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Langkau, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + Hausbücherei + + der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung + + 41. Band + + + + Hamburg-Großborstel + + Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung + + 1912 + + + 1.-10. Tausend + + + + + S c h e l m u f f s k y s + + wahrhaftige, kuriöse und sehr gefährliche + Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande + + von + + Christian Reuter + +Eingeleitet und bearbeitet von Dr. G o t t l i e b +F r i t z. Mit Bildern von L u d w i g B e r w a l d + + + + Hamburg-Großborstel + + Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung + + 1912 + + + 1.-10. Tausend + + + + +Inhalt + + Seite + +Einleitung von Dr. Gottlieb Fritz 7-10 + +C h r i s t i a n R e u t e r: Schelmuffskys Reisebeschreibung + + Erster Teil 13-99 + + Zweiter Teil 101-148 + +Ein ausführliches Verzeichnis der früher erschienenen Bände der +»Hausbücherei« sowie der »Volksbücher« ist diesem Bande vorgeheftet. + + + + +Einleitung. + + +Der Leipziger Student Christian Reuter, der im Jahre 1696 »Schelmuffskys +wahrhaftige, curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser +und Lande« anonym erscheinen ließ, ist als der Verfasser eines der +lustigsten Bücher unserer Literatur, das die Aufschneidereien des +weltberühmten Freiherrn von Münchhausen noch übertrumpft, erst vor +wenigen Jahrzehnten aus der selbstgewählten Verborgenheit an das Licht +gezogen worden. Von seinem L e b e n wissen wir, abgesehen von seinen +tollen Studentenjahren, über die uns die umständlichen Disziplinarakten +eines hochlöblichen akademischen Senats Auskunft geben, herzlich wenig; +aber gerade die Leipziger Jahre Reuters, der, 1665 als Sohn eines Bauern +in der Nähe von Zörbig bei Halle geboren, 1694 die Universität bezog, +sind mit der Entstehung des »Schelmuffsky« auf das engste verknüpft und +bieten auch sonst ein interessantes Bild von dem akademischen Leben +jener Tage. + +Christian Reuter, den wir uns als einen frischen, übermütigen Burschen, +dem ein gehöriger Schalk im Nacken saß, denken müssen, wohnte als +Student in dem Hause »Zum roten Löwen« auf dem Brühl bei einer gewissen +Frau Müller, die verwitwet war und eine Reihe erwachsener Kinder, drei +Söhne und zwei Töchter, hatte. Die F a m i l i e M ü l l e r, dummstolz +und hoffärtig, scheint wegen ihrer ungebildeten, stereotypen +Redensarten in studentischen Kreisen ein beliebtes Ziel des Spottes +gebildet zu haben; der älteste Sohn Eustachius, das Urbild des +Schelmuffsky, war ein Aufschneider und Tagedieb und nach einer gemäß der +Sitte junger Edelleute angeblich von ihm unternommenen Auslandreise in +das mütterliche Haus zurückgekehrt, wo er sich nicht wenig aufspielte +und durch einen liederlichen Lebenswandel die Wirtschaft +herunterbrachte. Es dauerte nicht lange, so geriet Reuter, wohl wegen +rückständiger Miete, mit seinen Wirtsleuten in Streit und mußte, nachdem +ihm, wie es scheint, übel mitgespielt worden war, das Haus verlassen. + +Aber die Familie Müller sollte das bald bitter bereuen. Reuter, dem es +wahrlich nicht an schlagfertigem Witz gebrach, wußte sich zu rächen und +schrieb das Lustspiel »_L'honnête femme_ oder die ehrliche Frau zu +Plissine«, worin er unter Anlehnung an Molières Komödie »Die +lächerlichen Preziösen« die ganze Familie -- seine frühere Wirtin tritt +unter dem Namen »Die ehrliche Frau Schlampampe«, der Sohn Eustachius +unter dem Namen »Schelmuffsky« auf -- in der blutigsten Weise verhöhnte. +Die Gestalten des Stückes sind mit nicht geringer dramatischer +Lebendigkeit und derbkomischer Kraft nach dem Leben gezeichnet -- nicht +minder auch in einem zweiten Lustspiel »Der ehrlichen Frau Schlampampe +Leben und Tod«, das die Verhältnisse der Familie Müller aufs neue an den +Pranger stellte. + +Zwischen die Abfassung dieser beiden Stücke fällt nun die Entstehung des +»S c h e l m u f f s k y«. Der erste Teil erschien zuerst 1696, im +darauffolgenden Jahre entstand ein zweiter Teil und wurde mit dem +umgearbeiteten ersten zusammen veröffentlicht. + +Der Triumph Reuters dauerte jedoch nicht lange. Zwar hatte er die +Lacher auf seiner Seite, die die unglückliche Familie reichlich mit +Spott und Hohn überschütteten und vor allem nicht versäumten, den Sohn +Eustachius in gebührender Weise als Schelmuffsky zu feiern; aber eine +Klage nach der andern wurde von der gequälten Witwe Müller in +beweglichen Worten gegen ihn erhoben, und der akademische Senat sah sich +zunächst veranlaßt, Reuter mit Karzer zu bestrafen, dann aber, als der +zweite Teil des Schelmuffsky erschien und mit gewaltigem Hallo unter den +Studenten und in der Bürgerschaft aufgenommen war, ihn schlankweg v o n +d e r U n i v e r s i t ä t z u r e l e g i e r e n. Reuter hat dann +in der Folgezeit in Dresden eine Anstellung erhalten. 1703 taucht er in +Berlin auf, wo er zur Krönung des Königs und noch einmal später im Jahre +1710 zu dessen Geburtstag ein Festspiel schrieb. Über seine weiteren +Lebensschicksale ist so gut wie nichts bekannt. + +Den »S c h e l m u f f s k y« werden wir unbedingt zu +den M e i s t e r w e r k e n d e r d e u t s c h e n +h u m o r i s t i s c h e n L i t e r a t u r zählen müssen. Die +Prachtgestalt des Helden mit seiner Renommiersucht und grotesken +Erfindungsgabe kann sich ruhig neben Falstaff sehen lassen und +übertrifft an komischer Kraft jedenfalls den Münchhausen um ein +bedeutendes. Das Ganze ist wie aus einem Gusse, die bunte Fülle der +Erlebnisse und drastisch ausgemalter Situationen, dazu die köstliche +Selbstcharakteristik Schelmuffskys, seine stetig wiederkehrenden +Redensarten, wie das zum geflügelten Wort gewordene »Der Tebel hol mer«, +und die eindrucksvolle Erzählung von seiner wunderbaren Geburt werden +ihre Wirkung nie verlieren. Aber der »Schelmuffsky« ist mehr als der +Ausfluß persönlichen Rachegefühls und jugendlichen Übermutes einer +humoristisch veranlagten Natur: er ist zugleich eine g l ä n z e n d e +S a t i r e a u f d i e l ü g e n h a f t e n +R e i s e s c h i l d e r u n g e n, die in jener Zeit zahlreich +erschienen und begierig gelesen wurden, und vor allem auf die +»alamodische« Sucht gewisser bürgerlicher Kreise, es in Haltung, +Kleidung und sonstigen Gewohnheiten dem Adel gleichzutun. + +Der vorliegende Abdruck hält sich genau an den Wortlaut des Originals; +nur mußten einige für unsere Ohren allzu derbe Stellen, an denen die +Zeitgenossen Reuters keinen Anstoß nahmen, fortbleiben. Auch ist die +Rechtschreibung mehr den heutigen Verhältnissen angepaßt worden. + +Charlottenburg, G. Fritz. + Mai 1912. + +[Illustration: v. Schelmuffsky.] + + + + +Christian Reuter: + +Schelmuffsky + + +1. Teil + + + + +1. Kapitel. + + +Deutschland ist mein Vaterland, in Schelmerode bin ich geboren, zu Sankt +Malo[1] habe ich ein ganz halb Jahr gefangen gelegen und in Holland und +England bin ich auch gewesen. Damit ich aber diese meine sehr +gefährliche Reisebeschreibung fein ordentlich einrichte, so muß ich wohl +von meiner wunderlichen Geburt den Anfang machen. Als die große Ratte, +welche meiner Frau Mutter ein ganz neu seiden Kleid zerfressen, mit dem +Besen nicht hatte können totgeschlagen werden, indem sie meiner +Schwester zwischen den Beinen durchläuft, fällt die ehrliche Frau +deswegen aus Eifer in eine solche Krankheit und Ohnmacht, daß sie ganzer +vierundzwanzig Tage daliegt und kann sich, der Tebel hol mer[2], weder +regen noch wenden. Ich, der ich dazumal die Welt noch niemals geschaut +und nach Adam Riesens Rechenbuche vier ganzer Monat noch im Verborgenen +hätte pausieren sollen, war dermaßen auch auf die sappermentsche Ratte +so töricht, daß ich mich aus Ungeduld nicht länger zu bergen vermochte, +und kam auf allen Vieren sporenstreichs in die Welt gekrochen. Wie ich +nun auf der Welt war, lag ich acht ganzer Tage unten zu meiner Frau +Mutter Füßen im Bettstroh, ehe ich mich einmal recht besinnen kunnte, +wo ich war. Den neunten Tag so erblickte ich mit großer Verwunderung die +Welt. O sapperment! wie kam mir alles so wüste da vor, sehr malade war +ich, nichts hatte ich auf dem Leibe, meine Frau Mutter hatte alle Viere +von sich gestreckt und lag da, als wenn sie vor den Kopf geschlagen +wäre, schreien wollte ich auch nicht, weil ich wie ein jung Ferkelchen +dalag, und wollte mich niemand sehen lassen, weil ich nackend war, daß +ich also nicht wußte, was ich anfangen sollte. Endlich dachte ich, du +mußt doch sehen, wie du deine Frau Mutter ermunterst, und versuchte es +auf allerlei Art und Weise; bald kriegte ich sie bei der Nase, bald +krabbelte ich ihr unten an den Fußsohlen, letztlich nahm ich einen +Strohhalm und kitzelte sie damit in dem linken Nasenloche, wovon sie +eiligst auffuhr und schrie: Eine Ratte! Eine Ratte! Da ich nun von ihr +das Wort Ratte nennen hörte, war es, der Tebel hol mer, nich anders, als +wenn jemand ein Schermesser nähme und führe mir damit unter meiner Zunge +weg, daß ich hierauf alsobald ein erschreckliches Auweh! an zu reden +fing. Hatte meine Frau Mutter nun zuvor eine Ratte! eine Ratte! +geschrien, so schrie ich hernachmals wohl über hundert Mal: Eine Ratte! +Eine Ratte! denn sie meinte nicht anders, es nistelte eine Ratte bei ihr +unten zu ihren Füßen. Ich war aber her und kroch sehr artig an meiner +Frau Mutter hinauf, guckte bei ihr oben zum Deckbett heraus und sagte: +Frau Mutter, Sie fürchte sich nur nicht, ich bin keine Ratte, sondern +ihr lieber Sohn; daß ich aber so frühzeitig bin auf die Welt gekommen, +hat solches eine Ratte verursacht. Als dieses meine Frau Mutter hörte, +Ei sapperment! wie war sie froh, daß ich so unvermutet war auf die Welt +gekommen, daß sie ganz nichts davon gewußt hatte. Indem sie sich nun so +mit mir eine gute Weile in ihren Armen gehätschelt hatte, stund sie mit +mir auf, zog mir ein weiß Hemde an und rief die Mietsleute im ganzen +Hause zusammen, welche mich alle miteinander höchst verwundernd ansahen +und wußten nicht, was sie aus mir machen sollten, weil ich schon so +artig schwatzen kunnte. Herr Gerge, meiner Frau Mutter damaliger +Präzeptor, meinte, ich wäre gar von dem bösen Geiste besessen, denn +sonst könnte es unmöglich von rechten Dingen mit mir zugehen, und er +wollte denselben bald von mir austreiben. Lief hierauf eiligst in seine +Studierstube und brachte ein groß Buch unter dem Arme geschleppt, damit +wollte er den bösen Geist nun von mir treiben. Er machte in die Stube +einen großen Kreis mit Kreide, schrieb einen Haufen kauderwelsche +Buchstaben hinein und machte hinter und vor sich ein Kreuz, trat +hernachmals in den Kreis hinein und fing folgendes an zu reden: + +[1] Hafenstadt in der Bretagne. + +[2] der Teufel hole mich. + + Hokus pokus schwarz und weiß, + Fahre stracks auf mein Geheiß + Schuri muri aus dem Knaben, + Weils Herr Gerge so will haben. + +Wie Herr Gerge diese Worte gesprochen hatte, fing ich zu ihm an und +sagte: Mein lieber Herr Präzeptor, warum nehmet Ihr doch solche +Köckelpossen vor und vermeinet, ich sei von dem bösen Geiste besessen; +wenn Ihr aber wissen wolltet, was die Ursache wäre, daß ich flugs habe +reden lernen und weswegen ich so frühzeitig bin auf die Welt gekommen, +Ihr würdet wohl solche närrische Händel mit Eurem Hokuspokus nicht +vorgenommen haben. Als sie mich dieses nun so reden höreten, O +sapperment! was erweckte es vor Verwunderung vor den Leuten im Hause. +Herr Gerge stund, der Tebel hol mer, da in seinem Kreise mit Zittern und +Beben, daß auch die um ihn Herumstehenden alle aus der Luft mutmaßen +kunnten, der Herr Präzeptor müßte wohl in keinem Rosengarten stehn. + +Ich kunnte aber seinen erbärmlichen Zustand nicht länger mit ansehen, +sondern fing da an, meine wunderliche Geburt zu erzählen, und wie es +niemand anders als diejenige Ratte verursacht hätte, welche das seidene +Kleid zerfressen, daß ich so frühzeitig auf die Welt gekommen wäre und +flugs reden können. Nachdem ich nun mit vielen Umständen den sämtlichen +Hausgenossen die ganze Begebenheit von der Ratte erzählt hatte, so +glaubten sie hernach allererst, daß ich meiner Frau Mutter ihr Sohn +wäre. Herr Gerge aber, der schämte sich wie ein Hund, daß er meinetwegen +solche Narrenpossen vorgenommen hatte und vermeint, ein böser Geist +müßte aus mir reden. Er war her, löschte seinen Hokuspokuskreis wieder +aus, nahm sein Buch und ging stillschweigend immer zur Stubentüre +hinaus. Wie auch die Leute hernach alle mit mir taten, und mich zu +herzten und zu poßten, weil ich so ein schöner Junge war und mit ihnen +flugs schwatzen kunnte, das wäre, der Tebel hol mer, auf keine Kuhhaut +zu schreiben; ja sie machten auch alle miteinander flugs Anstalt, daß +mir selben Tag noch bei großer Menge Volks der vortreffliche Name +Schelmuffsky beigelegt wurde. Den zehnten Tag nach meiner wunderlichen +Geburt lernte ich allmählich, wiewohl etwas langsam, an den Bänken gehn, +denn ich war ganz malade, weil ich auf der Welt gar noch nichts weder +gefressen noch gesoffen hatte. Was trug sich zu? Meine Frau Mutter, die +hatte gleich selben Tag ein groß Faß voll Ziegenmolken auf der Ofenbank +stehn; über dasselbe gerate ich so ohngefähr und titsche mit dem Finger +hinein und koste es. Weil mir das Zeug nun sehr wohl schmeckte, kriegte +ich das ganze Faß bei dem Leibe und soffs, der Tebel hol mer, halb aus. +Wovon ich hernach ganz lebend wurde und zu Kräften kam. Als meine Frau +Mutter sah, daß mir das Ziegenmolken so wohl bekam, war sie her und +kaufte hernach noch eine Ziege, denn eine hatte sie schon, die mußten +mich also bis in das zwölfte Jahr meines Alters mit lauter solchem Zeuge +ernähren und auferziehen. Ich kanns wohl sagen, daß ich denselben Tag, +als ich gleich zwölf Jahr alt war, der Tebel hol mer, Speck ellendicke +auf meinem Rücken hatte, so fett war ich von dem Ziegenmolken geworden. +Bei Anfange des dreizehnten Jahres lernte ich auch alle sachte die +gebratenen Kramsvögelchen und die jungen gespickten Hühnerchen +abknaupeln, welche mir endlich auch sehr wohl bekamen. Da ich nun so ein +bißchen besser zu Jahren kam, so schickte mich meine Frau Mutter in die +Schule und vermeinte nun, einen Kerl aus mir zu machen, der mit der Zeit +alle Leute an Gelehrsamkeit übertreffen würde. Ja es wäre dazumal wohl +endlich was aus mir geworden, wenn ich hätte Lust, was zu lernen, +gehabt, denn so klug als ich in die Schule ging, so klug kam ich auch +wieder heraus. Meine größte Lust hatte ich an dem Blaserohre, welches +mir meine Frau Großmutter zum Jahrmarkte von der Eselswiese mitgebracht +hatte. So bald ich denn aus der Schule kam, so schmiß ich meine +Bücherchen unter die Bank und nahm mein Blaserohr, lief damit auf den +obersten Boden und schoß da entweder die Leute auf der Gasse mit auf die +Köpfe oder nach den Spatzianern, oder knapste den Leuten in der +Nachbarschaft die schönen Spiegelscheiben entzwei, und wenn sie denn so +klirrten, kunnte ich recht herzlich drüber lachen; das trieb ich nun so +einen Tag und alle Tage, ich hatte auch so gewiß mit meinem Blaserohr +schießen gelernt, daß ich einem Sperlinge, wenn er gleich dreihundert +Schritt von mir saß, damit das Lebenslicht ausblasen kunnte. Ich machte +das Rabenzeug so schüchtern, wenn sie nur meinen Namen nennen hörten, so +wußten sie schon, wieviel es geschlagen hatte. + +[Illustration] + +Als nun meine Frau Mutter sah, daß mir das Studieren ganz nicht zu Halse +wollte und nur das Schulgeld vor die lange Weile hingeben mußte, nahm +sie mich aus der Schule wieder heraus und tat mich zu einem vornehmen +Kaufmann, da sollte ich ein berühmter Handelsmann werden, ja ich hätte +es wohl werden können, wenn ich auch Lust dazu gehabt hätte; denn +anstatt da ich sollte die Nummern an den Waren merken und wie teuer die +Elle müßte mit Profit verkauft werden, so hatte ich immer andere +Schelmstücke in Gedanken, und wenn mich mein Patron wohin schickte, daß +ich geschwinde wiederkommen sollte, so nahm ich allemal erstlich mein +Blaserohr mit, ging eine Gasse auf, die andere wieder nieder und sah, wo +Sperlinge saßen; oder wenn wo schöne große Scheiben in Fenstern waren +und es sah niemand heraus, so knapste ich nach denselben und lief +hernach immer meine Wege wieder fort; kam ich denn wieder zu meinem +Herrn und war etwa ein paar Stunden über der Zeit außen gewesen, so +wußte ich allemal so eine artige Lügente[3] ihm vorzubringen, daß er +mir sein Lebetage nichts sagte. Zuletzt versah ichs aber dennoch auch +bei ihm, daß es nicht viel fehlte, so hätte er mir mein Blaserohr auf +dem Buckel entzweigeschmissen. Ich aber merkte den Braten und gab mit +meinem Blaserohre Reißaus und soll nun noch wieder zu ihm kommen. +Hernach so schickte er zu meiner Frau Mutter und ließ ihr sagen, wie daß +ich ihm allen Unfug mit meinem Blaserohre bei den Leuten angerichtet +hätte und mich ganz zur Handlung nicht schicken wollte. Meine Frau +Mutter ließ dem Kaufmann aber wieder sagen, es wäre schon gut, und sie +wollte mich nicht wieder zu ihm tun, weil ich indem schon von ihm +weggelaufen und wieder bei ihr wäre, vielleicht kriegte ich zu sonst was +Bessers Lust. Das war nun wieder Wasser auf meine Mühle, als meine Frau +Mutter dem Kaufmann solches zur Antwort sagen ließ, und hatte ich zuvor +die Leute auf der Gassen und die schönen Spiegelscheiben in den Fenstern +nicht geschoren, so foppte ich sie hernach allererst, wie ich wieder +meinen freien Willen hatte. Endlich, da meine Frau Mutter sah, daß immer +Klage über mich kam, und etlichen Leuten die Fenster mußte wieder machen +lassen, fing sie zu mir an: Lieber Sohn Schelmuffsky, du kömmst nun alle +sachte zu besserem Verstande und wirst auch fein groß dabei: sage nur, +was ich noch mit dir anfangen soll, weil du ganz und gar keine Lust zu +nirgends zu hast und nur einen Tag und alle Tage nichts anders tust, als +daß du mir die Leute in der Nachbarschaft mit deinem Blaserohre zum +Feinde machst und mich in Ungelegenheit bringst. Ich antwortete aber +meiner Frau Mutter hierauf wieder und sagte: Frau Mutter, weiß sie was? +Ich will her sein[4] und fremde Länder und Städte besehen, vielleicht +werde ich durch mein Reisen ein berühmter Kerl, daß hernach, wenn ich +wiederkomme, jedweder den Hut vor mir muß unter den Arm nehmen, wenn er +mit mir reden will. Meine Frau Mutter ließ sich diesen Vorschlag +gefallen und meinte, wenn ichs so weit bringen könnte, sollte ich mich +immer in der Welt umsehen, sie wollte mir schon ein Stück Geld mit auf +den Weg geben, daß ich eine Weile daran zu zehren hätte. Hierauf war ich +her, suchte zusammen, was ich mitnehmen wollte, wickelte alles zusammen +in ein zwilchen[5] Schnupftuch, steckte es in die Ficke[6] und machte +mich reisefertig; doch hätte ich mein Blaserohr auch gerne mitgenommen, +allein so wußte ichs nicht mit fortzubringen und besorgte, es möchte mir +unterwegens gestohlen oder genommen werden, ließ also dasselbe zu Hause +und versteckte es auf dem obersten Boden hinter die Feuermauer und trat +in dem vierundzwanzigsten Jahre meines Alters meine sehr gefährliche +Reise an. Was ich nun in der Fremde zu Wasser und Lande überall gesehen, +gehört, erfahren und ausgestanden, das wird in den folgenden Kapiteln +mit höchster Verwunderung zu vernehmen sein. + +[3] aus »Lüge« und »Legende« gebildet. + +[4] will mich aufmachen. + +[5] von Zwillich, grobem Zeug. + +[6] Tasche. + + + + +2. Kapitel. + + +Der Kuckuck fing gleich denselben Tag das erstemal im Jahre an zu rufen, +als ich in Schelmerode von meiner Frau Mutter Abschied nahm, ihr um den +Hals fiel, sie auf jedweden Backen zu guter Letzt dreimal herzte und +hernach immer zum Tore hinaus wanderte. Wie ich nun vor das Tor kam, O +sapperment! wie kam mir alles so weitläufig in der Welt vor, da wußte +ich nun, der Tebel hol mer, nicht, ob ich gegen Abend oder gegen der +Sonnen Niedergang zu marschieren sollte; hatte wohl zehnmal den Willen, +wieder umzukehren und bei meiner Frau Mutter zu bleiben, wenn ich +solches nicht so lästerlich verschworen gehabt, nicht eher wieder zu ihr +zu kommen, bis daß ich ein brav Kerl geworden wäre. Doch hätte ich mich +endlich auch nicht groß an das Verschwören gekehrt, weil ich sonst wohl +eher was verschworen und es nicht gehalten hatte, sondern würde +unfehlbar wieder zu meiner Frau Mutter gewandert sein, wann nicht ein +Graf auf einem Schellenschlitten wäre querfeldein nach mir zugefahren +kommen und mich gefragt, wie ich so da in Gedanken stünde. Worauf ich +dem Grafen aber zur Antwort gab, ich wäre willens, die Welt zu besehen, +und es käme mir alles so weitläufig vor, und wüßte nicht, wo ich zugehen +sollte. Der Graf fing hierauf zu mir an und sagte: Monsieur, es siehet +ihm was Rechts aus seinen Augen, und weil er willens ist, die Welt zu +besehen, so setze er sich zu mir auf meinen Schellenschlitten und fahre +mit mir, denn ich fahre deswegen auch in der Welt nur herum, daß ich +sehen will, was hier und da passiert. Sobald der Herr Graf dieses +gesagt, sprang ich mit gleichen Beinen in seinen Schellenschlitten +hinein und steckte die rechte Hand vorne in die Hosen und die linke in +den rechten Schubsack, daß mich nicht frieren sollte, denn der Wind ging +sehr kalt und hatte selbige Nacht ellendicke Eis gefroren; doch war es +noch gut, daß der Wind uns hintennach ging, so kunnte er mich nicht so +treffen, denn der Herr Graf hielt ihn auch etwas auf, der saß hinten auf +der Pritsche und kutschte, damit so fuhren wir immer in die Welt hinein +und gegen Mittag zu. Unterwegens erzählten wir einander unser +Herkommens; der Herr Graf machte nun den Anfang und erzählte seinen +gräflichen Stand und daß er aus einem uralten Geschlechte herstammte, +welches zweiunddreißig Ahnen hätte, und sagte mir auch, in welchem Dorfe +seine Großmutter begraben läge, ich habe es aber wieder vergessen; +hernach so schwatzte er mir auch, wie daß er, als er noch ein kleiner +Junge von sechzehn Jahren gewesen wäre, seine Lust und Freude an dem +Vogelstellen immer gehabt hätte und einstmals auf einmal zugleich +einunddreißig Pumpelmeisen in einem Sprenkel gefangen, welche er sich in +Butter braten lassen und ihm so vortrefflich bekommen wären. Nachdem er +nun seinen Lebenslauf von Anfang bis zum Ende erzählt hatte, so fing ich +hernach von meiner wunderlichen Geburt an zu schwatzen, wie auch von +meinem Blaserohre, mit welchem ich so gewiß schießen können. O +sapperment! wie sperrte der Herr Graf Maul und Nasen darüber auf, als +ich ihm solche Dinge erzählte, und meinte, daß noch was Rechts auf der +Welt aus mir werden würde. + +Nach solcher Erzählung kamen wir an ein Wirtshaus, welches flugs an der +Straße im freien Felde lag, daselbst stiegen wir ab und gingen hinein, +uns ein wenig da auszuwärmen; sobald als wir in die Stube kamen, ließ +sich der Herr Graf ein groß Glas geben, in welches wohl hierzulande auf +achtzehn bis zwanzig Maß gehn, dasselbe ließ er sich von dem Wirte voll +Branntwein schenken und brachte mirs von da auf Du und Du zu. Nun hätte +ich nicht vermeint, daß der Graf das Glas voll Branntwein alle auf +einmal aussaufen würde, allein er soffs, der Tebel hol mer, auf einen +Soff ohne Absetzen und Bartwischen reine aus, daß sich auch der Wirt +grausam darüber verwunderte. Hernach so ließ ers wieder so voll schenken +und sagte zu mir: Nun allons, Herr Bruder Schelmuffsky, ein Hundsfott, +der mirs nicht auch Bescheid tut. Sapperment! das Ding verdroß mich, +daß der Graf mit solchen Worten flugs um sich schmiß, und fing gleich zu +ihm an: Topp, Herr Bruder, ich wills Bescheid tun. Als ich dieses ihm +zur Antwort gab, fing der Wirt höhnisch zu dem Grafen an zu lächeln und +meinte, ich würde es unmöglich können Bescheid tun, weil der Herr Graf +ein dicker, korpulenter Herr und ich gegen ihn nur ein Aufschüßling wäre +und in meinen Magen das Glas voll Branntwein wohl schwerlich gehen +würde. Ich war aber her und setzte mit dem Glase voll Branntwein an und +soff es, der Tebel hol mer, flugs auf einen Schluck aus. O sapperment! +was sperrte der Wirt vor ein paar Augen auf und sagte heimlich zum +Grafen, daß was Rechts hinter mir stecken müßte. Der Graf aber klopfte +mich hierauf gleich auf meine Achseln und sagte: Herr Bruder, verzeihe +mir, daß ich dich zum Trinken genötigt habe, es soll hinfort nicht mehr +geschehen, ich sehe nun schon, was an dir zu tun ist, und daß +deinesgleichen von Konduite[7] wohl schwerlich wird in der Welt gefunden +werden. Ich antwortete dem Herrn Bruder Grafen hierauf sehr artig wieder +und sagte, wie daß ich wahrlich ein brav Kerl wäre und noch erstlich zu +was Rechts werden würde, wenn ich weiter in die Welt hineinkommen sollte +und wenn er mein Bruder und Freund bleiben wollte, sollte er mich +künftig mit dergleichen Dingen verschonen. O sapperment! wie demütigte +sich der Graf gegen mich und bat mirs auf seine gebogenen Knien ab und +sagte, dergleichen Exzesse sollten künftig nicht mehr von ihm geschehen. + +[7] feinem Benehmen. + +Hierauf bezahlten wir den Wirt, setzten uns wieder auf unsern +Schellenschlitten und fuhren immer weiter in die Welt hinein. Wir +gelangten zu Ende des Oktobers, da es schon fast ganz dunkel worden war +in der berühmten Stadt Hamburg an, allwo wir mit unserm Schlitten am +Pferdemarkte in einem großen Hause einkehrten, worinnen viel vornehme +Standespersonen und Damens logierten. Sobald als wir da abgestiegen +waren, kamen zwei italiänische Nobels[8] die Treppe oben +heruntergegangen; der eine hatte einen messingenen Leuchter in der Hand, +worauf ein brennendes Wachslicht brannte, und der andere eine große +töpferne brennende Lampe, welche geschwippt voll Bomolie[9] gegossen +war, die hießen uns da willkommen und erfreuten sich meiner wie auch des +Herrn Bruders Grafen seiner guten Gesundheit. Nachdem sie nun solche +Komplimente gegen uns abgelegt hatten, nahm mich der eine Nobel mit dem +brennenden Wachslichte bei der Hand und der andere mit der brennenden +Bomolienlampe faßte den Herrn Grafen bei dem Ärmel und führten uns da +die Treppe hinauf, daß wir nicht fallen sollten, denn es waren sechs +Stufen oben ausgebrochen. Wie wir nun die Treppe oben hinaufkamen, so +präsentierte sich ein vortrefflicher, schöner Saal, welcher um und um +mit den schönsten Tapezereien und Edelgesteinen ausgeziert war und von +Gold und Silber flimmerte und flammte. Auf demselben Saale nun stunden +zwei vornehme Staaten[10] aus Holland und zwei portugiesische +Abgesandte, die kamen mir und meinem Herrn Bruder Grafen gleichfalls +entgegengegangen, hießen uns auch willkommen und erfreuten sich +ebenfalls unserer guten Gesundheit und glücklichen Anherokunft. Ich +antwortete denselben flugs sehr artig wieder und sagte, wenn sie auch +noch fein frisch und gesund wären, würde es mir und dem Herrn Grafen +sehr lieb auch sein. Als ich mein Gegenkompliment nun auch wieder +abgelegt hatte, so kam der Wirt in einem grünen Samtpelze auch dazu, der +hatte nun ein groß Bund Schlüssel in der Hand, hieß uns auch willkommen +und fragte, ob ich und der Herr Graf belieben wollten, noch eine Treppe +höher mit ihm zu steigen, allwo er uns anweisen wollte, wo wir unser +Zimmer haben sollten. + +[8] Leute von Adel. + +[9] holländisch für Baumöl. + +[10] Abgeordnete der Generalstaaten. + +Ich und der Herr Bruder nahmen hierauf von der sämtlichen Kompagnie mit +einer sehr artigen Miene Abschied und folgten dem Wirte, daß er uns in +unser Zimmer führen sollte, welches wir zu unserer Bequemlichkeit +innehaben sollten. Sobald wir nun mit ihm noch eine Treppe hinaufkamen, +schloß er eine vortreffliche schöne Stube auf, worinnen ein über alle +Maßen galantes Bett stund und alles sehr wohl in derselben Stube +aufgeputzt war; daselbst hieß er uns unsere Gelegenheit gebrauchen, und +wenn wir was verlangten, sollten wir nur zum Fenster hinunterpfeifen, so +würde der Hausknecht alsobald zu unsern Diensten stehen, und nahm +hierauf von uns wieder Abschied. Nachdem wir uns nun so ein bischen +ausgemaustert hatten, so kam der Wirt im grünen Samtpelze wieder hinauf +zu uns und rief uns zur Abendmahlzeit, worauf ich und der Herr Bruder +Graf gleich mit ihm gingen. Er führte uns die Treppe wieder hinunter +über den schönen Saal weg und in eine große Stube, allwo eine lange +Tafel gedeckt stund, auf welche die herrlichsten Traktamenten getragen +wurden. Der Herr Wirt hieß uns da ein klein wenig verziehen, die andern +Herren wie auch Damens würden sich gleich auch dabei einfinden und uns +Kompagnie leisten. + +Es währte hierauf kaum so lange, als er davon geredet hatte, so kamen zu +der Tafelstube gleich auch hineingetreten die zwei italienischen Nobels, +welche uns zuvor bekomplimentiert hatten, ingleichen auch die zwei +Staaten aus Holland und die zwei portugiesischen Abgesandten, und +brachte ein jedweder eine vornehme Dame neben sich an der Hand mit +hinein geschleppt. O sapperment! als sie mich und meinen Herrn Bruder +Grafen dastehen sahen, was machten sie alle mit einander vor Reverenzen +gegen uns, und absonderlich die Menscher[11], die sahen uns, der Tebel +hol mer, mit rechter Verwunderung an. Da nun die ganze Kompagnie +beisammen war, welche mitspeisen sollte, nötigten sie mich und meinen +Herrn Bruder Grafen, daß wir die Oberstelle an der Tafel einnehmen +mußten, welches wir auch ohne Bedenken taten. Denn ich setzte mich nun +ganz zu oberst an, neben mir zur linken Hand saß der Herr Bruder Graf +und neben mir rechts an der Ecke saßen nacheinander die vornehmen +Damens, weiter hinunter hatte ein jedweder auch seinen gehörigen Platz +eingenommen. Unter währender Mahlzeit nun wurde von allerhand +Staatssachen diskuriert, ich und der Bruder Graf aber schwiegen dazu +stockstille und sahen, was in der Schüssel passierte, denn wir hatten in +drei Tagen keiner keinen Bissen Brot gesehen. + +[11] Frauenspersonen, Damen. + +Wie wir uns aber beide brav dicke gefressen hatten, so fing ich hernach +auch an, von meiner wunderlichen Geburt zu erzählen, und wie es mit der +Ratte wäre zugangen, als sie wegen des zerfressenen seidenen Kleides +hätte sollen totgeschlagen werden. O sapperment! wie sperrten sie alle +Mäuler und Nasen auf, da ich solche Dinge erzählte, und sahen mich mit +höchster Verwunderung an. Die vornehmen Damens fingen gleich an darauf, +meine Gesundheit zu trinken, welchen die ganze Kompagnie Bescheid tat. +Bald sagte eine, wenn sie soff: Es lebe der vornehme Herr von +Schelmuffsky! bald fing eine andere drauf an: Es lebe die vornehme +Standesperson, welche unter dem Namen Schelmuffsky seine hohe Geburt +verbirgt! Ich machte nun allemal eine sehr artige Miene gegen die +Menscher, wenn sie meine Gesundheit so nach der Reihe soffen. Die eine +vornehme Dame, welche flugs neben mir an der Tischecke zur rechten Hand +saß, die hatte sich wegen der Begebenheit von der Ratte ganz in mich +verliebt. Sie druckte mir wohl über hundertmal die Fäuste überm Tische, +so gut meinte sie es mit mir, weil sie sich in mich so sehr verliebt +hatte, doch war es nicht zu verwundern, weil ich so artig neben ihr saß +und alles dazumal, der Tebel hol mer, flugs über mich lachte. Nachdem +ich nun mit meinem Erzählen fertig war, so fing mein Herr Bruder auch +gleich an, von seinem Herkommen zu schwatzen und wo seine zweiunddreißig +Ahnen alle herkommen, und erzählte auch, in welchem Dorfe seine +Großmutter begraben läge und wie er, als er noch ein kleiner Junge von +sechzehn Jahren gewesen, einunddreißig Pumpelmeisen zugleich auf einmal +in einem Sprenkel gefangen hätte und was das Zeugs mehr alle war; allein +er brachte alles so wunderlich durcheinander vor und mengte bald das +Hundertste in das Tausendste hinein und hatte auch kein gut Mundwerk, +denn er stammerte gar zu sehr, daß er auch, wie er sah, daß ihm niemand +nicht einmal zuhörte, mitten in seiner Erzählung stille schwieg und sah, +was sein Teller guts machte. Wenn ich aber zu diskurieren anfing, Ei +sapperment! wie horchten sie alle wie die Mäuschen, denn ich hatte nun +so eine anmutige Sprache und kunnte alles mit so einer artigen Miene +vorbringen, daß sie mir nur, der Tebel hol mer, mit Lust zuhörten. + +Nachdem der Wirt nun sah, daß niemand mehr aß und die Schüsseln ziemlich +ausgeputzt waren, ließ er die Tafel wieder abräumen. Wie solches +geschehen, machte ich und der Bruder Graf ein sehr artig Kompliment +gegen die sämtliche Kompagnie und standen von der Tafel auf. Da sie das +über Tische nun sahen, fingen sie alle miteinander an auch aufzustehen. +Ich und der Herr Bruder Graf nahmen hierauf ohne Bedenken zuerst wieder +unsern Weg zum Tafelgemach hinaus und marschierten nach unserm Zimmer +zu. Die sämtliche Kompagnie aber begleitete uns über den schönen Saal +weg und bis an unsere Treppe, wo wir wieder hinaufgehen mußten, allda +nahmen sie von uns gute Nacht und wünschten uns eine angenehme Ruhe. Ich +machte nun gegen sie gleich wieder ein artig Kompliment und sagte, wie +daß ich nämlich ein brav Kerl wäre, der etwas müde wäre, wie auch der +Herr Graf, und daß wir in etlichen Wochen in kein Bette gekommen wären. +So zweifelten wir gar nicht, daß wir wacker schlafen würden, und sie +möchten auch wohl schlafen. Nach dieser sehr artig gegebenen Antwort +ging nun ein jedweder seine Wege, ich und mein Herr Bruder Graf gingen +gleich auch die Treppe vollends hinauf und nach unsrer Stube zu. Wie wir +da hineinkamen, so pfiff ich dem Hausknechte, daß er uns ein Licht +bringen mußte, welcher auch augenblicks damit sich einstellte und wieder +seiner Wege ging. + +Dann legten wir uns beide in das schöne Bette, welches in der Stube +stund. Sobald als der Herr Bruder Graf sich dahineinwälzte, fing er +gleich an zu schnarchen, daß ich vor ihm kein Auge zu dem andern bringen +kunnte, ob ich gleich sehr müde und schläfrig auch war. Indem ich nun so +eine kleine Weile lag und lauschte, so pochte ganz sachte jemand an +unsere Stubentüre an, ich fragte, wer da wäre, es wollte aber niemand +antworten. Es pochte noch einmal an, ich fragte wieder, wer da wäre, es +wollte mir aber niemand Antwort geben. Ich war her, sprang zum Bette +heraus, machte die Stubentüre auf und sah, wer pochte. Als ich selbige +eröffnete, so stund ein Mensche draußen und hatte ein klein Briefchen in +der Hand, bot mir im Finstern einen guten Abend und fragte, ob der +fremde vornehme Herr, welcher heute abend über Tische die Begebenheit +von einer Ratte erzählt, seine Stube hier hätte. Da sie nun hörte, daß +ichs selbst war, fing sie weiter an: Hier ist ein Briefchen an Sie, und +ich soll ein paar Zeilen Antwort drauf bringen. Hierauf ließ ich mir den +Brief geben, hieß sie ein wenig vor der Stubentüre verziehen und pfiff +dem Hausknechte, daß er mir das Licht anbrennen mußte, welches er auch +alsobald tat und mit einer großen Laterne die Treppe hinaufgelaufen kam. +Damit so erbrach ich den Brief und sah, was drinnen stund. Der Inhalt +war, wie folgt, also: + + »A n m u t i g e r J ü n g l i n g. + + Woferne Euchs beliebet, diesen Abend noch mein Zimmer zu besehen, + so lasset mir durch gegenwärtige Servante[12] Antwort wissen. + Adjeu! Eure affektionierte Dame, welche bei Euch heute abend über + Tische an der Ecke zur rechten Hand gesessen. + + L a C h a r m a n t e.« + +[12] Dienstmädchen. + +Sobald ich diesen Brief nun gelesen, pfiff ich dem Hausknechte wieder, +daß er mir Feder, Tinte und Papier bringen mußte, darauf setzte ich mich +nur hin und schrieb einen sehr artigen Brief wieder an die Dame +Charmante zur Antwort, derselbe war nun auf diese Manier eingerichtet: + + »M i t W ü n s c h u n g a l l e s L i e b e s u n d + G u t e s z u v o r W o h l-E h r b a r e + D a m e C h a r m a n t e. + + Ich will nur erstlich meine Schuhe und Strümpfe wie auch meinen + Rock wieder anziehen, hernach will ich gleich zu Euch kommen. Ihr + müsset aber, Wohl-Ehrbare Dame, die Servante unfehlbar wieder zu + mir schicken, daß sie mir die Wege weist, wo ich Eure Stube finden + soll, und lasset sie eine Laterne mitbringen, daß ich auch nicht im + Finstern falle, denn alleine komme ich, der Tebel hol mer, nicht. + Warum? es ist jetzo gleich zwischen elf und zwölf, da der Henker + gemeiniglich sein Spiel hat und mir leichtlich ein Schauer ankommen + möchte, daß mir auf den Morgen hernach das Maul brav ausschlüge, + und was würde Euch denn damit gedient sein, wenn ich eine grindige + Schnauze kriegte, wornach Ihr Euch zu achten wisset. Haltet nun wie + Ihrs wollt, holt das Mensche mich ab, wohl gut, kommt sie aber + nicht wieder, wie bald ziehe ich mich wieder aus und lege mich + wieder zu meinem Bruder Grafen ins Bette. Im übrigen lebet wohl, + ich verbleibe dafür + + Meiner Wohl-Ehrbaren Madame Charmante + allezeit treu-gehorsamst dienstschuldigst + reisefertigster + S c h e l m u f f s k y.« + +Diesen Brief schickte ich nun der vornehmen Dame Charmante zur Antwort +wieder und suchte meine Schuhe und Strümpfe unter der Bank flugs hervor, +daß ich sie anziehen wollte; ich hatte kaum den einen Strumpf an das +linke Bein gezogen, so stund die Servante schon wieder draußen und hatte +eine große papierne Laterne in der Hand, worinnen eine töpferne Lampe +mit zwei Dochten brannte, und wollte mich nach der Dame Charmante ihrem +Zimmer leuchten, daß ich nicht fallen sollte. Sobald als ich mich nun +angezogen, nahm ich meinen Degen, welches ein vortrefflicher +Rückenstreicher war, unter den Arm und ging mit nach der Charmante ihrer +Stube zu. Das Mensche, die Servante, kunnte mir mit der papiernen +Laterne überaus stattlich leuchten; sie führte mich von meiner Stube an +die Treppe wieder hinunter über den schönen Saal weg, einen langen Gang +im Hof hinten, allwo ich sechs Treppen hoch mit ihr wieder steigen +mußte, ehe ich an der Charmante ihr Zimmer kam. + +Wie mir das Mensch die Stubentüre nun zeigte, so klinkte ich gleich auf +und ging ohne Bedenken unangemeldet hinein. Da mich die Charmante nun +kommen sah, bat sie bei mir um Verzeihung, daß ich solches nicht +ungeneigt aufnehmen möchte, daß sie bei später Nacht noch zu mir +geschickt und mich in ihr Zimmer bemüht hätte. Ich antwortete der +Charmante aber hierauf sehr artig wieder und sagte, wie daß ich nämlich +ein brav Kerl wäre, desgleichen man wohl wenig in der Welt antreffen +würde, und es hätte nichts auf sich, weil ich indem vor meines Herrn +Bruder Grafen seinem Schnarchen nicht einschlafen können. Als ich ihr +dieses nun so mit einer überaus artigen Miene zur Antwort gab, so bat +sie mich, daß ich ihr die Begebenheit doch noch einmal von der Ratte +erzählen sollte, da man sie wegen des zerfressenen seidenen Kleides mit +dem Besen totschlagen wollen. + +Ich erzählte der Charmante hierauf augenblicks die ganze Begebenheit, so +gab sie hernach Freiens bei mir vor und sagte, ich sollte sie nehmen; +ich antwortete der Charmante aber hierauf sehr artig wieder und sagte, +wie daß ich nämlich ein brav Kerl wäre, aus dem was Rechts noch erst +werden würde, wenn er weiter in die Welt hineinkäme, und daß ich so +balde noch nicht Lust hätte, eine Frau zu nehmen. Doch wollte ich ihrs +nicht abschlagen, sondern es ein wenig überlegen. O sapperment! wie fing +das Mensche an zu heulen und zu gransen, da ich ihr von dem Korbe +schwatzte, die Tränen liefen ihr immer die Backen herunter, als wenn man +mit Mulden gösse, und machte sich da ein paar Augen wie die größesten +Schafkäsenäpfe groß. + +Wollte ich nun wohl oder übel, daß sie sich nicht gar über mich zu Tode +heulen möchte, mußte ichs, der Tebel hol mer, zusagen, daß ich keine +andere als sie zur Frau haben wollte. Da nun solches geschehen, gab sie +sich wieder zufrieden, und nahm ich selben Abend von ihr Abschied und +ließ mich durch die Servante mit der papiernen Laterne wieder auf meine +Stube leuchten und legte mich zu meinem Herrn Bruder Grafen ins Bette, +welcher noch eben auf der Stelle dalag und in einem weg schnarchte. Ich +war kaum ins Bette wieder hinein, so kriegte ich auch etwa seine Laune, +und schnarchten da alle beide wie ein altes Pferd, welches dem Schinder +entlaufen war. Den andern Tag früh, da es etwa um neun Uhr sein mochte +und ich im besten Schlafe lag, so stieß jemand mit beiden Beinen an +unsere Stubentür lästerlich an, daß ich aus dem Schlafe klaffternhoch +vor Erschrecknis in die Höhe fuhr. Des Anschlagens wollte aber kein Ende +nehmen, ich war her und sprang flugs mit gleichen Beinen aus dem Bette +heraus, zog mein Hemde an und wollte sehen, wer da war. Wie ich +aufmachte, so stund des einen Staatens aus Holland sein Junge draußen, +welcher fragte, ob der von Schelmuffsky seine Stube hier hätte. Da ich +dem Jungen nun zur Antwort gab, daß ichs selber wäre, sagte er weiter, +sein Herr, der hielte mich vor keinen braven Kerl, sondern vor einen +Erzbärenhäuter, wenn ich nicht zum allerlängsten um zehn Uhr heute +vormittag mit einem guten Degen auf der großen Wiese vor dem +Altonaischen Tore erschiene, und da wollte er mir weisen, was Räson +wäre. O sapperment! wie verdroß mich das Ding, als mir der Kerl durch +seinen Jungen solche Worte sagen ließ. Ich fertigte den Jungen aber +alsobald mit folgender Antwort ab und sagte: Höre, Hundsfott, sprich du +zu deinem Herrn wieder, ich ließe ihm sagen, warum er denn nicht selbst +zu mir gekommen wäre und mir solches gesagt, ich hätte bald mit ihm +fertig werden wollen; damit er aber sehen sollte, daß ich mich vor ihm +nicht scheute, so wollte ich kommen und ihm nicht allein zu Gefallen +einen guten Degen, welches ein Rückenstreicher wäre, mitbringen, sondern +es sollten auch ein paar gute Pistolen zu seinen Diensten stehen, damit +wollte ich ihm weisen, wie er den bravsten Kerl von der Fortuna ein +andermal besser respektieren sollte, wenn er was an ihm zu suchen hätte. +Hierauf ging des Staatens sein Junge fort und muckte nicht ein Wort +weiter, ausgenommen, wie er an die Treppe kam, so schielte er mich von +der Seite mit einer höhnischen Miene recht sauer hinterrücks an und lief +geschwinde die Treppe hinunter. + +Ich aber war her, ging in die Stube wieder hinein, zog mich geschwinde +an und pfiff dem Hausknechte, daß er eiligst zu mir kommen mußte. +Welcher sich auch flugs augenblicks bei mir einstellte und sagte: Was +belieben Euere Gnaden? Das Ding gefiel mir sehr wohl von dem Kerl, daß +er so bescheidentlich antworten kunnte. Ich fragte ihn hierauf, ob er +mir nicht ein paar gute Pistolen schaffen könnte, das und das ginge vor +sich, wollte ihm keinen Schaden daran tun und er sollte dafür ein +Trinkgeld zu gewarten haben. O sapperment! als der Kerl von dem +Trinkgelde hörte, wie sprang er zur Stubentüre hinaus und brachte mir +im Augenblick ein paar wunderschöne Pistolen geschleppt, welche dem +Wirte waren; die eine mußte er mir mit großen Hasenschroten und die +andere mit kleiner Dunst füllen und zwei Kugeln draufstopfen. Da solches +geschehen, gürtete ich meinen Rückenstreicher an die Seite, die Pistolen +steckte ich in den Gürtel und marschierte da immer stillschweigens nach +dem Altonaischen Tore zu. Wie ich nun vor das Tor kam, so erkundigte ich +mich nun gleich, wo die große Wiese wäre. Es gab mir aber ein kleiner +Schifferjunge alsobald Nachricht davon. Da ich nun ein klein Eckchen von +der Stadtmauer gegangen war, so kunnte ich die große Wiese sehen und +sah, daß ihrer ein ganzer Haufen dortstunden, auf welche ich gleich +sporenstreichs zumarschierte. Als ich nun bald an sie kam, sah ich, daß +der eine Staate dastund und ihrer Etliche noch bei sich hatte. Ich +fragte ihn aber gleich, wie ich zu ihm kam, ob er mich durch seinen +Jungen vor einer Stunde wohin hätte fordern lassen und was die Ursache +wäre. Worauf er mir zur Antwort gab: Ja, er hätte solches getan, und das +wäre die Ursache, weil ich die vergangene Nacht bei der Madame Charmante +gewesen, und das könnte er gar nicht leiden, daß ein Fremder sie +bedienen sollte; war hierauf augenblicks mit der Fuchtel heraus und kam +auf mich zu marschiert. + +Da ich nun sah, daß er der Herr war, O sapperment! wie zog ich meinen +Rückenstreicher auch vom Leder und legte mich in Positur; ich hatte ihm +kaum einen Stoß auspariert, so tat ich nach ihm einen Saustoß und stach +ihm, der Tebel hol mer, mit meinem Rückenstreicher die falsche Quinte +zum linken Ellbogen hinein, daß das Blut armsdicke herausschoß, und +kriegte ihn hernach beim Leibe und wollte ihm mit der einen Pistole, +welche stark mit Dunst und Kugeln geladen war, das Lebenslicht vollends +ausblasen; es wäre auch in bösem Mute geschehen, wenn nicht seine +Kameraden mir wären in die Arme gefallen und gebeten, daß ich nur sein +Leben schonen sollte, indem ich Revenge[13] genug hätte. Die Sache wurde +auch auf vielfältiges Bitten also bemittelt, daß ich mich wieder mit ihm +vertragen mußte; und zwar mit dem Bedinge, daß er mir durch seinen +Jungen niemals mehr solche Worte sagen ließe, wenn ich der Madame +Charmante eine Visite gegeben hätte, welches er mir auch zusagte. + +[13] Revanche, Genugtuung. + +In was vor Ehren ich hernach von seinen Kameraden gehalten wurde, das +kann ich, der Tebel hol mer, nicht genug beschreiben, wo auch nur eine +Aktion vorging, da mußte ich allezeit mit dabei sein und die +Kontraparten[14] auseinandersetzen. Denn wo ich nicht dabei mit war, +wenn Schlägerei vorging, und wurde nur insgeheim so vertragen, davon +wurde gar nichts gehalten; wo es aber hieß, der von Schelmuffsky hat dem +und dem wieder sekundiert, so wußten sie alle schon, wieviel es +geschlagen hatte. Die gehabte Aktion mit dem einen Staaten aus Holland +erzählte ich alsobald der Dame Charmante und sagte, daß es ihretwegen +geschehen wäre. Das Mensche erschrak zwar anfänglich sehr darüber, +allein wie sie hörte, daß ich mich so ritterlich gehalten hatte, sprung +sie vor Freuden hoch in die Höhe und fiel mir um den Hals. Hernach so +ging ich zu meinem Herrn Bruder Grafen hinauf in die Stube, welcher zwar +noch im Bette lag und lauschte; demselben erzählte ichs auch, was mir +schon begegnet wäre in Hamburg. Der war nun so giftig, daß ich ihn nicht +aufgeweckt hatte, er hätte wollen auf seinem Schellenschlitten mit +hinausfahren und mir sekundieren helfen, ich gab ihm aber zur Antwort, +daß sich ein brav Kerl auch vor ihrer Hunderten nicht scheuen dürfte. +Hierauf kam der Wirt im grünen Samtpelze hinauf zu uns und rief uns +wieder zur Mittagsmahlzeit. O sapperment! Wie sprung mein Herr Bruder +Graf aus dem Bette heraus und zog sich über Hals und Kopf an, weil er +das Essen nicht versäumen wollte. Wie er sich nun angezogen hatte, +marschierten wir beide mit dem Herrn Wirte wieder hinunter zur Tafel. Es +stellte sich die ganze Kompagnie bei Tische wieder ein, welche vorigen +Abend mitgespeist hatte, ausgenommen der eine Staate, welchem ich die +falsche Quinte durch den Arm gestoßen hatte, der war nicht da. Ich und +mein Herr Bruder Graf nahmen nun ohne Bedenken die Oberstelle wieder +ein. Da meinte ich nun, es würde über Tische von der Aktion was +gestichelt werden, allein, der Tebel hol mer, nicht ein Wort wurde davon +erwähnt, und ich hätte es auch keinem raten wollen, denn die falsche +Quinte und der Saustoß lag mir noch immer im Sinne. Sie fingen von +allerhand wieder an zu diskurieren und meinten, ich würde auch etwa +wieder was erzählen, darüber sie sich verwundern könnten; sie gaben mir +auch Anleitung dazu, allein ich tat, der Tebel hol mer, als wenn ichs +nicht einmal hörte. + +[14] streitenden Parteien. + +Die Dame Charmante fing meine Gesundheit an zu trinken, welcher die +ganze Kompagnie auch wieder Bescheid tat. Mein Herr Bruder Graf fing +hernach von seinen Pumpelmeisen an zu erzählen, die er auf einmal in dem +Sprenkel gefangen hätte, und daß dieselben ihm so gut geschmeckt hätten, +als seine verstorbene Frau Großmutter ihm solche in Butter gebraten. +Über welcher einfältigen Erzählung die ganze Kompagnie lachen mußte. +Nach gehaltener Mittagsmahlzeit setzte ich mich mit meiner Liebsten, der +Charmante, auf eine Chaise de Roland[15] und fuhren auf den Wällen +spazieren, besahen da die Ringmauer der Stadt Hamburg, wie sie gebaut +war, welche denn an etlichen Orten nicht allerdings feste genug zu sein +schien; ich sagte solches dem Stadtkapitän, wie sie ganz auf eine andere +Manier perspektivisch könnte repariert werden. Er schriebs zwar auf: ob +sie es nun werden getan haben, kann ich nicht wissen, denn ich bin von +der Zeit an nicht wieder hingekommen. Nach diesem fuhren wir in die +Sternschanze und besahen dieselbe auch: O sapperment! was lagen da vor +Bomben, welche von voriger Belagerung waren hineingeworfen worden; ich +will wetten, daß wohl eine über dreihundert Zentner schwer hatte, ich +versuchte es auch, ob ich eine mit einer Hand in die Höhe heben kunnte, +allein es wollte, der Tebel hol mer, nicht angehen, so schwer war sie, +knapp, daß ich sie mit beiden Händen drei Ellen hoch in die Höhe heben +kunnte. Von da fuhren wir hinaus an die Elbe und sahen da die +Schifferjungen angeln, O sapperment! was fingen sie da vor Forellen an +der Angel, es waren nicht etwa solche kleine Forellen, wie es +hierzulande bei Gutenbach oder sonsten dergleichen Orten herum gibt, +sondern es waren, der Tebel hol mer, Dinger, da eine Forelle gut zwanzig +bis dreißig Pfund hatte. Von denselben Fischen hatte ich mich zu Hamburg +ganz überdrüssig gefressen, und wenn ich die Stunde noch Forellen +erwähnen höre, wird mir flugs ganz übel davon. Warum? Sie haben in +Hamburg keine anderen Fische als nur Forellen jahraus, Forellen jahrein, +man muß sich darinnen verstänkern, man mag wollen oder nicht, bisweilen, +etwa um Lichtmeß herum, kommen irgendein paar Tonnen frische Heringe da +an, aber auch gar selten, und dazu, wo erkleckt das unter so einer +Menge Volk? der Tausendste kriegt keinen nicht einmal davon zu sehen. + +[15] elegantes Fuhrwerk. + +Nachdem ich mit meiner Liebsten dem Angeln so eine Weile zugesehen, +fuhren wir wieder in die Stadt und nach unserm Quartier zu; sobald als +wir abstiegen, stund ein kleiner buckliger Tanzmeister im Torwege, der +machte gegen die Madame Charmante wie auch gegen mich ein sehr artig +Kompliment und invitierte uns[16] zu einem Balle. Meine Liebste, die +Charmante, fragte mich, ob ich Lust mit hinzufahren hätte, denn sie +könnte es der Kompagnie nicht abschlagen, und sie würden wohl indem alle +schon auf sie warten. Ich gab ihr zur Antwort: Ich fahre schon mit und +sehe, was da passiert. Hierauf gab sie dem Tanzmeister Befehl, daß sie +gleich kommen wollte. O sapperment! wie sprung der Kerl vor Freuden +herum, daß sie kommen wollte und noch jemand mit sich bringen. Er lief +immer zum Hause hinaus und nach dem Tanzboden zu, als wenn ihm der Kopf +brennte. Wir setzten uns gleich wieder auf unsere Chaise de Roland und +fuhren nach dem Tanzboden zu. + +[16] lud uns ein. + +Sobald als wir nun hinaufkamen, O sapperment! was war vor Aufsehens da +von den vornehmen Damens und Kavalieren, welche sich auch auf dem +Tanzboden eingefunden hatten; es war ein Gelispere heimlich in die +Ohren, und soviel ich hören kunnte, fing bald dieser an und sagte: Wer +muß doch nur der vornehme Herr sein, welchen die Madame Charmante +mitgebracht hat. Bald sagte ein Frauenzimmer zu dem andern: Ist das +nicht ein wunderschöner Kerl, sieht er doch flugs aus wie Milch und +Blut. Solche und dergleichen Reden gingen wohl eine halbe Stunde unter +der Kompagnie auf dem Tanzboden heimlich vor. Der Tanzmeister +präsentierte mir einen roten Samtstuhl, worauf ich mich niedersetzen +mußte, die andern aber wie auch meine Charmante mußten alle stehen. +Damit so ging nun die Musik an, O sapperment! wie kunnten die Kerle +streichen, sie machten mit einem Gassenhauer den Anfang, wonach der +kleine bucklige Tanzmeister die erste Entree tanzte. Sapperment! wie +kunnte das Kerlchen springen, es war, der Tebel hol mer, nicht anders, +als wenn er in die Lüfte flöge. Wie derselbe Tanz aus war, so schlossen +sie alle miteinander einen Kreis und fingen an schlangenweise zu tanzen: +meine Charmante, die mußte nun in den Kreis hineintreten und drinnen +allein tanzen. O sapperment! was kunnte sich das Mensche schlangenweise +im Kreise herumdrehen, daß ich auch, der Tebel hol mer, alle Augenblick +dachte, jetzt fällt sie übern Haufen, allein es war, als ob ihr nichts +drum wäre. Die anderen Mädchens tanzten, der Tebel hol mer, galant auch, +ich kanns nicht sagen, wie artig sie die Knochen auch setzen kunnten, +meiner Charmante aber kunnte es aber doch keine gleichtun. Nachdem der +Kreistanz schlangenweise nun aus war, so fingen sie allerhand +gemeine[17] Tänze auch an zu tanzen, als Couranten, Chiquen, Allemanden +und dergleichen. + +[17] allgemein übliche. + +Solch Zeug sollte ich nun auch mit tanzen, es kamen unterschiedne Damens +zu mir an den Samtstuhl, worauf ich saß, und forderten mich auch zu +einem Tänzchen auf. Ich entschuldigte mich zwar erst und sagte, wie daß +ich nämlich ein brav Kerl wäre, dem zwar was Rechts aus den Augen +herausfunkelte, aber tanzen hätte ich noch nicht recht gelernt. Es half +aber, der Tebel hol mer, kein Entschuldigen, die Damens trugen mich +mitsamt dem Stuhle in den Tanzkreis hinein und kippten mich mit dem +Stuhle um, daß ich, der Tebel hol mer, die Länge lang hinfiel. Ich stund +aber mit einer sehr artigen Miene wiederum auf, daß sich auch die ganze +Kompagnie auf dem Tanzboden über mich sehr verwunderte und ein Kavalier +immer zu dem andern sagte, daß ich wohl einer von den bravsten Kerlen +auf der Welt mit sein müßte. Hierauf fing ich nun an zu tanzen und nahm +drei Frauenzimmer; die eine mußte mich bei der linken Hand anfassen, die +andere bei der rechten und die dritte mußte sich an mein link Bein +halten, damit hieß ich die Musikanten den Altenburgischen Bauerntanz +aufstreichen. Da hätte man nun schön tanzen gesehen, wie ich auf dem +rechten Beine solche artige Sprünge tun kunnte. Wie ich mich nun so ein +klein wenig erhitzt hatte, so sprung ich auf dem einen Beine, der Tebel +hol mer, klaffternhoch in die Höhe, daß auch die eine Dame, welche sich +an mein link Bein gefaßt hatte, fast mit keinem Fuße auf die Erde kam, +sondern stets in der Luft mit herumhüpfte. O sapperment! wie sahen die +Menscher alle, als ich solche Sprünge tat; der kleine bucklige +Tanzmeister schwur hoch und teuer, daß er dergleichen Sprünge zeitlebens +nicht gesehen hätte. Sie wollten hernach auch alle wissen, was vor +Geschlechts und Herkommens ich wäre, allein ich sagte es, der Tebel hol +mer, keinem, ich gab mich zwar nur vor einen Vornehmen von Adel aus, +allein sie wollten es doch nicht glauben, sondern sagten, ich müßte noch +weit was Vornehmeres sein, denn meine Augen die hätten mich schon +verraten, daß ich aus keiner Haselstaude entsprungen wäre. Sie fragten +auch meine Charmante, allein der Henker hätte sie wohl geholt, daß sie +was von meiner Geburt erwähnt hätte, denn wenn sie die Historie von der +Ratte gehört hätten, Ei sapperment! wie würden sie gehorcht haben. Nach +gehaltenem Ball fuhr ich mit meiner Charmante in die Opera[18], welche, +der Tebel hol mer, auch da schön zu sehen war, denn sie spielten gleich +selben Tag von der Zerstörung Jerusalems. O sapperment! was war das vor +eine große Stadt, das Jerusalem, welches sie in der Opera da +vorstellten, ich will wetten, daß es, der Tebel hol mer, zehnmal gut +größer war, als die Stadt Hamburg ist, und zerstörten da das Ding auch +so lästerlich, daß man, der Tebel hol mer, nicht einmal sah, wo es +gestanden hatte. Nur immer und ewig schade war es um den wunderschönen +Tempel Salomonis, daß derselbe so mit mußte vor die Hunde gehen, es +hätte mich sollen dünken, daß nur ein Fleckchen daran wäre ganz +geblieben, nein, es mußte von den Soldaten, der Tebel hol mer, alles +ruiniert und zerstört werden. Es waren Krabaten[19] und Schweden, die +das Jerusalem so zuschanden machten. + +[18] Die Hamburger Oper erfreute sich Ende des 17. Jahrhunderts großer +Berühmtheit. + +[19] Kroaten. + +Nach dieser geschehenen Opera fuhr ich mit meiner Charmante auf den +Jungfernstieg (wie es die Herren Hamburger nennen), denn es ist ein sehr +lustiger Ort und liegt mitten in der Stadt Hamburg an einem kleinen +Wasser, welches die Alster genannt wird, da stehen wohl zweitausend +Linden und gehen alle Abend die vornehmsten Kavaliers und Damen der +Stadt Hamburg dahin spazieren und schöpfen unter den Linden frische +Luft. Auf demselben Jungfernstiege war ich mit meiner liebsten Charmante +nun alle Abend da anzutreffen. Denn der Jungfernstieg und das Opernhaus +war immer unser bester Zeitvertreib. Von der Belagerung Wiens spielte +sich auch einmal eine Opera, welche vortrefflich zu sehen war. Ei +sapperment! was schmissen die Türken vor Bomben in die Stadt Wien +hinein; sie waren, der Tebel hol mer, noch zwanzigmal größer als wie +die, welche in der gedachten Sternschanze zu Hamburg liegen. Wie sie +aber von den Sachsen und Polacken dafür bezahlt worden, werden sie wohl +am besten wissen. Denn es blieben wohl von den Türken über +dreißigtausend Mann auf dem Platze, ohne die, welche gefangen genommen +wurden und tödlich blessiert waren, so ich ohngefähr auch etwa auf +achtzehn- bis zwanzigtausend Mann schätze, und vierzigtausend Mann +warens gut, welche die Flucht nahmen. Ei sapperment! wie gingen die +Trompeten da, wie die Stadt entsetzt war, ich will wetten, daß wohl über +zweitausend Trompeter auf dem Dinge hielten und Viktoria bliesen. Mit +dergleichen Lustigkeit vertrieben ich und meine Charmante damals täglich +unsere Zeit in Hamburg. Was michs aber vor Geld gekostet, das will ich, +der Tebel hol mer, niemand sagen, es gereut mich aber kein Heller, +welchen ich mit der Charmante durchgebracht habe, denn es war ein +vortrefflich schön Mensche, und ihr zu Gefallen hätte ich die Hosen +ausziehen und versetzen wollen, wenns am Gelde hätte fehlen sollen, denn +sie hatte mich überaus lieb und hieß mich nur ihren anmutigen Jüngling, +denn ich war dazumal weit schöner als jetzo. Warum? Man wird ferner +hören, wie mich die Sonne unter der Linie[20] so lästerlich verbrannt +hat. Ja Hamburg, Hamburg, wenn ich noch dran gedenke, hat mir manche +Lust gemacht. + +[20] Äquator. + +Und ich wäre, der Tebel hol mer, wohl noch so bald nicht herausgekommen, +ob ich gleich drei ganzer Jahre mich da umgesehen hatte, wenn mein +Rückenstreicher mich nicht so unglücklich gemacht hätte. Welches zwar +wegen meiner Liebsten, der Charmante, herkam, doch kunnte das gute +Mensche auch nicht dafür, daß ich bei Nacht und Nebel durchgehen mußte. +Denn ein brav Kerl muß sich nicht bravieren[21] lassen. Die ganze Sache +war aber also beschaffen. Ich wurde mit meiner Charmante in eine lustige +Gesellschaft gebeten und mußten an demselben vornehmen Orte, wo die +Kompagnie war, des Abends mit da zu Gaste bleiben. Wie wir nun +abgespeist hatten, war es schon sehr spät in die Nacht hinein; wir +wurden auch gebeten, dazubleiben, allein meine Charmante wollte nicht da +schlafen, der vornehme Mann aber, wo wir waren, ließ seine Karosse +anspannen, dieselbe sollte uns nach unserm Quartier zu bringen, damit +wir keinen Schaden nehmen möchten. Wie wir aber bald an den Pferdemarkt +kamen, so bat mich meine Charmante, daß ich mit ihr noch ein halb +Stündchen möchte auf den Jungfernstieg fahren, sie wollte nur sehen, was +vor Kompagnie da anzutreffen wäre. Ich ließ mir solches gefallen und +befahl dem Kutscher, daß er uns dorthin fahren sollte. Als wir aber +durch ein enges Gäßchen nicht weit vom Jungfernstiege fahren mußten, +fingen welche an zu wetzen[22] in derselben Gasse. Nun war ich Blut übel +gewohnt, wenn mir einer vor der Nase herum in die Steine kriegelte, und +hätte, der Tebel hol mer, zehnmal lieber gesehen, es hätte mir einer +eine derbe Presche[23] gegeben, als daß er mir mit dergleichen Wetzen +wäre aufgezogen kommen. Ich war her und sagte zu meiner Charmante, sie +sollte nur mit dem Kutscher wieder umlenken und nach dem Quartier zu +fahren, ich wollte sehen, wem dieser Affront[24] geschähe, und es stünde +mir unmöglich an, daß man dem bravsten Kerl von der Fortune vor der Nase +so herumwetzen sollte. + +[21] Trotz bieten. + +[22] Säbelwetzen galt zu jener Zeit nach studentischer Sitte als +Herausforderung. + +[23] Ohrfeige. + +[24] Beleidigung. + +Meine Charmante aber wollte mich nicht von sich weglassen und meinte, +ich möchte etwa zu Unglück kommen, allein ich sprang, ehe sie sichs +versah, mit gleichen Beinen zur Kutsche heraus, hieß den Kutscher +umlenken und marschierte da den Nachtwetzern nach, welche ich am Ende +des engen Gäßchens noch antraf und zu ihnen anfing, welche wohl bei +ihrer dreißig waren: Was habt ihr Bärenhäuter da zu wetzen? Die Kerls +aber kamen mit ihren bloßen Degen auf mich hineingegangen und meinten, +ich würde mich vor ihnen fürchten. Ich trat zwar einen Schritt zurück, +und da kriegte ich meinen Rückenstreicher heraus. Ei sapperment! wie +hieb und stach ich auf die Kerls hinein, es war, der Tebel hol mer, +nicht anders, als wenn ich Kraut und Rüben vor mir hätte: ihrer fünfzehn +blieben gleich auf dem Platze, ihrer etliche, die ich sehr beschädigt +hatte, baten um gut Wetter und etliche die gaben Reißaus und schrien +nach der Rädelwache. + +[Illustration] + +Ei sapperment! als ich von der Rädelwache hörte, dachte ich, das Ding +dürfte wohl nicht gut mit dir ablaufen, wenn die dich kriegen sollten; +ich war her und marschierte immer spornstreichs nach dem Altonaischen +Tore zu, da spendierte ich dem Torwärter einen ganzen Doppeltaler, daß +er mich durch das Pförtchen mußte hinauslassen. Draußen setzte ich mich +nun auf dieselbe Wiese, wo ich dem einen Staaten aus Holland die falsche +Quinte durch den linken Ellbogen gestoßen hatte, und granste[25] da wie +ein kleiner Junge Rotz und Wasser. Wie ich nun ausgegranst hatte, so +stund ich auf, kehrte mich noch einmal nach der Stadt Hamburg zu, ob ich +sie gleich im Finstern nicht sehen kunnte, und sagte: Nun gute Nacht, +Hamburg, gute Nacht, Jungfernstieg, gute Nacht Opernhaus, gute Nacht +Herr Bruder Graf und gute Nacht meine allerliebste Charmante, gräme dich +nur nicht zu Tode, daß dein anmutiger Jüngling dich verlassen muß, +vielleicht kriegst du ihn bald wiederum anderswo zu sehen. Hierauf ging +ich im Dunkeln fort und immer weiter in die Welt hinein. Ich gelangte +bei frühem Morgen in der Stadt Altona an, welche drei starke deutsche +Meilen von Hamburg liegt, da kehrte ich in dem vornehmsten Wirtshause +ein, welches zum Weinberge genannt wurde, worinnen ich einen Landsmann +antraf, welcher in der Hölle[26] hinterm Kachelofen saß und hatte zwei +vornehme Damens neben sich sitzen, mit welchen er in der Karte falsch +spielte. Demselben gab ich mich zu erkennen und erzählte ihm, wie mirs +in Hamburg gegangen wäre. Es war, der Tebel hol mer, ein brav Kerl auch, +denn er war nur vor etlichen Tagen aus Frankreich gekommen und wartete +allda bei dem Wirte im Weinberge auf einen Wechsel, welchen ihm seine +Frau Mutter mit ehster Gelegenheit schicken würde. Er erzeigte mir sehr +große Ehre, daß ichs, der Tebel hol mer, lebenslang werde zu rühmen +wissen, und gab mir auch den Rat, ich sollte mich nicht lange in Altona +aufhalten, denn wenns erfahren würde in Hamburg, daß der und der sich da +aufhielte, welcher so viel Seelen kaput gemacht hätte, dürfte die +Rädelwache, wenns gleich in einem andern Gebiete wäre, wohl +nachgeschickt werden und mich lassen bei dem Kopfe nehmen. Welchem guten +Rate ich auch folgte, und weil selben Tag gleich ein Schiff von da auf +der See nach dem Lande Schweden zusegelte, dingte ich mich auf dasselbe, +nahm von meinem Herrn Landsmanne Abschied und marschierte von Altona +fort. + +[25] Gransen = greinen, weinen. + +[26] warmer Platz hinter dem Ofen. + +Wie mirs nun dazumal auf der See ging, was ich da und in dem Lande +Schweden gesehen und erfahren habe, wird im folgenden Kapitel überaus +artig zu vernehmen sein. + + + + +3. Kapitel. + + +Es war gleich in der Knoblochs-Mittwoche[27], als ich mich zum ersten +Male auf das Wasser begab. Nun hätte ich vermeint, die Schiffe zu +Hamburg wären groß, worauf man bei dem Jungfernstiege pflegte spazieren +zu fahren, allein so sah ich wohl, daß sie bei Altona auf der See, der +Tebel hol mer, noch tausendmal größer waren, denn die Leute nannten sie +nur die großen Lastschiffe. Auf so eins setzte ich mich nun, und wie ich +von meinem Landsmanne Abschied genommen hatte, schiffte ich da mit fort. + +[27] Mittwoch nach Pfingsten. + +Den dreizehnten Tag gegen zehn Uhr vormittags wurde es +stockrabenfinster, daß man auch nicht einen Stich sehen kunnte, und +mußte der Schiffsmann eine große Lampe vor das Schiff heraushängen, +damit er wußte, wo er zufuhr, denn seinem Kompaß durfte er nicht wohl +trauen, derselbe stockte immer. Wie es nun so gegen Abend kam, Ei +sapperment! was erhub sich vor ein Sturm auf der See, daß wir auch, der +Tebel hol mer, nicht anders meinten, wir würden alle müssen vor die +Hunde gehen. Ich kann, der Tebel hol mer, wohl sagen, daß es uns nicht +anders in solchem Sturme war, als wenn wir in einer Wiege geboiet würden +wie die kleinen Kinder. Der Schiffsmann wollte wohl gern ankern, allein +er hatte keinen Grund und mußte also nur Achtung haben, daß er mit dem +Schiffe an keine Klippe fuhr. Den neunzehnten Tag begunnte der Himmel +sich allmählich wieder zu klären und legte sich der Sturm auch so +geschwind, daß es den zwanzigsten Tag wieder so stille und gut Wetter +wurde, besser als wir es uns selbst wünschten. Zu Ausgang desselben +Monats rochen wir Land und kriegten den folgenden Monat drauf die +Spitzen von den schönen Türmen in Stockholm zu sehen, worauf wir +zusegelten. Als wir nun ganz nah an die Stadt kamen, so hielt der +Schiffsmann stille, hieß uns Fährgeld suchen und aussteigen, welches wir +auch taten. + +Wie wir nun da ans Ufer ausgestiegen waren, so ging hernach einer hier +hinaus, der andere dort hinaus; ich wanderte nun gleich auch mit in die +Stadt, und weil ich in keinem gemeinen Wirtshause Lust zu logieren +hatte, blieb ich in der Vorstadt und nahm mein Quartier bei dem +Lustgärtner, welcher, der Tebel hol mer, ein überaus wackerer Mann war. +Sobald als ich mich nun bei ihm anmeldete und um Quartier ansprach, +sagte er gleich ja. Flugs darauf erzählte ich ihm meine Geburt und die +Begebenheit von der Ratte. Ei sapperment! was war es dem Manne vor eine +Freude, als er diese Dinge hörte, er war, der Tebel hol mer, auch so +höflich gegen mich und hatte sein Mützchen stets unter dem Arme, wenn er +mit mir redete, denn er hieß mich nur Ihr Gnaden. Nun sah er auch wohl, +daß ich ein brav Kerl war und daß was Großes hinter mir stecken mußte. +Er hatte einen vortrefflichen schönen Garten, da kamen nun fast täglich +die vornehmsten Leute aus der Stadt zu ihm spazieren gefahren. Ob ich +mich nun wohl wollte da inkognito aufhalten und mich nicht zu erkennen +geben, wer und wes Standes ich wäre, so wurde ich doch bald verraten. Ei +sapperment! was kriegte ich da vor Visiten von den vornehmsten Damens in +Stockholm. Es kamen, der Tebel hol mer, alle Tage wohl dreißig Kutschen +voll immer in den Garten gefahren, daß sie mich nur sehen wollten, denn +der Lustgärtner mochte mich gegen die Leute so herausgestrichen haben, +was ich vor ein brav Kerl wäre. + +Unter anderm kam immer ein Frauenzimmer in den Garten gefahren, ihr +Vater war der vornehmste Mann mit bei der Stadt, die hießen die Leute +nur Fräulein Lisette, es war, der Tebel hol mer, ein vortrefflich schön +Mensche; dieselbe hatte sich nun bis auf den Tod in mich verliebt und +gab recht ordentlich Freiens auch bei mir vor, daß ich sie nehmen +sollte. Ich antwortete derselben hierauf aber sehr artig und sagte, wie +daß ich ein brav Kerl wäre, dem was Rechts aus den Augen heraus sähe, +daß also dieselbe vor dieses Mal mit keiner gewissen Antwort könnte +versehen werden. Sapperment! wie fing das Mensche an zu heulen und zu +schreien, da ich ihr den Korb gab, daß ich also, der Tebel hol mer, +nicht wußte, woran ich mit ihr war. Endlich fing ich zu ihr an, daß ich +mich in Hamburg schon mit einer halb und halb versprochen, allein ich +hätte keine Post von ihr, ob sie noch lebte oder ob sie tot wäre. Sie +sollte sich nur zufriedengeben, in etlichen Tagen wollte ich ihr Antwort +wiedersagen, ob ich sie nehmen wollte oder nicht. Hierauf gab sie sich +wieder zufrieden und fiel mir um den Hals und meinte es auch, der Tebel +hol mer, so gut mit mir, daß ich mich auch gänzlich resolvieret hatte, +die Charmante fahren zu lassen und mich an Fräulein Lisetten zu hängen. +Hierauf nahm sie mit weinenden Augen von mir Abschied und sagte, daß sie +den morgenden Tag früh wieder zusprechen wollte, und fuhr damit in die +Stadt nach ihren Eltern zu. Was geschah? Der morgende Tag kam herbei, +ich ließ eine gute frische Milch zurichten, mit derselben wollte ich +das Fräulein Lisette im Garten nun traktieren: der Vormittag lief +vorbei, der Nachmittag war auch fast zu Ende, ich wartete im Garten +immer mit der frischen Milch, es wollte aber kein Fräulein Lisette +kommen, daß ich auch, der Tebel hol mer, so toll war und, weil ich mich +nicht rächen kunnte, der frischen Milch in die Haare geriet und die in +der Bosheit reine ausfraß. Indem ich den letzten Löffel voll ins Maul +steckte, kam des Gärtners Junge spornstreichs zum Garten hineingelaufen +und fragte mich, ob ich was Neues wüßte. Wie ich nun gerne wissen +wollte, was es gäbe, fing er an: Das Fräulein Lisette, welche gestern +abend so lange im Garten bei mir gewesen, wäre diese Nacht so plötzlich +gestorben. Ei sapperment! wie erschrak ich über die Post, daß mir auch +der letzte Löffel voll Milch im Halse gleich verstarrte. Ja, fing der +Junge weiter an, und der Doktor hätte gesagt, sie müßte sich worüber +sehr gegrämt haben, sonst wäre sie wohl nicht gestorben, weil ihr ganz +keine Krankheit wäre anzusehen gewesen. Ei sapperment! wie jammerte mich +das Mensche, und da war wohl, der Tebel hol mer, niemand an ihrem Tode +schuld als eben ich, weil ich sie nicht haben wollte. Das Mensche +dauerte mich, der Tebel hol mer, sehr lange, ehe ich sie vergessen +kunnte. Ich ließ ihr auch zu Ehren einen Poeten folgende Zeilen dichten +und auf ihren Leichenstein hauen, welcher die heutige Stunde noch in +Stockholm auf ihrem Grabe wird zu lesen sein: + + Steh! flüchtger Wandersmann, betrachte diesen Stein, + Und rate, wer allhier wohl mag begraben sein: + Es starb vor Liebesgram ein Lieschen in dem Bette, + Nun rate, wer hier liegt: das schöne Kind Lisette. + +Nach diesem Lieschen verliebte sich hernach eines vornehmen Nobels +Tochter in mich, dieselbe hieß Damigen und gab nun ebenfalls wieder +Freiens bei mir vor. Es war, der Tebel hol mer, ein unvergleichlich +Mensche auch. Mit derselben mußte ich alle Tage spazieren fahren und +mich stets mit ihr schleppen. Ob ich nun wohl des Nobels Tochter sehr +wohl gewogen war und auch Vertröstung getan, sie zu nehmen, so hatte ich +aber den Handschlag dennoch nicht von mir gegeben, allein es trugen sich +alle kleine Jungen auf der Gasse mit herum, daß Jungfer Damigen eine +Braut wäre und was sie vor so einen vornehmen braven Kerl zum Manne +kriegte. Ich hatte mich auch gänzlich resolviert, sie zu heiraten, und +hätte sie auch genommen, wenn sie nicht ihr Herr Vater ohne mein und ihr +Wissen und Willen einem andern Nobel versprochen gehabt. Was geschah? +Damigen bat mich einstmals, daß ich mit ihr mußte an einem Sonntage +durch die Stadt spazieren gehen, damit mich doch die Leute nur sähen, +denn sie hätten von dem Lustgärtner gehört, daß ich so ein braver, +vortrefflicher Kerl wäre, dem nichts Ungemeines aus den Augen funkelte, +und also trügen ihrer viel groß Verlangen, mich doch nur zu sehen. Nun +kunnte ich ihr leicht den Gefallen erweisen und sie in der Stadt ein +wenig herumführen. Wie nun die Leute sahen, daß ich mit meiner Damigen +da angestochen kam, O sapperment! wie legten sie sich zu den Fenstern +heraus. Bald stunden an einer Ecke ein paar Mägde, die sagten: Ach ihr +Leute! Denkt doch, wie Jungfer Damigen so wohl ankömmt, sie kriegt den +Kerl da, der sie bei der Hand führt, das Mensche ist ihn nicht einmal +wert. Solche und dergleichen Reden murmelten die Leute nun so heimlich +zueinander. Es war auch ein Nachgesehe, daß ichs, der Tebel hol mer, +nicht sagen kann. Als wir nun auf den Markt kamen und allda uns ein +wenig aufhielten, daß ich das Volk recht sehen sollte, mag derselbe +Nobel dieses gewahr werden, daß ich Damigen, welche er zur Liebsten +haben sollte, nach aller Lust da herumführe; ich versah mich aber dieses +nicht, daß der Kerl solch närrisch Ding vornehmen wird. Indem mich nun +die Leute und meine Damigen mit großer Verwunderung ansahen, kam er von +hinterrücks und gab mir, der Tebel hol mer, eine solche Presche, daß mir +der Hut weit vom Kopfe flog, und lief hernach geschwinde in ein Haus +hinein. O sapperment! wie knirschte ich mit den Zähnen, daß sich der +Kerl solch Ding unterstund, und wenn er nicht gelaufen wäre, ich hätte +ihm, der Tebel hol mer, die falsche Quinte gleich durchs Herze gestoßen, +daß er das Aufstehen wohl vergessen sollen. Ich war auch willens, ihn zu +verfolgen, wenn mich Damigen nicht davon noch abgehalten hätte, die +sagte, es möchte so ein groß Aufsehens bei den Leuten erwecken, und ich +könnte ihn schon zu anderer Zeit finden. Den andern Tag drauf, als ich +mich nun erkundigt, wo der Kerl wohnte, welcher mir die Ohrfeige +gegeben, schickte ich des Gärtners Jungen zu ihm und ließ ihm sagen, ich +hielte ihn vor keinen braven Kerl, sondern vor den allerelendesten +Bärenhäuter auf der Welt, wenn er nicht die und die Zeit draußen auf der +großen Wiese mit ein paar guten Pistolen erschiene, und da wollte ich +ihm weisen, daß ich ein braver Kerl wäre. Was geschieht, als des +Lustgärtners Junge dem Nobel diese Worte nun so unter die Nase reibt und +von Pistolen schwatzt? Ei sapperment! wie erschrickt der Kerl, daß er +nicht weiß, was er dem Jungen antworten soll. Wie nun der Junge spricht, +was er denn dem vornehmen Herrn zur Antwort hierauf wiederbringen +sollte, fängt er endlich an, er müsse gestehen, ja, daß er mir den Hut +vom Kopfe geschmissen, und hätte es ihn so verdrossen, daß ich Jungfer +Damigen als seine zukünftige Liebste bei der Hand geführt, und dasselbe +hätte er gar nicht leiden können. Da ich ihn nun wegen der gegebenen +Ohrfeige flugs auf Pistolen hinausforderte, würde er wohl schwerlich +kommen, denn es wäre so eine Sache mit den Schüssen, wie leichtlich +könnte er oder ich was davon bekommen; was hätten wir denn hernach +davon, und darauf käme er nicht; wollte ich mich aber mit ihm auf +trockene Fäuste schlagen, so wollte er seine Mutter erstlich drum +fragen, ob sie solches zugeben wollte. Wo sie aber ihm solches auch +nicht verwilligte, könnte er mir vor die Ohrfeige keine Revanche geben. +O sapperment! als mir der Junge solche Antwort von dem Nobel +wiederbrachte, hätte ich mich, der Tebel hol mer, flugs mögen zustoßen +und zureißen. Ich war her und besann mich, wie ich ihn wiedertraktieren +wollte. Erstlich wollte ich ihn auf der Gasse übern Haufen stoßen und +fortgehen, so dachte ich aber: wo wird dich dein Damigen hernach suchen? +Endlich resolvierte ich mich, ich wollte ihm in öffentlicher Kompagnie +die Presche gedoppelt wiedergeben. Das hätte ich auch getan, wenn der +Kerl nicht wegen des Pistolenhinausforderns so ein groß Wesen flugs +gemacht hätte, daß ich also von hoher Hand gebeten wurde, ich möchte es +nur gut sein lassen; genug, daß sie alle wüßten, daß ich ein brav Kerl +wäre, desgleichen wohl wenig in der Welt würde gefunden werden. Als ich +dieses hörte, daß von hoher Hand man mich bat, daß ich ihn sollte +zufrieden lassen, und mich alle vor den bravsten Kerl auf der Welt +ästimierten, hätte ich mir hernach wohl die Mühe genommen, daß ich +wieder an ihn gedacht hätte. Allein mein Damigen kriegte ich doch auch +nicht. Ihr Vater ließ mir zwar sagen, er sähe wohl, daß ich ein brav +Kerl wäre, desgleichen man wenig finde, allein seine Tochter hätte er +einem Nobel versprochen, und wer kein Nobel wäre, der dürfte sich auch +nicht die Gedanken machen, daß er sie kriegen würde. Ich ließ ihm aber +hierauf artig wiedersagen, wie daß er nämlich recht geredet, daß ich ein +brav Kerl wäre, desgleichen wohl wenig in der Welt anzutreffen wäre, und +ich hätte ja seine Tochter noch niemals verlangt, sondern sie hätte mich +haben wollen. + +Nach diesem hatte ich mir auch gänzlich vorgenommen, Stockholm wieder zu +verlassen, weil ich in dem zweiten ganzen Jahr schon da mich umgesehen. +Indem ich mich nun resolviert, den andern Tag wieder auf das Schiff zu +begeben, ging ich den Tag vorher noch einmal in des Gärtners Lustgarten +und sah, ob die Pflaumen bald reif waren; indem ich einen Baum so nach +dem andern beschaute, kam des Gärtners Junge sporenstreichs wieder auf +mich zugelaufen und sagte, daß jemand draußen vorm Tore mit einem +schönen Schellenschlitten hielte, der wollte mich gerne sprechen. Er +hätte einen großen grünen Fuchspelz an. Nun kunnte ich mich nicht flugs +besinnen, wer es sein müßte, endlich besann ich mich auf meinen Herrn +Bruder Grafen, der es etwa sein müßte, und lief geschwinde mit dem +Jungen aus dem Garten vor. Wie ich vor kam, so wars, der Tebel hol mer, +mein Herr Bruder Graf, welchen ich zu Hamburg im Stiche gelassen. O +sapperment! wie erfreuten wir uns alle beide, daß wir einander +wiedersahen. Ich nahm ihn gleich mit in des Gärtners Stube und ließ ihm +flugs was zu essen und zu trinken geben, denn er war, der Tebel hol mer, +bald ganz verhungert und sein Pferd sah auch ganz mager aus, das mußte +des Gärtners Junge flugs hinaus auf die Wiesen in die Weide reiten, auf +daß sichs wieder ausfressen sollte. Damit erzählte er mir nun allerhand, +wie es ihm in Hamburg noch gegangen wäre und wie die Dame Charmante mich +so bedauert, als ich die Flucht nehmen müssen und sie so unverhofft +verlassen. Er brachte mir auch einen Brief mit von ihr, welchen sie nur +verloren[28] an mich geschrieben, daß er mir denselben doch zustellen +möchte, denn sie hatte vermeint, ich wäre schon längstens tot, weil ich +ihr gar nicht geschrieben, wo ich wäre. Der Inhalt des Briefes war, wie +folgt, also und zwar versweise: + +[28] aufs geratewohl. + + »A n m u t i g e r J ü n g l i n g + + Lebst du noch? oder liegst du schon verscharret? + Weil du weder Brief noch Gruß deiner Liebsten schickest ein? + Ach! so heißt es leider! wohl recht umsonst auf das geharret, + Was man in Gedanken küßt und muß längst verweset sein. + Bist du tot? so gönn ich dir dort die höchst vergnügten Freuden, + Lebst du noch, anmut'ger Schatz? und erblickest dieses Blatt, + Welches die Charmante schickt, die dich mußte plötzlich meiden, + Als dein tapfrer Heldenmut dich verjagte aus der Stadt, + Lebst du noch? so bitt' ich dich, schreib mir eiligst doch zurücke, + Wo du bist, es mag der Weg auch sehr höchst gefährlich sein, + So will ich dich sprechen bald mit des Himmels gutem Glücke, + Wenn du hierauf nur ein Wort erst Charmanten lieferst ein«. + +Als ich diesen Brief gelesen, ging mir die Charmante so zu Gemüte, daß +ich mich des Weinens nicht enthalten kunnte, sondern hieß meinen Herrn +Bruder Grafen essen und ging hinaus vor die Stubentür und granste, der +Tebel hol mer, da wie ein kleiner Junge. Als ich nun ausgegranst hatte, +sagte ich zum Lustgärtner, er sollte mir doch Feder und Tinte geben, ich +wollte eiligst diesen Brief beantworten. Der Lustgärtner sagte hierauf, +es stünde alles zusammen oben in der Sommerstube, und wenn ichs +verlangte, so wollte er solches herunterholen lassen, beliebte mir aber +droben zu schreiben, allwo ich nicht von Reden gestört würde, könnte +ichs auch tun. Ich ließ mir solches gefallen, bat den Herrn Bruder +Grafen, ob er mir verzeihen wollte, daß ich ihn ein wenig alleine ließe, +und ich wäre nur gesonnen, den Brief wieder zu beantworten und +fortzuschicken. Der Herr Bruder Graf sagte hierauf nur, daß ich doch +mit ihm kein Wesens machen sollte, und ich möchte so lange schreiben, +als ich wollte, er würde mich daran nicht hindern. Damit so wanderte ich +zur Stubentür hinaus und wollte eiligst die Treppe hinauflaufen; ich +werde es aber nicht gewahr, daß eine Stufe ausgebrochen ist, und falle +da mit dem rechten Bein hinein in die Lücke, wo die Stufe fehlt, und +breche, der Tebel hol mer, das Bein flugs murrsch entzwei. O sapperment! +wie fing ich an zu schreien! Sie kamen alle, wie auch der Herr Graf, +dazu gelaufen und fragten, was mir wäre, allein es kunnte mir keiner +helfen, das Bein war einmal in Stücken. Der Lustgärtner schickte flugs +nach dem Scharfrichter, daß der kommen mußte und mich verbinden, denn es +war, der Tebel hol mer, ein wackerer Mann im Bruch heilen; derselbe +brachte mirs sehr artig wieder zurechte, ob er gleich zwölf ganzer +Wochen an demselben dokterte. Als ich nun so ein bischen drauf wieder +fußen kunnte, so mußte ich hernach allererst der Charmante ihren Brief +beantworten, welcher folgendermaßen auch versweise sehr artig +eingerichtet war: + + »Mit Wünschung zuvor alles Liebes und Gutes, + Schelmuffsky lebet noch und ist sehr guten Mutes! + Hat er gleich vor zwölf Wochen gebrochen das rechte Bein, + So wird dasselbe doch vom Scharfrichter bald wieder geheilet sein. + Der Herr Bruder Graf ist mit seinem Schlitten bei mir glücklich + ankommen, + Und einen Brief mitgebracht, woraus ich vernommen, + Daß meine liebe Charmante gerne wissen möchte, ob ich lebendig oder + tot. + Es hat mit mir, der Tebel hol mer, noch keine Not. + Ich lebe itzunder in dem Lande Schweden, + Wenn nun, du herzes Kind, willst gerne mit mir reden, + Zu Stockholm bei dem Lustgärtner in der Vorstadt hab' ich mein + Quartier, + So mußt du bald kommen her zu mir, + Denn ich werde nicht gar lange mehr da bleiben. + Das ists nun, was ich dir zur Antwort hiermit habe wollen fein + geschwinde schreiben. + Indessen lebe wohl, gesund frisch spat und früh, + Und ich verbleibe allezeit dein + + a n m u t i g e r J ü n g l i n g + S c h e l m u f f s k y«. + +Ob ich mich nun wohl aufs Versemachen nicht groß gelegt hatte, so war +mir doch, der Tebel hol mer, dieser Brief versweise sehr artig geraten. +Denselben schickte ich nun durch des Gärtners Jungen zu Stockholm ins +Posthaus, damit er cito[29] möchte nach Hamburg bestellt werden. Hierauf +gingen kaum vier Wochen ins Land, so kam meine liebste Charmante auch +anmarschiert. Wie sie mich nun sah, sapperment! fiel mir das Mensche +nicht um den Hals und herzte mich! Sie erzählte mir hernach auch, wie +mich die Rädelwache zu Hamburg gesucht hätte, weil ich so viel Kerls +hätte zu schanden gehauen, und wie mich die Kompagnie auf dem Tanzboden +so ungerne verloren, weil ich einen vortrefflichen Springer abgegeben. +Ich sollte ihr auch erzählen, wie mirs die Zeit über gegangen wäre, als +ich von Hamburg die Flucht nehmen müssen. Damit erzählte ich ihr, und +auch, wie wir auf der See hätten Sturm gehabt und was ich vor allerhand +Fische gesehen, aber wie mirs in Stockholm mit der Ohrfeige wegen +Jungfer Damigen gegangen wäre, davon sagte ich ihr, der Tebel hol mer, +kein Wort. + +[29] schnell. + +Ob ich nun wohl, wie mein Bein völlig wieder kuriert war, mich wollte zu +Schiffe wieder setzen und die Welt weiter besehen, so ließ ich mich doch +auf der Charmante ihr Bitten überreden, daß ich ein halb Jahr noch in +Stockholm blieb und ihr dieses und jenes zeigte. Nun ist eben nichts +Sonderliches da zu sehen, als daß Stockholm eine brave Stadt ist, sehr +lustig liegt und um dieselbe herum schöne Gärten, Wiesen und +vortreffliche Weinberge angebaut sein, und daß, der Tebel hol mer, der +schönste Neckarwein da wächst. Allein von Fischwerk und solchen Sachen +gibts eben so wenig als in Hamburg. Forellen hat man zwar genug auch da, +allein, wer kann einerlei Fische immer essen; aber unerhörte Viehzucht +gibts da wegen der Gräserei: es gibt, der Tebel hol mer, Kühe dort, da +eine wohl auf einmal vierzig bis fünfzig Kannen Milch gibt. Sie machen +im Winter auch flugs Butter, die sieht, der Tebel hol mer, wie das +schönste gewundene Wachs aus. + +Nachdem ich meine Charmante nun überall herumgeführt und ihr dieses und +jenes in Stockholm gezeigt, machte ich mich mit ihr benebst dem Herrn +Bruder Grafen wieder reisefertig, bezahlte, was ich da bei dem +Lustgärtner verzehrt hatte, und dingten uns auf ein Schiff, welches uns +mit sollte nach Holland nehmen. Wie wir nun mit dem Schiffe richtig +waren, packte der Herr Graf seinen Schellenschlitten mit seinem Pferde +auch auf das Schiff, daß er, wenn er zu Lande käme, wieder kutschen +könnte. Als es bald Zeit war, daß das Schiff fortsegeln wollte, nahmen +wir von dem Lustgärtner Abschied und bedankten uns nochmals vor allen +guten erzeigten Willen. Da fing, der Tebel hol mer, der Mann an zu +weinen wie ein klein Kind, so jammerte ihn unser Abschied. Er beschenkte +mich auch zuguterletzt mit einer wunderschönen Blume, ob dieselbe gleich +kohlpechschwarze Blätter hatte, so kunnte man sie doch, der Tebel hol +mer, auf eine ganze Meile Wegs riechen. Er nannte sie nur Viola +Kohlrabi, dieselbe Viola Kohlrabi nahm ich nun auch mit. Damit +marschierten wir nun fort und nach dem Schiffe zu. Als wir nun dahin +kamen, Sapperment! was sah man da vor Volk, welches mit nach Holland +gehen wollte, es waren, der Tebel hol mer, wohl an sechstausend Seelen, +die setzten sich nun alle auch mit zu Schiffe und waren Willens, Holland +zu besehen. Wie es uns aber dasselbe Mal auf der See erbärmlich ging, +werden einem die Haare zu Berge stehen, wer folgendes Kapitel lesen +wird. + + + + +4. Kapitel. + + +Als wir von Stockholm abfuhren, war es gleich um selbe Zeit, da die +Kirschen und Weintrauben sich anfingen zu färben. Sapperment! was war da +vor ein Gekribbele und Gewibbele auf dem Schiffe von soviel Leuten. Ich +und meine Liebste Charmante wie auch der Herr Bruder Graf, weil der +Schiffsmann sah, daß wir Standespersonen waren, hatten ein eigenes +Zimmer auf dem Schiffe zu unserer Bequemlichkeit inne. Die andern +Sechstausend aber mußten, der Tebel hol mer, alle nach der Reihe auf +einer Streu schlafen. Wir schifften etliche Wochen sehr glücklich fort +und waren alle brav lustig auf dem Schiffe, als wir aber an die Insel +Bornholm kamen, wo es so viel Klippen gibt, und wenn ein Schiffsmann die +Wege da nicht weiß, gar leichtlich umwerfen kann, ei Sapperment! was +erhub sich im Augenblick vor ein großer Sturm und Ungestüm auf der See; +der Wind schmiß, der Tebel hol mer, die Wellen die höchsten Türme hoch +über das Schiff weg und fing an kohlpechrabenstockfinster zu werden. Zu +dem allergrößten Unglücke noch hatte er zu Stockholm im Wirtshause den +Kompaß auf dem Tische stehen lassen und vergessen, daß er also ganz +nicht wußte, wo er war und wo er zufahren sollte. Das Wüten und Toben +von dem grausamen Ungestüm währte vierzehn ganzer Tage und Nacht, den +fünfzehnten Tag, als wir vermeinten, es würde ein wenig stille werden, +so erhub sich wieder ein Wetter und schmiß der Wind unser Schiff an +eine Klippe, daß es, der Tebel hol mer, in hunderttausend Stücke sprang. +Sapperment! was war da vor ein Zustand auf der See! Es ging Schiff, +Schiffsmann und alles, was nur zuvor auf dem Schiffe war, in einem +Augenblick zugrunde, und wenn ich und mein Herr Bruder Graf nicht so +geschwinde ein Brett ergriffen hätten, worauf wir uns flugs legten, daß +wir zu schwimmen kamen, so wäre kein ander Mittel gewesen, wir hätten +gleichfalls mit den sechstausend Seelen müssen vor die Hunde gehen. O +sapperment! was war da von den Leuten ein Gelamentiere in dem Wasser! +nichts mehr dauert mich noch die Stunde, als nur meine allerliebste +Charmante, wenn ich an dasselbe Mensche gedenke, gehen mir, der Tebel +hol mer, die jetzige Stunde die Augen noch über. Denn ich hörte sie wohl +zehnmal noch im Wasser »Anmutiger Jüngling« rufen; allein was kunnte ich +ihr helfen, ich hatte, der Tebel hol mer, selbsten zu tun, daß ich nicht +von dem Brette herunterkippte, geschweige daß ich ihr hätte helfen +sollen. Es war immer und ewig schade um dasselbe Mensche, daß es da so +unverhofft ihr Leben mit in die Schanze schlagen mußte. Es kunnte sich +auch, der Tebel hol mer, nicht eine einzige Seele retten als ich und der +Herr Graf auf dem Brette. + +Als ich und mein Herr Bruder Graf diesem Trauerspiele auf unserm Brette +in der Ferne nun so eine Weile zugeschaut, plätscherten wir mit unsern +Händen auf demselben fort und mußten wohl über hundert Meilen schwimmen, +ehe wir wieder an Land kamen. Nach Verfließung dreier Tage bekamen wir +die Spitzen und Türme von Amsterdam zu sehen, worauf wir gleich zu +marschierten und den vierten Tag früh um zehn Uhr hinter des +Bürgermeisters Garten mit unserm Brette nach viel ausgestandener +Gefährlichkeit allda anlandeten. Damit gingen wir durch des +Bürgermeisters Garten durch und immer nach desselben Hause zu. Der Herr +Bruder Graf, der mußte nun das Brett tragen und ich ging voran. Wie wir +nun die Gartentüre aufklinkten, welche in des Bürgermeisters Hof ging, +so stund der Bürgermeister gleich in der Haustüre und sah uns da +angemarschiert kommen. Mit was vor Verwunderung uns auch der Mann ansah, +will ich wohl keinem Menschen sagen, denn wir sahen wie die gebadeten +Mäuse so naß aus; dem Herrn Grafen lief das Wasser immer noch von seinen +samtnen Hosen herunter, als wenn einer mit Mulden gösse. Ich erzählte +dem Herrn Bürgermeister aber flugs mit zwei, drei Worten ganz artig, wie +daß wir Schiffbruch gelitten und auf dem Brette so weit schwimmen +müssen, ehe wir an Land gekommen. Der Herr Bürgermeister, welcher, der +Tebel hol mer, ein wackerer, braver Mann war, der hatte groß Mitleiden +mit uns, er führte uns in seine Stube, hieß warm einheizen, damit mußten +ich und mein Herr Bruder Graf in die Hölle hinterm Ofen treten und uns +wieder trocknen. Sobald uns nun ein wenig der warme Ofen zu passe kommen +war, fing der Herr Bürgermeister an und fragte, wer wir wären. Ich fing +hierauf gleich an und erzählte demselben ganz artig meine Geburt und wie +es mit der Ratte damals wäre zugegangen. O sapperment! was sperrte der +Mann vor ein Paar Augen auf, als ich ihm von der Ratte solche Dinge +erzählte, er nahm hernach allemal auch, wenn er mit mir redete, sein +Mützchen unter den Arm und titulierte mich Ihre sehr Hochwohlgeborne +Herrlichkeiten. + +Alsobald ließ er den Tisch decken und traktierte mich und den Herrn +Grafen, der Tebel hol mer, recht delikat. Sobald als wir nun gespeist +hatten, kamen etliche von den vornehmsten Staaten in des Bürgermeisters +Haus und gaben mir und meinem Herrn Bruder Grafen eine Visite. Sie baten +uns auch zu sich zu Gaste und erwiesen uns große Ehre, daß ich also wohl +sagen kann, daß Amsterdam, der Tebel hol mer, eine vortreffliche Stadt +ist. Es wurde zu derselben Zeit bald eine vornehme Hochzeit, wozu man +mich und meinen Herrn Bruder Grafen auch invitierte. Denn es heiratete +ein Lord aus London in England eines vornehmen Staatens Tochter zu +Amsterdam, und wie es nun da gebräuchlich ist, daß die vornehmen +Standespersonen, welche zur Hochzeit gebeten werden, allemal Braut und +Bräutigam zu Ehren ein Hochzeitskarmen drucken lassen und sie damit +beehren, so wollte ich hierinnen mich auch sehen lassen, daß ich ein +brav Kerl wäre. Es war gleich um selbe Zeit bald Gertraute[30], daß der +Klapperstorch bald wiederkommen sollte, und weil die Braut Traute hieß, +so wollte ich meine Invention[31] von dem Klapperstorche nehmen, und der +Titel sollte heißen: Der fröhliche Klapperstorch. Ich war her und setzte +mich drüber und saß wohl über vier Stunden: daß mir doch wäre eine Zeile +beigefallen? Der Tebel hol mer, nicht ein Wort konnte ich zuwege +bringen, das sich zu dem fröhlichen Klapperstorche geschickt hätte; ich +bat meinen Herrn Bruder Grafen, er sollte es versuchen, ob er was könnte +zur Not herbringen, weil mir nichts beifallen wollte. Der Herr Graf +sagte nun, wie er vor diesem wäre in die Schule gegangen, so hätte er +ein bischen reimen lernen, ob ers aber würde noch können, wüßte er +nicht, doch müßte ers versuchen, obs angehn wollte. Hierauf setzte sich +der Graf nun hin, nahm Feder und Tinte und fing da an zu dichten. Was er +damals nun aufschmierte, waren folgende Zeilen: + +[30] Tag im Kalender. + +[31] Dichterische Erfindung. + + Die Lerche hat sich schon in Lüften präsentieret, + Und Mutter Flora steigt allmählich aus dem Neste; + Schläft gleich die Maja noch in ihrem Zimmer feste; + Daß also jetzger Zeit viel Lust nicht wird gespüret. + Dennoch so will ... + +Als er über diesen Zeilen nun so wohl eine halbe Stunde gesessen, so +guckte ich von hinten auf seinen Zettel und sah, was er gemacht hatte. +Wie ich nun das Zeug las, mußte ich, der Tebel hol mer, recht über den +Herrn Bruder Grafen lachen, daß es solch albern Gemächte war. Denn +anstatt daß er den Klapperstorch hätte setzen sollen, hatte er die +Lerche hingeschmiert, und wo Traute stehen sollte, hatte er gar einen +Flor genommen; denn der Flor schickt sich auch auf die Hochzeit, und +dazu hätte sichs auch hintenaus reimen müssen. Denn präsentieret und +Neste, das reimt sich auch, der Tebel hol mer, wie eine Faust aufs Auge. +Er wollte sich zwar den Kopf weiter darüber zerbrechen, allein so hieß +ichs ihn nur sein lassen und dafür schlafen. Ob ich nun wohl auch selben +Tag ganz nichts zuwege bringen kunnte, so setzte ich mich folgenden Tag +früh doch wieder drüber und wollte von Gertrauten und dem Klapperstorche +der Braut ein Karmen machen. O sapperment! als ich die Feder ansetzte, +was hatte ich dazumal vor Einfälle von dem Klapperstorche, daß ich auch, +der Tebel hol mer, nicht länger als einen halben Tag darüber saß, so war +es fertig und hieß, wie folgt, also: + + D e r f r ö h l i c h e K l a p p e r s t o r c h. + + Gertrautens-Tag werden wir balde nun haben, + Da bringet der fröhliche Klapperstorch Gaben, + Derselbe wird fliehen über Wasser und Gras + Und unsrer Braut Trauten verehren auch was, + Das wird sie, der Tebel hol mer, wol sparen, + Und keinem nicht weisen in dreiviertel Jahren. + Worzu denn wünschet bei dieser Hochzeit + Gesunden und frischen Leib bis in Ewigkeit, + Auch langes Leben spat und früh, + Eine Standesperson v o n S c h e l m u f f s k y. + +Sobald als nun die Hochzeitstage herbeirückten, wurde ich und der Herr +Bruder Graf von der Braut Vater gebeten, daß wir doch seiner Tochter die +große Ehre antun möchten und sie zur Trauung führen; ich antwortete dem +Hochzeitsvater hierauf sehr artig, wie daß ich vor meine Person solches +gerne tun wollte, aber ob mein Herr Bruder Graf dabei würde erscheinen +können, zweifelte ich sehr, dieweil der arme Schelm das kalte Fieber +bekommen hätte und ganz bettlägerig worden wäre. Dem Herrn +Hochzeitsvater war solches sehr leid, und weil es nicht sein kunnte, +mußte der Herr Bürgermeister seine Stelle vertreten. Als ich nun die +Braut zur Trauung mitführte, O sapperment! was war vor ein Aufgesehe von +dem Volke, sie drückten, der Tebel hol mer, bald einander ganz zunichte, +nur weil ein jedweder mich so gerne sehen wollte. Denn ich ging sehr +artig neben der Braut her in einem schwarzen langen seidenen Mantel mit +einem roten breiten Samtkragen. In Amsterdam ist es nun so die Mode, da +tragen die Standespersonen auf ihren schwarzen Mänteln lauter rote +Samtkragen und hohe spitzige Hüte. Ich kanns, der Tebel hol mer, nicht +sagen, wie ich das Mensche so nett zur Trauung führte und wie mir der +spitzige Hut und lange Mantel mit dem roten Samtkragen so proper +ließ[32]. Da nun die Trauung vorbei und die Hochzeit anging, mußte ich +mich flugs zur Braut setzen, welches nächst dem Bräutigam die oberste +Stelle war, hernach saßen erstlich die andern vornehmen Standespersonen, +welche mich alle, zumal die mich noch nicht groß gesehen hatten, mit +höchster Verwunderung ansahen und wohl bei sich dachten, daß ich einer +mit von den vornehmsten und bravsten Kerlen müßte auf der Welt sein (wie +es denn auch wahr war), daß man mir die Oberstelle eingeräumt hatte. + +[32] so wohl anstand. + +Wie wir nun so eine Weile gespeist hatten, kam der Hochzeitsbitter vor +den Tisch getreten und fing an: wer unter den Herren Hochzeitsgästen von +Standespersonen dem Herrn Bräutigam oder der Jungfrau Braut zu Ehren ein +Karmen verfertigt hätte, der möchte so gut sein und solches +präsentieren. Sapperment! wie griffen sie alle in die Schubsäcke und +brachte ein jedweder einen gedruckten Zettel herausgeschleppt und waren +willens, solches zu übergeben. Weil sie aber sahen, daß ich auch in +meinen Hosen herummährte[33] und auch was suchte, dachten sie gleich, +daß ich ebenfalls was würde haben drucken lassen, und wollte mir keiner +vorgehen. Endlich so brachte ich mein Karmen[34], welches ich auf roten +Atlas drucken lassen, aus dem Hosenfutter herausgezogen. O sapperment! +was war vor Aufsehens da bei den Leuten! Dasselbe übergab ich nun zu +allererst der Braut mit einem überaus artigen Komplimente. Als sie nun +den Titel davon erblickte, Sapperment! was machte das Mensche vor ein +Gesicht! da sie aber nun erstlich solches durchlas, so verkehrte sie, +der Tebel hol mer, die Augen im Kopfe wie ein Kalb, und ich weiß, daß +sie wohl dasselbe Mal dachte, wenn nur der Klapperstorch schon da wäre. +Die andern mochten nun Lunte riechen, daß mein Hochzeitskarmen unter +ihnen wohl das beste sein müßte, und steckten, der Tebel hol mer, fast +ein jedweder seines wieder in die Ficke. Etliche übergaben zwar ihre, +allein weder Braut noch Bräutigam sah keins mit einem Auge an, sondern +legten es gleich unter den Teller, aber nach meinem war, der Tebel hol +mer, ein solch Gedränge, weil sie alle es so gerne sehen und lesen +wollten. Warum? Es war vor das erste von ungemeiner Invention[35] und +vor das andere überaus artig und nettes Deutsch. Dahingegen die andern +Standespersonen zu ihren Versen lauter halbgebrochene Worte und +ungereimt Deutsch genommen hatten: Ei sapperment! was wurde bei den +Leuten vor Aufsehens erweckt, als sie mein Karmen gelesen hatten, sie +steckten in einem die Köpfe zusammen und sahen mich immer mit höchster +Verwunderung an, daß ich so ein brav Kerl war, und redeten immer +heimlich zueinander, daß was sehr Großes hinter mir stecken müßte. +Hierauf währte es nicht lange, so stund der Bräutigam auf und fing an, +meine Gesundheit zu trinken. Sapperment! was war da vor ein Aufgestehe +flugs von den andern Standespersonen, und machten große Reverenzen gegen +mich. Ich blieb aber immer sitzen und sah sie alle nach der Reihe mit so +einer artigen Miene an; der Herr Bürgermeister, bei welchem ich mit +meinem Bruder Grafen im Quartier lag, der lachte immer, daß ihm der +Bauch schütterte, so eine herzliche Freude hatte er drüber, daß mich +alle miteinander so venerierten[36]. Warum? Es war dem Manne selbst eine +Ehre, daß so eine vornehme Person, als nämlich ich, sein Haus betreten +hatte. + +[33] wühlte. + +[34] Gedicht. + +[35] Erfindung. + +[36] ehrten. + +Wie meine Gesundheit nun über der Tafel herum war, so ließ ich mir den +Hochzeitsbitter eine große Wasserkanne geben, in welche wohl +vierundzwanzig Kannen nach hiesigem Maße gingen, die mußte mir ein +Aufwärter voll Wein schenken und über die Tafel geben. Da dieses der +Bräutigam wie auch die Braut und die andern Hochzeitsgäste sahen, +sperrten sie, der Tebel hol mer, alle Maul und Nasen drüber auf und +wußten nicht, was ich mit der Wasserkanne auf der Tafel da machen +wollte. Ich war aber her und stund mit einer artigen Miene auf, nahm die +Kanne mit dem Weine in die Hand und sagte: »Es lebe die Braut Traute!« +Sapperment! wie bückten sich die andern Standespersonen alle gegen mich. +Damit so setzte ich an und soff, der Tebel hol mer, die Wasserkanne mit +den vierundzwanzig Maß Wein auf einen Zug reine aus und schmiß sie wider +den Kachelofen, daß die Stücken herumflogen. O sapperment! wie sah mich +das Volk an! Hatten sie sich nicht zuvor über mich verwundert, als sie +meine Hochzeitsverse gelesen, so verwunderten sie sich allererst +hernach, da sie sahen, wie ich die Wasserkanne voll Wein so artig +aussaufen kunnte. Flugs hierauf ließ ich mir den Aufwärter noch eine +solche Kanne voll Wein einschenken und über den Tisch geben, die soff +ich nun eben wie die vorige auf des Bräutigams (Toffel hieß er) +Gesundheit hinein. Ei sapperment! wie reckten die Staatenstöchter, +welche über der andern Tafel saßen, alle die Hälse nach mir in die Höhe, +die Menscher verwunderten sich, der Tebel hol mer, auch schrecklich über +mich, als sie sahen, daß ich so artig trinken kunnte. + +Kurz darauf kam mir so ein unverhoffter und geschwinder Schlaf an, daß +ichs auch unmöglich lassen kunnte, ich mußte mich mit dem Kopf auf den +Tisch legen und ein bißchen schlafen. Als solches die andern +Standespersonen merken, daß ich voll bin, lassen sie mich ins Quartier +schaffen, daß ich den Rausch ausschlafen möchte. Auf den morgenden Tag, +wie ich wieder erwachte, wußte ich, der Tebel hol mer, nicht, was ich +vorigen Abend getan hatte, so voll war ich gewesen. Wie es nun Zeit +wieder zur Mittagsmahlzeit war, kam der Hochzeitsbitter und bat mich, +daß ich doch fein bald ins Hochzeitshaus kommen möchte, denn sie +warteten alle mit der Brautsuppe auf mich. Ich war her, machte mich +gleich wieder zurechte und ließ durch den Hochzeitsbitter sagen, sie +sollten nur noch ein halb Stündchen mit dem Essen verziehen, ich wollte +gleich kommen. Es verzog sich aber nicht lange, so kam die Brautkutsche +mit vier Pferden und holte mich aus des Bürgermeisters Hause ab. Sobald +ich nun vor das Hochzeitshaus gefahren kam, stund Toffel der Bräutigam +mit der Braut schon in der Türe, daß sie mich empfangen wollten. Sie +machte die Kutsche auch auf, daß ich hinaussteigen sollte, welches ich +auch tat, und sprung flugs mit gleichen Beinen heraus und über Toffeln, +den Bräutigam, weg, daß es recht artig zu sehen war; damit führten sie +mich hinein in die Stube. Sapperment! was machten die Standespersonen +alle vor große Reverenzen vor mir! Ich mußte mich flugs wieder zur Braut +hinsetzen, und neben mir zur Linken saß eine Staatenstochter, das war, +der Tebel hol mer, auch ein artig Mädchen, denn sie hatten denselben Tag +eine bunte Reihe gemacht. Da dachte ich, du mußt doch wieder Wunderdinge +erzählen, daß sie Maul und Nasen brav aufsperren und dich wacker +ansehen. War hierauf her und fing von meiner wunderlichen Geburt an und +die Begebenheit von der Ratte zu erzählen. O sapperment! wie sahen mich +die Leute über der Tafel alle an und absonderlich Toffel, der Bräutigam. +Dieselbe Staatenstochter, welche neben mir saß, die kam mir, der Tebel +hol mer, nicht ein Haar anders vor als meine ersoffene Charmante, sie +lisperte mir wohl zehnmal über Tische ins Ohr und sagte, ich sollte doch +das von der Ratte noch einmal erzählen, und wie es zugegangen, als sie +das seidene Kleid zerfressen gehabt. Sie gab auch Heiratens bei mir vor +und fragte, ob ich sie nehmen wollte: ihr Vater sollte ihr gleich +zwanzigtausend Dukatens mitgeben ohne die Aussteuer, welche sie vor sich +noch hätte und von ihrer Mutter geerbt. Ich antwortete ihr hierauf auch +sehr artig und sagte, wie daß ich ein brav Kerl wäre, der sich schon was +Rechts in der Welt versucht hätte und auch noch versuchen wollte. Könnte +also mich nicht flugs resolvieren, sondern müßte mich ein wenig +bedenken. + +Indem als ich mit der Staatenstochter so von Heiraten redete, fing Herr +Toffel, der Bräutigam, an und sagte: warum ich denn den Herrn Grafen +nicht mitgebracht hätte? Weil ich aber sehr artig anfing und sagte, wie +daß er das alltägige Fieber hätte und nicht aufbleiben könnte, müßten +sie ihm verzeihen, daß er vor dieses Mal keinen Hochzeitsgast mit +abgeben könnte. Hierauf ging die Mittagsmahlzeit nun zu Ende und das +Tanzen an. Ei sapperment! wie tanzten die Mädchens in Holland auch +galant, sie setzten, der Tebel hol mer, die Beine so artig, daß es ein +Geschicke hatte. Da mußte ich nun auch mit tanzen, und zwar mit der +Staatenstochter, welche mir über der Tafel zur linken Hand gesessen und +bei mir Freiens vorgegeben. Erstlich tanzten sie nun lauter gemeine +Tänze, als Sarabanden, Chiquen, Ballette und dergleichen. Solch Zeug +tanzte ich nun alles mit weg. Sapperment! wie sahen sie mir alle auf die +Beine, weil ich sie so artig setzen kunnte. Nachdem wir nun so eine gute +Weile herumgesprungen, so baten sie alle, ich sollte mich doch im Tanzen +alleine sehen lassen. Nun kunnte ich ihnen leicht den Gefallen erweisen +und eins alleine tanzen. Ich war her und gab den Spielleuten zwei +Dukatens und sagte: Allons, ihr Herren, streicht eins einmal den +Leipziger Gassenhauer auf. Sapperment! wie fingen die Kerls das Ding an +zu streichen. Damit so fing ich nun mit lauter Kreuzkapriolen an und +tat, der Tebel hol mer, Sprünge etliche Klafftern hoch in die Höhe, daß +die Leute nicht anders dachten, es müßte sonst was aus mir springen. Ei +sapperment! was kamen vor Leute von der Gasse ins Hochzeitshaus +gelaufen, die mir da mit großer Verwunderung zusahen. + +Nachdem ich den Leipziger Gassenhauer nun auch weggetanzt hatte, mußte +ich mit desselben Staatens Tochter, welche meine Liebste werden wollte, +in der Stadt Amsterdam ein wenig spazieren herumgehen, daß ich mich nur +ein wenig abkühlen könnte. Ich ließ mir solches auch gefallen und ging +mit demselben Mensche ein wenig in der Stadt herum, weil ich selbige +noch nicht groß besehen hatte. Da führte sie mich nun überall herum, wo +es was zu sehen gab. Ich mußte mit ihr auch auf die Amsterdamsche Börse +gehen, welche, der Tebel hol mer, proper gebaut ist. Sie wies mir auch +auf derselben des gewesenen Schiffsadmirals Ruyter[37] seinen +Leichenstein, welcher zum ewigen Gedächtnis da aufgehoben wird, weil +derselbe Ruyter so ein vortrefflicher Held soll zu Wasser gewesen sein +und noch alle Tage in Amsterdam sehr beklagt wird. Als die +Staatenstochter mir nun dieses und jenes gezeigt, fing sie zu mir an und +sagte, ich sollte sie doch immer nehmen, und wenn ich ja keine Lust, mit +ihr in Amsterdam zu bleiben, hätte, so wollte sie ihr Lümpchen +zusammenpacken und mit mir fortwandern, wo ich hin wollte, wenn gleich +ihr Vater nichts davon wüßte. Worauf ich ihr zur Antwort gab, wie daß +ich der bravste Kerl von der Welt wäre, und es könnte schon angehen, +aber es ließe sichs so nicht flugs tun, ich wollte es zwar überlegen, +wie es anzufangen wäre, und ihr ehster Tage Wind davon geben. + +[37] de Ruyter, holländischer Seeheld, gest. 1676. + +Nach diesem ging ich wieder auf den Tanzplatz und wollte sehen, wo meine +zukünftige Liebste wäre, welche von mir auf der Gasse so geschwinde +weglief. Ich sah mir bald die Augen aus dem Kopfe nach ihr um, ich +kunnte sie aber nicht zu sehen bekommen. Endlich fing eine alte Frau an +und sagte zu mir: »Ihr Gnaden, nach wem sehen Sie sich so um«? Wie ich +nun der Frau zur Antwort gab, ob sie nicht das Mensche gesehen hätte, +welche über Tische neben mir zur linken Hand gesessen. »Ja, Ihr Gnaden«, +fing die alte Frau wieder an, »ich habe sie gesehen, allein ihr Herr +Vater hat sie heißen nach Hause gehen und erschrecklich ausgefenstert, +daß sie sich einer so großen Kühnheit unterfangen und hätte sich von +einem so vornehmen Herrn lassen da in der Stadt herumschleppen, daß die +Leute nun davon was würden zu reden wissen, und Ihr Gnaden würden sie +doch nicht nehmen«. Als solches die alte Mutter mir zur Nachricht gesagt +hatte, fragte ich weiter, ob sie denn nicht bald wiederkommen würde. Sie +gab mir hierauf wieder zur Antwort, daß sie an ihrer Anherokunft sehr +zweifelte, denn ihr Herr Vater (wie sie vernommen) hätte zu ihr gesagt: +»Trotz! daß du dich vor dem vornehmen Herrn nicht wieder sehen läßt!« +Sapperment! wie verdroß mich solch Ding, daß ich das Mensche nicht +sollte zu sehen bekommen, und als sie auch nicht wiederkam, überreichte +ich Herrn Toffeln, dem Bräutigam, wie auch der Braut Trauten mein +Hochzeitsgeschenke und nahm von ihr wie auch von den andern +Standespersonen und Damens überaus artig Abschied und ging immer nach +des Bürgermeisters Hause zu. + +Ich war auch gleich willens, mich selben Tag gleich wieder zu Schiffe zu +setzen, wenn mein Herr Bruder Graf mich nicht so sehr gebeten hätte, daß +ich ihn doch bei seiner Unpäßlichkeit nicht verlassen möchte, sondern +so lange verziehen, bis daß er sein Fieber wieder los wäre, hernach +wollte er mit mir hinreisen, wohin ich wollte. Blieb also meinem Herrn +Bruder Grafen zu Gefallen in Amsterdam noch zwei ganzer Jahre und +brachte meine Zeit meistenteils zu in den Spielhäusern, allwo alle Tage +vortreffliche Kompagnie immer war von vornehmen Damens und Kavalieren. +Nachdem nun das elementische Fieber meinen Herrn Bruder Grafen völlig +verlassen, ging ich mit ihm in die Bank, ließen uns frische Wechsel +zahlen, setzten uns auf ein Schiff und waren willens, Indien, in welchem +Lande der Große Mogol residiert, zu besehen. + + + + +5. Kapitel. + + +Die Hundstage traten gleich selben Tag im Kalender ein, als ich und mein +Herr Bruder Graf von dem Bürgermeister zu Amsterdam Abschied nahmen und +uns in ein groß Orlogschiff[38] setzten. Wir waren etwa drei Wochen auf +der See nach Indien fortgeschifft, so kamen wir an einen Ort, wo so +schrecklich viel Walfische im Wasser gingen, dieselben lockte ich mit +einem Stückchen Brote ganz nah an unser Schiff. Der eine Bootsknecht +hatte eine Angel bei sich, die mußte er mir geben, und versuchte es, ob +ich einen kunnte ins Schiff häkeln. Es wäre auch, der Tebel hol mer, +angegangen, wenn die Angel nicht wäre in Stücken gerissen, denn als der +Walfisch anbiß und ich im besten Rucken war, so riß der Dreck entzwei, +daß also der Angelhaken dem Walfische in dem Rachen steckenblieb, von +welchem er unfehlbar wird gestorben sein. Wie solches die andern +Walfische gewahr wurden und des Schattens nur von der Angelschnur +ansichtig wurden, marschierten sie alle auch fort und ließ sich, der +Tebel hol mer, nicht ein einziger wieder an unserm Schiffe blicken. + +[38] Kriegsschiff. + +Wir schifften von da weiter fort und bekamen nach etlichen Tagen das +gelübberte Meer[39] zu sehen, allwo wir ganz nahe vorbeifahren mußten. +Sapperment! was stunden dort vor Schiffe in dem gelübberten Meere, es +war, der Tebel hol mer, nicht anders, als wenn man in einen großen +dürren Wald sähe, da die Bäume verdorrt stünden, und war keine Seele auf +den Schiffen zu sehen. Ich fragte den Schiffsmann, wie denn das zuginge, +weil so viel Schiffe dastünden. Der gab mir zur Antwort, daß dieselben +Schiffe bei großem Ungestüm der Wind dahin gejagt hätte, wenn die +Schiffsleute nach Indien fahren wollten und den Weg verfehlt, daß also +auf alle den Schiffen die Leute jämmerlich umkommen müßten. -- Wie wir +nun an dem gelübberten Meere vorbei waren, kamen wir unter die +Linie[40]. Ei sapperment! was war da vor Hitze! Die Sonne brannte uns +alle miteinander bald kohlrabenschwarz. Mein Herr Bruder Graf, der war +nun ein korpulenter, dicker Herr, der wurde unter der Linie von der +grausamen Hitze krank, legte sich hin und starb, der Tebel hol mer, ehe +wir uns solches versahen. Sapperment! wie ging mirs so nahe, daß der +Kerl da sterben mußte, und war mein bester Reisegefährte. Allein was +kunnte ich tun? Tot war er einmal, und wenn ich mich auch noch so sehr +über ihn gegrämt, ich hätte ihn doch nicht wiederbekommen. Ich war aber +her und bund ihn nach Schiffsgewohnheit sehr artig auf ein Brett, +steckte ihm zwei Dukatens in seine schwarzsamtnen Hosen und schickte ihn +damit auf dem Wasser fort; wo derselbe nun mag begraben liegen, +dasselbe kann ich, der Tebel hol mer, keinem Menschen sagen. + +[39] das Lebermeer, in dem der Sage nach die Schiffe stecken bleiben. + +[40] den Äquator. + +Drei Wochen nach seinem Tode gelangten wir bei gutem Winde in Indien an, +allwo wir an einer schönen Pfingstwiese ausstiegen, dem Schiffsmann das +Fährgeld richtig machten und einer hernach hier hinaus, der andere dort +hinaus seinen Weg zunahmen. Ich erkundigte mich nun gleich, wo der Große +Mogol residierte. Erstlich fragte ich einen kleinen Jungen, welcher auf +derselben Pfingstwiese, wo wir ausgestiegen waren, in einem grünen +Käppchen dort herumlief und die jungen Gänschen hütete. Ich redete +denselben recht artig an und sagte: Höre, Kleiner! kannst du mir keine +Nachricht sagen, wo der Große Mogol in diesem Lande wohnt? Der Junge +aber kunnte noch nicht einmal reden, sondern wies nur mit dem Finger und +sagte: a a. Da wußte ich nun, der Tebel hol mer, viel, was a a heißen +sollte. Ich ging auf der Wiese weiter fort, so kam mir ein +Scherenschleifer entgegengefahren, denselben fragte ich nun auch, ob er +mir keine Nachricht erteilen könnte, wo der Mogol wohnen müßte. Der +Scherenschleifer gab mir hierauf gleich Bescheid und sagte, daß zwei +Mogols in Indien residierten, einen hießen sie nur den Großen Mogol, den +andern aber nur den Kleinen. Wie er nun hörte, daß ich zu dem Großen +wollte, so sagte er mir gleich, daß ich etwa noch eine Stunde hin an +seine Residenz hätte, und ich sollte nur auf der Pfingstwiese fortgehen, +ich könnte nicht irren; wenn dieselbe zu Ende, würde ich an eine große +Ringmauer kommen, da sollte ich nur hinter weggehen, dieselbe würde mich +bis an das Schloßtor führen, worinnen der Große Mogol residierte, denn +seine Residenz hieße Agra. Nachdem der Scherenschleifer mir nun diese +Nachricht erteilt, ging ich auf der Pfingstwiese immer fort und gedachte +unterwegens an den kleinen Jungen in dem grünen Käppchen, daß er a a +sagte; ich hielt gänzlich dafür, der kleine Blutschelm, ob er gleich +nicht viel reden kunnte, müßte mich doch auch verstanden haben und +gewußt, wo der Große Mogol wohnte, weil er Agra noch nicht aussprechen +kunnte, sondern nur a a lallte. Des Scherenschleifers seine Nachricht +traf, der Tebel hol mer, auch auf ein Härchen ein, denn sobald als die +Pfingstwiese ausging, kam ich an eine große Ringmauer, hinter welcher +ich wegmarschierte, und sobald dieselbe zu Ende, kam ich an ein +erschrecklich groß Torweg, vor welchem wohl über zweihundert Trabanten +mit bloßen Schwertern stunden, die hatten alle grüne Pumphosen und ein +Kollet[41] mit Schweinebratenärmeln an. Da roch ich nun gleich Lunte, +daß darinnen der Große Mogol residieren würde. + +[41] Wams. + +Ich war her und fragte die Trabanten, ob ihre Herrschaft zu Hause wäre, +worauf die Kerls alle zugleich ja schrien, und was mein Verlangen wäre. +Da erzählte ich den Trabanten nun gleich, wie daß ich nämlich ein brav +Kerl wäre, der sich was rechts in der Welt versucht hätte und auch noch +versuchen wollte; sie sollten mich doch bei dem Großen Mogol anmelden, +der und der wäre ich, und ich wollte ihm auf ein paar Worte zusprechen. +Sapperment! wie liefen hierauf flugs ihrer zwölfe nach des Großen Mogols +Zimmer zu und meldeten mich bei ihm an. Sie kamen aber bald +wiedergelaufen und sagten, ich sollte hineinspazieren, es würde ihrer +Herrschaft sehr angenehm sein, daß einer aus fremden Landen sie einiges +Zuspruchs würdigte. Damit ging ich nun durch die Wache durch. + +Ich war kaum sechs Schritte gegangen, so schrie der Große Mogol zu +seinem Gemach oben heraus, sie sollten das Gewehr vor mir präsentieren. +Sapperment! als die Trabanten dieses hörten, wie sprungen die Kerls ins +Gewehr und nahmen alle ihre Hüte unter den Arm und sahen mich mit +höchster Verwunderung an. Denn ich kunnte nun recht artig durch die +Wache durchpassieren, daß es, der Tebel hol mer, groß Aufsehens bei dem +Großen Mogol erweckte. Wie ich nun an eine große marmorsteinerne Treppe +kam, allwo ich hinaufgehen mußte, so kam mir, der Tebel hol mer, der +Große Mogol wohl auf halbe Treppe herunter entgegen, empfing mich und +führte mich bei dem Arme vollends hinauf. Sapperment! was präsentierte +sich da vor ein schöner Saal, er flimmerte und flammerte, der Tebel hol +mer, von lauter Golde und Edelgesteinen. Auf demselben Saal hieß er mich +nun willkommen und freute sich meiner guten Gesundheit und sagte, daß er +in langer Zeit nicht hätte das Glück gehabt, daß ein Deutscher ihm +zugesprochen hätte, und fragte hernach nach meinem Stande und Herkommen, +wer ich wäre. Ich erzählte ihm hierauf nun sehr artig flugs meine Geburt +und die Begebenheit von der Ratte und wie daß ich einer von den bravsten +Kerlen der Welt wäre, der so viel gesehen und ausgestanden schon hätte. +Sapperment! wie horchte der Große Mogol, als er mich diese Dinge +erzählen hörte. Er führte mich nach solcher Erzählung gleich in ein +vortrefflich aufgeputztes Zimmer und sagte, daß dasselbe zu meinen +Diensten stünde, und ich möchte so lange bei ihm bleiben, als ich +wollte, es sollte ihm und seiner Gemahlin sehr angenehm sein. Er rief +auch gleich Pagen und Lakeien, die mich bedienen sollten. Sapperment! +wie die Kerls kamen, was machten sie vor närrische Reverenzen vor mir! +Erstlich bückten sie sich mit dem Kopfe bis zur Erden vor mir, hernach +kehrten sie mir den Rücken zu und scharrten mit allen beiden Beinen +zugleich weit hinten aus. Der Große Mogol befahl ihnen, sie sollten mich +ja recht bedienen, sonsten wo nur die geringste Klage kommen würde, +sollten sowohl Lakeien als Pagen in die Küche geführt werden. Hierauf +nahm er von mir Abschied und ging wieder nach seinem Zimmer zu. Als er +nun weg war, Sapperment! wie bedienten mich die Burschen so brav, sie +hießen mich nur zwar Junker, allein was sie mir nur an den Augen absehen +kunnten, das taten sie. Wenn ich nur zuzeiten einmal ausspuckte, so +liefen sie, der Tebel hol mer, alle zugleich, daß sie es austreten +wollten, denn wer es am ersten austrat, was ich ausgespuckt hatte, so +schätzte sichs derselbe allemal vor eine große Ehre. + +Der Große Mogol hatte mich kaum eine halbe Stunde verlassen, so kam er +mit seiner Gemahlin, mit seinen Kavalieren und Damens in mein Zimmer +wieder hineingetreten. Da hieß mich nun seine Gemahlin wie auch die +Kavaliers und Damens alle willkommen, und sahen mich mit großer +Verwunderung an. Ich mußte auf Bitten des Großen Mogols die Begebenheit +von der Ratte noch einmal erzählen, denn seine Gemahlin wollte dieselbe +Historie so gerne hören. Ei sapperment! wie hat das Mensche drüber +gelacht! Die Kavaliers und Damens aber sahen mich alle mit großer +Verwunderung an und sagte immer eines heimlich zu dem andern, ich müßte +wohl was Rechts in Deutschland sein, weil ich von solchen Dingen +erzählen könnte. + +Nun war es gleich Zeit zur Abendmahlzeit, daß der Große Mogol zur Tafel +blasen ließ. Ei sapperment! was hörte man da vor ein Geschmittere und +Geschmattere von den Trompeten und Heerpauken! Es stunden zweihundert +Trompeter und neunundneunzig Heerpauker in seinem Schloßhofe auf einem +großen breiten Steine, die mußten mir zu Ehren sich da hören lassen, die +Kerls bliesen, der Tebel hol mer, unvergleichlich. Wie sie nun +ausgeblasen hatten, so mußte ich die Große Mogoln bei der Hand nehmen +und sie zur Tafel führen; es ließ, der Tebel hol mer, recht artig, wie +ich so neben ihr herging. Sobald als wir nun in das Tafelgemach kommen, +so nötigte mich der Große Mogol, daß ich mich setzen sollte und die +Oberstelle an der Tafel einnehmen. Ich hätte solches auch ohne Bedenken +getan, wenn ich nicht Lust gehabt, mich neben seiner Gemahlin zu setzen, +denn es war so ein wunderschön Mensche. Also mußte sich erstlich der +Große Mogol setzen, neben ihn setzte ich mich und neben mir zur linken +Hand setzte sich nun seine Liebste; ich saß da recht artig mitteninne. +Über Tische so wurde nun von allerhand diskuriert. Die Große Mogoln +fragte mich, ob denn auch in Deutschland gut Bier gebraut würde und +welch Bier man denn vor das beste da hielte. Ich antwortete ihr hierauf +sehr artig wieder, wie daß nämlich in Deutschland überaus gut Bier +gebraut würde, und absonderlich an dem Orte, wo ich zu Hause wäre, da +brauten die Leute Bier, welches sie nur Klebebier nennten und zwar aus +der Ursachen, weil es so malzreich wäre, daß es einem ganz zwischen den +Fingern klebte, und schmeckte auch wie lauter Zucker so süß, daß, wer +von demselben Biere nur ein Nößel[42] getrunken hätte, derselbe +hernachmals flugs darnach predigen könnte. Sapperment! wie verwunderten +sie sich alle, daß es solch gut Bier in Deutschland gäbe, welches solche +Kraft in sich hätte. + +[42] kleines Hohlmaß. + +Indem wir nun so von diesem und jenem über der Tafel diskurierten und +ich gleich willens war, die Historie von meinem Blaserohre zu erzählen, +so kam des Großen Mogols seine Leibsängerin in das Tafelgemach +hineingegangen, welche eine indianische Leier an der Seite hängen hatte. +Sapperment! wie kunnte das Mensche schön singen und mit der Leier den +Generalbaß so künstlich darzu spielen, daß ich, der Tebel hol mer, die +Zeit meines Lebens nichts Schöners auf der Welt gehört habe. Kanns nicht +sagen, was das Mensche vor eine schöne Stimme zu singen hatte. Sie +kunnte, der Tebel hol mer, bis in das neunzehnte gestrichene C hinauf +singen und schlug ein Trillo aus der Quinte bis in die Oktave in einem +Atem auf zweihundert Takte weg und wurde ihr nicht einmal sauer. Sie +sung vor der Tafel eine Arie von den roten Augen und den schwarzen +Backen, daß es, der Tebel hol mer, überaus artig zu hören war. Nachdem +nun die Abendmahlzeit zu Ende war, mußte ich wieder die Große Mogoln bei +der Hand nehmen und mit ihr nach meinem Zimmer zugehen, allwo sie, wie +auch der Große Mogol, Kavaliers und Damens von mir Abschied nahmen und +eine gute Nacht wünschten, worauf ich mich sehr artig bedankte und +sagte, daß sie alle miteinander fein wohl schlafen sollten und sich was +Angenehmes träumen lassen. + +[Illustration] + +Hiermit verließen sie alle miteinander meine Stube und gingen auch, sich +ins Bette zu legen. Da sie nun von mir weg waren, kamen vier Lakeien und +drei Pagen in mein Gemach hinein, die fragten nun, ob sich der Junker +wollte ausziehen lassen. Wie ich nun ihnen zur Antwort gab, daß ich +freilich etwas schläfrig wäre und nicht lange mehr offen bleiben würde. +Sapperment! wie waren die Kerls geschäftig; der eine lief und holte mir +ein Paar ganz göldne Pantoffeln, der andere eine schöne mit Gold +gestickte Schlafhaube, der dritte einen unvergleichlich schönen +Schafpelz, der vierte schnallte mir die Schuhe auf, der fünfte zog mir +die Strümpfe aus, der sechste brachte mir einen ganz göldnen Nachttopf +und der siebente machte mir die Schlafkammer auf. O sapperment! was +stund da vor ein schön Bette, in welches ich mich legen mußte, es war, +der Tebel hol mer, auch so proper, daß ichs nicht genug beschreiben +kann, und schlief sichs auch so weich darinnen, daß ich auch die ganze +Nacht nicht einmal aufwachte. + +Des Morgens stund ich auf und ließ mich wieder ankleiden; wie ich nun +fertig war, schickte der Große Mogol zu mir, ließ mir einen guten Morgen +vermelden, und wenn mir was Angenehmes geträumt hätte, sollte es ihm +lieb zu hören sein, auch dabei sagen, ob ich mich nicht ein wenig in +sein geheimes Kabinett bemühen wollte. Er wollte mich um etwas +konsultieren. Ich war hierauf geschwinde mit einer Antwort wieder fertig +und ließ ihm sehr artig wiedersagen, wie daß ich nämlich sehr wohl +geschlafen, aber was das Träumen anbelangt, so hätte ich keinen guten +Traum gehabt, und daß ich sollte zu ihm kommen in sein Kabinett, +dasselbe sollte gleich geschehen. Solches ließ ich ihm durch seinen +Kammerpagen nun wiedersagen und ging hernach gleich zu ihm und hörte, +was sein Anbringen war. + +Da ich nun zu ihm hinkam und meine Komplimente sehr artig bei ihm +abgelegt, so schloß er einen großen Bücherschrank auf und langte ein +groß Buch heraus, welches in Schweinsleder eingebunden war; dasselbe +zeigte er mir und sagte, daß er in dasselbe täglich sein Einkommen +schriebe, und wenn das Jahr um wäre und er die Summa zusammenrechnete, +wollte es keinmal eintreffen und fehlte allemal der dritte Teil seiner +Einkünfte, und fragte hierauf, ob ich rechnen könnte. Worauf ich ihm +denn wieder zur Antwort gab, wie daß ich ein brav Kerl wäre und Adam +Riesen sein Rechenbuch sehr wohl kennte; er sollte mir das große Buch +geben, ich wollte schon sehen, wie die Summa herauszubringen wäre. +Hierauf so gab er mir das Buch, worinnen seine Einkünfte stunden, und +ließ mich allein. Wie ich nun das Buch so durchblätterte, Ei sapperment! +was stunden da vor Lehnen[43] und Zinsen. Ich war her, setzte mich hin, +nahm Feder und Tinte und fing an eins, zehne, hundert, tausend zu +zählen, und wie ich nun sah, daß der Große Mogol in dem Einmaleins +gefehlt hatte und solches nicht richtig im Kopfe gehabt, so hatte es +freilich nicht anders sein können, daß die Summa um den dritten Teil +weniger bei ihm herausgekommen war, als er täglich aufgeschrieben. Denn +anstatt, da er hätte zählen sollen: zehn mal hundert ist tausend, so +hatte er gezählt: zehn mal tausend ist hundert, und wo er hätte +subtrahieren sollen, als zum Exempel: eins von hundert bleibt +neunundneunzig, so hatte er aber subtrahiert: eins von hundert kann ich +nicht, eins von zehn bleibt neune, und neune von neun geht auf. Das geht +ja, der Tebel hol mer, unmöglich an, daß es eintreffen kann. Als ich +nun solche Fehler sah, merkte ich nun gleich, wo der Hund begraben lag. +Ich war her und setzte mich drüber, und rechnete kaum zwei Stunden, so +hatte ich alles miteinander in die richtige Summa gebracht und behielt +noch halb so viel übrig über die ganze Masse, als er einzunehmen und von +Tage zu Tage aufgeschrieben hatte. Als ich nun den Kalkulum[44] von Adam +Riesens Rechenbuche sehr artig und richtig gezogen, rief ich ihn wieder +zu mir und wies ihm nun, wie und wo er in dem Einmaleins gefehlt hätte +und wie ich alles so artig und richtig herausgebracht hätte und noch +halb so viel Überschuß behalten. Ei sapperment! als ich ihm von dem +Überschusse schwatzte, sprung er vor Freuden hoch in die Höhe, klopfte +mich auf meine Achseln und sagte, wenn ich gesonnen wäre, bei ihm zu +bleiben, er wollte mich zu seinem geheimen Reichskanzler machen. Ich +antwortete ihm hierauf wieder und sagte, wie daß freilich was Rechts +hinter mir steckte und daß ich der bravste Kerl mit von der Welt wäre, +und weil ich mein Herze nur daran gehängt hätte, fremde Länder und +Städte zu besehen, so wollte ich mich vor das gute Anerbieten hiermit +bedankt haben. + +[43] Darlehn. + +[44] die Schlußrechnung, das Resultat. + +Weil er nun sah, daß ich zu solcher Charge keine Lust hatte, so erwies +er mir die vierzehn Tage über, als ich bei ihm war, auch solche Ehre, +daß ichs, der Tebel hol mer, mein Lebtag nicht vergessen werde. Denn es +ist ein erschrecklich reicher Herr, der Große Mogol, er wird nur als +Kaiser dort tituliert und hat so viel Schätze, als Tage im Jahre sein; +die habe ich auch alle miteinander gesehen. Denn er zeigte mir alle Tage +einen. Vortreffliche schöne Bücher hat er auch und ist ein sonderlicher +Liebhaber von denselben; ich mußte ihm auch mit Hand und Munde zusagen, +daß ich ihm eins aus Deutschland in seinen Bücherschrank schicken wollte +vor Geld und gute Worte. Als er nun sah, daß ich mich wieder reisefertig +machte, so verehrte er mir sein Bildnis mit der Kette und seine Gemahlin +schenkte mir tausend Spezies-Dukaten eines Schlags[45], worauf des +Großen Mogols Bildnis geprägt war. Damit hängte ich die Kette mit des +Großen Mogols Bildnis an mich, welches von dem schönsten indianischen +Golde war, und nahm von ihm sehr artig, wie auch von seiner Gemahlin, +Kavalieren und Damens wieder Abschied, und ging von da zu Schiffe nach +England zu. + +[45] einer Prägung. + + + + +6. Kapitel. + + +Als ich nun von dem Großen Mogol Abschied genommen und er mir mit seinem +ganzen Hofstaat bis zu Ende seiner Ringmauer zu Fuße das Geleite gegeben +hatte, marschierte ich auf derselben Pfingstwiese immer nach demselben +Wasser wieder zu, wo ich vor vierzehn Tagen abgestiegen war, und setzte +mich da wieder auf ein groß Lastschiff, welches nach England zu segeln +wollte, und fuhr mit demselben fort. Auf dem Schiffe erzählte ich nun +dem Schiffsmann sehr artig auch, wie daß mich der Große Mogol so +vortrefflich traktiert hatte und bei meinem Abschiede sein Bildnis mit +der Kette mir auch verehret. Da meinte ich nun, der Schiffer würde etwa +die Augen groß drüber aufsperren und sich über mich verwundern, daß ich +so ein brav Kerl wäre, allein, der Tebel hol mer, nicht das Geringste: +der Kerl nahm den Hut nicht einmal vor mir ab, sondern fing gar zu mir +an und sagte: Manche Leute hätten mehr Glück als Recht. O sapperment! +wie verdroß mich das Ding, daß der Bärenhäuter mir von solchen Sachen +schwatzte und fehlte dazumal nicht viel, daß ich ihm nicht ein halb +Dutzend Preschen gegeben hätte. Doch dachte ich endlich, es ist ein +einfältiger Mensch, was kannst du mit ihm machen, er kennt dich nicht, +was Standes du bist, und ließ es also dabei bewenden. + +Wie wir nun drei Tage und fünf Nächte von der indianischen Pfingstwiese +fortgesegelt waren, so kamen wir mit unserm Schiffe auf das große +Mittelländische Meer. Ei sapperment! was gab es da vor allerhand +Meerwunder zu sehen, die schwammen wohl zu etlichen tausenden immer um +unser Schiff herum. Meine einzige Freude hatte ich damals mit einem +kleinen Seehündchen; das lockte ich mit einem Stückchen Brote ganz nah +an unser Schiff heran, daß es auch endlich so freundlich tat und mit mir +spielen wollte. Ich war her, weil es so artig aussah, und wollte es aus +dem Meere ins Schiff haschen, als ich aber nach dem Ase griff, so biß +mich die Wetterkröte, der Tebel hol mer, durch alle fünf Finger durch +und durch und tauchte drauf unter. O sapperment! wie lief das Blut +zwischen den Fingern herunter und bluteten wohl acht Tage, ehe sie +wieder aufhörten; sie taten mir überaus weh nach dem Bisse. Endlich so +brachte mir der Schiffer ein Gläschen mit Bomolie[46] getragen und hieß +mich die Finger damit schmieren und sagte, daß die Bomolie so trefflich +gut dafür wäre, wenn einen was gebissen hätte. Ich war her und schmierte +mir die Finger damit, es vergingen kaum zwei Stunden, so war, der Tebel +hol mer, alles wieder geheilt. -- Nachdem wir nun bald durch das +Mittelländische Meer durch waren, so ließen sich erschrecklich viel +Sirenen von ferne im Meer blicken; dieselben Menscher singen, der Tebel +hol mer, admirabel schön. Da selbige der Schiffsmann gewahr wurde, hieß +er uns die Ohren alle miteinander feste zustopfen, denn wenn sie näher +kämen, so würden sie uns mit ihrem wunderschönen Singen so bezaubern, +daß wir nicht würden von der Stelle fahren können. Ei sapperment! als +ich dieses hörte, wie stopfte ich mir die Ohren feste zu und hieß den +Schiffsmann geschwinde fortfahren. -- Drei Tage hierauf kamen wir in die +Ostsee, da schifften wir auch wohl etliche Wochen, ehe wir durch +wegkamen. Was es in derselben See vor Hechte gab, das kann ich, der +Tebel hol mer, keinem sagen; die Bootsknechte hatten einen Hamen[47] mit +auf dem Schiffe: Sapperment! was fingen die Kerls da vor Zeugs von +Hechten! Sie hatten, der Tebel hol mer, Zungen wie die großen Kälber, +und klebte wohl an einer Hechtzunge über sechs Kannen Fett. + +[46] Baumöl. + +[47] Angelhaken. + +Etliche Monate hierauf, nachdem wir durch unterschiedene Flüsse +durchpassiert waren, gelangten wir glücklich in England an, allwo ich +vor London ausstieg, dem Schiffer das Fährgeld richtig machte und in die +Stadt London hineinging und mein Quartier bei dem Alamode-Töpfer nahm, +welcher flugs an dem Tore wohnte. Der Kerl war nun gegen mich sehr +höflich, er empfing mich, fragte, was mein Verlangen wäre, wo ich +herkäme und wer ich wäre. Ich erzählte ihm flugs sehr artig auch meine +Geburt und von der Ratte, und wie daß ich so ein brav Kerl wäre und +wollte das Quartier bei ihm nehmen, auch wie ich gesonnen wäre, mich +incognito etliche Wochen bei ihm aufzuhalten. Der Kerl, der +Alamode-Töpfer, war hierauf sehr wohl zu sprechen und sah mir auch flugs +an den Augen an, daß ich was rechts sein müßte, aber der Lumpenhund war +etwas sehr undiskret[48], denn wenn er mit mir redete, so nahm er nicht +allemal seinen Hut vor mir ab, welches mich denn abscheulich auf ihn +verdroß, daß er mir meinen gebührenden Respekt nicht gab. -- Wie ich nun +vermeinte, ich wollte nur in London als ein schlechter[49] Kavalier mich +aufführen und vor keine Standesperson nicht ausgeben, so kam, der Tebel +hol mer, Herr Toffel, der vornehme Lord in London, mit Trauten, seiner +Liebsten, bei welchen ich zu Amsterdam auf der Hochzeit gewesen, zum +Alamode-Töpfer in die Stube hineingetreten und hießen mich da +willkommen. Sapperment! wie verwunderte ich mich, daß sie mich flugs +ausgestankert[50] hatten. Sie erzählten mir hernach alles, wie daß sie +mich hätten sehen am Ufer aussteigen und wie ich so artig zum +Alamode-Töpfer ins Haus hineingewischt wäre, denn Toffel, der vornehme +Lord, hatte seinen Palast allernächst in derselben Gasse. Er bat mich +auch hernach, daß ich bei ihm das Quartier nehmen sollte, allein weil +ich mich bei dem Alamode-Töpfer schon einlogiert hatte und der Mann auch +mich nicht von sich lassen wollte, so mochte ich nicht gerne das +Quartier verändern, denn es hätte nur Aufsehens vor den Leuten erweckt, +wenn ich meine Sachen so hin und wieder schleppen lassen. + +[48] unerzogen. + +[49] schlichter. + +[50] ausfindig gemacht. + +Ich wurde gleich selben Abend von Herrn Toffeln, dem vornehmen Lord, zu +Gaste gebeten, allwo viel andere Standespersonen und vornehme +Lordstöchter auch waren, die sich alle miteinander in mich verliebten +und Heiratens bei mir vorgaben, denn ich zeigte ihnen des Großen Mogols +Bildnis mit der Kette und erzählte ihnen, wie daß er mich damit +beschenkt und vortrefflich gastiert hätte, weil ich ihm den Kalkulum +seiner Einkünfte sehr artig und richtig ziehen können, daß er nämlich +über sein ganzes Einkommen das Jahr lang noch halb soviel Überschuß +gehabt, als er eingenommen hatte. Ich sagte auch, daß er mich hätte zu +seinem Geheimen Reichskanzler machen wollen, allein weil ich mich noch +nicht Lust zu setzen gehabt, hätte ich mich wegen des guten Anerbietens +bedankt. Sapperment! wie sahen mich die Menscher, die vornehmen +Lordstöchter, über Tische nacheinander an; sie fingen alle miteinander +an, meine Gesundheit zu trinken. Eine sagte: »Es lebe des reichen Mogols +in Indien sein Herr Reichskanzler«. Die andere sagte: »Es lebe der +fremde vornehme Herr, welcher mit des Großen Mogols Bildnis ist +beschenkt worden«. Die dritte sagte: »Es lebe eine hohe Standesperson in +Gedanken, dem was Rechts aus den Augen heraussieht«. Ich merkte nun +wohl, daß dieses alles mir galt; so machte ich allemal gegen das +Frauenzimmer, welches meine Gesundheit trank, eine sehr artige Miene, +daß es mir, der Tebel hol mer, sehr wohl ließ. Wie die Historie von dem +Großen Mogol nun aus war, so fing ich von meiner wunderlichen Geburt und +von der Ratte was an zu schwatzen. Ei sapperment! wie sperrten die +vornehmen Lords alle Maul und Nasen auf, als sie diese Dinge hörten. -- +Den morgenden Tag stellte Herrn Toffeln seine Liebste meinetwegen die +Tour a la mode an, allwo wohl über zweihundert Kutschen mir zu Gefallen +von Standespersonen und den vornehmsten Lordstöchtern aus London +mitfuhren. Ich mußte mich zu ihrer zweien, welches Herrn Toffel seine +Jungfer Muhmen waren, in die Karosse setzen. Sie hatten mich nun +mitteninne sitzen, welches sehr artig zu sehen war, denn mein Bildnis +hatte ich aus der Kutsche gehängt, da liefen wohl über hundert Jungen +neben der Kutsche her und sahen des Großen Mogols sein Konterfei mit +großer Verwunderung an, worüber ich recht meine Freude auch hatte, daß +so viel kleine Jungen neben der Karosse herliefen. + +Als wir nun etwa zwei Meilen von London an den Ort kamen, wo die Tour a +la mode gehalten wurde: Ei sapperment! wie wurde ich da vortrefflich +traktiert! sie erwiesen mir auch solche Ehre an demselben Orte, daß +ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen kann. Den morgenden Tag drauf kamen +Herrn Toffeln seine Jungfer Muhmen auf ihrer Kutsche vor des +Alamode-Töpfers Haus gefahren, allwo ich im Quartier lag, und baten +mich, ob ich belieben wollte, ein wenig mit ihnen zu fahren; sie wollten +mir etwas von einigen Antiquitäten der Stadt London zeigen, welche ich +wohl vielleicht noch nicht gesehen hätte. Damit setzte ich mich ohne +Bedenken zu ihnen in die Karosse hinein und wieder in die Mitten, +welches recht artig zu sehen war. Wie ich nun so eine Ecke mit Herrn +Toffeln seiner Jungfer Muhmen in London herumgefahren war, so fuhren wir +an einen Ort, allda zeigten sie mir den Stein, auf welchem der Patriarch +Jakob sollte gesessen haben, wie er im Traum die Himmelsleiter gesehen +hätte. Von da fuhren wir wieder fort und kamen an einen Ort, allwo ein +groß Beil hing, mit demselben wäre gar einer vornehmen Person der Kopf +abgeschlagen worden[51]. Sie nannten mir auch, wie die Person geheißen +hätte, allein ich kann mich, der Tebel hol mer, nicht mehr drauf +besinnen. Wie sie mir nun dieses und jenes alles gezeigt, fuhren wir +wieder zu Herrn Toffeln, bei welchem ich wieder mitspeiste. Ich muß +gestehen, daß mir in London, der Tebel hol mer, große Ehre die drei Jahr +über, als ich da gewesen bin, widerfahren ist, und absonderlich von dem +vornehmen Lord Herrn Toffeln und seiner Jungfer Muhmen. + +[51] Anspielung auf die Hinrichtung des Kronprätendenten Monmouth +i. J. 1749. + +Als ich nun von denselben Abschied nahm und mich auf die Spanische See +begab, haben, der Tebel hol mer, dieselben Menscher die bittersten +Zähren gegranst, daß ich von ihnen reiste, sie baten mich wohl +hundertmal, daß ich bei ihnen bleiben möchte, ich sollte nicht einen +Heller verzehren. Ja wenn ichs dasselbe Mal getan hätte, so wäre ich +wohl ein brav Kerl geblieben, allein so dachte ich, durch mein Reisen +immer höher und höher zu steigen; es hätte auch leichtlich geschehen +können, wenn ich nicht so unglücklich auf der Spanischen See gewesen +wäre. Wie mirs nun da gegangen, wird man im folgenden Kapitel bald +hören. + + + + +7. Kapitel. + + +Wo mir recht ist, war es der erste oder der letzte April, als ich von +Herrn Toffeln, dem vornehmen Lord in London, ingleichen von seiner Frau +Trauten, wie auch von seiner Jungfer Muhmen und meinem gewesenen Wirte, +dem Alamode-Töpfer, völligen Abschied nahm und mich in ein groß +Lastschiff, welches schwer mit geräucherten Hechtzungen beladen war und +selben Tag aus Portugal kam, setzte. Auf demselben war ich nun willens, +nach dem Lande Spanien zu gehen und allda die schönen spanischen +Weintrauben zu kosten. Wir segelten bei gutem Wetter von London sehr +glücklich ab, der Wind war uns auf der spanischen Seite sehr favorabel +und der Himmel hatte sich auch also abgeklärt, daß man, der Tebel hol +mer, nicht ein schwarz Fleckchen an den Wolken gesehen hatte. Wie der +Schiffsmann nun sah, daß uns der Wind so wohl wollte, hieß er uns alle +miteinander, soviel unser zu Schiffe waren, ein lustiges Lied anstimmen +und sang auch selber mit. + +Indem wir nun so in der besten Freude waren, sah ich von ferne ein +Schiff auf uns zugefahren kommen, welches ich dem Schiffsmanne zeigte +und ihn fragte, was es vor eins wohl sein müßte. Als der Schiffsmann +solches gewahr wurde, fing er gleich an, daß es fremde Flaggen führte +und ihm vorkäme, als wenn es gar ein Raub- oder Kaperschiff wäre. +Sapperment! da dieses meine Kameraden hörten, wie erschraken die Kerls! +Ich aber war her, lief flugs hinunter ins Schiff und sah, ob auch die +Stücken[52] alle parat waren. Sobald ich nun in dieselben vorne +hineinblies und wollte hören, ob sie auch alle geladen stünden, so war, +der Tebel hol mer, nicht ein einziges zurechte gemacht. Was war da zu +tun? Ich fing zu meinen Kameraden gleich an: »Allons, Ihr Herrn, es ist +Feind da! Lasset uns unsere Degen fertig halten«. O sapperment! wie +stunden die Kerls da und zitterten und bebten, so erschraken sie, als +ich ihnen von Degen und Fechten schwatzte. -- Es währte hierauf nicht +lange, so kam, der Tebel hol mer, das Kaperschiff wie ein Blitz auf uns +zugefahren, auf welchem der bekannte Seeräuber Hans Barth[53] mit +erschrecklich viel Kapers[54] waren, derselbe fragte nun gleich, ob wir +uns wollten gefangen geben. Ich antwortete demselben aber flugs sehr +artig wieder und sagte hierauf: »Ich gebe mich, der Tebel hol mer, +nicht«. Ei sapperment! wie zog der Kerl mit seinen Kapers vom Leder! Ich +war nun mit meinem vortrefflichen Haudegen, welches ein Rückenstreicher +war, auch nicht langsam heraus und über die Kapers her. Da hätte man +sollen schön Hauen und Fechten sehen, wie ich auf die Kerls hineinhieb; +dem Hans Barth säbelte ich, der Tebel hol mer, ein Stücke von seiner +großen Nase weg, daß es weit in die See hineinflog, und wird die Stunde +noch bei ihm zu sehen sein, daß er eine stumpfige Nase hat. Von den +andern Kapers da hieb und stach ich wohl ihrer fünfzehn über den +Haufen, ohne die andern, welche ich tödlich zuschanden gehauen hatte. +Alleine was wars? wenn nicht der Kerls so schrecklich viel gewesen wären +gegen einen Mann! Ja wenn nur meine damaligen Kameraden mir ein wenig +beigestanden, wir hätten die Viktorie unfehlbar erhalten wollen. So aber +stunden die Bärenhäuter da, hatten die Fäuste alle in den Schubsack +gesteckt und ließen, der Tebel hol mer, immer wie auf Kraut und Rüben in +sich hineinhauen und regten sich nicht einmal. Ich war, der Tebel hol +mer, auch so toll auf die Kerls, daß gar keiner von den Schurken mit +Hand anlegen wollte, und daß man hat sein Lebtage gehört: Viel Hunde +sind eines Hasen Tod. Denn Hans Barth hatte so einen erschrecklich +großen Anhang bei sich. Ja wenn ihrer etwa zwanzig oder dreißig nur +gewesen wären, so hätte ich bald wollen mit ihnen zurechte kommen, +allein so warens wohl an hundert solche Kerls, die alle über mich her +waren. Dennoch aber mußten sie selbst gestehen, daß mir was Rechts aus +den Augen herausgesehen hätte, als ich mich so resolut gegen sie +gehalten und weder Hieb noch Stich davongetragen. + +[52] Kanonen. + +[53] französischer Seeheld. + +[54] Seeräubern. + +Wie ich nun letztlich mit Fechten müde war und sah, daß keine +Möglichkeit vorhanden, die Viktorie zu erhalten, mußte ich, der Tebel +hol mer, anfangen, um Pardon zu bitten. Da hätte man nun schön plündern +gesehen, als die Kerls in unser Schiff kamen. Sie nahmen uns, der Tebel +hol mer, alles, was wir hatten. Ich fing denselben an, von meiner Geburt +und die Begebenheit von der Ratte zu erzählen, sie wolltens aber, der +Tebel hol mer, nicht einmal glauben, sondern zogen uns alle miteinander +bis aufs Hemde aus, nahmen alles, was wir hatten, und führten uns noch +dazu mit sich gefangen bis nach Sankt Malo, allwo sie uns einen jedweden +apart in ein häßlich Gefängnis steckten. O sapperment! wie gedachte ich +da an meinen vorigen Stand, wer ich gewesen und wer ich nun in dem +häßlichen Loche da wäre. Des Großen Mogols sein Bildnis mit der Kette +war fort, die tausend Speziesdukaten, welche mir seine Liebste verehrt +hatte, waren fort, mein ander gut Geld benebst den Dukatens, so ich mir +zu Amsterdam in Banco zahlen ließ, war fort, mein schön +verschammeriertes Kleid, worinnen die Standesperson von Schelmuffsky +sich fast in der ganzen Welt sehr artig aufgeführt hatte, war fort. +Meine wunderliche Geburt, die lag da im Drecke, niemand wollte mirs +glauben, daß die Historie mit der Ratte passiert wäre, und mußte also +wie der elendeste Bärenhäuter von der Welt in einem häßlichen Gefängnis +da unschuldig ein ganz halb Jahr gefangen liegen. Ei sapperment! wie +gings mir da elende! Ich gedachte da vielmals an meinen vorigen Stand +und an Herrn Toffeln, des Lords in London, seine Jungfer Muhmen, daß die +Menscher so um mich gransten, wie ich nicht bei ihnen bleiben wollte. Ja +wer kann alle Dinge wissen, und ich hätte mir, der Tebel hol mer, eher +was anders versehen, als daß mirs so gehen sollte. + +[Illustration] + +Der Kerkermeister zu St. Malo traktierte mich auch sehr schlecht in dem +Gefängnisse, denn er schickte mir niemals nichts anderes als einen +großen Topf voll Kleienbrei durch seine Tochter, welche Clauditte hieß; +damit mußte ich mich allemal drei Tage behelfen, ehe ich wieder was +kriegte. Manchmal hatten sie mich auch wohl gar vergessen und brachten +mir den sechsten Tag allererst wieder was, daß ich, der Tebel hol mer, +vielmal drei Tage habe hungern müssen. -- Kurz zuvor, ehe mir der +Kerkermeister gegen Auslösung von hundert Reichstalern die Freiheit +ankündigte, so kam ein Gespenst zu mir vors Gefängnis: Sapperment! als +ich das Irreding sah, wie fing ich an zu schreien! Das Gespenst redete +mich aber sehr artig an und sagte mit diesen Worten: »Anmutiger +Jüngling, du wirst zu deiner Freiheit bald wieder gelangen, gedulde dich +nur noch ein klein bischen«. Als ich diese Worte hörte, wußte ich, der +Tebel hol mer, nicht, ob ich Mädchen oder Bübchen war, teils erschrak +ich darüber, teils freute ich mich auch drüber, weil es von dem +anmutigen Jünglinge und von der Freiheit schwatzte. Ich war her, faßte +mir ein Herz und fragte das Gespenst, wer es wäre. So gab es mir sehr +artig wieder zur Antwort und sagte, es wäre der Charmante als meiner +gewesenen Liebsten ihr Geist, welche dort bei Bornholm zu Schiffe mit +sechstausend ersaufen müssen. Wie ich nun dieses hörte, daß alles auf +ein Härchen so eintraf, erschrak ich ganz nicht mehr vor dem Gespenst, +sondern wollte es weiter fragen, wo denn die Charmante damals, als sie +ersoffen, hingekommen wäre und wo sie begraben läge. Allein indem ich so +fragte, war das Gespenst, der Tebel hol mer, flugs wieder verschwunden. +-- Hierauf währte es keine halbe Stunde, so kam der Kerkermeister zu +mir vors Gefängnis und sagte, wenn ich hundert Reichstaler schaffen +könnte, so hätte er Befehl, mich wieder los zu geben. Ich gab ihm zur +Antwort, wie daß ich nämlich ein brav Kerl gewesen, der sonst so viel +Geld nicht ästimiert hätte, aber jetzund sähe er wohl, daß ich der +miserabelste Bärenhäuter wäre. Der Kerkermeister fragte mich weiter, aus +was vor einem Lande und woher ich wäre und ob ich da etwa noch Rat zu +schaffen wüßte. So könnte ich eiligst hinschreiben und meinen Zustand +den Meinigen zu wissen tun. Wie ich nun erzählte, daß ich eine Mutter +hätte und ihr einziger lieber Sohn wäre, und daß dieselbe ein sehr gut +Auskommen hätte, und daß sie sich so viel Geld würde nicht lassen an das +Herz wachsen, wenn sie hören würde, daß es ihrem liebsten Sohn so elend +in fremden Landen ginge: als der Kerkermeister dieses hörte, fing er zu +mir an, wenn ich meiner Mutter um so viel Geld schreiben wollte, sollte +ich aus dem Gefängnis losgelassen werden und so lange bei ihm in seinem +Hause Arrest halten, bis daß das Schiff mit dem Gelde ankäme. Sobald als +ich in sein Begehren gewilligt hatte, fing er an und sagte: »Eröffnet +euch, ihr Bande und Ketten, und lasset den Gefangenen passieren«. +Hernach nahm er mich in sein Haus, bis das Schiff mit den hundert Talern +anmarschiert kam. Nachdem er das Lösegeld empfangen hatte, so verehrte +er mir ein Paar alte Schifferhosen, eine alte Schiffermütze, ein Paar +alte zerluderte Strümpfe wie auch Schuh und einen alten Kaperrock auf +den Weg und ließ mich damit wieder hinwandern. + + + + +8. Kapitel. + + +Nun wußte ich, der Tebel hol mer, dazumal nicht, wo ich von da +zumarschieren sollte; keinen blutigen Heller im Leben hatte ich, wie der +elendeste Bettelbube ging ich, vor nichts Rechts sah mich kein Mensche +mehr an, und wußte also meines Lebens keinen Rat, wie ich von St. Malo +wieder fortkommen wollte. Endlich so ging ich hin, wo die Schiffe +abfuhren, da erzählte ich dem einen Schiffer mein Unglück und wie mirs +gegangen wäre und bat ihn, wenn er abführe, er möchte mich doch +mitnehmen, ich wollte ihm gerne auf dem Schiffe mit an die Hand gehen. +Der Schiffsmann ließ sichs gefallen, denn es war ein engländischer +Schiffer und hatte in Frankreich schöne Waren geholt, der erbarmte sich +endlich über mich und nahm mich mit. Da mußte ich nun, wenn Sturm kam +und die Wellen davon ins Schiff schlugen, immer auf dem Schiffe plumpen, +damit die kostbaren Sachen nicht etwa naß würden, so kriegte ich bei ihm +zu essen und zu trinken. Als wir nun wieder bei London vorbeifuhren, +sagte ich zum Schiffer, daß mir das Plumpen so sauer würde, und ich +könnte es unmöglich länger ausstehen, bäte ihn, er möchte mich da lassen +aussteigen, ich wollte meinen Weg nach der Stadt zu nehmen. Der Schiffer +war mir hierinnen auch nicht zuwider, sondern fuhr mit seinem Schiffe +ans Ufer, ließ mich meiner Wege gehen und schiffte von da weiter fort. +Ich war her und setzte mich da bei dem Wasser nieder, zog meine Schuh +aus, band sie aneinander, hängte sie an den Arm und marschierte in +meinen zerzottelten Strümpfen halb barfuß immer nach dem Tore der Stadt +London zu. Wie ich nun an dasselbe kam, so stund ich stille und besann +mich eine gute Weile, wo ich mein Quartier da aufschlagen wollte, weil +ich keinen Heller Geld hatte. Endlich resolvierte ich mich und nahm +meinen Abtritt flugs haußen in der Vorstadt auf der Bettelherberge, +allwo ich noch Bettler antraf, denen ich vor einem halben Jahre mit +einigen Almosen sehr viel Gutes erzeigt hatte, auch etliche zu mir +sagten, mein Gesichte wäre ihnen bekannt, und sie sollten mich sonstwo +gesehen haben; allein sie konnten sich nicht mehr drauf besinnen. Ein +kleiner Betteljunge fing unter anderm an und sagte, daß ich bald aussähe +wie der vornehme Herr, der vor einem halben Jahre in London mit den +vornehmsten Damens wäre immer in der Kutsche gefahren und hätte ein +Goldstück mit einer Kette allezeit aus der Kutsche herausgehängt, bei +welcher so viel Schock Jungen stets nebenhergelaufen und das Goldstück +so angesehen. Ich ließ mir aber nichts merken, daß ichs war, und wenn +ichs ihnen auch gleich gesagt, sie hätten mirs, der Tebel hol mer, nicht +einmal geglaubt. + +Den andern Tag war ich her, weil ich kein Geld hatte, und ging in die +Stadt London hinein; da sprach ich die Leute, welche mich zuvor als eine +Standesperson noch nicht gesehen, um einen Zehrpfennig an, denn an die +Örter, wo ich vormals war öfters zu Gaste gewesen, kam ich, der Tebel +hol mer, nicht, denn sie hätten mich leicht kennen mögen, und wenn ich +vor Herrn Toffeln seinem Hause vorbeiging, so zog ich allemal die Mütze +in die Augen, damit mich niemand kennen sollte. Ich traf auch ungefähr +einen halben Landsmann in London an, welcher ein brav Kerl war und im +Kriege sich schon tapfer erwiesen hatte, demselben erzählte ich mein +Unglück. Er verehrte mir auch einen Reichstaler und versprach mir, mich +frei wieder mit in meine Heimat zu nehmen; allein ich hatte den Ort +vergessen, wonach ich ihn fragen sollte, und kunnte denselben also von +der Zeit an, als er mir den Taler schenkte, nicht wieder antreffen. Zu +meinem großen Glücke fuhren gleich zwei Tage hierauf drei Frachtwagen +aus London nach Hamburg; da bat ich die Fuhrleute, daß sie mich +mitnehmen sollten, ich hätte nicht viel zu verzehren. Die Fuhren waren +ganz gut, und sie sagten, wenn ich ihnen des Nachts ihre Wagen bewachen +würde, so wollten sie mich zehrfrei bis nach Hamburg mitnehmen. Ei +sapperment! wer war froher als ich! Ich sagte, herzlich gern wollte ichs +tun. Hierauf nahmen sie mich nun mit sich, und ich mußte mich vorne in +die Schoßkelle[55] setzen und fahren. Wenn wir nun abends ins Quartier +kamen, so gaben sie mir allemal den Kopf oder den Schwanz vom Heringe +und ein groß Stück Brot dazu; das mußte ich nun in mich hineinreiben, +hernach schenkten[56] sie mir auch einmal dazu und hießen mich unter +ihre Wagen legen und wachen. Das währte nun eine Nacht und alle Nächte, +bis wir in das letzte Wirtshaus nahe vor Hamburg kamen, allwo ich von +den Fuhrleuten Abschied nahm. Sie fragten mich zwar, ob ich nicht +vollends mit nach Hamburg wollte; ich bedankte mich, doch wäre ich wohl +gerne mit hinein gewesen; so aber stund ich in Sorgen, es möchte mich +etwa jemand noch da kennen und hernach solches der Rädelwache sagen, daß +ich der und der wäre, welcher vor etlichen Jahren ihrer so viel auf +einmal zuschanden gehauen und über den Haufen gestoßen hätte. Traute +also nicht, sondern nahm von dem nächsten Dorfe vor Hamburg meinen +Marsch oben im freien Felde weg und ging so lange, bis ich in ein ander +Gebiet kam, daß ich vor der Rädelwache recht sicher war. + +[55] Hängesitz für den Kutscher. + +[56] gaben mir zu trinken. + +Hernach so bettelte ich mich von einem Dorfe zu dem andern, bis ich +endlich Schelmerode wieder erblickte und allda nach meiner überstandenen +sehr gefährlichen Reise sowohl zu Wasser als zu Lande meiner Frau +Mutter frisch und gesund wieder zusprach. Mit was vor Freuden die +ehrliche Frau mich damals bewillkommte, will ich beim Eingange des +andern Teiles künftig sehr artig auch an den Tag geben. Vor dieses Mal +aber hat nun der erste Teil meiner wahrhaftigen kuriösen und sehr +gefährlichen Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande ein Ende. + + + + +2. Teil + + + + +1. Kapitel. + + +Wo mir recht ist, war es gleich am Sankt Gergenstage, als ich das +erstemal von meiner sehr gefährlichen Reise in einem alten zerrissenen +Kaperrocke und zwar barfuß des ehrlichen Schelmerode wieder ansichtig +wurde. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, wie mir alles so +fremde und unbekannt in meiner Geburtsstadt vorkam; ich hatte sie auch +so verkennen gelernt, als wenn ich dieselbe zeitlebens mit keinem Auge +gesehen gehabt. Drei ganzer Tage und Nächte lief ich wie ein irrer +Mensch auf allen Gassen herum und wußte meiner Frau Mutter Haus nicht +wiederzufinden, wenn es auch mein Leben hätte kosten sollen. Fragte ich +gleich Leute, ob sie mir nicht davon könnten Nachricht geben oder zum +wenigsten nur die Gasse sagen, wo meine Frau Mutter wohnen möchte, so +sperrten sie, der Tebel hol mer, allemal die Mäuler auf und sahen mich +an und lachten. Ich kunnte es ihnen zwar nicht verargen, daß sie so +albern taten und mir auf mein Fragen keine Antwort gaben. Warum? Ich +hatte meine Fraumuttersprache in der Fremde ganz verreden gelernt, denn +ich parlierte meist Engländisch und Holländisch mit unter das Deutsche, +und wer mir nicht sehr genau auf mein Maul Achtung gab, der kunnte mir, +der Tebel hol mer, nicht eine Silbe verstehen. Ich hätte, halt ich +dafür, meiner Frau Mutter Haus wohl in acht Tagen noch nicht gefunden, +so mir nicht ohngefähr die dritte Nacht zwischen elfen und zwölfen meine +Jungfer Muhmen auf der Gasse wären in Wurf gekommen, welche ich auch +anredete und fragte, ob sie mir keine Nachricht von meiner Frau Mutter +Hause melden könnten. Die Menscher sahen mir im Finstern beide scharf +ins Gesichte und verstundens doch (ob ich gleich sehr undeutsch redete) +und was ich haben wollte. + +Endlich so fing die eine an und sagte, ich sollte mich erstlich zu +erkennen geben, wer ich wäre, alsdann wollten sie mich selbsten an +verlangten Ort bringen. Wie ich ihnen nun erzählte, daß ich der und der +wäre, und daß ich schon drei ganze Tage in der Stadt herumgelaufen und +kein Henker mir hätte berichten können, in welcher Gasse doch meine Frau +Mutter wohnen müßte: O sapperment! wie fielen mir die Menscher beide auf +der Straße um den Hals und erfreuten sich meiner guten Gesundheit und +glücklichen Wiederkunft. Sie kriegten mich beide bei meinem zerrissenen +Kaperrocke zu fassen und waren willens, mit mir nach meiner Frau Mutter +Hause zu marschieren. Indem wir alle drei nun sehr artig miteinander +gingen und ich ihnen unterwegens von meiner Gefangenschaft zu Sankt Malo +anfing zu erzählen, so kamen unvermerkt zwei Kerls hinter mir +hergeschlichen, die denken, ich bin etwa ein gemeiner Handwerksbursche, +weil ich so liederlich ging, und gaben mir da rücklings ein jedweder +eine Presche und rissen mir hierauf meine Jungfer Muhmen von der Seite +weg und wanderten mit ihnen immer, was läufst du, was hast du, soviel +ich im Finstern sehen kunnte, durch ein enges Gäßchen durch. O +sapperment! wie verdroß mich das Ding von solchen unverständigen Kerlen, +weil sie mich nicht besser respektierten. Ihr größtes Glück war, daß mir +auf der spanischen See von Hans Barth mein vortrefflicher +Rückenstreicher mit war von der Seite weggeraubt worden, sonst hätte ich +ihnen nicht einen Dreier vor ihr ganzes Leben geben wollen; so aber +hatte ich nichts in Fäusten, und ohne Degen im Finstern auf Händel +auszugehen, glückt auch nicht allemal, drum dachte ich, du willst lieber +die Preschen einstecken und stehenbleiben, bis deine Jungfer Muhmen +wiederkommen; die werden dirs wohl sagen, wer die Kerls gewesen sein, +hernach müssen sie dir schon Satisfaktion vor dem Schimpf geben. Ich +stund wohl über drei Stunden auf derselben Stelle, wo ich die Preschen +bekommen hatte, und wartete auf meine Jungfer Muhmen. + +Wie dieselben nun wiederkamen, so waren sie ganz voller Freuden und +erzählten mir, wie es ihnen so wohl gegangen wäre und wie sie beide von +denselben Kerlen, welche mir die Preschen gegeben, so vortrefflich +beschenkt worden und es sehr bedauert, weil ich ihr Herr Vetter wäre, +daß sie sich an mir vergriffen hätten. Nachdem ich von meinen Jungfer +Muhmen nun solches vernahm, daß es unversehenerweise geschehen war und +daß die Presche, welche ich bekommen, einem andern waren zugedacht +gewesen, so ließ ichs gut sein und dachte: Irren ist menschlich. Hierauf +so führten mich meine Jungfer Muhmen immer nach meiner Frau Mutter Hause +zu. Als wir nun vor die Türe kamen, so konnten wir nicht hineinkommen. +Wir klopften wohl über vier Stunden vor meiner Frau Mutter Hause an, +allein es wollte uns niemand hören. + +Wie wir nun sahen, daß uns keiner aufmachen wollte, legten wir uns alle +drei die Länge lang vor die Haustür und schlummerten da so lange, bis +das Haus wieder geöffnet wurde; hernach so schlichen wir uns heimlich +hinein, die Treppe sachte hinauf und nach meiner Jungfer Muhmen ihrer +Kammer zu, daß sie und mich niemand gewahr wurde. Oben zogen sich meine +Jungfer Muhmen nun aus und legten ihr Nachthabit an, und zwar zu dem +Ende, damit niemand merken sollte, daß sie vergangene Nacht anderswo +frische Luft geschöpft hätten. Da solches geschehen, hießen sie mich +sachte die Treppe wieder hinunterschleichen und an meiner Frau Mutter +Stubentüre anpochen, und sollte hören, ob sie mich auch noch kennen +würde. + +Als ich nun unten wieder ins Haus kam: O sapperment! wie kam mir alles +so fremde und unbekannt in meiner Frau Mutter Hause vor. Ich suchte wohl +über zwei Stunden, ehe ich meiner Frau Mutter ihre Stubentüre +wiederfinden konnte, denn ich hatte alles miteinander im ganzen Hause +fast gänzlich verkennen gelernt, ausgenommen meiner Frau Mutter ihr +klein Hündchen, welches sie immer mit zu Bette nahm und hernachmals +eines unverhofften Todes sterben mußte; dasselbe erkannte ich noch an +dem Schwanze, denn es hatte einen blauen Fleck unter dem Schwanze, +welchen ich dem Hündchen unversehens, da ich noch vor diesem in die +Schule ging, mit meinem Blaserohre, als ich nach einem Sperlinge +geschossen und das Hündchen unversehenerweise unter den Schwanz +getroffen, gemacht hatte. Aber meine Frau Mutter, als ich derselben +ansichtig wurde, so kam sie mir, der Tebel hol mer, ganz unkennbar vor, +und ich hätte es auch nimmermehr geglaubt, daß sie meine Frau Mutter +wäre, wenn ich sie nicht an dem seidenen Kleide, welches ihr vormals die +große Ratte zerfressen gehabt, erkannt hätte, denn es war in demselben +hinten und vorne ein abscheulich groß Loch, und zu ihrem großen Glücke +hatte sie das zerfressene Kleid gleich selben Tag angezogen, sonst hätte +ich sie, der Tebel hol mer, nicht wiedergekannt. + +Nachdem ich nun gewiß wußte und das zerfressene seidene Kleid mir +genugsam zu verstehen gab, daß ich meine Frau Mutter, welche ich in so +vielen unzähligen Jahren mit keinem Auge gesehen, wiederum vor mir +stehen sah, so gab ich mich hernachmals auch zu erkennen und sagte, daß +ich ihr fremder Herr Sohn wäre, welcher in der Welt was Rechts gesehen +und erfahren hätte. O sapperment! was sperrte das Mensch vor ein Paar +Augen auf, wie sie hörte, daß ich ihr Sohn Schelmuffsky sein sollte! Sie +sagte anfänglich, das Ding könnte unmöglich wahr sein, daß ich ihr Herr +Sohn wäre, indem ihr Herr Sohn, wie sie vernommen, einer mit von den +vornehmsten Standespersonen unter der Sonnen wäre und würde, wenn er +wieder nach Hause käme, so liederlich wie ich nicht aufgezogen kommen. +Ich antwortete aber hierauf meiner Frau Mutter sehr artig und half ihr +mit zwei bis drei Worten gleich aus dem Traume, sagend, wie daß ich +nämlich einer mit von den vornehmsten Standespersonen schon in der Welt +gewesen, und wie daß einem ein gut Kleid auf der Reise nichts nütze +wäre, und wie daß der von Schelmuffsky ein ganz halb Jahr zu St. Malo +gefangen gesessen, und ihr einziger lieber Sohn, welcher wegen einer +großen Ratte, und zwar nach Adam Riesens Rechenbuche, vier Monate zu +früh auf die Welt gekommen wäre. O sapperment! als meine Frau Mutter von +der Ratte hörte, wie fiel mir das Mensche vor Freuden um den Hals und +herzte und poßte mich, daß ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen kann. +Als sie mit mir nun eine gute Weile getändelt hatte, so fing sie vor +großen Freuden an zu gransen, daß ihr die Tränen immer an den Strümpfen +herunterliefen und ihre sämischen Schuhe pfützenmadennaß davon wurden. +Hierzu kamen nun meine Jungfer Muhmen in ihrem Schlafhabite zur +Stubentür hineingetreten und boten meiner Frau Mutter einen guten +Morgen, gegen mich aber stellten sie sich, als wenn sie mich zeitlebens +nicht gesehen hätten. + +Meine Frau Mutter hatte auch damals einen kleinen Vetter bei sich, +dasselbe war eine schlaue Wetterkröte und wurde dem Ase aller Willen +gelassen. Indem nun meine Frau Mutter ihren Jungfer Muhmen erzählt, wie +daß ich ihr Sohn Schelmuffsky wäre, der sich was Rechts in der Fremde +versucht hätte und zu Wasser und zu Lande viel ausgestanden, so mochte +es der kleine Vetter in der Stubenkammer hören, daß von Schelmuffsky +geredet wurde: kam das kleine Naseweischen wie eine Ratte aus meiner +Frau Mutter Bette gesprungen und guckte zur Stubentüre hinein. Sobald +als er mich nun erblickte, fing der kleine Junge, der Tebel hol mer, an +zu lachen und fragte mich da gleich, was ich denn schon zu Hause wieder +haben wollte, indem ich kaum vierzehn Tage weg wäre? O sapperment! wie +verdroß mich das Ding von dem Jungen, daß er mir von vierzehn Tagen +schwatzte. Wie ich nun meine Frau Mutter hierauf fragte, ob er mich denn +noch kennte, so gab ihr der Naseweis so höhnisch zur Antwort und sagte, +warum er denn seinen liederlichen Vetter Schelmuffsky nicht kennen +sollte. Da ihm aber meine Frau Mutter die Augen eröffnen wollte und zu +ihm sprach, daß er unrecht sehen müßte und wie daß ich mich in der +Fremde was Rechts sowohl zu Wasser als zu Lande versucht hätte, so fing +mein kleiner Vetter wieder an: Frau Muhme, sie wird ja nicht so +einfältig sein und solche Lügen glauben, ich habe mir von +unterschiedlichen Leuten erzählen lassen, daß mein Vetter Schelmuffsky +nicht weiter als eine halbe Meile von seiner Geburtsstadt gekommen wäre +und alles miteinander mit liederlicher Kompagnie im Tobak und +Branntewein versoffen. O sapperment! wie knirschte ich mit den Zähnen, +als mir der Junge Tobak und Branntewein unter die Nase rieb. + +Nach diesem baten mich meine Jungfer Muhmen, daß ich doch von meiner +gefährlichen Reise was erzählen sollte und was ich vor Dinge in der Welt +gesehen hätte. Wie ich nun Sachen vorbrachte, welche große Verwunderung +bei meinen Jungfer Muhmen erweckten, so fiel mir der Junge allemal in +die Rede und sagte, ich sollte nur stillschweigen, es wäre doch alles +erstunken und erlogen, was ich da aufschnitte. Endlich so lief mir die +Laus auch über die Leber und gab ihm, ehe er sichs versah, eine Presche, +daß er flugs an die Stubentüre hinflog und die Beine hoch in die Höhe +kehrte. Ei sapperment! was verführte deswegen meine Frau Mutter vor ein +Spiel! Wie vielmal ich mich auch hernach des Jungens halber mit meiner +Frau Mutter gezankt und gekiffen[57], das wäre, der Tebel hol mer, auf +keine Eselshaut zu bringen, und ist meines Erachtens unnötig, daß ich +hiervon viel Wesens mache. Ist aber jemand kuriöse[58] und will von +solchem Gekeife genauere Nachricht wissen, dem kann ich keinen bessern +Rat geben, als daß er nur etliche ehrliche Weiber in der Nachbarschaft +deswegen drum fragt; die werdens ihm, der Tebel hol mer, haarklein +sagen. + +[57] gekeift. + +[58] neugierig. + + + + +2. Kapitel. + + +Nachdem ich mich nun innerhalb Jahresfrist ein wenig ausgemaustert hatte +und die Luft etwas wiederum vertragen kunnte, so ging hernachmals kein +Tag vorbei, daß ich mich nicht kontinue[59] mit meiner Frau Mutter +zanken mußte. Ich war auch solch Leben so überdrüssig, als wenn ichs mit +Löffeln gefressen hätte, und der Zank rührte gemeiniglich wegen meines +kleinen Vetters her, weil der Junge so naseweis immer war und mir kein +Wort, was ich erzählte, glauben wollte. Letztlich, wie ich sah, daß ich +mich mit meiner Frau Mutter gar nicht stellen kunnte, befahl ich ihr, +daß sie mir mußte ein neu Kleid machen lassen, und sagte, sie sollte mir +mein Vaterteil vollends geben, ich wollte wieder in die Fremde +marschieren und sehen, was in Italien und Welschland passierte, +vielleicht hätte ich da besser Glück als auf der spanischen See. Meine +Frau Mutter, die wollte mir nun an meinem Vorhaben nicht hinderlich +sein, sondern wäre mich damals schon lieber heute als morgen gern wieder +los gewesen. Sie ließ mir ein schön neu Kleid machen, welches auf der +Weste mit den schönsten Leonischen Schnüren verbrämt war. Weil sie aber +nicht flugs bei Ausgebegelde war und sonst noch eine Erbschaft in einer +benachbarten Stadt zu fordern hatte, so gab sie mir da eine Anweisung, +und ich sollte in ihrem Namen mir dort das Geld zahlen lassen, damit sie +mich nur aus dem Hause wieder los würde. + +[59] fortwährend. + +Hierauf war ich her und machte selben Tag noch einen Weg dahin und +vermeinte, die Gelder würden da schon aufgezählt liegen. Allein wie ich +hinkam, so wollte derjenige, welcher das Geld schuldig zu zahlen war, +mich mit meiner Anweisung nicht respektieren, sondern sagte, ich wäre +noch nicht mündig und dazu wüßte er auch nicht, ob ich der und der wäre. +O sapperment! wie verdroß mich das Ding, daß man mich vor unmündig +ansah, indem ich schon unzählige Jahre in die Fremde weit und breit +herumgesehen und einer mit von den bravsten Kerlen in der Welt gewesen +war. Ich tat aber das und erzählte ihm die Begebenheit von der Ratte: O +sapperment! wie erschrak der Schuldmann hernach vor mir und schämte +sich, der Tebel hol mer, wie ein Hund. Er wäre, halt ich dafür, wohl +noch halb soviel lieber schuldig gewesen, als daß er mir nur das +Nichtmündigsein unter die Nase gerieben hätte. Denn er sah mir hernach +allererst recht ins Gesichte, und da er spürte, daß mir was Sonderliches +aus den Augen herausfunkelte, so bat er bei mir um Verzeihung und kam +auch flugs mit der Vorklage und sagte, er wollte mir gerne die Erbschaft +bezahlen, allein er wäre jetzo nicht bei Mitteln, in zwei Jahren wollte +er sehen, daß mir damit könnte geholfen werden. Was wollte ich nun tun, +wie ich sah, daß es der gute Mann nicht hatte? Damit ich ihn aber nicht +in Schaden bringen wollte (denn wenn ich geklagt, hätte er mirs schon +zahlen müssen, und der Tebel hol mer, kein gut Wort dazu), so war ich +her und verhandelte die ganze Erbschaft einem andern, den ließ ich mir +vor den ganzen Quark den vierten Teil zahlen und gab ihm im Namen meiner +Frau Mutter Vollmacht, das ganze Kapital zu heben. + +Als ich nun das Geld empfangen hatte, O sapperment! wer war froher als +ich, da wieder frische Pfennige in meiner Ficke klangen. Sobald ich zu +meiner Frau Mutter nach Schelmerode kam, machte ich mich wieder +reisefertig und packte meine Sachen alle zusammen in einen großen +Kober[60], nahm von meiner Frau Mutter wie auch meinen Jungfer Muhmen +mit weinenden Augen wieder Abschied und war willens, mich auf die +geschwinde Post zu setzen. Indem ich nun zur Stubentür mit meinem großen +Kober hinauswandern wollte, so kam mir mein kleiner Vetter +entgegengegangen, von dem wollte ich nun auch gute Nacht nehmen. Wie ich +ihm aber die Hand bot, so fing die Wetterkröte an zu lachen und sagte, +es würde nicht nötig sein, daß ich von ihm Abschied nähme, meine Reise +würde sich so weit nicht erstrecken, und wenn er sich die Mühe nehmen +möchte, mir nachzuschleichen, so wollte er mich wohl im nächsten +Dörfchen in einer Bauernschenke antreffen, allwo ich so lange +verbleiben würde, bis die verhandelte Erbschaft in Tobak und Branntewein +durch die Gurgel gejagt wäre, hernach würde ich mich schon wieder +einfinden. Ei sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem Jungen, daß +er mir von dem nächsten Dorfe solche Dinge herschwatzte. Ich war aber +nicht faul, sondern gab ihm unversehens eine solche Presche wieder, daß +ihm das helle Feuer flugs zu den Augen heraussprang, und marschierte +hierauf mit meinem großen Kober immer stillschweigend zur Stubentüre +hinaus und in vollem Sprunge, was läufst du, was hast du, nach dem +Posthause zu. Da hätte man nun schön Nachschreien von meiner Frau Mutter +auf der Gasse gehört, wie das Mensche hinter mir herschrie und sagte: +»Schlag du, Schelm, schlag, geh, daß du Hals und Beine brichst und komm +nimmermehr wieder vor meine Augen«. Mein kleiner Vetter, das +Naseweischen, der verfolgte mich mit Steinen bis vor an das Posthaus, +allein er traf mich nicht ein einziges Mal. Als ich nun vor das Posthaus +kam und die geschwinde Post schon völlig besetzt war, so wollte mich der +Postillon nicht mitnehmen, doch tat er mir den Vorschlag, daß ich mich +hinten in die Schoßkelle setzen sollte, wenn ich mitwollte. Worauf ich +mich nicht lange besann, sondern mit gleichen Beinen flugs mit meinem +Kober hineinsprang, und hieß den Postillion immer _per postae_ eiligst +zum Tore hinausfahren. + +[60] Koffer. + + + + +3. Kapitel. + + +Es war gleich denselben Tag, als die Nacht zuvor meiner Frau Mutter die +Truthühner waren gestohlen worden, da ich die ehrliche Geburtsstadt +verließ und meine sehr gefährliche Reise zum andern Mal zu Wasser und +zu Lande wieder antrat. Kaum waren wir einen Musketenschuß von der Stadt +gefahren, so schmiß uns der Postillon um, daß flugs alle vier Räder an +der Postkalesche in Stücke brachen; die Personen, so er geladen hatte, +die lagen, der Tebel hol mer, im Drecke bis über die Ohren, denn es war +in einem greulichen Morastloche, da er uns umschmiß. Ich hatte noch von +großem Glück damals zu sagen, daß ich hinten in der Schoßkelle saß, denn +wie ich sah, daß der Wagen fallen wollte, so sprang ich mit meinem Kober +herunter, denn wenn ich wäre sitzengeblieben. Ei sapperment! wie würde +ich mit meiner Nase im Dreck auch gelegen sein. Da war nun Lachen zu +verbeißen, wie sich die Passagiere so im Kote herumwälzten. Der +Postillon wußte nun beileibe keinen Rat, wie er fortkommen wollte, weil +die Räder alle viere am Wagen zerbrochen waren. Nachdem ich nun sah, daß +ganz keine Hilfe fortzukommen vorhanden war und ich mich nicht lange zu +versäumen hatte, sondern wollte eiligst die Stadt Venedig besehen, so +war ich her, nahm meinen großen Kober und bedankte mich gegen meine +Reisegefährten, welche noch im Drecke dalagen, vor geleistete Kompagnie +und ging immer per pedes[61] nach Italien und Welschland zu. + +[61] zu Fuße. + +Denselben Tag wanderte ich noch zu Fuße zweiundzwanzig Meilen und +gelangte des Abends bei zu Rüste gehender Sonne in einem Kloster an, +worinnen die barmherzigen Brüder waren, der Tebel hol mer, gute Kerls, +sie traktierten mich mit essender Ware recht fürstlich, aber kein gut +Bier hatten sie in demselben Kloster. Ich fragte sie auch, wie es denn +käme, daß sie keinen guten Tischtrunk hätten: so gaben sie mir zur +Antwort, es hätte bei ihnen die Art so nicht, gut Bier zu brauen, +dieweil sie mit lauter saurem Wasser versehen wären. Damit so lernte +ich ihnen ein Kunststück, wie sie könnten gut Klebebier brauen, welches +auch so gut schmecken würde, daß sie es gar mit Fingern austitschen +würden, und wie sie danach würden brav predigen können. O sapperment! +wie dankten mir die barmherzigen Brüder vor mein Kunststück, welches ich +ihnen gelernt hatte. Sie stellten auch noch selben Abend eine Probe an, +den Morgen früh darauf hatten sie, der Tebel hol mer, das schönste +Klebebier im Bottich, welches wie lauter Zucker schmeckte. Ei +sapperment! wie soffen sich die barmherzigen Brüder in dem Klebebiere zu +und kunnten nicht einmal satt werden, so gut schmeckte es ihnen; sie +mußten bald immer das Maul mit Fingern zuhalten, so begierig soffen sie +es hinein und wurdens nicht einmal inne, wenn es ihnen gleich in die +Köpfe kam. Wie mir auch die Kerls deswegen so gut waren und viel Ehre +erzeigten, werde ich, der Tebel hol mer, mein Lebtage nicht vergessen. +Sie baten mich auch, daß ich eine Weile bei ihnen bleiben sollte, allein +ich hatte keine Lust dazu. + +Da ich von denselben nun wieder Abschied nahm, gaben sie mir einen +Haufen Viktualien[62] mit auf den Weg, daß ich nicht verhungern sollte, +denn die barmherzigen Brüder hatten gleich den Tag zuvor (welches der +Freitag war im Kloster) sechs Eckerschweine[63] geschlachtet, davon +kriegte ich eine große lange Wurst und ein abscheulich Stück dicken +Speck mit auf meine gefährliche Reise. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, +wohl sagen, daß ich dergleichen Speck mein Lebetage noch nicht in der +Welt gesehen hatte, als wie ich bei den barmherzigen Brüdern da antraf, +und wenn er nicht sechs Ellen dicke war, so will ich, der Tebel hol mer, +kein brav Kerl sein. + +[62] Eßwaren. + +[63] mit Eckern gemästete. + +Nachdem ich nun von den barmherzigen Brüdern Abschied genommen hatte +und mein großer Kober ziemlich mit Proviant gespickt war, so nahm ich +meinen Weg immer nach Venedig zu. Unterwegens erholte ich eine +geschwinde Post, welche auch willens war, nach Venedig zu fahren, und +weil der Postillon nicht viel Personen geladen hatte, so dingte ich mich +auf dieselbe, doch traute ich mich nicht unter die Kompagnie mit zu +setzen aus Furcht, der Postknecht möchte etwa auch umwerfen wie der +vorige, und man könnte nicht wissen, wie das Umwerfen allemal glückte, +so setzte ich mich wieder hinten mit meinem großen Kober in die +Schoßkelle und hieß den Postillion _per postae_ nach Italien und +Welschland fortfahren. Wir fuhren etliche Tage sehr glücklich, und wie +wir etwa noch einen Büchsenschuß von Venedig hatten, allwo man zwischen +großen hängigen Bergen fahren muß, so schmiß der Postillion, ehe wir es +uns versahen, den Postwagen um, daß er wohl den einen Berg hinunter über +tausendmal sich mit uns überkepelte, und nahm, der Tebel hol mer, keiner +nicht den geringsten Schaden. Ausgenommen zwei Räder, die gingen an der +Postkalesche vor die Hunde. Aber die wir auf dem Postwagen saßen, wurden +alle miteinander tüchtig von dem Sande bestoben, denn es gibt um Venedig +herum nichts als lauter sandige Berge. Doch muß ich gestehen, daß sich +die Stadt Venedig von ferne, der Tebel hol mer, recht proper +präsentiert[64], denn sie liegt auf einem großen hohen Steinfelsen und +ist mit einem vortrefflichen Wall umgeben. + +[64] recht gut ausnimmt. + +Als ich nun die Stadt Venedig zu Fuße mit meinem großen Kober erreicht, +so kehrte ich im Weißen Bocke ein, allwo ich sehr gute Bequemlichkeit +und Bedienung hatte. Die Wirtin, welches eine Wittfrau war, die empfing +mich sehr freundlich und führte mich gleich in eine wunderschöne +Kammer, worinnen über zweihundert gemachte Betten stunden; dieselbe +Kammer gab sie mir zur Verwahrung meiner Sachen ein und nahm mit einem +höflichen Komplimente wiederum Abschied. Wie ich nun allein in der +wunderschönen Kammer war, nahm ich meinen Kober vom Halse ab, machte ihn +auf und langte mir aus demselben ein weiß Hemde. Sobald als ich mir nun +das weiß Hemde angezogen hatte, versteckte ich meinen großen Kober mit +den Sachen unter ein gemacht schön Bette, damit ihn niemand finden +sollte, und ging aus der Kammer wieder heraus, schloß sie zu und fragte +die Wirtin, was denn gutes Neues in der Stadt Venedig passierte. Die +Wirtin, die gab mir zur Antwort und sagte, es wäre jetzo allerhand +(indem es Jahrmarkt wäre) auf dem Sankt Marxplatze zu sehen. O +sapperment! wie nahm ich meinen Marsch nach dem Sankt Marxplatze zu, als +die Wirtin vom Jahrmarkte schwatzte. Ich war her und holte meinen großen +Kober mit meinen Sachen geschwinde wieder aus der Kammer und hing +denselben an, damit mir derselbe, weil es Jahrmarkt war, nicht irgend +wegkommen sollte. Wie ich nun auf den Sankt Marxplatz kam, Ei +sapperment! was stunden da vor wunderschöne Häuser, desgleichen ich in +Holland und England wie auch in Schweden und ganz Indien an keinem Orte +niemals noch nicht gesehen hatte. Sie waren, der Tebel hol mer, mit den +kostbarsten Marmorsteinen ausgemauert und war ein Haus wohl über fünfzig +Geschoß hoch, und vor einem jedweden Hause rings um den Markt herum +stund eine große Plumpe, aus Ursachen, weil das Wasser da so selten ist. +Mitten auf dem Sankt Marxplatze nun stund eine große Glücksbude, da +griff nun hinein, wer wollte, es mußte aber die Person vor einen +jedweden Griff einen Dukaten geben; es waren auch aber Gewinste +darinnen zu sechzig- bis siebzigtausend Talern und gab auch sehr geringe +Gewinste, denn der geringste Gewinst wurde nur auf einen Batzen +wertgeschätzt, welches in Deutschland sechs Pfennige macht. + +Wie ich nun sah, daß manche Leute brav gewannen, so war ich her und +wagte auch einen Dukaten dran und wollte mein Glück versuchen. Als ich +nun in den Glückstopf hineingriff, O sapperment! was waren da vor +Zettel! ich will wetten, daß wohl über tausend Schock Millionen Zettel +in dem Glückstopfe da vorhanden waren. Indem ich nun in den Glückstopf +mit beiden Händen hineinfühlte, so tat ich auch einen solchen Griff, daß +ich die Zettel bald alle auf einmal mit beiden Fäusten herausgriff. Da +dieses der Glückstöpfer sah, O sapperment! wie klopfte er mich auf die +Finger, daß ich so viel Zettel herausgeschleppt brachte, welche ich aber +miteinander flugs wieder hineinschmeißen mußte und hernach vor meinen +Dukaten nur einen einzigen hinausnehmen, welches ich auch tat. Wie ich +nun vor meinen Dukaten einen Zettel aus dem Glückstopfe herausgenommen +hatte und ihn aufmachte, so war es eine gute Nummer, und zwar Nummer +elf, dieselbe mußte ich nun dem Glücksbüdner zeigen. Nun meinten damals +alle Leute, ich würde was Rechts davontragen, weil ich eine ungleiche +Nummer ergattert hätte, aber wie danach gesehen wurde, was Nummer 11 mit +sich brachte, so war es ein Bartbürstchen vor sechs Pfennig, O +sapperment! wie lachten mich die um die Glücksbude herumstehenden Leute +alle miteinander mit meinem Bartbürstchen aus. Ich kehrte mich aber an +nichts, sondern war her und griff noch einmal in den Glückstopf hinein +und langte noch einen Zettel heraus, derselbe hatte nun wiederum eine +gute Nummer, denn es war Nummer 098 372 641 509. Sapperment! wie +sperrten die Leute alle miteinander in und an der Glücksbude die Mäuler +auf, daß ich so eine vortreffliche Nummer ergriffen hatte. Wie nun in +der Glücksbude nachgesehen wurde, was meine vortreffliche Nummer vor +einen Gewinst hatte, so war es ein Pferd vor fünfhundert Taler und des +Glücksbüdners seine Frau, welche auf tausend Dukaten stund. O Morbleu! +was war vor ein Zulauf, wie es kundbar wurde: Signor Schelmuffsky hätte +sich in der Glücksbude so wohl gehalten. Ich mußte mich nun gleich auf +das gewonnene Pferd setzen, und die tausend Dukaten anstatt des +Glückstöpfers seiner gewonnenen Frau wurden alle an ein Paternoster +gereiht, dieselben mußte ich über meinen großen Kober hängen und in der +ganzen Stadt herumreiten, damit die Leute meinen Gewinst sahen. Es +mußten auch vor meinem Pferde hergehen neunundneunzig Trommelschläger, +achtundneunzig Schalmeipfeifer und ihrer drei mit Lauten und einer +Zither; die zwei Lauten und die einzige Zither klungen auch so anmutig +unter die Trompeten und Schalmeien, daß man, der Tebel hol mer, sein +eigen Wort nicht hören kunnte. Ich aber saß darbei sehr artig zu Pferde, +und das Pferd mußte wohl sein auf der Reitschule und auf dem Tanzboden +gewesen, denn wie die Musik ging, so tanzte es auch und trottierte, der +Tebel hol mer, unvergleichlich. Wie mich auch das Frauenzimmer zu +Venedig, als ich auf den St. Marxplatz kam, in einem ansah, kann ich, +der Tebel hol mer, nicht genugsam beschreiben, denn es lachte alles an +meinem ganzen Leibe, und kunnte ein jeder flugs sich an den Fingern +abzählen, daß meinesgleichen wohl schwerlich würde in der Welt zu finden +sein. + +Unter währendem Herumreiten ließen mir wohl über dreißig Nobelspersonen +auf der Gasse nachschicken und ließen mich untertänigst grüßen und schön +bitten, ich möchte ihnen doch berichten, wer und wes Standes ich wäre, +damit sie ihre schuldigste Aufwartung bei mir abstatten könnten. Ich +ließ aber den Nobelspersonen allen sehr artig wieder zur Antwort sagen, +wie daß ich mich zwar was Rechts in der Welt schon versucht hätte und +wäre in Schweden, in Holland und England wie auch bei dem Großen Mogol +in Indien ganzer vierzehn Tage lang gewesen und wäre mir auf seinem +vortrefflichen Schlosse Agra viel Ehre widerfahren; wer ich nun sein +müßte, das könnten sie leichtlich riechen. Hierauf so ritt ich mit +meiner Musik nun wieder fort, und als ich vor dem Rathause +vorbeitrottieren wollte, so fielen mir unvermuteterweise sechsundzwanzig +Häscher meinem Pferde in den Zaum und schrien alle zugleich: »Halt!« Wie +ich nun stillhalten mußte, so kamen die großen Ratspersonen, welche in +vierzehnhundert Nobels bestunden, die bekomplimentierten mich und +schätzten sich glücklich, daß sie die hohe Ehre haben sollten, meine +vornehme Gegenwart zu genießen. Als sie solch Kompliment gegen mich nun +abgelegt hatten, so antwortete ich zu Pferde überaus artig auch wieder +in halb engländischer, holländischer wie auch bisweilen deutscher +Sprache. + +Sobald als nun meine Antwortsrede aus war, hießen mich die sämtlichen +Ratsherren absteigen und baten mich, daß ich ihr vornehmer Gast sein +sollte. Worauf ich mit meinem großen Kober alsobald abstieg und gab +Order, mein Pferd so lange ins Häscherloch zu ziehen, bis daß ich +gegessen hätte. Welches auch geschah. Damit so führten mich drei +Präsidenten in der Mitten auf das Rathaus hinauf, hinter mir her gingen +nun die sämtlichen Mitglieder des Rats alle zu zwölfen in einer Reihe. +Wie wir nun elf Treppen hoch auf das Rathaus gestiegen waren, Ei +sapperment! was präsentierte sich da vor ein schöner Saal. Er war mit +lauter geschliffenen Werkstücken von Glas gepflastert und anstatt des +Tafelwerks waren die Wände mit lauter marmorsteinernem Gipse ausgemalt, +welches einem fast ganz die Augen verblendete. Mitten auf dem Saale, +nicht weit von der Treppe, stund eine lange von venedischem Glase +geschnittene Tafel gedeckt, auf welcher die raresten und delikatesten +Speisen stunden. Ich mußte mich nun mit meinem großen Kober ganz zu +oberst an die Tafel setzen, und neben mir saßen die drei Präsidenten, +welche mich die elf Treppen hinaufgeführt hatten. Weiter an der Tafel +hinunter saßen die übrigen Mitglieder des Rats und sahen mich alle mit +höchster Verwunderung an, daß ich solchen Appetit zu essen hatte. Unter +währender Mahlzeit wurde nun von allerhand diskuriert, ich aber saß +anfänglich ganz stille und stellte mich, als wenn ich nicht drei zählen +könnte. Da ich mich aber satt gefressen hatte, so tat ich hernach mein +Maul auch auf und fing an zu erzählen, wie daß ich in Indien einstmals +von dem Großen Mogol so trefflich wäre beschenkt worden, und wie daß ich +demselben den Kalkulum wegen seiner Einkünfte hätte führen müssen, und +wie ich noch halb soviel Überschuß herausgebracht, als er jährlich hätte +einzunehmen gehabt, und wie daß der Große Mogol mich deswegen zu seinem +Reichskanzler machen wollen, weil ich Adam Riesens Rechenbuch so wohl +verstanden. O sapperment! wie horchten die Herren des Rats zu Venedig, +da ich von dem Reichskanzler und Adam Riesens Rechenbuche schwatzte. Sie +titulierten mich hernach nicht anders als Ihre Hochwürden und fingen +alle miteinander gleich an, meine Gesundheit zu trinken. Bald sagte +einer: »Es lebe derjenige, welcher in Indien hat sollen des Großen +Mogols Reichskanzler werden und hats nicht annehmen wollen«. Bald fing +ein anderer an und sagte: »Es lebe derjenige, welcher noch halb soviel +Überschuß über des Großen Mogols Einkünfte herausbringen kann, ob ers +gleich nicht einzunehmen hat«. Welche und dergleichen Gesundheiten +wurden nun von allen über der gläsernen Tafel mir zuliebe getrunken. + +Wie nun meine Gesundheit herum war, so fing der eine Präsident, welcher +flugs neben mir saß, zu mir an und sagte, ich sollte doch meine hohe +Geburt nicht länger verborgen halten, denn er hätte schon aus meinen +Diskursen vernommen, daß ich nicht eines schlechten Herkommens sein +müßte, sondern es leuchtete mir was Ungemeines aus meinen Augen heraus. +Hierauf besann ich mich, ob ich mich wollte zu erkennen geben oder +nicht. Endlich so dachte ich, du willst ihnen doch nur die +Begebenheit von der Ratte erzählen, damit sie Maul und Ohren brav +aufsperren müssen, weil sie es nicht besser wollen gehabt haben. O +sapperment! was erweckte das Ding bei den vierzehnhundert Ratsherren vor +groß Aufsehens, als ich von der Ratte anfing zu schwatzen. Sie steckten, +der Tebel hol mer, an der Tafel die Köpfe alle miteinander zusammen und +redeten wohl drei ganzer Zeigerstunden heimlich von mir; was sie aber +durcheinanderplisperten, das kunnte ich gar nicht verstehen. Doch soviel +ich von meinem Herrn Nachbar zur rechten Hand vernehmen kunnte, sagte er +zu dem einen Präsidenten: wann ichs annehmen wollte, so könnte ich +Überaufseher des Rats zu Venedig werden, weil sie indem niemand hätten, +der sich dazu schickte. Nachdem sie sich nun alle so durcheinander +heimlich beredet hatten, so fingen sie alle zugleich an zu reden und +sagten: »Wir wollen Ihre Hochwürden zu unserm Ratsinspektor machen, +wollen Sie es wohl annehmen?« Auf dieses gute Anerbieten gab ich dem +sämtlichen Ratskollegio flugs sehr artig wieder zur Antwort und sagte: +»Vielgeehrte Herren und respektive werte Herzensfreunde! Daß ich ein +brav Kerl bin, dasselbe ist nun nicht Fragens wert, und daß ich mich in +der Welt, sowohl zu Wasser als zu Lande, was Rechts versucht habe, +solches wird der bekannte Seeräuber Hans Barth, welchem ich auf der +spanischen See mit meinem vortrefflichen Rückenstreicher einen großen +Flatschen von seiner krummen Habichtsnase gesäbelt, selbst gestehen +müssen, daß meinesgleichen in der Welt wohl schwerlich von Konduite[65] +wird gefunden werden«. O sapperment! wie sahen mich die vierzehnhundert +Ratsherren alle nacheinander an, als sie von meinem Rückenstreicher und +von meiner Konduite hörten. + +[65] Benehmen. + +Worauf auch der eine Präsident zu mir gleich sagte, das sämtliche +Kollegium hätte nun schon aus meiner Antwort vernommen, daß ich solche +angetragene Charge[66] wohl schwerlich akzeptieren würde, indem mein +Gemüte nur an dem Reisen seine Lust hätte. Hierzu schwieg ich nun +stockmausestille und machte gegen die drei Präsidenten ein über alle +Maßen artig Kompliment und stund, ehe sie sichs versahen, wie ein Blitz +von der Tafel auf. Da solches dieselben nun sahen, daß ich aufstund, +fingen sie gleich auch an, alle miteinander aufzustehen. + +[66] Amt. + +Da sie nun merkten, daß meines Bleibens nicht länger sein wollte, so +beschenkte mich der ganze Rat mit einem künstlich geschnittenen +venedischen Glase, welches auf zwanzigtausend Taler geschätzt wurde; +dasselbe sollte ich ihnen zum ewigen Andenken aufheben und zuzeiten ihre +Gesundheit daraus trinken. Es wäre auch geschehen, wenn ich nicht, wie +man ferner hören wird, solches unverhoffterweise zerbrochen hätte. + +Nachdem ich nun von dem sämtlichen Rate zu Venedig wieder Abschied +genommen und mich vor so große erzeigte Ehre bedankt hatte, steckte ich +das geschenkte schöne kostbare Glas in meinen großen Kober und ließ mir +von etlichen Klaudittgen[67] mein in der Glücksbude gewonnenes Pferd aus +dem Häscherloche wieder herausziehen und auf den Saal oben +hinaufbringen. Daselbst setzte ich mich nun mit meinem großen Kober +wieder zu Pferde und ritt mit so einer artigen Manier im vollen Kurier +die Treppe hinunter, daß sich auch die Ratsherren alle miteinander über +mein Reiten höchst verwunderten und meinten nicht anders, ich würde Hals +und Beine brechen müssen, weil es so glatt auf der Treppe wäre, indem +die Stufen von dem schönsten geschnittenen venedischen Glase gemacht +waren; allein mein Pferd, das war gewandt, es trottierte wie ein Blitz +mit mir die gläsernen Treppen hinunter, daß es auch nicht einmal +ausglatterte. Unten vor dem Häscherloche, da paßten nun meine Musikanten +wieder auf und sobald sie mich sahen von dem Rathause heruntergeritten +kommen, so fingen die mit den Trommeten gleich an eine Sarabande[68] zu +schlagen, die Schalmeipfeifer aber pfiffen den Totentanz drein und die +zwei mit den Lauten spielten das Lied dazu: »Ich bin so lange nicht bei +dir gewesen«, und der mit der Zither klimperte den Altenburgischen +Bauerntanz hintennach. + +[67] Häscher. + +[68] feierlicher, langsamer Tanz. + +Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, wie die Musik so +vortrefflich zusammenklang, und mein Pferd machte immer ein Hoppchen +nacheinander dazu. Damit so wollte ich nun noch einmal um den St. +Marxplatz herumreiten, und zwar nur deswegen, die Leute dadurch an die +Fenster zu locken und daß sie sich wacker über mein vortrefflich Reiten +verwundern sollten. Welches auch geschah. Denn als ich mit meinem großen +Kober über den St. Marxplatz wieder geritten kam, so steckten wohl auf +dreißigtausend Menschen die Köpfe zu den Fenstern heraus, die sahen +sich bald zum Narren über mich, weil ich mit meinem großen Kober so +galant zu Pferde saß. Wie wohl mir auch das Ding von den Leuten gefiel, +daß sie die Augen so brav über mein vortrefflich Zupferdesitzen +aufsperrten, dasselbe werde ich, der Tebel hol mer, zeitlebens nicht +vergessen. Aber was ich auch dabei vor einen Pfui-dich-an mit einlegte, +davon werden noch bis dato die kleinen Jungen zu Venedig auf der Gasse +zu schwatzen wissen. + +Man höre nur, wie mirs ging. Indem ich nun mit meinem großen Kober +überaus artig um den St. Marxplatz herumritt und alle Leute Maul und +Nasen über mich aufsperrten, so zog ich ein Pistol aus der einen Halfter +und gab damit Feuer. Der Glückstöpfer hatte mir aber zuvor (als ich das +Pferd bei ihm gewonnen) nicht gesagt, daß es schußscheu wäre und kein +Pulver riechen könnte. Wie ich nun so in aller Herrlichkeit das Pistol +losschoß, so tat das Pferd, ehe ichs mich versah, einen Ruck und schmiß +mich, der Tebel hol mer, mit meinem großen Kober flugs aus dem Sattel +heraus, daß ich die Länge lang auf dem St. Marxplatz dorthinfiel und das +wunderschöne Glas, welches so kostbar sein sollte, in hunderttausend +Stücken zerbrach. O sapperment! wie fingen die Leute alle miteinander +an, mich auszulachen. Ich war aber her und stund mit meinem großen Kober +geschwinde wieder auf und lief immer hinter dem Pferde her und wollte es +wieder haschen. Wenn ich denn nun bald an ihm war und wollte das Rabenas +hinten beim Schwanze ergreifen, so fing die Schindmähre allemal +geschwinde an zu trottieren und kurbettierte eine Gasse hinauf, die +andere wieder nieder. Ich jagte mich wohl drei ganzer Stunden mit dem +Schindluder in der Stadt Venedig herum und kunnte es doch nicht kriegen. +Endlich so lief es gar zum Tore hinaus und in ein Stück Hafer, welcher +flugs vorm Tore auf einen Steinfelsen gesät stund, hinein; da dachte ich +nun, ich wollte es ergattern, und lief ihm immer im Hafer nach, allein +ich kunnte seiner, der Tebel hol mer, nicht habhaftig werden, denn je +mehr ich dem Ase nachlief, je weiter trottierte es ins Feld hinein und +lockte mich mit den Narrenspossen bis vor die Stadt Padua, ehe ich +solches wiederbekommen kunnte. Ich hätte, halt ich dafür, dasselbe wohl +noch nicht gekriegt, wenn nicht ein Bauer aus der Stadt Padua mit einem +Mistwagen wäre herausgefahren kommen, welcher eine Stute mit vor seinen +Wagen gespannt hatte, bei derselben blieb mein gewonnenes Pferd, weil es +ein Hengst war, stillstehen. + +[Illustration] + +Wie ich dasselbe nun wieder hatte, so setzte ich mich mit meinem großen +Kober gleich wieder drauf und beratschlagte mich da mit meinen Gedanken, +ob ich wieder nach Venedig oder in die Stadt Padua flugs spornstreichs +hineinreiten wollte und selbige auch besehen. Bald gedachte ich in +meinem Sinn: was werden doch immer und ewig die Musikanten denken, wo +Signor Schelmuffsky muß mit seinem großen Kober geblieben sein, daß er +nicht wiederkommt? Bald gedachte ich auch: reitest du wieder nach +Venedig zu und kommst auf den St. Marxplatz, so werden die Leute den von +Schelmuffsky wacker wieder ansehen und die kleinen Jungen einander in +die Ohren plispern: »Du siehe doch, da kommt der vornehme Herr mit +seinem großen Kober wiedergeritten, welchen vor vier Stunden das Pferd +herunterwarf, daß er die Länge lang in die Gasse dahinfiel, wir wollen +ihn doch brav auslachen«. Endlich dachte ich auch: kommst du nach +Venedig wieder hinein und der Rat erfährt es, daß du das wunderschöne +Glas schon zerbrochen hast, so werden sie dir ein andermal einen Quark +wieder schenken. Faßte derowegen eine kurze Resolution und dachte: Gute +Nacht Venedig! Signor Schelmuffsky muß sehen, wie es in Padua aussieht; +und rannte hierauf in vollem Schritte immer in die Stadt Padua hinein. + + + + +4. Kapitel. + + +Padua ist, der Tebel hol mer, eine brave Stadt; ob sie gleich nicht gar +groß ist, so hat sie doch lauter schöne neue Häuser und liegt eine halbe +Stunde von Rom. Sie ist sehr volkreich von Studenten, weil so eine +wackere Universität da ist. Es sind bisweilen über dreißigtausend +Studenten in Padua, welche in einem Jahre alle miteinander zu Doktors +gemacht werden. Denn da kann, der Tebel hol mer, einer leicht Doktor +werden, wenn er nur Speck in der Tasche hat und scheut dabei seinen Mann +nicht. In derselben Stadt kehrte ich nun mit meinem Pferde und großen +Kober in einem Gasthofe, zum Roten Stier genannt, ein, allwo eine +wackere, ansehnliche Wirtin war. Sobald ich nun mit meinem großen Kober +von dem Pferde abstieg, kam mir die Wirtin gleich entgegen gelaufen, +fiel mir um den Hals und küßte mich, sie meinte aber nicht anders, ich +wäre ihr Sohn. Denn sie hatte auch einen Sohn in die Fremde geschickt, +und weil ich nun unangemeldet flugs in ihren Gasthof hineingeritten kam, +und sie meiner nur von hinten ansichtig wurde, so mochte sie in dem +Gedanken stehen, ihr Sohn käme geritten; so kam sie spornstreichs auf +mich zu gewackelt und kriegte mich von hinten beim Kopfe und herzte +mich. Nachdem ich ihr aber sagte, daß ich der und der wäre und die Welt +auch überall durchstankert hätte, so bat sie hernach bei mir um +Verzeihung, daß sie so kühn gewesen wäre. + +Es hatte dieselbe Wirtin auch ein paar Töchter, die führten sich, der +Tebel hol mer, galant und proper in Kleidung auf, nur schade war es um +dieselben Menscher, daß sie so hochmütig waren und allen Leuten ein +Klebefleckchen wußten anzuhängen, da sie doch, der Tebel hol mer, von +oben bis unten selbst zu tadeln waren. Denn es kunnte kein Mensch mit +Frieden vor ihrem Hause vorbeigehen, dem sie nicht allemal was auf den +Ärmel hefteten, und kiffen[69] sich einen Tag und alle Tage mit ihrer +Mutter, ja sie machten auch bisweilen ihre Mutter so herunter, daß es +Sünde und Schande war, und hatten sich an das häßliche Fluchen und +Schwören gewöhnt, daß ich, der Tebel hol mer, vielmal dachte: Was gilts? +die Menscher werden noch auf dem Miste sterben müssen, weil sie ihre +eigene Mutter so verwünschen. Allein es geschah der Mutter gar recht, +warum hatte sie dieselben in der Jugend nicht besser gezogen. Einen +kleinen Sohn hatte sie auch noch zu Hause, das war noch der beste; sie +hielt ihm unterschiedene Präzeptores, aber derselbe Junge hatte zu dem +Studieren keine Lust. Seine einzige Freude hatte er an den Tauben und +auch (wie ich in meiner Jugend) an dem Blaserohre, mit demselben schoß +er im Vorbeigehen, wenn es Markttag war, die Bauern immer auf die Köpfe +und versteckte sich hernach hinter die Haustür, daß ihn niemand gewahr +wurde. Ich war demselben Jungen recht gut, nur des Blaserohrs halber, +weil ich in meiner Jugend auch so einen großen Narren daran gefressen +hatte. + +[69] keiften. + +Nun hätte auch diese Wirtin so gerne wieder einen Mann gehabt, wenn sie +nur einer hätte haben wollen, denn der sappermentsche Kupido mußte ihr +eine abscheulich große Wunde mit seinem Pfeile gemacht haben, daß sie in +ihrem sechzigjährigen Alter noch so verliebt um den Schnabel herum +aussah. Sie hätte, halt ich dafür, wohl noch einen Leg-dich-her +bekommen, weil sie ihr gutes Auskommen hatte. Den ganzen Tag redete sie +von nichts anders als von Hochzeit machen und von ihrem Sohne, welcher +in der Fremde wäre, und sagte, was derselbe vor ein so stattlicher Kerl +wäre. + +Ich hatte, halt ich davor, noch nicht drei Wochen bei derselben Wirtin +logiert, so stellte sich ihr fremder Sohn zu Hause wieder ein. Er kam, +der Tebel hol mer, nicht anders als ein Kesselflicker aufgezogen und +stunk nach Tobak und Branntewein wie der ärgste Marodebruder[70]. Ei +sapperment! was schnitt der Kerl Dinges auf, wo er überall gewesen wäre, +und waren, der Tebel hol mer, lauter Lügen. + +[70] vagabondierender Soldat. + +Wie ihn nun seine Mutter und Schwestern wie auch sein kleiner Bruder +bewillkommet hatten, so wollte er mit seinen Schwestern Französisch an +zu reden fangen, allein er kunnte, der Tebel hol mer, nicht mehr +vorbringen als »oui«. Denn wenn sie ihn auf deutsch fragten, ob er auch +da und da gewesen wäre, so sagte er allemal »oui«. Der kleine Bruder +fing zu ihm auch an und sagte: »Mir ist erzählt worden, du sollst nicht +weiter als bis Halle in Sachsen gewesen sein: ists denn wahr?« So gab er +ihm gleichfalls zur Antwort: »Oui«. Als er nun hierzu auch »oui« sprach, +mußte ich mich, der Tebel hol mer, vor Lachen in die Zunge beißen, daß +ers nicht merkte, daß ich solche Sachen besser verstünde als er. Denn +ich kunnte es ihm gleich an den Augen absehen, daß er über eine Meile +Weges von Padua nicht mußte gewesen sein. + +Wie ihm das Französischreden nicht wohl fließen wollte, so fing er +Deutsch an zu reden und wollte gerne fremde schwatzen, allein die liebe +Muttersprache verriet ihn immer, daß auch das kleinste Kind es hätte +merken können, daß es lauter gezwungen Werk mit seinem Fremdereden war. +Ich stellte mich nun dabei ganz einfältig und gedachte von meinen Reisen +anfänglich nicht ein Wort. Nun da hat der Kerl Dinge hergeschnitten, daß +einem flugs die Ohren davon hätten weh tun mögen, und war nicht ein +einzig Wort wahr. Denn ich wußte es alles besser, weil ich dieselben +Länder und Städte, da er wollte gewesen sein, schon längst an den +Schuhen abgerissen hatte. + +Die Studenten, so im Hause waren, die hießen ihn nicht anders als den +Fremden und zwar aus den Ursachen, weil er wollte überall gewesen sein. +Man denke nur, was der sappermentsche Kerl, der Fremde, vor abscheuliche +große Lügen vorbrachte. Denn als ich ihn fragte, ob er auch was Rechts +da und da zu Wasser gesehen und ausgestanden hätte, so gab er mir zur +Antwort, wann er mirs gleich lange sagte, so würde ich einen Quark davon +verstehen. O sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem +nichtswürdigen Bärenhäuter, daß er mir da von einem Quarke schwatzte; es +fehlte nicht viel, so hätte ich ihm eine Presche gegeben, daß er flugs +an der Tischecke hätte sollen kleben bleiben, so aber dachte ich, was +schmeißt du ab, du willst ihn nur aufschneiden lassen und hören, was er +weiter vorbringen wird. Ferner so fing der Fremde nun an, von +Schiffahrten zu schwatzen. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht +sagen, was der Kerl vor Wesens von den Schiffen machte und absonderlich +von solchen Schiffen, die man nur Dreckschüten[71] nennt. Denn er +erzählte seinen Schwestern mit großer Verwunderung, wie er bei +abscheulichem Ungestüm und Wetterleuchten auf einer Dreckschüte mit +zweitausend Personen von Holland nach England in einem Tage gefahren +wäre und hätte keiner keinen Schuh naß gemacht. Worüber sich des +Fremden seine Schwestern sehr verwunderten. Ich aber sagte hierzu nicht +ein Wort, sondern mußte innerlich bei mir recht herzlich lachen, weil +der Fremde so ein großes Wesen von der lumpigen Dreckschüte da erzählte. +Ich mochte ihn nur nicht beschimpfen und auf seine Aufschneidereien +antworten. Denn wenn der Kerl hätte hören sollen, wie daß ich mit meinem +verstorbenen Bruder Grafen über hundert Meilen auf einem Brette +schwimmen müssen, ehe wir einmal Land gerochen hätten, und wie daß auch +einstmals ein einziges Brett unser fünfzig das Leben errettet: O +sapperment! wie der Fremde die Ohren aufsperren sollen und mich ansehen! +So aber dachte ich, du willst ihn immer aufschneiden lassen, warum sein +die Menscher solche Narren und verwundern sich flugs so sehr über +solchen Quark. Weiter erzählte der Fremde auch, wie er wäre in London +gewesen und bei dem Frauenzimmer in solchem Ansehen gestanden, daß sich +auch eine sehr vornehme Dame so in ihn verliebt hätte gehabt, daß sie +keinen Tag ohne ihn leben können, denn wenn er nicht alle Tage wäre zu +ihr gekommen, so hätte sie gleich einen Kammerjunker zu ihm geschickt, +der hätte ihn auf einer Chaise de Roland mit elf gelben Rappen bespannt +allemal holen müssen; und wenn er nun zu derselben vornehmen Dame +gekommen wäre, so hätte sie ihm allzeit erstlich einen guten Rausch in +Mastixwasser zugesoffen, ehe sie mit ihm von verliebten Sachen zu +schwatzen angefangen. Er hätte es auch bei derselben Dame so weit +gebracht, daß sie ihm täglich fünfzigtausend Pfund Sterling in +Kommission gegeben, damit er nun anfangen mögen, was er nur selbsten +gewollt. O sapperment! was waren das wieder vor Lügen von dem Fremden, +und seine Schwestern, die glaubten ihm nun, der Tebel hol mer, alles +miteinander. Die eine fragte ihn, wie viel denn ein Pfund Sterling an +deutscher Münze wäre. So gab er zur Antwort, ein Pfund Sterling wäre +nach deutscher Münze sechs Pfennige. Ei sapperment! wie verdroß mich das +Ding von dem Kerl, daß er ein Pfund Sterling nur vor sechs Pfennige +schätzte, da doch, der Tebel hol mer, nach deutscher Münze ein Pfund +Sterling einen Schreckenberger macht, welches in Padua ein halber +Batzen[72] ist. Über nichts kunnte ich mich innerlich so herzlich +zulachen, als daß des Fremden sein kleiner Bruder sich immer so mit +dreinmengte, wann der Fremde Lügen erzählte, denn derselbe wollte ihm +gar kein Wort nicht glauben, sondern sagte allemal, wie er sich doch die +Mühe nehmen könne, von diesen und jenen Ländern zu schwatzen, da er doch +über eine Meile Weges von Padua nicht gekommen wäre. Den Fremden +verschnupfte das Ding, er wollte aber nicht viel sagen, weils der Bruder +war, doch gab er ihm dieses zur Antwort: »Du Junge verstehst viel von +dem Taubenhandel«. Den kleinen Bruder verdroß das Ding auch, daß der +Fremde ihn einen Jungen hieß und von dem Taubenhandel schwatzte, denn +die Wetterkröte bildete sich auch ein, er wäre schon ein großer Kerl, +weil er von dem sechsten Jahre an bis in das fünfzehnte schon den Degen +getragen hatte. Er lief geschwind zur Mutter und klagte ihrs, daß ihn +sein fremder Bruder einen Jungen geheißen hatte. Die Mutter verdroß +solches auch und war hierauf her und gab ihm Geld, schickte ihn hin auf +die Universität in Padua, daß er sich da mußte einschreiben lassen und +ein Studente werden. + +[71] Holländisch Trekschuyte: ein Kahn, der geschleppt wird. + +[72] Ein Pfund Sterling ist in deutscher Münze ungefähr 20 M.; ein +Batzen entspricht etwa 10 Pfg. heutiger Reichswährung. + +Wie er nun wiederkam, so fing er zu seinem fremden Bruder an und sagte: +»Nun bin ich doch auch ein rechtschaffener Kerl geworden, und Trotz sei +dem geboten, der mich nicht dafür ansieht«. Der Fremde sah den kleinen +Bruder von unten bis oben, von hinten und von vorne mit einer höhnischen +Miene an, und nachdem er ihn überall betrachtet hatte, sagte er: »Du +siehst noch jungenhaftig genug aus«. Den kleinen Bruder verdroß das Ding +erschrecklich, daß ihn der Fremde vor allen Leuten so beschimpfte. Er +war her und zog sein Fuchtelchen da heraus und sagte zu dem Fremden: +»Hast du was an mir zu tadeln oder meinest, daß ich noch kein +rechtschaffener Kerl bin, so schier dich her vor die Klinge, ich will +dir weisen, was Burschenmanier ist«. Der Fremde hatte nun blutwenig +Herze in seinem Leibe, als er des kleinen Bruders bloßen Degen sah, er +fing an zu zittern und zu beben und kunnte vor großer Angst nicht ein +Wort sagen, daß auch endlich der kleine Bruder den Degen wieder +einsteckte und sich mit dem Fremden in Güte vertrug. Wie sehr aber der +neue Akademikus von den Hausburschen und andern Studenten gevexiert[73] +wurde, das kann ich, der Tebel hol mer, nicht sagen. Sie hießen ihn nur +den unreifen Studenten, ich fragte auch, warum sie solches täten, so +wurde mir zur Antwort gegeben: deswegen wurde er nur der unreife Student +geheißen, weil er noch nicht tüchtig auf die Universität wäre, und dazu +so hielte ihm seine Mutter noch täglich einen Moderator[74], welcher ihn +den Donat[75] und Grammatika lernen mußte. Damit aber der unreife +Student die Schande nicht haben wollte, als wenn er noch unter der +Schulrute erzogen würde, so machte er den andern Studenten weis, der +Moderator wäre sein Stubengeselle. + +[73] gefoppt. + +[74] Pauker. + +[75] lateinische Grammatik. + +Indem mir nun einer von den Hausburschen solches erzählt hatte und noch +mehr Dinge von dem unreifen Studenten erzählen wollte, so wurde ich +gleich zur Mahlzeit gerufen. Über Tische fing der Fremde nun wieder an, +von seinen Reisen aufzuschneiden, und erzählte, wie daß er wäre in +Frankreich gewesen und bei einem Haare die Ehre gehabt, den König zu +sehen. Wie ihn nun seine Schwestern fragten, was vor neue Moden jetzo in +Frankreich wären, so gab er ihnen zur Antwort: wer die neuesten Trachten +und Moden zu sehen verlangte, der sollte nur ihn fragen, denn er hielte +bis dato noch einen eigenen Schneider in Frankreich, welchem er jährlich +Pensionsgelder gäbe, er möchte ihm nun was machen oder nicht; wer was +bei demselbigen wollte von den neusten Moden verfertigen lassen, der +sollte nur zu ihm (als nämlich zu dem Fremden) kommen. Er wollte es ihm +hineinschicken, denn derselbe Schneider dürfte sonst niemand einen Stich +arbeiten, wenn ers nicht haben wollte. Ich kanns, der Tebel hol mer, +nicht sagen, wie der Fremde seinen Leibschneider herausstrich und +verachtete dabei alle Schneider in der ganzen Welt, absonderlich von den +Schneidern in Deutschland wollte er gar nichts halten, denn dieselben +(meinte der Fremde) wären nicht einen Schuß Pulver wert aus Ursachen, +weil sie so viel in die Hölle[76] schmissen. + +[76] Vertiefung in dem Tische, auf dem die Schneider bei der Arbeit zu +sitzen pflegen. + +Nachdem er solches erzählt und seine Jungfern Schwestern hierzu nicht +viel sagen wollten, so rief er den Hausknecht, derselbe mußte geschwinde +in die Apotheke laufen und ihm vor vier Groschen Mastixwasser holen. Nun +kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, was der Fremde vor Wesens und +Aufschneidens von dem Mastixwasser machte, wie nämlich dasselbe +frühmorgens vor die Mutterbeschwerung und vor den Ohrenzwang so gesund +wäre, und wie es den Magen einem so brav zurechte wieder harken könnte, +wenn es einem speierlich im Halse wäre. Ich dachte aber in meinem Sinn, +lobe du immerhin dein Mastixwasser, ich will bei meiner Bomolie +bleiben. Denn ich sage es noch einmal, daß auf der Welt nichts Gesunders +und Bessers ist, als ein gut Gläschen voll Bomolie, wann einem übel ist. +Als nun der Hausknecht mit dem Mastixwasser kam. Ei sapperment! wie soff +der Fremde das Zeug so begierig in sich hinein! Es war nichts anders, +als wenn er ein Glas Wasser in sich hineingösse, und gingen ihm die +Augen nicht einmal davon über. + +Nachdem der Fremde nun vor vier Groschen Mastixwasser auf sein Herze +genommen hatte, so fing er ferner an zu erzählen von den Handelschaften +und Kommerzien in Deutschland und sagte, wie daß sich die meisten +Kaufleute nicht recht in die Handlungen zu finden wüßten und der +hundertste Kaufmann in Deutschland nicht einmal verstünde, was +Kommerzien wären. Hingegen in Frankreich, da wären brave Kaufleute, die +könnten sich weit besser in den Handel schicken als wie die dummen +Deutschen. O sapperment! wie horchte ich, als der Fremde von den dummen +Deutschen schwatzte. Weil ich nun von Geburt ein Deutscher war, so hätte +ich ja, der Tebel hol mer, wie der ärgste Bärenhäuter gehandelt, daß ich +dazu stillschweigen sollen, sondern ich fing hierauf gleich zu ihm an +und sagte: »Höre doch, du Kerl! Was hast du auf die Deutschen zu +schmälen? Ich bin auch ein Deutscher, und ein Hundsfott, der sie nicht +alle vor die bravsten Leute ästimiert«. Kaum hatte ich das Wort +Hundsfott dem Fremden unter die Nase gerieben, so gab er mir +unversehenerweise eine Presche, daß mir die Gusche[77] flugs wie eine +Bratwurst davon auflief. Ich war aber her und kriegte den Fremden hinter +dem Tische mit so einer artigen Manier bei seinem schwarzen Nischel[78] +zu fassen und gab ihm vor die eine Presche wohl tausend Preschen. O +sapperment! wie gerieten mir seine Schwestern wie auch der unreife +Student und der Moderator oder, daß ich recht sage, des unreifen +Studentens sein Stubengeselle, in meine Haare und zerzausten mich da +tüchtig. Ich wickelte mich aber aus dem Gedränge eiligst heraus, sprang +hinter dem Tische vor und lief nach dem Kachelofen zu, daselbst hatte +ich in der Hölle meinen großen Kober an einem hölzernen Nagel hängen, +denselben nahm ich herunter, und weil er von dem Specke, welchen ich von +den barmherzigen Brüdern im Kloster geschenkt bekommen, brav schwer war, +so hätte man da schön Abkobern gesehen, wie ich sowohl des Fremden +Schwestern und den unreifen Studenten wie auch des unreifen Studenten +Moderator (ei, wollte ich sagen Stubengesellen) und den Fremden selbst +mit meinem großen Kober da zerpumpte. Daß auch der Fremde vor großer +Angst das Mastixwasser, welches er über Tische so begierig +hineingesoffen hatte, mit halsbrechender Arbeit wieder von sich spie und +unter währendem Speien um gut Wetter bat: wenn er ausgespien hätte, so +wollte er die ganze Sache mit mir vor der Klinge ausmachen. O +sapperment! was war das vor ein Fressen vor mich, als der Fremde von der +Klinge schwatzte. Worauf ich auch alsobald »Topp« sagte und ihn mit +meinem großen Kober nicht mehr schmiß. Des unreifen Studenten +Stubengesellen aber koberte ich gottsjämmerlich ab, und ich sage, daß +ich ihn endlich gar hätte zu Tode gekobert, wenn nicht des Fremden +Mutter und Schwestern so erschrecklich vor ihn gebeten hätten, denn er +stund überaus wohl bei den Töchtern und der Mutter. + +[77] Schnauze. + +[78] Kopf. + +Nachdem der Fremde nun mit Speien wieder fertig war, hing ich meinen +großen Kober wieder in die Hölle und suchte meinen langen Stoßdegen zur +Hand, welchen ich dazumal trug, und forderte ihn hierauf vors Tor. Der +Fremde suchte seinen Degen auch hervor, dasselbe war nun eine große +breite Musketierplempe mit einem abscheulichen Korbe, damit marschierten +wir beide nun spornstreichs nach dem Tore zu. Der unreife Studente +wollte mit seinem Stubengesellen auch hinten nachgelaufen kommen, allein +ich und der Fremde jagten die Bärenhäuter wieder zurück. Wie wir nun vor +das Tor hinauskamen, so war gleich flugs nahe an der Ringmauer ein hoher +spitziger Berg, denselben kletterten wir hinauf und oben auf der Spitze +des Berges gingen wir zusammen. Wir hätten uns zwar unten am Berge +schlagen können, allein so hatten wir keine Sekundanten bei uns, denn +wenn wir Sekundanten gehabt, hätten dieselben mit bloßen Degen hinter +uns stehen müssen, damit von uns keiner zurückweichen können. In +Ermangelung derselben aber mußte uns der hohe spitzige Berg sekundieren, +denn da durfte und kunnte von uns beiden auch keiner ausweichen; denn +wenn nur einer einen Strohhalm breit aus seiner Positur gewichen, so +wären wir, der Tebel hol mer, alle beide den Berg hinuntergepurzelt und +hätten Hals und Beine über unserer Schlägerei morsch entzweigebrochen; +so aber mußten ich und der Fremde oben auf der Spitze wie eine Katze +innehalten und unter währendem Schlagen wie eine Mauer auf den Knochen +stehen. -- Ehe wir uns aber anfingen zu schmeißen, so fing der Fremde zu +mir an und sagte, ich sollte mit ihm auf den Hieb gehen, weil er keinen +Stoßdegen hätte, oder wenn ichs zufrieden wäre, so wollte er den ersten +Gang mit mir auf den Hieb gehen, den andern Gang wollte er mit mir auf +den Stoß versuchen. Ich sah aber nun gleich, daß der Fremde kein Herze +hatte, sondern sagte: Kerl, schier dich nur her, es gilt mir alles +gleich, ich will mit dir nicht lange Federlesens machen. Damit so zogen +wir beide vom Leder und gingen miteinander da auf den Hieb zusammen. Ei +sapperment! wie zog ich meinen Stoßdegen mit so einer artigen Manier aus +der Scheide heraus! Den ersten Hieb aber, so ich mit meinem Stoßdegen +nach dem Fremden tat, so hieb ich ihm seine große Plempe flugs glatt von +dem Gefäße weg und im Rückzuge streifte ich ihm die hohe Quarte über der +Nase weg und hieb ihm, der Tebel hol mer, alle beide Ohren vom Kopf +herunter. O sapperment! wie lamentierte der Fremde, da er seine Ohren +vor sich liegen sah. Ich war auch willens, ihm wie dem Seeräuber Hans +Barth eine stumpfichte Nase zu machen, weil er aber so sehr um die Ohren +tat und mich bat, daß ich ihn ungeschoren lassen sollte und daß er +zeitlebens keinen Deutschen wieder verachten wollte, sondern allezeit +sagen, die Deutschen wären die bravsten Leute unter der Sonne, so +steckte ich meinen Stoßdegen wieder ein und hieß ihn beide Ohren nehmen +und damit eiligst zum Barbier wandern, vielleicht könnten sie ihm wieder +angeheilt werden. + +Hierauf war er her und wickelte seine Ohren in ein Schnupftuch und nahm +seine zerspaltene Plempe mit dem großen Korbgefäße unter den Arm und +ging mit mir in die Stadt Padua hinein. In dem großen Hause flugs am +Tore neben dem Aufpasser wohnte ein berühmter Feldscher, welcher auch +wacker wollte gereist sein; zu demselben hieß ich den Fremden mit seinen +abgehauenen Ohren gehen, und sollte da hören, ob sie ihm wohl könnten +wieder angeheilt werden. Der Fremde aber hatte keine Lust, zum Feldscher +hinzugehen, sondern sagte, er wollte erstlich ein gut Gläschen +Mastixwasser auf die Schmerzen aussaufen, hernach so wollte er sich zum +Schinder in die Kur begeben und bei dem hören, ob seine Ohren wieder +könnten angeheilt werden. Nachdem er dieses zu mir gesagt, so ging er +von mir und nahm seinen Marsch immer nach der Apotheke zu. Ich aber war +her und schlich mich heimlich in des Fremden seiner Mutter Haus, allwo +ich im Quartier lag, daß mich keiner gewahr wurde, und praktizierte mit +so einer artigen Manier meinen großen Kober aus der Stube hinter der +Hölle weg, setzte mich wieder auf mein gewonnenes Pferd und ritt da ohne +Stallgeld und ohne Abschied immer zur Stadt Padua hinaus und nach Rom +zu. + +Von derselben Zeit an habe ich den Fremden wie auch den unreifen +Studenten mit seinem Moderator oder, sage ich, Herrn Stubengesellen mit +keinem Auge wiedergesehen. Nachricht aber habe ich seithero von dem +Universitätsboten aus Padua erhalten, daß der Schinder dem Fremden die +Ohren wiederum feliziter[79] sollte in zwei Tagen angeheilt haben. Er +hätte aber die zwei Tage über vortrefflichen Fleiß bei ihm angewendet +und hätte unter währender Kur der Fremde über zwölf Kannen Mastixwasser +muttersteinallein ausgesoffen, und von demselben Mastixwasser (meinte +der Universitätsbote) wäre er meistenteils wieder zurechte geworden. + +[79] glücklich. + +Was den unreifen Studenten und Moderator wie auch des Fremden ganze +Familie anbelangt, so habe ich bis dato nichts erfahren können, was sie +machen müssen. + +Nun Adieu, Padua, Signor Schelmuffsky muß sehen, wie Rom aussieht. + + + + +5. Kapitel. + + +Rom ist, der Tebel hol mer, auch eine wackere Stadt, nur immer und ewig +schade ists, daß dieselbe von außen keinen Prospekt[80] hat. Sie ist +gebaut in lauter Rohr und Schilf und ist mit einem Wasser, welches der +Tiberfluß genannt wird, ringsumher umgeben, und fließt die Tiber mitten +durch Rom und über den Markt weg. Denn auf dem Markte kann kein Mensche +zu Fuße nicht gehen, sondern wenn Markttag da gehalten wird, so müssen +die Bauersleute ihre Butter und Käse oder Gänse und Hühner in lauter +Dreckschüten feil haben. O sapperment! was gibt es täglich vor unzählig +viel Dreckschüten auf dem römischen Markte zu sehen! Wer auch nur eine +halbe Mandel Eier in Rom verkaufen will, der bringt sie auf einer +Dreckschüte hinein zu Markte geschleppt. Daß auch manchen Tag etliche +tausend Dreckschüten auf der Bauerreihe dort halten und keine vor der +andern weichen kann. Vortreffliche Fische gibts des Markttages immer in +Rom zu verkaufen und absonderlich was Heringe anbelangt, die glänzen +auch, der Tebel hol mer, flugs von Fette wie eine Speckschwarte und +lassen sich überaus wohl essen, zumal wenn sie mit Bomolie brav fett +begossen werden. Nun ist es zwar kein Wunder, daß es so fette Heringe da +gibt, denn es ist, der Tebel hol mer, ein über alle Maßen guter +Heringsfang vor Rom auf der Tiber, und wegen der Heringe ist die Stadt +Rom in der Welt weit und breit berühmt. Es mag auch eine Heringsfrau in +Deutschland sitzen, wo sie nur wolle, und mag auch so viel Heringe +haben, als sie nur immer will, so sind sie, der Tebel hol mer, alle auf +der Tiber bei Rom gefangen, denn der Heringsfang gehört dem Papste, und +weil er immer nicht wohl zu Fuße ist und es selbst abwarten kann, so hat +er denselben etlichen Schiffern verpachtet, die müssen dem Papste +jährlich viel Tribut davon geben. + +[80] schöne Ansicht. + +Wie ich nun mit meinem großen Kober zu Pferde vor Rom angestochen kam, +so konnte ich wegen der Tiber nicht in die Stadt Rom hineinreiten, +sondern mußte mich mit meinem großen Kober und Pferde auf eine +Dreckschüte setzen und da lassen bis in die Stadt Rom hineinfahren. Als +ich nun mit meinem großen Kober zu Pferde auf der Dreckschüte glücklich +angelangte, so nahm ich mein Quartier bei einem Sterngucker, welcher in +der Heringsgasse nicht weit von dem Naschmarkte wohnte. Derselbe war, +der Tebel hol mer, ein überaus braver Mann, mit seiner Sternguckerei +halber fast in der ganzen Welt bekannt. Absonderlich was den Fixstern +anbelangte, aus demselben kunnte er erschreckliche Dinge prophezeien, +denn wenn es nur ein klein wenig regnete und die Sonne sich unter trübe +Wolken versteckt hatte, so kunnte ers einem gleich sagen, daß der Himmel +nicht gar zu helle wäre. Derselbe Sterngucker führte mich nun in der +ganzen Stadt Rom herum und zeigte mir alle Antiquitäten, die da zu sehen +sein, daß ich auch von dergleichen Zeuge so viel gesehen habe, daß ich +mich jetzo auf gar keines mehr besinnen kann. Letztlich so führte er +mich auch bei der St. Peterskirche in ein groß steinern Haus, welches +mit marmorsteinernen Ziegeln gedeckt war, und wie wir da hinein und oben +auf einen schönen Saal kamen, so saß dort ein alter Mann in +Pelzstrümpfen auf einem Großvaterstuhle und schlief. Zu demselben mußte +ich mich auf Befehl des Sternguckers sachte hinschleichen, ihm die +Pelzstrümpfe ausziehen und hernach die Füße küssen. + +Da ich ihm nun die Knochen geküßt hatte, so wollte ich ihn immer +aufwecken. So aber winkte mir der Sterngucker, daß ich ihn nicht aus dem +Schlafe verstören sollte, und sagte ganz sachte zu mir, ich sollte Ihrer +Heiligkeit die Pelzstrümpfe wieder anziehen. O sapperment! als ich von +der Heiligkeit hörte, wie eilte ich mich, daß ich ihm die Pelzstrümpfe +wieder an die Knochen brachte und mit dem Sterngucker wieder zum Saale +hinunter- und zum Hause hinausmarschierte. Vor der Haustüre sagte mirs +nun der Sterngucker erstlich recht, daß es Ihre Päpstliche Heiligkeit +gewesen wäre, dem ich die Füße geküßt hätte, und meinte auch dies dabei: +wer von fremden Deutschen nach Rom käme und küßte dem Papste die Füße +nicht, der dürfte sich hernachmals nicht rühmen, wenn er wieder nach +Deutschland käme, daß er zu Rom gewesen wäre, wann er solches nicht +getan hätte. + +Und also kann ichs mit gutem Rechte sagen, daß ich zu Rom bin gewesen, +es wäre denn, daß mir der Sterngucker aus dem Fixsterne einen blauen +Dunst vor die Nase gemacht und daß es sonst etwa ein alter Botenläufer +gewesen wäre. Wenn ich aber drauf schwören sollte, daß es der Papst, +welchem ich die Füße geküßt gehabt, gewiß gewesen wäre, so könnte ichs, +der Tebel hol mer, nicht mit gutem Gewissen tun, denn der Sternseher kam +mir für, als wenn er mehr als Brot fressen könnte, weil er sein Herze so +sehr an den Fixstern gehangen hatte; sobald er auch nur an den Fixstern +gedachte, so wußte er schon, was in dem Kalender vor Wetter stund. + +Derselbe Sterngucker war ein vortrefflicher Kalendermacher; er lernte +mir dieselbe Kunst auch; ich habe auch sehr viel Kalender gemacht, +welche noch alle geschrieben unter der Bank liegen und treffen doch, der +Tebel hol mer, noch bisweilen ziemlich ein. Sollte ich wissen, daß +Liebhaber dazu möchten gefunden werden, wollte ich mit der Zeit etwa +einen herfürsuchen und zur Probe herausgeben. Doch kommt Zeit, kommt +Rat. + +Damit ich aber wieder auf meinen vorigen Diskurs komme und erzähle, +wohin mich der Sterngucker weitergeführt, als ich dem Papste die Füße +geküßt hatte. Flugs an der St. Peterskirche war ein ganz enges Gäßchen, +durch dasselbe führte mich der Sterngucker und immer vor bis an den +Markt. Wie wir nun an den Markt kamen, so fragte er mich, ob ich Lust +und Belieben hätte, mich in eine Dreckschüte zu setzen und ein wenig mit +nach dem Heringsfange spazieren zu fahren. Ich sagte hierzu gleich Topp. +Darauf setzten wir uns beide in eine Dreckschüte und fuhren da, weil wir +guten Wind hatten, immer auf der Tiber übern Markt weg, und unten bei +dem Heringstore zu einem Schlauchloche hindurch und nach dem +Heringsfange zu. + +Wie wir nun mit unserer Dreckschüte an den Heringsfang kamen: O +sapperment! was war vor ein Gelamentiere von den Schiffsleuten, welche +den Heringsfang gepachtet hatten. Da ich nun fragte, was es wäre, so +erzählten sie mir mit weinenden Augen, wie daß ihnen der Seeräuber Barth +mit der stumpfichten Nase großen Abbruch an ihrer Nahrung getan und +ihnen nur vor einer halben Viertelstunde über vierzig Tonnen frische +Heringe mit etlichen Kapers schelmischerweise weggenommen hätte. O +sapperment! wie lief mir die Laus über die Leber, als ich von Hans +Barthens stumpfichter Nase hörte; da dachte ich gleich, daß es derselbe +Kerl sein müßte, welcher mich mit so erschrecklich viel Kapers weiland +auf der spanischen See ohne Räson in Arrest genommen und dadurch +dasselbemal zum armen Manne gemacht hatte. Ich war flugs hierauf her und +fragte die Schiffsleute, wo der Galgenvogel mit den Heringstonnen +zugemarschiert wäre. Da sie mir nun sagten und zeigten, daß er noch auf +der Tiber mit seinem Kaperschiffe, worauf er die vierzig Tonnen frische +Heringe gepackt hatte, zu sehen wäre, so setzte ich ihm geschwind mit +etlichen Dreckschüten nach, und weil so vortrefflich guter Wind war, so +ergatterte ich ihn noch mit dem Sterngucker und etlichen Schiffsleuten +eine halbe Meile von dem Heringsfange. + +O sapperment! wie fiel dem Hans Barth das Herze in die Hosen, da er mich +nur von ferne kommen sah; er wurde wie ein Stück Käse so rot im +Angesichte und mochte sich wohl flugs erinnern, daß ich der und der +wäre, welcher seiner Nase vormals so einen erschrecklichen Schandflecken +angehängt hätte. Als wir nun auf unsern Dreckschüten Hans Barthen mit +den vierzig gestohlenen Heringstonnen einholten, so fing ich gleich zu +ihm an: »Höre doch, du Kerl, willst du die Heringe wieder hergeben, +welche du den armen Schiffsleuten abgenommen hast, oder willst du haben, +daß ich dir deine krumme stumpfichte Habichtsnase vollends +heruntersäbeln soll?« Der Hans Barth gab mir hierauf zur Antwort und +sagte, er wollte sich eher sein Leben nehmen lassen, ehe er in Güte +einen Schwanz nur von einem Hering wiedergäbe. Hierauf so rückte ich mit +meiner Dreckschüte an sein Kaperschiff hinan und kriegte meinen langen +Stoßdegen heraus; nun da hätte man schön Fuchteln gesehen, wie ich den +Hans Barth auf seinem Kaperschiffe exerzierte. Er wehrte sich zwar auch +mit seinen Kapers, allein sie kunnten mir nichts anhaben. Denn wenn sie +gleich nach mir hieben oder stachen, so war ich wie ein Blitz mit meiner +Dreckschüte auf der Seite, den Hans Barth aber jagte ich, der Tebel hol +mer, immer um die vierzig Heringstonnen, welche er auf sein Schiff +geladen hatte, herum und hieb wie Kraut und Rüben auf ihn hinein. +Endlich war ich so sehr auf den Galgenvogel erbittert, daß ich mich ganz +nahe mit meiner Dreckschüte an sein Kaperschiff machte und ehe er sichs +versah, bei seinen diebischen Federn zu fassen kriegte, aus dem +Kaperschiffe herauszog und plumps in die Tiber hineintauchte. O +sapperment! da hätte man schön Schreien gesehen, wie der Hans Barth +schrie; er bat mich fast um Himmels willen, ich sollte ihm wieder +heraushelfen, daß er nicht ersöffe, er wolle den Schiffsleuten ihre +vierzig Heringstonnen herzlich gerne wiedergeben. Als ich dieses von +Hans Barthen hörte, so gab ich gleich den Schiffsleuten Befehl, das +Kaperschiff zu plündern, und hielt ihn so lange im Wasser bei den Ohren, +bis sie die Heringstonnen wieder hatten, hernach ließ ich ihn mit seinem +leeren Kaperschiffe hinfahren, wo er wollte. O sapperment! was war da +vor ein Jubelgeschrei unter den Schiffsleuten, welche den Heringsfang +gepachtet hatten, daß sie durch mich zu ihren Tonnenheringen wieder +gekommen waren. + +Sie baten mich auch alle miteinander, ich sollte Heringsverwahrer +werden, sie wollten mir jährlich zehntausend Pfund Sterling geben, +allein ich hatte keine Lust dazu. Wie wir nun auf unsern Dreckschüten +mit den vierzig Tonnen Heringen bei dem Heringsfange wieder anlangten, +so verehrten mir zum Trinkgelde die Heringspächter eine Tonne von den +besten Heringen, die lud ich in meine Dreckschüte und fuhr damit nebst +dem Sterngucker wieder in die Stadt Rom hinein. Als ich nun zum +Sterngucker ins Quartier kam, so ließ ich die Tonne aufschlagen und +probierte einen, wie er schmeckte. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, +nicht sagen, wie fett dieselben Heringe waren, daß man sie auch ohne +Salz, da sie doch im Einlegen schon scharf gesalzen waren, nicht fressen +kunnte. Weil ich nun wußte, daß meine Frau Mutter eine große Liebhaberin +von einem frischen Heringe war, so packte ich die geschenkte Tonne +Heringe in meinen großen Kober und schickte ihr dieselben durch einen +eigenen Boten nach Schelmerode in Deutschland zu, schrieb ihr auch einen +sehr artigen Brief dazu, welcher folgenden Inhalts war: + + »Mit Wünschung Gutes und Liebes zuvor, + ehrbare und ehrenfeste Frau Mutter! + + Wenn die Frau Mutter noch fein frisch und gesund ist, so wird mirs, + der Tebel hol mer, eine rechte Freude sein, ich meinesteils bin + jetzo ein brav Kerl wieder geworden und lebe zu Rom, allwo ich bei + einem Sterngucker logiere, welcher mir das Kalendermachen gelernt + hat. Die Frau Mutter hat auch durch diesen Boten in meinem großen + Kober frische Heringe zu empfangen, welche mir von den + Heringspächtern zu Rom sein verehrt worden. Im übrigen wird der + Bote meinen ganzen Zustand mündlich berichten, die Frau Mutter lebe + wohl und schicke mir in meinem großen Kober ein Fäßchen gut + Klebebier mit zurück und schreibe mir, wie es ihr geht und ob sie + den kleinen Vetter noch bei sich hat, so werde ich allezeit + verbleiben + + der ehrbaren und ehrenfesten Frau Mutter + allezeit reisebegierigster einziger lieber Sohn + Signor von Schelmuffsky. + + Rom, den 1. April, im Jahr nach Erbauung der Stadt Rom 090«. + +Diesen Brief schickte ich nun nebst meinem Kober voll frischen Heringen +durch einen eigenen Boten zu Fuß meiner Frau Mutter in Deutschland zu; +es gingen nicht vierzehn Tage ins Land, so brachte mir der Bote in +meinem großen Kober von meiner Frau Mutter folgendes zur Antwort wieder: + + »Ehrbarer und namhafter Junggeselle von + Schelmuffsky, mein lieber Sohn! + + Ich habe deinen großen Kober mit den frischen Heringen empfangen + und habe auch deinen Brief gelesen, und hat mir der Bote auch + deinen ganzen Zustand erzählt, worüber ich mich sehr erfreut habe; + was mich anbelangt, so bin ich jetzo sterbenskrank, und wenn du + mich noch einmal sehen willst, so komm geschwinde nach Hause; dein + kleiner Vetter läßt dich grüßen und deine Jungfer Muhmen lassen dir + einen guten Tag sagen und lassen dich auch bitten, du möchtest doch + geschwinde heimkommen. Lebe wohl und halt dich nicht lange in der + Fremde auf. Ich verharre dafür lebenslang + + deine liebe Frau Mutter in Deutschland, + wohn- und seßhaftig zu Schelmerode. + + Schelmerode, den 1. Januari 1621. + + _PS._ Das Klebebier ist jetzo alle sauer, sonst hätte ich dir + herzlich gerne was mitgeschickt«. + +Als ich meiner Frau Mutter ihren Brief nun gelesen, O sapperment! wie +packte ich alles in meinen großen Kober zusammen, sattelte mein Pferd, +nahm von dem Sterngucker Abschied, setzte mich mit meinem Pferde in der +Stadt Rom auf öffentlichem Markte wieder in eine Dreckschüte und fuhr da +immer _per postae_ bei dem Heringstore unten zu einem Schlupfloche +hinaus. Vor dem Tore so stieg ich nun von der Dreckschüte ab, setzte +mich mit meinem großen Kober auf mein Pferd und marschierte immer nach +Deutschland zu. Ich nahm meinen Weg durch Polen und ritt auf Nürnberg +zu, allwo ich des Nachts über in der Goldenen Gans logierte. Von da so +wollte ich meinen Weg durch den Schwarzwald durch nehmen, welcher zwei +Meilen Weges von Nürnberg liegt. Ich war kaum einen Büchsenschuß in den +Schwarzwald hineingeritten, so kamen mir unverhoffterweise zwei +Buschklepper auf den Hals, die zogen mich, der Tebel hol mer, reine aus +und jagten mich im bloßen Hemde mit einem Buckel voll Schläge von sich. +O sapperment! wie war mir da zumute, daß mein Pferd, meine Kleider, +meine tausend Dukaten und mein großer Kober mit allerhand Mobilien fort +war. + +Da war, der Tebel hol mer, Lachen zu verbeißen. Ich kunnte mir aber +nicht helfen, sondern mußte sehen, wie daß ich mich aus dem Schwarzwalde +herausfand und von da mit Gelegenheit mich vollends nach Schelmerode +bettelte. Wie ich nun im bloßen Hemde zu Hause bei meiner kranken Frau +Mutter bewillkommnet wurde und mich mein kleiner Vetter auslachte, +dasselbe wird entweder künftig im dritten Teile meiner gefährlichen +Reisebeschreibung oder in meinen kuriösen Monaten, wovon ich in der +Vorrede gedacht[81], sehr artig auch zu lesen sein. + +[81] Die Fortsetzung seiner interessanten Reiseberichte ist uns +Schelmuffsky leider schuldig geblieben. + +[Illustration] + + Weswegen denn jetzo ein jedweder mit + mir sprechen wolle: Schelmuffskys + anderer Teil seiner gefährlichen + Reisebeschreibung hat + nun auch ein + Ende. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Schelmuffskys wahrhaftige, kuriöse und +sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande, by Christian Reuter + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHELMUFFSKYS WAHRHAFTIGE *** + +***** This file should be named 22355-8.txt or 22355-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/2/3/5/22355/ + +Produced by Norbert H. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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