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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:49:18 -0700 |
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| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:49:18 -0700 |
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diff --git a/22413-h/22413-h.htm b/22413-h/22413-h.htm new file mode 100644 index 0000000..58695a5 --- /dev/null +++ b/22413-h/22413-h.htm @@ -0,0 +1,4829 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Alaeddin und die Wunderlampe, by Kurt Moreck + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + div.textbody p { + text-indent: 1em; + } + div.note { + margin: 4em 10% 0 10%; + padding: 0 0.5em 0 0.5em; + border: 1px dashed black; + background-color: rgb(80%,100%,80%); + color: black; + font-size: smaller; + } + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; + font-weight: normal; + } + + h1 { + margin-top: 3em; + margin-bottom: 0em; + font-size: xx-large; + line-height: 75%; + font-style: italic; + } + + h2 { + margin-top: 3em; + margin-bottom: 0em; + font-size: x-large; + } + + em.gesperrt { + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + font-style: normal; + } + em.antiqua { + font-style: normal; + } + + p.firsttitle { + margin-top: 3em; + margin-bottom: 3em; + font-size: x-large; + line-height: 160%; + text-align: center; + } + p.subtitle { + text-align: center; + font-style: italic; + } + + p.illustrator { + text-align: center; + font-style: italic; + } + p.vorzugsausgabe { + margin-left: 25%; + margin-right: 25%; + } + p.textrevision { + margin-top: 2em; + text-align: center; + } + p.copyright { + margin-bottom: 4em; + font-size: smaller; + text-align: center; + line-height: 150%; + } + p.printer { + text-align: center; + font-size: smaller; + } + div.textbody p.newsection { + margin-top: 3em; + text-indent: 0em; + } + + body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + + ul {list-style: none; + padding-left: 0em; + } + + .pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + right: 1%; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: gray; + background-color: inherit; + } + + a:link { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + background-color: inherit; + } + a:visited { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + background-color: inherit; + } + a:hover { + text-decoration: underline; + } + a:active { + text-decoration: underline; + } + + .dropcap { + float: left; + padding-top: 2px; + padding-left: 0px; + padding-right: 2px; + font-size: 275%; + line-height: 83%; + overflow: visible; + } + + .figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + } + + img { + border-style: none; + padding: 1em; + } + + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Alaeddin und die Wunderlampe, by Kurt Moreck + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Alaeddin und die Wunderlampe + aus Tausend und eine Nacht + +Author: Kurt Moreck + +Illustrator: Ferdinand Staeger + +Release Date: August 26, 2007 [EBook #22413] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALAEDDIN UND DIE WUNDERLAMPE *** + + + + +Produced by Markus Brenner, Irma Špehar and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<div class="figcenter"> +<a href="images/alaeddin_cover.jpg"><img src="images/alaeddin_cover_th.jpg" alt="" title="" /></a> +</div> + +<p class="firsttitle"><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span>1001 Nacht<br /> +Alaeddin und die Wunderlampe</p> + + + +<p class="vorzugsausgabe"><span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>Von diesem Werk erschien eine +numerierte Vorzugsausgabe in +250 numerierten Exemplaren auf +imitiert Japanpapier mit einer Original-Radierung, +die auf echt +Japan hergestellt ist</p> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>[Illustration]</p> --> + + +<h1>Alaeddin<br /> +<span style="font-size: large">und die Wunderlampe</span></h1> + +<p class="subtitle"><span style="font-size: medium">Aus</span><br /> +<span style="font-size: large">Tausend und eine Nacht</span></p> + +<p class="illustrator">mit 11 Vollbildern<br /> +u. der Buchausstattung<br /> +von F. Staeger.<br /> +Hugo Schmidt Verlag<br /> +München<br /> +</p> + +<div class="figcenter"> +<a href="images/alaeddin_003.jpg"><img src="images/alaeddin_003_th.jpg" alt="" title="" /></a> +</div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span></p> --> +<p class="textrevision"><em class="gesperrt">Textrevision besorgte Kurt Moreck</em></p> + +<p class="copyright"><em class="antiqua"><em class="gesperrt">Copyright 1919 by Hugo Schmidt Verlag, München</em></em><br /> +Alle Rechte, insbesondere das an den Abbildungen, vorbehalten<br /> +<em class="gesperrt"><em class="antiqua">HUGO SCHMIDT VERLAG</em></em></p> + + +<div class="textbody"> + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span><a name="Alaeddin_und_die_Wunderlampe" id="Alaeddin_und_die_Wunderlampe"></a>Alaeddin und die Wunderlampe</h2> + + +<p class="newsection"><span class="dropcap">M</span>ustafa war der Name eines Schneiders, der in einer sehr +reichen und großen Hauptstadt Chinas lebte. Dieser +Mustafa war sehr arm, und seine Arbeit warf kaum so viel ab, +daß er, seine Frau und ein Sohn davon leben konnten.</p> + +<p>Die Erziehung dieses Sohnes, welcher Alaeddin hieß, war sehr +vernachlässigt worden, so daß er allerhand lasterhafte Neigungen +angenommen hatte. Er war boshaft, halsstarrig und ungehorsam +gegen Vater und Mutter. Kaum war er ein wenig herangewachsen, +so konnten ihn seine Eltern nicht mehr im Hause zurückhalten. +Er ging schon am frühen Morgen aus und tat den +ganzen Tag nichts, als auf den Straßen und öffentlichen Plätzen +mit kleinen Tagdieben spielen.</p> + +<p>Als er ein Handwerk erlernen sollte, nahm ihn sein Vater in +seine Bude und fing an, ihn in der Handhabung der Nadel zu +unterrichten. Allein weder gute Worte noch Drohungen vermochten +den flatterhaften Sinn des Sohnes zu fesseln. Kaum +hatte Mustafa ihm den Rücken gekehrt, so entwischte Alaeddin +und ließ sich den ganzen Tag nicht wieder sehen. Der Vater +züchtigte ihn, aber Alaeddin war unverbesserlich, und Mustafa +mußte ihn mit großem Bedauern zuletzt seinem liederlichen +Leben überlassen. Dies verursachte ihm großes Herzeleid, und +der Kummer zog ihm eine hartnäckige Krankheit zu, an der er +nach einigen Monaten starb.</p> + +<p>Alaeddins Mutter machte darauf alles zu Geld, um davon, +und von dem Wenigen, was sie mit Baumwollespinnen erwarb, +mit ihrem Sohne leben zu können.</p> + +<p>Alaeddin, der jetzt nicht mehr durch die Furcht vor seinem +Vater in Schranken gehalten wurde, bekümmerte sich nicht um +seine Mutter. Er suchte noch mehr als zuvor junge Leute von +seinem Alter auf und spielte mit ihnen unaufhörlich noch leidenschaftlicher<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> +als bisher. Diesen Lebenswandel setzte er bis in sein +fünfzehntes Jahr fort.</p> + +<p>Eines Tags, als er nach seiner Gewohnheit mit einem Haufen +Gassenjungen auf einem freien Platze spielte, ging ein Fremder +vorüber, der stehen blieb und ihn ansah. Dieser Fremde war ein +berühmter Zauberer, und die Geschichtschreiber, welche uns diese +Erzählung aufbewahrt haben, nennen ihn den afrikanischen Zauberer. +Wir wollen ihn gleichfalls mit diesem Namen bezeichnen, +um so mehr, da er wirklich aus Afrika stammte und erst seit zwei +Tagen angekommen war.</p> + +<p>Sei es nun, daß der afrikanische Zauberer, der sich auf Physiognomien +verstand, in Alaeddins Gesicht alles bemerkte, was +zur Ausführung des Planes, der ihn hierhergeführt, notwendig +war, oder mochte er einen andern Grund haben, genug, er erkundigte +sich, ohne daß es jemandem auffiel, nach seiner Familie, +seinem Stande und seinen Neigungen. Als er von allem, was +er wünschte, gehörig unterrichtet war, ging er auf den jungen +Menschen zu, nahm ihn einige Schritte von seinen Kameraden +beiseite und fragte ihn: »Mein Sohn, ist dein Vater nicht der +Schneider Mustafa?« – »Ja, lieber Herr,« antwortete Alaeddin, +»aber er ist schon lange tot.«</p> + +<p>Bei diesen Worten fiel der afrikanische Zauberer Alaeddin +um den Hals, umarmte ihn und küßte ihn zu wiederholten Malen +mit Tränen in den Augen und seufzend. Alaeddin bemerkte +diese Tränen und fragte, warum er weine. »Ach, mein Sohn!« +rief der afrikanische Zauberer, »wie könnte ich mich da enthalten! +Ich bin dein Oheim und dein Vater war mein geliebter Bruder. +Schon mehrere Jahre bin ich auf der Reise, und in dem Augenblick, +da ich hier anlange, voll Hoffnung, ihn wiederzusehen und +durch meine Rückkehr zu erfreuen, sagst du mir, daß er tot ist!«</p> + +<p>Er fragte hierauf Alaeddin, indem er seinen Beutel herauszog, +wo seine Mutter wohne. Alaeddin erteilte ihm sogleich Auskunft +und der afrikanische Zauberer gab ihm eine Hand voll kleines +Geld mit den Worten: »Mein Sohn, gehe schnell zu deiner +Mutter, grüße sie von mir und sage ihr, daß ich, wofern es meine +Zeit erlaubt, sie morgen besuchen werde, um mir zum Trost den +Ort zu sehen, wo mein lieber Bruder so lange gelebt und seine +Tage beschlossen hat.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>Sobald der afrikanische Zauberer den Neffen, den er sich soeben +selbst geschaffen, verlassen hatte, lief Alaeddin voll Freude +zu seiner Mutter. »Mütterchen,« sagte er, »ich bitte dich, sage +mir, ob ich einen Oheim habe.« – »Nein, mein Sohn,« antwortete +die Mutter, »du hast keinen Oheim, weder von seiten +deines seligen Vaters noch von der meinigen.« – »Und doch,« +fuhr Alaeddin fort, »habe ich soeben einen Mann gesehen, der +sich für meinen Oheim von väterlicher Seite ausgab und versicherte, +daß er der Bruder meines Vaters sei. Er hat sogar geweint +und mich umarmt, als ich ihm sagte, daß mein Vater tot +wäre. Zum Beweis, daß ich die Wahrheit sage, sieh, was er +mir geschenkt hat. Er hat mir überdies aufgegeben, dich in seinem +Namen zu grüßen und dir zu sagen, daß er dir morgen seine +Aufwartung machen wird, um das Haus zu sehen, wo mein +Vater gelebt hat und gestorben ist.«</p> + +<p>»Mein Sohn,« antwortete die Mutter, »es ist wahr, dein +Vater hatte einen Bruder; aber er ist schon lange tot und ich +habe ihn nie sagen gehört, daß er noch einen andern hätte.«</p> + +<p>Damit wurde das Gespräch über den afrikanischen Zauberer +abgebrochen.</p> + +<p>Den andern Tag näherte sich dieser zum zweitenmal Alaeddin, +als er auf einem andern Platze in der Stadt mit anderen Kindern +spielte. Er umarmte ihn, wie tags zuvor und drückte ihm zwei Goldstücke +in die Hand mit den Worten: »Mein Sohn, bring dies deiner +Mutter, sage ihr, ich werde sie auf den Abend besuchen, und sie möge +dafür etwas zum Nachtessen kaufen, damit wir zusammen speisen +können. Zuvor aber sage mir, wie ich das Haus finden kann.« Alaeddin +bezeichnete es ihm und der afrikanische Zauberer ließ ihn gehen.</p> + +<p>Alaeddin brachte die zwei Goldstücke seiner Mutter. Sie ging, +das Geld zu verwenden, kam mit gutem Mundvorrate zurück, +und da es ihr an den nötigen Tischgeräten fehlte, entlehnte sie +dieselben von ihren Nachbarinnen. Sie brachte den ganzen Tag +mit Vorbereitungen zu und als alles fertig war, sagte sie zu +Alaeddin: »Mein Sohn, dein Oheim weiß vielleicht unser Haus +nicht, gehe ihm entgegen und führe ihn hierher, wenn du ihn +siehst,« als man an die Türe klopfte. Alaeddin öffnete und erkannte +den Afrikaner, der mit mehreren Weinflaschen und Früchten +von allerlei Gattungen hereintrat.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>Nachdem der afrikanische Zauberer seinen Beitrag Alaeddin +eingehändigt hatte, begrüßte er die Mutter und bat sie, ihm die +Stelle auf dem Sofa zu zeigen, wo sein Bruder Mustafa gewöhnlich +gesessen sei. Sie zeigte ihm dieselbe. Nun warf er +sich sogleich zur Erde, küßte die Stelle und rief mit Tränen in +den Augen: »Armer Bruder, wie unglücklich bin ich, daß ich nicht +zeitig genug gekommen bin, um dich vor deinem Tode noch einmal +zu umarmen!« So sehr ihn nun auch Alaeddins Mutter +bat, so wollte er sich doch nicht auf diesen Platz setzen. »Nein,« +sagte er, »ich werde mich wohl hüten, aber erlaube, daß ich mich +gegenüber setze, damit ich, wenn mir auch das Vergnügen versagt +ist, ihn persönlich als Vater einer mir so teuren Familie +zu sehen, mir wenigstens einbilden kann, er sitze noch dort.« +Alaeddins Mutter drang nun nicht weiter in ihn und ließ ihn +Platz nehmen, wo er Lust hatte.</p> + +<p>Als der afrikanische Zauberer sich da gesetzt hatte, wo es ihm +am besten behagte, fing er ein Gespräch mit Alaeddins Mutter +an: »Meine liebe Schwester,« sagte er, »wundere dich nicht, daß +du während der ganzen Zeit, da du mit meinem Bruder Mustafa +verheiratet warst, mich nie gesehen hast. Es sind schon +vierzig Jahre, daß ich dieses Land verlassen habe. Seitdem habe +ich Reisen nach Indien, Persien, Arabien, Syrien und Ägypten +gemacht, mich in den schönsten Städten dieser Länder aufgehalten +und bin dann nach Afrika gegangen, wo ich einen längeren +Aufenthalt nahm. Da es indes dem Menschen angeboren ist, +sein Heimatland, so wie seine Eltern und Jugendgespielen, auch +in der weitesten Ferne nie aus dem Gedächtnis zu verlieren, so +hat auch mich ein so gewaltiges Verlangen ergriffen, mein Vaterland +wieder zu sehen und meinen geliebten Bruder zu umarmen, +jetzt, da ich noch Kraft und Mut zu einer so langen Reise in mir +fühle, daß ich ohne weiteren Aufschub meine Vorbereitungen +traf und mich auf den Weg machte. Ich sage dir nichts von der +Länge der Zeit, die ich dazu brauchte, noch von den Hindernissen, +die mir aufstießen, noch von all den Beschwerden und Mühsalen, +die ich überstehen mußte, um hierherzukommen. Ich sage dir bloß, +daß mich auf allen meinen Reisen nichts so tief gekränkt und geschmerzt +hat, als die Nachricht von dem Tode eines Bruders, +den ich immer mit echt brüderlicher Freundschaft geliebt hatte.<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span> +Ich bemerkte einige Züge von ihm auf dem Gesicht meines Neffen, +deines Sohnes, und dies machte, daß ich ihn aus all den +übrigen Kindern, bei denen er war, herausfand. Er hat dir vielleicht +erzählt, wie sehr die traurige Nachricht vom Tode meines +Bruders mich ergriff. Indes, was Gott tut, das ist wohlgetan; +ich tröste mich, ihn in seinem Sohne wiederzufinden, der so auffallende +Ähnlichkeit mit ihm hat.«</p> + +<p>Als der afrikanische Zauberer sah, daß Alaeddins Mutter bei +der Erinnerung an ihren Mann gerührt wurde und aufs neue +in Schmerz versank, brach er das Gespräch ab, wandte sich zu +Alaeddin und fragte ihn um seinen Namen. – »Ich heiße +Alaeddin,« antwortete dieser. – »Nun gut, Alaeddin,« fuhr der +Zauberer fort, »womit beschäftigst du dich? Verstehst du ein Gewerbe?«</p> + +<p>Bei dieser Frage schlug Alaeddin die Augen nieder und geriet +in Verlegenheit. Seine Mutter aber nahm das Wort und sagte: +»Alaeddin ist ein Taugenichts. Sein Vater hat, so lang er +lebte, alles mögliche getan, um ihn sein Gewerbe zu lehren; allein +er konnte seinen Zweck nicht erreichen, und seit er tot ist, streicht +er, trotz meinen täglichen Ermahnungen, die ganze Zeit auf den +Straßen herum und spielt mit Kindern, wie du gesehen hast, +ohne zu bedenken, daß er kein Kind mehr ist; wenn du ihn deshalb +nicht beschämst und er sich diese Ermahnung nicht zunutzen +macht, so gebe ich alle Hoffnung auf, daß jemals etwas aus ihm +wird. Er weiß, daß sein Vater kein Vermögen hinterlassen hat, +und sieht selbst, daß ich mit meinem Baumwollespinnen den ganzen +Tag über kaum das Brot für uns beide verdienen kann. Ich +bin entschlossen, ihm nächster Tage einmal die Türe zu verschließen +und ihn fortzuschicken, daß er sich seine Unterkunft +anderswo suchen kann.«</p> + +<p>Als Alaeddins Mutter unter vielen Tränen so gesprochen +hatte, sagte der afrikanische Zauberer zu dem Jungen: »Das ist +nicht gut, mein Neffe, du mußt darauf denken, dir selbst fortzuhelfen +und einen Lebensunterhalt zu verschaffen. Es gibt ja so +viele Gewerbe in der Welt; besinne dich einmal, ob nicht eines +darunter ist, zu dem du mehr Neigung hast, als zu den andern. +Vielleicht gefällt dir bloß das deines Vaters nicht und du würdest +dich besser zu einem andern anschicken; verhehle mir deine Gesinnung<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span> +hierüber nicht, ich will ja bloß dein Bestes.« Als er +sah, daß Alaeddin nichts antwortete, fuhr er fort: »Ist es dir +überhaupt zuwider, ein Handwerk zu erlernen und willst du ein +angesehener Mann werden, so will ich für dich eine Bude mit +kostbaren Stoffen und feinen Linnenzeugen einrichten; du kannst +dann diese Sachen verkaufen, mit dem Gelde, das du daraus +lösest, den Einkauf neuer Waren bestreiten und auf diese Art +ein anständiges Unterkommen finden. Frage dich selbst und sage +mir offen, was du denkst. Du wirst mich stets bereit finden, +mein Versprechen zu halten.«</p> + +<p>Dieses Anerbieten schmeichelte Alaeddin sehr; ein jedes Handwerk +war ihm zuwider, um so mehr, da er bemerkt hatte, daß +solche Kaufläden, wovon sein Oheim gesprochen hatte, immer +hübsch und stark besucht und die Kaufleute gut gekleidet und sehr +geachtet waren. Er erklärte daher dem afrikanischen Zauberer, +daß seine Neigung mehr nach dieser Seite gerichtet sei, als nach +jeder andern, und daß er ihm zeitlebens für die Wohltat danken +würde, die er ihm erweisen wolle. »Da dieses Gewerbe dir angenehm +ist,« erwiderte der afrikanische Zauberer, »so werde ich +dich morgen mitnehmen und dich so hübsch und reich kleiden lassen, +wie es sich für einen der ersten Kaufleute in dieser Stadt geziemt; +übermorgen wollen wir dann darauf denken, einen solchen +Laden zu errichten, wie ich im Sinn habe.«</p> + +<p>Alaeddins Mutter, die bis jetzt nicht geglaubt hatte, daß der +afrikanische Zauberer der Bruder ihres Mannes sei, zweifelte +nach solch glänzenden Versprechungen nicht mehr daran. Sie +dankte ihm für seine guten Gesinnungen, und nachdem sie Alaeddin +ermahnt hatte, sich der Wohltaten, die sein Oheim ihn +hoffen ließ, würdig zu zeigen, trug sie das Abendessen auf. Die +Unterhaltung während des ganzen Mahles drehte sich immer +um denselben Gegenstand, bis endlich der Zauberer bemerkte, +daß die Nacht schon weit vorgerückt war. Er verabschiedete sich +von Mutter und Sohn und ging nach Hause.</p> + +<p>Am andern Morgen ermangelte der afrikanische Zauberer +nicht, sich versprochenermaßen bei der Witwe des Schneiders +Mustafa wieder einzufinden. Er nahm Alaeddin mit sich und +führte ihn zu einem bedeutenden Kaufmann, der bloß ganz fertige +Kleider von allen möglichen Stoffen und für Leute jeden<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> +Alters und Standes verkaufte. Von diesem ließ er sich mehrere +zeigen, die für Alaeddin paßten, und nachdem er die, die ihm +am besten gefielen, ausgesucht und die andern, die nicht so schön +waren, als er wünschte, zurückgelegt hatte, sagte er zu Alaeddin: +»Lieber Neffe, wähle dir unter all diesen Kleidern dasjenige aus, +das dir am besten gefällt.« Alaeddin, über die Freigebigkeit seines +neuen Oheims ganz entzückt, wählte eines, und der Zauberer +kaufte es ohne zu handeln.</p> + +<p>Als Alaeddin sich von Kopf bis zu Fuß so prachtvoll gekleidet +sah, dankte er seinem Oheim, und der Zauberer versprach ihm, +ihn auch ferner nicht zu verlassen, sondern stets bei sich zu behalten. +Wirklich führte er ihn in die besuchtesten Gegenden der +Stadt, wo die Läden der reichsten Kaufleute standen, und in der +Straße, wo die Läden mit den schönsten Stoffen und der feinsten +Leinwand sich befanden, sagte er zu Alaeddin: »Da du bald auch +ein solcher Kaufmann sein wirst, wie diese hier, so ist es gut, +wenn du sie besuchst, damit sie dich kennen lernen.« Er zeigte +ihm auch die schönsten und größten Moscheen, und führte ihn in +den Chan, wo die fremden Kaufleute wohnten, und an alle diejenigen +Orte im Palaste des Sultans, zu denen man freien Zutritt +hatte. Endlich, nachdem sie die schönsten Gegenden der +Stadt miteinander durchstreift hatten, kamen sie in den Chan, +wo der Zauberer wohnte. Es waren dort einige Kaufleute, +deren Bekanntschaft er seit seiner Ankunft gemacht, und die er +ausdrücklich eingeladen hatte, um sie gut zu bewirten und ihnen +seinen angeblichen Neffen vorzustellen.</p> + +<p>Das Gastmahl endigte erst am späten Abend. Alaeddin +wollte sich von seinem Oheim verabschieden, um nach Hause +zurückzukehren; aber der afrikanische Zauberer wollte ihn nicht +allein gehen lassen und geleitete ihn selbst zu seiner Mutter +zurück. Als diese ihren Sohn in so schönen Kleidern erblickte, +war sie außer sich vor Freude und wollte nicht aufhören, Segnungen +über das Haupt des Zauberers herabzurufen, der für +ihren Sohn so viel Geld ausgegeben. »Großmütiger Schwager,« +sagte sie zu ihm, »ich weiß nicht, wie ich dir für deine Freigebigkeit +danken soll; aber das weiß ich, daß mein Sohn die +Wohltaten, die du ihm erweisest, nicht verdient. Ich für meine +Person,« fügte sie hinzu, »danke dir von ganzem Herzen und<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +wünsche dir ein recht langes Leben, um Zeuge von der Dankbarkeit +meines Sohnes zu sein, der sie nicht besser an den Tag +legen kann, als wenn er sich von deinen guten Ratschlägen leiten +läßt.«</p> + +<p>»Alaeddin ist ein guter Junge,« erwiderte der afrikanische +Zauberer; »er hört auf mich und ich glaube, wir können etwas +Tüchtiges aus ihm machen. Es tut mir nur leid, daß ich mein +Versprechen nicht schon morgen halten kann. Es ist nämlich +Freitag, wo alle Läden verschlossen sind, und man gar nicht +daran denken kann, einen zu mieten und mit Waren zu versehen; +denn die Kaufleute sinnen an diesem Tage nur auf Vergnügungen +aller Art. Somit werden wir die Sache auf Samstag +verschieben müssen. Übrigens werde ich ihn morgen wieder +mitnehmen und in die Gärten spazieren führen, wo sich die schöne +Welt gewöhnlich einfindet. Er hat vielleicht noch keinen Begriff +von den Vergnügungen, die man dort genießt; bisher war er +immer nur mit Kindern beisammen, jetzt muß er auch erwachsene +Menschen sehen.« Der afrikanische Zauberer verabschiedete sich +endlich von Mutter und Sohn und ging. Alaeddin freute sich +im voraus sehr auf den Spaziergang. In der Tat war er noch +nie vor die Tore gekommen und hatte noch nie die Umgebung +gesehen, die schön und anmutig war.</p> + +<p>Am andern Morgen stand Alaeddin in aller Frühe auf. +Der afrikanische Zauberer bewillkommte ihn aufs freundlichste. +»Wohlan, mein lieber Junge,« sagte er mit lächelnder Miene +zu ihm, »heute werde ich dir schöne Sachen zeigen.« Er führte +ihn zu einem Tore hinaus, an großen und schönen Häusern, an +prächtigen Palästen vorüber, von denen jeder einen sehr schönen +Garten hatte. Bei jedem Palaste, an dem sie vorbeikamen, +fragte er Alaeddin, ob er ihm gefiele, und Alaeddin, der ihm gewöhnlich +zuvorkam, sagte, sobald er wieder einen andern sah: +»Ach! lieber Oheim, dieser ist noch viel schöner als alle bisherigen.« +Indes gingen sie immer weiter, und der listige Zauberer, +der dies nur tat, um den Plan, den er im Kopfe hatte, +ausführen zu können, nahm Gelegenheit, in einen dieser Gärten +zu treten. Er setzte sich neben ein großes Becken, in das durch +einen bronzenen Löwenrachen kristallhelles Wasser sprudelte, +und er stellte sich ermüdet, damit Alaeddin ebenfalls ausruhen +sollte. »Lieber Neffe,« sagte er zu ihm, »du wirst ebenso müde +sein, wie ich; laß uns hier ein wenig ausruhen, um neue Kräfte +zu sammeln.«</p> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>[Illustration]</p> --> + +<div class="figcenter"> +<a href="images/alaeddin_014.jpg"><img src="images/alaeddin_014_th.jpg" alt="" title="" /></a> +<a href="images/alaeddin_015.jpg"><img src="images/alaeddin_015_th.jpg" alt="" title="" /></a> +</div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>[Illustration]</p> --> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>Als sie sich gesetzt hatten, zog der afrikanische Zauberer Kuchen +und Früchte hervor, die er als Mundvorrat mitgenommen hatte, +und breitete sie auf dem Rande des Beckens aus. Er teilte einen +Kuchen mit Alaeddin und ließ ihn Früchte wählen. Während +dieses kleinen Mahles ermahnte er seinen angeblichen Neffen, +sich von dem Umgange mit Kindern loszumachen, dagegen sich +an kluge und verständige Männer anzuschließen, dieselben anzuhören +und von ihren Unterhaltungen Nutzen zu ziehen. +»Bald,« sagte er, »wirst du ein Mann sein, wie sie, und du +kannst dich nicht früh genug daran gewöhnen, nach ihrem Beispiele +verständige Reden zu führen.« Als sie die kleine Mahlzeit +vollendet hatten, setzten sie ihren Spaziergang durch die +Gärten fort, die bloß durch schmale Gräben getrennt waren. +Unvermerkt führte der afrikanische Zauberer Alaeddin ziemlich +weit über die Gärten hinaus und durchwandelte mit ihm die +Ebene, die ihn allmählich in die Nähe der Berge leitete.</p> + +<p>Alaeddin, der in seinem Leben nie einen so weiten Weg gemacht +hatte, fühlte sich durch diesen Marsch sehr ermüdet und +sagte: »Wohin gehen wir denn, lieber Oheim? Wir haben die +Gärten schon weit hinter uns und ich sehe nichts mehr als Berge. +Wenn wir noch länger so fortgehen, so weiß ich nicht, ob ich noch +Kräfte genug haben werde, um in die Stadt zurückzukehren.« – +»Nur den Mut nicht verloren,« antwortete der falsche Oheim; +»ich will dir noch einen andern Garten zeigen, der alle, die du +bis jetzt gesehen hast, weit übertrifft; er ist nur ein paar Schritte +von da, und wenn wir einmal dort sind, so wirst du selbst sagen, +daß es dir sehr leid gewesen wäre, wenn du ihn nicht gesehen +hättest.« Alaeddin ließ sich überreden, und der Zauberer führte +ihn noch sehr weit, indem er ihn mit verschiedenen anmutigen +Geschichten unterhielt, um ihm den Weg weniger langweilig +und die Ermüdung erträglicher zu machen.</p> + +<p>Endlich gelangten sie zwischen zwei Berge von mittelmäßiger +Höhe, die sich ziemlich gleich und nur durch ein schmales Tal +getrennt waren. Dies war die merkwürdige Stelle, wohin der +afrikanische Zauberer Alaeddin hatte bringen wollen, um einen<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> +großen Plan mit ihm auszuführen, weshalb er von dem äußersten +Ende Afrikas bis nach China gereist war. »Wir sind jetzt +an Ort und Stelle,« sagte er zu Alaeddin; »ich werde dir hier +außerordentliche Dinge zeigen, die allen übrigen Sterblichen unbekannt +sind. Während ich jetzt mit dem Stahl Feuer schlage, +häufe du hier trockenes Reisig zusammen, damit wir ein Feuer +anmachen.«</p> + +<p>Als das Reisig aufloderte, warf der afrikanische Zauberer +Räucherwerk hinein. Dicker Rauch stieg empor, den er bald auf +diese, bald auf jene Seite wendete, indem er allerlei Zauberworte +sprach, von denen Alaeddin nichts verstand.</p> + +<p>In diesem Augenblick erbebte die Erde ein wenig, öffnete sich +vor dem Zauberer und Alaeddin, und ließ einen Stein hervorscheinen, +mit einem in der Mitte versiegelten bronzenen Ringe, +um ihn daran heraufzuheben. Alaeddin erschrak und wollte die +Flucht ergreifen. Allein er war zu dieser geheimnisvollen Handlung +notwendig, darum hielt ihn der Zauberer zurück, zankte ihn +tüchtig aus und gab ihm eine so derbe Ohrfeige, daß er zu Boden +fiel. Zitternd rief er: »Mein Oheim, was habe ich denn getan, +daß du mich so grausam schlägst?« »Ich bin dein Oheim, der +jetzt Vaterstelle an dir vertritt, und du darfst mir in nichts widersprechen. +Aber,« sagte der Zauberer, »fürchte dich nicht, mein +Sohn; ich verlange nur, daß du mir gehorchst, wofern du dich der +großen Vorteile, die ich dir zudenke, würdig machen und sie +nutzen willst.« Diese schönen Versprechungen des Zauberers +beruhigten den ängstlichen und erzürnten Alaeddin ein wenig. +»Du hast gesehen,« fuhr der Zauberer fort, »was ich durch die +Kraft meines Rauchwerks und die Worte, die ich sprach, bewirkt +habe. Vernimm jetzt, daß unter diesem Steine ein Schatz verborgen +liegt, der für dich bestimmt ist und dich dereinst reicher +machen wird, als die größten Könige der Welt. Dies ist so gewiß +wahr, daß keinem Menschen auf der ganzen Welt außer dir +erlaubt ist, diesen Stein anzurühren oder wegzuheben, um hinein +zu gelangen. Ja ich selbst darf ihn nicht berühren oder auch +nur einen Fuß in dieses Schatzgewölbe setzen, wenn es geöffnet +sein wird. Deshalb mußt du genau ausführen, was ich dir sage.«</p> + +<p>Alaeddin, immer noch voll Verwunderung, vergaß alles, was +vorgefallen war. »Nun gut, lieber Oheim,« sagte er, »was soll<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> +ich tun? Befiehl nur, ich bin bereit zu gehorchen.« – »Komm +her,« sagte der afrikanische Zauberer, »fasse diesen Ring an und +hebe den Stein in die Höhe.« – »Aber Oheim,« erwiderte +Alaeddin, »ich bin zu schwach, um ihn zu heben: du mußt mir +helfen.« – »Nein,« versetzte der afrikanische Zauberer, »du bedarfst +meiner Hilfe nicht; du mußt ihn allein aufheben. Sprich +nur den Namen deines Vaters und deines Großvaters, wenn du +den Ring in die Hand nimmst.« Alaeddin tat, wie der Zauberer gesagt +hatte, hob den Stein mit Leichtigkeit auf und legte ihn beiseite.</p> + +<p>Als der Stein weggenommen war, sah er eine drei bis vier +Fuß tiefe Höhle mit einer kleinen Türe und Stufen. »Mein +Sohn,« sprach jetzt der Zauberer, »habe genau acht auf das, was +ich dir nunmehr sagen werde. Steig in diese Höhle hinab und +wenn du auf der letzten Stufe bist, so wirst du eine offene Türe +finden, die dich in einen großen gewölbten Ort führen wird, welcher +in drei große aneinander stoßende Säle abgeteilt ist. In jedem +derselben wirst du rechts und links vier bronzene Vasen voll Gold +und Silber stehen sehen; aber hüte dich wohl, sie anzurühren. +Ehe du in den ersten Saal trittst, hebe dein Kleid in die Höhe +und schließe es eng um den Leib. Wenn du drinnen bist, so +gehe, ohne dich aufzuhalten, nach dem zweiten und von da in den +dritten. Vor allen Dingen hüte dich wohl, den Wänden zu +nahe zu kommen oder sie auch nur mit dem Kleide zu berühren; +denn im Fall du sie berührtest, würdest du auf der Stelle sterben. +Am Ende des dritten Saales ist eine Türe, die dich in einen mit +schönen und reich beladenen Obstbäumen bepflanzten Garten +führen wird. Gehe nur immer geradeaus, und quer durch den +Garten wird dich ein Weg zu einer Treppe von fünfzig Stufen +führen, auf denen du zu einer Terrasse emporsteigen kannst. Sobald +du oben auf der Terrasse bist, wirst du eine Nische vor dir +sehen, und in der Nische eine brennende Lampe. Diese Lampe +nimm, lösche sie aus, wirf den Docht samt der brennbaren +Flüssigkeit auf den Boden, stecke sie dann vorn in den Busen +und bringe sie mir. Gelüstet es dich nach den Früchten des +Gartens, so kannst du davon pflücken, so viel du willst; dies ist +dir nicht verboten.«</p> + +<p>So sprechend, zog der afrikanische Zauberer einen Ring von +seinem Finger und steckte ihn an einen Finger Alaeddins. Dies,<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span> +sagte er zu ihm, sei ein Verwahrungsmittel gegen alles Unglück, +das ihm begegnen könnte, wofern er nur seine Vorschriften genau +befolgte. »So gehe denn, mein Sohn,« fügte er hinzu, +»steige dreist hinab; dann haben wir beide für unser ganzes +Leben Geld in Menge.«</p> + +<p>Alaeddin hüpfte leichtfüßig in die Höhle hinein und stieg die +Stufen hinab. Er fand die drei Säle, die ihm der afrikanische +Zauberer beschrieben hatte. Ohne zu verweilen ging er durch +den Garten, stieg die Terrasse hinan, nahm die brennende Lampe +aus der Nische, warf den Docht und die Flüssigkeit zu Boden, +steckte sie in seinen Busen und ging die Terrasse wieder hinab. +Im Garten verweilte er beim Anschauen der Früchte. Da gab +es weiße, hellleuchtende und wie Kristall durchsichtige; rote, teils +dunkel, teils hell; grüne, blaue, violette, gelbliche, und so von +allen möglichen Farben. Die weißen waren Perlen, die hellleuchtenden +und durchsichtigen Diamanten, die dunkelroten Rubine, +die hellroten Ballaßrubine, die grünen Smaragde, die +blauen Türkise, die violetten Amethyste, die gelblichen Saphire. +Und diese Früchte waren alle so groß und vollkommen, daß man +auf der ganzen Welt nichts Ähnliches gesehen hat. Alaeddin, +der ihren Wert nicht kannte, wurde vom Anblick dieser Früchte, +die nicht nach seinem Geschmack waren, schlecht erbaut; Feigen, +Trauben und andere edle Obstarten, die in China gewöhnlich +sind, wären ihm lieber gewesen. Er war noch nicht in jenem +Alter, wo man sich auf dergleichen versteht, und so bildete er sich +ein, diese Früchte seien bloß gefärbtes Glas und hätten keinen +andern Wert. Gleichwohl machte ihm die Mannigfaltigkeit der +schönen Farben und die außerordentliche Größe und Schönheit +der Früchte Lust, von jeglicher Sorte einige zu pflücken. Er +nahm daher von jeder Farbe etliche, füllte damit seine beiden +Taschen und zwei ganz neue Beutel, die der Zauberer ihm zugleich +mit dem Kleide gekauft hatte; und da die beiden Beutel in seinen +Taschen, die schon ganz voll waren, keinen Platz mehr hatten, +so band er sie auf jeder Seite an seinen Gürtel. Einige von den +Früchten hüllte er auch in die Falten seines Gürtels, der von +dickem Seidenstoff und doppelt gefüttert war, und befestigte sie +so, daß sie nicht herabfallen konnten; auch vergaß er nicht, etliche +in den Busen zwischen Kleid und Hemd zu stecken.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>Nachdem er sich so, ohne es zu wissen, mit Reichtümern beladen +hatte, trat Alaeddin schnell seinen Rückzug durch die drei +Säle an; stieg da wieder hinauf, wo er herabgestiegen war, und +zeigte sich am Eingang der Höhle, wo der Afrikaner ihn mit +Ungeduld erwartete. Sobald ihn Alaeddin erblickte, rief er ihm +zu: »Lieber Oheim, ich bitte dich, reich mir die Hand und hilf +mir heraus.« – »Mein Sohn,« antwortete der afrikanische Zauberer, +»gib mir zuvor die Lampe, sie könnte dir hinderlich sein.« +– »Verzeih, lieber Oheim,« sagte Alaeddin, »sie hindert mich +nicht; ich werde sie dir geben, sobald ich oben bin.« Der afrikanische +Zauberer bestand darauf, daß Alaeddin ihm die Lampe +einhändigen sollte, ehe er ihn aus der Höhle herauszöge, und +Alaeddin, der die Lampe mit all den Früchten, die er zu sich gesteckt, +verpackt hatte, weigerte sich durchaus, sie ihm zu geben, +bevor er aus der Höhle wäre. Da geriet der afrikanische Zauberer +vor Ärger über die Widerspenstigkeit des jungen Menschen +in schreckliche Wut, warf etwas von seinem Rauchwerk in +das Feuer, das er sorgfältig unterhalten hatte, und kaum hatte +er zwei Zauberworte gesprochen, als der Stein, welcher als +Deckel zur Eingangsöffnung der Höhle diente, sich von selbst +wieder, nebst der Erde darüber, an seine Stelle rückte, so daß +alles wieder in denselben Stand kam, wie vor der Ankunft des +arabischen Zauberers und Alaeddins.</p> + +<p>Der afrikanische Zauberer war in der Tat kein Bruder des +Schneiders Mustafa, wofür er sich ausgegeben hatte, und somit +auch nicht Alaeddins Oheim. Er war wirklich aus Afrika gebürtig, +und nachdem er sich etwa vierzig Jahre lang mit Zaubereien, +mit der Punktierkunst, mit Räucheropfern und der Lektüre +von Zauberbüchern beschäftigt hatte, war er endlich auf die +Entdeckung gekommen, daß es eine Wunderlampe in der Welt +gebe, deren Besitz ihn mächtiger als alle Könige der Erde machen +würde. Aber obschon die Lampe sich ganz gewiß an dem bewußten +Orte befand, so war es ihm doch nicht gestattet, sie selbst +zu holen oder persönlich in das unterirdische Gewölbe einzutreten. +Es mußte ein anderer hinabsteigen und sie ihm einhändigen. +Deshalb hatte er sich an Alaeddin gewandt, den er +für einen gefügigen jungen Burschen und für sehr geeignet +hielt, ihm den Dienst zu leisten; dabei war er fest entschlossen,<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> +sobald er die Lampe in Händen haben würde, die letzte schon +erwähnte Räucherung zu tun, die Zauberworte auszusprechen, +und so den armen Alaeddin seinem Geize und seiner Bosheit +aufzuopfern, um an ihm keinen Zeugen zu haben.</p> + +<p>Als der afrikanische Zauberer seine großen und schönen Hoffnungen +auf immer gescheitert sah, blieb ihm nichts anderes übrig, +als nach Afrika zurückzukehren.</p> + +<p>Allem Anscheine nach war Alaeddin verloren. Aber derselbe, +der ihn auf immer zu verderben glaubte, hatte nicht bedacht, daß +er ihm einen Ring an den Finger gesteckt hatte, der zu seiner +Rettung dienen konnte. Wirklich wurde Alaeddin durch diesen +Ring, dessen Kräfte er nicht kannte, gerettet.</p> + +<p>Alaeddin, der nach so vielen Liebkosungen und Geschenken +auf diese Bosheit seines angeblichen Oheims keineswegs gefaßt +war, befand sich in einer Bestürzung, die sich nicht beschreiben +läßt. Als er sich so lebendig begraben sah, rief er tausendmal +seinen Oheim und erklärte, daß er ihm die Lampe ja gerne geben +wolle; allein sein Rufen war vergeblich. Endlich stieg er wieder +die Treppe der Höhle hinab, um in den Garten und ins helle +Tageslicht zu gelangen. Aber die Mauer, die sich ihm durch +Zauber geöffnet, hatte sich indes durch einen neuen Zauber +wieder geschlossen. Er tappte vorwärts, ohne eine Türe zu +finden. Nun fing er aufs neue an zu schreien und zu weinen, +und setzte sich endlich auf die Stufen der Höhle, ohne Hoffnung, +jemals das Tageslicht wieder zu sehen, sondern mit der traurigen +Gewißheit, aus dieser Finsternis in jene eines nahen +Todes versetzt zu werden.</p> + +<p>Zwei Tage blieb Alaeddin in diesem Zustande, ohne zu essen +und zu trinken. Endlich am dritten, da er seinen Tod als unvermeidlich +betrachtete, hob er die gefalteten Hände empor und +rief mit völliger Ergebung in den Willen Gottes aus: »Es +gibt keine Kraft und keine Macht, als bei Gott, dem Allerhöchsten +und Größten!« Während er so die Hände gefaltet hatte, rieb +er, ohne daran zu denken, an dem Ring, den ihm der Zauberer +an den Finger gesteckt hatte, und dessen Kraft er noch nicht +kannte. Alsbald stieg vor ihm ein Geist von ungeheurer Größe +und fürchterlichem Ansehen, der mit seinem Kopf das oberste +Gewölbe berührte, wie aus der Erde hervor und sprach folgende<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> +Worte zu Alaeddin: »Was willst du? Ich bin bereit, dir zu gehorchen +als dein Sklave und als Sklave aller derer, die den Ring +am Finger haben, sowohl ich, als die andern Sklaven des +Rings.«</p> + +<p>Zu jeder andern Zeit und bei jeder andern Gelegenheit wäre +Alaeddin, der an solche Erscheinungen nicht gewöhnt war, bei +dem Anblick einer so außerordentlichen Gestalt von Schrecken ergriffen +worden. Jetzt aber, da er einzig und allein mit der Gefahr +beschäftigt war, in der er schwebte, antwortete er ohne +Stocken: »Wer du auch sein magst, hilf mir aus diesem Orte, +wofern es in deiner Macht steht.« Kaum hatte er diese Worte +gesprochen, als die Erde sich öffnete und er sich außerhalb der +Höhle befand, an der Stelle, wohin ihn der Zauberer geführt +hatte.</p> + +<p>Erst nach und nach gewöhnte er sich an das Tageslicht, und +als er um sich blickte, war er sehr überrascht, keine Öffnung in +der Erde zu sehen; es war ihm unbegreiflich, auf welche Art er +so auf einmal aus ihrem Schoße hervorgekommen war. Nur an +dem Flecke, wo das Reisig verbrannt worden war, erkannte er +die Stelle wieder, unter der sich die Höhle befand. Als er sich +hierauf gegen die Stadt hinwandte, erblickte er sie inmitten der +Gärten und erkannte auch den Weg. Diesen wandelte er zurück +und dankte Gott, daß er sich noch einmal auf der Welt sah, nachdem +er bereits die Hoffnung aufgegeben hatte, wieder dahin +zurückzukommen. So gelangte er zur Stadt und schleppte sich +mit vieler Mühe bis in seine Wohnung. Als er ins Zimmer +seiner Mutter trat, fiel er aus Freude über das Wiedersehen, +verbunden mit der von dreitägigem Fasten herrührenden +Schwäche, in eine Ohnmacht, die einige Zeit dauerte. Seine +Mutter, die ihn bereits als verloren oder als tot beweint hatte, +ließ es jetzt an keiner Pflege und an keinem Mittel fehlen, ihn +wieder zum Leben zu bringen. Endlich erholte er sich und seine +ersten Worte waren: »Liebe Mutter, vor allen Dingen bitte ich +dich, gib mir zu essen; ich habe seit drei Tagen nichts über den +Mund gebracht.« Seine Mutter brachte ihm, was sie gerade +hatte, setzte es ihm vor und sagte: »Lieber Sohn, übereile dich +ja nicht, denn es könnte dir schaden; iß ganz langsam und nach +deiner Bequemlichkeit, und nimm dich wohl in acht, so heißhungrig<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span> +du auch bist. Ich wünsche nicht einmal, daß du mit mir +sprechen sollst. Du hast immer noch Zeit, mir deine Schicksale +zu erzählen, wenn du wieder hergestellt bist. Nach der großen +Betrübnis bin ich getröstet, daß ich dich nur wiedersehe.«</p> + +<p>Alaeddin folgte dem Rat seiner Mutter, aß langsam und +ruhig, und trank ebenso. Als er fertig war fing er an, seiner +Mutter zu erzählen, was ihm seit Freitag geschehen war, erzählte +ausführlich, was er auf seinem Hin- und Rückwege in den +drei großen Sälen, im Garten und auf der Terrasse gesehen, +und wie er dort die Wunderlampe geholt habe. Zugleich zog er +sie aus seinem Busen und zeigte sie seiner Mutter samt den +durchsichtigen und buntfarbigen Früchten. Auch gab er ihr die +zwei vollen Beutel, aus denen sie sich aber wenig machte. Gleichwohl +waren diese Früchte Edelsteine, deren sonnenheller Glanz +beim Schein der Lampe, welche das Zimmer erhellte, auf ihren +großen Wert hätte aufmerksam machen sollen; allein Alaeddins +Mutter verstand sich auf dergleichen Sachen ebensowenig wie +ihr Sohn; weshalb Alaeddin sie hinter eines der Polster des +Sofas schob, auf dem er saß.</p> + +<p>Alaeddins Mutter hatte die Geduld, diese wunderbare und +seltsame, zugleich aber für eine Mutter, die ihren Sohn trotz +seiner Fehler zärtlich liebte, so schmerzliche Geschichte ohne +Unterbrechung anzuhören. Nur bei den rührendsten Stellen, +wo die Schändlichkeit des afrikanischen Zauberers recht ans +Tageslicht kam, konnte sie ihren Abscheu nicht verbergen. Jetzt +aber, da Alaeddin geendet hatte, ließ sie sich in tausend Schmähworte +gegen den Betrüger aus; sie nannte ihn einen Verräter, +einen Schurken, einen Unmenschen, einen Meuchelmörder, Lügner, +Zauberer, einen Feind und Verderber des menschlichen Geschlechts. +»Ja, mein Sohn,« fügte sie hinzu, »er ist ein Zauberer, +und die Zauberer sind eine wahre Pest der Menschheit; +sie haben vermöge ihrer Zaubereien und Hexereien Verkehr mit +den bösen Geistern. Gott sei gelobt, der verhütet hat, daß seine +entsetzliche Bosheit ihren Zweck an dir erreichte. Du bist ihm +für die Gnade, die er an dir getan hat, großen Dank schuldig; +dein Tod wäre unvermeidlich gewesen, wenn du dich nicht seiner +erinnert und ihn um Hilfe angefleht hättest.«</p> + +<p>Alaeddin schlief die ganze Nacht fest und erwachte am andern<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span> +Morgen erst sehr spät. Er stand auf, und das erste, was er zu +seiner Mutter sagte, war, daß er Hunger habe, und sie ihm kein +größeres Vergnügen machen könnte, als wenn sie ihm ein Frühstück +gäbe. »Ach, lieber Sohn,« antwortete sie, »ich habe auch +nicht einen einzigen Bissen Brot; du hast gestern abend den +wenigen Vorrat, der noch zu Hause war, aufgegessen. Aber +gedulde dich einen Augenblick, so werde ich dir bald etwas bringen. +Ich habe etwas Baumwolle gesponnen, die will ich verkaufen, +um Brot und einiges zum Mittagessen anzuschaffen.« +– »Liebe Mutter,« erwiderte Alaeddin, »hebe deine Baumwolle +für ein anderes Mal auf und gib mir die Lampe, die ich +gestern mitbrachte. Ich will sie verkaufen, und vielleicht löse +ich so viel daraus, daß wir Frühstück und Mittagessen, und am +Ende gar noch etwas für den Abend bestreiten können.«</p> + +<p>Alaeddins Mutter holte die Lampe und sagte zu ihrem Sohne: +»Da hast du sie, sie ist aber sehr schmutzig. Ich will sie ein +wenig putzen, dann wird sie schon etwas mehr gelten.« Sie nahm +Wasser und feinen Sand, um sie blank zu machen, aber kaum +hatte sie angefangen, die Lampe zu reiben, als augenblicklich +in Gegenwart ihres Sohnes ein scheußlicher Geist von riesenhafter +Gestalt vor ihr aufstand und mit einer Donnerstimme zu +ihr sprach: »Was willst du? Ich bin bereit, dir zu gehorchen +als dein Sklave und als Sklave aller derer, die die Lampe in der +Hand haben, sowohl ich, als die andern Sklaven der Lampe.«</p> + +<p>Alaeddins Mutter war nicht imstande zu antworten. Ihr +Auge vermochte die abscheuliche und schreckliche Gestalt des Geistes +nicht zu ertragen, und sie war gleich bei seinen ersten Worten +vor Angst in Ohnmacht gefallen.</p> + +<p>Alaeddin dagegen ergriff schnell die Lampe und antwortete +statt seiner Mutter mit festem Tone: »Ich habe Hunger, bring +mir etwas zu essen.« Der Geist verschwand und kam im Augenblick +wieder mit einem großen silbernen Becken auf dem Kopfe, +worin sich zwölf verdeckte Schüsseln von demselben Metall voll +der besten Speisen nebst sechs Broten vom weißesten Mehl befanden, +und zwei Flaschen des köstlichsten Weines, nebst zwei +silbernen Schalen in der Hand. Er stellte alles zusammen auf +den Sofa und verschwand sogleich.</p> + +<p>Alaeddins Mutter kam wieder zu sich. »Liebe Mutter,« sagte<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span> +Alaeddin zu ihr, »steh auf und iß: hier sind Sachen genug, um +dein Herz zu stärken und zugleich meinen großen Hunger zu befriedigen. +Wir wollen diese guten Speisen nicht kalt werden +lassen, sondern essen.«</p> + +<p>Die Mutter war erstaunt, als sie das große Becken, die zwölf +Schüsseln, die sechs Brote, die zwei Flaschen nebst den zwei +Schalen erblickte und den köstlichen Duft einatmete, der aus all +den Platten emporstieg. »Mein Sohn,« sagte sie zu Alaeddin, +»woher kommt uns dieser Überfluß und wem haben wir für solch +reiches Geschenk zu danken? Sollte vielleicht der Sultan von +unserer Armut gehört und sich unser erbarmt haben?« – »Liebe +Mutter,« antwortete Alaeddin, »wir wollen uns jetzt zu Tische +setzen und essen; deine Frage werde ich beantworten, wenn wir +gefrühstückt haben.« Sie setzten sich zu Tische und speisten mit +um so größerem Appetit, als beide, Mutter und Sohn, sich nie +an einer so wohlbesetzten Tafel befunden hatten.</p> + +<p>Alaeddin und seine Mutter, die nur ein einfaches Frühstück +einzunehmen gedacht hatten, befanden sich um die Stunde des +Mittagessens noch bei Tisch.</p> + +<p>Als Alaeddins Mutter abgetragen und das Fleisch, welches +unberührt geblieben war, aufgehoben hatte, setzte sie sich zu +ihrem Sohne und sagte: »Alaeddin, ich erwarte jetzt von dir, +daß du meine Neugierde befriedigst und mir die versprochene +Auskunft erteilst.« Alaeddin erzählte ihr alles, was während +ihrer Ohnmacht zwischen dem Geist und ihm vorgegangen war.</p> + +<p>Alaeddins Mutter geriet in große Verwunderung über die +Erzählung ihres Sohnes und die Erscheinung des Geistes. +»Aber, mein Sohn,« fragte sie, »so lange ich auf der Welt bin, +habe ich nie sagen gehört, daß jemand von allen meinen Bekannten +einen Geist gesehen hätte. Durch welchen Zufall ist +dieser garstige Geist zu mir gekommen? Warum hat er sich an +mich gewendet und nicht an dich, da er dir doch schon in der +Schatzhöhle einmal erschienen war?«</p> + +<p>»Liebe Mutter,« erwiderte Alaeddin, »der Geist, welcher dir +erschienen, ist nicht derselbe, der mir erschien. Sie haben zwar +einige Ähnlichkeit in Beziehung auf ihre Riesengröße, aber an +Gesichtsbildung und Kleidung sind sie gänzlich voneinander verschieden +und gehören auch verschiedenen Herren an. Du wirst<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span> +dich noch erinnern, daß derjenige, den ich sah, sich einen Sklaven +des Rings nannte, den ich am Finger habe, während der soeben +erschienene sagte, er sei Sklave der Lampe, die du in der Hand +hattest.«</p> + +<p>»Wie!« rief Alaeddins Mutter, »also deine Lampe ist schuld, +daß dieser verwünschte Geist sich an mich gewendet hat, statt +an dich? Ach, lieber Sohn, schaffe sie mir sogleich aus den +Augen und hebe sie auf, wo du willst, ich mag sie nicht mehr anrühren. +Eher lasse ich sie wegwerfen oder verkaufen, als daß +ich Gefahr laufe, bei Berührung derselben vor Angst zu sterben. +Folge mir und tue auch den Ring ab. Man muß keinen Verkehr +mit Geistern haben: es sind Teufel und unser Prophet hat +es gesagt.«</p> + +<p>»Mit deiner Erlaubnis, liebe Mutter,« antwortete Alaeddin, +»werde ich mich jetzt wohl hüten, eine Lampe, die uns beiden so +nützlich werden kann, zu verkaufen. Siehst du denn nicht, was +sie uns erst vor einigen Augenblicken verschafft hat? Sie soll +uns jetzt Nahrung und Lebensunterhalt besorgen. Du kannst +dir denken, daß mein garstiger falscher Oheim sich nicht ohne +Grund so viele Mühe gegeben und eine so weite und beschwerliche +Reise unternommen hat, da er nach dem Besitz dieser +Wunderlampe trachtete, die er allem Gold und Silber, das er in +den Sälen wußte, und das ich, wie er es mir beschrieben, mit +meinen eigenen Augen sah, vorgezogen hatte. Er kannte den +Wert und die herrlichen Eigenschaften dieser Lampe zu gut, um +sich von dem übrigen reichen Schatze noch etwas zu wünschen. +Da nun der Zufall uns ihre geheime Kraft entdeckt hat, so +wollen wir den möglichst vorteilhaften Gebrauch davon machen, +aber ohne Aufsehen zu erregen, damit unsere Nachbarn nicht +neidisch und eifersüchtig werden. Ich will sie dir übrigens gern +aus den Augen schaffen und an einem Orte aufheben, wo ich +sie finden kann, wann ich sie brauche, da du so große Angst vor den +Geistern hast. Auch den Ring wegzuwerfen, kann ich mich unmöglich +entschließen. Ohne diesen Ring hättest du mich nie +wieder gesehen, und ohne ihn würde ich jetzt entweder nicht mehr, +oder höchstens noch auf einige Augenblicke leben. Du wirst mir +daher erlauben, daß ich ihn behalte und immer mit großer Behutsamkeit +am Finger trage. Wer weiß, ob mir nicht irgend<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span> +einmal eine andere Gefahr zustößt, die wir beide nicht voraussehen +können, und aus der er mich vielleicht befreit?« Da +Alaeddins Bemerkung sehr richtig schien, so wußte seine Mutter +nichts mehr einzuwenden. »Lieber Sohn,« sagte sie zu ihm, »du +kannst handeln, wie du es für gut hältst; ich für meinen Teil +mag mit Geistern nichts zu tun haben.«</p> + +<p>Am andern Tag nach dem Abendessen war von den herrlichen +Speisen, die der Geist gebracht hatte, nichts mehr übrig; Alaeddin, +der nicht so lange warten wollte, bis der Hunger ihn +drängte, nahm daher am dritten Morgen eine der silbernen +Schüsseln unter seine Kleider und ging aus, um sie zu verkaufen. +Er wandte sich an einen Juden, der ihm begegnete, nahm ihn +beiseite, zeigte ihm die Schüssel und fragte, ob er wohl Lust +dazu hätte.</p> + +<p>Der Jude, ein schlauer und verschmitzter Bursche, nahm die +Schüssel, untersuchte sie, und da er erkannte, daß sie von echtem +Silber war, fragte er Alaeddin, was er dafür verlange. Alaeddin, +der ihren Wert nicht verstand und nie mit solchen Waren +Handel getrieben hatte, sagte ihm nur, er werde wohl am besten +wissen, was die Schüssel wert sei, und er verlasse sich hierin ganz +auf seine Ehrlichkeit. Der Jude geriet wirklich in Verlegenheit +über die Offenherzigkeit Alaeddins. Da er nicht wußte, ob +Alaeddin den Wert seiner Ware wirklich kannte oder nicht, zog +er ein Goldstück aus seinem Beutel, das höchstens den zweiundsiebenzigsten +Teil vom wahren Wert der Schüssel betrug, und +bot es ihm an. Alaeddin nahm das Goldstück mit großer +Freudigkeit, und sobald er es in der Hand hatte, lief er so schnell +davon, daß der Jude, mit seinem ungeheuren Gewinn bei diesem +Kaufe nicht zufrieden, sich sehr darüber ärgerte, Alaeddins gänzliche +Unwissenheit über den Wert der Schüssel nicht besser erraten +und ihm noch weit weniger geboten zu haben. Er geriet +in Versuchung, dem jungen Menschen nachzulaufen, ob er nicht +etwas von seinem Goldstück herausbekommen könnte; allein Alaeddin +war schon so weit entfernt, daß er ihn schwerlich eingeholt +hätte.</p> + +<p>Auf dem Heimwege blieb Alaeddin bei einem Bäckerladen +stehen, kaufte einen Vorrat Brot und bezahlte ihn mit dem Goldstück, +das der Bäcker ihm wechselte. Als er nach Hause kam, gab<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span> +er das übrige Geld seiner Mutter, die auf den Markt ging, um +für sie beide die nötigen Lebensmittel auf einige Tage einzukaufen.</p> + +<p>So lebten sie eine Zeitlang fort; Alaeddin verkaufte alle zwölf +Schüsseln, eine nach der andern, sowie das Geld im Hause ausgegangen +war, an den Juden. Der Jude, der für die erste ein +Goldstück gegeben hatte, wagte es nicht, für die übrigen weniger +zu bieten, und bezahlte alle mit derselben Münze, um einen so +guten Handel nicht auszulassen. Als das Geld von der letzten +Schüssel ausgegeben war, nahm Alaeddin seine Zuflucht zu dem +Becken, das allein zehnmal mehr wog, als jede Schüssel. Er +wollte es einem gewöhnlichen Kaufmann bringen, allein es war +ihm zu schwer. Somit mußte er den Juden aufsuchen und ihn +in sein Haus führen; dieser prüfte das Gewicht des Beckens +und zahlte ihm auf der Stelle zehn Goldstücke aus, womit Alaeddin +zufrieden war.</p> + +<p>So lange die Goldstücke dauerten, wurden sie für die täglichen +Ausgaben der Hauswirtschaft verwendet. Alaeddin hatte indes, +obschon er ans Müßiggehen gewöhnt war, seit seinem Abenteuer +mit dem afrikanischen Zauberer nicht mehr mit den jungen +Leuten seines Alters gespielt. Er brachte seine Tage mit +Spazierengehen zu oder unterhielt sich mit älteren Leuten, deren +Bekanntschaft er gemacht hatte. Oft blieb er auch bei den Läden +der großen Kaufleute stehen und horchte aufmerksam auf die Gespräche +vornehmer Männer, die sich hier aufhielten oder sich +hierher bestellt hatten: und diese Gespräche gaben ihm allmählich +einigen Anstrich von Weltkenntnis.</p> + +<p>Als von den zehn Goldstücken nichts mehr übrig war, nahm +Alaeddin seine Zuflucht zur Lampe. Er nahm sie in die Hand, +suchte die Stelle, welche seine Mutter berührt hatte, und als er +sie an dem Eindruck des Sandes erkannte, rieb er sie ebenso, +wie sie getan hatte. Sogleich erschien ihm wieder derselbe Geist, +der sich schon einmal gezeigt hatte; da aber Alaeddin die Lampe +sanfter gerieben hatte, als seine Mutter, so sprach er diesmal +in einem milderen Tone dieselben Worte: »Was willst du? ich +bin bereit, dir zu gehorchen als dein Sklave und als Sklave aller +derer, die die Lampe in der Hand haben, sowohl ich, als die +andern Sklaven der Lampe.« Alaeddin antwortete ihm: »Mich<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span> +hungert, bring mir zu essen.« Der Geist verschwand und erschien +in einigen Augenblicken wieder mit einem ähnlichen Tafelzeug, +wie das erstemal, stellte es nieder und verschwand wieder.</p> + +<p>Alaeddin und seine Mutter setzten sich zu Tische, und nach +dem Mahle blieb ihnen noch so viel übrig, daß sie die beiden +folgenden Tage behaglich davon leben konnten.</p> + +<p>Als Alaeddin sah, daß weder Brot, noch Lebensmittel, noch +Geld mehr zu Hause war, nahm er eine silberne Schüssel und +suchte den Juden, den er kannte, auf, um sie zu verkaufen. Auf +dem Wege zu ihm kam er an dem Laden eines Goldschmieds +vorüber, der durch sein Alter ehrwürdig und zugleich ein ehrlicher +und rechtschaffener Mann war. Der Goldschmied bemerkte +ihn, und rief ihm, er möchte hereintreten. »Mein Sohn,« +sagte er zu ihm, »ich habe dich schon mehrere Male mit derselben +Ware wie jetzt vorbeigehen, jenen Juden aufsuchen und bald +darauf mit leeren Händen zurückkommen sehen. Dies hat mich +auf den Gedanken gebracht, daß du das, was du trägst, jedesmal +an ihn verkaufst. Aber du weißt vielleicht nicht, daß dieser +Jude ein Betrüger, und zwar ein ärgerer Betrüger ist, als die +andern Juden, und daß niemand, der ihn kennt, mit ihm zu tun +haben will. Im übrigen sage ich dir dieses bloß aus Gefälligkeit. +Wenn du mir zeigen willst, was du jetzt in der Hand +hast, und es dir feil ist, so will ich dir den wahren Wert getreulich +ausbezahlen, wofern ich es brauchen kann; wo nicht, so will ich +dich an andere Kaufleute weisen, die dich nicht betrügen werden.«</p> + +<p>In der Hoffnung, noch mehr Geld für seine Schüssel zu lösen, +zog Alaeddin sie sogleich unter seinem Kleide hervor und zeigte +sie dem Goldschmied. Der Greis, der auf den ersten Blick erkannte, +daß sie vom feinsten Silber war, fragte ihn, ob er wohl +schon ähnliche an den Juden verkauft und was er von ihm dafür +erhalten habe. Alaeddin gestand offenherzig, daß er schon zwölf +solche verkauft und der Jude ihm für jede ein einziges Goldstück +bezahlt habe. »Ha, der Spitzbube!« rief der Goldschmied. +»Mein Sohn,« fügte er hinzu, »was geschehen ist, ist geschehen, +und man muß nicht mehr daran denken; aber wenn ich dir jetzt +den wahren Wert deiner Schüssel entdecke, die vom feinsten Silber +ist, das nur irgend von uns verarbeitet wird, so wirst du einsehen, +wie sehr der Jude dich betrogen hat.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>Der Goldschmied nahm die Wage, wog die Schüssel und nachdem +er Alaeddin auseinandergesetzt hatte, was eine Mark Silber +sei, machte er ihm begreiflich, daß diese Schüssel ihrem Gewichte +nach zweiundsiebenzig Goldstücke wert sei, die er ihm sogleich +blank ausbezahlte. »Da hast du«, sagte er, »den wahren Betrag +deiner Schüssel. Wenn du noch daran zweifelst, so kannst +du dich nach Belieben an jeden andern von unsern Goldschmieden +wenden, und wenn dir einer sagt, daß sie mehr wert sei, so +mache ich mich anheischig, dir das Doppelte dafür zu bezahlen.«</p> + +<p>Alaeddin dankte dem Goldschmied sehr für den guten Rat. +In der Folge verkaufte er auch die übrigen Schüsseln, sowie das +Becken, an ihn und erhielt von allem den vollen Wert je nach +dem Gewichte. Obwohl nun Alaeddin und seine Mutter eine +unversiegbare Geldquelle an ihrer Lampe hatten, so lebten sie +dennoch ebenso mäßig, wie zuvor, nur daß Alaeddin einiges auf +die Seite legte, um anständig auftreten zu können und verschiedene +Bequemlichkeiten für ihre kleine Wirtschaft anzuschaffen. +Seine Mutter dagegen verwendete auf ihre Kleider nichts, als +was ihr das Baumwollespinnen einbrachte. Bei dieser nüchternen +Lebensweise kann man sich leicht denken, daß das Gold, +das Alaeddin für seine zwölf Schüsseln und das Becken von dem +Goldschmied erhalten hatte, lange ausreichte. So lebten sie +denn mehrere Jahre lang von dem guten Gebrauch, den Alaeddin +von Zeit zu Zeit von seiner Lampe machte.</p> + +<p>In dieser Zwischenzeit hatte Alaeddin, der es nicht unterließ, +sich sehr fleißig bei den Zusammenkünften angesehener Personen +in den Läden der bedeutendsten Kaufleute, die mit Gold, Silber, +Seidenstoffen, den feinsten Schleiertüchern und Juwelen handelten, +einzufinden und bisweilen sogar an ihren Unterhaltungen +teilzunehmen, sich vollends ausgebildet und allmählich alle Manieren +der feinen Weltleute angenommen. Namentlich bei den +Juwelenhändlern kam er von dem Irrwahn ab, als wären die +durchsichtigen Früchte, die er in dem Garten, wo die Lampe +stand, gepflückt hatte, nur buntfarbiges Glas; er erfuhr hier, +daß es sehr kostbare Edelsteine waren. Da er täglich in diesen +Läden alle Arten solcher Edelsteine kaufen und verkaufen sah, +lernte er sie nach ihrem Werte kennen und schätzen; da er nirgends +so schöne und große bemerkte, wie die seinigen, so begriff<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> +er wohl, daß er statt der Glasscherben einen Schatz von unmeßbarem +Wert besaß. Indes war er klug genug, niemandem etwas +davon zu sagen, selbst seiner Mutter nicht, und ohne Zweifel +verdankte er diesem Stillschweigen das hohe Glück, zu dem wir +ihn in der Folge werden emporsteigen sehen.</p> + +<p>Eines Tags, als er in der Stadt spazieren ging, hörte Alaeddin +mit lauter Stimme einen Befehl des Sultans ausrufen, +daß jedermann seinen Laden und seine Haustüre schließen und +sich ins Innere seiner Wohnung zurückziehen solle, bis die Prinzessin +Bedrulbudur, das heißt »Mond der Monde«, die Tochter +des Sultans, die baden wollte, vorübergegangen und wieder +zurückgekehrt sein würde.</p> + +<p>Dieser öffentliche Aufruf erweckte in Alaeddin den Wunsch, +die Prinzessin entschleiert zu sehen. Er mußte sich zu diesem +Behuf in das Haus eines Bekannten begeben und dort hinter +ein Gitterfenster stellen; allein dies war ihm nicht genug, da die +Prinzessin, dem Brauche gemäß, auf ihrem Weg ins Bad einen +Schleier vor ihrem Gesichte haben mußte. Um seine Neugierde +zu befriedigen, ersann er endlich ein Mittel, das ihm glückte. Er +stellte sich nämlich hinter die Türe des Bades, das so eingerichtet +war, daß er sie unfehlbar sehen mußte.</p> + +<p>Alaeddin mußte nicht lange warten: die Prinzessin erschien +und er betrachtete sie durch einen Ritz, der groß genug war, so +daß er sehen konnte, ohne gesehen zu werden. Sie kam in Begleitung +einer großen Anzahl ihrer Frauen und Verschnittenen, +die teils neben ihr, teils hinter ihr hergingen. Drei oder vier +Schritte vor der Türe des Bades nahm sie den Schleier ab, der +ihr Gesicht bedeckte und ihr sehr unbequem war, und auf diese +Art sah Alaeddin sie um so bequemer, da sie gerade auf ihn zukam. +Alaeddin hatte bis dahin noch nie eine Frau mit entschleiertem +Gesichte gesehen, als seine Mutter, die schon alt und +niemals so hübsch gewesen war.</p> + +<p>Als Alaeddin die Prinzessin Bedrulbudur gesehen hatte, +konnte sein Herz dem bezaubernden Mädchen die höchste Zuneigung +nicht versagen. Wirklich war die Prinzessin auch die +schönste Brünette, die man nur auf der Welt sehen kann. Sie +hatte große, regelmäßige, lebhafte und feurige Augen, einen sanften +und sittsamen Blick, eine wohlgeformte Nase ohne allen<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span> +Tadel, einen kleinen Mund, rosenrote und durch ihr schönes +Ebenmaß wahrhaft bezaubernde Lippen; mit einem Wort, alle +ihre Gesichtszüge waren höchst anmutig und regelmäßig. Was +Wunder, daß Alaeddin bei dem Anblick einer so seltenen Vereinigung +von Schönheiten, die ihm ganz neu waren, geblendet +wurde und beinahe außer sich geriet! Außer diesen Vollkommenheiten +hatte die Prinzessin einen üppigen Wuchs und eine majestätische +Haltung, deren Anblick allein schon die ihr gebührende +Ehrfurcht einflößte.</p> + +<p>Als die Prinzessin ins Bad gegangen war, blieb Alaeddin +eine Weile ganz verwirrt und entzückt stehen, indem er sich unaufhörlich +das reizende Bild vor die Seele rief, das ihn im Innersten +seines Herzens ergriffen und bezaubert hatte. Endlich +kam er wieder zur Besinnung, und da er bedachte, daß die Prinzessin +bereits vorübergegangen war, und er vergebens seinen +Posten länger behaupten würde, um sie beim Herausgehen aus +dem Bade wieder zu sehen, indem sie ihm dann den Rücken zuwenden +und verschleiert sein müßte, so beschloß er, den Ort zu +verlassen und sich hinwegzubegeben.</p> + +<p>Als Alaeddin nach Hause kam, konnte er seine Verwirrung +und Unruhe nicht so verbergen, daß seine Mutter nichts gemerkt +hätte. Sie war sehr erstaunt, ihn gegen seine Gewohnheit so +traurig und nachdenklich zu sehen und fragte ihn, ob ihm etwas +Unangenehmes begegnet sei oder ob er sich unwohl befinde. Alaeddin +aber gab keine Antwort, sondern setzte sich nachlässig auf +den Sofa, wo er unverändert in derselben Stellung blieb, fortwährend +damit beschäftigt, sich das reizende Bild der Prinzessin +Bedrulbudur zu vergegenwärtigen. Seine Mutter bereitete das +Abendessen und drang nicht weiter in ihn. Er aß viel weniger +als gewöhnlich, hatte die Augen immer niederschlagen und beobachtete +ein so tiefes Stillschweigen, daß es seiner Mutter unmöglich +war, ihm auch nur ein einziges Wort zu entlocken, so +sehr sie auch in ihn drang, er solle ihr die Ursache dieser außerordentlichen +Veränderungen mitteilen.</p> + +<p>Nach dem Abendessen wollte sie von neuem anfangen, ihn zu +fragen, warum er denn so schwermütig sei, allein sie konnte nichts +aus ihm herausbringen, und Alaeddin ging zu Bette, ohne seine +Mutter im mindesten zufriedengestellt zu haben.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>»Liebe Mutter,« begann er am nächsten Morgen, »ich will +jetzt mein Stillschweigen brechen. Ich war nicht krank, wie du +zu glauben schienest, und bin es auch jetzt nicht. Aber so viel +kann ich dir sagen, daß das, was ich empfand und was ich noch +fortwährend empfinde, etwas weit Schlimmeres ist, als eine +Krankheit. Zwar weiß ich nicht recht, wie man dieses Übel +nennt, aber ich zweifle nicht, daß du es aus dem erkennen wirst, +was ich dir jetzt sagen will.«</p> + +<p>»Es ist«, fuhr Alaeddin fort, »die Tochter des Sultans gestern +nachmittag ins Bad gegangen. Da ich nicht weit vom +Bade entfernt war, so brachte mich die Neugierde, sie mit entschleiertem +Gesichte zu sehen, auf den Einfall, mich hinter die +Türe des Bades zu verstecken. Wirklich nahm sie vor ihrem +Eintritt den Schleier ab und ich hatte das Glück, zu meinem +unaussprechlichen Vergnügen diese liebenswürdige Prinzessin +zu sehen. Ich liebe die Prinzessin mit einer Glut, die ich dir +nicht beschreiben kann, und da meine heiße Leidenschaft mit +jedem Augenblicke zunimmt, so fühle ich wohl, daß sie nur durch +den Besitz befriedigt werden kann; daher ich denn auch entschlossen +bin, sie vom Sultan mir zur Frau zu erbitten.«</p> + +<p>Alaeddins Mutter hatte die Rede ihres Sohnes bis auf die +letzten Worte mit vieler Aufmerksamkeit angehört; als sie aber +vernahm, daß er im Sinn habe, um die Hand der Prinzessin +Bedrulbudur anzuhalten, so konnte sie nicht umhin, ihn durch +lautes Gelächter zu unterbrechen. Alaeddin wollte fortfahren, +allein sie ließ ihn nicht zum Wort kommen und sagte zu ihm: +»Ei, ei, mein Sohn, was fällt dir ein? Bist du wahnsinnig geworden, +daß du solche Reden führen kannst?«</p> + +<p>»Liebe Mutter,« erwiderte Alaeddin, »ich kann dir versichern, +daß ich nicht wahnsinnig, sondern ganz bei Verstande bin. Ich +habe mir zum voraus gedacht, daß du mich töricht und albern +nennen werdest; allein dies soll mich nicht hindern, dir noch einmal +zu erklären, daß mein Entschluß feststeht, den Sultan um die +Hand der Prinzessin Bedrulbudur zu bitten.«</p> + +<p>»Wahrhaftig, mein Sohn,« erwiderte die Mutter sehr ernsthaft, +»ich muß dir sagen, daß du dich ganz vergissest; und wenn +du deinen Entschluß auch ausführen wolltest, so sehe ich nicht +ein, durch wen du es wagen könntest, deine Bitte vortragen zu<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span> +lassen.« – »Durch niemand anders, als dich selbst,« antwortete +der Sohn ohne Bedenken. – »Durch mich!« rief die Mutter +voll Erstaunen und Überraschung; »und an den Sultan? O ich +werde mich wohl hüten, mich in eine Unternehmung der Art einzulassen. +Und wer bist du denn, mein Sohn,« fuhr sie fort, »daß +du die Kühnheit haben dürftest, deine Gedanken zur Tochter deines +Sultans zu erheben? Hast du vergessen, daß du der Sohn +eines der geringsten Schneider seiner Hauptstadt und auch von +mütterlicher Seite nicht von höherer Abkunft bist? Weißt du +denn nicht, daß Sultane ihre Töchter selbst Sultanssöhnen verweigern, +die keine Hoffnung haben, einst zur Regierung zu gelangen?«</p> + +<p>»Liebe Mutter,« antwortete Alaeddin, »ich habe dir bereits +bemerkt, daß ich alles vorausgesehen habe, was du mir soeben +gesagt hast, und ebenso sehe ich alles voraus, was du etwa noch +hinzufügen könntest. Weder deine Reden, noch deine Vorstellungen +werden mich von meinem Entschlusse abbringen. Ich +habe dir gesagt, daß ich durch deine Vermittlung um die Hand der +Prinzessin Bedrulbudur anhalten will; es ist dies die einzige +Gefälligkeit, um die ich dich mit aller schuldigen Ehrerbietung +bitte, und du kannst sie mir nicht abschlagen, wenn du mich nicht +lieber sterben sehen, als mir zum zweitenmal das Leben schenken +willst.«</p> + +<p>Alaeddins Mutter befand sich in großer Verlegenheit, als sie +diese Hartnäckigkeit sah. »Mein Sohn,« sagte sie nochmals zu +ihm, »ich bin deine Mutter, und als gute Mutter bin ich bereit, +aus Liebe zu dir alles zu tun, was vernünftig und schicklich ist. +Wenn es sich darum handelte, für dich um die Tochter eines unserer +Nachbarn anzuhalten, der von gleichem oder wenigstens +nicht viel höherem Stande wäre als du, so würde ich nichts versäumen, +und von Herzen gern alles aufbieten, was in meiner +Macht steht; aber auch dann müßtest du einiges Vermögen oder +Einkünfte besitzen, oder ein Gewerbe erlernt haben, um deinen +Zweck zu erreichen. Wenn arme Leute, wie wir, heiraten wollen, +so ist das erste, woran sie denken müssen, ob sie auch zu leben +haben. Aber ohne an deine niedere Abkunft, an deinen geringen +Stand und deine Armut zu denken, willst du dich auf den höchsten +Gipfel des Glücks schwingen und verlangst nichts Geringeres,<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span> +als die Tochter deines Herrn und Gebieters, der nur ein +Wort zu sagen braucht, um dich zu verderben und zu zermalmen. +Ich will hier nicht erwähnen, was dich selbst betrifft, denn das +mußt du in deinem Innern in Erwägung ziehen, wofern du nur +halbwegs bei gutem Verstande bist. Ich will nur von dem +sprechen, was mich angeht. Wie hat dir ein so seltsamer Gedanke +in den Kopf kommen können, daß ich zum Sultan hingehen +und ihm den Antrag machen soll, dir die Prinzessin, seine +Tochter, zum Weibe zu geben? Gesetzt auch, ich hätte die Unverschämtheit, +vor seine geheiligte Person zu treten, um eine so +ungereimte Bitte vorzutragen, an wen müßte ich mich denn wenden, +um nur vorgelassen zu werden? Glaubst du denn nicht, daß +der erste, den ich anredete, mich als Närrin behandeln und mit +Schmach und Schimpf fortjagen würde, wie ich es verdiente? +Wenn wir aber auch annehmen, daß es keine Schwierigkeit gäbe, +Audienz bei dem Sultan zu erhalten: denn ich weiß, daß man +leicht zu ihm gelangen kann, wenn man um Gerechtigkeit bittet, +und daß er sie seinen Untertanen gern gewährt, sobald sie ihn +darum angehen; ich weiß auch, daß er mit Vergnügen eine +Gnade bewilligt, um die man ihn bittet, sobald er sieht, daß man +sie verdient hat und ihrer würdig ist: aber bist du denn in demselben +Falle und glaubst du die Gnade verdient zu haben, die ich +für dich erbitten soll? Bist du ihrer würdig? Was hast du für +deinen Fürsten oder für dein Vaterland getan und wodurch hast +du dich ausgezeichnet? Wenn du nun nichts geleistet hast, um +eine so hohe Gnade zu verdienen, und auch im übrigen ihrer nicht +würdig bist, mit welcher Stirn könnte ich dann darum bitten? +Wie könnte ich auch nur den Mund öffnen, um dem Sultan +diesen Vorschlag zu machen? Sein majestätisches Ansehen und +der Glanz seines Hofes würden mir sogar den Mund verschließen, +mir, die ich schon vor deinem Vater zitterte, wenn ich +ihn nur um eine Kleinigkeit zu bitten hatte. Auch ein anderer +Grund ist noch vorhanden, mein Sohn, den du nicht bedacht hast, +nämlich, daß man vor unsern Sultanen, wenn man sie um etwas +bitten will, nicht erscheinen darf, ohne ein Geschenk in der Hand +zu haben. Welches Geschenk könntest du ihm denn bieten? Und +wenn du auch etwas hättest, das der Beachtung eines so großen +Monarchen im mindesten wert schiene, in welchem Verhältnis<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> +stände dann dein Geschenk mit der Bitte, die du an ihn tun +willst? Geh in dich und bedenke, daß du nach etwas trachtest, +das du unmöglich erreichen kannst.«</p> + +<p>Alaeddin hörte alles, was seine Mutter sagte, um ihn von seinem +Plane abzubringen, mit großer Gemütsruhe an, und nachdem +er ihre Vorstellungen Punkt für Punkt in Erwägung gezogen, +nahm er endlich das Wort und sprach: »Ich gestehe, liebe +Mutter, daß es eine große Verwegenheit von mir ist, so hoch +hinauf zu wollen, und zugleich sehr unüberlegt, daß ich von dir, +mit solcher Hitze und Hastigkeit verlange, du sollst beim Sultan +für mich anhalten, ohne zuvor die geeigneten Maßregeln zu ergreifen, +um dir Gehör und einen günstigen Empfang zu verschaffen. +Verzeih mir diesmal. In der Hitze der Leidenschaft, +die sich meiner bemeistert hat, darfst du dich nicht wundern, wenn +ich nicht auf einmal alles, was mir die gesuchte Ruhe geben +kann, ins Auge gefaßt habe. Ich liebe die Prinzessin Bedrulbudur +weit mehr, als du dir denken kannst, ja ich bin ganz von +Sinnen und beharre fest auf dem Entschlusse, sie zu heiraten. +Ich bin darüber vollkommen mit mir einig und entschieden. +Übrigens danke ich dir für die Eröffnung, die du mir soeben gemacht +hast, denn ich betrachte sie als den ersten Schritt zu dem +glücklichen Erfolg, den ich mir verspreche.</p> + +<p>»Du sagst mir, es sei nicht Brauch, ohne ein Geschenk in der +Hand vor dem Sultan zu erscheinen, und ich hätte nichts, was +seiner würdig wäre. Wenn du aber meinst, daß ich nichts besäße, +was ihm überreicht werden könnte, so glaube ich doch, daß +die Sachen, die ich aus der unterirdischen Höhle mitgebracht +habe, dem Sultan gewiß viel Vergnügen machen würden. Ich +spreche nämlich von den Steinen in den zwei Beuteln und im +Gürtel, die wir beide anfangs für farbige Gläser hielten; jetzt +sind mir die Augen aufgegangen, und ich sage dir, liebe Mutter, +daß es Juwelen von unschätzbarem Werte sind, die nur großen +Königen gebühren. In den Läden der Juweliere habe ich mich +von ihrem Wert überzeugt und du kannst mir aufs Wort glauben: +alle, die ich bei diesen Herren gesehen habe, halten mit den +unsern durchaus keinen Vergleich aus, weder in Beziehung auf +Größe, noch auf Schönheit, und doch verkaufen sie dieselben um +ungeheure Summen. Wir können zwar allerdings den wahren<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span> +Wert der unsrigen nicht angeben, aber dem mag sein wie ihm +wolle, so viel verstehe ich doch, um überzeugt zu sein, daß das +Geschenk dem Sultan die größte Freude machen muß. Du hast +da eine ziemlich große Porzellanvase, die gerade dazu paßt; +bring sie einmal her, und laß uns sehen, welche Wirkung +sie haben, wenn wir sie nach ihren verschiedenen Farben +ordnen.«</p> + +<p>Alaeddins Mutter brachte die Vase, und Alaeddin nahm die +Edelsteine aus den beiden Beuteln heraus und legte sie in der +besten Ordnung hinein. Die Wirkung, die sie durch die Mannigfaltigkeit +ihrer Farben und ihren strahlenden Glanz beim +hellen Tageslicht hatten, war so groß, daß Mutter und Sohn +beinahe davon geblendet wurden und sich über die Maßen wunderten; +denn sie hatten dieselben bisher nur beim Lampenschein +betrachtet. Alaeddin zwar hatte sie auf den Bäumen gesehen, +wo sie ihm als Früchte erschienen, die einen herrlichen Anblick +gewährten; allein er war damals noch Kind gewesen und hatte +diese Edelsteine nur als Spielzeug betrachtet.</p> + +<p>Nachdem sie die Schönheit des Geschenks eine Weile betrachtet +hatten, nahm Alaeddin wieder das Wort und sagte: +»Du hast jetzt keine Ausrede mehr, liebe Mutter, und kannst +dich nicht damit entschuldigen, daß wir kein passendes Geschenk +anzubieten hätten. Hier ist eines, wie mich dünkt, das dir gewiß +einen recht freundlichen Empfang verschaffen wird.«</p> + +<p>Obwohl Alaeddins Mutter dieses Geschenk, ungeachtet seiner +Schönheit und seines Glanzes, nicht für so wertvoll hielt, wie +ihr Sohn, so dachte sie doch, es könne vielleicht angenommen +werden, und sah ein, daß in dieser Beziehung nichts mehr einzuwenden +war. Dagegen kam sie immer wieder auf Alaeddins +Forderung zurück, und dies machte ihr viel Unruhe. »Mein +Sohn,« sprach sie zu ihm, »ich begreife wohl, daß dein Geschenk +Wirkung tun und Gnade in den Augen des Sultans finden wird; +aber wenn ich dann deine Bitte vortragen soll, so fühle ich zum +voraus, daß ich dazu keine Kraft haben und stumm bleiben werde. +Auf diese Art wird nicht nur mein Gang vergeblich, sondern +auch das Geschenk, das nach deiner Behauptung so außerordentlich +kostbar ist, verloren sein, und ich werde mit Schmach abziehen +müssen, um dir zu verkündigen, daß du dich in deiner +Hoffnung getäuscht hast. Ich habe es dir schon einmal gesagt +und du wirst sehen, daß es so kommt.«</p> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>[Illustration]</p> --> + +<div class="figcenter"> +<a href="images/alaeddin_040.jpg"><img src="images/alaeddin_040_th.jpg" alt="" title="" /></a> +<a href="images/alaeddin_041.jpg"><img src="images/alaeddin_041_th.jpg" alt="" title="" /></a> +</div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>[Illustration]</p> --> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>»Aber,« setzte sie hinzu, »gesetzt auch, ich könnte mir so viel +Gewalt antun, mich nach deinem Wunsche zu fügen, und ich +hätte Kraft genug, um eine solche Bitte zu wagen, wie du mir +zumutest, so wird sich doch der Sultan ganz gewiß entweder +über mich lustig machen und mich als eine Närrin nach Hause +schicken, oder er wird in gerechten Zorn geraten, dessen Opfer +unfehlbar wir beide sein werden.«</p> + +<p>Alaeddins Mutter führte noch mehrere solche Gründe an, um +ihren Sohn auf andere Gedanken zu bringen; allein die Reize +der Prinzessin Bedrulbudur hatten einen zu starken Eindruck auf +sein Herz gemacht, als daß er sich von seinem Plane hätte abbringen +lassen. Alaeddin beharrte also auf seiner Bitte, und +teils aus Zärtlichkeit, teils aus Furcht, er möchte irgend einen +tollen Streich machen, überwand seine Mutter ihre Abneigung +und verstand sich endlich dazu, ihm zu willfahren.</p> + +<p>Da es schon spät und die Zeit, in den Palast zu gehen und +vor den Sultan zu treten, an diesem Tage bereits vorüber war, +so wurde die Sache auf den folgenden Tag verschoben. »Mein +Sohn,« sagte die Mutter, »wenn mich der Sultan so günstig +aufnimmt, wie ich es aus Liebe zu dir wünsche, wenn er auch +den Vorschlag ruhig anhört, aber sich dann einfallen läßt, nach +deinem Vermögen und Stande zu fragen – sage mir, was soll +ich ihm dann antworten?«</p> + +<p>»Liebe Mutter,« antwortete Alaeddin, »wir wollen uns nicht +zum voraus über eine Sache bekümmern, die vielleicht gar nicht +vorkommen wird. Wir müssen jetzt abwarten, wie der Sultan +dich empfängt und was für eine Antwort er dir gibt. Wenn er +dann wirklich über das, was du sagst, Auskunft haben will, so +werde ich mich schon auf eine Antwort besinnen, und ich glaube +zuversichtlich, daß die Lampe, die uns schon seit einigen Jahren +ernährt, mich in der Not nicht verlassen wird.«</p> + +<p>Alaeddins Mutter wußte hierauf nichts zu erwidern, denn +sie dachte, daß die Lampe, von der er sprach, auch noch weit +größere Wunder bewirken könnte, als nur ihren Lebensunterhalt +zu verschaffen. Dies beruhigte sie. Alaeddin sagte zu ihr: +»Jedenfalls, liebe Mutter, halte die Sache geheim; davon hängt<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span> +der ganze glückliche Erfolg ab, den wir erwarten können.« Hierauf +trennten sie sich, um zu Bett zu gehen; allein die heftige +Liebe und die großartigen, unermeßlichen Glückspläne, die Alaeddins +Gemüt erfüllten, ließen ihn keine Ruhe finden. Er stand +vor Tagesanbruch auf, weckte sogleich seine Mutter und bestürmte +sie, sie solle sich aufs schleunigste ankleiden, an das Tor +des königlichen Palastes gehen und, sowie es geöffnet würde, +zugleich mit dem Großvezier, den untergeordneten Vezieren und +den übrigen Staatsbeamten eintreten, die sich zur Sitzung des +Divans begäben, welcher der Sultan immer persönlich beiwohnte.</p> + +<p>Alaeddins Mutter tat alles, was ihr Sohn wünschte. Sie +nahm die mit Edelsteinen gefüllte Porzellanvase und hüllte sie +in doppelte Leinwand, zuerst in sehr feine und schneeweiße, sodann +in minder feine, welche letztere sie an den vier Zipfeln zusammenband, +um die Sache bequemer tragen zu können. Endlich +ging sie zur Freude Alaeddins fort und nahm ihren Weg +nach dem Palaste des Sultans. Der Großvezier nebst den +übrigen Vezieren und die angesehensten Herren vom Hofe waren +bereits hineingegangen, als sie ans Tor kam. Die Zahl der +Wartenden war sehr groß. Man öffnete und sie ging mit ihnen +in den Divan. Dies war ein über die Maßen schöner, tiefer +und geräumiger Saal und hatte einen großen, prächtigen Eingang; +sie stellte sich so, daß sie den Sultan gerade gegenüber, +den Großvezier aber und die übrigen Herren, die im Rate saßen, +rechts und links hatte. Man rief die verschiedenen Parteien +eine nach der andern vor, in der Ordnung, wie sie ihre Bittschriften +eingereicht hatten, und ihre Angelegenheiten wurden +vorgetragen, verhandelt und entschieden, bis zur Stunde, wo +der Divan wie gewöhnlich geschlossen wurde. Dann stand der +Sultan auf, entließ die Versammlung und ging in sein Zimmer +zurück, wohin ihm der Großvezier folgte. Die übrigen Veziere +und Mitglieder des Staatsrats begaben sich nach Hause; ebenso +die, welche wegen Privatangelegenheiten erschienen waren; die +einen vergnügt, daß sie ihren Prozeß gewonnen hatten, die andern +unzufrieden, weil gegen sie entschieden worden war, und +noch andere in der Hoffnung, daß ihre Sache in einer andern +Sitzung vorkommen werde.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>Als Alaeddins Mutter sah, daß der Sultan aufstand und +fortging, schloß sie daraus, daß er an diesem Tage nicht wieder +erscheinen werde, und ging, wie die andern alle, nach Hause. +Alaeddin, der sie mit dem für den Sultan bestimmten Geschenk +zurückkommen sah, wußte anfangs nicht, was er von dem Erfolg +seiner Sendung denken sollte. Er fürchtete eine schlimme Botschaft +und hatte kaum Kraft genug, den Mund zu öffnen und sie +zu fragen, welche Nachricht sie bringe. Die gute Frau, die nie +einen Fuß in den Palast des Sultans gesetzt und keine Ahnung +von dem hatte, was dort Brauch war, machte der Verlegenheit +ihres Sohnes ein Ende, indem sie mit vieler Treuherzigkeit und +Aufrichtigkeit also zu ihm sprach: »Mein Sohn, ich habe den +Sultan gesehen und bin fest überzeugt, daß er mich ebenfalls +gesehen hat. Ich stand gerade vor ihm und niemand hinderte +mich, ihn zu sehen, allein er war zu sehr mit denen beschäftigt, +die zu seiner Rechten und Linken saßen, daß ich Mitleiden mit +ihm hatte, als ich die Mühe und Geduld sah, womit er sie anhörte. +Dies dauerte so lange, daß er, glaube ich, zuletzt Langeweile +bekam, denn er stand auf einmal ganz unerwartet auf und +ging schnell weg, ohne eine Menge anderer Leute anzuhören, +die noch mit ihm sprechen wollten. Ich war sehr froh darüber, +denn ich fing wirklich an, die Geduld zu verlieren und war von +dem langen Stehen außerordentlich müde. Indes ist noch nichts +verdorben; ich werde morgen wieder zu ihm gehen, der Sultan +ist vielleicht dann nicht so beschäftigt.«</p> + +<p>So heftig auch das Feuer der Liebe in Alaeddins Busen +brannte, so mußte er sich doch mit dieser Entschuldigung zufrieden +geben und mit Geduld waffnen. Er hatte wenigstens die Genugtuung, +zu sehen, daß seine Mutter bereits den schwersten +Schritt getan und den Anblick des Sultans ausgehalten hatte, +und so konnte er hoffen, daß sie, wie die andern, die in ihrer +Gegenwart mit ihm gesprochen hatten, nicht anstehen werde, sich +ihres Auftrages zu entledigen, sobald der günstige Augenblick +zum Sprechen komme.</p> + +<p>Am andern Morgen ging Alaeddins Mutter wieder ebenso +frühe mit ihrem Geschenk nach dem Palast des Sultans, allein +sie machte diesen Gang vergeblich, denn sie fand die Türe des +Divans verschlossen und erfuhr, daß nur alle zwei Tage Sitzung<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> +sei und sie also am folgenden Tage wieder kommen müsse. Sie +kehrte nun um und brachte diese Nachricht ihrem Sohne, der +somit aufs neue Geduld fassen mußte. Noch sechsmal hintereinander +ging sie an den bestimmten Tagen in den Palast, aber +immer mit ebensowenig Erfolg, und vielleicht wäre sie noch +hundertmal vergebens gelaufen, wenn nicht der Sultan, der sie +bei jeder Sitzung gegenüber von sich sah, endlich aufmerksam auf +sie geworden wäre.</p> + +<p>An diesem Tage endlich sagte der Sultan, als er nach aufgehobener +Sitzung in seine Gemächer zurückgekehrt war, zu seinem +Großvezier: »Schon seit einiger Zeit bemerke ich eine gewisse +Frau, die regelmäßig jeden Tag, wo ich Sitzung halte, +kommt und etwas in Leinwand eingehüllt in der Hand hat. Sie +bleibt vom Anfang bis zu Ende der Sitzung stehen, und zwar +immer gerade mir gegenüber. Weißt du wohl, was ihr Begehr +ist?«</p> + +<p>Der Großvezier, der es so wenig wußte, als der Sultan, +wollte gleichwohl keine Antwort schuldig bleiben. »Herr,« sagte +er, »es ist dir wohl bekannt, daß die Frauen oft über geringfügige +Sachen Klage führen. Diese da kommt offenbar, um +sich bei dir zu beschweren, daß man vielleicht schlechtes Mehl an +sie verkauft oder ihr sonst Unrecht zugefügt hat, das von eben so +wenig Belang ist.« Der Sultan war mit dieser Antwort nicht +zufrieden und sagte: »Wenn diese Frau bei der nächsten Sitzung +wieder erscheint, so vergiß nicht, sie rufen zu lassen, auf daß ich +sie höre.« Der Großvezier küßte seine Hand und legte sie auf +seinen Kopf, zum Zeichen, daß er bereit sei, ihn sich abschlagen zu +lassen, wenn er diesen Befehl nicht erfüllte.</p> + +<p>Alaeddins Mutter war schon so sehr daran gewöhnt, im +Divan vor dem Sultan zu erscheinen, daß sie ihre Mühe für +nichts achtete, wofern sie nur ihrem Sohne zeigen konnte, wie +sehr sie sich’s angelegen sein ließ, für ihn alles zu tun, was in +ihren Kräften stand. Sie ging also am Sitzungstag wieder nach +dem Palast und stellte sich wie gewöhnlich am Eingang des +Divans dem Sultan gegenüber.</p> + +<p>Der Großvezier hatte seinen Vortrag noch nicht begonnen, +als der Sultan Alaeddins Mutter bemerkte. Diese lange Geduld, +die er selbst mit angesehen, rührte ihn. »Damit du es nicht<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span> +vergissest,« sagte er zum Großvezier, »dort steht wieder die Frau, +von der ich dir neulich gesagt habe: laß sie hierhertreten, dann +wollen wir sie zuerst anhören und ihre Angelegenheit ins reine +bringen.« Sogleich zeigte der Großvezier die Frau dem Obersten +der Türsteher, der zu seinen Befehlen bereit stand, und hieß ihn +sie näher heranführen.</p> + +<p>Der Oberste der Türsteher kam zu Alaeddins Mutter und +gab ihr ein Zeichen; sie folgte ihm bis an den Fuß des königlichen +Thrones, wo er sie verließ, um sich wieder an seinen Platz +neben dem Großvezier zu stellen.</p> + +<p>Alaeddins Mutter befolgte das Beispiel der andern, die sie +mit dem Sultan sprechen gesehen hatte: sie warf sich zu Boden, +berührte mit ihrer Stirne den Teppich, der die Stufen des Thrones +bedeckte, und blieb in dieser Stellung, bis der Sultan ihr befahl, +aufzustehen. Als sie aufgestanden war, sprach er zu ihr: +»Gute Frau, ich sehe dich schon lange Zeit in meinen Divan +kommen und von Anfang bis zu Ende am Eingange stehen. +Welche Angelegenheit führt dich hierher?«</p> + +<p>Alaeddins Mutter warf sich, als sie diese Worte hörte, zum +zweiten Male zu Boden, und nachdem sie aufgestanden war, +sagte sie: »Erhabenster aller Könige der Welt, bevor ich dir die +außerordentliche und fast unglaubliche Sache erzähle, die mich +vor deinen hohen Thron führt, bitte ich dich, mir die Kühnheit +des Anliegens zu verzeihen, das ich dir vortragen will. Es ist +so ungewöhnlich, daß ich zittere und bebe, und große Scheu +trage, es meinem Sultan vorzubringen.« Um ihr volle Freiheit +zu geben, befahl der Sultan allen Anwesenden, sich aus dem +Divan zu entfernen und ihn mit dem Großvezier allein zu lassen; +dann sagte er zu ihr, sie könne ohne Furcht sprechen.</p> + +<p>Alaeddins Mutter begnügte sich nicht mit der Güte des Sultans, +der ihr die Verlegenheit, vor der ganzen Versammlung +sprechen zu müssen, erspart hatte; sie wollte sich auch noch vor +seinem Zorn sicher stellen, den sie bei einem so seltsamen Antrag +fürchten mußte. »Großer König,« sagte sie, aufs neue das +Wort ergreifend, »ich wage auch noch dich zu bitten, daß du mir, +im Fall du mein Gesuch im mindesten anstößig oder beleidigend +finden solltest, zum voraus deine Verzeihung und Gnade zusicherst.« +– »Was es auch sein mag,« erwiderte der Sultan,<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span> +»ich verzeihe es dir schon jetzt, und es soll dir nicht das geringste +Leid zustoßen. Sprich ohne Scheu!«</p> + +<p>Nachdem Alaeddins Mutter alle diese Vorsichtsmaßregeln +ergriffen hatte, weil sie den ganzen Zorn des Sultans für ihren +kühnen Antrag fürchtete, erzählte sie ihm treuherzig, bei welcher +Gelegenheit Alaeddin die Prinzessin Bedrulbudur gesehen, +welche heftige Liebe ihm dieser unglückselige Augenblick eingeflößt, +welche Erklärungen er ihr darüber gemacht und wie sie +ihm alles vorgestellt habe, um ihn von einer Leidenschaft abzubringen, +die sowohl für den König, als für seine Tochter im +höchsten Grade beleidigend sei. »Aber,« fuhr sie fort, »statt diese +Ermahnungen zu beherzigen, und die Frechheit seines Verlangens +einzusehen, beharrte mein Sohn unerschütterlich dabei +und drohte mir sogar, wenn ich mich weigern würde, zu dir zu +gehen und für ihn um die Prinzessin anzuhalten. Gleichwohl +hat es mich sehr große Überwindung gekostet, bis ich ihm diesen +Gefallen erwies, und ich bitte dich noch einmal, großer König, +daß du nicht allein mir, sondern auch meinem Sohne Alaeddin +verzeihen mögest, der den verwegenen Gedanken gehabt hat, +nach einer so hohen Verbindung zu trachten.«</p> + +<p>Der Sultan hörte den ganzen Vortrag mit vieler Milde und +Güte an, ohne im mindesten Zorn und Unwillen zu verraten, +oder auch nur die Sache spöttisch aufzunehmen. Ehe er aber der +guten Frau antwortete, fragte er sie, was sie denn in ihrem leinenen +Tuche eingehüllt habe. Sogleich nahm sie die porzellanene +Vase, stellte sie an den Fuß des Thrones, und nachdem sie sich +niedergeworfen, enthüllte sie dieselbe und überreichte sie dem +Sultan.</p> + +<p>Es ist unmöglich, die Überraschung und das Erstaunen des +Sultans zu beschreiben, als er in dieser Vase so viele ansehnliche, +kostbare, vollkommene und glänzende Edelsteine erblickte, +und zwar alle von einer Größe, dergleichen er niemals gesehen +hatte. Seine Verwunderung war so groß, daß er eine Weile +ganz unbeweglich dasaß. Endlich, als er sich wieder gesammelt +hatte, empfing er das Geschenk aus den Händen der Frau und +rief außer sich vor Freude: »Ei, wie schön, wie herrlich!« Nachdem +er die Edelsteine alle einen nach dem andern in die Hand +genommen, bewundert und nach ihren hervorstechendsten Eigenschaften<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span> +gepriesen hatte, wandte er sich zu seinem Großvezier, +zeigte ihm die Vase und sagte zu ihm: »Sieh einmal an und du +wirst gestehen müssen, daß man auf der ganzen Welt nichts Kostbareres +und Vollkommeneres finden kann.« Der Vezier war +ebenfalls ganz bezaubert. »Je nun,« fuhr der Sultan fort, »was +sagst du von diesem Geschenke? Ist es der Prinzessin, meiner +Tochter, nicht würdig, und kann ich sie um diesen Preis nicht +dem Manne geben, der um sie anhalten läßt?«</p> + +<p>Diese Worte versetzten den Großvezier in peinliche Unruhe. +Der Sultan hatte ihm nämlich vor einiger Zeit zu verstehen +gegeben, daß er die Prinzessin seinem Sohne zu geben gedenke. +Nun aber fürchtete er, und nicht ohne Grund, der Sultan möchte +durch dieses reiche und außerordentliche Geschenk geblendet, sich +anders entschließen. Er näherte sich ihm daher und flüsterte ihm +ins Ohr: »Herr, ich muß gestehen, daß das Geschenk der Prinzessin +würdig ist. Allein ich bitte dich, mir drei Monate Frist +zu gönnen, bevor du dich entscheidest. Ich hoffe, daß mein +Sohn, auf den du früher deine Augen zu werfen geruhtest, noch +vor dieser Zeit ihr ein weit kostbareres Geschenk machen kann, +als dieser Alaeddin, den du gar nicht kennst.« So sehr nun auch +der Sultan überzeugt war, daß der Großvezier unmöglich seinen +Sohn in den Stand setzen konnte, der Prinzessin ein Geschenk +von gleichem Werte zu machen, so hörte er dennoch auf ihn und +bewilligte ihm diesen Wunsch. Er wandte sich also zu Alaeddins +Mutter und sagte zu ihr: »Geh nach Hause, gute Frau, und +melde deinem Sohn, daß ich den Vorschlag, den du mir in seinem +Namen gemacht hast, genehmige, daß ich aber die Prinzessin, +meine Tochter, unmöglich verheiraten kann, bis ich ihr +eine Ausstattung besorgt habe, die erst in drei Monaten fertig +wird. Komm also um diese Zeit wieder.«</p> + +<p>Alaeddins Mutter ging mit um so größerer Freude nach +Hause, als sie es im Anfang wegen ihres Standes für unmöglich +gehalten hatte, Zutritt beim Sultan zu erlangen, und nun war +ihr statt einer beschämenden abschlägigen Antwort, die sie erwarten +mußte, ein so günstiger Bescheid zuteil geworden. Als +Alaeddin seine Mutter zurückkommen sah, schloß er aus zwei +Sachen auf eine gute Botschaft: erstens, weil sie früher als gewöhnlich +kam, und zweitens, weil ihr Gesicht vor Freude glänzte.<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span> +»Ach, meine Mutter!« rief er ihr entgegen, »darf ich hoffen oder +soll ich aus Verzweiflung sterben?« Sie legte ihren Schleier +ab, setzte sich neben ihn und sagte dann zu ihm: »Lieber Sohn, +um dich nicht lange in Ungewißheit zu lassen, will ich dir gleich +zum voraus sagen, daß du nicht ans Sterben zu denken brauchst, +sondern im Gegenteil alle Ursache hast, gutes Mutes zu sein.« +Hierauf erzählte sie ihm, wie sie vor allen andern Zutritt erhalten, +und welche günstige Antwort sie aus des Sultans eigenem +Munde erhalten habe. Sie fügte hinzu: aus dem ganzen +Benehmen des Sultans habe sie entnehmen können, daß das Geschenk +einen überaus mächtigen Eindruck auf sein Gemüt gemacht +und ihn zu dieser huldreichen Antwort bestimmt habe.</p> + +<p>Als Alaeddin diese Nachricht hörte, hielt er sich für den glücklichsten +aller Sterblichen. Er dankte seiner Mutter für die viele +Mühe, und obwohl ihm bei seinem ungeduldigen Verlangen +nach dem Gegenstande seiner Liebe drei Monate entsetzlich lang +erschienen, so nahm er sich doch vor, mit Geduld zu warten und +auf das Wort des Sultans zu bauen, das er für unverbrüchlich +hielt. Indes zählte er in Erwartung des ersehnten Zieles nicht +bloß Wochen, Tage und Stunden, sondern selbst Minuten, und +es waren ungefähr zwei Monate verflossen, als seine Mutter +eines Abends die Lampe anzünden wollte und merkte, daß kein +Öl mehr im Hause war. Sie ging aus, um welches zu kaufen, +und als sie in die Stadt hinein kam, fand sie, daß alles festlich +geschmückt war. Die Kaufläden waren geöffnet, man schmückte +sie mit Blumenkränzen und machte Anstalt zu festlichen Beleuchtungen, +wobei es jeder dem andern an Pracht und Glanz +zuvorzutun suchte, um seinen Eifer an den Tag zu legen. Auf +allen Gesichtern strahlte Freude und Fröhlichkeit, sogar die +Straßen waren mit Hofbeamten in Festkleidern angefüllt, die +auf reichgeschmückten Pferden saßen und von einer großen +Menge Bedienten zu Fuß umgeben waren. Sie fragte den +Kaufmann, bei dem sie ihr Öl kaufte, was dies alles zu bedeuten +habe. »Woher kommst denn du, liebe Frau?« gab ihr dieser +zur Antwort; »weißt du allein nicht, daß der Sohn des Großveziers +heute abend die Prinzessin Bedrulbudur, Tochter des +Sultans, heiratet? Sie wird bald aus dem Bade kommen und +die vornehmen Herren, die du hier siehst, haben sich versammelt,<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span> +um sie nach dem Palast zu geleiten, wo die Feierlichkeit vor sich +gehen soll.«</p> + +<p>Alaeddins Mutter wollte nichts mehr hören. Sie lief so eilig +nach Hause, daß sie fast atemlos ankam. »Ach!« rief sie ihrem +Sohne, der auf nichts weniger, als auf eine solche unangenehme +Nachricht gefaßt war, entgegen, »für dich ist alles verloren. Du +zähltest auf das schöne Versprechen des Sultans, aber es wird +nichts daraus.« Alaeddin erschrak über die Maßen und antwortete: +»Liebe Mutter, warum sollte mir denn der Sultan +sein Versprechen nicht halten? woher weißt du das?« – »Heute +abend noch,« versetzte die Mutter, »heiratet der Sohn des Großveziers +die Prinzessin Bedrulbudur im Palaste.« Sie erzählte +ihm hierauf, wie sie es erfahren hatte, und teilte ihm so genau +die einzelnen Umstände mit, daß er nicht mehr daran zweifeln +konnte. Bei dieser Nachricht war Alaeddin wie vom Blitze getroffen. +Jeder andere als er wäre seinem Kummer erlegen, aber +eine geheime Eifersucht weckte die Tätigkeit seines Geistes bald +wieder. Er gedachte jetzt der Lampe, die ihm bisher so nützlich +gewesen, und ohne mit leeren Worten gegen den Sultan, den +Großvezier oder den Sohn dieses Ministers zu eifern, sagte er +bloß: »Liebe Mutter, der Sohn des Großveziers ist heute nacht +vielleicht nicht so glücklich, als er hofft. Ich will einen Augenblick +auf mein Zimmer gehen, bereite du indes das Abendessen.«</p> + +<p>Alaeddins Mutter begriff wohl, daß ihr Sohn von der Lampe +Gebrauch machen wollte, um die Heirat des Sohnes des Großveziers +womöglich zu hintertreiben, und sie täuschte sich nicht. +Alaeddin nahm, sobald er in seinem Zimmer war, die Wunderlampe, +die er seit der Erscheinung des Geistes, der seiner Mutter +so großen Schrecken eingejagt, hierher gebracht hatte, und rieb +sie an derselben Stelle, wie früher. Alsbald erschien der Geist +und sprach zu ihm: »Was willst du? ich bin bereit dir zu gehorchen +als dein Sklave und als Sklave aller derer, die die Lampe +in der Hand haben, sowohl ich als alle andern Sklaven der +Lampe.« – »Höre,« sagte Alaeddin, »du hast mir bisher zu +essen gebracht, so oft ich dessen bedurfte, jetzt aber habe ich dir +einen Auftrag von weit höherem Belang zu erteilen. Ich habe +bei dem Sultan um die Prinzessin Bedrulbudur anhalten lassen. +Er hat sie mir versprochen und nur einen Aufschub von drei Monaten<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span> +verlangt. Statt aber sein Wort zu halten, vermählt er +sie heute abend noch vor Ablauf der Frist mit dem Sohne des +Großveziers. Ich habe es soeben erfahren und die Sache ist +ganz gewiß. Nun verlange ich von dir, daß du Bräutigam und +Braut, sobald sie sich zu Bette gelegt haben, wegtragest und alle +beide in ihrem Bette hierher bringst.« – »Mein Gebieter,« +antwortete der Geist, »ich werde dir gehorchen. Hast du sonst +noch etwas zu befehlen?« – »Für den Augenblick nichts,« erwiderte +Alaeddin und der Geist verschwand.</p> + +<p>Alaeddin ging wieder zu seiner Mutter zurück und speiste so +ruhig, wie sonst, mit ihr zu Abend. Nach dem Essen sprach er +eine Weile mit ihr über die Vermählung der Prinzessin, wie +über eine Sache, die ihn garnicht bekümmerte. Sodann ging +er auf sein Zimmer zurück, damit seine Mutter ungestört zu Bett +gehen konnte. Er selbst legte sich indessen nicht nieder, sondern +erwartete die Rückkunft des Geistes und die Vollziehung seines +Befehles.</p> + +<p>Indessen waren im Palast des Sultans mit ungeheurer Pracht +alle Anstalten zur Vermählungsfeier der Prinzessin getroffen +worden, und die Festlichkeiten und Lustbarkeiten dauerten bis +in die Nacht. Als alles vorüber war, entfernte sich der Sohn +des Großveziers unbemerkt auf ein Zeichen, das ihm der Oberste +von den Verschnittenen der Prinzessin gab, der ihn auch nach der +Wohnung der Prinzessin und in das Gemach führte, wo das +Brautbett bereitet war. Er legte sich zuerst nieder. Bald +darauf brachte die Sultanin in Begleitung ihrer Frauen und der +Frauen ihrer Tochter die Braut herein. Nach der Sitte aller +Neuvermählten sträubte sie sich heftig. Die Sultanin half sie +auskleiden, legte sie wie mit Gewalt ins Bett, umarmte sie, +wünschte ihr eine gute Nacht und entfernte sich dann mit allen +ihren Frauen. Die letzte, die hinausging, schloß die Türe hinter +sich zu.</p> + +<p>Kaum war die Türe verschlossen, als der Geist, ein treuer +Sklave der Lampe und pünktlicher Vollzieher aller Befehle ihrer +Besitzer, ohne dem jungen Gatten Zeit zu lassen, seine Neuvermählte +auch nur ein wenig zu liebkosen, zum großen Erstaunen +beider das Bett, worin sie lagen, nahm und in einem Augenblick +in Alaeddins Zimmer trug.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>Alaeddin, der diesen Augenblick voll Ungeduld erwartet hatte, +duldete nicht, daß der Sohn des Großveziers bei der Prinzessin +liegen blieb. »Nimm diesen jungen Ehemann,« sagte er +zu dem Geist, »sperre ihn ins heimliche Gemach, und komm +morgen früh etwas vor Tagesanbruch wieder.« Sogleich nahm +der Geist den Sohn des Großveziers im bloßen Hemd aus dem +Bett, brachte ihn an den bezeichneten Ort und ließ ihn daselbst, +nachdem er einen Dunst auf ihn gehaucht hatte, den er vom +Wirbel bis zur Zehe spürte, und der ihn hinderte, sich von der +Stelle zu rühren.</p> + +<p>So groß nun auch Alaeddins Liebe zur Prinzessin Bedrulbudur +war, so führte er doch, sobald er sich mit ihr allein sah, +keine langen Reden, sondern sagte bloß in sehr zärtlichem Tone +zu ihr: »Fürchte nichts, geliebte Prinzessin; du bist hier in +Sicherheit, und so gewaltig auch die Liebe ist, die ich für deine +Schönheit und deine Reize empfinde, so werde ich doch nie die +Schranken der tiefen Ehrfurcht überschreiten, welche ich dir +schulde. Wenn ich,« fügte er hinzu, »gezwungen worden bin, +zu diesen äußersten Maßregeln zu greifen, so geschah dies nicht +in der Absicht, dich zu beleidigen, sondern ich wollte nur einen +ungerechten Nebenbuhler verhindern, dem Versprechen, das der +Sultan, dein Vater, mir gegeben, zuwider dich in Besitz zu +nehmen.« Die Prinzessin, die von all diesen Umständen nichts +wußte, achtete nicht sehr auf Alaeddins Worte und vermochte +ihm nichts zu erwidern. Der Schrecken und das Erstaunen über +dieses überraschende und unerwartete Abenteuer hatte sie in einen +solchen Zustand versetzt, daß Alaeddin ihr kein einziges Wort +entlocken konnte. Alaeddin ließ es indes nicht dabei bewenden; +er entkleidete sich und legte sich an die Stelle des Sohnes des +Großveziers, indem er der Prinzessin den Rücken kehrte, zugleich +aber die Vorsicht gebrauchte, einen Säbel zwischen die +Prinzessin und sich zu legen, zum Zeichen, daß er damit bestraft +zu werden verdiente, wenn er sich gegen ihre Ehre vergehen +sollte.</p> + +<p>Alaeddin war damit zufrieden, seinen Nebenbuhler des Glücks +beraubt zu haben, das er in dieser Nacht zu genießen hoffte, +und schlief ganz ruhig. Anders die Prinzessin Bedrulbudur: +sie hatte in ihrem Leben noch keine so verdrießliche und unangenehme<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span> +Nacht zugebracht, und wenn man den Ort und den +Zustand bedenkt, in dem der Geist den Sohn des Großveziers +verlassen hatte, so wird man sich leicht denken können, daß sie +für den jungen Ehemann noch viel betrübter war.</p> + +<p>Am andern Morgen brauchte Alaeddin nicht erst die Lampe +zu reiben, um den Geist herbeizurufen. Er kam zur bezeichneten +Stunde wieder und sagte zu Alaeddin, während dieser sich ankleidete: +»Hier bin ich, was hast du mir zu befehlen?« – »Geh,« +antwortete Alaeddin, »hole den Sohn des Großveziers, lege ihn +wieder in dies Bett und trage ihn nach dem Palast des Sultans +an denselben Ort zurück, wo du ihn genommen hast.« Der +Geist löste den Sohn des Großveziers von seinem Posten ab +und Alaeddin nahm, als er zurückkam, seinen Säbel wieder. +Jener legte den jungen Ehemann neben die Prinzessin und trug +das Brautbett in einem Augenblick nach demselben Gemach des +königlichen Palastes zurück, wo er es geholt hatte. Zu bemerken +ist noch, daß der Geist weder von der Prinzessin noch dem +Sohne des Großveziers gesehen wurde; seine abscheuliche Gestalt +hätte sie leicht vor Schrecken töten können. Ebensowenig +hörten sie die Gespräche zwischen Alaeddin und ihm, sondern +bemerkten bloß die Bewegungen des Bettes und ihre Versetzung +von einem Ort an einen andern; dies allein konnte ihnen schon +genug Schrecken einjagen, wie sich leicht denken läßt.</p> + +<p>Kaum hatte der Geist das Brautbett wieder an seinen Ort +gestellt, als der Sultan, der gern erfahren hätte, wie die Prinzessin, +seine Tochter, ihre Hochzeitsnacht zugebracht, ins Zimmer +trat, um ihr guten Morgen zu wünschen. Der Sohn des Großveziers, +der die ganze Nacht in der Kälte hatte stehen müssen +und noch keine Zeit gehabt hatte, sich zu erwärmen, stand, als +die Türe geöffnet wurde, sogleich auf und ging in das Vorzimmer, +wo er sich den Abend zuvor entkleidet hatte.</p> + +<p>Der Sultan näherte sich dem Bett der Prinzessin, küßte sie +der Sitte gemäß zwischen die Augen, wünschte ihr guten Morgen +und fragte sie lächelnd, wie sie sich diese Nacht befunden +habe? Als er sie aber aufmerksamer betrachtete, fand er sie zu +seinem großen Erstaunen in tiefe Schwermut versenkt; auch +wurde sie weder rot, noch gab sie sonst ein Zeichen, das seine +Neugierde hätte befriedigen können. Sie warf ihm bloß einen<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span> +sehr traurigen Blick zu, der große Betrübnis oder großes Mißvergnügen +verriet. Er sprach noch einige Worte zu ihr; da er +aber sah, daß er ihr keine Antwort entlocken konnte, so glaubte +er, sie tue dies aus Schamhaftigkeit, und entfernte sich. Gleichwohl +stieg die Vermutung in ihm auf, dieses Stillschweigen +müsse einen ganz absonderlichen Grund haben; deswegen ging +er sogleich nach den Gemächern der Sultanin und erzählte ihr, +in welchem Zustande er die Prinzessin gefunden und wie sie +ihn empfangen habe. »Herr,« gab die Sultanin zur Antwort, +»du mußt dich darüber nicht wundern; am Morgen nach der +Hochzeitsnacht zeigen alle Neuvermählten solche Zurückhaltung. +In zwei oder drei Tagen wird dies anders sein. Ich will nun +selbst zu ihr gehen,« fügte sie hinzu, »und ich müßte mich sehr +täuschen, wenn sie mich ebenso empfinge.«</p> + +<p>Als die Sultanin angekleidet war, begab sie sich nach den +Zimmern der Prinzessin, die noch zu Bette lag. Sie näherte +sich ihr, küßte sie und wünschte ihr einen guten Morgen; aber +wie groß war ihr Erstaunen, als sie nicht nur keine Antwort +von ihr erhielt, sondern auch bei näherer Betrachtung tiefe +Niedergeschlagenheit an ihr bemerkte, woraus sie schloß, es +müsse ihr etwas begegnet sein, das sie nicht erraten konnte. »Liebe +Tochter,« sagte die Sultanin zu ihr, »woher kommt es denn, +daß du alle meine Liebkosungen so schlecht erwiderst? Vor deiner +Mutter brauchst du doch keine solchen Umstände zu machen. +Gestehe mir offen und frei, was dir begegnet ist, und lasse mich +nicht so lange in dieser peinlichen Unruhe.«</p> + +<p>Die Prinzessin Bedrulbudur unterbrach endlich das Schweigen +mit einem tiefen Seufzer. »Ach, meine sehr verehrte Mutter,« +rief sie, »verzeihe mir, wenn ich es an der schuldigen Ehrfurcht +fehlen ließ. Es sind mir heute nacht so außerordentliche +Sachen zugestoßen, daß ich mich von meinem Staunen und meinem +Schrecken noch nicht erholt habe, ja kaum mich selbst wiedererkenne.« +Sie schilderte hierauf mit den lebhaftesten Farben, +was ihr begegnet.</p> + +<p>Die Sultanin hörte alles, was die Prinzessin ihr erzählte, +sehr ruhig an, wollte es aber nicht glauben. »Liebe Tochter,« +sprach sie zu ihr, »du hast wohl daran getan, daß du dem Sultan, +deinem Vater, nichts davon gesagt hast. Hüte dich ja, gegen<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span> +jemand etwas verlauten zu lassen; man würde dich für eine +Närrin halten, wenn man dich so sprechen hörte.« – »Verehrungswürdige +Mutter,« antwortete die Prinzessin, »ich versichere +dir, daß ich bei Verstande bin. Frage nur meinen Gemahl, +er wird dir dasselbe sagen.« – »Ich werde mich bei ihm +erkundigen,« antwortete die Sultanin, »aber wenn er auch gerade +so spräche, wie du, so vermöchte mich dies immer noch nicht zu +überzeugen. Steh nur auf und schlag dir diese Gedanken aus +dem Kopf.« Zugleich rief die Sultanin die Frauen der Prinzessin, +und als sie sah, daß sie aufgestanden war und sich zu +schmücken begann, begab sie sich nach den Zimmern des Sultans +und sagte ihm, es sei ihrer Tochter wirklich etwas durch den +Kopf gegangen, was aber von keinem Belang sei. Dann ließ sie +den Sohn des Großveziers rufen, um von ihm nähere Aufschlüsse +über die Erzählung der Prinzessin zu erhalten; dieser +aber, der sich durch die Verwandtschaft mit dem Sultan sehr +geehrt fühlte, hatte sich vorgenommen, die Sache zu verheimlichen. +»Mein lieber Sohn,« sagte die Sultanin zu ihm, »sag +mir doch, hast du dir dieselbe Einbildung in den Kopf gesetzt, +wie deine Frau?« – »Herrin,« antwortete der Sohn des Großveziers, +»dürfte ich wohl um Erklärung bitten, was deine Frage +besagen soll?« – »Ich bin schon zufrieden,« antwortete die Sultanin, +»und verlange nicht mehr zu wissen; du bist gescheiter +als sie.«</p> + +<p>Die Lustbarkeiten im Palast dauerten den ganzen Tag fort, +und die Sultanin, die der Prinzessin nicht von der Seite kam, +unterließ nichts, um sie zur Fröhlichkeit und zur Teilnahme an +den Vergnügungen und ergötzlichen Schauspielen zu stimmen, +die ihr zu Ehren veranstaltet wurden; allein das Begebnis der +vorigen Nacht hatte einen solch gewaltigen Eindruck auf sie gemacht, +daß sie für nichts anderes Sinn hatte und immer damit +beschäftigt war. Der Sohn des Großveziers fühlte sich durch +diese schlimme Nacht ebenfalls sehr geschwächt, allein er setzte +seinen Ehrgeiz darein, niemand etwas davon merken zu lassen, +und wenn man ihn sah, mußte man glauben, er sei ein sehr glücklicher +Ehemann.</p> + +<p>Alaeddin, der von allem, was im Palast vorging, wohl unterrichtet +war, zweifelte nicht, daß die Neuvermählten, trotz ihres<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> +verdrießlichen Abenteuers in der ersten Nacht, sich abermals +miteinander zu Bette begeben würden, und hatte keine Lust, sie +in Ruhe zu lassen. Sobald die Nacht ein wenig vorgerückt war, +rieb er seine Lampe; der Geist erschien und bot ihm mit denselben +Worten, wie früher, seine Dienste an. »Der Sohn des +Großveziers und die Prinzessin Bedrulbudur,« sagte Alaeddin +zu ihm, »wollen heute nacht wieder beisammen schlafen. Gehe +hin, und sobald sie sich niedergelegt haben, bring mir das Bett +hierher, wie gestern.«</p> + +<p>Der Geist bediente Alaeddin ebenso treu und pünktlich, wie +das erstemal. Der Sohn des Großveziers brachte die Nacht +wieder so kalt und so unangenehm zu, wie die Brautnacht, und +die Prinzessin mußte zu ihrem Verdruß Alaeddin wieder als +Bettgenossen annehmen, der auch diesmal zwischen sie und sich +den Säbel legte. Der Geist kam, dem Befehle Alaeddins zufolge, +morgens wieder, legte den Ehemann zu seiner Frau, nahm +sodann das Bett mit den Neuvermählten und trug es wieder in +das Zimmer des Palastes, wo er es geholt hatte.</p> + +<p>Der Sultan, der nach dem Empfang, welchen er am vorigen +Morgen bei der Prinzessin Bedrulbudur gefunden, sehr neugierig +war, wie sie die zweite Nacht zugebracht habe, und ob sie +ihn abermals so schlecht empfangen würde, begab sich wieder +ebenso früh in ihr Zimmer, um sich davon zu unterrichten. Der +Sohn des Großveziers, der sich über sein Unglück in dieser Nacht +noch mehr schämte und ärgerte, als das erstemal, hörte ihn kaum +kommen, als er eilig aufstand und in das Ankleidezimmer stürzte.</p> + +<p>Der Sultan näherte sich dem Bett der Prinzessin, wünschte +ihr guten Morgen und sagte dann nach denselben Liebkosungen +wie am vorigen Tage: »Nun, meine liebe Tochter, bist du diesen +Morgen auch wieder so schlecht gelaunt, wie gestern? Wirst du +mir wohl sagen, wie du die Nacht zugebracht hast?« Die Prinzessin +beobachtete dasselbe Stillschweigen und der Sultan bemerkte, +daß sie noch weit unruhiger und betrübter war, als das +erstemal. Er zweifelte jetzt nicht mehr, daß ihr etwas Außerordentliches +zugestoßen sein müsse, ärgerte sich aber über ihre +Schweigsamkeit und rief ihr voll Zorn und mit gezücktem Säbel +zu: »Wenn du mir nicht gestehst, was du verhehlen willst, so +haue ich dir sogleich den Kopf ab.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>Die Prinzessin, die über den Ton und die Drohung des beleidigten +Sultans noch mehr erschrak, als über den Anblick des +blanken Säbels, brach endlich das Stillschweigen und rief mit +tränenden Augen: »Geliebter Vater und König! ich bitte um +Verzeihung, wenn ich dich beleidigt habe, hoffe aber von deiner +Güte und Milde, daß Mitleid an die Stelle des Zorns treten +wird, sobald ich dir den kläglichen und traurigen Zustand, worin ich +mich sowohl diese als die vorige Nacht befunden, treu schildere.«</p> + +<p>Nach dieser Einleitung, die den Sultan etwas besänftigte und +milder stimmte, erzählte sie ihm alles, was ihr während dieser +zwei verdrießlichen Nächte begegnet war, getreu und so rührend, +daß er betrübt wurde, denn er liebte seine Tochter sehr zärtlich. +Sie schloß mit den Worten: »Wenn du im mindesten an meiner +Erzählung zweifelst, so kannst du den Gemahl fragen, den du mir +gegeben hast; ich bin überzeugt, daß er die Wahrheit der Sache +ebenso bezeugen wird, wie ich.«</p> + +<p>Der Sultan teilte die tiefe Bekümmernis, in welche die Prinzessin +durch ein so auffallendes Abenteuer versetzt werden mußte. +»Liebe Tochter,« sprach er zu ihr, »es war sehr unrecht von dir, +daß du mir diese seltsame Geschichte nicht schon gestern erzählt +hast, die mir ebenso wichtig sein muß, als dir. Ich habe dich +nicht verheiratet in der Absicht, dich unglücklich zu machen, sondern +im Gegenteil gedachte ich, dich dadurch in den Besitz all +des Glückes zu setzen, das du verdienst und bei einem Gemahl, +der für dich zu passen schien, auch hoffen konntest. Banne nur +aus deinem Gemüt die traurigen Gedanken an das, was du mir +eben erzählt hast. Ich werde sogleich Befehle geben, daß du +von nun an keine so unangenehmen und unerträglichen Nächte +mehr hast, wie bisher.«</p> + +<p>Sobald der Sultan in seine Gemächer zurückgekehrt war, ließ +er den Großvezier rufen. »Vezier,« sagte er zu ihm, »hast du +deinen Sohn schon gesehen und hat er dir nichts gesagt?« Als +der Großvezier antwortete, er habe ihn noch nicht gesehen, so +erzählte ihm der Sultan alles, was er von der Prinzessin Bedrulbudur +vernommen. »Ich zweifle nicht,« sagte er zuletzt, +»daß meine Tochter mir die Wahrheit berichtet hat; indes wäre +es mir sehr lieb, wenn dein Sohn es bestätigte. Gehe und frage +ihn, was an der Sache ist.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>Der Großvezier begab sich sogleich zu seinem Sohn, teilte ihm +mit, was der Sultan ihm gesagt hatte, und schärfte ihm ein, daß +er ja nichts verhehlen und sagen solle, ob alles wahr sei. »Ich +will dir die Wahrheit gestehen, mein Vater,« antwortete der +Sohn. »Alles, was die Prinzessin zum Sultan sagte, hat seine +traurige Richtigkeit; aber die schlechte Behandlung, die ich insbesondere +erfahren habe, weiß sie selbst nicht. Ich brauche dir +nicht weitläufig auseinanderzusetzen, was ich alles ausgestanden +habe, wenn ich desungeachtet auch gegen die Prinzessin, meine +Gemahlin, alle Gefühle der Liebe, Ehrerbietung und Dankbarkeit +hege, die sie verdient. Gleichwohl muß ich dir aufrichtig +gestehen, daß ich, so ehrenvoll und glänzend die Vermählung der +Tochter des Sultans für mich ist, lieber sterben, als länger in +einer so hohen Verwandtschaft bleiben will, wenn ich mich auch +ferner noch einer solch unangenehmen Behandlung aussetzen muß. +Ich zweifle nicht, daß die Prinzessin ebenso denken wird, wie +ich, und sie wird leicht zugeben, daß unsere Trennung für ihre +Ruhe so notwendig ist, als für die meinige; darum, lieber Vater, +bitte ich dich bei der Liebe, die dich bewogen, mir diese hohe +Ehre zu verschaffen, wirke beim Sultan aus, daß unsere Ehe für +nichtig erklärt wird.«</p> + +<p>So sehr es nun auch dem Ehrgeiz des Großveziers geschmeichelt +hatte, seinen Sohn als Tochtermann des Sultans zu sehen, +so hielt er es doch, da dieser fest entschlossen war, sich von der +Prinzessin scheiden zu lassen, nicht für ratsam, ihn wenigstens +noch für einige Tage zur Geduld zu ermahnen, um abzuwarten, +ob diese Widerwärtigkeit nicht von selbst aufhören werde. Er +verließ ihn daher, um dem Sultan Bericht abzustatten, und gestand +ihm aufrichtig, die Sache sei nur zu wahr; sein Sohn habe +ihm alles erzählt. Ohne erst abzuwarten, daß der Sultan selbst +von der Ehescheidung zu reden anfing, wozu er ihn sehr geneigt +sah, bat er hierauf um Erlaubnis, daß sein Sohn sich aus dem +Palaste entfernen und in sein Haus zurückkehren dürfte; indem +es höchst unrecht wäre, wenn die Prinzessin um seinetwillen nur +einen Augenblick länger dieser schrecklichen Plage ausgesetzt +würde.</p> + +<p>Es kostete den Großvezier nicht viel Mühe, die Gewährung +seines Gesuchs zu erlangen. Der Sultan, der bereits diesen<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span> +Entschluß gefaßt hatte, gab augenblicklich Befehl, die Lustbarkeiten +im Palaste und in der Stadt, sowie im ganzen Gebiete +seines Königreichs, wohin er Gegenbefehle abfertigte, einzustellen, +und in kurzer Zeit hörten alle öffentlichen Freudenbezeigungen +und Festlichkeiten auf.</p> + +<p>Diese plötzliche und unerwartete Veränderung gab zu allerlei +Gerede Anlaß. Die Leute fragten sich, woher es wohl kommen +möge, aber niemand wußte mehr zu sagen, als daß man den +Großvezier und seinen Sohn, beide sehr traurig, aus dem Palaste +in ihr eigenes Haus habe gehen sehen. Alaeddin allein wußte +das Geheimnis und freute sich in seinem Innern gar sehr über +den glücklichen Erfolg, den ihm seine Lampe verschaffte. Da er +jetzt mit Bestimmtheit wußte, daß sein Nebenbuhler den Palast +verlassen hatte und die Ehe zwischen der Prinzessin und ihm +vollständig aufgelöst war, so hatte er nicht mehr nötig, die Lampe +zu reiben und den Geist zu rufen. Das Merkwürdigste bei der +Sache war, daß weder der Sultan, noch der Großvezier, die +Alaeddin und seinen Antrag längst vergessen hatten, auch nur +entfernt auf den Gedanken kamen, daß er an der Zauberei irgend +Anteil haben könnte.</p> + +<p>Alaeddin ließ indes die drei Monate vollends verstreichen, +die der Sultan als Frist für seine Vermählung mit der Prinzessin +Bedrulbudur festgesetzt hatte. Er hatte sorgfältig jeden +Tag gezählt, und als sie vorüber waren, schickte er gleich am andern +Morgen seine Mutter in den Palast, um den Sultan an +sein Wort zu erinnern.</p> + +<p>Alaeddins Mutter ging nach dem Palaste, wie ihr Sohn ihr +gesagt hatte, und stellte sich am Eingang des Divans wieder an +denselben Platz wie früher. Kaum hatte der Sultan einen Blick +auf sie geworfen, so erkannte er sie auch wieder und erinnerte sich +an ihre Bitte, sowie an die Zeit, auf die er sie vertröstet hatte. Der +Großvezier trug ihm eben eine Sache vor. Der Sultan unterbrach +ihn mit den Worten: »Vezier, ich bemerke dort die gute +Frau, die uns vor einigen Monaten ein so schönes Geschenk +machte: laß sie hierher treten, du magst deinen Bericht fortsetzen, +wenn ich sie angehört habe.«</p> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>[Illustration]</p> --> + +<div class="figcenter"> +<a href="images/alaeddin_062.jpg"><img src="images/alaeddin_062_th.jpg" alt="" title="" /></a> +<a href="images/alaeddin_063.jpg"><img src="images/alaeddin_063_th.jpg" alt="" title="" /></a> +</div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>[Illustration]</p> --> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>Alaeddins Mutter näherte sich dem Fuße des Thrones und +warf sich der Sitte gemäß nieder. Als sie wieder aufgestanden +war, fragte sie der Sultan, was sie wünsche. »Großer König,« +antwortete sie, »ich erscheine zum zweitenmal vor deinem Angesicht, +um dir im Namen meines Sohnes Alaeddin vorzustellen, +daß die drei Monate verstrichen sind, auf welche du ihn mit der +Bitte, die ich dir vorzutragen die Ehre hatte, vertröstet hast. Ich +bitte demütiglich, daß du dich der Sache erinnern mögest.«</p> + +<p>Der Sultan hatte diese Frist von drei Monaten das erstemal +nur deshalb angesetzt, weil er glaubte, es werde dann keine Rede +mehr von einer Heirat sein, die ihm für die Prinzessin, seine +Tochter, durchaus nicht angemessen schien, in Anbetracht des +niedrigen Standes und der Armut von Alaeddins Mutter, welche +in einem sehr gemeinen Aufzuge vor ihm erschien. Diese Mahnung +an sein Versprechen setzte ihn jetzt in Verlegenheit. Um +sich in der Sache nicht zu übereilen, zog er seinen Großvezier +zu Rate und bezeigte ihm seine Abneigung, die Prinzessin mit +einem Unbekannten zu vermählen, der offenbar von ganz niedriger +Abkunft sein mußte.</p> + +<p>Der Großvezier zögerte nicht, dem Sultan seine Gedanken hierüber +zu sagen. »Herr,« antwortete er ihm, »mir scheint, daß es ein +unfehlbares Mittel gibt, diese unpassende Heirat zu hintertreiben, +ohne daß Alaeddin sich darob beklagen könnte. Du darfst nur +einen so hohen Preis für die Prinzessin festsetzen, daß seine +Reichtümer, wenn sie auch noch so groß sind, nicht zureichen. +Auf diese Art wirst du ihn von seiner kühnen, ja ich möchte +sagen, verwegenen Bewerbung abbringen.«</p> + +<p>Der Sultan billigte den Rat des Großveziers. Er wandte +sich zu Alaeddins Mutter und sagte nach einigem Nachdenken +zu ihr: »Gute Frau, ein Sultan muß immer sein gegebenes +Wort halten, und ich bin bereit, mein Versprechen zu erfüllen +und deinen Sohn mit der Hand meiner Tochter zu beglücken. +Da ich sie aber nicht vermählen kann, ohne zu wissen, welche +Vorteile sie sich davon versprechen darf, so melde deinem Sohne, +ich werde mein Versprechen erfüllen, sobald er mir vierzig große +Becken von gediegenem Gold, von oben bis unten mit dergleichen +Kostbarkeiten, wie du mir schon einmal in seinem Namen gebracht +hast, angefüllt, durch vierzig schwarze Sklaven zuschickt, +die von vierzig andern ausnehmend schönen und aufs prachtvollste +gekleideten jungen weißen Sklaven geführt sein müssen.<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span> +Dies sind die Bedingungen, unter denen ich bereit bin, ihm die +Prinzessin, meine Tochter, zu geben. Geh nun, gute Frau, und +bring mir bald wieder Antwort.«</p> + +<p>Alaeddins Mutter warf sich abermals vor dem Throne des +Sultans nieder und entfernte sich. Unterwegs lachte sie in ihrem +Herzen über das närrische Verlangen ihres Sohnes. »Wahrhaftig,« +sagte sie, »wo soll er so viele goldene Becken und eine +solche Menge farbiger Gläser hernehmen, um sie damit zu füllen? +Wird er wieder in das unterirdische Gewölbe hinabsteigen, +dessen Eingang verschlossen ist, um sie von den Bäumen zu +pflücken? und woher soll er alle diese hübschen Sklaven bekommen, +die der Sultan verlangt? Jetzt ist er freilich weit von seinem +Ziele entfernt, und ich glaube nicht, daß er mit meiner Botschaft +zufrieden sein wird.« Als sie mit diesen Gedanken beschäftigt +nach Hause kam, sagte sie: »Mein Sohn, ich rate dir, +denke nicht mehr an eine Vermählung mit der Prinzessin Bedrulbudur. +Der Sultan hat mich zwar sehr huldreich empfangen +und ich glaube, daß er gut gegen dich gesinnt war, allein der +Großvezier hat ihn, wenn ich mich nicht täusche, auf andere Gedanken +gebracht. Nachdem ich dem Sultan vorgestellt hatte, daß +die drei Monate abgelaufen seien, bemerkte ich, daß er eine +Weile ganz leise mit dem Großvezier sprach, und dann erst gab +er mir die Antwort, die ich dir jetzt sagen werde.« Sie erzählte +nun ihrem Sohne sehr ausführlich alles, was der Sultan ihr gesagt +hatte, und nannte ihm die Bedingungen, unter denen er +in die Verbindung der Prinzessin, seiner Tochter, mit ihm einwilligen +würde. »Mein Sohn,« sagte sie zuletzt, »er erwartet +eine Antwort; aber unter uns gesagt,« fuhr sie lächelnd fort, »ich +glaube, er wird lange warten müssen.«</p> + +<p>»Nicht so lange, liebe Mutter, als du glaubst,« antwortete +Alaeddin, »und der Sultan ist gewaltig im Irrtum, wenn er +meint, durch seine ungeheuren Forderungen könne er mich außerstand +setzen, an die Prinzessin Bedrulbudur zu denken. Ich +hatte ganz andere unüberwindliche Schwierigkeiten erwartet, +oder wenigstens einen weit höheren Preis für meine unvergleichliche +Prinzessin. Jetzt aber bin ich wohl zufrieden, denn was er +verlangt, ist eine Kleinigkeit gegen das, was ich ihm für ihren +Besitz bieten könnte. Während ich nun darauf denken werde,<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span> +ihn zu befriedigen, besorge du ein Mittagessen für uns und laß +nur mich gewähren.«</p> + +<p>Sobald seine Mutter nach Lebensmitteln ausgegangen war, +nahm Alaeddin die Lampe und rieb sie. Sogleich erschien der +Geist, fragte in den gewöhnlichen Ausdrücken, was er zu befehlen +habe, und sagte, daß er bereit sei, ihn zu bedienen. Alaeddin +sprach zu ihm: »Der Sultan gibt mir die Prinzessin, seine Tochter, +zur Frau; zuvor aber verlangt er von mir vierzig große und +vollwichtige Becken von gediegenem Gold, bis zum Rande angefüllt +mit den Früchten des Gartens, wo ich die Lampe geholt +habe, deren Sklave du bist. Ferner verlangt er, daß diese vierzig +goldenen Becken von ebensovielen schwarzen Sklaven getragen +werden sollen, vor denen vierzig wohlgebildete, schlanke und +prachtvoll gekleidete junge weiße Sklaven hergehen müssen. Gehe +und schaffe mir baldmöglichst dieses Geschenk zur Stelle, damit +ich es dem Sultan schicken kann, ehe er die Sitzung des Divans +aufhebt.« Der Geist sagte, sein Befehl solle unverzüglich vollzogen +werden, und verschwand.</p> + +<p>Eine kleine Weile darauf ließ der Geist sich wieder sehen, +begleitet von vierzig schwarzen Sklaven, deren jeder ein schweres +Becken von gediegenem Gold, angefüllt mit Perlen, Diamanten, +Rubinen und Smaragden, welche die dem Sultan bereits geschenkten +an Größe und Schönheit weit übertrafen, auf dem +Kopfe trug. Jedes der Becken war mit goldgeblümtem Silberstoff +überdeckt. Diese Sklaven, sowohl die weißen als die schwarzen +mit den goldenen Becken, erfüllten fast das ganze Haus, das +ziemlich klein war, nebst dem kleinen Hofe vor und einem Gärtchen +hinter demselben. Der Geist fragte Alaeddin, ob er zufrieden +sei, und ob er ihm sonst noch etwas zu befehlen habe. +Alaeddin antwortete, er verlange nichts mehr, und der Geist +verschwand.</p> + +<p>Als Alaeddins Mutter vom Markte zurückkam, verwunderte +sie sich höchlich, da sie so viele Leute und Kostbarkeiten sah. +Nachdem sie die Nahrungsmittel auf den Tisch gelegt hatte, +wollte sie den Schleier, der ihr Gesicht verhüllte, ablegen, aber +Alaeddin ließ es nicht zu. »Liebe Mutter,« sprach er zu ihr, +»wir haben jetzt keine Zeit zu verlieren. Es ist von großer +Wichtigkeit, daß du, noch ehe der Sultan den Divan schließt,<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span> +in den Palast zurückkehrst und das verlangte Geschenk nebst der +Morgengabe für die Prinzessin Bedrulbudur hinbringst, damit +er aus meiner Eile und Pünktlichkeit das brennende und aufrichtige +Verlangen ermessen kann, womit ich nach der Ehre +trachte, sein Schwiegersohn zu werden.«</p> + +<p>Ohne die Antwort seiner Mutter abzuwarten, öffnete Alaeddin +die Türe nach der Straße und ließ alle seine Sklaven paarweise, +immer einen weißen mit einem schwarzen zusammen, +hinaus. Als nun seine Mutter hinter dem letzten Sklaven her +ebenfalls draußen war, verschloß er die Türe und blieb ruhig auf +seinem Zimmer, in der süßen Hoffnung, der Sultan werde ihm +endlich nach diesem Geschenke, das er selbst gefordert hatte, seine +Tochter geben. Kaum war der erste weiße Sklave vor Alaeddins +Hause, als alle Vorübergehenden, die ihn bemerkten, +stehen blieben, und ehe noch die achtzig Sklaven, die weißen und +schwarzen untereinander, draußen waren, wimmelte die Straße +von einer Masse Volks, das von allen Seiten herbeiströmte, um +dieses prachtvolle und außerordentliche Schauspiel anzusehen. +Die Kleidung der Sklaven bestand aus so kostbaren Stoffen, und +war so reich mit Edelsteinen geschmückt, daß die besten Kenner +nicht zuviel zu sagen glaubten, wenn sie jeden Anzug auf mehr +als eine Million schätzten. Die Schönheit und der gute Sitz der +Kleider, der edle Anstand, der ebenmäßige und stattliche Wuchs +der Sklaven, ihr feierlicher Zug in gleichmäßig abgemessenen +Zwischenräumen, der Glanz der außerordentlich großen Edelsteine, +die in schönster Anordnung rings um ihre Gürtel in +echtes Gold gefaßt, und die Rosen an ihren Turbanen, die ebenfalls +aus Edelsteinen zusammengesetzt und ganz besonders geschmackvoll +gearbeitet waren, dies alles versetzte die Zuschauer +in so große Verwunderung, daß sie nicht müde wurden, sie zu +betrachten. Die Straßen waren so mit Menschen angefüllt, daß +jeder an dem Platze, wo er war, stehen bleiben mußte.</p> + +<p>Da man durch mehrere Straßen gehen mußte, um zu dem Palaste +zu gelangen, so konnte ein großer Teil der Stadt und Leute +aus allen Klassen und Ständen den prachtvollen Aufzug sehen. +Endlich langte der erste von den achtzig Sklaven an der Pforte +des ersten Schloßhofes an. Die Pförtner, die sich bei Annäherung +dieses wundervollen Zuges in zwei Reihen aufgestellt<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span> +hatten, hielten ihn für einen König, so reich und prachtvoll war +er gekleidet, und näherten sich ihm, um den Saum seines Kleides +zu küssen. Der Sklave aber, den der Geist vorher seine Rolle +gelehrt hatte, gab es nicht zu und sagte feierlich zu ihm: »Wir +sind bloß Sklaven; unser Herr wird erscheinen, sobald es Zeit ist.«</p> + +<p>So kam der erste Sklave an der Spitze des ganzen Zugs in +den zweiten Hof, der sehr geräumig war und wo sich der Hofstaat +des Sultans während der Sitzung des Divans aufgestellt +hatte. Die Anführer jeder einzelnen Truppe waren zwar prachtvoll +gekleidet, wurden aber weit verdunkelt, als die achtzig Sklaven +erschienen, die Alaeddins Geschenk brachten. Im ganzen +Hofstaate des Sultans gab es nichts so Herrliches und Glänzendes, +und alle Pracht der ihn umgebenden Herren von Hofe +war Staub im Vergleich mit dem, was sich jetzt seinen Blicken +darbot. Da man dem Sultan den Zug und die Ankunft dieser +Sklaven gemeldet, hatte er Befehl gegeben, sie eintreten zu +lassen. Nachdem sie vor dem Throne des Sultans einen großen +Halbkreis gebildet hatten, stellten die schwarzen Sklaven die +Becken auf den Fußteppich, dann warfen sie sich alle miteinander +nieder und berührten den Teppich mit ihrer Stirne. Die weißen +Sklaven taten dasselbe. Hierauf standen alle wieder auf, und +die schwarzen enthüllten dabei sehr geschickt die vor ihnen stehenden +Becken, worauf sie mit gekreuzten Armen und großer Ehrerbietung +stehen blieben.</p> + +<p>Indes nahte Alaeddins Mutter dem Fuße des Thrones, warf +sich vor demselben nieder und sprach zu dem Sultan: »Herr, +mein Sohn Alaeddin weiß recht wohl, daß das Geschenk, das +er dir schickt, weit unter dem steht, was die Prinzessin Bedrulbudur +verdient. Gleichwohl hofft er, du werdest es huldreich +annehmen und auch die Prinzessin werde es nicht verschmähen; +er hofft dies um so zuversichtlicher, da er sich bemüht +hat, der Bedingung, die du ihm vorgeschrieben, nachzukommen.«</p> + +<p>Der Sultan war nicht imstande, die Begrüßung der Mutter +Alaeddins aufmerksam anzuhören. Schon beim ersten Blick auf +die vierzig goldenen Becken, die bis zum Rande mit den strahlendsten, +glänzendsten und kostbarsten Edelsteinen angefüllt +waren, und auf die achtzig Sklaven, die man für Könige halten +konnte, war er so überrascht, daß er sich von seinem Staunen<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span> +nicht erholen konnte. Statt also den Gruß von Alaeddins +Mutter zu erwidern, wandte er sich an den Großvezier, der ebensowenig +begreifen konnte, woher so viele Reichtümer gekommen +sein sollen. »Nun Vezier,« sagte er laut zu ihm, »was denkst +du von dem, wer es auch sein mag, der mir ein so reiches und +außerordentliches Geschenk schickt, ohne daß wir beide ihn kennen? +Hältst du ihn für unwürdig, meine Tochter, die Prinzessin Bedrulbudur +zu heiraten?«</p> + +<p>So schmerzlich es nun auch dem Großvezier war, zu sehen, +daß ein Unbekannter den Vorzug vor seinem Sohne erhalten +und der Eidam des Sultans werden sollte, so wagte er es doch +nicht, seine Ansicht zu verhehlen. Es war zu augenscheinlich, +daß Alaeddins Geschenk mehr als hinreichend war, um ihn dieser +hohen Ehre würdig zu machen. Er antwortete also dem Sultan +ganz nach seinem Sinn und sprach: »Herr, es sei ferne von mir, +zu glauben, daß derjenige, der dir ein deiner so würdiges Geschenk +gemacht hat, der Ehre, die du ihm zudenkst, unwürdig +wäre; ja ich würde die Behauptung wagen, er verdiene noch +weit mehr, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es auf der ganzen +Welt keinen so kostbaren Schatz gibt, der die Prinzessin, deine +Tochter, aufwiegen könnte.« Die Herren vom Hofe, die der +Sitzung beiwohnten, gaben durch ihre Beifallsbezeugungen zu erkennen, +daß sie ebenso dachten wie der Großvezier.</p> + +<p>Der Sultan verschob jetzt die Sache nicht länger und erkundigte +sich nicht einmal, ob Alaeddin auch die übrigen erforderlichen +Eigenschaften besitze, um sein Schwiegersohn werden zu +können. Schon der Anblick dieser unermeßlichen Reichtümer und +die Schnelligkeit, mit der Alaeddin sein Verlangen erfüllt hatte, +ohne in den ungeheuren Bedingungen die mindeste Schwierigkeit +zu finden, war ihm Beweis genug, daß ihm nichts zu einem +vollendeten Mann fehlen könne, wie er ihn sich wünschte. Um +daher Alaeddins Mutter vollkommen zu befriedigen, sagte er zu +ihr: »Gehe jetzt, gute Frau, und sage deinem Sohn, daß ich ihn +erwarte und mit offenen Armen aufnehmen werde; je schneller +er kommen wird, um die Prinzessin, meine Tochter, aus meiner +Hand zu empfangen, je mehr wird er mir Freude machen.«</p> + +<p>Hoch erfreut, ihren Sohn wider alles Erwarten auf einer so +hohen Stufe des Glücks zu erblicken, eilte Alaeddins Mutter<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span> +nach Hause; der Sultan aber schloß die Sitzung für heute, stand +von seinem Throne auf und befahl, daß die Verschnittenen der +Prinzessin die goldenen Becken nehmen und nach den Zimmern +ihrer Gebieterin tragen sollen, wohin er selbst ging, um sie mit +Muße näher zu betrachten.</p> + +<p>Indes kam Alaeddins Mutter mit einem Gesichte, das ihre +gute Botschaft voraus verkündete, nach Hause.</p> + +<p>Alaeddin, der über ihre Nachricht hoch erfreut war, gab seiner +Mutter eine kurze Antwort und ging auf sein Zimmer. Er nahm +die Lampe, die ihm bisher in allen Nöten und bei allen seinen +Wünschen so hilfreich gewesen war, und kaum hatte er sie gerieben, +als der Geist durch sein unverzügliches Erscheinen seinen +fortdauernden Gehorsam an den Tag legte. »Geist,« sagte Alaeddin +zu ihm, »ich habe dich gerufen, damit du mir sogleich ein +Bad bereiten sollst, und sobald ich es genommen habe, will ich, +daß du mir die reichste und prachtvollste Kleidung bringst, die +jemals ein König getragen hat.« Kaum hatte er dies gesprochen, +als der Geist sowohl ihn als sich unsichtbar machte, aufhob und +in ein Bad trug, das von äußerst feinem, schönem und buntgestreiftem +Marmor gebaut war. Ohne daß er sah, wer ihn +bediente, wurde er in einem sehr schönen und geräumigen Saale +entkleidet. Aus dem Saale ließ man ihn in das Bad treten, +wo er gerieben und mit allerhand wohlriechenden Wassern gewaschen +wurde. Nachdem er in den verschiedenen Badestuben +alle Grade der Wärme durchgemacht hatte, kam er wieder +heraus, aber ganz anders, als er eingetreten war. Seine Gesichtsfarbe +war frisch, weiß und rosig geworden, und sein ganzer +Leib weit leichter und geschmeidiger. Als er in den Saal zurückkam, +fand er das Kleid, das er dort gelassen hatte, nicht mehr; +der Geist hatte statt dessen eine andere Kleidung gebracht. Alaeddin +war ganz erstaunt, als er die Pracht des Anzugs sah. +Er kleidete sich mit Hilfe des Geistes an und bewunderte jedes +Stück, ehe er es anzog: so sehr übertraf es alles, was er sich bisher +nur hatte denken können. Als er fertig war, trug ihn der +Geist in dasselbe Zimmer zurück, wo er ihn abgeholt hatte, und +fragte ihn, ob er noch etwas zu befehlen habe. »Ja,« antwortete +Alaeddin; »ich erwarte auf der Stelle von dir, daß du mir ein +Pferd herführst, dessen Schönheit und Schnelligkeit das kostbarste<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span> +Pferd im Stalle des Sultans übertrifft; die Decke, der +Sattel, der Zaum und überhaupt das Geschirr muß über eine +Million wert sein. Auch verlange ich, daß du mir zu gleicher +Zeit zwanzig Sklaven herbeischaffst, die ebenso reich und schmuck +gekleidet sein müssen, wie die, welche das Geschenk trugen, denn +sie sollen mir zur Seite und als mein Gefolge einhergehen; und +noch zwanzig andere der Art, die in zwei Reihen vor mir herziehen +sollen. Auch meiner Mutter bring sechs Sklavinnen zu +ihrer Bedienung, die alle wenigstens ebenso reich gekleidet sein +müssen, wie die Sklavinnen der Prinzessin Bedrulbudur, und +jede einen vollständigen Anzug auf dem Kopfe tragen soll, der +so prächtig und stattlich sein muß, als wäre er für die Sultanin. +Ferner brauche ich noch zehntausend Goldstücke in zehn Beuteln. +Das war es, was ich dir noch zu befehlen hatte; geh und beeile +dich.«</p> + +<p>Sobald Alaeddin dem Geiste diese Befehle gegeben hatte, +verschwand dieser und erschien bald wieder mit dem Pferde, den +vierzig Sklaven, von denen zehn je einen Beutel mit tausend +Goldstücken trugen, und die sechs Sklavinnen, wovon jede einen +verschiedenen Anzug für Alaeddins Mutter, in Silberstoff eingewickelt, +auf dem Kopfe trug. Der Geist übergab dies alles +an Alaeddin.</p> + +<p>Alaeddin nahm von den zehn Beuteln nur vier, die er seiner +Mutter gab, damit sie sich derselben in Notfällen bedienen sollte. +Die sechs andern ließ er in den Händen der Sklaven, welche sie +trugen, mit dem Befehl, sie zu behalten und während ihres +Zuges durch die Straßen nach dem Palaste des Sultans handvollweise +unter das Volk auszuwerfen. Auch befahl er ihnen, +sie sollten dicht vor ihm, drei zur Rechten und drei zur Linken, +einhergehen. Endlich gab er seiner Mutter die sechs Sklavinnen +und sagte ihr, sie gehörten ihr und sie könne als Gebieterin +über sie verfügen; auch die Kleider, die sie trugen, seien für ihren +Gebrauch bestimmt.</p> + +<p>Als Alaeddin alle seine Angelegenheiten geordnet hatte, entließ +er den Geist mit der Erklärung, daß er ihn rufen werde, +sobald er seiner bedürfe, worauf dieser augenblicklich verschwand. +Jetzt machte sich Alaeddin fertig, dem Wunsche des Sultans, +der ihn sehen wollte, zu entsprechen. Er fertigte einen der vierzig<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span> +Sklaven – ich will nicht sagen den schönsten, denn sie waren alle +gleich – nach dem Palaste ab, mit dem Befehl, er solle sich an +den Obersten der Türsteher wenden und ihn fragen, wann er wohl +die Ehre haben könne, sich dem Sultan zu Füßen zu werfen. +Der Sklave entledigte sich seines Auftrages sehr schnell und +brachte die Nachricht zurück, daß der Sultan ihn mit Ungeduld +erwarte.</p> + +<p>Alaeddin stieg nun unverzüglich zu Pferde und setzte sich mit +seinem Zuge in der schon angezeigten Ordnung in Bewegung. +Obgleich er nie zuvor ein Roß bestiegen hatte, so zeigte er doch +dabei so edlen Anstand, daß selbst der erfahrenste Reiter ihn nicht +für einen Neuling hätte halten können. Die Straßen, durch die +er kam, füllten sich in einem Nu mit einer unübersehbaren Volksmasse +an, von deren Beifalls-, Bewunderungs- und Segensrufen +die Luft wiederhallte, besonders wenn die sechs Sklaven, +welche die Beutel trugen, ganze Hände voll Goldstücke rechts +und links in die Luft warfen. Der Beifallsruf kam indes nicht +von dem Pöbel her, der sich drängte, stieß und niederdrückte, um +Goldstücke aufzulesen, sondern von den wohlhabenderen Zuschauern, +die sich nicht enthalten konnten, der Freigebigkeit Alaeddins +öffentlich das verdiente Lob zu spenden. Nicht bloß die, +die sich erinnerten, ihn noch in seinen Jünglingsjahren mit den +Gassenbuben spielend gesehen zu haben, erkannten ihn nicht mehr, +sondern auch solche, die ihn noch vor kurzem gesehen hatten, erkannten +ihn kaum, so sehr hatten sich seine Gesichtszüge verändert. +Dies kam daher, daß die Lampe unter andern Eigenschaften +auch die hatte, den Besitzern allmählich alle Vollkommenheiten +zu verleihen, welche dem Rang, zu dem sie durch ihren +guten Gebrauch gelangten, angemessen waren.</p> + +<p>Endlich langte Alaeddin vor dem Palaste an, wo alles zu +seinem Empfang in Bereitschaft gesetzt war. Als er vor das +zweite Tor kam, wollte er, der Sitte gemäß, die selbst der Großvezier, +die Feldhauptleute und Oberstatthalter beobachteten, absteigen; +allein der Oberste der Türsteher, der ihn auf Befehl des +Sultans dort erwartete, ließ es nicht zu und begleitete ihn bis +an den großen Versammlungs- oder Audienzsaal, wo er ihm +absteigen half, obwohl Alaeddin sich sehr dagegen sträubte und +es nicht dulden wollte: er konnte es aber nicht hindern.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>Als der Sultan Alaeddin erblickte, war er ebenso überrascht +durch seine reiche und prachtvolle Kleidung, als auch besonders +durch seinen edlen Anstand, seinen herrlichen Wuchs und seine +würdevolle Haltung, die er um so weniger erwartet hatte, als sie +von dem niedrigen Anzuge seiner Mutter himmelweit verschieden +war. Seine Verwunderung und Überraschung hinderte ihn +indes nicht, aufzustehen und zwei oder drei Stufen des Thrones +herabzusteigen, damit Alaeddin sich nicht zu seinen Füßen werfen +und er ihn freundschaftlich umarmen konnte. Nach dieser +Höflichkeit wollte sich Alaeddin gleichwohl vor ihm niederwerfen, +allein der Sultan hielt ihn mit eigener Hand zurück und nötigte +ihn, heraufzusteigen und sich zwischen ihn und den Großvezier +zu setzen.</p> + +<p>Hierauf nahm Alaeddin das Wort und sprach: »Herr, ich +nehme die Ehre, die du mir erzeigst, an, weil es dir in deiner +Gnade beliebt, sie mir zu erweisen; erlaube mir aber, dir zu +sagen, daß ich nicht vergessen habe, wie ich dein geborner Sklave +bin, daß ich die Größe deiner Macht kenne und wohl weiß, wie +tief meine Herkunft mich unter den Glanz und die Herrlichkeit +des hohen Ranges stellt, in welchem du stehst. Wenn ich durch +irgend etwas einen günstigen Empfang verdient haben sollte, so +gestehe ich, daß ich ihn bloß jener durch einen reinen Zufall veranlaßten +Kühnheit verdanke, die mich bewog, meine Augen, Gedanken +und Wünsche bis zu der erhabenen Prinzessin zu erheben, +die der Gegenstand meiner Sehnsucht ist. Ich bitte dich +für diese Verwegenheit um Verzeihung, großer König, aber ich +kann nicht verhehlen, daß ich vor Schmerz sterben würde, wenn +ich die Hoffnung aufgeben müßte, meinen Wunsch erfüllt zu +sehen.«</p> + +<p>»Mein Sohn,« antwortete der Sultan, indem er ihn abermals +umarmte, »du würdest mir unrecht tun, wenn du auch nur +einen Augenblick an der Aufrichtigkeit meines Versprechens zweifeln +wolltest. Dein Leben ist mir fortan zu teuer, als daß ich +es nicht durch Darbietung des Heilmittels, worüber ich verfügen +kann, zu erhalten suchen sollte. Ich ziehe das Vergnügen, dich +zu sehen und zu hören, allen meinen und deinen Schätzen vor.«</p> + +<p>Bei diesen Worten gab der Sultan ein Zeichen, und alsbald +ertönte die Luft vom Schall der Hoboen und Pauken; zugleich<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span> +führte der Sultan Alaeddin in einen prachtvollen Saal, wo ein +herrliches Festmahl aufgetragen wurde. Der Sultan speiste +ganz allein mit Alaeddin. Der Großvezier und die vornehmen +Herren vom Hofe standen ihnen, jeder nach seinem Rang und +Würde, während der Mahlzeit zur Seite. Der Sultan, der die +Augen fortwährend auf Alaeddin geheftet hatte, lenkte das Gespräch +auf verschiedene Gegenstände. Während der ganzen +Unterhaltung aber, die sie über Tisch miteinander führten, und +auf welchen Gegenstand auch das Gespräch fallen mochte, sprach +Alaeddin mit so viel Kenntnis und Verstand, daß er den Sultan +vollends ganz in der guten Meinung bestärkte, die er gleich anfangs +von ihm gefaßt hatte.</p> + +<p>Nach dem Mahle ließ der Sultan den obersten Richter seiner +Hauptstadt rufen und befahl ihm, sogleich den Ehevertrag zwischen +der Prinzessin Bedrulbudur, seiner Tochter, und Alaeddin +zu entwerfen und aufzusetzen.</p> + +<p>Als der Richter den Vertrag mit allen erforderlichen Förmlichkeiten +vollendet hatte, fragte der Sultan Alaeddin, ob er im +Palaste bleiben und die Hochzeit noch heute feiern wolle. »Herr,« +antwortete Alaeddin, »so brennend auch mein Verlangen ist, +deine Gnade und Huld in ihrem ganzen Umfange zu genießen, +so bitte ich doch, daß du mir so lange noch Frist gestattest, bis +ich einen Palast habe erbauen lassen, um die Prinzessin ihrem +Range und ihrer Würde gemäß zu empfangen. Ich erbitte mir +hiezu einen angemessenen Platz vor dem deinigen aus, damit ich +recht nahe bin, um dir meine Aufwartung machen zu können. +Ich werde nichts unterlassen und dafür sorgen, daß er in möglichst +kurzer Zeit vollendet wird.« – »Mein Sohn,« sagte der +Sultan, »wähle dir jede Stelle aus, die du für passend hältst; +vor meinem Palaste ist leerer Raum genug, und ich selbst habe +schon daran gedacht, ihn auszufüllen; aber bedenke, daß ich je +eher je lieber dich mit meiner Tochter vermählt zu sehen wünsche, +um das Maß meiner Freude voll zu machen.« Bei diesen Worten +umarmte er Alaeddin abermals, und dieser verabschiedete +sich vom Sultan mit so feinem Anstand, wie wenn er von jeher +am Hofe gewesen und dort erzogen worden wäre.</p> + +<p>Alaeddin stieg nun wieder zu Pferde und kehrte in demselben +Zuge, wie er gekommen war, nach Hause zurück. Kaum war er<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span> +abgestiegen, so nahm er die Lampe und rief den Geist, wie gewöhnlich. +»Geist,« sprach Alaeddin zu ihm, »ich habe alle Ursache, +deine Pünktlichkeit zu rühmen; du hast bisher alle Befehle, +die ich dir kraft dieser Lampe, deiner Herrin, gegeben +habe, pünktlich erfüllt. Heute aber handelt es sich darum, daß +du aus Liebe zu ihr womöglich noch mehr Eifer und Gehorsam +an den Tag legen sollst, als bisher. Ich verlange nämlich, daß +du mir in möglichst kurzer Zeit gegenüber vom Palaste des +Sultans einen Palast erbauen lässest, der würdig ist, die Prinzessin +Bedrulbudur, meine Gemahlin, aufzunehmen. Die Wahl +der Materialien, nämlich Porphyr oder Jaspis, Achat oder +Lasurstein, oder auch den feinsten buntgestreiften Marmor, sowie +die übrige Einrichtung des Baues überlasse ich ganz dir; +doch erwarte ich, daß du mir oben hinauf einen großen Saal mit +einer Kuppel und vier gleichen Seiten bauest, dessen Wände +aus wechselnden Schichten von echtem Gold und Silber aufgeführt +sein müssen, mit vierundzwanzig Fenstern, sechs auf jeder +Seite, deren Vergitterung mit Ausnahme eines einzigen, welches +unvollendet bleiben soll, kunstreich und ebenmäßig mit Diamanten, +Rubinen und Smaragden geschmückt sein muß, so daß +dergleichen noch nie auf der Welt gesehen worden ist. Ferner +will ich, daß sich bei dem Palaste ein Vorhof, ein Hof und ein +Garten befinde; vor allen Dingen aber muß an einem Ort, den +du mir bezeichnen wirst, ein Schatz von gemünztem Gold und +Silber, und außerdem mehrere Küchen, Speisekammern, Magazine +und Gerätekammern voll der kostbarsten Geräte für jede +Jahreszeit und der Pracht des Palastes angemessen, vorhanden +sein; dann noch Ställe voll der schönsten Pferde und der gehörigen +Anzahl Stallmeister und Stallknechte. Auch einen +Jagdzug darfst du nicht vergessen, und es versteht sich von selbst, +daß du auch noch für hinlängliche Dienerschaft für die Küche und +den übrigen Haushalt, sowie für die gehörige Anzahl Sklavinnen +zur Bedienung der Prinzessin, zu sorgen hast. Du wirst +jetzt begreifen, was mein Wunsch ist; geh und komm wieder, +wenn du alles fertig gemacht hast.«</p> + +<p>Die Sonne ging eben unter, als Alaeddin dem Geiste wegen +Erbauung des Palastes, den er sich ausgesonnen, seine Aufträge +gab. Am andern Morgen stand Alaeddin, den die Liebe<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span> +zur Prinzessin nicht schlafen ließ, in aller Frühe auf, und sogleich +erschien auch der Geist. »Herr,« sprach er zu ihm, »dein +Palast ist fertig; komm und sieh, ob du damit zufrieden bist.« +Alaeddin fand alles so weit über seine Erwartung, daß er sich +nicht genug wundern konnte. Der Geist führte ihn herum, und +überall fand er Reichtum, Schönheit und Pracht, dazu Diener +und Sklaven, alle dem Range und Dienste gemäß gekleidet, für +den sie bestimmt waren. Auch unterließ er nicht, ihm als Hauptsache +die Schatzkammer zu zeigen, deren Türe vom Schatzmeister +geöffnet wurde, und Alaeddin erblickte hier ganze Haufen von +Goldsäcken der verschiedensten Größe, je nach den Summen, +die sie enthielten, bis an das Gewölbe aufgetürmt, und alles +in so schöner Ordnung, daß ihm das Herz vor Freude lachte. +Beim Hinausgehen versicherte ihm der Geist, daß er sich auf +die Treue des Schatzmeisters vollkommen verlassen dürfe. Hierauf +führte er ihn in die Ställe und zeigte ihm die schönsten +Pferde von der Welt, und die Stallknechte, die eifrig beschäftigt +waren, sie zu pflegen und zu warten. Endlich ging er mit ihm +durch die Vorratskammern, worin alle Arten von Vorräten, +hauptsächlich an Nahrungsmitteln für die Pferde und Pferdeschmuck, +aufgehäuft lagen.</p> + +<p>Nachdem Alaeddin den ganzen Palast von oben bis unten, +von Zimmer zu Zimmer, von Gemach zu Gemach, besonders +auch den Saal mit den vierundzwanzig Fenstern gemustert und +darin mehr Pracht und Herrlichkeit, als er je gehofft, sowie alle +nur erdenklichen Bequemlichkeiten angetroffen hatte, sagte er zu +dem Geiste: »Geist, es kann niemand zufriedener sein, als ich es +bin, und es wäre sehr unrecht von mir, wenn ich mich im +mindesten beklagen wollte. Bloß etwas fehlt noch, wovon ich +dir nichts gesagt habe, weil ich nicht daran dachte. Ich wünschte +nämlich von dem Palasttore des Sultans an bis zum Eingang +der Zimmer, die in diesem Palaste für die Prinzessin bestimmt +sind, einen Teppich von schönstem Samt ausgebreitet zu haben, +damit sie auf demselben gehe, wenn sie aus dem Palaste des +Sultans kommt.« – »Ich komme im Augenblick wieder,« sprach +der Geist und verschwand. Eine kleine Weile nachher sah Alaeddin +mit großem Erstaunen seinen Wunsch erfüllt, ohne daß er +wußte, wie es zugegangen war. Der Geist erschien dann wieder<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span> +und trug Alaeddin in seine Wohnung zurück, während eben die +Palastpforte des Sultans geöffnet wurde.</p> + +<p>Die Pförtner des Palastes, die das Tor öffneten und nach +der Seite hin, wo jetzt Alaeddins Prachtgebäude stand, immer +eine freie Aussicht gehabt hatten, waren sehr überrascht, als sie +diese Aussicht verbaut und von dorther bis zur Palastpforte +des Sultans einen Samtteppich ausgebreitet sahen. Ihr Erstaunen +wuchs, als sie ganz deutlich den herrlichen Palast Alaeddins +sahen. Die Nachricht von diesem merkwürdigen Wunder +verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Palast. Der +Großvezier, der sich gleich nach Öffnung der Pforte im Palaste +einfand, war ebenso überrascht, wie alle andern, und teilte die +Sache sogleich dem Sultan mit, erklärte sie aber für ein Werk +der Zauberei. »Vezier,« antwortete der Sultan, »warum soll +es denn ein Werk der Zauberei sein? Du weißt so gut wie ich, +daß es der Palast ist, den Alaeddin vermöge der Erlaubnis, +die ich ihm in deiner Gegenwart gab, als Wohnung für die +Prinzessin, meine Tochter, hat erbauen lassen. Nach den Proben, +die er uns von seinem Reichtum gegeben, ist es durchaus +nicht so befremdlich, daß er diesen Palast in so kurzer Zeit vollendet +hat. Er hat uns damit überraschen und zeigen wollen, +daß man mit barem Gelde über Nacht Wunder tun kann. Gestehe +nur, daß bei dir etwas Eifersucht mit unterläuft, wenn du +von Zaubereien sprichst.« Indes wurde es Zeit, in die Ratsversammlung +zu gehen, und sie brachen das Gespräch ab.</p> + +<p>Als Alaeddin in seine Wohnung zurückgebracht worden war +und den Geist entlassen hatte, fand er seine Mutter bereits auf +den Beinen und mit dem Anziehen eines der Kleider beschäftigt, +die er ihr hatte bringen lassen. Er veranlaßte sie nun, um die +Zeit, wo der Sultan gewöhnlich aus der Ratsversammlung +kam, in Begleitung der Sklavinnen, die der Geist ihr gebracht +hatte, nach dem Palaste zu gehen. Wenn sie den Sultan sähe, +sollte sie ihm sagen, sie komme, um die Ehre zu haben, die Prinzessin +auf den Abend nach ihrem Palaste zu begleiten. Alaeddin stieg nun +zu Pferde, verließ sein Vaterhaus, um nie wieder zurückzukehren, +vergaß aber die Wunderlampe nicht, die ihm so herrliche Dienste +geleistet hatte, und zog dann nach seinem Palast mit demselben +Pomp, mit dem er sich tags zuvor dem Sultan vorgestellt hatte.</p> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>[Illustration]</p> --> + +<div class="figcenter"> +<a href="images/alaeddin_080.jpg"><img src="images/alaeddin_080_th.jpg" alt="" title="" /></a> +<a href="images/alaeddin_081.jpg"><img src="images/alaeddin_081_th.jpg" alt="" title="" /></a> +</div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>[Illustration]</p> --> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>Sobald die Pförtner des königlichen Palastes Alaeddins +Mutter bemerkten, meldeten sie es dem Sultan. Sogleich wurde +den Chören der Trompeter, der Pauken- und Trommelschläger, +der Querpfeifer und Hoboisten, die bereits auf den Terrassen +des Palastes an verschiedenen Punkten aufgestellt waren, ein +Zeichen gegeben, und im Augenblick ertönte fröhliche Musik, die +der ganzen Stadt Freude verkündete. Die Kaufleute fingen an, +ihre Läden mit schönen Teppichen, Polstern und Laubwerk zu +schmücken, und trafen Anstalten zur Beleuchtung der Stadt. Die +Handwerksleute verließen ihre Arbeit und scharenweise zog das +Volk nach dem großen Platz zwischen des Sultans und Alaeddins +Palästen. Letzterer zog hauptsächlich allgemeine Bewunderung +auf sich, zumal da der Palast des Sultans mit dem +neuen durchaus nicht in Vergleich zu setzen war. Am meisten +aber staunten sie, weil sie nicht begreifen konnten, durch welches +unerhörte Wunder sie einen so prachtvollen Palast an einem +Orte erblickten, wo sie tags zuvor weder den Grund legen, noch +Baumaterialien gesehen hatten. Alaeddins Mutter wurde im +Palaste ehrenvoll empfangen und vom Obersten der Verschnittenen +in die Zimmer der Prinzessin Bedrulbudur geführt. Sobald +die Prinzessin sie erblickte, ging sie auf sie zu, umarmte sie, hieß +sie auf ihrem Sofa Platz nehmen, und während ihre Frauen +sie vollends ankleideten und mit den kostbarsten Juwelen von +Alaeddins Geschenk schmückten, ließ sie ihr einen köstlichen Imbiß +vorsetzen. Der Sultan, welcher dazu kam, um noch so lange +als möglich mit der Prinzessin, seiner Tochter, zusammen sein +zu können, bevor sie sich von ihm trennte und den Palast Alaeddins +bezöge, erwies ihr ebenfalls große Ehre. Alaeddins +Mutter hatte mit ihm schon mehrere Male vor dem versammelten +Rate gesprochen, aber er hatte sie noch nie wie jetzt ohne +Schleier gesehen. Obwohl sie schon eine erkleckliche Anzahl +Jahre auf dem Rücken hatte, so sah man doch noch aus ihren +Gesichtszügen, daß sie in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein +mußte. Der Sultan, der sie immer sehr einfach, ja sogar armselig +gekleidet gesehen hatte, war nun voll Verwunderung, als +er sie ebenso reich und prachtvoll angezogen sah, wie die Prinzessin, +seine Tochter. Er schloß daraus, daß Alaeddin in allen +Dingen gleich erfahren, verständig und einsichtsvoll sein müsse.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>Als die Nacht anbrach, verabschiedete sich die Prinzessin vom +Sultan, ihrem Vater. Dieser Abschied war höchst zärtlich und +tränenreich; sie umarmten sich mehrmals, ohne ein Wort zu +sprechen, aber endlich ging die Prinzessin aus ihrem Zimmer +und trat den Zug an; zu ihrer Linken ging Alaeddins Mutter +und hinter ihnen hundert Sklavinnen in der prachtvollsten Kleidung. +Sämtliche Musikchöre, die seit der Ankunft von Alaeddins +Mutter ununterbrochen gespielt hatten, vereinigten sich jetzt und +gingen dem Zuge voran; ihnen folgten hundert Trabanten und +ebensoviele schwarze Verschnittene in zwei Reihen, mit ihren +Befehlshabern an der Spitze. Vierhundert junge Edelknaben +des Sultans, die in zwei Zügen mit Fackeln in der Hand auf +beiden Seiten einhergingen, verbreiteten einen Lichtglanz, der +im Verein mit der Beleuchtung der beiden Paläste des Sultans +und Alaeddins den Mangel des Tageslichts aufs herrlichste +ersetzte.</p> + +<p>In dieser Ordnung zog die Prinzessin den Teppich entlang +vom Palaste des Sultans bis zum Palaste Alaeddins, und je +mehr sie vorwärts kamen, desto mehr mischte und vereinigte sich +das Spiel ihrer Musikchors mit dem, das sich von den Terrassen +an Alaeddins Palast herab hören ließ, und bildete mit diesem +ein Konzert, das, so seltsam und verwirrt es auch schien, gleichwohl +die allgemeine Freude vermehrte.</p> + +<p>Endlich langte die Prinzessin bei dem neuen Palaste an, und +Alaeddin eilte mit einer Freude, die sich leicht denken läßt, an +den Eingang der für sie bestimmten Zimmer, um sie daselbst +zu empfangen. Alaeddins Mutter hatte der Prinzessin bereits +ihren Sohn, der von glänzender Dienerschaft umgeben war, bezeichnet, +und die Prinzessin fand ihn so schön, daß sie ganz bezaubert +wurde. »Teuerste Prinzessin,« sagte Alaeddin zu ihr, +indem er auf sie zuging und sie voll Ehrerbietung begrüßte, +»sollte ich das Unglück haben, dir durch meine Verwegenheit, +womit ich nach dem Besitz einer so liebenswürdigen Prinzessin, +der Tochter meines Sultans, trachtete, zu mißfallen, so +mußt du die Schuld deinen schönen Augen und der Macht deiner +Reize zuschreiben, nicht aber mir.« – »Prinz,« antwortete +ihm die Prinzessin, »– denn als solcher erscheinst du mir – ich +gehorche dem Willen des Sultans, meines Vaters, und kann,<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span> +nachdem ich dich gesehen, wohl sagen, daß ich ihm ohne Sträuben +und gerne gehorche.« Alaeddin war hocherfreut über diese +angenehme und verbindliche Antwort, nahm ihre Hand, küßte +sie mit vieler Zärtlichkeit und führte sie in einen großen, von +Wachskerzen erleuchteten Saal, wo auf Veranstaltung des Geistes +ein herrliches Mahl aufgetragen war. Die Schüsseln waren +von gediegenem Gold und mit den köstlichsten Speisen angefüllt. +Die Vasen, die Becken und die Becher, womit der Tafelaufsatz +reichlich besetzt war, waren ebenfalls von Gold und von auserlesener +Arbeit. Auch die übrigen Verzierungen und der ganze +Ausschmuck des Saals entsprachen dieser hohen Pracht. Die +Prinzessin war ganz bezaubert, so viele Reichtümer beisammen +zu sehen, und sprach zu Alaeddin: »Prinz, ich hatte bisher geglaubt, +daß es nichts Schöneres auf der Welt geben könne, als +den Palast des Sultans, meines Vaters; aber schon dieser +Saal allein überzeugt mich, daß ich mich getäuscht habe.«</p> + +<p>Die Prinzessin Bedrulbudur, Alaeddin und seine Mutter +setzten sich jetzt zu Tische und sogleich begann eine sehr liebliche +und harmonische Musik nebst einem reizenden Gesang von +schönen Mädchen. Die Prinzessin war wie bezaubert und versicherte, +im Palaste des Sultans, ihres Vaters, nie etwas Ähnliches +gehört zu haben. Aber sie wußte nicht, daß diese Sängerinnen +Feen waren, die der Geist, der Sklave der Lampe, hiezu +ausgewählt hatte.</p> + +<p>Es war nahe an Mitternacht, als Alaeddin, der damals in +China bestehenden Sitte zufolge aufstand und der Prinzessin +Bedrulbudur die Hand bot, um mit ihr zu tanzen und damit die +Hochzeitsfeierlichkeit zu schließen. Als dies vorüber war, hielt +Alaeddin der Prinzessin Hand, und sie gingen miteinander in +das Zimmer, wo das hochzeitliche Lager für sie bereitet war. +Die Frauen der Prinzessin kleideten sie aus und brachten sie zu +Bette, Alaeddins Diener taten dasselbe und dann entfernten sich +alle. So endigten die Lustbarkeiten zur Feier der Hochzeit Alaeddins +und der Prinzessin Bedrulbudur.</p> + +<p>Am andern Morgen, als Alaeddin erwachte, kamen seine +Kammerdiener, um ihn anzukleiden. Sie zogen ihm ein anderes, +aber nicht minder reiches und prachtvolles Kleid an, als am +Hochzeitstage. Hierauf ließ er sich eines seiner Leibpferde vorführen,<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span> +bestieg es und begab sich mit einem zahlreichen Gefolge +von Sklaven, die vor und hinter ihm und zu beiden Seiten +gingen, nach dem Palaste des Sultans. Der Sultan empfing +ihn mit denselben Ehrenbezeugungen wie das erstemal; er umarmte +ihn, ließ ihn neben sich auf seinen Thron sitzen und befahl, +das Frühmahl aufzutragen. »Herr,« sagte Alaeddin zu ihm, +»ich bitte dich, mir heute diese Ehre zu erlassen. Ich komme, um +dich zu ersuchen, daß du mir die Ehre erzeigen mögest, mit deinem +Großvezier und den Vornehmen deines Hofes im Palaste der +Prinzessin ein Mittagsmahl einzunehmen.« Der Sultan bewilligte +dies sehr gern. Er stand sogleich auf, und da der Weg +nicht weit war, so wollte er zu Fuße dahin gehen. Er brach +also auf und zu seiner Rechten ging Alaeddin, zur Linken der +Großvezier und die Vornehmen des Hofes, voraus die Trabanten +und die Angesehensten seines Hauses.</p> + +<p>Je näher der Sultan dem Palaste Alaeddins kam, um so +mehr verwunderte er sich über seine Schönheit. Noch weit +höher stieg seine Verwunderung, als er eingetreten war. Als +ihn aber Alaeddin in den Saal mit den vierundzwanzig Fenstern +führte, und er die Verzierungen desselben, besonders aber die +mit den größten und ausgezeichnetsten Diamanten, Rubinen +und Smaragden geschmückten Gitterfenster betrachtete, wurde er +davon so überrascht, daß er eine Weile regungslos stand.</p> + +<p>Der Sultan besah und bewunderte nun die Schönheit der +vierundzwanzig Gitterfenster. Doch indem er sie zählte, fand +er, daß bloß dreiundzwanzig so reich geschmückt waren, und +wunderte sich sehr, daß man das vierundzwanzigste unvollendet +gelassen hatte. »Mein Sohn,« sprach der Sultan zu Alaeddin, +»dies ist der bewunderungswürdigste Saal, der in der ganzen Welt +zu sehen ist. Nur über etwas muß ich mich wundern, daß nämlich +das Gitterfenster hier unvollendet geblieben ist. Ist dies aus +Vergeßlichkeit geschehen, oder aus Nachlässigkeit, oder haben +vielleicht die Handwerksleute nicht Zeit genug gehabt, an dieses +schöne Denkmal der Baukunst die letzte Hand anzulegen?« – +»Herr,« antwortete Alaeddin, »das Gitterfenster ist mit Absicht +so unvollendet geblieben, wie du siehst. Ich wünschte nämlich, +daß du selbst den Ruhm haben solltest, den Saal und Palast +vollenden zu lassen, und nun ersuche ich dich, meine gute Absicht<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span> +gnädig aufzunehmen, damit ich mich deiner Gunst und Gnade +rühmen kann.« – »Wenn du es in dieser Absicht getan hast,« +antwortete der Sultan, »so weiß ich dir vielen Dank dafür und +werde augenblicklich die nötigen Befehle geben.« Wirklich ließ +er sogleich die am besten mit Edelsteinen versehenen Juweliere +und die geschicktesten Goldschmiede seiner Hauptstadt rufen.</p> + +<p>Der Sultan verließ indes den Saal, und Alaeddin führte ihn +in den, wo er die Prinzessin Bedrulbudur am Hochzeitstage bewirtet +hatte. Die Prinzessin empfing den Sultan, ihren Vater, +mit einer Miene, woraus deutlich zu erkennen war, daß sie mit +ihrer Ehe sehr wohl zufrieden sein mußte. Zwei Tafeln standen +da, mit den köstlichsten Speisen besetzt, und das Tafelgeschirr +war alles von Gold. Der Sultan setzte sich an die erste und +speiste mit der Prinzessin, seiner Tochter, mit Alaeddin und +dem Großvezier. Die übrigen Großen des Hofes wurden an +der zweiten bewirtet, die sehr lang war.</p> + +<p>Als der Sultan vom Tisch aufgestanden war, meldete man +ihm, die Juweliere und Goldschmiede, die er hatte rufen lassen, +seien jetzt da. Er ging mit ihnen in den Saal mit den vierundzwanzig +Fenstern und zeigte ihnen das Fenster, das noch unvollendet +war. »Ich habe euch kommen lassen,« sagte er zu +ihnen, »damit ihr mir dieses Fenster ausbauet und es ebenso +schön macht wie die andern.«</p> + +<p>Die Juweliere und Goldschmiede sahen sich die dreiundzwanzig +Fenster sehr genau an, und nachdem sie sich miteinander +beraten hatten und darüber eins geworden waren, welche Arbeit +jeder einzelne zu liefern hätte, traten sie wieder vor den +Sultan und der Hofjuwelier nahm das Wort und sagte: »Herr, +wir sind bereit, alle Mühe und Fleiß anzuwenden, um dir zu +gehorchen; aber, aufrichtig gestanden, so viel wir unser hier sind, +so haben wir doch alle miteinander weder so kostbare, noch so +viele Edelsteine, als zu einer so bedeutenden Arbeit erforderlich +sind.« – »Ich besitze welche,« sagte der Sultan, »und zwar weit +mehr, als ihr brauchen werdet; kommt in meinen Palast, so will +ich sie euch zeigen, damit ihr wählet.«</p> + +<p>Als der Sultan in seinen Palast zurückgekehrt war, ließ er +alle seine Edelsteine bringen, und die Goldschmiede nahmen sehr +viele davon, besonders von denen, die Alaeddin ihm geschenkt<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span> +hatte. Sie brachten sie an dem Fenster an, ohne daß man den +Fortschritt ihrer Arbeit sonderlich gemerkt hätte, und kamen +zu wiederholten Malen, um neue zu holen; aber in einem Monat +hatten sie noch nicht die Hälfte des Werkes vollendet. Endlich +verwendeten sie alle Edelsteine des Sultans, der noch vom Großvezier +dazu entlehnte, brachten aber höchstens die Hälfte des +Fensters zustande.</p> + +<p>Alaeddin, der wohl sah, daß der Sultan sich vergebens bemühte, +dieses Fenster den übrigen gleich machen zu lassen, und +daß er nicht viel Ehre dabei aufhob, ließ die Goldschmiede kommen +und sagte ihnen, sie sollen nicht nur ihre Arbeit einstellen, +sondern auch das, was sie bisher zuwege gebracht, wieder auseinandernehmen +und dem Sultan und Großvezier ihre Edelsteine +zurückgeben.</p> + +<p>So wurde denn das Werk, wozu die Juweliere und Goldschmiede +mehr als sechs Wochen verwendet hatten, binnen wenigen +Stunden zerstört. Sie entfernten sich dann und Alaeddin +blieb allein im Saale zurück. Er zog die Lampe heraus, die er +bei sich hatte, rieb sie und sogleich erschien der Geist. »Geist,« +sprach Alaeddin zu ihm, »ich hatte dir befohlen, eines der vierundzwanzig +Gitterfenster des Saales unvollendet zu lassen, und +du hast diesen Befehl befolgt: jetzt habe ich dich kommen lassen, +daß du es den übrigen gleich machen sollst.« Der Geist verschwand +und Alaeddin ging aus dem Saale. Als er eine Weile +darauf wieder hinaufkam, fand er das Gitterfenster in dem gewünschten +Zustand und ganz wie die übrigen.</p> + +<p>Inzwischen kamen die Juweliere und Goldschmiede in den +Palast, wurden in das Audienzzimmer geführt und dem Sultan +vorgestellt. Der erste Juwelier überreichte ihm die Edelsteine, +die sie zurückbrachten, und sagte im Namen aller zu ihm: »Beherrscher +des Erdkreises, du weißt, wie lange wir schon mit dem +angestrengtesten Fleiße arbeiten, um das Werk zu vollenden, +das du uns aufgetragen hast. Es war schon sehr weit gediehen, +als Alaeddin uns nötigte, nicht nur die Arbeit einzustellen, sondern +auch alles, was wir zuwege gebracht hatten, zu zerstören +und dir deine und des Großveziers Edelsteine zurückzubringen.« +Der Sultan gab sogleich Befehl, ihm ein Pferd vorzuführen; +er bestieg es und ritt zum Palaste Alaeddins.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>Der Sultan sagte zu Alaeddin: »Mein Sohn, ich komme +selbst, um dich zu fragen, warum du denn einen so prächtigen +und einzigen Saal, wie der in deinem Palaste ist, unvollendet +lassen willst?«</p> + +<p>Alaeddin verhehlte den wahren Grund, daß nämlich der Sultan +nicht reich genug an Edelsteinen wäre, um einen so großen Aufwand +zu bestreiten, und antwortete ihm: »Herr, es ist wahr, du +hast den Saal unvollendet gesehen, aber ich bitte dich, sieh jetzt +einmal, ob noch etwas daran fehlt.«</p> + +<p>Nachdem der Sultan sich überzeugt, daß das Gitterfenster, +woran seine Goldschmiede so lange gearbeitet hatten, in so kurzer +Zeit vollendet worden war, umarmte er Alaeddin und küßte +ihn zwischen die Augen und auf die Stirne. »Mein Sohn,« +sagte er hierauf voll Verwunderung zu ihm, »was für ein Mann +bist du, daß du so erstaunliche Werke zuwege bringst, ehe man eine +Hand umkehrt? Du hast auf der ganzen Welt nicht deinesgleichen, +und je mehr ich dich kennen lerne, um so bewunderungswürdiger +finde ich dich.«</p> + +<p>Alaeddin nahm die Lobsprüche des Sultans mit vieler Bescheidenheit +auf und antwortete ihm folgendermaßen: »Herr, +es ist ein großer Ruhm für mich, das Wohlwollen und den Beifall +meines Königs zu verdienen; auch versichere ich dir, daß ich +stets alles aufbieten werde, um mich desselben immer mehr und +mehr würdig zu machen.«</p> + +<p>Der Sultan kehrte in seinen Palast zurück, wo der Großvezier +ihn erwartete. Noch voll Staunen über das Wunder, +das er mit eigenen Augen gesehen, erzählte ihm der Sultan alles.</p> + +<p>Alaeddin verschloß sich nicht in seinem Palaste; er zeigte sich +in der Stadt, indem er bald in diese, bald in jene Moschee ging, +um sein Gebet zu verrichten, oder von Zeit zu Zeit dem Großvezier +einen Besuch abstattete, der sich beeiferte, ihm an bestimmten +Tagen seine Aufwartung zu machen, oder er erwies auch +zuweilen einigen Vornehmen am Hofe, die er öfters in seinem +Palaste bewirtete, die Ehre, sie zu Haus zu besuchen. Jedesmal +wenn er ausritt, hatte er ein zahlreiches Gefolge von Sklaven +um sich, und zwei von ihnen mußten auf den Straßen und +Plätzen, durch die er kam und wo sich immer eine große Volksmenge +einfand, ganze Hände voll Gold auswerfen. Kein Armer<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span> +erschien an der Pforte seines Palastes, ohne sehr vergnügt über +die Gaben, die auf seinen Befehl ausgeteilt wurden, zurückzukehren.</p> + +<p>Da Alaeddin seine Zeit so eingeteilt hatte, daß er jede Woche +wenigstens einmal auf die Jagd ging, bald in die nächsten Umgebungen +der Stadt, bald auch in weitere Ferne, so zeigte er sich +auf den Straßen und auf den Dörfern ebenso freigebig. Dieses +großmütige Benehmen machte, daß das ganze Volk ihn mit +Segenswünschen überhäufte und zuletzt nicht höher schwor, als +bei seinem Haupte. Ja man kann, ohne den Sultan in Schatten +zu stellen, wohl sagen, daß Alaeddin sich durch seine Leutseligkeit +und Freigebigkeit die Zuneigung des ganzen Volkes erworben +hatte und im allgemeinen mehr geliebt wurde als der +Sultan selbst. Mit allen diesen schönen Eigenschaften verband +er eine Tapferkeit und einen Eifer für das Wohl des Staats, +den man nicht genug loben kann. Beweise davon gab er bei +Gelegenheit eines Aufruhrs an den Grenzen des Reichs. Kaum +hatte er erfahren, daß der Sultan ein Heer ausrüstete, um ihn +zu dämpfen, so bat er ihn, ihm den Oberbefehl zu übergeben. +Sobald er nun an der Spitze des Heeres stand, führte er es so +schnell und mit solchem Eifer ins Feld, daß der Sultan die +Niederlage, Bestrafung und Zerstreuung der Aufrührer eher vernahm, +als seine Ankunft beim Heere. Diese Tat, die seinen +Namen im ganzen Reiche berühmt machte, verdarb doch sein +Herz nicht; er kehrte zwar sieggekrönt zurück, blieb aber immer +noch so mild und leutselig wie zuvor.</p> + +<p>Alaeddin hatte bereits mehrere Jahre auf diese Art gelebt, +als der Zauberer in Afrika sich seiner erinnerte. Obwohl er bisher +des festen Glaubens gelebt hatte, Alaeddin müsse in dem +unterirdischen Gewölbe zugrunde gegangen sein, so bekam er +doch auf einmal Lust, genau zu erfahren, welches Ende er genommen +habe. Als großer Meister in der Punktierkunst entdeckte +er, daß Alaeddin nicht nur nicht in dem unterirdischen +Gewölbe gestorben sei, sondern sich daraus gerettet habe und in +großem Glanz und gewaltigem Reichtum, vermählt mit einer +Prinzessin, hochgeehrt und geachtet lebe.</p> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>[Illustration]</p> --> + +<div class="figcenter"> +<a href="images/alaeddin_092.jpg"><img src="images/alaeddin_092_th.jpg" alt="" title="" /></a> +<a href="images/alaeddin_093.jpg"><img src="images/alaeddin_093_th.jpg" alt="" title="" /></a> +</div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>[Illustration]</p> --> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>Kaum hatte der afrikanische Zauberer mittels seiner teuflischen +Kunst diese Entdeckung gemacht, so stieg ihm das Blut ins Gesicht. +Voll Wut sagte er zu sich selbst: »Dieser elende Schneiderssohn +hat also das Geheimnis und die Wunderkraft der +Lampe entdeckt; ich hielt seinen Tod für gewiß und nun genießt +er die Frucht meiner Arbeiten und Nachtwachen! Aber eher +will ich untergehen, als ihn noch länger in seinem Glücke lassen.« +Er hatte seinen Entschluß schnell gefaßt, bestieg gleich am andern +Morgen einen Berberhengst, den er im Stalle hatte und machte +sich auf den Weg. So kam er von Stadt zu Stadt, und von +Land zu Land, ohne sich unterwegs länger aufzuhalten, als sein +Pferd zum Ausruhen Zeit brauchte, bis nach China und bald +auch in die Hauptstadt des Sultans. Er stieg in einem öffentlichen +Wirtshause ab und mietete sich ein Zimmer. Hier blieb +er den noch übrigen Teil des Tages und die folgende Nacht, um +sich von den Beschwerden der Reise zu erholen.</p> + +<p>Am andern Morgen wünschte der afrikanische Zauberer vor +allem zu erfahren, was man von Alaeddin spreche. Indem er +nun durch die Stadt spazierte, trat er in ein sehr berühmtes und +von vornehmen Leuten stark besuchtes Teehaus. Kaum hatte +er Platz genommen, als man ihm eine Schale Tee einschenkte. +Während er trank, horchte er rechts und links und hörte, daß +man von Alaeddins Palaste sprach. Als er ausgetrunken hatte, +näherte er sich einem, um ihn beiseite zu nehmen und ihn zu +fragen, was denn das für ein Palast sei, von dem man so rühmend +spreche. »Woher bist denn du, Freund?« erwiderte ihm +der Angeredete. »Du mußt erst seit ganz kurzem hier sein, +wenn du den Palast des Prinzen Alaeddin noch nicht gesehen +oder wenigstens noch nicht einmal davon reden gehört hast.« +Man nannte nämlich Alaeddin immer so, seitdem er die Prinzessin +Bedrulbudur geheiratet hatte. »Ich sage nicht,« fuhr der +Mann fort, »daß es eins von den Wunderwerken der Welt ist, +sondern ich behaupte vielmehr, daß er das einzige Wunder auf +der Welt ist. Sieh ihn einmal selbst an und urteile, ob ich dir +nicht die Wahrheit berichtet habe.« – »Verzeih meine Unwissenheit,« +antwortete der afrikanische Zauberer, »ich bin gestern +hier angelangt und komme in der Tat so weit her, ich kann +sagen vom äußersten Ende Afrikas. Meine Neugierde ist so +groß, daß ich sie sogleich befriedigen möchte, wenn du nur die +Güte hättest, mir den Weg zu zeigen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>Jener, an den sich der afrikanische Zauberer gewandt hatte, +machte sich ein Vergnügen daraus, ihm den Weg nach Alaeddins +Palast zu beschreiben, und der afrikanische Zauberer +ging dahin. Als er angekommen war und den Palast von allen +Seiten genau betrachtet hatte, zweifelte er nicht mehr daran, +daß Alaeddin sich der Lampe bedient haben müsse, denn er wußte +recht gut, daß solche Wunderwerke nur von den Geistern der +Lampe geschaffen werden konnten. Voll Ärger über das Glück +und die Größe Alaeddins, der sich nicht von dem Sultan unterschied, +kehrte er nach dem Wirtshaus zurück, wo er abgestiegen +war.</p> + +<p>Nun brauchte er nur noch zu wissen, wo die Lampe war, ob +Alaeddin sie bei sich trug oder irgendwo aufbewahrte, und um +dies zu entdecken, mußte der Zauberer seine Punktierkunst zu +Hilfe nehmen. Aus seinen Versuchen erkannte er, daß die Lampe +in Alaeddins Palast war, und war außer sich vor Freude über +eine solch wichtige Entdeckung. »Ich muß sie bekommen, diese +Lampe,« sagte er, »und Trotz sei Alaeddin geboten, ob er mich +hindern kann, sie ihm zu entreißen und ihn in die Niedrigkeit +wieder hinabzudrücken, aus der er so hoch emporgestiegen ist.«</p> + +<p>Das Unglück wollte, daß Alaeddin damals gerade auf acht +Tage auf die Jagd gegangen und erst seit drei Tagen fort war; +der afrikanische Zauberer erfuhr dies.</p> + +<p>Er ging in den Laden eines Mannes, der Lampen zum Verkauf +machte, und sagte zu diesem: »Meister, ich möchte zwölf +kupferne Lampen haben: kannst du sie mir liefern?« Der Lampenverkäufer +antwortete, es fehlten ihm zwar noch einige, wenn +er sich aber bis morgen gedulden wolle, so könne er ihm ein volles +Dutzend liefern. Der Zauberer war es zufrieden und empfahl +ihm, sie müssen recht hübsch und blank sein; nachdem er ihm noch +eine gute Bezahlung versprochen hatte, ging er in sein Wirtshaus +zurück.</p> + +<p>Am andern Tage wurde das Dutzend Lampen dem afrikanischen +Zauberer abgeliefert, der, ohne zu markten, den verlangten +Preis dafür bezahlte. Er legte sie in einen Korb, ging +mit diesem Korb am Arm nach Alaeddins Palast und fing, als +er in der Nähe war, an zu rufen: »Wer will alte Lampen gegen +neue austauschen?« Als die kleinen Kinder, die auf dem Platze<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span> +spielten, dies hörten, liefen sie herbei und sammelten sich um +ihn, denn sie hielten ihn für einen Narren. Auch die Vorübergehenden +lachten über seine Dummheit. Der afrikanische Zauberer +aber fuhr fort, seine Ware anzubieten und laut zu schreien: +»Wer will alte Lampen gegen neue austauschen?« Er wiederholte +dies so oft, auf dem Platze vor dem Palast und in der +Nähe desselben auf- und abgehend, daß die Prinzessin Bedrulbudur, +die gerade in dem Saale mit den vierundzwanzig Fenstern +war, die Stimme des Mannes hörte; da sie aber wegen +des Geschreies der Kinder nicht verstand, was er ausrief, so +schickte sie eine ihrer Sklavinnen hinab, um zu sehen, was der +Lärm bedeute.</p> + +<p>Die Sklavin kam bald wieder mit lautem Lachen in den +Saal. Sie lachte so herzlich, daß die Prinzessin bei ihrem +Anblick ebenfalls lachen mußte. »Nun, du Närrin,« sagte sie +endlich, »wirst du mir nicht sagen, warum du so lachst?« – +»Herrin,« antwortete die Sklavin, immerfort lachend, »wie +könnte man auch anders, wenn man einen Narren sieht, der einen +Korb voll schöner, ganz neuer Lampen am Arm hat, aber sie nicht +verkaufen, sondern nur gegen alte austauschen will. Der Lärm +aber, den du hörst, kommt von den Kindern her, die ihn verhöhnen.«</p> + +<p>Nach diesem Bericht nahm eine andere Sklavin das Wort +und sagte: »Da von alten Lampen die Rede ist, so weiß ich +nicht, ob die Prinzessin schon bemerkt hat, daß hier auf dem +Kranzgesims eine solche steht. Der Eigentümer wird es wohl +nicht übelnehmen, wenn er statt der alten eine neue findet. +Wenn es der Prinzessin genehm ist, so kann sie sich den Spaß +machen, zu erproben, ob dieser Narr wirklich verrückt genug ist, +eine neue Lampe für eine alte zu geben, ohne etwas herauszuverlangen.«</p> + +<p>Die Lampe, von der die Sklavin sprach, war eben die Wunderlampe, +die Alaeddin zu seiner Größe verholfen hatte, und er +selbst hatte sie, bevor er auf die Jagd ging, auf das Kranzgesims +gestellt, um sie nicht zu verlieren: eine Vorsichtsmaßregel, die +er jedesmal anwendete. Aber weder die Sklavinnen, noch die +Verschnittenen, noch die Prinzessin selbst hatten sie jemals +während seiner Abwesenheit bemerkt. Außer der Zeit, wo er +auf der Jagd war, trug er sie immer bei sich. Man wird nun<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span> +sagen, diese Vorsicht Alaeddins sei recht gut gewesen, aber er +hätte seine Lampe wenigstens einschließen sollen. Dies ist freilich +wahr, doch dergleichen Versehen sind zu jeder Zeit begangen +worden, werden noch täglich begangen und noch in Zukunft begangen +werden.</p> + +<p>Die Prinzessin Bedrulbudur, die von dem hohen Wert der +Lampe nichts wußte, und sich nicht denken konnte, daß es für +Alaeddin, der gar nie davon sprach, von so hoher Wichtigkeit +sein könnte, sie unberührt zu lassen und aufzubewahren, ging auf +den Scherz ein und befahl einem Verschnittenen, sie zu nehmen +und umzutauschen. Der Verschnittene gehorchte, ging die +Treppe hinab, und war kaum aus dem Tore des Palastes, als +er den afrikanischen Zauberer bemerkte. Er rief ihn, und als er +zu ihm kam, zeigte er ihm die alte Lampe und sagte: »Gib mir +eine neue Lampe für diese da.«</p> + +<p>Der afrikanische Zauberer zweifelte nicht, daß dies die Lampe +sei, die er suchte. Er nahm sie dem Verschnittenen schnell aus +der Hand, schob sie in seinen Busen und überreichte ihm dann +seinen Korb, damit er nach Belieben eine auswählen könnte. +Ohne sich länger in der Nähe von Alaeddins Palast aufzuhalten, +machte er sich ganz unvermerkt aus dem Staube.</p> + +<p>Der afrikanische Zauberer brachte den Rest des Tages in +einem Versteck zu, bis ein Uhr nachts, wo die Finsternis am +größten war. Jetzt zog er die Lampe aus seinem Busen und +rieb sie. Auf diesen Ruf erschien der Geist sogleich. »Was +willst du?« fragte er ihn, »ich bin bereit dir zu gehorchen als +dein Sklave und als Sklave aller, die die Lampe in der Hand +haben; ich und die andern Sklaven der Lampe.« – »Ich befehle +dir,« antwortete der afrikanische Zauberer, »daß du augenblicklich +den Palast, den du oder die andern Sklaven der Lampe +in der Stadt erbaut, so wie er ist, mit allen seinen lebenden Bewohnern +aufhebst und zugleich mit mir an den und den Ort nach +Afrika versetzest.« Ohne etwas zu antworten, schaffte der Geist +mit Hilfe der übrigen der Lampe dienstbaren Geister in sehr +kurzer Zeit sowohl ihn selbst, als den ganzen Palast an den bezeichneten +Ort in Afrika. Wir wollen indes den afrikanischen +Zauberer und den Palast samt der Prinzessin Bedrulbudur in +Afrika lassen und nur von dem Erstaunen des Sultans reden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span>Als der Sultan aufgestanden war, ging er wie gewöhnlich +nach dem offenen Erker, um sich das Vergnügen zu machen, +Alaeddins Palast zu betrachten und zu bewundern, erblickte aber +nur einen leeren Platz. Im Anfang glaubte er, er täusche sich +und rieb sich die Augen; allein er sah so wenig, als das erstemal, +obgleich das Wetter sehr heiter, der Himmel rein und die +Morgenröte bereits aufgestiegen war. Er blickte rechts und +links und sah noch immer nichts. Sein Erstaunen war so groß, +daß er lange wie angewurzelt auf derselben Stelle stehen blieb, +die Augen starr nach der Seite hin geheftet, wo der Palast +bisher gewesen, aber jetzt nicht mehr zu sehen war; denn es war +ihm unmöglich, zu begreifen, wie ein so großer und ansehnlicher +Palast auf einmal ganz spurlos entschwunden sein solle. Endlich +ließ er in aller Eile den Großvezier rufen.</p> + +<p>Der Großvezier ließ nicht lange auf sich warten. Er kam in +solcher Eile, daß weder er noch seine Leute im Vorbeigehen bemerkten, +daß Alaeddins Palast nicht mehr an seiner Stelle stand. +Selbst die Pförtner hatten es nicht bemerkt, als sie die Tore +des Palastes öffneten. Der Großvezier redete den Sultan also +an: »Herr, die Eile, womit man mich berufen hat, läßt mich +schließen, daß irgend etwas Außerordentliches vorgefallen sein +muß; denn du weißt ja wohl, daß heute Ratssitzung ist, und ich +mich meiner Pflicht gemäß ohnehin in einigen Augenblicken eingestellt +hätte.« – »Ja,« antwortete der Sultan, »es hat sich +wirklich etwas sehr Außerordentliches zugetragen und du wirst +es selbst gestehen müssen. Sprich, wo ist der Palast Alaeddins?« +– »Der Palast Alaeddins?« erwiderte der Großvezier sehr erstaunt, +»ich ging soeben daran vorbei, und mich däuchte, er stand +an seinem alten Platz. So gewaltige Gebäude wie dieses +ändern ihre Stelle nicht so leicht.« – »Sieh einmal hinaus,« +entgegnete der Sultan, »und sag mir dann, ob du ihn gesehen +hast.«</p> + +<p>Der Großvezier begab sich in den offenen Erker, und es ging +ihm, wie dem Sultan. »Herr,« sagte der Großvezier, »du erinnerst +dich vielleicht, daß ich die Ehre hatte, dir zu sagen, der +Palast, den du mit seinen unermeßlichen Reichtümern so sehr +bewunderst, könne bloß ein Werk der Zauberei und eines Zauberers +sein; allein du wolltest damals nicht auf mich achten.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span>Der Sultan, der dies nicht leugnen konnte, geriet in einen um +so größeren Zorn, als sein früherer Unglauben offenbar am Tage +lag. »Wo ist er,« rief er, »dieser Betrüger, dieser Schurke? +Ich lasse ihm den Kopf abschlagen.« – »Herr,« antwortete der +Großvezier, »man muß ihn fragen lassen, wo sein Palast hingekommen +ist, denn er allein kann es wissen.« – »Das wäre zu +viele Schonung für ihn,« entgegnete der Sultan; »geh und schicke +dreißig von meinen Reitern ab, daß sie ihn in Ketten vor mich +führen.« Der Großvezier überbrachte den Reitern den Befehl +des Sultans und unterrichtete ihren Anführer, wie sie sich zu +benehmen hätten, damit er ihnen nicht entwischen könne. Sie +gingen ab und trafen Alaeddin fünf oder sechs Stunden von der +Stadt auf dem Heimwege begriffen. Der Anführer ritt auf ihn +zu und sagte ihm, der Sultan habe großes Verlangen, ihn +wieder zu sehen, und deshalb habe er sie abgeschickt, um es ihm +zu melden und ihn nach Hause zu begleiten.</p> + +<p>Alaeddin hatte nicht die entfernteste Ahnung von dem wahren +Grunde, warum diese Abteilung der Leibwache des Sultans zu +ihm gekommen war, und ritt getrost weiter. Als er aber noch +eine halbe Stunde von der Stadt entfernt war, umringte ihn +die Reiterschar, und der Anführer derselben nahm das Wort +und sagte zu ihm: »Prinz Alaeddin, mit großem Bedauern +haben wir dir zu erklären, daß wir vom Sultan Befehl haben, +dich zu verhaften und als Staatsverbrecher vor ihn zu führen; +wir bitten dich, es nicht übel aufzunehmen, wenn wir jetzt unsere +Pflicht erfüllen, und uns zu verzeihen.«</p> + +<p>Alaeddin war äußerst überrascht, denn er fühlte sich unschuldig. +Er fragte den Anführer, ob er wisse, welches Verbrechens er angeklagt +sei; dieser aber antwortete, weder er noch seine Leute +wüßten davon.</p> + +<p>Da Alaeddin sah, daß seine Leute viel schwächer waren, als +die Reiterschar, und ihn sogar verließen, so stieg er vom Pferde +ab und sagte: »Hier bin ich, vollziehet euern Befehl. Übrigens +kann ich versichern, daß ich mir keines Verbrechens bewußt bin, +weder gegen die Person des Sultans, noch gegen den Staat.« +Man warf ihm sogleich eine sehr dicke und lange Kette an den +Hals und band ihn damit auch mitten um den Körper, so daß +er die Arme nicht frei hatte. Der Anführer stellte sich nun<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span> +wieder an die Spitze des Zugs, einer der Reiter aber faßte das +Ende der Kette und führte so, hinter dem Anführer hinreitend, +Alaeddin, der zu Fuß folgen mußte, mit fort. In diesem Zustande +wurde er in die Stadt gebracht.</p> + +<p>Als die Reiter in die Vorstadt kamen und man Alaeddin +als Staatsverbrecher daherführen sah, glaubte jedermann, es +werde ihn den Kopf kosten. Da er aber allgemein beliebt war, +so ergriffen die einen Säbel und andere Waffen, und die, welche +keine hatten, bewaffneten sich mit Steinen und folgten den Reitern +nach. Einige von den Hintersten schwenkten um und machten +Miene, sie auseinanderzusprengen; allein die Volksmasse +wurde so groß, daß die Reiter sich glücklich schätzten, wenn sie +nur den Palast des Sultans erreichten, ohne daß Alaeddin +ihnen entrissen wurde. So gelangten sie endlich an den Platz +vor dem Palaste, wo sie sich alle in einer Linie aufstellten und +gegen die bewaffnete Volksmasse Front machten, bis ihr Befehlshaber +und der Reiter, welcher Alaeddin führte, in den +Palast eingetreten waren und die Pförtner das Tor hinter ihm +geschlossen hatten.</p> + +<p>Alaeddin wurde sofort vor den Sultan geführt, der ihn mit +dem Großvezier auf einem Balkon erwartete. Sobald er ihn +sah, befahl er dem Scharfrichter ihm den Kopf abzuhauen, ohne +daß er ihn anhören oder irgend einen Aufschluß von ihm haben +wollte.</p> + +<p>Der Scharfrichter bemächtigte sich Alaeddins, nahm ihm die +Kette ab, breitete sofort ein Leder, das mit dem Blute von unzähligen +Verbrechern befleckt war, auf den Boden, hieß ihn niederknieen +und verband ihm die Augen. Hierauf zog er sein Schwert, +holte weit aus, ließ es dreimal in der Luft blitzen und schickte +sich an, den Todesstreich zu führen, indem er nur noch auf ein +Zeichen vom Sultan wartete, um Alaeddin den Kopf abzuschlagen.</p> + +<p>In diesem Augenblicke bemerkte der Großvezier, daß das Volk +die Reiter überwältigt hatte und auf den Schloßplatz gedrungen +war, ja sogar, daß einige die Mauern des Palastes an mehreren +Stellen mit Leitern erstiegen und bereits anfingen, sie niederzureißen, +um eine Öffnung zu machen. Er sagte daher zum +Sultan, ehe er das Zeichen gab: »Herr, ich bitte dich, daß du den<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span> +Schritt, den du zu tun im Begriff bist, reiflich überlegen mögest. +Du läufst Gefahr, deinen Palast erstürmt zu sehen, und wenn +dies Unglück geschehe, so könnte es unheilbringende Folgen +haben.« –</p> + +<p>Als der Sultan die heftige Aufregung unter dem Volke sah, +erschrak er dermaßen, daß er augenblicklich dem Scharfrichter den +Befehl gab, sein Schwert wieder in die Scheide zu stecken, die +Binde von Alaeddins Augen wegzunehmen und ihn freizulassen. +Zugleich befahl er seinen Trabanten auszurufen, daß er +Alaeddin Gnade schenke, und jedermann sich nun entfernen möge.</p> + +<p>Als nun das Volk sah, daß der Sultan Alaeddin Gerechtigkeit +widerfahren ließ und ihn begnadigte, entwaffnete sich sein +Zorn, der Aufruhr hörte auf und es gingen alle einer nach dem +andern nach Hause.</p> + +<p>Sobald Alaeddin sich wieder in Freiheit sah, schaute er nach +dem Balkon hinauf, und als er den Sultan bemerkte, so rief er +ihm in rührendem Tone zu: »Herr, ich bitte dich, mir zu der bereits +erwiesenen Gnade noch eine neue zu schenken und mich +wissen zu lassen, was mein Verbrechen ist.« – »Was es ist, du +Schurke!« erwiderte der Sultan; »weißt du es noch nicht? +Komm einmal hier herauf, so will ich dir es zeigen.«</p> + +<p>Alaeddin ging hinauf und trat vor den Sultan. Er führte ihn +an den offenen Erker.</p> + +<p>Alaeddin sah hinaus und erblickte den ganzen Platz, den sein +Palast sonst eingenommen hatte, da er aber nicht begreifen +konnte, wie er hatte verschwinden können, so machte ihn dieses +seltsame und überraschende Ereignis so bestürzt, daß er dem +Sultan kein einziges Wort erwidern konnte.</p> + +<p>Der Sultan wiederholte voll Ungeduld die Frage: »Sag mir +doch, wo der Palast und meine Tochter ist?« Endlich brach Alaeddin +das Stillschweigen und sagte: »Herr, ich sehe wohl, daß +der Palast, den ich erbauen ließ, verschwunden ist, kann dir aber +nicht sagen, wo er sein mag. Nur so viel kann ich versichern, +daß ich keinen Teil an diesem Ereignis habe.«</p> + +<p>»Mir liegt nichts daran, was aus deinem Palaste geworden +ist,« antwortete der Sultan. »Meine Tochter ist mir millionenmal +lieber. Du mußt sie mir zurückgeben, sonst lasse ich dir den +Kopf abschlagen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span>»Herr,« antwortete Alaeddin, »ich flehe dich an, daß du mir +vierzig Tage Frist gebest, um meine Maßregeln zu treffen, und +gelingt es mir in dieser Zeit nicht, so gebe ich dir mein Wort, +daß ich selbst meinen Kopf zu den Füßen deines Thrones niederlegen +will, damit du nach Belieben darüber verfügest.« – »Ich +bewillige dir diese Frist von vierzig Tagen,« erwiderte der +Sultan; »aber glaube ja nicht, daß du meine Gnade mißbrauchen +und meinem Zorn entfliehen könnest. In welchem Winkel der +Erde du sein magst, ich werde dich zu finden wissen.«</p> + +<p>Alaeddin ging mit gesenktem Haupte über die Höfe des Palastes +und war so beschämt, daß er es nicht wagte, die Augen aufzuschlagen. +Die vornehmsten Hofbeamten, von denen er keinen +einzigen beleidigt hatte und die vorher seine Freunde gewesen, +waren jetzt weit entfernt, sich ihm zu nähern oder ihm eine Zufluchtsstätte +anzubieten; nein, sie kehrten ihm den Rücken, damit +sie ihn nicht sehen mußten und er sie nicht erkennen möchte. +Alaeddin kannte sich selbst nicht mehr und war seines Verstandes +nimmer mächtig. Diejenigen, die in freundschaftlicher Verbindung +oder sonst in einem Verkehr mit ihm gestanden hatten, +wurden von wahrhaftem Mitleid ergriffen. Er blieb drei Tage +in der Stadt, indem er sich bald nach dieser, bald nach jener +Seite hin wendete und nichts aß, als was ihm mitleidige Menschen +reichten, im übrigen aber keinen Entschluß faßte.</p> + +<p>Endlich, da er in diesem elenden Zustande nicht länger in +einer Stadt verweilen wollte, wo er früher den vornehmen Herrn +gespielt hatte, entfernte er sich aus derselben und schlug den Weg +nach dem Felde ein. Er vermied die großen Heerstraßen, und +nachdem er in schrecklicher Ungewißheit mehrere Felder durchirrt +hatte, kam er mit Anbruch der Nacht an das Ufer eines Flusses. +Hier faßte er einen Gedanken der Verzweiflung. »Wo soll ich +jetzt meinen Palast suchen?« sagte er bei sich selbst. »In welcher +Provinz, in welchem Lande, in welchem Teile der Welt werde +ich ihn und meine vielgeliebte Prinzessin wiederfinden, die der +Sultan von mir fordert? Dies wird mir nie gelingen; deshalb +ist es besser, ich befreie mich auf einmal von all diesen Mühseligkeiten +und dem bittern Kummer, der mein Herz zerfrißt.« +Schon hatte er den Entschluß gefaßt, sich in den Fluß zu werfen, +doch glaubte er als guter und frommer Muselmann dies nicht<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span> +tun zu können, bevor er sein Gebet verrichtet hätte. Indem er +sich nun dazu anschicken wollte, näherte er sich dem Rande des +Wassers, um sich der Landessitte gemäß die Hände und das +Gesicht zu waschen. Da aber die Stelle etwas abschüssig und +naß war, so glitt er aus und wäre in den Fluß gefallen, wenn +er sich nicht noch an einem kleinen Felsstück gehalten hätte, das +etwa zwei Zoll hoch hervorragte. Glücklicherweise besaß er noch +den Ring, den der afrikanische Zauberer ihm an den Finger gesteckt +hatte. Diesen Ring rieb er ziemlich stark an dem Felsen, +als er sich daran hielt, und augenblicklich stand derselbe Geist vor +ihm, der ihm in dem unterirdischen Gewölbe erschienen war, +wo der afrikanische Zauberer ihn eingesperrt hatte. »Was willst +du?« sagte der Geist; »ich bin bereit, dir zu gehorchen als dein +Sklave und als Sklave aller derer, die den Ring am Finger +haben, sowohl ich, als die andern Sklaven des Ringes.«</p> + +<p>Alaeddin, der in seiner verzweiflungsvollen Lage durch diese +Erscheinung angenehm überrascht war, antwortete: »Geist, rette +mir zum zweitenmal das Leben und zeige mir, wo der Palast +ist, den ich erbauen ließ, oder sorge, daß er unverzüglich wieder +an seinen alten Platz zurückgetragen wird.« – »Was du hier +verlangst,« antwortete der Geist, »liegt nicht in meinem Wirkungskreise, +ich bin bloß Sklave des Rings; wende dich deshalb +an den Sklaven der Lampe.« – »Wenn dem so ist,« versetzte +Alaeddin, »so befehle ich dir kraft des Ringes, versetze mich sogleich +an den Ort, wo mein Palast ist und bringe mich unter die +Fenster der Prinzessin Bedrulbudur.« Kaum hatte er diese +Worte gesprochen, als der Geist ihn nahm und nach Afrika +mitten auf eine große Wiese trug, auf der der Palast nicht weit +von einer großen Stadt stand; er setzte ihn dicht unter den Fenstern +der Prinzessin nieder und ließ ihn dann allein. Alles dies +war das Werk eines Augenblicks.</p> + +<p>Ungeachtet der Dunkelheit der Nacht erkannte Alaeddin recht +gut seinen Palast und die Zimmer der Prinzessin Bedrulbudur. +Da es indes schon weit in der Nacht und im Palast alles ruhig +war, so ging er etwas abseits und setzte sich unter einen Baum. +Hier gab er sich neuen Hoffnungen hin, und indem er Betrachtungen +anstellte über sein Glück, das er einem bloßen Zufalle +verdankte, wurde sein Gemüt wieder weit ruhiger. Er hing eine<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span> +Weile diesen angenehmen Gedanken nach, aber da er seit fünf +oder sechs Tagen kein Auge mehr geschlossen hatte, so überwältigte +ihn zuletzt der Schlaf und er schlummerte am Fuße des +Berges ein.</p> + +<p>Als am folgenden Tage die Morgenröte anbrach, wurde Alaeddin +sehr angenehm erweckt durch den Gesang der Vögel, die +teils auf dem Baume, unter dem er lag, teils auch auf den dickbelaubten +Bäumen im Garten seines Palastes die Nacht zugebracht +hatten. Er warf sogleich seine Augen auf dieses bewundernswürdige +Gebäude und fühlte eine unaussprechliche +Freude, daß er jetzt Hoffnung habe, wieder Herr desselben zu +werden und aufs neue seine teure Prinzessin Bedrulbudur zu +besitzen. Er stand auf und näherte sich den Zimmern der Prinzessin, +dann ging er unter ihren Fenstern eine Weile spazieren +und wartete, bis sie erwachen würde und sich sehen ließe. Inzwischen +dachte er bei sich selbst darüber nach, woher wohl die +Ursache seines Unglücks gekommen sein möge, und nachdem er +sich lange hin und her besonnen, zweifelte er nicht mehr daran, +sein ganzes Mißgeschick könne bloß davon herrühren, daß er +seine Lampe aus den Augen verloren habe. Er machte sich nun +Vorwürfe über seine Nachlässigkeit, und daß er nicht Sorge getragen +habe, sie keinen Augenblick aus der Hand zu lassen. Was +ihn noch mehr in Verlegenheit setzte, war, daß er sich gar nicht +einbilden konnte, wer wohl auf sein Glück eifersüchtig sei. Dies +wäre ihm zwar klar geworden, wenn er gewußt hätte, daß er und +sein Palast sich in Afrika befänden; allein der dienstbare Geist +des Ringes hatte es ihm nicht gesagt, und er hatte ihn auch nicht +darum gefragt. Sonst hätte ihn schon der Name Afrika sogleich +an den afrikanischen Zauberer, seinen abgesagten Feind, +erinnert.</p> + +<p>Die Prinzessin Bedrulbudur stand diesmal früher als gewöhnlich +auf, seit ihrer Entführung durch die Tücke des afrikanischen +Zauberers, dessen Anblick sie bisher täglich einmal hatte +ertragen müssen, weil er der Herr des Palastes war; sie hatte ihn +jedoch jedesmal so spröde behandelt, daß er es noch nicht gewagt +hatte, seinen Wohnsitz darin aufzuschlagen. Als sie angekleidet +war, sah eine ihrer Frauen zufällig durchs Gitterfenster, +bemerkte Alaeddin und verkündete es sogleich ihrer Gebieterin.<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span> +Die Prinzessin, die diese Nachricht nicht glauben konnte, lief +schnell ans Fenster, bemerkte Alaeddin ebenfalls und öffnete das +Gitter. Bei dem Geräusch, das dadurch entstand, hob Alaeddin +den Kopf in die Höhe, erkannte sie und begrüßte sie mit einer +Miene, auf der überschwengliche Freude sich abspiegelte. »Um +keine Zeit zu verlieren,« sagte die Prinzessin zu ihm, »habe ich +dir die geheime Türe öffnen lassen, tritt durch dieselbe ein und +komm herauf.«</p> + +<p>Es ist unmöglich, die Freude zu beschreiben, die die beiden +Ehegatten empfanden, als sie sich nach einer Trennung, die sie +ewig geglaubt hatten, endlich wiedersahen. Sie umarmten sich +mehrere Male und gaben sich alle Beweise von Liebe und Zärtlichkeit, +die man nach einer so traurigen und unerwarteten Trennung +nur erdenken kann. Nach diesen Umarmungen, in die sich +Tränen der Freude mischten, setzten sie sich, und Alaeddin nahm +das Wort und sprach: »Prinzessin, bevor wir von irgend etwas +anderem sprechen, beschwöre ich dich im Namen Gottes, sowohl +um deiner selbst als um deines verehrungswürdigen Vaters, +des Sultans, und besonders auch um meinetwillen, sage mir, +was ist aus meiner alten Lampe geworden, die ich, bevor ich auf +die Jagd ging, in dem Saal mit den vierundzwanzig Fenstern +auf das Kranzgesimse gestellt hatte?«</p> + +<p>»Ach, teurer Gemahl,« antwortete die Prinzessin, »ich habe +mir’s wohl gedacht, daß unser beiderseitiges Unglück von dieser +Lampe herkomme, und was mich untröstlich macht, ist, daß ich +selbst daran schuld bin.« – »Prinzessin,« erwiderte Alaeddin, +»miß dir die Schuld nicht bei, sie ist ganz auf meiner Seite, denn +ich hätte die Lampe sorgsamer aufbewahren sollen. Jetzt aber +laß uns nur daran denken, den Schaden wieder gutzumachen und +deshalb erzähle mir, wie die Sache zugegangen und in welche +Hände die Lampe geraten ist.«</p> + +<p>Die Prinzessin Bedrulbudur erzählte hierauf Alaeddin alles, +unter welchen Umständen sie die alte Lampe gegen die neue ausgetauscht +und wie sie in der folgenden Nacht die Versetzung des +Palastes bemerkt und sich am andern Morgen in einem unbekannten +Lande gefunden habe, wo sie jetzt beide seien und das +Afrika heiße. Letzteres hatte sie aus dem Munde des Schurken +selbst erfahren, der sie durch seine Zauberkunst hierher versetzt hatte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>»Prinzessin,« unterbrach sie Alaeddin, »du hast mir den Schurken +deutlich genug bezeichnet, indem du mir sagtest, daß ich mit +dir in Afrika bin. Er ist der abscheulichste aller Menschen; doch ist +jetzt weder Zeit noch Ort, dir seine Schlechtigkeiten ausführlicher zu +erzählen, und ich bitte dich bloß, mir zu sagen, was er mit der +Lampe angefangen und wo er sie aufbewahrt hat.« – »Er trägt +sie wohl eingehüllt in seinem Busen,« erwiderte die Prinzessin, +»ich kann dies mit Bestimmtheit sagen, da er sie in meiner Gegenwart +herausgezogen und enthüllt hat, um sich damit zu brüsten.«</p> + +<p>»Prinzessin,« unterbrach sie Alaeddin, »ich glaube ein Mittel +gefunden zu haben, uns beide von unserm gemeinschaftlichen +Feinde zu befreien. Ich werde gegen Mittag zurückkommen, um +dir dann meinen Plan mitzuteilen, und was du zum Gelingen +desselben beizutragen hast. Doch sage ich dir zum voraus, wundere +dich nicht, wenn du mich in einer andern Kleidung zurückkommen +siehst, und gib Befehl, daß man mich an der geheimen +Türe, wenn ich klopfe, nicht lange warten läßt.« Die Prinzessin +versprach, man werde ihn an der Türe erwarten und schnell +öffnen.</p> + +<p>Als Alaeddin hinausgegangen war, bemerkte er einen Bauersmann, +der aufs Feld ging.</p> + +<p>Er ging zu ihm und machte ihm den Antrag, die Kleider mit +ihm zu wechseln, worauf der Bauer endlich auch einging. Der +Umtausch geschah hinter einem Gebüsch, und als sie sich getrennt +hatten, schlug Alaeddin den Weg nach der Stadt ein und ging +bis an den Platz, wo die Kaufleute und Handwerker ihre besondere +Gasse hatten. Er trat nun in die Gasse der Materialienhändler, +ging in den größten und bestausgestatteten Laden und +fragte den Kaufmann, ob er nicht ein gewisses Pulver habe, das +er ihm nannte. Der Kaufmann, der aus Alaeddins Kleidung +schloß, er müsse arm sein und werde nicht Geld genug haben, +um ihn zu bezahlen, antwortete, er habe zwar dieses Pulver, +allein es sei sehr teuer. Alaeddin erriet seine Gedanken, zog seinen +Beutel aus der Tasche, ließ einige Goldstücke hervorblinken +und verlangte dann eine halbe Drachme von dem Pulver. Der +Kaufmann wog so viel ab, wickelte es ein, übergab es Alaeddin +und forderte ein Goldstück dafür. Alaeddin händigte es ihm ein, +und ohne sich in der Stadt länger aufzuhalten, als nötig war,<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span> +um einige Nahrung zu sich zu nehmen, kehrte er nach seinem Palaste +zurück. Er brauchte an der geheimen Türe nicht lange zu +warten, sie wurde ihm sogleich geöffnet, und so ging er ins Gemach +der Prinzessin Bedrulbudur hinauf. »Geliebte,« sprach +er zu ihr, »da du so großen Widerwillen gegen deinen Entführer +hast, so wird es dir vielleicht schwer werden, den Rat zu +befolgen, den ich dir jetzt gebe. Bedenke aber, daß du dich notwendig +verstellen und dir einige Gewalt antun mußt, wenn du +dich von seinen Nachstellungen befreien und dem Sultan, deinem +Vater und meinem Herrn, die Freude machen willst, dich wieder +zu sehen. Befolge also meinen Rat, schmücke dich sogleich mit +deinen schönsten Kleidern, und wenn der afrikanische Zauberer +kommt, so empfange ihn aufs freundlichste. Du darfst dir aber +keinen Zwang und keine Befangenheit anmerken lassen, sondern +mußt ihm ein heiteres Gesicht zeigen. Im Gespräch gib ihm sodann +zu erkennen, daß du dir alle Mühe gebest, mich zu vergessen; +und um ihn vollkommen von deiner Aufrichtigkeit zu überzeugen, +lade ihn zum Abendessen ein und drücke den Wunsch aus, +den besten Wein seines Landes zu kosten. Er wird dann weggehen, +um dir welchen zu holen. Indes du nun den Schenktisch +in Bereitschaft setzen lässest, so schütte in einen der Becher, der +dem deinigen gleich ist, dies Pulver hier, stelle ihn sodann auf +die Seite und befiehl derjenigen von deinen Frauen, die das +Schenkamt versieht, sie soll ihn dir auf ein verabredetes Zeichen +voll Wein bringen und sich ja in acht nehmen, daß kein Irrtum +dabei vorgeht. Wenn dann der Zauberer zurückkommt, und ihr +beide bei Tische sitzet und nach Herzenslust gegessen und getrunken +habt, so laß den Becher mit dem Pulver bringen und +vertausche deinen Becher mit dem seinen. Er wird dies als eine +so hohe Gunst ansehen, daß er es nicht ablehnen, sondern den +Becher bis auf den Grund austrinken wird; kaum aber wird er +ihn geleert haben, so wirst du ihn rücklings hinsinken sehen. +Wenn es dich anekelt, aus seinem Becher zu trinken, so stelle dich +wenigstens, als ob du tränkest, und du hast dabei nichts zu befürchten; +denn das Pulver wird seine Wirkung schnell tun.«</p> + +<p>Darauf antwortete die Prinzessin: »Ich gestehe dir, daß es +mich Überwindung kostet, dem Zauberer auf diese Art entgegenzukommen. +Aber welcher Entschließung ist man nicht fähig<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span> +gegen einen so grausamen Feind! Ich werde also tun, wie du +mir rätst, da sowohl meine als deine Ruhe davon abhängt.« +Darauf verabschiedete sich Alaeddin von der Prinzessin, und +brachte den übrigen Teil des Tages in der Umgebung des +Palastes zu, um sich mit Anbruch der Nacht wieder bei der geheimen +Türe einzufinden. Sobald Alaeddin sich entfernt hatte, +setzte sie sich an ihren Putztisch, ließ sich durch ihre Frauen aufs +prächtigste schmücken und legte das reichste Kleid an. Ihr Gürtel +war von eitel Gold und mit den größten auserlesensten Diamanten +ausgelegt; um den Hals legte sie eine Schnur aus Perlen. +Die Armbänder, die mit Rubinen und Diamanten besetzt waren, +entsprachen aufs trefflichste dem Reichtum des Gürtels und der +Halsschnur.</p> + +<p>Als die Prinzessin Bedrulbudur vollständig angekleidet war, +setzte sie sich auf ihren Sofa und erwartete die Ankunft des +afrikanischen Zauberers.</p> + +<p>Sobald die Prinzessin ihn in den Saal mit den vierundzwanzig +Fenstern eintreten sah, stand sie mit allem Glanze ihrer +Schönheit und Reize auf, wies ihm mit der Hand den Ehrenplatz +an, den er einnehmen sollte, und setzte sich dann zugleich mit +ihm: eine ganz ausgezeichnete Artigkeit, die sie ihm bisher noch +nie erwiesen hatte.</p> + +<p>Den afrikanischen Zauberer blendete mehr der Glanz der +schönen Augen der Prinzessin, als die strahlenden Edelsteine. +Ihre majestätische Haltung und die anmutsvolle Verbindlichkeit, +mit der sie ihn empfing, während sie ihn bisher immer so +rauh zurückgewiesen hatte, machte einen solchen Eindruck auf +ihn, daß er kaum seiner Sinne mächtig war. Als er sich gesetzt +hatte, nahm die Prinzessin, um ihn aus seiner sichtlichen Verlegenheit +zu ziehen, das Wort und sprach zu ihm: »Du wirst +dich ohne Zweifel wundern, daß du mich heute ganz anders +findest, als bis jetzt, doch wirst du es erklären können, wenn ich +dir sage, daß meine ganze Gemütsart aller Traurigkeit, Schwermut, +Betrübnis und allen Sorgen zuwider ist, die ich immer +gern von mir abschüttle, sowie ich keine Ursache mehr dazu sehe. +Ich habe mir das, was du mir von Alaeddins Schicksal sagtest, +wohl überlegt, und da ich die Gemütsart meines Vaters recht +gut kenne, so bin ich mit dir überzeugt, daß er der schrecklichen<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span> +Wirkung seines Zornes unmöglich entgehen konnte. Wenn ich +nun auch darauf beharren wollte, mein ganzes Leben lang um +ihn zu weinen, so sehe ich doch, daß meine Tränen ihn nicht ins +Leben zurückrufen würden. Deshalb glaube ich, nachdem ich +ihm bis ins Grab alle Pflichten erwiesen habe, welche die Liebe +von mir forderte, so muß ich nunmehr auch alle Mittel versuchen, +mich zu trösten. Dies sind die Gründe meiner Veränderung. +Um nun sogleich jeden Anlaß zur Traurigkeit zu +entfernen, die ich ganz von mir zu bannen entschlossen bin, und +in der Hoffnung, daß du die Gefälligkeit haben werdest, mir Gesellschaft +zu leisten, habe ich eine Abendmahlzeit für uns bereiten +lassen. Da ich aber bloß chinesischen Wein habe und mich doch +in Afrika befinde, so hat mich die Lust angewandelt, den hierzulande +wachsenden zu kosten, und ich zweifle nicht, daß du den +besten herausfinden wirst, wenn es welchen hier gibt.«</p> + +<p>Der afrikanische Zauberer, der das Glück, so schnell und so +leicht die Gunst der Prinzessin Bedrulbudur zu gewinnen, für +eine Unmöglichkeit gehalten hatte, sagte, er könne kaum Worte +finden, um seinen Dank genugsam auszudrücken, und um dieses +Gespräch bald abzubrechen, lenkte er schnell auf den afrikanischen +Wein ein, dessen sie gedacht hatte, und sagte, unter allen Vorzügen, +deren sich Afrika rühmen könne, stehe sein trefflicher Wein +oben an, und der allerbeste wachse in dem Teil des Landes, wo +sie sich gegenwärtig befänden; er habe ein Faß, das schon sieben +Jahre gefüllt und noch nicht angestochen sei, und er glaube nicht +viel zu sagen, wenn er behaupte, daß dieser Wein an Güte +die vortrefflichsten Weine auf der ganzen Erde übertreffe. +»Wenn meine Prinzessin es mir erlauben will,« setzte er hinzu, +»so will ich zwei Flaschen davon holen und werde augenblicklich +wieder zurück sein.« – »Es sollte mir leid tun, wenn ich dir so +viele Mühe machte,« sagte die Prinzessin, »du könntest ja jemanden +hinschicken.« – »Nein,« antwortete der afrikanische +Zauberer, »ich muß notwendig selbst hingehen; niemand außer +mir weiß, wo der Schlüssel zu diesem Keller ist.« – »Wenn dem +so ist,« sagte die Prinzessin, »so gehe und komm bald zurück. +Sobald du zurückkommst, wollen wir uns zu Tische setzen.«</p> + +<p>Der afrikanische Zauberer, voller Hoffnung auf sein vermeintliches +Glück, lief nicht, sondern flog und kam sehr schnell zurück.<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span> +Inzwischen hatte die Prinzessin das Pulver, das ihr Alaeddin +gebracht, selbst in einen Becher geworfen. Sie setzten sich einander +gegenüber zu Tisch, so daß der Zauberer dem Schenktisch +den Rücken kehrte. Die Prinzessin legte ihm vom Besten +vor und sagte zu ihm: »Wenn du es verlangst, so will ich dir +Musik machen und singen lassen; da wir aber beide ganz allein +hier sind, so denke ich, es wird uns mehr Vergnügen machen, uns +miteinander zu unterhalten.« Der Zauberer betrachtete diese +Wahl der Prinzessin als eine neue Gunst.</p> + +<p>Nachdem sie einige Bissen gegessen hatten, verlangte die +Prinzessin zu trinken. Sie trank auf die Gesundheit des Zauberers +und sagte dann zu ihm: »Du hattest alles Recht, deinen +Wein zu loben; ich habe nie einen so köstlichen getrunken.« – +»Reizende Prinzessin,« antwortete er, indem er den Becher, der +ihm überreicht wurde, in der Hand hielt, »mein Wein erhält +durch deinen Beifall eine neue Güte.« – »Trink auf meine Gesundheit,« +erwiderte die Prinzessin, »so wirst du selbst finden, +daß ich mich darauf verstehe.« Er trank auf die Gesundheit der +Prinzessin, sah dann den Becher an und sagte: »Prinzessin, +ich schätze mich glücklich, daß ich dieses Faß für eine so gute Gelegenheit +aufgespart; ich gestehe selbst, daß ich in meinem ganzen +Leben noch keinen so vortrefflichen Wein getrunken habe.«</p> + +<p>Als sie noch weiter gegessen und noch dreimal getrunken hatten, +gab endlich die Prinzessin, die dem afrikanischen Zauberer durch +ihre Höflichkeit und ihr verbindliches Wesen vollends ganz den +Kopf verrückt hatte, der Frau, die das Schenkamt versah, das verabredete +Zeichen, und während man ihren Becher mit Wein +brachte, sagte sie, man solle auch den des afrikanischen Zauberers +vollschenken und ihm überreichen.</p> + +<p>Als nun beide den Becher in der Hand hatten, sprach sie: »Ich +weiß nicht, wie es bei euch zulande unter Liebenden, die miteinander +trinken, Sitte ist; bei uns in China wechseln die Geliebte +und der Liebhaber ihre Becher miteinander aus und +trinken so einander Gesundheit.« Mit diesen Worten überreichte +sie ihm den Becher, den sie in der Hand hielt, und streckte +ihre andere Hand aus, um den seinigen in Empfang zu nehmen.</p> + +<p>Der afrikanische Zauberer beeilte sich um so freudiger, diesen +Tausch vorzunehmen, da er dies als das sicherste Zeichen betrachtete,<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span> +das Herz der Prinzessin nun völlig erobert zu haben, +und er hielt sich für den glücklichsten aller Sterblichen. Ehe er +trank, sagte er, mit dem Becher in der Hand: »Prinzessin, wir +Afrikaner sind lange nicht so weit in der Kunst, die Liebe mit +allen möglichen Annehmlichkeiten zu würzen, wie die Chinesen, +und indem ich hier etwas lerne, was ich noch nicht wußte, fühle +ich zugleich, wie hoch ich diese Begünstigung zu schätzen habe. +Nie werde ich es vergessen, liebenswürdige Prinzessin, daß ich +aus deinem Becher getrunken und darin ein Leben gefunden habe, +auf das ich keine Hoffnung mehr gehabt hätte, wenn du noch +länger bei deiner Grausamkeit beharrt.«</p> + +<p>Prinzessin Bedrulbudur führte nun den Becher an den Mund, +berührte ihn aber nur mit den Lippen, indes der afrikanische +Zauberer sich sehr bemühte, es ihr zuvor zu tun, und den seinigen +ausleerte, ohne einen Tropfen darin zu lassen. Die Prinzessin +sah, daß seine Augen sich verdrehten und er ohne Bewußtsein +rücklings zusammensank.</p> + +<p>Nun kam Alaeddin herauf und trat in den Saal. Als er den +afrikanischen Zauberer auf dem Sofa ausgestreckt liegen sah, und +die Prinzessin Bedrulbudur ihm voll Freude und mit offenen +Armen entgegeneilte, hielt er sie zurück und sagte: »Es ist noch +nicht Zeit, Prinzessin; tu mir den Gefallen, begib dich auf dein +Zimmer und sorge dafür, daß man mich allein läßt, indes ich +meine Vorbereitungen treffe, die dich ebenso schnell nach China +wieder zurückbringen, wie du von da entfernt worden bist.«</p> + +<p>Sobald die Prinzessin mit ihren Frauen und Verschnittenen +aus dem Saale gegangen war, verschloß Alaeddin die Türe, +näherte sich dem Leichnam des afrikanischen Zauberers, öffnete +sein Kleid und zog die Lampe heraus. Er enthüllte sie und rieb +daran und alsbald erschien auch der Geist mit seinem gewöhnlichen +Gruß. »Geist,« sagte Alaeddin zu ihm, »ich habe dich +gerufen, um dir im Namen der Lampe, deiner guten Gebieterin, +die du hier siehst, zu befehlen, daß du diesen Palast wieder nach +China zurücktragen lässest, und zwar an denselben Ort und dieselbe +Stelle, von wo er weggenommen ist.« Der Geist gab durch +ein Kopfnicken zu verstehen, daß er gehorchen werde und verschwand. +Die Versetzung ging wirklich vor sich, und man spürte +sie nur an zwei sehr leichten Erschütterungen: die eine, als der<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span> +Palast von seiner Stelle in Afrika emporgehoben, und die andere, +als er in China gegenüber dem Palast des Sultans niedergelassen +wurde, was alles in wenigen Augenblicken geschehen war.</p> + +<p>Alaeddin ging nun ins Zimmer der Prinzessin hinab, umarmte +sie und sagte zu ihr: »Prinzessin, ich kann dich versichern, +daß deine und meine Freude morgen früh vollkommen sein wird.« +Da die Prinzessin ihre Abendmahlzeit noch nicht vollendet hatte +und Alaeddin zu essen verlangte, so ließ sie aus dem Saal mit +den vierundzwanzig Fenstern die Speisen, die dort aufgetragen, +aber kaum berührt worden waren, auf ihr Zimmer bringen. Die +Prinzessin und Alaeddin speisten zusammen und tranken von +dem guten alten Wein des afrikanischen Zauberers. Ich will +nichts von ihrer weiteren Unterhaltung sagen, die nur sehr vergnügt +sein konnte, und füge bloß hinzu, daß sie sich zuletzt miteinander +in ihr Schlafgemach begaben.</p> + +<p>Seit der Entführung des Palastes und der Prinzessin Bedrulbudur +war der Sultan, der Vater dieser Prinzessin, untröstlich, +weil er sie für immer verloren glaubte. Er konnte +weder bei Nacht noch bei Tag Ruhe finden, und statt alles zu vermeiden, +was seinem Kummer neue Nahrung geben konnte, suchte +er es im Gegenteil absichtlich auf. Während er zum Beispiel +vorher nur morgens nach dem offenen Erker seines Palastes +gegangen war, um seine Augen an dem angenehmen Anblick zu +weiden, dessen er nicht satt werden konnte, so ging er jetzt mehrere +Male des Tags hinauf, um seinen Tränen freien Lauf zu +lassen und sich immer tiefer in seine Betrübnis zu versenken +durch den Gedanken, daß er das, was ihm so wohlgefallen hatte, +nie wieder sehen werde, und das Liebste, das er auf der Welt +besessen, auf immer verloren habe. Auch an dem Morgen, als +Alaeddins Palast wieder an seinen alten Platz gebracht worden +war, hatte sich die Morgenröte kaum am Himmel gezeigt, als +der Sultan wieder in den Erker ging. Er war so in sich gekehrt +und so durchdrungen von seinem Schmerz, daß er seine +Augen traurig nach der Seite hinwendete, wo er nur den leeren +Raum und keinen Palast mehr zu erblicken vermeinte. Als er +nun auf einmal diese Leere ausgefüllt sah, hielt er es für einen +Nebel. Endlich aber, nachdem er es aufmerksamer betrachtet +hatte, erkannte er, daß es unzweifelhaft Alaeddins Palast war.<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span> +Freude und Fröhlichkeit bemächtigten sich jetzt seines Herzens +nach langem Kummer und Gram. Er kehrte eilig auf sein +Zimmer zurück und befahl, man solle ihm ein Pferd satteln und +vorführen. Er schwang sich hinauf, ritt fort und es war ihm, +als könne er nicht schnell genug bei Alaeddins Palast anlangen.</p> + +<p>Alaeddin, der dies vorausgesehen hatte, war mit Tagesanbruch +aufgestanden, hatte eines seiner prächtigsten Kleider angelegt +und sich sodann in den Saal mit den vierundzwanzig +Fenstern begeben, von wo aus er den Sultan kommen sah. Er +eilte hinab und kam noch gerade zur rechten Zeit, um ihn unten +an der Haupttreppe zu empfangen und ihm vom Pferd absteigen +zu helfen. »Alaeddin,« sprach der Sultan zu ihm, »ich +kann mit dir nicht sprechen, bevor ich meine Tochter gesehen und +umarmt habe.«</p> + +<p>Alaeddin führte den Sultan in das Zimmer der Prinzessin +Bedrulbudur, die eben mit ihrem Anzug fertig geworden war; +denn Alaeddin hatte sie beim Aufstehen erinnert, daß sie sich +nicht mehr in Afrika, sondern in China, in der Hauptstadt des +Sultans, ihres Vaters, und gegenüber seinem Palast befinde. +Der Sultan umarmte sie mehrere Male, während ihm die hellen +Freudentränen über die Wangen liefen, und die Prinzessin +ihrerseits bewies ihm auf alle mögliche Art, wie hocherfreut sie +sei, ihn wieder zu sehen.</p> + +<p>Endlich nahm der Sultan das Wort und sprach: »Geliebte +Tochter, ich will glauben, daß die Freude des Wiedersehens +dich in meinen Augen so munter und so wenig verändert erscheinen +läßt, wie wenn dir nichts Unangenehmes zugestoßen +wäre, und doch bin ich überzeugt, daß du sehr viel gelitten hast. +Ich wünsche nun, daß du mir erzählst, wie die Sache zuging, +und mir nichts verhehlest.«</p> + +<p>Die Prinzessin machte sich ein Vergnügen daraus, den +Wunsch ihres Vaters zu erfüllen.</p> + +<p>»Um es frei herauszusagen, mein ganzes Unglück bestand +darin, daß ich mich dir und meinem teuren Gemahl entrissen +sah. Was meine Entführung betrifft, so hat Alaeddin nicht den +mindesten Teil daran: ich selbst bin allein daran schuld, aber +auf eine höchst unschuldige Weise.« Um nun den Sultan von +der Wahrheit ihrer Worte zu überzeugen, erzählte sie ihm umständlich,<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span> +wie der afrikanische Zauberer sich in einen Lampenhändler +verkleidet habe, der alte Lampen gegen neue eintauschte, +und wie sie dann zur Kurzweil Alaeddins Lampe, deren geheime +Kraft und Wichtigkeit sie nicht gekannt, gegen eine neue eingetauscht, +worauf der Palast nebst ihr und den übrigen Bewohnern +in die Höhe gehoben und samt dem afrikanischen Zauberer +nach Afrika versetzt worden sei.</p> + +<p>Um sich vollends zu überzeugen, ging der Sultan hinauf, und +als er den afrikanischen Zauberer tot und im Gesicht ganz +schwarzblau von dem Gifte sah, umarmte er Alaeddin mit vieler +Zärtlichkeit und sagte zu ihm: »Mein Sohn, halte mir mein +Betragen gegen dich zugute; bloß meine Vaterliebe hat mich +dazu veranlaßt, und du mußt mir die Übereilung, zu der ich mich +hinreißen ließ, verzeihen.« – »Herr,« erwiderte Alaeddin, »ich +habe nicht die mindeste Ursache, mich über dich zu beklagen; du +hast nur getan, was du tun mußtest. Dieser schändliche Zauberer, +dieser Auswurf der Menschheit, war die einzige Ursache, +daß ich deine Gnade verlor. Wenn du einmal Muße haben +wirst, so werde ich dir von einer andern Bosheit erzählen, die +er mir angetan und die nicht minder schwarz ist, als seine letzte, +vor der mich Gottes ganz absonderliche Gnade behütet hat.« – +»Ich werde mir diese Muße ausdrücklich dazu nehmen,« antwortete +der Sultan, »und zwar recht bald. Jetzt aber laß uns +nur darauf denken, fröhlich zu sein, auch sorge, daß dieser verhaßte +Gegenstand fortgeschafft wird.«</p> + +<p>Alaeddin ließ den Leichnam des afrikanischen Zauberers wegbringen +und auf den Schindanger werfen, um dort den Vögeln +und Tieren zur Nahrung zu dienen. Der Sultan aber gab Befehl, +durch Trommeln, Pauken, Trompeten und andere Instrumente +das Zeichen zur allgemeinen öffentlichen Freude zu geben, +und ließ ein zehntägiges Freudenfest ankündigen, um die Rückkehr +der Prinzessin Bedrulbudur und Alaeddins zu feiern.</p> + +<p>So entging denn Alaeddin zum zweitenmal einer Todesgefahr, +der er beinahe erliegen mußte; allein es war noch nicht +die letzte, und er mußte noch eine dritte, gleich gefährliche Prüfung +bestehen.</p> + +<p>Der afrikanische Zauberer hatte noch einen jüngern Bruder, +der in der Zauberkunst nicht minder geschickt war, als er; ja man<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span> +kann sagen, daß er ihn an Bosheit und verderblichen Ränken +noch übertraf. Da sie nicht immer beisammen oder in derselben +Stadt lebten, und der eine sich manchmal im Osten befand, +während der andere im Westen war, so unterließen sie es nicht, +mit Hilfe der Punktierkunst alle Jahre einmal auszumitteln, +in welchem Teile der Welt jeder von ihnen lebe, wie er sich befinde +und ob er nicht die Hilfe des andern bedürfe.</p> + +<p>Kurze Zeit, nachdem der afrikanische Zauberer in der Unternehmung +gegen Alaeddins Glück den Tod gefunden hatte, wollte +sein jüngerer Bruder, der seit Jahr und Tag keine Nachrichten +von ihm hatte und sich nicht in Afrika, sondern in einem sehr entlegenen +Land aufhielt, erfahren, an welchem Ort der Erde er +lebe, wie er sich befinde und was er treibe. Er endeckte nun, daß +sein Bruder nicht mehr auf der Welt, daß er vergiftet worden +und plötzlich gestorben sei, daß dies in China an dem und dem +Orte geschehen, und endlich, daß der, welcher ihn vergiftet, ein +Mann von niedriger Abkunft sei, der eine Prinzessin des Sultans +geheiratet habe.</p> + +<p>Als der Zauberer das traurige Ende seines Bruders erfahren +hatte, verlor er keine Zeit mit nutzlosem Jammern, sondern beschloß +augenblicklich, seinen Tod zu rächen, stieg zu Pferde und +begab sich auf den Weg nach China. Er mußte über Ebenen, +Flüsse, Berge, Einöden, und nach langer Reise kam er endlich +unter unglaublichen Beschwerden nach China und bald darauf +in die Hauptstadt.</p> + +<p>Den Tag nach seiner Ankunft ging der Zauberer aus und spazierte +in der Stadt herum. An einem der Orte, wo man sich mit +allerlei Arten von Spielen die Zeit vertrieb, und wo, während +die einen spielten, die andern sich von den Neuigkeiten des Tages +oder auch von ihren eigenen Geschichten unterhielten, hörte er +gar merkwürdige Dinge erzählen von der Tugend und Frömmigkeit, +ja selbst von den Wundertaten einer von der Welt abgeschiedenen +Frau, namens Fatime. Da er nun glaubte, diese +Frau könne ihm bei seinem Vorhaben vielleicht in irgend etwas +behilflich sein, nahm er einen von der Gesellschaft beiseite und +bat ihn um nähere Auskunft über die heilige Frau und über die +Art von Wundern, die sie verrichte.</p> + +<p>»Wie!« sagte der Angeredete zu ihm, »du hast diese Frau noch<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span> +nie gesehen und auch nicht von ihr sprechen gehört? Sie ist durch +ihr Fasten, ihre strenge Lebensweise und das Beispiel, das sie +gibt, Gegenstand der allgemeinen Bewunderung in der ganzen +Stadt. Außer Montags und Freitags geht sie nie aus ihrer +kleinen Einsiedelei heraus, und an den Tagen, wo sie sich in der +Stadt sehen läßt, tut sie unendlich viel Gutes, auch heilt sie +jeden, der mit Kopfschmerzen behaftet ist, durch Auflegung ihrer +Hände.« Der Zauberer verlangte über diesen Punkt nichts mehr +zu wissen, sondern fragte nur noch, in welchem Teile der Stadt +die Einsiedelei der heiligen Frau wäre. Der Mann beschrieb +ihm genau die Stelle.</p> + +<p>Gegen Mitternacht ging der Zauberer geraden Wegs nach +der Einsiedelei Fatimes, der heiligen Frau; denn unter diesem +Namen war sie in der ganzen Stadt bekannt. Er öffnete ohne +Mühe die mit einer bloßen Klinke verschlossene Tür, trat hinein +und machte die Türe ganz leise wieder zu; drinnen erblickte er +bei hellem Mondschein Fatime, die an freier Luft auf einem mit +einer schlechten Matte überdeckten Sofa schlief und gegen ihre +Zelle hingelehnt dalag. Er näherte sich ihr, zog einen Dolch, +den er an seiner Seite trug, und weckte sie.</p> + +<p>Als die arme Fatime die Augen aufschlug, erschrak sie über +die Maßen beim Anblick eines Mannes, der im Begriff war, sie +zu erdolchen. Er setzte ihr den Dolch auf die Brust, machte +Miene zuzustoßen und sagte: »Wenn du schreist oder nur das +mindeste Geräusch machst, so bist du des Todes; steh aber jetzt +auf und tue, was ich dir sagen werde.«</p> + +<p>Fatime, die sich in ihren Kleidern niedergelegt hatte, stand +zitternd und bebend auf. »Fürchte dich nicht,« sagte der Zauberer +zu ihr, »ich verlange bloß dein Kleid, gib es mir und nimm +dafür das meinige.« Sie vertauschten ihre Kleider, und nachdem +der Zauberer das Kleid Fatimens angezogen hatte, sagte er zu +ihr: »Jetzt färbe mir das Gesicht gleich dem deinigen, und zwar +so, daß ich dir ähnlich sehe und die Farbe sich nicht verwischt.« +Da er sah, daß sie noch immer zitterte, sagte er, um sie zu beruhigen, +und damit sie mit um so größerer Zuversicht seinen +Wunsch erfüllen möchte, abermals zu ihr: »Fürchte dich nicht; +ich schwöre dir bei dem Namen Gottes, daß ich dir das Leben +lasse.« Fatime hieß ihn in ihre Zelle treten, zündete ihre Lampe<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span> +an, nahm einen Pinsel und einen gewissen Saft, den sie in einem +Gefäße stehen hatte, rieb ihm damit das Gesicht ein und versicherte +ihm dann, die Farbe werde nicht ausgehen und sein Gesicht +sei jetzt durchaus ganz wie das ihrige. Hierauf setzte sie +ihm ihre eigene Kopfbekleidung aufs Haupt nebst ihrem Schleier +und zeigte ihm, wie er sich auf seinem Gang durch die Stadt +das Gesicht damit verhüllen müsse. Endlich, nachdem sie ihm +noch einen großen Rosenkranz, der ihm vorne bis auf den Gürtel +herabhing, um den Hals geschlungen, gab sie ihm denselben +Stab, den sie gewöhnlich trug, in die Hand, hielt ihm dann einen +Spiegel vor und sagte zu ihm: »Da blicke einmal hinein und du +wirst sehen, daß du mir gleichst, wie ein Ei dem andern.« Der +Zauberer fand alles nach Wunsch, hielt aber der guten Fatime +den Schwur nicht, den er ihr so feierlich geleistet hatte. Damit +man keine Blutspuren sehen möchte, wenn er sie erstäche, so erwürgte +er sie, und als er sah, daß sie den Geist aufgegeben hatte, +schleppte er ihren Leichnam an den Füßen zum Wasserbehälter +der Einsiedelei und warf ihn da hinein.</p> + +<p>Nach Vollführung dieser verruchten Mordtat brachte der als +heilige Fatime verkleidete Zauberer den Rest der Nacht in der +Einsiedelei zu. Am andern Morgen ging er, obgleich dies kein +gewöhnlicher Ausgangstag für die heilige Frau war, dennoch +aus, denn er glaubte, es würde ihn niemand darum fragen, und +wenn man ihn fragte, so würde er schon zu antworten wissen. +Da er sich bei seiner Ankunft vor allen Dingen nach Alaeddins +Palast erkundigt hatte, und da er dort seine Rolle spielen wollte, +so nahm er sogleich seinen Weg dahin.</p> + +<p>Jedermann hielt ihn für die heilige Frau, und so wurde er +bald von einer großen Menschenmasse umringt. Einige empfahlen +sich seinem Gebet, andere küßten ihm die Hand, andere, +die noch ehrerbietiger waren, küßten bloß den Saum seines +Kleides, und noch andere, die entweder wirklich Kopfweh hatten, +oder sich nur dagegen verwahren wollten, neigten sich vor ihm, +damit er ihnen die Hände auflegen möchte, was er auch tat, +indem er einige gebetähnliche Worte murmelte; kurz, er ahmte +die heilige Frau so gut nach, daß jedermann ihn dafür ansah. +Nachdem er mehrere Male unterwegs stehen geblieben war, um +solche Leute zu befriedigen, die von dieser Art Händeauflegung<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span> +weder einen Nutzen noch einen Schaden hatten, kam er endlich +auf den Platz vor Alaeddins Palast, wo sich noch mehr Volk +versammelt hatte, so daß es große Mühe kostete, sich ihm zu +nähern. Die Stärksten und Eifrigsten drängten sich mit Gewalt +durch das Gewühl, und darüber erhoben sich Klagen und +ein solches Geschrei, daß man es in dem Saal mit den vierundzwanzig +Fenstern, wo die Prinzessin Bedrulbudur war, hören +konnte.</p> + +<p>Die Prinzessin fragte, was der Lärm bedeuten sollte, und da +es ihr niemand sagen konnte, befahl sie nachzusehen und ihr Bericht +abzustatten. Eine ihrer Frauen sah, ohne den Saal zu +verlassen, durch ein Fenster und meldete ihr sodann, der Lärm +komme von der Volksmenge her, die die heilige Frau umgebe, +um sich durch ihr Handauflegen das Kopfweh vertreiben zu +lassen.</p> + +<p>Die Prinzessin, die schon lange Zeit viel Gutes von der +heiligen Frau gehört, sie aber noch nicht gesehen hatte, wurde +neugierig, ihre Bekanntschaft zu machen und mit ihr zu sprechen. +Sobald sie etwas davon verlauten ließ, sagte der Obere der Verschnittenen, +wenn sie es wünsche, so wolle er sie heraufkommen +lassen. Die Prinzessin genehmigte es und er fertigte sogleich +vier Verschnittene ab mit dem Befehl, die angebliche heilige +Frau heraufzubringen.</p> + +<p>Sobald die Verschnittenen zum Tore von Alaeddins Palast +herauskamen und auf den afrikanischen Zauberer zugingen, so +wich die Menge auseinander, und als dieser sich nun frei und +die Verschnittenen auf sich zukommen sah, so ging er ihnen mit +um so größerer Freude entgegen, da sein Schelmstück ihm einen +guten Anfang zu nehmen schien. Einer von den Verschnittenen +nahm das Wort und sagte: »Heilige Frau, die Prinzessin +wünscht dich zu sprechen; komm und folge uns.« – »Die Prinzessin +erzeigt mir viele Ehre,« antwortete die angebliche Fatime; +»ich bin bereit, ihr zu gehorchen.« Mit diesen Worten folgte +er den Verschnittenen.</p> + +<p>Als der Zauberer, der unter dem heiligen Kleide ein teuflisches +Herz verbarg, in den Saal mit den vierundzwanzig Fenstern +eintrat und die Prinzessin bemerkte, begann er mit einem +Gebet, das eine lange Reihe von Wünschen für ihr Wohlbefinden,<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span> +ihr Glück und die Erfüllung alles dessen, was sie nur +begehren könnte, enthielt. Hierauf entfaltete er all seine trügerische +und heuchlerische Beredsamkeit, um sich unter dem Mantel +großer Frömmigkeit ins Herz der Prinzessin einzuschleichen, +was ihm auch um so leichter gelang, als die Prinzessin in ihrer +natürlichen Gutherzigkeit die Überzeugung hatte, alle Leute +müßten ebenso gut sein, wie sie, besonders aber diejenigen +Männer und Frauen, die es sich zur Pflicht machten, Gott in +der Einsamkeit zu dienen.</p> + +<p>Als die falsche Fatime ihre lange Anrede vollendet hatte, +sagte die Prinzessin zu ihr: »Meine gute Mutter, ich danke dir +für deine schönen Gebete, ich habe großes Vertrauen darauf und +hoffe, daß Gott sie erhören wird. Komm näher und setze dich +zu mir.« Die falsche Fatime setzte sich mit heuchlerischer Bescheidenheit. +Hierauf nahm die Prinzessin wieder das Wort +und sagte: »Meine gute Mutter, ich bitte dich um etwas, das +du mir bewilligen mußt und nicht abschlagen darfst, nämlich +darum, daß du bei mir bleibst, mir die Geschichte deines Lebens +erzählst und mich durch deine guten Beispiele lehrst, wie ich +Gott dienen soll.«</p> + +<p>»Prinzessin,« sagte hierauf die angebliche Fatime, »ich bitte +dich, verlange nichts von mir, worin ich nicht willigen kann, +ohne mich ganz zu zerstreuen und von meinen Gebeten und +frommen Übungen abzukommen.« – »Das darf dich nicht beunruhigen,« +erwiderte die Prinzessin, »ich habe mehrere Zimmer, +die nicht bewohnt sind, wähle dir eins daraus, welches dir am +besten zusagt, dann kannst du deine Übungen ebenso ruhig verrichten, +wie in deiner Einsiedelei.«</p> + +<p>Der Zauberer, der keinen andern Zweck hatte, als in Alaeddins +Palast zu gelangen, wo es ihm viel leichter sein mußte, +sein Schelmstück auszuführen, als wenn er immer von der Einsiedelei +in den Palast und von da wieder zurück hätte hin und +her gehen müssen, machte jetzt keine großen Einwendungen mehr +gegen das verbindliche Anerbieten der Prinzessin und nahm es an. +»Prinzessin,« sagte er zu ihr, »so fest auch der Entschluß einer armen +und elenden Frau, wie ich, sein muß, der Welt und ihrer Pracht +zu entsagen, so wage ich es doch nicht, dem Willen und Befehl einer +so frommen und mildtätigen Prinzessin zu widerstreben.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>Er folgte der Prinzessin Bedrulbudur und wählte unter ihren +Zimmern dasjenige, welches am wenigsten schön war, indem er +mit heuchlerischem Tone sagte: es sei noch viel zu gut für ihn +und er wähle es bloß der Prinzessin zu Gefallen.</p> + +<p>Die Prinzessin wollte den Schurken in den Saal mit den +vierundzwanzig Fenstern zurückführen, damit er bei ihr zu Mittag +speisen sollte. Da er aber beim Essen sein bis jetzt immer noch +verschleiertes Gesicht hätte enthüllen müssen und fürchtete, die +Prinzessin möchte den Betrug durchschauen, so bat er sie, ihm +zu erlauben, seine kleine Mahlzeit auf seinem Zimmer zu sich +zu nehmen.</p> + +<p>Die Prinzessin speiste zu Mittag und die falsche Fatime unterließ +nicht, sich wieder bei ihr zu melden, sobald sie ihr durch +einen Verschnittenen hatte sagen lassen, daß sie von der Tafel +aufgestanden sei. »Meine gute Mutter,« sagte die Prinzessin +zu ihr, »ich bin hoch erfreut, eine heilige Frau, wie dich, zu besitzen, +die diesem Palaste Segen bringen wird. Ei, wie gefällt +dir denn der Palast? Ehe ich dir aber Zimmer für Zimmer +zeige, so sage vor allem, was hältst du von diesem Saale?«</p> + +<p>Die falsche Fatime, die um ihre Rolle besser spielen zu können, +bisher immer mit gesenkten Augen dagestanden war und ihren +Kopf weder rechts noch links hingewendet hatte, hob ihn endlich +bei dieser Frage empor, durchmusterte den Saal von einem Ende +zum andern, und als sie ihn genugsam betrachtet hatte, sagte sie: +»Prinzessin, dieser Saal ist wahrhaft bewunderungswürdig und +ausgezeichnet schön. Indes scheint es mir, so viel eine Einsiedlerin +beurteilen kann, daß eine einzige Sache daran fehle.« – +»Und was denn, meine gute Mutter?« fragte die Prinzessin Bedrulbudur; +»ich beschwöre dich, sage es mir. Ich für meinen +Teil habe immer geglaubt und auch sagen hören, daß er in allem +vollkommen sei. Wenn aber etwas daran fehlt, so will ich +diesem Mangel abhelfen lassen.«</p> + +<p>»Prinzessin,« erwiderte die falsche Fatime mit vieler Verstellung, +»verzeih, daß ich mir so viel Freiheit herausnehme. +Meine Meinung, wenn dir etwas daran liegen könnte, ist nämlich, +daß wenn oben von der Mitte dieser Kuppel ein Rochei herabhinge, +dieser Saal in allen vier Teilen der Welt seinesgleichen nicht +haben und der Palast ein Wunder der Welt sein würde.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>»Meine gute Mutter,« fragte die Prinzessin, »was für ein +Vogel ist denn der Roch, und woher könnte man wohl ein Ei +von ihm bekommen?« – »Prinzessin,« antwortete die falsche +Fatime, »es ist dies ein Vogel von bewundernswürdiger Größe, +der auf der höchsten Spitze des Berges Kaukasus wohnt; der +Baumeister dieses Palastes wird dir schon ein solches Ei verschaffen.«</p> + +<p>Die Prinzessin Bedrulbudur dankte der falschen Fatime für +ihren Rat, und unterhielt sich mit ihr noch über eine Menge +anderer Gegenstände; doch vergaß sie das Rochei nicht, und +nahm sich vor, mit Alaeddin darüber zu sprechen, sobald er von +der Jagd zurückgekehrt sein würde. Er war nämlich seit sechs +Tagen fort und der Zauberer, der dies recht gut wußte, hatte +seine Abwesenheit benützen wollen. Alaeddin kam noch an demselben +Tage abends zurück, als die falsche Fatime sich soeben von +der Prinzessin verabschiedet und auf ihr Zimmer begeben hatte. +Er ging sogleich ins Zimmer der Prinzessin, die soeben dahin +zurückgekehrt war, begrüßte und umarmte sie; allein es schien +ihm, als ob sie ihn etwas kalt empfinge. »Teure Prinzessin,« +sagte er zu ihr, »ich finde dich nicht so heiter, wie sonst. Ist in +meiner Abwesenheit etwas vorgekommen, das dir mißfallen und +Verdruß oder Mißvergnügen verursacht hätte? Ich beschwöre +dich bei Gott, verhehle es mir nicht, denn ich werde alles aufbieten, +deinen Wunsch zu erfüllen, wenn es in meiner Macht +steht.« – »Es ist bloß eine Kleinigkeit,« antwortete die Prinzessin, +»und die Sache kümmert mich so wenig, daß es mir unbegreiflich +ist, wie du es meinem Gesichte hast anmerken können. +Da du es jedoch wider mein Erwarten wahrgenommen hast, so +will ich dir die Ursache mitteilen, obgleich sie nicht von Bedeutung +ist.«</p> + +<p>»Ich hatte,« fuhr die Prinzessin Bedrulbudur fort, »wie du +auch, bisher immer geglaubt, unser Palast sei der herrlichste, +prachtvollste und vollkommenste auf der ganzen Welt. Doch +muß ich dir jetzt sagen, was für ein Gedanke mir bei genauer +Besichtigung des Saales mit den vierundzwanzig Fenstern gekommen +ist. Meinst du nicht auch, daß nichts zu wünschen +übrig bleiben würde, wenn mitten im Kuppelgewölbe ein Rochei +hinge?« – »Prinzessin,« antwortete Alaeddin, »sobald du findest,<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span> +daß noch ein Rochei daran fehlt, so finde ich diesen Fehler +auch, und aus dem Eifer, womit ich diesem Mangel abhelfen +werde, sollst du dich überzeugen, daß es nichts gibt, was ich nicht +dir zuliebe tun würde.«</p> + +<p>Alaeddin verließ augenblicklich die Prinzessin Bedrulbudur, +ging in den Saal mit den vierundzwanzig Fenstern, zog die +Lampe, die er nun überall, wo er ging und stand, bei sich trug, +aus seinem Busen hervor und rieb sie. Sogleich erschien auch +der Geist. »Geist,« sprach Alaeddin zu ihm, »es fehlt dieser +Kuppel noch ein Rochei, das mitten in ihrer Vertiefung hängen +muß: ich befehle dir nun im Namen der Lampe, daß du diesem +Mangel abhilfst.«</p> + +<p>Kaum hatte Alaeddin diese Worte ausgesprochen, als der Geist +ein so lautes und entsetzliches Geschrei erhob, daß der Saal +davon erbebte und auch Alaeddin taumelte, so daß er beinahe +zu Boden stürzte. »Wie, Elender!« sagte der Geist in einem +Tone zu ihm, der auch dem unerschrockensten Manne Furcht +eingeflößt haben würde, »ist es dir nicht genug, daß meine Gefährten +und ich dir zuliebe alles getan haben? Mußt du auch +noch mit einer Undankbarkeit, die ihresgleichen nicht hat, befehlen, +daß ich dir meinen Meister bringen und mitten in diesem +Kuppelgewölbe aufhängen soll? Dieser Frevel verdiente, daß +du samt deiner Frau und deinem Palaste auf der Stelle in +Staub und Asche verwandelt würdest. Zu deinem Glück bist +du jedoch nicht selbst auf diesen Gedanken gekommen, und der +Wunsch geht nicht unmittelbar von dir aus. Du mußt nämlich +wissen, daß er von dem Bruder des afrikanischen Zauberers, +deines Feindes, herkommt, den du vertilgt hast, wie er verdiente. +Er befindet sich in deinem Palast im Anzug der heiligen Frau +Fatime, die er ermordet, und er hat deiner Frau das verderbliche +Verlangen eingegeben, das du gegen mich geäußert hast. +Seine Absicht ist, dich umzubringen, sei daher wohl auf deiner +Hut.« Mit diesen Worten verschwand er.</p> + +<p>Alaeddin verlor keines von den letzten Worten des Geistes. +Er hatte von der heiligen Frau Fatime sagen gehört und wußte +recht gut, wie sie dem allgemeinen Glauben zufolge das Kopfweh +heilte. Er ging nun aufs Zimmer der Prinzessin zurück, +und ohne ein Wort von dem zu sprechen, was ihm soeben begegnet<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span> +war, setzte er sich nieder, stützte seine Stirne auf die Hand +und sagte, es habe ihn plötzlich ein heftiges Kopfweh befallen. +Die Prinzessin befahl sogleich, die heilige Frau zu rufen, und +während sie geholt wurde, erzählte sie Alaeddin, wie sie in den +Palast gekommen sei und wie sie ihr darin ein Zimmer eingeräumt +habe.</p> + +<p>Die falsche Fatime kam, und sobald sie da war, sagte Alaeddin +zu ihr: »Komm her, meine gute Mutter, es freut mich, +dich zu sehen, du bist gerade zu meinem Glücke hierhergekommen. +Ich bin soeben von einem abscheulichen Kopfweh überfallen +worden, und im Vertrauen auf deine Gebete bitte ich dich um +Hilfe, denn ich hoffe, daß die Wohltat, die du schon so vielen mit +dieser Krankheit Behafteten erwiesen hast, auch mir nicht abschlagen +werdest.« Mit diesen Worten stand er auf und bückte +den Kopf; die falsche Fatime näherte sich ihm, indem sie zugleich +mit der Hand nach einem Dolche griff, den sie unter ihrem +Kleide am Gürtel stecken hatte. Alaeddin aber, der sie genau +beobachtete, fiel ihr in die Hand, noch ehe sie vom Leder gezogen +hatte, und durchbohrte sie mit seinem Dolche, so daß sie +tot auf dem Fußboden zusammenstürzte.</p> + +<p>»Mein teurer Gemahl, was hast du getan?« rief die Prinzessin +voll Angst, »du hast die heilige Frau getötet!« – »Nein, +geliebte Prinzessin,« antwortete Alaeddin mit großer Ruhe; +»ich habe nicht Fatime getötet, sondern einen Schurken, der mich +ermordet hätte, wenn ich ihm nicht zuvorgekommen wäre. Dieser +Bösewicht, den du hier siehst,« fuhr er fort, indem er ihn enthüllte, +»hat die wahre Fatime erwürgt und sich in ihre Kleider +gesteckt, um mich zu erdolchen; mit einem Wort, er war der +Bruder des afrikanischen Zauberers, deines Räubers.« Alaeddin +erzählte ihr hierauf, auf welche Art er diese Umstände erfahren +hatte, und ließ sodann den Leichnam wegschaffen.</p> + +<p>Auf diese Art wurde also Alaeddin von der Verfolgung der +beiden verbrüderten Zauberer befreit. Wenige Jahre darauf +starb der Sultan in hohem Alter. Da er keine männlichen Nachkommen +hinterließ, so folgte ihm die Prinzessin Bedrulbudur +als gesetzmäßige Erbin auf dem Throne nach und teilte ihre +Herrschaft mit Alaeddin. Sie regierten miteinander viele Jahre +und hinterließen eine berühmte Nachkommenschaft.</p> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>[Illustration]</p> --> + +<div class="figcenter"> +<a href="images/alaeddin_125.jpg"><img src="images/alaeddin_125_th.jpg" alt="" title="" /></a> +</div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +</div> + +<p class="printer"><!-- <span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span> --><em class="gesperrt">Druck von F. Bruckmann A.G. in München</em></p> + +<div class="figcenter"> +<a href="images/alaeddin_bowl.jpg"><img src="images/alaeddin_bowl_th.jpg" alt="" title="" /></a> +</div> + + +<div class="note"> +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Die nachfolgende Tabelle enthält eine +Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_17">S. 017</a>: [Anführungszeichen ergänzt] wenn du ihn nicht gesehen hättest.«</li> +<li><a href="#Page_18">S. 018</a>: »Du hast gesehen, »fuhr der Zauberer fort → »Du hast gesehen,«</li> +<li><a href="#Page_45">S. 045</a>: so muße er sich doch mit → mußte</li> +<li><a href="#Page_59">S. 059</a>: aber die schechte Behandlung → schlechte</li> +<li><a href="#Page_70">S. 070</a>: die Prinzessin Bedrulbudur zu heiraten.« → heiraten?«</li> +<li><a href="#Page_70">S. 070</a>: [Komma entfernt] ungeheuren Bedingungen, die mindeste</li> +<li><a href="#Page_72">S. 072</a>: zwanzig Sklaven herbeischafft → herbeischaffst</li> +<li><a href="#Page_87">S. 087</a>: Ich besitze welche.« sagte der Sultan → welche,« sagte</li> +</ul> +</div> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Transcriber’s Notes:</strong> The table below lists all corrections applied to the +original text.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_17">p. 017</a>: [added quotes] wenn du ihn nicht gesehen hättest.«</li> +<li><a href="#Page_18">p. 018</a>: »Du hast gesehen, »fuhr der Zauberer fort → »Du hast gesehen,«</li> +<li><a href="#Page_45">p. 045</a>: so muße er sich doch mit → mußte</li> +<li><a href="#Page_59">p. 059</a>: aber die schechte Behandlung → schlechte</li> +<li><a href="#Page_70">p. 070</a>: die Prinzessin Bedrulbudur zu heiraten.« → heiraten?«</li> +<li><a href="#Page_70">p. 070</a>: [removed comma] ungeheuren Bedingungen, die mindeste</li> +<li><a href="#Page_72">p. 072</a>: zwanzig Sklaven herbeischafft → herbeischaffst</li> +<li><a href="#Page_87">p. 087</a>: Ich besitze welche.« sagte der Sultan → welche,« sagte</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Alaeddin und die Wunderlampe, by Kurt Moreck + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALAEDDIN UND DIE WUNDERLAMPE *** + +***** This file should be named 22413-h.htm or 22413-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/2/4/1/22413/ + +Produced by Markus Brenner, Irma Špehar and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/22413-h/images/alaeddin_003.jpg b/22413-h/images/alaeddin_003.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ed430c1 --- /dev/null +++ b/22413-h/images/alaeddin_003.jpg diff --git a/22413-h/images/alaeddin_003_th.jpg b/22413-h/images/alaeddin_003_th.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..40fdbe7 --- /dev/null +++ b/22413-h/images/alaeddin_003_th.jpg diff --git a/22413-h/images/alaeddin_014.jpg b/22413-h/images/alaeddin_014.jpg Binary files differnew file mode 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