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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:18:46 -0700 |
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diff --git a/2228-8.txt b/2228-8.txt new file mode 100644 index 0000000..4a3feb3 --- /dev/null +++ b/2228-8.txt @@ -0,0 +1,5129 @@ +The Project Gutenberg EBook of Reineke Fuchs, by Johann Wolfgang von Goethe + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Reineke Fuchs + +Author: Johann Wolfgang von Goethe + +Posting Date: January 26, 2010 [EBook #2228] +Release Date: June, 2000 +[This file last updated on July 26, 2010] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REINEKE FUCHS *** + + + + +Produced by Michael Pullen + + + + + + + + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.aol.de erreichbar.* + +This book was generously provided by the German Gutenberg Projekt, +which can be found at the web address http://gutenberg.aol.de/. + + + + + + Reineke Fuchs + + Johann Wolfgang Goethe + + + + + Inhalt + + Erster Gesang + + Zweiter Gesang + + Dritter Gesang + + Vierter Gesang + + Fünfter Gesang + + Sechster Gesang + + Siebenter Gesang + + Achter Gesang + + Neunter Gesang + + Zehnter Gesang + + Elfter Gesang + + Zwölfter Gesang + + + + + + + Erster Gesang + + Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen! es grünten und blühten + Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken + Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel; + Jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen, + Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde. + + Nobel, der König, versammelt den Hof; und seine Vasallen + Eilen gerufen herbei mit großem Gepränge; da kommen + Viele stolze Gesellen von allen Seiten und Enden, + Lütke, der Kranich, und Markart, der Häher, und alle die Besten. + Denn der König gedenkt mit allen seinen Baronen + Hof zu halten in Feier und Pracht; er läßt sie berufen + Alle miteinander, so gut die Großen als Kleinen. + Niemand sollte fehlen! und dennoch fehlte der Eine, + Reineke Fuchs, der Schelm! der viel begangenen Frevels + Halben des Hofs sich enthielt. So scheuet das böse Gewissen + Licht und Tag, es scheute der Fuchs die versammelten Herren. + Alle hatten zu klagen, er hatte sie alle beleidigt, + Und nur Grimbart, den Dachs, den Sohn des Bruders, verschont' er. + + Isegrim aber, der Wolf, begann die Klage; von allen + Seinen Vettern und Gönnern, von allen Freunden begleitet, + Trat er vor den König und sprach die gerichtlichen Worte: + Gnädigster König und Herr! vernehmet meine Beschwerden. + Edel seid Ihr und groß und ehrenvoll, jedem erzeigt Ihr + Recht und Gnade: so laßt Euch denn auch des Schadens erbarmen, + Den ich von Reineke Fuchs mit großer Schande gelitten. + Aber vor allen Dingen erbarmt Euch, daß er mein Weib so + Freventlich öfters verhöhnt und meine Kinder verletzt hat. + Ach! er hat sie mit Unrat besudelt, mit ätzendem Unflat, + Daß mir zu Hause noch drei in bittrer Blindheit sich quälen. + Zwar ist alle der Frevel schon lange zur Sprache gekommen, + Ja, ein Tag war gesetzt, zu schlichten solche Beschwerden; + Er erbot sich zum Eide, doch bald besann er sich anders + Und entwischte behend nach seiner Feste. Das wissen + Alle Männer zu wohl, die hier und neben mir stehen. + Herr! ich könnte die Drangsal, die mir der Bube bereitet, + Nicht mit eilenden Worten in vielen Wochen erzählen. + Würde die Leinwand von Gent, so viel auch ihrer gemacht wird, + Alle zu Pergament, sie faßte die Streiche nicht alle, + Und ich schweige davon. Doch meines Weibes Entehrung + Frißt mir das Herz; ich räche sie auch, es werde, was wolle. + + Als nun Isegrim so mit traurigem Mute gesprochen, + Trat ein Hündchen hervor, hieß Wackerlos, redte französisch + Vor dem König: wie arm es gewesen und nichts ihm geblieben + Als ein Stückchen Wurst in einem Wintergebüsche; + Reineke hab auch das ihm genommen! Jetzt sprang auch der Kater + Hinze zornig hervor und sprach: Erhabner Gebieter, + Niemand beschwere sich mehr, daß ihm der Bösewicht schade, + Denn der König allein! Ich sag Euch, in dieser Gesellschaft + Ist hier niemand, jung oder alt, er fürchtet den Frevler + Mehr als Euch! Doch Wackerlos' Klage will wenig bedeuten. + Schon sind Jahre vorbei, seit diese Händel geschehen; + Mir gehörte die Wurst! ich sollte mich damals beschweren. + Jagen war ich gegangen; auf meinem Wege durchsucht ich + Eine Mühle zu Nacht; es schlief die Müllerin; sachte + Nahm ich ein Würstchen, ich will es gestehn; doch hatte zu dieser + Wackerlos irgendein Recht, so dankt' ers meiner Bemühung. + + Und der Panther begann: Was helfen Klagen und Worte! + Wenig richten sie aus, genug, das übel ist ruchtbar. + Er ist ein Dieb, ein Mörder! Ich darf es kühnlich behaupten, + Ja, es wissens die Herren, er übet jeglichen Frevel. + Möchten doch alle die Edlen, ja selbst der erhabene König + Gut und Ehre verlieren: er lachte, gewänn er nur etwa + Einen Bissen dabei von einem fetten Kapaune. + Laßt Euch erzählen, wie er so übel an Lampen, dem Hasen, + Gestern tat; hier steht er! der Mann, der keinen verletzte. + Reineke stellte sich fromm und wollt ihn allerlei Weisen + Kürzlich lehren, und was zum Kaplan noch weiter gehöret, + Und sie setzten sich gegeneinander, begannen das Kredo. + Aber Reineke konnte die alten Tücken nicht lassen; + Innerhalb unsers Königes Fried und freiem Geleite + Hielt er Lampen gefaßt mit seinen Klauen und zerrte + Tückisch den redlichen Mann. Ich kam die Straße gegangen, + Hörte beider Gesang, der, kaum begonnen, schon wieder + Endete. Horchend wundert ich mich, doch als ich hinzukam, + Kannt ich Reineken stracks, er hatte Lampen beim Kragen; + Ja, er hätt ihm gewiß das Leben genommen, wofern ich + Nicht zum Glücke des Wegs gekommen wäre. Da steht er! + Seht die Wunden an ihm, dem frommen Manne, den keiner + Zu beleidigen denkt. Und will es unser Gebieter, + Wollt ihr Herren es leiden, daß so des Königes Friede, + Sein Geleit und Brief von einem Diebe verhöhnt wird, + O, so wird der König und seine Kinder noch späten + Vorwurf hören von Leuten, die Recht und Gerechtigkeit lieben. + + Isegrim sagte darauf. So wird es bleiben, und leider + Wird uns Reineke nie was Gutes erzeigen. O! läg er + Lange tot, das wäre das beste für friedliche Leute; + Aber wird ihm diesmal verziehn, so wird er in kurzem + Etliche kühnlich berücken, die nun es am wenigsten glauben. + + Reinekens Neffe, der Dachs, nahm jetzt die Rede, und mutig + Sprach er zu Reinekens Bestem, so falsch auch dieser bekannt war. + Alt und wahr, Herr Isegrim! sagt' er, beweist sich das Sprichwort: + Feindes Mund frommt selten. So hat auch wahrlich mein Oheim + Eurer Worte sich nicht zu getrösten. Doch ist es ein leichtes. + Wär er hier am Hofe so gut als Ihr, und erfreut' er + Sich des Königes Gnade, so möcht es Euch sicher gereuen, + Daß Ihr so hämisch gesprochen und alte Geschichten erneuert. + Aber was Ihr übels an Reineken selber verübet, + Übergeht Ihr; und doch, es wissen es manche der Herren, + Wie Ihr zusammen ein Bündnis geschlossen und beide versprochen, + Als zwei gleiche Gesellen zu leben. Das muß ich erzählen; + Denn im Winter einmal erduldet' er große Gefahren + Euretwegen. Ein Fuhrmann, er hatte Fische geladen, + Fuhr die Straße, Ihr spürtet ihn aus und hättet um alles + Gern von der Ware gegessen; doch fehlt' es Euch leider am Gelde. + Da beredetet Ihr den Oheim, er legte sich listig + Grade für tot in den Weg. Es war, beim Himmel, ein kühnes + Abenteuer! Doch merket, was ihm für Fische geworden. + Und der Fuhrmann kam und sah im Gleise den Oheim, + Hastig zog er sein Schwert, ihm eins zu versetzen; der Kluge + Rührt' und regte sich nicht, als wär er gestorben; der Fuhrmann + Wirft ihn auf seinen Karrn und freut sich des Balges im voraus. + Ja, das wagte mein Oheim für Isegrim; aber der Fuhrmann + Fuhr dahin, und Reineke warf von den Fischen herunter. + Isegrim kam von ferne geschlichen, verzehrte die Fische. + Reineken mochte nicht länger zu fahren belieben; er hub sich, + Sprang vom Karren und wünschte nun auch von der Beute zu speisen. + Aber Isegrim hatte sie alle verschlungen; er hatte + Über Not sich beladen, er wollte bersten. Die Gräten + Ließ er allein zurück und bot dem Freunde den Rest an. + Noch ein anderes Stückchen! auch dies erzähl ich Euch wahrhaft. + Reineken war es bewußt, bei einem Bauer am Nagel + Hing ein gemästetes Schwein, erst heute geschlachtet; das sagt' er + Treu dem Wolfe: sie gingen dahin, Gewinn und Gefahren + Redlich zu teilen. Doch Müh und Gefahr trug jener alleine. + Denn er kroch zum Fenster hinein und warf mit Bemühen + Die gemeinsame Beute dem Wolf herunter; zum Unglück + Waren Hunde nicht fern, die ihn im Hause verspürten + Und ihm wacker das Fell zerzausten. Verwundet entkam er, + Eilig sucht' er Isegrim auf und klagt' ihm sein Leiden + Und verlangte sein Teil. Da sagte jener: Ich habe + Dir ein köstliches Stück verwahrt, nun mache dich drüber + Und benage mirs wohl; wie wird das Fette dir schmecken! + Und er brachte das Stück, das Krummholz war es, der Schlächter + Hatte daran das Schwein gehängt; der köstliche Braten + War vom gierigen Wolfe, dem ungerechten, verschlungen. + Reineke konnte vor Zorn nicht reden, doch was er sich dachte, + Denket euch selbst. Herr König, gewiß, daß hundert und drüber + Solcher Stückchen der Wolf an meinem Oheim verschuldet! + Aber ich schweige davon. Wird Reineke selber gefordert, + Wird er sich besser verteidigen. Indessen, gnädigster König, + Edler Gebieter, ich darf es bemerken: Ihr habet, es haben + Diese Herren gehört, wie töricht Isegrims Rede + Seinem eignen Weibe und ihrer Ehre zu nah tritt, + Die er mit Leib und Leben beschützen sollte. Denn freilich + Sieben Jahre sinds her und drüber, da schenkte mein Oheim + Seine Lieb und Treue zum guten Teile der schönen + Frauen Gieremund; solches geschah beim nächtlichen Tanze; + Isegrim war verreist, ich sag es, wie mirs bekannt ist. + Freundlich und höflich ist sie ihm oft zu Willen geworden, + Und was ist es denn mehr? Sie bracht es niemals zur Klage, + Ja, sie lebt und befindet sich wohl, was macht er für Wesen? + Wär er klug, so schwieg' er davon, es bringt ihm nur Schande. + Weiter sagte der Dachs: Nun kommt das Märchen vom Hasen! + Eitel leeres Gewäsche! Den Schüler sollte der Meister + Etwa nicht züchtigen, wenn er nicht merkt und übel bestehet? + Sollte man nicht die Knaben bestrafen, und ginge der Leichtsinn, + Ginge die Unart so hin, wie sollte die Jugend erwachsen? + Nun klagt Wackerlos, wie er ein Würstchen im Winter verloren + Hinter der Hecke; das sollt er nur lieber im stillen verschmerzen, + Denn wir hören es ja, sie war gestohlen; zerronnen + Wie gewonnen; und wer kann meinem Oheim verargen, + Daß er gestohlenes Gut dem Diebe genommen? Es sollen + Edle Männer von hoher Geburt sich gehässig den Dieben + Und gefährlich erzeigen. Ja, hätt er ihn damals gehangen, + War es verzeihlich. Doch ließ er ihn los, den König zu ehren; + Denn am Leben zu strafen, gehört dem König alleine. + Aber wenigen Danks kann sich mein Oheim getrösten, + So gerecht er auch sei und übeltaten verwehret. + Denn seitdem des Königes Friede verkündiget worden, + Hält sich niemand wie er. Er hat sein Leben verändert, + Speiset nur einmal des Tags, lebt wie ein Klausner, kasteit sich, + Trägt ein härenes Kleid auf bloßem Leibe und hat schon + Lange von Wildbret und zahmem Fleische sich gänzlich enthalten, + Wie mir noch gestern einer erzählte, der bei ihm gewesen. + Malepartus, sein Schloß, hat er verlassen und baut sich + Eine Klause zur Wohnung. Wie er so mager geworden, + Bleich von Hunger und Durst und andern strengeren Bußen, + Die er reuig erträgt, das werdet Ihr selber erfahren. + Denn was kann es ihm schaden, daß hier ihn jeder verklaget? + Kommt er hieher, so führt er sein Recht aus und macht sie zuschanden. + + Als nun Grimbart geendigt, erschien zu großem Erstaunen + Henning, der Hahn, mit seinem Geschlecht. Auf trauriger Bahre, + Ohne Hals und Kopf, ward eine Henne getragen, + Kratzefuß war es, die beste der eierlegenden Hennen. + Ach, es floß ihr Blut, und Reineke hatt es vergossen! + Jetzo sollt es der König erfahren. Als Henning, der wackre, + Vor dem König erschien, mit höchstbetrübter Gebärde, + Kamen mit ihm zwei Hähne, die gleichfalls trauerten. Kreyant + Hieß der eine, kein besserer Hahn war irgend zu finden + Zwischen Holland und Frankreich; der andere durft ihm zur Seite + Stehen, Kantart genannt, ein stracker, kühner Geselle; + Beide trugen ein brennendes Licht; sie waren die Brüder + Der ermordeten Frau. Sie riefen über den Mörder + Ach und Weh! Es trugen die Bahr zwei jüngere Hähne, + Und man konnte von fern die Jammerklage vernehmen. + Henning sprach: Wir klagen den unersetzlichen Schaden, + Gnädigster Herr und König! Erbarmt Euch, wie ich verletzt bin, + Meine Kinder und ich. Hier seht Ihr Reinekens Werke! + Als der Winter vorbei, und Laub und Blumen und Blüten + Uns zur Fröhlichkeit riefen, erfreut ich mich meines Geschlechtes, + Das so munter mit mir die schönen Tage verlebte! + Zehen junge Söhne, mit vierzehn Töchtern, sie waren + Voller Lust zu leben; mein Weib, die treffliche Henne, + Hatte sie alle zusammen in Einem Sommer erzogen. + Alle waren so stark und wohl zufrieden, sie fanden + Ihre tägliche Nahrung an wohlgesicherter Stätte. + Reichen Mönchen gehörte der Hof, uns schirmte die Mauer, + Und sechs große Hunde, die wackern Genossen des Hauses, + Liebten meine Kinder und wachten über ihr Leben; + Reineken aber, den Dieb, verdroß es, daß wir in Frieden + Glückliche Tage verlebten und seine Ränke vermieden. + Immer schlich er bei Nacht um die Mauer und lauschte beim Tore, + Aber die Hunde bemerktens; da mocht er laufen! sie faßten + Wacker ihn endlich einmal und ruckten das Fell ihm zusammen; + Doch er rettete sich und ließ uns ein Weilchen in Ruhe. + Aber nun höret mich an! es währte nicht lange, so kam er + Als ein Klausner und brachte mir Brief und Siegel. Ich kannt es: + Euer Siegel sah ich am Briefe; da fand ich geschrieben: + Daß Ihr festen Frieden so Tieren als Vögeln verkündigt. + Und er zeigte mir an: er sei ein Klausner geworden, + Habe strenge Gelübde getan, die Sünden zu büßen, + Deren Schuld er leider bekenne. Da habe nun keiner + Mehr vor ihm sich zu fürchten, er habe heilig gelobet, + Nimmermehr Fleisch zu genießen. Er ließ mich die Kutte beschauen, + Zeigte sein Skapulier. Daneben wies er ein Zeugnis, + Das ihm der Prior gestellt, und, um mich sicher zu machen, + Unter der Kutte ein härenes Kleid. Dann ging er und sagte: + Gott dem Herren seid mir befohlen! ich habe noch vieles + Heute zu tun! ich habe die Sext und die None zu lesen + Und die Vesper dazu. Er las im Gehen und dachte + Vieles Böse sich aus, er sann auf unser Verderben. + Ich mit erheitertem Herzen erzählte geschwinde den Kindern + Eures Briefes fröhliche Botschaft, es freuten sich alle. + Da nun Reineke Klausner geworden, so hatten wir weiter + Keine Sorge, noch Furcht. Ich ging mit ihnen zusammen + Vor die Mauer hinaus, wir freuten uns alle der Freiheit. + Aber leider bekam es uns übel. Er lag im Gebüsche + Hinterlistig; da sprang er hervor und verrannt uns die Pforte; + Meiner Söhne schönsten ergriff er und schleppt' ihn von dannen, + Und nun war kein Rat, nachdem er sie einmal gekostet; + Immer versucht' er es wieder, und weder Jäger noch Hunde + Konnten vor seinen Ränken bei Tag und Nacht uns bewahren. + So entriß er mir nun fast alle Kinder; von zwanzig + Bin ich auf fünfe gebracht, die andern raubt' er mir alle. + O, erbarmt Euch des bittern Schmerzes! er tötete gestern + Meine Tochter, es haben die Hunde den Leichnam gerettet. + Seht, hier liegt sie! Er hat es getan, o! nehmt es zu Herzen! + + Und der König begann: Kommt näher, Grimbart, und sehet, + Also fastet der Klausner, und so beweist er die Buße! + Leb ich noch aber ein Jahr, so soll es ihn wahrlich gereuen! + Doch was helfen die Worte! Vernehmet, trauriger Henning: + Eurer Tochter ermangl es an nichts, was irgend den Toten + Nur zu Rechte geschieht. Ich lass ihr Vigilie singen, + Sie mit großer Ehre zur Erde bestatten; dann wollen + Wir mit diesen Herren des Mordes Strafe bedenken. + + Da gebot der König, man solle Vigilie singen. + Domino placebo begann die Gemeine, sie sangen + Alle Verse davon. Ich könnte ferner erzählen, + Wer die Lektion gesungen und wer die Responsen; + Aber es währte zu lang, ich lass es lieber bewenden. + In ein Grab ward die Leiche gelegt und drüber ein schöner + Marmorstein, poliert wie ein Glas, gehauen im Viereck, + Groß und dick, und oben darauf war deutlich zu lesen: + »Kratzefuß, Tochter Hennings des Hahns, die beste der Hennen, + Legte viel Eier ins Nest und wußte klüglich zu scharren. + Ach, hier liegt sie! durch Reinekens Mord den Ihren genommen. + Alle Welt soll erfahren, wie bös und falsch er gehandelt, + Und die Tote beklagen.« So lautete, was man geschrieben. + + Und es ließ der König darauf die Klügsten berufen, + Rat mit ihnen zu halten, wie er den Frevel bestrafte, + Der so klärlich vor ihn und seine Herren gebracht war. + Und sie rieten zuletzt: man habe dem listigen Frevler + Einen Boten zu senden, daß er um Liebes und Leides + Nicht sich entzöge, er solle sich stellen am Hofe des Königs + An dem Tage der Herrn, wenn sie zunächst sich versammeln; + Braun, den Bären, ernannte man aber zum Boten. Der König + Sprach zu Braun, dem Bären: Ich sag es, Euer Gebieter, + Daß Ihr mit Fleiß die Botschaft verrichtet! Doch rat ich zur Vorsicht: + Denn es ist Reineke falsch und boshaft, allerlei Listen + Wird er gebrauchen, er wird Euch schmeicheln, er wird Euch belügen, + Hintergehen, wie er nur kann. Mitnichten, versetzte + Zuversichtlich der Bär: bleibt ruhig! Sollt er sich irgend + Nur vermessen und mir zum Hohne das mindeste wagen, + Seht, ich schwör es bei Gott! der möge mich strafen, wofern ich + Ihm nicht grimmig vergölte, daß er zu bleiben nicht wüßte. + + + + + + Zweiter Gesang + + + Also wandelte Braun auf seinem Weg zum Gebirge + Stolzen Mutes dahin, durch eine Wüste, die groß war, + Lang und sandig und breit; und als er sie endlich durchzogen, + Kam er gegen die Berge, wo Reineke pflegte zu jagen; + Selbst noch Tages zuvor hatt er sich dorten erlustigt. + Aber der Bär ging weiter nach Malepartus; da hatte + Reineke schöne Gebäude. Von allen Schlössern und Burgen, + Deren ihm viele gehörten, war Malepartus die beste. + Reineke wohnte daselbst, sobald er übels besorgte. + Braun erreichte das Schloß und fand die gewöhnliche Pforte + Fest verschlossen. Da trat er davor und besann sich ein wenig; + Endlich rief er und sprach: Herr Oheim, seid Ihr zu Hause? + Braun, der Bär, ist gekommen, des Königs gerichtlicher Bote. + Denn es hat der König geschworen, Ihr sollet bei Hofe + Vor Gericht Euch stellen, ich soll Euch holen, damit Ihr + Recht zu nehmen und Recht zu geben keinem verweigert, + Oder es soll Euch das Leben kosten; denn bleibt Ihr dahinten, + Ist mit Galgen und Rad Euch gedroht. Drum wählet das Beste, + Kommt und folget mir nach, sonst möcht es Euch übel bekommen. + + Reineke hörte genau vom Anfang zum Ende die Rede, + Lag und lauerte still und dachte: Wenn es gelänge, + Daß ich dem plumpen Kompan die stolzen Worte bezahlte? + Laßt uns die Sache bedenken. Er ging in die Tiefe der Wohnung, + In die Winkel des Schlosses, denn künstlich war es gebauet: + Löcher fanden sich hier und Höhlen mit vielerlei Gängen, + Eng und lang, und mancherlei Türen zum öffnen und Schließen, + Wie es Zeit war und Not. Erfuhr er, daß man ihn suchte + Wegen schelmischer Tat, da fand er die beste Beschirmung. + Auch aus Einfalt hatten sich oft in diesen Mäandern + Arme Tiere gefangen, willkommene Beute dem Räuber. + Reineke hatte die Worte gehört, doch fürchtet' er klüglich, + Andre möchten noch neben dem Boten im Hinterhalt liegen, + Als er sich aber versichert, der Bär sei einzeln gekommen, + Ging er listig hinaus und sagte: Wertester Oheim, + Seid willkommen! Verzeiht mir! ich habe Vesper gelesen, + Darum ließ ich Euch warten. Ich dank Euch, daß Ihr gekommen, + Denn es nutzt mir gewiß bei Hofe, so darf ich es hoffen. + Seid zu jeglicher Stunde, mein Oheim, willkommen! Indessen + Bleibt der Tadel für den, der Euch die Reise befohlen, + Denn sie ist weit und beschwerlich. O Himmel! wie Ihr erhitzt seid! + Eure Haare sind naß und Euer Odem beklommen. + Hatte der mächtige König sonst keinen Boten zu senden, + Als den edelsten Mann, den er am meisten erhöhet? + Aber so sollt es wohl sein zu meinem Vorteil; ich bitte, + Helft mir am Hofe des Königs, allwo man mich übel verleumdet. + Morgen, setzt ich mir vor, trotz meiner mißlichen Lage, + Frei nach Hofe zu gehen, und so gedenk ich noch immer. + Nur für heute bin ich zu schwer, die Reise zu machen. + Leider hab ich zu viel von einer Speise gegessen, + Die mir übel bekommt; sie schmerzt mich gewaltig im Leibe. + Braun versetzte darauf. Was war es, Oheim? Der andre + Sagte dagegen: Was könnt es Euch helfen, und wenn ichs erzählte! + Kümmerlich frist ich mein Leben; ich leid es aber geduldig, + Ist ein armer Mann doch kein Graf! und findet zuweilen + Sich für uns und die Unsern nichts Besseres, müssen wir freilich + Honigscheiben verzehren, die sind wohl immer zu haben. + Doch ich esse sie nur aus Not; nun bin ich geschwollen. + Wider Willen schluckt ich das Zeug, wie sollt es gedeihen? + Kann ich es immer vermeiden, so bleibt mirs ferne vom Gaumen. + + Ei! was hab ich gehört! versetzte der Braune, Herr Oheim! + Ei! verschmähet Ihr so den Honig, den mancher begehret? + Honig, muß ich Euch sagen, geht über alle Gerichte, + Wenigstens mir; o schafft mir davon, es soll Euch nicht reuen! + Dienen werd ich Euch wieder.--Ihr spottet, sagte der andre. + Nein, wahrhaftig! verschwor sich der Bär, es ist ernstlich gesprochen. + Ist dem also, versetzte der Rote: da kann ich Euch dienen, + Denn der Bauer Rüsteviel wohnt am Fuße des Berges. + Honig hat er! Gewiß, mit allem Eurem Geschlechte + Saht Ihr niemal so viel beisammen. Da lüstet' es Braunen + Übermäßig nach dieser geliebten Speise. O führt mich, + Rief er, eilig dahin! Herr Oheim, ich will es gedenken, + Schafft mir Honig, und wenn ich auch nicht gesättigt werde. + Gehen wir, sagte der Fuchs: es soll an Honig nicht fehlen. + Heute bin ich zwar schlecht zu Fuße; doch soll mir die Liebe, + Die ich Euch lange gewidmet, die sauern Tritte versüßen. + Denn ich kenne niemand von allen meinen Verwandten, + Den ich verehrte, wie Euch! Doch kommt! Ihr werdet dagegen + An des Königes Hof am Herren-Tage mir dienen, + Daß ich der Feinde Gewalt und ihre Klagen beschäme. + Honigsatt mach ich Euch heute, so viel Ihr immer nur tragen + Möget.--Es meinte der Schalk die Schläge der zornigen Bauern. + + Reineke lief ihm zuvor, und blindlings folgte der Braune. + Will mirs gelingen, so dachte der Fuchs: ich bringe dich heute + Noch zu Markte, wo dir ein bittrer Honig zuteil wird. + Und sie kamen zu Rüsteviels Hofe; das freute den Bären, + Aber vergebens, wie Toren sich oft mit Hoffnung betrügen. + + Abend war es geworden, und Reineke wußte, gewöhnlich + Liege Rüsteviel nun in seiner Kammer zu Bette, + Der ein Zimmermann war, ein tüchtiger Meister. Im Hofe + Lag ein eichener Stamm; er hatte, diesen zu trennen, + Schon zwei tüchtige Keile hineingetrieben, und oben, + Klaffte gespalten der Baum fast ellenweit. Reineke merkt' es, + Und er sagte: Mein Oheim, in diesem Baume befindet + Sich des Honigs mehr, als Ihr vermutet; nun stecket + Eure Schnauze hinein, so tief Ihr möget. Nur rat ich, + Nehmt nicht gierig zu viel, es möcht Euch übel bekommen. + Meint Ihr, sagte der Bär, ich sei ein Vielfraß? mitnichten! + Maß ist überall gut, bei allen Dingen. Und also + Ließ der Bär sich betören und steckte den Kopf in die Spalte + Bis an die Ohren hinein und auch die vordersten Füße. + Reineke machte sich dran, mit vielem Ziehen und Zerren + Bracht er die Keile heraus: nun war der Braune gefangen, + Haupt und Füße geklemmt; es half kein Schelten noch Schmeicheln. + Vollauf hatte der Braune zu tun, so stark er und kühn war, + Und so hielt der Neffe mit List den Oheim gefangen. + Heulend plärrte der Bär, und mit den hintersten Füßen + Scharrt' er grimmig und lärmte so sehr, daß Rüsteviel aufsprang. + Was es wäre? dachte der Meister und brachte sein Beil mit, + Daß man bewaffnet ihn fände, wenn jemand zu schaden gedächte. + Braun befand sich indes in großen ängsten; die Spalte + Klemmt' ihn gewaltig, er zog und zerrte, brüllend vor Schmerzen. + Aber mit alle der Pein war nichts gewonnen; er glaubte + Nimmer von dannen zu kommen; so meint' auch Reineke freudig. + Als er Rüsteviel sah von ferne schreiten, da rief er: + Braun, wie steht es? Mäßiget Euch und schonet des Honigs! + Sagt, wie schmeckt es? Rüsteviel kommt und will Euch bewirten! + Nach der Mahlzeit bringt er ein Schlückchen, es mag Euch bekommen! + + Da ging Reineke wieder nach Malepartus, der Feste. + Aber Rüsteviel kam, und als er den Bären erblickte, + Lief er, die Bauern zu rufen, die noch in der Schenke beisammen + Schmauseten. Kommt! so rief er: in meinem Hofe gefangen + Hat sich ein Bär, ich sage die Wahrheit. Sie folgten und liefen, + Jeder bewehrte sich eilig, so gut er konnte. Der eine + Nahm die Gabel zur Hand, und seinen Rechen der andre, + Und der dritte, der vierte, mit Spieß und Hacke bewaffnet, + Kamen gesprungen, der fünfte mit einem Pfahle gerüstet. + Ja, der Pfarrer und Küster, sie kamen mit ihrem Geräte. + Auch die Köchin des Pfaffen (sie hieß Frau Jutte, sie konnte + Grütze bereiten und kochen wie keine) blieb nicht dahinten, + Kam mit dem Rocken gelaufen, bei dem sie am Tage gesessen, + Dem unglücklichen Bären den Pelz zu waschen. Der Braune + Hörte den wachsenden Lärm in seinen schrecklichen Nöten, + Und er riß mit Gewalt das Haupt aus der Spalte; da blieb ihm + Haut und Haar des Gesichts bis zu den Ohren im Baume. + Nein! kein kläglicher Tier hat jemand gesehen! es rieselt' + Über die Ohren das Blut. Was half ihm, das Haupt zu befreien? + Denn es blieben die Pfoten im Baume stecken; da riß er + Hastig sie ruckend heraus; er raste sinnlos, die Klauen + Und von den Füßen das Fell blieb in der klemmenden Spalte. + Leider schmeckte dies nicht nach süßem Honig, wozu ihm + Reineke Hoffnung gemacht; die Reise war übel geraten, + Eine sorgliche Fahrt war Braunen geworden. Es blutet' + Ihm der Bart und die Füße dazu, er konnte nicht stehen, + Konnte nicht kriechen, noch gehn. Und Rüsteviel eilte, zu schlagen, + Alle fielen ihn an, die mit dem Meister gekommen; + Ihn zu töten, war ihr Begehr. Es führte der Pater + Einen langen Stab in der Hand und schlug ihn von ferne. + Kümmerlich wandt er sich hin und her, es drängt' ihn der Haufen, + Einige hier mit Spießen, dort andre mit Beilen, es brachte + Hammer und Zange der Schmied, es kamen andre mit Schaufeln, + Andre mit Spaten, sie schlugen drauflos und riefen und schlugen, + Daß er vor schmerzlicher Angst im eignem Unflat sich wälzte. + Alle setzten ihm zu, es blieb auch keiner dahinten; + Der krummbeinige Schloppe mit dem breitnasigen Ludolf + Waren die Schlimmsten, und Gerold bewegte den hölzernen Flegel + Zwischen den krummen Fingern; ihm stand sein Schwager zur Seite, + Kückelrei war es, der dicke, die beiden schlugen am meisten. + Abel Quack und Frau Jutte dazu, sie ließens nicht fehlen; + Talke Lorden Quacks traf mit der Butte den Armen. + Und nicht diese Genannten allein, denn Männer und Weiber, + Alle liefen herzu und wollten das Leben des Bären. + Kückelrei machte das meiste Geschrei, er dünkte sich vornehm: + Denn Frau Willigetrud am hinteren Tore (man wußt es) + War die Mutter, bekannt war nie sein Vater geworden. + Doch es meinten die Bauern, der Stoppelmäher, der schwarze + Sander, sagten sie, möcht es wohl sein, ein stolzer Geselle, + Wenn er allein war. Es kamen auch Steine gewaltig geflogen, + Die den verzweifelten Braunen von allen Seiten bedrängten. + Nun sprang Rüsteviels Bruder hervor und schlug mit dem langen, + Dicken Knüttel den Bären aufs Haupt, daß Hören und Sehen + Ihm verging, doch fuhr er empor vom mächtigen Schlage. + Rasend fuhr er unter die Weiber, die untereinander + Taumelten, fielen und schrien, und einige stürzten ins Wasser, + Und das Wasser war tief. Da rief der Pater und sagte: + Sehet, da unten schwimmt Frau Jutte, die Köchin, im Pelze, + Und der Rocken ist hier! O helft, ihr Männer! Ich gebe + Bier zwei Tonnen zum Lohn und großen Ablaß und Gnade. + Alle ließen für tot den Bären liegen und eilten + Nach den Weibern ans Wasser, man zog aufs Trockne die fünfe. + Da indessen die Männer am Ufer beschäftiget waren, + Kroch der Bär ins Wasser vor großem Elend und brummte + Vor entsetzlichem Weh. Er wollte sich lieber ersäufen, + Als die Schläge so schändlich erdulden. Er hatte zu schwimmen + Nie versucht und hoffte sogleich das Leben zu enden. + Wider Vermuten fühlt' er sich schwimmen, und glücklich getragen + Ward er vom Wasser hinab, es sahen ihn alle die Bauern, + Riefen: Das wird uns gewiß zur ewigen Schande gereichen! + Und sie waren verdrießlich und schalten über die Weiber: + Besser blieben sie doch zu Hause! da seht nun, er schwimmet + Seiner Wege. Sie traten herzu, den Block zu besehen, + Und sie fanden darin noch Haut und Haare vom Kopfe + Und von den Füßen und lachten darob und riefen: Du kommst uns + Sicher wieder, behalten wir doch die Ohren zum Pfande! + So verhöhnten sie ihn noch über den Schaden, doch war er + Froh, daß er nur dem übel entging. Er fluchte den Bauern, + Die ihn geschlagen, und klagte den Schmerz der Ohren und Füße, + Fluchte Reineken, der ihn verriet. Mit solchen Gebeten + Schwamm er weiter, es trieb ihn der Strom, der reißend und groß war, + Binnen weniger Zeit fast eine Meile hinunter; + Und da kroch er ans Land am selbigen Ufer und keichte. + Kein bedrängteres Tier hat je die Sonne gesehen! + Und er dachte den Morgen nicht zu erleben, er glaubte + Plötzlich zu sterben und rief. O Reineke, falscher Verräter! + Loses Geschöpf!. Er dachte dabei der schlagenden Bauern, + Und er dachte des Baums und fluchte Reinekens Listen. + + Aber Reineke Fuchs, nachdem er mit gutem Bedachte + Seinen Oheim zu Markte geführt, ihm Honig zu schaffen, + Lief er nach Hühnern, er wußte den Ort, und schnappte sich eines, + Lief und schleppte die Beute behend am Flusse hinunter. + Dann verzehrt' er sie gleich und eilte nach andern Geschäften + Immer am Flusse dahin und trank des Wassers und dachte: + O wie bin ich so froh, daß ich den tölpischen Bären + So zu Hofe gebracht! Ich wette, Rüsteviel hat ihm + Wohl das Beil zu kosten gegeben. Es zeigte der Bär sich + Stets mir feindlich gesinnt, ich hab es ihm wieder vergolten. + Oheim hab ich ihn immer genannt, nun ist er am Baume + Tot geblieben; des will ich mich freun, solang ich nur lebe. + Klagen und schaden wird er nicht mehr!--Und wie er so wandelt, + Schaut er am Ufer hinab und sieht den Bären sich wälzen. + Das verdroß ihm im Herzen, daß Braun lebendig entkommen. + Rüsteviel, rief er, du lässiger Wicht! du grober Geselle! + Solche Speise verschmähst du? die fett und guten Geschmacks ist, + Die manch ehrlicher Mann sich wünscht, und die so gemächlich + Dir zu Handen gekommen. Doch hat für deine Bewirtung + Dir der redliche Braun ein Pfand gelassen! So dacht er, + Als er den Braunen betrübt, ermattet und blutig erblickte. + Endlich rief er ihn an: Herr Oheim, find ich Euch wieder? + Habt Ihr etwas vergessen bei Rüsteviel? sagt mir, ich lass ihm + Wissen, wo Ihr geblieben. Doch soll ich sagen, ich glaube, + Vieles Honig habt Ihr gewiß dem Manne gestohlen, + Oder habt Ihr ihn redlich bezahlt? wie ist es geschehen? + Ei! wie seid Ihr gemalt? das ist ein schmähliches Wesen! + War der Honig nicht guten Geschmacks; Zu selbigem Preise + Steht noch manches zu Kauf! Doch, Oheim, saget mir eilig, + Welchem Orden habt Ihr Euch wohl so kürzlich gewidmet, + Daß Ihr ein rotes Barett auf Eurem Haupte zu tragen + Anfangt? Seid Ihr ein Abt? Es hat der Bader gewißlich, + Der die Platte Euch schor, nach Euren Ohren geschnappet. + Ihr verloret den Schopf, wie ich sehe, das Fell von den Wangen + Und die Handschuh dabei. Wo habt Ihr sie hängen gelassen? + Und so mußte der Braune die vielen spöttischen Worte + Hintereinander vernehmen und konnte vor Schmerzen nicht reden, + Sich nicht raten noch helfen. Und um nicht weiter zu hören, + Kroch er ins Wasser zurück und trieb mit dem reißenden Strome + Nieder und landete drauf am flachen Ufer. Da lag er, + Krank und elend, und jammerte laut und sprach zu sich selber: + Schlüge nur einer mich tot! Ich kann nicht gehen und sollte + Nach des Königes Hof die Reise vollenden, und bleibe + So geschändet zurück von Reinekens bösem Verrate. + Bring ich mein Leben davon, gewiß, dich soll es gereuen! + Doch er raffte sich auf und schleppte mit gräßlichen Schmerzen + Durch vier Tage sich fort, und endlich kam er zu Hofe. + + Als der König den Bären in seinem Elend erblickte, + Rief er: Gnädiger Gott! Erkenn ich Braunen? Wie kommt er + So geschändet? Und Braun versetzte: Leider erbärmlich + Ist das Ungemach, das Ihr erblickt; so hat mich der Frevler + Reineke schändlich verraten! Da sprach der König entrüstet: + Rächen will ich gewiß ohn alle Gnade den Frevel. + Solch einen Herrn wie Braun, den sollte Reineke schänden? + Ja, bei meiner Ehre, bei meiner Krone! das schwör ich, + Alles soll Reineke büßen, was Braun zu Rechte begehret. + Halt ich mein Wort nicht, so trag ich kein Schwert mehr, ich will es geloben! + + Und der König gebot, es solle der Rat sich versammeln, + Überlegen und gleich der Frevel Strafe bestimmen. + Alle rieten darauf, wofern es dem König beliebte, + Solle man Reineken abermals fordern, er solle sich stellen, + Gegen Anspruch und Klage sein Recht zu wahren. Es könne + Hinze, der Kater, sogleich die Botschaft Reineken bringen, + Weil er klug und gewandt sei. So rieten sie alle zusammen. + + Und es vereinigte sich der König mit seinen Genossen, + Sprach zu Hinzen: Merket mir recht die Meinung der Herren! + Ließ' er sich aber zum drittenmal fordern, so soll es ihm selbst und + Seinem ganzen Geschlecht zum ewigen Schaden gereichen; + Ist er klug, so komm er inzeiten. Ihr schärft ihm die Lehre; + Andre verachtet er nur, doch Eurem Rate gehorcht er. + + Aber Hinze versetzte: Zum Schaden oder zum Frommen + Mag es gereichen, komm ich zu ihm, wie soll ichs beginnen? + Meinetwegen tut oder laßt es, aber ich dächte, + Jeden andern zu schicken, ist besser, da ich so klein bin. + Braun, der Bär, so groß und stark, und konnt ihn nicht zwingen, + Welcher Weise soll ich es enden? O! habt mich entschuldigt. + + Du beredest mich nicht, versetzte der König: man findet + Manchen kleinen Mann voll List und Weisheit, die manchem + Großen fremd ist. Seid Ihr auch gleich kein Riese gewachsen, + Seid Ihr doch klug und gelehrt. Da gehorchte der Kater und sagte: + Euer Wille geschehe! und kann ich ein Zeichen erblicken + Rechter Hand am Wege, so wird die Reise gelingen. + + + + + + Dritter Gesang + + + Nun war Hinze, der Kater, ein Stückchen Weges gegangen; + Einen Martins-Vogel erblickt' er von weitem, da rief er: + Edler Vogel! Glück auf. o wende die Flügel und fliege + Her zu meiner Rechten! Es flog der Vogel und setzte + Sich zur Linken des Katers, auf einem Baume zu singen. + Hinze betrübte sich sehr, er glaubte sein Unglück zu hören, + Doch er machte nun selber sich Mut, wie mehrere pflegen. + Immer wandert' er fort nach Malepartus, da fand er + Vor dem Hause Reineken sitzen, er grüßt' ihn und sagte: + Gott, der reiche, der gute, bescher Euch glücklichen Abend! + Euer Leben bedrohet der König, wofern Ihr Euch weigert, + Mit nach Hofe zu kommen; und ferner läßt er Euch sagen: + Stehet den Klägern zu Recht, sonst werdens die Eurigen büßen. + Reineke sprach: Willkommen dahier, geliebtester Neffe! + Möget Ihr Segen von Gott nach meinem Wunsche genießen. + Aber er dachte nicht so in seinem verrätrischen Herzen; + Neue Tücke sann er sich aus, er wollte den Boten + Wieder geschändet nach Hofe senden. Er nannte den Kater + Immer seinen Neffen und sagte: Neffe, was setzt man + Euch für Speise nur vor? Man schläft gesättiget besser; + Einmal bin ich der Wirt, wir gingen dann morgen am Tage + Beide nach Hofe: so dünkt es mich gut. Von meinen Verwandten + Ist mir keiner bekannt, auf den ich mich lieber verließe. + Denn der gefräßige Bär war trotzig zu mir gekommen. + Er ist grimmig und stark, daß ich um vieles nicht hätte + Ihm zur Seite die Reise gewagt. Nun aber versteht sichs, + Gerne geh ich mit Euch. Wir machen uns frühe des Morgens + Auf den Weg: so scheinet es mir das beste geraten. + Hinze versetzte darauf. Es wäre besser, wir machten + Gleich uns fort nach Hofe, so wie wir gehen und stehen. + Auf der Heide scheinet der Mond, die Wege sind trocken. + Reineke sprach: Ich finde bei Nacht das Reisen gefährlich, + Mancher grüßet uns freundlich bei Tage, doch käm er im Finstern + Uns in den Weg, es möchte wohl kaum zum besten geraten. + Aber Hinze versetzte: So laßt mich wissen, mein Neffe, + Bleib ich hier, was sollen wir essen? Und Reineke sagte: + Ärmlich behelfen wir uns; doch wenn Ihr bleibet, so bring ich + Frische Honigscheiben hervor, ich wähle die klärsten. + Niemals eß ich dergleichen, versetzte murrend der Kater: + Fehlet Euch alles im Hause, so gebt eine Maus her! Mit dieser + Bin ich am besten versorgt, und sparet das Honig für andre. + Eßt Ihr Mäuse so gern? sprach Reineke: redet mir ernstlich; + Damit kann ich Euch dienen. Es hat mein Nachbar, der Pfaffe, + Eine Scheun im Hofe, darin sind Mäuse, man führe + Sie auf keinem Wagen hinweg: ich höre den Pfaffen + Klagen, daß sie bei Nacht und Tag ihm lästiger werden. + Unbedächtig sagte der Kater: Tut mir die Liebe, + Bringet mich hin zu den Mäusen! denn über Wildbret und alles + Lob ich mir Mäuse, die schmecken am besten. Und Reineke sagte: + Nun wahrhaftig, Ihr sollt mir ein herrliches Gastmahl genießen. + Da mir bekannt ist, womit ich Euch diene, so laßt uns nicht zaudern. + + Hinze glaubt' ihm und folgte; sie kamen zur Scheune des Pfaffen, + Zu der lehmernen Wand. Die hatte Reineke gestern + Klug durchgraben und hatte durchs Loch dem schlafenden Pfaffen + Seiner Hähne den besten entwendet. Das wollte Martinchen + Rächen, des geistlichen Herrn geliebtes Söhnchen; er knüpfte + Klug vor die öffnung den Strick mit einer Schlinge; so hofft' er + Seinen Hahn zu rächen am wiederkehrenden Diebe. + Reineke wußt und merkte sich das und sagte: Geliebter + Neffe, kriechet hinein gerade zur öffnung; ich halte + Wache davor, indessen Ihr mauset; Ihr werdet zu Haufen + Sie im Dunkeln erhaschen. O höret, wie munter sie pfeifen! + Seid Ihr satt, so kommt nur zurück, Ihr findet mich wieder. + Trennen dürfen wir nicht uns diesen Abend, denn morgen + Gehen wir früh und kürzen den Weg mit muntern Gesprächen. + Glaubt Ihr, sagte der Kater, es sei hier sicher zu kriechen? + Denn es haben mitunter die Pfaffen auch Böses im Sinne. + Da versetzte der Fuchs, der Schelm: Wer konnte das wissen! + Seid Ihr so blöde? Wir gehen zurück: es soll Euch mein Weibchen + Gut und mit Ehren empfangen, ein schmackhaft Essen bereiten; + Wenn es auch Mäuse nicht sind, so laßt es uns fröhlich verzehren. + Aber Hinze, der Kater, sprang in die öffnung, er schämte + Sich vor Reinekens spottenden Worten, und fiel in die Schlinge. + Also empfanden Reinekens Gäste die böse Bewirtung. + + Da nun Hinze den Strick an seinem Halse verspürte, + Fuhr er ängstlich zusammen und übereilte sich furchtsam, + Denn er sprang mit Gewalt: da zog der Strick sich zusammen. + Kläglich rief er Reineken zu, der außer dem Loche + Horchte, sich hämisch erfreute und so zur öffnung hineinsprach: + Hinze, wie schmecken die Mäuse? Ihr findet sie, glaub ich, gemästet. + Wüßte Martinchen doch nur, daß Ihr sein Wildbret verzehret; + Sicher brächt er Euch Senf: er ist ein höflicher Knabe. + Singet man so bei Hofe zum Essen? Es klingt mir bedenklich. + Wüßt ich Isegrim nur in diesem Loche, so wie ich + Euch zu Falle gebracht, er sollte mir alles bezahlen, + Was er mir übels getan! Und so ging Reineke weiter. + Aber er ging nicht allein, um Diebereien zu üben; + Ehbruch, Rauben und Mord und Verrat, er hielt es nicht sündlich. + Und er hatte sich eben was ausgesonnen. Die schöne + Gieremund wollt er besuchen, in doppelter Absicht: fürs erste + Hofft er von ihr zu erfahren, was eigentlich Isegrim klagte; + Zweitens wollte der Schalk die alten Sünden erneuern. + Isegrim war nach Hofe gegangen, das wollt er benutzen. + Denn wer zweifelt daran, es hatte die Neigung der Wölfin + Zu dem schändlichen Fuchse den Zorn des Wolfes entzündet. + Reineke trat in die Wohnung der Frauen und fand sie nicht heimisch. + Grüß euch Gott! Stiefkinderchen! sagt' er, nicht mehr und nicht minder, + Nickte freundlich den Kleinen und eilte nach seinem Gewerbe. + Als Frau Gieremund kam des Morgens, wie es nur tagte, + Sprach sie: Ist niemand kommen, nach mir zu fragen? Soeben + Geht Herr Pate Reineke fort, er wünscht' Euch zu sprechen. + Alle, wie wir hier sind, hat er Stiefkinder geheißen. + Da rief Gieremund aus: Er soll es bezahlen! und eilte, + Diesen Frevel zu rächen zur selben Stunde. Sie wußte, + Wo er pflegte zu gehn; sie erreicht' ihn, zornig begann sie: + Was für Worte sind das? und was für schimpfliche Reden + Habt Ihr ohne Gewissen vor meinen Kindern gesprochen? + Büßen sollt Ihr dafür! So sprach sie zornig und zeigt' ihm + Ein ergrimmtes Gesicht; sie faßt' ihn am Barte, da fühlt' er + Ihrer Zähne Gewalt und lief und wollt ihr entweichen; + Sie behend strich hinter ihm drein. Da gab es Geschichten-- + Ein verfallenes Schloß war in der Nähe gelegen, + Hastig liefen die beiden hinein; es hatte sich aber + Altershalben die Mauer in einem Turme gespalten. + Reineke schlupfte hindurch; allein er mußte sich zwängen, + Denn die Spalte war eng; und eilig steckte die Wölfin, + Groß und stark, wie sie war, den Kopf in die Spalte; sie drängte, + Schob und brach und zog und wollte folgen, und immer + Klemmte sie tiefer sich ein und konnte nicht vorwärts noch rückwärts. + Da das Reineke sah, lief er zur anderen Seite + Krummen Weges herein und kam und macht' ihr zu schaffen. + Aber sie ließ es an Worten nicht fehlen, sie schalt ihn: Du handelst + Als ein Schelm! ein Dieb! Und Reineke sagte dagegen: + Ist es noch niemals geschehn, so mag es jetzo geschehen. + + Wenig Ehre verschafft es, sein Weib mit andern zu sparen, + Wie nun Reineke tat. Gleichviel war alles dem Bösen. + Da nun endlich die Wölfin sich aus der Spalte gerettet, + War schon Reineke weg und seine Straße gegangen. + Und so dachte die Frau, sich selber Recht zu verschaffen, + Ihrer Ehre zu wahren, und doppelt war sie verloren. + + Lasset uns aber zurück nach Hinzen sehen. Der Arme, + Da er gefangen sich fühlte, beklagte nach Weise der Kater + Sich erbärmlich: das hörte Martinchen und sprang aus dem Bette. + Gott sei Dank! Ich habe den Strick zur glücklichen Stunde + Vor die öffnung geknüpft; der Dieb ist gefangen! Ich denke, + Wohl bezahlen soll er den Hahn! So jauchzte Martinchen. + Zündete hurtig ein Licht an (im Hause schliefen die Leute), + Weckte Vater und Mutter darauf und alles Gesinde, + Rief: Der Fuchs ist gefangen! wir wollen ihm dienen. Sie kamen + Alle, groß und klein, ja selbst der Pater erhub sich, + Warf ein Mäntelchen um; es lief mit doppelten Lichtern + Seine Köchin voran, und eilig hatte Martinchen + Einen Knüttel gefaßt und machte sich über den Kater, + Traf ihm Haut und Haupt und schlug ihm grimmig ein Aug aus. + Alle schlugen auf ihn; es kam mit zackiger Gabel + Hastig der Pater herbei und glaubte den Räuber zu fällen. + Hinze dachte zu sterben; da sprang er wütend entschlossen + Zwischen die Schenkel des Pfaffen und biß und kratzte gefährlich, + Schändete grimmig den Mann und rächte grausam das Auge. + Schreiend stürzte der Pater und fiel ohnmächtig zur Erden. + Unbedachtsam schimpfte die Köchin: es habe der Teufel + Ihr zum Possen das Spiel selbst angerichtet. Und doppelt, + Dreifach schwur sie: wie gern verlöre sie, wäre das Unglück + Nicht dem Herren begegnet, ihr bißchen Habe zusammen. + Ja, sie schwur: ein Schatz von Golde, wenn sie ihn hätte, + Sollte sie wahrlich nicht reuen, sie wollt ihn missen. So jammert' + Sie die Schande des Herrn und seine schwere Verwundung. + Endlich brachten sie ihn mit vielen Klagen zu Bette, + Ließen Hinzen am Strick und hatten seiner vergessen. + + Als nun Hinze, der Kater, in seiner Not sich allein sah, + Schmerzlich geschlagen und übel verwundet, so nahe dem Tode, + Faßt' er aus Liebe zum Leben den Strick und nagt' ihn behende. + Sollt ich mich etwa erlösen vom großen übel? so dacht er. + Und es gelang ihm, der Strick zerriß. Wie fand er sich glücklich! + Eilte, dem Ort zu entfliehn, wo er so vieles erduldet; + Hastig sprang er zum Loche heraus und eilte die Straße + Nach des Königes Hof, den er des Morgens erreichte. + Ärgerlich schalt er sich selbst: So mußte dennoch der Teufel + Dich durch Reinekens List, des bösen Verräters, bezwingen! + Kommst du doch mit Schande zurück, am Auge geblendet + Und mit Schlägen schmerzlich beladen, wie mußt du dich schämen! + + Aber des Königes Zorn entbrannte heftig, er dräute + Dem Verräter den Tod ohn alle Gnade. Da ließ er + Seine Räte versammeln; es kamen seine Baronen, + Seine Weisen zu ihm, er fragte: wie man den Frevler + Endlich brächte zu Recht, der schon so vieles verschuldet? + Als nun viele Beschwerden sich über Reineken häuften, + Redete Grimbart, der Dachs: Es mögen in diesem Gerichte + Viele Herren auch sein, die Reineken übels gedenken, + Doch wird niemand die Rechte des freien Mannes verletzen. + Nun zum drittenmal muß man ihn fordern. Ist dieses geschehen, + Kommt er dann nicht, so möge das Recht ihn schuldig erkennen. + Da versetzte der König: Ich fürchte, keiner von allen + Ginge, dem tückischen Manne die dritte Ladung zu bringen. + Wer hat ein Auge zu viel? wer mag verwegen genug sein, + Leib und Leben zu wagen um diesen bösen Verräter? + Seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen und dennoch am Ende + Reineken nicht zu stellen? Ich denke, niemand versucht es. + Überlaut versetzte der Dachs: Herr König, begehret + Ihr es von mir, so will ich sogleich die Botschaft verrichten, + Sei es, wie es auch sei. Wollt Ihr mich öffentlich senden, + Oder geh ich, als käm ich von selber? Ihr dürft nur befehlen. + Da beschied ihn der König: So geht dann! Alle die Klagen + Habt Ihr sämtlich gehört, und geht nur weislich zu Werke + Denn es ist ein gefährlicher Mann. Und Grimbart versetzte: + Einmal muß ich es wagen und hoff ihn dennoch zu bringen. + So betrat er den Weg nach Malepartus, der Feste; + Reineken fand er daselbst mit Weib und Kindern und sagte: + Oheim Reineke, seid mir gegrüßt! Ihr seid ein gelehrter, + Weiser, kluger Mann, wir müssen uns alle verwundern, + Wie Ihr des Königs Ladung verachtet, ich sage, verspottet, + Deucht Euch nicht, es wäre nun Zeit? Es mehren sich immer + Klagen und böse Gerüchte von allen Seiten. Ich rat Euch, + Kommt nach Hofe mit mir, es hilft kein längeres Zaudern. + Viele, viele Beschwerden sind vor den König gekommen, + Heute werdet Ihr nun zum dritten Male geladen; + Stellt Ihr Euch nicht, so seid Ihr verurteilt. Dann führet der König + Seine Vasallen hieher, Euch einzuschließen, in dieser + Feste Malepartus Euch zu belagern; so gehet + Ihr mit Weib und Kindern und Gut und Leben zugrunde. + Ihr entfliehet dem Könige nicht; drum ist es am besten, + Kommt nach Hofe mit mir! Es wird an listiger Wendung + Euch nicht fehlen, Ihr habt sie bereit und werdet Euch retten; + Denn Ihr habt ja wohl oft, auch an gerichtlichen Tagen, + Abenteuer bestanden, weit größer als dieses, und immer + Kamt Ihr glücklich davon und Eure Gegner in Schande. + + Grimbart hatte gesprochen, und Reineke sagte dagegen: + Oheim, Ihr ratet mir wohl, daß ich zu Hofe mich stelle, + Meines Rechtes selber zu wahren. Ich hoffe, der König + Wird mir Gnade gewähren; er weiß, wie sehr ich ihm nütze; + Aber er weiß auch, wie sehr ich deshalb den andern verhaßt bin. + Ohne mich kann der Hof nicht bestehn. Und hätt ich noch zehnmal + Mehr verbrochen, so weiß ich es schon: sobald mirs gelinget, + Ihm in die Augen zu sehen und ihn zu sprechen, so fühlt er + Seinen Zorn im Busen bezwungen. Denn freilich begleiten + Viele den König und kommen in seinem Rate zu sitzen; + Aber es geht ihm niemal zu Herzen; sie finden zusammen + Weder Rat noch Sinn. Doch bleibet an jeglichem Hofe, + Wo ich immer auch sei, der Ratschluß meinem Verstande. + Denn versammeln sich König und Herren, in kitzlichen Sachen + Klugen Rat zu ersinnen, so muß ihn Reineken finden. + Das mißgönnen mir viele. Die hab ich leider zu fürchten, + Denn sie haben den Tod mir geschworen, und grade die Schlimmsten + Sind am Hofe versammelt, das macht mich eben bekümmert. + Über zehen und Mächtige sinds, wie kann ich alleine + Vielen widerstehn? Drum hab ich immer gezaudert. + Gleichwohl find ich es besser, mit Euch nach Hofe zu wandeln, + Meine Sache zu wahren; das soll mehr Ehre mir bringen, + Als durch Zaudern mein Weib und meine Kinder in ängsten + Und Gefahren zu stürzen; wir wären alle verloren. + Denn der König ist mir zu mächtig, und was es auch wäre, + Müßt ich tun, sobald ers befiehlt. Wir können versuchen, + Gute Verträge vielleicht mit unsern Feinden zu schließen. + + Reineke sagte darnach: Frau Ermelyn, nehmet der Kinder + (Ich empfehl es Euch) wahr, vor allen andern des jüngsten, + Reinharts; es stehn ihm die Zähne so artig ums Mäulchen, ich hoff, er + Wird der leibhaftige Vater; und hier ist Rossel, das Schelmchen, + Der mir ebenso lieb ist. O! tut den Kindern zusammen + Etwas zu gut, indes ich weg bin! Ich wills Euch gedenken, + Kehr ich glücklich zurück und Ihr gehorchet den Worten. + Also schied er von dannen mit Grimbart, seinem Begleiter, + Ließ Frau Ermelyn dort mit beiden Söhnen und eilte; + Unberaten ließ er sein Haus; das schmerzte die Füchsin. + + Beide waren noch nicht ein Stündchen Weges gegangen, + Als zu Grimbart Reineke sprach: Mein teuerster Oheim, + Wertester Freund, ich muß Euch gestehn, ich bebe vor Sorgen. + Ich entschlage mich nicht des ängstlichen, bangen Gedankens, + Daß ich wirklich dem Tod entgegensehe. Da seh ich + Meine Sünden vor mir, so viel ich deren begangen. + Ach! Ihr glaubet mir nicht die Unruh, die ich empfinde. + Laßt mich beichten! höret mich an! kein anderer Pater + Ist in der Nähe zu finden; und hab ich alles vom Herzen, + Werd ich nicht schlimmer darum vor meinem Könige stehen. + Grimbart sagte: Verredet zuerst das Rauben und Stehlen, + Allen bösen Verrat und andre gewöhnliche Tücken, + Sonst kann Euch die Beichte nicht helfen. Ich weiß es, versetzte + Reineke: darum laßt mich beginnen und höret bedächtig. + + Confiteor tibi Pater et Mater, daß ich der Otter, + Daß ich dem Kater und manchen gar manche Tücke versetzte, + Ich bekenn es und lasse mir gern die Buße gefallen. + Redet Deutsch, versetzte der Dachs, damit ichs verstehe. + Reineke sagte: Ich habe mich freilich, wie sollt ich es leugnen! + Gegen alle Tiere, die jetzo leben, versündigt. + Meinen Oheim, den Bären, den hielt ich im Baume gefangen; + Blutig ward ihm sein Haupt, und viele Prügel ertrug er. + Hinzen führt ich nach Mäusen; allein am Stricke gehalten + Mußt er vieles erdulden und hat sein Auge verloren. + Und so klaget auch Henning mit Recht, ich raubt ihm die Kinder, + Groß und kleine, wie ich sie fand, und ließ sie mir schmecken. + Selbst verschont ich des Königes nicht, und mancherlei Tücken + Übt ich kühnlich an ihm und an der Königin selber; + Spät verwindet sies nur. Und weiter muß ich bekennen: + Isegrim hab ich, den Wolf, mit allem Fleiße geschändet; + Alles zu sagen, fänd ich nicht Zeit. So hab ich ihn immer + Scherzend Oheim genannt, und wir sind keine Verwandte. + Einmal, es werden nun bald sechs Jahre, kam er nach Elkmar + Zu mir ins Kloster, ich wohnte daselbst, und bat mich um Beistand, + Weil er eben ein Mönch zu werden gedächte. Das, meint' er, + Wär ein Handwerk für ihn, und zog die Glocke. Das Läuten + Freut' ihn so sehr! Ich band ihm darauf die vorderen Füße + Mit dem Seile zusammen, er war es zufrieden und stand so, + Zog und erlustigte sich und schien das Läuten zu lernen. + Doch es sollt ihm die Kunst zu schlechter Ehre gedeihen, + Denn er läutete zu wie toll und törig. Die Leute + Liefen eilig bestürzt aus allen Straßen zusammen, + Denn sie glaubten, es sei ein großes Unglück begegnet; + Kamen und fanden ihn da, und eh er sich eben erklärte, + Daß er den geistlichen Stand ergreifen wolle, so war er + Von der dringenden Menge beinah zu Tode geschlagen. + Dennoch beharrte der Tor auf seinem Vorsatz und bat mich, + Daß ich ihm sollte mit Ehren zu einer Platte verhelfen; + Und ich ließ ihm das Haar auf seinem Scheitel versengen, + Daß die Schwarte davon zusammenschrumpfte. So hab ich + Oft ihm Prügel und Stöße mit vieler Schande bereitet. + Fische lehrt ich ihn fangen, sie sind ihm übel bekommen. + Einmal folgt' er mir auch im Jülicher Lande, wir schlichen + Zu der Wohnung des Pfaffen, des reichsten in dortiger Gegend. + Einen Speicher hatte der Mann mit köstlichen Schinken, + Lange Seiten des zartesten Specks verwahrt' er daneben, + Und ein frisch gesalzenes Fleisch befand sich im Troge. + Durch die steinerne Mauer gelang es Isegrim endlich, + Eine Spalte zu kratzen, die ihn gemächlich hindurchließ, + Und ich trieb ihn dazu, es trieb ihn seine Begierde. + Aber da konnt er sich nicht im überflusse bezwingen, + Übermäßig füllt' er sich an; da hemmte gewaltig + Den geschwollenen Leib und seine Rückkehr die Spalte. + Ach, wie klagt' er sie an, die ungetreue, sie ließ ihn + Hungrig hinein und wollte dem Satten die Rückkehr verwehren. + Und ich machte darauf ein großes Lärmen im Dorfe, + Daß ich die Menschen erregte, die Spuren des Wolfes zu finden. + Denn ich lief in die Wohnung des Pfaffen und traf ihn beim Essen, + Und ein fetter Kapaun ward eben vor ihn getragen, + Wohlgebraten; ich schnappte darnach und trug ihn von dannen. + Hastig wollte der Pfaffe mir nach und lärmte, da stieß er + Über den Haufen den Tisch mit Speisen und allem Getränke. + Schlaget, werfet, fanget und stechet! so rief der ergrimmte + Pater und fiel und kühlte den Zorn (er hatte die Pfütze + Nicht gesehen) und lag. Und alle kamen und schrien: + Schlagt! ich rannte davon und hinter mir alle zusammen, + Die mir das Schlimmste gedachten. Am meisten lärmte der Pfaffe: + Welch ein verwegener Dieb! Er nahm das Huhn mir vom Tische! + Und so lief ich voraus, bis zu dem Speicher, da ließ ich + Wider Willen das Huhn zur Erde fallen, es ward mir + Endlich leider zu schwer; und so verlor mich die Menge. + Aber sie fanden das Huhn, und da der Pater es aufhub, + Ward er des Wolfes im Speicher gewahr, es sah ihn der Haufen. + Allen rief der Pater nun zu: Hierher nur! und trefft ihn! + Uns ist ein anderer Dieb, ein Wolf, in die Hände gefallen, + Käm er davon, wir wären beschimpft; es lachte wahrhaftig + Alles auf unsere Kosten im ganzen Jülicher Lande. + Was er nur konnte, dachte der Wolf. Da regnet' es Schläge + Hierher und dorther ihm über den Leib und schmerzliche Wunden. + Alle schrien, so laut sie konnten; die übrigen Bauern + Liefen zusammen und streckten für tot ihn zur Erde darnieder. + Größeres Weh geschah ihm noch nie, solang er auch lebte. + Malt' es einer auf Leinwand, es wäre seltsam zu sehen, + Wie er dem Pfaffen den Speck und seine Schinken bezahlte. + Auf die Straße warfen sie ihn und schleppten ihn eilig + Über Stock und Stein; es war kein Leben zu spüren. + Und er hatte sich unrein gemacht, da warf man mit Abscheu + Vor das Dorf ihn hinaus: er lag in schlammiger Grube, + Denn sie glaubten ihn tot. In solcher schmählichen Ohnmacht + Blieb er, ich weiß nicht wie lange, bevor er sein Elend gewahr ward. + Wie er noch endlich entkommen, das hab ich niemals erfahren. + Und doch schwur er hernach (es kann ein Jahr sein), mir immer + Treu und gewärtig zu bleiben; nur hat es nicht lange gedauert. + Denn warum er mir schwur, das konnt ich leichtlich begreifen: + Gerne hätt er einmal sich satt an Hühnern gegessen. + Und damit ich ihn tüchtig betröge, beschrieb ich ihm ernstlich + Einen Balken, auf dem sich ein Hahn des Abends gewöhnlich + Neben sieben Hühnern zu setzen pflegte. Da führt' ich + Ihn im stillen bei Nacht, es hatte zwölfe geschlagen, + Und der Laden des Fensters, mit leichter Latte gestützet, + Stand (ich wußt es) noch offen. Ich tat, als wollt ich hineingehn; + Aber ich schmiegte mich an und ließ dem Oheim den Vortritt. + Gehet frei nur hinein, so sagt ich: wollt Ihr gewinnen, + Seid geschäftig, es gilt! Ihr findet gemästete Hennen. + Gar bedächtig kroch er hinein und tastete leise + Hier- und dahin und sagte zuletzt mit zornigen Worten: + O wie führt Ihr mich schlecht! ich finde wahrlich von Hühnern + Keine Feder. Ich sprach: Die vorne pflegten zu sitzen, + Hab' ich selber geholt, die andern sitzen dahinten. + Geht nur unverdrossen voran und tretet behutsam. + Freilich der Balken war schmal, auf dem wir gingen. Ich ließ ihn + Immer voraus und hielt mich zurück und drückte mich rückwärts + Wieder zum Fenster hinaus und zog am Holze; der Laden + Schlug und klappte, das fuhr dem Wolf in die Glieder und schreckt' ihn; + Zitternd plumpt' er hinab vom schmalen Balken zur Erde. + Und erschrocken erwachten die Leute, sie schliefen am Feuer. + Sagt, was fiel zum Fenster herein? so riefen sie alle, + Rafften behende sich auf, und eilig brannte die Lampe. + In der Ecke fanden sie ihn und schlugen und gerbten + Ihm gewaltig das Fell; mich wundert, wie er entkommen. + + Weiter bekenn ich vor Euch: daß ich Frau Gieremund heimlich + Öfters besucht und öffentlich auch. Das hätte nun freilich + Unterbleiben sollen, o wär es niemals geschehen! + Denn solange sie lebt, verwindet sie schwerlich die Schande. + + Alles hab ich Euch jetzt gebeichtet, dessen ich irgend + Mich zu erinnern vermag, was meine Seele beschweret. + Sprechet mich los! ich bitte darum; ich werde mit Demut + Jede Buße vollbringen, die schwerste, die Ihr mir auflegt. + + Grimbart wußte sich schon in solchen Fällen zu nehmen, + Brach ein Reischen am Wege, dann sprach er: Oheim, nun schlagt Euch + Dreimal über den Rücken mit diesem Reischen und legt es, + Wie ichs Euch zeige, zur Erde und springet dreimal darüber; + Dann mit Sanftmut küsset das Reis und zeigt Euch gehorsam. + Solche Buße leg ich Euch auf und spreche von allen + Sünden und allen Strafen Euch los und ledig, vergeb Euch + Alles im Namen des Herrn, soviel Ihr immer begangen. + + Und als Reineke nun die Buße willig vollendet, + Sagte Grimbart: Lasset an guten Werken, mein Oheim, + Eure Besserung spüren und leset Psalmen, besuchet + Fleißig die Kirchen und fastet an rechten gebotenen Tagen; + Wer Euch fraget, dem weiset den Weg, und gebet den Armen + Gern, und schwöret mir zu, das böse Leben zu lassen, + Alles Rauben und Stehlen, Verrat und böse Verführung, + Und so ist es gewiß, daß Ihr zu Gnaden gelanget. + Reineke sprach: So will ich es tun, so sei es geschworen! + + Und so war die Beichte vollendet. Da gingen sie weiter + Nach des Königes Hof. Der fromme Grimbart und jener + Kamen durch schwärzliche fette Gebreite; sie sahen ein Kloster + Rechter Hand des Weges. Es dienten geistliche Frauen, + Spat und früh, dem Herren daselbst und nährten im Hofe + Viele Hühner und Hähne, mit manchem schönen Kapaune, + Welche nach Futter zuweilen sich außer der Mauer zerstreuten. + Reineke pflegte sie oft zu besuchen. Da sagt' er zu Grimbart: + Unser kürzester Weg geht an der Mauer vorüber; + Aber er meinte die Hühner, wie sie im Freien spazierten. + Seinen Beichtiger führt' er dahin, sie nahten den Hühnern; + Da verdrehte der Schalk die gierigen Augen im Kopfe. + Ja, vor allen gefiel ihm ein Hahn, der jung und gemästet + Hinter den andern spazierte, den faßt' er treulich ins Auge, + Hastig sprang er hinter ihm drein; es stoben die Federn. + + Aber Grimbart, entrüstet, verwies ihm den schändlichen Rückfall. + Handelt Ihr so? unseliger Oheim, und wollt Ihr schon wieder + Um ein Huhn in Sünde geraten, nachdem Ihr gebeichtet? + Schöne Reue heiß ich mir das! Und Reineke sagte: + Hab ich es doch in Gedanken getan! O teuerster Oheim, + Bittet zu Gott, er möge die Sünde mir gnädig vergeben. + Nimmer tu ich es wieder und laß es gerne. Sie kamen + Um das Kloster herum in ihre Straße, sie mußten + Über ein schmales Brückchen hinüber, und Reineke blickte + Wieder nach den Hühnern zurück; er zwang sich vergebens. + Hätte jemand das Haupt ihm abgeschlagen, es wäre + Nach den Hühnern geflogen; so heftig war die Begierde. + + Grimbart sah es und rief. Wo laßt Ihr, Neffe, die Augen + Wieder spazieren? Fürwahr, Ihr seid ein häßlicher Vielfraß! + Reineke sagte darauf: Das macht Ihr übel, Herr Oheim! + Übereilet Euch nicht und stört nicht meine Gebete; + Laßt ein Paternoster mich sprechen. Die Seelen der Hühner + Und der Gänse bedürfen es wohl, soviel ich den Nonnen, + Diesen heiligen Frauen, durch meine Klugheit entrissen. + Grimbart schwieg, und Reineke Fuchs verwandte das Haupt nicht + Von den Hühnern, solang er sie sah. Doch endlich gelangten + Sie zur rechten Straße zurück und nahten dem Hofe. + Und als Reineke nun die Burg des Königs erblickte, + Ward er innig betrübt; denn heftig war er beschuldigt. + + + + + + Vierter Gesang + + + Als man bei Hofe vernahm, es komme Reineke wirklich, + Drängte sich jeder heraus, ihn zu sehn, die Großen und Kleinen, + Wenige freundlich gesinnt, fast alle hatten zu klagen. + Aber Reineken deuchte, das sei von keiner Bedeutung; + Wenigstens stellt' er sich so, da er mit Grimbart, dem Dachse, + Jetzo dreist und zierlich die hohe Straße daherging. + Mutig kam er heran und gelassen, als wär er des Königs + Eigener Sohn und frei und ledig von allen Gebrechen. + Ja, so trat er vor Nobel, den König, und stand im Palaste + Mitten unter den Herren; er wußte sich ruhig zu stellen. + + Edler König, gnädiger Herr! begann er zu sprechen: + Edel seid Ihr und groß, von Ehren und Würden der Erste; + Darum bitt ich von Euch, mich heute rechtlich zu hören. + Keinen treueren Diener hat Eure fürstliche Gnade + Je gefunden als mich, das darf ich kühnlich behaupten. + Viele weiß ich am Hofe, die mich darüber verfolgen. + Eure Freundschaft würd ich verlieren, woferne die Lügen + Meiner Feinde, wie sie es wünschen, Euch glaublich erschienen; + Aber glücklicherweise bedenkt Ihr jeglichen Vortrag, + Hört den Beklagten so gut als den Kläger; und haben sie vieles + Mir im Rücken gelogen, so bleib ich ruhig und denke: + Meine Treue kennt Ihr genug, sie bringt mir Verfolgung. + + Schweiget! versetzte der König: es hilft kein Schwätzen und Schmeicheln, + Euer Frevel ist laut, und Euch erwartet die Strafe. + Habt Ihr den Frieden gehalten, den ich den Tieren geboten? + Den ich geschworen? Da steht der Hahn! Ihr habt ihm die Kinder, + Falscher, leidiger Dieb! eins nach dem andern entrissen. + Und wie lieb Ihr mich habt, das wollt Ihr, glaub ich, beweisen, + Wenn Ihr mein Ansehn schmäht und meine Diener beschädigt. + Seine Gesundheit verlor der arme Hinze! Wie langsam + Wird der verwundete Braun von seinen Schmerzen genesen! + Aber ich schelt Euch nicht weiter. Denn hier sind Kläger die Menge, + Viele bewiesene Taten. Ihr möchtet schwerlich entkommen. + + Bin ich, gnädiger Herr, deswegen strafbar? versetzte + Reineke: kann ich davor, wenn Braun mit blutiger Platte + Wieder zurückkehrt? Wagt' er sich doch und wollte vermessen + Rüsteviels Honig verzehren; und kamen die tölpischen Bauern + Ihm zu Leibe, so ist er ja stark und mächtig an Gliedern; + Schlugen und schimpften sie ihn, eh er ins Wasser gekommen, + Hätt er als rüstiger Mann die Schande billig gerochen. + Und wenn Hinze, der Kater, den ich mit Ehren empfangen, + Nach Vermögen bewirtet, sich nicht vom Stehlen enthalten, + In die Wohnung des Pfaffen, so sehr ich ihn treulich verwarnte, + Sich bei Nacht geschlichen und dort was übels erfahren: + Hab ich Strafe verdient, weil jene töricht gehandelt? + Eurer fürstlichen Krone geschähe das wahrlich zu nahe! + Doch Ihr möget mit mir nach Eurem Willen verfahren, + Und, so klar auch die Sache sich zeigt, beliebig verfügen: + Mag es zum Nutzen, mag es zum Schaden auch immer gereichen. + Soll ich gesotten, gebraten, geblendet oder gehangen + Werden oder geköpft, so mag es eben geschehen! + Alle sind wir in Eurer Gewalt, Ihr habt uns in Händen. + Mächtig seid Ihr und stark, was widerstände der Schwache? + Wollt Ihr mich töten, das würde fürwahr ein geringer Gewinn sein. + Doch es komme, was will; ich stehe redlich zu Rechte. + + Da begann der Widder Bellyn: Die Zeit ist gekommen, + Laßt uns klagen! Und Isegrim kam mit seinen Verwandten, + Hinze, der Kater, und Braun, der Bär, und Tiere zu Scharen. + Auch der Esel Boldewyn kam und Lampe, der Hase, + Wackerlos kam, das Hündchen, und Ryn, die Dogge, die Ziege + Metke, Hermen, der Bock, dazu das Eichhorn, die Wiesel + Und das Hermelin. Auch waren der Ochs und das Pferd nicht + Außen geblieben; daneben ersah man die Tiere der Wildnis, + Als den Hirsch und das Reh und Bokert, den Biber, den Marder, + Das Kaninchen, den Eber, und alle drängten einander. + Bartolt, der Storch, und Markart, der Häher, und Lütke, der Kranich, + Flogen herüber; es meldeten sich auch Tybbke, die Ente, + Alheid, die Gans, und andere mehr mit ihren Beschwerden. + Henning, der traurige Hahn, mit seinen wenigen Kindern + Klagte heftig; es kamen herbei unzählige Vögel + Und der Tiere so viel, wer wüßte die Menge zu nennen! + Alle gingen dem Fuchs zu Leibe, sie hofften, die Frevel + Nun zur Sprache zu bringen und seine Strafe zu sehen. + Vor den König drängten sie sich mit heftigen Reden, + Häuften Klagen auf Klagen, und alt und neue Geschichten + Brachten sie vor. Man hatte noch nie an Einem Gerichtstag + Vor des Königes Thron so viele Beschwerden gehöret. + Reineke stand und wußte darauf gar künstlich zu dienen: + Denn ergriff er das Wort, so floß die zierliche Rede + Seiner Entschuldigung her, als wäre es lautere Wahrheit; + Alles wußt er beiseite zu lehnen und alles zu stellen. + Hörte man ihn, man wunderte sich und glaubt' ihn entschuldigt, + Ja, er hatte noch übriges Recht und vieles zu klagen. + Aber es standen zuletzt wahrhaftige redliche Männer + Gegen Reineken auf, die wider ihn zeugten, und alle + Seine Frevel fanden sich klar. Nun war es geschehen! + Denn im Rate des Königs mit Einer Stimme beschloß man: + Reineke Fuchs sei schuldig des Todes! So soll man ihn fahen, + Soll ihn binden und hängen an seinem Halse, damit er + Seine schweren Verbrechen mit schmählichem Tode verbüße. + + Jetzt gab Reineke selbst das Spiel verloren; es hatten + Seine klugen Worte nur wenig geholfen. Der König + Sprach das Urteil selber. Da schwebte dem losen Verbrecher, + Als sie ihn fingen und banden, sein klägliches Ende vor Augen. + + Wie nun nach Urteil und Recht gebunden Reineke dastand, + Seine Feinde sich regten, zum Tod ihn eilend zu führen, + Standen die Freunde betroffen und waren schmerzlich bekümmert, + Martin, der Affe, mit Grimbart und vielen aus Reinekens Sippschaft. + Ungern hörten sie an das Urteil und trauerten alle + Mehr, als man dächte. Denn Reineke war der ersten Baronen + Einer und stand nun entsetzt von allen Ehren und Würden + Und zum schmählichen Tode verdammt. Wie mußte der Anblick + Seine Verwandten empören! Sie nahmen alle zusammen + Urlaub vom Könige, räumten den Hof, so viele sie waren. + + Aber dem Könige ward es verdrießlich, daß ihn so viele + Ritter verließen. Es zeigte sich nun die Menge Verwandten, + Die sich, mit Reinekens Tod sehr unzufrieden, entfernten. + Und der König sprach zu einem seiner Vertrauten: + Freilich ist Reineke boshaft, allein man sollte bedenken, + Viele seiner Verwandten sind nicht zu entbehren am Hofe. + + Aber Isegrim, Braun und Hinze, der Kater, sie waren + Um den Gebundnen geschäftig, sie wollten die schändliche Strafe, + Wie es der König gebot, an ihrem Feinde vollziehen, + Führten ihn hastig hinaus und sahen den Galgen von ferne. + Da begann der Kater erbost zum Wolfe zu sprechen: + Nun bedenket, Herr Isegrim, wohl, wie Reineke damals + Alles tat und betrieb, wie seinem Hasse gelungen, + Euren Bruder am Galgen zu sehn. Wie zog er so fröhlich + Mit ihm hinaus! Versäumet ihm nicht die Schuld zu bezahlen. + Und gedenket, Herr Braun, er hat Euch schändlich verraten, + Euch in Rüsteviels Hofe dem groben, zornigen Volke, + Männern und Weibern, treulos geliefert und Schlägen und Wunden + Und der Schande dazu, die allerorten bekannt ist. + Habet acht und haltet zusammen! Entkäm er uns heute, + Könnte sein Witz ihn befrein und seine listigen Ränke, + Niemals würd uns die Stunde der süßen Rache beschert sein. + Laßt uns eilen und rächen, was er an allen verschuldet. + + Isegrim sprach: Was helfen die Worte? Geschwinde verschafft mir + Einen tüchtigen Strick; wir wollen die Qual ihm verkürzen. + Also sprachen sie wider den Fuchs und zogen die Straße. + + Aber Reineke hörte sie schweigend; doch endlich begann er: + Da ihr so grausam mich haßt und tödliche Rache begehret, + Wisset Ihr doch keine Ende zu finden! Wie muß ich mich wundern! + Hinze wüßte wohl Rat zu einem tüchtigen Stricke: + Denn er hat ihn geprüft, als in des Pfaffen Behausung + Er sich nach Mäusen hinabließ und nicht mit Ehren davonkam. + Aber Isegrim, Ihr, und Braun, ihr eilt ja gewaltig, + Euren Oheim zum Tode zu bringen; ihr meint, es gelänge. + + Und der König erhob sich mit allen Herren des Hofes, + Um das Urteil vollstrecken zu sehn; es schloß an den Zug sich + Auch die Königin an, von ihren Frauen begleitet; + Hinter ihnen strömte die Menge der Armen und Reichen, + Alle wünschten Reinekens Tod und wollten ihn sehen. + Isegrim sprach indes mit seinen Verwandten und Freunden + Und ermahnete sie, ja, fest aneinander geschlossen, + Auf den gebundenen Fuchs ein wachsam Auge zu haben; + Denn sie fürchteten immer, es möchte der Kluge sich retten. + Seinem Weibe befahl der Wolf besonders: Bei deinem + Leben! siehe mir zu und hilf den Bösewicht halten. + Käm er los, wir würden es alle gar schmählich empfinden. + Und zu Braunen sagt' er: Gedenket, wie er Euch höhnte; + Alles könnt Ihr ihm nun mit reichlichen Zinsen bezahlen. + Hinze klettert und soll uns den Strick da oben befesten; + Haltet ihn und stehet mir bei, ich rücke die Leiter, + Wenig Minuten, so solls um diesen Schelmen getan sein! + Braun versetzte: Stellt nur die Leiter, ich will ihn schon halten. + + Seht doch! sagte Reineke drauf: wie seid ihr geschäftig, + Euren Oheim zum Tode zu bringen! Ihr solltet ihn eher + Schützen und schirmen und, wär er in Not, euch seiner erbarmen. + Gerne bät ich um Gnade, allein was könnt es mir helfen? + Isegrim haßt mich zu sehr, ja seinem Weibe gebeut er, + Mich zu halten und mir den Weg zur Flucht zu vertreten. + Dächte sie voriger Zeiten, sie könnte mir wahrlich nicht schaden. + Aber soll es nun über mich gehn, so wollt ich, es wäre + Bald getan. So kam auch mein Vater in schreckliche Nöten, + Doch am Ende ging es geschwind. Es begleiteten freilich + Nicht so viele den sterbenden Mann. Doch wolltet ihr länger + Mich verschonen, es müßt euch gewiß zur Schande gereichen. + Hört ihr, sagte der Bär: wie trotzig der Bösewicht redet? + Immer, immer hinauf! es ist sein Ende gekommen. + + Ängstlich dachte Reineke nun: O möcht ich in diesen + Großen Nöten geschwind was glücklich Neues ersinnen, + Daß der König mir gnädig das Leben schenkte und diese + Grimmigen Feinde, die drei, in Schaden und Schande gerieten! + Laßt uns alles bedenken, und helfe, was helfen kann! denn hier + Gilt es den Hals, die Not ist dringend, wie soll ich entkommen? + Alles übel häuft sich auf mich. Es zürnet der König, + Meine Freunde sind fort und meine Feinde gewaltig; + Selten hab ich was Gutes getan, die Stärke des Königs, + Seiner Räte Verstand wahrhaftig wenig geachtet; + Vieles hab ich verschuldet und hoffte dennoch, mein Unglück + Wieder zu wenden. Gelänge mirs nur, zum Worte zu kommen, + Wahrlich, sie hingen mich nicht; ich lasse die Hoffnung nicht fahren. + + Und er wandte darauf sich von der Leiter zum Volke, + Rief: Ich sehe den Tod vor meinen Augen und werd ihm + Nicht entgehen. Nur bitt ich euch alle, so viele mich hören, + Um ein weniges nur, bevor ich die Erde verlasse. + Gerne möcht ich vor euch in aller Wahrheit die Beichte + Noch zum letztenmal öffentlich sprechen und redlich bekennen + Alles übel, das ich getan, damit nicht ein andrer + Etwa dieses oder jenes von mir im stillen begangnen, + Unbekannten Verbrechens dereinst bezichtiget werde; + So verhüt ich zuletzt noch manches übel, und hoffen + Kann ich, es werde mirs Gott in allen Gnaden gedenken. + + Viele jammerte das. Sie sprachen untereinander: + Klein ist die Bitte, gering nur die Frist! Sie baten den König, + Und der König vergönnt' es. Da wurd es Reineken wieder + Etwas leichter ums Herz, er hoffte glücklichen Ausgang; + Gleich benutzt' er den Raum, der ihm gegönnt war, und sagte: + + Spiritus Domini helfe mir nun! Ich sehe nicht Einen + Unter der großen Versammlung, den ich nicht irgend beschädigt. + Erst, ich war noch ein kleiner Kompan und hatte die Brüste + Kaum zu saugen verlernt, da folgt ich meinen Begierden + Unter die jungen Lämmer und Ziegen, die neben der Herde + Sich im Freien zerstreuten; ich hörte die blökenden Stimmen + Gar zu gerne, da lüstete mich nach leckerer Speise. + Lernte hurtig sie kennen. Ein Lämmchen biß ich zu Tode, + Leckte das Blut, es schmeckte mir köstlich! und tötete weiter + Vier der jüngsten Ziegen und aß sie, und übte mich ferner; + Sparte keine Vögel, noch Hühner, noch Enten, noch Gänse, + Wo ich sie fand, und habe gar manches im Sande vergraben, + Was ich geschlachtet und was mir nicht alles zu essen beliebte. + + Dann begegnet' es mir: in einem Winter am Rheine + Lernt ich Isegrim kennen, er lauerte hinter den Bäumen. + Gleich versichert' er mir, ich sei aus seinem Geschlechte, + Ja, er wußte mir gar die Grade der Sippschaft am Finger + Vorzurechnen. Ich ließ mirs gefallen; wir schlossen ein Bündnis + Und gelobten einander, als treue Gesellen zu wandern, + Leider sollt ich dadurch mir manches übel bereiten. + Wir durchstrichen zusammen das Land. Da stahl er das Große, + Stahl ich das Kleine. Was wir gewonnen, das sollte gemein sein; + Aber es war nicht gemein, wie billig: er teilte nach Willkür; + Niemals empfing ich die Hälfte. Ja, Schlimmeres hab ich erfahren. + Wenn er ein Kalb sich geraubt, sich einen Widder erbeutet, + Wenn ich im überfluß sitzen ihn fand, er eben die Ziege, + Frisch geschlachtet, verzehrte, ein Bock ihm unter den Klauen + Lag und zappelte, grinst' er mich an und stellte sich grämlich, + Trieb mich knurrend hinweg: so war mein Teil ihm geblieben. + Immer ging es mir so, es mochte der Braten so groß sein, + Als er wollte. Ja, wenn es geschah, daß wir in Gesellschaft + Einen Ochsen gefangen, wir eine Kuh uns gewonnen, + Gleich erschienen sein Weib und sieben Kinder und warfen + Über die Beute sich her und drängten mich hinter die Mahlzeit. + Keine Rippe konnt ich erlangen, sie wäre denn gänzlich + Glatt und trocken genagt; das sollte mir alles gefallen! + Aber, Gott sei gedankt, ich litt deswegen nicht Hunger; + Heimlich nährt ich mich wohl von meinem herrlichen Schatze, + Von dem Silber und Golde, das ich an sicherer Stätte + Heimlich verwahre; des hab ich genug. Es schafft mir wahrhaftig + Ihn kein Wagen hinweg, und wenn er siebenmal führe. + + Und es horchte der König, da von dem Schatze gesagt ward, + Neigte sich vor und sprach: Von wannen ist er Euch kommen? + Saget an! ich meine den Schatz. Und Reineke sagte: + Dieses Geheimnis verhehl ich Euch nicht, was könnt es mir helfen? + Denn ich nehme nichts mit von diesen köstlichen Dingen. + Aber wie Ihr befehlt, will ich Euch alles erzählen, + Denn es muß nun einmal heraus; um Liebes und Leides + Möcht ich wahrhaftig das große Geheimnis nicht länger verhehlen: + Denn der Schatz war gestohlen. Es hatten sich viele verschworen, + Euch, Herr König, zu morden, und wurde zur selbigen Stunde + Nicht der Schatz mit Klugheit entwendet, so war es geschehen. + Merket es, gnädiger Herr! denn Euer Leben und Wohlfahrt + Hing an dem Schatz. Und daß man ihn stahl, das brachte denn leider + Meinen eigenen Vater in große Nöten, es bracht ihn + Frühe zur traurigen Fahrt, vielleicht zu ewigem Schaden; + Aber, gnädiger Herr, zu Eurem Nutzen geschah es! + + Und die Königin hörte bestürzt die gräßliche Rede, + Das verworrne Geheimnis von ihres Gemahles Ermordung, + Von dem Verrat, vom Schatz, und was er alles gesprochen. + Ich vermahn Euch, Reineke, rief sie: bedenket! Die lange + Heimfahrt steht Euch bevor, entladet reuig die Seele; + Saget die lautere Wahrheit und redet mir deutlich vom Morde. + Und der König setzte hinzu: ein jeglicher schweige! + Reineke komme nun wieder herab und trete mir näher; + Denn es betrifft die Sache mich selbst, damit ich sie höre. + + Reineke, der es vernahm, stand wieder getröstet, die Leiter + Stieg er zum großen Verdruß der Feindlichgesinnten herunter; + Und er nahte sich gleich dem König und seiner Gemahlin, + Die ihn eifrig befragten, wie diese Geschichte begegnet. + + Da bereitet' er sich zu neuen gewaltigen Lügen. + Könnt ich des Königes Huld und seiner Gemahlin, so dacht er, + Wiedergewinnen, und könnte zugleich die List mir gelingen, + Daß ich die Feinde, die mich dem Tod entgegengeführet, + Selbst verdürbe, das rettete mich aus allen Gefahren. + Sicher wäre mir das ein unerwarteter Vorteil; + Aber ich sehe schon, Lügen bedarf es und über die Maßen. + + Ungeduldig befragte die Königin Reineken weiter: + Lasset uns deutlich vernehmen, wie diese Sache beschaffen! + Saget die Wahrheit, bedenkt das Gewissen, entladet die Seele! + + Reineke sagte darauf. Ich will Euch gerne berichten. + Sterben muß ich nun wohl; es ist kein Mittel dagegen. + Sollt ich meine Seele beladen am Ende des Lebens, + Ewige Strafe verwirken, es wäre töricht gehandelt. + Besser ist es, daß ich bekenne; und muß ich dann leider + Meine lieben Verwandten und meine Freunde verklagen, + Ach, was kann ich dafür! es drohen die Qualen der Hölle. + + Und es war dem Könige schon bei diesen Gesprächen + Schwer geworden ums Herz. Er sagte: Sprichst du die Wahrheit? + Da versetzte Reineke drauf mit verstellter Gebärde: + Freilich bin ich ein sündiger Mensch; doch red ich die Wahrheit. + Könnt es mir nutzen, wenn ich Euch löge! Da würd ich mich selber + Ewig verdammen. Ihr wißt ja nun wohl, so ist es beschlossen: + Sterben muß ich, ich sehe den Tod und werde nicht lügen; + Denn es kann mir nicht Böses noch Gutes zur Hilfe gedeihen. + Bebend sagte Reineke das und schien zu verzagen. + + Und die Königin sprach: Mich jammert seine Beklemmung; + Sehet ihn gnadenreich an, ich bitt Euch, mein Herr! und erwäget: + Manches Unheil wenden wir ab nach seinem Bekenntnis. + Laßt uns je eher je lieber den Grund der Geschichte vernehmen. + Heißet jeglichen schweigen und laßt ihn öffentlich sprechen. + + Und der König gebot, da schwieg die ganze Versammlung. + Aber Reineke sprach: Beliebt es Euch, gnädiger König, + So vernehmet, was ich Euch sage. Geschieht auch mein Vortrag + Ohne Brief und Papier, so soll er doch treu und genau sein; + Ihr erfahrt die Verschwörung, und niemands denk ich zu schonen. + + + + + + Fünfter Gesang + + + Nun vernehmet die List, und wie der Fuchs sich gewendet, + Seine Frevel wieder zu decken und andern zu schaden. + Bodenlose Lügen ersann er, beschimpfte den Vater + Jenseit der Grube, beschwerte den Dachs mit großer Verleumdung, + Seinen redlichsten Freund, der ihm beständig gedienet. + So erlaubt' er sich alles, damit er seiner Erzählung + Glauben schaffte, damit er an seinen Verklägern sich rächte. + + Mein Herr Vater, sagt' er darauf, war so glücklich gewesen, + König Emmrichs, des Mächtigen, Schatz auf verborgenen Wegen + Einst zu entdecken; doch bracht ihm der Fund gar wenigen Nutzen. + Denn er überhub sich des großen Vermögens und schätzte + Seinesgleichen von nun an nicht mehr, und seine Gesellen + Achtet' er viel zu gering: er suchte sich höhere Freunde. + Hinze, den Kater, sendet' er ab in die wilden Ardennen, + Braun, den Bären, zu suchen, dem sollt er Treue versprechen, + Sollt ihn laden, nach Flandern zu kommen und König zu werden. + + Als nun Braun das Schreiben gelesen, erfreut' es ihn herzlich; + Unverdrossen und kühn begab er sich eilig nach Flandern, + Denn er hatte schon lange so was in Gedanken getragen. + Meinen Vater fand er daselbst, der sah ihn mit Freuden, + Sendete gleich nach Isegrim aus und nach Grimbart, dem Weisen, + Und die vier verhandelten dann die Sache zusammen; + Doch der fünfte dabei war Hinze, der Kater. Ein Dörfchen + Liegt allda, wird Ifte genannt, und grade da war es, + Zwischen Ifte und Gent, wo sie zusammen gehandelt. + Eine lange, düstere Nacht verbarg die Versammlung; + Nicht mit Gott! es hatte der Teufel, es hatte mein Vater + Sie in seiner Gewalt mit seinem leidigen Golde. + Sie beschlossen des Königes Tod, beschworen zusammen + Festen, ewigen Bund, und also schwuren die fünfe + Sämtlich auf Isegrims Haupt: sie wollten Braunen, den Bären, + Sich zum Könige wählen und auf dem Stuhle zu Aachen + Mit der goldenen Krone das Reich ihm festlich versichern. + Wollte nun auch von des Königes Freunden und seinen Verwandten + Jemand dagegen sich setzen, den sollte mein Vater bereden + Oder bestechen, und ginge das nicht, sogleich ihn verjagen. + Das bekam ich zu wissen: denn Grimbart hatte sich einmal + Morgens lustig getrunken und war gesprächig geworden; + Seinem Weibe verschwätzte der Tor die Heimlichkeit alle, + Legte Schweigen ihr auf; da, glaubt' er, wäre geholfen. + Sie begegnete drauf bald meinem Weibe, die mußt ihr + Der drei Könige Namen zum feierlichen Gelübde + Nennen, Ehr und Treue verpfänden, um Liebes und Leides + Niemand ein Wörtchen zu sagen, und so entdeckt' sie ihr alles. + Ebensowenig hat auch mein Weib das Versprechen gehalten: + Denn sobald sie mich fand, erzählte sie, was sie vernommen, + Gab mir ein Merkmal dazu, woran ich die Wahrheit der Rede + Leicht erkennte; doch war mir dadurch nur schlimmer geschehen. + Ich erinnerte mich der Frösche, deren Gequake + Bis zu den Ohren des Herrn im Himmel endlich gelangte. + Einen König wollten sie haben und wollten im Zwange + Leben, nachdem sie der Freiheit in allen Landen genossen. + Da erhörte sie Gott und sandte den Storch, der beständig + Sie verfolget und haßt und keinen Frieden gewähret. + Ohne Gnade behandelt er sie; nun klagen die Toren, + Aber leider zu spät: denn nun bezwingt sie der König. + + Reineke redete laut zur ganzen Versammlung, es hörten + Alle Tiere sein Wort, und so verfolgt' er die Rede: + Seht, für alle fürchtet ich das. So wär es geworden. + Herr, ich sorgte für Euch und hoffte beßre Belohnung. + Braunens Ränke sind mir bekannt, sein tückisches Wesen, + Manche Missetat auch von ihm; ich besorgte das Schlimmste. + Würd er Herr, so wären wir alle zusammen verdorben. + Unser König ist edel geboren und mächtig und gnädig, + Dacht ich im stillen bei mir: es wär ein trauriger Wechsel, + Einen Bären und tölpischen Taugenicht so zu erhöhen. + Etliche Wochen sann ich darüber und sucht es zu hindern. + Auch vor allem begriff ich es wohl: behielte mein Vater + Seinen Schatz in der Hand, so brächt er viele zusammen, + Sicher gewänn er das Spiel, und wir verlören den König. + Meine Sorge ging nun dahin, den Ort zu entdecken, + Wo der Schatz sich befände, damit ich ihn heimlich entführte. + Zog mein Vater ins Feld, der alte, listige, lief er + Nach dem Walde bei Tag oder Nacht, in Frost oder Hitze, + Näss' oder Trockne, so war ich dahinter und spürte den Gang aus. + + Einmal lag ich versteckt in der Erde mit Sorgen und Sinnen, + Wie ich entdeckte den Schatz, von dem mir so vieles bekannt war. + Da erblickt ich den Vater aus einer Ritze sich schleichen, + Zwischen den Steinen kam er hervor und stieg aus der Tiefe. + Still und verborgen hielt ich mich da; er glaubte sich einsam, + Schaute sich überall um, und als er niemand bemerkte + Nah oder fern, begann er sein Spiel, Ihr sollt es vernehmen. + Wieder mit Sande verstopft' er das Loch und wußte geschicklich + Mit dem übrigen Boden es gleichzumachen. Das konnte, + Wer nicht zusah, unmöglich erkennen. Und eh er von dannen + Wanderte, wußt er den Platz, wo seine Füße gestanden, + Über und über geschickt mit seinem Schwanze zu streichen + Und verwühlte die Spur mit seinem Munde. Das lernt ich + Jenes Tages zuerst von meinem listigen Vater, + Der in Ränken und Schwänken und allen Streichen gewandt war. + Und so eilt' er hinweg nach seinem Gewerbe. Da sann ich, + Ob sich der herrliche Schatz wohl in der Nähe befände? + Eilig trat ich herbei und schritt zum Werke: die Ritze + Hatt ich in weniger Zeit mit meinen Pfoten eröffnet, + Kroch begierig hinein. Da fand ich köstliche Sachen, + Feinen Silbers genug und roten Goldes! Wahrhaftig, + Auch der älteste hier hat nie so vieles gesehen. + Und ich machte mich dran mit meinem Weibe: wir trugen, + Schleppten bei Tag und bei Nacht; uns fehlten Karren und Wagen; + Viele Mühe kostet' es uns und manche Beschwernis. + Treulich hielt Frau Ermelyn aus; so hatten wir endlich + Die Kleinode hinweg zu einer Stätte getragen, + Die uns gelegener schien. Indessen hielt sich mein Vater + Täglich mit jenen zusammen, die unsern König verrieten. + Was sie beschlossen, das werdet Ihr hören und werdet erschrecken. + + Braun und Isegrim sandten sofort in manche Provinzen + Offene Briefe, die Söldner zu locken: sie sollten zu Haufen + Eilig kommen, es wolle sie Braun mit Diensten versehen, + Milde woll er sogar voraus die Söldner bezahlen. + Da durchstrich mein Vater die Länder und zeigte die Briefe, + Seines Schatzes gewiß: der, glaubt' er, läge geborgen. + Aber es war nun geschehn, er hätte mit allen Gesellen, + Sucht' er auch noch so genau, nicht einen Pfennig gefunden. + + Keine Bemühung ließ er sich reun; so war er behende + Zwischen der Elb und dem Rheine durch alle Länder gelaufen, + Manchen Söldner hatt er gefunden und manchen gewonnen, + Kräftigen Nachdruck sollte das Geld den Worten verleihen. + + Endlich kam der Sommer ins Land; zu seinen Gesellen + Kehrte mein Vater zurück. Da hatt er von Sorgen und Nöten + Und von Angst zu erzählen, besonders, wie er beinahe + Vor den hohen Burgen in Sachsen sein Leben verloren, + Wo ihn Jäger mit Pferden und Hunden alltäglich verfolgten, + Daß er knapp und mit Not mit heilem Pelze davonkam. + + Freudig zeigt' er darauf den vier Verrätern die Liste, + Welche Gesellen er alle mit Gold und Versprechen gewonnen. + Braunen erfreute die Botschaft; es lasen die fünfe zusammen, + Und es hieß: Zwölfhundert von Isegrims kühnen Verwandten + Werden kommen mit offenen Mäulern und spitzigen Zähnen, + Ferner: die Kater und Bären sind alle für Braunen gewonnen, + Jeder Vielfraß und Dachs aus Sachsen und Thüringen stellt sich. + Doch man solle sich ihnen zu der Bedingung verbinden: + Einen Monat des Soldes vorauszuzahlen; sie wollten + Alle dagegen mit Macht beim ersten Gebote sich stellen. + Gott sei ewig gedankt, daß ich die Plane gehindert! + + Denn nachdem er nun alles besorgt, so eilte mein Vater + Über Feld und wollte den Schatz auch wieder beschauen. + Da ging erst die Bekümmernis an: da grub er und suchte; + Doch je länger er scharrte, je weniger fand er. Vergebens + War die Mühe, die er sich gab, und seine Verzweiflung: + Denn der Schatz war fort, er konnt ihn nirgend entdecken. + Und vor ärger und Scham--wie schrecklich quält die Erinnrung + Mich bei Tag und bei Nacht!--erhängte mein Vater sich selber. + + Alles das hab ich getan, die böse Tat zu verhindern. + Übel gerät es mir nun; jedoch es soll mich nicht reuen. + Isegrim aber und Braun, die gefräßigen, sitzen am nächsten + Bei dem König zu Rat. Und Reineke! wie dir dagegen, + Armer Mann, jetzt gedankt wird! daß du den leiblichen Vater + Hingegeben, den König zu retten. Wo sind sie zu finden + Die sich selber verderben, nur Euch das Leben zu fristen? + + König und Königin hatten indes, den Schatz zu gewinnen, + Große Begierde gefühlt; sie traten seitwärts und riefen + Reineken, ihn besonders zu sprechen, und fragten behende: + Saget an, wo habt Ihr den Schatz? Wir möchten es wissen. + Reineke ließ sich dagegen vernehmen: Was könnt es mir helfen, + Zeigt ich die herrlichen Güter dem Könige, der mich verurteilt? + Glaubet er meinen Feinden doch mehr, den Dieben und Mördern, + Die Euch mit Lügen beschweren, mein Leben mir abzugewinnen. + + Nein, versetzte die Königin: nein! so soll es nicht werden! + Leben läßt Euch mein Herr, und das Vergangne vergißt er. + Er bezwingt sich und zürnet nicht mehr. Doch möget Ihr künftig + Klüger handeln und treu und gewärtig dem Könige bleiben. + + Reineke sagte: Gnädige Frau, vermöget den König, + Mir zu geloben vor Euch, daß er mich wieder begnadigt, + Daß er mir alle Verbrechen und Schulden und alle den Unmut, + Den ich ihm leider erregt, auf keine Weise gedenket, + So besitzet gewiß in unsern Zeiten kein König + Solchen Reichtum, als er durch meine Treue gewinnet; + Groß ist der Schatz! ich zeige den Ort, Ihr werdet erstaunen. + + Glaubet ihm nicht! versetzte der König: doch wenn er von Stehlen, + Lügen und Rauben erzählet, das möget Ihr allenfalls glauben; + Denn ein größerer Lügner ist wahrlich niemals gewesen. + + Und die Königin sprach: Fürwahr, sein bisheriges Leben + Hat ihm wenig Vertrauen erworben; doch jetzo bedenket, + Seinen Oheim, den Dachs, und seinen eigenen Vater + Hat er diesmal bezichtigt und ihre Frevel verkündigt. + Wollt er, so konnt er sie schonen und konnte von anderen Tieren + Solche Geschichten erzählen; er wird so törig nicht lügen. + + Meinet Ihr so? versetzte der König: und denkt Ihr, es wäre + Wirklich zum besten geraten, daß nicht ein größeres übel + Draus entstände, so will ich es tun und diese Verbrechen + Reinekens über mich nehmen und seine verwundete Sache. + Einmal trau ich, zum letztenmal noch! das mag er bedenken: + Denn ich schwör es ihm zu bei meiner Krone! wofern er + Künftig frevelt und lügt, es soll ihn ewig gereuen; + Alles, wär es ihm nur verwandt ihm zehenten Grade, + Wer sie auch wären, sie sollens entgelten, und keiner entgeht mir, + Sollen in Unglück und Schmach und schwere Prozesse geraten! + + Als nun Reineke sah, wie schnell sich des Königs Gedanken + Wendeten, faßt' er ein Herz und sagte: Sollt ich so töricht + Handeln, gnädiger Herr, und Euch Geschichten erzählen, + Deren Wahrheit sich nicht in wenig Tagen bewiese? + + Und der König glaubte den Worten, und alles vergab er, + Erst des Vaters Verrat, dann Reinekens eigne Verbrechen. + Über die Maßen freute sich der; zur glücklichen Stunde, + War er der Feinde Gewalt und seinem Verhängnis entronnen. + + Edler König, gnädiger Herr! begann er zu sprechen: + Möge Gott Euch alles vergelten und Eurer Gemahlin, + Was Ihr an mir Unwürdigem tut; ich will es gedenken, + Und ich werde mich immer gar höchlich dankbar erzeigen. + Denn es lebet gewiß in allen Landen und Reichen + Niemand unter der Sonne, dem ich die herrlichen Schätze + Lieber gönnte, denn eben Euch beiden. Was habt Ihr nicht alles + Mir für Gnade bewiesen! Dagegen geb ich Euch willig + König Emmerichs Schatz, so wie ihn dieser besessen. + Wo er liegt, beschreib ich Euch nun, ich sage die Wahrheit. + + Höret! Im Osten von Flandern ist eine Wüste, darinnen + Liegt ein einzelner Busch, heißt Hüsterlo, merket den Namen! + Dann ist ein Brunn, der Krekelborn heißt, Ihr werdet verstehen, + Beide nicht weit auseinander. Es kommt in selbige Gegend + Weder Weib noch Mann im ganzen Jahre. Da wohnet + Nur die Eul und der Schuhu, und dort begrub ich die Schätze. + Krekelborn heißt die Stätte, das merket und nützet das Zeichen. + Gehet selber dahin mit Eurer Gemahlin: es wäre + Niemand sicher genug, um ihn als Boten zu senden, + Und der Schande wäre zu groß; ich darf es nicht raten. + Selber müßt Ihr dahin. Bei Krekelborn geht Ihr vorüber, + Seht zwei junge Birken hernach, und merket! die eine + Steht nicht weit von dem Brunnen; so geht nun, gnädiger König, + Grad auf die Birken los, denn drunter liegen die Schätze. + Kratzt und scharret nur zu; erst findet Ihr Moos an den Wurzeln, + Dann entdeckt Ihr sogleich die allerreichsten Geschmeide, + Golden, künstlich und schön, auch findet Ihr Emmerichs Krone: + Wäre des Bären Wille geschehn, der sollte sie tragen. + Manchen Zierat seht Ihr daran und Edelgesteine + Goldnes Kunstwerk; man macht es nicht mehr, wer wollt es bezahlen? + Sehet Ihr alle das Gut, o gnädiger König, beisammen, + Ja, ich bin es gewiß, Ihr denket meiner in Ehren. + Reineke, redlicher Fuchs! so denkt Ihr: der du so klüglich + Unter das Moos die Schätze gegraben, o mög es dir immer, + Wo du auch sein magst, glücklich ergehen! So sagte der Heuchler. + + Und der König versetzte darauf: Ihr müßt mich begleiten, + Denn wie will ich allein die Stelle treffen? Ich habe + Wohl von Aachen gehört, wie auch von Lübeck und Köllen + Und von Paris; doch Hüsterlo hört ich im Leben nicht einmal + Nennen, ebensowenig als Krekelborn; sollt ich nicht fürchten, + Daß du uns wieder belügst und solche Namen erdichtest? + + Reineke hörte nicht gern des Königs bedächtige Rede, + Sprach: So weis ich Euch doch nicht fern von hinnen, als hättet + Ihr am Jordan zu suchen. Wie schien ich Euch jetzo verdächtig? + Nächst, ich bleibe dabei, ist alles in Flandern zu finden. + Laßt uns einige fragen; es mag es ein andrer versichern. + Krekelborn! Hüsterlo! sagt ich, und also heißen die Namen. + Lampen rief er darauf, und Lampe zauderte bebend. + Reineke rief. So kommt nur getrost, der König begehrt Euch, + Will, Ihr sollt bei Eid und bei Pflicht, die Ihr neulich geleistet, + Wahrhaft reden; so zeiget denn an, wofern Ihr es wisset, + Sagt, wo Hüsterlo liegt und Krekelborn? Lasset uns hören. + + Lampe sprach: Das kann ich wohl sagen. Es liegt in der Wüste + Krekelborn nahe bei Hüsterlo. Hüsterlo nennen die Leute + Jenen Busch, wo Simonet lange, der Krumme, sich aufhielt, + Falsche Münzen zu schlagen mit seinen verwegnen Gesellen. + Vieles hab ich daselbst von Frost und Hunger gelitten, + Wenn ich vor Rynen, dem Hund, in großen Nöten geflüchtet. + Reineke sagte darauf: Ihr könnt Euch unter die andern + Wieder stellen; Ihr habet den König genugsam berichtet. + Und der König sagte zu Reineken: Seid mir zufrieden, + Daß ich hastig gewesen und Eure Worte bezweifelt; + Aber sehet nun zu, mich an die Stelle zu bringen. + + Reineke sprach: Wie schätzt ich mich glücklich, geziemt' es mir heute + Mit dem König zu gehn und ihm nach Flandern zu folgen; + Aber es müßt Euch zur Sünde gereichen. So sehr ich mich schäme, + Muß es heraus, wie gern ich es auch noch länger verschwiege. + Isegrim ließ vor einiger Zeit zum Mönche sich weihen, + Zwar nicht etwa dem Herren zu dienen, er diente dem Magen, + Zehrte das Kloster fast auf; man reicht' ihm für sechse zu essen, + Alles war ihm zu wenig, er klagte mir Hunger und Kummer. + Endlich erbarmet' es mich, als ich ihn mager und krank sah, + Half ihm treulich davon, er ist mein naher Verwandter. + Und nun hab ich darum den Bann des Papstes verschuldet, + Möchte nun ohne Verzug, mit Eurem Wissen und Willen, + Meine Seele beraten und morgen mit Aufgang der Sonne, + Gnad und Ablaß zu suchen, nach Rom mich als Pilger begeben + Und von dannen über das Meer; so werden die Sünden + Alle von mir genommen, und kehr ich wieder nach Hause, + Darf ich mit Ehren neben Euch gehn. Doch tät ich es heute. + Würde jeglicher sagen: Wie treibt es jetzo der König + Wieder mit Reineken, den er vor kurzem zum Tode verurteilt; + Und der über das alles im Bann des Papstes verstrickt ist! + Gnädiger Herr, Ihr seht es wohl ein, wir lassen es lieber. + + Wahr, versetzte der König darauf: das konnt ich nicht wissen. + Bist du im Banne, so wär mirs ein Vorwurf, dich mit mir zu führen, + Lampe kann mich oder ein andrer zum Borne begleiten. + Aber, Reineke, daß du vom Banne dich suchst zu befreien, + Find ich nützlich und gut. Ich gebe dir gnädigen Urlaub, + Morgen beizeiten zu gehn; ich will die Wallfahrt nicht hindern. + Denn mir scheint, Ihr wollt Euch bekehren vom Bösen zum Guten. + Gott gesegne den Vorsatz und laß Euch die Reise vollbringen! + + + + + + Sechster Gesang + + + So gelangte Reineke wieder zur Gnade des Königs. + Und es trat der König hervor auf erhabene Stätte, + Sprach vom Steine herab und hieß die sämtlichen Tiere + Stille schweigen; sie sollten ins Gras nach Stand und Geburt sich + Niederlassen. Und Reineke stand an der Königin Seite; + Aber der König begann mit großem Bedachte zu sprechen: + + Schweiget und höret mich an, zusammen Vögel und Tiere, + Arm' und Reiche, höret mich an, ihr Großen und Kleinen, + Meine Baronen und meine Genossen des Hofes und Hauses! + Reineke steht hier in meiner Gewalt; man dachte vor kurzem, + Ihn zu hängen, doch hat er bei Hofe so manches Geheimnis + Dargetan, daß ich ihm glaube und wohlbedächtlich die Huld ihm + Wieder schenke. So hat auch die Königin, meine Gemahlin, + Sehr gebeten für ihn, so daß ich ihm günstig geworden, + Mich ihm völlig versöhnet und Leib und Leben und Güter + Frei ihm gegeben. Es schützt ihn fortan und schirmt ihn mein Friede; + Nun sei allen zusammen bei Leibesleben geboten: + Reineken sollt ihr überall ehren mit Weib und mit Kindern, + Wo sie euch immer bei Tag oder Nacht künftig begegnen. + Ferner hör ich von Reinekens Dingen nicht weitere Klage; + Hat er übels getan, so ist es vorüber; er wird sich + Bessern und tut es gewiß. Denn morgen wird er beizeiten + Stab und Ränzel ergreifen, als frommer Pilger nach Rom gehn + Und von dannen über das Meer; auch kommt er nicht wieder, + Bis er vollkommenen Ablaß der sündigen Taten erlangt hat. + + Hinze wandte sich drauf zu Braun und Isegrim zornig: + Nun ist Mühe und Arbeit verloren! so rief er: o wär ich + Weit von hier! Ist Reineke wieder zu Gnaden gekommen, + Braucht er jegliche Kunst, uns alle drei zu verderben. + Um ein Auge bin ich gebracht, ich fürchte fürs andre! + + Guter Rat ist teuer, versetzte der Braune: das seh ich. + Isegrim sagte dagegen: Das Ding ist seltsam! wir wollen + Grad zum Könige gehn. Er trat verdrießlich mit Braunen + Gleich vor König und Königin auf, sie redeten vieles + Wider Reineken, redeten heftig; da sagte der König: + Hörtet Ihrs nicht? Ich hab ihn aufs neue zu Gnaden empfangen. + Zornig sagt' es der König und ließ im Augenblick beide + Fahen, binden und schließen; denn er gedachte der Worte, + Die er von Reineken hatte vernommen, und ihres Verrates. + + So veränderte sich in dieser Stunde die Sache + Reinekens völlig. Er machte sich los, und seine Verkläger + Wurden zuschanden; er wußte sogar es tückisch zu lenken, + Daß man dem Bären ein Stück von seinem Felle herabzog, + Fußlang, fußbreit, daß auf die Reise daraus ihm ein Ränzel + Fertig würde; so schien zum Pilger ihm wenig zu fehlen. + Aber die Königin bat er, auch Schuh ihm zu schaffen, und sagte: + Ihr erkennt mich, gnädige Frau, nun einmal für Euren + Pilger; helfet mir nun, daß ich die Reise vollbringe. + Isegrim hat vier tüchtige Schuhe, da wär es wohl billig, + Daß er ein Paar mir davon zu meinem Wege verließe; + Schafft mir sie, gnädige Frau, durch meinen Herren, den König. + Auch entbehrte Frau Gieremund wohl ein Paar von den ihren, + Denn als Hausfrau bleibt sie doch meist in ihrem Gemache. + + Diese Forderung fand die Königin billig. Sie können + Jedes wahrlich ein Paar entbehren! sagte sie gnädig. + Reineke dankte darauf und sagte mit freudiger Beugung: + Krieg ich doch nun vier tüchtige Schuhe, da will ich nicht zaudern. + Alles Guten, was ich sofort als Pilger vollbringe, + Werdet Ihr teilhaft gewiß, Ihr und mein gnädiger König. + Auf der Wallfahrt sind wir verpflichtet, für alle zu beten, + Die uns irgend geholfen. Es lohne Gott Euch die Milde! + + An den vorderen Füßen verlor Herr Isegrim also + Seine Schuhe bis an die Knorren; desgleichen verschonte + Man Frau Gieremund nicht, sie mußte die hintersten lassen. + + So verloren sie beide die Haut und Klauen der Füße, + Lagen erbärmlich mit Braunen zusammen und dachten zu sterben; + Aber der Heuchler hatte die Schuh und das Ränzel gewonnen, + Trat herzu und spottete noch besonders der Wölfin: + Liebe, Gute! sagt' er zu ihr: da sehet, wie zierlich + Eure Schuhe mir stehn, ich hoffe, sie sollen auch dauern. + Manche Mühe gabt Ihr Euch schon zu meinem Verderben, + Aber ich habe mich wieder bemüht; es ist mir gelungen. + Habt Ihr Freude gehabt, so kommt nun endlich die Reihe + Wieder an mich; so pflegt es zu gehn, man weiß sich zu fassen. + Wenn ich nun reise, so kann ich mich täglich der lieben Verwandten + Dankbar erinnern; Ihr habt mir die Schuhe gefällig gegeben, + Und es soll Euch nicht reuen; was ich an Ablaß verdiene, + Teil ich mit Euch, ich hol ihn zu Rom und über dem Meere. + + Und Frau Gieremund lag in großen Schmerzen, sie konnte + Fast nicht reden, doch griff sie sich an und sagte mit Seufzen: + Unsre Sünden zu strafen, läßt Gott Euch alles gelingen. + Aber Isegrim lag und schwieg mit Braunen zusammen; + Beide waren elend genug, gebunden, verwundet + Und vom Feinde verspottet. Es fehlte Hinze, der Kater; + Reineke wünschte so sehr, auch ihm das Wasser zu wärmen. + + Nun beschäftigte sich der Heuchler am anderen Morgen, + Gleich die Schuhe zu schmieren, die seine Verwandten verloren, + Eilte, dem Könige noch sich vorzustellen, und sagte: + Euer Knecht ist bereit, den heiligen Weg zu betreten; + Eurem Priester werdet Ihr nun in Gnaden befehlen, + Daß er mich segne, damit ich von hinnen mit Zuversicht scheide, + Daß mein Ausgang und Eingang gebenedeit sei! So sprach er. + Und es hatte der König den Widder zu seinem Kaplane; + Alle geistlichen Dinge besorgt er, es braucht ihn der König + Auch zum Schreiber, man nennt ihn Bellyn. Da ließ er ihn rufen, + Sagte: Leset sogleich mir etliche heilige Worte + Über Reineken hier, ihn auf die Reise zu segnen, + Die er vorhat; er gehet nach Rom und über das Wasser. + Hänget das Ränzel ihm um und gebt ihm den Stab in die Hände. + Und es erwiderte drauf Bellyn: Herr König, Ihr habet, + Glaub ich, vernommen, daß Reineke noch vom Banne nicht los ist. + Übels würd ich deswegen von meinem Bischof erdulden, + Der es leichtlich erfährt und mich zu strafen Gewalt hat. + Aber ich tue Reineken selbst nichts Grades noch Krummes. + Könnte man freilich die Sache vermitteln, und sollt es kein Vorwurf + Mir beim Bischof, Herrn Ohnegrund, werden, zürnte nicht etwa + Mir darüber der Propst, Herr Losefund, oder der Dechant + Rapiamus, ich segnet ihn gern nach Eurem Befehle. + + Und der König versetzte: Was soll das Reimen und Reden? + Viele Worte laßt Ihr uns hören und wenig dahinter. + Leset Ihr über Reineke mir nicht Grades noch Krummes, + Frag ich den Teufel darnach! Was geht mich der Bischof im Dom an? + Reineke macht die Wallfahrt nach Rom, und wollt Ihr das hindern? + + Ängstlich kraute Bellyn sich hinter den Ohren; er scheute + Seines Königes Zorn und fing sogleich aus dem Buch an + Über den Pilger zu lesen, doch dieser achtet' es wenig. + Was es mochte, half es denn auch; das kann man sich denken. + Und nun war der Segen gelesen, da gab man ihm weiter + Ränzel und Stab, der Pilger war fertig; so log er die Wallfahrt. + Falsche Tränen liefen dem Schelmen die Wangen herunter + Und benetzten den Bart, als fühlt' er die schmerzlichste Reue. + Freilich schmerzt' es ihn auch, daß er nicht alle zusammen, + Wie sie waren, ins Unglück gebracht und drei nur geschändet. + Doch er stand und bat, sie möchten alle getreulich + Für ihn beten, so gut sie vermöchten. Er machte nun Anstalt, + Fortzueilen, er fühlte sich schuldig und hatte zu fürchten. + Reineke, sagte der König: Ihr seid mir so eilig! Warum das?-- + Wer was Gutes beginnt, soll niemals weilen, versetzte + Reineke drauf: ich bitt Euch um Urlaub, es ist die gerechte + Stunde gekommen, gnädiger Herr, und lasset mich wandern. + Habet Urlaub! sagte der König, und also gebot er + Sämtlichen Herren des Hofes, dem falschen Pilger ein Stückchen + Weges zu folgen und ihn zu begleiten. Es lagen indessen + Braun und Isegrim, beide gefangen, in Jammer und Schmerzen. + + Und so hatte denn Reineke wieder die Liebe des Königs + Völlig gewonnen und ging mit großen Ehren von Hofe, + Schien mit Ränzel und Stab nach dem Heiligen Grabe zu wallen, + Hatt er dort gleich so wenig zu tun, als ein Maibaum in Aachen. + Ganz was anders führt' er im Schilde. Nun war ihm gelungen, + Einen flächsenen Bart und eine wächserne Nase + Seinem König zu drehen; es mußten ihm alle Verkläger + Folgen, da er nun ging, und ihn mit Ehren begleiten. + Und er konnte die Tücke nicht lassen und sagte noch scheidend: + Sorget, gnädiger Herr, daß Euch die beiden Verräter + Nicht entgehen, und haltet sie wohl im Kerker gebunden. + Würden sie frei, sie ließen nicht ab mit schändlichen Werken. + Eurem Leben drohet Gefahr, Herr König, bedenkt es! + + Und so ging er dahin mit stillen, frommen Gebärden, + Mit einfältigem Wesen, als wüßt ers eben nicht anders. + Drauf erhub sich der König zurück zu seinem Palaste, + Sämtliche Tiere folgten dahin. Nach seinem Befehle + Hatten sie Reineken erst ein Stückchen Weges begleitet; + Und es hatte der Schelm sich ängstlich und traurig gebärdet, + Daß er manchen gutmütigen Mann zum Mitleid bewegte. + Lampe, der Hase, besonders war sehr bekümmert. Wir sollen, + Lieber Lampe, sagte der Schelm: und sollen wir scheiden? + Möcht es Euch und Bellyn, dem Widder, heute belieben, + Meine Straße mit mir noch ferner zu wandeln! Ihr würdet + Mir durch eure Gesellschaft die größte Wohltat erzeigen. + Ihr seid angenehme Begleiter und redliche Leute, + Jedermann redet nur Gutes von euch, das brächte mir Ehre; + Geistlich seid ihr und heiliger Sitte. Ihr lebet gerade, + Wie ich als Klausner gelebt. Ihr laßt euch mit Kräutern begnügen, + Pfleget mit Laub und Gras den Hunger zu stillen, und fraget + Nie nach Brot oder Fleisch, noch andrer besonderer Speise. + Also konnt er mit Lob der beiden Schwäche betören; + Beide gingen mit ihm zu seiner Wohnung und sahen + Malepartus, die Burg, und Reineke sagte zum Widder: + Bleibet hieraußen, Bellyn, und laßt die Gräser und Kräuter + Nach Belieben Euch schmecken; es bringen diese Gebirge + Manche Gewächse hervor, gesund und guten Geschmackes. + Lampen nehm ich mit mir; doch bittet ihn, daß er mein Weib mir + Trösten möge, die schon sich betrübt; und wird sie vernehmen, + Daß ich nach Rom als Pilger verreise, so wird sie verzweifeln. + Süße Worte brauchte der Fuchs, die zwei zu betrügen. + Lampen führt' er hinein, da fand er die traurige Füchsin + Liegen neben den Kindern, von großer Sorge bezwungen: + Denn sie glaubte nicht mehr, daß Reineke sollte von Hofe + Wiederkehren. Nun sah sie ihn aber mit Ränzel und Stabe; + Wunderbar kam es ihr vor, und sagte: Reinhart, mein Lieber, + Saget mir doch, wie ists Euch gegangen? Was habt Ihr erfahren? + Und er sprach: Schon war ich verurteilt, gefangen, gebunden, + Aber der König bezeigte sich gnädig, befreite mich wieder, + Und ich zog als Pilger hinweg; es blieben zu Bürgen + Braun und Isegrim beide zurück. Dann hat mir der König + Lampen zur Sühne gegeben, und was wir nur wollen, geschieht ihm. + Denn es sagte der König zuletzt mit gutem Bescheide: + Lampe war es, der dich verriet. So hat er wahrhaftig + Große Strafe verdient und soll mir alles entgelten. + Aber Lampe vernahm erschrocken die drohenden Worte, + War verwirrt und wollte sich retten und eilte, zu fliehen. + Reineke schnell vertrat ihm das Tor, es faßte der Mörder + Bei dem Halse den Armen, der laut und gräßlich um Hilfe + Schrie: O helfet, Bellyn! Ich bin verloren! Der Pilger + Bringt mich um! Doch schrie er nicht lange: denn Reineke hatt ihm + Bald die Kehle zerrissen. Und so empfing er den Gastfreund. + Kommt nun, sagt' er: und essen wir schnell, denn fett ist der Hase, + Guten Geschmackes. Er ist wahrhaftig zum erstenmal etwas + Nütze, der alberne Geck; ich hatt es ihm lange geschworen. + Aber nun ist es vorbei, nun mag der Verräter verklagen! + Reineke machte sich dran mit Weib und Kindern, sie pflückten + Eilig dem Hasen das Fell und speisten mit gutem Behagen. + + Köstlich schmeckt' es der Füchsin, und einmal über das andre: + Dank sei König und Königin! rief sie: wir haben durch ihre + Gnade das herrliche Mahl, Gott mög es ihnen belohnen! + Esset nur, sagte Reineke, zu! es reichet für diesmal; + Alle werden wir satt, und mehreres denk ich zu holen: + Denn es müssen doch alle zuletzt die Zeche bezahlen, + Die sich an Reineken machen und ihm zu schaden gedenken. + + Und Frau Ermelyn sprach: Ich möchte fragen, wie seid Ihr + Los und ledig geworden? Ich brauchte, sagt' er dagegen, + Viele Stunden, wollt ich erzählen, wie fein ich den König + Umgewendet und ihn und seine Gemahlin betrogen. + Ja, ich leugn es Euch nicht, es ist die Freundschaft nur dünne + Zwischen dem König und mir und wird nicht lange bestehen. + Wenn er die Wahrheit erfährt, er wird sich grimmig entrüsten. + Kriegt er mich wieder in seine Gewalt, nicht Gold und nicht Silber + Könnte mich retten, er folgt mir gewiß und sucht mich zu fangen. + Keine Gnade darf ich erwarten, das weiß ich am besten; + Ungehangen läßt er mich nicht, wir müssen uns retten. + + Laßt uns nach Schwaben entfliehn! dort kennt uns niemand; wir halten + Uns nach Landes Weise daselbst. Hilf Himmel! es findet + Süße Speise sich da und alles Guten die Fülle: + Hühner, Gänse, Hasen, Kaninchen und Zucker und Datteln, + Feigen, Rosinen und Vögel von allen Arten und Größen; + Und man bäckt im Lande das Brot mit Butter und Eiern. + Rein und klar ist das Wasser, die Luft ist heiter und lieblich, + Fische gibt es genug, die heißen Gallinen, und andre + Heißen Pullus und Gallus und Anas, wer nennte sie alle? + Das sind Fische nach meinem Geschmack! Da brauch ich nicht eben + Tief ins Wasser zu tauchen; ich hab sie immer gegessen, + Da ich als Klausner mich hielt. Ja, Weibchen, wollen wir endlich + Friede genießen, so müssen wir hin, Ihr müßt mich begleiten. + + Nun versteht mich nur wohl: es ließ mich diesmal der König + Wieder entwischen, weil ich ihm log von seltenen Dingen. + König Emmerichs herrlichen Schatz versprach ich zu liefern; + Den beschrieb ich, er läge bei Krekelborn. Werden sie kommen, + Dort zu suchen, so finden sie leider nicht dieses, noch jenes, + Werden vergeblich im Boden wühlen, und siehet der König + Dergestalt sich betrogen, so wird er schrecklich ergrimmen. + Denn was ich für Lügen ersann, bevor ich entwischte, + Könnt Ihr denken; fürwahr, es ging zunächst an den Kragen! + Niemals war ich in größerer Not, noch schlimmer geängstigt, + Nein! ich wünsche mir solche Gefahr nicht wiederzusehen. + Kurz, es mag mir begegnen, was will, ich lasse mich niemals + Wieder nach Hofe bereden, um in des Königs Gewalt mich + Wieder zu geben; es brauchte wahrhaftig die größte Gewandtheit, + Meinen Daumen mit Not aus seinem Munde zu bringen. + + Und Frau Ermelyn sagte betrübt: Was wollte das werden? + Elend sind wir und fremd in jedem anderen Lande; + Hier ist alles nach unserm Begehren. Ihr bleibet der Meister + Eurer Bauern. Und habt Ihr ein Abenteuer zu wagen + Denn so nötig? Fürwahr, um Ungewisses zu suchen, + Das Gewisse zu lassen, ist weder rätlich noch rühmlich. + Leben wir hier doch sicher genug! Wie stark ist die Feste! + Überzög uns der König mit seinem Heere, belegt' er + Auch die Straße mit Macht, wir haben immer so viele + Seitentore, so viel geheime Wege, wir wollen + Glücklich entkommen. Ihr wißt es ja besser, was soll ich es sagen? + Uns mit Macht und Gewalt in seine Hände zu kriegen, + Viel gehörte dazu. Es macht mir keine Besorgnis. + Aber daß Ihr über das Meer zu gehen geschworen, + Das betrübt mich. Ich fasse mich kaum. Was könnte das werden! + + Liebe Frau, bekümmert Euch nicht! versetzte dagegen + Reineke, höret mich an und merket: besser geschworen, + Als verloren! So sagte mir einst ein Weiser im Beichtstuhl: + Ein gezwungener Eid bedeute wenig. Das kann mich + Keinen Katzenschwanz hindern! Ich meine den Eid, versteht nur. + Wie Ihr gesagt habt, soll es geschehen. Ich bleibe zu Hause. + Wenig hab ich fürwahr in Rom zu suchen, und hätt ich + Zehen Eide geschworen, so wollt ich Jerusalem nimmer + Sehen; ich bleibe bei Euch und hab es freilich bequemer; + Andrer Orten find ichs nicht besser, als wie ich es habe. + Will mir der König Verdruß bereiten, ich muß es erwarten, + Stark und zu mächtig ist er für mich: doch kann es gelingen, + Daß ich ihn wieder betöre, die bunte Kappe mit Schellen + Über die Ohren ihm schiebe, da soll ers, wenn ichs erlebe, + Schlimmer finden, als er es sucht. Das sei ihm geschworen! + + Ungeduldig begann Bellyn am Tore zu schmälen: + Lampe, wollt Ihr nicht fort? So kommt doch! lasset uns gehen! + Reineke hört' es und eilte hinaus und sagte: Mein Lieber, + Lampe bittet Euch sehr, ihm zu vergeben, er freut sich + Drin mit seiner Frau Muhme, das werdet Ihr, sagt er, ihm gönnen. + Gehet sachte voraus. Denn Ermelyn, seine Frau Muhme, + Läßt ihn sobald nicht hinweg; Ihr werdet die Freude nicht stören. + + Da versetzte Bellyn: Ich hörte schreien, was war es? + Lampen hört ich; er rief mir: Bellyn, zu Hilfe! zu Hilfe! + Habt Ihr im etwas übels getan? Da sagte der kluge + Reineke: Höret mich recht! Ich sprach von meiner gelobten + Wallfahrt; da wollte mein Weib darüber völlig verzweifeln, + Es befiel sie ein tödlicher Schrecken, sie lag uns in Ohnmacht. + Lampe sah das und fürchtete sich, und in der Verwirrung + Rief er: Helfet, Bellyn! Bellyn! o säumet nicht lange, + Meine Muhme wird mir gewiß nicht wieder lebendig! + Soviel weiß ich, sagte Bellyn: er hat ängstlich gerufen. + Nicht ein Härchen ist ihm verletzt, verschwor sich der Falsche; + Lieber möchte mir selbst als Lampen was Böses begegnen. + Hörtet Ihr? sagte Reineke drauf: es bat mich der König + Gestern, käm ich nach Hause, da sollt ich in einigen Briefen + Über wichtige Sachen ihm meine Gedanken vermelden. + Lieber Neffe, nehmet sie mit, ich habe sie fertig. + Schöne Dinge sag ich darin und rat ihm das Klügste. + Lampe war über die Maßen vergnügt, ich hörte mit Freuden + Ihn mit seiner Frau Muhme sich alter Geschichten erinnern. + Wie sie schwatzten! sie wurden nicht satt! Sie aßen und tranken, + Freuten sich übereinander; indessen schrieb ich die Briefe. + + Lieber Reinhart, sagte Bellyn: Ihr müßt nur die Briefe + Wohl verwahren; es fehlt, sie einzustecken, ein Täschchen. + Wenn ich die Siegel zerbräche, das würde mir übel bekommen. + Reineke sagte: Das weiß ich zu machen. Ich denke, das Ränzel, + Das ich aus Braunens Felle bekam, wird eben sich schicken, + Es ist dicht und stark, darin verwahr ich die Briefe. + Und es wird Euch dagegen der König besonders belohnen; + Er empfängt Euch mit Ehren, Ihr seid ihm dreimal willkommen. + Alles das glaubte der Widder Bellyn. Da eilte der andre + Wieder ins Haus, das Ränzel ergriff er und steckte behende + Lampens Haupt, des ermordeten, drein und dachte daneben, + Wie er dem armen Bellyn die Tasche zu öffnen verwehrte. + + Und er sagte, wie er herauskam: Hänget das Ränzel + Nur um den Hals und laßt Euch, mein Neffe, nicht etwa gelüsten, + In die Briefe zu sehen; es wäre schädliche Neugier: + Denn ich habe sie wohl verwahrt, so müßt Ihr sie lassen. + Selbst das Ränzel öffnet mir nicht! Ich habe den Knoten + Künstlich geknüpft, ich pflege das so in wichtigen Dingen + Zwischen dem König und mir; und findet der König die Riemen + So verschlungen, wie er gewohnt ist, so werdet Ihr Gnade + Und Geschenke verdienen als zuverlässiger Bote. + + Ja, sobald Ihr den König erblickt und wollt noch in beßres + Ansehn Euch setzen bei ihm, so laßt ihn merken, als hättet + Ihr mit gutem Bedacht zu diesen Briefen geraten, + Ja, dem Schreiber geholfen; es bringt Euch Vorteil und Ehre. + + Und Bellyn ergötzte sich sehr und sprang von der Stätte, + Wo er stand, mit Freuden empor und hierhin und dorthin, + Sagte: Reineke! Neffe und Herr, nun seh ich, Ihr liebt mich, + Wollt mich ehren. Es wird vor allen Herren des Hofes + Mir zum Lobe gereichen, daß ich so gute Gedanken, + Schöne, zierliche Worte zusammenbringe. Denn freilich + Weiß ich nicht zu schreiben, wie Ihr; doch sollen sies meinen, + Und ich dank es nur Euch. Zu meinem Besten geschah es, + Daß ich Euch folgte hierher. Nun sagt, was meint Ihr noch weiter? + Geht nicht Lampe mit mir in dieser Stunde von hinnen? + + Nein! versteht mich! sagte der Schalk: noch ist es unmöglich. + Geht allmählich voraus, er soll Euch folgen, sobald ich + Einige Sachen von Wichtigkeit ihm vertraut und befohlen. + Gott sei bei Euch! sagte Bellyn: so will ich denn gehen. + Und er eilete fort; um Mittag gelangt' er nach Hofe. + + Als ihn der König ersah und zugleich das Ränzel erblickte, + Sprach er: Saget, Bellyn, von wannen kommt Ihr? und wo ist + Reineke blieben? Ihr traget das Ränzel, was soll das bedeuten? + Da versetzte Bellyn: Er bat mich, gnädigster König, + Euch zwei Briefe zu bringen, wir haben sie beide zusammen + Ausgedacht. Ihr findet subtil die wichtigsten Sachen + Abgehandelt, und was sie enthalten, das hab ich geraten; + Hier im Ränzel finden sie sich; er knüpfte den Knoten. + + Und es ließ der König sogleich dem Biber gebieten, + Der Notarius war und Schreiber des Königs, man nennt ihn + Bokert. Es war sein Geschäft, die schweren, wichtigen Briefe + Vor dem König zu lesen, denn manche Sprache verstand er. + Auch nach Hinzen schickte der König, er sollte dabei sein. + + Als nun Bokert den Knoten mit Hinze, seinem Gesellen, + Aufgelöset, zog er das Haupt des ermordeten Hasen + Mit Erstaunen hervor und rief. Das heiß ich mir Briefe! + Seltsam genug! Wer hat sie geschrieben? Wer kann es erklären? + Dies ist Lampens Kopf, es wird ihn niemand verkennen. + + Und es erschraken König und Königin. Aber der König + Senkte sein Haupt und sprach: O Reineke! hätt ich dich wieder! + König und Königin beide betrübten sich über die Maßen. + Reineke hat mich betrogen! so rief der König. O hätt ich + Seinen schändlichen Lügen nicht Glauben gegeben! so rief er, + Schien verworren, mit ihm verwirrten sich alle die Tiere. + + Aber Lupardus begann, des Königs naher Verwandter: + Traun! ich sehe nicht ein, warum Ihr also betrübt seid, + Und die Königin auch. Entfernet diese Gedanken, + Fasset Mut! es möcht Euch vor allen zur Schande gereichen. + Seid Ihr nicht Herr? Es müssen Euch alle, die hier sind, gehorchen. + + Eben deswegen, versetzte der König: so laßt Euch nicht wundern, + Daß ich im Herzen betrübt bin. Ich habe mich leider vergangen. + Denn mich hat der Verräter mit schändlicher Tücke bewogen, + Meine Freunde zu strafen. Es liegen beide geschändet, + Braun und Isegrim; sollte michs nicht von Herzen gereuen? + Ehre bringt es mir nicht, daß ich den besten Baronen + Meines Hofes so übel begegnet, und daß ich dem Lügner + So viel Glauben geschenkt und ohne Vorsicht gehandelt. + Meiner Frauen folgt ich zu schnell. Sie ließ sich betören, + Bat und flehte für ihn; o wär ich nur fester geblieben! + Nun ist die Reue zu spät, und aller Rat ist vergebens. + + Und es sagte Lupardus: Herr König, höret die Bitte, + Trauert nicht länger! was übels geschehen ist, läßt sich vergleichen. + Gebet dem Bären, dem Wolfe, der Wölfin zur Sühne den Widder; + Denn es bekannte Bellyn gar offen und kecklich, er habe + Lampens Tod geraten; das mag er nun wieder bezahlen! + Und wir wollen hernach zusammen auf Reineken losgehn, + Werden ihn fangen, wenn es gerät, da hängt man ihn eilig; + Kommt er zum Worte, so schwätzt er sich los und wird nicht gehangen. + Aber ich weiß es gewiß, es lassen sich jene versöhnen. + + Und der König hörte das gern; er sprach zu Lupardus: + Euer Rat gefällt mir; so geht nun eilig und holet + Mir die beiden Baronen, sie sollen sich wieder mit Ehren + In dem Rate neben mich setzen. Laßt mir die Tiere + Sämtlich zusammenberufen, die hier bei Hofe gewesen; + Alle sollen erfahren, wie Reineke schändlich gelogen, + Wie er entgangen und dann mit Bellyn den Lampe getötet. + Alle sollen dem Wolf und dem Bären mit Ehrfurcht begegnen, + Und zur Sühne geb ich den Herren, wie Ihr geraten, + Den Verräter Bellyn und seine Verwandten auf ewig. + + Und es eilte Lupardus, bis er die beiden Gebundnen, + Braun und Isegrim, fand. Sie wurden gelöset; da sprach er: + Guten Trost vernehmet von mir! Ich bringe des Königs + Festen Frieden und freies Geleit. Versteht mich, ihr Herren: + Hat der König euch übels getan, so ist es ihm selber + Leid, er läßt es euch sagen und wünscht euch beide zufrieden; + Und zur Sühne sollt ihr Bellyn mit seinem Geschlechte, + Ja, mit allen Verwandten auf ewige Zeiten empfahen. + Ohne weiteres tastet sie an, ihr möget im Walde, + Möget im Felde sie finden, sie sind euch alle gegeben. + Dann erlaubt euch mein gnädiger Herr noch über das alles, + Reineken, der euch verriet, auf jede Weise zu schaden: + Ihn, sein Weib und Kinder und alle seine Verwandten + Mögt ihr verfolgen, wo ihr sie trefft, es hindert euch niemand. + Diese köstliche Freiheit verkünd ich im Namen des Königs. + Er und alle, die nach ihm herrschen, sie werden es halten! + Nur vergesset denn auch, was euch Verdrießlichs begegnet, + Schwöret, ihm treu und gewärtig zu sein, ihr könnt es mit Ehren. + Nimmer verletzt er euch wieder; ich rat euch, ergreifet den Vorschlag. + + Also war die Sühne beschlossen; sie mußte der Widder + Mit dem Halse bezahlen, und alle seine Verwandten + Werden noch immer verfolgt von Isegrims mächtiger Sippschaft. + So begann der ewige Haß. Nun fahren die Wölfe + Ohne Scheu und Scham auf Lämmer und Schafe zu wüten + Fort, sie glauben das Recht auf ihrer Seite zu haben; + Keines verschonet ihr Grimm, sie lassen sich nimmer versöhnen. + Aber um Brauns und Isegrims willen und ihnen zu Ehren + Ließ der König den Hof zwölf Tage verlängern; er wollte + Öffentlich zeigen, wie ernst es ihm sei, die Herrn zu versöhnen. + + + + + + Siebenter Gesang + + + Und nun sah man den Hof gar herrlich bestellt und bereitet, + Manche Ritter kamen dahin; den sämtlichen Tieren + Folgten unzählige Vögel, und alle zusammen verehrten + Braun und Isegrim hoch, die ihrer Leiden vergaßen. + Da ergötzte sich festlich die beste Gesellschaft, die jemals + Nur beisammen gewesen; Trompeten und Pauken erklangen, + Und den Hoftanz führte man auf mit guten Manieren. + Überflüssig war alles bereitet, was jeder begehrte. + Boten auf Boten gingen ins Land und luden die Gäste, + Vögel und Tiere machten sich auf, sie kamen zu Paaren, + Reiseten hin bei Tag und bei Nacht und eilten zu kommen. + + Aber Reineke Fuchs lag auf der Lauer zu Hause, + Dachte nicht nach Hofe zu gehn, der verlogene Pilger; + Wenig Dankes erwartet' er sich. Nach altem Gebrauche + Seine Tücke zu üben, gefiel am besten dem Schelme. + Und man hörte bei Hof die allerschönsten Gesänge, + Speis und Trank ward über und über den Gästen gereichet, + Und man sah turnieren und fechten. Es hatte sich jeder + Zu den Seinen gesellt, da ward getanzt und gesungen, + Und man hörte Pfeifen dazwischen und hörte Schalmeien. + Freundlich schaute der König von seinem Saale hernieder; + Ihm behagte das große Getümmel, er sah es mit Freuden. + + Und acht Tage waren vorbei (es hatte der König + Sich zu Tafel gesetzt mit seinen ersten Baronen, + Neben der Königin saß er), und blutig kam das Kaninchen + Vor den König getreten und sprach mit traurigem Sinne: + Herr! Herr König! und alle zusammen! erbarmet Euch meiner! + Denn Ihr habt so argen Verrat und mördrische Taten, + Wie ich von Reineken diesmal erduldet, nur selten vernommen. + Gestern morgen fand ich ihn sitzen, es war um die sechste + Stunde, da ging ich die Straße vor Malepartus vorüber; + Und ich dachte, den Weg in Frieden zu ziehen. Er hatte, + Wie ein Pilger gekleidet, als läs er Morgengebete, + Sich vor seine Pforte gesetzt. Da wollt ich behende + Meines Weges vorbei, zu Eurem Hofe zu kommen. + Als er mich sah, erhub er sich gleich und trat mir entgegen, + Und ich glaubt, er wollte mich grüßen; da faßt' er mich aber + Mit den Pfoten gar mörderlich an, und zwischen den Ohren + Fühlt ich die Klauen und dachte wahrhaftig das Haupt zu verlieren: + Denn sie sind lang und scharf, er druckte mich nieder zur Erde. + Glücklicherweise macht ich mich los, und da ich so leicht bin, + Konnt ich entspringen; er knurrte mir nach und schwur, mich zu finden. + Aber ich schwieg und machte mich fort, doch leider behielt er + Mir ein Ohr zurück, ich komme mit blutigem Haupte. + Seht, vier Löcher trug ich davon! Ihr werdet begreifen, + Wie er mit Ungestüm schlug, fast wär ich liegen geblieben. + Nun bedenket die Not, bedenket Euer Geleite! + Wer mag reisen? wer mag an Eurem Hofe sich finden, + Wenn der Räuber die Straße belegt und alle beschädigt? + + Und er endigte kaum, da kam die gesprächige Krähe, + Merkenau, sagte: Würdiger Herr und gnädiger König! + Traurige Märe bring ich vor Euch, ich bin nicht imstande, + Viel zu reden vor Jammer und Angst, ich fürchte, das bricht mir + Noch das Herz: so jämmerlich Ding begegnet' mir heute + Scharfenebbe, mein Weib, und ich, wir gingen zusammen + Heute früh, und Reineke lag für tot auf der Heide, + Beide Augen im Kopfe verkehrt, es hing ihm die Zunge + Weit zum offenen Munde heraus. Da fing ich vor Schrecken + Laut an zu schrein. Er regte sich nicht, ich schrie und beklagt ihn, + Rief. O weh mir! und Ach! und wiederholte die Klage: + Ach! er ist tot! wie dauert er mich! wie bin ich bekümmert! + Meine Frau betrübte sich auch, wir jammerten beide. + Und ich betastet ihm Bauch und Haupt, es nahte desgleichen + Meine Frau sich und trat ihm ans Kinn, ob irgend der Atem + Einiges Leben verriet', allein sie lauschte vergebens: + Beide hätten wir drauf geschworen. Nun höret das Unglück. + + Wie sie nun traurig und ohne Besorgnis dem Munde des Schelmen + Ihren Schnabel näher gebracht, bemerkt' es der Unhold, + Schnappte grimmig nach ihr und riß das Haupt ihr herunter. + Wie ich erschrak, das will ich nicht sagen. O weh mir! o weh mir! + Schrie ich und rief. Da schoß er hervor und schnappte mit einmal + Auch nach mir; da fuhr ich zusammen und eilte zu fliehen. + Wär ich nicht so behende gewesen, er hätte mich gleichfalls + Festgehalten; mit Not entkam ich den Klauen des Mörders, + Eilend erreicht ich den Baum! O hätt ich mein trauriges Leben + Nicht gerettet! ich sah mein Weib in des Bösewichts Klauen. + Ach! er hatte die Gute gar bald gegessen. Er schien mir + So begierig und hungrig, als wollt er noch einige speisen; + Nicht ein Beinchen ließ er zurück, kein Knöchelchen übrig. + Solchen Jammer sah ich mit an! Er eilte von dannen, + Aber ich konnt es nicht lassen und flog mit traurigem Herzen + An die Stätte; da fand ich nur Blut und wenige Federn + Meines Weibes. Ich bringe sie her, Beweise der Untat. + Ach, erbarmt Euch, gnädiger Herr, denn solltet Ihr diesmal + Diesen Verräter verschonen, gerechte Rache verzögern, + Eurem Frieden und Eurem Geleite nicht Nachdruck verschaffen, + Vieles würde darüber gesprochen, es würd Euch mißfallen. + Denn man sagt: der ist schuldig der Tat, der zu strafen Gewalt hat + Und nicht strafet; es spielet alsdann ein jeder den Herren. + Eurer Würde ging' es zu nah, Ihr mögt es bedenken. + + Also hatte der Hof die Klage des guten Kaninchens + Und der Krähe vernommen. Da zürnte Nobel, der König, + Rief: So sei es geschworen bei meiner ehlichen Treue, + Diesen Frevel bestraf ich, man soll es lange gedenken! + Mein Geleit und Gebot zu verhöhnen! Ich will es nicht dulden. + Gar zu leicht vertraut ich dem Schelm und ließ ihn entkommen, + Stattet ihn selbst als Pilger noch aus und sah ihn von hinnen + Scheiden, als ging' er nach Rom. Was hat uns der Lügner nicht alles + Aufgeheftet! Wie wußt er sich nicht der Königin Vorwort + Leicht zu gewinnen! Sie hat mich beredet, nun ist er entkommen. + Aber ich werde der Letzte nicht sein, den es bitter gereute, + Frauenrat befolget zu haben. Und lassen wir länger + Ungestraft den Bösewicht laufen, wir müssen uns schämen. + Immer war er ein Schalk und wird es bleiben. Bedenket + Nun zusammen, ihr Herren, wie wir ihn fahen und richten! + Greifen wir ernstlich dazu, so wird die Sache gelingen. + + Isegrimen und Braunen behagte die Rede des Königs. + Werden wir doch am Ende gerochen! so dachten sie beide. + Aber sie trauten sich nicht zu reden, sie sahen, der König + War verstörten Gemüts und zornig über die Maßen. + Und die Königin sagte zuletzt: Ihr solltet so heftig, + Gnädiger Herr, nicht zürnen, so leicht nicht schwören; es leidet + Euer Ansehn dadurch und Eurer Worte Bedeutung. + Denn wir sehen die Wahrheit noch keineswegs am Tage; + Ist doch erst der Beklagte zu hören. Und wär er zugegen, + Würde mancher verstummen, der wider Reineken redet. + Beide Parteien sind immer zu hören; denn mancher Verwegne + Klagt, um seine Verbrechen zu decken. Für klug und verständig + Hielt ich Reineken, dachte nichts Böses und hatte nur immer + Euer Bestes vor Augen, wiewohl es nun anders gekommen. + Denn sein Rat ist gut zu befolgen, wenn freilich sein Leben + Manchen Tadel verdient. Dabei ist seines Geschlechtes + Große Verbindung wohl zu bedenken. Es werden die Sachen + Nicht durch übereilung gebessert, und was Ihr beschließet, + Werdet Ihr dennoch zuletzt als Herr und Gebieter vollziehen. + + Und Lupardus sagte darauf: Ihr höret so manchen; + Höret diesen denn auch. Er mag sich stellen, und was Ihr + Dann beschließt, vollziehe man gleich. So denken vermutlich + Diese sämtlichen Herrn mit Eurer edlen Gemahlin. + + Isegrim sagte darauf: Ein jeder rate zum Besten! + Herr Lupardus, höret mich an. Und wäre zur Stunde + Reineke hier und entledigte sich der doppelten Klage + Dieser beiden, so wär es mir immer ein leichtes, zu zeigen, + Daß er das Leben verwirkt. Allein ich schweige von allem, + Bis wir ihn haben. Und habt Ihr vergessen, wie sehr er den König + Mit dem Schatze belogen? Den sollt er in Hüsterlo neben + Krekelborn finden, und was der groben Lüge noch mehr war. + Alle hat er betrogen und mich und Braunen geschändet; + Aber ich setze mein Leben daran. So treibt es der Lügner + Auf der Heide. Nun streicht er herum und raubet und mordet. + Deucht es dem Könige gut und seinen Herren, so mag man + Also verfahren. Doch wär es ihm Ernst, nach Hofe zu kommen, + Hätt er sich lange gefunden. Es eilten die Boten des Königs + Durch das Land, die Gäste zu laden, doch blieb er zu Hause. + + Und es sagte der König darauf: Was sollen wir lange + Hier ihn erwarten? Bereitet euch alle (so sei es geboten!), + Mir am sechsten Tage zu folgen. Denn wahrlich das Ende + Dieser Beschwerden will ich erleben. Was sagen die Herren? + Wär er nicht fähig, zuletzt ein Land zugrunde zu richten? + Macht euch fertig, so gut ihr nur könnt, und kommet im Harnisch, + Kommt mit Bogen und Spießen und allen andern Gewehren, + Und betragt euch wacker und brav! Es führe mir jeder, + Denn ich schlage wohl Ritter im Felde, den Namen mit Ehren. + Malepartus, die Burg, belegen wir, was er im Haus hat, + Wollen wir sehen. Da riefen sie alle: Wir werden gehorchen! + + Also dachte der König und seine Genossen, die Feste + Malepartus zu stürmen, den Fuchs zu strafen. Doch Grimbart, + Der im Rate gewesen, entfernte sich heimlich und eilte, + Reineken aufzusuchen und ihm die Nachricht zu bringen; + Traurend ging er und klagte vor sich und sagte die Worte: + Ach, was kann es nun werden, mein Oheim! Billig bedauert + Dich dein ganzes Geschlecht, du Haupt des ganzen Geschlechtes! + Vor Gericht vertratest du uns, wir waren geborgen: + Niemand konnte bestehen vor dir und deiner Gewandtheit. + + So erreicht' er das Schloß, und Reineken fand er im Freien + Sitzen. Er hatte sich erst zwei junge Tauben gefangen; + Aus dem Neste wagten sie sich, den Flug zu versuchen, + Aber die Federn waren zu kurz; sie fielen zu Boden, + Nicht imstande, sich wieder zu heben, und Reineke griff sie, + Denn oft ging er umher, zu jagen. Da sah er von weiten + Grimbart kommen und wartete sein; er grüßt' ihn und sagte: + Seid mir, Neffe, willkommen vor allen meines Geschlechtes! + Warum lauft Ihr so sehr! Ihr keichet! bringt Ihr was Neues? + + Ihm erwiderte Grimbart: Die Zeitung, die ich vermelde, + Klingt nicht tröstlich, Ihr seht, ich komm in ängsten gelaufen; + Leben und Gut ist alles verloren! Ich habe des Königs + Zorn gesehen: er schwört, Euch zu fahen und schändlich zu töten. + Allen hat er befohlen, am sechsten Tage gewaffnet + Hier zu erscheinen mit Bogen und Schwert, mit Büchsen und Wagen. + Alles fällt nun über Euch her, bedenkt Euch inzeiten! + Isegrim aber und Braun sind mit dem Könige wieder + Besser vertraut, als ich nur immer mit Euch bin, und alles, + Was sie wollen, geschieht. Den gräßlichsten Mörder und Räuber + Schilt Euch Isegrim laut, und so bewegt er den König; + Er wird Marschall, Ihr werdet es sehen, in wenigen Wochen. + Das Kaninchen erschien, dazu die Krähe, sie brachten + Große Klagen gegen Euch vor. Und sollt Euch der König + Diesmal fahen, so lebt Ihr nicht lange! das muß ich befürchten. + + Weiter nichts? versetzte der Fuchs. Das ficht mich nun alles + Keinen Pfifferling an. Und hätte der König mit seinem + Ganzen Rate doppelt und dreifach gelobt und geschworen: + Komm ich nur selber dahin, ich hebe mich über sie alle. + Denn sie raten und raten und wissen es nimmer zu treffen. + Lieber Neffe, lasset das fahren, und folgt mir und sehet, + Was ich Euch gebe. Da hab ich soeben die Tauben gefangen, + Jung und fett. Es bleibt mir das liebste von allen Gerichten! + Denn sie sind leicht zu verdauen, man schluckt sie nur eben hinunter; + Und die Knöchelchen schmecken so süß! sie schmelzen im Munde, + Sind halb Milch, halb Blut. Die leichte Speise bekommt mir, + Und mein Weib ist von gleichem Geschmack. So kommt nur, sie wird uns + Freundlich empfangen; doch merke sie nicht, warum Ihr gekommen! + Jede Kleinigkeit fällt ihr aufs Herz und macht ihr zu schaffen. + Morgen geh ich nach Hofe mit Euch; da hoff ich, Ihr werdet, + Lieber Neffe, mir helfen, so wie es Verwandten geziemet. + + Leben und Gut verpflicht ich Euch gern zu Eurem Behufe, + Sagte der Dachs, und Reineke sprach: Ich will es gedenken; + Leb ich lange, so soll es Euch frommen! Der andre versetzte: + Tretet immer getrost vor die Herren und wahret zum besten + Eure Sache, sie werden Euch hören; auch stimmte Lupardus + Schon dahin, man sollt Euch nicht strafen, bevor Ihr genugsam + Euch verteidigt; es meinte das gleiche die Königin selber. + Merket den Umstand und sucht ihn zu nutzen! Doch Reineke sagte: + Seid nur gelassen, es findet sich alles. Der zornige König, + Wenn er mich hört, verändert den Sinn, es frommt mir am Ende. + + Und so gingen sie beide hinein und wurden gefällig + Von der Hausfrau empfangen; sie brachte, was sie nur hatte. + Und man teilte die Tauben, man fand sie schmackhaft, und jedes + Speiste sein Teil; sie wurden nicht satt und hätten gewißlich + Ein halb Dutzend verzehrt, wofern sie zu haben gewesen. + + Reineke sagte zum Dachse: Bekennt mir, Oheim, ich habe + Kinder trefflicher Art, sie müssen jedem gefallen. + Sagt mir, wie Euch Rossel behagt und Reinhart, der Kleine? + Sie vermehren einst unser Geschlecht und fangen allmählich + An, sich zu bilden, sie machen mir Freude von Morgen bis Abend. + Einer fängt sich ein Huhn, der andre hascht sich ein Küchlein; + Auch ins Wasser ducken sie brav, die Ente zu holen + Und den Kiebitz. Ich schickte sie gern noch öfter zu jagen; + Aber Klugheit muß ich vor allem sie lehren und Vorsicht, + Wie sie vor Strick und Jäger und Hunden sich weise bewahren. + Und verstehen sie dann das rechte Wesen und sind sie + Abgerichtet, wie sichs gehört, dann sollen sie täglich + Speise holen und bringen und soll im Hause nichts fehlen, + Denn sie schlagen mir nach und spielen grimmige Spiele. + Wenn sies beginnen, so ziehn den kürzern die übrigen Tiere, + An der Kehle fühlt sie der Gegner und zappelt nicht lange: + Das ist Reinekens Art und Spiel. Auch greifen sie hastig, + Und ihr Sprung ist gewiß; das dünkt mich eben das Rechte! + + Grimbart sprach: Es gereichet zur Ehre, und mag man sich freuen, + Kinder zu haben, wie man sie wünscht, und die zum Gewerbe + Bald sich gewöhnen, den Eltern zu helfen. Ich freue mich herzlich, + Sie von meinem Geschlechte zu wissen, und hoffe das Beste. + Mag es für heute bewenden, versetzte Reineke: gehn wir + Schlafen, denn alle sind müd und Grimbart besonders ermattet. + Und sie legten sich nieder im Saale, der über und über + War mit Heu und Blättern bedeckt, und schliefen zusammen. + + Aber Reineke wachte vor Angst; es schien ihm die Sache + Guten Rats zu bedürfen, und sinnend fand ihn der Morgen. + Und er hub vom Lager sich auf und sagte zu seinem + Weibe: Betrübt Euch nicht! es hat mich Grimbart gebeten, + Mit nach Hofe zu gehn; Ihr bleibet ruhig zu Hause. + Redet jemand von mir, so kehret es immer zum besten + Und verwahret die Burg, so ist uns allen geraten. + + Und Frau Ermelyn sprach: Ich find es seltsam! Ihr wagt es + Wieder nach Hofe zu gehn, wo Eurer so übel gedacht wird. + Seid Ihr genötigt? Ich seh es nicht ein, bedenkt das Vergangne! + + Freilich, sagte Reineke drauf: es war nicht zu scherzen! + Viele wollten mir übel, ich kam in große Bedrängnis; + Aber mancherlei Dinge begegnen unter der Sonne. + Wider alles Vermuten erfährt man dieses und jenes, + Und wer was zu haben vermeint, vermißt es auf einmal. + Also laßt mich nur gehn, ich habe dort manches zu schaffen. + Bleibet ruhig, das bitt ich Euch sehr, Ihr habet nicht nötig, + Euch zu ängstigen. Wartet es ab! Ihr sehet, mein Liebchen, + Ist es mir immer nur möglich, in fünf, sechs Tagen mich wieder. + Und so schied er von dannen, begleitet von Grimbart, dem Dachse. + + + + + Achter Gesang + + + Weiter gingen sie nun zusammen über die Heide, + Grimbart und Reineke, grade den Weg zum Schlosse des Königs. + Aber Reineke sprach: Es falle, wie es auch wolle, + Diesmal ahndet es mir, die Reise führet zum besten. + Lieber Oheim, höret mich nun! Seitdem ich zum letzten + Euch gebeichtet, verging ich mich wieder in sündigem Wesen; + Höret Großes und Kleines, und was ich damals vergessen. + + Von dem Leibe des Bären und seinem Felle verschafft ich + Mir ein tüchtiges Stück; es ließen der Wolf und die Wölfin + Ihre Schuhe mir ab; so hab ich mein Mütchen gekühlet. + Meine Lüge verschaffte mir das, ich wußte den König + Aufzubringen und hab ihn dabei entsetzlich betrogen: + Denn ich erzählt ihm ein Märchen, und Schätze wußt ich zu dichten. + Ja, ich hatte daran nicht genug, ich tötete Lampen, + Ich bepackte Bellyn mit dem Haupt des Ermordeten; grimmig + Sah der König auf ihn, er mußte die Zeche bezahlen. + Und das Kaninchen, ich drückt es gewaltig hinter die Ohren, + Daß es beinah das Leben verlor, und war mir verdrießlich, + Daß es entkam. Auch muß ich bekennen, die Krähe beklagt sich + Nicht mit Unrecht, ich habe Frau Scharfenebbe, sein Weibchen, + Aufgegessen. Das hab ich begangen, seitdem ich gebeichtet. + Aber damals vergaß ich nur eines, ich will es erzählen, + Eine Schalkheit, die ich beging, Ihr müßt sie erfahren, + Denn ich möchte nicht gern so etwas tragen; ich lud es + Damals dem Wolf auf den Rücken. Wir gingen nämlich zusammen + Zwischen Kackyß und Elverdingen, da sahn wir von weitem + Eine Stute mit ihrem Fohlen, und eins wie das andre + Wie ein Rabe so schwarz; vier Monat mochte das Fohlen + Alt sein. Und Isegrim war vom Hunger gepeinigt, da bat er: + Fraget mir doch, verkauft uns die Stute nicht etwa das Fohlen? + Und wie teuer? Da ging ich zu ihr und wagte das Stückchen. + Liebe Frau Mähre, sagt ich zu ihr: das Fohlen ist Euer, + Wie ich weiß; verkauft Ihr es wohl? Das möcht ich erfahren. + Sie versetzte: Bezahlt Ihr es gut, so kann ich es missen, + Und die Summe, für die es mir feil ist, Ihr werdet sie lesen, + Hinten steht sie geschrieben an meinem Fuße. Da merkt ich, + Was sie wollte, versetzte darauf: Ich muß Euch bekennen, + Lesen und Schreiben gelingt mir nicht eben so, wie ich es wünschte. + Auch begehr ich des Kindes nicht selbst: denn Isegrim möchte + Das Verhältnis eigentlich wissen; er hat mich gesendet. + + Laßt ihn kommen! versetzte sie drauf. er soll es erfahren. + Und ich ging, und Isegrim stand und wartete meiner. + Wollt Ihr Euch sättigen, sagt ich zu ihm: so geht nur, die Mähre + Gibt Euch das Fohlen, es steht der Preis am hinteren Fuße + Unten geschrieben; ich möchte nur, sagte sie, selber da nachsehn. + Aber zu meinem Verdruß mußt ich schon manches versäumen, + Weil ich nicht lesen und schreiben gelernt. Versucht es, mein Oheim, + Und beschauet die Schrift, Ihr werdet vielleicht sie verstehen. + + Isegrim sagte: Was sollt ich nicht lesen! das wäre mir seltsam! + Deutsch, Latein und Welsch, sogar Französisch versteh ich: + Denn in Erfurt hab ich mich wohl zur Schule gehalten, + Bei den Weisen, Gelahrten, und mit den Meistern des Rechtes + Fragen und Urteil gestellt; ich habe meine Lizenzen + Förmlich genommen, und was für Skripturen man immer auch findet, + Les ich, als wär es mein Name. Drum wird es mir heute nicht fehlen. + Bleibet, ich geh und lese die Schrift, wir wollen doch sehen! + + Und er ging und fragte die Frau: Wie teuer das Fohlen? + Macht es billig! Sie sagte darauf: Ihr dürft nur die Summe + Lesen, sie stehet geschrieben an meinem hinteren Fuße. + Laßt mich sehen! versetzte der Wolf. Sie sagte: Das tu ich! + Und sie hub den Fuß empor aus dem Grase, der war erst + Mit sechs Nägeln beschlagen; sie schlug gar richtig und fehlte + Nicht ein Härchen, sie traf ihm den Kopf, er stürzte zur Erden, + Lag betäubt wie tot. Sie aber eilte von dannen, + Was sie konnte. So lag er verwundet, es dauerte lange. + + Eine Stunde verging, da regt' er sich wieder und heulte + Wie ein Hund. Ich trat ihm zur Seite und sagte: Herr Oheim, + Wo ist die Stute? Wie schmeckte das Fohlen? Ihr habt Euch gesättigt, + Habt mich vergessen! Ihr tatet nicht wohl: ich brachte die Botschaft! + Nach der Mahlzeit schmeckte das Schläfchen. Wie lautete, sagt mir, + Unter dem Fuße die Schrift? Ihr seid ein großer Gelehrter. + + Ach, versetzt' er: spottet Ihr noch? Wie bin ich so übel + Diesmal gefahren! Es sollte fürwahr ein Stein sich erbarmen. + Die langbeinige Mähre! Der Henker mags ihr bezahlen! + Denn der Fuß war mit Eisen beschlagen, das waren die Schriften! + Neue Nägel! Ich habe davon sechs Wunden im Kopfe. + + Kaum behielt er sein Leben. Ich habe nun alles gebeichtet. + Lieber Neffe! vergebet mir nun die sündigen Werke! + Wie es bei Hofe gerät, ist mißlich; aber ich habe + Mein Gewissen befreit und mich von Sünden gereinigt. + Saget nun, wie ich mich beßre, damit ich zu Gnaden gelänge. + + Grimbart sprach: Ich find Euch von neuem mit Sünden beladen. + Doch es werden die Toten nicht wieder lebendig; es wäre + Freilich besser, wenn sie noch lebten. So will ich, mein Oheim, + In Betrachtung der schrecklichen Stunde, der Nähe des Todes, + Der Euch droht, die Sünde vergeben als Diener des Herren: + Denn sie streben Euch nach mit Gewalt, ich fürchte das Schlimmste, + Und man wird Euch vor allem das Haupt des Hasen gedenken! + Große Dreistigkeit war es, gestehts, den König zu reizen, + Und es schadet Euch mehr, als Euer Leichtsinn gedacht hat. + + Nicht ein Haar! versetzte der Schelm: und daß ich Euch sage, + Durch die Welt sich zu helfen, ist ganz was Eignes; man kann sich + Nicht so heilig bewahren als wie im Kloster, das wißt Ihr. + Handelt einer mit Honig, er leckt zuweilen die Finger. + Lampe reizte mich sehr; er sprang herüber, hinüber, + Mir vor den Augen herum, sein fettes Wesen gefiel mir, + Und ich setzte die Liebe beiseite. So gönnt ich Bellynen + Wenig Gutes. Sie haben den Schaden; ich habe die Sünde. + Aber sie sind zum Teil auch so plump, in jeglichen Dingen + Grob und stumpf. Ich sollte noch viel Zeremonien machen? + Wenig Lust behielt ich dazu. Ich hatte von Hofe + Mich mit ängsten gerettet und lehrte sie dieses und jenes, + Aber es wollte nicht fort. Zwar jeder sollte den Nächsten + Lieben, das muß ich gestehn; indessen achtet ich diese + Wenig, und tot ist tot, so sagt Ihr selber. Doch laßt uns + Andre Dinge besprechen; es sind gefährliche Zeiten. + Denn wie geht es von oben herab? Man soll ja nicht reden; + Doch wir andern merken darauf und denken das Unsre. + + Raubt der König ja selbst so gut als einer, wir wissens; + Was er selber nicht nimmt, das läßt er Bären und Wölfe + Holen und glaubt, es geschähe mit Recht. Da findet sich keiner, + Der sich getraut, ihm die Wahrheit zu sagen--so weit hinein ist es + Böse--kein Beichtiger, kein Kaplan; sie schweigen! Warum das? + Sie genießen es mit, und wär nur ein Rock zu gewinnen. + Komme dann einer und klage! der haschte mit gleichem Gewinne + Nach der Luft, er tötet die Zeit und beschäftigte besser + Sich mit neuem Erwerb. Denn fort ist fort, und was einmal + Dir ein Mächtiger nimmt, das hast du besessen. Der Klage + Gibt man wenig Gehör, und sie ermüdet am Ende. + Unser Herr ist der Löwe, und alles an sich zu reißen, + Hält er seiner Würde gemäß. Er nennt uns gewöhnlich + Seine Leute: fürwahr, das Unsre, scheint es, gehört ihm! + + Darf ich reden, mein Oheim? Der edle König, er liebt sich + Ganz besonders Leute, die bringen und die nach der Weise, + Die er singt, zu tanzen verstehn. Man sieht es zu deutlich. + Daß der Wolf und der Bär zum Rate wieder gelangen, + Schadet noch manchem. Sie stehlen und rauben, es liebt sie der König; + Jeglicher sieht es und schweigt: er denkt, an die Reihe zu kommen. + Mehr als vier befinden sich so zur Seite des Herren, + Ausgezeichnet vor allen, sie sind die Größten am Hofe. + Nimmt ein armer Teufel, wie Reineke, irgendein Hühnchen, + Wollen sie alle gleich über ihn her, ihn suchen und fangen, + Und verdammen ihn laut mit Einer Stimme zum Tode. + Kleine Diebe hängt man so weg, es haben die großen + Starken Vorsprung, mögen das Land und die Schlösser verwalten. + Sehet, Oheim, bemerk ich nun das und sinne darüber, + Nun, so spiel ich halt auch mein Spiel und denke daneben + Öfters bei mir: es muß ja wohl recht sein, tuns doch so viele! + Freilich regt sich dann auch das Gewissen und zeigt mir von ferne + Gottes Zorn und Gericht und läßt mich das Ende bedenken. + Ungerecht Gut, so klein es auch sei, man muß es erstatten. + Und da fühl ich denn Reu im Herzen; doch währt es nicht lange. + Ja, was hilft dichs, der Beste zu sein, es bleiben die Besten + Doch nicht unberedet in diesen Zeiten vom Volke. + Denn es weiß die Menge genau nach allem zu forschen, + Niemand vergessen sie leicht, erfinden dieses und jenes; + Wenig Gutes ist in der Gemeine, und wirklich verdienen + Wenige drunter auch gute, gerechte Herren zu haben. + Denn sie singen und sagen vom Bösen immer und immer; + Auch das Gute wissen sie zwar von großen und kleinen + Herren, doch schweigt man davon, und selten kommt es zur Sprache. + Doch das Schlimmste find ich den Dünkel des irrigen Wahnes, + Der die Menschen ergreift: es könne jeder im Taumel + Seines heftigen Wollens die Welt beherrschen und richten. + Hielte doch jeder sein Weib und seine Kinder in Ordnung, + Wüßte sein trotzig Gesinde zu bändigen, könnte sich stille, + Wenn die Toren verschwenden, in mäßigem Leben erfreuen! + Aber wie sollte die Welt sich verbessern? Es läßt sich ein jeder + Alles zu und will mit Gewalt die andern bezwingen. + Und so sinken wir tiefer und immer tiefer ins Arge. + Afterreden, Lug und Verrat und Diebstahl und falscher + Eidschwur, Rauben und Morden, man hört nichts anders erzählen. + Falsche Propheten und Heuchler betrügen schändlich die Menschen. + + Jeder lebt nur so hin! und will man sie treulich ermahnen, + Nehmen sies leicht und sagen auch wohl: Ei, wäre die Sünde + Groß und schwer, wie hier und dort uns manche Gelehrte + Predigen, würde der Pfaffe die Sünde selber vermeiden. + Sie entschuldigen sich mit bösem Exempel und gleichen + Gänzlich dem Affengeschlecht, das, nachzuahmen geboren, + Weil es nicht denket und wählt, empfindlichen Schaden erduldet. + + Freilich sollten die geistlichen Herren sich besser betragen! + Manches könnten sie tun, wofern sie es heimlich vollbrächten: + Aber sie schonen uns nicht, uns andre Laien, und treiben + Alles, was ihnen beliebt, vor unsern Augen, als wären + Wir mit Blindheit geschlagen; allein wir sehen zu deutlich, + Ihre Gelübde gefallen den guten Herren so wenig, + Als sie dem sündigen Freunde der weltlichen Werke behagen. + + Denn so haben über den Alpen die Pfaffen gewöhnlich + Eigens ein Liebchen; nicht weniger sind in diesen Provinzen, + Die sich sündlich vergehn. Man will mir sagen, sie haben + Kinder wie andre verehlichte Leute; und sie zu versorgen, + Sind sie eifrig bemüht und bringen sie hoch in die Höhe. + Diese denken hernach nicht weiter, woher sie gekommen, + Lassen niemand den Rang und gehen stolz und gerade, + Eben als wären sie edlen Geschlechts, und bleiben der Meinung, + Ihre Sache sei richtig. So pflegte man aber vor diesem + Pfaffenkinder so hoch nicht zu halten; nun heißen sie alle + Herren und Frauen. Das Geld ist freilich alles vermögend. + + Selten findet man fürstliche Lande, worin nicht die Pfaffen + Zölle und Zinsen erhüben und Dörfer und Mühlen benutzten. + Diese verkehren die Welt, es lernt die Gemeine das Böse: + Denn man sieht, so hält es der Pfaffe, da sündiget jeder, + Und vom Guten leitet hinweg ein Blinder den andern. + Ja, wer merkte denn wohl die guten Werke der frommen + Priester, und wie sie die heilige Kirche mit gutem Exempel + Auferbauen? Wer lebt nun darnach? Man stärkt sich im Bösen. + So geschieht es im Volke, wie sollte die Welt sich verbessern? + + Aber höret mich weiter. Ist einer unecht geboren, + Sei er ruhig darüber, was kann er weiter zur Sache? + Denn ich meine nur so, versteht mich. Wird sich ein solcher + Nur mit Demut betragen und nicht durch eitles Benehmen + Andre reizen, so fällt es nicht auf, und hätte man unrecht, + Über dergleichen Leute zu reden. Es macht die Geburt uns + Weder edel noch gut, noch kann sie zur Schande gereichen. + Aber Tugend und Laster, sie unterscheiden die Menschen. + Gute, gelehrte geistliche Männer, man hält sie, wie billig, + Hoch in Ehren, doch geben die bösen ein böses Exempel. + Predigt so einer das Beste, so sagen doch endlich die Laien: + Spricht er das Gute und tut er das Böse, was soll man erwählen? + Auch der Kirche tut er nichts Gutes, er prediget jedem: + Leget nur aus und bauet die Kirche; das rat ich, ihr Lieben, + Wollt ihr Gnade verdienen und Ablaß! so schließt er die Rede, + Und er legt wohl wenig dazu, ja gar nichts, und fiele + Seinetwegen die Kirche zusammen. So hält er denn weiter + Für die beste Weise zu leben, sich köstlich zu kleiden, + Lecker zu essen. Und hat sich so einer um weltliche Sachen + Übermäßig bekümmert, wie will er beten und singen? + Gute Priester sind täglich und stündlich im Dienste des Herren + Fleißig begriffen und üben das Gute; der heiligen Kirche + Sind sie nütze, sie wissen die Laien durch gutes Exempel + Auf dem Wege des Heils zur rechten Pforte zu leiten. + + Aber ich kenne denn auch die Bekappten; sie plärren und plappern + Immer zum Scheine so fort und suchen immer die Reichen, + Wissen den Leuten zu schmeicheln und gehn am liebsten zu Gaste. + Bittet man einen, so kommt auch der zweite; da finden sich weiter + Noch zu diesen zwei oder drei. Und wer in dem Kloster + Gut zu schwatzen versteht, der wird im Orden erhoben, + Wird zum Lesemeister, zum Kustos oder zum Prior. + Andere stehen beiseite. Die Schüsseln werden gar ungleich + Aufgetragen. Denn einige müssen des Nachts in dem Chore + Singen, lesen, die Gräber umgehn; die anderen haben + Guten Vorteil und Ruh und essen die köstlichen Bissen. + + Und die Legaten des Papstes, die äbte, Pröpste, Prälaten, + Die Beguinen und Nonnen, da wäre vieles zu sagen! + Überall heißt es: Gebt mir das Eure und laßt mir das Meine. + Wenige finden sich wahrlich, nicht sieben, welche der Vorschrift + Ihres Ordens gemäß ein heiliges Leben beweisen. + Und so ist der geistliche Stand gar schwach und gebrechlich. + + Oheim! sagte der Dachs: ich find es besonders, Ihr beichtet + Fremde Sünden. Was will es Euch helfen? Mich dünket, es wären + Eurer eignen genug. Und sagt mir, Oheim, was habt Ihr + Um die Geistlichkeit Euch zu bekümmern, und dieses und jenes? + Seine Bürde mag jeglicher tragen, und jeglicher gebe + Red und Antwort, wie er in seinem Stande die Pflichten + Zu erfüllen strebt; dem soll sich niemand entziehen, + Weder Alte noch Junge, hier außen oder im Kloster. + Doch Ihr redet zu viel von allerlei Dingen und könntet + Mich zuletzt zum Irrtum verleiten. Ihr kennet vortrefflich, + Wie die Welt nun besteht und alle Dinge sich fügen; + Niemand schickte sich besser zum Pfaffen. Ich käme mit andern + Schafen, zu beichten bei Euch und Eurer Lehre zu horchen, + Eure Weisheit zu lernen; denn freilich muß ich gestehen: + Stumpf und grob sind die meisten von uns und hättens vonnöten. + + Also hatten sie sich dem Hofe des Königs genähert. + Reineke sagte: So ist es gewagt! und nahm sich zusammen. + Und sie begegneten Martin, dem Affen, der hatte sich eben + Aufgemacht und wollte nach Rom; er grüßte die beiden. + Lieber Oheim, fasset ein Herz! so sprach er zum Fuchse, + Fragt' ihn dieses und jenes, obschon ihm die Sache bekannt war. + Ach, wie ist mir das Glück in diesen Tagen entgegen! + Sagte Reineke drauf da haben mich etliche Diebe + Wieder beschuldigt, wer sie auch sind, besonders die Krähe + Mit dem Kaninchen; sein Weib verlor das eine, dem andern + Fehlt ein Ohr. Was kümmert mich das? Und könnt ich nur selber + Mit dem Könige reden, sie beide solltens empfinden. + Aber mich hindert am meisten, daß ich im Banne des Papstes + Leider noch bin. Nun hat in der Sache der Dompropst die Vollmacht, + Der beim Könige gilt. Und in dem Banne befind ich + Mich um Isegrims willen, der einst ein Klausner geworden, + Aber dem Kloster entlief, von Elkmar, wo er gewohnet. + Und er schwur, so könnt er nicht leben, man halt ihn zu strenge, + Lange könn er nicht fasten und könne nicht immer so lesen. + Damals half ich ihm fort. Es reut mich; denn er verleumdet + Mich beim Könige nun und sucht mir immer zu schaden. + Soll ich nach Rom? Wie werden indes zu Hause die Meinen + In Verlegenheit sein! Denn Isegrim kann es nicht lassen, + Wo er sie findet, beschädigt er sie. Auch sind noch so viele, + Die mir übels gedenken und sich an die Meinigen halten. + Wär ich aus dem Banne gelöst, so hätt ich es besser, + Könnte gemächlich mein Glück bei Hofe wieder versuchen. + + Martin versetzte: Da kann ich Euch helfen, es trifft sich! Soeben + Geh ich nach Rom und nütz Euch daselbst mit künstlichen Stücken. + Unterdrücken laß ich Euch nicht! Als Schreiber des Bischofs, + Dünkt mich, versteh ich das Werk. Ich schaffe, daß man den Dompropst + Grade nach Rom zitiert, da will ich gegen ihn fechten. + Seht nur, Oheim, ich treibe die Sache und weiß sie zu leiten; + Exequieren laß ich das Urteil, Ihr werdet mir sicher + Absolviert, ich bring es Euch mit; es sollen die Feinde + Übel sich freun und ihr Geld zusamt der Mühe verlieren: + Denn ich kenne den Gang der Dinge zu Rom und verstehe, + Was zu tun und zu lassen. Da ist Herr Simon, mein Oheim, + Angesehn und mächtig; er hilft den guten Bezahlern. + Schalkefund, das ist ein Herr! und Doktor Greifzu und andre, + Wendemantel und Losefund hab ich alle zu Freunden. + Meine Gelder schickt ich voraus; denn, seht nur, so wird man + Dort am besten bekannt. Sie reden wohl von Zitieren: + Aber das Geld begehren sie nur. Und wäre die Sache + Noch so krumm, ich mache sie grad mit guter Bezahlung. + Bringst du Geld, so findest du Gnade; sobald es dir mangelt, + Schließen die Türen sich zu. Ihr bleibet ruhig im Lande; + Eurer Sache nehm ich mich an, ich löse den Knoten. + Geht nur nach Hofe, Ihr werdet daselbst Frau Rückenau finden, + Meine Gattin; es liebt sie der König, unser Gebieter, + Und die Königin auch, sie ist behenden Verstandes. + Sprecht sie an, sie ist klug, verwendet sich gerne für Freunde. + Viele Verwandte findet Ihr da. Es hilft nicht immer, + Recht zu haben. Ihr findet bei ihr zwei Schwestern, und meiner + Kinder sind drei, daneben noch manche von Eurem Geschlechte, + Euch zu dienen bereit, wie Ihr es immer begehret. + Und versagte man Euch das Recht, so sollt Ihr erfahren, + Was ich vermag. Und wenn man Euch druckt, berichtet mirs eilig! + Und ich lasse das Land in Bann tun, den König und alle + Weiber und Männer und Kinder. Ein Interdikt will ich senden, + Singen soll man nicht mehr, noch Messe lesen, noch taufen, + Noch begraben, was es auch sei. Des tröstet Euch, Neffe! + + Denn der Papst ist alt und krank und nimmt sich der Dinge + Weiter nicht an, man achtet ihn wenig. Auch hat nun am Hofe + Kardinal Ohnegenüge die ganze Gewalt, der ein junger + Rüstiger Mann ist, ein feuriger Mann von schnellem Entschlusse. + Dieser liebt ein Weib, das ich kenne; sie soll ihm ein Schreiben + Bringen, und was sie begehrt, das weiß sie trefflich zu machen. + Und sein Schreiber Johannes Partey, der kennt aufs genauste + Alte und neue Münze; dann Horchegenau, sein Geselle, + Ist ein Hofmann; Schleifenundwenden ist Notarius. + Bakkalaureus beider Rechte, und bleibt er nur etwa + Noch ein Jahr, so ist er vollkommen in praktischen Schriften. + Dann sind noch zwei Richter daselbst, die heißen Moneta + Und Donarius; sprechen sie ab, so bleibt es gesprochen. + + So verübt man in Rom gar manche Listen und Tücken, + Die der Papst nicht erfährt. Man muß sich Freunde verschaffen! + Denn durch sie vergibt man die Sünden und löset die Völker + Aus dem Banne. Verlaßt Euch darauf, mein wertester Oheim! + Denn es weiß der König schon lang, ich laß Euch nicht fallen; + Eure Sache führ ich hinaus und bin es vermögend. + Ferner mag er bedenken, es sind gar viele den Affen + Und den Füchsen verwandt, die ihn am besten beraten, + Und das hilft Euch gewiß, es gehe, wie es auch wolle. + + Reineke sprach: Das tröstet mich sehr; ich denk es Euch wieder, + Komm ich diesmal nur los. Und einer empfahl sich dem andern. + Ohne Geleit ging Reineke nun mit Grimbart, dem Dachse, + Nach dem Hofe des Königs, wo man ihm übel gesinnt war. + + + + + + Neunter Gesang + + + Reineke war nach Hofe gelangt, er dachte die Klagen + Abzuwenden, die ihn bedrohten. Doch als er die vielen + Feinde beisammen erblickte, wie alle standen und alle + Sich zu rächen begehrten und ihn am Leben zu strafen, + Fiel ihm der Mut; er zweifelte nun, doch ging er mit Kühnheit + Grade durch alle Baronen, und Grimbart ging ihm zur Seite. + Sie gelangten zum Throne des Königs, da lispelte Grimbart: + Seid nicht furchtsam Reineke, diesmal; gedenket: dem Blöden + Wird das Glück nicht zuteil, der Kühne sucht die Gefahr auf + Und erfreut sich mit ihr; sie hilft ihm wieder entkommen. + Reineke sprach: Ihr sagt mir die Wahrheit, ich danke zum schönsten + Für den herrlichen Trost, und komm ich wieder in Freiheit, + Werd ichs gedenken. Er sah nun umher, und viele Verwandte + Fanden sich unter der Schar, doch wenige Gönner, den meisten + Pflegt' er übel zu dienen; ja, unter den Ottern und Bibern, + Unter Großen und Kleinen trieb er sein schelmisches Wesen. + Doch entdeckt' er noch Freunde genug im Saale des Königs. + + Reineke kniete vorm Throne zur Erden und sagte bedächtig: + Gott, dem alles bekannt ist und der in Ewigkeit mächtig + Bleibt, bewähr Euch, mein Herr und König, bewahre nicht minder + Meine Frau, die Königin, immer, und beiden zusammen + Geb er Weisheit und gute Gedanken, damit sie besonnen + Recht und Unrecht erkennen; denn viele Falschheit ist jetzo + Unter den Menschen im Gange. Da scheinen viele von außen, + Was sie nicht sind. O hätte doch jeder am Vorhaupt geschrieben, + Wie er gedenkt, und säh es der König! da würde sich zeigen, + Daß ich nicht lüge und daß ich Euch immer zu dienen bereit bin. + Zwar verklagen die Bösen mich heftig; sie möchten mir gerne + Schaden und Eurer Huld mich berauben, als wär ich derselben + Unwert. Aber ich kenne die strenge Gerechtigkeitsliebe + Meines Königs und Herrn, denn ihn verleitete keiner + Je, die Wege des Rechtes zu schmälern; so wird es auch bleiben. + + Alles kam und drängte sich nun, ein jeglicher mußte + Reinekens Kühnheit bewundern, es wünscht' ihn jeder zu hören; + Seine Verbrechen waren bekannt, wie wollt er entrinnen? + + Reineke, Bösewicht! sagte der König: für diesmal erretten + Deine losen Worte dich nicht, sie helfen nicht länger + Lügen und Trug zu verkleiden, nun bist du ans Ende gekommen. + Denn du hast die Treue zu mir, ich glaube, bewiesen + Am Kaninchen und an der Krähe! Das wäre genugsam. + Aber du übest Verrat an allen Orten und Enden; + Deine Streiche sind falsch und behende, doch werden sie nicht mehr + Lange dauern, denn voll ist das Maß, ich schelte nicht länger. + + Reineke dachte: Wie wird es mir gehn? O hätt ich nur wieder + Meine Behausung erreicht! Wo will ich Mittel ersinnen? + Wie es auch geht, ich muß nun hindurch, versuchen wir alles. + + Mächtiger König, edelster Fürst! so ließ er sich hören: + Meint Ihr, ich habe den Tod verdient, so habt Ihr die Sache + Nicht von der rechten Seite betrachtet; drum bitt ich, Ihr wollet + Erst mich hören. Ich habe ja sonst Euch nützlich geraten, + In der Not bin ich bei Euch geblieben, wenn etliche wichen, + Die sich zwischen uns beide nun stellen zu meinem Verderben + Und die Gelegenheit nützen, wenn ich entfernt bin. Ihr möget, + Edler König, hab ich gesprochen, die Sache dann schlichten; + Werd ich schuldig befunden, so muß ich es freilich ertragen. + Wenig habt Ihr meiner gedacht, indes ich im Lande + Vieler Orten und Enden die sorglichste Wache gehalten. + Meint Ihr, ich wäre nach Hofe gekommen, wofern ich mich schuldig + Wußte groß- oder kleiner Vergehn? Ich würde bedächtig + Eure Gegenwart fliehn und meine Feinde vermeiden. + Nein, mich hätten gewiß aus meiner Feste nicht sollen + Alle Schätze der Welt hierher verleiten; da war ich + Frei auf eigenem Grund und Boden. Nun bin ich mir aber + Keines übels bewußt, und also bin ich gekommen. + Eben stand ich, Wache zu halten; da brachte mein Oheim + Mir die Zeitung, ich solle nach Hof. Ich hatte von neuem, + Wie ich dem Bann mich entzöge, gedacht, darüber mit Martin + Vieles gesprochen, und er gelobte mir heilig, er wolle + Mich von dieser Bürde befrein. Ich werde nach Rom gehn, + Sagt' er, und nehme die Sache von nun an völlig auf meine + Schultern, geht nur nach Hofe, des Bannes werdet Ihr ledig. + Sehet, so hat mir Martin geraten, er muß es verstehen: + Denn der vortreffliche Bischof, Herr Ohnegrund, braucht ihn beständig; + Schon fünf Jahre dient er demselben in rechtlichen Sachen. + Und so kam ich hieher und finde Klagen auf Klagen. + Das Kaninchen, der äugler, verleumdet mich; aber es steht nun + Reineke hier: so tret er hervor mir unter die Augen! + Denn es ist freilich was leichtes, sich über Entfernte beklagen + Aber man soll den Gegenteil hören, bevor man ihn richtet. + Diese falschen Gesellen, bei meiner Treue! sie haben + Gutes genossen von mir, die Krähe mit dem Kaninchen: + Denn vorgestern am Morgen in aller Frühe begegnet' + Mir das Kaninchen und grüßte mich schön; ich hatte soeben + Vor mein Schloß mich gestellt und las die Gebete des Morgens. + Und er zeigte mir an, er gehe nach Hofe; da sagt ich: + Gott begleit Euch! Er klagte darauf. Wie hungrig und müde + Bin ich geworden! Da fragt ich ihn freundlich: Begehrt Ihr zu essen? + Dankbar nehm ich es an, versetzt' er. Aber ich sagte: + Geb ichs doch gerne. So ging ich mit ihm und bracht ihm behende + Kirschen und Butter: ich pflege kein Fleisch am Mittwoch zu essen. + Und er sättigte sich mit Brot und Butter und Früchten. + Aber es trat mein Söhnchen, das jüngste, zum Tische, zu sehen, + Ob was übriggeblieben: denn Kinder lieben das Essen; + Und der Knabe haschte darnach. Da schlug das Kaninchen + Hastig ihn über das Maul, es bluteten Lippen und Zähne. + Reinhart, mein andrer, sah die Begegnung und faßte den äugler + Grad an der Kehle, spielte sein Spiel und rächte den Bruder. + Das geschah, nicht mehr und nicht minder. Ich säumte nicht lange, + Lief und strafte die Knaben und brachte mit Mühe die beiden + Auseinander. Kriegt er was ab, so mag er es tragen, + Denn er hatte noch mehr verdient; auch wären die Jungen, + Hätt ich es übel gemeint, mit ihm wohl fertig geworden. + Und so dankt er mir nun! Ich riß ihm, sagt er, ein Ohr ab; + Ehre hat er genossen und hat ein Zeichen behalten. + + Ferner kam die Krähe zu mir und klagte: die Gattin + Hab er verloren, sie habe sich leider zu Tode gegessen, + Einen ziemlichen Fisch mit allen Gräten verschlungen; + Wo es geschah, das weiß er am besten. Nun sagt er: ich habe + Sie gemordet; er tat es wohl selbst, und würde man ernstlich + Ihn verhören, dürft ich es tun, er spräche wohl anders. + Denn sie fliegen, es reichet kein Sprung so hoch, in die Lüfte. + + Will nun solcher verbotenen Taten mich jemand bezüchten, + Tu ers mit redlichen, gültigen Zeugen: denn also gehört sichs, + Gegen edle Männer zu rechten; ich müßt es erwarten. + Aber finden sich keine, so gibts ein anderes Mittel. + Hier! Ich bin zum Kampfe bereit! Man setze den Tag an + Und den Ort. Es zeige sich dann ein würdiger Gegner, + Gleich mit mir von Geburt, ein jeder führe sein Recht aus. + Wer dann Ehre gewinnt, dem mag sie bleiben. So hat es + Immer zu Rechte gegolten, und ich verlang es nicht besser. + + Alle standen und hörten und waren über die Worte + Reinekens höchlich verwundert, die er so trotzig gesprochen. + Und es erschraken die beiden, die Krähe mit dem Kaninchen, + Räumten den Hof und trauten nicht weiter ein Wörtchen zu sprechen, + Gingen und sagten untereinander: Es wäre nicht ratsam, + Gegen ihn weiter zu rechten. Wir möchten alles versuchen, + Und wir kämen nicht aus. Wer hats gesehen? Wir waren + Ganz allein mit dem Schelm; wer sollte zeugen? Am Ende + Bleibt der Schaden uns doch. Für alle seine Verbrechen + Warte der Henker ihm auf und lohn ihm, wie ers verdiente! + Kämpfen will er mit uns? das möcht uns übel bekommen. + Nein, fürwahr, wir lassen es lieber. Denn falsch und behende, + Lose und tückisch kennen wir ihn. Es wären ihm wahrlich + Unser fünfe zu wenig, wir müßten es teuer bezahlen. + + Isegrim aber und Braunen war übel zumute; sie sahen + Ungern die beiden von Hofe sich schleichen. Da sagte der König: + Hat noch jemand zu klagen, der komme! Laßt uns vernehmen! + Gestern drohten so viele, hier steht der Beklagte! wo sind sie? + + Reineke sagte: So pflegt es zu gehn, man klagt und beschuldigt + Diesen und jenen; doch stünde er dabei, man bliebe zu Hause. + Diese losen Verräter, die Krähe mit dem Kaninchen, + Hätten mich gern in Schande gebracht und Schaden und Strafe, + Aber sie bitten mirs ab, und ich vergebe; denn freilich, + Da ich komme, bedenken sie sich und weichen zur Seite. + Wie beschämt ich sie nicht! Ihr sehet, wie es gefährlich + Ist, die losen Verleumder entfernter Diener zu hören; + Sie verdrehen das Rechte und sind den Besten gehässig. + Andre dauern mich nur, an mir ist wenig gelegen. + + Höre mich, sagte der König darauf: du loser Verräter! + Sage, was trieb dich dazu, daß du mir Lampen, den treuen, + Der mir die Briefe zu tragen pflegte, so schmählich getötet? + Hatt ich nicht alles vergeben, so viel du immer verbrochen? + Ränzel und Stab empfingst du von mir, so warst du versehen, + Solltest nach Rom und über das Meer; ich gönnte dir alles, + Und ich hoffte Beßrung von dir. Nun seh ich zum Anfang, + Wie du Lampen gemordet; es mußte Bellyn dir zum Boten + Dienen, der brachte das Haupt im Ränzel getragen und sagte + Öffentlich aus, er bringe mir Briefe, die ihr zusammen + Ausgedacht und geschrieben, er habe das Beste geraten. + Und im Ränzel fand sich das Haupt, nicht mehr und nicht minder. + Mir zum Hohne tatet ihr das. Bellynen behielt ich + Gleich zum Pfande, sein Leben verlor er; nun geht es an deines. + + Reineke sagte: Was hör ich? Ist Lampe tot? und Bellynen + Find ich nicht mehr? Was wird nun aus mir? O wär ich gestorben! + Ach, mit beiden geht mir ein Schatz, der größte, verloren! + Denn ich sandt Euch durch sie Kleinode, welche nicht besser + Über der Erde sich finden. Wer sollte glauben, der Widder + Würde Lampen ermorden und Euch der Schätze berauben? + Hüte sich einer, wo niemand Gefahr und Tücke vermutet. + + Zornig hörte der König nicht aus, was Reineke sagte, + Wandte sich weg nach seinem Gemach und hatte nicht deutlich + Reinekens Rede vernommen, er dacht ihn am Leben zu strafen; + Und er fand die Königin eben in seinem Gemache + Mit Frau Rückenau stehn. Es war die äffin besonders + König und Königin lieb. Das sollte Reineken helfen. + Unterrichtet war sie und klug und wußte zu reden; + Wo sie erschien, sah jeder auf sie und ehrte sie höchlich. + Diese merkte des Königs Verdruß und sprach mit Bedachte + Wenn Ihr, gnädiger Herr, auf meine Bitte zuweilen + Hörtet, gereut' es Euch nie, und Ihr vergabt mir die Kühnheit, + Wenn Ihr zürntet, ein Wort gelinder Meinung zu sagen. + Seid auch diesmal geneigt, mich anzuhören, betrifft es + Doch mein eignes Geschlecht! Wer kann die Seinen verleugnen? + Reineke, wie er auch sei, ist mein Verwandter, und soll ich, + Wie sein Betragen mir scheint, aufrichtig bekennen: ich denke, + Da er zu Rechte sich stellt, von seiner Sache das Beste. + Mußte sein Vater doch auch, den Euer Vater begünstigt, + Viel von losen Mäulern erdulden und falschen Verklägern! + Doch beschämt' er sie stets. Sobald man die Sache genauer + Untersuchte, fand es sich klar: die tückischen Neider + Suchten Verdienste sogar als schwere Verbrechen zu deuten. + So erhielt er sich immer in größerem Ansehn bei Hof, als + Braun und Isegrim jetzt: denn diesen wäre zu wünschen, + Daß sie alle Beschwerden auch zu beseitigen wüßten, + Die man häufig über sie hört; allein sie verstehen + Wenig vom Rechte, so zeigt es ihr Rat, so zeigt es ihr Leben. + + Doch der König versetzte darauf: Wie kann es Euch wundern, + Daß ich Reineken gram bin, dem Diebe, der mir vor kurzem + Lampen getötet, Bellynen verführt und frecher als jemals + Alles leugnet und sich als treuen und redlichen Diener + Anzupreisen erkühnt, indessen alle zusammen + Laute Klagen erheben und nur zu deutlich beweisen, + Wie er mein sicher Geleite verletzt und wie er mit Stehlen, + Rauben und Morden das Land und meine Getreuen beschädigt. + Nein! ich duld es nicht länger! Dagegen sagte die äffin: + Freilich ists nicht vielen gegeben, in jeglichen Fällen + Klug zu handeln und klug zu raten, und wem es gelinget, + Der erwirbt sich Vertrauen; allein es suchen die Neider + Ihm dagegen heimlich zu schaden, und werden sie zahlreich, + Treten sie öffentlich auf. So ist es Reineken mehrmals + Schon ergangen; doch werden sie nicht die Erinnrung vertilgen, + Wie er in Fällen Euch weise geraten, wenn alle verstummten. + Wißt Ihr noch? vor kurzem geschahs. Der Mann und die Schlange + Kamen vor Euch, und niemand verstund die Sache zu schlichten; + Aber Reineke fands, Ihr lobtet ihn damals vor allen. + + Und der König versetzte nach kurzem Bedenken dagegen: + Ich erinnre der Sache mich wohl, doch hab ich vergessen, + Wie sie zusammenhing; sie war verworren, so dünkt mich. + Wißt Ihr sie noch, so laßt sie mich hören, es macht mir Vergnügen. + Und sie sagte: Befiehlt es mein Herr, so soll es geschehen. + + Eben sinds zwei Jahre, da kam ein Lindwurm und klagte + Stürmisch, gnädiger Herr, vor Euch: es woll ihm ein Bauer + Nicht im Rechte sich fügen, ein Mann, den zweimal das Urteil + Nicht begünstigt. Er brachte den Bauer, vor Euern Gerichtshof + Und erzählte die Sache mit vielen heftigen Worten. + + Durch ein Loch im Zaune zu kriechen, gedachte die Schlange, + Fing sich aber im Stricke, der vor die öffnung gelegt war, + Fester zog die Schlinge sich zu, sie hätte das Leben + Dort gelassen, da kam ihr zum Glück ein Wandrer gegangen. + Ängstlich rief sie: Erbarme dich meiner und mache mich ledig! + Laß dich erbitten! Da sagte der Mann: Ich will dich erlösen, + Denn mich jammert dein Elend; allein erst sollst du mir schwören, + Mir nichts Leides zu tun. Die Schlange fand sich erbötig, + Schwur den teuersten Eid: sie wolle auf keinerlei Weise + Ihren Befreier verletzen, und so erlöste der Mann sie. + + Und sie gingen ein Weilchen zusammen, da fühlte die Schlange + Schmerzlichen Hunger, sie schoß auf den Mann und wollt ihn erwürgen, + Ihn verzehren; mit Angst und Not entsprang ihr der Arme. + Das ist dein Dank? Das hab ich verdient? so rief er: und hast du + Nicht geschworen den teuersten Eid? Da sagte die Schlange: + Leider nötiget mich der Hunger, ich kann mir nicht helfen; + Not erkennt kein Gebot, und so besteht es zu Rechte. + + Da versetzte der Mann: So schone nur meiner so lange, + Bis wir zu Leuten kommen, die unparteiisch uns richten. + Und es sagte der Wurm: Ich will mich so lange gedulden. + + Also gingen sie weiter und fanden über dem Wasser + Pflückebeutel, den Raben, mit seinem Sohne; man nennt ihn + Quackeler. Und die Schlange berief sie zu sich und sagte: + Kommt und höret! Es hörte die Sache der Rabe bedächtig, + Und er richtete gleich: den Mann zu essen. Er hoffte, + Selbst ein Stück zu gewinnen. Da freute die Schlange sich höchlich: + Nun, ich habe gesiegt! es kann mirs niemand verdenken. + Nein, versetzte der Mann: ich habe nicht völlig verloren; + Sollt ein Räuber zum Tode verdammen? und sollte nur Einer + Richten? ich fordere ferner Gehör, im Gange des Rechtes; + Laßt uns vor vier, vor zehn die Sache bringen und hören. + + Gehn wir! sagte die Schlange. Sie gingen, und es begegnet' + Ihnen der Wolf und der Bär, und alle traten zusammen. + Alles befürchtete nun der Mann: denn zwischen den fünfen + War es gefährlich zu stehn und zwischen solchen Gesellen; + Ihn umringten die Schlange, der Wolf, der Bär und die Raben. + Bange war ihm genug: denn bald verglichen sich beide, + Wolf und Bär, das Urteil in dieser Maße zu fällen: + Töten dürfe die Schlange den Mann; der leidige Hunger + Kenne keine Gesetze, die Not entbinde vom Eidschwur. + Sorgen und Angst befielen den Wandrer, denn alle zusammen + Wollten sein Leben. Da schoß die Schlange mit grimmigem Zischen, + Spritzte Geifer auf ihn, und ängstlich sprang er zur Seite. + Großes Unrecht, rief er: begehst du! Wer hat dich zum Herren + Über mein Leben gemacht? Sie sprach: Du hast es vernommen; + Zweimal sprachen die Richter, und zweimal hast du verloren. + Ihr versetzte der Mann: Sie rauben selber und stehlen; + Ich erkenne sie nicht, wir wollen zum Könige gehen. + Mag er sprechen, ich füge mich drein; und wenn ich verliere, + Hab ich noch übels genug, allein ich will es ertragen. + Spottend sagte der Wolf und der Bär: Du magst es versuchen, + Aber die Schlange gewinnt, sie wirds nicht besser begehren. + Denn sie dachten, es würden die sämtlichen Herren des Hofes + Sprechen wie sie, und gingen getrost und führten den Wandrer, + Kamen vor Euch, die Schlange, der Wolf, der Bär und die Raben. + Ja, selbdritt erschien der Wolf, er hatte zwei Kinder, + Eitelbauch hieß der eine, der andre Nimmersatt, beide + Machten dem Mann am meisten zu schaffen; sie waren gekommen, + Auch ihr Teil zu verzehren, denn sie sind immer begierig, + Heulten damals vor Euch mit unerträglicher Grobheit. + Ihr verbotet den Hof den beiden plumpen Gesellen. + Da berief sich der Mann auf Eure Gnaden, erzählte, + Wie ihn die Schlange zu töten gedenke, sie habe der Wohltat + Völlig vergessen, sie breche den Eid! So fleht' er um Rettung. + Aber die Schlange leugnete nicht: Es zwingt mich des Hungers + Allgewaltige Not, sie kennet keine Gesetze. + + Gnädiger Herr, da wart Ihr bekümmert; es schien Euch die Sache + Gar bedenklich zu sein und rechtlich schwer zu entscheiden. + Denn es schien Euch hart, den guten Mann zu verdammen, + Der sich hilfreich bewiesen; allein Ihr dachtet dagegen + Auch des schmählichen Hungers. Und so berieft Ihr die Räte. + Leider war die Meinung der meisten dem Manne zum Nachteil; + Denn sie wünschten die Mahlzeit und dachten der Schlange zu helfen. + Doch Ihr sendetet Boten nach Reineken: alle die andern + Sprachen gar manches und konnten die Sache zu Rechte nicht scheiden. + Reineke kam und hörte den Vortrag, Ihr legtet das Urteil + Ihm in die Hände, und wie er es spräche, so sollt es geschehen. + + Reineke sprach mit gutem Bedacht: Ich finde vor allem + Nötig, den Ort zu besuchen, und seh ich die Schlange gebunden, + Wie der Bauer sie fand, so wird das Urteil sich geben. + Und man band die Schlange von neuem an selbiger Stätte, + In der Maße, wie sie der Bauer im Zaune gefunden. + + Reineke sagte darauf: Hier ist nun jedes von beiden + Wieder im vorigen Stand, und keines hat weder gewonnen, + Noch verloren; jetzt zeigt sich das Recht, so scheint mirs, von selber. + Denn beliebt es dem Manne, so mag er die Schlange noch einmal + Aus der Schlinge befrein; wo nicht, so läßt er sie hängen, + Frei, mit Ehren geht er die Straße nach seinen Geschäften. + Da sie untreu geworden, als sie die Wohltat empfangen, + Hat der Mann nun billig die Wahl. Das scheint mir des Rechtes + Wahrer Sinn; wers besser versteht, der laß es uns hören. + + Damals gefiel Euch das Urteil und Euren Räten zusammen; + Reineke wurde gepriesen, der Bauer dankt' Euch, und jeder + Rühmte Reinekens Klugheit, ihn rühmte die Königin selber. + Vieles wurde gesprochen: im Kriege wären noch eher + Isegrim und Braun zu gebrauchen, man fürchte sie beide + Weit und breit, sie fänden sich gern, wo alles verzehrt wird. + Groß und stark und kühn sei jeder, man könn es nicht leugnen; + Doch im Rate fehle gar oft die nötige Klugheit: + Denn sie pflegen zu sehr auf ihre Stärke zu trotzen, + Kommt man ins Feld und naht sich dem Werke, da hinkt es gewaltig. + Mutiger kann man nichts sehn, als sie zu Hause sich zeigen; + Draußen liegen sie gern im Hinterhalt. Setzt es denn einmal + Tüchtige Schläge, so nimmt man sie mit, so gut als ein andrer. + Bären und Wölfe verderben das Land; es kümmert sie wenig, + Wessen Haus die Flamme verzehrt, sie pflegen sich immer + An den Kohlen zu wärmen, und sie erbarmen sich keines, + Wenn ihr Kropf sich nur füllt. Man schlürft die Eier hinunter, + Läßt den Armen die Schalen und glaubt noch redlich zu teilen. + Reineke Fuchs mit seinem Geschlecht versteht sich dagegen + Wohl auf Weisheit und Rat, und hat er nun etwas versehen, + Gnädiger Herr, so ist er kein Stein. Doch wird Euch ein andrer + Niemals besser beraten. Darum verzeiht ihm, ich bitte! + + Da versetzte der König: Ich will es bedenken. Das Urteil + Ward gesprochen, wie Ihr erzählt, es büßte die Schlange. + Doch von Grund aus bleibt er ein Schalk, wie sollt er sich bessern? + Macht man ein Bündnis mit ihm, so bleibt man am Ende betrogen; + Denn er dreht sich so listig heraus, wer ist ihm gewachsen? + Wolf und Bär und Kater, Kaninchen und Krähe, sie sind ihm + Nicht behende genug, er bringt sie in Schaden und Schande. + Diesem behielt er ein Ohr, dem andern das Auge, das Leben + Raubt' er dem dritten! Fürwahr, ich weiß nicht, wie Ihr dem Bösen + So zugunsten sprecht und seine Sache verteidigt. + Gnädiger Herr, versetzte die äffin: ich kann es nicht bergen, + Sein Geschlecht ist edel und groß, Ihr mögt es bedenken. + + Da erhub sich der König, herauszutreten, es stunden + Alle zusammen und warteten sein. Er sah in dem Kreise + Viele von Reinekens nächsten Verwandten, sie waren gekommen, + Ihren Vetter zu schützen, sie wären schwerlich zu nennen. + Und er sah das große Geschlecht, er sah auf der andern + Seite Reinekens Feinde: es schien der Hof sich zu teilen. + + Da begann der König: So höre mich, Reineke! Kannst du + Solchen Frevel entschuldigen, daß du mit Hilfe Bellynens + Meinen frommen Lampe getötet? und daß Ihr Verwegnen + Mir sein Haupt ins Ränzel gesteckt, als wären es Briefe? + Mich zu höhnen, tatet ihr das! ich habe den einen + Schon bestraft, es büßte Bellyn; erwarte das gleiche. + + Weh mir! sagte Reineke drauf: o wär ich gestorben! + Höret mich an, und wie es sich findet, so mag es geschehen: + Bin ich schuldig, so tötet mich gleich, ich werde doch nimmer + Aus der Not und Sorge mich retten, ich bleibe verloren. + Denn der Verräter Bellyn, er unterschlug mir die größten + Schätze, kein Sterblicher hat dergleichen jemals gesehen. + Ach, sie kosten Lampen das Leben! Ich hatte sie beiden + Anvertraut, nun raubte Bellyn die köstlichen Sachen. + Ließen sie sich doch wieder erforschen! Allein ich befürchte, + Niemand findet sie mehr, sie bleiben auf immer verloren. + + Aber die äffin versetzte darauf: Wer wollte verzweifeln? + Sind sie nur über der Erde, so ist noch Hoffnung zu schöpfen. + Früh und späte wollen wir gehn und Laien und Pfaffen + Emsig fragen; doch zeiget uns an, wie waren die Schätze? + + Reineke sagte: sie waren so köstlich, wir finden sie nimmer; + Wer sie besitzt, verwahrt sie gewiß. Wie wird sich darüber + Nicht Frau Ermelyn quälen! sie wird mirs niemals verzeihen. + Denn sie mißriet mir, den beiden das köstliche Kleinod zu geben. + Nun erfindet man Lügen auf mich und will mich verklagen! + Doch ich verfechte mein Recht, erwarte das Urteil, und werd ich + Losgesprochen, so reis ich umher durch Länder und Reiche, + Suche die Schätze zu schaffen, und sollt ich mein Leben verlieren. + + + + + + Zehnter Gesang + + + O mein König! sagte darauf der listige Redner: + Laßt mich, edelster Fürst, vor meinen Freunden erzählen, + Was Euch alles von mir an köstlichen Dingen bestimmt war. + Habt Ihr sie gleich nicht erhalten, so war mein Wille doch löblich. + Sage nur an, versetzte der König: und kürze die Worte. + + Glück und Ehre sind hin! Ihr werdet alles erfahren, + Sagte Reineke traurig. Das erste köstliche Kleinod + War ein Ring; ich gab ihn Bellynen, er sollt ihn dem König + Überliefern. Es war auf wunderbarliche Weise + Dieser Ring zusammengesetzt und würdig, im Schatze + Meines Fürsten zu glänzen, aus feinem Golde gebildet. + Auf der inneren Seite, die nach dem Finger sich kehret, + Standen Lettern gegraben und eingeschmolzen; es waren + Drei hebräische Worte von ganz besonderer Deutung. + Niemand erklärte so leicht in diesen Landen die Züge, + Meister Abryon nur von Trier, der konnte sie lesen. + Es ist ein Jude, gelehrt, und alle Zungen und Sprachen + Kennt er, die von Poitou bis Lüneburg werden gesprochen; + Und auf Kräuter und Steine versteht sich der Jude besonders. + + Als ich den Ring ihm gezeigt, da sagt' er: Köstliche Dinge + Sind hierinnen verborgen. Die drei gegrabenen Namen + Brachte Seth, der Fromme, vom Paradiese hernieder, + Als er das öl der Barmherzigkeit suchte; und wer ihn am Finger + Trägt, der findet sich frei von allen Gefahren: es werden + Weder Donner, noch Blitz, noch Zauberei ihn verletzen. + Ferner sagte der Meister: er habe gelesen, es könne + Wer den Ring am Finger bewahrt, in grimmiger Kälte + Nicht erfrieren; er lebe gewiß ein ruhiges Alter. + Außen stand ein Edelgestein, ein heller Karfunkel, + Dieser leuchtete nachts und zeigte deutlich die Sachen. + Viele Kräfte hatte der Stein: er heilte die Kranken, + Wer ihn berührte, fühlte sich frei von allen Gebrechen, + Aller Bedrängnis, nur ließ sich der Tod allein nicht bezwingen. + Weiter entdeckte der Meister des Steines herrliche Kräfte: + Glücklich reist der Besitzer durch alle Lande, ihm schadet + Weder Wasser, noch Feuer; gefangen oder verraten + Kann er nicht werden, und jeder Gewalt des Feindes entgeht er. + Und besieht er nüchtern den Stein, so wird er im Kampfe + Hundert überwinden und mehr. Die Tugend des Steines + Nimmt dem Gifte die Wirkung und allen schädlichen Säften. + Ebenso vertilgt sie den Haß, und sollte gleich mancher + Den Besitzer nicht lieben, er fühlt sich in kurzem verändert. + + Wer vermöchte die Kräfte des Steines alle zu zählen, + Den ich im Schatze des Vaters gefunden und den ich dem König + Nun zu senden gedachte? Denn solches köstlichen Ringes + War ich nicht wert, ich wußt es recht wohl; er sollte dem Einen, + Der von allen der Edelste bleibt, so dacht ich, gehören: + Unser Wohl beruht nur auf ihm und unser Vermögen, + Und ich hoffte, sein Leben vor allem übel zu schützen. + + Ferner sollte Widder Bellyn der Königin gleichfalls + Kamm und Spiegel verehren, damit sie meiner gedächte. + Diese hatt ich einmal zur Lust vom Schatze des Vaters + Zu mir genommen, es fand sich auf Erden kein schöneres Kunstwerk. + O wie oft versucht' es mein Weib und wollte sie haben! + Sie verlangte nichts weiter von allen Gütern der Erde, + Und wir stritten darum; sie konnte mich niemals bewegen, + Doch nun sendet ich Spiegel und Kamm mit gutem Bedachte + Meiner gnädigen Frauen, der Königin, welche mir immer + Große Wohltat erwies und mich vor übel beschirmte; + Öfters hat sie für mich ein günstiges Wörtchen gesprochen, + Edel ist sie, von hoher Geburt, es ziert sie die Tugend, + Und ihr altes Geschlecht bewährt sich in Worten und Werken; + Würdig war sie des Spiegels und Kammes! die hat sie nun leider + Nicht mit Augen gesehn, sie bleiben auf immer verloren. + + Nun vom Kamme zu reden. Zu diesem hatte der Künstler + Pantherknochen genommen, die Reste des edlen Geschöpfes; + Zwischen Indien wohnt es und zwischen dem Paradiese, + Allerlei Farben zieren sein Fell, und süße Gerüche + Breiten sich aus, wohin es sich wendet, darum auch die Tiere + Seine Fährte so gern auf allen Wegen verfolgen; + Denn sie werden gesund von diesem Geruche, das fühlen + Und bekennen sie alle. Von solchen Knochen und Beinen + War der zierliche Kamm mit vielem Fleiße gebildet, + Klar wie Silber und weiß, von unaussprechlicher Reinheit, + Und des Kammes Geruch ging über Nelken und Zimmet. + Stirbt das Tier, so fährt der Geruch in alle Gebeine, + Bleibt beständig darin und läßt sie nimmer verwesen, + Alle Seuche treibt er hinweg und alle Vergiftung. + + Ferner sah man die köstlichsten Bilder am Rücken des Kammes + Hocherhaben, durchflochten mit goldenen zierlichen Ranken + Und mit rot- und blauer Lasur. Im mittelsten Felde + War die Geschichte künstlich gebildet, wie Paris von Troja + Eines Tages am Brunnen saß, drei göttliche Frauen + Vor sich sah, man nannte sie Pallas und Juno und Venus. + Lange stritten sie erst, denn jegliche wollte den Apfel + Gerne besitzen, der ihnen bisher zusammen gehörte; + Endlich verglichen sie sich: es solle den goldenen Apfel + Paris der Schönsten bestimmen, sie sollt allein ihn behalten. + + Und der Jüngling beschaute sie wohl mit gutem Bedachte. + Juno sagte zu ihm: Erhalt ich den Apfel, erkennst du + Mich für die Schönste, so wirst du der erste vor allen an Reichtum. + Pallas versetzte: Bedenke dich wohl und gib mir den Apfel, + Und du wirst der mächtigste Mann; es fürchten dich alle, + Wird dein Name genannt, so Feind als Freunde zusammen. + Venus sprach: Was soll die Gewalt? was sollen die Schätze? + Ist dein Vater nicht König Priamus? deine Gebrüder, + Hektor und andre, sind sie nicht reich und mächtig im Lande? + Ist nicht Troja geschützt von seinem Heere? und habt ihr + Nicht umher das Land bezwungen und fernere Völker? + Wirst du die Schönste mich preisen und mir den Apfel erteilen, + Sollst du des herrlichsten Schatzes auf dieser Erde dich freuen. + Dieser Schatz ist ein treffliches Weib, die Schönste von allen, + Tugendsam, edel und weise, wer könnte würdig sie loben? + Gib mir den Apfel, du sollst des griechischen Königs Gemahlin, + Helena mein ich, die schöne, den Schatz der Schätze besitzen. + + Und er gab ihr den Apfel und pries sie von allen die Schönste. + Aber sie half ihm dagegen die schöne Königin rauben, + Menelaus' Gemahlin, sie ward in Troja die Seine. + Diese Geschichte sah man erhaben im mittelsten Felde. + Und es waren Schilder umher mit künstlichen Schriften; + Jeder durfte nur lesen, und so verstand er die Fabel. + + Höret nun weiter vom Spiegel! daran die Stelle des Glases + Ein Beryll vertrat von großer Klarheit und Schönheit; + Alles zeigte sich drin, und wenn es meilenweit vorging, + War es Tag oder Nacht. Und hatte jemand im Antlitz + Einen Fehler, wie er auch war, ein Fleckchen im Auge, + Durft er sich nur im Spiegel besehn, so gingen von Stund an + Alle Mängel hinweg und alle fremden Gebrechen. + Ists ein Wunder, daß mich es verdrießt, den Spiegel zu missen? + Und es war ein köstliches Holz zur Fassung der Tafel, + Sethym heißt es, genommen, von festem, glänzendem Wuchse; + Keine Würmer stechen es an und wird auch, wie billig, + Höher gehalten als Gold, nur Ebenholz kommt ihm am nächsten. + Denn aus diesem verfertigt' einmal ein trefflicher Künstler + Unter König Krompardes ein Pferd von seltnem Vermögen: + Eine Stunde brauchte der Reiter und mehr nicht zu hundert + Meilen. Ich könnte die Sache für jetzt nicht gründlich erzählen, + Denn es fand sich kein ähnliches Roß, solange die Welt steht. + + Anderthalb Fuß war rings die ganze Breite des Rahmens + Um die Tafel herum, geziert mit künstlichem Schnitzwerk, + Und mit goldenen Lettern stand unter jeglichem Bilde, + Wie sichs gehört, die Bedeutung geschrieben. Ich will die Geschichten + Kürzlich erzählen. Die erste war von dem neidischen Pferde: + Um die Wette gedacht es mit einem Hirsche zu laufen, + Aber hinter ihm blieb es zurück, das schmerzte gewaltig; + Und es eilte darauf, mit einem Hirten zu reden, + Sprach: Du findest dein Glück, wenn du mir eilig gehorchest. + Setze dich auf, ich bringe dich hin, es hat sich vor kurzem + Dort ein Hirsch im Walde verborgen, den sollst du gewinnen; + Fleisch und Haut und Geweih, du magst sie teuer verkaufen, + Setze dich auf, wir wollen ihm nach!--Das will ich wohl wagen! + Sagte der Hirt und setzte sich auf, sie eilten von dannen. + Und sie erblickten den Hirsch in kurzem, folgten behende + Seiner Spur und jagten ihm nach. Er hatte den Vorsprung, + Und es ward dem Pferde zu sauer, da sagt' es zum Manne: + Sitze was ab, ich bin müde geworden, der Ruhe bedarf ich. + Nein! wahrhaftig, versetzte der Mann: du sollst mir gehorchen, + Meine Sporen sollst du empfinden, du hast mich ja selber + Zu dem Ritte gebracht; und so bezwang es der Reiter. + Seht, so lohnet sich der mit vielem Bösen, der, andern + Schaden zu bringen, sich selbst mit Pein und übel beladet. + + Ferner zeig ich Euch an, was auf dem Spiegel gebildet + Stand: Wie ein Esel und Hund bei einem Reichen in Diensten + Beide gewesen! so war denn der Hund nun freilich der Liebling, + Denn er saß beim Tische des Herrn und aß mit demselben + Fisch und Fleisch und ruhte wohl auch im Schoße des Gönners, + Der ihm das beste Brot zu reichen pflegte; dagegen + Wedelte mit dem Schwanze der Hund und leckte den Herren. + + Boldewyn sah des Glück des Hundes, und traurig im Herzen + Ward der Esel und sagte bei sich: Wo denkt doch der Herr hin, + Daß er dem faulen Geschöpfe so äußerst freundlich begegnet? + Springt das Tier nicht auf ihm herum und leckt ihn am Barte! + Und ich muß die Arbeit verrichten und schleppe die Säcke. + Er probier es einmal und tu mit fünf, ja mit zehen + Hunden im Jahre so viel, als ich des Monats verrichte! + Und doch wird ihm das Beste gereicht, mich speist man mit Stroh ab, + Läßt auf der harten Erde mich liegen, und wo man mich hintreibt + Oder reitet, spottet man meiner. Ich kann und ich will es + Länger nicht dulden, will auch des Herren Gunst mir erwerben. + + Als er so sprach, kam eben sein Herr die Straße gegangen; + Da erhub der Esel den Schwanz und bäumte sich springend + Über den Herren und schrie und sang und plärrte gewaltig, + Leckt' ihm den Bart und wollte nach Art und Weise des Hundes + An die Wange sich schmiegen und stieß ihm einige Beulen. + Ängstlich entsprang ihm der Herr und rief. O! fangt mir den Esel, + Schlagt ihn tot! Es kamen die Knechte, da regnet' es Prügel, + Nach dem Stalle trieb man ihn fort: da blieb er ein Esel. + + Mancher findet sich noch von seinem Geschlechte, der andern + Ihre Wohlfahrt mißgönnt und sich nicht besser befindet. + Kommt dann aber einmal so einer in reichlichen Zustand, + Schickt sichs grad, als äße das Schwein mit Löffeln die Suppe, + Nicht viel besser fürwahr. Der Esel trage die Säcke, + Habe Stroh zum Lager und finde Disteln zur Nahrung. + Will man ihn anders behandeln, so bleibt es doch immer beim alten. + Wo ein Esel zur Herrschaft gelangt, kanns wenig gedeihen, + Ihren Vorteil suchen sie wohl, was kümmert sie weiter? + + Ferner sollt Ihr erfahren, mein König, und laßt Euch die Rede + Nicht verdrießen, es stand noch auf dem Rahmen des Spiegels + Schön gebildet und deutlich beschrieben, wie ehmals mein Vater + Sich mit Hinzen verbündet, auf Abenteuer zu ziehen, + Und wie beide heilig geschworen, in allen Gefahren + Tapfer zusammenzuhalten und jede Beute zu teilen. + Als sie nun vorwärtszogen, bemerkten sie Jäger und Hunde + Nicht gar ferne vom Wege; da sagte Hinze, der Kater: + Guter Rat scheint teuer zu werden! Mein Alter versetzte: + Wunderlich sieht es wohl aus, doch hab ich mit herrlichem Rate + Meinen Sack noch gefüllt, und wir gedenken des Eides, + Halten wacker zusammen, das bleibt vor allem das erste. + Hinze sagte dagegen: Es gehe, wie es auch wolle, + Bleibt mir doch ein Mittel bekannt, das denk ich zu brauchen. + Und so sprang er behend auf einen Baum, sich zu retten + Vor der Hunde Gewalt, und so verließ er den Oheim. + Ängstlich stand mein Vater nun da; es kamen die Jäger. + Hinze sprach: Nun, Oheim? Wie stehts? so öffnet den Sack doch! + Ist er voll Rates, so braucht ihn doch jetzt, die Zeit ist gekommen. + Und die Jäger bliesen das Horn und riefen einander. + Lief mein Vater, so liefen die Hunde, sie folgten mit Bellen, + Und er schwitzte vor Angst, und häufige Losung entfiel ihm; + Leichter fand er sich da, und so entging er den Feinden. + + Schändlich, Ihr habt es gehört, verriet ihn der nächste Verwandte, + Dem er sich doch am meisten vertraut. Es ging ihm ans Leben, + Denn die Hunde waren zu schnell, und hätt er nicht eilig + Einer Höhle sich wieder erinnert, so war es geschehen; + Aber da schlupft' er hinein, und ihn verloren die Feinde. + Solcher Bursche gibt es noch viel, wie Hinze sich damals + Gegen den Vater bewies: wie sollt ich ihn lieben und ehren? + Halb zwar hab ichs vergeben, doch bleibt noch etwas zurücke. + All dies war auf dem Spiegel geschnitten mit Bildern und Worten. + + Ferner sah man daselbst ein eignes Stückchen vom Wolfe, + Wie er zu danken bereit ist für Gutes, das er empfangen. + Auf dem Anger fand er ein Pferd, woran nur die Knochen + Übrig waren; doch hungert' ihn sehr, er nagte sie gierig, + Und es kam ihm ein spitziges Bein die Quer in den Kragen; + Ängstlich stellt' er sich an, es war ihm übel geraten. + Boten auf Boten sendet' er fort, die ärzte zu rufen; + Niemand vermochte zu helfen, wiewohl er große Belohnung + Allen geboten. Da meldete sich am Ende der Kranich, + Mit dem roten Barett auf dem Haupt. Ihm flehte der Kranke: + Doktor, helft mir geschwind von diesen Nöten! ich geb Euch, + Bringt Ihr den Knochen heraus, soviel Ihr immer begehret. + + Also glaubte der Kranich den Worten und steckte den Schnabel + Mit dem Haupt in den Rachen des Wolfes und holte den Knochen. + Weh mir! heulte der Wolf: du tust mir Schaden! es schmerzet! + Laß es nicht wieder geschehn! Für heute sei es vergeben. + Wär es ein andrer, ich hätte das nicht geduldig gelitten. + Gebt Euch zufrieden, versetzte der Kranich: Ihr seid nun genesen; + Gebt mir den Lohn, ich hab ihn verdient, ich hab Euch geholfen. + Höret den Gecken! sagte der Wolf. ich habe das übel, + Er verlangt die Belohnung und hat die Gnade vergessen, + Die ich ihm eben erwies. Hab ich ihm Schnabel und Schädel, + Den ich im Munde gefühlt, nicht unbeschädigt entlassen? + Hat mir der Schäker nicht Schmerzen gemacht? Ich könnte wahrhaftig, + Ist von Belohnung die Rede, sie selbst am ersten verlangen. + Also pflegen die Schälke mit ihren Knechten zu handeln. + + Diese Geschichten und mehr verzierten, künstlich geschnitten, + Rings die Fassung des Spiegels und mancher gegrabene Zierat, + Manche goldene Schrift. Ich hielt des köstlichen Kleinods + Mich nicht wert, ich bin zu gering, und sandt es deswegen + Meiner Frauen, der Königin, zu. Ich dachte durch solches + Ihr und ihrem Gemahl mich ehrerbietig zu zeigen. + Meine Kinder betrübten sich sehr, die artigen Knaben, + Als ich den Spiegel dahingab. Sie sprangen gewöhnlich und spielten + Vor dem Glase, beschauten sich gern, sie sahen die Schwänzchen + Hängen vom Rücken herab und lachten den eigenen Mäulchen. + Leider vermutet ich nicht den Tod des ehrlichen Lampe, + Da ich ihm und Bellyn auf Treu und Glauben die Schätze + Heilig empfahl; ich hielt sie beide für redliche Leute, + Keine besseren Freunde gedacht ich jemals zu haben. + Wehe sei über den Mörder gerufen! Ich will es erfahren, + Wer die Schätze verborgen, es bleibt kein Mörder verhohlen. + Wüßte doch ein und andrer vielleicht im Kreis hier zu sagen, + Wo die Schätze geblieben und wie man Lampen getötet! + + Seht, mein gnädiger König, es kommen täglich so viele + Wichtige Sachen vor Euch, Ihr könnt nicht alles behalten; + Doch vielleicht gedenket Ihr noch des herrlichen Dienstes, + Den mein Vater dem Euren an dieser Stätte bewiesen. + Krank lag Euer Vater, sein Leben rettete meiner, + Und doch sagt Ihr, ich habe noch nie, es habe mein Vater + Euch nichts Gutes erzeigt. Beliebt, mich weiter zu hören. + Sei es mit Eurer Erlaubnis gesagt: es fand sich am Hofe + Eures Vaters der meine bei großen Würden und Ehren + Als erfahrener Arzt. Er wußte das Wasser des Kranken + Klug zu besehn; er half der Natur; was immer den Augen, + Was den edelsten Gliedern gebrach, gelang ihm zu heilen; + Kannte wohl die emetischen Kräfte, verstand auch daneben + Auf die Zähne sich gut und holte die schmerzenden spielend. + Gerne glaub ich, Ihr habt es vergessen; es wäre kein Wunder, + Denn drei Jahre hattet Ihr nur. Es legte sich damals + Euer Vater im Winter mit großen Schmerzen zu Bette, + Ja, man mußt ihn heben und tragen. Da ließ er die ärzte + Zwischen hier und Rom zusammenberufen, und alle + Gaben ihn auf; er schickte zuletzt, man holte den Alten; + Dieser hörte die Not und sah die gefährliche Krankheit. + + Meinen Vater jammert' es sehr, er sagte: Mein König, + Gnädiger Herr, ich setzte, wie gern! mein eigenes Leben, + Könnt ich Euch retten, daran! Doch laßt im Glase mich Euer + Wasser besehn. Der König befolgte die Worte des Vaters, + Aber klagte dabei, es werde je länger, je schlimmer. + Auf dem Spiegel war es gebildet, wie glücklich zur Stunde + Euer Vater genesen. Denn meiner sagte bedächtig: + Wenn Ihr Gesundheit verlangt, entschließt Euch ohne Versäumnis, + Eines Wolfes Leber zu speisen, doch sollte derselbe + Sieben Jahre zum wenigsten haben; die müßt Ihr verzehren. + Sparen dürft Ihr mir nicht, denn Euer Leben betrifft es. + Euer Wasser zeuget nur Blut, entschließt Euch geschwinde! + + In dem Kreise befand sich der Wolf und hört' es nicht gerne. + Euer Vater sagte darauf. Ihr habt es vernommen, + Höret, Herr Wolf, Ihr werdet mir nicht zu meiner Genesung + Eure Leber verweigern. Der Wolf versetzte dagegen: + Nicht fünf Jahre bin ich geboren! was kann sie Euch nutzen? + Eitles Geschwätz! versetzte mein Vater: es soll uns nicht hindern, + An der Leber seh ich das gleich. Es mußte zur Stelle + Nach der Küche der Wolf, und brauchbar fand sich die Leber. + Euer Vater verzehrte sie stracks. Zur selbigen Stunde + War er von aller Krankheit befreit und allen Gebrechen. + Meinem Vater dankt' er genug, es mußt ihn ein jeder + Doktor heißen am Hofe, man durft es niemals vergessen. + + Also ging mein Vater beständig dem König zur Rechten. + Euer Vater verehrt' ihm hernach, ich weiß es am besten, + Eine goldene Spange mit einem roten Barette, + Sie vor allen Herren zu tragen; so haben ihn alle + Hoch in Ehren gehalten. Es hat sich aber mit seinem + Sohne leider geändert, und an die Tugend des Vaters + Wird nicht weiter gedacht. Die allergierigsten Schälke + Werden erhoben, und Nutz und Gewinn bedenkt man alleine, + Recht und Weisheit stehen zurück. Es werden die Diener + Große Herren, das muß der Arme gewöhnlich entgelten. + Hat ein solcher Macht und Gewalt, so schlägt er nur blindlings + Unter die Leute, gedenket nicht mehr, woher er gekommen; + Seinen Vorteil gedenkt er aus allem Spiele zu nehmen. + Um die Großen finden sich viele von diesem Gelichter. + Keine Bitte hören sie je, wozu nicht die Gabe + Gleich sich reichlich gesellt, und wenn sie die Leute bescheiden, + Heißt es: Bringt nur! und bringt! zum ersten, zweiten und dritten. + + Solche gierige Wölfe behalten köstliche Bissen + Gerne für sich, und wär es zu tun, mit kleinem Verluste + Ihres Herren Leben zu retten, sie trügen Bedenken. + Wollte der Wolf doch die Leber nicht lassen, dem König zu dienen! + Und was Leber! Ich sag es heraus! Es möchten auch zwanzig + Wölfe das Leben verlieren, behielte der König und seine + Teure Gemahlin das ihre, so wär es weniger schade. + Denn ein schlechter Same, was kann er Gutes erzeugen? + Was in Eurer Jugend geschah, Ihr habt es vergessen; + Aber ich weiß es genau, als wär es gestern geschehen. + Auf dem Spiegel stand die Geschichte, so wollt es mein Vater; + Edelsteine zierten das Werk und goldene Ranken. + Könnt ich den Spiegel erfragen, ich wagte Vermögen und Leben. + + Reineke, sagte der König: die Rede hab ich verstanden, + Habe die Worte gehört, und was du alles erzähltest. + War dein Vater so groß hier am Hofe und hat er so viele + Nützliche Taten getan, das mag wohl lange schon her sein. + Ich erinnre michs nicht, auch hat mirs niemand berichtet. + Eure Händel dagegen, die kommen mir öfters zu Ohren, + Immer seid Ihr im Spiele, so hör ich wenigstens sagen; + Tun sie Euch unrecht damit, und sind es alte Geschichten, + Möcht ich einmal was Gutes vernehmen; es findet sich selten. + + Herr, versetzte Reineke drauf: ich darf mich hierüber + Wohl erklären vor Euch, denn mich betrifft ja die Sache. + Gutes hab ich Euch selber getan! es sei Euch nicht etwa + Vorgeworfen; behüte mich Gott! ich erkenne mich schuldig, + Euch zu leisten, soviel ich vermag. Ihr habt die Geschichte + Ganz gewiß nicht vergessen. Ich war mit Isegrim glücklich + Einst ein Schwein zu erjagen, es schrie, wir bissen es nieder; + Und Ihr kamt und klagtet so sehr und sagtet: es käme + Eure Frau noch hinter Euch drein, und teilte nur jemand + Wenige Speise mit Euch, so wär euch beiden geholfen. + Gebet von Eurem Gewinne was ab! so sagtet Ihr damals. + Isegrim sagte wohl: Ja! doch murmelt' er unter dem Barte, + Daß man kaum es verstand. Ich aber sagte dagegen: + Herr! es ist Euch gegönnt, und wärens der Schweine die Menge. + Sagt, wer soll es verteilen? Der Wolf! versetztet Ihr wieder. + Isegrim freute sich sehr; er teilte, wie er gewohnt war, + Ohne Scham und Scheu und gab Euch eben ein Viertel, + Eurer Frauen das andre, und er fiel über die Hälfte, + Schlang begierig hinein und reichte mir außer den Ohren + Nur die Nase noch hin und eine Hälfte der Lunge; + Alles andre behielt er für sich, Ihr habt es gesehen. + Wenig Edelmut zeigt' er uns da. Ihr wißt es, mein König! + Euer Teil verzehrtet Ihr bald, doch merkt ich, Ihr hattet + Nicht den Hunger gestillt, nur Isegrim wollt es nicht sehen, + Aß und kaute so fort und bot Euch nicht das geringste. + Aber da traft Ihr ihn auch mit Euren Tatzen gewaltig + Hinter die Ohren, verschobt ihm das Fell, mit blutiger Glatze + Lief er davon, mit Beulen am Kopf, und heulte vor Schmerzen. + Und Ihr rieft ihm noch zu: Komm wieder, lerne dich schämen! + Teilst du wieder, so triff mirs besser, sonst will ich dirs zeigen. + Jetzt mach eilig dich fort und bring uns ferner zu essen! + Herr! gebietet Ihr das? versetzt ich: so will ich ihm folgen, + Und ich weiß, ich hole schon was. Ihr wart es zufrieden. + Ungeschickt hielt sich Isegrim damals, er blutete, seufzte, + Klagte mir vor; doch trieb ich ihn an, wir jagten zusammen, + Fingen ein Kalb! Ihr liebt Euch die Speise. Und als wir es brachten, + Fand sichs fett; Ihr lachtet dazu und sagtet zu meinem + Lobe manch freundliches Wort; ich wäre, meintet Ihr, trefflich + Auszusenden zur Stunde der Not, und sagtet daneben: + Teile das Kalb! Da sprach ich: Die Hälfte gehöret schon Euer! + Und die Hälfte gehört der Königin: was sich im Leibe + Findet, als Herz und Leber und Lunge, gehöret, wie billig, + Euern Kindern; ich nehme die Füße, die lieb ich zu nagen, + Und das Haupt behalte der Wolf, die köstliche Speise. + + Als Ihr die Rede vernommen, versetztet Ihr: Sage! wer hat dich + So nach Hofart teilen gelehrt? ich möcht es erfahren. + Da versetzt ich: Mein Lehrer ist nah, denn dieser mit rotem + Kopfe, mit blutiger Glatze, hat mir das Verständnis geöffnet. + Ich bemerkte genau, wie er heut frühe das Ferkel + Teilte, da lernt ich den Sinn von solcher Teilung begreifen; + Kalb oder Schwein, ich find es nun leicht und werde nicht fehlen. + + Schaden und Schande befiel den Wolf und seine Begierde. + Seinesgleichen gibt es genug! Sie schlingen der Güter + Reichliche Früchte zusamt den Untersassen hinunter. + Alles Wohl zerstören sie leicht, und keine Verschonung, + Ist zu erwarten, und wehe dem Lande, das selbige nähret! + + Seht! Herr König, so hab ich Euch oft in Ehren gehalten. + Alles, was ich besitze und was ich nur immer gewinne, + Alles widm ich Euch gern und Eurer Königin; sei es + Wenig oder auch viel, Ihr nehmt das meiste von allem. + Wenn Ihr des Kalbes und Schweines gedenkt, so merkt ihr die Wahrheit, + Wo die rechte Treue sich findet. Und dürfte wohl etwa + Isegrim sich mit Reineken messen? Doch leider im Ansehn + Steht der Wolf als oberster Vogt, und alle bedrängt er. + Euren Vorteil besorgt er nicht sehr; zum halben und ganzen + Weiß er den seinen zu fördern. So führt er freilich mit Braunen + Nun das Wort, und Reinekens Rede wird wenig geachtet. + Herr! es ist wahr, man hat mich verklagt, ich werde nicht weichen, + Denn ich muß nun hindurch, und also sei es gesprochen: + Ist hier einer, der glaubt zu beweisen, so komm er mit Zeugen, + Halte sich fest an die Sache und setze gerichtlich zum Pfande + Sein Vermögen, sein Ohr, sein Leben, wenn er verlöre, + Und ich setze das gleiche dagegen: so hat es zu Rechte + Stets gegolten, so halte mans noch, und alle die Sache, + Wie man sie für und wider gesprochen, sie werde getreulich + Solcherweise geführt und gerichtet; ich darf es verlangen! + + Wie es auch sei, versetzte der König: am Wege des Rechtes + Will und kann ich nicht schmälern, ich hab es auch niemals gelitten, + Groß ist zwar der Verdacht, du habest an Lampens Ermordung + Teilgenommen, des redlichen Boten! ich liebt ihn besonders + Und verlor ihn nicht gern, betrübte mich über die Maßen, + Als man sein blutiges Haupt aus deinem Ränzel herauszog; + Auf der Stelle büßt' es Bellyn, der böse Begleiter, + Und du magst die Sache nun weiter gerichtlich verfechten. + Was mich selber betrifft, vergeb ich Reineken alles, + Denn er hielt sich zu mir in manchen bedenklichen Fällen. + Hätte weiter jemand zu klagen, wir wollen ihn hören: + Stell er unbescholtene Zeugen und bringe die Klage + Gegen Reineken ordentlich vor, hier steht er zu Rechte! + + Reineke sagte: Gnädiger Herr! ich danke zum besten. + Jeden hört Ihr, und jeder genießt die Wohltat des Rechtes. + Laßt mich heilig beteuern, mit welchem traurigen Herzen + Ich Bellyn und Lampen entließ: mir ahndete, glaub ich, + Was den beiden sollte geschehn, ich liebte sie zärtlich. + + So staffierte Reineke klug Erzählung und Worte. + Jedermann glaubt' ihm; er hatte die Schätze so zierlich beschrieben, + Sich so ernstlich betragen, er schien die Wahrheit zu reden; + Ja, man sucht' ihn zu trösten. Und so betrog er den König, + Dem die Schätze gefielen; er hätte sie gerne besessen, + Sagte zu Reineken: Gebt Euch zufrieden, Ihr reiset und suchet + Weit und breit, das Verlorne zu finden, das mögliche tut Ihr; + Wenn Ihr meiner Hilfe bedürft, sie steht Euch zu Diensten. + + Dankbar, sagte Reineke drauf, erkenn ich die Gnade; + Diese Worte richten mich auf und lassen mich hoffen. + Raub und Mord zu bestrafen, ist Eure höchste Behörde. + Dunkel bleibt mir die Sache, doch wird sichs finden; ich sehe + Mit dem größten Fleiße darnach und werde des Tages + Emsig reisen und nachts und alle Leute befragen. + Hab ich erfahren, wo sie sich finden, und kann sie nicht selber + Wiedergewinnen, wär ich zu schwach, so bitt ich um Hilfe, + Die gewährt Ihr alsdann, und sicher wird es geraten. + Bring ich glücklich die Schätze vor Euch, so find ich am Ende + Meine Mühe belohnt und meine Treue bewähret. + + Gerne hört' es der König und fiel in allem und jedem + Reineken bei, der hatte die Lüge so künstlich geflochten. + Alle die andern glaubten es auch; er durfte nun wieder + Reisen und gehen, wohin ihm gefiel, und ohne zu fragen. + + Aber Isegrim konnte sich länger nicht halten, und knirschend + Sprach er: Gnädiger Herr! So glaubt Ihr wieder dem Diebe, + Der Euch zwei- und dreifach belog? Wen sollt es nicht wundern! + Seht Ihr nicht, daß der Schalk Euch betrügt und uns alle beschädigt? + Wahrheit redet er nie, und eitel Lügen ersinnt er. + Aber ich laß ihn so leicht nicht davon! Ihr sollt es erfahren, + Daß er ein Schelm ist und falsch. Ich weiß drei große Verbrechen, + Die er begangen; er soll nicht entgehn, und sollten wir kämpfen. + Zwar man fordert Zeugen von uns, was wollte das helfen? + Stünden sie hier und sprächen und zeugten den ganzen Gerichtstag, + Könnte das fruchten? er täte nur immer nach seinem Belieben, + Oft sind keine Zeugen zu stellen, da sollte der Frevler + Nach wie vor die Tücke verüben? Wer traut sich, zu reden? + Jedem hängt er was an, und jeder fürchtet den Schaden. + Ihr und die Euren empfinden es auch und alle zusammen. + Heute will ich ihn halten, er soll nicht wanken noch weichen, + Und er soll zu Rechte mir stehn; nun mag er sich wahren! + + + + + + Elfter Gesang + + + Isegrim klagte, der Wolf, und sprach: Ihr werdet verstehen! + Reineke, gnädiger König, so wie er immer ein Schalk war, + Bleibt er es auch und steht und redet schändliche Dinge, + Mein Geschlecht zu beschimpfen und mich. So hat er mir immer, + Meinem Weibe noch mehr, empfindliche Schande bereitet. + So bewog er sie einst, in einem Teiche zu waten + Durch den Morast und hatte versprochen, sie solle des Tages + Viele Fische gewinnen; sie habe den Schwanz nur ins Wasser + Einzutauchen und hängen zu lassen: es würden die Fische + Fest sich beißen, sie könne selbviert nicht alle verzehren. + Watend kam sie darauf und schwimmend gegen das Ende, + Gegen den Zapfen; da hatte das Wasser sich tiefer gesammelt, + Und er hieß sie den Schwanz ins Wasser hängen. Die Kälte + Gegen Abend war groß, und grimmig begann es zu frieren, + Daß sie fast nicht länger sich hielt; so war auch in kurzem + Ihr der Schwanz ins Eis gefroren, sie konnt ihn nicht regen, + Glaubte, die Fische wären so schwer, es wäre gelungen. + Reineke merkt' es, der schändliche Dieb, und was er getrieben, + Darf ich nicht sagen, er kam und übermannte sie leider. + Von der Stelle soll er mir nicht! es kostet der Frevel + Einen von beiden, wie Ihr uns seht, noch heute das Leben. + Denn er schwätzt sich nicht durch; ich hab ihn selber betroffen + Über der Tat, mich führte der Zufall am Hügel den Weg her. + Laut um Hilfe hört ich sie schreien, die arme Betrogne, + Fest im Eise stand sie gefangen und konnt ihm nicht wehren, + Und ich kam und mußte mit eignen Augen das alles + Sehen! Ein Wunder fürwahr, daß mir das Herz nicht gebrochen. + Reineke! rief ich: was tust du? Er hörte mich kommen und eilte + Seine Straße. Da ging ich hinzu mit traurigem Herzen, + Mußte waten und frieren im kalten Wasser und konnte + Nur mit Mühe das Eis zerbrechen, mein Weib zu erlösen. + Ach, es ging nicht glücklich vonstatten! sie zerrte gewaltig, + Und es blieb ihr ein Viertel des Schwanzes im Eise gefangen. + Jammernd klagte sie laut und viel, das hörten die Bauern, + Kamen hervor und spürten uns aus und riefen einander. + Hitzig liefen sie über den Damm mit Piken und äxten, + Mit dem Rocken kamen die Weiber und lärmten gewaltig: + Fangt sie! schlagt nur und werft! so riefen sie gegeneinander. + Angst wie damals empfand ich noch nie, das gleiche bekennet + Gieremund auch, wir retteten kaum mit Mühe das Leben, + Liefen, es rauchte das Fell. Da kam ein Bube gelaufen, + Ein vertrackter Geselle, mit einer Pike bewaffnet; + Leicht zu Fuße, stach er nach uns und drängt' uns gewaltig. + Wäre die Nacht nicht gekommen, wir hätten das Leben gelassen. + Und die Weiber riefen noch immer, die Hexen, wir hätten + Ihre Schafe gefressen. Sie hätten uns gerne getroffen, + Schimpften und schmähten hinter uns drein. Wir wandten uns aber + Von dem Lande wieder zum Wasser und schlupften behende + Zwischen die Binsen; da trauten die Bauern nicht weiter zu folgen, + Denn es war dunkel geworden, sie machten sich wieder nach Hause. + Knapp entkamen wir so. Ihr sehet, gnädiger König, + Überwältigung, Mord und Verrat, von solchen Verbrechen + Ist die Rede; die werdet Ihr streng, mein König, bestrafen. + + Als der König die Klage vernommen, versetzt' er: Es werde + Rechtlich hierüber erkannt, doch laßt uns Reineken hören. + Reineke sprach: Verhielt' es sich also, würde die Sache + Wenig Ehre mir bringen, und Gott bewahre mich gnädig, + Daß man es fände, wie er erzählt! Doch will ich nicht leugnen, + Daß ich sie Fische fangen gelehrt und auch ihr die beste + Straße, zu Wasser zu kommen, und sie zu dem Teiche gewiesen. + Aber sie lief so gierig darnach, sobald sie nur Fische + Nennen gehört, und Weg und Maß und Lehre vergaß sie. + Blieb sie fest im Eise befroren, so hatte sie freilich + Viel zu lange gesessen; denn hätte sie zeitig gezogen, + Hätte sie Fische genug zum köstlichen Mahle gefangen. + Allzu große Begierde wird immer schädlich. Gewöhnt sich + Ungenügsam das Herz, so muß es vieles vermissen; + Wer den Geist der Gierigkeit hat, er lebt nur in Sorgen, + Niemand sättiget ihn. Frau Gieremund hat es erfahren, + Da sie im Eise befror. Sie dankt nun meiner Bemühung + Schlecht. Das hab ich davon, daß ich ihr redlich geholfen! + Denn ich schob und wollte mit allen Kräften sie heben, + Doch sie war mir zu schwer, und über dieser Bemühung + Traf mich Isegrim an, der längs dem Ufer daherging, + Stand da droben und rief und fluchte grimmig herunter. + Ja fürwahr, ich erschrak, den schönen Segen zu hören. + Eins und zwei- und dreimal warf er die gräßlichsten Flüche + Über mich her und schrie, von wildem Zorne getrieben, + Und ich dachte: du machst dich davon und wartest nicht länger; + Besser laufen, als faulen. Ich hatt es eben getroffen, + Denn er hätte mich damals zerrissen. Und wenn es begegnet, + Daß zwei Hunde sich beißen um Einen Knochen, da muß wohl + Einer verlieren. So schien mir auch da das Beste geraten, + Seinem Zorn zu entweichen und seinem verworrnen Gemüte. + Grimmig war er und bleibt es, wie kann ers leugnen? Befraget + Seine Frau; was hab ich mit ihm, dem Lügner, zu schaffen? + Denn sobald er sein Weib im Eise befroren bemerkte, + Flucht' und schalt er gewaltig und kam und half ihr entkommen. + Machten die Bauern sich hinter sie her, so war es zum besten; + Denn so kam ihr Blut in Bewegung, sie froren nicht länger. + Was ist weiter zu sagen? Es ist ein schlechtes Benehmen, + Wer sein eigenes Weib mit solchen Lügen beschimpfet. + Fragt sie selber, da steht sie, und hätt er die Wahrheit gesprochen, + Würde sie selber zu klagen nicht fehlen. Indessen erbitt ich + Eine Woche mir Frist, mit meinen Freunden zu sprechen, + Was für Antwort dem Wolf und seiner Klage gebühret. + + Gieremund sagte darauf: In Eurem Treiben und Wesen + Ist nur Schalkheit, wir wissen es wohl, und Lügen und Trügen, + Büberei, Täuschung und Trotz. Wer Euren verfänglichen Reden + Glaubt, wird sicher am Ende beschädigt. Immer gebraucht Ihr + Lose verworrene Worte. So hab ichs am Borne gefunden. + Denn zwei Eimer hingen daran, Ihr hattet in einen, + Weiß ich, warum? Euch gesetzt und wart herniedergefahren; + Nun vermochtet Ihr nicht, Euch selber wieder zu heben, + Und Ihr klagtet gewaltig. Des Morgens kam ich zum Brunnen, + Fragte: Wer bracht Euch herein? Ihr sagtet: Kommt Ihr doch eben, + Liebe Gevatterin, recht! ich gönn Euch jeglichen Vorteil; + Steigt in den Eimer da droben, so fahrt Ihr hernieder und esset + Hier an Fischen Euch satt. Ich war zum Unglück gekommen, + Denn ich glaubt es, Ihr schwurt noch dazu: Ihr hättet so viele + Fische verzehrt, es schmerz Euch der Leib. Ich ließ mich betören, + Dumm, wie ich war, und stieg in den Eimer; da ging er hernieder + Und der andere wieder herauf, Ihr kamt mir entgegen. + Wunderlich schien mirs zu sein, ich fragte voller Erstaunen: + Sagt, wie gehet das zu? Ihr aber sagtet dawider: + Auf und ab, so gehts in der Welt, so geht es uns beiden. + Ist es doch also der Lauf. Erniedrigt werden die einen, + Und die andern erhöht, nach eines jeglichen Tugend. + Aus dem Eimer sprangt Ihr und lieft und eiltet von dannen. + Aber ich saß im Brunnen bekümmert und mußte den Tag lang + Harren und Schläge genug am selbigen Abend erdulden, + Eh ich entkam. Es traten zum Brunnen einige Bauern, + Sie bemerkten mich da. Von grimmigem Hunger gepeinigt, + Saß ich in Trauer und Angst, erbärmlich war mir zumute. + Untereinander sprachen die Bauern: Da sieh nur, im Eimer + Sitzt da unten der Feind, der unsre Schafe vermindert. + Hol ihn herauf, versetzte der eine: ich halte mich fertig + Und empfang ihn am Rand, er soll uns die Lämmer bezahlen! + Wie er mich aber empfing, das war ein Jammer! Es fielen + Schläg auf Schläge mir über den Pelz, ich hatte mein Leben + Keinen traurigern Tag, und kaum entrann ich dem Tode. + + Reineke sagte darauf. Bedenkt genauer die Folgen, + Und Ihr findet gewiß, wie heilsam die Schläge gewesen. + Ich für meine Person mag lieber dergleichen entbehren, + Und wie die Sache stand, so mußte wohl eines von beiden + Sich mit den Schlägen beladen, wir konnten zugleich nicht entgehen. + Wenn Ihrs Euch merkt, so nutzt es Euch wohl, und künftig vertraut Ihr + Keinem so leicht in ähnlichen Fällen. Die Welt ist voll Schalkheit. + + Ja, versetzte der Wolf: was braucht es weiter Beweise! + Niemand verletzte mich mehr, als dieser böse Verräter. + Eines erzählt ich noch nicht, wie er in Sachsen mich einmal + Unter das Affengeschlecht zu Schand und Schaden geführet. + Er beredete mich, in eine Höhle zu kriechen, + Und er wußte voraus, es würde mir übels begegnen. + Wär ich nicht eilig entflohn, ich wär um Augen und Ohren + Dort gekommen. Er sagte vorher mit gleisenden Worten: + Seine Frau Muhme find ich daselbst, er meinte die äffin; + Doch es verdroß ihn, daß ich entkam. Er schickte mich tückisch + In das abscheuliche Nest, ich dacht, es wäre die Hölle. + + Reineke sagte darauf vor allen Herren des Hofes: + Isegrim redet verwirrt, er scheint nicht völlig bei Sinnen. + Von der äffin will er erzählen, so sag er es deutlich. + Drittehalb Jahr sinds her, als nach dem Lande zu Sachsen + Er mit großem Prassen gezogen, wohin ich ihm folgte. + Das ist wahr, das übrige lügt er. Es waren nicht Affen, + Meerkatzen warens, von welchen er redet; und nimmermehr werd ich + Diese für meine Muhmen erkennen. Martin, der Affe, + Und Frau Rückenau sind mir verwandt; sie ehr ich als Muhme, + Ihn als Vetter, und rühme mich des. Notarius ist er + Und versteht sich aufs Recht. Doch was von jenen Geschöpfen + Isegrim sagt, geschieht mir zum Hohn, ich habe mit ihnen + Nichts zu tun, und nie sinds meine Verwandten gewesen; + Denn sie gleichen dem höllischen Teufel. Und daß ich die Alte + Damals Muhme geheißen, das tat ich mit gutem Bedachte. + Nichts verlor ich dabei, das will ich gerne gestehen: + Gut gastierte sie mich, sonst hätte sie mögen ersticken. + + Seht, Ihr Herren! wir hatten den Weg zur Seite gelassen, + Gingen hinter dem Berg, und eine düstere Höhle, + Tief und lang, bemerkten wir da. Es fühlte sich aber + Isegrim krank, wie gewöhnlich, vor Hunger. Wann hätt ihn auch jemals + Einer so satt gesehen, daß er zufrieden gewesen? + Und ich sagte zu ihm: In dieser Höhle befindet + Speise fürwahr sich genug, ich zweifle nicht, ihre Bewohner + Teilen gerne mit uns, was sie haben, wir kommen gelegen. + Isegrim aber versetzte darauf: Ich werde, mein Oheim, + Unter dem Baume hier warten, Ihr seid in allem geschickter, + Neue Bekannte zu machen, und wenn Euch Essen gereicht wird, + Tut mirs zu wissen! So dachte der Schalk, auf meine Gefahr erst + Abzuwarten, was sich ergäbe; ich aber begab mich + In die Höhle hinein. Nicht ohne Schauer durchwandert + Ich den langen und krummen Gang, er wollte nicht enden. + Aber was ich dann fand--den Schrecken wollt ich um vieles + Rotes Gold nicht zweimal in meinem Leben erfahren! + Welch ein Nest voll häßlicher Tiere, großer und kleiner! + Und die Mutter dabei, ich dacht, es wäre der Teufel. + Weit und groß ihr Maul mit langen häßlichen Zähnen, + Lange Nägel an Händen und Füßen und hinten ein langer + Schwanz an den Rücken gesetzt; so was Abscheuliches hab ich + Nicht im Leben gesehn! Die schwarzen leidigen Kinder + Waren seltsam gebildet, wie lauter junge Gespenster. + Greulich sah sie mich an. Ich dachte: wär ich von dannen! + Größer war sie als Isegrim selbst, und einige Kinder + Fast von gleicher Statur. Im faulen Heue gebettet + Fand ich die garstige Brut und über und über beschlabbert + Bis an die Ohren mit Kot, es stank in ihrem Reviere + Ärger als höllisches Pech. Die reine Wahrheit zu sagen: + Wenig gefiel es mir da, denn ihrer waren so viele, + Und ich stand nur allein. Sie zogen greuliche Fratzen. + Da besann ich mich denn, und einen Ausweg versucht ich, + Grüßte sie schön--ich meint es nicht so--und wußte so freundlich + Und bekannt mich zu stellen. Frau Muhme! sagt ich zur Alten, + Vettern hieß ich die Kinder und ließ es an Worten nicht fehlen. + Spar Euch der gnädige Gott auf lange glückliche Zeiten! + Sind das Eure Kinder? Fürwahr! ich sollte nicht fragen; + Wie behagen sie mir! Hilf Himmel! wie sie so lustig, + Wie sie so schön sind! Man nähme sie alle für Söhne des Königs. + Seid mir vielmal gelobt, daß Ihr mit würdigen Sprossen + Mehret unser Geschlecht, ich freue mich über die Maßen. + Glücklich find ich mich nun, von solchen öhmen zu wissen; + Denn zu Zeiten der Not bedarf man seiner Verwandten. + + Als ich ihr soviel Ehre geboten, wiewohl ich es anders + Meinte, bezeigte sie mir von ihrer Seite desgleichen, + Hieß mich Oheim und tat so bekannt, so wenig die Närrin + Auch zu meinem Geschlechte gehört. Doch konnte für diesmal + Gar nicht schaden, sie Muhme zu heißen. Ich schwitzte dazwischen + Über und über vor Angst; allein sie redete freundlich: + Reineke, werter Verwandter, ich heiß Euch schönstens willkommen! + Seid Ihr auch wohl? Ich bin Euch mein ganzes Leben verbunden, + Daß Ihr zu mir gekommen. Ihr lehret kluge Gedanken + Meine Kinder fortan, daß sie zu Ehren gelangen. + Also hört ich sie reden; das hatt ich mit wenigen Worten, + Daß ich sie Muhme genannt und daß ich die Wahrheit geschonet, + Reichlich verdient. Doch wär ich so gern im Freien gewesen. + Aber sie ließ mich nicht fort und sprach: Ihr dürfet, mein Oheim, + Unbewirtet nicht weg! Verweilet, laßt Euch bedienen. + Und sie brachte mir Speise genug, ich wüßte sie wahrlich + Jetzt nicht alle zu nennen; verwundert war ich zum höchsten, + Wie sie zu allem gekommen. Von Fischen, Rehen und anderm + Guten Wildbret, ich speiste davon, es schmeckte mir herrlich. + Als ich zur Gnüge gegessen, belud sie mich über das alles, + Bracht ein Stück vom Hirsche getragen, ich sollt es nach Hause + Zu den Meinigen bringen, und ich empfahl mich zum besten. + Reineke, sagte sie noch: besucht mich öfters. Ich hätte, + Was sie wollte, versprochen; ich machte, daß ich herauskam. + Lieblich war es nicht da für Augen und Nase, ich hätte + Mir den Tod beinahe geholt; ich suchte zu fliehen, + Lief behende den Gang bis zu der öffnung am Baume. + Isegrim lag und stöhnte daselbst; ich sagte: Wie gehts Euch, + Oheim? Er sprach: Nicht wohl! ich muß vor Hunger verderben. + Ich erbarmte mich seiner und gab ihm den köstlichen Braten, + Den ich mit mir gebracht. Er aß mit großer Begierde, + Vielen Dank erzeigt' er mir da; nun hat ers vergessen! + Als er nun fertig geworden, begann er: Laßt mich erfahren, + Wer die Höhle bewohnt? Wie habt Ihrs drinne gefunden? + Gut oder schlecht? Ich sagt ihm darauf die lauterste Wahrheit, + Unterrichtet ihn wohl. Das Nest sei böse, dagegen + Finde sich drin viel köstliche Speise. Sobald er begehre, + Seinen Teil zu erhalten, so mög er kecklich hineingehn, + Nur vor allem sich hüten, die grade Wahrheit zu sagen. + Soll es Euch nach Wünschen ergehn, so spart mir die Wahrheit! + Wiederholt ich ihm noch: denn führt sie jemand beständig + Unklug im Munde, der leidet Verfolgung, wohin er sich wendet; + Überall steht er zurück, die andern werden geladen. + Also hieß ich ihn gehn; ich lehrt ihn: was er auch fände, + Sollt er reden, was jeglicher gerne zu hören begehret, + Und man werd ihn freundlich empfangen. Das waren die Worte, + Gnädiger König und Herr, nach meinem besten Gewissen. + Aber das Gegenteil tat er hernach, und kriegt' er darüber + Etwas ab, so hab er es auch; er sollte mir folgen. + Grau sind seine Zotteln fürwahr, doch sucht man die Weisheit + Nur vergebens dahinter. Es achten solche Gesellen + Weder Klugheit noch feine Gedanken; es bleibet dem groben + Tölpischen Volke der Wert von aller Weisheit verborgen. + Treulich schärft ich ihm ein, die Wahrheit diesmal zu sparen; + Weiß ich doch selbst, was sich ziemt! versetzt' er trotzig dagegen, + Und so trabt' er die Höhle hinein, da hat ers getroffen. + Hinten saß das abscheuliche Weib, er glaubte, den Teufel + Vor sich zu sehn! die Kinder dazu! da rief er betroffen: + Hilfe! Was für abscheuliche Tiere! Sind diese Geschöpfe + Eure Kinder? Sie scheinen fürwahr ein Höllengesindel. + Geht, ertränkt sie, das wäre das beste, damit sich die Brut nicht + Über die Erde verbreite! Wenn es die meinigen wären, + Ich erdrosselte sie. Man finge wahrlich mit ihnen + Junge Teufel, man brauchte sie nur in einem Moraste + Auf das Schilf zu binden, die garstigen, schmutzigen Rangen! + Ja, Mooraffen sollten sie heißen, da paßte der Name! + + Eilig versetzte die Mutter und sprach mit zornigen Worten: + Welcher Teufel schickt uns den Boten? Wer hat Euch gerufen, + Hier uns grob zu begegnen? Und meine Kinder! Was habt Ihr, + Schön oder häßlich, mit ihnen zu tun? Soeben verläßt uns + Reineke Fuchs, der erfahrene Mann, der muß es verstehen; + Meine Kinder, beteuert' er hoch, er finde sie sämtlich' + Schön und sittig, von guter Manier; er mochte mit Freuden + Sie für seine Verwandten erkennen. Das hat er uns alles + Hier an diesem Platz vor einer Stunde versichert. + Wenn sie Euch nicht wie ihm gefallen, so hat Euch wahrhaftig + Niemand zu kommen gebeten. Das mögt Ihr, Isegrim, wissen. + + Und er forderte gleich von ihr zu essen und sagte: + Holt herbei, sonst helf ich Euch suchen! Was wollen die Reden + Weiter helfen? Er machte sich dran und wollte gewaltsam + Ihren Vorrat betasten; das war ihm übel geraten! + Denn sie warf sich über ihn her, zerbiß und zerkratzt' ihm + Mit den Nägeln das Fell und klaut' und zerrt' ihn gewaltig; + Ihre Kinder taten das gleiche, sie bissen und krammten + Greulich auf ihn; da heult' er und schrie mit blutigen Wangen, + Wehrte sich nicht und lief mit hastigen Schritten zur öffnung. + Übel zerrissen sah ich ihn kommen, zerkratzt, und die Fetzen + Hingen herum, ein Ohr war gespalten und blutig die Nase, + Manche Wunde kneipten sie ihm und hatten das Fell ihm + Garstig zusammengeruckt. Ich fragt ihn, wie er heraustrat: + Habt Ihr die Wahrheit gesagt? Er aber sagte dagegen: + Wie ichs gefunden, so hab ich gesprochen. Die leidige Hexe + Hat mich übel geschändet, ich wollte, sie wäre hier außen, + Teuer bezahlte sie mirs! Was dünkt Euch, Reineke? habt Ihr + Jemals solche Kinder gesehn? so garstig, so böse? + Da ichs ihr sagte, da war es geschehn, da fand ich nicht weiter + Gnade vor ihr und habe mich übel im Loche befunden. + + Seid Ihr verrückt? versetzt ich ihm drauf. ich hab es Euch anders + Weislich geheißen. Ich grüß Euch zum schönsten (so solltet Ihr sagen), + Liebe Muhme, wie geht es mit Euch? Wie geht es den lieben + Artigen Kindern? Ich freue mich sehr, die großen und kleinen + Neffen wiederzusehn. Doch Isegrim sagte dagegen: + Muhme das Weib zu begrüßen? und Neffen die häßlichen Kinder? + Nehm sie der Teufel zu sich! Mir graut vor solcher Verwandtschaft. + Pfui! ein ganz abscheuliches Pack! ich seh sie nicht wieder. + Darum ward er so übel bezahlt. Nun richtet, Herr König! + Sagt er mit Recht, ich hab ihn verraten? Er mag es gestehen, + Hat die Sache sich nicht, wie ich erzähle, begeben? + + Isegrim sprach entschlossen dagegen: Wir machen wahrhaftig + Diesen Streit mit Worten nicht aus. Was sollen wir keifen? + Recht bleibt Recht, und wer es auch hat, es zeigt sich am Ende. + Trotzig, Reineke, tretet Ihr auf, so mögt Ihr es haben! + Kämpfen wollen wir gegeneinander, da wird es sich finden. + Vieles wißt Ihr zu sagen, wie vor der Affen Behausung + Ich so großen Hunger gelitten, und wie Ihr mich damals + Treulich genährt. Ich wüßte nicht, wie! Es war nur ein Knochen, + Den Ihr brachtet, das Fleisch vermutlich speistet Ihr selber. + Wo Ihr stehet, spottet Ihr mein und redet verwegen, + Meiner Ehre zu nah. Ihr habt mit schändlichen Lügen + Mich verdächtig gemacht, als hätt ich böse Verschwörung + Gegen den König im Sinne gehabt und hätte sein Leben + Ihm zu rauben gewünscht; Ihr aber prahltet dagegen + Ihm von Schätzen was vor; er möchte schwerlich sie finden! + Schmählich behandeltet Ihr mein Weib und sollt es mir büßen. + Dieser Sachen klag ich Euch an! ich denke zu kämpfen + Über Altes und Neues und wiederhol es: ein Mörder, + Ein Verräter seid Ihr, ein Dieb; und Leben um Leben + Wollen wir kämpfen, es endige nun das Keifen und Schelten. + Einen Handschuh biet ich Euch an, so wie ihn zu Rechte + Jeder Fordernde reicht, Ihr mögt ihn zum Pfande behalten, + Und wir finden uns bald. Der König hat es vernommen, + Alle die Herren habens gehört! ich hoffe, sie werden + Zeugen sein des rechtlichen Kampfs. Ihr sollt nicht entweichen, + Bis die Sache sich endlich entscheidet; dann wollen wir sehen. + + Reineke dachte bei sich: Das geht um Vermögen und Leben! + Groß ist er, ich aber bin klein, und könnt es mir diesmal + Etwa mißlingen, so hätten mir alle die listigen Streiche + Wenig geholfen. Doch warten wirs ab. Denn, wenn ichs bedenke, + Bin ich im Vorteil: verlor er ja schon die vordersten Klauen! + Ist der Tor nicht kühler geworden, so soll er am Ende + Seinen Willen nicht haben, es koste, was es auch wolle. + + Reineke sagte zum Wolfe darauf: Ihr mögt mir wohl selber + Ein Verräter, Isegrim, sein, und alle Beschwerden, + Die Ihr auf mich zu bringen gedenket, sind alle gelogen. + Wollt Ihr kämpfen? ich wag es mit Euch und werde nicht wanken. + Lange wünscht ich mir das! hier ist mein Handschuh dagegen. + + So empfing der König die Pfänder, es reichten sie beide + Kühnlich. Er sagte darauf: Ihr sollt mir Bürgen bestellen, + Daß Ihr morgen zum Kampfe nicht fehlt; denn beide Parteien + Find ich verworren, wer mag die Reden alle verstehen? + + Isegrims Bürgen wurden sogleich der Bär und der Kater, + Braun und Hinze; für Reineken aber verbürgten sich gleichfalls + Vetter Moneke, Sohn von Märtenaffe, mit Grimbart. + + Reineke, sagte Frau Rückenau drauf: nun bleibet gelassen, + Klug von Sinnen! Es lehrte mein Mann, der jetzo nach Rom ist, + Euer Oheim, mich einst ein Gebet; es hatte dasselbe + Abt von Schluckauf gesetzt und gab es meinem Gemahle, + Dem er sich günstig erwies, auf einen Zettel geschrieben. + Dieses Gebet, so sagte der Abt, ist heilsam den Männern, + Die ins Gefecht sich begeben; man muß es nüchtern des Morgens + Überlesen, so bleibt man des Tags von Not und Gefahren + Völlig befreit, vorm Tode geschützt, vor Schmerzen und Wunden. + Tröstet Euch, Neffe, damit, ich will es morgen beizeiten + Über Euch lesen, so geht Ihr getrost und ohne Besorgnis. + Liebe Muhme, versetzte der Fuchs: ich danke von Herzen, + Ich gedenk es Euch wieder. Doch muß mir immer am meisten + Meiner Sache Gerechtigkeit helfen und meine Gewandtheit. + + Reinekens Freunde blieben beisammen die Nacht durch und scheuchten + Seine Grillen durch muntre Gespräche. Frau Rückenau aber + War vor allen besorgt und geschäftig, sie ließ ihn behende + Zwischen Kopf und Schwanz und Brust und Bauche bescheren + Und mit Fett und öle bestreichen; es zeigte sich aber + Reineke fett und rund und wohl zu Fuße. Daneben + Sprach sie: Höret mich an, bedenket, was Ihr zu tun habt, + Höret den Rat verständiger Freunde, das hilft Euch am besten. + Trinket nur brav und haltet das Wasser, und kommt Ihr des Morgens + In den Kreis, so macht es gescheit, benetzet den rauhen + Wedel über und über und sucht den Gegner zu treffen; + Könnt Ihr die Augen ihm salben, so ists am besten geraten, + Sein Gesicht verdunkelt sich gleich; es kommt Euch zustatten, + Und ihn hindert es sehr. Auch müßt Ihr anfangs Euch furchtsam + Stellen und gegen den Wind mit flüchtigen Füßen entweichen. + Wenn er Euch folget, erregt nur den Staub, auf daß Ihr die Augen + Ihm mit Unrat und Sande verschließt. Dann springet zur Seite, + Paßt auf jede Bewegung, und wenn er die Augen sich auswischt, + Nehmt des Vorteils gewahr und salbt ihm aufs neue die Augen + Mit dem ätzenden Wasser, damit er völlig erblinde, + Nicht mehr wisse, wo aus noch ein, und der Sieg Euch verbleibe. + Lieber Neffe, schlaft nur ein wenig, wir wollen Euch wecken, + Wenn es Zeit ist. Doch will ich sogleich die heiligen Worte + Über Euch lesen, von welchen ich sprach, auf daß ich Euch stärke. + Und sie legt' ihm die Hand aufs Haupt und sagte die Worte: + Nekräts negibaul geid sum namteflih dnudna mein tedahcs! + Nun Glück auf! nun seid Ihr verwahrt! Das Nämliche sagte + Oheim Grimbart; dann führten sie ihn und legten ihn schlafen. + Ruhig schlief er. Die Sonne ging auf; da kamen die Otter + Und der Dachs, den Vetter zu wecken. Sie grüßten ihn freundlich, + Und sie sagten: Bereitet Euch wohl! Da brachte die Otter + Eine junge Ente hervor und reicht' sie ihm, sagend: + Eßt, ich habe sie Euch mit manchem Sprunge gewonnen + An dem Damme bei Hünerbrot; laßts Euch belieben, mein Vetter. + + Gutes Handgeld ist das, versetzte Reineke munter: + So was verschmäh ich nicht leicht. Das möge Gott Euch vergelten, + Daß Ihr meiner gedenkt! Er ließ das Essen sich schmecken + Und das Trinken dazu und ging mit seinen Verwandten + In den Kreis, auf den ebenen Sand, da sollte man kämpfen. + + + + + + Zwölfter Gesang + + + Als der König Reineken sah, wie dieser am Kreise + Glatt geschoren sich zeigte, mit Öl und schlüpfrigem Fette + Über und über gesalbt, da lacht' er über die Maßen. + Fuchs! wer lehrte dich das? so rief er: mag man doch billig + Reineke Fuchs dich heißen, du bist beständig der Lose! + Allerorten kennst du ein Loch und weißt dir zu helfen. + + Reineke neigte sich tief vor dem Könige, neigte besonders + Vor der Königin sich und kam mit mutigen Sprüngen + In den Kreis. Da hatte der Wolf mit seinen Verwandten + Schon sich gefunden; sie wünschten dem Fuchs ein schmähliches Ende; + Manches zornige Wort und manche Drohung vernahm er. + Aber Lynx und Lupardus, die Wärter des Kreises, sie brachten + Nun die Heilgen hervor, und beide Kämpfer beschworen, + Wolf und Fuchs, mit Bedacht die zu behauptende Sache. + + Isegrim schwur mit heftigen Worten und drohenden Blicken: + Reineke sei ein Verräter, ein Dieb, ein Mörder und aller + Missetat schuldig, er sei auf Gewalt und Ehbruch betreten, + Falsch in jeglicher Sache; das gelte Leben um Leben! + Reineke schwur zur Stelle dagegen: er seie sich keiner + Dieser Verbrechen bewußt, und Isegrim lüge wie immer, + Schwöre falsch wie gewöhnlich, doch soll' es ihm nimmer gelingen, + Seine Lüge zur Wahrheit zu machen, am wenigsten diesmal. + Und es sagten die Wärter des Kreises: Ein jeglicher tue, + Was er schuldig zu tun ist! das Recht wird bald sich ergeben. + Groß und klein verließen den Kreis, die beiden alleine + Drin zu verschließen. Geschwind begann die äffin zu flüstern: + Merket, was ich Euch sagte, vergeßt nicht, dem Rate zu folgen! + Reineke sagte heiter darauf: Die gute Vermahnung + Macht mich mutiger gehn. Getrost! ich werde der Kühnheit + Und der List auch jetzt nicht vergessen, durch die ich aus manchen + Größern Gefahren entronnen, worein ich öfters geraten, + Wenn ich mir dieses und jenes geholt, was bis jetzt nicht bezahlt ist, + Und mein Leben kühnlich gewagt. Wie sollt ich nicht jetzo + Gegen den Bösewicht stehen? Ich hoff, ihn gewißlich zu schänden, + Ihn und sein ganzes Geschlecht, und Ehre den Meinen zu bringen. + Was er auch lügt, ich tränk es ihm ein. Nun ließ man die beiden + In dem Kreise zusammen, und alle schauten begierig. + + Isegrim zeigte sich wild und grimmig, reckte die Tatzen, + Kam daher mit offenem Maul und gewaltigen Sprüngen. + Reineke, leichter als er, entsprang dem stürmenden Gegner + Und benetzte behende den rauhen Wedel mit seinem + Ätzenden Wasser und schleift' ihn im Staube, mit Sand ihn zu füllen. + Isegrim dachte, nun hab er ihn schon! da schlug ihm der Lose + Über die Augen den Schwanz, und Hören und Sehen verging ihm. + Nicht das erstemal übt' er die List, schon viele Geschöpfe + Hatten die schädliche Kraft des ätzenden Wassers erfahren. + Isegrims Kinder blendet' er so, wie anfangs gesagt ist; + Und nun dacht er den Vater zu zeichnen. Nachdem er dem Gegner + So die Augen gesalbt, entsprang er seitwärts und stellte + Gegen den Wind sich, rührte den Sand und jagte des Staubes + Viel in die Augen des Wolfs, der sich mit Reiben und Wischen + Hastig und übel benahm und seine Schmerzen vermehrte. + Reineke wußte dagegen geschickt den Wedel zu führen, + Seinen Gegner aufs neue zu treffen und gänzlich zu blenden. + Übel bekam es dem Wolfe! denn seinen Vorteil benutzte + Nun der Fuchs. Sobald er die schmerzlich tränenden Augen + Seines Feindes erblickte, begann er mit heftigen Sprüngen, + Mit gewaltigen Schlägen auf ihn zu stürmen, zu kratzen + Und zu beißen und immer die Augen ihm wieder zu salben. + Halb von Sinnen tappte der Wolf, da spottete seiner + Reineke dreister und sprach: Herr Wolf, Ihr habt wohl vorzeiten + Manch unschuldiges Lamm verschlungen, in Euerem Leben + Manch unsträfliches Tier verzehrt: ich hoffe, sie sollen + Künftig Ruhe genießen, auf alle Fälle bequemt Ihr + Euch, sie in Frieden zu lassen, und nehmet Segen zum Lohne. + Eure Seele gewinnt bei dieser Buße, besonders + Wenn Ihr das Ende geduldig erwartet. Ihr werdet für diesmal + Nicht aus meinen Händen entrinnen, Ihr müßtet mit Bitten + Mich versöhnen, da schont ich Euch wohl und ließ' Euch das Leben. + + Hastig sagte Reineke das und hatte den Gegner + Fest an der Kehle gepackt und hofft ihn also zu zwingen. + Isegrim aber, stärker als er, bewegte sich grimmig, + Mit zwei Zügen riß er sich los. Doch Reineke griff ihm + Ins Gesicht, verwundet' ihn hart und riß ihm ein Auge + Aus dem Kopfe, es rann ihm das Blut die Nase herunter. + Reineke rief: So wollt ich es haben! so ist es gelungen! + Blutend verzagte der Wolf, und sein verlorenes Auge + Macht' ihn rasend, er sprang, vergessend Wunden und Schmerzen, + Gegen Reineken los und druckt' ihn nieder zu Boden. + Übel befand sich der Fuchs, und wenig half ihm die Klugheit. + Einen der vorderen Füße, die er als Hände gebrauchte, + Faßt' ihm Isegrim schnell und hielt ihn zwischen den Zähnen. + Reineke lag bekümmert am Boden, er sorgte zur Stunde + Seine Hand zu verlieren und dachte tausend Gedanken. + Isegrim brummte dagegen mit hohler Stimme die Worte: + + Deine Stunde, Dieb, ist gekommen! Ergib dich zur Stelle, + Oder ich schlage dich tot für deine betrüglichen Taten! + Ich bezahle dich nun, es hat dir wenig geholfen, + Staub zu kratzen, Wasser zu lassen, das Fell zu bescheren, + Dich zu schmieren; wehe dir nun! du hast mir so vieles + Übel getan, gelogen auf mich, mir das Auge geblendet, + Aber du sollst nicht entgehn, ergib dich, oder ich beiße! + + Reineke dachte: Nun geht es mir schlimm, was soll ich beginnen? + Geb ich mich nicht, so bringt er mich um, und wenn ich mich gebe, + Bin ich auf ewig beschimpft. Ja, ich verdiene die Strafe, + Denn ich hab ihn zu übel behandelt, zu gröblich beleidigt. + Süße Worte versucht' er darauf, den Gegner zu mildern. + Lieber Oheim! sagt' er zu ihm: ich werde mit Freuden + Euer Lehnsmann sogleich mit allem, was ich besitze. + Gerne geh ich als Pilger für Euch zum Heiligen Grabe, + In das Heilige Land, in alle Kirchen, und bringe + Ablaß genug von dannen zurück. Es gereichet derselbe + Eurer Seele zu Nutz und soll für Vater und Mutter + Übrig bleiben, damit sich auch die im ewigen Leben + Dieser Wohltat erfreun; wer ist nicht ihrer bedürftig? + Ich verehr Euch, als wärt Ihr der Papst, und schwöre den teuren + Heiligen Eid, von jetzt auf alle künftige Zeiten + Ganz der Eure zu sein mit allen meinen Verwandten. + Alle sollen Euch dienen zu jeder Stunde. So schwör ich! + Was ich dem Könige selbst nicht verspräche, das sei Euch geboten. + Nehmt Ihr es an, so wird Euch dereinst die Herrschaft des Landes. + Alles, was ich zu fangen verstehe, das will ich Euch bringen: + Gänse, Hühner, Enten und Fische, bevor ich das mindste + Solcher Speise verzehre, ich laß Euch immer die Auswahl, + Eurem Weib und Kindern. Ich will mit Fleiße darneben + Euer Leben beraten, es soll Euch kein übel berühren. + Lose heiß ich, und Ihr seid stark, so können wir beide + Große Dinge verrichten. Zusammen müssen wir halten, + Einer mit Macht, der andre mit Rat, wer wollt uns bezwingen? + Kämpfen wir gegeneinander, so ist es übel gehandelt. + Ja, ich hätt es niemals getan, wofern ich nur schicklich + Hätte den Kampf zu vermeiden gewußt; Ihr fordertet aber, + Und ich mußte denn wohl mich ehrenhalber bequemen. + Aber ich habe mich höflich gehalten und während des Streites + Meine ganze Macht nicht bewiesen; es muß dir, so dacht ich, + Deinen Oheim zu schonen, zur größten Ehre gereichen. + Hätt ich Euch aber gehaßt, es wär Euch anders gegangen. + Wenig Schaden habt Ihr gelitten, und wenn aus Versehen + Euer Auge verletzt ist, so bin ich herzlich bekümmert. + Doch das Beste bleibt mir dabei: ich kenne das Mittel, + Euch zu heilen, und teil ichs Euch mit, Ihr werdet mirs danken. + Bliebe das Auge gleich weg, und seid Ihr sonst nur genesen, + Ist es Euch immer bequem; Ihr habet, legt Ihr Euch schlafen, + Nur Ein Fenster zu schließen, wir andern bemühen uns doppelt. + Euch zu versöhnen, sollen sogleich sich meine Verwandten + Vor Euch neigen, mein Weib und meine Kinder, sie sollen + Vor des Königes Augen im Angesicht dieser Versammlung + Euch ersuchen und bitten, daß Ihr mir gnädig vergebet + Und mein Leben mir schenkt. Dann will ich offen bekennen, + Daß ich unwahr gesprochen und Euch mit Lügen geschändet, + Euch betrogen, wo ich gekonnt. Ich verspreche, zu schwören, + Daß mir von Euch nichts Böses bekannt ist und daß ich von nun an + Nimmer Euch zu beleidigen denke. Wie könntet Ihr jemals + Größere Sühne verlangen, als die, wozu ich bereit bin? + Schlagt Ihr mich tot, was habt Ihr davon? es bleiben Euch immer + Meine Verwandten zu fürchten und meine Freunde; dagegen, + Wenn Ihr mich schont, verlaßt Ihr mit Ruhm und Ehren den Kampfplatz, + Scheinet jeglichem edel und weise: denn höher vermag sich + Niemand zu heben, als wenn er vergibt. Es kommt Euch so bald nicht + Diese Gelegenheit wieder, benutzt sie. übrigens kann mir + Jetzt ganz einerlei sein, zu sterben oder zu leben. + + Falscher Fuchs! versetzte der Wolf. wie wärst du so gerne + Wieder los! Doch wäre die Welt von Golde geschaffen, + Und bötest du sie mir in deinen Nöten, ich würde + Dich nicht lassen! Du hast mir so oft vergeblich geschworen, + Falscher Geselle! Gewiß, nicht Eierschalen erhielt' ich + Ließ' ich dich los. Ich achte nicht viel auf deine Verwandten; + Ich erwarte, was sie vermögen, und denke so ziemlich + Ihre Feindschaft zu tragen. Du Schadenfroher! wie würdest + Du nicht spotten, gäb ich dich frei auf deine Beteurung. + Wer dich nicht kennte, wäre betrogen. Du hast mich, so sagst du, + Heute geschont, du leidiger Dieb! und hängt mir das Auge + Nicht zum Kopfe heraus? Du Bösewicht, hast du die Haut mir + Nicht an zwanzig Orten verletzt? und konnt ich nur einmal + Wieder zu Atem gelangen, da du den Vorteil gewonnen? + Töricht wär es gehandelt, wenn ich für Schaden und Schande + Dir nun Gnad und Mitleid erzeigte. Du brachtest, Verräter, + Mich und mein Weib in Schaden und Schmach, das kostet dein Leben. + + Also sagte der Wolf. Indessen hatte der Lose + Zwischen die Schenkel des Gegners die andre Tatze geschoben; + Bei den empfindlichsten Teilen ergriff er denselben und ruckte, + Zerrt' ihn grausam, ich sage nicht mehr--Erbärmlich zu schreien + Und zu heulen begann der Wolf mit offenem Munde. + Reineke zog die Tatze behend aus den klemmenden Zähnen, + Hielt mit beiden den Wolf nun immer fester und fester, + Kneipt' und zog; da heulte der Wolf und schrie so gewaltig + Daß er Blut zu speien begann, es brach ihm vor Schmerzen + Über und über der Schweiß durch seine Zotten, er löste + Sich vor Angst. Das freute den Fuchs, nun hofft' er zu siegen, + Hielt ihn immer mit Händen und Zähnen, und große Bedrängnis, + Große Pein kam über den Wolf, er gab sich verloren. + Blut rann über sein Haupt, aus seinen Augen, er stürzte + Nieder, betäubt. Es hätte der Fuchs des Goldes die Fülle + Nicht für diesen Anblick genommen; so hielt er ihn immer + Fest und schleppte den Wolf und zog, daß alle das Elend + Sahen, und kneipt' und druckt' und biß und klaute den Armen, + Der mit dumpfem Geheul im Staub und eigenen Unrat + Sich mit Zuckungen wälzte, mit ungebärdigem Wesen. + Seine Freunde jammerten laut, sie baten den König: + Aufzunehmen den Kampf, wenn es ihm also beliebte. + Und der König versetzte: Sobald Euch allen bedünket, + Allen lieb ist, daß es geschehe, so bin ichs zufrieden. + + Und der König gebot: die beiden Wärter des Kreises, + Lynx und Lupardus, sollten zu beiden Kämpfern hineingehn. + Und sie traten darauf in die Schranken und sprachen dem Sieger + Reineke zu: es sei nun genug, es wünsche der König, + Aufzunehmen den Kampf, den Zwist geendigt zu sehen. + Er verlangt, so fuhren sie fort: Ihr mögt ihm den Gegner + Überlassen, das Leben dem überwundenen schenken. + Denn, wenn einer getötet in diesem Zweikampf erläge, + Wäre es schade auf jeglicher Seite. Ihr habt ja den Vorteil! + Alle sahen es, Klein und Große. Auch fallen die besten + Männer Euch bei, Ihr habt sie für Euch auf immer gewonnen. + + Reineke sprach: Ich werde dafür mich dankbar beweisen! + Gerne folg ich dem Willen des Königs, und was sich gebühret, + Tu ich gern; ich habe gesiegt, und Schöners verlang ich + Nichts zu erleben! Es gönne mir nur der König das Eine, + Daß ich meine Freunde befrage. Da riefen die Freunde + Reinekens alle: Es dünket uns gut, den Willen des Königs + Gleich zu erfüllen. Sie kamen zu Scharen zum Sieger gelaufen, + Alle Verwandte, der Dachs und der Affe und Otter und Biber. + Seine Freunde waren nun auch der Marder, die Wiesel, + Hermelin und Eichhorn und viele, die ihn befeindet, + Seinen Namen zuvor nicht nennen mochten, sie liefen + Alle zu ihm. Da fanden sich auch, die sonst ihn verklagten, + Seine Verwandte anjetzt, und brachten Weiber und Kinder, + Große, mittlere, kleine, dazu die kleinsten; es tat ihm + Jeglicher schön, sie schmeichelten ihm und konnten nicht enden. + + In der Welt gehts immer so zu. Dem Glücklichen sagt man: + Bleibet lange gesund! er findet Freunde die Menge. + Aber wem es übel gerät, der mag sich gedulden! + Ebenso fand es sich hier. Ein jeglicher wollte der nächste + Neben dem Sieger sich blähn. Die einen flöteten, andre + Sangen, bliesen Posaunen und schlugen Pauken dazwischen. + Reinekens Freunde sprachen zu ihm: Erfreut Euch, Ihr habet + Euch und Euer Geschlecht in dieser Stunde gehoben! + Sehr betrübten wir uns, Euch unterliegen zu sehen, + Doch es wandte sich bald, es war ein treffliches Stückchen. + Reineke sprach: Es ist mit geglückt, und dankte den Freunden. + Also gingen sie hin mit großem Getümmel, vor allen + Reineke mit den Wärtern des Kreises, und so gelangten + Sie zum Throne des Königs, da kniete Reineke nieder. + Aufstehn hieß ihn der König und sagte vor allen den Herren: + Euren Tag bewahrtet Ihr wohl, Ihr habet mit Ehren + Eure Sache vollführt, deswegen sprech ich Euch ledig; + Alle Strafe hebet sich auf, ich werde darüber + Nächstens sprechen im Rat mit meinen Edlen, sobald nur + Isegrim wieder geheilt ist; für heute schließ ich die Sache. + + Eurem Rate, gnädiger Herr, versetzte bescheiden + Reineke drauf: ist heilsam zu folgen; Ihr wißt es am besten. + Als ich hierher kam, klagten so viele, sie logen dem Wolfe, + Meinem mächtigen Feinde, zulieb, der wollte mich stürzen, + Hatte mich fast in seiner Gewalt; da riefen die andern: + Kreuzige! klagten mit ihm, nur mich aufs letzte zu bringen, + Ihm gefällig zu sein; denn alle konnten bemerken: + Besser stand er bei Euch als ich, und keiner gedachte + Weder ans Ende, noch wie sich vielleicht die Wahrheit verhalte. + Jenen Hunden vergleich ich sie wohl, die pflegten in Menge + Vor der Küche zu stehn und hofften, es werde wohl ihrer + Auch der günstige Koch mit einigen Knochen gedenken. + Einen ihrer Gesellen erblickten die wartenden Hunde, + Der ein Stück gesottenes Fleisch dem Koche genommen + Und nicht eilig genug zu seinem Unglück davonsprang. + Denn es begoß ihn der Koch mit heißem Wasser von hinten + Und verbrüht' ihm den Schwanz; doch ließ er die Beute nicht fallen, + Mengte sich unter die andern, sie aber sprachen zusammen: + Seht, wie diesen der Koch vor allen andern begünstigt! + Seht, welch köstliches Stück er ihm gab! Und jener versetzte: + Wenig begreift ihr davon, ihr lobt und preist mich von vorne, + Wo es euch freilich gefällt, das köstliche Fleisch zu erblicken; + Aber beseht mich von hinten und preist mich glücklich, wofern ihr + Eure Meinung nicht ändert. Da sie ihn aber besahen, + War er schrecklich verbrannt, es fielen die Haare herunter, + Und die Haut verschrumpft' ihm am Leib. Ein Grauen befiel sie, + Niemand wollte zur Küche, sie liefen und ließen ihn stehen. + Herr, die Gierigen mein ich hiermit. Solange sie mächtig + Sind, verlangt sie ein jeder zu seinem Freunde zu haben. + Stündlich sieht man sie, sie tragen das Fleisch in dem Munde. + Wer sich nicht nach ihnen bequemt, der muß es entgelten, + Loben muß man sie immer, so übel sie handeln, und also + Stärkt man sie nur in sträflicher Tat. So tut es ein jeder, + Der nicht das Ende bedenkt. Doch werden solche Gesellen + Öfters gestraft, und ihre Gewalt nimmt ein trauriges Ende. + Niemand leidet sie mehr, so fallen zur Rechten und Linken + Ihnen die Haare vom Leibe. Das sind die vorigen Freunde, + Groß und klein, sie fallen nun ab und lassen sie nackend; + So wie sämtliche Hunde sogleich den Gesellen verließen, + Als sie den Schaden bemerkt und seine geschändete Hälfte. + Gnädiger Herr, Ihr werdet verstehn, von Reineken soll man + Nie so reden, es sollen die Freunde sich meiner nicht schämen. + Euer Gnaden dank ich aufs beste, und könnt ich nur immer + Euren Willen erfahren, ich würd ihn gerne vollbringen. + + Viele Worte helfen uns nichts, versetzte der König: + Alles hab ich gehört und, was Ihr meinet, verstanden. + Euch, als edlen Baron, Euch will ich im Rate wie vormals + Wiedersehen, ich mach Euch zur Pflicht, zu jeglicher Stunde + Meinen geheimen Rat zu besuchen. So bring ich Euch wieder + Völlig zu Ehren und Macht, und Ihr verdient es, ich hoffe. + Helfet alles zum besten wenden. Ich kann Euch am Hofe + Nicht entbehren, und wenn Ihr die Weisheit mit Tugend verbindet, + So wird niemand über Euch gehn und schärfer und klüger + Rat und Wege bezeichnen. Ich werde künftig die Klagen + Über Euch weiter nicht hören. Und Ihr sollt immer an meiner + Stelle reden und handeln als Kanzler des Reiches. Es sei Euch + Also mein Siegel befohlen, und was Ihr tuet und schreibet, + Bleibe getan und geschrieben.--So hat nun Reineke billig + Sich zu großen Gunsten geschwungen, und alles befolgt man, + Was er rät und beschließt, zu Frommen oder zu Schaden. + + Reineke dankte dem König und sprach: Mein edler Gebieter, + Zu viel Ehre tut Ihr mir an, ich will es gedenken, + Wie ich hoffe Verstand zu behalten. Ihr sollt es erfahren. + + Wie es dem Wolf indessen erging, vernehmen wir kürzlich. + Überwunden lag er im Kreise und übel behandelt, + Weib und Freunde gingen zu ihm und Hinze, der Kater, + Braun, der Bär, und Kind und Gesind und seine Verwandten. + Klagend legten sie ihn auf eine Bahre, man hatte + Wohl mit Heu sie gepolstert, ihn warm zu halten, und trugen + Aus dem Kreis ihn heraus. Man untersuchte die Wunden, + Zählete sechsundzwanzig; es kamen viele Chirurgen, + Die sogleich ihn verbanden und heilende Tropfen ihm reichten. + Alle Glieder waren ihm lahm. Sie rieben ihm gleichfalls + Kraut ins Ohr, er nieste gewaltig von vornen und hinten. + Und sie sprachen zusammen: Wir wollen ihn salben und baden; + Trösteten solchergestalt des Wolfes traurige Sippschaft, + Legten ihn sorglich zu Bette, da schlief er, aber nicht lange, + Wachte verworren und kümmerte sich, die Schande, die Schmerzen + Setzten ihm zu, er jammerte laut und schien zu verzweifeln; + Sorglich wartete Gieremund sein, mit traurigem Mute, + Dachte den großen Verlust. Mit mannigfaltigen Schmerzen + Stand sie, bedauerte sich und ihre Kinder und Freunde, + Sah den leidenden Mann, er konnt es niemals verwinden, + Raste vor Schmerz, der Schmerz war groß und traurig die Folgen. + + Reineken aber behagte das wohl, er schwatzte vergnüglich + Seinen Freunden was vor und hörte sich preisen und loben. + Hohen Mutes schied er von dannen. Der gnädige König + Sandte Geleite mit ihm und sagte freundlich zum Abschied: + Kommt bald wieder! Da kniete der Fuchs am Throne zur Erden, + Sprach: Ich dank Euch von Herzen und meiner gnädigen Frauen, + Eurem Rate, den Herren zusamt. Es spare, mein König, + Gott zu vielen Ehren Euch auf, und was Ihr begehret, + Tu ich gern, ich lieb Euch gewiß und bin es Euch schuldig. + Jetzo, wenn Ihrs vergönnt, gedenk ich nach Hause zu reisen, + Meine Frau und Kinder zu sehn, sie warten und trauren. + + Reiset nur hin, versetzte der König: und fürchtet nichts weiter. + Also machte sich Reineke fort, vor allen begünstigt. + Manche seines Gelichters verstehen dieselbigen Künste, + Rote Bärte tragen nicht alle; doch sind sie geborgen. + + Reineke zog mit seinem Geschlecht, mit vierzig Verwandten, + Stolz von Hofe, sie waren geehrt und freuten sich dessen. + Als ein Herr trat Reineke vor, es folgten die andern. + Frohen Mutes erzeigt' er sich da, es war ihm der Wedel + Breit geworden, er hatte die Gunst des Königs gefunden. + War nun wieder im Rat und dachte, wie er es nutzte. + Wen ich liebe, dem frommts, und meine Freunde genießens, + Also dacht er: die Weisheit ist mehr als Gold zu verehren. + + So begab sich Reineke fort, begleitet von allen + Seinen Freunden, den Weg nach Malepartus, der Feste. + Allen zeigt' er sich dankbar, die sich ihm günstig erwiesen, + Die in bedenklicher Zeit an seiner Seite gestanden. + Seine Dienste bot er dagegen; sie schieden und gingen + Zu den Seinigen jeder, und er in seiner Behausung + Fand sein Weib, Frau Ermelyn, wohl: sie grüßt' ihn mit Freuden, + Fragte nach seinem Verdruß, und wie er wieder entkommen. + Reineke sagte: Gelang es mir doch! ich habe mich wieder + In die Gunst des Königs gehoben, ich werde wie vormals + Wieder im Rate mich finden, und unserm ganzen Geschlechte + Wird es zur Ehre gedeihn. Er hat mich zum Kanzler des Reiches + Laut vor allen ernannt und mir das Siegel befohlen. + Alles, was Reineke tut und schreibt, es bleibet für immer + Wohlgetan und geschrieben, das mag sich jeglicher merken! + + Unterwiesen hab ich den Wolf in wenig Minuten, + Und er klagt mir nicht mehr. Geblendet ist er, verwundet + Und beschimpft sein ganzes Geschlecht; ich hab ihn gezeichnet! + Wenig nützt er künftig der Welt. Wir kämpften zusammen, + Und ich hab ihn untergebracht. Er wird mir auch schwerlich + Wieder gesund. Was liegt mir daran? Ich bleibe sein Vormann, + Aller seiner Gesellen, die mit ihm halten und stehen. + + Reinekens Frau vergnügte sich sehr; so wuchs auch den beiden + Kleinen Knaben der Mut bei ihres Vaters Erhöhung. + Untereinander sprachen sie froh: Vergnügliche Tage + Leben wir nun, von allen verehrt, und denken indessen + Unsre Burg zu befestgen und heiter und sorglos zu leben. + + Hochgeehrt ist Reineke nun! Zur Weisheit bekehre + Bald sich jeder und meide das Böse, verehre die Tugend! + Dieses ist der Sinn des Gesangs, in welchem der Dichter + Fabel und Wahrheit gemischt, damit ihr das Böse vom Guten + Sondern möget und schätzen die Weisheit, damit auch die Käufer + Dieses Buchs vom Laufe der Welt sich täglich belehren. + Denn so ist es beschaffen, so wird es bleiben, und also + Endigt sich unser Gedicht von Reinekens Wesen und Taten. + Uns verhelfe der Herr zur ewigen Herrlichkeit! Amen. + + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Reineke Fuchs, by Johann Wolfgang von Goethe + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REINEKE FUCHS *** + +***** This file should be named 2228-8.txt or 2228-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/2/2/2228/ + +Produced by Michael Pullen + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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