«</p> + +<p>»Ich bin ebenfalls Picciotto.«</p> + +<p>»Nein, Du bist ein Hallunke! Und wenn Du noch +einmal das Wort wiederholst, das Du eben gesagt hast, +so schlage ich Dir die Zähne aus dem Maul!«</p> + +<p>»Aber erlauben Sie! Ich …«</p> + +<p>»Du bist ein Hallunke! Sei still und muckse nicht, +sonst …«</p> + +<p>Die Wärterin kommt und unterbricht das lächerliche +Duett, das ich gern zu Ende führen sähe.</p> + +<p>»Nun, was Sie auch seien; fassen Sie Mut, heute +trinken wir eine Flasche zusammen, aber sei still, sonst +schlage ich Dir den Schädel ein.«</p> + +<p>Und vom »Du« ging es zum »Sie« über und +wieder zum »Du.«</p> + +<p>Er giebt ihm einen derben Stoß, nimmt ihn am +Arm und führt ihn nach dem inneren Gitter, wo gewöhnlich +die Rechnungen geschrieben wurden; alle einundzwanzig +standen dort zusammen.</p> + +<p>Ein Calabreser überreicht der Wärterin die Nota +und sagt:</p> + +<p>»Unser Freund Pescari, der berühmte Picciotto +aus Foggia, will uns heute ein Festessen geben, hier +ist der Speisezettel, nicht wahr, Pescari?«</p> + +<p>»Ja, Herr!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_56">[56]</a></span> +Ein anderer Calabreser antwortete statt des Gefragten.</p> + +<p>Die Wärterin überträgt den Zettel in ein großes +Register, giebt ihn zurück und geht fort.</p> + +<p>Sofort verbrannte ich den mit meiner Hand geschriebenen +Zettel.</p> + +<p>Alle reihten sich um Pescari und bestürmten ihn +mit camorristischen Fragen und Redensarten.</p> + +<p>»M…, M…, heute giebt's ein Fest; alle +Teufel! Der volle Korb, die gute Waare, Wein aus +Barletta! M…, M…, hier ist Ihr Fenchel und +Ihr halber Liter!«</p> + +<p>Es war der Wirt, der aus vollem Halse brüllte, +daß es in der Wölbung widerhallte.</p> + +<p>Ich eile an das Gitter und nehme den halben +Liter Wein, meinen Becher und den Fenchel entgegen. +Dieser halbe Liter und der Fenchel wurden mir täglich +von dem Wirt verehrt.</p> + +<p>Jeder meiner Leser wird wissen wollen, warum der +Wirt mir den halben Liter und den Fenchel verehrte, +nicht wahr?</p> + +<p>Eure Neugier soll befriedigt werden.</p> + +<p>Als ich zuerst in das Gefängnis gebracht wurde, +hatte ich einen Streit mit dem Wirt gehabt wegen zwei +Soldi Tabak, der nicht richtig im Gewicht war; ein +Wort gab das andere, bis ich ihm den Becher über den +Kopf schlug, daß er fast in Stücke ging; von da ab +konnten meine Genossen ihn nicht mehr sehen; jedes mal, +wenn er kam, erscholl es aus allen drei Zimmern:</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_57">[57]</a></span> +»Hinaus mit dem Schuft, hinaus mit dem Lump!«</p> + +<p>Der Direktor rief mich und bat mich, dem Wirt +zu verzeihen und dafür zu sorgen, daß meine Gefährten +ruhig seien, sonst müßte er den Wirt wechseln.</p> + +<p>Der Oberwärter rief mich in Gegenwart der Wärter, +wir blinzelten uns zu, und er sagte mir:</p> + +<p>»M…, so lange Sie in diesem Gefängnis sind, +gebe ich Ihnen täglich einen halben Liter vom besten +Wein und einen Fenchel oder irgend ein anderes Gemüse, +sind Sie zufrieden?«</p> + +<p>»Schön, aber hüte Dich, Dein Versprechen zu +brechen.«</p> + +<p>»Eher will ich es dem Teufel brechen, aber nicht +Ihnen.« Dies ist der Grund, weshalb der brave Wirt +mir den halben Liter und den Fenchel gab; jetzt kann +es weiter gehen.</p> + +<p>Meine Genossen machten eine Rechnung von fünfzehn +Lire, während die anderen fünfzehn Lire der Wärterin +M… zu gute kamen.</p> + +<p>Sie warfen die Strohsäcke zur Erde und stellten +aus den Pritschen und den Ständern eine große Tafel +her und deckten das Betttuch darüber; die zusammengerollten +Strohsäcke dienten als Sitze, vor sich stellten +sie die Näpfe und eine große Flasche mit Wein; so aßen +sie und tranken sie, die Becher voll schäumenden Weines, +und oft küßten sich die Tischgenossen auf die Lippen. +Ich saß auf meinem Bett, aß meinen Fenchel und schlürfte +meinen halben Liter Wein; der arme Pescari saß auf +<span class='pagenum'><a name="Page_58">[58]</a></span> +dem Fenster und sah mich heimlich an, während er oft +und schmerzlich seufzte.</p> + +<p>»M…, beehren Sie uns doch und speisen Sie +mit,« riefen die Tischgenossen.</p> + +<p>»Ich danke sehr, meine lieben Freunde.«</p> + +<p>Sie aßen und tranken mit vollem Munde, sprachen +laut und verworren durcheinander, brachten Trinksprüche +aus in ihrer kalabresischen Mundart, daß man vor Lachen +platzen konnte; ein wahres Teufelsbacchanal; einer sang, +der andere lachte wie verrückt, der dritte erzählte Späße +und berichtete aus seiner Heimath, und diese tolle Posse +spielte sich ab auf Kosten des halbverhungerten, betrübten +Pescari.</p> + +<p>Die Suppe kam, ich nahm meine und aß sie<a name="FNanchor_19_19" href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a>, +Pescari nahm die seinige und stellte sie unter sein Bett, +die andern wiesen sie zurück, indem sie sagten:</p> + +<p>»Heute brauchen wir den Brei nicht, gebt ihn den +Armen; uns geht es vorzüglich.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_59">[59]</a></span> +Bis auf den Abend dauerte das Mahl meiner Genossen. +Sie erhoben sich von der Tafel mit vollem +Magen und weinerhitzten Köpfen; jeder hatte eine gute +Zigarre zwischen den Zähnen und blies mächtige Rauchwolken +von sich. Sie umringten den unglücklichen Pescari +und fingen die alten Fragen über seinen Prozeß, seinen +Anwalt, über Camorristen und Picciotti wieder an. Ich +trat ans Fenster und sagte einem Wärter, der vorbeiging:</p> + +<p>»Haben Sie die Güte, mir den Wärter di A… +zu rufen, ich möchte ihn sprechen.«</p> + +<p>Alsbald erschien di A…</p> + +<p>Dieser Wärter war ein armer, alter Mann, Vater +von neun Töchtern, arm wie Hiob, so daß er die Gefangenen +um ein Stück Schwarzbrot anbettelte. Er war +mir gewogen, weil ich ihm Brot und etwas Tabak gegeben +hatte, auch einige Näpfe voll Brei oder Reis<a name="FNanchor_20_20" href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a>.</p> + +<p>»Was giebt's, M…, wünschen Sie etwas?«</p> + +<p>»Sagen Sie, di A…, kann ich mich auf Sie +verlassen?«</p> + +<p>»Gewiß, wie ich mich auf Sie verlassen habe.«</p> + +<p>»Nun, so hören Sie mich an und thun Sie, was +ich Ihnen sage: Hier ist ein Sack mit Kleidern, ich weiß +nicht, was für welche; sie sind uns hier unbequem, und +ich möchte, daß sie wegkommen; wollen Sie das übernehmen?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_60">[60]</a></span> +»Aber wem gehört der Sack?«</p> + +<p>»Dem Teufel, der Dich holen soll!«</p> + +<p>»Schön, schön, ich habe verstanden; später, M…, +beim Dunkelwerden.«</p> + +<p>»Sehen Sie zu, daß Sie sich entfernen, sobald Sie +glauben, daß es gelingt, ohne daß der Oberwärter Sie +bemerkt; klopfen Sie mit dem Schlüssel an das Gitter +und pfeifen Sie, um mich zu benachrichtigen.«</p> + +<p>»Machen Sie, daß uns keiner sieht, sonst M…, +bin ich ruiniert.«</p> + +<p>Pescari stand hinten im Zimmer, umgeben von den +zwanzig Kerlen, sein Bett, unter dem er den umfangreichen +Sack niedergelegt hatte, war nahe der Ausgangsthür.</p> + +<p>Der Schlüssel klopft auf das Eisengitter, ich gehe +ans Fenster und di A… sagte mir:</p> + +<p>»Bringen Sie die »Leiche« an die Thür, ich öffne +rasch und Sie geben sie mir.«</p> + +<p>Die Thür war wie gesagt nahe dem Bett, wo der +Sack war, ich ergreife ihn unbeobachtet und gehe zur +Thür, die halb geschlossen ist, eine Spalte öffnet sich +und eine runzlige, knochige, vertrocknete Hand streckt sich +aus, um den Sack entgegen zu nehmen, darauf schließt +sich die Thür ohne das geringste Geräusch.</p> + +<p>Ich unterrichte meine Genossen von dem, was ich +gemacht hatte.</p> + +<p>Die Nacht bricht herein, die Thür öffnet sich geräuschvoll, +man hört das Klirren des Schlüsselbundes, +der Oberwärter mit fünf Wärtern treten ein, zwei tragen +<span class='pagenum'><a name="Page_61">[61]</a></span> +brennende Laternen; einer mit einer runden Eisenstange +tritt an's Gitter und klopft eine prächtige Polka. Wir +waren alle auf den Beinen, jeder am Fußende seines +Bettes, die Mütze in der Hand. Der Oberwärter ruft +die Namen auf und wendet sich an den Stubenältesten:</p> + +<p>»Wie viel sind es?«</p> + +<p>»Zweiundzwanzig,« antwortet er.</p> + +<p>»Zweiundzwanzig,« wiederholte der Vorgesetzte.</p> + +<p>Er wollte gehen, als Paolo Pescari, der famose +Picciotto der Camorristen in Foggia, derselbe, welcher den +Mut gehabt hatte, mir gegenüber zu treten, um mich +nach den Regeln der Camorra zu fragen<a name="FNanchor_21_21" href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a>, der, welcher +sich als »Guappo« aufspielte mit der schief aufgesetzten +Mütze, aus der Thür floh und zwischen den Soldaten +hindurch in das Wachtzimmer lief, indem er rief:</p> + +<p>»Hilfe, Hilfe, sie wollen mich ermorden!«</p> + +<p>Die Wärter und der Oberwärter eilen hinzu, fassen +ihn und fragen ihn, was er habe, welches Gespenst er +gesehen habe.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_62">[62]</a></span> +»Ich will nicht in diesem Zimmer bleiben, die +Kalabresen wollen mich ermorden.«</p> + +<p>»Dann laßt sein Bett in das andere Zimmer +schaffen,« befahl der Oberwärter, »und er möge zu +seinen Genossen kommen, wenn ihm schon der kalabresische +Dialekt nicht gefällt; aber eigentümlich ist es, heute +Morgen schienen sie so befreundet und jetzt liegt das +Gegenteil vor; oder er ist betrunken: er hat dreißig Lire +ausgegeben, um sich mit seinen Freunden lustig zu machen +und ein Glas in ihrer Gesellschaft zu trinken, und jetzt +läuft er in das Zimmer und schreit, daß sie ihn ermorden +wollen. Ja, in der That, nett, sehr nett: entweder ist +er verrückt oder betrunken – oder M… ist ein +vollendeter Schurke.«</p> + +<p>Paolo Pescari wird mit seinem Bett in das andere +Zimmer gebracht, und wir schrieen:</p> + +<p>»Hoch der Picciotto der Camorristen aus Foggia, +der Lumpenbande. Hinaus mit dem Schuft; Dir haben +wohl die fünf Lire gefallen, Du Kanaille; aber jetzt hast +Du mit uns zu thun; aber glaube es, wir werden uns +wiedersehen!« und Heulen, Pfeifen und Grimassen begleiteten +ihn triumphierend in das andere Zimmer.</p> + +<p>Es war ein Teufelslärm, der Wärter konnte nicht +mehr lachen und rief:</p> + +<p>»Seid still! Was für eine Höllenzucht ist das hier!«</p> + +<p>Eine Menge Einwohner von Lucera drängte sich +unter den Fenstern der beiden Zimmer und auf der +Straße. Fragen und Antworten gehen hin und her, +<span class='pagenum'><a name="Page_63">[63]</a></span> +man will den Grund des Lärms wissen, die Wachtsoldaten +laden ihre Flinten.</p> + +<p>Auf die Stöße, Pfiffe und Grimassen folgten Lieder +in kalabresischer Mundart: man sang die halbe Nacht +hindurch; dann legten sie sich müde, betrunken auf die +Erde und schnarchten wie eine Sauheerde, und ich, glaubt +es mir, wanderte die ganze Nacht umher mit einem Dolch +und bewachte die Schlafenden aus Furcht vor einer +Überraschung oder einem Streich, den man ihnen spielen +könnte, und ich freute mich, sie so liegen zu sehen, einer +über dem andern, mit aufgesperrtem Munde, wie sie +schnarchten, schnarchten! Tags darauf wurde ich vom +Direktor gerufen, der zu mir sagte:</p> + +<p>»Sie, mein braver junger Mann, durften nicht erlauben, +daß Ihre Landsleute den Gefangenen Pescari +um seine Kleider und sein Geld brachten; sagen Sie mir +gewissenhaft, wie die Sache gekommen ist.«</p> + +<p>»Herr Direktor, ich kann Ihnen nichts sagen; als +der Gefangene Pescari in mein Zimmer eintrat, umarmte +und küßte er sich mit allen meinen Gefährten, als ob sie +seit langer Zeit Freunde gewesen seien; ich kannte ihn +nicht und blieb auf meinem Bett sitzen und rauchte meine +Pfeife. Sie haben angefangen zu reden, zu fragen und +zu antworten und was weiß ich sonst noch. Um die +Speisestunde sagte Pescari, daß er auf seine Kosten ein +leckeres Mahl geben wolle, um sich zu zerstreuen, er +verlangte alles, was zum Schreiben nötig ist, um eine +Aufstellung zu machen, was er kaufen wolle. Dann +kam die Wärterin und er gab ihr seine Aufstellung, die +<span class='pagenum'><a name="Page_64">[64]</a></span> +Wärterin fragte: das wollen Sie alles kaufen? Er +sagte ihr, alles, das ist das Menu; dann ging ich und +kümmerte mich um meine Sachen.«</p> + +<p>»Nachdem das Essen gekommen war, machten sie +aus ihren Bettstellen eine große Tafel, dann setzten sie +sich nieder und ließen die Zähne arbeiten und tranken +fröhlich und auf das Wohl des Paolo Pescari, des berühmten +Picciotto, wie sie ihren Genossen in ihren Trinksprüchen +nannten. Ich bin eingeladen worden, aber habe +nicht annehmen wollen; nach dem Essen, das lange +dauerte, schenkten sie mir eine Zigarre. Das habe ich +gesehen und kann ich bestätigen.«</p> + +<p>»Aber Pescari sagt, daß er einen Sack mit Kleidern +in das Zimmer gebracht hat, auch dieser ist verschwunden.«</p> + +<p>»Ich, Herr Direktor, habe keinen Sack gesehen, +und dann vermag ich auch nicht zu glauben, daß meine +Landsleute fähig sind zu stehlen. Wenn sie ihn gestohlen +haben, muß er sich in dem Zimmer finden, das beste ist, +wenn Sie eine Untersuchung vornehmen; wenn er da ist, +wird er sich finden und Sie werden den Dieb bestrafen; +wenn er nicht da ist, so muß der Gefangene Paolo Pescari +ein Verleumder sein und schwer bestraft werden<a name="FNanchor_22_22" href="#Footnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a>. +Ist meine Ansicht nicht logisch, Herr Direktor?«</p> + +<p>»Sehr logisch und verständig.«</p> + +<p>Der Direktor, der Oberwärter und die Wärter begaben +sich in mein Zimmer und jeder Gefangene stellte +<span class='pagenum'><a name="Page_65">[65]</a></span> +sich mit der Mütze in der Hand am Fuße seines +Bettes auf.</p> + +<p>»Kalabreser,« sprach der Direktor, »Ihr seid alle +brave junge Leute, ich habe viel Nachsicht mit Euch +gehabt, weil Ihr fern von Eurer Heimat seid, und glaubt +mir, ich will Euch wohl, aber heute habt Ihr mir einen +Kummer verursacht, den ich von Euch nicht erwartet +hätte<a name="FNanchor_23_23" href="#Footnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a>. Gestern ist der Gefangene Pescari hier hereingekommen. +Er sagt, daß Ihr ihn mit Gewalt veranlaßt +habt, dreißig Lire auszugeben, das einzige Geld, das er +hatte; dann hatte er, als er hereinkam, einen Sack mit +Kleidern bei sich, auch dieser Sack ist inzwischen verschwunden. +Ist das wahr, was Pescari behauptet?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_66">[66]</a></span> +Zwanzig Stimmen erwiderten auf einmal:</p> + +<p>»<strong>Der Gefangene Pescari ist ein Hallunke!</strong> Er +ist ein Dieb, ein Lügner!« Und alle schrieen sie durcheinander, +daß die Schildwache, welche vorbeiging, die +Wache zu den Waffen rief.</p> + +<p>Ein Haufe von Luceranern rief von außen:</p> + +<p>»Die Kalabreser töten die ganze Wache, sie empören +sich, sie wollen fliehen.«</p> + +<p>Der Direktor und die Wärter gehen eilig fort, +die Thür heftig zuschließend, und wir lachen, heulen und +singen.</p> + +<p>So schloß die Posse, und Paolo Pescari, der +Picciotto mit der schiefen Mütze, bezahlte die Zeche der +Camorra mit dreißig Lire und einem Sack neuer Kleider, +die etwa fünfzig Lire wert sein mochten; so bezahlte er +teuer die fünf Lire, die ich ihm im Gefängnis zu Foggia +gegeben hatte.</p> + +<p><strong>Wer schlecht handelt, verdient es noch schlechter.</strong></p> + +<p>Von dem Sack mit Kleidern hatten die Kalabreser +wenig, sie kamen ganz dem armen Wärter zu Gute.</p> + +<p>In dem anderen Zimmer waren zwei neapolitanische +Camorristen, meine Bekannte, sie erkundigten sich nach +dem Geschehenen, und als sie erfuhren, daß er sich den +Namen und die Eigenschaften eines Picciotto beigelegt +habe, während er durch ein bekanntes Zeichen und etwas +anderes, das ich nicht sagen darf, kenntlich war, wollten +sie ihn verstümmeln; aber ich wollte es nicht und bat sie, +ihn nicht zu berühren, da seine Strafe genügend sei; aber +er bekam eine ordentliche Tracht Prügel und Fußtritte.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_67">[67]</a></span> +So standen die Dinge vorzüglich. Man lebte im +Gefängnis wie ein Fürst und nie kam mir der Wunsch, +frei zu sein<a name="FNanchor_24_24" href="#Footnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a>; ich hatte die Freiheit vollständig vergessen, +als ob ich sie nie genossen hätte, und Spielen, Singen +und Schwelgen war unser Leben; aber der liebe Gott +will es anders; unsere Fehler sollen nicht durch Spielen, +Singen und Schwelgen vergolten werden. Das Wechselfieber +fing an zu wüten, die armen Kalabreser wurden ein +Opfer dieser Krankheit; der im Gefängnis San Francesco +befindliche Krankensaal war von Leidenden überfüllt. +<span class='pagenum'><a name="Page_68">[68]</a></span> +Dieser Krankensaal war luftig, sauber, mit guten Betten, +reiner Wäsche und wollenen Matratzen; man befand sich +hier sehr wohl. Der Krankenwärter, ein Hallunke erster +Klasse, Soldat im Detachement von Monteleone war +wegen Diebstahls vom dortigen Gerichtshof zu drei +Jahren Gefängnis verurteilt worden, und als unwürdig +für den Heerdienst mit den Kalabresen nach Lucera beordert +worden; die anderen vier Unterwärter waren reine +Kalabresen.</p> + +<p>Es ist meine Pflicht, das Benehmen des vorzüglichen +Direktors Herrn B… zu rühmen, der daran +dachte, den Kalabresen die Dienststellen zu überweisen. +Die Unterwärter hatten einen Lohn von sechs Lire +monatlich, einen halben Liter Wein täglich und die +Krankenkost, ausgenommen das Brot, welches sie <em class="gesperrt">gemeinschaftlich +hatten</em><a name="FNanchor_25_25" href="#Footnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a>.</p> + +<p>Die Zimmerältesten waren alle Kalabresen und hatten +einen Lohn von drei Lire monatlich, ebenso die Zimmerkehrer.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_69">[69]</a></span> +Die Köche waren Gefangene, sie genossen die Freiheit, +begaben sich mit einem Wärter in die Stadt, um Einkäufe +zu machen und den Kessel, aus dem die Suppe +gereicht wurde, aus einem Gefängnis ins andere zu +tragen; sie bekamen sechs Lire monatlich, ohne das, was +sie stahlen. Die kalabresischen Gefangenen wurden vom +Direktor sehr geliebt und geachtet, wie auch von den +Wärtern und den apulischen Gefangenen – sie waren +gefürchtet, denn mehr als einer war in den Krankensaal +gekommen, um sich den Kopf oder eine Wunde zwischen +den Rippen verbinden zu lassen.</p> + +<p>Das Wechselfieber suchte uns heim, uns arme hilflose +Geschöpfe!</p> + +<p>Der Krankensaal war voll von Kranken, so daß alle +fünfunddreißig Betten belegt waren und die andern in +den Zimmern selbst behandelt werden mußten. Mehr +als zwanzig ließen ihr Leben, ob nun der elende Arzt, +ein schläfriges Vieh, die Ursache war oder die nicht +regelrechte Medizin oder Verpflegung; Thatsache ist, daß +die Ärmsten erbarmungslos sterben mußten.</p> + +<p>Auch ich wurde ein Opfer des Fiebers und kam +in den Krankensaal; ich war so hinfällig, daß ich das +Essen nicht verdauen konnte und es wieder ausbrach, +wenn ich es kaum gegessen hatte, lange und starke Delirien +überkamen mich. Das Chinin hatte keine genügende +<span class='pagenum'><a name="Page_70">[70]</a></span> +Kraft mehr, um das traurige Übel zu entfernen, in der +Milz empfand ich heftige Stiche und brennende Schmerzen. +Einige Tage, als ich im Krankensaal war, bemerkte ich, +wie der Oberwärter mit seinem Messer den Kalk von +der Wand abkratzte und ihn mit dem Chinin mischte; +das entsetzte und empörte mich nicht wenig, so daß ich +eine Eisenstange aus dem Bett losriß und ihm zwei gute +Hiebe über den Rücken und auf den Kopf gab, so daß +er wie ein Mondsüchtiger auf der Erde herumrollte; +wenn mir nicht ein anderer Kranker den Arm gehalten +hätte und mich nicht, um Hilfe rufend, wie mit eisernen +Klammern umschlossen hätte, dann hätte ich ihn sicher +kalt gemacht.</p> + +<p>Es kam alles zur Kenntnis des Direktors, der ihn +sofort aus dem Krankensaal entfernen ließ, während +einige Tage darauf ein Kalabreser ihn mit der Klinge +eines Rasiermessers gehörig auf beide Wangen zeichnete, +so daß er ein Auge verlor – zum Andenken an seine +Schändlichkeit.</p> + +<p>Ein alter kalabresischer Priester, der zu sechs Jahren +Gefängnis verurteilt war, übernahm den Posten als +Oberwärter.</p> + +<p>Zwischen dem Direktor, dem Arzt und dem Chef der +Wache wurde beraten und beschlossen, daß die vom +Wechselfieber ergriffenen Kalabreser nach der Strafanstalt +geschickt werden sollten.</p> + +<p>Es wurde in diesem Sinne ans Ministerium geschrieben, +nach wenigen Tagen begannen sie, nach ihrem +Bestimmungsort abzureisen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_71">[71]</a></span> +Ich blieb allein zurück, aber die zwanzig Betten +der Kalabreser in meinem Zimmer wurden mit apulischen +Gefangenen belegt.</p> + +<p>Krank und elend wie ein Leichnam bat ich den +Direktor, mich nicht abreisen zu lassen, denn eine bessere +Pflege und so gute Vorgesetzte fand ich nicht wieder.</p> + +<p>Die zwanzig Apulier waren sämtlich Angeschuldigte, +Landleute, unwissend und dumm; keiner konnte lesen und +schreiben; ich besorgte täglich ihre Briefe, wurde ihr +Schreiber, machte mich zu ihrem Schulmeister, um ihren +blöden Verstand einigermaßen zu schärfen, besorgte die +Briefe an ihre Familien, ihre Anwälte, die Bittschriften +an den Staatsanwalt, um die Entscheidung ihrer Sachen +zu beschleunigen; dafür beschenkte mich der eine mit +Wein, der andere mit Cigarren, der dritte mit Obst +und Eßwaaren; sie liebten und achteten mich wie einen +Gott. Wenn ihre Familien nach Lucera kamen, um +ihre Anverwandten zu sehen, so brachten sie in ihren +Ranzen Käse und andere schöne Sachen mit. Sie +nahmen alles, legten es auf mein Bett und sagten:</p> + +<p>»Meister, alles dies gehört Ihnen, machen Sie +damit, was Ihnen am besten dünkt.«<a name="FNanchor_26_26" href="#Footnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_72">[72]</a></span> +Und ich verteilte es unter alle, und sie waren dankbar +und zufrieden.</p> + +<p>Die vollständigste Harmonie und Liebe herrschte +unter uns, ich fühlte mich glücklich, mich unter so vielen +guten Jünglingen zu sehen.</p> + +<p>Der Direktor ruft mich und sagt:</p> + +<p>»M…, Sie sind von nun an Zimmerältester in +Ihrer Stube.«</p> + +<p>»Ich danke«, antwortete ich, »aus persönlichen +Gründen kann ich dieses Amt nicht annehmen, was +brauchen wir einen Zimmerältesten, wenn wir eine Familie +sind und uns alle wie die Brüder lieben?«</p> + +<p>»Es ist der Regel wegen, ein Zimmerältester muß +sein, und Sie müssen es werden.«</p> + +<p>»Wie Sie meinen, Herr Direktor.«</p> + +<p>Den anderen Zimmerältesten gab er monatlich drei +Lire; mir wies er auf mein Konto alle Monate fünf +Lire an, zwölf Lire hatte ich von Hause monatlich, fünf +gab mir der Direktor, mit siebzehn Lire monatlich ging +es mir vorzüglich.<a name="FNanchor_27_27" href="#Footnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a></p> + +<p>Ich blieb acht Monate bei diesen braven Apuliern; +das Fieber verließ mich nicht, ich sah aus wie Haut +und Knochen, meine Augen lagen tief in den Höhlen +und waren halb erloschen, die Wangen dürr und eingefallen, +ohne physische und geistige Kraft.</p> + +<p>Der Arzt ordnete an, daß ich in das Gerichtsgefängnis +überführt würde, der Luftveränderung wegen; +<span class='pagenum'><a name="Page_73">[73]</a></span> +ich kam dorthin und da die Zimmer zu ebener Erde +feucht und dunkel waren, wurde ich noch kränker.</p> + +<p>Während ich in diesem Gefängnis war, ereignete +sich ein Vorfall, den ich erzählen möchte.</p> + +<p>Ein alter Mann und sein Sohn wurden in öffentlicher +Verhandlung abgeurteilt; der Gerichtshof verurteilte +den Vater zu fünfzehn, den Sohn zu zehn Jahren +Zwangsarbeit; der Alte sagte zum Vorsitzenden:</p> + +<p>»Diese fünfzehn Jahre werden Sie für mich abmachen!«</p> + +<p>Als sie ins Gefängnis gebracht waren, war der +Alte heiter und lächelnd, als ob er in Freiheit gesetzt +wäre und sagte, daß er mit der Strafe zufrieden sei. +Abends gingen alle in den Hof, um Luft zu schöpfen; der +Alte wollte nicht mitkommen und blieb allein im Zimmer; +aus dem Strick, an dem die Lampe hing, machte er +eine Schleife, befestigte sie an einem großen Nagel, an +dem die Lampe in die Höhe gezogen wurde, steckte den +Kopf hinein und baumelte sich auf wie eine Wurst.<a name="FNanchor_28_28" href="#Footnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a> +Nachdem die Freistunde beendet ist, treten wir ins +Zimmer und sehen den Alten baumeln, mit der Zunge +aus dem Halse, mit hervorgequollenen Augen und leichenblassem +Gesicht. Er war tot!</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_74">[74]</a></span> +Der Richter und die anderen Beamten kamen, er +wurde abgeschnitten und weggetragen.</p> + +<p>Der anwesende Staatsanwalt nähert sich dem Nagel +an der Wand, um ihn zu untersuchen und findet folgende +mit Bleistift in großen Lettern geschriebene Worte:</p> + +<p>»Der Schurke von Staatsanwalt wird die fünfzehn +Jahre Zwangsarbeit für mich abmachen; er sei +verflucht!«</p> + +<p>Ich wurde zum Gefängnis San Domenico zurückgebracht, +aber das verfluchte Fieber hatte sich bei mir festgebissen.</p> + +<p>Man erlaubt mir, in die Stadt zu gehen, ich begebe +mich in ein Wirtshaus und esse, und gehe dann +auf dem Lande spazieren, betrachte die Natur, die +Schlechtigkeit der Menschen, die Güte und Barmherzigkeit +Gottes; aber die Gunst, die mir der brave Signor B… +erweist, ist vergebens, denn ich werde immer kränker und +immer stärker werden die brennenden Schmerzen in der +Brust.</p> + +<p>Der Arzt und der Direktor ersuchten mich, eine +Eingabe an das Ministerium zu machen, um nach Kalabrien +überführt zu werden; der Direktor versprach mir, +mein Gesuch zu unterstützen und alles zu thun, daß +meine Bitte erhört werde. Ich reichte das Gesuch ein; +nach einigen Tagen sollte ich mit einem besonderen Transport +abreisen.</p> + +<p>Der Direktor gab mir bekannt, daß ich den Rest +meiner Strafe in Trogen verbüßen sollte.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_75">[75]</a></span> +Zwanzig Monate war ich in Lucera gewesen; gesund, +kräftig und lebensfroh kam ich hin, elend, schwach +und sterbenskrank ging ich von dannen.</p> + +<p>Ich umarmte meine lieben Genossen, empfing fünfundvierzig +Lire, die auf meinem Konto standen, steckte +mir zwanzig Chininpillen in die Tasche und nachdem ich +mich von den guten Vorgesetzten verabschiedet hatte, reiste +ich mit Thränen auf den hageren Wangen im Wagen +nach Foggia ab, von zwei Karabinieri begleitet.</p> + +<p>In diesem Gefängnis, wo der Gefangene Paolo +Pescari, der Picciotto aus Foggia, mir die fünf Lire abgenommen +hatte, nahm ich nachts die zwanzig Chininpillen +ein, ein letzter Versuch, das Fieber zu bannen.</p> + +<p>Tags darauf reiste ich mit der Eisenbahn nach +Neapel, so dieselbe Reise zurückmachend, die ich vor einundzwanzig +Monaten hin gemacht hatte.</p> + +<p>Man sperrte mich in das Gefängnis del Carmine +in Neapel, wo ich den unglücklichen Perrone vor dem +Messer des berühmten Camorristen Sansosti gerettet hatte.</p> + + +<div class="new-h4"></div> +<h4>In der Strafanstalt.</h4> + +<p>Ich blieb eine Nacht in dem Durchgangszimmer +des Gefängnisses del Carmine in Neapel und fand dort +eine camorristische Gesellschaft von Neapolitanern und +Sizilianern; sie wußten von meinem Kommen und kannten die +<span class='pagenum'><a name="Page_76">[76]</a></span> +Erkennungsrechte.<a name="FNanchor_29_29" href="#Footnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a> Am Morgen wurde ich in das Amtszimmer +des Wachtmeisters gerufen, wo ich zwei Karabinieri +fand, die mich transportieren sollten; man gab +mir mein Geld, das ich bei meinem Eintritt abgegeben +hatte, fesselte mich und fort ging's. Wir nahmen auf +einem Wagen Platz, während ein Karabiniere sagte:</p> + +<p>»Der Weg ist recht lang.«</p> + +<p>Der Kutscher fragte:</p> + +<p>»Wohin geht es?«</p> + +<p>»Nach der Strafanstalt Santa Maria Apparente«, +erwiderte ein Karabiniere.</p> + +<p>»Wie?« sagte ich verwundert, »Santa Maria +Apparente? Sie irren, ich soll nach Kalabrien.«</p> + +<p>»Nach Kalabrien?«</p> + +<p>Er öffnet seine Tasche, die er an der Seite hatte, +nimmt eine Papierrolle heraus, untersucht sie und sagt:</p> + +<p>»Wie heißen Sie?«</p> + +<p>»M…, Antonino mit Vornamen.«</p> + +<p>»Zu wieviel Jahren sind Sie verurteilt?«</p> + +<p>»Fünf Jahre.«</p> + +<p>»Von den Assisen zu Monteleone?«</p> + +<p>»Zu Monteleone.«</p> + +<p>»Wer hat Ihnen gesagt, daß Sie nach Kalabrien +sollten?«</p> + +<p>»Der Direktor des Gefängnisses in Lucera, wo +ich war.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_77">[77]</a></span> +»Der Direktor hat Sie zum besten gehabt.«</p> + +<p>»Zum besten gehabt!« Wie mir in jenem Augenblicke +war, kann ich nicht beschreiben, ich ergab mich in +mein grausames Schicksal.</p> + +<p>Wir kamen in der Strafanstalt an; der Oberwärter +und andere Wärter bemächtigen sich meiner, führen mich +in ein leeres Zimmer und lassen mich eine gute halbe +Stunde warten, dann werde ich in das Bureau des Chefs +der Wache gerufen, der meinen Namen und Vornamen, +Signalement u. s. w. in ein dickes, staubiges Register +einträgt, dann fragt er:</p> + +<p>»Haben Sie Geld?«</p> + +<p>»Etwas.«</p> + +<p>»Schön, geben Sie es hier ab.«</p> + +<p>Er nahm mein Geld und legte es auf den Tisch.</p> + +<p>»Sie heißen M…, nicht wahr? Von jetzt ab +verlieren Sie diesen Namen und heißen Nummer <em class="gesperrt">fünfhundertneunundneunzig</em>. +Begriffen?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Wenn Sie wieder frei sind, erhalten Sie den +Namen Ihres Vaters wieder.«</p> + +<p>Er läutet eine Glocke, die auf dem Tisch steht, sofort +erscheint ein Wärter.</p> + +<p>»Sie befehlen?«</p> + +<p>»Führen Sie den Gefangenen ins Bad.«</p> + +<p>»Vorwärts, 599, kommen Sie mit!« sagt der +Wärter.</p> + +<p>Ich folgte ihm durch mehrere Korridore, bis er ein +eisernes Gitter öffnet und schließt.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_78">[78]</a></span> +Grabesstille herrschte in diesen Mauern, sie schienen +von niemandem bewohnt zu sein.</p> + +<p>Der Wärter führt mich in mein Zimmer, wo ein +Untergebener, zwei Gefangene und eine mit frischem und +krystallklarem Wasser gefüllte Wanne sich befanden.</p> + +<p>»Schnell, 599«, sagt der Wärter, »kleiden Sie sich +aus und steigen Sie ins Bad!«</p> + +<p>Ich kleide mich aus und setze mich in die Wanne; +das Wasser ging mir bis an die Schultern, glücklicherweise +waren wir in der heißen Jahreszeit. Nachdem ich +fünf Minuten im Wasser gewesen war, um mir etwas +zu verschaffen, das ich nicht nennen darf, fingen die zwei +Gefangenen, die jeder eine rauhe Bürste in der Hand +hatten, an, mich zu <em class="gesperrt">striegeln</em> und <em class="gesperrt">striegelten</em> mich +ungefähr eine halbe Stunde lang, dann sagte der Beamte:</p> + +<p>»Genug; 599, kommen Sie heraus.«</p> + +<p>Ich kletterte aus der Wanne und stand nackt und +triefend da. Nicht zufrieden damit, daß sie mir die +Schultern und den Rücken <em class="gesperrt">gestriegelt</em> hatten, wollten +sie mir jetzt noch die Beine, den Bauch und den ganzen +übrigen Körper striegeln. Ich trockne mich mit einem +Tuch ab und denke: Was zum Teufel ist das für ein +Ort, wo die Christenmenschen wie die Pferde gestriegelt +werden; das mußte ich erst noch erleben, ehe ich sterbe: +mich in einen Bottich mit Wasser zu setzen und mich zu +striegeln! Schön, reizend, wahrhaftig!!!</p> + +<p>Hier stelle ich ein in die Schwemme gerittenes Pferd +dar, ich bin neugierig, was sie von mir wollen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_79">[79]</a></span> +»Kleiden Sie sich an«, sagt der Beamte, »dort +sind Ihre Kleider.«</p> + +<p>Es war ein vollständiger Anzug mit einem Paar +neuer Schuhe, einem Hemd, einer kaffeebraunen Cravatte, +einer Jacke, Weste, Hosen und einer Mütze, alles +dunkelbraun.</p> + +<p>Ich kleide mich an und frage dann:</p> + +<p>»Und meine Kleider?«</p> + +<p>»Sind im Lagerraum«, sagt der Beamte. »Wenn +Ihre Strafzeit zu Ende ist, bekommen Sie sie zurück.«</p> + +<p>Sie führten mich durch dieselben Korridore, wir +stiegen verschiedene Treppen hinauf und man schloß mich +in eine Zelle ein, indem man mir sagte:</p> + +<p>»Nachher wird der Arzt kommen, um Sie zu untersuchen, +auch der Barbier wird kommen, um Sie zu +scheeren und zu rasieren; dieser Schnurrbart steht Ihnen +nicht!« –</p> + +<p>Bald nachher öffnete sich die Thür, zwei Gefangene +brachten mir das Bett und Decken, dann erscheint der +Barbier, der ein Gefangener war. Ich setze mich auf +das Bettgestell und der Barbier beginnt sein Werk; +mitten in der Arbeit sagt er:</p> + +<p>»Ich weiß, wer Sie sind – das Losungswort?«</p> + +<p>»Recht und Brüderlichkeit«, antworte ich.</p> + +<p>»Recht und Brüderlichkeit werden Sie finden. Das +Haupt der Gesellschaft, D. Gennarino, mit der Registernummer +188, läßt Sie grüßen.«</p> + +<p>»Bestellen Sie ihm meinen Gruß.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_80">[80]</a></span> +»Wenn Sie etwas brauchen – nachher wird ein +Wärter kommen, dem teilen Sie es mit.«</p> + +<p>»Sehr wohl, grüßen Sie die Genossen.«</p> + +<p>»Wir erwarteten Sie, wir wußten von Ihrem +Kommen, aus Lucera hatte man es uns geschrieben.«<a name="FNanchor_30_30" href="#Footnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_81">[81]</a></span> +Damit ging der Barbier weg, der Schneider kam, +um mir auf den linken Ärmel der Jacke die Nummer +599 in großen roten Ziffern zu nähen, die auf ein viereckiges +Stück Tuch gestempelt waren.</p> + +<p>»Ihr Losungswort?« sagte er.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_82">[82]</a></span> +»Recht und Brüderlichkeit.«</p> + +<p>»Ihr Landsmann Borghese, mit der Registernummer +56, grüßt Sie und freut sich, Sie zu umarmen, er ist +Haupt der Gesellschaft und freut sich, einen neuen Adepten +aufzunehmen; später wird sich ein Wärter zu Ihrer Verfügung +stellen.«</p> + +<p>»Ich danke meinem Landsmann von Herzen und +unterwerfe mich seinen Befehlen, aber bitte sagen Sie +mir, warum hat man mich hierher geschickt?«</p> + +<p>»Die Vorschriften der Anstalt gebieten es; jeder +Neuling muß in einer Zelle abgesondert werden und +<span class='pagenum'><a name="Page_83">[83]</a></span> +wird behandelt wie alle anderen Gefangenen: jeden +Morgen spricht der Arzt vor, um den Ankömmling genau +zu untersuchen, aus Besorgnis, daß irgend eine ansteckende +Krankheit sich entwickeln könnte. Wenn der +Monat der Einzelhaft um ist, macht der Arzt dem Direktor +Mitteilung; ist der Neuankömmling krank, so wird er +im Krankenhaus untergebracht, ist er gesund, so kommt +er mit den anderen Gefangenen zusammen.«</p> + +<p>»So muß ich einen Monat hier bleiben?«</p> + +<p>»Gewiß.«</p> + +<p>Wenn ich daran dachte, daß ich einen Monat hier +allein in der engen Zelle eingeschlossen verbringen sollte, +dann empörte sich mein Gemüt und ich verfluchte wiederholt +den Direktor des Gefängnisses zu Lucera, Herrn +B…<a name="FNanchor_31_31" href="#Footnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a>, der mich zum besten gehabt hatte, wie jener +Karabiniere sagte.</p> + +<p>Man muß wissen, daß ich, nachdem ich in Foggia +fortging und die zwanzig Chininpillen genommen hatte, +kein Fieber mehr hatte; ich glaube, es ist die Luftveränderung +gewesen. Der Arzt kam, Herr Biondi, ein +Neapolitaner, ein schöner Mann mit langem schwarzen +Bart und einer blitzenden Brille auf der Adlernase; ich +<span class='pagenum'><a name="Page_84">[84]</a></span> +muß mich nackt ausziehen, und er untersucht mich langsam +von Kopf bis zu Fuß, bald meine Haut, bald meine +Augen, Nase, Stirn und so weiter betrachtend; dann +legt er das Ohr an meine Brust und meinen Rücken +und sagt:</p> + +<p>»Sagen Sie drei!«</p> + +<p>»Drei, drei, drei«, sage ich.</p> + +<p>Und ich denke, warum drei und nicht vier oder +zwanzig oder hundert. Will sich der elende Schüler +Aeskulaps über mich lustig machen? Und ich war im +Begriff, ihm einen Schlag auf die Brille zu geben.<a name="FNanchor_32_32" href="#Footnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a></p> + +<p>»Was für eine Krankheit haben Sie gehabt?«</p> + +<p>»Das Wechselfieber, einundzwanzig Monate lang.«</p> + +<p>»Wo waren Sie?«</p> + +<p>»In Lucera della Puglia.«</p> + +<p>»Sie sind sehr zurückgekommen, wir werden Sie aber +gesund machen, hier, da Sie nach dem Reglement nicht +in das Krankenhaus dürfen; fassen Sie Mut, bald sind +Sie geheilt.«</p> + +<p>Er ging, ich blieb allein mit meinen schwarzen Gedanken. +Ich bekam Krankenkost und der Wächter sagte:</p> + +<p>»D. Gennarino, 188, Gesellschaftshaupt, fragt an, +ob Sie irgend etwas brauchen.«</p> + +<p>»Ich möchte rauchen.«</p> + +<p>»Rauchen! Tabak und Cigarren sind hier streng +verboten; in den Anstalten darf nicht einmal der Direktor +<span class='pagenum'><a name="Page_85">[85]</a></span> +rauchen, wir nicht, keiner, auch nicht Viktor Emanuel II. +Wenn Sie Schnupftabak wünschen, können Sie ihn +haben und welche Sorte Sie wollen.«</p> + +<p>»Dann bitte ich um etwas Schnupftabak.«</p> + +<p>»Und was wollen Sie essen und trinken?«</p> + +<p>»Nichts, sagen Sie Gennarino meinen Dank und +meinen Gruß.«</p> + +<p>»Es soll geschehen; fassen Sie Mut, Ihre Genossen +wachen über Ihr Wohlergehen.«</p> + +<p>»Aber sagen Sie mir, wie viel Gesellschaftshäupter +sind hier?«</p> + +<p>»Es sind hier zwei Parteien in der Anstalt, die +Kalabreser und die Neapolitaner.«</p> + +<p>Damit ging er.</p> + +<p>Bei Gott! dachte ich, da liegt der Hase im Pfeffer! +Hier heißt es neutral sein, sonst giebt es ein Unheil. +Also sei vernünftig, lieber M…! Also es sind zwei +Parteien hier, Kalabreser und Neapolitaner!</p> + +<p>Der Wärter kam und brachte mir etwas Schnupftabak +und bestellte Grüße von den neapolitanischen und +sizilianischen Camorristen.</p> + +<p>Am Abend bekam ich die zweite Suppe, denn hier +gab es täglich zwei Suppen und zwei Brote. Der +Wärter sagte:</p> + +<p>»Das Gesellschaftshaupt Borghese, Ihr Landsmann +und seine Gefährten lassen Sie grüßen; falls Sie etwas +wünschen, möchten Sie es mir sagen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_86">[86]</a></span> +»Ich danke Ihnen und brauche nichts.«</p> + +<p>Doch ich will die Sache kurz machen.</p> + +<p>Einen Monat wohnte ich in der Zelle, jeden Morgen +kam der Arzt oder der Wundarzt, um mich wie gewöhnlich +zu untersuchen, wobei er mir von Zeit zu Zeit ein +Fläschchen Medizin verschrieb. Der <em class="gesperrt">Reporter</em> der +beiden <em class="gesperrt">camorristischen</em> Parteien erschien regelmäßig, +ich aber war klug und sagte, daß ich nichts brauchte. +Als der Monat der Einzelhaft um war, wurde ich in +das Krankenhaus gebracht, um meinen schlechten Gesundheitszustand +zu bessern.</p> + +<p>Hier suchte mich D. Gennarino mit seinen Genossen +auf, erzählte mir Wunder was für Schlechtigkeiten von +Borghese und meinen Landsleuten und versuchte mir einzureden, +daß ich zu ihnen gehören müsse.</p> + +<p>Ich gab ihnen zu verstehen, daß es meine feste +Absicht sei, neutral zu bleiben, und daß ich es nicht für +anständig und eines ehrenhaften Mannes für würdig +halte, gegen meine Landsleute zu konspirieren, und daß es +auch für ein Mitglied der ehrenhaften Sekte der Camorra +sich nicht schicke, gegen die Anhänger seiner Gesellschaft +aufzutreten, daß ich sie alle gleichmäßig liebte und achtete +als meine Genossen und Leidensgefährten, und erinnerte +an einen Artikel unseres Statuts, welcher besagt:</p> + +<blockquote style="width: 40%;"><p>»Wenn sich ein Zwiespalt der Parteien in +der Camorra und unter den Camorristen zeigt, +so kann jeder Genosse sich neutral zeigen, ohne +irgend ein Gesetz zu verletzen. Artikel 151.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_87">[87]</a></span> +Gezeichnet: Cirillo Capucci, Ettore Longo, G. Buongiovanni.«</p> + +<p class="center">»Gestempelt.«<a name="FNanchor_33_33" href="#Footnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a></p> +<p class="center"><img src="images/stempel.png" width="250" height="83" alt="" title="" /></p> +</blockquote> + + +<p>»Sie haben Recht, lieber Freund«, sagte mir das +Gesellschaftshaupt, »aber Sie dürfen auch für Ihre Landsleute +nicht Partei nehmen.«</p> + +<p>»Nein, ich bin neutral und der Freund und Bundesgenosse +aller.«</p> + +<p>»Ihre Hand!«</p> + +<p>»Hier ist sie!«</p> + +<p>Wir schüttelten uns die Hände und sahen uns in +die Augen. Abends kam Borghese, der berühmte Camorrist, +aus Reggio di Calabria; nachdem er wegen eines in +Procida verübten Verbrechens fünfzehn Jahre im dortigen +Bagno gewesen war, war er zu zehn Jahren Gefängnis +verurteilt; er war der Meister der Schneiderstube +und hatte eine kleine Einnahme von monatlich +zwanzig Lire, ohne irgend etwas zu thun, und erfreute +<span class='pagenum'><a name="Page_88">[88]</a></span> +sich nicht geringer Achtung und Rücksicht von Seiten +seiner Vorgesetzten.<a name="FNanchor_34_34" href="#Footnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a></p> + +<p>»Landsmann und Genosse«, sagte er, nachdem er +mich umarmt hatte, »ich freue mich, Sie zu sehen, ein +neuer Genosse wird unserer Gesellschaft eingereiht werden; +verlangen Sie aber auch, wenn Sie etwas brauchen. +Es schmerzt mich, Sie leiden zu sehen, aber bald hoffe +ich, werden Sie so gesund und blühend sein, wie Sie +jetzt krank sind. Ich habe mit dem Herrn Direktor gesprochen, +Sie werden ebenfalls zu mir in die Schneiderstube +kommen. Die elenden Kanaillen, die Neapolitaner, +werden wir über die Klinge springen lassen!!!«</p> + +<p>»Mein teurer Landsmann, ich nehme für niemand +Partei; ich liebe und achte Sie wie einen anderen +Menschen, und das ist meine Pflicht; alle meine Genossen +muß ich gleichmäßig lieben und achten.«</p> + +<p>Es fiel mir schwer, den erbitterten Feind der Neapolitaner +zu überzeugen, daß ich auf alle Fälle neutral +bleiben wolle.</p> + +<p>Endlich sagte er:</p> + +<p>»Nun wohl, Landsmann, machen Sie, was Sie +für gut halten, ich habe kein Recht, Sie zu zwingen; +aber wenn Sie etwas brauchen, so verlassen Sie sich +auf mich; wenden Sie sich nicht an die Neapolitaner! +Sind wir einig?«</p> + +<p>»Ja, wir sind einig«, erwiderte ich.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_89">[89]</a></span> +Ich blieb zwei Monate in dem Krankenhaus, umgeben +von den Aufmerksamkeiten der Neapolitaner und +der Kalabreser. Dann wurde ich an den Direktor, +Herrn Luigi M… di Aversa, gewiesen, einem Manne +von gutem Herzen, einem wahren Vater der Gefangenen. +So treffen sich böse und gute Menschen auf dem Pfade +des Unglücks. Luigi M… war der Typus eines +Edelmannes; eine zärtliche Mutter ist nicht so liebevoll, +geduldig und freundlich gegen ihre Kindlein, wie jener +Luigi M… gegen uns Söhne des Unglücks, uns traurige, +bloßgestellte Geschöpfe war.</p> + +<p>»Wie geht es, 599?« fragte er, als er meiner +ansichtig wurde.</p> + +<p>»Herr Direktor, es geht gut, Gott sei Dank.«</p> + +<p>»Und ich sage mir Glück dazu, wie Ihnen selbst; +ich hörte, es ging Ihnen schlecht, als Sie hierherkamen?«</p> + +<p>»O, Herr Direktor, sehr schlecht.«</p> + +<p>»Armer Unglücklicher!« Zwei Thränen traten ihm +in die Augen. »Sie haben gelitten, aber hier wird es +Ihnen gutgehen, wenn Sie meinen Rat anhören. Vertrauen +Sie auf Gott, er ist unser Vater und verläßt uns +nicht. Ich will Ihnen eine Mahnung zu Teil werden +lassen, aber ich bitte Sie, nehmen Sie sie nicht übel. +Sie sind Mitglied der Camorra, das ist für einen anständigen +jungen Mann nicht schicklich; ich bin überzeugt, +daß man Sie durch Versprechungen und hochtrabende +Redensarten dazu verleitet hat; aber es ist ein Verderben, +es ist der schlüpfrige Weg, der direkt zum Übel führt. +<span class='pagenum'><a name="Page_90">[90]</a></span> +Wir haben hier in der Anstalt traurige Vorkommnisse +gehabt wegen dieser verwünschten Sekte, die hier in +zwei Parteien gespalten ist, die sich täglich mit dem +Messer zu Leibe gehen; sie wissen nicht, wieviel Kummer +sie uns dadurch verursachen, oder sie wollen es nicht +wissen. Tausendmal habe ich sie gebeten, wie nur ein zärtlicher +Vater seine Söhne bitten kann, diese Streitigkeiten +zu lassen, sich einander zu lieben, wie es Leidensgefährten +zukommt; aber ich habe nicht das Glück gehabt, verstanden +zu werden. Sie zwangen mich zur Strafe: +fünf Gefangene sind in kurzer Zeit in das Gerichtsgefängnis +überführt worden, um sich wegen Mord und +Körperverletzung zu verantworten. Glauben Sie, 599, +solche Handlungen, die unter meiner Leitung vorkommen, +betrüben mich und ich werde schlecht belohnt für die +Liebe und das Wohlwollen, das ich ihnen erweise.«</p> + +<p>Der brave Mann war untröstlich.</p> + +<p>»Sie, 599, werden mir keinen Anlaß zum Mißfallen +geben, nicht wahr?«</p> + +<p>»Nein, Herr Direktor, ein so edles Herz wie Ihres +verdient Achtung, Ergebenheit und Dankbarkeit.«</p> + +<p>»Brav! Auch Sie haben ein edles Herz. Wenn +Sie etwas brauchen, so wenden Sie sich direkt an mich +und Sie werden einen Vater finden. Eine Zeitlang +werden Sie in der Schneiderstube beschäftigt werden; später +werden Sie dem Schreiber des Krankenhauses als Gehilfe +beigegeben werden; dort wird es Ihnen gefallen, +und Sie werden vor den bösen Genossen geschützt sein.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_91">[91]</a></span> +»Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, ich hatte +nicht gehofft, hier einen so edelmütigen, menschenfreundlichen +Mann zu finden; ich werde für Ihr Wohlergehen +zu Gott beten.«</p> + +<p>»Thun Sie das, ich habe es nötig.«</p> + +<p>Ein Wärter führte mich in das Magazin; er +gab mir einen zinnernen Napf, einen hölzernen Löffel +und eine ebensolche Gabel, ein Litergefäß aus Zinn und +einen irdenen Becher, reines Handtuch, reine Kleider +und eine Schuhbürste, trotzdem die Schuhe nie geputzt +wurden, da es streng verboten war und sie die natürliche +Lederfarbe tragen mußten. Ich habe nicht begreifen +können, weshalb man mir eine Schuhbürste gab, +wenn ich von einer Schuhbürste keinen Gebrauch machen +konnte. Dann gab man mir ein zinnernes Becken und +ein viereckiges Stück Pappe mit der Nummer 599, die +ich am Kopfende meines Bettes anbringen mußte. Der +Wärter führte mich in ein großes Zimmer, ich blicke +über die Thür und lese in großen Lettern: Schlafzimmer +der Schneider. Der Zimmerkehrer stellte mir +das Bett und die anderen Sachen zurecht, und danach +führte der Wärter mich zum Arbeitszimmer der +Schneider. So gut ich kann und in dunklen Farben +will ich die Anstalt hier beschreiben. Von der äußeren +Treppe herkommend, trifft man auf zwei einander gegenüber +liegende Bureaux, das zur rechten gehört dem +Rechnungsführer, das zur linken dem Direktor. Fünf +Meter weiter trifft man ein großes hohes eisernes +Gitter, durch welches man auf einen finsteren, etwa +<span class='pagenum'><a name="Page_92">[92]</a></span> +fünfundzwanzig Meter langen Korridor gelangt, der +rechts und links mit Zimmern besetzt ist, wo die Gefangenenwärter +schlafen; ferner sind dort die Zimmer +der Schreiber und einige Lagerräume. Am Ende des +Korridors ist ein zweites Gitter, dem ersteren ähnlich; +dann kommt ein krummer Gang und ein Hofraum, etwa +zwölf Meter lang und acht Meter breit; in diesem Hof +sind zwei mit Erde gefüllte Becken, in denen Bäumchen +und Blumen wachsen. Wenn die Gefangenen sich auf +diesen Hof begeben, um Luft zu schöpfen, eine Stunde +abends und eine Stunde morgens, so gehen sie paarweise +in langer Reihe um diese Becken herum; für die, +welche müde sind und nicht mitgehen wollen, sind an +der Wand mehrere steinerne Sitze angebracht. Hier +bewegen sich die Kalabreser und eine fünf Meter hohe +Mauer trennt diesen Hof von einem andern, wo sich +die Neapolitaner und die Sizilianer bewegen.</p> + +<p>Früher waren beide Höfe ein einziger gewesen, da +aber die beiden Parteien sich gebildet hatten, hielt der +verdienstvolle Direktor es für gut, ihn zu trennen, damit +sich die feindlichen Parteien nicht täglich umbrachten. +Die Fenster der Schlafzimmer der Schneider, Former +und Tischler gingen nach diesem Hofe hinaus. Am Ende +des Hofes stand die Kapelle, wo der Priester, Signor +Domenico Borzelli, ein gelehrter und geistreicher Mann, +Sonntags die Messe las und von Camorra und Picciotti +predigte. Wir wenden uns zurück, ein kleiner Gang, +ein kurzer Korridor, zur rechten die Zimmer der +Schneider, Former und Tischler, und die Zimmer der +<span class='pagenum'><a name="Page_93">[93]</a></span> +Zimmerkehrer und Köche, zur linken die Arbeitszimmer +der Weber und eine Treppe, eine große Bibliothek, die +Bücher über Reisen in Innerafrika und Asien enthielt +und zum Gebrauch der Gefangenen diente, an der Wand +der Bibliothek hing eine Pendeluhr.</p> + +<p>Wenn die Werkstatt der Weber passirt war, befand +man sich einem langen Korridor gegenüber, der zur +rechten und zur linken etwa zwanzig Zellen hatte, deren +jede sechs Gefangene faßte, wo die Neapolitaner +und die Kalabreser schliefen. Wir wenden uns zurück, +begeben uns in den Korridor der Bibliothek und stehen +einer Treppe gegenüber, wir gehen hinauf und befinden +uns in einem dunklen Korridor, auf dessen beiden +Seiten lange Reihen-Zellen für sechs Personen: hier +schliefen Kalabreser, Neapolitaner, Abruzzen und +Sizilianer.</p> + +<p>An der Thür jeder Zelle war ein kleines Pförtchen, +von wo aus der Wärter sie Tag und Nacht übersehen +konnte, und in jeder Zelle war ein großes langes Fenster +mit einem Gitter aus Gußeisen, vier dicke eiserne Stangen. +Links von diesem Korridor eine massive Thür, ein kurzer +gerader Gang und acht dunkle Zellen, die Strafzellen. +Ich blieb neun Monate in der Schneiderwerkstatt, +wo ich Schnupftücher, Handtücher &c. säumte, ich verdiente +das ansehnliche Gehalt von 6 Centesimi täglich, +hundertundachtzig Centesimi monatlich, aber wir Gefangenen +konnten unser Geld nicht ausgeben; nur Schnupftaback +gab es beim Oberwächter zu kaufen, soviel man +wollte. Rauchtabak und Cigarren waren streng verboten, +<span class='pagenum'><a name="Page_94">[94]</a></span> +und es rührte mich, als ich sah, wie einige etwas +Schnupftabak in ein Tuch banden und sich den Knäuel +in den Mund steckten, um den Tabak zu kauen. Ich +versuchte es ebenfalls, aber in zwei Tagen schwoll mir +der Gaumen und das Zahnfleisch an und wurde rissig, +so daß ich diese neue Art zu kauen aufgab.</p> + +<p>Ich wurde der Gehilfe des Schreibers des Krankenhauses, +eines braven Burschen aus Benevent, mit dem +ich lange Zeit wie mit einem Bruder lebte. Ich hatte +Krankenkost, eine Suppe, ein gutes Stück gebratenes +Fleisch, einen Becher Wein und Morgens ein Weißbrod, +Abends Mehl- oder Reissuppe, Fleisch oder zwei Eier, +Käse, Brod und einen Becher Wein; es ging mir +gut und ich hatte mehr Freiheit als die anderen +Gefangenen.</p> + +<p>Soll ich eine Episode erzählen, die Euch erschauern +lassen wird? So hört:</p> + +<p>Eines Tages traf ein Jüngling von vierzehn +Jahren in der Anstalt ein, aus der Provinz Salerno, +er war zu drei Jahren verurteilt, rosig und frisch. +Nach einem Monat Einzelhaft wurde er in die Schneiderwerkstatt +geschickt, wo ich mich befand. Mehrere kalabresische +und abruzzische Camorristen fingen an, ihm den +Hof zu machen und die Eifersucht bemächtigte sich der +elenden Sodomiten. Eines Abends löschten sie die Lampe +aus, die mitten im Zimmer brannte und blieben im +Dunkeln; ich ahnte, was für ein Unglück kommen sollte, +sprang im Hemde aus dem Bett, steckte die Hand in +meinen Strohsack und holte ein langes krummes Messer +<span class='pagenum'><a name="Page_95">[95]</a></span> +heraus, das gut geschärft und gespitzt war, und auf dem +Bettrand sitzend, hielt ich Wacht.</p> + +<p>Die Lampe wird wieder angezündet und zwei mit +langen Dolchen bewaffnete Camorristen fingen an, in +größtem Stillschweigen zu fechten, das Blut floß in +Strömen aus ihren Wunden, aber stets herrschte Scherzton, +die Kämpfenden waren entblößt, die übrigen Gefangenen +saßen auf ihren Betten. Mit furchtbarer Gewandtheit +springen sie hin und her, jetzt sich beugend, jetzt einen +Stoß parierend, auf einmal fällt einer der Gefangenen, +erhebt sich wieder und rollt mitten in das Zimmer; +der andere stürzt sich auf ihn, setzt ihm das Knie auf +die Brust, hält mit der rechten den bewaffneten Arm +des Gefallenen und stößt mit der Linken wiederholt +seinen Dolch dem Unglücklichen in Hals und Brust. +Mit Blut bespritzt erhebt er sich, öffnet das Fenster und +ruft die dienstthuende Wache.</p> + +<p>»Was giebt's?« antwortet ein Mann von draußen.</p> + +<p>»Rufen Sie einen zweiten Wächter, um Nummer 336 +in die Totenkammer zu bringen.«</p> + +<p>Die Wächter mit ihrem Chef eilen herbei, sehen +das entsetzliche Schauspiel und erbleichen, der blutgetränkte +Leichnam wurde fortgeschleppt, der Mörder +in eine Zelle geschafft, – wir schlossen in jener +Nacht kein Auge.</p> + +<p>Tags darauf wurde der vierzehnjährige Jüngling, +die unfreiwillige Ursache des blutigen Ereignisses, in +seinem eigenen Bette schwer verstümmelt gefunden. +Der Leib war ihm bis zum Nabel aufgespalten, er war +<span class='pagenum'><a name="Page_96">[96]</a></span> +bewußtlos und starb am Abend, unaufhörlich nach seiner +Mutter rufend. Wenn ich alles erzählen wollte, +würden Euch vor Grausen die Haare sich sträuben und +das Blut in den Adern gerinnen, aber die gute Sitte, +die Rücksicht auf den Leser verbietet es.<a name="FNanchor_35_35" href="#Footnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a></p> + +<p>Meint Ihr, daß Tags darauf von dem traurigen +Ereignis gesprochen wurde? Niemals, als ob nichts +passiert wäre; wenn man jemand fragte, so antwortete +man ganz trocken:</p> + +<p>»Ich weiß nichts, kümmern Sie sich um Ihre +eigenen Sachen.«</p> + +<p>Ein ander Mal ermordete ein Sizilianer einen +armen Wächter in der Schneiderwerkstatt mittelst einer +Scheere, weil er ihm untersagt hatte, laut zu sprechen.</p> + +<p>In der Werkstatt sollte die größte Ruhe herrschen, +alle Gebote wurden übertreten; man sprach, lachte und +scherzte, in dem Schlafzimmer durfte nur halblaut gesprochen +werden, statt dessen herrschte dort ein Höllenlärm, +weil der Direktor nie Strafen verhängte. Es war +strenge Vorschrift, daß alle arbeiten sollten: aber niemand +kümmerte sich darum, der eine blieb in seinem Zimmer, +der andere ging zwar in die Werkstatt, aber arbeitete +nicht.</p> + +<p>Einmal wurden zwei Gefangene, ein Abruzze und +ein Neapolitaner, krank; nachdem der Arzt gekommen +war, wurden sie in das Krankenhaus geschickt, +<span class='pagenum'><a name="Page_97">[97]</a></span> +dort ziehen sie in Gegenwart des Arztes ihre Messer +und stechen auf einander los; der Wärter, der sie +trennen sollte, erhielt einen tüchtigen Messerstich in den +Unterleib, der eine der Kämpfenden eine tötliche Wunde, +der andere eine leichte Schmarre; bei einem neuen +Versuch, sie zu trennen geht der Medizinkasten in Stücke, +das Schreibpult des Arztes fällt um, und die in einander +verbissenen Gegner waren noch nicht vom Blut +gesättigt.</p> + +<p>Ein ander Mal war ich auf dem Hof, um Luft +zu schöpfen, als ein Mann von der andern Seite der +Mauer ruft:</p> + +<p>»<strong>Ihr elenden Kalabreser!</strong>«</p> + +<p>Das war kein Ruf, sondern ein Kampfsignal. +Dreißig Kalabreser klettern auf die Mauer, die Waffen +in der Hand, ein wütender Angriff erfolgt, man kämpft +Mann gegen Mann; das Blut fließt in Strömen; +der Wächter, der Direktor, eine Abteilung Soldaten +eilen herbei; sie drohen Feuer zu geben, wenn die +Gefangenen nicht auseinander gehen – vergebens. +Mit aufgepflanztem Bajonett gehen sie auf die blutdürstigen +Tiger los. Sechszehn blieben zum Tod verwundet +liegen, ein Gefangenenwächter mit den Eingeweiden +in den Händen, zwei Neapolitaner tot, einer leicht verwundet, +und Gennarino, das Haupt der Gesellschaft +der Neapolitaner, mit zerfetztem Gesicht, mit blutbefleckten +Händen, kämpft wie ein Rasender mit Borghese, dem +Haupt der Kalabreser, der trotz Stichwunden im Gesicht +und in der Brust den Dolch meisterhaft handhabte.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_98">[98]</a></span> +Das sind die Wirkungen der Camorra und die +schweren Folgen der Spaltung in zwei feindliche Parteien. +Elf Neapolitaner und Kalabreser wurden in das +Gefängnis gebracht, um wegen Totschlags und schwerer +Körperverletzung verurteilt zu werden. <strong>Arme Thoren!!</strong></p> + +<p>Der brave Direktor jammerte, er sagte, er wolle +die Anstalt verlassen, da seine Liebe und sein Interesse +für die Gefangenen so schlecht belohnt würden. Nach +diesem blutigen Kampf herrschte Frieden und fünf Monate +lang war alles ruhig; und es ist recht so, daß nach dem +Sturm die Windstille folgt, und die gequälten Herzen sich +beruhigen können. Inzwischen kam Befehl vom Ministerium, +daß die Gefangenen, die sich gut geführt hätten, +nach der Insel Caprera gebracht würden, um dort Erdarbeiten +auszuführen.</p> + +<p>Der Direktor verfiel darauf, die kalabresischen und +neapolitanischen Camorristen abzuschicken, teils, um sich +die Sache vom Halse zu schaffen, teils um ihnen Gelegenheit +zu geben, sich in aller Ruhe nach Belieben +umzubringen.</p> + +<p>Zweiunddreißig reisten ab, aber nach wenigen Tagen +kehrten sie zurück, da sie sich nicht gut geführt hatten; +andere kamen hin und blieben dort. Von neuem sind +die feindlichen Parteien wieder zusammen und ein Gefangener +aus Benevent entfacht den Streit wieder, indem +er Borghese einen Messerstich in den Rücken giebt, im Auftrage +D. Gennarinos, der von seinem Leiden wieder +hergestellt war. Das erbitterte die Partei der Kalabreser +sehr, und sie schworen blutige Rache. Ich schlief in dem +<span class='pagenum'><a name="Page_99">[99]</a></span> +Zimmer, wo Borghese und andere Camorristen waren, mir +gefiel es da nicht, heute oder morgen konnte ich in einen +Kampf verwickelt werden, so daß ich keinen heilen Knochen +behielt; ich ließ den Direktor rufen und bat ihn, mich +in eine der unteren Zellen zu bringen; er willigte gern +ein und lobte mein Betragen.</p> + +<p>Ich kam in eine Zelle, wo fünf Gefangene waren, +zwei brave neapolitanische Schuster und drei sizilianische +Former; hier war ich in Frieden, den ganzen Tag war +ich im Krankenhause, wo ich dem Schreiber half: Abends +plauderten und scherzten wir in der Zelle wie gute +Kameraden, und liebten einander von ganzem Herzen.</p> + +<p>Es besteht die Vorschrift, daß ein Gefangener, der +während der Zeit, wo auf dem Hof spazieren gegangen +wird, den Abtritt benutzen muß, einen Zettel heraushängt, +auf dem das Wort »Besetzt« steht; und auf dessen +Rückseite das Wort »Frei« sich befindet, welches sichtbar +zu machen ist, wenn er seine Bedürfnisse befriedigt hat. +Wenn ein Gefangener das Wort »Besetzt« vorfindet, +muß er warten und darf die Thür des Abtritts unter +keinen Umständen öffnen, widrigenfalls er schwerer Strafe +entgegensieht. Nun geschah es, daß ein Sizilianer auf +den Abtritt ging und das Wort »Besetzt« herausgehängt +hatte; nachher vergaß er, den Zettel umzudrehen. Ein +Former, der nachher kommt, findet das Wort »Besetzt« +und wartet, aber aus dem Abtritt kommt niemand heraus, +so daß ihm der Gedanke kommt, die Nr. 448 ist tot. +Ich stehe dabei und berste vor Lachen, während der +Dummkopf eine halbe Stunde steht und wartet. Ich +<span class='pagenum'><a name="Page_100">[100]</a></span> +kann mich nicht mehr lassen; er stiert den Zettel an, +wie ein Gespenst, das ihm zu sagen scheint: Hinweg, +komm' nicht heran! Der arme Teufel verzehrt sich in +seinen Nöten; endlich kann er den inneren Drang nicht +mehr halten und es passiert ihm etwas; in seinem Zorn +und um zu sehen, ob die Nr. 448 tot ist, öffnet er die +Thür und bleibt wie gebannt stehen – der Abtritt ist +leer, Nr. 448 ist nicht da; wie ein Rasender eilt er +zu den Gefangenen, sucht und findet Nr. 448, nähert +sich ihm und giebt ihm eine riesige Ohrfeige mit den +Worten:</p> + +<p>»<strong>Verfluchter Dummkopf, warum hast Du den Zettel +nicht umgedreht?</strong>«</p> + +<p>Auf diesen Gewaltakt stürzten einige Landsleute +der 448 hinzu und verabfolgten dem Missethäter einige +Ohrfeigen: das zündet, man ergreift die Waffen, und +wenig fehlte, so wäre eine zweite Schlacht gefolgt; so +endete die Sache mit einigen leichten Verwundungen.</p> + +<p>Mein Verwandter Cosmo M…, der in Neapel +wohnte, suchte mich auf und war trostlos, als er mich +so elend und abgemagert sah; er stellte sich mir zur +Verfügung, wenn mir etwas fehlen sollte und gab mir +seine Visitenkarte und seine Adresse. Durch einen +Gefangenenwächter übermittelte er mir ein Päckchen +Rauchtaback, eine Pfeife und Zündhölzchen; der Wächter +brachte sie mir heimlich, so daß ich mir Nachts eine +Pfeife leisten konnte. Ich teilte den Tabak in zwei +Hälften, die ich in mein Taschentuch einwickelte und +versteckte, die eine im Kopfende, die andere im Fußende +<span class='pagenum'><a name="Page_101">[101]</a></span> +meines Strohsackes, die Pfeife und die Zündhölzer verbarg +ich da, wo ich meine Waffen hielt. Nach zwei +Tagen wurde eine Untersuchung veranstaltet, während +die Gefangenen in den Werkstätten waren; man begiebt +sich in meine Zelle, untersucht den Strohsack und findet +eine Hälfte mit Tabak.</p> + +<p>Der Direktor kommt und sagt mir:</p> + +<p>»Woher haben Sie diesen Tabak?«</p> + +<p>»Das kann ich auf keinen Fall sagen.«</p> + +<p>»Wissen Sie, daß der Rauchtabak hier streng verboten +ist?«</p> + +<p>»Nur zu gut.«</p> + +<p>»Ich müßte Sie mit vierzehn Tagen Wasser und +Brot bestrafen, aber diesmal will ich Ihnen verzeih'n, +hüten Sie sich in Zukunft.«</p> + +<p>Und ich ging frei aus. Ich erfuhr, daß derselbe +Wächter, der mir den Tabak gebracht hatte, den Verräter +gespielt hatte. Der Tabak war unter den Wächtern +verteilt worden. Ich brachte in Erfahrung, daß Tags +darauf eine neue Untersuchung stattfinden solle, wobei +die andere Hälfte des Tabaks gefunden werden sollte. +Am Abend nehme ich den Rest des Tabaks und verstecke +ihn in dem Strohsack eines Genossen ohne dessen Wissen; +dann fülle ich ein Taschentuch mit Koth und stecke es +in meinen Strohsack. Tags darauf gingen wir wie +gewöhnlich in die Werkstatt. Die Untersuchung erfolgt, +man findet Waffen aller Art, man begiebt sich in meine +Zelle und derselbe Wächter, der mir den Tabak brachte +und ihn nachher entdeckte, stürzt wie ein Hungriger +<span class='pagenum'><a name="Page_102">[102]</a></span> +hinein auf meinen Strohsack, steckt die Hand hinein +und holt das zusammengerollte Tuch hervor, zeigt es +seinen Genossen, drückt es mit väterlicher Liebe an die +Brust und sagt:</p> + +<p>»Hier ist die Leiche!«</p> + +<p>Der Kot spritzt ihm in's Gesicht, über die Brust +und die Hände, entsetzt starrt er die »Leiche« an, während +die andern durcheinander riefen:</p> + +<p>»Prächtig, wahrhaftig reizend; was für eine kostbare +Bartwichse! Und der schöne Geruch; Dich hat +man schön herausgeputzt!« Und sie bersten vor Lachen.</p> + +<p>Der arme Wächter mit dem beschmierten Gesicht +warf das Tuch empört auf den Korridor und wischte +sich das Gesicht, die Hände und die Brust ab. In der +Werkstatt wurde viel über das Abenteuer gelacht, ich +weiß nicht, ob der Direktor davon erfahren hat, jedenfalls +ließ er mich nicht rufen. Inzwischen lief die +Strafzeit des Schreibers im Krankenhaus ab, und ich +nahm seine Stelle ein mit zwölf Lire monatlich, eben +so viel bekam ich von Hause, so daß ich im Ganzen +vierundzwanzig Lire hatte, die mir gutgeschrieben wurden. +Wir konnten unser Geld nicht ausgeben, sondern zuweilen +uns nur einen Käse, ein Ei oder einen grünen +Salat leisten, was uns dann verrechnet wurde. Aber +endlich gab der Direktor unserm Verlangen nach, da wir +mehrere Male die Kost verweigerten, und wir konnten +uns kaufen, was wir wollten, aber Wein nicht mehr als +einen fünftel Liter, und Liqueur war streng untersagt. +Als der gute Direktor sah, daß Ruhe in der Anstalt +<span class='pagenum'><a name="Page_103">[103]</a></span> +herrschte, ließ er uns eine Musikkapelle bilden, wozu er +selbst die Instrumente kaufte. Wir waren siebzehn +Musiklehrlinge, ein tüchtiger neapolitanischer Meister kam +zwei mal täglich, drei Stunden Morgens und drei +Stunden Abends, um uns zu unterrichten, wofür er +vom Direktor monatlich hundertfünfzig Lire erhielt. Wir +lernten rasch, machten uns Notenpulte und alle Abend +spielten wir ein paar Stunden auf dem Hof in Gegenwart +der Wache, des Direktors und des Rechnungsführers, +die sich über unsere schönen Leistungen freuten.</p> + +<p>Der Präfekt, der Syndikus und andere behördliche +und angesehene Personen wollten uns eines Tages +spielen hören und lobten das Werk des Direktors. Die +Aufführung ging nach Wunsch, wir freuten uns an +unserem friedlichen Dasein und liebten einander, während +die Rasenden, die in das Gerichtsgefängnis gebracht +waren, zu fünf bis zehn Jahren Zuchthaus verurteilt +wurden. Die armen Thoren!!…</p> + +<p>Ob es ein ehernes Gesetz der menschlichen Natur, +des Schicksals oder der Hand Gottes ist – es ist ein +Verhängniß, daß der ins Unglück geratene Mensch nicht +lange sich am Frieden, an der Ruhe, an einem Lächeln +erfreuen soll. Es ist uns armen Sterblichen nicht gestattet, +dem Willen der Gottheit nachzuforschen und ist +uns Verruchten und Verachteten nicht erlaubt, in dem +geheimnisvollen Drama des Lebens dem leitenden +Grunde, dem Unerforschlichen nachzuspüren und zu ergründen, +woher das Elend und die Schande in dem +sinnlosen Leben so vieler Millionen böser Menschen, die +<span class='pagenum'><a name="Page_104">[104]</a></span> +sich mit sardonischem Lächeln über alles hinwegsetzen. +Geschick, Fügung, Glück, Schande, Unglück – dunkle, +sinn- und verstandlose Worte, Abstraktionen unseres +Geistes, ein eingebildeter Traum unserer Träume… Traum +und Hirngespinnst ist alle Philosophie und Sophisterei, +des Gottesleugners wie des Zweiflers, des Heiden und +Christen, des Materialisten und des Rechtgläubigen, +des Gelehrten und des Unwissenden, des Reichen wie +des Armen; alles, alles, das All im All, ein unerbittlicher +Traum unserer Träume ist das menschliche +Leben, sein tragischer Verlauf, seine schlafwandelnden +Abenteuer; und wenn ich glaubte am Ziel zu sein und +den unsinnigen Traum deiner Träume erfaßte, den +düsteren Traum der Todesangst, den röchelnden Traum +des Sterbenden, dann empfing ich den Urquell deiner +Träume und aller Träume deines körperlichen und +geistigen Schlafwandelns, die du schließlich in die +Metamorphose des ewigen Traumes umwandeltest. Das +ist das Leben, das ist das eherne Geschick, das grausame +Verhängnis, das herzlose Schicksal, das traurige Unglück. +Das ist der Traum der Weisen und der des +Urmenschen; der gräßliche Traum des Reichen und der +hungrigen Armen. Das ist der unabänderliche Lauf des +menschlichen Lebens. Und setzt sich der irdische Traum +in der Ewigkeit fort? Der tiefe Abgrund, der das +träumende Schlafwandeln scheidet, weist darauf hin, daß +dort in der Welt, in die man geht und aus der man +nicht zurückkehrt, fortgeträumt wird; aber es ist kein +Traum mehr im Schlaf. O nein, es sind wachende +<span class='pagenum'><a name="Page_105">[105]</a></span> +Träume, Träume aus dem vergangenen Leben, Träume +von deinen Leidenschaften, deinen Wahnvorstellungen, +von dem Schmutz und der Schändlichkeit, mit der du +dich beflecktest, als du einstmals träumtest; ein Traum +ist deine kleinmüthige Schwäche, hartnäckige Unwissenheit, +Träume sind die häßlichen Schauspiele deiner verderbten +Liebe, deiner ungeheuerlichen Neigungen!!</p> + +<p>Das ist weltliche Philosophie, das ist das Problem +des Lebens und des Todes, das ist die Lösung unseres +Dramas. Gefällt's Euch? Scheint's Euch paradox? +Wollt Ihr daraus lernen? Soll ich's Euch sagen? +Aber nehmt keinen Anstoß daran.</p> + +<p>Nehmt den scheußlichsten, den ungeheuerlichsten, +den düstersten Traum heraus aus den Träumen Eures +Traums.</p> + +<p>Der Gedanke ist der Dichter, der das hat wahr +machen müssen, was ich behaupte.</p> + +<p>Ein Traum war mein Lebenslauf hienieden und +wer kann die Geheimnisse desselben ergründen? Wer +kann die Zukunft erforschen und voraussehen? Ein +höchstes Wesen.</p> + +<p>Welche Komödie bieten unsere unglücklichen Väter +hier auf dieser Erdkugel dar? Die Komödie des Bösen, +den Traum des Unglücks, der Krankheit. Welche Komödie +stellen wir dar? Die Komödie des Scheußlichen, +den widerlichen Traum unserer Schande, unserer Verderbtheit.</p> + +<p>Welche Komödie werden unsere Nachkommen darstellen?</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_106">[106]</a></span> +Die Komödie des Betruges, der Sophisterei, den +gräßlichen Traum der Ungeheuerlichkeit.</p> + +<p>Was ist die Geschichte? Eine verderbliche Komödie, +die von den Träumen der Sterblichen erzählt, den +Träumen, die sie auf dem großen Theater der Erdkugel +dargestellt haben.<a name="FNanchor_36_36" href="#Footnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a></p> + + +<div class="new-h4"></div> +<h4>Ha!!!…</h4> + +<p>Wir stehen im Jahre 1873 und ich befand mich +in der Strafanstalt zu Neapel, als ein tausendköpfiges +Ungeheuer tausende von Opfern in einem Augenblick +dahinraffte, die Cholera, die furchtbare Cholera. Ja, +<span class='pagenum'><a name="Page_107">[107]</a></span> +die Cholera, dieser unheimliche Wanderer, das entsetzliche, +tausendköpfige Ungeheuer rafft tausende von Opfern in +einem Augenblick dahin.</p> + +<p>Neapel, das schöne, lachende Neapel, die Parthenope +von einstmals, ist von der Cholera überfallen, und in +welcher Weise! Der Tod der herrlichen Gegend, der +grausame Tod mit der unerbittlichen Sichel, mähte seine +Opfer rasch dahin, keine Spur hinterlassend. Es war +Sonntag, wir arbeiteten nicht, wir hatten die heilige +Messe und eine lange Predigt des Hanswursts von +Pfarrer Herrn Borz…<a name="FNanchor_37_37" href="#Footnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a> gehört. Wir hatten die +Kapelle verlassen, da stürzt ein armer Gefängniswächter, +Vater von neun Kindern, gegen die Thür der Kapelle, +stößt einen verzweifelten Schrei »Ha!« aus und fällt +wie vom Blitz getroffen auf der Schwelle nieder, als +ob er ohnmächtig geworden wäre; aus dem Munde +quoll ihm ein grünlicher Schleim, sein Gesicht und seine +Hände wurden rotblau; er wird ins Krankenhaus gebracht, +der Arzt kommt und findet ihn als Leiche, zusammengekrümmt +und mit weit geöffneten gläsernen +Augen.</p> + +<p>»Die Cholera,« sagt der Arzt.</p> + +<p>Nun wurden in der Anstalt ernstliche Vorsichtsmaßregeln +getroffen; die Werkstätten wurden in Schlafräume +umgewandelt, und in den Zimmern, wo bisher +zehn Gefangene waren, blieben nur fünf, wo sechs +<span class='pagenum'><a name="Page_108">[108]</a></span> +waren, nur drei, und die Betten wurden auseinandergerückt.</p> + +<p>In einem großen Raum wurden die leicht Erkrankten +untergebracht, in der Schneiderstube, die höher +lag als die anderen Werkstätten und Zimmer, die schwer +Erkrankten, welche von vier Gefangenen bedient wurden, +die fünf Lire täglich bekamen und essen und trinken +konnten, was sie wollten. Eine außerordentliche Reinlichkeit +herrschte in der ganzen Anstalt; wir <em class="gesperrt">rauchten</em> +den ganzen Tag, die Zimmerthüren waren Tag und +Nacht geöffnet; die Kapelle spielte häufig; am Tage +und in der Nacht wachten je zwei Ärzte, und der +menschenfreundliche Direktor nahm seine Frau und einen +Sohn von zehn Jahren in der Anstalt auf. Es war +ein förmliches Schlachtfeld; wir bewaffneten uns mit +Kanonen, Mitrailleusen, Flinten, Revolvern, Pistolen, +geraden und krummen Säbeln, Bajonetten und Dolchen +– kurz, wir waffnen uns und rüsten uns, daß wir +unbesiegbar sind und nehmen mächtig Lebensmittel und +Munition ein; alles, um Mann gegen Mann das entsetzliche +vielköpfige Ungeheuer, die Cholera, zu bekämpfen. +In dem tödlichen Kampf mit der Stadt war dieses +gräßliche Ungeheuer kühn und dreist geworden, es +kämpfte gelassen und schritt durch die Paläste der +Reichen, die bescheidenen Häuser der Arbeiter und die +Hütten der Elenden dahin; es ließ sich gierig in der +herrlichen Straße Corso Vittorio Emanuele nieder und griff +mit mächtigem Ansturm unsere Burg an, die wir unerschrocken +verteidigten gegen das Ungeheuer, das mit +<span class='pagenum'><a name="Page_109">[109]</a></span> +schwarzen Leichen umgeben war; da erscholl ein Geheul +aus tausend Kehlen; ein Schrei der Verzweiflung rang +sich aus der Brust von sechshundert Gefangenen; der +furchtbare Drache hatte Bresche gelegt in unsere Mauern +und mit blutrünstigen Augen schwang er seine unerbittliche +von Blut befleckte Sichel – nur Sieger, nie besiegt, +nur triumphierend, nie niedergeschmettert – und +doch boten wir dem Feinde noch Trotz.</p> + +<p>Am Tage nach dem Tode des Wächters aßen zwei +Genossen gemeinschaftlich aus einer Schüssel etwas Reis, +da erhebt sich der eine zitternd, tastet an der Mauer +entlang und beginnt sich zu erbrechen; unter wilden +Schmerzen, mit rauher angstvoller Stimme stößt er ein +»Ha« aus und fällt wie vom Blitz getroffen zu Boden. +Er wurde aufgehoben und in das Zimmer der Erkrankten +getragen, bald darauf war er eine kalte Leiche und +schwarz am ganzen Körper.</p> + +<p>»Herr Direktor, welche Krankheit darf ich bei +Nr. 119 verzeichnen?«</p> + +<p>»Cholera!«</p> + +<p>Ich war von Furcht ergriffen und vor Schrecken +gelähmt, denn Tag und Nacht mußte ich die Ärzte +begleiten und die Mittel niederschreiben, die sie verordneten.</p> + +<p>Die Kost wurde gewechselt; wir erhielten Morgens +trockenen Mehlteig mit geschabtem Käse und ein schönes +Stück gebratenes Fleisch, sowie einen mächtigen Becher +Wein; Abends Kalbsbraten, Weißbrot und einen Becher +<span class='pagenum'><a name="Page_110">[110]</a></span> +Wein; beim Schluß des Tages jeder ein Glas mit Chinin +versetzten Rosenliqueur.</p> + +<p>Die Streitigkeiten der camorristischen Partei verloren +an Heftigkeit, die Feindseligkeiten und die Ränke hörten +auf, man dachte daran, sich gegenseitig zu lieben und das +Ungeheuer zu bekämpfen, das uns zu verzehren drohte.</p> + +<p>Inzwischen war der Saal der Erkrankten überfüllt; +viele starben ohne Erbarmen, nachdem sie aus ihrem +ausgetrockneten Halse das letzte »Ha« ausgestoßen hatten.</p> + +<p>Da empörten sich die Gefangenen.</p> + +<p>»<strong>Gift!!</strong>« riefen sie.</p> + +<p>Sie verschworen sich gegen die Ärzte, den Direktor, +die Wache, wollten die Bureaux überfallen und die +Beamten morden.</p> + +<p>Die Frau des Direktors, eine ausgezeichnete Dame +aus feiner neapolitanischer Familie, begab sich mit ihrem +geliebten Söhnchen auf den Hof, in die Zellen und +ermahnte mit thränenden Augen die Rasenden zur Geduld, +zum Mut und zur Ergebung.</p> + +<p>Der Direktor bat weinend und mit vor Entsetzen +gesträubten Haaren um Frieden; nicht ein Gift sei es, +wie sie meinten, sondern eine tötliche Krankheit, welche +die Stadt bedrohe und Tausende von Opfern fordere.</p> + +<p>Der Rechnungsführer begab sich nach Castellamare, +wo er eine Ladung Citronen kaufte, die unter den +Gefangenen verteilt wurden.</p> + +<p>Lob, ewiges Lob gebührt dem edlen und christlichen +Herzen des Direktors Cav. Luigi M… di Aversa, +Lob, unvergängliches Lob seiner edlen Gemahlin, der +<span class='pagenum'><a name="Page_111">[111]</a></span> +Zierde christlicher Tugend. Tag und Nacht begaben sich +beide in die Zellen der Erkrankten, und salbten die +schwarzen Körper der Leidenden mit wohlriechenden +Düften, reinigten sie vom Schmutz, und die edle Herrin +umfing die unglücklichen Sterbenden und murmelte ein +Gebet, während ein Strom eklen Erbrechens ihr über +Brust und Hände ging. O Du Deines Heilandes würdiges +Weib! Edles Mutter- und Frauenherz; meine +Feder ist zu schwach, um Deine heiligen Tugenden zu +schildern, Deinen unerschrockenen Mut, Deine Selbstverleugnung, +eine Ruhmespalme ist Dir im Himmel +gewiß, und sicher hat der Schöpfer, wenn er Dein +heiliges und frommes Wirken sah, sich gefreut, daß er +Dich in die Welt gesandt hat.</p> + +<p>Den ganzen Tag ging sie mit einem Korb voll +Obst, Biskuit, einer Rumflasche umher; wandelte durch +die Zellen, gab dem eine Frucht, jenem ein Stück +Citrone, dem dritten ein Glas Rum und sprach:</p> + +<p>»Mut, meine lieben Söhne, Gott will unsere Geduld +auf die Probe stellen.«</p> + +<p>Brot und Braten warfen wir auf den Hof und +auf die Korridore, der Hunger war verloren, jeder war +satt, die Cholera hatte uns gesättigt. Es war ein Leben, +das ich nicht fortsetzen konnte; am Tage immer mit den +Ärzten unterwegs, Nachts vier oder fünf Mal in den +Zimmern umher; ich fühlte mich wie vernichtet.</p> + +<p>Im Bureau des Krankenhauses war das Depot des +Weines und der Liqueure, die ich morgens und Abends +an sechshundert Gefangene austeilen mußte.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_112">[112]</a></span> +Ich mache dem Direktor Mitteilung, daß ich mich +in mein Zimmer zurückziehen möchte, da ich dieses Leben +nicht mehr aushalten könne.</p> + +<p>»Nein«, antwortete er, »als der Wind still war, +da wollten Sie fahren; nun müssen Sie auch im Sturme +ausharren – ich werde Ihnen zwei Genossen als Helfer +beigeben.«</p> + +<p>Die Apotheke befand sich in der Anstalt selbst, im +Krankenhause; der Oberwärter, ein braver Mann aus +Piombini, der zu zwanzig Jahren verurteilt war, wußte +mit Arznei gut Bescheid und that als Apotheker Dienste.</p> + +<p>Zwei oder drei starben jede Nacht, nichts als ein +schmerzliches »Ha« ausstoßend. Sie wurden sofort in +einen gemeinschaftlichen Kasten <em class="gesperrt">eingesargt</em> und hinausgebracht, +um mit den andern, die in der Stadt starben, +zusammen begraben zu werden. Die Gefangenen wußten +nicht, wer oder wieviel starben oder erkrankt waren.</p> + +<p>Einige Tage war Waffenstillstand, die heimtückische +Krankheit schien des entsetzlichen Mordens müde zu sein, +und wir Verschonten dankten Gott.</p> + +<p>Und dann? Das unerbittliche tausendköpfige Ungeheuer +war nicht müde, es schöpfte nur Atem, um sich +gieriger als zuvor zu erheben. In Neapel, in der +Anstalt neue Opfer; da verdoppelte sich die Sorgfalt +und verdoppelten sich die Mittel, um den Drachen zu +bekämpfen.</p> + +<p>Verzweiflung und Entsetzen herrschten in den Herzen, +die einer Dolchspitze und einer Messerschneide furchtlos +entgegenblickten.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_113">[113]</a></span> +Eines Morgens fragte ich den Doktor Biondi:</p> + +<p>»Herr Doktor, was muß man thun, um sich vor +der entsetzlichen Krankheit zu bewahren?«</p> + +<p>»Immer Wein und Liqueur trinken, nie Wasser, +und im Essen und Trinken sehr mäßig sein.«</p> + +<p>Wein und Liqueur hatte ich zu meiner Verfügung, +mäßig zu sein, hing von mir selbst ab. Ich fing an, +nicht wenig zu trinken, Tag und Nacht trank ich im +Übermaß. Bisweilen hatte ich starkes Fieber mit heftigen +Schmerzen im Unterleib und im Magen, mein +Kopf schien sich umzudrehen, als ob ich im Strudel des +Meeres wäre, kraftlos hielt ich mich mit Mühe auf den +geschwollenen Beinen. Ich begab mich zu dem Chirurgen +Herrn C… und ließ mich untersuchen.</p> + +<p>»Sie haben ein pferdemäßiges Fieber«, rief er aus.</p> + +<p>»Ja, ich fühle mich sehr krank und leide heftige +Schmerzen im Unterleib.«</p> + +<p>»Wie ist die Verdauung?«</p> + +<p>»Seit vier oder fünf Tagen schlecht.«</p> + +<p>»Und Sie haben nichts gesagt?«</p> + +<p>»Was sollte ich … die Furcht vor der Cholera.«</p> + +<p>»Ich kann Ihnen jetzt keine Purgiermittel geben. +Gehen Sie in's Krankenhaus, wir werden sehen.«</p> + +<p>Ich ging in's Krankenhaus, ein anderer übernahm +nun meinen Posten.</p> + +<p>Diese abgefeimte Bestie von einem Chirurgen verschrieb +mir Chinin, kaum hatte ich es genommen, als +sich das Fieber zum Delirium steigerte; den Abend und +die Nacht erbrach ich mich unaufhörlich und litt an fortwährenden +<span class='pagenum'><a name="Page_114">[114]</a></span> +Durchfällen, so daß ich Bett, Betttuch und +alles, was in meiner Nähe war, beschmutzte; vor meinem +geistigen Auge erschienen Gespenster, Schatten, Gräber +und Grüfte.</p> + +<p>Am Morgen kam Dr. Biondi, der Arzt, um mich +zu untersuchen.</p> + +<p>»Cholerasymptome,« sagte er, »er muß in das +Zimmer der Cholerakranken gelegt werden.«</p> + +<p>»Ich gehe nicht,« rief ich, »ich will nicht! Genossen, +ich verlasse mich auf Euch!«<a name="FNanchor_38_38" href="#Footnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a></p> + +<p>Borghese und einige Kalabreser und Neapolitaner +waren zur Stelle.</p> + +<p>»Zu den Cholerakranken darf er nicht kommen,« +beschwor Borghese den Arzt, »sonst steht heute Abend die +Anstalt in Flammen.«</p> + +<p>»Er soll nicht!« riefen die andern.</p> + +<p>»Wir morden die Ärzte, den Direktor und die +Wache,« drohte der Genarius.</p> + +<p>»599 soll hier bleiben und von uns bedient +werden,« sagten einige Neapolitaner, »wehe dem, der +ihn anrührt.«</p> + +<p>Der Direktor kommt, und es wird entschieden, daß +ich im Krankenhaus bleibe, während zwei Kalabreser mich +am Tage und zwei Neapolitaner des Nachts bedienen +sollen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_115">[115]</a></span> +Der Arzt Biondi beklagte sich über den Chirurgen, +weil dieser mir Chinin verschrieben hatte; er sagte, daß +er mich getötet habe und befahl dem Chef der Wache, +daß keiner mit mir sich abgeben solle, da ich unter seiner +eigenen Behandlung stände.</p> + +<p>Nachts wurde es schlimmer mit mir; gräßliche +Gespenster, furchtbare Grüfte mit Gespenstern und Ungeheuern +standen vor mir und quälten mich; ich hörte +nichts mehr; ein eiserner Ring schloß meine Eingeweide +ein; in Zwischenräumen litt ich an Erbrechen und Durchfällen, +ich konnte mich nicht bewegen und mit vieler +Anstrengung und Vorsicht mußte ein Genosse mich hin +und her wenden; ich lag im Sterben.</p> + +<p>Nach der Arznei wurde mir übel – aber was +bedeutete das! Zwei Tage und zwei Nächte wußte ich +nichts von mir – ich war tot!</p> + +<p>Nach achtundvierzig Stunden heftigen Fiebers gewann +ich soweit die Herrschaft über meine Sinne wieder, +daß ich mir meine kritische Lage klar machen konnte.</p> + +<p>Der Arzt kommt, er sperrt den Mund auf, sieht den +Krankenwärter an und spricht mit ihm und den Gefährten, +die mich bedienten; ich hörte nichts, denn ich war gänzlich +taub, aber ich sah, wie der Wärter kopfnickend sein +Einverständnis mit dem ausdrückte, was der Arzt sagte. +Als der Arzt ging, fragte ich, was er gesagt habe. +Man wollte es mir anfangs nicht sagen, bis auf mein +wiederholtes Bitten einer meiner Genossen mir Folgendes +aufschrieb:</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_116">[116]</a></span> +»Der Doktor sagte, daß es sehr schlecht mit Ihnen +steht, und daß Sie vielleicht heute Nacht sterben werden, +daß der Priester gerufen werden solle, um Ihnen die +letzte Tröstung der Religion zu spenden.«</p> + +<p>Ein elektrischer Schlag hätte mich nicht so erschüttern +können, wie die Worte, die ich las und die mein Todesurteil +enthielten; mit übermenschlicher Kraft erhebe ich +mich im Bett, die Augen weit geöffnet, die Arme mit +drohend geballten Fäusten gegen ein großes Kruzifix +ausgestreckt und rufe:</p> + +<p>»Und Du, Christus, Du Gott, willst es zugeben, +daß ich am Ende meiner Strafzeit sterbe, daß ich sterbe, +fern von meiner Heimat, in diesen Mauern, im Kerker! +daß ich an der Cholera sterbe, niedergebeugt vom Unglück, +im Fieber meiner Leiden! Und Du lebst? O +Gott, Gott, ist es wahr, daß Du lebst? Sagen es nicht +Millionen von Schlafwandelnden? Ist nicht das Firmament +das Werk Deines Willens, entzündet sich nicht der +leuchtende Glanz des Tagesgestirns an Deinem Blick? +Rauschen es nicht die tosenden Meere, daß Du lebst? +Der thörichte Zweifler leugnet Dich mit dem Wort, +aber in seiner Brust klingt es träumend: <strong>Ein Gott +lebt!</strong>«</p> + +<p>»Und Du, der Du lebst, läßt mich sterben, den +letzten Schrei aus trockener Kehle ausstoßen! Nein, das +wirst Du nicht, das kannst Du nicht thun! Ist es denn +nicht wahr? Bist Du denn nicht der zärtliche Vater +aller Deiner Geschöpfe; ist Deine Geduld nicht lang, +<span class='pagenum'><a name="Page_117">[117]</a></span> +wie die Jahrhunderte lang sind? Und Du lässest zu, +daß ich sterbe? Nein, das kannst Du nicht!«</p> + +<p>Am Abend kam der Pfarrer und fragte mich ich +weiß nicht was, denn ich war taub, ich antwortete nur +ja, ohne zu verstehen, was er wollte. Der Krankenwärter +sagte ihm, daß ich taub sei von dem Chinin, das +der Chirurg mir verordnet hatte, und daß er mir seinen +Wunsch aufschreiben möge. Darauf schrieb er:</p> + +<p>»Der Pfarrer fragt Sie, ob Sie beichten wollen +in Anbetracht der großen Gefahr, in der Sie schweben.«</p> + +<p>»Jetzt habe ich keine Lust zu beichten,« sagte ich +empört; »wenn ich wieder gesund bin, dann will ich +beichten.«</p> + +<p>Ehrwürden machte ein langes Gesicht, ließ den Kopf +sinken und ging ab.</p> + +<p>Diese Nacht, diese entsetzliche Nacht, in der mein +Todesurteil vollzogen werden sollte, fluchte ich unaufhörlich +jenem Christus am Kreuze. Meine Genossen suchten +mich zu beruhigen, aber vergebens; ich verwünschte mit +lauter Stimme die Natur, die Welt und den Himmel; +ich fürchtete mich zu schlafen, um vielleicht in den ewigen +Schlaf hinüber zu schlummern. Im Fieber verging mir +die verhängnisvolle Nacht. Am Morgen sagte der Arzt, +nachdem er mich untersucht hatte:</p> + +<p>»St. Petrus scheint Ihr Freund zu sein, er hat +die Himmelsthür nicht öffnen wollen – oder vielmehr +die Pforten der Hölle waren eingerostet, so daß Cerberus +sie nicht öffnen konnte. Jetzt werden Sie leben, das +schwöre ich bei meinem Seelenheil.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_118">[118]</a></span> +Die Gefahr war vorüber; Christus, dem ich so +glühend geflucht hatte, hatte sich meiner erbarmt und +gesprochen:</p> + +<p>»Lebe und leide!«</p> + +<p>Ich erhielt ein Telegramm von meiner Familie, +die Nachricht über mich wünschte. Der Direktor brachte +es und er telegraphierte, daß ich genesen sei und demnächst +selbst schreiben würde.</p> + +<p>Infolge der sorgfältigen Pflege, die mir der treffliche +Professor Biondi angedeihen ließ und der warmen +Hilfe von seiten meiner Genossen, besserte sich mein +Zustand bald, aber ich war taub; ich applizierte mir zwei +spanische Fliegen hinter die Ohren, aber sie halfen nichts.</p> + +<p>Ich nahm mir vor, wenn ich taub bliebe, die Bestie, +den Chirurgen, zu ermorden.</p> + +<p>Dann ließ ich mir eine Blase im Nacken ziehen, +was viel Wirkung hatte, indem ich allmählich das Gehör +wieder erlangte. Eine spanische Fliege legte ich auf die +Schläfe, eine zweite hinter die Ohren und auf diese und +andere Weise erlangte ich endlich das Gehör wieder. +Ich zählte die an der Cholera Gestorbenen, es waren +neunundsechszig, mit dem Söhnchen des Direktors siebenzig; +der Erkrankten waren zweihundert zweiundzwanzig. +Als ich ganz geheilt war, ließ ich den Direktor rufen +und bat ihn, mich meiner Pflicht als Schreiber zu entbinden, +und mir zu gestatten, mich in meine Zelle zurückzuziehen, +da ich dringend Ruhe brauche. Ich wollte +dort die Bücher aus der Bibliothek lesen und die sieben +Monate, die ich noch abzumachen hatte, in Frieden +<span class='pagenum'><a name="Page_119">[119]</a></span> +verbringen. Er willigte ein und ich zog mich in eine +der unteren Zellen zurück.</p> + +<p>Die Cholera hörte auf; das tausendköpfige Ungeheuer +zog weiter, und hinter sich ließ es Jammer, Trauer +und Entsetzen.</p> + +<p>In meiner Zelle waren sechs brave Genossen, +fünf davon erkrankten, ich allein las und schrieb und +dachte über die trüben Traumbilder des menschlichen +Lebens nach.</p> + +<p>Mir geschah etwas, das ich mitteilen möchte.</p> + +<p>Eines Tages, gegen Abend, als meine Gefährten +bereits von der Arbeit zurückgekommen waren und ich +ruhig in meiner Zelle in einem Winkel lag und meine +Pfeife rauche, öffnete sich die Thür mit Geräusch +und ich mußte die brennende Pfeife in die Tasche +verstecken.</p> + +<p>»599,« sagt der Wächter, »geben Sie mir die +Cigarre.«</p> + +<p>»Ich habe keine Cigarre.«</p> + +<p>»Rasch, geben Sie mir die Cigarre, Sie haben +geraucht.«</p> + +<p>»Ich habe nicht geraucht und habe keine Cigarre.«</p> + +<p>»Sie haben geraucht, ich habe es gesehen und den +Tabaksgeruch gerochen.«</p> + +<p>»Sie irren sich.«</p> + +<p>»Ich irre mich nicht, geben Sie mir die Cigarre.«</p> + +<p>Und er kam näher um die Hand in meine Tasche +zu stecken, da erhebe ich rasch die Hand und versetze ihm +eine mächtige Ohrfeige.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_120">[120]</a></span> +Nach diesem niederträchtigen Streich nimmt der +Wächter das Schlüsselbund und will sich auf mich stürzen, +ich trete einen Schritt zurück, nehme eine Fechterstellung +an und reiße die Pfeife aus der Tasche; der arme +Wächter hält sie für einen Dolch, schließt die Thür, +rennt den Korridor entlang und ruft um Hülfe.</p> + +<p>Der Chef der Wache mit einigen Leuten eilt +herbei und ich werde in eine Strafzelle geführt.</p> + +<p>Wenn ein Gefangener etwas verbrochen hatte, +fand ein förmliches Verhör statt, bei dem der Direktor +als Vorsitzender, der Rechnungsführer als Ankläger und +der Pfarrer als Verteidiger fungierte.</p> + +<p>Ich werde in das Bureau des Direktors geführt, +die Zeugen werden aufgerufen und leugnen, daß ich dem +Wächter eine Ohrfeige gegeben und ihn mit bewaffneter +Hand angegriffen habe, vielmehr habe der Wächter mich +beleidigt und ich mich nur mit Worten verteidigt. Ich +werde zu vierzehn Tagen Wasser und Brot verurteilt +und in Ketten gelegt, der Wächter erhält zwei Monate +Wachtdienst und sein Lohn wird für diese Zeit +gespart.</p> + +<p>Nachdem die Strafe verbüßt ist, kehre ich in +meine Zelle zurück, der Wächter wird nach einer andern +Strafanstalt versetzt.</p> + +<p>Drei Monate fehlen noch bis zu meiner Befreiung, +da werde ich vom Direktor gerufen, der sagt: »599, +Sie müssen noch drei Monate verbüßen, wo wollen Sie +Ihr Domizil aufschlagen?«</p> + +<p>»In Parghelia, meinem Geburtsort.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_121">[121]</a></span> +Als noch zwei Monate fehlen, rief der Direktor +mich und sagte:</p> + +<p>»599, Sie müssen noch zwei Monate verbüßen; +wenn Sie wollen, lassen Sie sich den Bart und die +Haare wachsen.« Als der Tag der Freiheit sich näherte, +konnte ich Nachts nicht mehr schlafen und baute Luftschlösser. +Meine Gefährten thaten sich zusammen, um +ein prunkvolles Mahl zu veranstalten und so meine +Freiheit zu feiern.</p> + +<p>Der Direktor wurde um seine Erlaubnis gebeten, +daß wir uns alle in einem großen Zimmer zusammen +finden durften, um den letzten Tag meiner Gefangenschaft +zu feiern, als Beweis unserer Treue, Liebe und Achtung. +Am Vorabend vor meiner Befreiung waren wir einundzwanzig +vereint, und aßen und tranken heiter, die Trinksprüche +galten alle mir, die einen wünschen mir Glück, die +andern langes Leben, und alle diese Wünsche kamen aus aufrichtigen +aber unglücklichen Herzen; wir hatten Kuchen, +Süßigkeiten, Liqueure, Caffee und auch die so sehr verbotenen +Cigarren. Am Abend umarmten und küßten +wir uns, Thränen feuchteten mir die Wangen, während +einer sagte:</p> + +<p>»599, denken Sie an mich im Reich der Lebenden.«</p> + +<p>Ein anderer:</p> + +<p>»Werden Sie mir schreiben, um mich zu trösten?«</p> + +<p>Ein dritter umarmte mich und flüsterte mir ins Ohr:</p> + +<p>»Werden wir uns wiedersehen, Genosse?«</p> + +<p>Am Morgen wurde ich von den Gefangenen unbeobachtet +nach dem Bureau des Rechnungsführers gebracht, +<span class='pagenum'><a name="Page_122">[122]</a></span> +man gab mir mein Geld und einen Brief an den +Delegierten in Neapel. Ich vergaß zu erwähnen, daß +ein Landsmann, der Spediteur Cosmo C… in Neapel, +mir einen Anzug besorgt hatte, den ich nunmehr statt +der Gefängnistracht anlegte.</p> + +<p>Der Direktor kam, fragte mich, ob ich etwas vorzubringen +hatte, und hielt mir dann eine schöne Predigt, +wie ich mich in Zukunft betragen solle.</p> + +<p>Ein Schutzmann erscheint, ich küsse dem braven +Direktor die Hand und gehe mit dem Schutzmann eine +lange Treppe hinauf, ein großes massiv eisernes Gitter +öffnet sich und ich befinde mich auf der Straße. Will +man es glauben? Ich konnte nicht mehr gehen; meine +Augen schmerzten von dem Licht, das Blut jagte in den +Adern und am ganzen Körper hatte ich ein Jucken, als +ob ich die Krätze hätte. Wenn man lange die Freiheit +verloren hat, weiß man, wie süß sie ist.</p> + +<p>Wir gingen zum Delegato, der mich in ein Register +eintrug und dann sagte:</p> + +<p>»Wann wollen Sie reisen?«</p> + +<p>»Ich möchte einige Tage hier bleiben.«</p> + +<p>»Schön, wenn Sie reisen wollen, holen Sie Ihren +Paß und das Reisegeld ab.«</p> + +<p>Ich suchte Leonardo und Cosmo C… auf, besuchte +einige Freunde und nachdem ich mich fünf Tage vergnügt +hatte, ging ich zum Delegato, der mir meinen +Paß und das Reisegeld gab.</p> + +<p>Tags darauf reiste ich mit dem Dampfschiff ab +und nach vierundzwanzig Stunden angestrengter Reise +<span class='pagenum'><a name="Page_123">[123]</a></span> +kam ich nach Pizzo, wo ich mit dem Wagen nach Monteleone +fuhr. Dort versuchte ich, einen Wagen zu finden, +um mich nach Tropea zu begeben, aber ein Wagen war +augenblicklich nicht zu haben.</p> + +<p>Da traf ich vier Seminaristen, denen ich mich anschloß +und die ich fragte:</p> + +<p>»Wohin gehen Sie?«</p> + +<p>»Nach Tropea«, antwortete einer.</p> + +<p>»Und haben Sie einen Wagen?« fragte ich.</p> + +<p>»Nein. Hier wohnt der Bischof Vaccari, mit dem +ich zusammen fahre; meine drei Gefährten hier fahren +mit dem Lastwagen, der unser Gepäck zum Seminar +bringt.«</p> + +<p>»Dann gestatten Sie, daß ich mitfahre.«</p> + +<p>Sie willigten gern ein und wir verabredeten Zeit +und Ort, wo wir uns treffen wollten.</p> + +<p>»Ich möchte dem freundlichen Bischof die Hand +küssen.«</p> + +<p>»Kommen Sie mit, und Sie werden ihn sehen.«</p> + +<p>Sie führten mich in das Haus des Apothekers +Ortona, wir treten in eines der Zimmer und ich sehe +den Bischof wie eine Wurst gekrümmt im Bett liegen; +er sagte zu dem Priester Ortona, dem Bruder des +Apothekers:</p> + +<p>»Ich bin müde, ich habe von der Reise gelitten.«</p> + +<p>Ich trat ans Bett und küßte ihm die Hand.</p> + +<p>»Wo sind Sie her, braver junger Mann?« +fragte er.</p> + +<p>»Aus Tropea.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_124">[124]</a></span> +»Und woher kommen Sie?«</p> + +<p>»Aus Neapel, ich war auf dem Colleg.«</p> + +<p>Der Apotheker unterbrach unser Gespräch, das +wer weiß was für ein Ende hätte nehmen können.</p> + +<p>»Nun kommt mit mir zum Essen«, sagte Ortona. +Die vier Seminaristen erheben sich und folgen dem +Hausherrn, ich stehe ebenfalls auf, werfe dem Bischof +einen Blick zu und begebe mich mit den andern in ein +großes Zimmer, einen wahren Speisesaal. Wir setzen +uns zu Tisch, jeder erhält eine halbe Literflasche Wein, +es kommt eine Schüssel mit Käse, eine andere mit +Schinken, dazu frisches Brot. Ich esse von allem, +trinke noch eine Flasche Wein, dann gehen wir; ich in +einen Gasthof, um zu ruhen, denn schlafen kann ich +nicht – wer aus dem Gefängnis kommt, gewöhnt sich +nur langsam wieder an den Schlaf der Freiheit.</p> + +<p>Tags darauf fuhren die drei Seminaristen und ich +auf dem Lastwagen ab, der mit Decken und Matratzen +belegt war; als wir nach einem Ort namens Piozzi +kamen, sehe ich hinter uns einen Menschen herlaufen; +ich lasse den Wagen anhalten und wir sehen, daß es +Silvestro C… ist, der nach Monteleone gegangen +war, dort aber keinen Wagen gefunden hatte und nun +sechs Stunden gelaufen war, um uns einzuholen – ein +nettes Vergnügen!</p> + +<p>In Tropea verließ ich die Seminaristen und ihren +Wagen und ging mit Silvestro C… in einen Gasthof. +Dort fanden wir einen schurkischen Mönch, der sich uns +<span class='pagenum'><a name="Page_125">[125]</a></span> +anschloß; wir ließen uns Würstchen braten und Wein +und Brot bringen und aßen und tranken zu drei.</p> + +<p>Nachher wollte der schurkische Mönch nicht bezahlen; +Silvestro C…, vom Wein umnebelt, fängt an zu lallen, +der Mönch antwortet ihm ebenfalls lallend.</p> + +<p>Silvestro C… glaubt, daß der Mönch ihn verhöhnt +und fängt an zu schimpfen, auf den Mönch, die +Priester, den Papst und die ganze Klerisei.</p> + +<p>Der Mönch wird nun auch zornig und benennt C… +mit häßlichen Worten, sie fassen sich an, ziehen sich hin +und her und lallen.</p> + +<p>»Za–ah–le Du!«</p> + +<p>»Nein, za–ah–le Du!«</p> + +<p>»Ich za–a–ah–le nicht!«</p> + +<p>»Ich za–a–ah–le die Hä–ä–älfte!«</p> + +<p>»Nein, Du za–a–ahlst all–les!«</p> + +<p>»Nein, u–nd ich za–a–ahle ni–ichts!«</p> + +<p>»Wa–arum willst Du nicht za–a–ahlen?«</p> + +<p>»Nein – nein, es geht mich nichts a–an!«</p> + +<p>»Dann za–ahlen wir zusa–ammen!«</p> + +<p>»Ja, za–a–ahlen wir zusammen!«</p> + + + +<div class="new-h3"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_126">[126]</a></span></p> +<h3><a name="Zweiter_Teil">Zweiter Teil.</a><br/> +Meine Dienstzeit.</h3> + +<blockquote style="width: 45%; margin-left: 55%;"><p>Ein klassischer Schriftsteller, eine +wissenschaftliche Abhandlung wird von +gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen +Menschen verstanden; eine gewöhnliche +Darstellung, die leicht geschrieben ist, wird +sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen +Menschen, wie vom unwissenden +Mann aus dem Volke verstanden: +sonach ist es besser, sich beiden als blos +einem verständlich zu machen.</p></blockquote> + + +<div class="new-h4"></div> +<h4>Vorbemerkungen.</h4> + +<p>Wer unklug ist, findet im Soldatenspielen den +Samen der Gelehrsamkeit.</p> + +<p>Der Soldat legt seinen Verstand ab, bevor er die +Kaserne betritt.</p> + +<p>Schande, Feigheit, Trug, Falschheit, Mißbräuche, +Quälereien und Tyrannei sind der Teil des Soldaten.</p> + +<p>Und wenn Du Dich beklagst, kommst Du auf die +Galeere.</p> + +<p>Sklaverei und Soldatenspielen sind Geschwister.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_127">[127]</a></span> +Der Heeresdienst ist ein Übel, das innen und außen +schadet.</p> + +<p>Willst Du verdammt sein? Werde Soldat!</p> + + +<div class="new-h4"></div> +<h4>An mein liebes Söhnchen Francesco Antonio.</h4> + +<p class="center">Mein heißgeliebter Junge!</p> + +<p>Für Dich allein schreibe ich diese schmerzensreichen +Abenteuer meines Lebens, das durch vierzehn lange +Jahre eines furchtbaren Geschickes und durch heftige +Schmerzen und Unglücksfälle zerrissen ist. In diesen +Zeilen, die von meiner heißen Liebe zu Dir diktiert +sind, findest Du die traurigen Wechselfälle des menschlichen +Lebens und die raschen Wandlungen dieser +schmutzigen, unsauberen, bösen Welt.</p> + +<p>Mögen Dir diese Denkwürdigkeiten als Schule +auf dem schlüpfrigen Pfade in der Welt dienen, als +Warnung vor der heuchlerischen Gesellschaft, als Führer +in den Banden der Freundschaft, als Zügel in den maßlosen +Leidenschaften, als Beruhigung im Unglück, als +Ermutigung und Unterwerfung in die Schicksalsschläge +des Lebens.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_128">[128]</a></span> +Du wirst diese meine Briefe durchlesen, Du wirst, +mein geliebter Sohn, das Ergebnis meiner Leiden betrachten +und mit einem Herzen voll kindlicher Liebe wirst +Du den beklagen, der Dir das Leben gab, der Dich +Jahre hindurch in seinen Armen trug, der Dir soviel +Küsse gab, wie Sterne am Himmel stehen, und der mit +überströmender Liebe Deine ersten Schritte lenkte, denn +Du allein warst der kostbare Edelstein meiner im Unglück +verbitterten Seele.</p> + +<p>Um Dich habe ich manche lange und kalte Winternacht +durchwacht und hier, in diesen väterlichen Armen, +habe ich Dich ganze Nächte lang gewiegt; ich spürte +keinen Frost; der Schlaf floh meine Augen und nimmer +müde, nimmer überdrüssig, habe ich Dich gewiegt. +Ja, mein geliebter Sohn, ich war glücklich, Dich an +meine Brust zu drücken, in der Stille der Nacht, wenn +draußen der kalte, eisige Wind raste und an unserem +Fenster rüttelte, dann war ich glücklich und zufrieden +und sang Dich in den Schlaf.<a name="FNanchor_39_39" href="#Footnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a></p> + +<p>Parghelia, den 20. Juni 1888.</p> + +<p class="name">Dein zärtlicher Vater<br /> +Antonino M…</p> + + +<div class="new-h4"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_129">[129]</a></span></p> +<h4>Die Abreise.</h4> + +<p>Nach sechs langen Jahren der Gefangenschaft, wie +ich im ersten Teil dieser Erzählung berichtet habe, erblickte +ich am 16. November 1874 die Freiheit wieder.</p> + +<p>Am 27. Januar 1875 hatte ich das Unglück, +Soldat<a name="FNanchor_40_40" href="#Footnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a> werden zu müssen, denn aus der Klasse 1850 +wurde ich der Klasse 1855 überwiesen und auf zwölfjährige +Dienstzeit in das zwanzigste Infanterieregiment +eingestellt.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_130">[130]</a></span> +Ich reiste nach Florenz, um zu meinem Regiment +zu kommen.</p> + +<p>In diesem Regiment war ein Landsmann von mir, +Signor Pietropaolo A…, Lieutnant; diesem würdigen +und wohlverdienten Herrn wurde ich empfohlen; und er +wies mich der achten Kompagnie zu: das Unglück schien +mir anzuhängen; diese Kompagnie war die meist gequälte +<span class='pagenum'><a name="Page_131">[131]</a></span> +vom ganzen Regiment und bestand aus Leuten, +die sich nicht durch gute Führung hervorthaten.</p> + +<p>Als Signor Pietropaolo von meiner Ankunft hörte, +kam er in mein Quartier und hielt mir eine Vorlesung +über die Art und Weise, wie ich mich zu benehmen +<span class='pagenum'><a name="Page_132">[132]</a></span> +hätte; er empfahl mich den Vorgesetzten, meinem Hauptmann +und den Lieutenants, mit denen ich zu thun hatte.</p> + +<p>Tags darauf erhielt ich das Gewehr, den Säbel, +die Patronentaschen und was sonst noch dazu gehört; +dann wurde ich mit den anderen Rekruten auf den +<span class='pagenum'><a name="Page_133">[133]</a></span> +Exerzierplatz geführt, wo ein Korporal und ein Sergeant +uns unterrichtete; sobald einer sich irrte oder ein Kommando +schlecht ausführte, wurde er geschimpft und mißhandelt, +und oft hörte man solche Worte:</p> + +<p>»Sie sind ein Rindvieh, ein Dummkopf, Sie sind +ein Schweinehund!« und ähnliche Schmähungen. Mir +stieg das Blut zu Kopf, wenn ich sah, wie ein unwissender +Vorgesetzter uns so behandeln konnte.</p> + +<p>(Hier fehlen im Manuskript einige Blätter.)</p> + +<p>Ich stand an meinem Bett, hatte Helm und +Gürtel abgelegt und suchte meine Mütze, die ich am +Morgen an die Wand gehängt hatte. Inzwischen stellte +sich die Kompagnie in Reih und Glied auf und da ich +weiter suche, kommt der Korporal C… auf mich zu +und fragt mich wütend, weshalb ich mich nicht auf +meinen Platz begebe.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_134">[134]</a></span> +»Ich suche meine Mütze, die ich heute Morgen hier +aufgehängt habe.«</p> + +<p>»Sie wissen nicht, was Sie sagen; Sie verlieren +immer etwas.«</p> + +<p>»Ich habe noch nie etwas verloren; aber meine +Mütze finde ich nicht.«</p> + +<p>»Schweigen Sie! Passen Sie besser auf, Sie +Schweinehund! Was meinen Sie denn, wer Sie sind, +Sie Galgenschwengel?«</p> + +<p>Mir stieg das Blut zu Kopf, ich verlor meine +Kaltblütigkeit, wütend wie eine Hyäne sprang ich ihm +an den Hals, gab ihm eine mächtige Ohrfeige und +schüttelte ihn hin und her wie ein Rohr.</p> + +<p>Der Korporal verliert das Gleichgewicht und fällt +hin, ich werfe mich mit voller Kraft auf ihn, halte ihn +<span class='pagenum'><a name="Page_135">[135]</a></span> +an der Gurgel fest und ziehe einen Dolch aus der +Tasche, um ihn zu ermorden – in diesem Augenblick +stürzt sich ein Haufe von Offizieren und Gemeinen auf +mich, reißen uns auseinander und ich werde in die +Wachtstube geführt, wo man mich mit Schimpfreden +überschüttet, um mich dann unter einer Eskorte von acht +Chargierten mit aufgepflanztem Bajonett ins Gefängnis +zu führen.</p> + +<p>Tags darauf suchte mich Signor Pietropaolo auf; +Thränen standen ihm in den Augen, er beklagte den Vorfall +und sagte, daß er alles thun werde, um die Gefahr +abzuwenden; dann ging er, nachdem er mir zwei +Cigarren gegeben und einen zärtlichen Blick auf mich +geworfen hatte.</p> + +<p>Eingeschlossen, allein, sah ich mehrere Tage hindurch +niemand; unvertraut mit den militärischen Gesetzen +wußte ich nicht, was aus mir werden sollte und machte +mich auf alles gefaßt. Signor Pietropaolo kam wieder +und sagte lächelnd:</p> + +<p>»Ich habe alles besorgt; morgen wirst Du in Freiheit +gesetzt werden, aber versprich mir, daß Du Dich +gut führen willst.«</p> + +<p>»Je nach den Umständen«, antworte ich.</p> + +<p>In der folgenden Nacht, etwa um ein Uhr, wird +die Thür meines Gefängnisses geöffnet; ich fürchtete, +daß man mir etwas böses thun werde und schickte mich +an, mich zu verteidigen.</p> + +<p>Es war der Hauptmann, der mich herausrief. Ich +folgte, er führte mich auf den Hof, eintöniges Schweigen +<span class='pagenum'><a name="Page_136">[136]</a></span> +herrschte ringsum, nur unterbrochen durch die Schritte der +Schildwache; der silberne Mond stand am Himmelsbogen.</p> + +<p>»Der Herr Oberst verzeiht Ihnen diesmal, morgen +werden Sie in Freiheit gesetzt; aber ich empfehle Ihnen, +sich gut zu führen, dann werden Sie in drei Monaten +die Korporaltressen bekommen.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann und bitte Sie, +dem Herrn Oberst ebenfalls meinen Dank zu sagen; +wenn ich nicht gereizt worden wäre, würde ich einen +solchen Schritt nicht gethan haben, aber –«</p> + +<p>»Genug, genug, seien Sie in Zukunft ruhiger. – +Korporal, führen Sie den Mann ins Gefängnis.«</p> + +<p>Ich wurde wieder eingeschlossen, tausend Gedanken +durchzogen mein Gehirn und ungeduldig erwartete ich +die Stunde meiner Befreiung.</p> + +<p>Tags darauf wartete ich angstvoll, jedes Geräusch +gab mir einen Stich ins Herz; aber niemand kam, auch +der Lieutenant Pietropaolo nicht. Es wurde Abend, +endlich höre ich den Schlüssel klirren, die Thür öffnet +sich und ein Sergeant, den ich nicht kenne, sagt:</p> + +<p>»Auf, M…, schnell, es geht los; alles ist bereit.«</p> + +<p>Ich folge ihm, auf dem Hof steht ein verschlossener +Wagen, von drei schwarzen Pferden gezogen, die ungeduldig +scharren und wiehern; auf dem Bock sitzt ein +Soldat mit aufgepflanztem Bajonett, vier andere Soldaten, +zwei Korporale und zwei Sergeanten, alle mit +aufgepflanztem Bajonett, standen um den Wagen herum.</p> + +<p>»Rasch, M…, steigen Sie ein und machen Sie +sich's bequem,« sagte ein Sergeant in befehlerischem Ton.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_137">[137]</a></span> +Beim Anblick einer solchen bewaffneten Macht ward +ich bestürzt und wußte nicht, was geschah; ein Sergeant +ließ mich in den Wagen hinein und nahm an meiner +Seite Platz, die beiden anderen Plätze nahmen zwei +Korporale ein; ich sehe mich verständnislos um und +frage mich, ob ich träume, ob man eine Komödie mit +mir aufführen will?… Der Wagen setzt sich in Bewegung, +hält an, fährt weiter, hält wieder an und rast +dann im Galopp davon; neben mir und vor mir sehe +ich die unbeweglichen, kalten Gesichter der Soldaten, +deren Augen auf mich gerichtet sind und die schweigend +die Gewehre zwischen den Knieen halten. Draußen sehe +ich eine Abteilung Soldaten, die dem Wagen folgte.</p> + +<p>Endlich ermanne ich mich, den Sergeanten zu fragen, +wohin man mich führt.</p> + +<p>»Das werden Sie später sehen; wir sind jetzt +am Ziel.«</p> + +<p>»Aber der Herr Hauptmann hat mir doch gesagt, ich +würde heute früh in Freiheit gesetzt werden; wozu denn +jetzt dieser Unsinn?«</p> + +<p>»Der Herr Hauptmann hat Sie zum Besten gehabt,« +antwortet lachend der Sergeant.</p> + +<p>»Zum Besten gehabt!« rufe ich aus.</p> + +<p>»Ja, er hat Sie zum Besten gehabt.«</p> + +<p>Ich fange an nachzudenken, wo ich dies Wort +schon einmal gehört habe, und ich erinnere mich, daß +es der Karabiniere mir sagte, als ich in die Strafanstalt +zu Neapel abgeführt wurde.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_138">[138]</a></span> +»Dies ist das zweite Mal,« denke ich, »daß man +mich zum Besten hat, zum dritten Mal soll es bei Gott +nicht geschehen!«</p> + +<p>Bald darauf hielt der Wagen an, eine Stimme +fragte:</p> + +<p>»Wer ist da?«</p> + +<p>»Ein Gefangener wird eingeliefert,« entgegnete eine +andere Stimme.</p> + +<p>Darauf entstand ein Fragen und Antworten, das +ich nicht unterscheiden konnte; der Wagen setzt sich langsam +in Bewegung, hält an; der Schlag wird geöffnet +und ich werde mit unfreundlicher Stimme zum Aussteigen +aufgefordert.</p> + +<p>Ich steige aus und werde unter Bedeckung ins Gefängnis +geführt, ein Sergeant trägt meinen Namen und +mein Signalement in ein Register ein.</p> + +<p>»Sie sind der thätlichen Insubordination angeklagt, +begriffen?«</p> + +<p>»Sehr wohl, aber gestern und heute Nacht habe +ich es nicht begriffen!«</p> + +<p>»Schweigen Sie, und schwatzen Sie nicht,« sagte +der Sergeant wütend.</p> + +<p>Die Soldaten von meinem Regiment zogen ab, +ohne mich eines Blickes zu würdigen.</p> + +<p>Man führte mich in meine Zelle, ein großes Zimmer +zu ebener Erde in der Festung Abasso, hier war +auch das Militärgericht. In diesem Zimmer befanden +sich etwa zwanzig Angeschuldigte von verschiedenen Waffengattungen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_139">[139]</a></span> +Als ich den rohen, unwissenden Soldaten entrückt +und unter Leidensgefährten war,<a name="FNanchor_41_41" href="#Footnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a> fühlte ich mich von +einer schweren Last befreit, ich überblickte meine kritische +Position und zermarterte mir das Gehirn, weshalb +Signor Pietropaolo und der Hauptmann bei seinem +nächtlichen Besuch mir gesagt haben könnten, daß ich +befreit werden würde, während ich jetzt im Gegenteil +geheimnisvoll ins Gefängnis gebracht wurde. Wozu +diese elende Komödie. Schuftige, lügnerische Menschen, +die dafür bezahlt werden, daß sie heucheln!… Wann +wird man ihnen ihre von Bosheit befleckte Maske vom +Gesicht reißen können?</p> + +<p>O meine Seele, was trauerst Du? Denke an die +Vergangenheit, erinnere Dich an die Seufzer und die +Leiden, damit ich dereinst mit den Farben der Wahrheit +das Bild meines Unglücks entwerfen und die Unwissenheit +der engherzigen, selbstsüchtigen Despoten schildern +kann. –</p> + +<p>Erinnere Dich an die Thaten eines unseligen, verworfenen +Tyrannen! Verkünde, wenn Du es vermagst, +die Handlungen des Autokraten, der, väterliche Gefühle +und kindliche Liebe mißachtend, auf dem Scheiterhaufen +des Vaterlandes die jugendliche Hoffnung Italiens als +Brandopfer darbrachte, der die Stützen darbender Familien +vom häuslichen Heerd hinwegriß, der Industrie +die Kraft des Fortschritts raubte, um das erhabene Andenken +<span class='pagenum'><a name="Page_140">[140]</a></span> +der Freiheit zu schänden, und dem Bajonett, dem +Galgen und der Galeere das Recht gab, den letzten Gedanken +der Unglücklichen zu Todesseufzern zu gestalten.</p> + +<p>Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen +des Unglücks die Klagen deuten, welche in diesem Kreise +ertönen, wo Leiden, Kummer, Qualen und der Wille +eines gesetzlich sanktionierten Vatermörders die jugendlichen +Hoffnungen aus dem Herzen des jungen Soldaten +reißen, um die fern weilenden Familien in Verzweiflung +zu stürzen.</p> + +<p>Nach drei Tagen suchte mich der Lieutenant Pietropaolo +auf, er war trostlos über mein Schicksal und +sagte, daß der Oberst anfänglich die Absicht gehabt habe, +mir zu verzeihen, in Anbetracht meiner Vorstrafen aber +vorgezogen hätte, mich vor ein Kriegsgericht zu stellen; +er flößte mir Mut ein und sagte, daß er meine Verteidigung +vor Gericht übernehmen wolle.</p> + +<p>Ich gab meine Aussage vor dem Untersuchungsrichter +ab; am 13. Juli 1875 sollte die Verhandlung stattfinden.</p> + +<p>Signor Pietropaolo kam wieder zu mir und teilte +mir unter Thränen mit, daß seine arme Mutter krank +sei, daß er infolge dessen Urlaub genommen habe und +daß statt seiner der Advokat C…, der erste in Florenz, +meine Verteidigung führen werde.</p> + +<p>Der 13. Juli erschien; vier Soldaten mit aufgepflanztem +Bajonett unter Führung eines Sergeanten +brachten mich zum Gerichtssaal; dort fand ich den Advokaten +<span class='pagenum'><a name="Page_141">[141]</a></span> +C…, einen schönen Mann mit langem schwarzem +Bart. Er trat auf mich zu und sagte:</p> + +<p>»Mut, M…, heute werden Sie frei sein; der +Vorsitzende und die Richter sind gute Freunde von mir, +der Staatsanwalt ist ein Bekannter von mir – was +brauchen Sie zu fürchten?«</p> + +<p>»Ich, Herr Advokat, fürchte nichts, und wenn es +auch sicher wäre, daß mir schweres Unglück bevorsteht, +ich bin gewöhnt zu leiden, lange habe ich an den +Brüsten des Unglücks gelegen; Mut glaube ich zu haben, +meine Seele zittert nicht in den Zeiten des Mißgeschicks.«</p> + +<p>»Brav, M…, heute werden wir bei mir eine +Flasche trinken.«</p> + +<p>»Wenn wir nur nicht Fiasko machen!« antwortete +ich.</p> + +<p>Ich setze mich auf die Anklagebank, zum zweiten +Mal in meinem Leben; meine Personalien und Antecedentien +werden verlesen; der Staatsanwalt vergleicht +mich mit den Räubern Kalabriens, der Verteidiger +empfiehlt mich mit Stentorstimme der Gnade der Richter.</p> + +<p>Nach einer Stunde erscheint der Gerichtshof, der +sich zur Beratung zurückgezogen hat, wieder, und ich +werde wegen Insubordination und thätlichen Widerstandes +gegen einen Vorgesetzten zu drei Jahren Militärgefängnis +und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt.</p> + +<p>Der Gerichtshof entfernt sich, ich werde ins Gefängnis +zurückgeführt; unterwegs treffe ich den Advokaten +C…</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_142">[142]</a></span> +»Nun, M…, wir müssen Berufung einlegen; das +Urteil ist ungerecht, ich werde es aufheben lassen, ich +werde –«</p> + +<p>»Sachte, Herr Advokat,« unterbreche ich ihn, »kennen +Sie nicht die Fabel von der Katze und der Maus?«</p> + +<p>»Was Fabel, was Maus? Man hat Ihnen Unrecht +gethan, wir müssen appellieren.«</p> + +<p>»Hören Sie mich einen Augenblick an, Herr Advokat, +und dann appellieren Sie, so viel Sie wollen.«</p> + +<p>»Es war einmal ein Kater, der unter seinen nahen +Verwandten eine arme kleine Maus hatte; diese rief: +Onkel, Onkel; aber der gerufene Kater hörte die sanfte +Stimme der kleinen Maus nicht. Als die andern Mäuse +das jämmerliche Rufen hörten, sagten sie: Ihr eigener +Onkel läßt sie so verzweifelt schreien; wenn, was Gott +verhüte, wir mit den Grausamen zusammen kämen, die +wir fremd sind, würden wir sicher umgebracht werden.«</p> + +<p>»Sie, Herr C…, haben gesagt, daß der Vorsitzende +und die Richter Ihre besten Freunde, daß der Staatsanwalt +ein alter Bekannter von Ihnen wäre, daß also +mit Rücksicht auf Sie, auf Ihre Freundschaft, die freundlichen +Beamten mich freisprechen würden – nicht wahr?«</p> + +<p>»Aber erlauben Sie, ich hatte nicht geglaubt –«</p> + +<p>»Wenn Sie es nicht geglaubt haben, so doch ich, +also –«</p> + +<p>»Werden wir appellieren!«</p> + +<p>»Weiser Mann, verschonen Sie mich mit dem Appellieren; +warten Sie die Moral meiner Fabel ab und +dann appellieren Sie zweimal, wenn Sie wollen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_143">[143]</a></span> +»Wenn die Richter mit Rücksicht auf Sie mir die +gelinde Strafe von drei Jahren auferlegten; wenn, was +Gott verhüte, der brave Herr Lieutenant Pietropaolo +mich an irgend einen anderen Anwalt empfohlen hätte, +der keine freundschaftlichen Beziehungen mit den gnädigen +Beamten unterhalten, was für eine Strafe würde ich +dann bekommen haben? Lassen wir die Possen, Herr +Advokat, mit dem Militärgericht ist nicht zu spaßen, +ich bin zu drei Jahren verurteilt und werde sie in Frieden +abmachen! Die Schlauheit der Advokaten ist groß, +aber die Schlauheit der Beamten ist größer.«</p> + +<p>»Nein, bei allen Teufeln, wir müssen appellieren!«</p> + +<p>»Noch einmal, appellieren Sie soviel und so oft Sie +wollen – ich nicht!«</p> + +<p>Nach einigen Tagen wurde ich in das Militärgefängniß +zu Savona gebracht, wo jeder Gefangene zehn +Stunden täglich angestrengt arbeiten mußte. Es war +dort eine Druckerei, eine Weberei, eine Schneider-, +Schuhmacher-, Tischler-, Klempner- und Matratzenmacherwerkstatt, +eine Falz- und Gummiranstalt und mehrere +andere kleinere Betriebe.</p> + +<p>Ich kam zuerst in die Schneiderwerkstatt; hier blieb +ich acht Monate, nähte Hosen, Jacken, Hemden, Bettwäsche +und Taschentücher und verdiente täglich zwölf +Centesimi.</p> + +<p>Dann kam ich in die Falzerei, wo ich drei Monate +blieb und täglich fünfzehn Centesimi verdiente.</p> + +<p>Von da kam ich in die Druckerei, einen großen +langen Raum mit fünfzehn großen und zwanzig kleinen +<span class='pagenum'><a name="Page_144">[144]</a></span> +Pressen, ich mußte das große Rad einer Maschine drehen +und bekam täglich zwanzig Centesimi; sechs Monate +blieb ich dabei und im Schweiß meines Angesichts, arbeitend +wie ein Ochse am Pflug, verdiente ich mein +Brot und meinen Käse; nach diesen schweren sechs +Monaten kam ich an eine Presse, wo ich mit einem +braven jungen Toskaner zusammen arbeitete.</p> + +<p>Meine schwache Feder sträubt sich, all' die Leiden +und Qualen und Kümmernisse aufzuzählen, die ich in +diesen harten zweieinhalb Jahren erduldet habe, ein +Visconti Venosta, ein de Amicis, ein Francesco +Mastriani könnte hunderte von Bänden damit füllen.</p> + +<p>Italien hatte das Unglück, seinen Herrscher Viktor +Emanuel II.<a name="FNanchor_42_42" href="#Footnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a> zu verlieren, und die armen Gefangenen +erlebten die Freude, daß ihnen bei der Thronbesteigung +König Humbert I. sechs Monate <em class="gesperrt">der Strafe</em> durch +eine allgemeine Amnestie nachgelassen wurden; am +19. Januar wurde durch das Kriegsgericht meine Strafe +um sechs Monate gekürzt.</p> + +<p>Da somit meine Strafe am 19. Januar 1878 verbüßt +war, verließ ich das Militärgefängniß in Savona +und wurde nach Nocera bei Salerno geschickt, wo sich +mein Regiment befand. In Neapel machte ich Halt, um +mich zwei Tage zu ruhen und nach zweieinhalb Jahren +die lang entbehrte Freiheit zu genießen. Ich erreichte +mein Regiment; an der Kasernenthür fragte mich der +wachthabende Lieutenant:</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_145">[145]</a></span> +»Kommen Sie vom Urlaub?«</p> + +<p>»Nein«, antwortete ich, »ich komme aus dem Gefängnis +zu Savona.«</p> + +<p>»Kommen Sie herein und gehen Sie zu Ihrer +Kompagnie – die wievielte ist es?«</p> + +<p>»Die achte.«</p> + +<p>»Korporal, führen Sie diesen Soldaten zur achten +Kompagnie!«</p> + + +<div class="new-h4"></div> +<h4>Ein Schurke. – Unschuldig verurteilt.</h4> + +<p>Als der Feldwebel V… von meiner Kompagnie +mich in meiner schlechten Kleidung und in dem +durch die langen Leiden verursachten heruntergekommenen +Zustand sah, betrachtete er mich einige Minuten lang +und sagte dann, sich erhebend:</p> + +<p>»Wie, M…, so sind Sie heruntergekommen?«</p> + +<p>»Das Brot der Unglücklichen schmeckt bitter.«</p> + +<p>»Wissen Sie, M…«, sagte er in mißachtendem +Tone, »daß Sie sich zwei Tage versäumt haben; alle +Soldaten und Offiziere wissen das, denn wir erwarteten +mit Ungeduld Ihre Rückkehr. Der Kommandant ist von +der Verspätung unterrichtet, ich kann nichts thun, um +Ihnen eine Bestrafung zu ersparen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_146">[146]</a></span> +»Ich danke Ihnen, Herr Feldwebel, wenn der Herr +Kommandeur meint, daß ich gefehlt habe, so wird er +mich bestrafen und ich werde meine Strafe geduldig +tragen.«</p> + +<p>Tags darauf wurde ich vom Hauptmann dem +Obersten vorgeführt.</p> + +<p>»Endlich!« rief dieser, als er mich sah, »endlich! +Sie kommen etwas spät, zwei Tage zu spät!«</p> + +<p>»Herr Oberst«, erwiderte ich mit unterwürfiger +Stimme, »ich habe in Neapel Rast gemacht, ich war zu +müde, um die Reise fortsetzen zu können.«</p> + +<p>»So reden sich faule Zahler aus«, sagte der Schuft +von Hauptmann.</p> + +<p>»Nun«, sagte der gütige Oberst in väterlichem Tone, +ohne auf die höhnische Bemerkung des Hauptmanns +einzugehen, »ich verzeihe Ihnen, aber ich empfehle +Ihnen, sich von heute ab gut zu führen; ich weiß es +nur zu gut, das Soldatenleben ist voll Leiden; aber +wenn Sie brav sind, sollen Sie in drei Monaten die +Korporaltressen haben – versprechen Sie es mir.«</p> + +<p>»Herr Oberst, ich bin nicht gewöhnt, leicht zu versprechen, +aber Ihnen verspreche ich, brav zu sein und +meine Pflicht zu thun unter der Bedingung aber, daß +ich nicht von meinen Vorgesetzten gereizt und daß ich +nicht als Sklave, Dummkopf und Schweinehund behandelt +werde, wie es die Korporale zu thun lieben.«</p> + +<p>»Sehen Sie, Herr Hauptmann«, wandte sich der +Oberst an meinen Vorgesetzten; »das heißt nicht kommandieren; +die ganze Schuld liegt an den Unteroffizieren, +<span class='pagenum'><a name="Page_147">[147]</a></span> +das weiß ich; Sie müssen sie im Auge haben, überwachen +und ermahnen. Über diesen Soldat wünsche ich +täglich unterrichtet zu werden.«</p> + +<p>Dann wendete er sich an mich.</p> + +<p>»Haben Sie verstanden? Sie werden hier alle +mögliche Rücksicht finden, aber für Ihre Verspätung +müssen Sie eine leichte Strafe bekommen – einstweilen +haben Sie bis auf weiteres Kasernenarrest.«</p> + +<p>Der Hauptmann teilte seinen Untergebenen den +Wunsch des Obersten mit, ich wollte mich gerade niedersetzen, +um meiner Familie meinen neuen Aufenthaltsort +zu schreiben, als ich in die Wachtstube gerufen wurde. +Ich stelle mich dem dienstthuenden Lieutenant vor, der +mir sagt:</p> + +<p>»Der Herr Oberst hat befohlen, daß Sie in Arrest +müssen.«</p> + +<p>»Aber, Herr Lieutenant, ich habe nichts gethan, der +Herr Oberst hat mir die Verspätung verziehen.«</p> + +<p>Er zeigt mir eine schriftliche Ordre mit der eigenhändigen +Unterschrift des Obersten, ich lese sie und sage:</p> + +<p>»Es ist richtig, jeder Fehler verdient seine Strafe.«</p> + +<p>Der diensthabende Sergeant führte mich in strengen +Arrest ab; das Arrestlokal lag neben dem für einfachen +Arrest bestimmten Raum.</p> + +<p>Hier fand ich einen Korporal aus meiner Kompagnie, +mit Namen Alfonso S… Wir sahen uns an und +verstanden uns, und unsere Augen schworen sich tötlichen +Haß.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_148">[148]</a></span> +»Wie heißen Sie?« fragte der Korporal mich, +während ich in dem Zimmer auf und ab ging. »Woher +kommen Sie, weswegen haben Sie Arrest?«</p> + +<p>»Was wollen Sie?« antwortete ich gereizt, »sind +Sie Untersuchungsrichter?«</p> + +<p>Der Korporal S… setzte sich nachlässig auf seine +Pritsche.</p> + +<p>Es kam die Stunde, wo unser Brot gebracht wurde, +S… erhielt auch Käse und Cigarren; er lud mich +ein, mit ihm zu essen; ich lehnte wiederholt ab – +schließlich, um nicht unhöflich zu erscheinen, nahm ich +widerwillig an; aber mein Herz ekelte sich vor dem +gemeinen Zwitter.</p> + +<p>Zehn Tage bei Wasser und Brot verbrachte ich mit +diesem schweinischen Ungeheuer, zehn Nächte voll schändlichsten +Schmutzes, den zu beschreiben die Feder sich +sträubt, der meinen Namen als Sohn Adams mit Kot +bedeckt, daß ich mein Antlitz mit schwarzer Larve verhüllen +mochte. O Mensch, Du Ebenbild Gottes, Herrscher +der Natur, Traum des Idealen, Gottheit des Schönen, +warum bist Du so verderbt?</p> + +<p>Diese zehn Tage und diese zehn höllischen Nächte +kann nur das rohe und schmutzige Gemüt des ausschweifendsten +geilsten Lüstlings unter allen höllischen +Wesen sich vorstellen; nein, auch dieses nicht, und wenn +es das vermöchte, so würde es erschaudern ob solcher +Unflätigkeit.</p> + +<p>……</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_149">[149]</a></span> +Der Korporal S… wurde in Freiheit gesetzt, +seine Strafe war abgelaufen, ich mußte noch fünf Tage +im Arrest bleiben.</p> + +<p>Endlich war auch meine Strafe verbüßt, ich wurde +befreit und der achten Kompagnie wieder zugeführt; +dort setzte ich die bisherige geile Freundschaft, die schändliche +Buhlerei mit dem S… fort.</p> + +<p>Der Lieutnant Pietropaolo war zu uns abkommandiert, +er suchte mich auf und machte mir lebhafte Vorstellungen.</p> + +<p>Einst als ich mich ihm gegenüber über das Soldatenleben +beklagte, sagte er:</p> + +<p class="center">»<strong>Töte Dich!!</strong>«</p> + +<p>Ich setzte die heimliche Buhlerei mit dem Korporal +S… fort. Abends gingen wir zusammen spazieren, +und da ich in Nocera unbekannt war, so führte S… +mich; später gingen wir in eine abgelegene Schänke, +tranken einen oder zwei Liter herben Wein, wobei S… +immer bezahlte;<a name="FNanchor_43_43" href="#Footnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a> ………………<br/> +…………………………<br/> +…………………………<br/> +…………………………<br/> +…………………………<br/> +…………………………<br/> +…………………………</p> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_150">[150]</a></span> +…………………………<br/> +…………………………<br/> +……………… Wir traten in die +Grotte mit dem dicht belaubten Gesträuch, und dort, im +Dunkeln, unter dem gestirnten Himmelszelt, im Schweigen +der Natur, sündigten, sündigten wir entsetzlich!<a name="FNanchor_44_44" href="#Footnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a></p> + +<p>Eines Tages teilte der schändliche Zwitter mir mit, +daß er den Feldwebel unserer Kompagnie tötlich haßte, +weil dieser, der einst sein glühender Liebhaber gewesen, +ihn verlassen habe und ihn täglich tadelte und Strafen +aussetzte<a name="FNanchor_45_45" href="#Footnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a> und weil er, als er befördert werden sollte, +durch eine falsche Strafanzeige jenes Feldwebels zu +<span class='pagenum'><a name="Page_151">[151]</a></span> +vierzehn Tage strengen Arrestes verurteilt worden war; +infolgedessen war seine Beförderung ausgeschlossen und +sein fester Entschluß war, sich zu rächen.</p> + +<p> +»Nachdem er mir meine Ehre genommen hatte,« +sagte er, »nachdem er mich acht Monate lang betrogen +hatte, verließ er mich, er konnte mich nicht mehr sehen! +Der Undankbare! Einst sagte er, daß er mich liebte, +er nannte mich seine süße Alfonsine; ………<br /> +…………………………<br/> +…………………………<br/> +………<a name="FNanchor_46_46" href="#Footnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a> Er ist es gewesen, der mich durch +Vorspiegelungen und Versprechungen verführt hat, ach! +und wie habe ich ausgehalten; mir war als ob ich mit +einem eisernen Pfahl gespalten wurde und mehrere +Monate habe ich an Blutungen gelitten; der Schändliche! +als er genug hatte, hat er mich verlassen!«</p> + +<p>»Was willst Du, mein lieber S…«, sagte ich, +»Du bist schön und verführerisch wie ein Weib; der +Feldwebel V… hat es verstanden; nachher ist er +Deiner überdrüssig geworden und hat Dich sitzen lassen.«</p> + +<p>»Ich will mich rächen. Ich beabsichtige ihm einen +anonymen Brief von Beleidigungen und Drohungen zu +schreiben.«</p> + +<p>»Nein, mein reizender S…, das geht nicht; +der Feldwebel V… würde über Deine Thorheit +lachen, und wenn es entdeckt wird, würdest Du streng +<span class='pagenum'><a name="Page_152">[152]</a></span> +bestraft werden. Ich empfehle Dir einen einfacheren +und natürlicheren Weg, um zu Deinem Ziel zu kommen.«</p> + +<p>»Und der wäre?«</p> + +<p>»Ich meine, lieber S…, es wäre das Beste, +wenn Du den Feldwebel irgendwo einmal Abends auflauertest, +und ihm ein paar ordentliche Säbelhiebe über +den Kopf und die Schultern giebst; wenn Du da entdeckt +würdest, was ich übrigens für sehr schwer halte, +so hättest Du wenigstens die Genugthuung, daß Du ihm +den Schädel oder die Knochen eingeschlagen hättest, und +hättest Ersatz für Deinen ruinierten Körperteil.«</p> + +<p>»O nein, das kann ich nicht, dazu habe ich weder +Mut noch Kraft.«</p> + +<p>»Und Du willst Soldat sein!«</p> + +<p>»Warum willst Du mich nicht rächen? Du weißt, +wie sehr ich Dich liebe; und ich meine, es ist die Pflicht +des zweiten Liebhabers, die Beleidigungen des ersten +zu rächen.«<a name="FNanchor_47_47" href="#Footnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a></p> + +<p>»Ich sage es Dir rund heraus, mir fehlt der +Mut dazu.«</p> + +<p>»Weißt Du, S…, Du paßtest besser ins Bordell +als in die Kaserne; man sollte Dir einen Unterrock anziehen, +aber nicht eine Uniform; was meinst Du dazu?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_153">[153]</a></span> +»Du willst immer scherzen, M…; da ich mich +Dir hingab, weil ich Dich liebe, meinst Du, ich könnte +mich auch einem andern hingeben?«</p> + +<p>»Und wenn Dir ein anderer besser gefällt, als ich, +würdest Du ihn da nicht an meine Stelle rücken lassen?«</p> + +<p>»Sicher!«</p> + +<p>»Du bist wie die Königin Karoline von Neapel, +die nie müde wurde, ihre Liebhaber zu wechseln.«</p> + +<p>»Ich weiß von keiner Königin und von keiner +Karoline; ich weiß nur, daß ich dem Feldwebel einen +Brief schreiben, und ihn beleidigen und bedrohen will.«</p> + +<p>»Unsinn mit Deinem Brief, Du wirst thun was +ich sage und nicht was Du denkst.«</p> + +<p>»Es ist mir unmöglich, ich habe nicht einmal den +Mut gehabt, ihn mir abzuschütteln, als er damals bei +mir war, – im Gegenteil!«</p> + +<p>Er setzte mir so lange mit dem anonymen Brief +zu, daß ich seinem Drängen nicht widerstehen konnte; +eines Abends sagte ich zu ihm:</p> + +<p>»Gieb mir Papier und Bleistift, ich werde Dir den +Brief vorschreiben, nachher kannst Du ihn abschreiben.« +Er gab mir sein Notizbuch und ich schrieb:</p> + +<p>»Denke an den 23ten!!!«</p> + +<p>Am 23ten war S… in Folge der falschen Anzeige +des V… mit strengem Arrest bestraft worden.</p> + +<p>Er nahm das Blatt Papier, las die von meiner +Hand geschriebenen Zeilen und sagte:</p> + +<p>»Ist das wenig! Ich will es ihm ordentlich besorgen!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_154">[154]</a></span> +»Nun, acht Monate lang hat er es ja ordentlich +verdient!«</p> + +<p>»M…, ich lasse mich nicht beleidigen!«</p> + +<p>»Na, nachher werde ich es wieder gut machen.«<a name="FNanchor_48_48" href="#Footnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a></p> + +<p>»Sprich nicht so, wir wollen die Sache mit Verstand +machen …«</p> + +<p>»Ganz recht, wir wollen es mit Verstand machen, +wie der Feldwebel.«</p> + +<p>»Ich mag Dich nicht mehr leiden, ich hasse Dich. +Nein, ich liebe Dich, ich liebe Dich…, rasch M…, +einen Kuß!«</p> + +<p class="center" style="font-size: 90%; line-height: 2em;">»Und zitternd küßte er mich auf die Lippen …«</p> + +<p>»Und zitternd küßte er mich auf die Lippen …«</p> + +<p>»Weißt Du, mein liebes Milchgesicht,« und mit der +Hand streichelte ich ihm das Kinn und die purpurnen +Lippen, »die eine Zeile sagt soviel wie zwei ganze Seiten.«</p> + +<p>Wir gingen zu unserer laubbewachsenen Grotte +und besiegelten den Brief an den Feldwebel V… +auf unsere Weise.</p> + +<p>Nach einigen Tagen wurde ich von einem traurigen +Leiden ergriffen, ich stellte mich dem Stabsarzt vor, +der mich auf die Krankenstation brachte, die sich in derselben +Kaserne befand. Nach fünf Tagen fühlte ich +heftige Schmerzen und das Übel griff weiter um sich.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_155">[155]</a></span> +Am Morgen des sechsten Tages kam ein Sergeant +mit zwei bewaffneten Soldaten zu mir, auf Befehl des +Obersten wurde ich ins Gefängnis gebracht, in denselben +Raum, wo der schändliche S… mich zur Sünde +verleitete.</p> + +<p>Wer diese einfachen und ungeschminkten Zeilen liest, +der möge meinen Zustand ermessen: ich raste, ich fluchte, +ich raufte mir die Haare, biß mir in die Hände, rannte +mit dem Kopf gegen die Wände; wenn mich jemand +gesehen hätte, er hätte mich für verrückt gehalten – so +verbrachte ich den Tag und sah niemand als den Sergeant, +der mir meine Suppe und Wasser brachte.</p> + +<p>Noch trauriger war die Nacht, die ich auf der alten +Pritsche zubrachte; meine Schmerzen nahmen zu, und +mir war, als ob der kranke Körperteil von tausend +Nadeln durchbohrt würde.</p> + +<p>In meiner Kompagnie war ein Landsmann von +mir, Namens Antonio P…, genannt Catanzaro, der +noch am Leben ist und die Wahrheit meiner Erzählung +bezeugen kann: ich versuchte jedes Mittel, um ihn zu +sprechen und zu erfahren, weshalb man mich ins Gefängnis +gebracht hatte, aber es war vergebens.</p> + +<p>So vergingen drei Tage und drei Nächte in grausamen +Qualen, endlich am vierten Tage öffnet sich die +Thür, S… tritt lächelnd und heiter ein, die Thür +schließt sich und S… bleibt als Gefangener bei mir. +Ich fragte ihn:</p> + +<p>»Kannst Du mir sagen, warum ich hier bin?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_156">[156]</a></span> +»Der Soldat Gir… hat Dich verraten, er hat +dem Oberst unser Verhältnis mitgeteilt und wir kommen +zur Strafkompagnie; aber Gir… ist nicht hier, er +hat einfachen Arrest; aber wenn wir auch zur Strafkompagnie +kommen, das thut nichts.«</p> + +<p>Wer mich liest, möge ermessen, von welchen Gedanken +blutiger Rache gegen den Gir… ich erfüllt +war.<a name="FNanchor_49_49" href="#Footnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a> Bald darauf wird S… abgerufen, ich bin +wieder allein, in der finsteren Ungewißheit über meine +Lage. Ich lasse mir den Arzt kommen, er untersucht +mich kaum und verspottet mich; mit Wut im Herzen +lege ich mich auf meine Pritsche.</p> + +<p>Am Abend läßt man mich heraus, um Luft zu +schöpfen; ich komme mit den andern Soldaten zusammen, +die im einfachen Arrest sind; ich suche mit dem Blick, +um Gir… zu finden, mit blutrünstigen Augen sah ich +ihn an, wie ein hungriger Löwe seine Beute, ehe er sie +im Rachen hat.</p> + +<p>Es regnete, wir Gefangenen standen alle unter +einem Schutzdach, nahe dem Gefängnis, ich spähe in das +Wachtzimmer hinein und sehe meinen Landsmann Antonio +P…, genannt Catanzaro, ich winke ihn zu mir herein, +und flüstere ihm zu:</p> + +<p>»Kannst Du mir ein scharfes Messer geben?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_157">[157]</a></span> +Er steckte die Hand in die Tasche, holt ein altes +Messer heraus und sagt:</p> + +<p>»Da, mach' es nicht stumpf!«</p> + +<p>Mit diesem alten Messer, ohne Schärfe und Spitze +gehe ich in meine Zelle zurück, um es zu prüfen, ich +finde es für meine Zwecke unbrauchbar, aber ich denke: +du wirst es versuchen, und wenn es glückt, bist du gerächt +und die verwünschte Dienstzeit hat ein für alle +Mal ein Ende.</p> + +<p>Ich begab mich zu den anderen Soldaten und suchte +den Gir…, ich näherte mich ihm, er suchte mir zu +entfliehen und behielt mich im Auge; mehr und mehr +überzeugte ich mich, daß er die Ursache meiner Leiden +sei, mit einem Sprunge war ich bei ihm, faßte ihn an +der Brust und rief:</p> + +<p>»Elender, so rächt sich Deine Schändlichkeit!«</p> + +<p>Mit dem alten losen Messer schnitt ich ihm schnell +mehrere Male durchs Gesicht und stieß es ihm in die +Kehle, dann klappt das Messer zu und schneidet mir +zwei Finger entzwei; ich muß meine Beute loslassen, +aber verfolge sie wütend in den Hof, jedoch vergebens: +die Schildwache ruft »Heraus!«, die wachthabenden Soldaten +eilen herbei, das Gewehr in der Hand, der Lieutenant +mit gezogenem Säbel ruft:</p> + +<p>»Halt, M…, halt, oder ich lasse schießen!«</p> + +<p>Wütend wie eine Hyäne, der man ihr Opfer entrissen, +entblöße ich meine Brust, wende mich um und +brülle, während der Schaum mir vorm Munde steht:</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_158">[158]</a></span> +»Hier ist meine Brust, lassen Sie schießen, aber +rasch, ich sterbe gern, wenn ich unter der Knechtschaft +der Tyrannen leben muß.«<a name="FNanchor_50_50" href="#Footnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a></p> + +<p>Nunmehr versucht der Lieutenant es im Guten:</p> + +<p>»M…, kommen Sie zu sich, gehen Sie in Ihre +Zelle, niemand soll Ihnen ein Haar krümmen, ich schwöre +es bei meinen Tressen.«</p> + +<p>Durch diese Worte beruhigt ging ich zurück, die +Thür meiner Zelle schloß sich hinter mir und ich blieb +allein mit meinen trüben Gedanken. Mein erster Gedanke +war, das alte Messer aus dem Wege zu bringen, +um den, der es mir gegeben hatte, nicht bloszustellen; ich +sehe mich um und suche, aber finde keinen geeigneten +Ort; es aus dem Fenster werfen, hieße es den Vorgesetzten +direkt in die Hände liefern, denn das Fenster +ging auf den Hof hinaus; aber ist es ein geheimnisvolles +Gesetz des Zufalls, Gottes oder des höllischen Teufels: +die Heißblütigen und Kopflosen werden gewöhnlich vom +Zufall in ihren Gefahren, ihrem Mißgeschick begünstigt. +So gelang es mir, das Messer zwischen die Bretter +meiner Thür, die eine Art Doppelthür war, zu bringen +und so das <i lang="la" xml:lang="la">corpus delicti</i> zu entfernen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_159">[159]</a></span> +Nachts erschienen mehrere Offiziere und Chargierte, +ich wurde an Händen und Füßen gefesselt und mit +Schmähreden überhäuft, von denen mir nur eine zu Gemüt +ging. Ein Lieutenant schlug mich mit der Scheide +auf den Arm und sagte:</p> + +<p>»Wenn ich dabei gewesen wäre, hätte ich Dich +durchbohrt.«</p> + +<p>»Bisher haben Sie mich mit Ihrem langen Säbel +noch nicht durchbohrt und werden auch schwerlich dazu +kommen«, erwiderte ich rasch.</p> + +<p>»Mörder, Lump!« rief er zornig und gab mir +eine Ohrfeige.</p> + +<p>»Pfui, Elender«, zischte ich, »Elender, einen gefesselten +Menschen zu ohrfeigen!« Und ich fuhr in die +Höhe, um ihn zu beißen.</p> + +<p>Die ganze Nacht saß ich gefesselt auf meiner Pritsche, +meine Schmerzen waren furchtbar, unerhört; aber sie +drückten mich nicht nieder – ich dachte an die Ohrfeige +und nahm mir fest vor, wenn der Lieutenant mir wieder +zu nahe kommen sollte, ihm die Nase abzubeißen.</p> + +<p>Am Abend des folgenden Tages wurde ich nach +dem Hof gebracht, das ganze Regiment war aufgestellt, +ein Dienstwagen mit einem kräftigen Maultier bespannt, +stand bereit; ich stieg ein, sechs Soldaten, vier Sergeanten +und ein Offizier reihen sich darum. Der Wagen +setzt sich in Bewegung, er hält an; die vier Sergeanten +nehmen neben mir Platz; der Wagen setzt sich von neuem +in Bewegung und führt einen Halbkreis im Hof; ich +wende mich den schweigenden Truppen zu und grüße +<span class='pagenum'><a name="Page_160">[160]</a></span> +kalt und lächelnd mit der Hand und ein Ausruf erscholl +aus allen Kehlen, ein Ausruf der Bewunderung.<a name="FNanchor_51_51" href="#Footnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a></p> + +<p>Der Wagen verließ die Kaserne in Begleitung +der bewaffneten Soldaten. Nach zwei Stunden kamen +wir in Cava dei Tirreni an, wo das Militärlazarett +war; hier wurde ich in die Kleiderkammer geführt, ein +Sergeant trug mich in ein Register ein und befahl mir, +mich auszuziehen.</p> + +<p>Während ich das that, näherte sich einer der Sergeanten, +die mich eskortiert hatten, und flüsterte seinen +Kameraden einige Worte ins Ohr.</p> + +<p>»Herr Sergeant«, sagte ich, »es ist überflüssig, daß +mein Sergeant mich Ihnen empfiehlt. Ich bin ein +schlechter Soldat, ich komme vors Kriegsgericht, und +wenn es mir glücken sollte, auszureißen, so würde ich +nicht erst Lebewohl sagen, deshalb behalten Sie mich +im Auge.«</p> + +<p>Alle lachten und ich lachte mit.</p> + +<p>Ich kleidete mich aus, legte ein Hemd von rauher +Leinwand, ein Paar wollene Hosen an, die mit Flicken aller +Art, in allen Farben, bedeckt waren, außerdem waren sie +zu weit und vier Handbreit zu lang, aber ich krempelte +sie um und so leisteten sie dieselben Dienste, dazu zog +ich ein Paar Pantoffeln an, die Simson gepaßt hätten, sowie +ein Rock, der mir bis auf die Fersen hing und mit +Blut und Eiter befleckt war, so daß mir übel wurde; +auf den Kopf stülpe ich mir eine Mütze, die bis über +<span class='pagenum'><a name="Page_161">[161]</a></span> +die Ohren geht; so im Paradeanzug stelle ich mich den +beiden Sergeanten vor:</p> + +<p>»Nun, was meinen Sie, könnte ich nicht auf der +Bühne auftreten? Das wäre zu nett! Wenn Sie erlauben, +würde ich als wandernder Mime gleich losziehen.«</p> + +<p>Und ich trällerte ein Liedchen; beide lachten aus +vollem Halse.</p> + +<p>Ein Sanitätskorporal führte mich in meine neue +Wohnung. Es war eine Zelle, die etwas länger war +als mein Bett, ein kleines Fenster mit Gitter und einem +Drahtnetz gesichert, ging auf das Feld hinaus, ein anderes +großes breites vergittertes Fenster auf einen Korridor, +eine hölzerne Bank, ein zinnerner Napf, ein +ebensolcher Becher und ein Holzsessel machten das bescheidene +Mobiliar aus.</p> + +<p>Am folgenden Morgen höre ich einen neapolitanischen +Gruß sagen, die Thür meiner Zelle öffnet sich +und herein tritt ein Stabsarzt mit einem Sergeanten, +man reißt mir die Bettdecke weg, der Arzt befühlt und +besieht mich und sagt dann:</p> + +<p>»Hier müssen wir schneiden, ein Stück abschneiden!«</p> + +<p>»Alle Wetter, Herr Doktor, was sagen Sie?« rief +ich aus, »schneiden Sie mir lieber den Kopf ab.«</p> + +<p>»Haben Sie den Dreck so lieb?«</p> + +<p>»Er ist mein Abgott, und das Entzücken meiner +armen Nerven.«</p> + +<p>Lachend und trällernd ging er ab, die Thür wird +geschlossen und ich bleibe allein. Der Stabsarzt war +<span class='pagenum'><a name="Page_162">[162]</a></span> +ein Dreißiger, heiter und sorglos, er scherzte gern mit +mir und oft sagte er:</p> + +<p>»Sie haben eine gute Natur, ein fröhliches und +starkes Gemüt; wenn ich in Ihrer Haut steckte, würde +ich keine vierundzwanzig Stunden leben.«</p> + +<p>Zur Essenszeit kam der Sergeant mit einem Lazarettgehilfen +und brachte mir etwas Salbe auf Papier, etwas +gelbes Wasser in einem Becher, meine Suppe und +mein Brot.</p> + +<p>»Damit reiben und waschen Sie die Wunde; wenn +etwas passiert, rufen Sie nur aus dem Fenster.«</p> + +<p>Ich blieb allein, und obgleich ich mich kaum bewegen +konnte, mußte ich mich selbst besorgen. Ich kletterte +aus dem Bett und kroch auf der Erde zu dem +Kübel hin, um mich selbst zu bedienen, mich selbst zu +kurieren! Wenn mir dann oft die Kräfte zu erlahmen +schienen, dann sagte ich mir oft:</p> + +<p>Mut, M…, Mut! Auch dieses Drama wird +sein Ende haben; und ich lachte, ich lachte wie ein Wahnsinniger.</p> + +<p>Um nicht zu weitschweifig zu werden und so viel unnützes +Zeug zu erzählen, komme ich zum Nötigsten.</p> + +<p>Eines Tages, um Mittag, da ich mich gerade niedergelegt +hatte und im Begriff war, einzuschlafen, höre ich, +wie an mein Fenster geklopft wird, ich öffne die Augen +und sehe einen Stock, der an das Gitter klopft, ich erhebe +mich von meiner Pritsche und klettere, mir die +Schmerzen verbeißend, auf die Bank, die unter dem +Fenster steht, und was erblicke ich? Ein reizendes junges +<span class='pagenum'><a name="Page_163">[163]</a></span> +Mädchen, siebenzehn Jahre alt, schön wie eine Madonna, +mit schwarzen schmachtenden Augen, das goldene Haar +in Zöpfen gebunden und auf dem Kopf durch ein rotes +Tuch bedeckt, die Stirn marmorweiß und keusch.</p> + +<p>»Was wünschen Sie, mein liebes Fräulein?« +fragte ich.</p> + +<p>Und sie sagte:</p> + +<p>»Sie sind hier allein, Sie Armer! Wissen Sie, +ich habe Mitleid mit den Soldaten; ich habe einen +Bruder bei der Kapelle des 90. Regiments. Wenn Sie +wüßten, wie ich Sie beklage … haben Sie eine Mutter, +einen Vater?… woher sind Sie?«</p> + +<p>»Ich bin verwaist, meine Eltern sind lange tot … +ich bin aus Kalabrien und sehr unglücklich.«</p> + +<p>»O Sie Armer!« beklagte mich das reizende Geschöpf. +»Verwaist! Fern von der Heimat im Gefängnis +eingeschlossen, ohne Hülfe, von allen verlassen« – sie +weinte heiße Thränen – »aber wissen Sie, verlieren +Sie das Vertrauen nicht, der liebe Gott lebt für uns +Unglücklichen und er verläßt uns nicht, wenn wir auf +ihn und seine Vorsehung vertrauen. Sagen Sie, Bruder, +und erlauben Sie, daß ich Sie von jetzt ab mit diesem +süßen Namen nenne; was haben Sie begangen und wie +lange müssen Sie hier bleiben?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, weswegen ich hier bin, aber ich +glaube, ich werde hier zwei Monate lang bleiben müssen.«</p> + +<p>»Es schmerzt mich, Sie so leiden zu wissen, aber +ich werde Sie zu trösten versuchen, und Ihnen Gesellschaft +leisten, ich werde meinen Papa und meine Mama +<span class='pagenum'><a name="Page_164">[164]</a></span> +mitbringen; ich werde Gott für Sie bitten so lange, bis +ich das Glück habe, Sie frei zu sehen. Und wenn Ihnen +jetzt etwas fehlt, so öffnen Sie Ihr zerrissenes Herz +Ihrer armen Schwester.«</p> + +<p>»Ich möchte ein Licht und Streichhölzer haben, +weil man mich Abends im Dunkeln läßt, sowie etwas +Papier, eine Feder und Halter, um meiner Familie zu +schreiben und sie um etwas Geld zu bitten.«</p> + +<p>»Nachher werde ich alles bringen, seien Sie nicht +mehr traurig.«</p> + +<p>Am Mittag kam sie mit ihrem Vater, ihrer Mutter +und einem kleinen Bruder, und brachte mir etwas Fleisch, +Käse, Pasteten, Wein, zwei Cigarren und ich weiß nicht +was sonst noch.</p> + +<p>Ich öffnete das Drahtnetz und reichte meinen Napf +heraus, so wurde nach und nach der ganze Vorrat hereingeschafft. +Teresina bat mich dann, sie als meine liebe +Schwester anzureden; ich that, wie sie mir sagte; sie +sprach so freundlich und teilnahmsvoll zu mir und ermahnte +mich, geduldig und mutig im Unglück zu sein. +Dann gingen sie alle wieder fort, schmerzerfüllt über +mein Mißgeschick.</p> + +<p>Ich schrieb mehrere Male an den <em class="gesperrt">Ehrenmann</em>, +meinen Bruder, und bat ihn, mir für meine dringendsten +Bedürfnisse etwas Geld zu schicken, aber auf alle meine +Briefe, die ich durch Teresina zur Post besorgen ließ, +empfing ich keine Antwort.</p> + +<p>Traurig und träge schlichen meine Tage dahin, +meine Schmerzen nahmen zu, immer war ich allein, +<span class='pagenum'><a name="Page_165">[165]</a></span> +immer eingeschlossen, nie konnte ich ein einziges Mal nur +frische gesunde Luft atmen; der ekelhafte Geruch der Salbe +und meiner Exkremente verursachte mir Schmerzen in +Kopf und Brust.</p> + +<p>Wiederholt bat ich den Arzt, den Lazarettinspektor, +daß sie mir eine Stunde Bewegung auf dem Hof gestatten +möchten – sie antworteten:</p> + +<p>»<strong>Wir können es nicht!</strong>«</p> + +<p>Mein einziger Trost war das unaussprechliche Glück, +täglich mehrere Male Teresina zu sehen, die mir zu essen, +trinken und rauchen brachte, alles was ich wünschte. +Eines Tages schrieb sie mir folgenden Brief, den ich +noch aufbewahre als Pfand meiner Ergebenheit und +Dankbarkeit; durch ihren Bruder hatte sie ihn mir +geschickt:</p> + +<blockquote><p class="center">»Mein lieber Bruder!</p> + +<p>Gestern konnte ich nicht kommen, Sie zu besuchen, +ich war mit Hausarbeiten beschäftigt, deshalb schreibe +ich, damit Sie mir sagen sollen, wenn Sie etwas +brauchen; das Essen und das andere schicke ich durch +meinen Bruder.</p> + +<p>Schon lange wollte ich Ihnen etwas sagen, aber +ich hatte keinen Mut dazu, das persönlich zu thun, deshalb +schreibe ich es jetzt und bitte, es mir nicht übel +deuten zu wollen.</p> + +<p>Sie wissen, daß die Zuneigung, die ich zu Ihnen +habe und immer haben werde, daher rührt, daß ich ein +lebhaftes Mitgefühl habe für alle, welche leiden, und +besonders für Sie, der Sie leidend und von allen verlassen +<span class='pagenum'><a name="Page_166">[166]</a></span> +sind; der bloße Gedanke daran erpreßt mir Thränen +und zerreißt mir das Herz. Ich weiß aus den Reden +meines Vaters, daß mein Mitleid mit den armen Soldaten +mir zuweilen anders ausgelegt wird, aber ich bin +nun einmal so: ich liebe die Unglücklichen und die Leidenden, +aber mit heiliger, reiner, schwesterlicher Liebe, +und deshalb müssen Sie mich ebenfalls als Schwester +lieben, denn wenn Sie irgend welche andere bösen Absichten +hätten, dann müßte ich aufhören, Ihnen gut zu sein.</p> + +<p>Seien Sie nicht traurig, daß Ihr Bruder nicht +auf Ihre Briefe antwortet, vielleicht hat er sie nicht erhalten +oder irgend ein Umstand hindert ihn am Schreiben, +und was fehlt Ihnen denn auch? Bin ich nicht hier? +Ich werde Ihnen mit allem zur Seite stehen, so lange +Sie hier sind, wenn Sie dann frei sind, dann suchen +Sie mich auf und ich werde glücklich sein, Sie zu sehen.</p> + +<p>Ich bete täglich zu Gott, daß er Ihre Schmerzen +lindern möge, und mein armes Herz sagt mir, daß Sie +bald in Freiheit sein werden. Und beten auch Sie in +Ihrer Zelle zu ihm, inmitten Ihrer Schmerzen und +Kümmernis, denn das Gebet der Unglücklichen dringt +bald zu unserm Heiland; beten Sie auch für mich.</p> + +<p>Fassen Sie Mut, verzagen Sie nicht, alles ist +vergänglich, alles ist ein schrecklicher und abscheulicher +Traum.</p> + +<p>Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und denken +Sie oft an Ihre arme Schwester</p> + +<p class="name">Teresina M…«</p> + +<p>Cava dei Tirreni, 8. Mai 1878.</p></blockquote> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_167">[167]</a></span> +Meine Antwort:</p> + +<blockquote><p>Aus dem Militärlazarett zu Palermo in Cava +dei Tirreni, 9. Mai 1878.</p> + +<p class="center">»Meine zärtliche Schwester!</p> + +<p>Ich weiß nicht, wie ich Ihnen Ihre heilige Liebe +vergelten soll; der Dank allein kann mich nicht entlasten +für die innere Zuneigung, die Sie mir so edelmütig +entgegenbringen. Meine Liebe zu Ihnen ist heilig und +fromm; ich liebe Sie, wie nur die Engel Gott lieben +und verehren können. Ich war verloren, Sie haben in +meiner Brust hohe und reine Gefühle entfacht; ich war +dem Wahnsinn nahe, mich zu töten, Sie, die Sie die +Schönheit der Engel tragen, haben mir mein armes +Herz wieder geöffnet für die Schönheit des Schöpfers; +Ihre silberhelle Stimme hat mich von dem Abgrund +meines Nichts zurückgerufen und mich ermahnt, mein +Mißgeschick zu tragen und zu überwinden.</p> + +<p>Wieviel Dank schulde ich Ihnen! Wie kann ich all' +das Gute vergelten?</p> + +<p>Ich werde unaufhörlich zu Gott beten, im Unglück +und im Wohlleben, daß er Sie beschützt und Sie erhält +zum Wohle der Unglücklichen und Leidenden.</p> + +<p>Mir ist jetzt wohl, nur krampft mein Herz sich zusammen, +wenn ich Sie nicht sehe, wenn Ihre Stimme +mich nicht der Bangigkeit, dem Trübsinn entreißt.</p> + +<p>Den ganzen Tag stehe ich am Fenster meiner +elenden Zelle und erwarte Sie, bei jedem Geräusch erbebt +mein Herz, das Sie so zärtlich liebt.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_168">[168]</a></span> +Dank, Teresina, unendlichen Dank für Ihre Güte, +die mir ewig unvergeßlich bleiben wird. Nun kommen +Sie, um mich zu trösten, empfehlen Sie mich den Ihrigen +und vergessen Sie nicht</p> + +<p class="name">Ihren Sie liebenden<br/> +Antonino M…«</p></blockquote> + +<p>Eines Morgens sagte der Arzt zu mir:</p> + +<p>»Machen Sie sich etwas fein, der Auditeur will +Sie sprechen.«</p> + +<p>Ich sollte mich »fein machen!« Seit zwei Monaten +hatte ich weder die Bett- noch andere Wäsche gewechselt, +zwei Monate lang hatte ich mir nicht Gesicht und Hände +gewaschen, denn das Wasser war mir so knapp zugemessen, +daß es kaum genügte, den Durst zu löschen. Ich +war voll von <strong>Läusen</strong>, von Läusen jeder Art und Größe; +das Bett, die Zelle, meine Kleider, meine Person wimmelten +davon; mein Haar war lang und struppig, der +Bart nicht geschnitten und voll Schmutz: ich sah aus +wie ein Wilder.</p> + +<p>Zwei Karabinieri führten mich zum Auditeur; als +wir allein waren, mußte ich mich setzen, und er fragte +mich:</p> + +<p>»Wissen Sie, wessen Sie angeklagt sind?«</p> + +<p>»Weil ich den Soldaten Gir… verwundet habe.«</p> + +<p>»Nein, hier handelt es sich nicht um Körperverletzung, +sondern um einen anonymen Brief.«</p> + +<p>»Davon weiß ich keine Silbe; ich habe keinen anonymen +Brief geschrieben.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_169">[169]</a></span> +Der Beamte entfaltete ein Blatt, das vor ihm auf +dem Tische lag und holte einen Brief heraus, den er +mir überreichte.</p> + +<p>Ich nahm den Brief aus dem Umschlag und las:</p> + +<blockquote><p>»<em class="gesperrt">Denken Sie an das traurige Ereignis +vom 23.</em>«</p></blockquote> + +<p>Dann nahm ich den Umschlag und las die Aufschrift:</p> + +<blockquote><p>»An den Herrn Feldwebel V… von der 8. Kompagnie +20. Infanterie-Regiments</p> + +<p class="name">Nocera.«</p></blockquote> + +<p>Der Leser möge ermessen, was in diesem Augenblick +in meinem Herzen vorging und welchen Entschluß +ich faßte.</p> + +<p>»Nun?« fragte ich.</p> + +<p>»Nun, können Sie mir sagen, was diese Worte +bedeuten, worauf die Zahl 23 anspielt? Der Korporal +S… hat den Brief Ihrem Obersten überreicht und +erklärt, daß Sie ihm denselben gegeben hätten, damit er +ihn zur Post besorgen solle.«</p> + +<p>»Herr Auditeur, ich erkläre, daß das eine Unwahrheit +ist; das ist nicht meine Handschrift, und wenn ich +den Brief doch geschrieben hätte, wozu hätte ich ihn dann +dem Korporal S… zur Besorgung übergeben? Konnte +ich nicht selbst auf die Post gehen? Auf den ersten +Blick muß doch klar werden, daß hier ein Geheimnis, +eine Schändlichkeit zu Grunde liegt!«</p> + +<p>Der Auditeur nahm meine Aussage zu Protokoll +und ließ mich zum Vergleich mit der Handschrift des +<span class='pagenum'><a name="Page_170">[170]</a></span> +Briefes einige Zeilen schreiben; ich unterschrieb das +Protokoll und wurde in meine Zelle zurückgeführt. Was +ich in diesen Tagen dachte, weiß nur Gott allein, ich +war in eine Schlinge verwickelt, aus der ich mich nicht +befreien konnte, ich zermarterte mein Hirn, um den +Schlüssel des Geheimnisses zu finden, aber vergebens, +und so dachte ich: warten wir die Entwickelung dieses +rätselhaften Dramas ab.</p> + +<p>Eines Tages beschwerte ich mich bei dem Arzt, daß +die Läuse mich beinahe lebendig auffräßen und entsetzt +ordnete dieser verweichlichte Feigling an, daß ich gewaschen +und umgekleidet würde. Ich bekam ein reines +Bett, man ordnete mein Haupt- und Barthaar, man +wusch und striegelte mich, wie in der Strafanstalt zu +Neapel und gab mir saubere Kleidung.</p> + +<p>Meine Teresina verließ mich nicht, lange Stunden +saß sie unter meinem Fensterchen und tröstete mich mit +ihren Ermahnungen und sanften Ratschlägen. Gott +segne sie und lasse ihr seine Gnade zukommen, der edelmütigen +Seele.</p> + +<p>Eines Morgens sagte der Arzt zu mir:</p> + +<p>»M…, nachher werden Sie den Besuch des +Herrn Generals bekommen, ich empfehle Ihnen, sich anständig +zu betragen und nicht soviel zu sprechen.«</p> + +<p>»Gut«, sagte ich, »schon lange wollte ich eins von +diesen großen Tieren sehen, endlich ist die Stunde gekommen, +und besser spät als nie, sagt ein altes Sprichwort.« +Am Mittag hörte ich Geräusch und Stimmengewirr +auf dem Korridor, die Thür öffnet sich und ein +<span class='pagenum'><a name="Page_171">[171]</a></span> +großer Mensch in Generalsuniform mit dem Obersten +und verschiedenen Ärzten des Lazaretts tritt herein, +während andere draußen warten.</p> + +<p>»Wie heißen Sie?« fragte der General mit grober +rauher Stimme, indem er mich vom Kopf bis zum Fuß +musterte.</p> + +<p>»M…, Antonino M… vom 70. Infanterieregiment, +zur Zeit hier im Lazarett in Behandlung.«</p> + +<p>»Weswegen sind Sie angeklagt?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht, ich glaube, ich bin unschuldig, +und ungerechter Weise büße ich in dieser schmutzigen +Zelle, von Guten und Bösen verlassen, von Gelehrten +und Unwissenden verworfen, von Mächtigen und +Elenden erniedrigt, von Tyrannen und Sklaven gequält, +von …«<a name="FNanchor_52_52" href="#Footnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a></p> + +<p>»Genug, genug! Sie haben nur auf das zu antworten, +was Sie gefragt werden.«</p> + +<p>»Herr General haben mich gefragt und ich glaubte, +es sei meine Pflicht, mit klaren Worten zu antworten.«</p> + +<p>»Schweigen Sie! Antworten Sie nur auf das, +was ich sage, und sonst nichts. – Wie geht es +Ihnen hier?«</p> + +<p>»Sehr schlecht, Herr; zwei Monate liege ich in +diesem Jammerloch, von Gott und allen Heiligen verlassen; +<span class='pagenum'><a name="Page_172">[172]</a></span> +zwei Monate lang atme ich diese üblen Dünste, +die mir die Lunge zerfressen; unendlich oft habe ich den +Herrn Oberst gebeten, gefleht, angebettelt, mir eine einzige +Stunde frische Luft zu gestatten – er hat es +nicht gewährt. Tage lang wurde mein armer Körper +von Ungeziefer gereizt, ich war voll, übervoll von +Läusen.«</p> + +<p>»Schweigen Sie, so spricht man nicht zu einem +Vorgesetzten; ich werde Sie in Eisen legen lassen!«</p> + +<p>»O, Herr, hören Sie mich an, erfüllen Sie meine +einzige Bitte; ich flehe Sie an, gewähren Sie mir eine +einzige Stunde am Tage in freier Luft, auf dem Hof!«</p> + +<p>»Nein, das geht nicht; Sie sind Gefangener, ich +kann es nicht erlauben.«</p> + +<p>»O dann, Herr«, rief ich wütend, »dann lassen Sie +mich lieber niederschießen, anstatt mich langsam hinzumorden; +machen Sie ein Ende mit dieser verfluchten +Dienstzeit!«</p> + +<p>Fluchend gingen sie fort, die Thür fiel krachend +in's Schloß.</p> + +<p>Als ich allein war, erfaßten mich die Furien der +Hölle, ich war entschlossen mich zu töten und hätte mich +nicht die Stimme meiner Teresina an's Fenster gerufen, +wer weiß, welche Schandthat ich befangen hätte!</p> + +<p>Gegen Abend wurde mir meine Suppe gebracht +und die Thür wurde aufgelassen; ich aß die Suppe und +überlegte, endlich stand ich auf und ging hinaus und +setzte mich zu den anderen Kranken auf den Hof.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_173">[173]</a></span> +Die Wachtposten sahen mich, aber keiner hielt +mich an.</p> + +<p>So ging es mehrere Tage und schon hatte ich die +Absicht gefaßt, einen Fluchtversuch zu machen, die Ringmauer +war von innen nur mannshoch – wie sie von +außen war, das wußte ich nicht, aber wenn ich auch +fürchten mußte, mir Hals und Beine zu brechen, ich war +entschlossen, einen Versuch zu machen.</p> + +<p>Am Morgen, nachdem ich diesen Entschluß gefaßt +hatte, kam mein Arzt und teilte mir mit, daß ich in das +Krankenhaus des Zivilgefängnisses zu Salerno überführt +werden würde.</p> + +<p>Ich machte Einwendungen, da ich noch zu krank +sei, aber er sagte, daß mir ein Wagen gestellt +werden würde.</p> + +<p>Man brachte mir meine Kleider, ich kleidete mich +an, zwei Karabinieri begleiteten mich zur Polizeistation; +dort stand ein offener Wagen bereit, und daneben zwei +andere Karabinieri und ein Frauenzimmer in den +Dreißigern, das ich für eine <em class="gesperrt">Prostituierte</em> hielt, worin +ich mich nicht täuschte.</p> + +<p>Die Karabinieri ließen das Frauenzimmer einsteigen +und wollten mich auf den Bock schieben.</p> + +<p>Ich weigerte mich standhaft, indem ich sagte, daß +der Wagen für mich und nicht für sie und ihre Dirne +sei und nach langem Hin- und Herstreiten, wobei der +Karabiniere mir den Arm mit der Handfessel zusammenschnürte, +daß mir beinahe die Adern zerschnitten wurden, +wurde mir endlich der Platz neben dem Weibe eingeräumt.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_174">[174]</a></span> +Nach mehreren Stunden Fahrt kamen wir in Salerno +an. Als wir in die Stadt einfahren, laufen die +Einwohner aus den Schenken heraus und treten an die +Fenster und schreien:</p> + +<p>»Seht den Soldaten, mit dem schönen Fräulein +ist er ausgerückt, aber sie haben ihn gefaßt!« Und +Lachen, Spotten und Pfeifen tönt hinter mir her.</p> + +<p>Ich werde zum Kriegsgericht abgeführt, ein +Karabiniere meldet mich dem Staatsanwalt, ich werde +hereingerufen und wen erblicke ich! Den Staatsanwalt +Herrn T…, denselben, der in Florenz die Staatsanwaltschaft +vertrat, wo ich zu drei Jahren Gefängnis +verurteilt wurde.</p> + +<p>Er sieht mich an und lacht, dann sagt er:</p> + +<p>»Das ist das zweite Mal, daß Sie vor mir erscheinen, +Sie scheinen Pech zu haben.«</p> + +<p>»Was soll ich machen, Herr Staatsanwalt? Das +Geschick des Menschen ist unbegreiflich, das Unglück verfolgt +mich – und sehen Sie, Herr Staatsanwalt, wie +eng mir die Karabinieri die Handfesseln geschnürt +haben, meine Hände sind ganz geschwollen, ist das nicht +unrecht?«</p> + +<p>»Lassen Sie sehen«, und er nahm meine Hand, +»nein, sie sind gar nicht eng, im Gegenteil, sie scheinen +zu weit zu sein.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen für Ihre Versicherung; das Lamm, +das sich mit dem Wolf einläßt, geht seinem Tode entgegen. +Es scheint mein Verhängnis, daß mir alles in +die Quere geht.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_175">[175]</a></span> +Der Herr Staatsanwalt lacht, die Karabinieri +lachen mit, und, um ihnen einen Gefallen zu thun, lache +auch ich, aber es war ein böses giftiges Lachen.</p> + +<p>Er stellt mir den Schein für das Gefängnis aus, +dann sagt er:</p> + +<p>»Seien Sie vernünftig, M…, Sie scheinen unter +keinem guten Stern geboren zu sein.«</p> + +<p>Ich wurde in das Zivilgefängnis eingeliefert, weil +es in Salerno kein Militärgefängnis giebt und ich fühlte +mich glücklich, weil es mich an die alten Zeiten erinnerte, +wo ich noch nicht Soldat war.</p> + +<p>Nach einigen Tagen wurde ich meinem Verteidiger +vorgestellt, einem jungen zwanzigjährigen Mann, der die +Advokatenkarrière macht, er empfing mich freundlich und +ich erzählte ihm alle Einzelheiten meines Verhältnisses zu +dem elenden Korporal S… und alles, was ich von +dem anonymen Brief wußte. Er machte mir gute +Hoffnungen und ging.</p> + +<p>Ich dachte immer an die Zuneigung, die jene +Teresina M… mir entgegengebracht hatte, und es +zerriß mir das Herz, wenn ich dachte, daß ich das Lazarett +hatte verlassen müssen, ohne sie noch einmal sehen +und ihr meinen neuen Aufenthaltsort mitteilen zu können; +ich hatte ihr noch einmal danken wollen und daher schrieb +ich ihr folgenden Brief:</p> + +<blockquote><p class="center">»Meine liebe Schwester!</p> + +<p>Meine Seele ist von Qualen zerrissen, während ich +Ihnen schreibe, um Ihnen mitzuteilen, daß ich ohne jedes +<span class='pagenum'><a name="Page_176">[176]</a></span> +Vorwissen in dieses Gefängnis gebracht worden bin, so +daß ich keine Zeit mehr hatte, Sie zu benachrichtigen. +Wo auch das Schicksal mich zu leben verdammen mag, +mein erster Gedanke gilt Ihnen, die Sie ein Teil meiner +Existenz sind. Wegen eines Vergehens, das ich nicht +begangen habe, wegen der Schandthat eines bartlosen +Jünglings, muß ich hier dulden, aber ich vertraue auf +die göttliche Gerechtigkeit, wie Sie es mir geraten haben +und werde für Sie, für Ihr Wohlergehen zu Gott beten.</p> + +<p>Sobald ich weiß, was aus meinem Prozeß geworden +ist, werde ich Sie benachrichtigen.</p> + +<p>Empfangen Sie meinen Gruß und vergessen Sie nicht +Ihren unglücklichen Sie liebenden Bruder</p> + +<p class="name">Antonino M…«</p> + +<p>Aus dem Gerichtsgefängnis zu Salerno, 20. Juni 78.</p></blockquote> + +<p>Nachdem ich den Brief geschrieben hatte, fehlten +mir die zwanzig Centesimi, um ihn zu frankieren, ich +wandte mich an einen Kranken, um sie mir zu leihen, +und da er sich weigerte, so wandte ich das Recht der +Camorra an und zwang ihn dazu. Ich gab den Brief +zur Post und wartete angstvoll auf Antwort, aber meine +Hoffnungen wurden getäuscht.</p> + +<p>Es fiel mir ein, meinem Bruder zu schreiben und +ihn um Unterstützung zu bitten; ich schilderte ihm meine +kritische Lage und meinen traurigen Zustand; nach einigen +Tagen empfing ich folgenden liebenswürdigen Brief, der +seiner Dummheit ganz würdig war.</p> + +<blockquote><p class="center"><span class='pagenum'><a name="Page_177">[177]</a></span> +»Lieber Bruder!</p> + +<p>Ich empfing Deinen Brief und bedaure Deine Lage; +aber an allem bist Du selbst schuld und wer an seinem +Übel schuld ist, der muß sich selbst beklagen.</p> + +<p>Du hast durch Dein schlechtes Verhalten unsere +ganze Familie entehrt, so daß ich nicht mehr den Mut +habe, aus dem Hause zu gehen. Der Lieutenant P… +war hier auf Urlaub und erzählte schauderhafte Dinge +von Dir, Dinge, daß wir alle uns nicht auf der Straße +zeigen mögen – und das alles um Deinetwillen.</p> + +<p>Du sagst, ich soll Dir etwas schicken? Zunächst, +wenn ich etwas hätte, würde ich es Dir nicht schicken, +denn Du verdienst es nicht und wir haben Dir früher +viel Geld nach dem Gefängnis geschickt; zweitens aber +sind wir hier im größten Elend, meine Kinder gehen +nackt und bloß und sterben vor Hunger; ich gehe nicht +aus, weil ich keine Schuhe habe und meine Hosen keinen +Boden mehr haben – was soll ich Dir da schicken? +Freue Dich, daß Du täglich Deine Suppe und Dein +Brot umsonst hast.</p> + +<p>Du brauchst uns nicht mehr zu schreiben, wir haben +nichts mehr mit Dir zu thun; wir klagen über unser +Unglück wie Du über Deines.</p> + +<p class="name">Dein Bruder<br/> +Michele M…«</p> + +<p>Parghelia, den 3. Juli 1878.</p></blockquote> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_178">[178]</a></span> +Das war das Gesudel, das mein Bruder, dieser +Dummkopf, der Gatte der Donna Michela, genannt die +…-Sau, entworfen und geschrieben hatte.</p> + +<p>Wer ihn kennt, der möge sagen, wie ich ihn +schildern soll, diesen dummen Schweinehund. Meine Landsleute +kennen ihn und bezeichnen ihn als dreckig, falsch, +engherzig, bösartig, als einen Schwindler, einen Dummkopf, +einen Schweinhund, ein Vieh, das um hundert +Grad unter dem säuischsten und schmutzigsten Vieh auf +Erden steht.</p> + +<p>Er sagt, daß er mir ins Gefängnis so viel Geld +geschickt hat, und ich behaupte und stelle unter Beweis, +daß ich während meiner langen dreizehnjährigen Leidenszeit, +die ich zum größten Teil wegen seiner Dummheit +erdulden mußte, wie ich es in meinem »<span class="gesperrt"><a href="#Erster_Teil">Ersten Unglück</a></span>« +gezeigt habe, von diesem gemeinen Schuft nicht mehr als +zwölf Lire monatlich bekam, nur ein einziges Jahr hindurch, +das letzte meiner Pein, schickte er mir dreißig +Lire, weil der Elende wußte, daß ich bald zurückkehren +würde.</p> + +<p>Und sprecht, meine lieben Landsleute, wenn er mir +monatlich die gottgesegneten zwölf Lire schickte, hat er +das von seinem Vermögen? Hat mein unglücklicher +Vater mich bei seinem Tode enterbt? Wenn seine Söhne +Hunger leiden, ist das meine Schuld? Wenn er keine +ganzen Hosen auf dem Leibe hat, wenn er sich keine +Schuhe kaufen kann, ist das auch meine Schuld?</p> + +<p>Sprecht rund heraus, was Ihr meint, liebe Landsleute, +Euch rufe ich als unparteiische Richter an.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_179">[179]</a></span> +Der dreckige Brief ärgerte mich nicht wenig und +ich nahm mir vor, nicht mehr zu schreiben.</p> + +<p>Ich erhielt die Anklageschrift von der Staatsanwaltschaft, +welche mich als den Verfasser des anonymen +Briefes erklärte.</p> + +<p>Es kam der Tag, wo die Verhandlung stattfand, +zwei Karabinieri führten mich zum Gerichtssaal, ich +nehme auf der Anklagebank Platz, mein junger Verteidiger +war zur Stelle und mit ihm der Zivilanwalt +Herr di Leo, der erste von Salerno.</p> + +<p>Der Gerichtshof trat ein, jeder nahm seinen Platz +ein, die Akten wurden gelesen, meine Vorstrafen festgestellt, +der Staatsanwalt T… war zur Stelle, mit +seiner großen schwarzen Toga angethan, und ließ mich +nicht aus den Augen.</p> + +<p>Nach den gewöhnlichen Formalitäten fragte mich +der Präsident:</p> + +<p>»Was haben Sie auf die Anklage zu erwidern? +Ist es wahr, daß Sie dem Korporal S… einen Brief +zur Besorgung übergeben haben?«</p> + +<p>»Großmütiger Herr Richter«, antwortete ich, »von +dem Verbrechen, dessen man mich anklagt, weiß ich nichts. +Es ist unwahr, daß ich dem S… einen Brief zur +Besorgung übergeben habe; es ist eine schwarze Verleumdung +und eine Sünde und Schande; ich schwöre es +vor Gott und vor den Menschen. Ich könnte mich +leicht vor diesem S… schützen, aber ich will von Dingen +nicht reden, die eine so gebildete Zuhörerschaft entsetzen +würde; ich will nur meine Ehrenhaftigkeit betonen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_180">[180]</a></span> +»Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig und Sie +als hervorragende Militärs und gelehrte Juristen werden +einen Unschuldigen nicht wegen der niederträchtigen Verdächtigung +eines Schurken verurteilen wollen, der nicht +wert ist, daß er zur menschlichen Gesellschaft zählt.«</p> + +<p>»Mein Herz sagt mir, daß Sie mich verurteilen +werden; aber mein Herz sagt mir auch, daß bald Licht +in dieses grausige Geheimnis kommen wird, und dann +– o dann ist es zu spät und Sie werden es bereuen, +daß Sie einen Unschuldigen verurteilt, einen Menschen +hingemordet haben.«</p> + +<p>»Und wer sagt Ihnen, daß ich schuldig bin?«</p> + +<p>»Der Korporal S…, S…, dieses verworfene +Geschöpf, S…, dieser passive Päderast, der schändliche +Sodomit, der Abschaum der Menschheit, der Auswurf der +Natur! S…, ein ehrloses, sinnloses Wesen … Soll +ich das beweisen, soll ich es ihn mit eigenem Munde +aussprechen lassen?«</p> + +<p>»Und Sie könnten wollen, daß ich den Schlingen der +Bosheit und Schändlichkeit zum Opfer falle? Muß +ich erst diesen Zwitter S… zeugen lassen?«</p> + +<p>»O, ich schaudere bei dem Gedanken, und eine +schwarze eiserne Larve müßte unsere und der ganzen +Armee Gesichter bedecken, wenn das geschehen sollte.«</p> + +<p>»Seien Sie gerecht, nur um Gerechtigkeit, nicht um +Gnade flehe ich, ich, der arme, unschuldige Mann, ich +fordere von dem unerbittlichen Schwerte des Gesetzes, +von den unbestechlichen Richtern, ein Urteil, das durch +Argwöhnungen und betrügerische Verdächtigungen nicht beeinflußt +<span class='pagenum'><a name="Page_181">[181]</a></span> +ist – der Schuldige verlangt Gnade, Verzeihung, +Erbarmen!«</p> + +<p>»Machen Sie, in deren Hände das Gesetz gelegt ist, +daß diese mit dem Banner Italiens geweihte Halle, die +das Entsetzen der Bösen und ein Hort der Gerechten +ist, nicht dem Betrug, der Fälschung eines verworfenen +Schurken dienstbar werde.«<a name="FNanchor_53_53" href="#Footnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a></p> + +<p>»Genug M…, genug,« unterbrach mich der Präsident, +»das Gesetz ist für alle gleich.«</p> + +<p>Der Feldwebel V… wird gerufen und sagt aus:</p> + +<p>»Ich hatte mit dem Gemeinen M… nichts zu +thun gehabt, er war ein guter Untergebener, ich habe +ihm mehrere Male Geld geliehen, das er mir später +<span class='pagenum'><a name="Page_182">[182]</a></span> +zurückgab, ich kann nicht begreifen, weshalb er mir den +Brief hätte schreiben sollen.«</p> + +<p>Der Korporal S… wird gerufen und sagt aus:</p> + +<p>»Ich war mit M… sehr befreundet, er vertraute +mir manches an, und dabei schimpfte er auf den Feldwebel +V…«</p> + +<p>»Weshalb that er das?« fragte der Präsident.</p> + +<p>»Ich glaube, das hat er mir nicht gesagt, oder ich +habe es vergessen; aber ich weiß, daß er ihn haßte. +Eines Abends sagte er: Ich gebe Dir einen Brief, willst +Du mir den Gefallen thun und ihn zur Post besorgen? +Ich versprach es, er gab mir den Brief; ich las die +Aufschrift und vermutete, daß Schmähungen und +Drohungen darin enthalten sein konnten; darauf war ich +unentschlossen, was ich thun sollte, vier Tage behielt ich +den Brief bei mir, M… fragte mich mehrere Male, +ob ich ihn abgeschickt hatte und ich sagte immer ja; endlich +wurde M… krank und kam ins Lazarett, und da +entschloß ich mich, die Sache dem Herrn Oberst zu +melden.«</p> + +<p>Ich lasse den S… fragen, wo ich ihm den Brief +übergeben haben soll, er antwortet, in einem Wirtshaus +um ein Uhr Mittags. »Herr Präsident,« sage ich, »es scheint +mir ein Unding, daß ich um ein Uhr Mittags, wo ich +zwei Freistunden vor mir hatte, einen so gefährlichen +Brief einem Andern zur Besorgung übergeben haben +sollte. Weshalb gab ich ihn denn nicht selbst zur Post? +Wer hinderte mich daran?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_183">[183]</a></span> +Die Richter nickten verständnisinnig zu meinen +Worten, der Staatsanwalt erhebt sich, hält seine Anklage +aufrecht und beantragt schließlich vier Jahre Gefängnis.</p> + +<p>Darauf ergreift mein jugendlicher Verteidiger das +Wort, widerlegt der Reihe nach die Ausführungen des +Staatsanwalts und unterzieht dann den S… einer +Beurteilung, in der er ihn in den schwärzesten Farben +schildert, ihn einen falschen Verleumder, einen ehrlosen +Schurken nennt; er stellt den Richtern ernste und sorgfältige +Erwägung des Falles anheim.</p> + +<p>Nunmehr endet der Advokat di Leo und ruft, indem +er sich das Gesicht mit den Händen bedeckt:</p> + +<p>»Man müßte sich das Gesicht verhüllen, um, ohne +zu erröten, die Schandthaten des S… aufzuzählen; +und er trägt noch die Tressen! Soll ich Ihnen das +schmutzige Verhältnis dieses Ungeheuers mit dem armen +M… vorenthalten? Nein, darum lassen Sie die Thüren +schließen, denn was ich mitzuteilen habe, paßt nicht für +das Ohr der Öffentlichkeit.«</p> + +<p>»Herr Präsident, stellen Sie beide gegenüber und +lassen Sie den unglücklichen M… ihn fragen, ob er +sich an die Vergangenheit erinnert, an die laubverhüllte +Grotte, an den strengen Arrest, an die Klagen des S… +über den Feldwebel V…, der ihm einen Blutfluß verursacht +hatte, <em class="gesperrt">über das Verhältnis Beider, um +ihn dann zu verfolgen</em>; ob er sich erinnert, wie er +sagte: <em class="gesperrt">Nachdem er mir die Ehre geraubt und mich +acht Monate lang genossen hat, verließ er mich, +<span class='pagenum'><a name="Page_184">[184]</a></span> +um mich zwei Jahre lang zu mißhandeln, er +nannte mich seine süße Alfonsine u. s. w.</em>«</p> + +<p>»Wollen Sie noch mehr! Soll ich noch weiter +wühlen in diesem Abgrund von Schmutz und Kot? Sehen +Sie ihn sich an, meine Herren, seht ihn an, den Korporal +S…, wie er bleich, zitternd und gebeugt dasteht, +wie er weint! Meinen Sie, daß er Reue über seine +Schandthat fühlt! Nein, meine Herren, solche verworfenen +Geschöpfe empfinden keine Reue, weil sie kein +Herz haben.«</p> + +<p>Und er schließt mit dem Ersuchen um ein freisprechendes +Urteil.</p> + +<p>Der Gerichtshof zieht sich zurück und erscheint nach +drei Stunden wieder. Ich muß mich erheben, der Präsident +liest das Urteil vor: wegen Insubordination werde +ich zu einem Jahr Militärgefängnis verurteilt. Meine +Verteidiger waren außer sich, das Publikum ging zischend +hinaus, und ich blieb kalt und unbeweglich angesichts +dieser furchtbaren Komödie stehen. Sie wollten appellieren, +ich wollte nicht, um nicht mehr von diesen Dingen sprechen +zu hören; dann wurde ich in das Gefängnis zurückgeführt.</p> + +<p>In mein armes unglückliches Taschenbuch schrieb +ich die Worte ein: Antonino M… vom 20. Infanterie-Regiment +ist am 18. Juni 1878 vom Militärgericht +zu Salerno unschuldig zu einem Jahre Gefängnis verurteilt, +wegen der Schändlichkeit des Korporals Alfonso +S…</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_185">[185]</a></span> +Eines Tages werde ich in das Wachtzimmer geführt +und wen sehe ich? Teresina's Vater; ich werfe +mich an seine Brust, wir umarmen und küssen uns wie +Vater und Sohn; der arme Greis weinte heiße Thränen, +er brachte mir einen Brief von Teresina, den zunächst der +Chef der Wache las und abstempelte. Wir sprachen von +gar manchen Dingen, er erzählte mir, daß seit meiner +plötzlichen Abreise Teresina keinen ruhigen Augenblick mehr +gehabt habe und täglich von mir spreche und mein Unglück +beklagte.</p> + +<p>Als ich ihm mitteilte, daß ich zu einem Jahr verurteilt +wäre, drückte der gute Alte mir lange und fest +die Hand; wer vermöchte zu sagen, wie viel Liebe und +Schmerz in diesem Händedruck lagen.</p> + +<p>Er gab mir acht Lire, die mir Teresina schickte, +ich wollte sie um keinen Preis nehmen, aber da er +sagte, daß es Teresina Schmerz bereiten würde, wenn +ich sie zurückwiese, so mußte ich sie wohl oder übel behalten. +Wir verabschiedeten uns und er ging, ohne seine Thränen +verbergen zu können. Teresina schrieb mir:</p> + +<blockquote><p class="center">»Mein heißgeliebter Bruder!</p> + +<p>Ich habe Ihren Brief erhalten und lange, lange geweint.</p> + +<p>Ich wollte hinkommen, um Sie zu sehen, aber +meine Eltern haben es nicht erlauben wollen.</p> + +<p>Ich bete stets zu Gott, daß ich Sie bald wieder +gesund und frei sehe, denn erst dann kann ich wieder +fröhlich werden.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_186">[186]</a></span> +Ich schicke Ihnen acht Lire, das einzige Geld, +das wir armen Leute zu Hause haben; für den +Augenblick werden sie genügen, später, wenn Sie dort +bleiben, werde ich selbst kommen und recht viel mitbringen.</p> + +<p>Schreiben Sie mir oft, lassen Sie mich nicht in +Trauer verharren. Vertrauen Sie auf Gott, der uns +heimsucht und tröstet. Wir sind allzumal Sünder und +müssen büßen. Die Mutter Gottes möge zu Ihrem +Haupte wachen und Sie vor jedem Ungemach behüten.</p> + +<p>Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und +vergessen Sie nicht</p> + +<p class="name">Ihre arme Schwester<br/> +Teresina M…«</p> + +<p>Cava dei Tirreni 22. Juni 1878.</p></blockquote> + +<p>Auf diesen Brief antwortete ich:</p> + +<blockquote><p class="center">»Innig geliebte Schwester!</p> + +<p>Als ich Ihren guten alten Vater sah, habe ich vor +Rührung geweint, wir haben uns umarmt, haben lange +von Ihnen gesprochen, und er hat mir Ihren Kummer bei +meinem Fortgehen von da geschildert.</p> + +<p>Beten Sie zu Gott um meinetwillen, beten Sie zu +ihm mit aller Kraft, denn es thut mir not.</p> + +<p>Tausend Dank, liebste Schwester, ewigen Dank für +Ihre Freundlichkeit.</p> + +<p>Ihr Vater hat mir acht Lire gegeben und gesagt, +daß Sie sie mir schicken, ich habe sie angenommen aus +Liebe zu Ihnen mit dem Wunsche, sie eines Tages +zurückgeben zu können. Das Gericht hat mich verurteilt, +<span class='pagenum'><a name="Page_187">[187]</a></span> +aber ich schwöre Ihnen, liebe Schwester, ich bin +unschuldig an dem Verbrechen, dessen ich angeklagt +worden bin, und Sie glauben es, nicht wahr? Ja, +Sie sind die einzige, die mich für unschuldig hält.</p> + +<p>Binnen kurzem werde ich von hier abreisen, um +die höchst ungerechte Strafe zu verbüßen, die mir jene +Richter auferlegt haben; wohin ich komme weiß ich nicht, +und von da aus werde ich wohl nicht schreiben können, +da ich nur an Verwandte, die meinen Namen tragen, +schreiben darf, aber ich werde es doch versuchen. Ihnen +gehört mein gekränktes und verbittertes Herz, Ihnen +meine ewige Ergebenheit, grüßen Sie die Ihrigen und +denken Sie oft an den unglücklichen Gefangenen im +Militärlazarett zu Cava dei Tirreni.</p> + +<p class="name">Ihr ergebenster Bruder<br/> +Antonino M…«</p> + +<p>Geschrieben im Gerichtsgefängnis zu Salerno</p> + +<p>25. Juni 1878.</p></blockquote> + +<p>Einen Monat verbrachte ich in diesen Gefängnismauern +in nicht geringem Schmerz; möge der, welcher +mich würdigt, diese schmucklosen Blätter zu lesen, die +ohne Zusammenhang, ohne Gelehrsamkeit, ohne Grammatik +niedergeschrieben sind, ermessen, in welchem Zustand +ich war und was für traurige Gedanken mir durch den +Kopf gingen.</p> + +<p>Das Auge des Allmächtigen sah ernst auf mich +hernieder und las in den Fasern meines Herzens meine +Demut und Ergebenheit.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_188">[188]</a></span> +Der Mensch, der seinem Bruder Böses thut, wird +unglücklich, elend, verworfen, und grausam quält ihn ein +innerer Drang, der gegen ihn selbst zeugt; das steinharte +Herz zersplittert, erdrückt von der Gewalt des eigenen +Gewissens und früher oder später leuchtet ein silberner +Glanz in dem tiefsten, finstersten Abgrund des +Unglücks.</p> + +<p>Eines Morgens im Monat Juni 1878 saß ich +auf meinem Bett, den Kopf zwischen den Händen und +dachte an die Vergangenheit, klagte über Gott und seine +Vorsehung, dachte an die Schändlichkeit des Korporals +S…, an die Schlingen, die mir gelegt waren, dachte +an den Brief, den der Hallunke von meinem Bruder +mir geschrieben hatte, dachte an die heiße Liebe Teresina's, +an die acht Lire, die sie mir geschickt hatte, an das +Militärgericht zu Salerno, an den Präsidenten, an den +Staatsanwalt Herrn T…, an meinen Verteidiger, +an die kalten Richter, dachte an meine Unschuld, an +meine ungerechte Strafe, dachte an S…</p> + +<p>Da rief eine Stimme an dem Gitter:</p> + +<p>»M…, M…, Sie werden verlangt!«</p> + +<p>Verwirrt stehe ich auf und eile an das Gitter.</p> + +<p>Es war ein Sergeant von meiner Kompagnie, der +mit einem nach Salerno detachierten Bataillon hergekommen +war; er sagte:</p> + +<p>»M…, hol's der Teufel, ich habe das Individuum +entdeckt, das mit eigener Hand den Brief an den +Feldwebel V… geschrieben hat, S… soll den Brief +diktiert haben, als Sie nicht zugegen waren. Ich habe +<span class='pagenum'><a name="Page_189">[189]</a></span> +den Namen vergessen, aber aus dem, was ich Ihnen +sagen werde, können Sie leicht das Nötige ermitteln, +nur nennen Sie meinen Namen nicht, denn beim +Militär kann alles schief gehen.«</p> + +<p>»Lassen Sie sich nach Nocera bringen, dort gehen +Sie zur Strada Porteri, bis Sie einen großen Palast +mit großem Thorweg sehen, daselbst befindet sich ein +Hofraum mit mehreren Steinsitzen und dort wohnt ein +junger Bursche von zwölf bis vierzehn Jahren, blond, +blauäugig und anständig gekleidet, dieser hat den Brief +nach S…'s Diktat geschrieben. Sie sind unschuldig, +weiß der Teufel, und es ist nicht hübsch, einen Unschuldigen +wegen der Schurkereien eines andern zu verurteilen.«</p> + +<p>Er empfahl mir die größte Verschwiegenheit +und ging.</p> + +<p>Ich überlegte lange: Sollte das alles wahr sein? +Und wenn auch, würde ich es beweisen können? Denn +beweisen mußte ich es, wenn ich Anzeige erstattete, sonst +lief ich Gefahr, wegen falscher Anschuldigung mindestens +zu fünf Jahren verurteilt zu werden. Was war +zu thun?</p> + +<p>Endlich entschloß ich mich, alles zu gewinnen oder +alles zu verlieren, und ich erstattete die Anzeige gegen +S… wegen Meineides, indem ich mitteilte, daß ich +die Person des Briefschreibers, die auf S…'s Befehl +gehandelt habe, bezeichnen könnte, wenn ich nach Nocera +geführt werde.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_190">[190]</a></span> +Nach zwei Tagen suchte der Staatsanwalt mich +auf und sagte: ob ich meiner Sache so sicher sei, da +ich mir sonst schlimme Folgen zuziehen konnte. Ich +bejahte es und so erschienen Tags darauf zwei Karabinieri, +die mich gefesselt nach Nocera schafften; hier +angekommen, nahmen sie mir die Fesseln ab und ließen +mich frei gehen, wobei sie mir in kurzer Entfernung +folgten.</p> + +<p>Ich kannte Nocera wenig und erst recht nicht die +Straße, welche der Sergeant mir bezeichnet hatte, aber +ich verließ mich auf den Zufall.</p> + +<p>Ich gehe die Hauptstraße hinunter und dann +erinnere ich mich, hier war ich an dem Abend mit +S…, wo wir erst Wein tranken und dann so +furchtbar sündigten, ich gehe eine Viertelstunde weiter, +endlich komme ich an ein kleines Haus, hier rede ich +eine Frau an, die vor der Thür sitzt:</p> + +<p>»Liebe Frau, haben Sie Kinder?«</p> + +<p>»Ja, zwei Söhne.«</p> + +<p>»Wie alt sind Ihre Söhne?«</p> + +<p>»Einer dreißig, der andere siebenundzwanzig.«</p> + +<p>»Kennen Sie einen Jungen, der hier wohnen soll, +er ist blond und blauäugig, aus guter Familie!«</p> + +<p>»Nein, den kenne ich nicht,« antwortete sie +trocken.</p> + +<p>Nach langem Suchen endlich fand ich einen großen +Palast mit weitem Eingang, der auch im übrigen nach +der Beschreibung paßte, die jener Sergeant mir gegeben +hatte. Und jetzt erblickte ich auch einen jungen Burschen, +<span class='pagenum'><a name="Page_191">[191]</a></span> +der pfeifend die Treppe herunterkam; mir wird heiß +und kalt, meine Hände zittern, in den Ohren summt +es mir.</p> + +<p>Ich nähere mich ihm – er ist blond, mit blauen +Augen, gut gekleidet.</p> + +<p>»Bitte,« sagte ich, »können Sie mir nicht sagen, +ob vor fünf oder sechs Monaten ein Korporal hier war, +der Sie einen Brief abschreiben ließ?«</p> + +<p>»Ja, ich erinnere mich, daß ein Korporal hier war, +der mich eine Zeile auf ein Blatt Papier schreiben ließ; +dann mußte ich die Adresse auf ein Couvert schreiben, +den Namen weiß ich nicht mehr, aber es war ein +Feldwebel; ich sagte, daß ich mich nicht kompromittieren +wollte; er erwiderte, daß es sich um einen einfachen +Scherz handelte, den er mit dem Feldwebel, seinem Freunde, +machen wollte.«</p> + +<p>»Nun sagen Sie, war ich dabei?«</p> + +<p>»Ich habe nie das Vergnügen gehabt, Sie zu +sehen.«</p> + +<p>»Wer war denn zugegen, als der Brief geschrieben +wurde?«</p> + +<p>»Drei Jungen, die hier in der Nähe wohnen.«</p> + +<p>Die Karabinieri kamen hinzu und fragten, ob ich ihn gefunden +hatte.</p> + +<p>»Diogenes mit seiner Laterne suchte Menschen und +fand keine; ich mit meinem Brotbeutel an der Seite +habe gefunden, was ich suchte. Hier ist der brave junge +Mann, der die Schandthat des S… entlarven wird.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_192">[192]</a></span> +Nun wurden die anderen Knaben hinzugerufen und +wir alle begaben uns zur Polizei; die Zeugen wurden +in ein besonderes Zimmer geführt; der Polizeibeamte +nimmt meine Aussage zu Protokoll.</p> + +<p>Auf dem Korridor macht sich ein Geräusch bemerkbar, +die Thüre öffnet sich, ein Feldwebel tritt herein +und meldet, daß der Korporal S… zur Stelle ist.</p> + +<p>»Er soll hereinkommen,« befiehlt der Beamte.</p> + +<p>Und S… trat ein, mit bleichem hageren Gesicht, +mit erloschenem Auge und thränendem Blick, niedergebeugt +und abgefallen.</p> + +<p>Ist es zu glauben? Er that mir leid!</p> + +<p>Ich sah ihn mitleidig an und sagte:</p> + +<p>»Bist Du nun zufrieden, Elender?«</p> + +<p>»Ruhe,« rief der Beamte.</p> + +<p>Ich wurde hinausgeführt und nach einer halben +Stunde wieder eingelassen; S… weinte bitterlich und +sagte schluchzend zu mir:</p> + +<p>»M…, verzeihe mir, nur aus übergroßer Liebe +zu Dir habe ich gefehlt; ich wäre glücklich, wenn ich +mit Dir zusammen meine Strafe verbüßen könnte, um +Dich noch mehr lieben zu können.«</p> + +<p>»Ruhe!« rief der Beamte wieder.</p> + +<p>Wir wurden jeder in eine Ecke des Zimmers gestellt, +alsdann trat Francesco Crudele di Antonio, der +blonde Jüngling, ein.</p> + +<p>»Kennen Sie den Soldaten wieder, der Ihnen vor +fünf Monaten einen anonymen Brief an den Feldwebel +V… vom 20. Infanterie-Regiment diktiert hat?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_193">[193]</a></span> +Crudele sah uns an, dann sagte er:</p> + +<p>»Ja, ich kenne ihn.«</p> + +<p>»Nun, so zeigen Sie ihn.«</p> + +<p>Er ging auf den Korporal S… zu, zeigte mit +der Hand auf ihn und sagte:</p> + +<p>»Dieser ist es gewesen.«</p> + +<p>»Und kennen Sie den andern Soldaten?«</p> + +<p>»Nein, ich habe ihn vor heute nie gesehen.«</p> + +<p>Die anderen Knaben bestätigten seine Aussage.</p> + +<p>»Sie haben einen armen Soldaten ins Unglück +gestürzt,« sagte der Beamte zu S…, »aber es wird +Ihnen teuer zu stehen kommen.«</p> + +<p>»Herr,« sagte ich zu dem Beamten, »ich verzeihe +ihm, er thut mir leid, ich verzeihe ihm von ganzem +Herzen.«</p> + +<p>»Haben Sie verstanden, S…? Er verzeiht +Ihnen, aber die unerbittliche Schärfe des Gesetzes wird +Ihr falsches, grausames, schändliches Herz zu treffen +wissen.«</p> + +<p>S… weinte, er bereute, gern hätte er das Wort +im Busen bewahrt, es war zu spät.</p> + + +<div class="new-h4"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_194">[194]</a></span></p> +<h4>Die Hand Gottes. – Ungerechtigkeit.</h4> + +<p>Eine Abteilung Soldaten führte den schluchzenden +Alfonso S… fort; ich wurde in die Kaserne geleitet.</p> + +<p>»Man hat Sie unschuldig verurteilt,« sagte ein +Karabiniere, »wegen der Schändlichkeit dieses Korporals +hat man Ihnen ein Jahr Gefängnis auferlegt; was für +eine Bande ist denn der Gerichtshof; was für Murmeltiere +von Richtern haben Sie getroffen?! Da sieht man, +wie man beim Militär Hals über Kopf verurteilt wird.«</p> + +<p>»Ich habe es den Richtern gesagt, daß ich unschuldig +sei, und ihnen prophezeit, daß meine Unschuld +bald ans Tageslicht kommen würde.«</p> + +<p>»Nun, machen Sie sich keine Gedanken; das Urteil +muß rückgängig gemacht werden.«</p> + +<p>Tags darauf reisen wir nach Salerno ab; ich +werde in mein Gefängnis zurückgeführt, der Staatsanwalt +sucht mich auf und sagt wütend:</p> + +<p>»Zum Teufel, warum haben Sie das nicht gleich +gesagt? Damals wollten Sie verurteilt sein, jetzt beteuern +Sie Ihre Unschuld. Mit Ihrer Hartnäckigkeit +haben Sie das ganze Unheil angerichtet, den Gerichtshof +haben Sie in eine schöne Verlegenheit gebracht, jetzt +müssen Sie an das Ministerium schreiben und um Erlaß +der Strafe einkommen.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_195">[195]</a></span> +»Verzeihung, Herr Staatsanwalt, wir wollen die +Rollen nicht verwechseln. Ich habe es den Richtern +geweissagt, daß ich verurteilt werden würde, aber daß +bald meine Unschuld sonnenklar zu Tage treten müsse. +Die Richter waren taub, als ich rief: Ich bin unschuldig, +ich bin unschuldig.«</p> + +<p>»Sie glaubten nur dem elenden Korporal S…«</p> + +<p>»Jetzt kommen Sie und erzählen mir Geschichten, +die kein Esel glaubt; anstatt mich zu bedauern, beklagen +Sie sich über mich, daß Sie mich verurteilt haben – +wissen Sie, daß unser Herrgott die Geduld dabei verlieren +könnte? Wie sollte ich sprechen, wo ich alles noch +nicht wußte! Erst nach meiner Verurteilung habe ich +das erfahren.«</p> + +<p>»Und wer hat Ihnen das alles enthüllt?«</p> + +<p>»Die Hand Gottes.«</p> + +<p>»Oder des Teufels,« antwortete er grinsend.</p> + +<p>Wenige Tage später wurde der Korporal S… +in das Gefängnis eingeliefert und zwar in den oberen +Raum, wo die andern militärischen Angeschuldigten +waren; es war uns strenge verboten, mit ihm zu verkehren.</p> + +<p>Als ich wußte, daß S… mir nahe war, im +selben Hause, als ich überlegte, daß ich um seinetwillen +unschuldig ein Jahr lang leiden mußte, da kochte mir +das Blut in den Adern, mein rachebrütender Kopf glich +einem Vulkan, und mein entsetzlicher Durst nach persönlicher +Vergeltung marterte mein Inneres, und wenn +ich ihm in Nocera verziehen hatte, so hatte ich ihm +<span class='pagenum'><a name="Page_196">[196]</a></span> +damit die Strenge des Gesetzes ersparen wollen, aber +nicht die Rache, die in meiner Macht lag, und die ich +plante, nun wo er mir so nahe in die Hand gegeben +war.<a name="FNanchor_54_54" href="#Footnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a> Ich war mit dem Wärter befreundet: ich +bat ihn, mir ein scharfes Eisen zu besorgen und er verschaffte +mir eine große scharfe und spitze Scheere, von +der ich den Zapfen herausnahm, so daß ich im Besitz +zweier prächtiger Dolche war; die eine Hälfte verbarg +ich auf dem Abtritt, die andere in der Innentasche +meiner Jacke.</p> + +<p>Ich muß bemerken, daß eine Treppe von etwa einem +Dutzend Stufen nach dem Hof führte, die dem Raum +benachbart war, wo S… sich befand; auf diesem Hof +gingen die Gefangenen spazieren.</p> + +<p>Ich überlegte: zu der Zeit, wo der Arzt den Kranken +seinen Besuch macht, bleibt das Gitter offen, die dienstthuende +Wache begleitet den Arzt auf seinen Besuchen, +mein Bett steht nicht weit von der Thür, ich werde leicht +unbeobachtet hinauskommen, dann steige ich die Treppe +hinauf, eile in den Garten, stürze mich auf den elenden +S… und mache ihn mit einem einzigen Stich kalt +und damit der ganzen verfluchten Dienstzeit ein Ende; +aber es gilt keine Zeit zu verlieren.<a name="FNanchor_55_55" href="#Footnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a></p> + +<p>Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, Morpheus, +der friedliche Gott, floh meine Lider, Fieberhitze +durchströmte mein Blut, mein Kopf glühte wie eine +<span class='pagenum'><a name="Page_197">[197]</a></span> +Esse, so stritten die Gedanken an die Rache, die Vergangenheit, +an die ungeheuerliche ruchlose Zukunft durcheinander.<a name="FNanchor_56_56" href="#Footnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a> +Aber nach Gottes Willen wurde es Tag +und auf die trüben Gedanken der Nacht folgten die +trüben Gedanken des Tages …</p> + +<p>Der Arzt kam, der Besuch begann, die Wache begleitete +ihn; als ich mich unbeobachtet glaube, eilte ich +zu dem Gitter und auf die Treppe; schon war sie halb +passiert, als ein Wächter mir begegnete und sagte:</p> + +<p>»Wohin, M…?«</p> + +<p>»In die Küche«, sagte ich und versuchte vorbei zu +kommen.</p> + +<p>»Das geht nicht, Sie dürfen nicht in die Küche +gehen, kehren Sie um, Sie kommen nicht vorbei.«</p> + +<p>»Ich will vorbei oder ich steche Dich nieder.«</p> + +<p>»Auf keinen Fall! Zu Hilfe! Zu Hilfe!«</p> + +<p>Wir umfaßten uns, er drängte mich zurück, ich +stieß ihn vorwärts. Als ich mich verloren glaubte, zog +ich die halbe Scheere heraus, entwand mich seinen Armen +und war im Begriff, ihm einen tüchtigen Stich in den +Unterleib beizubringen, als mich eine Hand mit unwiderstehlicher +Gewalt zurückriß, so daß ich die Treppe herabrolle; +wie eine angeschossene Hyäne sprang ich auf, da +erhielt ich einen derben Schlag auf den Arm, die Scheere +entfiel meiner Hand.</p> + +<p>Ich wurde festgenommen und zurückgebracht, ich +bewaffnete mich mit der anderen Hälfte der Scheere, +<span class='pagenum'><a name="Page_198">[198]</a></span> +entschlossen, den Ersten, der mir den geringsten Anlaß +geben würde, niederzustechen. Am selben Tage kam der +Staatsanwalt zu mir und sagte:</p> + +<p>»Ich verstehe Ihre Rachegedanken, aber niemand +darf selbst Vergeltung üben, das ist Sache des Gesetzes. +Sie haben unrecht gehandelt; wenn der Gerichtshof Sie +verurteilte, so wird derselbe Gerichtshof das Urteil aufzuheben +wissen, ein Versehen kann immer wieder gut +gemacht werden, aber nicht so, wie Sie es anfangen.«</p> + +<p>»Aber Herr Staatsanwalt, ich wollte in die Küche, +der Wächter hat mich schlecht behandelt und ich …«</p> + +<p>»Morgen werden Sie abreisen, verstanden? Ich +hatte Ihre Abreise bisher hinausgeschoben, weil ich Ihnen +die Genugthuung verschaffen wollte, daß Sie persönlich +der Verhandlung gegen S… beiwohnen könnten, aber +jetzt sehe ich, es ist besser, wenn Sie fortkommen; wenn +gegen S… verhandelt wird, werden Sie hergebracht +werden. Also halten Sie sich morgen bereit.«</p> + +<p>»Herr Staatsanwalt, Sie haben Recht, ich habe +gefehlt, verblendet von meinen Rachegedanken; ich wollte +S… ermorden; aber jetzt verspreche ich Ihnen ruhig +zu sein; wenn ich ihn jetzt bei mir hätte, würde ich ihm +kein Haar krümmen, deshalb bitte ich Sie, lassen Sie +mich hier.«</p> + +<p>»Sie werden morgen reisen; hier würde es ein +Unglück geben, wir kennen Sie lange genug.«</p> + +<p>Ich mußte mich fügen, Tags darauf brachten mich +zwei Karabinieri nach Taranto.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_199">[199]</a></span> +Hier ging es mir sehr schlecht; die Luft war verpestet, +das Essen elend, das Wasser einer alten stickigen +Cisterne entnommen, die von ekelhaftem Getier wimmelte.</p> + +<p>Flöhe gab es wie Sand am Meer, Milliarden +großer Flöhe, deren Biß furchtbar war.</p> + +<p>Lange, dunkle, enge, niedrige Korridore waren +unsere Schlafräume, in denen wir eine Nacht verweilten.</p> + +<p>Zehn Stunden Arbeit und Exerzieren war unsere +Arbeit, schwere Lasten mußten wir tragen; in einem +Winkel des Hofes war ein Berg großer schwerer Steine, +und während die eine Hälfte der Strafgefangenen exerzierte, +mußte die andere Hälfte die Steine in die andere +Ecke des Hofes tragen; dann mußten wir tiefe Gruben +auswerfen und sie wieder zuschütten; kleine Steine luden +wir auf Karren und fuhren sie nach einer Ecke des Hofes, +dann schafften wir sie wieder zurück. Es war ein Leben +wie die Verrückten, die Narren, und verrückter und +närrischer waren die, welche es uns befahlen.<a name="FNanchor_57_57" href="#Footnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a></p> + +<p>Im Sommer unter der kochenden Hitze der Sonne, +die uns das Gehirn versengte, da es streng verboten +war, im Schatten der Einfassungsmauer zu arbeiten; im +Winter unter der entsetzlichen Kälte, dem klatschenden +Regen, dem Sturm ausgesetzt, daß uns Hände und Gesicht +<span class='pagenum'><a name="Page_200">[200]</a></span> +anschwollen, da es streng verboten war, sich an der +Dezember-, Januar- und Februarsonne zu wärmen – +so konnte man krank niedersinken; so sorgten jene teuflischen +Menschenfreunde für unser Wohlergehen; verflucht +seien sie!!!</p> + +<p>Fortwährend gequält, schlecht gekleidet, ungenügend +ernährt, unsauber, zehn Stunden täglich mit schwerer +Arbeit geplagt – es war ein Leben, um sich umzubringen. +Wiederholt wurde ich in eine einsame Zelle +in Ketten gelegt und an die Wand gebunden, weil ich +während des zehnstündigen Exerzierens einige Male gesprochen +hatte. Es würde ein Mann von Genie, von +Bildung und Gelehrsamkeit seine Feder leihen müssen, +um die Gräuel dieser elenden Gruft zu schildern, um +die schändlichen tyrannischen Herzen jener Tyrannen und +die Selbstverleugnung, den Mut, die Ergebenheit der +armen Kinder des Unglücks zu kennzeichnen.</p> + +<p><strong>Italien!</strong> Du großer Name, Du große, freie und +unabhängige Nation! Aber die meisten, die Du so als +freigebige Mutter ernährst, sind Tyrannen, Despoten, +Schinder, und dadurch, daß Du sie duldest, erniedrigst +Du Dich zur ehrlosen, hündischen, gemeinen Dirne.</p> + +<p>Sechs Monate meiner Strafe waren verstrichen, +ich stellte mich dem Kommandanten vor und sagte ihm, +daß ich unschuldig verurteilt wäre, er antwortete:</p> + +<p>»Faule Ausrede!«</p> + +<p>Ich bat ihn, mir zu gestatten, daß ich eine Eingabe +an das Militärgericht zu Salerno richtete, und er erlaubte +es.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_201">[201]</a></span> +Nach drei langen Monaten wurde mir von der +Staatsanwaltschaft die Mitteilung, daß der Korporal +Alfonso S… am 2. Januar 1879 zu sieben Jahren +Gefängnis und zur Degradation verurteilt worden sei +und zwar wegen Insubordination, begangen durch Absendung +eines anonymen Briefes an den Feldwebel V… +und wegen falscher und verleumderischer Aussagen gegen +mich. Von meiner Vernehmung war vom Gericht abgesehen +worden.</p> + +<p>Und wer entschädigte mich für das Jahr Gefängnis, +das nun bald verbüßt war? Wer tröstete mich für die +Leiden, die ich erduldet?</p> + +<p class="center"><strong>Die Hand Gottes.</strong></p> + +<p>Und wenn wir der Hand Gottes blindlings und +unerschütterlich vertrauen, dann schützen wir uns davor, +uns in den entsetzlichen, dunklen Abgrund des Nichts +zu stürzen.</p> + +<p>Es ist nicht wahr, daß die Hand Gottes schwer +auf uns Menschen lastet und wenn wir das glauben, +so beleidigen wir die Majestät des Ewigen.</p> + +<p>Es ist ein Geheimnis, ein unlösbares Rätsel wie +Belsazars <strong>Menetekel</strong>.</p> + +<p>Ich bat den Kommandanten, daß er mir erlauben +möchte, an Teresina M… zu schreiben, da sie eine +nahe Verwandte von mir sei, er gab es nicht zu.</p> + +<p>Das Jahr meiner Pein ging zu Ende, und das +Gewissen und das Ehrgefühl jener Richter hatte nicht +gesprochen, ich hatte wegen der Schändlichkeit des S… +<span class='pagenum'><a name="Page_202">[202]</a></span> +leiden müssen und wegen der Unaufmerksamkeit eines +tauben, stumpfsinnigen, kindischen Gerichtshofs!…</p> + +<p>Am Morgen des 17. Juni 1879 wurde ich entlassen +und von einigen Karabinieri der ersten Strafkompagnie +auf dem Lido zu Venedig überliefert.</p> + +<p>Gemäß Artikel 130 des Aushebungsgesetzes wurde +ich der Klasse 1879 zugeschrieben.</p> + +<p>Diese Strafkompagnie enthielt zweihundert Soldaten +verschiedener Waffengattungen, und von verschiedenen +Armeekorps; es wurden solche Soldaten einrangiert, +welche unwürdig waren, dem Heere anzugehören und +welche sich durch unlautere Handlungen, schlechtes Betragen +und umstürzlerische Bestrebungen gegen das Vaterland +entehrt hatten.</p> + +<p>Hier fand ich zu meinem Unglück einen Soldaten +Gir…, einen Vetter des Gir…, den ich beim +Regiment schlecht behandelt hatte, er war durch seinen +Vetter über mich unterrichtet, so daß man in der Strafkompagnie +meine Antecedentien kannte.</p> + +<p>Als ich auf dem Lido angekommen und in den »Serail« +genannten Teil der Kaserne untergebracht war, geriet die +ganze Strafkompagnie in Bewegung, einzelne Soldaten +kamen heran, sahen mich an und liefen davon.</p> + +<p>Gir… trat mit seinen piemontesischen Landsleuten +zusammen und sie verabredeten sich, mir einen +Streich zu spielen.</p> + +<p>Einige Soldaten, die aus der Gefängniszeit her +eng mit mir befreundet waren, brachten mir zu essen +sowie Wein und Cigarren.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_203">[203]</a></span> +Ein Freund von mir, ein Genuese Namens Civ… +verriet mir den Anschlag der Piemontesen, die sich rächen +wollten, weil ich ihren Landsmann, den Vetter Gir…'s +beim Regiment mißhandelt hatte.</p> + +<p>Mir mißfiel das sehr, denn ich hatte mir fest vorgenommen, +alles geduldig zu ertragen und dann meinen +Abschied zu nehmen, aber mein böser Stern folgte mir +bis an die lachenden Ufer der Lagune.</p> + +<p><strong>Was thun?</strong></p> + +<p>Wenn ich still bin, so glauben sie, daß ich Furcht +habe und reizen mich erst recht; wenn ich ihnen entgegentrete, +so können die schlimmsten Folgen daraus entstehen: +ich war zwischen Scylla und Charybdis, gute +und böse Gedanken kämpften in mir mit einander; nach +langem Nachdenken beschloß ich den Kampf aufzunehmen +und dem Schicksal die Frage zu stellen: Welchen Schluß +hat dieses</p> + +<p class="center"><strong>düstere Drama?</strong></p> + + + +<div class="new-h3"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_204">[204]</a></span></p> +<h3><a name="Dritter_Teil">Dritter Teil.</a><br/> +In der Strafkompagnie.</h3> + +<blockquote style="width: 45%; margin-left: 55%;"><p>Ein klassischer Schriftsteller, eine +wissenschaftliche Abhandlung wird von +gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen +Menschen verstanden; eine gewöhnliche +Darstellung, die leicht geschrieben ist, wird +sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen +Menschen, wie vom unwissenden +Mann aus dem Volke verstanden; +sonach ist es besser, sich beiden als blos +einem verständlich zu machen.</p></blockquote> + + +<p>Unter den vielen Inseln, die Venedig umgeben, +dehnt sich östlich von der Stadt eine Landzunge aus, +welche vom adriatischen Meer bespült wird und den +Namen Lido trägt; sie hat die besondere Aufgabe, vermittelst +starker Befestigungswerke den Feind an einem +Flottenangriff auf die Stadt zu hindern. Aber außer +seiner Bestimmung als Bollwerk gegen feindliche Angriffe +und außer seiner Eigenschaft als Vergnügungsort +in den Tagen des Friedens, ist der Lido der Aufenthaltsort +derer, welche sich zu Sklaven einer unsinnigen +Disziplin gemacht haben und verurteilt sind, in stetem +<span class='pagenum'><a name="Page_205">[205]</a></span> +Leiden und unter besonderen Strafen dahin zu leben. +Blühende Akazien, grünende Felder, lachende klare Seen +und was es sonst Herrliches in der Natur giebt, schmückt +diese Gegend im Sommer, wo sie Scharen von Besuchern +empfängt. Verborgen blüht die Rose zwischen den +Büschen, wenn der Morgenstrahl der Sonne die Erde +küßt und die Vögel ihre sehnsüchtigen Melodien ertönen +lassen – und in den düsteren Zellen der Kaserne seufzt der +Verworfene.</p> + +<p>Die träge Welle der Adria bricht sich am Lido, +sie liebkost in wollüstigen Umarmungen die schönen +venezianischen Sylphiden und erglüht unter ihrem verliebten +Blick – und sie führt die Klagen und Thränen +der Unseligen, die im Elend leben, mit sich hinweg. +Lange habe ich hier dem Willen eines Tyrannen mich +beugen müssen und weinen müssen, fern von meinen +Lieben, und kämpfen müssen, um die Grundpfeiler meiner +Zukunft wieder aufzurichten.</p> + +<p>Wenn die Sonne in goldiger Glut hinter den +Bergen versank, und wenn sie in rosigen Farben wieder +emporstieg, meine Seele vermochte es nicht zu trösten, +und so oft auch die Natur sich ihres Schmuckes entkleidete +und von neuem ihr schimmerndes Blütengewand +anlegte – es vermehrte nur die Empfindung meines +Leidens.</p> + +<p>O arme Seele, was hoffest Du? Denke an den +Jammer und die Seufzer, damit ich mit den Farben +der Wahrheit ein Bild meines Unglücks und der Unwissenheit +der selbstsüchtigen Tyrannen entwerfen kann.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_206">[206]</a></span> +Denke an die unselige verworfene Knechtherrschaft! +Schildere, wenn Du es vermagst, die Thaten jenes +Despoten, der väterliche Gefühle und kindliche Liebe +mißachtend auf dem Scheiterhaufen des Vaterlandes die +jugendliche Hoffnung Italiens als Brandopfer darbrachte, +der die Stützen darbender Familien vom häuslichen +Herd hinwegriß, der Industrie die Kraft des Fortschritts +raubte, um das erhabene Andenken der Freiheit zu +schänden, um dem Bajonett, dem Galgen und den +Galeeren das Recht zu geben, den letzten Gedanken des +Unglücklichen zu Todesseufzern zu gestalten.</p> + +<p>Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen +meines Glückes die Klagen deuten, welche in dieser +Sphäre ertönten, wo Kummer, Qualen, Ketten und +der Wille eines gesetzmäßigen Mörders den Herzen der +jungen Soldaten alle Hoffnung entrissen und die fern +weilenden Familien ins Unglück stürzten.</p> + +<p>Wie gesagt mißfiel mir der Anschlag der Piemontesen +sehr, und ich bat meinen Freund Civ… mir +irgend eine Waffe zu verschaffen, um mich nötigenfalls +verteidigen zu können; er brachte mir einen langen dreieckig +geschliffenen Dolch.</p> + +<p>Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten +gerufen, mit meinem Dolch an der Brust begab +ich mich zu ihm. Er empfing mich mit Schmähreden, +aber ich sagte:</p> + +<p>»Herr Kommandant, ich bin nicht gewöhnt, Vorwürfe +zu hören; wenn Sie meinen, daß ich gefehlt habe, +so haben Sie ja Kerker und Ketten zur Verfügung.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_207">[207]</a></span> +»Wissen Sie, M…, ich bin Familienvater, ich +liebe die Soldaten wie meine Söhne und strafe nur, +wenn ich dazu gezwungen werde: deshalb nehmen Sie +es mir nicht übel, meine Verweise sind die eines Vaters +und glauben Sie mir, ein Vorwurf ist besser, wie acht +Tage bei Wasser und Brot. Ich wünschte von Herzen, +daß Ihr alle in Bälde Eure Familien, Freunde und Bekannten +wiedersehen könntet. Sie sind ein verständiger junger +Mann, und es wäre eine Sünde, Sie im Unglück umkommen +zu lassen. Deshalb seien Sie vernünftig, bis +jetzt haben Sie sehr viel zu leiden gehabt und ich beklage +Sie, denn das ist meine Natur. Deshalb wenden Sie +sich an mich, wenn Ihnen irgend etwas fehlt, oder wenn +Ihre Vorgesetzten Sie schlecht behandeln. Sind wir +einig? Dann seien Sie ruhig, führen Sie sich gut und +halten Sie sich von den schlechten Elementen fern, deren +es hier nur zu viele giebt; thun Sie Ihre Pflicht, und +nehmen Sie Rücksicht auf mich.«</p> + +<p>Guar… Signor Battista aus der Markgrafschaft +Ligurien war ein vorzüglicher, edler Vorgesetzter, aus +vornehmer Familie, von Haus aus reich, wegen einer +unglücklichen Liebe war er ins Heer eingetreten und war +zur Zeit Hauptmann.</p> + +<p>Er war ein zärtlicher Vater den Soldaten gegenüber, +menschenfreundlich, wohlwollend, human; er hatte +eine Frau und zwei Söhne. – Die Strafkompagnie war +eine Lust für uns: eine Stunde am Tage wurde exerziert +und dann gespielt, gesungen, gescherzt, gelärmt – kurz, +wir machten, was wir wollten.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_208">[208]</a></span> +Tags darauf sagten meine Bekannten zu mir:</p> + +<p>»M…, nimm Dich in Acht, Dir wird es +schlimm gehen.«</p> + +<p>Es war für mich ein ewiges Hin- und Herschwanken +– wie konnte ich das Leben fassen mit dem +Gedanken, jeden Tag überfallen zu werden.</p> + +<p>Endlich entschloß ich mich, der Sache ein Ende zu +machen.</p> + +<p>Am Abend saßen die Soldaten im Hof und +plauderten in Gruppen oder spielten Ball, Dame und +Domino oder promenierten hin und her – kurz, jeder +war auf seine Weise beschäftigt.</p> + +<p>Ich rief meinen Freund C… und ließ mir +den Gir… zeigen, der hauptsächlich den Anschlag gegen +mich angezettelt hatte.</p> + +<p>Er führte mich unter einen Säulengang und zeigte +mir einen langen hageren Soldaten, der in einer Zelle +arbeitete. Ein kurzer schrecklicher Entschluß fuhr mir +durch den Kopf, ich trat auf den Pfosten der Zelle und +rief ihn heraus. Er kam, ich stellte mich vor ihn auf; +die Rechte hielt hinter dem Rücken den Dolch bereit.</p> + +<p>»Also Sie sind die Seele der Verschwörung gegen +mich, Sie wollen mir ans Leben? Sie sind ein Schurke, +wissen Sie das, rufen Sie Ihre Landsleute, damit ich +denen dasselbe sagen kann!«</p> + +<p>Ich schwang meinen Dolch und war im Begriff, +ihm den Leib aufzuschlitzen, als eine eiserne Faust meinen +Arm umklammerte, während Gir… angstvoll rief:</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_209">[209]</a></span> +»M…, was machen Sie?! ich bin unschuldig! +Ich habe nie von Ihnen gesprochen.«</p> + +<p>»Sie sind ein Schurke, wir müssen ein Ende machen.«</p> + +<p>Auf unser lautes Gespräch kamen viele Soldaten +hinzu, die sich um uns aufstellten und gespannt das +Ende des Dramas erwarteten.</p> + +<p>»M…, was machen Sie?« rief der, welcher +mich festgehalten hatte. »Ich bin Esp…, Ihr Freund +und Landsmann, beruhigen Sie sich, M…, Sie +machen sich unglücklich.«</p> + +<p>Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten +gerufen, ich erzählte ihm freimütig alles, was +vorgekommen war.</p> + +<p>Der Ehrenmann war trostlos und beklagte sich, +daß ich ihn nicht von Anfang an unterrichtet hätte. Er +versammelte die Piemontesen und meine Landsleute auf +dem Hof und sprach eine Stunde lang zu ihnen, wie +nur ein zärtlicher Vater zu seinen geliebten Söhnen +unter so traurigen Umständen sprechen kann.</p> + +<p>»Und jetzt,« schloß der würdige Offizier, »jetzt gebt +Euch das Pfand des Friedens, der Eintracht, der +Brüderlichkeit. Gir…, umarmen Sie Ihren Kameraden +M…«</p> + +<p>Wir küßten und umarmten uns, Gir… hielt +seine Thränen mit Mühe zurück.</p> + +<p>»Morgen ist Sonntag,« sagte der Hauptmann, »ein +Festtag für Euch. Ihr werdet Euch zusammenthun, jeder +giebt einen Lire, Herr Lieutenant G… hat Befehl, +<span class='pagenum'><a name="Page_210">[210]</a></span> +für Euch ein Festmahl zu veranstalten, zehn Flaschen +Toskanerwein gebe ich dazu. Aus Euren Tischen werdet +Ihr eine Tafel zusammenstellen, die Bänke können als +Sitze dienen, für Tischwäsche, Gläser u. s. w. werde +ich sorgen, und Ihr werdet zu Ehren des Friedens, der +Einigkeit, der Brüderlichkeit essen und trinken. Sie, +M…, sammeln das Geld und liefern es an Herrn +Lieutenant G…, wer kein Geld hat, mag sich an +mich wenden. Sie, Gir…, nehmen M… unter +den Arm und gehen spazieren. Rührt Euch!«</p> + +<p>Ein Beifallsturm, Händeklatschen und Hochrufen +folgte diesen Worten.</p> + +<p>Am folgenden Tage wurde eine große Tafel im +Hof hergerichtet, wie der edle Hauptmann befohlen +hatte; hundertundzwanzig Soldaten, sechs Sergeanten +und fünf Korporale nahmen an dem prunkvollen, reichlichen +Mahl teil, die Becher füllten sich mit schäumendem +Toskanerwein; die Flaschen standen aufmarschiert, +als wollten sie sagen: Nimm mich hin – +die Gläser kreisten unter den Tischgenossen. Der +Hauptmann, der Lieutenant, die Feldwebel und Sergeanten +waren alle zugegen; sie füllten unsere Becher +immer von neuem, Trinksprüche wurden ausgebracht, +wir tranken zu Ehren des Hauptmanns, der Offiziere, +wir tranken auf die Brüderlichkeit, die Einigkeit, den +Frieden, wir tranken auf unsere Gesundheit, Hochrufe, +Händeklatschen und Lachen ertönte aus der freudigen +Gesellschaft, und ich brachte einen langen Trinkspruch in +Versen aus.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_211">[211]</a></span> +Zwei Monate verbrachte ich in dieser Strafkompagnie +ohne irgend welche Störung, geliebt und geachtet +von meinen Vorgesetzten und Kameraden, ich hatte mich +über meine vergangenen Leiden getröstet und genoß ein +friedliches, nachdenkliches Leben in Spiel und Scherz +mit meinen Genossen.</p> + +<p>Eines Tages rief mich der Kommandant und teilte +mir mit, daß meine Familie sich beschwert habe, daß +ich so lange nicht geschrieben habe und trug mir auf, +sofort von meinem Verbleiben und Befinden Nachricht +nach Hause zu geben.</p> + +<p>Seitdem ich den unliebenswürdigen, schmutzigen +Brief meines Bruders bekommen hatte, hatte ich nicht +mehr geschrieben, und es war beinahe zwei Jahre her, +daß die Meinen ohne Nachricht von mir waren; wenn +nun der Hallunke von meinem Bruder auf einmal so +heißes Verlangen nach mir zeigte, so hatte das keinen +anderen Grund, als daß er hoffte, ich sei tot, und er +könne sich in den Besitz des Wenigen setzen, das mein +unglücklicher Vater mir hinterlassen hatte. Das war der +Gedanke des elenden Wurmes, der jeden Augenblick +auf die Nachricht von meinem Hinscheiden wartete; aber +Gott, das unsichtbare Wesen, der die verborgensten +Falten der menschlichen Herzen siehet, spottete der +thörichten und boshaften List des durchtriebenen Schurken.</p> + +<p>Da mein Hauptmann befahl, durfte ich nicht zögern, +wie konnte ich auch, da er mich täglich mit Beweisen +seines Wohlwollens überhäufte. So schrieb ich denn folgenden +Brief:</p> + +<blockquote><p class="center"><span class='pagenum'><a name="Page_212">[212]</a></span> +»Geliebter Schwachkopf!</p> + +<p>Denkst Du noch an den schönen Brief, den Du mir +nach Salerno schriebst? An den Brief, der Deiner +würdig war, deiner Dummheit, deiner Hartherzigkeit? – +Nun, ich danke, es geht mir sehr gut, trotz aller Wünsche +derer, die mich hassen. Ich habe hier alles: Liebe, +Achtung, Wohlwollen, und das genügt mir, um mich +wohl zu fühlen. Morgens bekomme ich eine prächtige +schmackhafte Suppe und ein großes Stück gutes Brot, +das mehr als genug für mich ist; Abends ein Stück +Kalbfleisch; ich habe viel freie Zeit und manche Vergnügungen: +Spiel, Musik, Theater, Tanz, Lektüre, +u. s. w., und was will man mehr?</p> + +<p>Wir leben hier auf einer Insel nahe der Königin +der Meere, einer großen, schönen, lachenden, grünenden +Insel; oft fahren wir auf unseren Gondeln nach Venedig +hinüber, ohne etwas zu zahlen, wir lustwandeln auf der +lachenden weiten Piazza di San Marko; wir schäkern +mit den rosigen, schönen Venezianerinnen, wir trinken +unser Bier, unsern Wermut, den Du noch nicht einmal +versucht hast und den Du nicht kennst; wir trinken +schimmernden Toskanerwein, – was will man mehr!</p> + +<p>Wir haben Geld genug, schöne Bankscheine, um +uns vergnügen zu können und Du armer Tropf, teilst +mit Deinen armen Kindern den Hunger!</p> + +<p>Unser Kommandant ist ein Prachtmensch, ein wahrer +Vater der Soldaten, die Vorgesetzten sind alle Ehrenmänner, +was kann man mehr verlangen?</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_213">[213]</a></span> +Wir sind glücklich, wahrhaft glücklich. Das möge +Dir genügen. Und wenn Du an unserem Glück teilnehmen +willst, so komme her; das Ufer des adriatischen +Meeres wird edelmütig genug sein, um den verworfensten, +elendesten, schmutzigsten Wurm aufzunehmen, der auf +Erden herumkriecht.</p> + +<p>Lido, Venedig 10. April 1879.</p> + +<p class="name">Dein (!)<br/> +Antonino M…«</p></blockquote> + +<p>Und was ich meinem Bruder schrieb, war die +Wahrheit; uns Soldaten fehlt nichts, es war alles +wahr.</p> + +<p>Wir hatten eine prächtige Kapelle, die auf Verlangen +im Hof spielte, oft wurde getanzt; Donnerstags +und Sonntags spielten wir auch Theater. Mit unseren +Tüchern und Decken steckten wir auf dem Hof einen +großen viereckigen Raum ab, in einem Zimmer wurde +geprobt, Kostüme fertigten wir selbst an, fünfzehn Soldaten +oder mehr machten die Schauspieler, wir hatten +einen Impresario, einen Direktor, einen Regisseur u. s. w., +das nötige Geld wurde alle Woche von den Soldaten, +Offizieren und Gefreiten gesammelt; einmal hatten wir +fünfhundertzwölf Lire und achtundachtzig Centesimi; der +Hauptmann hatte allein zweihundertfünfzig Lire gegeben!!!</p> + +<p>Ich erinnere mich, daß ich einmal in einer Posse +die Rolle des Briganten Gasparone spielte, ich war als +kalabresischer Räuber gekleidet, mit hohem Hut, Stulpstiefeln, +Hose und Jacke mit großen vergoldeten Knöpfen geschmückt, +<span class='pagenum'><a name="Page_214">[214]</a></span> +zwei Patrontaschen an den Seiten, eine doppelläufige Flinte +über dem Rücken, einen großen Revolver und einen langen +Dolch an der Seite; es war eine brillante Rolle; +die Offiziere, die Chargierten, Herren und Damen +wohnten der Vorstellung bei, und ebenso Handwerker +und Bauern. Donnerstags und Montags gab es alles +in Überfluß: Rum, Wermut, Bier, Wein und Cigarren, +so daß es für die ganze Woche reichte; alles wurde von +den Offizieren und Bürgern gegeben. Ich ging oft nach +Venedig und blieb dort ganze Tage; wenn ich mich auf +den Weg machte, und mich dem Hauptmann meldete, +um die Erlaubnis einzuholen, dann sagte er:</p> + +<p>»<strong>Haben Sie Geld?</strong>«</p> + +<p>»Ich habe einen Lire, und das genügt für einen +Tag.«</p> + +<p>»Nein, in Venedig ist das nichts,« und er nahm +einen Fünflireschein heraus und gab ihn mir.</p> + +<p>Seine Börse war stets für alle geöffnet, und wenn +man ihm das Geld wiedergeben wollte, dann fluchte und +wetterte er und drohte uns in Arrest zu schicken! Der +Ehrenmann litt an Asthma und Nachts mußte er von +der Seite seiner lieben Gemahlin aufstehen, um ins +Freie zu laufen, um Luft zu schöpfen.<a name="FNanchor_58_58" href="#Footnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a></p> + +<p>Ein Lieutenant, ein Landsmann von ihm, sagte, daß +er achtzigtausend Lire jährliche Rente habe, aber er +<span class='pagenum'><a name="Page_215">[215]</a></span> +machte kein Aufheben von seinem Reichtum, den er zum +Besten der Armen und Unglücklichen verwandte; wegen +seiner großen Zuneigung zu den Soldaten war er wiederholt +bestraft worden und wäre ohnedies schon bedeutend +avanziert. Derselbe Lieutenant erzählte mir einige Episoden +aus dem Leben dieses merkwürdigen Mannes, von +denen ich einige mitteilen will.</p> + +<p>Als Hauptmann Guar… noch Lieutenant in Ravenna +war, verliebte er sich in ein Mädchen aus dem +Volke, er heiratete sie, nachdem er sie mit einem Vermögen +von fünfundzwanzigtausend Lire ausgestattet hatte. +Er lebte glücklich mit dem jungen Weib, das er mit +allen Fasern seines Herzens liebte; die Frucht dieser +Liebe war ein Söhnchen, das Ebenbild des Glückes seines +Vaters. Da wurde ihm gesagt, daß seine Gattin ihn +betrog.</p> + +<p>»Unmöglich«, antwortete er, »Virginie, meine geliebte +Virginie kann mich nicht verraten.« Er hatte ein +Duell mit einem anderen Lieutenant, der ihm mitgeteilt +hatte, daß seine Virginie ein unerlaubtes Verhältnis mit +einem Lastträger hatte – der arme Lieutenant wurde von +Guar… erstochen.</p> + +<p>Eines Morgens teilte er seiner Virginie mit, daß +er verreisen müsse; er kehrte aber um und versteckte sich +neben ihrem Schlafgemach, so daß er hören konnte, was +dort vorging.</p> + +<p>Lange stand er so und wartete; Virginie war mit +ihren häuslichen Angelegenheiten beschäftigt.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_216">[216]</a></span> +Endlich gegen Abend hörte er Küsse, er lauschte und +vernahm folgende Worte:</p> + +<p>»Ettore, süßer Ettore, ich liebe dich wahnsinnig; ich +möchte dich immer in meinen Armen halten, der schweigsame +Offizier langweilt mich, ich liebe ihn nicht. Laß +uns fliehen, Ettore, nach Verona; da können wir in +Freiheit unser Glück genießen.«</p> + +<p>»Nein süße Virginia, noch ist nicht die Zeit +dazu … Wie schön Du bist, gieb mir einen Kuß!«</p> + +<p>Er hörte ihre Küsse, und das Blut erstarrte ihm in +den Adern.</p> + +<p>Es wurde still, Seufzer und Küsse wechselten mit +einander; G… blickt durch eine Spalte und sieht +seine Virginia in wollüstiger Umarmung mit ihrem +Geliebten.</p> + +<p>Er eilt hinaus, klopft an die Thür seines Schlaf-Gemaches, +niemand antwortet. Endlich ruft er:</p> + +<p>»Mach' auf, Virginia, ich bin es, Dein Gatte.«</p> + +<p>Die Thür wird geöffnet, Virginia erscheint und sagt:</p> + +<p>»Wie, Du bist nicht fort?«</p> + +<p>»Nein, ich wollte Deinen Ettore sehen!«</p> + +<p>»Hier bin ich,« antwortete Ettore, eine Waffe in +der Hand haltend. »Sie befehlen?«</p> + +<p>»Nichts, lieber Ettore,« antwortete der Lieutenant, +»nur Ihre Hand.«</p> + +<p>Sie reichten sich die Hände, Virginia lag auf den +Knieen und zerfloß in Thränen. Herr G… öffnete +sein Portefeuille, nahm zehn Tausendlirescheine heraus, +reichte sie Virginia und sagte:</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_217">[217]</a></span> +»Bitte, nehmen Sie und gehen Sie mit Ihrem +Ettore; mein Sohn bleibt bei mir.«</p> + +<p>Ettore und Virginia nahmen sich bei der Hand +und gingen, G… wurde ohnmächtig aufgefunden, wie +er seinen Sohn in den Armen hielt.</p> + +<p>Als er Hauptmann beim zehnten Infanterie-Regiment +in Bologna war, traf er eines Abends einen +Zahlmeister, der ihm klagte, daß er sich das Leben +nehmen müsse, da ihm sechstausend Lire aus der Kasse +fehlten, Guar… nahm die Kassenschlüssel, öffnete sein +Portefeuille, gab dem Zahlmeister sechs Tausendlirescheine +und sagte nur:</p> + +<p>»Nehmen Sie, die Kasse stimmt jetzt, seien Sie +vernünftig!«</p> + +<p>Nach Gottes Fügung starb Virginia wenige Jahre +später arm und elend in einem Irrenhaus; G… +heiratete ein anderes Mädchen aus dem Volke von +schlechten Gewohnheiten und unregelmäßigem Lebenswandel. +Ehe er sie heiratete, sagte er:</p> + +<p>»Clelia« – so hieß sie, »ich lege meinen Reichtum, +mein Herz, meine Ehre, meinen guten Ruf in Deine +Hände; willst Du mir treu sein, willst Du ein neues +Leben beginnen?«</p> + +<p>Sie versprach es und er erhob sie zur Herrin +seines Lebens; sie gebar ihm ein süßes Töchterchen; der +blonde Ludovico, der Sohn der Virginia, der jetzt zehn +Jahr alt war, war immer bei ihm, und oft, so +sagte man, umarmte er ihn und weinte, weinte herzbrechend.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_218">[218]</a></span> +Folgen wir dem Faden unserer Erzählung.</p> + +<p>Eine Nacht war ich auf Wache, ich hatte etwas +viel getrunken, es war im Sommer, ich litt unter der +Hitze, und ob es daher kam oder von dem Wein, ich +wurde sehr müde, setzte mich nieder und schlief mit dem +Gewehr im Arme ein. Bald darauf werde ich geweckt, +jemand klopft mich auf die Schulter; ich springe auf +und sehe den Hauptmann.</p> + +<p>»Das ist unrecht, Sie dürfen sich nicht vom +Schlaf übermannen lassen – es ist ein schweres +Verbrechen, auf Wache zu schlafen. – Ist Ihnen nicht +wohl?«</p> + +<p>»Nein, Herr Hauptmann, ich habe starke Kopfschmerzen.«</p> + +<p>»So rufen Sie den dienstthuenden Sergeant und +geben Sie mir so lange Ihr Gewehr.«</p> + +<p>Ich gab ihm mein Gewehr, er nahm es und ging +damit hin und her, ich ging zur Wachtstube und kam +mit dem Sergeant zurück. Der Hauptmann sagte ihm, +daß ich krank sei und befahl, mich ablösen zu lassen.</p> + +<p>So geschah es, ein anderer nahm meinen Posten +ein, ich ging in's Bett.</p> + +<p>Derartiges kam öfter vor, der Hauptmann bestrafte +nie; die Soldaten, die im süßesten Schlummer ihr Bett +verlassen mußten, klagten nicht, sondern erwiesen sich als +gute Kameraden.</p> + +<p>Man muß wissen, daß ein Soldat, der auf +Wache einschläft, mit sechs Monaten Kerker bestraft +wird.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_219">[219]</a></span> +Es würde die Feder eines Francesco Mastriani +erfordern, und die anderer Männer von Genie, um +diese Strafkompagnie und ihre Mitglieder zu beschreiben, +und um meine klassischen Abenteuer während der vier +langen Jahre, die ich dort war, zu schildern; dicke +wundersame Bände ließen sich darüber schreiben. Ich +beschränke mich darauf, die bemerkenswerteren und unterhaltenden +Vorfälle kunstlos niederzuschreiben, und bitte +Euch, Nachsicht zu üben, denn ich habe wenig oder +nichts gelernt und kenne fast nichts, deshalb bitte +ich den wohlwollenden und gebildeten Leser um Nachsicht.</p> + +<p>Unser acht Soldaten schlossen uns in enger +Freundschaft zusammen: meine Gefährten waren intelligente +und gebildete junge Leute; einige Stunden des +Tages studierten wir zusammen, besprachen wissenschaftliche +Fragen mit regem Eifer, lasen Romane, weltgeschichtliche +Darstellungen und Zeitungen, und organisierten +eine regelrechte Polemik untereinander: wir machten Verse, +Oktaven, Kanzonen, Sonette, die unter einander gelesen, +kritisiert, verbessert und umgearbeitet wurden; zur +Poesielehre hatte ich einen gewissen Neapolitaner Carlo +Frol… Pag…, in der Litteratur unterrichtete +mich Luigi Mastr…, ebenfalls ein Neapolitaner, in +der Kritik und Geschichte ein Piemontese Namens +Alt…</p> + +<p>Ich empfing einen Brief von meinem Bruder, +in welchem er mich wegen meiner Gefängnisstrafe zu +Salerno bedauerte und seine Freude darüber aussprach, +daß es mir gut gehe (der elende Fuchs!). Er schickte +<span class='pagenum'><a name="Page_220">[220]</a></span> +mir zwölf Lire und seitdem schrieben wir uns alle +Monat und ich bekam regelmäßig meine zwölf Lire.</p> + +<p>Eines Abends waren wir im Wirtshaus; zwischen +dem Wirt und einem Kameraden von mir, einem gewissen +Angelo M…, erhob sich ein Streit, in dessen Verlauf +der Wirt auf einmal sagte:</p> + +<p>»Ihr seid alle Galeeren-Sklaven, Zuchthäusler, +eine verkommene Bande!«</p> + +<p>Diese uns allen ins Gesicht geschleuderte Beleidigung +mußte gerächt werden, ich nahm das Glas und schlug +dem Unverschämten mit aller Gewalt auf den Kopf. +Das war das Signal zu einem allgemeinen Kampf, +Flüche und Drohungen schallten durch die Luft, und +wenn nicht einige Sergeanten hinzugekommen wären +und der Wirt sich eingeschlossen hätte, wer weiß was +für Unheil entstanden wäre.</p> + +<p>Dem armen Wirt war der Schädel zerschlagen, +ich wurde acht Tage bei Wasser und Brot eingesperrt.</p> + +<p>Über meiner Zelle saß ein gewisser Liur… in +Arrest, der mir durch eine Spalte in der Wand von +seinem Essen etwas zusteckte. Er war in Untersuchung, +weil er eine anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann +geschrieben hatte, zwei Soldaten hatten ihn denunziert; +ein gewisser Scar… aus Bologna und ein Cec… +aus Benevento. Der Lieutenannt Gui… war in die +Affaire mit verwickelt; bald darauf wurde er durch ein +Kriegsgericht abgesetzt; zürnend zog er ab, er war in +Zivilkleidung und als er vor der Kaserne stand, zog +<span class='pagenum'><a name="Page_221">[221]</a></span> +er seinen Säbel aus der Hose heraus und zerbrach +ihn über das Knie. Ein neapolitanischer Soldat +Namens Per…, der dies sah, spuckte ihm ins Gesicht +und sagte:</p> + +<p>»Du bist ein elender Hund!«</p> + +<p>Während ich im Gefängnis saß, hörte ich eines +Morgens ein Geräusch, als ob zwei Personen mit einander +kämpften und vernahm die Stimme eines Kameraden, +der sagte:</p> + +<p>»Er hat mich an die Gurgel gepackt, er wollte mich +erwürgen.«</p> + +<p>Mein Kamerad hatte von seinen Landsleuten eine +Mitteilung erhalten; während er sie las, war der aufsichtsführende +Sergeant gekommen und hatte ihm das +Blatt wegreißen wollen; Liur… aber hatte das +Papier in den Mund gesteckt, deshalb hatte der Sergeant +ihn an den Hals gefaßt.</p> + +<p>Die Sache wurde gemeldet und Liur… wegen +Insubordination vor Gericht gestellt; er bat mich, als +Entlastungszeuge zu dienen.</p> + +<p>Mein Arrest ging zu Ende, ich wurde in Freiheit +gesetzt; ich erkundigte mich nach dem Schicksal des Liur…, +niemand wußte, daß er das anonyme Schreiben verfaßt +hatte, nur Cec… und Scar… traten gegen ihn +auf, und beide waren von früherher mit ihm verfeindet.</p> + +<p>Ich dachte: Bin ich nicht auch angeklagt und ungerecht +verurteilt worden? Hatte denn jenes schändlichste +Ungeheuer, der Korporal S…, Recht mit seiner Aussage? +Ist es nicht denkbar, daß auch Liur… unschuldig +<span class='pagenum'><a name="Page_222">[222]</a></span> +verdächtigt und verleumdet war? Genügt die +Überzeugung von der Schuld eines Menschen, um ihn +zu verurteilen und ist ein solches Urteil wissenschaftlich +und unanfechtbar?<a name="FNanchor_59_59" href="#Footnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a></p> + +<p>Ich beschloß der Sache auf den Grund zu gehen, +und da ich sah, daß Cec… und Scar… ein Herz +und eine Seele waren, so nahm ich mir vor, den einen +durch den andern entlarven zu lassen.</p> + +<p>Ich rief den Soldaten Cec… und sagte:</p> + +<p>»Cec…, wir sind gute Freunde, ich weiß, daß +Du aus guter Familie bist; hier in der Kompagnie sind +lauter ungebildete Burschen, lauter entlassene Sträflinge +(als ob ich aus dem Colleg herkäme); wie wäre es, +wenn wir ein treues Freundschaftsbündnis schlössen und +zusammen lebten?«</p> + +<p>»Mit Vergnügen, lieber M…, aber ich muß +Scar… sprechen, mit dem ich, wie du weißt, seit +langem zusammen lebe.«</p> + +<p>»Sehr wohl, sprich mit Scar…«</p> + +<p>Am Abend sah man uns alle drei zusammen essen +und trinken, die Freundschaft war besiegelt. So vergingen +mehrere Tage, Liur… war nach dem Militärgefängnis +<span class='pagenum'><a name="Page_223">[223]</a></span> +zu Venedig geschafft und hatte mich als Entlastungszeugen +angegeben; der Tag der Verhandlung +kam immer näher.</p> + +<p>Ich sagte beim Promenieren zu Cec…:</p> + +<p>»Cec…, Du giebst viel Geld für den Scar… +aus, der ein Schwindler ist; mir, der ich Dein Bestes +will, mißfällt das; es ist eine Schande, daß Du Dich +von dem Heuchler ausbeuten läßt.«</p> + +<p>»Weißt Du, M…, Du hast Recht; Scar… +ist ein scheinheiliger Hund, er ist mir zwanzig Lire +schuldig, die ich mir doch nicht aus dem Bein schneiden +kann.«</p> + +<p>»Was, ihm, der ärmer ist wie Hiob, hast Du +zwanzig Lire geborgt, nun, heute Abend muß er sie Dir +wieder geben.«</p> + +<p>Am Abend waren wir wieder alle drei zusammen +in einer Schenke: nachdem wir unser kärgliches Mahl +verzehrt hatten, verlangte Cec… sein Geld; Scar… +legte sich auf's Beteuern, daß er nichts habe, Cec… +wurde wütend und das Ende vom Liede war eine große +Schlägerei zwischen beiden, von der der Wirt den größten +Schaden hatte, denn sein ganzes Geschirr, Flaschen und +Gläser gingen in die Brüche. Als bittere Feinde +schieden sie.</p> + +<p>Nach zwei Tagen machte ich mich an Scar… +heran und sagte:</p> + +<p>»Ich will Dir ein Geheimnis mitteilen, das Dir +sehr nützlich sein kann, aber verrate mich nicht.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_224">[224]</a></span> +»Nein, M…, auf keinen Fall, Du bist ein guter +Freund, der Cec… ist ein ungebildeter Hansnarr.«</p> + +<p>»Cec… sagte mir, daß Du ihn angestachelt +hättest zu sagen, daß Du gesehen hättest, wie Liur… +die anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann geschrieben +hatte; daß er …«</p> + +<p>»Der Schändliche!« unterbrach er mich, »der Mörder, +der Verräter; er hat mich verleitet, das zu sagen; ich +wußte von nichts, ich habe nichts gesehen.«</p> + +<p>»Nun schön, Scar…, höre mich an und unterbrich +mich nicht: Cec… sagte, daß Du die direkte +Ursache von Liur…'s Ruin bist, wenn das die Richter +wüßten, würde es Dir schlecht ergehen, und er teilte mir +mit, daß er vor Gericht aussagen will, daß Du ihn zu +der falschen Beschuldigung verführt hättest.«</p> + +<p>»Ganz im Gegenteil, der Verräter hat mich verführt, +er hat den armen Liur… ruiniert.«</p> + +<p>Während ich mit Scar… sprach, beobachtete +Cec… uns von weitem und verzehrte sich vor Neugier, +und als wir uns endlich trennten, eilte er zu mir heran +und fragte, was wir miteinander gehabt hätten.</p> + +<p>»Scar… hat mir einen Brief gezeigt und vorgelesen«, +sagte ich, »den er dem Verteidiger Liur…'s +schicken will, in dem er seine erste Aussage widerruft +und zu Deinen Ungunsten aussagen will.«</p> + +<p>Diese Worte wirkten wie ein Donnerschlag, Cec… +geriet in furchtbare Erregung und wollte von Scar… +Genugthuung verlangen, aber ich hielt ihn zurück +und sagte:</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_225">[225]</a></span> +»Cec…, höre zu; wir wollen vor dem Militärgericht +eine schöne Posse aufführen: Du darfst nicht +sagen, daß Du die Absicht des Scar… kennst; ich +werde mich bei dem Wirt erkundigen, ob er im Auftrage +Scar…'s einen Brief an Liur…'s Verteidiger +besorgt hat, und wenn das der Fall ist, mußt Du in +Deiner Aussage dieses Abenteuer des Scar… erzählen +und mich und den Wirt als Zeugen anrufen; +auf diese Weise wird er entlarvt sein und als Verleumder +erkannt werden.«</p> + +<p>»Vorzüglich, M…, vorzüglich ausgedacht.«</p> + +<p>»So bleibt es dabei.«</p> + +<p>Der Verhandlungstag war herangekommen, wir +waren zehn Zeugen, darunter der Wirt; wir warteten +im Zeugenzimmer. Ich rief Cec… zu mir heran +und sagte:</p> + +<p>»Es ist alles wahr, der Wirt vertraute mir an, +daß er vor einigen Tagen in Scar…'s Auftrag einen +Brief an Liur…'s Verteidiger besorgt hat. Vergiß +nicht, Cec…, alles vor Gericht zu erzählen und rufe +mich und den Wirt zu Zeugen an.«</p> + +<p>Die Zeugen wurden aufgerufen, endlich auch ich. +Ich sagte aus:</p> + +<p>»Ich befand mich in der Arrestzelle, in der andern +Zelle war Liur…, der sich fast täglich beklagte, daß +er von den Chargierten so viel auszuhalten hätte. Eines +Morgens hörte ich ein Geräusch, als ob zwei Menschen +miteinander ringen und hörte, wie Liur… sagte: Er +<span class='pagenum'><a name="Page_226">[226]</a></span> +hat mich an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwürgen. +– Das ist alles, was ich aussagen kann.«</p> + +<p>»Sagen Sie, M…,« fragte der Präsident, »ist +es wahr, daß Sie dem Soldaten Cec… gesagt haben, +daß der Soldat Scar… Ihnen einen Brief gezeigt +habe, der an den Herrn Verteidiger des Liur… gerichtet +war, und in dem er den Verteidiger bat, dem +Liur… mitzuteilen, daß er seine erste Aussage verwerfen +wolle. Ist das wahr, daß Sie das alles gesagt +haben?«</p> + +<p>»Wie, Herr Präsident,« antwortete ich, indem ich +den Dummen spielte, »ich verstehe nicht, was Sie fragen.«</p> + +<p>Der Präsident wiederholte das ganze Gewäsch.</p> + +<p>»Ich!« antwortete ich entrüstet, »ich soll das dem +Cec… gesagt haben? Das ist eine Verleumdung, +eine freche Lüge! Ich habe nie mit Cec… über die +ganze Angelegenheit gesprochen, er muß geträumt haben +oder reif für die Zwangsjacke sein!«</p> + +<p>Cec… wird aufgerufen und erzählt die ganze +Geschichte.</p> + +<p>»Was?« rufe ich empört, »Du bist ein Betrüger, +ein elender Verleumder, Du hast den armen Liur… +auf die Anklagebank gebracht!«<a name="FNanchor_60_60" href="#Footnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_227">[227]</a></span> +Der Präsident verweist uns zur Ruhe, der Staatsanwalt +erklärt selbst, die Anklage nicht aufrecht erhalten +zu können, der Verteidiger spricht lange und eindringlich +und bittet um Gerechtigkeit für seine Klienten.</p> + +<p>Der Gerichtshof zieht sich zurück und nach langer +Beratung wird Liur… freigesprochen.</p> + +<p>Ich teilte meinem edelmütigen Hauptmann mit, +daß ich von dem Gericht zu Salerno unschuldig verurteilt +worden sei und bat ihn, eine Eingabe zu unterstützen, +daß mir dieses Jahr auf meine Dienstzeit angerechnet +würde.</p> + +<p>Er willfahrte gern, setzte selbst die Eingabe auf, +ließ sich Abschriften der Urteile geben und schickte sie an +das Kriegsministerium. Wir warteten lange vergeblich, +er schrieb noch einmal und erhielt die Antwort, daß ein +Urteil nur durch eine andere gerichtliche Entscheidung +aufgehoben werden könne, daß meinem Ersuchen demnach +nicht stattgegeben werden könne.</p> + +<p>So waren meine Hoffnungen zerstört und ich mußte +mich in das Geschick fügen. Ich wurde nach Rom geschickt, +um in der Druckerei des Kommandos der Strafabteilung +zu arbeiten. Es war ein großer Arbeitsraum +in dem Kommandogebäude, drei Maschinen und acht +Pressen machte die Druckerei aus, ich mußte mit einem +Zivilisten zusammen an einer Presse arbeiten und bekam +außer der Soldatenkost fünfzig Centesimi täglich. Hier +blieb ich zwei Monate, während dieser Zeit schloß ich +enge Freundschaft mit dem Bureauschreiber. Eines Tages +sagte ich zu ihm:</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_228">[228]</a></span> +»Rom…,« so hieß er, »wäre es nicht möglich, +im Bureau eine hübsche kleine Fälschung zu machen, die +mir sehr nützlich sein könnte?«</p> + +<p>»Was für eine Fälschung?« rief er, die Augen +aufreißend und mich anstarrend.</p> + +<p>»Im Register stehe ich unter der Klasse 1869 verzeichnet, +könnten wir daraus nicht 1868 machen?«</p> + +<p>»Was für einen Unsinn verlangst Du, willst Du +mich auf die Galeere bringen?«</p> + +<p>»Was Unsinn, was Galeere, ich sehe, daß Du noch +ein Neuling in diesen Dingen bist.«</p> + +<p>An jenem Tage wollte er nicht einwilligen, aber +ich ließ nicht nach, bis ich ihn verführt.</p> + +<p>Eines Abends waren wir in einem Wirtshaus, +ich veranlaßte ihn mehr zu trinken als gewöhnlich und +als es mir schien, daß der Weinrausch ihn umnebelt +hatte, fing ich von neuem von der Fälschung an.</p> + +<p>Wir gingen hinaus, er sagte:</p> + +<p>»M…, warte ein wenig, ich will sehen, ob +jemand im Bureau ist.«</p> + +<p>Er kam taumelnd wieder heraus, die Sache +ging gut.</p> + +<p>»Komm,« sagte er, »im Bureau ist niemand.«</p> + +<p>Wir gingen die Treppe hinauf, ich gab ihm +eine Cigarre, wir traten in das Bureau; er schlug +das Register auf, ich suchte meinen Namen, bei +dem die Jahreszahl 1869 eingetragen war, mit einem +Federmesser kratzte ich die unverschämte 9 aus und setzte +eine liebliche 8 an die Stelle.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_229">[229]</a></span> +Wir brachten alles wieder in Ordnung, darauf +gingen wir in ein Café und dachten über unsere +That nach.</p> + +<p>Nach zwei Monaten wurde ich wieder von Rom +fortgeschickt und kam zum Lido zurück.</p> + +<p>Kaum wieder bei der Kompagnie wurde ich sofort +einem der Forts zugeteilt, welche Venedig umgeben.</p> + +<p>Die Aufgabe der zum Dienste in den Forts detachierten +Soldaten war: niemand ohne Erlaubnis des +Chefs der Wache einzulassen, die Bollwerke täglich und +einige Male Nachts zu überwachen, zu verhindern, daß +irgend wer topographische Aufnahmen der Gegend machte, +niemand an den Festungsgraben kommen zu lassen und +das Fischen darin zu verhindern; das Fort sauber zu +halten und auf das Losungswort zu antworten.</p> + +<p>Ich wurde nach dem Fort San Andrea, unweit dem +Lido geschickt; dieses Fort war ganz von Wasser umgeben; +ein Boot, das von einigen Schiffern, Soldaten +aus meiner Kompagnie, bedient wurde, lag in der +Nähe vor Anker; der Chef der Wache war ein alter +Veteran.</p> + +<p>Hier führten wir ein patriarchalisches Leben, in der +fortwährenden Einsamkeit betrachtete man täglich die +Schlechtigkeit der Menschen, die Schönheit der silbernen +Lagunen, die Ungeheuerlichkeit dieser bösen Welt, die +Schönheit des klaren venetianischen Himmels; hier sah +man Venedig in seiner ganzen Größe, die flinken +Gondeln huschten zu hunderten über die klare, krystallhelle +Flut, man sah den Lido mit seinen hohen Bollwerken +<span class='pagenum'><a name="Page_230">[230]</a></span> +und großen Kanonen, man sah die anderen Forts, +die wie kleine Erdhügel hier und da verstreut lagen.</p> + +<p>Ein großes Genie würde dazu gehören, um diese +entzückenden Wunder der Natur und der Menschenhand +zu beschreiben.</p> + +<p>Ich blieb mehrere Monate in diesem Fort, las +Romane und schrieb einige Sachen, die ich meinem +Freunde in der Kompagnie zur Korrektur schickte.</p> + +<p>Dann kam Befehl von der Strafabteilung, daß die +Detachements in den Forts abwechseln sollten, indem +jeder Soldat acht Tage lang dableiben sollte; infolge +dessen mußte ich, sehr gegen meinen Wunsch, wieder +zur Kompagnie zurück und ein anderer nahm meinen +Posten ein.</p> + +<p>Wie es kam, mag Gott wissen, genug, unser edler +Hauptmann Guar… wurde als Direktor des Militärgefängnisses +nach Savona versetzt.</p> + +<p>Wir waren darüber sehr ungehalten und beklagten +den schmerzlichen Verlust lebhaft.</p> + +<p>An seine Stelle kam der Hauptmann Alessandro +Ter…, ein bestialischer, bösartiger Mensch. Dieser +Henker hatte Weib und Kinder; er war ein schrecklicher +unerbittlicher Schinder, ein bestialischer Mensch, eine +Bestie von Natur und Charakter, launisch, hämisch, bockbeinig +wie ein Esel; immer bereit, Böses zu thun, +wurde er eine wahre Geißel für uns arme Soldaten. +Nach soviel Freuden solche Leiden: so wechselt das +menschliche Leben, so ändern sich die Dinge in einem +Augenblick.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_231">[231]</a></span> +Zehn Stunden täglich ward exerziert mit dem Gewehr +im Arm und dem Tornister auf dem Rücken.</p> + +<p>Unsere Soldaten hatten Zündnadelgewehre, ein altes +Modell, welches nicht schoß, krumme, unbrauchbare +Flinten ohne Bajonett; wenn wir ausgingen, durften +wir nur den Gürtel umschnallen, keinen Säbel, statt des +Helmes trugen wir die Mütze.</p> + +<p>Wie gesagt: zehn Stunden täglich exerzieren, im +Sommer unter der sengenden Sonnenglut, im Winter +im Schnee, im Regen, im Schmutz – und wie auch +das Wetter war, immer mußten wir zehn Stunden +exerzieren.</p> + +<p>Eine eiserne Disziplin spannte uns wie mit einem +Ring zusammen, unaufhörlich regnete es Strafen, die +Arrestzellen waren überfüllt, rostige und schimmelige +Ketten wurden den Ärmsten angelegt, sechzig Tage +mußten sie bei Wasser und Brod schmachten, viele wurden +vor ein Kriegsgericht gestellt und zu langjährigen Strafen +verurteilt.</p> + +<p>Theater, Musik, Spiel, Gesang, Lachen und +Scherzen – alles war vorbei; wehe dem, der noch +daran dachte und sich nicht dem eisernen Willen des +herzlosen Tyrannen, des unerbittlichen Schinders beugte.</p> + +<p class="center"><strong>Er sei verflucht!</strong></p> + +<p>Die Offiziere, seine Untergebenen, waren eine Aasbande, +die für kärglichen Sold gekauft war; die Chargierten +folgten dem Beispiel der schändlichen Bestie, sie +hoben frech ihr Haupt, das Hauptmann Guar… in +den Staub gebeugt hatte. Sie erstatteten falsche Anzeigen, +<span class='pagenum'><a name="Page_232">[232]</a></span> +ungeheuerliche erlogene Meldungen und er, der +legitime Schinder verurteilte stets, ohne Erbarmen, er +hörte auf keinen Einwand, sondern sagte: »Der Soldat +legt seinen Verstand vor dem Kasernenthor ab!«</p> + +<p class="center"><strong>Er sei verflucht!</strong></p> + +<p>Weil ich während des Exerzierens mit meinem +Nachbar ein einziges Wort gesprochen hatte, verurteilte +er mich zu dreißig Tagen strengem Arrest bei Wasser +und Brot.</p> + +<p class="center"><strong>Er sei verflucht!</strong></p> + +<p>Ein so trauriges Leben führten wir unter dem +Kommando des Hauptmanns Alessandro Ter… verfluchten +Angedenkens, nach soviel Glück, Frieden und +Fröhlichkeit gerieten wir in Trübsal, Kummer und +Unglück.</p> + +<p>Das Essen war schlecht, ungenießbar, der Mehlbrei +war trocken und schwarz, das Fleisch stinkig, das Brot +trocken, schwarz und ungar, alles war schlecht, nach soviel +Glück gerieten wir in soviel Übel.<a name="FNanchor_61_61" href="#Footnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a></p> + +<p>Ich wiederhole es, es würde die Feder der größten +Männer erfordern, um die Schändlichkeiten, die Grausamkeiten, +die Schindereien zu schildern, deren der Hauptmann +Alessandro Ter… uns aussetzte.</p> + +<p class="center"><strong>Er sei verflucht!</strong></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_233">[233]</a></span> +Meine Freunde Frol…, Mastr…, Perlil…, +Ata… und andere junge Leute von Bildung und +Wissen wurden ein Opfer dieser Bestie in Uniform, +dessen Gattin, Frau Matilde, kein anderes Bestreben +hatte, als ihm täglich ein neues Horn auf den Kopf zu +pflanzen; sie hielt es mit dem Feldwebel, und er, der +uniformierte Hahnrei wußte alles und war stolz auf die +prächtigen Hörner, die auf seiner Mörderstirne prangten.</p> + +<p>Drei lange Jahre verbrachte ich in diesem Labyrinth +des Jammers, Gott weiß wie; ich war pünktlich und +aufmerksam im Dienst, aber mehrere Male wurde ich +von dem Hauptmann Alessandro Ter… wegen nichtiger +Vorwände in strengen Arrest geschickt, und verbrachte +zwanzig, ja dreißig Tage bei Wasser und Brot.</p> + +<p class="center"><strong>Er sei verflucht!</strong></p> + +<p>Ein niederträchtiger Lieutenant, mit einem Gesicht +wie ein Affe, ein Lilliputaner, Antonio Car…, eine +Bestie noch unter dem Vieh, der nicht einmal italienisch +sprechen konnte, sondern nur seinen breiten piemontesischen +Dialekt kauderwälschte, hatte es auf mich abgesehen und +tadelte und meldete mich, wo er konnte.</p> + +<p>Eines Tages meldete er mich, weil ich ihn angesehen +hatte, ohne ihn zu grüßen und dieser Schinder, +Alessandro Ter…, verurteilte mich zu fünfundzwanzig +Tagen strengem Arrest bei Wasser und Brot.</p> + +<p class="center"><strong>Er sei verflucht!</strong></p> + +<p>Aus dem Arrest entlassen, nahm ich mir vor, der +verfluchten Dienstzeit einen großen, tragischen Abschluß +zu geben, so sehr hatte mich die Strafe erbittert. Ich +<span class='pagenum'><a name="Page_234">[234]</a></span> +ging in eine Schenke und goß mir einen Liter Wein +in den Magen, und als ich merkte, daß die Weindünste +mich umnebelten, ging ich nach Hause, holte meinen Dolch +und legte mich angekleidet zu Bett. Der Lieutenant mit +dem Affengesicht hatte die Ronde; er mußte gegen Mitternacht +in mein Zimmer kommen, um zu sehen, ob alles +still war und ob die Lampen ordentlich brannten.</p> + +<p>Kurz vor Mitternacht erhob ich mich und stellte +mich auf der Treppe auf, wo der Offizier vorbei mußte, +entschlossen, ihm, sobald ich ihn sah, in den Rücken zu +springen und ihn zu durchbohren.</p> + +<p>Ich hörte Schritte und glaubte, die Zeit sei gekommen, +aber es war mein Kamerad Mastr…, der +sich, weil er auf Wache war und es grimmig kalt war, +seine Decke geholt hatte – würde er entdeckt, so wären +ihm vierzehn Tage Wasser und Brot gewiß, auf Anordnung +des hochedlen Hahnreis Alessandro Ter…</p> + +<p class="center"><strong>Er sei verflucht!</strong></p> + +<p>Ohne ein Wort zu sagen ging Mastr… vorbei, +kam mit seiner Decke zurück und ging wieder heraus. +Es war Winter, es schneite in großen Flocken, im Hof +lag der Schnee zwei Handbreit hoch und unaufhörlich +senkten sich die Flocken herunter.</p> + +<p>Alles war still, einförmig drangen die Schritte des +Nachtpostens an mein Ohr.</p> + +<p>Der Lieutenant kam nicht, schon war es ein Uhr, +die Grabesstille, das Schneien, das Dunkel und die jetzt +lauten, jetzt verhallenden Schritte der Schildwache machten +<span class='pagenum'><a name="Page_235">[235]</a></span> +mir Furcht, vor meinem furchtbaren Entschluß wurden +Herz und Seele matt.</p> + +<p>Jetzt schlug es zwei, ein verteufelter Lärm entstand +in der Wachtstube, ein Kommen und Gehen von Soldaten, +Waffengeklirr, ich trat an die Fensterbrüstung und +sah zur Wachtstube herein, da erblickte ich bewaffnete +Soldaten, zwei Korporale und einen Sergeanten; sie +kamen herein unter Anführung des Lieutenants mit dem +Affengesicht, sie stiegen die Treppe hinauf.</p> + +<p>Die Sache ist nicht richtig, dachte ich, ziehe die +Stiefel aus und renne barfuß in meine Kammer.</p> + +<p>Den Dolch versteckte ich in dem Strohsack, entkleidete +mich rasch und zog die Bettdecke über, dann that +ich, als ob ich friedlich schlief. Der Lieutenant trat ein +mit seiner Begleitung, die Betten wurden gezählt, an +mein Bett trat er heran, lüftete die Bettdecke und sah +mich an.</p> + +<p>Am andern Morgen, als uns in der Instruktionsstunde +das neue Gewehr, Modell 1870 Wetterli, erklärt +wurde, rief der Lieutenant mich heraus.</p> + +<p>»M…«, sagte er, als wir allein waren, »Sie +haben gestern Nacht versucht, mich zu ermorden.«</p> + +<p>»Ich, Herr Lieutenant! ich hätte versucht, Sie, einen +Vorgesetzten zu ermorden?«</p> + +<p>»Genug, M…, ich weiß alles, bedenken Sie, +daß ich eine zahlreiche Familie zu ernähren habe, die +ohne mich, da ich kein Vermögen habe, ihr Brot auf +der Straße erbetteln müßte. Ich meinerseits habe gefehlt, +indem ich Sie öfter getadelt und gemeldet habe, +<span class='pagenum'><a name="Page_236">[236]</a></span> +Sie, indem Sie das große Verbrechen auf sich luden, +mich ermorden zu wollen. Jetzt ist alles aus, ich werde +die Sache begraben sein lassen, thun Sie dasselbe, wir +wollen gute Freunde bleiben, einverstanden, M…?«</p> + +<p>»Ja, Herr Lieutenant«, antwortete ich.</p> + +<p>Von diesem Augenblick ab war der Lieutenant zuckersüß +zu mir und übte alle möglichen Rücksichten gegen mich.</p> + +<p>Und wie hatte er es erfahren, daß ich ihn töten +wollte?</p> + +<p>Mein Kamerad Mastr… hatte mich gesehen, als +er seine Decke holte und aus dem Umstande hatte er +meine Absicht erraten; er begab sich zu dem Lieutenant +und benachrichtigte ihn, bat ihn aber, unter keinen Umständen +seinen Namen zu sagen; denn wenn er ihn jetzt +warnte, so geschähe es, um ihn vor Schaden zu bewahren; +morgen könne man ihn auf die Folter spannen und er +würde kein Wort sagen.</p> + +<p>Drei Jahre verbrachte ich so im Elend, oft und +aus nichtigen Gründen wurde ich bestraft, viele wurden +vor ein Kriegsgericht gestellt und gingen jahrelangen +Kerkerstrafen entgegen.</p> + +<p>Nachts, anstatt zu schlafen, lag ich wach und quälte +mein Hirn, um nicht in irgend eine Schlinge zu +geraten.</p> + +<p>Nie werde ich die Kaltblütigkeit meines Freundes +Frol… vergessen.</p> + +<p>Eines Abends saßen wir in der Schenke, mehrere +Soldaten und ein Sergeant von unserer Kompagnie, und +sprachen bei einem Becher Wein und einem Stück Brot +<span class='pagenum'><a name="Page_237">[237]</a></span> +über Politik, dabei war Frol… anderen Sinnes als der +Sergeant, sie gerieten in Wortwechsel und schließlich gab +der schuftige Sergeant dem Frol… eine mächtige +Ohrfeige auf die rosige Wange. Frol… blieb ruhig +und kalt, lächelnd bat er den Wirt um eine Schüssel +mit Wasser, stellte sie vor dem Sergeanten auf, wusch +sich das Gesicht, füllte sein Glas und stieß mit dem +Sergeanten an, indem er sagte:</p> + +<p>»Trinken wir auf das Wohl der Armee und auf +uns armen Sünder!«</p> + +<p>Der Sergeant wollte nicht Bescheid thun, mit +schamrotem Gesicht ging er von dannen.</p> + +<p>Der Vorfall kam dem Hauptmann zu Ohren, er +rief Frol…, faßte ihn am Arm und sagte:</p> + +<p>»Sie sind ein schlechter Soldat, ein neapolitanischer +Trotzkopf, aber wir werden Ihnen Ihren Starrsinn +austreiben: Sie haben dreißig Tage strengen Arrest bei +Wasser und Brot, damit Sie Ihren Hauptmann +Alessandro Ter… nicht vergessen.«</p> + +<p class="center"><strong>Er sei verflucht!</strong></p> + +<div class="new-h4"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_238">[238]</a></span></p> +<h4>Die Entdeckung.</h4> + +<p>Ein ministerieller Erlaß ordnete an, daß die Soldaten +der Strafkompagnie, die mit mehr als sechs Monaten +Gefängnis bestraft waren und der Aushebungsklasse +1868 angehörten, auf dauernden Urlaub entlassen werden +sollten. Die hiervon betroffenen Soldaten freuten sich +und sahen ungeduldig der Stunde entgegen, wo sie dieser +Hölle entrinnen konnten; auch ich freute mich, aber nicht +ganz aufrichtig, denn ich wußte, daß etwas dabei nicht +ganz in Ordnung war. Infolge meiner Sparsamkeit +hatte ich mir eine ganze Ausstattung angeschafft, die ich, +nachdem ich dreizehn Jahre lang von Hause entfernt +war, gut gebrauchen konnte. Denn zu Hause war ich +sicher, nichts vorzufinden, wie wäre das möglich, da mein +Bruder vor <em class="gesperrt">Hunger starb</em> und <em class="gesperrt">im tiefsten Elend</em> +saß. <strong>Der Ärmste!!…</strong></p> + +<p>Endlich kam das Verzeichnis der Soldaten, welche +auf dauernden Urlaub gingen, sie wurden zusammengerufen +und ich mit; mein Herz schlug heftig, die Beine +trugen mich kaum, mein Geist war trübe und verwirrt. +Warum? Ich wußte es selber kaum.</p> + +<p>Unsere Uniform wurde uns ausgezogen, nur den +Drillichanzug behielten wir, auch die Waffen wurden +uns abgenommen und jedem von seinem Guthaben +acht Lire und fünfzig Centesimi abgezogen. Den ganzen +<span class='pagenum'><a name="Page_239">[239]</a></span> +Tag herrschte ein Kommen und Gehen, wir waren sechsundachtzig +Mann.</p> + +<p>Am Abend wurde uns der Paß ausgestellt, unser +Guthaben ausgezahlt und das Fahrgeld für die Eisenbahn +übergeben. Als der Hauptmann mich sah, sagte er:</p> + +<p>»Es thut mir leid, daß Sie schon fortgehen, ich +hätte Sie gerne noch etwas länger hier gehabt, damit +Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter… nicht vergessen.«</p> + +<p class="center"><strong>Er sei tausend Mal verflucht!</strong></p> + +<p>Am nächsten Sonntag reiste ich, nachdem ich meine +Kameraden umarmt hatte, von Venedig dritter Klasse +nach Bologna ab; die meisten fuhren nach Florenz, ich +allein mit einem Gefährten nach Ancona.</p> + +<p>Ich hatte noch eine Anzahl Zehnlirenoten; in Bologna +gingen wir in eine Schenke, dort ließ ich mir +einen Bettler kommen und schenkte ihm meinen Drillichanzug, +während ich mich in meinen schönen Zivilanzug +kleidete. Dem Bettler schenkte ich alles, Hose, Jacke, +Binde, Mütze, ja sogar das Taschentuch, um durch nichts +mehr an den Hauptmann Alessandro Ter… erinnert +zu werden.</p> + +<p class="center"><strong>Er sei tausend Mal verflucht!</strong></p> + +<p>Dann gab ich ihm eine Zweilirenote und sagte:</p> + +<p>»Da, iß und trink, und wenn jemand Dich fragt, +wer Du bist, dann sage, Du bist aus der ersten Strafkompagnie +entlassen.«</p> + +<p>Als der Bettelsoldat fort war, sagte mein Kamerad:</p> + +<p>»Dem hast Du was schönes eingebrockt!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_240">[240]</a></span> +»Wieso?«</p> + +<p>»Weil er, ehe noch eine Stunde verstrichen ist, verhaftet +sein wird.«</p> + +<p>»Unmöglich!«</p> + +<p>Tags darauf reiste mein Gefährte nach Ancona +ab; ich fuhr nicht mit, nicht eigentlich um mir Bologna +anzusehen, sondern weil es mir Vergnügen machte, allein +und von niemandem gekannt, zu reisen.</p> + +<p>Nach vier Tagen fuhr ich nach Ancona, und depeschierte +an meinen Bruder um Geld, worauf ich eine +telegraphische Anweisung über zwanzig Lire empfing; +dann reiste ich weiter.</p> + +<p>In Taranto blieb ich zwei Tage, hier schrieb ich +in mein Taschenbuch, daß ich auf Ministerialerlaß vom +7. Juni 1881 am 14. Juni 1881 auf dauernden Urlaub +entlassen sei; in Bari hielt ich mich zwei Tage +auf, von Foggia aus telegraphierte ich wieder an meinen +Bruder um Geld; hier blieb ich sechs Tage, da ich einen +Unglücksgefährten traf, mit dem ich in Lucera zusammen +im Gefängnis gewesen war. Am siebenten Tage ging +ich zum Bahnhof; gerade wollte ich nach Polenza abfahren, +als der Schaffner, welcher die Fahrkarten zu +durchlochen hat, mich nach meinem Billett fragte, und +nachdem ich es ihm gezeigt hatte, sagte:</p> + +<p>»Sie sind Soldat?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Und haben Sie die Erlaubnis, in Zivil zu +reisen?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_241">[241]</a></span> +»Nun, dann ziehen Sie Uniform an, oder bezahlen +wie jeder andere Zivilist, so kann ich Sie nicht mitfahren +lassen.«</p> + +<p>Ich widersprach, der Kontrolleur kam herzu und +gab mir unrecht. Ich mußte aussteigen und überlegte +was zu thun sei. Ich hätte mich ja bei der Militärbehörde +melden können, aber in meinem Paß war +angegeben, daß ich wegen schlechter Führung unter +Aufsicht stand.</p> + +<p>Als Zivilist zu bezahlen kostete viel Geld und das +hatte ich nicht, in Foggia konnte ich nicht bleiben – +was war da zu thun?</p> + +<p>Endlich faßte ich mir ein Herz und begab mich +zur Militärbehörde, wo der Oberst mir den Vermerk in +den Paß schrieb, daß ich Zivilkleider tragen dürfe. +Erleichtert ging ich von dannen, tags darauf reiste ich +nach Polenza, von da nach Catanzaro und dann nach +Pizzo. Von hier ließ ich mich in einem Boot nach +meinem Heimatort rudern; mein Neffe Francesco Antonio, +der älteste Sohn meines Bruders erwartete mich. Ich +betrete das Haus meines verstorbenen Vaters, es war +Abend und die Nacht brach heran, mein Bruder umarmte +mich und weinte vor Ärger, da er gewünscht +hatte, daß ich das väterliche Dach nie wieder gesehen +hätte; aber ihm lachte ja noch der süße Trost, daß ich +von Mörderhand fiel oder an der Schwindsucht in irgend +einem Krankenhause verendete.</p> + +<p>»Wie Du elend aussiehst,« sagte er, tiefen Schmerz +heuchelnd.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_242">[242]</a></span> +»Das macht nichts lieber Bruder; so sieht das +Unglück aus, es ist das Werk des Hauptmanns +Alessandro Ter…, <strong>der tausendmal verflucht sei</strong>; +aber bald werde ich mich erholt haben; ich war schon +elender als jetzt, und unter Eurer Pflege werde ich +bald wieder frisch und rund sein, eine Zigeunerin hat +mir in Genua prophezeit, daß ich ein Baum sei, der +in jedem Sturm zerzaust würde, aber daß ich mich +bald wieder mit Blüten und hellem Grün bekleiden +würde.«</p> + +<p>Ich fand sechs kleine dreckige Kinderchen vor, +zerlumpt, barfuß, halbtot vor Hunger und Durst – es +waren die Kinder meines Bruders.</p> + +<p>Ich sah seine würdige Gemahlin, Donna Michela, +ein Weib wie ein Kürassier, wenn sie ging, zitterte der +Boden unter ihrem großen, schweren Fuß, sie war +kurzsichtig und kniff die Augen zusammen, wenn sie mich +ansah; stets hingen ihr die fetten Brüste aus dem geöffneten +schmutzigen und zerrissenen Kleid heraus.</p> + +<p>Ich fand zwei alte kindisch gewordene boshafte +Nonnen vor, es waren die Schwestern meines armen +verstorbenen Vaters.</p> + +<p>Mehrere Tage hindurch quälte eine schreckliche +Krankheit ein Glied meines Körpers, ich legte mich zu +Bett und rief den Doktor Antonino di Vita, doch die +Schmerzen wurden stärker und zerrissen mir das Herz. +Als ich endlich auf dem Wege der Besserung war, +erhielt der Bürgermeister unserer Stadt die niederschmetternde +Nachricht, daß ich auf Anordnung der +<span class='pagenum'><a name="Page_243">[243]</a></span> +Militärbehörde sofort zurück geschickt werden solle, da +ich irrtümlich auf dauernden Urlaub gegangen sei.</p> + +<p>Dieser Befehl wurde mir mitgeteilt, meine Verzweiflung +kannte keine Grenzen, mehrere Male setzte ich +den kalten Lauf meines Revolvers an die Schläfe und +war im Begriff mir den Kopf zu zerschmettern, aber +ein anderer Gedanke kam dazwischen und sagte: Lebe +und leide!</p> + +<p>Ich schickte ein ärztliches Attest, daß ich nicht +reisen könne und bekam vierzehn Tage Aufschub.</p> + +<p>Nach diesen vierzehn Tagen mußte ich abreisen, +um unter die Knechtschaft des Tyrannen zurückzukehren, +um noch einmal in jenem Labyrinth in Jammer und +Pein zu leben, wo Arrest und Kettenhaft, Wasser +und Brot herrschen und jener schändliche Hauptmann +Alessandro Ter…</p> + +<p class="center"><strong>Er sei tausend Mal verflucht!</strong></p> + +<p>Ich bewaffne mich wie ein Brigant, eine Doppelbüchse +über die Schulter, einen Revolver an der Seite, +zwei Pistolen in der Tasche, einen langen Dolch und +Säbel, Patronen, Pulver und Schrot trug ich in einer +alten Patronentasche, so begab ich mich in die bergigen +Gefilde von Daffina, entschlossen, die Karabinieri über +den Haufen zu schießen, wenn sie mich verfolgen +sollten.</p> + +<p>Die Zeit war um, wo ich mich in Catanzaro hätte +melden müssen, jetzt war ich Deserteur.</p> + +<p>Nach sieben Tagen entschloß ich mich, das Schicksal +walten zu lassen, ich ging nach Catanzaro und stellte +<span class='pagenum'><a name="Page_244">[244]</a></span> +mich der Militärbehörde. Hier gab man mir mein +Reisegeld und ich machte denselben Weg zurück, den ich +vor zwanzig Tagen gefahren war.</p> + +<p>Ich trug den Tod im Herzen, die Abteilungen +dritter Klasse waren voll von Soldaten, die fröhlich +sangen; auf den Stationen war ein Drängen, ein Gehen +und Kommen, Ein- und Aussteigen, Umarmen, Begrüßen; +fröhlich, jauchzend trennten sich die Kameraden, es +war die Klasse 1868, die entlassen war; nur ich, der +ich derselben Klasse zugehörte, mußte zum Regiment +zurück! Welch trübes Verhängnis konnte mich erwarten +unter der Herrschaft des ausgemachten Hahnreis, des +Hauptmanns Alessandro Ter…?</p> + +<p class="center"><strong>Er sei tausend Mal verflucht!</strong></p> + +<p>Was in mir vorging, das vermag keine Feder zu +beschreiben; denn gewisse Schmerzen fühlt man zwar, +aber man kann sie nicht äußern; die Furien der Hölle +bemächtigten sich meiner, ich fluchte wie ein Verdammter, +ich zerbiß mir die Hände, die Arme, ich riß mir das +Haar aus und rannte mit dem Kopf gegen die Wand, +ich schlug mir mit den Fäusten vor die Stirn und +stopfte mir die Finger in die Ohren, um nicht den +Gesang, das Stimmengewirr zu hören; ich war +neidisch auf deren Glück, ich wünschte taub und blind +zu sein.</p> + +<p>Nach einer langen und anstrengenden Reise kam +ich auf dem Lido an, es war ein Uhr Nachts, ich ging +zu meiner Kaserne und klopfte an die eisenbeschlagene +<span class='pagenum'><a name="Page_245">[245]</a></span> +Thür, ein Fenster öffnet sich und der wachthabende +Sergeant sagt:</p> + +<p>»Wer ist da?«</p> + +<p>»Ich – ist hier Wohnung für mich?«</p> + +<p>»Nicht übel, meinen Sie, hier sei ein Gasthaus?«</p> + +<p>»Ja, aber ein unfreiwilliges.«</p> + +<p>»Wer sind Sie denn?«</p> + +<p>»Wer soll ich sein!«</p> + +<p>»Wie heißen Sie?«</p> + +<p>»Antonino!«</p> + +<p>»Sind Sie verrückt?«</p> + +<p>»Man möchte es meinen.«</p> + +<p>»Woher kommen Sie?«</p> + +<p>»Von Hause.«</p> + +<p>»Und zum Teufel, was wollen Sie denn?«</p> + +<p>»Was ich gesagt habe.«</p> + +<p>»Und das ist?«</p> + +<p>»Hier wohnen.«</p> + +<p>»Hier wohnen nur Soldaten.«</p> + +<p>»Ich bin Soldat.«</p> + +<p>»Bei welchem Regiment?«</p> + +<p>»Ich gehörte nicht zum Regiment.«</p> + +<p>»Also zur Kompagnie?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Zu welcher?«</p> + +<p>»Zur ersten.«</p> + +<p>»Zur Strafkompagnie?«</p> + +<p>»Ja, zur Strafkompagnie!«</p> + +<p>»So warten Sie!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_246">[246]</a></span> +Er öffnete die Thür, fuhr mir mit der Nase in's +Gesicht und sagte dann:</p> + +<p>»Ah, Sie sind es, geliebter M…, seien Sie +mir willkommen!«</p> + +<p>Ich trete ein, der Hauptmann wird gerufen und +erscheint mit dem Lieutenant <i lang="la" xml:lang="la">du jour</i>.</p> + +<p>»Nun, paßte es Ihnen nicht zu kommen«, sagte +der Hauptmann, »Sie scheinen zu glauben, daß wir hier +dazu da sind, um auf Sie zu warten; Sie miserabler +Kerl! Das werden wir Ihnen anstreichen. Führen +Sie ihn sofort in Arrest und schließen Sie ihn krumm!«</p> + +<p>Tags darauf wurde mir bekannt gemacht, daß ich +vor ein Kriegsgericht gestellt werden würde und nach +einigen Tagen, die mit Schmähungen seitens des gottverfluchten +Hauptmanns Alessandro Ter… ausgefüllt +waren, brachte man mich in das Militärgefängnis zu +Venedig. Der Untersuchungsrichter vernahm mich, ich +sagte aus, daß ich krank gewesen sei und deshalb meine +Zeit überschritten habe. Nach einiger Zeit kam der +Untersuchungsrichter wieder und überhäufte mich mit +Schimpfreden; er hatte sich von meinem Arzt, dem Doktor +Antonino di V… und dem Bürgermeister meiner +Heimatstadt mitteilen lassen, daß ich meinen Urlaub überschritten +habe.</p> + +<p>Nun war ich verloren und erklärte mich der Desertion +für schuldig.</p> + +<p>Mein Verteidiger kam, ein Marineoffizier, Signor +Lodovico L… und sagte:</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_247">[247]</a></span> +»Sie sind stark belastet, weil Sie sich selbst bezichtigt +haben, ich sehe wenig Aussicht für Sie.«</p> + +<p>»Herr Lieutenant«, sagte ich, »ich weiß, daß ich verloren +bin, aber man muß vorsichtig operieren und versuchen, +die harten Herzen der Richter zu erweichen«, und +ich erzähle ihm in lebhaften Farben meine langen und +schmerzlichen Leiden; sie gingen ihm zu Herzen und zwei +große helle Thränen fielen aus seinem schönen Auge.<a name="FNanchor_62_62" href="#Footnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a></p> + +<p>»Sie Ärmster«, beklagte er mich, »soviel haben Sie +gelitten und Sie leben noch! Ja, braver junger Mann, +erzählen Sie den Richtern diese rührende Geschichte, und +sicher, sie werden Mitleid fühlen. Ich wußte nicht, daß +das menschliche Leben soviel Unglück und Schande birgt, +daß das Schicksal einen Menschen so verfolgen kann. +Sie Ärmster!«</p> + +<p>Er drückte mir zärtlich die Hand und ging erschüttert +von dannen.</p> + +<p>Der Untersuchungsrichter kam von neuem und teilte +mir mit, daß der Staatsanwalt beabsichtigte, den Bürgermeister +meiner Vaterstadt, den Doktor Antonino di V… +und den Wachtmeister der Karabinieri zu Tropea zur +Verhandlung laden zu lassen. Das wunderte mich nicht +wenig, denn was für einen Zweck hatte es, da ich mein +Verbrechen selbst zugab. Es konnte mir nur Schaden +bringen, denn sie würden auf der Eisenbahn zweiter +Klasse fahren und das mußte ich bezahlen – wozu nun +diese Kosten verursachen?</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_248">[248]</a></span> +Mehrere Tage verbrachte ich deshalb in Sorgen.<a name="FNanchor_63_63" href="#Footnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a></p> + +<p>Am Morgen des Verhandlungstages befand ich mich +mit den anderen Soldaten auf dem Hof, als der Wachtmeister +aus Tropea erschien. Er sah mich und die +Soldaten durchdringend an, ging dann auf den Abtritt +und sah uns wieder an.</p> + +<p>Man führte mich in das Gerichtsgebäude, das +neben dem Gefängnis lag; ich nahm auf der Anklagebank +Platz, der Staatsanwalt, in seine große schwarze +Toga gekleidet, sah mich an und ein spöttisches Lächeln +umspielte seine krummen Lippen.</p> + +<p>Die Richter nahmen ihre Plätze ein; der Vorsitzende +war der Oberst vom 8. Infanterie-Regiment; +mein Verteidiger sah mich mit thränenfeuchtem Blick an.</p> + +<p>Der Präsident sagte:</p> + +<p>»Stehen Sie auf, M… und sagen Sie uns, +weshalb Sie der Aufforderung, zum Regiment zurückzukehren, +nicht Folge geleistet haben.«</p> + +<p>»Erlauchter Herr Präsident, mein gnädiger Herr +Richter! Sie haben einen unglücklichen Menschen vor +sich, der vierzehn lange Jahre hindurch vom Geschick +grausam verfolgt worden ist, vierzehn entsetzliche Jahre +lang hat meine Seele keine Ruhe gefunden; beim Zivil +bin ich zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, die ich in +düsteren Kerkermauern unter schwersten Entbehrungen verbracht +habe – als Soldat bin ich in Florenz aus +nichtigen Gründen zu drei Jahren Arrest verurteilt, und +<span class='pagenum'><a name="Page_249">[249]</a></span> +in dem Pandämonium zu Savona habe ich sie abgebüßt +und mein Leben dadurch um zwanzig Jahre verkürzt.</p> + +<p>In Salerno wurde ich unschuldig verurteilt, unschuldig +in Gott, wegen der Schändlichkeit eines Korporals +und der Blindheit der Richter, und unschuldig, +ja unschuldig, meine Herren, sperrt man mich ein langes +Jahr in eine entsetzliche Festung.</p> + +<p>Der ehrenwerte Herr Staatsanwalt weiß, daß ich +die Wahrheit sage, er kann es bezeugen, daß ich unschuldig +war, er hat selbst die Verurteilung des Korporals +Alfonso S… beantragt, wegen Verleumdung und +falscher Aussage wider mich. Der Herr Staatsanwalt +kennt meine schmerzensreichen Abenteuer; er war bei allen +meinen Verurteilungen zugegen, und ich habe wie ein +wrackes Schiff, das den schäumenden Wogen überlassen +ist, titanenhaft kämpfen müssen, um nicht unterzugehen. +Was wollen Sie jetzt noch, weshalb verfolgt mich die +unerbittliche Schärfe des Gesetzes?</p> + +<p>Wollen Sie mein erbärmliches Leben?</p> + +<p>Nehmen Sie es, meine Herren, nehmen Sie es +hin; ich gebe es Ihnen, nehmen Sie mich ganz, diesen +Haufen von Knochen, an dem das Unglück sein Werk +gethan, die Seele, die …«</p> + +<p>»Genug, M…, genug! Beruhigen Sie sich, +wir sind nicht von Stein«, unterbrach mich der Präsident +gerührt.</p> + +<p>Meine glühenden Worte hatten Bresche gelegt +in den Herzen der Richter, das zahlreich anwesende +Publikum weinte, mein Spiel war gewonnen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_250">[250]</a></span> +Meine Vorstrafen wurden verlesen, aber mehr als +alles schmerzte mich das Führungszeugnis, das mir der +Hauptmann, Alessandro Ter… ausstellte.</p> + +<p class="center"><strong>Er sei verflucht!</strong></p> + +<p>Der Wachtmeister der Karabinieri wurde aufgerufen +und gefragt:</p> + +<p>»Kennen Sie den Soldaten M…?«</p> + +<p>»Ja, Herr Präsident.«</p> + +<p>»Wissen Sie, weshalb er desertierte?«</p> + +<p>»Meines Erachtens, Herr Präsident, ist M… +kein Deserteur.«</p> + +<p>»Wieso?«</p> + +<p>»Weil er von seiner Vaterstadt bis nach Catanzaro +sechs Tage gebraucht hat.«</p> + +<p>»Wie? Sechs Tage?« rief der Präsident aus, +»und er sagt selbst, daß er drei Tage gebraucht hat.«</p> + +<p>»Wenn er die Eisenbahn benutzt hätte, aber diese +Linie soll erst gebaut werden.«</p> + +<p>Er steckte die Hand in die Tasche seines Rockes und +holte ein Blatt heraus, das er dem Präsidenten mit den +Worten reichte:</p> + +<p>»Hier ist meine Reiseroute, ich habe sechs Etappen +von Tropea nach Catanzaro markiert.«</p> + +<p>Der Präsident sah die Karte an, dann wandte er +sich an mich und sagte:</p> + +<p>»M…, erinnern Sie sich, wieviel Tage Sie gebraucht +haben?«</p> + +<p>»Genau nicht.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_251">[251]</a></span> +»Dann sagen Sie das, und sagen Sie nicht, daß +Sie drei Tage gebraucht haben.«</p> + +<p>Damit wurde die Anklage wegen Desertion hinfällig. +Der Präsident sagte noch, wie meine soziale +Stellung in meiner Heimat sei, was für eine Meinung +er von mir habe und der Ehrenmann sagte:</p> + +<p>»Seine Landsleute beklagen ihn und nennen ihn +einen Unglücklichen, vom Schicksal nur zu sehr Heimgesuchten!«</p> + +<p class="center"><strong>Gott segne ihn!</strong></p> + +<p>Der Staatsanwalt sprach bewegliche Worte zu +meinen Gunsten, weil er die Ungerechtigkeit, die er mir +vor dem Kriegsgericht zu Palermo angethan hatte, wieder +gutmachen wollte, und er schloß damit, daß er seine Anklage +nicht aufrecht erhalten könne.</p> + +<p>Mein Anwalt sagte bewegt:</p> + +<p>»Es ist unnötig, daß ich spreche; mein Client hat +unsere Herzen gerührt und ich empfehle ihn Ihrer Güte +und Gnade.«</p> + +<p>Der Gerichtshof zog sich zurück, der Staatsanwalt +näherte sich der Schranke der Anklagebank und sagte:</p> + +<p>»Heute verdienen Sie das Jahr von Palermo.«</p> + +<p>»Das Jahr ist verloren.«</p> + +<p>»Sie werden freigesprochen werden.«</p> + +<p>»Ich habe nichts verbrochen.«</p> + +<p>»Nehmen Sie sich in Zukunft in Acht.«</p> + +<p>»Wohl möglich!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_252">[252]</a></span> +Der Gerichtshof trat wieder ein, ringsum herrschte +das größte Schweigen; meine Freisprechung wurde durch +den Mund des Präsidenten verkündet.</p> + +<p>Laute Hoch- und Bravorufe ertönten aus dem +Publikum, ich sprang über die Schranken, eilte auf +meinen Verteidiger zu und gab ihm einen lauten glühenden +Kuß auf die Hand, und hätten die Umstände es erlaubt, +so hätte ich dasselbe dem edlen Wachtmeister der Karabinieri +zu Tropea, dem Herrn <strong>Luigi Scr…</strong> gethan; +die Hochrufe und das Beifallklatschen ertönten von neuem, +und so schloß das rührende Schauspiel.</p> + + +<div class="new-h4"></div> +<h4>Ein Jahr.</h4> + +<p>Ich kam zur Kompagnie zurück, meine Unglücksgefährten +umarmten mich, aber der Kommandant schmähte +mich heftig und sagte:</p> + +<p>»Haben Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter… +vergessen?«</p> + +<p class="center"><strong>Er sei tausend Mal verflucht!</strong></p> + +<p>Ein Befehl der Strafabteilung im Kriegsministerium +verurteilte mich zu der harten Strafe von sechzig Tagen +Wasser und Brot in Ketten.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_253">[253]</a></span> +Ich mußte mich fügen, man schloß mich in eine +dunkle Zelle und legte mir schwere Ketten um die Hand- +und Fußgelenke, ich glaube keine Feder und keine Phantasie +vermag meinen Zustand zu schildern und ich überlasse +es dem gütigen Leser, je nach seiner Einbildungskraft +sich eine Vorstellung davon zu machen. Wiederholt +wurde ich krank, und der Stabsarzt, ein Landsmann +von mir, sagte:</p> + +<p>»Es ist nichts, trinken Sie ein Glas Meerwasser, +der Sergeant wird aufpassen, daß es geschieht, und es +wird Ihnen gut bekommen« – aber Gott, der allgerechte +Richter vergalt ihm diese Schändlichkeit nach seinem +eigenen Rezept.</p> + +<p>Es war im Monat Juli des Jahres 1881, der +schändliche Stabsarzt begab sich an die Seeküste, um +seine verfluchte Seele zu erfrischen; zwei Fährleute, die +mit ihrem Boot in der Nähe waren, fragten, ob sie ihn +begleiten sollten, wenn er hinausschwimmen wolle, er +lehnte es ab, die Schiffer zogen sich in eine Strohhütte +zurück und schliefen ein.</p> + +<p>Es war gegen Mittag, der Lieutenant zog sich aus, +setzte sich einen großen Strohhut auf und glitt über das +Wasser; die Schiffer wachten auf und sahen den Strohhut +auf dem Wasser, sie dachten, der Lieutenant muß viel +Hitze haben, denn es dauerte eine Stunde und er kam +nicht heraus; endlich fahren sie mit ihrem Boot an den +Strohhut heran, der aber hinwegtrieb; einer streckt nun +die Hand aus und ergreift den Hut – der Lieutenant +<span class='pagenum'><a name="Page_254">[254]</a></span> +war verschwunden. Die Schiffer begaben sich nach dem +Kasino und erzählten den Vorfall.</p> + +<p>Alle Soldaten, Offiziere, Chargierten begaben sich +nach der Küste und stellten sich am Ufer auf, und warteten, +ob der Lieutenant den Wogen entsteigen wird, wie +einst Venus dem Meeresschaum. Fünf Tage und fünf +Nächte dauerte das, der Kommandant fuhr nach Venedig +und hielt Vortrag, darauf wurde die ganze Bucht mit +Schiffen aller Art nach dem elenden kleinen Lieutenant +abgesucht und endlich am siebenten Tage wurde er zehn +Kilometer von der Küste aufgefischt – unförmig, ein +ekler Haufen, ohne Augen.</p> + +<p>Er wurde auf dem Lido begraben; als die Soldaten +an seinem Grab vorbeigingen, spuckte jeder aus und +sandte ihm einen Fluch in die geweihte Erde nach, dem +Stabsarzt Ger…, der Seewasser zu verschreiben +liebte.</p> + +<p class="center"><strong>Er sei verflucht!</strong></p> + +<p>Mein Arrest ging zu Ende, meine Kameraden +nahmen mich unter die Arme und schafften mich nach +dem Lazarett in Venedig, ich litt am Skorbut – zwei +Monate lang blieb ich dort.</p> + +<p>Kaum war ich wieder in der Kompagnie, als der +Oberst mich zu zwanzig Tagen Arrest bei Wasser und +Brot verurteilte, aber der Hauptmann Ter… behielt +mich dreißig Tage in Arrest, damit ich mich stets an +ihn erinnere, den charmanten Hahnrei Alessandro Ter…</p> + +<p class="center"><strong>Er sei verflucht!</strong></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_255">[255]</a></span> +Ich fügte mich und ging in Arrest, sogleich kam +der Hauptmann, schimpfte und schmähte mich und sagte +hohnlachend:</p> + +<p>»Sie leben hier wie ein Fürst, Sie werden dick +und fett wie ein Schwein, ich werde darüber nachdenken, +wie ich Sie hier immer behalten kann.«</p> + +<p>Soll ich die Quälereien erzählen, die er mich erdulden +ließ? So hört!</p> + +<p>Als ich eines Nachts auf Wache stand, nähert sich +eine Gestalt, die Laternen verlöschen, ein heftiger Sturm +schien die Kaserne in ihren Grundfesten erschüttern zu +wollen.</p> + +<p>»Wer da?« rufe ich.</p> + +<p>»Ronde!« antwortet die Gestalt.</p> + +<p>»Sie dürfen nicht näher kommen, ich muß Sie erst +dem dienstthuenden Offizier melden.«</p> + +<p>»Schweigen Sie, ich bin es, ich kann passieren.«</p> + +<p>»Ich kenne Sie nicht, zurück!«</p> + +<p>Er ging, am andern Morgen wurde ich zu +dreißig Tagen Wasser und Brot verurteilt.</p> + +<p>Warum?</p> + +<p>Weil ich meine Pflicht gethan hatte.</p> + +<p>Wer war die Gestalt?</p> + +<p>Der Hauptmann Alessandro Ter…</p> + +<p class="center"><strong>Er sei tausend Mal verflucht!</strong></p> + +<p><strong>Weiter!</strong></p> + +<p>Eines Tages war ich in der Kaserne konsigniert, +ich wußte es nicht, ich ging aus und als ich zurückkam, +sagt mir ein Sergeant:</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_256">[256]</a></span> +»Sie kommen in Arrest.«</p> + +<p>Ich war zu zwanzig Tagen bei Wasser und Brot +verurteilt, auf Befehl des Hauptmanns Alessandro +Ter…</p> + +<p class="center"><strong>Er sei tausend Mal verflucht!</strong></p> + +<p><strong>Weiter!</strong></p> + +<p>Eines Sonntags war Inspektion, wir standen +paarweise auf dem Hof, auf Kommando mußten die +Tornister heruntergenommen werden, und der Hauptmann +durchsuchte alles auf das genaueste.</p> + +<p>Als der Schinder mir gegenüber stand, nahm er +mir die Mütze ab, um zu sehen, ob das Futter sauber +war, dann ließ er mich die Ärmel zurückschlagen und +der Teufel wollte, daß die Naht des Futters ein wenig +aufgetrennt war.</p> + +<p>»Weshalb ist das nicht genäht?« sagte er.</p> + +<p>»Ich habe es nicht gesehen, Herr Hauptmann.«</p> + +<p>»Faule Ausreden; ich werde dafür sorgen, daß Sie +es sehen, und Sie werden mir dankbar sein. Sergeant,« +sagte er, sich an einen Chargierten wendend, »führen Sie +ihn in Arrest, dort werden seine Augen schärfer.«</p> + +<p>Er verurteilte mich zu vierzehn Tagen bei Wasser +und Brod, und täglich kam er in meine Zelle +und sagte:</p> + +<p>»Wie es scheint, Sie sehen schon besser, bin ich +nicht ein guter Augenarzt! Wenn Sie einmal wieder +nicht sehen können, dann wenden Sie sich an Ihren +Hauptmann Alessandro Ter…«</p> + +<p class="center"><strong>Er sei tausend Mal verflucht!</strong></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_257">[257]</a></span> +<strong>Weiter!</strong></p> + +<p>Eines Morgens werde ich krank, ich hatte Fieber +und der Arzt verschrieb mir etwas und ordnete zwei +Tage Ruhe an.</p> + +<p>Der Hauptmann hob diese Anordnung auf und +schickte mich fünfundzwanzig Tage in Arrest bei Wasser und +Brot, indem er sagte, ich hätte das Fieber selbst herbeigeführt, +um vom Dienst dispensiert zu werden.</p> + +<p>Er besuchte mich im Arrest und sagte:</p> + +<p>»Statt der zwei Tage Ruhe, habe ich Ihnen +fünfundzwanzig bewilligt, ich hoffe Sie werden mir +dankbar sein.«</p> + +<p class="center"><strong>Er sei tausend Mal verflucht!</strong></p> + +<p>Ich würde nie fertig werden, wenn ich alle die +ungerechten, grausamen Sachen aufzählen wollte, die mir +der verfluchte Schinder, der <strong>große Hahnrei Hauptmann +Alessandro Ter…</strong> und seine schändlichen Trabanten +auferlegt haben.</p> + +<p class="center"><strong>Sie seien tausend Mal verflucht!</strong></p> + +<div class="new-h4"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_258">[258]</a></span></p> +<h4>Schluß.</h4> + +<p>Nach sovielen Jahren der Leiden und nachdem +ich so lange titanisch gekämpft hatte, wurde ich verabschiedet, +und an dem Tage, wo ich für immer die +elende Behausung verlassen sollte, die mich gefangen +hielt, da weitete sich mein Herz; an dem Tage, da ich +die eiserne Disziplin abstreifte und das elende Leben ein +Ende hatte, wo ich in stiller Ergebung die Bedrückung +der Vorgesetzten hatte ertragen müssen – in jener +Stunde des Jubels, in jenem Augenblick, wo ich die +Unglücklichen, die Kranken und Schmachtenden verlassen +mußte, da wieder schnürte sich meine Brust zusammen, +ein Schluchzen entrang sich meinem Munde, ich umarmte +meine Leidensgefährten zum letzten Mal und +ging von dannen, ohne den heißen Strom meiner Thränen +zurückhalten zu können.</p> + +<p>Zwei Empfindungen kämpften in mir; der Schmerz, +die Unglücklichen verlassen zu müssen und die Sehnsucht, +meine Angehörigen wieder zu umarmen.</p> + +<p>Ich sollte die Scholle wieder sehen, wo ich als +Kind mit meinen Altersgenossen gespielt hatte, und ein +leuchtender Stern ging mir auf, die Erfüllung lang +gehegter Hoffnungen verkündend. <strong>Lebe wohl, Lido! Lebewohl, +du fruchtbare Küste der Königin der Meere.</strong> +Du allein kennst all die Unthaten, die uns heimgesucht, +dir allein, dem Pandämonium der Schande und Schmach +<span class='pagenum'><a name="Page_259">[259]</a></span> +sende ich meinen letzten Gruß, der deinen Opfern Trost +bringen möge!</p> + +<p>O <strong>Serraglio</strong> (die Kaserne der ersten Strafkompagnie), +wo ich meinen Namen in Blut niedergeschrieben habe, +ich grüße Dich! Möge in deine düstern Höhlen, wo +das Eisen des Despotismus die Fäden des Lebens im +Frühling der Jahre und in der Blüte jugendlicher +Hoffnungen zerschneidet, eines Tages auch der Ruf der +Freiheit denen ertönen, die unter der Schändlichkeit +dulden!</p> + +<p>Lebt wohl, ihr belaubten Haine, die ihr gegrünt +habt und verwelkt seid wie meine Schmerzen, lebt wohl +ihr Felder, die ich mit meinen Thränen betaute.</p> + +<p>Leb' wohl, du trübe Woge der Adria; wie oft hast +du im schäumenden Strudel deiner ewigen Fluten meine +Thränen, das Echo meiner Leiden, hinabgezogen! Ich +grüße dich, unseliges Gestade!… Und wenn mir eine +Erinnerung in die Seele geprägt ist, so wird es die +von der Qual sein, welche ich erlitt unter der drückenden +Herrschaft der Tyrannen und der blutdürstigen Hyäne, des +Hauptmanns Alessandro Ter… –</p> + +<p class="center"><strong>Er sei tausend Mal verflucht! –</strong></p> + +<p>Unter der Herrschaft eines Despoten, der Italiens +Volk knechtet, daß die blumige Erde rot von Blut und +feuchten Thränen wird, jene Erde, welche die Wiege +der Künste und Wissenschaften sein sollte, die immer +wieder unter dem Zepter der Gemeinen gebeugt und +dem Gelüst nach feilem Ruhme geopfert wurde.</p> + + + +<div class="new-h3"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_260">[260]</a></span></p> +<h3><a name="Vierter_Teil">Vierter Teil.</a><br/> +Getäuschte Hoffnungen.<a name="FNanchor_64_64" href="#Footnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a></h3> + + +<div class="new-h4"></div> +<h4>Vorbemerkungen.</h4> + +<p>Der Mensch denkt, Gott lenkt.</p> + +<p>Besser, den Teufel zur Seite haben, als ein +schlechtes Weib.</p> + +<p>Unselig der Gatte, der sich des Friedens willen dem +Unterrock beugt.</p> + +<p>Wer Pech angreift besudelt sich.</p> + + +<div class="new-h4"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_261">[261]</a></span></p> +<h4>An mein liebes Söhnchen Francesco Antonio.</h4> + +<p class="center">Mein einzig geliebter Junge!<a name="FNanchor_65_65" href="#Footnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a></p> + +<p>Dies ist der dritte und vielleicht der letzte Brief, +den ich Dir hinterlasse, und ich glaube, dies ist auch der +letzte Teil meiner Erzählung, mit dem ich die traurigen +und seltsamen Abenteuer meines Lebens abschließe.</p> + +<p>Meine Angehörigen quälten mich furchtbar, fortwährend +lebte ich in Aufregung, sie beleidigten mich +durch rauhe Worte und reizten mich auf tausenderlei +Weisen, würdig einer Vettel, würdig der Tochter Spilingas, +die von dem berüchtigten Ruina und den Schweinehändlern +von Monte Poro großgezogen ist.</p> + +<p>Deine Landsleute werden einmal entscheiden zwischen +mir und dem elenden Scheusal, der mein Bruder heißt, +dem ehrlosen, ruchlosen, engherzigen, verräterischen Wicht; +die Gesellschaft wird, wenn meine Erzählung das Licht +erblicken wird, urteilen über meine Handlungen und die +des niederträchtigen Michele M…, über das unsaubere +Betragen seines würdigen Weibes, der Schülerin +des berüchtigten Ruina, der berühmten Tochter des berühmten +Schweinehändlers von Poro, des Weibes, das +sittenlos, geschwätzig, schmutzig, unwürdig ist, den geheiligten +<span class='pagenum'><a name="Page_262">[262]</a></span> +Namen Mutter zu tragen, wie wir im Verlauf dieser +Erzählung sehen werden.</p> + +<p>Alles wirst Du hören, mein lieber Francesco, und +Deine Landsleute werden es bestätigen.</p> + +<p>Tötlichen Haß sollst Du hegen gegen diese gemeine +Brut, ich befehle es Dir; bekämpfe sie, wenn Du kannst, +bis ins zehnte Glied und Deinen Söhnen, Deinen Enkeln +übermache mein Gebot; ein ewiger Vernichtungskrieg muß +zwischen beiden Familien herrschen, das befehle ich Dir, +bis von Deinem oder von ihrem Geschlecht kein Sproß +mehr übrig ist – dann werde ich vom Höllenrand aus +Dich segnen, werde Deine Kinder und Kindeskinder segnen +und mein teuflisches Lachen wird die Kommenden erbeben +lassen.</p> + +<p class="name">Dein Vater<br /> +Antonino M…</p> + +<p>Mai, 1888.</p> + + +<div class="new-h4"></div> +<h4>Wieder daheim.</h4> + +<p>So bin ich denn erlöst von den schweren Ketten +meines traurigen Unglücks, erlöst von dem grausamen +Druck der Militärzeit, unter dem ich vierzehn lange Jahre +geschmachtet habe.</p> + +<p>Ich bin im Schoße meiner Familie, in meiner +lieben Heimatstadt Parghelia, in der Umgebung meiner +<span class='pagenum'><a name="Page_263">[263]</a></span> +Wohlthäter, meiner lieben Landsleute, die alle freundlich, +liebevoll und edelmütig gegen mich sind.</p> + +<p>Wir stehen im Monat September 1882.</p> + +<p>Ich umarmte meinen Bruder, seine Sprößlinge; +ich sah seine würdige Gattin an, und ein neues Leben +erschloß sich vor mir, ein Leben voll zärtlicher Familienbande, +ein Leben des Jubels, des Friedens, der brüderlichen +Liebe.</p> + +<p class="center"><strong>Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!</strong></p> + +<p>Gleich am ersten Tage sagte ich meinem Bruder, +daß ich Liebe, Freundlichkeit und Wohlwollen gebrauche, +da ich vierzehn Jahre alles hatte entbehren müssen, daß +ich physischer und moralischer Hilfe bedürftig sei, und +daß Mitleid mit notthue, bis ich mich an das neue +Leben gewöhnt hatte; ich erklärte ihm rund heraus, daß +er allein die Zügel der Familie halten solle, daß er das +einzige Oberhaupt sein solle, um mit Sinn und Verstand +alles zum Guten zu lenken; daß ich alles dazu beitragen +wolle, für das Wohl seiner Kinder zu wirken, daß Harmonie +und Friede zwischen uns herrschen, und eine weise +Sparsamkeit im Haushalt walten müsse; nur um zwei +Soldi für Tabak bat ich ihn, da dies das einzige Laster +ist, dem ich ergeben bin.</p> + +<p>Ich bin mäßig im Essen, und der Mensch, +der lange im Unglück gelebt hat, muß es sein. +Ein Bohnengericht, eine Suppe und ein Stück schwarzes +Brot genügten mir, wenn ich das hatte, da dünkte ich +mich ein Papst oder ein Prinz – mit einem Salat, +oder einigen Tomaten war ich glücklich.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_264">[264]</a></span> +Nie bin ich ein <em class="gesperrt">Fresser</em> gewesen, die Sparsamkeit +hat meine Kehle und meinen Magen stets regiert, nie +bin ich lecker gewesen – ob die Suppe zu viel oder zu +wenig gesalzen war – stets habe ich sie mit gleichem +Appetit verzehrt.</p> + +<p>Ich muß immer noch daran denken, wie ich in +Neapel im Gefängnis saß, und der Reis schlecht gekocht +und schlecht gewürzt war; damals schüttete ich meine +Portion in einen großen Napf, aus dem wir uns sonst +zu waschen pflegten, belegte mir ein großes Stück Schwarzbrot +damit und verzehrte es mit dem größten Appetit +der Welt.</p> + +<p>Meine schwache Feder möge ein Bild geben von +den Familienmitgliedern, ihren Charakterzügen und inneren +und äußeren Eigenschaften, damit man sich eine klare +Vorstellung machen kann von den Personen, die in dieser +schmutzigen Komödie auftreten.</p> + +<p>Michele M…, Familienoberhaupt, Hauptperson +meines Dramas.</p> + +<p>Ein Mann in den Vierzigern, mit argwöhnischem, +vorsichtigem, unruhigem Auge. Auf den ersten Blick +sagt man: das ist ein Verräter, ein kleinlicher Sophist, +eine niedrige Seele, ein Schwindler von Natur, ein +Skeptiker, ein Haufen von Scheußlichkeit. Michela +M…, aus Spilinga, die Gattin des erwähnten +Michele, die Schülerin des berüchtigten Ruina, die Tochter +des Schweinehändlers von Monte Poro, eine abgetakelte +Fregatte, mit der Kraft eines hungrigen Riesen, regelmäßig +gebaut, dick und fett; die Haare braun und +<span class='pagenum'><a name="Page_265">[265]</a></span> +struppig, die Stirn breit und flach, die Augen glanzlos; +sie ist kurzsichtig und weitsichtig zu gleicher Zeit, sie +blickt mit halbgeöffneten Augen und kneift sie zusammen, +als ob sie den Blick in eine Ecke des Auges konzentrieren +will; sie sieht über ihre ungeheure Nase nicht heraus, +die Unterlippe verschwimmt mit dem Kinn zu einer Fettmasse. +Die Ohren sind lang und breit, die Wangen +fettig und rot gefleckt, die Backenknochen vorstehend; der +Mund ist groß und krumm, die Oberlippe schmal, trocken, +blutlos, die Zähne schwarz und schief, der Hals dick und +stark und zwei starke Brüste hangen aus dem Schlitz des +schmutzigen Hemdes und Kleides heraus, die immer offen +stehen, denn sie sagt, sie ist zu fett; die Hand ist kurz +und schmierig.</p> + +<p>Was meint Ihr dazu? Und ich erzähle die Wahrheit, +die reine Wahrheit, die mehr als einmal durch +Zeugen erwiesen ist, und ich bin gewiß, ganz gewiß, daß +wenn meine Erzählung nur einer der Bestien in die +Hände fällt, die in diesem schmutzigen Drama eine Rolle +spielen, sie trotz aller ihrer Bestialität nur sagen kann: +Er erzählt nur die reine Wahrheit.</p> + +<p>Fünf Kinder, zwei Knaben und drei Mädchen.</p> + +<p>Francesco Antonio, der erste Sohn, ein verweichlichter +Lümmel, der, wenn er geht, mit dem Kopf wackelt, +als ob er einen Schlaganfall gehabt hat; er wiegt sich hin +und her und wackelt mit den Hinterbacken, wie seine +würdige Mutter Donna Michela: wie die Mutter, so +der Sohn.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_266">[266]</a></span> +Das älteste Mädchen, jetzt siebenzehnjährig, mit denselben +Grundsätzen wie ihre Mutter, die brave, würdige +Donna Michela, geschwätzig und liederlich.</p> + +<p>Die andern schmutzige und hungrige Murmeltiere.</p> + +<p>Hierauf können wir den Faden unserer ekelhaften +Geschichte wieder aufnehmen.</p> + +<p>Zunächst begegnete mir mein Bruder und seine +würdige Gattin, wie seine Söhne mit Liebe. Wir aßen +zusammen, und ich schlief in einem mir gehörigen +Zimmer, das seiner Wohnung benachbart war.</p> + +<p>Mehrere Tage ging die Sache gut, ich liebte meinen +Bruder und seine schmutzigen Kinder; täglich empfing +ich zwei Soldi für Tabak.</p> + +<p>Die starke Donna Michela lief den ganzen Tag +mit den bloßen Brüsten herum, und es gefiel ihr, sie +profanen Blicken zu zeigen, während sie mit den Hinterbacken +schaukelte.</p> + +<p>Mein Bruder sagte zu ihr:</p> + +<p>»Michela, steck' die Klötze weg!«</p> + +<p>»Das halte ich nicht aus,« sagte sie schamhaft, indem +sie ihren Hintern liebkoste. Dann zog sie sich die +Strümpfe aus, so daß der große, lange und breite Fuß +in seinem ganzen Schmutz sichtbar wurde, setzte sich +nieder, hob den Rock auf und fing an Flöhe zu fangen: +der Sohn und die Tochter standen dabei und lachten +und freuten sich über ihre Mama. Welch schönes Beispiel, +welche Schamhaftigkeit!</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_267">[267]</a></span> +Ich ärgerte mich. Ja ich, der ich an jede Art +von Laster und Schmutz gewöhnt war, nahm Anstoß an +der ekelhaften Scene.</p> + +<p>Eines Tages begab sich meine Tante, die Nonne +und ich nach Mandaradoni, einem kleinen Dorf, wo wir +gemeinschaftlich einen Acker hatten; unterwegs fragte +ich sie:</p> + +<p>»Habt Ihr Euer Testament gemacht?«</p> + +<p>»Ja«, sagte sie mit erloschener Stimme, »das +haben wir gemacht.«</p> + +<p>»In welcher Weise, wenn man fragen darf?«</p> + +<p>»Wir haben Euch Beiden alles vermacht.«</p> + +<p>»Aber in welcher Weise?«</p> + +<p>»Wir haben Euch Beiden alles vermacht.«</p> + +<p>Mehr konnte ich nicht herausbringen; aber als wir +heim gingen, fragte ich sie noch einmal und drohte ihr, +wenn sie es mir nicht sagte, sie auf der Straße zu +lassen und allein nach Hause zu gehen.</p> + +<p>Da erfuhr ich, daß sie alles meinem Neffen Francesco +Antonio, dem Sohn des Michele M… vermacht +hatten; auf Anraten des Kanonikus Scord…, +ihres Beichtvaters, den Michele M… dazu gebraucht +hatte, war das erste Testament umgestoßen worden.</p> + +<p>Eines Tages saßen wir bei Tisch, die eine Tante +nahm das Essen wie gewöhnlich mit den Fingern aus +der Schüssel.</p> + +<p>»Scher' Dich vom Tisch, geh und friß' mit den +Schweinen!« rief Donna Michela.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_268">[268]</a></span> +Diese Unverschämtheit empörte mich nicht wenig, +und der elende Schwachkopf Michele stimmte ihr zu; +das durfte die dreckige widerliche Tochter des Schweinehändlers +von Monte Poro wagen, die arme alte Nonne +so anzureden, die Tochter des verstorbenen Antonino +M…, genannt der Baronetto! Ich war still aus Klugheit, +aber ich stand im Begriff, ihr einen Faustschlag auf +ihre dicke Nase zu versetzen.</p> + +<p>Jeden Tag, jeden Augenblick herrschte Zank zwischen +Donna Michela und dem alten Schwachkopf, sie schimpfte +ihren Mann mit unflätigen Worten, und er schluckte das +alles in stillem Ärger hinunter. Diese häßlichen Szenen +mißfielen mir und als ich dem Schwachkopf das sagte +und ihn zur Rede stellte, antwortete er:</p> + +<p>»Was willst Du? Sie ist aus Spilinga und in +dem Schmutz des Schweinehändlers von Spilinga aufgewachsen, +und vollgepfropft und vollgestopft mit den +Ansichten ihres vieledlen Onkels Ruina, der auch so +ein Schwein ist! Sie hat mir gedroht, mich von ihren +Brüdern umbringen zu lassen.«</p> + +<p>»Was, und das glaubst Du? Du fürchtest, daß die +halbblinden Spilingoten Dich umbringen? Aber Mensch, +Du bist ein Weib oder ein Hornvieh, Du fürchtest Dich, +daß Deine Michela Dich könnte ermorden lassen! Und +von wem? Von den Spilingoten? Eher glaube ich, daß +Donna Michela Dich selbst umbringt, mit ihren dicken, +fetten Hinterbacken!«</p> + +<p>»Ich fürchte mich vor ihren Brüdern.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_269">[269]</a></span> +»Elender Wicht, feiger Bruder! Was nützt Dir das +Leben, wenn Du nicht einmal soviel Mut hast!«</p> + +<p>Die elende Bestie erzählte mir, in welcher Weise er +von den Brüdern der Michela gequält, geärgert und geschunden +wurde.</p> + +<p>Eines Tages gingen der Schwachkopf und ich nach +Spilinga, um meine Schwestern zu besuchen; die eine +hatte den Antonio M… zum Mann, über diese +kann ich mich nicht beklagen, sonst fehlte es ja nicht an +Gelegenheit, aber er kümmerte sich nie um meine Angelegenheiten.</p> + +<p>Ich mußte vor Lachen bersten, als ich den Giuseppe, +den großen, dicken Giuseppe sah, den Mann meiner +anderen Schwester. Nach seinem riesenhaften, kolossalen +Aussehen machte er zuerst den Eindruck wie ein großes +Tier beim Gericht, ein Koloß von Knochen, Fleisch und +Nerven, eine lebende Maschine; eine große Nase hatte er, +mit mächtiger Brille, die er sich mit wichtiger Miene +aufklemmte, als ob er Wunder was wäre, aber es war +nur Albernheit, denn <em class="gesperrt">ein dicker Mann, ein dummer +Mann</em>, wie das Volk sagt; selbst in meinen langen +Unglückszeiten sah ich nicht ein so dummes Vieh, wie +meinen stumpfsinnigen Schwager, den großen Giuseppe.</p> + +<p>Für gewöhnlich ritt er seinen Maulesel, als fahrender +Ritter; das arme Tier! alle Halbjahr wurde es +gepfändet und von den Karabinieri nach Tropea gebracht, +gepfändet wegen rückständiger Steuern, das unglückliche +nichtsahnende Vieh, das aber weniger dumm +und unwissend ist als sein Herr, dies Erzvieh!</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_270">[270]</a></span> +Er hatte struppiges Haar, eine Stirn, Augen wie +ein hungriger Wolf, einen nußfarbenen Bart, dicke +Lippen, einen großen, krummen Mund, häßliche Zähne, +einen Hals wie ein Stier und ein Gesicht wie ein verunglückter +Hanswurst; damit ist seine physische Beschaffenheit +geschildert, was die moralische betrifft, so war er +ein ausgemachter Esel, ein liederlicher Schreier, ein gemeiner +Verräter, ein schmutziger Filz, auf dem Mist geboren +und bestimmt, dereinst auf dem Mist zu verenden.</p> + +<p>Meine Schwestern kamen mir freundlich entgegen, +sie sprechen nur von Schweinereien, Keilereien, Prügeln, +Faustschlägen, Ohrfeigen, Fußtritten u. s. w.: »Sage +mir, mit wem Du umgehst und ich werde Dir sagen, +wer Du bist.«</p> + +<p>Nach zwei Tagen war ich müde, ihre Renommistereien, +Donquixoterien anzuhören, ich kehrte zurück, +und lachte über ihre Albernheiten und beklagte den armen +Schwachkopf, der soviel Angst vor ihnen hatte.</p> + +<p>Ganze Tage lang lief Donna Michela herum mit ihren +bloßen Brüsten, die aus dem Schlitz des Kleides heraushingen, +und lag im Fenster, um sich zu zeigen, immer hatte +sie die Hände im Schoß oder streichelte ihre wackelnden +Hinterbacken. Nie nahm sie eine Nadel in die Hand +und sie that wohl daran, denn sie konnte doch den Faden +nicht einfädeln. Auch kochen konnte sie nicht, wo hätte +sie in Spilinga kochen lernen sollen; ich muß noch lachen, +wie sie mir einmal ein Hemd geflickt hatte, es war ein +Meisterwerk, das nach Paris oder New-York auf die +<span class='pagenum'><a name="Page_271">[271]</a></span> +Ausstellung gehört hätte; nie sah man sie spinnen oder +stricken oder ein Möbel abwischen, wie es einer guten, +fleißigen Hausfrau zukommt; sie wusch weder sich noch +ihre Kinder, die voll Dreck und Läusen und Schmutz +herumliefen.</p> + +<p>Sie war gewohnt, ihren lieben Mann mit Ohrfeigen, +Fußtritten und Schimpfworten zu behandeln, sie +beherrschte alle im Hause, die Einnahmen und Ausgaben +gingen durch ihre Hand, und wenn der schwachköpfige +Affe sich für zwei Soldi Tabak kaufen wollte, mußte er +sein liebes Weibchen erst bitten, ehe sie es ihm unter +einer Flut von Schimpfworten gewährte.</p> + +<p>Ich, der ich sie kannte und richtig schätzte, hütete +mich vor ihr und war entschlossen, wenn sie mir zu nahe +käme, ihr einen Schlag ins Gesicht oder einen Tritt in +den Hintern zu geben. Ich bat den armen Schwachkopf +wiederholt, sich als Mann zu zeigen, und den dreckigen +Unterrock, den er sich hatte über den Kopf stülpen lassen, +abzuwerfen. Meine Ermahnungen waren fruchtlos, er +konnte nicht los, er saß fest drin und ließ sich Leib +und Seele fesseln, der Ärmste!</p> + +<p>Jeden Augenblick schrie, zankte, fluchte und schimpfte +sie; einmal, als gerade die kräftige Faust der Donna +Michela dem armen Schwachkopf auf die Nase sauste, +warf sich meine Tante, die alte kindische Nonne dazwischen: +ein mächtiger Fußtritt schleuderte sie auf das +Pflaster, daß sie die Beine in die Luft streckte; aber +schnellfüßig erhob sie sich wieder und sprang wieder +zwischen die kämpfenden Gatten, ein neuer Fußtritt, ein +<span class='pagenum'><a name="Page_272">[272]</a></span> +Schlag ins Gesicht brachte sie wieder aus der Schußlinie; +ich stand dabei und wartete gespannt auf das Ende +dieser liebevollen Eheszene, und lachte, lachte aus vollem +Halse.</p> + +<p class="center"><strong>Ein edles Weib!</strong></p> + +<p>Nie habe ich in Stadt und Land ein so niederträchtiges +Weibsstück gesehen, wie Donna Michela, einen +solchen Haufen von Gemeinheit und Schmutz.</p> + +<p>O Mastriani, Du hättest die Scheußlichkeit dieses +verkommenen Geschöpfes schildern müssen, und Du hättest +ein Meisterwerk geschaffen, das Deine »Bettlerin«, Deine +»Geheimnisse«, tausendfach übertroffen hätte; ich weiß +nichts und kann nichts, meine Feder vermag meinen Gedanken +nicht zu folgen; aber andererseits, eine einfache +Schilderung wird auch vom einfachen Menschen verstanden, +der die Schriften eines Dante, eines di Vico, +eines Manzoni und anderer Genies nicht fassen +würde.</p> + +<p>Und noch eines! Ich glaube, daß der Schriftsteller +sich dem Thema anpassen muß, das er darzustellen hat; +wenn man über Philosophie schreibt, braucht man Verstand, +über Geschäfte, Gedächtnis, und über Litteratur, +Kunst und Industrie, so braucht man Nachdenken und +Kenntnisse – aber ich schreibe die Abenteuer der säuischen +Donna Michela und des schmutzigen Schwachkopfes, +deshalb muß ich säuisch und schmutzig schreiben.</p> + +<p>Habe ich recht, Francesco Mastriani?</p> + +<p>Täglich sagte ich dem Schwachkopf, daß es so nicht +weiter gehe, daß ich Ruhe und Frieden brauchte und nicht +<span class='pagenum'><a name="Page_273">[273]</a></span> +Zank und Streit sehen möchte, er war betrübt, trostlos und +sagte:</p> + +<p>»Was soll ich machen, ich habe das Unglück, einen +Satan zum Weib zu haben.«</p> + +<p>Ich wurde krank; allein, von allen verlassen, mußte +ich meine Schmerzen dulden.</p> + +<p>Der Doktor di V… kam, niemand war da, ihm +einen Stuhl anzubieten; er sagte:</p> + +<p>»Wie, Nino, Du bist allein hier? Deine Tante, +die kräftige Donna Michela kümmert sich nicht um +Dich?«</p> + +<p>»Nein, ich bin allein, von allen verlassen, wie +Sie sehen.«</p> + +<p>Er untersuchte mich, verordnete mir Umschläge von +Lattich und ging betrübt von dannen.</p> + +<p>Ich mußte aufstehen, mich in die Küche schleppen, +und selbst die Lattichblätter kochen, ein Tuch zurecht +machen und die Umschläge anlegen.</p> + +<p>Und während dieser drei Tage, die ich krank war, +wollten sie mich verhungern lassen, ja verhungern!</p> + +<p>Ich wurde wieder gesund und ging meinem gewöhnlichen +Leben und häuslichen Gewohnheiten nach, ich kam +zum Essen; oben am Tisch saß die brave Donna Michela, +die Brüste hingen heraus, das Haar baumelte ihr bis +auf die Nase, die Hände waren dreckig und schwarz, das +Kleid schmierig und zwei Rotzlichter flossen ihr aus der +Nase; ihre halbverhungerten Kinder waren auch da, mit +ihren Köpfen voller Patz und Läuse, ihren Rotznasen +<span class='pagenum'><a name="Page_274">[274]</a></span> +und Triefaugen; gierig schmatzend schlangen sie den +elenden Fraß hinunter.</p> + +<p>Täglich beklagte sich der Schwachkopf bei dem +üppigen Mahl, daß er etwas im Essen fand, lange Haare, +Stücke Stroh oder Holz, Fliegen oder Mistkäfer; dann +wieder schimpfte er, daß das Essen nicht gar oder versalzen +war, und seine Klagen waren gerechtfertigt, wie +ich bezeugen kann, aber Donna Michela sagte:</p> + +<p>»Wenn Dir das Essen schmeckt, so iß; wenn nicht, +geh in's Wirtshaus.«</p> + +<p>Eine alte schiele Vettel mit eitertriefenden Augen, +schmierig und schmutzig zum Übermaß trug das Essen +auf, das sie und die säuische Donna Michela gekocht hatte.</p> + +<p>Ich konnte nicht über meine zwei Soldi für Tabak +verfügen, ich durfte kein Stück Brot annehmen; alles +ging durch die Hände der Donna Michela, ich war +immer zurückhaltend gegen das bösartige Weibstück und +ließ mich nicht mit ihr ein. In meinem Bruder Michele +fand ich die ganze Erbärmlichkeit des Mannes, in der +Donna Michela die ganze Schlechtigkeit des Weibes.</p> + +<p>Ich überlegte, was mir von einem Tag zum andern +bei diesen beiden Dummköpfen begegnen konnte, hauptsächlich +von der Verworfenheit und Bosheit der Spilingotin, +und ich beschloß, mich von ihnen zu trennen.</p> + +<p>Als rücksichtsvoller Mensch teilte ich meinem Bruder +mit, daß ich mich von ihnen trennen und für mich +allein leben wollte. Mein Bruder willigte ein, und so +gingen wir auseinander.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_275">[275]</a></span> +Ich dachte ernstlich über meine Lage nach und fand +sie höchst traurig; in allem mußte ich mich allein bedienen, +– that ich das nicht, so war ich in vierzehn +Tagen voller Läuse.</p> + +<p>Mein Bruder liebte in mir nicht den Bruder, +sondern seinen Vorteil, er wäre froh gewesen, wenn ich +mir den Hals gebrochen hätte, damit er noch das Wenige +nehmen könnte, das mir mein verstorbener Vater hinterlassen +hatte; um seines Vorteils willen hätte der hinterlistige +Mensch, mit seinem Herzen so schwarz wie die +Nacht, seine Söhne verraten oder umgebracht, um seines +Vorteils willen hätte er sein Weib zur Hure gemacht, +um seines Vorteils willen hätte er seine Ehre dahingegeben, +wenn er eine besessen hätte, ja sein Leben.</p> + +<p>Und verdient dieses Vieh den Namen Mensch?</p> + +<p>Du unersättliche Bestie, Du Vieh unter dem Vieh, +Du würdest Deine Ehre um Deines Vorteils willen +verraten, Deine Kinder verschachern, Dein schmutziges +Weib verkaufen, Du Erbärmlicher, Du boshafte Bestie +unter den Bestien, Du würdest Gott, Vaterland und +Familie verraten um Deines Vorteils willen, feile Bestie!</p> + +<p>Und Du bist Schullehrer in dieser Stadt, und +stiehlst der Gemeinde und den armen Familienvätern +das Geld; Du bist Lehrer! Was verstehst Du denn, +Du, der von Dummheit, Gemeinheit und Bosheit strotzest, +was weißt Du, was kannst Du? Deiner Frau den +Unterrock tragen, das kannst Du!</p> + +<p>Dieses dreckige Schwein ist Lehrer! Meine armen +Landsleute!</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_276">[276]</a></span> +Ich wollte das Gemüt meines Bruders auf die +Probe stellen und stellte mich verrückt, ich fing an mit +den Armen umherzufuchteln, das Gesicht zu verzerren +und mit stieren, gläsernen Augen in eine Ecke zu blicken; +ich aß wenig und auf Fragen antwortete ich gar nicht +oder unsinnig.</p> + +<p>Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer, +ich ging hin und her, gestikulierte und zog Grimassen; +mein Bruder und sein niedriges Weib guckten durch die +Thürspalte, sahen was ich machte und lachten vergnügt; +mein Bruder sagte zu seiner Ehehälfte: »Er ist verrückt, +total verrückt;« und Donna Michela antwortete lachend.</p> + +<p>Nun war ich entschlossen, für immer mit diesen +schändlichen Bestien zu brechen und nur an mich und +meine Zukunft zu denken.</p> + +<p>Ich sprach mit Herrn Francesco Antonio Z… +und bat ihn, meinem Bruder mitzuteilen, daß ich die +Absicht hätte, mich von ihm zu trennen.</p> + +<p>Mein Bruder war traurig über die Trennung, +denn er sah seine Hoffnungen getäuscht, aber ich blieb +fest und wir gingen auseinander. Nun ich allein war, +dachte ich an Gegenwart und Zukunft: allein konnte ich +nicht wie ein Mensch leben; ich brauchte Liebe, Beistand, +Gesellschaft; ich entschloß mich, ein Weib zu nehmen +und auf des Himmels Fügung droben zu bauen. – +Der arme Diego P… teilte meinem Bruder mit, +daß ich sein liebes Töchterchen zur Frau verlangt hätte +und daß er nach sorgfältiger Erkundigung über mich eingewilligt +habe.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_277">[277]</a></span> +Mein Bruder war anfänglich vernichtet; als er +wieder zu sich kam, versuchte er, den P… umzustimmen, +indem er ihm sagte, daß ich verrückt, ein +Sträfling, ein Schuft, ein Mordgeselle, ein Trunkenbold +und ich weiß nicht was sonst noch, sei.</p> + +<p>Aber trotz meines lieben Bruders und seines +Weibes, trotz der Spilingoten heiratete ich meine liebe +Vincenzina und machte sie zur Herrin meines Herzens +und meiner Hoffnungen.</p> + +<p>Meine Schwester schrieb an Herrn Diego P… +und nannte seine Tochter eine Dirne; die Spilingoten, +mein Bruder, sein Weib, meine Verwandten fielen über +mich her und Monate lang wurde ich von den Verfolgungen +dieser verfluchten Brut gequält.</p> + +<p>Da ich mich nicht mehr halten und in meinem +niedergeschlagenen Geist keinen klaren Gedanken mehr +fassen konnte, so ging ich alle Abend nach der Droguerie +Cal…, wo sich die Honoratioren von +Parghelia zusammen fanden; ihnen stellte ich mein +Unglück vor und bat sie:</p> + +<p>»Meine Herren, ich kehre zur Gesellschaft zurück, +geben Sie mir einen Rat; meine Verwandten beleidigen +mich schwer,« und ich erzähle ihnen, was ich zu erdulden +hatte; die braven, ehrenwerten Herren rieten mir zur +Klugheit und ich folgte ihren vorzüglichen Ratschlägen +wörtlich.</p> + +<p>Dann begab ich mich nach der Pharmacie des V… +und auch hier bat ich die Herren um Rat.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_278">[278]</a></span> +Die Donna Michela kam mir öfter mit den Fäusten +ins Gesicht, ich litt es geduldig und noch viel, viel mehr, +so daß ich tagelang erzählen könnte. – Mein unglücklicher +Onkel starb und hinterließ mir zwei Zimmer, die +mit denen meines Bruders gemeinschaftlichen Eingang +hatten. Und wollt Ihr es glauben? Eines Abends, +als ich nach Hause kam, verschlossen sie mir die Thür, +ich klopfte mehrere Male; aber von innen hörte ich +mehrere Stimmen rufen: »Fort, Du Mörder! Dies +ist nicht Dein Haus!« Und sie brüllten, so laut sie +konnten. Und meint Ihr, daß ich mich erregte? Nein, +ruhig zog ich zur Droguerie Cal… und erzählte dort +den Vorfall und bat die Herren um Rat, und sie rieten +mir, zum Bürgermeister zu gehen und im Namen des +Gesetzes Einlaß zu fordern; das that ich, und so konnte +ich unter meinem Dach schlafen.</p> + +<p>Als ich im Gefängnis war und zu fünf Jahren +verurteilt war, heiratete meine Schwester, mein Bruder +heiratete auch, und das väterliche Erbteil gelangte zur +Verteilung.<a name="FNanchor_66_66" href="#Footnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a></p> + +<div class="new-h4"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_279">[279]</a></span></p> +<h4>An eine Seele.</h4> + +<p>Du bist im Jenseits, entweder im Reiche der Glücklichen +oder im tiefen Abgrund der Sünde; glaube es, +meine Seele, mein Gedanke, meine Erinnerungen an +ehemals sind mir ein furchtbarer Traum; denkst du noch +an den unheilvollen Tag? An jenen Augenblick, wo +unsere Sünden sich vereinten, um gegen die Natur zu +kämpfen, trotz der schwachen, irdischen Materie; – sprich, +o meine Seele, hast du mich denn damals verflucht? +Hast du den Hauch eines leuchtenden Augenblicks empfunden? +Kannten sich unsere Seelen in der unermeßlichen +Leere des Äthers? Und du weissagtest, daß unsere +Seelen mit einander kämpfen werden? Und wer +weiß es? Du sicherlich nicht, und wenn ein Funke des +Bewußtseins im Spiegel deiner Seele erschienen ist, so +ist er nicht von mir ausgegangen – nein, schön und +häßlich kann nicht eins sein, nicht der Traum und das +Wachen, der Geist der Hölle und des Lichtes; die Finsternis +kann nicht das Gestirn des Tages erzeugen.</p> + +<p>Es ist die Wahrheit. Und du, o meine Seele, siehst +du mich von dort, schauen deine Augen das geheimnisvolle +Drama des nichtigen Daseins? Siehst du es, das +Ich des ewigen Lebens? Kannst du durch den ungeheuren +Raum schweifen, durch die Unendlichkeit fliegen +und meiner Seele dich nahen?</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_280">[280]</a></span> +Wer weiß? Es ist ein Geheimnis.</p> + +<p>In dem Traum meiner Träume hast du mir die +Arbeit meines Lebens gezeigt: du hast befohlen und ich +habe gehorcht.</p> + +<p>Das sind diese Blätter, die ich ohne deinen Hauch +nicht hätte verfassen können. Du forderst sie, du hast +sie verlangt, und ich glaube mich einer alten Schuld entledigen +zu müssen, wie ich sie dir darbiete, sie sind dein, +dir gehören sie nach Recht und deinem Wunsch.</p> + +<p>Weißt du, wie ich dieses mein Werk eingeteilt habe? +In vier Teile.</p> + +<p>Im ersten Teil sind schmerzensreiche Erlebnisse und +ich widme sie dir unter dem Namen: <span class="gesperrt"><a href="#Erster_Teil">Mein erstes +Unglück</a></span>.</p> + +<p>Den zweiten und dritten Teil, der meine Leiden +als Soldat darstellt, betitelte ich: <span class="gesperrt"><a href="#Zweiter_Teil">Meine Dienstzeit</a></span>.</p> + +<p>Den vierten Teil, der Familienerlebnisse schildert, +betitelte ich: <span class="gesperrt"><a href="#Vierter_Teil">Getäuschte Hoffnungen</a></span>.</p> + +<p>Du meine Seele hast mich begeistert im Unglück +und in der Trübsal, du hast mir große und edle Gefühle +eingehaucht. Ich bin dir dankbar. Nimm diese +ärmlichen Blätter an als Pfand meiner Dankbarkeit +und deines gütigen Verzeihens, und sei nachsichtig +und mild, wenn du mich liebst, wie du es immer warst.</p> + +<p>Wenn ich ein gutes Werk vollbracht hatte, so stände +es mir nicht zu, es zu beurteilen, aber glaube mir, ich +habe nur danach gestrebt, ein gutes Werk zu vollbringen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_281">[281]</a></span> +Verzeihe mir, meine Seele, in meinem Eifer und +verzeihe in deinem Edelmut dem Unglücklichen, der dir +so viel Leid zugefügt hat.</p> + +<p>Parghelia, 20. Februar 1889.</p> + +<p class="name">Stets der Deine<br /> +Antonino M…</p> + + +<div class="new-h4"></div> +<h4>Erlauchte und gnädige Richter!<a name="FNanchor_67_67" href="#Footnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a></h4> + +<p>Widerwillig habe ich auf der Anklagebank Platz +nehmen müssen, um mich gegen eine Anklage zu verteidigen, +welche in schwarzen und tragischen Farben mein +geliebter Bruder, Michele M…, gegen mich vorgebracht +hat. Ich verteidige mich mit klaren Beweismitteln, um +die Schändlichkeit und Dummheit einiger Spilingoten zu entlarven, +und die Feigherzigkeit, Unwissenheit und den +schlechten Charakter meines vorbesagten Bruders an das +Licht der Gerechtigkeit zu bringen, ich nehme die Aufgabe +auf mich, die häufigen Leiden, die Qualen und Heimsuchungen +klarzulegen, die ich acht lange Jahre von diesem +elenden Spilingoten habe erdulden müssen.</p> + +<p>Ich bitte Sie flehentlich, meine Herren Richter, +mir das Wort zu gestatten, bis ich meine Aufgabe erfüllt +<span class='pagenum'><a name="Page_282">[282]</a></span> +habe, da ich diese Aufgabe keinem Anwalt anvertrauen +wollte und zwar aus den folgenden Gründen.</p> + +<ol class="decimal"><li>um mir keine Kosten zu machen; da ich ein +armer Familienvater bin, habe ich es für besser gehalten, +meinen armen Kindern ein Stück Brot zu geben, als +es in den gierigen Rachen eines Advokaten zu werfen.</li> + +<li>niemand vermag besser als ich die Kraft und +die Wärme der Verteidigung zu empfinden, und niemand +kennt besser als mein gequältes Herz die Leiden und die +Schmähungen, die Drohungen und die Kränkungen, die +mein lieber Bruder und seine würdige Gattin Donna +Michela mir zugefügt haben.</li></ol> + +<p>Am Mittag des 17. September 1868 gab mir +mein Bruder eine große Pistole in die Hand und sagte:</p> + +<p>»Geh', töte ihn!«</p> + +<p>Ich war damals ein Jüngling, von erregbarem +Temperament, ich ergriff die tötliche Waffe und habe +auf öffentlichem Platze einen armen Menschen getötet.</p> + +<p>Die gnädigen Richter zu Monteleone verurteilten +mich zu fünf Jahren Gefängnis, während der Anstifter nur +meinetwillen frei ausging, da ich leugnete, daß er mich +zu der unseligen That angeregt hatte.</p> + +<p>Ob mittelbar oder unmittelbar, mein lieber Bruder +war die Ursache, daß ich einen armen Menschen ermordet +habe und einer langen Zeit zwischen düsteren Kerkermauern +entgegenging.</p> + +<p>Aber die Hand Gottes wacht über unseren Geschicken. +Die fünf Jahre verstrichen, ich wurde Soldat +im königlichen Heer; dort habe ich mich nicht so geführt, +<span class='pagenum'><a name="Page_283">[283]</a></span> +wie ich sollte (ich möchte nicht, daß die ehrenwerten +Spilingoten nebst meinem engherzigen Bruder erst ihr +Urteil darüber abgeben; das hieße mich feige zeigen; +nein, meine mündliche Erklärung möge Ihnen genügen). +Wie gesagt, beim Militär habe ich mich nicht brav geführt, +zweimal wurde ich verurteilt und ein Jahr war ich bei +der Strafkompagnie. Das ist das, was die Spilingoten +Ihnen vorstellen wollen, in dem Glauben, daß sie auf +diese Weise Ihre leuchtende Urteilskraft blenden, wie sie +es mit so viel anderen gethan haben.</p> + +<p>Nachdem ich wieder zu Hause war, war es mein +fester Entschluß, bei meinem Bruder zu bleiben.</p> + +<p>Es war im September des Jahres 1882, ich +umarmte meinen Bruder, seine Zöglinge, ich sah +seine Gattin an, und ein neues Leben erschloß sich +vor mir, ein Leben voll zärtlicher Familienbande, +ein Leben des Jubels, des Friedens, der brüderlichen +Liebe.</p> + +<p class="center"><strong>Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!…</strong><a name="FNanchor_68_68" href="#Footnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a></p> + +<p>Und nun, meine gnädigen Herren Richter, bitte ich +um Gerechtigkeit, ich erkläre mich für nichtschuldig, +ich fürchte die Anklage meines Bruders und den Einfluß +seiner Verwandten nicht.</p> + +<p>Er behauptet, daß ich ihn in die Hand gebissen +habe, das ist falsch, eine schwarze Verleumdung, fragen +Sie, meine Herren, ob er nicht gern lügt, fragen Sie +seine Landsleute.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_284">[284]</a></span> +Einen Menschen für schuldig halten, ist das wirklich +ein Urteil?</p> + +<p>Mir erübrigt nur, dem Michele M… eine +letzte Antwort zu geben, und ich will mich eines Dichterworts +bedienen –</p> + +<p>Den grimmen Wogen sucht er zu entfliehen …</p> + + +<div class="new-h2"></div> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_285">[285]</a></span></p> +<h2><a name="Anhang">Anhang.</a></h2> + + +<blockquote><p class="center" style="width: 25%;">No. 307.<br/> +Strafanstalt zu Lucca. +Brief des Gefangenen +Antonino M…<a name="FNanchor_69_69" href="#Footnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a></p></blockquote> + +<p style="text-align: right;">Den 18. September 1892.</p> + +<p class="center">Teurer, edelmütiger Bruder!</p> + +<p>Gern hätte ich Dir schon früher geschrieben, wenn +es erlaubt gewesen wäre. Wir haben einen neuen +Direktor bekommen, eine große edle Seele, und auf +meine Bitte hat er mir gern gestattet, Dir zu schreiben. +Seit mehreren Tagen liege ich zu Bett wegen Nervenschwäche; +meine Beine wollen mich nicht mehr tragen; +und was ich für Schmerzen habe, weiß nur Gott im +<span class='pagenum'><a name="Page_286">[286]</a></span> +Himmel, aber größer und schlimmer sind meine moralischen +Schmerzen. Seit einem Jahre bin ich in dieser +Zelle und verbringe meine traurigen Tage damit, Gott +den Herrn anzuflehen um Vergebung für meine großen +Verbrechen, für meine Thorheiten, meine schlechten +Handlungen, meine Verworfenheit. Wenn Du mich +sehen könntest, würde Dein gerechter Zorn dahin schwinden, +und Du würdest weinen, daß Du mir nicht verziehen +hast – denn Du würdest nur einen Schatten Deines +Bruders sehen, in einem Jahr ist mein Haar und mein +Bart grau geworden bei dem Gedanken an meine +<span class='pagenum'><a name="Page_287">[287]</a></span> +Verworfenheit; zu sehr haben mir die angedrohten +Strafen des Herrn das Herz zerrissen und nur zu +gerecht ist seine Rache. Mein Leib ist krank und hinfällig +unter seiner Geißel geworden; ich finde keinen +Frieden in mir, wenn ich an meine schwere Sündenschuld +denke. Zu groß ist meine Verworfenheit, und alle +meine Kraft reicht nicht aus, um Gott zu versöhnen; +Tag und Nacht lastet der Druck meiner Sünden auf +meiner Seele.</p> + +<p>Ich habe Gott von mir gewiesen und mir mein +Elend selbst geschaffen, deshalb leide ich gerecht.</p> + +<p>Ich weiß, daß Gott mir diese schwere Züchtigung +zufügt, und daß Du lieber Bruder, und alle meine +Angehörigen, die ihr so gut und so edelmütig seid, von +Gott als Werkzeug seines Willens ausersehen seid, um +einen Verderbten, einen Verbrecher, einen Verworfenen +zu strafen. Ich denke an die alten Zeiten, wo der +Herrgott die ganze Welt wegen eines meinem ähnlichen +Verbrechen gestraft hat<a name="FNanchor_70_70" href="#Footnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a> und ich erkenne, daß in allen +seinen Werken die furchtbare Gerechtigkeit herrscht. Diese +Gerechtigkeit hat mich getroffen und Tag und Nacht +liege ich mit der Stirn im Staube und flehe um Mitleid, +um Verzeihung.</p> + +<p>Bald wird meine arme Seele vor ihrem Richter +stehen – und deshalb fühle ich die Pflicht in mir, +Dich von ganzem Herzen demütig um Verzeihung zu bitten, +<span class='pagenum'><a name="Page_288">[288]</a></span> +für alles Übel und alle Undankbarkeit, die ich Dir neun +Jahre lang erwiesen habe, auch Dein liebes Weib, +Deine Söhne, unsere lieben Schwestern, alle unsere Landsleute +bitte ich um Verzeihung, und bereue alles Üble, +das ich gethan, allen Kummer, den ich verursacht habe. +Ich würde leichter sterben, wenn ich Dir die Hand +küssen könnte, die Hand, die mir so lange Jahre hindurch +nur Gutes erwiesen hat. Ich erkläre, daß bei allen +unsern Streitigkeiten stets ich die Ursache, der Missethäter +gewesen bin. Deinen Edelmut habe ich stets mit Undankbarkeit +und Schlechtigkeit vergolten. Verzeih' mir, um +der bitteren Schmerzen willen, die ich leide. Ich verzeihe +allen und insbesondere auch den Zeugen, die falsch +geschworen haben.</p> + +<p>Mein lieber Bruder, um unserer lieben Eltern +willen verzeihe mir!! Ich umarme und küsse Dich +und alle die Unseren, verzeiht mir von Herzen.</p> + +<p class="name">Dein unglücklicher Bruder<br /> +Antonino M…</p> + +<p class="center">Gesehen. Der Direktor der Strafanstalt zu Lucca.</p> + + + +<p class="center" style="font-size: smaller; margin-top: 80px; margin-bottom: 80px;">Druck von A. Seydel & Cie., Berlin C., Neue Friedrichstr. 48.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" href="#FNanchor_1_1" class="label">[1]</a> Dem Original ist das Bild des M… beigefügt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" href="#FNanchor_2_2" class="label">[2]</a> Der Bericht entspricht fast vollständig der Darstellung im +vierten Teil der Selbstbiographie, und wird hier daher nicht +wiederholt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" href="#FNanchor_3_3" class="label">[3]</a> Vergl. mein Buch: <cite lang="it" xml:lang="it">Degenerazioni psicosessuali</cite>, das +Kapitel »Immoralität«.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" href="#FNanchor_4_4" class="label">[4]</a> Die Thatsache hat ihm Recht gegeben. Augenblicklich hat +Venturi eine Tochter des Bruders des Antonino M… in Behandlung, +die an sensoriellem Irrsinn leidet.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" href="#FNanchor_5_5" class="label">[5]</a> Vgl. Lombroso: <cite lang="it" xml:lang="it">L'uomo delinquente I</cite>, S. 600.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" href="#FNanchor_6_6" class="label">[6]</a> Vgl. Lombroso: <cite lang="it" xml:lang="it">Le più recenti scoperte ed applicazioni +dell' antropologia criminale</cite>, Turin 1893.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" href="#FNanchor_7_7" class="label">[7]</a> Vgl. <cite lang="fr" xml:lang="fr">Archives d'Antropologie</cite> und <cite lang="fr" xml:lang="fr">Revue Scientifique</cite>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" href="#FNanchor_8_8" class="label">[8]</a> <cite lang="fr" xml:lang="fr">Biologie et sociologie. Réponse à M. A. G. Bianchi.</cite> +S. 3–19 der <cite lang="fr" xml:lang="fr">Archives d'Antropologie criminelle</cite>, Januar +1893.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9_9" href="#FNanchor_9_9" class="label">[9]</a> Die gesperrt gesetzten Stellen sind im Manuskript unterstrichen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_10_10" href="#FNanchor_10_10" class="label">[10]</a> Die fett gedruckten Stellen erscheinen im Manuskript größer +und auffälliger geschrieben, als ob M… durch dieses Mittel den +Worten mehr Nachdruck verleihen wollte.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_11_11" href="#FNanchor_11_11" class="label">[11]</a> Bemerkenswert ist der Zweifel über die psychologische Beschaffenheit, +in der der Totschlag vollbracht wurde. Dies ist lehrreich +für die Unterscheidungen in unserer Rechtsprechung.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_12_12" href="#FNanchor_12_12" class="label">[12]</a> Beachtenswert ist der Abscheu, den M… vor denjenigen +zeigt, die nicht mehr und nicht weniger thaten, als er. Und bemerkenswert +ist auch, wie er sein Vergehen vergessen hat, als ob +es gar nicht geschehen wäre.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_13_13" href="#FNanchor_13_13" class="label">[13]</a> Um die Strafe exemplarischer und sittenbessernd zu machen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_14_14" href="#FNanchor_14_14" class="label">[14]</a> Dieser asketische Fatalismus begegnet sich mit dem abergläubischen +Fatalismus, von dem M… eine Probe in den +Vorbemerkungen zum ersten Teil giebt, wie z. B.: »Der Stern, +der Dir im Mutterleibe strahlte, wird Dir ins Grab folgen.« +</p><p> +Beide kontrastieren dann mit dem nicht seltenen Hinweise auf +die Möglichkeit einer Entwicklung des Intellekts, durch Arbeit +und Anstrengung des Verstandes, in welche M…, man möchte +sagen durch unbewußte Intuition, verfällt. In denselben Vorbemerkungen +sagt er: Wer den Verstand nicht zu beherrschen weiß, kommt +gar rasch ins Gefängnis, und in dem Brief an seinen Sohn fügt +er hinzu: Bilde Dir aus der Erziehung eine zweite Natur.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_15_15" href="#FNanchor_15_15" class="label">[15]</a> Hieraus geht hervor, daß der Mord, wegen dessen M… +unter Berücksichtigung aller mildernden Umstände verurteilt war, +nicht seine einzige Unthat war, so gerne er auch seine Beziehungen +zur Camorra übergeht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_16_16" href="#FNanchor_16_16" class="label">[16]</a> Was für moralische Widersprüche in diesem Manne! Erst +sagte er, daß er sich anständig halten wolle, um ruhig nach seinem +Hause zurückzukehren, dann ißt und trinkt er vergnügt und spricht +von den Schandthaten der Camorra. Er enthüllt unter Namensnennung +camorristische Beschlüsse und verschanzt sich dann hinter +seiner Pflicht als Camorrist und hinter der Ehrfurcht vor Gott, um +nicht von weiterem zu erzählen. +</p><p> +Vielleicht ist seine Ascetik nur eine Folge der Camorra. Die +alte Camorra war in der That sehr abergläubisch und religiös; +ihre Mitglieder trugen Medaillen und Rosenkränze und eine der +camorristischen Zeremonien, nämlich die, um sich unsichtbar zu +machen, vollzog sich in der Weise, daß man sich eine Wunde am +Arm beibrachte und die geweihte Hostie darüber legte.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_17_17" href="#FNanchor_17_17" class="label">[17]</a> Diese Thatsache ist von großem diagnostischen Wert und +läßt in M… einen Epileptiker vermuten. Man muß beachten, +daß er nicht empört ist, weil er sich der Camorra beugen muß, +sondern weil es sich um eine falsche Camorra handelt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_18_18" href="#FNanchor_18_18" class="label">[18]</a> Man ersieht daraus, wie stark die Verbrechereitelkeit bei +M… war, trotz seiner Beteuerungen gegenüber dem Camorristen +Sansosti.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_19_19" href="#FNanchor_19_19" class="label">[19]</a> Es ist merkwürdig, wie M… sich hier als Rächer der +verletzten Moral aufspielt, man möchte sagen, daß er die Rolle des +Uninteressierten hervorkehren will, während er vielleicht nur seinem +Spitzbubeninstinkt gehorcht, um nicht als der Urheber dieser Camorraszene +entdeckt zu werden. Man thut gut, nicht zu vergessen, daß +der ganze Zorn gegen Pescari nicht davon herrührt, daß er die +Camorra herausgefordert hatte, sondern sich für einen Camorristen +ausgegeben hatte, ohne es zu sein. Man möchte glauben, daß +M…, obgleich er es nicht bekennen will, ein Haupt der Camorra +gewesen ist. Seine Handlungsweise ist dieselbe, wie sie Pucci +(<cite lang="it" xml:lang="it">Archivio di Psichiatria</cite>, V. Jahrgang 1884) und Alongi (<cite lang="it" xml:lang="it">La +camorra Studio di Sociologia criminale, Torino, Bocca 1890</cite>) +bei den Häuptern der Camorra beschreiben.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_20_20" href="#FNanchor_20_20" class="label">[20]</a> Man sieht, wieviel dem System eines Spezialkorps für +die Gefängniswache widerspricht. Es existiert militärische Disziplin, +aber der Soldat wird von den Gefangenen unterhalten, und sucht +aus seinem traurigen Geschäft soviel wie möglich herauszuschlagen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_21_21" href="#FNanchor_21_21" class="label">[21]</a> Das ist das große Verbrechen. M…, der dem Sansosti +erklärte, daß er auf den rechten Lebenspfad zurückkehren und von +der Camorra nichts mehr wissen wolle, obgleich er sie wer weiß +wie oft zu seinen Gunsten in Anspruch genommen hat, kehrt aus +bloßem Wunsch nach Rache zu ihr zurück. Das Unrecht des Pescari, +das ersieht man aus dem folgenden, war, sich als »Guappo« aufgespielt +zu haben, ohne es wirklich zu sein. Daraus ersieht man, wie die +verbrecherische Assoziation, wovon die Camorra ein Beispiel bildet, +ein Versuch der antisozialen Elemente ist, um andere soziale Kriterien +aufzustellen, die ihrem Temperament mehr entsprechen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_22_22" href="#FNanchor_22_22" class="label">[22]</a> Auch dies ist eine charakteristische Bemerkung. Man +möchte sagen, daß M… die ganze Gemeinheit der Verleumdung +kennt, gerade in dem Augenblick, wo er eine schlimme Intrigue anzettelt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_23_23" href="#FNanchor_23_23" class="label">[23]</a> Diese wohlwollende, fast furchtsame Redensart ist keine +Übertreibung. Die Camorra behauptet sich noch heute in den südlichen +Gefängnissen, dank dieser Höflichkeit der Gefängnisdirektoren. +Diese armen Büreaukraten wissen, daß in einer Epoche politischer +Wandlungen das beste, was sie thun können, ist, ihren Vorgesetzten +keinen Ärger zu machen. +</p><p> +Wenn sie durch die Energie ihrer Maßregeln üble Laune erregt +und sich der Gefahr eines Aufstandes ausgesetzt hätten, so hätten +sie den Schaden einer Versetzung gehabt. Wenn sie dagegen ihren +Gefangenen gegenüber ruhig blieben, konnten sie ihr Leben unbemerkt +verbringen. Es ist übrigens nicht lange her, daß infolge +eines Aufstandes in einem Bagno das Ministerium eine Untersuchung +angeordnet hatte. Es handelte sich um eine durch das Essen veranlaßte +Unzufriedenheit. Wenn es sich um einen Bauernaufstand +gehandelt hätte, hätte man die Leute eingesperrt und die einzige +Untersuchung, die angestellt worden wäre, wäre die durch die Gerichtsbehörde +gewesen, welche ihr Urteil ausgesprochen hätte, ohne +daß das Essen besser geworden wäre.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_24_24" href="#FNanchor_24_24" class="label">[24]</a> Dies ist ein sehr wichtiges Argument, ein neuer Beweis +dafür, was die positive Schule immer behauptet hat, daß das Gefängnis +so, wie es in der klassischen Schule hergerichtet ist, die voll +Sentimentalität war, nicht bleiben kann. Man halte diese Worte +des M… mit den andern zusammen, die Lombroso gesammelt +hat (<cite lang="it" xml:lang="it">Palimsesti del Carcere</cite>): »Ich bin glücklicher als St. Petrus. +Hier werden wir von Lakaien bedient. Welches Wohlleben! Hier +ist es besser wie auf dem Lande.« – »Triumph! Ich bin wegen +Diebstahls verhaftet, an dem ich unschuldig bin. Lebt wohl Freunde. +Thut mir um der Barmherzigkeit willen den Gefallen, flieht nicht +aus diesem Gefängnis, hier ißt, trinkt und schläft man und braucht +nicht zu arbeiten« – und man wird folgenden Ausruf eines Gefangenen +nicht ganz ungerechtfertigt finden: »Hier behandelt man +uns zu gut und übt zu viel Rücksicht.« Und den Schluß aus diesen +Prämissen hat der berühmte Dieb Leblanc sehr gut zu ziehen +gewußt, der dem Polizeipräfekten Gisquet sagen mußte: +</p><p> +»Wenn ich nicht Dieb aus Beruf wäre, würde ich es aus +Neigung sein. Ich habe alle Vorteile und Nachteile der anderen +Berufszweige gegen einander abgewogen und gefunden, daß das +Stehlen immer noch das beste ist … Ich weiß wohl, daß wir +im Gefängnis enden können, aber von 18000 Dieben, die in Paris +sind, ist nicht ein Zehntel im Gefängnis, folglich genießen wir neun +Jahre in Freiheit gegen eines im Gefängnis. Und wo ist der +Arbeiter, der nicht eine arbeitslose Periode hat?… Und wenn +wir schließlich eingekerkert werden, so leben wir auf Kosten der +andern, man kleidet, speist und wärmt uns, und alles zu Lasten derer, +die wir bestohlen haben. Und ich gehe noch weiter: Während +unseres Aufenthaltes auf der Galeere oder im Gefängnis vervollkommnen +wir uns und bereiten neue Mittel, die uns Erfolg verbürgen, +vor.«</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_25_25" href="#FNanchor_25_25" class="label">[25]</a> Viele der Stellen, die im Manuskript unterstrichen waren +und in gesperrtem Druck erscheinen, waren es augenscheinlich in der +Absicht, sie als den Schreiber nicht befriedigend und darum einer +Korrectur bedürftig zu kennzeichnen. Vielleicht rührt das Unterstreichen +auch von Personen her, denen das Manuskript zum Lesen +gegeben wurde.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_26_26" href="#FNanchor_26_26" class="label">[26]</a> Dies bestätigt die Vermutung, daß M… ein Haupt der +Camorra war. Die Halbbildung einzelner Gefangener war eine +derartige, daß sie sie gegenüber dem Analphabetismus der Menge +stark und mächtig machte. Es genügt, über diesen Gegenstand das +Kapitel bei Alongi zu lesen: <cite lang="it" xml:lang="it">Camorristi letterati e causidici</cite> +(a. a. O.). Der Titel »Meister«, der M… gegeben wurde, ist +gerade der, den man den Häuptern der Camorra gab.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_27_27" href="#FNanchor_27_27" class="label">[27]</a> Und dann sagt man, daß die Gefängnisse Strafanstalten +sind, bei diesen übermäßigen Lobsprüchen!</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_28_28" href="#FNanchor_28_28" class="label">[28]</a> Die moralische Unempfindlichkeit des M… wird durch +seine Ausdrucksweise bestätigt. Für ihn ist nur das schändlich, +was zu seinem Nachteil geschieht. Hingegen bezeichnet er als »gut« +die Wunden, die er einem andern beibringt, die Hiebe mit einer +Eisenstange, die er auf den Kopf eines Krankenwärters niedersausen +ließ.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_29_29" href="#FNanchor_29_29" class="label">[29]</a> Die »Erkennungsrechte« sind die Handlungen, durch welche +der neuangekommene Camorrist zeigt, daß er die Autorität des +Vorgesetzten und die camorristische Hierarchie anerkennt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_30_30" href="#FNanchor_30_30" class="label">[30]</a> Diese Dinge, so unwahrscheinlich sie sind, bestehen noch +von einem Gefängnis zum andern, die Camorra unterhält noch +ihre Verbindungen, indem sie sich der Auswechslung von Gefangenen +und sogar der Versetzung von Wärtern bedient. +</p><p> +»Das Haupt der Camorra«, schreibt Pucci (<cite lang="it" xml:lang="it">Archivio di +Psichiatria</cite>; a. a. O.), »muß von allen Neuigkeiten, die in den +verschiedenen Zimmern vorkommen, unterrichtet sein; diese Informationen +werden durch Billets ermittelt, und wenn das nicht möglich +ist, wird eine Krankheit fingiert und man begiebt sich in das +Zimmer, wo das Haupt sich befindet.« Die Weise, in der M… +von diesen Dingen spricht, als ob sie die natürlichsten von der +Welt wären, ist der beste Beweis, wie sie eingewurzelt waren. +Auch dem Zellengefängnis ist es nicht möglich gewesen, das Übel +zu beseitigen. »Ich habe in dieser Hinsicht Gefangene, Wachtbeamte +und gut unterrichtete Personen gefragt«, schreibt Alongi +(<cite lang="it" xml:lang="it">La Camorra, Turin, Bocca 1890</cite>), »und alle versicherten mich übereinstimmend, +daß die Camorra in den süditalienischen und sizilianischen +Gefängnissen noch existiert und mächtig ist.« Die neuerlichen Prozesse +in Bari gegen die <em lang="it" xml:lang="it">Mano fraterna</em> beweisen es. +</p><p> +Die Erzählung des M… ist ferner ein neuer Beweis für +das, was Lombroso in seinen <cite lang="it" xml:lang="it">Palimsesti del Carcere</cite> (<i>Turin, +Bocca 1891</i>) zu beweisen versucht hat, daß gerade die Ziele der +Zellengefängnisse diejenigen sind, die am wenigsten erreicht werden. +Die vollständige Abgeschlossenheit wird sich nimmer erreichen lassen: +was für Mittel man auch anwenden mag, man wird immer gegen +die instinktive Schlauheit der Verbrecher ankämpfen müssen, gegen +den Scharfsinn, den die Einsamkeit entwickelt, indem sie ihm das +erste und nötigste Element, die Geduld, verleiht. <q lang="fr" xml:lang="fr">Le génie c'est +de la patience</q>, hat Buffon geschrieben, und obgleich diese Maxime +bekämpft worden ist, so ist doch unleugbar, daß die erzwungene +Einsamkeit zum Nachdenken und Sinnen anregt. Und so gelangt +der Verbrecher dahin, den besten Anordnungen, der strengsten Überwachung +nur raffiniertere Mittel entgegenzustellen. Und es verlohnt +sich hier, eine Stelle aus Alongi zu citieren, über den heutigen +Stand der Mittel, durch welche von einer Zelle zur andern korrespondiert +wird. »Der Post- und Telegraphendienst von einer +Zelle zur andern, vom Gefängnis nach außerhalb, ist mit einer +Genauigkeit eingerichtet, die bewunderungswürdig wäre, wenn sie +nicht entsetzlich wäre. Lange Gespräche und lange Mitteilungen +gelangen von einem Saal zum andern; es giebt ein Alphabet mit +den Fingern, eines mittelst Schlagens an die Mauern. Jeder +Saal hat seine Telegraphenbeamten. Man wird einwerfen, daß +dies System nur bei zwei aneinanderstoßenden Sälen bequem ist. +Aber man vergißt, daß jeder Saal seine Telegraphenbeamten hat, +so daß ein von einem Saal zum andern befördertes Telegramm +bequem bis zum entferntesten gelangen kann. Aber das erfordert +Zeit! Und fehlt die vielleicht dem Gefangenen? Wie kann er die +Stunden der Muße besser anwenden? Und was liegt an einer oder +zwei Stunden, wenn man sich auf diese Weise mit einem Mitangeklagten +unterhalten kann, den die Justiz in ihrem unendlichen +Scharfsinn geschickt isoliert zu haben glaubt. Man glaubt kaum, +wie sehr der Kerker und die Müssigkeit, die dort herrscht, den +Geist der Geduld, List und scharfsinnige Verschlagenheit entwickeln. +Die konventionellen Mittel, Chiffern und Zeichen, welche die Verliebtheit +zweier Liebenden ersonnen hat, um sich trotz der vieläugigsten +und eifersüchtigsten Wachsamkeit zu verständigen, sind ein +Kinderspiel im Vergleich zu den Erfindungen der Gefängnisse. Die +Säume und Nähte der Wäsche sind wahre Postkisten, die lange +Papierstreifen enthalten, vermittelst deren die Korrespondenz der Gefangenen +mit einer Präzision und Heimlichkeit hin und hergeht, die +man im amtlichen Postdienst nicht findet. Und wenn Ihr sie gefunden +habt, so könnt Ihr nichts lesen, denn die Tinte wird durch +Citronensäure ersetzt, die blos an der Wärme erscheint, und wenn +Ihr auch das wißt, so nützt es Euch nichts, denn die Worte haben +eine näher vereinbarte Bedeutung, auch sie sind Chiffern, zu denen +Euch der Schlüssel fehlt.« +</p><p> +Und dies ist keine Übertreibung; es ist bekannt, was für vorzügliche +Kommunikationsmittel für Mitteilungen sowohl im Zellengefängnis +zu Mailand, wie in der Generala zu Turin die +Leitungsröhren der Heizung und die Latrinen waren. +</p><p> +Und um diese schon etwas lange Anmerkung zu schließen, +will ich hier eine Probe des seltsamen telegraphischen Alphabets +geben, das in den Gefängnissen im Gebrauch ist. Die Zahlen +geben die Schläge an. +</p> +<p> +1–1=a; 1–2=b; 1–3=c; 2–1=g; 2–3=h; 3–1=m; +3–2=n; 4–1=r; 4–2=s; 4–3=t u. s. w. +</p> +</div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_31_31" href="#FNanchor_31_31" class="label">[31]</a> Charakteristisch für den geborenen Verbrecher ist seine geringe +Zuneigung. M…, der erst nur begeisterte Worte und +Segenswünsche für den Direktor des Gefängnisses in Lucera hatte, +verflucht ihn jetzt wiederholt. Wahrscheinlich machte dieser den +M… glauben, daß er nach Kalabrien gebracht werden solle, um +ihn gutwillig zur Abreise zu bestimmen, da M… in seiner Eigenschaft +als einflußreicher und gefürchteter Camorrist irgend welchen +Aufstand hätte hervorrufen können.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_32_32" href="#FNanchor_32_32" class="label">[32]</a> Ein echt verbrecherischer Zug, der sich durch nichts rechtfertigen +läßt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_33_33" href="#FNanchor_33_33" class="label">[33]</a> Dies ist das Facsimile des Stempels, der sich im Manuskript +des M… fand. Es ist unverständlich. Man erblickt zwei +Degen, ein Auge und andere Zeichen, die ich vergebens mit den +camorristischen Tätowierungen und den Verbrecherhieroglyphen in +Einklang zu bringen versucht habe.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_34_34" href="#FNanchor_34_34" class="label">[34]</a> Ein neuer Beweis für das, was ich von der Schwäche +der Beamten der Camorra gegenüber gesagt habe.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_35_35" href="#FNanchor_35_35" class="label">[35]</a> Man beachte, daß er selbst ein Sodomit ist, wie sich in +der Folge zeigen wird.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_36_36" href="#FNanchor_36_36" class="label">[36]</a> Der Abschnitt, mit dem dieses Kapitel schließt, trägt unzweifelhaft +den Stempel der Verrücktheit an sich; aber man sieht +ein, daß der erste Entwurf alles andere als vulgär ist – es ist +derselbe, den Shakespeare durch den Mund einer seiner Persönlichkeiten +ausgesprochen hat, welche an die Unendlichkeit der Welt +denkt und sie mit der unendlichen Kleinheit des Menschen, mit der +Relativität aller seiner Abstraktionen in Gegensatz stellt. Auch die +Shakespeare'sche Persönlichkeit versinnbildlicht die menschliche Thätigkeit +in einer Reihe von Träumen. +</p><p> +Aus einer Sammlung von poetischen Manuskripten des M… +nimmt der Herausgeber hier zwei heraus, welche rein philosophische +Themen behandeln und welche von der seltsamen Verbrecherphantasie +eine Vorstellung geben.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_37_37" href="#FNanchor_37_37" class="label">[37]</a> Derselbe, den er vorher als einen »gelehrten und geistreichen +Mann« bezeichnete.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_38_38" href="#FNanchor_38_38" class="label">[38]</a> Ein weiterer Beweis, daß M… ein einflußreiches Haupt +der Camorra war.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_39_39" href="#FNanchor_39_39" class="label">[39]</a> Hier folgt ein italienisches Wiegenlied.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_40_40" href="#FNanchor_40_40" class="label">[40]</a> Dieser Teil der Selbstbiographie des M… ist ein Beweis +zu Gunsten derer, welche behaupten, daß Verbrecher nicht in +die Armee aufgenommen werden sollten. +</p><p> +Die Frage ist als Gefühls- und als Nützlichkeitsfrage behandelt +worden. Ich übergehe den ersten Gesichtspunkt, weil sich +darüber nicht verhandeln läßt: ein Heer braucht namentlich in +Friedenszeiten einen hohen Grad sittlicher Reife in seinen Bestandteilen, +um in Ermangelung eines unmittelbaren Nutzens eine +Existenzberechtigung zu haben. +</p><p> +In Kriegszeiten kommt es auf solche Moralität weniger an +und niemand würde sich darum kümmern; Sergi hat in seinem +<cite lang="it" xml:lang="it">Eroismo e criminalità</cite> gezeigt, wie ein Verbrecher bisweilen zu +heroischen Thaten sich erheben kann. Der Mangel an Voraussehung +schwächt bei ihm das Gefühl der Gefahr ab. +</p><p> +Ich will mich auf den zweiten Punkt beschränken: daß es +nutzlos und unthunlich sei, Verbrecher in die Armee aufzunehmen, +und zwar auf der Basis elementarer Gründe des Positivismus. +</p><p> +Wenn man zugiebt, daß der Verbrecher ein pathologischer +und anormaler Typus ist, weshalb wird diese moralische Abnormität +nicht ebenso in Betracht gezogen, wie so viele andere, die +physischer Natur sind? Individuen, die eine Mißbildung der Füße +zeigen, werden ausgeschlossen, und man sollte die nicht zurückweisen, +welche eine tiefgehende Abnormität der Seele zeigen? +</p><p> +Man wird sagen: Es ist schwer, diese Abnormität festzustellen. +Und ich antworte: Zugegeben; aber so schwer es auch sein mag, +in der großen Mehrzahl der Fälle ist ein unfehlbares Kennzeichen +gegeben – die Strafen, welche die zur Aushebung sich vorstellenden +Leute erlitten haben – oder wenn sie schon Soldaten sind, die +Vergehen, welche sie sich zu Schulden kommen lassen. Der Verbrecher +wird als ein antisoziales Element definiert, d. h., er wendet +sich gegen die Ordnungsgrundsätze, die zur Existenz einer gegebenen +Gesellschaft notwendig sind: er will sich deren Zwang nicht unterwerfen +und findet sie für sein eigenes Temperament und seine +eigenen Neigungen zu eng. Ist es nun nicht widersinnig, einen +solchen Widerstrebenden in die Schranken eines Organismus wie +die Armee einzustellen, die durch eine noch viel straffere Disziplin +als die, welche in der gewöhnlichen Gesellschaft herrscht, regiert +wird? Heißt das nicht, aus einem Narren einen Philosophen +machen wollen? Sowohl der Narr wie der Verbrecher sind individualistische +Übertreibungen, Wesen, deren Verstand oder moralisches +Empfinden sich den Bedingungen des sozialen Leben, den +Vorschriften, die der Egoismus auf Gegenseitigkeit diktiert, nicht +anpassen können. +</p><p> +Man wirft ein: Auch das Gefängnis und das Irrenhaus +sind Institute, die von eiserner Disziplin regiert werden, aber jeder +sieht ein, daß die Zusammenstellung mit dem Heer nicht möglich ist. +Dieses hat im Staat eine opportunistische, jenes eine, im wesentlichen +utilitarische Funktion. Die Armee wird verschwinden können +und müssen; die Gefängnisse werden ihr Aussehen ändern, wenn +der Begriff der Strafe durch den der Abwehr abgelöst worden ist; +die Irrenhäuser werden in Stätten der Pflege und der Hut umgewandelt +werden, da die Gesellschaft nur stets, auch in ihren fortgeschrittensten +Formen, den Begriff der Selbstverteidigung aufrecht +halten und erweitern muß, weil dies zur Entwickelung der gesunderen +und normaleren Kräfte beiträgt. Die soziale Disziplin ist ein +absolutes Bedürfnis, die militärische Disziplin ein relatives Bedürfnis. +</p><p> +Nun kann die Ausbildung derer, welche Strafen von einer +gewissen Schwere erlitten, helfen, das Heer sicher zu stellen. Ich +lege nicht viel Wert darauf, weil es eine Wahrheit ist, von der +wir uns in diesen letzten Jahren überzeugt haben. Misdea, +Serghetti, Scaranari, Marino, Missivoli und endlich Pasquala Torres +haben dem Heer noch mehr geschadet als zwanzig Friedensjahre. +Andererseits ist bekannt, daß das Kriegsministerium das Aushebungsgesetz +in dem Sinne reformieren will, daß diejenigen ausgeschlossen +bleiben und dem königlichen Heer nicht angehören können, +welche zu Kerkerstrafe und zu Gefängnis nicht unter fünf Jahren +verurteilt sind, während das zur Zeit in Kraft befindliche Gesetz +nur die wegen irgend eines Verbrechens zu Zwangsarbeit Verurteilten +und die zu Zuchthaus und Gefängnis wegen Verbrechen +schwerer Art Verurteilten ausschließt. +</p><p> +Doch sollten auch die zu geringen Strafen Verurteilten besonders +behandelt werden, indem sie während des Dienstes mit +der Waffe einer besonderen Abteilung zugewiesen werden, wie es +in Frankreich und Deutschland üblich ist. +</p><p> +Dazu wird nun noch ein Reglement treten, welches gleichzeitig +die Überweisung derjenigen Personen in eine besondere Abteilung +verfügt, die sich <em class="gesperrt">während der Dienstzeit</em> schwerer Vergehen +schuldig machten. Dasselbe Ministerium anerkennt in dem +der Kammer schon vorgelegten Bericht die Nützlichkeit solcher Verfügungen, +indem es hervorhebt, daß man nicht erst jetzt darauf +verfallen sei, sondern schon in einem dem Senat am 10. Juni +1884 vorgelegten Gesetzentwurf des Ministers General Ferrero, in +dem von einem Spezialkorps die Rede war. +</p><p> +Damit, das wird jeder einsehen, wird die Frage verschoben, +aber nicht gelöst. Es schließt zwar die schlimmsten Verbrecher aus, +aber zu viele umfaßt es gar nicht, oder umfaßt sie mit einer Verschärfung +der Disziplin. Wenn heute der Verbrecher seine Strafe +verbüßt hat, wird er veranlaßt sein, die besondere Behandlung, +die er erfährt, als eine Ungerechtigkeit zu betrachten und den +Fatalismus der Schuld zu verstärken, von dem die Seiten M…'s +voll sind. Er wird als Soldat eine strengere Disziplin und daher +mit größter Wahrscheinlichkeit die Bestrafung finden. Ist das gerecht +und logisch? +</p><p> +Ist im sozialen Leben die moralische oder intellektuelle Inferiorität +einer Person nicht eine Entschuldigung für uns? Von +einem Bauern verlangen wir gewisse Äußerungen des Zartgefühls +nicht, die wir bei einer gebildeten Person fordern; von jenem +dulden wir, was bei dieser eine Beleidigung wäre. +</p><p> +Wenn man bei einer Spezialdisziplin annimmt, daß diese +Individuen Verbrecher sind und wenn man sie nur deshalb als +Soldaten betrachtet, weil sie sich dem Recht, welches das Land über +sie hat, nicht entziehen können, so müßte man sie wenigstens dem +gewöhnlichen Gesellschaftscodex unterstellen, anstatt sie unter den +militärischen Codex zu bringen. +</p><p> +Der Grundsatz der Ausschließung, nach der vorher erlittenen +Strafe beurteilt, hat für mich keinen Wert. Der Soldat kommt +immer im jugendlichen Alter zur Aushebung; wenn er ein Verbrecher +war, so war es in seinen Jugendjahren, wo einerseits das +Strafgesetzbuch und andererseits das Mitleid der Geschworenen ihm +alle möglichen mildernden Umstände zubilligen. +</p><p> +Das sieht man aus der ersten Strafe des M… wegen +Mordes, wo die Überlegung und die Nachstellung nicht hinderten, +daß die Strafe auf fünf Jahre beschränkt wurde, und man sieht +es aus den Antecedentien aller Soldaten, die in diesen letzten +Jahren erschossen oder dem Kerker übergeben wurden. Alle hatten +Strafen erlitten und keiner hatte vom Dienst befreit werden können. +Die angeblichen fünf Jahre würden in der That zwanzig bis +dreißig Jahren Gefängnis gleichkommen. Vier Körperverletzungen +und drei Widersetzlichkeiten gegen die Polizeiorgane würden weniger +gelten als ein versuchter Mord, und zwar für einen Soldaten, für +den das Spezialgesetzbuch des Heeres die Erschießung von hinten +sanktioniert, wenn er nur mit bewaffneter Hand seinen Vorgesetzten +bedroht. +</p><p> +Die Blätter des M… können dazu ermahnen, eine offene +und wirkliche Lösung zu finden, die einerseits dem Heere nützt und +andererseits den Postulaten des gesellschaftlichen Positivismus +entspricht. +</p><p> +In dieser Anmerkung, das begreift jeder, habe ich eine solche +Lösung nur andeuten können.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_41_41" href="#FNanchor_41_41" class="label">[41]</a> Ein Beweis für das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das +Familiengefühl, das unter den Verbrechern existiert.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_42_42" href="#FNanchor_42_42" class="label">[42]</a> Kurz vorher hat er ihn einen »Autokraten«, einen »gesetzlich +sanktionirten Vatermörder« genannt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_43_43" href="#FNanchor_43_43" class="label">[43]</a> Die Verlagshandlung der deutschen Ausgabe sah sich hier +genötigt, eine auf den päderastischen Umgang bezügliche Stelle zu +streichen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_44_44" href="#FNanchor_44_44" class="label">[44]</a> Vielleicht ist eine Gegenüberstellung dieses ungebildeten +M… mit einem der begabtesten Dichter und Schriftsteller der +Decadence, Paul Verlaine, der wegen Verletzung eines seiner sodomitischen +Freunde verurteilt ist, nicht unangebracht. Auch M… +wird poetisch, wie Verlaine, wenn er von seiner Verworfenheit +erzählt. +</p><p> +Daß sie auf das freie Land gehen, um ihren Lastern zu fröhnen, +ist auch ein charakteristischer Zug dieser Menschen. Sighele schreibt: +Fast mehr noch als die Tribaden lieben es die Päderasten, ihre +Laster mit der seltsamen und starken Wollust des Schmerzes zu +vereinen. Sie empfinden es als ein Bedürfnis, ihrem widernatürlichen +Instinkt die Empfindung der Gefahr hinzuzufügen, und wenn +sie nicht soweit gehen, daß sie für ihr Leben fürchten möchten, so +suchen sie wenigstens für ihre Ehre etwas zu riskieren.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_45_45" href="#FNanchor_45_45" class="label">[45]</a> Ein weiterer Beweis für die Mischung von Liebe und +Haß. Die natürliche Liebe stillt im Besitz der Stürme die Leidenschaften +und gewinnt im Affekt ihr Gleichgewicht. Die widernatürliche +Liebe kann naturgemäß keinen normalen Abschluß und kein +Gleichgewicht haben.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_46_46" href="#FNanchor_46_46" class="label">[46]</a> Man erkennt die weibische Natur der passiven Päderasten +an ihrer Sprechweise.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_47_47" href="#FNanchor_47_47" class="label">[47]</a> Auch die Feigheit ist, wie Sighele zeigt, ein Charakteristikum +der passiven Päderasten und Tribaden. – Sie bedienen +sich der neuen Eroberung fast stets, um sich für den Verrat der +vorhergehenden zu rächen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_48_48" href="#FNanchor_48_48" class="label">[48]</a> Aus der cynischen Ausdrucksweise des M… geht hervor, +wie wenig echt sein Abscheu gegen seinen Gefährten war.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_49_49" href="#FNanchor_49_49" class="label">[49]</a> Die blutige Rache erscheint bei M… als die natürlichste +Sache in der Welt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_50_50" href="#FNanchor_50_50" class="label">[50]</a> Das ist Wahnsinn; man beachte auch, daß die Tyrannei +in diesem Fall darin besteht, ihn an der Ausübung der Päderastie +zu behindern. Es ist sehr wohl möglich, daß M… diese Worte +wirklich gesprochen hat; die Thatsache ist bekannt genug, daß der +mörderische Impuls sich in einen selbstmörderischen verwandelt, besonders +bei den Epileptikern.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_51_51" href="#FNanchor_51_51" class="label">[51]</a> Klassische Verbrechereitelkeit.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_52_52" href="#FNanchor_52_52" class="label">[52]</a> Wer ein Irrenhaus besucht hat, wird mehr als einen +gefunden haben, der ihm so antwortete und durch seine geschwollene +Ausdrucksweise sein Unglück zu adeln suchte. Diese Großsprecherei +ist für die Wahnsinnigen charakteristisch.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_53_53" href="#FNanchor_53_53" class="label">[53]</a> Diese wahnsinnigen Tiraden erinnern an die Verteidigungsrede, +die der Soldat Francesco Torres vor dem Militärgericht zu +Mailand hielt. Zwischen beiden ist eine große Familienähnlichkeit. +Und das beweist, was Lombroso aufgezeichnet hat, daß nämlich der +Begriff der sozialen Gerechtigkeit im Keime vorhanden ist; M… +erklärt sich als einen »reinen, unschuldigen Mann«, als ob er nicht +an dem päderastischen Verhältnisse beteiligt wäre, das M… dem +S… in so glühenden Worten vorwirft, als ob er ihm nicht den +anonymen Brief diktiert und noch schlimmeres angeraten hätte. +</p><p> +Es ist derselbe Fall wie bei dem Straßenräuber, den Lombroso +(<cite lang="it" xml:lang="it">Palimsesti del carcere</cite>) beschrieben hat, der, um seine +Unschuld zu erweisen, den Schauplatz der Straßenräuber zeichnete, +wobei er den unmittelbaren Empfänger einer Uhrkette darstellte, +die ein anderer gemeinschaftlich mit der Uhr eines Passanten aus +der Tasche gerissen hatte. Und darüber war geschrieben: <em class="gesperrt">Ich bin +unschuldig.</em> – Das Kriterium der Unschuld bestand darin, daß +er als Räuber beider Gegenstände angeklagt war, während er nur +die Kette genommen hatte.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_54_54" href="#FNanchor_54_54" class="label">[54]</a> Die Unterscheidung eines Wahnsinnigen, die nur gemacht +wird, um einen verbrecherischen Impuls zu beschönigen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_55_55" href="#FNanchor_55_55" class="label">[55]</a> Das ist das Mitleid, das er für S… empfindet.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_56_56" href="#FNanchor_56_56" class="label">[56]</a> Ein Beweis für die epileptische Natur des Verbrechers.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_57_57" href="#FNanchor_57_57" class="label">[57]</a> Denselben Gedanken drückt Dostojewski in seinen »Erinnerungen +aus dem Hause der Toten« aus. Er sagt, daß, wenn +man jemand nötigen würde, dieselbe Arbeit immer zu verrichten +und wieder zu zerstören, er wahnsinnig werden würde, weil die +Nützlichkeit, sei sie auch im Verhältnis zur Arbeit nur gering, dasjenige +sei, was die Arbeit rechtfertigt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_58_58" href="#FNanchor_58_58" class="label">[58]</a> Wie Venturi in seinem Gutachten bemerkt, begegnen sich +bei M… die Übertreibung des Hasses mit der Übertreibung der +Zuneigung, und so wird wahrscheinlich die Wirklichkeit der Erzählung +des M… in nicht wenigen Punkten widersprechen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_59_59" href="#FNanchor_59_59" class="label">[59]</a> Der gewöhnliche Refrain, der immer zum Vorteil des Übelthäters +ausschlägt. Ich kannte einen Verbrecher, der wegen Diebstahls +angeklagt, antwortete: Die Verhältnisse sprechen freilich gegen +mich, aber ich gebe den Diebstahl nicht eher zu, bis man mir die +Sache zeigt, die ich gestohlen haben soll. – Und als er später +eines Mordes angeklagt war, wollte er, daß man ihm die Person +zeige, die ihn hatte morden sehen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_60_60" href="#FNanchor_60_60" class="label">[60]</a> Und dabei glaubt er ein gutes Werk zu thun, weil er +den Liur… retten will, und weil dieser unter ähnlicher Anklage +steht, wie M… selbst, als er unschuldig verurteilt wurde, erfindet +er eine Reihe von Unwahrheiten und stellt andere als Verleumder +hin. Eine merkwürdige Auffassung vom Guten!</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_61_61" href="#FNanchor_61_61" class="label">[61]</a> Diese Übertreibung <i lang="la" xml:lang="la">in pejus</i> bildet den logischen Gegensatz +zu der vorherigen optimistischen Übertreibung. Jeder begreift, +daß die Lebensbedingungen sich nicht so sehr ändern konnten. +Dieser leidenschaftliche Gigantismus ist charakteristisch für die Epileptiker.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_62_62" href="#FNanchor_62_62" class="label">[62]</a> Wiederum die gewöhnliche Übertreibung der Zuneigung, +die der Übertreibung des Hasses entspricht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_63_63" href="#FNanchor_63_63" class="label">[63]</a> Sollte es nicht vielleicht die Furcht gewesen sein, daß die +Beamten sein Treiben in den Bergen von Daffina verrieten?</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_64_64" href="#FNanchor_64_64" class="label">[64]</a> In diesem letzten Teil der Schrift des M… wird der +Leser einen wahren Verfolgungswahn, eine wahnsinnige Erregung +und einen Verfall des Intellekts beobachten. Ich veröffentliche ihn, +weil er die Psychologie des Typus mit großer Treue zeigt, +den leidenschaftlichen Gigantismus, welcher das Erbteil der Epileptiker +ist, wiedergiebt, und gleichzeitig die Geschichte des M… abschließt, +indem er sein letztes Verbrechen in gewisser Weise erklären +hilft. +</p><p> +Dieser Teil entbehrt auch der sinngemäßen Anordnung; er +besteht aus leidenschaftlichen Impressionen, die nicht von realen und +augenfälligen Thatsachen, sondern von Hallucinationen hervorgerufen +sind, wie sich aus dem Prozeß ergab und wie M… in einem +Augenblick der Ruhe selbst zu erkennen scheint, wofür der Brief +an den Bruder, der am Schlusse veröffentlicht ist, Beweis ablegt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_65_65" href="#FNanchor_65_65" class="label">[65]</a> Daß er die einzelnen Teile seiner Schriften mit einem +Brief an den Sohn beginnt, ist ein Charakteristikum des +Graphomanen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_66_66" href="#FNanchor_66_66" class="label">[66]</a> Hier bricht die Erzählung ab.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_67_67" href="#FNanchor_67_67" class="label">[67]</a> Das folgende ist ein Teil der Verteidigungsrede des M…, +als er wegen Mordversuches auf seine Schwägerin vor Gericht stand.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_68_68" href="#FNanchor_68_68" class="label">[68]</a> Hier folgt die Wiederholung derselben Worte, die im Anfang +dieses Kapitels sich befinden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_69_69" href="#FNanchor_69_69" class="label">[69]</a> Dieser Brief des Antonino M… bildet ein merkwürdiges +und wichtiges psychologisches Dokument. Zwar giebt ihm +der Bruder eine ziemlich einfache Deutung, daß er nämlich dazu +dienen soll, sein Mitleid zu wecken, um die weitere Sendung der +fünfzehn Lire monatlich zu erreichen, aber es ist unleugbar, daß +im Stil eine gewisse Überzeugung sich bemerkbar macht. M… +hat immer einen Hang zur Religiosität, zum Mystizismus gezeigt, +das beweisen seine spekulativen Versuche, und auch sein zur +Ascetik neigender Fatalismus. Die vollständige Einsamkeit und +etwaige religiöse Lektüre müssen auf seinen – was Form und +Abstraktion anbelangt – leicht suggestionierten Geist ein, man +kann wohl sagen, psychologisches Wunder bewirkt haben. Die +Tendenz seines leidenschaftlichen Gigantismus, die Venturi in seinem +Gutachten so vorzüglich hervorgehoben hat, und welche Übergänge +und halbe Maßregeln nicht zuläßt, und in Antithesen lebt, scheint +ihn auch hier zum Exzeß geführt zu haben. +</p><p> +Vielleicht war der mächtigste Faktor die Unmöglichkeit, sich +zu bewegen. Wenn der Teufel <em class="gesperrt">alt</em> wird, so wird er Eremit, +sagt das Sprichwort, und es ist bekannt, daß die Dirnen, wenn +sie altern, unter die Betschwestern gehen: dasselbe scheint mit +M… der Fall zu sein. Und da er ein Epileptiker ist, so ist +dabei nichts zu lachen, es würde vielmehr eine besondere psychische +Bildung vorliegen, wie bei dem Koch Berardi, der, nachdem er gemordet +hat, mit Skapularen behängt, im Namen der Religion den +König schmäht. +</p><p> +Bei der Psychologie der Heiligen, mit der Professor Lombroso +sich beschäftigt, wird er sich sicher mit diesem seltsamen Zusammenhang +auseinandersetzen müssen. Es genügt, an den Epileptiker +Sankt Paulus und so viele andere Menschen zu erinnern, die in +der Blüte ihrer Jahre einen verworfenen Lebenswandel führten, +und im Alter heilig gesprochen wurden, um zu begreifen, daß +das Phänomen nicht ungewöhnlich ist und in anderer Form auf +dem Gebiet der Pathologie der Seele wiederkehrt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_70_70" href="#FNanchor_70_70" class="label">[70]</a> Er meint die Sündflut, welche den Mord Abels durch +Kain rächte.</p></div> + +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Roman eines geborenen Verbrechers, by +Antonino M. + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROMAN EINES GEBORENEN *** + +***** This file should be named 22630-h.htm or 22630-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/2/6/3/22630/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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