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+Project Gutenberg's Briefe an eine Freundin, by Wilhelm von Humboldt
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Briefe an eine Freundin
+
+Author: Wilhelm von Humboldt
+
+Release Date: June 11, 2007 [EBook #21801]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE AN EINE FREUNDIN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner, Evelyn Kawrykow, Juliet
+Sutherland and the Online Distributed Proofreading Team
+at http://www.pgdp.net
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+
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+
+WILHELM VON HUMBOLDT
+
+BRIEFE AN
+EINE FREUNDIN
+
+HERAUSGEGEBEN VON
+DR. HUHNHÄUSER
+
+
+BERLIN 1921
+VOLKSVERBAND DER
+BÜCHERFREUNDE
+
+WEGWEISER-VERLAG G. M. B. H.
+
+
+
+
+Vorbericht von Charlotte Diede.
+
+
+Die Briefe, welche hier erscheinen, werden gewiß als eine willkommene
+Zugabe zu den gesammelten Werken Wilhelm von Humboldts empfangen werden.
+Oft ist der Wunsch ausgesprochen, daß, außer den gelehrten Schriften,
+die man allein und getrennt von denen wünschte, die nicht in dieses Fach
+gehören, noch mehr Ungedrucktes, besonders Briefe, erscheinen möchten.
+Die hier vorliegenden fallen in die Jahre von 1788 bis 1835. Jahre waren
+nötig, bis die Herausgeberin den Entschluss fassen und festhalten
+konnte, von dem, was ihr verborgenes Heiligtum war, etwas durch den
+Druck mitzuteilen. Endlich überzeugte sie sich, daß das nicht untergehen
+darf, was wesentlich zur Charakteristik eines wahrhaft großen Mannes
+gehört.
+
+Was Wilhelm von Humboldt in bewegter, geschichtlich-wichtiger Zeit dem
+Staat war; was er voll hoher Humanität und edler Freisinnigkeit den
+Völkern, der Menschheit leistete; was er für Wissenschaft und
+Gelehrsamkeit erforschte, bewahrt die Geschichte und verzeichnet ihr
+Griffel auf unvergängliche Tafeln. Aber in dem unerschöpflichen Reichtum
+der Gedanken, der Tiefe der Empfindung, der Mannigfaltigkeit, Höhe und
+Reinheit der Ideen, worin der Verewigte lebte, waltete vor allem -- wie
+der edle Bruder sich ausdrückt -- »das herrliche Gemüt, die Seele voll
+Hochsinn und Adel«, die ihn belebte. Und wer kleidete seine Gesinnungen
+in eine so kraftvolle und würdige Sprache! Doch ist diese, wie schön sie
+auch war, nur die äußere Schale und Hülle des hohen Geistes. Die ihm
+inwohnende Seele war: ein ganz uneigennütziger, sich immer selbst
+verleugnender, starker, ganz selbstloser Wille; mit diesem verband sich
+der tiefe Sinn, der heilige Ernst, der der Wahrheit entstammt, die Macht
+der Überzeugung, die liebevollste Schonung, die Milde im Urteilen, und
+der unendliche Zauber der zartesten Empfindung, der alles umfaßte.
+
+Alles das spricht sich hinreißend in diesen Briefen an eine Freundin
+aus, die nach dem Ableben derselben für den Druck hinterlassen worden.
+Außerdem, daß sie den Verfasser verklären, könnte in der Herausgabe noch
+ein anderer, höher belohnender Zweck erkannt werden: die Briefe wirkten
+sehr wohltätig einst bei jedem Empfange. Sie waren an eine vom Glück
+vergessene Freundin geschrieben, für sie gedacht und empfunden, dieser
+sollten sie segensvoll werden, und sie erreichten ihren Zweck. Sie
+können nur so auf die Leser wirken, für welche sie ausgewählt sind.
+Bleibt ja von großen Menschen ihr Geist, oder was aus ihm hervorging,
+fortwirkend der Nachwelt, wenn er gleich selbst die Welt verlassen hat.
+
+Die Briefe sind nicht für jedermann, wie das kein Buch ist. Aber es
+sind, für die rechten Leser und Leserinnen, reiche mannigfache Gaben,
+die allerdings immer auf einen Gegenstand sich bezogen, wo sie voll
+Verehrung und Dankbarkeit empfangen wurden. Sie berührten das Außenleben
+nur, um einen Anknüpfungspunkt für Ideen daraus zu nehmen. Sie gingen
+hervor aus einem unerschöpflichen Quell inneren, geistigen Reichtums.
+Der eigene Stoff, der nie von außen genommen, nie ausgehen konnte,
+belebte alles.
+
+Die Briefe sind nicht gelehrten oder wissenschaftlichen, noch weniger
+historisch-politischen, ja nicht einmal ästhetischen oder romantischen
+Inhalts. Auch wenn sie einmal bei äußeren Erscheinungen verweilen,
+kehren sie gleich wieder auf das innere _Sein_ zurück, das allen Schein
+verschmäht. Sie kompromittieren niemand, sie enthalten kein Wort, das
+irgend jemand unangenehm sein könnte oder die Zensur fürchten dürfte.
+Sie zeigen, wie ein großer Mann Teilnahme und Freundschaft auszusprechen
+und zu beweisen, wie er verschiedene Empfindungen zu sondern und in
+reine Harmonie zu bringen, und wie er zu überzeugen weiß, oft selbst mit
+rührender Bescheidenheit. So verstand es höchst trostreich der Edle, wie
+das viele Briefe beweisen, über Leben und Schicksale zu erheben, um auf
+den Standpunkt zu geleiten, von dem aus er selbst das irdische Dasein
+betrachtete.
+
+
+So weit die Einleitung zum Vorbericht von befreundeter Hand. Das Weitere
+kann allein die Herausgeberin wahr und getreu hinzufügen, ja, sie allein
+_darf_ es.
+
+Und _wahr_ und _treu_ will ich hinzusetzen, was als Erklärung nötig ist,
+doch erst an das Vorhergehende anreihen, was noch dahin gehört. Dieser
+Briefwechsel war seit einer langen Reihe von Jahren mein einziges, mein
+höchstes, ungekanntes Glück. Was ich an Teilnahme und Trost bei allem,
+was mich traf, an Rat und Ermutigung, an Erhebung und Erheiterung,
+endlich an Erkenntnis und Erleuchtung über höhere Wahrheiten bedurfte,
+ich nahm es aus diesem unerschöpflichen Schatz, der mir immer zugänglich
+und zur Seite war.
+
+Ein solcher Briefwechsel, der durch nichts gestört und unterbrochen
+wurde, ist Umgang, der gegenseitig zu näherer Kenntnis des Charakters
+führt. Ein Geheimnis kann er nicht sein, die ganze Welt könnte den
+Inhalt wissen. Aber sie waren an mich geschrieben, so war es das
+_Heiligtum_ meines Lebens; so bewahrte ich schweigend und verborgen, was
+nur für mich geschrieben war, mich entschädigte für große Entbehrungen,
+mich lohnte für viele Leiden, mir erschien wie mein zugewogenes
+Erdenglück, das mich ganz aussöhnte mit Schicksal und Verhängnis.
+
+Wie viel aus einem solchen, das innere Leben vertrauungsvoll berührenden
+Briefe ausgeschaltet werden muß, wie nicht die Hälfte bleiben kann,
+auch vieles durch Mitteilung entweiht werden würde, darf kaum angedeutet
+werden. Zugleich ist anderes wieder in dem Schönen und selbst Lobenden
+so charakteristisch, spricht den inneren Gemütsreichtum und die Fülle
+des gütigsten, gerechtesten Herzens so hinreißend aus, daß es denen
+nicht entzogen werden darf, die jede Erinnerung der Art gewiß heilig
+verehren. Daß alle diese die hier erscheinenden Briefe wie eine
+zwiefache Stimme aus einer unsichtbaren Welt, wie ein doppeltes
+Vermächtnis ansehen, ist mein Wunsch. Zuerst die teuern Hinterbliebenen
+des Verfassers, dann die große Zahl seiner Verehrer und Freunde, in
+deren Herzen gewiß nie sein Bild erlöschen wird, da ihm die Stelle darin
+durch Liebe und Ehrfurcht geweiht ist. Demnächst sind sie ein
+Vermächtnis für den engen Kreis der Freunde der Herausgeberin, welche
+alle Papiere sorgfältig gesammelt, bewahrt, geordnet und
+treu-gewissenhaft ausgewählt hat. Jeder, der das Glück hatte, dem
+Vollendeten näher zu stehen und den er würdigte, ihm das Innere seiner
+hohen Seele aufzuschließen, wird ihn in den Briefen, in dem Gange seiner
+Ideen und den öfteren Selbstzeichnungen wiederfinden.
+
+Manches bedarf, nur um nicht ganz unverständlich zu sein, einer
+Erklärung, wozu ich mich ungern entschließe. Welche Frau, geehrt und
+beglückt durch Wilhelm von Humboldts Teilnahme und Freundschaft,
+gewürdigt vieljähriger, vertrauungsvoller Briefe und im Besitz so
+vieler geistreicher Blätter, könnte den Mut haben, ihre Ansichten und
+ihr Geschreibe neben das zu stellen, was aus seiner Feder floß! Ihn
+allein reden zu lassen ist geziemend und natürlich. Die Briefe selbst
+sind es und sie allein, worauf es ankommt, und welche Tendenz der
+Briefwechsel haben sollte, geht klar daraus hervor.
+
+Über den Beginn desselben möchte einige Nachricht dem einen und andern
+interessant sein. Kurz und einfach will ich sie geben.
+
+Wir lernten uns in früher Jugend, im Jahre 1788 in _Pyrmont_ kennen, wohin
+Herr von Humboldt, der in Göttingen studierte, von dort kam, und wohin
+ich, nur wenige Jahre jünger, meinen Vater begleitete, der alljährlich
+ein Bad besuchte. Wir wohnten in einem Hause, waren Tischnachbarn an der
+Wirtstafel und lebten in Gesellschaft meines Vaters drei glückliche
+Jugendtage von früh bis spät als unzertrennliche Spaziergänger in
+Pyrmonts Alleen und reizenden Tälern. Wir hatten uns so viel zu sagen!
+so viele Ansichten und Meinungen mitzuteilen! so viele Ideen
+auszutauschen! wir wurden nicht fertig. Wie leise diese oder jene Saite
+angeschlagen wurde, sie fand den tiefsten Anklang.
+
+Es war die letzte Epoche einer schönen, blüten- und hoffnungsreichen,
+poetischen Zeit, worin ein Teil der Jugend ideal und begeistert lebte,
+während der andere, wie heute, im Realismus prosaisch fortschritt. Wir
+gehörten beide zu dem ersten. Und es herrschte damals noch die schöne
+Ruhe vor dem nahen Sturm, der bald furchtbar ausbrach.
+
+Wenn die Jugend auch den klaren Begriff der Größe noch nicht hat, so
+ahnt und empfindet sie doch solche. Wilhelm von Humboldts Charakter war
+schon im Jüngling derselbe, wie er sich später und bis an das Ende
+seines Lebens aussprach. Schon 1788 lebte er in hohen und klaren Ideen,
+schon damals war die einzig heitere Ruhe über sein ganzes Wesen
+ausgegossen, die im Umgang höchst wohltätig ergriff und sich jeder
+Unterhaltung ebenso mitteilte. Jedes Wort war überzeugend und
+beleuchtete hell den Gegenstand, worüber er sprach.
+
+Herr von Humboldt reiste nach drei Tagen ab. Wir blieben länger. Mir
+blieb die Erinnerung von drei glücklichen Jugendtagen, die ein
+gewöhnliches, alltägliches langes Leben an Gehalt aufwiegen. Das
+Andenken derselben hat mich durch mein ganzes Leben begleitet. Mein
+neuer junger Freund hatte auf mich einen tiefen, nie vorher gekannten,
+nie in mir erloschenen Eindruck gemacht, der gesondert von andern
+Empfindungen, in sich geheiligt, wie ein geheimnisvoller Faden durch
+alle folgenden Verhängnisse meines Lebens ungesehen lies, und fest in
+mir verborgen blieb, den ich immer gesegnet und als eine gütige Fügung
+der Vorsehung angesehen habe. Es knüpften sich an diese Erinnerungen, so
+wenig als an die drei Tage selbst, weder Wünsche, noch Hoffnungen, noch
+Unruhe. Ich fühlte mich unendlich bereichert im Innern und meine Seele
+war mehr noch als vorher aufs Ernste gerichtet. Manches, was wir
+besprochen hatten, beschäftigte mich noch lange, und »das Gefühl fürs
+Wahre, Gute und Schöne« wurde klarer und stärker in mir.
+
+Wir sahen uns nicht wieder, auch hegte ich nicht die leiseste Hoffnung
+des Wiedersehens. Ich schloß die vorübergegangene schöne Erscheinung in
+das Allerheiligste und gab es nie heraus, sprach nie darüber und
+sicherte es so vor Entweihung durch fremde Berührung.
+
+Ein Stammbuchblättchen, ein in jener Zeit mehr als jetzt gebräuchliches
+Erinnerungszeichen, blieb mir ein sehr teures Andenken durch mein ganzes
+Leben. Ich ahnte nicht, wie bedeutend es noch werden würde, als ein
+Dokument, das hierher gehört, da es beides charakterisiert, den
+jugendlichen Humboldt und unser jugendliches Verhältnis.
+
+Bald nach dieser für mich in den späteren Folgen so wichtigen
+Bekanntschaft, im Frühjahr 1789, wurde ich verheiratet. Ich lebte in
+dieser kinderlosen Ehe nur fünf Jahre und trat in keine zweite.
+
+Mich trafen ungewöhnliche und schmerzlich-verwickelte Schicksale, und
+durch rätselhafte, geheime, erst spät enthüllte Intriguen und
+Feindschaften blieb mein ganzes Leben ein Gewebe von Widerwärtigkeiten,
+die ich später gesegnet habe, da nichts anders sein durfte, als es war,
+sollte ich der segensvollen Teilnahme des edelsten Freundes teilhaftig
+werden.
+
+In dieser Zeit begannen die großen Weltbegebenheiten und griffen mehr
+oder weniger in die Schicksale von Tausenden ein, die nichts damit zu
+tun hatten. Auch auf mich übten sie ihre Gewalt, indem sie mich eines
+Vermögens beraubten, das eben ausreichte, mir bei mäßigen Wünschen
+Unabhängigkeit zu sichern, wodurch mir viele Lebensbitterkeiten fern
+blieben, die ich später kennen lernte.
+
+In der ereignisschweren Zeit 1806 wohnte ich als Fremde in Braunschweig.
+Eine Reihe von Jahren hatte ich dort unter der milden Regierung des
+alten, allgeliebten, verehrten Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand gelebt. Es
+war nach der Schlacht bei Jena, wovon man so große Erwartungen hegte,
+als die Besitznahme deutscher Länder und die französische Herrschaft
+begann. Braunschweig traf der Schlag zuerst. Wie gewaltsam die Schritte
+auch waren, die geschahen, man sah sie als kriegerische Maßregeln an,
+aber nicht als Vorspiel dessen, was folgte. Man besorgte und befürchtete
+keine Fremdherrschaft.
+
+Jetzt erging eine Aufforderung, die allgemeine Last freiwillig oder
+gezwungen mitzutragen. An mich erging aber keine Anforderung, gern und
+freiwillig gab ich einen großen Teil meines Vermögens. Es war mir gerade
+ein Kapital ausgezahlt, das vorerst auf Wechsel stand, worüber ich
+gleich disponieren konnte; gefährlich schien es durchaus nicht, die
+Obligationen wurden von den Landständen ausgestellt und garantiert, die
+Gelder von ihnen empfangen. Man hielt das für sehr sicher. Mich hatten
+schwere Privatleiden in der Zeit getroffen, so, im Schmerz befangen,
+handelte ich wohl nicht vorsichtig genug. Wie es bald mit diesen
+Papieren ging, ist bekannt genug und gehört nicht weiter hierher.
+
+Bald kamen die wichtigen weltgeschichtlichen Jahre 1812, 13 und 14
+heran. Wer, der sie erlebte, denkt nicht gern und mit Freuden der
+Begeisterung jener Zeit, in der man des eigenen Geschicks vergaß, wenn
+es nicht zu schwer war! Ich lebte in dieser Zeit im Braunschweigischen.
+Wer hatte mehr gelitten als der Herzog selbst, wie hing ihm sein Volk an
+mit deutscher Treue und Liebe! Auf eine den gütigen Fürsten hochehrende
+Art war er mit meinen Verlusten und meiner daraus hervorgegangenen Lage
+bekannt geworden. Er rechnete mir, als einer Fremden, mein früheres
+Darlehn höher an, als es solches verdiente. Freunde von mir standen ihm
+nahe und machten ihn genauer mit allem bekannt. Der höchst gütige Fürst
+bezeigte mir in zwei Briefen seine Teilnahme an meinen Verlusten und den
+Wunsch, meine Lage gründlich zu ändern. Man riet mir, das Wohlwollen
+gleich in Anspruch zu nehmen und um eine Pension zu bitten. Das
+vermochte ich nicht. Ich vertraute dem fürstlichen Wort: nach glücklich
+beendeter Sache die Sorge für mich selbst zu übernehmen. Dies Vertrauen
+hätte mich gewiß nicht getäuscht, wäre er nicht bei Waterloo gefallen. --
+
+Mehrere einflußreiche Männer in hoher Stellung interessierten sich für
+meine Sache, um mir einigen Ersatz zu verschaffen, aber vergeblich.
+Meine großen Verluste blieben, wie hart und drückend sie waren,
+unersetzt.
+
+Um diese Zeit sprachen die Zeitungen viel in großen, ehrenvollen
+Erwartungen von dem Minister von Humboldt, der im Hauptquartier des Königs
+von Preußen und dann als dessen Bevollmächtigter auf dem Kongreß in Wien
+war. Plötzlich kam mir der Gedanke, mich in die Erinnerung des nie
+Vergessenen zurückzurufen, mich offen und ohne Rückhalt gegen ihn über
+meine dermalige Lage auszusprechen und es ihm und seiner Einsicht anheim zu
+stellen, _ob_ und _was_ für mich zu tun sei. So schnell wie der
+Gedanke in mir aufstieg, wurde er ausgeführt. Alles Jugendvertrauen kehrte
+während des Schreibens zurück. Ich gab dem teuern Freund einen möglichst
+kurzen Überblick über viele verhängnisvolle Jahre, verweilte aber länger
+bei der Gegenwart, die mir den Mut gegeben hatte zu diesem Schritt. Das
+heilig bewahrte Stammbuchblättchen war eine sprechende Beglaubigung. Von
+diesem Brief habe ich damals für mich eine Abschrift bewahrt und diese
+jetzt wiedergefunden, und da er die folgenden veranlaßte und den
+Briefwechsel eröffnete, so gehört er, stückweise, hierher und ich teile das
+Nötige daraus mit.
+
+Ich bekam auf der Stelle Antwort.
+
+Jeder, der den Vollendeten kannte, wird seinen Brief, den treuen
+Ausdruck des edelsten Gemüts, nicht ohne gerührtes Interesse lesen.
+
+
+Ehe jedoch zu den wertvollen Briefen übergegangen wird, möchte es nötig
+sein zu sagen, wie die Veröffentlichung oder vielmehr der Entschluß dazu
+entstanden ist. Es möchte dies Pflicht sein in einer Zeit, worin so
+viele Briefe von vertrautem Inhalt erscheinen, die neben dem Interesse,
+das sie gewähren, notwendig verletzen müssen und gerechten Tadel
+verdienen, ohne die Wahrhaftigkeit zu beweisen.
+
+Die Herausgabe _dieser_ Briefe ist wie von einem unsichtbaren Willen
+geleitet entstanden. Ich bewahrte viele Jahre meine köstlichen,
+neidenswerten Briefschätze, schweigend, wie ein Heiligtum, und sah sie an
+wie eine unerschöpfliche Quelle höheren Lebens, woraus ich lange Jahre Mut
+und Kraft schöpfte und die Reife empfing, deren ich fähig war, und nur auf
+diese Art teilhaftig werden konnte. Eigentlich bedurfte ich für meinen
+Geist keine weitere Nahrung, für mein Nachdenken keinen reicheren Stoff,
+für meine Belehrung kein anderes Buch, für meine Seele kein helleres Licht.
+Dabei fand ich in allen Lagen den Trost und die Ermutigung, die mir gerade
+nötig waren. Höchst gütig ließ der edle Freund sich zu meiner Fassungskraft
+herab, so war er mir, worüber er auch reden mochte, immer verständlich,
+klar und überzeugend. Wenn wir auch in manchen Meinungen verschieden waren,
+so ging diese Verschiedenheit aus ganz verschiedenen Äußerlichkeiten des
+Lebens hervor. Immer aber blieb der Freund meiner Seele das leitende
+Prinzip meines geistigen Lebens; ich lebte von einem Brief bis zum andern
+mit ihm fort, und es bildete sich für mich, in einer mühe- und sorgenvollen
+Lage und bei untergrabener Gesundheit, ein reiches inneres Leben. Wenn ich
+mich immer mehr zurückzog, den Kreis meiner Freunde enger schloß, folgte
+ich nur meiner tiefsten Neigung; Vergnügen und Freude, und meine stille
+Verborgenheit war, ungekannt und ungeahnt von jedermann, höchst belebt und
+beseelt, ja _beseligt_, und war es allein durch diesen seelenvollen
+Briefwechsel, der nie wieder unterbrochen wurde, weder durch Reisen, noch
+durch Krankheiten, und bis in den Tod bestand. Dem mit mir
+übereinstimmenden Freunde war es eine besondere Befriedigung, daß ich so
+_schweigend_ mein Heiligtum während eines halben Menschenalters
+bewahrte.
+
+Die letzten Jahre meines Lebens gewährten mir wieder mehr Muße, so
+konnte ich mehr und tiefer in den Geist der Briefe, der in allen und
+jedem einzelnen weht, mich versenken und vertiefen, in diesen reichen,
+hocherleuchteten Geist, voll lauterer himmlischer Gesinnungen! Jahre
+habe ich mit diesen Briefen, und nur mit ihnen gelebt.
+
+Oft vertieft in die Ideen des vollendeten Freundes und zugleich versenkt
+in Nachdenken über dies einzige Verhältnis und das, was dadurch für Zeit
+und Ewigkeit in mir gereift war, schien es mir nicht recht, daß so viel
+Wahres, Großes und Gutes mit mir untergehen sollte. Es war allerdings
+nur für mich geschrieben, für mich und meine Art zu empfinden berechnet,
+aber die überzeugenden Wahrheiten, so klar ausgesprochen, die sicheren
+Wege zu innerem Glück und Ruhe so unverkennbar, so klar und milde
+gezeigt, daß die Erkenntnis heilsam für jedes gutgeartete Gemüt sein
+muß.
+
+Und das alles sollte mit mir untergehen? mit mir zernichtet werden? --
+
+Das war vielleicht die erste innere Aufforderung, das Segensreiche so
+oder anders zu erhalten!
+
+Ich fing an Auszüge zu machen, um solche im Manuskript Freunden zu
+hinterlassen, und erkannte bald, wie vergänglich solche Vermächtnisse
+sind und wie schnell verlesen. So stiegen nach und nach Gründe auf, so
+wertvolle Papiere durch den Druck zu erhalten. Ein großes Hindernis trat
+mir entgegen: der Widerwille an aller Öffentlichkeit. Was Freunden für
+mich hochehrend erschien, dünkte mir Entweihung. Ein zweites Hindernis
+war die Forderung einer strengen Durchsicht, selbst teilweise einer
+gänzlichen Umschreibung der gemachten Auszüge. Schwierigkeiten aller Art
+entstanden. So waren, wie schon gesagt, Jahre nötig, den Entschluß der
+Veröffentlichung zu reifen. Auch kann diese erst nach meinem Ableben
+stattfinden. Die Zeit, die das Unbedeutende bald erbleichen läßt,
+verklärt das Große und wird auch den hohen Wert der Gaben steigern, die
+ich denen hinterlasse, die sie verstehen, würdigen und gewiß mit Freuden
+empfangen.
+
+Als heilige Pflicht erschien es mir nach dem gefaßten Entschluß, alle
+Auszüge selbst zu machen und eigenhändig zu schreiben. So sicherte ich
+Wahrheit und Treue auf einer Seite, indem ich auf der andern niemand
+verantwortlich machte. So kann ich aber nicht dafür einstehen, daß nicht
+Wiederholungen vorfallen. Ich bemerke dies im Vorbericht, um nicht
+später bei jedem einzelnen Fall daran zu erinnern. Ich bedarf gewiß
+Nachsicht und Verzeihung für solche Fehler, die ich begehen, ja nicht
+werde vermeiden können, da ich den Entschluß der Herausgabe zu spät
+gefaßt habe, und keine fremde Hilfe erbitten noch zulassen will. Man ist
+wohl so gütig, wenn bei aller Sorgfalt Wiederholungen der Art vorfallen,
+solche Stellen zu überschlagen. Der Verfasser ist es ja allein, der
+Interesse erregt und gewährt, und was er schreibt, entschädigt
+reichlich, wo mich Tadel trifft.
+
+Von meinen Briefen ist, wie ich das gewünscht und erbeten hatte, nichts
+erhalten; nur von einzelnen habe ich Abschrift oder Fragmente bewahrt,
+um Ereignisse im Gedächtnis festzuhalten, die mir selbst nicht
+entschwinden sollten. Dies werde ich als Zusätze nachtragen, wo es nötig
+ist.
+
+
+ * * * * *
+
+
+_An den Freiherrn von Humboldt_,
+K. Pr. Staats-Minister, auf dem Kongreß in Wien.
+
+Nicht an Ew. Exzellenz, nicht an den Preußischen Staatsminister, -- an
+den unvergessenen, unvergeßlichen Jugendfreund schreibe ich, dessen Bild
+ich eine lange Reihe von Jahren verehrend im Gemüt bewahrt, und gern und
+viel dabei verweilt habe, der nie wieder von dem jungen Mädchen hörte,
+das ihm einst begegnete, mit dem er drei fröhliche Jugendtage verlebte
+in jenen schönen Gefühlen, die uns spät in Erinnerung beseligen und
+erheben. Der Name, auf den die Welt jetzt mit großen Erwartungen blickt,
+der Platz, auf den Sie früh durch Geist und Namen gestellt waren, machte
+es mir nicht sehr schwer, von Ihnen zu hören und Sie mit meinen Gedanken
+zu begleiten. Ich erfreute mich an allem Großen und Schönen, was ich las
+oder hörte, nahm meinen Anteil von dem Wahren und Guten, suchte den Sinn
+wie früher zu verstehen, dem Geist zu folgen, wenn ich ihn nicht gleich
+faßte. Das alles läßt sich nur durch Worte andeuten, aber nicht sagen.
+Nur einmal Sie wiederzusehen, wäre es auch nur in der Ferne, war und
+blieb mir ein vergeblicher Wunsch. Durch Freunde, welche kürzlich einige
+Zeit in Berlin lebten, erfuhr ich ausführlicher, was ich schon wußte,
+daß Ew. Exzellenz mit einer höchst geistreichen und ebenso edlen Dame
+sehr glücklich vermählt und Vater sehr liebenswürdiger Kinder sind,
+welche reiche Hoffnungen geben.
+
+Ich lege hier ein Blättchen ein, das Ihnen drei in Pyrmont verlebte
+Jugendtage zurückrufen wird. Ich habe das liebe Blättchen unter den
+kleinen Heiligtümern der Jugend sorgfältig vor allen andern bewahrt, als
+das einzige Pfand und Siegel der reinsten und zugleich der einzigen
+wahren Lebensfreude, die mir das Schicksal zugewogen. Dies Blättchen
+(das ich mir zurück erbitten darf) wird Ew. Exzellenz eine Bekanntschaft
+zurückrufen, welche die großen Bilder und Erscheinungen des Lebens
+längst verwischt und ausgelöscht haben werden. Im weiblichen Gemüte
+bleiben solche Eindrücke tiefer und sind unwandelbar, um so mehr, wenn
+es (welche Bedenklichkeit sollte ich finden, Ihnen nach 26 Jahren diesen
+Beweis von Verehrung zu geben?) wie bei mir, die ersten, ungekannten
+Regungen erster, erwachender Liebe waren, so geistiger Art, wie sie wohl
+bei der edleren Jugend immer sind. Für die weibliche Jugend und die
+Entwickelung des Charakters aber ist es gewiß von der höchsten
+Wichtigkeit, für welchen Gegenstand die ersten Gefühle erwachen. Auch
+knüpften sich, was selten ist, durchaus keine trüben oder schmerzlichen
+Gefühle daran, sondern sie wurden von großem Einfluß auf die Ausbildung
+meines Charakters und Gemüts.
+
+Die Gefühle wandelte die Zeit. Das tief ins Gemüt gesenkte, teure Bild
+erbleichte nie mehr. An dies geliebte Bild, das höher und immer höher
+erschien, lehnte sich fort und fort mein Ideal von Männerwert und
+Hoheit. Hier ruhte ich aus, wenn ich unter dem schweren Leben am
+Erliegen war, hier ermutigte ich mich, wenn aller Mut sank, hier
+richtete ich mich auf im Glauben, wenn der Glaube an Menschen schwankte.
+Glauben Sie mir, ewig geliebter Freund! (Sie verzeihen dem Herzen diese
+Benennung) ich bin gereift unter großem, mannigfaltigem Schmerz, nicht
+entadelt, noch je durch unwürdige Empfindungen entweiht. Ew. Exzellenz
+sind, das erkenne ich im eigenen Busen, noch derselbe, der Sie waren,
+wie wir uns einst begegneten. Die Höhe des Lebens, der Glanz der äußeren
+Stellung mögen für viele Klippen sein -- hohe Naturen erlangen Reife und
+Vollendung, gleich viel, ob im Sonnenstrahl des Glücks oder im Schatten
+schwerer Verhängnisse. Der Gehalt in unserer Brust, wie die Form unseres
+Geistes, beides ist gewiß ohne Wandel, beides ewig.
+
+Wie es mir erging? was ich erlebte? das werden Sie jetzt fragen. Es ist
+eine lange Reihe von Jahren, von der die Rede sein muß, dennoch läßt
+sich viel auf ein Blatt bringen, aber das gibt kein Bild, wird Ihnen
+nicht genug sein. So will ich suchen, Ihnen im _äußeren_ Leben das _innere_
+in seiner Tiefe und ernsten Entwickelung zu zeigen. Ob und wie ich mich
+bemühen werde um Kürze, wird es doch einige Blätter füllen, die Auswahl
+und Zusammenstellung kann nur schmerzlich sein, wenn man sich in
+Gegenden umsieht, die gleichsam mit unsern Tränen benetzt sind. Wenn ich
+daher mich nicht so kurz fassen kann, wie es Respekt für die Person und
+die Zeit des mit den wichtigsten Arbeiten beschäftigten Ministers
+gebietet, so vertrete mich bei diesem der Jugendfreund. Legen Ew.
+Exzellenz die Blätter zurück für eine Stunde, die den Erinnerungen
+gehört.
+
+Die Zeit, bis wo wir uns kennen lernten, gehörte der ersten Jugend, und
+diese war harmlos im stillen, friedlichen Schatten eines gebildeten,
+sorgenlosen Familienlebens auf dem Lande hingeflossen. An teuern Eltern
+hatte ich nur Rechtschaffenheit und Güte und Beispiele vieler Tugenden
+gesehen. Ein mehr als ausreichendes Vermögen erlaubte ihnen in jener
+einfachen Zeit viele Annehmlichkeiten des Lebens, besonders auch des
+häuslichen Lebens; demgemäß war auch die Erziehung ihrer Kinder; sie war
+vor allem, wofür ich sehr dankbar bin, in sittlicher Hinsicht sehr
+sorgfältig. Mein Vater, in ziemlich freier, unabhängiger Lage, indem
+meine Mutter dem Hause mit seltener Einsicht und Würde vorstand, ließ
+sich in seinen Neigungen gehen, die ihn vor allem in die Vorzeit und die
+Studien der Vorzeit zogen. Er lebte nur im Klassischen, war nur umgeben
+mit klassischen Werken. Die neue Lektüre zog ihn nicht an, ja ließ ihn
+unbefriedigt. Damit in Übereinstimmung war auch sein Umgang. Aus den
+nicht immer gelehrten, aber immer ernsten Unterhaltungen, die ich still
+anhörte, nahm ich vielleicht früh, und früher als andere, den Grund
+meiner intellektuellen Bildung, und genoß auch früher, als es gewöhnlich
+ist, das Glück, bedeutenden Personen näher zu stehen, mit großer Güte
+behandelt und ihres Anteils gewürdigt zu werden. Auf diese Art wurde
+ich, meinen natürlichen Anlagen gemäß, früh zum Nachdenken geführt, und
+mehr durch Zuhören als durch Unterricht, mehr durch Nachdenken als durch
+Kenntnisse und Talente auf den Weg der Bildung geleitet. Die ernste
+Richtung, die so, schon als Kind möchte ich sagen, meine Seele nahm,
+schützte vor vielen jugendlichen Torheiten und Frivolitäten, nährte aber
+zugleich mehr, als es wenigstens zum Glück des Lebens gut ist, den Hang
+zum Idealen. Dabei bildete sich mehr und mehr, denn es war schon sehr
+früh, ja schon in der Kindheit entstanden, ein hohes, beseligendes Bild
+von Freundschaft in mir aus, das mir das größte, einzige Erdenglück
+erschien. Die erste Erzählung, die mir durch öfteres Lesen genau
+bekannt wurde und mich begeisterte, war die allerdings wunderschöne
+Gesinnung und Handlungsart Jonathans gegen den zurückstehenden David.
+Alle Beispiele aus alter und neuer Zeit sammelte ich -- Richardsons
+Clarisse gab den vollen Ausschlag. Jeder Aufopferung fähig, glaubte ich,
+nur für dies Glück geboren zu sein, und verlangte nichts Höheres. In
+Pyrmont war nun diese Überzeugung bis zur Begeisterung gesteigert und
+wurde bald die tiefe und unendliche Quelle vielfacher, leidenvoller
+Verhängnisse und schmerzlicher Verwickelungen. Verzeihen Sie diese
+Einleitung, die ich nötig glaube, um das Folgende richtig zu beurteilen.
+
+Nun gehe ich über zu der schmerz- und ereignisschweren Vergangenheit,
+und von da zu der drückenden und zerdrückenden Gegenwart, die mir
+eigentlich zu diesem Schritt den Mut gegeben hat. Es wird schon leichter
+werden, da während des Schreibens bis hierher nach und nach das
+seelenvolle Vertrauen zurückgekehrt ist, womit wir uns einst in den
+Pyrmonter Alleen besprachen und verstanden.«
+
+ * * * * *
+
+Darauf folgte eine möglichst kurz zusammengefaßte Übersicht der
+hauptsächlichsten Ereignisse meines Lebens, worunter die am meisten
+herausgehoben und beglaubigt wurden, die mich zum Schreiben ermutigt
+hatten: meine großen Verluste an den Staat. Daran knüpften sich Pläne
+für mein Fortkommen, denen aber überall meine zerstörte Gesundheit, ein
+Mangel und Erschöpftsein aller Lebenskräfte entgegentraten. Das alles
+gehört nicht hierher und ist nicht erforderlich als Kommentar oder
+Einleitung zu den nun folgenden wertvollen Briefen, welche dadurch
+entstanden. Der Schluß war dann ungefähr so: »Jetzt haben Sie die
+Umrisse meines Lebens in dem langen Zeitraum übersehen, geben Sie der
+treuen, immer schweigenden Teilnahme etwas zurück! Sie kennen das Herz
+der Frauen und wissen besser, als ich das sagen kann, wie teuer uns
+alles ist, was dem einst geliebten Manne angehört und ihn beglückt.
+Sagen Sie mir etwas von den teuern Ihrigen, geben Sie mir etwas ab von
+Ihrem Glück!
+
+Jetzt schließe ich die vielen Blätter ohne Furcht. Ich lege meine
+Angelegenheiten an Ihr Herz, da sind sie gut aufgehoben, und es
+geschieht, was geschehen kann. Wie sehe ich einer Antwort entgegen, die
+ich gewiß empfange!«
+
+H., den 18. Oktober 1814.
+
+
+
+
+
+WILHELM VON HUMBOLDT
+
+_BRIEFE_
+
+
+
+
+
+_Wien_, 3. November 1814.
+
+Ich habe heute früh Ihren Brief vom 18. Oktober erhalten, und ich kann
+Ihnen nicht sagen, wie mich Ihr Andenken gerührt und gefreut hat. Ich
+hatte in unserm Zusammentreffen in Pyrmont immer eine wunderbare Fügung
+des Schicksals erkannt, denn Sie irren sehr, wenn Sie glauben, daß Sie
+in einer flüchtigen Jugenderscheinung an mir vorüber gegangen sind. Ich
+dachte sehr oft an Sie, erkundigte mich auch, aber immer fruchtlos, nach
+Ihnen, glaubte Sie verheiratet, dachte Sie mir mit Kindern und in einem
+Kreise, wo Sie mich längst vergessen hätten, und bewahrte nur in mir,
+was mir jene Jugendtage gelassen hatten. Jetzt erfuhr ich, daß Ihr Leben
+viel weniger einfach gewesen ist, als ich es mir dachte. Hätten Sie mir
+damals geschrieben, wie Sie am meisten litten, vielleicht hätten Ihnen
+meine Worte wohltun können. Glauben Sie mir, liebe Charlotte, Sie werden
+mir diese vertrauliche Benennung nicht übel deuten, _da ja nur Sie und
+ich unsere Briefe lesen_, der Mensch traut nie dem Menschen genug. So
+erfahre ich erst jetzt durch Sie, daß ich damals einen tieferen Eindruck
+auf Sie machte, als ich mir je eingebildet hätte. Die Zeilen, die man
+nach so langer Zeit von sich selbst wiedersieht, sprechen einen wie aus
+einer anderen Welt an. Ich habe das Glück, denn es ist wirklich nur ein
+Glück, daß ich mich keiner Empfindung schämen darf, die ich in jener
+Jugend hegte, und glauben Sie es mir, ich bin noch jetzt gleich einfach
+wie damals. Jedes Wort Ihres Briefes hat mich auf das Tiefste ergriffen,
+ich versetze mich ganz in Ihre Lage, und ich danke Ihnen recht aus
+innigem Herzen, daß Sie den Glauben an mich nicht verloren, und daß Sie
+mich wert hielten, sich mir, wie Sie es tun, zu erschließen. Schreiben
+Sie mir denn, wenn Sie es der Mühe wert halten es ferner zu tun, ohne
+Umschweife und mit dem Vertrauen, auf das ich vielleicht ein Recht
+erlangt hätte, wenn ich Sie wiedergesehen hätte. Sehr Unrecht haben Sie,
+wenn Sie sagen, daß gewisse Eindrücke im weiblichen Gemüt tiefer und
+länger haften. Ich könnte Ihnen das Gegenteil aus Ihrem eigenen Briefe
+beweisen. Gestehen Sie immer, es soll kein Vorwurf sein -- 26 Jahre
+liegen hinter unserer kurzen Bekanntschaft, und wir sehen uns leider
+vermutlich nie wieder --, daß ich ziemlich aus Ihrem Gedächtnis
+verschwunden bin, wie ich Sie verließ. Sie haben sich wenigstens nicht
+an mein Versprechen erinnert, Sie wieder zu besuchen, das nicht gehalten
+zu haben mich oft sehr ernstlich geschmerzt hat. Ich könnte die Bank in
+der Allee noch bezeichnen, wo ich es machte; ich war im Begriff, zu
+Ihnen zu kommen, aber eine jugendliche Pedanterie, in der ich es für
+unmöglich hielt, eine Woche später nach Göttingen zurückzukehren, hielt
+mich davon ab. Es ist mir ein sicherer Beweis, daß wir einander im
+Leben nicht nahe kommen sollten, und das Einzige, was mir innig leid
+tut, ist, daß ich nicht bestimmt war, irgend dauernde Freude in Ihr
+Leben zu bringen. Trübe oder schmerzliche Empfindungen konnten sich,
+davon seien Sie sicher überzeugt, an den Umgang mit mir nicht knüpfen.
+Es trifft mich kein Vorwurf dieser Art. Ihr Schicksal hat mich so
+ergriffen, wie Sie es nach diesen Geständnissen sich denken können. Ich
+habe es auch auf mannigfaltige Weise heut überlegt. Ich bitte Sie aber,
+überlassen Sie sich für den Augenblick mir, folgen Sie blindlings meinem
+Rat und glauben Sie dem, der mehr Welterfahrenheit hat als Sie, und
+ebenso wie Sie weiß, was ein Gemüt in Ihrer Lage bedarf. Setzen Sie aber
+dabei alle kleinlichen Rücksichten beiseite, seien Sie wirklich
+vertrauend, seien Sie gut gegen mich, und erzeigen Sie mir den größten
+Gefallen, den Sie mir erzeigen können. Was Sie in Ihrer jetzigen Lage
+brauchen, Ihre Gesundheit und Ihr Herz, ist Ruhe. Die ängstliche Sorge,
+die große Anstrengung für Ihre Erhaltung, untergräbt beides. Sie waren,
+ich erinnere mich dessen noch sehr gut, gesund und stark, Sie waren es,
+so scheint es, später wieder geworden. Bleiben Sie ein Jahr nur ruhig
+und pflegen Ihre Gesundheit, so wird sie wiederkehren, trotz der Stürme,
+die Sie bestanden haben. Dies ist zugleich der beste Rat für Ihre
+übrigen Pläne. Glauben Sie mir, wer in dem Augenblick suchen muß, wo er
+braucht, findet schwer. Wenn man hingegen nur eine Zeit lang sorglos
+leben kann, finden sich die Lagen von selbst. Welcher Ihrer Pläne
+ausführbar sein kann, muß die Zeit erst lehren, ebenfalls was ich
+befördern kann. Ich halte es für Pflicht, Ihnen darüber ganz offen zu
+reden. O! Sie hätten sehr unrecht, es mir übel zu deuten. Die Briefe des
+Herzogs sind sehr gut und machen ihm Ehre, aber er kann, wie Sie aus den
+Briefen Ihrer Freunde sehen, _vorerst_ nicht helfen. Diese Dinge müssen
+Sie also wenigstens der Zeit und dem Schicksal überlassen. Erlauben Sie
+mir das Verdienst, Ihnen diese Zeit zu verschaffen, gönnen Sie mir die
+Beruhigung zu wissen, daß Ihnen jetzt ein Jahr ungetrübt von kleinen
+äußeren Sorgen verstrichen ist. Ja, liebe Charlotte, ich bitte Sie
+inständig darum; verschmähen Sie mein Anerbieten nicht. Es wäre
+innerlich die falscheste Delikatesse von der Welt, und Sie können sicher
+sein, daß niemand je _als ich und Sie_ darum wissen wird. Ich bin nicht
+reich, aber ich weiß sehr gut, was ich tue, und ich sehe aus Ihrem
+ganzen Brief und allen seinen Beilagen, daß Sie, was meinen Gefallen an
+Ihrem Leben und meine wahre Achtung für Sie vermehrt, sich an eine große
+Einfachheit von Bedürfnissen gewöhnt haben. Ich lege Ihnen hier eine
+Anweisung ein. Ich begreife, daß dies nur für Monate sein kann. Aber
+folgen Sie mir, schreiben Sie mir recht vertraulich, recht ordentlich,
+was Sie, eine Badekur eingerechnet, brauchen. Glauben Sie mir, daß ich
+nie mehr tue, als ich kann, geben Sie es mir zurück, wenn Ihre Lage und
+Ihr Schicksal sich ändert, aber begreifen Sie nur recht meinen Plan, der
+ganz einfach der ist, daß Sie ein Jahr vor sich haben, für das Sie nicht
+zu sorgen brauchen, und in dem Sie mit _Freiheit_ und ohne _Ängstlichkeit_
+künftige Pläne bilden können. Ich fühle recht gut dasjenige, dem ich
+mich nach der Schilderung, die Sie mir von sich selbst machen, aussetze.
+Sie können alles ausschlagen, Sie können Anmaßung in mir finden, mir
+Vorwürfe machen. Ich muß aber doch auf meinem Vorschlag beharren, er ist
+der einzige Ihrer Lage angemessene. Glauben Sie ja nicht, liebe
+Charlotte, daß ich irgend etwas Ungeziemendes darin finde, selbst mit
+seiner Arbeit Verdienst zu suchen, Sie sollen ja auch nachher ganz frei
+sein. Nur bis Ihre Gesundheit wiederhergestellt ist, folgen Sie. Jetzt
+ist jede Arbeit Ihnen verderblich. Wenden Sie sich aber an andere, so
+glauben Sie mir, niemand antwortet Ihnen so anspruchslos, so
+uneigennützig; andere glauben Ihnen einen Gefallen zu tun; mir erzeigen
+Sie einen. -- Jetzt breche ich davon ab und rede Ihnen von mir, weil Sie
+es wollen. Ich bin, wie man Ihnen gesagt hat, verheiratet, ich heiratete
+drei Jahre, nachdem ich Sie sah, und habe jetzt fünf Kinder; drei habe
+ich verloren. Ich heiratete bloß und nur aus innerer Neigung, und es ist
+vielleicht nie ein Mann in seiner Verbindung so glücklich gewesen. Nur
+seit den letzten zwei Jahren habe ich das Unglück, daß meine Frau
+kränkelt, und mich meine Geschäfte oft von ihr fern gehalten haben, wie
+es noch jetzt der Fall ist. Da Sie, wie Sie mir sagen, manchmal von mir
+hörten, so werden Sie wissen, daß ich einige Jahre hindurch Gesandter in
+Rom war. Ich nahm die Stelle nur des Landes wegen an, und hätte es, ohne
+die unglücklichen Ereignisse, nie verlassen. In diesen wurde es aber
+gewissermaßen zur Pflicht, zu dienen, und so bin ich nach und nach in
+verwickelte Verhältnisse gestoßen worden. Sie sind aber meiner Neigung
+wenig angemessen, und mir würde ein stilleres und einfacheres Leben mehr
+zusagen. Den Krieg hindurch war ich im Hauptquartier, dann in England,
+von da ging ich nach der Schweiz, meine Frau zu besuchen, die dort
+hingereist war. Jetzt bin ich hier auf dem Kongreß, und sie ist auf
+ihren Gütern, von denen sie nach Berlin gehen wird. Nach dem Kongreß
+besuche ich sie dort und gehe als Gesandter nach Paris, wohin sie mir
+später folgen wird. Mein ältester Sohn ist schon Offizier, ging mit 16
+Jahren ins Feld, wurde verwundet, ist aber glücklich geheilt und nun
+wohlbehalten zurückgekommen. Außer ihm habe ich drei Mädchen und einen
+kleinen Jungen. Die beiden jüngsten der Mädchen sind eigentlich in
+Italien groß geworden und konnten keine Silbe deutsch, wie sie, die
+älteste im zehnten Jahre, nach Wien kamen. Ich wünschte, Sie sähen sie.
+Es sind zwei unendlich liebe Geschöpfe. Der kleine Junge ist erst fünf
+Jahre. Zwei Söhne hatte ich das Unglück in Rom zu verlieren, eine
+Tochter, mit der meine Frau, als sie eine Reise nach Paris machte,
+niederkam, ohne daß ich sie sah. So wissen Sie meine äußeren Schicksale.
+Von den inneren läßt sich nur reden, nicht schreiben.
+
+Nun nehmen Sie noch einmal meinen herzlichen Dank. Ich weiß nicht, ob
+ich Sie je wiedersehen werde, und ich darf es kaum hoffen. Ich kann mir
+auch jetzt kein deutliches Bild von Ihnen machen. Allein wenn daher auch
+das, was ich von Ihnen in der Seele trage, eine Erscheinung der
+Vergangenheit ist, sogar eine, an die meine Einbildungskraft vieles,
+über die augenblickliche Dauer unseres Zusammenseins hinaus, legte, so
+glauben Sie gewiß, daß es nie eine flüchtige war und nie eine solche
+sein wird.
+
+Ganz der Ihrige. H.
+
+Die Originalbriefe und das Erinnerungsblatt schicke ich zurück.
+
+
+
+_Wien_, den 18. Dezember 1814.
+
+Ihr Brief, liebe Charlotte, hat mir große Freude gemacht, und ich danke
+Ihnen recht herzlich dafür. Sie legen zu viel Wert auf das, was so
+natürlich war und nicht anders sein konnte. Ihr Andenken hat sich nie
+bei mir verloren, noch verlieren können, allein es fiel mir nicht ein,
+zu glauben, daß ich je wieder von Ihnen hören würde, noch weniger, daß
+Sie meiner auch nur irgend gedachten. Auf einmal rufen Sie mir mit Güte
+und mit dem ungezwungenen Geständnis, daß Sie, ohne die Umstände, die
+uns trennten, vielleicht mehr empfunden hätten, die Bilder der
+Vergangenheit und Jugend zurück. In der Rührung und in der Freude, die
+das in mir weckte, habe ich Ihnen geantwortet und werde ich Ihnen immer
+antworten. Erheben Sie mich also nicht deshalb, aber bleiben Sie mir
+gut, erhalten Sie mir Ihr Vertrauen; schreiben Sie mir so herzlich, so
+vertrauend als jetzt, lassen Sie sich ganz mit mir gehen, wie ich mit
+Ihnen, und glauben Sie nicht, daß mir Ihre Briefe je zu häufig kommen,
+je zu weitläufig sein könnten. Es gibt nichts Beglückenderes für einen
+Mann, als die unbedingte Ergebenheit eines weiblichen Gemüts. Ich bin
+weit entfernt, den mindesten Anspruch an Sie zu machen. Ich kann kein
+Recht dazu besitzen. Sie können nur ein schwankendes Bild von mir in der
+Seele tragen. Ich muß jetzt, von Geschäften, Sorgen, Zerstreuungen
+zerrissen, Verzicht darauf tun, Ihnen irgend etwas sein zu können. Aber
+Sie können mir, wenn Sie fortfahren mir zu schreiben, wie Sie tun, mir
+von Ihrem äußern und innern Leben zu erzählen, mit mir ohne Rückhalt so
+vertraulich umzugehen, wie es Ihren ersten Empfindungen für mich
+entsprochen hätte, eine Freude geben, die ich mit inniger und wahrer
+Dankbarkeit empfangen werde. Schreiben Sie mir also ja von Zeit zu Zeit.
+Sie schreiben natürlich und ausgezeichnet gut außerdem, und lassen Sie
+mich die Kinderei gestehen, schon Ihre Hand macht mir Freude, sie ist
+hübsch an sich, und ich erinnere mich ihrer von ehemals. Reden Sie mir
+aber vor allem von sich selbst. Ihr letzter Brief enthält kaum ein Wort
+über Ihre Gesundheit. Lassen Sie mich wissen, ob Ihre Kräfte, Ihr
+gesundes Aussehen, Ihre Heiterkeit zunehmen. Dann muß ich Sie um Eines
+bitten: Warten Sie nie eine Antwort ab, mir zu schreiben; seien Sie
+großmütig, rechnen Sie nicht um Briefe mit mir. Ich habe sehr wenig
+Zeit. Ich kann nur selten, nur abgerissen schreiben, geben Sie mir, und
+fordern Sie nicht von mir. Sie finden vielleicht in dieser Bitte mehr
+Freimütigkeit, als ich haben sollte. Aber ich leugne es nicht, daß ich
+eigennützig mit Ihnen bin, und Sie haben eine zu gute Meinung von mir,
+die ich gern zur Wahrheit herunterstimme.
+
+Sie fragen mich, liebe Charlotte, ob Sie vorerst in Göttingen oder
+Braunschweig leben sollen, und wollen nichts ohne meinen Willen tun.
+Damit berühren Sie eine sonderbare Seite in mir. Ich habe es sehr gern,
+wenn man meiner Bestimmung folgt. Ich will also, daß Sie nach Göttingen
+gehen sollen, und nicht bloß aus Gefälligkeit für Sie, weil Sie es
+vorziehen, sondern weil es mir lieber ist. Sie werden dies sehr
+sonderbar finden und nicht erraten, was mich bestimmen mag. Auch kann
+ich es Ihnen kaum recht erklären; allein es ist doch nun so, wäre es
+auch nur, weil ich Sie von Göttingen aus sah, wie ich in Braunschweig
+war, Sie nicht kannte, und in Göttingen sehr oft an Sie dachte.
+Überhaupt liebe ich Göttingen, weil ich da in einer Zeit einsam lebte,
+in der die Einsamkeit bildend ist. Grüßen Sie in meiner Seele den Wall,
+und schreiben Sie mir, wenn Sie da sind, auch von den Menschen dort.
+
+Nun leben Sie wohl, teure Frau, und werden mir nicht wieder fremd. Es
+ist ein wunderbares Verhältnis unter uns. Zwei Menschen, die sich vor
+langen Jahren drei Tage sahen und schwerlich wieder sehen werden! Aber
+es gibt in dieser Art der reinen und tiefen Freuden so wenige, daß ich
+mich schämen würde, geizig mit dem Geständnis zu sein, daß Ihr Bild von
+damals her, mit allen Gefühlen meiner Jugend, jener Zeit, und selbst
+eines schöneren und einfacheren Zustandes Deutschlands und der Welt, als
+der jetzige ist, innig in mir zusammenhängt. Ich habe überdies eine
+große Liebe für die Vergangenheit. Nur was sie gewährt, ist ewig und
+unveränderlich wie der Tod, und zugleich, wie das Leben, warm und
+beglückend. Mit diesen unwandelbaren Gesinnungen Ihr H.
+
+
+
+_Burgörner_, April 1822.
+
+Es ist sehr lange, daß ich ohne Nachricht von Ihnen bin, es tut mir
+leid, ja es schmerzt mich, so ganz von Ihnen vergessen zu sein, während
+ich Ihrer oft gedachte. Schreiben Sie mir, liebe Charlotte, sobald Sie
+diese Zeilen empfangen haben, wie es Ihnen ergangen hat und ergeht? Es
+mahnte mich schon lange, Ihnen zu schreiben und um Nachricht zu bitten.
+Vielleicht bin ich selbst schuld an Ihrem Schweigen. Meine kurzen Briefe
+können Sie eingeschüchtert haben, Sie mochten besorgen, mir lästig zu
+werden. Adressieren Sie Ihren Brief nach Burgörner bei Eisleben; ich bin
+hier auf einem der Güter meiner Frau. Leben Sie wohl und antworten mir
+gleich. H.
+
+
+
+_Burgörner_, April 1822.
+
+Ich lasse meinem kurzen Briefe, den ich Ihnen, liebe Charlotte, vor ein
+paar Tagen schrieb, einen zweiten folgen. Einmal, weil ich sehr mich
+nach Zeilen von Ihrer Hand sehne und es mir leid tut, daß ich so lange
+schwieg; dann auch, um noch einen andern Weg einzuschlagen, damit mein
+Brief sicher in Ihre Hände komme. Ich weiß Ihre Adresse nicht genau, ja
+ich weiß nicht einmal, ob Sie noch in Kassel sind. Das aber darf ich mit
+Zuversicht hoffen, daß Sie mich nicht vergessen haben. Ich vergesse Sie
+nie. Ihr H.
+
+
+
+_Burgörner_, den 3. Mai 1822.
+
+Ich habe Ihre beiden lieben Briefe vom 24. und 26. April empfangen, und
+sage Ihnen, liebste Charlotte, auf der Stelle meinen herzlichsten Dank.
+Sie haben mich recht sehr dadurch erfreut und ganz meinen Erwartungen
+entsprochen. Nie könnte ich irre an Ihnen werden oder den Glauben an die
+Ausdauer und die Treue Ihrer Gesinnungen und Empfindungen verlieren. Das
+sagte ich Ihnen schon neulich, und es ist nur natürlich. Wenn uns jemand
+eine so lange Reihe von Jahren, ohne irgend ein Zeichen des Andenkens
+empfangen zu haben, die tiefen Empfindungen eines edlen und zarten
+Gemüts bewahrte, so wäre es wahrer und hoher Undank, daran ferner zu
+zweifeln. Es ist gewiß ein seltenes Glück für einen Mann, daß ihm ein
+weibliches Gemüt die ersten Empfindungen der jugendlichen Brust heilig
+und vertrauungsvoll bewahrt, und ich bin mir bewußt, daß ich dies Glück,
+so wie es ist, würdige und schätze. Aber ich sage ohne Stolz, der mir
+wahrlich nicht eigen ist, allein auch ohne eine kindische
+Bescheidenheit, es kann auch Ihnen durch mich vieles kommen, was Ihr
+Leben bereichert, erheitert und verschönert. Wenn das Schicksal so etwas
+für zwei Menschen aufbewahrt hat, muß man es nicht hinwelken lassen,
+sondern erhalten und in Vereinigung bringen mit allen äußeren und
+inneren Verhältnissen, da auf diese Harmonie allein alle Zartheit der
+Gefühle und alle Ruhe der Seele gegründet sein kann. Weil nun kein
+persönlicher Umgang unter uns stattfinden kann, so wollen wir einen
+brieflichen beginnen und feststellen. Ich schreibe zwar nicht gern und
+klage mich zum voraus an, Sie werden sehr oft Nachsicht, Geduld und
+Großmut zu üben haben, aber ich lese sehr gern Briefe, besonders die
+Ihrigen, nicht nur, weil ich gern lese, was Sie schreiben, sondern noch
+mehr, weil mich Ihr äußeres und noch mehr Ihr inneres Leben in der
+innersten Teilnahme interessiert. Sollte ich also einmal seltener
+schreiben, so lassen Sie sich das nicht hindern. Schreiben Sie mir immer
+den 15., so habe ich immer einen Tag, auf den ich mich freue. Wenn Sie
+mir in der Zwischenzeit schreiben, so ist das eine liebe Zugabe, die ich
+stets mit Dank empfangen werde.
+
+Ihr Gartenleben und schon die Wahl desselben hat etwas, das mir ungemein
+gefällt. Es spricht Ihre Neigungen charakteristisch aus und vereint
+Einsamkeit und Annehmlichkeit. Die erste paßt zu Ihrem Charakter, Ihren
+Empfindungen und Ihrer Lage; die letzte erheitert und verschönert Ihr
+Leben. Es ist mir daher am liebsten, Sie so zu denken, zu denken, daß
+Sie nur selten in die Stadt kommen. Besuche, das fühle ich, können Sie
+nicht vermeiden, und es ist auch gut, in einigen Verbindungen zu
+bleiben, besonders da Sie mir sagen, daß diese Verbindungen meist
+bewährte alte Freunde sind.
+
+Daß Sie am liebsten in Kassel leben, wo Ihre Jugend, wenn auch nicht
+immer schmerzlose, doch auch frohe und heitere Erinnerungen zurückließ,
+begreife ich ganz. Auch ist die Gegend schön, und eine größere Stadt
+bietet, wie Sie sehr richtig bemerken, vor allen anderen, Freiheit zu
+leben, wie es die Neigungen fordern, und daneben, ohne großen Aufwand,
+manche Genüsse, welche in kleinen Städten versagt sind. Ich billige also
+ganz Ihren Entschluß, dort ferner zu wohnen. Sorgen Sie aber vor allem
+in Ihrer ländlichen Wohnung für Ihre Gesundheit. Zu wenig sagen Sie mir
+darüber, und doch sind Ihre Ruhe, Ihre Gesundheit, Ihr Glück das, worauf
+es mir ankommt. In selbstsüchtigen Wünschen und Absichten habe ich mich
+Ihnen nicht wieder genähert, wenn ich auch einen Wunsch hege, den ich
+Ihnen nächstens aussprechen werde.
+
+Ich schließe jetzt, ich bin seit vierzehn Tagen garnicht wohl, leide
+zwar nur an einem katarrhalischen Fieber, da ich aber in Jahren nicht
+krank war, ist es mir lästig. Mit den herzlichsten, unwandelbarsten
+Gesinnungen der Ihrige. H.
+
+
+
+_Burgörner_, Ende Mai 1822.
+
+Ich sage Ihnen heute zuerst, liebe Charlotte, daß ich wieder vollkommen
+wohl bin, damit Sie sich nicht beunruhigen. Es geht sehr eigen mit
+unserm Briefwechsel. Er fing so an, daß Sie selten Briefe von mir zu
+bekommen glaubten, und jetzt muß ich mich über Ihr Stillschweigen
+beklagen. Sie hatten mir in Ihrem letzten Briefe versprochen, mir
+unmittelbar nach dem 15. jedes Monats zu schreiben, das müssen Sie aber
+nicht getan haben, da sonst Ihr Brief längst in meinen Händen sein
+müßte, und ich habe weder am vorigen Posttage noch heute das Geringste
+bekommen. Es beunruhigt mich, da Sie krank sein können, ich suche alles
+auf, was Sie verhindert haben könnte. Wie dem sei, so drängt es mich,
+Ihnen zu sagen, daß ich sehr nach einem Briefe verlange, und die, welche
+ich habe, oft wieder durchgelesen habe, und immer in dankbarer
+Erinnerung an Ihre mir so wunderbar erhaltenen Gesinnungen. Man könnte
+das wohl Eitelkeit nennen, könnte es wohl nur dem Gefühl, sich
+geschmeichelt und gehuldigt zu sehen, zuschreiben, wenn man sich durch
+die Bewahrung dieser Empfindungen beglückt fühlt. Allein es wäre das
+doch ein zu harter Ausspruch, und gegen mich wirklich ein ungerechter,
+da Eitelkeit mir nie eigen war. Schwerlich hat jemand je sich selbst so
+unparteiisch beurteilt und so wenig schonend behandelt, schwerlich je
+einer so kalt und richtig erkannt, was an den Lobsprüchen anderer
+abzuschneiden und an dem, worüber sie schweigen, zu tadeln war. Und
+einem gewissen Mißtrauen in meine Kräfte und die mir hier und da
+beigelegten Vorzüge verdanke ich sogar die vorzüglichsten der Erfolge,
+die ich in Privat- und öffentlichen Verhältnissen gehabt habe. Allein
+ich gestehe gern, daß ich immer einen vorzüglichen Wert darauf gelegt
+habe, die innere Stimmung zu besitzen und zu bewahren, die auf ein
+weibliches Gemüt Eindruck zu machen fähig ist. Ich würde nicht so
+töricht sein mir einzubilden, daß sie mir jetzt noch eigen sein könnte.
+Wenn man nun aber auf eine so wahre, natürliche, so ergreifende Weise,
+als sich in Ihren Briefen ausspricht, überzeugt wird, daß man jenen
+Eindruck tief und dauernd erregt hat, so liegt darin ein doppeltes, die
+Empfindung süß erhebendes Gefühl, das des Selbstbewußtseins, und das des
+edlen, tiefen Gemüts, welches diese Empfindungen zart zu sondern und
+fest aufzubewahren verstand. Darum freut mich die Erneuerung unsers
+Briefwechsels unendlich, und ich schmeichle mir, daß sie auch Ihnen
+wohltätig sein wird; mir könnte sie nie anders sein. Ihr Bild ist mir
+ein ganzes Leben hindurch geblieben, in allen, auch den wechselvollsten
+Verhältnissen, stand es mir freundlich und licht, wie ich Ihnen neulich
+schrieb, vor. Ich glaubte nie wieder etwas von Ihnen zu erfahren. Die
+Zeit, wie Sie sich mir wieder nahten, trat gerade in die bewegteste
+meines Lebens. Diese ist vorüber, und so mahnte es mich schon lange,
+Ihnen zu schreiben. Da wir uns nach so langer Zeit nur durch einzelne
+Briefe nahe gewesen sind, so kann es nicht fehlen, daß wir in manchen
+Ideen abweichend denken müssen, über die wir uns bei ruhigem und stillem
+Ideen-Umtausch leicht verständigen werden.
+
+Sie erinnern mich daran, liebe Charlotte, welchen Schatz ein weibliches
+Herz bewahrt, und fordern mich auf, Vertrauen zu Ihnen zu haben. Glauben
+Sie gewiß, daß ich ein unbegrenztes Vertrauen in Sie, in Ihre Wahrheit,
+Ihre Treue und die Zartheit Ihrer Empfindungen setze, wie würde ich
+Ihnen sonst selbst so offen und wahr schreiben. Vertrauen Sie aber auch
+mir fest. Seien Sie sicher, daß das, was Sie mir vertrauensvoll sagen,
+bei mir wie im Grabe ruht und verschlossen ist. Glauben Sie auch fest,
+daß ich es herzlich gut mit Ihnen meine, immer meinte und immer meinen
+werde; vertrauen Sie mir auch dann, wenn Sie mich nicht gleich
+verstehen. Überlassen Sie mir die Sorgfalt für die Erhaltung unsers
+gegenseitigen Verhältnisses, für die Entfernung jedes störenden
+Einflusses. Ich will niemandem, aber am wenigsten Ihnen, auch nur eine
+meiner Meinungen aufdringen. Ich habe die unzerstörbare Überzeugung, daß
+Sie nie weder mich noch irgend eine Idee von mir zu verkennen imstande
+sind, ja, ich weiß, und sie haben es mir recht schmeichelnd wiederholt,
+daß sie immer gern und mit Freuden sich von mir, wie Sie gütig sich
+ausdrücken, »berichtigen« lassen.
+
+Es ist mir lieb, daß Sie niemanden sagen, daß Sie Briefe von mir
+empfangen. Es geht niemanden was an, daß wir einander schreiben; was
+heilig in sich ist, muß man nicht gemein machen.
+
+Leben Sie herzlich wohl und rechnen Sie fest auf die Unwandelbarkeit
+meiner Gesinnungen.
+
+Ihr H.
+
+
+
+_Burgörner_, 1822.
+
+Ich will Ihnen, beste Charlotte, heute einen Wunsch, eine Bitte
+aussprechen, durch deren Erfüllung Sie mir große Freude machen werden,
+die ich gewiß recht dankbar empfange. Ihre Lebensgeschichte, besonders
+auch die Entwicklung und seltene Ausbildung Ihres inneren Lebens, möchte
+ich gern im Zusammenhange übersehen und genau kennen. Dieser Wunsch ist
+schon durch Ihre früheren Briefe in mir erregt und entstanden und durch
+die jetzigen vermehrt. Schwer kann es ihnen nicht werden, Sie haben sich
+eine große Fertigkeit im Schreiben erworben. Sie schreiben leicht,
+gewandt, geläufig, natürlich und ausgezeichnet gut. Die Sprache steht
+Ihnen ganz ungewöhnlich zu Gebote. Ich sage Ihnen da keine Schmeichelei,
+es ist die Wahrheit, die ich mit Überzeugung ausspreche und die sich in
+jedem Ihrer Briefe darlegt.
+
+Wollen Sie in meine Wünsche eingehen, so tun Sie es auf folgende Weise:
+Fangen Sie mit Ihrem Geburtstag und Jahr an, in chronologischer Folge
+und in der größten Ausführlichkeit. Schreiben Sie aus dem Gedächtnis,
+auf was Sie sich besinnen, nicht aus der Phantasie. Gehen Sie zurück in
+Ihre Kindheit und Jugend, zurück auf Ihre Eltern und Großeltern, auf
+Ihre Vorfahren, wenn Sie davon Nachricht haben. Lieb wäre es mir, wenn
+Sie in dritter Person redeten. Geben Sie den Orten und Menschen, wenn
+sie dahin kommen, auch mir, andere Namen, nur den Namen Charlotte
+behalten Sie. Ich habe das mit Goethe gemein, daß ich eine besondere
+Vorliebe für Ihren Namen habe. Aber reden Sie über sich vor allem wie
+über eine Dritte, loben und tadeln Sie sich, wo Sie ein anderer loben
+und tadeln würde.
+
+Was ich besorge, ist, daß Sie von schmerzlichen Erinnerungen ergriffen
+werden, da ich ja schon weiß, daß Sie viel gelitten haben. Allein
+vorerst sind Sie davon noch fern. Kindheit und Jugend sind meist heiter
+und froh, und waren es gewiß auch bei Ihnen, und die Schilderung beider
+werde ich von Ihnen mit Freude empfangen. Sie schreiben _nur für mich_,
+und kein anderes Auge als das meinige ruht auf dem, was Sie für mich
+schreiben. Ich sehe Ihrem Entschluß und Ihrer Antwort mit Verlangen
+entgegen. Leben Sie herzlich wohl! Ihr H.
+
+
+
+_Burgörner_, 1822.
+
+Meine beiden Briefe werden Sie, liebe Charlotte, empfangen haben, ob sie
+gleich noch unbeantwortet sind. Beide hatten die Absicht, Sie über Ihre
+Bedenklichkeiten zu beruhigen. Ich hoffe, das ist mir gelungen, und ich
+wiederhole Ihnen heute zuerst, was Ihnen mein letzter Brief sagte, daß
+alles, was Sie mir aus Ihrem Leben und Ihrer Vergangenheit mitteilen,
+ganz durch Ihre Empfindungen bestimmt werden muß. Es soll ein
+Zurückgehen in die Vergangenheit sein, mit dem, der den innigsten Teil
+an Ihnen nimmt, aber kein Aufreißen schmerzlich vernarbter Wunden, das
+mußte ich Ihnen zuerst sagen.
+
+Recht herzlich danke ich Ihnen für die mir als Probe übersandten wenigen
+Bogen. Die Erzählung beginnt so ganz zu meiner Zufriedenheit, nur
+wünschte ich doch hier und da noch mehr Ausführlichkeit. Lassen Sie sich
+gar keine Furcht angehen, daß Sie zu weitläufig werden könnten, und
+denken Sie nicht, wie langsam Sie verweilen. Wir leben beide noch sehr
+lange, wenngleich Sie länger. Gerade die Schilderungen Ihres väterlichen
+Hauses, bestes Kind! haben ein großes Interesse für mich, und Sie haben
+wieder völlig wahr gemacht, was ich Ihnen immer sagte, daß Sie sehr gut
+schreiben, sehr wahr, hübsch und natürlich erzählen. Fahren Sie nur eben
+so fort, und wenn es Ihnen manchmal beschwerlich wird oder Ihnen Zeit
+raubt, so denken Sie, daß Sie mir Freude damit machen. Es verlängert und
+erweitert gewissermaßen das Leben, wenn man so individuelle
+Schilderungen einer Zeit vor sich hat, die man an ganz andern Orten und
+in ganz andern Verhältnissen erlebte, und es gibt doch in der Welt
+nichts Interessanteres für den Menschen, als wieder der Mensch. Man kann
+eigentlich nie genug sehen und nie genug hören. Es entstehen selbst
+durch jedes neue Gesicht, möchte ich sagen, neue Ideen. Erhält man nun
+aber gar bestimmte, ins Detail gehende Schilderungen, so sind es neue
+Figuren, die sich vor der Seele bewegen, und mit denen man ebenso lebt,
+wie in der Wirklichkeit. Dieser Hang, sich eigentlich an
+Menschengestalten zu ergötzen, in ihnen wie unter Anwesenden zu leben,
+verträgt sich doch sehr gut mit dem entschiedensten Hange zur
+Einsamkeit. Sobald man mit Menschen umgehen muß, oder noch mehr, sobald
+man recht gern mit ihnen umgeht, befindet man sich selbst zu sehr in
+Tätigkeit, will sich auch wohl selbst geltend machen, und wird von bloß
+reiner Beschauung abgezogen. Lebt man aber mit dem Hange zur Einsamkeit
+unter Menschen, was man von Zeit zu Zeit nicht vermeiden kann, so gehen
+sie mehr wie Figuren der Beschauung vor einem vorüber, man richtet seine
+Aufmerksamkeit ganz auf sie und nicht auf sich selbst. Wie man auf sie
+wirkt, wie man ihnen gefällt, bleibt einem sehr gleichgültig, wenn man
+sie nur in ihrer eigentlichen Natur sieht. Kehrt man dann in die
+wirkliche Einsamkeit zurück, so hat man viele Bilder um sich, und wenn
+man zu innerer Geistesbeschäftigung geneigt ist und aufgelegt, so
+entstehen aus den wirklichen Menschen idealische in der Phantasie, denen
+die wirklichen nur in den äußeren Umrissen zum Grunde liegen. Alle
+moralischen Fragen, alle tieferen Betrachtungen über Leben und Zweck des
+Lebens, über Glück und Vollkommenheit, über Dasein und Zukunft gewinnen
+ein reicheres Interesse, erlauben mannigfaltigere Anwendungen, wenn man
+sie gleichsam an so vielen Menschengestalten einzeln prüfen kann. Denn
+in jedem, auch selbst unbedeutenden Menschen liegt im Grunde ein
+tieferer und edlerer, wenn der wirklich erscheinende nicht viel taugt,
+oder noch edlerer, wenn er in sich gut ist, verborgen. Man darf sich
+nur gewöhnen, die Menschen so zu studieren, und man kommt unvermerkt aus
+einem anscheinend alltäglichen Leben in eine ungleich höhere und tiefere
+Ansicht der Menschheit überhaupt. Es ist ja eigentlich das, worin das
+Gepräge jedes größeren Dichters liegt, diese Ansicht überall, und da er
+nur frei schaffen kann, ganz rein zu geben, oder vielmehr sie mitten aus
+aneinander gereihten, oft zufällig scheinenden Begebenheiten
+hervortreten zu lassen. Die Geschichte hat etwas Ähnliches. Das
+menschliche Wesen tritt auch schon reiner und größer in ihr hervor, als
+in den tausendfältigen kleinen Umgebungen der Gegenwart. Einen
+interessanten Charakter mehr im Bilde zu besitzen, ist ein eigentlicher
+Lebensgewinn, und mit dem Einzelnen verbinden sich nun bisweilen die von
+Ständen, Zeiten, Gegenden. So habe ich immer eine entschiedene Neigung
+zu den Landpredigern gehabt, und eine Art romantische für ihre Töchter.
+Das war schon in mir, ehe ich Sie gesehen hatte, und nachher hat es eben
+durch Sie unendlich in mir zugenommen, obgleich Sie die Einzige
+geblieben sind, die diesen Eindruck auf mich gemacht hat. Einen großen
+Teil alles Guten im deutschen Charakter habe ich aus den
+Landprediger-Töchtern abgeleitet: die tiefe, nicht tändelnde Empfindung;
+die Einfachheit bei hoher Bildung; die Entfernung alles vornehmen
+unangenehmen Tons, bei allen Eigenschaften, die man in vornehmen
+Zirkeln gern hat. Ich habe davon oft gesprochen und dann bei mir lachen
+müssen, daß ich das alles im Grunde von Ihnen herleitete, da ich nie
+eine andere Prediger-Tochter auch nur irgend näher gekannt hatte. Aber
+ich hatte, wie ich Ihnen sage, ein Vorgefühl davon, denn schon zu Ihnen
+hat mich diese Neigung, wie wir uns sahen, schnell hingezogen. Nun waren
+Sie mir, ein halbgesehenes Bild, entschwunden, und gehörten also ganz
+der Phantasie an. Daher hat nun auch alles, was Sie mir von Ihrer
+Kindheit, Ihrer Jugend, Ihrem elterlichen Hause sagen, ein besonderes
+Interesse für mich. Ich prüfe daran, ob ich richtig oder falsch ahnte,
+und befinde mich in der Welt, in die mich meine jugendliche Phantasie
+versetzt hatte. Es ist mir jetzt doppelt leid, daß ich Ihren Vater und
+Sie nicht in demselben Herbste, wo ich Sie zuerst sah, besuchte. Ich war
+in Düsseldorf bei Jacobi und wollte von dort zu Ihnen, aber Jacobi hielt
+mich länger auf, und nun eilte ich nach Göttingen zurück. Man hat in der
+Jugend oft eine einfältige Pflichtmäßigkeit. Um ein paar
+Kollegienstunden nicht zu versäumen, versäumte ich etwas, was sich nie
+nachholen läßt, mir ein lebendiges Bild von Ihnen in jener Zeit, Ihrem
+Elternhause, Ihrem ganzen Leben zu verschaffen.
+
+Ich sagte im Anfange, daß Sie nicht ausführlich genug gewesen wären,
+darüber werden Sie lachen, da Sie schon alles menschenmögliche Maß
+überschritten zu haben glauben. Aber es ist doch so. Ich meine nämlich,
+daß Ihre Schilderungen noch umständlicher sein, noch mehr Züge dessen,
+wie es um Sie her war, enthalten sollten. Die Frage, die ich hersetzen
+will, müssen Sie mir noch in einem Ihrer nächsten Briefe auf einem
+besondern Blatte pünktlich und genau beantworten: Wie Ihre Mutter
+aussah? Das läßt sich doch beschreiben. Sie haben es aber garnicht
+getan. Von allen Personen, die oft und viel in Ihrer Erzählung
+vorkommen, müssen Sie das immer tun. Was Sie sich also von den
+Gesichtszügen und dem Körperbau Ihrer Mutter erinnern, schreiben Sie ja
+ganz genau. Dann haben Sie mir zwar das Innere Ihres elterlichen Hauses
+beschrieben, aber nicht bestimmt genug. Ob die Lage des Hauses, des
+Orts, die Umgebungen gegen Gärten, gegen Nachbarhäuser, ob die Gegend
+anmutig war, ob Sie aus den Fenstern ins Grüne, ob weit ins Ferne sahen,
+von dem allen steht kein Wort in Ihrer Erzählung, und das sind so ganz
+wesentliche Umstände, das holen Sie ja nach und machen Sie die
+Schilderung so, daß ich mir ein bestimmtes Bild davon entwerfen kann.
+Diesen Wunsch müssen Sie mir befriedigen, sonst schwankt alles in der
+Phantasie, und selbst die Gedanken und Empfindungen verlieren dadurch in
+ihrem Gehalte.
+
+Sie werden mich recht lästig mit meinen Bitten finden, aber Sie haben
+sich einmal darauf eingelassen, sie zu erfüllen.
+
+Ich bin allein hier und nicht auf lange Zeit. Richten Sie aber doch
+Ihren nächsten Brief hierher; vermutlich findet er mich noch hier, und
+ist das nicht, so geht er von hier von selbst nach Berlin, wohin ich
+zurückkehre. Sie erinnern sich wohl -- Burgörner bei Hettstädt. Leben
+Sie herzlich wohl, liebste Charlotte, mit immer unveränderlichen
+Gesinnungen Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, den 10. Juli 1822.
+
+Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daß ich Sie bitte, Ihre Briefe,
+wenn die meinigen diese Überschrift tragen, immer nach Berlin zu
+adressieren, sie kommen mir sicherer zu. -- Hier brachte ich meine
+Kindheit und einen großen Teil meiner Jugend zu. Ich liebe Tegel sehr.
+Die Gegend ist wenigstens die hübscheste um Berlin; auf der einen Seite
+ein großer Wald, auf der anderen von Hügeln, die schön bepflanzt sind,
+eine Aussicht auf einen ausgedehnten, von mehreren Inseln
+durchschnittenen See. Um das Haus und fast überall sind hohe Bäume, die
+ich in meiner Kindheit erst in mäßiger Stärke sah, und die nun mit mir
+emporgewachsen sind. Ich baue jetzt ein neues Haus hier, das schon halb
+fertig ist, und bringe auch hierher die Gemälde und Marmorsachen, die
+wir haben, so wird es ein anmutiger Wohnplatz, von dem ich selten in die
+Stadt kommen werde.
+
+Hier bekam ich auch Ihre beiden lieben Briefe, den vom 25. v. M. und den
+vom 3. d. M., für die ich Ihnen herzlich danke. Ich beantwortete den
+ersten, in dem Sie mich so sehr bitten, Ihnen augenblicklich zu
+schreiben, nicht gleich, weil ich wußte, daß einer von mir in der Zeit
+in Ihren Händen sein müßte.
+
+Daß ich ihren Hang zur Einsamkeit tadeln oder einschränken möchte,
+dürfen Sie nie fürchten. Ihr alter väterlicher Freund Ewald ist aber
+doch wohl hier viel gütig-sorglicher gewesen und hat an Ihr Glück
+gedacht und geglaubt, Sie hätten mehr Vergnügen in einer geselligeren
+Art zu leben. Ich meine nun das garnicht, allein, wenn ich es auch
+meinte, so würde ich doch mehr zur Einsamkeit raten. Es ist nun einmal
+(das lobe ich aber nicht) meine Art so, bei mir (das möchte hingehen),
+aber auch bei anderen, viel weniger auf ihr Glück, ihren Genuß, als auf
+das, was sie in sich sind, auf den vorzüglicheren Grad und die
+eigentümliche Art ihrer Gemütsstimmung zu sehen. Diese nun ist aber
+schon schöner, wenn man die Einsamkeit liebt, und wird schöner, wenn man
+dieser Liebe nachhängt; sie würde es aber allmählich auch, wenn man von
+Natur die Einsamkeit nicht liebte, und sich nur Gewalt antäte, in ihr zu
+beharren. Das ist so in vielem meine Theorie.
+
+Daß Sie mir gelegentlich erzählen, daß an Ihrem Haus und Garten ein Bach
+mit einem Steg ist, hat mir Vergnügen gemacht. Solche kleinen Züge
+bezeichnen die ganze Lage und versetzen einen in die Gegenwart. Denken
+Sie nun auch hübsch an mich, teure Charlotte, hinter Ihrem Bach.
+
+Der Aufsatz, den Sie mir vorerst als Beantwortung meiner Frage senden,
+der ursprünglich nicht für mich bestimmt war, in dem aber eine Stelle
+über mich vorkommt, für die ich Ihnen sehr dankbar bin, hat mich sehr
+interessiert. Ich liebe die Ansichten, die jemand, der bei vielen andern
+genauen Übereinstimmungen doch sehr verschieden sein muß, über
+Gegenstände wie über Schriften hat, mit denen man durch das Leben
+gegangen ist. Es muß in solchen Beurteilungen vieles einseitig, selbst
+unrichtig sein, aber es ist die wahre, die natürliche und die eigene
+Ansicht, diese zieht immer an, weil man von ihr aus wieder Blicke in das
+Individuum tut, sie ist auch in hohem Grade belehrend, weil man sie sich
+gar nicht so von selbst vorstellen kann, und den Wert, den Eindruck, die
+Wirksamkeit der Dinge meist nur nach allgemeinen Maßstäben mißt und nur
+gewohnt ist, sich alles im Zusammenhange mit Denkart, Charakter,
+Erziehung und äußeren Umständen zu denken. Man wird die individuelle
+Ansicht immer ehren, auch wenn man nicht darin übereinstimmen könnte.
+Das, was Sie über mich sagen, ist sehr liebevoll und gütig, aber ich
+kann auch gewiß hinzusetzen, daß das gewiß wahr ist, daß ich unfähig
+wäre, je einen Menschen, der mir irgend nahe stand, zu vergessen oder
+aufzugeben, ich verfolge vielmehr jede Spur, die aus der Vergangenheit
+übrig ist. Jede solche Verbindung, ja jedes solches bloßes Begegnen,
+hängt ja mit so vielen in einem zusammen, und das Leben ist schon ein
+solches Stück- und Flickwerk, daß man nicht genug trachten kann, die
+zusammenhängenden Teile fester aneinander zu knüpfen. Freilich kommt es
+auch darauf an, daß die, an die man sich auf solche Weise erinnert, noch
+etwas behalten haben, was dem Bilde entspricht, das in der Seele lebt.
+Aber selbst, wenn das nicht ist, wie ich auch deren Beispiele in meinem
+Leben habe, so ergötze ich mich doch, wenn mir solche Personen wieder
+vorkommen, sie und ihr Treiben zu betrachten, ohne ihnen weiter ein
+fortdauerndes Interesse zu beweisen. Bei Ihnen ist das nun aber sehr
+anders; Sie haben so lange Jahre mein Andenken treu bewahrt, ohne
+irgendein Zeichen des Andenkens von mir zu empfangen; Sie leben gern und
+viel in Gedanken mit mir; Sie machen keine Ansprüche noch Forderungen an
+mich, als die ich gern und mit Freuden erfülle.
+
+Sie bitten mich abermals, meine Briefe bewahren zu dürfen. Liebe
+Charlotte, ich bin ein großer Feind von alten Briefen, und wenn auch gar
+nichts darinnen steht, was irgend jemandem im mindesten nachteilig sein
+könnte, habe ich das Aufheben nicht gern. Ein Brief ist ein Gespräch
+unter Anwesenden und Entfernten. Es ist seine Bestimmung, daß er nicht
+bleiben, sondern vergehen soll, wie die Stimme verhallt. Bleiben soll
+der Eindruck, den er in der Seele hervorbringt, und den dann der zweite
+und die folgenden verstärken oder verändern.
+
+Aber Sie legen einen so hohen Wert darauf, Sie bitten mich so inständig
+und dringend darum, daß ich es Ihnen gewiß nicht abschlagen will.
+Behalten Sie also immerhin die Blätter. Es ist ja dazu sehr lieb und gut
+von Ihnen, daß Sie sagen, Sie holen sich immer daraus, was Sie bedürfen.
+Ich schreibe nie eine Zeile, die ich nicht mit Fug und Recht verteidigen
+könnte, so ist es mir auch nicht gegeben, über das Schicksal meiner
+Briefe unruhig zu sein. Auch war es das nicht, was mich bewog, Sie um
+Verbrennung der meinigen zu bitten, sondern, wie ich oben sagte, weil
+ich das Aufheben der Briefe überhaupt nicht liebe. Selbst das Lesen
+alter Briefe will mir nicht recht einkommen. Ich dächte, man
+beschäftigte sich lieber mit dem Gegenstande in Gedanken, an dem das
+Herz hängt, da der Brief doch sein Leben verloren hat, wenn er nicht
+eben von geliebter Hand kommt. Bei Ihnen ist das anders. So behalten Sie
+immerhin die Briefe. Es macht mir Freude, Ihnen einen Wunsch zu
+gewähren, da Sie so selten einen Wunsch aussprechen. Nun leben Sie
+herzlich wohl, liebste Charlotte, und bleiben Sie um mich mit Ihren
+Gedanken, die meinigen teilen oft Ihre Einsamkeit. Ihr H.
+
+ * * * * *
+
+Sie wundern sich, daß eine Liebe zur Beschäftigung mit Empfindungen,
+eine Milde und Zartheit in denselben, ein Eingehen in fremde
+Gemütsstimmungen, mir unter vielen und abziehenden Geschäften geblieben
+ist. Das kommt doch nur daher, daß jenes eigentlich die natürliche
+Beschaffenheit meines Gemüts ist, und daß es mir immer eigen gewesen
+ist, gegen das innere und eigentliche Sein, die Geschäfte nur wie eine
+Art Nebensache zu behandeln, immer ihrer mächtig zu bleiben, statt mich
+von ihnen beherrschen zu lassen. Man macht sich darum und auf diese
+Weise nur desto besser. Und das, was den Menschen als Mensch berührt,
+die Gefühle, die ihn erfüllen, die sich in ihm drängen und stoßen, haben
+immer einen hauptsächlichen Reiz für mich gehabt. Ich habe zuerst damit
+angefangen, mich selbst zu kennen und mich selbst zu beherrschen, und
+kein Mensch kann sich klarer durchschauen, keiner sich mehr in seiner
+Gewalt haben als ich. Ich habe dabei immer nach zwei Dingen gestrebt:
+mich empfänglich zu halten für jede Freude des Lebens, und dennoch
+durchaus in allem, was ich mir selbst nicht geben kann, unabhängig zu
+bleiben, niemandes zu bedürfen, auch nicht der Begünstigungen des
+Schicksals, sondern auf mir allein zu stehen, und mein Glück in mir und
+durch mich zu bauen. Beides habe ich in hohem Grade erreicht, über keine
+Freude und keinen Genuß des Lebens bin ich hinweg, wie es die Leute
+nennen. Die einfachste Sache, wenn sie nur etwas Anmutiges oder Höheres
+an sich trägt, oder wenn sie mir durch irgend etwas besonders zusagt,
+gewährt mir reine Freude. Daher niemand so dankbar ist als ich, weil
+wirklich auch wenig Menschen so viel Grund zur Dankbarkeit haben. Teils
+begegnet ihnen vielleicht weniger Erfreuliches, teils aber finden sie
+auch in dem, was ihnen begegnet, das Erfreuliche nicht so heraus, und
+genießen es nicht, wie sie könnten. Aber kein Mensch ist auch so wenig
+bedürftig als ich, und darauf beruht ein großer Teil meines Glücks, denn
+jedes Bedürfnis ist, wie es befriedigt wird, nur eigentlich Stillung
+eines Schmerzes, und alles, was darauf verwendet wird, geht dem reinen,
+ruhigen, stillen Genuß ab.
+
+Der Fähigkeit, sich einem fremden Willen, bloß weil es ein solcher Wille
+ist, auch geradezu gegen die Neigung zu unterwerfen, als _Muß_ sich zu
+unterwerfen, dieser Fähigkeit bedarf jeder, auch der Mann, und ich würde
+mich sehr tadeln, wenn ich nicht wüßte, daß ich sie hätte. Sie macht
+überdies das Gemüt milder, weicher und, so sonderbar es scheint,
+zugleich stärker, selbständiger und der Freiheit würdiger.
+
+Ohne Kampf und Entbehrung ist kein Menschenleben, auch das glücklichste
+nicht, denn gerade das wahre Glück baut sich jeder nur dadurch, daß er
+sich durch seine Gefühle unabhängig vom Schicksale macht.
+
+
+
+_Burgörner_, im Juli 1822.
+
+Ich habe zwei recht liebe Briefe von Ihnen bald nacheinander empfangen,
+liebe Charlotte, die mir herzliche, wahre Freude gemacht haben, und
+wofür ich Ihnen ebenso herzlich danke. Die Güte und Liebe, die Sie mir
+so treu, wahr und natürlich bezeigen, tut meinem Herzen unendlich wohl,
+und wenn ich auch fühle, daß, wenn Sie von mir reden, das nur nach der
+Art ist, wie Sie mich ansehen, nicht gerade wie ich wirklich bin, so
+freut es mich, selbst da ich viel abbrechen muß, da ja dies liebevolle
+Zusetzen eine Folge und ein Beweis Ihrer Empfindung ist. Die
+Erinnerungen an Pyrmont haben mich sehr gefreut, auch mir steht noch
+vieles, sehr vieles in der Erinnerung von jener Zeit her. Mancher
+Gespräche unter uns erinnere ich mich auch noch. Es war in jener Zeit
+und selbst in der Gegend eine Scheide im Urteil über viele Dinge, auch
+über Dichtungen und Charakterformen, die in jeder Zeit sehr in
+Verbindung miteinander stehen. Die einen lebten mehr in Klopstock, den
+Stolbergen, und den Dichtern und Theaterstücken, die ruhiger und weniger
+excentrisch hinliefen; die andern mehr in Goethe, Schiller, von dem man
+damals eigentlich nur die ersten Stücke hatte (Die Räuber, Fiesko), und
+allem Regellosen, Excentrischen. Ich stand noch sehr unentschieden. Sie
+schienen mir mehr auf die erste Weise gebildet. Ich erinnere mich, daß
+Sie die Schillerschen Stücke nicht liebten. Alles das ist mir sehr im
+Gedächtnis geblieben, und ist mir noch heute, selbst außer der
+Persönlichkeit, merkwürdig, weil sich seit jener Zeit, auch in den
+inneren Ansichten, viel mehr verändert hat, als die doch nicht so
+unendlich lange Reihe der Jahre voraussehen ließe. Darum ist es mir auch
+sehr angenehm, wenn Sie, liebe Charlotte, gerade in Ihrer Jugend recht
+lange verweilen, in der Fortsetzung Ihrer Lebenserzählung. Ich werde
+Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie sich dieser Arbeit recht sorgfältig
+unterziehen. Auch wünschte ich genauer zu erfahren, durch welche Bücher
+Sie schon früh eine so ungewöhnlich ernste Bildung und Stimmung bekommen
+haben, und wie und wodurch diese in späteren Jahren sich so sehr
+befestigt hat. Ich wiederhole auch hier, Sie können in dem allen nicht
+weitläufig genug sein. Über das: jemand nach seinem Charakter behandeln,
+kann ich nicht ganz Ihrer Meinung sein. Ich tue es immer, einesteils
+weil es leicht zum Zwecke führt, dann, weil ich nicht berufen bin, auf
+den Charakter der Menschen gegen ihren Willen einzuwirken, endlich, weil
+die Menschen dabei glücklich und heiter bleiben und man gern Glück und
+Heiterkeit um sich verbreitet. Allein, was mich selbst betrifft, so
+wünsche ich immer und tue alles dazu, daß mich die Menschen nicht nach
+meinem Charakter nehmen mögen. Denn was heißt das anders, als den
+Charakter, wie er nun einmal ist, für abgeschlossen und unveränderlich
+annehmen, und ihn in allem, was er in sich enthält, zu bestärken? Nun
+aber ist keines Menschen Charakter fehlerfrei, es heißt also auch, den
+Menschen in seinen Fehlern bestärken. Ich weiß wohl, daß es mich
+manchmal tief schmerzt, wenn ich gegen meinen Charakter behandelt werde,
+allein ein solcher innerer Schmerz ist allemal heilsam, und das wahre
+Glück beruht gar nicht auf Schmerzlosigkeit. In dem Grade nun, daß die
+Menschen meines vertrauten Umgangs mir zu erkennen geben, daß Sie auch
+gern mit Kraft und Selbstverleugnung an sich arbeiten, daß sie heilsame
+Schmerzen nicht scheuen, behandle ich auch sie weniger mit Rücksicht auf
+ihren Charakter, und so könnte ich wohl bisweilen gegen die, welche mir
+innerlich am nächsten stehen, gerade am wenigsten schonend erscheinen.
+-- Es tut mir sehr leid, aus einzelnen Äußerungen zu erkennen, daß Sie
+leidend waren, vielleicht noch sind. Schonen Sie sich, liebe, gute
+Charlotte, schonen Sie sich auch für mich, denken Sie, daß es mich
+unendlich bekümmert, Sie leidend zu wissen. Ihre Ruhe, Ihre Heiterkeit,
+vor allem Ihre Gesundheit ist es, worauf es mir ankam. Frauen sind darin
+glücklicher und unglücklicher als Männer, daß ihre meisten Arbeiten von
+der Art sind, daß sie während derselben meist an ganz etwas anderes
+denken können. Ich würde es ein Glück nennen. Denn man kann ein ganz
+inneres Leben fast den ganzen Tag fortführen, ohne in seinen Arbeiten
+oder in seinem Berufe dabei zu verlieren oder gestört zu werden. Es ist
+das auch wohl ein Hauptgrund, warum wenigstens viele Frauen die Männer
+in allem übertreffen, was zur tieferen und feineren Kenntnis seiner
+selbst und anderer führt. Allein, wenn jene inneren Gedanken nicht
+beglückend, oder wenn sie wenigstens das nicht rein und unvermischt
+sind, sondern niederschlagend und beunruhigend dabei, so ist allerdings
+die Gefahr größer, welche die innere Ruhe bedroht; da Männer in ihren
+Geschäften selbst, auch wider ihren Willen, Zerstreuung und Abziehung
+von einem das Innere einnehmenden Gedanken finden.
+
+Fürchten Sie nie, daß mir Ihre entschiedene Vorliebe für die einsame
+Stille, die Sie sich selbst geschaffen haben, mißfallen könne. Gerade
+das Gegenteil. Die Zeichnung Ihres kleinen Landhauses und Gartens, die
+Ihrem letzten Brief beigelegt war, hat mir Vergnügen gemacht; es ist
+angenehm, sich mit jemand, den man liebt, alle Umgebungen denken zu
+können. Die Einseitigkeit, welche, wie Sie sagen, Ewald für Sie
+gefürchtet und darum die große Zurückgezogenheit, worin Sie leben, nicht
+ganz gebilligt habe, ist allerdings etwas, das nicht taugt. Einmal aber
+ist sie bei Ihnen nicht zu besorgen, andernteils auch kann man doch für
+sehr vieles verstummen, ohne zu verarmen im Innern, oder dem Wahren,
+Guten und Schönen abzusterben.
+
+Die Abgeschiedenheit spannt alle Vermögen eines weiblichen, in sich
+zarten und tiefen Gemüts höher, läutert die Seele und zieht sie ab von
+den kleinlichen, zerstreuenden Rücksichten, worein Frauen leichter
+verfallen als Männer. Auch gibt eine Frau, die die Einsamkeit liebt und
+in ihr lebt, gleich den Begriff, daß sie keine Freude sucht, als die sie
+aus der Tiefe ihres eigenen Innern schöpft, und das ist das
+Haupterfordernis, um einem selbst tiefer und besser fühlenden Mann zu
+gefallen und ein bleibendes, unwandelbares Interesse einzuflößen.
+
+Die wenigsten Menschen verstehen, wie unendlich viel in der Einsamkeit
+liegt, und gerade für eine Frau liegt. Wenn sie verheiratet ist und
+Kinder hat, ist ihr Familienkreis ihre Einsamkeit, im entgegen gesetzten
+Fall aber ist es eine absolute, in der man wirklich allein lebt und
+wenig Menschen sieht.
+
+Das Glück vergeht und läßt in der Seele kaum eine flache Spur zurück und
+ist oft gar kein Glück zu nennen, da man dauernd dadurch nicht gewinnt.
+Das Unglück vergeht auch (und das ist ein großer Trost), läßt aber tiefe
+Spuren zurück, und wenn man es wohl zu benutzen weiß, heilsame, und ist
+oft ein sehr hohes Glück, da es läutert und stärkt. Dann ist es eine
+eigene Sache im Leben, daß, wenn man garnicht an Glück oder Unglück
+denkt, sondern nur an strenge, sich nicht schonende Pflichterfüllung,
+das Glück sich von selbst, auch bei entbehrender, mühevoller Lebensweise
+einstellt. Dies habe ich oft bei Frauen in sehr unglücklichen ehelichen
+Verhältnissen erlebt, die aber lieber untergingen, als ihre Stelle
+verlassen wollten. Leben Sie herzlich wohl. Ihr H.
+
+
+
+_Berlin_, den 2. Dezember 1822.
+
+Ich habe Ihren Brief, liebe Charlotte, empfangen, und danke Ihnen von
+ganzem Herzen dafür. Es gehört immer zu meinen angenehmsten
+Empfindungen, etwas von Ihnen zu erhalten, und jemehr ich darin Ihre
+treue und liebevolle Anhänglichkeit erkenne, desto tiefer ist der
+Eindruck, den Ihre Zeilen auf mich machen. Die Erinnerung der
+Vergangenheit gesellt sich alsdann zu dem Genuß der Gegenwart, und ich
+rechne es immer zu den günstigsten Schicksalen meines Lebens, daß Sie
+mein Andenken haben bewahren wollen, und daß, wie mich Ihnen
+Beschäftigungen, Schicksale genähert haben, Sie fortdauernd Wert auf
+meine Teilnahme legen, in meine Ideen eingehen, und es sich selbst für
+ein Glück, ja wohl gar mir zum Verdienst anrechnen, daß mir Empfindungen
+blieben, die nur mit meinem eigenen Leben aufhören können. Es könnte
+mich dieser Beifall eigentlich stolz machen, allein dazu habe ich keine
+Anlage. Ich kenne mehr, wie irgendeiner, meine Fehler und Schwächen und
+weiß, daß es kein Verdienst genannt werden kann, daß, wenn man einmal
+vom Schicksal gewürdigt worden ist, das natürlich Treffliche und
+Gediegene zu sehen, wenn es sich, auch durch eine Gabe des Glücks, einem
+wirklich erschlossen hat, man es nun auch im Tiefsten der Seele festhält
+und sich nicht wieder entreißen läßt. Für ein solches Glück halte ich
+es, daß ich Sie einmal sah und Sie mir blieben, und fortfuhren, mir mit
+Treue anzuhängen, sich noch jetzt gern und willig mir unterordnen und
+mir erlauben, Ihnen so vertraulich zu schreiben. Ich habe die Stimmung
+von der Natur empfangen, die ich für eine ihrer wohltätigsten Gaben
+halte, daß ich das Unglück nie fürchte, ja, wo es mich betraf, und das
+ist doch einigemal auf sehr harte Weise geschehen, es nur als einen
+ernsten, aber nicht übelwollenden Begleiter betrachte; dagegen das Glück
+unendlich schätze, erkenne und genieße. Ich meine aber so das recht
+reine Glück, das, von allem Verdienst entblößt, uns die Götter schicken,
+ohne daß der Mensch dazu das mindeste tut. Ein solches Glück war es, daß
+Sie mir je begegneten, daß mir ein irdisches Bild vor Augen trat, das
+mir immer blieb und immer bleiben wird, mit dem nichts meinen Frieden
+stören kann und stören wird. Denn selbst, wenn es möglich wäre, daß Sie
+etwas anwandelte, das ich mißbilligen müßte, so bliebe jenes Bild ewig
+rein und unentweiht in mir. Es wäre dann etwas, das Ihnen so begegnete,
+wie es jedem Menschen wohl begegnen kann, es wäre aber nicht in die Züge
+verwebt, die den Umriß jenes Bildes ausmachen. Denn jeder Mensch trägt
+eigentlich, wie gut er sei, einen noch besseren Menschen in sich, der
+sein viel eigentlicheres Selbst ausmacht, dem er aber wohl einmal untreu
+wird, und an diesem inneren und nicht so veränderlichen Sein, nicht an
+dem veränderlichen und alltäglichen muß man hängen, auf jenes dieses
+zurückführen, und manches verzeihen, woran jenes tiefere Sein unschuldig
+ist. So hatte ich ja auch nie geahnt, welchen Schatz von Liebe und Treue
+Sie mir ein langes Leben bewahrten. Wie sollte es mich nicht beglücken!
+Diese Empfindungen, die Sie für mich hegen, die Gefühle, die aus jedem
+Ihrer Briefe sprechen, sind ja der Grund, auf dem alles, was wir
+miteinander wechseln, rein und schön hinfließt, von dem es die Farbe
+annimmt und in dessen Licht es erscheint. Darin liegt auch der große
+Reiz, den Ihre Lebensbeschreibung für mich hat. Jemehr ich die
+Umgebungen kennen lerne, in denen Sie, meine gute Charlotte, aufwuchsen,
+jemehr ich Sie mir darin denke, desto mannigfaltiger bewegt schweben mir
+die Züge vor, an die meine Einbildungskraft immer gern und lieblich
+geheftet ist. Solchen Genuß der Phantasie rechne ich zu den höchsten,
+die den Menschen gegeben sind, und in vieler Rücksicht ziehe ich ihn der
+Wirklichkeit vor. In diese kann immer leicht etwas störend eintreten,
+aber jene nähert sich den Ideen, und das Größte und Schönste, das
+Menschen zu erkennen imstande sind, bleiben doch die reinen, nur mit dem
+inneren Blick erkennbaren Ideen. In ihnen zu leben ist eigentlich der
+wahre Genuß, das Glück, was man ohne Beimischung irgendeiner Trübheit in
+sich aufnimmt. Nur haben wenig Menschen eigentlich Sinn dafür. Denn es
+gehört dazu eine Neigung der Beschauung, die in Menschen unmöglich ist,
+bei denen Sinnlichkeit und innere moralische Empfindung in Verlangen zur
+Wirklichkeit und zum Genuß übergehen. Ich bin von diesem Verlangen mein
+ganzes Leben hindurch sehr frei gewesen und habe daher mehr durch den
+Anblick vom Inneren und Äußeren genossen, und in beiden Rücksichten mehr
+die Wahrheit der Dinge erkannt, ohne mich Täuschungen hinzugeben.
+
+Sie haben mich, liebe Charlotte, schon vor längerer Zeit gebeten, Ihnen
+Nachricht von den Meinigen zugeben; Sie haben den Wunsch leise erneuert
+und sprechen ihn jetzt wieder auf eine so zart empfundene Art aus, daß
+ich mir fast einen Vorwurf darüber mache. Sie sagen: die nahen
+Angehörigen geliebter Männer seien für Frauen unendlich teure,
+geheiligte Gegenstände; die Kinder, Teile seines Wesens, die
+Lebensgefährtin, als die Mutter dieser, würden in dem Grade, wie sie den
+Geliebten beglücken, von der innigsten Zärtlichkeit umfaßt. Indem ich es
+zu würdigen weiß, aus wie edler Quelle dergleichen Äußerungen kommen,
+danke ich Ihnen recht herzlich dafür. Ich habe es nur von Brief zu Brief
+verschoben, weil ich gewöhnlich das letzte Wort eines Blattes und die
+letzte Viertelstunde der Zeit erreichte, ehe ich dazu kam. Ich fange bei
+meiner Frau an, da ich mich nicht erinnere, ob Sie wissen, wer sie
+eigentlich ist. Wenn ich Ihnen also etwas sage, was Ihnen bekannt ist,
+so seien Sie mir darum nicht böse. Sie war ein Fräulein von Dacheröden,
+in ihrer Jugend sehr schön, und, ob sie gleich acht Kinder gehabt hat,
+noch viel mehr erhalten, als es Frauen, die nicht in dem Falle sind,
+gelungen ist. Sie ist seit einiger Zeit kränklich, aber auf keine Weise,
+die Besorgnis erregte, oder ihre natürliche Heiterkeit störte. Burgörner
+gehört ihr und ist eins ihrer Güter, dahingegen Tegel und die
+schlesischen mir gehören. Unsere Ehe wurde bloß durch gegenseitige
+Neigung, ohne alles Zutun von Eltern und Verwandten, geschlossen, sie
+hat in den einunddreißig Jahren, die sie nun währt, nie einen nur
+weniger zufriedenen Moment gehabt, unser Glück ist gegenseitig heute,
+wie im Anfang, und hat nur die Farbe der verlaufenden Zeit nach und nach
+angenommen. Da wir beide von Natur heiter sind, so ist unser Verhältnis
+selbst jugendlicher geblieben, als es sonst der Fall sein würde. Meine
+Geschäfte haben uns manchmal lange voneinander getrennt, aber seitdem
+ich freie Muße genieße, sind wir fast ununterbrochen zusammen, und dies
+fortsetzen zu können, wird mich vorzüglich bewegen, wenn es nicht
+durchaus sein muß, nicht wieder in Dienst zu treten. Gleich nach meiner
+Verheiratung lebte ich auch außer Dienstverhältnissen über zehn Jahre
+lang, und reiste damals mit meiner Frau nach Frankreich und Spanien.
+Jetzt in der Stadt berühre ich fast die Straße mit keinem Fuß, und fahre
+auch selten aus. Auf dem Lande gehen wir immer zusammen spazieren, oder
+sind beide zu Hause. Von unsern acht Kindern haben wir leider drei, eins
+in Paris, zwei in Rom, verloren, als ich dort Gesandter war. Jetzt haben
+wir noch drei Töchter und zwei Söhne. Die älteste Tochter wird sich
+schwerlich verheiraten, sie bleibt gern mit uns, und wir würden sie, da
+sie so lange mit uns gewesen ist, noch ungerner missen. Meine beiden
+andern Töchter sind verheiratet; die zweite heiratete, ehe sie noch
+fünfzehn Jahre alt war, und ihr Mann in den Krieg ging. Sie hat den
+Obrist-Lieutenant von Hedemann zum Manne und lebt überaus glücklich. Die
+jüngste ist an den Geheimrat von Bülow verheiratet, der
+Legations-Sekretär bei mir in London war, und jetzt hier bei dem
+auswärtigen Departement steht. Sie hat eine Tochter, die bald ein Jahr
+alt sein wird, und lebt gleichfalls sehr heiter und in ihrer
+Häuslichkeit zufrieden. Mein jüngster Sohn ist noch im Hause und wird
+bei mir erzogen. Mein ältester ist Kavallerieoffizier in Breslau und hat
+eine schöne und liebenswürdige Frau. Sie hat leider noch keine Kinder.
+So wissen Sie wenigstens im ganzen so viel, daß Sie sich meine Familie
+und mein Leben in derselben vorstellen können. Außer meiner Familie sehe
+ich wenig Leute. In Privathäuser gehe ich selten, nur zu einigen alten
+Bekannten.
+
+Ich muß nun schließen, das Papier ist zu Ende. Leben Sie herzlich wohl,
+liebe Charlotte. Mit der unwandelbarsten und wärmsten Anhänglichkeit der
+Ihrige. H.
+
+
+
+_Berlin_, den 27. Dezember 1822.
+
+Ich setze mich mit inniger Freude an den Tisch, Ihre beiden Briefe zu
+beantworten, die mir, wie alles, was mir von ihnen kommt, sehr teuer
+gewesen sind. Es tut mir sehr leid, daß mein längeres Schweigen Sie
+einen Augenblick beunruhigt hat, ob ich gleich diesem Umstande einen
+Brief mehr von Ihnen verdanke. Sie müssen aber nie unruhig sein, wenn
+ich einmal länger nicht schreibe, als Sie gerade gedacht haben, daß ich
+es tun würde. Ich bin so selten krank, daß dies garnicht in Berechnung
+kommen kann, und eine Änderung in meinen Gesinnungen, wie leise sie auch
+sein möchte, ist in der Tat unmöglich. Es widerspricht meinem Charakter
+überhaupt, und widerspricht noch viel mehr meinen einmal für Sie
+gefaßten Empfindungen, und kann mit einem Worte nicht eintreten. Daß ich
+aber einmal weniger oft schreibe, hat ganz zufällige Ursachen, die ich
+aber auch nicht gut ändern kann. Ob ich gleich jetzt gar keine
+eigentlichen Geschäfte habe, so bin ich beschäftigter als die meisten,
+die selbst viel mit solchen beladen sind, und ich lebe keineswegs so,
+wie manche andre, daß ich nur auf irgend eine Weise dem Vergnügen oder
+meinen Einfällen nachhänge. Meine Stunden vom Morgen bis zum Abend, und
+vor 1 Uhr gehe ich nie zu Bette, sind regelmäßig besetzt; mit meiner
+Familie bringe ich nur etwa zwei Stunden am Abend, außer dem
+Mittagessen, zu. In Gesellschaft gehe ich so gut als garnicht, und in
+meiner Stube, in der ich also die meiste Zeit meines Lebens zubringe,
+bin ich mit Papieren und Büchern umringt. Ich führe, seit ich den Dienst
+verlassen habe, ein eigentliches Gelehrten-Leben, habe weitläufige,
+wissenschaftliche Untersuchungen unternommen, und so kommt es denn
+freilich, daß der Briefwechsel manchmal stockt, der mit Ihnen aber doch
+am wenigsten. Denn ich wundere mich selbst manchmal, wie ich Ihnen so
+oft und so lange Briefe schreibe, und dann finde ich es doch wieder so
+natürlich, weil ich mich so gern in meinen Gedanken vor Ihnen gehen
+lasse, und meine Briefe wieder Veranlassung der Ihrigen sind, die ich so
+innig gern lese, wie lang sie sein möchten. Denn zum Lesen habe ich
+immer Zeit, da dazu der Entschluß nicht wie zum Schreiben zu nehmen ist,
+sondern mit dem erscheinenden Briefe natürlich da ist, so schiebt sich
+alles andre so lange zur Seite. Auch das Denken gehört jeder Stunde an,
+nur zum Schreiben kommt man nicht immer, und ich könnte mir darin einen
+Zwang antun. Ich klagte mich zum voraus bei Ihnen an, liebe Charlotte,
+daß ich eigentlich nicht ordentlich und regelmäßig im Schreiben bin, und
+Sie sehen jetzt, daß ich nicht unwahr redete.
+
+Daß Sie erfreut und zufrieden sind mit den kurzen Nachrichten, die ich
+Ihnen über meine Familie gab, ist mir lieb, ob sie hinzusetzen, »wenn
+ich sie auch ausführlicher gewünscht hätte, bin ich doch erfreut und
+etwas bekannt mit den Ihrigen und bescheide mich«. -- Das ist ganz in
+Ihrer Art, und wenn ich Sie darum lobe, so muß ich darüber schmälen, daß
+Sie besorgen, ob Sie sich nicht zu sehr haben gehen lassen in dem
+Ausdruck Ihrer Empfindungen? Sie haben in Ihrer Selbstbiographie nur für
+mich geschrieben. Sie haben mir die ersten Empfindungen Ihrer
+jugendlichen Brust aufrichtig, edel und offen gestanden, Sie haben mir
+diese Gefühle durch ein ganzes Leben gesondert, bewahrt, und mein
+Andenken heilig erhalten, ohne irgendein Zeichen des meinigen empfangen
+zu haben. Ihr ganzer Besitz waren ein paar Zeilen auf einem Zettel
+Papier. Das würde jeden Mann gerührt haben. Wer aber so etwas zu
+würdigen versteht, wie ich das von mir sagen darf, der wird es wie ein
+seltenes Glück dankbar empfangen und wie eine Zugabe des Himmels
+ansehen. Nicht der leiseste, nur scheinbar gerechte Vorwurf könnte Sie
+treffen, und die kälteste, ruhigste Beurteilung könnte hier nichts zu
+tadeln finden. Sie sehen, ich will mir nicht wieder entreißen lassen,
+was Sie mir einst freiwillig gegeben haben. Ich will es behalten, und
+keine kleinlichen Skrupel von Ihrer Seite sollen mir meinen lieben
+Besitz rauben. Irre ich, so irrt wenigstens mein Herz nicht. Ich habe
+nicht die engherzigen Begriffe über solche Empfindungspflichten, die
+wohl sonst im Schwange sind. Wenn man in sich rein ist, kein Gefühl mit
+dem andern vermengt, keine Pflicht verletzt, so habe ich für mich (ich
+will nie für das Gewissen eines andern reden) kein Arges, mich jedem
+Gefühl, das wahr und unentstellt in mir aussteigt, ohne alle
+Ängstlichkeit hinzugeben. So ist es in mir. Sie sehen, was ich Ihnen
+oben sagte, ich will behalten, was ich habe.
+
+Von meinem Familienleben hätte ich Ihnen, wenn Sie es nicht ausdrücklich
+gefordert hätten, und es mir nicht natürlich geschienen, doch auch das
+Innere und gerade dasjenige Verhältnis zu berühren, von dem in einem
+Familienkreise alle anderen Empfindungen ausgehen, immer geschwiegen.
+
+Also noch einmal, ich will, liebe Charlotte, daß Sie nicht eine einzige
+Zeile, nicht ein Wort zurückwünschen. Alles, was Sie mir geschrieben
+haben, woraus Ihre Gefühle so rein und wahr hervorstrahlen, beglückt
+mich in der Erinnerung. Ich wünsche vor allem, daß der Briefwechsel mit
+mir Ihnen reine, durch nichts getrübte Freude mache. Ich habe ja dabei
+keinen andern Zweck, als für mich Erinnerungen festzuhalten, die mir
+ewig teuer sein werden, und für Sie, Ihnen eben dadurch Freude zu geben.
+
+Daß ich Ihnen jene Nachrichten so spät gab, darf Sie nicht wundern, ich
+gab sie nur, weil Sie es wollten. An sich ist es meine Art nicht, von
+dem, was ich für einen Menschen fühle, einem andern als ihm selbst zu
+sprechen, ja, es ist mir ganz entgegen. Ich weiß wohl, daß man es so
+gemeinhin für ein Zeichen und ein Bedürfnis der Freundschaft hält, sich
+gegenseitig Freude und Kummer und alles mitzuteilen, den andern, wie man
+es nennt, mit sich leben zu lassen. Ich könnte tiefen Kummer und große
+Freude im Herzen haben, und es würde mich nie drängen, es denen
+mitzuteilen, die ich am liebsten habe. Ich tue es auch wirklich nicht,
+wenn die Mitteilung nicht andere Veranlassung hat. Ich halte sehr wenig
+von den Ereignissen des Lebens und für mich (Gott weiß, nicht für
+andere) wenig von Glück und Unglück, beide, auf mich bezogen, sind die
+letzten Rücksichten bei meinem Tun und Handlungen; ich weiß, Gottlob!
+mit denen, die ich so gern habe, als Sie, immer noch etwas Besseres zu
+reden, als was eben um mich herum vorgeht. Ich mache es gerade so mit
+meiner Frau und Kindern. Sie wissen von sehr vielem, was mich
+beschäftigt, garnicht, und meine Frau denkt so gleichgestimmt mit mir
+darüber, daß, wenn sie zufällig etwas erfährt, was sie nicht wußte,
+oder ich ihr selbst bei einer Veranlassung davon sagte, es ihr nicht
+einfällt, das sonderbar zu finden. Freundschaft und Liebe bedürfen des
+Vertrauens, des tiefsten und eigentlichsten, aber bei großartigen Seelen
+nie der Vertraulichkeiten.
+
+Leben Sie herzlich wohl! Mit unveränderlichen
+Gesinnungen der Ihrige. H.
+
+
+
+_Berlin_, den 14. Februar 1823.
+
+Sie verstummen ja ganz, liebe Charlotte. Es ist ungewöhnlich lange, daß
+ich keine Zeile von Ihnen erhielt. Schon seit acht Tagen wollte ich Sie
+bitten, das Stillschweigen zu brechen. Aber ich hoffte mit jedem Posttag
+einen Brief zu erhalten. Wenn Sie nur nicht krank sind! Allein gerade
+dann, dächte ich, hätten Sie geschrieben, mir wenigstens das zu sagen.
+Sie waren aber sehr angegriffen, hatten sich sehr angestrengt, dazu
+jetzt die kalte Witterung, das alles könnte Ihnen doch wohl geschadet
+haben. Ich bitte Sie inständigst, schreiben Sie mir, wie es Ihnen geht.
+Ich würde in der Tat sehr unruhig sein, wenn ich auch jetzt keinen Brief
+erhielte. Ich bin wohl, aber sehr beschäftigt. Mein Bruder war vier
+Wochen hier bei mir. Er ist nun nach Paris zurückgegangen; während
+seiner Anwesenheit hatte ich alles liegen lassen, und so ist schon das,
+was sich in meinen Geschäften angehäuft hat, so ansehnlich, daß ich ein
+paar Wochen daran aufzuräumen haben werde. Darum verzeihen Sie auch die
+Kürze meiner Zeilen. Da Siegern lange Briefe von mir haben, so wird
+Ihnen mein letzter gefallen haben, er füllte den ganzen Bogen, und mit
+meiner kleinen Handschrift ist das sehr viel. Leben Sie wohl, und ich
+bitte, schreiben Sie mir gleich. Von Herzen und mit unveränderlichen
+Gesinnungen der Ihrige. H.
+
+
+
+_Berlin_, den 14. März 1823.
+
+Ich habe, liebe Charlotte, Ihre Briefe mit deren Beilagen erhalten und
+sage Ihnen meinen herzlichen Dank dafür. Man kann nicht ordentlicher
+sein, als Sie diese zweite Lieferung zu Ihrer Lebensbeschreibung
+eingerichtet haben. Sie nennen sie: Einleitungshefte. Die Folge wird das
+erst ganz deutlich machen, da alle Ihre Gedanken Klarheit haben. Alles
+liest sich leicht und mühelos, wie ein Buch, und was bei Handschriften
+immer sehr angenehm ist. Daß Sie das Ganze in Lieferungen teilen und
+jede in einen angemessenen Abschnitt zusammenfassen, ist äußerst
+zweckmäßig. Ich finde es daher auch besser, daß Sie künftig sich nicht
+gerade an die Zeitpunkte halten, die ich anfangs bestimmt hatte, sondern
+jeder Lieferung einen angemessenen, sich nach dem Inhalt richtenden
+Abschnitt geben, daß er weder allzukurz noch allzulang wird, und
+abzusenden, wenn Sie solche Lieferung fertig haben, ohne sich an einen
+bestimmten Zeitabschnitt zu kehren. Ich weiß, auf der einen Seite, daß
+Sie Interesse genug an der Sache nehmen, und liebevoll gegen mich
+gesinnt, selbst gern meine Wünsche erfüllen, und also die Muße, die Sie
+auf diese Arbeit verwenden können, gewiß nicht ohne Not andern Dingen
+schenken. Auf der andern Seite aber möchte ich selbst nie, daß Sie den
+notwendigen Geschäften, die Ihnen obliegen, Zeit entzögen, die dann
+wieder zu große Anstrengungen forderten, um das Verschobene wieder
+einzubringen. Alles, wozu ich Sie veranlasse, soll nur zu Ihrem
+Vergnügen und Ihrer Genugtuung dienen, nicht aber Ihnen zur Last noch
+Unruhe werden. Was mich bei dieser Lieferung erschreckt, ist, daß Sie
+schon so weit vorgerückt sind. Sie sehen daraus, wie ich Ihnen immer
+sagte, daß Ihre Furcht vergeblich sei, daß Sie bei einer so großen
+Ausführlichkeit nie zu einem Ende kommen würden. Indessen kann ich Ihnen
+durchaus über Mangel an Ausführlichkeit keinen Vorwurf machen. Ich
+glaube gern und sehe es aus der Schrift selbst, daß Sie nichts weiter zu
+erzählen hatten, weil der Gegenstand Ihnen in Ihrem Gedächtnis nicht
+mehr darbot. Sie haben nichts übergangen, alle Personen, die Sie
+erwähnen, erscheinen in einer vollständigen Zeichnung mit sehr
+bestimmten Umrissen, man sieht zugleich ihre Umgebungen, und es geht dem
+Bilde kein Zug ab, dessen Vermissen eine Lücke verursachte. Zwei
+interessante Figuren sind Ihre beiden Großmütter, man ist sehr geneigt,
+sie in Ihnen wieder zu erkennen. Zwei vorzügliche Frauen waren es gewiß.
+Es ist in sich natürlich, daß die Schilderung des Lebens einer in den
+einfachsten Verhältnissen sich befindenden Familie nicht mehr und nichts
+Vielfacheres darzubieten imstande ist; auch ist es Ihnen wohl bis dahin
+nicht eingefallen, dies Leben in so weiter Vergangenheit zurückzuholen
+und zu beschreiben. Das alles, gute Charlotte, erkenne ich mit wahrer
+Dankbarkeit, erkenne, wie gern Sie mir Freude machen. Auch hat Ihre
+Erzählung, gerade in dieser Einfachheit eines solchen Lebens, für mich
+und meine individuelle Art zu empfinden einen großen Reiz, den ich auch
+wieder bei Lesung Ihrer Blätter empfunden habe. Ich muß diese Lieferung
+auch darin noch mehr loben als früher, weil die Erzählung darin ruhiger,
+ununterbrochener, und in einem einzig nur das Geschilderte
+heraushebenden Tone fortgeht. So gern ich auch Betrachtungen lese,
+welche Sie früher dem Erzählten einzustreuen pflegten, so besteht der
+größte Reiz einer Erzählung doch gerade darin, daß man nur das Erzählte
+erblickt, und daß es als etwas ehemals Vorgegangenes und sich selbst vor
+dem Auge Bewegendes dasteht, nicht durch den unterbrochen wird, der es
+jetzt absichtlich darstellt. Im gegenwärtigen Falle sind nun zwar Sie,
+als darstellend und dargestellt, dieselbe Person, allein die
+Verschiedenheiten der Zeit bleiben auch so doch gleich beachtungswert,
+und Sie, jetzt und selbst erzählend, werden gegen sich, in jener Zeit
+dargestellt, auch wieder gewissermaßen eine Fremde. Sie müssen aber
+darum nicht glauben, daß ich mich durchaus gegen die Einstreuung jeder
+Betrachtung erklärte, und Sie sich jede neue verbieten müßten. Dies ist
+gar nicht meine Absicht. Ich lobe mehr die Art, die ich hier beobachtet
+gefunden habe, als ich es tadeln würde, wenn Sie eine andere angewendet
+hätten. Denn auch diese könnte auf ihre Weise Reiz gehabt haben, und Sie
+würden es gewiß verstanden haben, ihn derselben zu geben. Allein in sich
+ist es richtig, daß die Erzählung reiner und anziehender in dem Grade
+ist, in welchem sich der Erzähler mehr zurück und in Schatten stellt,
+und dieser verliert dabei nicht, denn man sieht ihn und seine
+Individualität in der Art und Natur der Erzählung gleich klar und
+bestimmt, und fühlt sich durch die verstecktere Art, mit der es
+geschieht, überrascht. Die Zeichnungen, die Sie beigelegt hatten, haben
+mich sehr gefreut. Sie versetzen den, der sie sieht, auf den Schauplatz
+der Personen, von denen erzählt wird, und tragen daher zur Lebendigkeit
+der Schilderung und zur Bestimmtheit des Bildes bei. Die äußere Ansicht
+Ihres elterlichen Hauses hat aber auch etwas in sich Freundliches und
+Gefälliges. Bei Gelegenheit des Todes Ihrer Mutter erwähnen Sie,
+obgleich dunkel und so, daß man nicht deutlich und bestimmt sehen kann,
+wie es gewesen ist, etwas Geisterartiges. Dies bitte ich Sie nicht zu
+übergehen. Ist es, wie es fast scheint, Ihre Absicht, darauf bei einer
+andern Gelegenheit in der Folge zurückzukommen, so mag es so bleiben,
+und so lese auch ich die genaue Darstellung dieses Ereignisses lieber an
+dem Orte, den Sie für den paßlichsten halten. Wollen Sie aber nicht
+darauf zurückkommen, sondern es bei demjenigen bewenden lassen, was Sie
+darüber gesagt haben, so muß ich Sie bitten, dieser Sache eine besondere
+Zugabe zur zweiten Lieferung zu widmen, sie zuerst und zunächst
+auszuarbeiten und mir einzeln zuzusenden. Es hat gerade dies ein ganz
+besonderes Interesse für mich. -- Das Mißgeschick mit Ihrer Wohnung hat
+mich sehr geschmerzt; Sie befanden sich dort einsam und wohl, und hatten
+überdies sie sich nach Ihren Neigungen eingerichtet. Das verlassen zu
+müssen, ist wirklich höchst unangenehm, und ich nehme nicht nur den
+innigsten Anteil daran, sondern begreife auch ihre Niedergeschlagenheit
+darüber vollkommen.
+
+Daß Ihnen meine Teilnahme tröstlich, mein Andenken wohltätig ist, und
+Sie gern dabei verweilen und ausruhen, wenn Ihnen, wie auch jetzt, weh
+ist, dafür, liebe Charlotte, kann ich Ihnen nur sehr dankbar sein. Es
+war mein Wunsch und meine Absicht, ich wollte nur glücklich, heilsam und
+wohltätig auf Sie einwirken, und es freut mich unendlich, wenn ich
+erkenne, daß ich das erreiche. Gestatten Sie mir denn auch jetzt diesen
+Einfluß auf Ihr Gemüt, da Sie leiden und gebeugt sind. Richten Sie sich
+an mir auf. Ich möchte niemand lieber als Ihnen zur Stütze sein. Leben
+Sie für heute herzlich wohl, und erlauben Sie mir die Wiederholung
+meiner Bitte, sich zu beruhigen. Halten Sie den Glauben an die Treue
+meiner innigsten, liebevollsten Teilnahme fest, womit ich Ihnen stets
+angehöre. Ihr H.
+
+
+
+_Berlin_, den 30. März 1823.
+
+Ihr Brief vom 19. dieses, liebe Charlotte, hat mich bekümmert, da er in
+großer und sichtbarer Niedergeschlagenheit geschrieben war; es hat mich
+aber gefreut zu sehen, daß er gegen das Ende hin heiterer wird, weil das
+ein sicheres Zeichen ist, daß das ruhige Schreiben, das stille Gespräch
+mit dem, von dem Sie wissen, daß er immer gleichen Anteil an Ihnen
+nimmt, eben jene wohltätige Wirkung auf Sie ausgeübt hat. Darum hoffe
+ich auch, werden Sie nicht bei dem Vorsatz des Verstummens bleiben,
+sondern fortfahren, wie bisher, zu schreiben. Jener Vorsatz, den ich
+überhaupt nur für augenblicklich halten will, kann Ihnen nur von einer
+düsteren Stimmung eingegeben sein. Es ist sehr liebevoll von Ihnen, daß
+Sie, wie Sie sagen, mein Leben nicht durch Ihre Niedergeschlagenheit
+stören wollen. Allein, weiß ich sie darum weniger, wenn ich sie in Ihrem
+Verstummen erkenne, und muß sie mich denn nicht gerade darum mehr
+beunruhigen, weil ich den Grad, die Farbe, die Art derselben weniger
+kenne? Sie können versichert sein, daß ich immer den herzlichsten und
+mitfühlendsten Anteil an Ihnen und allem, was Ihnen begegnet, nehme, und
+daß ich auch auf dieselbe Weise den Unfall ansehe, daß Sie gerade jetzt,
+und überhaupt, eine Ihnen zu bequemer und lieber Gewohnheit gewordene
+Wohnung aufgeben müssen. Allein ich möchte Ihnen doch, liebe Charlotte,
+bei einem solchen Falle mehr Stärke, mehr innere, äußeren Unfällen
+entgegenstrebende Heiterkeit wünschen, da Ihnen so vieles zum inneren
+Genuß bleibt. Es soll dies gewiß auch nicht der fernste und leiseste
+Vorwurf sein, ich möchte lieber alles, als Ihnen im mindesten weh tun.
+Aber es ist einmal meine Art, zu denen, mit denen ich vertraulich
+umgehe, durchaus und ganz wahr zu reden, unverhohlen zu sagen, was mir
+nicht zu billigen scheint, und ihnen die Vorstellungen zu machen, durch
+die sie meiner Überzeugung nach in sich stärker, fester und dadurch
+selbständiger und minder abhängig von äußeren Zufälligkeiten werden.
+Also seien Sie mir um dasjenige, was ich Ihnen hier sage und sagen
+werde, nicht böse. Sehen Sie es auch nicht als etwas an, das der leicht
+sagen kann, der selbst nur in glücklicher und genügender Lage vor
+ähnlichen Unfällen sicher ist. Es kommt nicht auf die äußere Ursache an,
+von welcher der Schmerz oder die Widerwärtigkeit entsteht, und der
+Himmel hat Schmerz und Widerwärtigkeit so weise verteilt, daß der
+äußerlich noch so vorzüglich Begünstigte darum keinen Augenblick
+hindurch freier ist von Anlässen und Ursachen inneren Schmerzes. In
+einem schon ziemlich langen und gar nicht in einfachen Verhältnissen
+hingegangenen Leben sind mir mannigfaltige Dinge vorgekommen, die mich
+augenblicklich oder auf lange aus meinem ganzen gewohnten Lebenswege in
+einen andern, in vielen, gerade das Innerste berührenden Punkten
+verschiedenen gestoßen haben. Ich bin also den Empfindungen, die Sie
+jetzt haben, auf keine Weise fremd, und kann mir jeden Tag, da wir in
+der Hand des Schicksals sind, eine ähnliche bevorstehen. Ich verkenne
+auch darum die Art Ihrer Empfindungen nicht, weil ich, wie Sie
+allerdings Recht haben zu sagen, nicht gerade mit der äußeren Ursache
+sympathisieren kann. Das Wechseln einer Wohnung, das mir so oft von den
+angenehmsten zu den unlieblichsten begegnet ist, würde auf mich
+allerdings wenig Einfluß haben. Ich lebe zwar auch beständig in meiner
+Stube, bin jetzt zum Beispiel, trotz des Sonnenscheins, seit acht Tagen
+mit keinem Fuße anders, als zu den durch Gewohnheit bestimmten
+Tageszeiten, in das Nebenzimmer zu meiner Familie gekommen. Ich habe
+keine Bedürfnisse der Art, jede Stube ist mir gleich, ich brauche keine
+Bequemlichkeiten, den Rohrstuhl, auf dem ich sitze, und den Tisch, an
+dem ich schreibe, ausgenommen. Sie würden keinen Spiegel, kein Sofa,
+nichts von dem allen bei mir finden. Allein auf die Ursache der Trauer
+kommt gar nichts an, es gilt nur diese, und ich sage Ihnen das nur, um
+jedem, auch stummem Einwand zu begegnen, daß ich bei einem Unfall, wie
+er Sie jetzt betrifft, mich nicht in Ihre Lage versetzen könnte. Ich
+kann es gewiß, da jeden reizbaren und nicht empfindungslosen Menschen
+niederschlagende Empfindungen ähnlicher Art betreffen. Aber gerade
+darum, meine eigenen Erfahrungen benutzend, muß ich Sie doch bitten,
+liebe Charlotte, sich durch dies Ereignis nicht auf solche Weise beugen
+zu lassen. Ich kann es nach Ihrer eigenen Schilderung nicht sowohl für
+ein empfindliches Übel halten, daß Sie gerade diese Wohnung verlassen,
+sondern mehr, daß Sie nicht wieder eine ungenierte Gartenwohnung mit
+Stille und Einsamkeit und ohne Mitbewohner gefunden haben. Was Sie mir
+einmal von der Kälte und Feuchtigkeit der Wände, auch wo Sie schlafen,
+sagten, hat mich sehr geschreckt, und kann Ihnen unmöglich zuträglich
+gewesen sein. Trotz alledem, was sich da sagen läßt, bleibt der Verlust,
+bis Sie eine andere ländliche und stille Wohnung finden, sehr groß, und
+läßt sich nicht wegräsonieren, auf keine Weise. Aber da, liebe
+Charlotte, bleibt, außer der Resignation, das zu tragen, was
+unabänderlich ist, doch auch der Genuß dessen, was Ihnen in Ihrem
+inneren Leben unentreißbar bleibt, das Andenken an alles, was Ihnen
+teuer ist, der Umgang mit einigen Personen, denen Sie geneigt sind, das
+Bewußtsein eines immer reinen Gemüts ein bewegtes Leben hindurch, die
+Genugtuung an einem sich selbst geschaffenen Dasein, endlich, darf ich
+auch mit Freuden hinzusetzen, nach dem, was Sie mir so oft sagen, die
+Beschäftigung mit mir, die Sicherheit, wie innig ich alles Weh und alle
+Freude teile, die sich in Ihnen bewegen. Einer gewissen Stärke bedarf
+der Mensch in allen, auch den glücklichsten Verhältnissen des Lebens,
+vielleicht kommen sogar Unfälle, wie Sie jetzt einen erfahren, um
+dieselbe zu prüfen und zu üben, und wenn man nur den Vorsatz faßt, sie
+anzuwenden, so kehrt bald, auch selbst dadurch Heiterkeit in die Seele
+zurück, die sich allemal freut, pflichtmäßige Stärke geübt zu haben. -- --
+
+
+Überhaupt, liebe Charlotte, und ich denke das oft, mag es wohl sein, daß
+ich anders bin, als Sie sich mich manchmal gedacht hatten. Das kann
+eigentlich nicht fehlen, wenn man sich fast nie gesehen und nie
+miteinander gelebt hat. Ich schrieb Ihnen, im Beginn unsers
+Briefwechsels, Sie müssen mich nehmen, wie ich bin, ich kann aus meinem
+Wesen, wie es ist, nicht herausgehen. Meine wahren und eigentlichen
+Gesinnungen überhaupt und gegen Sie, liebe Charlotte, bleiben immer
+dieselben und ändern nie. Ob Ihnen der Ausdruck immer gleich erfreulich
+und ansprechend ist, dafür kann ich nicht einstehen. Ich kann meiner
+Freiheit, weder in der Häufigkeit, noch in der Art, wie ich schreibe,
+etwas nehmen, und muß Sie da, wo ich zufällig nicht mit Ihnen oder Ihren
+Bemerkungen übereinstimme, um Nachsicht bitten. Daß ich in Wahrheit teil
+an Ihnen nehme, daß ich Ihnen auch gern schreibe, sehen Sie genug auch
+daraus, daß ich Ihnen vom Anfange an frei und offen, wie ich immer bin,
+sagte, daß ich ungern schreibe, daß Sie selten und kurze Briefe von mir
+bekommen würden, und daß ich doch häufig, und wie selbst dieser zeigt,
+sehr lange Briefe wirklich schreibe. Um zu Ihrer Lebenserzählung
+zurückzukehren, so kann ich Ihnen nur wiederholen, daß Sie mir durch die
+Fortsetzung wahre Freude machen werden, muß aber auch hinzusetzen, daß
+meine Bitte immer von der Voraussetzung ausgeht, nicht bloß, daß Sie es
+gern tun, das weiß ich gewiß, sondern auch, daß Sie Stimmung und Zeit in
+Anschlag bringen, und sich nur dann damit beschäftigen, wenn beide es
+erlauben; ich weiß ja, wie gewissenhaft Sie Ihre Zeit anwenden und
+darüber denken, und Sie wissen, wie dies meine wahre Achtung für Sie
+erhöht. Was Sie mir von den Geistererscheinungen sagen, hat mich noch
+neugieriger darauf gemacht. Ich bin ganz der Meinung Ihres verewigten
+Vaters. Niemand kennt den geheimen, Zusammenhang der Dinge, und ich
+werde keinen Unglauben haben. Leben Sie nun herzlich wohl, liebste
+Charlotte! Suchen Sie sich zu erheitern, tun Sie es auch aus Liebe zu
+mir, und glauben Sie, daß niemand so gern und so oft an Sie denkt, als
+ich. Ihr H.
+
+
+
+_Berlin_, den 12. April 1823.
+
+Ich danke Ihnen recht herzlich für Ihre wenigen Zeilen, welche Ihnen
+Ihre liebevollen Gesinnungen eingaben. Ihre Worte: »Nehmen Sie dem
+gepreßten Herzen die Worte nicht genau, so wenig als den Kleinmut, der
+Folge schwerer Verhängnisse ist« -- diese Worte haben mich tief gerührt.
+Niemals werden Sie in meinen Gesinnungen den leisesten Wandel erkennen.
+-- Ihrem nächsten Briefe sehe ich nun mit großem Verlangen entgegen; aus
+einigen Äußerungen möchte ich schließen, daß ich Ihnen eine angenehmere
+Aussicht eröffnet habe. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- H.
+
+
+
+_Berlin_, den 25. April 1823.
+
+Ich wollte mich eben hinsetzen, liebe Charlotte, Ihren lieben Brief vom
+9. dieses zu beantworten, als ich zu meiner großen Freude den vom 20.
+bekam. Ich glaubte schon, Sie wollten, ehe Sie mir schrieben, erst eine
+Antwort von mir abwarten. Ich freue mich sehr, Sie nicht in dem Hause zu
+wissen, vor dessen unlieblichen Bewohnern Sie mit Recht einen so großen
+Abscheu hatten. Sie haben bei Ihrem neuen Etablissement wenigstens an
+Ruhe und Einsamkeit gewonnen. Ich begreife indes vollkommen Ihren
+Widerwillen vor der Stadt. Wäre ich nicht meiner Kinder wegen hier, die
+einmal ihrer Verhältnisse wegen die Stadt, zumal im Winter, nicht
+verlassen können, so würde ich immerfort auf dem Lande bleiben. Selbst,
+wo die Gegend nicht reizend wäre, bleibt der Anblick des freien Himmels
+schon viel. Der Anblick des Himmels hat überhaupt unter allen Umständen
+einen unendlichen Reiz für mich, bei sternenhellen, wie bei dunklen
+Nächten, bei heiterm Blau, wie bei ziehenden Wolken, oder dem traurigen
+Grau, worin sich das Auge verliert, ohne etwas darin zu unterscheiden.
+Jeder dieser Zustände entspricht einer eigenen Stimmung im Menschen, und
+wenn man das Glück hat, diese Stimmung nicht gerade von den Elementen
+empfangen zu müssen, nicht düster zu werden mit dem düsteren Himmel,
+sondern in der aus dem reinen Innern entsprungenen Stimmung, durch den
+Anblick des Himmels nur in andere und andere Betrachtungen versenkt zu
+werden, so hat man wenigstens kein Mißfallen am farblosen Himmel, wenn
+man auch dem ruhig und mild strahlenden natürlich den Vorzug gibt. Mir
+ist überhaupt das Klagen über Wetter fremd, und ich kann es an andern
+nicht sonderlich leiden. Ich sehe die Natur gern als eine Macht an, an
+der man die reinste Freude hat, wenn man ruhig mit allen ihren
+Entwicklungen fortlebt, und die Summe aller als ein Ganzes betrachtet,
+indem es nicht gerade darauf ankommt, ob jedes Einzelne erfreulich sei,
+wenn nur der Kreislauf vollendet wird. Das Leben mit der Natur auf dem
+Lande hat vorzüglich darin seinen Reiz für mich, daß man die Teile des
+Jahres vor seinen Augen abrollen sieht. Mit dem Leben ist es nicht
+anders, und es scheint mir daher immer aufs mindeste eine müßige Frage,
+welches Alter, ob Jugend oder Reife, oder sonst einen Abschnitt man
+vorziehen möchte. Es ist immer nur eine Selbsttäuschung, wenn man sich
+einbildet, daß man wahrhaft wünschen könnte, in Einem zu bleiben. Der
+Reiz der Jugend besteht gerade im heiteren und unbefangenen
+Hineinstreben in das Leben, und er wäre dahin, wenn es einem je deutlich
+würde, daß dies Streben nie um eine Stufe weiter führt, etwa wie das
+Treten der Leute, die in einem Rade eine Last in die Höhe heben. Mit dem
+Alter ist es nicht anders, es ist im Grunde, wo es schön und kräftig
+empfunden wird, nicht anderes, als ein Hinaussehen aus dem Leben, ein
+Steigen des Gefühls, daß man die Dinge verlassen wird, ohne sie zu
+entbehren, indem man doch zugleich sie liebt und mit Heiterkeit auf sie
+hinblickt, und mit Anteil in Gedanken bei ihnen verweilt. Selbst ohne
+auch religiöse Gedanken an den Anblick des Himmels zu knüpfen, hat es
+etwas unbeschreiblich Bewegendes, sich in der Unendlichkeit des
+Luftraums zu verlieren, und benimmt so auf einmal alle kleinlichen
+Sorgen und Begehrungen des Lebens, und der Wirklichkeit ihre sonst
+leicht einengende Wichtigkeit. So sehr auch der Mensch für den Menschen
+das Erste und Wichtigste ist, so gibt es gerade nichts gegenseitig mehr
+Beschränkendes, als die Menschen, wenn sie, enge zusammengedrängt, nur
+sich vor Augen haben. Man muß erst oft wieder in der Natur ein höheres
+und über der Menschheit waltendes Wesen erkennen und fühlen, ehe man zu
+den beschränkten Menschen zurückkehrt. Nur dadurch auch gelangt man
+dahin, die Dinge der Wirklichkeit nicht so wichtig zu halten, nicht so
+viel auf Glück oder Unglück zu geben, Entbehrung und Schmerz minder zu
+achten, und nur auf die innere Stimmung, die Verwandlungen des Geistes
+und Gemüts seine Aufmerksamkeit zu richten, und das äußere Leben bis auf
+einen gewissen Grad in sich untergehen zu lassen. Der Gedanke des Todes
+hat dann nichts, was abschrecken oder ungewöhnlich bekümmern könnte, man
+beschäftigt sich vielmehr gern mit ihm, und sieht das Ausscheiden aus
+dem Leben, was ihm auch immer folgen möge, als eine natürliche
+Entwicklungsstufe in der Folge des Daseins an. Ich komme zum Teil mit
+deshalb auf diese Betrachtungen, weil ich eben die Zugabe zu Ihrem
+zweiten Heft gelesen habe, für die ich Ihnen herzlich danke und deren
+Inhalt damit enge zusammenhängt. Es ist schwer zu bestimmen, was man
+über die Tatsachen, denn als solche muß man Selbsterfahrenes ansehen,
+sagen soll.
+
+Daß eine geliebte Person im Augenblick ihres Abscheidens, oder auch
+nachher, den Elementen und der Sinnenwelt die Kraft abgewinnt, zu
+erscheinen, läßt sich zwar auch nicht weiter begreiflich machen, allein
+die menschliche Seele empfindet doch selbst Dinge in sich, welche die
+Möglichkeit, wenn auch nur in einem Schleier, durchblicken lassen. Wer
+je Sehnsucht in sich getragen hat, begreift, daß sie eine Stärke
+gewinnen kann, die von selbst die gewöhnlichen Schranken der Natur
+durchbricht. Es mag aber auch bei dem, der etwas sehen soll, eine
+Empfänglichkeit notwendig sein, die Geistergegenwart zu vernehmen, und
+wir mögen manchmal von Geistern umgeben sein, ohne es zu wissen oder zu
+ahnen. Warum man weniger Geister sieht, weniger von Erscheinungen hört,
+läßt sich eher erklären. Unter den Geschichten von ehemals waren wohl
+viele falsch, nicht gerade erfundene, aber ununtersucht gebliebene, oder
+nicht verstandene, natürliche Ereignisse. Man hatte mehr Glauben
+überhaupt und auch an diese Dinge, man war mehr zur Furcht vordem
+Übernatürlichen geneigt; die Meinung von einem bösen Geist, der quäle
+und verführe, wurde sinnlicher und materieller genommen. Indes mag auch
+außerdem richtig sein, daß doch auch wahre Erzählungen, wirklich
+übernatürliche Wirkungen, wie die von Ihnen beobachtete, häufiger
+waren, und wenn das ist, ist die Erklärung freilich schwierig, zumal wo
+so eine Wirkung von mehreren sehr verschiedenartigen Menschen beobachtet
+wurde, wie es in Ihrem Hause der Fall war. Denn Erscheinungen und
+Gesichter einzelner würden sich eher erklären lassen. Ich sagte schon
+erst, daß eine gewisse Empfänglichkeit auch zur Wahrnehmung des
+Übersinnlichen gehöre. Diese mochten die Menschen in jener Zeit mehr
+haben, wo sie weniger weltlich zerstreut lebten, ihr Gemüt innerlicher
+gesammelt, frommer und ernster auf eine Wesenreihe außerhalb der
+irdischen Welt gerichtet war. Gerade bei einem Manne von so würdigem,
+tief religiös gestimmtem Charakter, wie Ihr Vater war, konnte das
+füglich der Fall sein. Wie es sei, so hat er die Sache trefflich
+aufgenommen, zugleich ohne Furcht und Unglauben. Die Erzählung hat mich
+ausnehmend interessiert, ich danke Ihnen herzlich dafür, und sehe es als
+einen lieben Beweis Ihrer Bereitwilligkeit an, mir Freude zumachen, daß
+Sie so bald meinen Wunsch in dieser Sache erfüllt haben, und zu einer
+Zeit, wo Sie durch Ihr Umziehen auch sehr gestört waren. -- Da das
+Wetter so rauh ist, bin ich noch mit meiner Familie in der Stadt, und
+gehe auch vorerst nur auf mein nahegelegenes kleines Landgut Tegel.
+Nachher vermutlich nach Ottmachau in Schlesien, auf sechs bis acht
+Wochen. Leben Sie herzlich wohl und verwahren Sie sich ja in Ihrer
+Wohnung gegen die Einflüsse der äußeren Lust, die noch garnicht
+frühjahrmäßig ist. Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, den 15. Mai 1823.
+
+Ich schreibe Ihnen, liebe Charlotte, von meinem kleinen Landsitze aus,
+der Ihnen schon bekannt ist. Ich bin mit den Meinigen seit einigen Tagen
+hier, das Wetter aber begünstigt uns sehr wenig. Es ist ein ewiges
+Stürmen, Regnen, oder wenigstens ein mit Wolken bedeckter Himmel. Den
+letztern liebe ich zwar wohl im Sommer. Wenn die Wolken leicht sind und
+nur wie ein zarter Schleier das helle Blau verhüllen, und es dabei
+windstill und warm ist, so hat es etwas Wehmütiges, was einer
+gleichgestimmten Seele sehr wohl tut. Das Grün ist noch sehr zurück, die
+Eichen im Walde fangen erst an, Laub anzusetzen, und nur die frühesten
+Bäume, Kastanien, Flieder und solche prangen schon in vollem Laube.
+Dagegen sind die Blüten der Obstbäume reich und schön. Ich denke mir
+täglich, daß Sie das alles nun auch in Ihrem Garten genießen und bin nur
+bange, daß der Wind und das schlimme Wetter, da Ihre Wohnung, wie Sie
+schreiben, gar nicht dicht genug verwahrt ist, Ihnen darin lästig sein
+werden. Die Anwesenheit meines Bruders in Berlin und eine Reihe anderer
+kleiner Umstände hatten gemacht, daß ich den ganzen Winter über in der
+Stadt geblieben war und gar keinen Aufenthalt hier gemacht hatte; so ist
+mir das Land wie neu und ich genieße es doppelt. Es ist eigentlich
+wunderbar, daß gerade die freie Natur und die Einsamkeit einen so großen
+Reiz für mich haben, da mein Leben nicht dazu beitragen konnte. Wenn man
+immer daran gewöhnt gewesen ist, oder wenn man es in sehr langer Zeit
+nicht genossen hat, in beiden Fällen kann man eine solche Neigung leicht
+erklären. Die Neuheit tritt im letzten Fall an die Stelle der
+Gewohnheit. Bei mir war keins von beiden der Fall. Ich bin weder ganz
+von Land und Einsamkeit, auch nur auf mehrere Jahre entfernt gewesen,
+noch habe ich beide so viel genossen, daß sie mir gleichsam zur andern
+Natur geworden wären. Als ich viele Jahre lang noch nicht in Geschäften
+war, reiste ich, oder war sonst unter Menschen, hatte nicht einmal ein
+Gut, und wohnte aus eigener, freilich durch andere Dinge bestimmter Wahl
+in kleinen Städten. Die Geschäfte zogen mich in große und vielfache von
+aller ländlichen Einsamkeit entfernte Zirkel. Doch auch dann fand ich
+Mittel, mich zu isolieren, und war oft mitten in der Gesellschaft
+einsam. Man lernt das sehr gut, wenn man nur ein innerliches Interesse
+hat, das genug die Seele einnimmt. Ich habe es aber immer als eine wahre
+Wohltat des Himmels angesehen, für die ich dem Geschick nicht genug
+danken kann, und empfinde es noch jeden Tag ebenso, daß es mich gerade
+in meinem Alter in die Lage versetzte, in der ich, wie es auch sonst
+immer sein möge, dieser Lieblingsneigung frei nachhängen kann. Die
+meisten legen es mir noch als eine Anspruchlosigkeit und Philosophie
+aus, daß ich nicht bloß im Augenblicke, wo es geschah, die
+Geschäftswirksamkeit mit Gleichmut aufgegeben habe, sondern auch seitdem
+ruhig, beschäftigt und glücklich lebe, ohne Plan wieder in dieselbe zu
+treten und mit sichtbarer Abwesenheit aller Zeichen, daß ich auch
+versteckt irgend eine Sehnsucht danach habe. Ich mache mir nicht das
+mindeste Verdienst daraus, weil ich weiß, daß ich keins dabei habe. Was
+geschehen ist, entsprach meiner Neigung, die sich auf Grundlagen meines
+innern Charakters stützt, so ist es kein Wunder, daß sie dauernd ist.
+Sie wird nie geschwächt werden. Es ist mir überhaupt immer eine widrige
+Idee gewesen, so bis zum Ende des Lebens an Verhältnissen teilzunehmen,
+die mit dem Moment des Todes alle gleichsam zu nichts werden, von denen
+man nichts jenseits mit hinüber nimmt. Und doch ist in Geschäften alles
+in dieser Art. Ganz anders ist es mit der Beschäftigung mit Ideen und
+Kenntnissen. Auch wenn die letztern ganz ins Einzelne eingehen, hängen
+sie doch zuletzt immer mit Ideen zusammen, die, wenn man sie recht
+verfolgt, ihren Mittelpunkt nicht mehr in dieser Welt haben.
+
+Was man in dieser Art erwirbt und ausbildet, behält man wahrhaft und
+trägt es mit sich, so lange noch überhaupt Dasein währt. Es hat mir
+immer unmöglich geschienen, daß, was einmal in mir denkt und empfindet,
+je aufhören könnte zu denken und zu empfinden. Wenn auch Zwischenräume
+mangelnden Bewußtseins eintreten, wenn die verschiedenen Zustände des
+Seins nicht verknüpft sein sollten durch zusammenhängende Erinnerung, so
+wirkt die einmal gefaßte Idee darum nicht minder auf das Wesen und den
+inneren Gehalt der Seele. Ganz anders ist es, wenn man die, an äußern
+Verhältnissen, wirklichen Geschäften teilnehmende Arbeit, nicht aus ganz
+freier Wahl, nicht aus unmittelbarer Liebe zu ihr, sondern aus andern
+Rücksichten und als einen Erwerb treibt. Auf diese Art würde ich sie
+ohne Mühe so lange fortsetzen können und fortgesetzt haben, als nur die
+Kräfte es zulassen. Darin sind Frauen besonders gut daran, daß die
+Arbeiten, die sie auf diese Weise machen, wenn auch nicht immer ganz,
+doch größtenteils mechanischer Art sind, den Kopf wenig, die Empfindung
+gar nicht in Anspruch nehmen, und also den bessern, zartern und höhern
+Teil des Menschen viel mehr sich selbst überlassen, als das bei Männern
+der Fall ist. Daher werden Männer so leicht einseitig, trocken, hölzern
+durch ihre Arbeit, Frauen nie, wenn sie auch durch Umstände und
+Widerwärtigkeiten bestimmt werden, einen Erwerb darin zu suchen, wenn in
+ihrem frühern Leben sie noch so fern von einer solchen Notwendigkeit
+waren.
+
+Was mir aber weniger angenehm ist in meiner Lage, ist, daß ich nicht gut
+vermeiden kann, auch in demselben Jahre mehrmals den Aufenthalt zu
+wechseln. Ich gewöhne mich zwar leicht an einen neuen Ort, aber ich
+bleibe lieber an einem alten, und es hat vorzüglich einen großen Reiz
+für mich, so in demselben die Reihe der Jahreszeiten vorübergehen zu
+sehen. Die bloßen regelmäßigen Veränderungen der Zeit haben einen Reiz
+für mich, den ich mir oft selbst vergebens zu erklären versucht habe.
+Sie werden sagen, daß bei der völligen Freiheit, die ich genieße, ich
+leicht auch hier mein Leben nach meinen Wünschen einrichten könnte.
+Allein es gibt doch immer auch für den Freiesten Umstände, die ihn mit
+einer gewissen Nötigung bestimmen, und so geht es auch mir. Leben Sie
+nun herzlich wohl und verzeihen Sie, wenn ich in diesen Zeilen viel von
+mir sprach. Ich rede zu Ihnen, wie zu mir selbst, und habe es auch gern,
+wenn Sie mir von sich erzählen. Mit der herzlichsten Anhänglichkeit der
+Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 26. Mai 1823.
+
+Unsere Briefe haben sich gekreuzt, liebe Charlotte, ich hatte Ihnen
+geschrieben, ohne einen Brief von Ihnen abzuwarten, und Sie haben den
+Ihrigen früher als gewöhnlich abgehen lassen.
+
+Die Stelle in Ihrem Briefe über das Pfingstfest hat mich sehr gefreut
+und spricht ganz Ihr tiefstes Gemütsbedürfen aus. Auch mir ist es
+eigentlich das liebste unter den großen Festen. Seine heilige Bedeutung,
+das Herabsteigen göttlicher Kraft auf menschliche Wesen, hat etwas
+zugleich Tröstendes und Erhebendes, und das doch nicht über der
+Fassungskraft unsers Geistes liegt, da man wohl zu begreifen vermag, wie
+sich geistig Göttliches und Menschliches mischt. Irdisch genommen aber
+ist es ein gar liebliches Fest, weil es den Winter recht eigentlich
+beschließt und man nun dem heiteren Sommer entgegengeht. -- Was Sie über
+Schmerz sagen, begreife ich sehr wohl, nämlich, daß Sie nicht dahin
+gekommen wären, Glück und Unglück, und besonders den Schmerz, nicht sehr
+zu achten. Es hat mir schon öfter geschienen, als wäre Ihnen nicht
+gerade viel Stärke darin verliehen, und dies ist wohl das Zeichen einer
+schönen Weichheit einer weiblichen Seele, wo es unnütz und unrecht
+zugleich wäre, sich abhärten zu wollen. Ich will es daher auch nicht
+unternehmen, Sie das zu lehren, sondern vielmehr von innigem Herzen
+wünschen, daß Schmerz und Unglück, so wie jeder Kummer von Ihnen fern
+bleiben mögen. Ich will gern und mit Freuden, wo ich kann, dazu
+beitragen. Aber bei einem Manne muß das anders sein. Wenn ein Mann dem
+Schmerze Herrschaft über sich einräumt, wenn er ihn ängstlich meidet,
+über den unvermeidlichen klagt, flößt er eher Nichtachtung als Mitleid
+ein. So vieles muß in einer Frau anders sein als im Manne. Einer Frau
+geziemt es sehr wohl, und scheint natürlich in ihr, sich an ein anderes
+Wesen anzuschließen. Der Mann muß gewiß auch das Vermögen dazu besitzen,
+aber wenn es ihm zum Bedürfnis würde, so wäre es sicher ein Mangel oder
+eine Schwäche zu nennen. Ein Mann muß immer streben, unabhängig in sich
+dazustehen.....
+
+Ihre Frage, ob ich je wirklich Schmerz gefühlt hätte, war sehr
+natürlich. Sie können aber überzeugt sein, daß ich immer von dem zu
+reden vermeide, was ich nicht aus eigener, wohlerprüfter Erfahrung
+kenne...
+
+Indem ich von Herzen wünsche, daß es bald besser und recht gut mit Ihrer
+Gesundheit gehen möge, wiederhole ich Ihnen die Versicherung meiner
+herzlichsten Teilnahme und Anhänglichkeit. Ihr H.
+
+
+Glück und Unglück verliert von seinem Wert, wenn es den Kreis der innern
+Empfindung verläßt. So wie die Wirklichkeit in der Tat immer armselig
+und beschränkt ist, so vermindert sich auch der Reiz jedes angenehmen
+Gefühls, wenn man es in Worte kleidet. Im Herzen, wo es entstanden ist,
+muß es bleiben und wachsen, und wenn es vergänglich ist, wieder vergehen
+und sterben. Mit dem Unglück ist es nicht anders. Der im eigenen Busen
+erhaltene Schmerz enthält etwas Süßes, von dem man sich nicht gern mehr
+trennen mag, wenn ihn die eigene Brust bewahrt...
+
+Trost wüßte ich bei einem andern, als mir selbst, nie zu finden. Es
+würde mir ein zweites, noch unangenehmeres Gefühl, als das widrige
+Schicksal durch sich einflößt, geben, wenn ich nicht selbst Stärke genug
+besäße, mich selbst zu trösten. Dies mag indes bei Frauen billig anders
+sein. Wenn es bei einem Manne anders ist, ist es nicht lobenswürdig. Ein
+Mann muß sich selbst genug sein...
+
+Mitleid ist gar eine widrige Empfindung, und Teilnahme zwar eine sehr
+schöne, aber nur in einer gewissen Art...
+
+Es ist mir unendlich viel wert, zu wissen, daß Sie an allem, was mir
+begegnet, einen so innigen Anteil nehmen, allein diese Teilnahme
+wirklich zu erfahren, ihrer gewissermaßen zu bedürfen, könnte ich nicht
+zu den erwünschtesten Gefühlen rechnen. Überhaupt ist mir das _Bedürfen_
+ungemein, nämlich für mich, nur für mich und mein Gefühl, zuwider. Von
+jeher habe ich gestrebt, nichts außer mir selbst zu bedürfen. Es ist
+vielleicht nicht möglich, je ganz dahin zu gelangen, aber, wenn man es
+erreichte, so wäre man erst dann, auf vollkommen reine und
+uneigennützige Weise, der höchsten Freundschaft und der höchsten Liebe
+fähig, sowohl sie zu gewähren, als zu genießen. Denn das _Bedürfen_ ist
+immer etwas Körperlichem im Geistigen ähnlich, und was dem Bedürfnis
+angehört, geht dem wahren Vergnügen ab. Befriedigung des Bedürfnisses
+ist nur Abhilfe eines Übels, also immer etwas Negatives, das wahre
+Vergnügen aber, körperlich und geistig, muß etwas Positives sein. Wer
+also z. B. am wenigsten der Freundschaft bedürfte, der empfindet die,
+die ihm gewährt wird, am vollsten und süßesten, sie ist ihm ein reiner
+und ungetrübter Genuß, ein Zuwachs, den er zu seinem, schon in sich
+geschlossenen und beglückenden Sein erhält; er gewährt sie dann auch am
+beglückendsten für den andern, denn es ist in ihm keine Rücksicht auf
+sich, nur einzig auf den andern dabei. Je stärker und sicherer zwei
+Wesen, jedes in sich gewurzelt, je einiger mit sich und ihrem Geschick
+sie sind, desto sicherer ist ihre Vereinigung, desto dauernder, desto
+genügender für jeden.
+
+Fehlt es dem einen an dieser Sicherheit, so bleibt dem andern für beide
+hinreichend übrig. Nur was so die Alltagsbegriffe der Freundschaft und
+Liebe von gegenseitigem Stützen aufeinander sagen, ist schwach und nur
+für sehr mittelmäßige Menschen und Empfindungen gemacht, denn leicht
+stürzen dabei beide, indem keinem die Schwachheit des andern Gewähr der
+Sicherheit leistet. Nur auf diese Weise müssen Sie mich verstehen, wenn
+ich von männlicher Selbständigkeit rede, die ich wirklich für die erste
+Bedingung männlichen Werts halte. Ein Mann, der sich durch Schwächen
+verführen, hinreißen läßt, kann gut, in andern Punkten recht
+liebenswürdig sein, er ist aber kein Mann, sondern eine Art Mittelding
+zwischen beiden Geschlechtern. Er sollte daher eigentlich, obgleich
+dies manchmal sehr umgekehrt ist, nicht ausgezeichneten Beifall bei
+Frauen finden. Denn die schöne und reine Weiblichkeit sollte nur durch
+die schönste und reinste Männlichkeit angezogen werden.
+
+
+
+_Ottmachau_, den 12. Juli 1823.
+
+Die Güter, welche ich in diesem Augenblicke bewohne, besitze ich erst
+seit 1820. Sie sind sehr reizend belegen. Das alte Schloß liegt auf
+einem Hügel, von dem man einen Kreis der schlesischen, böhmischen und
+mährischen Gebirge übersieht, und zwischen diesen Hügeln, an deren Fuß
+die Neisse hinläuft, und dem Gebirge sind die anmutigsten Äcker, Wiesen
+und Gebüsche, zu denen auch meine Besitzungen gehören. Ich bewohne zwar
+dieses Schloß nicht, da es nicht ausgebaut ist und nur einige bewohnbare
+Zimmer für meine Kinder hat, aber ein recht bequemes und gutes Haus, ein
+wenig tiefer, dient mir zur Wohnung und hat auch größtenteils dieselbe
+Aussicht.
+
+Daß ich in einer glücklichen Lage bin, ist sehr wahr, und Sie bemerken
+mit Recht, daß das mehr die Sache des Glücks als meiner Anstrengungen
+ist. Das ist vollkommen wahr, und macht mir mein Glück, wenn ich so
+sagen soll, noch glücklicher. Eine Gabe, die mir nur durch das Glück
+zufällt, ist mir unendlich lieber, als etwas durch mein Verdienst
+Erstrebtes. Wer mit der ersten beschenkt wird, scheint für das Schicksal
+Wert und Wichtigkeit genug zu haben, um Gaben auf ihn zu häufen. Ich bin
+auch in vielen andern Dingen glücklich gewesen, die ein anderer nicht
+so, als diese Äußerlichkeiten, beurteilen kann, ja, ich kann wohl sagen,
+daß sich bis jetzt mein Glück ziemlich in allem bewährt hat, was ich
+unternahm. Manches in öffentlichen und Privat-Angelegenheiten, was nicht
+gerade sehr weise angelegt war, hat nicht die üblen Folgen gehabt, die
+daraus hätten entstehen können, anderes, das gar nicht sonderliche Mühe
+kostete, wurde mit ausgezeichnetem Erfolge belohnt. So bin ich gewohnt,
+mich als einen Glücklichen anzusehen, und habe Mut, aber nur immer wie
+einer, den das Glück auch in jedem Augenblicke verlassen kann. Daher
+macht auch dies Glück mich doppelt vorsichtig. Träfen mich große
+Unglücksfälle im Äußerlichen, oder moralisch, oder in meiner Gesundheit,
+so würde ich dadurch natürlich leiden wie ein anderer, aber sie würden
+mich sehr vorbereitet und gefaßt finden, ich würde doch mit Heiterkeit
+auf das lang Genossene zurückblicken, und meine innere Ruhe würde solche
+Zustände nicht zerstören oder nur bedeutend ergreifen. Eben jene
+Selbständigkeit, von der ich erst sprach, gibt Mittel, jedem Unglück so
+zu begegnen, daß für mich Glück und Unglück wenigstens ganz andere
+Bedeutung, als für andere Menschen haben. Und das ist mir immer eigen
+gewesen. Sie reden in Ihrem Briefe, liebe Charlotte, den ich hier die
+Freude hatte vorzufinden und wofür ich Ihnen noch nicht dankte, von der
+Sehnsucht und fragen mich, ob ich sie wohl je gefühlt habe? Ich glaube
+allerdings. Indes ist es freilich wahr, und ich sage das nicht eben als
+ein Lob, da es vielleicht eher eine Selbstanklage ist, daß ich früh eine
+große Ruhe gewonnen habe, die nicht leicht durch etwas gestört wird. Ich
+lernte früh mir in meinen eigenen Gedanken und meinen von keiner fremden
+Einwirkung abhängigen Gefühlen genügen, und jetzt paßt diese Ruhe und
+Zurückgezogenheit in sich selbst zu meinen Jahren und ist mir dadurch
+doppelt natürlich. Indes bin ich sicher, daß diese Ruhe und
+Bedürfnislosigkeit nie der Wärme meiner Empfindungen geschadet hat.
+Wenige Menschen aber können fassen, wie man auf der einen Seite nicht
+mit Unruhe wünschen und nicht schmerzlich entbehren und auf der andern
+Seite doch voll Dank empfangen und genießen könne. Dennoch kommt es mir
+äußerst natürlich vor. Sie müssen nun aber darum nicht denken, daß ich
+Sehnsucht und selbst unruhiges Begehren in andern tadle. Jeder hat und
+muß seine eigene Weise haben, und wenn ich auch in der meinigen bleibe
+und gewiß in keine andere hinüberzuziehen bin, so mißbillige ich die
+fremde nicht und bin Ihnen für jeden Ausdruck, jede erneute Versicherung
+Ihrer immer gleichen Gefühle für mich sehr dankbar, sie bleiben mir
+immer gleich wohltätig. Ich hoffe, Sie haben an Ihrer Lebenserzählung
+wieder gearbeitet und freue mich darauf. In zehn bis zwölf Tagen gehe
+ich von hier und hoffe, in Berlin Briefe von Ihnen vorzufinden. Mit
+herzlicher Anhänglichkeit der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 11. August 1823.
+
+Ich bin vorgestern nach Berlin und gestern hierher zurückgekommen und
+habe mich ungemein gefreut, ein Paket und Briefe von Ihnen, liebe
+Charlotte, hier zu finden. Nächstdem danke ich Ihnen recht herzlich für
+das neue Heft Ihrer Lebensbeschreibung, das Sie mir geschickt haben. Ich
+habe es, wie Sie selbst ermessen werden, in diesen ersten Tagen noch
+nicht lesen können, indes habe ich schon hier und da darin geblättert,
+und bin mit dem, was ich angetroffen, ausnehmend zufrieden, ich bin also
+im voraus überzeugt, daß ich es mit dem Ganzen sein werde. Was Sie in
+der Vorrede sagen, daß man bei einem solchen Aufzeichnen des Vergangenen
+sein Leben noch einmal lebt, ist sehr wahr, allein der Eindruck, den die
+Wirklichkeit, und derjenige, den die bloße Erinnerung macht, sind
+notwendig sehr voneinander verschieden.
+
+Wo die Begebenheiten schmerzlich sind, ist die Wirklichkeit in ihrem
+schroffen und starren Wesen, und von der Ungewißheit dessen, was weiter
+erfolgen wird, begleitet, niederschlagend und zerreißend. Die
+Erinnerung dämpft diese Gefühle bis zur sanften Wehmut. Das Schmerzvolle
+ist nicht mehr ein einzelner, abgeschnitten dastehender Moment, sondern
+verschmelzt sich mit dem ganzen Leben, und erhält dadurch einen ungleich
+milderen Charakter. Und sehr wohltätig und heilsam ist dann gewiß ein
+solches rückwärts gehendes Vertiefen in die Vergangenheit, das zugleich
+ein Vertiefen in die mannigfachen Falten des eigenen Gemüts und Herzens
+ist. Wie gut man sich auch schon erkennen möge, so gewinnt das Bild, je
+öfter man es wieder zu zeichnen versucht, immer mehr Klarheit und
+Bestimmtheit, und wird auch wohl in einzelnen Zügen noch berichtigt und
+der Wahrheit nähergebracht. Die Furcht, daß Sie durch eine
+Selbstschilderung bei mir verlieren könnten, dürfen und können Sie
+eigentlich nicht haben. Sie brauchen auch darin nicht, liebe, gute
+Charlotte, sich an meine Nachsicht und milde Beurteilung zu wenden.
+Gerade ein so ausführliches, so das ganze Leben wie aus seiner ersten
+Knospe entfaltendes Verwahren bewahrt vor jedem Mißverständnis, jedem
+Irrtum, jeder falschen Beurteilung. Es kommt im Menschen, wie Sie auch
+gewiß denken, immer unendlich mehr auf das Wesen, als auf die einzelnen
+Handlungen an. Die gewöhnlichen Menschen richten allerdings nur die
+letzten, wie es auch die Gesetze tun. Aber die Macht, die die Herzen
+durchspäht, geht auf die Gesinnung, die Absicht, die ganze
+Beschaffenheit und Stimmung des Gemüts, und dasselbe tut auch die
+Geschichte. Jede zusammenhängende Erzählung aber, welche die Erfolge aus
+ihren Ursachen zu entwickeln strebt, ist Geschichte und bringt denselben
+Eindruck hervor, sie mögen Weltbegebenheiten oder die Schicksale eines
+einfachen Privatlebens zum Gegenstande haben. Überhaupt wünscht man ja
+nicht darum die Begebenheiten eines Menschenlebens zu übersehen, um sich
+gleichsam zum Richter darüber aufzuwerfen, am wenigsten ist ein solches
+Beurteilen je mir eigen. Die Anschauung eines interessanten
+Gemütszustandes, die Betrachtung seiner Ursachen und Folgen, zieht --
+ohne daß man nur daran denkt zu urteilen oder zu richten -- das Gemüt
+des Beschauers an, wenn der Gegenstand ihm wert ist und seinen Anteil
+erweckt, ja, wenn das abgesondert werden könnte, so erblickt man in der
+einzelnen Gestalt die allgemeine, in dem einzelnen Menschen die
+Menschheit selbst. Dagegen bin ich überzeugt und habe es schon an den
+bisherigen Heften erfahren, daß Ihre Erzählung mir sehr oft, ohne daß
+Sie es wollen, ja, ohne daß Sie es nur ahnen werden, Veranlassung geben
+wird, die Meinung, die Sie mir vor einer langen Reihe von Jahren durch
+Ihren Anblick und Ihre Gespräche und nachher durch Briefe und
+Schilderungen einflößten, und aus der mein warmer, lebhafter und sich
+immer gleicher Anteil an Ihnen entsprang, zu bestätigen, mit neuen
+Beispielen zu belegen und selbst zu erweitern. Fahren Sie also ja, teure
+Charlotte, nur mutig und ohne einige Besorgnis, je mißverstanden zu
+werden, fort. H.
+
+
+
+Den 10. September 1823.
+
+Ich habe nun das empfangene Heft Ihrer Lebensbeschreibung mit großer
+Sammlung und sehr großem Vergnügen gelesen und wiederhole Ihnen meinen
+wirklich recht herzlichen und aufrichtigen Dank dafür. Ich habe die
+Zeiten gewählt, wo ich am freiesten war, mich in die geschilderten Lagen
+zu versetzen, und habe also langsam und mit großem Bedacht jedes
+Einzelne erwogen. Einige der Schilderungen sind mir ungemein anziehend
+und reizend vorgekommen. Es muß Sie das nicht wundern. Wenn man den
+Inhalt dieser Bogen in seinen Resultaten erzählt, so kann das Leben
+eines Kindes nur höchst unbedeutend scheinende geben. Aber wenn man eine
+sehr ausführliche Schilderung vor sich hat, ist es durchaus anders. Es
+ist dann nicht mehr die Sache, das Resultat, es ist die Veränderung, die
+dabei in der Seele vorgeht, die innere Entwickelung der Ideen und
+Empfindungen, und die ist bei einem Kinde nicht bloß ebenso anziehend
+als bei Erwachsenen, sondern im Grunde mehr, da das Kind zu mehr
+Vergleichen Stoff darbietet. Wie Sie zum Beispiel sich als Kind zeigten,
+vergleicht man gern mit der Natur Ihrer beiden Eltern, und mit Ihrem
+eigenen späteren Wesen. Diese drei Punkte haben mir beim Lesen immer
+gleich deutlich vor Augen gestanden. Es ist vollkommen offenbar, daß,
+was Sie als Kind charakterisiert hat und was sich überall in Ihrem
+künftigen Leben wieder finden wird, wenn Sie in Ihren Schilderungen
+fortrücken werden, eine gewisse Innerlichkeit Ihres Wesens ist. Sie
+scheinen zwar auch in jenen Jahren der früheren Kindheit sehr aufmerksam
+auf dasjenige gewesen zu sein, was um Sie herum vorging, allein doch
+nicht sowohl, um darin nun wirklich zu leben, als um sich daraus eine
+eigene, innere Welt zu bilden. Es ist ebenso unverkennbar, daß Sie
+diese, mehr innerliche Natur Ihrem Vater verdanken, in dem sie nur auf
+eine andere Weise vorhanden und aus anderen Quellen entsprungen war.
+Über Ihre Eltern und ihre gegenseitigen Vorzüge zu urteilen, ist nicht
+leicht. Wie beide da in der Welt standen, ist man sehr geneigt, sich
+doch mehr für Ihre Mutter zu erklären. Sie ist praktisch tätig, mutig,
+besonnen, verständig und doch nicht von tändelnder, aber doch von sehr
+wahrer Liebe und Wohltätigkeit. Der größere Charakter unter beiden ist
+sie gewiß. Bei dem Vater vermißt man das recht ins Leben Eingreifende,
+das einem Manne noch mehr als einem Weibe geziemt. Allein man hütet sich
+mit Recht abzuurteilen. Es ist sichtbar, daß man in sein eigentliches,
+inneres Wesen nicht gehörig eindringt. Es ist auch höchst
+wahrscheinlich, daß er nie Gelegenheit fand, dies ganz und ohne Rückhalt
+aufzuschließen. Mit seiner Frau konnte er in einem solchen Verhältnis
+nicht stehen. Er hätte es späterhin mit Ihnen gekonnt, und vielleicht
+ist es auch in der Folge bis auf einen gewissen Punkt geschehen? Das
+werden in der Folge Ihre Blätter zeigen. Allein es ist selten und
+schwer, daß ein Vater sich über sich selbst erwachsenen Töchtern
+vollkommen öffnen kann. Dann war auch die innerliche Natur Ihres Vaters
+(ich meine darunter nämlich die Neigung, vorzugsweise vor allem andern,
+sich mit sich selbst zu beschäftigen) mit etwas, das, wenn man es auch
+nicht körperlich allein nennen mag, doch vom Willen und selbst vom
+Bewußtsein unabhängig und getrennt ist, vermischt. Diese Träume, dieser
+gewissermaßen natürliche Magnetismus, haben in sich etwas
+Geheimnisvolles, von dem sich weder Ursachen noch Folgen berechnen
+lassen, und das immer wie eine unbekannte Größe dasteht, und etwas, das
+das Urteil über den ganzen Menschen, in dem es sich befindet, ungewiß
+macht.
+
+Ich gestehe, daß ich keine Vorliebe für diese innere Gemütsstimmung
+habe. Ich bedarf Klarheit der Gedanken und des Bewußtseins, daß nichts
+in mir ohne meinen bestimmten und wohlgeordneten Willen vorgeht. Ich
+besitze, teils von Natur, teils durch die sehr früh begonnene Übung
+eines langen Lebens, eine große Gewalt und Stärke über mich selbst, und
+mir würde daher schon in der Idee ein Zustand peinlich sein, wie der
+war, wo in dem Traum, den Sie von Ihrem Vater erzählen, er von einem
+fremden Geiste in seiner unmittelbaren Existenz scheint beherrscht zu
+werden. Ich bin daher noch viel behutsamer, über Ihren Vater mir das
+mindeste Urteil zu erlauben, als ich es immer bei jemanden sein würde,
+der Ihnen so nahe steht. Sie fragen mich, ob ich die Umgegend von
+Preußisch-Minden und die Porta Westphalica kenne. Nein, ich bin in jener
+Provinz immer im schnellen Durchreisen gewesen, und in diese Gegenden
+auch nicht einmal gekommen. Ich halte sie aber für sehr anziehend,
+außerdem, daß sie geschichtliche Wichtigkeit haben. Nun werde ich indes
+schwerlich mehr reisen und mich anders als in dem Kreise bewegen, in dem
+ich mich herumdrehe, und werde ich sie also auch wohl nie sehen. Auch
+sehe ich eben, daß Sie meinen Rat über etwas wünschen. Schreiben Sie mir
+nur ohne Rückhalt, wenn ich Ihnen raten kann, tue ich es gewiß mit
+Freuden. Es ist aber wahr, daß ich nichts davon halte, Rat zu fragen,
+noch zu erteilen. Gewöhnlich wissen die Fragenden schon, was sie tun
+wollen, und bleiben auch dabei. Man kann sich von einem andern über
+mancherlei, auch über Konvenienz, Pflicht aufklären lassen, aber
+entschließen muß man doch sich selbst. Leben Sie herzlich wohl!
+Unwandelbar der Ihrige. H.
+
+
+
+_Berlin_, den 18. Oktober 1823.
+
+Den für den Augenblick nötigsten Teil Ihres letzten Briefes, liebe
+Charlotte, habe ich schon neulich beantwortet, und bin begierig, aus
+Ihrem nächsten zu sehen, ob Sie meinen Rat befolgt haben werden. Der
+Ausgang bleibt allerdings immer zweifelhaft, indes kann der Schritt
+nicht schaden, und man weiß doch nicht, was geschieht. Ich halte immer
+sehr viel davon im Leben, die Anlässe, die sich zu etwas darbieten, was
+dem gewohnten Gange eine veränderte Richtung geben kann, nicht zu
+versäumen, sie vielmehr zu benutzen, und was sich daraus irgend
+entspinnt, in das übrige Leben zu verweben. Vorzüglich ist aber dies der
+Fall bei Dingen, die schon zu einer gewissen Reife gediehen sind, und
+das war doch Ihre Bekanntschaft mit dem verstorbenen Herzog. Er hatte
+Ihnen einmal so günstige Äußerungen gemacht, daß es schade wäre, auf
+diesem Wege nicht weiter fortzugehen. Es ist immer auch zugleich eine
+Prüfung der Menschen, und neben dem, was man etwa handelnd und redend
+ausrichten kann, ist doch im Leben das Anschauen, Versuchen und Sammeln
+von Erfahrungen das Nützlichste und wenigstens bei weitem das
+Unterhaltendste. Es kann zwar sein, daß das nicht so in jeder Natur ist,
+aber der meinigen ist es, sogar mehr als billig ist, eigen, das Leben
+wie ein Schauspiel anzusehen, und selbst wenn ich in Lagen war, wo ich
+ernsthaft selbst mithandeln mußte, hat mich diese Freude am bloßen
+Zusehen der Entwickelungen der Menschen und Ereignisse nie verlassen.
+Ich habe darin zugleich eine große Zugabe zu meinem innern Glück und
+eine nicht geringe Hilfe bei jeder Arbeit selbst gefunden. Das Erste ist
+leicht begreiflich und entsteht auf doppelte Weise. Zuerst hat man die
+positive Freude am Anblick der wirkenden Kräfte, am Weiterrücken der
+sich in uns unbekannten Ursachen verflochtenen Dinge und Ereignisse, und
+dann wird man gleichgültiger gegen den Ausgang, insofern dieser nämlich
+uns selbst betrifft. Denn der Anteil an andern kann dadurch auf keine
+Weise geschwächt werden. Im Handeln selbst aber gewinnt man dadurch
+Ruhe, Kälte und Besonnenheit. Besonders bei großen Angelegenheiten gibt
+diese Ansicht gerade die Überzeugung, daß sie, wenn sie auch gegen
+unsere Neigungen ausschlagen, einen Gang gehen, der tief in den einmal
+feststehenden Plänen des Schicksals liegt, und auch nur das Mindeste
+dieses Plans zu ahnen, ist schon an sich ein über jedes andere gehendes
+geistiges Vergnügen. Bei eigenen Lebensbegebenheiten ist es, wenigstens
+bei mir, anders. Es würde mir immer nur Eitelkeit und Selbstsucht
+scheinen, die ich mir nie erlauben würde, wenn ich, was sich mit mir und
+meiner Persönlichkeit ereignet, gewissermaßen tiefen Plänen im Weltlaufe
+zuschieben wollte. Es gehört freilich auch zum Ganzen, aber wie ein
+Atom, es interessiert mich geistig dabei nur, wie ich mich selbst
+betrage, wie ich die Ereignisse aufnehme, ob mit Fertigkeit im Widrigen,
+mit Bescheidenheit im Günstigen, ob ich tue, was ein Mann seiner Pflicht
+und seinen Gefühlen schuldig ist, das Übrige mag auf- und abstürmen, ich
+suche mich darein zu finden, so gut es nun einmal gehen will. Aber auch
+bei den, von höherem Gesichtspunkte aus betrachtet, unbedeutenden
+Ereignissen meiner selbst und meiner Familie bleibt doch jenes Vergnügen
+der Beschauung der ins Spiel kommenden Personen, der Umstände u. s. f.,
+was oft für so vieles auch wirklich Widrige entschädigt. Es versteht
+sich jedoch von selbst, daß diese Beschauungslust des Lebens nie aus
+bloßer Neugierde entstehen muß, daß sie nicht sein darf, wie
+vergnügungssüchtige Leute in die Komödie gehen. Sie muß entstehen aus
+dem lebhaften Interesse, was man an der Menschheit, nicht bloß an ihrem
+Glück, denn das Glück ist bei weitem nicht das Höchste, sondern an ihrem
+innern Wert, ihrem Wesen und ihrer Natur nimmt, aus dem immer
+unermüdlichen Streben, eben diese menschliche Natur tiefer in ihrem
+Innern zu erkennen, und so viel es möglich ist, die Räder zu erahnen,
+welche die Schicksale der Menschen, oft unauflöslich scheinend,
+ineinander treiben, und sie dann doch wieder so schonend auseinander
+rollen, daß wahre, nur nicht gleich eingesehene Harmonie daraus
+hervorgeht. So wie alles im Menschen nur auf die Höhe des Gesichtspunkts
+ankommt, auf den man sich stellt, so ist es auch hier. Ist der
+Gesichtspunkt der rechte, edel und gut, so kann nichts als wieder Gutes
+und Edles daraus hervorgehen. -- Ich bitte Sie, mir die Fortsetzung
+Ihrer Lebenserzählung sobald zuschicken, als Sie den Abschnitt erreicht
+haben, zu dem Sie kommen wollten. Leben Sie herzlich wohl; mit dem
+innigsten Anteil der Ihrige. H.
+
+
+
+_Burgörner_, den 29. November 1823.
+
+Ich befinde mich hier sehr wohl. Es ist nicht bloß für diese Jahreszeit
+und den sonst oft so schlimmen Monat, sondern wirklich an sich immer
+leidliches und oft sehr gutes Wetter. Heute war es wirklich schön, und
+die Sonne kam sehr freundlich heran. Zwar erhob sie sich nur wenig über
+eine dichte und finstere Wolke, die den Abendhimmel bedeckte, aber der
+übrige Teil des Himmels war vollkommen blau. Da ich teils viele
+Geschäfte hier habe, teils die Zeit zu eigenen Arbeiten benutzen will,
+so ist es mir sehr lieb, ganz allein hier zu sein, ich bin so gar keiner
+Störung ausgesetzt und liebe an sich die Einsamkeit. Die Freude, mit den
+Meinigen zu sein, ist mir nur immer eine unendlich glückliche Zugabe zu
+meinem schon glücklichen Leben. Ich habe mir aber nie denken können, wie
+dasjenige eigentlich ein Glück zu heißen verdient, was eine Lücke
+ausfüllt, die einem Unglück nahe kommt, und es hat mir immer
+geschienen, als ginge der wahrhaft edle und hohe Glücksgenuß erst an,
+wenn man, sich selbst genügend im Gleichgewicht, seine Neigungen und
+Empfindungen mit sich verknüpft, die diesen, schon in sich
+befriedigenden Zustand dergestalt erhöhen, daß er, damit verglichen,
+wirklich mangelhaft erscheint. Heftige Begierden und leidenschaftliche
+Äußerungen sind mir daher immer fremd geblieben. Indes will ich das
+nicht eben loben noch in Schutz nehmen. Es könnte leicht auch in einem
+Mangel an Feuer liegen, dessen der Mann zu vielen der wichtigsten und
+ernsthaftesten Dinge bedarf, es ist auch nicht jene Fremdheit immer in
+gleichem Grade in mir gewesen. Jetzt ist sie meinen Jahren freilich
+natürlich. Die Jugend muß im Manne immer zuerst in der wirklich nur
+jugendlichen Lebendigkeit des Empfindens und dem, was leidenschaftlich
+ist, erlöschen; zum Entschluß und zur Anstrengung kann dann ihre Kraft
+noch lange ausdauern. -- Nun komme ich zu dem letzten Heft Ihrer
+Lebenserzählung zurück. Es hat mir wieder ungemein viel Freude gemacht,
+und ich habe es gestern abend ohne Unterbrechung hintereinander gelesen.
+Es schadet garnicht, wenn auch einiges, was Sie darin erzählen, in eine
+andere Periode gehört, wie Sie besorgen. Es ist unmöglich, in der
+Erinnerung so genau in der Zeitfolge zu bleiben, ich würde sehr verlegen
+sein, sollte ich von einem meiner Kinderjahre so ausführlich erzählen.
+Es ist merkwürdig, daß Ihnen so viel in der Erinnerung geblieben ist.
+Da in diesem Hefte gerade so viel vom Schreiben die Rede ist, so kann
+ich Ihnen mit Wahrheit sagen, daß diese Erzählung wieder ganz diesen
+Vorzug hat. Alles darin ist trefflich gedacht und empfunden, das ist das
+erste darin, und wie Sie selbst richtig bemerken, das unerläßliche
+Erfordernis jedes guten Schreibens; allein auch das letzte ist bei Ihnen
+damit verbunden. Die Art Ihrer Entwickelung hat mich ungemein
+interessiert. Sie bemerken sehr richtig, daß das, was Ihnen mehr durch
+Sie selbst, und zufällig durch Umgang mit Erwachsenen, an Unterricht
+zukam, gerade darum so stark und so dauernd wirkte, weil es wenig war,
+und in ein auf besseren und reichhaltigeren Unterricht begieriges Gemüt
+fiel, so möchte ich auch im übrigen weiter schließen. Es sollte mich
+aber nicht wundern, wenn doch gerade diese Erziehung mehr oder kräftiger
+beigetragen hätte, Sie so, wie Sie geworden sind, zu bilden, als wenn
+alles fein systematisch dabei ausgedacht worden wäre. Man muß sich die
+Erziehung ja nicht bloß und immer als eine direkte Leitung zu
+verständiger Haltung, gutem Charakter und hinlänglichem Reichtum von
+Kenntnissen denken. Sie wirkt oft weit mehr als ein Zusammenfluß von
+Umständen, deren beabsichtigte Wirkung ganz vereitelt wird, die aber
+durch den Streit gegen die Individualität des zu Erziehenden in ihm
+bewirkt, was die direkte Einwirkung nie vermocht hätte. Denn das
+Resultat der Erziehung hängt ganz und gar von der Kraft ab, mit der der
+Mensch sich auf Veranlassung oder durch den Einfluß derselben selbst
+bearbeitet. Mit großem Vergnügen habe ich auch bestätigt gefunden, daß
+dasjenige, was Ihr Gemüt und Ihren Verstand noch jetzt auszeichnet,
+Ihnen auch in der Kindheit schon beiwohnte. Es ist immer meine Meinung
+gewesen, daß sich der Mensch, wenn man das Wesentliche seines Charakters
+nimmt, nicht eigentlich ändert. Er legt Fehler ab, vertauscht auch wohl
+Tugenden und gute Gewohnheiten gegen schlechte, allein seine Art zu
+sein, ob mehr nach der Außenwelt, oder mehr nach innen gekehrt, ob
+heftig oder sanft, ob in die Tiefe der Ideen eingehend, oder auf der
+Oberfläche verweilend, ob mit kühnerem und fettem Entschluß ins Leben
+eingreifend, oder Schwäche verratend, bleibt gewiß von der Kindheit bis
+in den Tod die nämliche. Das war für heute vorerst das Wichtigste, was
+ich Ihnen über dies Heft sagen wollte. Auf ein und anderes komme ich ein
+anderes Mal zurück. Immer aber wiederhole ich Ihnen aufs neue meinen
+herzlichen Dank für die Mühe, die Sie mir so liebevoll widmen.
+
+
+
+_Berlin_, den 12. Januar 1824.
+
+Ihr Brief, liebe Charlotte, vom 21. v. M. hat mir große Freude gemacht,
+und ich danke Ihnen von ganzem Herzen für alles Liebevolle, das er
+enthält. Nehmen Sie besonders meinen Dank für Ihre Wünsche zum neuen
+Jahr an, und seien Sie versichert, daß ich sie aus recht inniger Seele
+erwidere. Niemand kann innigeren Anteil an Ihnen nehmen als ich, niemand
+es besser mit Ihnen meinen; so kann auch niemanden die Erfüllung der
+Wünsche für Ihr Glück so sehr am Herzen liegen als mir, davon seien Sie
+mit unumstößlicher Gewißheit überzeugt. Sorgen Sie aber auch selbst,
+beste Charlotte, angelegentlich für Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe. Mir
+kommt es immer vor, daß die Art, wie man die Ereignisse des Lebens
+nimmt, eben so wichtigen Anteil an unserm Glück und Unglück hätte, als
+diese Ereignisse selbst. Den eigentlich frohen heiteren Genuß kann man
+sich allerdings nicht geben, er ist eine Gabe des Himmels. Aber man kann
+viel dazu tun, das Unangenehme, dessen für jeden das Leben immer viel
+herbeiführt, ruhiger aufzunehmen, mutiger zu tragen, besonnener
+abzuwehren oder zu vermindern. Man kann wenigstens vermeiden, sich
+unnötige und ungegründete Besorgnis und Unruhe zu erregen. Wenn man das
+eine und das andere tut, sucht man sich damit gleichsam recht frei von
+der Abhängigkeit der höheren Mächte zu machen; man genießt ja dadurch
+noch lange kein Glück, man bewahrt sich nur vor zu unangenehmen
+Empfindungen. Man handelt aber gewiß im Sinne und nach dem Willen des
+Himmels, wenn man mit so viel Selbständigkeit, als die individuellen
+Kräfte zulassen, dem Geschick begegnet und sich seinen Einflüssen von
+innen heraus weniger zugänglich macht. Ich sage das, liebe Charlotte, um
+Ihnen vorzustellen, daß Sie sich nicht so um nichts beunruhigen müssen,
+wie neulich, wo Sie, geschreckt durch Träume, sich bangen Ahnungen
+überließen. Ihre Worte: »Nehmen Sie mir den ängstlichen Kleinmut nicht
+strenge auf, ach! nehmen Sie mir die Worte nicht so genau -- das Unglück
+macht abergläubig, man fürchtet überall, man sieht nur traurige
+Vorbedeutungen -- der Glückliche weiß nichts von Aberglauben« -- diese
+Worte haben mich sehr gerührt und in innigster Teilnahme bewegt, und nur
+aus diesen Empfindungen geht das hervor, was ich Ihnen sage. Sie haben
+einen viel zu klaren und bestimmten Verstand, haben über diese Dinge in
+dem, was Sie bei Gelegenheit der Stimmung Ihres Vaters in dieser Art mir
+geschrieben, so richtig geurteilt, daß Sie nicht durch so unbedeutende
+Zeichen, wenn man es nur überhaupt Zeichen nennen kann, sich sollten
+irgend bewegen lassen. Nehmen Sie, was ich da sage, ja nicht als einen
+Vorwurf auf. Ich würde mir gewiß nicht herausnehmen, Ihnen je einen zu
+machen. Ich wünsche aber dringend, daß Sie sich nicht vergeblich
+beunruhigen, nicht Ihrer Gesundheit schaden, sich in Ihren
+Beschäftigungen stören und sich Ahnungen hingeben, die entweder Kummer
+über Unglücksfälle rege machen, die nicht eintreten, oder die Träume
+über wirklich sich ereignende schon im voraus fühlen lassen. Ich halte
+es auch nicht für unangemessen, Ihnen so ausführlich darüber zu
+schreiben, da ich besorge, daß die Unruhe, die Sie darüber äußern, Sie
+nicht sobald verlassen möchte, und Sie mir sehr oft die wohltuende
+Versicherung geben, daß Ihnen meine Worte beruhigend und tröstlich sind.
+Nun leben Sie herzlich wohl und verscheuchen Sie jede bange Sorge.
+Vertrauen Sie den gütigen Mächten des Schicksals, und glauben Sie nicht,
+daß es solche gibt, die absichtlich das Herz mit Ahnungen plagen, sich
+nicht an dem Schmerz über wirkliches Unglück begnügend. Mit den Ihnen
+bekannten unveränderlichen Gesinnungen der Ihrige. H.
+
+ ____________
+
+
+Ergebung in das, was geschehen kann, Hoffnung und Vertrauen, daß nur
+dasjenige geschehen wird, was heilsam und gut ist, und Standhaftigkeit,
+wenn etwas Widerwärtiges eintrifft, sind alles, was man dem Schicksale
+entgegenstellen kann.
+
+Sie erinnern mich an eine Stelle der Bibel und fragen mich, ob ich sie
+gelesen habe? Ich habe die Bibel von einem Ende zum andern mehrmals
+durchgelesen, das letzte Mal noch in London, und ich kannte daher sehr
+gut das Kapitel des Briefes an die Korinther, das Sie anführen. Es ist
+allerdings eines der schönsten im Neuen Testament, wenn es recht
+verstanden wird, allein auch eines von denen, in welche zu leicht ein
+jeder etwas von seinem eigenen Gefühl und seiner Individualität
+hineinträgt, und wenn diese auch recht gut und fromm sind, so können sie
+doch der ursprünglichen Bedeutung fremd sein. Im griechischen Urtext ist
+das weniger möglich. Wir haben im Deutschen nur das eine Wort _Liebe_,
+welches zwar sehr rein, edel und schön ist, aber doch für sehr
+verschiedenartige Empfindungen gebraucht wird. Im Griechischen gibt es
+ein eigenes für die ruhige, sanfte, leidenschaftlose, immer nur auf das
+Höhere und Bessere gerichtete Liebe, das niemals für die Liebe Zwischen
+den Geschlechtern, wie rein sie sein möchte, gebraucht wird, und dies
+Wort, welches mehr den christlichen griechischen Schriftstellern als den
+früheren eigen ist, steht gerade in diesem Kapitel. Ich möchte damit
+aber keineswegs die Lutherische Übersetzung tadeln, vielmehr leugne ich
+nicht, ist mir unser deutsches Wort lieber als jedes andere, gerade weil
+es so vielumfassend ist, und die Empfindungen in der Seele gerade bei
+ihrer Wurzel aufnimmt. Was sowohl den Inhalt dieses Kapitels vorzüglich
+würdig und groß macht, und auch den Begriff deutlich zeigt, der mit dem
+Worte der Liebe nach dem Sinne des Apostels verbunden werden soll, sind,
+wie es mir scheint, zwei Dinge: Erstens, daß nicht bloß auf die Ewigkeit
+hingedeutet, sondern die Liebe selbst, als etwas Ewiges, mehreren
+andern, auch großen und schätzungswürdigen, aber dennoch vergänglichen
+Dingen entgegengesetzt wird, und daß die Liebe nicht als ein einzelnes
+Gefühl, sondern sichtbar als ein ganzer, sich über den ganzen Menschen
+verbreitender Seelenzustand geschildert wird. Die Liebe, heißt es, hört
+nimmer auf. Dies beweist zur Genüge, daß sie auf Dinge gerichtet sein
+muß, die selbst ewig und unvergänglich sind, und daß sie dem Herzen auf
+eine solche Weise eigen sein muß, daß sie in keinem Zustande des Daseins
+demselben entrissen werden kann. Es ist nicht sowohl von einer
+bestimmten Liebe, nicht einmal der des höchsten Wesens, die Rede,
+sondern von der inneren Seelenstimmung, die sich über alles ergießt, was
+der Liebe würdig ist und worauf sich Liebe anwenden läßt. Es ist auf den
+ersten Anblick nicht gleich zu begreifen, warum, da alles hienieden
+Stückwerk genannt wird, die Liebe allein zu dem, was ganz und vollkommen
+ist, gerechnet wird. Denn das übrige, welches der Apostel anführt, ist
+doch offenbar deshalb Stückwerk genannt, weil es in endlichen Wesen
+nicht vollkommen sein kann, und die Liebe, wie rein und erhaben sie sein
+möge, ist: doch auch nur in endlichen Geschöpfen nach der Art, wie sie
+in diesem Kapitel genommen ist. Es ist aber wohl deshalb, weil alles
+übrige, wovon als von Stückwerk die Rede ist, eine Kraft des Wissens und
+des Tuns voraussetzt, die sich in menschlichen und endlichen Wesen nicht
+befinden kann. Die Liebe hingegen geht selbst von einem bedürfenden
+Zustande aus, sie gehört rein der Gesinnung und dem Gefühle an und ist
+überall aufopfernd, gehorchend und hingebend. Sie wird daher durch die
+Schranken der Endlichkeit nicht so gehemmt. Allerdings könnte sie im
+Menschen nicht wohnen, wenn ihm nicht selbst eine Verwandtschaft mit dem
+Unendlichen im Innersten seines Wesens zugrunde läge, denn wenn ihr Odem
+ihn einmal beseelt, so kann er sich in ihm mehr, als irgend sonst, dem
+Höheren verwandt fühlen. Da aber, wie ich im Anfange sagte, wohl jeder,
+ohne auch irgend in Mißverständnisse zu verfallen, gerade diese Stelle
+der Bibel nach seiner individuellen Empfindung nimmt, so gestehe ich,
+daß ich den Ausdruck Liebe hier von aller und jeder einzelnen Empfindung
+für ein Wesen durchaus geschieden und getrennt halte, und darin nur eine
+Schilderung des an sich weit höheren Seelenzustandes finde, der, frei
+von aller Selbstsucht, fern von jeder Leidenschaftlichkeit, mit
+Wohlwollen auf allem verweilt, das günstige, wie das widrige Schicksal
+mit Ergebung und Gelassenheit trägt, und aus dessen Ruhe selbst die
+belebende Wärme in alles, was ihn umgibt, übergeht. Darum heißt es, daß
+die Liebe nicht eifert, sich nicht ungebärdig anstellt u. s. f. Darum
+werden ihr Glaube und Hoffnung zur Seite gestellt, sie aber über beide
+erhoben; darum besonders wird sie über die Werke gesetzt. Dies letzte
+kann augenblicklich sonderbar scheinen. Allein es ist sehr richtig, da,
+wenn die Gesinnung wahrer Liebe da ist, die Werke von selbst aus ihr
+entspringen. Diesem Seelenzustande ist das Fordernde, das Unruhige,
+Sorgende, auf Ausübung von Recht mehr als auf strenge Übung der Pflicht
+Bedachte, das sich selbst Lobende und mit sich Zufriedene
+entgegengesetzt. So nehme ich diese biblische Stelle, obgleich ich fern
+bin zu behaupten, daß nicht auch eine andere Ansicht statthaft wäre.
+
+
+
+_Berlin_, den 12. März 1824.
+
+Ich habe Ihre Blätter vom 21. v. M. erhalten und danke Ihnen auf das
+herzlichste dafür. Es hat mir aber leid getan, zu sehen, daß Sie sich
+wieder vergebliche Besorgnis und Unruhe gemacht hatten. Sie müssen das
+möglichst vermeiden, liebe Charlotte, und darin eine größere Herrschaft
+über sich gewinnen. Ich sage Ihnen das gewiß nur zu Ihrem Besten und zur
+Beförderung Ihrer inneren Ruhe. Es ist so vielen Zufälligkeiten
+unterworfen, ob ein Brief einige Tage früher oder später geschrieben
+wird, ob er länger oder kürzer geht, daß, wenn eine solche Erwartung
+gerade einmal nicht zutrifft, Sie darum sich nicht beunruhigen müssen.
+Ich erkenne gewiß den ganzen Wert der Gesinnungen, die Sie gerade für
+mich besorgt machen, allein ich bin vollkommen wohl, und Sie brauchen
+auf keine Weise für mich zu fürchten. Ich lebe den ganzen Tag mit
+ernsthaften und mir wichtigen Dingen beschäftigt, ich verlasse kaum
+mein Zimmer als in den späten Abendstunden und bin ruhig, tätig und
+heiter. Bei solcher Stimmung würde sich selbst eine schwächliche
+Gesundheit erhalten. Die meinige aber ist bisher sehr gut gewesen. Ich
+weiß freilich, daß sich das sehr leicht und von einem Jahre, ja Tage zum
+andern ändern kann, indes für jetzt ist kein Anschein dazu. Wenn es
+kommen wird, bin ich auch darauf vorbereitet. Auf meine Stimmung wird
+selbst Kränklichkeit keinen Einfluß haben, ich habe mich von früher
+Jugend an gewöhnt und geübt, gegen mich selbst hart zu sein und meinen
+Körper als etwas meinem eigentlichen Selbst Fremdes anzusehen. Meinen
+Beschäftigungen werde ich schon eine Wendung geben können, daß ich sie
+nicht aufzugeben brauche, wenn sie auch gestört werden, und so dürften
+Sie sich wirklich mich auch dann nicht unglücklich denken, wenn einmal
+der Fall käme, daß ich wirklich leidend würde. Es freut mich sehr, aus
+Ihrem Briefe zu sehen, daß auch Sie im ganzen leidlich wohl sind, und
+der sonderbare Winter Ihnen nicht geschadet hat, wie ich zuweilen
+fürchtete. Ich liebe im Grunde die Abwesenheit von strenger Kälte so,
+daß ich die andern Unannehmlichkeiten, die ein so gelinder und
+wechselnder Winter allerdings mit sich führt, leicht übersehe. Die recht
+eigentliche Kälte hat etwas mehr als bloß physisch Erstarrendes, es
+kommt einem ordentlich vor, daß Menschen ihr nie ausgesetzt sein
+sollten, sie gibt der Natur selbst ein so einförmiges Ansehen und hat
+etwas wahrhaft Unbarmherziges für die Armen. Das niedrige Volk, das nur
+wenig Mittel herbeischaffen kann, ist schon darum viel glücklicher in
+südlichen Ländern, weil es wenigstens von dieser Plage befreit ist. --
+Sie haben mir, liebe Charlotte, sehr lange nichts von Ihrer
+Lebensschilderung geschickt, vermutlich ist der Winter mit seinen
+Geschäften und kürzeren Tagen daran schuld. Wenn Sie aber Muße und
+Stimmung haben, so ist es, wie ich Ihnen oft und immer sagte, mein
+Wunsch, daß Sie fortfahren, wenigstens bis zu Ihrer Verheiratung.
+Hernach will ich Sie dann weder bitten noch bereden.
+
+Ich war heute einige Stunden in Tegel, und so wenig günstig das Wetter
+war, so hat es mir doch Vergnügen gemacht. Die Annäherung des Frühjahrs
+spürt sich immer und bringt auch in den Menschen eine Art von
+Erneuerung. Man ist lebendiger, man glaubt einem neuen Lebensabschnitt
+entgegen zu gehen und vergißt gewissermaßen, daß die schöne Gestalt, die
+die Natur nun wieder annimmt, nur wenige Monate dauern und dann dasselbe
+wiederkehren wird, dem man sich jetzt entgangen zu sein freut. Wenn das
+aber auch eine Art von Selbsttäuschung ist, so bleibt es das ganze Leben
+hindurch eine immer und immer gleich freudig wiederkehrende. Seit meinen
+Kinderjahren erinnere ich mich des gleichen oder wenigstens ganz
+ähnlichen Gefühls. Da Sie in einem Garten wohnen, werden Sie diese
+Gefühle auch gewiß teilen. Denn in der Stadt gehen freilich die
+Jahreszeiten in traurigem Einerlei an einem vorüber.
+
+Mit den Ihnen bekannten unveränderlichen
+Gesinnungen der Ihrige. H.
+
+
+
+_Berlin_, im April 1824.
+
+Allerdings gehört das vollkommene Gelingen unserer Unternehmungen der
+ursprünglichen Kraft wohl größtenteils an, die der Mensch nicht in
+seiner Gewalt hat. Ich teile ganz Ihre Meinung, daß es noch mehr von
+einem nicht zu erklärenden höheren Segen abhängt, der einzelne
+begleitet, und wohl, wie Sie sagen, auf der Lauterkeit Ihrer Gesinnungen
+beruht. Ihr Ausdrucke, daß es scheine, als ob die Gottheit ihren Segen
+nur in reine Gefäße ergieße, hat mir ungemein gefallen. Der Mensch
+vermag diesen Segen, wenn er ihm entsteht, nicht herbeizuzaubern. Daß
+dieser Segen wirklich mit den Menschen zusammenhängt auf unsichtbare und
+geheimnisvolle Weise, das glaube ich mit Ihnen. Aber die Begriffe von
+Glück und Unglück sind selbst bei denen, die richtige Ideen zu haben
+pflegen, so unbestimmt und so irrig, daß ich von früh an immer gestrebt
+habe, mir darüber ganz klar zu werden, und wie ich dahin gelangt bin,
+habe ich gefühlt, daß man des Glückes, bis auf einen gewissen Grad
+wenigstens, immer sicher ist, so wie man sich von den äußeren Umständen
+unabhängig macht, so wie man lernt, Freude aus allem Erfreulichen in
+Menschen und Dingen zu ziehen, aber in Menschen und Dingen nichts
+eigentlich zu bedürfen.
+
+Gewiß hat man seinen Lohn dahin, indem alles Verdienst aufhört, wenn man
+der Folgen wegen etwas tut.
+
+Was ich beitragen kann, Ihr Leben zu erheitern, werde ich immer mit
+Freuden nach meinen Kräften tun. Erlauben Sie mir den Rat, sich einmal
+einige Erholung zu gönnen in der schönen Jahreszeit; sollte Ihnen nicht
+eine Badekur zuträglich sein? Antworten Sie mir vertrauend, liebe
+Charlotte, niemand als Sie und ich weiß von dem, was Sie mir und ich
+Ihnen sage. H.
+
+
+
+_Tegel_, im Mai 1824.
+
+Sie haben mir durch das mir übersandte neue Heft Ihrer Biographie eine
+viel größere Freude gemacht, als Sie es wohl geglaubt haben mögen. Ich
+habe es mit dem größten Anteil gelesen. Zuerst und hauptsächlich aus
+Anteil an Ihnen. In dieser Hinsicht ist es ein sehr erfreuliches Heft,
+weil es eine Zeit schildert, die Sie glücklich und froh verlebten und
+unter interessanten Menschen zubrachten. Es hat mich lebhaft in die
+Vergangenheit und in jene Zeit zurückversetzt. Wenn auch die
+verschiedene Lebensart, in von einander entfernten Provinzen
+Deutschlands, Sitten und Lebensweise sehr verschieden gestaltet, so
+spricht sich doch auch wieder der eine Geist der Zeit gleichmäßig in
+allem aus.
+
+Was Sie als Kind von sich erwähnen, daß Sie Bilder in der Phantasie
+getragen, für die Sie Wesenheit wünschten, ersehnten, erwarteten, ist
+mir genau ebenso und von der frühesten Kindheit an gewesen, ich glaube
+gewiß vom sechsten Jahre an, was doppelt früh bei mir ist, da ich erst
+im dritten sprechen gelernt habe. Bei Ihnen war es die Sehnsucht nach
+einer Freundin, und zum Teil entstanden durch das Lesen der Clarisse.
+Bei mir hatte es keine äußere Ursache oder Veranlagung, wenigstens ist
+mir durchaus keine erinnerlich. Die Gegenstände, ich meine nicht
+eingebildete Personen, sondern die Sachen überhaupt, die sie betraf,
+waren allerdings verschieden, aber eine blieb von dieser Zeit der ersten
+Kindheit bis jetzt und wird vermutlich bis an meinen Tod bleiben; denn
+noch jetzt, wenn ich einmal eine schlaflose Nacht habe, oder allein im
+Wagen sitze, oder spazieren gehe, oder sonst eine Zeit habe, die man in
+bloßer Beschäftigung der Einbildungskraft zubringen kann, beschäftigt
+mich dieselbe Vorstellung noch immer, wie die in meiner Kindheit, aber
+natürlich in anderer, oft wechselnder Gestaltung. Da es ein Gegenstand
+ist, der garnicht in das Leben übergehen, sondern nur auf die innere
+Denkweise einwirken kann, so berührt es mich auch im Leben nicht,
+sondern geht wie eine Dichtung neben der Wahrheit fort; allein im Innern
+verdanke ich, im besten Sinne des Worts, dieser Selbstbeschäftigung sehr
+viel. Es ist ja überhaupt die natürliche Folge aller inneren Tätigkeit
+und jeder recht lebendigen Regsamkeit der Einbildungskraft und des
+Gefühls, daß dadurch die wirklichen Ereignisse des Lebens mehr in
+Schatten treten, und das zu große Gewicht dieser, ihr zu helles Licht zu
+vermindern, ist immer heilsam, das Unglück schadet und drückt dann
+weniger, und das Glück fesselt nicht an seinen Genuß, und macht den
+Gedanken erträglich, daß es immer leicht beweglich, vielleicht nicht
+immer bleiben wird. Sie werden mir große Freude machen, wenn Sie
+fortfahren, an Ihrer Lebensbeschreibung zu arbeiten. Ganz der Ihrige. H.
+
+
+
+_Herrnstadt_, den 9. Juli 1824.
+
+Nehmen Sie nicht übel, liebe Charlotte, daß ich Ihnen mit lateinischen
+Lettern schreibe. Aber meine Augen sind schon seit geraumer Zeit so, daß
+ich sie sehr schonen muß, und da habe ich jetzt die Entdeckung gemacht,
+daß die kleinen deutschen Buchstaben sie mehr angreifen als die größeren
+lateinischen. An Deutlichkeit gewinnen auch Sie im Lesen bei dem Tausch.
+Es gibt aber Personen, welchen die lateinische Schrift mißfällig ist,
+und die wenigstens, weil sie ihnen fremd vorkommt, sie nicht gern im
+Briefwechsel mit Personen gebraucht sehen, die ihnen wert sind. Ich
+halte Sie, nach Ihrer übrigen Art zu sein, von solcher gewissermaßen
+eigensinnigen Ansicht frei. Wären Ihnen indes doch diese Buchstaben
+weniger angenehm, so sagen Sie es mir ja, ich kehre dann zu den andern
+zurück. -- Wenn ich Ihnen nicht einmal geschrieben habe, daß meine
+zweite Tochter hier verheiratet ist, so dürfte Ihnen der Ort der
+Überschrift dieses Brief es wohl kaum auf irgendeine Art bekannt sein.
+Ich denke aber, daß ich es Ihnen einmal aus Berlin, als ich Ihnen über
+die Meinigen schrieb, gesagt habe, so wenig es mir sonst eigen ist, über
+das, was mich umgibt, oder mir begegnet, in Briefen zu reden. Dieser
+Ort, eine kleine, sehr unbedeutende Stadt, liegt kaum eine Tagereise von
+Breslau entfernt, ich bin seit einigen Tagen hier, gehe aber in wenigen
+andern von hier nach Ottmachau auf mein Gut, wohin ich Sie bat, mir zu
+schreiben. Es hat, dünkt mich, immer etwas die Phantasie und das Gemüt
+angenehm Ansprechendes, wenn man weiß, daß an einem Ort und in einer
+Gegend, die einem sonst ganz und gar fremd ist und die man gar nicht
+oder kaum dem Namen nach gekannt hat, mit freundschaftlicher Teilnahme
+an einen gedacht wird. Diese Empfindung wünsche ich, daß die Überschrift
+dieser Zeilen auf Sie machen möge. Von Ottmachau habe ich Ihnen schon
+öfter geschrieben. -- Wir haben hier eine warmnasse oder wenigstens
+feuchte Witterung, die leicht etwas Melancholisches haben kann, die ich
+aber sehr liebe. Die Natur hat dann eine doppelt wohltätige Stille und
+ist wie mit einem nebeligen Schleier überzogen, der indes doch die
+Gegenstände nicht verdunkelt, sondern nur ihre Formen und Farben sanfter
+hervortreten läßt. Ich bin immer und doppelt auf Reisen auf die
+mannigfaltigsten Modifikationen aufmerksam, welche die Verschiedenheit
+der Luft- und Wolkenbeschaffenheit dem Charakter der nämlichen Gegend
+gibt. Man kann eine Gegend immer ihrem Charakter nach, nach Art eines
+Menschen betrachten, und jene Modifikationen entsprechen dann den
+verschiedenen Stimmungen des Gemüts und sind, wie sie, ruhig und bewegt,
+sanft und hart, fröhlich oder traurig, ja auch wohl launen- und
+grillenhaft. Danach machen Sie denn auch ihren Eindruck auf den, der auf
+sie zu achten versteht, und ich kann wohl sagen, daß ich das Glück habe,
+diesen Eindruck nur immer so zu erfahren, wie er für die Seele Reiz hat,
+sie angenehm und lebendig spannt. Unangenehme Wirkungen macht das Wetter
+nie auf mich, und wenn es schwermütig oder schauerlich ist, empfinde ich
+es ungefähr nur ebenso, wie man auf dem Theater schwermütige oder
+schauerliche Szenen aufnimmt. -- Beim Theater fällt mir ein, daß Sie es
+vermutlich auch garnicht, oder doch höchst selten besuchen. Mein Fall
+ist das ganz und gar, vorzüglich seitdem meinen Augen der Glanz der
+vielen Lichter zu widrig und mein Gehör auch nicht mehr gut genug ist,
+um die wenigstens nicht sehr gut und deutlich redenden Schauspieler zu
+verstehen. Hier ist jetzt gerade eine herumziehende Truppe, und ob man
+gleich hier vor allem Glanz und blendendem Lichte sicher und auch bei
+der Nähe der Sitze eher in Gefahr wäre, überschrieen zu werden, so bin
+ich doch noch nicht dazu gekommen, sie spielen zu sehen. An einem guten
+Schauspiel entbehrt man wirklich viel, wenn man darauf, freiwillig oder
+durch Umstände genötigt, Verzicht leistet. Selbst wenn die Schauspieler
+nur mittelmäßig sind, hat das Vortragen eines guten Stücks (denn darauf
+kommt freilich alles an) durch Personen, die als selbsthandelnd
+auftreten, immer etwas mehr Ergreifendes und Belebendes als selbst ein
+viel besseres, einzelnes Vorlesen. Auf der andern Seite aber liegt ein
+besonderer Reiz darin, sich von allen Gelegenheiten größerer
+Versammlungen zurückzuziehen. Schon jung, dann in männlichen Jahren
+hatte ich mir das lebhaft gedacht und gleichsam den Reiz vorher
+genossen, in den Jahren eine hinreichende Rechtfertigung zu finden, der
+Gesellschaft immer mehr und mehr zu entsagen, und jetzt, wo ich diesen
+Zustand wirklich erreicht habe, finde ich, was ich damals empfand,
+vollkommen bestätigt. Ich hatte mir das Alter immer reizend und viel
+reizender als die früheren Lebensepochen gedacht, und nun, da ich dahin
+gelangt bin, finde ich meine Erwartungen fast übertroffen. Daher mag es
+auch kommen, daß ich eigentlich in der Seele gewissermaßen älter bin
+als körperlich und an Jahren. Ich bin jetzt 57 Jahre alt, und wer ohne
+große körperliche Ermüdungen und meist gesund und immer höchst
+regelmäßig und ohne Leidenschaften gelebt hat, welche die Gesundheit
+untergraben, kann da noch keine merkliche körperliche Abnahme fühlen.
+Allein die Ruhe des Geistes, die Freiheit von allem, was die Seele
+unangenehm spannt und aufreizt, die Unabhängigkeit fast von allem, was
+man sich nicht selbst durch innerliche Stimmung und Beschäftigung geben
+kann: diese Dinge sind alle in früheren Jahren schwerer zu erreichen,
+sind alsdann oft nur dann vorhanden, wenn, was noch viel schlimmer ist,
+sie aus Kälte und Unempfindlichkeit entstehen. Dennoch sind sie es
+vorzüglich, welche ein innerlich glückliches Leben geben und sichern. Es
+ist daher nicht ganz richtig, wenn man glaubt oder sagt, daß das Alter
+abhängiger von anderen Umständen und Zufällen mache. Körperlich und
+äußerlich ist es freilich wohl der Fall, allein auch nicht so viel, als
+man glaubt, da wenigstens bei gutgearteten und an Selbstbeherrschung
+gewöhnten Menschen die Begierden und selbstgeschaffenen Bedürfnisse noch
+viel mehr im Alter abnehmen als die Kraft, ihnen Befriedigung zu
+verschaffen. Auf der andern Seite aber gewinnt eben dadurch die viel
+wesentlichere und das Glück weit mehr befördernde Unabhängigkeit
+ungleich mehr. Mangel an Ergebung und Ungeduld sind eigentlich die
+Dinge, welche alle Übel, welcher Art sie sein mögen, erst recht
+empfindlich machen und sie wirklich vergrößern. Gerade von diesen beiden
+Übeln heilt das Alter vorzüglich, immer eine Gemütsart vorausgesetzt,
+die keine einmal eingewurzelten unartigen Gewohnheiten hat, die freilich
+ihr Gift sonst in jedes Alter hinübertragen. Der größte Gewinn aber, der
+aus dieser größeren geistigen Freiheit, aus der Begierden- und
+Leidenschaftslosigkeit, dem gleichsam wolkenlosen Himmel, den zunehmende
+Jahre über das Gemüt hinführen, entsteht, ist, daß das Nachdenken
+reiner, stärker, anhaltender, mehr die ganze Seele in Anspruch nehmend
+wird, daß sich der intellektuelle Horizont erweitert und das
+Beschäftigen mit jeder Art von Wissenschaft und jedem Gebiet der
+Wahrheit immer mehr und mehr, ausschließend das ganze Gemüt ergreift und
+jedes andere Bedürfnis, jede andere Sehnsucht schweigen macht. Das
+nachdenkende, betrachtende, forschende Leben ist eigentlich das höchste;
+allein in gewisser Art läßt es sich doch nur im höheren Alter vollkommen
+genießen. Früher ist es im Streit mit der Aufforderung und sogar mit der
+Pflicht zu handeln, und erfährt nicht selten Störungen durch sie. Es
+wäre aber sehr unrichtig, wenn man in dem Wahne stände, daß ein solches
+Vergnügen an einem garnicht mit dem Leben und dessen Weltlichkeit
+zusammenhängenden Nachdenken eine große Bildung oder viele Kenntnisse
+voraussetze. Wo diese gerade bei jemand zufällig vorhanden sind, da
+kann das Nachdenken vielfältige Gegenstände treffen, es ist da
+allerdings mehr Mannigfaltigkeit und ein wenigstens scheinbar weiterer
+Kreis. Allein gerade die dem Menschen notwendigsten, heiligsten und
+wahrhaft erfreulichsten Wahrheiten liegen auch dem einfachsten,
+schlichtesten Sinne offen, ja werden von ihm nicht selten richtiger und
+selbst tiefer aufgefaßt, als von dem, den großer Umfang von Kenntnissen
+mehr zerstreut. Diese Wahrheiten haben noch außerdem das Eigene, daß, ob
+sie gleich keines Grübelns bedürfen, um erkannt zu werden, vielmehr sich
+von selbst Eingang in das Gemüt verschaffen, daß immer in ihnen Neues
+gefunden wird, weil sie in sich wirklich unerschöpflich und unendlich
+sind. Sie knüpfen sich an jedes Alter an, allein doch am natürlichsten
+an dasjenige, was den endlichen Aufschlüssen über alle unendlichen
+Rätsel, die eben diese Wahrheiten enthalten, am nächsten steht. So
+stirbt zwar in höheren Jahren eine gewisse Lebendigkeit mehr ab; aber es
+ist dies nur eine äußere, oft sogar fälschlich geschätzte. Die viel
+wohltätigere, schönere, edlere, die sich immer in fruchtbarer Klarheit
+entfaltet, gehört vielmehr erst recht eigentlich dem wahren Alter an.
+Ich weiß, liebe Charlotte, daß Sie über alle diese Gegenstände auch sehr
+übereinstimmend mit mir denken, und schmeichle mir also, daß es Ihnen
+nicht unangenehm sein wird, daß ich mich gewissermaßen gehen ließ,
+darüber zu sprechen. Diese Dinge, über die sich nur mit wenigen reden
+läßt, sind ja wohl die natürlichsten Gegenstände für einen Briefwechsel,
+der, frei von Geschäften und äußeren einschränkenden Bedingungen, dann
+am meisten erfreut, wenn er ein recht ungezwungener vertraulicher
+Austausch persönlicher Stimmungen und Gesinnungen ist. -- In Ottmachau
+hoffe ich, unter der Ihnen neulich gegebenen Adresse, einen Brief von
+Ihnen zu empfangen. Mit der aufrichtigsten Herzlichkeit der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 12. September 1824.
+
+Ich bin seit einigen Tagen aus Schlesien wieder hierher zurückgekommen,
+liebe Charlotte, und eine meiner ersten Beschäftigungen ist, Ihnen zu
+schreiben. Meinen letzten Brief aus Ottmachau werden Sie bereits
+empfangen haben. Der Herbst verspricht sehr schön zu werden, und ich
+habe mich darum doppelt gefreut, wieder hier zu sein, die letzten Monate
+der scheidenden besseren Jahreszeit zu genießen. Ich liebe bei weitem
+mehr das Ausgehen als das Beginnen des Jahres. Man blickt dann auf so
+manches, das man getan oder erlebt hat, zurück, man meint sich sicherer,
+weil der Raum kleiner ist, in dem noch Unfälle begegnen können. Alles
+das ist freilich eine Täuschung, ein Augenblick reicht hin zu dem
+größten. Aber so vieles im Leben, im Glück und im Unglück sogar, ist ja
+nichts als Täuschung, und so kann man auch dieser stillere Momente
+verdanken. Ich bin zwar von Besorgnissen für mich sehr frei, nicht
+gerade, weil ich mich weniger Unfällen ausgesetzt glaubte, oder weil ich
+mich vor nichts Menschlichem fürchte, sondern schon früh das Gefühl in
+mir genährt habe, daß man immer vorbereitet sein muß, jedes, wie das
+Schicksal es gibt, durchzumachen. Man kann sich aber doch nicht
+entschlagen, das Leben wie ein Gewässer zu betrachten, durch das man
+sein Schiff mehr oder minder glücklich durchbringt, und da ist es ein
+natürliches Gefühl, lieber den kürzeren als den längeren Raum vor sich
+zu haben. Diese Ansicht des Lebens, als eines Ganzen, als einer zu
+durchmessenden Arbeit, hat mir immer ein mächtiges Mittel geschienen,
+dem Tode mit Gleichmut entgegen zu gehen. Betrachtet man dagegen das
+Leben nur stückweise, strebt man nur, einen fröhlichen Tag dem andern
+beizugesellen, als könne das nun so in alle Ewigkeit fortgehen, so gibt
+es allerdings nichts Trostloseres, als an der Grenze zu stehen, wo der
+Faden auf einmal abgebrochen wird.
+
+Das Laub der Bäume fängt schon an, die Buntfarbigkeit anzunehmen, die
+den Herbst so sehr ziert und gewissermaßen eine Entschädigung für die
+Frischheit des ersten Grüns ist. Der kleine Ort, den ich hier bewohne,
+ist vorzüglich gemacht, alle Reize zu zeigen, welche große, schöne und
+mannigfaltige Bäume durch alle wechselnden Jahreszeiten hindurch
+gewähren. Um das Haus herum stehen alte und breitschattige, und umziehen
+es mit einem grünen Fächer. Über das Feld gehen in mehreren Richtungen
+Alleen, in den Gärten und dem Weinberg stehen einzelne Fruchtbäume, im
+Park ist ein dichtes und dunkles Gebüsch, und der See ist vom Walde
+umkränzt, sowie auch alle Inseln darauf mit Bäumen und Büschen
+eingefaßt. Ich habe eine besondere Liebe zu den Bäumen und lasse nicht
+gern einen wegnehmen, nicht einmal gern verpflanzen. Es hat so etwas
+Trauriges, einen armen Baum von der Umgebung, in der er viele Jahre
+heimisch geworden war, in eine neue und in neuen Boden zu bringen, aus
+dem er nun, wie unwohl es ihm werden mag, nicht mehr herauskann, sondern
+langsam schmachtend sein Ausgehen erwarten muß. Überhaupt liegt in den
+Bäumen ein unglaublicher Charakter der Sehnsucht, wenn sie so fest und
+beschränkt im Boden stehen und sich mit den Wipfeln, so weit sie können,
+über die Grenzen der Wurzeln hinausbewegen. Ich kenne nichts in der
+Natur, was so gemacht wäre, Symbol der Sehnsucht zu sein. Im Grunde geht
+es dem Menschen mit aller scheinbaren Beweglichkeit aber nicht anders.
+Er ist, wie weit er herumschweifen möge, doch auch an eine Spanne des
+Raums gefesselt. Bisweilen kann er sie garnicht verlassen, und das ist
+oft der Fall der Frauen, derselbe kleine Fleck sieht seine Wiege und
+sein Grab; oder er entfernt sich, aber es zieht ihn Neigung und
+Bedürfnis immer von Zeit zu Zeit wieder zurück, oder er bleibt auch
+fortwährend entfernt, und seine Gedanken und Wünsche sind doch dem
+ursprünglichen Wohnsitz zugewendet.
+
+Es freut mich, daß Sie, liebe Charlotte, in Ihrem Garten auch in einiger
+Art wenigstens einen ländlichen Aufenthalt genießen. Ich weiß, wie sehr
+Sie daran hängen und jede damit verbundene Freude zu schätzen wissen.
+Für meine Beschäftigungen ist mir das Herannahen des Spätherbstes und
+Winters sehr unangenehm. Meine Augen sind zwar durch den anhaltenden
+Gebrauch wirksamer Mittel um vieles besser, sie erfordern indes doch
+noch viel Schonung, und bei Licht greife ich sie nicht an. Damit zieht
+sich aber der Tag enge zusammen, und wenn man noch abrechnen muß, was
+das häusliche Leben, Besuche, Zerstreuungen mancher Art, endlich
+wirkliche Geschäfte wegnehmen, so bleibt wenig übrig. Und je länger ich
+fortfahre, ausschließlich meine Zeit den Studien und dem Nachdenken zu
+widmen, jemehr kann ich sagen, vertiefe ich mich darin und verliere
+Neigung und Geschmack an allem andern. Die Ereignisse der Welt haben
+auch nicht das mindeste Interesse für mich. Sie gehen an mir vorüber wie
+augenblickliche Erscheinungen, die weder dem Geist noch dem Gemüt etwas
+zu geben vermögen. Den Kreis meiner Bekanntschaften ziehe ich immer
+enger zusammen; die Männer, mit denen ich früher den anziehendsten
+Umgang hatte, sind gestorben, und ich habe es immer für Glücksfälle
+gehalten, die man benutzen, nicht aber Bedürfnisse, die man suchen muß,
+wenn sich ein solcher Umgang von selbst anknüpfte. Dagegen ist das Feld
+des Wissens und Forschens unermeßlich und bietet beständig neue Reize
+dar. Es füllt alle Stunden aus, und man sehnt sich, nur die Zahl dieser
+vervielfältigen zu können. Ich kann wohl sagen, daß ich in meinem Innern
+einzig darin lebe, oft Tage lang, ohne diesen Gegenständen mehr als
+flüchtige Gedanken zu entwenden. Naturwissenschaften haben mich nie
+angezogen. Es fehlte mir auch der auf die äußeren Gegenstände aufmerksam
+gerichtete Sinn. Von früh an hat mich das Altertum aber angezogen, und
+es ist auch eigentlich das, was mein wahres Studium ausmacht. Wo der
+Mensch noch seinem Entstehen näher war, zeigte sich mehr Größe, mehr
+Einfachheit, mehr Tiefe und Natur in seinen Gedanken und Gefühlen, wie
+in dem Ausdrucke, den er beiden lieh. Zu der vollen und reinen Ansicht
+davon kommt man freilich nur durch mühevolle und oft in mechanischer
+Beschäftigung zeitraubende Gelehrsamkeit; aber auch das hat seinen Reiz,
+oder wird wenigstens leicht überwunden, wenn man sich einmal an
+geduldiges Arbeiten gewöhnt hat. Zu den kraftvollsten, reinsten und
+schönsten Stimmen, die aus grauem Altertum zu uns herübergekommen sind,
+gehören die Bücher des Alten Testaments, und man kann es nie genug
+unserer Sprache verdanken, daß sie, auch in der Übersetzung, so wenig an
+Wahrheit und Stärke eingebüßt haben. Ich habe oft darüber mit Vergnügen
+nachgedacht, daß es nicht möglich wäre, etwas so Großes, Reiches und
+Mannigfaltiges zusammen zu bringen, als die Bibel, die Bücher des Alten
+und Neuen Testaments, enthalten. Wenn sie auch, wie bei uns, dem Volke
+gewöhnlich das einzige Buch ist, so hat dieses in ihr ein Ganzes
+menschlicher Geisteswerke, Geschichte, Dichtung und Philosophie, und
+alles dies so, daß es schwerlich eine Geistes- oder Gefühlsstimmung
+geben könnte, die nicht darin einen entsprechenden Anklang fände. Auch
+ist nur weniges so unverständlich, daß es nicht gemeinem, schlichtem
+Sinne zugänglich wäre. Der Kenntnisreichere dringt nur tiefer ein, aber
+keiner geht eigentlich unbefriedigt hinweg.
+
+Ich bleibe diesen und den größten Teil des künftigen Monats hier, ehe
+ich nach Berlin ziehe, und auch dann bringe ich wohl nur einige Wochen
+dort zu. Sie können darauf für Ihre Briefe mit Sicherheit rechnen. Im
+November und Dezember werde ich zwar vermutlich wieder, wie im vorigen
+Herbst, eine Reise machen, die sich mit einem Aufenthalt von einigen
+Wochen in Burgörner schließen wird; allein es ist an sich noch nicht
+gewiß, noch weniger der Zeitpunkt, und ich schreibe es Ihnen vorher.
+Ich habe immer Neigung zum Bleiben am nämlichen Ort, und zum Aufsuchen
+eines andern, wie Gewicht und Gegengewicht, in mir. Doch ist das Reisen
+und der Wechsel des Aufenthalts meist Notwendigkeit, selten
+ursprüngliche Lust. Leben Sie wohl, liebe Charlotte. Mit den
+herzlichsten Gefühlen der Ihrige. H.
+
+
+
+_Burgörner_, den 13. November 1824.
+
+In der Vergangenheit ist reichlicher Stoff zur Freude und Wehmut, zur
+Zufriedenheit mit sich und zur Reue, da hat man mit sich, mit andern,
+mit dem Geschicke gekämpft, gesiegt und unterlegen; was da gefunden
+wird, das ist wahrhaft gewesen, das ist, wenn es schmerzlich war,
+untilgbar wie eine Narbe, und wenn es freudig war, unentreißbar wie ein
+der Seele eingewachsener Gedanke; es ist ferner rein von der
+Ängstlichkeit, der Besorgnis der Zukunft....
+
+Ergebung und Genügsamkeit sind es vor allem, die sicher durch das Leben
+führen. Wer nicht Festigkeit genug hat, zu entbehren und selbst zu
+leiden, kann sich nie vor schmerzlichen Empfindungen sicherstellen, ja
+er muß sich sogar selbst, wenigstens die zu rege Empfindung dessen, was
+ihn ungünstig trifft, zuschreiben....
+
+Es gibt in der moralischen Welt nichts, was nicht gelänge, wenn man den
+rechten Willen dazu mitbringt. Der Mensch vermag eigentlich über sich
+alles, und muß über andere nicht zu viel vermögen wollen.
+
+Gegen Menschen und gegen Schicksale ist es nicht bloß die edelste und
+sich selbst am meisten ehrende, sondern auch die am meisten auf dauernde
+Ruhe und Heiterkeit berechnete Gemütsstimmung, nicht gegen sie zu
+streiten, sondern sich, wo und wie es nur immer das Verhältnis erlaubt,
+zu fügen, was sie geben, als Geschenk anzusehen, aber nicht mehr zu
+verlangen, und am wenigsten mißmutig über das zu werden, was sie
+verweigern....
+
+Mit den sogenannten Ahnungen und Vorgefühlen ist es eine sonderbare
+Sache. Bisweilen trifft so etwas ein, bisweilen schlägt es fehl. Man
+möchte aber doch keineswegs weder das eine noch das andere als etwas
+bloß Zufälliges ansehen, und darum, weil diese Vorgefühle oft ohne
+Erfolg bleiben, sie nicht auch, wenn sie eintreffen, dem Zufall
+beimessen, und ihnen das Verdienst wahrer Voranzeige der Zukunft nehmen.
+Es geht mit diesen Dingen wie mit allem, was auf innerem Selbstgefühl
+beruht. Dies Selbstgefühl kann sich täuschen, man kann für Vorbedeutung
+halten, was es nicht ist, und kann auch wieder die wahre verkennen.
+Objektive Sicherheit läßt sich darüber nicht haben. Es kann keine
+sicheren äußeren Zeichen der Erkennung der Wahrheit geben. Es sind immer
+oft schwache Andeutungen, sie können in die Seele gelegt, sie können
+aber auch aus einem unbestimmten, durch Hoffnung oder Furcht
+irregeleiteten Seelenzustand erzeugt sein. Im ersteren Falle läßt sich
+auf ihre Zuverlässigkeit bauen, im letzteren Falle nicht. Das Weiseste
+ist immer, sie auf keine Weise herbeizulocken, bei ihrem Erscheinen sich
+die Möglichkeit ihrer Falschheit zu denken, und wenn sie ungünstig, auf
+ihre Wahrheit gefaßt zu sein. H.
+
+
+
+_Berlin_, den 31. Januar 1825.
+
+Sie werden sich wundern, liebe Charlotte, schon vor der Zeit, wo Sie
+gewohnt sind, meine Briefe zu erwarten, einen von mir zu empfangen. Aber
+ich bin krank, habe ziemlich starkes Schnupfenfieber und Zahnweh, und
+beides hindert mich am Arbeiten. Da suche ich gern im Briefwechsei, und
+am liebsten in dem mit Ihnen, eine ruhig-erheiternde und die Seele
+stimmende Beschäftigung. Ich gehöre zu den geduldigsten Kranken, ja ich
+kann mich oft nicht entschließen, das Kranksein ein Übel zu nennen. Sie
+werden sagen, daß das nur beweist, daß ich nie oder selten ernsthaft
+krank war, und darin haben Sie ganz recht. Aber es gibt genug Leute, die
+auch schon bei kleinen Übeln und bloß belästigenden Unpäßlichkeiten
+klagen. Mir bringt das Kranksein immer eine gewisse Ruhe und Sanftheit
+in die Seele. Es ist nicht, daß ich gesund sehr das Gegenteil wäre. Aber
+das gesunde Streben hat, vorzüglich im Manne, doch einen Eifer und eine
+Lebendigkeit, die immer mehr oder weniger anspannen. Das fällt in
+Krankheit weg, man fühlt seine Tätigkeit; gelähmt und erwartet, bis es
+besser geht, keine Erfolge. Übrigens beunruhigen Sie sich ja nicht über
+mein Unwohlsein. Es ist durchaus unbedeutend und geht gewiß in wenig
+Tagen vorüber. Es ist bloß die Folge einer Erkältung, der ich nicht
+vermeiden konnte mich auszusetzen; ich fühlte gleich auf der Stelle das
+Entstehen des Übels. Meine Augen -- Sie denken oft liebevoll daran --
+haben sich sehr gebessert. Ich leide garnicht in diesem Winter daran.
+Ich schreibe es doch der großen Schonung und selbst den lateinischen
+Buchstaben zu. Für Ihren letzten Brief habe ich Ihnen schon meinen
+herzlichsten Dank gesagt; ich habe ihn seitdem oft wieder gelesen, jedes
+Wort darin macht mir große und herzliche Freude, für die ich Ihnen schon
+im Stillen viel gedankt habe! Es ist Ihnen eine seltene und natürliche
+Gabe eigen, Ihre Empfindungen einfach und wahr auszudrücken, darin liegt
+die große Wirkung, die Ihre Worte haben. Ich wünschte immer, ja ich
+wußte, daß, wenn Sie mich erst näher kennen lernten, sich die
+Überzeugung mehr und mehr in Ihnen befestigen werde, wie herzlich mein
+Anteil an Ihnen und wie unwandelbar meine Gesinnungen gegen Sie sind.
+Dies hoffe ich jetzt erreicht zu haben. Es ist mir auch eine
+Angelegenheit, es Ihnen bestimmt zu sagen. Beim Schluß des Jahres
+drängen sich ganz natürlich die Empfindungen zusammen für diejenigen,
+die uns besonders wert sind, und wir fassen Sie enger zusammen. Ich
+halte überhaupt sehr viel auf die Zeitabschnitte auch im gewöhnlichen
+Leben, und der Anfang einer neuen Epoche ist mir kein gewöhnlicher Tag.
+Ich passe alles, was ich tue, genau in die Zeit ein, und lasse sie über
+mich herrschen.
+
+Daß die Zeit hingehe und geistig erfüllt werde, ist das Große und
+Wichtige im Menschenleben. Durchdringt man sich recht von dieser Idee,
+so wird man gegen Glück und Unglück, gegen Freude und Schmerz sehr
+gleichgültig. Was sind Glück und Unglück, Freude und Schmerz anders, als
+ein Hinfliegen der Zeit, von der nichts übrig bleibt, als was sich davon
+geistig gesammelt hat? Die Zeit ist das Wichtige im menschlichen Leben;
+denn was ist die Freude nach dem Verfliegen der Zeit? und das
+Tröstliche, denn der Schmerz ist ebenso nichts nach ihrem Verfließen,
+sie ist das Gleis, in dem wir der letzten Zeit entgegenwallen, die dann
+zum Unbegreiflichen führt. Mit diesem Fortschreiten verbindet sich eine
+reifende Kraft, und sie reift mehr und wohltätiger, wenn man auf sie
+achtet, ihr gehorcht, sie nicht verschwendet, sie als das größte
+Endliche ansieht, in der alles Endliche sich wieder auflöst.
+
+Ihre Tätigkeit achte ich sehr hoch, sie macht Ihnen viel Ehre und
+belohnt sich in der selbständigen Unabhängigkeit, die Sie sich nach
+großen und ehrenvollen Verlusten wieder geschaffen haben. Darum
+interessiert mich auch alles aufs höchste, was Sie mir über Ihre schon
+an sich interessante Beschäftigung sagen.
+
+Ich liebe überall die Arbeitsamkeit, sie ist mir besonders an Frauen
+sehr schätzenswert. Diejenigen Arbeiten, welche Frauen vorzunehmen
+pflegen, haben noch das Einladende und Reizende, daß sie erlauben, dabei
+viel mehr in Empfindungen und Ideen zu leben. Ich leite daher die
+wirklich feinere und schönere, oft selbst tiefere Bildung her, welche
+auch solche Frauen, die keine vorzügliche Erziehung genossen haben,
+meistenteils vor den Männern voraushaben, welchen sie sonst in
+Kenntnissen nachstehen. Zum Teil freilich rührt aber eben daher auch die
+bei Frauen häufigere Schwermut und Verletzbarkeit. Wie die Seele mehr,
+öfter, tiefer und abgeschiedener in sich gekehrt ist, so berührt alles
+Äußere sie rauher. Indes ist das ein leicht zu verschmerzender Nachteil.
+Es hat immer einen unendlichen Nutzen, sich so zu gewöhnen, daß man sich
+selbst zu einem beständigen Gegenstand seines Nachdenkens macht. Man
+kann zwar auch, und mit gleicher Wahrheit, sagen, daß der Mensch wieder
+gerade sich garnicht kennt, oder doch wenigstens nie recht. Beides ist
+wahr. Er weiß nämlich von niemanden so viel, er kennt bei niemanden so
+den geheimen Zusammenhang des Denkens und Wollens, die Entstehungsart
+jeder Neigung und jedes Entschlusses, und in dieser Art kennt er nur
+sich. Aber auf der andern Seite kann er, wie er es auch wollen möge,
+nie unparteiisch gegen sich sein; denn der, den er beurteilt, mit dem
+beurteilt er auch. Er ist also in Einseitigkeit befangen, und ich habe
+daher nichts lieber, als wenn die, mit denen ich lebe, mich auf das
+Allerfreieste und ohne allen Rückhalt beurteilen; man wird dadurch
+belehrt, man hört etwas, das man sich selbst so nun einmal nicht sagt,
+und auf irgend eine Weise, wenn es nicht mit Absicht verdreht wird, hat
+es doch Grund. -- Leben Sie jetzt recht herzlich wohl, und lassen Sie
+sich, ich wiederhole es, durch meine Unpäßlichkeit nicht beunruhigen.
+Ganz mit den alten und sich nie ändernden Gesinnungen Ihr
+
+Humboldt.
+
+
+
+_Berlin_, den 12. Februar 1825.
+
+Meine Gesundheit ist ganz wieder hergestellt, und ich bin wieder im
+gewöhnlichen Zuge meiner Arbeiten. Es ist mir dies vorzüglich lieb, da
+ich mit Recht sagen kann, daß das mein Leben ist. Es sind lauter
+selbstgewählte Beschäftigungen und immer mit Ideen allgemeinerer Art. Da
+ich diese Beschäftigungen einen großen Teil meines Lebens hindurch
+geführt habe, so haben sie meinem Wesen auch die Richtung zum Ernst und
+zum Halten an Ideen und Gedanken gegeben, die es offenbar hat. Ich habe
+alles, was mich umgibt und womit ich in Berührung komme, in ein gewisses
+System gebracht. Ich behaupte darum garnicht, daß dies System immer
+richtig ist. Vielmehr ist nichts darin, was ich nicht von Zeit zu Zeit
+von neuem überdenke und in Betrachtung ziehe, und immer findet sich auch
+irgendwo ein Irrtum zu verbessern. Allein so lange ich das, was ich
+meine, für wahr halte, kann ich nicht leiden, daß um mich her, soweit
+ich Einfluß darauf habe, anders gehandelt wird. Ich kann alsdann die
+Grundsätze jedes Handelns aufweisen, und somit ist doch eine Grundlage
+vorhanden, auf die man fußen kann. Denn nichts ist mir so zuwider, als
+das bloße launige Wechseln der Ideen, oder das blinde Herumtappen. Es
+ist allerdings nicht immer möglich, jede Sache in ihrer Wahrheit zu
+ergründen, jeden Entschluß immer so zu nehmen, wie es am weisesten wäre.
+Aber man kann dem doch nahe kommen, und alles, auch das Unbedeutende in
+Regel und Norm zu pressen, nicht der wechselnden Lust oder Unlust zu
+diesem oder jenem zu folgen, sondern sich selbst zur Befolgung dieser
+Regel zu nötigen, ist eine heilsame Weise für den äußeren Erfolg und für
+den inneren Charakter. Es ist auch garnicht richtig, daß eine solche Art
+des Seins den Aufschwung des Geistes hindern sollte, oder dem Erguß der
+Empfindung Schranken setze. Der Geist bewegt sich vielmehr zuverlässiger
+in einem ihm gegebenen Gleise, in dem er eine feste Richtung und den
+gehörigen Anhalt findet, und die Empfindung erlangt mehr Stärke, wenn
+sie aus ganz geläuterten und berichtigten Ideen hervorgeht.
+
+Nun leben Sie wohl, liebe Charlotte, und seien Sie überzeugt, daß ich
+sehr oft und immer mit herzlichster Teilnahme Ihrer gedenke. Auf Ihr
+Befinden, denke ich, hat der gelinde Winter, den wir haben, einen
+wohltätigen Einfluß ausgeübt. Je älter man wird, desto mehr wird man dem
+plötzlichen Wechsel und den Extremen der Witterung gram. Mit den alten,
+sich nie ändernden Gesinnungen der Ihrige. H.
+
+
+
+_Berlin_, den 8. März 1825.
+
+Die Beschreibung Ihres Lebens und Ihres häuslichen Daseins vom Jahre
+1786 hat mir, liebe Charlotte, eine viel größere Freude gemacht, als ich
+Ihnen sagen kann. Es ist auch dieser Lebensabschnitt in Ihrer Jugend,
+wie natürlich, ohne gerade wichtige Ereignisse vorübergegangen, aber es
+ist Ihnen eine ganz besondere Gabe eigen, die inneren Seelenzustände zu
+schildern. Immer aber sind es doch nur diese, welche die Begebenheiten
+selbst erst anziehend machen, sie mögen dieselben nun vorbereiten,
+begleiten, oder aus ihnen entstehen. Nichts aber ist gleich reizend, als
+der Zustand eines aufblühenden Mädchens in dem Alter, worin Sie damals
+gewesen sein müssen. Ich war damals neunzehn Jahre und auch noch nicht
+aus dem mütterlichen Hause gekommen. Meinen Vater habe ich schon früher
+in meinem zwölften Jahre an einer Krankheit verloren, die bloß zufällig
+war, da er seinem sonstigen Gesundheitszustande nach noch lange hätte
+leben können. Sie müssen ungefähr vier Jahre jünger sein als ich. Ich
+erinnere mich aber hier, daß ich Ihr Geburtsjahr nicht genau weiß.
+Schreiben Sie es mir doch einmal. Mir ist es immer wichtig, ganz genau
+zu wissen, wie alt die sind, die ich gern habe, vorzüglich bei Frauen.
+Ich habe meine eigenen Gedanken über das weibliche Alter und ziehe ein
+weiter fortgerücktes eigentlich einem jüngeren vor. Sogar der bloße
+körperliche Reiz erhält sich meiner Meinung nach viel länger, als man
+gewöhnlich annimmt, und was in dem Innern einer Frau vorzüglich fesselt,
+gewinnt offenbar bei fortgeschrittenen Jahren. Ich hätte auch in keinem
+Alter meines Lebens gern in engem Verhältnis mit einem Mädchen oder
+einer Frau stehen mögen, die viel jünger als ich gewesen wäre, am
+wenigsten hätte ich eine solche heiraten mögen. Ich bin auch in mir
+überzeugt, daß solche Heiraten im ganzen nicht gut sind. Sie führen
+meistenteils dahin, daß die Männer die Frauen wie Unmündige und Kinder
+behandeln, und es kann bei einer solchen Altersverschiedenheit unmöglich
+der freie, gegenseitig erhebende und beglückende Umgang, das volle und
+reine überströmen der Gedanken und Empfindungen aus einem Gemüt in das
+andere stattfinden, die in dem Umgange beider Geschlechter eigentlich
+das Beseligende ausmachen. Gleichheit in allen inneren Bedingungen ist
+da unentbehrlich notwendig, und der Mann kann nur daran große Freude
+finden, daß sich ihm die in jeder Art in Empfindungen und Denken, nach
+Maßgabe der Verschiedenheit der Geschlechter, in ihrer Art Gleiche, in
+der mit erlangter Reife vollen Selbständigkeit ihres Wesens hingibt und
+seinen Willen als den ihrigen erkennt.
+
+Ich bin aber von Ihrer Lebenserzählung abgekommen. Es ist eine sehr
+eigentümliche, aber in der Unschuld eines aufkeimenden, noch vor sich
+selbst gar nicht entfalteten Gemüts, natürliche und liebenswürdige
+Richtung in Ihrem Herzen, in jener Zeit, daß Sie sich nur nach einer
+Freundin sehnten, und jede andere Sehnsucht Ihnen fremd war. Man erkennt
+darin recht, was Freundschaft und Liebe unterscheidet. Beide teilen
+miteinander das innere Seelenleben, worin zwei Wesen einander
+entgegenkommen, und indem sie, jeder seine Art zu sein in dem andern
+aufzugeben scheinen, dieselbe reiner und klarer zurückempfangen. Der
+Mensch muß etwas außer sich gewinnen, an das er sich anschließen, auf
+das er mit allen vereinten Kräften seines Daseins wirken könne. Allein
+wenn auch diese Neigung allgemein ist, so ist der Hang und die Sehnsucht
+nach wahrer Freundschaft und Liebe doch nur ein Vorrecht zarter und
+innerlich gebildeter Seelen. Weniger zarte oder durch die Außenwelt
+betäubte Gemüter heften sich wechselnd und vorübergehend an und
+erreichen niemals den wahren Frieden, einer in dem andern. Unter sich
+aber sind Liebe und Freundschaft doch immer und unter allen Umständen in
+der Art verschieden, daß die erste immer zugleich eine sinnliche Farbe
+an sich trägt. Man tut dadurch ihrer Reinheit keinen Eintrag, denn auch
+die sinnliche Neigung kann die größte Reinheit in sich schließen, diese
+stammt aus der Seele selbst und verwandelt alles in ihren unbefleckten
+Glanz. Bei jungen weiblichen Gemütern, die noch gar nicht bis zum
+Gefühl, oder vielmehr bis zum Bewußtsein der Liebe gekommen sind, ist es
+doch aber eigentlich diese, die das Gewand der Freundschaft annimmt. Die
+Gefühle sind da noch nicht so bestimmt und klar geschieden, aber die
+beginnende weibliche Reife spielt doch alles, ohne es zu wissen, in die
+Liebe hinüber. Die Freundschaft selbst von einem Geschlecht zu einer
+Person desselben wird dann lebendiger, leidenschaftlicher, hingebender,
+aufopfernder; wenn sie auch in späteren Jahren alles dasselbe der Tat
+nach leistet, so ist in der früheren doch die Art anders, die Farbe der
+Empfindung glühender, die Seele heftiger davon ergriffen und gleichsam
+wärmer und heller davon durchstrahlt. So ist es gewiß auch Ihnen, liebe
+Charlotte, damals mit Ihrer Freundin gegangen. Ich wünsche sehr, daß Sie
+Ihre Lebenserzählung fortsetzen. -- Nun leben Sie herzlich wohl und
+gedenken Sie meiner, der Ihnen immer mit gleicher Teilnahme zugetan
+bleibt. H.
+
+
+
+_Berlin_, den 22. März 1825.
+
+Ich setze mich mit recht eigentlicher Freude hin, Ihnen zu schreiben,
+liebe Charlotte, und wünsche von ganzem Herzen, daß Sie dies Blatt
+körperlich recht wohl und heiter gestimmt finden möge. Bei dieser
+wunderbaren Witterung, wo der Winter es sich recht aufgespart hat, zum
+Frühjahr zu kommen, kann es selbst festen Gesundheiten leicht anders
+ergehen. Die meinige hat Gottlob! bis jetzt keinen Anstoß erlitten, und
+ich denke, wenn nicht zum Osterfest, doch gleich nachher, nach Tegel zu
+gehen. Wenn man auch dies Jahr lange auf das Grünwerden der Bäume wird
+warten müssen, so ist es eine süße Erwartung, wie die alles Guten, das
+unfehlbar ist, weil es aus einer sich immer gleichbleibenden Güte
+quillt. Alle Freuden an dem Wechsel der Naturerscheinungen haben das,
+daß sie zugleich moralische sind für das sie dankbar empfindende Herz.
+Diese Zuverlässigkeit, die in der Natur liegt und sich schon in ihrer
+Regelmäßigkeit ausspricht, durch die die gewöhnlichsten Begebenheiten,
+ja selbst der tägliche Sonnen-Auf- und -Niedergang etwas Großes und
+Wunderbares erhalten, diese Zuverlässigkeit, sage ich, verbunden mit der
+Wohltätigkeit alles dessen, was aus der Natur auf den Menschen
+herabfließt, erteilt allen Empfindungen, die sich auf sie beziehen, eine
+erhebend beruhigende Fülle der Sanftheit. In unserm rauhen Norden
+müssen wir freilich den Übergang zum Frühjahr mit bittern
+Winterempfindungen erkaufen und das Bessere langsam erwarten. Aber
+dieser große Wechsel hat doch auch seine Vorzüge. Er schafft mehr und
+etwas Tieferes in dem Menschen, wenn er nach der Düsterheit, die doch
+immer den Winter begleitet, in die Milde heiterer Frühlingssonne
+übergeht. Man empfindet das recht, wenn man einige Jahre in südlichen
+Ländern zubringt. Der Winter ist da eigentlich Frühjahr, und man kann
+fast nur drei Jahreszeiten unterscheiden, die der großen Hitze, den
+Sommer, die der Früchte, den Herbst, und die übrigen Monate des Jahres,
+wo man auch nicht Kälte oder unangenehme Witterung leidet, das Gras auf
+Angern und Wiesen frisch und schön, und bei vielen immer grünen Bäumen
+selbst wenige laublos dastehen. So kommt man in den Winter und Frühling,
+ohne eigentlich eine Veränderung zu bemerken, aber man entbehrt auch des
+ganzen, bei uns wahrhaft himmlischen Eindrucks, den diese Veränderung
+auf das Gemüt immer unfehlbar hervorbringt. Die Natur ist es aber auch
+allein, an der mir der Wechsel der Jahreszeiten bemerkbar wird. Die
+Menschen pflegen ihn sonst auch noch in ihrer veränderten Lebensweise zu
+spüren. Das ist nun bei mir nicht der Fall. Ich lebe, einigen Wechsel
+des Aufenthalts abgerechnet, ziemlich jeden Monat im Jahr auf die
+gleiche Weise. Es ist dies eine natürliche Folge meines wenigen
+Ausgehens im Winter und meines ununterbrochenen Arbeitens. Denn wenn
+Sie die Stunden von 3 bis 5 und von 8 bis 10 des Tages und die Nacht
+ausnehmen, können Sie sich mich, liebe Charlotte, immer in meiner Stube,
+und da immer an meinem Schreibtische sitzend, denken. Da die wenigen
+Gesellschaften, die ich besuche, auch noch meistenteils in die eben
+bezeichneten Stunden fallen, so gibt es kaum Ausnahmen. Je tiefer man in
+höhere Jahre tritt, je mehr reizt, wenn man dessen einmal fähig ist, der
+Ernst der Gedanken. Man kann sogar ohne Übertreibung sagen, daß das das
+Einzige ist, was uns dann noch reizt. Und dieser Reiz steigt mit der
+Beschäftigung selbst. Es entspringt eines aus dem andern, es entspinnt
+sich neu zu Denkendes aus bisher Halbgedachtem, oder nur Geahntem. Man
+wird dadurch, von dieser Seite will ich zwar diese Art des einsamen
+Denkens nicht unbedingt loben, man wird dadurch nicht anziehender für
+andere, man grenzt sich vielmehr mehr ab, man weist gewisse Dinge
+zurück, man hat überhaupt eine Neigung und ein Bedürfnis, sich und seine
+Ansicht herrschend zu machen, und zieht sich leicht, wenn es auch nicht
+zu billigen wäre, zurück, wo man sieht, daß sie keinen Eingang findet,
+man fühlt gewissermaßen, daß man nur noch in einem gewissen Gleise
+fortgehen kann, und verlangt daher, daß die, welche einen noch begleiten
+wollen, sich demselben fügen. Alles das mag seine Unbequemlichkeiten
+haben, allein alles Menschliche ist damit verbunden, und jenes
+beschauliche Leben in sich selbst, das sich seinen Kreis schließt und
+diesen Kreis nie wieder verläßt, hat und gewählt einen solchen Ersatz,
+daß man sich doch darum nicht davon trennen würde. Ja, wenn es recht die
+Weise erreicht, mit der sich ein sonst gut geartetes und tieferes Gemüt
+wahrhaft beruhigt, so darf man sich sogar aus Pflicht nicht davon
+trennen. Denn aus diesem nach eigenen Entschlüssen und eigener Wahl
+begonnenen Verfolgen von Ideen entsteht immer etwas, das weiter und
+wichtig wirkt, und ohne die Selbständigkeit des Mannes ist eine freie
+Anwendung seiner Tätigkeit nicht zu denken.
+
+
+
+_Tegel_, den 1. Mai 1825.
+
+Ich habe eine große Freude daran, in der Vergangenheit zu leben. Von dem
+Kleinsten, was mir begegnet ist, habe ich wenig vergessen, und ich
+verweile vor allem gern in Gedanken bei den Menschen, mit denen ich
+näher zusammen trat. Gerade in den Jahren, wo wir uns sahen, hatte ich
+eine Art von Leidenschaft, interessanten Menschen nahe zu kommen, viele
+zu sehen und diese genau, und mir in der Seele ein Bild ihrer Art und
+Weise zu machen. Ich hatte mir dadurch früh eine Menschenkenntnis
+verschafft, die andern sonst wohl viel später fehlt. Die Hauptsache lag
+mir an der Kenntnis. Ich benutze sie zu allgemeinen Ideen,
+klassifizierte mir die Menschen, verglich sie, studierte ihre
+Physiognomien, kurz machte daraus, so viel es gehen wollte, ein eigenes
+Studium. Indes hat es mir auch für die Behandlung der Menschen im Leben
+sehr viel geholfen. Ich habe gelernt, jeden zu nehmen, wie er nach
+seiner Sinnesart genommen werden muß, und was mir recht und dem
+Verhältnis gemäß scheint, mit jedem durchzusetzen. Was ich als junger
+Mensch zur Übung versuchte, hat mir im männlichen Alter oft sichtbar
+genutzt. Jetzt kommt es mir längst nicht mehr vor, in dieser Art eine
+Wirkung auf einen Menschen zu bezwecken. Wenn man meine Jahre erlangt
+hat, kann man sich teils nicht mehr so in andere Verschiedenheiten
+finden, teils muß man es nicht wollen. Man muß seine Individualität frei
+gewähren lassen, mit denen fortwandeln, die sich ihr anpassen und sich
+nach ihr richten wollen, und die andern nur mit allgemeinem Wohlwollen
+begleiten. -- -- --
+
+Sie sind also auch von der schnellen, wunderartig plötzlichen
+Erscheinung des Frühjahrs in diesem Jahr so betroffen gewesen? Ich
+meine, ich hätte es noch nie so erlebt. In einer einzigen Nacht stand
+ein großer alter Kirschbaum hier, der den Tag vorher noch nichts als
+nackte Reiser hatte, mit Blüten bedeckt da.
+
+Die wehmütige Empfindung, gerade in dem Aufleben der Natur, ist sehr
+begreiflich, und ist wohl allen Menschen eigen, die tiefer empfinden und
+genauer auf sich achten. Sie hindert darum das frühe Teilnehmen an der
+erwachenden Natur garnicht. Sie sprießt vielmehr aus der Tiefe dieser
+Empfindungen selbst, denn jede wahrhaft tiefe Empfindung im Menschen
+wird von selbst wehmütig. Sehr natürlich. Der Mensch fühlt seine
+Schwäche, sein dem Wechsel und der Vergänglichkeit unterworfenes Dasein;
+und indem er nun in diesem, ihn scheinbar nur mit Unglück und
+Widerwärtigkeiten bedrohenden Dasein eine unendliche, ihn rund umgebende
+Güte erblickt, da die ganze Natur, gerade in diesem ersten Aufkeimen,
+überzuquellen scheint, um ihn mit Genüssen aller Art zu bereichern, so
+ist er darüber in seiner innersten Tiefe gerührt, was sich nur in
+wehmütiger Freude aussprechen kann. Eine andere Art der Wehmut, und eine
+schmerzlichere, kann auch, nach Beschaffenheit der verschiedenen
+Stimmungen, daher entstehen, daß man den Eintritt einer so großen Menge,
+wenn auch nicht nach menschlicher Art lebender Wesen, in erneuertes
+Dasein oder erneuerte Regsamkeit nicht ansehen kann, ohne zugleich an
+ihre Rückkehr in Winterschlaf und Tod zu denken, die ebenso plötzlich
+eintreten wird. Daß alles Leben nur ein der scheinbaren Vernichtung
+Entgegengehen ist, wird einem nie so klar, als in dem regelmäßigen
+Wechsel der Jahreszeiten. Die ganze Pflanzenwelt nun mit so harmlos
+zuversichtlicher Freude ins Leben treten zu sehen, als ahnte sie
+garnicht das winterliche Ersterben, hat ebenso etwas tief Rührendes, wie
+das Leben eines noch keine Gefahren ahnenden Kindes.
+
+Leben Sie herzlich wohl. Unwandelbar mit der herzlichsten,
+unveränderlichsten Zuneigung Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, den 15. Mai 1825.
+
+So sehr ich auch die Natur liebe und gern in ihr weile, bin ich doch,
+seit ich hier bin, nicht sehr viel ins Freie gekommen. Wenn nicht Besuch
+kommt, was bei diesen kalten und regnichten Tagen nicht so häufig der
+Fall ist, pflege ich von sechs bis acht Uhr abends draußen zu sein. Ich
+ziehe den Abend dem Morgen besonders wegen des Sonnenuntergangs vor.
+Nicht leicht versäume ich diesen an irgend einem Tage zu sehen. Ich habe
+ihn immer werter gehalten als den Aufgang, obgleich das vielleicht nur
+daher kommt, daß man am Abend, nach vollendeten Geschäften, ruhiger und
+besser gestimmt ist, sich Natureindrücken zu überlassen. Den ganzen Tag
+über arbeite ich in meiner Stube, die aber nach der Mittags- und
+Abendseite die unmittelbare Aussicht nach dem Garten und hohen Bäumen
+hat. Dies Arbeiten in selbstgewählten Studien, unabhängigem Denken (denn
+meine eigentlichen Geschäfte kosten mir verhältnismäßig sehr wenig Zeit)
+kann ich eigentlich als mein Leben ansehen. Meine Ideen, und dies in
+Büchern, in Anschauungen, in Erfahrungen, wodurch sie genährt werden,
+beschäftigen mich eigentlich allein und ausschließend; und ich kann mit
+Recht sagen, daß ich mein sehr heiteres und glückliches Dasein, wenn
+nicht allein, doch größtenteils ihnen verdanke. Hat man sich einmal an
+dies Leben in Ideen gewöhnt, so verlieren Kummer und Unglücksfälle ihre
+Stachel. Man ist wohl wehmütig und traurig, aber nie ungeduldig noch
+ratlos. Ich knüpfe, weil ich einmal diese Gewohnheit gefaßt habe, dies
+Nachdenken immer an gelehrte Beschäftigungen, aber ich suche mich immer
+und an jedem Punkte darin zu freien Ideen zu erheben, die sich dann an
+alles, was nicht wirklich, und an alles, was in der Wirklichkeit echten
+und wesenhaften Glanz, Gehalt und Reiz hat, knüpfen. In dieser höheren
+Region werden die Ideen, die als gelehrte Beschäftigungen nur für wenige
+bestimmt scheinen, wieder sehr einfach und knüpfen sich an alles
+allgemein Menschliche an.
+
+Ich freue mich zu denken, daß Sie diesen Brief, wie Sie es immer freut,
+zum Pfingstfest bekommen. Mit unwandelbaren Gesinnungen der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 16. Juli 1825.
+
+Dies ruhige, schöne, meinem Alter und Neigungen angemessene Verhältnis
+können wir ungestört so lange fortsetzen, als wir miteinander im Leben
+fortwandeln; es ist von meiner Seite nichts da, was es unterbrechen
+könnte, und ich weiß nichts, was es von Ihrer Seite hindern könnte.
+Genügt Ihnen, wie ich denn sicher überzeugt bin, daß es Ihnen genügt,
+dies, so ist unser Verhältnis so klar und rein, wie es nur immer gedacht
+werden kann. Sie brauchen auch garnicht zu denken, daß Sie darin bloß
+die Empfangende sind; ich habe Ihnen oft gesagt, daß mir Ihre Briefe,
+Ihre natürlichen, weiblichen Äußerungen Ihrer Ergebenheit, Ihre
+Lebensbeschreibung recht große Freude machen und gemacht haben. Glaube
+ich, daß Sie mir eine besondere machen könnten, so haben Sie ja gesehen,
+daß ich es Ihnen frei und natürlich geäußert habe. Sagt das Ihnen nicht
+zu, so trete ich davon zurück, und gewiß ohne Erbitterung, ohne Klage,
+ohne, wie ich Ihnen sagte, irgend eine Empfindung, die Ihnen unangenehm
+sein könnte, bloß in dem Gefühle, daß nicht zwei Menschen ganz gleich
+denken können. Also auch so etwas müssen Sie, liebe Charlotte, nicht
+schwer aufnehmen. Es gibt schon sehr vieles, was auch das glücklichste
+Leben schwer machen kann, daß man es nicht willkürlich vermehren muß.
+Willkürlich ist nun zwar eine solche Mißstimmung nicht, aber man kann
+doch gegen sie arbeiten. Das erfordert freilich Selbstbeherrschung, aber
+darauf muß ich auch zurückkommen, daß die allen Menschen nötig ist. So
+glaube ich, liebe Charlotte, mich so rein ausgesprochen zu haben, daß
+Ihnen wenigstens in mir nichts dunkel und rätselhaft bleiben kann. Nun
+muß ich noch eine Stelle Ihres Briefes berichtigen, wo Sie mich ganz
+mißverstanden haben, indem Sie sagen, daß ich nichts zu meinem Glück
+bedürfe als mich. Es ist das allerdings wahr. Aber das kann ich, wie
+streng ich mich untersuche, nicht tadeln, es ist vielmehr in mir die
+Frucht eines langen und darauf gerichteten Lebens gewesen. Ich lebe
+nämlich in Gefühlen, Studien, Ideen; diese sind es eigentlich, die
+machen, daß ich nichts Fremdes bedarf, und sie sind auf unvergängliche
+Dinge gerichtet, sie lassen mich nicht sinken, wenn mir Erwartungen
+fehlschlagen, wie ich es oft, wenn mir Unglücksfälle zustießen, erlebt
+habe. Nur wenn man in diesem Sinne nichts bedarf, kann man möglichst
+frei von Egoismus sein, denn da man für sich nichts fordert, kann man
+andern hilfreicher sein. Man genießt auch dann jede Freude mehr, gerade
+weil sie kein Bedürfnis ist, sondern eine reine, schöne Zugabe zum
+Dasein. Alles, was dem Bedürfnis ähnlich ist, hat die Eigentümlichkeit,
+daß man es viel weniger genießt, wenn man es hat, als es schmerzt, wenn
+man es entbehrt. Darum aber fühle ich (ich habe es ja mehr als einmal
+erfahren) den Verlust geliebter Personen wohl eher tiefer als andere,
+wenn auch mit mehr Fassung und Ruhe. Nur die Wehmut setze ich nicht dem
+Glücke entgegen, sondern teile das Glück in wehmütiges und heiteres, und
+setze jenes nicht gegen dieses zurück. So meinte ich das, was Sie anders
+verstanden, und wenn Sie den Inhalt meiner Briefe im ganzen durchgehen,
+werden Sie immer dies darin ausgesprochen finden. Dafür, daß einzelne
+Stellen anders erscheinen könnten, möchte ich nicht einstehen, da man
+nicht jedesmal alles begrenzen kann, doch glaube ich es kaum. Leben Sie
+nun herzlich wohl, rechnen Sie fest auf die Unveränderlichkeit meiner
+Gesinnungen, verscheuchen Sie vor allem jede unnütze Besorgnis,
+erheitern Sie sich. Denken Sie, daß Sie mir Freude damit machen, das tun
+Sie ja so gerne. Von Herzen Ihr H.
+
+
+
+_Burgörner_, den 18. August 1825.
+
+Ich bin seit einigen Tagen hier und habe mich schon sehr an dem Gefühle
+erfreut, das den Aufenthalt in der Provinz und in einer Gegend, wo man
+ganz und gar von größern Städten entfernt ist, begleitet. Ich finde mich
+immer sehr leicht darein und habe daran ein vorzügliches Gefallen. Es
+wandelt mich auch nicht die leiseste Neugierde an, und ich kann sehr gut
+selbst die Zeitungen entbehren. Ich pflege alsdann auch meine
+Beschäftigungen fast ganz einförmig einzurichten und so viel als möglich
+bei einem Ideengange zu bleiben. Ich habe von jeher eine große Neigung
+gehabt, mich in eine Sache zu vertiefen, und habe oft Gelegenheit
+gehabt, die Vorteile und Nachteile davon an mir selbst zu erfahren. Denn
+daß diese Vorliebe für eine und dieselbe oft wiederholte Beschäftigung,
+dies Grübeln über eine Idee auch seine beschränkenden und daher
+schädlichen Eigenschaften hat, läßt sich nicht leugnen. Die Vertiefung
+bringt im Grunde dieselbe Wirkung hervor als die Zerstreuung, sie läßt
+vieles nicht bemerken, manches ungeschickt betreiben. Der Unterschied
+ist nur freilich, daß der zerstreute Mensch sich in nichts zersplittert,
+und nichts findet, noch besitzt, an dem er zu haften vermöchte, daß aber
+der Vertiefte immer eins hat, was ihn für die Vernachlässigung des
+übrigen entschädigt. Am nachteiligsten empfinde ich diesen Hang, sich
+einer Sache, die dann meistenteils eine innere Idee ist, hinzugeben
+dann, wenn ich mich in der freien Natur befinde. Ich liebe sie
+unendlich, und der Genuß oft selbst einer einfachen Gegend, geschweige
+denn einer schönen, hat für mich mehr Reiz als fast alles übrige sonst.
+Aber auch der Eindruck, den die Natur macht, schließt sich immer wieder
+an den mich innerlich beschäftigenden Gedanken an, und verwandelt sich
+selbst in eine allgemeine Empfindung; dagegen entgehen mir eine ganze
+Menge Einzelheiten. Ich würde nie zum Naturbeobachter darum getaugt
+haben, und hätte sicherlich mitten unter Pflanzen und Steinen sehr
+vieles unbemerkt vorübergehen lassen, was ich zu anderer Zeit mit
+Bedauern inne geworden sein würde. Indes möchte ich darum diesen Hang
+zur Vertiefung nicht fahren lassen und ihn nicht bloß nicht mit dem
+entgegengesetzten Extrem vertauschen, sondern mich nicht einmal gern mit
+der Mittelstraße zwischen beiden Extremen, die man sonst wohl als die
+weisere zu preisen pflegt, begnügen. Man lernt doch das, dem man sich
+so ganz, so ausschließend, so in fester Beharrlichkeit widmet, besser
+kennen, und je länger man dabei verweilt, desto mehr scheint an ihm in
+der Betrachtung hervorzutreten. Man kann in der Tat nicht sagen, daß die
+Dinge der Welt dasjenige, was an ihnen zu sehen ist, offen daliegen
+haben. Der eine sieht, was dem andern entgeht, und es ist, als wenn der
+Blick, wenn er durch gehörige Vertiefung geschärft wird, erst selbst den
+Gegenstand erschlösse. Die einfachsten Sachen können darum denjenigen,
+der einmal diesen Hang hat, sehr lange Zeit, und nicht auf eine leere,
+nutzlose Weise beschäftigen. Vorzüglich finde ich immer, geht bei dieser
+anhaltenden Betrachtung, wenn sie nicht bloße Gedanken, sondern
+Gegenstände der Welt betrifft, dasjenige auf, was die Zeit an ihnen
+gearbeitet hat, die Spur der Vergangenheit in der Gegenwart, ja oft auch
+die leise Ahnung der Zukunft, welcher die Gegenwart entgegengeht. Darin
+liegt auch einer der höchsten Reize. Denn alles, was das Laufen und das
+ununterbrochene Fließen der Zeit versinnlicht, zieht den Menschen
+unendlich und unnennbar an. Sehr natürlich, da er selbst das Geschöpf
+der Zeit ist, da seine Schicksale auf ihr wie auf einem immer wogenden
+Meere schweben, da er nie weiß, ob er sich der Gegenwart sicher
+vertrauen darf, und ob nicht eine trügerische Zukunft seiner wartet. Das
+tiefere Eindringen in die Gegenstände, das man dem Hange zur Vertiefung
+dankt, wäre aber noch der mindeste Vorteil. Denn Sie könnten mir
+vielleicht mit Recht einwenden, daß es gar wenig Dinge gibt, die ein
+solches Eindringen verdienen. Das viel Wichtigere dabei ist der Gewinn,
+den der Geist in sich, aus diesem Sichsammeln auf einen Punkt, aus
+dieser Genügsamkeit mit wenigen Gegenständen, auf die er sich
+vereinzelt, zieht. Es entspringt notwendig daraus eine größere geistige
+Innigkeit, eine höhere Wärme, eine Liebe, mit der man das umfaßt, mit
+dem man sich gleichsam allein in der Welt fühlt. Dadurch wird auf den
+Charakter selbst gewirkt, oder vielmehr, da nichts Äußeres hinzutritt,
+sondern dieser Hang aus dem Charakter selbst hervorgeht, so entwickelt
+sich der Charakter dadurch und bildet sich zu einer höheren Würde und
+gehaltvolleren Schönheit aus. Denn es gibt Ideen, mit denen er gleichsam
+zusammengewachsen ist, die er nie aufgeben möchte, die ihn wie
+beständige Leiter, Freunde, Tröster begleiten, und diese Ideen, die so
+zu ihm treten, sind gerade immer die eigentümlichsten, diejenigen, die
+ein anderer oft garnicht, oft erst nach Jahren, verstehen und begreifen
+kann, was garnicht darin liegt, daß sie ihm, wie man es auszudrücken
+pflegt, zu hoch, zu verwickelt wären, sondern nur darin, daß sie so
+unzertrennbar mit einem andern Individuum verbunden sind. In Ideen
+dieser Gattung würde ich nie von dem Allerkleinsten, ohne vollkommene
+Änderung meiner früheren Überzeugung, zurückgehen; es kann nichts
+geben, was für dies Zurückgehen Entschädigung gewährte, und welches
+Opfer auch einer solchen zu tiefer Überzeugung gewordenen Idee gebracht
+werden müßte, so kann es nie, gegen sie selbst gehalten, zu groß sein.
+Die Festigkeit aber, die darin sich ausspricht, ist keine eigensinnige,
+sie entsteht nicht einmal allein aus Verstandesüberlegung. Denn ob sie
+gleich an sich freilich, wie die Überzeugung, von demjenigen, was von
+dieser Festigkeit begleitet ist, aus dem Verstande entspringt, so
+gesellt sich nun in einem Gemüte, das den Hang besitzt, eine Idee und
+einen sich mit ihr verbindenden Gegenstand ganz und gewissermaßen
+ausschließend zu umfassen, dazu Wärme, Empfindung und eigentliche Liebe.
+Das ganze Leben wird durch diese Stimmung innerlicher, und wo sie recht
+einheimisch geworden ist, dauert sie, wie ich in verschiedenen Perioden
+meines Lebens erfahren habe, auch in derselben Innerlichkeit mitten
+unter großen äußeren Bewegungen fort. Sie macht alsdann denjenigen,
+welcher sie besitzt, von allen Äußerlichkeiten unabhängig, überhaupt
+wird durch dieselbe das Bedürfnis, sich gerade mit einem äußeren
+Gegenstande zu verbinden, vermindert. Denn die Liebe, welche die bloße
+innere Idee erweckt, vertritt schon dessen Stelle. Wo aber etwas Äußeres
+mit der Idee zusammentrifft, da ist nun auch die Wirkung doppelt stark
+und dauernd. Die Ideen, welche so durch das Leben begleiten, sind auch
+natürlich zugleich dann die, welche am besten vorbereiten, das Leben
+auch entbehren zu können. Denn da das Leben vorzüglich nur durch sie
+Wert hat, sie aber fest mit den tiefsten Kräften des Gemüts und der
+Seele vereinigt sind, so kann ich mir wenigstens nicht denken, wie nicht
+mit ihnen gerade auch das Eigenste, was man besitzt, mit einem
+hinübergehen sollte. Es ist wohl zu hoffen und mit Vertrauen zu
+erwarten, daß sie klarer, heller, und in neuer vielfacherer Anwendung
+den Geist umgeben werden. --
+
+Recht herzlich habe ich mich gefreut, in Ihrem Briefe zu erkennen und
+ausgedrückt zu finden, daß Sie wieder ruhig und heiter werden und aufs
+neue erkannt haben, daß ich nur beides zu befördern wünsche. Gewiß habe
+ich nur diese wohlwollenden Gesinnungen für Sie gehabt, wie ich vor
+einigen Jahren den Briefwechsel mit Ihnen wieder anfing. Ich glaube mir
+in meinen Gesinnungen stets gleich geblieben zu sein, und Sie können
+gewiß ferner darauf rechnen. Die Grundsätze, nach denen ich handle,
+stammen weder aus Eigensinn, noch sind sie eben so wenig auf eigene
+Wünsche berechnet. Sehr gefreut hat es mich auch, das volle feste
+Vertrauen, wie sonst bei Ihnen, zu diesen Ihnen mit liebevollem Anteil
+geweihten Gesinnungen gefunden zu haben. Halten Sie dies unverbrüchlich
+fest, liebste Charlotte, und nie wird etwas Störendes in unserem
+Verhältnis entstehen.
+
+Daß Sie der Konsequenz gram und feind sind, wenn sie nichts als
+Eigensinn ist, und nur diesen edleren Namen annimmt, darin haben Sie
+ganz recht. Es ist dies dann nur eine tadelnswerte Scheinheiligkeit.
+Doch muß man nicht alles Eigensinn nennen, wovon man die Gründe nicht
+einsieht, oder was auf solchen Gründen beruht, für die man, wenn man sie
+auch kennt, keinen Sinn hat. Das wäre wieder auf der andern Seite und in
+einem andern Extreme gefehlt. Noch weniger könnte es Konsequenz genannt
+werden, wenn man bei Meinungen beharren wollte, die man selbst
+abgeändert hätte und nicht mehr, wie ehemals, für wahr hält; das wäre
+nichts als Rechthaberei, oder die Schwäche, nicht vor andern bekennen zu
+wollen, daß man früher unrecht gehabt hat. Wenn man das selbst fühlt,
+muß man auch keine Schwierigkeit darin finden, es vor andern
+einzugestehen. Ich halte garnichts davon, in seinen Grundsätzen,
+Meinungen und Empfindungen so ein für alle Mal abgeschlossen zu sein und
+zu denken, daß das nun alles darum so recht wäre, weil man es so lange
+dafür gehalten hat. Ich prüfe vielmehr immer alles aufs neue und würde
+es keinen Augenblick Hehl haben, wenn auch das, woran ich sehr gehangen
+hätte, mir plötzlich anders erschiene. Ich würde dann nicht nur selbst
+meine vorige Meinung ablegen, sondern es auch ohne allen Anstand
+bekennen. Gerade aber, wenn man so gestimmt ist, begegnet einem dies bei
+andern viel weniger, denn man ist dann an sich dem Nachdenken geneigt,
+und die Grundsätze und Meinungen, die man hat, gründen sich dann auch
+auf das Nachdenken, solche aber vertauscht man nicht leicht mit andern,
+wenn man auch sich neuen Prüfungen noch so offen erhält. Sie sagen, daß
+Sie in den letzten Wochen zu sehr ernsthaftem Nachdenken über sich
+geführt worden sind und Ihre Blicke sehr in die Tiefe Ihres Innern
+gerichtet haben. Sie werden dann dabei erfahren haben, wie wohltätig es
+ist. Mir kehrt aus solchen Selbstbetrachtungen, die ich für die höchste
+und beste Beschäftigung halte, alle Mal eine große und nicht leicht
+wieder zu zerstörende Heiterkeit zurück. Man findet entweder, daß der
+Zustand des Gemüts von der Art ist, wie man nur wünschen kann ihn zu
+erhalten, und hat nichts nötig gehabt, als ihn nur besser zu entwirren,
+mehr Licht und Klarheit in ihm zu genießen -- und das ist gewiß der Fall
+bei Ihnen -- oder man muß sich selbst anklagen und unzufrieden mit sich
+sein; dann ändert man seinen Sinn, nötigt das Gemüt zu dem, was es aus
+Irrtum, oder Schwäche, oder sonst einer Verkehrtheit versagte, und
+genießt gerade wieder in dem Gefühl, sich auf den rechten Weg
+zurückgebracht zu haben, einer neuen und nun wahrhaft befestigten
+Heiterkeit. Leben Sie herzlich wohl, bleiben Sie ruhig und heiter, und
+rechnen Sie auf die Gleichheit und Unveränderlichkeit meiner
+Gesinnungen. H.
+
+
+
+_Burgörner_, den 6. September 1825.
+
+Es ist nahe an Mitternacht, da ich meinen Brief an Sie anfange, er kann
+aber, es ist heute Dienstag, erst am Freitag abgehen. Ich habe immer im
+Briefschreiben die Sitte, die ich aber nicht unbedingt loben will, mich
+im Schreiben nicht an die Posttage zu kehren, sondern meiner Neigung zu
+folgen. Bei vertraulichen Briefen, wie die unsrigen sind, ist das
+eigentlich nicht gut. Es ist natürlich, solche Briefe sobald als möglich
+in die Hände desjenigen zu wünschen, dem sie bestimmt sind. Aber mit
+andern Briefen, die Dinge betreffen, an denen das Gemüt keinen oder
+wenigen Teil nimmt, ist es nicht übel, sie einige Tage liegen zu lassen.
+Man kann dann noch vielleicht ändern.
+
+Was Sie über den Einfluß des schnelleren oder langsameren Umlaufs des
+Bluts auf das Gemüt sagen, ist vollkommen wahr und darf bei Beurteilung
+anderer nicht aus der Acht gelassen werden. Indes ist es eine schöne
+Eigenschaft im Menschen, und ein ihm von dem Schöpfer ausschließlich vor
+den übrigen Erdengeschöpfen eingeräumter Vorzug, daß er immer fühlt, daß
+er durch den Gedanken und durch den Entschluß jeden körperlichen
+Einfluß, wie stark er sein möge, hemmen und beherrschen kann. Es sagt
+dem Menschen eine innere Stimme, daß er frei und unabhängig ist, sie
+rechnet ihm das Gute und das Böse an, und aus der Beurteilung seiner
+selbst, die immer stärker und strenger sein muß als die anderer, muß man
+jene ganz körperlichen Einflüsse völlig hinweglassen. Es sind zwei
+verschiedene Gebiete, das der Abhängigkeit und das der Freiheit, und
+durch den bloßen Verstand läßt sich der Streit beider nicht lösen. In
+der Welt der Erscheinungen sind alle Dinge dergestalt verkettet, daß
+man, wenn man alle Umstände bis auf die kleinsten und entferntesten
+immer genau wüßte, beweisen könnte, daß der Mensch in jedem Augenblick
+gezwungen war, so zu handeln, wie er gehandelt hat. Dabei hat er aber
+doch immer das Gefühl daß er, wollte er in das hemmende Rad greifen und
+sich von dieser ihn umstrickenden Verkettung losmachen, es vermöchte. In
+diesem Gefühl seiner Freiheit liegt seine Menschenwürde. Es ist aber
+auch das, wodurch er gleichsam aus einer andern Welt in diese eintritt.
+Denn im Irdischen allein kann nichts frei, und im Überirdischen nichts
+gebunden sein. Der Widerstreit ist nur dadurch zu lösen, daß es eine
+Herrschaft des ganzen Gebiets der Freiheit über das ganze Gebiet der
+Abhängigkeit gibt, die wir nur im einzelnen nicht begreifen können, die
+aber die Verkettung der Dinge vom Uranfange so leitet, daß sie den
+freien Beschlüssen des Willens entsprechen muß.
+
+Wie ich mir Ihren körperlichen Zustand denke, liebe Charlotte, so hängt
+er auch sehr von der Seele ab. Suchen Sie daher vor allem sich zu
+erheitern und von allen Seiten zu beruhigen. Es ist dies freilich
+leichter zu sagen als zu tun, aber viel vermag es doch, wenn man sich
+nur alles, was einem besorglich scheint, recht klar macht und
+vollständig auseinandersetzt, und alles in sich zurückruft, worin man
+mit dem Geschick zufrieden sein oder es vielleicht sogar dankbar preisen
+kann. Gelingt es dem Geist, die Krankheit oder Kränklichkeit ganz aus
+sich zu entfernen und bloß in den Körper zu bannen, so ist unendlich
+viel gewonnen, und so erträgt sich danach körperliches Übel mit Fassung
+und wirklicher, nicht scheinbarer Ruhe, und erträgt sich nicht bloß,
+sondern hat sehr oft auch noch etwas die Seele schön und sanft
+Reinigendes. Ich selbst bin zwar mehrere Male, und ein paar Mal sehr
+gefährlich, krank gewesen, aber an dauernder Kränklichkeit, eigentlich
+schwacher Konstitution, habe ich nie gelitten. Ich bin aber oft mit
+Personen umgegangen, Männern und Frauen, in denen dieser Zustand der
+tägliche war, und die nicht einmal irgend wahrscheinliche Hoffnung
+hatten, sich je anders als durch den Tod herauszuwickeln. Zu diesen
+Menschen gehörte Schiller vorzüglich. Er litt sehr, litt dauernd, und
+wußte, wie auch eingetroffen ist, daß diese beständigen Leiden nach und
+nach seinen Tod herbeiführen würden. Von ihm aber konnte man wirklich
+sagen, daß er die Krankheit in dem Körper verschlossen hielt. Denn zu
+welcher Stunde man zu ihm kommen, wie man ihn antreffen mochte, so war
+sein Geist ruhig und heiter, und aufgelegt zu freundschaftlicher
+Mitteilung und interessantem und selbst tiefem Gespräch. Er pflegte
+sogar wohl zu sagen, daß man besser bei einem gewissen, doch freilich
+nicht zu angreifenden Übel arbeite, und ich habe ihn in solchen,
+wirklich sehr unerfreulichen Zuständen Gedichte und prosaische Aufsätze
+machend gefunden, denen man diesen Ursprung gewiß nicht ansah.
+
+Wenn sich Schwäche mit Wallung des Blutes, Unruhe oder gar Beängstigung
+vereinigt, und dies Leiden mehrere Jahre dauert, so begreife ich
+freilich wohl, daß es Überdruß am Leben überhaupt hervorbringen kann,
+diesem aber sollte man doch mit allen Kräften immer entgegen arbeiten.
+Ich will nicht einmal darauf zurückgehen, daß dies offenbar sogar
+gebotene Religionspflicht ist, aber das Leben ist schon, selbst wenn es
+am längsten währt, gegen die unendliche Zeit, wo man wenigstens keinen
+Begriff im voraus von der Art des Daseins hat, so kurz, daß man nicht
+mit seinen Wünschen die Schranken noch näher rücken, sondern sich
+vielmehr, so gut es irgend gehen will, darin betten muß, und gewiß ist
+es fast noch wichtiger, wie der Mensch das Schicksal nimmt, als wie sein
+Schicksal ist. Es ist eine sprichwörtliche Redensart, daß jeder sich das
+seinige schafft, und man pflegt das so zu nehmen, daß er es sich durch
+Vernunft oder Unvernunft gut oder schlecht bereitet. Man kann es aber
+auch so verstehen, daß, wie er es aus den Händen der Vorsehung empfängt,
+er sich so hinein paßt, daß es ihm doch wohl darin wird, wieviel Mängel
+es darbieten möge.
+
+Erhalten Sie mir Ihr liebevolles Andenken und seien Sie des meinigen
+unbezweifelt gewiß. Meine Gedanken begleiten Sie öfter, als Sie es wohl
+denken. Der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 17. Oktober 1825.
+
+Gewiß haben Sie in den letzten September- und ersten Oktobertagen auch
+die Schönheit des östlichen Sternenhimmels bemerkt. Drei Planeten und
+ein Stern erster Größe standen nahe beisammen, Mars und Jupiter im
+Löwen, die Venus später als Morgenstern nahe dem Sirius. Ich bemerke es
+nur, damit, im Fall Sie den herrlichen Anblick versäumt hätten, Sie ihn
+noch nachholen können. Am schönsten war es zwischen drei und vier Uhr
+morgens zu sehen. Ich bin mit meiner Frau fast alle Morgen aufgestanden,
+und wir haben lange am Fenster verweilt, und haben uns jedesmal nur mit
+Mühe von dem schönen Anblick losreißen können. Ich habe von meiner
+Jugend an sehr viel auf die Sterne und das Beschauen des gestirnten
+Himmels gehalten. Meine Frau teilte, wie die meisten, so auch diese
+meine Neigung mit mir, und so habe ich mein ganzes Leben hindurch, zu
+Zeiten mehr, zu Zeiten weniger, in sternhellen Nächten zugebracht.
+Selten ist aber ein Jahr und eine Jahreszeit so günstig dazu gewesen,
+als dieser wunderbar schöne, helle und reine Herbst. Ich kann nicht
+sagen, daß an den Sternen mich so die Betrachtung ihrer Unendlichkeit
+und des unermeßlichen Raumes, den sie einnehmen, in Entzücken setzt,
+dies verwirrt vielmehr nur den Sinn, und in dieser Ansicht der
+Zahllosigkeit und der Unendlichkeit des Raumes liegt sogar sehr vieles,
+was gewiß nur auf menschlicher, nicht ewig zu dauern bestimmter Ansicht
+beruht. Noch weniger betrachte ich sie mit Hinsicht auf das Leben
+jenseits. Aber der bloße Gedanke, daß sie so außer und über allem
+Irdischen sind, das Gefühl, daß alles Irdische davor so verschwindet,
+daß der einzelne Mensch gegen diese in den Luftraum verstreuten Welten
+so unendlich unbedeutend ist, daß seine Schicksale, sein Genießen und
+Entbehren, worauf er einen so kleinlichen Wert setzt, wie nichts gegen
+diese Größe verschwinden; dann daß die Gestirne alle Menschen und alle
+Zeiten des Erdbodens verknüpfen, daß sie alles gesehen haben vom
+Anbeginn an, und alles sehen werden, darin verliere ich mich immer in
+stillem Vergnügen beim Anblick des gestirnten Himmels. Gewiß ist es aber
+auch ein wahrhaft erhabenes Schauspiel, wenn in der Stille der Nacht,
+bei ganz reinem Himmel, die Gestirne, gleichsam wie ein Weltenchor,
+herauf- und herabsteigen, und gewissermaßen das Dasein in zwei Teile
+zerfällt. Der eine Teil, wie dem Irdischen angehörend, in völliger
+Stille der Nacht verstummt, und nur der andere heraufkommend in aller
+Erhabenheit, Pracht und Herrlichkeit. Dann wird der gestirnte Himmel,
+aus diesem Gesichtspunkte angesehen, gewiß auch von moralischem Einfluß.
+Wer, der sich gewöhnt hat, in dergleichen Empfindungen und Ideen zu
+leben und oft darin zu verweilen, könnte sich leicht auf unmoralischen
+Wegen verirren. Wie entzückt nicht schon der einfache Glanz dieses
+wundervollen Schauspiels der Natur? Ich habe schon oft daran gedacht,
+daß Ihnen gerade, liebe Charlotte, ein kleines Studium der Astronomie
+besonders zusagen müsse; wenn Sie es wünschen, will ich Ihnen gern
+einige Anleitung geben und Ihnen Bücher nennen, die Ihnen behilflich
+sein können.
+
+Sie fragen mich, ob ich allein oder mit den Meinigen in Burgörner
+gewesen bin? Wir waren noch in diesem Sommer mit allen unsern Kindern
+und noch andern Verwandten in Burgörner, so daß im ziemlich großen Hause
+kein Zimmer zu viel war. Es ist nie meine Art gewesen, in Briefen davon
+gern zu sprechen, und daher hatte ich auch vergessen, Ihnen zu sagen, ob
+ich allein gereist sei oder nicht. Ich halte einmal nichts vom Erzählen,
+Ereignisse und Begebenheiten scheinen mir nur der Gefühle und Gedanken
+wegen, die sie hervorbringen, interessant. Auch im Gespräch erzähle ich
+nie, wo ich nicht muß, und trage nichts in meiner Familie, was mich und
+andere betrifft, herum, um es mitzuteilen. Es hat mir immer eine
+gewisse Ideenarmut geschienen, wenn man schriftlich oder mündlich aufs
+Erzählen kommt, wiewohl ich's in andern nicht tadle. Ich bin auch nie
+der Meinung gewesen, daß es zur Freundschaft gehört, sich mitzuteilen,
+was einem Frohes oder Schmerzliches begegnet. Es mag dies wohl auch
+Freundschaft heißen und sogar sein, aber es gibt wenigstens Gottlob!
+eine höhere, auf Reinerem und Höherem beruhende Freundschaft, die dessen
+nicht bedarf und, weil sie mit etwas Edlerem beschäftigt ist, darauf
+nicht kommt.
+
+Ich gehe noch einmal Ihren letzten Brief durch und verweile bei einer
+Stelle, die mir viel Vergnügen gemacht hat, und die ich mehr als einmal
+gelesen habe. An das zarte Verhältnis unserer dauerhaften Freundschaft
+knüpfen sich so manche schöne und, wenn man sie weiter verfolgt, höhere
+und selbst erhebende Ideen. Ich gehe zuerst davon aus, daß Sie mir diese
+Empfindungen von früher Jugend her gewidmet und zart gesondert erhalten
+haben bis ins Alter, ohne irgend eine Absicht, Wunsch oder Forderung
+daran zu knüpfen. Es gibt also schon hier, unter allem irdischen
+Wechsel, den Beweis von Dauer, Unvergänglichkeit, und man möchte sogar
+sagen Unendlichkeit; auf der andern Seite, von Festhalten des
+Unveränderlichen, von Würdigung des wahrhaft Wertvollen in würdiger
+Erfassung eines höhern Guts, in Wegweisung kleinlicher, engherziger
+Beschränkung. Denn gerade diese Engherzigkeit, der man so oft begegnet,
+und worin sich der, der sie nährt, meist gefällt, beweist die sinnliche
+Unlauterkeit der Gefühle derer, die dergleichen Schranken bedürfen, um
+sich dahinter zu verstecken. Die wahre Liebe, die ihrer höheren
+Abstammung treu bleibt und gewiß ist, erwärmt gleich der Sonne, so weit
+ihre Strahlen reichen, und erhellt verklärend alles in ihrem lautern
+Glanz. Endlich erhebt eine solche Erscheinung die Seele in Hoffnung und
+Glauben. Begleiten uns schon hierin unserer Endlichkeit und
+Unvollkommenheit dauernde Treue und Liebe, besitzen wir schon hier
+unentreißbare Güter, die mit uns hinübergehen, die wir nicht
+zurücklassen werden, wie sollte uns nicht die Hoffnung beseelen und
+erheben, daß wir im Überirdischen in höherer Klarheit wiederfinden, was
+uns schon hier beseligen konnte als freie Himmelsgabe. Zählen und
+rechnen Sie, teure Charlotte, aber auch fest auf die gleiche und
+unwandelbare Gesinnung, womit ich Ihnen angehöre. Ihr H.
+
+
+
+_Berlin_, den 8. November 1825.
+
+Ich hoffe gewiß, daß die Kupferstiche von Tegel Ihnen Freude gemacht
+haben werden. Sie sind so genau, daß sie ein sehr bestimmtes und
+deutliches Bild des Hauses geben müssen, wenn man sie durchgeht. Ich
+habe den Ort sehr gerne, bin aber doch im Grunde nicht viel da. In
+diesem Jahre verlebte ich kaum vier Monate dort. Im Winter habe ich
+mehrere Gründe, in der Stadt zu sein, obgleich meiner Frau und mir das
+Leben auf dem Lande auch dann sehr zusagen würde. Im Sommer nötigen oder
+veranlassen mich wenigstens die Angelegenheiten der andern Güter, auch
+diese zu besuchen. So kommt man, bei aller anscheinenden Freiheit, doch
+nicht immer dazu, das zu tun, was einem das Liebste wäre. An Tegel hänge
+ich aus vielen Gründen, unter denen doch aber der hauptsächlichste die
+Bildsäulen sind, teils Antiken in Marmor, teils Gipse von Antiken, die
+in den Zimmern stehen und die ich also immer um mich habe. Wenn man Sinn
+für die Schönheit einer Bildsäule hat, so gehört das zu den reinsten,
+edelsten und schönsten Genüssen, und man entbehrt die Gestalten sehr
+ungern, an denen sich das Vergnügen, wie unzählige Male man sie sieht,
+immer erneuert, ja steigert. So reizend auch Schönheit und
+Gesichtsausdruck an lebenden Menschen sind, so sind beide doch an einer
+vollendeten Statue, wie die antiken sind, so viel mehr, und so viel
+höher, daß es gar keine Vergleichung aushält. Man braucht, um das zu
+finden, gar keine besondern Kenntnisse zu besitzen, sondern nur einen
+natürlich richtigen Sinn für das Schöne zu haben, und sich diesem Gefühl
+zu überlassen. Die Schönheit, welche ein Kunstwerk besitzt, ist
+natürlich, weil es ein Kunstwerk ist, viel freier von Beschränkung als
+die Natur, sie entfernt alle Begierde, alle auch auf noch so leise und
+entfernte Weise eigennützige oder sinnliche Regung. Man will sie nur
+ansehen, nur sich mehr und mehr in sie vertiefen, man macht keine
+Ansprüche an sie, es gilt von dieser Schönheit ganz, was Goethe so schön
+von den Sternen sagt: »Die Sterne die begehrt man nicht, man freut sich
+ihres Lichts.« Sie werden auf der Zeichnung des Hausflurs einige Statuen
+bemerken, unter anderen einen weiblichen Körper ohne Kopf und Arme.
+Dieser steht nicht mehr da, sondern ist jetzt mit andern Statuen in
+meiner Stube. Ich besitze ihn schon lange und hatte ihn auch in Rom
+immer bei mir. Es ist eine der vollendetsten antiken Figuren, die sich
+erhalten haben, und es gibt nicht leicht eine andere Bildsäule einen so
+reinen Begriff streng weiblicher Schönheit....
+
+Sie wollen meine Meinung über Walter Scott und fragen mich, was Sie
+lesen sollen. Da weiß ich Ihnen aber schwer Rat zu geben. Ich lese schon
+an sich wenig Deutsch, und unter diesen meist solche wissenschaftliche
+Bücher, die doch nicht für Sie sein würden, ich bin also eigentlich
+darin ein schlechter Ratgeber. Einige habe ich auf dem Lande den Abend
+bei meiner Frau vorlesen hören, und sie haben mir viel Vergnügen
+gemacht. Ich empfehle Ihnen vor allen den Astrologen, den Kerker von
+Edinburg und Robin den Roten. Es ist eine schöne Lebendigkeit und eine
+sehr richtige Zeichnung und Durchführung der Charaktere in diesen
+Romanen, und sie haben noch das Anziehende, daß sich mehrere derselben
+genau an wirklich geschichtliche Ereignisse anschließen, und eine in
+große Details eingehende Schilderung von Sitten und Gebräuchen
+verschiedener Zeitalter enthalten. Auch Quintin Durward und Ivanhoe sind
+aber zu empfehlen. Geschichtsbücher würde ich immer als Lektüre
+vorziehen, und ich denke mir oft, daß, wenn ich einmal das Schicksal
+haben sollte, wie es Personen, die ihre Augen viel gebraucht haben,
+häufig geht, ganz schwache Augen zu bekommen oder ganz blind zu werden,
+wo das eigene Studieren nicht mehr geht, daß ich mir, sage ich, da würde
+lauter Geschichtsbücher vorlesen lassen. In der Geschichte interessiert
+nun einen mehr das Entferntere, andere mehr das Nahe. Wenn Ihnen das
+letzte das liebste wäre, so sind seit einigen Jahren eine Menge
+interessanter Memoiren in Frankreich erschienen. Ich habe äußerst wenige
+davon gelesen, aber doch viel davon gehört, und anziehend sind diese
+Schriften gewiß. -- Ich wiederhole Ihnen von ganzem Herzen, liebe
+Charlotte, die Versicherung meiner herzlichen und immer gleichen
+Gesinnungen. Ihr H.
+
+
+
+_Berlin_, den 25. Dezember 1825.
+
+Ich habe seit Abgang meines letzten Briefes zwei von Ihnen empfangen,
+liebe Charlotte, einen vom 6., den andere vom 20. d. Mts., und danke
+Ihnen recht herzlich dafür. Es hat mich sehr gefreut, daß die
+Kupferstiche von Tegel Ihnen Freude gemacht haben, ich hatte das
+gewünscht und erwartet, aber nicht, daß Ihnen das Haus ein so
+stattliches Schloß scheint. Das alte Gebäude, aber kleiner als das
+jetzige, wie Sie sehen, war ein Jagdschloß des großen Kurfürsten, das
+nachher an meine Familie kam. Wegen dieses Besitzes, seiner Kleinheit,
+und da es noch ein mir nicht gehörendes Dorf Tegel gibt, heißt es in der
+Gegend das Schlößchen Tegel. Jetzt fangen die Leute an, es _Schloß_ zu
+nennen. Ich habe das nicht gern. In Schlesien habe ich ein mehr als noch
+einmal so großes altes Schloß mit Turm und Gräben, ich nenne es aber das
+Wohnhaus. Das Tegelsche Haus aber ist bequem und eigentümlich. Das dankt
+es dem Baumeister, dem ich freie Hand gelassen. Mein größtes Verdienst
+bei dem Hause ist, daß ich nicht meine eigenen Ideen in den Bau gemischt
+habe.
+
+Wir sind nun wieder am Schlusse eines Jahres. Schreiben Sie mir, ich
+bitte Sie, den 3. Januar, wo wir dann ein neues begonnen haben. Das
+jetzige ist mir heiter und glücklich, aber ungeheuer schnell verflossen,
+so daß es mir ist, als hätte ich lange nicht so viel darin getan als ich
+mir vorgesetzt hatte, und als auch eigentlich wohl ausführbar gewesen
+wäre. Daß ich die herzlichsten Wünsche für Sie, auch besonders beim
+Wechsel des Jahres hege, das wissen Sie, gute, liebe Charlotte. Möge vor
+allem Ihre, doch oft leidende, Gesundheit sich stärken und Ihre innere
+heitere Ruhe sich erhalten. Auf die Unveränderlichkeit meiner Teilnahme
+für Sie und aller Gesinnungen, auf die Sie so gütig Wert legen, können
+Sie mit Zuversicht immer rechnen. Ich möchte Ihnen immer nach allen
+meinen Kräften, wo sich Gelegenheit zeigt, mit Rat und Tat nützlich
+sein, und es würde mich ungemein freuen, wollten Sie sich mit mehr
+Vertrauen noch, als Sie tun, im Innerlichen und Äußerlichen an mich
+wenden. Sie werden mich in allem immer gleich finden.
+
+Ich klagte erst über das schnelle Verfliegen der Zeit, und wie ich es
+sagte, so ist es in Absicht der Arbeiten, die mich beschäftigen, auch
+wahr. Sonst aber kann ich nicht sagen, daß mich diese Schnelligkeit
+beunruhigt, oder mir lästig ist. Ich scheue das Alter nicht, und den Tod
+habe ich, durch eine sonderbare innere Stimmung, vielleicht von meiner
+Jugend an, nicht bloß als eine so rein menschliche Begebenheit
+angesehen, daß sie einen, der über Menschenschicksale zu denken gewohnt
+ist, unmöglich betrüben kann, sondern eher als etwas Erfreuliches. Jetzt
+ist meine Rechnung mit der Welt längst abgeschlossen. Ich verlange vom
+langen Leben weiter nichts, ich habe keine weit aussehenden Pläne, nehme
+jeden Genuß dankbar aus der Hand des Geschickes, würde es aber sehr
+töricht finden, daran zu hängen, daß das noch lange so fortdauere. Meine
+Gedanken, meine Empfindungen sind doch eigentlich der Kreis, in dem ich
+lebe und durch den ich genieße, von außen bedarf ich kaum etwas, und
+diese Gedanken und Empfindungen sind zu sehr mein, als daß ich sie nicht
+mit mir hinübernehmen sollte. Niemand kann den Schleier wegziehen, den
+die Vorsehung gewiß mit tiefer Weisheit über das Jenseits gezogen hat.
+Aber gewiß kann die Seele nur gewinnen an innerer Freiheit, an Klarheit
+aller Einsicht in das Tiefste und Höchste, an Wärme und Reinheit des
+Gefühls, an Reichtum und Schönheit der umgebenden Welt. Ein einziger
+Blick in die unermeßliche Ferne des Sternhimmels bringt mir das mit
+einer inneren Stärkung, von der nur derjenige einen Begriff hat, dem sie
+zuteil geworden ist, vor das Gefühl, und so erscheint mir das Ende des
+Lebens, so lange es von Krankheit und Schmerz frei ist, die ja aber auch
+Kindheit und Jugend treffen, vielleicht der schönste und heiterste Teil.
+
+Für diese Jahreszeit fürchte ich immer die zu große Anstrengung für Sie
+doppelt, bei den wenigen Tagesstunden. Schonen Sie, liebe Charlotte,
+Ihre Augen, arbeiten Sie nicht zu tief in die Nacht, schonen Sie sich
+überhaupt, und denken Sie daran, daß mich der Gedanke beunruhigt, daß
+gerade Sie, mit Fähigkeit und Bedürfnis im Höheren zu leben, sich für
+das Leben so abmühen. Sie klagen nicht darüber, und wenn Sie es täten,
+würde es mich vielleicht weniger rühren. -- Auch wünsche ich, Sie
+könnten bald mit freierer Muße an Ihre Lebenserzählung denken, die mir
+so viel Freude macht. Es schien Ihnen, als Sie diese Hefte anfingen, als
+würden Sie nie endigen. Nun haben Sie doch aber schon Ihre ganze
+Kindheit geschildert, und so, wenn Sie mit Liebe zu der Arbeit
+fortfahren, wird sich auch nach und nach das Übrige daran reihen. -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+Sie sagen mir, daß Sie über manche Ihnen sehr wichtige Wahrheiten und
+Meinungen meine Ansichten haben möchten. Ich bin dazu mit Freuden immer
+bereit. Sagen Sie mir immer ohne Umstände, was in Ihrer Seele aufsteigt.
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+Denken Sie beim Schluß des Jahres meiner, und seien Sie versichert, daß
+ich mit der aufrichtigsten Teilnahme und Zuneigung Ihrer gedenke.
+Der Ihrige. H.
+
+
+
+_Berlin_, den 14. Februar 1826.
+
+Ich danke Ihnen recht herzlich, liebe Charlotte, für Ihren langen und
+ausführlichen Brief vom 25. und 29. Januar. Er hat mir eine ganz
+besondere Freude gemacht, und mein Dank ist daher wirklich ein recht
+lebhaft empfundener. Ihre Blätter sprechen nicht allein wieder in
+gleicher Wärme die liebevollen Gesinnungen aus, auf die ich einen so
+großen Wert lege, sondern sie sind auch in der ruhigen Stimmung und
+Heiterkeit geschrieben, die ich besonders gern habe. Es ist dies auch
+nicht bloß eine Eigenheit meiner Gesinnung oder meiner Jahre, diese
+heitere Ruhe allem andern vorzuziehen, sondern es ist doch wirklich
+wahr, daß, wo sie gestört ist, die Harmonie des Lebens nicht mehr rein
+und voll erklingt. Ich meine nämlich die innere Harmonie, die die
+notwendige Bedingung des glücklichen Lebens, ja die wahre Grundlage
+desselben ist. Wo diese Störung durch Kummer, durch Unruhe, durch irgend
+ein inneres Leiden, welcher Art es sein möge, entsteht, begreift sich
+das von selbst. Aber ich möchte sagen, auch wo diese Ruhe durch Kummer
+und betrübende Ursache, durch Sehnsucht, durch Stärke eines Gefühls ins
+Schwanken gerät, ist der Seelenzustand, wenn er auch augenblicklich süß
+sein mag, doch nicht so schön, so erhebend, so der innersten und höheren
+Bestimmung, nach und nach, und so viel es dem Menschen hier gegeben ist,
+sich in die Ruhe und Unveränderlichkeit des Himmels einzuwiegen,
+angemessen. Alles Heftigere und Leidenschaftliche trägt mehr Irdisches
+an sich. Doch bin ich weit entfernt, darum selbst wahre Leidenschaft,
+wenn sie wirklich aus der Tiefe des Gemüts flammt und auf einen guten
+Zweck gerichtet ist, gewissermaßen zu verurteilen. Was ich ausspreche,
+mag auch mehr eine Abendansicht des Lebens sein, und überhaupt war ich
+nie leidenschaftlich und habe früh die Maxime gehabt, was davon die
+Natur in mich gelegt hatte, durch die Herrschaft des Willens zu
+besiegen, was mir auch, wenn auch mit Anstrengung, nicht mißlungen ist.
+Wie dem aber sei, so halte ich die Ruhe und die sie hervorbringende und
+aus ihr fließende Stimmung immer für wohltätiger und beglückender als
+eine bewegtere, welcher Art sie sei, und da ich den innigsten Anteil an
+Ihnen und Ihrem Glück nehme, so reicht mir das hin, am liebsten diese
+Stimmung in Ihren Briefen ausgedrückt zu finden. --
+
+Sie bemerken, daß es mit dem Berufen doch nicht ohne allen Grund ist.
+Obwohl ich indes diesen Aberglauben nicht habe, ist er sehr alt und wohl
+unter den meisten Völkern verbreitet. Mich können Sie immer glücklich
+nennen, ohne daß ich daraus eine üble Ahnung ziehe. Ich erwähnte nur,
+daß mir der mir wohlbekannte Aberglaube dabei eingefallen wäre. Diesem
+Aberglauben liegt indes doch wohl eine tiefere Idee zugrunde. Das
+Preisen des Glücks, freilich noch mehr, wenn es der Beglückte selbst
+tut, ist wohl überall als ein Überheben über den unsteten Gang der
+menschlichen Dinge oder als etwas Anmaßendes, der Demut und Scheu
+Entgegenlaufendes, angesehen worden. Daran hat sich der Begriff
+geknüpft, daß diesem Überheben die Strafe nachfolgt, an die sich die
+häufige Erfahrung eines solchen Wechsels der Dinge gesellt hat. In
+furchtsamen, oder von solcher Scheu sich zu überheben durchdrungenen
+Gemütern hat das also ein Streben hervorgebracht, sein Glück lieber zu
+verbergen, wenigstens nicht laut werden zu lassen, das Schicksal nicht
+daran zu erinnern, daß es wohl Zeit sei, nun auch einen Wechsel
+eintreten zu lassen. In Beziehung auf andere hat sich der Begriff des
+Neides, der Schadenfreude hineingemischt, man hat befürchtet, es sei
+dies Anpreisen wohl nicht redlich gemeint, habe wohl gar die heimliche
+Absicht, eine Umwandlung herbeizuführen. Dadurch ist das Anpreisen auch
+als ein Zaubermittel angesehen worden, und daher muß man wohl das
+allerdings alberne Verwahrungsmittel des »Unberufen« herleiten. Vor
+geläuterten, auch religiösen Ideen fällt das alles über den Haufen. Wer
+sein oder anderer Glück aus reiner Freude daran, mit Dankbarkeit gegen
+den Ursprung desselben, rühmt, ist gewiß Gott wohlgefällig und setzt
+sich dadurch, wenn dies nicht sonst in unerforschlichen Plänen liegt,
+keiner Umwandlung als Strafe aus. Vielmehr ist es eine schöne
+Empfindung, fremdes Glück ohne Neid zu preisen, und sich des eigenen als
+einer unverdienten Gabe zu freuen.
+
+Nun leben Sie wohl, liebe Charlotte. Mit den Gesinnungen
+unveränderlicher Anhänglichkeit der Ihrige. H.
+
+
+
+_Berlin_, den 13. März 1826.
+
+Ich habe, liebe Charlotte, Ihre beiden Briefe vom 13. und 26. v. M. zur
+Beantwortung vor mir liegen. Sie können sich kaum vorstellen, wieviel
+Freude mir der ruhige und vertrauungsvolle Ton macht, der in beiden
+herrscht, und der ein treuer Ausdruck Ihrer Gesinnung und
+Seelenstimmung ist. Es hat mich auch sehr gefreut, zu sehen, daß es doch
+mit Ihrer Gesundheit leidlich zu gehen scheint. Bei Ihnen wirkt die
+einfache und regelmäßige Lebensart, die Sie führen, gewiß sehr zur
+leichteren Besiegung aller Krankheiten mit, und damit verbinden Sie eine
+Ausdauer, die man gewiß selten findet. Es ist unglaublich, wie viel es
+tut, wenn der ganze Körper in einer steten und immer ununterbrochen
+fortgesetzten Ordnung bleibt und von dem Wechsel der Eindrücke frei ist,
+der doch immer die körperlichen Funktionen mehr oder weniger stört.
+Durchgängige Mäßigkeit ist gewiß doch am Ende dasjenige, was den Körper
+am längsten erhält und am sichersten vor Krankheiten bewahrt. Bei Ihnen,
+liebe Charlotte, tritt nur _ein_ Übermaß ein, wofür ich Sie so gern sicher
+wüßte, das nämlich der Arbeit. Ich habe mit lebhafter Freude gesehen,
+daß Sie darauf bedacht sind, sich mehr Hilfe und eigene Ruhe zu
+verschaffen. Sie haben aber sehr recht, und ich habe deutlich erkannt,
+daß auch der Teil der Arbeit, den Sie sich vorbehalten haben, noch über
+einzelne Kräfte ist. Wenn Sie durch dieselbe, wie Sie mir sagen, stets
+genötigt sind, bis tief in die Nacht, bis 1-2 Uhr, zu arbeiten, und doch
+um 6 Uhr morgens wieder auf zu sein, so ist das gewiß eine zu große
+Anstrengung. Ich bleibe zwar auch immer, bis auf wenige Ausnahmen, bis
+1 Uhr nachts auf, und jetzt, wo ich Ihnen schreibe, ist es nahe an
+Mitternacht. Aber ich bin es aus langer Zeit gewohnt, stehe auch morgens
+vor 8 Uhr nicht auf und suche vor dem Schlafengehen in den letzten
+Stunden nur leichte, nicht anstrengende Beschäftigungen. Gewöhnlich
+schreibe ich nur Briefe und besorge meine Geschäfte. Eigentlich
+wissenschaftliche, oder sonst anstrengende Arbeit behalte ich mir immer
+für den Tag, meistenteils für den Morgen vor.
+
+Es ist sehr lieb und gut von Ihnen, daß Sie meine Briefe des letzten
+Jahres wieder der Reihe nach durchgelesen haben. Es tut mir aber leid,
+daß Sie bei denen verweilt haben, die Ihnen mißfällig waren. Das war
+ohne Nutzen. Es war ein reines Mißverstehen, das wir beide können ganz
+ruhen lassen. Wichtiger und nach ihren Gesinnungen für mich beruhigend
+muß es Ihnen sein, daß sich in mir gegen Sie nichts von dem, was vorher
+war, geändert hat, daß sich nichts ändern wird, daß Sie meiner
+lebhaftesten Teilnahme und Anhänglichkeit immer gewiß sind. Ohne Ihnen
+dies als einen Vorwurf zu sagen, ist es doch gewiß, und ich sehe aus
+Ihren Briefen durchscheinen, daß Sie sich noch immer manchmal Sorge und
+Kummer deshalb ohne Ursache machen, das tut mir leid, ob ich die
+Gesinnung zu ehren weiß, da es die stille Heiterkeit hindert, die Sie
+doch jetzt haben könnten. Auf mich, meinen Anteil, meine
+Bereitwilligkeit, Ihnen zu helfen, können Sie rechnen und sicher
+rechnen, da in meinem Alter unmöglich mehr etwas Leidenschaftliches,
+was immer unsicher ist, liegen kann, und in meinem Charakter nichts
+Launenhaftes liegt, noch je gelegen hat. Wie ich gegen Sie bin, so
+bleibe ich. Auch sehe ich mit Rührung, daß Ihr Kummer noch immer
+zuweilen der ist, mir vielleicht in Ihren Äußerungen mißfällig gewesen
+zu sein. Nichts davon liegt in meiner Ihnen in der innigsten Teilnahme
+zugewendeten Seele. Wollen Sie mir aber einen Beweis geben, daß Sie mir
+gern einen Gefallen erzeigen, so lassen Sie diese Sache ruhen und
+erwähnen derselben nicht wieder. Sie können mir auch offen alles sagen,
+ich nehme am Kleinsten wie am Größten teil und werde Ihnen immer mit
+Ruhe, Vernunft und herzlicher Teilnahme in allen Dingen raten, sie mit
+Ihnen prüfen und Ihre innere Zufriedenheit, wie Ihr äußeres Wohlsein
+nach meinen Kräften befördern. In unserm Briefwechsel tue ich es mit
+Fleiß, daß ich Ihre Gedanken aufnehme, die meinigen entwickele und
+ausspreche, ob beide übereinstimmen oder nicht. Es ist das der
+Hauptvorzug eines Briefwechsels, der keinen äußeren Gegenstand betrifft,
+sondern nur Mitteilung von Gedanken und inneren Stimmungen enthält. Aber
+ich habe darum garnicht die Anmaßung, daß ich gerade immer recht habe,
+und selbst wo ich es glaube, fordere ich nicht, daß Sie es finden
+sollen; vielmehr ist mir jeder Widerspruch immer erwünscht. So, liebe
+Charlotte, sehen Sie mein Verhältnis zu Ihnen an, und gewinnen und
+bewahren Sie ungestörtes Vertrauen, Zufriedenheit und Heiterkeit,
+verbunden mit der Ruhe, die jedem Alter, vorzüglich aber, wie ich an mir
+selbst fühle, dem höheren so wohltätig ist. H.
+
+
+
+_Ottmachau_, den 10. April 1826.
+
+Ich bin heute hier angekommen, liebe Charlotte, und habe Ihren lieben
+Brief vorgefunden, der hier gewiß schon lange gelegen hat. Denn obgleich
+ich den 29. März aus Berlin abgereist bin, so habe ich mich, ehe ich
+hierher kam, an mehreren Orten ausgehalten. Es würde mir recht angenehm
+gewesen sein, wenn man Ihren Neffen zu mir gebracht hätte. Ich habe es
+immer zum Grundsatz gehabt, daß man in jedem Alter und jeder Lage sehr
+zugänglich sein muß, und ich weise auch Unbekannte nie zurück. Man hat
+gegenseitig Vorteile davon; ein lebender Mensch ist immer ein Punkt, an
+den sich wieder anderes anschließt, und wo man nicht berechnen kann, wo
+und wie es sich wieder zu etwas Erfreulichem gestaltet. Leute aber, die
+sich mit wissenschaftlichen Gegenständen beschäftigen, haben immer, auch
+wenn sie im Anfange ihrer Laufbahn sind, ein höheres Interesse als
+andere, und man geht mit ihnen leicht auch in Dinge ein, die einem nach
+seiner eigenen Lebensweise und Bildung fremd sind. Denn am Ende hängt
+doch, wäre es auch nur in den höchsten und allgemeinsten Punkten, alles,
+was mit Ideen ausgemessen werden kann, zusammen, und die Berührung mit
+Personen verschieden artiger Ausbildung, wenn diese nur irgendeinen
+bedeutenderen Grad erreicht hat, wirkt vorzugsweise belebend auf den
+Geist und verhindert die Einseitigkeit, der man sonst selten, und selbst
+dann nicht entgeht, wenn man auch im Leben sich mit Menschen aller
+Stände gemischt hat und reich an wechselnden Erfahrungen gewesen ist.
+
+Sie haben unrecht, liebe Charlotte, wenn Sie sagen, daß ich jetzt gegen
+Sie einen zu höflichen, gleichsam alles billigenden Ton annehme. Meinem
+Gefühle nach ist das nicht der Fall, und daß ich nicht jede Ihrer
+Meinungen teile, oder in alle Ihre Ideen eingehe, hat Ihnen noch mein
+letzter Brief bewiesen, wo ich ganz verschiedener Meinung mit Ihnen war.
+Dies zeigt Ihnen deutlich, daß ich Ihre Ansichten und Ideen prüfe. Mit
+den Gesinnungen der herzlichsten Anhänglichkeit der Ihrige. H.
+
+
+
+_Glogau_, den 9. Mai 1826.
+
+Meine Reise, liebe Charlotte, hat sich über meine Erwartung verzögert,
+ich bin aber nun auf der Rückreise nach Berlin und schreibe Ihnen von
+hier, da ich früher, als ich dachte, hier angekommen bin, und doch nicht
+weiter reisen mag, sondern hier übernachten will. Es ist sehr lange her,
+daß ich keinen Brief von Ihnen erhalten habe. Es war mir, so leid es
+mir tat, unmöglich, Ihnen einen Ort anzugeben, wo mich Ihre Briefe mit
+Gewißheit gefunden hätten. Mein Aufenthalt war wechselnd, und obgleich
+ich vierzehn Tage in Ottmachau war, sah ich auch das nicht voraus,
+sondern meine Geschäfte zogen sich nur so von einem Tage zum andern hin.
+Jetzt bitte ich Sie, liebe Charlotte, mir den 23. dieses Monats zu
+schreiben, da trifft mich der Brief gewiß in Berlin, wohin Sie wie
+gewöhnlich adressieren. Ich hoffe, daß alsdann nicht wieder eine solche
+Unterbrechung unseres Briefwechsels stattfinden soll, da ich immer sehr
+ungern Ihre Briefe und Nachrichten entbehre. Ich fürchte, daß Ihnen das
+kalte und unfreundliche Wetter Übelbefinden zugezogen hat. Es war hier
+wenigstens -- ich meine in Schlesien -- sehr rauh und garnicht der
+Jahreszeit gemäß. Aus Berlin höre ich dieselben Klagen, aber seit drei,
+vier Tagen hat es sich geändert, und heute war ein warmer, schöner
+Sonnenschein, der mich von früh bis Abend im Fahren begleitet hat.
+Himmel und Erde boten einen sonderbaren Kontrast dar. Die Luft war
+ruhig, der Himmel blau, nur mit leichten Wolken hie und da bedeckt, die
+Sonne selten, nur auf Augenblicke, versteckt. Dagegen hatte die Erde
+keinen so friedlichen Anblick. Ich mußte auf einer Fähre über die Oder
+gehen, und mein Weg führte mich auch stundenlang an dem Ufer des Stromes
+hin, den ich erst hier verlassen habe. Vorgestern und gestern war der
+Fluß ungewöhnlich gediegen, große Felder waren überschwemmt, Dörfer
+wurden ausgeräumt, die Menschen waren überall in Bewegung, der Flut zu
+wehren, die Dämme zu erhöhen und Vorkehrungen aller Art zu treffen.
+Menschen konnte nicht leicht ein Unglück begegnen, da die weite
+Wasserfläche, außer in der Strömung selbst, ruhig und still war. Es sah
+wunderbar aus, wie das Gebüsch aus dem Wasser hervorblickte. Seit dem
+Jahr 1813 hat man keine so große Flut hier gehabt. Die unfreundliche
+kalte Jahreszeit hat vermutlich den Schnee in den hohen Gebirgen
+vermehrt, den die Wärme einiger darauf folgenden Tage zu schnellem
+Schmelzen brachte. So erklärt man sich wenigstens hier das schnelle
+unbegreifliche Anschwellen des Wassers. Die Zeitungen erwähnen diese
+Überschwemmungen gewiß, und Sie werden darin davon lesen. Es ist aber
+wohl möglich, fällt mir ein, wie ich dies schreibe, daß Sie, liebe
+Charlotte, keine Zeitungen lesen. Ich würde dies wenigstens sehr
+begreiflich finden, schon wenn ich Sie nach mir beurteile. Ich habe
+wirklich seit dem 29. März, wo ich Berlin verließ, keine Zeitung
+angesehen, wenn ich ein paar Blätter ausnehme, die mir zufällig in die
+Hand gefallen sind. Mein Leben kann innerlich und äußerlich recht gut
+fortgehen, ohne daß ich in Berührung mit dem bin, was man
+Weltbegebenheiten nennt. Wenn die wirklich großen sich ereignen, und die
+Kunde davon gewiß ist, erfährt man es, ohne die Zeitungen zu lesen, und
+alle kleinen aufzusammeln, oder die großen von ihrem Entstehen an zu
+verfolgen, oder dem Schwanken der Nachrichten über sie Monate lang
+nachzugehen, hat kein erhebliches Interesse für mich und ermüdet bald
+meine Geduld. Auch in den Weltbegebenheiten und den Ereignissen, die
+ganze Staaten erleben, bleibt doch immer das eigentlich Wichtige
+dasjenige, was sich auf die Tätigkeit, den Geist und die Empfindung
+einzelner bezieht. Der Mensch ist einmal überall der Mittelpunkt, und
+jeder Mensch bleibt doch am Ende allein, so daß nur, was in ihm war und
+aus ihm ausgeht, auf ihn Wichtigkeit ausübt. Wie der Mensch im Leben auf
+Erden mitempfindend, wirksam, teilnehmend, immer sich gesellig
+entwickelnd, ist, so macht er den größeren Weg, der über die Grenzen der
+Irdischkeit hinausreicht, doch allein, und keiner kann ihn da begleiten,
+wenn auch freilich in allen Menschen die Ahnung liegt, jenseits des
+Grabes die wiederzufinden, die vorangegangen sind, und die um sich zu
+versammeln, die nach uns übrig bleiben. Kein gefühlvoller Mensch kann
+dieser Ahnung, ja dieses sichern Glaubens entbehren, ohne einen großen
+Teil seines Glückes, und gerade den edelsten und reinsten, aufzugeben,
+und auch die heilige Schrift rechtfertigt ihn. Ja, man kann ihn in
+einigen Schriftstellen als eine ausgemachte und zu den trostreichen
+Lehren des Christentums wesentlich gehörende Wahrheit aufgestellt
+finden. Allein, das ändert an dem, was ich erst sagte, nichts ab. Ich
+meinte nämlich, daß hier auf Erden alles, was sich auf andere, und im
+ganzen auf künstlich eingerichtete Institute bezieht, doch nur insofern
+dem Menschen wahren Gewinn bringt, als es in den einzelnen eingeht.
+Alles Erhöhen der Bildung, alles Verbessern der Dinge und der
+Einrichtungen auf Erden, alle Vervollkommnung der Staaten und der ganzen
+Welt selbst besteht nur in der Idee, insofern es sich nicht im einzelnen
+Menschen ausspricht, und darum nehme ich in allen, auch den größten
+Weltbegebenheiten immer den einzelnen, seine Kraft zu denken, zu
+empfinden und zu handeln, heraus. Die Allgemeinheit der Begebenheit
+macht nur, daß sie zugleich auf viele so wirkt, oder durch ein solches
+Wirken vieler entsteht, und die Größe der Begebenheit, daß sie
+außerordentliche und ungewöhnliche Kräfte in Bewegung setzt oder zu
+Urhebern hat. Dadurch verknüpft sich denn auch das Privatleben mit dem
+öffentlichen. Was man in diesem an dem einzelnen Menschen bemerkt,
+findet sich auch, nur anders, durch andere Triebfedern in Bewegung
+gesetzt, zu anderen Handlungen anregend, in jenen. Es ist nur der
+Schauplatz, der sich ändert, das Schauspiel, der Gegenstand, an dem man
+sich erfreut, ist derselbe. Sieht man so die öffentlichen Ereignisse an,
+so gewinnen sie, wenigstens in meinen Augen, ein höheres und
+lebendigeres Interesse. So aber können die Zeitungen sie eigentlich
+garnicht oder nur höchst selten liefern. -- Bei dem, was ich vorher von
+dem Wiederfinden nach dem Tode sagte, fällt mir ein rührender Vers ein,
+den ich vor einigen Tagen beim Spazierengehen auf einem Dorfkirchhofe
+fand. Eine Frau, die Mutter und Großmutter gewesen war, war mit ihren
+Kindern und Enkeln redend und für sie betend eingeführt, und das Gebet
+schloß mit den Worten: »Behüt sie, Gott, vor Ungemach, und bringe sie
+mir stille nach!« Dieser Ausdruck hat etwas ungemein Naives und
+Ergreifendes. Ich vermute, daß die beiden Verse schon in älteren
+Gesangbüchern vorkommen, die in der Regel schönere und kräftigere Lieder
+als die neueren haben, und so sind sie Ihnen vielleicht bekannt. Ich
+habe eine eigene Neigung zu Kirchhöfen und gehe nicht leicht an einem
+vorüber, ohne ihn zu besuchen. Vor allem liebe ich sie, wenn sie mit
+großen und alten Bäumen bepflanzt sind, auch nur einer oder der andere
+solcher Bäume darauf steht. Das grünende Leben verbindet sich so schön
+mit dem schlummernden Tode. Die schönsten Kirchhöfe sah ich in dieser
+Art in Königsberg in Preußen. Sie haben ganze Reihen der schönsten,
+größten und kräftigsten Linden. Ich brachte einen Teil des Jahres 1809
+in Königsberg zu und versäumte nicht leicht einen schönen
+Sommernachmittag, auf einem dieser Kirchhöfe herumzugehen. In Rom liegt
+der der Fremden, die nicht katholisch sind, auch sehr schön und hat auch
+eine antike Pyramide (auch ein Grabmal), die zufällig da steht.
+
+Wenn ich nach Berlin komme, bleibe ich nur kurze Zeit da und gehe dann
+nach Tegel, teils weil ich den Ort liebe und von dem umgeben bin, was
+ich liebe, teils der ungestörten Ruhe wegen, in der ich dort wieder
+arbeiten kann. Auf der Reise und bei wechselndem Aufenthalt tut man
+immer wenig und hat nur eine solche Geschäftigkeit, bei der man für den
+Geist eigentlich immer untätig ist.
+
+Leben Sie wohl, liebe Charlotte, mit herzlicher Teilnahme und
+unveränderlicher Anhänglichkeit der Ihrige. H.
+
+
+
+_Berlin_, Ende Mai 1826.
+
+Ich bin sehr wohl, aber unendlich beschäftigt, da ich Arbeiten, die ich
+schon seit Jahren vorbereitet habe, endlich zu endigen denke. Ich habe
+mir für die nächsten Jahre einen regelmäßigen Plan darüber gemacht, und
+werde ihnen jetzt, wie ich es seit einigen Wochen tue, alle meine freie
+Zeit widmen.
+
+Die Witterung ist so schön, wie sie selten bei uns, in unserm
+nördlichen Klima ist; man fühlt sich dann geistig wie körperlich heiter
+und mehr als gewöhnlich aufgelegt zu geistigen Beschäftigungen. Es ist
+gewiß ein beneidenswürdiger Vorzug der südlicheren Himmelsstriche, sich
+einer größeren Gleichheit der Temperatur zu erfreuen. In anderer
+Hinsicht ist diese Gleichheit der Natur wieder freudenloser und
+vielleicht gar in geistiger Hinsicht nachteilig. Die Ankunft des
+Frühlings ist keine solche reine und mit Ungeduld erwartete
+Begebenheit, da ihm der Winter garnicht so unähnlich ist. Dies wirkt
+natürlich auf die Seele, und wenn man annehmen kann, wie ich es
+wenigstens für sehr wahr halte, daß jede leidenschaftliche oder doch
+tiefere Empfindung ihren ursprünglichen Grund in Eindrücken der äußeren
+großen Natur, auch ohne daß wir es selbst im einzelnen bemerken, hat, so
+kann einen es wohl bedünken, daß die Sehnsucht garnicht so in der Seele
+und dem Gemüte südlicher Völker tiefe Wurzeln schlagen könne wie unter
+uns, wo seit unserer Kindheit jedes Jahr die große und tiefe, aus der
+dumpf verschließenden Starrheit des Winters nach dem neu sprießenden und
+grünenden Erwachen der Natur zurückführt. Dies muß dann aber, da nichts
+in der Seele allein steht, auch auf die ganze Empfindungsart
+zurückwirken, und so mag es entstehen, daß auch in unsern Dichtern alles
+mehr in kontrastierenden Farben, mehr mit Schattenmassen, die das Licht
+bekämpfen, ausgetragen wird, daß vieles freilich düsterer, finsterer
+ist, aber auch alles tiefer, ergreifender und bei jeder noch so kleinen
+Veranlassung mehr aus dem Licht der äußeren Natur in das Dunkel und in
+die Einsamkeit des inneren Gemüts zurückführend erscheint. Die Stärke
+der Empfindung und der Leidenschaft, die dort als Glut flammt, hat hier
+eine andere Art des Feuers, ein mehr innerlich geheim kochendes und
+langsam verzehrendes. Diese Empfindung, diese Sehnsucht wird noch
+dadurch vermehrt, daß wir in diesen wenig Reize darbietenden
+Himmelsstrichen auf jene immer wie auf ein Paradies hinblicken, das uns,
+wenigstens auf längeren und beständigen Wohnsitz, versagt ist. Das
+bringt in allen, hauptsächlich mit geistigen Dingen beschäftigten
+Menschen eine zweite große Sehnsucht hervor, die nur wenigen fremd ist.
+Denn wer sich hier auch noch so wohl fühlt und auch nie einen andern
+Himmelsstrich gesehen hat, kann doch nicht anders, als empfinden, daß es
+schönere gibt, und in jeder Art von der Natur reicher begabte. Es kann
+damit immerhin verbunden sein, daß er doch nicht seinen Aufenthalt mit
+einer Reise vertauschen würde, er kann in Dingen, die er wieder dort
+entbehren müßte, eine Entschädigung finden, allein darum ist das
+Anerkennen, daß ihm das minder Schöne zuteil geworden ist, immer gleich
+gewiß, und davon kann eine Sehnsucht, wenigstens auf Augenblicke, nicht
+getrennt sein. Auch ist sie in allen deutschen und englischen Dichtern
+und spricht sich gleich aus, wie der Zusammenhang Gelegenheit dazu
+darbietet. Es hat, wenn man das viel Größere mit dem viel Geringeren
+vergleichen dürfte, eine Ähnlichkeit mit der Sehnsucht nach einem mehr
+von sinnlichen Schranken befreiten Dasein, die in jeder höher gestimmten
+Seele wirklich vorhanden ist, ohne daß man doch darum gerade das Leben
+augenblicklich zu verlassen wünscht. -- -- -- --
+
+Die Einseitigkeit ist etwas ganz Relatives, und im Manne, der sich nach
+einer großen Menge von Gegenständen hinwenden soll, kann sie wohl zu
+fürchten sein. Frauen aber haben, wie man es recht eigentlich nennen
+kann, das Glück, vielen Dingen ganz fremd bleiben zu können, sie
+gewinnen meistenteils gerade dadurch, daß sie den Kreis ihres Erkennens
+und Empfindens zu kleinerem Umfang und größerer Tiefe zusammenziehen,
+und es ist also bei ihnen in der Art, wie beim Manne, Einseitigkeit
+nicht schädlich. Ich erinnere mich, früher zwei Frauen gekannt zu haben,
+die mit allen Mitteln versehen, sich in dem bewegtesten Leben zu regen,
+aus reiner Neigung und ohne Unglücksfälle eine solche Einsamkeit
+bewahrten, daß es auch dem einzelnen schwer wurde, ihnen zu nahen, und
+die dadurch gewiß nicht das mindeste an Interesse eingebüßt
+hatten. -- -- -- --
+
+Sie berühren mit Widerwillen manche Laster in gewissen Beziehungen und
+Folgen und wollen meine Ansichten darüber. Ich gestehe, daß ich die
+Ansicht nicht liebe und nicht sonderlich billigen kann, wo man die
+Sittlichkeit so in einzelne Tugenden zerlegt, welche man einzelnen
+Lastern gegenüberstellt. Es scheint mir eine durchaus verkehrte und
+falsche. Ich wüßte nicht zu sagen, wer unter den Hoffärtigen, Geizigen,
+Verschwenderischen, Wollüstigen mir der am meisten Verhaßte sei. Es kann
+es nach Umständen jeder sein; denn es kommt auf die Art an, wie es
+jeder ist. Ich gehe in meiner Beurteilung der Menschen garnicht darauf,
+sondern auf die Gesinnung, als den Grund aller Gedanken, Vorsätze und
+Handlungen, und auf die gesamte Geistes- und Gemütsstimmung. Wie diese
+pflichtmäßig oder pflichtwidrig, edel oder unedel ist, das allein
+entscheidet bei mir. Haben zwei oder drei Menschen in demselben Grade
+eine unedle, selbstsüchtige, gemeine Gemütsart, so ist es mir sehr
+einerlei, in welchem Laster sich diese äußert. Das eine oder andere kann
+schädlicher oder unbequemer sein, aber alle diese Untugenden sind dann
+gleich schlecht und erbärmlich. Und ebenso ist es mit den Tugenden. Es
+kann einer gar keine Unsittlichkeit begehen, manche Tugend üben, und
+dagegen ein anderer z. B. durch Stolz oder Heftigkeit oder sonst fehlen,
+und ich würde doch, wenn der letztere, was sehr gut möglich ist, eine
+höhere und edlere Gesinnung hegt, ihn vorziehen. In der Gesinnung aber
+kommt es auf zwei Punkte an, auf die Idee, nach und aus welcher man gut
+ist, und auf die Willensstärke, durch die man diese Idee gegen die
+Freiheit oder Leidenschaftlichkeit der Natur geltend macht. Die
+erbärmlichen Menschen sind die, die nichts über sich vermögen, nicht
+können, was sie wollen, und die, welche selbst, indem sie tugendhaft
+sind, niedrige Motive haben, Rücksichten auf Glück und Zufriedenheit,
+Furcht vor Gewissensbissen, oder gar vor künftigen Strafen. Es ist recht
+gut und nützlich, wenn die Menschen auch nur aus diesen Gründen nicht
+sündigen, aber wer auf Gesinnung und Seelenzustand sieht, kann daran
+keinen Gefallen haben. Das Edle ist nur dann vorhanden, wenn das Gute um
+des Guten willen geschieht, entweder als selbst erkanntes und
+empfundenes Gesetz aus reiner Pflicht, oder aus dem Gefühl der erhabenen
+Würde und der ergreifenden Schönheit der Tugend. Nur diese Motive
+beweisen, daß wirklich die Gesinnung selbst groß und edel ist, und nur
+sie wirken auch wieder auf die Gesinnung zurück. Tritt, wie das bei
+gutartigen Gemütern immer der Fall ist, die Religion dazu, so kann auch
+sie auf zweierlei Art wirken. Die Religion kann auch nicht in ihrer
+wahren Größe gefühlt, noch von einem niedrigen Standpunkte aus gewonnen
+werden. Wer Gott selbst nur in Rücksicht auf sich dient, um wieder dafür
+Schutz, Hilfe und Segen von ihm zu erhalten, um gleichsam von ihm zu
+fordern, daß er sich um jedes einzelne Lebensschicksal kümmern soll, der
+macht doch wieder sich zum Mittelpunkt des Alls. Wer aber die Größe und
+väterliche Güte Gottes so mit bewundernder Anbetung und mit tiefer
+Dankbarkeit in sein Gemüt aufgenommen hat, daß er alles von selbst
+zurückstößt, was nicht mit der reinsten und edelsten Gesinnung
+übereinstimmt wie der Gedanke, daß, was Pflicht und Tugend von ihm
+fordern, zugleich der Wille des Höchsten und die Forderung der von ihm
+gegründeten Weltordnung ist, der hat die wahrhaft religiöse und gewiß
+tugendhafte Gesinnung. -- -- -- --
+
+Ihrer fortgesetzten Lebenserzählung sehe ich, nach dem, was Sie mir
+sagen, in den nächsten Tagen mit großer Freude entgegen. Leben Sie
+herzlich wohl. Mit unveränderlicher, anteilvoller Anhänglichkeit der
+Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 10. September 1826.
+
+Ich habe, liebe Charlotte, Ihre Briefe, nebst dem mit Ungeduld
+erwarteten neuen Heft Ihrer Lebensgeschichte empfangen und danke Ihnen
+recht herzlich dafür. Es sind allerdings wenige Blätter, sie umfassen
+einen kurzen, aber inhaltreichen Zeitraum, aber ich habe sie nicht nur
+mit großem Interesse, sondern mit inniger Teilnahme gelesen.
+
+Sie hatten mir schon einmal gesagt, daß, als ich Sie in Pyrmont kennen
+lernte, Sie eigentlich schon versprochen waren, nur noch nicht
+öffentlich. Es fiel mir damals sehr auf. Ich hatte, wie wir uns sahen,
+keine Ahnung davon. Die Art, wie diese Verbindung sich anknüpfte, hat
+etwas ganz Eigenes und Sonderbares. -- Allein, was man in solchen Fällen
+auch denken und sagen mag, es scheint allerdings, wie Sie sehr richtig
+bemerken, ein ewiges Verhängnis im Zusammenhang zu walten, worin niemand
+dem Schicksal entgehen kann, was ihn für seine höhere Bestimmung
+entwickeln soll, worauf es doch eigentlich ankommt. Ich teile ganz Ihre
+Meinung, daß es nicht denkbar ist, daß die Vorsehung das, was wir Glück
+und Unglück nennen, einer Berücksichtigung würdige. So trostlos das auf
+den ersten Blick scheint, so erhebend ist es zugleich, einer höheren
+Ausbildung wert gehalten zu werden. Es ist in solchen Schicksalen, wie
+das Ihrige war und sehr früh begann, ein wunderbarer Zusammenhang. Auch
+wenn man nicht von andern gestoßen und getrieben wird, wenn man nicht
+einmal sich selbst recht deutlich machen kann, was einen innerlich stößt
+und treibt, nähert man sich doch einem Ziele, oder zieht eine Fügung
+über sich heran, von der man beinahe das Gefühl hat, es sei besser, man
+stieße sie zurück. Wirklich haben Sie auch weniger getan, sich in das
+Schicksal, das sich für Sie bereitete, zu verwickeln, als Sie nur sich
+haben aus Liebe zu Ihrer Freundin gehen lassen, und nicht entgegen
+gearbeitet. Es ist ungemein häufig der Fall, daß Verbindungen ohne alle
+Neigung, ja selbst gegen die Neigung, aus allerhand Gründen, mit
+Empfindungen eingegangen werden; die man oft garnicht in sich tadeln
+kann, die aber doch bei einem solchen Schritt nicht leitende sein
+sollten. In mir und nach meiner Weise kann ich mir das zwar wenig
+begreiflich machen. Mir wäre es durchaus unmöglich gewesen, auch nur den
+Gedanken einer solchen Verbindung zu fassen, wenn ich nicht wirklich die
+tiefe Überzeugung der Empfindung gehabt hätte, daß die, mit der ich
+mich verbände, die einzige sei, mit der ich ein solches Band eingehen
+könnte. Der Gedanke der Ehe, selbst auf eine recht gute und verträgliche
+Weise mit gegenseitiger Achtung und Freundschaft geschlossen, aber ohne
+das tiefe und das ganze Wesen ergreifende Gefühl, das man gewöhnlich
+Liebe nennt, war mir immer zuwider, und es wäre meiner ganzen Natur
+entgegen gewesen, sie auf eine solche Weise zu schließen. Es ist zwar
+wahr, daß die so, wie ich es da von mir sage, geschlossenen Ehen die
+einzigen sind, in welchen die Empfindungen bis zum Grabe im gleichen
+Grade, nur in den Modifikationen, welche Jahre und Umstände
+herbeiführen, dieselben bleiben. Es ist indes doch recht gut, daß diese
+Art, die Sache anzusehen, nicht die allgemeine ist, da sonst wenig Ehen
+zustande kommen würden. Auch gelingen so viele Ehen, die anfangs recht
+gleichgültig geschlossen werden, so daß sich dagegen nicht viel sagen
+läßt. In Ihrem Fall war es offenbar das Gefühl für Ihre Freundin, das
+Sie leitete, und das war allerdings ein edles und aus dem Besten und
+Reinsten im menschlichen Herzen sprießendes. Gerade das aber zeigt sich
+recht oft, daß die besten, edelsten, aufopferndsten Gefühle gerade die
+sind, die in unglückliche Schicksale führen. Es ist, als würden durch
+eine höhere und weise Führung die äußeren Geschicke absichtlich in
+Zwiespalt mit den inneren Empfindungen gebracht, damit gerade die
+letzteren einen höheren Wert erlangen, in höherer Reinheit glänzen, und
+dem, der sie hegt, eben durch Entbehrung und Leiden teurer werden
+sollten. So wohltätig die Vorsehung waltet, so kommt es ihr nicht immer
+und durchaus auf das Glück der Menschen an. Sie hat immer höhere Zwecke
+und wirkt gewiß vorzugsweise auf die innere Empfindung und Gesinnung.
+
+Die Geschichte der geisterartigen Warnung ist sehr sonderbar -- sie
+wurde Ihnen in dem Moment, wie Sie zuerst bestimmt Ihre Zustimmung zu
+einer Verbindung niederschrieben, die Sie in unendliche Leiden
+verwickelte. Noch sonderbarer, da sie zugleich eine Todesanzeige Ihrer
+Mutter war.
+
+Daß Sie wirklich sich haben so rufen hören, ist nicht abzuleugnen. Es
+ist auch eben so sicher, daß kein sterblicher Mensch Sie gerufen hat in
+der totalen, abgeschiedenen Einsamkeit, worin Sie die warnende Stimme
+vernahmen. In sich haben Sie die Stimme gehört, wenn sie gleich Ihr
+äußeres Gehör zu vernehmen schien, und in Ihnen ist die Stimme
+erschallt. Es gibt gewiß viele, die das nur als eine Selbsttäuschung
+erklären würden, die denken, daß der Mensch auf natürlichen Wegen, ohne
+alle Verknüpfung des Irdischen mit dem Geisterreich, bloß durch die
+innere Bewegung, die in seinem Gemüt, seiner Einbildung, seinem Blut
+selbst waltet, so etwas äußerlich zu vernehmen glaubt. Daß es so sein
+kann, bisweilen so ist, möchte ich nicht leugnen, wohl aber, daß es
+nicht auch anders sein kann, und bei gewissen Menschen unter gewissen
+Umständen anders gewesen ist. Sie sagen: Ihrer Seele habe sich in
+späterer Zeit und nach und nach die Meinung bemächtigt, die
+Jung-Stilling in seiner Theorie der Geisterkunde (ich habe sie nicht
+gelesen) aufstelle, daß die uns Vorangegangenen, heller Sehenden, mit
+Liebe uns Umgebenden, uns oft gern Schützenden, warnend uns erkennbar zu
+werden suchten, und dies gern, um tiefere Eindrücke zu bewirken, an
+bedeutende und wichtige Ereignisse knüpften, wo es nur darauf allein
+ankomme, daß sie sich mit uns in Rapport zu bringen vermöchten, was
+allein davon abhänge, in welcher Entbundenheit der geistige Zustand von
+den äußeren Sinnen sich befinde. In diesem entbundenen Zustand, worin
+sich gewiß niemand eigenwillig bringen kann, glauben Sie vielleicht in
+jener Stimmung gewesen zu sein, wo Sie über alle gewöhnlichen
+Rücksichten hinaus Ihre Entschließungen niedergeschrieben haben. Diese
+Ihre Bemerkungen sind tief gedacht und empfunden. Es gibt unleugbar ein
+stilles, geheimnisvolles, mit irdischen Sinnen nicht zu fassendes
+Gebiet, das uns, ohne daß wir es ahnen, umgibt, und warum sollte da
+nicht auf Augenblicke der Schleier reißen und das vernommen werden
+können, wozu in diesem Leben keine vernehmbare Spur führt? Sie wurden
+hier in dem Augenblicke gewarnt, wie Sie einen bis dahin nur Ihnen
+bekannten Gedanken niederschreiben wollten, einen Federzug tun, der Ihr
+Leben, in vielfache und unglückselige Verwickelung ziehen sollte, Sie
+wurden mit der Stimme derer gewarnt, die bald nicht mehr sein sollte,
+und es wurde, wie Sie bemerken, um sicherer Sie zum Nachdenken zu
+führen, der Moment bedeutend bezeichnet, da Ihre Mutter gerade in
+demselben Moment acht Tage nachher starb. Das war offenbar nicht von
+dieser Welt. Es war eines der Zeichen, die selten, aber doch bisweilen
+kund werden von dem, was eine im Leben unübersteigbare Kluft von uns
+trennt. Ich danke Ihnen sehr, daß Sie dies nicht übergangen haben.
+
+Für heute Adieu, liebste Charlotte. Mit unwandelbarem Anteil und
+Anhänglichkeit der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, im Oktober 1826.
+
+Sie fragen mich, liebe Charlotte, wie ich das meinte, wenn ich sagte,
+daß die Stimme, die Sie an jenem Novemberabend rief, eigentlich _in Ihnen_
+erschallte, da Sie dieselbe doch deutlich hinter sich vernahmen. Recht
+ordentlich zu erklären ist so etwas eben nicht, ich möchte hierin auch
+meine Ansicht nicht für die ausgemacht wahre ausgeben, aber ich habe
+über alles, was man Geister und Geistererscheinungen nennt, einen
+Glauben, der, wenn ich so sagen darf, den Glauben und Unglauben daran
+gewissermaßen miteinander vereinigt. Ich glaube, daß Menschen solche
+Erscheinungen in Tönen und Gesichten und auf jede Weise haben können,
+und daß dies garnicht Einbildungen einer bloß erhitzten
+Einbildungskraft, Täuschungen und sozusagen wachende Träume sind. Ich
+würde es kaum sonderbar finden, wenn mir selbst etwas dieser Art
+begegnete. Ich halte also diese Erscheinungen für etwas Wirkliches,
+durch eine überirdische Macht Hervorgebrachtes, nur daß man freilich
+sehr genau prüfen muß, ob in dem einzelnen Fall die Erscheinung wirklich
+eine von der gewöhnlichen Ideenverbindung verschiedene und keine bloße
+Abirrung dieser Ideenverbindung, also bloße Vorstellung der Phantasie
+war. Dagegen glaube ich nicht, daß solche Töne oder Gesichte ebenso
+außer demjenigen vorgehen, welcher sie vernimmt, als wie wenn ein
+leiblicher Mensch ruft oder auftritt. Daher bin ich auch etwas
+ungläubiger gegen solche Geschichten, wo ein Geräusch von mehreren
+gehört wird. Sind es nur zwei, so kann die Gleichheit der innern
+Seelenstimmung wohl gleichzeitige innere Erscheinungen hervorbringen.
+Für innerlich halte ich also Erscheinungen, von denen nicht wirkliche
+Beweise des Gegenteils da wären, aber so für innerlich, daß sie im
+Innern immer auch durch eine überirdische Macht eingeführt und geweckt
+werden, und daher der Mensch, der sie erfährt, weil ihn das Bewußtsein
+überirdischer Gegenwart und von nicht aus ihm kommender Einwirkung
+ergreift, sie notwendig außer sich setzt. Wie viel auch schon über
+diese Sache gestritten worden ist, so kann man doch nicht ableugnen, daß
+etwas wirklich Innerliches von dem, dem es begegnet, als durchaus
+äußerlich betrachtet werden kann, und der höheren überirdischen Macht
+ist die Hervorbringung einer Erscheinung ebenso möglich, wenn sie in der
+Tat eine gewissermaßen körperlich äußere, als wenn sie eine idealisch
+innere ist.
+
+Der Gedanke einer verfolgenden Macht würde mir immer fremd sein. Ich
+habe mich niemals mit den Vorstellungen vertragen können, die eines
+solchen, allem Guten feindseligen, am Bösen Gefallen findenden Wesens
+Dasein annehmen. Im Neuen Testament halte ich die dahin einschlagenden
+Stellen nur für bildliche, sich an die Vorstellungen des Judentums
+anschließende Ausdrücke, für das Böse, das der Mensch, auch wenn er gut
+ist und sich ganz schuldlos glaubt, doch immer in sich zu bekämpfen hat.
+Es gibt unleugbar Personen, welchen mehr Widerwärtiges als Glückliches
+begegnet, und auch die sehr Glücklichen haben kürzere oder längere
+Perioden, wo der Verlauf der Umstände ihnen nicht zusagt, und sie gegen
+den Strom zu schwimmen genötigt sind. Dies liegt aber, auch wo es
+garnicht eigene Schuld oder Folge unrichtig berechneter Verfahrungsweise
+ist, in der natürlichen Verkettung der Umstände, wo das allgemein
+Notwendige oder Unvermeidliche dem Interesse des einzelnen zuwider ist.
+Sehr oft, und dies ist mir bei weitem wahrscheinlicher, kann es auch
+Fügung der mit weiser und immer wohltätiger Strenge heilsam züchtigenden
+und prüfenden Vorsehung sein; denn die Züchtigung überirdischer und
+übermenschlicher Weisheit setzt nicht gerade immer Schuld voraus. Es
+kann in den Wegen und Pfaden der über alle menschliche Vernunft
+hinausreichenden Einsicht liegen, auch ohne Verschulden, zur bloßen
+heilsamen Zurückführung auch den ganz Schuldlosen zu züchtigen. Auch ist
+der Beste, wenn er nur die Selbstprüfung mit gehöriger Strenge anstellt,
+nicht von Flecken rein, und es können in seinen bewußtlosen Empfindungen
+solche liegen, die ihn zur Schuld führen würden, wo aber der Schuld
+durch die heilsam angebrachte Züchtigung vorgebeugt wird. Der Mensch
+selbst ist zu kurzsichtig und sein Blick zu trübe, dies einzusehen,
+allein die in der Höhe waltende Macht durchschaut es und weiß es zu
+lenken und zum Besten zu kehren. Alles dies pflege ich mir zu sagen, oft
+ohne äußere Veranlassung, allein auch besonders da, wo, wie's auch mir
+geschieht, das Schicksal den Wünschen entgegenwirkt, und eine Periode
+der Widerwärtigkeit oder des wahren Unglücks eintritt. Ich werde dann
+vorsichtiger als sonst im Handeln, und ohne mich im geringsten beugen
+oder betrüben zu lassen; suche ich durchzusteuern, so gut es gehen will.
+Wenn ich sage, ohne mich zu betrüben, so meine ich damit nicht, daß mich
+die einzelnen Unfälle nicht betrüben sollten (was unvermeidlich ist),
+sondern nur, daß ich ihr Eintreten überhaupt, die Wendung vom Glück zum
+Gegenteil nicht als etwas Feindseliges, sondern als etwas Natürliches,
+mit dem Weltgang und der menschlichen Natur eng Verbundenes, oft sogar
+Heilbringendes nehme. Nach dieser in mir festgewordenen Ansicht kann ich
+an eine verfolgende oder gar nur neckende Macht nicht glauben. Ich
+gestehe, daß ich einen solchen Glauben nicht einmal bei andern dulden
+oder unangefochten lassen könnte. Es ist eine finstere, beengte
+Vorstellung, die der Güte der Gottheit, der Größe der Natur und der
+Würde der Menschheit widerspricht. Dagegen hat der Glaube an eine, unter
+Zuladung und Leitung der höchsten, untergeordnete, schützende Macht
+etwas Schönes, Beruhigendes und den reinsten und geläutertsten
+Religionsideen Angemessenes. Ich möchte ihn daher niemand rauben, der
+durch seine Natur angeregt wird, ihn zu haben und zu hegen. Mir ist er
+jedoch nicht eigen, und er gehört auf alle Fälle zu denjenigen
+religiösen Vorstellungen, die nicht allgemein geboten sind, sondern bei
+denen es auf die individuelle Neigung und Stimmung ankommt.
+
+Es wird mich sehr freuen, wenn Sie Zeit und Stimmung haben, Ihre
+Lebenserzählung fortzusetzen. Leben Sie herzlich wohl und rechnen Sie
+fest auf die Dauer der Gesinnungen, die Ihnen immer von mir gewidmet
+bleiben. Ihr H.
+
+
+
+_Berlin_, den 8. November 1826.
+
+Ihr lieber Brief hat mir große Freude gemacht, weil er in den Inhalt
+meines letzten eingeht und demselben Gründe und Behauptungen
+entgegenstellt. Es ist sehr natürlich und begreiflich, daß unsere
+Ansichten bisweilen auseinander gehen müssen; es liegt das zuerst im
+Geschlecht, dann in der Lebensweise und den einmal angenommenen
+Gewohnheiten. Ein Mann, und noch mehr einer, der oft in Verhältnissen
+war, in denen er gegen Gefahr und Ungemach nur bei sich Schutz und Rat
+suchen konnte, muß mehr von der Selbständigkeit erwarten und mehr auf
+sie dringen. Er muß sich zutrauen, mehr ertragen, Schmerz und Unglück
+(von denen kein Mensch frei ist, und zu denen Geschäfte und für andere
+übernommene Verantwortlichkeit auch empfindlichere Gelegenheiten
+darbieten, als in einfacheren Lagen vorkommen können) mit mehr
+Gleichgültigkeit ansehen, um sie mehr durch sich selbst bezwingen zu
+können. Indes müssen Sie nie denken, daß dies die Teilnahme an fremdem
+Unglück schwächt, oder daß es hindert zu begreifen, daß jeder die
+verschiedenartigen Ereignisse des Lebens nach seiner Weise und seiner
+Eigentümlichkeit aufnimmt. Sind Sie aber auch in vielem von dem, was
+mein voriger Brief enthielt, anderer Meinung mit mir, so stimmen wir
+ganz in dem Wunsche überein, eine Anzeige des bevorstehenden Todes zu
+haben. Bis jetzt denke ich mir den Tod als eine freundliche Erscheinung,
+eine, die mir in jedem Augenblick willkommen wäre, weil, wie zufrieden
+und glücklich ich lebe, dies Leben doch immer beschränkt und rätselhaft
+ist, und das Zerreißen des irdischen Schleiers darin auf einmal
+Erweiterung und Lösung mit sich führen muß. Ich könnte darum stundenlang
+mich nachts in den gestirnten Himmel vertiefen, weil mir diese
+Unendlichkeit fernher flammender Welten wie ein Band zwischen diesem und
+dem künftigen Dasein erscheint. Ich hoffe, diese Freudigkeit der
+Todeserwartung soll mir bleiben, ich würde mich dessen, da sie tief in
+meiner Natur (die nie am Materiellen, immer nur an Gedanken, Ideen und
+reiner Anschauung gehangen hat) gegründet ist, sogar gewiß halten, wenn
+nicht der Mensch, wie stark er sich wähne, sehr vom augenblicklichen
+Zustande seiner körperlichen Gesundheit und selbst seiner
+Einbildungskraft abhinge. Ich wähne mich aber nicht einmal stark,
+sondern fordere nur unbedingt von mir, es zu sein. Ich würde daher,
+bliebe ich wie jetzt gestimmt, den Tod ohne Schrecken herannahen sehen,
+und mein Bemühen würde nur sein, mit Besonnenheit den Übergang in einen
+anderen Zustand, so lange es möglich ist, schrittweise zu verfolgen.
+Darum würde ich auch für mich einen langsameren Tod nicht für ein
+Unglück erachten, obgleich ein schneller sowohl für den Sterbenden
+selbst, als für die Zurückbleibenden Vorzüge hat. Ich trage mich auch
+seit einer Reihe von Jahren, und nach einer Begebenheit, die mich, als
+ich in Rom war, traf und sehr ergriff, mit dem Glauben, oder, wenn dies
+zu viel gesagt ist, mit der Ahnung, daß ich nicht anders sterben werde,
+als bis eine bestimmte Erscheinung es mir vorher verkündet. Wie das nun
+sein wird, will ich erwarten, aber erwünscht wäre mir, wie Ihnen, die
+Vorandeutung.
+
+Die biblischen Stellen, die Sie anführen, waren mir, als ich sie
+nachschlug, wohl bekannt. Sie sind allerdings tröstend, weil sie
+Hoffnung gewähren, Vertrauen hervorrufen und auf Liebe, die sich
+erbarmt, zählen lassen. Ich muß aber doch, wenn ich meine innere
+Empfindung erschließe, sagen, daß gerade die von Ihnen angeführten
+Stellen nicht diejenigen sein würden, bei denen ich Trost suchen würde.
+Sie gehören in die Reihe der Verheißungen, Hoffnungen, und in dieser Art
+in der Zukunft zu leben, ist nie mein Sinnen und Trachten gewesen. Ich
+habe immer mehr gesucht, mich gleich selbst in der Gegenwart zu
+bearbeiten, daß daraus soviel mögliche innere Besiegung des Unglücks
+hervorgeht. Gerade in dieser Hinsicht aber ist das Lesen der Bibel eine
+unendliche und wohl die sicherste Quelle des Trostes. Ich wüßte sonst
+nichts mit ihr zu vergleichen. Der biblische Trost fließt, wenn auch
+ganz verschieden, doch gleich stark, auf eine doppelte Weise im Alten
+und Neuen Testament. In beiden ist die Führung Gottes, das Allwalten
+der Vorsehung, die vorherrschende Idee, und daraus entspringt in
+religiös gestimmter Gesinnung auch gleich die tiefe innere, durch nichts
+auszurottende Überzeugung, daß auch die Schicksale, durch welche man
+selbst leidet, doch die am weisesten herbeigeführten, die wohltätigsten
+für das Ganze und den dadurch Leidenden selbst sind. In dem Neuen
+Testament hernach ist ein solches überschwängliches Vorwalten des
+Geistigen und des Moralischen, es wird alles so einzig auf die Reinheit
+der Gesinnung zurückgeführt, daß was den Menschen sonst innerlich und
+äußerlich betrifft, wenn er jenem mit Ernst und Eifer nachstrebt,
+vollkommen in Schatten zurücktritt. Dadurch verliert auch das Unglück
+und jedes Leiden einen Teil seiner drückenden Einwirkung, und es
+schwindet auf jeden Fall alle Bitterkeit davon. Die unendliche Milde der
+ganzen neutestamentlichen Lehre, die Gott fast nur von der erbarmenden
+Seite darstellt, und in der überall die aufopfernde Liebe Christi für
+das Menschengeschlecht vortritt, lindert, wie ein wohltätiger Balsam,
+verbunden mit Christi Beispiel selbst, jeden Körper- und Seelenschmerz.
+Im Alten Testament kann sich dies allerdings nicht finden. Aber da
+erscheint wieder, und doch auch immer mehr tröstend als schreckend, die
+Allmacht und Allweisheit des Schöpfers und Erhalters der Dinge, die
+durch die Größe und Erhabenheit der Vorstellung über das einzelne
+Unglück hinaushebt. Leben Sie herzlich wohl. Mit den Gesinnungen, die,
+wie ich weiß, Sie lieben und die nie in mir ändern werden, Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, den 6. Dezember 1826.
+
+Ich habe, liebe Charlotte, Ihren inhaltreichen Brief vom 19. v. M., den
+Sie am 21. geschlossen haben, bekommen und mit großem Interesse gelesen
+und danke Ihnen recht herzlich dafür.
+
+Sie bemerken in Ihrem Briefe, daß vor dem Erscheinen Christi ein Umgang
+zwischen der Gottheit und einigen gleichsam bevorrechteten Personen
+stattgefunden, durch das Christentum aber jeder, der in seinen Schoß
+aufgenommen sei, ein näheres Verhältnis zu dem höchsten Wesen erhalten
+habe. Ich halte dies für ungemein richtig. Zwar möchte ich nicht sagen,
+was eigentlich von jener engeren und persönlichen Gemeinschaft der
+Erzväter mit Gott, wie sie das Alte Testament schildert, zu halten sei.
+Diese Erzählungen des ersten Teils der Schrift haben in jeder Rücksicht,
+welches auch ihr Ursprung sein möge, eine so ehrwürdige Heiligkeit, daß
+man dem Zweifel an der Wahrheit keinen Raum gibt, wohl aber ungewiß
+bleiben kann, was Eigentümlichkeit der Vorstellungs- und
+Darstellungsweise, bildlicher oder eigentlicher Ausdruck sei. Denn bei
+so alten Überlieferungen, und die sich doch auch wiederum vermutlich
+Jahrhunderte lang mündlich fortgepflanzt haben, ehe sie aufgezeichnet
+worden sind, läßt sich der wahre Sinn von der äußeren Einkleidung schwer
+und wenig unterscheiden. Das aber ist eine gewisse und tröstliche und im
+höchsten Grade heilsame Wahrheit, daß durch das Christentum alle
+Segnungen der Religion eine durchaus allgemeine Wohltätigkeit erlangt
+haben, daß alle innere und äußere Bevorrechtung aufgehört, und jeder
+ohne Unterschied Gott so nahe zu stehen glauben kann, als er sich ihm
+durch seine eigene Kraft und Demut im Geist und in der Wahrheit zu
+nähern vermag. Es ist überhaupt in allem, im Religiösen und Moralischen,
+der wahrhaft unterscheidende Charakter des Christentums, die
+Scheidewände, die vorher die Völker wie Gattungen verschiedener
+Geschöpfe trennten, hinweggeräumt, den Dünkel, als gäbe es eine von der
+Gottheit bevorrechtete Nation, genommen, und ein allgemeines Band der
+Nächstenpflicht und Nächstenliebe um alle Menschen geschlungen zu haben.
+Hier ist nun nicht mehr von bildlichen Darstellungen und nicht mehr von
+Wundern die Rede. Es herrscht hier die geistige Gemeinschaft, welche die
+einzige ist, deren der Mensch wahrhaft bedarf, und zugleich diejenige,
+der er immer durch Vertrauen und Wandel teilhaftig werden kann. Ich
+gestehe daher auch, daß ich nicht in die Idee eingehen kann, als wäre
+oder als könnte nur noch jetzt eine engere Gemeinschaft zwischen Gott
+und einzelnen sein, als die allgemeine, der schlichten Lehre des
+Christentums angemessene, in die jeder durch Reinheit und Frömmigkeit
+der Gesinnung tritt. Es wäre ein gefährlicher Stolz, sich einer solchen
+anderen und besonderen teilhaftig zu glauben, und das Menschengeschlecht
+bedarf dessen nicht. Frömmigkeit und Reinheit der Gesinnung und
+Pflichtmäßigkeit des Handelns, selbst schon Streben nach beiden, da das
+vollendete Erreichen keinem gelingt, sind alles, den Menschen, einzeln
+und in der Gesamtheit, Notwendige, und alles dem höchsten Wesen, wie wir
+es uns denken müssen, Wohlgefällige. -- Schreiben Sie mir, liebe
+Charlotte, den 26. Dezember nach Hadmarsleben bei Halberstadt.
+Hadmarsleben ist ein Gut meiner Frau, wo ich mich einige Tage aufhalten
+werde. Mit der herzlichsten und unveränderlichsten Teilnahme
+der Ihrige. H.
+
+
+
+_Rudolstadt_, den 2. Januar 1827.
+
+Das neue Jahr hat begonnen, und ich wünsche Ihnen, liebe Charlotte, von
+ganzem Herzen Glück dazu. Mögen Sie es heiter, sorglos und vor allem in
+ungestörter Gesundheit durchleben. Ich hoffe, daß die Erfüllung dieser
+Wünsche wahrscheinlich ist.
+
+Ein Jahr scheint ein so kleiner Abschnitt des Lebens, und ist es auch
+gewissermaßen, da Tage, Wochen und Monate so unglaublich schnell
+verschwinden. Es ist aber doch wieder ein so wichtiger Abschnitt, da
+auch der längst Lebende nicht so viele dieser Abschnitte zusammensetzt.
+Es fängt auch freilich mit jedem Tage gewissermaßen ebenso gut, als mit
+dem ersten Januar, ein neues Jahr an, aber es ist dennoch nicht
+abzuleugnen, daß das Schreiben einer neuen Jahreszahl immer etwas in
+sich trägt, das den Bedächtigen und gern Überlegenden in Nachdenken
+versetzt. Es ist überhaupt sehr meine Art, mich von Epoche zu Epoche
+zusammenzufassen und irgend etwas Neues in meinen Vorsätzen zu beginnen,
+und ich habe oft gefunden, daß es immer seinen Nutzen hat, wenn auch
+nicht immer alle Vorsätze in Erfüllung gehen oder durchaus dauerhaft
+sind. Es gibt auch mehr oder minder günstige Jahre, und das beweist
+sich, wie ich oft im Leben bemerkt habe, manchmal an gewissen Anzeichen,
+wenn sie auch augenblicklich unbedeutend und vorübergehend scheinen, in
+den ersten Tagen, wo die neue Jahreszahl beginnt. Sie werden das
+vielleicht etwas abergläubig finden, aber es ist es doch nicht so ganz
+und so sehr. Die Unfälle, die den Menschen betreffen, kommen weit mehr,
+als man es denken sollte, aus ihm selbst. Es gibt ein geheimes und
+unbemerktes Einwirken des Menschen auf die Dinge, was man ihm nicht
+Schuld geben kann, weil es nicht innerhalb seines Bewußtseins liegt,
+aber was doch von ihm kommt. Ist nun die Stimmung innerlich eine
+ungünstige, düstere, von Heiterkeit fern, so bringt sie auch so etwas im
+Äußeren hervor; wenn man das Leben nicht leicht, oder doch wenigstens
+ruhig und gleichmütig mit einer gewissen Kälte, als wäre einem Glück
+und Unglück ziemlich gleich, aufnimmt, so stellt es sich nicht bloß
+insofern noch drückender und lastender, daß man es schwerer empfindet,
+sondern es begegnet einem, meiner Erfahrung nach, auch mehr
+Widerwärtiges. Auf große Dinge mag das, wie ich wohl glauben will,
+keinen Einfluß haben, aber auf die kleineren, die doch auch überwunden
+sein wollen, scheint es mir nicht abzuleugnen zu sein.
+
+Ihren lieben Brief werde ich erst in mehreren Tagen empfangen, es tut
+mir immer sehr leid, auch habe ich gern einen Brief von Ihnen bei mir,
+wenn ich selbst schreibe; aber meine Reise hat sich gegen meinen Willen
+verlängert. Ich bitte Sie, mir jetzt so zu schreiben, daß Ihr Brief den
+25. oder nur wenige Tage später in Berlin eintrifft. Leben Sie wohl,
+beste Charlotte. Mit der herzlichsten und unveränderlichsten Teilnahme
+der Ihrige. H.
+
+
+
+_Berlin_, den 28. Januar 1827.
+
+Ich habe, liebste Freundin, Ihre beiden Briefe richtig empfangen,
+obgleich den ersten vom 20. Dezember v. J. sehr spät, da ich meinen
+Reiseplan nicht so, wie ich ihn machte, ausgeführt habe, und garnicht
+nach Hadmarsleben gekommen bin. Er ist mir hierher nachgeschickt worden.
+Nun bleibe ich bis zur Mitte des Sommers hier und in Tegel, und unser
+Briefwechsel ist bis dahin gegen Störungen dieser Art gesichert. Es hat
+mich sehr gefreut zu sehen, daß Ihre Gesundheit wenigstens leidlich
+ist, und daß die Veränderlichkeit der Witterung und der viele Sturm, der
+sonst reizbaren Konstitutionen zu schaffen macht, Ihnen nicht sehr
+nachteilig geworden ist. Ich liebe den Winter zwar garnicht, und habe
+von Kindheit an für die angebliche Schönheit eines Wintertages keinen
+Sinn gehabt. Die Kälte ist mir insofern gleichgültig, als ich mich ihr
+nie anders als so verwahrt aussetze, daß sie mir nichts anhaben kann,
+und als ich mir sogar im Zimmer den traurigen und einförmigen Anblick
+des Schnees durch Gardinen verschließe. In der Stadt ist es mir
+überhaupt heimlicher, wenn ich von meinem Zimmer aus nichts davon
+erblicke. Es ist da nur die Nacht schön, wo der Mensch und das
+gewöhnliche Treiben des Gewühls verschwinden und der gestirnte Himmel
+den Anblick der reinen Natur gibt. Am Tage freut der Anblick aus dem
+Fenster nur auf dem Lande. Diese Gewohnheit, mich in der Stadt auf den
+Genuß der Nacht zu beschränken, habe ich schon sehr früh gehabt. Schon
+als ganz junger Mensch saß ich, so oft ich die Stadt bewohnen mußte, die
+Tage über, wenn ich nicht in Gesellschaft war, in meinem Zimmer,
+durchstrich aber fast regelmäßig, sogar im strengen Winter, mehrere
+Stundenlang des Nachts die einsamen Straßen. Es freut mich ungemein, daß
+Sie die gleiche Neigung mit mir für den gestirnten Himmel haben. Wem
+dieser innere Sinn nicht erschlossen ist, entbehrt eine sehr große, und
+eine der reinsten und erhabensten Freuden, die es gibt.
+
+Sie bemerken sehr richtig, daß ein Wintertag doch auch seine Freuden
+habe. Einförmig ist der Schnee freilich, aber auch rein und wie ein Bild
+unberührter Fleckenlosigkeit, wenn er frisch gefallen und noch
+unbetreten ist. In der Schweiz sehen jene weißen Decken an den hohen
+Gebirgen, die nicht leicht ein Menschenfuß erreicht, sehr schön aus. Ihr
+Vergleich mit einem Leichentuch ist mir aufgefallen. Er war mir neu.
+Aber wenn nun der Schnee ein Leichentuch wäre, ist es keine unerwünschte
+Erinnerung. Die Natur liegt wie in Todesstarrheit im Winter, und wenn
+die große Natur in ihrem regelmäßig wiederkehrenden Laufe die Erinnerung
+an den Tod herbeiführt, erscheint er dem Geist und der Einbildungskraft
+nur wie eine notwendige Verwandlung, eine Enthüllung eines neuen, vorher
+nicht geahnten Zustandes.
+
+Ich muß mich neulich nicht deutlich ausgedrückt haben, wenn Sie, liebe
+Charlotte, glauben, ich hätte gewissermaßen bestritten, daß die
+allwaltende Vorsehung die Schicksale der Menschen auch ganz im einzelnen
+leite. Auch nach meiner festen Überzeugung kann darauf der Mensch mit
+Sicherheit bauen, es liegt in der Idee des Weltschöpfers und
+Welterhalters, es geht aus vielen Stellen der Bibel, des Alten und Neuen
+Testaments, hervor und ist nicht nur eine sichere und fest gegründete,
+sondern auch tiefe und trostreiche Wahrheit, über welche kein Zweifel
+bleibt, und Sie haben gewiß recht, wenn Sie sagen, der Glückliche bedarf
+den Glauben, um nicht übermütig zu werden, der nicht Glückliche aber als
+Halt, und der Unglückliche um nicht zu erliegen. Wenn auch jeder auf
+seine Weise sich diese göttliche Teilnahme und Fürsorge denkt, so sind
+das nur unbedeutende Verschiedenheiten der individuellen Ansicht. Die
+Hauptsache bleibt immer, daß eine Allweisheit und Allgüte die Ordnung
+der Dinge regiert, zu der wir gehören, daß unsere kleinsten und größten
+Schicksale darin mit verwebt sind, daß daher alles, was geschieht, gut
+und uns, sei es auch schmerzhaft, wohltätig sein muß, endlich daß sein
+Wohlgefallen an uns, und wo nicht aus andern gleich weisen Gründen
+Ausnahmen eintreten, auch der Segen oder Unsegen, der uns trifft, von
+der Pflichtmäßigkeit unserer Handlungen, noch mehr aber von der Reinheit
+unserer Gesinnung abhängt. Darin können unsere Meinungen nicht
+voneinander abweichen. Was ich sagte, bezog sich nur auf das, was Ihr
+früherer Brief enthält, wo Sie anzunehmen schienen, daß die Gottheit
+gleichsam einen Unterschied unter den Menschen zu machen scheine und
+manche durch eine strengere Schule leite. Sie hatten dies nicht einmal
+als Ihre Meinung ausgesprochen, sondern nur als eine der versuchten
+Erklärungsarten der von Ihnen erwähnten Erscheinungen. In die Ansicht
+nur könnte ich nie einstimmen, daß die Gottheit sich um einige weniger
+kümmert als um andere. Gott kann, und das liegt in der Sache selbst,
+sein Wohlgefallen mehr auf die richten, die dadurch, daß sie ihm
+anhängen, eine größere Liebe, Innigkeit und Reinheit des Gemüts
+beweisen, aber eine ungleiche Verteilung seiner leitenden, sorgenden,
+belohnenden und strafenden Fürsorge läßt sich nicht, weder mit den
+Begriffen von seiner Allmacht, noch mit denen von seiner Gerechtigkeit
+in Vereinigung bringen. Im Alten Testament kommt allerdings von
+Auserwählten Gottes vielleicht auch in diesem Sinne vor, allein diese
+Stellen hängen auch zum Teil mit der jüdischen Idee des auserwählten
+Volkes Gottes zusammen, und dann braucht auch dieser Begriff der
+Auserwählung nicht gerade jenen ausschließenden Sinn, sondern nur den zu
+haben, daß die Auserwählten diejenigen waren, welche sich durch ihre
+Herzensreinheit und Frömmigkeit am meisten der Liebe Gottes würdig
+gemacht und sein Wohlgefallen auf sich gezogen hatten. Im Neuen
+Testament kommen Stellen, aus denen man auf eine ungleiche Sorge Gottes
+in den waltenden Fügungen seiner Vorsehung schließen könnte, wohl nicht
+vor. Wenn es bei einer oder der andern dies Ansehen haben sollte, sie
+ist wohl anders zu erklären. Der tröstende Gedanke aber bleibt fort und
+fort, daß Gott auch widrige und schmerzliche Schicksale nur aus Liebe
+sendet, um unsere Gesinnungen zu läutern. So, liebe Charlotte, habe ich
+die Sache verstanden, die in ein paar unserer Briefe von uns besprochen
+worden ist, und so sollte ich denken, stimmte sie auch mit Ihren
+Ansichten und Überzeugungen vollkommen überein.
+
+
+
+_Tegel_, den 18. März 1827.
+
+Sie kennen schon meine Neigung, bisweilen auf dem Lande zu sein, und so
+wird es Sie nicht wundern, wenn ich Ihnen von Tegel jetzt schreibe. Ich
+bin indes nur auf ein paar Tage hier und habe die Stadt eigentlich noch
+nicht verlassen. Wenngleich die Witterung rauh ist, so hindert mich das
+nicht, alle Tage spazieren zu gehen, nämlich hier, und so lange und so
+oft ich hier bin.
+
+Der See, der in meinen Besitzungen ist, ist natürlich jetzt wieder ganz
+frei von Eis. Das ist immer ein Schauspiel, an dem ich mich sehr
+erfreue, dies Befreitwerden des Wassers von den Banden, die ihm im
+Winter seine schöne Beweglichkeit rauben und es dem festen Lande gleich
+machen. Man fühlt ordentlich die wiedergegebene freie Bewegung mit und
+ist der rauhen Starrheit gram, welche das zarte, hingleitende Element,
+so tief sie ihren Einfluß auszuüben vermag, um den schönsten Teil seiner
+eigentümlichen Natur bringt. Man sagt gewöhnlich, das Wasser trennt die
+Länder und Orte, aber es verbindet sie eher, es bietet eine viel
+leichter zu durchschneidende Fläche dar als das feste Land, und es ist
+ein so hübscher Gedanke, daß, wie weit auch die Ufer voneinander
+entfernt sind, die Welle, die mir die Füße bespült, in kurzer Zeit am
+gegenüberstehenden Gestade sein kann.
+
+Mit Vergnügen lese ich in Ihrem Briefe, daß Sie mit dem Plan einer
+kleinen Reise nach Offenbach beschäftigt sind, und bitte Sie, doch ja
+Ihren Vorsatz nicht aufzugeben; auch glaube ich, daß Sie, liebe
+Charlotte, einmal einer Erholung bedürfen, oder eine solche wenigstens
+sehr wohltätig auf Sie wirken würde. Ich empfinde recht wohl, daß Sie
+darum auf keine Weise unzufrieden mit Ihrer Lage, oder Ihrer
+Beschäftigung überdrüssig sind. Allein es ist doch in den Menschen so.
+Wenn sie eine lange Zeit hindurch dieselbe Sache, auch ohne Widerwillen,
+sogar mit Vergnügen getrieben haben, so bemächtigt sich ihrer dennoch
+eine durch die Einförmigkeit bewirkte Ermüdung, und neue, auch nur auf
+eine kurze Zeit genossene Gegenstände geben den Gedanken und der
+Empfindung eine neue Spannung, die gewöhnlich auch auf den Körper
+zurückwirkt. Die Wahl von Offenbach finde ich sehr angemessen, da Sie
+dort eine innig mit Ihnen verbundene, liebe, vertraute Freundin haben;
+es ist ein angenehmer Ort in einer sehr hübschen Gegend, auch nicht sehr
+weit von Ihnen entfernt. Ich war sehr oft da, zum erstenmal in demselben
+Jahre, wo ich Sie in Pyrmont sah, im Jahre 1788. Ich besuchte die dort
+als Schriftstellerin bekannte Frau von Laroche, die ich auch viele Jahre
+später dort wieder sah, als ich mit meiner Frau und Familie von Paris
+zurückkam. Sie war eine geistreiche und noch im hohen Alter unendlich
+lebendige Frau und hatte etwas ganz besonders Angenehmes und
+Liebenswürdiges, wenn man sie mitten im Kreise ihrer Kinder und Enkel
+sah. Ein Sohn, wenig älter als ich, lebt noch hier in Berlin in sehr
+genauer Freundschaft mit mir, ist glücklich verheiratet und in jeder
+Rücksicht ein trefflicher Mensch. -- Ich wünsche von Herzen, daß Sie das
+Vorhaben ausführen.
+
+
+
+_Berlin_, den 10. April 1827.
+
+Ich habe Ihren Brief, liebe Charlotte, den Sie nach meinem Wunsch am 3.
+abgeschickt haben, richtig erhalten und danke Ihnen herzlich dafür. Der
+heitere, zufriedene Ton, der darin von der ersten bis zur letzten Zeile
+herrscht, hat mir eine ganz besondere Freude gemacht. Es scheint mir
+aber, als wären Sie schon seit längerer Zeit viel gleichförmiger
+gestimmt als im Anfang unseres brieflichen Umgangs. Es ist sehr gütig
+und liebevoll von Ihnen, und gereicht mir zur Freude, daß Sie es dem
+Einfluß zuschreiben, den Sie mir so willig gestatten. Das Verdienst ist
+auf Ihrer Seite; Ihre Seele ist so klar und empfänglich wie Ihr Gemüt,
+und so sind Sie jeder Überzeugung und jeder Wahrheit immer offen. Ich
+liebe die Heiterkeit ungemein. Es ist nicht gerade die laute, die sich
+wie genießende Fröhlichkeit ankündigt, sondern die stille, die sich so
+recht und ganz über die innere Seele ergießt. Ich liebe sie in anderen
+und mir vorzüglich der größeren Klarheit wegen, die in der Heiterkeit
+immer die Gedanken haben, und die für mich die erste und unerläßliche
+Bedingung eines genügenden Daseins im Leben für sich und im Umgange mit
+anderen ist. Die Wehmut führt auch bisweilen eine und oft noch größere
+Klarheit mit sich. Man sieht und empfindet die Dinge in ihrer Nacktheit,
+wenn das Gemüt so tief in sich bewegt ist, daß der Schleier zerreißt,
+der sie sonst verhüllt. Aber es ist dies, wie ich es nennen möchte, eine
+schmerzliche Klarheit, die teuer erkauft werden muß, und sie zeigt die
+Gegenstände auch nur im Augenblicke und vorübergehend, wie man auch
+augenblicklich in die Tiefe des Himmels schaut, wenn der Blitz die
+Wolken zerreißt. Davon ist die leichte Klarheit ruhiger Heiterkeit
+himmelweit verschieden. Diese zeigt die Dinge teils, als gingen sie
+fremd vor einem vorüber, teils als besitze man Stärke genug, sich nicht
+von ihnen bewegen zu lassen. Auf beide Weisen geht die Masse der
+Ereignisse wie ein Schauspiel vorüber, und das ist eigentlich die des
+Menschen würdigste Art, sie anzusehen, ohne lange bei ihnen zu verweilen
+oder sich gar in sie zu vertiefen, immer eingedenk, daß es ein ganz
+anderes und würdigeres geistiges Gebiet gibt, in dem der Mensch wirklich
+sich heimatlich zu fühlen bestimmt ist. Wenn man das Fremde so nimmt,
+und dasjenige, was Anteil der Freundschaft und Zuneigung nur in der Tat
+zur Wirklichkeit macht, die sich auf keine Weise mehr als Schauspiel
+behandeln läßt, nicht mehr bloß die Phantasie und den Gedanken in
+Anspruch nimmt, sondern warm und lebendig das Herz ergreift, so
+behandelt man das Leben vielleicht auf die unter allen zweckmäßigste
+Art. Es ist mir für die Erhaltung und Fortdauer Ihrer Heiterkeit,
+liebste Charlotte, sehr lieb, daß Sie sich mit dem Plane Ihrer kleinen
+Reise beschäftigen. Es würde Ihnen diese Beschäftigung selbst zur
+Entschädigung dienen, im Fall sich der Ausführung des Projekts etwas
+entgegenstellte. Ich kann mir aber das nicht denken, da die Sache so
+ungemein einfach ist. Was Sie mir in Ihrem letzten Briefe über Offenbach
+sagen, hat mir viel Vergnügen gemacht. Ich wußte nicht, daß der
+Isenburger Hof das ehemalige Haus der Frau von Laroche war. Es ist sehr
+hübsch und sehr natürlich von Ihnen, daß Sie alles lebhaft bei Ihrem
+Dortsein und Wohnen in dem Hause interessierte, so daß Sie bei allen
+Details verweilten, da die Schriften der Laroche, wie Sie mir sagen,
+Ihnen in der Jugend nicht nur großes Vergnügen gewährten, sondern
+bildend auf Sie wirkten. In gut gearteten Gemütern bewahrt und erhält
+sich dann eine dankbare Anhänglichkeit. Gerade der Garten, von dem Sie
+reden, ist das einzige, dessen ich mich deutlich erinnere. Ich sah die
+Frau von Laroche zum letzten Male darin, als ich im Jahre 1801 mit
+meiner Frau und Familie aus Paris zurückkam. Es war eine Laube im
+Garten, in der wir saßen. Sie erinnern mich an das, was Goethe in seiner
+Biographie, Wahrheit und Dichtung, von der Familie Laroche sagt, wo er
+bei seiner Rückkehr von Wetzlar nach Frankfurt dort mehrere Tage
+einkehrte und freundschaftlich aufgenommen war. Sie sind, wie es
+scheint, nicht ganz zufrieden mit Goethe und der Art, wie er die würdige
+Frau und die übrigen Familienmitglieder darstellt.
+
+Leben Sie für heute herzlich wohl, und schreiben Sie mir doch den
+24. d. M. Mit der herzlichsten und immer unveränderlichen Teilnahme Ihr
+ H.
+
+
+
+_Berlin_, den 2. Mai 1827.
+
+Tausend Dank, liebe Charlotte, für Ihren mir sehr erwünscht gewesenen
+Brief vom 24. v. Mts. Ich habe es immer sehr gern, wenn ich, indem ich
+einen Brief schreibe, einen zur Beantwortung vor mir habe. Wenn auch
+unser Briefwechsel selten etwas enthält, worauf eigentlich eine Antwort
+erforderlich wäre, so ist doch ein Briefwechsel seiner Natur nach immer
+eine Erwiderung, und man schreibt weniger gern, wenn der Faden für den
+Augenblick abgerissen ist und von neuem angeknüpft werden muß. Das
+begegnet mir nun durch Ihre liebevolle Aufmerksamkeit nie, sondern
+unsere Briefe wechseln sich regelmäßig ab. Ich bin überzeugt, daß, wenn
+manche Menschen wüßten, daß wir uns so regelmäßig schreiben, ohne über
+wissenschaftliche oder Geschäftsgegenstände zu reden, noch uns Tatsachen
+mitzuteilen, sie gar nicht begreifen würden, was man sich sagen könne,
+wenn man sich scheinbar nichts zu sagen hat. Recht wenige Menschen haben
+einen Begriff und einen Sinn für die Mitteilung von Gedanken, Ideen und
+Empfindungen, wenn es ihnen auch auf keine Art an Verstand, Geist und
+Regsamkeit für alle Gefühle fehlt, für welche der Mensch empfänglich zu
+sein pflegt. Es gehört zum Gefallen an solchen Mitteilungen noch mehr,
+nämlich die Neigung, das, was man selbst denkt und fühlt, gern außerhalb
+des eigenen Seins im andern zu erblicken. Bei einem Umgange, wie es der
+zwischen uns beiden ist, ist es nicht eben der Wunsch, etwas in den
+andern zu verpflanzen, Meinungen in ihm zu begründen, zu befestigen oder
+zu zerstören, wenigstens fühle ich keinen solchen Hang und solches
+Bemühen in mir. Aber was ich deutlich fühle, ist ein großes und in der
+Liebe zu gefaßten Meinungen selbst: gegründetes Verlangen, was ich über
+Gegenstände inneren Bewußtseins meine und empfinde, mit den Erfahrungen
+und der Vorstellungsweise anderer zu vergleichen. Es kommt einem nun
+gewissermaßen in sich gesicherter vor, was man mit dem Vorteilen und
+dem Denken anderer zusammen hält, und wenn es keinen andern Grund
+gegenseitiger Mitteilung im Menschengeschlecht gäbe, so wäre schon dies
+gewiß ein hinlänglicher. Es hat auch gewissermaßen das Schreiben darin
+einen Vorzug vor dem mündlichen Gespräch. Es vereinigt die Vorzüge des
+letzteren mir denen des einsamen Nachdenkens, die doch gleichfalls
+unverkennlich sind. Man hat für alles, was die Mitteilung der Gedanken
+und Empfindungen betrifft, den andern nicht minder gegenwärtig, als wenn
+man persönlich beieinander ist, und zu der Sammlung und dem Festhalten
+der eigenen Gedanken trägt doch unfehlbar das Alleinsein, und selbst,
+daß man den Faden seiner Gedanken ruhig ausspinnen kann, ehe ein anderer
+dazwischentritt, bei.
+
+Es ist mir sehr erfreulich gewesen zu sehen, daß es Ihnen lieb war,
+meinen Brief gerade in den Feiertagen zu erhalten. Es war das meine
+Absicht. Ich weiß, daß Sie sich in den Festtagen Muße, Ruhe und Erholung
+erlauben, die Sie, gute Charlotte, so oft ersehnen -- und ihrer so
+selten teilhaftig werden, -- ich weiß auch, daß Ihnen das Pfingstfest;
+besonders lieb ist in seiner geistigen Bedeutung, und nun erkenne ich
+mit Vergnügen, daß so die Tage in Heiterkeit still an Ihnen
+vorübergegangen sind, und mein Brief und dessen Beantwortung Ihre
+zufriedene, heitere Stimmung vermehrt hat. Ich gestehe Ihnen, daß Ihre
+einfache Zufriedenheit mir stets erfreulich, oft rührend ist. Sie geht
+aus Ihrem Innern hervor, wodurch sich das Äußere gestaltet. Ich teile
+ganz Ihre Meinung, daß die Einrichtung bestimmter Ruhetage, selbst wenn
+sie garnicht mit religiöser Feier zusammenhinge, eine für jeden, der ein
+menschenfreundliches, auf alle Klassen der Gesellschaft gerichtetes
+Gemüt hat, höchst erfreuliche und wirklich erquickende Idee ist. Es gibt
+nichts so Selbstisches und Herzloses, als wenn Vornehme und Reiche mit
+Mißfallen, oder wenigstens mit einem gewissen verschmähenden Ekel auf
+Sonn- und Feiertage zurückblicken. Selbst die Wahl des siebenten Tages
+ist gewiß die weiseste, welche hätte gefunden werden können. So
+willkürlich es scheint und bis auf einen Punkt auch sein mag, die Arbeit
+um einen Tag zu verkürzen oder zu verlängern, so bin ich überzeugt, daß
+sechs Tage gerade das wahre, den Menschen in ihren physischen Kräften
+und in ihrem Beharren in einförmiger Beschäftigung angemessene Maß ist.
+Es liegt noch etwas Humanes auch darin, daß die zur Arbeit dem Menschen
+behilflichen Tiere diese Ruhe mitgenießen. Die Periode wiederkehrender
+Ruhe über die Maße zu verlängern, würde ebenso unhuman als töricht sein.
+Ich habe dies sogar einmal an einem Beispiel in der Erfahrung gesehen.
+Da ich in der Revolutionszeit einige Jahre in Paris war, so habe ich
+dort es erlebt, daß man auch diese Einrichtung, sich an die göttliche
+Einsetzung nicht kehrend, dem trocknen und hölzernen Dezimalsystem
+untergeordnet hatte. Der zehnte Tag erst war es, was wir einen Sonntag
+nennen, und alle gewöhnliche Betriebsamkeit ging neun Tage lang fort.
+Wenn dies eigentlich sichtbar viel zu viel war, so wurde von mehreren,
+so viel es die Polizeigesetze erlaubten, der Sonntag zugleich
+mitgefeiert, und so entstand wieder zu vieler Müßiggang. So schwankt man
+immer zwischen zwei Äußersten, wie man sich von dem regelmäßigen und
+geordneten Mittelwege entfernt.
+
+Wenn dies nun aber bloß nach schon vernunftgemäßen und weltlichen
+Betrachtungen hiermit der Fall ist, wie anders stellt sich noch die
+Sache nach den religiösen Beziehungen dar; dadurch wird die Idee, wie
+der Genuß der Feiertage, zu einer Quelle geistiger Heiterkeit und wahren
+Trostes. Die großen Feiertage sind überdies mit so merkwürdigen
+Geschichtsereignissen verbunden, daß sie dadurch eine besondere
+Heiligkeit erhalten. Es ist gewiß die angemessenste Feier dieser Tage,
+in der Bibel selbst, in allen vier Evangelisten, die Erzählung
+derjenigen, auf welche sich das Fest bezieht, zu lesen, wie Sie mir
+schreiben, daß Sie zu tun pflegen seit vielen Jahren. In den
+Evangelisten ist namentlich die Übereinstimmung in der Erzählung ebenso
+merkwürdig als die Art, wie die Erzählung der einzelnen voneinander
+abweicht. Die Übereinstimmung bürgt für die Treue und Wahrheit, und in
+ihr liegt das Gepräge des Geistes, in dem alle diese unmittelbaren
+Zeugen, die Christus selbst sahen und begleiteten, schrieben. Allein
+dieser Geist, ob er gleich ein Geist der Einheit war, der alle beseelte,
+hinderte doch nicht, daß sich nicht die eigentümliche Echtheit und
+Schönheit jedes einzelnen Erzählers hätte gehörig entfalten und
+darstellen können. Wirklich kann man, wenn man gewohnt ist, die vier
+Evangelisten oft zu lesen, nicht leicht verkennen, von welchem eine
+Stelle ist, wenn man nur irgendeine solche auswählt, in der sich das
+Charakteristische einigermaßen zeigen läßt. Es scheint mir auch aus
+Ihrem letzten Briefe, wie ich schon öfter bemerkt zu haben glaube, daß
+Sie dem Evangelium Johannis den Vorzug geben. Dieser Ausdruck ist zwar
+nicht passend, da in diesen Schriften mit Recht alles gleich geachtet
+werden muß. Allein es ist doch natürlich, daß der eine Erzähler das Herz
+und die Empfindung auf eine andere Art als der andere anspricht, und
+alsdann läßt sich auch nach Individualitäten ein Unterschied im Eindruck
+festsetzen. Ich teile ganz Ihre Meinung hierüber. Es ist gerade im
+Johannes, wenn man es so nennen darf, etwas vorzüglich Seelenvolles.
+
+In dem, was Sie über das Glück sagen, haben Sie mich doch einmal
+mißverstanden, wie das ja auch bei den meisten und großen
+Übereinstimmungen unter uns manchmal nicht anders sein kann. Was ich
+darüber denke, wende ich übrigens nur für mich an. Ich finde es für mich
+tröstend und ausreichend. Ich liebe es, auf mir selbst zu stehen, und
+entbehre lieber, als ich an Hoffnungen hänge, die auch fehlschlagen
+können. Jeder mag darin seine Weise haben. Mit innigster Teilnahme Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, den 23. Mai 1827.
+
+Sie haben mir, liebe Charlotte, mit Ihrem Brief vom 12., 13. und
+14. d. M. eine große Freude gemacht, für welche ich Ihnen herzlich
+danke. Ich habe mit großem Vergnügen daraus ersehen, daß Sie wohl und
+heiter sind und das schöne und wirklich ungewöhnlich schöne Frühjahr
+genießen. Sie wundern sich nicht mit Unrecht, daß ich dieses Jahr
+später, als es die Jahreszeit zu erlauben schien, hierher gegangen bin.
+Indes pflege ich gewöhnlich erst im Juni die Stadt zu verlassen. Es ist
+jetzt sehr schön hier, und eigentlich war es vor acht Tagen noch
+schöner. Es blühte da der lila oder spanische Flieder, der gerade hier
+in großer Menge und Schönheit ist; er gibt für Auge und Geruch dem
+Garten immer einen großen Reiz. Ich entbehre das indes wenig, denn ich
+kann nicht sagen, daß ich gerade auf einzelne Blumen sehr viel hielte.
+Die ganze Gartenkunst läßt mich ziemlich gleichgültig. Ich suche die
+großen Bäume, und ziehe noch mehr die eines freien Waldes den
+gepflanzten vor, und mein Vergnügen am Landleben ist mehr das freie und
+weite Herumgehen in einer angenehmen Gegend, als das Bekümmern um
+Pflanzungen und Blumenanlagen. Dies weite Herumgehen und die Freude an
+Bäumen habe ich nun hier sehr. Um mein Haus unmittelbar herum sind
+schöne, alte und doch noch in voller Kraft stehende Bäume in bedeutender
+Menge, und will ich weiter gehen, so habe ich dicht hinter meinem Park
+einen großen, dem König gehörenden Wald. Die Bäume haben darin etwas so
+Schönes und Anziehendes, auch für die Phantasie, daß, da sie ihren Ort
+nicht verändern können, sie Zeugen aller Veränderungen sind, die in
+einer Gegend vorgehen, und da einige ein überaus hohes Alter erreichen,
+so gleichen sie darin geschichtlichen Monumenten und haben doch ein
+Leben, sind doch wie wir, entstehend und vergehend, nicht starr und
+leblos wie Fluren und Flüsse, von denen sonst das im vorigen Gesagte in
+gleichem Maße gilt. Daß man sie jünger und älter und endlich nach und
+nach dem Tode zugehend Geht, zieht immer näher und näher an sie an.
+Gewiß aber ist es, um diesen Eindrücken offen zu bleiben, notwendig, von
+Kindheit an oft und anhaltend auf dem Lande gewesen zu sein. Nur auf
+diese Weise verschwistern sich Gedanken und Empfindungen mit den uns in
+der Natur umgebenden Gegenständen. Sonderbar aber ist es, daß meine
+Liebhaberei nur auf die Bäume geht, die, da sie keine eßbare Frucht
+tragen, gewissermaßen wilde heißen können. Obstbäume haben höchstens in
+der Blüte einen Reiz für mich. Es gibt zwar sehr große, und deren Wuchs
+in der Tat malerisch ist. Aber sie sagen mir nichts, ohne daß ich mir
+weiter einen Grund davon angeben könnte. Es liegt indes vermutlich
+darin, daß man die Obstbäume gewöhnlich nahe an Gebäuden findet, oder
+daß sie doch immer die Kunst und Sorgfalt des Menschen verraten, da die
+Seele und die Einbildungskraft die freie Natur fordert, an welcher der
+Mensch nichts gemodelt und nichts geändert hat. Es ist schon schlimm
+genug, daß so oft Bäume, die wirklich auf große Schönheit Anspruch
+machen können, durch Menschenhände und ewiges Behauen ganz um ihren
+freien und großartigen Wuchs gebracht werden. So ergeht es z. B. den
+Weiden. Sie werden, wenn man sie frei und ungehindert wachsen läßt, zu
+starken, hohen und malerisch schönen Bäumen. Noch in meiner Kindheit gab
+es in Berlin selbst drei solche wirklich wundervolle Bäume, die aber
+auch jetzt nicht mehr vorhanden sind. Aber ich sehe, daß ich zwei volle
+Seiten über meine Liebhaberei an Bäumen geschrieben habe. Wüßte ich
+nicht, wie gut Sie sind, liebe Charlotte, so müßte ich fürchten, Sie zu
+ermüden, so aber rechne ich darauf, daß Sie gern lesen, was ich
+schreibe, meist meinen Ideen gern folgen und sie in sich fortspinnen.
+Mir ist es ein sehr angenehmes Gefühl, mich so vor Ihnen ganz zwanglos
+gehen zu lassen, und zu Ihnen zu reden wie zu mir selbst. Aber ich habe
+Ihnen noch das eine und andere heute zu sagen, so werden Sie diesmal
+noch einen längeren Brief als gewöhnlich erhalten.
+
+Ihr letzter Brief hat mir darin besonders Freude gemacht, daß Sie meine
+Meinung teilen in dem, was ich über den Wert einer schriftlichen
+Mitteilung, wie wir sie in unserm Briefwechsel aufgenommen, sagte. Auch
+haben Sie darin vollkommen recht, daß ein solcher brieflicher Umgang,
+der nie unterbrochen wird, zu einer gegenseitigen tieferen Kenntnis des
+Charakters führt. Wenn es gewiß nur wenige sind, die an einem
+Briefwechsel, wie der unsrige ist, Gefallen finden würden, so möchten
+ihn auch vielleicht wenig Frauen führen können. Es sind dazu doch
+Individualitäten erforderlich, die nicht jedermanns Sache sind, vor
+allen auch eine Innerlichkeit des Lebens. Ich kenne Frauen, denen
+niemand Geist absprechen kann, noch absprechen wird, sie besitzen viele
+und selbst gelehrte Kenntnisse. Im Gebiete der Wissenschaften ist ihnen
+wenig fremd; sie haben alles gelesen, was in die neuere und frühere Zeit
+fällt, und selbst die Schriften und Schriftsteller der Vorzeit sind
+ihnen bekannt, und ihre Unterhaltung ermüdet, und ihre Briefe sind kaum
+zu lesen. Man fragt wohl, woran das liegt, und die Antwort ist nicht
+leicht. Gewiß aber ist die Sprache ein Haupterfordernis, und sie ist
+nicht allen verliehen und in der Tat mehr angeboren als angebildet. Sie
+haben die Sprache wohl das Kleid der Seele genannt. Es ist das eine
+ungemein richtige Bezeichnung, die mir sehr gefallen hat. Ihnen, liebe
+Charlotte, ist die Sprache vor vielen anderen geworden, und wenn auch,
+wie Sie wohl gesagt haben, Sie mit der neuen, modernen Lektüre unbekannt
+geblieben sind, zu der Ihnen keine Zeit übrig blieb, indem Sie auch
+nicht durch Ihre Neigungen dahin gezogen wurden, so hat Ihnen das
+garnicht geschadet, vielleicht ist das Eigentümliche Ihnen dadurch
+gerade mehr erhalten. Ich selbst bin auch ganz unbekannt mit diesen
+Büchern. Es ist aber unverkennbar, daß Sie bei früherer, größerer Muße
+nur unsere besten Schriften gelesen, ja mit ihnen gelebt haben, so hat
+sich Charakter und Denkweise zugleich mit Sprache und Stil gebildet.
+Leben, Wärme und Feuer ist in Ihrer Sprache, die dabei immer einfach und
+natürlich und nie gesucht oder schwülstig ist. Ich habe Ihnen schon oft
+Ähnliches gesagt, ohne mich einer Schmeichelei schuldig zu machen. Die
+Tatsache hegt in jedem Ihrer Briefe und in jedem Heft Ihrer Biographie.
+Es hat mich garnicht überrascht, daß Sie mir sagen, wie Sie schon sehr
+früh die Neigung gehabt, in _»ernsthafte«_ Korrespondenz zu treten, die
+nicht Erzählung von erlebten Begebenheiten, sondern Betrachtungen,
+Gedanken und dergleichen enthalte. Jede Gelegenheit dazu haben Sie schon
+als Kind mit einer Art Leidenschaft ergriffen, und Ihre empfangenen
+Briefchen, wohl geordnet, mit Wichtigkeit bewahrt. Früh schon, wohl mit
+zwölf Jahren, wären Ihnen manche Briefe übertragen, z. B. in der
+Familie, auch die Krankenberichte an den verwandten Hausarzt. Überhaupt
+bemerken Sie, wären Ihnen unter allen Beschäftigungen die mit Crayon und
+Feder die liebsten gewesen, ob Ihnen doch auch eine vielleicht seltene
+Kunstfertigkeit in weiblicher Arbeit angeboren sei; gewiß angeboren
+meinen Sie, da Sie nie in irgend etwas Unterricht bekommen oder auch
+bedurft haben, da der scharf unterscheidende Blick Ihres Auges
+hinreichend gewesen, Sie zu belehren. (Diese Fähigkeit, bemerken Sie,
+wäre in dem letzten Teil Ihres Lebens von der größten Wichtigkeit für
+Sie geworden.) Ob nun dies Talent oder Kunstfertigkeit Sie auch erfreut
+habe und Ihnen viel Lob gewonnen, hätten Sie sich doch noch lieber Ihrem
+kleinen Schreibtisch zugewendet und Auszüge aus allen Büchern gemacht,
+mit denen Sie nach und nach bekannt geworden.
+
+Ich rufe Ihnen, liebe Charlotte, diese Selbstschilderungen aus einem
+Heft Ihrer Biographie nicht ohne Absicht zurück. Die frühe Übung im
+Schreiben mag beigetragen haben, Ihnen eine ungewöhnliche Leichtigkeit,
+Fertigkeit, Gewandtheit, Richtigkeit und Gefälligkeit des Ausdrucks zu
+geben, nicht weniger aber sind auch die intellektuellen Kräfte
+erforderlich, die als Grundlage jenen den Wert geben.
+
+Durch alle diese, sich stets erneuernden Bemerkungen ist schon mehr als
+einmal der Gedanke in mir erregt, den ich Ihnen heute aussprechen will,
+über den Sie lachen werden, der aber mein Ernst ist. Hören Sie mich denn
+aufmerksam an, liebe Charlotte. Ich weiß, wie Sie in jener, nun schon
+lange vergangenen Zeit, nach den Ihnen leider unersetzt gebliebenen
+Vermögensverlusten, ganz niedergebeugt waren. Ich habe es nicht
+vergessen, wie Sie damals mit sich, Verhängnis und Entschlüssen kämpften
+und endlich, da Sie etwas ergreifen mußten, die Kunstarbeit wählten, mit
+der Sie Ihre Neigung in einige Harmonie zu bringen dachten. Ich habe
+nicht vergessen, wie Sie nun unermüdet allen Fleiß und Nachdenken
+anwendeten und sich so eine seltene Geschicklichkeit gewannen, so daß
+Ihre Fabrikate den ausländischen gleichgestellt, sehr gesucht und
+versendet wurden. So gelang es Ihrer Anstrengung und Ausdauer, sich eine
+unabhängige Selbständigkeit zu schaffen, die Ihnen noch die Freiheit
+gab, nach Ihrer Neigung ein halb ländliches Leben zu führen. Es macht
+Ihnen viel Ehre und erregt meine volle und wahre Achtung. Nicht allein
+das Talent weiß ich zu würdigen, mehr noch die Charakterseiten, die dazu
+erfordert werden.
+
+Gern möchte ich Sie indes in einer freieren Lage und in Beschäftigungen
+wissen, worin Sie bei zunehmenden Jahren weniger angestrengt, mehr sich
+selbst lebten: das müßte, denke ich, zu erreichen sein. Ja, teure
+Charlotte, ich möchte Sie so gern aus Ihrer sehr angestrengten
+Lebensweise herausgehoben wissen und weiß zugleich, daß, was für viele
+andere paßt, doch nicht für Sie ist.
+
+Sie haben sehr oft in Ihren Briefen des schönen Verhältnisses gedacht,
+worin Sie von Kindheit an, durch alle wechselnden Schicksale Ihres
+Lebens, bis an sein Grab, zu Ewald gestanden; Sie denken mit gerührter
+Dankbarkeit des Einflusses, den er auf Sie gehabt, und der unendlichen
+Teilnahme, die er Ihnen in Rat und Tat durch ein langes Leben trostvoll
+bewiesen. Hat er nie die Idee in Ihnen geweckt, Vorteil aus Ihrer Feder
+zu ziehen? Wie viele Frauen taten und tun das, die vielleicht weniger
+dazu berechtigt sind als Sie. Denken Sie nur an Therese Huber, deren Sie
+schon mehrmals mit Liebe erwähnt haben, die Ihnen durch
+gemeinschaftliche Freunde näher bekannt war. Es war wirklich
+Notwendigkeit, was sie bestimmte zum Schreiben. Anfangs war sie gewiß
+weniger dazu befähigt als Sie. Sie wenden mir hier vielleicht ein,
+Therese Huber arbeitete an der Seite ihres Mannes, unter seinem Schutz,
+Forthilfe und Korrektur. Wenn Sie einen solchen Entschluß fassen auf
+meinen Rat, so ist es billig, daß ich Ihnen hilfreich bin. Schreiben Sie
+Ihre Ansichten, Gedanken, Betrachtungen über freigewählte Gegenstände.
+Ihre eigenen Schicksale und mancher, die Ihnen näher standen, bieten
+Ihnen gewiß Stoff genug, mehr noch Ihr reiches, inneres Leben, das auch
+in der sehr einfachen und angestrengten Lebensweise sich nie erschöpfte.
+Die Schilderungen innerer Seelenzustände gelingen Ihnen ganz
+vorzüglich.
+
+Denken Sie meinem Vorschlage nach, prüfen Sie Ihre inneren Kräfte, seien
+Sie nicht zu bescheiden und sagen mir, mit dem Vertrauen, das Sie mir ja
+immer und unwandelbar so gütig zeigen, und worauf meine Teilnahme an
+allem, was Sie angeht, auch gerechten Anspruch hat, Ihre Meinung.
+
+Und nun leben Sie herzlich wohl, liebe Charlotte, ich erschrecke selbst
+über die Länge meines Briefes, aber Sie finden darin einen Beweis der
+innigen Teilnahme, womit ich Ihnen angehöre und unwandelbar angehören
+werde. Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, den 12. Juni 1827.
+
+Ihr lieber Brief, am 5. d. M. zur Post gegeben, hat mir, wie alle Ihre
+Briefe, wieder viel Freude gemacht, und ich danke Ihnen herzlich dafür,
+liebe Charlotte.
+
+Ich weiß nicht, ob Sie in Ihrer Gegend auch so viele Gewitter haben.
+Neulich dauerte hier eins die ganze Nacht hindurch, und ich erinnere
+mich, nie so schöne und mannigfaltige Donner gehört zu haben. Alle Arten
+des fernen und langsamen und dann beschleunigten Rollens und der
+Schläge, die mit Krachen immer die Höhe verraten, kamen hintereinander
+vor. Ich saß, wie ich gewöhnlich tue, bis nach ein Uhr an meinem
+Schreibtisch beschäftigt, ging aber noch während des Gewitters zu Bette
+und schlief ein, als es noch in voller Stärke war. Ich liebe unter allen
+Naturerscheinungen die Gewitter vorzugsweise. Ob sie gleich freilich oft
+großen Schaden anrichten und schmerzliche Verluste herbeiführen, so sind
+sie doch auch durch Kühlung und den Regen, den sie gewähren, höchst
+wohltätig. Hier in Tegel kommen sie selten recht herauf, weil der sehr
+große See das ist, was die Leute eine Wetterscheide nennen. Haben sie
+aber den Übergang über den See gemacht, so ist es ein Beweis, daß sie
+groß genug waren, um den Abgang an Elektrizität, welche die Wassermasse
+ihnen nimmt, ertragen zu können, und dann pflegen sie sich nachher noch
+lange zu halten. Sie sagen mir in Ihrem Brief, daß Sie im letzten
+strengen Winter einige Akazien verloren haben, die Sie zum Schirm vor
+der Sonne in Ihrer Gartenstube hatten pflanzen lassen, und betrauern den
+Verlust der so schön herangewachsenen Bäume. Das glaube ich Ihnen gern
+und verstehe es ganz. Es ist nicht nur verdrießlich, Bäume zu verlieren,
+sondern es kann sogar schmerzlich sein, wenn man sich an einen Baum
+gewöhnt hat. Durch den Frost habe ich keinen Baum verloren, aber der
+Sturm hat mir eine Akazie entwurzelt und einen Ahorn gespalten. Beides
+waren alte, wunderschöne Bäume. Die Akazie habe ich nirgends größer
+gesehen. Sie hatte einen sehr dicken Stamm und weit verbreitete Äste. Im
+Grunde aber bleibt die Akazie selten gesund, wenn sie ein Alter, wie
+diese gewiß hatte, von 45 bis 50 Jahren erreicht. Auch diese war schon
+einmal gespalten, ich hatte aber durch eine, angelegte starke Klammer
+ihr wieder Festigkeit gegeben. Der Sturm hat sie langsam niedergebeugt
+und die Wurzeln mit aus der Erde gerissen. Der Ahorn war noch größer und
+schöner, aber leider so gespalten, daß ich den ganzen Baum habe müssen
+abhauen lassen. Nun ist eine Lücke entstanden, die man, wenn man nicht
+die Ursache weiß, für absichtlich hält, da sie gerade vom Hause eine
+hübsche Aussicht auf den See gibt, die mir aber leid tut, so oft ich
+hinblicke. Die Bäume sind darin eigentlich unglücklich, zu allem Wind
+und Wetter, allen Verunglimpfungen der Vögel und Insekten, der
+Beschädigungen durch Menschen garnicht zu gedenken, geradezu still
+halten zu müssen und sich nicht vom Fleck rühren zu können. Tieren steht
+es doch frei, einen Schutz zu suchen, und doch kann man sich kaum
+erwehren, die Bäume auch als empfindende Wesen anzusehen. Lebende sind
+sie offenbar. Ihr Neigen sieht oft wie eine Klage aus, daß sie so
+unbeweglich dastehen müssen; der Sturm ist ohnehin die unerfreulichste,
+ja man kann wohl sagen, fürchterlichste Naturerscheinung. Schon daß er
+eine so furchtbare Gewalt unsichtbar ausübt und man gar nicht einmal
+begreift, wie er plötzlich entsteht und sich wendet, macht ihn viel
+schauerlicher als die anderen Naturerscheinungen, die mehr in die Augen
+fallen. Bei Stürmen denke ich noch allemal mit größerer Teilnahme, wie
+Sie darunter leiden, da Sie mir wohl gesagt haben, daß Ihr Gartenhaus so
+wenig Sie sichert.
+
+Sie haben es sich schon wieder müssen gefallen lassen, daß ich mich in
+meiner Liebe für die Bäume habe gehen lassen, aber Sie sind zu gut und
+unendlich gut und sagen mir sehr freundlich, daß Ihre eigenen
+Empfindungen für meine Lieblinge der freien Natur sehr gesteigert seien
+und Sie jetzt die belaubten Mitbewohner Ihres kleines Gebiets mit
+größerer Liebe betrachten als früher. Das sind so schöne und zart
+weibliche Äußerungen, daß ich sie mit Vergnügen gelesen habe und Ihnen
+recht innig dafür danke, liebe, gute Charlotte.
+
+Sie sprechen in Ihrem Brief davon, daß ich wohl in diesem Sommer nach
+Schlesien gehen würde und dies Ihnen minder lieb sei, weil es Ihnen eine
+so weite Entfernung dünke. Ich gehe aber leider, obgleich ich Schlesien
+nicht berühren werde, in diesem Sommer noch weiter. Ich begleite nämlich
+meine Frau ins Bad nach Gastein. Dies Bad liegt hinter Salzburg und ist
+also nahe an 120 Meilen von hier. Wir gehen aber erst im Juli fort, und
+ich werde Ihnen in meinem nächsten Briefe, den ich noch vor meiner
+Abreise von hier schreiben werde, sagen, wohin ich Sie bitten werde, die
+Briefe an mich zu richten. Ich werde auch bei dieser Gelegenheit einmal
+wieder München besuchen, wo ich seit sehr langen Jahren nicht war.
+Unsere Abwesenheit wird bis in den September hinein dauern, da mit der
+Hin- und Rückreise schon bedeutende Zeit verloren geht und der
+Aufenthalt in München hinzukommt. Gastein ist eine der interessantesten
+Gegenden Deutschlands. Ich habe es zwar noch nicht selbst gesehen, da im
+vorigen Jahr meine Frau ohne mich da war, aber ich kenne Salzburg, und
+dort fängt das Gebirge an, von dem das Bad Gastein gewissermaßen die
+letzte und äußerste Schlucht ist. Gastein wird vom Norden Deutschlands
+wenig besucht, von Österreich und Bayern aber, und selbst aus Italien
+sehr viel. Dennoch sind alle Anstalten zum Wohnen und Leben dort sehr
+schlecht, und man denkt auch wenigstens nur sehr langsam darauf, sie zu
+verbessern. Da ich Tegel sehr liebe, so gehe ich eigentlich immer ungern
+weg. Doch ist das überwunden, wenn man im Wagen sitzt, und in vieler
+Rücksicht freue ich mich auf diese Monate. Ich habe sehr lange keine
+Berge und überhaupt keine wahrhaft große, schöne Natur gesehen, und so
+versetzt man sich immer gern in eine solche. Das Gasteiner Wasser gehört
+übrigens zu den wirksamsten, die man kennt. Was aber die Gesundheit
+betrifft, so gehören die Badereisen zum Teil auch zu den Moden der
+Ärzte. In meiner Kindheit und ersten Jugend war es höchst selten, daß
+jemand, wenn er auch bedeutend leidend war, sich in Bewegung setzte, um
+seine Gesundheit durch ein Bad wieder herzustellen. Jetzt sind die
+Menschen beweglicher geworden und finden mehr Vergnügen an dem Hin- und
+Herwandern, wissen sich auch, obgleich alles jetzt kostbarer ist, die
+Mittel dazu zu schaffen, und so entsteht in jedem Sommer eine
+eigentliche Auswanderung nach den Bädern. Doch glaube ich, daß es auch
+hier mehr Mode ist als anderswo, und z. B. bei Ihnen und in Ihrer
+Gegend.
+
+ * * * * *
+
+Sie schreiben, liebe Charlotte, in Ihrem letzten Brief viel von
+Gewittern, indem Sie auf etwas antworten, was ich in einem meiner Briefe
+darüber gesagt hatte. Ich bekam Ihre lieben Blätter gerade bei einem
+heftigen Gewitter. Daß es Ihnen ist, als könnten Sie den Wunsch hegen,
+gerade durch einen Blitz zu sterben, bin ich weit entfernt zu tadeln,
+ich finde es, wenn man den Tod leicht gegenwärtig hat, sehr natürlich
+und würde den Wunsch ohne Anstand selbst teilen. Es ist ein so reiner,
+garnicht verstümmelnder, kaum verletzender Tod, und wenn man auch immer,
+welche Todesart einem auch bestimmt sein mag, durch eine höhere Fügung
+stirbt, so ist es doch in der Einbildungskraft nicht auszutilgen, was
+Sie auch von Ihren Kinderjahren sagen, daß dieser Tod als einer
+angesehen wird, der gleichsam unmittelbar vom Himmel kommt. Unter den
+Elementen gibt es kein reineres und schöneres Feuer, als das bloß durch
+die elektrische Naturkraft entstehende. Man wird auch bei dieser
+Todesart in einem so majestätischen Schauspiel hinweggenommen, daß
+darüber das Gewaltsame verschwindet. Kein durch äußere Umstände
+herbeigeführter Tod ist dem natürlichen so nahe kommend als dieser.
+Unstreitig aber sehen die vom Gewitter Erschlagenen weder den Blitz,
+noch hören sie den Donner. Es kann nur eine Sekunde sein, wo Leben und
+Bewußtsein dahin sind. Es ist indes sonderbar, daß Personen, die sich
+vor dem Gewitter fürchten, gerade bei dem Donner am meisten in Schrecken
+zu geraten pflegen: wenn man den Donner hört, ist alle Gefahr vorüber.
+Wieviel man ihnen das sagen mag, es hilft nichts. Es liegt das gewiß
+darin, daß der Donner durch sein furchtbares Krachen und langsam
+steigendes Rollen die Nerven erschüttert und damit alle ruhige und
+verständige Überlegung raubt, oder wenigstens schwächt. Es mag überhaupt
+die Gewitterfurcht nicht immer sowohl Furcht und ängstliche Besorgnis
+vor der drohenden Gefahr, sondern öfter eine Wirkung des Blitzes und des
+Donners auf reizbare Nerven sein. Es ist aber überhaupt eine nicht so
+leicht zu beantwortende Frage: ob vorzuziehen ist, schnell hinweggerufen
+zu werden, oder langsam zu sterben und das Bewußtsein seines Todes zu
+haben. Ich setze freilich dabei immer voraus, daß auch der langsame Tod
+ein schmerzloser sei. Selbst theologisch hat man die Frage aufgeworfen.
+Der Grund, den man sich dabei gedacht hat, ist wohl kein anderer
+gewesen, als daß man Zeit haben soll, sich auf den Tod vorzubereiten,
+damit man nicht unbußfertig sterbe. Davon, gestehe ich, würde ich wenig
+halten, und bin ohne Ihre Erklärung darüber gewiß, daß wir gleicher
+Meinung sind. Die Vorbereitung zum Tode muß das ganze Leben sein, so wie
+das Leben selbst, und wirklich von seinem ersten Schritte an, eine
+Annäherung zum Tode ist. Allein wenn ich auch in diesen Grund nicht
+eingehen kann, so läßt sich sonst, wenigstens im individuellen Gefühl,
+manches zugunsten eines voraussehenden, mit Bewußtsein verknüpften Todes
+sagen. Es hat immer etwas sehr Gewaltsames, so plötzlich hinweggerufen
+zu werden, auch wenn es ein bloßer Schlagfluß ist, und in der Tat noch
+so sanft. Dann aber liegt noch etwas Menschliches darin, sich dem Gefühl
+des Todes nicht entziehen zu wollen, ihn kennen zu lernen, bis auf den
+letzten Hauch das scheidende Leben in sich zu beobachten.
+
+Leben Sie recht wohl, liebste Charlotte, und suchen Sie sich gegen den
+Ihnen so nachteiligen Einfluß der Hitze zu verwahren. Ihre Meinung,
+immer durch Aderlässe sich zu erleichtern, beunruhigt mich. Sie können
+dadurch nur geschwächt werden, und noch mehr bei Ihrem Mangel an Eßluft.
+Der Ihrige. H.
+
+
+
+_Bad Gastein_, den 5. August 1827.
+
+Der Ort hier liegt schon den höchsten Bergen Deutschlands sehr nahe. Man
+befindet sich selbst hier im Bade 2000 Fuß über der Meeresfläche. Das
+Tal ist überaus lieblich und schön. Von Salzburg hierher geht eine sehr
+große, sehr bequem angelegte Straße. Doch ist das Tal sehr enge. Im
+Grunde dankt man dies Tal nur dem Lauf des Flusses, welcher darin sein
+Bett hat. Von Salzburg aus ist es den größten Teil des Weges über die
+Salza, einige Meilen von hier aber die Ache, die in die Salza fließt.
+Sehr selten aber kann der Weg neben dem Fluß in der Talebene hinlaufen.
+Meistenteils hängt er hoch an dem Felsen und geht nur da hinunter, wo er
+sich mittels einer Brücke auf die andere Seite des Flusses schlägt. An
+den Felsen hinlaufend, ist er mit hohen Mauern, mitunter nur auch mit
+hölzernen Pfeilern gestützt. Dieser Weg dauert aber nur bis in das Bad.
+Hier streckt sich eine Bergkette quer vor. Von hier weiter kann man nur
+mit ganz kleinen Landwagen noch etwa eine Stunde weit fahren, nachher
+nur mit Lasttieren oder reitend übers Gebirge kommen. Dies macht eben
+den schönen Anblick des Ortes, da man, wenn man mit dem Gesicht gegen
+das Ende des Tales steht, mehrere Stufen von Bergen übereinander sieht,
+deren unterste mit dunkeln Tannen bewachsen und die obersten mit Schnee
+bedeckt sind. Unmittelbar an diesem Berge liegt das Haus, wo wir mit
+anderen Badegästen wohnen, und das ein vom letzten Erzbischof von
+Salzburg gebautes Schloß, aber weder prächtig noch groß ist. Über diese
+das Tal beschließende Bergreihe fällt nun die Ache, und bildet einen in
+seiner ganzen Länge sehr hohen, aber eigentlich aus mehreren einzelnen
+Fällen bestehenden Wasserfall. Die ganze Höhe beträgt 630 Fuß. Von
+beiden Seiten ist er von steilen Felsen eingeschlossen, über die aber an
+einigen Stellen der Schaum in der Ferne sichtbar hervorspritzt. Die Lage
+des Schlosses ist darin wunderbar und für mich sehr angenehm, daß die
+Hinterseite so nahe an dem Felsen und dem Gebirge liegt, daß man keine
+volle zwei Schritte Raum hat. Die Vorderseite, die nach dem Orte zu
+liegt, hat hingegen eine hohe Treppe, die vom Platz in das untere
+Stockwerk führt. Hinten herum gehen Treppen und kleine mit Geländern
+versehene Pfade den Berg hinauf, neben dem Wasserfall hin; dieser ist
+kaum zwanzig Schritte vom Hause entfernt, und macht ein großes,
+donnerartiges Getöse, das die Badegäste vom Augenblick ihrer Ankunft bis
+zur Abreise nicht einen Moment verläßt. Vielen, besonders
+nervenschwachen Personen ist dieser Lärm sehr zuwider, sie machen weite
+Spaziergänge, um sich auf Augenblicke davon zu befreien, können nicht
+schlafen und haben ein großes Wesen damit. Mir tut er nichts, vielmehr
+habe ich ihn gern. Ich bewohne das Zimmer, dem er am nächsten ist, und
+arbeite und schlafe vortrefflich. Das einzige Unbequeme ist, daß, wenn
+man Besuch hat, man, um sich vor dem Rauschen zu verstehen, viel lauter,
+als sonst angenehm ist, reden muß. Die kleinen Felsenwege hinter dem
+Schloß führen auf eine über den Wasserfall weg an seinen höchsten Punkt
+gehende Brücke. Man hat dieser sehr unrichtig den Namen der
+Schreckensbrücke gegeben. Sie ist angenehm und gewährt einen lieblichen
+und ewig den Blick anziehenden Anblick, hat aber im geringsten nichts
+Schreckliches. Geht man über diese Brücke, so steigt man noch eine
+Zeitlang zur Seite der eben ihrem Fall zustürzenden Ache und gelangt
+dann in ein viel freieres Tal als das hiesige, das von noch höheren
+Bergen umgeben ist. Es ist meiner Empfindung nach bei weitem nicht so
+malerisch als das hiesige, aber man kann eine große Strecke lang ohne zu
+steigen fortgehen, weshalb ich es gern zu Spaziergängen wähle, auf denen
+ich mich mehr mit mir als mit der Gegend beschäftigen will. In dem Teile
+des eigentlichen Bades, das der Vorderseite des Schlosses
+gegenüberliegt, sind sehr schöne Pfade und Gänge aller Art, aber kein
+Platz, wo man nur 200 Schritte ohne hinauf oder hinab zu steigen gehen
+könnte. Für Personen, die an den Füßen leiden, ist das schlimm, da es
+ihnen leicht an Bewegung mangelt. Indes wird auch die Bewegung hier
+garnicht als notwendig zur Kur angesehen. Man legt sich vielmehr gleich
+nach dem Bade auf eine oder zwei Stunden ins Bett, und es wird für
+zuträglich gehalten, wenn man schläft. Die ersten Tage, ehe man die
+Wallung und Aufregung des Bades gewohnt wird, will das nicht gelingen,
+jetzt aber schlafe ich immer. Ich bade nämlich schon um vier Uhr
+morgens. Man bleibt gewöhnlich eine Stunde im Bade. Die Quelle ist sehr
+heiß, wohl 40 Grad Hitze; man läßt es früh ein, damit es abkühlen kann;
+27 bis 28 Grad ist die gewöhnliche Badewärme. Getrunken wird das Wasser
+auch, doch ist das Baden die Hauptsache. Einigen bekommt auch das
+Trinken nicht. Ohne den Wasserfall wäre das Tal seiner größten Schönheit
+beraubt. Ich kann stundenlang dabeistehen und dies Treiben, Kochen und
+Sprudeln mit ansehen, in dem sich das Wasser bis zu bloßem Schaum
+verarbeitet. An den weniger jähen Stellen rollt es dann in länglichen,
+grünen Wölbungen fort, deren Säume nur mit Schaum eingefaßt sind, und
+überall ist eine Eile, eine Emsigkeit, als gelte es das Leben, das
+ruhige und stille Tal zu erreichen. Ich habe in der Schweiz und Italien
+viel größere und eigentlich auch schönere Wasserfälle gesehen, der
+hiesige gehört doch nur zu den kleineren. Aber seine Länge und die
+Verschiedenheit, bald senkrecht steiler, bald bloß einer mehr und minder
+schiefen Fläche ähnlicher Abhänge, gibt ihm wieder eine
+Mannigfaltigkeit, welche jene nicht haben. Ich bin in meiner Erzählung
+sehr ausführlich gewesen, weil ich weiß, daß es Ihnen an sich
+interessant sein wird, noch mehr aber, weil ich gewiß bin, daß Sie mich
+gern mit Ihren Gedanken begleiten und darum gern ein anschauliches Bild
+von einem Ort empfangen, der, soviel ich weiß, noch wenig beschrieben
+ist. Sie sehen zugleich, die Sie meine Neigung, mich an einer schönen
+Gegend zu erfreuen, kennen, daß mir die Zeit recht angenehm hingeht.
+
+Auf der Herreise besuchte ich auch München und blieb vier Tage dort. Es
+ist von Kunstschätzen sehr viel und unendlich Schönes da zu sehen. Der
+König hat sehr viel antike Statuen und Gemälde zusammengekauft und läßt
+Gebäude mit königlicher Pracht aufführen, um sie darin aufzustellen. Dem
+Klima nach ist allerdings, wie Sie sagen, München keine angenehme Stadt.
+Im Sommer kann man das zwar nicht eben merken, allein es liegt auf einer
+sehr hohen Fläche und hat daher nicht bloß einen sehr strengen Winter,
+sondern auch sehr scharfe und unangenehme Winde. Vorzüglich klagt man
+über die Frühjahre und Herbste. Die unmittelbare Gegend rund herum ist
+auch nicht schön, sondern eher häßlich zu nennen. Bloß der englische
+Garten gewährt einen angenehmen Spaziergang und ist eine wirklich schöne
+Anlage.
+
+Leben Sie recht wohl. Mit herzlicher Freundschaft
+und Teilnahme Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, den 21. September 1827.
+
+Ihre beiden Briefe vom 4. und 15. d. M. sind mir, liebe Charlotte,
+richtig zugekommen und ich danke Ihnen recht herzlich dafür. Sie haben
+mir beide besondere Freude gemacht, da sich die Gesinnungen, die Sie mir
+schenken, darin gerade auf die angenehmste und mir gefälligste Art
+aussprechen. Es war mir auch eine erfreuliche Überraschung, daß mir der
+erste dieser Briefe unerwartet kam, also eine liebe Zugabe außer der
+Regel, weshalb Sie gewiß nicht um Verzeihung bitten dürfen. Ich erbitte
+mir nur Ihre Briefe auf einen bestimmten Tag, weil Sie das gern haben.
+Wenn ich neulich äußerte, daß es mir lieber sei, auf den Tag, nicht
+früher und nicht später, den Brief zu erhalten, so sagt das nicht, daß
+mir nicht immer einer mehr, welchen Tag er eintreffen möge, angenehm
+sei.
+
+Was mir am erfreulichsten in Ihrem Briefe ist, ist vor allem das, was
+Sie mir über Ihre immer zunehmende Heiterkeit und Zufriedenheit sagen.
+Es ist das ein sicheres Zeichen, daß Ihre Seele jetzt in einer Stimmung
+ist, die aus einer Ihnen ziemlich zusagenden äußeren Lage und
+Schicksalen hervorgeht. Erhalten Sie sich so viel als möglich darin,
+liebe Charlotte. Der Mensch kann immer sehr viel für sein inneres Glück
+tun, und was er äußeren Ursachen sonst abbetteln müßte, sich selbst
+geben. Es kommt nur auf die Kraft des Entschlusses und auf einige
+Gewöhnung zur Selbstüberwindung an. Diese aber ist die Grundlage aller
+Tugend sowie aller inneren, größeren Gesinnung. Sie sagen in Ihrem
+Briefe vom 15. September: »Ich weiß, daß alles, was mich eigentlich
+jetzt beglückt, so bleibt, wie es ist.« Gewiß, liebe Charlotte, dürfen
+Sie nicht fürchten, daß ich je anders gegen Sie werden würde, als ich
+jetzt bin. Sie befolgten es einmal, und obgleich auch damals Ihre
+Besorgnis unbegründet war, konnte sie dennoch damals eher entstehen. Es
+sind seitdem über zwei Jahre verflossen, und Sie haben gesehen, wie
+unnötig Ihre Besorgnisse waren, und nicht die leiseste Umänderung
+eingetreten ist, und das Verhältnis unter uns dadurch zu dem geworden
+ist, was Ihnen das liebste ist, und die Gestalt angenommen hat, die
+Ihnen am meisten zusagt. In mir ist eine Änderung wahrhaft unmöglich.
+Ich nehme den herzlichsten Teil an Ihnen und Ihrem Schicksal, wünsche
+Ihr Glück, trage gern zu Ihrer Freude bei, gebe gern Ihren Wünschen
+nach, wo es sich so tun läßt und so geschehen kann, daß ich nicht aus
+meinem inneren Kreise herausgehe. Für mich erwarte ich nichts, Sie
+können Ihrem Charakter und Ihren Gesinnungen nach mich nie täuschen,
+aber ich kann auch von niemandem getäuscht werden, da ich von keinem auf
+etwas Anspruch mache, mich keinem mit Erwartungen nähere, sondern mein
+inneres Bedürfnis so mit meinem eigenen inneren Vermögen in
+Gleichgewicht gesetzt habe, daß sich das erstere nie nach außen zu
+wenden braucht. Ich kann mit Wahrheit sagen, daß ich nie auf Dank
+rechne, sondern das, was ich für andere tue, wenn es mir nicht
+gewissermaßen gleichgültig erscheint, aus Ideen und Grundsätzen fließt,
+die für mich einen von der Wirkung auf den andern ganz unabhängigen Wert
+haben. Ich werde auch nie durch etwas gereizt. Was mein Wesen ausmacht,
+ist abgeschlossen in sich und unabhängig von allen solchen das Leben so
+vieler kleinlich bewegenden Zufälligkeiten. Ich tadle diese darum nicht;
+sie haben ihre Weise und ich die meinige. Aber die meinige ist die
+sicherere und beglückendere. Dabei ist mir jede Anerkennung, jede mir
+erwiesene Teilnahme, jede mir geäußerte Gesinnung erfreulich, und ich
+bin gern dankbar. Ich schätze sie besonders als ein Zeichen dessen, was
+in der Seele derer ist, die sie hegen. Wird nun eine solche anhängliche,
+treue, verehrende Gesinnung seit langer und sehr langer Zeit, wie in
+Ihnen, liebe Charlotte, fortgetragen, so steigt natürlich der Wert
+derselben. Es freut mich daher immer, zu sehen, wie Sie erkennen, daß
+der nie sich verleugnende Ernst und die in sich geschlossene Festigkeit
+meiner Ideen, meine Unabhängigkeit von äußeren Dingen, meine Gewohnheit,
+mein Glück mir nur selbst aus meinem Innern zu schöpfen, über Ihnen
+schweben, wie Sie gern daran herauf blicken und Ihre Ideen dadurch
+berichtigt sehen, wo sie einer Berichtigung bedürfen. So wird es auch
+gewiß ferner und immer bleiben. Mein inniger Anteil, meine
+Bereitwilligkeit, meine Freude, Ihnen nützlich und erfreulich zu sein,
+werden Ihnen stets unwandelbar bleiben. Ich bitte Sie, mir den
+2. Oktober und nicht später zu schreiben. Der Herbst ist wunderschön; ob
+er gleich immer unsere sicherste und beste Jahreszeit ist, scheint es
+mir doch, daß er in diesem Jahr sich selbst übertrifft. Leben Sie recht
+wohl. Mit der herzlichsten Teilnahme Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, den 8. Oktober 1827.
+
+Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 2. Oktober vor einigen Tagen
+erhalten, und er hat mich aufs neue erfreut, und ich danke Ihnen
+herzlich dafür.
+
+Was sagen Sie zu diesem prachtvollen Wetter? Man kann unmöglich es so
+ungerührt an sich vorübergehen lassen. Indes liebe ich an unserem
+nördlichen Klima das, daß die Jahreszeiten sich voneinander
+unterscheiden, und nicht in Gleichförmigkeit ineinanderfließen. In
+südlichen Ländern ist das nicht so, der Frühling trennt sich nicht
+bestimmt wie bei uns vom Winter, er ist mehr nur der noch mildere Teil
+desselben. Gerade aber der Übergang aus der Erstarrtheit und der
+Dumpfheit des Winters in die heitere Lauigkeit des Frühlings macht einen
+tiefen und anregenden Eindruck auf das Gemüt. Verbunden mit dem Herbst,
+durch den hindurch die Natur in die Gebundenheit des Winters übergeht,
+schließt sich der Wechsel und die Folge dieser drei Jahreszeiten an die
+großen Ideen an, die dem Menschen immer die nächsten sind, das Erstarren
+im Tode und das Auferstehen zu neuem Leben. Was man um sich sieht und
+empfindet, und was einer in der inneren Tiefe seines Gemüts denkt,
+stellt unter ganz verschiedenen Formen immer diesen Wechsel und diese
+Übergänge vor. Am lebendigsten aber tut es die Natur im Wechsel der
+Jahreszeiten, in allem Begraben des Samens in die ihn mütterlich
+verdeckende Erde, und dem Wiederhervorkeimen aus derselben und vielen
+anderen Erscheinungen, die man symbolisch und allegorisch also deuten
+und darauf beziehen kann. Es ist der große Gedanke der Natur selbst, die
+nur dadurch besteht, daß sie sich ewig wieder erneuert. Wäre man immer
+recht durchdrungen von dieser Idee, so würde man sehr oft seinen
+Handlungen, Empfindungen und Gedanken eine andere Richtung geben, als
+man jetzt oft tut. Man würde nämlich fühlen, daß alles darauf
+hinausgeht, eine gewisse Reife zu erlangen, mit welcher allein jener
+Übertritt aus dem gebundenen und unvollkommenen Zustande in den freieren
+und vollkommeneren gedacht werden kann. Denn man kann sich doch das
+Sterben und wieder zu neuem Dasein Erstehen nicht als bloß zufällig
+geschehend, oder auf irdische Ereignisse berechnet, vorstellen. Das
+Verlassen dieses Lebens steht gewiß, es geschehe früh oder spät, in
+unmittelbarer Beziehung auf das innere Wesen des Dahingehenden und ist
+immer ein Zeichen, daß nach der Erkenntnis, der nichts verborgen ist,
+eine fernere Entwickelung auf dieser Erde dem Scheidenden nicht mehr
+vorteilhaft war. Ebenso kann auch der Tod nicht auf alle gleiche
+Wirkungen haben den, welcher im Leben mehr und höher zu geistiger Stärke
+gereift war, nicht so als den führen und stellen, der darin
+zurückgeblieben. Der Tod und das neue Leben ergreifen nur immer das für
+sie Gereifte. So muß also auch der Mensch diese Reife in sich befördern,
+und die Reife für den Tod und das neue Leben ist nur eine und eben
+dieselbe. Denn sie ist eine Trennung vom Irdischen, eine
+Gleichgültigkeit gegen irdischen Genuß und irdische Tätigkeit, ein Leben
+in Ideen, die von aller Welt entfernt sind, ein Sichlosreißen von dem
+Sehnen nach Glück, es ist mit einem Wort die Stimmung, daß man
+unbekümmert um die Art, wie man hier vom Schicksal behandelt wird, nur
+auf das Ziel sieht, dem man zustrebt, daß man also Stärke und
+Selbstverleugnung übt und wachsame Herrschaft über sich selbst. Daraus
+entsteht die heitere, furchtlose Ruhe, die, nichts Äußeres bedürfend,
+sich wie ein zweiter Himmel, ein geistiger, neben dem körperlichen in
+unbewölkter Bläue über den so in sich gestimmten Menschen ausbreitet.
+
+
+
+_Tegel_, den 26. Oktober 1827.
+
+Entschuldigen Sie sich nie, liebe Charlotte, wenn Sie einmal einen
+Posttag später schreiben, als ich Ihnen meinen Wunsch nach einem Briefe
+ausgedrückt hatte. Sie sind immer so pünktlich und aufmerksam, daß ich
+gewiß bin, daß dann ein Hindernis eintrat, das Sie nicht beseitigen
+konnten. Auch bestimme ich ja nur die Tage, weil Sie es wünschen.
+
+Sie haben sehr recht, in Ihrem letzten Briefe zu sagen, daß der
+18. Oktober, den man gleich nach dem Ereignis, welches damals so
+ungeheuer schien, ewig feiern wollte, jetzt schon beinahe vergessen ist.
+Wahrhaft als ein Erinnerungstag gefeiert wird er noch in Hamburg, aber
+ich glaube, auch nur da. Es liegt indessen in der Natur der Dinge, daß
+ein Ereignis das andere treibt, und daß es kaum möglich ist, eins auf
+sehr lange festzuhalten. Man empfindet die wohltätigen Folgen noch
+dankbar im Innern der Brust, man gedenkt der wundervollen Fügung des
+Schicksals, wodurch die menschlichen Pläne an einem so denkwürdigen Tage
+ein solches Gedeihen gewannen, aber der frohe, über alles hinweghebende,
+sich im allgemeinen Jubel ergießende Sinn erstirbt; was kurz nach der
+Gegenwart als eine ganz außerordentliche Begebenheit, ein wahres Wunder
+erschien, tritt nun in den gewöhnlichen Lauf der Begebenheiten zurück.
+Wenn das auch nicht recht sein mag, so ist es doch natürlich, und ist,
+so lange die Welt steht, so gewesen. Ich kann es selbst nicht so sehr
+tadeln. Alles, was man Staats- und Weltbegebenheiten nennt, hat in allen
+äußeren Dingen die größte Wichtigkeit, stiftet und vernichtet im
+Augenblick das Glück, oft das Dasein von Tausenden, aber wenn nun die
+Welle des Augenblicks vorübergerauscht ist, der Sturm sich gelegt hat,
+so verliert sich, ja so verschwindet oft spurlos ihr Einfluß. Viele
+andere ganz geräuschlos die Gedanken und Empfindung stimmende Dinge
+sind da oft weit mehr von tiefem und dauerndem Einfluß. Der Mensch kann
+sich überhaupt sehr frei halten von allem, was nicht unmittelbar in sein
+Privatleben eingreift, und dies ist eine sehr weise Einrichtung der
+Vorsehung, weil so das individuelle Glück unendlich mehr gesichert ist.
+Gerade auch je mehr der Mensch sich in seine Individualität einschließt,
+desto mehr geht aus ihr hervor, was segensvoll auf das Gemüt und das
+innere Glück vieler wirkt. Diese Betrachtungen verrücken zwar sehr die
+gewöhnlich über das, was wichtig und unwichtig ist, herrschenden Ideen;
+das für das Wichtigste Gehaltene wird fast zur Gleichgültigkeit
+herabgesetzt und dem Unscheinbaren große Bedeutung beigemessen. Sie sind
+aber darum doch nicht minder wahr, und werden auch gewiß so von allen
+empfunden, welchen das äußere Weltleben nicht allen inneren Sinn
+abgestumpft hat. Auch die verschiedenen Epochen des Lebens verändern
+hierin die Ansicht sehr. Dem Jugend- und früheren Mannesalter sagt alles
+mehr zu, was auf einen größeren Schauplatz versetzt; im Alter fällt der
+falsche Glanz von den Dingen, aber sie erscheinen darum nicht ohne
+Bedeutung, hohl und leer. Man lernt nur das Reinmenschliche in ihnen
+suchen und schätzen und dies bewährt sich ohne Wandel, so lange man
+Kraft behält, sich mit ihm in Berührung zu setzen.
+
+
+
+Im Dezember 1827.
+
+Wir stehen wieder am Schlusse eines Jahres. Der Monat, in dem das Jahr
+zu Ende geht, wir haben schon oft in unseren Briefen dabei verweilt, hat
+immer etwas zugleich Feierliches und Anregendes für mich. Man sagt sich
+wohl tausendmal, daß die Jahreseinteilungen etwas ganz Unbedeutendes und
+Unwesentliches sind, und in der Tat ginge die Zeit eben so leer und
+ebenso bewegt, wie sie jeder ergreift und wie sie jeder aufnimmt, hin,
+wenn man ganz vergäße, welche Woche, welcher Monat und welches Jahr es
+wäre. Allein diese trocken vernünftige Philosophie verliert sich doch im
+Leben, und wer nur irgend Empfindung in sich trägt, geht immer ganz
+anders vom 31. Dezember zum 1. Januar, als von zwei anderen aufeinander
+folgenden Tagen über. Es ist, als wenn der Mensch versucht, durch die
+Zeiteinteilungen der Flüchtigkeit der Zeit Einhalt zu tun, wenigstens
+ihren ununterbrochenen und ungeschiedenen Lauf zu unterbrechen. Sie
+selbst zwar geht immer fort, aber der Mensch fleht wie auf einer
+schmalen Grenze zwischen der Vergangenheit und Zukunft still, er sammelt
+sich, nimmt in seinen Gedanken den zuletzt verflossenen Zeitabschnitt
+zusammen und umspannt den nächstfolgenden mit neuen Vorsätzen,
+Entwürfen, Hoffnungen und Besorgnissen. Ich möchte die Veranlassungen,
+dies zu tun, nie aufgeben. So wenig man ihrer eigentlich bedarf, so
+willkommen ist es, gewahr zu werden, daß sie einen mahnen. Denn eine
+Mahnung liegt ganz eigentlich in der Zeit, sie straft mit der
+Unwiederbringlichkeit der Schritte, die sie einmal getan; sie drängt
+zugleich auf die Gegenwart mit der Ungewißheit der Zukunft, und zwischen
+dieser Unwiederbringlichkeit und Ungewißheit steht der Mensch beständig,
+immer mit dem Gefühl, das Versäumte nie zurückführen zu können und nicht
+vorauszusehen, ob es die Zukunft nachzuholen gestatten wird. Dann halte
+ich auch sehr viel auf das Charakteristische gewisser, ja jeder Epoche
+des Lebens. Jedes Jahrzehnt bringt seine Sitten, Gewohnheiten,
+Schicklichkeiten mit, jedes seine Genüsse und seine Entbehrungen, und
+die Weisheit ist nur, das nicht zu verwechseln, nicht in ein Alter
+überzutragen, was einem andern angehört.
+
+Ich habe, wie Sie, liebe Charlotte, wissen, eine eigene Liebe für die
+sternhellen Winternächte, und es freut mich nicht allein, daß Sie auch
+diese Neigung, wie so viele andere mit mir teilen, sondern auch, daß Sie
+mir oft gesagt haben, daß ich Sie noch mehr dahin geführt, und Ihnen
+meine Anleitungen nützlich waren. Ja, es macht mir oft Freude zu denken,
+daß sich unsere Blicke wohl oft in einem Planeten oder anderen Gestirn
+begegnen in den tiefdunkeln, hellen, schönen Winternächten, die wir
+jetzt haben, da Sie, wie Sie mir wohl gesagt haben, aus Ihrer Wohnung
+einen freien weiten Horizont nach allen Seiten haben. Die Freude daran
+ruht wirklich bei mir mit aus Gewohnheit. In meiner Jugend, als ich
+zwanzig Jahre und darüber war, ging ich ganze Nächte hier, und wo ich
+war, auf den Straßen herum. Wenn ich dann so die Gestirne hinziehen und
+ihre Stellungen verändern sehe, fällt mir immer ein, daß es nur die
+Abteilungen der Zeit sind, von denen ich eben sprach, die uns an jene
+fernen Welten heften, durch die wir ihre gegenseitigen Stellungen zu
+Bestimmungspunkten in uns und für uns zu einer Epoche in ihrem Gange
+machen.
+
+Das Versenken in diese Ferne, das Sichverlieren in dieser Menge der
+Weltkörper, die sich dem Auge selbst wie ein einziges Lichtmeer
+darstellen, macht mich ganz eigentlich glücklich und fesselt mich, daß
+ich mich stundenlang nicht davon losreißen kann. Ist der Jupiter eben
+sichtbar, suche ich ihn immer zuerst auf und erfreue mich an seinem
+hellen, milden, weißen Lichte; dann verfolge ich die so unendlich fernen
+Fixsterne und habe es gern, wenn das Auge zuletzt sich in dem für unser
+Auge ungeschiedenen Glanzschimmer der Milchstraße verliert. Selbst das
+bloße Schauen in die tiefe Nacht, wo gerade sternlose Räume sind, ist
+schön, zumal gerade jetzt, wo die mondlosen Nächte so ganz und
+unaussprechlich dunkel und finster sind, überhaupt ist es
+bewunderungswürdig, welchen Genuß der anhaltend verweilende Anblick
+ganz einfacher Gegenstände in der Natur macht. Gewiß haben auch Sie
+bisweilen am Wasser gesessen, bloß um die Blicke und die Gedanken darin
+recht zu versenken. Für mich ist es einer der belohnendsten Genüsse, und
+der kleinste Bach, der stillste Teich, der sonst unbedeutendste See
+reicht dazu hin. Es ist das reine, klare, unbewegte Element, das diese
+Kraft ausübt. Es ist mir immer sehr begreiflich gewesen, wie man sich
+einbilden konnte, daß Wassernixen den am Ufer Sitzenden herabzögen. Es
+zieht wirklich hinab, und es ist einem bisweilen dabei, als könnte man
+nur so niedersteigen, um da ewig zu ruhen, als müßte man es. Es ist in
+diesem Gefühl gar kein Unwille mit der Erde, kein Überdruß an dem, was
+sie bietet, es ist die reine Luft am feuchten Element. Es ist überhaupt
+ein Vorurteil, wenn man meint, daß das Vergnügen an der Natur gerade
+eine schöne Gegend erfordere. So unleugbar es ist, daß diese den Reiz
+unendlich erhöht, so ist der Genuß überhaupt nicht daran gebunden. Es
+sind die Naturgegenstände selbst, die, ohne auch für sich auf Schönheit
+Anspruch zu machen, das Gefühl anziehen und die Einbildungskraft
+beschäftigen. Die Natur gefällt, reißt an sich, begeistert, bloß weil
+sie Natur ist. Man erkennt in ihr eine unendliche Macht, größer und
+wirksamer als alle menschliche, und doch nicht furchtbar. Denn es ist,
+als strahlte einem jeder Naturgegenstand immer etwas Mildes und
+Wohltätiges entgegen. Denn der allgemeine Charakter der Natur ist Güte
+in der Größe. Wenn man auch wohl von schauderhaften Felsen, schrecklich
+schönen Gegenden spricht, so ist die Natur niemals furchtbar. Man wird
+bald mit der wildesten Felsenschlucht vertraut und heimisch in ihr, und
+empfindet, daß sie dem, der einsiedlerisch zu ihr flüchtet, gern Ruhe
+und Frieden beut.
+
+Die gedrückte und schwermütige Stimmung, deren Sie erwähnen, tut mir
+sehr leid, und es rührt mich, wie unverkennbar sie durchscheint, daß Sie
+dabei so wenig und kurz verweilen, um sie mir zu entziehen. Ich weiß und
+fühle sehr wohl, daß in einem nicht sorgenfreien, eher sorgenvollen
+Leben unangenehme, verdrießliche Vorfälle widrige Störungen
+hervorbringen und der nach Ruhe schmachtenden und der Ruhe so innig
+bedürfenden Seele schmerzlich entgegentreten -- aber es sind diese
+Stimmungen dennoch den Wolken zu vergleichen, die auch bald licht und
+hell, bald dicht und finster getürmt einherziehen. Es läßt sich auch da
+nicht immer sehen, woher sie kamen, wohin sie ziehen, aber die Sonne
+verscheucht sie. Die Sonne für das Gemüt ist der Wille. Allein, wenn
+dies sehr leidet, reicht er nicht aus. Wir bedürfen dann Glauben. Glaube
+kann uns allein über das kleinliche tägliche Leben und irdische Treiben
+erheben, der Seele eine Richtung aufs Höhere geben und auf Gegenstände
+und Ideen, die allein Wert und Wichtigkeit haben. Es gibt etwas, das
+Ihnen nicht fehlt, ja, das Ihnen, liebste Charlotte, innewohnt, das Sie
+auch gewiß höher achten als alles, was man äußerlich und innerlich Glück
+zu nennen pflegt. Es ist der Friede der Seele. Er wird nach
+Verschiedenheit der menschlichen Richtungen auf sehr verschiedenen Wegen
+gewonnen und erhalten. Der im äußeren Glück und selbst Glanz Lebende
+bedarf dieses Friedens ebensosehr als der mit Kummer und Sorgen
+Beladene. Aber er erlangt ihn schwerer. Denn jeder Friede ist ein
+einfaches Gefühl, das in verwickelten Verhältnissen schwerer gewonnen
+wird. Es beruht freilich auf Ruhe und Reinheit des Gewissens, damit
+allein aber ist es nicht errungen. Man muß sich zufrieden mit seinem
+Schicksale empfinden, sich mit Ruhe und Wahrheit sagen, daß man das
+Schicksal nicht anklagt, sondern wenn es glücklich ist, mit Demut, und
+wenn es unglücklich ist, mit Ergebung und mit wahrem Vertrauen in Gottes
+weise Führung empfängt. Da die schwerere, sorgenvollere Lage auch das
+Verdienst erhöht, sich ohne Klage zu finden und sich in ihr zu erhalten,
+oder aus ihr herauszuarbeiten, so gelangt man auf diesem Wege zur
+harmonischen Übereinstimmung mit dem Geschicke, wie es auch sein möge.
+Sie, liebe Charlotte, wissen und üben das alles selbst. Sie brauchen nur
+in sich und mit Vertrauen auf Ihre innere Kraft davon Gebrauch zu
+machen, und Sie werden gewiß die schwere und niederbeugende Stimmung,
+über die Sie jetzt klagen, überwinden, wenn sie nicht anders einen
+äußeren Grund hat, den ich nicht kenne, der aber freilich sehr
+einwirkend sein kann und von mancherlei Art. Wie sehr wünsche ich, daß
+alles, was Sie in Wahrheit oder in der Vorstellung drückt, im alten Jahr
+zurückbleibe und das neue heiter und froh beginne. Mit diesen herzlichen
+Wünschen Ihr H.
+
+
+
+_Berlin_, Januar 1828.
+
+Der Abschnitt eines Jahres hat immer eine gewisse Feierlichkeit, meiner
+Empfindung nach mehr und ganz anders als ein Geburtstag. Dieser bezieht
+sich immer nur auf eine Person, und für den, der ihn sonst erlebt, ist
+er nur ein Abschnitt im Abschnitte des ganzen Jahres. Für alle eine
+Erneuerung der Epochen ist nur das erneuerte Jahr selbst, und es erregt
+daher auch eine allgemeine Teilnahme. Das Jahr selbst, das abgeschiedene
+und das neu eintretende, wird wie eine Person betrachtet, von der man
+Abschied nimmt und die man begrüßt. Jedes Jahr hat seine eigenen
+geschichtlichen Ereignisse, die sich in die Reihe der individuellen
+Schicksale verweben, selbst wenn man gar keinen Teil daran nimmt, da man
+sich beinahe unwillkürlich daran erinnert, bei diesem oder jenem nur
+einen selbst betreffenden Vorfall gerade auch von diesem oder jenem
+öffentlichen Ereignis gehört zu haben. Es ist aber auch keine
+Einbildung, daß die Jahre glücklich oder unglücklich für die Menschen
+sind, und daß man es ihnen gleichsam ansieht, wie sie sich in dieser
+Hinsicht gestalten werden. Ich meine damit nicht große Unglücksfälle,
+aber so das kleine Mißraten aller Unternehmungen, das Fehlschlagen der
+frohen Erwartungen, die man sich auf diese oder jene Weise gebildet
+hatte, in der Art, wie es auch Tage so gibt, wo man z. B. in allem
+ungeschickt ist, alle Augenblicke etwas fallen läßt, sagt, was man nicht
+sagen soll, und wie es so oft in Träumen geschieht, niemals zu dem
+kommt, was man in der Absicht hat. Alles das liegt freilich weniger noch
+im Schicksal als im Menschen, der sich immer selbst sein Schicksal
+macht. Es kommt wohl oft von den ersten Eindrücken her, die man beim
+Beginnen des Jahres bekommt, und die gleich das Vertrauen auf sein Glück
+schwächen, oder gar Furcht vor Unglück oder wenigstens Besorgnisse
+erwecken. Bisweilen ist es auch bloß phantastisch. So halte ich viel von
+der Jahreszahl. Wenn sie viele ungerade Zahlen enthält, hat man bei
+aller Vernunft eine Art Scheu davor. Wenn dagegen so schöne gerade
+Zahlen wie in 1828 sind, so flößt das eine gewisse freudige Sicherheit
+ein. Man schließt sich in das Jahr mit heiterem Mute ein, wie in ein
+Fahrzeug, das schon durch sein Ansehen verspricht, einen sicher an das
+Ufer des nächsten Jahres zu bringen. Wenn ich sagte, daß jeder sich
+selbst sein Schicksal macht, so ist das ein altes Sprichwort, freilich
+ein heidnisches, das aber auch, christlich genommen, einen richtigen
+Sinn hat. Es ist nämlich hier von dem inneren Schicksal die Rede, von
+der Empfindung, mit der man das Äußere aufnimmt, und das hat der Mensch
+in seiner Gewalt. Er kann immer Ergebung, Fassung, Vertrauen auf
+wohltätige höhere Macht in sich erhalten, und wenn es ihm noch daran
+fehlt, in sich hervorbringen. Wenn der Mensch nicht darin allein von
+sich selbst abhinge, so gäbe es keine Freiheit.
+
+Indem die Vorsehung die Schicksale der Menschen bestimmt, ist auch das
+innere Wesen des Menschen dabei in Einklang gebracht. Es ist eine solche
+Harmonie hierin, wie in allen Dingen der Natur, daß man sie auch
+gegenseitig auseinander ohne höhere Fügung erklären und herleiten
+könnte. Gerade dies aber beweist um so klarer und sicherer diese höhere
+Fügung, die jener Harmonie das Dasein gegeben.
+
+In der letzten Hälfte des Märzes werde ich eine größere Reise machen und
+wohl erst in sechs Monaten zurückkommen. Meine jüngste Tochter ist, wie
+Sie wissen, an Herrn von Bülow verheiratet, und dieser ist jetzt
+preußischer Gesandter in London. Er ist schon seit mehreren Monaten dort
+und meine Tochter will ihm nun mit ihren drei kleinen Mädchen nachgehen.
+Dahin nun werde ich, meine Frau und meine älteste Tochter sie begleiten.
+Wir gehen über Paris und halten uns dort einige Wochen auf, dann gehen
+wir nach London über und bleiben dort etwa anderthalb Monate. Von da
+reisen wir, ich, meine Frau und älteste Tochter, wieder über Paris und
+dann über Straßburg und München nach Gastein und brauchen dort die
+gewöhnliche Badekur. Ende September können wir auf diese Weise wieder
+hier sein. Ich mache die Reise sehr gern, und das einzige, was mir daran
+unlieb ist, ist die Notwendigkeit, schon in der Mitte des August wieder
+in Gastein sein zu müssen. Ich liebe zwar Gastein sehr und bin gern da,
+aber ich würde diesmal die Zeit lieber länger in London zubringen und
+dann auch später hierher zurückkommen. So setzt mir das Bad zu bestimmte
+Grenzen in meinem Aufenthalt. Paris und London sehe ich mit großer
+Freude wieder. Wenn ich nicht auf dem Lande bin, bin ich am liebsten in
+den größten Städten. Mitten im Gewühl ist man wieder in der Einsamkeit.
+Solch eine Reise scheint sehr groß und ist es auch der Meilenzahl nach,
+aber am Ende ist die Zahl der Tage, die man im Wagen zubringt, doch so
+groß nicht. Nachts werden wir nie fahren, und so ist es viel weniger
+unbequem, als es auf den ersten Anblick scheint. Das Wetter kann
+freilich im März noch kalt und unangenehm sein, doch ist in Deutschland
+der April gewöhnlich gut, und sollte der Mai Nücken von Rauheit haben
+wollen, so sind wir dann schon im milderen Frankreich. Meinen
+Schwiegersohn finden wir in London schon in einem ganz eingerichteten
+Hause, und so entgehen wir den Unbequemlichkeiten, die man sonst in
+einer fremden Stadt erfährt. Paris nenne ich nicht fremd. Ich habe es
+mit meiner Frau und Kindern in den früheren Jahren meiner Heirat einige
+Jahre hindurch bewohnt. Es sind mir zwei Kinder dort geboren und eins
+gestorben. Nachher war meine Frau einige Monate ohne mich dort, und ich
+während des Krieges zweimal ohne sie. Jetzt sind es freilich elf Jahre,
+daß ich nicht nach Paris gekommen bin, und als ich das letztemal, es war
+bei Nacht, herausfuhr, dachte ich bei mir, daß ich nie wieder hinkommen
+würde. Mit demselben Gefühl sah ich die felsigen Ufer von England, als
+ich es im Jahre 1818 verließ. Das Schicksal hat es sonderbar gefügt, daß
+ich nun wieder ganz unerwartet dahin komme, und daß mein Schwiegersohn
+die Stelle bekleidet, die ich damals hatte. Er bleibt vermutlich lange
+dort, und so wird mir das eine Veranlassung werden, auch öfter
+hinzureifen. Täte ich es aber je allein, so würde ich nicht den weiten
+Weg über Paris, sondern gewiß den kurzen über Hamburg nehmen. Man ist
+alsdann in wenig Tagen in London und kann in drei Wochen hin- und
+herreisen und beinahe vierzehn Tage in London zubringen. Wie wir es mit
+unserm Briefwechsel einrichten, will ich Ihnen in meinem nächsten Briefe
+schreiben. Sein regelmäßiger Gang wird nicht dadurch unterbrochen
+werden. Natürlich brauchen die Briefe längere Zeit, um anzukommen, aber
+dies ist vorzüglich nur das erstemal unangenehm und fühlbar. Hernach
+bleibt, welche die Entfernung sei, der Zwischenraum derselbe. Ich werde
+es übrigens so einrichten, daß Sie Ihre Briefe ganz wie gewöhnlich
+hierher schicken. Hier ist ohnehin ein Mensch, der mir die Briefe, wo
+ich bin, nachsendet. Auch die meinigen werden Sie in der Regel wohl von
+hier aus bekommen, so wird alles im gewohnten Geleise bleiben. Bei
+meinem Wiederkommen nach Paris und London fällt mir ein, daß irgendwo
+sehr hübsch gesagt ist, daß man immer nur die Orte gern besucht, die man
+schon von früher her kennt. Das ist aus sehr richtiger Beobachtung
+geschöpft, es ist wirklich so und macht den Empfindungen des Menschen
+Ehre. Man behandelt Orte wie Menschen und kehrt nur zu den schon
+bekannten gern zurück. Die Freude, die Sie in Ihrem stillen Leben am
+Sternhimmel haben, macht mir wiederum Freude, da sie durch die meinige
+mehr erhöht und vermehrt ist; gern beantworte ich Ihre Fragen, so viel
+ich es selbst kann. Daß Ihnen früher die Zahllosigkeit der Gestirne, das
+Unendliche des Weltraums, mit einem Wort, die Unermeßlichkeit der
+Schöpfung furchtbar erschien, habe ich sonst kaum begreifen können, und
+es freut mich, daß sich diese Empfindung in Ihnen verloren hat. Die
+Größe der Natur schon ist eine erhebende, heitere, die ich gerade zu den
+am meisten beglückenden rechnen möchte. Noch mehr aber ist es die Größe
+des Schöpfers. Wenn man auch zugeben könnte, daß sie als Größe
+niederdrückend wäre, so würde sie wieder erhebend und beglückend sein
+durch die unermeßliche Güte, die sich zugleich für alle Geschöpfe darin
+ausspricht. Überhaupt ist es doch nur die physische Macht und Größe,
+welche als gewissermaßen niederdrückend Furcht einflößen kann. So
+unendliche physische Macht aber auch diejenige ist, welche sich in der
+Schöpfung und dem Weltall verherrlicht und darstellt, so ist sie doch
+noch weit mehr eine moralische. Diese aber, das wahrhaft Erhabene,
+erweitert immer das Innere, macht freier atmen und erscheint allemal in
+Milde, als Trost, Hilfe und Zuflucht. Man kann mit Wahrheit sagen, daß
+diese schaffende allmächtige Größe überall sich in gleicher, gleiche
+Bewunderung auf sich ziehenden Stärke sehen läßt. Aber man kann mit
+Wahrheit behaupten, daß am Himmel in den Gestirnen sie in einfacheren
+Verhältnissen erscheint. Sie drängt sich der Phantasie mehr auf, es ist
+alles nur durch Zahl und Maß zu ergründen, und es flieht doch wieder
+durch seine Unendlichkeit alle Zahl und alles Maß. Gerade weil man an
+den Himmelskörpern lauter Verhältnisse findet, die sich auf
+mathematische zurückbringen lassen, kennt man die Räume des Himmels in
+einigen Stücken besser als die Erde und ihre Geschöpfe. Schreiben Sie
+mir, liebe Charlotte, den 26. d. M., und seien Sie überzeugt, daß alles,
+was Sie mir sagen, großes Interesse für mich hat und mir immer
+willkommen ist. Leben Sie herzlich wohl und zählen Sie auf meinen
+unwandelbaren, unveränderlichen Anteil. H.
+
+ * * * * *
+
+Das Leben ist eine Gabe, die immer so viel Schönes für einen selbst, und
+wenn man es nur will, so viel Nützliches für andere enthält, daß man
+sich wohl in der Stimmung erhalten kann, es nicht nur in Heiterkeit und
+innerer Genugtuung fortzuspinnen, sondern daß man auch aus wahrer
+Pflicht alles tun muß, was von einem selbst abhängt, es zu verschönern
+und es sich und andern nützlich zu machen.
+
+Der Ernst und selbst der größte des Lebens ist etwas sehr Edles und
+Großes, aber er muß nicht Hörend in das Wirken im Leben eingreifen. Er
+bekommt sonst etwas Bitteres, das Leben selbst Verleidendes.
+
+Wenn man auch das Ende des irdischen Daseins garnicht fürchtet, wenn man
+ihm sogar mit mehr als gewöhnlicher Heiterkeit entgegensieht, muß man
+dem Gedanken daran doch keinen auf irgendeine Weise störenden Einfluß
+auf das Leben einräumen.....
+
+Wir reisen nach Paris über Weimar und Frankfurt a. M. Weimar ist die
+nähere und in Wegen und Wirtshäusern die bessere Straße. Wir bleiben
+übrigens wegen des Hofes, mit dem wir sehr bekannt sind, einige Tage
+dort.
+
+
+
+_Berlin_, den 21. März 1828.
+
+Es freut mich, Ihnen, liebe Charlotte, sagen zu können, daß sich unser
+Reiseplan so geändert hat, daß wir über Kassel gehen werden. Unser Plan
+ist, am 31. von hier abzureisen, und hiernach können wir am 2. April in
+Kassel sein. Eine Nacht bleiben wir dort auf jeden Fall, ob den
+folgenden Tag und also zwei Nächte, weiß ich noch nicht. Überhaupt ist
+kein Plan gewiß, wenn man mit mehreren reist.
+
+Ich freue mich sehr, Sie zu sehen. Es wird freilich nur auf eine oder
+zwei Stunden sein können, aber es ist immer schön, sich wiederzusehen.
+Komme ich früh genug an, so komme ich noch denselben Abend zu Ihnen; ist
+es zu spät, so komme ich den folgenden Tag, wenn es auch vielleicht erst
+am Abend sein sollte; komme ich früh genug und bleibe doch den folgenden
+Tag, so sehe ich Sie beide Tage, Ich glaube nicht, daß mich eine Antwort
+auf diesen Brief noch hier finden kann, sonst wäre es mir sehr lieb,
+wenn Sie mir noch einige Zeilen herschrieben.
+
+Leben Sie herzlich wohl!
+
+
+
+Unterwegs.
+
+Ich glaubte gestern noch bis 5 Uhr noch einmal zu Ihnen zu kommen, aber
+es kam mir etwas dazwischen. Hätten Sie näher gewohnt, hätte ich Sie
+dennoch, auf eine halbe Stunde gesehen. So war es unmöglich. Sie in
+Ihrem Hause gesehen zu haben, hat mir große Freude gemacht und hat mir
+einen sehr angenehmen Eindruck hinterlassen. Ich schreibe Ihnen, liebe
+Charlotte, gewiß bald aus Paris und hoffe auch dort einen Brief von
+Ihnen zu finden.
+
+
+
+_Paris_, den 23. April 1828.
+
+Ich habe bei meiner Ankunft hier, liebe Charlotte, Ihren Brief vom
+26. v. M. gefunden und darin Ihre Sorgfalt erkannt, mir Ihre Wohnung zu
+bezeichnen. Noch lebhafter als für diese Sorgfalt aber danke ich Ihnen
+für den lebendigen Ausdruck der Freude, der in Ihrem Briefe herrscht.
+Ich bin hernach Zeuge dieser Freude selbst gewesen, und Ihre Freude, die
+dieser Brief ausdrückt, hat mir dieselbe noch lebhafter zurückgerufen.
+Sie ist mir ein neuer, sehr angenehmer Beweis Ihrer Gesinnungen gewesen,
+oder vielmehr ich habe, da mir bisher nur immer Ihre Briefe diese
+Gesinnungen aussprachen, sie nun in ihrer lebendigen, noch unendlich
+mehr erfreuenden Äußerung gesehen. Es ist mir sehr viel wert, selbst bei
+Ihnen gewesen zu sein, es hat mir einen anschaulichen Begriff Ihres
+Lebens gegeben, noch außer der Freude, Sie wiedergesehen zu haben. Das
+Leben, wie Sie es sich dort eingerichtet haben, ist sehr hübsch und
+spricht für den Geist und die Weise, die Sie hineinlegen. Sie genießen
+einer freundlichen und heiteren Einsamkeit, und alles in Ihrem kleinen
+Hause, aber garnicht so kleinen Garten, spricht einen gleich beim
+Hereinkommen so an, daß einem wohl darin wird. Und doch habe ich beides
+nur bei rauhem Wetter und ohne Frühlings- und Sommerschmuck gesehen. Wie
+viel muß der Garten durch beides gewinnen, wo Sie dann im vollen,
+dichten Grün wohnen. Ich kann mir Sie jetzt in allen Momenten denken, da
+ich alle die Plage gesehen habe, worin Sie Ihr Leben zubringen, und ich
+finde es eine sehr hübsche Einrichtung, daß Sie das geräumige und
+freundliche Zimmer unten, in dem wir waren, von Ihrer Arbeit abgesondert
+halten und es nur besuchen, wenn Sie mit jemand sind oder frei allein
+sein wollen. Eine Stube nimmt immer für den, der sie bewohnt, die Farbe
+dessen an, was gewöhnlich darin vorgeht, und man sollte mehr darauf
+denken, sich einen Ort aufzubewahren, der einen bloß an das erinnern
+kann, was man frei von anderer Beschäftigung oder Zerstreuung darin
+gedacht oder empfunden hat. Wie man dann nur die Wände erblickt,
+erscheinen dieselben Gedanken und Empfindungen wieder, an die sich
+andere anreihen. Es ist ebenso auf dem Lande mit Spaziergängen. Mir
+wenigstens geht es immer so, daß ich nach kurzem Aufenthalt in einer
+Gegend sie mir zu verschiedenen Gedanken und Gefühlen bestimme, und je
+länger man sie in dieser Bestimmung braucht, desto mehr erwachen diese
+Gefühle und Gedanken mit ihnen. Aber auch oben, wo Sie arbeiten, sind
+ihre Zimmer hübsch und bequem, wenn auch klein. Diese Kleinheit kann
+auch nichts Drückendes da haben, wo man gleich in einen freien und
+großen Garten hinaus kann. In der Stadt wäre das viel anders. Ihre ganze
+Einrichtung, in der sichtbar so viel Verstand, Ordnung und Genügsamkeit
+herrscht, hinterläßt darum einen noch viel angenehmeren und
+erfreulicheren Eindruck, weil es sichtbar ist, daß Sie sich dieses
+Dasein selbst geschaffen haben und es erhalten; ich hoffe auch gewiß,
+daß Ihre besonnenen Einrichtungen ferner von glücklichem Erfolg sein
+werden, ob zugleich die Idee immer bei mir wiederkehrt, daß Sie ein
+weniger angestrengtes Leben bei Ihnen zusagender größeren Muße genießen
+möchten. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, welchen lebhaften und
+aufrichtigen Anteil ich an der Erfüllung dieses Wunsches nehmen
+würde. -- -- -- --
+
+Unsere Reise ist zwar recht glücklich gewesen, insofern als sich kein
+sonderlich unangenehmer Zufall beigemischt hat. Aber wir sind von Kassel
+aus viel langsamer gereist als bis dahin. Worüber wir uns sehr zu
+beklagen gehabt haben, war das Wetter. Unterwegs, namentlich zwischen
+Kassel und Frankfurt, war es wahrhaft winterhaft. Auf einer langen Reise
+mit Frauen und Kindern ist das beschwerlich. In Frankfurt hielten wir
+uns drei Tage auf, diese Verzögerung war aber nicht willkürlich diesmal,
+sondern nötig. Teils war es meiner Frau und den Kindern notwendig
+auszuruhen, teils waren Reparaturen am Wagen vorzunehmen. Der längere
+Aufenthalt in Frankfurt war mir verdrießlich, weil er immer so viele
+Tage dem hiesigen entriß, sonst hatte ich ihn nicht ungern, denn ich
+habe Frankfurt immer geliebt, und es gibt wirklich nur sehr wenige
+Städte in Deutschland, welche die Vergleichung damit ertragen können. Es
+zeichnet sich hauptsächlich durch zwei Vorzüge aus. Einmal hat es so
+äußerst hübsche Umgebungen. Ich rede hier nicht bloß von den schön
+angelegten Pflanzungen, die die Stadt umgeben, sondern von der Gegend
+selbst. Das Taunus-Gebirge gewährt von mehreren Punkten einen höchst
+reizenden Anblick, und der Fluß kommt dazu. Ich bin immer mit großer
+Freude dort spazieren gegangen. Dann aber bringt auch die Stadt den
+Eindruck hervor, daß die Bewohner fast im allgemeinen eines großen oder
+wenigstens hinreichenden Wohlstandes genießen. Der wahre, große
+Reichtum, der sich daselbst befindet, ist nicht so, wie oft an andern
+größeren Orten, von Armut und schreiendem Elend begleitet. Das gehört
+aber sehr dazu, wenn einem an einem Orte wohl werden soll. Man fühlt an
+jedem immer, bis auf einen gewissen Punkt, mit der ganzen Volkszahl, und
+es ist einem nicht behaglich, wenn man in dieser Not und Armut in zu
+großem Kontrast mit dem Wohlstande antrifft.
+
+Von Frankfurt bis Saarbrück aus haben wir wieder größere Strecken Weges
+zurückgelegt und sind am vierten Tage noch vor der hier gewöhnlichen
+Stunde des Mittagessens, die allgemein sechs Uhr ist, angekommen. Das
+Reisen durch Frankreich ist nicht mit großen Annehmlichkeiten verbunden.
+Die Wege sind jetzt zum Teil schlecht und sehr schlecht, im ganzen
+mittelmäßig und nirgends recht gut. Gute Wirtshäuser findet man nur in
+den größten Provinzialstädten, wie Lyon usw. Der Anblick des Landes und
+der Bewohner hat von der Seite, von der wir kamen, garnichts Anziehendes
+und Fesselndes. Die Gegenden sind vielmehr höchst gewöhnlich und bieten
+nicht einmal große Fruchtbarkeit oder Stärke der Vegetation dar. Was mir
+aber immer am meisten in Frankreich mißfallen hat, ist der Anblick der
+Dörfer gewesen. Sie lassen sich garnicht mit unseren deutschen
+vergleichen. Sie bestehen entweder aus wenigen Häusern, die auf einmal,
+ohne daß man es erwartet, an einer, oft an beiden Seiten des Weges
+einander gegenüberstehen, und die von keinem Baume, von keinem Garten
+umgeben oder angekündigt sind, oder sie gleichen unseren kleinen
+Marktflecken und haben nicht das mindeste Ländliche. Die Bewohner sind
+nicht anders. Sie haben entweder ein sehr ärmliches oder städtisches
+Ansehen. Vorzüglich sind die Frauen und Mädchen garnicht hübsch und
+anziehend. Allerdings trägt aber auch ihr Anzug dazu bei, sie weniger
+anmutig erscheinen zu lassen, vor allem die schweren und ungeschickten
+Holzschuhe. Dieser wenig reizende Anblick des Landvolkes und seiner
+Wohnungen nimmt der Annehmlichkeit des Reisens in Frankreich sehr viel,
+und wird von allen Reisenden bemerkt.
+
+Hier in Paris hingegen befinde ich mich sehr wohl. Ich führe hier ein
+meinem gewöhnlichen ganz entgegengesetztes Leben. Ich gehe den ganzen
+Tag herum oder fahre, und bin im eigentlichsten Verstande nur eine
+Stunde nach dem Aufstehen, einige vor dem Schlafengehen und bisweilen,
+obgleich auch selten, den Mittag zu Hause. Da ich so verschiedene Male,
+zum erstenmal schon 1789, hier war, so habe ich sehr viele
+Bekanntschaften, und es fehlt nicht, daß sich nicht immer neue dazu
+gesellen. Dann sind auch eine Menge Dinge zu besehen, und so vergeht der
+Tag, wie lang er scheinen mag. Es wird Ihnen wunderbar vorkommen, daß
+mir ein Leben nicht eher zuwider ist, von dem ich zu Hause aus Wahl
+gerade das Gegenteil führe, allein ich habe in den verschiedenen
+Perioden meines Alters so verschieden gelebt, daß ich das jetzige Leben
+nicht weniger neu nennen kann. Es ist auch überhaupt nicht meine Art, so
+an einer Weise zu hängen. Mir ist ziemlich jede lieb, in die ich
+geworfen werde oder selbst übergehe, und ich befinde mich immer
+körperlich und geistig gleich wohl dabei.
+
+Paris hat sich in den dreizehn Jahren, daß ich es nicht gesehen habe,
+ungemein verschönert. Es sind viele einzelne schöne neue Gebäude, ja
+ganze Straßen und Quartiere entstanden. Der Wohlstand, der Luxus, die
+Volksmenge hat zugenommen, die Bewegung, die schon immer so groß war,
+ist dadurch größer geworden. Auch in Wissenschaften und Künsten ist das
+Leben und alles Interessante gestiegen. Eine solche Stadt ist mit keiner
+bei uns zu vergleichen. Auch die größten deutschen haben dagegen etwas
+Kleinstädtisches. Wenn man einmal nicht auf dem Lande wohnt, ist
+allerdings eine solche Stadt jeder anderen vorzuziehen.
+
+Ich hoffe jetzt, bald einen Brief von Ihnen, liebe Charlotte, zu
+bekommen. Mit der innigsten und aufrichtigsten Teilnahme Ihr H.
+
+
+
+_London_, den 20. Mai 1828.
+
+Wir sind gestern nachmittag hier angekommen, liebe Charlotte, und sind
+alle vollkommen wohl. Ich hoffe, Sie haben meinen Brief vom 23. April
+aus Paris richtig empfangen; ich habe seitdem den Ihrigen, am 8.
+geschlossenen erhalten und danke Ihnen herzlich dafür.
+
+Seit ich Ihnen aus Paris schrieb, ist es uns recht gut ergangen. Wir
+haben Paris den 15. d. M. verlassen und sind am 19. von Calais gerade
+nach London übergeschifft. Man macht die Überfahrt jetzt in Dampfbooten,
+es gibt selbst für Reisende keine anderen mehr. Es ist auch eine sehr
+bequeme Manier. Die Schiffe sind groß, haben außer der Anstalt für den
+Dampf auch Segel, die sie, wenn der Wind günstig ist, auch gebrauchen,
+und man kommt meistenteils, wie es unser Fall war, in weniger als zwölf
+Stunden von Calais bis London über. Es war das schönste Wetter, was man
+denken kann. Die ersten Stunden war die See, da der Wind lebhaft ging,
+ziemlich hoch, und das Schiff schwankte sehr. Die meisten Personen
+wurden krank, und viele legten sich zu Bett. Ich habe nie eine
+unangenehme Empfindung auf dem Wasser, sondern bin immer auf dem Verdeck
+geblieben und habe mich des wundervoll schönen Anblicks des Meeres
+erfreut. Vorzüglich groß und schön war der Sonnenaufgang, der mich
+umsomehr anzog, als ich ihn wirklich noch nie auf dem Meere gesehen
+hatte. Wir segelten nämlich schon um drei Uhr morgens ab. Hier wohnen
+wir bei meinem Schwiegersohn und sind also sehr angenehm im Schoße
+unserer Familie. London überrascht immer aufs neue durch seine Größe,
+seine Volkszahl und die daraus entstehende merkwürdige Bewegung. Es hat
+weniger schöne freie Ansichten als Paris, das durch die großen
+öffentlichen und vielen Privatgärten hier und da ein ordentlich
+ländliches Ansehen hat. Aber es erregt als Stadt, als an einem Orte
+zusammengeflossene und sich in beständiger Mannigfaltigkeit und doch im
+höchsten Wohlsein regende Volksmasse, eine größere Bewunderung.
+
+Wir werden nahe an zwei Monate hier bleiben und dann unsere Rückreise
+antreten. Allerdings war es und ist es eine große, und unter den
+Umständen, wie wir sie machten, anstrengende Reise. Aber den Hauptzweck
+haben wir erfüllt, meine Tochter mit den Kindern an den Ort ihrer
+Bestimmung gebracht. Das übrige wird ja auch gut gehen.
+
+Es tut mir leid, daß Sie diesen Brief mit einiger Verspätung erhalten
+werden. Ich kann ihn nicht anders als über Berlin gehen lassen, es ist
+zu weitläufig, Ihnen das zu erklären, es ist aber so. Schreiben Sie mir
+auf die gewöhnliche Weise. Ihr H.
+
+
+
+_London_, Juni 1828.
+
+Zu Ihrer gänzlichen Beruhigung noch etwas über meinen
+Gesundheitszustand. Ich begreife nicht recht, was Sie, liebe Charlotte,
+deshalb besorgt gemacht hat. Daß ich älter geworden bin, seit wir uns in
+Frankfurt sahen, liegt in der Natur und dürfte Sie nicht wundern. Ich
+bin bis auf diesen Tag auf der ganzen Reise durch meinen Körper an
+nichts gehindert worden. Mein Körper fügt sich ohne irgendeine
+Unbequemlichkeit in alle abweichenden Lebensweisen. Man ißt hier nie vor
+halb acht Uhr zu Mittag, es wird aber oft auch acht und bisweilen neun
+Uhr. Ich frühstücke, da man hier im Hause spät aufsteht, um halb zehn
+Uhr, und nur Kaffee, ohne dazu zu essen, und dazwischen und dem
+Mittagessen nehme ich nichts. Sie brauchen also gewiß nicht besorgt
+meinetwegen zu sein.
+
+Unser Aufenthalt hier nähert sich seinem Ende. Wir schiffen uns zwischen
+dem 10. und 15. Juli wieder ein. Es tut mir sehr leid, nicht länger
+bleiben zu können, aber mehrere zusammentreffende Umstände, vor allem
+unsere Badereise und die Notwendigkeit, den 15. August in Gastein zu
+sein, erlauben es nicht. Sonst fehlt es hier nicht an interessanten
+Gegenständen, um eine viel längere Zeit sich angenehm zu beschäftigen.
+Es gibt eine große Menge der schönsten und merkwürdigsten Kunstsachen
+hier, ein unglaublicher Reichtum von Statuen und Gemälden, auch in
+Privathäusern, die einzeln auszusuchen viel Zeit fordern. In Paris ist
+das viel leichter, da man alles an wenig Orten beisammen findet.
+Außerdem ist auch sehr viel für Wissenschaften und Sprachen zu tun,
+vorzüglich für die letzteren, da hier aus allen Weltteilen Menschen
+zusammenkommen. Endlich ist jetzt gerade die Zeit der meisten
+Gesellschaften, so daß man ohne Ende mittags und abends ausgebeten ist.
+
+
+
+Den 16. Juli.
+
+Ich reise übermorgen von hier ab und gehe wieder über Paris, wo ich mich
+aber nur acht Tage aufhalten werde. Dann gehe ich nach Gastein und mache
+vielleicht nur noch einen Aufenthalt in München, wenn der König gerade
+dort sein sollte, da ich diesen wieder zu sehen wünsche. Ich bin mit
+meinem Aufenthalte hier sehr zufrieden und nehme wenigstens die
+Beruhigung mit hinweg, liebe Charlotte, ihn so gut benutzt zu haben,
+wie es unter den Umständen nur immer möglich war. Ich habe keine Sache
+ganz versäumt, und diejenigen, welche ein besonderes Interesse für mich
+hatten, habe ich vollkommen erschöpft. Auch sind wir alle vollkommen
+wohl. Die Gesundheit meiner Frau hat sich sogar verbessert. Sie ist
+garnicht in Gesellschaft gegangen, da man hier immer erst um halb acht
+Uhr und oft später zu Mittag ißt und also die Abend-Gesellschaften nicht
+vor elf Uhr angehen. Aber sie hat alles gesehen, was Interesse für sie
+hatte. Das Parlament geht jetzt zu Ende, und die Leute fangen schon an,
+aufs Land zu gehen, wo sie nun bis zum März künftigen Jahres bleiben.
+Denn man richtet sich hier nicht nach der Jahreszeit, sondern einzig
+nach den öffentlichen Geschäften. Auch macht die Jagd, daß jeder gern
+den ganzen späten Herbst über auf dem Lande bleibt. London wird dann
+sehr leer, und es gibt dann fast keine Gesellschaften mehr. Die keine
+Landsitze haben, schämen sich dessen ordentlich und verhängen wohl gar
+ihre Fenster gegen die Straße, um die Leute glauben zu machen, daß sie
+auf dem Lande sind. Das Landleben ist aber größtenteils nur ein
+Verpflanzen der Gesellschaft von der Stadt aufs Land. Dort hat jeder
+Besitzer eine Menge von Besuchen und macht Einladungen auf mehrere Tage.
+Auch sind die Engländer auf dem Lande offener und mitteilender als im
+Getümmel der Geschäfte und den Zerstreuungen der Stadt.
+
+Dem Gottesdienste habe ich hier mit meiner Frau einigemal beigewohnt, er
+ist mir aber weniger erbaulich erschienen als bei uns. Es werden wohl
+zwei volle Stunden, ehe die Predigt angeht, mit Ablesen von Stücken aus
+der Bibel, Hersagen des Glaubens usw. zugebracht. Bei diesem Ablesen
+wiederholen diejenigen, welche dem Altar am nächsten sind, vorzüglich
+die Kinder, welche in der Religion unterrichtet werden, die letzten
+Worte jedes Verses. Dieses hat natürlich etwas sehr Einförmiges und ist
+auf die Länge wahrhaft ermüdend. Gesang der Gemeinde ist sehr wenig und
+ebensowenig Orgelspiel, nur kurz und bald wieder abbrechend fallen
+Gesang und Orgel ein. Die Predigt ist ebenfalls kurz, etwa eine halbe
+Stunde. Die wir hörten, war äußerst kalt und durchaus nicht, was man
+erbaulich nennen kann. Wie man mir sagt, ist dies der Ton und die Art
+der meisten Prediger hier. Dann hat noch das Äußere etwas sehr
+Störendes. Nur eine Reihe Bänke, etwa der vierte Teil der Kirche, ist
+für jedermann frei. Die anderen sind verschlossen, gehören aber nicht
+einzelnen Personen, wie bei uns eigentümlich, wenigstens nicht alle. Nun
+stehen, wenigstens bis die Predigt angeht, zwei Frauen mitten in der
+Kirche, mit dem Gesicht gegen die Tür gewandt. Diese weisen jedem, der
+kommt und es wünscht, einen Platz in verschlossenen Bänken an und
+empfangen dann, wenn sie die Leute wieder herauslassen, ein kleines
+Geschenk. Ob sie dies ganz behalten oder etwas davon abgeben, weiß ich
+nicht. Immer aber ist es widrig, den größten Teil des Gottesdienstes
+über zwei Personen ohne alle Aufmerksamkeit darauf und mit etwas ganz
+Weltlichem beschäftigt zu sehen. Freilich ist das Herumgehen mit dem
+Klingelbeutel bei uns etwas noch mehr Störendes. Indes ist es auch in
+mehreren Kirchen, wenigstens im Preußischen, abgeschafft.
+
+Etwas ganz Neues für mich waren die Zusammenkünfte der Quäker. Ich
+hatte, wie ich sonst hier war, sie zu sehen versäumt. Jetzt bin ich in
+einer gewesen. Der Saal war vor einigen Jahren angebaut, sehr bequem und
+reinlich, aber ohne alle, auch die geringste Verzierung oder
+Ausschmückung. Das Licht fiel von oben ein, und weiter hatte der Saal
+keine Fenster. Die Versammlung war sehr zahlreich, die Männer auf einer
+Seite, die Frauen auf der anderen. Die Quäker haben, wie Sie gewiß
+wissen, keine Prediger. Wer Mut und inneren Beruf in sich fühlt zu
+reden, der steht auf und tut es. Sonst herrscht in der Versammlung eine
+Totenstille. Wer spricht, tut das entweder von der Stelle aus, wo er
+ist, oder geht auf einen etwas erhöhten Platz, auf dem aber mehrere
+zugleich stehen können und der garnicht einer Kanzel gleicht. Als wir
+darin waren, war es die zwei Stunden, die die Versammlung dauerte, fast
+ohne alle Unterbrechung still. Indes sprach doch ein Mann und zwei
+Frauen. Sie sagten nur einzelne, aber selbst, und wie es schien, im
+Augenblick gemachte Gebete, von ganz kurzen Betrachtungen begleitet. Was
+sie aber sprachen, war in sich sehr gut, von vielen Sprüchen aus der
+Bibel begleitet und mit großer Innigkeit und Herzlichkeit vorgetragen.
+Erst am Ende meines Briefes sage ich Ihnen, liebe Charlotte, meinen
+herzlichsten Dank für den Ihrigen, den ich zu seiner Zeit richtig
+empfangen habe, und der wie alle so viel Freundschaftliches, Gutes und
+Liebes enthält. Sie können unausgesetzt fest überzeugt sein, daß diese
+Gesinnungen für mich den größten Wert haben und immer behalten werden.
+
+Leben Sie nun herzlich wohl und erhalten mir Ihre liebevollen
+Gesinnungen, ich verbleibe mit denselben Ihnen wohlbekannten
+unveränderlich Ihr H.
+
+
+
+_Salzburg_, den 14. August 1828.
+
+Ich schreibe Ihnen wieder aus Deutschland, liebe Charlotte, und aus der
+Gegend, die man wohl die schönste von Deutschland nennen kann.
+Wenigstens kenne ich keine, die man als schöner rühmen könnte. Die Lage
+ist wirklich prachtvoll, eine lachende, fruchtbare Ebene, von der man
+überall die Ansicht majestätischer Gebirge hat und in der selbst einige
+wie hingeschleuderte Felsenpartien liegen. Diese sind wirklich
+merkwürdig, und ich sah nirgends sonst ähnliche dieser Art. Es sind
+nicht einzelne Felsstücke bloß, noch weniger einzelne gipfelige Berge,
+sondern hohe, lange und verhältnismäßig schmale Felsmassen, die auf
+ihrer Oberfläche eine mit fruchtbarer Erde bedeckte, mit Gärten und
+Häusern geschmückte Ebene bilden.
+
+Unsere Reise von London bis hierher war sehr glücklich, nur hat das
+Wetter uns garnicht begünstigt. Bloß einzelne heitere und sonnige Tage,
+sonst meistenteils Sturm und Regen. Kam ein schöner Tag, so war er
+gleich von so schwüler Hitze und so stechender Sonne, daß sich ein
+Gewitter zusammenzog und wieder Kühle und Regen herbeiführte. In London,
+Paris und Deutschland war dasselbe unerfreuliche Wetter. Indes ist das
+nun vorüber, und meine Wünsche gehen nur dahin, daß es besser mit dem
+Wetter während des Gasteiner Badeaufenthalts sei. In der Mitte hoher
+Gebirge und auf einem so hohen Standpunkte, wo das Haus, in dem man
+wohnt, wenigstens so hoch als der Gipfel des Brocken liegt, sind milde
+Sonne und liebliche warme Luft mehr als bloß angenehme Zugaben zum
+Dasein. Unsere Überfahrt von London nach Calais war wieder sehr
+glücklich, nur ging die See sehr hoch, und so machte das Schwanken des
+Schiffs viele Kranke. Ich litt keinen Augenblick, sondern ergötzte mich
+eher am Schaukeln. In Paris verlebte ich noch eine sehr angenehme Woche.
+Ich würde recht gern einmal ein ganzes Jahr dort zubringen, und da meine
+Frau den Aufenthalt dort auch liebt, so richte ich es vielleicht einmal
+so ein. Der Weg durch das südliche Deutschland über Straßburg ist sehr
+schön und bequem, und wenn wir fortfahren, Gastein zu besuchen, so ließe
+es sich sehr gut machen, nach dem geendigten Badeaufenthalte eines
+Jahres nach Paris zu gehen und zu dem des folgenden Jahres von da
+zurückzukehren. Doch kommt zwischen solche Pläne leicht vieles -- und so
+ist es bis jetzt mehr Idee als Plan. In Straßburg ist eine sehr hübsche
+Mischung von französischer und deutscher Art. Die Natur ist deutsch in
+Gegend und Menschen. Das wird man gewahr, wie man den Elsaß von dem
+schönen Bergrücken von Zabern übersieht. Es ist einer der schönsten
+Anblicke, die man haben kann. Lieblich geformte Hügel und Berge, schön
+mit Gebüsch und Wald bekränzt, und auf den Gipfeln mehrere Gemäuer alter
+Burgen, ganz wie man sie so oft in Deutschland sieht, wie sie aber
+Frankreich gänzlich fremd sind. Die Physiognomien bieten auch ganz
+deutsche Gesichtszüge dar, und ebenso ist auch das Benehmen der Menschen
+im ganzen. Damit ist nun das französische Wesen verbunden und gleichsam
+darauf gepfropft. Ich finde diese Mischung interessant und angenehm
+zugleich. Von einer anderen Seite betrachtet, könnte man auch vielleicht
+anders darüber urteilen, und gerade über die Vermischung das
+Verdammungsurteil aussprechen. Denn es ist freilich nun weder echte
+Deutschheit, noch wahres französisches Wesen in ihnen. Das fühlt sich am
+meisten in der Sprache. Sie sind wohl aus dem einen heraus, aber nicht
+völlig ins andere hinein gekommen. Nach dem Elsaß und wohl noch mehr ist
+Schwaben ein liebliches Land, in den Gegenden wie den Menschen. Wenn die
+Schwaben wie zu einem Sprichwort in Deutschland geworden sind, so ist
+das einer Art Naivetät zuzuschreiben, die der spöttisch Urteilende
+leicht von einer lächerlichen Seite als Einfalt darstellen kann. Mehr
+und bös ist's auch wohl mit dem Spottnamen nicht gemeint. An sich sind
+die Schwaben vielleicht die lebhafteste, leicht beweglichste und
+phantasiereichste unter den deutschen Völkerschaften.
+
+Es freut mich, daß Sie sich fortwährend gern mit dem Sternenhimmel
+beschäftigen, wie ich es beklage, daß mein Auge nicht mehr dafür
+ausreicht. Ich gebe sehr ungern einen Genuß auf, der mich so oft
+gestärkt und erhoben hat, und eines Glases bediene ich mich nicht gern.
+Schreiben Sie mir, liebe Charlotte, den 2. September nach Bad Gastein
+über Salzburg, nachher nach Berlin.
+
+Leben Sie recht wohl, mit dem lebhaftesten
+Anteil der Ihrige. H.
+
+
+
+_Bad Gastein_, den 14. September.
+
+Ein einfach ruhig zufriedenes Stilleben, wie Sie es genießen und sich
+nach Ihrer Neigung geschaffen haben, ist eigentlich das Höchste, was der
+Mensch besitzen kann. Es ist meiner innersten Empfindung nach nicht nur
+dem nach außenhin mannigfach bewegten Leben vorzuziehen, sondern auch
+wirklicher innerer, aber nur augenblicklich erscheinender Freude
+wenigstens gleichzusetzen. Die Stille und Ruhe gönnen dem inneren Sein
+eine tiefere Macht und ein freieres Walten, und es ist immer, meiner aus
+langer Erfahrung geschöpften Überzeugung nach, besser, wenn das Innere
+nach außen, als wenn umgekehrt das Äußere nach innen strömt. Es scheint
+zwar wohl, als könnte sich das Innere nur von außenher bereichern und
+befruchten; allein dies ist ein trügerischer Schein. Was nicht im
+Menschen ist, kommt auch nicht von außen in ihn hinein; was von außen in
+ihn eingeht, ist nichts als ein zufälliger Anhalt, an dem sich das
+Innere, aber immer aus seiner nur ihm angehörenden eigentümlichen Fülle
+entwickelt. So wie ein tiefer und reicher Gehalt inwendig vorhanden ist,
+so kommt es niemals so viel auf den äußeren Anlaß der Entwicklung an.
+Jeder, auch der kleinste, ist hinreichend, da hingegen bei mangelndem
+inneren Gehalt auch der reichlichste äußere Zufluß wenig oder nichts
+hervorbringen würde. Ich habe dies oft in Absicht von wissenschaftlichen
+Kunstkenntnissen gesehen. Bei Männern ist weniger zu bemerken, da sie
+diese Kenntnisse sehr oft wieder nur zu äußeren Zwecken anwenden und man
+weiter nun nichts gewahr wird, oder danach fragt, wie dieselben auf ihr
+Inneres gewirkt haben. Aber bei Frauen ist das anders, und da sind mir
+mehrere vorgekommen, die wirklich recht viele und in gewisser Art sogar
+gelehrte Kenntnisse hatten, aber in ihrem Geist und Gemüte, also in
+ihrem ganzen Innern darum nicht mehr gebildet, wenigstens nicht mehr
+bereichert waren, als wenn ihnen das alles gefehlt hätte. So sehr kommt
+es darauf an, daß das Innere dem äußeren Objekt, welches es in sich
+aufnimmt, auch selbständig entgegenwirke....
+
+Wir reisen den 17. d. M. von hier, halten uns aber, wenn nichts
+dazwischen kommt, noch einige Tage in Franken auf. Es ist daher
+wahrscheinlich, daß wir erst im Anfang Oktober nach Berlin und Tegel
+zurückkommen. Schreiben Sie mir nach Berlin wie gewöhnlich. So werden
+alsdann die sechs Monate abgelaufen sein, wo ich einen so wechselnden
+Aufenthalt gehabt habe. Leben Sie recht wohl und rechnen Sie fortdauernd
+mit Gewißheit auf meine unveränderliche Teilnahme. Ganz der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 16. Oktober 1828.
+
+Es mag wohl ein Jahr her sein, daß ich Ihnen, liebe Charlotte, nicht von
+hier aus schrieb. Ich freue mich aber desto mehr, es heute zu tun, und
+danke Ihnen recht herzlich, daß Sie mich in Ihrem lieben Brief, den ich
+hier fand, so herzlich beglückwünschen zu der Heimkehr in die schöne,
+liebliche Heimat. Ja, liebe Charlotte, Sie haben recht, darin eine
+eigene Freude zu sehen, und es erhöht in der Tat die meinige, daß Sie
+dieselbe so liebevoll mitempfinden.
+
+Es freut mich sehr, daß fortwährend die Sterne Ihnen eine wohltuende,
+erheiternde Beschäftigung gewähren, um so mehr, da Sie mir sagen, daß
+Sie doch oft in einer mehr als wehmütigen Stimmung sich befinden.
+
+Am Himmel werden Sie sich bald orientieren, da Sie einen schönen und
+weiten Horizont von allen Seiten haben und in Ihren Beobachtungen
+fortfahren. Außer dem Buche von Bode, das ich Ihnen einmal empfohlen
+habe, kann ich Ihnen für das Erkennen der Sterne einen Rat geben, der
+Ihnen gewiß nützlich sein wird. Man muß nämlich den Himmel nach einer
+gewissen Methode durchgehen und sich große Abteilungen machen. Zuerst
+müssen Sie suchen, die Sterne recht genau und fest zu erkennen, die bei
+uns niemals untergehen und nur vor der Helligkeit des Tages
+verschwinden, sonst aber ihren ganzen täglichen Kreis vor unseren Augen
+vollenden würden. Sie stehen bekanntlich nur, wie Sie wissen, im Norden
+und drehen sich um den Polarstern und die beiden Bären herum und sind
+leicht zu erkennen, da man sie an jedem sternenhellen Abend sieht, und
+sie zu denselben Stunden in allen Jahreszeiten dieselbe Stelle haben. Zu
+diesen gehört auch die Capella, deren Sie erwähnen. Zweitens müssen Sie
+die zwölf Sternbilder des Tierkreises aufsuchen. Man sieht in jeder
+Jahreszeit immer nur sechs auf einmal am Himmel. Bliebe man eine ganze
+Nacht auf, so gehen natürlich einige unter und andere kommen herauf.
+Allein einige werden dann immer vom Tage überholt. Wenn man nur _eins_
+recht fest kennt, sind die andern sehr leicht zu finden, da sie wie in
+einem großen Gürtel um den Himmel herumliegen, man also die Richtung, in
+der man suchen muß, nicht verfehlen kann, wenn man sich vorher mit der
+Ordnung und Folgenreihe, vor- und rückwärts, recht bekannt gemacht hat.
+Die im Winter, im Januar und Dezember, so zwischen sieben und neun Uhr
+erscheinen, sind schöner als diejenigen, die man zu gleicher Zeit im
+Sommer sieht. Der Löwe ist ein sehr schönes Gestirn, ist aber jetzt erst
+in späten Stunden sichtbar. Die Planeten erscheinen immer nur in
+demselben Gürtel und können diejenigen, die noch nicht recht geübt sind,
+manchmal sehr irre machen. Allein man lernt sie doch auch bald
+unterscheiden; kennt man einmal recht fest die nie untergehenden
+nördlichen Gestirne und die Tierkreiszeichen, so ist es dann leicht,
+sich für die noch übrigen Gestirne zurechtzufinden. Denn nun macht man
+sich mit denen bekannt, die zwischen dem Tierkreis und den nie
+untergehenden Gestirnen, und dann mit denen, die zwischen dem Tierkreis
+und dem südlichen Horizont auf- und untergehen. Bodes Anleitung zur
+Kenntnis des gestirnten Himmels hat das Angenehme, daß sie Karten für
+jeden Monat enthält, auf denen man natürlich die Sterne leichter findet,
+da jede Karte genau so ist, als der Himmel zu einer dabei angegebenen
+Stunde an dem Tage, oder wenigstens in dem Monat gerade ist.
+
+Sie sagen sehr richtig, daß das Betrachten des gestirnten Himmels von
+der Erde abzieht und die Seele mit höheren Ahnungen, Sehnen und Hoffen
+erfülle, tröste und erhebe. Das tut es im höchsten Grade. Wenn man diese
+unendliche, unzählige Menge von Gestirnen betrachtet und bedenkt, so
+scheint es zwar ein ordentlich schaudernder Gedanke, daß eine so
+ungeheure Menge im Weltall herumschwimmt. Der Mensch fühlt sich darin
+gleichsam wie erdrückt. Allein die Ordnung und Harmonie, in denen alle
+Bewegungen vor sich gehen und alle Zeiten hindurch vor sich gegangen
+sind, ist ein wohltätiges, tröstendes Zeichen einer höheren Macht, einer
+geistigen Herrschaft, die wieder beruhigt und die Besorgnis tröstend
+aufhebt. Mit unveränderlicher Teilnahme Ihr H.
+
+
+
+_Berlin_, den 16. November 1828.
+
+Sie klagen auch darüber, liebe Charlotte, daß es oft ist, als könne man
+im Schreiben garnicht fort; Augen, Hand und Feder sind wie im Bündnis
+gegen alles Gelingen der Handschrift. Man gibt sich Mühe, nimmt sich
+vor, recht langsam zu schreiben, damit es nur deutlich werde, aber alle
+Vorsätze scheitern, und es ist närrisch, daß man dann immer kleiner und
+kleiner schreibt. Mir geht es oft so, als ob ich gar keine großen
+Buchstaben machen könnte, und ich denke dann, wieviel Nachsicht Sie und
+alle haben müssen, die mich lesen wollen. Wirklich war Ihr letzter Brief
+auch weniger hübsch und gut, als Sie sonst tun, geschrieben. Die
+Handschrift war nicht undeutlich, aber man sah ihr die Beschwerde an.
+
+Aber mit mehr Bedauern habe ich gesehen, daß Sie sehr bekümmert und
+sorgenvoll waren. In solchen Gemütszuständen, liebe Freundin, muß man
+immer die äußeren Veranlassungen scheiden von der inneren Anlage des
+Gemüts zu Heiterkeit und Ruhe, oder zu Besorgnis und Schmerz. Das Innere
+ist immer das Mächtigste. Auch wahres, selbst erschütterndes Unglück
+wird leichter und schwerer aufgenommen, je nachdem die Seele schon von
+lichteren und düsteren Ideen erfüllt ist. Bei Ihnen scheint mir das
+gerade jetzt noch mehr der Fall, und da bitte ich Sie inständig, dem
+entgegen zu arbeiten. Ich rechne es schon zu diesen dunklen Stimmungen,
+daß Sie, ohne doch krank zu sein, bald zu sterben glauben. Sie sagen
+zwar, und gewiß mit voller Wahrheit, daß Ihnen gerade die Todesgedanken
+freudige und Ihrer Neigung zusagende sind, und niemand kann dies besser
+begreifen als ich. Ich habe nie die mindeste Furcht vor dem Tode gehabt,
+er wäre mir in jedem Augenblick willkommen. Ich sehe ihn als das an,
+was er ist, die natürliche Entwickelung des Lebens, einen der Punkte, wo
+das unter gewissen endlichen Bedingungen geläuterte und schon gehobene
+menschliche Dasein in andere, befriedigendere und erhellendere gelangen
+soll. Was menschlich ist, in dem Ausbildungsgange des Lebens liegt, was
+alle Menschen miteinander teilen, das kann der irgend Weise nicht
+fürchten, er muß es vielmehr begünstigen und lieben, gleichsam mit
+Wißbegierde, so lange die Besinnung ihm beiwohnt, auf den Übergang
+achten, versuchen, wie lange er das fliehende Hier noch zu halten
+vermag. Ich hörte bisweilen sagen, der Tod müsse gewiß von einem
+wohltätigen und angenehmen Gefühl begleitet sein, und das ist mir
+selbst, wenn auch manchmal das Gegenteil stattzufinden scheint,
+glaublich. Die Schmerzen pflegen zu weichen, alle Unruhe sich zu legen,
+und fast immer haben Tote, ehe die Züge entstellt und verzogen werden,
+etwas Ruhiges, Friedliches, selbst oft etwas Erhebendes und Verklärtes.
+Bei alledem muß man es doch eine düstere Gemütsstimmung nennen, wenn man
+sich dem Tode nahe glaubt. Der Tod ist immer ein Ausscheiden aus aller
+bekannten Heimat, ein Gehen ins Neue und Fremde. So trafen äußere
+unerwünschte Umstände schon bei Ihnen auf ein wenigstens sehr ernst
+bewegtes Gemüt. Suchen Sie, teure Charlotte, denn auch hier da die
+Heilmittel, wo Sie sie schon oft fanden, in Ihrem Innern, in Ihrem
+Gottvertrauen, was Sie nie im Stich ließ. Es wird Sie aufs neue retten,
+und Trost und Hilfe erscheinen, wenn Sie sie auch noch nicht sehen.
+Immer schütten Sie Ihr beklommenes Herz mir aus, immer werden Sie
+dieselbe Teilnahme in mir finden, die keiner Veränderung fähig ist.
+Ganz der Ihrige. H.
+
+
+
+Den 16. Dezember 1828.
+
+Es wird mich sehr freuen, eine Fortsetzung Ihrer Lebenserzählung zu
+bekommen. Sie wissen, daß ich auch an Ihrem vergangenen Leben einen
+warmen und innigen Anteil nehme, und daß außerdem schon jede recht
+individuelle Schilderung für mich einen hohen Reiz hat, der mich anzieht
+und verweilen läßt. Ich fühle aber sehr gut, daß eine solche Schilderung
+aufzusetzen und aus den Händen zu geben, eine große und schwer zu
+überwindende Schwierigkeit hat. Es kommen doch im Leben der Menschen
+immer Dinge vor, die gerade in den besten und feingesinntesten Gemütern
+eine gewisse Scheu, sie auszusprechen, hervorbringen. Ich meine damit
+garnicht solche, die man sich gleichsam zu gestehen scheute, weil man
+fürchtet, deshalb ungünstig beurteilt zu werden. O nein, es gibt Dinge,
+die garnicht dieser, sondern ganz entgegengesetzter Natur sind, und
+deren man sich eher rühmen könnte, die aberdoch ein gewisses Zartgefühl
+über die Lippen gehen zu lassen und gar durch die Feder dem Papier
+anzuvertrauen verbietet oder schwer macht. Es kommen auch Dinge vor, die
+andere in ein nachteiliges Licht stellen, und die man also, wie sehr es
+auch ihre Urheber verdient haben möchten, ungern ans Licht bringt. So
+wie man aber von dem Grundsatz abgeht, bei einer Lebenserzählung nur
+bloß und einfach die Erinnerungen seines Gedächtnisses abzuschreiben und
+gänzlich darauf Verzicht zu leisten, zu beurteilen, was wohl gesagt
+werden kann, und was verschwiegen oder verhüllt werden muß, so ist der
+Reiz einer wahren Naturschilderung dahin. Es ist nicht die einfache,
+nicht die vollständige, und mithin nicht die wahre Geschichte. Es ist
+keine Erzählung der Vergangenheit, sondern eine aus dem Standpunkt des
+späteren Lebens gemachte Beschreibung derselben. Man glaubt wohl, die
+moralische und geistige Wahrheit, um die es eigentlich zu tun sei,
+verliere nichts, wenn man zwar hier und da eine Tatsache nur halb oder
+allgemein erzählt, allein ganz treu und wahr die Wirkung schildert, die
+diese Tatsache auf die Empfindung und das Gemüt hervorgebracht habe.
+Wenn z. B. jemanden ein verletzendes Wort gesagt worden sei, so komme es
+nicht darauf an, dies selbst zu wiederholen. Man könne es vielmehr ganz
+füglich verschweigen, wenn man nur den Eindruck des Wortes auf den, der
+es hören mußte, beschreibt. Dies ist aber durchaus falsch. Denn es hört
+nun aller Maßstab der ganzen Szene auf, den der Art und dem Grade nach
+bloß das Wort selbst, einfach ausgesprochen, geben kann. Ich sage Ihnen
+das so ausführlich, weil ich mit Ihnen recht offenherzig und nicht bloß
+obenhin über die Fortsetzung Ihrer Lebenserzählung sprechen möchte. Ich
+kann Ihnen nicht raten, dieselbe weiter als zu dem Punkte fortzusetzen,
+wo Sie sicher sind, alles und jedes, wie es Ihnen Ihr Gedächtnis gibt,
+ohne die mindeste und leiseste Retizenz niederzuschreiben. Dies war in
+dem Teile, den Sie mir bis jetzt schickten, nicht nur möglich, sondern
+Ihnen nach Ihrem Charakter selbst leicht, und ich bin sicher, daß Sie in
+diesem so gehandelt haben. Sie konnten es, ohne irgendein eigenes oder
+fremdes Gefühl zu verletzen. Es ist möglich, daß dies auch ferner der
+Fall sei, allein ich kann mir auch sehr gut das Gegenteil denken. Dann
+würde ich es ganz natürlich finden, daß Sie den Schmerz der Erinnerung
+scheuen und vernarbte Wunden nicht aufreißen wollen; mir aber würde
+durch den Gedanken eines solchen mir gebrachten Opfers alle Freude
+genommen, die mir bisher durch den Empfang jedes Ihrer Hefte geworden.
+Wenn von Biographie die Rede ist, habe ich nun einmal den Begriff nur
+von historischer Wahrheit, von dem ich, bei dem großen und innigen
+Anteil, den ich an Ihnen nehme, auch mit dem besten Willen nicht abgehen
+könnte. An sich aber halte ich es für gut und heilsam, sein eigenes
+Leben so buchstäblich durchzugehen, und das Zartgefühl, das Retizenzen
+hervorbringt, für ein falsches, obgleich unendlich natürliches und daher
+verzeihliches. Indes mißtraue ich hier meinem eigenen Gefühle, da ich
+bei weitem mehr ein glückliches Leben, in einer ganz genügenden Lage,
+geführt habe; man könnte dann leicht dahin kommen, den unrichtigen
+Maßstab an andere zu legen, wovor ich mich immer gehütet habe. Noch
+einmal also, liebe Charlotte, wiederhole ich das schon oft Gesagte,
+folgen Sie Ihrem Gefühl; leidet dies nicht bei der Arbeit, so rechnen
+Sie immer mit Gewißheit darauf, daß Sie mir eine große Freude dadurch
+machen, aber nur auch unter der Bedingung, daß Sie ganz und ohne alle
+Retizenz wahr schreiben können. Sie können zu mir auch, wie man im
+Sprichwort sagt, wie in ein Grab sprechen. Ihre Hefte liegen
+wohlverwahrt in meinem Pult und können nach meinem Tode nur ins Feuer,
+ungelesen, gehen. In meiner Lage habe ich Gelegenheiten, dies zu
+veranstalten, die durch keinen Zufall irgendeiner Art vereitelt oder
+umgangen werden können. Ich halte es für Pflicht, Sie über diesen Punkt
+auch fest zu beruhigen, es ist schon Pflicht der Dankbarkeit für die
+vertrauensvolle, innige, rücksichtslose Hingabe, die Sie mir seit einer
+langen Reihe von Jahren bewiesen und offen gezeigt haben.
+
+Das Jahr ist am Abscheiden, und wie ich gern verweile bei so viel
+schönen Genüssen, die es gewährte, worunter ich auch Ihr Wiedersehen
+rechne, so scheide ich nicht ohne sehr trübe Ahnung dessen, was das
+kommende bringen kann -- und ich erkenne mit wehem Gefühl, daß es
+ähnlich in Ihrem Gemüte ist. Möge die Vorsehung von Ihnen, gute
+Charlotte, neue Prüfung abwenden! Das ist mein herzlicher Wunsch.
+
+Seit unserer Rückkunft ist meine Frau bedeutend an mehreren
+zusammenkommenden Übeln krank; es ist wenigstens kein Zeitpunkt der
+Besserung mit Wahrscheinlichkeit vorauszusehen. Dies stört meine innere
+Lage in diesem Winter sehr.
+
+Ich bitte Sie, mir den 30. d. M zu schreiben. Leben Sie recht wohl und
+rechnen Sie immer auf meine Ihnen bekannten Gesinnungen der Zuneigung
+und lebhaften Teilnahme. Ganz der Ihrige. H.
+
+
+
+_Berlin_, März 1829.
+
+Ihr Brief hat mich in einer Zeit gefunden, die ich zu den traurigsten
+meines Lebens rechnen kann. Mit meiner Frau geht es zwar etwas
+leidlicher, allein der Zustand ist von einem Tage zum andern immer mehr
+von der Art, daß er über den endlichen Ausgang keinen Zweifel übrig
+läßt.
+
+In solchen Momenten, die zu den ernstesten des Lebens gehören, bedarf
+man es, sich in sich zurückzuziehen und die Fassung da zu suchen, wo die
+Quelle aller Stärke und aller inneren Ausgleichung mit dem Schicksal
+ist.
+
+
+
+_Berlin_, den 31. März 1829.
+
+Ich kann Ihnen, liebe Charlotte, heute nur wenige Zeilen schreiben. Ich
+habe den tiefen Schmerz erfahren, dem ich, wie Ihnen mein letzter Brief
+sagte, entgegensah. Meine Frau ist am 26. d. M. früh gestorben und
+gestern in Tegel beerdigt worden. Sie hatte ein viermonatiges
+Krankenlager erduldet und viel gelitten, wenn sie auch von heftigen
+Schmerzen ziemlich befreit blieb. Ihr klarer, heiterer, dem Tode und dem
+Leben eigentlich gleich zugekehrter Sinn war ihr unverrückt geblieben.
+Ihre letzten Stunden waren ruhig, sanft und durchaus schmerzlos. Sie
+behielt bis zum letzten Atemzug ihre volle Besinnung und sprach noch
+wenige Augenblicke vor ihrem Verscheiden mit fester, unbewegter Stimme
+mit uns, ihren beiden älteren Töchtern und mir. Ihre Worte waren eben so
+einfach, als der Ton ruhig, in dem sie sie sprach. Je näher der
+Augenblick des Todes kam, je ruhiger und friedlicher wurden ihre Züge.
+Auch nicht das leiseste Zucken der Lippen entstellte sie. Ihr Tod war
+ein allmähliches übergehen in einen tiefen Schlaf.
+
+ * * * * *
+
+_Später_.
+
+Ich habe einen ganz unerwarteten, neuen und sehr bitteren Verlust
+erlitten. Ein sehr genauer Freund von uns, der alle Abende seit Jahren,
+wenn wir in der Stadt waren, bei uns zubrachte und auf dem Lande oft
+bei uns war, ist nach einer sehr kurzen Krankheit gestorben. Er hatte
+noch mit mir am Grabe meiner Frau gestanden, und gestern war ich bei
+seinem Leichenbegängnisse. Sein Verlust betrübt mich sehr und ich werde
+ihn schmerzlich vermissen.
+
+
+
+_Berlin_, den 18. Mai 1829.
+
+Unsere Briefe, liebe Charlotte, haben sich gekreuzt. Mein Brief wird
+Ihnen gezeigt haben, daß ich ihrem Wunsch, Nachricht von mir zu
+erhalten, zuvorgekommen bin. Und weil Sie es gern sehen, sage ich Ihnen
+zuerst, daß meine Gesundheit ganz gut ist. Im höheren Alter, wie ich
+mich darin befinde, hat man immer hie und da eine kleine
+Unbequemlichkeit und nach langen Wintern leicht Rheumatismen. An solchen
+Kleinigkeiten leide ich natürlich auch bisweilen, allein das geht
+vorüber. Wenn meine Briefe nichts von Krankheit sagen, können Sie mit
+Sicherheit annehmen, daß ich gesund bin. Von meinem Befinden und
+überhaupt von mir zu reden, ist mir im hohen Grade zuwider. Mich freut
+eine liebevolle Teilnahme, wenn ich, wie bei Ihnen, liebe Charlotte,
+überzeugt bin, daß sie aus aufrichtiger und wahrhaft teilnehmender
+Brust, aus innig teilnehmendem Herzen entspringt. Aber sie würde mir
+peinlich werden, wenn ich sie gewissermaßen in Anspruch nehmen, sie an
+einzelnen Beispielen wahrnehmen müßte. Sie ist mir ein schöner Genuß,
+wenn ich sie mit überhaupt als in den Gesinnungen liegend denke, die Sie
+mir seit so langer Zeit mit so großer Treue schenken, und auf deren
+Beständigkeit ich immer mit Sicherheit rechnen kann.
+
+Ich schrieb Ihnen neulich von dem Tode eines vertrauten Freundes, in dem
+ich sehr viel verloren habe. Jetzt blühen nun schon Frühlingsblumen auf
+seinem Grabe, wie auf dem meiner Frau. So geht die Natur ihren ewigen
+Gang fort und kümmert sich nicht um des in ihrer Mitte vergänglichen
+Menschen. Mag auch das Schmerzhafteste und Zerreißendste begegnen, mag
+es sogar eine unmittelbare Folge ihrer eigenen, gewöhnlichen
+Umwandlungen oder ihrer außerordentlichen Revolutionen sein, sie
+verfolgt ihre Bahn mit eiserner Gleichgültigkeit, mit scheinbarer
+Gefühllosigkeit.
+
+Diese Erscheinung hat, wenn man eben vom Schmerz über ein schon
+geschehenes Unglück oder von Furcht vor einem drohenden ergriffen ist,
+etwas wieder schmerzlich Ergreifendes, die innere Trauer Vermehrendes,
+etwas, das schaudern und starren macht. Aber so wie der Blick sich
+weiter wendet, so wie die Seele sich zu allgemeinen Betrachtungen
+sammelt, so wie also der Mensch zu der Besonnenheit und Ergebung
+zurückkehrt, die seiner wahrhaft würdig sind, dann ist gerade dieser
+ewige, wie an ihr Gesetz gefesselte Gang der Natur etwas unendlich
+Tröstendes und Beruhigendes. Es gibt dann doch auch hier schon etwas
+Festes, »einen ruhenden Pol in der Flucht der Erscheinungen«, wie es
+einmal in einem Schillerschen Gedichte sehr schön heißt. Der Mensch
+gehört zu einer großen, nie durch einzelnes gestörten noch störbaren
+Ordnung der Dinge, und da diese gewiß zu etwas Höherem und endlich zu
+einem Endpunkte führt, in dem alle Zweifel sich lösen, alle
+Schwierigkeiten sich ausgleichen, alle früher oft verwirrt und im
+Widerspruch klingenden Töne sich in einen mächtigen Einklang vereinigen,
+so muß auch er mit eben dieser Ordnung zu dem gleichen Punkte gelangen.
+Der Charakter, den die Natur an sich trägt, ist auch immer ein so
+zarter, kein auch die feinste Empfindung verletzender. Die Heiterkeit,
+die Freude, der Glanz, den sie über sich verbreitet, die Pracht und
+Herrlichkeit, in die sie sich kleidet, haben nie etwas Anmaßendes oder
+Zurückstoßendes. Wer auch noch so tief in Kummer oder Gram versenkt ist,
+überläßt sich doch gern den Gefühlen, welche die tausendfältigen Blüten
+des sich verjüngenden Jahres, das fröhliche Zwitschern der Vögel, das
+prachtvolle Glänzen aller Gegenstände in vollen Strahlen der immer mehr
+Stärke gewinnenden Sonne erwecken. Der Schmerz nimmt die Farbe der
+Wehmut an, in welcher eine gewisse Süßigkeit und Heiterkeit selbst ihm
+garnicht fremd sind. Sieht man endlich die Natur nicht wirklich als das
+All, als das die Geister- und Körperwelt vereinigende Ganze an, nimmt
+man sie nur als den Inbegriff der dem Schöpfer dienenden Materie und
+ihrer Kräfte, so gehört nicht der Mensch, sondern nur der Staub seiner
+irdischen Hülle ihr an. Er selbst, sein höheres und eigentümliches
+Wesen, tritt aus ihren Schranken heraus und gesellt sich einer höheren
+Ordnung der Dinge bei. Sie sehen hieraus ungefähr, wie mich der zwar
+langsam erscheinende, aber schöne Frühling ergreift, wie ich ihn
+genieße; wie er sich mit meinen innersten Empfindungen mischt. Es gibt
+Ihnen zugleich ein Bild meines Innern selbst. Mein Leben kann keine
+wahrhaft freudigen Eindrücke, nur wehmütige und traurige in diesem
+Augenblick erfahren, und wenn ich in diesem Augenblick sage, so tue ich
+das nur, weil ich nie gern etwas von der Zukunft sage, weil ich von
+aller Affektation immer frei gewesen bin, und, wenn eine wahrhaft
+fröhliche Stimmung in mich zurückkehrte, ich gar kein Hehl haben würde,
+es zu sagen, und kein Bedenken, mich ihr zu überlassen. Eigentlich
+glaube ich aber allerdings, daß meine jetzige Stimmung auch meine
+künftige sein wird. Ich habe nie begriffen, wie die Zeit einen Schmerz
+um einen Verlust soll verringern können. Das Entbehren dauert durch alle
+Zeit fort, und die Linderung könnte nur darin liegen, daß sich die
+Erinnerung an den Verlust schwächte, oder man sich gar im Gefühl des
+Alleinstehens enge an ein anderes Wesen anschlösse, was, hoffe ich, mir
+ewig fern bleiben wird, wie es jeder edeln Seele fern bleibt. Es ist mir
+aber auch sehr recht, daß es in mir bleibe so wie es ist. Ich habe für
+mich nie das Glück in freudigen, das Unglück nie in schmerzhaften
+Empfindungen gesucht, das, was die Menschen gewöhnlich Glück oder
+Unglück nennen, nie so angesehen, als hätte ich ein Recht zu klagen,
+wenn statt des Genusses des ersteren das letztere mich beträfe. Ich bin
+eine lange Reihe von Jahren an der Seite meiner Frau unendlich glücklich
+gewesen, größtenteils allein und ganz durch sie, und wenigstens so, daß
+sie und der Gedanke an sie sich in alles das mischte, was mich wahrhaft
+beglückte. Dies ganze Glück hat der Gang der Natur, die Fügung des
+Himmels mir entzogen, und auf immer und ohne Möglichkeit der Rückkehr
+entzogen. Aber die Erinnerung an die Verstorbene, das, was sie und das
+Leben mit ihr in mir gereift hat, kann mir kein Schicksal, ohne mich
+selbst zu zerstören, entreißen. Es gibt glücklicherweise etwas, das der
+Mensch festhalten kann, wenn er will, und über das kein Schicksal eine
+Macht hat. Kann ich mit dieser Erinnerung ungestört in Abgeschiedenheit
+und Einsamkeit fortleben, so klage ich nicht und bin nicht unglücklich.
+Denn man kann großen und tiefen Schmerz haben und sich doch darum nicht
+unglücklich fühlen, da man diesen Schmerz so mit dem eigensten Wesen
+verbunden empfindet, daß man ihn nicht trennen möchte von sich, sondern
+gerade, indem man ihn innerlich nährt und hegt, seine wahre Bestimmung
+erfüllt. Die Vergangenheit und die Erinnerung haben eine unendliche
+Kraft, und wenn auch schmerzliche Sehnsucht daraus quillt, sich ihnen
+hinzugeben, so liegt darin doch ein unaussprechlich süßer Genuß. Man
+schließt sich in Gedanken mit dem Gegenstande ab, den man geliebt hat
+und der nicht mehr ist, man kann sich in Freiheit und Ruhe überall nach
+außen hinwenden, hilfreich und tätig sein, aber für sich fordert man
+nichts, da man alles hat, alles in sich schließt, was die Brust noch zu
+fühlen vermag. Wenn man das verliert, was einem eigentlich das Prinzip
+des gedankenreichsten und schönsten Teils seiner selbst gewesen ist, so
+geht immer für einen eine neue Epoche des Lebens an. Das bis dahin
+Gelebte ist geschlossen, man kann es als ein Ganzes überschauen, in
+seinem Gemüt durch Erinnerung festhalten und mit ihm fortleben; Wünsche
+aber für die Zukunft hat man nicht mehr, und da man durch diese
+Erinnerung eine beständige geistige Nähe gewissermaßen genießt, in allen
+seinen Kräften sich gehoben empfindet, behält auch das Leben, das ja die
+Bedingung aller dieser Empfindungen ist, noch seinen Reiz. Ich empfinde
+keine Freude der Natur schwächer als sonst, nur die Menschen meide ich,
+weil die Einsamkeit mir inneres Bedürfnis ist.
+
+
+
+_Tegel_, den 12. Juni 1829.
+
+Ich danke Ihnen sehr, liebe Freundin, für Ihren letzten Brief, den ich
+mit großem und gewohntem Anteil gelesen habe. Ich danke Ihnen besonders
+für das, was Sie in Rücksicht auf mich und meine Gefühle sagen. Sie
+sehen aus meinen Briefen, daß ich ruhig und besonnen bin. Ich lebe, und
+das kann nur mit jedem Jahr ausschließlicher zunehmen, im Andenken der
+Vergangenheit, mit dem Glück, das die Gegenwart nicht mehr gibt. In
+diesem Andenken bin ich reich, und insofern zufrieden, als ich fühle,
+daß dies gerade das Glück ist, das dieser Periode meines Lebens
+entspricht. Außer diesem Andenken suche ich nichts, sehe mich nicht in
+diesem Leben nach Ersatz, Trost, Beruhigung um. Ich fordere nichts und
+bedarf von dieser Seite nichts. Gegen meine Kinder bin ich wie sonst. Es
+hat sich nichts in meinen Gefühlen für sie geändert, als daß ich Mitleid
+mit ihrem Schmerz über den gleichen Verlust empfinde. Mich enger an sie
+anschließen, mehr für sie sorgen, kann ich nicht, da ich das immer so
+viel getan, als ich vermochte. Alle übrigen Verhältnisse bleiben mir
+gerade dasselbe, was sie mir gewesen sind, und ich bin gewiß nicht
+weniger teilnehmend, hilfreich, aufgelegt mit Rat und Tat beizustehen
+als früher. So, liebe Charlotte, müssen Sie sich mein Inneres denken,
+und Sie sehen, daß Sie auf keine Weise besorgt um mich zu sein brauchen.
+Was ich erfahren, liegt im natürlichen Laufe der Dinge. Die zusammen
+die Lebensbahn gehen, müssen sich an einem Punkt scheiden; es ist
+glücklicher, wenn die Zwischenzeit sehr kurz ist, in der sie einander
+folgen. Allein aller Verlust von Jahren ist kurz gegen die Ewigkeit. In
+mir geht nichts anderes vor, als daß mein Inneres sich ungekünstelt,
+unabsichtlich, ohne durch Vorsätze oder Maximen geleitet zu sein, bloß
+sich seinem Gefühl überlassend, mit der Lebens- oder Schicksalsperiode,
+wie Sie es nennen wollen, ins Gleichgewicht setze, in die ich
+unglücklicherweise früher getreten bin, als es der gewöhnliche Gang des
+Lebens erwarten ließ. An einem solchen Gleichgewicht darf es dem
+Menschen, meiner Empfindung nach, nie fehlen, das Streben danach sollte
+ihm wenigstens immer eigen sein. Es ist dies gar keine Klugheitsregel,
+kein Bemühen, sich heftige Empfindungen zu ersparen. Das Setzen ins
+Gleichgewicht wird oft nur dadurch erreicht, daß man viel Schmerz,
+physischen und moralischen, in sein Dasein mit aufnimmt, aber es besteht
+darin die wahre Demütigung unter die Fügung des Geschickes, die ich in
+mir immer als die erste und höchste Pflicht des Menschen betrachte. Gehe
+ich nun in meine gegenwärtige Lebensepoche zurück, so kann in ihr ein
+gewisses Anschließen an Personen und an die Welt nicht mehr liegen, aber
+das wohltätig aus sich Hinausgehen, die Geneigtheit, Anteil zu nehmen
+und in jeder möglichen Art zu geben, sind gewissermaßen in dem Grade
+größer, als man minder geneigt zum Empfangen, wenigstens die Seele
+garnicht gerade darauf gerichtet ist.
+
+Es freut mich sehr, daß Sie nicht aufhören, sich mit den Sternen gern
+und anhaltend zu beschäftigen. Der Himmel und der Eindruck, den er auf
+das Gemüt durch seinen bloßen Anblick macht, ist so verschieden von der
+Erde in allen Gefühlen und Vorstellungen, daß, wer nur an der Natur des
+Erdbodens Gefallen findet, die Hälfte, und gerade die wichtigste Hälfte
+der ganzen Naturansicht entbehrt. Ich sage darum nicht, daß sich der
+Schöpfer größer, weiser oder gütiger am Firmament offenbart als auf der
+Oberfläche der Erde. Seine Macht, Weisheit und Güte leuchten aus jedem
+Wesen ebenso wie aus dem größten Weltkörper hervor. Allein der Himmel
+erweckt unmittelbar im Gemüt reinere, erhabenere, tiefer eindringende
+und uneigennützigere, weniger sinnliche Gefühle. Leben Sie recht wohl.
+Ich bleibe mit der unveränderlichsten Teilnahme und Freundschaft der
+Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, Juli 1829.
+
+Daß ein Unglück das andere, aber auch ein Glück das andere nach sich
+zieht, ist zu einer sprichwörtlichen Redensart geworden, so daß ihm wohl
+eine gewisse Wahrheit zugrunde liegen muß, wenigstens eine hinreichende,
+um die Erscheinung zu einer Volkserfahrung in Masse zu machen. Eine
+genaue Untersuchung hält die Sache schwerlich aus. Gewiß kommen Glück
+und Unglück eben so oft einzeln. Durch ein sehr und tief das Gemüt
+ergreifendes Schicksal wird nur die Aufmerksamkeit mehr auf ähnliche
+Ereignisse gespannt, was ich für einen Hauptgrund halte. Wäre es anders
+und jene Gesellung gleicher und gleicher Schicksale wirklich in der
+Natur und der Natur der Sache gegründet, so müßte eine geheime
+Verbindung zwischen der inneren menschlichen Gemütsstimmung und dem
+äußeren menschlichen Geschicke bestehen und obwalten, eine schmerzliche
+Stimmung ein schmerzliches Geschick, eine freudige ein freudiges
+herbeiführen. Insofern ein weltlicher, menschlich zu begreifender, wenn
+auch in allen seinen einzelnen Fäden nicht zu erklärender Zusammenhang
+zwischen jenem Inneren und Äußeren möglich ist, glaube ich vollkommen
+daran, daß so eins das andere herbeiführt. Allein wo das, nach
+menschlicher Art zu reden, nicht einzusehen ist, da zweifle ich, daß der
+Schmerz wie durch eine geheimnisvolle Kraft, gleichsam wie ein geistiger
+Magnet, Stoff neuer Schmerzen an sich ziehe. Auch zerfällt die Sache in
+sich, da ja sonst auf ein einmal eingetretenes Unglück kaum je eine
+freudige Begebenheit folgen könnte, was doch durch die Erfahrung
+widerlegt wird. In gutgearteten Seelen ist ein wahrer Schmerz, was auch
+seine Ursache sein möge, immer ewig, und wenn man behauptet, daß die
+Zeit oder andere Umstände ihn minderten, so sind das Worte, die nur für
+die schwächliche Empfindung Geltung haben, die der gehörigen Kraft, das
+einmal Empfundene dauernd festzuhalten, ermangelt. Die glücklichsten
+Begebenheiten ändern darin nichts. Auch können in dem wunderbaren
+menschlichen Gemüt Schmerz und Empfindung eines in anderer Hinsicht
+glücklichen Daseins gleichzeitig nebeneinander fortleben. Der Schmerz um
+verlorene Kinder in glücklich, lange nachher fortgeführten Ehen ist ein
+lebendiges, sich oft erneuerndes Beispiel davon. Auch muß es so sein.
+Der Mensch muß beständig sein und das Schicksal wechselnd erscheinen.
+Denn in sich hat auch das Schicksal seine, wenngleich von uns nicht
+eingesehene und nicht erkannte Beständigkeit.
+
+
+
+_Bad Gastein_, den 20. August 1829.
+
+Ich bin überzeugt, daß Sie mir, nach Ihrer gewöhnlichen Güte und
+Freundschaft und nach Ihrer so oft erprobten Pünktlichkeit, genau an dem
+Tage geschrieben haben, an dem ich Sie bat, Ihren Brief auf die Post zu
+geben. Dennoch habe ich noch keinen erhalten. Es liegt dies an dem so
+sehr langsamen Postenlauf. Bis Salzburg gehen die Briefe vermutlich ohne
+so großen Aufenthalt und bringen nur die der Weite des Wegs angemessene
+Zeit zu. Allein von da geht die Post nur zweimal wöchentlich hierher.
+Hat nun ein Brief das Unglück, gerade den Tag nach dem Abgange
+anzukommen, so bleibt er unbarmherzigerweise liegen. Es hat mir sehr
+leid getan zu denken, daß Sie auf diese Weise sehr lange ohne Brief von
+mir sein werden. Mein letzter war, soviel ich mich erinnere, vom 29.
+Juli, er muß also in den ersten Tagen dieses Monats in Ihren Händen
+gewesen sein. Der heutige aber kann erst kurz vor Ende August Sie
+erreichen.
+
+Ich bin seit Sonntag, den 16. d. M., wieder in den bekannten Bergen und
+bewohne dieselben Zimmer wie in den vorigen Jahren. Es ist mir das ganz
+besonders lieb und eine angenehme Überraschung, welche mir der Zufall
+bereitet hat. Das Wetter war seit meiner Ankunft hier sehr günstig, nur
+einen Tag regnete es ununterbrochen mehrmals. Auf den noch garnicht weit
+entfernten, nur etwas höheren Bergen liegt freilich Schnee. Aber er
+glänzt freundlich im warmen Sonnenschein, und es hat auch etwas
+Erfreuliches, den Wechsel des Jahres so mit einem Blick zu übersehen.
+Die Sonne ist, wo sie trifft, sehr heiß und ordentlich brennend, da die
+Strahlen auch von den Felsen zurückprallen. Aber vor der Hitze darf man
+hier niemals bange sein. Die ganze Gegend ist schattig, die vielen
+großen und kleinen Wasserfälle wehen einem überall eine frische Kühlung
+zu, und man muß die Sonne, und wenn es nur irgend kühl ist, die warmen
+Stellen mit Mühe aufsuchen. Hat man aber eine gewisse, doch nur sehr
+mäßige Höhe erreicht, so befindet man sich in einem ganz ebenen, freien,
+sonnenbeschienenen, nur von sehr hohen Bergen umgebenen Tale. Dies ist
+mein gewöhnlicher Nachmittags-Spaziergang. Kurz vor Tisch pflege ich,
+doch nur bei heiterem und freundlichem Wetter, einen kürzeren auf die
+Gloriette zu machen. Ich habe Ihnen so oft von Gastein aus geschrieben,
+daß ich dieses Ortes gewiß schon gedacht und Ihnen die Lage geschildert
+habe. Ich will Sie daher nicht mit einer Wiederholung ermüden. Es ist
+dort eine höchst überraschende, theatralische, dekorationsartig
+malerische Aussicht, die aber des hellen Glanzes der Sonnenstrahlen auf
+den schneeweißen Wasserfall bedarf. Bei dunklem Wetter ist es ohne
+Anmut.
+
+Ich bin in acht Tagen, also da die Entfernung doch von 110 Meilen ist,
+nicht gerade langsam hierher gereist.
+
+Eine solche Reise hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Lesen eines
+geschichtlichen Buches. Wie in diesem eine Reihe von Zeiten, so
+durchläuft man reisend eine Reihe von Gegenden. In Absicht auf den
+Menschen, der doch in aller Weltbetrachtung immer der wichtigste, am
+meisten den Ernst und die Anstrengung der Beobachtung in Anspruch
+nehmende Gegenstand ist, trifft bei beiden Fällen der Umstand ein, daß
+der einzelne in einer gewissen Masse verschwindet, die individuelle
+Existenz keinen Wert zu haben scheint gegen die Bestimmung des größeren
+und kleineren Ganzen, zu dem sie gehört. Dagegen fühlt nun doch der
+Betrachter, der Lesende oder Reisende, ganz vorzugsweise sein Ich. Er
+kann auch mit größter Anspruchlosigkeit es sich nicht ableugnen, daß
+dies für ihn der Mittelpunkt aller Bestrebungen sein muß. Ich meine
+nicht, um sich äußere Güter, Genuß und Glück zu verschaffen, aber womit
+gerade oft das freiwillige Aufgeben alles Genusses und Glückes verbunden
+sein kann, um das Heil seiner Seele zu besorgen. Ich bediene mich mit
+Absicht dieses Ausdrucks, um keine Art auszuschließen, die der Mensch
+bei seiner geistigen Veredlung wählen kann. Denn er kann durch immer
+reichere und reinere Entwicklung seiner Ideen, durch immer
+angestrengtere Bearbeitung seines Charakters, sich zu einer höheren
+Stufe der Geistigkeit erheben, oder zu der gleichen auf dem kürzeren
+Wege stiller Gottseligkeit gelangen.
+
+Wenn man die Welt weltlich betrachtet, so tritt vor zwei sich
+aufdrängenden gewaltigen Massen das Individuum ganz in den Schatten
+zurück oder wird vielmehr in einem großen Strome fortgerissen. Dieser
+Eindruck entsteht nämlich, wenn man den Zusammenhang der
+Weltbegebenheiten und wenn man den Wechsel des sich auf der Erde ewig
+erneuernden Lebens ins Auge faßt. Was ist der einzelne in dem Strome der
+Weltbegebenheiten? Er verschwindet darin nicht bloß wie ein Atom gegen
+eine unermeßliche, alles mit sich fortreißende Kraft, sondern auch in
+einem höheren, edleren Sinne. Denn dieser Strom wälzt sich doch nicht,
+einem blinden Zufall hingegeben, gedankenlos fort, er eilt doch einem
+Ziele zu, und sein Gang wird von allmächtiger und allweiser Hand
+geführt. Allein der einzelne erlebt das Ziel nicht, das erreicht werden
+soll, er genießt, wie ihn der Zufall, worunter ich nur hier eine in
+ihren Gründen nicht erforschbare Fügung verstehe, in die Welt wirft,
+einen größeren oder kleineren Teil des schon in der Tat erreichten
+Zweckes, wird dem noch zu erreichenden oft hingeopfert und muß das ihm
+dabei angewiesene Werk oft plötzlich und in der Mitte der Arbeit
+verlassen. Er ist also nur Werkzeug und scheint nicht einmal ein
+wichtiges, da, wenn der Lauf der Natur ihn hinwegrafft, er immer auf der
+Stelle ersetzt wird, weil es ganz widersinnig zu denken wäre, daß die
+große Absicht der Gottheit mit den Weltbegebenheiten durch Schicksale
+schwacher einzelner auch nur um eine Minute könnte verspätet werden. In
+den Weltbegebenheiten handelt es sich um ein Ziel, es wird eine Idee
+verfolgt, man kann es sich wenigstens, ja man muß es sich so denken. Im
+Laufe der körperlichen Natur ist das anders. Man kann da nichts anderes
+sagen, als daß Kräfte entstehen und so lange auslaufen, als ihr Vermögen
+dauert. So lange man bei einzelnen stehen bleibt, scheint darin ein
+Mensch gar sehr von anderen verschieden, verschieden an Tätigkeit,
+Gesundheit und Lebensdauer. Sieht man aber auf eine Masse von
+Geschlechtern, so gleicht sich das alles aus. In jedem Jahrhundert
+erneuert sich das Menschengeschlecht etwa dreimal, von jedem Lebensalter
+stirbt in einer gewissen Reihe von Jahren eine gleiche Zahl. Kurz, es
+ist deutlich zu sehen, daß eine nur auf die Masse, auf das ganze
+Geschlecht, nicht auf den einzelnen berechnete Einrichtung vorherrscht.
+Wie man sich auch sagen und wie fest und tief man empfinden mag, daß
+darin einzig und ausschließlich allweise und allgütige Leitung waltet,
+so widerstrebt doch nichts so sehr der Empfindung des einzelnen, zumal
+wenn sie eben schmerzlich bewegt ist, als dies gleichsam rücksichtslose
+Zurückwerfen des fühlenden Individuums auf eine nur wie Naturleben
+betrachtete Masse. Darum fand man es so empörend, wie einmal kurz nach
+der französischen Revolution kalt berechnet wurde, daß die Zahl aller
+vor den Gerichtshöfen gefallenen Opfer nur immer einen ganz geringen
+Teil der Bevölkerung Frankreichs ausmache. Dazu kommt noch, daß in
+dieser Betrachtung der Mensch sich mit allem übrigen Leben, auch dem am
+meisten untergeordneten, vermischt. Sein Geschlecht vergeht und erneuert
+sich nicht anders als die Geschlechter der Tiere und Pflanzen, die ihn
+umgeben. Diese Betrachtungen, die ich die weltlichen nannte,
+verschlingen also das individuelle Dasein, und da man ihre innere
+Wahrheit nicht absprechen kann, so würden sie das Gemüt in öde und
+hilflose Trauer versenken, wenn nicht die innere Überzeugung tröstlich
+aufrichtete, daß Gott beides, den Lauf der Begebenheiten und den der
+Natur, immer so richtet, daß, die Existenz überirdischer Zukunft
+mitgerechnet, das Glück und das Dasein des einzelnen darin nicht nur
+nicht untergeht, sondern im Gegenteil wächst und gedeiht. Die wahre
+Beruhigung, der wahre Trost, oder vielmehr das Gefühl, daß man gar
+keines Trostes bedarf, entstehen erst, wenn man die weltlichen
+Betrachtungen ganz verläßt und zur Beschauung der Natur und der Welt von
+der Seite des Schöpfers übergeht. Der Schöpfer konnte den Menschen nur
+zu seinem individuellen Glück ins Leben setzen, er konnte ihn weder dem
+blinden Wechsel eines nach allgemeinen Gesetzen fortschreitenden
+Lebensorganismus hingeben, noch einem idealischen Zwecke eines lange vor
+ihm entstandenen und weit über ihn hinaus fortdauernden Ganzen opfern,
+dessen Grenzen und Gestalt er niemals zu überschauen imstande ist. Jeder
+einzelne zum Eintritt ins Leben Geschaffene sollte glücklich sein,
+glücklich nämlich in dem tieferen und geistigen Sinne, wo das Glück ein
+inneres Glück, gegründet auf Pflichterfüllung und Liebe ist. In diesem
+Sinne regiert und leitet die Gottheit ihn und würdigt ihn ihrer Obhut.
+In ihm, in dem einzelnen liegt der Zweck und die ganze Wichtigkeit des
+Lebens, und mit diesem Zwecke wird der Lauf der Natur und der
+Begebenheiten in Einklang gebracht. Nirgends ist diese Vatersorge Gottes
+für jedes einzelne Glück so schön, so wahrhaft beruhigend ausgedrückt
+als im Christentum und im Neuen Testament. Es enthält die einfachsten,
+aber auch rührendsten und das Herz am tiefsten ergreifenden Äußerungen
+darüber. Ich bitte Sie, liebe Charlotte, mir jetzt nicht eher wieder zu
+schreiben, als ich es Ihnen anzeigen werde. Es könnte nichts helfen,
+wenn ein Brief von Ihnen während meiner Abwesenheit in Tegel ankäme.
+
+Leben Sie herzlich wohl, ich bleibe mit unveränderter Freundschaft und
+Teilnahme der Ihrige. H.
+
+
+
+_Regensburg_, den 10. September 1829.
+
+Sie sehen, liebe Charlotte, schon an der Überschrift dieses Briefes, daß
+ich auf der Rückreise von Gastein begriffen bin und ein bedeutendes
+Stück des Weges zurückgelegt habe. Ich reise aber sehr langsam und mache
+sehr kleine Tagereisen, weil es mein Grundsatz ist, daß man unmittelbar
+nach einer Badekur sich besonders in acht nehmen muß, um nicht mutwillig
+wieder die gute Wirkung zu zerstören. Man kann sich viel eher
+anstrengen, wenn man erst in das Bad reist. Das Bad muß dann auch das
+wiedergutmachen, -- ich glaube, daß ich noch im Reste des Jahres eine
+heilsame Nachwirkung davon erfahren werde.
+
+Im höchsten Grade hat es mich geschmerzt, liebe Charlotte, aus Ihrem
+Briefe zu ersehen, daß Sie von einer plötzlichen Augenschwäche befallen
+worden sind, und diese mit Schmerzen verbunden ist. Beinahe möchte ich
+aber das Letzte tröstlich nennen. Soviel ich weiß, sind Schmerzen immer
+nur mit vorübergehenden Augenkrankheiten verbunden, niemals mit denen,
+die zu den beiden gefährlichsten, dem grauen und schwarzen Star führen.
+Mit meinen Augen steht es schlimmer und besser als mit den Ihrigen.
+Schmerzen habe ich garnicht, bisher niemals, ich mag sie anstrengen oder
+nicht. Überhaupt habe ich von dem, was man Anstrengung bei Augen nennt,
+keinen rechten Begriff. Die meinigen sind nicht um ein Haar besser, wenn
+ich auch wie in Gastein wochenlang nicht viel lese und schreibe, es
+namentlich nie bei Licht tue, und sie werden nicht schlimmer, wenn ich
+viel und auch bei Licht arbeite. Mit der Zeit wird sich das vielleicht
+ändern, aber bis jetzt ist es so, wie ich Ihnen da sage. Allein auf dem
+rechten Auge habe ich einen schon sehr ausgebildeten grauen Star. Es
+leistet mir beim Lesen oder Schreiben gar keine Hilfe mehr, und wenn das
+andere ebenso wäre, so könnte mir mein Gesicht zu nichts mehr dienen,
+als ganz nahe Gegenstände allenfalls zu erkennen. Dies Übel ist seit
+vielen Jahren langsam entstanden, nimmt aber seit einigen schneller zu.
+Was ich mit dem Gesicht ausrichte, tue ich mit dem linken Auge, aber
+auch das ist schwach und wird es immer mehr. Ich kann auf die Dauer
+nichts ohne Brille weder lesen noch schreiben, und die Brille, die mir
+sonst sehr scharf schien, reicht jetzt kaum mehr hin. Wenn ich, wie ich
+weder wünsche noch glaube, noch lange, ich meine noch acht oder zehn
+Jahre, leben sollte, so darf ich mir kaum schmeicheln, daß mich meine
+Augen bis zum Grabe begleiten werden. Eher ist es möglich, daß ich sie,
+oder doch eins, durch eine Operation wieder erhalte. Ich habe mich sehr
+oft mit dem Gedanken beschäftigt, daß ich blind werden und bleiben
+könnte. Denn die Operation gelingt nicht immer. Ich glaube jetzt in mir
+so vorbereitet zu sein, daß mich dies Ereignis nicht außer Fassung
+bringen würde. Ich würde es, glaube ich, mit der Ergebung ertragen, mit
+der der Mensch alles Menschliche dulden muß. Ich würde so viel von
+meiner Tätigkeit retten, als ich nicht schlechterdings aufgeben müßte,
+und wenn der Mensch tätig sein kann, ist um sein Glück schon geringere
+Sorge. Aber die Vorstellung eines Unglücks ist noch immer etwas ganz
+anderes als das Unglück selbst, wenn es mit der furchtbaren Gewißheit
+seiner Gegenwart eintritt, und für das größte Unglück, das mich an
+meiner Person treffen könnte, halte ich Blindheit allerdings. Es ist
+aber sehr möglich, daß alle jetzige Fassung und Vorbereitung mächtig
+erschüttert werden und mich ganz verlassen könnte, wenn es käme, daß
+einmal der Tag erschiene, der mir kein Licht mehr brächte. Man muß auf
+nichts so wenig vertrauen, und an nichts so unablässig arbeiten, als an
+seiner Seelenstärke und seiner Selbstbeherrschung, die beide die
+einzigen sicheren Grundlagen des irdischen Glücks sind. Der Himmel
+scheint aber den Blinden zum Ersatz eine eigene Fassung und milde
+Duldsamkeit in die Seele zu flößen.
+
+
+
+_Tegel_, den 30. September 1829.
+
+Ich habe vor ein paar Tagen, liebe Charlotte, Ihren am 25. September
+beendigten Brief empfangen und sage Ihnen meinen herzlichsten Dank
+dafür. Es hat mich sehr gefreut zu sehen, daß es mit Ihren Augen
+bedeutend besser geht, und daß Sie einfache Mittel gefunden haben, die
+Ihnen wohltätig sind. Meinetwegen bitte ich Sie recht sehr, nicht
+besorgt zu sein. Ich selbst bin es nicht. Was in der Natur der Dinge
+liegt und das Schicksal herbeiführt, darüber wäre es töricht und
+unmännlich zugleich, seine Ruhe und sein inneres Gleichgewicht zu
+verlieren. So lange ich meine natürlichen Seelenkräfte behalte, wird mir
+das nicht begegnen. Ich werde einsehen, daß körperliche Organe durch den
+Gebrauch schwächer werden und anderen Zufällen unterworfen sind, und es
+wird mir nicht einkommen zu erwarten, daß die Vorsehung diesen
+natürlichen Lauf der Dinge für mich hemmen sollte. Wäre es einmal
+anders in mir, so wäre das ein trauriges Zeichen, daß mir nicht die
+Kraft mehr beiwohnte, die jeder vernünftige Mann besitzen muß.
+
+Sie bemerken sehr richtig, daß man viele Fälle hat, wo ein anfangender
+grauer Star auf einem gewissen Punkt stehen bleibt, ohne je zu
+eigentlicher Blindheit zu führen, und das ist schon eine große Wohltat.
+Denn man muß in diesen immer sehr traurigen Zuständen doch noch immer
+unterscheiden, was es mehr und was es weniger ist, und die eigentliche
+Blindheit enthält eigentlich ein doppeltes Leiden, erstlich, daß man
+unfähig wird, eine Menge von Dingen zu tun, zu denen das Gesicht
+unentbehrlich ist, und dann, daß man, des Lichtes beraubt, in Finsternis
+versetzt ist. Dies Letzte halte ich bei weitem für das Schlimmste. Denn
+die bloße Empfindung des Lichts, auch von dem Wahrnehmen aller
+Gegenstände gänzlich abstrahiert, hat etwas unendlich Wohltätiges und
+Erfreuliches und gehört in vieler Beziehung auch zu dem heiteren und
+fruchtbringenden inneren geistigen Leben. Das Licht ist wenigstens unter
+allen uns bekannten Materien die am wenigsten körperliche. Es hängt,
+ohne daß man selbst sagen kann, wie das zugeht, mit dem Leben selbst
+zusammen, und Leben, Licht und Luft sind wie verwandte, immer
+zusammengedachte, das irdische Dasein erst recht möglich machende Dinge.
+Wunderbar ist es auch, daß die Finsternis selbst den Reiz, den sie
+offenbar hat, verlieren muß, wenn sie zur beständigen Begleiterin des
+Lebens wird. Jedoch ist es nicht zu leugnen, daß die Finsternis der
+Nacht eine süße Ruhe gegen das Licht des Tages gewährt. Allein die
+angenehme Empfindung beruht nur darauf, daß der Tag vorangegangen ist,
+und daß man sicher ist, daß er nachfolgen wird. Nur der Wechsel ist
+wohltätig. Unaufhörliches Tageslicht ermüdet. Das fühlt man schon, wenn
+man im Sommer nördliche Länder bereist, wo die Dämmerung die ganze Nacht
+hindurch währt. Ich wenigstens habe das nie angenehm gefunden. Allein
+die ewige Finsternis muß etwas viel Traurigeres haben, als daß man den
+Begriff durch bloße Ermüdung erschöpfend ausdrücken könnte. Es ist wohl
+eine Stille, aber auch eine zurückstoßende Öde. Man wird durch den
+Mangel äußerer Zerstreuung in sich zurückgedrängt und kann doch viel
+weniger durch sich selbst handeln und tätig sein. Weit das Unangenehmste
+würde für mich das Aufhören der Mitteilung durch Briefe sein, die nicht
+bloß und lediglich Geschäfte beträfen. Denn wer könnte es aushalten,
+anderen vertrauliche Briefe zu diktieren oder sich vorlesen zu lassen?
+Der Briefwechsel beruht seinem Wesen nach ganz und gar auf gänzlich
+unmittelbarer Mitteilung, und ich würde jeden gleich abschneiden, wenn
+ich, was ich nicht hoffe, jemals das Unglück hätte, wirklich zu
+erblinden. Überhaupt ist es wunderbar, daß, meinem jetzigen Gefühl
+nach, ein solcher Zustand mich mehr von der Gesellschaft anderer
+abziehen als ihr zuführen würde. Ich kann es mir selbst nicht ganz
+erklären, da es natürlich scheint, die Zeit alsdann doppelt gern mit
+Gespräch auszufüllen. Es kommt vielleicht daher, daß ich, ohne selbst
+sagen zu können, warum, sehr ungern mit Blinden zusammen bin. Da ich
+fühle, daß dies eine gewissermaßen ungerechte Empfindung ist, so
+überwinde ich mich da, wo die Gelegenheit vorkommt, aber der Zwang, den
+ich mir antue, hebt die Widrigkeit des Gefühls nicht auf. Der Anblick
+kranker, auch nur glanzlos starrer, selbst verbundener Augen wirkt
+körperlich auf mich. Ich kann machen, daß ich der Empfindung nicht Raum
+gebe, aber ich kann nicht hindern, daß sie nicht entstehe und
+fortdauere. Schon ein Schirm vor den Augen anderer, besonders bei
+Frauen, ist mir unangenehm. Auch die Gewohnheit ändert darin nichts. Ich
+bin jahrelang wöchentlich mit Blinden zusammen gewesen, der Eindruck
+blieb aber immer derselbe. Daß ich nun, selbst blind, nicht mit andern
+sein möchte, ist nur eine Rückwirkung desselben Gefühls, wenn sie auch
+nicht dasselbe empfinden als ich, so kann ich doch nicht hindern, daß
+ich mich nicht außer mich selbst versetze und mich, andern gegenüber,
+mir selbst vorstelle. Leben Sie herzlich wohl. Ich wünsche sehr, daß es
+mit Ihren Augen besser gehen möge. Mit unwandelbaren Gesinnungen der
+Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 24. Dezember 1829.
+
+So spät im Jahre, liebe Charlotte, habe ich Ihnen noch nie von hier aus
+geschrieben. Ich war seit langen Jahren immer in der Stadt um diese
+Zeit. Nur in früheren, glücklicheren Epochen meines Lebens brachte ich
+auch den Winter auf dem Lande zu. Was ich damals im heiteren
+Zusammensein tat, wiederhole ich jetzt allein. Das ist der Gang des
+menschlichen Schicksals. Es ist heute hier, und da so kleine
+Entfernungen keinen Unterschied machen, gewiß auch bei Ihnen ein äußerst
+kalter Tag. Doch war ich aus. Ich gehe alle Tage gerade so spazieren,
+daß ich die Sonne untergehen sehe. Ich versäume den Moment nicht gern,
+und die halbe Stunde vor- und nachher sind mir im Sommer und Winter die
+liebsten des Tages. Der Mond wartet dann oft schon, wenn die Sonne ihn
+nicht mehr überstrahlt, seinen Glanz wieder zu gewinnen. Heute ging die
+Sonne so in Nebel gehüllt unter, daß man statt ihrer Scheibe nur einen
+mattgelben Duft sah. Wenn ich immer betrachtende Ruhe liebte und mich
+ihr auch oft da hingab, wo ich mich im Gedränge von Menschen und Gewühl
+von Geschäften befand, so versenkt mich meine jetzige Einsamkeit noch
+mehr darin. Ich habe zu nichts anderem Neigung. Meine wissenschaftlichen
+Beschäftigungen sind damit verwandt, und ich fühle mit jedem Tage mehr,
+wie das reine und besonnene Nachdenken über sich selbst das Innere
+zusammenschließt und den Frieden gibt, der gewiß immer das Werk Gottes
+ist, den aber doch, gerade nach Gottes deutlich zu erkennen gegebenem
+Willen, der Mensch nicht wie eine äußere Gabe von ihm erwarten, sondern
+durch die eigene Anstrengung seines Willens aus sich selbst schöpfen
+soll. Ich bin in jeder Epoche meines Lebens sehr gefaßt auf den
+Augenblick gewesen, der uns wieder daraus abruft. Ich bin es jetzt mehr
+wie je, wo ich dessen beraubt, was mir in jedem Augenblicke Genuß und
+die heiterste Freude gab, nun auf den kalten Ernst des Lebens
+zurückgewiesen bin. Ich glaube auch mit ziemlicher Gewißheit
+vorauszusehen, daß ich die mir vielleicht noch bestimmten Jahre wie die
+jetzt verflossenen Monate zubringen werde. Nur sehr bedeutende Dinge
+könnten mich zu einer Umänderung bringen. Bei kleineren würde ich's
+schon zu machen wissen, daß die Umänderung nur scheinbar wäre. Ich sehe
+daher mein Leben jetzt von der Seite an, daß es ein Vollenden, ein
+Abschließen der Vergangenheit ist. Es ist aber in meiner Art zu
+empfinden gegründet, daß mich dies nicht zur Beschäftigung mit dem Tode
+und dem Jenseits, sondern gerade zu den Gedanken, die auf das Leben
+gerichtet sind, bringt. Ich halte das auch nicht für eine Eigenheit in
+mir, sondern ich glaube, es müßte überhaupt so sein. Wenn man an den Tod
+zu denken empfiehlt, so ist das eigentlich nur gegen den Leichtsinn
+gerichtet, der das Leben wie eine immer dauernde Gabe ansieht. Davon
+ist ein in sich gesammeltes Gemüt schon von selbst frei, übrigens aber
+weiß ich nicht, ob anhaltende Beschäftigung mit dem Tode und dem, was
+ihm folgen wird, der Seele heilsam sei. Zwar möchte ich nicht darüber
+absprechen, da es mehr Sache des Gefühls als der Untersuchung durch
+bloße Vernunftgründe ist. Ich glaube es aber nicht. Die aus dem
+Vertrauen auf eine Allgüte und Allgerechtigkeit entspringende
+Zuversicht, daß der Tod nur die Auflösung eines unvollkommenen, seinen
+Zweck nicht in sich tragenden Zustandes und der Übergang zu einem
+besseren und höheren ist, muß dem Menschen so gegenwärtig sein, daß
+nichts sie auch nur einen Augenblick verdunkeln kann. Sie ist die
+Grundlage der inneren Ruhe und der höchsten Bestrebungen und eine
+unversiegbare Quelle des Trostes im Unglück. Aber das Ausmalen des
+möglichen Zustandes, das Leben mit der Phantasie darin, zieht nur vom
+Leben ab und setzt nur scheinbar etwas Besseres an die Stelle, da
+allerdings die Gegenstände erhabener sind, nach denen man trachtet, man
+sie aber doch so, wie man es da versucht, nicht zu fassen vermag. Gott
+hat auch deutlich gezeigt, daß er eine solche Beschäftigung nicht
+wohlgefällig ansieht, denn er hat den künftigen Zustand in einen
+undurchdringlichen Schleier gehüllt und jeden einzelnen in gänzlicher
+Unwissenheit gelassen, wann der Augenblick ihn ereilen wird, -- ein
+sicheres Zeichen, daß das Lebende dem Leben angehören und darauf
+gerichtet sein soll. Wozu mich also die Gewißheit, sich in dem letzten
+Lebensabschnitt zu befinden, mahnt, ist ein auf das Leben gerichtetes
+Bestreben, das Bestreben, das Leben abzurunden, ein inneres Ganzes
+daraus zu machen. In den Stand gesetzt zu sein, dies zu tun dadurch, daß
+man nicht mitten aus dem Treiben des Lebens hinweggerissen wird, sondern
+einen Zeitraum der Muße und Ruhe behält, ist eine Wohltat der Vorsehung,
+die man nicht ungenützt vorübergehen lassen muß. Ich meine damit nicht,
+daß man noch etwas tun, etwas vollenden solle. Was ich im Sinne habe,
+kann jeder in jeder Lage. Ich meine, an seinem Inneren arbeiten, seine
+Empfindungen in vollkommene Harmonie bringen, sich selbständiger und
+unabhängiger von äußeren Einflüssen zu machen, sich so zu gestalten, wie
+man sich in den ruhigsten und klarsten Geistesmomenten gestaltet sehen
+möchte. Dazu geht jedem, wieviel er auch an sich getan haben möge, viel
+ab, daran ist längere Dauer, als vielleicht die Dauer des Lebens
+verstatten wird. Dies aber nenne ich den eigentlichen Lebenszweck,
+dieser aber gibt auch dem Leben immer noch Wert, und wenn mich irgendein
+Unglück, wie es jeden, wie glücklich er scheine, betreffen kann, dahin
+bringen sollte, das Leben nicht mehr zu diesem Zwecke zu schätzen, so
+würde ich mich selbst mißbilligen und die Gesinnung in mir ausrotten.
+Allein auch über einen solchen Lebenszweck kann man nicht unfruchtbar
+mit seinen Gedanken brüten. Er muß nur die der Seele gegebene Richtung
+sein, nur das, wie sich die Gelegenheit darbietet, urteilende,
+billigende, zurechtweisende Prinzip. Das Leben ist zugleich eine äußere
+Beschäftigung, eine wirkliche Arbeit in allen Ständen und allen Lagen.
+Es ist nicht gerade diese Beschäftigung, diese Arbeit selbst, die einen
+großen Wert besitzt, aber es ist ein Faden, an den sich das Bessere, die
+Gedanken und Empfindungen anknüpfen, oder das, woneben sie hinlaufen. Es
+ist der Ballast, ohne den das Schiff auf den Wellen des Lebens keine
+sichere Haltung hat. So sehe ich auch im Grunde hauptsächlich nur meine
+wissenschaftlichen Beschäftigungen an. Sie sind vorzugsweise dazu
+gemacht, weil sie an sich mit Ideen in Verbindung stehen. Ich bin
+hierüber ausführlich gewesen, um Ihnen einen Begriff zu geben, was ich
+meine Einsamkeit und meine Freude daran nenne. Sie ist ursprünglich
+keine freiwillige, sondern eine durch das Schicksal herbeigeführte. Der
+von zweien Zurückgebliebene ist allein, und es ist dann eine natürliche
+und zu billigende Empfindung, daß man auch fortwährend allein bleiben
+will. Dann aber begünstigt auch die Einsamkeit jenes Nachdenken über
+sich selbst, jene Arbeit an sich, jenes Abrunden und Schließen des
+Lebens, von dem ich eben sprach. Endlich kommen die Studien hinzu, denen
+man auch ihre Stelle gönnen muß. Darum gehe ich nur sehr selten zu
+meinen Kindern in die Stadt und freue mich, wenn sie hierher kommen. Die
+Leute bedauern erst meine Abwesenheit, das ist die Höflichkeit; dann
+finden sie dies Zurückziehen in meinem Alter und in meiner Lage
+natürlich, das ist die Wahrheit. Überdruß am Leben, Stumpfheit an seinen
+Freuden, Wunsch, daß es enden möge, haben an meiner Einsamkeit keinen
+Teil.
+
+Ich habe Ihnen, liebe Charlotte, zwei Briefe geschrieben, die bei Abgang
+des Ihrigen noch nicht angekommen waren. Ich hoffe eine Antwort auf
+diese zu erhalten. Ich bitte Sie, wenn Sie können, mir noch in diesem
+Jahre zu schreiben. Zu dem, welches wir neu beginnen, nehmen Sie meine
+herzlichsten Wünsche. Möge der Himmel Ihnen wieder Heiterkeit und Ruhe
+verleihen! Was ich dazu beitragen kann, will ich mit herzlicher Freude
+tun, wo und wie es mir möglich ist. Leben Sie nun recht wohl! Gedenken
+Sie meiner mit freundschaftlicher Liebe und rechnen Sie mit Zuversicht
+auf meine aufrichtige, unveränderliche Teilnahme an allem, was Sie
+betrifft. Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, den 26. Januar 1830.
+
+Sie müssen, liebe Charlotte, zwei Briefe von mir bekommen haben, die
+noch unbeantwortet sind, einen vom 9. und einen vom 21. Januar. Ihr
+letzter war nicht auf meine Bitte, sondern aus eigener Bewegung
+geschrieben, und meinen Brief vom 9. werden Sie vermutlich zu spät
+empfangen haben, um ihn an dem darin genannten Tage zu beantworten. Da
+ich aber weiß, daß Ihnen meine Briefe Freude machen, und ich gerade
+einige Zeit frei habe, so will ich Ihnen schreiben, ohne erst eine
+Antwort abzuwarten. Vielleicht bekomme ich dieselbe auch noch, ehe ich
+den Brief schließe, da heute noch eine Gelegenheit aus der Stadt
+herkommt. Es liegt mir sehr daran, zu wissen, wie es Ihnen geht, und ob
+Sie die Ruhe und Heiterkeit wiedergewinnen, die ich Ihnen so sehr
+wünsche. Noch erfreulicher sollte es mir sein, wenn mein Anteil und
+meine Ratschläge in der Tat wirksam dazu beitrügen. Das Wahre und
+Eigentliche müssen Sie zwar selbst dazu tun. Denn es bleibt immer ein
+sehr wahrer Ausspruch, daß das Glück im Menschen selbst liegt. Das
+Freudige, was ihm der Himmel verleiht, beglückt nur, wenn es auf die
+rechte Art aufgenommen wird, und das Bittere und Herbe, das das
+Schicksal ihn erfahren läßt, steht es in seiner Gewalt sehr zu mildern.
+
+Wo es auch gar keinen Trost zuläßt, wie es denn allerdings solche
+Unglücksfälle gibt, hat Gott noch die Wehmut zu einer Art Vermittlerin
+zwischen dem Glück und dem Unglück, der Süßigkeit und dem Schmerz
+geschaffen. Sie macht den Schmerz zu einem Gefühl, das man nicht
+verlassen mag, an dem man hängt, dem man sich überläßt mit dem
+Bewußtsein, daß er nicht zerstörend, sondern läuternd, veredelnd in
+jeder Art und auf jede Weise erhebend wirkt. Es ist ein Großes, wenn der
+Mensch die Stimmung gewinnt, alles, was ihn betrifft, bloß weil es
+menschlich ist, weil es einmal im irdischen Geschick liegt, dagegen
+anzukämpfen, aber zugleich so aufzunehmen, wie es sich in der Bestimmung
+des Menschen, sich immer reifer und mannigfaltiger zu entwickeln, am
+besten vereint. Je früher man zu dieser Stimmung gelangt, desto
+glücklicher ist es. Man kann dann erst sagen, daß man das Leben wirklich
+erfahren hat. Und um des Lebens willen ist man doch auf der Welt, und
+nur was man in seinem Gemüt durch das Leben errungen hat, nimmt man mit
+hinweg. Es ist ein sehr großes Glück, wenn man all sein Denken und
+Empfinden an einen Gegenstand setzt. Man ist dann auf immer geborgen,
+man begehrt nichts mehr vom Geschick, nichts mehr von den Menschen, man
+ist sogar außerstande, etwas anderes von ihnen zu empfangen als die
+Freude an ihrem Glück. Man fürchtet auch nichts von der Zukunft Man kann
+nicht ändern, was nicht zu ändern ist; aber das eine, das Hängen an
+einem Gedanken, einem Gefühl, wenn es auch durch den grausamsten Schlag,
+der einen Menschen betreffen kann, nur zu dem Hängen an einer Erinnerung
+würde, das bleibt immer. Wer das stille Hängen an einem Gedanken
+erreicht hat, besitzt alles, weil er nichts anderes bedarf und verlangt.
+Noch beruhigender und beglückender ist natürlich ein solches Hängen an
+einem, wenn das eine nichts Irdisches, sondern das Göttliche selbst
+ist. Aber auch im Irdischen ist solch ein treues, die ganze Seele
+einnehmendes Hängen an einem Gefühl immer von selbst auf das gerichtet,
+was im Irdischen selbst nicht irdisch ist. Denn das bloß Irdische ist
+nicht fähig, die Seele so auf sich zu heften. Der Probierstein der
+Echtheit des Gefühls ist nur, daß es von aller Unruhe frei, mit keiner
+Art des Begehrens gemischt sei, daß es nichts verlange, nichts fordere,
+keine andere Sehnsucht kenne, als in der Art, wie es ist, fortzudauern.
+Darum ist das Gefühl für Verstorbene ein so süßes, so reines, so der
+Sehnsucht hingegebenes Gefühl, das bis ins Unendliche fortwährt, ohne
+sich je zu zerstören, in deren Wachstum selbst die Seele ohne Unterlaß
+Kraft gewinnt, sich ihr in einer süßen Wehmut zu überlassen. Sobald das
+Gefühle für das Göttliche sind, sind es unstreitig die reinsten und von
+aller irdischen Beimischung am meisten geläuterten. Sie haben zugleich
+das Eigentümliche, daß sie der Erde nicht entfremden und doch allem
+Drohenden und Schmerzlichen, was die Erde auch oft hat, den Stachel und
+den Wermut benehmen. Da der Gedanke an die Verstorbenen mit allem dem
+zusammenhängt, was sie im Leben umgab, so sind sie, statt vom Leben
+abzuführen, vielmehr immerfort Verknüpfungsmittel mit demselben; es gibt
+in jeder Lage noch immer Gegenstände, an welchen man sich die
+Verstorbenen als teilnehmend und noch mit dem Leben verknüpft denkt.
+Diese knüpfen auch den Zurückbleibenden noch an das Leben, aber es ist
+eine Verknüpfung, die dem Leben das Schwere benimmt, da man sich doch
+nicht mehr ganz als ihm angehörend betrachtet. Wenn die liebsten
+Gedanken alle jenseits des Lebens sind, wenn das Leben keinen hat, der
+diesen die Wage halten könnte, so kann, was man sonst im Leben zu
+fürchten pflegt, einem irgend gegen irdische Schicksale Gewaffneten
+nicht sonderlich furchtbar erscheinen. Zeit und Ewigkeit verknüpfen sich
+im Gemüte zu einer Ruhe, die nichts mehr stört. Ich habe mir immer, ehe
+ich noch die Erfahrung selbst gemacht hatte, gedacht, daß es so sein
+müßte. Ich habe es nie für möglich gehalten, daß es für einen wahren
+Verlust auch nur einen scheinbaren Ersatz geben könnte. Jetzt empfinde
+ich das wirklich, da das Los mich getroffen hat. Ja, ich werde mit
+großer Freude gewahr, daß sich die wahre und richtige Einwirkung, die
+solcher Verlust haben muß, mit der Zeit immer vollkommener und richtiger
+entfaltet, wie die irdische Nacht tiefer wird, je länger sie währt. Die
+Freude, die man am nächtlichen Dunkel hat, und für die ich immer sehr
+empfänglich gewesen bin, ist dieser Empfindung ähnlich. Man ist allein
+und will allein sein, man gewahrt äußerlich nichts, und innerlich regt
+sich ein doppeltes Leben. Der Tag ist gewesen und der Tag wird
+wiederkehren.
+
+Es ist ein schrecklicher Winter in diesem Jahr, und noch durchaus keine
+Aussicht, daß er sich bald milder lösen will. Wenn man die viele Not
+bedenkt, die er mit sich führt, so ist das sehr beklagenswert. Allein
+sonst ist mir keiner so leicht geworden. Dies liegt in der Ruhe und
+Unabhängigkeit der Einsamkeit, worin ich lebe. Ich gehe alle Tage
+spazieren, allein außerdem verlasse ich die aneinander stoßenden drei
+Zimmer, die ich allein bewohne, nie, und der Anblick der unberührten
+Schneeflächen und des unendlichen Glanzes, den die Sonne, deren Auf- und
+Untergang ich von meinen Fenstern aus sehe, und abends Mond und Venus
+und die anderen Sterne über die Schneefläche und den gefrorenen See
+ausstrahlen, ist unbeschreiblich. -- Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief
+am 2. Februar oder, wenn das nicht möglich ist, doch noch in der ersten
+Woche des Februar abgehen zu lassen. -- Leben Sie recht herzlich wohl
+und bleiben Sie meiner aufrichtigen und innigen Teilnahme versichert.
+Ganz der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 14. April 1830.
+
+Ich bin sehr besorgt um Sie gewesen, liebe Charlotte. Ihr längeres
+Stillschweigen hat mich diesmal nicht beunruhigt. Ich war gewiß, daß Sie
+nicht krank sein konnten. Ich habe Sie so bestimmt gebeten, mir in
+diesem Fall zu schreiben, daß ich gewiß darauf rechnen konnte, daß Sie
+es getan haben würden. Ich erriet aber die Ursache Ihres Nichtschreibens
+und sehe nun aus Ihrem Briefe, daß ich ganz richtig vermutet hatte. Es
+war eine zu natürliche, Ihrer Empfindungsart zu angemessene Empfindung,
+als daß sie nicht hätte in Ihnen aufsteigen sollen. Ihr jetziger Brief
+aber hat mir die größte Freude gemacht, besonders wegen der ruhigen
+Stimmung, die darin herrschend ist, und die ich, da sie Ihnen notwendig
+die wohltätigste sein muß, so sehr liebe, um deren Erhaltung ich Sie
+dringend bitte. Auch Lebenslust und Lebensfreude an den dem Leben
+bleibenden Genüssen kann erst auf dieser Grundlage im Gemüt
+emporsprießen. Die Ruhe ist die natürliche Stimmung eines
+wohlgeregelten, mit sich einigen Herzens. Äußere Ereignisse können sie
+bedrohen und das ruhigste Gemüt aus den Angeln heben. Ein großes weicht
+zwar auch da nicht, allein obgleich es Frauen gibt, welche diese Stärke
+mit der größten und lebendigsten Regsamkeit der Empfindung und der
+Einbildungskraft verbinden, so kann man das bewundern, aber nicht
+fordern. In einem Manne aber ist es Pflicht, es läßt sich verlangen, und
+er verliert gleich bei allen richtig Urteilenden an Achtung, wie hierin
+in ihm ein Mangel sichtbar wird. -- -- -- --
+
+Meine Gesundheit ist fortwährend gut. Sogar von kleinen Übeln bin ich
+frei. Das Alter erscheint mit den Jahren allmählich, aber mit einer
+Krankheit oder einem großen Unglücksfall, den nichts je wieder gut
+machen kann, plötzlich. Das letzte ist mein Fall gewesen. Hätte ich den
+Verlust nicht erlitten, den ich erfahren, so möchte es noch mehrere
+Jahre so fortgedauert haben. Aber durch die große Änderung, welche
+dieser Verlust in mir hervorbringen mußte, und die mit jedem Tage nur
+fühlbarer wird, bei der plötzlichen Vereinzelung nach einem
+achtunddreißigjährigen gemeinschaftlichen Leben, und selbst in der
+Abwesenheit ununterbrochenen gemeinschaftlichen Denken und Empfinden,
+war es natürlich, daß die Änderung auch körperlich eintrat. Indes ist
+das sehr leicht zu ertragen, zumal solange die Gesundheit so
+unangegriffen wie bei mir jetzt bleibt. Ich kann daher, wenn Sie auch
+nicht immer darin einstimmen, nur dabei bleiben, daß mir das Alter lieb
+ist. Es ist ein natürlicher menschlicher Zustand, dem Gott seine eigenen
+Gefühle geschenkt hat, die ihre eigenen Freuden in sich tragen. Wenn ich
+durch einen Zauberstab machen könnte, daß ich die mir noch übrigen Jahre
+mit jugendlicher Kraft und Frischheit verleben, oder so wie jetzt
+bleiben könnte, so wählte ich das erste gewiß nicht. Die jugendliche
+Kraft und Frischheit paßt nicht zu greifenden Gefühlen, und diese in
+einem langen Leben erworbenen und erlangten Gefühle möchte ich doch für
+nichts auf Erden aufgeben. Was Sie von meiner Stimmung sagen,
+unterschreibe ich insofern, als sie allerdings eine seltene und den
+tiefsten und gerührtesten Dank erheischende Gabe des Himmels, nicht
+menschliches Verdienst ist. Wenigstens rechne ich sie _mir_ nicht zu. Ich
+verdanke sie größtenteils der, welche auch jetzt die unmittelbare Quelle
+derselben ist. Denn wenn man einem durchaus reinen und wahrhaft großen
+Charakter lange zur Seite steht, geht sie wie ein Hauch von ihm auf uns
+über. Ich würde mir selbst jenes Besitzes unwert erscheinen, wenn ich
+jetzt anders sein könnte, als innerlich in abgeschlossener Ruhe in der
+Erinnerung lebend, und äußerlich, wo sich die Gelegenheit darbietet,
+nützlich und wohltätig beschäftigt.
+
+Ich wünsche, daß meine Briefe Sie ruhig, heiter stimmen, Ihnen wie eine
+Erholung, eine Erquickung erscheinen. Leben Sie herzlich wohl und
+rechnen Sie mit vertrauender Zuversicht auf meine ununterbrochene
+freundschaftliche Teilnahme. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 6. bis 9. Mai 1830.
+
+Ich sage Ihnen, liebe Charlotte, meinen herzlichen Dank für Ihren am
+27. April abgegangenen Brief, den ich richtig empfangen habe. Mit meinem
+Befinden geht es sehr gut, und ich empfinde weder Folgen des nassen
+Frühjahrs noch des strengen Winters. Dennoch machen sich die Folgen im
+allgemeinen sehr fühlbar. Eine Menge von Leuten leiden hier an kaltem
+Fieber. Ich habe für den Sommer meine Lebensart etwas geändert. Ich
+stehe jetzt regelmäßig um sechs Uhr auf. Dafür gehe ich aber auch immer
+vor, spätestens um Mitternacht zu Bett. Die Morgenstunden haben mehr
+Reiz für mich, und so schreibe ich Ihnen, liebe Freundin, heute in der
+Frühe. Es ist das erste, womit ich heute den Tag beginne. Auf meinen
+Schlaf hat weder das frühe noch späte Aufstehen einigen Einfluß. -- --
+Die Nacht hat etwas unglaublich Süßes. Die heiteren Ideen und Bilder,
+wenn man solche haben kann, wie ich ehemals oft erfahren, nehmen einen
+sanfteren, schöneren, in der Tat seelenvollen Ton an, dabei ist es, als
+ob man sie inniger genösse, da in der Stille nichts, nicht einmal das
+Licht sie stört. Kummervolle und wehmütige Erinnerungen und Eindrücke
+sind dagegen auch milder und mehr von der Ruhe durchströmt, die jede
+Trauer leichter und weniger zerreißend macht. Man kann auch dem Kummer
+ruhiger nachhängen, und ein tiefes Gemüt sucht doch nicht den Kummer zu
+entfernen, am wenigsten zu zerstreuen, sondern sucht ihn so mit dem
+ganzen Wesen in Einklang zu bringen, daß er Begleiter des Überrestes des
+Lebens bleiben kann. Ich kann mich jetzt schon auf die langen
+Winternächte freuen und habe, was ich hier sage, im vorigen Winter oft
+erfahren. Bedenkt man auf der anderen Seite wieder, wie freudig und
+schön das Licht ist, so gerät man in ein dankbares Staunen, welch einen
+Schatz des Genusses und wahren Glückes die Natur allein in den täglichen
+Wechsel gelegt hat. Es kommt nur darauf an, ein Gemüt zu haben, ihn zu
+genießen, und das liegt doch in jedes Menschen eigener Macht. Alle
+Dinge, die einen umgeben, schließen für den Geist und die Empfindung
+Stoff zur Betrachtung, zum Genuß und zur Freude in sich, der ganz
+verschieden und unabhängig ist von ihrer eigentlichen Bestimmung und von
+ihrem physischen Nutzen; je mehr man sich ihnen hingibt, desto mehr
+öffnet sich dieser tiefere Sinn, die Bedeutung, die halb ihnen, die sie
+veranlassen, halb uns, die wir sie finden, angehört. Man darf nur die
+Wolken ansehen. An sich sind sie nichts als gestaltloser Nebel, als
+Dunst, Folgen der Feuchtigkeit und Wärme, und wie beleben sie, von der
+Erde gesehen, den Himmel mit ihren Gestalten und Farben, wie bringen sie
+so eigene Phantasien und Empfindungen in der Seele hervor.
+
+
+
+_Tegel_, den 29. Mai 1830.
+
+Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 16. d. M. vor einigen Tagen
+empfangen und so wie Sie es vorausgesehen haben, doppelte Freude daran
+gehabt, weil er in einem so ruhigen und heiteren Tone geschrieben ist.
+Ich wünsche nichts mehr, als daß Sie in demselben und der ihm
+entsprechenden Stimmung bleiben mögen, und Sie können es gewiß, wenn Sie
+sich nicht selbst trübe und irrige Vorstellungen machen, sondern
+vielmehr der Ruhe nachstreben, welche das Gemüt unabhängig von äußeren
+Ereignissen macht. Ohne diese nur durch innere Bearbeitung seiner selbst
+zu erlangende Ruhe bleibt man immer ein Spiel des Schicksals und
+verliert und gewinnt sein inneres Gleichgewicht, wie die Lage um einen
+her nur freudvoller oder leidvoller ist. Das gänzliche Unterlassen alles
+Spazierengehens ist und bleibt doch eine Entbehrung eines großen
+Vergnügens, wenn sich auch der Körper daran gewöhnt; ich habe das selbst
+an mir erfahren. Der Mangel der Bewegung hat mir nie geschadet, aber
+entbehren tut man viel. Man genießt die Natur auf keine andere Weise so
+schön als bei dem langsamen, zwecklosen Gehen. Denn das gehört
+namentlich zum Begriff selbst des Spazierengehens, daß man keinen
+ernsthaften Zweck damit verbindet. Seele und Körper müssen in
+vollkommener und ungehemmter Freiheit bleiben, man muß kaum einen Grund
+haben, auf eine oder die andere Seite zu gehen. Alsdann befördert die
+Bewegung die Idee, und man mag etwas Wichtiges denken oder sich bloß in
+Träumen und Phantasien gehen lassen, so gewinnt es durch die Bewegung
+des Gehens besseren Fortgang, und man fühlt sich leichter und heiterer
+gestimmt. Noch vor kurzem ist es mir geschehen, daß mir durch einen
+Spaziergang gelang, was sich sehr lange nicht hatte gestalten wollen.
+Ich hatte oft vergebens an etwas gearbeitet, und plötzlich beim
+Herumgehen draußen kam es mir ganz von selbst, daß ich beim
+Nachhausekommen es nur aufzuschreiben brauchte. Ich gehe aber niemals
+des Morgens aus. Daran tue ich vielleicht Unrecht, aber es hängt bei mir
+mit so vielen kleinen Gewohnheiten zusammen, daß ich darüber nicht
+hinauskommen kann. Ich genieße daher nur den Anblick des Grün aus den
+Fenstern, wo dann die Lichter der Frühsonne im Laube einen wundervoll
+herrlichen Wechsel des Hellen und Dunkeln gewähren.
+
+Ich habe kürzlich Goethes zweimalige Reise nach Italien oder vielmehr,
+da es keine eigentliche Reisebeschreibung ist, seine Briefe von daher
+gelesen. Sie schrieben mir in derselben Zeit von der Jacobischen. Ich
+habe diese Reise nie gelesen, wohl aber den Reisenden gekannt und sein
+Buch loben hören. Er studierte mit mir zugleich in Göttingen und ging,
+wenn ich nicht irre, auch mit Ihrem Bruder um. Er war ein guter Mensch
+und sehr fleißig, doch vermied ich seinen Umgang, da er für meine
+Neigung in zu viele Studentengesellschaften verwickelt war. Was Sie mir
+aus seiner Reise über die Pracht der Kirchen und des Gottesdienstes
+sagen, ist sehr wahr. Es ist, wie Sie bemerken, und wie es auch mir
+erscheint, eine lobenswürdige Sitte, daß man jedem Gelegenheit gibt, in
+jedem Moment, wo er Stimmung dazu hat und fühlt, an einen Ort gehen zu
+können, wo er Stille und Einsamkeit oder zu seiner Stimmung passende
+Verrichtungen findet, einen Ort, der ihm schon an und für sich, sobald
+er ihn betritt, Ehrfurcht und dazu eine gewisse Linderung einflößt.
+Unsere evangelischen Kirchen werden viel zu sehr als Orte, die zum
+Predigen bestimmt sind, angesehen, und auf die religiöse Erhebung des
+Gemüts in Gebet und Nachdenken wird zu wenig gedacht. Die Goetheschen
+Briefe aus Italien lehren nicht gerade Italien und Rom kennen. Sie sind
+ganz und garnicht beschreibend. Man muß mit den Gegenständen durch
+eigene Ansicht oder durch andere Reisen bekannt und bereits vertraut
+sein, um nur die Bemerkungen darüber ganz zu verstehen. Aber sie malen
+sehr hübsch und interessant Goethe selbst und zeigen, was Rom und
+Italien sind, durch den Eindruck, den sie auf Goethe gemacht haben.
+Insofern gehören sie zu den merkwürdigsten Schilderungen. Dann erkennt
+man auch daraus, welche unglaubliche Sehnsucht Goethe Jahre hindurch
+hatte, Italien und vor allem Rom zu sehen.
+
+Ich reise morgen früh ab und gehe zunächst nach Breslau. Leben Sie
+herzlich wohl und seien Sie meiner unveränderlichen Teilnahme gewiß. Von
+Herzen Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, den 7. September 1830.
+
+Ihr am 31. v. M. abgegangener Brief hat mir, liebe Charlotte, sehr viel
+Freude gemacht, weil er in einer ruhigen, wirklich erfreulichen Stimmung
+geschrieben ist. Ich danke Ihnen sehr dafür. Ich lebe nun wieder ganz
+in meinen alten Gewohnheiten. Mein Befinden ist sehr erwünscht, und ich
+wüßte nicht, worüber ich zu klagen hätte. Wenn Sie aber von meiner
+kräftigen Gesundheit reden, so bedarf es doch einer Einschränkung. Meine
+Gesundheit ist gut, weil sie mich nicht leiden macht, und vorzüglich,
+weil ich sie durch die Regelmäßigkeit meines Lebens erhalte und
+befördere, übrigens sieht man mir das Alter viel mehr an als anderen
+Menschen von gleichen Jahren, und ich bin auch weniger rüstig, als es
+meinem und einem weit höheren Alter gemäß ist. Auch abwesend können Sie
+das an meiner Handschrift sehen, deren Ungleichheit und Mangel an
+Festigkeit garnicht von den Augen, sondern allein von der Hand herkommt.
+Das ist allerdings Folge der Jahre, aber daß es so früh und so plötzlich
+gekommen ist, ist allein Folge des Todes meiner Frau. Wenn man, wie es
+mein Fall war, so verheiratet war, wie man es einzig sein konnte und
+sein mußte, so ist die Trennung dieses Bandes nicht der bloß geänderte
+Zustand, sondern ein durchaus neuer. Ich klage nicht, ich weine nicht,
+der Tod einer Person, und noch dazu in höheren Jahren, ist ein
+natürliches, ein menschliches, ein unabänderliches Ereignis; ich suche
+nicht Hilfe oder Trost -- denn der Kummer, der nach Hilfe oder Trost
+verlangt, ist nicht der höchste und kommt nicht aus dem Tiefsten des
+Herzens. Ich bin auch garnicht unglücklich, ich bin vielmehr auf die
+einzige Art glücklich und zufrieden, auf die ich es sein kann, aber ich
+bin anders als sonst, ich hänge mit dem Menschen und der Welt nur
+insofern zusammen, als ich Ideen daraus schöpfe, oder als ich durch
+äußerliches Wirken nützen kann, sonst habe ich keinen anderen Wunsch,
+als allein zu sein. Jede Störung meiner Einsamkeit, jeder, auch nur
+Stunden dauernde Besuch ist mir höchst unangenehm, wenn ich auch den
+Menschen, die mich besuchen, gut bin. Ich tue nichts dazu und suche
+nichts darin, es hat aber seit einem Jahre sehr zugenommen, und ich
+schließe daraus, daß es nicht vergehen wird. Sie können denken, daß ich
+in Berlin, wo ich so lange lebte, unter vielen Bekannten einige Männer
+und Frauen der engsten Vertraulichkeit habe. Ich pflegte sie
+wöchentlich, auch öfter zu sehen. Seit dem unglücklichen Verluste habe
+ich sie kaum drei- oder viermal gesehen. Sie fühlen und begreifen mich,
+und eine natürliche Diskretion hält sie ab, mich ohne ausdrückliche
+Einladung zu besuchen. Ich lade aber niemand ein, sondern überlasse das
+meinen Kindern. Ist jemand bei ihnen, so brauche ich nicht länger dabei
+zu sein, als ich Lust habe. Ich erzähle Ihnen das, weil Sie gern einen
+Begriff meines Zustandes haben. Mit meinen Augen geht es aber nicht
+schlimmer. Besser kann es natürlich auch nicht gehen. Vielmehr, da man
+in allen Dingen klar sehen muß, sage ich mir, daß die Schwäche mit den
+Jahren auch zunehmen muß, und daß leicht eine Zeit kommen kann, wo ich
+das Lesen und Schreiben ganz aufgeben werde. Bei Licht stelle ich es
+schon sehr ein. Ich sitze oft abends allein zwei bis drei Stunden, ohne
+scheinbar etwas zu tun. Ich kann aber nicht sagen, daß diese Zeit mir
+unnütz und noch weniger unangenehm verstriche. Das Träumen in Bildern
+und Erinnerungen hat etwas sehr Süßes, und strengt man sich an,
+ernsthafter und in gewisser Folge zu denken, so nützt es für die Arbeit
+des folgenden Tages. Ich ziehe dies einsame Sitzen einem Gespräch weit
+vor. Oft indes und in den früheren Abendstunden lasse ich mir vorlesen.
+-- Heute war ein selten schöner Tag, eine milde, angenehme Luft, kein
+Wind, ein reiner, blauer, schöner Himmel, aber sehr herbstlich ist es
+bei uns schon, ich weiß nicht, ob auch bei Ihnen. Das Laub ist schon so
+gelb, und wenn man eine ganze Allee hinunter sieht, bemerkt man auch,
+daß die Bäume nicht mehr die Blätterfülle wie im Sommer haben. Es ist
+unglaublich, wie schnell die Zeit hingeht. Eine Woche, ein Monat sind
+vorbei, und ehe man sich umsieht, das ganze Jahr. Es scheint garnicht
+der Mühe wert, eine so alte und allgemein anerkannte Sache noch zu
+wiederholen. Allein mir ist es wirklich, als wäre mir diese Empfindung
+nie sonst in gleichem Grade lebendig gewesen. Es mag daher kommen, daß
+ich die Zeit mehr nach Arbeit als nach sonst einer Ausfüllung messe, und
+da ist mir immer die Zeit, in der etwas zustande kommen soll,
+unzureichend zu demjenigen, was man darin erwartet. Kein Tag bringt ganz
+hervor, was er soll, und aus diesen Lücken der einzelnen Tage entsteht
+ein großes Defizit im ganzen. Ich habe darum den Winter nicht so ganz
+ungern, weil man doch, selbst in meiner, das ganze Jahr hindurch sehr
+ruhigen, mußevollen und freien Lage, immer im Winter mehr und
+angestrengter arbeitet.
+
+Sie erwähnen der neuesten unruhigen Auftritte. Seit Sie schrieben, haben
+sich diese sehr vervielfältigt und sind sogar in unsere Nähe gekommen.
+Es ist schmerzlich mit anzusehen, wie Leidenschaft, wilde Roheit und
+Übermut den Frieden bedrohen, dessen man so lange genoß. Indes wird sich
+auch das wieder beruhigen. Die Dinge der Welt sind in ewigem Steigen und
+Fallen und in unaufhörlichem Wechsel, und dieser Wechsel muß Gottes
+Wille sein, da er weder der Macht noch der Weisheit die Kraft verliehen
+hat, ihn aufzuhalten und ihn zum Stillstand zu bringen. Die große Lehre
+ist auch hier, daß man seine Kräfte in solchen Zeiten doppelt anstrengen
+muß, um seine Pflicht zu erfüllen und das Rechte zu tun, daß man aber
+für sein Glück und seine innere Ruhe andere Dinge suchen muß, die ewig
+unentreißbar sind.
+
+Leben Sie recht wohl, erhalten sie sich heiter und seien Sie meiner
+aufrichtigen und unveränderlichen Teilnahme versichert. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 6. Oktober 1830.
+
+Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 28. v. M. erhalten und danke
+Ihnen sehr dafür. Es war hier seit acht bis zehn Tagen außerordentlich
+schönes Wetter, ich habe es recht genossen und bin die Nachmittage
+meistenteils ganz draußen gewesen. Ich fahre fort so wohl und gesund zu
+sein, daß, wenn ich auch auf alles einzelne an mir acht geben wollte,
+ich nicht wüßte, worüber ich zu klagen hätte. Es ist vielleicht unrecht,
+das so zu preisen und das Schicksal gleichsam herauszufordern und
+gewissermaßen das Glück zu _berufen_. Größtenteils ist das Aberglaube,
+aber doch nicht ganz. Wenn das Rühmen mit etwas Gutem mit einer
+vermessenen, inneren Zuversicht oder mit großer und ängstlicher
+Bangigkeit vor dem Umschlagen verbunden ist, so schlägt es wirklich
+leicht um. Man nenne es eine Strafe Gottes, oder man glaube, daß es ein
+für allemal in der sittlichen Weltordnung so eingerichtet sei, daß das
+sich überhebende wieder gedemütigt werden muß, so ist die Sache nicht
+abzuleugnen. Die Erfahrung lehrt sie, sie liegt im Glauben aller uns
+bekannten Zeitalter und Nationen, viele haben sie in denkwürdigen
+Sprichwörten, auch in Erzählungen, überlieferten und erdichteten,
+niedergelegt. Auf mich findet das indes keine Anwendung. Ich spreche
+gegen Sie mein Wohlsein und meine Gesundheit aus, weil ich weiß, daß es
+Sie freut und Ihnen eine Beruhigung ist und Trost, und weil das
+Aussprechen die natürliche Regung eines gegen das Schicksal dankbaren
+Gemüts, ja selbst ein Dank ist, ohne daß man etwas hinzufügt. Ich hege
+dabei keine Vermessenheit; ich habe, und gerade jetzt, wo viel Äußeres
+wankend werden kann, das klare Bewußtsein, daß alles, was jetzt die
+äußere Lage eines Menschen ruhig, sorgenlos, genußreich und selbst
+beneidenswert macht, sich, ohne daß man es ahnt, umwenden kann; viel
+leichter noch die Gesundheit in höheren Jahren. Ich habe aber darüber
+nicht die mindeste Ängstlichkeit. Ich genieße alles dankbar, was von
+außen kommt, aber ich hänge an nichts. Ich lebe durchaus nicht in
+Hoffnungen, und da ich nichts von der Zukunft erwarte, so kann sie mich
+auch nicht täuschen. Ich muß offenherzig gestehen, daß ich, wäre es auch
+unrecht, nicht an einer Hoffnung jenseits des Grabes hänge. Ich glaube
+an eine Fortdauer, ich halte ein Wiedersehen für möglich, wenn die
+gleich starke gegenseitige Empfindung zwei Wesen gleichsam zu einem
+macht. Aber meine Seele ist nicht gerade darauf gerichtet. Menschliche
+Vorstellungen möchte ich mir nicht davon machen, und andere sind hier
+unmöglich. Ich sehe auf den Tod mit absoluter Ruhe, aber weder mit
+Sehnsucht noch mit Begeisterung. In der Gegenwart suche ich mehr
+Tätigkeit als Genuß. Im Grunde ist aber dieser Ausdruck unrichtig. Der
+Genuß entsteht durch die Tätigkeit, beide sind also immer verbunden. Es
+gibt allerdings auch Genuß, der wie eine reine Himmelsgabe uns
+zuströmt. Den kann man aber nicht suchen, und es ist beklagenswert, wenn
+sich die Sehnsucht auf einen solchen heftet. Aber der große Genuß, das
+große Glück, das wahrhaft durch keine Macht entreißbare, liegt in der
+Vergangenheit und in der gewissen Betrachtung, daß das große Glück zwar
+ein großes, schätzenswürdiges Gut, aber daß doch die Bereicherung der
+Seele durch Freude und Schmerz, die Erhöhung aller edeln Gefühle der
+wahre und letzte Zweck ist, übrigens alles in der Welt wechselnd und
+seiner Natur nach vergänglich ist. Durch diese Ansicht versinkt das
+Leben in der Vergangenheit nicht in ein dumpfes Brüten über vergangene
+Freuden oder empfundene Leiden, sondern verschlingt sich in die innere
+Tätigkeit, welche das Gemüt in der Gegenwart beschäftigt. So ist es in
+mir, und da die Gefühle, auf welchen mein Leben beruht, jetzt alle in
+die Vergangenheit entrückt sind, auf eine zwar von Wehmut begleitete,
+aber ein so süßes und so sicheres, von Menschen und Schicksalen so
+unabhängiges Glück gebende Weise, daß nichts es zu entreißen, ja selbst
+nur zu schwächen vermag.
+
+Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 26. d. M. zur Post zu geben; wenn
+Sie früher schreiben, ist mir Ihr Brief immer und an jedem Tage
+willkommen.
+
+Leben Sie herzlich wohl. Mit aufrichtiger und unveränderter Teilnahme
+der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 6. November 1830.
+
+Ich habe, liebe Charlotte, Ihren am 26. v. Mts. abgegangenen Brief vor
+einigen Tagen empfangen und danke Ihnen herzlich dafür. Er ist in einer
+so ruhigen Stimmung geschrieben, daß er mir dadurch doppelt erfreulich
+geworden ist. Denn ich bin überzeugt, daß gerade diese Stimmung auch für
+Sie die beglückendste ist. Der schöne Herbst ist aber auch recht
+gemacht, der Seele und dem Gemüt so viel Heiterkeit und eine so
+lebendige Farbe zu geben, als ein jeder nach seinem inneren Zustande in
+sich aufzunehmen fähig ist. Ich denke, ich erinnerte mich nie eines so
+schönen und beständigen Oktobers und beginnenden Novembers. Im vorigen
+Jahre lag um diese Zeit schon Schnee, der dann auch den ganzen Winter
+liegen blieb. Jetzt ist die Luft milde wie im Sommer, und kaum daß hier
+und da ein Regentag das wolkenlose Blau des klaren Himmels unterbricht.
+Gestern leuchteten schon die Steine sehr hell, als ich vom Spaziergange
+zurückkam, und auch heute war es noch lange nach Sonnenuntergang sehr
+schön. Die Monatsrosen sind in der reichsten, üppigsten Blüte. Es ist
+wirklich etwas Ungewöhnliches in dieser Witterung, als wollte der Himmel
+der Erde eine Entschädigung für den letzten langen Winter angedeihen
+lassen. Wie sehr ich mich aber auch freue über das schöne Wetter, so
+liebe ich doch eigentlich den Herbst nicht. Die Entblätterung der Bäume
+hat etwas so Trauriges und gibt der Natur, die erst überall Fülle,
+Reichtum und Üppigkeit ist, den entgegengesetzten Charakter der
+Dürftigkeit. Die herbstlichen Bäume haben auch für mein Gefühl etwas
+noch mehr Widerwärtiges als im Winter. Dann ist die Zerstörung
+wenigstens vorüber, im Herbst aber stellt sie sich noch im Werden selbst
+dem Auge dar. Die armen Bäume sehen so vom Winde gezaust und mißhandelt
+aus, daß man Mitleid, wie mit Menschen, mit ihnen haben möchte. Im
+früheren Herbst lieben viele Leute die mannigfaltigen Farben, welche
+dann das Laub annimmt. Ich habe das oft rühmen hören. Ich selbst aber
+habe nie Gefallen daran finden können und hätte diese Farbenpracht gern
+der Natur geschenkt. Wie viel schöner ist das allgemeine Grün des
+Sommers, und man hätte sehr unrecht, dieses einförmig zu nennen. Es hat
+vom Zarten und Hellen an bis zum tiefsten Dunkel so mannigfaltige
+Nüancen, daß auch der Wechsel und die Schattierungen das Auge erfreuen.
+Diese Farbennüancen sind aber milde und fein und nicht so grell als die
+herbstlichen Farben.
+
+Die Versicherungen, die Sie mir geben, daß Sie nicht unruhig, nicht
+bekümmert sind, haben mich sehr gefreut, und ich glaube Ihnen gern. In
+dem Sinne, in welchem Unruhe und Unzufriedenheit zu tadeln sind,
+schreibe ich sie Ihnen auch nicht zu. Daß Sie bewegt und leicht gerührt
+sind, ist natürlich und schön. Auch Müdigkeit am Leben begreife ich
+sehr, obgleich ich dies Gefühl nie gehabt habe. Allein selbst ohne
+unglücklich zu sein, kann das Leben leicht Müdigkeit einflößen, ich
+möchte sagen, es muß es sogar, sobald es dem Menschen aufhört als ein
+Fortschreiten in irgendeiner Art zu erscheinen und ihm zu einem
+Rundgange wird, auf dem nun nichts Neues mehr erscheint. Auf diese Weise
+fühlt man das Nichtige, was das Leben sogleich hat, als man es mit dem
+höchsten Geistigen vergleicht, was aber verschwindet, solange man es als
+eine Stufe zu höherem Fortschreiten ansehen kann.
+
+Ich weiß nicht, liebe Charlotte, ob zu einer geistigen Beschäftigung,
+wie ich Ihnen riet, es so vieler und so absichtlicher Zurüstungen
+bedürfe. Wie ich Ihnen zuerst davon schrieb, war wenigstens das mein
+Gedanke nicht. Zu dieser Beschäftigung gehört gerade Freiheit, und die
+wird durch so planmäßig angelegte Lektüre gehemmt. Mir scheint eine ganz
+entgegengesetzte Methode viel einfacher. Wozu soll man gerade wissen und
+lernen? Es ist viel besser und viel wohltätiger, zu lesen und zu denken.
+Das Lesen soll nämlich bloß den Stoff zum Denken hergeben, weil man doch
+einen Gegenstand haben muß, einen Faden nämlich, an dem man die Gedanken
+aneinander reiht. Hierzu braucht man aber beinahe nur zufällig ein Buch,
+wie es sich findet, in die Hand zu nehmen, kann es auch wieder weglegen
+und mit einem anderen vertauschen. Hat man das einige Wochen getan, so
+müßte es einem an aller geistigen Lebendigkeit und Regsamkeit fehlen,
+wenn man dann nicht von selbst auf Ideen geriete, die man Lust hätte
+weiter zu verfolgen, Dinge, über die man mehr zu wissen verlangte; so
+entsteht dann ein eigen gewähltes Studium, nicht ein durch fremden Rat
+gegebenes. So, dächte ich, hätte ich es alle Frauen machen sehen, die
+gern in ihrem Innern ein reges geistiges Leben führten. Sehen Sie nun
+zu, da wir die Sache jetzt besprochen und von manchen Seiten überlegt
+haben, welchem Vorschlage Sie folgen wollen. Schon das bloße Nachdenken
+über die Wahl einer Beschäftigung ist selbst eine Beschäftigung, und die
+Vorbereitungen gewähren schon einen Teil des Nutzens der Sache selbst.
+Ich werde Ihnen gern bei allem, soviel ich kann, behilflich sein.
+
+Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 23. d. M. auf die Post zu geben.
+Ich wünsche von Herzen, daß Sie gesund bleiben mögen, und wenigstens
+nichts Äußeres Ihre Ruhe störe. Erhalten Sie sich dann auch die innere,
+und seien Sie von meiner unveränderlichen Teilnahme und Freundschaft
+überzeugt. Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, den 4. Januar 1831.
+
+Da ich jetzt wenige Briefe selbst schreibe, so fiel es mir auf, als ich
+die Jahreszahl hinkritzelte, denn wirklich nur Kritzeln kann ich mein
+jetziges Schreiben nennen, daß ich dies in diesem Jahre zum ersten Male
+tue. Nehmen Sie also auch, liebe Charlotte, meinen herzlichen
+Glückwunsch an. Möge nichts Äußeres, Widerwärtiges Ihnen zustoßen, und
+mögen Sie immer die nötige Stärke haben, sich die innere Ruhe zu
+erhalten, wenn sie, wie man bei menschlichen Schicksalen nie eine
+sichere Bürgschaft hat, einmal bedroht würde. Nach der Art, wie die
+Menschen, vorzüglich die höheren Stände, leben, hat, genau genommen, der
+Jahreswechsel seine wahre Bedeutung verloren. Im Grunde fängt mit jedem
+Tag ein neues Jahr an. Nur die Jahreszeiten machen einen wirklichen
+Abschnitt. Diese aber haben bei uns kaum auf mehr als unsere
+Annehmlichkeit und Bequemlichkeit Einfluß. Mir ist aber demohngeachtet
+ein neues Jahr immer eine Epoche, die mich aufs neue in mir selbst
+sammelt. Ich übergehe, was ich getan habe, etwa noch tun möchte, ich
+gehe mit meinen Empfindungen zu Rate, mißbillige oder billige, befestige
+mich in alten, mache neue Vorsätze und bringe so gewöhnlich die elften
+Tage des Jahres müßig und arbeitslos hin. Ich lächle dann selbst, daß
+ich die guten Vorsätze mit Müßiggang verbringe, aber es ist nicht sowohl
+Müßiggang als Muße, und diese ist bisweilen heilsamer als Arbeit. Worauf
+aber diese periodischen Betrachtungen immer und gleichmäßig
+zurückkommen, ist die Freude, daß ein Jahr mehr sich an das Leben
+angeschlossen hat. Es ist dies keine Sehnsucht nach dem Tode, diese habe
+ich schon darum nicht, weil ja Leben und Tod, unabänderlich miteinander
+zusammenhängend, nur Entwickelungen desselben Daseins sind, und es also
+unüberlegt und kindisch sein würde, in demjenigen, was moralisch und
+physisch seinen Zeitpunkt der Reife haben muß, durch beschränkte Wünsche
+etwas ändern und verrücken zu wollen. Es ist auch nicht, ja noch viel
+weniger Überdruß am Leben. Ich habe dieselbe Empfindung in den
+genußreichsten Zeiten gehabt, und jetzt, da ich gar keiner äußeren
+Freude mehr empfänglich bin, wenigstens keine suche, aber still in mir
+und der Erinnerung lebe, kann ich noch weniger dem Leben einen Vorwurf
+zu machen haben. Aber der Verlauf der Zeit hat in sich für mich etwas
+Erfreuliches. Die Zeit verläuft doch nicht leer, sie bringt und nimmt
+und läßt zurück. Man wird durch sie immer reicher, nicht gerade an
+Genuß, aber an etwas Höherem. Ich meine damit nicht gerade die bloß
+trockene Erfahrung, nein, es ist eine Erhöhung der Klarheit und der
+Fülle des Selbstgefühls, man ist mehr das, was man ist, und ist sich
+klarer bewußt, wie man es ist und wurde. Und das ist doch der
+Mittelpunkt für des Menschen jetziges und künftiges Dasein, also das
+Höchste und Wichtigste für ihn. Das wird Ihnen, liebe Charlotte, mehr
+und besser zeigen, wie ich es meine, wenn ich das Alter der Jugend
+vorziehe. Mein eigentlicher Wunsch wäre aber, daß ich allein alt würde
+und alles um mich her jung bliebe. Damit würden dann auch die anderen
+zufrieden sein und gegen diese Selbstsucht keine Einwendung machen.
+Ganz im Ernst zu sprechen, obgleich auch das mein Ernst ist, ich meine
+nur in dem Ernst zu sprechen, den auch andere dafür nehmen würden -- so
+bin ich weit entfernt zu verkennen, daß die Jugend im gewissen und im
+wahren Sinne eigentlich nicht bloß schöner und anmutiger, sondern auch
+in sich mehr und etwas Höheres ist als das Alter. Eben weil wenig
+einzelnes entwickelt ist, wirkt das Ganze mehr als solches; auch
+entwickelt das Leben nicht immer alle Anlagen, oft nur wenige, da ist
+dann die Jugend wirklich mehr. Auch liegt da in beiden Geschlechtern ein
+großer Unterschied. Dem Manne wird es viel leichter, den Schein und
+selbst die Wirklichkeit zu gewinnen, als sei er im Alter mehr und viel
+mehr geworden. Man schätzt in ihm viel mehr die Eigenschaften, die
+wirklich dem Alter mehr angehören, und erläßt ihm die Frische und den
+Reiz der jüngeren Jahre. Er kann immer Mann bleiben und selbst mehr
+werden, wenn er auch die körperliche Kraft sehr einbüßt. Bei Frauen ist
+das nicht ganz der Fall, und die Strenge der Willensherrschaft, die Höhe
+der freiwilligen Selbstverleugnung, durch die das weibliche Alter sich
+eine so jugendliche Kraft erhalten kann, haben nur wenige den Mut sich
+anzueignen. Allein auch in Frauen bewahrt das Alter vieles, was man in
+ihrer Jugend vergebens suchen würde, und was jeder Mann von Sinn und
+Gefühl vorzugsweise schätzen wird.
+
+Über Ihre Beschäftigung mit Palästina freue ich mich sehr. Es ist Ihnen
+gewiß wohltätig, nicht ewig mit derselben Arbeit beschäftigt zu sein und
+nicht, wenn Sie dieselbe verlassen, sich wieder bloß Selbstbetrachtungen
+zu überlassen, sondern sich mit einem äußeren, den Geist anziehenden
+Gegenstand zu beschäftigen. Man kehrt durch einen solchen dennoch
+mittelbar in sich zurück.
+
+In dem, was Sie über den Unterschied zwischen der neueren Geschichte und
+dem Altertum sagen, stimme ich Ihnen vollkommen bei. Man befindet sich
+auf einem ganz anderen Boden im Altertum. Es erging zwar den Menschen in
+jenen fernen Jahrhunderten auch wie uns jetzt. Aber die Verhältnisse
+waren natürlicher, einfacher, und wurden, was die Hauptsache ist,
+frischer aufgenommen, ergriffen, behandelt und umgestaltet. Auch ist die
+Darstellung würdiger, hinreißender und vor allem poetischer, die Poesie
+war damals noch wahre Natur, nicht eine Kunst, sie war noch nicht
+geschieden von der Prosa. Dies poetische Feuer, diese Klarheit
+anschaulicher Schilderung verbreitet sich nun für uns über das ganze
+Altertum, das wir nur durch diesen Spiegel kennen. Denn allerdings
+müssen wir uns sagen, daß wir wohl manches anders und schöner sehen, als
+es war. Ich will damit nicht geradezu sagen, daß die Art, wie die Dinge
+erzählt werden, unrichtig sei. Das nicht. Aber das Kolorit ist ein
+anderes. Wir sehen die Menschen und ihre Taten in anderen Farben. Auch
+fehlen uns eine Menge kleiner Details, wir sehen nicht alle, oft nur die
+hervorstechenden, wenn auch nicht mit Fleiß ausgewählten Züge. So wird
+alles überraschender und kolossaler.
+
+Ich vermute, daß Sie bei dem schönen, gelinden und oft sonnigen Wetter
+auch täglich Ihren Garten besuchen. Ich lasse keinen Tag ohne
+Spaziergang vorübergehen. Die Sonne aber entgeht mir bisweilen, da ich
+mich in meinen Spaziergängen nicht nach ihr richte. Ich gehe immer
+Sommers und Winters am Nachmittag, und die Sonne versteckt sich hier in
+diesen Tagen um Mittag in Nebel.
+
+Meine Gesundheit, denn ich sehe, daß ich noch nicht von ihr gesprochen,
+ist sehr gut. Ich habe bis jetzt in diesem Winter nicht einmal einen
+Schnupfen gehabt. Ich könnte also nur über Altersschwächen klagen; diese
+sind aber natürlich, und ich ertrage sie, ohne mich über sie zu wundern.
+
+Ich bitte Sie, liebe Charlotte, Ihren nächsten Brief am 25. d. M. zur
+Post zu geben. Leben Sie nun recht wohl und rechnen Sie immer auf meine
+unveränderliche Teilnahme. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 6. April 1831.
+
+Ich habe diesmal, liebe Charlotte, keinen Brief von Ihnen seit meinem
+letzten bekommen, habe also keinen zu beantworten vor mir. Der Grund
+Ihres Nichtschreibens könnte in Ihren Augen liegen, was mich sehr
+schmerzen sollte, dann hätten Sie aber doch wohl einige Zeilen
+geschrieben; auch wenn Sie krank geworden, würden Sie es mir gewiß
+gesagt haben. Die natürlichste Vermutung über die Gründe Ihres
+Stillschweigens scheint mir daher die, daß Sie gefürchtet haben, mir
+gerade in den Wochen zu schreiben, wo der Verlust mich traf, in den
+seitdem meine Seele einzig versenkt ist. Ich danke Ihnen in der Tiefe
+meiner Seele für diese Zartheit. Ihr Brief würde mir zwar gleiche Freude
+gemacht haben als alle anderen. Man feiert die Toten nicht würdig durch
+verringerte Teilnahme an den Lebendigen, oder wenn man sich entzieht,
+ihnen hilfreich zu werden, und am wenigsten paßt das für die, welche ich
+betraure. Aber die Empfindung in Ihnen ist so natürlich, sie entspricht
+so sehr Ihrem Gefühl und Ihren Gesinnungen, ist so edel und zart, daß
+sie mich lebhaft gerührt hat.
+
+Ich bin den ganzen März hindurch nur einen Tag in Berlin gewesen und
+habe hier, teils allein, teils mit meinen Kindern, einer
+beneidenswürdigen Ruhe genossen. Auch war das Wetter nur selten
+unfreundlich, und es hat mich nicht gehindert, täglich auszugehen. Jetzt
+beginnt der Frühling sehr schön, und ich denke mir, daß auch Sie dies
+jugendliche Erwachen der Natur in Ihrem Garten genießen. Ich weiß nicht,
+ob Sie auch wohl darauf geachtet haben, was ich in sehr verschiedenen
+Klimaten, auch in Spanien und Italien, gefunden habe, daß, wenn die
+Tage auch noch so regnerisch sind, sich der Himmel aufhellt um die Zeit
+des Sonnenunterganges. Meist hört der Regen auf eine halbe Stunde vor
+und nach Sonnenuntergang. Dies ist auch die gewöhnliche Zeit meiner
+Spaziergänge. Die Wolkenerscheinungen sind dann die größten, schönsten
+und glänzendsten, und seit meiner Kindheit machen sie den größten Teil
+meiner Freude an der Natur aus. Wie man auch darüber nachdenken mag, ist
+es schwer zu sagen, worin der Reiz eigentlich besteht. Gewiß ist es
+nicht das sinnliche Farbenspiel, wie schön und prachtvoll es auch ist,
+allein. Das mannigfache Schauspiel am Himmel regt die Seele tiefer und
+lebendiger an, als es jeder irdische Reiz tun könnte. Daß es vom Himmel
+kommt, zieht wieder zum Himmel hin. Freilich allemal wehmütig, aber doch
+groß und im Tiefsten ergreifend ist das allmähliche Verglühen der
+Farben, das Ersterben des Glanzes, der zuletzt, noch ehe er der
+Dunkelheit Platz macht, von einem falben Grau überzogen wird. Ich kann
+mich dabei nie erwehren, an etwas Ernsteres und Wichtigeres zu denken.
+Es gibt zwar vorzüglich in den höher und innerlich Gebildeten, aber mehr
+oder minder doch in allen, eine Menge von Gedanken, die nie zu einer Tat
+werden, nie ins wirkliche Leben treten, sondern still und nur dem
+bewußt, der sie hat, im Busen verschlossen bleiben. Es entspringt aber
+aus ihnen, und oft viel mehr als aus Reden und Taten, Freude und Leid,
+Glück und Elend. Ihr Hin- und Herfluten im Gemüte, die Bewegung, in die
+sie versetzen, läßt sich in vielem jenen farbig flammenden
+Himmelserscheinungen vergleichen. Für den Ernst des äußeren Lebens sind
+sie wirklich, sich mit ihm nicht mengend, luftige Wolkengebilde. Sie
+verschwinden auch wie diese und lassen in der Seele eine Kühle und Leere
+zurück, die sich dem Grau der Dämmerung und dem Dunkel der Nacht
+vergleichen läßt. Sind sie aber darum dahin? Kann das, was das Gemüt so
+bewegt, so aus seinem innersten Grunde erschüttert hat, ganz wieder
+untergehen? Dann könnte der ganze Mensch selbst vielleicht auch nur eine
+vorübergehende Wolkenerscheinung sein. Sie werden mir einwenden, daß es
+auf jeden Fall, wie alles, was einmal im Gemüt gewesen ist, auf dieses,
+auf den Geist und Charakter zurückwirkt und in dieser Zurückwirkung
+fortlebt. Allein das ist doch nicht genug. Es müßte doch von bestimmten
+Seelenbewegungen auch etwas Bestimmtes ausgehen. Diese Gedanken
+ergreifen mich meistenteils, wenn ich den Himmel am Abend oder vor oder
+nach einem Gewitter ansehe. Ich habe aber, wenn ich es gleich nicht
+erklären und beweisen kann, ein festes Ahnungsgefühl, daß jene
+Gedankenerscheinungen auf irgendeine Weise wieder aufflammen und einen
+Einfluß ausüben, der bedeutender ist als gewöhnlich so hochgeachtete
+Reden und Handlungen. Der Mensch muß sich nur ihrer würdig erhalten,
+auf der einen Seite nicht trocken und nüchtern, auf der anderen Seite
+nicht schwärmerisch und wesenlos werden, vor allen Dingen aber
+selbständig sein, die Kraft besitzen, sich selbst zu beherrschen, und
+den inneren Gang seiner Gedanken allem äußeren Genuß und Treiben
+vorziehen.
+
+Indem ich auf das Geschriebene zurücksehe, muß ich Sie, liebe Charlotte,
+ordentlich um Verzeihung bitten, Ihnen so allgemeine Dinge und
+Betrachtungen zu schicken. Aber es ist dies neben dem Andenken an die
+Vergangenheit, die nie für mich zurückkehren kann, das einzige, worin
+ich lebe. Solche Ideen schließen sich an meine wissenschaftlichen
+Berührungen an, und so haben Sie den ganzen Kreis, worin ich lebe, wenn
+ich in mir sein kann, und aus dem ich nur halb und geteilt herausgehe,
+wenn mich Pflicht oder freiwillige Sorge für andere herausruft. Diese
+Art zu sein hat sich ohne mein Zutun in mir gestaltet. Ich bin mir
+bewußt, daß ich sie nicht absichtlich hervorgerufen habe. Ich würde auch
+nicht entgegenarbeiten, wenn ich plötzlich fühlte, daß es anders in mir
+würde, daß ich wieder Lust an den Dingen hätte, die mich vor jenem
+Schlage erfreuten, daß ich mich wieder freiwillig ins Leben mischte, daß
+ich anderer Freude fähig sei, als die ich aus mir selbst und der
+Vergangenheit schöpfe, so würde ich mich frei darin gehen lassen, wenn
+ich mir auch selbst gestehen müßte, daß diese Änderung meine innere
+parteilose Billigung nicht erhalten könnte. Ich denke nicht einmal
+daran, ob meine jetzige Stimmung mich bis ans Ende meiner Tage
+begleiten, oder ob die Zeit, wie die Leute so und nicht ganz mit Unrecht
+sagen, auch meine Gefühle abstumpfen und abändern wird. Ich bin hierin
+nicht bloß allem Affektierten, sondern auch allem Absichtlichen feind.
+Kann das Gefühl, das ich, seit ich eine solche Verbindung kannte, immer
+gehabt habe, daß es eine innere Verbindung zwischen Menschen gibt, deren
+Auflösung dem Zurückbleibenden alle Fähigkeit, alle Neigung und allen
+Wunsch nimmt, anderswoher Glück und Freude zu schöpfen, als aus sich
+selbst und dem Andenken, kann, sage ich, dies Gefühl untergehen, so möge
+es plötzlich verschwinden oder nach und nach ersterben. Im Reiche der
+Empfindungen muß nichts länger leben, als es innere Kraft zu leben hat.
+Bis jetzt ist es nur immer in mir gewachsen, und ich verdanke ihm alles,
+was ich seit jener gewaltsamen Zerreißung an innerer Stärke, Beruhigung
+und wirklicher Heiterkeit genossen habe, und was mir kein Mensch auf
+Erden, selbst meine Kinder nicht, ohne jenes Gefühl hätten geben können.
+Ich empfinde die Wohltätigkeit dieses Gefühls auch an der größeren
+Klarheit und Sicherheit meiner Ideen und Empfindungen. Denn, wenn ich
+auch zu manchen äußeren Geschäften weniger geschickt sein mag als sonst,
+so fühle ich dagegen deutlich, daß meine Ideen in jeder Rücksicht
+lichtvoller und fester geworden sind.
+
+Ich bestimme Ihnen heute keinen Tag zum Schreiben, da mein Wunsch und
+meine Bitte dahin geht, daß Sie mir so bald schreiben mögen, als Sie
+können. Mit unveränderlicher Teilnahme und Freundschaft der Ihrige.
+ H.
+
+
+
+_Tegel_, den 6. Mai 1831.
+
+Unmittelbar nach dem Abgang meines letzten Briefes an Sie, liebe
+Charlotte, empfing ich den Ihrigen und ersah daraus, daß ich die Ursache
+Ihres verzögerten Schreibens richtig erraten hatte. Bald darauf erhielt
+ich auch Ihren zweiten Brief.
+
+Ich habe Sie längst befragen wollen, liebe Charlotte, ob Sie je
+Schillers Leben von Frau von Wolzogen gelesen haben. Wo nicht, so rate
+ich Ihnen, das Buch ja bald zu lesen. Ich glaube nicht, daß es ein
+zweites so schön geschriebenes, so geistvoll gedachtes und so tief und
+zart empfundenes Buch gibt. Ein Mann könnte garnicht so schreiben, wenn
+er auch sonst vorzüglich von Kopf und Gemüt wäre. Unter allem, was ich
+bisher von Frauen gelesen habe, weiß ich nichts damit zu vergleichen.
+Außerdem sind viele Briefe von Schiller in dem Werke, und unter diesen
+vortreffliche. Das Buch wird Ihnen Freude machen.
+
+Was ist Poesie? -- sagen Sie und setzen hinzu, ich denke, man muß sie
+empfinden. -- Ich bin ganz Ihrer Meinung. Wer recht lebendig empfindet
+(denn empfunden muß und kann es eigentlich nur werden), daß etwas
+poetisch ist, bedarf nicht der Erklärung, und wer kein Gefühl dafür hat,
+dem kann alle Erklärung durch Worte nicht helfen. Insoweit es möglich
+ist, hat es gewiß Schiller getan, der mehr als irgend jemand die Gabe
+besaß, in Worte zu kleiden, was in seiner eigentümlichen Natur dem
+Ausdruck widerstrebt. Beispiele erklären es schon besser. Nehmen wir
+zwei gleichzeitige Dichter, die Sie gleich gut kennen, Gellert und
+Klopstock. Beide sind miteinander zu vergleichen, weil sie beide
+geistliche Stoffe behandelt haben, weil sie gewiß beide von gleich edler
+Frömmigkeit und gleich reiner Tugendliebe beseelt waren, und endlich
+auch, weil sie eine große und tiefe Wirkung auf die Gemüter und die
+Herzen ihres Zeitalters hervorgebracht haben. Aber gewiß sind Sie meiner
+Meinung, daß in Klopstock ein ungleich höherer Schwung ist, daß man bei
+seinen Worten mehr denkt, von ihnen mehr hingerissen wird. Gellerts
+Verse sind nur gereimte Prosa, Klopstock war durchaus eine poetische
+Natur. -- Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 24. abzusenden. Leben
+Sie herzlich wohl. Mit der aufrichtigsten Teilnahme und Freundschaft der
+Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 3. Juni 1831.
+
+Ihr Brief vom 22. bis 25. vor. Monats ist mir allerdings so spät
+zugekommen, daß mich sein Ausbleiben wunderte. Ich wußte diesmal
+garnicht, welcher Ursache ich Ihr Stillschweigen zuschreiben sollte.
+Doch hatte ich keine Besorgnis vor Krankheit, weil ich mich darauf
+verlasse, daß Sie mir, liebe Charlotte, in einem solchen Fall immer,
+wenn auch noch so wenige Worte sagen werden. Desto mehr habe ich mich
+jetzt gefreut, einen ausführlichen Brief zu erhalten. Wenn ich dies
+sage, meine ich nur, daß ich die Blätter von Ihrer Hand immer gern lese,
+und immer, was Sie betrifft, es sei erfreulich, oder es sei das
+Gegenteil, mit wahrer und aufrichtiger Teilnahme mitgeteilt erhalte.
+Denn sonst konnte mich das, was Sie mir darin über den neuen Verlust,
+der Sie betroffen, und die Stimmung, in welche Sie dieser Trauerfall
+versetzt hat, nur schmerzlich berühren. Auch ganz ohne die Familie zu
+kennen, hat der Todesfall dieser jungen Person etwas ungemein Rührendes.
+Er ist sichtbar eine Folge des Todes der Schwester und der, aus Liebe
+für die Dahingegangene, zu beschwerlich in der Besorgung der Kinder und
+des Hauswesens übernommenen Anstrengung. Beides vereinigt hier alles,
+was das Bedauernswürdige des Falles vermehren kann. Sie sagen, daß ein
+so früher Tod beneidenswert sei, der eine schöne, reine, frische Blüte
+bricht, ehe der rauhe Nord sie erstarrt, und Sie kommen auch in einer
+andern Stelle Ihres Briefes hierauf zurück. Ich erinnere mich sehr wohl,
+das gleiche Gefühl vor vielen Jahren bei dem Tode meines ältesten
+Sohnes, eines damals zehnjährigen Knaben, gehabt zu haben. Er starb in
+Rom, wo er auch an einem schönen Orte unter nun großen schattigen Bäumen
+begraben liegt. Er war ein wunderschönes, verständiges, gutes Kind und
+ging aus einer plötzlichen und schnell endenden Krankheit in vollem
+Frohsein und voller Heiterkeit hinüber. Ich erkenne daher sehr die
+Wahrheit jenes Gefühls, allein das Leben hat doch auch seinen Wert,
+selbst wenn es der Freuden weniger gibt oder gegeben hat. Es stärkt die
+Kraft, es reift das Gemüt, und ich kann mir wenigstens die Überzeugung
+nicht nehmen, daß das Wichtigste für den Menschen der Grad der inneren
+Vollkommenheit ist, zu dem er gedeiht. Dazu aber trägt das Leben selbst
+in seinen Stürmen, und seinen rauhen Stürmen, mächtig bei. Alle diese
+Betrachtungen sind aber nur bis auf einen gewissen Punkt trostreich und
+beruhigend. Der Verlust geliebter Personen bleibt in sich unersetzlich,
+und der Kummer und Gram darum lindert sich, wie ich sehr gut weiß und
+empfinde, durch keine Betrachtungen, eher noch in manchen Fällen und bei
+manchen Gemütern durch den ruhigen Verlauf der Zeit. Da Sie schon sehr
+einsam leben, so begreife ich noch mehr und fühle noch lebhafter, wie
+dieser unerwartete Verlust Sie auf einmal noch viel schmerzlicher
+trifft. Wenn die Aufrichtigkeit und die Wärme meiner Teilnahme dazu
+beitragen kann, Ihrem Kummer Linderung zu gewähren, so zählen Sie mit
+Sicherheit auf beide. Sie kennen meine Gesinnungen für Sie, Sie wissen,
+daß dieselben vom ersten Augenblicke an, wo Sie sich nach einer
+bedeutenden Reihe von Jahren an mich wandten anteilvoll und wohlwollend
+gewesen sind, ob gleich ich in der ganzen Zwischenzeit nichts von Ihnen
+wußte, und unsere Jugendbekanntschaft nur das Werk weniger Tage war.
+Dieser Ihnen aus dem reinen Wunsche, wohltätig und erheiternd auf Sie,
+Ihre Stimmung und Ihr Leben einzuwirken, gewidmete Anteil wird Ihnen
+bleiben, und Sie können sich versichert halten, daß er sich bei jedem
+kleineren und größeren Vorfall Ihres Lebens aufs neue beweisen wird. Je
+mehr ich in mir selbst lebe, je mehr ich in dem Zustand bin, nichts von
+außen empfangen zu wollen, je freier ich mich in die Lage versetzt habe,
+ohne alle Rücksicht jede Gemeinschaft, außer der mit meinen Kindern,
+zurückzuweisen, desto freier, reiner und forderungsloser ist auch mein
+Anteil an denen, von welchen ich weiß, daß sie ihn gütig aufnehmen und
+daß er ihnen Freude macht. Ich sehe und empfinde die Ereignisse des
+Lebens jetzt mehr in anderen als in mir selbst, ich bin ruhig und in
+Erinnerungen und Betrachtungen, wenn auch oft wehmütig, dennoch heiter.
+Meine Freunde und Bekannten, die das wissen, lassen mich gewähren und
+stören mich in diesem abgeschlossenen Kreise nicht; aber mein Anteil an
+Ihnen und Ihrem Schicksal ist gleich groß.
+
+Über meine Gesundheit kann ich Ihnen nur Gutes sagen. Ich kann über
+keine Kränklichkeit, nur über die Schwächlichkeiten klagen, die Sie
+längst kennen. Sie rühmen, liebe Charlotte, meine feste Hand und freuen
+sich darüber. Ihr Urteil hierin ist auch mir darum um so wichtiger, als
+Sie die erste waren, die mich auf die Schwäche und das Zitterhafte
+meiner Hand aufmerksam machte. Ich wunderte mich damals darüber, wie
+einer, der etwas von sich erfährt, was er selbst nicht gewußt hat, ich
+bemerkte aber, daß Ihre Bemerkung ganz richtig war. Ich habe seit dem
+Winter etwas gebraucht, was das Zittern der Glieder und die Schwäche der
+Hand heben soll. Gegen das erste hat es sichtbar geholfen, vielleicht
+auch gegen das letzte, doch glaube ich das eigentlich nicht. Was Ihnen
+den Eindruck gemacht, schreibe ich mehr der Methode zu, die ich
+angenommen habe, wie die Kinder auf Linien zu schreiben, dies hält die
+Züge und die Hand mehr in Ordnung. Mein Arzt schließt aus der Wirkung
+der verordneten Mittel, daß die Ursache der Schwäche im Rückgrat liegt,
+und rät zum Gebrauch eines kräftigen Seebades. Ich werde also in diesem
+Sommer nicht Gastein, sondern Norderney gebrauchen. Sie wissen wohl, daß
+dies eine Insel ist, welche der Stadt Aurich in Ost-Friesland gegenüber
+liegt. Meine älteste Tochter wird mich begleiten, und ich werde eine
+Reise auf eines meiner Güter damit verbinden.
+
+Leben Sie herzlich wohl; mit dem innigsten
+Anteil der Ihrige. H.
+
+
+
+_Oschersleben_, den 3. Juli 1831.
+
+Ich sehe aus Ihrem Briefe, daß Sie Ihren Reiseplan aufgegeben haben, und
+kann das nur billigen. Solange man noch in seinen häuslichen
+Gewohnheiten ruhig ist, fühlt man in diesen wohl eine gewisse ermüdende
+Einförmigkeit, die auf eine Reise mit Vergnügen hinblicken läßt. Wenn
+aber der Zeitpunkt kommt, sich loszureißen, so fühlt man alles
+Beschwerliche und Unerfreuliche, das nicht heimisch scheint, und lernt
+erst den Wert der gewöhnlichen Existenz in alledem erkennen, was einen
+alle Tage umgibt. Ich selbst habe mich diesmal höchst ungern zur Badekur
+entschlossen und hätte es nicht getan, wenn ich nicht glaubte, daß ohne
+die Kur die Schwächlichkeiten, an denen ich leide, und die doch meine
+freie Tätigkeit hemmen, zu sehr anwachsen könnten. Interesse finde ich
+an der Reise garnicht. Einige Menschen in den Orten, durch die ich
+reise, sehe ich allerdings gern wieder, aber das wiegt doch die vielen
+anderen Unbequemlichkeiten, und besonders den Zeitverlust, nicht auf. Zu
+dem allen kommt die Ungewißheit der Zeiten.
+
+Sie reden in Ihrem Briefe über den Wert des Lebens und äußern, daß ihn
+die geschwächten Kräfte des Alters noch mindern. Wenn man von dem
+Glückswert des Lebens spricht, so gebe ich gern zu, daß man ihn nicht
+immer hoch anschlagen kann. Ich behaupte sogar, daß alle, die ungefähr
+in meinem Alter sind, von der jetzigen Zeit wenig oder nichts
+Erfreuliches zu erwarten haben können, denn in allem, was das
+menschliche Leben äußerlich angeht, trüben sich die Aussichten,
+verwirren sich die Begriffe bis zu den verschiedensten Meinungen, und
+die Jahre, die ich noch zu leben habe, werden nicht hinreichen, dies zu
+lösen. Ist es aber recht und erlaubt, den Wert des Lebens wie den eines
+andern Guts zu schätzen? Das Leben ist dem Menschen von Gott gegeben, um
+es auf eine ihm wohlgefällige pflichtgemäße Weise anzuwenden und im
+Bewußtsein dieser Anwendung zu genießen. Es ist uns allerdings zum Glück
+gegeben. Dem Glück ist aber immer die Bedingung gestellt, daß man es
+zuerst, und wenn die mancherlei Tage Prüfungen mit sich führen, allein
+in der mit Selbstbeherrschung geübten Pflicht finde. Ich frage mich
+daher nie, welchen Wert das Leben noch für mich hat, ich suche es
+auszufüllen und überlasse das andere der Vorsehung. Die Schwächung,
+welche die Kräfte durch das Alter erfahren, kenne ich sehr wohl aus
+eigener Erfahrung, aber ich möchte darum nicht zurücknehmen, was ich
+Ihnen neulich schrieb, daß der Zweck des Lebens eigentlich der ist, zu
+der höchsten, dem inneren Geistesgehalt des Individuums, von dem die
+Rede ist, den Umständen und der Lebensdauer angemessenen Erkenntnisreife
+zu gedeihen. Es gibt allerdings Fälle, wo das Alter alle Geisteskräfte
+vernichtet. So war es mit Campe, der die letzten fünf Jahre seines
+Lebens hindurch bloß vegetierte, und von dem man kaum sagen konnte, daß
+er wieder zum Kindesalter zurückgekehrt war. Über diese Fälle ist nichts
+zu sagen. Der Mensch hört in ihnen menschlich auf zu sein, ehe er
+physisch stirbt. Sie sind aber glücklicherweise selten. Die gewöhnlichen
+Altersschwächen gehen mehr den Körper an, und im Geiste bleibt die Kraft
+des Entschlusses, seine Schnelligkeit und Ausdauer, das Gedächtnis, die
+Lebendigkeit der Teilnahme an äußeren Begebenheiten. Das in sich
+gekehrte Denkvermögen und das Gemüt bleiben nicht nur in den meisten
+Fällen ungeschwächt, sondern sind reiner und minder getrübt durch
+Verblendung und Leidenschaften. Gerade aber diese Kräfte sind es, die am
+besten und sichersten zu der oben erwähnten Reife der Erkenntnis führen.
+Sie wägen in den höheren Jahren, die keine Ansprüche mehr an Erfolge des
+Glücks und Veränderung der Lage machen, am richtigsten den wahren Wert
+der Dinge und Handlungen ab und knüpfen das Ende des irdischen Daseins
+an die Hoffnung eines höheren an; sie läutern die Seele durch die ruhige
+und unparteiische Prüfung dessen, was in ihr im Leben vorgegangen ist.
+Niemand muß glauben, mit dieser stillen Selbstbeschäftigung schon fertig
+zu sein. Je mehr und anhaltend man sie vornimmt, desto mehr entwickelt
+sich neuer Stoff zu derselben. Ich meine damit nicht ein unfruchtbares
+Brüten über sich selbst, man kann dabei tief mit seinen Gedanken in der
+Zeit und der Geschichte leben, aber wenn man dies tut, was nicht
+notwendig ist, meine ich nicht das Ziehen jedes Gedankenstoffes in den
+Kreis der Irdischkeit, sondern in den höheren, dem der Mensch
+vorzugsweise in seinen spätesten Jahren angehört. Denn dieser zweifache
+Kreis ist dem Menschen sichtbar angewiesen. In dem einen handelt er, ist
+er geschäftig, trägt er im Kleinsten und Größten zu den
+Menschenschicksalen bei, davon aber sieht er niemals das Ende, und darin
+ist nicht er der Zweck. Er ist nur ein Werkzeug, nur ein Glied der
+Kette, sein Faden bricht oft im entscheidendsten Moment ab, der des
+Ganzen läuft fort. In dem andern Kreise hat der Mensch das Irdische,
+nicht dem Erfolg, sondern nur der Idee nach, die sich daran knüpft, zum
+Zweck und geht mit diesem Streben über die Grenzen des Lebens hinaus.
+Dieses Gebiet ist nur dem einzelnen, aber jedem Menschen für sich
+angewiesen. Die Nationen, das Menschengeschlecht im ganzen, strömen bloß
+im Irdischen fort. Jeder Mensch dreht sich, wenn er auf sich achtet,
+immer in diesen beiden Kreisen herum, aber dem Alter ist der höhere und
+edlere mehr eigen, und nicht ohne Grund befallen den Menschen
+Altersschwächen, er widmet sich, dadurch gemildert und beruhigt, jenen
+höchsten Betrachtungen.
+
+Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 20. Juli zur Post zu geben und
+nach Norderney über Aurich zu adressieren. Ich habe diesen Brief im
+Hause meines Pächters angefangen und schließe ihn heute, den 6. Juli, in
+Zelle. Meine Reise ist, wie es eine so unbedeutende Reise natürlich ist,
+ohne alle Abenteuer gewesen. Mit unveränderlicher Teilnahme der Ihrige.
+ H.
+
+
+
+_Norderney_, den 26. Juli 1831.
+
+Es kommt mir ordentlich wunderbar vor, liebe Charlotte, nachdem ich
+Ihnen mehrere Sommer von den Gebirgen von Gastein aus geschrieben, es
+nun von den niedrigen Dünen und der flachen Küste der Nordsee zu tun. Es
+interessiert Sie aber wohl auch, imstande zu sein, sich einen Begriff
+von dem Seebade und meinen Umgebungen zu machen. Zuerst werden Sie, nach
+Ihrer Teilnahme an mir, von meinem Befinden zu hören wünschen. Bis jetzt
+kann ich Ihnen nur das Beste davon sagen, und da ich schon heute das
+vierzehnte Bad genommen, so hoffe ich, daß mein Befinden ferner gut
+bleiben wird, obgleich man freilich von Erfolg und Wirkung einer Badekur
+erst urteilen kann, wenn sie beendet ist. Aber das Gefühl der
+allgemeinen Belebung und Erfrischung, die Freiheit des Kopfes und die
+Leichtigkeit in allen Gliedern, unmittelbar wenn man aus der See kommt,
+habe ich bis jetzt vollkommen. Das Übrige und Wesentlichere hoffe ich um
+so mehr, als meine Forderungen an die Kur höchst mäßig sind. Ich bin
+vollkommen zufrieden, wenn das Übel, um dessenwillen der Arzt wollte,
+daß ich dies Bad nehmen sollte, im nächsten Jahre nicht zunimmt. Ich bin
+nicht so betört und nicht so unbescheiden gegen das Schicksal, an eine
+wirkliche Heilung zu denken. In höheren Jahren muß man sich darauf
+gefaßt machen, gewisse Unbequemlichkeiten in seine Existenz als
+unvermeidlich und unabänderlich aufzunehmen. Der menschliche Organismus
+und die im Laufe der Zeit natürliche Vergänglichkeit lassen das nicht
+anders zu, und die Unbequemlichkeiten, an denen ich leide, sind
+überdies, gegen die anderer Menschen gehalten, so leidlich, daß ich
+doppelt strafbar sein würde, dadurch ungeduldig gemacht zu werden.
+
+Die Luft wird hier, selbst bei heiterem Sonnenschein, auch in diesem
+Monat unaufhörlich durch frische Seewinde abgekühlt, die das Meer bald
+nur lieblich kräuseln, bald in hohen Wellen bewegen. Dieser Anblick des
+Meeres ist für mich hier dasjenige, was dem Aufenthalt seinen eigenen
+Reiz gibt. Ich besuche den Strand gewöhnlich jeden Tag mehr als einmal
+außer dem Baden und oft auf Stunden. So einfach die Bewegung des Meeres
+scheint, so ewig anziehend bleibt es, ihr zuzusehen. Man kann es nicht
+mit Worten ausdrücken, was einen gerade daran fesselt, aber die
+Empfindung ist darum nicht weniger wahr und dauernd. Viel trägt gewiß
+die Unermeßlichkeit der Erscheinung, der Gedanke des Zusammenhanges des
+einzelnen Meeres, an dessen Küste man steht, mit der ganzen, Weltteile
+auseinander haltenden Masse bei. Diese malt sich wirklich, kann man
+sagen, in jeder einzelnen Welle. Das Dunkle, Unergründliche der Tiefe
+tut auch das ihrige hinzu, und nicht bloß das der Tiefe, sondern auch
+das Unerklärliche, Unverständliche dieser wilden und unermeßlichen
+Massen der Luft und des Wassers, deren Bewegungen und Ruhe man weder in
+ihren Ursachen, noch in ihren Zwecken einsieht, und die doch wieder
+ewigen Gesetzen gehorchen und nicht die ihnen gezogenen Grenzen
+überschreiten. Denn die bewegtesten Wellen des Meeres laufen in
+spielenden Halbkreisen schäumend auf dem flachen Lande aus. Schade ist
+es, daß man hier das Meer nirgends aus den Häusern oder doch nur sehr
+unvollkommen aus Bodenkammern sieht. Die ganze Insel ist von Dünen,
+niedrigen Sandhügeln, umgeben, die man immer erst übersteigen muß, ehe
+man an das Ufer kommt. Auf diesen geht man dann aber auch, wenn es die
+Zeit der Ebbe ist, besser wie es sonst irgend auf dem Lande möglich ist.
+Der Boden ist fest wie eine Tenne, und doch elastischer und minder hart.
+Zwischen diesem in der Zeit der Flut immer bespritzten Strande und den
+Dünen ist tiefer Sand, und wo diese Strecke sehr breit ist, da gleicht
+die Insel einer afrikanischen Wüste. Ein Bach ist nirgends, nur teils
+gegrabene, teils natürliche Brunnen süßen Wassers. Aber auch dies Wasser
+ist nicht sonderlich gut. In der Mitte, von den Dünen eingeschlossen,
+sind aber grüne Anger und Wiesen, auf denen Vieh weidet. Wirklich hohe
+Bäume hat die Insel garnicht, nur Gesträuch; höherem Wuchs widersetzen
+sich die Stürme, aber von diesem Gesträuch sind ganz hübsche Bosketts
+und einige gegen Sonne und Wind schützende Laubengänge angelegt. Es gibt
+auf der ganzen Insel nur ein, aber sehr ansehnliches Dorf. In diesem
+wohnen auch die Badegäste, in kleinen, aber sehr reinlichen Wohnungen.
+Die Einrichtung ist hier schon mehr holländisch und englisch. Was diesen
+Fischer- und Schifferhäusern, denn das sind die Bewohner größtenteils,
+von außen ein gefälliges Äußere und innerlich Freundlichkeit und Licht
+gibt, ist, daß die Fenster sehr groß sind, hölzerne Kreuze und große,
+helle und gut gehaltene Glasscheiben haben, viel besser, als dies bei
+uns manchmal selbst in größeren Städten der Fall ist. Ein Haus gehört
+der Badeanstalt selbst, in diesem wohne ich, es ist aber klein und
+gewährt wenig Vorzüge gegen die Wohnungen bei den Dorfbewohnern. Die
+Badegesellschaft ist ziemlich zahlreich, obgleich die Furcht vor der
+Cholera viele abhält, in diesem Jahr die Ost- und selbst die
+Nordseebäder zu besuchen. Für das Zusammenkommen der Badegäste gibt es
+ein eigenes Gebäude mit Versammlungssälen zum Speisen und zu
+Abendgesellschaften. Ich esse aber in meiner Wohnung und bin erst einmal
+in jenem Saale gewesen. Doch gibt es einzelne Personen, die mich und die
+ich besuche. Was den Aufenthalt in diesem und in allen Seebädern in
+Vergleichung mit anderen Bädern angenehmer macht, ist der Umstand, daß
+man hier nicht von so schweren Kranken und von so großen
+Krüppelhaftigkeiten hört und noch weniger sieht. Gegen solche Übel ist
+das Seebad nicht geeignet, und da es auch immer, um Gebrauch davon
+machen zu können, noch gewisse Kräfte voraussetzt, so können so sehr
+kranke Personen es nicht benutzen. Ich sehe nur einen Mann hier, der auf
+Krücken geht und sich, da der Weg zum Badestrande vom Dorfe nicht ganz
+nahe ist, in einer Sänfte hintragen läßt. So können Sie sich nach der
+ausführlichen Beschreibung meines hiesigen Aufenthaltes ein
+anschauliches Bild meines Lebens machen.
+
+Ich habe noch keinen Brief von Ihnen erhalten, glaube aber gewiß, daß
+ich morgen, wo Posttag für ankommende Briefe ist, einen erhalten werde.
+Ich lasse indes den meinigen immer abgehen. Die Briefe bleiben hier
+ungewöhnlich lange aus. Ich bitte Sie, mir am 5. August hierher, wie ich
+Ihnen neulich schrieb, über Aurich zu schreiben. Mit der herzlichsten
+Teilnahme Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, den 1. Januar 1832.
+
+Ich bin fortdauernd sehr wohl und kann auch weniger über Schwächlichkeit
+klagen als sonst. Das Seebad hat mir offenbar wohlgetan, nur mit dem
+Schreiben geht es gleich langsam und schlecht, und die Stumpfheit der
+Augen nimmt doch zu. --
+
+Sie freuen sich, daß ich mich wieder heiter dem Leben zuwende, und da
+Sie liebevollen Anteil an mir nehmen, so können Sie sich allerdings
+meiner größeren Kräftigkeit freuen. Mit dem heiteren Zuwenden zum Leben
+aber ist es eine eigene Sache. Es ist wahr und nicht wahr zugleich. Ich
+hatte mich niemals vom Leben abgewendet, dies zu tun ist ganz gegen
+meine Gesinnung; solange man lebt, muß man das Leben erhalten, sich ihm
+nicht entfremden, sondern darin eingreifen, wie es die Kräfte und die
+Gelegenheit erlauben. Das Leben ist eine Pflicht, die man erfüllen muß;
+man ist allerdings in der Welt, um glücklich zu sein, aber der
+Gutgesinnte findet sein höchstes Glück in der Pflichterfüllung, und der
+Weise trauert nicht, wenn ihm auch kein anderes wird, als was er sich
+selbst zu schaffen imstande ist. In einem anderen Sinne aber dem Leben
+zugewendet habe ich mich nicht. Die Änderung, die das Gefühl größerer
+Kräftigkeit in mir hervorgebracht hat, ist die, daß es mich gemahnt hat,
+da ich das Vermögen in mir dazu besitze, noch allerlei zu vollenden, was
+ich im Sinn habe, eingedenk der Ungewißheit der mir dazu übrig
+bleibenden Zeit. Die Folge ist also gewesen, daß ich noch
+haushälterischer mit meiner Zeit umgehe und mich seit meiner Rückkehr
+von Norderney noch einsamer zurückgezogen habe, mich noch anhaltender
+mit mir selbst beschäftige, und mir alles andere noch gleichgültiger in
+Beziehung auf mich ist. Die Heiterkeit am gegenwärtigen Augenblicke kann
+mir nicht wieder werden, seitdem meinem Leben etwas fehlt, für das es
+keinen Ersatz gibt, aber die Beschäftigung mit der Vergangenheit gibt
+mir eine sich immer gleich klare und ruhige Heiterkeit. Das Leben recht
+eigentlich in seinen guten und bitteren Momenten durchzuempfinden und
+das Tiefste und Eigenste, was die Brust in sich schließt, seinen äußeren
+Einwirkungen entgegenzustellen, nannte ich oben eine Pflicht, und sie
+ist es gewiß, aber es wäre auch widersinnig, es nicht zu tun. Das Dasein
+des Menschen dauert gewiß über das Grab hinaus und hängt natürlich
+zusammen in seinen verschiedenen Epochen und Perioden. Es kommt also
+darauf an, die Gegenwart zu ergreifen und zu benutzen, um der Zukunft
+würdiger zuzureifen. Die Erde ist ein Prüfungs- und Bildungsort, eine
+Stufe zu Höherem und Besserem, man muß hier die Kraft gewinnen, das
+Oberirdische zu fassen. Denn auch die himmlische Seligkeit kann keine
+bloße Gabe sein und kein bloßes Geschenk, sie muß immer auf gewisse
+Weise gewonnen werden, und es gehört eine wohl erprüfte Seelenstimmung
+dazu, um ihrer durch den Genuß teilhaftig zu werden.
+
+Es hat mich sehr geschmerzt, aus Ihrem Briefe zu ersehen, daß neue
+Trauerfälle Ihnen das Ende des Jahres trüben; es hat mir umsomehr leid
+getan, da Sie eben auf dem Wege waren, größere Heiterkeit zu gewinnen.
+Die Schicksale des Lebens gehen ihren Gang, scheinbar fühllos, fort. Ich
+habe in diesem Jahre drei sehr langjährige Freunde, einen, der älter als
+ich war, und zwei jüngere, verloren. Aber die Gewöhnlichkeit und
+Natürlichkeit dieser Fälle mildert den Schmerz nicht und wehrt nicht der
+Trauer. Die beklommene Brust fragt sich immer, warum, da so viele länger
+leben, der Dahingegangene gerade vorangehen mußte. Was Sie von Ihrer
+ersten Erzieherin sagen, hat mich sehr gefreut und gerührt. Jedes
+gutgesinnte Gemüt, geschweige denn zart und edel fühlende, bewahrt durch
+das ganze Leben willig gezollte Dankbarkeit für die Pfleger der
+Kindheit. Schon im Altertum ist das wahr und schön beschrieben. Die
+Behandlung der Kindheit fordert Geduld, Liebe und Hingebung, und diese
+Jahre hindurch ihr gewidmet zu sehen, berührt, wie auch übrigens der
+Mensch sein mag, die weichsten und zartesten Saiten des Busens. Dies
+Gefühl ist im ganzen sich immer gleich, der Unterschied beruht
+vorzüglich auf der Innigkeit des Empfindenden. Der Maßstab der
+Dankbarkeit ist aber der Grad der Liebe, den der, an den sie knüpft, in
+das Geschäft legte. Viele, die bei Kindern sind, tun ihre Pflicht, aber
+das Herz ist nicht dabei, das merkt das Kind gleich. Ich fühle recht,
+daß es das war, was Sie an der Verlorenen schätzten. Möge das neue Jahr
+Ihnen Heiterkeit und Freude bringen, Sie vor Verlusten in dem schon
+engen Kreise bewahren und über Ihre Stimmung, wie ernst sie auch
+manchmal sein möge, immer das freundliche Licht ausgießen, in dem man,
+wenn man auch das Leben nur als einen Weg zum Höheren anfleht, sich doch
+noch auch am Anblick des Weges erfreut. Erhalten Sie mir auch Ihr
+Wohlwollen, wie Ihnen meine unveränderliche und herzlichste Teilnahme
+immer gewidmet bleibt. Seien Sie auch nicht besorgt um mich, ich bin
+gerade so glücklich, wie ich jetzt lebe, und kann es nur so sein. Wenn
+mir die Einsamkeit und mein täglicher stiller Spaziergang bleibt, kann
+mir in den Äußerlichkeiten des Lebens viel Unglück begegnen, ohne daß es
+mein Inneres berührt. Leben Sie wohl! Der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 2. Februar 1832.
+
+Der heitere Ton Ihres lieben Briefes vom 12. Januar hat mir die größte
+Freude gemacht, und ich danke Ihnen, liebe Charlotte, recht herzlich und
+aufrichtig dafür. Ich habe diesen Brief schon lange bekommen, aber
+keinen zweiten, von dem Sie doch in diesem reden. Sie wollten ihn acht
+Tage später schreiben, wäre das geschehen, so müßte der Brief längst in
+meinen Händen sein.
+
+Ich nehme immer den lebhaftesten und aufrichtigsten Teil an Ihnen, Ihrem
+Befinden und Ihrer Gemütsstimmung, und so wäre mir die größere
+Heiterkeit, die aus Ihrem Briefe hervorleuchtet, immer noch ein
+Gegenstand großer, inniger Freude gewesen. Noch erfreulicher aber ist
+es, daß Sie diese größere Ruhe, diese freudigere Erhebung des Gemüts,
+welche Sie in sich wahrnehmen, dem Einfluß, den ich auf Sie ausübe, und
+den Eindrücken meiner Briefe zuschreiben. Es soll mir unendlich lieb
+sein, wenn sie eine solche Kraft besitzen. Wenn dem so ist, wie ich denn
+gewiß glaube und sicherlich keinen Zweifel in Ihre Worte setze, so
+entspringt es aus dem Gefühl und der Zuversicht, die Sie haben, und die
+Ihnen die einfache Natürlichkeit meiner Worte einflößen muß, daß, was
+ich sage, unmittelbar aus meinem Herzen kommt. In etwas anderem kann es
+nicht liegen. Es geht überhaupt mit allem Zuspruch in Belehrung,
+Tröstung und Ermahnung so. Das Belehrende, Tröstende, Ermahnende, wenn
+es erfolgreich ist und dem in das Gemüt und die Seele dringt, an welchen
+es gerichtet ist, liegt nur zum kleinsten Teil in den dargestellten
+Gründen selbst. Viel mehr schon ruht die Wirkung in dem Ton und dem
+begleitenden Ausdruck, weil dieser der Persönlichkeit angehört. Denn
+eigentlich kommt alles auf diese an, das ganze Gewicht, was ein Mensch
+bei einem anderen hat, teilt sich demjenigen, was er sagt, mit, und
+dasselbe im Munde eines anderen hat nicht die gleiche Wirkung. Sie
+müssen es also den Gesinnungen zuschreiben, die Sie für mich so
+liebevoll hegen, wenn meine Worte vorzugsweise Eindruck auf Ihr Gemüt
+machen. Es freut mich aber ungemein, wenn Sie sagen, daß ich Ihnen in
+Trost und Ermutigung gerade das zubringe, was Ihrer Stimmung angemessen
+ist. Ein natürlicher Hang hat mich schon sehr früh im Leben auf das
+Streben geleitet, in jeden Charakter und in jede Individualität so tief
+einzugehen, als möglich war, um mich möglichst in ihre Denkungs-,
+Empfindungs- und Handlungsweise zu versetzen, und was Sie mir sagen, ist
+mir ein neuer Beweis, daß mir mein Bestreben nicht ganz mißlungen ist.
+Es ist aber nicht genug, die Ansichten der Menschen zu kennen, man muß
+auch zu bestimmen verstehen, wie sie sich zu denen verhalten, die man
+als die unbedingt richtigen, hohen und von allen, den einzelnen
+Individualitäten immer anklebenden Einseitigkeiten freien, anzusehen
+hat, und danach die Richtung des Individuums lenken. Auf diesem Wege muß
+man dahin gelangen, jedem einzelnen nicht bloß verständlich zu werden,
+sondern ihn auch auf diejenige Weise zu berühren, welche gerade für
+seine Empfindungsart die passendste und angemessenste ist. Man braucht
+aber bei diesem Gange nie seine eigene Natur weder aufzugeben, noch zu
+verleugnen, auch nicht die fremde unbedingt für die einzig
+beifallswürdige anzusehen. Da man immer von dem Punkte ausgeht und
+wieder dahin zurückkommt, wo sich alle Individualitäten ausgleichen und
+vereinigen, so fallen die schneidenden Kontraste von selbst weg, und es
+bleibt nur das miteinander Verträgliche übrig. Es ist wirklich das
+Wichtigste, was das Leben darbietet, sich nicht in sich zu verschließen,
+sondern auch ganz verschiedenen Empfindungsweisen so nahe als möglich zu
+treten. Nur auf diese Art würdigt und beurteilt man die Menschen auf
+ihre und nicht auf seine eigene, einseitige Weise. Es beruht auf dieser
+Manier zu sein, daß man Respekt für die abweichende des anderen behält
+und seiner inneren Freiheit niemals Gewalt anzutun versucht. Es gibt
+außerdem nichts, was zugleich den Geist und das Herz so anziehend
+beschäftigt, als das genaue Studium der Charaktere in allen ihren
+kleinsten Einzelheiten. Es schadet sogar wenig, wenn diese Charaktere
+auch nicht gerade sehr ausgezeichnete oder sehr merkwürdige sind. Es ist
+immer eine Natur, die einen inneren Zusammenhang zu ergründen
+darbietet, und an die ein Maßstab der Beurteilung angelegt werden kann.
+Vor allem aber gewährt einem diese Richtung den Vorzug, die Fähigkeit zu
+gewinnen, den Menschen, mit denen man in Verbindung steht, innerlich in
+aller Rücksicht mehr sein zu können.
+
+Was Sie mir von den Äußerungen einiger Menschen über Todesfälle
+schreiben, habe ich sehr merkwürdig gefunden. Die Betrachtung, daß dem
+Verstorbenen wohl ist, wird sehr oft nur als ein Vorwand vorgebracht,
+seine eigene Gleichgültigkeit zu beschönigen. So wahr auch übrigens der
+Satz gewiß ist, so läßt er sich nicht einmal immer anwenden. Auch der
+Verstorbene ist oft zu beklagen, daß er so früh oder gerade in dem
+Augenblicke, wo er starb, hinweggerissen wurde. Eine junge Person hätte
+gern länger gelebt; eine Mutter wäre gern bei ihren Kindern geblieben,
+und hundert Fälle der Art. Für den Zustand jenseits gibt es kein zu früh
+oder zu spät, die Spanne des Erdenlebens kann dagegen garnicht in
+Betrachtung kommen. Die Wehmut, die das Herz bei Todesfällen geliebter
+oder geschätzter Personen erfüllt, ist eine Empfindung, die mit vielen
+im Gemüt zugleich zusammenhängt. Es ist wohl der Zurückbleibende, der
+sich selbst beklagt, aber es ist weit mehr noch als dies immer mehr oder
+weniger auf sich selbst und sein Glück bezogene Empfindung. Wenn der
+Tote ein sehr vorzüglicher Mensch war, so betrauert man gleichsam die
+Natur, daß sie einen solchen Menschen verlor. Alles um uns her gewinnt
+eine andere und schwermütigere Farbe durch den Gedanken, daß der nicht
+mehr ist, der für uns allem Licht, Leben und Reiz gab, es ist nicht mehr
+das einzelne Gefühl, daß uns der Dahingegangene so und so glücklich
+machte, daß wir diese und jene Freude aus ihm schöpften, es ist die
+Umwandlung, die unser ganzes Wesen erfahren hat, seit es den Weg des
+Lebens allein verfolgen muß. Für ein tiefer empfindendes Herz liegt auch
+darin ein höchst wehmütiges Gefühl, daß das Schicksal so enge Bande
+zerreißen konnte, daß die innere Verschwisterung der Gemüter nicht den
+Übrigbleibenden von selbst dem Vorangegangenen nachführte. Ich begreife,
+daß dies Gefühl nur in wenigen so lebendig sein, nur auf wenige Fälle
+passen könne. Aber auch ganz einfache Fälle, selbst unbedeutende, nur
+harmlose und gute Menschen, wenn sie auch kaum eine Lücke in der Reihe
+der Zurückgebliebenen zu machen scheinen, erregen doch immer Wehmut und
+Schmerz, die in einem irgend fühlenden Gemüt nicht so leicht und nicht
+so bald verklingen. Das Leben hat seine unverkennbaren Rechte, und es
+gibt nichts Natürlicheres als den Wunsch, womöglich mit allen, die man
+liebt und schätzt, zusammen darin zu bleiben, und den Schmerz, den nie
+endenden, wenn dies Band zerrissen wird. Die zu große Ruhe bei dem
+Hinscheiden geliebter Personen, wenn sie auch nicht aus
+Gefühllosigkeit, sondern aus christlicher Ergebung entspringt, ja die
+unnatürliche Freude, daß sie ins Himmelreich eingegangen sind, zeigen
+immer von einem überspannt frömmelnden Gemüt, und ich habe niemals damit
+sympathisieren können.
+
+Die guten Nachrichten von Ihrer gestärkten Gesundheit haben mir lebhafte
+Freude gemacht. Suchen Sie nur ja, sich recht viel Bewegung zu machen.
+Dieser so ungewöhnlich gelinde Winter ladet doppelt dazu ein. Ich
+erinnere mich seit Jahren keines ähnlichen. Es ist wenigstens hier gar
+kein Schnee mehr. Wunderbar aber ist es, daß der See, der mehr als eine
+Meile im Umkreise hat, und in dem ich bloß fünf Inseln besitze, noch
+immer fest zugefroren ist. Die nächste Stadt von hier ist Spandau, die
+gerade an der gegenüberstehenden Seite des Sees liegt. Nun kommen alle
+Tage eine Menge Schlittschuhläufer von dort zum Vergnügen hierher, auch
+Frauenspersonen in Handschlitten, die von Schlittschuhläufern gestoßen
+werden. Dies geschieht alle Jahre, aber fast in jedem Jahr verunglückt
+auch einer bei solcher Postreise. Sie setzen nämlich diese Überfahrten
+zu lange, wenn auch schon Tauwetter ist, fort und kommen dann auf
+schwache, einbrechende Stellen. Diese Beispiele vermögen aber die
+anderen nicht abzuschrecken.
+
+Mein Befinden ist sehr gut, ich habe kaum einmal einen Schnupfen in
+diesem Winter gehabt, aber ich mache mir viel Bewegung, und das tut mir
+immer ungemein wohl.
+
+Ich bin im Schreiben dieses Briefes gestört worden und endige ihn erst
+heute, den 6. Februar. Leben Sie herzlich wohl, mit inniger Teilnahme
+und Freundschaft der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 7. März 1832.
+
+Ich habe zwei liebe Briefe von Ihnen zur Beantwortung vor mir und fange
+in meiner Erwiderung zuerst mit dem an, womit Sie enden, mit dem Duell.
+Ich habe die erste Nachricht davon durch Sie erfahren, da ich Zeitungen
+sehr unordentlich und oft in vier und sechs Wochen gar keine lese. Das
+wird Ihnen unglaublich scheinen. Aber die sogenannten großen
+Begebenheiten bieten seit Jahren so wenig dar, woran sich das Gemüt
+innerlich interessieren könnte, daß mir sehr wenig daran liegt, sie
+früher oder später oder auch garnicht zu erfahren. In solche Periode des
+Nichtlesens war jene unselige Geschichte gefallen.
+
+Mit den Duellen ist es übrigens eine eigene Sache. Viele sind freilich
+bloße Jugendtorheiten. Allein mit anderen verhält es sich doch anders.
+Sie sind ein notwendiges Übel, und in ihnen selbst liegt eine edle Art,
+einen einmal unheilbaren Zwiespalt zu lösen und abzumachen. Im Volke
+ziehen sich Feindschaften mit Erbitterung und Rachsucht jahrelang hin.
+Der Zweikampf, der nicht immer lebensgefährlich ist und oft ganz
+unblutig abgeht, führt schnell die Versöhnung herbei und endet allen
+Groll.
+
+Sie haben, liebe Charlotte, sehr lange der Sterne nicht erwähnt, aber
+gewiß versäumen Sie solche nicht. Ich habe sie nie schöner als dies Jahr
+gesehen. Die Gegend um den Orion ist bezaubernd. Ich habe an zwei
+schönen Abenden meinen Spaziergang bis zur recht späten Sternenzeit
+verlängert und einen großen Genuß gehabt. Von jeher habe ich meine
+Spaziergänge gern so eingerichtet, daß der Sonnenuntergang die größere
+Hälfte desselben beschließt. Es hat etwas so Liebliches, die Dämmerung
+nach und nach untergehen zu sehen. Die Nacht hat überhaupt manche
+Vorzüge vor dem Tage. Eine stürmische ist erhabener, und eine sanfte und
+stille zieht das Gemüt ernster und tiefer an. Die kleineren Sterne
+entgehen nur jetzt meinen Augen, und man gewinnt doch nur dann eine
+richtige Ansicht der Sternbilder, wenn man auch die kleineren Sterne
+darin aufsuchen kann. Vormittags ist es eigentlich wärmer und in
+gewisser Art, besonders im Winter, besser zu gehen. Ich tue es aber nie,
+oder höchstens wenn mich jemand, was ich aber garnicht liebe, um die
+Tageszeit besucht. Überhaupt ist es eine große Rettung vor langweiligen
+Besuchen auf dem Lande, den Schauplatz ins Freie zu verlegen. Die
+langweiligen Töne verhallen leichter in der weiten Luft, und man hat
+mehr Zerstreuung um sich her, indem man ihnen ein halbes Ohr leiht.
+
+Es ist schön, daß Sie fortwährend an sich arbeiten. Jeder bedarf dessen.
+Außerdem hat man über keinen Gegenstand alle Momente zur Beurteilung so
+vollständig und richtig beisammen, da man nur in den eigenen Busen
+hinabzusteigen braucht. Zwar kann auch das täuschen, man beschönigt die
+Schwächen oder vergrößert aus einer anderen Verirrung der Eitelkeit die
+Schuld seiner Fehler, denn allerdings findet die Beurteilung dadurch
+Schwierigkeit, daß der Gegenstand der Beurteilung das eigene Ich ist.
+Wenn man aber mit schlichter Einfachheit des Herzens und in der reinen
+und ungeheuchelten Absicht die Prüfung unternimmt, um vor sich und
+seinem Gewissen gerechtfertigt dazustehen, so hat man von jener Gefahr
+nichts zu fürchten. Und ein lebendiges Bild seines Inneren muß sich
+jeder immer machen. Es ist gewissermaßen der Punkt, auf den sich alles
+andere bezieht. Man muß bei dieser Selbsterforschung nicht streng nur
+bei demjenigen stehenbleiben, was Pflicht und Moral angeht, sondern sein
+inneres Wesen in seinem ganzen Umfange und von allen Seiten nehmen.
+Wirklich ist es ein viel zu beschränkter Begriff, wenn man sich selbst
+gleichsam vor Gericht ziehen und nach Schuld und Unschuld fragen will.
+Die ganze Veredlung des Wesens, die möglichste Erhebung der Gesinnung,
+die größte Erweiterung der inneren Bestrebungen ist ebensowohl die
+Aufgabe, die der Mensch zu lösen hat, als die Reinheit seiner
+Handlungen. Es gibt auch im Sittlichen Dinge, die sich nicht bloß unter
+den Maßstab des Pflichtmäßigen und Pflichtwidrigen bringen lassen,
+sondern einen höheren fordern. Es gibt eine sittliche Schönheit, die so
+wie die körperliche der Gesichtszüge eine Verschmelzung aller
+Gesinnungen und Gefühle, einen freiwilligen Zusammenhang derselben zu
+geistiger Einheit erheischt, die sichtbar zeigt, daß alles einzelne
+darin aus einem aus der innersten Natur flammenden Streben nach
+himmlischer Vollendung quillt und daß der Seele ein Bild unendlicher
+Größe, Güte und Schönheit vorschwebt, das sie zwar niemals erreichen
+kann, aber von da immer zur Nacheiferung begeistert, zum Übergang in
+höheres Dasein würdig wird. Auch die Entwickelung der intellektuellen
+Fähigkeiten bis zu einem gewissen Grade gehört zu der allgemeinen
+Veredlung. Aber ich bin ganz Ihrer Meinung, daß dazu nicht gerade vieles
+Wissen und Bücherbildung gehört. Das aber ist wirklich Pflicht und ist
+auch dem natürlichen Streben jedes nicht bloß an der irdischen Welt,
+ihrem Gewirre und Tand hängenden Menschen eigen, in den Kreis von
+Begriffen, den er besitzt, Klarheit, Bestimmtheit und Deutlichkeit zu
+bringen und nichts darin zu dulden, was nicht auf diese Weise begründet
+ist. Das kann man wohl das Denken des Menschen nennen. Dazu ist das
+Wissen nur das Material. Es hat keinen absoluten Wert in sich, sondern
+nur einen relativen in Beziehung auf das Denken. Der Mensch sollte nicht
+anders lernen, als um sein Denken zu erweitern und zu üben, und Denken
+und Wissen sollten immer gleichen Schritt halten. Das Wissen bleibt
+sonst tot und unfruchtbar. In Männern findet sich das sehr oft, ja man
+möchte es als die Regel ansehen. Es fällt aber weniger auf, weil schon
+ihr Wissen gewöhnlich zu anderen äußeren Zwecken und Nutzen wenigstens
+eine Anwendung findet. Aber ich habe es auch bei Frauen gefunden, und da
+erregt das Mißverhältnis des Denkens zum Wissen ein viel größeres
+Mißbehagen. Ich kenne von meiner frühesten Jugend an und vor der
+Universität eine Frau dieser Art, der ich durch alle Perioden ihres
+Lebens gefolgt bin. Sie kennt sehr gründlich die alten und die meisten
+neueren Sprachen, ist frei von aller Eitelkeit und Affektation, versäumt
+nie über den Büchern eine häusliche Obliegenheit, hat aber durch ihr
+Wissen nichts an Interesse gewonnen. Wenn sie gleich die ersten und
+schwersten Schriftsteller aller Nationen gelesen hat, schreibt sie darum
+doch keinen Brief, der einem sonderlich zusagen könnte. Sie bemerken
+ganz recht in dieser Beziehung, daß Christus seine Jünger aus der Zahl
+ungebildeter und unwissender Menschen wählte. Es hing aber auch mit den
+Zwecken und der Natur der Religion, die er stiften wollte, zusammen, und
+in dem Volke, in dem er auftrat, gab es in jener Zeit kein anderes
+Wissen als ein totes und mißverstandenes. Es gab nur Schriftgelehrte,
+welche das Auslegen der heiligen Bücher auf eine spitzfindig-hochmütige
+Weise mit Bedrückung und Verachtung des Volkes trieben.
+
+Erhalten Sie Ihre Gesundheit und heitere Gemütsstimmung. Mit
+unveränderlicher Teilnahme der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, April 1832.
+
+Daß Sie im Gemüte sich wieder gestärkt fühlen, ist mir eine große
+Freude, und noch mehr, daß Sie mir einigen Anteil daran zuschreiben. Ich
+habe bei unserem Briefwechsel nie eine Absicht für mich gehabt und habe
+daher alles, was unter uns zur Sprache kam, immer mit völligster
+Unparteilichkeit in Betrachtung ziehen können. Dann glaube ich aber auch
+viel mehr als die meisten anderen mir an Talent sonst überlegenen
+Männer, das, was sich auf den Zusammenhang der Gesinnungen und
+Empfindungen im Menschen bezieht, studiert und erforscht zu haben. Ich
+habe von jeher viel an mir selbst gearbeitet und weiß also, was im
+Herzen vorgeht und vorgehen kann. Ich habe es von jeher an mir selbst
+nicht leiden können, in meinem inneren Dasein etwas anderes als mich
+selbst zu brauchen. Darum kenne ich, was Kraft und Haltung zu geben
+vermag. So begreife ich, was Sie, liebe Charlotte, obgleich Sie es viel
+zu hoch stellen, von meinen Briefen sagen und rühmen. Es kommt nur von
+den zwei Umständen her, daß es auf der einen Seite klar und bestimmt
+gedacht und auf der anderen durch die innere Erfahrung bewährt ist...
+
+Die Unterdrückung des Stolzes ist allerdings lobenswert, und es freut
+mich, wenn es Ihnen damit so ganz gelungen ist. Der Stolz, den man
+wirklich nicht aufgeben soll, bleibt jedem Rechtgesinnten dennoch.
+Diesen sollte man aber nicht Stolz, sondern richtig abgewägtes
+Selbstgefühl nennen. Es ist eigentlich dies die Erhebung des Gemüts,
+welche daraus entsteht, daß es fühlt, daß eine würdige Idee sich mit ihm
+vereinigt, sich seiner bemächtigt hat. Der Mensch ist da eigentlich
+stolz auf die Idee, auf sich nur insofern, als die Idee eins mit ihm
+geworden ist.
+
+Man vermeidet die Abwege, wohin der Stolz führt, am leichtesten und
+sichersten, wenn man sich in allem Tun und Lassen recht natürlich gehen
+läßt, jede Äußerung des Stolzes streng wegweist, aber darauf nicht
+weiter Wert legt, sondern es als etwas ansieht, das sich von selbst
+versteht, wo man Recht haben würde, sich Vorwürfe zu machen, wenn man
+anders gehandelt hätte.
+
+Es freut mich, daß Sie des Saturns erwähnen. Ich sehe ihn auch in diesen
+Wochen immer mit Vergnügen. Das Wiederkehren der Planeten nach einer
+Reihe von Jahren bei denselben Sternbildern hat etwas sehr Bewegendes im
+Leben. Für den Saturn hat man übrigens, noch von den Astrologen her,
+eine geringere Zuneigung. Aber den Jupiter erinnere ich mich mehrmals im
+Löwen gesehen zu haben, das erstemal in einer sehr glücklichen Zeit
+meines Lebens...
+
+Sie werden, wie es schon hätte früher geschehen sollen, nächstens meinen
+Briefwechsel mit Schiller empfangen. Vor meinem Briefwechsel werden Sie
+eine Einleitung über Schiller und seine Geistesentwicklung finden, die
+Ihnen, wenn Sie seine Schriften dabei haben, zum Leitfaden dienen kann.
+Ich gehe darin seine Werke von den frühesten bis zu den spätesten durch
+und zeige, wie er von dem einen zu dem anderen übergegangen und gekommen
+ist. Auch die Briefe handeln fast ganz von Schillers Arbeiten, die er
+gerade in jenen Jahren machte und mir nach und nach, wenn ich abwesend
+war, mitteilte. Schwerlich hat je jemand Schiller so genau gekannt als
+ich. Es haben ihn sehr wenige so lange und so nahe gesehen. Bei einem
+Manne wie er, der nicht zum Handeln, sondern zum Schaffen durch Denken
+und Dichten geboren war, heißt sehen -- sprechen, und ganze Tage und
+Nächte haben wir eigentlich miteinander sprechend zugebracht. Wenn daher
+auch der Jahre, die wir miteinander verlebten, so viele nicht waren, so
+war des Zusammenlebens doch sehr viel.
+
+Die Lieblichkeit des Wetters dauert fort, auch fängt alles an zu knospen
+und zu keimen.
+
+Leben Sie recht wohl. Mit unveränderlicher Teilnahme und Freundschaft
+der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 5. Juni 1832.
+
+Ich finde es sehr natürlich, daß Sie ernst gestimmt sind. Es liegt an
+und für sich im denkenden Menschen, ist den zunehmenden Jahren mehr noch
+eigen. Das mancherlei Traurige, das Sie früher, das häusliche Ereignis,
+das Sie kürzlich betroffen, war wohl dazu gemacht, solche Stimmung sogar
+zu erzeugen, wenn sie selbst nicht schon vorhanden war.
+
+Über den Tod und das Verhältnis desselben zum Leben kann ich aber doch
+nicht ganz in Ihre Ideen eingehen. Niemand kann ihn weniger fürchten als
+ich, auch hänge ich nicht an dem Leben, dennoch ist mir eine Sehnsucht
+nach dem Tode fremd; obwohl sie edlerer Art ist als Überdruß am Leben,
+dennoch ist sie zu mißbilligen. Das Leben muß erst, so lange es die
+Vorsehung will, durchgenossen und durchgelitten, mit einem Wort,
+durchgemacht sein, und zwar mit völliger Hingebung, ohne Unmut, Murren
+und Klagen durchgeprüft sein. Es ist ein wichtiges Naturgesetz, das man
+nicht aus den Augen lassen darf, ich meine das der Reise zum Tode. Der
+Tod ist kein Abschnitt des Daseins, sondern bloß ein Zwischenereignis,
+ein Übergang aus einer Form des endlichen Wesens in die andere. Beide
+Zustände, hier und jenseits, hängen also genau zusammen, ja, sie sind
+unzertrennlich miteinander verbunden, und der erste Moment des Dort kann
+sich nur wahrhaft anschließen, wenn der des Scheidens von hier, nach der
+freien Entwickelung des Wesens, wahrhaft der letzte gewesen ist. Diesen
+Moment der Reise zum Tode oder der Unmöglichkeit, hier weiter zu
+gedeihen, kann keine menschliche Klugheit berechnen, kein inneres Gefühl
+anzeigen. Dies zu wähnen wäre nur eine eitle Vermessenheit menschlichen
+Stolzes. Nur der, welcher das ganze Wesen zu durchschauen und zu
+erkennen imstande ist, kann dies, und ihm die Stunde anheimzustellen und
+seiner Bestimmung auch nicht einmal durch heftige Wünsche
+entgegenzukommen, ist Gebot der Pflicht und der Vernunft. Glauben Sie
+mir sicherlich, wenn Sie auch diese Ansichten manchmal strenge nannten,
+daß sie es allein sind, was uns in tiefem Seelenfrieden durch das Leben
+führt und uns als treue Stütze nie verläßt. Das Erste und Wichtigste im
+Leben ist, daß man sich selbst zu beherrschen sucht, daß man sich mit
+Ruhe dem Unveränderlichen unterwirft und jede Lage, die beglückende wie
+die unerfreuliche, als etwas ansieht, woraus das innere Wesen und der
+eigentliche Charakter Stärke schöpfen kann. Daraus entspringt dann die
+Ergebung, die wenige hinreichend haben, obgleich alle sie zu haben
+glauben. Fast alle setzen der Ergebung ein gewisses Maß und glauben der
+Verpflichtung dazu überhoben zu sein, wenn dies Maß überschritten ist
+oder ihnen scheint. Aus der wahren Ergebung, die immer die Zuversicht
+mit sich führt, daß eine unwandelbare, immer gleiche Güte auch die
+unerwartetsten, widrigsten Geschicke zu einem heilbringenden Ganzen
+verknüpft, geht die ernste, aber heitere Milde in der Ansicht eines auch
+oft gestörten und getrübten Lebens hervor. Diese Heiterkeit sich zu
+erhalten oder in sich zu schaffen, sollte man immer alles nur irgend vom
+Willen Abhängige versuchen. Man kann es nicht immer ganz erreichen, auch
+nicht in allen Momenten des Lebens, sie läßt sich auch eigentlich nicht
+hervorbringen, sondern muß sich von selbst in der Seele erzeugen. Sie
+bleibt aber da nicht aus, wo ihr der Boden vorbereitet ist, und diese
+Vorbereitung liegt hauptsächlich in einer besonnenen, von Selbstsucht
+freien, ruhigen Stimmung des Gemüts. Diese hat man durch Vernunft und
+Willenskraft in seiner Gewalt, dahin kann und muß eigentlich Übung und
+Vorsatz führen. Zur Beruhigung des Gemüts trägt angemessene
+Beschäftigung viel bei. So kann und darf eigentlich nichts in der Seele
+vorgehen, was der Mensch nicht nach vorangegangener Prüfung darin duldet
+oder unterdrückt.
+
+Leben Sie wohl und seien Sie meiner unwandelbaren
+Teilnahme gewiß. H.
+
+
+
+_Norderney_, den 2. August 1832.
+
+Ich bin wieder hier, liebe Charlotte, bewohne wieder die nämlichen
+Zimmer und führe wieder dasselbe, nicht sehr erfreuliche Badeleben. Ein
+solcher von Jahr zu Jahr wiederkehrende Aufenthalt hat immer etwas
+Sonderbares für mich. Er ruft die Frage hervor, ob man im künftigen Jahr
+wiederkehren wird, und wenn nicht, aus welchem Grunde? Denn das Bad dann
+entbehren zu können, bin ich nicht so töricht zu erwarten. Ich bin nicht
+krank, eher gesund. Das, wogegen das Bad wirken kann, ist
+Altersschwäche, die durch Umstände früher zum Durchbruch gekommen ist.
+Diese kann eine Kur nicht aufheben, nur mindern. Ich sage dies mit
+Fleiß, damit sich Ihr freundschaftlicher Anteil an mir nicht Hoffnungen
+macht, in denen Sie sich notwendig getäuscht finden müßten. Den Erfolg
+aber, den man mit Recht und Billigkeit sich versprechen kann, glaube ich
+auch diesmal erwarten zu können. Meine Tochter ist allerdings wieder mit
+mir hier. Das Bad hat ihr voriges Jahr so wohl getan, daß sie Unrecht
+getan haben würde, die Kur nicht zu wiederholen. In den Einrichtungen
+hier ist vieles besser geworden. Daß die Zeitungen gesagt haben, ich sei
+nach den Rheinprovinzen gegangen, war ein grundloses Gerücht. Sie hätten
+sich die Mühe, von mir zu reden, ganz ersparen können. Ich bin auf dem
+gewöhnlichen Wege hergegangen und hasse alle kleinen Reisen und Umwege
+so gründlich, daß ich mich nicht darauf einlassen würde. Sollte ich
+einmal eine längere Abwesenheit von Hause nicht scheuen, so würde ich
+nach Italien oder England gehen, und hiervon möchte ich die Möglichkeit
+nicht bestreiten, vorzüglich, wenn mein Gesicht schwächer würde und mich
+am eigenen Arbeiten hinderte. Es freut mich sehr, daß Ihnen mein
+Briefwechsel mit Schiller Freude gemacht hat. Mir ist es mit dem Buche
+sonderbar gegangen. Ich hatte den Schillerschen Erben die Herausgabe
+versprochen. Als sie mich, da darüber mehrere Jahre verflossen waren,
+dazu aufforderten, war es mir höchst lästig, mich damit zu befassen. Ich
+mußte den ganzen Briefwechsel durchgehen, um alles auszuschalten, was
+sich für den Druck nicht geeignet hätte. Dessen war so viel, daß das
+Ganze gut und gern zur Hälfte zusammenschmolz, und die Arbeit kostete
+mich einige Wintermonate; dann schrieb ich die Vorerinnerung. Ich
+erwartete keinen großen Anteil für das Buch, höchstens für einen Teil
+der Briefe Schillers und für einige wenige von mir. Der Erfolg hat aber
+meine Erwartungen übertroffen, und es ist viel mehr gelesen worden, als
+ich dachte, und besonders von Frauen. Viele haben mir davon gesprochen,
+einige ausführlich geschrieben, und so, daß sie ganz in die Ideen
+eingegangen waren und einige davon weiter ausspannen. Ich glaube auch
+nicht, daß, wie Sie meinen, die Briefe gewonnen hätten, wenn sie früher
+erschienen wären, eher umgekehrt. Ich bin überhaupt gegen alles Drucken
+von Briefen. Die Herausgabe dieser rechtfertigt nur der Name eines
+wahrhaft großen Mannes, an den sich der andere mit immer gleich
+sichtbarer Unterordnung anschließt, so daß man doch immer auch in ihm
+nur jenen sieht. Briefe haben immer einen Anflug des wirklichen Lebens.
+Je mehr sie also aus der Ferne erscheinen, desto mehr überraschen sie.
+Gleich nach dem Tode sind sie eine schwache Fortsetzung der noch in dem
+Gedächtnis lebenden Wirklichkeit. Nach langer Zeit erscheinend, führen
+sie Personen zurück, die man nicht mehr gewohnt war, sich mit den
+Umgebungen zu denken, wie sie das Leben begleiten. Ich dächte auch
+nicht, daß es störend auffallen könnte, wenn in den Briefen
+gewissermaßen kunstmäßig beurteilt wird, was man in der Zeit mit
+Begeisterung aufgenommen hat. In der Dichtung ist wenig oder gar keine
+Kunst, die erlernt oder studiert werden müßte. Eine solche ist aber auch
+nicht in den Räsonnements dieses Briefwechsels entwickelt, wenn man
+einige leicht zu überschlagende Stellen über das Silbenmaß ausnimmt.
+Beide, Schiller und ich, haben nur gesucht, die Gründe darzulegen, aus
+welchen das Gefühl entspringt, die Bedingungen, unter denen es entsteht.
+Wer nun die Gründe wahr findet, in dem müssen sie das Gefühl erhöhen, da
+sie es mit anderen und gleich großen Ideen in Verbindung bringen. Wem
+sie nicht zusagen, der wird sich dadurch noch mehr in seinem Gefühle
+bestimmt finden und sich nun vielleicht durch die Widerlegung leichter
+die Gründe selbst entwickeln.
+
+Der Stelle in der Delphine erinnere ich mich nicht. Wenn Frau von Staël
+damit meinte, daß eine in der Jugend geschlossene und bis ins Alter
+fortgesetzte Ehe das Wünschenswürdigste ist, so bin ich vollkommen
+derselben Meinung. Ich fürchte aber sehr, sie meinte es anders, und dann
+ist es eine aus oberflächlicher französischer Ansicht geschöpfte
+Behauptung. Sie müssen darum nicht glauben, daß ich den Wert der Staël
+verkenne. Sie war meiner tiefsten Überzeugung nach eine wahrhaft große
+Frau, und nicht bloß von Geist, sondern durch wahres und tiefes Gefühl
+und eine sich nie verleugnende, unendliche Güte, und auch von Herz und
+Charakter. Sie hatte die feinste Empfindung der edelsten Weiblichkeit.
+Sie war in ihrem Innersten dem eigentlichen französischen Wesen fremd,
+aber es begegnete ihr doch zu Zeiten, banale französische Anrichten
+ihren Äußerungen beizumischen, und das ist nicht zu verwundern, da sie
+immer in Frankreich lebte. Sie hat sogar erst spät Deutsch gelernt, und
+ich habe sie selbst noch in Paris unterrichtet.
+
+Allein die Ehe mehr ein Bedürfnis des Alters als der Jugend zu nennen,
+ist ein Einfall, der ebenso der Natur und der Wahrheit, als jeder
+schöneren Empfindung widerspricht. Die Frische der Jugend ist die wahre
+Grundlage der Ehe. Ich sage damit gewiß nicht, daß das Glück der Ehe mit
+der Jugend aufhört oder auch nur im mindesten dadurch verliert. Aber die
+Erinnerung der zusammen genossenen Jugend muß in die höheren Jahre mit
+hinübergehen, wenn das Glück vollkommen sein und nicht gerade die
+Eigentümlichkeit des ehelichen verlieren soll. Diese Ansicht ist nicht
+als eine sinnliche zu betrachten. Die tiefsten und heiligsten
+Empfindungen hängen damit ganz enge zusammen, und man müßte aller Liebe
+den Stab brechen, wenn man dies nicht anerkennen wollte. Ein junges,
+sich gegenseitig gleich herzlich liebendes Ehepaar ist allemal ein im
+Tiefsten erfreulicher Anblick, auch in niedrigen Ständen, insofern das
+Gefühl nur irgend die Feinheit hat, die ihm die Natur in gutartigen
+Gemütern gibt. Von den in höheren Jahren, über vierzig oder
+fünfundvierzig, geschlossenen Ehen, zweiten oder ersten, läßt sich das
+nicht sagen. Man wird sie gewiß nicht tadeln, man läßt gern jedem seine
+Empfindung, solche Verbindungen können sehr vernünftig, sie können auch
+für Leute, die einmal keine hohen Forderungen an ihr Gefühl machen,
+beglückend sein. Wer aber tiefer empfindet, sagt sich, daß er sie nicht
+eingehen würde. Mann oder Frau wird in solcher Verbindung fühlen, daß,
+wenn ihm der Gegenstand jugendlicher Liebe entrissen ist, öder er nie
+einen gefunden hat, er auf ein Glück Verzicht leisten muß, dessen wahre
+Blüte ihm nicht mehr werden kann. Es wird ihm innerlich unmöglich sein,
+nach dem so Geringen zu greifen. Ich kann auch nicht in das einstimmen,
+was man über das Alter sagt. Es kann ein unglückliches und freudenloses
+geben, wie eine solche Jugend. Aber die Schicksale gleichgestellt, finde
+ich das Alter, selbst mit allen Schwächen, die es mir bringt, nicht arm
+an Freuden; die Farben und die Quellen dieser Freuden sind nur anders.
+Sie entspringen für mich immer ausschließlicher aus der Einsamkeit und
+der Beschäftigung mit meinen Ideen und Gefühlen. Das nimmt mit jedem
+Tage in mir zu. Ich fühle mich darin, und nur darin glücklich, und das
+ist so sichtbar, daß die wahrhaft diskreten unter meinen ältesten
+Bekannten diese Stimmung stillschweigend, aber durch die Tat ehren. Mir
+ist sie darum doppelt lieb, da sie mit meinen Jahren und mit meiner Lage
+übereinstimmt. Verzeihen Sie, daß ich wieder auf mich zurückkomme, aber
+diese Dinge sind von der Art, daß man nur nach seinem individuellen
+Gefühl davon reden kann. Wer möchte sich anmaßen, über Fremdes darin
+abzusprechen?
+
+Über meine Abreise kann ich noch nicht fest bestimmen, bitte Sie aber,
+mir nach Berlin zu schreiben und so, daß der Brief zwischen dem 26. und
+30. August dort anlangt. Mit der aufrichtigsten, unveränderlichsten
+Teilnahme Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, den 3. September 1832.
+
+Ich bin am 26. August gesund und wohl hierher zurückgekehrt, liebe
+Charlotte, und habe gleich am folgenden Tage meine Beschäftigungen
+wieder vorgenommen. Von dem Bade sehe ich der Fortdauer der guten
+Wirkung, die ich schon spüre, entgegen. Das Wetter war vom August an in
+Norderney sehr schön, ohne Regen und Sturm, und doch nie zu warm, da es
+nie an kühlender Seeluft fehlt. Sonnenschein war nicht immer; es ist
+allen Inseln, besonders den kleineren, eigen, auch bei sehr milder Luft
+wenig eigentlich sonnige Tage zu haben. In Irland zum Beispiel zählt man
+deren unglaublich wenige. Ich habe mich aber bei meinem diesjährigen
+Aufenthalte im Seebad vollkommen überzeugt, daß, wenn man, wie doch
+natürlich ist, bloß auf seine Gesundheit Rücksicht nimmt und nicht
+weichlicherweise die Unannehmlichkeit scheut, man sich schlechtes und
+kein gutes Wetter wünschen muß. Bei ruhig gutem Wetter ist die See eben
+nichts anderes als eine große Badewanne. Der Sturm und die Wellen geben
+ihr erst Seele und Leben. Wie das Meer in seiner erhabenen Einförmigkeit
+immer die mannigfaltigsten Bilder vor die Seele führt und die
+verschiedenartigsten Gedanken erweckt, so ist mir erst jetzt bei den
+anhaltenden heftigen Stürmen recht sichtbar geworden, welche
+schmeichelnde Freundlichkeit das Meer gerade in seiner größten
+Furchtbarkeit hat. Die Welle, die, was sie ergreift, verschlingt, kommt
+wie spielend an, und selbst den tiefsten Abgrund bedeckt lieblicher
+Schaum. Man hat darum oft das Meer treulos und tückisch genannt, es
+liegt aber in diesem Zuge nur der Charakter einer großen Naturkraft, die
+sich, um nach unserer Empfindung zu reden, ihrer Stärke erfreut und sich
+um Glück und Unglück nichts kümmert, sondern den ewigen Gesetzen folgt,
+welchen sie durch eine höhere Macht unterworfen ist. H.
+
+
+
+Im November.
+
+Was sagen Sie zu dem außerordentlich schönen Herbst? Ich dächte, ich
+hätte nie einen ähnlichen erlebt. Noch jetzt scheint er mehr ein
+Ausgehen aus dem Sommer als ein Eingang in den Winter. Ich gehe noch
+immer eine Stunde vor Sonnenuntergang spazieren. Da ist es, selbst bei
+stürmischen Tagen, meist ruhig und bei regnerischen heiter. Sie haben
+gewiß auch oft gesehen, wie die scheidende Sonne sich dann durch ihre
+eigenen Strahlen einen lichten Streifen bildet, in den sie sich dann
+hinabsenkt. Ist dann recht dunkles Gewölk über ihr, so regnet es meist
+unmittelbar nach dem Untergange, bisweilen auch noch während des
+Untergangs. Es ist mir die liebste Zeit des Tages. -- Sie schreiben mir,
+daß die Centifolien in Kassel blühen. Auch hier habe ich es zu meiner
+großen Verwunderung gesehen. In mittäglichen Ländern ist dies
+wiederholte Blühen ganz gewöhnlich. Man sieht daran, daß das
+vegetierende Leben beständig die Neigung hat, Blüten hervorzubringen,
+aber nur durch die Abwesenheit begünstigender Umstände daran verhindert
+wird. So traurig aber auch der Winter und seine lange Dauer sind, so
+entschädigt doch der Frühling dafür, nicht bloß sein Erscheinen und der
+Genuß desselben, sondern ganz vorzüglich das Erwarten desselben. Diese
+Sehnsucht ist eine der einfachsten und natürlichsten von allen und eine
+der reinsten Quellen, woraus jede andere Sehnsucht fließt, die so vieles
+und großes im Gemüte schafft und aus dessen innersten Tiefen hervorruft.
+Es ist dies gewiß eine der Ursachen, daß die nördlicheren Nationen doch
+eine tiefer ergreifende Poesie haben als die südlicheren, wenn diese
+auch klangvollere Sprachen besitzen. Es liegt unendlich viel in dem
+Einfluß, den die Natur um uns her auf uns ausübt, und es kommt da nicht
+darauf an, daß sie gerade Genuß gibt, sondern weit mehr darauf, daß sie
+Empfindungen weckt und die Kräfte in Tätigkeit bringt. Leben Sie wohl.
+ Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, Dezember 1832.
+
+Der Ton der ruhigen Zufriedenheit und selbst einer frohen Heiterkeit, in
+welchem Ihr letzter Brief geschrieben ist, liebe Charlotte, hat mir eine
+lebhafte Freude gemacht. Ich hege nun auch die gewisse Hoffnung, daß
+diese Stimmung bleibend in Ihnen sein wird. Was mich in dieser
+beruhigenden Ansicht bestärkt, ist, daß Sie sich auch körperlich wohler
+fühlen, seit Sie sich befreit fühlen von einem sorglichen Kummer, der
+seit längerer Zeit schwer auf Ihnen lastete, und wodurch Sie nun der
+Ruhe und Heiterkeit wiedergegeben sind, die ein Gemüt, wie das Ihrige,
+das mit sich und der Vorsehung eins ist, immer genießen müßte....
+
+Daß eine schon in sich ernste Seele in Zeiten, wo außerordentliche
+Erscheinungen diesen Ernst vermehren, noch ernster gestimmt wird, ist
+ganz natürlich. An den Wunsch und das Verlangen, nichts unberichtigt zu
+lassen, knüpft sich ein moralisches Gefühl, und zwar eins der
+wesentlichsten und achtungswürdigsten....
+
+Der Mensch fühlt ein Bedürfnis, die großen Ideen, die in ihn gelegt
+sind, und die er in der Natur ausgeprägt findet, in dem kleinen Kreise
+seines Daseins nachzubilden, und oft, selbst wenn er ganz anderen, aus
+dem gewöhnlichen Leben geschöpften Bewegungsgründen zu folgen glaubt,
+folgt er in der Tat diesem geheimen Zuge, überhaupt ist die menschliche
+Natur in ihrem tiefen Grunde viel edler, als sie auf der Oberfläche
+erscheint. Ja selbst in anderen Stücken. Eitle Menschen sind oft in
+einigen mehr wert, als sie sich selbst glauben.
+
+Sie gebrauchen in Ihrem Briefe den Ausdruck: sein Haus bestellen. Dies
+ist mir immer eine so passende und gehaltvolle Rede geschienen. Es ist
+ein altertümlicher, echt biblischer Ausdruck, der, wie mehrere dieses
+Gepräges, tief aus dem Leben geschöpft ist und tief in die Seele
+eingreift. Auch längst, ehe ich in die Jahre kam, wo das Bestellen des
+Hauses wahrhaft dringend wird, habe ich mir dadurch Abschnitte im Leben
+zu machen gesucht und habe dies immer sehr wohltätig gefunden. Es gibt
+aber im Innern ein Bestellen seiner Seele, wie im Äußern seines Hauses.
+Man zieht dann das Gemüt auf einen kleinen Kreis von Empfindungen
+zurück, übergibt die anderen der Vergessenheit und freut sich der Ruhe
+in der selbstgewählten Beschränkung. Wenn man dies recht tut, tut man
+dies nur einmal. Man verläßt dann nicht wieder den Raum, wie man ihn eng
+umgrenzt und umzogen hat.
+
+Sie rühmen meine Geduld. Sie hat nichts Verdienstliches und hat mir nie
+Mühe gekostet. Ich möchte sie mir angeboren nennen. Die Zeit, die ich
+über eine Sache sitzen muß, um sie zu Ende zu bringen, wird mir nie
+lang.
+
+Sie gedenken bei einem Ereignisse der Vergangenheit _Holzmindens_ im
+Braunschweigischen. Das hat mir lebhaft eine Erinnerung zurückgerufen.
+Von diesem kleinen Orte reiste ich 1789 mit Campe nach Paris. Campe kam
+von Braunschweig, ich von Göttingen aus dahin. Die Reise, die Sie
+gelesen haben können, da Campe sie herausgegeben hat, war kurz, aber
+meine erste außer Deutschland. Campe war, wie ich Ihnen schon früher
+glaube gesagt zu haben, Hauslehrer im Hause meines Vaters, und es gibt
+noch eine Reihe großer Bäume hier, die er gepflanzt hat. Er hat nicht
+gerade ein unglückliches, aber ein bedauernswürdiges Ende gehabt. Er war
+die letzten Jahre seines Lebens ganz blödsinnig. Ich habe bei ihm
+schreiben und lesen gelernt und etwas Geschichte und Geographie nach
+damaliger Art, die Hauptstädte, die sogenannten sieben Wunderwerke der
+Welt usw. Er hatte schon damals eine sehr glückliche, natürliche Gabe,
+den Kinderverstand lebendig anzuregen....
+
+Ich bin vollkommen wohl, und mir ist in meiner in mir vergrabenen
+Stimmung sehr wohl. Ich bitte Sie, Ihren Brief an mich wie gewöhnlich
+abgehen zu lassen, und wünsche von inniger Seele, daß Sie das Jahr
+gesund und heiter beschließen und ebenso das neue beginnen mögen.
+Begleiten Sie mich bei dem Wechsel der Jahre mit dem Wunsch, daß mich
+nichts im Genuß meiner Einsamkeit, die mein wahres Glück ist, stören
+möge, und machen Sie, daß ich mir Ihr Leben ruhig und zufrieden denken
+kann. Mit der herzlichsten Freundschaft und unveränderlicheren Teilnahme
+der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 9. Februar 1833.
+
+Es tut mir leid, liebe Charlotte, daß Ihnen dieser Brief später als
+gewöhnlich zukommen wird. Ich habe aber wegen eines Geschäftes einige
+Tage in der Stadt sein müssen, und da komme ich nicht zum ruhigen
+Schreiben. Da ich Berlin jetzt selten besuche, so drängt sich dann
+alles, Menschen und Sachen, zusammen, und es bleibt mir nicht einmal die
+materielle Zeit übrig, etwas für mich anzufangen, wenn ich auch garnicht
+von der Stimmung reden will. Ich verlor aber gerade auf diese Weise die
+ersten Tage des Monats, in denen ich Ihnen jetzt gewöhnlich zu schreiben
+pflege. Ich hoffe, Sie werden sich über das Ausbleiben des Briefes nicht
+beunruhigt haben. Sie müssen das niemals tun, liebe Freundin, darum
+bitte ich sehr. Der kleinen, ganz unbedeutenden Ursachen, warum ich
+Ihnen an diesem oder jenem Tage nicht schreibe, können sehr viele sein,
+und ich kann sie so wenig voraussehen, als Sie sie erraten. Aber Sie
+können sicher eine von diesen voraussetzen, wenn meine Briefe Ihnen über
+die gewohnte Zeit ausbleiben. Da ich zu derselben Zeit im Monat jetzt
+gewohnt bin, Ihnen zu schreiben, so bekommen Sie nach einer ziemlich
+längeren Pause hernach zwei Briefe schneller nacheinander, was Ihnen
+Freude macht, da Sie auf meine Briefe einen viel größeren Wert legen,
+als sie verdienen. Diese Ihre Freude ist auch mir eine und macht, daß
+ich Ihnen willig die Zeit opfere, die es mich kostet. Seit vorgestern
+bin ich wieder hier, und heute schon setze ich mich hin, um mich mit
+Ihnen zu unterhalten. Denn eine Unterhaltung kann man unseren
+Briefwechsel vorzugsweise nennen. Da er sich meist um Ideen dreht und
+die äußeren Lebensverhältnisse sehr wenig angeht, so gleicht er darin
+einem räsonnierenden Dialog, und Ideen sind ja nur das einzig wahrhaft
+Bleibende im Leben. Sie sind im eigentlichsten Verstande das, was den
+denkenden Menschen ernsthaft und dauernd zu beschäftigen verdient. Auch
+Sie nehmen ebenso lebhaftes Interesse daran, und daß Ihnen meine Briefe
+Freude machen, liegt vorzüglich in diesem ihrem Inhalte. Es ist mir auch
+ein besonderer Grund der Zufriedenheit und Freude an Ihrer Art zu
+schreiben, daß Sie nicht mehr, wie Sie es sonst oft taten, darauf
+dringen, daß ich Ihnen von dem erzähle, was mich angeht, und über das
+Mitteilungen mache, was mich umgibt, was garnicht in meinem Wesen liegt.
+Darum müssen Sie nun aber ja nicht denken, daß ich es auch gern habe,
+wenn Sie über sich schweigen. Es macht mir im Gegenteil wahre Freude,
+wenn ich Ihr inneres Leben in allen Ihren äußeren Umgebungen sehe.
+Vergessen Sie also nicht, mir auch ferner von Zeit zu Zeit diesen
+Überblick wie bisher zu geben....
+
+Sie bitten mich in Ihrem letzten Brief, Ihnen noch nähere Erläuterungen
+darüber zu geben, was ich eigentlich damit meine, daß man in gewissen
+Lebensepochen innerlich das tun müsse, was man äußerlich sein Haus
+bestellen nenne. Ich habe darunter etwas sehr Einfaches und ganz der
+gewöhnlichen Bedeutung der Redensart Entsprechendes verstanden. Man
+sagt, daß man sein Haus bestellt hat, wenn man Sorge getragen hat,
+alles das auf den Fall seines Todes zu berichtigen, was bis dahin
+unberechtigt geblieben war. Die Redensart schließt ferner in sich, daß
+man angeordnet habe, wie es mit den Dingen, die einem angehören, nach
+dem Hintritt werden soll. Von allen Seiten schneidet also das
+Hausbestellen Verwickelung, Ungewißheit und Unruhe ab und befördert
+Ordnung, Bestimmtheit und Seelenfrieden. So nimmt man den Ausdruck im
+äußeren, weltlichen Leben. Auf viel höhere und edlere Weise aber findet
+das ähnliche im Geistigen statt. Auch darin gibt es mehr und minder
+Wichtiges, mehr und minder an das irdische Dasein Geknüpftes, mittelbar
+oder unmittelbar mit dem Höchsten im Menschen Verbundenes. Ich meine
+damit nicht gerade, wenigstens nicht ausschließlich, Religionsideen. Was
+ich hier meine, gilt auch von solchen, die garnicht in diesen Kreis
+gehören. Es läßt sich überhaupt nicht im allgemeinen bestimmen, was hier
+das Höchste und Wichtigste genannt wird. Jedermann pflegt aber in sich
+die Erfahrung zu machen, daß er gerade dem, was in ihm das Tiefste und
+Eigentümlichste ist, die wenigste Muße widmet und sich viel zu viel
+durch untergeordnete Gegenstände das Nachdenken rauben und entreißen
+läßt. Dies muß man abstellen, den störenden Beschäftigungen entsagen und
+sich mit Eifer den wichtigeren widmen. Noch mehr aber geht diese
+Sammlung auf eine kurze Spanne noch übrigen Lebens, wie man es auch
+nennen könnte, in dem Gebiete des Gefühls vor. Doch ist hier im
+allgemeinen ein großer und wichtiger Unterschied. Im Intellektuellen und
+allen Sachen des Nachdenkens hat der Vorsatz volle Kraft. Man kann und
+muß absichtlich die Gedanken und das Nachdenken auf gewisse Punkte
+richten. Im Gefühl ist das nicht nur unmöglich, sondern würde auch
+geradezu schädlich sein. Im Gebiete des Empfindens läßt sich nichts
+Unfreiwilliges, nichts Erzwungenes denken. Da kann also die Änderung nur
+von selbst eintreten und ist mit der Reife einer Frucht zu vergleichen.
+Sie geht von selbst vor sich, so wie die ganze Seelenstimmung verrät,
+daß dies Loslassen vom hiesigen Dasein in das Gemüt ganz übergegangen
+ist. Die Änderung besteht auch da in einem Vereinfachen und Zurückziehen
+des Gemüts auf sich selbst, doch läßt sich hier noch weniger als im
+Gebiet des Denkens, aus einer einzelnen Individualität heraus, etwas
+allgemein Geltendes sagen. In mir ist es ganz einfach so zugegangen, daß
+sich mein Gemüt so auf eine Empfindung konzentriert hat, daß es jeder
+anderen unzugänglich geworden ist, insofern nämlich, als ich durch eine
+andere Empfindung etwas empfangen sollte. Denn auf keine Art bin ich
+dadurch kalt und unteilnehmend geworden, nur uneigennütziger und
+wirklich jeder Forderung entsagend. Nicht bloß mit Menschen ist es mir
+aber so, auch an das Schicksal mache ich keine Forderung. Ich würde
+Ungemach wie ein anderer fühlen, das läßt sich aus der menschlichen
+Natur nicht ausrotten. Entbehrung bleibt Entbehrung und Schmerz bleibt
+Schmerz. Aber den Frieden meiner Seele würden sie mir nicht nehmen, das
+würde der Gedanke verhindern, daß solche Ereignisse und Zustände
+natürliche Begleiter des menschlichen Lebens sind, und daß es nicht
+geziemend wäre, in einem langen Leben nicht einmal die Kraft gewonnen zu
+haben, seine höhere und bessere Natur gegen sie aufrecht erhalten zu
+können. Ich weiß nicht ob ich Ihnen so deutlich genug geworden bin. Wäre
+es nicht der Fall, oder schiene Ihnen meine Ansicht nicht richtig, so
+werde ich sehr gern weiter und ausführlicher in die Sache eingehen. Sie
+reden in Ihrem Briefe von Gedächtnishilfen, die Sie sich ersonnen haben,
+und erbieten sich, mir mehr darüber zu sagen, wenn ich es wolle. Tun Sie
+es ja. Leben Sie wohl! Mit immer gleichem Anteil der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 8. März 1833.
+
+Auch diesmal komme ich viel später zum Schreiben, als es mein Vorsatz
+war, liebe Charlotte, und da ich immer viel Zeit zum Schreiben brauche,
+so werden Sie den Brief noch später bekommen. Sie müssen sich aber nie
+deshalb beunruhigen. Sie werden sagen, daß man darüber nie Herr ist. Mit
+jedem Ersten des Monats denke ich daran, Ihnen zu schreiben, aber es
+treten bei meiner Lebenseinteilung oft Tage und Reihen von Tagen ein, wo
+ich nicht zum Schreiben an Sie, auch mit dem besten Willen, kommen
+kann. Der Vormittag ist unabänderlich wissenschaftlichen Arbeiten
+gewidmet. Davon mache ich hier in Tegel keine Ausnahme (in der Stadt muß
+ich es freilich); diese Arbeiten machen jetzt eigentlich mein Leben aus,
+meine Gedanken sind ihnen ganz zugewendet, und da ich jetzt vieles
+Schlafes bedarf, so ist mein Vormittag doch kurz. Den Nachmittag gehe
+ich ein bis zwei Stunden spazieren, und die übrige Zeit bleibt für meine
+ziemlich weitläufige Korrespondenz und vielfachen Geschäfte usw. Fällt
+nun in diesen Dingen etwas ungewöhnlich Dringendes vor, wie es diesmal
+der Fall war, oder kommt Besuch, so verzögert sich gegen mein Wünschen
+und Wollen der Abgang meines Briefes an Sie. Dennoch bin ich
+glücklicherweise viel weniger Störungen ausgesetzt wie andere und
+genieße noch der höchst nützlichen Gabe, nie durch Mangel an Stimmung
+abgehalten zu werden oder die Stimmung abwarten zu müssen. Wie ich die
+Sache vornehme, ist, wenn ich bisweilen auch lieber etwas ganz anderes
+täte und mich zum Anfange wahrhaft zwingen muß, die Stimmung da. Bei dem
+Wort fallen mir Ihre Tabellen ein. Sie haben mich sehr interessiert. Es
+ist eine originelle Idee, die täglichen Zustände des Lebens schnell
+aneinanderzureihen, die Stimmung und alle anderen Dinge, von denen sie
+abhängen kann, aufzuzeichnen. Auch nur ein halbes Leben so verzeichnet,
+würde zu einer Menge von Vergleichungen Stoff darbieten.
+
+Ihr ganzer Brief hat mir Freude gemacht, da eine ruhige, in jeder Art
+erfreuliche Gemütsstimmung daraus hervorgeht. Nur hat mich für Sie der
+neue Verlust sehr geschmerzt, den Sie abermals erlitten haben. Das
+Vorangehen so vieler ist allerdings bei vorrückenden Jahren etwas die
+ruhige Heiterkeit des Gemüts sehr schmerzlich Trübendes. Ich gehe aber
+noch weiter. Auch das Altwerden derer, die man in Jugendkraft des
+Körpers und Geistes gekannt hat, ist betrübend. Ich wollte schon immer
+alt werden, wenn nur die, die um mich her sind, jung blieben. Indes ist
+das, wenn es auch nicht scheint, ein eigennütziger Wunsch.
+
+Sie fragen mich, was ich unter Ideen meine, wenn ich sage, daß sie
+allein das Bleibende im Menschen sind, und daß sie allein das Leben zu
+beschäftigen verdienen? Die Frage ist nicht leicht beantwortet, ich will
+aber versuchen, deutlich darüber zu werden. Die Idee ist zuerst den
+vergänglichen äußeren Dingen und den unmittelbar auf sie bezogenen
+Empfindungen, Begierden und Leidenschaften entgegengesetzt. Alles, was
+auf eigennützige Absichten und augenblicklichen Genuß hinausgeht,
+widerstrebt ihr natürlich und kann niemals in sie übergehen. Aber auch
+viel höhere und edlere Dinge, wie Wohltätigkeit, Sorge für die, die
+einem nahestehen, mehrere andere gleich sehr zu billigende Handlungen
+sind auch nicht dahin zu rechnen und beschäftigen denjenigen, dessen
+Leben auf Ideen beruht, nicht anders, als daß er sie tut, sie berühren
+ihn nicht weiter. Sie können aber auf einer Idee beruhen und tun es in
+idealistisch gebildeten Menschen immer. Diese Idee ist dann die des
+allgemeinen Wohlwollens, die Empfindung des Mangels desselben wie einer
+Disharmonie, wie eines Hindernisses, das es unmöglich macht, sich an die
+Ordnung höherer und vollkommener Geister und an den wohltätigen Sinn,
+der sich in der Natur ausspricht und sie beseelt, anzuschließen. Es
+können aber auch jene Handlungen aus dem Gefühl der Pflicht entspringen,
+und die Pflicht, wenn sie bloß aus dem Gefühl der Schuldigkeit fließt,
+ohne alle und jede Rücksicht auf Befriedigung einer Neigung oder
+irgendeine selbst göttliche Belohnung, gehört gerade zu den erhabensten
+Ideen. Von diesen muß man hingegen auch absondern, was bloß Kenntnis des
+Verstandes und des Gedächtnisses ist. Dies kann wohl zu Ideen führen,
+verdient aber nicht selbst diesen Namen. Sie sehen schon hieraus, daß
+die Idee auf etwas Unendliches hinausgeht, auf ein letztes
+Zusammenknüpfen, auf etwas, das die Seele noch bereichern würde, wenn
+sie sich auch von allem Irdischen losmachte. Alle großen und
+wesentlichen Wahrheiten sind also von dieser Art. Es gibt aber sehr
+viele Dinge, die sich nicht ganz mit den Gedanken fassen und ausmessen
+lassen und darum doch nicht minder wahr sind. Bei vielen von diesen
+tritt dann die künstlerische Einbildungskraft ein. Denn diese besitzt
+die Gabe, das Sinnliche und Endliche, zum Beispiel die körperliche
+Schönheit, auch unabhängig vom Gesicht und seinem seelenvollen Ausdruck
+so darzustellen, als wäre es etwas Unendliches. Die Kunst, die Poesie
+mit eingeschlossen, ist daher ein Mittel, sehr vieles in Ideen zu
+verwandeln, was ursprünglich und an sich nicht dazu zu rechnen ist.
+Selbst die Wahrheit, wenn sie auch hauptsächlich im Gedanken liegt,
+bedarf einer solchen Zugabe zu ihrer Vollendung. Denn wie wir bisher die
+Idee nach ihrem Gegenstand betrachtet haben, so kann man sie auch nach
+der Seelenstimmung schildern, die sie fordert. Wie sie nun, dem
+Gegenstand nach, ein Letztes der Verknüpfung ist, so fordert sie, um sie
+zu fassen, ein Ganzes der Seelenstimmungen, folglich ein vereintes
+Wirken der Seelenkräfte. Gedanke und Gefühl müssen sich innig
+vereinigen, und da das Gefühl, wenn es auch das Seelenvollste zum
+Gegenstande hat, immer etwas Stoffartiges an sich trägt, so ist nur die
+künstlerische Einbildungskraft imstande, die Vereinigung mit dem
+Gedanken, dem das Stoff artige widersteht, zu bewirken. Wer also nicht
+Sinn für Kunst oder nicht wahren und echten für Musik oder Poesie
+besitzt, der wird überhaupt schwer Ideen fassen und in keiner gerade das
+wahrhaft empfinden, was darin Idee ist. Es ist ein solcher Unterschied
+zwischen den Menschen in ihrer ursprünglich geistigen Anlage gegründet.
+Die Bildung tut hierzu nichts. Sie kann wohl hinzutun, nie aber
+schaffen, und es gibt hundert künstlerisch und wissenschaftlich
+gebildete Menschen, die doch in jedem Worte deutlich beweisen, daß ihnen
+die Naturanlage, mithin alles fehlt. Der große Wert der Ideen wird
+vorzüglich an folgendem erkannt: Der Mensch läßt, wenn er von der Erde
+geht, alles zurück, was nicht ganz ausschließlich und unabhängig von
+aller Erdenbeziehung seiner Seele angehört. Dies aber sind allein die
+Ideen, und dies ist auch ihr echtes Kennzeichen. Was kein Recht hätte,
+die Seele noch in den Augenblicken zu beschäftigen, wo sie die
+Notwendigkeit empfindet, allem Irdischen zu entsagen, kann nicht zu
+diesem Gebiete gezählt werden. Allein diesen Moment, bereichert durch
+geläuterte Ideen, zu erreichen, ist ein schönes, des Geistes und des
+Herzens würdiges Ziel. In dieser Beziehung und aus diesem Grunde nannte
+ich die Ideen das einzig Bleibende, weil nichts anderes da haftet, wo
+die Erde selbst entweicht. Sie werden mir vielleicht Liebe und
+Freundschaft entgegenstellen. Diese sind aber selbst Ideen und beruhen
+gänzlich auf solchen. Von der Freundschaft ist das an sich klar. Von der
+Liebe erlassen Sie mir zu reden. Es mag an sich eine Schwachheit sein,
+aber ich spreche das Wort ungern aus und habe es ebensowenig gern, wenn
+man es gegen mich ausspricht. Man hat oft wunderbare Ansichten von der
+Liebe. Man bildet sich ein, mehr als einmal geliebt zu haben, will dann
+gefunden haben, daß doch nur das eine Mal das Rechte gewesen sei, will
+sich getäuscht haben oder getäuscht sein. Ich rechte mit niemandes
+Empfindungen. Aber was ich Liebe nenne, ist ganz etwas anderes,
+erscheint im Leben nur einmal, täuscht sich nicht und wird nie
+getäuscht, beruht aber ganz und viel mehr noch auf Ideen.
+
+Ich fürchte aber, Sie ermüdet zu haben, ohne Ihnen vollkommen klar zu
+werden. In diesem Fall verzeihen Sie mir. Sie wollten ausdrücklich, daß
+ich Ihnen darüber schreiben sollte, und die Schwierigkeit liegt in der
+Sache. Vielleicht aber finden Sie doch etwas darin, woran Sie sich
+halten können, und wenn Sie von da aus Fragen tun, so kann ich Ihnen
+weitere Erläuterungen geben, was ich von Herzen gern tun will. Wie immer
+der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 7. April 1833.
+
+Ich bin schon lange im Besitz Ihres Briefes, liebe Charlotte, habe aber
+nicht früher dazu kommen können, ihn zu beantworten. Sie haben ihn bloß
+vom Monat März datiert und gegen Ihre Gewohnheit nicht den Tag des
+Abgangs vermerkt. Ich bitte Sie, ihn künftig immer hinzuzusetzen. Ein
+Brief, von dem man nichts als den Monat weiß, ist eine zu unbestimmte
+Mitteilung, und ich habe immer auf die Tage gehalten. Man kann eher
+noch etwas im Raum unbegrenzt lassen. Die Empfindung der Zeit greift
+überhaupt tiefer in die Seele ein, was wohl daran liegt, daß der Gedanke
+und die Empfindungen sich in der Zeit bewegen.... Ich habe oft, fast von
+meiner Kindheit an, angefangen, Tagebücher zu halten und sie nach
+einiger Zeit wieder verbrannt. Es tut mir aber sehr leid, nicht
+wenigstens von jedem Tage aufgezeichnet zu haben, wo ich war und was ich
+vorzüglich tat, oder wer mir begegnete. Ich würde mich sehr freuen, das
+von meinem zehnten Jahre an zu besitzen. Von ausführlichen Tagebüchern
+und solchen, die Beurteilungen der Handlungen und Gesinnungen enthalten
+sollen, halte ich sonst nicht viel. Es geht einem, wie man es anfangen
+möge, nie ganz ein, für sich selbst und an sich selbst gerichtet zu
+schreiben. Wenn man das Geschriebene auch niemand zeigt noch zeigen
+würde, so schreibt man doch wie einem imaginierten Publikum gegenüber.
+Man ist wirklich mehr befangen, als wenn man die Selbstbeurteilung an
+eine einzelne bestimmte Person richtet. Das Interesse an dieser zieht da
+die Seele davon ab, sich zu sehr mit sich selbst zu beschäftigen und zu
+sehr auf sich Rücksicht zu nehmen, stellt dadurch die Unbefangenheit
+wieder her und befördert die Naivität der Erzählung. Überhaupt ist nicht
+eben zu fürchten, daß man sich in solchen Aufzeichnungen über sich
+selbst zu sehr schont, oft liegt sogar die Übertreibung der Wahrheit im
+Gegenteil. Was dagegen eher zu fürchten sein kann, ist, daß die
+Eitelkeit dabei Nahrung findet. Man hält leicht, je mehr man sich mit
+sich selbst beschäftigt, alles, was einen betroffen hat, für
+außerordentlicher, als was anderen begegnet ist, und legt auf jeden
+Zufall wie auf eine Absicht Wert, welche Gott mit uns gehabt hätte.
+Indes können solche Fehler vermieden werden, und dann wird gerade ein
+solches Tagebuch zu einer zugleich anziehenden und nützlichen
+Selbstbeschäftigung....
+
+Die Zeit ist nur ein leerer Raum, dem Begebenheiten, Gedanken und
+Empfindungen erst Inhalt geben. Da man aber weiß, daß sie, wenn man auch
+viel Einzelnes davon kennt, diesen Inhalt freudvoll und leidvoll für
+empfindende Menschen getragen hat, so ist sie an sich immer das Herz
+ergreifend. Auch ihr stilles und heimliches Walten hat etwas magisch
+Anziehendes. Der Tag, an dem einem ein großes Unglück begegnet, ist eine
+lange Reihe von Jahren ungeahnt an einem vorbeigegangen, und ebenso
+still und unbekannt schreitet der an uns vorüber, an dem uns ein Unglück
+unwandelbar bevorsteht. Denkt man aber der Folge der Zeit nach, so
+verliert man sich darin wie in einem Abgrund. Es ist nicht Anfang noch
+Ende. Ein großer Trost liegt aber im Wandel, da er immer an ein höchstes
+Gesetz, an einen ewiglenkenden Willen in unverrückter Ordnung erinnert.
+Das Erkennen dieser Ordnung ist in allen Welteinrichtungen, bei der
+Hinfälligkeit der menschlichen Natur und der scheinbar oft regellos
+zermalmenden Gewalt der Elemente, etwas sehr Beruhigendes. Am
+regelmäßigen Sonnenlauf und Mondeswechsel muß das auch ganz rohen
+Nationen anschaulich werden. Je mehr die Kenntnis der Natur zunimmt,
+desto mehr wächst die Zahl der Beweise dieser Ordnung. Zur eigentlichen
+Einsicht in den Sternenlauf ist schon wissenschaftliche Beobachtung
+notwendig. Steigt diese, wie bei uns, zum höchsten Grade, so werden
+wieder Abweichungen bemerkbar und Dinge, die sich in die sonstige
+Ordnung nicht passen lassen. Diese sind sichere Beweise, daß die
+Forschung noch ein neues Feld zu Entdeckungen vor sich hat. Denn alles
+wissenschaftliche Arbeiten ist nichts anderes, als immer neuen Stoff in
+allgemeine Gesetze zu bringen...
+
+Sie klagen im ganzen über Ihr Gedächtnis, nehmen aber einiges aus. Mehr
+können wenige von sich sagen. Das Gedächtnis ist nach Gegenständen
+verteilt, und in niemanden ist es für alle gleich gut. Das angenehmste
+ist ein leichtes Gedächtnis für Gedichte. Ist das mit wahrem Geschmack
+in der Auswahl und mit Talent im Hersagen verbunden, so gibt es keine
+andere, das Leben gleich verschönende Gabe. Zum guten Hersagen gehört
+aber unendlich viel: zuerst freilich nur Dinge, die jede gute Erziehung
+jedem geben kann, richtiges Verstehen des Sinnes, eine gute, deutliche,
+von Provinzialfehlern freie Aussprache; aber dann freilich Dinge, welche
+nur angeboren werden, ein glückliches, schon in sich seelenvolles Organ,
+ein feiner musikalischer Sinn für den Fall des Silbenmaßes, ein
+wahrhaft dichterisches Gefühl und hauptsächlich ein Gemüt, in dem alle
+menschlichen Empfindungen rein und stark wiederklingen. Der Genuß, den
+ein solches Wiedergeben wahrhaft schöner Gedichte gewährt, ist in der
+Tat ein unendlicher. Er ist mir oft und im höchsten Grade geworden, und
+ich rechne das zu den schönsten Stunden des Lebens. Aber auch das eigene
+Auswendiglernen und Auswendigwissen von Gedichten oder von Stellen aus
+Gedichten verschönert das einsame Leben und erhebt oft in bedeutenden
+Momenten. Ich trage mich von Jugend an mit Stellen aus dem Homer, aus
+Goethe und Schiller, die mir in jedem wichtigen Augenblicke wiederkehren
+und mich auch in den letzten des Lebens nicht verlassen werden. Denn man
+kann nichts Besseres tun, als mit einem großen Gedanken hinübergehen...
+
+Ich befinde mich, Gott sei gedankt, recht wohl, gehe aber doch den
+Sommer wieder ins Seebad nach Norderney. Man findet, daß es meine
+Schwächlichkeiten vermindert hat. Das sehe ich nun zwar nicht, und auch
+Sie werden es, an meinem Schreiben wenigstens, nicht gewahr werden.
+Allein das ist wohl möglich, und das glaube ich sogar selbst, daß der
+jährliche Gebrauch des Bades diese meine Schwächlichkeiten auf dem
+Punkte erhält, auf dem sie jetzt sind. Vielleicht sind auch die Wellen
+unschuldig daran. Aber man ist gern dankbar, und die See ist ein so
+schöner und großer Gegenstand, daß man ihr gern dankbar ist. Gern gehe
+ich aber nicht hin, es ist mir eine lästige Störung. Aber wenn ich mich
+einmal in das Notwendige fügen muß, so nehme ich mir das Angenehme
+heraus und gehe leicht über das Lästige hinweg, ob ich mich gleich von
+meiner hiesigen Einsamkeit so ungern als von einer geliebten Person
+trenne.
+
+Mit der Gegenwart sind Sie so dankbar zufrieden. Vertrauen Sie auch der
+Zukunft und hegen keine ängstlichen Besorgnisse. Sie ist allerdings
+ungewiß, aber bedenken Sie, daß die ewige Güte wacht, daraus entspringt
+Vertrauen, und dies muß man im Herzen nähren. Mit inniger Teilnahme
+unabänderlich der Ihrige. H.
+
+
+
+_Norderney_, den 2. August 1833.
+
+Mit dem Anfange dieses Monats ist gerade die Hälfte meiner Badekur
+vollendet, liebe Freundin, und es wird Ihnen Freude machen, wenn ich
+Ihnen sage, daß ich sie ununterbrochen habe fortsetzen können, und
+befinde mich, Dank sei es der Vorsehung, sehr wohl. Von der gänzlichen
+Wirkung läßt sich erst nach Monaten urteilen. Dem Erfolg bis jetzt nach
+zu schließen, wird sie hoffentlich nicht geringer als im vorigen Jahre
+sein. Hier werde ich fast allgemein, meiner einzelnen Schwächlichkeiten
+ungeachtet, für stark gehalten, und gewissermaßen könnte ich mir selbst
+so erscheinen. Denn kein noch so junger rüstiger Mann braucht das Bad
+stärker als ich, und ich fühle mich niemals nur einen Augenblick davon
+angegriffen. Ich nehme nie etwas Stärkendes nachher und beschäftige
+mich, wenn ich nicht der Luft im Gehen genießen will, mit jeder Sache,
+die mich gerade interessiert. Von der Witterung spüre ich gar keinen
+Einfluß. Einige Körperstärke setzt das allerdings voraus. Aber die
+Hauptsache ist doch, das ganze Leben hindurch die Seele zur Ertragung
+jedes Ungemachs abgehärtet zu haben. Es ist unglaublich, wieviel Kraft
+die Seele dem Körper zu verleihen vermag. Es erfordert auch garnicht
+eine große oder heldenmütige Energie des Geistes. Die innere Sammlung
+reicht hin, nichts zu fürchten und nichts zu begehren, als was man
+selbst in sich abwehren und erstreben kann. Darin liegt eine
+unglaubliche Kraft. Man ist darum nicht in eine phlegmatische Ruhe
+versenkt, sondern kann dabei gerade von den tiefsten und ergreifendsten
+Gefühlen bewegt sein, ihre Gegenstände gehören nur nicht der äußeren
+Welt an, sondern sind höheren Dingen und Wesen zugewendet. Man ist nicht
+frei von Sehnsucht, vielmehr ihr oft hingegeben, aber es ist nicht die
+verzehrende, die nach äußerer Gewährung strebt, sondern eine eigene, nur
+die lebendige Empfindung von etwas Besserem und Schönerem, mit dem die
+Seele innig verwandt ist. -- Das Wetter war hier seit unserer Ankunft
+für den Gebrauch des Bades sehr günstig. Denn da es immer windig und
+einigemal sehr stürmisch war, so war die See fast unausgesetzt sehr hoch
+und unruhig, und diesen heftigen Wellenschlag hält man gerade für sehr
+zuträglich. Mit Sonnenschein verbunden, wie wir ihn oft hatten, ist er
+zugleich ein reizender Anblick. Über Hitze hat man sich hier wohl selten
+zu beklagen. Da die Winde meistenteils vom Meer herkommen, so kühlen sie
+die Luft hinreichend ab. Auf Inseln, besonders auf kleinen, ist große
+Hitze ebenso wie große Kälte selten. Wir haben aber in diesem Sommer
+wirklich sehr heiße Tage gehabt. Meine Liebe für große Wärme schreibt
+sich doch nicht, wie Sie glauben, aus meinem längeren Aufenthalt in
+Spanien und Italien her, ich erinnere mich, sie von früher Kindheit an
+gehabt zu haben...
+
+Sie haben allerdings recht, wenn Sie sagen, Frau von Staël und Frau von
+Laroche werden schlimm im Goetheschen Briefwechsel behandelt. Es ist
+dies Goethes Schuld. Im vertraulichen Briefwechsel kann man sich, wie im
+Gespräch, kleine Spöttereien erlauben, da man keine üble Absicht damit
+verbindet und genau weiß, wie man verstanden wird. Wenn man aber solche
+Briefe vor das große Publikum bringt, muß man solche Stellen
+wegstreichen, und darin ist Goethe, der den Briefwechsel herausgegeben,
+zu sorglos gewesen. Solche kleine Flecken können aber einem Werke keinen
+Eintrag tun, das sonst einen solchen Reichtum an genialen und neuen
+Ideen enthält und so das lebendige Gepräge des Gedankenaustausches
+zweier großer Geister in sich trägt; denn es gibt nicht leicht eine
+Schrift, die einen so unendlichen Stoff zum Nachdenken darbietet und so,
+nach allen Richtungen hin, die einzig richtig leitenden Ansichten
+angibt. Der Staël mußten Goethe und Schiller Unrecht tun, da sie sie
+garnicht genug kannten. Die Staël war bei weitem weniger von ihren
+schriftstellerischen Seiten, als im Leben und von Seiten ihres
+Charakters und ihrer Gefühle, Geist und Empfindung. Beides war in ihr
+auf eine ganz ihr angehörende Weise verschmolzen. Goethe und Schiller
+konnten das nicht so wahrnehmen. Sie kannten sie nur aus einzelnen
+Gesprächen, und auch da nur unvollkommen, da sie sich doch beide nicht
+französisch mit vollkommener Freiheit ausdrückten. Diese Gespräche
+griffen sie an, weil sie dadurch angeregt wurden, ohne sich doch in dem
+fremden Organ ganz und rein aussprechen zu können, und so wurde ihnen
+die lästig, die solche Gespräche veranlaßte. Von dem wahren inneren
+Wesen der Frau wußten sie nichts. Was man von ihrer Unweiblichkeit
+sagte, gehört zu dem trivialen Geschwätz, das sich der gewöhnliche
+Schlag der Männer und Weiber über Frauen erlaubt, deren Art und Wesen
+über ihren Gesichtskreis geht. Sich über das Höhere allen Urteils zu
+enthalten, ist eine zu edle Eigenschaft, als daß sie häufig sein könnte.
+Wirklich selbst vorzügliche Frauen, welche die Staël kannten, haben sie
+nie als unweiblich getadelt, und noch weniger kann man sie so in ihren
+Schriften finden.
+
+Die Laroche habe ich selbst gleichfalls gekannt. Sie war sehr gutmütig
+und mußte in ihrer Jugend schön gewesen sein. Von Geist war sie
+allerdings nicht ausgezeichnet. Allein ihre Schriften sind nicht ohne
+Wirkung auf die weibliche Bildung ihrer Zeit geblieben. Insofern hat die
+Frau ein Verdienst gehabt, das ihr auch Goethe und Schiller nie würden
+haben absprechen wollen. Sie dachten nur an den literarischen Wert, der
+freilich nicht groß war. Man muß aber auch, was sie in scherzhaft
+heiterer Laune hinschrieben, nicht als vollwichtigen Ernst aufnehmen.
+Die Epochen, in die uns diese Erinnerungen zurückführen, weichen
+allmählich in solche Ferne zurück, daß schon darum das Interesse an
+ihnen wächst. Auch erscheint immer mehr, was zur Charakterisierung der
+damals merkwürdigsten Personen dient. In den Urteilen über sie wirkt
+noch die Stimmung mit fort, welche sie im Leben hervorbrachten; allein
+nach und nach tritt eine andere Stimmung ein, bis sich endlich das
+bildet, was man den bleibenden Nachruhm nennt. Die Menschen werden in
+diesem gewissermaßen zu Schattengestalten. Vieles, was sie an sich
+tragen, erlischt, und das Übrigbleibende wird nun zu einer ganz anderen
+Erscheinung. Dabei wird noch, was man von ihnen weiß, nach dem Geiste
+der jedesmaligen Zeit aufgenommen. So ungewiß steht es um das Bild, das
+auch die größten Menschen hinterlassen, und um die Geschichte!
+
+Meine Badekur ist den 21. d. M. zu Ende, und ich werde also noch vor dem
+Ende desselben zurückgekehrt in Tegel sein. Ich fühle mich wohl und sehr
+gestärkt, und werde die Wirkung nach einiger Zeit noch mehr empfinden.
+Ich sage Ihnen das, liebe Freundin, schon jetzt und noch von hier aus,
+da Sie mir mit liebevoller Teilnahme so oft gesagt haben, daß Sie diese
+Nachrichten zuerst und vor allen anderen in meinen Briefen suchen. So
+begegnen sie Ihnen schon am Schluß dieses Briefes und kommen Ihnen
+früher zu, was Ihnen, wie ich weiß, Freude macht. Aber richten Sie es
+nun auch so ein, daß ich einen Brief von Ihnen in Berlin vorfinde. Mit
+der innigsten und unveränderlichsten Teilnahme der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 6. Oktober 1833.
+
+Ich sage Ihnen meinen herzlichsten Dank, liebe Charlotte, für Ihren
+lieben Brief, den ich bei meiner Zurückkunft hier vorfand, und der so
+viel Liebes und Gütiges über mich enthält. Ob Sie nichts von Ihrem
+Befinden erwähnen, so scheint mir doch die Stimmung zu beweisen, daß Sie
+wohl sind. Sie wissen, welchen lebhaften Anteil ich daran nehme. Sie
+genießen doch gewiß auch recht in Ihrem Garten die schönen Tage, mit
+denen das sich zum Ende neigende Jahr scheint alle schlimmen Tage, an
+denen der Sommer reich war, wieder in Vergessenheit bringen zu wollen.
+Es ist merkwürdig, wie wunderschön das Wetter ist, eben so ausgezeichnet
+schön war der Frühling. Ich dächte in zwanzig Jahren kein so
+blütenreiches Frühjahr hier erlebt zu haben. Die Pracht war über alle
+Beschreibung. Das schöne Wetter wird aber bei weitem nicht so dankbar
+von den Menschen erkannt, als man das bloß minder gute gleich übermäßig
+allgemein tadeln hört. Die Menschen scheinen zu meinen, daß, wenn ihnen
+auch der Himmel alle übrigen Glücksgaben vorenthielt, er ihnen doch
+diese, gleichsam die wohlfeilste von allen, gewähren müsse. Wieviel dem
+Himmel das schöne Wetter kostet, ist freilich schwer zu berechnen.
+Allein in der Wirkung auf das Gemüt gehört ein wahrhaft schöner Tag zu
+den allerkostbarsten Geschenken des Himmels. Wenn man im Menschen eine
+gewisse mittlere Seelenstimmung als die Regel annehmen kann, so bringt
+mich schlechtes Wetter niemals unter dieselbe, dies erlaubt meine gegen
+alle äußeren unangenehmen Eindrücke sehr gut verwahrte Natur nicht. Aber
+ein schöner Tag oder eine strahlend sternhelle Nacht hebt mich
+unaussprechlich darüber empor. Denn man kann, gerade indem man die
+Empfindung des Schönen schärft, die Reizbarkeit gegen das Unangenehme
+abstumpfen.
+
+Was Sie über Herder und Goethe sagen und über die verschiedene Wirkung,
+welche die Schriften beider auf Sie haben, hat mich zu allerlei
+Betrachtung geführt, über die Empfindungen anderer sollte man nicht so
+scharf absprechen. Beschränken Sie das Gesagte auf sich und andere,
+deren Gemütsart Ihnen genau bekannt ist, so stimme ich Ihnen gänzlich
+bei. Was mir aber bei dieser Stelle Ihres Briefes besonders aufgefallen
+ist, ist, daß sie mir wieder recht klar bewiesen hat, daß es zwei ganz
+verschiedene Arten gibt, sich einem Buche zu nahen. Eine, mit einer
+bestimmten Absicht verbunden und ganz nahe auf den Lesenden selbst
+bezogen, und eine freiere, die mehr und näher auf den Verfasser und
+seine Werke geht. Jeder Mensch liest, nach Verschiedenheit der
+Stimmungen und der Momente, mehr auf die eine oder die andere Weise;
+denn rein und gänzlich geschieden sind beide natürlich nie. Die eine
+wendet man an, wenn man von einem Buche fordert, daß es erheben,
+erleuchten, trösten und belehren soll, die andere Methode ist einem
+Spaziergange in freier Natur zu vergleichen. Man sucht und verlangt
+nichts Bestimmtes, man wird durch das Werk angezogen, man will sehen,
+wie sich eine poetische Erfindung entfalte, man will dem Gange eines
+Räsonnements folgen. Belehrung, Trost, Unterhaltung findet sich nachher
+ebenso und in noch höherem Maße ein, aber man hat sie nicht gesucht, man
+ist nicht von einer beschränkten Stimmung aus zu dem Buche
+übergegangen, sondern das Buch hat frei und ungerufen die ihm
+entsprechende selbst herbeigeführt. Das Urteil ist aber auf diese Weise
+freier, und da es von augenblicklicher Stimmung unabhängiger bleibt,
+zuverlässiger. Ein Verfasser muß es vorziehen, so gelesen und geprüft zu
+werden. Herder kann übrigens jede Art der Beurteilung ruhig erwarten. Er
+ist eine der schönsten geistigen Erscheinungen, die unsere Zeit
+aufzuweisen hat. Seine kleinen lyrischen Gedichte sind voll tiefen
+Sinnes und in der Zartheit der Sprache und Anmut der Bilder die
+Lieblichkeit selbst. Besonders weiß er das Geistige unnachahmlich schön,
+bald mit einem wohlgewählten Bilde, bald mit einem sinnigen Worte in
+eine körperliche Hülle einzuschließen, und ebenso die sinnliche Gestalt
+geistig zu durchdringen. In diesem symbolischen Verknüpfen des
+Sinnlichen mit dem Geistigen gefiel er sich auch selbst am meisten,
+bisweilen, obgleich selten, treibt er es bis ins Spielende. Eine seiner
+großen Eigenschaften war es auch, fremde Eigentümlichkeiten mit
+bewunderungswürdiger Feinheit und Treue aufzufassen. Dies zeigt sich in
+seinen Volksliedern und in der Geschichte der Menschheit. Ich erinnere
+mich z. B. aus der letzten der meisterhaften Schilderung der Araber.
+Herder stand im Umfang des Geistes und des Dichtungsvermögens gewiß
+Goethe und Schiller nach, allein es war in ihm eine Verschmelzung des
+Geistes mit der Phantasie, durch die er hervorbrachte, was beiden nie
+gelungen sein würde. Diese Eigentümlichkeit führte ihn zu großen und
+lieblichen Ansichten über den Menschen, seine Schicksale und seine
+Bestimmung. Da er eine große Belesenheit besaß, so befruchtete er seine
+philosophischen Ansichten durch dieselbe und gewann dadurch den Reichtum
+von Tatsachen für seine allegorischen und historischen Ausführungen. Er
+gehört, wenn man ihn im ganzen betrachtet, zu den wundervollst
+organisierten Naturen. Er war Philosoph, Dichter und Gelehrter, aber in
+keiner einzigen dieser Richtungen wahrhaft groß. Dies lag auch nicht an
+zufälligen Ursachen, an Mangel gehöriger Übung. Hätte er einen dieser
+Zweige allein ausbilden wollen, so würde es ihm nicht gelungen sein.
+Seine Natur trieb ihn notwendig zu einer Verbindung von allen zugleich
+hin, und zwar zu wahrer Verschmelzung, wo jede dieser Richtungen, ohne
+ihre Eigentümlichkeit zu verlassen, doch in die der andern einging, und
+da doch dichtende Einbildungskraft seine vorherrschende Eigenschaft war,
+so trug das Ganze, indem es die innigsten Gefühle weckte, immer einen
+doppelt stark anziehenden Glanz an sich. Diese Eigentümlichkeit bringt
+es aber auch freilich mit sich, daß die Herderschen Räsonnements und
+Behauptungen nicht immer die eigentlich gediegene Überzeugung
+hervorbringen, ja daß man nicht einmal das recht sichere Gefühl hat,
+daß es seine eigene recht feste Überzeugung war, die er aussprach.
+Beredsamkeit und Phantasie leihen leicht allem eine willkürliche
+Gestalt. Von der Außenwelt entlehnte er nicht viel. Sein Aufenthalt in
+Italien hat ihn fast um nichts bereichert, da Goethe der seinige so
+reiche und schöne Früchte getragen hat. Herders Predigten waren
+unendlich anziehend. Man fand sie immer zu kurz und hätte ihnen die
+doppelte Länge gewünscht. Aber eigentlich erbaulich waren die, welche
+ich gehört habe, nicht, sie drangen wenig ins Herz.
+
+Wenn er jetzt wüßte, daß ich so viel mit unleserlich kleinen Buchstaben
+über ihn schreibe, würde er sich gewiß wundern, und ich wundere mich
+über mich selbst. Ich tue es einzig, weil ich denke, daß es Ihnen Freude
+macht. Sagen Sie mir aber auch, wenn Sie mich nicht mehr lesen können.
+Denn für mich selbst schreibe ich nicht.
+
+Mit der herzlichsten Teilnahme Ihr H.
+
+
+
+_Tegel_, den 16. Nov. bis 7. Dez. 1833.
+
+Ich fange diesen Brief an, liebe Charlotte, ohne noch einen von Ihnen
+empfangen zu haben; ich denke aber gewiß, daß in diesen Tagen selbst
+einer ankommen muß. Zuerst habe ich noch auf eine Stelle Ihres Briefes
+zurückzukommen, die eigentlich ganz unbeantwortet von mir geblieben ist,
+und wofür ich Ihnen sehr danke. Es ist nämlich das, was Sie über die
+verschiedene Art Bücher zu lesen sagen, und über das, was man in ihnen
+zu suchen hat. Sie beziehen sich dabei auf Goethe. Sie wissen, ich liebe
+es sehr, wenn man im freundschaftlichen Briefwechsel es frei ausspricht,
+wo die Meinungen nicht übereinstimmen. Dann auch haben Sie mich
+veranlaßt, die schöne Stelle in Goethes »Wahrheit und Dichtung« wieder
+zu lesen, auf die Sie sich beziehen. Im ganzen aber ist es, wie es
+gewöhnlich im Entgegenstellen der Behauptungen geht, daß man einander
+doch nicht bekehrt. Meine Art ist es einmal und wird es immer bleiben,
+ein Buch ebenso wie einen Menschen als eine Erscheinung an sich, nicht
+als eine Gabe für mich anzusehen. Ich gehe darum noch nicht, wie Goethe
+sagt, in die Kritik desselben ein, ebensowenig wie ich dies bei einem
+Menschen tue. Aber ich betrachte es wie ein Produkt des menschlichen
+Geistes, das ohne alle Beziehung auf meine Gedanken und Gefühle einen
+eigenen Ideenzusammenhang und eine eigene Gefühlsweise ausspricht und
+meine Aufmerksamkeit dadurch in Anspruch nimmt. Ich begreife indes, daß
+viele Leser die Bücher mehr zu sich hinziehen und sie weniger objektiv
+nehmen, und wenn Sie mich fragen, ob es einem Schriftsteller unangenehm
+sein könne, wenn er Beruhigung oder Erheiterung in ein dieser oder jener
+bedürfendes Gemüt ergieße oder eine gebeugte Seele ermutige, so
+antworte ich mit voller Überzeugung: er ist gewiß damit zufrieden und
+fühlt sich belohnt, gesetzt, es wäre auch nicht gerade sein Zweck. Ich
+wollte Ihnen nur sagen, wie ich Bücher lese, keineswegs aber Ihre Weise
+tadeln.
+
+Den 4. Dezember. Ich bin nunmehr im Besitz Ihres Briefes vom
+24. November und danke Ihnen herzlich für den ganzen Inhalt desselben.
+Erhalten Sie sich in der ruhigen, heitern, zufriedenen Stimmung. Eine
+Heiterkeit wie die, von der Sie sagen, daß sie Ihnen natürlich inwohnt,
+ist eine sehr glückliche Gabe des Himmels oder des Schicksals und, wie
+Sie selbst sehr richtig bemerken, mehr noch eine Frucht einer natürlich
+einfachen, bescheiden genügsamen Gemütsart. Wenn sie aber auch so,
+gleichsam von selbst, im Charakter hervorblüht, so kann und muß man sie
+doch auch nähren und unterstützen. Ich meine das nicht von außen,
+sondern recht eigentlich von innen. Ebenso ist es auch mit der Wehmut.
+Der Mensch hat sich, wenn er irgendein innerliches Leben gelebt hat, ein
+geistiges Eigentum von Überzeugungen, Gefühlen, Hoffnungen, Ahnungen
+gebildet. Dies ist ihm sicher, ja, im eigentlichen Verstande
+unentreißbar. Kann er darin sein Glück, seine Beruhigung, seine stille
+Heiterkeit finden, so ist ihm diese gesichert und geborgen, wenn seine
+Stimmung auch wehmütig bleibt. Denn jeder Gegenstand edler Wehmut
+schließt sich willig an den eben genannten Kreis an. Sobald man
+überhaupt irgend etwas, was das Gemüt ergreift, in das Gebiet geistiger
+Tätigkeit hinüberführen kann, wird es linder und mischt sich auf eine
+sehr versöhnende Weise mit allem, was uns eigentümlich ist, wovon wir,
+wenn es auch schmerzte, uns nicht trennen könnten, ja nicht trennen
+möchten. Ich meine aber unter geistiger Tätigkeit nicht die der
+Vernunft. Diese könnte ein fühlendes Gemüt nur zu starrer Resignation
+bringen, die immer eine Ruhe des Grabes ist und nicht die schöne
+lebendige Heiterkeit gewähren kann, von der ich hier rede. Die rein
+geistige Wirksamkeit hat aber ein viel weiteres Gebiet und verschmilzt
+mit der Empfindung gerade zu dem Höchsten, dessen der Mensch fähig ist,
+und diese Verschmelzung enthält das wahre Mittel aller wahrhaft
+hilfreichen Beruhigung. Der Gedanke verliert in ihr seine Kälte, und die
+Empfindung wird auf eine Höhe gestellt, auf der sich die verletzende
+einseitige Beziehung auf das persönliche Selbst und den Augenblick der
+Gegenwart abstumpft. Leben Sie herzlich wohl! Ihren letzten Brief
+beantworte ich das nächste Mal. Mit dem innigsten Anteil der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 20. Dez. 1833 bis 7. Jan. 1834.
+
+Es ist sehr gütig von Ihnen, liebe Charlotte, daß Sie lieber meine
+Briefe entbehren wollen als mir zumuten, sie bei dem Zustand meiner
+Augen und Hand zu schreiben. Ich erkenne es mit doppelter Dankbarkeit,
+da ich weiß, was Ihnen meine Briefe sind, und daß Sie weit mehr darin
+finden als wirklich darin liegt. Ich fühle auch, daß Ihre Einsamkeit sie
+Ihnen noch wertvoller macht, da es nicht immer leicht ist, im Innern
+ganz allein zu stehen. Ich begreife daher und fühle vollkommen, daß das
+Ausbleiben meiner Briefe eine bedeutende Lücke in Ihrem täglichen Leben
+machen würde. Gewiß weiß ich also die Stelle, die Ihr letzter Brief
+enthält, nach ihrem vollen Wert zu schätzen. Für den Augenblick sehe ich
+noch keine Notwendigkeit ein, eine Änderung vorzunehmen. Wenn mich,
+wofür man freilich menschlicherweise nicht stehen kann, nichts
+Plötzliches befällt, so wird überhaupt ein gänzliches Abbrechen nicht
+nötig sein. Die Übel, die mir das Schreiben erschweren, sind von der Art
+bis jetzt, daß sie nur nach und nach und bis jetzt sogar nicht schnell
+zunehmen. Die Folge wird daher auch nur die sein können, daß ich weniger
+ausführliche Briefe schreibe, wobei es mir doch auch ein Trost sein wird
+zu denken, daß Sie weniger Mühseligkeit haben werden zu lesen.
+Überlassen Sie es also vertrauensvoll mir, abzumessen, was meinen
+Kräften noch zusagt und wozu sie nicht mehr ausreichen. Ich bin von
+Natur und durch eigene frühe Gewöhnung tätig und von nicht leicht zu
+ermüdender Geduld, lasse schwer ab in Überwindung von Schwierigkeiten
+und gestatte nicht gern der Natur, meinem Willen etwas abzunötigen.
+Ganz aus eigenem Triebe habe ich als Kind schon mich geübt zu tun, was
+mir körperlich sauer wurde, und Schmerz und Beschwerde mir nicht aus
+Weichlichkeit zu ersparen gesucht. Noch danke ich dem Himmel, daß er mir
+gerade das in die Brust legte. Denn wenn auch die Selbstverleugnung und
+Übung der Willenskraft garnicht zu den höchsten und größten Tugenden
+gehören, so kann man sie doch mit vollem Recht zu den nützlichsten
+zählen. Sie können nicht ganz von wechselnden Fügungen des Schicksals
+unabhängig machen. Eine solche wahre Unabhängigkeit kann der Mensch auf
+Erden niemals erlangen, er muß es schon als einen unendlich großen, ihm
+von der Vorsehung eingeräumten Vorzug ansehen, daß die Unabhängigkeit,
+die es ihm gelingen kann sich zu erstreben, in seine Gewalt gegeben ist,
+ja, daß er allein sie sich zu schaffen imstande ist, da sie eine
+innerliche ist. Wenn man aber recht frei und kühn auf das Ziel zugeht,
+den äußeren Einflüssen keine Herrschaft zu gestatten, so gelangt man
+immer weit und kann nicht allem, aber viel im Leben begegnen. Auch im
+Alter, kann ich mit Wahrheit sagen, suche ich mir das Leben nicht leicht
+und bequem zu machen, wenn ich den einzigen Punkt ausnehme, daß ich
+nicht mehr in Gesellschaft gehe: denn das habe ich ganz aufgegeben,
+selbst für die wenigen Orte, die ich noch, wenn auch schon selten, im
+vorigen Winter besuchte.
+
+Den 4. Januar 1834. Es ist das erstemal, daß ich die neue Jahreszahl
+schreibe. Ich hätte früher nie geglaubt, daß ich noch soviel schreiben
+würde, und noch jetzt, wo ich das Leben schon seit Jahren für das, was
+mich eigentlich daran knüpft, als geendet ansehe, habe ich weder ein
+äußeres körperliches, noch inneres geistiges Vorgefühl, daß ich nicht
+noch mehrere neue Jahreszahlen schreiben würde. Das sage ich nicht im
+mindesten darum bestimmter, weil ich weiß, daß Sie es gern hören, so
+gern ich Ihnen auch Freude mache, sondern weil ich es wirklich so fühle.
+Ungeachtet des sonderbaren Winters ist mein eigentliches Befinden, wenn
+ich es von den hindernden Beschwerden trenne, so, daß es mir zu keiner
+Klage Anlaß gibt.
+
+Der Ideenumtausch, von dem Sie in Ihrem Briefe reden, ist wohl sehr
+hübsch, aber mir ist der Sinn dafür vergangen. Die persönliche Nähe
+anderer ist mir immer eine Störung meiner Einsamkeit, das heißt jetzt im
+engsten Sinne meiner selbst. Sie wird mir leicht beunruhigend und kann
+mir peinigend werden. Ich vermeide daher, soviel ich kann, die Besuche
+meiner ältesten Freunde und Bekannten, sollte ich auch dadurch lieblos
+oder unhöflich erscheinen. Es gibt Opfer, die man unrecht hätte zu
+bringen. Die meisten aber sind diskret und gütig und gönnen mir die Luft
+des Alleinseins.
+
+Was Sie mir von Paul Gerhard schreiben, hat mich sehr interessiert, und
+ich werde die Lieder, die Sie mir bezeichnen, nochmals nachlesen. Seine
+Schicksale waren mir im allgemeinen bekannt, aber nicht in so genauer
+Beziehung auf die Lieder, die doch hier gerade das Wichtigste ist. Ich
+schließe jetzt meinen Brief mit meinen herzlichen Glückwünschen für das
+neue Jahr. Möge dasselbe Sie frei von störenden Ereignissen, in
+Gesundheit und der stillen heiteren Stimmung erhalten, die das
+Erfreuliche, wo es nicht zu ändern ist, still hinüberträgt. Mit der
+innigsten Teilnahme der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 12. Januar 1834.
+
+Sie sagen in Ihrem letzten Brief, daß, wenn man auch gar kein anderes
+Buch haben dürfte, man mit Bibel und Gesangbuch leben könnte, über die
+Bibel teile ich ganz Ihre Meinung. Das Gesangbuch würde ich doch nur als
+eine Zugabe ansehen. Was so alles andere ersetzen soll, muß nicht von
+einzelnen bekannten, uns nahestehenden Verfassern herrühren, es muß aus
+fernen Jahrhunderten als die Stimme der ganzen Menschheit, in der sich
+immer zugleich die Stimme Gottes offenbart, zu uns herüberschallen.
+Darum könnte, wessen Gemüt kindlich und einfach genug ist, den Sinn
+früherer Jahrtausende zu fühlen, auch mit dem Homer getrost in die
+Einsamkeit gehen. Das ist das, was der Mensch nie genug an der Vorsehung
+bewundern und wofür er nie dankbar genug sein kann, daß sie die wahrhaft
+göttlichen Gedanken, die, auf denen unser innerstes Dasein ruht, bald
+im Geiste ganzer Völker und Zeiten, bald in einzelnen Menschen weckt und
+durchbrechen läßt. Von mir gestehe ich Ihnen, daß ich sehr leicht ohne
+alle Bücher leben könnte. Eine eigentliche Neigung zum Lesen habe ich
+garnicht, auch habe ich für ein langes Leben und so vielfache
+wissenschaftliche Beschäftigungen nur wenig gelesen. Eine Menge Bücher,
+die andere sehr früh gelesen, kenne ich nur dem Namen nach, und ich kann
+von Büchern umringt sein, auch wissen, daß neue darunter sind, ohne in
+eines hineinzusehen. Diese geringe Anziehungskraft aber haben die Bücher
+nicht erst spät, gleichsam aus einer Art Überdruß, für mich bekommen, es
+ist, auch wie ich sehr jung war, nicht anders gewesen. Ich habe darum
+doch sehr viel, Tage und Nächte, mit Büchern gelebt, allein immer mit
+dem Zweck, irgend etwas Bestimmtes zu lernen, aufzusuchen oder zu
+erforschen. Dies ab er ist durchaus verschieden von der in einigen
+Menschen sich bis zur Leidenschaft steigernden Lust, zu lesen. Diese
+Lust liegt in einer inneren Lebendigkeit, die ich nie so besessen habe,
+an einem Bedürfnis nach Ideenstoff, das aber freilich zugleich an ein
+Verlangen geknüpft ist, diesen Stoff von außen in bunter
+Mannigfaltigkeit zu bekommen, anstatt ihn in größerer Einförmigkeit aus
+seinem Innern zu schaffen. Indes ist diese Neigung darum nicht zu
+mißbilligen. Der Mangel an jener Strebsamkeit nach außen hin, das Hängen
+an einsamem Sinnen, das Versenken in sich selbst ist auch nicht immer
+reines Metall ohne Schlacken. Es entspringt oft aus Apathie, aus Hang
+zum Müßiggange, und ist oft mehr ein waches Träumen als ein fruchtbares
+Nachdenken. Es führt aber eine Süßigkeit mit sich, die ich sonst mit
+nichts vergleichen kann, man mag sich nun in Ideen verlieren oder
+Erinnerungen zurückrufen. Das erste ist leichter und müheloser als im
+Gespräch und im Schreiben, da man nur für sich denkt, also Mittelsätze
+überspringen und näher zum Ziel gelangen kann, ja, von niemand gedrängt,
+es nicht so scharf zu erreichen braucht. Wo aber die Wahrheit auf
+Gefühlen ruht, da vertrauen sich diese lieber der Verschlossenheit des
+eigenen Busens an. Darum sind alle religiösen Menschen der Einsamkeit
+leicht zugetan. Erinnerungen aber kleiden sich in ein so sanftes
+Dämmerlicht, daß die Zeit, die man in ihnen zum zweitenmal durchlebt,
+oft dadurch tiefer in die Seele eindringt, als ihr die Unruhe der
+Gegenwart es zu tun erlaubt, denn die Gegenwart ist immer mit der
+Zukunft gemischt, und die Erfindung in ihr ist von einer Seite noch dem
+Wechsel offen. Auch versetzt der Genuß wie der Schmerz in eine Spannung,
+die der ruhigen Betrachtung des Gegenstandes nicht günstig ist. Wenn nun
+dies Vergnügen am Nachhängen gewisser Gedanken, die einen gewohnten Reiz
+über das Gemüt ausüben, der unbestimmten Luft, den Blick in ein Buch zu
+werfen, gegenübertritt, so bleibt meine Wahl nicht lange unentschieden,
+und ich könnte sehr gut lange Zeit ohne alle Bücher zubringen.
+
+Sie bemerkten, daß man sehr oft fragen hört: was ist Glück? Wenn man
+unter dem Worte Glück das meint, durch das man im Leben in der letzten
+tiefsten Empfindung glücklich oder unglücklich ist, nicht bloß darunter
+einzelne Glücksfälle versteht, so ist es recht schwer, das Glück zu
+definieren. Denn man kann sehr vielen und großen Kummer haben und sich
+doch dabei nicht unglücklich fühlen, vielmehr in diesem Kummer eine so
+erhebende Nahrung des Geistes und des Gemüts finden, daß man diese
+Empfindung mit keiner anderen vertauschen möchte. Dagegen kann man im
+Besitz recht vieler Ruhe und Genuß gewährender Dinge sein, gar keinen
+Kummer haben, und doch eine mit den Begriffen des Glücks ganz
+unverträgliche Leere in sich empfinden. Notwendig wird also zum Glück
+eine gehörige Beschäftigung des Geistes oder des Gefühls erfordert,
+allerdings verschieden nach jedes einzelnen Geistes- oder
+Empfindungsmaß, aber doch so, daß eines jeden Bedürfnis dadurch erfüllt
+werde. Die Natur dieser Beschäftigung oder vielmehr dieses inneren
+Interesses richtet sich aber dann nach der individuellen Bestimmung, die
+jeder seinem Leben gibt, oder vielmehr, die er schon in sich gelegt
+findet, und so liegt Glück oder Unglück in dem Gelingen oder Mißlingen
+des Erreichens dieser Bestimmung. Ich habe immer gefunden, daß
+weibliche Gemüter in dies Gefühl lieber und williger eingehen als
+Männer, und sich auf diese Weise ein stilles Glück in einer
+freudenlosen, ja oft kummervollen Lage bilden. Auch für das künftige
+Dasein ist diese Ansicht folgereich. Denn alles Erlangen eines anderen
+Zustandes kann sich doch nur auf einen bereits erfüllten gründen. Man
+kann nur erlangen, wozu man reif geworden ist, und es kann in der
+geistigen und Charakterentwicklung keinen Sprung geben.
+
+
+
+_Tegel_, Februar 1834.
+
+Berlin hat in diesen Tagen einen Verlust erlitten, den man mit Wahrheit
+einen gleich großen für die Religion und Philosophie überhaupt nennen
+kann. Schleiermacher ist nach einem kurzen Krankenlager an einer
+Lungenentzündung gestorben. Er ist Ihnen gewiß nicht unbekannt als
+Herausgeber mehrerer religiöser und moralischer Schriften. Indes war von
+Schleiermacher in ohne Vergleich höherem Grade wahr, was man von den
+meisten sehr vorzüglichen Menschen sagen kann, daß ihr Sprechen ihr
+Schreiben übertrifft. Wer also auch alle seine zahlreichen Schriften
+noch so fleißig gelesen, aber seinen mündlichen Vortrag nie gehört
+hätte, dem blieben dennoch das seltenste Talent und die merkwürdigsten
+Charakterseiten des Mannes unbekannt. Seine Stärke war seine tief zum
+Herzen dringende Rede im Predigen und bei allen geistlichen
+Verrichtungen. Man hätte unrecht, das Beredsamkeit zu nennen, da es
+völlig frei von aller Kunst war. Es war die überzeugende, eindringende
+und hinreißende Ergießung eines Gefühls, das nicht sowohl von dem
+seltensten Geiste erleuchtet wurde, als vielmehr ihm von selbst
+gleichgestimmt zur Seite ging. Schleiermacher hatte von Natur ein
+kindlich einfach gläubiges Gemüt, sein Glaube entsprang ganz eigentlich
+aus dem Herzen. Daneben hatte er aber doch auch einen entschiedenen Hang
+zur Spekulation, er bekleidete auch und mit ganz gleichem Beifall und
+Glück ein philosophisches Lehramt neben dem theologischen an der
+Universität in Berlin, und seine Sittenlehre, ein ganz philosophisches
+Werk, steht in der genauesten Verbindung mit seiner Dogmatik.
+Spekulation und Glaube werden oft als einander feindselig
+gegenüberstehend angesehen, aber diesem Mann war es gerade eigentümlich,
+sie auf das innigste miteinander zu verknüpfen, ohne weder der Freiheit
+und Tiefe der einen, noch der Einfachheit des anderen Eintrag zu tun. In
+einer Äußerung, die er am Tage vor seinem Hinscheiden gemacht, hat er
+gleichsam das letzte Zeugnis davon abgelegt. Er hat nämlich seiner Frau,
+die von sehr ausgezeichnetem Geist und Charakter ist, gesagt, daß seine
+Besinnungskraft für allen äußeren Zusammenhang der Dinge sehr dunkel zu
+werden anfange, daß aber in seinem inneren Ideenzusammenhange eine
+vollkommene Klarheit herrsche, und daß er sich besonders freue, auch
+jetzt seine tiefste Spekulation im reinsten Einklange mit seinem Glauben
+zu finden. In dieser schönen harmonischen Seelenstimmung ist er auch
+gestorben. Mit herzlicher Teilnahme der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 14. März bis 4. April 1834
+
+Es freut mich, daß die Stolbergsche italienische Reise Ihnen
+Befriedigung gewährt. Ich dachte mir gleich, daß sein gründliches
+Eingehen in die Gegenstände, woran andere Anstoß nehmen, Ihnen seine
+Darstellung gerade interessant machen würde. Ich glaubte immer, daß
+Stolbergs Katholizismus eine Folge seines Aufenthalts im Münsterschen
+gewesen wäre, wo es damals einige sehr eifrige, aber geistvolle und
+gemütreiche Katholiken, Männer und Frauen, in den vornehmsten Familien
+gab. Es ist indes sehr möglich, daß auch die italienische Reise dazu
+wesentlich mit beigetragen hat. Die Schönheit und Pracht der Kirchen
+kann wohl ein ernsthaftes Gemüt nicht zu einem andern Glauben verführen,
+allein sehr erfreulich und in gewissen Momenten erhebend ist sie
+unleugbar, auch ganz abgesehen von aller Beziehung auf Glauben und
+Katholizismus, bloß für einen regsamen, gegen innere Eindrücke leicht
+empfänglichen Sinn. Etwas anderes damit Verbundenes hat mir aber immer
+noch einflußreicher geschienen, ich meine den in den meisten
+katholischen Ländern herrschenden Gebrauch, die Kirchen den ganzen Tag
+offenstehen zu lassen. Der Geringste im Volke erhält dadurch einen Ort,
+wo er unbemerkt einsam sitzen und seinen Gefühlen und Gedanken ungestört
+nachhängen kann und gleichsam neben seiner von allen irdischen
+Mühseligkeiten durchwimmelten Wohnung eine von diesem allen entblößte
+Freistatt findet, in der ihn alles auf wahrhaft hohe und würdige
+Betrachtungen führt. Das beständige sorgfältige Verschließen unserer
+protestantischen Kirchen hat, wie schwerlich abgeleugnet werden kann,
+etwas Trübes und macht, daß auch darin vorhandene Pracht und Kunst nicht
+wahrhaft zum öffentlichen Genuß kommt. Man gelangt nur durch
+ausdrückliches Aufschließen des Kirchners, den man herbeiholen lassen
+muß, dazu. In jenen Ländern nimmt das ganze Volk einen freieren und
+freudigeren Anteil daran, und man würde sehr irren, wenn man glaubte,
+daß das Volk dagegen unempfindlich wäre.
+
+Die geschmacklosen Stellen einiger alten Kirchengesänge, von denen Sie
+schreiben, bin ich weit entfernt in Schutz zu nehmen. Das Dichterische
+hängt nicht notwendig mit der Bildung zusammen, hängt wenigstens nicht
+von ihr ab, es beruht auf Schwung und Tiefe, und der Sinn dafür findet
+sich oft reiner beim Volke als bei der Klasse der gebildeten, aber
+nicht ganz durchgebildeten Personen. Es scheint mir auch nicht, daß die
+Verfasser der alten Kirchenlieder solche Stellen aufnahmen, um sich auf
+diese Art an die Vorstellungsart und die Sprache des Landmanns
+anzuschließen, ihm verständlicher zu werden und seine Empfindungen
+lebendiger anzuregen. Was wir geschmacklos finden, erschien ihnen nicht
+so, das lag in ihrer Zeit, wo wahrhaft deutsche Bildung feinerer Art
+kaum vorhanden war, und die Gebildeten, insofern ihre Bildung nicht eine
+ausländische oder gelehrte war, in der Tat sich weniger vom Volke
+unterschieden als jetzt. Jene alten Kirchendichter, und namentlich Paul
+Gerhard, in welchen einzelne uns mißfällige Stellen nur unwesentliche
+Flecke sind, verstanden es weit besser, den Punkt zu finden, wo man dem
+Volke durchaus verständlich und seine Gefühle anregend ist, ohne sich in
+den Begriffen herabzustimmen und an ihrer Richtigkeit nachzulassen oder
+eine unedle Sprache anzunehmen. Diese wahre Volksmäßigkeit ist ein
+hauptsächliches Erfordernis guter und zweckmäßiger Kirchengesänge. Denn
+die Kirche ist für alle, es soll sich in ihr kein Kreis vornehmer oder
+höherer Bildung absondern; der wahrhaft Gebildete soll aber auch durch
+nichts ihn Verletzendes zurückgestoßen werden. Beides kann erreicht
+werden, ohne daß eines dem anderen Abbruch täte. Denn alles rein und
+natürlich Menschliche, frei von Künstelei und Gelehrsamkeit in Sachen
+der Erkenntnis und von Verzärtelung und Überspannung in Sachen des
+Gefühls, ist dem Volke und besonders dem Landmanne, dem ich hierin viel
+mehr zutraue als dem Städter, gewiß nicht bloß vollkommen verständlich,
+sondern auch seiner Emfindung zugänglich, und eben dies tief und echt
+Menschliche ist auch die Grundlage aller wahren Bildung. In diesen
+Ausgangspunkten des menschlichen Denkens und Empfindens begegnen sich,
+wenigstens in Deutschland, alle Klassen der Nation. Ebenso vereinigen
+sie sich in dem Verständnis einer einfachen, klaren und würdigen
+Sprache, wie man an Luthers Bibelübersetzung sieht, die sich nie zum
+Gemeinen herabläßt und -- die Stellen ausgenommen, wo die Schwierigkeit
+in dem Sinne und den Sachen liegt. -- zugleich allgemein verständlich
+ist. Sich recht nahe an die biblische Sprache zu halten, ist auch für
+Kirchengesänge der sicherste Weg, auch schwierigeren Ideenreihen in das
+Gemüt des Volks Eingang zu verschaffen. Wenn man, wie nicht selten
+geschieht, von einem Prediger mit Rühmen erwähnt, daß er für die
+gebildeten Klassen erhebend und belehrend predige, so halte ich das für
+ein sehr einseitiges Lob, und wenn er es nicht versteht, ebenso
+erbaulich für das Volk und den gemeinen Mann zu predigen, für einen
+wahren Tadel. Die Kirche umschließt alle, und die Religionswahrheiten
+werden ihrer Natur angemessener, allgemeiner und menschlicher
+aufgefaßt, wenn man sie auf allgemeine Verständlichkeit gründet. Die
+Scheidewand, die die gebildeten Stände vom Volke trennt, ist ohnehin
+schon zu groß; man muß daher mit doppelter Sorgfalt das hauptsächlichste
+Band erhalten, das sie noch zusammenknüpft. Leben Sie wohl und rechnen
+auf meine unwandelbare Teilnahme an allem, was Ihnen begegnet. Der
+Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, den 15. April bis 8. Mai 1834.
+
+Sie haben, liebe Charlotte, bemerkt, daß meine Handschrift in meinen
+zwei letzten Briefen größer, bestimmter und deutlicher geworden ist, und
+ich sah daraus, daß diese Veränderung Sie überraschen und Ihnen
+auffallen würde. Es ist ein Sieg, den mein Wille endlich durch festen
+Vorsatz über meine Hand davongetragen hat. In Hinsicht der
+Unbequemlichkeit, eigentlich nicht schreiben zu können, sondern alles
+diktieren zu müssen, bringt mich zwar diese Verbesserung nicht weiter,
+da die neue Methode eher langsamer als schneller wie die bisherige ist.
+Es ist indes doch ein wahrer Gewinn, daß es ordentlicher aussieht und
+keine Schwierigkeit zu lesen macht, da die vorige Schrift auf ängstliche
+Weise in Unleserlichkeit überging. Man kommt so im Alter auf die
+Kinderschrift zurück. -- Es ist ein großer, wichtiger und mißlicher
+Punkt im Alter, der wenigstens mich beständig begleitende Zweifel, ob
+die Jahre nicht allmählich eine Schwächung des Geistes oder Charakters
+oder beider unbemerkt hervorbringen. Wer vernünftig ist und wahr mit
+sich selbst umgeht, muß sich gestehen, daß es kaum anders sein kann.
+Alles nützt sich durch die Zeit ab, und die Abhängigkeit der Seele vom
+Körper kommt dazu. Bisweilen ertappt man sich auch wohl selbst auf
+einzelnen Beweisen. Es bleibt aber immer ein quälender Gedanke, ob diese
+Fälle nicht ungleich häufiger sind, als man sie bemerkt. Man mißtraut
+mit Recht dem eigenen Urteile, weil seine Schärfe auch durch dieselbe
+Abnahme gelitten haben muß, und man von anderen nie die Wahrheit über
+solchen Punkt erfährt. Am meisten, behauptet man gewöhnlich, leide das
+Gedächtnis. Das kann ich aber an mir nicht finden; auch würde mich das,
+wenn es nicht zu arg damit würde, am wenigsten kümmern. Schlimmer und
+schwerer zu bemerken ist der Mangel an Festigkeit im Urteil, ja die
+Schwierigkeit, sich bestimmt genug aus dem Zweifel herauszuwickeln,
+um nur überhaupt ein entschiedenes zu fällen. Es ist dies
+Charakterunschlüssigkeit, welche vom Handeln auf das Denken übergeht, da
+alles Geistige im Innern des Menschen immer in unzertrennlichem
+Zusammenhange miteinander steht. Das Schlimmste von allem aber ist die
+Fruchtbarkeit an Ideen. Sie hängt natürlich von der Stärke, Regsamkeit
+und Lebendigkeit aller Geisteskräfte zusammengenommen ab. Es ist daher
+auch natürlich, daß die Zahl der zunehmenden Jahre darauf bedeutenden
+Einfluß ausübt. Schon die Abstumpfung der Sinne bringt um sehr viel.
+Alle Begriffe, die, auch früher gesammelt, auf sinnlichen Wahrnehmungen
+beruhen, verlieren an Bestimmtheit, Deutlichkeit und besonders an weiter
+anregender Anschaulichkeit. Was ich aber am meisten besorge, ist eine
+Art Einschlafen der Seele, daß sie sich immer in einem ihr längst
+bekannten Kreise herumdrehe und sich einbilde, dadurch in befriedigender
+Tätigkeit zu bleiben. Das Wachsein des Geistes, seine Fruchtbarkeit an
+Vorstellungen, die er bald aus der äußeren Beobachtung der Dinge und
+Menschen, bald aus seinem Innern schöpft, oder das feste Fortrücken in
+längst begonnenen, vielleicht durch einen Teil des Lebens
+hindurchgeschlungenen Ideenreihen, ist das wahre, dem menschlichen
+Dasein erst Wert verleihende Glück des Lebens, und zwar nicht bloß für
+intellektueller organisierte, höher gebildete, mehr dem Denken ergebene
+Menschen, sondern für alle. Denn jeder hat einen inneren Kreis von Ideen
+und Gefühlen, Wahrheiten und Vorurteilen, Phantasien und Träumen, in dem
+er wach und regsam bleiben und den er als innere Beschäftigung weiter
+ausspinnen will. Wie wenig geistig auch ein Mensch in seiner Natur sein
+möge, so fürchtet er doch keinen Vorwurf so sehr als den der
+Geistesschwäche. Vor großer ist man vielleicht ohne besondere bedeutende
+Krankheit sicher, aber kleinere ist auch betrübend genug, und man
+ängstigt sich mehr davor, da sie einem leicht lange unbemerkt bleiben
+könnte.
+
+Ich habe Ihren letzten Brief später als gewöhnlich empfangen, und es hat
+mich geschmerzt zu sehen, daß Sie wieder sehr trübe gestimmt waren. Sie
+sagen zwar selbst, daß die Zeit dies auch wieder heilt, aber das Leben
+ist doch zu kurz, um sich ganze Wochen so rauben zu lassen. Sie waren
+auch zu meiner großen Freude eine längere Zeit heiterer und zufriedener
+gestimmt. Kehren Sie dahin zurück, ich bitte Sie recht dringend darum;
+man kann viel, wenn man sich nur recht viel zutraut. Stimmungen
+entstehen allerdings oft aus Ursachen, über welche der Mensch nur wenig
+Gewalt hat, aber sie nehmen zu und werden der inneren Gemütsruhe immer
+verderblicher, wenn man sich in ihnen gehen läßt. Am sichersten stellt
+man ihnen Gefühle entgegen, und Sie haben es gewiß oft selbst an sich
+erfahren, daß sich das Gefühl für erhabene und tief ergreifende Dinge so
+erwärmen kann, daß alle dunkeln und dumpfen Stimmungen dadurch
+verscheucht werden.
+
+Mit der freundschaftlichsten Teilnahme der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, August und September 1834.
+
+Man kann mit Grund voraussetzen, daß alles in der Welt gerade so am
+besten eingerichtet ist, wie es wirklich besteht, und dies schließt von
+selbst jeden kurzsichtigen Tadel aus, den sich kein Vernünftiger
+erlauben wird. Sonst ist eine Erscheinung in der Weltanordnung
+auffallend, daß die lebendigen und empfindenden Geschöpfe, von den
+Pflanzen an bis zu den Menschen, den wilden und rohen Elementen
+untergeordnet und von ihnen abhängig gemacht erscheinen. Es ist als wenn
+die Natur meinte, jenen großen körperlichen und elementarischen
+Verhältnissen müsse erst ihr Recht werden, ehe an das Gedeihen und das
+Glück der empfindenden Wesen zu denken sei. Es ist ohngefähr wie im
+menschlichen häuslichen Leben, wo auch nicht bloß die höhere geistige
+Beschäftigung oft dem gewöhnlichen körperlichen Tagewerke nachstehen
+muß, sondern wo alle Tätigkeit in Geschäften, die doch auch immer nur
+eine äußere ist, in der Meinung der Menschen höher gestellt wird als
+eine innere Hinneigung zu Nachdenken und Wissenschaft. In beiden liegt
+sichtbar der Sinn, daß durch die körperlichen, äußeren Verhältnisse erst
+der Boden bereitet und gesichert werden muß, ehe das Geistige, Innere
+ruhig darauf Wohnplatz finden und ohne Gefahr seine Blüten erschließen
+kann. In von Menschen eingerichteten und also immer unvollkommenen
+Dingen ist das sehr begreiflich. Menschliche Vernunft und Kraft reichten
+nicht zu, den Hauptzweck ohne einige Aufopferung des Besseren zu
+erreichen. Bei der von der höchsten Weisheit und Macht herkommenden
+Welteinrichtung ist eine solche Erklärungsart nicht zulässig. Was man
+sonst über eine solche Zurücksetzung des Geistigen gegen das
+Körperliche, wenn man sie so nennen kann, sagt, ist auch wenig genügend.
+Es muß darin noch etwas von uns Unverstandenes geben, das vielleicht in
+einem uns ganz unbekannten Verhältnis des Geistigen zum Körperlichen
+liegt. Denn wenn wir auch vom Geist oder der Seele nicht viel mit
+Gewißheit erkennen, so ist uns das eigentliche Wesen des Körpers (der
+Materie) völlig unbekannt und unbegreiflich.
+
+
+
+_Tegel_, November bis 3. Dezember 1834.
+
+Sie fragen mich nach Frau von Varnhagen, deren Briefe unter dem Namen
+Rahel von ihrem Manne herausgegeben sind. Ich habe sie allerdings viel
+gekannt, von der Zeit an, wo sie noch ein sehr junges Mädchen war, ein
+paar Jahre, ehe ich auf die Universität nach Göttingen ging. So oft ich
+seitdem in Berlin war, habe ich sie viel und regelmäßig gesehen. Auch
+als ich mich mit meiner Familie in Paris aufhielt, war sie mehrere
+Monate dort, und es fiel nicht leicht ein Tag aus, wo wir uns nicht
+gesehen hätten. Man suchte sie gern auf, nicht bloß, weil sie von sehr
+liebenswürdigem Charakter war, sondern weil man fast mit Gewißheit
+darauf rechnen konnte, nie von ihr zu gehen, ohne nicht etwas von ihr
+gehört zu haben und mit hinwegzunehmen, das Stoff zu weiterem ernsten,
+oft tiefen Nachdenken gab oder das Gefühl lebendig anregte. Sie war
+durchaus nicht, was man eine gelehrte Frau nennt, obgleich sie recht
+viel wußte. Sie verdankte ihre geistige Ausbildung ganz sich selbst. Man
+kann nicht einmal sagen, daß der Umgang mit geistvollen Männern irgend
+wesentlich dazu beitrug. Denn teils ward ihr dieser nicht früh, sondern
+erst als sie sich schon selbst die hauptsächlichsten, sie durch das
+Leben leitenden Ansichten aus ihrem Innern herausgebildet hatte, teils
+hatten alle ihre Gedanken und selbst die Form ihrer Empfindungen ein so
+unverkennbares Gepräge der Originalität an sich, daß es unmöglich war,
+dabei an irgend bedeutenden fremden Einfluß zu denken. Sie ging auch
+viel mit uninteressanten Menschen um. Dies entstand aus Zufälligkeiten
+ihrer äußeren Lage. Da sie aber eine große Lebendigkeit besaß und gern
+mit Menschen lebte, so vermied sie es auch weniger sorgfältig, als es
+sonst geistreiche Personen wohl zu tun pflegen. Es war ihr ein
+eigentliches Talent gleichsam angeboren, auch dem unbedeutend
+Scheinenden eine bessere und anziehende Seite abzugewinnen. Jede
+Individualität flößte ihr schon als solche ein gewisses Interesse ein,
+da sie sie zum Gegenstande ihrer Betrachtung machte, und sich auch
+wirklich in jeder eine bessere und anziehende Eigenschaft herausfinden
+läßt. Die Varnhagen ging von jedem Punkt des täglichen Lebens gern zu
+innerem, tieferem Nachdenken über, sie schöpfte selbst vorzugsweise gern
+ihren Stoff zu diesem aus der Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit.
+Überhaupt war Wahrheit ein auszeichnender Zug in ihrem intellektuellen
+und sittlichen Wesen. Sie kannte darin keine weichliche Selbstschonung,
+weder um sich etwaige Schuld zu verbergen oder sie zu verkleinern, noch
+um in Wunden, die ihr das Schicksal schlug, mit tiefer Selbstprüfung
+einzugehen. Sie überließ sich aber auch keinen Selbsttäuschungen, keinen
+trügerischen Hoffnungen, sondern suchte überall nur die reine und nackte
+Wahrheit auf, wenn sie auch noch so unerfreulich oder selbst bitter sein
+mochte.
+
+Ich breche hier ab, da ich eben Ihren lieben Brief bekomme. Warum aber,
+liebe Charlotte, fahren Sie in aller Welt fort, den Zeitungen zu glauben
+und sich und, verzeihen Sie, auch mich zu ängstigen. Ich glaubte Sie
+eben beruhigt und sehe Sie leider schon wieder so sehr beunruhigt. Mein
+körperlicher Zustand ist, im ganzen genommen, in diesem Augenblicke
+sichtbar besser, und ich weiß von keiner besorglichen Kränklichkeit, so
+daß ich nicht glaube, daß ich je wieder Norderney noch irgendein anderes
+Bad besuchen werde. Sie sehen, wie falsch die Zeitungsnachrichten sind.
+Ich bin so glücklich, nichts von dem zu kennen, was man von mir
+schreibt. Sie erzeigen mir einen großen Gefallen, wenn Sie sich nicht
+wieder dadurch beunruhigen lassen. Ich bitte Sie recht herzlich darum!
+Mit inniger Teilnahme der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, Dezember 1834 bis 2. Januar 1835.
+
+Ich mußte neulich über Frau von Varnhagen abbrechen, ehe ich alles
+gesagt hatte. Der Mann der Verstorbenen gab zuerst einen Band von
+Briefen bloß als Geschenk für Bekannte und Freunde heraus. Diese Ausgabe
+besitzen nur diejenigen, die sie zum Geschenk erhalten haben. Später
+aber hat Varnhagen eine zweite vermehrte Ausgabe in drei Teilen
+veranstaltet, die allgemein verkauft wird. Ich zweifle nicht, daß Sie
+diese nicht sollten bald erhalten können. Ich glaube aber kaum, daß Sie
+die Geduld haben werden, die drei Teile zu durchlesen. Sehr vieles wird
+Ihnen gefallen, Sie anziehen, fesseln. Allein mit der ganzen
+Individualität dürften Sie, wie ich Sie kenne, schwerlich
+übereinstimmen. In einem Punkte gehen Sie beide schon ganz auseinander.
+Die Varnhagen vergöttert wahrhaft Goethe, und es ist nichts, was sie
+nicht groß und schön an ihm fände. Sie lieben und bewundern ihn zwar
+auch, ja sie hegen einige Vorurteile gegen ihn, die meiner Überzeugung
+nach auch ungerecht sind. Indes macht das einen Unterschied, daß sie
+Goethe persönlich kannte, wodurch sich leicht eine nicht immer
+unparteiische Vorliebe bildet. Ob Sie mit der Art der Religiosität, die
+sich in den Briefen ausspricht, zufrieden sein werden, ist sehr die
+Frage. Ich glaube es nicht.
+
+
+
+Januar 1835.
+
+Die Varnhagen redet sehr viel von sich. Das kann man vielleicht am
+meisten und gerechtesten an ihr tadeln, obgleich diejenigen, die es
+lieben, daß sich fremde Individualität unverhohlen vor ihnen ausspricht,
+das Buch gerade darum gern haben. Sie erzählt aber mehr, setzt Gedanken
+auseinander, drückt Empfindungen aus, fällt aber seltener Urteile über
+andere, ihre Handlungen und Charaktereigenschaften. Wo sie es tut, kann
+ich aber weniger als in anderen ihrer Urteile mit ihr übereinstimmen.
+Sie war allerdings eine Jüdin und ging spät, wohl erst kurz vor ihrer
+Verheiratung, zum Christentum über. Ihr Mann, viel jünger als Sie, war,
+noch verheiratet mit ihr, Gesandter unseres Hofes in Karlsruhe und lebte
+nachher in Berlin, wo er noch jetzt ist. Er beschäftigt sich fast
+ausschließlich mit Literatur und wird mit Recht zu den bedeutendsten
+Schriftstellern der Zeit gerechnet. Er ist aber sehr kränklich, und so
+sehe ich ihn jetzt fast garnicht, so gern ich sonst viel mit ihm umgehen
+würde. Daß Sie Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Frau hätten, kann ich
+nicht nur im geringsten nicht finden, sondern ich bin überzeugt, daß das
+bloß unbegründete Einbildung ist. Zwei Personen können wohl allgemeine
+Eigenschaften, wie Treue, Wahrhaftigkeit, Freude am Nachdenken usw.
+miteinander gemein haben, jede dieser Eigenschaften stellt sich aber in
+jeder von beiden anders und wird dadurch in der Tat zu etwas
+Verschiedenem. Dies war im doppeltem Grade bei der Varnhagen der Fall.
+Denn man mag sie nun noch so sehr bewundern, oder im Gegenteil sie noch
+so tadelnswert finden, so muß man ihr immer zugestehen, daß sie durchaus
+und in allem originell war. Sie glich wirklich nur sich selbst, und ich
+glaube nicht, daß man jemand nennen kann, der ihr ähnlich gewesen wäre.
+Es ist das nicht gerade ein Lobspruch, mit dem man sie belegt, es ist
+nur der Ausdruck der einfachen Wahrheit; Sie werden es gewiß ebenso
+empfinden, wenn Sie mehr in den Briefen lesen. Es werden darin eine
+große Menge von Personen erwähnt, teils mit ganz ausgeschriebenen Namen,
+teils mit den Anfangsbuchstaben. Das Interesse wird nun natürlich durch
+die Kenntnisse dieser Personen noch sehr erhöht, es hängt aber
+eigentlich niemals davon ab, da immer schon allgemeines, Räsonnement
+oder Empfindung, an die Persönlichkeit geknüpft ist. Ein Vorwurf aber,
+den man der Verfasserin mit Recht machen kann, ist, einigen Personen
+mehr Lobsprüche zu erteilen, als auf die sie selbst billigerweise hätten
+Anspruch machen dürfen. Man kann das aber nicht Schmeichelei nennen, da
+es Leute waren, von denen sie in keiner Art etwas hatte, noch je etwas
+hoffen konnte. So irrig in solchen Fällen gewiß auch ihre Meinungen und
+Ansichten waren, so ist der doch noch so auffallende Irrtum sichtbare
+Wahrheit in ihr. Diese Menschen erschienen ihr wirklich so. Sie konnte
+sogar an sehr uninteressanten Menschen, wenigstens solchen, die es allen
+übrigen schienen, Gefallen finden. Es gelang ihrem Geist, ihnen
+irgendeine einzelne anziehende Seite abzugewinnen, und das Gefallen
+daran trug sich leicht auf die ganze Persönlichkeit über. Was Sie, liebe
+Charlotte, in Ihrem letzten Briefe über Selbstkenntnis und
+Selbsttäuschung sagen, hat mich sehr interessiert. Ich gestehe aber, daß
+ich Ihre Meinung nicht ganz teilen kann. Ich halte die Selbstkenntnis
+für schwierig und selten, die Selbsttäuschung dagegen für sehr leicht
+und gewöhnlich. Es mögen einzelne dahin gelangt sein, das Ziel zu
+erreichen, und so mache ich Ihnen nicht streitig, daß Sie mit Recht sich
+richtig und genau zu kennen glauben. Ich möchte aber nicht dasselbe mit
+gleicher Zuversicht behaupten. Auf den ersten Blick scheint es
+allerdings leichter, sich selbst als andere zu kennen, da man sich
+unmittelbar fühlt, von anderen aber nur Äußerungen wahrnimmt, von denen
+man erst auf den inneren Grund schließen muß, so daß man bei diesem
+zwiefachen Verfahren auch einem zwiefachen Irrtume ausgesetzt ist. Aber
+der Beurteilende ist und bleibt doch von dem Beurteilten getrennt und
+kann unter allen Umständen seine kalte Unparteilichkeit und ruhige
+Besonnenheit behalten. Er wird nicht notwendig von dem Gegenstande
+seiner Beurteilung bestochen oder hingerissen, oder auch gegen ihn
+eingenommen oder mißtrauisch gemacht. Bei der Selbstprüfung ist man
+allen diesen Gefahren ausgesetzt. Die beurteilende Kraft wird ewig von
+ihrem Gegenstande affiziert. Beide tragen einerlei Farbe und Stimmung an
+sich. Man ist bisweilen ebenso geneigt, sich Fehler anzudichten oder die
+wirklichen zu vergrößern, als das gerade Gegenteil zu tun. Man beurteilt
+sich auch ungleich in verschiedenen Momenten. Der oft eintretende Irrtum
+rührt auch garnicht immer von Mangel an Wahrheitsliebe oder aus
+Eigendünkel her, sondern entsteht auch bei den reinsten Absichten und
+dem redlichsten Willen; denn der Irrtum schleicht sich in die Ansicht
+und in das Gefühl selbst ein. Der Fall scheint mir also garnicht so
+einfach, daß, wie Sie sagen, die Verfälschung nur durch Eitelkeit zu
+befürchten wäre. Die Eitelkeit selbst aber ist von so vielfacher Art,
+daß vielleicht niemand ist, der es wagen möchte, sich ganz frei davon zu
+nennen. Man ist es von dieser oder jener, aber recht schwer von aller.
+Einzelne Handlungen und ihre Beweggründe lassen sich noch eher selbst
+beurteilen. Je mehr es aber auf eine Reihe von Handlungen und den ganzen
+Charakter ankommt, desto unsicherer wird das eigene Urteil. Darum sind
+Selbstbiographien nur dann wahrhaft lehrreich, wenn sie eine große
+Anzahl von Tatsachen enthalten. Die Selbstbetrachtungen können leicht
+irreführen.
+
+Ihrem am 24. Januar abgegangenen lieben Brief habe ich die Freude zu
+danken, einmal wieder etwas von Ihnen in recht heiterer Stimmung
+Geschriebenes gelesen zu haben. Sie wissen, daß mich das schon aus
+herzlichem Anteil an Ihnen besonders freut, daß ich es aber auch
+außerdem gern habe und die Stimmung schöner finde, die das Fröhliche
+recht heiter und das Widrige besonnen und gefaßt aufnimmt. Wenigstens
+ist es auf jeden Fall eine mehr beglückende. Mögen dann die dem Januar
+folgenden Monate alle harmlos und friedlich an Ihnen vorübergehen, und
+keine schmerzlichen Erscheinungen Ihre schöne Stimmung stören. Erhalten
+Sie Ihre Heiterkeit! Leben Sie wohl! Mit unveränderlicher Teilnahme Ihr
+ H.
+
+Abgegangen den 2. Februar 1835.
+
+
+
+_Tegel_, Februar 1835.
+
+Ich endete meinen Brief mit Wohlgefallen an Ihrer heiteren Stimmung, und
+fange wieder damit an und komme darauf zurück. Da das Jahr so gut
+angefangen hat, wird es auch erwünscht enden. Es ist schon viel mit der
+guten Vorbedeutung gewonnen, und der Aberglaube selbst ist nützlich,
+wenn er im Vertrauen bestärkt. Denn Hauptereignisse und wahre
+Unglücksfälle abgerechnet, nehmen die Dinge meistenteils die Farbe der
+Seele an. Ein Gemüt, das sich meist in Heiterkeit erhält, ist schon
+darum so schön, weil es immer auch ein genügsames und anspruchsloses
+ist. Ich rede natürlich nicht von der durch Leichtsinn entstehenden
+Sorglosigkeit. Den Leichtsinn schließt schon der Ausdruck der Heiterkeit
+aus. Denn dies schöne Wort wird in unserer Sprache immer nur im edelsten
+Sinn genommen. Was heiter macht, ist entweder die ruhig besonnene
+Klarheit des Geistes und der Gedanken, oder das Bewußtsein einer frohen,
+aber des Menschen würdigen Empfindung. Man kann nicht Heiterkeit
+moralisch gebieten, aber nichtsdestoweniger ist sie die Krone schöner
+Sittlichkeit. Denn die Pflichtmäßigkeit ist nicht der Endpunkt der
+Moralität, vielmehr nur ihre unerläßliche Grundlage. Das Höchste ist der
+sittlich-schöne Charakter, der durch die Ehrfurcht vor dem Heiligen, den
+edlen Widerwillen gegen alles Unreine, Unzarte und Unfeine, und durch
+die tief empfundene Liebe zum rein Guten und Wahren gebildet wird. In
+einem solchen Charakter herrscht die Heiterkeit von selbst, wird nur
+durch wahren Kummer auf Zeiten verdrängt, doch bleibt sie auch da noch,
+nur in veränderter Gestalt und sich mit der Wehmut vermählend, zurück.
+So ist sie beglückend und veredelnd zugleich. Daß zur Aufheiterung des
+Gemüts eine auch heitere Gestaltung der den Menschen zunächst und
+täglich umgebenden Dinge beiträgt, erkennt niemand so sehr an als ich.
+Ich bin daher ganz einverstanden mit dem Plan, der Sie zu dem Ende
+beschäftigt, und wünsche von Herzen, daß er gut vonstatten gehen möge,
+und bitte Sie, mich von der Ausführung in einigem Detail zu
+benachrichtigen...
+
+Es scheint, als könne man den eigentlichen Winter als beendigt ansehen.
+Solche gelinde Winter wie der diesjährige sind zwar weniger schön für
+das Auge und gewähren nicht die Wintervergnügungen, aber sie sind, was
+wichtiger ist, menschlicher. Die starrenmachende Kälte hat schon für die
+Einbildungskraft, geschweige für das Gefühl etwas Beengendes und
+wahrhaft Fürchterliches, der Not nicht zu gedenken, in welche ein
+strenger Winter die ärmeren Volksklassen versetzt, und der auch durch
+reiche Almosen nie ganz abzuhelfen möglich ist, da selbst wohlhabenden
+Haushaltungen der Unterschied eines strengen und gelinden Winters immer
+fühlbar bleibt.
+
+
+
+Den 27. Februar.
+
+Ich bin im Besitz Ihres Briefes vom 18. d. Monats und danke Ihnen sehr
+dafür. Ich freue mich, daß Sie fortfahren, wohl und heiter zu sein.
+Leben Sie heute recht wohl! Wenn mein nächster Brief abgeht, fangen
+schon die ersten Blätter an hervorzubrechen.
+
+Mit unveränderlicher Teilnahme der Ihrige. H.
+
+
+
+_Tegel_, im März 1835.
+
+Ich erfahre immer nur durch Sie, liebe Charlotte, was man in den
+Zeitungen von mir sagt. Diesmal enthält es bloß Wahrheit, insofern es
+von meiner Gesundheit handelt. Bis jetzt hat mir der sonderbare Winter
+keinerlei Unbequemlichkeit zugefügt, doch hält man ihn für ungesund.
+
+Wie aber die Leute dazu kommen, so oft und ohne alle äußere Veranlassung
+in den Zeitungen von mir zu reden! Es beweist recht, wie das
+Privatgeklatsche zur öffentlichen Sache geworden ist, da man nicht die
+Naivität haben muß zu glauben, daß es aus wahrem Anteil geschehe. Es ist
+die Sucht, Neuigkeiten mitzuteilen, welcher Art sie auch sein mögen. Ich
+erinnere mich oft bei solchen öffentlichen Erwähnungen, wie auffallend
+mir der erste Gedanke daran war. Als ich noch in Göttingen studierte,
+schrieb mir eine Frau, mit der ich im Briefwechsel stand: jetzt schreibe
+ich ihr oft, es werde aber eine Zeit kommen, wo sie nur in Zeitungen von
+mir lesen würde. Es kam mir damals ganz fabelhaft und abenteuerlich vor,
+daß mein Name in den Zeitungen sollte genannt werden. Man mischte damals
+noch nicht so häufig wie jetzt Privatverhältnisse den allgemeinen, die
+Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Ereignissen bei.
+
+Wenn Sie von Goethes nachgelassenen Werken nur vier Bände gelesen haben,
+so fehlen Ihnen noch elf. Es sind fünfzehn neue Bände seit seinem Tode
+der damals schon vollendeten Ausgabe der vierzig Bände hinzugekommen.
+Die Fortsetzung seiner Lebensgeschichte rate ich Ihnen aber sehr zu
+lesen, sie ist an sich hübsch und anziehend und umfaßt gerade die Zeit,
+wo Ewald mit Goethe oft in Offenbach zusammentraf, so daß Sie an dieser
+Epoche ein doppeltes Interesse finden werden, da Sie Ewald oft von
+dieser Zeit sprechen hörten und Ihre Erinnerungen jener Gespräche mit
+den Goetheschen Erzählungen vergleichen können. Da er seine
+Lebenserzählungen selbst Wahrheit und Dichtung nennt, so mag er sich
+große Freiheit dabei erlaubt haben. Ich glaube nicht, daß diese
+nachgelassenen Schriften sonst viel enthalten, das Ihnen nützlich oder
+angenehm zu lesen sein könnte. Zu den optischen und naturhistorischen
+kann ich Ihnen nicht raten, Sie werden von dieser Lektüre weder
+augenblickliche Befriedigung, noch irgend ernsthaften Gewinn ziehen.
+
+Sie werden vielleicht in den Zeitungen ein Buch angekündigt gefunden
+haben, das den Titel führt: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde. Wenn
+Ihnen dies in die Hände fällt, so rate ich Ihnen, es nicht ungelesen zu
+lassen. Sie werden darin große Unterhaltung finden, und es wird Ihnen
+nicht entgehen, daß die Verfasserin sehr ausgezeichnet ist durch Geist
+und Talent. Sie ist Witwe des als Dichter berühmten Achim von Arnim und
+Enkelin der als Schriftstellerin so bekannten Frau von Laroche; ihre
+Mutter war die Brentano, deren auch in Goethes Leben so oft erwähnt ist,
+und die mehrere Kinder hinterlassen hat. Frau von Arnim lebt in Berlin,
+da ihr Mann in der Nähe Güter besaß. In ihrer ersten Jugend ging sie in
+Frankfurt am Main viel mit Goethes Mutter um, die sie sehr lieb gewonnen
+zu haben scheint. Dadurch entstand die Bekanntschaft mit Goethe selbst,
+anfangs nur durch Briefe, nachher persönlich. Sie hat nun zwei Bände
+Briefwechsel, teils mit Goethe, teils mit seiner Mutter, und einen Band
+Tagebuch drucken lassen. Das Hauptthema ist ihre leidenschaftliche Liebe
+zu Goethe. Nebenher kommen aber andere Erzählungen eigener und fremder
+Lebensereignisse, Betrachtungen und Räsonnements darin vor. Von Goethe
+geben uns diese Bände nur etwa dreißig Briefe, von welchen dazu einige
+nur wenig Zeilen enthalten. Große Anerkennung von Bettinas auch wirklich
+seltenem Geiste und ihrer wunderbaren Originalität geht allerdings aus
+diesen Briefen hervor. Der Briefwechsel fällt in das Jahr 1807 und in
+die zunächst darauf folgenden, wo die Verfasserin zwar gar kein Kind,
+sondern ganz herangewachsen, aber allerdings sehr jung war. Im ganzen
+macht das Buch viel Aufsehen und findet viel Beifall, obgleich auch das
+wirklich Schöne und Geniale immer wieder mit Stellen vermischt ist, die
+gewiß allgemein mißfallen. Überhaupt ist zu bedauern, daß sich mit der
+wahren und schönen Originalität so manche Züge wunderlicher Launen
+vermischen. Über Goethes Mutter enthält das Buch viele und überaus
+hübsche Details. Diese war, wie es scheint, nicht gerade sehr bedeutend
+von Geist und Charakter; aber ihre Lebendigkeit, ihre Lust an Menschen
+und selbst an Vergnügungen, besonders eine gewisse originelle Stimmung
+mögen doch auf den Sohn eingewirkt haben. Das Arnimsche Buch liefert
+recht lebensfrische Briefe von ihr. Eine durch Tiefe des Gefühls höchst
+interessante Erzählung in den Briefen der Frau von Arnim ist die
+Erzählung des Todes eines Fräuleins von Günderrode, von der Sie gewiß
+schon gehört haben. Sie brachte sich selbst ums Leben. Eine unglückliche
+Liebe führte sie zu diesem gewaltsamen Entschluß.
+
+
+
+Den 28. März.
+
+(Elf Tage vor dem Tode Wilhelm von Humboldts.)
+
+Ich besitze seit dem 23. Ihren Brief vom 18., liebe Charlotte, habe ihn
+aber noch nicht ganz gelesen, da ich meinen Augen wenig zutrauen darf,
+und mir andere Beschäftigungen dazwischen kamen. Mit unveränderlicher,
+inniger Teilnahme der Ihrige. H.
+
+
+
+
+
+
+Zur Einführung.
+
+»Gefühl fürs Wahre, Gute und Schöne adelt die Seele und beseligt das
+Herz; aber was ist es, selbst dieses Gefühl, ohne eine mitempfindende
+Seele, mit der man es teilen kann!
+
+ Noch nie wurde ich von der Wahrheit dieses Gedankens so lebhaft und
+ so innig durchdrungen, als in dem jetzigen Augenblick, da ich mich,
+ auf ungewisse Hoffnung des Wiedersehens, von Ihnen trennen muß!
+
+Pyrmont, den 20. Juli 1788.
+
+_Wilhelm von Humboldt_.«
+
+
+So lautete das Stammbuchblatt, das der einundzwanzigjährige Student der
+Rechte, Wilhelm von Humboldt, der um zwei Jahre jüngeren Pfarrerstochter
+Charlotte Hildebrand beim Abschiednehmen überreichte. Sie hatte ihren,
+nach dem plötzlichen Tode der Gattin, erholungsbedürftigen Vater in das
+herrlich gelegene Modebad begleitet und hier den jungen Aristokraten
+kennen gelernt, der von Göttingen aus, wo er an der berühmten Georgia
+Augusta studierte, einen kurzen Ausflug in das schöne Weserland
+unternommen hatte und im selben Hause Wohnung fand, das den Pfarrer
+Hildebrand mit seiner schönen Tochter beherbergte. Zwei gleichgestimmte
+Seelen hatte das Schicksal hier zusammengeführt, und schnell war der für
+Frauenschönheit empfängliche Jüngling von seiner anmutigen
+Tischnachbarin bezaubert, deren große blaue Augen noch später an der
+Greisin einem Gutzkow auffielen. »Schlank gewachsen, über das Maß der
+mittleren Größe hinaus, war Charlotte doch von vollen Formen. Ihr
+frisches Gesicht war von reichen blonden Locken umrahmt.«
+
+»Drei glückliche Tage« verlebten die beiden jungen Menschen im regsten
+Gedankenaustausch in den herrlichen Alleen und der wundervollen Umgebung
+des idyllischen Pyrmont, und dann kam der Abschied, und man ging in der
+Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen auseinander. Doch 26 Jahre sollten
+vergehen, bis das Schicksal beide Menschen wieder zusammenführte,
+freilich unter ganz anderen Bedingungen, als sie damals hätten ahnen
+können.
+
+Den weltgewandten Freund ließ der Strudel des Lebens bald das Pyrmonter
+Erlebnis vergessen. Ihr aber waren jene Tage »die ersten, ungekannten
+Regungen erster erwachender Liebe, so geistiger Art, wie sie wohl bei
+der edleren Jugend immer sind, und das Stammbuchblatt blieb ihr das
+einzige Pfand und Siegel der reinsten und zugleich der einzigen, wahren
+Lebensfreude, die ihr das Schicksal zugewogen«. Und während ihn das
+Leben fast mühelos auf die höchsten Höhen geleitete, wurde sie vom
+Schicksal schwer geprüft, und nichts Bitteres blieb ihr erspart.
+
+In sorgloser Kindheit wuchs Charlotte Hildebrand (im Mai 1769 geboren) auf
+dem Pfarrhofe zu Lüdenhausen auf. In dem schönen Pfarrhause mit seinem
+großen Garten und den geräumigen Wirtschaftsgebäuden hatten schon der Vater
+und Großvater des Pfarrers Hildebrand das Amt des Geistlichen bekleidet,
+und die Familie gehörte zu den wohlhabenderen unter den Landgeistlichen.
+Während die Mutter Charlottes, mehr praktisch veranlagt, den großen
+Haushalt mit Umsicht leitete, war der Vater ein »vielgelehrter,
+tiefdenkender, in der Ideenwelt lebender, sogar in Traumvisionen zuweilen
+bis zum magnetischen Hellsehen sich vertiefender Mann«, der ganz und gar in
+seinen klassischen Studien aufging. Er leitete selbst den Unterricht seiner
+Kinder, und Charlotte mußte an dem Lateinunterricht, den der Vater den
+beiden Söhnen erteilte, teilnehmen, während sie mit ihren Schwestern die
+französische Sprache bei einer aus der Schweiz stammenden Erzieherin
+lernte, an der Charlotte Zeit ihres Lebens mit rührender Anhänglichkeit
+hing. Das heranwachsende junge Mädchen, schwärmerisch veranlagt, lebte ganz
+in der gefühlsseligen Stimmung, wie sie damals durch die Romane eines
+Richardson gepflegt wurde. Damals schloß sie auch ihre ersten
+Freundschaften, die zum Teil fürs Leben halten sollten, wie mit dem
+lippischen Generalsuperintendenten Ewald. Eine Freundschaft mit der Tochter
+eines Arztes in der kleinen hessischen Universität Rinteln war auf ihr
+Leben von nachhaltigem Einfluß. In der romantischen Liebesgeschichte ihrer
+Freundin Henriette Lotheisen spielte sie die Vermittlerin, und diese
+Erlebnisse wurden auch für sie von folgenschwerer Bedeutung, indem sie
+unter dem Einfluß der Freundin die Ehe mit einem Manne einging, der ihr als
+Mensch gleichgültig war, durch den sie aber Eingang in die Gesellschaft
+fand. Schon vor der Pyrmonter Reise war sie die Braut des Dr. Diede
+geworden, eines wohlhabenden Juristen, der in der Residenz Kassel ein
+großes Haus machte. Die Eltern waren mit dieser Verbindung nicht
+einverstanden, aber doch hielt Charlotte -- auch nach der Bekanntschaft mit
+Humboldt -- an dem Verlöbnis fest und wurde bald nach dem Tode der Mutter
+Diedes Gattin. Das gesellschaftliche Leben in Kassel täuschte sie anfangs
+darüber hinweg, daß ihre Ehe nicht glücklich war, aber die Abneigung gegen
+Diede führte zu einem Bruch, als sie in ihrem Hause, in dem zahlreiche
+Offiziere verkehrten, die Bekanntschaft eines Kapitäns von Hanstein machte
+und diesem ihre Neigung zuwandte. Heftige Eifersuchtsszenen veranlaßten
+sie, ihren Mann zu verlassen und zu Hanstein zu flüchten, auf dessen
+Ehrlichkeit sie baute. Ihre Ehe wurde geschieden und sie schuldig
+gesprochen. Dieses Ereignis bewirkte, daß sie bald vereinsamt dastand; und
+auch ihr Vater sagte sich von ihr los. Nun begannen für sie schwere Jahre
+der Prüfung, denn Hanstein, an dessen Liebe sie unerschütterlich glaubte,
+hielt sie von Jahr zu Jahr hin, und dennoch konnte sie sich nicht von
+diesem Manne losreißen. In verschiedenen Briefen an ihre Geschwister klagt
+sie ihre trostlose Verzweiflung, die noch durch äußere Not verstärkt wurde,
+indem ihr Erbteil, das ihr nach dem im Jahre 1800 erfolgten Tode ihres
+Vaters zufiel, sich als weit geringer herausstellte, als sie erwartet
+hatte. Um sich einen Erwerb zu schaffen, zog sie 1804 nach Braunschweig, wo
+sie durch Handarbeiten sich ein auskömmliches Dasein zu verschaffen suchte.
+Dort traf sie ein schwerer Schlag, als sie die Nachricht von der
+Verheiratung Hansteins erhielt, durch die sie aufs tiefste erschüttert
+wurde. »Ach, ich fühle es zu tief und zu stark«, schrieb sie damals an ihre
+Schwester, »daß ich ein halbes Menschenalter mit seinen Ansprüchen und
+Freuden geopfert habe, um es nun zu betrauern, daß ein edler Mann (Du
+weißt, er war es!) sich selbst überlebt hat! Das ist mein Schmerz; nicht
+daß ich ihn verloren habe -- obgleich ich jetzt glaube, daß ich tief im
+Herzen die Hoffnung, mir selbst unbewußt, genährt habe, er werde einst als
+mein Freund mit erhöhter Achtung zurückkehren.«
+
+Nun hielt es sie nicht länger in Braunschweig, und sie zog nach Kassel,
+der Hauptstadt des ausschweifenden, leichtlebigen Königs »Lustik«, wie
+das Volk Jerôme nannte, zurück. Hier schuf sie sich durch Vermieten und
+Anfertigen von »Blumen und Ballgarnituren« einen Unterhalt, der mit den
+Zinsen ihres Vermögens, das sie in Braunschweigischen Staatspapieren
+angelegt hatte, ihr ein auskömmliches Leben gestattete. Von der klugen,
+geistvollen Frau angezogen, fanden sich bald zahlreiche interessante
+Persönlichkeiten in ihrem bescheidenen Heim ein. Da verlor sie
+unerwartet ihr Vermögen, als Napoleon die Staatsschuld Braunschweigs
+nicht anerkannte, und eine neue seelische Erschütterung, die ihr eine
+unglückliche Neigung zu einem Manne brachte, der sie hätte glücklich
+machen können, den sie aber »an ihr welkendes Leben« nicht fesseln
+wollte, da sie ihm »außer einem verständigen, veredelten Herzen nichts
+bieten konnte: keine Jugend, keine Schönheit, kein Vermögen, ja auch
+leider keine Gesundheit« -- warf die schwer geprüfte Frau aufs
+Krankenlager, und aufs neue trug sie sich mit dem Gedanken, freiwillig
+aus dem Leben zu scheiden. Die Jahre 1811 bis 1813 gehörten zu den
+schwersten ihres Lebens. Schließlich verschlug sie ihr Geschick nach
+Holzminden, wo sie schon einmal nach dem Eheskandal in Kassel geweilt
+hatte, und hier erinnerte sie sich in ihrer Not ihres Jugendfreundes aus
+Pyrmont, der ihr vielleicht helfen könnte, und am 18. Oktober 1814
+schrieb sie an Wilhelm von Humboldt, der damals als preußischer
+Abgesandter auf dem Wiener Kongresse weilte. Wir wissen, daß dies der
+Anfang jenes Briefwechsels war, den Humboldt bis zu seinem Tode --
+zuletzt mit rührender Entsagung -- geführt hat, und der Charlotte Diede
+einen ruhigen Lebensabend geschaffen hat.
+
+Die 26 Jahre, in denen Humboldts Jugendfreundin so ungezählte Leiden
+auszukosten hatte, hatten aus dem jungen Studenten der Rechte den großen
+Staatsmann »von perikleischer Hoheit des Sinnes« und Gelehrten werden
+lassen, dessen Freundschaft die Größten unserer Nation suchten, und der
+durch seine Taten und Schriften Gewaltiges für die deutsche Kultur
+geschaffen hat.
+
+Unmittelbar nach jenem Erlebnis in Pyrmont hatte er, der schon vorher in
+Berlin zu dem Tugendbund mit Henriette Herz und Karl de la Roche
+gehörte, seine spätere Gattin Karoline von Dacheröden kennen gelernt,
+die mit Schillers späterer Schwägerin, der nachmaligen Karoline von
+Wolzogen, ebenfalls in diesem romantischen Freundschaftsbunde
+aufgenommen war. Schon am 1. September 1788, also wenige Wochen nach dem
+Zusammentreffen mit Charlotte Hildebrand in Pyrmont, schrieb er einen
+überschwenglichen Brief an Li, wie Karoline von Dacheröden im
+Freundeskreise hieß, die im Jahre darauf seine Braut wurde und mit der
+er seit 1791 achtunddreißig Jahre eine überaus glückliche Ehe geführt
+hat, bis ihm der Tod die treue Lebensgefährtin entriß. Wie nur wenigen
+Sterblichen war es ihm vergönnt, sich sein Leben zu formen, wie es ihm
+behagte, und ungetrübt durch äußere Widerwärtigkeiten konnte er auf
+seiner Bahn fortschreiten, die ihn auf die Höhen der Menschheit führte.
+Auf weiten Reisen nach Frankreich, Spanien, Italien und England hatte er
+Welt und Menschen kennen gelernt, und nach jahrelanger Muße, in der er
+sich auf seinen Besitzungen ganz seinen Forschungen widmen konnte, hatte
+er in der Zeit schwerster vaterländischer Not sein überragendes Wissen
+und seine Kraft in den Dienst des Vaterlandes gestellt, hatte die
+Berliner Universität mitbegründet und weilte damals, als Charlotte Diede
+sich in ihrer Not an ihn wandte, auf dem Wiener Kongreß.
+
+Noch sechs Jahre war er im Dienste des Staates tätig, dann zog er sich
+ins Privatleben zurück, um »nicht vom Aktentische ins Grab taumeln« zu
+müssen. Die fünfzehn Jahre, die ihm sein arbeitsreiches Leben noch
+beschied, widmete er ganz seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als
+Sprachforscher und Philosoph, und je älter er wurde, desto mehr fesselte
+ihn sein Schloß in Tegel, in dem ihn der Geist des Altertums aus den
+herrlichen Bildwerken, die er meist selbst gesammelt hatte, umgab, und
+als den Weisen von Tegel lernen wir ihn auch aus den »Briefen an eine
+Freundin« kennen. Und aus seinem tiefen Wissen und seiner geläuterten
+Weltanschauung konnte er nun der Freundin ein Weiser auf ihrem Pfade
+werden und ihrem unstäten Sinn von seinem göttlichen Frieden mitteilen.
+
+Ihr aber wurden die Briefe Humboldts »ein verjüngender Quell«, und schon
+1818 schrieb sie an ihre Schwester: »Ich genieße überall, wo ich lebe,
+das Glück, geliebt zu sein, und habe die Erfahrung gemacht, daß äußeres
+Glück oder Unglück, Reichtum oder Armut es nicht ist, was uns geliebt
+oder geehrt macht, sondern wir selbst es sind.« Und als ihr nun der
+»himmlische Freund« entrissen wurde, sah sie sich neuen Sorgen
+gegenüber, und einige ihrer Freundinnen ließen ihr anonym eine
+Unterstützung zukommen. Schließlich entschloß sich die Greisin zu einem
+Bittgesuch an Friedrich Wilhelm IV., der sie darauf mit 300 Talern in
+Gold unterstützte, so daß sie nunmehr ihren Lebensabend ruhig
+beschließen konnte.
+
+Die Briefe Humboldts aber sind ihr ein Trost in ihrer Einsamkeit, und so
+schreibt sie an ihre Freundin, die ihr bei der Herausgabe behilflich
+sein soll: »Mit ihnen lebe ich jetzt und fort und fort. Aus diesem
+unerschöpflichen Schatz nehme ich auch jetzt Trost und Fassung, wie ich
+eine lange Reihe von Jahren alles herausnahm, was ich bedurfte an Rat
+und Trost, an Erhebung und Ermutigung, an Besserung und Belehrung, an
+Erleuchtung und Erkenntnis. Sie waren mein einziger Reichtum, sie
+beseelten meine Einsamkeit und entschädigten mich für so viele
+Entbehrungen. Jetzt lerne ich etwas, wie ich den großen Schmerz würdig
+aufnehme und trage, und mit dem Andenken an das, was er mir war,
+fortlebe.« -- Im Jahre 1846 ist auch sie dann zur ewigen Ruhe
+eingegangen.
+
+Uns Deutschen aber bleiben diese Briefe ein köstliches Vermächtnis eines
+unserer größten Geistesheroen, eines Mannes, der die Ideale, die er als
+Seher erschaute, auch in seinem Leben dargestellt hat.
+
+_Rostock_, im Dezember 1920.
+
+_Alfred Huhnhäuser_.
+
+
+
+
+Anmerkungen.
+
+_Zum Vorbericht_. S. 12 Hoffnung des Wiedersehens: Doch geschah es noch
+zweimal nach vielen Jahren. -- Dokument, das hierher gehört: vgl. die
+Einführung S. 492. -- S. 20 als Zusätze nachtragen: Diese Zusätze sind,
+soweit sie zum Verständnis der Briefe wichtig waren, in den Anmerkungen
+zu den Briefen mit verwertet.
+
+S. 21 dies Blättchen: vgl. die Einführung S. 402.
+
+S. 32 Welcher Ihrer Pläne ausführbar sein kann: »Von Ihren jetzigen
+Plänen kann ich keinen billigen und keinen befördern.« In seinen
+weiteren Ausführungen, die von Charlotte Diede ausgelassen sind, lehnt
+Humboldt es ab, sie, wie es ihr Wunsch war, in seinem Hause aufzunehmen.
+-- Anweisung: »auf 200 Taler«.
+
+S. 39 Meine kurzen Briefe können Sie eingeschüchtert haben: Dazu bemerkt
+Charlotte in ihren Zusätzen: »In die Jahre von 1814-20 fielen die großen
+weltgeschichtlichen Begebenheiten und Wilhelm von Humboldts Staats-Leben
+und -Wirken. Lange Briefe konnte ich in dieser Zeit nicht bekommen, aber
+fortwährend empfing ich Zeichen und Beweise des Andenkens und
+Nachrichten über meine Vermögensangelegenheiten..... Ich durfte mich
+nicht abhalten lassen, auch wenn ich nur selten und kurze Briefe
+erhielt, selbst lange Briefe zu schreiben. Doch schrieb ich anfangs nur
+selten.«
+
+S. 47 Ich sehe Ihrem Entschluß und Ihrer Antwort mit Verlangen entgegen:
+Darauf hat Charlotte in einem Brief geantwortet, der als einer der
+wenigen von ihr erhaltenen hier Aufnahme finden möge. »Der Wunsch, den
+Sie, hochverehrtester Freund, mir in Ihrem letzten Brief aussprechen,
+ist ein neuer Beweis Ihrer höchst gütigen Teilnahme, den ich sehr
+dankbar empfinde und erkenne, und zugleich tief die Verpflichtung fühle,
+Ihren Forderungen zu entsprechen. Zugleich aber gestehe ich, daß ich
+auch erschreckt bin, indem Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten mir
+entgegentreten. Zuerst erlauben Sie mir die Einwendung: Wo soll ich den
+Mut finden, Ihnen, der Sie Welt, Leben, Begebenheiten und Menschen in
+den größten Erscheinungen sahen, mein Leben in seinen Verhängnissen
+vorzuführen, die, wenn sie gleich für mich von großer Wichtigkeit waren,
+Ihrem Blick sehr unbedeutend erscheinen müssen. Dann ist auch vieles
+durch die Zeit verblichen, anderes mehr noch weit in die Vergangenheit
+zurückgetreten, wodurch ein solches Unternehmen sehr erschwert wird. Die
+freundlich-schmeichelnden Belobungen meines Schreibens erkenne ich
+dankbar, sehe aber zugleich, daß sie mich ermutigen sollen. Ich antworte
+auf der Stelle, wie Sie das wollen, um ganz ehrlich den ersten Eindruck
+auszusprechen. Gewähren Sie mir, teuerster, gütigster Freund, daß ich
+die Sache erst von allen Seiten ruhig erwäge. Ob ich die mir angeborene
+Schüchternheit, die mich beschämt zurückweist, beherrschen werde? Ich
+wünsche es und will es hoffen, da mein Leben, auch in den verwickeltsten
+Lagen und Verhältnissen, wie in dem Innern von Ihnen gekannt, erkannt
+und verstanden sein möchte, und nur so, wie es bisher geschehen, in der
+einfachsten Wahrheit. -- Daß ich noch einmal, und nur noch einmal auf
+Ihre viel zu gütige Belobung meines Schreibens zurückkomme, verzeihen
+Sie mir gewiß. Es ist große, unendliche Güte, das weiß ich, und kein
+Spott, ob es vielleicht den Schein des Spottes haben könnte; denn wessen
+Feder hat einen ähnlichen Zauber wie die Ihrige! Ich habe nie Anspruch
+an Schönschreiben gemacht; ich habe mich sogar vor dem Bestreben danach
+gehütet: denn ich meine, es führt dem Charakter manche Gefahren herbei.
+Früher als die meisten Frauen habe ich viel geschrieben, teils weil es
+so sein mußte, teils aus Neigung. Zuerst achtete ich streng darauf, daß
+ich mich schriftlich wie mündlich ausdrückte; dies ist Forderung meines
+Charakters, der das Unwahre und Falsche wegweist; dann hütete ich mich
+vor Übertreibungen, die mir immer zuwider waren. So blieb wohl der
+Ausdruck meiner Empfindungen einfach und natürlich, um so mehr, da mir
+alles Gesuchte und Schwülstige sehr mißfällt. Da ich zugleich früher,
+als es meist der Fall ist, Geschäftssachen besorgen mußte, machte dies
+Klarheit der Darstellung durchaus nötig. Auf diese Art gewann ich
+vielleicht mehr Übung und Gewandtheit im Schreiben, als ich ohne diese
+Notwendigkeit erlangt hätte; ich gewann zugleich diese Art der
+Beschäftigung zu meiner eigenen Ausbildung lieb und schrieb viel für
+mich selbst. Wie hätte ich ahnen können, daß diese Übung mir einst
+später den Weg bahnen würde, mich dem teuern Gegenstande vieljähriger
+liebevoller Verehrung wieder zu nahen? In dem, was ich hier sage,
+erkennen Sie schon meine Bereitwilligkeit, Ihnen zu gehorchen, und ich
+darf die Bitte wiederholen: Gewähren Sie mir einige Tage der Überlegung.
+Nachher will ich Ihnen offen und gerade die Resultate derselben
+mitteilen.
+
+»Eines aber erlauben Sie mir gleich einzuwenden: in dritter Person zu
+Ihnen zu reden; was ich allein für Sie schreibe, würde mir einen
+hindernden Zwang auflegen. Meine Verhängnisse wie meine Bildung, beides
+ging aus meinem Innern hervor und wirkte dahin zurück. Tausend Frauen
+würden, hätten sie erlebt, was ich erlebte, ganz andere Schicksale
+daraus gestaltet haben. Diese über uns gebietende Individualität
+verschmilzt mit dem ewig waltenden Geschicke, wie es scheint. Wir können
+nur handeln, wie wir handeln; vieles, was andere tun, auch wenn wir es
+nicht tadeln, weist, als unvereinbar mit uns selbst, unser Inneres weg.
+Über solche Begebenheiten läßt sich nur im innigsten Vertrauen und in
+der einfachsten, ich möchte fast sagen einfältigsten Wahrheit reden. Dem
+schwergeprüften, gereiften Gemüt ist der Schein ganz gleichgültig; es
+bewahrt das tränenschwer Erlebte, gleich einem Heiligtum, verschlossen
+im Busen. Allein dem Allwissenden und der ewigen Liebe schließt es sich
+gläubig auf. Auch dem so innig und unendlich geliebten Jugendfreund kann
+und will es eben so offen daliegen, und nur ihm allein! Wozu dann eine
+fremde, eine gesuchte, einengende Form? Ich darf dies einwenden, weil es
+natürlich ist, und ich nur für Sie schreibe. Ich bin oft aufgefordert,
+meine Lebensbegebenheiten selbst zu schreiben, oder jemand zu
+autorisieren und dazu das Material zu geben, aber ich habe es immer
+verschmäht. Man gelangt nach ungewöhnlichen Schicksalen dahin, sie nur
+in ihren heilbringenden Folgen zu betrachten, sie mit Ehrfurcht als
+höhere Fügungen anzusehen, ja selbst dankbar darauf hinzublicken. Wie
+wenig ist am Ende der Bahn daran gelegen, was wir erlebten, wie wichtig,
+wie unendlich viel, was daraus hervorging! Sollte ich Ihrer Teilnahme
+gewürdigt, Ihres segenreichen Einflusses teilhaftig werden, so dürfte
+auch nichts anders sein, als es war. Demohngeachtet ist es natürlich,
+daß mich das Zurückrufen einer leidenvollen Vergangenheit sehr ergreift,
+und deshalb kann ich nicht gleich eine bestimmte Antwort geben. Sie
+wissen schon aus meinen früheren Briefen, daß ich ungewöhnlich und
+ungemein viel erlebte. Manche Bilder erbleichen und schwanken; ich
+möchte sie nicht wieder herausholen, ja, ich darf das nicht; es würde
+mich zerstören, wollte ich zu lange verweilen in düstern, grauenvollen
+Gegenden. Sie scheinen sich selbst diese Einwendungen gemacht zu haben
+und wissen besser, als ich es sagen kann, daß, wer viel erlebt hat und
+großen Schmerz kennt, ihn schweigend ehrt, nicht davon redet noch reden
+kann, indes der, der den Schmerz weder kennt noch versteht, unendlich
+davon erzählt. Ich erwarte mit Zuversicht die Antwort und darf sie
+erwarten, denn Sie zürnen gewiß nicht über meine zaghaften Einwendungen
+und haben Nachsicht mit meiner Schwäche, indem Sie zugleich erkennen,
+daß es mein Wunsch und Wille ist, Ihnen zu gehorchen. Vielleicht
+übersende ich Ihnen schon früher, als Sie es erwarten, einige Bogen als
+Probe.«
+
+S. 51 Ich war in Düsseldorf bei Jacobi: Der Philosoph Friedrich Heinrich
+Jacobi (1743-1819), den Humboldt im Herbst 1788 auf seiner Rheinreise
+kennen gelernt hatte. Er schreibt damals in einem Briefe an Georg
+Forster, mit dem er kurz vorher enge Freundschaft geschlossen hatte,
+folgendes über diese Begegnung mit Jacobi: »Sein Umgang war mir über
+alles interessant. Er ist ein so vortrefflicher Kopf, so reich an neuen,
+großen und tiefen Ideen, die er in seiner so lebhaften Sprache vorträgt;
+sein Charakter scheint so edel zu sein, daß ich in der Tat nicht
+entscheiden mag, ob er zuerst mein Herz oder meinen Kopf gewonnen hat.
+Er hat mir erlaubt und versprochen, die Verbindung durch einen
+Briefwechsel zu unterhalten.«
+
+S. 54 Ihr alter väterlicher Freund Ewald: Johann Ludwig Ewald
+(1747-1822), Pfarrer, später Generalsuperintendent und Konsistorialrat,
+wird des öfteren in den Briefen erwähnt.
+
+S. 92 Die Kraft abgewinnt, zu erscheinen: hierüber gibt Charlotte in
+ihren Zusätzen folgende Ausführungen:
+
+»Es möchte eine Erklärung nötig sein über die dunkeln Andeutungen,
+welche dieser Brief enthält. Zwar bin ich nicht imstande, die Rätsel zu
+lösen, nur erzählen kann ich das Geheimnisvolle, was Wilhelm von
+Humboldt so sehr interessierte. Es schien nämlich ganz unzweifelhaft,
+daß etwas Geheimnisvolles, ja in ein unsichtbares Bereich Gehörendes,
+nie Aufgehelltes (so sorgfältig auch danach geforscht wurde) in meinem
+Vater lag. Auch war er sich dessen wohl bewußt. Ohne erfreut oder
+niedergeschlagen darüber zu sein, sprach er wohl darüber, erzählte
+mehrere Erfahrungen aus verschiedenen Epochen seines Lebens, ernst,
+würdig, ohne festen Glauben, ohne Furcht, aber auch ohne spöttisches,
+starkgeisterisches Verwerfen. Er pflegte wohl zu sagen: den Zusammenhang
+zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt hat noch niemand
+durchschaut und erkannt.
+
+Es waren weniger Erscheinungen als Wahrnehmungen durchs Gehör; laute, ja
+lärmende Bewegungen in den von ihm bewohnten oder benutzten Zimmern, oft
+alsbald wenn er sie verließ, nie während seiner Gegenwart. Diese
+Geräusche waren dem Beschäftigungsgeräusche gleich, das er in einem
+eigentlich gelehrten Leben durch die damit verbundenen Bewegungen
+erregte: Kramen zwischen Büchern, Schriften und Papieren, Zusammenrücken
+der Tische, Herbeiziehen der Stühle, bald langsames, bald schnelles Hin-
+und Hergehen -- alles ebenso, nur lauter, als es mein Vater betrieb, so
+daß Mutter und Kinder im unteren Stock oft glaubten, der Vater sei zu
+Hause. Dieser pflegte, wenn es das Wetter erlaubte, mittags vor Tisch
+eine Stunde spazieren zu gehen oder zu reiten. Er hatte die Gewohnheit,
+dann seine Arbeitsstube zu verschließen und den Schlüssel einzustecken.
+In diesen Mittagsstunden war das Lärmen am lautesten. Sehr oft, wenn er
+zu Tisch kam, war er ernst, etwas düster und schweigend, aß wenig oder
+auch garnichts. Ein andermal erzählte er, ruhig immer, doch oft mit
+umwölkter Stirn: wenn er den Schlüssel einstecke und aufschließen wolle,
+scheine es, als ob der unsichtbare Teilnehmer des Zimmers, gleichsam als
+werde er überrascht, schnell aufspringe und mit Poltern, Umwerfen der
+Stühle in das Nebenzimmer eile, das aber immer von beiden Seiten
+verriegelt war. Sehr oft sei es so, daß er glauben müsse, es habe sich
+jemand auf sein Arbeitszimmer und zu seinen Papieren geschlichen. Trete
+er aber ein, finde er alles ungeändert, so wie er es verlassen, Bücher,
+Papiere, Federn usw., alles am gewohnten Platz, den Stuhl wie den
+Tisch, an dem er zu schreiben pflegte, unverrückt. Die Mutter, die
+manche häusliche Geschäfte in einem benachbarten Zimmer, auf demselben
+Gange, in demselben Stock vorzunehmen pflegte, sagte wohl zu ihren
+heranwachsenden Kindern: Gott verzeih' mir -- ich glaube, Euer Vater ist
+doppelt! -- Was das Grauenhafte ungemein verminderte, war, daß die
+Nächte und auch die Nachmittage still waren. Vormittags, besonders aber
+in den Mittagsstunden, waren länger als ein Jahr polternde Geräusche,
+was auch Besuchende wahrnahmen. Wirklich niederschlagend war es, daß
+alle Wahrnehmungen nicht bloß an sich unerfreulich waren, sondern daß
+auch kein tieferer Gehalt darin erkannt werden konnte. Sie waren weder
+anzeigend, noch warnend, noch weniger erhebend oder trottend, alles sah
+wie ein Spiel böswilliger Geister aus, die nur Schrecken und Grauen
+erregen wollten. Indes übte auch hier Gewohnheit ihr Recht. Wir hatten
+uns fast an die unheimlichen Unsichtbaren gewöhnt, und da sie uns nicht
+weiter schädlich berührten, ließen wir sie meist unbeachtet. Wie viele
+Nachforschungen und Untersuchungen man auch vornahm, keine derselben
+brachte erklärende Resultate. Mit dem Tode der Mutter, der früh
+erfolgte, verstummte alles Unheimliche, als ob es Anzeichen dieses
+Trauerfalles habe sein sollen.«
+
+S. 111 Diese Träume, dieser gewissermaßen natürliche Magnetismus: Dazu
+gibt Charlotte folgenden Zusatz:
+
+»Die Hindeutung auf gewissermaßen natürlich-magnetische Träume, deren
+hier gedacht wird, möchte noch einige, wenn auch nicht erklärende, doch
+deutlicher machende Worte erfordern, über eine seltsame und gewiß
+seltene physiologische Stimmung, wie solche mir durch oft wiederholte,
+immer gleiche Erzählung bekannt worden ist, ohne Aufschluß erhalten zu
+haben oder geben zu können. Mein Vater erkrankte schwer und langwierig
+in meiner frühesten Kindheit. Gegen alle Erwartung der Ärzte wurde er
+erhalten und gerettet durch eine schwere Operation, die ein sehr
+geschickter Wundarzt, der hinzugezogen wurde, verrichtete. Derselbe
+wurde nach erfolgter gänzlicher Genesung des Vaters von der Familie wie
+ein teurer Wohltäter geliebt und verehrt, und beide Häuser kamen in
+innige Verhältnisse, um so mehr, da groß und klein von gleichem Alter
+waren. Im nächsten Frühjahr wurde der erste Besuch in die benachbarte
+Stadt, zum Doktor und Regimentsarzt M., gemacht. Dieser kleine,
+fröhliche Ausflug war für uns alle ein wahres Fest. Schon beim
+Stillhalten des Wagens, bei dem Aussteigen, bei dem Eintritt in den
+Hausflur wurde mein Vater still und bestürzt, mehr noch beim Eintritt in
+die Wohnstube. Das M-sche Haus war alt und winkelig, man fand sich nicht
+gleich darin zurecht, und ein versteckter Gang führte in einen kleinen
+Garten, von den Kindern der Irrgarten genannt. Nach dem ersten Empfange
+sollten nun erst den Gästen ihre Zimmer angewiesen werden. Jetzt nahm
+der Gast den Hausherrn an den Arm, mit den Worten: »Nun will ich Sie
+führen.« Schweigend brachte er ihn erst in die Gastzimmer, dann durch
+alle Räumlichkeiten durch, vor dem Eintritt in jede Stube und Kammer die
+Bestimmung derselben bemerkend, und zuletzt auch kannte er den
+verdeckten Gartenweg. Fast genauer als im eigenen Hause kennt er hier
+jedes Möbel und gibt der erstaunten Gesellschaft folgenden Aufschluß:
+während seiner dreimonatigen schweren Krankheit habe ihn jeder matte
+Krankenschlummer in dies Haus gebracht; er habe in allen diesen Räumen
+so oft und so lange verweilt, daß er alles aufs genaueste kenne. Da er
+aber den Schauplatz seiner Träume nie gesehen habe, es also keine
+Erinnerungen sein konnten, welche in der kranken Einbildung wieder
+aufstiegen, so habe er es ganz natürlich für phantastische, kranke
+Traumbilder gehalten, ohne weiter darauf zu achten. Man möge nun sein
+Erstaunen nachempfinden, wie er schon beim Stillhalten des Wagens, schon
+beim äußeren Anblick des Hauses, und immer mehr und mehr, seine
+Traumbilder verwirklicht sehe!
+
+Er mochte gern bei dieser sonderbaren Erscheinung seines inneren
+Sehvermögens verweilen und erzählte diese Erfahrung gern, und immer
+getreu dasselbe, so daß ich es ebenfalls getreu wiedergeben kann. Nie
+ist uns über die sonderbare Sache, die für Wilhelm von Humboldt
+lebhaftes Interesse hatte, und die er natürlichen Magnetismus nannte,
+ein näherer Aufschluß geworden. Wer möchte sich ein ähnliches inneres
+Vermögen wünschen!« -- Zschokke gedenkt in seiner Selbstschau eines
+ähnlichen inneren Sehvermögens, doch auch sehr verschieden, da es fremde
+Begebenheiten, und selbst Heimlichkeiten anderer, vorüberführt.
+
+S. 166 wo Sie mich ganz mißverstanden haben: An dieser Stelle wie auch
+zu Anfang des Briefes hat Charlotte das Original Humboldts gekürzt.
+(Vgl. hierzu die Leitzmannschen Forschungen, vor allem eine
+handschriftliche Notiz Charlottes zu diesem Brief.)
+
+S. 184 An Tegel hänge ich: über das Schloß Tegel und seinen
+Bildsäulenschmuck berichtet auch Fontane in seinen Wanderungen durch die
+Mark im dritten Band.
+
+S. 187 ein so stattliches Schloß scheint: Schloß Tegel, 1660 vom Großen
+Kurfürsten als Jagdschloß erbaut, ging 1765 in den Besitz des Majors
+Georg Alexander von Humboldt über. Nach dem Tode des Vaters (1779)
+besaßen die beiden Brüder das Schloß gemeinsam. 1802 übernahm es Wilhelm
+von Humboldt allein. 1822-24 wurde es von Schinkel völlig umgebaut.
+
+S. 235 Frau von Laroche: Sophie von Laroche (1731 bis 1807), die
+Jugendgeliebte Wielands, Schriftstellerin, wird in Goethes »Dichtung und
+Wahrheit« an verschiedenen Stellen erwähnt.
+
+S. 251 Therese Huber, Schriftstellerin (1764-1829), Tochter des
+Göttinger Gelehrten Heyne, war mit Georg Forster, dem Freunde Humboldts,
+und später mit dem Schriftsteller Ferdinand Ludwig Huber verheiratet.
+
+S. 364 Sie erwähnen der neusten unruhigen Auftritte: Gemeint sind
+Volkserhebungen des Jahres 1830. Am 25. August war auch in Belgien die
+Revolution ausgebrochen.
+
+S. 389 Die Ungewißheit der Zeiten: Zusatz von Charlotte: »In dieser Zeit
+erschien die gefürchtete Cholera in ganz Deutschland und setzte, wie es
+jeder erfahren hat, alles in Furcht und Schrecken.«
+
+S. 421 Der Stelle in der Delphine: »Frau von Staël stellt nämlich in der
+Delphine den Satz auf, daß für das Alter oder die späteren Jahre, wo man
+allein stehe, die Ehe nötig und erwünscht sei. Die Jugend finde überall
+ihre Freuden.« (Anm. von Charlotte.)
+
+S. 491 Zum Brief vom 28. März schreibt Charlotte: »So kam der 8. April
+heran und brachte mir von unbekannter Hand vom 4. April die Nachricht
+»einer gewiß vorübergehenden Erkrankung« so schonend als möglich. Es war
+der Todestag von Wilhelm von Humboldt, als ich die Nachricht von
+unbekannter Hand erhielt.«
+
+
+
+
+Dieses Buch wurde als II. Band der Jahresreihe 1920/21 ausschließlich für
+die Mitglieder des Volksverbandes der Bücherfreunde hergestellt. Den Druck
+besorgten Gebr. Mann in Berlin in der Behrens-Mediäval von Gebr. Klingspor
+in Offenbach a. M. Den Einbandentwurf zeichnete Grete Schmedes. Gebunden in
+der Buchbinderei von Wilhelm Kämmerer.
+
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 86: Ih --> Ich
+S. 143: Mench --> Mensch
+S. 150: Enstehungsart --> Entstehungsart
+S. 322: anchlösse --> anschlösse
+S. 372: Sckicksalen --> Schicksalen
+S. 484: herrcht --> herrscht
+S. 484: eingegenommen --> eingenommen
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
+wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Formatierung:
+
+Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert: _text_
+
+
+
+
+Transcriber's Notes:
+
+The table below lists all corrections applied to the original text.
+
+p. 86: Ih --> Ich
+p. 143: Mench --> Mensch
+p. 150: Enstehungsart --> Entstehungsart
+p. 322: anchlösse --> anschlösse
+p. 372: Sckicksalen --> Schicksalen
+p. 484: herrcht --> herrscht
+p. 484: eingegenommen --> eingenommen
+
+The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
+been maintained.
+
+Formatting:
+
+Spaced Text (gesperrt) was marked using Underscore: _text_
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Briefe an eine Freundin, by Wilhelm von Humboldt
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE AN EINE FREUNDIN ***
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+works. See paragraph 1.E below.
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+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
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+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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