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+The Project Gutenberg EBook of Reineke Fuchs, by Johann Wolfgang von Goethe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Reineke Fuchs
+
+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Posting Date: January 26, 2010 [EBook #2228]
+Release Date: June, 2000
+[This file last updated on July 26, 2010]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REINEKE FUCHS ***
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+Produced by Michael Pullen
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.aol.de erreichbar.*
+
+This book was generously provided by the German Gutenberg Projekt,
+which can be found at the web address http://gutenberg.aol.de/.
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+ Reineke Fuchs
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+ Johann Wolfgang Goethe
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+ Inhalt
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+ Erster Gesang
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+ Zweiter Gesang
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+ Dritter Gesang
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+ Vierter Gesang
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+ Fünfter Gesang
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+ Sechster Gesang
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+ Siebenter Gesang
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+ Achter Gesang
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+ Neunter Gesang
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+ Zehnter Gesang
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+ Elfter Gesang
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+ Zwölfter Gesang
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+
+
+
+
+ Erster Gesang
+
+ Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen! es grünten und blühten
+ Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken
+ Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel;
+ Jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen,
+ Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.
+
+ Nobel, der König, versammelt den Hof; und seine Vasallen
+ Eilen gerufen herbei mit großem Gepränge; da kommen
+ Viele stolze Gesellen von allen Seiten und Enden,
+ Lütke, der Kranich, und Markart, der Häher, und alle die Besten.
+ Denn der König gedenkt mit allen seinen Baronen
+ Hof zu halten in Feier und Pracht; er läßt sie berufen
+ Alle miteinander, so gut die Großen als Kleinen.
+ Niemand sollte fehlen! und dennoch fehlte der Eine,
+ Reineke Fuchs, der Schelm! der viel begangenen Frevels
+ Halben des Hofs sich enthielt. So scheuet das böse Gewissen
+ Licht und Tag, es scheute der Fuchs die versammelten Herren.
+ Alle hatten zu klagen, er hatte sie alle beleidigt,
+ Und nur Grimbart, den Dachs, den Sohn des Bruders, verschont' er.
+
+ Isegrim aber, der Wolf, begann die Klage; von allen
+ Seinen Vettern und Gönnern, von allen Freunden begleitet,
+ Trat er vor den König und sprach die gerichtlichen Worte:
+ Gnädigster König und Herr! vernehmet meine Beschwerden.
+ Edel seid Ihr und groß und ehrenvoll, jedem erzeigt Ihr
+ Recht und Gnade: so laßt Euch denn auch des Schadens erbarmen,
+ Den ich von Reineke Fuchs mit großer Schande gelitten.
+ Aber vor allen Dingen erbarmt Euch, daß er mein Weib so
+ Freventlich öfters verhöhnt und meine Kinder verletzt hat.
+ Ach! er hat sie mit Unrat besudelt, mit ätzendem Unflat,
+ Daß mir zu Hause noch drei in bittrer Blindheit sich quälen.
+ Zwar ist alle der Frevel schon lange zur Sprache gekommen,
+ Ja, ein Tag war gesetzt, zu schlichten solche Beschwerden;
+ Er erbot sich zum Eide, doch bald besann er sich anders
+ Und entwischte behend nach seiner Feste. Das wissen
+ Alle Männer zu wohl, die hier und neben mir stehen.
+ Herr! ich könnte die Drangsal, die mir der Bube bereitet,
+ Nicht mit eilenden Worten in vielen Wochen erzählen.
+ Würde die Leinwand von Gent, so viel auch ihrer gemacht wird,
+ Alle zu Pergament, sie faßte die Streiche nicht alle,
+ Und ich schweige davon. Doch meines Weibes Entehrung
+ Frißt mir das Herz; ich räche sie auch, es werde, was wolle.
+
+ Als nun Isegrim so mit traurigem Mute gesprochen,
+ Trat ein Hündchen hervor, hieß Wackerlos, redte französisch
+ Vor dem König: wie arm es gewesen und nichts ihm geblieben
+ Als ein Stückchen Wurst in einem Wintergebüsche;
+ Reineke hab auch das ihm genommen! Jetzt sprang auch der Kater
+ Hinze zornig hervor und sprach: Erhabner Gebieter,
+ Niemand beschwere sich mehr, daß ihm der Bösewicht schade,
+ Denn der König allein! Ich sag Euch, in dieser Gesellschaft
+ Ist hier niemand, jung oder alt, er fürchtet den Frevler
+ Mehr als Euch! Doch Wackerlos' Klage will wenig bedeuten.
+ Schon sind Jahre vorbei, seit diese Händel geschehen;
+ Mir gehörte die Wurst! ich sollte mich damals beschweren.
+ Jagen war ich gegangen; auf meinem Wege durchsucht ich
+ Eine Mühle zu Nacht; es schlief die Müllerin; sachte
+ Nahm ich ein Würstchen, ich will es gestehn; doch hatte zu dieser
+ Wackerlos irgendein Recht, so dankt' ers meiner Bemühung.
+
+ Und der Panther begann: Was helfen Klagen und Worte!
+ Wenig richten sie aus, genug, das übel ist ruchtbar.
+ Er ist ein Dieb, ein Mörder! Ich darf es kühnlich behaupten,
+ Ja, es wissens die Herren, er übet jeglichen Frevel.
+ Möchten doch alle die Edlen, ja selbst der erhabene König
+ Gut und Ehre verlieren: er lachte, gewänn er nur etwa
+ Einen Bissen dabei von einem fetten Kapaune.
+ Laßt Euch erzählen, wie er so übel an Lampen, dem Hasen,
+ Gestern tat; hier steht er! der Mann, der keinen verletzte.
+ Reineke stellte sich fromm und wollt ihn allerlei Weisen
+ Kürzlich lehren, und was zum Kaplan noch weiter gehöret,
+ Und sie setzten sich gegeneinander, begannen das Kredo.
+ Aber Reineke konnte die alten Tücken nicht lassen;
+ Innerhalb unsers Königes Fried und freiem Geleite
+ Hielt er Lampen gefaßt mit seinen Klauen und zerrte
+ Tückisch den redlichen Mann. Ich kam die Straße gegangen,
+ Hörte beider Gesang, der, kaum begonnen, schon wieder
+ Endete. Horchend wundert ich mich, doch als ich hinzukam,
+ Kannt ich Reineken stracks, er hatte Lampen beim Kragen;
+ Ja, er hätt ihm gewiß das Leben genommen, wofern ich
+ Nicht zum Glücke des Wegs gekommen wäre. Da steht er!
+ Seht die Wunden an ihm, dem frommen Manne, den keiner
+ Zu beleidigen denkt. Und will es unser Gebieter,
+ Wollt ihr Herren es leiden, daß so des Königes Friede,
+ Sein Geleit und Brief von einem Diebe verhöhnt wird,
+ O, so wird der König und seine Kinder noch späten
+ Vorwurf hören von Leuten, die Recht und Gerechtigkeit lieben.
+
+ Isegrim sagte darauf. So wird es bleiben, und leider
+ Wird uns Reineke nie was Gutes erzeigen. O! läg er
+ Lange tot, das wäre das beste für friedliche Leute;
+ Aber wird ihm diesmal verziehn, so wird er in kurzem
+ Etliche kühnlich berücken, die nun es am wenigsten glauben.
+
+ Reinekens Neffe, der Dachs, nahm jetzt die Rede, und mutig
+ Sprach er zu Reinekens Bestem, so falsch auch dieser bekannt war.
+ Alt und wahr, Herr Isegrim! sagt' er, beweist sich das Sprichwort:
+ Feindes Mund frommt selten. So hat auch wahrlich mein Oheim
+ Eurer Worte sich nicht zu getrösten. Doch ist es ein leichtes.
+ Wär er hier am Hofe so gut als Ihr, und erfreut' er
+ Sich des Königes Gnade, so möcht es Euch sicher gereuen,
+ Daß Ihr so hämisch gesprochen und alte Geschichten erneuert.
+ Aber was Ihr übels an Reineken selber verübet,
+ Übergeht Ihr; und doch, es wissen es manche der Herren,
+ Wie Ihr zusammen ein Bündnis geschlossen und beide versprochen,
+ Als zwei gleiche Gesellen zu leben. Das muß ich erzählen;
+ Denn im Winter einmal erduldet' er große Gefahren
+ Euretwegen. Ein Fuhrmann, er hatte Fische geladen,
+ Fuhr die Straße, Ihr spürtet ihn aus und hättet um alles
+ Gern von der Ware gegessen; doch fehlt' es Euch leider am Gelde.
+ Da beredetet Ihr den Oheim, er legte sich listig
+ Grade für tot in den Weg. Es war, beim Himmel, ein kühnes
+ Abenteuer! Doch merket, was ihm für Fische geworden.
+ Und der Fuhrmann kam und sah im Gleise den Oheim,
+ Hastig zog er sein Schwert, ihm eins zu versetzen; der Kluge
+ Rührt' und regte sich nicht, als wär er gestorben; der Fuhrmann
+ Wirft ihn auf seinen Karrn und freut sich des Balges im voraus.
+ Ja, das wagte mein Oheim für Isegrim; aber der Fuhrmann
+ Fuhr dahin, und Reineke warf von den Fischen herunter.
+ Isegrim kam von ferne geschlichen, verzehrte die Fische.
+ Reineken mochte nicht länger zu fahren belieben; er hub sich,
+ Sprang vom Karren und wünschte nun auch von der Beute zu speisen.
+ Aber Isegrim hatte sie alle verschlungen; er hatte
+ Über Not sich beladen, er wollte bersten. Die Gräten
+ Ließ er allein zurück und bot dem Freunde den Rest an.
+ Noch ein anderes Stückchen! auch dies erzähl ich Euch wahrhaft.
+ Reineken war es bewußt, bei einem Bauer am Nagel
+ Hing ein gemästetes Schwein, erst heute geschlachtet; das sagt' er
+ Treu dem Wolfe: sie gingen dahin, Gewinn und Gefahren
+ Redlich zu teilen. Doch Müh und Gefahr trug jener alleine.
+ Denn er kroch zum Fenster hinein und warf mit Bemühen
+ Die gemeinsame Beute dem Wolf herunter; zum Unglück
+ Waren Hunde nicht fern, die ihn im Hause verspürten
+ Und ihm wacker das Fell zerzausten. Verwundet entkam er,
+ Eilig sucht' er Isegrim auf und klagt' ihm sein Leiden
+ Und verlangte sein Teil. Da sagte jener: Ich habe
+ Dir ein köstliches Stück verwahrt, nun mache dich drüber
+ Und benage mirs wohl; wie wird das Fette dir schmecken!
+ Und er brachte das Stück, das Krummholz war es, der Schlächter
+ Hatte daran das Schwein gehängt; der köstliche Braten
+ War vom gierigen Wolfe, dem ungerechten, verschlungen.
+ Reineke konnte vor Zorn nicht reden, doch was er sich dachte,
+ Denket euch selbst. Herr König, gewiß, daß hundert und drüber
+ Solcher Stückchen der Wolf an meinem Oheim verschuldet!
+ Aber ich schweige davon. Wird Reineke selber gefordert,
+ Wird er sich besser verteidigen. Indessen, gnädigster König,
+ Edler Gebieter, ich darf es bemerken: Ihr habet, es haben
+ Diese Herren gehört, wie töricht Isegrims Rede
+ Seinem eignen Weibe und ihrer Ehre zu nah tritt,
+ Die er mit Leib und Leben beschützen sollte. Denn freilich
+ Sieben Jahre sinds her und drüber, da schenkte mein Oheim
+ Seine Lieb und Treue zum guten Teile der schönen
+ Frauen Gieremund; solches geschah beim nächtlichen Tanze;
+ Isegrim war verreist, ich sag es, wie mirs bekannt ist.
+ Freundlich und höflich ist sie ihm oft zu Willen geworden,
+ Und was ist es denn mehr? Sie bracht es niemals zur Klage,
+ Ja, sie lebt und befindet sich wohl, was macht er für Wesen?
+ Wär er klug, so schwieg' er davon, es bringt ihm nur Schande.
+ Weiter sagte der Dachs: Nun kommt das Märchen vom Hasen!
+ Eitel leeres Gewäsche! Den Schüler sollte der Meister
+ Etwa nicht züchtigen, wenn er nicht merkt und übel bestehet?
+ Sollte man nicht die Knaben bestrafen, und ginge der Leichtsinn,
+ Ginge die Unart so hin, wie sollte die Jugend erwachsen?
+ Nun klagt Wackerlos, wie er ein Würstchen im Winter verloren
+ Hinter der Hecke; das sollt er nur lieber im stillen verschmerzen,
+ Denn wir hören es ja, sie war gestohlen; zerronnen
+ Wie gewonnen; und wer kann meinem Oheim verargen,
+ Daß er gestohlenes Gut dem Diebe genommen? Es sollen
+ Edle Männer von hoher Geburt sich gehässig den Dieben
+ Und gefährlich erzeigen. Ja, hätt er ihn damals gehangen,
+ War es verzeihlich. Doch ließ er ihn los, den König zu ehren;
+ Denn am Leben zu strafen, gehört dem König alleine.
+ Aber wenigen Danks kann sich mein Oheim getrösten,
+ So gerecht er auch sei und übeltaten verwehret.
+ Denn seitdem des Königes Friede verkündiget worden,
+ Hält sich niemand wie er. Er hat sein Leben verändert,
+ Speiset nur einmal des Tags, lebt wie ein Klausner, kasteit sich,
+ Trägt ein härenes Kleid auf bloßem Leibe und hat schon
+ Lange von Wildbret und zahmem Fleische sich gänzlich enthalten,
+ Wie mir noch gestern einer erzählte, der bei ihm gewesen.
+ Malepartus, sein Schloß, hat er verlassen und baut sich
+ Eine Klause zur Wohnung. Wie er so mager geworden,
+ Bleich von Hunger und Durst und andern strengeren Bußen,
+ Die er reuig erträgt, das werdet Ihr selber erfahren.
+ Denn was kann es ihm schaden, daß hier ihn jeder verklaget?
+ Kommt er hieher, so führt er sein Recht aus und macht sie zuschanden.
+
+ Als nun Grimbart geendigt, erschien zu großem Erstaunen
+ Henning, der Hahn, mit seinem Geschlecht. Auf trauriger Bahre,
+ Ohne Hals und Kopf, ward eine Henne getragen,
+ Kratzefuß war es, die beste der eierlegenden Hennen.
+ Ach, es floß ihr Blut, und Reineke hatt es vergossen!
+ Jetzo sollt es der König erfahren. Als Henning, der wackre,
+ Vor dem König erschien, mit höchstbetrübter Gebärde,
+ Kamen mit ihm zwei Hähne, die gleichfalls trauerten. Kreyant
+ Hieß der eine, kein besserer Hahn war irgend zu finden
+ Zwischen Holland und Frankreich; der andere durft ihm zur Seite
+ Stehen, Kantart genannt, ein stracker, kühner Geselle;
+ Beide trugen ein brennendes Licht; sie waren die Brüder
+ Der ermordeten Frau. Sie riefen über den Mörder
+ Ach und Weh! Es trugen die Bahr zwei jüngere Hähne,
+ Und man konnte von fern die Jammerklage vernehmen.
+ Henning sprach: Wir klagen den unersetzlichen Schaden,
+ Gnädigster Herr und König! Erbarmt Euch, wie ich verletzt bin,
+ Meine Kinder und ich. Hier seht Ihr Reinekens Werke!
+ Als der Winter vorbei, und Laub und Blumen und Blüten
+ Uns zur Fröhlichkeit riefen, erfreut ich mich meines Geschlechtes,
+ Das so munter mit mir die schönen Tage verlebte!
+ Zehen junge Söhne, mit vierzehn Töchtern, sie waren
+ Voller Lust zu leben; mein Weib, die treffliche Henne,
+ Hatte sie alle zusammen in Einem Sommer erzogen.
+ Alle waren so stark und wohl zufrieden, sie fanden
+ Ihre tägliche Nahrung an wohlgesicherter Stätte.
+ Reichen Mönchen gehörte der Hof, uns schirmte die Mauer,
+ Und sechs große Hunde, die wackern Genossen des Hauses,
+ Liebten meine Kinder und wachten über ihr Leben;
+ Reineken aber, den Dieb, verdroß es, daß wir in Frieden
+ Glückliche Tage verlebten und seine Ränke vermieden.
+ Immer schlich er bei Nacht um die Mauer und lauschte beim Tore,
+ Aber die Hunde bemerktens; da mocht er laufen! sie faßten
+ Wacker ihn endlich einmal und ruckten das Fell ihm zusammen;
+ Doch er rettete sich und ließ uns ein Weilchen in Ruhe.
+ Aber nun höret mich an! es währte nicht lange, so kam er
+ Als ein Klausner und brachte mir Brief und Siegel. Ich kannt es:
+ Euer Siegel sah ich am Briefe; da fand ich geschrieben:
+ Daß Ihr festen Frieden so Tieren als Vögeln verkündigt.
+ Und er zeigte mir an: er sei ein Klausner geworden,
+ Habe strenge Gelübde getan, die Sünden zu büßen,
+ Deren Schuld er leider bekenne. Da habe nun keiner
+ Mehr vor ihm sich zu fürchten, er habe heilig gelobet,
+ Nimmermehr Fleisch zu genießen. Er ließ mich die Kutte beschauen,
+ Zeigte sein Skapulier. Daneben wies er ein Zeugnis,
+ Das ihm der Prior gestellt, und, um mich sicher zu machen,
+ Unter der Kutte ein härenes Kleid. Dann ging er und sagte:
+ Gott dem Herren seid mir befohlen! ich habe noch vieles
+ Heute zu tun! ich habe die Sext und die None zu lesen
+ Und die Vesper dazu. Er las im Gehen und dachte
+ Vieles Böse sich aus, er sann auf unser Verderben.
+ Ich mit erheitertem Herzen erzählte geschwinde den Kindern
+ Eures Briefes fröhliche Botschaft, es freuten sich alle.
+ Da nun Reineke Klausner geworden, so hatten wir weiter
+ Keine Sorge, noch Furcht. Ich ging mit ihnen zusammen
+ Vor die Mauer hinaus, wir freuten uns alle der Freiheit.
+ Aber leider bekam es uns übel. Er lag im Gebüsche
+ Hinterlistig; da sprang er hervor und verrannt uns die Pforte;
+ Meiner Söhne schönsten ergriff er und schleppt' ihn von dannen,
+ Und nun war kein Rat, nachdem er sie einmal gekostet;
+ Immer versucht' er es wieder, und weder Jäger noch Hunde
+ Konnten vor seinen Ränken bei Tag und Nacht uns bewahren.
+ So entriß er mir nun fast alle Kinder; von zwanzig
+ Bin ich auf fünfe gebracht, die andern raubt' er mir alle.
+ O, erbarmt Euch des bittern Schmerzes! er tötete gestern
+ Meine Tochter, es haben die Hunde den Leichnam gerettet.
+ Seht, hier liegt sie! Er hat es getan, o! nehmt es zu Herzen!
+
+ Und der König begann: Kommt näher, Grimbart, und sehet,
+ Also fastet der Klausner, und so beweist er die Buße!
+ Leb ich noch aber ein Jahr, so soll es ihn wahrlich gereuen!
+ Doch was helfen die Worte! Vernehmet, trauriger Henning:
+ Eurer Tochter ermangl es an nichts, was irgend den Toten
+ Nur zu Rechte geschieht. Ich lass ihr Vigilie singen,
+ Sie mit großer Ehre zur Erde bestatten; dann wollen
+ Wir mit diesen Herren des Mordes Strafe bedenken.
+
+ Da gebot der König, man solle Vigilie singen.
+ Domino placebo begann die Gemeine, sie sangen
+ Alle Verse davon. Ich könnte ferner erzählen,
+ Wer die Lektion gesungen und wer die Responsen;
+ Aber es währte zu lang, ich lass es lieber bewenden.
+ In ein Grab ward die Leiche gelegt und drüber ein schöner
+ Marmorstein, poliert wie ein Glas, gehauen im Viereck,
+ Groß und dick, und oben darauf war deutlich zu lesen:
+ »Kratzefuß, Tochter Hennings des Hahns, die beste der Hennen,
+ Legte viel Eier ins Nest und wußte klüglich zu scharren.
+ Ach, hier liegt sie! durch Reinekens Mord den Ihren genommen.
+ Alle Welt soll erfahren, wie bös und falsch er gehandelt,
+ Und die Tote beklagen.« So lautete, was man geschrieben.
+
+ Und es ließ der König darauf die Klügsten berufen,
+ Rat mit ihnen zu halten, wie er den Frevel bestrafte,
+ Der so klärlich vor ihn und seine Herren gebracht war.
+ Und sie rieten zuletzt: man habe dem listigen Frevler
+ Einen Boten zu senden, daß er um Liebes und Leides
+ Nicht sich entzöge, er solle sich stellen am Hofe des Königs
+ An dem Tage der Herrn, wenn sie zunächst sich versammeln;
+ Braun, den Bären, ernannte man aber zum Boten. Der König
+ Sprach zu Braun, dem Bären: Ich sag es, Euer Gebieter,
+ Daß Ihr mit Fleiß die Botschaft verrichtet! Doch rat ich zur Vorsicht:
+ Denn es ist Reineke falsch und boshaft, allerlei Listen
+ Wird er gebrauchen, er wird Euch schmeicheln, er wird Euch belügen,
+ Hintergehen, wie er nur kann. Mitnichten, versetzte
+ Zuversichtlich der Bär: bleibt ruhig! Sollt er sich irgend
+ Nur vermessen und mir zum Hohne das mindeste wagen,
+ Seht, ich schwör es bei Gott! der möge mich strafen, wofern ich
+ Ihm nicht grimmig vergölte, daß er zu bleiben nicht wüßte.
+
+
+
+
+
+ Zweiter Gesang
+
+
+ Also wandelte Braun auf seinem Weg zum Gebirge
+ Stolzen Mutes dahin, durch eine Wüste, die groß war,
+ Lang und sandig und breit; und als er sie endlich durchzogen,
+ Kam er gegen die Berge, wo Reineke pflegte zu jagen;
+ Selbst noch Tages zuvor hatt er sich dorten erlustigt.
+ Aber der Bär ging weiter nach Malepartus; da hatte
+ Reineke schöne Gebäude. Von allen Schlössern und Burgen,
+ Deren ihm viele gehörten, war Malepartus die beste.
+ Reineke wohnte daselbst, sobald er übels besorgte.
+ Braun erreichte das Schloß und fand die gewöhnliche Pforte
+ Fest verschlossen. Da trat er davor und besann sich ein wenig;
+ Endlich rief er und sprach: Herr Oheim, seid Ihr zu Hause?
+ Braun, der Bär, ist gekommen, des Königs gerichtlicher Bote.
+ Denn es hat der König geschworen, Ihr sollet bei Hofe
+ Vor Gericht Euch stellen, ich soll Euch holen, damit Ihr
+ Recht zu nehmen und Recht zu geben keinem verweigert,
+ Oder es soll Euch das Leben kosten; denn bleibt Ihr dahinten,
+ Ist mit Galgen und Rad Euch gedroht. Drum wählet das Beste,
+ Kommt und folget mir nach, sonst möcht es Euch übel bekommen.
+
+ Reineke hörte genau vom Anfang zum Ende die Rede,
+ Lag und lauerte still und dachte: Wenn es gelänge,
+ Daß ich dem plumpen Kompan die stolzen Worte bezahlte?
+ Laßt uns die Sache bedenken. Er ging in die Tiefe der Wohnung,
+ In die Winkel des Schlosses, denn künstlich war es gebauet:
+ Löcher fanden sich hier und Höhlen mit vielerlei Gängen,
+ Eng und lang, und mancherlei Türen zum öffnen und Schließen,
+ Wie es Zeit war und Not. Erfuhr er, daß man ihn suchte
+ Wegen schelmischer Tat, da fand er die beste Beschirmung.
+ Auch aus Einfalt hatten sich oft in diesen Mäandern
+ Arme Tiere gefangen, willkommene Beute dem Räuber.
+ Reineke hatte die Worte gehört, doch fürchtet' er klüglich,
+ Andre möchten noch neben dem Boten im Hinterhalt liegen,
+ Als er sich aber versichert, der Bär sei einzeln gekommen,
+ Ging er listig hinaus und sagte: Wertester Oheim,
+ Seid willkommen! Verzeiht mir! ich habe Vesper gelesen,
+ Darum ließ ich Euch warten. Ich dank Euch, daß Ihr gekommen,
+ Denn es nutzt mir gewiß bei Hofe, so darf ich es hoffen.
+ Seid zu jeglicher Stunde, mein Oheim, willkommen! Indessen
+ Bleibt der Tadel für den, der Euch die Reise befohlen,
+ Denn sie ist weit und beschwerlich. O Himmel! wie Ihr erhitzt seid!
+ Eure Haare sind naß und Euer Odem beklommen.
+ Hatte der mächtige König sonst keinen Boten zu senden,
+ Als den edelsten Mann, den er am meisten erhöhet?
+ Aber so sollt es wohl sein zu meinem Vorteil; ich bitte,
+ Helft mir am Hofe des Königs, allwo man mich übel verleumdet.
+ Morgen, setzt ich mir vor, trotz meiner mißlichen Lage,
+ Frei nach Hofe zu gehen, und so gedenk ich noch immer.
+ Nur für heute bin ich zu schwer, die Reise zu machen.
+ Leider hab ich zu viel von einer Speise gegessen,
+ Die mir übel bekommt; sie schmerzt mich gewaltig im Leibe.
+ Braun versetzte darauf. Was war es, Oheim? Der andre
+ Sagte dagegen: Was könnt es Euch helfen, und wenn ichs erzählte!
+ Kümmerlich frist ich mein Leben; ich leid es aber geduldig,
+ Ist ein armer Mann doch kein Graf! und findet zuweilen
+ Sich für uns und die Unsern nichts Besseres, müssen wir freilich
+ Honigscheiben verzehren, die sind wohl immer zu haben.
+ Doch ich esse sie nur aus Not; nun bin ich geschwollen.
+ Wider Willen schluckt ich das Zeug, wie sollt es gedeihen?
+ Kann ich es immer vermeiden, so bleibt mirs ferne vom Gaumen.
+
+ Ei! was hab ich gehört! versetzte der Braune, Herr Oheim!
+ Ei! verschmähet Ihr so den Honig, den mancher begehret?
+ Honig, muß ich Euch sagen, geht über alle Gerichte,
+ Wenigstens mir; o schafft mir davon, es soll Euch nicht reuen!
+ Dienen werd ich Euch wieder.--Ihr spottet, sagte der andre.
+ Nein, wahrhaftig! verschwor sich der Bär, es ist ernstlich gesprochen.
+ Ist dem also, versetzte der Rote: da kann ich Euch dienen,
+ Denn der Bauer Rüsteviel wohnt am Fuße des Berges.
+ Honig hat er! Gewiß, mit allem Eurem Geschlechte
+ Saht Ihr niemal so viel beisammen. Da lüstet' es Braunen
+ Übermäßig nach dieser geliebten Speise. O führt mich,
+ Rief er, eilig dahin! Herr Oheim, ich will es gedenken,
+ Schafft mir Honig, und wenn ich auch nicht gesättigt werde.
+ Gehen wir, sagte der Fuchs: es soll an Honig nicht fehlen.
+ Heute bin ich zwar schlecht zu Fuße; doch soll mir die Liebe,
+ Die ich Euch lange gewidmet, die sauern Tritte versüßen.
+ Denn ich kenne niemand von allen meinen Verwandten,
+ Den ich verehrte, wie Euch! Doch kommt! Ihr werdet dagegen
+ An des Königes Hof am Herren-Tage mir dienen,
+ Daß ich der Feinde Gewalt und ihre Klagen beschäme.
+ Honigsatt mach ich Euch heute, so viel Ihr immer nur tragen
+ Möget.--Es meinte der Schalk die Schläge der zornigen Bauern.
+
+ Reineke lief ihm zuvor, und blindlings folgte der Braune.
+ Will mirs gelingen, so dachte der Fuchs: ich bringe dich heute
+ Noch zu Markte, wo dir ein bittrer Honig zuteil wird.
+ Und sie kamen zu Rüsteviels Hofe; das freute den Bären,
+ Aber vergebens, wie Toren sich oft mit Hoffnung betrügen.
+
+ Abend war es geworden, und Reineke wußte, gewöhnlich
+ Liege Rüsteviel nun in seiner Kammer zu Bette,
+ Der ein Zimmermann war, ein tüchtiger Meister. Im Hofe
+ Lag ein eichener Stamm; er hatte, diesen zu trennen,
+ Schon zwei tüchtige Keile hineingetrieben, und oben,
+ Klaffte gespalten der Baum fast ellenweit. Reineke merkt' es,
+ Und er sagte: Mein Oheim, in diesem Baume befindet
+ Sich des Honigs mehr, als Ihr vermutet; nun stecket
+ Eure Schnauze hinein, so tief Ihr möget. Nur rat ich,
+ Nehmt nicht gierig zu viel, es möcht Euch übel bekommen.
+ Meint Ihr, sagte der Bär, ich sei ein Vielfraß? mitnichten!
+ Maß ist überall gut, bei allen Dingen. Und also
+ Ließ der Bär sich betören und steckte den Kopf in die Spalte
+ Bis an die Ohren hinein und auch die vordersten Füße.
+ Reineke machte sich dran, mit vielem Ziehen und Zerren
+ Bracht er die Keile heraus: nun war der Braune gefangen,
+ Haupt und Füße geklemmt; es half kein Schelten noch Schmeicheln.
+ Vollauf hatte der Braune zu tun, so stark er und kühn war,
+ Und so hielt der Neffe mit List den Oheim gefangen.
+ Heulend plärrte der Bär, und mit den hintersten Füßen
+ Scharrt' er grimmig und lärmte so sehr, daß Rüsteviel aufsprang.
+ Was es wäre? dachte der Meister und brachte sein Beil mit,
+ Daß man bewaffnet ihn fände, wenn jemand zu schaden gedächte.
+ Braun befand sich indes in großen ängsten; die Spalte
+ Klemmt' ihn gewaltig, er zog und zerrte, brüllend vor Schmerzen.
+ Aber mit alle der Pein war nichts gewonnen; er glaubte
+ Nimmer von dannen zu kommen; so meint' auch Reineke freudig.
+ Als er Rüsteviel sah von ferne schreiten, da rief er:
+ Braun, wie steht es? Mäßiget Euch und schonet des Honigs!
+ Sagt, wie schmeckt es? Rüsteviel kommt und will Euch bewirten!
+ Nach der Mahlzeit bringt er ein Schlückchen, es mag Euch bekommen!
+
+ Da ging Reineke wieder nach Malepartus, der Feste.
+ Aber Rüsteviel kam, und als er den Bären erblickte,
+ Lief er, die Bauern zu rufen, die noch in der Schenke beisammen
+ Schmauseten. Kommt! so rief er: in meinem Hofe gefangen
+ Hat sich ein Bär, ich sage die Wahrheit. Sie folgten und liefen,
+ Jeder bewehrte sich eilig, so gut er konnte. Der eine
+ Nahm die Gabel zur Hand, und seinen Rechen der andre,
+ Und der dritte, der vierte, mit Spieß und Hacke bewaffnet,
+ Kamen gesprungen, der fünfte mit einem Pfahle gerüstet.
+ Ja, der Pfarrer und Küster, sie kamen mit ihrem Geräte.
+ Auch die Köchin des Pfaffen (sie hieß Frau Jutte, sie konnte
+ Grütze bereiten und kochen wie keine) blieb nicht dahinten,
+ Kam mit dem Rocken gelaufen, bei dem sie am Tage gesessen,
+ Dem unglücklichen Bären den Pelz zu waschen. Der Braune
+ Hörte den wachsenden Lärm in seinen schrecklichen Nöten,
+ Und er riß mit Gewalt das Haupt aus der Spalte; da blieb ihm
+ Haut und Haar des Gesichts bis zu den Ohren im Baume.
+ Nein! kein kläglicher Tier hat jemand gesehen! es rieselt'
+ Über die Ohren das Blut. Was half ihm, das Haupt zu befreien?
+ Denn es blieben die Pfoten im Baume stecken; da riß er
+ Hastig sie ruckend heraus; er raste sinnlos, die Klauen
+ Und von den Füßen das Fell blieb in der klemmenden Spalte.
+ Leider schmeckte dies nicht nach süßem Honig, wozu ihm
+ Reineke Hoffnung gemacht; die Reise war übel geraten,
+ Eine sorgliche Fahrt war Braunen geworden. Es blutet'
+ Ihm der Bart und die Füße dazu, er konnte nicht stehen,
+ Konnte nicht kriechen, noch gehn. Und Rüsteviel eilte, zu schlagen,
+ Alle fielen ihn an, die mit dem Meister gekommen;
+ Ihn zu töten, war ihr Begehr. Es führte der Pater
+ Einen langen Stab in der Hand und schlug ihn von ferne.
+ Kümmerlich wandt er sich hin und her, es drängt' ihn der Haufen,
+ Einige hier mit Spießen, dort andre mit Beilen, es brachte
+ Hammer und Zange der Schmied, es kamen andre mit Schaufeln,
+ Andre mit Spaten, sie schlugen drauflos und riefen und schlugen,
+ Daß er vor schmerzlicher Angst im eignem Unflat sich wälzte.
+ Alle setzten ihm zu, es blieb auch keiner dahinten;
+ Der krummbeinige Schloppe mit dem breitnasigen Ludolf
+ Waren die Schlimmsten, und Gerold bewegte den hölzernen Flegel
+ Zwischen den krummen Fingern; ihm stand sein Schwager zur Seite,
+ Kückelrei war es, der dicke, die beiden schlugen am meisten.
+ Abel Quack und Frau Jutte dazu, sie ließens nicht fehlen;
+ Talke Lorden Quacks traf mit der Butte den Armen.
+ Und nicht diese Genannten allein, denn Männer und Weiber,
+ Alle liefen herzu und wollten das Leben des Bären.
+ Kückelrei machte das meiste Geschrei, er dünkte sich vornehm:
+ Denn Frau Willigetrud am hinteren Tore (man wußt es)
+ War die Mutter, bekannt war nie sein Vater geworden.
+ Doch es meinten die Bauern, der Stoppelmäher, der schwarze
+ Sander, sagten sie, möcht es wohl sein, ein stolzer Geselle,
+ Wenn er allein war. Es kamen auch Steine gewaltig geflogen,
+ Die den verzweifelten Braunen von allen Seiten bedrängten.
+ Nun sprang Rüsteviels Bruder hervor und schlug mit dem langen,
+ Dicken Knüttel den Bären aufs Haupt, daß Hören und Sehen
+ Ihm verging, doch fuhr er empor vom mächtigen Schlage.
+ Rasend fuhr er unter die Weiber, die untereinander
+ Taumelten, fielen und schrien, und einige stürzten ins Wasser,
+ Und das Wasser war tief. Da rief der Pater und sagte:
+ Sehet, da unten schwimmt Frau Jutte, die Köchin, im Pelze,
+ Und der Rocken ist hier! O helft, ihr Männer! Ich gebe
+ Bier zwei Tonnen zum Lohn und großen Ablaß und Gnade.
+ Alle ließen für tot den Bären liegen und eilten
+ Nach den Weibern ans Wasser, man zog aufs Trockne die fünfe.
+ Da indessen die Männer am Ufer beschäftiget waren,
+ Kroch der Bär ins Wasser vor großem Elend und brummte
+ Vor entsetzlichem Weh. Er wollte sich lieber ersäufen,
+ Als die Schläge so schändlich erdulden. Er hatte zu schwimmen
+ Nie versucht und hoffte sogleich das Leben zu enden.
+ Wider Vermuten fühlt' er sich schwimmen, und glücklich getragen
+ Ward er vom Wasser hinab, es sahen ihn alle die Bauern,
+ Riefen: Das wird uns gewiß zur ewigen Schande gereichen!
+ Und sie waren verdrießlich und schalten über die Weiber:
+ Besser blieben sie doch zu Hause! da seht nun, er schwimmet
+ Seiner Wege. Sie traten herzu, den Block zu besehen,
+ Und sie fanden darin noch Haut und Haare vom Kopfe
+ Und von den Füßen und lachten darob und riefen: Du kommst uns
+ Sicher wieder, behalten wir doch die Ohren zum Pfande!
+ So verhöhnten sie ihn noch über den Schaden, doch war er
+ Froh, daß er nur dem übel entging. Er fluchte den Bauern,
+ Die ihn geschlagen, und klagte den Schmerz der Ohren und Füße,
+ Fluchte Reineken, der ihn verriet. Mit solchen Gebeten
+ Schwamm er weiter, es trieb ihn der Strom, der reißend und groß war,
+ Binnen weniger Zeit fast eine Meile hinunter;
+ Und da kroch er ans Land am selbigen Ufer und keichte.
+ Kein bedrängteres Tier hat je die Sonne gesehen!
+ Und er dachte den Morgen nicht zu erleben, er glaubte
+ Plötzlich zu sterben und rief. O Reineke, falscher Verräter!
+ Loses Geschöpf!. Er dachte dabei der schlagenden Bauern,
+ Und er dachte des Baums und fluchte Reinekens Listen.
+
+ Aber Reineke Fuchs, nachdem er mit gutem Bedachte
+ Seinen Oheim zu Markte geführt, ihm Honig zu schaffen,
+ Lief er nach Hühnern, er wußte den Ort, und schnappte sich eines,
+ Lief und schleppte die Beute behend am Flusse hinunter.
+ Dann verzehrt' er sie gleich und eilte nach andern Geschäften
+ Immer am Flusse dahin und trank des Wassers und dachte:
+ O wie bin ich so froh, daß ich den tölpischen Bären
+ So zu Hofe gebracht! Ich wette, Rüsteviel hat ihm
+ Wohl das Beil zu kosten gegeben. Es zeigte der Bär sich
+ Stets mir feindlich gesinnt, ich hab es ihm wieder vergolten.
+ Oheim hab ich ihn immer genannt, nun ist er am Baume
+ Tot geblieben; des will ich mich freun, solang ich nur lebe.
+ Klagen und schaden wird er nicht mehr!--Und wie er so wandelt,
+ Schaut er am Ufer hinab und sieht den Bären sich wälzen.
+ Das verdroß ihm im Herzen, daß Braun lebendig entkommen.
+ Rüsteviel, rief er, du lässiger Wicht! du grober Geselle!
+ Solche Speise verschmähst du? die fett und guten Geschmacks ist,
+ Die manch ehrlicher Mann sich wünscht, und die so gemächlich
+ Dir zu Handen gekommen. Doch hat für deine Bewirtung
+ Dir der redliche Braun ein Pfand gelassen! So dacht er,
+ Als er den Braunen betrübt, ermattet und blutig erblickte.
+ Endlich rief er ihn an: Herr Oheim, find ich Euch wieder?
+ Habt Ihr etwas vergessen bei Rüsteviel? sagt mir, ich lass ihm
+ Wissen, wo Ihr geblieben. Doch soll ich sagen, ich glaube,
+ Vieles Honig habt Ihr gewiß dem Manne gestohlen,
+ Oder habt Ihr ihn redlich bezahlt? wie ist es geschehen?
+ Ei! wie seid Ihr gemalt? das ist ein schmähliches Wesen!
+ War der Honig nicht guten Geschmacks; Zu selbigem Preise
+ Steht noch manches zu Kauf! Doch, Oheim, saget mir eilig,
+ Welchem Orden habt Ihr Euch wohl so kürzlich gewidmet,
+ Daß Ihr ein rotes Barett auf Eurem Haupte zu tragen
+ Anfangt? Seid Ihr ein Abt? Es hat der Bader gewißlich,
+ Der die Platte Euch schor, nach Euren Ohren geschnappet.
+ Ihr verloret den Schopf, wie ich sehe, das Fell von den Wangen
+ Und die Handschuh dabei. Wo habt Ihr sie hängen gelassen?
+ Und so mußte der Braune die vielen spöttischen Worte
+ Hintereinander vernehmen und konnte vor Schmerzen nicht reden,
+ Sich nicht raten noch helfen. Und um nicht weiter zu hören,
+ Kroch er ins Wasser zurück und trieb mit dem reißenden Strome
+ Nieder und landete drauf am flachen Ufer. Da lag er,
+ Krank und elend, und jammerte laut und sprach zu sich selber:
+ Schlüge nur einer mich tot! Ich kann nicht gehen und sollte
+ Nach des Königes Hof die Reise vollenden, und bleibe
+ So geschändet zurück von Reinekens bösem Verrate.
+ Bring ich mein Leben davon, gewiß, dich soll es gereuen!
+ Doch er raffte sich auf und schleppte mit gräßlichen Schmerzen
+ Durch vier Tage sich fort, und endlich kam er zu Hofe.
+
+ Als der König den Bären in seinem Elend erblickte,
+ Rief er: Gnädiger Gott! Erkenn ich Braunen? Wie kommt er
+ So geschändet? Und Braun versetzte: Leider erbärmlich
+ Ist das Ungemach, das Ihr erblickt; so hat mich der Frevler
+ Reineke schändlich verraten! Da sprach der König entrüstet:
+ Rächen will ich gewiß ohn alle Gnade den Frevel.
+ Solch einen Herrn wie Braun, den sollte Reineke schänden?
+ Ja, bei meiner Ehre, bei meiner Krone! das schwör ich,
+ Alles soll Reineke büßen, was Braun zu Rechte begehret.
+ Halt ich mein Wort nicht, so trag ich kein Schwert mehr, ich will es geloben!
+
+ Und der König gebot, es solle der Rat sich versammeln,
+ Überlegen und gleich der Frevel Strafe bestimmen.
+ Alle rieten darauf, wofern es dem König beliebte,
+ Solle man Reineken abermals fordern, er solle sich stellen,
+ Gegen Anspruch und Klage sein Recht zu wahren. Es könne
+ Hinze, der Kater, sogleich die Botschaft Reineken bringen,
+ Weil er klug und gewandt sei. So rieten sie alle zusammen.
+
+ Und es vereinigte sich der König mit seinen Genossen,
+ Sprach zu Hinzen: Merket mir recht die Meinung der Herren!
+ Ließ' er sich aber zum drittenmal fordern, so soll es ihm selbst und
+ Seinem ganzen Geschlecht zum ewigen Schaden gereichen;
+ Ist er klug, so komm er inzeiten. Ihr schärft ihm die Lehre;
+ Andre verachtet er nur, doch Eurem Rate gehorcht er.
+
+ Aber Hinze versetzte: Zum Schaden oder zum Frommen
+ Mag es gereichen, komm ich zu ihm, wie soll ichs beginnen?
+ Meinetwegen tut oder laßt es, aber ich dächte,
+ Jeden andern zu schicken, ist besser, da ich so klein bin.
+ Braun, der Bär, so groß und stark, und konnt ihn nicht zwingen,
+ Welcher Weise soll ich es enden? O! habt mich entschuldigt.
+
+ Du beredest mich nicht, versetzte der König: man findet
+ Manchen kleinen Mann voll List und Weisheit, die manchem
+ Großen fremd ist. Seid Ihr auch gleich kein Riese gewachsen,
+ Seid Ihr doch klug und gelehrt. Da gehorchte der Kater und sagte:
+ Euer Wille geschehe! und kann ich ein Zeichen erblicken
+ Rechter Hand am Wege, so wird die Reise gelingen.
+
+
+
+
+
+ Dritter Gesang
+
+
+ Nun war Hinze, der Kater, ein Stückchen Weges gegangen;
+ Einen Martins-Vogel erblickt' er von weitem, da rief er:
+ Edler Vogel! Glück auf. o wende die Flügel und fliege
+ Her zu meiner Rechten! Es flog der Vogel und setzte
+ Sich zur Linken des Katers, auf einem Baume zu singen.
+ Hinze betrübte sich sehr, er glaubte sein Unglück zu hören,
+ Doch er machte nun selber sich Mut, wie mehrere pflegen.
+ Immer wandert' er fort nach Malepartus, da fand er
+ Vor dem Hause Reineken sitzen, er grüßt' ihn und sagte:
+ Gott, der reiche, der gute, bescher Euch glücklichen Abend!
+ Euer Leben bedrohet der König, wofern Ihr Euch weigert,
+ Mit nach Hofe zu kommen; und ferner läßt er Euch sagen:
+ Stehet den Klägern zu Recht, sonst werdens die Eurigen büßen.
+ Reineke sprach: Willkommen dahier, geliebtester Neffe!
+ Möget Ihr Segen von Gott nach meinem Wunsche genießen.
+ Aber er dachte nicht so in seinem verrätrischen Herzen;
+ Neue Tücke sann er sich aus, er wollte den Boten
+ Wieder geschändet nach Hofe senden. Er nannte den Kater
+ Immer seinen Neffen und sagte: Neffe, was setzt man
+ Euch für Speise nur vor? Man schläft gesättiget besser;
+ Einmal bin ich der Wirt, wir gingen dann morgen am Tage
+ Beide nach Hofe: so dünkt es mich gut. Von meinen Verwandten
+ Ist mir keiner bekannt, auf den ich mich lieber verließe.
+ Denn der gefräßige Bär war trotzig zu mir gekommen.
+ Er ist grimmig und stark, daß ich um vieles nicht hätte
+ Ihm zur Seite die Reise gewagt. Nun aber versteht sichs,
+ Gerne geh ich mit Euch. Wir machen uns frühe des Morgens
+ Auf den Weg: so scheinet es mir das beste geraten.
+ Hinze versetzte darauf. Es wäre besser, wir machten
+ Gleich uns fort nach Hofe, so wie wir gehen und stehen.
+ Auf der Heide scheinet der Mond, die Wege sind trocken.
+ Reineke sprach: Ich finde bei Nacht das Reisen gefährlich,
+ Mancher grüßet uns freundlich bei Tage, doch käm er im Finstern
+ Uns in den Weg, es möchte wohl kaum zum besten geraten.
+ Aber Hinze versetzte: So laßt mich wissen, mein Neffe,
+ Bleib ich hier, was sollen wir essen? Und Reineke sagte:
+ Ärmlich behelfen wir uns; doch wenn Ihr bleibet, so bring ich
+ Frische Honigscheiben hervor, ich wähle die klärsten.
+ Niemals eß ich dergleichen, versetzte murrend der Kater:
+ Fehlet Euch alles im Hause, so gebt eine Maus her! Mit dieser
+ Bin ich am besten versorgt, und sparet das Honig für andre.
+ Eßt Ihr Mäuse so gern? sprach Reineke: redet mir ernstlich;
+ Damit kann ich Euch dienen. Es hat mein Nachbar, der Pfaffe,
+ Eine Scheun im Hofe, darin sind Mäuse, man führe
+ Sie auf keinem Wagen hinweg: ich höre den Pfaffen
+ Klagen, daß sie bei Nacht und Tag ihm lästiger werden.
+ Unbedächtig sagte der Kater: Tut mir die Liebe,
+ Bringet mich hin zu den Mäusen! denn über Wildbret und alles
+ Lob ich mir Mäuse, die schmecken am besten. Und Reineke sagte:
+ Nun wahrhaftig, Ihr sollt mir ein herrliches Gastmahl genießen.
+ Da mir bekannt ist, womit ich Euch diene, so laßt uns nicht zaudern.
+
+ Hinze glaubt' ihm und folgte; sie kamen zur Scheune des Pfaffen,
+ Zu der lehmernen Wand. Die hatte Reineke gestern
+ Klug durchgraben und hatte durchs Loch dem schlafenden Pfaffen
+ Seiner Hähne den besten entwendet. Das wollte Martinchen
+ Rächen, des geistlichen Herrn geliebtes Söhnchen; er knüpfte
+ Klug vor die öffnung den Strick mit einer Schlinge; so hofft' er
+ Seinen Hahn zu rächen am wiederkehrenden Diebe.
+ Reineke wußt und merkte sich das und sagte: Geliebter
+ Neffe, kriechet hinein gerade zur öffnung; ich halte
+ Wache davor, indessen Ihr mauset; Ihr werdet zu Haufen
+ Sie im Dunkeln erhaschen. O höret, wie munter sie pfeifen!
+ Seid Ihr satt, so kommt nur zurück, Ihr findet mich wieder.
+ Trennen dürfen wir nicht uns diesen Abend, denn morgen
+ Gehen wir früh und kürzen den Weg mit muntern Gesprächen.
+ Glaubt Ihr, sagte der Kater, es sei hier sicher zu kriechen?
+ Denn es haben mitunter die Pfaffen auch Böses im Sinne.
+ Da versetzte der Fuchs, der Schelm: Wer konnte das wissen!
+ Seid Ihr so blöde? Wir gehen zurück: es soll Euch mein Weibchen
+ Gut und mit Ehren empfangen, ein schmackhaft Essen bereiten;
+ Wenn es auch Mäuse nicht sind, so laßt es uns fröhlich verzehren.
+ Aber Hinze, der Kater, sprang in die öffnung, er schämte
+ Sich vor Reinekens spottenden Worten, und fiel in die Schlinge.
+ Also empfanden Reinekens Gäste die böse Bewirtung.
+
+ Da nun Hinze den Strick an seinem Halse verspürte,
+ Fuhr er ängstlich zusammen und übereilte sich furchtsam,
+ Denn er sprang mit Gewalt: da zog der Strick sich zusammen.
+ Kläglich rief er Reineken zu, der außer dem Loche
+ Horchte, sich hämisch erfreute und so zur öffnung hineinsprach:
+ Hinze, wie schmecken die Mäuse? Ihr findet sie, glaub ich, gemästet.
+ Wüßte Martinchen doch nur, daß Ihr sein Wildbret verzehret;
+ Sicher brächt er Euch Senf: er ist ein höflicher Knabe.
+ Singet man so bei Hofe zum Essen? Es klingt mir bedenklich.
+ Wüßt ich Isegrim nur in diesem Loche, so wie ich
+ Euch zu Falle gebracht, er sollte mir alles bezahlen,
+ Was er mir übels getan! Und so ging Reineke weiter.
+ Aber er ging nicht allein, um Diebereien zu üben;
+ Ehbruch, Rauben und Mord und Verrat, er hielt es nicht sündlich.
+ Und er hatte sich eben was ausgesonnen. Die schöne
+ Gieremund wollt er besuchen, in doppelter Absicht: fürs erste
+ Hofft er von ihr zu erfahren, was eigentlich Isegrim klagte;
+ Zweitens wollte der Schalk die alten Sünden erneuern.
+ Isegrim war nach Hofe gegangen, das wollt er benutzen.
+ Denn wer zweifelt daran, es hatte die Neigung der Wölfin
+ Zu dem schändlichen Fuchse den Zorn des Wolfes entzündet.
+ Reineke trat in die Wohnung der Frauen und fand sie nicht heimisch.
+ Grüß euch Gott! Stiefkinderchen! sagt' er, nicht mehr und nicht minder,
+ Nickte freundlich den Kleinen und eilte nach seinem Gewerbe.
+ Als Frau Gieremund kam des Morgens, wie es nur tagte,
+ Sprach sie: Ist niemand kommen, nach mir zu fragen? Soeben
+ Geht Herr Pate Reineke fort, er wünscht' Euch zu sprechen.
+ Alle, wie wir hier sind, hat er Stiefkinder geheißen.
+ Da rief Gieremund aus: Er soll es bezahlen! und eilte,
+ Diesen Frevel zu rächen zur selben Stunde. Sie wußte,
+ Wo er pflegte zu gehn; sie erreicht' ihn, zornig begann sie:
+ Was für Worte sind das? und was für schimpfliche Reden
+ Habt Ihr ohne Gewissen vor meinen Kindern gesprochen?
+ Büßen sollt Ihr dafür! So sprach sie zornig und zeigt' ihm
+ Ein ergrimmtes Gesicht; sie faßt' ihn am Barte, da fühlt' er
+ Ihrer Zähne Gewalt und lief und wollt ihr entweichen;
+ Sie behend strich hinter ihm drein. Da gab es Geschichten--
+ Ein verfallenes Schloß war in der Nähe gelegen,
+ Hastig liefen die beiden hinein; es hatte sich aber
+ Altershalben die Mauer in einem Turme gespalten.
+ Reineke schlupfte hindurch; allein er mußte sich zwängen,
+ Denn die Spalte war eng; und eilig steckte die Wölfin,
+ Groß und stark, wie sie war, den Kopf in die Spalte; sie drängte,
+ Schob und brach und zog und wollte folgen, und immer
+ Klemmte sie tiefer sich ein und konnte nicht vorwärts noch rückwärts.
+ Da das Reineke sah, lief er zur anderen Seite
+ Krummen Weges herein und kam und macht' ihr zu schaffen.
+ Aber sie ließ es an Worten nicht fehlen, sie schalt ihn: Du handelst
+ Als ein Schelm! ein Dieb! Und Reineke sagte dagegen:
+ Ist es noch niemals geschehn, so mag es jetzo geschehen.
+
+ Wenig Ehre verschafft es, sein Weib mit andern zu sparen,
+ Wie nun Reineke tat. Gleichviel war alles dem Bösen.
+ Da nun endlich die Wölfin sich aus der Spalte gerettet,
+ War schon Reineke weg und seine Straße gegangen.
+ Und so dachte die Frau, sich selber Recht zu verschaffen,
+ Ihrer Ehre zu wahren, und doppelt war sie verloren.
+
+ Lasset uns aber zurück nach Hinzen sehen. Der Arme,
+ Da er gefangen sich fühlte, beklagte nach Weise der Kater
+ Sich erbärmlich: das hörte Martinchen und sprang aus dem Bette.
+ Gott sei Dank! Ich habe den Strick zur glücklichen Stunde
+ Vor die öffnung geknüpft; der Dieb ist gefangen! Ich denke,
+ Wohl bezahlen soll er den Hahn! So jauchzte Martinchen.
+ Zündete hurtig ein Licht an (im Hause schliefen die Leute),
+ Weckte Vater und Mutter darauf und alles Gesinde,
+ Rief: Der Fuchs ist gefangen! wir wollen ihm dienen. Sie kamen
+ Alle, groß und klein, ja selbst der Pater erhub sich,
+ Warf ein Mäntelchen um; es lief mit doppelten Lichtern
+ Seine Köchin voran, und eilig hatte Martinchen
+ Einen Knüttel gefaßt und machte sich über den Kater,
+ Traf ihm Haut und Haupt und schlug ihm grimmig ein Aug aus.
+ Alle schlugen auf ihn; es kam mit zackiger Gabel
+ Hastig der Pater herbei und glaubte den Räuber zu fällen.
+ Hinze dachte zu sterben; da sprang er wütend entschlossen
+ Zwischen die Schenkel des Pfaffen und biß und kratzte gefährlich,
+ Schändete grimmig den Mann und rächte grausam das Auge.
+ Schreiend stürzte der Pater und fiel ohnmächtig zur Erden.
+ Unbedachtsam schimpfte die Köchin: es habe der Teufel
+ Ihr zum Possen das Spiel selbst angerichtet. Und doppelt,
+ Dreifach schwur sie: wie gern verlöre sie, wäre das Unglück
+ Nicht dem Herren begegnet, ihr bißchen Habe zusammen.
+ Ja, sie schwur: ein Schatz von Golde, wenn sie ihn hätte,
+ Sollte sie wahrlich nicht reuen, sie wollt ihn missen. So jammert'
+ Sie die Schande des Herrn und seine schwere Verwundung.
+ Endlich brachten sie ihn mit vielen Klagen zu Bette,
+ Ließen Hinzen am Strick und hatten seiner vergessen.
+
+ Als nun Hinze, der Kater, in seiner Not sich allein sah,
+ Schmerzlich geschlagen und übel verwundet, so nahe dem Tode,
+ Faßt' er aus Liebe zum Leben den Strick und nagt' ihn behende.
+ Sollt ich mich etwa erlösen vom großen übel? so dacht er.
+ Und es gelang ihm, der Strick zerriß. Wie fand er sich glücklich!
+ Eilte, dem Ort zu entfliehn, wo er so vieles erduldet;
+ Hastig sprang er zum Loche heraus und eilte die Straße
+ Nach des Königes Hof, den er des Morgens erreichte.
+ Ärgerlich schalt er sich selbst: So mußte dennoch der Teufel
+ Dich durch Reinekens List, des bösen Verräters, bezwingen!
+ Kommst du doch mit Schande zurück, am Auge geblendet
+ Und mit Schlägen schmerzlich beladen, wie mußt du dich schämen!
+
+ Aber des Königes Zorn entbrannte heftig, er dräute
+ Dem Verräter den Tod ohn alle Gnade. Da ließ er
+ Seine Räte versammeln; es kamen seine Baronen,
+ Seine Weisen zu ihm, er fragte: wie man den Frevler
+ Endlich brächte zu Recht, der schon so vieles verschuldet?
+ Als nun viele Beschwerden sich über Reineken häuften,
+ Redete Grimbart, der Dachs: Es mögen in diesem Gerichte
+ Viele Herren auch sein, die Reineken übels gedenken,
+ Doch wird niemand die Rechte des freien Mannes verletzen.
+ Nun zum drittenmal muß man ihn fordern. Ist dieses geschehen,
+ Kommt er dann nicht, so möge das Recht ihn schuldig erkennen.
+ Da versetzte der König: Ich fürchte, keiner von allen
+ Ginge, dem tückischen Manne die dritte Ladung zu bringen.
+ Wer hat ein Auge zu viel? wer mag verwegen genug sein,
+ Leib und Leben zu wagen um diesen bösen Verräter?
+ Seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen und dennoch am Ende
+ Reineken nicht zu stellen? Ich denke, niemand versucht es.
+ Überlaut versetzte der Dachs: Herr König, begehret
+ Ihr es von mir, so will ich sogleich die Botschaft verrichten,
+ Sei es, wie es auch sei. Wollt Ihr mich öffentlich senden,
+ Oder geh ich, als käm ich von selber? Ihr dürft nur befehlen.
+ Da beschied ihn der König: So geht dann! Alle die Klagen
+ Habt Ihr sämtlich gehört, und geht nur weislich zu Werke
+ Denn es ist ein gefährlicher Mann. Und Grimbart versetzte:
+ Einmal muß ich es wagen und hoff ihn dennoch zu bringen.
+ So betrat er den Weg nach Malepartus, der Feste;
+ Reineken fand er daselbst mit Weib und Kindern und sagte:
+ Oheim Reineke, seid mir gegrüßt! Ihr seid ein gelehrter,
+ Weiser, kluger Mann, wir müssen uns alle verwundern,
+ Wie Ihr des Königs Ladung verachtet, ich sage, verspottet,
+ Deucht Euch nicht, es wäre nun Zeit? Es mehren sich immer
+ Klagen und böse Gerüchte von allen Seiten. Ich rat Euch,
+ Kommt nach Hofe mit mir, es hilft kein längeres Zaudern.
+ Viele, viele Beschwerden sind vor den König gekommen,
+ Heute werdet Ihr nun zum dritten Male geladen;
+ Stellt Ihr Euch nicht, so seid Ihr verurteilt. Dann führet der König
+ Seine Vasallen hieher, Euch einzuschließen, in dieser
+ Feste Malepartus Euch zu belagern; so gehet
+ Ihr mit Weib und Kindern und Gut und Leben zugrunde.
+ Ihr entfliehet dem Könige nicht; drum ist es am besten,
+ Kommt nach Hofe mit mir! Es wird an listiger Wendung
+ Euch nicht fehlen, Ihr habt sie bereit und werdet Euch retten;
+ Denn Ihr habt ja wohl oft, auch an gerichtlichen Tagen,
+ Abenteuer bestanden, weit größer als dieses, und immer
+ Kamt Ihr glücklich davon und Eure Gegner in Schande.
+
+ Grimbart hatte gesprochen, und Reineke sagte dagegen:
+ Oheim, Ihr ratet mir wohl, daß ich zu Hofe mich stelle,
+ Meines Rechtes selber zu wahren. Ich hoffe, der König
+ Wird mir Gnade gewähren; er weiß, wie sehr ich ihm nütze;
+ Aber er weiß auch, wie sehr ich deshalb den andern verhaßt bin.
+ Ohne mich kann der Hof nicht bestehn. Und hätt ich noch zehnmal
+ Mehr verbrochen, so weiß ich es schon: sobald mirs gelinget,
+ Ihm in die Augen zu sehen und ihn zu sprechen, so fühlt er
+ Seinen Zorn im Busen bezwungen. Denn freilich begleiten
+ Viele den König und kommen in seinem Rate zu sitzen;
+ Aber es geht ihm niemal zu Herzen; sie finden zusammen
+ Weder Rat noch Sinn. Doch bleibet an jeglichem Hofe,
+ Wo ich immer auch sei, der Ratschluß meinem Verstande.
+ Denn versammeln sich König und Herren, in kitzlichen Sachen
+ Klugen Rat zu ersinnen, so muß ihn Reineken finden.
+ Das mißgönnen mir viele. Die hab ich leider zu fürchten,
+ Denn sie haben den Tod mir geschworen, und grade die Schlimmsten
+ Sind am Hofe versammelt, das macht mich eben bekümmert.
+ Über zehen und Mächtige sinds, wie kann ich alleine
+ Vielen widerstehn? Drum hab ich immer gezaudert.
+ Gleichwohl find ich es besser, mit Euch nach Hofe zu wandeln,
+ Meine Sache zu wahren; das soll mehr Ehre mir bringen,
+ Als durch Zaudern mein Weib und meine Kinder in ängsten
+ Und Gefahren zu stürzen; wir wären alle verloren.
+ Denn der König ist mir zu mächtig, und was es auch wäre,
+ Müßt ich tun, sobald ers befiehlt. Wir können versuchen,
+ Gute Verträge vielleicht mit unsern Feinden zu schließen.
+
+ Reineke sagte darnach: Frau Ermelyn, nehmet der Kinder
+ (Ich empfehl es Euch) wahr, vor allen andern des jüngsten,
+ Reinharts; es stehn ihm die Zähne so artig ums Mäulchen, ich hoff, er
+ Wird der leibhaftige Vater; und hier ist Rossel, das Schelmchen,
+ Der mir ebenso lieb ist. O! tut den Kindern zusammen
+ Etwas zu gut, indes ich weg bin! Ich wills Euch gedenken,
+ Kehr ich glücklich zurück und Ihr gehorchet den Worten.
+ Also schied er von dannen mit Grimbart, seinem Begleiter,
+ Ließ Frau Ermelyn dort mit beiden Söhnen und eilte;
+ Unberaten ließ er sein Haus; das schmerzte die Füchsin.
+
+ Beide waren noch nicht ein Stündchen Weges gegangen,
+ Als zu Grimbart Reineke sprach: Mein teuerster Oheim,
+ Wertester Freund, ich muß Euch gestehn, ich bebe vor Sorgen.
+ Ich entschlage mich nicht des ängstlichen, bangen Gedankens,
+ Daß ich wirklich dem Tod entgegensehe. Da seh ich
+ Meine Sünden vor mir, so viel ich deren begangen.
+ Ach! Ihr glaubet mir nicht die Unruh, die ich empfinde.
+ Laßt mich beichten! höret mich an! kein anderer Pater
+ Ist in der Nähe zu finden; und hab ich alles vom Herzen,
+ Werd ich nicht schlimmer darum vor meinem Könige stehen.
+ Grimbart sagte: Verredet zuerst das Rauben und Stehlen,
+ Allen bösen Verrat und andre gewöhnliche Tücken,
+ Sonst kann Euch die Beichte nicht helfen. Ich weiß es, versetzte
+ Reineke: darum laßt mich beginnen und höret bedächtig.
+
+ Confiteor tibi Pater et Mater, daß ich der Otter,
+ Daß ich dem Kater und manchen gar manche Tücke versetzte,
+ Ich bekenn es und lasse mir gern die Buße gefallen.
+ Redet Deutsch, versetzte der Dachs, damit ichs verstehe.
+ Reineke sagte: Ich habe mich freilich, wie sollt ich es leugnen!
+ Gegen alle Tiere, die jetzo leben, versündigt.
+ Meinen Oheim, den Bären, den hielt ich im Baume gefangen;
+ Blutig ward ihm sein Haupt, und viele Prügel ertrug er.
+ Hinzen führt ich nach Mäusen; allein am Stricke gehalten
+ Mußt er vieles erdulden und hat sein Auge verloren.
+ Und so klaget auch Henning mit Recht, ich raubt ihm die Kinder,
+ Groß und kleine, wie ich sie fand, und ließ sie mir schmecken.
+ Selbst verschont ich des Königes nicht, und mancherlei Tücken
+ Übt ich kühnlich an ihm und an der Königin selber;
+ Spät verwindet sies nur. Und weiter muß ich bekennen:
+ Isegrim hab ich, den Wolf, mit allem Fleiße geschändet;
+ Alles zu sagen, fänd ich nicht Zeit. So hab ich ihn immer
+ Scherzend Oheim genannt, und wir sind keine Verwandte.
+ Einmal, es werden nun bald sechs Jahre, kam er nach Elkmar
+ Zu mir ins Kloster, ich wohnte daselbst, und bat mich um Beistand,
+ Weil er eben ein Mönch zu werden gedächte. Das, meint' er,
+ Wär ein Handwerk für ihn, und zog die Glocke. Das Läuten
+ Freut' ihn so sehr! Ich band ihm darauf die vorderen Füße
+ Mit dem Seile zusammen, er war es zufrieden und stand so,
+ Zog und erlustigte sich und schien das Läuten zu lernen.
+ Doch es sollt ihm die Kunst zu schlechter Ehre gedeihen,
+ Denn er läutete zu wie toll und törig. Die Leute
+ Liefen eilig bestürzt aus allen Straßen zusammen,
+ Denn sie glaubten, es sei ein großes Unglück begegnet;
+ Kamen und fanden ihn da, und eh er sich eben erklärte,
+ Daß er den geistlichen Stand ergreifen wolle, so war er
+ Von der dringenden Menge beinah zu Tode geschlagen.
+ Dennoch beharrte der Tor auf seinem Vorsatz und bat mich,
+ Daß ich ihm sollte mit Ehren zu einer Platte verhelfen;
+ Und ich ließ ihm das Haar auf seinem Scheitel versengen,
+ Daß die Schwarte davon zusammenschrumpfte. So hab ich
+ Oft ihm Prügel und Stöße mit vieler Schande bereitet.
+ Fische lehrt ich ihn fangen, sie sind ihm übel bekommen.
+ Einmal folgt' er mir auch im Jülicher Lande, wir schlichen
+ Zu der Wohnung des Pfaffen, des reichsten in dortiger Gegend.
+ Einen Speicher hatte der Mann mit köstlichen Schinken,
+ Lange Seiten des zartesten Specks verwahrt' er daneben,
+ Und ein frisch gesalzenes Fleisch befand sich im Troge.
+ Durch die steinerne Mauer gelang es Isegrim endlich,
+ Eine Spalte zu kratzen, die ihn gemächlich hindurchließ,
+ Und ich trieb ihn dazu, es trieb ihn seine Begierde.
+ Aber da konnt er sich nicht im überflusse bezwingen,
+ Übermäßig füllt' er sich an; da hemmte gewaltig
+ Den geschwollenen Leib und seine Rückkehr die Spalte.
+ Ach, wie klagt' er sie an, die ungetreue, sie ließ ihn
+ Hungrig hinein und wollte dem Satten die Rückkehr verwehren.
+ Und ich machte darauf ein großes Lärmen im Dorfe,
+ Daß ich die Menschen erregte, die Spuren des Wolfes zu finden.
+ Denn ich lief in die Wohnung des Pfaffen und traf ihn beim Essen,
+ Und ein fetter Kapaun ward eben vor ihn getragen,
+ Wohlgebraten; ich schnappte darnach und trug ihn von dannen.
+ Hastig wollte der Pfaffe mir nach und lärmte, da stieß er
+ Über den Haufen den Tisch mit Speisen und allem Getränke.
+ Schlaget, werfet, fanget und stechet! so rief der ergrimmte
+ Pater und fiel und kühlte den Zorn (er hatte die Pfütze
+ Nicht gesehen) und lag. Und alle kamen und schrien:
+ Schlagt! ich rannte davon und hinter mir alle zusammen,
+ Die mir das Schlimmste gedachten. Am meisten lärmte der Pfaffe:
+ Welch ein verwegener Dieb! Er nahm das Huhn mir vom Tische!
+ Und so lief ich voraus, bis zu dem Speicher, da ließ ich
+ Wider Willen das Huhn zur Erde fallen, es ward mir
+ Endlich leider zu schwer; und so verlor mich die Menge.
+ Aber sie fanden das Huhn, und da der Pater es aufhub,
+ Ward er des Wolfes im Speicher gewahr, es sah ihn der Haufen.
+ Allen rief der Pater nun zu: Hierher nur! und trefft ihn!
+ Uns ist ein anderer Dieb, ein Wolf, in die Hände gefallen,
+ Käm er davon, wir wären beschimpft; es lachte wahrhaftig
+ Alles auf unsere Kosten im ganzen Jülicher Lande.
+ Was er nur konnte, dachte der Wolf. Da regnet' es Schläge
+ Hierher und dorther ihm über den Leib und schmerzliche Wunden.
+ Alle schrien, so laut sie konnten; die übrigen Bauern
+ Liefen zusammen und streckten für tot ihn zur Erde darnieder.
+ Größeres Weh geschah ihm noch nie, solang er auch lebte.
+ Malt' es einer auf Leinwand, es wäre seltsam zu sehen,
+ Wie er dem Pfaffen den Speck und seine Schinken bezahlte.
+ Auf die Straße warfen sie ihn und schleppten ihn eilig
+ Über Stock und Stein; es war kein Leben zu spüren.
+ Und er hatte sich unrein gemacht, da warf man mit Abscheu
+ Vor das Dorf ihn hinaus: er lag in schlammiger Grube,
+ Denn sie glaubten ihn tot. In solcher schmählichen Ohnmacht
+ Blieb er, ich weiß nicht wie lange, bevor er sein Elend gewahr ward.
+ Wie er noch endlich entkommen, das hab ich niemals erfahren.
+ Und doch schwur er hernach (es kann ein Jahr sein), mir immer
+ Treu und gewärtig zu bleiben; nur hat es nicht lange gedauert.
+ Denn warum er mir schwur, das konnt ich leichtlich begreifen:
+ Gerne hätt er einmal sich satt an Hühnern gegessen.
+ Und damit ich ihn tüchtig betröge, beschrieb ich ihm ernstlich
+ Einen Balken, auf dem sich ein Hahn des Abends gewöhnlich
+ Neben sieben Hühnern zu setzen pflegte. Da führt' ich
+ Ihn im stillen bei Nacht, es hatte zwölfe geschlagen,
+ Und der Laden des Fensters, mit leichter Latte gestützet,
+ Stand (ich wußt es) noch offen. Ich tat, als wollt ich hineingehn;
+ Aber ich schmiegte mich an und ließ dem Oheim den Vortritt.
+ Gehet frei nur hinein, so sagt ich: wollt Ihr gewinnen,
+ Seid geschäftig, es gilt! Ihr findet gemästete Hennen.
+ Gar bedächtig kroch er hinein und tastete leise
+ Hier- und dahin und sagte zuletzt mit zornigen Worten:
+ O wie führt Ihr mich schlecht! ich finde wahrlich von Hühnern
+ Keine Feder. Ich sprach: Die vorne pflegten zu sitzen,
+ Hab' ich selber geholt, die andern sitzen dahinten.
+ Geht nur unverdrossen voran und tretet behutsam.
+ Freilich der Balken war schmal, auf dem wir gingen. Ich ließ ihn
+ Immer voraus und hielt mich zurück und drückte mich rückwärts
+ Wieder zum Fenster hinaus und zog am Holze; der Laden
+ Schlug und klappte, das fuhr dem Wolf in die Glieder und schreckt' ihn;
+ Zitternd plumpt' er hinab vom schmalen Balken zur Erde.
+ Und erschrocken erwachten die Leute, sie schliefen am Feuer.
+ Sagt, was fiel zum Fenster herein? so riefen sie alle,
+ Rafften behende sich auf, und eilig brannte die Lampe.
+ In der Ecke fanden sie ihn und schlugen und gerbten
+ Ihm gewaltig das Fell; mich wundert, wie er entkommen.
+
+ Weiter bekenn ich vor Euch: daß ich Frau Gieremund heimlich
+ Öfters besucht und öffentlich auch. Das hätte nun freilich
+ Unterbleiben sollen, o wär es niemals geschehen!
+ Denn solange sie lebt, verwindet sie schwerlich die Schande.
+
+ Alles hab ich Euch jetzt gebeichtet, dessen ich irgend
+ Mich zu erinnern vermag, was meine Seele beschweret.
+ Sprechet mich los! ich bitte darum; ich werde mit Demut
+ Jede Buße vollbringen, die schwerste, die Ihr mir auflegt.
+
+ Grimbart wußte sich schon in solchen Fällen zu nehmen,
+ Brach ein Reischen am Wege, dann sprach er: Oheim, nun schlagt Euch
+ Dreimal über den Rücken mit diesem Reischen und legt es,
+ Wie ichs Euch zeige, zur Erde und springet dreimal darüber;
+ Dann mit Sanftmut küsset das Reis und zeigt Euch gehorsam.
+ Solche Buße leg ich Euch auf und spreche von allen
+ Sünden und allen Strafen Euch los und ledig, vergeb Euch
+ Alles im Namen des Herrn, soviel Ihr immer begangen.
+
+ Und als Reineke nun die Buße willig vollendet,
+ Sagte Grimbart: Lasset an guten Werken, mein Oheim,
+ Eure Besserung spüren und leset Psalmen, besuchet
+ Fleißig die Kirchen und fastet an rechten gebotenen Tagen;
+ Wer Euch fraget, dem weiset den Weg, und gebet den Armen
+ Gern, und schwöret mir zu, das böse Leben zu lassen,
+ Alles Rauben und Stehlen, Verrat und böse Verführung,
+ Und so ist es gewiß, daß Ihr zu Gnaden gelanget.
+ Reineke sprach: So will ich es tun, so sei es geschworen!
+
+ Und so war die Beichte vollendet. Da gingen sie weiter
+ Nach des Königes Hof. Der fromme Grimbart und jener
+ Kamen durch schwärzliche fette Gebreite; sie sahen ein Kloster
+ Rechter Hand des Weges. Es dienten geistliche Frauen,
+ Spat und früh, dem Herren daselbst und nährten im Hofe
+ Viele Hühner und Hähne, mit manchem schönen Kapaune,
+ Welche nach Futter zuweilen sich außer der Mauer zerstreuten.
+ Reineke pflegte sie oft zu besuchen. Da sagt' er zu Grimbart:
+ Unser kürzester Weg geht an der Mauer vorüber;
+ Aber er meinte die Hühner, wie sie im Freien spazierten.
+ Seinen Beichtiger führt' er dahin, sie nahten den Hühnern;
+ Da verdrehte der Schalk die gierigen Augen im Kopfe.
+ Ja, vor allen gefiel ihm ein Hahn, der jung und gemästet
+ Hinter den andern spazierte, den faßt' er treulich ins Auge,
+ Hastig sprang er hinter ihm drein; es stoben die Federn.
+
+ Aber Grimbart, entrüstet, verwies ihm den schändlichen Rückfall.
+ Handelt Ihr so? unseliger Oheim, und wollt Ihr schon wieder
+ Um ein Huhn in Sünde geraten, nachdem Ihr gebeichtet?
+ Schöne Reue heiß ich mir das! Und Reineke sagte:
+ Hab ich es doch in Gedanken getan! O teuerster Oheim,
+ Bittet zu Gott, er möge die Sünde mir gnädig vergeben.
+ Nimmer tu ich es wieder und laß es gerne. Sie kamen
+ Um das Kloster herum in ihre Straße, sie mußten
+ Über ein schmales Brückchen hinüber, und Reineke blickte
+ Wieder nach den Hühnern zurück; er zwang sich vergebens.
+ Hätte jemand das Haupt ihm abgeschlagen, es wäre
+ Nach den Hühnern geflogen; so heftig war die Begierde.
+
+ Grimbart sah es und rief. Wo laßt Ihr, Neffe, die Augen
+ Wieder spazieren? Fürwahr, Ihr seid ein häßlicher Vielfraß!
+ Reineke sagte darauf: Das macht Ihr übel, Herr Oheim!
+ Übereilet Euch nicht und stört nicht meine Gebete;
+ Laßt ein Paternoster mich sprechen. Die Seelen der Hühner
+ Und der Gänse bedürfen es wohl, soviel ich den Nonnen,
+ Diesen heiligen Frauen, durch meine Klugheit entrissen.
+ Grimbart schwieg, und Reineke Fuchs verwandte das Haupt nicht
+ Von den Hühnern, solang er sie sah. Doch endlich gelangten
+ Sie zur rechten Straße zurück und nahten dem Hofe.
+ Und als Reineke nun die Burg des Königs erblickte,
+ Ward er innig betrübt; denn heftig war er beschuldigt.
+
+
+
+
+
+ Vierter Gesang
+
+
+ Als man bei Hofe vernahm, es komme Reineke wirklich,
+ Drängte sich jeder heraus, ihn zu sehn, die Großen und Kleinen,
+ Wenige freundlich gesinnt, fast alle hatten zu klagen.
+ Aber Reineken deuchte, das sei von keiner Bedeutung;
+ Wenigstens stellt' er sich so, da er mit Grimbart, dem Dachse,
+ Jetzo dreist und zierlich die hohe Straße daherging.
+ Mutig kam er heran und gelassen, als wär er des Königs
+ Eigener Sohn und frei und ledig von allen Gebrechen.
+ Ja, so trat er vor Nobel, den König, und stand im Palaste
+ Mitten unter den Herren; er wußte sich ruhig zu stellen.
+
+ Edler König, gnädiger Herr! begann er zu sprechen:
+ Edel seid Ihr und groß, von Ehren und Würden der Erste;
+ Darum bitt ich von Euch, mich heute rechtlich zu hören.
+ Keinen treueren Diener hat Eure fürstliche Gnade
+ Je gefunden als mich, das darf ich kühnlich behaupten.
+ Viele weiß ich am Hofe, die mich darüber verfolgen.
+ Eure Freundschaft würd ich verlieren, woferne die Lügen
+ Meiner Feinde, wie sie es wünschen, Euch glaublich erschienen;
+ Aber glücklicherweise bedenkt Ihr jeglichen Vortrag,
+ Hört den Beklagten so gut als den Kläger; und haben sie vieles
+ Mir im Rücken gelogen, so bleib ich ruhig und denke:
+ Meine Treue kennt Ihr genug, sie bringt mir Verfolgung.
+
+ Schweiget! versetzte der König: es hilft kein Schwätzen und Schmeicheln,
+ Euer Frevel ist laut, und Euch erwartet die Strafe.
+ Habt Ihr den Frieden gehalten, den ich den Tieren geboten?
+ Den ich geschworen? Da steht der Hahn! Ihr habt ihm die Kinder,
+ Falscher, leidiger Dieb! eins nach dem andern entrissen.
+ Und wie lieb Ihr mich habt, das wollt Ihr, glaub ich, beweisen,
+ Wenn Ihr mein Ansehn schmäht und meine Diener beschädigt.
+ Seine Gesundheit verlor der arme Hinze! Wie langsam
+ Wird der verwundete Braun von seinen Schmerzen genesen!
+ Aber ich schelt Euch nicht weiter. Denn hier sind Kläger die Menge,
+ Viele bewiesene Taten. Ihr möchtet schwerlich entkommen.
+
+ Bin ich, gnädiger Herr, deswegen strafbar? versetzte
+ Reineke: kann ich davor, wenn Braun mit blutiger Platte
+ Wieder zurückkehrt? Wagt' er sich doch und wollte vermessen
+ Rüsteviels Honig verzehren; und kamen die tölpischen Bauern
+ Ihm zu Leibe, so ist er ja stark und mächtig an Gliedern;
+ Schlugen und schimpften sie ihn, eh er ins Wasser gekommen,
+ Hätt er als rüstiger Mann die Schande billig gerochen.
+ Und wenn Hinze, der Kater, den ich mit Ehren empfangen,
+ Nach Vermögen bewirtet, sich nicht vom Stehlen enthalten,
+ In die Wohnung des Pfaffen, so sehr ich ihn treulich verwarnte,
+ Sich bei Nacht geschlichen und dort was übels erfahren:
+ Hab ich Strafe verdient, weil jene töricht gehandelt?
+ Eurer fürstlichen Krone geschähe das wahrlich zu nahe!
+ Doch Ihr möget mit mir nach Eurem Willen verfahren,
+ Und, so klar auch die Sache sich zeigt, beliebig verfügen:
+ Mag es zum Nutzen, mag es zum Schaden auch immer gereichen.
+ Soll ich gesotten, gebraten, geblendet oder gehangen
+ Werden oder geköpft, so mag es eben geschehen!
+ Alle sind wir in Eurer Gewalt, Ihr habt uns in Händen.
+ Mächtig seid Ihr und stark, was widerstände der Schwache?
+ Wollt Ihr mich töten, das würde fürwahr ein geringer Gewinn sein.
+ Doch es komme, was will; ich stehe redlich zu Rechte.
+
+ Da begann der Widder Bellyn: Die Zeit ist gekommen,
+ Laßt uns klagen! Und Isegrim kam mit seinen Verwandten,
+ Hinze, der Kater, und Braun, der Bär, und Tiere zu Scharen.
+ Auch der Esel Boldewyn kam und Lampe, der Hase,
+ Wackerlos kam, das Hündchen, und Ryn, die Dogge, die Ziege
+ Metke, Hermen, der Bock, dazu das Eichhorn, die Wiesel
+ Und das Hermelin. Auch waren der Ochs und das Pferd nicht
+ Außen geblieben; daneben ersah man die Tiere der Wildnis,
+ Als den Hirsch und das Reh und Bokert, den Biber, den Marder,
+ Das Kaninchen, den Eber, und alle drängten einander.
+ Bartolt, der Storch, und Markart, der Häher, und Lütke, der Kranich,
+ Flogen herüber; es meldeten sich auch Tybbke, die Ente,
+ Alheid, die Gans, und andere mehr mit ihren Beschwerden.
+ Henning, der traurige Hahn, mit seinen wenigen Kindern
+ Klagte heftig; es kamen herbei unzählige Vögel
+ Und der Tiere so viel, wer wüßte die Menge zu nennen!
+ Alle gingen dem Fuchs zu Leibe, sie hofften, die Frevel
+ Nun zur Sprache zu bringen und seine Strafe zu sehen.
+ Vor den König drängten sie sich mit heftigen Reden,
+ Häuften Klagen auf Klagen, und alt und neue Geschichten
+ Brachten sie vor. Man hatte noch nie an Einem Gerichtstag
+ Vor des Königes Thron so viele Beschwerden gehöret.
+ Reineke stand und wußte darauf gar künstlich zu dienen:
+ Denn ergriff er das Wort, so floß die zierliche Rede
+ Seiner Entschuldigung her, als wäre es lautere Wahrheit;
+ Alles wußt er beiseite zu lehnen und alles zu stellen.
+ Hörte man ihn, man wunderte sich und glaubt' ihn entschuldigt,
+ Ja, er hatte noch übriges Recht und vieles zu klagen.
+ Aber es standen zuletzt wahrhaftige redliche Männer
+ Gegen Reineken auf, die wider ihn zeugten, und alle
+ Seine Frevel fanden sich klar. Nun war es geschehen!
+ Denn im Rate des Königs mit Einer Stimme beschloß man:
+ Reineke Fuchs sei schuldig des Todes! So soll man ihn fahen,
+ Soll ihn binden und hängen an seinem Halse, damit er
+ Seine schweren Verbrechen mit schmählichem Tode verbüße.
+
+ Jetzt gab Reineke selbst das Spiel verloren; es hatten
+ Seine klugen Worte nur wenig geholfen. Der König
+ Sprach das Urteil selber. Da schwebte dem losen Verbrecher,
+ Als sie ihn fingen und banden, sein klägliches Ende vor Augen.
+
+ Wie nun nach Urteil und Recht gebunden Reineke dastand,
+ Seine Feinde sich regten, zum Tod ihn eilend zu führen,
+ Standen die Freunde betroffen und waren schmerzlich bekümmert,
+ Martin, der Affe, mit Grimbart und vielen aus Reinekens Sippschaft.
+ Ungern hörten sie an das Urteil und trauerten alle
+ Mehr, als man dächte. Denn Reineke war der ersten Baronen
+ Einer und stand nun entsetzt von allen Ehren und Würden
+ Und zum schmählichen Tode verdammt. Wie mußte der Anblick
+ Seine Verwandten empören! Sie nahmen alle zusammen
+ Urlaub vom Könige, räumten den Hof, so viele sie waren.
+
+ Aber dem Könige ward es verdrießlich, daß ihn so viele
+ Ritter verließen. Es zeigte sich nun die Menge Verwandten,
+ Die sich, mit Reinekens Tod sehr unzufrieden, entfernten.
+ Und der König sprach zu einem seiner Vertrauten:
+ Freilich ist Reineke boshaft, allein man sollte bedenken,
+ Viele seiner Verwandten sind nicht zu entbehren am Hofe.
+
+ Aber Isegrim, Braun und Hinze, der Kater, sie waren
+ Um den Gebundnen geschäftig, sie wollten die schändliche Strafe,
+ Wie es der König gebot, an ihrem Feinde vollziehen,
+ Führten ihn hastig hinaus und sahen den Galgen von ferne.
+ Da begann der Kater erbost zum Wolfe zu sprechen:
+ Nun bedenket, Herr Isegrim, wohl, wie Reineke damals
+ Alles tat und betrieb, wie seinem Hasse gelungen,
+ Euren Bruder am Galgen zu sehn. Wie zog er so fröhlich
+ Mit ihm hinaus! Versäumet ihm nicht die Schuld zu bezahlen.
+ Und gedenket, Herr Braun, er hat Euch schändlich verraten,
+ Euch in Rüsteviels Hofe dem groben, zornigen Volke,
+ Männern und Weibern, treulos geliefert und Schlägen und Wunden
+ Und der Schande dazu, die allerorten bekannt ist.
+ Habet acht und haltet zusammen! Entkäm er uns heute,
+ Könnte sein Witz ihn befrein und seine listigen Ränke,
+ Niemals würd uns die Stunde der süßen Rache beschert sein.
+ Laßt uns eilen und rächen, was er an allen verschuldet.
+
+ Isegrim sprach: Was helfen die Worte? Geschwinde verschafft mir
+ Einen tüchtigen Strick; wir wollen die Qual ihm verkürzen.
+ Also sprachen sie wider den Fuchs und zogen die Straße.
+
+ Aber Reineke hörte sie schweigend; doch endlich begann er:
+ Da ihr so grausam mich haßt und tödliche Rache begehret,
+ Wisset Ihr doch keine Ende zu finden! Wie muß ich mich wundern!
+ Hinze wüßte wohl Rat zu einem tüchtigen Stricke:
+ Denn er hat ihn geprüft, als in des Pfaffen Behausung
+ Er sich nach Mäusen hinabließ und nicht mit Ehren davonkam.
+ Aber Isegrim, Ihr, und Braun, ihr eilt ja gewaltig,
+ Euren Oheim zum Tode zu bringen; ihr meint, es gelänge.
+
+ Und der König erhob sich mit allen Herren des Hofes,
+ Um das Urteil vollstrecken zu sehn; es schloß an den Zug sich
+ Auch die Königin an, von ihren Frauen begleitet;
+ Hinter ihnen strömte die Menge der Armen und Reichen,
+ Alle wünschten Reinekens Tod und wollten ihn sehen.
+ Isegrim sprach indes mit seinen Verwandten und Freunden
+ Und ermahnete sie, ja, fest aneinander geschlossen,
+ Auf den gebundenen Fuchs ein wachsam Auge zu haben;
+ Denn sie fürchteten immer, es möchte der Kluge sich retten.
+ Seinem Weibe befahl der Wolf besonders: Bei deinem
+ Leben! siehe mir zu und hilf den Bösewicht halten.
+ Käm er los, wir würden es alle gar schmählich empfinden.
+ Und zu Braunen sagt' er: Gedenket, wie er Euch höhnte;
+ Alles könnt Ihr ihm nun mit reichlichen Zinsen bezahlen.
+ Hinze klettert und soll uns den Strick da oben befesten;
+ Haltet ihn und stehet mir bei, ich rücke die Leiter,
+ Wenig Minuten, so solls um diesen Schelmen getan sein!
+ Braun versetzte: Stellt nur die Leiter, ich will ihn schon halten.
+
+ Seht doch! sagte Reineke drauf: wie seid ihr geschäftig,
+ Euren Oheim zum Tode zu bringen! Ihr solltet ihn eher
+ Schützen und schirmen und, wär er in Not, euch seiner erbarmen.
+ Gerne bät ich um Gnade, allein was könnt es mir helfen?
+ Isegrim haßt mich zu sehr, ja seinem Weibe gebeut er,
+ Mich zu halten und mir den Weg zur Flucht zu vertreten.
+ Dächte sie voriger Zeiten, sie könnte mir wahrlich nicht schaden.
+ Aber soll es nun über mich gehn, so wollt ich, es wäre
+ Bald getan. So kam auch mein Vater in schreckliche Nöten,
+ Doch am Ende ging es geschwind. Es begleiteten freilich
+ Nicht so viele den sterbenden Mann. Doch wolltet ihr länger
+ Mich verschonen, es müßt euch gewiß zur Schande gereichen.
+ Hört ihr, sagte der Bär: wie trotzig der Bösewicht redet?
+ Immer, immer hinauf! es ist sein Ende gekommen.
+
+ Ängstlich dachte Reineke nun: O möcht ich in diesen
+ Großen Nöten geschwind was glücklich Neues ersinnen,
+ Daß der König mir gnädig das Leben schenkte und diese
+ Grimmigen Feinde, die drei, in Schaden und Schande gerieten!
+ Laßt uns alles bedenken, und helfe, was helfen kann! denn hier
+ Gilt es den Hals, die Not ist dringend, wie soll ich entkommen?
+ Alles übel häuft sich auf mich. Es zürnet der König,
+ Meine Freunde sind fort und meine Feinde gewaltig;
+ Selten hab ich was Gutes getan, die Stärke des Königs,
+ Seiner Räte Verstand wahrhaftig wenig geachtet;
+ Vieles hab ich verschuldet und hoffte dennoch, mein Unglück
+ Wieder zu wenden. Gelänge mirs nur, zum Worte zu kommen,
+ Wahrlich, sie hingen mich nicht; ich lasse die Hoffnung nicht fahren.
+
+ Und er wandte darauf sich von der Leiter zum Volke,
+ Rief: Ich sehe den Tod vor meinen Augen und werd ihm
+ Nicht entgehen. Nur bitt ich euch alle, so viele mich hören,
+ Um ein weniges nur, bevor ich die Erde verlasse.
+ Gerne möcht ich vor euch in aller Wahrheit die Beichte
+ Noch zum letztenmal öffentlich sprechen und redlich bekennen
+ Alles übel, das ich getan, damit nicht ein andrer
+ Etwa dieses oder jenes von mir im stillen begangnen,
+ Unbekannten Verbrechens dereinst bezichtiget werde;
+ So verhüt ich zuletzt noch manches übel, und hoffen
+ Kann ich, es werde mirs Gott in allen Gnaden gedenken.
+
+ Viele jammerte das. Sie sprachen untereinander:
+ Klein ist die Bitte, gering nur die Frist! Sie baten den König,
+ Und der König vergönnt' es. Da wurd es Reineken wieder
+ Etwas leichter ums Herz, er hoffte glücklichen Ausgang;
+ Gleich benutzt' er den Raum, der ihm gegönnt war, und sagte:
+
+ Spiritus Domini helfe mir nun! Ich sehe nicht Einen
+ Unter der großen Versammlung, den ich nicht irgend beschädigt.
+ Erst, ich war noch ein kleiner Kompan und hatte die Brüste
+ Kaum zu saugen verlernt, da folgt ich meinen Begierden
+ Unter die jungen Lämmer und Ziegen, die neben der Herde
+ Sich im Freien zerstreuten; ich hörte die blökenden Stimmen
+ Gar zu gerne, da lüstete mich nach leckerer Speise.
+ Lernte hurtig sie kennen. Ein Lämmchen biß ich zu Tode,
+ Leckte das Blut, es schmeckte mir köstlich! und tötete weiter
+ Vier der jüngsten Ziegen und aß sie, und übte mich ferner;
+ Sparte keine Vögel, noch Hühner, noch Enten, noch Gänse,
+ Wo ich sie fand, und habe gar manches im Sande vergraben,
+ Was ich geschlachtet und was mir nicht alles zu essen beliebte.
+
+ Dann begegnet' es mir: in einem Winter am Rheine
+ Lernt ich Isegrim kennen, er lauerte hinter den Bäumen.
+ Gleich versichert' er mir, ich sei aus seinem Geschlechte,
+ Ja, er wußte mir gar die Grade der Sippschaft am Finger
+ Vorzurechnen. Ich ließ mirs gefallen; wir schlossen ein Bündnis
+ Und gelobten einander, als treue Gesellen zu wandern,
+ Leider sollt ich dadurch mir manches übel bereiten.
+ Wir durchstrichen zusammen das Land. Da stahl er das Große,
+ Stahl ich das Kleine. Was wir gewonnen, das sollte gemein sein;
+ Aber es war nicht gemein, wie billig: er teilte nach Willkür;
+ Niemals empfing ich die Hälfte. Ja, Schlimmeres hab ich erfahren.
+ Wenn er ein Kalb sich geraubt, sich einen Widder erbeutet,
+ Wenn ich im überfluß sitzen ihn fand, er eben die Ziege,
+ Frisch geschlachtet, verzehrte, ein Bock ihm unter den Klauen
+ Lag und zappelte, grinst' er mich an und stellte sich grämlich,
+ Trieb mich knurrend hinweg: so war mein Teil ihm geblieben.
+ Immer ging es mir so, es mochte der Braten so groß sein,
+ Als er wollte. Ja, wenn es geschah, daß wir in Gesellschaft
+ Einen Ochsen gefangen, wir eine Kuh uns gewonnen,
+ Gleich erschienen sein Weib und sieben Kinder und warfen
+ Über die Beute sich her und drängten mich hinter die Mahlzeit.
+ Keine Rippe konnt ich erlangen, sie wäre denn gänzlich
+ Glatt und trocken genagt; das sollte mir alles gefallen!
+ Aber, Gott sei gedankt, ich litt deswegen nicht Hunger;
+ Heimlich nährt ich mich wohl von meinem herrlichen Schatze,
+ Von dem Silber und Golde, das ich an sicherer Stätte
+ Heimlich verwahre; des hab ich genug. Es schafft mir wahrhaftig
+ Ihn kein Wagen hinweg, und wenn er siebenmal führe.
+
+ Und es horchte der König, da von dem Schatze gesagt ward,
+ Neigte sich vor und sprach: Von wannen ist er Euch kommen?
+ Saget an! ich meine den Schatz. Und Reineke sagte:
+ Dieses Geheimnis verhehl ich Euch nicht, was könnt es mir helfen?
+ Denn ich nehme nichts mit von diesen köstlichen Dingen.
+ Aber wie Ihr befehlt, will ich Euch alles erzählen,
+ Denn es muß nun einmal heraus; um Liebes und Leides
+ Möcht ich wahrhaftig das große Geheimnis nicht länger verhehlen:
+ Denn der Schatz war gestohlen. Es hatten sich viele verschworen,
+ Euch, Herr König, zu morden, und wurde zur selbigen Stunde
+ Nicht der Schatz mit Klugheit entwendet, so war es geschehen.
+ Merket es, gnädiger Herr! denn Euer Leben und Wohlfahrt
+ Hing an dem Schatz. Und daß man ihn stahl, das brachte denn leider
+ Meinen eigenen Vater in große Nöten, es bracht ihn
+ Frühe zur traurigen Fahrt, vielleicht zu ewigem Schaden;
+ Aber, gnädiger Herr, zu Eurem Nutzen geschah es!
+
+ Und die Königin hörte bestürzt die gräßliche Rede,
+ Das verworrne Geheimnis von ihres Gemahles Ermordung,
+ Von dem Verrat, vom Schatz, und was er alles gesprochen.
+ Ich vermahn Euch, Reineke, rief sie: bedenket! Die lange
+ Heimfahrt steht Euch bevor, entladet reuig die Seele;
+ Saget die lautere Wahrheit und redet mir deutlich vom Morde.
+ Und der König setzte hinzu: ein jeglicher schweige!
+ Reineke komme nun wieder herab und trete mir näher;
+ Denn es betrifft die Sache mich selbst, damit ich sie höre.
+
+ Reineke, der es vernahm, stand wieder getröstet, die Leiter
+ Stieg er zum großen Verdruß der Feindlichgesinnten herunter;
+ Und er nahte sich gleich dem König und seiner Gemahlin,
+ Die ihn eifrig befragten, wie diese Geschichte begegnet.
+
+ Da bereitet' er sich zu neuen gewaltigen Lügen.
+ Könnt ich des Königes Huld und seiner Gemahlin, so dacht er,
+ Wiedergewinnen, und könnte zugleich die List mir gelingen,
+ Daß ich die Feinde, die mich dem Tod entgegengeführet,
+ Selbst verdürbe, das rettete mich aus allen Gefahren.
+ Sicher wäre mir das ein unerwarteter Vorteil;
+ Aber ich sehe schon, Lügen bedarf es und über die Maßen.
+
+ Ungeduldig befragte die Königin Reineken weiter:
+ Lasset uns deutlich vernehmen, wie diese Sache beschaffen!
+ Saget die Wahrheit, bedenkt das Gewissen, entladet die Seele!
+
+ Reineke sagte darauf. Ich will Euch gerne berichten.
+ Sterben muß ich nun wohl; es ist kein Mittel dagegen.
+ Sollt ich meine Seele beladen am Ende des Lebens,
+ Ewige Strafe verwirken, es wäre töricht gehandelt.
+ Besser ist es, daß ich bekenne; und muß ich dann leider
+ Meine lieben Verwandten und meine Freunde verklagen,
+ Ach, was kann ich dafür! es drohen die Qualen der Hölle.
+
+ Und es war dem Könige schon bei diesen Gesprächen
+ Schwer geworden ums Herz. Er sagte: Sprichst du die Wahrheit?
+ Da versetzte Reineke drauf mit verstellter Gebärde:
+ Freilich bin ich ein sündiger Mensch; doch red ich die Wahrheit.
+ Könnt es mir nutzen, wenn ich Euch löge! Da würd ich mich selber
+ Ewig verdammen. Ihr wißt ja nun wohl, so ist es beschlossen:
+ Sterben muß ich, ich sehe den Tod und werde nicht lügen;
+ Denn es kann mir nicht Böses noch Gutes zur Hilfe gedeihen.
+ Bebend sagte Reineke das und schien zu verzagen.
+
+ Und die Königin sprach: Mich jammert seine Beklemmung;
+ Sehet ihn gnadenreich an, ich bitt Euch, mein Herr! und erwäget:
+ Manches Unheil wenden wir ab nach seinem Bekenntnis.
+ Laßt uns je eher je lieber den Grund der Geschichte vernehmen.
+ Heißet jeglichen schweigen und laßt ihn öffentlich sprechen.
+
+ Und der König gebot, da schwieg die ganze Versammlung.
+ Aber Reineke sprach: Beliebt es Euch, gnädiger König,
+ So vernehmet, was ich Euch sage. Geschieht auch mein Vortrag
+ Ohne Brief und Papier, so soll er doch treu und genau sein;
+ Ihr erfahrt die Verschwörung, und niemands denk ich zu schonen.
+
+
+
+
+
+ Fünfter Gesang
+
+
+ Nun vernehmet die List, und wie der Fuchs sich gewendet,
+ Seine Frevel wieder zu decken und andern zu schaden.
+ Bodenlose Lügen ersann er, beschimpfte den Vater
+ Jenseit der Grube, beschwerte den Dachs mit großer Verleumdung,
+ Seinen redlichsten Freund, der ihm beständig gedienet.
+ So erlaubt' er sich alles, damit er seiner Erzählung
+ Glauben schaffte, damit er an seinen Verklägern sich rächte.
+
+ Mein Herr Vater, sagt' er darauf, war so glücklich gewesen,
+ König Emmrichs, des Mächtigen, Schatz auf verborgenen Wegen
+ Einst zu entdecken; doch bracht ihm der Fund gar wenigen Nutzen.
+ Denn er überhub sich des großen Vermögens und schätzte
+ Seinesgleichen von nun an nicht mehr, und seine Gesellen
+ Achtet' er viel zu gering: er suchte sich höhere Freunde.
+ Hinze, den Kater, sendet' er ab in die wilden Ardennen,
+ Braun, den Bären, zu suchen, dem sollt er Treue versprechen,
+ Sollt ihn laden, nach Flandern zu kommen und König zu werden.
+
+ Als nun Braun das Schreiben gelesen, erfreut' es ihn herzlich;
+ Unverdrossen und kühn begab er sich eilig nach Flandern,
+ Denn er hatte schon lange so was in Gedanken getragen.
+ Meinen Vater fand er daselbst, der sah ihn mit Freuden,
+ Sendete gleich nach Isegrim aus und nach Grimbart, dem Weisen,
+ Und die vier verhandelten dann die Sache zusammen;
+ Doch der fünfte dabei war Hinze, der Kater. Ein Dörfchen
+ Liegt allda, wird Ifte genannt, und grade da war es,
+ Zwischen Ifte und Gent, wo sie zusammen gehandelt.
+ Eine lange, düstere Nacht verbarg die Versammlung;
+ Nicht mit Gott! es hatte der Teufel, es hatte mein Vater
+ Sie in seiner Gewalt mit seinem leidigen Golde.
+ Sie beschlossen des Königes Tod, beschworen zusammen
+ Festen, ewigen Bund, und also schwuren die fünfe
+ Sämtlich auf Isegrims Haupt: sie wollten Braunen, den Bären,
+ Sich zum Könige wählen und auf dem Stuhle zu Aachen
+ Mit der goldenen Krone das Reich ihm festlich versichern.
+ Wollte nun auch von des Königes Freunden und seinen Verwandten
+ Jemand dagegen sich setzen, den sollte mein Vater bereden
+ Oder bestechen, und ginge das nicht, sogleich ihn verjagen.
+ Das bekam ich zu wissen: denn Grimbart hatte sich einmal
+ Morgens lustig getrunken und war gesprächig geworden;
+ Seinem Weibe verschwätzte der Tor die Heimlichkeit alle,
+ Legte Schweigen ihr auf; da, glaubt' er, wäre geholfen.
+ Sie begegnete drauf bald meinem Weibe, die mußt ihr
+ Der drei Könige Namen zum feierlichen Gelübde
+ Nennen, Ehr und Treue verpfänden, um Liebes und Leides
+ Niemand ein Wörtchen zu sagen, und so entdeckt' sie ihr alles.
+ Ebensowenig hat auch mein Weib das Versprechen gehalten:
+ Denn sobald sie mich fand, erzählte sie, was sie vernommen,
+ Gab mir ein Merkmal dazu, woran ich die Wahrheit der Rede
+ Leicht erkennte; doch war mir dadurch nur schlimmer geschehen.
+ Ich erinnerte mich der Frösche, deren Gequake
+ Bis zu den Ohren des Herrn im Himmel endlich gelangte.
+ Einen König wollten sie haben und wollten im Zwange
+ Leben, nachdem sie der Freiheit in allen Landen genossen.
+ Da erhörte sie Gott und sandte den Storch, der beständig
+ Sie verfolget und haßt und keinen Frieden gewähret.
+ Ohne Gnade behandelt er sie; nun klagen die Toren,
+ Aber leider zu spät: denn nun bezwingt sie der König.
+
+ Reineke redete laut zur ganzen Versammlung, es hörten
+ Alle Tiere sein Wort, und so verfolgt' er die Rede:
+ Seht, für alle fürchtet ich das. So wär es geworden.
+ Herr, ich sorgte für Euch und hoffte beßre Belohnung.
+ Braunens Ränke sind mir bekannt, sein tückisches Wesen,
+ Manche Missetat auch von ihm; ich besorgte das Schlimmste.
+ Würd er Herr, so wären wir alle zusammen verdorben.
+ Unser König ist edel geboren und mächtig und gnädig,
+ Dacht ich im stillen bei mir: es wär ein trauriger Wechsel,
+ Einen Bären und tölpischen Taugenicht so zu erhöhen.
+ Etliche Wochen sann ich darüber und sucht es zu hindern.
+ Auch vor allem begriff ich es wohl: behielte mein Vater
+ Seinen Schatz in der Hand, so brächt er viele zusammen,
+ Sicher gewänn er das Spiel, und wir verlören den König.
+ Meine Sorge ging nun dahin, den Ort zu entdecken,
+ Wo der Schatz sich befände, damit ich ihn heimlich entführte.
+ Zog mein Vater ins Feld, der alte, listige, lief er
+ Nach dem Walde bei Tag oder Nacht, in Frost oder Hitze,
+ Näss' oder Trockne, so war ich dahinter und spürte den Gang aus.
+
+ Einmal lag ich versteckt in der Erde mit Sorgen und Sinnen,
+ Wie ich entdeckte den Schatz, von dem mir so vieles bekannt war.
+ Da erblickt ich den Vater aus einer Ritze sich schleichen,
+ Zwischen den Steinen kam er hervor und stieg aus der Tiefe.
+ Still und verborgen hielt ich mich da; er glaubte sich einsam,
+ Schaute sich überall um, und als er niemand bemerkte
+ Nah oder fern, begann er sein Spiel, Ihr sollt es vernehmen.
+ Wieder mit Sande verstopft' er das Loch und wußte geschicklich
+ Mit dem übrigen Boden es gleichzumachen. Das konnte,
+ Wer nicht zusah, unmöglich erkennen. Und eh er von dannen
+ Wanderte, wußt er den Platz, wo seine Füße gestanden,
+ Über und über geschickt mit seinem Schwanze zu streichen
+ Und verwühlte die Spur mit seinem Munde. Das lernt ich
+ Jenes Tages zuerst von meinem listigen Vater,
+ Der in Ränken und Schwänken und allen Streichen gewandt war.
+ Und so eilt' er hinweg nach seinem Gewerbe. Da sann ich,
+ Ob sich der herrliche Schatz wohl in der Nähe befände?
+ Eilig trat ich herbei und schritt zum Werke: die Ritze
+ Hatt ich in weniger Zeit mit meinen Pfoten eröffnet,
+ Kroch begierig hinein. Da fand ich köstliche Sachen,
+ Feinen Silbers genug und roten Goldes! Wahrhaftig,
+ Auch der älteste hier hat nie so vieles gesehen.
+ Und ich machte mich dran mit meinem Weibe: wir trugen,
+ Schleppten bei Tag und bei Nacht; uns fehlten Karren und Wagen;
+ Viele Mühe kostet' es uns und manche Beschwernis.
+ Treulich hielt Frau Ermelyn aus; so hatten wir endlich
+ Die Kleinode hinweg zu einer Stätte getragen,
+ Die uns gelegener schien. Indessen hielt sich mein Vater
+ Täglich mit jenen zusammen, die unsern König verrieten.
+ Was sie beschlossen, das werdet Ihr hören und werdet erschrecken.
+
+ Braun und Isegrim sandten sofort in manche Provinzen
+ Offene Briefe, die Söldner zu locken: sie sollten zu Haufen
+ Eilig kommen, es wolle sie Braun mit Diensten versehen,
+ Milde woll er sogar voraus die Söldner bezahlen.
+ Da durchstrich mein Vater die Länder und zeigte die Briefe,
+ Seines Schatzes gewiß: der, glaubt' er, läge geborgen.
+ Aber es war nun geschehn, er hätte mit allen Gesellen,
+ Sucht' er auch noch so genau, nicht einen Pfennig gefunden.
+
+ Keine Bemühung ließ er sich reun; so war er behende
+ Zwischen der Elb und dem Rheine durch alle Länder gelaufen,
+ Manchen Söldner hatt er gefunden und manchen gewonnen,
+ Kräftigen Nachdruck sollte das Geld den Worten verleihen.
+
+ Endlich kam der Sommer ins Land; zu seinen Gesellen
+ Kehrte mein Vater zurück. Da hatt er von Sorgen und Nöten
+ Und von Angst zu erzählen, besonders, wie er beinahe
+ Vor den hohen Burgen in Sachsen sein Leben verloren,
+ Wo ihn Jäger mit Pferden und Hunden alltäglich verfolgten,
+ Daß er knapp und mit Not mit heilem Pelze davonkam.
+
+ Freudig zeigt' er darauf den vier Verrätern die Liste,
+ Welche Gesellen er alle mit Gold und Versprechen gewonnen.
+ Braunen erfreute die Botschaft; es lasen die fünfe zusammen,
+ Und es hieß: Zwölfhundert von Isegrims kühnen Verwandten
+ Werden kommen mit offenen Mäulern und spitzigen Zähnen,
+ Ferner: die Kater und Bären sind alle für Braunen gewonnen,
+ Jeder Vielfraß und Dachs aus Sachsen und Thüringen stellt sich.
+ Doch man solle sich ihnen zu der Bedingung verbinden:
+ Einen Monat des Soldes vorauszuzahlen; sie wollten
+ Alle dagegen mit Macht beim ersten Gebote sich stellen.
+ Gott sei ewig gedankt, daß ich die Plane gehindert!
+
+ Denn nachdem er nun alles besorgt, so eilte mein Vater
+ Über Feld und wollte den Schatz auch wieder beschauen.
+ Da ging erst die Bekümmernis an: da grub er und suchte;
+ Doch je länger er scharrte, je weniger fand er. Vergebens
+ War die Mühe, die er sich gab, und seine Verzweiflung:
+ Denn der Schatz war fort, er konnt ihn nirgend entdecken.
+ Und vor ärger und Scham--wie schrecklich quält die Erinnrung
+ Mich bei Tag und bei Nacht!--erhängte mein Vater sich selber.
+
+ Alles das hab ich getan, die böse Tat zu verhindern.
+ Übel gerät es mir nun; jedoch es soll mich nicht reuen.
+ Isegrim aber und Braun, die gefräßigen, sitzen am nächsten
+ Bei dem König zu Rat. Und Reineke! wie dir dagegen,
+ Armer Mann, jetzt gedankt wird! daß du den leiblichen Vater
+ Hingegeben, den König zu retten. Wo sind sie zu finden
+ Die sich selber verderben, nur Euch das Leben zu fristen?
+
+ König und Königin hatten indes, den Schatz zu gewinnen,
+ Große Begierde gefühlt; sie traten seitwärts und riefen
+ Reineken, ihn besonders zu sprechen, und fragten behende:
+ Saget an, wo habt Ihr den Schatz? Wir möchten es wissen.
+ Reineke ließ sich dagegen vernehmen: Was könnt es mir helfen,
+ Zeigt ich die herrlichen Güter dem Könige, der mich verurteilt?
+ Glaubet er meinen Feinden doch mehr, den Dieben und Mördern,
+ Die Euch mit Lügen beschweren, mein Leben mir abzugewinnen.
+
+ Nein, versetzte die Königin: nein! so soll es nicht werden!
+ Leben läßt Euch mein Herr, und das Vergangne vergißt er.
+ Er bezwingt sich und zürnet nicht mehr. Doch möget Ihr künftig
+ Klüger handeln und treu und gewärtig dem Könige bleiben.
+
+ Reineke sagte: Gnädige Frau, vermöget den König,
+ Mir zu geloben vor Euch, daß er mich wieder begnadigt,
+ Daß er mir alle Verbrechen und Schulden und alle den Unmut,
+ Den ich ihm leider erregt, auf keine Weise gedenket,
+ So besitzet gewiß in unsern Zeiten kein König
+ Solchen Reichtum, als er durch meine Treue gewinnet;
+ Groß ist der Schatz! ich zeige den Ort, Ihr werdet erstaunen.
+
+ Glaubet ihm nicht! versetzte der König: doch wenn er von Stehlen,
+ Lügen und Rauben erzählet, das möget Ihr allenfalls glauben;
+ Denn ein größerer Lügner ist wahrlich niemals gewesen.
+
+ Und die Königin sprach: Fürwahr, sein bisheriges Leben
+ Hat ihm wenig Vertrauen erworben; doch jetzo bedenket,
+ Seinen Oheim, den Dachs, und seinen eigenen Vater
+ Hat er diesmal bezichtigt und ihre Frevel verkündigt.
+ Wollt er, so konnt er sie schonen und konnte von anderen Tieren
+ Solche Geschichten erzählen; er wird so törig nicht lügen.
+
+ Meinet Ihr so? versetzte der König: und denkt Ihr, es wäre
+ Wirklich zum besten geraten, daß nicht ein größeres übel
+ Draus entstände, so will ich es tun und diese Verbrechen
+ Reinekens über mich nehmen und seine verwundete Sache.
+ Einmal trau ich, zum letztenmal noch! das mag er bedenken:
+ Denn ich schwör es ihm zu bei meiner Krone! wofern er
+ Künftig frevelt und lügt, es soll ihn ewig gereuen;
+ Alles, wär es ihm nur verwandt ihm zehenten Grade,
+ Wer sie auch wären, sie sollens entgelten, und keiner entgeht mir,
+ Sollen in Unglück und Schmach und schwere Prozesse geraten!
+
+ Als nun Reineke sah, wie schnell sich des Königs Gedanken
+ Wendeten, faßt' er ein Herz und sagte: Sollt ich so töricht
+ Handeln, gnädiger Herr, und Euch Geschichten erzählen,
+ Deren Wahrheit sich nicht in wenig Tagen bewiese?
+
+ Und der König glaubte den Worten, und alles vergab er,
+ Erst des Vaters Verrat, dann Reinekens eigne Verbrechen.
+ Über die Maßen freute sich der; zur glücklichen Stunde,
+ War er der Feinde Gewalt und seinem Verhängnis entronnen.
+
+ Edler König, gnädiger Herr! begann er zu sprechen:
+ Möge Gott Euch alles vergelten und Eurer Gemahlin,
+ Was Ihr an mir Unwürdigem tut; ich will es gedenken,
+ Und ich werde mich immer gar höchlich dankbar erzeigen.
+ Denn es lebet gewiß in allen Landen und Reichen
+ Niemand unter der Sonne, dem ich die herrlichen Schätze
+ Lieber gönnte, denn eben Euch beiden. Was habt Ihr nicht alles
+ Mir für Gnade bewiesen! Dagegen geb ich Euch willig
+ König Emmerichs Schatz, so wie ihn dieser besessen.
+ Wo er liegt, beschreib ich Euch nun, ich sage die Wahrheit.
+
+ Höret! Im Osten von Flandern ist eine Wüste, darinnen
+ Liegt ein einzelner Busch, heißt Hüsterlo, merket den Namen!
+ Dann ist ein Brunn, der Krekelborn heißt, Ihr werdet verstehen,
+ Beide nicht weit auseinander. Es kommt in selbige Gegend
+ Weder Weib noch Mann im ganzen Jahre. Da wohnet
+ Nur die Eul und der Schuhu, und dort begrub ich die Schätze.
+ Krekelborn heißt die Stätte, das merket und nützet das Zeichen.
+ Gehet selber dahin mit Eurer Gemahlin: es wäre
+ Niemand sicher genug, um ihn als Boten zu senden,
+ Und der Schande wäre zu groß; ich darf es nicht raten.
+ Selber müßt Ihr dahin. Bei Krekelborn geht Ihr vorüber,
+ Seht zwei junge Birken hernach, und merket! die eine
+ Steht nicht weit von dem Brunnen; so geht nun, gnädiger König,
+ Grad auf die Birken los, denn drunter liegen die Schätze.
+ Kratzt und scharret nur zu; erst findet Ihr Moos an den Wurzeln,
+ Dann entdeckt Ihr sogleich die allerreichsten Geschmeide,
+ Golden, künstlich und schön, auch findet Ihr Emmerichs Krone:
+ Wäre des Bären Wille geschehn, der sollte sie tragen.
+ Manchen Zierat seht Ihr daran und Edelgesteine
+ Goldnes Kunstwerk; man macht es nicht mehr, wer wollt es bezahlen?
+ Sehet Ihr alle das Gut, o gnädiger König, beisammen,
+ Ja, ich bin es gewiß, Ihr denket meiner in Ehren.
+ Reineke, redlicher Fuchs! so denkt Ihr: der du so klüglich
+ Unter das Moos die Schätze gegraben, o mög es dir immer,
+ Wo du auch sein magst, glücklich ergehen! So sagte der Heuchler.
+
+ Und der König versetzte darauf: Ihr müßt mich begleiten,
+ Denn wie will ich allein die Stelle treffen? Ich habe
+ Wohl von Aachen gehört, wie auch von Lübeck und Köllen
+ Und von Paris; doch Hüsterlo hört ich im Leben nicht einmal
+ Nennen, ebensowenig als Krekelborn; sollt ich nicht fürchten,
+ Daß du uns wieder belügst und solche Namen erdichtest?
+
+ Reineke hörte nicht gern des Königs bedächtige Rede,
+ Sprach: So weis ich Euch doch nicht fern von hinnen, als hättet
+ Ihr am Jordan zu suchen. Wie schien ich Euch jetzo verdächtig?
+ Nächst, ich bleibe dabei, ist alles in Flandern zu finden.
+ Laßt uns einige fragen; es mag es ein andrer versichern.
+ Krekelborn! Hüsterlo! sagt ich, und also heißen die Namen.
+ Lampen rief er darauf, und Lampe zauderte bebend.
+ Reineke rief. So kommt nur getrost, der König begehrt Euch,
+ Will, Ihr sollt bei Eid und bei Pflicht, die Ihr neulich geleistet,
+ Wahrhaft reden; so zeiget denn an, wofern Ihr es wisset,
+ Sagt, wo Hüsterlo liegt und Krekelborn? Lasset uns hören.
+
+ Lampe sprach: Das kann ich wohl sagen. Es liegt in der Wüste
+ Krekelborn nahe bei Hüsterlo. Hüsterlo nennen die Leute
+ Jenen Busch, wo Simonet lange, der Krumme, sich aufhielt,
+ Falsche Münzen zu schlagen mit seinen verwegnen Gesellen.
+ Vieles hab ich daselbst von Frost und Hunger gelitten,
+ Wenn ich vor Rynen, dem Hund, in großen Nöten geflüchtet.
+ Reineke sagte darauf: Ihr könnt Euch unter die andern
+ Wieder stellen; Ihr habet den König genugsam berichtet.
+ Und der König sagte zu Reineken: Seid mir zufrieden,
+ Daß ich hastig gewesen und Eure Worte bezweifelt;
+ Aber sehet nun zu, mich an die Stelle zu bringen.
+
+ Reineke sprach: Wie schätzt ich mich glücklich, geziemt' es mir heute
+ Mit dem König zu gehn und ihm nach Flandern zu folgen;
+ Aber es müßt Euch zur Sünde gereichen. So sehr ich mich schäme,
+ Muß es heraus, wie gern ich es auch noch länger verschwiege.
+ Isegrim ließ vor einiger Zeit zum Mönche sich weihen,
+ Zwar nicht etwa dem Herren zu dienen, er diente dem Magen,
+ Zehrte das Kloster fast auf; man reicht' ihm für sechse zu essen,
+ Alles war ihm zu wenig, er klagte mir Hunger und Kummer.
+ Endlich erbarmet' es mich, als ich ihn mager und krank sah,
+ Half ihm treulich davon, er ist mein naher Verwandter.
+ Und nun hab ich darum den Bann des Papstes verschuldet,
+ Möchte nun ohne Verzug, mit Eurem Wissen und Willen,
+ Meine Seele beraten und morgen mit Aufgang der Sonne,
+ Gnad und Ablaß zu suchen, nach Rom mich als Pilger begeben
+ Und von dannen über das Meer; so werden die Sünden
+ Alle von mir genommen, und kehr ich wieder nach Hause,
+ Darf ich mit Ehren neben Euch gehn. Doch tät ich es heute.
+ Würde jeglicher sagen: Wie treibt es jetzo der König
+ Wieder mit Reineken, den er vor kurzem zum Tode verurteilt;
+ Und der über das alles im Bann des Papstes verstrickt ist!
+ Gnädiger Herr, Ihr seht es wohl ein, wir lassen es lieber.
+
+ Wahr, versetzte der König darauf: das konnt ich nicht wissen.
+ Bist du im Banne, so wär mirs ein Vorwurf, dich mit mir zu führen,
+ Lampe kann mich oder ein andrer zum Borne begleiten.
+ Aber, Reineke, daß du vom Banne dich suchst zu befreien,
+ Find ich nützlich und gut. Ich gebe dir gnädigen Urlaub,
+ Morgen beizeiten zu gehn; ich will die Wallfahrt nicht hindern.
+ Denn mir scheint, Ihr wollt Euch bekehren vom Bösen zum Guten.
+ Gott gesegne den Vorsatz und laß Euch die Reise vollbringen!
+
+
+
+
+
+ Sechster Gesang
+
+
+ So gelangte Reineke wieder zur Gnade des Königs.
+ Und es trat der König hervor auf erhabene Stätte,
+ Sprach vom Steine herab und hieß die sämtlichen Tiere
+ Stille schweigen; sie sollten ins Gras nach Stand und Geburt sich
+ Niederlassen. Und Reineke stand an der Königin Seite;
+ Aber der König begann mit großem Bedachte zu sprechen:
+
+ Schweiget und höret mich an, zusammen Vögel und Tiere,
+ Arm' und Reiche, höret mich an, ihr Großen und Kleinen,
+ Meine Baronen und meine Genossen des Hofes und Hauses!
+ Reineke steht hier in meiner Gewalt; man dachte vor kurzem,
+ Ihn zu hängen, doch hat er bei Hofe so manches Geheimnis
+ Dargetan, daß ich ihm glaube und wohlbedächtlich die Huld ihm
+ Wieder schenke. So hat auch die Königin, meine Gemahlin,
+ Sehr gebeten für ihn, so daß ich ihm günstig geworden,
+ Mich ihm völlig versöhnet und Leib und Leben und Güter
+ Frei ihm gegeben. Es schützt ihn fortan und schirmt ihn mein Friede;
+ Nun sei allen zusammen bei Leibesleben geboten:
+ Reineken sollt ihr überall ehren mit Weib und mit Kindern,
+ Wo sie euch immer bei Tag oder Nacht künftig begegnen.
+ Ferner hör ich von Reinekens Dingen nicht weitere Klage;
+ Hat er übels getan, so ist es vorüber; er wird sich
+ Bessern und tut es gewiß. Denn morgen wird er beizeiten
+ Stab und Ränzel ergreifen, als frommer Pilger nach Rom gehn
+ Und von dannen über das Meer; auch kommt er nicht wieder,
+ Bis er vollkommenen Ablaß der sündigen Taten erlangt hat.
+
+ Hinze wandte sich drauf zu Braun und Isegrim zornig:
+ Nun ist Mühe und Arbeit verloren! so rief er: o wär ich
+ Weit von hier! Ist Reineke wieder zu Gnaden gekommen,
+ Braucht er jegliche Kunst, uns alle drei zu verderben.
+ Um ein Auge bin ich gebracht, ich fürchte fürs andre!
+
+ Guter Rat ist teuer, versetzte der Braune: das seh ich.
+ Isegrim sagte dagegen: Das Ding ist seltsam! wir wollen
+ Grad zum Könige gehn. Er trat verdrießlich mit Braunen
+ Gleich vor König und Königin auf, sie redeten vieles
+ Wider Reineken, redeten heftig; da sagte der König:
+ Hörtet Ihrs nicht? Ich hab ihn aufs neue zu Gnaden empfangen.
+ Zornig sagt' es der König und ließ im Augenblick beide
+ Fahen, binden und schließen; denn er gedachte der Worte,
+ Die er von Reineken hatte vernommen, und ihres Verrates.
+
+ So veränderte sich in dieser Stunde die Sache
+ Reinekens völlig. Er machte sich los, und seine Verkläger
+ Wurden zuschanden; er wußte sogar es tückisch zu lenken,
+ Daß man dem Bären ein Stück von seinem Felle herabzog,
+ Fußlang, fußbreit, daß auf die Reise daraus ihm ein Ränzel
+ Fertig würde; so schien zum Pilger ihm wenig zu fehlen.
+ Aber die Königin bat er, auch Schuh ihm zu schaffen, und sagte:
+ Ihr erkennt mich, gnädige Frau, nun einmal für Euren
+ Pilger; helfet mir nun, daß ich die Reise vollbringe.
+ Isegrim hat vier tüchtige Schuhe, da wär es wohl billig,
+ Daß er ein Paar mir davon zu meinem Wege verließe;
+ Schafft mir sie, gnädige Frau, durch meinen Herren, den König.
+ Auch entbehrte Frau Gieremund wohl ein Paar von den ihren,
+ Denn als Hausfrau bleibt sie doch meist in ihrem Gemache.
+
+ Diese Forderung fand die Königin billig. Sie können
+ Jedes wahrlich ein Paar entbehren! sagte sie gnädig.
+ Reineke dankte darauf und sagte mit freudiger Beugung:
+ Krieg ich doch nun vier tüchtige Schuhe, da will ich nicht zaudern.
+ Alles Guten, was ich sofort als Pilger vollbringe,
+ Werdet Ihr teilhaft gewiß, Ihr und mein gnädiger König.
+ Auf der Wallfahrt sind wir verpflichtet, für alle zu beten,
+ Die uns irgend geholfen. Es lohne Gott Euch die Milde!
+
+ An den vorderen Füßen verlor Herr Isegrim also
+ Seine Schuhe bis an die Knorren; desgleichen verschonte
+ Man Frau Gieremund nicht, sie mußte die hintersten lassen.
+
+ So verloren sie beide die Haut und Klauen der Füße,
+ Lagen erbärmlich mit Braunen zusammen und dachten zu sterben;
+ Aber der Heuchler hatte die Schuh und das Ränzel gewonnen,
+ Trat herzu und spottete noch besonders der Wölfin:
+ Liebe, Gute! sagt' er zu ihr: da sehet, wie zierlich
+ Eure Schuhe mir stehn, ich hoffe, sie sollen auch dauern.
+ Manche Mühe gabt Ihr Euch schon zu meinem Verderben,
+ Aber ich habe mich wieder bemüht; es ist mir gelungen.
+ Habt Ihr Freude gehabt, so kommt nun endlich die Reihe
+ Wieder an mich; so pflegt es zu gehn, man weiß sich zu fassen.
+ Wenn ich nun reise, so kann ich mich täglich der lieben Verwandten
+ Dankbar erinnern; Ihr habt mir die Schuhe gefällig gegeben,
+ Und es soll Euch nicht reuen; was ich an Ablaß verdiene,
+ Teil ich mit Euch, ich hol ihn zu Rom und über dem Meere.
+
+ Und Frau Gieremund lag in großen Schmerzen, sie konnte
+ Fast nicht reden, doch griff sie sich an und sagte mit Seufzen:
+ Unsre Sünden zu strafen, läßt Gott Euch alles gelingen.
+ Aber Isegrim lag und schwieg mit Braunen zusammen;
+ Beide waren elend genug, gebunden, verwundet
+ Und vom Feinde verspottet. Es fehlte Hinze, der Kater;
+ Reineke wünschte so sehr, auch ihm das Wasser zu wärmen.
+
+ Nun beschäftigte sich der Heuchler am anderen Morgen,
+ Gleich die Schuhe zu schmieren, die seine Verwandten verloren,
+ Eilte, dem Könige noch sich vorzustellen, und sagte:
+ Euer Knecht ist bereit, den heiligen Weg zu betreten;
+ Eurem Priester werdet Ihr nun in Gnaden befehlen,
+ Daß er mich segne, damit ich von hinnen mit Zuversicht scheide,
+ Daß mein Ausgang und Eingang gebenedeit sei! So sprach er.
+ Und es hatte der König den Widder zu seinem Kaplane;
+ Alle geistlichen Dinge besorgt er, es braucht ihn der König
+ Auch zum Schreiber, man nennt ihn Bellyn. Da ließ er ihn rufen,
+ Sagte: Leset sogleich mir etliche heilige Worte
+ Über Reineken hier, ihn auf die Reise zu segnen,
+ Die er vorhat; er gehet nach Rom und über das Wasser.
+ Hänget das Ränzel ihm um und gebt ihm den Stab in die Hände.
+ Und es erwiderte drauf Bellyn: Herr König, Ihr habet,
+ Glaub ich, vernommen, daß Reineke noch vom Banne nicht los ist.
+ Übels würd ich deswegen von meinem Bischof erdulden,
+ Der es leichtlich erfährt und mich zu strafen Gewalt hat.
+ Aber ich tue Reineken selbst nichts Grades noch Krummes.
+ Könnte man freilich die Sache vermitteln, und sollt es kein Vorwurf
+ Mir beim Bischof, Herrn Ohnegrund, werden, zürnte nicht etwa
+ Mir darüber der Propst, Herr Losefund, oder der Dechant
+ Rapiamus, ich segnet ihn gern nach Eurem Befehle.
+
+ Und der König versetzte: Was soll das Reimen und Reden?
+ Viele Worte laßt Ihr uns hören und wenig dahinter.
+ Leset Ihr über Reineke mir nicht Grades noch Krummes,
+ Frag ich den Teufel darnach! Was geht mich der Bischof im Dom an?
+ Reineke macht die Wallfahrt nach Rom, und wollt Ihr das hindern?
+
+ Ängstlich kraute Bellyn sich hinter den Ohren; er scheute
+ Seines Königes Zorn und fing sogleich aus dem Buch an
+ Über den Pilger zu lesen, doch dieser achtet' es wenig.
+ Was es mochte, half es denn auch; das kann man sich denken.
+ Und nun war der Segen gelesen, da gab man ihm weiter
+ Ränzel und Stab, der Pilger war fertig; so log er die Wallfahrt.
+ Falsche Tränen liefen dem Schelmen die Wangen herunter
+ Und benetzten den Bart, als fühlt' er die schmerzlichste Reue.
+ Freilich schmerzt' es ihn auch, daß er nicht alle zusammen,
+ Wie sie waren, ins Unglück gebracht und drei nur geschändet.
+ Doch er stand und bat, sie möchten alle getreulich
+ Für ihn beten, so gut sie vermöchten. Er machte nun Anstalt,
+ Fortzueilen, er fühlte sich schuldig und hatte zu fürchten.
+ Reineke, sagte der König: Ihr seid mir so eilig! Warum das?--
+ Wer was Gutes beginnt, soll niemals weilen, versetzte
+ Reineke drauf: ich bitt Euch um Urlaub, es ist die gerechte
+ Stunde gekommen, gnädiger Herr, und lasset mich wandern.
+ Habet Urlaub! sagte der König, und also gebot er
+ Sämtlichen Herren des Hofes, dem falschen Pilger ein Stückchen
+ Weges zu folgen und ihn zu begleiten. Es lagen indessen
+ Braun und Isegrim, beide gefangen, in Jammer und Schmerzen.
+
+ Und so hatte denn Reineke wieder die Liebe des Königs
+ Völlig gewonnen und ging mit großen Ehren von Hofe,
+ Schien mit Ränzel und Stab nach dem Heiligen Grabe zu wallen,
+ Hatt er dort gleich so wenig zu tun, als ein Maibaum in Aachen.
+ Ganz was anders führt' er im Schilde. Nun war ihm gelungen,
+ Einen flächsenen Bart und eine wächserne Nase
+ Seinem König zu drehen; es mußten ihm alle Verkläger
+ Folgen, da er nun ging, und ihn mit Ehren begleiten.
+ Und er konnte die Tücke nicht lassen und sagte noch scheidend:
+ Sorget, gnädiger Herr, daß Euch die beiden Verräter
+ Nicht entgehen, und haltet sie wohl im Kerker gebunden.
+ Würden sie frei, sie ließen nicht ab mit schändlichen Werken.
+ Eurem Leben drohet Gefahr, Herr König, bedenkt es!
+
+ Und so ging er dahin mit stillen, frommen Gebärden,
+ Mit einfältigem Wesen, als wüßt ers eben nicht anders.
+ Drauf erhub sich der König zurück zu seinem Palaste,
+ Sämtliche Tiere folgten dahin. Nach seinem Befehle
+ Hatten sie Reineken erst ein Stückchen Weges begleitet;
+ Und es hatte der Schelm sich ängstlich und traurig gebärdet,
+ Daß er manchen gutmütigen Mann zum Mitleid bewegte.
+ Lampe, der Hase, besonders war sehr bekümmert. Wir sollen,
+ Lieber Lampe, sagte der Schelm: und sollen wir scheiden?
+ Möcht es Euch und Bellyn, dem Widder, heute belieben,
+ Meine Straße mit mir noch ferner zu wandeln! Ihr würdet
+ Mir durch eure Gesellschaft die größte Wohltat erzeigen.
+ Ihr seid angenehme Begleiter und redliche Leute,
+ Jedermann redet nur Gutes von euch, das brächte mir Ehre;
+ Geistlich seid ihr und heiliger Sitte. Ihr lebet gerade,
+ Wie ich als Klausner gelebt. Ihr laßt euch mit Kräutern begnügen,
+ Pfleget mit Laub und Gras den Hunger zu stillen, und fraget
+ Nie nach Brot oder Fleisch, noch andrer besonderer Speise.
+ Also konnt er mit Lob der beiden Schwäche betören;
+ Beide gingen mit ihm zu seiner Wohnung und sahen
+ Malepartus, die Burg, und Reineke sagte zum Widder:
+ Bleibet hieraußen, Bellyn, und laßt die Gräser und Kräuter
+ Nach Belieben Euch schmecken; es bringen diese Gebirge
+ Manche Gewächse hervor, gesund und guten Geschmackes.
+ Lampen nehm ich mit mir; doch bittet ihn, daß er mein Weib mir
+ Trösten möge, die schon sich betrübt; und wird sie vernehmen,
+ Daß ich nach Rom als Pilger verreise, so wird sie verzweifeln.
+ Süße Worte brauchte der Fuchs, die zwei zu betrügen.
+ Lampen führt' er hinein, da fand er die traurige Füchsin
+ Liegen neben den Kindern, von großer Sorge bezwungen:
+ Denn sie glaubte nicht mehr, daß Reineke sollte von Hofe
+ Wiederkehren. Nun sah sie ihn aber mit Ränzel und Stabe;
+ Wunderbar kam es ihr vor, und sagte: Reinhart, mein Lieber,
+ Saget mir doch, wie ists Euch gegangen? Was habt Ihr erfahren?
+ Und er sprach: Schon war ich verurteilt, gefangen, gebunden,
+ Aber der König bezeigte sich gnädig, befreite mich wieder,
+ Und ich zog als Pilger hinweg; es blieben zu Bürgen
+ Braun und Isegrim beide zurück. Dann hat mir der König
+ Lampen zur Sühne gegeben, und was wir nur wollen, geschieht ihm.
+ Denn es sagte der König zuletzt mit gutem Bescheide:
+ Lampe war es, der dich verriet. So hat er wahrhaftig
+ Große Strafe verdient und soll mir alles entgelten.
+ Aber Lampe vernahm erschrocken die drohenden Worte,
+ War verwirrt und wollte sich retten und eilte, zu fliehen.
+ Reineke schnell vertrat ihm das Tor, es faßte der Mörder
+ Bei dem Halse den Armen, der laut und gräßlich um Hilfe
+ Schrie: O helfet, Bellyn! Ich bin verloren! Der Pilger
+ Bringt mich um! Doch schrie er nicht lange: denn Reineke hatt ihm
+ Bald die Kehle zerrissen. Und so empfing er den Gastfreund.
+ Kommt nun, sagt' er: und essen wir schnell, denn fett ist der Hase,
+ Guten Geschmackes. Er ist wahrhaftig zum erstenmal etwas
+ Nütze, der alberne Geck; ich hatt es ihm lange geschworen.
+ Aber nun ist es vorbei, nun mag der Verräter verklagen!
+ Reineke machte sich dran mit Weib und Kindern, sie pflückten
+ Eilig dem Hasen das Fell und speisten mit gutem Behagen.
+
+ Köstlich schmeckt' es der Füchsin, und einmal über das andre:
+ Dank sei König und Königin! rief sie: wir haben durch ihre
+ Gnade das herrliche Mahl, Gott mög es ihnen belohnen!
+ Esset nur, sagte Reineke, zu! es reichet für diesmal;
+ Alle werden wir satt, und mehreres denk ich zu holen:
+ Denn es müssen doch alle zuletzt die Zeche bezahlen,
+ Die sich an Reineken machen und ihm zu schaden gedenken.
+
+ Und Frau Ermelyn sprach: Ich möchte fragen, wie seid Ihr
+ Los und ledig geworden? Ich brauchte, sagt' er dagegen,
+ Viele Stunden, wollt ich erzählen, wie fein ich den König
+ Umgewendet und ihn und seine Gemahlin betrogen.
+ Ja, ich leugn es Euch nicht, es ist die Freundschaft nur dünne
+ Zwischen dem König und mir und wird nicht lange bestehen.
+ Wenn er die Wahrheit erfährt, er wird sich grimmig entrüsten.
+ Kriegt er mich wieder in seine Gewalt, nicht Gold und nicht Silber
+ Könnte mich retten, er folgt mir gewiß und sucht mich zu fangen.
+ Keine Gnade darf ich erwarten, das weiß ich am besten;
+ Ungehangen läßt er mich nicht, wir müssen uns retten.
+
+ Laßt uns nach Schwaben entfliehn! dort kennt uns niemand; wir halten
+ Uns nach Landes Weise daselbst. Hilf Himmel! es findet
+ Süße Speise sich da und alles Guten die Fülle:
+ Hühner, Gänse, Hasen, Kaninchen und Zucker und Datteln,
+ Feigen, Rosinen und Vögel von allen Arten und Größen;
+ Und man bäckt im Lande das Brot mit Butter und Eiern.
+ Rein und klar ist das Wasser, die Luft ist heiter und lieblich,
+ Fische gibt es genug, die heißen Gallinen, und andre
+ Heißen Pullus und Gallus und Anas, wer nennte sie alle?
+ Das sind Fische nach meinem Geschmack! Da brauch ich nicht eben
+ Tief ins Wasser zu tauchen; ich hab sie immer gegessen,
+ Da ich als Klausner mich hielt. Ja, Weibchen, wollen wir endlich
+ Friede genießen, so müssen wir hin, Ihr müßt mich begleiten.
+
+ Nun versteht mich nur wohl: es ließ mich diesmal der König
+ Wieder entwischen, weil ich ihm log von seltenen Dingen.
+ König Emmerichs herrlichen Schatz versprach ich zu liefern;
+ Den beschrieb ich, er läge bei Krekelborn. Werden sie kommen,
+ Dort zu suchen, so finden sie leider nicht dieses, noch jenes,
+ Werden vergeblich im Boden wühlen, und siehet der König
+ Dergestalt sich betrogen, so wird er schrecklich ergrimmen.
+ Denn was ich für Lügen ersann, bevor ich entwischte,
+ Könnt Ihr denken; fürwahr, es ging zunächst an den Kragen!
+ Niemals war ich in größerer Not, noch schlimmer geängstigt,
+ Nein! ich wünsche mir solche Gefahr nicht wiederzusehen.
+ Kurz, es mag mir begegnen, was will, ich lasse mich niemals
+ Wieder nach Hofe bereden, um in des Königs Gewalt mich
+ Wieder zu geben; es brauchte wahrhaftig die größte Gewandtheit,
+ Meinen Daumen mit Not aus seinem Munde zu bringen.
+
+ Und Frau Ermelyn sagte betrübt: Was wollte das werden?
+ Elend sind wir und fremd in jedem anderen Lande;
+ Hier ist alles nach unserm Begehren. Ihr bleibet der Meister
+ Eurer Bauern. Und habt Ihr ein Abenteuer zu wagen
+ Denn so nötig? Fürwahr, um Ungewisses zu suchen,
+ Das Gewisse zu lassen, ist weder rätlich noch rühmlich.
+ Leben wir hier doch sicher genug! Wie stark ist die Feste!
+ Überzög uns der König mit seinem Heere, belegt' er
+ Auch die Straße mit Macht, wir haben immer so viele
+ Seitentore, so viel geheime Wege, wir wollen
+ Glücklich entkommen. Ihr wißt es ja besser, was soll ich es sagen?
+ Uns mit Macht und Gewalt in seine Hände zu kriegen,
+ Viel gehörte dazu. Es macht mir keine Besorgnis.
+ Aber daß Ihr über das Meer zu gehen geschworen,
+ Das betrübt mich. Ich fasse mich kaum. Was könnte das werden!
+
+ Liebe Frau, bekümmert Euch nicht! versetzte dagegen
+ Reineke, höret mich an und merket: besser geschworen,
+ Als verloren! So sagte mir einst ein Weiser im Beichtstuhl:
+ Ein gezwungener Eid bedeute wenig. Das kann mich
+ Keinen Katzenschwanz hindern! Ich meine den Eid, versteht nur.
+ Wie Ihr gesagt habt, soll es geschehen. Ich bleibe zu Hause.
+ Wenig hab ich fürwahr in Rom zu suchen, und hätt ich
+ Zehen Eide geschworen, so wollt ich Jerusalem nimmer
+ Sehen; ich bleibe bei Euch und hab es freilich bequemer;
+ Andrer Orten find ichs nicht besser, als wie ich es habe.
+ Will mir der König Verdruß bereiten, ich muß es erwarten,
+ Stark und zu mächtig ist er für mich: doch kann es gelingen,
+ Daß ich ihn wieder betöre, die bunte Kappe mit Schellen
+ Über die Ohren ihm schiebe, da soll ers, wenn ichs erlebe,
+ Schlimmer finden, als er es sucht. Das sei ihm geschworen!
+
+ Ungeduldig begann Bellyn am Tore zu schmälen:
+ Lampe, wollt Ihr nicht fort? So kommt doch! lasset uns gehen!
+ Reineke hört' es und eilte hinaus und sagte: Mein Lieber,
+ Lampe bittet Euch sehr, ihm zu vergeben, er freut sich
+ Drin mit seiner Frau Muhme, das werdet Ihr, sagt er, ihm gönnen.
+ Gehet sachte voraus. Denn Ermelyn, seine Frau Muhme,
+ Läßt ihn sobald nicht hinweg; Ihr werdet die Freude nicht stören.
+
+ Da versetzte Bellyn: Ich hörte schreien, was war es?
+ Lampen hört ich; er rief mir: Bellyn, zu Hilfe! zu Hilfe!
+ Habt Ihr im etwas übels getan? Da sagte der kluge
+ Reineke: Höret mich recht! Ich sprach von meiner gelobten
+ Wallfahrt; da wollte mein Weib darüber völlig verzweifeln,
+ Es befiel sie ein tödlicher Schrecken, sie lag uns in Ohnmacht.
+ Lampe sah das und fürchtete sich, und in der Verwirrung
+ Rief er: Helfet, Bellyn! Bellyn! o säumet nicht lange,
+ Meine Muhme wird mir gewiß nicht wieder lebendig!
+ Soviel weiß ich, sagte Bellyn: er hat ängstlich gerufen.
+ Nicht ein Härchen ist ihm verletzt, verschwor sich der Falsche;
+ Lieber möchte mir selbst als Lampen was Böses begegnen.
+ Hörtet Ihr? sagte Reineke drauf: es bat mich der König
+ Gestern, käm ich nach Hause, da sollt ich in einigen Briefen
+ Über wichtige Sachen ihm meine Gedanken vermelden.
+ Lieber Neffe, nehmet sie mit, ich habe sie fertig.
+ Schöne Dinge sag ich darin und rat ihm das Klügste.
+ Lampe war über die Maßen vergnügt, ich hörte mit Freuden
+ Ihn mit seiner Frau Muhme sich alter Geschichten erinnern.
+ Wie sie schwatzten! sie wurden nicht satt! Sie aßen und tranken,
+ Freuten sich übereinander; indessen schrieb ich die Briefe.
+
+ Lieber Reinhart, sagte Bellyn: Ihr müßt nur die Briefe
+ Wohl verwahren; es fehlt, sie einzustecken, ein Täschchen.
+ Wenn ich die Siegel zerbräche, das würde mir übel bekommen.
+ Reineke sagte: Das weiß ich zu machen. Ich denke, das Ränzel,
+ Das ich aus Braunens Felle bekam, wird eben sich schicken,
+ Es ist dicht und stark, darin verwahr ich die Briefe.
+ Und es wird Euch dagegen der König besonders belohnen;
+ Er empfängt Euch mit Ehren, Ihr seid ihm dreimal willkommen.
+ Alles das glaubte der Widder Bellyn. Da eilte der andre
+ Wieder ins Haus, das Ränzel ergriff er und steckte behende
+ Lampens Haupt, des ermordeten, drein und dachte daneben,
+ Wie er dem armen Bellyn die Tasche zu öffnen verwehrte.
+
+ Und er sagte, wie er herauskam: Hänget das Ränzel
+ Nur um den Hals und laßt Euch, mein Neffe, nicht etwa gelüsten,
+ In die Briefe zu sehen; es wäre schädliche Neugier:
+ Denn ich habe sie wohl verwahrt, so müßt Ihr sie lassen.
+ Selbst das Ränzel öffnet mir nicht! Ich habe den Knoten
+ Künstlich geknüpft, ich pflege das so in wichtigen Dingen
+ Zwischen dem König und mir; und findet der König die Riemen
+ So verschlungen, wie er gewohnt ist, so werdet Ihr Gnade
+ Und Geschenke verdienen als zuverlässiger Bote.
+
+ Ja, sobald Ihr den König erblickt und wollt noch in beßres
+ Ansehn Euch setzen bei ihm, so laßt ihn merken, als hättet
+ Ihr mit gutem Bedacht zu diesen Briefen geraten,
+ Ja, dem Schreiber geholfen; es bringt Euch Vorteil und Ehre.
+
+ Und Bellyn ergötzte sich sehr und sprang von der Stätte,
+ Wo er stand, mit Freuden empor und hierhin und dorthin,
+ Sagte: Reineke! Neffe und Herr, nun seh ich, Ihr liebt mich,
+ Wollt mich ehren. Es wird vor allen Herren des Hofes
+ Mir zum Lobe gereichen, daß ich so gute Gedanken,
+ Schöne, zierliche Worte zusammenbringe. Denn freilich
+ Weiß ich nicht zu schreiben, wie Ihr; doch sollen sies meinen,
+ Und ich dank es nur Euch. Zu meinem Besten geschah es,
+ Daß ich Euch folgte hierher. Nun sagt, was meint Ihr noch weiter?
+ Geht nicht Lampe mit mir in dieser Stunde von hinnen?
+
+ Nein! versteht mich! sagte der Schalk: noch ist es unmöglich.
+ Geht allmählich voraus, er soll Euch folgen, sobald ich
+ Einige Sachen von Wichtigkeit ihm vertraut und befohlen.
+ Gott sei bei Euch! sagte Bellyn: so will ich denn gehen.
+ Und er eilete fort; um Mittag gelangt' er nach Hofe.
+
+ Als ihn der König ersah und zugleich das Ränzel erblickte,
+ Sprach er: Saget, Bellyn, von wannen kommt Ihr? und wo ist
+ Reineke blieben? Ihr traget das Ränzel, was soll das bedeuten?
+ Da versetzte Bellyn: Er bat mich, gnädigster König,
+ Euch zwei Briefe zu bringen, wir haben sie beide zusammen
+ Ausgedacht. Ihr findet subtil die wichtigsten Sachen
+ Abgehandelt, und was sie enthalten, das hab ich geraten;
+ Hier im Ränzel finden sie sich; er knüpfte den Knoten.
+
+ Und es ließ der König sogleich dem Biber gebieten,
+ Der Notarius war und Schreiber des Königs, man nennt ihn
+ Bokert. Es war sein Geschäft, die schweren, wichtigen Briefe
+ Vor dem König zu lesen, denn manche Sprache verstand er.
+ Auch nach Hinzen schickte der König, er sollte dabei sein.
+
+ Als nun Bokert den Knoten mit Hinze, seinem Gesellen,
+ Aufgelöset, zog er das Haupt des ermordeten Hasen
+ Mit Erstaunen hervor und rief. Das heiß ich mir Briefe!
+ Seltsam genug! Wer hat sie geschrieben? Wer kann es erklären?
+ Dies ist Lampens Kopf, es wird ihn niemand verkennen.
+
+ Und es erschraken König und Königin. Aber der König
+ Senkte sein Haupt und sprach: O Reineke! hätt ich dich wieder!
+ König und Königin beide betrübten sich über die Maßen.
+ Reineke hat mich betrogen! so rief der König. O hätt ich
+ Seinen schändlichen Lügen nicht Glauben gegeben! so rief er,
+ Schien verworren, mit ihm verwirrten sich alle die Tiere.
+
+ Aber Lupardus begann, des Königs naher Verwandter:
+ Traun! ich sehe nicht ein, warum Ihr also betrübt seid,
+ Und die Königin auch. Entfernet diese Gedanken,
+ Fasset Mut! es möcht Euch vor allen zur Schande gereichen.
+ Seid Ihr nicht Herr? Es müssen Euch alle, die hier sind, gehorchen.
+
+ Eben deswegen, versetzte der König: so laßt Euch nicht wundern,
+ Daß ich im Herzen betrübt bin. Ich habe mich leider vergangen.
+ Denn mich hat der Verräter mit schändlicher Tücke bewogen,
+ Meine Freunde zu strafen. Es liegen beide geschändet,
+ Braun und Isegrim; sollte michs nicht von Herzen gereuen?
+ Ehre bringt es mir nicht, daß ich den besten Baronen
+ Meines Hofes so übel begegnet, und daß ich dem Lügner
+ So viel Glauben geschenkt und ohne Vorsicht gehandelt.
+ Meiner Frauen folgt ich zu schnell. Sie ließ sich betören,
+ Bat und flehte für ihn; o wär ich nur fester geblieben!
+ Nun ist die Reue zu spät, und aller Rat ist vergebens.
+
+ Und es sagte Lupardus: Herr König, höret die Bitte,
+ Trauert nicht länger! was übels geschehen ist, läßt sich vergleichen.
+ Gebet dem Bären, dem Wolfe, der Wölfin zur Sühne den Widder;
+ Denn es bekannte Bellyn gar offen und kecklich, er habe
+ Lampens Tod geraten; das mag er nun wieder bezahlen!
+ Und wir wollen hernach zusammen auf Reineken losgehn,
+ Werden ihn fangen, wenn es gerät, da hängt man ihn eilig;
+ Kommt er zum Worte, so schwätzt er sich los und wird nicht gehangen.
+ Aber ich weiß es gewiß, es lassen sich jene versöhnen.
+
+ Und der König hörte das gern; er sprach zu Lupardus:
+ Euer Rat gefällt mir; so geht nun eilig und holet
+ Mir die beiden Baronen, sie sollen sich wieder mit Ehren
+ In dem Rate neben mich setzen. Laßt mir die Tiere
+ Sämtlich zusammenberufen, die hier bei Hofe gewesen;
+ Alle sollen erfahren, wie Reineke schändlich gelogen,
+ Wie er entgangen und dann mit Bellyn den Lampe getötet.
+ Alle sollen dem Wolf und dem Bären mit Ehrfurcht begegnen,
+ Und zur Sühne geb ich den Herren, wie Ihr geraten,
+ Den Verräter Bellyn und seine Verwandten auf ewig.
+
+ Und es eilte Lupardus, bis er die beiden Gebundnen,
+ Braun und Isegrim, fand. Sie wurden gelöset; da sprach er:
+ Guten Trost vernehmet von mir! Ich bringe des Königs
+ Festen Frieden und freies Geleit. Versteht mich, ihr Herren:
+ Hat der König euch übels getan, so ist es ihm selber
+ Leid, er läßt es euch sagen und wünscht euch beide zufrieden;
+ Und zur Sühne sollt ihr Bellyn mit seinem Geschlechte,
+ Ja, mit allen Verwandten auf ewige Zeiten empfahen.
+ Ohne weiteres tastet sie an, ihr möget im Walde,
+ Möget im Felde sie finden, sie sind euch alle gegeben.
+ Dann erlaubt euch mein gnädiger Herr noch über das alles,
+ Reineken, der euch verriet, auf jede Weise zu schaden:
+ Ihn, sein Weib und Kinder und alle seine Verwandten
+ Mögt ihr verfolgen, wo ihr sie trefft, es hindert euch niemand.
+ Diese köstliche Freiheit verkünd ich im Namen des Königs.
+ Er und alle, die nach ihm herrschen, sie werden es halten!
+ Nur vergesset denn auch, was euch Verdrießlichs begegnet,
+ Schwöret, ihm treu und gewärtig zu sein, ihr könnt es mit Ehren.
+ Nimmer verletzt er euch wieder; ich rat euch, ergreifet den Vorschlag.
+
+ Also war die Sühne beschlossen; sie mußte der Widder
+ Mit dem Halse bezahlen, und alle seine Verwandten
+ Werden noch immer verfolgt von Isegrims mächtiger Sippschaft.
+ So begann der ewige Haß. Nun fahren die Wölfe
+ Ohne Scheu und Scham auf Lämmer und Schafe zu wüten
+ Fort, sie glauben das Recht auf ihrer Seite zu haben;
+ Keines verschonet ihr Grimm, sie lassen sich nimmer versöhnen.
+ Aber um Brauns und Isegrims willen und ihnen zu Ehren
+ Ließ der König den Hof zwölf Tage verlängern; er wollte
+ Öffentlich zeigen, wie ernst es ihm sei, die Herrn zu versöhnen.
+
+
+
+
+
+ Siebenter Gesang
+
+
+ Und nun sah man den Hof gar herrlich bestellt und bereitet,
+ Manche Ritter kamen dahin; den sämtlichen Tieren
+ Folgten unzählige Vögel, und alle zusammen verehrten
+ Braun und Isegrim hoch, die ihrer Leiden vergaßen.
+ Da ergötzte sich festlich die beste Gesellschaft, die jemals
+ Nur beisammen gewesen; Trompeten und Pauken erklangen,
+ Und den Hoftanz führte man auf mit guten Manieren.
+ Überflüssig war alles bereitet, was jeder begehrte.
+ Boten auf Boten gingen ins Land und luden die Gäste,
+ Vögel und Tiere machten sich auf, sie kamen zu Paaren,
+ Reiseten hin bei Tag und bei Nacht und eilten zu kommen.
+
+ Aber Reineke Fuchs lag auf der Lauer zu Hause,
+ Dachte nicht nach Hofe zu gehn, der verlogene Pilger;
+ Wenig Dankes erwartet' er sich. Nach altem Gebrauche
+ Seine Tücke zu üben, gefiel am besten dem Schelme.
+ Und man hörte bei Hof die allerschönsten Gesänge,
+ Speis und Trank ward über und über den Gästen gereichet,
+ Und man sah turnieren und fechten. Es hatte sich jeder
+ Zu den Seinen gesellt, da ward getanzt und gesungen,
+ Und man hörte Pfeifen dazwischen und hörte Schalmeien.
+ Freundlich schaute der König von seinem Saale hernieder;
+ Ihm behagte das große Getümmel, er sah es mit Freuden.
+
+ Und acht Tage waren vorbei (es hatte der König
+ Sich zu Tafel gesetzt mit seinen ersten Baronen,
+ Neben der Königin saß er), und blutig kam das Kaninchen
+ Vor den König getreten und sprach mit traurigem Sinne:
+ Herr! Herr König! und alle zusammen! erbarmet Euch meiner!
+ Denn Ihr habt so argen Verrat und mördrische Taten,
+ Wie ich von Reineken diesmal erduldet, nur selten vernommen.
+ Gestern morgen fand ich ihn sitzen, es war um die sechste
+ Stunde, da ging ich die Straße vor Malepartus vorüber;
+ Und ich dachte, den Weg in Frieden zu ziehen. Er hatte,
+ Wie ein Pilger gekleidet, als läs er Morgengebete,
+ Sich vor seine Pforte gesetzt. Da wollt ich behende
+ Meines Weges vorbei, zu Eurem Hofe zu kommen.
+ Als er mich sah, erhub er sich gleich und trat mir entgegen,
+ Und ich glaubt, er wollte mich grüßen; da faßt' er mich aber
+ Mit den Pfoten gar mörderlich an, und zwischen den Ohren
+ Fühlt ich die Klauen und dachte wahrhaftig das Haupt zu verlieren:
+ Denn sie sind lang und scharf, er druckte mich nieder zur Erde.
+ Glücklicherweise macht ich mich los, und da ich so leicht bin,
+ Konnt ich entspringen; er knurrte mir nach und schwur, mich zu finden.
+ Aber ich schwieg und machte mich fort, doch leider behielt er
+ Mir ein Ohr zurück, ich komme mit blutigem Haupte.
+ Seht, vier Löcher trug ich davon! Ihr werdet begreifen,
+ Wie er mit Ungestüm schlug, fast wär ich liegen geblieben.
+ Nun bedenket die Not, bedenket Euer Geleite!
+ Wer mag reisen? wer mag an Eurem Hofe sich finden,
+ Wenn der Räuber die Straße belegt und alle beschädigt?
+
+ Und er endigte kaum, da kam die gesprächige Krähe,
+ Merkenau, sagte: Würdiger Herr und gnädiger König!
+ Traurige Märe bring ich vor Euch, ich bin nicht imstande,
+ Viel zu reden vor Jammer und Angst, ich fürchte, das bricht mir
+ Noch das Herz: so jämmerlich Ding begegnet' mir heute
+ Scharfenebbe, mein Weib, und ich, wir gingen zusammen
+ Heute früh, und Reineke lag für tot auf der Heide,
+ Beide Augen im Kopfe verkehrt, es hing ihm die Zunge
+ Weit zum offenen Munde heraus. Da fing ich vor Schrecken
+ Laut an zu schrein. Er regte sich nicht, ich schrie und beklagt ihn,
+ Rief. O weh mir! und Ach! und wiederholte die Klage:
+ Ach! er ist tot! wie dauert er mich! wie bin ich bekümmert!
+ Meine Frau betrübte sich auch, wir jammerten beide.
+ Und ich betastet ihm Bauch und Haupt, es nahte desgleichen
+ Meine Frau sich und trat ihm ans Kinn, ob irgend der Atem
+ Einiges Leben verriet', allein sie lauschte vergebens:
+ Beide hätten wir drauf geschworen. Nun höret das Unglück.
+
+ Wie sie nun traurig und ohne Besorgnis dem Munde des Schelmen
+ Ihren Schnabel näher gebracht, bemerkt' es der Unhold,
+ Schnappte grimmig nach ihr und riß das Haupt ihr herunter.
+ Wie ich erschrak, das will ich nicht sagen. O weh mir! o weh mir!
+ Schrie ich und rief. Da schoß er hervor und schnappte mit einmal
+ Auch nach mir; da fuhr ich zusammen und eilte zu fliehen.
+ Wär ich nicht so behende gewesen, er hätte mich gleichfalls
+ Festgehalten; mit Not entkam ich den Klauen des Mörders,
+ Eilend erreicht ich den Baum! O hätt ich mein trauriges Leben
+ Nicht gerettet! ich sah mein Weib in des Bösewichts Klauen.
+ Ach! er hatte die Gute gar bald gegessen. Er schien mir
+ So begierig und hungrig, als wollt er noch einige speisen;
+ Nicht ein Beinchen ließ er zurück, kein Knöchelchen übrig.
+ Solchen Jammer sah ich mit an! Er eilte von dannen,
+ Aber ich konnt es nicht lassen und flog mit traurigem Herzen
+ An die Stätte; da fand ich nur Blut und wenige Federn
+ Meines Weibes. Ich bringe sie her, Beweise der Untat.
+ Ach, erbarmt Euch, gnädiger Herr, denn solltet Ihr diesmal
+ Diesen Verräter verschonen, gerechte Rache verzögern,
+ Eurem Frieden und Eurem Geleite nicht Nachdruck verschaffen,
+ Vieles würde darüber gesprochen, es würd Euch mißfallen.
+ Denn man sagt: der ist schuldig der Tat, der zu strafen Gewalt hat
+ Und nicht strafet; es spielet alsdann ein jeder den Herren.
+ Eurer Würde ging' es zu nah, Ihr mögt es bedenken.
+
+ Also hatte der Hof die Klage des guten Kaninchens
+ Und der Krähe vernommen. Da zürnte Nobel, der König,
+ Rief: So sei es geschworen bei meiner ehlichen Treue,
+ Diesen Frevel bestraf ich, man soll es lange gedenken!
+ Mein Geleit und Gebot zu verhöhnen! Ich will es nicht dulden.
+ Gar zu leicht vertraut ich dem Schelm und ließ ihn entkommen,
+ Stattet ihn selbst als Pilger noch aus und sah ihn von hinnen
+ Scheiden, als ging' er nach Rom. Was hat uns der Lügner nicht alles
+ Aufgeheftet! Wie wußt er sich nicht der Königin Vorwort
+ Leicht zu gewinnen! Sie hat mich beredet, nun ist er entkommen.
+ Aber ich werde der Letzte nicht sein, den es bitter gereute,
+ Frauenrat befolget zu haben. Und lassen wir länger
+ Ungestraft den Bösewicht laufen, wir müssen uns schämen.
+ Immer war er ein Schalk und wird es bleiben. Bedenket
+ Nun zusammen, ihr Herren, wie wir ihn fahen und richten!
+ Greifen wir ernstlich dazu, so wird die Sache gelingen.
+
+ Isegrimen und Braunen behagte die Rede des Königs.
+ Werden wir doch am Ende gerochen! so dachten sie beide.
+ Aber sie trauten sich nicht zu reden, sie sahen, der König
+ War verstörten Gemüts und zornig über die Maßen.
+ Und die Königin sagte zuletzt: Ihr solltet so heftig,
+ Gnädiger Herr, nicht zürnen, so leicht nicht schwören; es leidet
+ Euer Ansehn dadurch und Eurer Worte Bedeutung.
+ Denn wir sehen die Wahrheit noch keineswegs am Tage;
+ Ist doch erst der Beklagte zu hören. Und wär er zugegen,
+ Würde mancher verstummen, der wider Reineken redet.
+ Beide Parteien sind immer zu hören; denn mancher Verwegne
+ Klagt, um seine Verbrechen zu decken. Für klug und verständig
+ Hielt ich Reineken, dachte nichts Böses und hatte nur immer
+ Euer Bestes vor Augen, wiewohl es nun anders gekommen.
+ Denn sein Rat ist gut zu befolgen, wenn freilich sein Leben
+ Manchen Tadel verdient. Dabei ist seines Geschlechtes
+ Große Verbindung wohl zu bedenken. Es werden die Sachen
+ Nicht durch übereilung gebessert, und was Ihr beschließet,
+ Werdet Ihr dennoch zuletzt als Herr und Gebieter vollziehen.
+
+ Und Lupardus sagte darauf: Ihr höret so manchen;
+ Höret diesen denn auch. Er mag sich stellen, und was Ihr
+ Dann beschließt, vollziehe man gleich. So denken vermutlich
+ Diese sämtlichen Herrn mit Eurer edlen Gemahlin.
+
+ Isegrim sagte darauf: Ein jeder rate zum Besten!
+ Herr Lupardus, höret mich an. Und wäre zur Stunde
+ Reineke hier und entledigte sich der doppelten Klage
+ Dieser beiden, so wär es mir immer ein leichtes, zu zeigen,
+ Daß er das Leben verwirkt. Allein ich schweige von allem,
+ Bis wir ihn haben. Und habt Ihr vergessen, wie sehr er den König
+ Mit dem Schatze belogen? Den sollt er in Hüsterlo neben
+ Krekelborn finden, und was der groben Lüge noch mehr war.
+ Alle hat er betrogen und mich und Braunen geschändet;
+ Aber ich setze mein Leben daran. So treibt es der Lügner
+ Auf der Heide. Nun streicht er herum und raubet und mordet.
+ Deucht es dem Könige gut und seinen Herren, so mag man
+ Also verfahren. Doch wär es ihm Ernst, nach Hofe zu kommen,
+ Hätt er sich lange gefunden. Es eilten die Boten des Königs
+ Durch das Land, die Gäste zu laden, doch blieb er zu Hause.
+
+ Und es sagte der König darauf: Was sollen wir lange
+ Hier ihn erwarten? Bereitet euch alle (so sei es geboten!),
+ Mir am sechsten Tage zu folgen. Denn wahrlich das Ende
+ Dieser Beschwerden will ich erleben. Was sagen die Herren?
+ Wär er nicht fähig, zuletzt ein Land zugrunde zu richten?
+ Macht euch fertig, so gut ihr nur könnt, und kommet im Harnisch,
+ Kommt mit Bogen und Spießen und allen andern Gewehren,
+ Und betragt euch wacker und brav! Es führe mir jeder,
+ Denn ich schlage wohl Ritter im Felde, den Namen mit Ehren.
+ Malepartus, die Burg, belegen wir, was er im Haus hat,
+ Wollen wir sehen. Da riefen sie alle: Wir werden gehorchen!
+
+ Also dachte der König und seine Genossen, die Feste
+ Malepartus zu stürmen, den Fuchs zu strafen. Doch Grimbart,
+ Der im Rate gewesen, entfernte sich heimlich und eilte,
+ Reineken aufzusuchen und ihm die Nachricht zu bringen;
+ Traurend ging er und klagte vor sich und sagte die Worte:
+ Ach, was kann es nun werden, mein Oheim! Billig bedauert
+ Dich dein ganzes Geschlecht, du Haupt des ganzen Geschlechtes!
+ Vor Gericht vertratest du uns, wir waren geborgen:
+ Niemand konnte bestehen vor dir und deiner Gewandtheit.
+
+ So erreicht' er das Schloß, und Reineken fand er im Freien
+ Sitzen. Er hatte sich erst zwei junge Tauben gefangen;
+ Aus dem Neste wagten sie sich, den Flug zu versuchen,
+ Aber die Federn waren zu kurz; sie fielen zu Boden,
+ Nicht imstande, sich wieder zu heben, und Reineke griff sie,
+ Denn oft ging er umher, zu jagen. Da sah er von weiten
+ Grimbart kommen und wartete sein; er grüßt' ihn und sagte:
+ Seid mir, Neffe, willkommen vor allen meines Geschlechtes!
+ Warum lauft Ihr so sehr! Ihr keichet! bringt Ihr was Neues?
+
+ Ihm erwiderte Grimbart: Die Zeitung, die ich vermelde,
+ Klingt nicht tröstlich, Ihr seht, ich komm in ängsten gelaufen;
+ Leben und Gut ist alles verloren! Ich habe des Königs
+ Zorn gesehen: er schwört, Euch zu fahen und schändlich zu töten.
+ Allen hat er befohlen, am sechsten Tage gewaffnet
+ Hier zu erscheinen mit Bogen und Schwert, mit Büchsen und Wagen.
+ Alles fällt nun über Euch her, bedenkt Euch inzeiten!
+ Isegrim aber und Braun sind mit dem Könige wieder
+ Besser vertraut, als ich nur immer mit Euch bin, und alles,
+ Was sie wollen, geschieht. Den gräßlichsten Mörder und Räuber
+ Schilt Euch Isegrim laut, und so bewegt er den König;
+ Er wird Marschall, Ihr werdet es sehen, in wenigen Wochen.
+ Das Kaninchen erschien, dazu die Krähe, sie brachten
+ Große Klagen gegen Euch vor. Und sollt Euch der König
+ Diesmal fahen, so lebt Ihr nicht lange! das muß ich befürchten.
+
+ Weiter nichts? versetzte der Fuchs. Das ficht mich nun alles
+ Keinen Pfifferling an. Und hätte der König mit seinem
+ Ganzen Rate doppelt und dreifach gelobt und geschworen:
+ Komm ich nur selber dahin, ich hebe mich über sie alle.
+ Denn sie raten und raten und wissen es nimmer zu treffen.
+ Lieber Neffe, lasset das fahren, und folgt mir und sehet,
+ Was ich Euch gebe. Da hab ich soeben die Tauben gefangen,
+ Jung und fett. Es bleibt mir das liebste von allen Gerichten!
+ Denn sie sind leicht zu verdauen, man schluckt sie nur eben hinunter;
+ Und die Knöchelchen schmecken so süß! sie schmelzen im Munde,
+ Sind halb Milch, halb Blut. Die leichte Speise bekommt mir,
+ Und mein Weib ist von gleichem Geschmack. So kommt nur, sie wird uns
+ Freundlich empfangen; doch merke sie nicht, warum Ihr gekommen!
+ Jede Kleinigkeit fällt ihr aufs Herz und macht ihr zu schaffen.
+ Morgen geh ich nach Hofe mit Euch; da hoff ich, Ihr werdet,
+ Lieber Neffe, mir helfen, so wie es Verwandten geziemet.
+
+ Leben und Gut verpflicht ich Euch gern zu Eurem Behufe,
+ Sagte der Dachs, und Reineke sprach: Ich will es gedenken;
+ Leb ich lange, so soll es Euch frommen! Der andre versetzte:
+ Tretet immer getrost vor die Herren und wahret zum besten
+ Eure Sache, sie werden Euch hören; auch stimmte Lupardus
+ Schon dahin, man sollt Euch nicht strafen, bevor Ihr genugsam
+ Euch verteidigt; es meinte das gleiche die Königin selber.
+ Merket den Umstand und sucht ihn zu nutzen! Doch Reineke sagte:
+ Seid nur gelassen, es findet sich alles. Der zornige König,
+ Wenn er mich hört, verändert den Sinn, es frommt mir am Ende.
+
+ Und so gingen sie beide hinein und wurden gefällig
+ Von der Hausfrau empfangen; sie brachte, was sie nur hatte.
+ Und man teilte die Tauben, man fand sie schmackhaft, und jedes
+ Speiste sein Teil; sie wurden nicht satt und hätten gewißlich
+ Ein halb Dutzend verzehrt, wofern sie zu haben gewesen.
+
+ Reineke sagte zum Dachse: Bekennt mir, Oheim, ich habe
+ Kinder trefflicher Art, sie müssen jedem gefallen.
+ Sagt mir, wie Euch Rossel behagt und Reinhart, der Kleine?
+ Sie vermehren einst unser Geschlecht und fangen allmählich
+ An, sich zu bilden, sie machen mir Freude von Morgen bis Abend.
+ Einer fängt sich ein Huhn, der andre hascht sich ein Küchlein;
+ Auch ins Wasser ducken sie brav, die Ente zu holen
+ Und den Kiebitz. Ich schickte sie gern noch öfter zu jagen;
+ Aber Klugheit muß ich vor allem sie lehren und Vorsicht,
+ Wie sie vor Strick und Jäger und Hunden sich weise bewahren.
+ Und verstehen sie dann das rechte Wesen und sind sie
+ Abgerichtet, wie sichs gehört, dann sollen sie täglich
+ Speise holen und bringen und soll im Hause nichts fehlen,
+ Denn sie schlagen mir nach und spielen grimmige Spiele.
+ Wenn sies beginnen, so ziehn den kürzern die übrigen Tiere,
+ An der Kehle fühlt sie der Gegner und zappelt nicht lange:
+ Das ist Reinekens Art und Spiel. Auch greifen sie hastig,
+ Und ihr Sprung ist gewiß; das dünkt mich eben das Rechte!
+
+ Grimbart sprach: Es gereichet zur Ehre, und mag man sich freuen,
+ Kinder zu haben, wie man sie wünscht, und die zum Gewerbe
+ Bald sich gewöhnen, den Eltern zu helfen. Ich freue mich herzlich,
+ Sie von meinem Geschlechte zu wissen, und hoffe das Beste.
+ Mag es für heute bewenden, versetzte Reineke: gehn wir
+ Schlafen, denn alle sind müd und Grimbart besonders ermattet.
+ Und sie legten sich nieder im Saale, der über und über
+ War mit Heu und Blättern bedeckt, und schliefen zusammen.
+
+ Aber Reineke wachte vor Angst; es schien ihm die Sache
+ Guten Rats zu bedürfen, und sinnend fand ihn der Morgen.
+ Und er hub vom Lager sich auf und sagte zu seinem
+ Weibe: Betrübt Euch nicht! es hat mich Grimbart gebeten,
+ Mit nach Hofe zu gehn; Ihr bleibet ruhig zu Hause.
+ Redet jemand von mir, so kehret es immer zum besten
+ Und verwahret die Burg, so ist uns allen geraten.
+
+ Und Frau Ermelyn sprach: Ich find es seltsam! Ihr wagt es
+ Wieder nach Hofe zu gehn, wo Eurer so übel gedacht wird.
+ Seid Ihr genötigt? Ich seh es nicht ein, bedenkt das Vergangne!
+
+ Freilich, sagte Reineke drauf: es war nicht zu scherzen!
+ Viele wollten mir übel, ich kam in große Bedrängnis;
+ Aber mancherlei Dinge begegnen unter der Sonne.
+ Wider alles Vermuten erfährt man dieses und jenes,
+ Und wer was zu haben vermeint, vermißt es auf einmal.
+ Also laßt mich nur gehn, ich habe dort manches zu schaffen.
+ Bleibet ruhig, das bitt ich Euch sehr, Ihr habet nicht nötig,
+ Euch zu ängstigen. Wartet es ab! Ihr sehet, mein Liebchen,
+ Ist es mir immer nur möglich, in fünf, sechs Tagen mich wieder.
+ Und so schied er von dannen, begleitet von Grimbart, dem Dachse.
+
+
+
+
+ Achter Gesang
+
+
+ Weiter gingen sie nun zusammen über die Heide,
+ Grimbart und Reineke, grade den Weg zum Schlosse des Königs.
+ Aber Reineke sprach: Es falle, wie es auch wolle,
+ Diesmal ahndet es mir, die Reise führet zum besten.
+ Lieber Oheim, höret mich nun! Seitdem ich zum letzten
+ Euch gebeichtet, verging ich mich wieder in sündigem Wesen;
+ Höret Großes und Kleines, und was ich damals vergessen.
+
+ Von dem Leibe des Bären und seinem Felle verschafft ich
+ Mir ein tüchtiges Stück; es ließen der Wolf und die Wölfin
+ Ihre Schuhe mir ab; so hab ich mein Mütchen gekühlet.
+ Meine Lüge verschaffte mir das, ich wußte den König
+ Aufzubringen und hab ihn dabei entsetzlich betrogen:
+ Denn ich erzählt ihm ein Märchen, und Schätze wußt ich zu dichten.
+ Ja, ich hatte daran nicht genug, ich tötete Lampen,
+ Ich bepackte Bellyn mit dem Haupt des Ermordeten; grimmig
+ Sah der König auf ihn, er mußte die Zeche bezahlen.
+ Und das Kaninchen, ich drückt es gewaltig hinter die Ohren,
+ Daß es beinah das Leben verlor, und war mir verdrießlich,
+ Daß es entkam. Auch muß ich bekennen, die Krähe beklagt sich
+ Nicht mit Unrecht, ich habe Frau Scharfenebbe, sein Weibchen,
+ Aufgegessen. Das hab ich begangen, seitdem ich gebeichtet.
+ Aber damals vergaß ich nur eines, ich will es erzählen,
+ Eine Schalkheit, die ich beging, Ihr müßt sie erfahren,
+ Denn ich möchte nicht gern so etwas tragen; ich lud es
+ Damals dem Wolf auf den Rücken. Wir gingen nämlich zusammen
+ Zwischen Kackyß und Elverdingen, da sahn wir von weitem
+ Eine Stute mit ihrem Fohlen, und eins wie das andre
+ Wie ein Rabe so schwarz; vier Monat mochte das Fohlen
+ Alt sein. Und Isegrim war vom Hunger gepeinigt, da bat er:
+ Fraget mir doch, verkauft uns die Stute nicht etwa das Fohlen?
+ Und wie teuer? Da ging ich zu ihr und wagte das Stückchen.
+ Liebe Frau Mähre, sagt ich zu ihr: das Fohlen ist Euer,
+ Wie ich weiß; verkauft Ihr es wohl? Das möcht ich erfahren.
+ Sie versetzte: Bezahlt Ihr es gut, so kann ich es missen,
+ Und die Summe, für die es mir feil ist, Ihr werdet sie lesen,
+ Hinten steht sie geschrieben an meinem Fuße. Da merkt ich,
+ Was sie wollte, versetzte darauf: Ich muß Euch bekennen,
+ Lesen und Schreiben gelingt mir nicht eben so, wie ich es wünschte.
+ Auch begehr ich des Kindes nicht selbst: denn Isegrim möchte
+ Das Verhältnis eigentlich wissen; er hat mich gesendet.
+
+ Laßt ihn kommen! versetzte sie drauf. er soll es erfahren.
+ Und ich ging, und Isegrim stand und wartete meiner.
+ Wollt Ihr Euch sättigen, sagt ich zu ihm: so geht nur, die Mähre
+ Gibt Euch das Fohlen, es steht der Preis am hinteren Fuße
+ Unten geschrieben; ich möchte nur, sagte sie, selber da nachsehn.
+ Aber zu meinem Verdruß mußt ich schon manches versäumen,
+ Weil ich nicht lesen und schreiben gelernt. Versucht es, mein Oheim,
+ Und beschauet die Schrift, Ihr werdet vielleicht sie verstehen.
+
+ Isegrim sagte: Was sollt ich nicht lesen! das wäre mir seltsam!
+ Deutsch, Latein und Welsch, sogar Französisch versteh ich:
+ Denn in Erfurt hab ich mich wohl zur Schule gehalten,
+ Bei den Weisen, Gelahrten, und mit den Meistern des Rechtes
+ Fragen und Urteil gestellt; ich habe meine Lizenzen
+ Förmlich genommen, und was für Skripturen man immer auch findet,
+ Les ich, als wär es mein Name. Drum wird es mir heute nicht fehlen.
+ Bleibet, ich geh und lese die Schrift, wir wollen doch sehen!
+
+ Und er ging und fragte die Frau: Wie teuer das Fohlen?
+ Macht es billig! Sie sagte darauf: Ihr dürft nur die Summe
+ Lesen, sie stehet geschrieben an meinem hinteren Fuße.
+ Laßt mich sehen! versetzte der Wolf. Sie sagte: Das tu ich!
+ Und sie hub den Fuß empor aus dem Grase, der war erst
+ Mit sechs Nägeln beschlagen; sie schlug gar richtig und fehlte
+ Nicht ein Härchen, sie traf ihm den Kopf, er stürzte zur Erden,
+ Lag betäubt wie tot. Sie aber eilte von dannen,
+ Was sie konnte. So lag er verwundet, es dauerte lange.
+
+ Eine Stunde verging, da regt' er sich wieder und heulte
+ Wie ein Hund. Ich trat ihm zur Seite und sagte: Herr Oheim,
+ Wo ist die Stute? Wie schmeckte das Fohlen? Ihr habt Euch gesättigt,
+ Habt mich vergessen! Ihr tatet nicht wohl: ich brachte die Botschaft!
+ Nach der Mahlzeit schmeckte das Schläfchen. Wie lautete, sagt mir,
+ Unter dem Fuße die Schrift? Ihr seid ein großer Gelehrter.
+
+ Ach, versetzt' er: spottet Ihr noch? Wie bin ich so übel
+ Diesmal gefahren! Es sollte fürwahr ein Stein sich erbarmen.
+ Die langbeinige Mähre! Der Henker mags ihr bezahlen!
+ Denn der Fuß war mit Eisen beschlagen, das waren die Schriften!
+ Neue Nägel! Ich habe davon sechs Wunden im Kopfe.
+
+ Kaum behielt er sein Leben. Ich habe nun alles gebeichtet.
+ Lieber Neffe! vergebet mir nun die sündigen Werke!
+ Wie es bei Hofe gerät, ist mißlich; aber ich habe
+ Mein Gewissen befreit und mich von Sünden gereinigt.
+ Saget nun, wie ich mich beßre, damit ich zu Gnaden gelänge.
+
+ Grimbart sprach: Ich find Euch von neuem mit Sünden beladen.
+ Doch es werden die Toten nicht wieder lebendig; es wäre
+ Freilich besser, wenn sie noch lebten. So will ich, mein Oheim,
+ In Betrachtung der schrecklichen Stunde, der Nähe des Todes,
+ Der Euch droht, die Sünde vergeben als Diener des Herren:
+ Denn sie streben Euch nach mit Gewalt, ich fürchte das Schlimmste,
+ Und man wird Euch vor allem das Haupt des Hasen gedenken!
+ Große Dreistigkeit war es, gestehts, den König zu reizen,
+ Und es schadet Euch mehr, als Euer Leichtsinn gedacht hat.
+
+ Nicht ein Haar! versetzte der Schelm: und daß ich Euch sage,
+ Durch die Welt sich zu helfen, ist ganz was Eignes; man kann sich
+ Nicht so heilig bewahren als wie im Kloster, das wißt Ihr.
+ Handelt einer mit Honig, er leckt zuweilen die Finger.
+ Lampe reizte mich sehr; er sprang herüber, hinüber,
+ Mir vor den Augen herum, sein fettes Wesen gefiel mir,
+ Und ich setzte die Liebe beiseite. So gönnt ich Bellynen
+ Wenig Gutes. Sie haben den Schaden; ich habe die Sünde.
+ Aber sie sind zum Teil auch so plump, in jeglichen Dingen
+ Grob und stumpf. Ich sollte noch viel Zeremonien machen?
+ Wenig Lust behielt ich dazu. Ich hatte von Hofe
+ Mich mit ängsten gerettet und lehrte sie dieses und jenes,
+ Aber es wollte nicht fort. Zwar jeder sollte den Nächsten
+ Lieben, das muß ich gestehn; indessen achtet ich diese
+ Wenig, und tot ist tot, so sagt Ihr selber. Doch laßt uns
+ Andre Dinge besprechen; es sind gefährliche Zeiten.
+ Denn wie geht es von oben herab? Man soll ja nicht reden;
+ Doch wir andern merken darauf und denken das Unsre.
+
+ Raubt der König ja selbst so gut als einer, wir wissens;
+ Was er selber nicht nimmt, das läßt er Bären und Wölfe
+ Holen und glaubt, es geschähe mit Recht. Da findet sich keiner,
+ Der sich getraut, ihm die Wahrheit zu sagen--so weit hinein ist es
+ Böse--kein Beichtiger, kein Kaplan; sie schweigen! Warum das?
+ Sie genießen es mit, und wär nur ein Rock zu gewinnen.
+ Komme dann einer und klage! der haschte mit gleichem Gewinne
+ Nach der Luft, er tötet die Zeit und beschäftigte besser
+ Sich mit neuem Erwerb. Denn fort ist fort, und was einmal
+ Dir ein Mächtiger nimmt, das hast du besessen. Der Klage
+ Gibt man wenig Gehör, und sie ermüdet am Ende.
+ Unser Herr ist der Löwe, und alles an sich zu reißen,
+ Hält er seiner Würde gemäß. Er nennt uns gewöhnlich
+ Seine Leute: fürwahr, das Unsre, scheint es, gehört ihm!
+
+ Darf ich reden, mein Oheim? Der edle König, er liebt sich
+ Ganz besonders Leute, die bringen und die nach der Weise,
+ Die er singt, zu tanzen verstehn. Man sieht es zu deutlich.
+ Daß der Wolf und der Bär zum Rate wieder gelangen,
+ Schadet noch manchem. Sie stehlen und rauben, es liebt sie der König;
+ Jeglicher sieht es und schweigt: er denkt, an die Reihe zu kommen.
+ Mehr als vier befinden sich so zur Seite des Herren,
+ Ausgezeichnet vor allen, sie sind die Größten am Hofe.
+ Nimmt ein armer Teufel, wie Reineke, irgendein Hühnchen,
+ Wollen sie alle gleich über ihn her, ihn suchen und fangen,
+ Und verdammen ihn laut mit Einer Stimme zum Tode.
+ Kleine Diebe hängt man so weg, es haben die großen
+ Starken Vorsprung, mögen das Land und die Schlösser verwalten.
+ Sehet, Oheim, bemerk ich nun das und sinne darüber,
+ Nun, so spiel ich halt auch mein Spiel und denke daneben
+ Öfters bei mir: es muß ja wohl recht sein, tuns doch so viele!
+ Freilich regt sich dann auch das Gewissen und zeigt mir von ferne
+ Gottes Zorn und Gericht und läßt mich das Ende bedenken.
+ Ungerecht Gut, so klein es auch sei, man muß es erstatten.
+ Und da fühl ich denn Reu im Herzen; doch währt es nicht lange.
+ Ja, was hilft dichs, der Beste zu sein, es bleiben die Besten
+ Doch nicht unberedet in diesen Zeiten vom Volke.
+ Denn es weiß die Menge genau nach allem zu forschen,
+ Niemand vergessen sie leicht, erfinden dieses und jenes;
+ Wenig Gutes ist in der Gemeine, und wirklich verdienen
+ Wenige drunter auch gute, gerechte Herren zu haben.
+ Denn sie singen und sagen vom Bösen immer und immer;
+ Auch das Gute wissen sie zwar von großen und kleinen
+ Herren, doch schweigt man davon, und selten kommt es zur Sprache.
+ Doch das Schlimmste find ich den Dünkel des irrigen Wahnes,
+ Der die Menschen ergreift: es könne jeder im Taumel
+ Seines heftigen Wollens die Welt beherrschen und richten.
+ Hielte doch jeder sein Weib und seine Kinder in Ordnung,
+ Wüßte sein trotzig Gesinde zu bändigen, könnte sich stille,
+ Wenn die Toren verschwenden, in mäßigem Leben erfreuen!
+ Aber wie sollte die Welt sich verbessern? Es läßt sich ein jeder
+ Alles zu und will mit Gewalt die andern bezwingen.
+ Und so sinken wir tiefer und immer tiefer ins Arge.
+ Afterreden, Lug und Verrat und Diebstahl und falscher
+ Eidschwur, Rauben und Morden, man hört nichts anders erzählen.
+ Falsche Propheten und Heuchler betrügen schändlich die Menschen.
+
+ Jeder lebt nur so hin! und will man sie treulich ermahnen,
+ Nehmen sies leicht und sagen auch wohl: Ei, wäre die Sünde
+ Groß und schwer, wie hier und dort uns manche Gelehrte
+ Predigen, würde der Pfaffe die Sünde selber vermeiden.
+ Sie entschuldigen sich mit bösem Exempel und gleichen
+ Gänzlich dem Affengeschlecht, das, nachzuahmen geboren,
+ Weil es nicht denket und wählt, empfindlichen Schaden erduldet.
+
+ Freilich sollten die geistlichen Herren sich besser betragen!
+ Manches könnten sie tun, wofern sie es heimlich vollbrächten:
+ Aber sie schonen uns nicht, uns andre Laien, und treiben
+ Alles, was ihnen beliebt, vor unsern Augen, als wären
+ Wir mit Blindheit geschlagen; allein wir sehen zu deutlich,
+ Ihre Gelübde gefallen den guten Herren so wenig,
+ Als sie dem sündigen Freunde der weltlichen Werke behagen.
+
+ Denn so haben über den Alpen die Pfaffen gewöhnlich
+ Eigens ein Liebchen; nicht weniger sind in diesen Provinzen,
+ Die sich sündlich vergehn. Man will mir sagen, sie haben
+ Kinder wie andre verehlichte Leute; und sie zu versorgen,
+ Sind sie eifrig bemüht und bringen sie hoch in die Höhe.
+ Diese denken hernach nicht weiter, woher sie gekommen,
+ Lassen niemand den Rang und gehen stolz und gerade,
+ Eben als wären sie edlen Geschlechts, und bleiben der Meinung,
+ Ihre Sache sei richtig. So pflegte man aber vor diesem
+ Pfaffenkinder so hoch nicht zu halten; nun heißen sie alle
+ Herren und Frauen. Das Geld ist freilich alles vermögend.
+
+ Selten findet man fürstliche Lande, worin nicht die Pfaffen
+ Zölle und Zinsen erhüben und Dörfer und Mühlen benutzten.
+ Diese verkehren die Welt, es lernt die Gemeine das Böse:
+ Denn man sieht, so hält es der Pfaffe, da sündiget jeder,
+ Und vom Guten leitet hinweg ein Blinder den andern.
+ Ja, wer merkte denn wohl die guten Werke der frommen
+ Priester, und wie sie die heilige Kirche mit gutem Exempel
+ Auferbauen? Wer lebt nun darnach? Man stärkt sich im Bösen.
+ So geschieht es im Volke, wie sollte die Welt sich verbessern?
+
+ Aber höret mich weiter. Ist einer unecht geboren,
+ Sei er ruhig darüber, was kann er weiter zur Sache?
+ Denn ich meine nur so, versteht mich. Wird sich ein solcher
+ Nur mit Demut betragen und nicht durch eitles Benehmen
+ Andre reizen, so fällt es nicht auf, und hätte man unrecht,
+ Über dergleichen Leute zu reden. Es macht die Geburt uns
+ Weder edel noch gut, noch kann sie zur Schande gereichen.
+ Aber Tugend und Laster, sie unterscheiden die Menschen.
+ Gute, gelehrte geistliche Männer, man hält sie, wie billig,
+ Hoch in Ehren, doch geben die bösen ein böses Exempel.
+ Predigt so einer das Beste, so sagen doch endlich die Laien:
+ Spricht er das Gute und tut er das Böse, was soll man erwählen?
+ Auch der Kirche tut er nichts Gutes, er prediget jedem:
+ Leget nur aus und bauet die Kirche; das rat ich, ihr Lieben,
+ Wollt ihr Gnade verdienen und Ablaß! so schließt er die Rede,
+ Und er legt wohl wenig dazu, ja gar nichts, und fiele
+ Seinetwegen die Kirche zusammen. So hält er denn weiter
+ Für die beste Weise zu leben, sich köstlich zu kleiden,
+ Lecker zu essen. Und hat sich so einer um weltliche Sachen
+ Übermäßig bekümmert, wie will er beten und singen?
+ Gute Priester sind täglich und stündlich im Dienste des Herren
+ Fleißig begriffen und üben das Gute; der heiligen Kirche
+ Sind sie nütze, sie wissen die Laien durch gutes Exempel
+ Auf dem Wege des Heils zur rechten Pforte zu leiten.
+
+ Aber ich kenne denn auch die Bekappten; sie plärren und plappern
+ Immer zum Scheine so fort und suchen immer die Reichen,
+ Wissen den Leuten zu schmeicheln und gehn am liebsten zu Gaste.
+ Bittet man einen, so kommt auch der zweite; da finden sich weiter
+ Noch zu diesen zwei oder drei. Und wer in dem Kloster
+ Gut zu schwatzen versteht, der wird im Orden erhoben,
+ Wird zum Lesemeister, zum Kustos oder zum Prior.
+ Andere stehen beiseite. Die Schüsseln werden gar ungleich
+ Aufgetragen. Denn einige müssen des Nachts in dem Chore
+ Singen, lesen, die Gräber umgehn; die anderen haben
+ Guten Vorteil und Ruh und essen die köstlichen Bissen.
+
+ Und die Legaten des Papstes, die äbte, Pröpste, Prälaten,
+ Die Beguinen und Nonnen, da wäre vieles zu sagen!
+ Überall heißt es: Gebt mir das Eure und laßt mir das Meine.
+ Wenige finden sich wahrlich, nicht sieben, welche der Vorschrift
+ Ihres Ordens gemäß ein heiliges Leben beweisen.
+ Und so ist der geistliche Stand gar schwach und gebrechlich.
+
+ Oheim! sagte der Dachs: ich find es besonders, Ihr beichtet
+ Fremde Sünden. Was will es Euch helfen? Mich dünket, es wären
+ Eurer eignen genug. Und sagt mir, Oheim, was habt Ihr
+ Um die Geistlichkeit Euch zu bekümmern, und dieses und jenes?
+ Seine Bürde mag jeglicher tragen, und jeglicher gebe
+ Red und Antwort, wie er in seinem Stande die Pflichten
+ Zu erfüllen strebt; dem soll sich niemand entziehen,
+ Weder Alte noch Junge, hier außen oder im Kloster.
+ Doch Ihr redet zu viel von allerlei Dingen und könntet
+ Mich zuletzt zum Irrtum verleiten. Ihr kennet vortrefflich,
+ Wie die Welt nun besteht und alle Dinge sich fügen;
+ Niemand schickte sich besser zum Pfaffen. Ich käme mit andern
+ Schafen, zu beichten bei Euch und Eurer Lehre zu horchen,
+ Eure Weisheit zu lernen; denn freilich muß ich gestehen:
+ Stumpf und grob sind die meisten von uns und hättens vonnöten.
+
+ Also hatten sie sich dem Hofe des Königs genähert.
+ Reineke sagte: So ist es gewagt! und nahm sich zusammen.
+ Und sie begegneten Martin, dem Affen, der hatte sich eben
+ Aufgemacht und wollte nach Rom; er grüßte die beiden.
+ Lieber Oheim, fasset ein Herz! so sprach er zum Fuchse,
+ Fragt' ihn dieses und jenes, obschon ihm die Sache bekannt war.
+ Ach, wie ist mir das Glück in diesen Tagen entgegen!
+ Sagte Reineke drauf da haben mich etliche Diebe
+ Wieder beschuldigt, wer sie auch sind, besonders die Krähe
+ Mit dem Kaninchen; sein Weib verlor das eine, dem andern
+ Fehlt ein Ohr. Was kümmert mich das? Und könnt ich nur selber
+ Mit dem Könige reden, sie beide solltens empfinden.
+ Aber mich hindert am meisten, daß ich im Banne des Papstes
+ Leider noch bin. Nun hat in der Sache der Dompropst die Vollmacht,
+ Der beim Könige gilt. Und in dem Banne befind ich
+ Mich um Isegrims willen, der einst ein Klausner geworden,
+ Aber dem Kloster entlief, von Elkmar, wo er gewohnet.
+ Und er schwur, so könnt er nicht leben, man halt ihn zu strenge,
+ Lange könn er nicht fasten und könne nicht immer so lesen.
+ Damals half ich ihm fort. Es reut mich; denn er verleumdet
+ Mich beim Könige nun und sucht mir immer zu schaden.
+ Soll ich nach Rom? Wie werden indes zu Hause die Meinen
+ In Verlegenheit sein! Denn Isegrim kann es nicht lassen,
+ Wo er sie findet, beschädigt er sie. Auch sind noch so viele,
+ Die mir übels gedenken und sich an die Meinigen halten.
+ Wär ich aus dem Banne gelöst, so hätt ich es besser,
+ Könnte gemächlich mein Glück bei Hofe wieder versuchen.
+
+ Martin versetzte: Da kann ich Euch helfen, es trifft sich! Soeben
+ Geh ich nach Rom und nütz Euch daselbst mit künstlichen Stücken.
+ Unterdrücken laß ich Euch nicht! Als Schreiber des Bischofs,
+ Dünkt mich, versteh ich das Werk. Ich schaffe, daß man den Dompropst
+ Grade nach Rom zitiert, da will ich gegen ihn fechten.
+ Seht nur, Oheim, ich treibe die Sache und weiß sie zu leiten;
+ Exequieren laß ich das Urteil, Ihr werdet mir sicher
+ Absolviert, ich bring es Euch mit; es sollen die Feinde
+ Übel sich freun und ihr Geld zusamt der Mühe verlieren:
+ Denn ich kenne den Gang der Dinge zu Rom und verstehe,
+ Was zu tun und zu lassen. Da ist Herr Simon, mein Oheim,
+ Angesehn und mächtig; er hilft den guten Bezahlern.
+ Schalkefund, das ist ein Herr! und Doktor Greifzu und andre,
+ Wendemantel und Losefund hab ich alle zu Freunden.
+ Meine Gelder schickt ich voraus; denn, seht nur, so wird man
+ Dort am besten bekannt. Sie reden wohl von Zitieren:
+ Aber das Geld begehren sie nur. Und wäre die Sache
+ Noch so krumm, ich mache sie grad mit guter Bezahlung.
+ Bringst du Geld, so findest du Gnade; sobald es dir mangelt,
+ Schließen die Türen sich zu. Ihr bleibet ruhig im Lande;
+ Eurer Sache nehm ich mich an, ich löse den Knoten.
+ Geht nur nach Hofe, Ihr werdet daselbst Frau Rückenau finden,
+ Meine Gattin; es liebt sie der König, unser Gebieter,
+ Und die Königin auch, sie ist behenden Verstandes.
+ Sprecht sie an, sie ist klug, verwendet sich gerne für Freunde.
+ Viele Verwandte findet Ihr da. Es hilft nicht immer,
+ Recht zu haben. Ihr findet bei ihr zwei Schwestern, und meiner
+ Kinder sind drei, daneben noch manche von Eurem Geschlechte,
+ Euch zu dienen bereit, wie Ihr es immer begehret.
+ Und versagte man Euch das Recht, so sollt Ihr erfahren,
+ Was ich vermag. Und wenn man Euch druckt, berichtet mirs eilig!
+ Und ich lasse das Land in Bann tun, den König und alle
+ Weiber und Männer und Kinder. Ein Interdikt will ich senden,
+ Singen soll man nicht mehr, noch Messe lesen, noch taufen,
+ Noch begraben, was es auch sei. Des tröstet Euch, Neffe!
+
+ Denn der Papst ist alt und krank und nimmt sich der Dinge
+ Weiter nicht an, man achtet ihn wenig. Auch hat nun am Hofe
+ Kardinal Ohnegenüge die ganze Gewalt, der ein junger
+ Rüstiger Mann ist, ein feuriger Mann von schnellem Entschlusse.
+ Dieser liebt ein Weib, das ich kenne; sie soll ihm ein Schreiben
+ Bringen, und was sie begehrt, das weiß sie trefflich zu machen.
+ Und sein Schreiber Johannes Partey, der kennt aufs genauste
+ Alte und neue Münze; dann Horchegenau, sein Geselle,
+ Ist ein Hofmann; Schleifenundwenden ist Notarius.
+ Bakkalaureus beider Rechte, und bleibt er nur etwa
+ Noch ein Jahr, so ist er vollkommen in praktischen Schriften.
+ Dann sind noch zwei Richter daselbst, die heißen Moneta
+ Und Donarius; sprechen sie ab, so bleibt es gesprochen.
+
+ So verübt man in Rom gar manche Listen und Tücken,
+ Die der Papst nicht erfährt. Man muß sich Freunde verschaffen!
+ Denn durch sie vergibt man die Sünden und löset die Völker
+ Aus dem Banne. Verlaßt Euch darauf, mein wertester Oheim!
+ Denn es weiß der König schon lang, ich laß Euch nicht fallen;
+ Eure Sache führ ich hinaus und bin es vermögend.
+ Ferner mag er bedenken, es sind gar viele den Affen
+ Und den Füchsen verwandt, die ihn am besten beraten,
+ Und das hilft Euch gewiß, es gehe, wie es auch wolle.
+
+ Reineke sprach: Das tröstet mich sehr; ich denk es Euch wieder,
+ Komm ich diesmal nur los. Und einer empfahl sich dem andern.
+ Ohne Geleit ging Reineke nun mit Grimbart, dem Dachse,
+ Nach dem Hofe des Königs, wo man ihm übel gesinnt war.
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+
+ Neunter Gesang
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+ Reineke war nach Hofe gelangt, er dachte die Klagen
+ Abzuwenden, die ihn bedrohten. Doch als er die vielen
+ Feinde beisammen erblickte, wie alle standen und alle
+ Sich zu rächen begehrten und ihn am Leben zu strafen,
+ Fiel ihm der Mut; er zweifelte nun, doch ging er mit Kühnheit
+ Grade durch alle Baronen, und Grimbart ging ihm zur Seite.
+ Sie gelangten zum Throne des Königs, da lispelte Grimbart:
+ Seid nicht furchtsam Reineke, diesmal; gedenket: dem Blöden
+ Wird das Glück nicht zuteil, der Kühne sucht die Gefahr auf
+ Und erfreut sich mit ihr; sie hilft ihm wieder entkommen.
+ Reineke sprach: Ihr sagt mir die Wahrheit, ich danke zum schönsten
+ Für den herrlichen Trost, und komm ich wieder in Freiheit,
+ Werd ichs gedenken. Er sah nun umher, und viele Verwandte
+ Fanden sich unter der Schar, doch wenige Gönner, den meisten
+ Pflegt' er übel zu dienen; ja, unter den Ottern und Bibern,
+ Unter Großen und Kleinen trieb er sein schelmisches Wesen.
+ Doch entdeckt' er noch Freunde genug im Saale des Königs.
+
+ Reineke kniete vorm Throne zur Erden und sagte bedächtig:
+ Gott, dem alles bekannt ist und der in Ewigkeit mächtig
+ Bleibt, bewähr Euch, mein Herr und König, bewahre nicht minder
+ Meine Frau, die Königin, immer, und beiden zusammen
+ Geb er Weisheit und gute Gedanken, damit sie besonnen
+ Recht und Unrecht erkennen; denn viele Falschheit ist jetzo
+ Unter den Menschen im Gange. Da scheinen viele von außen,
+ Was sie nicht sind. O hätte doch jeder am Vorhaupt geschrieben,
+ Wie er gedenkt, und säh es der König! da würde sich zeigen,
+ Daß ich nicht lüge und daß ich Euch immer zu dienen bereit bin.
+ Zwar verklagen die Bösen mich heftig; sie möchten mir gerne
+ Schaden und Eurer Huld mich berauben, als wär ich derselben
+ Unwert. Aber ich kenne die strenge Gerechtigkeitsliebe
+ Meines Königs und Herrn, denn ihn verleitete keiner
+ Je, die Wege des Rechtes zu schmälern; so wird es auch bleiben.
+
+ Alles kam und drängte sich nun, ein jeglicher mußte
+ Reinekens Kühnheit bewundern, es wünscht' ihn jeder zu hören;
+ Seine Verbrechen waren bekannt, wie wollt er entrinnen?
+
+ Reineke, Bösewicht! sagte der König: für diesmal erretten
+ Deine losen Worte dich nicht, sie helfen nicht länger
+ Lügen und Trug zu verkleiden, nun bist du ans Ende gekommen.
+ Denn du hast die Treue zu mir, ich glaube, bewiesen
+ Am Kaninchen und an der Krähe! Das wäre genugsam.
+ Aber du übest Verrat an allen Orten und Enden;
+ Deine Streiche sind falsch und behende, doch werden sie nicht mehr
+ Lange dauern, denn voll ist das Maß, ich schelte nicht länger.
+
+ Reineke dachte: Wie wird es mir gehn? O hätt ich nur wieder
+ Meine Behausung erreicht! Wo will ich Mittel ersinnen?
+ Wie es auch geht, ich muß nun hindurch, versuchen wir alles.
+
+ Mächtiger König, edelster Fürst! so ließ er sich hören:
+ Meint Ihr, ich habe den Tod verdient, so habt Ihr die Sache
+ Nicht von der rechten Seite betrachtet; drum bitt ich, Ihr wollet
+ Erst mich hören. Ich habe ja sonst Euch nützlich geraten,
+ In der Not bin ich bei Euch geblieben, wenn etliche wichen,
+ Die sich zwischen uns beide nun stellen zu meinem Verderben
+ Und die Gelegenheit nützen, wenn ich entfernt bin. Ihr möget,
+ Edler König, hab ich gesprochen, die Sache dann schlichten;
+ Werd ich schuldig befunden, so muß ich es freilich ertragen.
+ Wenig habt Ihr meiner gedacht, indes ich im Lande
+ Vieler Orten und Enden die sorglichste Wache gehalten.
+ Meint Ihr, ich wäre nach Hofe gekommen, wofern ich mich schuldig
+ Wußte groß- oder kleiner Vergehn? Ich würde bedächtig
+ Eure Gegenwart fliehn und meine Feinde vermeiden.
+ Nein, mich hätten gewiß aus meiner Feste nicht sollen
+ Alle Schätze der Welt hierher verleiten; da war ich
+ Frei auf eigenem Grund und Boden. Nun bin ich mir aber
+ Keines übels bewußt, und also bin ich gekommen.
+ Eben stand ich, Wache zu halten; da brachte mein Oheim
+ Mir die Zeitung, ich solle nach Hof. Ich hatte von neuem,
+ Wie ich dem Bann mich entzöge, gedacht, darüber mit Martin
+ Vieles gesprochen, und er gelobte mir heilig, er wolle
+ Mich von dieser Bürde befrein. Ich werde nach Rom gehn,
+ Sagt' er, und nehme die Sache von nun an völlig auf meine
+ Schultern, geht nur nach Hofe, des Bannes werdet Ihr ledig.
+ Sehet, so hat mir Martin geraten, er muß es verstehen:
+ Denn der vortreffliche Bischof, Herr Ohnegrund, braucht ihn beständig;
+ Schon fünf Jahre dient er demselben in rechtlichen Sachen.
+ Und so kam ich hieher und finde Klagen auf Klagen.
+ Das Kaninchen, der äugler, verleumdet mich; aber es steht nun
+ Reineke hier: so tret er hervor mir unter die Augen!
+ Denn es ist freilich was leichtes, sich über Entfernte beklagen
+ Aber man soll den Gegenteil hören, bevor man ihn richtet.
+ Diese falschen Gesellen, bei meiner Treue! sie haben
+ Gutes genossen von mir, die Krähe mit dem Kaninchen:
+ Denn vorgestern am Morgen in aller Frühe begegnet'
+ Mir das Kaninchen und grüßte mich schön; ich hatte soeben
+ Vor mein Schloß mich gestellt und las die Gebete des Morgens.
+ Und er zeigte mir an, er gehe nach Hofe; da sagt ich:
+ Gott begleit Euch! Er klagte darauf. Wie hungrig und müde
+ Bin ich geworden! Da fragt ich ihn freundlich: Begehrt Ihr zu essen?
+ Dankbar nehm ich es an, versetzt' er. Aber ich sagte:
+ Geb ichs doch gerne. So ging ich mit ihm und bracht ihm behende
+ Kirschen und Butter: ich pflege kein Fleisch am Mittwoch zu essen.
+ Und er sättigte sich mit Brot und Butter und Früchten.
+ Aber es trat mein Söhnchen, das jüngste, zum Tische, zu sehen,
+ Ob was übriggeblieben: denn Kinder lieben das Essen;
+ Und der Knabe haschte darnach. Da schlug das Kaninchen
+ Hastig ihn über das Maul, es bluteten Lippen und Zähne.
+ Reinhart, mein andrer, sah die Begegnung und faßte den äugler
+ Grad an der Kehle, spielte sein Spiel und rächte den Bruder.
+ Das geschah, nicht mehr und nicht minder. Ich säumte nicht lange,
+ Lief und strafte die Knaben und brachte mit Mühe die beiden
+ Auseinander. Kriegt er was ab, so mag er es tragen,
+ Denn er hatte noch mehr verdient; auch wären die Jungen,
+ Hätt ich es übel gemeint, mit ihm wohl fertig geworden.
+ Und so dankt er mir nun! Ich riß ihm, sagt er, ein Ohr ab;
+ Ehre hat er genossen und hat ein Zeichen behalten.
+
+ Ferner kam die Krähe zu mir und klagte: die Gattin
+ Hab er verloren, sie habe sich leider zu Tode gegessen,
+ Einen ziemlichen Fisch mit allen Gräten verschlungen;
+ Wo es geschah, das weiß er am besten. Nun sagt er: ich habe
+ Sie gemordet; er tat es wohl selbst, und würde man ernstlich
+ Ihn verhören, dürft ich es tun, er spräche wohl anders.
+ Denn sie fliegen, es reichet kein Sprung so hoch, in die Lüfte.
+
+ Will nun solcher verbotenen Taten mich jemand bezüchten,
+ Tu ers mit redlichen, gültigen Zeugen: denn also gehört sichs,
+ Gegen edle Männer zu rechten; ich müßt es erwarten.
+ Aber finden sich keine, so gibts ein anderes Mittel.
+ Hier! Ich bin zum Kampfe bereit! Man setze den Tag an
+ Und den Ort. Es zeige sich dann ein würdiger Gegner,
+ Gleich mit mir von Geburt, ein jeder führe sein Recht aus.
+ Wer dann Ehre gewinnt, dem mag sie bleiben. So hat es
+ Immer zu Rechte gegolten, und ich verlang es nicht besser.
+
+ Alle standen und hörten und waren über die Worte
+ Reinekens höchlich verwundert, die er so trotzig gesprochen.
+ Und es erschraken die beiden, die Krähe mit dem Kaninchen,
+ Räumten den Hof und trauten nicht weiter ein Wörtchen zu sprechen,
+ Gingen und sagten untereinander: Es wäre nicht ratsam,
+ Gegen ihn weiter zu rechten. Wir möchten alles versuchen,
+ Und wir kämen nicht aus. Wer hats gesehen? Wir waren
+ Ganz allein mit dem Schelm; wer sollte zeugen? Am Ende
+ Bleibt der Schaden uns doch. Für alle seine Verbrechen
+ Warte der Henker ihm auf und lohn ihm, wie ers verdiente!
+ Kämpfen will er mit uns? das möcht uns übel bekommen.
+ Nein, fürwahr, wir lassen es lieber. Denn falsch und behende,
+ Lose und tückisch kennen wir ihn. Es wären ihm wahrlich
+ Unser fünfe zu wenig, wir müßten es teuer bezahlen.
+
+ Isegrim aber und Braunen war übel zumute; sie sahen
+ Ungern die beiden von Hofe sich schleichen. Da sagte der König:
+ Hat noch jemand zu klagen, der komme! Laßt uns vernehmen!
+ Gestern drohten so viele, hier steht der Beklagte! wo sind sie?
+
+ Reineke sagte: So pflegt es zu gehn, man klagt und beschuldigt
+ Diesen und jenen; doch stünde er dabei, man bliebe zu Hause.
+ Diese losen Verräter, die Krähe mit dem Kaninchen,
+ Hätten mich gern in Schande gebracht und Schaden und Strafe,
+ Aber sie bitten mirs ab, und ich vergebe; denn freilich,
+ Da ich komme, bedenken sie sich und weichen zur Seite.
+ Wie beschämt ich sie nicht! Ihr sehet, wie es gefährlich
+ Ist, die losen Verleumder entfernter Diener zu hören;
+ Sie verdrehen das Rechte und sind den Besten gehässig.
+ Andre dauern mich nur, an mir ist wenig gelegen.
+
+ Höre mich, sagte der König darauf: du loser Verräter!
+ Sage, was trieb dich dazu, daß du mir Lampen, den treuen,
+ Der mir die Briefe zu tragen pflegte, so schmählich getötet?
+ Hatt ich nicht alles vergeben, so viel du immer verbrochen?
+ Ränzel und Stab empfingst du von mir, so warst du versehen,
+ Solltest nach Rom und über das Meer; ich gönnte dir alles,
+ Und ich hoffte Beßrung von dir. Nun seh ich zum Anfang,
+ Wie du Lampen gemordet; es mußte Bellyn dir zum Boten
+ Dienen, der brachte das Haupt im Ränzel getragen und sagte
+ Öffentlich aus, er bringe mir Briefe, die ihr zusammen
+ Ausgedacht und geschrieben, er habe das Beste geraten.
+ Und im Ränzel fand sich das Haupt, nicht mehr und nicht minder.
+ Mir zum Hohne tatet ihr das. Bellynen behielt ich
+ Gleich zum Pfande, sein Leben verlor er; nun geht es an deines.
+
+ Reineke sagte: Was hör ich? Ist Lampe tot? und Bellynen
+ Find ich nicht mehr? Was wird nun aus mir? O wär ich gestorben!
+ Ach, mit beiden geht mir ein Schatz, der größte, verloren!
+ Denn ich sandt Euch durch sie Kleinode, welche nicht besser
+ Über der Erde sich finden. Wer sollte glauben, der Widder
+ Würde Lampen ermorden und Euch der Schätze berauben?
+ Hüte sich einer, wo niemand Gefahr und Tücke vermutet.
+
+ Zornig hörte der König nicht aus, was Reineke sagte,
+ Wandte sich weg nach seinem Gemach und hatte nicht deutlich
+ Reinekens Rede vernommen, er dacht ihn am Leben zu strafen;
+ Und er fand die Königin eben in seinem Gemache
+ Mit Frau Rückenau stehn. Es war die äffin besonders
+ König und Königin lieb. Das sollte Reineken helfen.
+ Unterrichtet war sie und klug und wußte zu reden;
+ Wo sie erschien, sah jeder auf sie und ehrte sie höchlich.
+ Diese merkte des Königs Verdruß und sprach mit Bedachte
+ Wenn Ihr, gnädiger Herr, auf meine Bitte zuweilen
+ Hörtet, gereut' es Euch nie, und Ihr vergabt mir die Kühnheit,
+ Wenn Ihr zürntet, ein Wort gelinder Meinung zu sagen.
+ Seid auch diesmal geneigt, mich anzuhören, betrifft es
+ Doch mein eignes Geschlecht! Wer kann die Seinen verleugnen?
+ Reineke, wie er auch sei, ist mein Verwandter, und soll ich,
+ Wie sein Betragen mir scheint, aufrichtig bekennen: ich denke,
+ Da er zu Rechte sich stellt, von seiner Sache das Beste.
+ Mußte sein Vater doch auch, den Euer Vater begünstigt,
+ Viel von losen Mäulern erdulden und falschen Verklägern!
+ Doch beschämt' er sie stets. Sobald man die Sache genauer
+ Untersuchte, fand es sich klar: die tückischen Neider
+ Suchten Verdienste sogar als schwere Verbrechen zu deuten.
+ So erhielt er sich immer in größerem Ansehn bei Hof, als
+ Braun und Isegrim jetzt: denn diesen wäre zu wünschen,
+ Daß sie alle Beschwerden auch zu beseitigen wüßten,
+ Die man häufig über sie hört; allein sie verstehen
+ Wenig vom Rechte, so zeigt es ihr Rat, so zeigt es ihr Leben.
+
+ Doch der König versetzte darauf: Wie kann es Euch wundern,
+ Daß ich Reineken gram bin, dem Diebe, der mir vor kurzem
+ Lampen getötet, Bellynen verführt und frecher als jemals
+ Alles leugnet und sich als treuen und redlichen Diener
+ Anzupreisen erkühnt, indessen alle zusammen
+ Laute Klagen erheben und nur zu deutlich beweisen,
+ Wie er mein sicher Geleite verletzt und wie er mit Stehlen,
+ Rauben und Morden das Land und meine Getreuen beschädigt.
+ Nein! ich duld es nicht länger! Dagegen sagte die äffin:
+ Freilich ists nicht vielen gegeben, in jeglichen Fällen
+ Klug zu handeln und klug zu raten, und wem es gelinget,
+ Der erwirbt sich Vertrauen; allein es suchen die Neider
+ Ihm dagegen heimlich zu schaden, und werden sie zahlreich,
+ Treten sie öffentlich auf. So ist es Reineken mehrmals
+ Schon ergangen; doch werden sie nicht die Erinnrung vertilgen,
+ Wie er in Fällen Euch weise geraten, wenn alle verstummten.
+ Wißt Ihr noch? vor kurzem geschahs. Der Mann und die Schlange
+ Kamen vor Euch, und niemand verstund die Sache zu schlichten;
+ Aber Reineke fands, Ihr lobtet ihn damals vor allen.
+
+ Und der König versetzte nach kurzem Bedenken dagegen:
+ Ich erinnre der Sache mich wohl, doch hab ich vergessen,
+ Wie sie zusammenhing; sie war verworren, so dünkt mich.
+ Wißt Ihr sie noch, so laßt sie mich hören, es macht mir Vergnügen.
+ Und sie sagte: Befiehlt es mein Herr, so soll es geschehen.
+
+ Eben sinds zwei Jahre, da kam ein Lindwurm und klagte
+ Stürmisch, gnädiger Herr, vor Euch: es woll ihm ein Bauer
+ Nicht im Rechte sich fügen, ein Mann, den zweimal das Urteil
+ Nicht begünstigt. Er brachte den Bauer, vor Euern Gerichtshof
+ Und erzählte die Sache mit vielen heftigen Worten.
+
+ Durch ein Loch im Zaune zu kriechen, gedachte die Schlange,
+ Fing sich aber im Stricke, der vor die öffnung gelegt war,
+ Fester zog die Schlinge sich zu, sie hätte das Leben
+ Dort gelassen, da kam ihr zum Glück ein Wandrer gegangen.
+ Ängstlich rief sie: Erbarme dich meiner und mache mich ledig!
+ Laß dich erbitten! Da sagte der Mann: Ich will dich erlösen,
+ Denn mich jammert dein Elend; allein erst sollst du mir schwören,
+ Mir nichts Leides zu tun. Die Schlange fand sich erbötig,
+ Schwur den teuersten Eid: sie wolle auf keinerlei Weise
+ Ihren Befreier verletzen, und so erlöste der Mann sie.
+
+ Und sie gingen ein Weilchen zusammen, da fühlte die Schlange
+ Schmerzlichen Hunger, sie schoß auf den Mann und wollt ihn erwürgen,
+ Ihn verzehren; mit Angst und Not entsprang ihr der Arme.
+ Das ist dein Dank? Das hab ich verdient? so rief er: und hast du
+ Nicht geschworen den teuersten Eid? Da sagte die Schlange:
+ Leider nötiget mich der Hunger, ich kann mir nicht helfen;
+ Not erkennt kein Gebot, und so besteht es zu Rechte.
+
+ Da versetzte der Mann: So schone nur meiner so lange,
+ Bis wir zu Leuten kommen, die unparteiisch uns richten.
+ Und es sagte der Wurm: Ich will mich so lange gedulden.
+
+ Also gingen sie weiter und fanden über dem Wasser
+ Pflückebeutel, den Raben, mit seinem Sohne; man nennt ihn
+ Quackeler. Und die Schlange berief sie zu sich und sagte:
+ Kommt und höret! Es hörte die Sache der Rabe bedächtig,
+ Und er richtete gleich: den Mann zu essen. Er hoffte,
+ Selbst ein Stück zu gewinnen. Da freute die Schlange sich höchlich:
+ Nun, ich habe gesiegt! es kann mirs niemand verdenken.
+ Nein, versetzte der Mann: ich habe nicht völlig verloren;
+ Sollt ein Räuber zum Tode verdammen? und sollte nur Einer
+ Richten? ich fordere ferner Gehör, im Gange des Rechtes;
+ Laßt uns vor vier, vor zehn die Sache bringen und hören.
+
+ Gehn wir! sagte die Schlange. Sie gingen, und es begegnet'
+ Ihnen der Wolf und der Bär, und alle traten zusammen.
+ Alles befürchtete nun der Mann: denn zwischen den fünfen
+ War es gefährlich zu stehn und zwischen solchen Gesellen;
+ Ihn umringten die Schlange, der Wolf, der Bär und die Raben.
+ Bange war ihm genug: denn bald verglichen sich beide,
+ Wolf und Bär, das Urteil in dieser Maße zu fällen:
+ Töten dürfe die Schlange den Mann; der leidige Hunger
+ Kenne keine Gesetze, die Not entbinde vom Eidschwur.
+ Sorgen und Angst befielen den Wandrer, denn alle zusammen
+ Wollten sein Leben. Da schoß die Schlange mit grimmigem Zischen,
+ Spritzte Geifer auf ihn, und ängstlich sprang er zur Seite.
+ Großes Unrecht, rief er: begehst du! Wer hat dich zum Herren
+ Über mein Leben gemacht? Sie sprach: Du hast es vernommen;
+ Zweimal sprachen die Richter, und zweimal hast du verloren.
+ Ihr versetzte der Mann: Sie rauben selber und stehlen;
+ Ich erkenne sie nicht, wir wollen zum Könige gehen.
+ Mag er sprechen, ich füge mich drein; und wenn ich verliere,
+ Hab ich noch übels genug, allein ich will es ertragen.
+ Spottend sagte der Wolf und der Bär: Du magst es versuchen,
+ Aber die Schlange gewinnt, sie wirds nicht besser begehren.
+ Denn sie dachten, es würden die sämtlichen Herren des Hofes
+ Sprechen wie sie, und gingen getrost und führten den Wandrer,
+ Kamen vor Euch, die Schlange, der Wolf, der Bär und die Raben.
+ Ja, selbdritt erschien der Wolf, er hatte zwei Kinder,
+ Eitelbauch hieß der eine, der andre Nimmersatt, beide
+ Machten dem Mann am meisten zu schaffen; sie waren gekommen,
+ Auch ihr Teil zu verzehren, denn sie sind immer begierig,
+ Heulten damals vor Euch mit unerträglicher Grobheit.
+ Ihr verbotet den Hof den beiden plumpen Gesellen.
+ Da berief sich der Mann auf Eure Gnaden, erzählte,
+ Wie ihn die Schlange zu töten gedenke, sie habe der Wohltat
+ Völlig vergessen, sie breche den Eid! So fleht' er um Rettung.
+ Aber die Schlange leugnete nicht: Es zwingt mich des Hungers
+ Allgewaltige Not, sie kennet keine Gesetze.
+
+ Gnädiger Herr, da wart Ihr bekümmert; es schien Euch die Sache
+ Gar bedenklich zu sein und rechtlich schwer zu entscheiden.
+ Denn es schien Euch hart, den guten Mann zu verdammen,
+ Der sich hilfreich bewiesen; allein Ihr dachtet dagegen
+ Auch des schmählichen Hungers. Und so berieft Ihr die Räte.
+ Leider war die Meinung der meisten dem Manne zum Nachteil;
+ Denn sie wünschten die Mahlzeit und dachten der Schlange zu helfen.
+ Doch Ihr sendetet Boten nach Reineken: alle die andern
+ Sprachen gar manches und konnten die Sache zu Rechte nicht scheiden.
+ Reineke kam und hörte den Vortrag, Ihr legtet das Urteil
+ Ihm in die Hände, und wie er es spräche, so sollt es geschehen.
+
+ Reineke sprach mit gutem Bedacht: Ich finde vor allem
+ Nötig, den Ort zu besuchen, und seh ich die Schlange gebunden,
+ Wie der Bauer sie fand, so wird das Urteil sich geben.
+ Und man band die Schlange von neuem an selbiger Stätte,
+ In der Maße, wie sie der Bauer im Zaune gefunden.
+
+ Reineke sagte darauf: Hier ist nun jedes von beiden
+ Wieder im vorigen Stand, und keines hat weder gewonnen,
+ Noch verloren; jetzt zeigt sich das Recht, so scheint mirs, von selber.
+ Denn beliebt es dem Manne, so mag er die Schlange noch einmal
+ Aus der Schlinge befrein; wo nicht, so läßt er sie hängen,
+ Frei, mit Ehren geht er die Straße nach seinen Geschäften.
+ Da sie untreu geworden, als sie die Wohltat empfangen,
+ Hat der Mann nun billig die Wahl. Das scheint mir des Rechtes
+ Wahrer Sinn; wers besser versteht, der laß es uns hören.
+
+ Damals gefiel Euch das Urteil und Euren Räten zusammen;
+ Reineke wurde gepriesen, der Bauer dankt' Euch, und jeder
+ Rühmte Reinekens Klugheit, ihn rühmte die Königin selber.
+ Vieles wurde gesprochen: im Kriege wären noch eher
+ Isegrim und Braun zu gebrauchen, man fürchte sie beide
+ Weit und breit, sie fänden sich gern, wo alles verzehrt wird.
+ Groß und stark und kühn sei jeder, man könn es nicht leugnen;
+ Doch im Rate fehle gar oft die nötige Klugheit:
+ Denn sie pflegen zu sehr auf ihre Stärke zu trotzen,
+ Kommt man ins Feld und naht sich dem Werke, da hinkt es gewaltig.
+ Mutiger kann man nichts sehn, als sie zu Hause sich zeigen;
+ Draußen liegen sie gern im Hinterhalt. Setzt es denn einmal
+ Tüchtige Schläge, so nimmt man sie mit, so gut als ein andrer.
+ Bären und Wölfe verderben das Land; es kümmert sie wenig,
+ Wessen Haus die Flamme verzehrt, sie pflegen sich immer
+ An den Kohlen zu wärmen, und sie erbarmen sich keines,
+ Wenn ihr Kropf sich nur füllt. Man schlürft die Eier hinunter,
+ Läßt den Armen die Schalen und glaubt noch redlich zu teilen.
+ Reineke Fuchs mit seinem Geschlecht versteht sich dagegen
+ Wohl auf Weisheit und Rat, und hat er nun etwas versehen,
+ Gnädiger Herr, so ist er kein Stein. Doch wird Euch ein andrer
+ Niemals besser beraten. Darum verzeiht ihm, ich bitte!
+
+ Da versetzte der König: Ich will es bedenken. Das Urteil
+ Ward gesprochen, wie Ihr erzählt, es büßte die Schlange.
+ Doch von Grund aus bleibt er ein Schalk, wie sollt er sich bessern?
+ Macht man ein Bündnis mit ihm, so bleibt man am Ende betrogen;
+ Denn er dreht sich so listig heraus, wer ist ihm gewachsen?
+ Wolf und Bär und Kater, Kaninchen und Krähe, sie sind ihm
+ Nicht behende genug, er bringt sie in Schaden und Schande.
+ Diesem behielt er ein Ohr, dem andern das Auge, das Leben
+ Raubt' er dem dritten! Fürwahr, ich weiß nicht, wie Ihr dem Bösen
+ So zugunsten sprecht und seine Sache verteidigt.
+ Gnädiger Herr, versetzte die äffin: ich kann es nicht bergen,
+ Sein Geschlecht ist edel und groß, Ihr mögt es bedenken.
+
+ Da erhub sich der König, herauszutreten, es stunden
+ Alle zusammen und warteten sein. Er sah in dem Kreise
+ Viele von Reinekens nächsten Verwandten, sie waren gekommen,
+ Ihren Vetter zu schützen, sie wären schwerlich zu nennen.
+ Und er sah das große Geschlecht, er sah auf der andern
+ Seite Reinekens Feinde: es schien der Hof sich zu teilen.
+
+ Da begann der König: So höre mich, Reineke! Kannst du
+ Solchen Frevel entschuldigen, daß du mit Hilfe Bellynens
+ Meinen frommen Lampe getötet? und daß Ihr Verwegnen
+ Mir sein Haupt ins Ränzel gesteckt, als wären es Briefe?
+ Mich zu höhnen, tatet ihr das! ich habe den einen
+ Schon bestraft, es büßte Bellyn; erwarte das gleiche.
+
+ Weh mir! sagte Reineke drauf: o wär ich gestorben!
+ Höret mich an, und wie es sich findet, so mag es geschehen:
+ Bin ich schuldig, so tötet mich gleich, ich werde doch nimmer
+ Aus der Not und Sorge mich retten, ich bleibe verloren.
+ Denn der Verräter Bellyn, er unterschlug mir die größten
+ Schätze, kein Sterblicher hat dergleichen jemals gesehen.
+ Ach, sie kosten Lampen das Leben! Ich hatte sie beiden
+ Anvertraut, nun raubte Bellyn die köstlichen Sachen.
+ Ließen sie sich doch wieder erforschen! Allein ich befürchte,
+ Niemand findet sie mehr, sie bleiben auf immer verloren.
+
+ Aber die äffin versetzte darauf: Wer wollte verzweifeln?
+ Sind sie nur über der Erde, so ist noch Hoffnung zu schöpfen.
+ Früh und späte wollen wir gehn und Laien und Pfaffen
+ Emsig fragen; doch zeiget uns an, wie waren die Schätze?
+
+ Reineke sagte: sie waren so köstlich, wir finden sie nimmer;
+ Wer sie besitzt, verwahrt sie gewiß. Wie wird sich darüber
+ Nicht Frau Ermelyn quälen! sie wird mirs niemals verzeihen.
+ Denn sie mißriet mir, den beiden das köstliche Kleinod zu geben.
+ Nun erfindet man Lügen auf mich und will mich verklagen!
+ Doch ich verfechte mein Recht, erwarte das Urteil, und werd ich
+ Losgesprochen, so reis ich umher durch Länder und Reiche,
+ Suche die Schätze zu schaffen, und sollt ich mein Leben verlieren.
+
+
+
+
+
+ Zehnter Gesang
+
+
+ O mein König! sagte darauf der listige Redner:
+ Laßt mich, edelster Fürst, vor meinen Freunden erzählen,
+ Was Euch alles von mir an köstlichen Dingen bestimmt war.
+ Habt Ihr sie gleich nicht erhalten, so war mein Wille doch löblich.
+ Sage nur an, versetzte der König: und kürze die Worte.
+
+ Glück und Ehre sind hin! Ihr werdet alles erfahren,
+ Sagte Reineke traurig. Das erste köstliche Kleinod
+ War ein Ring; ich gab ihn Bellynen, er sollt ihn dem König
+ Überliefern. Es war auf wunderbarliche Weise
+ Dieser Ring zusammengesetzt und würdig, im Schatze
+ Meines Fürsten zu glänzen, aus feinem Golde gebildet.
+ Auf der inneren Seite, die nach dem Finger sich kehret,
+ Standen Lettern gegraben und eingeschmolzen; es waren
+ Drei hebräische Worte von ganz besonderer Deutung.
+ Niemand erklärte so leicht in diesen Landen die Züge,
+ Meister Abryon nur von Trier, der konnte sie lesen.
+ Es ist ein Jude, gelehrt, und alle Zungen und Sprachen
+ Kennt er, die von Poitou bis Lüneburg werden gesprochen;
+ Und auf Kräuter und Steine versteht sich der Jude besonders.
+
+ Als ich den Ring ihm gezeigt, da sagt' er: Köstliche Dinge
+ Sind hierinnen verborgen. Die drei gegrabenen Namen
+ Brachte Seth, der Fromme, vom Paradiese hernieder,
+ Als er das öl der Barmherzigkeit suchte; und wer ihn am Finger
+ Trägt, der findet sich frei von allen Gefahren: es werden
+ Weder Donner, noch Blitz, noch Zauberei ihn verletzen.
+ Ferner sagte der Meister: er habe gelesen, es könne
+ Wer den Ring am Finger bewahrt, in grimmiger Kälte
+ Nicht erfrieren; er lebe gewiß ein ruhiges Alter.
+ Außen stand ein Edelgestein, ein heller Karfunkel,
+ Dieser leuchtete nachts und zeigte deutlich die Sachen.
+ Viele Kräfte hatte der Stein: er heilte die Kranken,
+ Wer ihn berührte, fühlte sich frei von allen Gebrechen,
+ Aller Bedrängnis, nur ließ sich der Tod allein nicht bezwingen.
+ Weiter entdeckte der Meister des Steines herrliche Kräfte:
+ Glücklich reist der Besitzer durch alle Lande, ihm schadet
+ Weder Wasser, noch Feuer; gefangen oder verraten
+ Kann er nicht werden, und jeder Gewalt des Feindes entgeht er.
+ Und besieht er nüchtern den Stein, so wird er im Kampfe
+ Hundert überwinden und mehr. Die Tugend des Steines
+ Nimmt dem Gifte die Wirkung und allen schädlichen Säften.
+ Ebenso vertilgt sie den Haß, und sollte gleich mancher
+ Den Besitzer nicht lieben, er fühlt sich in kurzem verändert.
+
+ Wer vermöchte die Kräfte des Steines alle zu zählen,
+ Den ich im Schatze des Vaters gefunden und den ich dem König
+ Nun zu senden gedachte? Denn solches köstlichen Ringes
+ War ich nicht wert, ich wußt es recht wohl; er sollte dem Einen,
+ Der von allen der Edelste bleibt, so dacht ich, gehören:
+ Unser Wohl beruht nur auf ihm und unser Vermögen,
+ Und ich hoffte, sein Leben vor allem übel zu schützen.
+
+ Ferner sollte Widder Bellyn der Königin gleichfalls
+ Kamm und Spiegel verehren, damit sie meiner gedächte.
+ Diese hatt ich einmal zur Lust vom Schatze des Vaters
+ Zu mir genommen, es fand sich auf Erden kein schöneres Kunstwerk.
+ O wie oft versucht' es mein Weib und wollte sie haben!
+ Sie verlangte nichts weiter von allen Gütern der Erde,
+ Und wir stritten darum; sie konnte mich niemals bewegen,
+ Doch nun sendet ich Spiegel und Kamm mit gutem Bedachte
+ Meiner gnädigen Frauen, der Königin, welche mir immer
+ Große Wohltat erwies und mich vor übel beschirmte;
+ Öfters hat sie für mich ein günstiges Wörtchen gesprochen,
+ Edel ist sie, von hoher Geburt, es ziert sie die Tugend,
+ Und ihr altes Geschlecht bewährt sich in Worten und Werken;
+ Würdig war sie des Spiegels und Kammes! die hat sie nun leider
+ Nicht mit Augen gesehn, sie bleiben auf immer verloren.
+
+ Nun vom Kamme zu reden. Zu diesem hatte der Künstler
+ Pantherknochen genommen, die Reste des edlen Geschöpfes;
+ Zwischen Indien wohnt es und zwischen dem Paradiese,
+ Allerlei Farben zieren sein Fell, und süße Gerüche
+ Breiten sich aus, wohin es sich wendet, darum auch die Tiere
+ Seine Fährte so gern auf allen Wegen verfolgen;
+ Denn sie werden gesund von diesem Geruche, das fühlen
+ Und bekennen sie alle. Von solchen Knochen und Beinen
+ War der zierliche Kamm mit vielem Fleiße gebildet,
+ Klar wie Silber und weiß, von unaussprechlicher Reinheit,
+ Und des Kammes Geruch ging über Nelken und Zimmet.
+ Stirbt das Tier, so fährt der Geruch in alle Gebeine,
+ Bleibt beständig darin und läßt sie nimmer verwesen,
+ Alle Seuche treibt er hinweg und alle Vergiftung.
+
+ Ferner sah man die köstlichsten Bilder am Rücken des Kammes
+ Hocherhaben, durchflochten mit goldenen zierlichen Ranken
+ Und mit rot- und blauer Lasur. Im mittelsten Felde
+ War die Geschichte künstlich gebildet, wie Paris von Troja
+ Eines Tages am Brunnen saß, drei göttliche Frauen
+ Vor sich sah, man nannte sie Pallas und Juno und Venus.
+ Lange stritten sie erst, denn jegliche wollte den Apfel
+ Gerne besitzen, der ihnen bisher zusammen gehörte;
+ Endlich verglichen sie sich: es solle den goldenen Apfel
+ Paris der Schönsten bestimmen, sie sollt allein ihn behalten.
+
+ Und der Jüngling beschaute sie wohl mit gutem Bedachte.
+ Juno sagte zu ihm: Erhalt ich den Apfel, erkennst du
+ Mich für die Schönste, so wirst du der erste vor allen an Reichtum.
+ Pallas versetzte: Bedenke dich wohl und gib mir den Apfel,
+ Und du wirst der mächtigste Mann; es fürchten dich alle,
+ Wird dein Name genannt, so Feind als Freunde zusammen.
+ Venus sprach: Was soll die Gewalt? was sollen die Schätze?
+ Ist dein Vater nicht König Priamus? deine Gebrüder,
+ Hektor und andre, sind sie nicht reich und mächtig im Lande?
+ Ist nicht Troja geschützt von seinem Heere? und habt ihr
+ Nicht umher das Land bezwungen und fernere Völker?
+ Wirst du die Schönste mich preisen und mir den Apfel erteilen,
+ Sollst du des herrlichsten Schatzes auf dieser Erde dich freuen.
+ Dieser Schatz ist ein treffliches Weib, die Schönste von allen,
+ Tugendsam, edel und weise, wer könnte würdig sie loben?
+ Gib mir den Apfel, du sollst des griechischen Königs Gemahlin,
+ Helena mein ich, die schöne, den Schatz der Schätze besitzen.
+
+ Und er gab ihr den Apfel und pries sie von allen die Schönste.
+ Aber sie half ihm dagegen die schöne Königin rauben,
+ Menelaus' Gemahlin, sie ward in Troja die Seine.
+ Diese Geschichte sah man erhaben im mittelsten Felde.
+ Und es waren Schilder umher mit künstlichen Schriften;
+ Jeder durfte nur lesen, und so verstand er die Fabel.
+
+ Höret nun weiter vom Spiegel! daran die Stelle des Glases
+ Ein Beryll vertrat von großer Klarheit und Schönheit;
+ Alles zeigte sich drin, und wenn es meilenweit vorging,
+ War es Tag oder Nacht. Und hatte jemand im Antlitz
+ Einen Fehler, wie er auch war, ein Fleckchen im Auge,
+ Durft er sich nur im Spiegel besehn, so gingen von Stund an
+ Alle Mängel hinweg und alle fremden Gebrechen.
+ Ists ein Wunder, daß mich es verdrießt, den Spiegel zu missen?
+ Und es war ein köstliches Holz zur Fassung der Tafel,
+ Sethym heißt es, genommen, von festem, glänzendem Wuchse;
+ Keine Würmer stechen es an und wird auch, wie billig,
+ Höher gehalten als Gold, nur Ebenholz kommt ihm am nächsten.
+ Denn aus diesem verfertigt' einmal ein trefflicher Künstler
+ Unter König Krompardes ein Pferd von seltnem Vermögen:
+ Eine Stunde brauchte der Reiter und mehr nicht zu hundert
+ Meilen. Ich könnte die Sache für jetzt nicht gründlich erzählen,
+ Denn es fand sich kein ähnliches Roß, solange die Welt steht.
+
+ Anderthalb Fuß war rings die ganze Breite des Rahmens
+ Um die Tafel herum, geziert mit künstlichem Schnitzwerk,
+ Und mit goldenen Lettern stand unter jeglichem Bilde,
+ Wie sichs gehört, die Bedeutung geschrieben. Ich will die Geschichten
+ Kürzlich erzählen. Die erste war von dem neidischen Pferde:
+ Um die Wette gedacht es mit einem Hirsche zu laufen,
+ Aber hinter ihm blieb es zurück, das schmerzte gewaltig;
+ Und es eilte darauf, mit einem Hirten zu reden,
+ Sprach: Du findest dein Glück, wenn du mir eilig gehorchest.
+ Setze dich auf, ich bringe dich hin, es hat sich vor kurzem
+ Dort ein Hirsch im Walde verborgen, den sollst du gewinnen;
+ Fleisch und Haut und Geweih, du magst sie teuer verkaufen,
+ Setze dich auf, wir wollen ihm nach!--Das will ich wohl wagen!
+ Sagte der Hirt und setzte sich auf, sie eilten von dannen.
+ Und sie erblickten den Hirsch in kurzem, folgten behende
+ Seiner Spur und jagten ihm nach. Er hatte den Vorsprung,
+ Und es ward dem Pferde zu sauer, da sagt' es zum Manne:
+ Sitze was ab, ich bin müde geworden, der Ruhe bedarf ich.
+ Nein! wahrhaftig, versetzte der Mann: du sollst mir gehorchen,
+ Meine Sporen sollst du empfinden, du hast mich ja selber
+ Zu dem Ritte gebracht; und so bezwang es der Reiter.
+ Seht, so lohnet sich der mit vielem Bösen, der, andern
+ Schaden zu bringen, sich selbst mit Pein und übel beladet.
+
+ Ferner zeig ich Euch an, was auf dem Spiegel gebildet
+ Stand: Wie ein Esel und Hund bei einem Reichen in Diensten
+ Beide gewesen! so war denn der Hund nun freilich der Liebling,
+ Denn er saß beim Tische des Herrn und aß mit demselben
+ Fisch und Fleisch und ruhte wohl auch im Schoße des Gönners,
+ Der ihm das beste Brot zu reichen pflegte; dagegen
+ Wedelte mit dem Schwanze der Hund und leckte den Herren.
+
+ Boldewyn sah des Glück des Hundes, und traurig im Herzen
+ Ward der Esel und sagte bei sich: Wo denkt doch der Herr hin,
+ Daß er dem faulen Geschöpfe so äußerst freundlich begegnet?
+ Springt das Tier nicht auf ihm herum und leckt ihn am Barte!
+ Und ich muß die Arbeit verrichten und schleppe die Säcke.
+ Er probier es einmal und tu mit fünf, ja mit zehen
+ Hunden im Jahre so viel, als ich des Monats verrichte!
+ Und doch wird ihm das Beste gereicht, mich speist man mit Stroh ab,
+ Läßt auf der harten Erde mich liegen, und wo man mich hintreibt
+ Oder reitet, spottet man meiner. Ich kann und ich will es
+ Länger nicht dulden, will auch des Herren Gunst mir erwerben.
+
+ Als er so sprach, kam eben sein Herr die Straße gegangen;
+ Da erhub der Esel den Schwanz und bäumte sich springend
+ Über den Herren und schrie und sang und plärrte gewaltig,
+ Leckt' ihm den Bart und wollte nach Art und Weise des Hundes
+ An die Wange sich schmiegen und stieß ihm einige Beulen.
+ Ängstlich entsprang ihm der Herr und rief. O! fangt mir den Esel,
+ Schlagt ihn tot! Es kamen die Knechte, da regnet' es Prügel,
+ Nach dem Stalle trieb man ihn fort: da blieb er ein Esel.
+
+ Mancher findet sich noch von seinem Geschlechte, der andern
+ Ihre Wohlfahrt mißgönnt und sich nicht besser befindet.
+ Kommt dann aber einmal so einer in reichlichen Zustand,
+ Schickt sichs grad, als äße das Schwein mit Löffeln die Suppe,
+ Nicht viel besser fürwahr. Der Esel trage die Säcke,
+ Habe Stroh zum Lager und finde Disteln zur Nahrung.
+ Will man ihn anders behandeln, so bleibt es doch immer beim alten.
+ Wo ein Esel zur Herrschaft gelangt, kanns wenig gedeihen,
+ Ihren Vorteil suchen sie wohl, was kümmert sie weiter?
+
+ Ferner sollt Ihr erfahren, mein König, und laßt Euch die Rede
+ Nicht verdrießen, es stand noch auf dem Rahmen des Spiegels
+ Schön gebildet und deutlich beschrieben, wie ehmals mein Vater
+ Sich mit Hinzen verbündet, auf Abenteuer zu ziehen,
+ Und wie beide heilig geschworen, in allen Gefahren
+ Tapfer zusammenzuhalten und jede Beute zu teilen.
+ Als sie nun vorwärtszogen, bemerkten sie Jäger und Hunde
+ Nicht gar ferne vom Wege; da sagte Hinze, der Kater:
+ Guter Rat scheint teuer zu werden! Mein Alter versetzte:
+ Wunderlich sieht es wohl aus, doch hab ich mit herrlichem Rate
+ Meinen Sack noch gefüllt, und wir gedenken des Eides,
+ Halten wacker zusammen, das bleibt vor allem das erste.
+ Hinze sagte dagegen: Es gehe, wie es auch wolle,
+ Bleibt mir doch ein Mittel bekannt, das denk ich zu brauchen.
+ Und so sprang er behend auf einen Baum, sich zu retten
+ Vor der Hunde Gewalt, und so verließ er den Oheim.
+ Ängstlich stand mein Vater nun da; es kamen die Jäger.
+ Hinze sprach: Nun, Oheim? Wie stehts? so öffnet den Sack doch!
+ Ist er voll Rates, so braucht ihn doch jetzt, die Zeit ist gekommen.
+ Und die Jäger bliesen das Horn und riefen einander.
+ Lief mein Vater, so liefen die Hunde, sie folgten mit Bellen,
+ Und er schwitzte vor Angst, und häufige Losung entfiel ihm;
+ Leichter fand er sich da, und so entging er den Feinden.
+
+ Schändlich, Ihr habt es gehört, verriet ihn der nächste Verwandte,
+ Dem er sich doch am meisten vertraut. Es ging ihm ans Leben,
+ Denn die Hunde waren zu schnell, und hätt er nicht eilig
+ Einer Höhle sich wieder erinnert, so war es geschehen;
+ Aber da schlupft' er hinein, und ihn verloren die Feinde.
+ Solcher Bursche gibt es noch viel, wie Hinze sich damals
+ Gegen den Vater bewies: wie sollt ich ihn lieben und ehren?
+ Halb zwar hab ichs vergeben, doch bleibt noch etwas zurücke.
+ All dies war auf dem Spiegel geschnitten mit Bildern und Worten.
+
+ Ferner sah man daselbst ein eignes Stückchen vom Wolfe,
+ Wie er zu danken bereit ist für Gutes, das er empfangen.
+ Auf dem Anger fand er ein Pferd, woran nur die Knochen
+ Übrig waren; doch hungert' ihn sehr, er nagte sie gierig,
+ Und es kam ihm ein spitziges Bein die Quer in den Kragen;
+ Ängstlich stellt' er sich an, es war ihm übel geraten.
+ Boten auf Boten sendet' er fort, die ärzte zu rufen;
+ Niemand vermochte zu helfen, wiewohl er große Belohnung
+ Allen geboten. Da meldete sich am Ende der Kranich,
+ Mit dem roten Barett auf dem Haupt. Ihm flehte der Kranke:
+ Doktor, helft mir geschwind von diesen Nöten! ich geb Euch,
+ Bringt Ihr den Knochen heraus, soviel Ihr immer begehret.
+
+ Also glaubte der Kranich den Worten und steckte den Schnabel
+ Mit dem Haupt in den Rachen des Wolfes und holte den Knochen.
+ Weh mir! heulte der Wolf: du tust mir Schaden! es schmerzet!
+ Laß es nicht wieder geschehn! Für heute sei es vergeben.
+ Wär es ein andrer, ich hätte das nicht geduldig gelitten.
+ Gebt Euch zufrieden, versetzte der Kranich: Ihr seid nun genesen;
+ Gebt mir den Lohn, ich hab ihn verdient, ich hab Euch geholfen.
+ Höret den Gecken! sagte der Wolf. ich habe das übel,
+ Er verlangt die Belohnung und hat die Gnade vergessen,
+ Die ich ihm eben erwies. Hab ich ihm Schnabel und Schädel,
+ Den ich im Munde gefühlt, nicht unbeschädigt entlassen?
+ Hat mir der Schäker nicht Schmerzen gemacht? Ich könnte wahrhaftig,
+ Ist von Belohnung die Rede, sie selbst am ersten verlangen.
+ Also pflegen die Schälke mit ihren Knechten zu handeln.
+
+ Diese Geschichten und mehr verzierten, künstlich geschnitten,
+ Rings die Fassung des Spiegels und mancher gegrabene Zierat,
+ Manche goldene Schrift. Ich hielt des köstlichen Kleinods
+ Mich nicht wert, ich bin zu gering, und sandt es deswegen
+ Meiner Frauen, der Königin, zu. Ich dachte durch solches
+ Ihr und ihrem Gemahl mich ehrerbietig zu zeigen.
+ Meine Kinder betrübten sich sehr, die artigen Knaben,
+ Als ich den Spiegel dahingab. Sie sprangen gewöhnlich und spielten
+ Vor dem Glase, beschauten sich gern, sie sahen die Schwänzchen
+ Hängen vom Rücken herab und lachten den eigenen Mäulchen.
+ Leider vermutet ich nicht den Tod des ehrlichen Lampe,
+ Da ich ihm und Bellyn auf Treu und Glauben die Schätze
+ Heilig empfahl; ich hielt sie beide für redliche Leute,
+ Keine besseren Freunde gedacht ich jemals zu haben.
+ Wehe sei über den Mörder gerufen! Ich will es erfahren,
+ Wer die Schätze verborgen, es bleibt kein Mörder verhohlen.
+ Wüßte doch ein und andrer vielleicht im Kreis hier zu sagen,
+ Wo die Schätze geblieben und wie man Lampen getötet!
+
+ Seht, mein gnädiger König, es kommen täglich so viele
+ Wichtige Sachen vor Euch, Ihr könnt nicht alles behalten;
+ Doch vielleicht gedenket Ihr noch des herrlichen Dienstes,
+ Den mein Vater dem Euren an dieser Stätte bewiesen.
+ Krank lag Euer Vater, sein Leben rettete meiner,
+ Und doch sagt Ihr, ich habe noch nie, es habe mein Vater
+ Euch nichts Gutes erzeigt. Beliebt, mich weiter zu hören.
+ Sei es mit Eurer Erlaubnis gesagt: es fand sich am Hofe
+ Eures Vaters der meine bei großen Würden und Ehren
+ Als erfahrener Arzt. Er wußte das Wasser des Kranken
+ Klug zu besehn; er half der Natur; was immer den Augen,
+ Was den edelsten Gliedern gebrach, gelang ihm zu heilen;
+ Kannte wohl die emetischen Kräfte, verstand auch daneben
+ Auf die Zähne sich gut und holte die schmerzenden spielend.
+ Gerne glaub ich, Ihr habt es vergessen; es wäre kein Wunder,
+ Denn drei Jahre hattet Ihr nur. Es legte sich damals
+ Euer Vater im Winter mit großen Schmerzen zu Bette,
+ Ja, man mußt ihn heben und tragen. Da ließ er die ärzte
+ Zwischen hier und Rom zusammenberufen, und alle
+ Gaben ihn auf; er schickte zuletzt, man holte den Alten;
+ Dieser hörte die Not und sah die gefährliche Krankheit.
+
+ Meinen Vater jammert' es sehr, er sagte: Mein König,
+ Gnädiger Herr, ich setzte, wie gern! mein eigenes Leben,
+ Könnt ich Euch retten, daran! Doch laßt im Glase mich Euer
+ Wasser besehn. Der König befolgte die Worte des Vaters,
+ Aber klagte dabei, es werde je länger, je schlimmer.
+ Auf dem Spiegel war es gebildet, wie glücklich zur Stunde
+ Euer Vater genesen. Denn meiner sagte bedächtig:
+ Wenn Ihr Gesundheit verlangt, entschließt Euch ohne Versäumnis,
+ Eines Wolfes Leber zu speisen, doch sollte derselbe
+ Sieben Jahre zum wenigsten haben; die müßt Ihr verzehren.
+ Sparen dürft Ihr mir nicht, denn Euer Leben betrifft es.
+ Euer Wasser zeuget nur Blut, entschließt Euch geschwinde!
+
+ In dem Kreise befand sich der Wolf und hört' es nicht gerne.
+ Euer Vater sagte darauf. Ihr habt es vernommen,
+ Höret, Herr Wolf, Ihr werdet mir nicht zu meiner Genesung
+ Eure Leber verweigern. Der Wolf versetzte dagegen:
+ Nicht fünf Jahre bin ich geboren! was kann sie Euch nutzen?
+ Eitles Geschwätz! versetzte mein Vater: es soll uns nicht hindern,
+ An der Leber seh ich das gleich. Es mußte zur Stelle
+ Nach der Küche der Wolf, und brauchbar fand sich die Leber.
+ Euer Vater verzehrte sie stracks. Zur selbigen Stunde
+ War er von aller Krankheit befreit und allen Gebrechen.
+ Meinem Vater dankt' er genug, es mußt ihn ein jeder
+ Doktor heißen am Hofe, man durft es niemals vergessen.
+
+ Also ging mein Vater beständig dem König zur Rechten.
+ Euer Vater verehrt' ihm hernach, ich weiß es am besten,
+ Eine goldene Spange mit einem roten Barette,
+ Sie vor allen Herren zu tragen; so haben ihn alle
+ Hoch in Ehren gehalten. Es hat sich aber mit seinem
+ Sohne leider geändert, und an die Tugend des Vaters
+ Wird nicht weiter gedacht. Die allergierigsten Schälke
+ Werden erhoben, und Nutz und Gewinn bedenkt man alleine,
+ Recht und Weisheit stehen zurück. Es werden die Diener
+ Große Herren, das muß der Arme gewöhnlich entgelten.
+ Hat ein solcher Macht und Gewalt, so schlägt er nur blindlings
+ Unter die Leute, gedenket nicht mehr, woher er gekommen;
+ Seinen Vorteil gedenkt er aus allem Spiele zu nehmen.
+ Um die Großen finden sich viele von diesem Gelichter.
+ Keine Bitte hören sie je, wozu nicht die Gabe
+ Gleich sich reichlich gesellt, und wenn sie die Leute bescheiden,
+ Heißt es: Bringt nur! und bringt! zum ersten, zweiten und dritten.
+
+ Solche gierige Wölfe behalten köstliche Bissen
+ Gerne für sich, und wär es zu tun, mit kleinem Verluste
+ Ihres Herren Leben zu retten, sie trügen Bedenken.
+ Wollte der Wolf doch die Leber nicht lassen, dem König zu dienen!
+ Und was Leber! Ich sag es heraus! Es möchten auch zwanzig
+ Wölfe das Leben verlieren, behielte der König und seine
+ Teure Gemahlin das ihre, so wär es weniger schade.
+ Denn ein schlechter Same, was kann er Gutes erzeugen?
+ Was in Eurer Jugend geschah, Ihr habt es vergessen;
+ Aber ich weiß es genau, als wär es gestern geschehen.
+ Auf dem Spiegel stand die Geschichte, so wollt es mein Vater;
+ Edelsteine zierten das Werk und goldene Ranken.
+ Könnt ich den Spiegel erfragen, ich wagte Vermögen und Leben.
+
+ Reineke, sagte der König: die Rede hab ich verstanden,
+ Habe die Worte gehört, und was du alles erzähltest.
+ War dein Vater so groß hier am Hofe und hat er so viele
+ Nützliche Taten getan, das mag wohl lange schon her sein.
+ Ich erinnre michs nicht, auch hat mirs niemand berichtet.
+ Eure Händel dagegen, die kommen mir öfters zu Ohren,
+ Immer seid Ihr im Spiele, so hör ich wenigstens sagen;
+ Tun sie Euch unrecht damit, und sind es alte Geschichten,
+ Möcht ich einmal was Gutes vernehmen; es findet sich selten.
+
+ Herr, versetzte Reineke drauf: ich darf mich hierüber
+ Wohl erklären vor Euch, denn mich betrifft ja die Sache.
+ Gutes hab ich Euch selber getan! es sei Euch nicht etwa
+ Vorgeworfen; behüte mich Gott! ich erkenne mich schuldig,
+ Euch zu leisten, soviel ich vermag. Ihr habt die Geschichte
+ Ganz gewiß nicht vergessen. Ich war mit Isegrim glücklich
+ Einst ein Schwein zu erjagen, es schrie, wir bissen es nieder;
+ Und Ihr kamt und klagtet so sehr und sagtet: es käme
+ Eure Frau noch hinter Euch drein, und teilte nur jemand
+ Wenige Speise mit Euch, so wär euch beiden geholfen.
+ Gebet von Eurem Gewinne was ab! so sagtet Ihr damals.
+ Isegrim sagte wohl: Ja! doch murmelt' er unter dem Barte,
+ Daß man kaum es verstand. Ich aber sagte dagegen:
+ Herr! es ist Euch gegönnt, und wärens der Schweine die Menge.
+ Sagt, wer soll es verteilen? Der Wolf! versetztet Ihr wieder.
+ Isegrim freute sich sehr; er teilte, wie er gewohnt war,
+ Ohne Scham und Scheu und gab Euch eben ein Viertel,
+ Eurer Frauen das andre, und er fiel über die Hälfte,
+ Schlang begierig hinein und reichte mir außer den Ohren
+ Nur die Nase noch hin und eine Hälfte der Lunge;
+ Alles andre behielt er für sich, Ihr habt es gesehen.
+ Wenig Edelmut zeigt' er uns da. Ihr wißt es, mein König!
+ Euer Teil verzehrtet Ihr bald, doch merkt ich, Ihr hattet
+ Nicht den Hunger gestillt, nur Isegrim wollt es nicht sehen,
+ Aß und kaute so fort und bot Euch nicht das geringste.
+ Aber da traft Ihr ihn auch mit Euren Tatzen gewaltig
+ Hinter die Ohren, verschobt ihm das Fell, mit blutiger Glatze
+ Lief er davon, mit Beulen am Kopf, und heulte vor Schmerzen.
+ Und Ihr rieft ihm noch zu: Komm wieder, lerne dich schämen!
+ Teilst du wieder, so triff mirs besser, sonst will ich dirs zeigen.
+ Jetzt mach eilig dich fort und bring uns ferner zu essen!
+ Herr! gebietet Ihr das? versetzt ich: so will ich ihm folgen,
+ Und ich weiß, ich hole schon was. Ihr wart es zufrieden.
+ Ungeschickt hielt sich Isegrim damals, er blutete, seufzte,
+ Klagte mir vor; doch trieb ich ihn an, wir jagten zusammen,
+ Fingen ein Kalb! Ihr liebt Euch die Speise. Und als wir es brachten,
+ Fand sichs fett; Ihr lachtet dazu und sagtet zu meinem
+ Lobe manch freundliches Wort; ich wäre, meintet Ihr, trefflich
+ Auszusenden zur Stunde der Not, und sagtet daneben:
+ Teile das Kalb! Da sprach ich: Die Hälfte gehöret schon Euer!
+ Und die Hälfte gehört der Königin: was sich im Leibe
+ Findet, als Herz und Leber und Lunge, gehöret, wie billig,
+ Euern Kindern; ich nehme die Füße, die lieb ich zu nagen,
+ Und das Haupt behalte der Wolf, die köstliche Speise.
+
+ Als Ihr die Rede vernommen, versetztet Ihr: Sage! wer hat dich
+ So nach Hofart teilen gelehrt? ich möcht es erfahren.
+ Da versetzt ich: Mein Lehrer ist nah, denn dieser mit rotem
+ Kopfe, mit blutiger Glatze, hat mir das Verständnis geöffnet.
+ Ich bemerkte genau, wie er heut frühe das Ferkel
+ Teilte, da lernt ich den Sinn von solcher Teilung begreifen;
+ Kalb oder Schwein, ich find es nun leicht und werde nicht fehlen.
+
+ Schaden und Schande befiel den Wolf und seine Begierde.
+ Seinesgleichen gibt es genug! Sie schlingen der Güter
+ Reichliche Früchte zusamt den Untersassen hinunter.
+ Alles Wohl zerstören sie leicht, und keine Verschonung,
+ Ist zu erwarten, und wehe dem Lande, das selbige nähret!
+
+ Seht! Herr König, so hab ich Euch oft in Ehren gehalten.
+ Alles, was ich besitze und was ich nur immer gewinne,
+ Alles widm ich Euch gern und Eurer Königin; sei es
+ Wenig oder auch viel, Ihr nehmt das meiste von allem.
+ Wenn Ihr des Kalbes und Schweines gedenkt, so merkt ihr die Wahrheit,
+ Wo die rechte Treue sich findet. Und dürfte wohl etwa
+ Isegrim sich mit Reineken messen? Doch leider im Ansehn
+ Steht der Wolf als oberster Vogt, und alle bedrängt er.
+ Euren Vorteil besorgt er nicht sehr; zum halben und ganzen
+ Weiß er den seinen zu fördern. So führt er freilich mit Braunen
+ Nun das Wort, und Reinekens Rede wird wenig geachtet.
+ Herr! es ist wahr, man hat mich verklagt, ich werde nicht weichen,
+ Denn ich muß nun hindurch, und also sei es gesprochen:
+ Ist hier einer, der glaubt zu beweisen, so komm er mit Zeugen,
+ Halte sich fest an die Sache und setze gerichtlich zum Pfande
+ Sein Vermögen, sein Ohr, sein Leben, wenn er verlöre,
+ Und ich setze das gleiche dagegen: so hat es zu Rechte
+ Stets gegolten, so halte mans noch, und alle die Sache,
+ Wie man sie für und wider gesprochen, sie werde getreulich
+ Solcherweise geführt und gerichtet; ich darf es verlangen!
+
+ Wie es auch sei, versetzte der König: am Wege des Rechtes
+ Will und kann ich nicht schmälern, ich hab es auch niemals gelitten,
+ Groß ist zwar der Verdacht, du habest an Lampens Ermordung
+ Teilgenommen, des redlichen Boten! ich liebt ihn besonders
+ Und verlor ihn nicht gern, betrübte mich über die Maßen,
+ Als man sein blutiges Haupt aus deinem Ränzel herauszog;
+ Auf der Stelle büßt' es Bellyn, der böse Begleiter,
+ Und du magst die Sache nun weiter gerichtlich verfechten.
+ Was mich selber betrifft, vergeb ich Reineken alles,
+ Denn er hielt sich zu mir in manchen bedenklichen Fällen.
+ Hätte weiter jemand zu klagen, wir wollen ihn hören:
+ Stell er unbescholtene Zeugen und bringe die Klage
+ Gegen Reineken ordentlich vor, hier steht er zu Rechte!
+
+ Reineke sagte: Gnädiger Herr! ich danke zum besten.
+ Jeden hört Ihr, und jeder genießt die Wohltat des Rechtes.
+ Laßt mich heilig beteuern, mit welchem traurigen Herzen
+ Ich Bellyn und Lampen entließ: mir ahndete, glaub ich,
+ Was den beiden sollte geschehn, ich liebte sie zärtlich.
+
+ So staffierte Reineke klug Erzählung und Worte.
+ Jedermann glaubt' ihm; er hatte die Schätze so zierlich beschrieben,
+ Sich so ernstlich betragen, er schien die Wahrheit zu reden;
+ Ja, man sucht' ihn zu trösten. Und so betrog er den König,
+ Dem die Schätze gefielen; er hätte sie gerne besessen,
+ Sagte zu Reineken: Gebt Euch zufrieden, Ihr reiset und suchet
+ Weit und breit, das Verlorne zu finden, das mögliche tut Ihr;
+ Wenn Ihr meiner Hilfe bedürft, sie steht Euch zu Diensten.
+
+ Dankbar, sagte Reineke drauf, erkenn ich die Gnade;
+ Diese Worte richten mich auf und lassen mich hoffen.
+ Raub und Mord zu bestrafen, ist Eure höchste Behörde.
+ Dunkel bleibt mir die Sache, doch wird sichs finden; ich sehe
+ Mit dem größten Fleiße darnach und werde des Tages
+ Emsig reisen und nachts und alle Leute befragen.
+ Hab ich erfahren, wo sie sich finden, und kann sie nicht selber
+ Wiedergewinnen, wär ich zu schwach, so bitt ich um Hilfe,
+ Die gewährt Ihr alsdann, und sicher wird es geraten.
+ Bring ich glücklich die Schätze vor Euch, so find ich am Ende
+ Meine Mühe belohnt und meine Treue bewähret.
+
+ Gerne hört' es der König und fiel in allem und jedem
+ Reineken bei, der hatte die Lüge so künstlich geflochten.
+ Alle die andern glaubten es auch; er durfte nun wieder
+ Reisen und gehen, wohin ihm gefiel, und ohne zu fragen.
+
+ Aber Isegrim konnte sich länger nicht halten, und knirschend
+ Sprach er: Gnädiger Herr! So glaubt Ihr wieder dem Diebe,
+ Der Euch zwei- und dreifach belog? Wen sollt es nicht wundern!
+ Seht Ihr nicht, daß der Schalk Euch betrügt und uns alle beschädigt?
+ Wahrheit redet er nie, und eitel Lügen ersinnt er.
+ Aber ich laß ihn so leicht nicht davon! Ihr sollt es erfahren,
+ Daß er ein Schelm ist und falsch. Ich weiß drei große Verbrechen,
+ Die er begangen; er soll nicht entgehn, und sollten wir kämpfen.
+ Zwar man fordert Zeugen von uns, was wollte das helfen?
+ Stünden sie hier und sprächen und zeugten den ganzen Gerichtstag,
+ Könnte das fruchten? er täte nur immer nach seinem Belieben,
+ Oft sind keine Zeugen zu stellen, da sollte der Frevler
+ Nach wie vor die Tücke verüben? Wer traut sich, zu reden?
+ Jedem hängt er was an, und jeder fürchtet den Schaden.
+ Ihr und die Euren empfinden es auch und alle zusammen.
+ Heute will ich ihn halten, er soll nicht wanken noch weichen,
+ Und er soll zu Rechte mir stehn; nun mag er sich wahren!
+
+
+
+
+
+ Elfter Gesang
+
+
+ Isegrim klagte, der Wolf, und sprach: Ihr werdet verstehen!
+ Reineke, gnädiger König, so wie er immer ein Schalk war,
+ Bleibt er es auch und steht und redet schändliche Dinge,
+ Mein Geschlecht zu beschimpfen und mich. So hat er mir immer,
+ Meinem Weibe noch mehr, empfindliche Schande bereitet.
+ So bewog er sie einst, in einem Teiche zu waten
+ Durch den Morast und hatte versprochen, sie solle des Tages
+ Viele Fische gewinnen; sie habe den Schwanz nur ins Wasser
+ Einzutauchen und hängen zu lassen: es würden die Fische
+ Fest sich beißen, sie könne selbviert nicht alle verzehren.
+ Watend kam sie darauf und schwimmend gegen das Ende,
+ Gegen den Zapfen; da hatte das Wasser sich tiefer gesammelt,
+ Und er hieß sie den Schwanz ins Wasser hängen. Die Kälte
+ Gegen Abend war groß, und grimmig begann es zu frieren,
+ Daß sie fast nicht länger sich hielt; so war auch in kurzem
+ Ihr der Schwanz ins Eis gefroren, sie konnt ihn nicht regen,
+ Glaubte, die Fische wären so schwer, es wäre gelungen.
+ Reineke merkt' es, der schändliche Dieb, und was er getrieben,
+ Darf ich nicht sagen, er kam und übermannte sie leider.
+ Von der Stelle soll er mir nicht! es kostet der Frevel
+ Einen von beiden, wie Ihr uns seht, noch heute das Leben.
+ Denn er schwätzt sich nicht durch; ich hab ihn selber betroffen
+ Über der Tat, mich führte der Zufall am Hügel den Weg her.
+ Laut um Hilfe hört ich sie schreien, die arme Betrogne,
+ Fest im Eise stand sie gefangen und konnt ihm nicht wehren,
+ Und ich kam und mußte mit eignen Augen das alles
+ Sehen! Ein Wunder fürwahr, daß mir das Herz nicht gebrochen.
+ Reineke! rief ich: was tust du? Er hörte mich kommen und eilte
+ Seine Straße. Da ging ich hinzu mit traurigem Herzen,
+ Mußte waten und frieren im kalten Wasser und konnte
+ Nur mit Mühe das Eis zerbrechen, mein Weib zu erlösen.
+ Ach, es ging nicht glücklich vonstatten! sie zerrte gewaltig,
+ Und es blieb ihr ein Viertel des Schwanzes im Eise gefangen.
+ Jammernd klagte sie laut und viel, das hörten die Bauern,
+ Kamen hervor und spürten uns aus und riefen einander.
+ Hitzig liefen sie über den Damm mit Piken und äxten,
+ Mit dem Rocken kamen die Weiber und lärmten gewaltig:
+ Fangt sie! schlagt nur und werft! so riefen sie gegeneinander.
+ Angst wie damals empfand ich noch nie, das gleiche bekennet
+ Gieremund auch, wir retteten kaum mit Mühe das Leben,
+ Liefen, es rauchte das Fell. Da kam ein Bube gelaufen,
+ Ein vertrackter Geselle, mit einer Pike bewaffnet;
+ Leicht zu Fuße, stach er nach uns und drängt' uns gewaltig.
+ Wäre die Nacht nicht gekommen, wir hätten das Leben gelassen.
+ Und die Weiber riefen noch immer, die Hexen, wir hätten
+ Ihre Schafe gefressen. Sie hätten uns gerne getroffen,
+ Schimpften und schmähten hinter uns drein. Wir wandten uns aber
+ Von dem Lande wieder zum Wasser und schlupften behende
+ Zwischen die Binsen; da trauten die Bauern nicht weiter zu folgen,
+ Denn es war dunkel geworden, sie machten sich wieder nach Hause.
+ Knapp entkamen wir so. Ihr sehet, gnädiger König,
+ Überwältigung, Mord und Verrat, von solchen Verbrechen
+ Ist die Rede; die werdet Ihr streng, mein König, bestrafen.
+
+ Als der König die Klage vernommen, versetzt' er: Es werde
+ Rechtlich hierüber erkannt, doch laßt uns Reineken hören.
+ Reineke sprach: Verhielt' es sich also, würde die Sache
+ Wenig Ehre mir bringen, und Gott bewahre mich gnädig,
+ Daß man es fände, wie er erzählt! Doch will ich nicht leugnen,
+ Daß ich sie Fische fangen gelehrt und auch ihr die beste
+ Straße, zu Wasser zu kommen, und sie zu dem Teiche gewiesen.
+ Aber sie lief so gierig darnach, sobald sie nur Fische
+ Nennen gehört, und Weg und Maß und Lehre vergaß sie.
+ Blieb sie fest im Eise befroren, so hatte sie freilich
+ Viel zu lange gesessen; denn hätte sie zeitig gezogen,
+ Hätte sie Fische genug zum köstlichen Mahle gefangen.
+ Allzu große Begierde wird immer schädlich. Gewöhnt sich
+ Ungenügsam das Herz, so muß es vieles vermissen;
+ Wer den Geist der Gierigkeit hat, er lebt nur in Sorgen,
+ Niemand sättiget ihn. Frau Gieremund hat es erfahren,
+ Da sie im Eise befror. Sie dankt nun meiner Bemühung
+ Schlecht. Das hab ich davon, daß ich ihr redlich geholfen!
+ Denn ich schob und wollte mit allen Kräften sie heben,
+ Doch sie war mir zu schwer, und über dieser Bemühung
+ Traf mich Isegrim an, der längs dem Ufer daherging,
+ Stand da droben und rief und fluchte grimmig herunter.
+ Ja fürwahr, ich erschrak, den schönen Segen zu hören.
+ Eins und zwei- und dreimal warf er die gräßlichsten Flüche
+ Über mich her und schrie, von wildem Zorne getrieben,
+ Und ich dachte: du machst dich davon und wartest nicht länger;
+ Besser laufen, als faulen. Ich hatt es eben getroffen,
+ Denn er hätte mich damals zerrissen. Und wenn es begegnet,
+ Daß zwei Hunde sich beißen um Einen Knochen, da muß wohl
+ Einer verlieren. So schien mir auch da das Beste geraten,
+ Seinem Zorn zu entweichen und seinem verworrnen Gemüte.
+ Grimmig war er und bleibt es, wie kann ers leugnen? Befraget
+ Seine Frau; was hab ich mit ihm, dem Lügner, zu schaffen?
+ Denn sobald er sein Weib im Eise befroren bemerkte,
+ Flucht' und schalt er gewaltig und kam und half ihr entkommen.
+ Machten die Bauern sich hinter sie her, so war es zum besten;
+ Denn so kam ihr Blut in Bewegung, sie froren nicht länger.
+ Was ist weiter zu sagen? Es ist ein schlechtes Benehmen,
+ Wer sein eigenes Weib mit solchen Lügen beschimpfet.
+ Fragt sie selber, da steht sie, und hätt er die Wahrheit gesprochen,
+ Würde sie selber zu klagen nicht fehlen. Indessen erbitt ich
+ Eine Woche mir Frist, mit meinen Freunden zu sprechen,
+ Was für Antwort dem Wolf und seiner Klage gebühret.
+
+ Gieremund sagte darauf: In Eurem Treiben und Wesen
+ Ist nur Schalkheit, wir wissen es wohl, und Lügen und Trügen,
+ Büberei, Täuschung und Trotz. Wer Euren verfänglichen Reden
+ Glaubt, wird sicher am Ende beschädigt. Immer gebraucht Ihr
+ Lose verworrene Worte. So hab ichs am Borne gefunden.
+ Denn zwei Eimer hingen daran, Ihr hattet in einen,
+ Weiß ich, warum? Euch gesetzt und wart herniedergefahren;
+ Nun vermochtet Ihr nicht, Euch selber wieder zu heben,
+ Und Ihr klagtet gewaltig. Des Morgens kam ich zum Brunnen,
+ Fragte: Wer bracht Euch herein? Ihr sagtet: Kommt Ihr doch eben,
+ Liebe Gevatterin, recht! ich gönn Euch jeglichen Vorteil;
+ Steigt in den Eimer da droben, so fahrt Ihr hernieder und esset
+ Hier an Fischen Euch satt. Ich war zum Unglück gekommen,
+ Denn ich glaubt es, Ihr schwurt noch dazu: Ihr hättet so viele
+ Fische verzehrt, es schmerz Euch der Leib. Ich ließ mich betören,
+ Dumm, wie ich war, und stieg in den Eimer; da ging er hernieder
+ Und der andere wieder herauf, Ihr kamt mir entgegen.
+ Wunderlich schien mirs zu sein, ich fragte voller Erstaunen:
+ Sagt, wie gehet das zu? Ihr aber sagtet dawider:
+ Auf und ab, so gehts in der Welt, so geht es uns beiden.
+ Ist es doch also der Lauf. Erniedrigt werden die einen,
+ Und die andern erhöht, nach eines jeglichen Tugend.
+ Aus dem Eimer sprangt Ihr und lieft und eiltet von dannen.
+ Aber ich saß im Brunnen bekümmert und mußte den Tag lang
+ Harren und Schläge genug am selbigen Abend erdulden,
+ Eh ich entkam. Es traten zum Brunnen einige Bauern,
+ Sie bemerkten mich da. Von grimmigem Hunger gepeinigt,
+ Saß ich in Trauer und Angst, erbärmlich war mir zumute.
+ Untereinander sprachen die Bauern: Da sieh nur, im Eimer
+ Sitzt da unten der Feind, der unsre Schafe vermindert.
+ Hol ihn herauf, versetzte der eine: ich halte mich fertig
+ Und empfang ihn am Rand, er soll uns die Lämmer bezahlen!
+ Wie er mich aber empfing, das war ein Jammer! Es fielen
+ Schläg auf Schläge mir über den Pelz, ich hatte mein Leben
+ Keinen traurigern Tag, und kaum entrann ich dem Tode.
+
+ Reineke sagte darauf. Bedenkt genauer die Folgen,
+ Und Ihr findet gewiß, wie heilsam die Schläge gewesen.
+ Ich für meine Person mag lieber dergleichen entbehren,
+ Und wie die Sache stand, so mußte wohl eines von beiden
+ Sich mit den Schlägen beladen, wir konnten zugleich nicht entgehen.
+ Wenn Ihrs Euch merkt, so nutzt es Euch wohl, und künftig vertraut Ihr
+ Keinem so leicht in ähnlichen Fällen. Die Welt ist voll Schalkheit.
+
+ Ja, versetzte der Wolf: was braucht es weiter Beweise!
+ Niemand verletzte mich mehr, als dieser böse Verräter.
+ Eines erzählt ich noch nicht, wie er in Sachsen mich einmal
+ Unter das Affengeschlecht zu Schand und Schaden geführet.
+ Er beredete mich, in eine Höhle zu kriechen,
+ Und er wußte voraus, es würde mir übels begegnen.
+ Wär ich nicht eilig entflohn, ich wär um Augen und Ohren
+ Dort gekommen. Er sagte vorher mit gleisenden Worten:
+ Seine Frau Muhme find ich daselbst, er meinte die äffin;
+ Doch es verdroß ihn, daß ich entkam. Er schickte mich tückisch
+ In das abscheuliche Nest, ich dacht, es wäre die Hölle.
+
+ Reineke sagte darauf vor allen Herren des Hofes:
+ Isegrim redet verwirrt, er scheint nicht völlig bei Sinnen.
+ Von der äffin will er erzählen, so sag er es deutlich.
+ Drittehalb Jahr sinds her, als nach dem Lande zu Sachsen
+ Er mit großem Prassen gezogen, wohin ich ihm folgte.
+ Das ist wahr, das übrige lügt er. Es waren nicht Affen,
+ Meerkatzen warens, von welchen er redet; und nimmermehr werd ich
+ Diese für meine Muhmen erkennen. Martin, der Affe,
+ Und Frau Rückenau sind mir verwandt; sie ehr ich als Muhme,
+ Ihn als Vetter, und rühme mich des. Notarius ist er
+ Und versteht sich aufs Recht. Doch was von jenen Geschöpfen
+ Isegrim sagt, geschieht mir zum Hohn, ich habe mit ihnen
+ Nichts zu tun, und nie sinds meine Verwandten gewesen;
+ Denn sie gleichen dem höllischen Teufel. Und daß ich die Alte
+ Damals Muhme geheißen, das tat ich mit gutem Bedachte.
+ Nichts verlor ich dabei, das will ich gerne gestehen:
+ Gut gastierte sie mich, sonst hätte sie mögen ersticken.
+
+ Seht, Ihr Herren! wir hatten den Weg zur Seite gelassen,
+ Gingen hinter dem Berg, und eine düstere Höhle,
+ Tief und lang, bemerkten wir da. Es fühlte sich aber
+ Isegrim krank, wie gewöhnlich, vor Hunger. Wann hätt ihn auch jemals
+ Einer so satt gesehen, daß er zufrieden gewesen?
+ Und ich sagte zu ihm: In dieser Höhle befindet
+ Speise fürwahr sich genug, ich zweifle nicht, ihre Bewohner
+ Teilen gerne mit uns, was sie haben, wir kommen gelegen.
+ Isegrim aber versetzte darauf: Ich werde, mein Oheim,
+ Unter dem Baume hier warten, Ihr seid in allem geschickter,
+ Neue Bekannte zu machen, und wenn Euch Essen gereicht wird,
+ Tut mirs zu wissen! So dachte der Schalk, auf meine Gefahr erst
+ Abzuwarten, was sich ergäbe; ich aber begab mich
+ In die Höhle hinein. Nicht ohne Schauer durchwandert
+ Ich den langen und krummen Gang, er wollte nicht enden.
+ Aber was ich dann fand--den Schrecken wollt ich um vieles
+ Rotes Gold nicht zweimal in meinem Leben erfahren!
+ Welch ein Nest voll häßlicher Tiere, großer und kleiner!
+ Und die Mutter dabei, ich dacht, es wäre der Teufel.
+ Weit und groß ihr Maul mit langen häßlichen Zähnen,
+ Lange Nägel an Händen und Füßen und hinten ein langer
+ Schwanz an den Rücken gesetzt; so was Abscheuliches hab ich
+ Nicht im Leben gesehn! Die schwarzen leidigen Kinder
+ Waren seltsam gebildet, wie lauter junge Gespenster.
+ Greulich sah sie mich an. Ich dachte: wär ich von dannen!
+ Größer war sie als Isegrim selbst, und einige Kinder
+ Fast von gleicher Statur. Im faulen Heue gebettet
+ Fand ich die garstige Brut und über und über beschlabbert
+ Bis an die Ohren mit Kot, es stank in ihrem Reviere
+ Ärger als höllisches Pech. Die reine Wahrheit zu sagen:
+ Wenig gefiel es mir da, denn ihrer waren so viele,
+ Und ich stand nur allein. Sie zogen greuliche Fratzen.
+ Da besann ich mich denn, und einen Ausweg versucht ich,
+ Grüßte sie schön--ich meint es nicht so--und wußte so freundlich
+ Und bekannt mich zu stellen. Frau Muhme! sagt ich zur Alten,
+ Vettern hieß ich die Kinder und ließ es an Worten nicht fehlen.
+ Spar Euch der gnädige Gott auf lange glückliche Zeiten!
+ Sind das Eure Kinder? Fürwahr! ich sollte nicht fragen;
+ Wie behagen sie mir! Hilf Himmel! wie sie so lustig,
+ Wie sie so schön sind! Man nähme sie alle für Söhne des Königs.
+ Seid mir vielmal gelobt, daß Ihr mit würdigen Sprossen
+ Mehret unser Geschlecht, ich freue mich über die Maßen.
+ Glücklich find ich mich nun, von solchen öhmen zu wissen;
+ Denn zu Zeiten der Not bedarf man seiner Verwandten.
+
+ Als ich ihr soviel Ehre geboten, wiewohl ich es anders
+ Meinte, bezeigte sie mir von ihrer Seite desgleichen,
+ Hieß mich Oheim und tat so bekannt, so wenig die Närrin
+ Auch zu meinem Geschlechte gehört. Doch konnte für diesmal
+ Gar nicht schaden, sie Muhme zu heißen. Ich schwitzte dazwischen
+ Über und über vor Angst; allein sie redete freundlich:
+ Reineke, werter Verwandter, ich heiß Euch schönstens willkommen!
+ Seid Ihr auch wohl? Ich bin Euch mein ganzes Leben verbunden,
+ Daß Ihr zu mir gekommen. Ihr lehret kluge Gedanken
+ Meine Kinder fortan, daß sie zu Ehren gelangen.
+ Also hört ich sie reden; das hatt ich mit wenigen Worten,
+ Daß ich sie Muhme genannt und daß ich die Wahrheit geschonet,
+ Reichlich verdient. Doch wär ich so gern im Freien gewesen.
+ Aber sie ließ mich nicht fort und sprach: Ihr dürfet, mein Oheim,
+ Unbewirtet nicht weg! Verweilet, laßt Euch bedienen.
+ Und sie brachte mir Speise genug, ich wüßte sie wahrlich
+ Jetzt nicht alle zu nennen; verwundert war ich zum höchsten,
+ Wie sie zu allem gekommen. Von Fischen, Rehen und anderm
+ Guten Wildbret, ich speiste davon, es schmeckte mir herrlich.
+ Als ich zur Gnüge gegessen, belud sie mich über das alles,
+ Bracht ein Stück vom Hirsche getragen, ich sollt es nach Hause
+ Zu den Meinigen bringen, und ich empfahl mich zum besten.
+ Reineke, sagte sie noch: besucht mich öfters. Ich hätte,
+ Was sie wollte, versprochen; ich machte, daß ich herauskam.
+ Lieblich war es nicht da für Augen und Nase, ich hätte
+ Mir den Tod beinahe geholt; ich suchte zu fliehen,
+ Lief behende den Gang bis zu der öffnung am Baume.
+ Isegrim lag und stöhnte daselbst; ich sagte: Wie gehts Euch,
+ Oheim? Er sprach: Nicht wohl! ich muß vor Hunger verderben.
+ Ich erbarmte mich seiner und gab ihm den köstlichen Braten,
+ Den ich mit mir gebracht. Er aß mit großer Begierde,
+ Vielen Dank erzeigt' er mir da; nun hat ers vergessen!
+ Als er nun fertig geworden, begann er: Laßt mich erfahren,
+ Wer die Höhle bewohnt? Wie habt Ihrs drinne gefunden?
+ Gut oder schlecht? Ich sagt ihm darauf die lauterste Wahrheit,
+ Unterrichtet ihn wohl. Das Nest sei böse, dagegen
+ Finde sich drin viel köstliche Speise. Sobald er begehre,
+ Seinen Teil zu erhalten, so mög er kecklich hineingehn,
+ Nur vor allem sich hüten, die grade Wahrheit zu sagen.
+ Soll es Euch nach Wünschen ergehn, so spart mir die Wahrheit!
+ Wiederholt ich ihm noch: denn führt sie jemand beständig
+ Unklug im Munde, der leidet Verfolgung, wohin er sich wendet;
+ Überall steht er zurück, die andern werden geladen.
+ Also hieß ich ihn gehn; ich lehrt ihn: was er auch fände,
+ Sollt er reden, was jeglicher gerne zu hören begehret,
+ Und man werd ihn freundlich empfangen. Das waren die Worte,
+ Gnädiger König und Herr, nach meinem besten Gewissen.
+ Aber das Gegenteil tat er hernach, und kriegt' er darüber
+ Etwas ab, so hab er es auch; er sollte mir folgen.
+ Grau sind seine Zotteln fürwahr, doch sucht man die Weisheit
+ Nur vergebens dahinter. Es achten solche Gesellen
+ Weder Klugheit noch feine Gedanken; es bleibet dem groben
+ Tölpischen Volke der Wert von aller Weisheit verborgen.
+ Treulich schärft ich ihm ein, die Wahrheit diesmal zu sparen;
+ Weiß ich doch selbst, was sich ziemt! versetzt' er trotzig dagegen,
+ Und so trabt' er die Höhle hinein, da hat ers getroffen.
+ Hinten saß das abscheuliche Weib, er glaubte, den Teufel
+ Vor sich zu sehn! die Kinder dazu! da rief er betroffen:
+ Hilfe! Was für abscheuliche Tiere! Sind diese Geschöpfe
+ Eure Kinder? Sie scheinen fürwahr ein Höllengesindel.
+ Geht, ertränkt sie, das wäre das beste, damit sich die Brut nicht
+ Über die Erde verbreite! Wenn es die meinigen wären,
+ Ich erdrosselte sie. Man finge wahrlich mit ihnen
+ Junge Teufel, man brauchte sie nur in einem Moraste
+ Auf das Schilf zu binden, die garstigen, schmutzigen Rangen!
+ Ja, Mooraffen sollten sie heißen, da paßte der Name!
+
+ Eilig versetzte die Mutter und sprach mit zornigen Worten:
+ Welcher Teufel schickt uns den Boten? Wer hat Euch gerufen,
+ Hier uns grob zu begegnen? Und meine Kinder! Was habt Ihr,
+ Schön oder häßlich, mit ihnen zu tun? Soeben verläßt uns
+ Reineke Fuchs, der erfahrene Mann, der muß es verstehen;
+ Meine Kinder, beteuert' er hoch, er finde sie sämtlich'
+ Schön und sittig, von guter Manier; er mochte mit Freuden
+ Sie für seine Verwandten erkennen. Das hat er uns alles
+ Hier an diesem Platz vor einer Stunde versichert.
+ Wenn sie Euch nicht wie ihm gefallen, so hat Euch wahrhaftig
+ Niemand zu kommen gebeten. Das mögt Ihr, Isegrim, wissen.
+
+ Und er forderte gleich von ihr zu essen und sagte:
+ Holt herbei, sonst helf ich Euch suchen! Was wollen die Reden
+ Weiter helfen? Er machte sich dran und wollte gewaltsam
+ Ihren Vorrat betasten; das war ihm übel geraten!
+ Denn sie warf sich über ihn her, zerbiß und zerkratzt' ihm
+ Mit den Nägeln das Fell und klaut' und zerrt' ihn gewaltig;
+ Ihre Kinder taten das gleiche, sie bissen und krammten
+ Greulich auf ihn; da heult' er und schrie mit blutigen Wangen,
+ Wehrte sich nicht und lief mit hastigen Schritten zur öffnung.
+ Übel zerrissen sah ich ihn kommen, zerkratzt, und die Fetzen
+ Hingen herum, ein Ohr war gespalten und blutig die Nase,
+ Manche Wunde kneipten sie ihm und hatten das Fell ihm
+ Garstig zusammengeruckt. Ich fragt ihn, wie er heraustrat:
+ Habt Ihr die Wahrheit gesagt? Er aber sagte dagegen:
+ Wie ichs gefunden, so hab ich gesprochen. Die leidige Hexe
+ Hat mich übel geschändet, ich wollte, sie wäre hier außen,
+ Teuer bezahlte sie mirs! Was dünkt Euch, Reineke? habt Ihr
+ Jemals solche Kinder gesehn? so garstig, so böse?
+ Da ichs ihr sagte, da war es geschehn, da fand ich nicht weiter
+ Gnade vor ihr und habe mich übel im Loche befunden.
+
+ Seid Ihr verrückt? versetzt ich ihm drauf. ich hab es Euch anders
+ Weislich geheißen. Ich grüß Euch zum schönsten (so solltet Ihr sagen),
+ Liebe Muhme, wie geht es mit Euch? Wie geht es den lieben
+ Artigen Kindern? Ich freue mich sehr, die großen und kleinen
+ Neffen wiederzusehn. Doch Isegrim sagte dagegen:
+ Muhme das Weib zu begrüßen? und Neffen die häßlichen Kinder?
+ Nehm sie der Teufel zu sich! Mir graut vor solcher Verwandtschaft.
+ Pfui! ein ganz abscheuliches Pack! ich seh sie nicht wieder.
+ Darum ward er so übel bezahlt. Nun richtet, Herr König!
+ Sagt er mit Recht, ich hab ihn verraten? Er mag es gestehen,
+ Hat die Sache sich nicht, wie ich erzähle, begeben?
+
+ Isegrim sprach entschlossen dagegen: Wir machen wahrhaftig
+ Diesen Streit mit Worten nicht aus. Was sollen wir keifen?
+ Recht bleibt Recht, und wer es auch hat, es zeigt sich am Ende.
+ Trotzig, Reineke, tretet Ihr auf, so mögt Ihr es haben!
+ Kämpfen wollen wir gegeneinander, da wird es sich finden.
+ Vieles wißt Ihr zu sagen, wie vor der Affen Behausung
+ Ich so großen Hunger gelitten, und wie Ihr mich damals
+ Treulich genährt. Ich wüßte nicht, wie! Es war nur ein Knochen,
+ Den Ihr brachtet, das Fleisch vermutlich speistet Ihr selber.
+ Wo Ihr stehet, spottet Ihr mein und redet verwegen,
+ Meiner Ehre zu nah. Ihr habt mit schändlichen Lügen
+ Mich verdächtig gemacht, als hätt ich böse Verschwörung
+ Gegen den König im Sinne gehabt und hätte sein Leben
+ Ihm zu rauben gewünscht; Ihr aber prahltet dagegen
+ Ihm von Schätzen was vor; er möchte schwerlich sie finden!
+ Schmählich behandeltet Ihr mein Weib und sollt es mir büßen.
+ Dieser Sachen klag ich Euch an! ich denke zu kämpfen
+ Über Altes und Neues und wiederhol es: ein Mörder,
+ Ein Verräter seid Ihr, ein Dieb; und Leben um Leben
+ Wollen wir kämpfen, es endige nun das Keifen und Schelten.
+ Einen Handschuh biet ich Euch an, so wie ihn zu Rechte
+ Jeder Fordernde reicht, Ihr mögt ihn zum Pfande behalten,
+ Und wir finden uns bald. Der König hat es vernommen,
+ Alle die Herren habens gehört! ich hoffe, sie werden
+ Zeugen sein des rechtlichen Kampfs. Ihr sollt nicht entweichen,
+ Bis die Sache sich endlich entscheidet; dann wollen wir sehen.
+
+ Reineke dachte bei sich: Das geht um Vermögen und Leben!
+ Groß ist er, ich aber bin klein, und könnt es mir diesmal
+ Etwa mißlingen, so hätten mir alle die listigen Streiche
+ Wenig geholfen. Doch warten wirs ab. Denn, wenn ichs bedenke,
+ Bin ich im Vorteil: verlor er ja schon die vordersten Klauen!
+ Ist der Tor nicht kühler geworden, so soll er am Ende
+ Seinen Willen nicht haben, es koste, was es auch wolle.
+
+ Reineke sagte zum Wolfe darauf: Ihr mögt mir wohl selber
+ Ein Verräter, Isegrim, sein, und alle Beschwerden,
+ Die Ihr auf mich zu bringen gedenket, sind alle gelogen.
+ Wollt Ihr kämpfen? ich wag es mit Euch und werde nicht wanken.
+ Lange wünscht ich mir das! hier ist mein Handschuh dagegen.
+
+ So empfing der König die Pfänder, es reichten sie beide
+ Kühnlich. Er sagte darauf: Ihr sollt mir Bürgen bestellen,
+ Daß Ihr morgen zum Kampfe nicht fehlt; denn beide Parteien
+ Find ich verworren, wer mag die Reden alle verstehen?
+
+ Isegrims Bürgen wurden sogleich der Bär und der Kater,
+ Braun und Hinze; für Reineken aber verbürgten sich gleichfalls
+ Vetter Moneke, Sohn von Märtenaffe, mit Grimbart.
+
+ Reineke, sagte Frau Rückenau drauf: nun bleibet gelassen,
+ Klug von Sinnen! Es lehrte mein Mann, der jetzo nach Rom ist,
+ Euer Oheim, mich einst ein Gebet; es hatte dasselbe
+ Abt von Schluckauf gesetzt und gab es meinem Gemahle,
+ Dem er sich günstig erwies, auf einen Zettel geschrieben.
+ Dieses Gebet, so sagte der Abt, ist heilsam den Männern,
+ Die ins Gefecht sich begeben; man muß es nüchtern des Morgens
+ Überlesen, so bleibt man des Tags von Not und Gefahren
+ Völlig befreit, vorm Tode geschützt, vor Schmerzen und Wunden.
+ Tröstet Euch, Neffe, damit, ich will es morgen beizeiten
+ Über Euch lesen, so geht Ihr getrost und ohne Besorgnis.
+ Liebe Muhme, versetzte der Fuchs: ich danke von Herzen,
+ Ich gedenk es Euch wieder. Doch muß mir immer am meisten
+ Meiner Sache Gerechtigkeit helfen und meine Gewandtheit.
+
+ Reinekens Freunde blieben beisammen die Nacht durch und scheuchten
+ Seine Grillen durch muntre Gespräche. Frau Rückenau aber
+ War vor allen besorgt und geschäftig, sie ließ ihn behende
+ Zwischen Kopf und Schwanz und Brust und Bauche bescheren
+ Und mit Fett und öle bestreichen; es zeigte sich aber
+ Reineke fett und rund und wohl zu Fuße. Daneben
+ Sprach sie: Höret mich an, bedenket, was Ihr zu tun habt,
+ Höret den Rat verständiger Freunde, das hilft Euch am besten.
+ Trinket nur brav und haltet das Wasser, und kommt Ihr des Morgens
+ In den Kreis, so macht es gescheit, benetzet den rauhen
+ Wedel über und über und sucht den Gegner zu treffen;
+ Könnt Ihr die Augen ihm salben, so ists am besten geraten,
+ Sein Gesicht verdunkelt sich gleich; es kommt Euch zustatten,
+ Und ihn hindert es sehr. Auch müßt Ihr anfangs Euch furchtsam
+ Stellen und gegen den Wind mit flüchtigen Füßen entweichen.
+ Wenn er Euch folget, erregt nur den Staub, auf daß Ihr die Augen
+ Ihm mit Unrat und Sande verschließt. Dann springet zur Seite,
+ Paßt auf jede Bewegung, und wenn er die Augen sich auswischt,
+ Nehmt des Vorteils gewahr und salbt ihm aufs neue die Augen
+ Mit dem ätzenden Wasser, damit er völlig erblinde,
+ Nicht mehr wisse, wo aus noch ein, und der Sieg Euch verbleibe.
+ Lieber Neffe, schlaft nur ein wenig, wir wollen Euch wecken,
+ Wenn es Zeit ist. Doch will ich sogleich die heiligen Worte
+ Über Euch lesen, von welchen ich sprach, auf daß ich Euch stärke.
+ Und sie legt' ihm die Hand aufs Haupt und sagte die Worte:
+ Nekräts negibaul geid sum namteflih dnudna mein tedahcs!
+ Nun Glück auf! nun seid Ihr verwahrt! Das Nämliche sagte
+ Oheim Grimbart; dann führten sie ihn und legten ihn schlafen.
+ Ruhig schlief er. Die Sonne ging auf; da kamen die Otter
+ Und der Dachs, den Vetter zu wecken. Sie grüßten ihn freundlich,
+ Und sie sagten: Bereitet Euch wohl! Da brachte die Otter
+ Eine junge Ente hervor und reicht' sie ihm, sagend:
+ Eßt, ich habe sie Euch mit manchem Sprunge gewonnen
+ An dem Damme bei Hünerbrot; laßts Euch belieben, mein Vetter.
+
+ Gutes Handgeld ist das, versetzte Reineke munter:
+ So was verschmäh ich nicht leicht. Das möge Gott Euch vergelten,
+ Daß Ihr meiner gedenkt! Er ließ das Essen sich schmecken
+ Und das Trinken dazu und ging mit seinen Verwandten
+ In den Kreis, auf den ebenen Sand, da sollte man kämpfen.
+
+
+
+
+
+ Zwölfter Gesang
+
+
+ Als der König Reineken sah, wie dieser am Kreise
+ Glatt geschoren sich zeigte, mit Öl und schlüpfrigem Fette
+ Über und über gesalbt, da lacht' er über die Maßen.
+ Fuchs! wer lehrte dich das? so rief er: mag man doch billig
+ Reineke Fuchs dich heißen, du bist beständig der Lose!
+ Allerorten kennst du ein Loch und weißt dir zu helfen.
+
+ Reineke neigte sich tief vor dem Könige, neigte besonders
+ Vor der Königin sich und kam mit mutigen Sprüngen
+ In den Kreis. Da hatte der Wolf mit seinen Verwandten
+ Schon sich gefunden; sie wünschten dem Fuchs ein schmähliches Ende;
+ Manches zornige Wort und manche Drohung vernahm er.
+ Aber Lynx und Lupardus, die Wärter des Kreises, sie brachten
+ Nun die Heilgen hervor, und beide Kämpfer beschworen,
+ Wolf und Fuchs, mit Bedacht die zu behauptende Sache.
+
+ Isegrim schwur mit heftigen Worten und drohenden Blicken:
+ Reineke sei ein Verräter, ein Dieb, ein Mörder und aller
+ Missetat schuldig, er sei auf Gewalt und Ehbruch betreten,
+ Falsch in jeglicher Sache; das gelte Leben um Leben!
+ Reineke schwur zur Stelle dagegen: er seie sich keiner
+ Dieser Verbrechen bewußt, und Isegrim lüge wie immer,
+ Schwöre falsch wie gewöhnlich, doch soll' es ihm nimmer gelingen,
+ Seine Lüge zur Wahrheit zu machen, am wenigsten diesmal.
+ Und es sagten die Wärter des Kreises: Ein jeglicher tue,
+ Was er schuldig zu tun ist! das Recht wird bald sich ergeben.
+ Groß und klein verließen den Kreis, die beiden alleine
+ Drin zu verschließen. Geschwind begann die äffin zu flüstern:
+ Merket, was ich Euch sagte, vergeßt nicht, dem Rate zu folgen!
+ Reineke sagte heiter darauf: Die gute Vermahnung
+ Macht mich mutiger gehn. Getrost! ich werde der Kühnheit
+ Und der List auch jetzt nicht vergessen, durch die ich aus manchen
+ Größern Gefahren entronnen, worein ich öfters geraten,
+ Wenn ich mir dieses und jenes geholt, was bis jetzt nicht bezahlt ist,
+ Und mein Leben kühnlich gewagt. Wie sollt ich nicht jetzo
+ Gegen den Bösewicht stehen? Ich hoff, ihn gewißlich zu schänden,
+ Ihn und sein ganzes Geschlecht, und Ehre den Meinen zu bringen.
+ Was er auch lügt, ich tränk es ihm ein. Nun ließ man die beiden
+ In dem Kreise zusammen, und alle schauten begierig.
+
+ Isegrim zeigte sich wild und grimmig, reckte die Tatzen,
+ Kam daher mit offenem Maul und gewaltigen Sprüngen.
+ Reineke, leichter als er, entsprang dem stürmenden Gegner
+ Und benetzte behende den rauhen Wedel mit seinem
+ Ätzenden Wasser und schleift' ihn im Staube, mit Sand ihn zu füllen.
+ Isegrim dachte, nun hab er ihn schon! da schlug ihm der Lose
+ Über die Augen den Schwanz, und Hören und Sehen verging ihm.
+ Nicht das erstemal übt' er die List, schon viele Geschöpfe
+ Hatten die schädliche Kraft des ätzenden Wassers erfahren.
+ Isegrims Kinder blendet' er so, wie anfangs gesagt ist;
+ Und nun dacht er den Vater zu zeichnen. Nachdem er dem Gegner
+ So die Augen gesalbt, entsprang er seitwärts und stellte
+ Gegen den Wind sich, rührte den Sand und jagte des Staubes
+ Viel in die Augen des Wolfs, der sich mit Reiben und Wischen
+ Hastig und übel benahm und seine Schmerzen vermehrte.
+ Reineke wußte dagegen geschickt den Wedel zu führen,
+ Seinen Gegner aufs neue zu treffen und gänzlich zu blenden.
+ Übel bekam es dem Wolfe! denn seinen Vorteil benutzte
+ Nun der Fuchs. Sobald er die schmerzlich tränenden Augen
+ Seines Feindes erblickte, begann er mit heftigen Sprüngen,
+ Mit gewaltigen Schlägen auf ihn zu stürmen, zu kratzen
+ Und zu beißen und immer die Augen ihm wieder zu salben.
+ Halb von Sinnen tappte der Wolf, da spottete seiner
+ Reineke dreister und sprach: Herr Wolf, Ihr habt wohl vorzeiten
+ Manch unschuldiges Lamm verschlungen, in Euerem Leben
+ Manch unsträfliches Tier verzehrt: ich hoffe, sie sollen
+ Künftig Ruhe genießen, auf alle Fälle bequemt Ihr
+ Euch, sie in Frieden zu lassen, und nehmet Segen zum Lohne.
+ Eure Seele gewinnt bei dieser Buße, besonders
+ Wenn Ihr das Ende geduldig erwartet. Ihr werdet für diesmal
+ Nicht aus meinen Händen entrinnen, Ihr müßtet mit Bitten
+ Mich versöhnen, da schont ich Euch wohl und ließ' Euch das Leben.
+
+ Hastig sagte Reineke das und hatte den Gegner
+ Fest an der Kehle gepackt und hofft ihn also zu zwingen.
+ Isegrim aber, stärker als er, bewegte sich grimmig,
+ Mit zwei Zügen riß er sich los. Doch Reineke griff ihm
+ Ins Gesicht, verwundet' ihn hart und riß ihm ein Auge
+ Aus dem Kopfe, es rann ihm das Blut die Nase herunter.
+ Reineke rief: So wollt ich es haben! so ist es gelungen!
+ Blutend verzagte der Wolf, und sein verlorenes Auge
+ Macht' ihn rasend, er sprang, vergessend Wunden und Schmerzen,
+ Gegen Reineken los und druckt' ihn nieder zu Boden.
+ Übel befand sich der Fuchs, und wenig half ihm die Klugheit.
+ Einen der vorderen Füße, die er als Hände gebrauchte,
+ Faßt' ihm Isegrim schnell und hielt ihn zwischen den Zähnen.
+ Reineke lag bekümmert am Boden, er sorgte zur Stunde
+ Seine Hand zu verlieren und dachte tausend Gedanken.
+ Isegrim brummte dagegen mit hohler Stimme die Worte:
+
+ Deine Stunde, Dieb, ist gekommen! Ergib dich zur Stelle,
+ Oder ich schlage dich tot für deine betrüglichen Taten!
+ Ich bezahle dich nun, es hat dir wenig geholfen,
+ Staub zu kratzen, Wasser zu lassen, das Fell zu bescheren,
+ Dich zu schmieren; wehe dir nun! du hast mir so vieles
+ Übel getan, gelogen auf mich, mir das Auge geblendet,
+ Aber du sollst nicht entgehn, ergib dich, oder ich beiße!
+
+ Reineke dachte: Nun geht es mir schlimm, was soll ich beginnen?
+ Geb ich mich nicht, so bringt er mich um, und wenn ich mich gebe,
+ Bin ich auf ewig beschimpft. Ja, ich verdiene die Strafe,
+ Denn ich hab ihn zu übel behandelt, zu gröblich beleidigt.
+ Süße Worte versucht' er darauf, den Gegner zu mildern.
+ Lieber Oheim! sagt' er zu ihm: ich werde mit Freuden
+ Euer Lehnsmann sogleich mit allem, was ich besitze.
+ Gerne geh ich als Pilger für Euch zum Heiligen Grabe,
+ In das Heilige Land, in alle Kirchen, und bringe
+ Ablaß genug von dannen zurück. Es gereichet derselbe
+ Eurer Seele zu Nutz und soll für Vater und Mutter
+ Übrig bleiben, damit sich auch die im ewigen Leben
+ Dieser Wohltat erfreun; wer ist nicht ihrer bedürftig?
+ Ich verehr Euch, als wärt Ihr der Papst, und schwöre den teuren
+ Heiligen Eid, von jetzt auf alle künftige Zeiten
+ Ganz der Eure zu sein mit allen meinen Verwandten.
+ Alle sollen Euch dienen zu jeder Stunde. So schwör ich!
+ Was ich dem Könige selbst nicht verspräche, das sei Euch geboten.
+ Nehmt Ihr es an, so wird Euch dereinst die Herrschaft des Landes.
+ Alles, was ich zu fangen verstehe, das will ich Euch bringen:
+ Gänse, Hühner, Enten und Fische, bevor ich das mindste
+ Solcher Speise verzehre, ich laß Euch immer die Auswahl,
+ Eurem Weib und Kindern. Ich will mit Fleiße darneben
+ Euer Leben beraten, es soll Euch kein übel berühren.
+ Lose heiß ich, und Ihr seid stark, so können wir beide
+ Große Dinge verrichten. Zusammen müssen wir halten,
+ Einer mit Macht, der andre mit Rat, wer wollt uns bezwingen?
+ Kämpfen wir gegeneinander, so ist es übel gehandelt.
+ Ja, ich hätt es niemals getan, wofern ich nur schicklich
+ Hätte den Kampf zu vermeiden gewußt; Ihr fordertet aber,
+ Und ich mußte denn wohl mich ehrenhalber bequemen.
+ Aber ich habe mich höflich gehalten und während des Streites
+ Meine ganze Macht nicht bewiesen; es muß dir, so dacht ich,
+ Deinen Oheim zu schonen, zur größten Ehre gereichen.
+ Hätt ich Euch aber gehaßt, es wär Euch anders gegangen.
+ Wenig Schaden habt Ihr gelitten, und wenn aus Versehen
+ Euer Auge verletzt ist, so bin ich herzlich bekümmert.
+ Doch das Beste bleibt mir dabei: ich kenne das Mittel,
+ Euch zu heilen, und teil ichs Euch mit, Ihr werdet mirs danken.
+ Bliebe das Auge gleich weg, und seid Ihr sonst nur genesen,
+ Ist es Euch immer bequem; Ihr habet, legt Ihr Euch schlafen,
+ Nur Ein Fenster zu schließen, wir andern bemühen uns doppelt.
+ Euch zu versöhnen, sollen sogleich sich meine Verwandten
+ Vor Euch neigen, mein Weib und meine Kinder, sie sollen
+ Vor des Königes Augen im Angesicht dieser Versammlung
+ Euch ersuchen und bitten, daß Ihr mir gnädig vergebet
+ Und mein Leben mir schenkt. Dann will ich offen bekennen,
+ Daß ich unwahr gesprochen und Euch mit Lügen geschändet,
+ Euch betrogen, wo ich gekonnt. Ich verspreche, zu schwören,
+ Daß mir von Euch nichts Böses bekannt ist und daß ich von nun an
+ Nimmer Euch zu beleidigen denke. Wie könntet Ihr jemals
+ Größere Sühne verlangen, als die, wozu ich bereit bin?
+ Schlagt Ihr mich tot, was habt Ihr davon? es bleiben Euch immer
+ Meine Verwandten zu fürchten und meine Freunde; dagegen,
+ Wenn Ihr mich schont, verlaßt Ihr mit Ruhm und Ehren den Kampfplatz,
+ Scheinet jeglichem edel und weise: denn höher vermag sich
+ Niemand zu heben, als wenn er vergibt. Es kommt Euch so bald nicht
+ Diese Gelegenheit wieder, benutzt sie. übrigens kann mir
+ Jetzt ganz einerlei sein, zu sterben oder zu leben.
+
+ Falscher Fuchs! versetzte der Wolf. wie wärst du so gerne
+ Wieder los! Doch wäre die Welt von Golde geschaffen,
+ Und bötest du sie mir in deinen Nöten, ich würde
+ Dich nicht lassen! Du hast mir so oft vergeblich geschworen,
+ Falscher Geselle! Gewiß, nicht Eierschalen erhielt' ich
+ Ließ' ich dich los. Ich achte nicht viel auf deine Verwandten;
+ Ich erwarte, was sie vermögen, und denke so ziemlich
+ Ihre Feindschaft zu tragen. Du Schadenfroher! wie würdest
+ Du nicht spotten, gäb ich dich frei auf deine Beteurung.
+ Wer dich nicht kennte, wäre betrogen. Du hast mich, so sagst du,
+ Heute geschont, du leidiger Dieb! und hängt mir das Auge
+ Nicht zum Kopfe heraus? Du Bösewicht, hast du die Haut mir
+ Nicht an zwanzig Orten verletzt? und konnt ich nur einmal
+ Wieder zu Atem gelangen, da du den Vorteil gewonnen?
+ Töricht wär es gehandelt, wenn ich für Schaden und Schande
+ Dir nun Gnad und Mitleid erzeigte. Du brachtest, Verräter,
+ Mich und mein Weib in Schaden und Schmach, das kostet dein Leben.
+
+ Also sagte der Wolf. Indessen hatte der Lose
+ Zwischen die Schenkel des Gegners die andre Tatze geschoben;
+ Bei den empfindlichsten Teilen ergriff er denselben und ruckte,
+ Zerrt' ihn grausam, ich sage nicht mehr--Erbärmlich zu schreien
+ Und zu heulen begann der Wolf mit offenem Munde.
+ Reineke zog die Tatze behend aus den klemmenden Zähnen,
+ Hielt mit beiden den Wolf nun immer fester und fester,
+ Kneipt' und zog; da heulte der Wolf und schrie so gewaltig
+ Daß er Blut zu speien begann, es brach ihm vor Schmerzen
+ Über und über der Schweiß durch seine Zotten, er löste
+ Sich vor Angst. Das freute den Fuchs, nun hofft' er zu siegen,
+ Hielt ihn immer mit Händen und Zähnen, und große Bedrängnis,
+ Große Pein kam über den Wolf, er gab sich verloren.
+ Blut rann über sein Haupt, aus seinen Augen, er stürzte
+ Nieder, betäubt. Es hätte der Fuchs des Goldes die Fülle
+ Nicht für diesen Anblick genommen; so hielt er ihn immer
+ Fest und schleppte den Wolf und zog, daß alle das Elend
+ Sahen, und kneipt' und druckt' und biß und klaute den Armen,
+ Der mit dumpfem Geheul im Staub und eigenen Unrat
+ Sich mit Zuckungen wälzte, mit ungebärdigem Wesen.
+ Seine Freunde jammerten laut, sie baten den König:
+ Aufzunehmen den Kampf, wenn es ihm also beliebte.
+ Und der König versetzte: Sobald Euch allen bedünket,
+ Allen lieb ist, daß es geschehe, so bin ichs zufrieden.
+
+ Und der König gebot: die beiden Wärter des Kreises,
+ Lynx und Lupardus, sollten zu beiden Kämpfern hineingehn.
+ Und sie traten darauf in die Schranken und sprachen dem Sieger
+ Reineke zu: es sei nun genug, es wünsche der König,
+ Aufzunehmen den Kampf, den Zwist geendigt zu sehen.
+ Er verlangt, so fuhren sie fort: Ihr mögt ihm den Gegner
+ Überlassen, das Leben dem überwundenen schenken.
+ Denn, wenn einer getötet in diesem Zweikampf erläge,
+ Wäre es schade auf jeglicher Seite. Ihr habt ja den Vorteil!
+ Alle sahen es, Klein und Große. Auch fallen die besten
+ Männer Euch bei, Ihr habt sie für Euch auf immer gewonnen.
+
+ Reineke sprach: Ich werde dafür mich dankbar beweisen!
+ Gerne folg ich dem Willen des Königs, und was sich gebühret,
+ Tu ich gern; ich habe gesiegt, und Schöners verlang ich
+ Nichts zu erleben! Es gönne mir nur der König das Eine,
+ Daß ich meine Freunde befrage. Da riefen die Freunde
+ Reinekens alle: Es dünket uns gut, den Willen des Königs
+ Gleich zu erfüllen. Sie kamen zu Scharen zum Sieger gelaufen,
+ Alle Verwandte, der Dachs und der Affe und Otter und Biber.
+ Seine Freunde waren nun auch der Marder, die Wiesel,
+ Hermelin und Eichhorn und viele, die ihn befeindet,
+ Seinen Namen zuvor nicht nennen mochten, sie liefen
+ Alle zu ihm. Da fanden sich auch, die sonst ihn verklagten,
+ Seine Verwandte anjetzt, und brachten Weiber und Kinder,
+ Große, mittlere, kleine, dazu die kleinsten; es tat ihm
+ Jeglicher schön, sie schmeichelten ihm und konnten nicht enden.
+
+ In der Welt gehts immer so zu. Dem Glücklichen sagt man:
+ Bleibet lange gesund! er findet Freunde die Menge.
+ Aber wem es übel gerät, der mag sich gedulden!
+ Ebenso fand es sich hier. Ein jeglicher wollte der nächste
+ Neben dem Sieger sich blähn. Die einen flöteten, andre
+ Sangen, bliesen Posaunen und schlugen Pauken dazwischen.
+ Reinekens Freunde sprachen zu ihm: Erfreut Euch, Ihr habet
+ Euch und Euer Geschlecht in dieser Stunde gehoben!
+ Sehr betrübten wir uns, Euch unterliegen zu sehen,
+ Doch es wandte sich bald, es war ein treffliches Stückchen.
+ Reineke sprach: Es ist mit geglückt, und dankte den Freunden.
+ Also gingen sie hin mit großem Getümmel, vor allen
+ Reineke mit den Wärtern des Kreises, und so gelangten
+ Sie zum Throne des Königs, da kniete Reineke nieder.
+ Aufstehn hieß ihn der König und sagte vor allen den Herren:
+ Euren Tag bewahrtet Ihr wohl, Ihr habet mit Ehren
+ Eure Sache vollführt, deswegen sprech ich Euch ledig;
+ Alle Strafe hebet sich auf, ich werde darüber
+ Nächstens sprechen im Rat mit meinen Edlen, sobald nur
+ Isegrim wieder geheilt ist; für heute schließ ich die Sache.
+
+ Eurem Rate, gnädiger Herr, versetzte bescheiden
+ Reineke drauf: ist heilsam zu folgen; Ihr wißt es am besten.
+ Als ich hierher kam, klagten so viele, sie logen dem Wolfe,
+ Meinem mächtigen Feinde, zulieb, der wollte mich stürzen,
+ Hatte mich fast in seiner Gewalt; da riefen die andern:
+ Kreuzige! klagten mit ihm, nur mich aufs letzte zu bringen,
+ Ihm gefällig zu sein; denn alle konnten bemerken:
+ Besser stand er bei Euch als ich, und keiner gedachte
+ Weder ans Ende, noch wie sich vielleicht die Wahrheit verhalte.
+ Jenen Hunden vergleich ich sie wohl, die pflegten in Menge
+ Vor der Küche zu stehn und hofften, es werde wohl ihrer
+ Auch der günstige Koch mit einigen Knochen gedenken.
+ Einen ihrer Gesellen erblickten die wartenden Hunde,
+ Der ein Stück gesottenes Fleisch dem Koche genommen
+ Und nicht eilig genug zu seinem Unglück davonsprang.
+ Denn es begoß ihn der Koch mit heißem Wasser von hinten
+ Und verbrüht' ihm den Schwanz; doch ließ er die Beute nicht fallen,
+ Mengte sich unter die andern, sie aber sprachen zusammen:
+ Seht, wie diesen der Koch vor allen andern begünstigt!
+ Seht, welch köstliches Stück er ihm gab! Und jener versetzte:
+ Wenig begreift ihr davon, ihr lobt und preist mich von vorne,
+ Wo es euch freilich gefällt, das köstliche Fleisch zu erblicken;
+ Aber beseht mich von hinten und preist mich glücklich, wofern ihr
+ Eure Meinung nicht ändert. Da sie ihn aber besahen,
+ War er schrecklich verbrannt, es fielen die Haare herunter,
+ Und die Haut verschrumpft' ihm am Leib. Ein Grauen befiel sie,
+ Niemand wollte zur Küche, sie liefen und ließen ihn stehen.
+ Herr, die Gierigen mein ich hiermit. Solange sie mächtig
+ Sind, verlangt sie ein jeder zu seinem Freunde zu haben.
+ Stündlich sieht man sie, sie tragen das Fleisch in dem Munde.
+ Wer sich nicht nach ihnen bequemt, der muß es entgelten,
+ Loben muß man sie immer, so übel sie handeln, und also
+ Stärkt man sie nur in sträflicher Tat. So tut es ein jeder,
+ Der nicht das Ende bedenkt. Doch werden solche Gesellen
+ Öfters gestraft, und ihre Gewalt nimmt ein trauriges Ende.
+ Niemand leidet sie mehr, so fallen zur Rechten und Linken
+ Ihnen die Haare vom Leibe. Das sind die vorigen Freunde,
+ Groß und klein, sie fallen nun ab und lassen sie nackend;
+ So wie sämtliche Hunde sogleich den Gesellen verließen,
+ Als sie den Schaden bemerkt und seine geschändete Hälfte.
+ Gnädiger Herr, Ihr werdet verstehn, von Reineken soll man
+ Nie so reden, es sollen die Freunde sich meiner nicht schämen.
+ Euer Gnaden dank ich aufs beste, und könnt ich nur immer
+ Euren Willen erfahren, ich würd ihn gerne vollbringen.
+
+ Viele Worte helfen uns nichts, versetzte der König:
+ Alles hab ich gehört und, was Ihr meinet, verstanden.
+ Euch, als edlen Baron, Euch will ich im Rate wie vormals
+ Wiedersehen, ich mach Euch zur Pflicht, zu jeglicher Stunde
+ Meinen geheimen Rat zu besuchen. So bring ich Euch wieder
+ Völlig zu Ehren und Macht, und Ihr verdient es, ich hoffe.
+ Helfet alles zum besten wenden. Ich kann Euch am Hofe
+ Nicht entbehren, und wenn Ihr die Weisheit mit Tugend verbindet,
+ So wird niemand über Euch gehn und schärfer und klüger
+ Rat und Wege bezeichnen. Ich werde künftig die Klagen
+ Über Euch weiter nicht hören. Und Ihr sollt immer an meiner
+ Stelle reden und handeln als Kanzler des Reiches. Es sei Euch
+ Also mein Siegel befohlen, und was Ihr tuet und schreibet,
+ Bleibe getan und geschrieben.--So hat nun Reineke billig
+ Sich zu großen Gunsten geschwungen, und alles befolgt man,
+ Was er rät und beschließt, zu Frommen oder zu Schaden.
+
+ Reineke dankte dem König und sprach: Mein edler Gebieter,
+ Zu viel Ehre tut Ihr mir an, ich will es gedenken,
+ Wie ich hoffe Verstand zu behalten. Ihr sollt es erfahren.
+
+ Wie es dem Wolf indessen erging, vernehmen wir kürzlich.
+ Überwunden lag er im Kreise und übel behandelt,
+ Weib und Freunde gingen zu ihm und Hinze, der Kater,
+ Braun, der Bär, und Kind und Gesind und seine Verwandten.
+ Klagend legten sie ihn auf eine Bahre, man hatte
+ Wohl mit Heu sie gepolstert, ihn warm zu halten, und trugen
+ Aus dem Kreis ihn heraus. Man untersuchte die Wunden,
+ Zählete sechsundzwanzig; es kamen viele Chirurgen,
+ Die sogleich ihn verbanden und heilende Tropfen ihm reichten.
+ Alle Glieder waren ihm lahm. Sie rieben ihm gleichfalls
+ Kraut ins Ohr, er nieste gewaltig von vornen und hinten.
+ Und sie sprachen zusammen: Wir wollen ihn salben und baden;
+ Trösteten solchergestalt des Wolfes traurige Sippschaft,
+ Legten ihn sorglich zu Bette, da schlief er, aber nicht lange,
+ Wachte verworren und kümmerte sich, die Schande, die Schmerzen
+ Setzten ihm zu, er jammerte laut und schien zu verzweifeln;
+ Sorglich wartete Gieremund sein, mit traurigem Mute,
+ Dachte den großen Verlust. Mit mannigfaltigen Schmerzen
+ Stand sie, bedauerte sich und ihre Kinder und Freunde,
+ Sah den leidenden Mann, er konnt es niemals verwinden,
+ Raste vor Schmerz, der Schmerz war groß und traurig die Folgen.
+
+ Reineken aber behagte das wohl, er schwatzte vergnüglich
+ Seinen Freunden was vor und hörte sich preisen und loben.
+ Hohen Mutes schied er von dannen. Der gnädige König
+ Sandte Geleite mit ihm und sagte freundlich zum Abschied:
+ Kommt bald wieder! Da kniete der Fuchs am Throne zur Erden,
+ Sprach: Ich dank Euch von Herzen und meiner gnädigen Frauen,
+ Eurem Rate, den Herren zusamt. Es spare, mein König,
+ Gott zu vielen Ehren Euch auf, und was Ihr begehret,
+ Tu ich gern, ich lieb Euch gewiß und bin es Euch schuldig.
+ Jetzo, wenn Ihrs vergönnt, gedenk ich nach Hause zu reisen,
+ Meine Frau und Kinder zu sehn, sie warten und trauren.
+
+ Reiset nur hin, versetzte der König: und fürchtet nichts weiter.
+ Also machte sich Reineke fort, vor allen begünstigt.
+ Manche seines Gelichters verstehen dieselbigen Künste,
+ Rote Bärte tragen nicht alle; doch sind sie geborgen.
+
+ Reineke zog mit seinem Geschlecht, mit vierzig Verwandten,
+ Stolz von Hofe, sie waren geehrt und freuten sich dessen.
+ Als ein Herr trat Reineke vor, es folgten die andern.
+ Frohen Mutes erzeigt' er sich da, es war ihm der Wedel
+ Breit geworden, er hatte die Gunst des Königs gefunden.
+ War nun wieder im Rat und dachte, wie er es nutzte.
+ Wen ich liebe, dem frommts, und meine Freunde genießens,
+ Also dacht er: die Weisheit ist mehr als Gold zu verehren.
+
+ So begab sich Reineke fort, begleitet von allen
+ Seinen Freunden, den Weg nach Malepartus, der Feste.
+ Allen zeigt' er sich dankbar, die sich ihm günstig erwiesen,
+ Die in bedenklicher Zeit an seiner Seite gestanden.
+ Seine Dienste bot er dagegen; sie schieden und gingen
+ Zu den Seinigen jeder, und er in seiner Behausung
+ Fand sein Weib, Frau Ermelyn, wohl: sie grüßt' ihn mit Freuden,
+ Fragte nach seinem Verdruß, und wie er wieder entkommen.
+ Reineke sagte: Gelang es mir doch! ich habe mich wieder
+ In die Gunst des Königs gehoben, ich werde wie vormals
+ Wieder im Rate mich finden, und unserm ganzen Geschlechte
+ Wird es zur Ehre gedeihn. Er hat mich zum Kanzler des Reiches
+ Laut vor allen ernannt und mir das Siegel befohlen.
+ Alles, was Reineke tut und schreibt, es bleibet für immer
+ Wohlgetan und geschrieben, das mag sich jeglicher merken!
+
+ Unterwiesen hab ich den Wolf in wenig Minuten,
+ Und er klagt mir nicht mehr. Geblendet ist er, verwundet
+ Und beschimpft sein ganzes Geschlecht; ich hab ihn gezeichnet!
+ Wenig nützt er künftig der Welt. Wir kämpften zusammen,
+ Und ich hab ihn untergebracht. Er wird mir auch schwerlich
+ Wieder gesund. Was liegt mir daran? Ich bleibe sein Vormann,
+ Aller seiner Gesellen, die mit ihm halten und stehen.
+
+ Reinekens Frau vergnügte sich sehr; so wuchs auch den beiden
+ Kleinen Knaben der Mut bei ihres Vaters Erhöhung.
+ Untereinander sprachen sie froh: Vergnügliche Tage
+ Leben wir nun, von allen verehrt, und denken indessen
+ Unsre Burg zu befestgen und heiter und sorglos zu leben.
+
+ Hochgeehrt ist Reineke nun! Zur Weisheit bekehre
+ Bald sich jeder und meide das Böse, verehre die Tugend!
+ Dieses ist der Sinn des Gesangs, in welchem der Dichter
+ Fabel und Wahrheit gemischt, damit ihr das Böse vom Guten
+ Sondern möget und schätzen die Weisheit, damit auch die Käufer
+ Dieses Buchs vom Laufe der Welt sich täglich belehren.
+ Denn so ist es beschaffen, so wird es bleiben, und also
+ Endigt sich unser Gedicht von Reinekens Wesen und Taten.
+ Uns verhelfe der Herr zur ewigen Herrlichkeit! Amen.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Reineke Fuchs, by Johann Wolfgang von Goethe
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+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REINEKE FUCHS ***
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+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.