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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:49:18 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Alaeddin und die Wunderlampe + aus Tausend und eine Nacht + +Author: Kurt Moreck + +Illustrator: Ferdinand Staeger + +Release Date: August 26, 2007 [EBook #22413] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALAEDDIN UND DIE WUNDERLAMPE *** + + + + +Produced by Markus Brenner, Irma Špehar and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +1001 Nacht + +Alaeddin und die Wunderlampe + + + +Von diesem Werk erschien eine +numerierte Vorzugsausgabe in +250 numerierten Exemplaren auf +imitiert Japanpapier mit einer +Original-Radierung, die auf +echt Japan hergestellt ist + +[Illustration] + + +Alaeddin +und die Wunderlampe + +Aus +Tausend und eine Nacht + +mit 11 Vollbildern +u. der Buchausstattung +von F. Staeger. +Hugo Schmidt Verlag +München + + + +_Textrevision besorgte Kurt Moreck_ + +_Copyright 1919 by Hugo Schmidt Verlag, München_ +Alle Rechte, insbesondere das an den Abbildungen, vorbehalten +HUGO SCHMIDT VERLAG + + + + +Alaeddin und die Wunderlampe + + +Mustafa war der Name eines Schneiders, der in einer sehr reichen und +großen Hauptstadt Chinas lebte. Dieser Mustafa war sehr arm, und seine +Arbeit warf kaum so viel ab, daß er, seine Frau und ein Sohn davon leben +konnten. + +Die Erziehung dieses Sohnes, welcher Alaeddin hieß, war sehr +vernachlässigt worden, so daß er allerhand lasterhafte Neigungen +angenommen hatte. Er war boshaft, halsstarrig und ungehorsam gegen Vater +und Mutter. Kaum war er ein wenig herangewachsen, so konnten ihn seine +Eltern nicht mehr im Hause zurückhalten. Er ging schon am frühen Morgen +aus und tat den ganzen Tag nichts, als auf den Straßen und öffentlichen +Plätzen mit kleinen Tagdieben spielen. + +Als er ein Handwerk erlernen sollte, nahm ihn sein Vater in seine Bude +und fing an, ihn in der Handhabung der Nadel zu unterrichten. Allein +weder gute Worte noch Drohungen vermochten den flatterhaften Sinn des +Sohnes zu fesseln. Kaum hatte Mustafa ihm den Rücken gekehrt, so +entwischte Alaeddin und ließ sich den ganzen Tag nicht wieder sehen. Der +Vater züchtigte ihn, aber Alaeddin war unverbesserlich, und Mustafa +mußte ihn mit großem Bedauern zuletzt seinem liederlichen Leben +überlassen. Dies verursachte ihm großes Herzeleid, und der Kummer zog +ihm eine hartnäckige Krankheit zu, an der er nach einigen Monaten starb. + +Alaeddins Mutter machte darauf alles zu Geld, um davon, und von dem +Wenigen, was sie mit Baumwollespinnen erwarb, mit ihrem Sohne leben zu +können. + +Alaeddin, der jetzt nicht mehr durch die Furcht vor seinem Vater in +Schranken gehalten wurde, bekümmerte sich nicht um seine Mutter. Er +suchte noch mehr als zuvor junge Leute von seinem Alter auf und spielte +mit ihnen unaufhörlich noch leidenschaftlicher als bisher. Diesen +Lebenswandel setzte er bis in sein fünfzehntes Jahr fort. + +Eines Tags, als er nach seiner Gewohnheit mit einem Haufen Gassenjungen +auf einem freien Platze spielte, ging ein Fremder vorüber, der stehen +blieb und ihn ansah. Dieser Fremde war ein berühmter Zauberer, und die +Geschichtschreiber, welche uns diese Erzählung aufbewahrt haben, nennen +ihn den afrikanischen Zauberer. Wir wollen ihn gleichfalls mit diesem +Namen bezeichnen, um so mehr, da er wirklich aus Afrika stammte und erst +seit zwei Tagen angekommen war. + +Sei es nun, daß der afrikanische Zauberer, der sich auf Physiognomien +verstand, in Alaeddins Gesicht alles bemerkte, was zur Ausführung des +Planes, der ihn hierhergeführt, notwendig war, oder mochte er einen +andern Grund haben, genug, er erkundigte sich, ohne daß es jemandem +auffiel, nach seiner Familie, seinem Stande und seinen Neigungen. Als er +von allem, was er wünschte, gehörig unterrichtet war, ging er auf den +jungen Menschen zu, nahm ihn einige Schritte von seinen Kameraden +beiseite und fragte ihn: »Mein Sohn, ist dein Vater nicht der Schneider +Mustafa?« -- »Ja, lieber Herr,« antwortete Alaeddin, »aber er ist schon +lange tot.« + +Bei diesen Worten fiel der afrikanische Zauberer Alaeddin um den Hals, +umarmte ihn und küßte ihn zu wiederholten Malen mit Tränen in den Augen +und seufzend. Alaeddin bemerkte diese Tränen und fragte, warum er weine. +»Ach, mein Sohn!« rief der afrikanische Zauberer, »wie könnte ich mich +da enthalten! Ich bin dein Oheim und dein Vater war mein geliebter +Bruder. Schon mehrere Jahre bin ich auf der Reise, und in dem +Augenblick, da ich hier anlange, voll Hoffnung, ihn wiederzusehen und +durch meine Rückkehr zu erfreuen, sagst du mir, daß er tot ist!« + +Er fragte hierauf Alaeddin, indem er seinen Beutel herauszog, wo seine +Mutter wohne. Alaeddin erteilte ihm sogleich Auskunft und der +afrikanische Zauberer gab ihm eine Hand voll kleines Geld mit den +Worten: »Mein Sohn, gehe schnell zu deiner Mutter, grüße sie von mir und +sage ihr, daß ich, wofern es meine Zeit erlaubt, sie morgen besuchen +werde, um mir zum Trost den Ort zu sehen, wo mein lieber Bruder so lange +gelebt und seine Tage beschlossen hat.« + +Sobald der afrikanische Zauberer den Neffen, den er sich soeben selbst +geschaffen, verlassen hatte, lief Alaeddin voll Freude zu seiner Mutter. +»Mütterchen,« sagte er, »ich bitte dich, sage mir, ob ich einen Oheim +habe.« -- »Nein, mein Sohn,« antwortete die Mutter, »du hast keinen +Oheim, weder von seiten deines seligen Vaters noch von der meinigen.« -- +»Und doch,« fuhr Alaeddin fort, »habe ich soeben einen Mann gesehen, der +sich für meinen Oheim von väterlicher Seite ausgab und versicherte, daß +er der Bruder meines Vaters sei. Er hat sogar geweint und mich umarmt, +als ich ihm sagte, daß mein Vater tot wäre. Zum Beweis, daß ich die +Wahrheit sage, sieh, was er mir geschenkt hat. Er hat mir überdies +aufgegeben, dich in seinem Namen zu grüßen und dir zu sagen, daß er dir +morgen seine Aufwartung machen wird, um das Haus zu sehen, wo mein Vater +gelebt hat und gestorben ist.« + +»Mein Sohn,« antwortete die Mutter, »es ist wahr, dein Vater hatte einen +Bruder; aber er ist schon lange tot und ich habe ihn nie sagen gehört, +daß er noch einen andern hätte.« + +Damit wurde das Gespräch über den afrikanischen Zauberer abgebrochen. + +Den andern Tag näherte sich dieser zum zweitenmal Alaeddin, als er auf +einem andern Platze in der Stadt mit anderen Kindern spielte. Er umarmte +ihn, wie tags zuvor und drückte ihm zwei Goldstücke in die Hand mit den +Worten: »Mein Sohn, bring dies deiner Mutter, sage ihr, ich werde sie +auf den Abend besuchen, und sie möge dafür etwas zum Nachtessen kaufen, +damit wir zusammen speisen können. Zuvor aber sage mir, wie ich das Haus +finden kann.« Alaeddin bezeichnete es ihm und der afrikanische Zauberer +ließ ihn gehen. + +Alaeddin brachte die zwei Goldstücke seiner Mutter. Sie ging, das Geld +zu verwenden, kam mit gutem Mundvorrate zurück, und da es ihr an den +nötigen Tischgeräten fehlte, entlehnte sie dieselben von ihren +Nachbarinnen. Sie brachte den ganzen Tag mit Vorbereitungen zu und als +alles fertig war, sagte sie zu Alaeddin: »Mein Sohn, dein Oheim weiß +vielleicht unser Haus nicht, gehe ihm entgegen und führe ihn hierher, +wenn du ihn siehst,« als man an die Türe klopfte. Alaeddin öffnete und +erkannte den Afrikaner, der mit mehreren Weinflaschen und Früchten von +allerlei Gattungen hereintrat. + +Nachdem der afrikanische Zauberer seinen Beitrag Alaeddin eingehändigt +hatte, begrüßte er die Mutter und bat sie, ihm die Stelle auf dem Sofa +zu zeigen, wo sein Bruder Mustafa gewöhnlich gesessen sei. Sie zeigte +ihm dieselbe. Nun warf er sich sogleich zur Erde, küßte die Stelle und +rief mit Tränen in den Augen: »Armer Bruder, wie unglücklich bin ich, +daß ich nicht zeitig genug gekommen bin, um dich vor deinem Tode noch +einmal zu umarmen!« So sehr ihn nun auch Alaeddins Mutter bat, so wollte +er sich doch nicht auf diesen Platz setzen. »Nein,« sagte er, »ich werde +mich wohl hüten, aber erlaube, daß ich mich gegenüber setze, damit ich, +wenn mir auch das Vergnügen versagt ist, ihn persönlich als Vater einer +mir so teuren Familie zu sehen, mir wenigstens einbilden kann, er sitze +noch dort.« Alaeddins Mutter drang nun nicht weiter in ihn und ließ ihn +Platz nehmen, wo er Lust hatte. + +Als der afrikanische Zauberer sich da gesetzt hatte, wo es ihm am besten +behagte, fing er ein Gespräch mit Alaeddins Mutter an: »Meine liebe +Schwester,« sagte er, »wundere dich nicht, daß du während der ganzen +Zeit, da du mit meinem Bruder Mustafa verheiratet warst, mich nie +gesehen hast. Es sind schon vierzig Jahre, daß ich dieses Land verlassen +habe. Seitdem habe ich Reisen nach Indien, Persien, Arabien, Syrien und +Ägypten gemacht, mich in den schönsten Städten dieser Länder aufgehalten +und bin dann nach Afrika gegangen, wo ich einen längeren Aufenthalt +nahm. Da es indes dem Menschen angeboren ist, sein Heimatland, so wie +seine Eltern und Jugendgespielen, auch in der weitesten Ferne nie aus +dem Gedächtnis zu verlieren, so hat auch mich ein so gewaltiges +Verlangen ergriffen, mein Vaterland wieder zu sehen und meinen geliebten +Bruder zu umarmen, jetzt, da ich noch Kraft und Mut zu einer so langen +Reise in mir fühle, daß ich ohne weiteren Aufschub meine Vorbereitungen +traf und mich auf den Weg machte. Ich sage dir nichts von der Länge der +Zeit, die ich dazu brauchte, noch von den Hindernissen, die mir +aufstießen, noch von all den Beschwerden und Mühsalen, die ich +überstehen mußte, um hierherzukommen. Ich sage dir bloß, daß mich auf +allen meinen Reisen nichts so tief gekränkt und geschmerzt hat, als die +Nachricht von dem Tode eines Bruders, den ich immer mit echt +brüderlicher Freundschaft geliebt hatte. Ich bemerkte einige Züge von +ihm auf dem Gesicht meines Neffen, deines Sohnes, und dies machte, daß +ich ihn aus all den übrigen Kindern, bei denen er war, herausfand. Er +hat dir vielleicht erzählt, wie sehr die traurige Nachricht vom Tode +meines Bruders mich ergriff. Indes, was Gott tut, das ist wohlgetan; ich +tröste mich, ihn in seinem Sohne wiederzufinden, der so auffallende +Ähnlichkeit mit ihm hat.« + +Als der afrikanische Zauberer sah, daß Alaeddins Mutter bei der +Erinnerung an ihren Mann gerührt wurde und aufs neue in Schmerz versank, +brach er das Gespräch ab, wandte sich zu Alaeddin und fragte ihn um +seinen Namen. -- »Ich heiße Alaeddin,« antwortete dieser. -- »Nun gut, +Alaeddin,« fuhr der Zauberer fort, »womit beschäftigst du dich? +Verstehst du ein Gewerbe?« + +Bei dieser Frage schlug Alaeddin die Augen nieder und geriet in +Verlegenheit. Seine Mutter aber nahm das Wort und sagte: »Alaeddin ist +ein Taugenichts. Sein Vater hat, so lang er lebte, alles mögliche getan, +um ihn sein Gewerbe zu lehren; allein er konnte seinen Zweck nicht +erreichen, und seit er tot ist, streicht er, trotz meinen täglichen +Ermahnungen, die ganze Zeit auf den Straßen herum und spielt mit +Kindern, wie du gesehen hast, ohne zu bedenken, daß er kein Kind mehr +ist; wenn du ihn deshalb nicht beschämst und er sich diese Ermahnung +nicht zunutzen macht, so gebe ich alle Hoffnung auf, daß jemals etwas +aus ihm wird. Er weiß, daß sein Vater kein Vermögen hinterlassen hat, +und sieht selbst, daß ich mit meinem Baumwollespinnen den ganzen Tag +über kaum das Brot für uns beide verdienen kann. Ich bin entschlossen, +ihm nächster Tage einmal die Türe zu verschließen und ihn +fortzuschicken, daß er sich seine Unterkunft anderswo suchen kann.« + +Als Alaeddins Mutter unter vielen Tränen so gesprochen hatte, sagte der +afrikanische Zauberer zu dem Jungen: »Das ist nicht gut, mein Neffe, du +mußt darauf denken, dir selbst fortzuhelfen und einen Lebensunterhalt zu +verschaffen. Es gibt ja so viele Gewerbe in der Welt; besinne dich +einmal, ob nicht eines darunter ist, zu dem du mehr Neigung hast, als zu +den andern. Vielleicht gefällt dir bloß das deines Vaters nicht und du +würdest dich besser zu einem andern anschicken; verhehle mir deine +Gesinnung hierüber nicht, ich will ja bloß dein Bestes.« Als er sah, +daß Alaeddin nichts antwortete, fuhr er fort: »Ist es dir überhaupt +zuwider, ein Handwerk zu erlernen und willst du ein angesehener Mann +werden, so will ich für dich eine Bude mit kostbaren Stoffen und feinen +Linnenzeugen einrichten; du kannst dann diese Sachen verkaufen, mit dem +Gelde, das du daraus lösest, den Einkauf neuer Waren bestreiten und auf +diese Art ein anständiges Unterkommen finden. Frage dich selbst und sage +mir offen, was du denkst. Du wirst mich stets bereit finden, mein +Versprechen zu halten.« + +Dieses Anerbieten schmeichelte Alaeddin sehr; ein jedes Handwerk war ihm +zuwider, um so mehr, da er bemerkt hatte, daß solche Kaufläden, wovon +sein Oheim gesprochen hatte, immer hübsch und stark besucht und die +Kaufleute gut gekleidet und sehr geachtet waren. Er erklärte daher dem +afrikanischen Zauberer, daß seine Neigung mehr nach dieser Seite +gerichtet sei, als nach jeder andern, und daß er ihm zeitlebens für die +Wohltat danken würde, die er ihm erweisen wolle. »Da dieses Gewerbe dir +angenehm ist,« erwiderte der afrikanische Zauberer, »so werde ich dich +morgen mitnehmen und dich so hübsch und reich kleiden lassen, wie es +sich für einen der ersten Kaufleute in dieser Stadt geziemt; übermorgen +wollen wir dann darauf denken, einen solchen Laden zu errichten, wie ich +im Sinn habe.« + +Alaeddins Mutter, die bis jetzt nicht geglaubt hatte, daß der +afrikanische Zauberer der Bruder ihres Mannes sei, zweifelte nach solch +glänzenden Versprechungen nicht mehr daran. Sie dankte ihm für seine +guten Gesinnungen, und nachdem sie Alaeddin ermahnt hatte, sich der +Wohltaten, die sein Oheim ihn hoffen ließ, würdig zu zeigen, trug sie +das Abendessen auf. Die Unterhaltung während des ganzen Mahles drehte +sich immer um denselben Gegenstand, bis endlich der Zauberer bemerkte, +daß die Nacht schon weit vorgerückt war. Er verabschiedete sich von +Mutter und Sohn und ging nach Hause. + +Am andern Morgen ermangelte der afrikanische Zauberer nicht, sich +versprochenermaßen bei der Witwe des Schneiders Mustafa wieder +einzufinden. Er nahm Alaeddin mit sich und führte ihn zu einem +bedeutenden Kaufmann, der bloß ganz fertige Kleider von allen möglichen +Stoffen und für Leute jeden Alters und Standes verkaufte. Von diesem +ließ er sich mehrere zeigen, die für Alaeddin paßten, und nachdem er +die, die ihm am besten gefielen, ausgesucht und die andern, die nicht so +schön waren, als er wünschte, zurückgelegt hatte, sagte er zu Alaeddin: +»Lieber Neffe, wähle dir unter all diesen Kleidern dasjenige aus, das +dir am besten gefällt.« Alaeddin, über die Freigebigkeit seines neuen +Oheims ganz entzückt, wählte eines, und der Zauberer kaufte es ohne zu +handeln. + +Als Alaeddin sich von Kopf bis zu Fuß so prachtvoll gekleidet sah, +dankte er seinem Oheim, und der Zauberer versprach ihm, ihn auch ferner +nicht zu verlassen, sondern stets bei sich zu behalten. Wirklich führte +er ihn in die besuchtesten Gegenden der Stadt, wo die Läden der +reichsten Kaufleute standen, und in der Straße, wo die Läden mit den +schönsten Stoffen und der feinsten Leinwand sich befanden, sagte er zu +Alaeddin: »Da du bald auch ein solcher Kaufmann sein wirst, wie diese +hier, so ist es gut, wenn du sie besuchst, damit sie dich kennen +lernen.« Er zeigte ihm auch die schönsten und größten Moscheen, und +führte ihn in den Chan, wo die fremden Kaufleute wohnten, und an alle +diejenigen Orte im Palaste des Sultans, zu denen man freien Zutritt +hatte. Endlich, nachdem sie die schönsten Gegenden der Stadt miteinander +durchstreift hatten, kamen sie in den Chan, wo der Zauberer wohnte. Es +waren dort einige Kaufleute, deren Bekanntschaft er seit seiner Ankunft +gemacht, und die er ausdrücklich eingeladen hatte, um sie gut zu +bewirten und ihnen seinen angeblichen Neffen vorzustellen. + +Das Gastmahl endigte erst am späten Abend. Alaeddin wollte sich von +seinem Oheim verabschieden, um nach Hause zurückzukehren; aber der +afrikanische Zauberer wollte ihn nicht allein gehen lassen und geleitete +ihn selbst zu seiner Mutter zurück. Als diese ihren Sohn in so schönen +Kleidern erblickte, war sie außer sich vor Freude und wollte nicht +aufhören, Segnungen über das Haupt des Zauberers herabzurufen, der für +ihren Sohn so viel Geld ausgegeben. »Großmütiger Schwager,« sagte sie zu +ihm, »ich weiß nicht, wie ich dir für deine Freigebigkeit danken soll; +aber das weiß ich, daß mein Sohn die Wohltaten, die du ihm erweisest, +nicht verdient. Ich für meine Person,« fügte sie hinzu, »danke dir von +ganzem Herzen und wünsche dir ein recht langes Leben, um Zeuge von der +Dankbarkeit meines Sohnes zu sein, der sie nicht besser an den Tag legen +kann, als wenn er sich von deinen guten Ratschlägen leiten läßt.« + +»Alaeddin ist ein guter Junge,« erwiderte der afrikanische Zauberer; »er +hört auf mich und ich glaube, wir können etwas Tüchtiges aus ihm machen. +Es tut mir nur leid, daß ich mein Versprechen nicht schon morgen halten +kann. Es ist nämlich Freitag, wo alle Läden verschlossen sind, und man +gar nicht daran denken kann, einen zu mieten und mit Waren zu versehen; +denn die Kaufleute sinnen an diesem Tage nur auf Vergnügungen aller Art. +Somit werden wir die Sache auf Samstag verschieben müssen. Übrigens +werde ich ihn morgen wieder mitnehmen und in die Gärten spazieren +führen, wo sich die schöne Welt gewöhnlich einfindet. Er hat vielleicht +noch keinen Begriff von den Vergnügungen, die man dort genießt; bisher +war er immer nur mit Kindern beisammen, jetzt muß er auch erwachsene +Menschen sehen.« Der afrikanische Zauberer verabschiedete sich endlich +von Mutter und Sohn und ging. Alaeddin freute sich im voraus sehr auf +den Spaziergang. In der Tat war er noch nie vor die Tore gekommen und +hatte noch nie die Umgebung gesehen, die schön und anmutig war. + +Am andern Morgen stand Alaeddin in aller Frühe auf. Der afrikanische +Zauberer bewillkommte ihn aufs freundlichste. »Wohlan, mein lieber +Junge,« sagte er mit lächelnder Miene zu ihm, »heute werde ich dir +schöne Sachen zeigen.« Er führte ihn zu einem Tore hinaus, an großen und +schönen Häusern, an prächtigen Palästen vorüber, von denen jeder einen +sehr schönen Garten hatte. Bei jedem Palaste, an dem sie vorbeikamen, +fragte er Alaeddin, ob er ihm gefiele, und Alaeddin, der ihm gewöhnlich +zuvorkam, sagte, sobald er wieder einen andern sah: »Ach! lieber Oheim, +dieser ist noch viel schöner als alle bisherigen.« Indes gingen sie +immer weiter, und der listige Zauberer, der dies nur tat, um den Plan, +den er im Kopfe hatte, ausführen zu können, nahm Gelegenheit, in einen +dieser Gärten zu treten. Er setzte sich neben ein großes Becken, in das +durch einen bronzenen Löwenrachen kristallhelles Wasser sprudelte, und +er stellte sich ermüdet, damit Alaeddin ebenfalls ausruhen sollte. +»Lieber Neffe,« sagte er zu ihm, »du wirst ebenso müde sein, wie ich; +laß uns hier ein wenig ausruhen, um neue Kräfte zu sammeln.« + +[Illustration] + +[Illustration] + +Als sie sich gesetzt hatten, zog der afrikanische Zauberer Kuchen und +Früchte hervor, die er als Mundvorrat mitgenommen hatte, und breitete +sie auf dem Rande des Beckens aus. Er teilte einen Kuchen mit Alaeddin +und ließ ihn Früchte wählen. Während dieses kleinen Mahles ermahnte er +seinen angeblichen Neffen, sich von dem Umgange mit Kindern loszumachen, +dagegen sich an kluge und verständige Männer anzuschließen, dieselben +anzuhören und von ihren Unterhaltungen Nutzen zu ziehen. »Bald,« sagte +er, »wirst du ein Mann sein, wie sie, und du kannst dich nicht früh +genug daran gewöhnen, nach ihrem Beispiele verständige Reden zu führen.« +Als sie die kleine Mahlzeit vollendet hatten, setzten sie ihren +Spaziergang durch die Gärten fort, die bloß durch schmale Gräben +getrennt waren. Unvermerkt führte der afrikanische Zauberer Alaeddin +ziemlich weit über die Gärten hinaus und durchwandelte mit ihm die +Ebene, die ihn allmählich in die Nähe der Berge leitete. + +Alaeddin, der in seinem Leben nie einen so weiten Weg gemacht hatte, +fühlte sich durch diesen Marsch sehr ermüdet und sagte: »Wohin gehen wir +denn, lieber Oheim? Wir haben die Gärten schon weit hinter uns und ich +sehe nichts mehr als Berge. Wenn wir noch länger so fortgehen, so weiß +ich nicht, ob ich noch Kräfte genug haben werde, um in die Stadt +zurückzukehren.« -- »Nur den Mut nicht verloren,« antwortete der falsche +Oheim; »ich will dir noch einen andern Garten zeigen, der alle, die du +bis jetzt gesehen hast, weit übertrifft; er ist nur ein paar Schritte +von da, und wenn wir einmal dort sind, so wirst du selbst sagen, daß es +dir sehr leid gewesen wäre, wenn du ihn nicht gesehen hättest.« Alaeddin +ließ sich überreden, und der Zauberer führte ihn noch sehr weit, indem +er ihn mit verschiedenen anmutigen Geschichten unterhielt, um ihm den +Weg weniger langweilig und die Ermüdung erträglicher zu machen. + +Endlich gelangten sie zwischen zwei Berge von mittelmäßiger Höhe, die +sich ziemlich gleich und nur durch ein schmales Tal getrennt waren. Dies +war die merkwürdige Stelle, wohin der afrikanische Zauberer Alaeddin +hatte bringen wollen, um einen großen Plan mit ihm auszuführen, weshalb +er von dem äußersten Ende Afrikas bis nach China gereist war. »Wir sind +jetzt an Ort und Stelle,« sagte er zu Alaeddin; »ich werde dir hier +außerordentliche Dinge zeigen, die allen übrigen Sterblichen unbekannt +sind. Während ich jetzt mit dem Stahl Feuer schlage, häufe du hier +trockenes Reisig zusammen, damit wir ein Feuer anmachen.« + +Als das Reisig aufloderte, warf der afrikanische Zauberer Räucherwerk +hinein. Dicker Rauch stieg empor, den er bald auf diese, bald auf jene +Seite wendete, indem er allerlei Zauberworte sprach, von denen Alaeddin +nichts verstand. + +In diesem Augenblick erbebte die Erde ein wenig, öffnete sich vor dem +Zauberer und Alaeddin, und ließ einen Stein hervorscheinen, mit einem in +der Mitte versiegelten bronzenen Ringe, um ihn daran heraufzuheben. +Alaeddin erschrak und wollte die Flucht ergreifen. Allein er war zu +dieser geheimnisvollen Handlung notwendig, darum hielt ihn der Zauberer +zurück, zankte ihn tüchtig aus und gab ihm eine so derbe Ohrfeige, daß +er zu Boden fiel. Zitternd rief er: »Mein Oheim, was habe ich denn +getan, daß du mich so grausam schlägst?« »Ich bin dein Oheim, der jetzt +Vaterstelle an dir vertritt, und du darfst mir in nichts widersprechen. +Aber,« sagte der Zauberer, »fürchte dich nicht, mein Sohn; ich verlange +nur, daß du mir gehorchst, wofern du dich der großen Vorteile, die ich +dir zudenke, würdig machen und sie nutzen willst.« Diese schönen +Versprechungen des Zauberers beruhigten den ängstlichen und erzürnten +Alaeddin ein wenig. »Du hast gesehen,« fuhr der Zauberer fort, »was ich +durch die Kraft meines Rauchwerks und die Worte, die ich sprach, bewirkt +habe. Vernimm jetzt, daß unter diesem Steine ein Schatz verborgen liegt, +der für dich bestimmt ist und dich dereinst reicher machen wird, als die +größten Könige der Welt. Dies ist so gewiß wahr, daß keinem Menschen auf +der ganzen Welt außer dir erlaubt ist, diesen Stein anzurühren oder +wegzuheben, um hinein zu gelangen. Ja ich selbst darf ihn nicht berühren +oder auch nur einen Fuß in dieses Schatzgewölbe setzen, wenn es geöffnet +sein wird. Deshalb mußt du genau ausführen, was ich dir sage.« + +Alaeddin, immer noch voll Verwunderung, vergaß alles, was vorgefallen +war. »Nun gut, lieber Oheim,« sagte er, »was soll ich tun? Befiehl nur, +ich bin bereit zu gehorchen.« -- »Komm her,« sagte der afrikanische +Zauberer, »fasse diesen Ring an und hebe den Stein in die Höhe.« -- »Aber +Oheim,« erwiderte Alaeddin, »ich bin zu schwach, um ihn zu heben: du +mußt mir helfen.« -- »Nein,« versetzte der afrikanische Zauberer, »du +bedarfst meiner Hilfe nicht; du mußt ihn allein aufheben. Sprich nur den +Namen deines Vaters und deines Großvaters, wenn du den Ring in die Hand +nimmst.« Alaeddin tat, wie der Zauberer gesagt hatte, hob den Stein mit +Leichtigkeit auf und legte ihn beiseite. + +Als der Stein weggenommen war, sah er eine drei bis vier Fuß tiefe Höhle +mit einer kleinen Türe und Stufen. »Mein Sohn,« sprach jetzt der +Zauberer, »habe genau acht auf das, was ich dir nunmehr sagen werde. +Steig in diese Höhle hinab und wenn du auf der letzten Stufe bist, so +wirst du eine offene Türe finden, die dich in einen großen gewölbten Ort +führen wird, welcher in drei große aneinander stoßende Säle abgeteilt +ist. In jedem derselben wirst du rechts und links vier bronzene Vasen +voll Gold und Silber stehen sehen; aber hüte dich wohl, sie anzurühren. +Ehe du in den ersten Saal trittst, hebe dein Kleid in die Höhe und +schließe es eng um den Leib. Wenn du drinnen bist, so gehe, ohne dich +aufzuhalten, nach dem zweiten und von da in den dritten. Vor allen +Dingen hüte dich wohl, den Wänden zu nahe zu kommen oder sie auch nur +mit dem Kleide zu berühren; denn im Fall du sie berührtest, würdest du +auf der Stelle sterben. Am Ende des dritten Saales ist eine Türe, die +dich in einen mit schönen und reich beladenen Obstbäumen bepflanzten +Garten führen wird. Gehe nur immer geradeaus, und quer durch den Garten +wird dich ein Weg zu einer Treppe von fünfzig Stufen führen, auf denen +du zu einer Terrasse emporsteigen kannst. Sobald du oben auf der +Terrasse bist, wirst du eine Nische vor dir sehen, und in der Nische +eine brennende Lampe. Diese Lampe nimm, lösche sie aus, wirf den Docht +samt der brennbaren Flüssigkeit auf den Boden, stecke sie dann vorn in +den Busen und bringe sie mir. Gelüstet es dich nach den Früchten des +Gartens, so kannst du davon pflücken, so viel du willst; dies ist dir +nicht verboten.« + +So sprechend, zog der afrikanische Zauberer einen Ring von seinem Finger +und steckte ihn an einen Finger Alaeddins. Dies, sagte er zu ihm, sei +ein Verwahrungsmittel gegen alles Unglück, das ihm begegnen könnte, +wofern er nur seine Vorschriften genau befolgte. »So gehe denn, mein +Sohn,« fügte er hinzu, »steige dreist hinab; dann haben wir beide für +unser ganzes Leben Geld in Menge.« + +Alaeddin hüpfte leichtfüßig in die Höhle hinein und stieg die Stufen +hinab. Er fand die drei Säle, die ihm der afrikanische Zauberer +beschrieben hatte. Ohne zu verweilen ging er durch den Garten, stieg die +Terrasse hinan, nahm die brennende Lampe aus der Nische, warf den Docht +und die Flüssigkeit zu Boden, steckte sie in seinen Busen und ging die +Terrasse wieder hinab. Im Garten verweilte er beim Anschauen der +Früchte. Da gab es weiße, hellleuchtende und wie Kristall durchsichtige; +rote, teils dunkel, teils hell; grüne, blaue, violette, gelbliche, und +so von allen möglichen Farben. Die weißen waren Perlen, die +hellleuchtenden und durchsichtigen Diamanten, die dunkelroten Rubine, +die hellroten Ballaßrubine, die grünen Smaragde, die blauen Türkise, die +violetten Amethyste, die gelblichen Saphire. Und diese Früchte waren +alle so groß und vollkommen, daß man auf der ganzen Welt nichts +Ähnliches gesehen hat. Alaeddin, der ihren Wert nicht kannte, wurde vom +Anblick dieser Früchte, die nicht nach seinem Geschmack waren, schlecht +erbaut; Feigen, Trauben und andere edle Obstarten, die in China +gewöhnlich sind, wären ihm lieber gewesen. Er war noch nicht in jenem +Alter, wo man sich auf dergleichen versteht, und so bildete er sich ein, +diese Früchte seien bloß gefärbtes Glas und hätten keinen andern Wert. +Gleichwohl machte ihm die Mannigfaltigkeit der schönen Farben und die +außerordentliche Größe und Schönheit der Früchte Lust, von jeglicher +Sorte einige zu pflücken. Er nahm daher von jeder Farbe etliche, füllte +damit seine beiden Taschen und zwei ganz neue Beutel, die der Zauberer +ihm zugleich mit dem Kleide gekauft hatte; und da die beiden Beutel in +seinen Taschen, die schon ganz voll waren, keinen Platz mehr hatten, so +band er sie auf jeder Seite an seinen Gürtel. Einige von den Früchten +hüllte er auch in die Falten seines Gürtels, der von dickem Seidenstoff +und doppelt gefüttert war, und befestigte sie so, daß sie nicht +herabfallen konnten; auch vergaß er nicht, etliche in den Busen zwischen +Kleid und Hemd zu stecken. + +Nachdem er sich so, ohne es zu wissen, mit Reichtümern beladen hatte, +trat Alaeddin schnell seinen Rückzug durch die drei Säle an; stieg da +wieder hinauf, wo er herabgestiegen war, und zeigte sich am Eingang der +Höhle, wo der Afrikaner ihn mit Ungeduld erwartete. Sobald ihn Alaeddin +erblickte, rief er ihm zu: »Lieber Oheim, ich bitte dich, reich mir die +Hand und hilf mir heraus.« -- »Mein Sohn,« antwortete der afrikanische +Zauberer, »gib mir zuvor die Lampe, sie könnte dir hinderlich sein.« -- +»Verzeih, lieber Oheim,« sagte Alaeddin, »sie hindert mich nicht; ich +werde sie dir geben, sobald ich oben bin.« Der afrikanische Zauberer +bestand darauf, daß Alaeddin ihm die Lampe einhändigen sollte, ehe er +ihn aus der Höhle herauszöge, und Alaeddin, der die Lampe mit all den +Früchten, die er zu sich gesteckt, verpackt hatte, weigerte sich +durchaus, sie ihm zu geben, bevor er aus der Höhle wäre. Da geriet der +afrikanische Zauberer vor Ärger über die Widerspenstigkeit des jungen +Menschen in schreckliche Wut, warf etwas von seinem Rauchwerk in das +Feuer, das er sorgfältig unterhalten hatte, und kaum hatte er zwei +Zauberworte gesprochen, als der Stein, welcher als Deckel zur +Eingangsöffnung der Höhle diente, sich von selbst wieder, nebst der Erde +darüber, an seine Stelle rückte, so daß alles wieder in denselben Stand +kam, wie vor der Ankunft des arabischen Zauberers und Alaeddins. + +Der afrikanische Zauberer war in der Tat kein Bruder des Schneiders +Mustafa, wofür er sich ausgegeben hatte, und somit auch nicht Alaeddins +Oheim. Er war wirklich aus Afrika gebürtig, und nachdem er sich etwa +vierzig Jahre lang mit Zaubereien, mit der Punktierkunst, mit +Räucheropfern und der Lektüre von Zauberbüchern beschäftigt hatte, war +er endlich auf die Entdeckung gekommen, daß es eine Wunderlampe in der +Welt gebe, deren Besitz ihn mächtiger als alle Könige der Erde machen +würde. Aber obschon die Lampe sich ganz gewiß an dem bewußten Orte +befand, so war es ihm doch nicht gestattet, sie selbst zu holen oder +persönlich in das unterirdische Gewölbe einzutreten. Es mußte ein +anderer hinabsteigen und sie ihm einhändigen. Deshalb hatte er sich an +Alaeddin gewandt, den er für einen gefügigen jungen Burschen und für +sehr geeignet hielt, ihm den Dienst zu leisten; dabei war er fest +entschlossen, sobald er die Lampe in Händen haben würde, die letzte +schon erwähnte Räucherung zu tun, die Zauberworte auszusprechen, und so +den armen Alaeddin seinem Geize und seiner Bosheit aufzuopfern, um an +ihm keinen Zeugen zu haben. + +Als der afrikanische Zauberer seine großen und schönen Hoffnungen auf +immer gescheitert sah, blieb ihm nichts anderes übrig, als nach Afrika +zurückzukehren. + +Allem Anscheine nach war Alaeddin verloren. Aber derselbe, der ihn auf +immer zu verderben glaubte, hatte nicht bedacht, daß er ihm einen Ring +an den Finger gesteckt hatte, der zu seiner Rettung dienen konnte. +Wirklich wurde Alaeddin durch diesen Ring, dessen Kräfte er nicht +kannte, gerettet. + +Alaeddin, der nach so vielen Liebkosungen und Geschenken auf diese +Bosheit seines angeblichen Oheims keineswegs gefaßt war, befand sich in +einer Bestürzung, die sich nicht beschreiben läßt. Als er sich so +lebendig begraben sah, rief er tausendmal seinen Oheim und erklärte, daß +er ihm die Lampe ja gerne geben wolle; allein sein Rufen war vergeblich. +Endlich stieg er wieder die Treppe der Höhle hinab, um in den Garten und +ins helle Tageslicht zu gelangen. Aber die Mauer, die sich ihm durch +Zauber geöffnet, hatte sich indes durch einen neuen Zauber wieder +geschlossen. Er tappte vorwärts, ohne eine Türe zu finden. Nun fing er +aufs neue an zu schreien und zu weinen, und setzte sich endlich auf die +Stufen der Höhle, ohne Hoffnung, jemals das Tageslicht wieder zu sehen, +sondern mit der traurigen Gewißheit, aus dieser Finsternis in jene eines +nahen Todes versetzt zu werden. + +Zwei Tage blieb Alaeddin in diesem Zustande, ohne zu essen und zu +trinken. Endlich am dritten, da er seinen Tod als unvermeidlich +betrachtete, hob er die gefalteten Hände empor und rief mit völliger +Ergebung in den Willen Gottes aus: »Es gibt keine Kraft und keine Macht, +als bei Gott, dem Allerhöchsten und Größten!« Während er so die Hände +gefaltet hatte, rieb er, ohne daran zu denken, an dem Ring, den ihm der +Zauberer an den Finger gesteckt hatte, und dessen Kraft er noch nicht +kannte. Alsbald stieg vor ihm ein Geist von ungeheurer Größe und +fürchterlichem Ansehen, der mit seinem Kopf das oberste Gewölbe +berührte, wie aus der Erde hervor und sprach folgende Worte zu +Alaeddin: »Was willst du? Ich bin bereit, dir zu gehorchen als dein +Sklave und als Sklave aller derer, die den Ring am Finger haben, sowohl +ich, als die andern Sklaven des Rings.« + +Zu jeder andern Zeit und bei jeder andern Gelegenheit wäre Alaeddin, der +an solche Erscheinungen nicht gewöhnt war, bei dem Anblick einer so +außerordentlichen Gestalt von Schrecken ergriffen worden. Jetzt aber, da +er einzig und allein mit der Gefahr beschäftigt war, in der er schwebte, +antwortete er ohne Stocken: »Wer du auch sein magst, hilf mir aus diesem +Orte, wofern es in deiner Macht steht.« Kaum hatte er diese Worte +gesprochen, als die Erde sich öffnete und er sich außerhalb der Höhle +befand, an der Stelle, wohin ihn der Zauberer geführt hatte. + +Erst nach und nach gewöhnte er sich an das Tageslicht, und als er um +sich blickte, war er sehr überrascht, keine Öffnung in der Erde zu +sehen; es war ihm unbegreiflich, auf welche Art er so auf einmal aus +ihrem Schoße hervorgekommen war. Nur an dem Flecke, wo das Reisig +verbrannt worden war, erkannte er die Stelle wieder, unter der sich die +Höhle befand. Als er sich hierauf gegen die Stadt hinwandte, erblickte +er sie inmitten der Gärten und erkannte auch den Weg. Diesen wandelte er +zurück und dankte Gott, daß er sich noch einmal auf der Welt sah, +nachdem er bereits die Hoffnung aufgegeben hatte, wieder dahin +zurückzukommen. So gelangte er zur Stadt und schleppte sich mit vieler +Mühe bis in seine Wohnung. Als er ins Zimmer seiner Mutter trat, fiel er +aus Freude über das Wiedersehen, verbunden mit der von dreitägigem +Fasten herrührenden Schwäche, in eine Ohnmacht, die einige Zeit dauerte. +Seine Mutter, die ihn bereits als verloren oder als tot beweint hatte, +ließ es jetzt an keiner Pflege und an keinem Mittel fehlen, ihn wieder +zum Leben zu bringen. Endlich erholte er sich und seine ersten Worte +waren: »Liebe Mutter, vor allen Dingen bitte ich dich, gib mir zu essen; +ich habe seit drei Tagen nichts über den Mund gebracht.« Seine Mutter +brachte ihm, was sie gerade hatte, setzte es ihm vor und sagte: »Lieber +Sohn, übereile dich ja nicht, denn es könnte dir schaden; iß ganz +langsam und nach deiner Bequemlichkeit, und nimm dich wohl in acht, so +heißhungrig du auch bist. Ich wünsche nicht einmal, daß du mit mir +sprechen sollst. Du hast immer noch Zeit, mir deine Schicksale zu +erzählen, wenn du wieder hergestellt bist. Nach der großen Betrübnis bin +ich getröstet, daß ich dich nur wiedersehe.« + +Alaeddin folgte dem Rat seiner Mutter, aß langsam und ruhig, und trank +ebenso. Als er fertig war fing er an, seiner Mutter zu erzählen, was ihm +seit Freitag geschehen war, erzählte ausführlich, was er auf seinem +Hin- und Rückwege in den drei großen Sälen, im Garten und auf der +Terrasse gesehen, und wie er dort die Wunderlampe geholt habe. Zugleich +zog er sie aus seinem Busen und zeigte sie seiner Mutter samt den +durchsichtigen und buntfarbigen Früchten. Auch gab er ihr die zwei +vollen Beutel, aus denen sie sich aber wenig machte. Gleichwohl waren +diese Früchte Edelsteine, deren sonnenheller Glanz beim Schein der +Lampe, welche das Zimmer erhellte, auf ihren großen Wert hätte +aufmerksam machen sollen; allein Alaeddins Mutter verstand sich auf +dergleichen Sachen ebensowenig wie ihr Sohn; weshalb Alaeddin sie hinter +eines der Polster des Sofas schob, auf dem er saß. + +Alaeddins Mutter hatte die Geduld, diese wunderbare und seltsame, +zugleich aber für eine Mutter, die ihren Sohn trotz seiner Fehler +zärtlich liebte, so schmerzliche Geschichte ohne Unterbrechung +anzuhören. Nur bei den rührendsten Stellen, wo die Schändlichkeit des +afrikanischen Zauberers recht ans Tageslicht kam, konnte sie ihren +Abscheu nicht verbergen. Jetzt aber, da Alaeddin geendet hatte, ließ sie +sich in tausend Schmähworte gegen den Betrüger aus; sie nannte ihn einen +Verräter, einen Schurken, einen Unmenschen, einen Meuchelmörder, Lügner, +Zauberer, einen Feind und Verderber des menschlichen Geschlechts. »Ja, +mein Sohn,« fügte sie hinzu, »er ist ein Zauberer, und die Zauberer sind +eine wahre Pest der Menschheit; sie haben vermöge ihrer Zaubereien und +Hexereien Verkehr mit den bösen Geistern. Gott sei gelobt, der verhütet +hat, daß seine entsetzliche Bosheit ihren Zweck an dir erreichte. Du +bist ihm für die Gnade, die er an dir getan hat, großen Dank schuldig; +dein Tod wäre unvermeidlich gewesen, wenn du dich nicht seiner erinnert +und ihn um Hilfe angefleht hättest.« + +Alaeddin schlief die ganze Nacht fest und erwachte am andern Morgen +erst sehr spät. Er stand auf, und das erste, was er zu seiner Mutter +sagte, war, daß er Hunger habe, und sie ihm kein größeres Vergnügen +machen könnte, als wenn sie ihm ein Frühstück gäbe. »Ach, lieber Sohn,« +antwortete sie, »ich habe auch nicht einen einzigen Bissen Brot; du hast +gestern abend den wenigen Vorrat, der noch zu Hause war, aufgegessen. +Aber gedulde dich einen Augenblick, so werde ich dir bald etwas bringen. +Ich habe etwas Baumwolle gesponnen, die will ich verkaufen, um Brot und +einiges zum Mittagessen anzuschaffen.« -- »Liebe Mutter,« erwiderte +Alaeddin, »hebe deine Baumwolle für ein anderes Mal auf und gib mir die +Lampe, die ich gestern mitbrachte. Ich will sie verkaufen, und +vielleicht löse ich so viel daraus, daß wir Frühstück und Mittagessen, +und am Ende gar noch etwas für den Abend bestreiten können.« + +Alaeddins Mutter holte die Lampe und sagte zu ihrem Sohne: »Da hast du +sie, sie ist aber sehr schmutzig. Ich will sie ein wenig putzen, dann +wird sie schon etwas mehr gelten.« Sie nahm Wasser und feinen Sand, um +sie blank zu machen, aber kaum hatte sie angefangen, die Lampe zu +reiben, als augenblicklich in Gegenwart ihres Sohnes ein scheußlicher +Geist von riesenhafter Gestalt vor ihr aufstand und mit einer +Donnerstimme zu ihr sprach: »Was willst du? Ich bin bereit, dir zu +gehorchen als dein Sklave und als Sklave aller derer, die die Lampe in +der Hand haben, sowohl ich, als die andern Sklaven der Lampe.« + +Alaeddins Mutter war nicht imstande zu antworten. Ihr Auge vermochte die +abscheuliche und schreckliche Gestalt des Geistes nicht zu ertragen, und +sie war gleich bei seinen ersten Worten vor Angst in Ohnmacht gefallen. + +Alaeddin dagegen ergriff schnell die Lampe und antwortete statt seiner +Mutter mit festem Tone: »Ich habe Hunger, bring mir etwas zu essen.« Der +Geist verschwand und kam im Augenblick wieder mit einem großen silbernen +Becken auf dem Kopfe, worin sich zwölf verdeckte Schüsseln von demselben +Metall voll der besten Speisen nebst sechs Broten vom weißesten Mehl +befanden, und zwei Flaschen des köstlichsten Weines, nebst zwei +silbernen Schalen in der Hand. Er stellte alles zusammen auf den Sofa +und verschwand sogleich. + +Alaeddins Mutter kam wieder zu sich. »Liebe Mutter,« sagte Alaeddin zu +ihr, »steh auf und iß: hier sind Sachen genug, um dein Herz zu stärken +und zugleich meinen großen Hunger zu befriedigen. Wir wollen diese guten +Speisen nicht kalt werden lassen, sondern essen.« + +Die Mutter war erstaunt, als sie das große Becken, die zwölf Schüsseln, +die sechs Brote, die zwei Flaschen nebst den zwei Schalen erblickte und +den köstlichen Duft einatmete, der aus all den Platten emporstieg. »Mein +Sohn,« sagte sie zu Alaeddin, »woher kommt uns dieser Überfluß und wem +haben wir für solch reiches Geschenk zu danken? Sollte vielleicht der +Sultan von unserer Armut gehört und sich unser erbarmt haben?« -- »Liebe +Mutter,« antwortete Alaeddin, »wir wollen uns jetzt zu Tische setzen und +essen; deine Frage werde ich beantworten, wenn wir gefrühstückt haben.« +Sie setzten sich zu Tische und speisten mit um so größerem Appetit, als +beide, Mutter und Sohn, sich nie an einer so wohlbesetzten Tafel +befunden hatten. + +Alaeddin und seine Mutter, die nur ein einfaches Frühstück einzunehmen +gedacht hatten, befanden sich um die Stunde des Mittagessens noch bei +Tisch. + +Als Alaeddins Mutter abgetragen und das Fleisch, welches unberührt +geblieben war, aufgehoben hatte, setzte sie sich zu ihrem Sohne und +sagte: »Alaeddin, ich erwarte jetzt von dir, daß du meine Neugierde +befriedigst und mir die versprochene Auskunft erteilst.« Alaeddin +erzählte ihr alles, was während ihrer Ohnmacht zwischen dem Geist und +ihm vorgegangen war. + +Alaeddins Mutter geriet in große Verwunderung über die Erzählung ihres +Sohnes und die Erscheinung des Geistes. »Aber, mein Sohn,« fragte sie, +»so lange ich auf der Welt bin, habe ich nie sagen gehört, daß jemand +von allen meinen Bekannten einen Geist gesehen hätte. Durch welchen +Zufall ist dieser garstige Geist zu mir gekommen? Warum hat er sich an +mich gewendet und nicht an dich, da er dir doch schon in der Schatzhöhle +einmal erschienen war?« + +»Liebe Mutter,« erwiderte Alaeddin, »der Geist, welcher dir erschienen, +ist nicht derselbe, der mir erschien. Sie haben zwar einige Ähnlichkeit +in Beziehung auf ihre Riesengröße, aber an Gesichtsbildung und Kleidung +sind sie gänzlich voneinander verschieden und gehören auch verschiedenen +Herren an. Du wirst dich noch erinnern, daß derjenige, den ich sah, +sich einen Sklaven des Rings nannte, den ich am Finger habe, während der +soeben erschienene sagte, er sei Sklave der Lampe, die du in der Hand +hattest.« + +»Wie!« rief Alaeddins Mutter, »also deine Lampe ist schuld, daß dieser +verwünschte Geist sich an mich gewendet hat, statt an dich? Ach, lieber +Sohn, schaffe sie mir sogleich aus den Augen und hebe sie auf, wo du +willst, ich mag sie nicht mehr anrühren. Eher lasse ich sie wegwerfen +oder verkaufen, als daß ich Gefahr laufe, bei Berührung derselben vor +Angst zu sterben. Folge mir und tue auch den Ring ab. Man muß keinen +Verkehr mit Geistern haben: es sind Teufel und unser Prophet hat es +gesagt.« + +»Mit deiner Erlaubnis, liebe Mutter,« antwortete Alaeddin, »werde ich +mich jetzt wohl hüten, eine Lampe, die uns beiden so nützlich werden +kann, zu verkaufen. Siehst du denn nicht, was sie uns erst vor einigen +Augenblicken verschafft hat? Sie soll uns jetzt Nahrung und +Lebensunterhalt besorgen. Du kannst dir denken, daß mein garstiger +falscher Oheim sich nicht ohne Grund so viele Mühe gegeben und eine so +weite und beschwerliche Reise unternommen hat, da er nach dem Besitz +dieser Wunderlampe trachtete, die er allem Gold und Silber, das er in +den Sälen wußte, und das ich, wie er es mir beschrieben, mit meinen +eigenen Augen sah, vorgezogen hatte. Er kannte den Wert und die +herrlichen Eigenschaften dieser Lampe zu gut, um sich von dem übrigen +reichen Schatze noch etwas zu wünschen. Da nun der Zufall uns ihre +geheime Kraft entdeckt hat, so wollen wir den möglichst vorteilhaften +Gebrauch davon machen, aber ohne Aufsehen zu erregen, damit unsere +Nachbarn nicht neidisch und eifersüchtig werden. Ich will sie dir +übrigens gern aus den Augen schaffen und an einem Orte aufheben, wo ich +sie finden kann, wann ich sie brauche, da du so große Angst vor den +Geistern hast. Auch den Ring wegzuwerfen, kann ich mich unmöglich +entschließen. Ohne diesen Ring hättest du mich nie wieder gesehen, und +ohne ihn würde ich jetzt entweder nicht mehr, oder höchstens noch auf +einige Augenblicke leben. Du wirst mir daher erlauben, daß ich ihn +behalte und immer mit großer Behutsamkeit am Finger trage. Wer weiß, ob +mir nicht irgend einmal eine andere Gefahr zustößt, die wir beide nicht +voraussehen können, und aus der er mich vielleicht befreit?« Da +Alaeddins Bemerkung sehr richtig schien, so wußte seine Mutter nichts +mehr einzuwenden. »Lieber Sohn,« sagte sie zu ihm, »du kannst handeln, +wie du es für gut hältst; ich für meinen Teil mag mit Geistern nichts zu +tun haben.« + +Am andern Tag nach dem Abendessen war von den herrlichen Speisen, die +der Geist gebracht hatte, nichts mehr übrig; Alaeddin, der nicht so +lange warten wollte, bis der Hunger ihn drängte, nahm daher am dritten +Morgen eine der silbernen Schüsseln unter seine Kleider und ging aus, um +sie zu verkaufen. Er wandte sich an einen Juden, der ihm begegnete, nahm +ihn beiseite, zeigte ihm die Schüssel und fragte, ob er wohl Lust dazu +hätte. + +Der Jude, ein schlauer und verschmitzter Bursche, nahm die Schüssel, +untersuchte sie, und da er erkannte, daß sie von echtem Silber war, +fragte er Alaeddin, was er dafür verlange. Alaeddin, der ihren Wert +nicht verstand und nie mit solchen Waren Handel getrieben hatte, sagte +ihm nur, er werde wohl am besten wissen, was die Schüssel wert sei, und +er verlasse sich hierin ganz auf seine Ehrlichkeit. Der Jude geriet +wirklich in Verlegenheit über die Offenherzigkeit Alaeddins. Da er nicht +wußte, ob Alaeddin den Wert seiner Ware wirklich kannte oder nicht, zog +er ein Goldstück aus seinem Beutel, das höchstens den zweiundsiebenzigsten +Teil vom wahren Wert der Schüssel betrug, und bot es ihm an. Alaeddin +nahm das Goldstück mit großer Freudigkeit, und sobald er es in der Hand +hatte, lief er so schnell davon, daß der Jude, mit seinem ungeheuren +Gewinn bei diesem Kaufe nicht zufrieden, sich sehr darüber ärgerte, +Alaeddins gänzliche Unwissenheit über den Wert der Schüssel nicht besser +erraten und ihm noch weit weniger geboten zu haben. Er geriet in +Versuchung, dem jungen Menschen nachzulaufen, ob er nicht etwas von +seinem Goldstück herausbekommen könnte; allein Alaeddin war schon so +weit entfernt, daß er ihn schwerlich eingeholt hätte. + +Auf dem Heimwege blieb Alaeddin bei einem Bäckerladen stehen, kaufte +einen Vorrat Brot und bezahlte ihn mit dem Goldstück, das der Bäcker ihm +wechselte. Als er nach Hause kam, gab er das übrige Geld seiner Mutter, +die auf den Markt ging, um für sie beide die nötigen Lebensmittel auf +einige Tage einzukaufen. + +So lebten sie eine Zeitlang fort; Alaeddin verkaufte alle zwölf +Schüsseln, eine nach der andern, sowie das Geld im Hause ausgegangen +war, an den Juden. Der Jude, der für die erste ein Goldstück gegeben +hatte, wagte es nicht, für die übrigen weniger zu bieten, und bezahlte +alle mit derselben Münze, um einen so guten Handel nicht auszulassen. +Als das Geld von der letzten Schüssel ausgegeben war, nahm Alaeddin +seine Zuflucht zu dem Becken, das allein zehnmal mehr wog, als jede +Schüssel. Er wollte es einem gewöhnlichen Kaufmann bringen, allein es +war ihm zu schwer. Somit mußte er den Juden aufsuchen und ihn in sein +Haus führen; dieser prüfte das Gewicht des Beckens und zahlte ihm auf +der Stelle zehn Goldstücke aus, womit Alaeddin zufrieden war. + +So lange die Goldstücke dauerten, wurden sie für die täglichen Ausgaben +der Hauswirtschaft verwendet. Alaeddin hatte indes, obschon er ans +Müßiggehen gewöhnt war, seit seinem Abenteuer mit dem afrikanischen +Zauberer nicht mehr mit den jungen Leuten seines Alters gespielt. Er +brachte seine Tage mit Spazierengehen zu oder unterhielt sich mit +älteren Leuten, deren Bekanntschaft er gemacht hatte. Oft blieb er auch +bei den Läden der großen Kaufleute stehen und horchte aufmerksam auf die +Gespräche vornehmer Männer, die sich hier aufhielten oder sich hierher +bestellt hatten: und diese Gespräche gaben ihm allmählich einigen +Anstrich von Weltkenntnis. + +Als von den zehn Goldstücken nichts mehr übrig war, nahm Alaeddin seine +Zuflucht zur Lampe. Er nahm sie in die Hand, suchte die Stelle, welche +seine Mutter berührt hatte, und als er sie an dem Eindruck des Sandes +erkannte, rieb er sie ebenso, wie sie getan hatte. Sogleich erschien ihm +wieder derselbe Geist, der sich schon einmal gezeigt hatte; da aber +Alaeddin die Lampe sanfter gerieben hatte, als seine Mutter, so sprach +er diesmal in einem milderen Tone dieselben Worte: »Was willst du? ich +bin bereit, dir zu gehorchen als dein Sklave und als Sklave aller derer, +die die Lampe in der Hand haben, sowohl ich, als die andern Sklaven der +Lampe.« Alaeddin antwortete ihm: »Mich hungert, bring mir zu essen.« +Der Geist verschwand und erschien in einigen Augenblicken wieder mit +einem ähnlichen Tafelzeug, wie das erstemal, stellte es nieder und +verschwand wieder. + +Alaeddin und seine Mutter setzten sich zu Tische, und nach dem Mahle +blieb ihnen noch so viel übrig, daß sie die beiden folgenden Tage +behaglich davon leben konnten. + +Als Alaeddin sah, daß weder Brot, noch Lebensmittel, noch Geld mehr zu +Hause war, nahm er eine silberne Schüssel und suchte den Juden, den er +kannte, auf, um sie zu verkaufen. Auf dem Wege zu ihm kam er an dem +Laden eines Goldschmieds vorüber, der durch sein Alter ehrwürdig und +zugleich ein ehrlicher und rechtschaffener Mann war. Der Goldschmied +bemerkte ihn, und rief ihm, er möchte hereintreten. »Mein Sohn,« sagte +er zu ihm, »ich habe dich schon mehrere Male mit derselben Ware wie +jetzt vorbeigehen, jenen Juden aufsuchen und bald darauf mit leeren +Händen zurückkommen sehen. Dies hat mich auf den Gedanken gebracht, daß +du das, was du trägst, jedesmal an ihn verkaufst. Aber du weißt +vielleicht nicht, daß dieser Jude ein Betrüger, und zwar ein ärgerer +Betrüger ist, als die andern Juden, und daß niemand, der ihn kennt, mit +ihm zu tun haben will. Im übrigen sage ich dir dieses bloß aus +Gefälligkeit. Wenn du mir zeigen willst, was du jetzt in der Hand hast, +und es dir feil ist, so will ich dir den wahren Wert getreulich +ausbezahlen, wofern ich es brauchen kann; wo nicht, so will ich dich an +andere Kaufleute weisen, die dich nicht betrügen werden.« + +In der Hoffnung, noch mehr Geld für seine Schüssel zu lösen, zog +Alaeddin sie sogleich unter seinem Kleide hervor und zeigte sie dem +Goldschmied. Der Greis, der auf den ersten Blick erkannte, daß sie vom +feinsten Silber war, fragte ihn, ob er wohl schon ähnliche an den Juden +verkauft und was er von ihm dafür erhalten habe. Alaeddin gestand +offenherzig, daß er schon zwölf solche verkauft und der Jude ihm für +jede ein einziges Goldstück bezahlt habe. »Ha, der Spitzbube!« rief der +Goldschmied. »Mein Sohn,« fügte er hinzu, »was geschehen ist, ist +geschehen, und man muß nicht mehr daran denken; aber wenn ich dir jetzt +den wahren Wert deiner Schüssel entdecke, die vom feinsten Silber ist, +das nur irgend von uns verarbeitet wird, so wirst du einsehen, wie sehr +der Jude dich betrogen hat.« + +Der Goldschmied nahm die Wage, wog die Schüssel und nachdem er Alaeddin +auseinandergesetzt hatte, was eine Mark Silber sei, machte er ihm +begreiflich, daß diese Schüssel ihrem Gewichte nach zweiundsiebenzig +Goldstücke wert sei, die er ihm sogleich blank ausbezahlte. »Da hast +du«, sagte er, »den wahren Betrag deiner Schüssel. Wenn du noch daran +zweifelst, so kannst du dich nach Belieben an jeden andern von unsern +Goldschmieden wenden, und wenn dir einer sagt, daß sie mehr wert sei, so +mache ich mich anheischig, dir das Doppelte dafür zu bezahlen.« + +Alaeddin dankte dem Goldschmied sehr für den guten Rat. In der Folge +verkaufte er auch die übrigen Schüsseln, sowie das Becken, an ihn und +erhielt von allem den vollen Wert je nach dem Gewichte. Obwohl nun +Alaeddin und seine Mutter eine unversiegbare Geldquelle an ihrer Lampe +hatten, so lebten sie dennoch ebenso mäßig, wie zuvor, nur daß Alaeddin +einiges auf die Seite legte, um anständig auftreten zu können und +verschiedene Bequemlichkeiten für ihre kleine Wirtschaft anzuschaffen. +Seine Mutter dagegen verwendete auf ihre Kleider nichts, als was ihr das +Baumwollespinnen einbrachte. Bei dieser nüchternen Lebensweise kann man +sich leicht denken, daß das Gold, das Alaeddin für seine zwölf Schüsseln +und das Becken von dem Goldschmied erhalten hatte, lange ausreichte. So +lebten sie denn mehrere Jahre lang von dem guten Gebrauch, den Alaeddin +von Zeit zu Zeit von seiner Lampe machte. + +In dieser Zwischenzeit hatte Alaeddin, der es nicht unterließ, sich sehr +fleißig bei den Zusammenkünften angesehener Personen in den Läden der +bedeutendsten Kaufleute, die mit Gold, Silber, Seidenstoffen, den +feinsten Schleiertüchern und Juwelen handelten, einzufinden und +bisweilen sogar an ihren Unterhaltungen teilzunehmen, sich vollends +ausgebildet und allmählich alle Manieren der feinen Weltleute +angenommen. Namentlich bei den Juwelenhändlern kam er von dem Irrwahn +ab, als wären die durchsichtigen Früchte, die er in dem Garten, wo die +Lampe stand, gepflückt hatte, nur buntfarbiges Glas; er erfuhr hier, daß +es sehr kostbare Edelsteine waren. Da er täglich in diesen Läden alle +Arten solcher Edelsteine kaufen und verkaufen sah, lernte er sie nach +ihrem Werte kennen und schätzen; da er nirgends so schöne und große +bemerkte, wie die seinigen, so begriff er wohl, daß er statt der +Glasscherben einen Schatz von unmeßbarem Wert besaß. Indes war er klug +genug, niemandem etwas davon zu sagen, selbst seiner Mutter nicht, und +ohne Zweifel verdankte er diesem Stillschweigen das hohe Glück, zu dem +wir ihn in der Folge werden emporsteigen sehen. + +Eines Tags, als er in der Stadt spazieren ging, hörte Alaeddin mit +lauter Stimme einen Befehl des Sultans ausrufen, daß jedermann seinen +Laden und seine Haustüre schließen und sich ins Innere seiner Wohnung +zurückziehen solle, bis die Prinzessin Bedrulbudur, das heißt »Mond der +Monde«, die Tochter des Sultans, die baden wollte, vorübergegangen und +wieder zurückgekehrt sein würde. + +Dieser öffentliche Aufruf erweckte in Alaeddin den Wunsch, die +Prinzessin entschleiert zu sehen. Er mußte sich zu diesem Behuf in das +Haus eines Bekannten begeben und dort hinter ein Gitterfenster stellen; +allein dies war ihm nicht genug, da die Prinzessin, dem Brauche gemäß, +auf ihrem Weg ins Bad einen Schleier vor ihrem Gesichte haben mußte. Um +seine Neugierde zu befriedigen, ersann er endlich ein Mittel, das ihm +glückte. Er stellte sich nämlich hinter die Türe des Bades, das so +eingerichtet war, daß er sie unfehlbar sehen mußte. + +Alaeddin mußte nicht lange warten: die Prinzessin erschien und er +betrachtete sie durch einen Ritz, der groß genug war, so daß er sehen +konnte, ohne gesehen zu werden. Sie kam in Begleitung einer großen +Anzahl ihrer Frauen und Verschnittenen, die teils neben ihr, teils +hinter ihr hergingen. Drei oder vier Schritte vor der Türe des Bades +nahm sie den Schleier ab, der ihr Gesicht bedeckte und ihr sehr unbequem +war, und auf diese Art sah Alaeddin sie um so bequemer, da sie gerade +auf ihn zukam. Alaeddin hatte bis dahin noch nie eine Frau mit +entschleiertem Gesichte gesehen, als seine Mutter, die schon alt und +niemals so hübsch gewesen war. + +Als Alaeddin die Prinzessin Bedrulbudur gesehen hatte, konnte sein Herz +dem bezaubernden Mädchen die höchste Zuneigung nicht versagen. Wirklich +war die Prinzessin auch die schönste Brünette, die man nur auf der Welt +sehen kann. Sie hatte große, regelmäßige, lebhafte und feurige Augen, +einen sanften und sittsamen Blick, eine wohlgeformte Nase ohne allen +Tadel, einen kleinen Mund, rosenrote und durch ihr schönes Ebenmaß +wahrhaft bezaubernde Lippen; mit einem Wort, alle ihre Gesichtszüge +waren höchst anmutig und regelmäßig. Was Wunder, daß Alaeddin bei dem +Anblick einer so seltenen Vereinigung von Schönheiten, die ihm ganz neu +waren, geblendet wurde und beinahe außer sich geriet! Außer diesen +Vollkommenheiten hatte die Prinzessin einen üppigen Wuchs und eine +majestätische Haltung, deren Anblick allein schon die ihr gebührende +Ehrfurcht einflößte. + +Als die Prinzessin ins Bad gegangen war, blieb Alaeddin eine Weile ganz +verwirrt und entzückt stehen, indem er sich unaufhörlich das reizende +Bild vor die Seele rief, das ihn im Innersten seines Herzens ergriffen +und bezaubert hatte. Endlich kam er wieder zur Besinnung, und da er +bedachte, daß die Prinzessin bereits vorübergegangen war, und er +vergebens seinen Posten länger behaupten würde, um sie beim Herausgehen +aus dem Bade wieder zu sehen, indem sie ihm dann den Rücken zuwenden und +verschleiert sein müßte, so beschloß er, den Ort zu verlassen und sich +hinwegzubegeben. + +Als Alaeddin nach Hause kam, konnte er seine Verwirrung und Unruhe nicht +so verbergen, daß seine Mutter nichts gemerkt hätte. Sie war sehr +erstaunt, ihn gegen seine Gewohnheit so traurig und nachdenklich zu +sehen und fragte ihn, ob ihm etwas Unangenehmes begegnet sei oder ob er +sich unwohl befinde. Alaeddin aber gab keine Antwort, sondern setzte +sich nachlässig auf den Sofa, wo er unverändert in derselben Stellung +blieb, fortwährend damit beschäftigt, sich das reizende Bild der +Prinzessin Bedrulbudur zu vergegenwärtigen. Seine Mutter bereitete das +Abendessen und drang nicht weiter in ihn. Er aß viel weniger als +gewöhnlich, hatte die Augen immer niederschlagen und beobachtete ein so +tiefes Stillschweigen, daß es seiner Mutter unmöglich war, ihm auch nur +ein einziges Wort zu entlocken, so sehr sie auch in ihn drang, er solle +ihr die Ursache dieser außerordentlichen Veränderungen mitteilen. + +Nach dem Abendessen wollte sie von neuem anfangen, ihn zu fragen, warum +er denn so schwermütig sei, allein sie konnte nichts aus ihm +herausbringen, und Alaeddin ging zu Bette, ohne seine Mutter im +mindesten zufriedengestellt zu haben. + +»Liebe Mutter,« begann er am nächsten Morgen, »ich will jetzt mein +Stillschweigen brechen. Ich war nicht krank, wie du zu glauben +schienest, und bin es auch jetzt nicht. Aber so viel kann ich dir sagen, +daß das, was ich empfand und was ich noch fortwährend empfinde, etwas +weit Schlimmeres ist, als eine Krankheit. Zwar weiß ich nicht recht, wie +man dieses Übel nennt, aber ich zweifle nicht, daß du es aus dem +erkennen wirst, was ich dir jetzt sagen will.« + +»Es ist«, fuhr Alaeddin fort, »die Tochter des Sultans gestern +nachmittag ins Bad gegangen. Da ich nicht weit vom Bade entfernt war, so +brachte mich die Neugierde, sie mit entschleiertem Gesichte zu sehen, +auf den Einfall, mich hinter die Türe des Bades zu verstecken. Wirklich +nahm sie vor ihrem Eintritt den Schleier ab und ich hatte das Glück, zu +meinem unaussprechlichen Vergnügen diese liebenswürdige Prinzessin zu +sehen. Ich liebe die Prinzessin mit einer Glut, die ich dir nicht +beschreiben kann, und da meine heiße Leidenschaft mit jedem Augenblicke +zunimmt, so fühle ich wohl, daß sie nur durch den Besitz befriedigt +werden kann; daher ich denn auch entschlossen bin, sie vom Sultan mir +zur Frau zu erbitten.« + +Alaeddins Mutter hatte die Rede ihres Sohnes bis auf die letzten Worte +mit vieler Aufmerksamkeit angehört; als sie aber vernahm, daß er im Sinn +habe, um die Hand der Prinzessin Bedrulbudur anzuhalten, so konnte sie +nicht umhin, ihn durch lautes Gelächter zu unterbrechen. Alaeddin wollte +fortfahren, allein sie ließ ihn nicht zum Wort kommen und sagte zu ihm: +»Ei, ei, mein Sohn, was fällt dir ein? Bist du wahnsinnig geworden, daß +du solche Reden führen kannst?« + +»Liebe Mutter,« erwiderte Alaeddin, »ich kann dir versichern, daß ich +nicht wahnsinnig, sondern ganz bei Verstande bin. Ich habe mir zum +voraus gedacht, daß du mich töricht und albern nennen werdest; allein +dies soll mich nicht hindern, dir noch einmal zu erklären, daß mein +Entschluß feststeht, den Sultan um die Hand der Prinzessin Bedrulbudur +zu bitten.« + +»Wahrhaftig, mein Sohn,« erwiderte die Mutter sehr ernsthaft, »ich muß +dir sagen, daß du dich ganz vergissest; und wenn du deinen Entschluß +auch ausführen wolltest, so sehe ich nicht ein, durch wen du es wagen +könntest, deine Bitte vortragen zu lassen.« -- »Durch niemand anders, +als dich selbst,« antwortete der Sohn ohne Bedenken. -- »Durch mich!« +rief die Mutter voll Erstaunen und Überraschung; »und an den Sultan? O +ich werde mich wohl hüten, mich in eine Unternehmung der Art +einzulassen. Und wer bist du denn, mein Sohn,« fuhr sie fort, »daß du +die Kühnheit haben dürftest, deine Gedanken zur Tochter deines Sultans +zu erheben? Hast du vergessen, daß du der Sohn eines der geringsten +Schneider seiner Hauptstadt und auch von mütterlicher Seite nicht von +höherer Abkunft bist? Weißt du denn nicht, daß Sultane ihre Töchter +selbst Sultanssöhnen verweigern, die keine Hoffnung haben, einst zur +Regierung zu gelangen?« + +»Liebe Mutter,« antwortete Alaeddin, »ich habe dir bereits bemerkt, daß +ich alles vorausgesehen habe, was du mir soeben gesagt hast, und ebenso +sehe ich alles voraus, was du etwa noch hinzufügen könntest. Weder deine +Reden, noch deine Vorstellungen werden mich von meinem Entschlusse +abbringen. Ich habe dir gesagt, daß ich durch deine Vermittlung um die +Hand der Prinzessin Bedrulbudur anhalten will; es ist dies die einzige +Gefälligkeit, um die ich dich mit aller schuldigen Ehrerbietung bitte, +und du kannst sie mir nicht abschlagen, wenn du mich nicht lieber +sterben sehen, als mir zum zweitenmal das Leben schenken willst.« + +Alaeddins Mutter befand sich in großer Verlegenheit, als sie diese +Hartnäckigkeit sah. »Mein Sohn,« sagte sie nochmals zu ihm, »ich bin +deine Mutter, und als gute Mutter bin ich bereit, aus Liebe zu dir alles +zu tun, was vernünftig und schicklich ist. Wenn es sich darum handelte, +für dich um die Tochter eines unserer Nachbarn anzuhalten, der von +gleichem oder wenigstens nicht viel höherem Stande wäre als du, so würde +ich nichts versäumen, und von Herzen gern alles aufbieten, was in meiner +Macht steht; aber auch dann müßtest du einiges Vermögen oder Einkünfte +besitzen, oder ein Gewerbe erlernt haben, um deinen Zweck zu erreichen. +Wenn arme Leute, wie wir, heiraten wollen, so ist das erste, woran sie +denken müssen, ob sie auch zu leben haben. Aber ohne an deine niedere +Abkunft, an deinen geringen Stand und deine Armut zu denken, willst du +dich auf den höchsten Gipfel des Glücks schwingen und verlangst nichts +Geringeres, als die Tochter deines Herrn und Gebieters, der nur ein +Wort zu sagen braucht, um dich zu verderben und zu zermalmen. Ich will +hier nicht erwähnen, was dich selbst betrifft, denn das mußt du in +deinem Innern in Erwägung ziehen, wofern du nur halbwegs bei gutem +Verstande bist. Ich will nur von dem sprechen, was mich angeht. Wie hat +dir ein so seltsamer Gedanke in den Kopf kommen können, daß ich zum +Sultan hingehen und ihm den Antrag machen soll, dir die Prinzessin, +seine Tochter, zum Weibe zu geben? Gesetzt auch, ich hätte die +Unverschämtheit, vor seine geheiligte Person zu treten, um eine so +ungereimte Bitte vorzutragen, an wen müßte ich mich denn wenden, um nur +vorgelassen zu werden? Glaubst du denn nicht, daß der erste, den ich +anredete, mich als Närrin behandeln und mit Schmach und Schimpf +fortjagen würde, wie ich es verdiente? Wenn wir aber auch annehmen, daß +es keine Schwierigkeit gäbe, Audienz bei dem Sultan zu erhalten: denn +ich weiß, daß man leicht zu ihm gelangen kann, wenn man um Gerechtigkeit +bittet, und daß er sie seinen Untertanen gern gewährt, sobald sie ihn +darum angehen; ich weiß auch, daß er mit Vergnügen eine Gnade bewilligt, +um die man ihn bittet, sobald er sieht, daß man sie verdient hat und +ihrer würdig ist: aber bist du denn in demselben Falle und glaubst du +die Gnade verdient zu haben, die ich für dich erbitten soll? Bist du +ihrer würdig? Was hast du für deinen Fürsten oder für dein Vaterland +getan und wodurch hast du dich ausgezeichnet? Wenn du nun nichts +geleistet hast, um eine so hohe Gnade zu verdienen, und auch im übrigen +ihrer nicht würdig bist, mit welcher Stirn könnte ich dann darum bitten? +Wie könnte ich auch nur den Mund öffnen, um dem Sultan diesen Vorschlag +zu machen? Sein majestätisches Ansehen und der Glanz seines Hofes würden +mir sogar den Mund verschließen, mir, die ich schon vor deinem Vater +zitterte, wenn ich ihn nur um eine Kleinigkeit zu bitten hatte. Auch ein +anderer Grund ist noch vorhanden, mein Sohn, den du nicht bedacht hast, +nämlich, daß man vor unsern Sultanen, wenn man sie um etwas bitten will, +nicht erscheinen darf, ohne ein Geschenk in der Hand zu haben. Welches +Geschenk könntest du ihm denn bieten? Und wenn du auch etwas hättest, +das der Beachtung eines so großen Monarchen im mindesten wert schiene, +in welchem Verhältnis stände dann dein Geschenk mit der Bitte, die du +an ihn tun willst? Geh in dich und bedenke, daß du nach etwas trachtest, +das du unmöglich erreichen kannst.« + +Alaeddin hörte alles, was seine Mutter sagte, um ihn von seinem Plane +abzubringen, mit großer Gemütsruhe an, und nachdem er ihre Vorstellungen +Punkt für Punkt in Erwägung gezogen, nahm er endlich das Wort und +sprach: »Ich gestehe, liebe Mutter, daß es eine große Verwegenheit von +mir ist, so hoch hinauf zu wollen, und zugleich sehr unüberlegt, daß ich +von dir, mit solcher Hitze und Hastigkeit verlange, du sollst beim +Sultan für mich anhalten, ohne zuvor die geeigneten Maßregeln zu +ergreifen, um dir Gehör und einen günstigen Empfang zu verschaffen. +Verzeih mir diesmal. In der Hitze der Leidenschaft, die sich meiner +bemeistert hat, darfst du dich nicht wundern, wenn ich nicht auf einmal +alles, was mir die gesuchte Ruhe geben kann, ins Auge gefaßt habe. Ich +liebe die Prinzessin Bedrulbudur weit mehr, als du dir denken kannst, ja +ich bin ganz von Sinnen und beharre fest auf dem Entschlusse, sie zu +heiraten. Ich bin darüber vollkommen mit mir einig und entschieden. +Übrigens danke ich dir für die Eröffnung, die du mir soeben gemacht +hast, denn ich betrachte sie als den ersten Schritt zu dem glücklichen +Erfolg, den ich mir verspreche. + +»Du sagst mir, es sei nicht Brauch, ohne ein Geschenk in der Hand vor +dem Sultan zu erscheinen, und ich hätte nichts, was seiner würdig wäre. +Wenn du aber meinst, daß ich nichts besäße, was ihm überreicht werden +könnte, so glaube ich doch, daß die Sachen, die ich aus der +unterirdischen Höhle mitgebracht habe, dem Sultan gewiß viel Vergnügen +machen würden. Ich spreche nämlich von den Steinen in den zwei Beuteln +und im Gürtel, die wir beide anfangs für farbige Gläser hielten; jetzt +sind mir die Augen aufgegangen, und ich sage dir, liebe Mutter, daß es +Juwelen von unschätzbarem Werte sind, die nur großen Königen gebühren. +In den Läden der Juweliere habe ich mich von ihrem Wert überzeugt und du +kannst mir aufs Wort glauben: alle, die ich bei diesen Herren gesehen +habe, halten mit den unsern durchaus keinen Vergleich aus, weder in +Beziehung auf Größe, noch auf Schönheit, und doch verkaufen sie +dieselben um ungeheure Summen. Wir können zwar allerdings den wahren +Wert der unsrigen nicht angeben, aber dem mag sein wie ihm wolle, so +viel verstehe ich doch, um überzeugt zu sein, daß das Geschenk dem +Sultan die größte Freude machen muß. Du hast da eine ziemlich große +Porzellanvase, die gerade dazu paßt; bring sie einmal her, und laß uns +sehen, welche Wirkung sie haben, wenn wir sie nach ihren verschiedenen +Farben ordnen.« + +Alaeddins Mutter brachte die Vase, und Alaeddin nahm die Edelsteine aus +den beiden Beuteln heraus und legte sie in der besten Ordnung hinein. +Die Wirkung, die sie durch die Mannigfaltigkeit ihrer Farben und ihren +strahlenden Glanz beim hellen Tageslicht hatten, war so groß, daß Mutter +und Sohn beinahe davon geblendet wurden und sich über die Maßen +wunderten; denn sie hatten dieselben bisher nur beim Lampenschein +betrachtet. Alaeddin zwar hatte sie auf den Bäumen gesehen, wo sie ihm +als Früchte erschienen, die einen herrlichen Anblick gewährten; allein +er war damals noch Kind gewesen und hatte diese Edelsteine nur als +Spielzeug betrachtet. + +Nachdem sie die Schönheit des Geschenks eine Weile betrachtet hatten, +nahm Alaeddin wieder das Wort und sagte: »Du hast jetzt keine Ausrede +mehr, liebe Mutter, und kannst dich nicht damit entschuldigen, daß wir +kein passendes Geschenk anzubieten hätten. Hier ist eines, wie mich +dünkt, das dir gewiß einen recht freundlichen Empfang verschaffen wird.« + +Obwohl Alaeddins Mutter dieses Geschenk, ungeachtet seiner Schönheit und +seines Glanzes, nicht für so wertvoll hielt, wie ihr Sohn, so dachte sie +doch, es könne vielleicht angenommen werden, und sah ein, daß in dieser +Beziehung nichts mehr einzuwenden war. Dagegen kam sie immer wieder auf +Alaeddins Forderung zurück, und dies machte ihr viel Unruhe. »Mein +Sohn,« sprach sie zu ihm, »ich begreife wohl, daß dein Geschenk Wirkung +tun und Gnade in den Augen des Sultans finden wird; aber wenn ich dann +deine Bitte vortragen soll, so fühle ich zum voraus, daß ich dazu keine +Kraft haben und stumm bleiben werde. Auf diese Art wird nicht nur mein +Gang vergeblich, sondern auch das Geschenk, das nach deiner Behauptung +so außerordentlich kostbar ist, verloren sein, und ich werde mit Schmach +abziehen müssen, um dir zu verkündigen, daß du dich in deiner +Hoffnung getäuscht hast. Ich habe es dir schon einmal gesagt und du +wirst sehen, daß es so kommt.« + +[Illustration] + +[Illustration] + +»Aber,« setzte sie hinzu, »gesetzt auch, ich könnte mir so viel Gewalt +antun, mich nach deinem Wunsche zu fügen, und ich hätte Kraft genug, um +eine solche Bitte zu wagen, wie du mir zumutest, so wird sich doch der +Sultan ganz gewiß entweder über mich lustig machen und mich als eine +Närrin nach Hause schicken, oder er wird in gerechten Zorn geraten, +dessen Opfer unfehlbar wir beide sein werden.« + +Alaeddins Mutter führte noch mehrere solche Gründe an, um ihren Sohn auf +andere Gedanken zu bringen; allein die Reize der Prinzessin Bedrulbudur +hatten einen zu starken Eindruck auf sein Herz gemacht, als daß er sich +von seinem Plane hätte abbringen lassen. Alaeddin beharrte also auf +seiner Bitte, und teils aus Zärtlichkeit, teils aus Furcht, er möchte +irgend einen tollen Streich machen, überwand seine Mutter ihre Abneigung +und verstand sich endlich dazu, ihm zu willfahren. + +Da es schon spät und die Zeit, in den Palast zu gehen und vor den Sultan +zu treten, an diesem Tage bereits vorüber war, so wurde die Sache auf +den folgenden Tag verschoben. »Mein Sohn,« sagte die Mutter, »wenn mich +der Sultan so günstig aufnimmt, wie ich es aus Liebe zu dir wünsche, +wenn er auch den Vorschlag ruhig anhört, aber sich dann einfallen läßt, +nach deinem Vermögen und Stande zu fragen -- sage mir, was soll ich ihm +dann antworten?« + +»Liebe Mutter,« antwortete Alaeddin, »wir wollen uns nicht zum voraus +über eine Sache bekümmern, die vielleicht gar nicht vorkommen wird. Wir +müssen jetzt abwarten, wie der Sultan dich empfängt und was für eine +Antwort er dir gibt. Wenn er dann wirklich über das, was du sagst, +Auskunft haben will, so werde ich mich schon auf eine Antwort besinnen, +und ich glaube zuversichtlich, daß die Lampe, die uns schon seit einigen +Jahren ernährt, mich in der Not nicht verlassen wird.« + +Alaeddins Mutter wußte hierauf nichts zu erwidern, denn sie dachte, daß +die Lampe, von der er sprach, auch noch weit größere Wunder bewirken +könnte, als nur ihren Lebensunterhalt zu verschaffen. Dies beruhigte +sie. Alaeddin sagte zu ihr: »Jedenfalls, liebe Mutter, halte die Sache +geheim; davon hängt der ganze glückliche Erfolg ab, den wir erwarten +können.« Hierauf trennten sie sich, um zu Bett zu gehen; allein die +heftige Liebe und die großartigen, unermeßlichen Glückspläne, die +Alaeddins Gemüt erfüllten, ließen ihn keine Ruhe finden. Er stand vor +Tagesanbruch auf, weckte sogleich seine Mutter und bestürmte sie, sie +solle sich aufs schleunigste ankleiden, an das Tor des königlichen +Palastes gehen und, sowie es geöffnet würde, zugleich mit dem +Großvezier, den untergeordneten Vezieren und den übrigen Staatsbeamten +eintreten, die sich zur Sitzung des Divans begäben, welcher der Sultan +immer persönlich beiwohnte. + +Alaeddins Mutter tat alles, was ihr Sohn wünschte. Sie nahm die mit +Edelsteinen gefüllte Porzellanvase und hüllte sie in doppelte Leinwand, +zuerst in sehr feine und schneeweiße, sodann in minder feine, welche +letztere sie an den vier Zipfeln zusammenband, um die Sache bequemer +tragen zu können. Endlich ging sie zur Freude Alaeddins fort und nahm +ihren Weg nach dem Palaste des Sultans. Der Großvezier nebst den übrigen +Vezieren und die angesehensten Herren vom Hofe waren bereits +hineingegangen, als sie ans Tor kam. Die Zahl der Wartenden war sehr +groß. Man öffnete und sie ging mit ihnen in den Divan. Dies war ein über +die Maßen schöner, tiefer und geräumiger Saal und hatte einen großen, +prächtigen Eingang; sie stellte sich so, daß sie den Sultan gerade +gegenüber, den Großvezier aber und die übrigen Herren, die im Rate +saßen, rechts und links hatte. Man rief die verschiedenen Parteien eine +nach der andern vor, in der Ordnung, wie sie ihre Bittschriften +eingereicht hatten, und ihre Angelegenheiten wurden vorgetragen, +verhandelt und entschieden, bis zur Stunde, wo der Divan wie gewöhnlich +geschlossen wurde. Dann stand der Sultan auf, entließ die Versammlung +und ging in sein Zimmer zurück, wohin ihm der Großvezier folgte. Die +übrigen Veziere und Mitglieder des Staatsrats begaben sich nach Hause; +ebenso die, welche wegen Privatangelegenheiten erschienen waren; die +einen vergnügt, daß sie ihren Prozeß gewonnen hatten, die andern +unzufrieden, weil gegen sie entschieden worden war, und noch andere in +der Hoffnung, daß ihre Sache in einer andern Sitzung vorkommen werde. + +Als Alaeddins Mutter sah, daß der Sultan aufstand und fortging, schloß +sie daraus, daß er an diesem Tage nicht wieder erscheinen werde, und +ging, wie die andern alle, nach Hause. Alaeddin, der sie mit dem für den +Sultan bestimmten Geschenk zurückkommen sah, wußte anfangs nicht, was er +von dem Erfolg seiner Sendung denken sollte. Er fürchtete eine schlimme +Botschaft und hatte kaum Kraft genug, den Mund zu öffnen und sie zu +fragen, welche Nachricht sie bringe. Die gute Frau, die nie einen Fuß in +den Palast des Sultans gesetzt und keine Ahnung von dem hatte, was dort +Brauch war, machte der Verlegenheit ihres Sohnes ein Ende, indem sie mit +vieler Treuherzigkeit und Aufrichtigkeit also zu ihm sprach: »Mein Sohn, +ich habe den Sultan gesehen und bin fest überzeugt, daß er mich +ebenfalls gesehen hat. Ich stand gerade vor ihm und niemand hinderte +mich, ihn zu sehen, allein er war zu sehr mit denen beschäftigt, die zu +seiner Rechten und Linken saßen, daß ich Mitleiden mit ihm hatte, als +ich die Mühe und Geduld sah, womit er sie anhörte. Dies dauerte so +lange, daß er, glaube ich, zuletzt Langeweile bekam, denn er stand auf +einmal ganz unerwartet auf und ging schnell weg, ohne eine Menge anderer +Leute anzuhören, die noch mit ihm sprechen wollten. Ich war sehr froh +darüber, denn ich fing wirklich an, die Geduld zu verlieren und war von +dem langen Stehen außerordentlich müde. Indes ist noch nichts verdorben; +ich werde morgen wieder zu ihm gehen, der Sultan ist vielleicht dann +nicht so beschäftigt.« + +So heftig auch das Feuer der Liebe in Alaeddins Busen brannte, so mußte +er sich doch mit dieser Entschuldigung zufrieden geben und mit Geduld +waffnen. Er hatte wenigstens die Genugtuung, zu sehen, daß seine Mutter +bereits den schwersten Schritt getan und den Anblick des Sultans +ausgehalten hatte, und so konnte er hoffen, daß sie, wie die andern, die +in ihrer Gegenwart mit ihm gesprochen hatten, nicht anstehen werde, sich +ihres Auftrages zu entledigen, sobald der günstige Augenblick zum +Sprechen komme. + +Am andern Morgen ging Alaeddins Mutter wieder ebenso frühe mit ihrem +Geschenk nach dem Palast des Sultans, allein sie machte diesen Gang +vergeblich, denn sie fand die Türe des Divans verschlossen und erfuhr, +daß nur alle zwei Tage Sitzung sei und sie also am folgenden Tage +wieder kommen müsse. Sie kehrte nun um und brachte diese Nachricht ihrem +Sohne, der somit aufs neue Geduld fassen mußte. Noch sechsmal +hintereinander ging sie an den bestimmten Tagen in den Palast, aber +immer mit ebensowenig Erfolg, und vielleicht wäre sie noch hundertmal +vergebens gelaufen, wenn nicht der Sultan, der sie bei jeder Sitzung +gegenüber von sich sah, endlich aufmerksam auf sie geworden wäre. + +An diesem Tage endlich sagte der Sultan, als er nach aufgehobener +Sitzung in seine Gemächer zurückgekehrt war, zu seinem Großvezier: +»Schon seit einiger Zeit bemerke ich eine gewisse Frau, die regelmäßig +jeden Tag, wo ich Sitzung halte, kommt und etwas in Leinwand eingehüllt +in der Hand hat. Sie bleibt vom Anfang bis zu Ende der Sitzung stehen, +und zwar immer gerade mir gegenüber. Weißt du wohl, was ihr Begehr ist?« + +Der Großvezier, der es so wenig wußte, als der Sultan, wollte gleichwohl +keine Antwort schuldig bleiben. »Herr,« sagte er, »es ist dir wohl +bekannt, daß die Frauen oft über geringfügige Sachen Klage führen. Diese +da kommt offenbar, um sich bei dir zu beschweren, daß man vielleicht +schlechtes Mehl an sie verkauft oder ihr sonst Unrecht zugefügt hat, das +von eben so wenig Belang ist.« Der Sultan war mit dieser Antwort nicht +zufrieden und sagte: »Wenn diese Frau bei der nächsten Sitzung wieder +erscheint, so vergiß nicht, sie rufen zu lassen, auf daß ich sie höre.« +Der Großvezier küßte seine Hand und legte sie auf seinen Kopf, zum +Zeichen, daß er bereit sei, ihn sich abschlagen zu lassen, wenn er +diesen Befehl nicht erfüllte. + +Alaeddins Mutter war schon so sehr daran gewöhnt, im Divan vor dem +Sultan zu erscheinen, daß sie ihre Mühe für nichts achtete, wofern sie +nur ihrem Sohne zeigen konnte, wie sehr sie sich's angelegen sein ließ, +für ihn alles zu tun, was in ihren Kräften stand. Sie ging also am +Sitzungstag wieder nach dem Palast und stellte sich wie gewöhnlich am +Eingang des Divans dem Sultan gegenüber. + +Der Großvezier hatte seinen Vortrag noch nicht begonnen, als der Sultan +Alaeddins Mutter bemerkte. Diese lange Geduld, die er selbst mit +angesehen, rührte ihn. »Damit du es nicht vergissest,« sagte er zum +Großvezier, »dort steht wieder die Frau, von der ich dir neulich gesagt +habe: laß sie hierhertreten, dann wollen wir sie zuerst anhören und ihre +Angelegenheit ins reine bringen.« Sogleich zeigte der Großvezier die +Frau dem Obersten der Türsteher, der zu seinen Befehlen bereit stand, +und hieß ihn sie näher heranführen. + +Der Oberste der Türsteher kam zu Alaeddins Mutter und gab ihr ein +Zeichen; sie folgte ihm bis an den Fuß des königlichen Thrones, wo er +sie verließ, um sich wieder an seinen Platz neben dem Großvezier zu +stellen. + +Alaeddins Mutter befolgte das Beispiel der andern, die sie mit dem +Sultan sprechen gesehen hatte: sie warf sich zu Boden, berührte mit +ihrer Stirne den Teppich, der die Stufen des Thrones bedeckte, und blieb +in dieser Stellung, bis der Sultan ihr befahl, aufzustehen. Als sie +aufgestanden war, sprach er zu ihr: »Gute Frau, ich sehe dich schon +lange Zeit in meinen Divan kommen und von Anfang bis zu Ende am Eingange +stehen. Welche Angelegenheit führt dich hierher?« + +Alaeddins Mutter warf sich, als sie diese Worte hörte, zum zweiten Male +zu Boden, und nachdem sie aufgestanden war, sagte sie: »Erhabenster +aller Könige der Welt, bevor ich dir die außerordentliche und fast +unglaubliche Sache erzähle, die mich vor deinen hohen Thron führt, bitte +ich dich, mir die Kühnheit des Anliegens zu verzeihen, das ich dir +vortragen will. Es ist so ungewöhnlich, daß ich zittere und bebe, und +große Scheu trage, es meinem Sultan vorzubringen.« Um ihr volle Freiheit +zu geben, befahl der Sultan allen Anwesenden, sich aus dem Divan zu +entfernen und ihn mit dem Großvezier allein zu lassen; dann sagte er zu +ihr, sie könne ohne Furcht sprechen. + +Alaeddins Mutter begnügte sich nicht mit der Güte des Sultans, der ihr +die Verlegenheit, vor der ganzen Versammlung sprechen zu müssen, erspart +hatte; sie wollte sich auch noch vor seinem Zorn sicher stellen, den sie +bei einem so seltsamen Antrag fürchten mußte. »Großer König,« sagte sie, +aufs neue das Wort ergreifend, »ich wage auch noch dich zu bitten, daß +du mir, im Fall du mein Gesuch im mindesten anstößig oder beleidigend +finden solltest, zum voraus deine Verzeihung und Gnade zusicherst.« -- +»Was es auch sein mag,« erwiderte der Sultan, »ich verzeihe es dir +schon jetzt, und es soll dir nicht das geringste Leid zustoßen. Sprich +ohne Scheu!« + +Nachdem Alaeddins Mutter alle diese Vorsichtsmaßregeln ergriffen hatte, +weil sie den ganzen Zorn des Sultans für ihren kühnen Antrag fürchtete, +erzählte sie ihm treuherzig, bei welcher Gelegenheit Alaeddin die +Prinzessin Bedrulbudur gesehen, welche heftige Liebe ihm dieser +unglückselige Augenblick eingeflößt, welche Erklärungen er ihr darüber +gemacht und wie sie ihm alles vorgestellt habe, um ihn von einer +Leidenschaft abzubringen, die sowohl für den König, als für seine +Tochter im höchsten Grade beleidigend sei. »Aber,« fuhr sie fort, »statt +diese Ermahnungen zu beherzigen, und die Frechheit seines Verlangens +einzusehen, beharrte mein Sohn unerschütterlich dabei und drohte mir +sogar, wenn ich mich weigern würde, zu dir zu gehen und für ihn um die +Prinzessin anzuhalten. Gleichwohl hat es mich sehr große Überwindung +gekostet, bis ich ihm diesen Gefallen erwies, und ich bitte dich noch +einmal, großer König, daß du nicht allein mir, sondern auch meinem Sohne +Alaeddin verzeihen mögest, der den verwegenen Gedanken gehabt hat, nach +einer so hohen Verbindung zu trachten.« + +Der Sultan hörte den ganzen Vortrag mit vieler Milde und Güte an, ohne +im mindesten Zorn und Unwillen zu verraten, oder auch nur die Sache +spöttisch aufzunehmen. Ehe er aber der guten Frau antwortete, fragte er +sie, was sie denn in ihrem leinenen Tuche eingehüllt habe. Sogleich nahm +sie die porzellanene Vase, stellte sie an den Fuß des Thrones, und +nachdem sie sich niedergeworfen, enthüllte sie dieselbe und überreichte +sie dem Sultan. + +Es ist unmöglich, die Überraschung und das Erstaunen des Sultans zu +beschreiben, als er in dieser Vase so viele ansehnliche, kostbare, +vollkommene und glänzende Edelsteine erblickte, und zwar alle von einer +Größe, dergleichen er niemals gesehen hatte. Seine Verwunderung war so +groß, daß er eine Weile ganz unbeweglich dasaß. Endlich, als er sich +wieder gesammelt hatte, empfing er das Geschenk aus den Händen der Frau +und rief außer sich vor Freude: »Ei, wie schön, wie herrlich!« Nachdem +er die Edelsteine alle einen nach dem andern in die Hand genommen, +bewundert und nach ihren hervorstechendsten Eigenschaften gepriesen +hatte, wandte er sich zu seinem Großvezier, zeigte ihm die Vase und +sagte zu ihm: »Sieh einmal an und du wirst gestehen müssen, daß man auf +der ganzen Welt nichts Kostbareres und Vollkommeneres finden kann.« Der +Vezier war ebenfalls ganz bezaubert. »Je nun,« fuhr der Sultan fort, +»was sagst du von diesem Geschenke? Ist es der Prinzessin, meiner +Tochter, nicht würdig, und kann ich sie um diesen Preis nicht dem Manne +geben, der um sie anhalten läßt?« + +Diese Worte versetzten den Großvezier in peinliche Unruhe. Der Sultan +hatte ihm nämlich vor einiger Zeit zu verstehen gegeben, daß er die +Prinzessin seinem Sohne zu geben gedenke. Nun aber fürchtete er, und +nicht ohne Grund, der Sultan möchte durch dieses reiche und +außerordentliche Geschenk geblendet, sich anders entschließen. Er +näherte sich ihm daher und flüsterte ihm ins Ohr: »Herr, ich muß +gestehen, daß das Geschenk der Prinzessin würdig ist. Allein ich bitte +dich, mir drei Monate Frist zu gönnen, bevor du dich entscheidest. Ich +hoffe, daß mein Sohn, auf den du früher deine Augen zu werfen geruhtest, +noch vor dieser Zeit ihr ein weit kostbareres Geschenk machen kann, als +dieser Alaeddin, den du gar nicht kennst.« So sehr nun auch der Sultan +überzeugt war, daß der Großvezier unmöglich seinen Sohn in den Stand +setzen konnte, der Prinzessin ein Geschenk von gleichem Werte zu machen, +so hörte er dennoch auf ihn und bewilligte ihm diesen Wunsch. Er wandte +sich also zu Alaeddins Mutter und sagte zu ihr: »Geh nach Hause, gute +Frau, und melde deinem Sohn, daß ich den Vorschlag, den du mir in seinem +Namen gemacht hast, genehmige, daß ich aber die Prinzessin, meine +Tochter, unmöglich verheiraten kann, bis ich ihr eine Ausstattung +besorgt habe, die erst in drei Monaten fertig wird. Komm also um diese +Zeit wieder.« + +Alaeddins Mutter ging mit um so größerer Freude nach Hause, als sie es +im Anfang wegen ihres Standes für unmöglich gehalten hatte, Zutritt beim +Sultan zu erlangen, und nun war ihr statt einer beschämenden +abschlägigen Antwort, die sie erwarten mußte, ein so günstiger Bescheid +zuteil geworden. Als Alaeddin seine Mutter zurückkommen sah, schloß er +aus zwei Sachen auf eine gute Botschaft: erstens, weil sie früher als +gewöhnlich kam, und zweitens, weil ihr Gesicht vor Freude glänzte. +»Ach, meine Mutter!« rief er ihr entgegen, »darf ich hoffen oder soll +ich aus Verzweiflung sterben?« Sie legte ihren Schleier ab, setzte sich +neben ihn und sagte dann zu ihm: »Lieber Sohn, um dich nicht lange in +Ungewißheit zu lassen, will ich dir gleich zum voraus sagen, daß du +nicht ans Sterben zu denken brauchst, sondern im Gegenteil alle Ursache +hast, gutes Mutes zu sein.« Hierauf erzählte sie ihm, wie sie vor allen +andern Zutritt erhalten, und welche günstige Antwort sie aus des Sultans +eigenem Munde erhalten habe. Sie fügte hinzu: aus dem ganzen Benehmen +des Sultans habe sie entnehmen können, daß das Geschenk einen überaus +mächtigen Eindruck auf sein Gemüt gemacht und ihn zu dieser huldreichen +Antwort bestimmt habe. + +Als Alaeddin diese Nachricht hörte, hielt er sich für den glücklichsten +aller Sterblichen. Er dankte seiner Mutter für die viele Mühe, und +obwohl ihm bei seinem ungeduldigen Verlangen nach dem Gegenstande seiner +Liebe drei Monate entsetzlich lang erschienen, so nahm er sich doch vor, +mit Geduld zu warten und auf das Wort des Sultans zu bauen, das er für +unverbrüchlich hielt. Indes zählte er in Erwartung des ersehnten Zieles +nicht bloß Wochen, Tage und Stunden, sondern selbst Minuten, und es +waren ungefähr zwei Monate verflossen, als seine Mutter eines Abends die +Lampe anzünden wollte und merkte, daß kein Öl mehr im Hause war. Sie +ging aus, um welches zu kaufen, und als sie in die Stadt hinein kam, +fand sie, daß alles festlich geschmückt war. Die Kaufläden waren +geöffnet, man schmückte sie mit Blumenkränzen und machte Anstalt zu +festlichen Beleuchtungen, wobei es jeder dem andern an Pracht und Glanz +zuvorzutun suchte, um seinen Eifer an den Tag zu legen. Auf allen +Gesichtern strahlte Freude und Fröhlichkeit, sogar die Straßen waren mit +Hofbeamten in Festkleidern angefüllt, die auf reichgeschmückten Pferden +saßen und von einer großen Menge Bedienten zu Fuß umgeben waren. Sie +fragte den Kaufmann, bei dem sie ihr Öl kaufte, was dies alles zu +bedeuten habe. »Woher kommst denn du, liebe Frau?« gab ihr dieser zur +Antwort; »weißt du allein nicht, daß der Sohn des Großveziers heute +abend die Prinzessin Bedrulbudur, Tochter des Sultans, heiratet? Sie +wird bald aus dem Bade kommen und die vornehmen Herren, die du hier +siehst, haben sich versammelt, um sie nach dem Palast zu geleiten, wo +die Feierlichkeit vor sich gehen soll.« + +Alaeddins Mutter wollte nichts mehr hören. Sie lief so eilig nach Hause, +daß sie fast atemlos ankam. »Ach!« rief sie ihrem Sohne, der auf nichts +weniger, als auf eine solche unangenehme Nachricht gefaßt war, entgegen, +»für dich ist alles verloren. Du zähltest auf das schöne Versprechen des +Sultans, aber es wird nichts daraus.« Alaeddin erschrak über die Maßen +und antwortete: »Liebe Mutter, warum sollte mir denn der Sultan sein +Versprechen nicht halten? woher weißt du das?« -- »Heute abend noch,« +versetzte die Mutter, »heiratet der Sohn des Großveziers die Prinzessin +Bedrulbudur im Palaste.« Sie erzählte ihm hierauf, wie sie es erfahren +hatte, und teilte ihm so genau die einzelnen Umstände mit, daß er nicht +mehr daran zweifeln konnte. Bei dieser Nachricht war Alaeddin wie vom +Blitze getroffen. Jeder andere als er wäre seinem Kummer erlegen, aber +eine geheime Eifersucht weckte die Tätigkeit seines Geistes bald wieder. +Er gedachte jetzt der Lampe, die ihm bisher so nützlich gewesen, und +ohne mit leeren Worten gegen den Sultan, den Großvezier oder den Sohn +dieses Ministers zu eifern, sagte er bloß: »Liebe Mutter, der Sohn des +Großveziers ist heute nacht vielleicht nicht so glücklich, als er hofft. +Ich will einen Augenblick auf mein Zimmer gehen, bereite du indes das +Abendessen.« + +Alaeddins Mutter begriff wohl, daß ihr Sohn von der Lampe Gebrauch +machen wollte, um die Heirat des Sohnes des Großveziers womöglich zu +hintertreiben, und sie täuschte sich nicht. Alaeddin nahm, sobald er in +seinem Zimmer war, die Wunderlampe, die er seit der Erscheinung des +Geistes, der seiner Mutter so großen Schrecken eingejagt, hierher +gebracht hatte, und rieb sie an derselben Stelle, wie früher. Alsbald +erschien der Geist und sprach zu ihm: »Was willst du? ich bin bereit dir +zu gehorchen als dein Sklave und als Sklave aller derer, die die Lampe +in der Hand haben, sowohl ich als alle andern Sklaven der Lampe.« -- +»Höre,« sagte Alaeddin, »du hast mir bisher zu essen gebracht, so oft +ich dessen bedurfte, jetzt aber habe ich dir einen Auftrag von weit +höherem Belang zu erteilen. Ich habe bei dem Sultan um die Prinzessin +Bedrulbudur anhalten lassen. Er hat sie mir versprochen und nur einen +Aufschub von drei Monaten verlangt. Statt aber sein Wort zu halten, +vermählt er sie heute abend noch vor Ablauf der Frist mit dem Sohne des +Großveziers. Ich habe es soeben erfahren und die Sache ist ganz gewiß. +Nun verlange ich von dir, daß du Bräutigam und Braut, sobald sie sich zu +Bette gelegt haben, wegtragest und alle beide in ihrem Bette hierher +bringst.« -- »Mein Gebieter,« antwortete der Geist, »ich werde dir +gehorchen. Hast du sonst noch etwas zu befehlen?« -- »Für den Augenblick +nichts,« erwiderte Alaeddin und der Geist verschwand. + +Alaeddin ging wieder zu seiner Mutter zurück und speiste so ruhig, wie +sonst, mit ihr zu Abend. Nach dem Essen sprach er eine Weile mit ihr +über die Vermählung der Prinzessin, wie über eine Sache, die ihn +garnicht bekümmerte. Sodann ging er auf sein Zimmer zurück, damit seine +Mutter ungestört zu Bett gehen konnte. Er selbst legte sich indessen +nicht nieder, sondern erwartete die Rückkunft des Geistes und die +Vollziehung seines Befehles. + +Indessen waren im Palast des Sultans mit ungeheurer Pracht alle +Anstalten zur Vermählungsfeier der Prinzessin getroffen worden, und die +Festlichkeiten und Lustbarkeiten dauerten bis in die Nacht. Als alles +vorüber war, entfernte sich der Sohn des Großveziers unbemerkt auf ein +Zeichen, das ihm der Oberste von den Verschnittenen der Prinzessin gab, +der ihn auch nach der Wohnung der Prinzessin und in das Gemach führte, +wo das Brautbett bereitet war. Er legte sich zuerst nieder. Bald darauf +brachte die Sultanin in Begleitung ihrer Frauen und der Frauen ihrer +Tochter die Braut herein. Nach der Sitte aller Neuvermählten sträubte +sie sich heftig. Die Sultanin half sie auskleiden, legte sie wie mit +Gewalt ins Bett, umarmte sie, wünschte ihr eine gute Nacht und entfernte +sich dann mit allen ihren Frauen. Die letzte, die hinausging, schloß die +Türe hinter sich zu. + +Kaum war die Türe verschlossen, als der Geist, ein treuer Sklave der +Lampe und pünktlicher Vollzieher aller Befehle ihrer Besitzer, ohne dem +jungen Gatten Zeit zu lassen, seine Neuvermählte auch nur ein wenig zu +liebkosen, zum großen Erstaunen beider das Bett, worin sie lagen, nahm +und in einem Augenblick in Alaeddins Zimmer trug. + +Alaeddin, der diesen Augenblick voll Ungeduld erwartet hatte, duldete +nicht, daß der Sohn des Großveziers bei der Prinzessin liegen blieb. +»Nimm diesen jungen Ehemann,« sagte er zu dem Geist, »sperre ihn ins +heimliche Gemach, und komm morgen früh etwas vor Tagesanbruch wieder.« +Sogleich nahm der Geist den Sohn des Großveziers im bloßen Hemd aus dem +Bett, brachte ihn an den bezeichneten Ort und ließ ihn daselbst, nachdem +er einen Dunst auf ihn gehaucht hatte, den er vom Wirbel bis zur Zehe +spürte, und der ihn hinderte, sich von der Stelle zu rühren. + +So groß nun auch Alaeddins Liebe zur Prinzessin Bedrulbudur war, so +führte er doch, sobald er sich mit ihr allein sah, keine langen Reden, +sondern sagte bloß in sehr zärtlichem Tone zu ihr: »Fürchte nichts, +geliebte Prinzessin; du bist hier in Sicherheit, und so gewaltig auch +die Liebe ist, die ich für deine Schönheit und deine Reize empfinde, so +werde ich doch nie die Schranken der tiefen Ehrfurcht überschreiten, +welche ich dir schulde. Wenn ich,« fügte er hinzu, »gezwungen worden +bin, zu diesen äußersten Maßregeln zu greifen, so geschah dies nicht in +der Absicht, dich zu beleidigen, sondern ich wollte nur einen +ungerechten Nebenbuhler verhindern, dem Versprechen, das der Sultan, +dein Vater, mir gegeben, zuwider dich in Besitz zu nehmen.« Die +Prinzessin, die von all diesen Umständen nichts wußte, achtete nicht +sehr auf Alaeddins Worte und vermochte ihm nichts zu erwidern. Der +Schrecken und das Erstaunen über dieses überraschende und unerwartete +Abenteuer hatte sie in einen solchen Zustand versetzt, daß Alaeddin ihr +kein einziges Wort entlocken konnte. Alaeddin ließ es indes nicht dabei +bewenden; er entkleidete sich und legte sich an die Stelle des Sohnes +des Großveziers, indem er der Prinzessin den Rücken kehrte, zugleich +aber die Vorsicht gebrauchte, einen Säbel zwischen die Prinzessin und +sich zu legen, zum Zeichen, daß er damit bestraft zu werden verdiente, +wenn er sich gegen ihre Ehre vergehen sollte. + +Alaeddin war damit zufrieden, seinen Nebenbuhler des Glücks beraubt zu +haben, das er in dieser Nacht zu genießen hoffte, und schlief ganz +ruhig. Anders die Prinzessin Bedrulbudur: sie hatte in ihrem Leben noch +keine so verdrießliche und unangenehme Nacht zugebracht, und wenn man +den Ort und den Zustand bedenkt, in dem der Geist den Sohn des +Großveziers verlassen hatte, so wird man sich leicht denken können, daß +sie für den jungen Ehemann noch viel betrübter war. + +Am andern Morgen brauchte Alaeddin nicht erst die Lampe zu reiben, um +den Geist herbeizurufen. Er kam zur bezeichneten Stunde wieder und sagte +zu Alaeddin, während dieser sich ankleidete: »Hier bin ich, was hast du +mir zu befehlen?« -- »Geh,« antwortete Alaeddin, »hole den Sohn des +Großveziers, lege ihn wieder in dies Bett und trage ihn nach dem Palast +des Sultans an denselben Ort zurück, wo du ihn genommen hast.« Der Geist +löste den Sohn des Großveziers von seinem Posten ab und Alaeddin nahm, +als er zurückkam, seinen Säbel wieder. Jener legte den jungen Ehemann +neben die Prinzessin und trug das Brautbett in einem Augenblick nach +demselben Gemach des königlichen Palastes zurück, wo er es geholt hatte. +Zu bemerken ist noch, daß der Geist weder von der Prinzessin noch dem +Sohne des Großveziers gesehen wurde; seine abscheuliche Gestalt hätte +sie leicht vor Schrecken töten können. Ebensowenig hörten sie die +Gespräche zwischen Alaeddin und ihm, sondern bemerkten bloß die +Bewegungen des Bettes und ihre Versetzung von einem Ort an einen andern; +dies allein konnte ihnen schon genug Schrecken einjagen, wie sich leicht +denken läßt. + +Kaum hatte der Geist das Brautbett wieder an seinen Ort gestellt, als +der Sultan, der gern erfahren hätte, wie die Prinzessin, seine Tochter, +ihre Hochzeitsnacht zugebracht, ins Zimmer trat, um ihr guten Morgen zu +wünschen. Der Sohn des Großveziers, der die ganze Nacht in der Kälte +hatte stehen müssen und noch keine Zeit gehabt hatte, sich zu erwärmen, +stand, als die Türe geöffnet wurde, sogleich auf und ging in das +Vorzimmer, wo er sich den Abend zuvor entkleidet hatte. + +Der Sultan näherte sich dem Bett der Prinzessin, küßte sie der Sitte +gemäß zwischen die Augen, wünschte ihr guten Morgen und fragte sie +lächelnd, wie sie sich diese Nacht befunden habe? Als er sie aber +aufmerksamer betrachtete, fand er sie zu seinem großen Erstaunen in +tiefe Schwermut versenkt; auch wurde sie weder rot, noch gab sie sonst +ein Zeichen, das seine Neugierde hätte befriedigen können. Sie warf ihm +bloß einen sehr traurigen Blick zu, der große Betrübnis oder großes +Mißvergnügen verriet. Er sprach noch einige Worte zu ihr; da er aber +sah, daß er ihr keine Antwort entlocken konnte, so glaubte er, sie tue +dies aus Schamhaftigkeit, und entfernte sich. Gleichwohl stieg die +Vermutung in ihm auf, dieses Stillschweigen müsse einen ganz +absonderlichen Grund haben; deswegen ging er sogleich nach den Gemächern +der Sultanin und erzählte ihr, in welchem Zustande er die Prinzessin +gefunden und wie sie ihn empfangen habe. »Herr,« gab die Sultanin zur +Antwort, »du mußt dich darüber nicht wundern; am Morgen nach der +Hochzeitsnacht zeigen alle Neuvermählten solche Zurückhaltung. In zwei +oder drei Tagen wird dies anders sein. Ich will nun selbst zu ihr +gehen,« fügte sie hinzu, »und ich müßte mich sehr täuschen, wenn sie +mich ebenso empfinge.« + +Als die Sultanin angekleidet war, begab sie sich nach den Zimmern der +Prinzessin, die noch zu Bette lag. Sie näherte sich ihr, küßte sie und +wünschte ihr einen guten Morgen; aber wie groß war ihr Erstaunen, als +sie nicht nur keine Antwort von ihr erhielt, sondern auch bei näherer +Betrachtung tiefe Niedergeschlagenheit an ihr bemerkte, woraus sie +schloß, es müsse ihr etwas begegnet sein, das sie nicht erraten konnte. +»Liebe Tochter,« sagte die Sultanin zu ihr, »woher kommt es denn, daß du +alle meine Liebkosungen so schlecht erwiderst? Vor deiner Mutter +brauchst du doch keine solchen Umstände zu machen. Gestehe mir offen und +frei, was dir begegnet ist, und lasse mich nicht so lange in dieser +peinlichen Unruhe.« + +Die Prinzessin Bedrulbudur unterbrach endlich das Schweigen mit einem +tiefen Seufzer. »Ach, meine sehr verehrte Mutter,« rief sie, »verzeihe +mir, wenn ich es an der schuldigen Ehrfurcht fehlen ließ. Es sind mir +heute nacht so außerordentliche Sachen zugestoßen, daß ich mich von +meinem Staunen und meinem Schrecken noch nicht erholt habe, ja kaum mich +selbst wiedererkenne.« Sie schilderte hierauf mit den lebhaftesten +Farben, was ihr begegnet. + +Die Sultanin hörte alles, was die Prinzessin ihr erzählte, sehr ruhig +an, wollte es aber nicht glauben. »Liebe Tochter,« sprach sie zu ihr, +»du hast wohl daran getan, daß du dem Sultan, deinem Vater, nichts davon +gesagt hast. Hüte dich ja, gegen jemand etwas verlauten zu lassen; man +würde dich für eine Närrin halten, wenn man dich so sprechen hörte.« -- +»Verehrungswürdige Mutter,« antwortete die Prinzessin, »ich versichere +dir, daß ich bei Verstande bin. Frage nur meinen Gemahl, er wird dir +dasselbe sagen.« -- »Ich werde mich bei ihm erkundigen,« antwortete die +Sultanin, »aber wenn er auch gerade so spräche, wie du, so vermöchte +mich dies immer noch nicht zu überzeugen. Steh nur auf und schlag dir +diese Gedanken aus dem Kopf.« Zugleich rief die Sultanin die Frauen der +Prinzessin, und als sie sah, daß sie aufgestanden war und sich zu +schmücken begann, begab sie sich nach den Zimmern des Sultans und sagte +ihm, es sei ihrer Tochter wirklich etwas durch den Kopf gegangen, was +aber von keinem Belang sei. Dann ließ sie den Sohn des Großveziers +rufen, um von ihm nähere Aufschlüsse über die Erzählung der Prinzessin +zu erhalten; dieser aber, der sich durch die Verwandtschaft mit dem +Sultan sehr geehrt fühlte, hatte sich vorgenommen, die Sache zu +verheimlichen. »Mein lieber Sohn,« sagte die Sultanin zu ihm, »sag mir +doch, hast du dir dieselbe Einbildung in den Kopf gesetzt, wie deine +Frau?« -- »Herrin,« antwortete der Sohn des Großveziers, »dürfte ich wohl +um Erklärung bitten, was deine Frage besagen soll?« -- »Ich bin schon +zufrieden,« antwortete die Sultanin, »und verlange nicht mehr zu wissen; +du bist gescheiter als sie.« + +Die Lustbarkeiten im Palast dauerten den ganzen Tag fort, und die +Sultanin, die der Prinzessin nicht von der Seite kam, unterließ nichts, +um sie zur Fröhlichkeit und zur Teilnahme an den Vergnügungen und +ergötzlichen Schauspielen zu stimmen, die ihr zu Ehren veranstaltet +wurden; allein das Begebnis der vorigen Nacht hatte einen solch +gewaltigen Eindruck auf sie gemacht, daß sie für nichts anderes Sinn +hatte und immer damit beschäftigt war. Der Sohn des Großveziers fühlte +sich durch diese schlimme Nacht ebenfalls sehr geschwächt, allein er +setzte seinen Ehrgeiz darein, niemand etwas davon merken zu lassen, und +wenn man ihn sah, mußte man glauben, er sei ein sehr glücklicher +Ehemann. + +Alaeddin, der von allem, was im Palast vorging, wohl unterrichtet war, +zweifelte nicht, daß die Neuvermählten, trotz ihres verdrießlichen +Abenteuers in der ersten Nacht, sich abermals miteinander zu Bette +begeben würden, und hatte keine Lust, sie in Ruhe zu lassen. Sobald die +Nacht ein wenig vorgerückt war, rieb er seine Lampe; der Geist erschien +und bot ihm mit denselben Worten, wie früher, seine Dienste an. »Der +Sohn des Großveziers und die Prinzessin Bedrulbudur,« sagte Alaeddin zu +ihm, »wollen heute nacht wieder beisammen schlafen. Gehe hin, und sobald +sie sich niedergelegt haben, bring mir das Bett hierher, wie gestern.« + +Der Geist bediente Alaeddin ebenso treu und pünktlich, wie das erstemal. +Der Sohn des Großveziers brachte die Nacht wieder so kalt und so +unangenehm zu, wie die Brautnacht, und die Prinzessin mußte zu ihrem +Verdruß Alaeddin wieder als Bettgenossen annehmen, der auch diesmal +zwischen sie und sich den Säbel legte. Der Geist kam, dem Befehle +Alaeddins zufolge, morgens wieder, legte den Ehemann zu seiner Frau, +nahm sodann das Bett mit den Neuvermählten und trug es wieder in das +Zimmer des Palastes, wo er es geholt hatte. + +Der Sultan, der nach dem Empfang, welchen er am vorigen Morgen bei der +Prinzessin Bedrulbudur gefunden, sehr neugierig war, wie sie die zweite +Nacht zugebracht habe, und ob sie ihn abermals so schlecht empfangen +würde, begab sich wieder ebenso früh in ihr Zimmer, um sich davon zu +unterrichten. Der Sohn des Großveziers, der sich über sein Unglück in +dieser Nacht noch mehr schämte und ärgerte, als das erstemal, hörte ihn +kaum kommen, als er eilig aufstand und in das Ankleidezimmer stürzte. + +Der Sultan näherte sich dem Bett der Prinzessin, wünschte ihr guten +Morgen und sagte dann nach denselben Liebkosungen wie am vorigen Tage: +»Nun, meine liebe Tochter, bist du diesen Morgen auch wieder so schlecht +gelaunt, wie gestern? Wirst du mir wohl sagen, wie du die Nacht +zugebracht hast?« Die Prinzessin beobachtete dasselbe Stillschweigen und +der Sultan bemerkte, daß sie noch weit unruhiger und betrübter war, als +das erstemal. Er zweifelte jetzt nicht mehr, daß ihr etwas +Außerordentliches zugestoßen sein müsse, ärgerte sich aber über ihre +Schweigsamkeit und rief ihr voll Zorn und mit gezücktem Säbel zu: »Wenn +du mir nicht gestehst, was du verhehlen willst, so haue ich dir sogleich +den Kopf ab.« + +Die Prinzessin, die über den Ton und die Drohung des beleidigten Sultans +noch mehr erschrak, als über den Anblick des blanken Säbels, brach +endlich das Stillschweigen und rief mit tränenden Augen: »Geliebter +Vater und König! ich bitte um Verzeihung, wenn ich dich beleidigt habe, +hoffe aber von deiner Güte und Milde, daß Mitleid an die Stelle des +Zorns treten wird, sobald ich dir den kläglichen und traurigen Zustand, +worin ich mich sowohl diese als die vorige Nacht befunden, treu +schildere.« + +Nach dieser Einleitung, die den Sultan etwas besänftigte und milder +stimmte, erzählte sie ihm alles, was ihr während dieser zwei +verdrießlichen Nächte begegnet war, getreu und so rührend, daß er +betrübt wurde, denn er liebte seine Tochter sehr zärtlich. Sie schloß +mit den Worten: »Wenn du im mindesten an meiner Erzählung zweifelst, so +kannst du den Gemahl fragen, den du mir gegeben hast; ich bin überzeugt, +daß er die Wahrheit der Sache ebenso bezeugen wird, wie ich.« + +Der Sultan teilte die tiefe Bekümmernis, in welche die Prinzessin durch +ein so auffallendes Abenteuer versetzt werden mußte. »Liebe Tochter,« +sprach er zu ihr, »es war sehr unrecht von dir, daß du mir diese +seltsame Geschichte nicht schon gestern erzählt hast, die mir ebenso +wichtig sein muß, als dir. Ich habe dich nicht verheiratet in der +Absicht, dich unglücklich zu machen, sondern im Gegenteil gedachte ich, +dich dadurch in den Besitz all des Glückes zu setzen, das du verdienst +und bei einem Gemahl, der für dich zu passen schien, auch hoffen +konntest. Banne nur aus deinem Gemüt die traurigen Gedanken an das, was +du mir eben erzählt hast. Ich werde sogleich Befehle geben, daß du von +nun an keine so unangenehmen und unerträglichen Nächte mehr hast, wie +bisher.« + +Sobald der Sultan in seine Gemächer zurückgekehrt war, ließ er den +Großvezier rufen. »Vezier,« sagte er zu ihm, »hast du deinen Sohn schon +gesehen und hat er dir nichts gesagt?« Als der Großvezier antwortete, er +habe ihn noch nicht gesehen, so erzählte ihm der Sultan alles, was er +von der Prinzessin Bedrulbudur vernommen. »Ich zweifle nicht,« sagte er +zuletzt, »daß meine Tochter mir die Wahrheit berichtet hat; indes wäre +es mir sehr lieb, wenn dein Sohn es bestätigte. Gehe und frage ihn, was +an der Sache ist.« + +Der Großvezier begab sich sogleich zu seinem Sohn, teilte ihm mit, was +der Sultan ihm gesagt hatte, und schärfte ihm ein, daß er ja nichts +verhehlen und sagen solle, ob alles wahr sei. »Ich will dir die Wahrheit +gestehen, mein Vater,« antwortete der Sohn. »Alles, was die Prinzessin +zum Sultan sagte, hat seine traurige Richtigkeit; aber die schlechte +Behandlung, die ich insbesondere erfahren habe, weiß sie selbst nicht. +Ich brauche dir nicht weitläufig auseinanderzusetzen, was ich alles +ausgestanden habe, wenn ich desungeachtet auch gegen die Prinzessin, +meine Gemahlin, alle Gefühle der Liebe, Ehrerbietung und Dankbarkeit +hege, die sie verdient. Gleichwohl muß ich dir aufrichtig gestehen, daß +ich, so ehrenvoll und glänzend die Vermählung der Tochter des Sultans +für mich ist, lieber sterben, als länger in einer so hohen +Verwandtschaft bleiben will, wenn ich mich auch ferner noch einer solch +unangenehmen Behandlung aussetzen muß. Ich zweifle nicht, daß die +Prinzessin ebenso denken wird, wie ich, und sie wird leicht zugeben, daß +unsere Trennung für ihre Ruhe so notwendig ist, als für die meinige; +darum, lieber Vater, bitte ich dich bei der Liebe, die dich bewogen, mir +diese hohe Ehre zu verschaffen, wirke beim Sultan aus, daß unsere Ehe +für nichtig erklärt wird.« + +So sehr es nun auch dem Ehrgeiz des Großveziers geschmeichelt hatte, +seinen Sohn als Tochtermann des Sultans zu sehen, so hielt er es doch, +da dieser fest entschlossen war, sich von der Prinzessin scheiden zu +lassen, nicht für ratsam, ihn wenigstens noch für einige Tage zur Geduld +zu ermahnen, um abzuwarten, ob diese Widerwärtigkeit nicht von selbst +aufhören werde. Er verließ ihn daher, um dem Sultan Bericht abzustatten, +und gestand ihm aufrichtig, die Sache sei nur zu wahr; sein Sohn habe +ihm alles erzählt. Ohne erst abzuwarten, daß der Sultan selbst von der +Ehescheidung zu reden anfing, wozu er ihn sehr geneigt sah, bat er +hierauf um Erlaubnis, daß sein Sohn sich aus dem Palaste entfernen und +in sein Haus zurückkehren dürfte; indem es höchst unrecht wäre, wenn die +Prinzessin um seinetwillen nur einen Augenblick länger dieser +schrecklichen Plage ausgesetzt würde. + +Es kostete den Großvezier nicht viel Mühe, die Gewährung seines Gesuchs +zu erlangen. Der Sultan, der bereits diesen Entschluß gefaßt hatte, gab +augenblicklich Befehl, die Lustbarkeiten im Palaste und in der Stadt, +sowie im ganzen Gebiete seines Königreichs, wohin er Gegenbefehle +abfertigte, einzustellen, und in kurzer Zeit hörten alle öffentlichen +Freudenbezeigungen und Festlichkeiten auf. + +Diese plötzliche und unerwartete Veränderung gab zu allerlei Gerede +Anlaß. Die Leute fragten sich, woher es wohl kommen möge, aber niemand +wußte mehr zu sagen, als daß man den Großvezier und seinen Sohn, beide +sehr traurig, aus dem Palaste in ihr eigenes Haus habe gehen sehen. +Alaeddin allein wußte das Geheimnis und freute sich in seinem Innern gar +sehr über den glücklichen Erfolg, den ihm seine Lampe verschaffte. Da er +jetzt mit Bestimmtheit wußte, daß sein Nebenbuhler den Palast verlassen +hatte und die Ehe zwischen der Prinzessin und ihm vollständig aufgelöst +war, so hatte er nicht mehr nötig, die Lampe zu reiben und den Geist zu +rufen. Das Merkwürdigste bei der Sache war, daß weder der Sultan, noch +der Großvezier, die Alaeddin und seinen Antrag längst vergessen hatten, +auch nur entfernt auf den Gedanken kamen, daß er an der Zauberei irgend +Anteil haben könnte. + +Alaeddin ließ indes die drei Monate vollends verstreichen, die der +Sultan als Frist für seine Vermählung mit der Prinzessin Bedrulbudur +festgesetzt hatte. Er hatte sorgfältig jeden Tag gezählt, und als sie +vorüber waren, schickte er gleich am andern Morgen seine Mutter in den +Palast, um den Sultan an sein Wort zu erinnern. + +Alaeddins Mutter ging nach dem Palaste, wie ihr Sohn ihr gesagt hatte, +und stellte sich am Eingang des Divans wieder an denselben Platz wie +früher. Kaum hatte der Sultan einen Blick auf sie geworfen, so erkannte +er sie auch wieder und erinnerte sich an ihre Bitte, sowie an die Zeit, +auf die er sie vertröstet hatte. Der Großvezier trug ihm eben eine Sache +vor. Der Sultan unterbrach ihn mit den Worten: »Vezier, ich bemerke dort +die gute Frau, die uns vor einigen Monaten ein so schönes Geschenk +machte: laß sie hierher treten, du magst deinen Bericht fortsetzen, wenn +ich sie angehört habe.« + +[Illustration] + +[Illustration] + +Alaeddins Mutter näherte sich dem Fuße des Thrones und warf sich der +Sitte gemäß nieder. Als sie wieder aufgestanden war, fragte sie der +Sultan, was sie wünsche. »Großer König,« antwortete sie, »ich erscheine +zum zweitenmal vor deinem Angesicht, um dir im Namen meines Sohnes +Alaeddin vorzustellen, daß die drei Monate verstrichen sind, auf welche +du ihn mit der Bitte, die ich dir vorzutragen die Ehre hatte, vertröstet +hast. Ich bitte demütiglich, daß du dich der Sache erinnern mögest.« + +Der Sultan hatte diese Frist von drei Monaten das erstemal nur deshalb +angesetzt, weil er glaubte, es werde dann keine Rede mehr von einer +Heirat sein, die ihm für die Prinzessin, seine Tochter, durchaus nicht +angemessen schien, in Anbetracht des niedrigen Standes und der Armut von +Alaeddins Mutter, welche in einem sehr gemeinen Aufzuge vor ihm +erschien. Diese Mahnung an sein Versprechen setzte ihn jetzt in +Verlegenheit. Um sich in der Sache nicht zu übereilen, zog er seinen +Großvezier zu Rate und bezeigte ihm seine Abneigung, die Prinzessin mit +einem Unbekannten zu vermählen, der offenbar von ganz niedriger Abkunft +sein mußte. + +Der Großvezier zögerte nicht, dem Sultan seine Gedanken hierüber zu +sagen. »Herr,« antwortete er ihm, »mir scheint, daß es ein unfehlbares +Mittel gibt, diese unpassende Heirat zu hintertreiben, ohne daß Alaeddin +sich darob beklagen könnte. Du darfst nur einen so hohen Preis für die +Prinzessin festsetzen, daß seine Reichtümer, wenn sie auch noch so groß +sind, nicht zureichen. Auf diese Art wirst du ihn von seiner kühnen, ja +ich möchte sagen, verwegenen Bewerbung abbringen.« + +Der Sultan billigte den Rat des Großveziers. Er wandte sich zu Alaeddins +Mutter und sagte nach einigem Nachdenken zu ihr: »Gute Frau, ein Sultan +muß immer sein gegebenes Wort halten, und ich bin bereit, mein +Versprechen zu erfüllen und deinen Sohn mit der Hand meiner Tochter zu +beglücken. Da ich sie aber nicht vermählen kann, ohne zu wissen, welche +Vorteile sie sich davon versprechen darf, so melde deinem Sohne, ich +werde mein Versprechen erfüllen, sobald er mir vierzig große Becken von +gediegenem Gold, von oben bis unten mit dergleichen Kostbarkeiten, wie +du mir schon einmal in seinem Namen gebracht hast, angefüllt, durch +vierzig schwarze Sklaven zuschickt, die von vierzig andern ausnehmend +schönen und aufs prachtvollste gekleideten jungen weißen Sklaven geführt +sein müssen. Dies sind die Bedingungen, unter denen ich bereit bin, ihm +die Prinzessin, meine Tochter, zu geben. Geh nun, gute Frau, und bring +mir bald wieder Antwort.« + +Alaeddins Mutter warf sich abermals vor dem Throne des Sultans nieder +und entfernte sich. Unterwegs lachte sie in ihrem Herzen über das +närrische Verlangen ihres Sohnes. »Wahrhaftig,« sagte sie, »wo soll er +so viele goldene Becken und eine solche Menge farbiger Gläser hernehmen, +um sie damit zu füllen? Wird er wieder in das unterirdische Gewölbe +hinabsteigen, dessen Eingang verschlossen ist, um sie von den Bäumen zu +pflücken? und woher soll er alle diese hübschen Sklaven bekommen, die +der Sultan verlangt? Jetzt ist er freilich weit von seinem Ziele +entfernt, und ich glaube nicht, daß er mit meiner Botschaft zufrieden +sein wird.« Als sie mit diesen Gedanken beschäftigt nach Hause kam, +sagte sie: »Mein Sohn, ich rate dir, denke nicht mehr an eine Vermählung +mit der Prinzessin Bedrulbudur. Der Sultan hat mich zwar sehr huldreich +empfangen und ich glaube, daß er gut gegen dich gesinnt war, allein der +Großvezier hat ihn, wenn ich mich nicht täusche, auf andere Gedanken +gebracht. Nachdem ich dem Sultan vorgestellt hatte, daß die drei Monate +abgelaufen seien, bemerkte ich, daß er eine Weile ganz leise mit dem +Großvezier sprach, und dann erst gab er mir die Antwort, die ich dir +jetzt sagen werde.« Sie erzählte nun ihrem Sohne sehr ausführlich alles, +was der Sultan ihr gesagt hatte, und nannte ihm die Bedingungen, unter +denen er in die Verbindung der Prinzessin, seiner Tochter, mit ihm +einwilligen würde. »Mein Sohn,« sagte sie zuletzt, »er erwartet eine +Antwort; aber unter uns gesagt,« fuhr sie lächelnd fort, »ich glaube, er +wird lange warten müssen.« + +»Nicht so lange, liebe Mutter, als du glaubst,« antwortete Alaeddin, +»und der Sultan ist gewaltig im Irrtum, wenn er meint, durch seine +ungeheuren Forderungen könne er mich außerstand setzen, an die +Prinzessin Bedrulbudur zu denken. Ich hatte ganz andere unüberwindliche +Schwierigkeiten erwartet, oder wenigstens einen weit höheren Preis für +meine unvergleichliche Prinzessin. Jetzt aber bin ich wohl zufrieden, +denn was er verlangt, ist eine Kleinigkeit gegen das, was ich ihm für +ihren Besitz bieten könnte. Während ich nun darauf denken werde, ihn zu +befriedigen, besorge du ein Mittagessen für uns und laß nur mich +gewähren.« + +Sobald seine Mutter nach Lebensmitteln ausgegangen war, nahm Alaeddin +die Lampe und rieb sie. Sogleich erschien der Geist, fragte in den +gewöhnlichen Ausdrücken, was er zu befehlen habe, und sagte, daß er +bereit sei, ihn zu bedienen. Alaeddin sprach zu ihm: »Der Sultan gibt +mir die Prinzessin, seine Tochter, zur Frau; zuvor aber verlangt er von +mir vierzig große und vollwichtige Becken von gediegenem Gold, bis zum +Rande angefüllt mit den Früchten des Gartens, wo ich die Lampe geholt +habe, deren Sklave du bist. Ferner verlangt er, daß diese vierzig +goldenen Becken von ebensovielen schwarzen Sklaven getragen werden +sollen, vor denen vierzig wohlgebildete, schlanke und prachtvoll +gekleidete junge weiße Sklaven hergehen müssen. Gehe und schaffe mir +baldmöglichst dieses Geschenk zur Stelle, damit ich es dem Sultan +schicken kann, ehe er die Sitzung des Divans aufhebt.« Der Geist sagte, +sein Befehl solle unverzüglich vollzogen werden, und verschwand. + +Eine kleine Weile darauf ließ der Geist sich wieder sehen, begleitet von +vierzig schwarzen Sklaven, deren jeder ein schweres Becken von +gediegenem Gold, angefüllt mit Perlen, Diamanten, Rubinen und Smaragden, +welche die dem Sultan bereits geschenkten an Größe und Schönheit weit +übertrafen, auf dem Kopfe trug. Jedes der Becken war mit goldgeblümtem +Silberstoff überdeckt. Diese Sklaven, sowohl die weißen als die +schwarzen mit den goldenen Becken, erfüllten fast das ganze Haus, das +ziemlich klein war, nebst dem kleinen Hofe vor und einem Gärtchen hinter +demselben. Der Geist fragte Alaeddin, ob er zufrieden sei, und ob er ihm +sonst noch etwas zu befehlen habe. Alaeddin antwortete, er verlange +nichts mehr, und der Geist verschwand. + +Als Alaeddins Mutter vom Markte zurückkam, verwunderte sie sich +höchlich, da sie so viele Leute und Kostbarkeiten sah. Nachdem sie die +Nahrungsmittel auf den Tisch gelegt hatte, wollte sie den Schleier, der +ihr Gesicht verhüllte, ablegen, aber Alaeddin ließ es nicht zu. »Liebe +Mutter,« sprach er zu ihr, »wir haben jetzt keine Zeit zu verlieren. Es +ist von großer Wichtigkeit, daß du, noch ehe der Sultan den Divan +schließt, in den Palast zurückkehrst und das verlangte Geschenk nebst +der Morgengabe für die Prinzessin Bedrulbudur hinbringst, damit er aus +meiner Eile und Pünktlichkeit das brennende und aufrichtige Verlangen +ermessen kann, womit ich nach der Ehre trachte, sein Schwiegersohn zu +werden.« + +Ohne die Antwort seiner Mutter abzuwarten, öffnete Alaeddin die Türe +nach der Straße und ließ alle seine Sklaven paarweise, immer einen +weißen mit einem schwarzen zusammen, hinaus. Als nun seine Mutter hinter +dem letzten Sklaven her ebenfalls draußen war, verschloß er die Türe und +blieb ruhig auf seinem Zimmer, in der süßen Hoffnung, der Sultan werde +ihm endlich nach diesem Geschenke, das er selbst gefordert hatte, seine +Tochter geben. Kaum war der erste weiße Sklave vor Alaeddins Hause, als +alle Vorübergehenden, die ihn bemerkten, stehen blieben, und ehe noch +die achtzig Sklaven, die weißen und schwarzen untereinander, draußen +waren, wimmelte die Straße von einer Masse Volks, das von allen Seiten +herbeiströmte, um dieses prachtvolle und außerordentliche Schauspiel +anzusehen. Die Kleidung der Sklaven bestand aus so kostbaren Stoffen, +und war so reich mit Edelsteinen geschmückt, daß die besten Kenner nicht +zuviel zu sagen glaubten, wenn sie jeden Anzug auf mehr als eine Million +schätzten. Die Schönheit und der gute Sitz der Kleider, der edle +Anstand, der ebenmäßige und stattliche Wuchs der Sklaven, ihr +feierlicher Zug in gleichmäßig abgemessenen Zwischenräumen, der Glanz +der außerordentlich großen Edelsteine, die in schönster Anordnung rings +um ihre Gürtel in echtes Gold gefaßt, und die Rosen an ihren Turbanen, +die ebenfalls aus Edelsteinen zusammengesetzt und ganz besonders +geschmackvoll gearbeitet waren, dies alles versetzte die Zuschauer in so +große Verwunderung, daß sie nicht müde wurden, sie zu betrachten. Die +Straßen waren so mit Menschen angefüllt, daß jeder an dem Platze, wo er +war, stehen bleiben mußte. + +Da man durch mehrere Straßen gehen mußte, um zu dem Palaste zu gelangen, +so konnte ein großer Teil der Stadt und Leute aus allen Klassen und +Ständen den prachtvollen Aufzug sehen. Endlich langte der erste von den +achtzig Sklaven an der Pforte des ersten Schloßhofes an. Die Pförtner, +die sich bei Annäherung dieses wundervollen Zuges in zwei Reihen +aufgestellt hatten, hielten ihn für einen König, so reich und +prachtvoll war er gekleidet, und näherten sich ihm, um den Saum seines +Kleides zu küssen. Der Sklave aber, den der Geist vorher seine Rolle +gelehrt hatte, gab es nicht zu und sagte feierlich zu ihm: »Wir sind +bloß Sklaven; unser Herr wird erscheinen, sobald es Zeit ist.« + +So kam der erste Sklave an der Spitze des ganzen Zugs in den zweiten +Hof, der sehr geräumig war und wo sich der Hofstaat des Sultans während +der Sitzung des Divans aufgestellt hatte. Die Anführer jeder einzelnen +Truppe waren zwar prachtvoll gekleidet, wurden aber weit verdunkelt, als +die achtzig Sklaven erschienen, die Alaeddins Geschenk brachten. Im +ganzen Hofstaate des Sultans gab es nichts so Herrliches und Glänzendes, +und alle Pracht der ihn umgebenden Herren von Hofe war Staub im +Vergleich mit dem, was sich jetzt seinen Blicken darbot. Da man dem +Sultan den Zug und die Ankunft dieser Sklaven gemeldet, hatte er Befehl +gegeben, sie eintreten zu lassen. Nachdem sie vor dem Throne des Sultans +einen großen Halbkreis gebildet hatten, stellten die schwarzen Sklaven +die Becken auf den Fußteppich, dann warfen sie sich alle miteinander +nieder und berührten den Teppich mit ihrer Stirne. Die weißen Sklaven +taten dasselbe. Hierauf standen alle wieder auf, und die schwarzen +enthüllten dabei sehr geschickt die vor ihnen stehenden Becken, worauf +sie mit gekreuzten Armen und großer Ehrerbietung stehen blieben. + +Indes nahte Alaeddins Mutter dem Fuße des Thrones, warf sich vor +demselben nieder und sprach zu dem Sultan: »Herr, mein Sohn Alaeddin +weiß recht wohl, daß das Geschenk, das er dir schickt, weit unter dem +steht, was die Prinzessin Bedrulbudur verdient. Gleichwohl hofft er, du +werdest es huldreich annehmen und auch die Prinzessin werde es nicht +verschmähen; er hofft dies um so zuversichtlicher, da er sich bemüht +hat, der Bedingung, die du ihm vorgeschrieben, nachzukommen.« + +Der Sultan war nicht imstande, die Begrüßung der Mutter Alaeddins +aufmerksam anzuhören. Schon beim ersten Blick auf die vierzig goldenen +Becken, die bis zum Rande mit den strahlendsten, glänzendsten und +kostbarsten Edelsteinen angefüllt waren, und auf die achtzig Sklaven, +die man für Könige halten konnte, war er so überrascht, daß er sich von +seinem Staunen nicht erholen konnte. Statt also den Gruß von Alaeddins +Mutter zu erwidern, wandte er sich an den Großvezier, der ebensowenig +begreifen konnte, woher so viele Reichtümer gekommen sein sollen. »Nun +Vezier,« sagte er laut zu ihm, »was denkst du von dem, wer es auch sein +mag, der mir ein so reiches und außerordentliches Geschenk schickt, ohne +daß wir beide ihn kennen? Hältst du ihn für unwürdig, meine Tochter, die +Prinzessin Bedrulbudur zu heiraten?« + +So schmerzlich es nun auch dem Großvezier war, zu sehen, daß ein +Unbekannter den Vorzug vor seinem Sohne erhalten und der Eidam des +Sultans werden sollte, so wagte er es doch nicht, seine Ansicht zu +verhehlen. Es war zu augenscheinlich, daß Alaeddins Geschenk mehr als +hinreichend war, um ihn dieser hohen Ehre würdig zu machen. Er +antwortete also dem Sultan ganz nach seinem Sinn und sprach: »Herr, es +sei ferne von mir, zu glauben, daß derjenige, der dir ein deiner so +würdiges Geschenk gemacht hat, der Ehre, die du ihm zudenkst, unwürdig +wäre; ja ich würde die Behauptung wagen, er verdiene noch weit mehr, +wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es auf der ganzen Welt keinen so +kostbaren Schatz gibt, der die Prinzessin, deine Tochter, aufwiegen +könnte.« Die Herren vom Hofe, die der Sitzung beiwohnten, gaben durch +ihre Beifallsbezeugungen zu erkennen, daß sie ebenso dachten wie der +Großvezier. + +Der Sultan verschob jetzt die Sache nicht länger und erkundigte sich +nicht einmal, ob Alaeddin auch die übrigen erforderlichen Eigenschaften +besitze, um sein Schwiegersohn werden zu können. Schon der Anblick +dieser unermeßlichen Reichtümer und die Schnelligkeit, mit der Alaeddin +sein Verlangen erfüllt hatte, ohne in den ungeheuren Bedingungen die +mindeste Schwierigkeit zu finden, war ihm Beweis genug, daß ihm nichts +zu einem vollendeten Mann fehlen könne, wie er ihn sich wünschte. Um +daher Alaeddins Mutter vollkommen zu befriedigen, sagte er zu ihr: »Gehe +jetzt, gute Frau, und sage deinem Sohn, daß ich ihn erwarte und mit +offenen Armen aufnehmen werde; je schneller er kommen wird, um die +Prinzessin, meine Tochter, aus meiner Hand zu empfangen, je mehr wird er +mir Freude machen.« + +Hoch erfreut, ihren Sohn wider alles Erwarten auf einer so hohen Stufe +des Glücks zu erblicken, eilte Alaeddins Mutter nach Hause; der Sultan +aber schloß die Sitzung für heute, stand von seinem Throne auf und +befahl, daß die Verschnittenen der Prinzessin die goldenen Becken nehmen +und nach den Zimmern ihrer Gebieterin tragen sollen, wohin er selbst +ging, um sie mit Muße näher zu betrachten. + +Indes kam Alaeddins Mutter mit einem Gesichte, das ihre gute Botschaft +voraus verkündete, nach Hause. + +Alaeddin, der über ihre Nachricht hoch erfreut war, gab seiner Mutter +eine kurze Antwort und ging auf sein Zimmer. Er nahm die Lampe, die ihm +bisher in allen Nöten und bei allen seinen Wünschen so hilfreich gewesen +war, und kaum hatte er sie gerieben, als der Geist durch sein +unverzügliches Erscheinen seinen fortdauernden Gehorsam an den Tag +legte. »Geist,« sagte Alaeddin zu ihm, »ich habe dich gerufen, damit du +mir sogleich ein Bad bereiten sollst, und sobald ich es genommen habe, +will ich, daß du mir die reichste und prachtvollste Kleidung bringst, +die jemals ein König getragen hat.« Kaum hatte er dies gesprochen, als +der Geist sowohl ihn als sich unsichtbar machte, aufhob und in ein Bad +trug, das von äußerst feinem, schönem und buntgestreiftem Marmor gebaut +war. Ohne daß er sah, wer ihn bediente, wurde er in einem sehr schönen +und geräumigen Saale entkleidet. Aus dem Saale ließ man ihn in das Bad +treten, wo er gerieben und mit allerhand wohlriechenden Wassern +gewaschen wurde. Nachdem er in den verschiedenen Badestuben alle Grade +der Wärme durchgemacht hatte, kam er wieder heraus, aber ganz anders, +als er eingetreten war. Seine Gesichtsfarbe war frisch, weiß und rosig +geworden, und sein ganzer Leib weit leichter und geschmeidiger. Als er +in den Saal zurückkam, fand er das Kleid, das er dort gelassen hatte, +nicht mehr; der Geist hatte statt dessen eine andere Kleidung gebracht. +Alaeddin war ganz erstaunt, als er die Pracht des Anzugs sah. Er +kleidete sich mit Hilfe des Geistes an und bewunderte jedes Stück, ehe +er es anzog: so sehr übertraf es alles, was er sich bisher nur hatte +denken können. Als er fertig war, trug ihn der Geist in dasselbe Zimmer +zurück, wo er ihn abgeholt hatte, und fragte ihn, ob er noch etwas zu +befehlen habe. »Ja,« antwortete Alaeddin; »ich erwarte auf der Stelle +von dir, daß du mir ein Pferd herführst, dessen Schönheit und +Schnelligkeit das kostbarste Pferd im Stalle des Sultans übertrifft; +die Decke, der Sattel, der Zaum und überhaupt das Geschirr muß über eine +Million wert sein. Auch verlange ich, daß du mir zu gleicher Zeit +zwanzig Sklaven herbeischaffst, die ebenso reich und schmuck gekleidet +sein müssen, wie die, welche das Geschenk trugen, denn sie sollen mir +zur Seite und als mein Gefolge einhergehen; und noch zwanzig andere der +Art, die in zwei Reihen vor mir herziehen sollen. Auch meiner Mutter +bring sechs Sklavinnen zu ihrer Bedienung, die alle wenigstens ebenso +reich gekleidet sein müssen, wie die Sklavinnen der Prinzessin +Bedrulbudur, und jede einen vollständigen Anzug auf dem Kopfe tragen +soll, der so prächtig und stattlich sein muß, als wäre er für die +Sultanin. Ferner brauche ich noch zehntausend Goldstücke in zehn +Beuteln. Das war es, was ich dir noch zu befehlen hatte; geh und beeile +dich.« + +Sobald Alaeddin dem Geiste diese Befehle gegeben hatte, verschwand +dieser und erschien bald wieder mit dem Pferde, den vierzig Sklaven, von +denen zehn je einen Beutel mit tausend Goldstücken trugen, und die sechs +Sklavinnen, wovon jede einen verschiedenen Anzug für Alaeddins Mutter, +in Silberstoff eingewickelt, auf dem Kopfe trug. Der Geist übergab dies +alles an Alaeddin. + +Alaeddin nahm von den zehn Beuteln nur vier, die er seiner Mutter gab, +damit sie sich derselben in Notfällen bedienen sollte. Die sechs andern +ließ er in den Händen der Sklaven, welche sie trugen, mit dem Befehl, +sie zu behalten und während ihres Zuges durch die Straßen nach dem +Palaste des Sultans handvollweise unter das Volk auszuwerfen. Auch +befahl er ihnen, sie sollten dicht vor ihm, drei zur Rechten und drei +zur Linken, einhergehen. Endlich gab er seiner Mutter die sechs +Sklavinnen und sagte ihr, sie gehörten ihr und sie könne als Gebieterin +über sie verfügen; auch die Kleider, die sie trugen, seien für ihren +Gebrauch bestimmt. + +Als Alaeddin alle seine Angelegenheiten geordnet hatte, entließ er den +Geist mit der Erklärung, daß er ihn rufen werde, sobald er seiner +bedürfe, worauf dieser augenblicklich verschwand. Jetzt machte sich +Alaeddin fertig, dem Wunsche des Sultans, der ihn sehen wollte, zu +entsprechen. Er fertigte einen der vierzig Sklaven -- ich will nicht +sagen den schönsten, denn sie waren alle gleich -- nach dem Palaste ab, +mit dem Befehl, er solle sich an den Obersten der Türsteher wenden und +ihn fragen, wann er wohl die Ehre haben könne, sich dem Sultan zu Füßen +zu werfen. Der Sklave entledigte sich seines Auftrages sehr schnell und +brachte die Nachricht zurück, daß der Sultan ihn mit Ungeduld erwarte. + +Alaeddin stieg nun unverzüglich zu Pferde und setzte sich mit seinem +Zuge in der schon angezeigten Ordnung in Bewegung. Obgleich er nie zuvor +ein Roß bestiegen hatte, so zeigte er doch dabei so edlen Anstand, daß +selbst der erfahrenste Reiter ihn nicht für einen Neuling hätte halten +können. Die Straßen, durch die er kam, füllten sich in einem Nu mit einer +unübersehbaren Volksmasse an, von deren Beifalls-, Bewunderungs- und +Segensrufen die Luft wiederhallte, besonders wenn die sechs Sklaven, +welche die Beutel trugen, ganze Hände voll Goldstücke rechts und links +in die Luft warfen. Der Beifallsruf kam indes nicht von dem Pöbel her, +der sich drängte, stieß und niederdrückte, um Goldstücke aufzulesen, +sondern von den wohlhabenderen Zuschauern, die sich nicht enthalten +konnten, der Freigebigkeit Alaeddins öffentlich das verdiente Lob zu +spenden. Nicht bloß die, die sich erinnerten, ihn noch in seinen +Jünglingsjahren mit den Gassenbuben spielend gesehen zu haben, erkannten +ihn nicht mehr, sondern auch solche, die ihn noch vor kurzem gesehen +hatten, erkannten ihn kaum, so sehr hatten sich seine Gesichtszüge +verändert. Dies kam daher, daß die Lampe unter andern Eigenschaften auch +die hatte, den Besitzern allmählich alle Vollkommenheiten zu verleihen, +welche dem Rang, zu dem sie durch ihren guten Gebrauch gelangten, +angemessen waren. + +Endlich langte Alaeddin vor dem Palaste an, wo alles zu seinem Empfang +in Bereitschaft gesetzt war. Als er vor das zweite Tor kam, wollte er, +der Sitte gemäß, die selbst der Großvezier, die Feldhauptleute und +Oberstatthalter beobachteten, absteigen; allein der Oberste der +Türsteher, der ihn auf Befehl des Sultans dort erwartete, ließ es nicht +zu und begleitete ihn bis an den großen Versammlungs- oder Audienzsaal, +wo er ihm absteigen half, obwohl Alaeddin sich sehr dagegen sträubte und +es nicht dulden wollte: er konnte es aber nicht hindern. + +Als der Sultan Alaeddin erblickte, war er ebenso überrascht durch seine +reiche und prachtvolle Kleidung, als auch besonders durch seinen edlen +Anstand, seinen herrlichen Wuchs und seine würdevolle Haltung, die er um +so weniger erwartet hatte, als sie von dem niedrigen Anzuge seiner +Mutter himmelweit verschieden war. Seine Verwunderung und Überraschung +hinderte ihn indes nicht, aufzustehen und zwei oder drei Stufen des +Thrones herabzusteigen, damit Alaeddin sich nicht zu seinen Füßen werfen +und er ihn freundschaftlich umarmen konnte. Nach dieser Höflichkeit +wollte sich Alaeddin gleichwohl vor ihm niederwerfen, allein der Sultan +hielt ihn mit eigener Hand zurück und nötigte ihn, heraufzusteigen und +sich zwischen ihn und den Großvezier zu setzen. + +Hierauf nahm Alaeddin das Wort und sprach: »Herr, ich nehme die Ehre, +die du mir erzeigst, an, weil es dir in deiner Gnade beliebt, sie mir zu +erweisen; erlaube mir aber, dir zu sagen, daß ich nicht vergessen habe, +wie ich dein geborner Sklave bin, daß ich die Größe deiner Macht kenne +und wohl weiß, wie tief meine Herkunft mich unter den Glanz und die +Herrlichkeit des hohen Ranges stellt, in welchem du stehst. Wenn ich +durch irgend etwas einen günstigen Empfang verdient haben sollte, so +gestehe ich, daß ich ihn bloß jener durch einen reinen Zufall +veranlaßten Kühnheit verdanke, die mich bewog, meine Augen, Gedanken und +Wünsche bis zu der erhabenen Prinzessin zu erheben, die der Gegenstand +meiner Sehnsucht ist. Ich bitte dich für diese Verwegenheit um +Verzeihung, großer König, aber ich kann nicht verhehlen, daß ich vor +Schmerz sterben würde, wenn ich die Hoffnung aufgeben müßte, meinen +Wunsch erfüllt zu sehen.« + +»Mein Sohn,« antwortete der Sultan, indem er ihn abermals umarmte, »du +würdest mir unrecht tun, wenn du auch nur einen Augenblick an der +Aufrichtigkeit meines Versprechens zweifeln wolltest. Dein Leben ist mir +fortan zu teuer, als daß ich es nicht durch Darbietung des Heilmittels, +worüber ich verfügen kann, zu erhalten suchen sollte. Ich ziehe das +Vergnügen, dich zu sehen und zu hören, allen meinen und deinen Schätzen +vor.« + +Bei diesen Worten gab der Sultan ein Zeichen, und alsbald ertönte die +Luft vom Schall der Hoboen und Pauken; zugleich führte der Sultan +Alaeddin in einen prachtvollen Saal, wo ein herrliches Festmahl +aufgetragen wurde. Der Sultan speiste ganz allein mit Alaeddin. Der +Großvezier und die vornehmen Herren vom Hofe standen ihnen, jeder nach +seinem Rang und Würde, während der Mahlzeit zur Seite. Der Sultan, der +die Augen fortwährend auf Alaeddin geheftet hatte, lenkte das Gespräch +auf verschiedene Gegenstände. Während der ganzen Unterhaltung aber, die +sie über Tisch miteinander führten, und auf welchen Gegenstand auch das +Gespräch fallen mochte, sprach Alaeddin mit so viel Kenntnis und +Verstand, daß er den Sultan vollends ganz in der guten Meinung +bestärkte, die er gleich anfangs von ihm gefaßt hatte. + +Nach dem Mahle ließ der Sultan den obersten Richter seiner Hauptstadt +rufen und befahl ihm, sogleich den Ehevertrag zwischen der Prinzessin +Bedrulbudur, seiner Tochter, und Alaeddin zu entwerfen und aufzusetzen. + +Als der Richter den Vertrag mit allen erforderlichen Förmlichkeiten +vollendet hatte, fragte der Sultan Alaeddin, ob er im Palaste bleiben +und die Hochzeit noch heute feiern wolle. »Herr,« antwortete Alaeddin, +»so brennend auch mein Verlangen ist, deine Gnade und Huld in ihrem +ganzen Umfange zu genießen, so bitte ich doch, daß du mir so lange noch +Frist gestattest, bis ich einen Palast habe erbauen lassen, um die +Prinzessin ihrem Range und ihrer Würde gemäß zu empfangen. Ich erbitte +mir hiezu einen angemessenen Platz vor dem deinigen aus, damit ich recht +nahe bin, um dir meine Aufwartung machen zu können. Ich werde nichts +unterlassen und dafür sorgen, daß er in möglichst kurzer Zeit vollendet +wird.« -- »Mein Sohn,« sagte der Sultan, »wähle dir jede Stelle aus, die +du für passend hältst; vor meinem Palaste ist leerer Raum genug, und ich +selbst habe schon daran gedacht, ihn auszufüllen; aber bedenke, daß ich +je eher je lieber dich mit meiner Tochter vermählt zu sehen wünsche, um +das Maß meiner Freude voll zu machen.« Bei diesen Worten umarmte er +Alaeddin abermals, und dieser verabschiedete sich vom Sultan mit so +feinem Anstand, wie wenn er von jeher am Hofe gewesen und dort erzogen +worden wäre. + +Alaeddin stieg nun wieder zu Pferde und kehrte in demselben Zuge, wie er +gekommen war, nach Hause zurück. Kaum war er abgestiegen, so nahm er +die Lampe und rief den Geist, wie gewöhnlich. »Geist,« sprach Alaeddin +zu ihm, »ich habe alle Ursache, deine Pünktlichkeit zu rühmen; du hast +bisher alle Befehle, die ich dir kraft dieser Lampe, deiner Herrin, +gegeben habe, pünktlich erfüllt. Heute aber handelt es sich darum, daß +du aus Liebe zu ihr womöglich noch mehr Eifer und Gehorsam an den Tag +legen sollst, als bisher. Ich verlange nämlich, daß du mir in möglichst +kurzer Zeit gegenüber vom Palaste des Sultans einen Palast erbauen +lässest, der würdig ist, die Prinzessin Bedrulbudur, meine Gemahlin, +aufzunehmen. Die Wahl der Materialien, nämlich Porphyr oder Jaspis, +Achat oder Lasurstein, oder auch den feinsten buntgestreiften Marmor, +sowie die übrige Einrichtung des Baues überlasse ich ganz dir; doch +erwarte ich, daß du mir oben hinauf einen großen Saal mit einer Kuppel +und vier gleichen Seiten bauest, dessen Wände aus wechselnden Schichten +von echtem Gold und Silber aufgeführt sein müssen, mit vierundzwanzig +Fenstern, sechs auf jeder Seite, deren Vergitterung mit Ausnahme eines +einzigen, welches unvollendet bleiben soll, kunstreich und ebenmäßig mit +Diamanten, Rubinen und Smaragden geschmückt sein muß, so daß dergleichen +noch nie auf der Welt gesehen worden ist. Ferner will ich, daß sich bei +dem Palaste ein Vorhof, ein Hof und ein Garten befinde; vor allen Dingen +aber muß an einem Ort, den du mir bezeichnen wirst, ein Schatz von +gemünztem Gold und Silber, und außerdem mehrere Küchen, Speisekammern, +Magazine und Gerätekammern voll der kostbarsten Geräte für jede +Jahreszeit und der Pracht des Palastes angemessen, vorhanden sein; dann +noch Ställe voll der schönsten Pferde und der gehörigen Anzahl +Stallmeister und Stallknechte. Auch einen Jagdzug darfst du nicht +vergessen, und es versteht sich von selbst, daß du auch noch für +hinlängliche Dienerschaft für die Küche und den übrigen Haushalt, sowie +für die gehörige Anzahl Sklavinnen zur Bedienung der Prinzessin, zu +sorgen hast. Du wirst jetzt begreifen, was mein Wunsch ist; geh und komm +wieder, wenn du alles fertig gemacht hast.« + +Die Sonne ging eben unter, als Alaeddin dem Geiste wegen Erbauung des +Palastes, den er sich ausgesonnen, seine Aufträge gab. Am andern Morgen +stand Alaeddin, den die Liebe zur Prinzessin nicht schlafen ließ, in +aller Frühe auf, und sogleich erschien auch der Geist. »Herr,« sprach er +zu ihm, »dein Palast ist fertig; komm und sieh, ob du damit zufrieden +bist.« Alaeddin fand alles so weit über seine Erwartung, daß er sich +nicht genug wundern konnte. Der Geist führte ihn herum, und überall fand +er Reichtum, Schönheit und Pracht, dazu Diener und Sklaven, alle dem +Range und Dienste gemäß gekleidet, für den sie bestimmt waren. Auch +unterließ er nicht, ihm als Hauptsache die Schatzkammer zu zeigen, deren +Türe vom Schatzmeister geöffnet wurde, und Alaeddin erblickte hier ganze +Haufen von Goldsäcken der verschiedensten Größe, je nach den Summen, die +sie enthielten, bis an das Gewölbe aufgetürmt, und alles in so schöner +Ordnung, daß ihm das Herz vor Freude lachte. Beim Hinausgehen +versicherte ihm der Geist, daß er sich auf die Treue des Schatzmeisters +vollkommen verlassen dürfe. Hierauf führte er ihn in die Ställe und +zeigte ihm die schönsten Pferde von der Welt, und die Stallknechte, die +eifrig beschäftigt waren, sie zu pflegen und zu warten. Endlich ging er +mit ihm durch die Vorratskammern, worin alle Arten von Vorräten, +hauptsächlich an Nahrungsmitteln für die Pferde und Pferdeschmuck, +aufgehäuft lagen. + +Nachdem Alaeddin den ganzen Palast von oben bis unten, von Zimmer zu +Zimmer, von Gemach zu Gemach, besonders auch den Saal mit den +vierundzwanzig Fenstern gemustert und darin mehr Pracht und +Herrlichkeit, als er je gehofft, sowie alle nur erdenklichen +Bequemlichkeiten angetroffen hatte, sagte er zu dem Geiste: »Geist, es +kann niemand zufriedener sein, als ich es bin, und es wäre sehr unrecht +von mir, wenn ich mich im mindesten beklagen wollte. Bloß etwas fehlt +noch, wovon ich dir nichts gesagt habe, weil ich nicht daran dachte. Ich +wünschte nämlich von dem Palasttore des Sultans an bis zum Eingang der +Zimmer, die in diesem Palaste für die Prinzessin bestimmt sind, einen +Teppich von schönstem Samt ausgebreitet zu haben, damit sie auf +demselben gehe, wenn sie aus dem Palaste des Sultans kommt.« -- »Ich +komme im Augenblick wieder,« sprach der Geist und verschwand. Eine +kleine Weile nachher sah Alaeddin mit großem Erstaunen seinen Wunsch +erfüllt, ohne daß er wußte, wie es zugegangen war. Der Geist erschien +dann wieder und trug Alaeddin in seine Wohnung zurück, während eben die +Palastpforte des Sultans geöffnet wurde. + +Die Pförtner des Palastes, die das Tor öffneten und nach der Seite hin, +wo jetzt Alaeddins Prachtgebäude stand, immer eine freie Aussicht gehabt +hatten, waren sehr überrascht, als sie diese Aussicht verbaut und von +dorther bis zur Palastpforte des Sultans einen Samtteppich ausgebreitet +sahen. Ihr Erstaunen wuchs, als sie ganz deutlich den herrlichen Palast +Alaeddins sahen. Die Nachricht von diesem merkwürdigen Wunder +verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Palast. Der Großvezier, der +sich gleich nach Öffnung der Pforte im Palaste einfand, war ebenso +überrascht, wie alle andern, und teilte die Sache sogleich dem Sultan +mit, erklärte sie aber für ein Werk der Zauberei. »Vezier,« antwortete +der Sultan, »warum soll es denn ein Werk der Zauberei sein? Du weißt so +gut wie ich, daß es der Palast ist, den Alaeddin vermöge der Erlaubnis, +die ich ihm in deiner Gegenwart gab, als Wohnung für die Prinzessin, +meine Tochter, hat erbauen lassen. Nach den Proben, die er uns von +seinem Reichtum gegeben, ist es durchaus nicht so befremdlich, daß er +diesen Palast in so kurzer Zeit vollendet hat. Er hat uns damit +überraschen und zeigen wollen, daß man mit barem Gelde über Nacht Wunder +tun kann. Gestehe nur, daß bei dir etwas Eifersucht mit unterläuft, wenn +du von Zaubereien sprichst.« Indes wurde es Zeit, in die Ratsversammlung +zu gehen, und sie brachen das Gespräch ab. + +Als Alaeddin in seine Wohnung zurückgebracht worden war und den Geist +entlassen hatte, fand er seine Mutter bereits auf den Beinen und mit dem +Anziehen eines der Kleider beschäftigt, die er ihr hatte bringen lassen. +Er veranlaßte sie nun, um die Zeit, wo der Sultan gewöhnlich aus der +Ratsversammlung kam, in Begleitung der Sklavinnen, die der Geist ihr +gebracht hatte, nach dem Palaste zu gehen. Wenn sie den Sultan sähe, +sollte sie ihm sagen, sie komme, um die Ehre zu haben, die Prinzessin +auf den Abend nach ihrem Palaste zu begleiten. Alaeddin stieg nun zu +Pferde, verließ sein Vaterhaus, um nie wieder zurückzukehren, vergaß +aber die Wunderlampe nicht, die ihm so herrliche Dienste geleistet +hatte, und zog dann nach seinem Palast mit demselben Pomp, mit dem er +sich tags zuvor dem Sultan vorgestellt hatte. + +[Illustration] + +[Illustration] + +Sobald die Pförtner des königlichen Palastes Alaeddins Mutter +bemerkten, meldeten sie es dem Sultan. Sogleich wurde den Chören der +Trompeter, der Pauken- und Trommelschläger, der Querpfeifer und +Hoboisten, die bereits auf den Terrassen des Palastes an verschiedenen +Punkten aufgestellt waren, ein Zeichen gegeben, und im Augenblick +ertönte fröhliche Musik, die der ganzen Stadt Freude verkündete. Die +Kaufleute fingen an, ihre Läden mit schönen Teppichen, Polstern und +Laubwerk zu schmücken, und trafen Anstalten zur Beleuchtung der Stadt. +Die Handwerksleute verließen ihre Arbeit und scharenweise zog das Volk +nach dem großen Platz zwischen des Sultans und Alaeddins Palästen. +Letzterer zog hauptsächlich allgemeine Bewunderung auf sich, zumal da +der Palast des Sultans mit dem neuen durchaus nicht in Vergleich zu +setzen war. Am meisten aber staunten sie, weil sie nicht begreifen +konnten, durch welches unerhörte Wunder sie einen so prachtvollen Palast +an einem Orte erblickten, wo sie tags zuvor weder den Grund legen, noch +Baumaterialien gesehen hatten. Alaeddins Mutter wurde im Palaste +ehrenvoll empfangen und vom Obersten der Verschnittenen in die Zimmer +der Prinzessin Bedrulbudur geführt. Sobald die Prinzessin sie erblickte, +ging sie auf sie zu, umarmte sie, hieß sie auf ihrem Sofa Platz nehmen, +und während ihre Frauen sie vollends ankleideten und mit den kostbarsten +Juwelen von Alaeddins Geschenk schmückten, ließ sie ihr einen köstlichen +Imbiß vorsetzen. Der Sultan, welcher dazu kam, um noch so lange als +möglich mit der Prinzessin, seiner Tochter, zusammen sein zu können, +bevor sie sich von ihm trennte und den Palast Alaeddins bezöge, erwies +ihr ebenfalls große Ehre. Alaeddins Mutter hatte mit ihm schon mehrere +Male vor dem versammelten Rate gesprochen, aber er hatte sie noch nie +wie jetzt ohne Schleier gesehen. Obwohl sie schon eine erkleckliche +Anzahl Jahre auf dem Rücken hatte, so sah man doch noch aus ihren +Gesichtszügen, daß sie in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein mußte. +Der Sultan, der sie immer sehr einfach, ja sogar armselig gekleidet +gesehen hatte, war nun voll Verwunderung, als er sie ebenso reich und +prachtvoll angezogen sah, wie die Prinzessin, seine Tochter. Er schloß +daraus, daß Alaeddin in allen Dingen gleich erfahren, verständig und +einsichtsvoll sein müsse. + +Als die Nacht anbrach, verabschiedete sich die Prinzessin vom Sultan, +ihrem Vater. Dieser Abschied war höchst zärtlich und tränenreich; sie +umarmten sich mehrmals, ohne ein Wort zu sprechen, aber endlich ging die +Prinzessin aus ihrem Zimmer und trat den Zug an; zu ihrer Linken ging +Alaeddins Mutter und hinter ihnen hundert Sklavinnen in der +prachtvollsten Kleidung. Sämtliche Musikchöre, die seit der Ankunft von +Alaeddins Mutter ununterbrochen gespielt hatten, vereinigten sich jetzt +und gingen dem Zuge voran; ihnen folgten hundert Trabanten und +ebensoviele schwarze Verschnittene in zwei Reihen, mit ihren +Befehlshabern an der Spitze. Vierhundert junge Edelknaben des Sultans, +die in zwei Zügen mit Fackeln in der Hand auf beiden Seiten +einhergingen, verbreiteten einen Lichtglanz, der im Verein mit der +Beleuchtung der beiden Paläste des Sultans und Alaeddins den Mangel des +Tageslichts aufs herrlichste ersetzte. + +In dieser Ordnung zog die Prinzessin den Teppich entlang vom Palaste des +Sultans bis zum Palaste Alaeddins, und je mehr sie vorwärts kamen, desto +mehr mischte und vereinigte sich das Spiel ihrer Musikchors mit dem, das +sich von den Terrassen an Alaeddins Palast herab hören ließ, und bildete +mit diesem ein Konzert, das, so seltsam und verwirrt es auch schien, +gleichwohl die allgemeine Freude vermehrte. + +Endlich langte die Prinzessin bei dem neuen Palaste an, und Alaeddin +eilte mit einer Freude, die sich leicht denken läßt, an den Eingang der +für sie bestimmten Zimmer, um sie daselbst zu empfangen. Alaeddins +Mutter hatte der Prinzessin bereits ihren Sohn, der von glänzender +Dienerschaft umgeben war, bezeichnet, und die Prinzessin fand ihn so +schön, daß sie ganz bezaubert wurde. »Teuerste Prinzessin,« sagte +Alaeddin zu ihr, indem er auf sie zuging und sie voll Ehrerbietung +begrüßte, »sollte ich das Unglück haben, dir durch meine Verwegenheit, +womit ich nach dem Besitz einer so liebenswürdigen Prinzessin, der +Tochter meines Sultans, trachtete, zu mißfallen, so mußt du die Schuld +deinen schönen Augen und der Macht deiner Reize zuschreiben, nicht aber +mir.« -- »Prinz,« antwortete ihm die Prinzessin, »-- denn als solcher +erscheinst du mir -- ich gehorche dem Willen des Sultans, meines Vaters, +und kann, nachdem ich dich gesehen, wohl sagen, daß ich ihm ohne +Sträuben und gerne gehorche.« Alaeddin war hocherfreut über diese +angenehme und verbindliche Antwort, nahm ihre Hand, küßte sie mit vieler +Zärtlichkeit und führte sie in einen großen, von Wachskerzen +erleuchteten Saal, wo auf Veranstaltung des Geistes ein herrliches Mahl +aufgetragen war. Die Schüsseln waren von gediegenem Gold und mit den +köstlichsten Speisen angefüllt. Die Vasen, die Becken und die Becher, +womit der Tafelaufsatz reichlich besetzt war, waren ebenfalls von Gold +und von auserlesener Arbeit. Auch die übrigen Verzierungen und der ganze +Ausschmuck des Saals entsprachen dieser hohen Pracht. Die Prinzessin war +ganz bezaubert, so viele Reichtümer beisammen zu sehen, und sprach zu +Alaeddin: »Prinz, ich hatte bisher geglaubt, daß es nichts Schöneres auf +der Welt geben könne, als den Palast des Sultans, meines Vaters; aber +schon dieser Saal allein überzeugt mich, daß ich mich getäuscht habe.« + +Die Prinzessin Bedrulbudur, Alaeddin und seine Mutter setzten sich jetzt +zu Tische und sogleich begann eine sehr liebliche und harmonische Musik +nebst einem reizenden Gesang von schönen Mädchen. Die Prinzessin war wie +bezaubert und versicherte, im Palaste des Sultans, ihres Vaters, nie +etwas Ähnliches gehört zu haben. Aber sie wußte nicht, daß diese +Sängerinnen Feen waren, die der Geist, der Sklave der Lampe, hiezu +ausgewählt hatte. + +Es war nahe an Mitternacht, als Alaeddin, der damals in China +bestehenden Sitte zufolge aufstand und der Prinzessin Bedrulbudur die +Hand bot, um mit ihr zu tanzen und damit die Hochzeitsfeierlichkeit zu +schließen. Als dies vorüber war, hielt Alaeddin der Prinzessin Hand, und +sie gingen miteinander in das Zimmer, wo das hochzeitliche Lager für sie +bereitet war. Die Frauen der Prinzessin kleideten sie aus und brachten +sie zu Bette, Alaeddins Diener taten dasselbe und dann entfernten sich +alle. So endigten die Lustbarkeiten zur Feier der Hochzeit Alaeddins und +der Prinzessin Bedrulbudur. + +Am andern Morgen, als Alaeddin erwachte, kamen seine Kammerdiener, um +ihn anzukleiden. Sie zogen ihm ein anderes, aber nicht minder reiches +und prachtvolles Kleid an, als am Hochzeitstage. Hierauf ließ er sich +eines seiner Leibpferde vorführen, bestieg es und begab sich mit einem +zahlreichen Gefolge von Sklaven, die vor und hinter ihm und zu beiden +Seiten gingen, nach dem Palaste des Sultans. Der Sultan empfing ihn mit +denselben Ehrenbezeugungen wie das erstemal; er umarmte ihn, ließ ihn +neben sich auf seinen Thron sitzen und befahl, das Frühmahl aufzutragen. +»Herr,« sagte Alaeddin zu ihm, »ich bitte dich, mir heute diese Ehre zu +erlassen. Ich komme, um dich zu ersuchen, daß du mir die Ehre erzeigen +mögest, mit deinem Großvezier und den Vornehmen deines Hofes im Palaste +der Prinzessin ein Mittagsmahl einzunehmen.« Der Sultan bewilligte dies +sehr gern. Er stand sogleich auf, und da der Weg nicht weit war, so +wollte er zu Fuße dahin gehen. Er brach also auf und zu seiner Rechten +ging Alaeddin, zur Linken der Großvezier und die Vornehmen des Hofes, +voraus die Trabanten und die Angesehensten seines Hauses. + +Je näher der Sultan dem Palaste Alaeddins kam, um so mehr verwunderte er +sich über seine Schönheit. Noch weit höher stieg seine Verwunderung, als +er eingetreten war. Als ihn aber Alaeddin in den Saal mit den +vierundzwanzig Fenstern führte, und er die Verzierungen desselben, +besonders aber die mit den größten und ausgezeichnetsten Diamanten, +Rubinen und Smaragden geschmückten Gitterfenster betrachtete, wurde er +davon so überrascht, daß er eine Weile regungslos stand. + +Der Sultan besah und bewunderte nun die Schönheit der vierundzwanzig +Gitterfenster. Doch indem er sie zählte, fand er, daß bloß +dreiundzwanzig so reich geschmückt waren, und wunderte sich sehr, daß +man das vierundzwanzigste unvollendet gelassen hatte. »Mein Sohn,« +sprach der Sultan zu Alaeddin, »dies ist der bewunderungswürdigste Saal, +der in der ganzen Welt zu sehen ist. Nur über etwas muß ich mich +wundern, daß nämlich das Gitterfenster hier unvollendet geblieben ist. +Ist dies aus Vergeßlichkeit geschehen, oder aus Nachlässigkeit, oder +haben vielleicht die Handwerksleute nicht Zeit genug gehabt, an dieses +schöne Denkmal der Baukunst die letzte Hand anzulegen?« -- »Herr,« +antwortete Alaeddin, »das Gitterfenster ist mit Absicht so unvollendet +geblieben, wie du siehst. Ich wünschte nämlich, daß du selbst den Ruhm +haben solltest, den Saal und Palast vollenden zu lassen, und nun ersuche +ich dich, meine gute Absicht gnädig aufzunehmen, damit ich mich deiner +Gunst und Gnade rühmen kann.« -- »Wenn du es in dieser Absicht getan +hast,« antwortete der Sultan, »so weiß ich dir vielen Dank dafür und +werde augenblicklich die nötigen Befehle geben.« Wirklich ließ er +sogleich die am besten mit Edelsteinen versehenen Juweliere und die +geschicktesten Goldschmiede seiner Hauptstadt rufen. + +Der Sultan verließ indes den Saal, und Alaeddin führte ihn in den, wo er +die Prinzessin Bedrulbudur am Hochzeitstage bewirtet hatte. Die +Prinzessin empfing den Sultan, ihren Vater, mit einer Miene, woraus +deutlich zu erkennen war, daß sie mit ihrer Ehe sehr wohl zufrieden sein +mußte. Zwei Tafeln standen da, mit den köstlichsten Speisen besetzt, und +das Tafelgeschirr war alles von Gold. Der Sultan setzte sich an die +erste und speiste mit der Prinzessin, seiner Tochter, mit Alaeddin und +dem Großvezier. Die übrigen Großen des Hofes wurden an der zweiten +bewirtet, die sehr lang war. + +Als der Sultan vom Tisch aufgestanden war, meldete man ihm, die +Juweliere und Goldschmiede, die er hatte rufen lassen, seien jetzt da. +Er ging mit ihnen in den Saal mit den vierundzwanzig Fenstern und zeigte +ihnen das Fenster, das noch unvollendet war. »Ich habe euch kommen +lassen,« sagte er zu ihnen, »damit ihr mir dieses Fenster ausbauet und +es ebenso schön macht wie die andern.« + +Die Juweliere und Goldschmiede sahen sich die dreiundzwanzig Fenster +sehr genau an, und nachdem sie sich miteinander beraten hatten und +darüber eins geworden waren, welche Arbeit jeder einzelne zu liefern +hätte, traten sie wieder vor den Sultan und der Hofjuwelier nahm das +Wort und sagte: »Herr, wir sind bereit, alle Mühe und Fleiß anzuwenden, +um dir zu gehorchen; aber, aufrichtig gestanden, so viel wir unser hier +sind, so haben wir doch alle miteinander weder so kostbare, noch so +viele Edelsteine, als zu einer so bedeutenden Arbeit erforderlich sind.« +-- »Ich besitze welche,« sagte der Sultan, »und zwar weit mehr, als ihr +brauchen werdet; kommt in meinen Palast, so will ich sie euch zeigen, +damit ihr wählet.« + +Als der Sultan in seinen Palast zurückgekehrt war, ließ er alle seine +Edelsteine bringen, und die Goldschmiede nahmen sehr viele davon, +besonders von denen, die Alaeddin ihm geschenkt hatte. Sie brachten sie +an dem Fenster an, ohne daß man den Fortschritt ihrer Arbeit sonderlich +gemerkt hätte, und kamen zu wiederholten Malen, um neue zu holen; aber +in einem Monat hatten sie noch nicht die Hälfte des Werkes vollendet. +Endlich verwendeten sie alle Edelsteine des Sultans, der noch vom +Großvezier dazu entlehnte, brachten aber höchstens die Hälfte des +Fensters zustande. + +Alaeddin, der wohl sah, daß der Sultan sich vergebens bemühte, dieses +Fenster den übrigen gleich machen zu lassen, und daß er nicht viel Ehre +dabei aufhob, ließ die Goldschmiede kommen und sagte ihnen, sie sollen +nicht nur ihre Arbeit einstellen, sondern auch das, was sie bisher +zuwege gebracht, wieder auseinandernehmen und dem Sultan und Großvezier +ihre Edelsteine zurückgeben. + +So wurde denn das Werk, wozu die Juweliere und Goldschmiede mehr als +sechs Wochen verwendet hatten, binnen wenigen Stunden zerstört. Sie +entfernten sich dann und Alaeddin blieb allein im Saale zurück. Er zog +die Lampe heraus, die er bei sich hatte, rieb sie und sogleich erschien +der Geist. »Geist,« sprach Alaeddin zu ihm, »ich hatte dir befohlen, +eines der vierundzwanzig Gitterfenster des Saales unvollendet zu lassen, +und du hast diesen Befehl befolgt: jetzt habe ich dich kommen lassen, +daß du es den übrigen gleich machen sollst.« Der Geist verschwand und +Alaeddin ging aus dem Saale. Als er eine Weile darauf wieder hinaufkam, +fand er das Gitterfenster in dem gewünschten Zustand und ganz wie die +übrigen. + +Inzwischen kamen die Juweliere und Goldschmiede in den Palast, wurden in +das Audienzzimmer geführt und dem Sultan vorgestellt. Der erste Juwelier +überreichte ihm die Edelsteine, die sie zurückbrachten, und sagte im +Namen aller zu ihm: »Beherrscher des Erdkreises, du weißt, wie lange wir +schon mit dem angestrengtesten Fleiße arbeiten, um das Werk zu +vollenden, das du uns aufgetragen hast. Es war schon sehr weit gediehen, +als Alaeddin uns nötigte, nicht nur die Arbeit einzustellen, sondern +auch alles, was wir zuwege gebracht hatten, zu zerstören und dir deine +und des Großveziers Edelsteine zurückzubringen.« Der Sultan gab sogleich +Befehl, ihm ein Pferd vorzuführen; er bestieg es und ritt zum Palaste +Alaeddins. + +Der Sultan sagte zu Alaeddin: »Mein Sohn, ich komme selbst, um dich zu +fragen, warum du denn einen so prächtigen und einzigen Saal, wie der in +deinem Palaste ist, unvollendet lassen willst?« + +Alaeddin verhehlte den wahren Grund, daß nämlich der Sultan nicht reich +genug an Edelsteinen wäre, um einen so großen Aufwand zu bestreiten, und +antwortete ihm: »Herr, es ist wahr, du hast den Saal unvollendet +gesehen, aber ich bitte dich, sieh jetzt einmal, ob noch etwas daran +fehlt.« + +Nachdem der Sultan sich überzeugt, daß das Gitterfenster, woran seine +Goldschmiede so lange gearbeitet hatten, in so kurzer Zeit vollendet +worden war, umarmte er Alaeddin und küßte ihn zwischen die Augen und auf +die Stirne. »Mein Sohn,« sagte er hierauf voll Verwunderung zu ihm, »was +für ein Mann bist du, daß du so erstaunliche Werke zuwege bringst, ehe +man eine Hand umkehrt? Du hast auf der ganzen Welt nicht deinesgleichen, +und je mehr ich dich kennen lerne, um so bewunderungswürdiger finde ich +dich.« + +Alaeddin nahm die Lobsprüche des Sultans mit vieler Bescheidenheit auf +und antwortete ihm folgendermaßen: »Herr, es ist ein großer Ruhm für +mich, das Wohlwollen und den Beifall meines Königs zu verdienen; auch +versichere ich dir, daß ich stets alles aufbieten werde, um mich +desselben immer mehr und mehr würdig zu machen.« + +Der Sultan kehrte in seinen Palast zurück, wo der Großvezier ihn +erwartete. Noch voll Staunen über das Wunder, das er mit eigenen Augen +gesehen, erzählte ihm der Sultan alles. + +Alaeddin verschloß sich nicht in seinem Palaste; er zeigte sich in der +Stadt, indem er bald in diese, bald in jene Moschee ging, um sein Gebet +zu verrichten, oder von Zeit zu Zeit dem Großvezier einen Besuch +abstattete, der sich beeiferte, ihm an bestimmten Tagen seine Aufwartung +zu machen, oder er erwies auch zuweilen einigen Vornehmen am Hofe, die +er öfters in seinem Palaste bewirtete, die Ehre, sie zu Haus zu +besuchen. Jedesmal wenn er ausritt, hatte er ein zahlreiches Gefolge von +Sklaven um sich, und zwei von ihnen mußten auf den Straßen und Plätzen, +durch die er kam und wo sich immer eine große Volksmenge einfand, ganze +Hände voll Gold auswerfen. Kein Armer erschien an der Pforte seines +Palastes, ohne sehr vergnügt über die Gaben, die auf seinen Befehl +ausgeteilt wurden, zurückzukehren. + +Da Alaeddin seine Zeit so eingeteilt hatte, daß er jede Woche wenigstens +einmal auf die Jagd ging, bald in die nächsten Umgebungen der Stadt, +bald auch in weitere Ferne, so zeigte er sich auf den Straßen und auf +den Dörfern ebenso freigebig. Dieses großmütige Benehmen machte, daß das +ganze Volk ihn mit Segenswünschen überhäufte und zuletzt nicht höher +schwor, als bei seinem Haupte. Ja man kann, ohne den Sultan in Schatten +zu stellen, wohl sagen, daß Alaeddin sich durch seine Leutseligkeit und +Freigebigkeit die Zuneigung des ganzen Volkes erworben hatte und im +allgemeinen mehr geliebt wurde als der Sultan selbst. Mit allen diesen +schönen Eigenschaften verband er eine Tapferkeit und einen Eifer für das +Wohl des Staats, den man nicht genug loben kann. Beweise davon gab er +bei Gelegenheit eines Aufruhrs an den Grenzen des Reichs. Kaum hatte er +erfahren, daß der Sultan ein Heer ausrüstete, um ihn zu dämpfen, so bat +er ihn, ihm den Oberbefehl zu übergeben. Sobald er nun an der Spitze des +Heeres stand, führte er es so schnell und mit solchem Eifer ins Feld, +daß der Sultan die Niederlage, Bestrafung und Zerstreuung der Aufrührer +eher vernahm, als seine Ankunft beim Heere. Diese Tat, die seinen Namen +im ganzen Reiche berühmt machte, verdarb doch sein Herz nicht; er kehrte +zwar sieggekrönt zurück, blieb aber immer noch so mild und leutselig wie +zuvor. + +Alaeddin hatte bereits mehrere Jahre auf diese Art gelebt, als der +Zauberer in Afrika sich seiner erinnerte. Obwohl er bisher des festen +Glaubens gelebt hatte, Alaeddin müsse in dem unterirdischen Gewölbe +zugrunde gegangen sein, so bekam er doch auf einmal Lust, genau zu +erfahren, welches Ende er genommen habe. Als großer Meister in der +Punktierkunst entdeckte er, daß Alaeddin nicht nur nicht in dem +unterirdischen Gewölbe gestorben sei, sondern sich daraus gerettet habe +und in großem Glanz und gewaltigem Reichtum, vermählt mit einer +Prinzessin, hochgeehrt und geachtet lebe. + +[Illustration] + +[Illustration] + +Kaum hatte der afrikanische Zauberer mittels seiner teuflischen Kunst +diese Entdeckung gemacht, so stieg ihm das Blut ins Gesicht. Voll +Wut sagte er zu sich selbst: »Dieser elende Schneiderssohn hat also das +Geheimnis und die Wunderkraft der Lampe entdeckt; ich hielt seinen Tod +für gewiß und nun genießt er die Frucht meiner Arbeiten und Nachtwachen! +Aber eher will ich untergehen, als ihn noch länger in seinem Glücke +lassen.« Er hatte seinen Entschluß schnell gefaßt, bestieg gleich am +andern Morgen einen Berberhengst, den er im Stalle hatte und machte sich +auf den Weg. So kam er von Stadt zu Stadt, und von Land zu Land, ohne +sich unterwegs länger aufzuhalten, als sein Pferd zum Ausruhen Zeit +brauchte, bis nach China und bald auch in die Hauptstadt des Sultans. Er +stieg in einem öffentlichen Wirtshause ab und mietete sich ein Zimmer. +Hier blieb er den noch übrigen Teil des Tages und die folgende Nacht, um +sich von den Beschwerden der Reise zu erholen. + +Am andern Morgen wünschte der afrikanische Zauberer vor allem zu +erfahren, was man von Alaeddin spreche. Indem er nun durch die Stadt +spazierte, trat er in ein sehr berühmtes und von vornehmen Leuten stark +besuchtes Teehaus. Kaum hatte er Platz genommen, als man ihm eine Schale +Tee einschenkte. Während er trank, horchte er rechts und links und +hörte, daß man von Alaeddins Palaste sprach. Als er ausgetrunken hatte, +näherte er sich einem, um ihn beiseite zu nehmen und ihn zu fragen, was +denn das für ein Palast sei, von dem man so rühmend spreche. »Woher bist +denn du, Freund?« erwiderte ihm der Angeredete. »Du mußt erst seit ganz +kurzem hier sein, wenn du den Palast des Prinzen Alaeddin noch nicht +gesehen oder wenigstens noch nicht einmal davon reden gehört hast.« Man +nannte nämlich Alaeddin immer so, seitdem er die Prinzessin Bedrulbudur +geheiratet hatte. »Ich sage nicht,« fuhr der Mann fort, »daß es eins von +den Wunderwerken der Welt ist, sondern ich behaupte vielmehr, daß er das +einzige Wunder auf der Welt ist. Sieh ihn einmal selbst an und urteile, +ob ich dir nicht die Wahrheit berichtet habe.« -- »Verzeih meine +Unwissenheit,« antwortete der afrikanische Zauberer, »ich bin gestern +hier angelangt und komme in der Tat so weit her, ich kann sagen vom +äußersten Ende Afrikas. Meine Neugierde ist so groß, daß ich sie +sogleich befriedigen möchte, wenn du nur die Güte hättest, mir den Weg +zu zeigen.« + +Jener, an den sich der afrikanische Zauberer gewandt hatte, machte sich +ein Vergnügen daraus, ihm den Weg nach Alaeddins Palast zu beschreiben, +und der afrikanische Zauberer ging dahin. Als er angekommen war und den +Palast von allen Seiten genau betrachtet hatte, zweifelte er nicht mehr +daran, daß Alaeddin sich der Lampe bedient haben müsse, denn er wußte +recht gut, daß solche Wunderwerke nur von den Geistern der Lampe +geschaffen werden konnten. Voll Ärger über das Glück und die Größe +Alaeddins, der sich nicht von dem Sultan unterschied, kehrte er nach dem +Wirtshaus zurück, wo er abgestiegen war. + +Nun brauchte er nur noch zu wissen, wo die Lampe war, ob Alaeddin sie +bei sich trug oder irgendwo aufbewahrte, und um dies zu entdecken, mußte +der Zauberer seine Punktierkunst zu Hilfe nehmen. Aus seinen Versuchen +erkannte er, daß die Lampe in Alaeddins Palast war, und war außer sich +vor Freude über eine solch wichtige Entdeckung. »Ich muß sie bekommen, +diese Lampe,« sagte er, »und Trotz sei Alaeddin geboten, ob er mich +hindern kann, sie ihm zu entreißen und ihn in die Niedrigkeit wieder +hinabzudrücken, aus der er so hoch emporgestiegen ist.« + +Das Unglück wollte, daß Alaeddin damals gerade auf acht Tage auf die +Jagd gegangen und erst seit drei Tagen fort war; der afrikanische +Zauberer erfuhr dies. + +Er ging in den Laden eines Mannes, der Lampen zum Verkauf machte, und +sagte zu diesem: »Meister, ich möchte zwölf kupferne Lampen haben: +kannst du sie mir liefern?« Der Lampenverkäufer antwortete, es fehlten +ihm zwar noch einige, wenn er sich aber bis morgen gedulden wolle, so +könne er ihm ein volles Dutzend liefern. Der Zauberer war es zufrieden +und empfahl ihm, sie müssen recht hübsch und blank sein; nachdem er ihm +noch eine gute Bezahlung versprochen hatte, ging er in sein Wirtshaus +zurück. + +Am andern Tage wurde das Dutzend Lampen dem afrikanischen Zauberer +abgeliefert, der, ohne zu markten, den verlangten Preis dafür bezahlte. +Er legte sie in einen Korb, ging mit diesem Korb am Arm nach Alaeddins +Palast und fing, als er in der Nähe war, an zu rufen: »Wer will alte +Lampen gegen neue austauschen?« Als die kleinen Kinder, die auf dem +Platze spielten, dies hörten, liefen sie herbei und sammelten sich um +ihn, denn sie hielten ihn für einen Narren. Auch die Vorübergehenden +lachten über seine Dummheit. Der afrikanische Zauberer aber fuhr fort, +seine Ware anzubieten und laut zu schreien: »Wer will alte Lampen gegen +neue austauschen?« Er wiederholte dies so oft, auf dem Platze vor dem +Palast und in der Nähe desselben auf- und abgehend, daß die Prinzessin +Bedrulbudur, die gerade in dem Saale mit den vierundzwanzig Fenstern +war, die Stimme des Mannes hörte; da sie aber wegen des Geschreies der +Kinder nicht verstand, was er ausrief, so schickte sie eine ihrer +Sklavinnen hinab, um zu sehen, was der Lärm bedeute. + +Die Sklavin kam bald wieder mit lautem Lachen in den Saal. Sie lachte so +herzlich, daß die Prinzessin bei ihrem Anblick ebenfalls lachen mußte. +»Nun, du Närrin,« sagte sie endlich, »wirst du mir nicht sagen, warum du +so lachst?« -- »Herrin,« antwortete die Sklavin, immerfort lachend, »wie +könnte man auch anders, wenn man einen Narren sieht, der einen Korb voll +schöner, ganz neuer Lampen am Arm hat, aber sie nicht verkaufen, sondern +nur gegen alte austauschen will. Der Lärm aber, den du hörst, kommt von +den Kindern her, die ihn verhöhnen.« + +Nach diesem Bericht nahm eine andere Sklavin das Wort und sagte: »Da von +alten Lampen die Rede ist, so weiß ich nicht, ob die Prinzessin schon +bemerkt hat, daß hier auf dem Kranzgesims eine solche steht. Der +Eigentümer wird es wohl nicht übelnehmen, wenn er statt der alten eine +neue findet. Wenn es der Prinzessin genehm ist, so kann sie sich den +Spaß machen, zu erproben, ob dieser Narr wirklich verrückt genug ist, +eine neue Lampe für eine alte zu geben, ohne etwas herauszuverlangen.« + +Die Lampe, von der die Sklavin sprach, war eben die Wunderlampe, die +Alaeddin zu seiner Größe verholfen hatte, und er selbst hatte sie, bevor +er auf die Jagd ging, auf das Kranzgesims gestellt, um sie nicht zu +verlieren: eine Vorsichtsmaßregel, die er jedesmal anwendete. Aber weder +die Sklavinnen, noch die Verschnittenen, noch die Prinzessin selbst +hatten sie jemals während seiner Abwesenheit bemerkt. Außer der Zeit, wo +er auf der Jagd war, trug er sie immer bei sich. Man wird nun sagen, +diese Vorsicht Alaeddins sei recht gut gewesen, aber er hätte seine +Lampe wenigstens einschließen sollen. Dies ist freilich wahr, doch +dergleichen Versehen sind zu jeder Zeit begangen worden, werden noch +täglich begangen und noch in Zukunft begangen werden. + +Die Prinzessin Bedrulbudur, die von dem hohen Wert der Lampe nichts +wußte, und sich nicht denken konnte, daß es für Alaeddin, der gar nie +davon sprach, von so hoher Wichtigkeit sein könnte, sie unberührt zu +lassen und aufzubewahren, ging auf den Scherz ein und befahl einem +Verschnittenen, sie zu nehmen und umzutauschen. Der Verschnittene +gehorchte, ging die Treppe hinab, und war kaum aus dem Tore des +Palastes, als er den afrikanischen Zauberer bemerkte. Er rief ihn, und +als er zu ihm kam, zeigte er ihm die alte Lampe und sagte: »Gib mir eine +neue Lampe für diese da.« + +Der afrikanische Zauberer zweifelte nicht, daß dies die Lampe sei, die +er suchte. Er nahm sie dem Verschnittenen schnell aus der Hand, schob +sie in seinen Busen und überreichte ihm dann seinen Korb, damit er nach +Belieben eine auswählen könnte. Ohne sich länger in der Nähe von +Alaeddins Palast aufzuhalten, machte er sich ganz unvermerkt aus dem +Staube. + +Der afrikanische Zauberer brachte den Rest des Tages in einem Versteck +zu, bis ein Uhr nachts, wo die Finsternis am größten war. Jetzt zog er +die Lampe aus seinem Busen und rieb sie. Auf diesen Ruf erschien der +Geist sogleich. »Was willst du?« fragte er ihn, »ich bin bereit dir zu +gehorchen als dein Sklave und als Sklave aller, die die Lampe in der +Hand haben; ich und die andern Sklaven der Lampe.« -- »Ich befehle dir,« +antwortete der afrikanische Zauberer, »daß du augenblicklich den Palast, +den du oder die andern Sklaven der Lampe in der Stadt erbaut, so wie er +ist, mit allen seinen lebenden Bewohnern aufhebst und zugleich mit mir +an den und den Ort nach Afrika versetzest.« Ohne etwas zu antworten, +schaffte der Geist mit Hilfe der übrigen der Lampe dienstbaren Geister +in sehr kurzer Zeit sowohl ihn selbst, als den ganzen Palast an den +bezeichneten Ort in Afrika. Wir wollen indes den afrikanischen Zauberer +und den Palast samt der Prinzessin Bedrulbudur in Afrika lassen und nur +von dem Erstaunen des Sultans reden. + +Als der Sultan aufgestanden war, ging er wie gewöhnlich nach dem offenen +Erker, um sich das Vergnügen zu machen, Alaeddins Palast zu betrachten +und zu bewundern, erblickte aber nur einen leeren Platz. Im Anfang +glaubte er, er täusche sich und rieb sich die Augen; allein er sah so +wenig, als das erstemal, obgleich das Wetter sehr heiter, der Himmel +rein und die Morgenröte bereits aufgestiegen war. Er blickte rechts und +links und sah noch immer nichts. Sein Erstaunen war so groß, daß er +lange wie angewurzelt auf derselben Stelle stehen blieb, die Augen starr +nach der Seite hin geheftet, wo der Palast bisher gewesen, aber jetzt +nicht mehr zu sehen war; denn es war ihm unmöglich, zu begreifen, wie +ein so großer und ansehnlicher Palast auf einmal ganz spurlos +entschwunden sein solle. Endlich ließ er in aller Eile den Großvezier +rufen. + +Der Großvezier ließ nicht lange auf sich warten. Er kam in solcher Eile, +daß weder er noch seine Leute im Vorbeigehen bemerkten, daß Alaeddins +Palast nicht mehr an seiner Stelle stand. Selbst die Pförtner hatten es +nicht bemerkt, als sie die Tore des Palastes öffneten. Der Großvezier +redete den Sultan also an: »Herr, die Eile, womit man mich berufen hat, +läßt mich schließen, daß irgend etwas Außerordentliches vorgefallen sein +muß; denn du weißt ja wohl, daß heute Ratssitzung ist, und ich mich +meiner Pflicht gemäß ohnehin in einigen Augenblicken eingestellt hätte.« +-- »Ja,« antwortete der Sultan, »es hat sich wirklich etwas sehr +Außerordentliches zugetragen und du wirst es selbst gestehen müssen. +Sprich, wo ist der Palast Alaeddins?« -- »Der Palast Alaeddins?« +erwiderte der Großvezier sehr erstaunt, »ich ging soeben daran vorbei, +und mich däuchte, er stand an seinem alten Platz. So gewaltige Gebäude +wie dieses ändern ihre Stelle nicht so leicht.« -- »Sieh einmal hinaus,« +entgegnete der Sultan, »und sag mir dann, ob du ihn gesehen hast.« + +Der Großvezier begab sich in den offenen Erker, und es ging ihm, wie dem +Sultan. »Herr,« sagte der Großvezier, »du erinnerst dich vielleicht, daß +ich die Ehre hatte, dir zu sagen, der Palast, den du mit seinen +unermeßlichen Reichtümern so sehr bewunderst, könne bloß ein Werk der +Zauberei und eines Zauberers sein; allein du wolltest damals nicht auf +mich achten.« + +Der Sultan, der dies nicht leugnen konnte, geriet in einen um so +größeren Zorn, als sein früherer Unglauben offenbar am Tage lag. »Wo ist +er,« rief er, »dieser Betrüger, dieser Schurke? Ich lasse ihm den Kopf +abschlagen.« -- »Herr,« antwortete der Großvezier, »man muß ihn fragen +lassen, wo sein Palast hingekommen ist, denn er allein kann es wissen.« +-- »Das wäre zu viele Schonung für ihn,« entgegnete der Sultan; »geh und +schicke dreißig von meinen Reitern ab, daß sie ihn in Ketten vor mich +führen.« Der Großvezier überbrachte den Reitern den Befehl des Sultans +und unterrichtete ihren Anführer, wie sie sich zu benehmen hätten, damit +er ihnen nicht entwischen könne. Sie gingen ab und trafen Alaeddin fünf +oder sechs Stunden von der Stadt auf dem Heimwege begriffen. Der +Anführer ritt auf ihn zu und sagte ihm, der Sultan habe großes +Verlangen, ihn wieder zu sehen, und deshalb habe er sie abgeschickt, um +es ihm zu melden und ihn nach Hause zu begleiten. + +Alaeddin hatte nicht die entfernteste Ahnung von dem wahren Grunde, +warum diese Abteilung der Leibwache des Sultans zu ihm gekommen war, und +ritt getrost weiter. Als er aber noch eine halbe Stunde von der Stadt +entfernt war, umringte ihn die Reiterschar, und der Anführer derselben +nahm das Wort und sagte zu ihm: »Prinz Alaeddin, mit großem Bedauern +haben wir dir zu erklären, daß wir vom Sultan Befehl haben, dich zu +verhaften und als Staatsverbrecher vor ihn zu führen; wir bitten dich, +es nicht übel aufzunehmen, wenn wir jetzt unsere Pflicht erfüllen, und +uns zu verzeihen.« + +Alaeddin war äußerst überrascht, denn er fühlte sich unschuldig. Er +fragte den Anführer, ob er wisse, welches Verbrechens er angeklagt sei; +dieser aber antwortete, weder er noch seine Leute wüßten davon. + +Da Alaeddin sah, daß seine Leute viel schwächer waren, als die +Reiterschar, und ihn sogar verließen, so stieg er vom Pferde ab und +sagte: »Hier bin ich, vollziehet euern Befehl. Übrigens kann ich +versichern, daß ich mir keines Verbrechens bewußt bin, weder gegen die +Person des Sultans, noch gegen den Staat.« Man warf ihm sogleich eine +sehr dicke und lange Kette an den Hals und band ihn damit auch mitten um +den Körper, so daß er die Arme nicht frei hatte. Der Anführer stellte +sich nun wieder an die Spitze des Zugs, einer der Reiter aber faßte das +Ende der Kette und führte so, hinter dem Anführer hinreitend, Alaeddin, +der zu Fuß folgen mußte, mit fort. In diesem Zustande wurde er in die +Stadt gebracht. + +Als die Reiter in die Vorstadt kamen und man Alaeddin als +Staatsverbrecher daherführen sah, glaubte jedermann, es werde ihn den +Kopf kosten. Da er aber allgemein beliebt war, so ergriffen die einen +Säbel und andere Waffen, und die, welche keine hatten, bewaffneten sich +mit Steinen und folgten den Reitern nach. Einige von den Hintersten +schwenkten um und machten Miene, sie auseinanderzusprengen; allein die +Volksmasse wurde so groß, daß die Reiter sich glücklich schätzten, wenn +sie nur den Palast des Sultans erreichten, ohne daß Alaeddin ihnen +entrissen wurde. So gelangten sie endlich an den Platz vor dem Palaste, +wo sie sich alle in einer Linie aufstellten und gegen die bewaffnete +Volksmasse Front machten, bis ihr Befehlshaber und der Reiter, welcher +Alaeddin führte, in den Palast eingetreten waren und die Pförtner das +Tor hinter ihm geschlossen hatten. + +Alaeddin wurde sofort vor den Sultan geführt, der ihn mit dem Großvezier +auf einem Balkon erwartete. Sobald er ihn sah, befahl er dem +Scharfrichter ihm den Kopf abzuhauen, ohne daß er ihn anhören oder +irgend einen Aufschluß von ihm haben wollte. + +Der Scharfrichter bemächtigte sich Alaeddins, nahm ihm die Kette ab, +breitete sofort ein Leder, das mit dem Blute von unzähligen Verbrechern +befleckt war, auf den Boden, hieß ihn niederknieen und verband ihm die +Augen. Hierauf zog er sein Schwert, holte weit aus, ließ es dreimal in +der Luft blitzen und schickte sich an, den Todesstreich zu führen, indem +er nur noch auf ein Zeichen vom Sultan wartete, um Alaeddin den Kopf +abzuschlagen. + +In diesem Augenblicke bemerkte der Großvezier, daß das Volk die Reiter +überwältigt hatte und auf den Schloßplatz gedrungen war, ja sogar, daß +einige die Mauern des Palastes an mehreren Stellen mit Leitern erstiegen +und bereits anfingen, sie niederzureißen, um eine Öffnung zu machen. Er +sagte daher zum Sultan, ehe er das Zeichen gab: »Herr, ich bitte dich, +daß du den Schritt, den du zu tun im Begriff bist, reiflich überlegen +mögest. Du läufst Gefahr, deinen Palast erstürmt zu sehen, und wenn dies +Unglück geschehe, so könnte es unheilbringende Folgen haben.« -- + +Als der Sultan die heftige Aufregung unter dem Volke sah, erschrak er +dermaßen, daß er augenblicklich dem Scharfrichter den Befehl gab, sein +Schwert wieder in die Scheide zu stecken, die Binde von Alaeddins Augen +wegzunehmen und ihn freizulassen. Zugleich befahl er seinen Trabanten +auszurufen, daß er Alaeddin Gnade schenke, und jedermann sich nun +entfernen möge. + +Als nun das Volk sah, daß der Sultan Alaeddin Gerechtigkeit widerfahren +ließ und ihn begnadigte, entwaffnete sich sein Zorn, der Aufruhr hörte +auf und es gingen alle einer nach dem andern nach Hause. + +Sobald Alaeddin sich wieder in Freiheit sah, schaute er nach dem Balkon +hinauf, und als er den Sultan bemerkte, so rief er ihm in rührendem Tone +zu: »Herr, ich bitte dich, mir zu der bereits erwiesenen Gnade noch eine +neue zu schenken und mich wissen zu lassen, was mein Verbrechen ist.« -- +»Was es ist, du Schurke!« erwiderte der Sultan; »weißt du es noch nicht? +Komm einmal hier herauf, so will ich dir es zeigen.« + +Alaeddin ging hinauf und trat vor den Sultan. Er führte ihn an den +offenen Erker. + +Alaeddin sah hinaus und erblickte den ganzen Platz, den sein Palast +sonst eingenommen hatte, da er aber nicht begreifen konnte, wie er hatte +verschwinden können, so machte ihn dieses seltsame und überraschende +Ereignis so bestürzt, daß er dem Sultan kein einziges Wort erwidern +konnte. + +Der Sultan wiederholte voll Ungeduld die Frage: »Sag mir doch, wo der +Palast und meine Tochter ist?« Endlich brach Alaeddin das Stillschweigen +und sagte: »Herr, ich sehe wohl, daß der Palast, den ich erbauen ließ, +verschwunden ist, kann dir aber nicht sagen, wo er sein mag. Nur so viel +kann ich versichern, daß ich keinen Teil an diesem Ereignis habe.« + +»Mir liegt nichts daran, was aus deinem Palaste geworden ist,« +antwortete der Sultan. »Meine Tochter ist mir millionenmal lieber. Du +mußt sie mir zurückgeben, sonst lasse ich dir den Kopf abschlagen.« + +»Herr,« antwortete Alaeddin, »ich flehe dich an, daß du mir vierzig Tage +Frist gebest, um meine Maßregeln zu treffen, und gelingt es mir in +dieser Zeit nicht, so gebe ich dir mein Wort, daß ich selbst meinen Kopf +zu den Füßen deines Thrones niederlegen will, damit du nach Belieben +darüber verfügest.« -- »Ich bewillige dir diese Frist von vierzig Tagen,« +erwiderte der Sultan; »aber glaube ja nicht, daß du meine Gnade +mißbrauchen und meinem Zorn entfliehen könnest. In welchem Winkel der +Erde du sein magst, ich werde dich zu finden wissen.« + +Alaeddin ging mit gesenktem Haupte über die Höfe des Palastes und war so +beschämt, daß er es nicht wagte, die Augen aufzuschlagen. Die +vornehmsten Hofbeamten, von denen er keinen einzigen beleidigt hatte und +die vorher seine Freunde gewesen, waren jetzt weit entfernt, sich ihm zu +nähern oder ihm eine Zufluchtsstätte anzubieten; nein, sie kehrten ihm +den Rücken, damit sie ihn nicht sehen mußten und er sie nicht erkennen +möchte. Alaeddin kannte sich selbst nicht mehr und war seines Verstandes +nimmer mächtig. Diejenigen, die in freundschaftlicher Verbindung oder +sonst in einem Verkehr mit ihm gestanden hatten, wurden von wahrhaftem +Mitleid ergriffen. Er blieb drei Tage in der Stadt, indem er sich bald +nach dieser, bald nach jener Seite hin wendete und nichts aß, als was +ihm mitleidige Menschen reichten, im übrigen aber keinen Entschluß +faßte. + +Endlich, da er in diesem elenden Zustande nicht länger in einer Stadt +verweilen wollte, wo er früher den vornehmen Herrn gespielt hatte, +entfernte er sich aus derselben und schlug den Weg nach dem Felde ein. +Er vermied die großen Heerstraßen, und nachdem er in schrecklicher +Ungewißheit mehrere Felder durchirrt hatte, kam er mit Anbruch der Nacht +an das Ufer eines Flusses. Hier faßte er einen Gedanken der +Verzweiflung. »Wo soll ich jetzt meinen Palast suchen?« sagte er bei +sich selbst. »In welcher Provinz, in welchem Lande, in welchem Teile der +Welt werde ich ihn und meine vielgeliebte Prinzessin wiederfinden, die +der Sultan von mir fordert? Dies wird mir nie gelingen; deshalb ist es +besser, ich befreie mich auf einmal von all diesen Mühseligkeiten und +dem bittern Kummer, der mein Herz zerfrißt.« Schon hatte er den +Entschluß gefaßt, sich in den Fluß zu werfen, doch glaubte er als guter +und frommer Muselmann dies nicht tun zu können, bevor er sein Gebet +verrichtet hätte. Indem er sich nun dazu anschicken wollte, näherte er +sich dem Rande des Wassers, um sich der Landessitte gemäß die Hände und +das Gesicht zu waschen. Da aber die Stelle etwas abschüssig und naß war, +so glitt er aus und wäre in den Fluß gefallen, wenn er sich nicht noch +an einem kleinen Felsstück gehalten hätte, das etwa zwei Zoll hoch +hervorragte. Glücklicherweise besaß er noch den Ring, den der +afrikanische Zauberer ihm an den Finger gesteckt hatte. Diesen Ring rieb +er ziemlich stark an dem Felsen, als er sich daran hielt, und +augenblicklich stand derselbe Geist vor ihm, der ihm in dem +unterirdischen Gewölbe erschienen war, wo der afrikanische Zauberer ihn +eingesperrt hatte. »Was willst du?« sagte der Geist; »ich bin bereit, +dir zu gehorchen als dein Sklave und als Sklave aller derer, die den +Ring am Finger haben, sowohl ich, als die andern Sklaven des Ringes.« + +Alaeddin, der in seiner verzweiflungsvollen Lage durch diese Erscheinung +angenehm überrascht war, antwortete: »Geist, rette mir zum zweitenmal +das Leben und zeige mir, wo der Palast ist, den ich erbauen ließ, oder +sorge, daß er unverzüglich wieder an seinen alten Platz zurückgetragen +wird.« -- »Was du hier verlangst,« antwortete der Geist, »liegt nicht in +meinem Wirkungskreise, ich bin bloß Sklave des Rings; wende dich deshalb +an den Sklaven der Lampe.« -- »Wenn dem so ist,« versetzte Alaeddin, »so +befehle ich dir kraft des Ringes, versetze mich sogleich an den Ort, wo +mein Palast ist und bringe mich unter die Fenster der Prinzessin +Bedrulbudur.« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als der Geist ihn +nahm und nach Afrika mitten auf eine große Wiese trug, auf der der +Palast nicht weit von einer großen Stadt stand; er setzte ihn dicht +unter den Fenstern der Prinzessin nieder und ließ ihn dann allein. Alles +dies war das Werk eines Augenblicks. + +Ungeachtet der Dunkelheit der Nacht erkannte Alaeddin recht gut seinen +Palast und die Zimmer der Prinzessin Bedrulbudur. Da es indes schon weit +in der Nacht und im Palast alles ruhig war, so ging er etwas abseits und +setzte sich unter einen Baum. Hier gab er sich neuen Hoffnungen hin, und +indem er Betrachtungen anstellte über sein Glück, das er einem bloßen +Zufalle verdankte, wurde sein Gemüt wieder weit ruhiger. Er hing eine +Weile diesen angenehmen Gedanken nach, aber da er seit fünf oder sechs +Tagen kein Auge mehr geschlossen hatte, so überwältigte ihn zuletzt der +Schlaf und er schlummerte am Fuße des Berges ein. + +Als am folgenden Tage die Morgenröte anbrach, wurde Alaeddin sehr +angenehm erweckt durch den Gesang der Vögel, die teils auf dem Baume, +unter dem er lag, teils auch auf den dickbelaubten Bäumen im Garten +seines Palastes die Nacht zugebracht hatten. Er warf sogleich seine +Augen auf dieses bewundernswürdige Gebäude und fühlte eine +unaussprechliche Freude, daß er jetzt Hoffnung habe, wieder Herr +desselben zu werden und aufs neue seine teure Prinzessin Bedrulbudur zu +besitzen. Er stand auf und näherte sich den Zimmern der Prinzessin, dann +ging er unter ihren Fenstern eine Weile spazieren und wartete, bis sie +erwachen würde und sich sehen ließe. Inzwischen dachte er bei sich +selbst darüber nach, woher wohl die Ursache seines Unglücks gekommen +sein möge, und nachdem er sich lange hin und her besonnen, zweifelte er +nicht mehr daran, sein ganzes Mißgeschick könne bloß davon herrühren, +daß er seine Lampe aus den Augen verloren habe. Er machte sich nun +Vorwürfe über seine Nachlässigkeit, und daß er nicht Sorge getragen +habe, sie keinen Augenblick aus der Hand zu lassen. Was ihn noch mehr in +Verlegenheit setzte, war, daß er sich gar nicht einbilden konnte, wer +wohl auf sein Glück eifersüchtig sei. Dies wäre ihm zwar klar geworden, +wenn er gewußt hätte, daß er und sein Palast sich in Afrika befänden; +allein der dienstbare Geist des Ringes hatte es ihm nicht gesagt, und er +hatte ihn auch nicht darum gefragt. Sonst hätte ihn schon der Name +Afrika sogleich an den afrikanischen Zauberer, seinen abgesagten Feind, +erinnert. + +Die Prinzessin Bedrulbudur stand diesmal früher als gewöhnlich auf, seit +ihrer Entführung durch die Tücke des afrikanischen Zauberers, dessen +Anblick sie bisher täglich einmal hatte ertragen müssen, weil er der +Herr des Palastes war; sie hatte ihn jedoch jedesmal so spröde +behandelt, daß er es noch nicht gewagt hatte, seinen Wohnsitz darin +aufzuschlagen. Als sie angekleidet war, sah eine ihrer Frauen zufällig +durchs Gitterfenster, bemerkte Alaeddin und verkündete es sogleich ihrer +Gebieterin. Die Prinzessin, die diese Nachricht nicht glauben konnte, +lief schnell ans Fenster, bemerkte Alaeddin ebenfalls und öffnete das +Gitter. Bei dem Geräusch, das dadurch entstand, hob Alaeddin den Kopf in +die Höhe, erkannte sie und begrüßte sie mit einer Miene, auf der +überschwengliche Freude sich abspiegelte. »Um keine Zeit zu verlieren,« +sagte die Prinzessin zu ihm, »habe ich dir die geheime Türe öffnen +lassen, tritt durch dieselbe ein und komm herauf.« + +Es ist unmöglich, die Freude zu beschreiben, die die beiden Ehegatten +empfanden, als sie sich nach einer Trennung, die sie ewig geglaubt +hatten, endlich wiedersahen. Sie umarmten sich mehrere Male und gaben +sich alle Beweise von Liebe und Zärtlichkeit, die man nach einer so +traurigen und unerwarteten Trennung nur erdenken kann. Nach diesen +Umarmungen, in die sich Tränen der Freude mischten, setzten sie sich, +und Alaeddin nahm das Wort und sprach: »Prinzessin, bevor wir von irgend +etwas anderem sprechen, beschwöre ich dich im Namen Gottes, sowohl um +deiner selbst als um deines verehrungswürdigen Vaters, des Sultans, und +besonders auch um meinetwillen, sage mir, was ist aus meiner alten Lampe +geworden, die ich, bevor ich auf die Jagd ging, in dem Saal mit den +vierundzwanzig Fenstern auf das Kranzgesimse gestellt hatte?« + +»Ach, teurer Gemahl,« antwortete die Prinzessin, »ich habe mir's wohl +gedacht, daß unser beiderseitiges Unglück von dieser Lampe herkomme, und +was mich untröstlich macht, ist, daß ich selbst daran schuld bin.« -- +»Prinzessin,« erwiderte Alaeddin, »miß dir die Schuld nicht bei, sie ist +ganz auf meiner Seite, denn ich hätte die Lampe sorgsamer aufbewahren +sollen. Jetzt aber laß uns nur daran denken, den Schaden wieder +gutzumachen und deshalb erzähle mir, wie die Sache zugegangen und in +welche Hände die Lampe geraten ist.« + +Die Prinzessin Bedrulbudur erzählte hierauf Alaeddin alles, unter +welchen Umständen sie die alte Lampe gegen die neue ausgetauscht und wie +sie in der folgenden Nacht die Versetzung des Palastes bemerkt und sich +am andern Morgen in einem unbekannten Lande gefunden habe, wo sie jetzt +beide seien und das Afrika heiße. Letzteres hatte sie aus dem Munde des +Schurken selbst erfahren, der sie durch seine Zauberkunst hierher +versetzt hatte. + +»Prinzessin,« unterbrach sie Alaeddin, »du hast mir den Schurken +deutlich genug bezeichnet, indem du mir sagtest, daß ich mit dir in +Afrika bin. Er ist der abscheulichste aller Menschen; doch ist jetzt +weder Zeit noch Ort, dir seine Schlechtigkeiten ausführlicher zu +erzählen, und ich bitte dich bloß, mir zu sagen, was er mit der Lampe +angefangen und wo er sie aufbewahrt hat.« -- »Er trägt sie wohl +eingehüllt in seinem Busen,« erwiderte die Prinzessin, »ich kann dies +mit Bestimmtheit sagen, da er sie in meiner Gegenwart herausgezogen und +enthüllt hat, um sich damit zu brüsten.« + +»Prinzessin,« unterbrach sie Alaeddin, »ich glaube ein Mittel gefunden +zu haben, uns beide von unserm gemeinschaftlichen Feinde zu befreien. +Ich werde gegen Mittag zurückkommen, um dir dann meinen Plan +mitzuteilen, und was du zum Gelingen desselben beizutragen hast. Doch +sage ich dir zum voraus, wundere dich nicht, wenn du mich in einer +andern Kleidung zurückkommen siehst, und gib Befehl, daß man mich an der +geheimen Türe, wenn ich klopfe, nicht lange warten läßt.« Die Prinzessin +versprach, man werde ihn an der Türe erwarten und schnell öffnen. + +Als Alaeddin hinausgegangen war, bemerkte er einen Bauersmann, der aufs +Feld ging. + +Er ging zu ihm und machte ihm den Antrag, die Kleider mit ihm zu +wechseln, worauf der Bauer endlich auch einging. Der Umtausch geschah +hinter einem Gebüsch, und als sie sich getrennt hatten, schlug Alaeddin +den Weg nach der Stadt ein und ging bis an den Platz, wo die Kaufleute +und Handwerker ihre besondere Gasse hatten. Er trat nun in die Gasse der +Materialienhändler, ging in den größten und bestausgestatteten Laden und +fragte den Kaufmann, ob er nicht ein gewisses Pulver habe, das er ihm +nannte. Der Kaufmann, der aus Alaeddins Kleidung schloß, er müsse arm +sein und werde nicht Geld genug haben, um ihn zu bezahlen, antwortete, +er habe zwar dieses Pulver, allein es sei sehr teuer. Alaeddin erriet +seine Gedanken, zog seinen Beutel aus der Tasche, ließ einige Goldstücke +hervorblinken und verlangte dann eine halbe Drachme von dem Pulver. Der +Kaufmann wog so viel ab, wickelte es ein, übergab es Alaeddin und +forderte ein Goldstück dafür. Alaeddin händigte es ihm ein, und ohne +sich in der Stadt länger aufzuhalten, als nötig war, um einige Nahrung +zu sich zu nehmen, kehrte er nach seinem Palaste zurück. Er brauchte an +der geheimen Türe nicht lange zu warten, sie wurde ihm sogleich +geöffnet, und so ging er ins Gemach der Prinzessin Bedrulbudur hinauf. +»Geliebte,« sprach er zu ihr, »da du so großen Widerwillen gegen deinen +Entführer hast, so wird es dir vielleicht schwer werden, den Rat zu +befolgen, den ich dir jetzt gebe. Bedenke aber, daß du dich notwendig +verstellen und dir einige Gewalt antun mußt, wenn du dich von seinen +Nachstellungen befreien und dem Sultan, deinem Vater und meinem Herrn, +die Freude machen willst, dich wieder zu sehen. Befolge also meinen Rat, +schmücke dich sogleich mit deinen schönsten Kleidern, und wenn der +afrikanische Zauberer kommt, so empfange ihn aufs freundlichste. Du +darfst dir aber keinen Zwang und keine Befangenheit anmerken lassen, +sondern mußt ihm ein heiteres Gesicht zeigen. Im Gespräch gib ihm sodann +zu erkennen, daß du dir alle Mühe gebest, mich zu vergessen; und um ihn +vollkommen von deiner Aufrichtigkeit zu überzeugen, lade ihn zum +Abendessen ein und drücke den Wunsch aus, den besten Wein seines Landes +zu kosten. Er wird dann weggehen, um dir welchen zu holen. Indes du nun +den Schenktisch in Bereitschaft setzen lässest, so schütte in einen der +Becher, der dem deinigen gleich ist, dies Pulver hier, stelle ihn sodann +auf die Seite und befiehl derjenigen von deinen Frauen, die das +Schenkamt versieht, sie soll ihn dir auf ein verabredetes Zeichen voll +Wein bringen und sich ja in acht nehmen, daß kein Irrtum dabei vorgeht. +Wenn dann der Zauberer zurückkommt, und ihr beide bei Tische sitzet und +nach Herzenslust gegessen und getrunken habt, so laß den Becher mit dem +Pulver bringen und vertausche deinen Becher mit dem seinen. Er wird dies +als eine so hohe Gunst ansehen, daß er es nicht ablehnen, sondern den +Becher bis auf den Grund austrinken wird; kaum aber wird er ihn geleert +haben, so wirst du ihn rücklings hinsinken sehen. Wenn es dich anekelt, +aus seinem Becher zu trinken, so stelle dich wenigstens, als ob du +tränkest, und du hast dabei nichts zu befürchten; denn das Pulver wird +seine Wirkung schnell tun.« + +Darauf antwortete die Prinzessin: »Ich gestehe dir, daß es mich +Überwindung kostet, dem Zauberer auf diese Art entgegenzukommen. Aber +welcher Entschließung ist man nicht fähig gegen einen so grausamen +Feind! Ich werde also tun, wie du mir rätst, da sowohl meine als deine +Ruhe davon abhängt.« Darauf verabschiedete sich Alaeddin von der +Prinzessin, und brachte den übrigen Teil des Tages in der Umgebung des +Palastes zu, um sich mit Anbruch der Nacht wieder bei der geheimen Türe +einzufinden. Sobald Alaeddin sich entfernt hatte, setzte sie sich an +ihren Putztisch, ließ sich durch ihre Frauen aufs prächtigste schmücken +und legte das reichste Kleid an. Ihr Gürtel war von eitel Gold und mit +den größten auserlesensten Diamanten ausgelegt; um den Hals legte sie +eine Schnur aus Perlen. Die Armbänder, die mit Rubinen und Diamanten +besetzt waren, entsprachen aufs trefflichste dem Reichtum des Gürtels +und der Halsschnur. + +Als die Prinzessin Bedrulbudur vollständig angekleidet war, setzte sie +sich auf ihren Sofa und erwartete die Ankunft des afrikanischen +Zauberers. + +Sobald die Prinzessin ihn in den Saal mit den vierundzwanzig Fenstern +eintreten sah, stand sie mit allem Glanze ihrer Schönheit und Reize auf, +wies ihm mit der Hand den Ehrenplatz an, den er einnehmen sollte, und +setzte sich dann zugleich mit ihm: eine ganz ausgezeichnete Artigkeit, +die sie ihm bisher noch nie erwiesen hatte. + +Den afrikanischen Zauberer blendete mehr der Glanz der schönen Augen der +Prinzessin, als die strahlenden Edelsteine. Ihre majestätische Haltung +und die anmutsvolle Verbindlichkeit, mit der sie ihn empfing, während +sie ihn bisher immer so rauh zurückgewiesen hatte, machte einen solchen +Eindruck auf ihn, daß er kaum seiner Sinne mächtig war. Als er sich +gesetzt hatte, nahm die Prinzessin, um ihn aus seiner sichtlichen +Verlegenheit zu ziehen, das Wort und sprach zu ihm: »Du wirst dich ohne +Zweifel wundern, daß du mich heute ganz anders findest, als bis jetzt, +doch wirst du es erklären können, wenn ich dir sage, daß meine ganze +Gemütsart aller Traurigkeit, Schwermut, Betrübnis und allen Sorgen +zuwider ist, die ich immer gern von mir abschüttle, sowie ich keine +Ursache mehr dazu sehe. Ich habe mir das, was du mir von Alaeddins +Schicksal sagtest, wohl überlegt, und da ich die Gemütsart meines Vaters +recht gut kenne, so bin ich mit dir überzeugt, daß er der schrecklichen +Wirkung seines Zornes unmöglich entgehen konnte. Wenn ich nun auch +darauf beharren wollte, mein ganzes Leben lang um ihn zu weinen, so sehe +ich doch, daß meine Tränen ihn nicht ins Leben zurückrufen würden. +Deshalb glaube ich, nachdem ich ihm bis ins Grab alle Pflichten erwiesen +habe, welche die Liebe von mir forderte, so muß ich nunmehr auch alle +Mittel versuchen, mich zu trösten. Dies sind die Gründe meiner +Veränderung. Um nun sogleich jeden Anlaß zur Traurigkeit zu entfernen, +die ich ganz von mir zu bannen entschlossen bin, und in der Hoffnung, +daß du die Gefälligkeit haben werdest, mir Gesellschaft zu leisten, habe +ich eine Abendmahlzeit für uns bereiten lassen. Da ich aber bloß +chinesischen Wein habe und mich doch in Afrika befinde, so hat mich die +Lust angewandelt, den hierzulande wachsenden zu kosten, und ich zweifle +nicht, daß du den besten herausfinden wirst, wenn es welchen hier gibt.« + +Der afrikanische Zauberer, der das Glück, so schnell und so leicht die +Gunst der Prinzessin Bedrulbudur zu gewinnen, für eine Unmöglichkeit +gehalten hatte, sagte, er könne kaum Worte finden, um seinen Dank +genugsam auszudrücken, und um dieses Gespräch bald abzubrechen, lenkte +er schnell auf den afrikanischen Wein ein, dessen sie gedacht hatte, und +sagte, unter allen Vorzügen, deren sich Afrika rühmen könne, stehe sein +trefflicher Wein oben an, und der allerbeste wachse in dem Teil des +Landes, wo sie sich gegenwärtig befänden; er habe ein Faß, das schon +sieben Jahre gefüllt und noch nicht angestochen sei, und er glaube nicht +viel zu sagen, wenn er behaupte, daß dieser Wein an Güte die +vortrefflichsten Weine auf der ganzen Erde übertreffe. »Wenn meine +Prinzessin es mir erlauben will,« setzte er hinzu, »so will ich zwei +Flaschen davon holen und werde augenblicklich wieder zurück sein.« -- »Es +sollte mir leid tun, wenn ich dir so viele Mühe machte,« sagte die +Prinzessin, »du könntest ja jemanden hinschicken.« -- »Nein,« antwortete +der afrikanische Zauberer, »ich muß notwendig selbst hingehen; niemand +außer mir weiß, wo der Schlüssel zu diesem Keller ist.« -- »Wenn dem so +ist,« sagte die Prinzessin, »so gehe und komm bald zurück. Sobald du +zurückkommst, wollen wir uns zu Tische setzen.« + +Der afrikanische Zauberer, voller Hoffnung auf sein vermeintliches +Glück, lief nicht, sondern flog und kam sehr schnell zurück. Inzwischen +hatte die Prinzessin das Pulver, das ihr Alaeddin gebracht, selbst in +einen Becher geworfen. Sie setzten sich einander gegenüber zu Tisch, so +daß der Zauberer dem Schenktisch den Rücken kehrte. Die Prinzessin legte +ihm vom Besten vor und sagte zu ihm: »Wenn du es verlangst, so will ich +dir Musik machen und singen lassen; da wir aber beide ganz allein hier +sind, so denke ich, es wird uns mehr Vergnügen machen, uns miteinander +zu unterhalten.« Der Zauberer betrachtete diese Wahl der Prinzessin als +eine neue Gunst. + +Nachdem sie einige Bissen gegessen hatten, verlangte die Prinzessin zu +trinken. Sie trank auf die Gesundheit des Zauberers und sagte dann zu +ihm: »Du hattest alles Recht, deinen Wein zu loben; ich habe nie einen +so köstlichen getrunken.« -- »Reizende Prinzessin,« antwortete er, indem +er den Becher, der ihm überreicht wurde, in der Hand hielt, »mein Wein +erhält durch deinen Beifall eine neue Güte.« -- »Trink auf meine +Gesundheit,« erwiderte die Prinzessin, »so wirst du selbst finden, daß +ich mich darauf verstehe.« Er trank auf die Gesundheit der Prinzessin, +sah dann den Becher an und sagte: »Prinzessin, ich schätze mich +glücklich, daß ich dieses Faß für eine so gute Gelegenheit aufgespart; +ich gestehe selbst, daß ich in meinem ganzen Leben noch keinen so +vortrefflichen Wein getrunken habe.« + +Als sie noch weiter gegessen und noch dreimal getrunken hatten, gab +endlich die Prinzessin, die dem afrikanischen Zauberer durch ihre +Höflichkeit und ihr verbindliches Wesen vollends ganz den Kopf verrückt +hatte, der Frau, die das Schenkamt versah, das verabredete Zeichen, und +während man ihren Becher mit Wein brachte, sagte sie, man solle auch den +des afrikanischen Zauberers vollschenken und ihm überreichen. + +Als nun beide den Becher in der Hand hatten, sprach sie: »Ich weiß +nicht, wie es bei euch zulande unter Liebenden, die miteinander trinken, +Sitte ist; bei uns in China wechseln die Geliebte und der Liebhaber ihre +Becher miteinander aus und trinken so einander Gesundheit.« Mit diesen +Worten überreichte sie ihm den Becher, den sie in der Hand hielt, und +streckte ihre andere Hand aus, um den seinigen in Empfang zu nehmen. + +Der afrikanische Zauberer beeilte sich um so freudiger, diesen Tausch +vorzunehmen, da er dies als das sicherste Zeichen betrachtete, das Herz +der Prinzessin nun völlig erobert zu haben, und er hielt sich für den +glücklichsten aller Sterblichen. Ehe er trank, sagte er, mit dem Becher +in der Hand: »Prinzessin, wir Afrikaner sind lange nicht so weit in der +Kunst, die Liebe mit allen möglichen Annehmlichkeiten zu würzen, wie die +Chinesen, und indem ich hier etwas lerne, was ich noch nicht wußte, +fühle ich zugleich, wie hoch ich diese Begünstigung zu schätzen habe. +Nie werde ich es vergessen, liebenswürdige Prinzessin, daß ich aus +deinem Becher getrunken und darin ein Leben gefunden habe, auf das ich +keine Hoffnung mehr gehabt hätte, wenn du noch länger bei deiner +Grausamkeit beharrt.« + +Prinzessin Bedrulbudur führte nun den Becher an den Mund, berührte ihn +aber nur mit den Lippen, indes der afrikanische Zauberer sich sehr +bemühte, es ihr zuvor zu tun, und den seinigen ausleerte, ohne einen +Tropfen darin zu lassen. Die Prinzessin sah, daß seine Augen sich +verdrehten und er ohne Bewußtsein rücklings zusammensank. + +Nun kam Alaeddin herauf und trat in den Saal. Als er den afrikanischen +Zauberer auf dem Sofa ausgestreckt liegen sah, und die Prinzessin +Bedrulbudur ihm voll Freude und mit offenen Armen entgegeneilte, hielt +er sie zurück und sagte: »Es ist noch nicht Zeit, Prinzessin; tu mir den +Gefallen, begib dich auf dein Zimmer und sorge dafür, daß man mich +allein läßt, indes ich meine Vorbereitungen treffe, die dich ebenso +schnell nach China wieder zurückbringen, wie du von da entfernt worden +bist.« + +Sobald die Prinzessin mit ihren Frauen und Verschnittenen aus dem Saale +gegangen war, verschloß Alaeddin die Türe, näherte sich dem Leichnam des +afrikanischen Zauberers, öffnete sein Kleid und zog die Lampe heraus. Er +enthüllte sie und rieb daran und alsbald erschien auch der Geist mit +seinem gewöhnlichen Gruß. »Geist,« sagte Alaeddin zu ihm, »ich habe dich +gerufen, um dir im Namen der Lampe, deiner guten Gebieterin, die du hier +siehst, zu befehlen, daß du diesen Palast wieder nach China zurücktragen +lässest, und zwar an denselben Ort und dieselbe Stelle, von wo er +weggenommen ist.« Der Geist gab durch ein Kopfnicken zu verstehen, daß +er gehorchen werde und verschwand. Die Versetzung ging wirklich vor +sich, und man spürte sie nur an zwei sehr leichten Erschütterungen: die +eine, als der Palast von seiner Stelle in Afrika emporgehoben, und die +andere, als er in China gegenüber dem Palast des Sultans niedergelassen +wurde, was alles in wenigen Augenblicken geschehen war. + +Alaeddin ging nun ins Zimmer der Prinzessin hinab, umarmte sie und sagte +zu ihr: »Prinzessin, ich kann dich versichern, daß deine und meine +Freude morgen früh vollkommen sein wird.« Da die Prinzessin ihre +Abendmahlzeit noch nicht vollendet hatte und Alaeddin zu essen +verlangte, so ließ sie aus dem Saal mit den vierundzwanzig Fenstern die +Speisen, die dort aufgetragen, aber kaum berührt worden waren, auf ihr +Zimmer bringen. Die Prinzessin und Alaeddin speisten zusammen und +tranken von dem guten alten Wein des afrikanischen Zauberers. Ich will +nichts von ihrer weiteren Unterhaltung sagen, die nur sehr vergnügt sein +konnte, und füge bloß hinzu, daß sie sich zuletzt miteinander in ihr +Schlafgemach begaben. + +Seit der Entführung des Palastes und der Prinzessin Bedrulbudur war der +Sultan, der Vater dieser Prinzessin, untröstlich, weil er sie für immer +verloren glaubte. Er konnte weder bei Nacht noch bei Tag Ruhe finden, +und statt alles zu vermeiden, was seinem Kummer neue Nahrung geben +konnte, suchte er es im Gegenteil absichtlich auf. Während er zum +Beispiel vorher nur morgens nach dem offenen Erker seines Palastes +gegangen war, um seine Augen an dem angenehmen Anblick zu weiden, dessen +er nicht satt werden konnte, so ging er jetzt mehrere Male des Tags +hinauf, um seinen Tränen freien Lauf zu lassen und sich immer tiefer in +seine Betrübnis zu versenken durch den Gedanken, daß er das, was ihm so +wohlgefallen hatte, nie wieder sehen werde, und das Liebste, das er auf +der Welt besessen, auf immer verloren habe. Auch an dem Morgen, als +Alaeddins Palast wieder an seinen alten Platz gebracht worden war, hatte +sich die Morgenröte kaum am Himmel gezeigt, als der Sultan wieder in den +Erker ging. Er war so in sich gekehrt und so durchdrungen von seinem +Schmerz, daß er seine Augen traurig nach der Seite hinwendete, wo er nur +den leeren Raum und keinen Palast mehr zu erblicken vermeinte. Als er +nun auf einmal diese Leere ausgefüllt sah, hielt er es für einen Nebel. +Endlich aber, nachdem er es aufmerksamer betrachtet hatte, erkannte er, +daß es unzweifelhaft Alaeddins Palast war. Freude und Fröhlichkeit +bemächtigten sich jetzt seines Herzens nach langem Kummer und Gram. Er +kehrte eilig auf sein Zimmer zurück und befahl, man solle ihm ein Pferd +satteln und vorführen. Er schwang sich hinauf, ritt fort und es war ihm, +als könne er nicht schnell genug bei Alaeddins Palast anlangen. + +Alaeddin, der dies vorausgesehen hatte, war mit Tagesanbruch +aufgestanden, hatte eines seiner prächtigsten Kleider angelegt und sich +sodann in den Saal mit den vierundzwanzig Fenstern begeben, von wo aus +er den Sultan kommen sah. Er eilte hinab und kam noch gerade zur rechten +Zeit, um ihn unten an der Haupttreppe zu empfangen und ihm vom Pferd +absteigen zu helfen. »Alaeddin,« sprach der Sultan zu ihm, »ich kann mit +dir nicht sprechen, bevor ich meine Tochter gesehen und umarmt habe.« + +Alaeddin führte den Sultan in das Zimmer der Prinzessin Bedrulbudur, die +eben mit ihrem Anzug fertig geworden war; denn Alaeddin hatte sie beim +Aufstehen erinnert, daß sie sich nicht mehr in Afrika, sondern in China, +in der Hauptstadt des Sultans, ihres Vaters, und gegenüber seinem Palast +befinde. Der Sultan umarmte sie mehrere Male, während ihm die hellen +Freudentränen über die Wangen liefen, und die Prinzessin ihrerseits +bewies ihm auf alle mögliche Art, wie hocherfreut sie sei, ihn wieder zu +sehen. + +Endlich nahm der Sultan das Wort und sprach: »Geliebte Tochter, ich will +glauben, daß die Freude des Wiedersehens dich in meinen Augen so munter +und so wenig verändert erscheinen läßt, wie wenn dir nichts Unangenehmes +zugestoßen wäre, und doch bin ich überzeugt, daß du sehr viel gelitten +hast. Ich wünsche nun, daß du mir erzählst, wie die Sache zuging, und +mir nichts verhehlest.« + +Die Prinzessin machte sich ein Vergnügen daraus, den Wunsch ihres Vaters +zu erfüllen. + +»Um es frei herauszusagen, mein ganzes Unglück bestand darin, daß ich +mich dir und meinem teuren Gemahl entrissen sah. Was meine Entführung +betrifft, so hat Alaeddin nicht den mindesten Teil daran: ich selbst bin +allein daran schuld, aber auf eine höchst unschuldige Weise.« Um nun den +Sultan von der Wahrheit ihrer Worte zu überzeugen, erzählte sie ihm +umständlich, wie der afrikanische Zauberer sich in einen Lampenhändler +verkleidet habe, der alte Lampen gegen neue eintauschte, und wie sie +dann zur Kurzweil Alaeddins Lampe, deren geheime Kraft und Wichtigkeit +sie nicht gekannt, gegen eine neue eingetauscht, worauf der Palast nebst +ihr und den übrigen Bewohnern in die Höhe gehoben und samt dem +afrikanischen Zauberer nach Afrika versetzt worden sei. + +Um sich vollends zu überzeugen, ging der Sultan hinauf, und als er den +afrikanischen Zauberer tot und im Gesicht ganz schwarzblau von dem Gifte +sah, umarmte er Alaeddin mit vieler Zärtlichkeit und sagte zu ihm: »Mein +Sohn, halte mir mein Betragen gegen dich zugute; bloß meine Vaterliebe +hat mich dazu veranlaßt, und du mußt mir die Übereilung, zu der ich mich +hinreißen ließ, verzeihen.« -- »Herr,« erwiderte Alaeddin, »ich habe +nicht die mindeste Ursache, mich über dich zu beklagen; du hast nur +getan, was du tun mußtest. Dieser schändliche Zauberer, dieser Auswurf +der Menschheit, war die einzige Ursache, daß ich deine Gnade verlor. +Wenn du einmal Muße haben wirst, so werde ich dir von einer andern +Bosheit erzählen, die er mir angetan und die nicht minder schwarz ist, +als seine letzte, vor der mich Gottes ganz absonderliche Gnade behütet +hat.« -- »Ich werde mir diese Muße ausdrücklich dazu nehmen,« antwortete +der Sultan, »und zwar recht bald. Jetzt aber laß uns nur darauf denken, +fröhlich zu sein, auch sorge, daß dieser verhaßte Gegenstand +fortgeschafft wird.« + +Alaeddin ließ den Leichnam des afrikanischen Zauberers wegbringen und +auf den Schindanger werfen, um dort den Vögeln und Tieren zur Nahrung zu +dienen. Der Sultan aber gab Befehl, durch Trommeln, Pauken, Trompeten +und andere Instrumente das Zeichen zur allgemeinen öffentlichen Freude +zu geben, und ließ ein zehntägiges Freudenfest ankündigen, um die +Rückkehr der Prinzessin Bedrulbudur und Alaeddins zu feiern. + +So entging denn Alaeddin zum zweitenmal einer Todesgefahr, der er +beinahe erliegen mußte; allein es war noch nicht die letzte, und er +mußte noch eine dritte, gleich gefährliche Prüfung bestehen. + +Der afrikanische Zauberer hatte noch einen jüngern Bruder, der in der +Zauberkunst nicht minder geschickt war, als er; ja man kann sagen, daß +er ihn an Bosheit und verderblichen Ränken noch übertraf. Da sie nicht +immer beisammen oder in derselben Stadt lebten, und der eine sich +manchmal im Osten befand, während der andere im Westen war, so +unterließen sie es nicht, mit Hilfe der Punktierkunst alle Jahre einmal +auszumitteln, in welchem Teile der Welt jeder von ihnen lebe, wie er +sich befinde und ob er nicht die Hilfe des andern bedürfe. + +Kurze Zeit, nachdem der afrikanische Zauberer in der Unternehmung gegen +Alaeddins Glück den Tod gefunden hatte, wollte sein jüngerer Bruder, der +seit Jahr und Tag keine Nachrichten von ihm hatte und sich nicht in +Afrika, sondern in einem sehr entlegenen Land aufhielt, erfahren, an +welchem Ort der Erde er lebe, wie er sich befinde und was er treibe. Er +endeckte nun, daß sein Bruder nicht mehr auf der Welt, daß er vergiftet +worden und plötzlich gestorben sei, daß dies in China an dem und dem +Orte geschehen, und endlich, daß der, welcher ihn vergiftet, ein Mann +von niedriger Abkunft sei, der eine Prinzessin des Sultans geheiratet +habe. + +Als der Zauberer das traurige Ende seines Bruders erfahren hatte, verlor +er keine Zeit mit nutzlosem Jammern, sondern beschloß augenblicklich, +seinen Tod zu rächen, stieg zu Pferde und begab sich auf den Weg nach +China. Er mußte über Ebenen, Flüsse, Berge, Einöden, und nach langer +Reise kam er endlich unter unglaublichen Beschwerden nach China und bald +darauf in die Hauptstadt. + +Den Tag nach seiner Ankunft ging der Zauberer aus und spazierte in der +Stadt herum. An einem der Orte, wo man sich mit allerlei Arten von +Spielen die Zeit vertrieb, und wo, während die einen spielten, die +andern sich von den Neuigkeiten des Tages oder auch von ihren eigenen +Geschichten unterhielten, hörte er gar merkwürdige Dinge erzählen von +der Tugend und Frömmigkeit, ja selbst von den Wundertaten einer von der +Welt abgeschiedenen Frau, namens Fatime. Da er nun glaubte, diese Frau +könne ihm bei seinem Vorhaben vielleicht in irgend etwas behilflich +sein, nahm er einen von der Gesellschaft beiseite und bat ihn um nähere +Auskunft über die heilige Frau und über die Art von Wundern, die sie +verrichte. + +»Wie!« sagte der Angeredete zu ihm, »du hast diese Frau noch nie +gesehen und auch nicht von ihr sprechen gehört? Sie ist durch ihr +Fasten, ihre strenge Lebensweise und das Beispiel, das sie gibt, +Gegenstand der allgemeinen Bewunderung in der ganzen Stadt. Außer +Montags und Freitags geht sie nie aus ihrer kleinen Einsiedelei heraus, +und an den Tagen, wo sie sich in der Stadt sehen läßt, tut sie unendlich +viel Gutes, auch heilt sie jeden, der mit Kopfschmerzen behaftet ist, +durch Auflegung ihrer Hände.« Der Zauberer verlangte über diesen Punkt +nichts mehr zu wissen, sondern fragte nur noch, in welchem Teile der +Stadt die Einsiedelei der heiligen Frau wäre. Der Mann beschrieb ihm +genau die Stelle. + +Gegen Mitternacht ging der Zauberer geraden Wegs nach der Einsiedelei +Fatimes, der heiligen Frau; denn unter diesem Namen war sie in der +ganzen Stadt bekannt. Er öffnete ohne Mühe die mit einer bloßen Klinke +verschlossene Tür, trat hinein und machte die Türe ganz leise wieder zu; +drinnen erblickte er bei hellem Mondschein Fatime, die an freier Luft +auf einem mit einer schlechten Matte überdeckten Sofa schlief und gegen +ihre Zelle hingelehnt dalag. Er näherte sich ihr, zog einen Dolch, den +er an seiner Seite trug, und weckte sie. + +Als die arme Fatime die Augen aufschlug, erschrak sie über die Maßen +beim Anblick eines Mannes, der im Begriff war, sie zu erdolchen. Er +setzte ihr den Dolch auf die Brust, machte Miene zuzustoßen und sagte: +»Wenn du schreist oder nur das mindeste Geräusch machst, so bist du des +Todes; steh aber jetzt auf und tue, was ich dir sagen werde.« + +Fatime, die sich in ihren Kleidern niedergelegt hatte, stand zitternd +und bebend auf. »Fürchte dich nicht,« sagte der Zauberer zu ihr, »ich +verlange bloß dein Kleid, gib es mir und nimm dafür das meinige.« Sie +vertauschten ihre Kleider, und nachdem der Zauberer das Kleid Fatimens +angezogen hatte, sagte er zu ihr: »Jetzt färbe mir das Gesicht gleich +dem deinigen, und zwar so, daß ich dir ähnlich sehe und die Farbe sich +nicht verwischt.« Da er sah, daß sie noch immer zitterte, sagte er, um +sie zu beruhigen, und damit sie mit um so größerer Zuversicht seinen +Wunsch erfüllen möchte, abermals zu ihr: »Fürchte dich nicht; ich +schwöre dir bei dem Namen Gottes, daß ich dir das Leben lasse.« Fatime +hieß ihn in ihre Zelle treten, zündete ihre Lampe an, nahm einen Pinsel +und einen gewissen Saft, den sie in einem Gefäße stehen hatte, rieb ihm +damit das Gesicht ein und versicherte ihm dann, die Farbe werde nicht +ausgehen und sein Gesicht sei jetzt durchaus ganz wie das ihrige. +Hierauf setzte sie ihm ihre eigene Kopfbekleidung aufs Haupt nebst ihrem +Schleier und zeigte ihm, wie er sich auf seinem Gang durch die Stadt das +Gesicht damit verhüllen müsse. Endlich, nachdem sie ihm noch einen +großen Rosenkranz, der ihm vorne bis auf den Gürtel herabhing, um den +Hals geschlungen, gab sie ihm denselben Stab, den sie gewöhnlich trug, +in die Hand, hielt ihm dann einen Spiegel vor und sagte zu ihm: »Da +blicke einmal hinein und du wirst sehen, daß du mir gleichst, wie ein Ei +dem andern.« Der Zauberer fand alles nach Wunsch, hielt aber der guten +Fatime den Schwur nicht, den er ihr so feierlich geleistet hatte. Damit +man keine Blutspuren sehen möchte, wenn er sie erstäche, so erwürgte er +sie, und als er sah, daß sie den Geist aufgegeben hatte, schleppte er +ihren Leichnam an den Füßen zum Wasserbehälter der Einsiedelei und warf +ihn da hinein. + +Nach Vollführung dieser verruchten Mordtat brachte der als heilige +Fatime verkleidete Zauberer den Rest der Nacht in der Einsiedelei zu. Am +andern Morgen ging er, obgleich dies kein gewöhnlicher Ausgangstag für +die heilige Frau war, dennoch aus, denn er glaubte, es würde ihn niemand +darum fragen, und wenn man ihn fragte, so würde er schon zu antworten +wissen. Da er sich bei seiner Ankunft vor allen Dingen nach Alaeddins +Palast erkundigt hatte, und da er dort seine Rolle spielen wollte, so +nahm er sogleich seinen Weg dahin. + +Jedermann hielt ihn für die heilige Frau, und so wurde er bald von einer +großen Menschenmasse umringt. Einige empfahlen sich seinem Gebet, andere +küßten ihm die Hand, andere, die noch ehrerbietiger waren, küßten bloß +den Saum seines Kleides, und noch andere, die entweder wirklich Kopfweh +hatten, oder sich nur dagegen verwahren wollten, neigten sich vor ihm, +damit er ihnen die Hände auflegen möchte, was er auch tat, indem er +einige gebetähnliche Worte murmelte; kurz, er ahmte die heilige Frau so +gut nach, daß jedermann ihn dafür ansah. Nachdem er mehrere Male +unterwegs stehen geblieben war, um solche Leute zu befriedigen, die von +dieser Art Händeauflegung weder einen Nutzen noch einen Schaden hatten, +kam er endlich auf den Platz vor Alaeddins Palast, wo sich noch mehr +Volk versammelt hatte, so daß es große Mühe kostete, sich ihm zu nähern. +Die Stärksten und Eifrigsten drängten sich mit Gewalt durch das Gewühl, +und darüber erhoben sich Klagen und ein solches Geschrei, daß man es in +dem Saal mit den vierundzwanzig Fenstern, wo die Prinzessin Bedrulbudur +war, hören konnte. + +Die Prinzessin fragte, was der Lärm bedeuten sollte, und da es ihr +niemand sagen konnte, befahl sie nachzusehen und ihr Bericht +abzustatten. Eine ihrer Frauen sah, ohne den Saal zu verlassen, durch +ein Fenster und meldete ihr sodann, der Lärm komme von der Volksmenge +her, die die heilige Frau umgebe, um sich durch ihr Handauflegen das +Kopfweh vertreiben zu lassen. + +Die Prinzessin, die schon lange Zeit viel Gutes von der heiligen Frau +gehört, sie aber noch nicht gesehen hatte, wurde neugierig, ihre +Bekanntschaft zu machen und mit ihr zu sprechen. Sobald sie etwas davon +verlauten ließ, sagte der Obere der Verschnittenen, wenn sie es wünsche, +so wolle er sie heraufkommen lassen. Die Prinzessin genehmigte es und er +fertigte sogleich vier Verschnittene ab mit dem Befehl, die angebliche +heilige Frau heraufzubringen. + +Sobald die Verschnittenen zum Tore von Alaeddins Palast herauskamen und +auf den afrikanischen Zauberer zugingen, so wich die Menge auseinander, +und als dieser sich nun frei und die Verschnittenen auf sich zukommen +sah, so ging er ihnen mit um so größerer Freude entgegen, da sein +Schelmstück ihm einen guten Anfang zu nehmen schien. Einer von den +Verschnittenen nahm das Wort und sagte: »Heilige Frau, die Prinzessin +wünscht dich zu sprechen; komm und folge uns.« -- »Die Prinzessin erzeigt +mir viele Ehre,« antwortete die angebliche Fatime; »ich bin bereit, ihr +zu gehorchen.« Mit diesen Worten folgte er den Verschnittenen. + +Als der Zauberer, der unter dem heiligen Kleide ein teuflisches Herz +verbarg, in den Saal mit den vierundzwanzig Fenstern eintrat und die +Prinzessin bemerkte, begann er mit einem Gebet, das eine lange Reihe von +Wünschen für ihr Wohlbefinden, ihr Glück und die Erfüllung alles +dessen, was sie nur begehren könnte, enthielt. Hierauf entfaltete er all +seine trügerische und heuchlerische Beredsamkeit, um sich unter dem +Mantel großer Frömmigkeit ins Herz der Prinzessin einzuschleichen, was +ihm auch um so leichter gelang, als die Prinzessin in ihrer natürlichen +Gutherzigkeit die Überzeugung hatte, alle Leute müßten ebenso gut sein, +wie sie, besonders aber diejenigen Männer und Frauen, die es sich zur +Pflicht machten, Gott in der Einsamkeit zu dienen. + +Als die falsche Fatime ihre lange Anrede vollendet hatte, sagte die +Prinzessin zu ihr: »Meine gute Mutter, ich danke dir für deine schönen +Gebete, ich habe großes Vertrauen darauf und hoffe, daß Gott sie erhören +wird. Komm näher und setze dich zu mir.« Die falsche Fatime setzte sich +mit heuchlerischer Bescheidenheit. Hierauf nahm die Prinzessin wieder +das Wort und sagte: »Meine gute Mutter, ich bitte dich um etwas, das du +mir bewilligen mußt und nicht abschlagen darfst, nämlich darum, daß du +bei mir bleibst, mir die Geschichte deines Lebens erzählst und mich +durch deine guten Beispiele lehrst, wie ich Gott dienen soll.« + +»Prinzessin,« sagte hierauf die angebliche Fatime, »ich bitte dich, +verlange nichts von mir, worin ich nicht willigen kann, ohne mich ganz +zu zerstreuen und von meinen Gebeten und frommen Übungen abzukommen.« -- +»Das darf dich nicht beunruhigen,« erwiderte die Prinzessin, »ich habe +mehrere Zimmer, die nicht bewohnt sind, wähle dir eins daraus, welches +dir am besten zusagt, dann kannst du deine Übungen ebenso ruhig +verrichten, wie in deiner Einsiedelei.« + +Der Zauberer, der keinen andern Zweck hatte, als in Alaeddins Palast zu +gelangen, wo es ihm viel leichter sein mußte, sein Schelmstück +auszuführen, als wenn er immer von der Einsiedelei in den Palast und von +da wieder zurück hätte hin und her gehen müssen, machte jetzt keine +großen Einwendungen mehr gegen das verbindliche Anerbieten der +Prinzessin und nahm es an. »Prinzessin,« sagte er zu ihr, »so fest auch +der Entschluß einer armen und elenden Frau, wie ich, sein muß, der Welt +und ihrer Pracht zu entsagen, so wage ich es doch nicht, dem Willen und +Befehl einer so frommen und mildtätigen Prinzessin zu widerstreben.« + +Er folgte der Prinzessin Bedrulbudur und wählte unter ihren Zimmern +dasjenige, welches am wenigsten schön war, indem er mit heuchlerischem +Tone sagte: es sei noch viel zu gut für ihn und er wähle es bloß der +Prinzessin zu Gefallen. + +Die Prinzessin wollte den Schurken in den Saal mit den vierundzwanzig +Fenstern zurückführen, damit er bei ihr zu Mittag speisen sollte. Da er +aber beim Essen sein bis jetzt immer noch verschleiertes Gesicht hätte +enthüllen müssen und fürchtete, die Prinzessin möchte den Betrug +durchschauen, so bat er sie, ihm zu erlauben, seine kleine Mahlzeit auf +seinem Zimmer zu sich zu nehmen. + +Die Prinzessin speiste zu Mittag und die falsche Fatime unterließ nicht, +sich wieder bei ihr zu melden, sobald sie ihr durch einen Verschnittenen +hatte sagen lassen, daß sie von der Tafel aufgestanden sei. »Meine gute +Mutter,« sagte die Prinzessin zu ihr, »ich bin hoch erfreut, eine +heilige Frau, wie dich, zu besitzen, die diesem Palaste Segen bringen +wird. Ei, wie gefällt dir denn der Palast? Ehe ich dir aber Zimmer für +Zimmer zeige, so sage vor allem, was hältst du von diesem Saale?« + +Die falsche Fatime, die um ihre Rolle besser spielen zu können, bisher +immer mit gesenkten Augen dagestanden war und ihren Kopf weder rechts +noch links hingewendet hatte, hob ihn endlich bei dieser Frage empor, +durchmusterte den Saal von einem Ende zum andern, und als sie ihn +genugsam betrachtet hatte, sagte sie: »Prinzessin, dieser Saal ist +wahrhaft bewunderungswürdig und ausgezeichnet schön. Indes scheint es +mir, so viel eine Einsiedlerin beurteilen kann, daß eine einzige Sache +daran fehle.« -- »Und was denn, meine gute Mutter?« fragte die Prinzessin +Bedrulbudur; »ich beschwöre dich, sage es mir. Ich für meinen Teil habe +immer geglaubt und auch sagen hören, daß er in allem vollkommen sei. +Wenn aber etwas daran fehlt, so will ich diesem Mangel abhelfen lassen.« + +»Prinzessin,« erwiderte die falsche Fatime mit vieler Verstellung, +»verzeih, daß ich mir so viel Freiheit herausnehme. Meine Meinung, wenn +dir etwas daran liegen könnte, ist nämlich, daß wenn oben von der Mitte +dieser Kuppel ein Rochei herabhinge, dieser Saal in allen vier Teilen +der Welt seinesgleichen nicht haben und der Palast ein Wunder der Welt +sein würde.« + +»Meine gute Mutter,« fragte die Prinzessin, »was für ein Vogel ist denn +der Roch, und woher könnte man wohl ein Ei von ihm bekommen?« -- +»Prinzessin,« antwortete die falsche Fatime, »es ist dies ein Vogel von +bewundernswürdiger Größe, der auf der höchsten Spitze des Berges +Kaukasus wohnt; der Baumeister dieses Palastes wird dir schon ein +solches Ei verschaffen.« + +Die Prinzessin Bedrulbudur dankte der falschen Fatime für ihren Rat, und +unterhielt sich mit ihr noch über eine Menge anderer Gegenstände; doch +vergaß sie das Rochei nicht, und nahm sich vor, mit Alaeddin darüber zu +sprechen, sobald er von der Jagd zurückgekehrt sein würde. Er war +nämlich seit sechs Tagen fort und der Zauberer, der dies recht gut +wußte, hatte seine Abwesenheit benützen wollen. Alaeddin kam noch an +demselben Tage abends zurück, als die falsche Fatime sich soeben von der +Prinzessin verabschiedet und auf ihr Zimmer begeben hatte. Er ging +sogleich ins Zimmer der Prinzessin, die soeben dahin zurückgekehrt war, +begrüßte und umarmte sie; allein es schien ihm, als ob sie ihn etwas +kalt empfinge. »Teure Prinzessin,« sagte er zu ihr, »ich finde dich +nicht so heiter, wie sonst. Ist in meiner Abwesenheit etwas vorgekommen, +das dir mißfallen und Verdruß oder Mißvergnügen verursacht hätte? Ich +beschwöre dich bei Gott, verhehle es mir nicht, denn ich werde alles +aufbieten, deinen Wunsch zu erfüllen, wenn es in meiner Macht steht.« -- +»Es ist bloß eine Kleinigkeit,« antwortete die Prinzessin, »und die +Sache kümmert mich so wenig, daß es mir unbegreiflich ist, wie du es +meinem Gesichte hast anmerken können. Da du es jedoch wider mein +Erwarten wahrgenommen hast, so will ich dir die Ursache mitteilen, +obgleich sie nicht von Bedeutung ist.« + +»Ich hatte,« fuhr die Prinzessin Bedrulbudur fort, »wie du auch, bisher +immer geglaubt, unser Palast sei der herrlichste, prachtvollste und +vollkommenste auf der ganzen Welt. Doch muß ich dir jetzt sagen, was für +ein Gedanke mir bei genauer Besichtigung des Saales mit den +vierundzwanzig Fenstern gekommen ist. Meinst du nicht auch, daß nichts +zu wünschen übrig bleiben würde, wenn mitten im Kuppelgewölbe ein Rochei +hinge?« -- »Prinzessin,« antwortete Alaeddin, »sobald du findest, daß +noch ein Rochei daran fehlt, so finde ich diesen Fehler auch, und aus +dem Eifer, womit ich diesem Mangel abhelfen werde, sollst du dich +überzeugen, daß es nichts gibt, was ich nicht dir zuliebe tun würde.« + +Alaeddin verließ augenblicklich die Prinzessin Bedrulbudur, ging in den +Saal mit den vierundzwanzig Fenstern, zog die Lampe, die er nun überall, +wo er ging und stand, bei sich trug, aus seinem Busen hervor und rieb +sie. Sogleich erschien auch der Geist. »Geist,« sprach Alaeddin zu ihm, +»es fehlt dieser Kuppel noch ein Rochei, das mitten in ihrer Vertiefung +hängen muß: ich befehle dir nun im Namen der Lampe, daß du diesem Mangel +abhilfst.« + +Kaum hatte Alaeddin diese Worte ausgesprochen, als der Geist ein so +lautes und entsetzliches Geschrei erhob, daß der Saal davon erbebte und +auch Alaeddin taumelte, so daß er beinahe zu Boden stürzte. »Wie, +Elender!« sagte der Geist in einem Tone zu ihm, der auch dem +unerschrockensten Manne Furcht eingeflößt haben würde, »ist es dir nicht +genug, daß meine Gefährten und ich dir zuliebe alles getan haben? Mußt +du auch noch mit einer Undankbarkeit, die ihresgleichen nicht hat, +befehlen, daß ich dir meinen Meister bringen und mitten in diesem +Kuppelgewölbe aufhängen soll? Dieser Frevel verdiente, daß du samt +deiner Frau und deinem Palaste auf der Stelle in Staub und Asche +verwandelt würdest. Zu deinem Glück bist du jedoch nicht selbst auf +diesen Gedanken gekommen, und der Wunsch geht nicht unmittelbar von dir +aus. Du mußt nämlich wissen, daß er von dem Bruder des afrikanischen +Zauberers, deines Feindes, herkommt, den du vertilgt hast, wie er +verdiente. Er befindet sich in deinem Palast im Anzug der heiligen Frau +Fatime, die er ermordet, und er hat deiner Frau das verderbliche +Verlangen eingegeben, das du gegen mich geäußert hast. Seine Absicht +ist, dich umzubringen, sei daher wohl auf deiner Hut.« Mit diesen Worten +verschwand er. + +Alaeddin verlor keines von den letzten Worten des Geistes. Er hatte von +der heiligen Frau Fatime sagen gehört und wußte recht gut, wie sie dem +allgemeinen Glauben zufolge das Kopfweh heilte. Er ging nun aufs Zimmer +der Prinzessin zurück, und ohne ein Wort von dem zu sprechen, was ihm +soeben begegnet war, setzte er sich nieder, stützte seine Stirne auf +die Hand und sagte, es habe ihn plötzlich ein heftiges Kopfweh befallen. +Die Prinzessin befahl sogleich, die heilige Frau zu rufen, und während +sie geholt wurde, erzählte sie Alaeddin, wie sie in den Palast gekommen +sei und wie sie ihr darin ein Zimmer eingeräumt habe. + +Die falsche Fatime kam, und sobald sie da war, sagte Alaeddin zu ihr: +»Komm her, meine gute Mutter, es freut mich, dich zu sehen, du bist +gerade zu meinem Glücke hierhergekommen. Ich bin soeben von einem +abscheulichen Kopfweh überfallen worden, und im Vertrauen auf deine +Gebete bitte ich dich um Hilfe, denn ich hoffe, daß die Wohltat, die du +schon so vielen mit dieser Krankheit Behafteten erwiesen hast, auch mir +nicht abschlagen werdest.« Mit diesen Worten stand er auf und bückte den +Kopf; die falsche Fatime näherte sich ihm, indem sie zugleich mit der +Hand nach einem Dolche griff, den sie unter ihrem Kleide am Gürtel +stecken hatte. Alaeddin aber, der sie genau beobachtete, fiel ihr in die +Hand, noch ehe sie vom Leder gezogen hatte, und durchbohrte sie mit +seinem Dolche, so daß sie tot auf dem Fußboden zusammenstürzte. + +»Mein teurer Gemahl, was hast du getan?« rief die Prinzessin voll Angst, +»du hast die heilige Frau getötet!« -- »Nein, geliebte Prinzessin,« +antwortete Alaeddin mit großer Ruhe; »ich habe nicht Fatime getötet, +sondern einen Schurken, der mich ermordet hätte, wenn ich ihm nicht +zuvorgekommen wäre. Dieser Bösewicht, den du hier siehst,« fuhr er fort, +indem er ihn enthüllte, »hat die wahre Fatime erwürgt und sich in ihre +Kleider gesteckt, um mich zu erdolchen; mit einem Wort, er war der +Bruder des afrikanischen Zauberers, deines Räubers.« Alaeddin erzählte +ihr hierauf, auf welche Art er diese Umstände erfahren hatte, und ließ +sodann den Leichnam wegschaffen. + +Auf diese Art wurde also Alaeddin von der Verfolgung der beiden +verbrüderten Zauberer befreit. Wenige Jahre darauf starb der Sultan in +hohem Alter. Da er keine männlichen Nachkommen hinterließ, so folgte ihm +die Prinzessin Bedrulbudur als gesetzmäßige Erbin auf dem Throne nach +und teilte ihre Herrschaft mit Alaeddin. Sie regierten miteinander viele +Jahre und hinterließen eine berühmte Nachkommenschaft. + +[Illustration] + + + +_Druck von F. Bruckmann A.G. in München_ + + + +Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthält eine +Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 017: [Anführungszeichen ergänzt] wenn du ihn nicht gesehen hättest.« +S. 018: »Du hast gesehen, »fuhr der Zauberer fort -> »Du hast gesehen,« +S. 045: so muße er sich doch mit -> mußte +S. 059: aber die schechte Behandlung -> schlechte +S. 070: die Prinzessin Bedrulbudur zu heiraten.« -> heiraten?« +S. 070: [Komma entfernt] ungeheuren Bedingungen, die mindeste +S. 072: zwanzig Sklaven herbeischafft -> herbeischaffst +S. 087: Ich besitze welche.« sagte der Sultan -> welche,« sagte + + + +Transcriber's Notes: The table below lists all corrections applied to +the original text. + +p. 017: [added quotes] wenn du ihn nicht gesehen hättest.« +p. 018: »Du hast gesehen, »fuhr der Zauberer fort -> »Du hast gesehen,« +p. 045: so muße er sich doch mit -> mußte +p. 059: aber die schechte Behandlung -> schlechte +p. 070: die Prinzessin Bedrulbudur zu heiraten.« -> heiraten?« +p. 070: [removed comma] ungeheuren Bedingungen, die mindeste +p. 072: zwanzig Sklaven herbeischafft -> herbeischaffst +p. 087: Ich besitze welche.« sagte der Sultan -> welche,« sagte + + + + + +End of Project Gutenberg's Alaeddin und die Wunderlampe, by Kurt Moreck + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALAEDDIN UND DIE WUNDERLAMPE *** + +***** This file should be named 22413-8.txt or 22413-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/2/4/1/22413/ + +Produced by Markus Brenner, Irma Špehar and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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