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+<title>The Project Gutenberg eBook of An heiligen Wassern, by Jakob Christoph Heer</title>
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+<body>
+<h1>The Project Gutenberg eBook, An heiligen Wassern, by Jakob Christoph Heer</h1>
+<pre>
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre>
+<p>Title: An heiligen Wassern</p>
+<p> Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge</p>
+<p>Author: Jakob Christoph Heer</p>
+<p>Release Date: March 8, 2007 [eBook #20786]</p>
+<p>Language: German</p>
+<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AN HEILIGEN WASSERN***</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>E-text prepared by Markus Brenner, gvb,<br />
+ and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team<br />
+ (http://www.pgdp.net)</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="tn">
+<h3><a name="tn_top" id="tn_top"></a>Anmerkungen zur Transkription:</h3>
+
+<p>Die Originalausgabe enth&auml;lt einige Druckfehler und Unregelm&auml;&szlig;igkeiten
+in der Zeichensetzung. Korrekturen sind im Text individuell <a class="correction" title="auf diese Weise">gekennzeichnet</a>. Einzelheiten zu den
+Korrekturen sowie weitere Anmerkungen befinden sich am <a href="#tn_bottom">Ende des Textes.</a></p>
+
+<p>Im Original gesperrt gesetzter Text erscheint hier <i>kursiv</i>.<br />
+Im Original in Antiquaschrift gesetzter Text wird in <span class="antiqua">nichtproportionaler
+Schrift</span> wiedergegeben.</p>
+</div>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="pg" />
+<p>&nbsp;</p>
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+</div>
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+<h1 class="small_gap_below">An heiligen Wassern</h1>
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+<h3 class="small_gap_below">Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge</h3>
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+<h4>von</h4>
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+<h2 class="big_gap_below">J. C. Heer</h2>
+
+
+
+<h3>51.-54. Auflage</h3>
+
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+<div class="figcenter narrow">
+<img src="images/image2.png" width="100%"
+alt="J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger"/>
+</div>
+
+
+<h3>Stuttgart und Berlin 1910<br />
+J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger</h3>
+
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<h5>Alle Rechte vorbehalten</h5>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[Pg 5]</a></span></p>
+<h2><a name="I" id="I"></a>I.</h2>
+
+
+<p>D&ouml;rfer und Flecken, selbst eine kleine Stadt, deren
+Wahrzeichen zwei altersgraue Ruinen auf kahlem Felsen
+sind, erheben sich mit s&uuml;dlichen Silhouetten am Strom,
+der seine grauen Wellen aus dem Hochgebirge w&auml;lzt.</p>
+
+<p>Im Thalwind erzittern die schlanken Ruten der
+Silberweiden und die Bl&auml;tter der Pappeln, welche die
+Wasser s&auml;umen, &uuml;ber die H&uuml;tten neigen sich der Kastanien-
+und der Feigenbaum, die Rebe klettert &uuml;ber das Gestein,
+das Land ist licht und &uuml;ppig, als w&auml;r's der Traum eines
+italienischen Malers.</p>
+
+<p>Von Stelle zu Stelle aber schaut durch gr&uuml;ne Waldeinschnitte
+ein fernes, in sonniger Sch&ouml;nheit aufleuchtendes
+Schneehaupt in die Stromlandschaft und erinnert
+den Wanderer, da&szlig; er just da im Hochgebirge geht, wo
+es seine Zinken und Zacken am h&ouml;chsten erhebt.</p>
+
+<p>Emsige Wildwasser, die aus dunklen Schluchten hervorbrechen,
+reden von stillen Seitenth&auml;lern, die hinter
+tr&auml;umenden L&auml;rchenw&auml;ldern versteckt bis an die ewigen
+Gletscher reichen.</p>
+
+<p>Fast unvermittelt ber&uuml;hren sich in dieser Gegend Nord
+und S&uuml;d.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[Pg 6]</a></span>Vom alten Flecken Hospel, auf den ein graues Schlo&szlig;
+niederschaut, f&uuml;hrt eine schmale, doch fahrbare Stra&szlig;e
+in eines dieser Seitenth&auml;ler, in das vier Stunden lange
+Glotterthal, aus dessen Hintergrund die Krone, eines
+der erhabensten Bergbilder des Landes, mit dem Licht
+ihrer Firnen bis zum Strome herniedergr&uuml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Ein hei&szlig;er, br&uuml;melnder Junimittag. Auf dem
+Glotterweg, der sich zuerst in manchen Kehren durch die
+Weinbergterrassen von Hospel windet, f&auml;hrt ein leichter
+Leiterwagen langsam bergan. Der Mann, der neben
+ihm geht, ein halb sonnt&auml;glich gekleideter Vierziger, der
+f&uuml;r einen Gebirgsbauern zu vornehm aussieht, tr&auml;gt im
+glattrasierten Gesicht, das ein dunkler Filz &uuml;berschattet,
+und in der ganzen Erscheinung doch das Wesen der Gebirgsbewohner
+dieser Gegend: h&uuml;nenhafte Kraft, Ruhe
+und eine gewisse Verschlagenheit.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Tag, Presi,&laquo; rufen die Frauen, die mit umgeschlagenen
+roten T&uuml;chern im Sonnenbrand der Reben
+stehen. &raquo;Wohl, wohl, das langt wieder eine Weile!&laquo;
+Und sie deuten lachend auf das F&auml;&szlig;chen, das auf einer
+Strohunterlage im W&auml;gelchen liegt.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, es thut's!&laquo; erwiderte er den Gru&szlig; kurz, doch
+mit freundlichem Wort. Er bl&auml;st die Rauchwolken einer
+Zigarre in die Luft und t&auml;tschelt den Hals des Tieres:
+&raquo;Kleiner, es geht bergan, wehre dich, am Schmelzwerk
+wartet die Galta auf dich, wehre dich.&laquo;</p>
+
+<p>Als habe das struppige z&auml;he Pferd Verst&auml;ndnis f&uuml;r
+seine Zurede, rei&szlig;t es mit jeder Liebkosung st&auml;rker an
+den Str&auml;ngen, aber von Zeit zu Zeit n&ouml;tigt es der steile
+ausgewaschene Weg, mit dem W&auml;gelchen stille zu stehen
+und Atem zu sch&ouml;pfen. Dann fliegt ein Zug der Ungeduld
+&uuml;ber<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[Pg 7]</a></span> das Gesicht des Mannes, doch er fa&szlig;t sich, legt
+einen Stein unter das Rad und wartet ruhig, bis das
+Tier von selber den m&uuml;hsamen Zug wieder aufnimmt.</p>
+
+<p>Langsam geht die Fahrt, doch wer ins Glotterthal
+fuhrwerkt, ist sich dessen gew&ouml;hnt.</p>
+
+<p>&raquo;Am Schmelzwerk wartet die Galta auf dich,&laquo; wiederholt
+der F&uuml;hrer. Aber von Hospel bis zum Schmelzwerk
+sind es drei Stunden zu Fu&szlig;, mit dem Fuhrwerk noch
+mehr, und dann ist es noch eine Stunde nach dem Dorfe
+St. Peter, das weltverloren unter den Firnfeldern der
+Krone liegt.</p>
+
+<p>Der Weg windet sich, wenn er die Rebberge von
+Hospel verlassen hat, in eine Felsenschlucht, &uuml;ber der alte
+F&ouml;hren ihre blaugr&uuml;nen Schirme halten, dann ber&uuml;hrt
+er in dem sich weitenden Thal die D&ouml;rfer Fegunden und
+Tremis, die mit sonngedunkelten Holzh&auml;usern auf gr&uuml;ner
+Wiesenhalde liegen, und wird eben.</p>
+
+<p>Tief unter ihm gischtet der Flu&szlig; in der Felsenschlucht,
+die altersgrauen L&auml;rchen neigen sich dar&uuml;ber und
+schwanken im Luftzug, Bergnelken hangen &uuml;ber die R&auml;nder
+und verzieren den Abgrund mit bl&uuml;hendem Rot.</p>
+
+<p>Nur das Rauschen der Glotter und das gleichf&ouml;rmige
+Ticktack der Merkh&auml;mmer einer gro&szlig;en Wasserleitung,
+die in entlegener H&ouml;he dahinf&uuml;hrt, unterbrechen die Stille
+des Thales.</p>
+
+<p>Die Leitung hei&szlig;t das &raquo;helige Wasser&laquo;<a name="FNanchor_1" id="FNanchor_1"></a><a href="#Footnote_1" class="fnanchor">[1]</a> und befruchtet
+die sonnengl&uuml;henden Weing&auml;rten, die Aecker und
+Wiesen Hospels und der f&uuml;nf D&ouml;rfer, die um den Flecken
+liegen.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1" id="Footnote_1"></a><a href="#FNanchor_1"><span class="label">[1]</span></a> <i>helig</i> ist die &auml;ltere Sprachform f&uuml;r &raquo;heilig&laquo;.</p></div>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[Pg 8]</a></span>Wenn man drei Stunden bergauf und ebenhin &uuml;ber
+schmale Mattenstreifen gegangen ist, kommt man zu der
+alten verwitterten Kapelle der Lieben Frau, wo der Weg
+auf einem vielhundertj&auml;hrigen vermoosten Br&uuml;ckenbogen
+&uuml;ber die Schlucht nach dem Schmelzwerk St. Peter hin&uuml;berspringt.</p>
+
+<p>Um die halb zerfallenen Geb&auml;ude des ehemaligen
+Bergwerkes dehnt sich des Teufels Garten.</p>
+
+<p>Auf H&uuml;geln alter verglaster Schlacken bl&uuml;ht der rote
+Mohn, die K&ouml;nigskerze reckt ihre goldigen Bl&uuml;tensch&auml;fte,
+das Singr&uuml;n spinnt seine blauen Blumenketten um die
+Scherben, allerlei bl&uuml;hender Wust und viele Brennesseln
+wuchern zwischen ihnen empor, stahlblaue Fliegen und
+Schmetterlinge gaukeln &uuml;ber die wilde Pracht.</p>
+
+<p>An einem verkr&uuml;ppelten Ahorn stand an jenem Nachmittage,
+wo Peter Waldisch, der Pr&auml;sident von St. Peter,
+durchs Thal fuhr, eine Mauleselin angebunden. Sie
+sch&uuml;ttelte den Kopf, scharrte mit dem linken Vorderfu&szlig; und
+erhob trotz dem Schatten, den ihr die Ruine spendete,
+von Zeit zu Zeit ein kl&auml;gliches Geschrei. Dann tauchte
+aus der wilden Ueppigkeit der bunt bekr&auml;nzte Schwarzkopf
+eines M&auml;dchens auf, das auf den blo&szlig;en braunen
+Armen ein &uuml;berm&auml;chtiges B&uuml;ndel von Blumen trug.
+&raquo;Ich komme, Galta, ich komme,&laquo; rief sie dem Tier beg&uuml;tigend
+zu, dann verschwand die ganze Gestalt wieder
+in den Wogen des Sommerwustes, bis sie so viel Blumen
+an die Brust dr&uuml;ckte, als ihr Arm fassen konnte. Da
+watete sie endlich aus der Wirrnis. Ihr kurzes R&ouml;ckchen
+sch&uuml;tzte sie nur bis wenig unter die Kniee, aber gewandt
+wie ein Wiesel wich sie den vielen Brennesselb&uuml;schen aus,
+die ihre nackten F&uuml;&szlig;e und Waden bedrohten. Eine lebendig
+gewordene<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[Pg 9]</a></span> Bronzefigur, Gesicht, Arme, F&uuml;&szlig;e sonnengebr&auml;unt,
+war sie fast so wild wie die Wildnis, die sie
+durchschritt, im Kopf standen ein paar feurige Augen, wie
+die einer Zigeunerin; doch sah man dem M&auml;dchen gleich
+an, da&szlig; es kein Bauernkind war, daf&uuml;r war alles an ihr
+zu zart und zu fein.</p>
+
+<p>Sie eilte mit leichten F&uuml;&szlig;en &uuml;ber die Br&uuml;cke zu der
+alten Kapelle, kniete nieder und steckte ihre Blumen in
+das h&ouml;lzerne Vorgitter des kleinen Gotteshauses, so da&szlig;
+es bekr&auml;nzt war wie f&uuml;r ein Fest.</p>
+
+<p>&raquo;Das wird die Mutter Gottes freuen!&laquo; sagte sie,
+ihr Werk betrachtend.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich horchte sie neugierig und verwundert in die
+blaue warme Luft. Ein Rollen wie von fernem Gewitter
+ging durch die Stille des Nachmittags. Es war Lawinendonner,
+den die Luft von den Bergen herniedertrug. Am
+schmalen Himmelsband &uuml;ber dem Thal waren wei&szlig;e F&ouml;hnstriche
+hingeweht, die Schl&auml;ge der Fr&uuml;hsommerlawinen
+und kleinen Gletscherbr&uuml;che lebhafter denn sonst.</p>
+
+<p>Jetzt blickte sie von der Kapelle den Weg hinab und
+legte die Hand zum Schutz gegen die brennende Sonne
+&uuml;ber die dunklen Augen.</p>
+
+<p>Der Vater kam noch nicht, daf&uuml;r zwei Kinder mit
+Tragkraxen, beide mit Bergst&ouml;cken in der Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Vroni! Josi!&laquo; Mit lebhaftem Ausbruch der Freude
+sprang sie ihnen entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Hast schwer, Vroni? Hast schwer, Josi? H&auml;ttet
+ihr die Last meinem Vater auf das W&auml;gelchen gegeben,
+er ist heute nach Hospel gefahren, ich erwarte ihn hier
+mit Vorspann.&laquo;</p>
+
+<p>Josi sch&uuml;ttelte nur den Kopf. Die beiden Geschwister<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[Pg 10]</a></span>
+stellten ihre Kraxen auf die h&ouml;lzerne Bank vor der Kapelle,
+wischten sich den Schwei&szlig; aus der Stirn und setzten
+sich gelassen hin. Binia, die Blumensucherin, betrachtete
+die beiden wohlgef&auml;llig. Vroni, unter deren niedrigem
+altem Strohhut das Goldhaar hervorquoll und in gl&auml;nzenden
+F&auml;den um die ger&ouml;teten Wangen flog, war nur
+ein Jahr, Josi, der kr&auml;ftige Bursch, der einen &auml;hnlichen
+Hut trug, zwei Jahre &auml;lter als sie. Und sie war zw&ouml;lf.</p>
+
+<p>&raquo;Sechzig Pfund hab' ich,&laquo; sagte Josi, die Beine
+schlenkernd, an denen die schwergenagelten Holzschuhe
+klapperten, &raquo;die Vroni hat vierzig, ob so viel Mehl wohl
+reicht bis zur Ernte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es wird schon langen m&uuml;ssen, aber dann wird's
+gut, das Aeckerchen tr&auml;gt dieses Jahr viel Korn,&laquo; erwiderte
+Vroni hausm&uuml;tterlich froh.</p>
+
+<p>Da ging wieder ein langhallender Donner durch die
+Ruhe des Thales. Josi sprang auf: &raquo;Ja, es ist doch
+wahr. Die Wildleutlaue geht wieder los! Sieben Jahr
+ist der Gletscher zur&uuml;ckgegangen und sieben Jahr gewachsen,
+das letzte Jahr war ein schlechter Sommer und
+jetzt ist ein guter &mdash; da bricht der Eissturz los!&laquo;</p>
+
+<p>Binia lie&szlig; die Schwarzaugen funkeln, Vroni mahnte
+ab: &raquo;Sage nichts S&uuml;ndiges, schau' doch in die Kapelle,
+wie viel Marterkreuze von denen an den W&auml;nden stehen,
+die in die Felsen haben steigen m&uuml;ssen, wenn das helige
+Wasser von der Wildleutlawine zerst&ouml;rt worden ist.&laquo;</p>
+
+<p>Die Kinder warfen einen schaudernden Blick in die
+D&auml;mmerung der Kapelle. Ihre W&auml;nde waren mit h&ouml;lzernen
+und eisernen T&auml;felchen ganz bedeckt, auf denen
+die Namen von Verungl&uuml;ckten und fromme Spr&uuml;che
+standen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[Pg 11]</a></span>&raquo;O, wie traurig,&laquo; sagte Vroni, &raquo;da ist es kein
+Wunder, wenn die Leute bei uns nicht so laut singen
+und lachen m&ouml;gen, wie drau&szlig;en im gro&szlig;en Thal und
+alle so still und ernst sind.&laquo;</p>
+
+<p>Aber die anderen hatten keine Lust, ihren Betrachtungen
+zu folgen.</p>
+
+<p>&raquo;Du, Vroni, erz&auml;hl' uns doch wieder einmal die
+Geschichte von den heligen Wassern, du erz&auml;hlst sie so
+sch&ouml;n,&laquo; schmeichelte Binia, indem sie sich flink zwischen
+die Geschwister dr&auml;ngte und an die Freundin schmiegte.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist eine lange Geschichte,&laquo; warf Vroni
+ein, es war aber, als gehe von den dunklen Augen
+Binias ein Zwang auf sie, sie l&auml;chelte und streckte die
+rote Sch&uuml;rze zurecht: &raquo;Ja, nun so, wir kommen schon
+noch heim.&laquo;</p>
+
+<p>Von ihrer Mutter hatte Vroni den Ruf einer geschickten
+Erz&auml;hlerin &uuml;berkommen. Ihre blauen Augen
+gingen tr&auml;umerisch ins Weite, sie &uuml;berlegte, faltete die
+H&auml;nde &uuml;ber dem Knie und begann: &raquo;Also, das ist so
+lange her, da&szlig; es nirgends in den B&uuml;chern aufgeschrieben
+steht. Da gab es neben uns rechten Leuten im Glotterthal
+noch Wildm&auml;nnlein und Wildweiblein, die in den
+W&auml;ldern wohnten. Es geschah nun, da&szlig; einer von den
+rechten Hirten ein Wildm&auml;dchen Namens Gabrisa, das
+m&auml;chtig sch&ouml;n war, lieb gewann. Ihr dunkles Haar
+reichte bis auf den Boden, ihr Gesicht war wei&szlig; und ihre
+Stimme t&ouml;nte wie Glockenspiel. Allein ihrem Geliebten
+mi&szlig;fiel es, da&szlig; sie jedesmal, wenn Vollmond war, zu
+den Ihrigen in den Wald verschwand. Einmal brachte
+er nun am Tag vor dem Vollmond Wein von Hospel
+herauf. 'Trink, Gabrisa,' sagte er. 'Ist das g&uuml;ldenes<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[Pg 12]</a></span>
+Wasser?' fragte sie, denn sie kannte den Wein nicht.
+Und er antwortete: 'Ja, das ist g&uuml;ldenes Wasser.' Da
+trank Gabrisa und der Wein schmeckte ihr gut. Als sie
+in den Wald eilen wollte, trugen sie die F&uuml;&szlig;e nicht, sie
+schwankte, fiel und schlief ein; als sie aber erwachte,
+sprang sie in den Wald, wandte sich noch einmal nach
+dem Geliebten um und sang ihm mit ihrer sch&ouml;nen
+Stimme zu:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">'G&uuml;ldenes Wasser, das macht mir Pyn,<br /></span>
+<span class="i0">Ich darf nit mehr dine Liebste syn!'<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Das M&auml;dchen war verschwunden. Aus Zorn &uuml;ber
+den Schimpf, der Gabrisa und damit sie alle getroffen,
+bannten die Wildleute die Wolken, da&szlig; sie ihr Na&szlig; nicht
+mehr &uuml;ber Hospel und die f&uuml;nf D&ouml;rfer ausleeren konnten,
+wo der Wein, den sie getrunken hatte, gewachsen war.
+Die Rebberge verdorrten, Aecker und Wiesen standen
+ab, es trat eine gro&szlig;e Hungersnot und ein gro&szlig;es Sterben
+ein, das nicht mehr aufh&ouml;ren wollte.&laquo;</p>
+
+<p>Die Erz&auml;hlerin ruhte einen Augenblick, als ob sie
+sich sammeln wollte, sie war so mit sich selbst besch&auml;ftigt,
+da&szlig; sie nicht sah, wie Josi, ihr Bruder, die Augen unverwandt
+auf das blumenbekr&auml;nzte Haupt Binias geheftet
+hielt, auch diese selbst sp&uuml;rte es nicht, denn sie hatte
+ihre Lebhaftigkeit geb&auml;ndigt und hing mit ihren Blicken
+an Vroni.</p>
+
+<p>Ehe diese den Faden ihrer Geschichte wieder aufnehmen
+konnte, schrie Galta, das arme Vieh, das die
+Kinder ganz vergessen hatten, so stark, da&szlig; die pflichtvergessene
+Binia aufsprang und &uuml;ber die Br&uuml;cke zu ihr
+hin&uuml;bereilte.</p>
+
+<p>Da sagte Josi unvermittelt, als h&auml;tte er von der<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[Pg 13]</a></span>
+Geschichte seiner Schwester gar nichts geh&ouml;rt: &raquo;Bini ist
+aber ein sch&ouml;nes M&auml;dchen!&laquo;</p>
+
+<p>Vroni sah den Bruder erstaunt an, erst nach einer
+Weile antwortete sie: &raquo;Siehst du das erst jetzt, das habe
+ich schon lange gewu&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>Ihre Gedanken blieben bei der Erz&auml;hlung haften,
+die H&auml;nde im Scho&szlig;, spann sie die Geschichte weiter und
+merkte nicht einmal, wie nun auch Josi sich leise von
+ihr weg &uuml;ber die Br&uuml;cke zu Binia hin&uuml;berschlich.</p>
+
+<p>&raquo;Umsonst flehten die Hospeler die Wildleute an, da&szlig;
+sie den Bann l&ouml;sen. Sie antworteten: 'Das k&ouml;nnen wir
+nicht mehr, denn was geschehen, ist geschehen und der
+Fluch gilt ewig. Als die 'trockenen D&ouml;rfer' sollt ihr bekannt
+sein im Land zu aller Warnung.' Und sie sprangen
+in den Wald.</p>
+
+<p>Zu jener Zeit nun kamen die Venediger ins Glotterthal,
+gr&uuml;ndeten das Schmelzwerk und gruben Blei- und
+Silbererz, das sie verschmolzen, bis das pure Metall in
+die Kannen rieselte.</p>
+
+<p>F&uuml;r ihre Feuer, die nie ausgingen, brauchten sie
+gewaltig viel Holz. Als sie aber den Arvenwald zwischen
+der Br&uuml;cke und dem Dorf zu schlagen anfingen, gerieten
+die Wildleute in gro&szlig;e Angst, es w&uuml;rde die Zeit kommen,
+wo sie nicht mehr genug s&uuml;&szlig;e Zirbeln&uuml;sse, ihren liebsten
+Leckerbissen, f&auml;nden. Sie berieten lange hin und her,
+wie sie die Leute von St. Peter bewegen k&ouml;nnten, ihnen
+ein gro&szlig;es St&uuml;ck Wald zu schenken. Eines Nachts erschien
+Gabrisa am Lager ihres ehemaligen Geliebten,
+l&auml;chelte und sagte: 'Ich will dich und alle in St. Peter
+reich machen mit g&uuml;ldenem Wasser, das ihr gerne trinket,
+so ihr uns Wildleuten den Wald an der Thalhalde zwischen<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[Pg 14]</a></span>
+dem Dorf und der Kapelle schenkt, wo die Zirbeln wachsen.
+Saget denen zu Hospel, da&szlig; wir Wasser auf ihre verdorrten
+Reben, Felder und Wiesen f&uuml;hren wollen, wenn
+sie euch gutwillig ein Dritteil ihrer Weinberge geben.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">'Uns Wilden den Wald, euch Zahmen den Wyn,<br /></span>
+<span class="i0">Das s&ouml;ll treulich und ewig gehalten syn!'<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Gabrisa verschwand. Schon lange h&auml;tten die von
+St. Peter gern Weinberge gehabt, aber die Reben wachsen
+nicht, wo die Gletscher sind. Darum ging ihnen, was
+Gabrisa sagte, zu Herzen, sie redeten mit den Hospelern
+und den f&uuml;nf D&ouml;rfern; m&uuml;rbe von der langen Not, traten
+diese dem Handel bei, denn ihre Reben waren wertlos
+geworden. Wie Gabrisa gesagt, kam der Vertrag zu
+stande und wurde beim Bildhaus von Tremis von den
+Abgesandten der Wildleute und der D&ouml;rfer beschworen.</p>
+
+<p>Nur wunderte man sich, wie die Wildleute das
+Wasser in die hohen Weinberge tragen oder f&uuml;hren werden,
+doch wu&szlig;te man, da&szlig; sie in vielen K&uuml;nsten erfahren
+waren.&laquo;</p>
+
+<p>Erst jetzt merkte Vroni, da&szlig; sie auch vom Bruder
+im Stiche gelassen worden war. Was verschlug's? Er
+hatte ja die Geschichte schon oft von der Mutter geh&ouml;rt,
+die sie so sch&ouml;n wie niemand anders zu erz&auml;hlen verstand.
+Als sie nun die treulosen Zuh&ouml;rer suchen ging, bot sich
+ihr ein &uuml;berraschender Anblick.</p>
+
+<p>Zur Seite der Ruine, wo die Mauleselin Galta
+stand, lag Binia auf dem Haufen Gr&uuml;nfutter, den sie
+oder Josi dem Tier vorgeworfen hatte. Das wilde Kind
+lachte mit seinen schwarzen Augen und seinen wei&szlig;en
+Z&auml;hnen den Burschen an und er hielt vor ihr stehend<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[Pg 15]</a></span>
+einen Strohhalm voll roter gl&auml;nzender Erdbeeren, die
+ersten des Jahres.</p>
+
+<p>&raquo;Mund auf und Augen zu!&laquo; sagte er zu der Daliegenden,
+die lustig zu ihm emporschielte.</p>
+
+<p>&raquo;Aber nichts W&uuml;stes hineinthun!&laquo; bat sie.</p>
+
+<p>&raquo;Was denkst auch, Bineli,&laquo; lachte Josi.</p>
+
+<p>Da schlo&szlig; Binia die Augen zu, &ouml;ffnete den Mund
+und Josi zog die roten Erdbeeren l&auml;chelnd vom Halm
+und steckte dem Kinde eine um die andere zwischen die
+roten Lippen. Pl&ouml;tzlich aber besann er sich anders, statt
+einer Beere dr&uuml;ckte er ihr einen Ku&szlig; auf den frischen
+Mund.</p>
+
+<p>Binia wollte zappeln, Vroni wollte rufen, das sei
+das Spiel zu weit getrieben, aber beide l&auml;hmte die Ueberraschung.</p>
+
+<p><span class="antiqua">&raquo;Deus benedicat vos!&laquo;</span> klang tief und feierlich eine
+M&auml;nnerstimme aus dem Innern der Ruine, ein schwarzb&auml;rtiges
+hageres Gesicht schaute durch ein kleines Gitterfenster
+der Mauer auf die Kinder.</p>
+
+<p>&raquo;Der letzk&ouml;pfige Pfaff!&laquo; schrieen sie wie aus einem
+Munde, ein gro&szlig;er Schrecken war ihnen in die Glieder
+gefahren. Binia schirrte das Maultier los, Josi und
+Vroni eilten nach der Kapelle zu ihren Kraxen, st&uuml;lpten
+die an einem Baum h&auml;ngenden H&uuml;te auf den Kopf und
+alle drei wollten ihrer Wege gehen.</p>
+
+<p>Als sie sich aber auf der Br&uuml;cke eben wieder begegneten
+und hastig aneinander vor&uuml;bereilen wollten, trat
+der Mann von vorhin schlarpend aus der Ruine und
+mitten unter sie. Er war barhaupt, an den F&uuml;&szlig;en trug
+er Holzsohlen, um die dunkle rauhe Kutte schlang sich
+ein wei&szlig;er Strick, von dem ein Rosenkranz niederhing.<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[Pg 16]</a></span>
+Ganz verwildert sah der b&auml;rtige Einsiedler aus, in dessen
+bleichem Gesicht zwei unstete Augen loderten.</p>
+
+<p><span class="antiqua">&raquo;Pax vobiscum!&laquo;</span> gr&uuml;&szlig;te er sie. &raquo;Du bist Binia,
+die Tochter des Presi! Du bist Josua, der Sohn des
+Wildheuers! Kniet nieder ihr zwei!&laquo;</p>
+
+<p>Er machte dazu mit seinen mageren H&auml;nden eine so
+feierliche Bewegung, da&szlig; die bekr&auml;nzte Binia unwillk&uuml;rlich
+gehorchte und auf die Br&uuml;cke niederkniete.</p>
+
+<p>Verwirrt folgte der Bursche.</p>
+
+<p>Da legte er ihnen die H&auml;nde auf die gl&uuml;henden
+H&auml;upter und sagte tief und getragen: &raquo;So wahr ich
+Kaplan Johannes hei&szlig;e, liebet euch untereinander, Josi
+und Binia.&laquo;</p>
+
+<p>Er murmelte &uuml;ber ihnen einen langen lateinischen
+Spruch wie ein Gebet.</p>
+
+<p>Vroni, welche die stille Zuschauerin war, kam das,
+was Kaplan Johannes that, unheimlich und schrecklich
+vor. Ihre Augen irrten hilfesuchend thalauf, thalab,
+doch wagte die Zitternde keinen Einspruch, daf&uuml;r kam
+ihr das Gewand des Mannes zu heilig vor. Zuletzt sagte
+sie gepre&szlig;t: &raquo;Wir m&uuml;ssen ja gehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So geht!&laquo; grollte die Ba&szlig;stimme des Kaplans, er
+schleuderte Vroni einen zornigen Blick zu, machte das
+Zeichen des Segens &uuml;ber den zweien und lief &uuml;ber die
+Br&uuml;cke. Bald bimmelte das Gl&ouml;ckchen der Kapelle Vesper
+durchs Thal, aber die Kinder knieten bei den Kl&auml;ngen
+nicht, wie sie's gewohnt waren, nieder. Ohne sich zu
+gr&uuml;&szlig;en, liefen sie hastig und mit roten K&ouml;pfen auseinander,
+Binia mit dem Tier &uuml;ber die Br&uuml;cke thalaus,
+Josi und Vroni, mit ihren Holzschuhen klappernd, die
+Kraxe auf dem R&uuml;cken, den Stutz empor, der mit seinem<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[Pg 17]</a></span>
+Zickzack gleich hinter dem Schmelzwerk beginnt und nach
+St. Peter f&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Da ragen, vom Weg nur durch die schreckliche,
+trichterartige Schlucht der Glotter getrennt, die Wei&szlig;en
+Bretter, drei senkrechte und glatte Felsw&auml;nde, die aus
+der Tiefe der Schlucht wie wei&szlig;e unbeschriebene Tafeln
+bis zum Gletscher und ewigen Schnee des Glottergrates
+ansteigen. Zwischen den drei W&auml;nden ziehen sich zwei tiefe
+wilde Graben, in denen sich ausgewitterte Felsen, Klippen
+und T&uuml;rme erheben, ebenfalls bis in die H&ouml;he ewigen
+Winters, sie hei&szlig;en die Wildleutfurren. In halber H&ouml;he
+aber geht wie eine dunkle Linie die Leitung der heligen
+Wasser quer &uuml;ber die Felsen. Ein Rad, das oben klopft,
+sagt den Leuten im Thal, da&szlig; die Wasser ruhig die
+furchtbare Strecke flie&szlig;en.</p>
+
+<p>Schweigend waren die Geschwister eine Weile gegangen,
+da lehnte Josi die Kraxe an die Halde, die den
+Weg s&auml;umt, und schaute gespannt zu der Leitung empor.</p>
+
+<p>Nein, h&ouml;her noch hinauf, zu dem blauschillernden
+Gletscher, der mit einer Last reinen wei&szlig;en Firnenschnees
+&uuml;ber die W&auml;nde hinausragte. An seinem Rand stoben
+immer kleine wei&szlig;e Rauchwolken auf, ein Rieseln und
+Sch&auml;umen, wie das von Wasserf&auml;llen ging durch die
+Wildleutfurren abw&auml;rts, verlor sich in ihren Kl&uuml;ften und
+knatternder Widerhall der kleinen Lawinen f&uuml;llte das
+Thal.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du das auch schon gesehen?&laquo; fragte Josi.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; antwortete Vroni kurz und beklommen.</p>
+
+<p>&raquo;Eben darum kommt die Wildleutlaue. In den
+letzten Wintern ist mehr Schnee auf den Gletscher gefallen,
+als die Sommer haben zu schmelzen verm&ouml;gen;<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[Pg 18]</a></span>
+der Gletscher ist gewachsen, er tritt &uuml;ber die Felsen
+hinaus, man sieht ihn, wo man ihn vorher nicht hat
+sehen k&ouml;nnen. Jetzt, wo es hei&szlig; wird, schmilzt der
+Schnee, das Wasser flie&szlig;t in das hervorstehende Eis;
+die Last wird zu gro&szlig;, der Gletscherbruch kommt, die
+Wildleutlaue!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ums Himmels willen, Josi, la&szlig; uns gehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, dem Weg schadet es nichts; wenn die Luft
+beim Sturz nicht so sausen w&uuml;rde, so k&ouml;nnten wir da
+ruhig zusehen, Eis und Schnee st&uuml;rzen in die Schlucht,
+die ist ja gro&szlig;. Aber es ist wegen der heligen Wasser!&laquo;</p>
+
+<p>Vroni war unbek&uuml;mmert um den Bruder, der ihr
+alles mit gro&szlig;en Worten vortrug, aufgestanden, er folgte,
+in einer halben Stunde hatten sie den Stutz, die Schlucht
+und die Wei&szlig;en Bretter hinter sich, vor ihnen lag auf
+dem sanften Oval des ebenen Thalhintergrundes ihr
+Heimatdorf, St. Peter, das rings von hohen Bergen
+ums&auml;umt ist.</p>
+
+<p>Einen Augenblick schauten die Geschwister, die das
+letzte Wegst&uuml;ck schweigend zur&uuml;ckgelegt hatten, &uuml;ber die
+wei&szlig;en Windungen des Str&auml;&szlig;chens am Stutz hinab und
+nach dem Teufelsgarten zur&uuml;ck. &raquo;Lug' dort, Bini!&laquo; rief
+Josi. Das wilde Kind hatte sich hinter der Kapelle auf das
+Maultier geschwungen und sprengte nun, eben noch unterscheidbar,
+wie ein fliegender Schatten &uuml;ber die schmalen
+Matten des Thales gegen Tremis hinab. Vroni sah es
+wohl, wie sich das treuherzige Gesicht Josis verkl&auml;rte,
+als er noch einen Schein der Gestalt erhaschen konnte.</p>
+
+<p>Ueber ihr frohm&uuml;tiges Antlitz flog ein Schatten.</p>
+
+<p>&raquo;Du, Josi, was der Kaplan Johannes gethan hat,
+das ist schrecklich. Er hat dir und Binia den b&ouml;sen Segen<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[Pg 19]</a></span>
+gegeben. Jetzt, wenn ihr auch wolltet, k&ouml;nnten du und
+Binia nie ein Paar werden.&laquo;</p>
+
+<p>Josi lachte trocken.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist kein Gottesmann,&laquo; fuhr Vroni fort, &raquo;er ist
+ein Teufelsmann. Die Mutter sagt's. Er ist nur ein
+davongelaufener Klostersch&uuml;ler, er darf niemand die Beichte
+abnehmen; die Leute nennen ihn nur Kaplan, weil fr&uuml;her,
+zu Bergwerkszeiten, die Kapelle der Lieben Frau eine
+Kaplanei gewesen ist.&laquo;</p>
+
+<p>Josi hatte das Bed&uuml;rfnis zu widersprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Aber hat er auf den Alpen mit seinen Tr&auml;nken
+und Spr&uuml;chen nicht schon manchmal krankes Vieh gesund
+gemacht? Denk' nur an die zw&ouml;lf St&uuml;cke des B&auml;li&auml;lplers.
+Sie hatten die Klauenseuche und man wollte sie schon
+t&ouml;ten, da segnete sie Johannes und sie wurden in drei
+Tagen gesund.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &mdash; und daf&uuml;r starben dem B&auml;li&auml;lpler drei Wochen
+nachher die beiden sch&ouml;nen Kinder, die bis dahin kerngesund
+gewesen waren; er und seine Frau, die fr&uuml;her gl&uuml;cklich
+zusammen lebten, haben jetzt nichts als Zank und
+Streit, er ist wild &uuml;ber sie, weil sie den letzk&ouml;pfigen
+Pfaffen ohne sein Wissen in den Stall gef&uuml;hrt hat, und
+immer sitzt er zornig und traurig im Wirtshaus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Kinder sind vielleicht auch sonst gestorben,&laquo; versetzte
+Josi k&uuml;hl. &raquo;Wir lassen den Kaplan nie in unseren
+Stall, haben wir deswegen weniger Ungl&uuml;ck mit dem
+Vieh als andere Leute? Nein, im ganzen Dorfe haben
+wir am meisten. Drei Jahre hintereinander haben
+wir Jungvieh aufgezogen, es wuchs und gedieh auf
+das sch&ouml;nste, aber jedesmal, wenn's bald h&auml;tte verkauft
+werden k&ouml;nnen, ist's umgestanden. Die Loba, die der<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[Pg 20]</a></span>
+Vater am Samstag verkauft hat, ist seit vier Jahren
+das erste St&uuml;ck, das geraten ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Loba!&laquo; &mdash; Vroni b&uuml;ckte sich tiefer unter ihrer
+Last; die Thr&auml;nen, die sie vergossen hatte, als der
+H&auml;ndler das sch&ouml;ne liebe Rind davongef&uuml;hrt hatte, drohten
+wieder zu kommen. Sie wurde traurig und still.</p>
+
+<p>&raquo;Du erz&auml;hlst der Mutter nichts von Kaplan Johannes,
+gelt, Vroni,&laquo; versetzte Josi schmeichelnd, als sie
+durch die mit gro&szlig;en Pflastersteinen besetzte Stra&szlig;e von
+St. Peter schritten. &raquo;Nein, gelt, du sagst nichts!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ei, wie Josi betteln kann.&laquo; Das Gesicht Vronis
+hatte sich gehellt. &raquo;Wenn du dich nie mehr mit dem
+Kaplan einl&auml;ssest, will ich still sein.&laquo;</p>
+
+<p>Sie schritten durch die lose Reihe gebr&auml;unter Holzh&auml;user,
+St&auml;lle und St&auml;del<a name="FNanchor_2" id="FNanchor_2"></a><a href="#Footnote_2" class="fnanchor">[2]</a>, die das Dorf bilden. Als
+sie am Gasthaus zum B&auml;ren vorbeikamen, einem alten,
+massiven Steinbau gegen&uuml;ber der Kirche, die sich auf
+einem Felsenh&uuml;gelchen erhebt, &ouml;ffnete sich ein Fenster und
+eine M&auml;nnerstimme rief: &raquo;Vroni! &mdash; Josi!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2" id="Footnote_2"></a><a href="#FNanchor_2"><span class="label">[2]</span></a> <i>Stadel</i>, schweizerdeutscher Ausdruck f&uuml;r Heuschuppen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Der Vater!&laquo;</p>
+
+<p>Freundlich reichte ihnen der b&auml;rtige Wildheuer ein
+Glas voll Wein: &raquo;Ihr werdet wohl Durst haben!&laquo;</p>
+
+<p>Vroni nippte nur, Josi aber nahm einen tapferen
+Schluck.</p>
+
+<p>&raquo;Sagt der Mutter, es k&ouml;nne, bis ich heimkomme,
+etwas sp&auml;ter werden, als ich gemeint habe, der Presi ist
+nach Hospel gegangen und ich mu&szlig; ihn erwarten.&laquo;</p>
+
+<p>So der Vater. Die Kinder verabschiedeten sich,
+schlugen einen Seitenweg ein, der durch Kartoffel- und
+Roggen&auml;ckerchen<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[Pg 21]</a></span> an den sonnigen Hang hin&uuml;berf&uuml;hrt, wo
+die Maiens&auml;ssen<a name="FNanchor_3" id="FNanchor_3"></a><a href="#Footnote_3" class="fnanchor">[3]</a> und Alpweiden der Leute von St. Peter
+liegen.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3" id="Footnote_3"></a><a href="#FNanchor_3"><span class="label">[3]</span></a> <i>Maiens&auml;ssen</i> sind Bergh&auml;user zwischen den D&ouml;rfern und den
+Alpweiden, sie bilden beim sommerlichen Zug der Sennen und des Viehs auf
+die Hochweiden den Zwischenaufenthalt, wo gew&ouml;hnlich im Mai mehrere
+Wochen geruht wird.</p></div>
+
+<p>Da stand unter einem Felsblock ihr kleines Haus,
+auf dessen steinbeschwerten Schindeln eine gro&szlig;e Steinbrech
+bl&uuml;hte, jene Blume, von der die Sage der Aelpler
+behauptet, da&szlig; sie nur auf den D&auml;chern wachse, unter
+denen der Friede wohne. Freundlich schauten die kleinen
+Fenster, vor denen St&ouml;cke roter Geranien prangten, gegen
+das Dorf.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, die Wildheuerfr&auml;nzi versteht sich auf Blumen.&laquo;
+So sprach man im Dorf. &raquo;Blumen und Geschichten sind
+ihr Sonnenschein.&laquo;</p>
+
+<p>Ersch&ouml;pft lie&szlig; Vroni die Kraxe auf die Bank vor
+dem Felsblock sinken, auch Josi stellte die seine mit einem
+Ausruf der Erleichterung ab.</p>
+
+<p>Unter der Th&uuml;re erschien die Mutter, die Wildheuerfr&auml;nzi,
+selbst in ihren abgetragenen Kleidern eine
+h&uuml;bsche Frau, von kr&auml;ftigem Wuchs, vollem, &uuml;ppigem
+dunklem Haar, offenen Z&uuml;gen und jenen gro&szlig;en, blauen,
+vielsagenden Augen, die Vroni von ihr geerbt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Da seid ihr ja,&laquo; sagte sie erfreut, Josi aber rief:
+&raquo;Mutter, eine Neuigkeit, die Wildleutlawine kommt!&laquo;</p>
+
+<p>Eine geraume Weile sp&auml;ter sah man den Presi mit
+seinem Fuhrwerk gegen das Dorf fahren.</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[Pg 22]</a></span></p>
+<h2><a name="II" id="II"></a>II.</h2>
+
+
+<p>Der Gasthof zum B&auml;ren war ein Altertum des
+Dorfes St. Peter. Die Ueberlieferung berichtete, das
+aristokratische Haus sei, als noch ein Saumweg &uuml;ber die
+damals weniger vergletscherten Berge nach Welschland gef&uuml;hrt
+habe, eine Sust, eine Warenniederlage, gewesen,
+wo die Maultiere gewechselt wurden. Man erz&auml;hlte sich,
+die Knappen des Bergwerkes h&auml;tten, wenn sie ihr Silber
+und Blei &uuml;ber die Berge nach Welschland f&uuml;hrten oder
+von dort mit dem Erl&ouml;s zur&uuml;ckkamen, im B&auml;ren hart
+gezecht, aus silbernen Bechern getrunken, mit silbernen
+Kugeln gekegelt und manchmal sommerlang fr&ouml;hliche
+Italienerinnen als Spielgef&auml;hrtinnen in dem Haus einquartiert.</p>
+
+<p>Nur als Nachklang lebte die Erinnerung an diese
+&uuml;ppigen Zeiten in St. Peter fort, das Leben ging jetzt
+in Haus und Dorf den gemessenen stillen Gang der einsamen
+Alpend&ouml;rfer. Seit zwei- oder dreihundert Jahren
+stand das Bergwerk still; so gl&auml;nzend, wie es die Sage
+schilderte, mochte das Knappenleben nie gewesen sein.
+Das Schmelzhaus war eine Ruine und der alte Pa&szlig;weg
+nach Welschland mit seinem Verkehr war verschollen,
+an den Erzreichtum der Gegend erinnerten nur noch die<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[Pg 23]</a></span>
+sch&ouml;nen Drusen und Gesteinsbl&uuml;ten, die man da und dort
+als Schmuck hinter den Fenstern der Wohnungen sah.</p>
+
+<p>F&uuml;r den vielhundertj&auml;hrigen Bestand des B&auml;ren aber
+sprachen seine massive Bauart und die Jagdtroph&auml;en, die
+am Dachgeb&auml;lk befestigt waren: gebleichte Steinbock- und
+Wolfssch&auml;del, besonders ein eingetrocknetes mumienhaftes
+B&auml;renhaupt, das als Wahrzeichen des Hauses an einer
+Kette gegen die Th&uuml;re und die Freitreppe hinunterhing,
+die mit sch&ouml;nem eisernem Gel&auml;nder zum Eingang emporf&uuml;hrte.
+Die wei&szlig;grauen Z&auml;hne des Hauptes waren vermorscht
+und verwittert; die Jagdzeichen reichten wohl bis
+in die Zeit der Venediger zur&uuml;ck, denn so lange schon
+gab es im Glotterthal weder B&auml;r noch Wolf, und seit
+dem Anfang dieses Jahrhunderts sind auf den Felsen
+und Firnfeldern der Krone die Steinb&ouml;cke ausgestorben.</p>
+
+<p>Ueber dem Fenster neben der Treppe prangte als
+eine neuere Zuthat am alten Bau die Inschrift &raquo;Postbureau
+St. Peter&laquo; und der eidgen&ouml;ssische Postschild.</p>
+
+<p>Die stattlichen Wirtschaftsr&auml;ume des B&auml;ren befanden
+sich im ersten Stock; helles Arvenget&auml;fel, aus dem die
+dunkeln Astringe wie Augen schauten, und alte geschnitzte
+Wappenzier an den Decken fesselten den Eintretenden.
+Der Hauptschmuck der gro&szlig;en Stube war ein alter Leuchter,
+der ein Meerweibchen darstellte, dessen Leib in ein Hirschgeweih
+auslief.</p>
+
+<p>Am Eichentisch unter dem Leuchter sa&szlig;en der B&auml;renwirt
+Peter Waldisch und Hans Zuensteinen, der Garde<a name="FNanchor_4" id="FNanchor_4"></a><a href="#Footnote_4" class="fnanchor">[4]</a>.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4" id="Footnote_4"></a><a href="#FNanchor_4"><span class="label">[4]</span></a> <i>Garde</i> (franz&ouml;sisch <span class="antiqua">garde</span>, H&uuml;ter) nennt man in den
+Th&auml;lern, wo &raquo;W&auml;sserwasserfuhren&laquo; bestehen, dasjenige
+Gemeinderatsmitglied, das die Aufsicht &uuml;ber die Wasserleitung hat.</p></div>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[Pg 24]</a></span>Sie pr&uuml;ften das F&auml;&szlig;chen Eigengew&auml;chs, das jener
+gestern in Hospel drau&szlig;en geholt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Wie Feuer, meiner Treu!&laquo; sagte der rauhb&auml;rtige
+Garde, das eine Auge zukneifend und durch das erhobene
+Glas blinzelnd, in dem der Wei&szlig;wein sonngolden ergl&auml;nzte
+&mdash; &raquo;aber, aber, Presi,&laquo; seine Stimme wurde
+pl&ouml;tzlich sehr ernst, &raquo;die Abmachung mit Seppi Blatter
+ist nichts. Wenn der ganze &uuml;brige Gemeinderat daf&uuml;r
+ist, so bin ich dagegen. Man d&uuml;rfte ja Fr&auml;nzi, Vroni
+und Josi nicht mehr ins Auge sehen. Sagt mir einmal
+ehrlich, wie stark hat bei seiner Unterschrift der Hospeler
+die Hand gef&uuml;hrt?&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi und B&auml;renwirt, der den rauhen untersetzten
+Garden um Kopfesl&auml;nge &uuml;berragte und neben
+ihm wie ein rechter Bauernaristokrat erschien, l&auml;chelte
+verlegen und r&uuml;ckte auf dem Stuhl.</p>
+
+<p>&raquo;Wollt Ihr lieber das Los entscheiden lassen?&laquo; fragte
+er lauernd.</p>
+
+<p>Der Garde knurrte wieder, nach einer Weile fragte
+er aufs neue: &raquo;War Seppi n&uuml;chtern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man macht keinen Handel, es ist ein Glas Wein
+zur Ermutigung dabei. Ich war grad in guter Laune,
+ich lie&szlig; ein paar Flaschen Hospeler flie&szlig;en, Seppi aber
+war ziemlich n&uuml;chtern.&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde sch&uuml;ttelte bed&auml;chtig den Kopf, in den
+starken Furchen seines breiten Gesichtes spiegelte sich Mi&szlig;billigung
+und Sorge, erst nach einer Weile sagte er:
+&raquo;Das Ding ist nichts.&laquo;</p>
+
+<p>Dem Presi lag augenscheinlich daran, dem Gespr&auml;ch
+eine andere Wendung zu geben, lachend rief er: &raquo;Zum
+Wohl, Garde!&laquo; Und als nun die Gl&auml;ser zusammenklingelten,<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[Pg 25]</a></span>
+fuhr er fort: &raquo;Warum ich gestern so hellauf
+war, Seppi Blatter, B&auml;lzi und dem B&auml;li&auml;lpler ein Glas
+vom guten Hospeler schenkte, will ich Euch verraten. Es
+ist eine Ueberraschung &mdash;. Ich f&uuml;hre wieder eine Wirtin
+in den B&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>Da sprang der schwerf&auml;llige Garde auf: &raquo;Was Ihr
+meldet, Presi! Wer ists?&laquo; Die ehrliche Neugier stand
+ihm im Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Unter vier Augen und nur zu Euch &mdash; Frau Cresenz,
+die Schwester des Kreuzwirtes in Hospel. Wir
+haben die Angelegenheit gestern ins reine gebracht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;nsche Euch Gl&uuml;ck,&laquo; sprach der Garde feierlich
+und sch&uuml;ttelte dem Wirt kr&auml;ftig die Hand. Dann
+setzte er sich und knurrte in einem Ton vor sich hin, der
+nicht entscheiden lie&szlig;, ob darin eine Zustimmung oder
+Mi&szlig;billigung liege.</p>
+
+<p>&raquo;Was sagt Ihr dazu?&laquo; fragte der Presi.</p>
+
+<p>&raquo;Cresenz wird dem B&auml;ren schon wohl anstehen, sie
+hat sich als Witwe gut erhalten, ist mit ihren f&uuml;nfunddrei&szlig;ig
+Jahren eine h&uuml;bsche Frau, sauber und flink, sie
+versteht das Wirten und den Umgang mit den Leuten wie
+keine andere, hat einen tadellosen Ruf, kurz, ich meine,
+Ihr f&uuml;hrt eine geschickte Frau ins Haus. Aber &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde stockte.</p>
+
+<p>&raquo;Aber?&laquo; &mdash; wiederholte der Presi.</p>
+
+<p>&raquo;Cresenz ist aus einem so gro&szlig;en Gasthof und an das
+Fremdenleben so gew&ouml;hnt, da&szlig; es ihr hier bei uns hinten,
+wo doch nur Bauern und Alpleute sind, langweilig wird.&laquo;</p>
+
+<p>Der B&auml;renwirt lachte: &raquo;Falsch, Garde, falsch! &mdash;
+Daf&uuml;r ist gesorgt. Ein sch&ouml;nes St&uuml;ck wird schon sein,
+Bini zu ziehen. Das Kind ist verwildert; denkt nur,<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[Pg 26]</a></span>
+gestern kam sie mir barfu&szlig; bis nach Tremis entgegen,
+es hat mich gesch&auml;mt vor den Leuten. Ich habe keine Zeit,
+mich mit ihr abzugeben, die kropfige Susi, das Keifweib,
+wird nicht Herr &uuml;ber sie, fahre ich aber einmal mit einem
+Donnerwetter dazwischen, so schilt sie mich frank einen
+Rabenvater.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden M&auml;nner lachten herzlich &mdash; es schien, der
+Streit von vorhin sei in lauter Freundschaft aufgel&ouml;st.</p>
+
+<p>Da r&auml;usperte sich der Garde: &raquo;Haltet, wenn Ihr
+jetzt eine frische, h&uuml;bsche Frau bekommt, nur die Beth
+selig in Ehren und gutem Andenken.&laquo;</p>
+
+<p>Das Gesicht des B&auml;renwirts verfinsterte sich.</p>
+
+<p>&raquo;Aber das gebt Ihr doch zu,&laquo; sagte er m&uuml;rrisch,
+&raquo;Frau Cresenz wird eine bessere Wirtin als die arme
+selige Beth.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle Leute im Dorf haben sie geliebt und verehrt,
+nur Ihr nicht. Sie war eine Frau wie ein Engel, sie
+hat nur das Ungl&uuml;ck gehabt, da sie Euern hochfahrenden
+Pl&auml;nen nicht hat folgen k&ouml;nnen und nicht hat wollen.
+Sie war eine, wie wir alle im Dorfe sind: einfach und
+fromm, stets auf den Frieden im Leben und die Seligkeit
+im Himmel bedacht, Ihr aber gleicht von jeher mehr
+den Leuten drau&szlig;en in der Welt, hastig und unruhig
+seid Ihr immer voll Pl&auml;ne, habt Ihr immer eine ganze
+Menge Dinge umzutreiben. Da wird Euch allerdings
+Cresenz besser verstehen als Beth!&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi l&auml;chelte &uuml;berlegen: &raquo;Handel und Wandel,
+mein' ich, giebt dem Leben das Salz und&laquo; &mdash; er klopfte
+dabei auf den Tisch &mdash; &raquo;mit Frau Cresenz wage ich es.
+Der B&auml;ren soll ein Fremdengasthof werden, ich nehm's
+mit dem Pfarrer und euch allen auf.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[Pg 27]</a></span>&raquo;Presi!&laquo; Das Blut war dem Garden in den Kopf
+geschossen. &raquo;Presi, das thut Ihr nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr werdet's schon erleben.&laquo; Die Augen des B&auml;renwirtes
+blitzten &uuml;berm&uuml;tig und unternehmungslustig.</p>
+
+<p>&raquo;Der Pfarrer wird Euch von der Kanzel angreifen
+und alle werden mit ihm gegen Euch sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der hochw&uuml;rdige Herr soll das Geistliche besorgen,
+das Weltliche besorgen wir schon.&laquo; Der Presi lachte und
+fuhr dann fort: &raquo;Ich will Euch verraten, warum er keine
+Fremden will. Es sind jetzt vierzig Jahre, da&szlig; er nach
+St. Peter gekommen ist. Da stieg &uuml;ber die Schneel&uuml;cke
+herunter der erste Fremde, ein ber&uuml;hmter Naturforscher,
+der mit seinen F&uuml;hrern die Krone erklettert hatte. Die
+Leute von St. Peter erstaunten dar&uuml;ber so sehr, da&szlig; sie
+den Pfarrer riefen. 'Vielleicht sind's Gespenster!' sagte
+er und ordnete eine Prozession an, damit man ihnen
+entgegenziehe. Als der Bergsteiger, seine F&uuml;hrer und
+Tr&auml;ger kamen, spritzte er ihnen Weihwasser entgegen und
+schrie: <span class="antiqua">'Apage, apage, Satanas!'</span> Auf dieses Zeichen trieben
+die von St. Peter die Fremden um das Dorf herum
+und jagten sie den Stutz abw&auml;rts. Glaubt, Garde, wegen
+der Schande von damals will der Pfarrer nichts von
+Fremden wissen, er f&uuml;rchtet, die Geschichte, wegen der
+wir von St. Peter in den B&uuml;chern als ein rauhes und
+dummes Volk verschrieen sind, werde dadurch frisch!&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde hatte sich beruhigt: &raquo;Der Pfarrer ist
+gegen den Fremdenverkehr, weil er von ihm das Verderben
+des Dorfes f&uuml;rchtet. Er hat recht. In Grenseln,
+wo jetzt auch zwei Gasth&ouml;fe sind, hat erst diesen Fr&uuml;hling
+ein M&auml;dchen, das im einen diente, ein Uneheliches
+bekommen. Denkt die Schande!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[Pg 28]</a></span>&raquo;Ja, aber die Forellen aus meiner Fischenz in der
+Glotter und den Hospeler aus meinen Bergen w&uuml;rde ich
+gern etwas besser verkaufen, als es bis jetzt geschehen ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werdet nicht zum Fluch von St. Peter, Presi,
+daf&uuml;r hat Euch wahrlich die Gemeinde Euer Amt nicht
+gegeben. &mdash; Ich mu&szlig; jetzt von etwas sprechen, wovon
+man eigentlich nicht reden soll, so wunderbar heilig ist
+es. Hat je eine Lawine das Dorf St. Peter getroffen?
+Nie! Und doch wohnen wir unter den Firnfeldern der
+Krone und sie h&auml;tten freien Weg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; schon, wohin Ihr zielt, aber ich bin nicht
+abergl&auml;ubisch; die armen Seelen kommen in die H&ouml;lle,
+nicht auf die Gletscher. Das sagt ja der Pfarrer selbst,&laquo;
+h&ouml;hnte der Wirt, &raquo;der wird's wissen!&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick schaute ein etwa f&uuml;nfzehnj&auml;hriger
+Junge bl&ouml;d durch die halbge&ouml;ffnete Th&uuml;re.</p>
+
+<p>&raquo;Nur hinein, Eusebi!&laquo; Lustig schob Binia den ungelenken
+schw&auml;chlichen Burschen mit beiden H&auml;nden vom
+Flur in die Stube.</p>
+
+<p>&raquo;Was willst, Eusebi?&laquo; fragte der Garde freundlich.</p>
+
+<p>&raquo;S&mdash;s&mdash;sollst h&mdash;h&mdash;heim&mdash;k&mdash;k&mdash;ommen, V&mdash;v&mdash;vater.
+Ei&mdash; ein R&mdash;rind ist k&mdash;k&mdash;kr&mdash;rank auf d&mdash;d&mdash;er Alp.&laquo;</p>
+
+<p>Der Stotterer sch&auml;mte sich seines Uebels, er wu&szlig;te
+nicht wohin blicken.</p>
+
+<p>&raquo;Sei nur ruhig, Eusebi, ich komme!&laquo; Der Garde
+stand auf und der Presi gab ihm bis auf die Freitreppe
+das Geleit.</p>
+
+<p>Dort s&auml;umten die M&auml;nner noch einen Augenblick.</p>
+
+<p>&raquo;Also wir m&uuml;ssen auf alles gefa&szlig;t sein, die Wildleutlaue
+kann jede Stunde gehen,&laquo; sagte der Presi <a name="corr_1" id="corr_1"></a><a href="#corr_note_1" class="correction" title="Fehlender Punkt im Original">ernst.</a></p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[Pg 29]</a></span>&raquo;Ja, aber noch einmal gesagt, die Machenschaft mit
+Seppi Blatter ist nichts,&laquo; erwiderte der Garde. &raquo;Im
+&uuml;brigen hoffe ich, da&szlig; ich bei der Wassertr&ouml;stung<a name="FNanchor_5" id="FNanchor_5"></a><a href="#Footnote_5" class="fnanchor">[5]</a> das
+Amt niederlegen kann. Ich bin der Geschichte satt.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5" id="Footnote_5"></a><a href="#FNanchor_5"><span class="label">[5]</span></a> <i>Wassertr&ouml;stungen</i> nennt man die Gemeindeversammlungen, in
+denen Beschl&uuml;sse &uuml;ber die Wasserleitungen gefa&szlig;t werden.</p></div>
+
+<p>&raquo;Das nicht, das nicht; &uuml;ber Seppi Blatter aber
+reden wir im Gemeinderat.&laquo;</p>
+
+<p>Die M&auml;nner sch&uuml;ttelten sich die H&auml;nde.</p>
+
+<p>&raquo;Nichts f&uuml;r ungut!&laquo; sagte der Garde, &raquo;ich rede frei
+von der Leber, anders hab' ich's nicht gelernt.&laquo;</p>
+
+<p>Binia aber rief: &raquo;Nicht wahr, Eusebi darf noch bei
+mir bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;,&laquo; l&auml;chelte der Garde wohlgef&auml;llig, &raquo;ich habe
+nichts lieber, als wenn er bei anderer Jugend ist.&laquo; Da
+ri&szlig; die wilde Binia den scheuen Jungen mit sich.</p>
+
+<p>Der Garde, der ganz aus Eisen zusammengesetzt
+schien, ging langsamen Schrittes durch die kleinen Aecker
+zur H&uuml;tte des Wildheuers Seppi Blatter. Er hatte
+schwer zu denken und wiegte den m&auml;chtigen Kopf: Was
+f&uuml;r ein merkw&uuml;rdiger Mann ist doch der Presi! St. Peter
+ist zu klein f&uuml;r seine rastlose Betriebsamkeit. In allem
+hat er die Hand. Er hat seine Schuldscheine auf Aeckerchen
+und Alpen, er beherrscht als Vermittler zwischen den
+Sennen und den fremden H&auml;ndlern den K&auml;se- und Viehhandel,
+er ist Posthalter und hat damit den Einblick in
+allen Verkehr und nun will er noch Fremdenwirt werden.</p>
+
+<p>Dazu die schlechte voreilige Anb&auml;ndelei mit Seppi
+Blatter! &mdash; Was hat er f&uuml;r einen Zweck dabei? Keinen!
+Eine Laune ist's, ein St&uuml;ck str&auml;flichen Uebermutes.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[Pg 30]</a></span>Da war er bei der H&uuml;tte angekommen.</p>
+
+<p>&raquo;He, flei&szlig;ige Vroni, wo ist der Vater?&laquo;</p>
+
+<p>Vroni sa&szlig; auf dem moos&uuml;berwachsenen Block, der
+das H&auml;uschen schirmte, sie flocht mit flinken Fingern an
+einem jener Strohb&auml;nder, woraus die Glotterthalerinnen
+die zierlichen H&uuml;te machen, die sie tragen. Nebenbei
+&uuml;berwachte sie die drei Ziegen, die, mit den Schellen
+klingelnd, zwischen hohen roten Enzianen und blauem
+Eisenhut sich ihr Futter naschten.</p>
+
+<p>&raquo;Vater, Mutter und Josi wildheuen an den Bockjeplanken;
+kann ich dem Vater etwas ausrichten, Pate?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er soll unter Licht<a name="FNanchor_6" id="FNanchor_6"></a><a href="#Footnote_6" class="fnanchor">[6]</a> bei mir vorbeikommen. Guten
+Abend, artiges Kind &mdash;&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6" id="Footnote_6"></a><a href="#FNanchor_6"><span class="label">[6]</span></a> <i>unter Licht</i>, schweizerdeutsch, &raquo;in der D&auml;mmerung&laquo;.</p></div>
+
+<p>Damit stoffelte<a name="FNanchor_7" id="FNanchor_7"></a><a href="#Footnote_7" class="fnanchor">[7]</a> er den Berg hinan. Vroni hatte
+aber von ihm einen Blick aufgefangen, der ihr zu denken
+gab. In seiner Freundlichkeit war ein sorglicher Ton
+gewesen, der ihr in den Ohren nachklang.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7" id="Footnote_7"></a><a href="#FNanchor_7"><span class="label">[7]</span></a> <i>stoffeln</i>, schwerf&auml;llig gehen.</p></div>
+
+<p>Wie gestern rollte auch heute in einem fort Lawinendonner
+in st&auml;rkeren und schw&auml;cheren Schl&auml;gen vom Gebirg,
+und pl&ouml;tzlich fiel ihr der Vater ein. Sie wu&szlig;te
+nicht warum. Doch! Er war am Morgen so bla&szlig; gewesen,
+er hatte gesagt, er habe die ganze Nacht kein
+Auge geschlossen wegen des Donners.</p>
+
+<p>Vroni bemerkte es in ihrem Sinnen nicht, da&szlig; eine
+behende Gestalt wie ein Wiesel &uuml;ber die Felsen hinaufgeklettert
+kam, sie erschrak ordentlich, als Binia ihren
+Arm um sie schlang. Und dann sah sie den scheuen
+Eusebi unten stehen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[Pg 31]</a></span>&raquo;Komm, Sebi, komm!&laquo; Er kletterte, setzte sich zutraulich
+zu den zwei M&auml;dchen, seine Augen gl&auml;nzten in
+stiller Freude. &raquo;Vroni und Bini wissen, da&szlig; ich nicht
+so einf&auml;ltig bin, wie die Leute meinen,&laquo; dachte er.</p>
+
+<p>&raquo;Vroni, wie geht die Geschichte von den heligen
+Wassern weiter, mir hat die ganze Nacht von der Wildfrau
+Gabrisa getr&auml;umt, sie war aber nicht schwarz, sondern
+blond wie du!&laquo; scherzte Binia.</p>
+
+<p>Vroni lachte, dann mahnte sie: &raquo;Du, von Josi
+darfst du keinen Ku&szlig; mehr bekommen!&laquo;</p>
+
+<p>Eusebi ri&szlig; die Augen auf: &raquo;K&mdash;k&mdash;ku&szlig;,&laquo; stammelte
+er verwundert.</p>
+
+<p>&raquo;So!&laquo; Lustig stellte Binia die wei&szlig;en Z&auml;hne. &raquo;Erz&auml;hle
+jetzt nur, Vroni. Josis Ku&szlig; war ja nur Spiel.&laquo;</p>
+
+<p>Da legte Vroni, wie sie es gewohnt war, die H&auml;nde
+&uuml;ber das Knie und sah in die Weite: &raquo;Ich fange jetzt
+gleich an, wo ich gestern zu &uuml;berdenken aufgeh&ouml;rt habe,
+ich mag das Gleiche nicht zweimal sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, das macht mir und Sebi nichts, wenn du nur
+erz&auml;hlst,&laquo; versicherte Binia.</p>
+
+<p>Da begann Vroni:</p>
+
+<p>&raquo;Man wunderte sich, wie die Wildleute Wasser
+in die Weinberge hinauff&uuml;hren oder tragen werden und
+viele Leute gingen nach Hospel hinaus, um es selber zu
+sehen. Die Wildleute fingen aber bei St. Peter zu arbeiten
+an, sie hieben B&auml;ume um und h&ouml;hlten die dicken
+St&auml;mme fast ganz aus, so da&szlig; breite und tiefe K&auml;nnel
+entstanden. Den ersten legten sie an das Gletscherthor,
+aus dem die Glotter ins Thal l&auml;uft, und dann viele
+Hunderte daran, den Anfang des einen in das Ende des
+anderen, immer fast eben hin. Von Zeit zu Zeit pr&uuml;ften<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[Pg 32]</a></span>
+sie, ob das Wasser hindurchflie&szlig;e, und wenn es lief, so
+tanzten sie vor Freude und klatschten in die H&auml;nde.
+'Alleweil sanft, alleweil sanft,' riefen sie sich zu, und da
+ihnen der Boden des Thales zu rasch abw&auml;rts ging, zogen
+sie die K&auml;nnel den Berg entlang, so da&szlig; sie viel h&ouml;her
+als der Thalboden zu liegen kamen und sich hoch am
+Berg dahinwanden. Die Thalleute wunderten sich, da&szlig;
+sich die Wildleute so viel M&uuml;he gaben, sie wu&szlig;ten nicht,
+was werden solle. Die Wildleute aber riefen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">'Sunneschyn, ja Sunneschyn<br /></span>
+<span class="i0">Macht die ruchen<a name="FNanchor_8" id="FNanchor_8"></a><a href="#Footnote_8" class="fnanchor">[8]</a> Wasser fyn!'<br /></span>
+</div></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8" id="Footnote_8"></a><a href="#FNanchor_8"><span class="label">[8]</span></a> <i>ruch</i>, rauh.</p></div>
+
+<p>&raquo;Wo ein Baum stand, der die K&auml;nnel beschattet
+h&auml;tte, f&auml;llten sie ihn. So zogen sie die Leitung der
+Sonnenseite des Thales entlang und hoch durch ihren
+eigenen Wald zwischen dem Dorf und dem Schmelzwerk,
+wo jetzt die Wei&szlig;en Bretter sind:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">'Duref&uuml;ehren, duref&uuml;ehren,<br /></span>
+<span class="i0">Zirble<a name="FNanchor_9" id="FNanchor_9"></a><a href="#Footnote_9" class="fnanchor">[9]</a> aber nit anr&uuml;ehren!'<br /></span>
+</div></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9" id="Footnote_9"></a><a href="#FNanchor_9"><span class="label">[9]</span></a> <i>Zirble</i>, Zirbelbaum, Arve.</p></div>
+
+<p>&raquo;So riefen sie sich &auml;ngstlich zu. Den Leuten kam
+es seltsam vor, da&szlig; die Wasserleitung im Wildmannliwald
+am Schatten gehen sollte, sie aber sagten:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">'E Wurzen<a name="FNanchor_10" id="FNanchor_10"></a><a href="#Footnote_10" class="fnanchor">[10]</a> git dem Berg den Halt<br /></span>
+<span class="i0">Und wenn sie bricht, so fallt der Wald!'<br /></span>
+</div></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_10" id="Footnote_10"></a><a href="#FNanchor_10"><span class="label">[10]</span></a> <i>E Wurzen git</i>, eine Wurzel giebt.</p></div>
+
+<p>&raquo;So bauten sie die K&auml;nnel, viele Kircht&uuml;rme hoch
+&uuml;ber Hospel kam das Wasser in die Weinberge, und vom
+langen Lauf an der Sonne war es ganz warm.</p>
+
+<p>&raquo;'Aber es ist ja tr&uuml;b, was sollen wir mit tr&uuml;bem<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[Pg 33]</a></span>
+Wasser anfangen?' murrten die Weinbergleute. Die
+Wildleute jedoch tanzten wie n&auml;rrisch um die fertige Leitung
+und mahnten:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">'Tr&uuml;ebe Wasser, g&uuml;ldige Wyn!<br /></span>
+<span class="i0">Grabend Gr&auml;ben, lassend's yn!'<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>&raquo;Die Leute folgten dem Rat, sie gruben Furchen zu
+den verdorrten Weinst&ouml;cken und siehe, die Reben gr&uuml;nten
+und trieben Schosse, wo ein Tr&ouml;pflein hinkam, spro&szlig;te
+das Gras, die B&auml;ume schlugen aus. Das ganze Land
+um Hospel wurde sch&ouml;n wie ein Garten und prangte in
+Fruchtbarkeit.</p>
+
+<p>&raquo;Die Leute standen da, die Eltern zeigten das Wunder
+den abgemagerten Kindern, die Greise weinten vor Freude
+und streckten die H&auml;nde ins Wasser, da&szlig; sie merken, wie
+es riesele.</p>
+
+<p>&raquo;Da rief einer: 'O du heliges Wasser', und alle
+antworteten: 'Ja, heliges Wasser, heliges Wasser!' Seither
+hat man die Leitung nie anders genannt.</p>
+
+<p>&raquo;Die D&ouml;rfer des Thales, St. Peter, Tremis und
+Fegunden, und alle jene, die von dem Ueberflu&szlig; der
+Hospeler Wasser erhielten, traten zu einer Landsgemeinde
+zusammen. Sie beschworen, da&szlig; niemand das helige Wasser
+letzen oder damit Vergeudung treiben d&uuml;rfe, sie setzten
+Verbannung oder Tod darauf, sie legten das Landbuch
+an, in dem jedes Grundst&uuml;ck aufgezeichnet und ihm das
+Ma&szlig; des Wassers bestimmt ist, das ihm zur Tages- oder
+Nachtzeit zugeleitet werden darf, sie bestellten beeidigte
+W&auml;chter, die nachsahen, da&szlig; keiner zu viel und keiner zu
+wenig vom Segen erhielt. Und alle drei Jahre legten
+die Leute den Finger auf das Landbuch, da&szlig; sie ewig
+halten, was darin stehe. Von da an hatten die von<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[Pg 34]</a></span>
+St. Peter Reben, die Wildleute aber zogen sich wieder
+tief in den Wald zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend Vroni so sprach, schien es, als bewegten
+sich den steilen Alpenweg hinab drei B&uuml;ndel. Zuerst waren
+sie nur wie dunkle Punkte gewesen, aber jetzt wurden sie
+gr&ouml;&szlig;er und gr&ouml;&szlig;er. Ihre Tr&auml;ger sah man nicht, aber
+die Erz&auml;hlerin jubelte, sich selber unterbrechend, doch:
+&raquo;Sie kommen, schaut, wie viel Heu sie haben. Es ist
+das erste des Jahres.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bis sie da sind, erz&auml;hle noch ein wenig, Vroni, es
+ist alles sch&ouml;n, was du sagst,&laquo; schmeichelte Binia. Selbst
+der bl&ouml;de Sebi nickte.</p>
+
+<p>Vroni, das sah man ihren gl&auml;nzenden Augen an,
+war im Zug:</p>
+
+<p>&raquo;Das dauerte lange, lange Zeit. Die Menschen
+kamen auf die Welt und starben, niemand wu&szlig;te mehr
+etwas anderes, als da&szlig; die heligen Wasser Jahr um
+Jahr Segen und Fruchtbarkeit spendeten. Unterdessen
+betrieben die Venediger den Bergbau, sie lebten &uuml;ppig
+und in Freuden, das fr&ouml;hliche Leben ging im B&auml;ren nie
+aus. Die von St. Peter wurden durch den Wein, den
+sie an den Bergen von Hospel pflanzten und den Knappen
+verkauften, sehr reich. Allein es kam die Zeit, wo die
+Bergleute alles Holz, das an den Thalseiten wuchs, f&uuml;r
+ihre Feuer abgeschlagen hatten, und wegen der Lawinen
+und Steinschl&auml;ge wuchs das neue nur langsam nach. Der
+Holzmangel war gro&szlig;. Der Wald der Wildleute aber,
+der so nahe am Schmelzwerk lag, stand in Sch&ouml;nheit
+und Pracht. Da boten die Venediger denen von St. Peter
+so viel l&ouml;tiges Silber, als sie in sieben Wochen gewannen,
+wenn sie diesen Wald schlagen d&uuml;rfen. Da man schon<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[Pg 35]</a></span>
+lange keinen Wildmann mehr gesehen hatte und die Leute
+glaubten, die Wildleute seien gestorben oder fortgewandert,
+so verkauften sie den Forst, der nicht ihnen geh&ouml;rte,
+und die Venediger schlugen ihn. Manchmal, wenn
+die Bergknappen die Axt in einen der B&auml;ume hackten,
+erscholl aber aus dem Wald ein Klagen, wie wenn Kinder
+weinen w&uuml;rden, und aus den Geb&uuml;schen h&ouml;rte man das
+Ger&auml;usch der fliehenden Wildleute. Als die Knappen die
+Axt an die &auml;lteste Arve legten, &uuml;berpurzelte der m&auml;chtige
+Baum, es klirrte, wie wenn im Boden eine Kette rei&szlig;en
+w&uuml;rde, und ein Wildmannli, das erschreckt forteilte, rief:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">'Untr&uuml;, Untr&uuml;, du machst gro&szlig;es Weh,<br /></span>
+<span class="i0">Jetzt hebt<a name="FNanchor_11" id="FNanchor_11"></a><a href="#Footnote_11" class="fnanchor">[11]</a> der Wald am Berg nit meh!'<br /></span>
+</div></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_11" id="Footnote_11"></a><a href="#FNanchor_11"><span class="label">[11]</span></a> <i>hebt</i> = h&auml;lt.</p></div>
+
+<p>&raquo;Das war der letzte Wildmann.&laquo;</p>
+
+<p>Vroni brach ab. Die Wildheuer, der Vater, die
+Mutter und Josi, mit ihren Lasten waren herangekommen.
+Sie warfen ihre B&uuml;ndel ab, streiften die wei&szlig;leinenen
+Kapuzen zur&uuml;ck, die ihre K&ouml;pfe vor dem Heustaub sch&uuml;tzten,
+und wuschen sich am Brunnen, der neben der H&uuml;tte
+summt, die erhitzten Gesichter und die H&auml;nde.</p>
+
+<p>Vroni, die fast den ganzen Tag einsam gewesen
+war, begr&uuml;&szlig;te die Ank&ouml;mmlinge mit lebhafter Freude,
+aber sie dauerte nur einen Augenblick. Warum zog sich
+die Stirne des Vaters so finster zusammen, als er Binias
+ansichtig wurde, was war das f&uuml;r ein fremder, schmerzlicher
+Zug, der &uuml;ber das braune Gesicht bis in den blonden
+Bart hineinzuckte?</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich schrie er wie aus wilder Qual heraus Binia
+an: &raquo;Fort mit dir, du Schlechthundekind!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[Pg 36]</a></span>Die Erschrockene und Verwirrte, die das b&ouml;se Wort
+wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf, stand einen
+Augenblick fassungslos, dann fl&uuml;chtete sie so schnell wie
+eine Gemse. Hinter ihr drein Eusebi, der aber weit
+zur&uuml;ckblieb.</p>
+
+<p>Fr&auml;nzi und die Kinder standen verdutzt; erschreckt,
+vorwurfsvoll sagte die Frau: &raquo;Seppi, Seppi! bist du letzk&ouml;pfig
+geworden? Die Binia hat dir ja nichts gethan!&laquo;</p>
+
+<p>Der verst&ouml;rte Mann gab keine Antwort, er setzte
+sich auf den Dengelstein, mit verbissener Wut begann er
+die Sicheln zu r&uuml;sten, als ob sie in St&uuml;cke gehen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Fr&auml;nzi ging beleidigt ins Haus, Vroni standen die
+hellen Thr&auml;nen der Kr&auml;nkung in den Augen, Josi machte
+sich mit dem Heu zu schaffen, damit seine tiefe Verlegenheit
+nicht zu auff&auml;llig sei.</p>
+
+<p>&raquo;Vater, der Garde hat gesagt, Ihr sollt heute abend
+noch zu ihm kommen!&laquo; wagte Vroni sch&uuml;chtern zu melden.</p>
+
+<p>Da schnob Seppi Blatter: &raquo;Hole der, welcher hinkt,
+den Garden mit dem Presi!&laquo;</p>
+
+<p>Weinend lief Vroni davon. Mutter und Kinder
+verstanden den Vater nicht mehr. Den ganzen Tag war
+er einsilbig gewesen und hatte gebr&uuml;tet. Und jetzt war
+er so sinnlos wild, er, der Mann, der sonst immer von
+stiller Gem&uuml;tsheiterkeit war und gern einen Scherz machte,
+wenn ihn die Sorgen nicht zu stark dr&uuml;ckten.</p>
+
+<p>Etwas mu&szlig;te gestern abend im B&auml;ren vorgefallen sein.</p>
+
+<p>Aber was? &mdash; Wenn er es nicht freiwillig sagte,
+erfuhren es Mutter und Kinder nicht. Das wu&szlig;ten sie
+schon.</p>
+
+<p>Als die Haushaltung in der kleinen Stube beim
+Abendbrot, bei Wegwartekaffee, schwarzem hartem Roggenbrot<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[Pg 37]</a></span>
+und K&auml;se, um den Tisch sa&szlig;, wollte Josi das Gespr&auml;ch
+auf die Wildleutlaue bringen, aber da donnerte
+ihn der Vater mit einem &raquo;Halt&nbsp;'s Maul!&laquo; an.</p>
+
+<p>Und als Fr&auml;nzi sanft mahnte, er m&ouml;chte doch zum
+Garden gehen, sagte er ganz traurig: &raquo;Ich bin todm&uuml;de
+&mdash; gute Nacht, alle zusammen.&laquo;</p>
+
+<p>Beklommen ging der Haushalt zur Ruhe und die
+harte Tagesarbeit brachte Josi wenigstens bald den Schlaf.</p>
+
+<p>Er wurde furchtbar daraus geweckt. Ihm war im
+Traum, als r&uuml;ttelte der Wind am Haus, als knackte
+das Schindeldach &mdash; er wurde munter &mdash; das Get&ouml;se
+dauerte fort, die Balken knarrten, die Ziegen im Stall
+begannen zu meckern. Im Dorf bellten die Hunde und
+von weit her h&ouml;rte er das Vieh pl&auml;rren. Er schlich sich
+erschrocken zur Luke, die von seinem Dachgemach ins Freie
+ging. Der Himmel &uuml;ber den Bergen war sternklar, aber
+vom Stutz herauf schwebte es wie ein grauer Nebel und
+die Luft wogte. Feiner Schneestaub begann zu rieseln,
+die Gegend verfinsterte sich.</p>
+
+<p>Da wu&szlig;te er es: Die Wildleutlaue an den Wei&szlig;en
+Brettern ist gegangen.</p>
+
+<p>Jetzt fingen die Glocken zu l&auml;uten an, wie es Brauch
+ist in St. Peter, wenn eine Lawine, ein Gewitter oder
+ein Brand im Thale w&uuml;tet. &raquo;Betet, betet!&laquo; l&auml;uteten sie.</p>
+
+<p>Halb angekleidet stieg Josi in die Stube hinunter.</p>
+
+<p>Welch ein Anblick! Die Mutter sa&szlig; totenbla&szlig; auf
+einem Stuhl, vor ihr auf dem Boden kniete, barfu&szlig; und
+nur halb bekleidet, der Vater, das Haupt in ihren Scho&szlig;
+geneigt, seine sehnigen H&auml;nde um die ihrigen geschlungen.</p>
+
+<p>Der gewaltige Mann st&ouml;hnte, schluchzte und rang
+nach Worten, da&szlig; es einen Stein h&auml;tte erbarmen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[Pg 38]</a></span>Vroni sa&szlig; am Tisch vorgelehnt, durch die H&auml;nde,
+mit denen sie das Gesicht bedeckt hielt, drangen die
+Thr&auml;nen, ihre junge Brust bebte vor Leid.</p>
+
+<p>&raquo;Was giebt's?&laquo; fragte Josi; als er aber von keiner
+Seite Antwort erhielt, fingen vor Angst auch ihm die
+Glieder an zu zittern, die Z&auml;hne zu klappern.</p>
+
+<p>Da kam's aus der Brust des Vaters, als w&uuml;rde
+ihm das Herz abgedreht und sich im Leib auch eine Lawine
+l&ouml;sen:</p>
+
+<p>&raquo;O Fr&auml;nzi &mdash; liebe Fr&auml;nzi &mdash; ich habe es versprochen
+&mdash; ich mu&szlig; an die Wei&szlig;en Bretter steigen.&laquo;</p>
+
+<p>Ein Schrei drang aus der H&uuml;tte in die Nacht, er
+kam von Vroni. Die Mutter sa&szlig; entgeistert, sie hatte
+willenlos ihre H&auml;nde aus denen des Vaters gel&ouml;st und
+strich ihm &uuml;ber den Scheitel. Sie fl&uuml;sterte immer nur:
+&raquo;Mein armer Seppi &mdash; mein armer Seppi! Das also
+ist's, warum du nicht hast reden k&ouml;nnen. Gott! Gott!&laquo;</p>
+
+<p>Ihr Streicheln und ihre Worte beruhigten den Knieenden,
+so da&szlig; er, wenn auch nur sto&szlig;weise, sprechen konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dem Presi die drei Zinslein f&uuml;r das
+Aeckerchen bringen wollen. Der B&auml;li&auml;lpler mit der krummen
+Nase hockte da &mdash; der Wildheuer B&auml;lzi mit den
+w&auml;sserigen Augen und dem schwarzen Bocksbart. &mdash; Wir
+haben um eine Ma&szlig;<a name="FNanchor_12" id="FNanchor_12"></a><a href="#Footnote_12" class="fnanchor">[12]</a> geh&auml;kelt<a name="FNanchor_13" id="FNanchor_13"></a><a href="#Footnote_13" class="fnanchor">[13]</a>. &mdash; Ich habe beide
+&uuml;ber den Tisch gezogen. &mdash; Da fingen sie an zu necken
+und zu h&auml;nseln. &mdash; Ich sei wohl stark, aber doch ein
+Hasenherz und wage mich nicht, wie sie, auf die Kronenplanken.<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[Pg 39]</a></span>
+Ich h&ouml;re eine Weile zu und sage nichts. Da
+kommt endlich der Presi und redet von der Wildleutlaue.
+Er lacht, er spricht so drum her, es k&ouml;nnte einer ein
+sch&ouml;nes St&uuml;ck Geld verdienen, wenn er die Gemeinde
+nicht zum Los kommen lasse. Ich meine, es geht auf
+B&auml;lzi. 'Hast ja acht Kinder, la&szlig; dich auf den Handel
+nicht ein!' sage ich.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_12" id="Footnote_12"></a><a href="#FNanchor_12"><span class="label">[12]</span></a> Die <i>Ma&szlig;</i> ist das ehemalige schweizerische Einheitsma&szlig; f&uuml;r
+Fl&uuml;ssigkeiten. Sie fa&szlig;t anderthalb Liter.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_13" id="Footnote_13"></a><a href="#FNanchor_13"><span class="label">[13]</span></a> <i>H&auml;keln</i>, so viel wie Fingerziehen, ein beliebtes Kraftspiel
+der Aelpler.</p></div>
+
+<p>&raquo;'He, es wird einer an die Bretter steigen m&uuml;ssen,'
+machte der Presi unwirsch, 'er braucht ja nicht grad in
+die Ewigkeit zu fallen.' Ein Wort giebt das andere.
+Pl&ouml;tzlich sagt er zu mir: 'Wenn einer noch drei Zinslein
+schuldig ist, braucht er den Mund nicht so weit aufzumachen,
+wie du, Seppi; gescheiter w&auml;r's, du stiegst an
+die Wei&szlig;en Bretter.'</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin wie vom Donner getroffen, ich rolle das
+Geld aus dem Sack auf den Tisch, da h&ouml;hnt er: 'Eben,
+eben, hast die Loba verkauft. Wenn ich's schon nicht
+h&auml;tte erfahren sollen, so wei&szlig; ich's. H&auml;ttest mir wohl
+vorher einen Deut thun k&ouml;nnen.' Ich darauf: 'Es darf
+doch noch einer sein Rind verkaufen, ohne da&szlig; so und
+so viel Franken in den Fingern des Presi bleiben.'</p>
+
+<p>&raquo;Da schl&auml;gt er auf den Tisch, br&uuml;llt, es sei traurig,
+wenn einer an der Zahlung von vierhundert Franken
+sechs Jahre herumzerre. Und er k&uuml;ndigt mir den Brief
+auf Martini.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe immer gehofft, er werde wieder gut zu
+mir, er ist sonst nicht ungrad und wir sind alte Schul-
+und Milit&auml;rkameraden, drum bin ich in der Stube sitzen
+geblieben. Er ist auch wieder artig geworden, man redet,
+man trinkt, da lacht er auf einmal: 'Wage den Streich,
+Seppi, steige an die Wei&szlig;en Bretter. Auf deinem Aeckerchen,<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[Pg 40]</a></span>
+das f&uuml;r vierhundert Franken verschrieben ist, steht
+noch eine Schuld von hundertachtzig Franken. Ich will
+nicht der Presi sein, wenn die Gemeinde dir nicht den
+Brief abnimmt, sofern du die heligen Wasser wieder herstellst;
+sage ja, und ich &uuml;bernehm's auf meine Verantwortung,
+ich gebe dir gleich den Vertrag. Die Genehmigung
+durch die Gemeinde bleibt vorbehalten. Soll
+ich schreiben?'</p>
+
+<p>&raquo;'Nein, nein,' schreie ich und kann fast nicht reden,
+'kennst du das Vaterunser: Und f&uuml;hre mich nicht in Versuchung!'</p>
+
+<p>&raquo;'Ho,' meint er, 'es ist ein sch&ouml;ner Verdienst, du
+kannst an einem Tag nicht mehr gewinnen. Du verdienst
+nicht so viel in einem Jahr. Und wenn ich das Briefchen
+k&uuml;ndige, kommst du auch in Verlegenheit.'</p>
+
+<p>&raquo;'Ein dummer Teufel bist,' sagte B&auml;lzi.</p>
+
+<p>&raquo;Ich trinke, die anderen lachen: 'Den Schlotter
+hast, aber keinen Mut!' Da habe ich den Wein im Kopf
+gesp&uuml;rt, ich habe auf einmal den Acker deutlich vor mir
+gesehen, wie er schuldenfrei voll Aehren steht. &mdash; Hin
+und her hat es mich gezerrt, da&szlig; mir ganz taumelig
+geworden ist. &mdash; Der Presi schreibt, die anderen zwei
+schwatzen auf mich ein, ich sehe nichts, ich h&ouml;re nichts. &mdash;
+Da liegen die Scheine vor mir, der Presi sagt: 'Du
+mu&szlig;t unterschreiben, &mdash; entweder den Empfang der K&uuml;ndigung
+oder den Vertrag, da&szlig; du an die Bretter gehst.'</p>
+
+<p>&raquo;Ich nehme die K&uuml;ndigung, da schreit B&auml;lzi: 'Du
+Gro&szlig;hans, wo willst du zu Martini hundertachtzig Franken
+hernehmen? Da hast den anderen Schein!'</p>
+
+<p>&raquo;Mir ist schwarz worden vor den Augen &mdash; ich habe
+nicht mehr gesehen, was ich unterschrieb &mdash; als der Presi<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[Pg 41]</a></span>
+den einen Vertrag eingesteckt hat, habe ich es gewu&szlig;t,
+was ich gethan.</p>
+
+<p>&raquo;Da ist die S&uuml;nde!&laquo; Der bleiche Mann zog aus
+der offenen Weste ein zerknittertes Papier hervor und
+warf es auf den Tisch. Dann neigte er sein Haupt in
+den Scho&szlig; seines Weibes.</p>
+
+<p>Lautes Weinen erf&uuml;llte die H&uuml;tte; mit dem rauschenden
+Kienspanlicht, das seinen flackernden Schein &uuml;ber
+die Gruppe des Elends warf, k&auml;mpfte das Morgenrot.</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[Pg 42]</a></span></p>
+<h2><a name="III" id="III"></a>III.</h2>
+
+
+<p>Die Wildleutlaue ist gegangen!</p>
+
+<p>In der Nacht schon standen die Leute in Gruppen
+vor den H&auml;usern des Bergdorfes, redeten miteinander,
+und als der Morgen kam, dachte niemand ans Tagewerk.</p>
+
+<p>Im B&auml;ren sa&szlig;en schon G&auml;ste. Ihre Zahl wuchs,
+als die, welche an den Stutz hinausgegangen waren, um
+die Gr&ouml;&szlig;e der Verw&uuml;stung zu sehen, zur&uuml;ckkehrten. Sie
+brachten den Bericht, den man erwartete: die Lawine
+hatte die Leitung der heligen Wasser von den Wei&szlig;en
+Brettern hinuntergefegt und den Abgrund der Glotter
+mit Eis und Schnee gef&uuml;llt.</p>
+
+<p>Also ist heute Wassertr&ouml;stung! Die Bauern erz&auml;hlten
+sich die Schrecken der Nacht: Die Scheiben klirrten, die
+Luft sprengte die Th&uuml;ren auf, die Betten wackelten, die
+Kinder schrieen, die Frauen riefen zu den Heiligen.</p>
+
+<p>Die alten Sagen von den heligen Wassern hatten
+freien Lauf. Binia, die der L&auml;rm aus dem Bett geschreckt
+hatte, und wie ein aufgescheuchter Vogel verwirrt
+und &uuml;bern&auml;chtig von einem Gemach des Hauses zum
+anderen flatterte und &uuml;berall fortgeschickt wurde, h&auml;tte
+in der gro&szlig;en Wirtsstube nur zu horchen brauchen, um<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[Pg 43]</a></span>
+den Rest der Geschichte zu vernehmen, den ihr Vroni
+schuldig geblieben war.</p>
+
+<p>Nachdem die Venediger den Wildleutewald geschlagen
+hatten, kam an der Stelle, wo die gro&szlig;e Arve gest&uuml;rzt
+war, ein wei&szlig;er Fleck, der Felsen, zum Vorschein und
+gl&auml;nzte, als ob dort ein St&uuml;ck Schnee nicht weggegangen
+w&auml;re. Mit jedem Gewitter und jeder Schneeschmelze
+wurde der unheimliche Fleck gr&ouml;&szlig;er, die Wei&szlig;en Bretter
+wuchsen gespenstisch aus dem dunklen Erdreich, die Wasser
+w&uuml;hlten die Furren<a name="FNanchor_14" id="FNanchor_14"></a><a href="#Footnote_14" class="fnanchor">[14]</a>, schlechte Jahre machten die Gletscher
+gro&szlig; und eines Tages wischte ein Gletscherbruch die K&auml;nnel
+der heligen Wasser, deren Befestigung immer schwieriger
+wurde, in die Glotter hinab.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_14" id="Footnote_14"></a><a href="#FNanchor_14"><span class="label">[14]</span></a> <i>Furre</i> = Furche, Runse, Steilschlucht.</p></div>
+
+<p>Man sah darin die Strafe der Wildleute und nannte
+den Eisbruch &mdash; die Wildleutlawine!</p>
+
+<p>Als die Wasser gebrochen waren, kehrte in Hospel
+und in den D&ouml;rfern wieder D&uuml;rre und Mangel ein.
+Der Zorn der Bewohner des gro&szlig;en Thales wandte sich
+gegen die Venediger und die Leute von St. Peter, da
+sie schuld an dem Ungl&uuml;ck seien. Die D&ouml;rfer forderten
+sie durch Boten auf, da&szlig; sie die Leitung wieder herstellen,
+doch wagte es niemand, an die senkrechten Wei&szlig;en Bretter
+hinaufzusteigen, K&auml;nnel dar&uuml;ber hinzuf&uuml;hren und sie zu
+befestigen. Da stellten die Hospeler und die D&ouml;rfer im
+Thal bei Tremis Wachen auf, sie lie&szlig;en niemand weder
+nach St. Peter hinein, noch von dort nach Hospel hinaus.
+&raquo;Ungl&uuml;ck &uuml;ber uns!&laquo; klagten die von St. Peter, aus
+Mangel zogen die Venediger &uuml;ber die Schneel&uuml;cke ab,
+das Bergwerk zerfiel und die F&uuml;chse wohnten in den<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[Pg 44]</a></span>
+Stollen. Die Not wurde immer gr&ouml;&szlig;er, denn die kleinen
+Aeckerchen, welche die Leute um das Dorf hin anlegten,
+gaben nicht genug Brot, es fehlte das Holz und viele
+Bewohner erfroren im Winter. Der Pfarrer erlag der
+Seuche, die im Dorfe herrschte, niemand verk&uuml;ndete mehr
+das Wort Gottes. Da sagten die von St. Peter. &raquo;Ehe
+wir gottlos werden wie die wilden Tiere, ehe unsere
+Kinder ins Leben treten ohne Taufe, die S&ouml;hne und
+T&ouml;chter heiraten ohne Trauung, die Greise sterben ohne
+Beichte und Sakrament, wollen wir uns mit Gewalt den
+Thalweg erzwingen.&laquo; Mit Sensen und Gabeln fielen
+die M&auml;nner und Frauen von St. Peter &uuml;ber die Wachen
+bei Tremis und t&ouml;teten sie, aber in der zweiten gr&ouml;&szlig;eren
+Schlacht, die beim Bildhaus an der Gemeindegrenze von
+St. Peter und Tremis geschlagen wurde, erlagen sie.
+Die Krieger aus dem gro&szlig;en Thal drangen bis ins Dorf
+vor, raubten und pl&uuml;nderten und die Bewohner mu&szlig;ten
+sich ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben.</p>
+
+<p>Da kam ein gro&szlig;es Versprechen zu stande, das f&uuml;r
+ewige Zeiten ins Landrecht aufgenommen wurde. Die
+von St. Peter sollen die heligen Wasser an den Wei&szlig;en
+Brettern vor&uuml;berf&uuml;hren und sie vom Gletscher an bis
+zum Bildhaus bei Tremis unterhalten, wie es das gemeinsame
+Wohl forderte, daf&uuml;r sollen sie ungehindert aus
+dem Thale verkehren k&ouml;nnen und ihre Weinberge zur&uuml;ckerhalten,
+die vorderen D&ouml;rfer aber sollen die Leitung
+von der Br&uuml;cke an besorgen und Friede immerdar w&auml;hren.</p>
+
+<p>Jetzt wu&szlig;ten die von St. Peter, da&szlig; ihnen nichts
+anderes &uuml;brig blieb, als die heligen Wasser, sollte es auch
+alle B&uuml;rger kosten, an den Wei&szlig;en Brettern vor&uuml;berzuleiten.
+Sie bestimmten, da&szlig; das Los unter ihnen entscheide,<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[Pg 45]</a></span>
+wer von ihnen die gro&szlig;en Eisenringe, in die man
+die K&auml;nnel h&auml;ngen wollte, hoch an den gr&auml;&szlig;lichen Felsen
+befestigen m&uuml;sse. Des Losens war kein Ende, einer nach
+dem andern stieg hinauf, schon waren sieben gefallen, das
+Wehklagen des Dorfes f&uuml;llte das Thal, und viele, die
+das Los noch verschont hatte, wanderten heimlich mit
+ihren Haushaltungen &uuml;ber die Schneeberge aus. Da war
+ein Ehrloser, Matthys Jul mit Namen, der zu Hospel
+an einer Kette im Gef&auml;ngnis lag, weil er einen andern
+Mann im Zorn erschlagen hatte. Er anerbot sich, die
+Leitung herzustellen, wenn er dadurch seine Freiheit und
+Ehre wiedererlange. Man f&uuml;hrte ihn an die Wei&szlig;en
+Bretter und siehe da &mdash; ihm gelang es, die Reifen festzumachen
+und die K&auml;nnel zu legen. Die Merkh&auml;mmer
+klopften, das Wasser flo&szlig; nach langem Unterbruch wieder
+fr&ouml;hlich durchs Thal; da wurde beschworen, da&szlig; jede
+Blutschuld ges&uuml;hnt sei, wenn der Th&auml;ter die heligen Wasser
+an den Wei&szlig;en Brettern aus dem Verderben rette.</p>
+
+<p>Alle zweimal sieben Jahre, bald ein paar Sommer
+fr&uuml;her, bald ein paar Sommer sp&auml;ter, saust die Wildleutlaue
+&uuml;ber die Wei&szlig;en Bretter herunter und zerst&ouml;rt
+die Wasserfuhre, immer mu&szlig; dann ein Mann auf Leben
+und Sterben an die Felsen emporsteigen, da&szlig; er die
+K&auml;nnel wieder f&uuml;ge, und geheimnisvoll waltet, wenn sich
+kein Freiwilliger meldet, dar&uuml;ber das Los.</p>
+
+<p>Als vielhundertj&auml;hrige, durch Brauch und Sitte, ja
+sogar durch die kirchlichen Anschauungen geweihte unabl&ouml;sbare
+Fron liegt die Instandhaltung der heligen Wasser
+auf dem Dorf, der milde Segenspender von Hospel ist
+der Drache von St. Peter, der die bl&uuml;hende Mannschaft
+des Dorfes verschlingt. Dunkle Sagen melden von manchem<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[Pg 46]</a></span>
+Opfer, das unfreiwillig an die Wei&szlig;en Bretter
+emporgezwungen worden ist; mit den Ueberlieferungen,
+die von den Ungl&uuml;cksf&auml;llen berichteten, welche an den schrecklichen
+W&auml;nden geschehen sind, k&ouml;nnte man ein Buch f&uuml;llen.</p>
+
+<p>Auf einer der vielen Gedenktafeln im grauen Kirchlein
+an der Br&uuml;cke, das einst den fr&ouml;hlichen Bergknappen
+als Gotteshaus diente, sagt eine Inschrift, die auch schon
+halb verbla&szlig;t ist, kurz und schwer: &raquo;Welche Trauer! Der
+Totf&auml;ll' ist kein End'!&laquo;</p>
+
+<p>Sollen die Opfer &uuml;berhaupt nie enden? &mdash; Die
+Sage tr&ouml;stete, einst w&uuml;rde ein Liebespaar St. Peter von
+der Blutfron an den heligen Wassern erl&ouml;sen, aber eine
+Jungfrau m&uuml;sse dar&uuml;ber sterben. Wann? &mdash; Ja, wohl
+erst, wenn sich die andere Sage erf&uuml;llte, da&szlig; auf den
+Bergen, auf denen jetzt die gro&szlig;en Gletscher liegen,
+Roseng&auml;rten bl&uuml;hen, der kreisende Adler sich des fallenden
+Zickleins erbarmt und es der Mutter bringt.</p>
+
+<p>Heute ist Wassertr&ouml;stung &mdash; Losgemeinde. Nur scheu
+und verstohlen wagt sich die Frage, die auf allen Herzen
+brennt, hervor: Wer wird an die Wei&szlig;en Bretter steigen
+m&uuml;ssen? &mdash; Das Los &mdash; das blinde Los, wen trifft's? &mdash;
+Sie liegt wie ein Alpdruck auf den Gem&uuml;tern, denn keiner
+wei&szlig;, ob nicht er aus der alten silbergetriebenen Urne
+des Dorfes, die noch an die Bergwerksherrlichkeit erinnert,
+sich die Verdammnis ziehen wird, als B&uuml;rger
+von St. Peter den Gang auf Leben und Sterben zu
+wagen. Er &mdash; oder wenn nicht er, sein Vater, sein
+Sohn oder sein Bruder. Auf jedem Herzen liegt die
+Furcht und gr&auml;&szlig;liche Spannung. Da ist kein Unterschied
+zwischen arm und reich, wer zwischen zwanzig und sechzig
+Jahren und im Besitze der b&uuml;rgerlichen Ehren steht, der<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[Pg 47]</a></span>
+mu&szlig; dem Rufe folgen, wenn er aus der Losurne an
+ihn ergeht.</p>
+
+<p>Auf die erste Nachmittagsstunde, nachdem die heligen
+Wasser gebrochen waren, sollten die B&uuml;rger zur Losgemeinde
+einberufen werden. So forderten es die alten
+Satzungen. Vom Fall der Lawine an bis zur Loswahl
+standen in St. Peter alle Rechtshandlungen, die sich nicht
+auf die heligen Wasser bezogen, Kauf, Verkauf, Taufe,
+Hochzeit und Begr&auml;bnis still. Beim Ehrenverlust durfte
+niemand das Thal verlassen, alle hatten dem Klang der
+Glocken zu folgen, die vom Mittag an eine Stunde lang
+zur Wassertr&ouml;stung l&auml;uteten. Die Satzungen dr&auml;ngten
+auf rasches Handeln, und das war gewi&szlig; besser als die
+lange Ungewi&szlig;heit; um so furchtbarer aber lasteten die
+kurzen Morgenstunden auf dem Dorfe, denn noch war
+die Abmachung zwischen dem Presi und Seppi Blatter
+nur wenigen bekannt, und die schwiegen.</p>
+
+<p>Die einen, die im B&auml;ren sa&szlig;en, stierten tr&uuml;bsinnig
+in das Glas und der Wein mundete ihnen nicht, die
+anderen tranken und johlten dazu.</p>
+
+<p>St. Peter, das stille Dorf, wo die Leute kaum
+zu lachen und zu reden wagten, war heute laut und
+lebendig, der H&auml;lfte der Bewohner hatte die Furcht und
+Spannung die Zunge gel&ouml;st.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rt! &mdash; h&ouml;rt!&laquo; Alle dr&auml;ngten sich um den Tisch,
+wo der bocksb&auml;rtige B&auml;lzi beim Schnaps hockte und prahlerisch
+wiederholte: &raquo;Ich wei&szlig;, was ich wei&szlig; &mdash; es kommt
+nicht zum Losen. Es meldet sich einer.&laquo; Allein er blieb
+bei dunklen Andeutungen &mdash; entt&auml;uscht wandten sich die
+anderen von ihm ab: &raquo;Er ist ein unzuverl&auml;ssiger Lump.
+Gebt nichts auf den!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[Pg 48]</a></span>Doch hatte sich's schon einigemal zugetragen, da&szlig;
+sich unverhofft und in den bittersten N&ouml;ten ein Freiwilliger
+f&uuml;r die gefahrvolle Arbeit meldete. Im Anfang
+des Jahrhunderts ein armer, braver Knecht, der umsonst
+beim harten Vater um die Hand der Meisterstochter gebeten
+hatte. Er legte die K&auml;nnel, und die Gemeinde trat
+f&uuml;r ihn als Freiwerber ein. Im Jahre 1819 fiel ein
+Freiwilliger, der geglaubt hatte, seinem toten Vater, der
+wandeln mu&szlig;te, die Ruhe zu verschaffen. Und nachdem
+zweimal das Los gew&auml;hlt, hatte sich vor vierzehn Jahren
+Hans Zuensteinen freiwillig als Helfer gestellt; sein Gang
+war die L&ouml;sung eines Gel&uuml;bdes, das er f&uuml;r die gl&uuml;ckliche
+Errettung seines Weibes aus dreit&auml;gigen N&ouml;ten bei
+der Geburt Eusebis gethan hatte.</p>
+
+<p>Darauf hatte man ihm das Ehrenamt des Garden
+verliehen, das er musterhaft verwaltete.</p>
+
+<p>Wunderbar w&auml;re also nicht, wenn auch jetzt wieder
+einer, von den geheimen M&auml;chten des Lebens getrieben,
+aufstehen und den Bann von der Gemeinde nehmen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Susi, die alte Trottel von Haush&auml;lterin, und M&auml;gde
+aus dem Dorf besorgten die Wirtschaft, der Presi lie&szlig;
+sich seit einer halben Stunde nicht blicken, aber wenn
+die G&auml;ste gehorcht h&auml;tten, so h&auml;tten sie seine schweren
+Schritte durch die Decke &uuml;ber sich geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>&raquo;Gott's Maria und Sankt Peter &mdash; R&auml;usche haben
+wir alle gehabt.&laquo; &mdash; Jetzt stand er im Selbstgespr&auml;ch still
+und st&uuml;tzte sich auf den Tisch. &raquo;Ich mu&szlig; hinter sich
+machen.&laquo; Er nahm ein beschriebenes Blatt Papier, er
+that, als wolle er es zerrei&szlig;en. Er legte es aber wieder
+hin. &raquo;Was angefangen ist, mu&szlig; man vollenden.&laquo; Er
+lief und wiederholte: &raquo;Dumm&laquo; &mdash; &raquo;dumm&laquo; &mdash; &raquo;dumm.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[Pg 49]</a></span>Der Mann k&auml;mpfte gegen sich selbst, da&szlig; ihm die
+hellen Schwei&szlig;tropfen auf der Stirne standen. Er hatte
+nichts Gro&szlig;es gegen Seppi Blatter; der war ein geplagter
+Mann, der mit seinem Flei&szlig; ein besseres Fortkommen
+verdient h&auml;tte, und der Verkauf des Rindes
+war nicht von Wichtigkeit. Man durfte als Presi nicht
+kleinlich sein. Der ganze Handel war ein Streich des
+Uebermutes gewesen, in seiner Anheiterung hatte er, gereizt
+von Seppis Widerstand, pr&uuml;fen wollen, ob er ihn
+nicht doch herumbringe. Ja, wenn die Sache zwischen
+ihm und Seppi geblieben w&auml;re, dann h&auml;tte er schon
+r&uuml;ckw&auml;rts krebsen k&ouml;nnen, aber der B&auml;li&auml;lpler wu&szlig;te davon,
+B&auml;lzi &mdash; und der Garde. Ohne den offenen oder
+heimlichen Spott dieser herauszufordern, ging's nicht ab.
+Nun &mdash; und ob! Wieder griff er nach dem Papier.</p>
+
+<p>Da klopfte es. Der krummm&auml;ulige, bogennasige
+B&auml;li&auml;lpler, der vorher ein rechter Mann gewesen war,
+aber seit dem Tod seiner zwei sch&ouml;nen Kinder den Halt
+verloren hatte, trat ein. Er zog den Hut: &raquo;Presi, mich
+dr&uuml;ckt's &mdash; in die Geschichte will ich nicht gesponnen
+sein. Ich habe nichts gesehen und nichts geh&ouml;rt. Ich
+habe einen Rausch gehabt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das war doch nur ein zu weit getriebener Scherz!&laquo;
+erwiderte der Presi heiter; &raquo;nat&uuml;rlich kann Seppi nicht
+behaftet werden, wir m&uuml;ssen halt losen!&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte sich im Augenblick entschieden, der B&auml;li&auml;lpler
+schien ihm wie ein Helfer der Vernunft und er
+begleitete ihn wie aus Dankbarkeit zur Th&uuml;re. Da h&ouml;rte
+er Binias glockenhelle Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, alte Susi, zu Fr&auml;nzi lasse ich mich
+nicht schicken, Seppi Blatter ist ein w&uuml;ster Mann, der<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[Pg 50]</a></span>
+hat mir 'Schlechthundekind' zugerufen und mich fortgejagt.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi traute seinen Sinnen nicht &mdash; horchte &mdash;
+schnob: &raquo;Binia, daher!&laquo; und zog das Kind, das, nichts
+Gutes ahnend, fl&uuml;chten wollte, in sein Zimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Wie hat dich Seppi Blatter genannt?&laquo; &mdash; Die
+Kleine schwieg. Da r&uuml;ttelte er sie zornrot und wiederholte
+keuchend die Frage.</p>
+
+<p>&raquo;Schlechthundekind,&laquo; weinte die Kleine leis.</p>
+
+<p>&raquo;Schlechthundekind! Schlechthundekind! Schlechthundekind!
+Seppi, du mu&szlig;t ans Brett!&laquo;</p>
+
+<p>Wie ein wildes Tier lief der Presi hin und her,
+er stampfte, da&szlig; man es in der Stube unten h&ouml;rte. Binia
+ersp&auml;hte die Gelegenheit, um aus dem Zimmer zu wischen,
+wagte sich aber nicht an dem tobenden Manne vorbei,
+kletterte die kleine Ofentreppe empor, und als der Falldeckel,
+der auf den Estrich f&uuml;hrte, wohl weil er durch
+Ger&uuml;mpel verstellt war, dem Druck ihrer kleinen H&auml;nde
+nicht nachgab, verkroch sie sich in ihrer Angst auf den
+Specksteinofen.</p>
+
+<p>Da pochte es.</p>
+
+<p>&raquo;Herein! &mdash; Ihr, Fr&auml;nzi Blatter? Was wollt Ihr?&laquo;</p>
+
+<p>Der wilde Mann meisterte seinen Zorn &mdash; er schob
+ihr einen Stuhl hin.</p>
+
+<p>Fr&auml;nzi war eine arme Wildheuerin, aber die Bauern,
+die ihresgleichen nicht aus dem Wege gingen, wurden
+kleinm&uuml;tig vor ihr. Schon ihre Erz&auml;hlkunst, die sie an
+langen Winterabenden im Kreise der D&ouml;rfer &uuml;bte, gaben
+ihr etwas Geheimnisvolles, man betrachtete sie wie eine,
+die mehr erlebt hat, mehr wei&szlig;, mehr denkt, mehr f&uuml;hlt
+als die andern. Ob sie gleich die Spuren schwerer Arbeit<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[Pg 51]</a></span>
+an sich trug, so war sie doch ein Weib, dem der Wiederschein
+dessen, was sie reich in der Seele lebte, in Augen
+und Angesicht lag und einen eigenartigen Reiz verlieh.
+Und vor allem war sie eine rechtschaffene Frau.</p>
+
+<p>Der Presi und sie ma&szlig;en sich einen Augenblick, sie
+den Gegner in Bescheidenheit und tiefer Trauer.</p>
+
+<p>&raquo;Gebt mir das gemeine Papier zur&uuml;ck, Presi!&laquo; sagte
+sie, indem sie ihn mit ihren gro&szlig;en blauen Augen ruhig,
+fast freundlich anblickte.</p>
+
+<p>&raquo;Geschrieben ist geschrieben, Fr&auml;nzi!&laquo; In barschem
+und bedauerndem Ton sprach es der Presi.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr besteht auf einer erschlichenen Unterschrift
+&mdash; &mdash; du bestehst darauf, Peter!&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi zuckte zusammen und kr&uuml;mmte sich, als
+sie ihn duzte, sein Gesicht wurde fahl. Eine Welt
+voll sch&ouml;ner und peinigender Erinnerungen stand in
+ihm auf.</p>
+
+<p>&raquo;Peter! Es sind sechzehn Jahr', da hast du in der
+Nacht an mein Fensterchen gepocht. Du hast in meinem
+K&auml;mmerchen geweint und auf den Knieen gefleht: 'Fr&auml;nzi,
+erh&ouml;re mich, ich bin verloren, wenn du mich nicht rettest,
+ich bin im Streit vom Vater gegangen, ich habe keinen
+guten Menschen als dich!' Wir verlobten uns heimlich
+und sechs Wochen warst du mir gut. Dann s&ouml;hntest du
+dich mit dem Vater aus und nahmst auf sein Dr&auml;ngen
+Beth. Du warst treulos gegen mich, treuloser gegen sie,
+denn du hast sie nicht geliebt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wozu das, Fr&auml;nzi?&laquo; sagte der Presi dumpf und
+hilflos vor der W&uuml;rde des Weibes, das vor ihm sa&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich meinte, ich habe mit dem unendlichen
+Leid, das du mir damals zuf&uuml;gtest, das Recht erworben,<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[Pg 52]</a></span>
+da&szlig; du meinen Mann und mein Haus in Ehren haltest
+und ihnen unn&ouml;tig nichts Leides anthuest.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi schluckte: &raquo;Ihr Frauen versteht nichts von
+dem &mdash; und Fr&auml;nzi &mdash; ich mu&szlig; mein Geld und die Gemeinde
+einen Mann haben. Keiner ist wie Seppi f&uuml;r
+das Werk geeignet. Es geschieht ihm auch nichts dabei!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will dir sagen, warum Seppi gehen mu&szlig;. Du
+hast es ihm nie verziehen, da&szlig; er mein Mann geworden
+ist. Du wolltest mich, das arme M&auml;dchen, nicht mehr
+f&uuml;r dich, aber du g&ouml;nntest mich auch keinem anderen. Wie
+David den Urias in den Krieg geschickt hat, schickst du
+Seppi an die Wei&szlig;en Bretter &mdash; nicht da&szlig; du mich, das
+schon fast alte Weib, mehr m&ouml;chtest, aber du hassest ihn!&laquo;</p>
+
+<p>So sprach Fr&auml;nzi mit ihrer tiefen und sch&ouml;nen
+Stimme.</p>
+
+<p>Der Presi zitterte und mu&szlig;te sich halten. Zog ihm
+Fr&auml;nzi Schleier von den Augen? &mdash; Ja! Vorgestern,
+wie er als Frischverlobter von Hospel gegangen war, da
+war auf dem langen Weg die alte Zeit an ihm vor&uuml;bergezogen.
+Beth hatte er nicht geliebt, in Frau Cresenz war
+er auch nicht recht verliebt, er nahm sie, weil sie eine t&uuml;chtige
+Wirtin war, die sechs heimlichen Wochen mit Fr&auml;nzi
+waren sein einziges sonniges, gro&szlig;es Liebesgl&uuml;ck gewesen.
+Er, T&ouml;lpel, hatte das jahrzehntelange Gl&uuml;ck, das vor
+ihm lag, verscherzt. Und dann hatte der Wildheuersepp,
+was er selbst verloren, gefunden. Aus diesem Gef&uuml;hl
+war er Seppi aufs&auml;ssig gewesen. &mdash; Seit Fr&auml;nzi
+gesprochen, wu&szlig;te er es.</p>
+
+<p>&raquo;Gieb mir den Vertrag, Peter!&laquo; sagte Fr&auml;nzi g&uuml;tig.</p>
+
+<p>Er reckte sich, zauderte, dann donnerte er: &raquo;Ich
+lasse mein Kind von euch nicht Schlechthundekind nennen!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[Pg 53]</a></span>Fr&auml;nzi fuhr zusammen: &raquo;Peter, vergieb Seppi, er
+hat in seiner Qual nicht gewu&szlig;t, was er sagte!&laquo;</p>
+
+<p>Sie war aufgestanden, sie hatte seine H&auml;nde ergriffen,
+sie sank vor ihm in die Kniee, umklammerte seine F&auml;uste:
+&raquo;Peter, Peter, sei barmherzig!&laquo;</p>
+
+<p>Seltsam! &mdash; In ihrer wilden Ersch&uuml;tterung gefiel
+ihm Fr&auml;nzi wieder &mdash; er mi&szlig;traute aber der Empfindung
+&mdash; er f&uuml;rchtete eine Uebereilung &mdash; darum war er
+hart gegen sie. Er schleuderte sie r&ouml;chelnd von sich:
+&raquo;Das Greinen und Betteln kann ich schon gar nicht leiden.
+&mdash; &mdash; Und das 'Schlechthundekind' mu&szlig; gestraft
+sein!&laquo;</p>
+
+<p>Als er sie von sich stie&szlig;, l&ouml;ste sich Fr&auml;nzis pr&auml;chtiges
+dunkles Haar, mit fliegender Brust stand sie einige Schritte
+entfernt vor ihm; die Leidenschaft hatte sie um zehn Jahre
+verj&uuml;ngt, aber ihre Stimme zitterte.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn nicht um meinet- und meiner Kinder willen,
+so sei's um deinet- und Binias willen &mdash; sei barmherzig
+gegen dich selbst &mdash; und gegen dein Kind!&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi blickte das leidenschaftliche Weib begehrerisch
+an, w&uuml;ste Z&uuml;ge entstellten sein Gesicht und
+gaben ihm einen tierischen Ausdruck; die Augen traten
+hervor und funkelten. Mit erstickter Stimme sagte er:
+&raquo;Fr&auml;nzi &mdash; ich will alles wieder gut machen, Fr&auml;nzi
+&mdash; &mdash; aber gieb mir einen Ku&szlig; &mdash; wie einst!&laquo;</p>
+
+<p>Sie starrte ihn verst&auml;ndnislos an; dann fragte sie
+allen Ernstes: &raquo;Bist du wahnsinnig geworden, Peter, &mdash;
+ich habe ja einen Mann und Kinder!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann geh'!&laquo; knirschte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehe, aber noch einmal: mache das B&ouml;se gut &mdash;
+sonst &mdash; Peter &mdash; bei der seligen Beth &mdash; die vom Himmel<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[Pg 54]</a></span>
+auf dich sieht &mdash; bei den armen Seelen, die im
+Eise stehen &mdash; es kommt ein Schaden &uuml;ber dein Kind &mdash;
+und Beth &mdash; das wei&szlig;t du &mdash; hat auf dem Totbett gesagt,
+ich m&ouml;chte dich mahnen, wenn Ungl&uuml;ck f&uuml;r Binia
+im Verzuge sei. Peter, Peter, richte dich nicht selbst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seit wann bist du unter die Bu&szlig;pfaffen gegangen,
+Fr&auml;nzi?&laquo; Und mit steigender, kreischender Stimme schrie
+er: &raquo;Jetzt mache, da&szlig; du fortkommst, sonst &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Er hob den Stuhl zum Schlage gegen Fr&auml;nzi.</p>
+
+<p>Da wich sie der Gewalt des W&uuml;tenden.</p>
+
+<p>In der Aufregung des Gespr&auml;chs hatten die beiden
+nicht bemerkt, wie zwei dunkle, gl&uuml;hende Kinderaugen,
+wie ein blasses, schmerzentstelltes Kindergesicht in fiebernder
+Spannung zwischen den Vorh&auml;ngen des Ofens hervor
+jedem ihrer Worte gefolgt waren.</p>
+
+<p>Als Fr&auml;nzi gegangen war, sank der Presi auf einen
+Stuhl, hielt den Kopf mit der Hand und st&ouml;hnte: &raquo;Da&szlig;
+ich nie gelernt habe, r&uuml;ckw&auml;rts zu krebsen &mdash; da&szlig; ich
+diesen harten Kopf nicht brechen kann. Fr&auml;nzi, du hast
+mehr als recht, &mdash; mit sehenden Augen renne ich ins
+Ungl&uuml;ck.&laquo; &mdash; Seine Lippen zuckten im Selbstgespr&auml;ch.</p>
+
+<p>Da kam Susi: &raquo;Presi, die Gemeinder&auml;te sind da &mdash;
+es ist alles f&uuml;r die Sitzung bereit.&laquo;</p>
+
+<p>Er warf einen Blick ins Freie.</p>
+
+<p>Rings von den Bergen herab stiegen die Sennen
+auf ihren Maultieren, sie trugen das sonnt&auml;gliche Gewand,
+viele waren von ihren Angeh&ouml;rigen begleitet, die
+ebenfalls ritten, so da&szlig; jede Familie eine sch&ouml;ne Gruppe
+bildete. Aber zur vollen Wirkung des Bildes fehlte die
+Farbenpracht der Trachten, die an weltlich festlichen
+Tagen dem Glotterthaler V&ouml;lklein eigen ist. Man sah<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[Pg 55]</a></span>
+nur das schlichte Kirchenkleid, die M&auml;nner trugen die
+dunklen Kittel ohne den Schmuck der Seidenstickereien,
+den schwarzen Filz ohne Blumen, die Frauen hatten &uuml;ber
+die B&uuml;ste dunkle Brustt&uuml;cher gekreuzt und an den H&uuml;ten
+flatterten die B&auml;nder in ged&auml;mpften Farben. Manche
+drehten im Reiten den Rosenkranz, kein Juchschrei t&ouml;nte
+durch die Berge; von weitem sah man, da&szlig; die Leute
+nicht lachen mochten und das Wort im Herzen verschlossen.
+Wozu reden? Jeder und jede wu&szlig;te, was die Gedanken
+des anderen bewegte; wer einmal im Scherz gesagt hatte,
+er w&uuml;rde den Gang an die Wei&szlig;en Bretter wagen, trug
+heute ein doppelt bek&uuml;mmertes S&uuml;ndergesicht zur Schau.
+In feierlicher Ruhe str&ouml;mte das Volk von allen Seiten
+ins Dorf und an den H&auml;usern standen einzelne Maultiere
+angebunden, besonders viele an der langen Stange
+vor dem B&auml;ren.</p>
+
+<p>Im letzten Augenblick sah der Presi den Garden mit
+Seppi Blatter kommen, beide waren sehr ernst und feierlich.
+Der Garde schien gr&ouml;&szlig;er als sonst, er trug seine Amtstracht,
+einen Hut mit wallenden blauschillernden Hahnenfedern,
+das Schwert am Gurt, die Binde am Arm.</p>
+
+<p>Da ging der Presi, mit sich selbst noch in Streit,
+wie er das Z&uuml;nglein der Wage schwenken wolle, aus seiner
+Stube in die schwere Sitzung.</p>
+
+<p>Fr&uuml;h am Morgen war der Garde in die Wohnung
+Seppi Blatters gekommen und hatte ihn in all seinem
+Kleinmut gefunden. &raquo;Begleitet mich zur Schau, wie die
+Lawine gegangen ist, und ob nicht noch Nachbr&uuml;che zu
+f&uuml;rchten sind,&laquo; redete er ihm zu. Seppi that es wohl,
+da&szlig; sich in dieser Stunde jemand um ihn k&uuml;mmerte. Der
+Garde drang auf dem Weg in den Wildheuer, da&szlig; er<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[Pg 56]</a></span>
+erz&auml;hle, wie der Vertrag mit dem Presi zu stande gekommen
+sei. Als er den Verlauf geh&ouml;rt hatte, zog er
+ein paar Banknoten aus der Brieftasche: &raquo;Da, Seppi,
+noch vor der Losgemeinde gehst du zum Presi und tilgst
+den Brief. Ich werde dir kein harter Gl&auml;ubiger sein.
+Wenn er Haken macht, bin ich da! Die Geschichte ist
+nichts!&laquo;</p>
+
+<p>Seppi, der gemeint hatte, kein Mensch auf der Welt
+sei ihm mehr gut, glaubte an ein Wunder. Alle Zerschlagenheit,
+die er zu Hause am Leib gesp&uuml;rt, war in Lebenslust
+verwandelt. Schon das Kommen des Garden hatte
+ihn aufgerichtet, das Angebot stimmte ihn fr&ouml;hlich. &raquo;Darf
+ich es auch annehmen?&laquo; fragte er gl&uuml;ckselig, dann jubelte
+es in ihm: &raquo;Frei &mdash; frei!&laquo; Seine Zunge war gel&ouml;st,
+der sonst stille Mann sprudelte die Worte nur so heraus:
+&raquo;O, Garde, glaubt nicht, da&szlig; es mir an Mut fehlt, an
+die Wei&szlig;en Bretter zu steigen, ich bin ja als Wildheuer
+h&auml;ufig genug am Seil gehangen und wei&szlig; wohl, da&szlig;
+mein Leben Tag um Tag an einem Faden h&auml;ngt, aber
+ich habe es nicht verwinden k&ouml;nnen, da&szlig; ich auf eine so
+mi&szlig;liche Art in die Pflicht gekommen bin, grad wie die
+Maus in die Falle &mdash; und ich habe es der Fr&auml;nzi nicht
+sagen d&uuml;rfen &mdash; gekr&uuml;mmt und geklemmt hat es mich &mdash;
+sie ist ein so himmelgutes Weib.&laquo;</p>
+
+<p>Die M&auml;nner waren auf die Ungl&uuml;cksstelle gekommen,
+mit dem Fernrohr musterte der Garde die Zerst&ouml;rungen
+an der Leitung, die Abbruchstelle des Gletschers, und wohl
+eine Stunde lang tauschten die beiden ihre Beobachtungen.
+&raquo;Es ist wie vor vierzehn Jahren, die K&auml;nnel sind alle
+weg, ein weiterer Abbruch aber nicht zu f&uuml;rchten.&laquo; Der
+Garde begann behaglich aus seinen gro&szlig;en Erinnerungen<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[Pg 57]</a></span>
+zu erz&auml;hlen, was jede Stelle an den Wei&szlig;en Brettern und
+in den Wildleutfurren f&uuml;r besondere Schwierigkeiten habe
+und mit welchen Vorteilen man sie am besten &uuml;berwinde.
+Da wurde Seppi ganz still, sein braunes Gesicht rot und
+r&ouml;ter. &raquo;Garde!&laquo; schrie er pl&ouml;tzlich, als sprengte es ihm
+die Brust, &raquo;ich steige an die Wei&szlig;en Bretter. Freiwillig
+gehe ich.&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde ma&szlig; ihn lange mit durchdringendem
+Blick; dann sagte er langsam und tief: &raquo;Gut, so geht!
+Ihr sagt's im Anblick der Gefahr, also ist's Euch ernst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig; Gott!&laquo; best&auml;tigte Seppi. Der Garde reichte
+ihm die Hand: &raquo;Fr&auml;nzis und Eurer Kinder wegen sollte
+ich Euch zur&uuml;ckhalten, aber die Fron liegt einmal auf
+der Gemeinde, und da hat der Presi recht, es ist keiner,
+der das Werk eher zu stande br&auml;chte als Ihr; Gott, der
+es Euch eingegeben hat, hinaufzusteigen, wird Euch sch&uuml;tzen.
+Es liegt ein Segen auf der freiwilligen That &mdash; ich habe
+es erfahren.&laquo;</p>
+
+<p>Stumm gingen die M&auml;nner ins Dorf zur&uuml;ck, der
+Garde sagte: &raquo;Jetzt la&szlig;t mich mit der Fr&auml;nzi sprechen,
+wartet.&laquo;</p>
+
+<p>Sie war eben vom Presi zur&uuml;ckgekehrt, schweigend
+und mit gefalteten H&auml;nden h&ouml;rte sie die Rede des Garden.</p>
+
+<p>In herzzerbrechendem Ton sagte sie: &raquo;Wohl, wenn
+ihn Gott berufen hat, so darf ich ihm nicht in den Arm
+fallen. Es wird schon ein Gl&uuml;ck darauf sein!&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde erwiderte bewegt: &raquo;Ich danke Euch,
+Fr&auml;nzi, &mdash; ich bin amtsm&uuml;de &mdash; ich lege heute die Stelle
+im Gemeinderat nieder, &mdash; Seppi Blatter mag der neue
+Garde werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Garde!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[Pg 58]</a></span>Aber Hans Zuensteinen war schon gegangen. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Die Glocken erklangen, das Volk sammelte sich auf
+dem Kirchhof, der im Nelkenschmuck rot ergl&uuml;ht war.</p>
+
+<p>Die M&auml;nner hatten die H&uuml;te gezogen und standen
+in Gruppen, einzelne auch mit Weib und Kind an den
+Gr&auml;bern Eigener, &uuml;ber welchen die Blumen wogten.
+Wie war allen wohl, die im heiligen Boden ruhten.
+Aber auch in ihr Leben hatte die Wildleutlawine die
+bangen Tage gebracht. War eine Familie im Dorf, die
+in der Folge der Geschlechter nie ein Opfer der heligen
+Wasser zu beweinen gehabt? &mdash; Kaum eine!</p>
+
+<p>Endlich verstummten die Glocken, die M&auml;nner nahmen
+Abschied von den Ihrigen &mdash; Seppi, der soeben
+gekommen war, sprach mit Fr&auml;nzi und den Kindern &mdash;
+und w&auml;ren die anderen nicht ganz im eigenen Kummer
+gefangen gewesen, so h&auml;tte ihnen die fahle, schmerzzerrissene
+Gruppe schon die L&ouml;sung eines Geheimnisses gebracht.</p>
+
+<p>So blieben die D&ouml;rfler alle in dunkler Furcht und
+gr&auml;&szlig;licher Spannung. Nur B&auml;lzi, der wein- und schnapsselig
+unter seinen bleichen W&uuml;rmern stand, hatte das Bild
+gesehen und lachte bl&ouml;d.</p>
+
+<p>Vom B&auml;ren her&uuml;ber bewegte sich der Zug des Gemeinderates,
+vor ihm her trug der Weibel, der anged&ouml;selt
+war, so da&szlig; der Zweispitz auf seinem Kopfe
+schwankte, die silberne Losurne.</p>
+
+<p>Hinter dem kleinen Zug schlo&szlig; sich die Kirchenth&uuml;re.</p>
+
+<p>Da warfen sich die Frauen und Kinder auf die Kniee,
+ins bl&uuml;hende Gras; das Gesicht gegen die Kirche gewendet,
+sandten sie die leidenschaftlichen F&uuml;rbitten f&uuml;r die Ihrigen
+zum Himmel, ihr hei&szlig;es Murmeln schwoll wie Windesrauschen<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[Pg 59]</a></span>
+an und ab. Manche weinten, dicht an die
+M&uuml;tter dr&auml;ngten sich die Kinder, die noch kaum wu&szlig;ten,
+was ihre lallenden Gebete sollten.</p>
+
+<p>Fr&auml;nzi, Vroni und Josi lagen mitten unter den
+anderen auf den Knieen und ihre Thr&auml;nen str&ouml;mten reichlich.
+Nahe bei ihnen kniete Eusebi, das flammende Beten
+der drei bewegte ihn so, da&szlig; er seine Stotterzunge verga&szlig;
+und mit Vroni im Gleichtakt seine Bitten in den
+Himmel hinaufschickte.</p>
+
+<p>Am wei&szlig;en Kirchturme, der eine etwas plumpe
+Nachahmung eines italienischen Campanile war, schlich
+der Uhrzeiger mit t&ouml;dlicher Langsamkeit, so langsam,
+da&szlig; einmal eine Stimme schrie: &raquo;Die Uhr geht nicht!&laquo; &mdash;
+Aber sie ging. &raquo;Erst eine halbe Stunde tagen sie!&laquo;
+jammerten die Weiber.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich schrie die Frau des Fenken&auml;lplers auf: &raquo;Ich
+halt's nicht mehr aus,&laquo; sie sprang an die Kirchenth&uuml;re,
+sie r&uuml;ttelte am Schlo&szlig;, sie schlug wie besessen die F&auml;uste
+auf die F&uuml;llung der Th&uuml;re. Umsonst, die M&auml;nner hatten
+sich eingesperrt.</p>
+
+<p>Noch eine halbe Stunde! &mdash; Drei Weiber zugleich
+poltern an die Th&uuml;r des Gotteshauses, ein anderes liegt
+ohnm&auml;chtig in den Nelken, die Gebete rauschen nicht
+mehr, sie rasen zum Himmel.</p>
+
+<p>Da knarrt das Schlo&szlig; &mdash; der Weibel tritt hervor. &mdash;
+T&ouml;dliche Stille &mdash; &raquo;Seppi Blatter hat sich freiwillig gestellt!&laquo;
+&mdash; Lautes Weinen bildet die Ausl&ouml;sung der Spannung.</p>
+
+<p>Aus der Kirche ergie&szlig;t sich die dunkle Schar der
+M&auml;nner. Die Weiber st&uuml;rzen schreiend auf sie zu und
+umhalsen sie: &raquo;Jetzt wollen wir wieder friedlich zusammen
+leben und arbeiten! &mdash; nie wollen wir zanken!&laquo; Und<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[Pg 60]</a></span>
+der B&auml;li&auml;lpler und sein Weib, die einander nicht mehr
+leiden mochten, vers&ouml;hnen sich.</p>
+
+<p>B&auml;lzi schreit: &raquo;Es lebe Seppi Blatter, der neue
+Garde!&laquo; und schwenkt den Hut.</p>
+
+<p>Jetzt kommt Seppi Blatter selber, totenbla&szlig;, doch
+hoch aufgerichtet.</p>
+
+<p>&raquo;Vater!&laquo; &mdash; ruft Josi und h&auml;lt ihn umschlungen,
+&raquo;ein Held will ich sein wie du &mdash; ich gehe mit dir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bleibst bei der Mutter!&laquo; sagt Seppi bewegt.
+Fr&auml;nzi ist an seine Brust gesunken, sie schluchzt, als drehe
+sich ihr das Herz in der Brust.</p>
+
+<p>&raquo;Du himmelgutes Weib!&laquo; Er k&uuml;&szlig;t ihr dunkles
+schwellendes Haar. &raquo;Kommt &mdash; kommt!&laquo;</p>
+
+<p>Dicht aneinandergedr&auml;ngt bewegt sich das Vierblatt
+von Eltern und Kindern am B&auml;ren vorbei.</p>
+
+<p>Die Leute ziehen vor ihm ehrf&uuml;rchtig die H&uuml;te. Auf
+der Freitreppe steht der Presi. Wie er Seppi Blatter
+sieht, schwankt er ins Haus. Ihm ist nicht gut. Die
+Ueberraschung, da&szlig; das Aeckerchen bezahlt worden ist
+und Seppi Blatter freiwillig an die Bretter steigt, hat
+ihm einen gro&szlig;en Sto&szlig; gegeben.</p>
+
+<p>Jetzt wallt das Volk in den B&auml;ren. Dem Schrecken
+darf ein Trunk im stillen folgen. Laut sein ist nicht
+schicklich, aber in ged&auml;mpftem Gespr&auml;ch sto&szlig;en die D&ouml;rfler
+mit den Gl&auml;sern an:</p>
+
+<p>&raquo;Auf Seppi Blatter, den Freiwilligen, m&ouml;gen ihm
+Gott und die Heiligen fr&ouml;hliche Wiederkehr schenken!&laquo;</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[Pg 61]</a></span></p>
+<h2><a name="IV" id="IV"></a>IV.</h2>
+
+
+<p>Gegen Abend kam Hans Zuensteinen feierlich in die
+Wohnung Seppi Blatters. In stummer Fassung sa&szlig; die
+Haushaltung da, Frau Fr&auml;nzi wie ein Marterbild, Vroni
+mit den Thr&auml;nen k&auml;mpfend, Josi voll Neugier und freudiger
+Zuversicht.</p>
+
+<p>&raquo;Seppi Blatter,&laquo; sagte der Garde, &raquo;es ist alles geordnet,
+die bestellte Mannschaft mit den Reifen und den
+K&auml;nneln nach dem Glottergrat unterwegs. Sie &uuml;bernachten
+in der oberen Balm<a name="FNanchor_15" id="FNanchor_15"></a><a href="#Footnote_15" class="fnanchor">[15]</a>, die F&uuml;hrung der Posten
+&uuml;bernehme ich selbst, wie's in meiner Pflicht liegt, und
+was von uns aus zu Euerm Dienste gethan werden kann,
+wird treulich und gewissenhaft besorgt. Und so Gott
+und die Heiligen wollen, Seppi Blatter, da&szlig; Ihr gesund
+zur&uuml;ckkommt, so gehen also der Gardenhut, Schwert und
+Binde in Eure Hand. Es sind Ehrenzeichen, die ich nicht
+jedem abtreten w&uuml;rde. Euch aber schon und gern. Vierzehn
+Jahre war ich auf dem Posten, fast zu lange,
+und ich habe Arbeit genug auf Acker und Maiens&auml;&szlig;e und
+im Weinberg.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_15" id="Footnote_15"></a><a href="#FNanchor_15"><span class="label">[15]</span></a> <i>Balm</i> bedeutet eine Stelle, wo der Felsen des Gebirgs
+&uuml;berh&auml;ngt.</p></div>
+
+<p>Seppi Blatter err&ouml;tete. Als Garde war er und<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[Pg 62]</a></span>
+sein Haushalt jeder Not &uuml;berhoben, aber bescheiden sagte
+er: &raquo;Ich werde das Amt wohl nicht versehen k&ouml;nnen, ich
+habe schon die H&auml;nde, aber nicht den Kopf daf&uuml;r.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der findet sich schon, wenn Ihr einmal dabei seid
+&mdash; im &uuml;brigen ist's im Gemeinderat gut gegangen. Es
+w&auml;re ungeschickt gewesen, wenn der Vertrag der Losgemeinde
+h&auml;tte vorgelegt werden m&uuml;ssen. So sieht es
+besser aus, auch f&uuml;r Euch, noch mehr f&uuml;r den Presi und
+dient dem allgemeinen Frieden. Der Presi hat sich mit
+Euch einfach verrannt, aber, wie er ist, wenn die vorderen
+R&auml;der des Wagens in den Kot gefahren sind, so
+hat er die Gnade nicht, 'H&uuml;st' zu rufen. Nein, wenn
+die heilige Jungfrau mit der ewigen Seligkeit auf dem
+Wagen s&auml;&szlig;e, die Hinterr&auml;der m&uuml;ssen auch hinein. Aber
+gewohlt hat's ihm, wie ein anderer an die Deichsel gestanden
+ist und kehrt gemacht hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr, Garde!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich haben die hundertachtzig Franken nicht gereut.
+Nur eins. Ueber diese Vertragsgeschichte mu&szlig;
+Gras wachsen. Es ist wegen des Presi. Wenn sie bekannt
+w&uuml;rde, so w&auml;re sie ein Fleck auf seiner Ehre. Ihr
+werdet, wenn Ihr einmal als Garde mit ihm zu verkehren
+habt, sehen, da&szlig; er gar nicht so ungrad, nicht so
+hart ist, wie er scheint, obgleich ihn von Zeit zu Zeit
+der Teufel reitet und dann nichts mit ihm anzufangen ist.&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde stand auf: &raquo;Also um ein Uhr.&laquo;</p>
+
+<p>Als Seppi und Fr&auml;nzi Blatter ihm das Geleit unter
+die Hausth&uuml;re gaben, blies der Senn auf der Fenkenalp
+durch seinen Milchtrichter den Heligen-Wasser-Segen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Die heligen Wasser beh&uuml;te uns, Gott,<br /></span>
+<span class="i0">Beh&uuml;tet sie, ihr lieben Heiligen!<br /></span>
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[Pg 63]</a></span></div>
+<span class="i0">Sankt Peter nimm den Schl&uuml;ssel zur Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Thu' auf dem Seppi Blatter die Wand,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;hr' den Seppi auf dem b&ouml;sen Weg,<br /></span>
+<span class="i0">Schlie&szlig;' seinen Fu&szlig; fest an den Steg,<br /></span>
+<span class="i0">Du hast den Schl&uuml;ssel und Gottes Gewalt,<br /></span>
+<span class="i0">Sorg', da&szlig; der Seppi Blatter nit fallt!<br /></span>
+<span class="i0">Die heligen Wasser beh&uuml;te uns Gott,<br /></span>
+<span class="i0">Und ihr liebe Heilige alle!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Das klang und wogte durch die ger&ouml;teten Berge,
+die den Wiederhall zur&uuml;ckwarfen, als s&auml;ngen Himmel und
+Erde. Und Fr&auml;nzi umarmte ihren Mann.</p>
+
+<p>R&uuml;ckblickend sagte der Garde, der schon einige Schritte
+gegangen: &raquo;Wenn Ihr ein paar Stunden schlafen k&ouml;nnt,
+Blatter, so thut es!&laquo;</p>
+
+<p>Und als er den anderen aus H&ouml;rweite gegangen
+war, knurrte er: &raquo;Das Wetter ist entsetzlich sch&ouml;n, kein
+W&ouml;lkchen am Himmel.&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Mitternacht! Das Gl&ouml;ckchen von St. Peter l&auml;utet.
+Jetzt wissen die Bewohner, die vom Schrecken des Tages
+ausruhen, da&szlig; der Pfarrer und der Mesner mit den
+Sakramenten zu Seppi Blatter gehen. Nichts dr&auml;ngt die
+Gefahr, die an den Wei&szlig;en Brettern lauert, so brennend
+vor die Augen, wie die Thatsache, da&szlig; selbst die allbarmherzige
+hoffnungsreiche Kirche den halb verloren giebt,
+der an die Felsen steigt.</p>
+
+<p>Sie reicht ihm ihre Tr&ouml;stungen.</p>
+
+<p>Der Priester spricht zu Seppi Blatter: &raquo;Du hast gebeichtet
+und den Leib des Herrn gegessen. Du geh&ouml;rst
+nicht mehr dieser Welt, lege ab die irdischen Gedanken
+und sinne auf deine Seligkeit. Giebt dich Gott in seiner
+grenzenlosen G&uuml;te der Erde zur&uuml;ck, so dank' es ihm
+ewiglich.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[Pg 64]</a></span>Da pocht es ans Fenster. Josi, der hinausblickt,
+sieht drei gro&szlig;e gelbe Augen, die gegen das Haus leuchten,
+die Windlichter f&uuml;r den Marsch durch den dunklen
+Wald. Er sieht ein Tr&uuml;ppchen M&auml;nner.</p>
+
+<p>&raquo;Vater, ich will mit dir gehen!&laquo; fleht er.</p>
+
+<p>&raquo;Bist ein th&ouml;richter Bub<a name="FNanchor_16" id="FNanchor_16"></a><a href="#Footnote_16" class="fnanchor">[16]</a>.&laquo; Rauh sagt es Seppi
+Blatter. Josi wei&szlig;, es ist nicht b&ouml;se gemeint, aber die
+Thr&auml;nen treten ihm in die Augen.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_16" id="Footnote_16"></a><a href="#FNanchor_16"><span class="label">[16]</span></a> <i>Bube</i>, schweizerdeutsch, so viel wie Knabe ohne die
+Nebenbedeutung des Ver&auml;chtlichen, die das Wort im Schriftdeutschen
+angenommen hat.</p></div>
+
+<p>Da pocht es zum zweitenmal scheu wie vorhin, als
+fehle denen drau&szlig;en der Mut, stark zu klopfen.</p>
+
+<p>Lautes Weinen erhebt sich in der Stube &mdash; unter
+der Th&uuml;r erscheint der Garde, er zieht das dicke N&uuml;rnberger-Ei
+aus der Tasche. &raquo;Im Augenblick ist es eins!&laquo;</p>
+
+<p>Garde und Pfarrer ziehen sich zur&uuml;ck, die Haushaltung
+Blatter ist allein. Geduldig warten die M&auml;nner,
+da kommt vom Kirchturme her&uuml;ber der schwere scharfe
+Einsschlag.</p>
+
+<p>Seppi Blatter tritt unter die Hausth&uuml;re: &raquo;Ich bin
+bereit!&laquo; Fest und mannhaft soll es klingen, aber es
+rasselt, da&szlig; es den M&auml;nnern schier die Brust zerrei&szlig;t.
+Die Windlichter verschwinden gegen den dunkeln, schauernden
+Alpenwald empor, sie sind nur noch winzige gelbe
+Punkte.</p>
+
+<p>Halberstickte Stimmen rufen in die Nacht: &raquo;Vater,
+beh&uuml;t' dich Gott, Vater!&laquo; &mdash; Und hoch aus dem Wald
+kommt noch einmal seine Stimme zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Er jauchzt, er hat Mut!&laquo; versetzt Josi mitten in
+Thr&auml;nen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[Pg 65]</a></span>&raquo;Fr&auml;nzi! hat er geschrieen &mdash; der Mutter hat er
+gerufen!&laquo; Vroni will's sagen, aber sie kann nicht sprechen
+vor Weh.</p>
+
+<p>Fr&auml;nzi und die beiden Kinder sitzen in der Stube,
+gel&auml;hmt und stumm &mdash; sie weinen nicht mehr &mdash; sie
+starren vor sich hin.</p>
+
+<p>Der alte Pfarrer hockt auf der Bank nebenan, den
+Mesner hat er fortgeschickt. Der flackernde Kienspan beleuchtet
+die Str&auml;hnen wei&szlig;en Haares und die hundert
+feinen F&auml;ltchen seines b&auml;uerlich ehrw&uuml;rdigen Gesichts.
+Er kann Fr&auml;nzi jetzt nicht verlassen, aber er schweigt.
+Wozu reden?</p>
+
+<p>Mit gesenkten Lidern, die mageren H&auml;nde ineinander
+gekrampft, sinnt er. Indem er die Menge schwerer
+G&auml;nge &uuml;berdenkt, die ihm die Pflicht in vierzig Jahren
+&uuml;berbunden, geht sein eigenes Leben in traumhaften Bildern
+an ihm vorbei. Er hat gek&auml;mpft und gelitten. Als
+er im Uebereifer des unerfahrenen Vikars den fremden
+Naturforscher f&uuml;r einen Abgesandten des Teufels genommen
+hatte, da regnete es Hohn auf ihn und bitter
+erkannte er, da&szlig; man, um als Pfarrer durchzukommen,
+von der Welt ebenso viel wissen mu&szlig;, wie vom Himmel
+und der H&ouml;lle. Aus der Stadt, wo der Gelehrte hauste,
+der ihn mit einer &uuml;bertriebenen Schilderung der Ankunft
+in St. Peter der L&auml;cherlichkeit preisgab, lie&szlig; er B&uuml;cher
+kommen. Er las sie und wurde irre am Glauben. In
+der Verzweiflung verbrannte er die Schriften, bei dem alten
+Amtsbruder in Hospel suchte er Hilfe, kehrte in den
+Glauben zur&uuml;ck und seit drei&szlig;ig Jahren war er von
+inneren Anfechtungen frei. Er pflegte sein Amt, wie ihm
+von oben geboten war, nur mit einem Zusatz: dem Teufel-<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[Pg 66]</a></span>
+und D&auml;monenglauben, der ihn so genarrt, war er abhold,
+ebenso dem Aberglauben. Wo gab es dessen mehr
+als im Glotterthal? Er kr&auml;nkte sich, da&szlig; seine Herde fast
+st&auml;rker als an die Heilswahrheiten der christlichen Religion
+an Vorstellungen festhielt, die heidnischen Ursprungs
+waren, so an der hartn&auml;ckigen Einbildung, da&szlig; die Abgestorbenen
+zur S&uuml;ndenreinigung nicht ins Fegefeuer,
+sondern in den Schnee der Gletscher kommen, er &auml;rgerte
+sich am Totenkult, der zu St. Peter in tiefer Heimlichkeit
+bl&uuml;hte, und an Johannes, dem falschen Kaplan, der,
+indem er sich an die Weiber hielt, das Dorf in einen
+immer tieferen Aberglauben stie&szlig;.</p>
+
+<p>Das war sein Schmerz noch in alten Tagen, wo er
+doch gelernt hatte, Leute und Leben zu nehmen, wie sie
+sind, und, wenn ihm etwas &uuml;ber die Leber kroch, sich zu
+seinem Bienenstand zur&uuml;ckzuziehen.</p>
+
+<p>Vroni war mit einer Thr&auml;ne an der Wimper eingeschlafen,
+die Schrecken der gestrigen und heutigen Nacht
+forderten Ausl&ouml;sung.</p>
+
+<p>Josi weckte den Pfarrer aus seinem Br&uuml;ten: &raquo;Es
+tagt, jetzt sind sie schon &uuml;ber dem Wald.&laquo;</p>
+
+<p>Der Pfarrer erwiderte: &raquo;Um sechs Uhr ist Heligen-Wasser-Prozession,
+wenn es euch recht ist, so gehe ich jetzt
+heim.&laquo;</p>
+
+<p>Da hob Fr&auml;nzi das schmerzlich vertr&auml;umte Haupt:
+&raquo;O geht nur. Ich will wachen, ihr aber, Kinder, m&uuml;&szlig;t
+noch etwas ruhen!&laquo; Sie brachte die in einen bleiernen
+Schlummer gesunkene Vroni zur Ruhe.</p>
+
+<p>Sie aber wachte.</p>
+
+<p>Der Morgen war empfindlich k&uuml;hl, der Himmel rein,
+die Felsen der Krone standen wie die Mauern eines<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[Pg 67]</a></span>
+M&uuml;nsters, ihre Firnen funkelten wie frischgegossenes Silber,
+im Thal hing der Tau an Baum und Strauch.
+Ueber den Stutz herauf erklang das Gl&ouml;cklein der Lieben
+Frau an der Br&uuml;cke.</p>
+
+<p>Die Windungen des Stutzes hinab bewegt sich die
+Wallfahrt. Die alte Kirchenfahne, auf der St. Peter mit
+dem Schl&uuml;ssel etwas ungeschickt hingemalt ist, knistert
+leise. Der Mesner f&uuml;hrt sie. Die wei&szlig;en kurzen Ueberhemden
+der paar Kreuztr&auml;ger schimmern. Unter einem
+vom Alter gelblich angelaufenen Himmel, der sich mit
+dem stahlblauen Firmament nicht messen kann, und
+beim Zug &uuml;ber den Stutz hinunter manchmal bedenklich
+schief zu stehen kommt, schreitet der Pfarrer. Er tr&auml;gt
+das Barett und ein langes Chorhemd, er schwingt den
+Rosenkranz und betet der Gemeinde mit lauter Stimme
+vor. Die vier Stangen des Thronhimmels werden vom
+Presi und drei Gemeinder&auml;ten gehalten, denn wenn jener
+schon ein verd&auml;chtiger Sohn der Kirche ist, erf&uuml;llt er aus
+Klugheit alles treulich, was sie nach Sitte und Brauch
+von ihm fordert. Hinter dem Thronhimmel trippelt die
+Jugend mit hellen Stimmen, unter ihr Josi, Vroni,
+Eusebi und die zierliche Binia, die mit ihren dunklen
+Augen verfahren in die Welt blickt, dann die Frauen und
+M&auml;nner.</p>
+
+<p>So geht die Wallfahrt immer, wenn ein Mann an
+die Wei&szlig;en Bretter steigen mu&szlig;.</p>
+
+<p>Wie die Teilnehmer die Felsen sehen k&ouml;nnen, sp&auml;hen
+alle einen Augenblick dort hinauf, aber an den hellschimmernden
+W&auml;nden ist noch nichts weiter zu entdecken,
+als da&szlig; die K&auml;nnel fehlen. Das Wasser der Glotter hat
+sich durch die schauerlichen Eistr&uuml;mmer gefressen, die in<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[Pg 68]</a></span>
+der Schlucht liegen, und einzelne der niedergefegten K&auml;nnel
+ragen aus ihnen hervor.</p>
+
+<p>Die Prozession zieht am Schmelzwerk vorbei &uuml;ber
+die Br&uuml;cke zur Kapelle und kniet vor ihr nieder, aber
+die Gebete rauschen nicht so hei&szlig; wie gestern um die
+Dorfkirche. Es handelt sich heute nicht um den eigenen
+Mann, sondern um Wildheuer Seppi Blatter. Gewi&szlig;
+ist die F&uuml;rbitte f&uuml;r ihn heilige Pflicht, aber bis sein
+Werk gethan ist, bis das Gl&ouml;cklein aufh&ouml;rt zu bimmeln
+und zu mahnen, kann man den Himmel noch genug anrufen.</p>
+
+<p>Die M&auml;nner gehen oder schleichen sich hinweg und
+zur&uuml;ck gegen den Stutz, die Knaben folgen dem Beispiel,
+nach einiger Zeit besteht die Gruppe der Betenden
+vor der Kapelle nur noch aus einem H&auml;ufchen Weiber,
+die um Fr&auml;nzi knieen, die Neugierigen aber sammeln sich
+im Teufelsgarten, oder etwas h&ouml;her am Schmelzberg,
+und starren an die Wei&szlig;en Bretter hinauf.</p>
+
+<p>Der Presi tr&auml;gt eine rote Fahne, seitw&auml;rts von den
+Wei&szlig;en Brettern schimmert auch eine solche, eine dritte
+vermag man auf der mittleren Spitze der Felsen zu erkennen.</p>
+
+<p>&raquo;Der Garde h&auml;lt sie!&laquo; Josi, der, die H&auml;nde in
+den Hosens&auml;cken geballt, unter den M&auml;nnern steht, hat
+Zutrauen zu ihm.</p>
+
+<p>Sonst sieht man noch nichts. Da regt sich die oberste
+Fahne. Es schwebt etwas von oben die gr&auml;&szlig;lichen Felsw&auml;nde
+hinab, das wie ein Strohhalm aussieht, der an
+Bindf&auml;den h&auml;ngt. &raquo;Sie sind am Werk!&laquo; Strohhalm um
+Strohhalm senkt sich aus der H&ouml;he, manchmal bleibt
+einer zu hoch, manchmal kommt einer zu tief. Der Presi<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[Pg 69]</a></span>
+schwingt je nachdem die Fahne, bald stark abw&auml;rts, bald
+fest aufw&auml;rts, und wenn sich die Halme verschoben haben,
+so schwenkt er die Fahne seitw&auml;rts. Oft entsteht Unordnung
+in den Halmen, dann schweben sie auf die Fahnenzeichen
+wieder aufw&auml;rts und kommen h&uuml;bsch hinunter.
+Auf dem ersten Strohhalm bewegt sich ein kleines drolliges
+Wesen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist der Vater!&laquo; denkt Josi und freut sich, da&szlig;
+er solch einen Vater hat. Die Augen des Knaben sind
+flehentlich auf den Glotterm&uuml;ller, der das Gemeindefernrohr
+in den H&auml;nden h&auml;lt, gerichtet.</p>
+
+<p>&raquo;Darfst einmal durchgucken!&laquo; quiekt der kahlk&ouml;pfige
+M&uuml;ller, der eine Stimme wie ein Weib hat, &raquo;schau nur,
+wenn ihr das Mehl schon lieber in Hospel holt als bei
+mir.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt h&auml;lt es Josi! Durch das Glas scheinen die
+Bindfaden Seile, die Strohhalme K&auml;nnel, auf einem
+davon steht ein Mann. Man kann sein Gesicht nicht
+erkennen, aber man sieht jede Bewegung der Glieder, durch
+das Rohr scheint alles nah und man erkennt erst recht,
+was f&uuml;r f&uuml;rchterliche Felsen die Wei&szlig;en Bretter sind.
+Bis in alle H&ouml;hen keine Planke, nirgends eine Rinne,
+wo ein B&uuml;schel Gras hervorwachsen k&ouml;nnte. Senkrecht
+sind sie, kahl und nackt, entsetzlich glatt und hart. Nur
+in den Wildleutfurren ist weiches Gestein, da ragen wie
+von Geistern gesetzt die Klippen und T&uuml;rme des harten
+Felsens, w&auml;hrend der weichere Stein im Laufe der Jahrhunderte
+abgewittert ist.</p>
+
+<p>Das alles sieht Josi mit klugem Auge, aber nun
+strecken sich die H&auml;nde anderer nach dem Glas. Er reicht
+es weiter. Das Bild seines Vaters hat er fest gefa&szlig;t,<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[Pg 70]</a></span>
+seiner Lebtag wird es ihm in Erinnerung bleiben, wie
+der Mann dort oben zwischen Himmel und Erde auf den
+schwankenden K&auml;nneln steht und sich von einem zum anderen
+schwingt. Immer deutlicher wird &uuml;brigens auch
+ohne das Fernrohr seine Gestalt, sie tritt aus dem
+Schatten, den der Schmelzberg bis jetzt auf die Wand
+geworfen hat, in die Sonne, die auf die Wei&szlig;en Bretter
+zu leuchten beginnt. Der Vater pr&uuml;ft die gewaltigen
+eisernen Kloben, die Matthias Jul so fest in die Felsen
+verm&ouml;rtelt, verkeilt und verankert hat, da&szlig; sie jetzt noch
+Jahrhunderte halten werden. Sie sind alle gut. Viele
+der leichten eisernen Reife, die durch die kurzen verdickten
+Enden der Kloben gehen, sind von der Gewalt der Lawine
+zerrissen und m&uuml;ssen ersetzt werden, manche haben
+nicht gelitten, sondern die K&auml;nnel sind einfach aus ihnen
+herausgeschleudert worden. Mit einer Stange, an der
+ein eiserner Haken ist, holt Seppi die neuen Schlaufen
+ein, die an einem Seil an der Wand herniederhangen.
+Das Einpassen in die Kloben geht leicht, die Nietenk&ouml;pfe
+des einen Endes passen in die L&ouml;cher des anderen Endes,
+mit einem einzigen Griffe schlie&szlig;en sich die Reife. Im
+Lauf der Zeiten hat man manche Vorteile gelernt, die
+Bearbeitung des Eisens und die Handgriffe beim Legen
+der Leitung sind eine besondere Wissenschaft der Leute
+von St. Peter, ein St&uuml;ck b&auml;uerlicher Ingenieurkunst.
+Und daf&uuml;r, da&szlig; immer ein gen&uuml;gender Vorrat von Seilen,
+K&auml;nneln und Schlaufen da ist, sorgt der Garde; in
+Dingen, die das helige Wasser angehen, giebt es keine
+Knauserei und keinen Widerspruch.</p>
+
+<p>Die Stunden wandern und die Spannung der Zuschauer
+ermattet. Seppi Blatter arbeitet sicher. Von<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[Pg 71]</a></span>
+Zeit zu Zeit erneuert das Gl&ouml;cklein der Kapelle sein
+Bimmeln, es mahnt. &raquo;Betet, betet f&uuml;r den Mann, der
+einsam an den Felsen schwebt!&laquo; Bis am Abend darf die
+gemeinsame F&uuml;rbitte nicht aufh&ouml;ren. Die Frauen, die
+auch heraufgeschlichen sind, um an die Wei&szlig;en Bretter
+zu sehen, eilen wieder zur Kapelle, einzelne M&auml;nner folgen:
+&raquo;Man darf nicht nachl&auml;ssig sein in einer so ernsten Angelegenheit,
+wegen Seppi Blatter nicht und wegen seiner
+selbst nicht; man k&ouml;nnte einen Schaden auflesen, wenn
+man nicht aus vollem Herzen f&uuml;r ihn fleht.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi, der die Signalfahne seit einiger Zeit
+dem Glotterm&uuml;ller &uuml;bergeben hat, h&auml;lt scharfe Ordnung;
+er jagt die m&uuml;&szlig;igen Weiber zur Kapelle hinunter: &raquo;Pl&auml;rrt
+doch lieber, als Maulaffen feilzuhalten!&laquo; Den M&auml;nnern,
+die auch jetzt ihr Pfeifchen anstecken wollen, schnauzt er
+zu: &raquo;Himmelsakrament, wer denkt ans Nebeln, solang
+einer da oben h&auml;ngt!&laquo; und B&auml;lzi, der das Rauchen doch
+nicht l&auml;&szlig;t, schl&auml;gt er die Pfeife aus dem Mund.</p>
+
+<p>Binia steht etwas verloren zwischen den Leuten. Sie
+ist nicht so behend wie sonst und ihr Gesichtchen bla&szlig;.
+Die dunklen Augen schauen auf den Teufelsgarten. Das
+ist nicht mehr der wilde unber&uuml;hrte Blumenjubel der
+letzten Tage. Die M&auml;nner haben ihn mit ihren schweren
+Schuhen niedergetreten, die M&auml;dchen haben ihn abgerauft,
+die Buben haben den K&ouml;nigskerzen die K&ouml;pfe abgeschlagen
+und w&auml;lzen sich jetzt scherzend auf der verdorbenen Pracht.</p>
+
+<p>Binia sieht Josi, Josi sieht sie; aber die beiden Kinder,
+die sich so gut waren, wissen nichts mehr miteinander
+anzufangen &mdash; es ist etwas zwischen ihnen, das vorgestern
+noch nicht war.</p>
+
+<p>&raquo;Bini, was machst auch f&uuml;r ein barmherziges Gesicht?&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[Pg 72]</a></span>
+Sie schrickt zusammen. Der Vater! Freundlich
+sagt er: &raquo;Du wirst gar verbrannt in der gl&uuml;henden Sonne,
+geh ein bi&szlig;chen an den Schatten!&laquo;</p>
+
+<p>Folgsamer als je gehorcht sie. Sie wandelt zur
+Ruine hin&uuml;ber. Dort stehen und sitzen M&auml;nner, der Kaplan
+Johannes, B&auml;lzi, der Gemeindeweibel und andere.
+Die Schnapsflasche geht in der Runde, die M&auml;nner essen
+einen Imbi&szlig; von der Hand, sie plaudern und lassen sich's
+wohl sein und sehen die Augen Binias nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Heut' giebt's keine Tafel zu malen, Kaplan, Seppi
+schafft gut,&laquo; sagt der Weibel, der einen gro&szlig;en sch&ouml;nen
+Bart, aber einen schielenden Blick hat.</p>
+
+<p>&raquo;Macht nichts &mdash; ich bin nicht gern der Ungl&uuml;cksrabe,&laquo;
+antwortete der Kaplan mit seiner hohlen Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube beim Eid, Seppi Blatter f&auml;llt &mdash; die
+elende Hitze &mdash; und erst dort oben &mdash; man wird da
+unten dumm, dort oben aber wird einer verr&uuml;ckt &mdash; die
+M&auml;nner, die st&uuml;rzen, thun's, weil sie vom Sonnenstich
+wahnsinnig geworden sind.&laquo; B&auml;lzi nahm einen Schluck.</p>
+
+<p>&raquo;St. J&ouml;rg und einundzwanzig, das w&auml;r' ein Ungl&uuml;ck
+&mdash; die Frau und die zwei Kinder!&laquo; So der Weibel.</p>
+
+<p>B&auml;lzi darauf: &raquo;Der Presi bek&auml;me auch einen Schuh
+voll!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wieso?&laquo; fragt Peter Thugi, der ein rechter Mann
+und der Aelteste einer weitverzweigten Familie ist.</p>
+
+<p>B&auml;lzi erwidert: &raquo;Das glauben doch nur Kinder, da&szlig;
+Seppi Blatter freiwillig an die Bretter gegangen ist.
+Man hat der Gemeinde Sand in die Augen gestreut.
+Ist's nicht wahr, Weibel?&laquo;</p>
+
+<p>Dieser zwinkert zustimmend mit den Augen, aber
+er schweigt.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[Pg 73]</a></span>B&auml;lzi, dessen Blick vom Schnaps etwas verglast ist,
+lacht. &raquo;Der Presi hat mir die Pfeife zerschlagen, auf
+die Garibaldi gemalt ist. Sie war noch vom Vater selig.
+Aber jetzt schone ich ihn auch nicht mehr.&laquo;</p>
+
+<p>Er erz&auml;hlt den Lauschenden das Gespr&auml;ch im B&auml;ren:
+&raquo;Und ich will ein brennender Mann werden, wenn's
+nicht wahr ist, er hat dem schlafenden Seppi Blatter die
+Feder in die Hand gesteckt und sie ihm gef&uuml;hrt.&laquo;</p>
+
+<p>Die Umstehenden fahren zur&uuml;ck. &raquo;Kaplan, was sagt
+Ihr dazu?&laquo;</p>
+
+<p>Der Schwarze antwortet, da &mdash; ein gellender Schrei.</p>
+
+<p>&raquo;Gott's ewiger Hagel, des Presis Kind!&laquo; So rufen
+sich die M&auml;nner in peinlicher Ueberraschung zu. Das
+M&auml;dchen, das hinter einem abgest&uuml;rzten Mauerteil gekauert
+ist, springt wie besessen davon, es eilt am Vater
+vorbei, es keucht den Stutz empor, es rennt ins Dorf
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Wie der Presi nach ein paar Stunden nach Binia
+fragt, da sagt man ihm: &raquo;Sie ist heim zu Susi!&laquo; Da
+sch&uuml;ttelt er das Haupt und seufzt: &raquo;Sie ist dieser Tage
+so seltsam.&laquo;</p>
+
+<p>Damit, was B&auml;lzi &uuml;ber die Hitze sagte, hatte er recht.</p>
+
+<p>Die Sonne! die Sonne! Die Luft im Thal zwispert,
+von den Wei&szlig;en Brettern herunter kommt ein so hei&szlig;er
+Strom, da&szlig; ihn selbst die erfrischenden Schw&auml;le, die aus
+der Schlucht aufsteigen, nicht zu k&uuml;hlen verm&ouml;gen. Wie
+Blei flie&szlig;t er in die Glieder, wie Spinnweb legt er sich
+um die ermattenden Sinne.</p>
+
+<p>Der Mann, der &uuml;ber dem versammelten Dorf zwischen
+Himmel und Erde schwebt, steht im wachsenden
+Brand des Juninachmittags. Die Sonnenstrahlen liegen<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[Pg 74]</a></span>
+so auf den Wei&szlig;en Brettern, da&szlig; die Augen schmerzen,
+wenn man eine Weile hinsieht. Sie flimmern, als sehe
+man, wie Licht und Hitze aus den Felsen str&ouml;men.</p>
+
+<p>Ja, bei bedecktem Himmel k&ouml;nnte Seppi Blatter sein
+Werk wohl vollenden, aber in dieser m&ouml;rderischen Glut,
+die Augen und Gehirn sengt. Der Sonnenstich!</p>
+
+<p>Man sieht, da&szlig; er leidet. Seit einiger Zeit hat er
+die Kapuze seines Hirtenhemdes zum Schutze vor der
+Sonne um den Kopf gezogen. Die Aufregung w&auml;chst, die
+Frauen vor der Kapelle beten lauter. &raquo;Er kann's nicht
+vollenden,&laquo; h&ouml;rt man. &raquo;O, Seppi ist z&auml;h,&laquo; antworten
+andere.</p>
+
+<p>Jetzt ist die Arbeit soweit gediehen, da&szlig; Seppi mit
+dem Einlegen der K&auml;nnel beginnen kann. Immer noch
+schweben sie, einer um den anderen, viele Kircht&uuml;rme hoch,
+herab, und einen um den anderen st&ouml;&szlig;t Seppi Blatter,
+auf ihm stehend, in die Reifen, l&ouml;st die Seile der eingeh&auml;ngten,
+schwingt sich zum folgenden, und an den Felsen
+zeichnet die wieder erstehende Leitung eine dunkle Linie.
+Oft aber verz&ouml;gert sich das Werk. Die sinkenden K&auml;nnel
+verfangen sich in den Seilen der n&auml;chsten, dann l&ouml;st sie
+auf ein Zeichen aus dem Thal ein Zug aus der H&ouml;he
+aus, und wenn sich ein K&auml;nnel befreit, schwankt das ganze
+Werk, als m&uuml;sse es den Mann dort oben heruntersch&uuml;tteln
+wie einen Apfel vom sturmger&uuml;ttelten Baum. Oder
+Seppi Blatter l&ouml;st die K&auml;nnel, die sich verfangen haben
+und sich in seinem Bereich befinden, selber aus, dann
+fliegen sie von der Felswand ab in die freie Luft und
+wieder schief zur&uuml;ck, da&szlig; er sich blitzschnell ducken mu&szlig;,
+damit sie ihn nicht durch einen Schlag an den Kopf von
+seinem schmalen Stande werfen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[Pg 75]</a></span>Manchmal bei einem der entsetzlichen Schauspiele
+wagen die Zuschauer, die doch des Schreckens gew&ouml;hnte
+Bergleute sind, nicht zu atmen, die meisten Frauen, die
+das Schwanken des Ger&uuml;stes sehen, fliehen entsetzt zu
+der Kapelle zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Selbst die harten M&auml;nner erliegen der furchtbaren
+Spannung. &raquo;Presi, gebt doch das Zeichen zum Abbruch.
+Morgen ist wieder ein Tag!&laquo;</p>
+
+<p>Aber die Mehrheit ist der Ansicht, man solle, wenn
+Seppi Blatter nicht selber den Abbruch w&uuml;nsche, in Gottes
+Namen mit dem Werk fortfahren, es sei auch mi&szlig;lich,
+die Mannschaft auf dem Glottergrat im Freien &uuml;bernachten
+zu lassen.</p>
+
+<p>Dann und wann ruht Seppi Blatter eine Weile
+und st&auml;rkt sich an Speise und Trank. Besonders lang
+um vier Uhr des Nachmittags, ehe er die F&uuml;hrung der
+Leitung durch die gr&ouml;&szlig;ere Wildleutfurre in Angriff nimmt.</p>
+
+<p>Josi, der vom fr&uuml;hen Morgen nicht von seiner Stelle
+gewichen ist, ist ins Gras gesunken und verbirgt sein
+Gesicht darin. Das starre Hinaufsehen, die Hitze, das
+Entsetzen! Der Taumel hatte sich seiner bem&auml;chtigt,
+ihm ist, gl&uuml;hendes Eisen senge sein Hirn, ruhelos w&auml;lzte
+er sich.</p>
+
+<p>Fr&auml;nzi und Vroni, die fast ununterbrochen vor
+dem Muttergottesbild gekniet sind, sehen das Leiden des
+Knaben und erbarmen sich seiner, obgleich das ihre nicht
+kleiner ist.</p>
+
+<p>Eusebi, der scheue Stotterer, steht in der N&auml;he und
+schaut mitleidig auf ihn.</p>
+
+<p>Seine Mutter, die stolze Gardin, will ihn mit zur
+Kapelle nehmen: &raquo;Man w&uuml;rde meinen, du geh&ouml;rtest auch<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[Pg 76]</a></span>
+der Wildheuerin Fr&auml;nzi!&laquo; Der bl&ouml;de Knabe sagt: &raquo;L&mdash;l&mdash;os<a name="FNanchor_17" id="FNanchor_17"></a><a href="#Footnote_17" class="fnanchor">[17]</a>,
+<a name="corr_2" id="corr_2"></a><a href="#corr_note_2" class="correction" title="Trennstriche im Original durch lange Bindestriche ersetzt">M&mdash;m&mdash;mutter, ich w&mdash;w&mdash;will da&mdash;da bl&mdash;bleiben!&laquo;</a></p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_17" id="Footnote_17"></a><a href="#FNanchor_17"><span class="label">[17]</span></a> &raquo;<i>Los</i>!&laquo; &mdash; schweizerdeutsch, &raquo;H&ouml;re!&laquo;</p></div>
+
+<p>Sie l&auml;&szlig;t ihn, sie kann gegen ihn nicht hart sein,
+obschon es sie gerade heute &auml;rgert, da&szlig; sie so ein h&auml;&szlig;liches
+Kind hat und die anderen so bl&uuml;hende Jugend.
+Eben Fr&auml;nzi.</p>
+
+<p>Seppi Blatter ist wieder an der Arbeit. In der
+gro&szlig;en Wildleutfurre! An einem Seil schwingt er sich
+mit m&auml;chtigem Satz in das Innere der schrecklichen Kluft
+und h&auml;ngt an ihren Klippen. Fahnenzeichen! &mdash; Mehrere
+K&auml;nnel senken sich in die Schlucht und schweben frei.
+Und mit m&auml;chtigem Schwunge holt er jeden einzelnen
+ein. Er verschwindet damit im Innern der Kluft, wo
+man seine Th&auml;tigkeit nicht sehen kann. K&auml;nnel um K&auml;nnel
+zieht er ein, jetzt wird die wachsende Leitung am Rand
+der Schlucht wieder sichtbar, das F&uuml;rchterlichste ist gethan.
+Aber je l&auml;nger, je unsicherer werden Seppis
+Schw&uuml;nge, zwei-, dreimal sieht man ihn ansetzen, bis er
+das Ziel erreicht.</p>
+
+<p>Sechs Uhr! Erfrischende K&uuml;hle str&ouml;mt durchs Thal,
+lebhafte Bewegung ist unter dem Volk.</p>
+
+<p>Seppi Blatter hat &uuml;ber die ganzen Wei&szlig;en Bretter
+hin die K&auml;nnel gelegt, der Rest, der ihm zu thun bleibt,
+ist leicht.</p>
+
+<p>Da stupft Eusebi den daliegenden Josi: &raquo;Sch&mdash;sch&mdash;schau!
+f&mdash;f&mdash;fer&mdash;fertig!&laquo;</p>
+
+<p>Josi schnellt auf, l&auml;chelt vertr&auml;umt, sucht mit seinen
+rotgeschwollenen Augen die H&ouml;he und sieht, wie der Vater
+eben das zierliche Wasserrad einsetzt, das den Merkhammer<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[Pg 77]</a></span>
+hebt und auf ein Brett fallen l&auml;&szlig;t, so da&szlig; sein Schlag
+das ganze Thal durcht&ouml;nt.</p>
+
+<p>Ein Fahnenzeichen gegen den Stutz empor, M&auml;nner,
+die am Eingang der Leitung stehen, &ouml;ffnen die heligen
+Wasser. In wenigen Augenblicken werden sie durch die
+neuen K&auml;nnel flie&szlig;en. Bald wird der Merkhammer das
+erste Zeichen geben.</p>
+
+<p>Eine ungeheure Spannung hat sich des V&ouml;lkleins
+bem&auml;chtigt, vor der Kapelle kniet niemand mehr als die
+Wildheuerin Fr&auml;nzi und Vroni.</p>
+
+<p>&raquo;Wollt Ihr's nicht h&ouml;ren?&laquo; fragt eine Nachbarin,
+aber so lange Seppi an den Wei&szlig;en Brettern ist, darf
+man in der F&uuml;rbitte nicht m&uuml;de werden. Und Fr&auml;nzi
+und Vroni beten.</p>
+
+<p>Da horch: &raquo;Tick tack, tick tack.&laquo; Mit wachsender
+Schnelligkeit kommt's aus der H&ouml;he, der Merkhammer
+schl&auml;gt, andere H&auml;mmer, die weiterhin in die Leitung
+einschaltet sind, erheben ihr Spiel, das Echo ist erwacht,
+das Thal hat seine Musik wieder, eine einf&ouml;rmige
+Musik, die doch wie ein Psalm in die Ohren klingt.
+Sie bedeutet Erl&ouml;sung aus dem Schrecken, Segen und
+Fruchtbarkeit.</p>
+
+<p>Wie der M&uuml;ller berauscht vor Freude aufhorcht,
+wenn nach langer Trockenheit sein Rad wieder klappert,
+so lauschen die Leute von St. Peter dem Hackbrettspiel
+der heligen Wasser und dr&uuml;cken sich vor Freude die H&auml;nde.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Seppi Blatter ist ein Mann! &mdash; Es lebe der
+neue Garde!&laquo;</p>
+
+<p>Der alte Pfarrer hebt segnend sein Kreuz gegen die
+wiederhergestellte Leitung empor, das Gl&ouml;cklein, das einen
+Augenblick zu bimmeln aufgeh&ouml;rt hat, setzt wieder ein,<span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[Pg 78]</a></span>
+es ruft zum Dankgottesdienst, und die Berge leuchten, vom
+Abendrot umspielt, wie Lichter der Andacht.</p>
+
+<p>Am sch&ouml;nsten leuchtet Josis Gesicht!</p>
+
+<p>Hoch an den Wei&szlig;en Brettern sind nur noch zwei
+oder drei Stricke zu l&ouml;sen und die Arbeit, die gefahrvolle,
+ist gl&uuml;cklich gethan. Bald wird man auf den Felsentafeln
+nur noch die Linie der K&auml;nnel sehen.</p>
+
+<p>Der Gottesdienst geht seinen Weg, da gellt ein einzelner
+Schrei: &raquo;Seppi!&laquo;</p>
+
+<p>Der Schrei verzehn- und verhundertfacht sich &mdash; ein
+dunkler K&ouml;rper f&auml;llt und wird gr&ouml;&szlig;er im Fallen, er
+gleitet wie ein Schatten die Wei&szlig;en Bretter hinab.</p>
+
+<p>Seppi Blatter ist am Ende seines Werkes abgest&uuml;rzt.
+Der Gottesdienst schweigt.</p>
+
+<p>Josi ist br&uuml;llend wie ein Stier aufgesprungen und
+will sich in die Glotter st&uuml;rzen, in der sein Vater vor
+seinem Blick verschwunden ist. Da halten ihn im letzten
+Augenblick starke Arme zur&uuml;ck. &raquo;Gottloser Bub!&laquo; Er
+bei&szlig;t, er kratzt, er schl&auml;gt um sich, aber die junge Kraft
+erlahmt, r&ouml;chelnd liegt der Knabe im Gras.</p>
+
+<p>Was war die Ursache des Sturzes? &mdash; Hunderte
+haben hinaufgeblickt, aber wenige wissen etwas Sicheres
+zu sagen. Der Glotterm&uuml;ller, der wieder das Fernrohr
+gef&uuml;hrt hat, versichert, Seppi habe bis zum letzten Augenblick
+frei stehend gearbeitet, da schwankte er, fa&szlig;te das
+Seil, das ihn in die H&ouml;he ziehen sollte, es senkte sich
+ein wenig, er lie&szlig; es los, im gleichen Augenblicke aber
+wurde es von der Mannschaft, die den Ruck Seppis f&uuml;r
+ein Zeichen genommen, in die H&ouml;he gezogen, die Schleife
+am Ende des Taues legte sich dabei um das Bein, das
+er in die Luft gestellt hatte, die Arme des m&uuml;den Mannes<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[Pg 79]</a></span>
+suchten den oberen Teil des Strickes zu sp&auml;t, da schleuderte
+ihn das steigende Seil, das ihn am Fu&szlig; gepackt
+hatte, in die Tiefe.</p>
+
+<p>Von allen, die Zeugen des Unfalls gewesen waren,
+war keiner so bla&szlig; wie der Presi.</p>
+
+<p>Der Schein an den Bergen war erloschen, nur noch
+die letzten Streifen der Abendr&ouml;te beleuchteten die traurige
+Heimkehr der Leute von St. Peter. Sie f&uuml;hrten eine
+an Gott und Menschen irre Familie in ihrer Mitte, und
+im Schimmer der Mitternachtssterne kam ein zweiter
+dunkler Zug, dem Kaplan Johannes mit einem Kienspanfeuer,
+das auf einer Pfanne brannte, den Weg erleuchtete.</p>
+
+<p>Dieser Zug trug die Leiche Seppi Blatters, des
+Helden der heligen Wasser.</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[Pg 80]</a></span></p>
+<h2><a name="V" id="V"></a>V.</h2>
+
+
+<p>Die Wasser rauschten und die Merkh&auml;mmer schlugen.</p>
+
+<p>Mit herzlicher Teilnahme wurde Seppi Blatter bestattet.
+Vom Morgen an stand der Sarg neben der
+Th&uuml;re des H&auml;uschens, wo der Verungl&uuml;ckte mit den Seinen
+friedlich gewohnt hatte. Auf dem Totenbaum lag der
+Federhut, das Schwert und die Binde des Garden. Ein
+silberner Becher stand auf dem Sarg. Als die Leidtragenden
+kamen, hob ihn jeder, trank einen kr&auml;ftigen
+Schluck und sprach: &raquo;Lebe wohl, Seppi Blatter, m&ouml;ge
+es dir wohl thun in der Ewigkeit!&laquo; Und wenn zwei
+oder drei aus dem Becher getrunken hatten, so f&uuml;llte ihn
+der Weibel wieder mit goldenem Hospeler nach.</p>
+
+<p>O, man durfte sich den Hospeler schon mit and&auml;chtigen
+Sinnen zu Gem&uuml;te f&uuml;hren. Die Begierde nach
+eigenem Wein hatte St. Peter in die Fron der heligen
+Wasser gebracht. Im Feuer des Trunkes kreiste das
+Blut der Gest&uuml;rzten.</p>
+
+<p>Als der Presi erschien und zum Becher griff, schielten
+alle mit verhaltener Neugier nach ihm. Sie meinten,
+es m&uuml;&szlig;te sich etwas Besonderes begeben. Aber der stolze,
+kraftvolle Mann hob den Becher mit W&uuml;rde und fester
+Hand und trat mit ruhiger Gelassenheit in ihren Kreis.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[Pg 81]</a></span>Der Garde war viel bewegter; die nervige eiserne
+Hand bebte, als er Seppi Blatter Lebewohl sagte. Ihm
+war, er m&uuml;sse sich die grauen Haare zerraufen, weil er
+ihn nicht von seinem pl&ouml;tzlichen Entschlu&szlig; zur&uuml;ckgehalten
+hatte.</p>
+
+<p>Man brachte die Gedenktafel, die Kaplan Johannes
+im Auftrag der Gemeinde gemalt hatte, und legte sie
+auch auf den Totenbaum. In frischen Farben leuchtete
+die Inschrift:</p>
+
+<p>&raquo;An den heligen Wassern ist bei Reparatur erfahlen
+und wohl versehen mit den hl. Sakramenten gleich tot
+gewesen der ehrsame Seppi Blatter von St. Peter. Gew&auml;hlt
+worden zum Garden. Hat aber nicht angetretten.
+Sein Lebenslauf ist 40 Jahr und 7 Tag. <span class="antiqua">R.&nbsp;I.&nbsp;P.</span></p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mein lieber Freund, ich bitte dich,<br /></span>
+<span class="i0">Geh nicht vorbei und bett' f&uuml;r mich.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Jetzt trug man Seppi Blatter zu Grabe. Als sich
+die Gemeinde vom Kirchhof verlief, gingen nur wenige,
+die an der Beerdigung teilgenommen hatten, in den
+B&auml;ren. Dem Presi war's recht. Er wollte noch nach
+Hospel hinausreiten und sattelte eben das Maultier. Er
+hatte pl&ouml;tzlich das Bed&uuml;rfnis, Frau Cresenz recht bald
+als Hausfrau in den B&auml;ren zu f&uuml;hren. Mit der alten
+Susi war's nicht mehr gethan, ihr Kropf wurde ihr je
+l&auml;nger je hinderlicher bei der Arbeit, sie pfiff daraus wie
+eine ungeschmierte S&auml;ge und ob sie fast nicht zu Atem
+kam, keifte sie gleichwohl an einem St&uuml;ck.</p>
+
+<p>Er wollte mit Cresenz &uuml;ber den Hochzeitstag reden.</p>
+
+<p>&raquo;Susi, wo steckt denn Bini wieder?&laquo; rief der Presi.</p>
+
+<p>&raquo;Sie hat sich wieder irgendwo versteckt. Verhext ist
+das Kind &mdash; verhext!&laquo; jammerte Susi, &raquo;und sie war<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[Pg 82]</a></span>
+sonst ein so liebes, artiges V&ouml;gelchen, das den ganzen
+Tag geh&uuml;pft ist. Wer hat es ihm nur angethan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid ein Kalb; Susi, bringt mir Binia nicht
+mit dem Hexenzeug ins Geschw&auml;tz, sonst seid Ihr den
+letzten Tag im Haus!&laquo;</p>
+
+<p>Damit ritt der Presi davon, Susi heulte: &raquo;Nichts
+mehr sagen darf man, nichts! Wie ein Schuhlumpen
+ist man geachtet. Gewi&szlig; bleib' ich nur wegen des Kindes.&laquo;</p>
+
+<p>Schon ein paar Tage aber versteht sie Binia nicht
+mehr. Seit der Wassertr&ouml;stung sitzt das M&auml;dchen irgendwo
+in einem Winkel des Hauses, immer da, wo man
+sie nicht sucht, zerrt mit den Fingern der einen Hand an
+den Fingern der anderen, bei&szlig;t in die Fingerspitzen und
+starrt mit den gro&szlig;en dunklen Augen ins Leere, wie
+wenn sie etwas sehen w&uuml;rde, was nicht ist, etwas Grauenhaftes,
+Entsetzliches! Susi hatte sie mit der Wallfahrt
+zur Lieben Frau an der Br&uuml;cke geschickt, aber am Mittag
+kam das Kind in der warmen Sonne schlotternd zur&uuml;ckgelaufen,
+nicht in die Stube, nein, es rannte die Treppen
+hinauf bis unter das Dach. Als Susi es suchen ging,
+da sa&szlig; es mitten unter altem Ger&uuml;mpel des Estrichs,
+einen zerlumpten Rock seiner Mutter selig um das eigene
+Kleid gelegt. Es wimmerte leise, leise. Nur etwas verstand
+Susi, was das Kind immer wieder vor sich her
+stammelte:</p>
+
+<p>&raquo;Die Hand wird ihm aus dem Grab wachsen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sage, V&ouml;gelchen, du ungl&uuml;ckliches, wem wird die
+Hand aus dem Grab wachsen. Wer sagt es?&laquo;</p>
+
+<p>Da warf die Kleine das K&ouml;pfchen mit dem ganzen
+J&auml;hzorn zur&uuml;ck, den sie vom Presi geerbt hat: &raquo;Susi,
+das ist schlecht von dir, da&szlig; du horchst, was ich rede.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[Pg 83]</a></span>
+Sie f&uuml;rchtete sich vor dem Kind; es war, als wolle es
+wie ein wildes Tier aufspringen und sie zerrei&szlig;en.</p>
+
+<p>Binia, die nicht schlief, h&ouml;rte am Abend sp&auml;t noch
+auf dem Flur von dem schrecklichen Ausgang des Tages
+reden. Im Hemd kam sie in die K&uuml;che gelaufen, klammerte
+sich an Susi und schrie: <a name="corr_3" id="corr_3"></a><a href="#corr_note_3" class="correction" title="Fehlendes Anf&uuml;hrungszeichen im Originaltext">&raquo;Verzeih</a> mir, Susi, &mdash;
+bleibe bei mir &mdash; ich f&uuml;rchte mich &mdash; ich f&uuml;rchte mich
+gr&auml;&szlig;lich.&laquo;</p>
+
+<p>Da wachte die Magd am Bett der Kleinen. Als
+Binia die Augen schon einige Zeit geschlossen hatte, schlug
+sie sie wieder auf und fl&uuml;sterte: &raquo;Wenn mich der Seppi
+Blatter schon 'Schlechthundekind' gerufen hat, so mu&szlig; ich,
+wenn ich gro&szlig; bin, Josi Blatter doch heiraten.&laquo;</p>
+
+<p>Die entsetzte Susi schmeichelte: &raquo;Schlafe, schlafe,
+Sch&auml;fchen; wenn du gro&szlig; und ein sch&ouml;nes M&auml;dchen sein
+wirst, kommen um dich viele Burschen fragen.&laquo;</p>
+
+<p>Drauf Binia: &raquo;Ich liebe aber nur Josi. Weil der
+Vater Fr&auml;nzi nicht genommen hat, mu&szlig; ich halt den Josi
+nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Seither war Susi &uuml;berzeugt, das Kind sei besprochen
+und verhext.</p>
+
+<p>Dem wollte sie schon auf den Grund kommen. Als
+der Presi fortgeritten und die letzten G&auml;ste gegangen
+waren, suchte sie das Kind. In seinem K&auml;mmerchen
+kniete es am Bett.</p>
+
+<p>Sie war wohlwollend zu ihm. Es aber stellte sehr
+sonderbare Fragen: &raquo;Du, Susi, hat mein Vater meine
+Mutter stark lieb gehabt?&laquo; &mdash; Wie kam es auf diese
+Frage? Seit drei Jahren war die selige Beth tot. Als
+das Kind in sie drang, antwortete Susi: &raquo;Nat&uuml;rlich, du
+N&auml;rrchen, hat der Vater die Mutter lieb gehabt.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[Pg 84]</a></span>Das Kind fuhr mit dem K&ouml;pfchen aus dem Kissen,
+richtete mit unaussprechlicher Verachtung die Augen auf
+sie: &raquo;Du l&uuml;gst, Susi, er hat sie gar nicht geliebt. Ich
+frage dich nichts mehr!&laquo;</p>
+
+<p>Susi ging im Bewu&szlig;tsein, da&szlig; sie gelogen habe,
+schamrot aus dem K&auml;mmerlein.</p>
+
+<p>Aber die Neugier trieb sie zu Binia zur&uuml;ck. Sie
+fuhr das Kind barsch an: &raquo;Binia, wer hat dich besprochen
+&mdash; du bist besessen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; mich,&laquo; schreit Binia, &raquo;ich bin krank &mdash; geh!&laquo;</p>
+
+<p>Susi l&auml;&szlig;t sich nicht abweisen: &raquo;Der Kaplan Johannes
+schlarpt eben mit dem Bettelsack durchs Dorf,
+der soll dich heilen. Ich rufe ihn!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, &mdash; nein&laquo; &mdash; kreischt die Kleine und zittert
+am ganzen Leib, und wie Susi eine Bewegung gegen die
+Th&uuml;re macht, f&auml;llt sie ihr um die Kniee.</p>
+
+<p>&raquo;Ums Himmels willen rufe den Kaplan nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Susi drauf: &raquo;Gelt, der ist's, der dich besprochen
+hat! Jetzt haben wir's schon &mdash; dich und Josi. Ist Josi
+bei dir gewesen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wir sind auf der Br&uuml;cke gekniet &mdash; das war
+aber nur Scherz. &mdash; &mdash; Nein, dir, erz&auml;hl' ich's nicht,
+du l&uuml;gst und bist so dumm.&laquo;</p>
+
+<p>Und das Kind hat wieder den Trotzkopf aufgesetzt.</p>
+
+<p>Da bekreuzt sich die abergl&auml;ubische Magd und geht:
+&raquo;Aber dem Presi darf man nichts sagen &mdash; nichts!&laquo;</p>
+
+<p>Wie sie fort ist, schluchzt und r&ouml;chelt Binia. Niemand
+hat ihr etwas zu leide gethan, sie hat nur geh&ouml;rt,
+was Fr&auml;nzi und der Vater geredet, sie hat nur geh&ouml;rt,
+was Kaplan Johannes zu den anderen M&auml;nnern sagte:
+&raquo;Die Hand wird ihm aus dem Grabe wachsen.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[Pg 85]</a></span>Alles das ist aber so schrecklich f&uuml;r ihr kleines, feuriges
+Herz. Sie hat gemeint, einen so trefflichen Mann
+wie ihren Vater gebe es nicht mehr. Ob er sie schon
+manchmal anschnauzte, war sie stolz gewesen auf ihn, sie
+hatte ihn so unendlich lieb und wenn er nur einmal
+ein wenig freundlich mit ihr redete, &mdash; o, dann h&auml;tte
+sie am liebsten die kleinen Arme um seinen Hals geschlungen
+und ihn vor Freude und Seligkeit in die Wange
+gebissen. Und jetzt wei&szlig; sie so Entsetzliches von ihm.
+Er hat die tote Mutter nicht geliebt, er hat Fr&auml;nzi
+einen Ku&szlig; geben wollen, der Sch&auml;mdichnicht.</p>
+
+<p>Dann das Gr&auml;&szlig;liche, wie die Unterschrift Seppi
+Blatters entstanden ist, die Unterschrift, wegen der dem
+Vater die Hand aus dem Grab wachsen soll!</p>
+
+<p>Das ist zu viel f&uuml;r ihr K&ouml;pfchen, es h&auml;mmert darin,
+als sollte es zerspringen. Ja, ja, die Fr&auml;nzi hat recht,
+es ist ein Unsegen auf sie gekommen. Dar&uuml;ber m&ouml;chte
+sie mit jemand reden, aber nicht mit Susi, die l&uuml;gt, weil
+sie ihr alles ausreden will. An eine liebe Brust m&ouml;chte
+sie sich lehnen und weinen. Sie denkt an Fr&auml;nzi,
+die mit ihrer Mutter gut befreundet gewesen ist, Fr&auml;nzi
+hat auch sie lieb, Fr&auml;nzi l&uuml;gt nicht. Ja, mit Fr&auml;nzi will
+sie reden.</p>
+
+<p>Aber sie darf nicht zu Fr&auml;nzi gehen! Warum nicht?
+Sie wei&szlig; es im Wirrwarr ihrer Gedanken nicht, es ist
+ihr aber, wie wenn Blut und Feuer zwischen ihr und
+Fr&auml;nzi, zwischen ihr, Vroni und Josi l&auml;gen.</p>
+
+<p>Und aus dem Gef&uuml;hl tiefer Hilflosigkeit schreit sie:
+&raquo;Mutter &mdash; Mutter &mdash; liebe tote Mutter!&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Mit einigem Herzklopfen ritt der Presi auf seinem
+Wege nach Hospel &uuml;ber die Ungl&uuml;cksst&auml;tte, sein kluger<span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[Pg 86]</a></span>
+Verstand sagte ihm wohl, die Kaufbriefgeschichte sei damit,
+da&szlig; an den Wei&szlig;en Brettern der Hammer wieder
+t&ouml;ne, noch nicht erledigt. War er mit Blindheit geschlagen
+gewesen, da&szlig; er die tolle Angelegenheit nicht
+sofort am anderen Morgen geordnet hatte?</p>
+
+<p>Nun zuckte und w&uuml;hlte sie im Dorf, er hatte es aus
+den verlegenen Mienen der M&auml;nner gelesen, die an der
+Beerdigung Seppi Blatters teilnahmen.</p>
+
+<p>Er schwitzte &mdash; er sehnte sich nach Hospel, die Welt
+schien ihm dort freier &mdash; hier legte sich etwas wie Zentnerlast
+auf die Brust &mdash; es war zum Ersticken. Gut, da&szlig;
+er jetzt die Wei&szlig;en Bretter, den Teufelsgarten mit den
+zertretenen Blumen, das Schmelzwerk und die Kapelle
+hinter sich hatte.</p>
+
+<p>Der hundertstimmige Schrei beim Sturz Seppi Blatters
+gellte ihm noch in den Ohren.</p>
+
+<p>&raquo;Ta-ta-ta. Ich bin der Presi!&laquo; denkt er.</p>
+
+<p>Er kommt in das Kreuz nach Hospel, aber Frau
+Cresenz zeigt sich gar nicht und der stolze Kreuzwirt, der
+beh&auml;bigste Gastwirt am Weg von der Stadt bis zum Hochpa&szlig;,
+sein zuk&uuml;nftiger Schwager, empf&auml;ngt ihn frostig.</p>
+
+<p>&raquo;Was hast, Kreuzwirt, warum magst mir nicht recht
+die Ehre geben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von dir l&auml;uft ja die Schande auf allen Stra&szlig;en.
+Und Seppi Blatter ist so ein braver Mann gewesen.
+Ist's wahr, da&szlig; du ihm, wie er betrunken gewesen ist
+und geschlafen hat, die Feder gef&uuml;hrt hast?&laquo;</p>
+
+<p>Da schl&auml;gt der Presi die Faust auf den Tisch, springt
+auf: &raquo;Vor Gericht m&uuml;ssen mir die r&auml;udigen Hunde &mdash;
+Wer hat's gesagt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von rechtschaffenen Leuten ist's hier im Kreuz verhandelt<span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[Pg 87]</a></span>
+worden, aber, da&szlig; ich dir die Namen nenne,
+giebt's nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist eine elende Verleumdung. Horch, Joch,
+wie's zugegangen ist. Man hat einen Mann haben
+m&uuml;ssen, mit dem Losen ist's gar eine mi&szlig;liche Sache.&laquo;
+Der Presi erz&auml;hlte und schlo&szlig; mit der Frage: &raquo;Was
+sprichst jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sage, da&szlig; die Geschichte nicht sauber ist! Geplagt
+hast du Seppi, das giebst ja selber zu. Wo hast
+du dir das Herz hergenommen, ihn grad an dem Tag,
+wo du dich mit der Cresenz verlobt hast, mit dem Kaufbrief
+zu kreuzigen? Das gef&auml;llt uns nicht. Wenn du
+Seppi Blatter die hundertachtzig Franken aus Anla&szlig;
+deiner Verlobung geschenkt h&auml;ttest, so h&auml;tte es mich und
+die Cresenz gefreut. Man h&auml;tte dann aus dir etwas
+Gl&uuml;ck gesp&uuml;rt. Jetzt aber kr&auml;nkt sich Cresenz.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi wurde ganz klein &mdash; das traf. Er wu&szlig;te
+wohl, da&szlig; er sonst der Gescheitere war als der vornehme
+hohle Kreuzwirt. Aber jetzt hatte der recht! Und er
+murrte verlegen und sto&szlig;weise.</p>
+
+<p>Der Kreuzwirt fuhr fort: &raquo;Warum fragst du nicht,
+wo sie bleibt? Weil du dich sch&auml;mst, weil du wei&szlig;t: es
+ist ein Schandfleck auf deiner Ehre!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Schandfleck auf meiner Ehre!&laquo; wiederholte der
+Presi. Sein Gesicht war blutleer und seine Hand langte
+mechanisch nach dem Z&uuml;ndh&ouml;lzchenstein.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; den Stein liegen,&laquo; sagte der Kreuzwirt ruhig,
+&raquo;es ist jetzt genug an Gewaltth&auml;tigkeit. Cresenz aber
+will sich besinnen, ob sie B&auml;renwirtin von St. Peter
+werden will. Sie schreibt dir dar&uuml;ber in den n&auml;chsten
+Tagen.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[Pg 88]</a></span>Als der Presi heimritt, kam er sich vor wie ein
+vom Hagelwetter erschlagener Baum. Die Wut &uuml;ber die
+Verleumdung t&ouml;tete ihn fast. &raquo;Die schlechten Hunde &mdash;
+die elenden Tr&ouml;pfe &mdash; &mdash; Ist die Wahrheit nicht genug?&laquo;
+stammelte er vor sich hin.</p>
+
+<p>Er sah die blauen, gro&szlig;en, vorwurfsvollen Augen
+Fr&auml;nzis, die sch&ouml;nen und guten Augen. O, wie er sie
+jetzt ha&szlig;te!</p>
+
+<p>Schwei&szlig;gebadet ritt er durch die D&auml;mmerung. Jetzt
+sah er Seppi Blatter, aber nicht den geringen Wildheuer,
+der gequ&auml;lt am Wirtstisch sa&szlig;. Nein, den Wasserstreiter,
+der freiwillig an die Bretter gestiegen war. Der
+schaute ihn herausfordernd an, immer als h&auml;tte er die
+Frage auf den Lippen: &raquo;Presi, wollen wir zusammen
+einen Hosenlupf<a name="FNanchor_18" id="FNanchor_18"></a><a href="#Footnote_18" class="fnanchor">[18]</a> machen?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_18" id="Footnote_18"></a><a href="#FNanchor_18"><span class="label">[18]</span></a> <i>Hosenlupf</i>, ein beliebter Ringkampf der Aelpler.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ich hab's nicht durchgezwungen &mdash; das wei&szlig;t &mdash;
+bist ja selber gegangen,&laquo; schnauzte der Presi.</p>
+
+<p>Und als ob er mit einem anderen im Zwiegespr&auml;ch
+w&auml;re, sagte er nach einer Weile: &raquo;Ja, das gebe ich zu
+&mdash; ich habe dich geplagt &mdash; es ist dumm gegangen an
+jenem Abend.&laquo;</p>
+
+<p>Bei der Kapelle stieg er nicht ab, um ein Gebet zu
+verrichten, wie es die fromme Sitte heischt; er sah die
+frische Tafel Seppis, die w&auml;hrend seines Aufenthaltes zu
+Hospel in das kleine Gotteshaus gestellt worden war,
+ihre Goldfarbe gl&auml;nzte frisch &mdash; frech, dachte der Presi
+und im Vorbeireiten rief er: &raquo;Da&szlig; du mich nicht gar
+zu stark klemmst, Seppi Blatter, sonst &mdash;! Wei&szlig;t, ein
+wenig leid' ich's schon, hab's auch verdient &mdash; aber wenn<span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[Pg 89]</a></span>
+du mich zu stark schuhriegelst &mdash; du wei&szlig;t, Fr&auml;nzi, Vroni
+und Josi sind noch nicht in der Ewigkeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Halt&nbsp;'s Maul, r&auml;udiger Pfaff!&laquo; schrie er, als er
+am Schmelzwerk vor&uuml;berjagte und den Kaplan Johannes
+singen h&ouml;rte. Unaufhaltsam vorw&auml;rts, den Stutz hinauf
+dr&auml;ngte er das arme Tier mit seinen Fl&uuml;chen und kam
+fr&uuml;her, als ihn jemand erwartet hatte, nach Haus.</p>
+
+<p>Im B&auml;ren sa&szlig; tiefbek&uuml;mmert der Garde. Er wartete
+nicht lang mit seinem Bericht. Das Amt war auf
+ihn zur&uuml;ckgefallen &mdash; f&uuml;r einstweilen, hatte man im Gemeinderat
+gesagt &mdash; das bedeutete aber in St. Peter f&uuml;r
+Lebzeiten.</p>
+
+<p>&raquo;Presi, ich hab's zum Guten leiten wollen, aber
+die Sache steht b&ouml;s. Die Geschichte der Unterschrift
+Seppis geht vertr&uuml;delt und verdreht durchs Dorf. Es
+sind darum auch keine Leute im B&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Gemeinde wird nicht die ganze Zeit saufen
+m&uuml;ssen, ich verlange es gar nicht,&laquo; h&ouml;hnte der Presi,
+&raquo;wenn sie wildeln und w&uuml;st thun wollen &uuml;ber mich, so
+ist es mir schon lieber, sie erledigen es drau&szlig;en, als mir
+unter der Nase. Das k&ouml;nnte unlustig werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;chtet Ihr in diesen Tagen nicht einmal die
+Fr&auml;nzi aufsuchen und mit ihr im guten reden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Damit die Leute mit den Fingern auf mich weisen
+und sagen: 'Den hat das Gewissen gedr&uuml;ckt!'&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben jetzt gewi&szlig; allen Anla&szlig;, gegen den
+Haushalt r&uuml;cksichtsvoll zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich nicht &mdash; ich nicht! Lieber werde ich ein
+br&uuml;nniger Mann<a name="FNanchor_19" id="FNanchor_19"></a><a href="#Footnote_19" class="fnanchor">[19]</a>.&laquo; Der Presi wischte sich den Schwei&szlig;,<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[Pg 90]</a></span>
+der immer noch auf seiner Stirn perlte, er war so m&uuml;de
+wie lange nicht mehr. &raquo;Ueber diese Geschichte wird schon
+Gras wachsen!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_19" id="Footnote_19"></a><a href="#FNanchor_19"><span class="label">[19]</span></a> <i>Br&uuml;nniger Mann</i>, in der Volksvorstellung ein Mann, der nach
+seinem Tod des Nachts brennend umherwandelt.</p></div>
+
+<p>&raquo;Lange keines,&laquo; knurrte der Garde, stand auf und
+ging. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Endlich Ruhe.&laquo; &mdash; Auf der Stra&szlig;e verlor sich der
+schwere Schritt des Garden und der Presi st&uuml;tzte den
+Kopf in beide H&auml;nde und lie&szlig; nachdenklich die Lider auf
+die Augen fallen.</p>
+
+<p>Aber er brachte das Bild nicht weg. &raquo;O, es
+ist entsetzlich, einen Mann einen ganzen Tag k&auml;mpfen
+zu sehen &mdash; das geht nicht fort. &mdash; Du bist ein
+schlechter Hund, Seppi Blatter, da&szlig; du mir das angethan
+hast und, wie du schon fertig warst, noch herunterflogst.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi ging in seine Kammer. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Ueber den Ungl&uuml;cksfall an den heligen Wassern und
+die ihn begleitenden Umst&auml;nde wuchs lange kein Gras.
+Durch alle Gespr&auml;che zitterte der Nachhall, weniger die
+Klage um Seppi Blatter selbst, als die Neugier, wie er
+veranla&szlig;t worden sei, an die Wei&szlig;en Bretter zu steigen.
+Allein nachdem es einige Wochen b&ouml;s &uuml;ber den Presi gegangen
+war, so da&szlig; er es f&uuml;r gut fand, mit den Leuten
+so herzbeweglich artig zu reden, wie nur er es verstand,
+schlug die Stimmung um. Die Geschichte sei vielleicht
+doch nicht so schlimm. B&auml;lzi habe sie im Anfang nur
+aus Wut so ehrenr&uuml;hrig f&uuml;r den Presi erz&auml;hlt, und er
+sei ja ein ganz unzuverl&auml;ssiger Mensch, der Presi aber
+sei, wenn er die Laune habe, ganz gutherzig und habe
+schon manchem, der sich nicht mehr zu raten und sich zu
+retten wu&szlig;te, aus der Klemme geholfen. &raquo;Und,&laquo; gaben<span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[Pg 91]</a></span>
+die Leute zu, &raquo;er ist halt doch der Gescheiteste unter uns
+allen.&laquo;</p>
+
+<p>Am meisten Beruhigung fanden die von Sankt Peter
+in der Sommerarbeit, die sie schwer ins Joch schlug und
+sie auf Aecker, Alpen und in die Weinberge zerstreute.</p>
+
+<p>Der Stimmungsumschlag erstreckte sich bis nach Hospel.
+Von Frau Cresenz kam eines Tages ein Briefchen und
+am folgenden Tag ritt sie, vom Kreuzwirt begleitet, den
+Silberschild der Hospelertracht vor der Brust, das kokette
+Filzh&uuml;tchen auf dem Haupt, vor den B&auml;ren.</p>
+
+<p>Der Presi empfing den Kreuzwirt und seine Schwester
+nicht zu freundlich, denn die Beleidigung vom letzten Besuch
+sa&szlig; ihm noch wie ein Dorn im Fleisch, aber mit
+einem Scherzwort zog Frau Cresenz den Stachel heraus,
+und gegen liebensw&uuml;rdige Frauen war der sonst unbeugsame
+Mann nachgiebig.</p>
+
+<p>Und Frau Cresenz war h&uuml;bsch. Aus ihrem vom Ritt
+leichtger&ouml;teten Gesicht schauten muntere graue Augen, sie
+hatte kluge und angenehme Z&uuml;ge, eine k&uuml;hle Sprechweise
+und war in ihren Bewegungen, obgleich ihr K&ouml;rper fast
+zu stattlich war, von unleugbarer Anmut.</p>
+
+<p>&raquo;Die steht dem B&auml;ren wohl an,&laquo; schmunzelte der
+Presi in sich hinein und zeigte den beiden das Haus.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, da mu&szlig; vieles anders und ordentlicher werden,
+da geh&ouml;rt wirklich wieder eine Hausmutter hin.&laquo; Und
+die h&uuml;bsche Frau Cresenz l&auml;chelt dem Presi gutm&uuml;tig verst&auml;ndnisvoll
+zu.</p>
+
+<p>Etwas besch&auml;mt sagt er: &raquo;Wir haben bis jetzt halt
+nur ein Bauernwirtshaus gef&uuml;hrt. Das mu&szlig; nat&uuml;rlich
+f&uuml;r die Fremden alles anders eingerichtet sein!&laquo;</p>
+
+<p>Als die drei die Treppe aufw&auml;rts in den zweiten<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[Pg 92]</a></span>
+Stock stiegen, trat die alte Susi, die R&ouml;stpfanne, aus
+der der Kaffeeduft aufstieg, in den runzeligen H&auml;nden,
+neugierig unter die K&uuml;chenth&uuml;re und sah ihnen nach.
+Da machte Frau Cresenz am Gel&auml;nder der Treppe einen
+Fingerstrich und zeigte den Staub hinter dem R&uuml;cken des
+Presi dem Kreuzwirt.</p>
+
+<p>Nun war die Alte teufelswild und faustete hinter
+der kleinen Gesellschaft her: &raquo;Nein, bei der bleibe ich
+nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi hatte mit seinen G&auml;sten den Estrich erreicht.
+Pl&ouml;tzlich ert&ouml;nte schallendes Gel&auml;chter der Frau
+Cresenz. Aus einem von allerlei Ger&uuml;mpel gebildeten
+Winkel starren sie zwei gro&szlig;e Kinderaugen an, ein &auml;ngstliches
+Gesicht schaut aus einem alten zerrissenen Tuch,
+das malerisch &uuml;ber den Kopf geworfen ist.</p>
+
+<p>&raquo;Ist das Binia? Ach, das Kind habe ich ganz vergessen.
+&mdash; Komm, du artiger Fratz.&laquo; &mdash; Die Kleine sieht
+die Augen des Vaters aufmunternd auf sich gerichtet und
+kriecht hervor. Da rei&szlig;t ihr Frau Cresenz lachend das
+Tuch ab: &raquo;So, jetzt siehst du menschen&auml;hnlich aus, nun
+gieb mir die Hand.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sagt es mit k&uuml;hler Freundlichkeit, aber der
+erschrockene scheue Wildling rennt an ihr vorbei und wirbelt
+die Treppe hinunter. Die alte Susi ruft ihr zu:
+&raquo;Hast die neue Mutter gesehen, die hochm&uuml;tige?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die neue Mutter!&laquo; Nun mu&szlig; sie auch dar&uuml;ber
+denken. Und das kleine K&ouml;pfchen brennt doch schon von
+allem anderen, wor&uuml;ber ihm niemand Auskunft giebt.
+Der Vater hat mit der Frau so lieb geredet. Nie, nie
+hat er so mit der seligen Mutter gesprochen und auch
+nicht mit ihr. Doch, aber es ist schon so lange her. Sie<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[Pg 93]</a></span>
+schleicht sich auf den Zehenspitzen in ihr K&auml;mmerchen
+empor. Denken &mdash; denken will sie.</p>
+
+<p>Gegen Abend h&ouml;rt sie die Fremden fortreiten, das
+fr&ouml;hliche Lebewohl, das der Vater Frau Cresenz zugerufen
+hat, t&ouml;nt ihr in die Ohren. Ihr aber thut der Kopf so
+weh, ihre Z&auml;hne klappern, sie kriecht ins Bett.</p>
+
+<p>Da h&ouml;rt sie die Tritte des Vaters. Gewi&szlig; kommt
+er sie zu z&uuml;chtigen.</p>
+
+<p>Sie mochte seine Absicht erraten haben, aber in den
+Zorn mengte sich die Vatersorge. Binia war zwar immer
+ein eigenartiges Kind gewesen, oft nachdenklich, oft ausgelassen
+lustig, aber seit einiger Zeit war sie so bla&szlig;
+und scheu und allen ein R&auml;tsel.</p>
+
+<p>W&auml;re er abergl&auml;ubisch gewesen, er h&auml;tte geglaubt,
+die Drohung der Fr&auml;nzi sei schon in Erf&uuml;llung gegangen,
+Unsegen sei auf dem Kinde.</p>
+
+<p>Wie er sie nun am hellen Tag mit gl&auml;sernen Augen
+im Bette liegen sah, entwaffnete die Sorge den letzten
+Zorn.</p>
+
+<p>Er setzte sich ans Lager, nahm die fiebernde Hand
+der Kleinen ganz vorsichtig in seine Pratze und als sie,
+sich von ihm abwendend, leis wimmerte, legte er ihr die
+andere Hand auf das seidenweiche dunkle Haar. Das
+Kind zuckte zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Was machst du f&uuml;r Streiche, liebe Maus? Du
+hast eine hei&szlig;e Stirn, bist ja ganz krank. &mdash; Binia &mdash;
+Gemslein &mdash; liebes Gemslein, schau mich einmal an.&laquo;</p>
+
+<p>Sorge und Bangigkeit sprachen aus seinem Ton.</p>
+
+<p>Als das Kind die sanften und lieben Worte des
+rauhen Vaters h&ouml;rte, die es wie ein Klang aus fernem
+sch&ouml;nem Traum umwarben, &uuml;berlie&szlig; es ihm das hei&szlig;e<span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[Pg 94]</a></span>
+H&auml;ndchen, das es ihm hatte entziehen wollen, und halb
+freudig, halb &auml;ngstlich blinzelte es mit den gro&szlig;en Augen
+nach ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du mich nicht mehr lieb, Bini?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O doch &mdash; doch &mdash; Vater,&laquo; klang das feine Stimmchen,
+&raquo;aber &mdash; &mdash;&laquo; Sie schauerte.</p>
+
+<p>&raquo;Rede nur, Maus!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dich so viel zu fragen. Thust du mir
+nichts, wenn ich etwas frage?&laquo; Der zarte K&ouml;rper
+zitterte.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, frage nur &mdash; bist ja meine Maus!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum bist du auch so lieb und gut jetzt, Vater?&laquo;
+Das t&ouml;nte so fein und scheu und ein bleiches L&auml;cheln
+flog &uuml;ber die Lippen des Kindes.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dich ja immer lieb gehabt, Gemslein.
+Wei&szlig;t nicht mehr, wie ich dich auf dem Arm getragen
+habe? Und wei&szlig;t noch, wie ich dir manchen Kram von
+Hospel mitgebracht habe?&laquo;</p>
+
+<p>An diesen Gedanken spann das Kind weiter.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, die Mutter und ich haben jedesmal auf dich
+gewartet, bis du am Abend heimkamst. Und dann hast
+du mich noch ein wenig auf die Kniee genommen und
+ich habe darauf reiten d&uuml;rfen. Die Mutter hat mich
+dann zu Bett gebracht und hat meine Hand genommen
+wie du jetzt und wir haben gebetet: 'Lieber Gott, lieber
+Herr Jesus Christus! Erhalte den lieben Vater gesund.'
+Und dann hat sie die Kissen an mein K&ouml;pfchen gedr&uuml;ckt:
+'Schlaf, schlaf, du liebes Engelchen.' Und manchmal ist
+eine Thr&auml;ne auf meine Wange gefallen, aber am Morgen,
+wenn ich sie gesucht habe, war sie fort.&laquo;</p>
+
+<p>R&uuml;hrend, als ob das fiebernde Kind gegen das<span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[Pg 95]</a></span>
+Weinen k&auml;mpfte, klang das Stimmchen, der Presi hatte
+den Kopf gesenkt, und als er nichts antwortete, fuhr das
+Kind fort:</p>
+
+<p>&raquo;Seit die Mutter tot ist, besucht sie mich jede Nacht.
+O, sie ist so sch&ouml;n, sie ist ganz wei&szlig; und hat Fl&uuml;gel an
+den Schultern. Und wenn sie sieht, da&szlig; ich ihr altes
+Sonntagsbrusttuch bei mir im Bett habe, so l&auml;chelt sie
+wundersch&ouml;n. Nur das Tuch mu&szlig; ich haben, dann kommt
+sie. &mdash; Aber, Vater, warum hat die Mutter auch so viel
+geweint, als sie lebte?&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi war unruhig geworden, die Z&auml;rtlichkeit
+des Fiebergeplauders regte ihn auf.</p>
+
+<p>Das M&uuml;ndchen aber lief und lief: &raquo;Wie ist es sch&ouml;n
+gewesen, als ich noch klein war. Josi und Vroni sind
+immer gekommen, er hat mich dann auf dem R&uuml;cken getragen,
+und daf&uuml;r hast du ihnen Kirschen vom Baum gerissen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was hast vorhin fragen wollen, Bini?&laquo; unterbrach
+der Vater barsch das plaudernde Kind.</p>
+
+<p>&raquo;Thust du mir nichts?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dumme Maus, du!&laquo; Sein Ton war wieder
+freundlich.</p>
+
+<p>Die Augen des Kindes &ouml;ffneten sich &mdash; es richtete
+sich im Bettchen halb auf und zitternd, traumhaft
+kam's:</p>
+
+<p>&raquo;Du, Vater, wenn ich gro&szlig; bin, darf ich dann die
+Frau Josi Blatters werden?&laquo;</p>
+
+<p>Da verzerrte sich das Gesicht des Presi. &mdash; Der
+Zug hoffnungsvollen Zutrauens auf dem fieberger&ouml;teten
+Kindergesicht erlosch, es stopfte den Mund mit dem gekr&uuml;mmten
+Finger, die Augen wurden schreckhaft gro&szlig;,<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[Pg 96]</a></span>
+und seine Gedanken taumelten nach einem Rettungsanker
+&mdash; es schlang das Aermchen um den Vater, es
+schrie:</p>
+
+<p>&raquo;Ich hab' nicht das sagen wollen, Vater &mdash; nein &mdash;
+ich habe fragen wollen: Ist es wahr, da&szlig; dir die Hand
+aus dem Grab wachsen wird?&laquo;</p>
+
+<p>Da verglasen sich auch die Blicke des Presi, er &auml;chzt &mdash;
+und &auml;chzt. Pl&ouml;tzlich br&uuml;llt er: &raquo;Wer sagt das? &mdash; Sagt
+es Fr&auml;nzi?&laquo;</p>
+
+<p>Vor Furcht wei&szlig; das Kind nicht mehr, was es
+sprechen soll, was es spricht.</p>
+
+<p>&raquo;Fr&auml;nzi &mdash; Vroni &mdash; nein &mdash; Josi &mdash; oder nein &mdash;&laquo;
+Es will weiter reden.</p>
+
+<p>Aber der Presi schl&auml;gt ein so schauerliches Lachen
+an, wie wenn etwas in ihm risse. Das Kind schweigt.</p>
+
+<p>&raquo;Und den willst du heiraten! &mdash; Da also packst du
+mich, toter Seppi Blatter. Deinem Buben will ich's
+eintr&auml;nken.&laquo;</p>
+
+<p>Er faustet sinnlos gegen die W&auml;nde: &raquo;Jetzt wollen
+wir sehen, ob ein lebendiger Presi nicht &uuml;ber einen toten
+Wildheuer Meister wird.&laquo; Er will sein krankes Kind
+schlagen, aber es hat sich tief unter die Decke verkrochen
+und h&auml;lt sie mit krampfhaften H&auml;nden fest.</p>
+
+<p>Unter der Th&uuml;r steht Susi, die irgend etwas berichten
+will; und schl&auml;gt die H&auml;nde &uuml;ber dem Kopf zusammen.</p>
+
+<p>Der Presi schwankt aus der Kammer.</p>
+
+<p>Ein Ri&szlig; war von dieser Stunde zwischen Vater und
+Kind. Binia lag einige Tage krank, der Presi k&uuml;mmerte
+sich nicht um sie; als sie mit blassen W&auml;nglein wieder in
+der Stube erschien, &uuml;bersah er sie und vermied lange<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[Pg 97]</a></span>
+Wochen sie anzureden, als er es endlich wieder that, da
+war es nur in Gegenwart Dritter und seine Worte
+beschr&auml;nkten sich auf kurze Befehle und gleichg&uuml;ltige
+Dinge.</p>
+
+<p>Daran &auml;nderte auch die Hochzeit mit Frau Cresenz,
+die im Herbst stattfand, wenig.</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">[Pg 98]</a></span></p>
+<h2><a name="VI" id="VI"></a>VI.</h2>
+
+
+<p>St. Peter ruht mit seinen Holzh&auml;usern halb versunken
+im Schnee, wie die Federkissen eines Brautfuders
+liegt er auf den D&auml;chern, die Glotter gurgelt unter dem
+Eis. Am Mittag stechende Sonne, blauer Himmel, ein
+Licht von den Bergen, da&szlig; man die Hand &uuml;ber die Augen
+decken mu&szlig;, triefende D&auml;cher und sonnenwarme Luft, des
+Nachts bittere K&auml;lte, so da&szlig; der Schnee im Flimmern
+der Sterne wie Millionen erbarmungslose Glassplitterchen
+funkelt.</p>
+
+<p>Die Lichter leuchten freundlich aus den kleinen Fenstern
+ebenhin in den Schnee. Von Haus zu Haus huscht
+es und eilt es. Bursche und M&auml;dchen, jung und alt sitzen
+um die Lewat&ouml;llampe zusammen, die Frauen spinnen
+den Flachs, die M&auml;dchen flechten mit raschen Fingern
+Strohb&auml;nder und n&auml;hen H&uuml;te, die M&auml;nner schnitzen an
+Holzschuhb&ouml;den herum und nebeln mit den Pfeifen.</p>
+
+<p>Man redet nicht viel, die von St. Peter sitzen gern
+still und feierlich im Kreis. Am h&auml;ufigsten noch h&ouml;rt man
+das Weib des Fenken&auml;lplers, das von Zeit zu Zeit von
+ihrem Mann einen Zug aus der Tabakspfeife bettelt.</p>
+
+<p>&raquo;Fenken&auml;lpler, kauft der Vre doch ein artiges Kl&ouml;bchen,&laquo;
+lacht der krummm&auml;ulige B&auml;li&auml;lpler. &raquo;Wenn die<span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">[Pg 99]</a></span>
+Weiber rauchen, so schadet's dem Hausfrieden nichts &mdash;
+das meine raucht jetzt auch schon ins siebente Jahr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist halt doch nicht sch&ouml;n,&laquo; meinte die fr&ouml;hliche
+Bertha Thugi, eine Neunzehnj&auml;hrige, die neben ihrem
+j&uuml;ngeren Bruder Peter, dem Enkel des alten Peter Thugi,
+sitzt, &raquo;da&szlig; bei uns so viele Weiber rauchen wie Kamine.
+Mir gefallen Fr&auml;nzi und die Gardin &mdash; sie rauchen
+nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt will die das Rauchen der Weiber abschaffen,
+wie die neue B&auml;renwirtin den Schnaps.&laquo;</p>
+
+<p>Die fromme, geizige Glotterm&uuml;llerin, die den M&uuml;hlknecht
+hungern l&auml;&szlig;t, mault: &raquo;Recht ist's. Zuerst haben
+die M&auml;nner gar nicht gewu&szlig;t, wie die neue Frau Presi
+genug r&uuml;hmen. Sch&ouml;n und leutselig sei sie. Jetzt hat
+man's. Nicht einmal ein Gl&auml;schen Gebranntes mag sie
+ums gute Geld den Leuten g&ouml;nnen. Sie meint wohl,
+in St. Peter seien alle verg&uuml;ldet wie der Presi.&laquo;</p>
+
+<p>Der B&auml;li&auml;lpler mit der Bogennase und dem krummen
+Maul aber brummt: &raquo;Was mir gar nicht gef&auml;llt,
+sind die Handwerksleute von Hospel, die jetzt die ganze
+Zeit im B&auml;ren l&auml;rmen. Er war doch von jeher ein
+sch&ouml;nes Haus. Aber wi&szlig;t ihr? Fremde Weltleute, Deutschl&auml;nder,
+Franzosen, Englische und Hispaniolen, wie's seit
+ein paar Jahren zu Grenseln, Serbig und im Oberland
+sommers &uuml;ber hat, sollen mit ihren Weibern, Hunden
+und Katzen in den B&auml;ren kommen und darein sitzen. Was
+meint ihr? Wozu ist an der Stra&szlig;e eine Th&uuml;r ausgebrochen
+worden und wird eine Stube gemacht? In diese
+Truhe k&ouml;nnen die von St. Peter hocken und oben, wo
+wir bis jetzt gesessen sind, in der sch&ouml;nen gro&szlig;en Stube,
+rutschen die fremden Maulaffen herum, die den Unterschied<span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">[Pg 100]</a></span>
+zwischen einem Gemsbock und einem Kalb nicht
+kennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Protestieren soll man! &mdash; Aber die Gemeinder&auml;te,
+der Garde ausgenommen, haben's wie unsere Maultiere,
+sie machen so.&laquo; Der glatzk&ouml;pfige Glotterm&uuml;ller, der eine
+Stimme hat wie ein Weib, aber selbst schon lange gern
+Gemeinderat geworden w&auml;re, nickt mit dem Kopf, bis
+alles lacht. Und pl&ouml;tzlich ruft er, da&szlig; alle aufblicken:</p>
+
+<p>&raquo;Die Gemeinde soll man anfragen, ob wir Fremde
+in St. Peter dulden wollen oder nicht. Das behaupte
+ich.&laquo; Wichtig blickt er um sich.</p>
+
+<p>&raquo;Der Pfarrer ist dagegen. Eine Tods&uuml;nde sei's,
+Fremde nach St. Peter zu rufen. Anstecken mit gro&szlig;en
+Fehlern und S&uuml;nden w&uuml;rden sie uns und Schaden bringen
+an der heiligen Religion.&laquo;</p>
+
+<p>So der Bockje&auml;lpler, der zwischen dem Reden immer
+schnalzt.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rt! &mdash; h&ouml;rt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist nicht blo&szlig; deswegen!&laquo; meint der alte gro&szlig;b&auml;rtige
+Peter Thugi, der bisher flei&szlig;ig an seinen L&ouml;ffeln
+und Kellen herumgeschnitzt, den Abend noch kein W&ouml;rtchen
+gesagt hat und mit seiner tiefen Stimme sehr langsam
+spricht, &raquo;es ist wegen der Dinge, von denen man nicht
+unn&ouml;tig reden soll &mdash; wegen der armen Seelen!&laquo;</p>
+
+<p>Das Wort bringt eine merkw&uuml;rdige Bewegung hervor.</p>
+
+<p>Alle Arbeit ruht, schweigend und feierlich schaut man
+nach dem alten Manne und wer raucht, legt die Pfeife weg.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn nur Fr&auml;nzi da w&auml;re,&laquo; f&auml;hrt er fort, &raquo;sie
+k&ouml;nnte es besser erz&auml;hlen als ich, wie an den Firnen der
+Krone tausendmal tausend abgeschiedene Seelen im Eise
+stehen und sehns&uuml;chtig auf ihre Erl&ouml;sung warten. Um<span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">[Pg 101]</a></span>
+ihre Gebete zu verrichten, brauchen sie Frieden und Ruhe.
+Vom Thal herauf m&ouml;gen sie nichts h&ouml;ren als das heilige
+Glockengel&auml;ute. Lachen, leichtfertiges Reden und gro&szlig;er
+L&auml;rm thut ihnen weh. Namentlich beleidigt es sie, wenn
+die Leute neugierig auf die Gletscher und Firnen steigen.
+'So weit die Welt gr&uuml;n ist, ist Lebendigenland, wo sie
+wei&szlig; ist, ist Totenland.' Das haben sie schon manchem
+Gemsj&auml;ger gesagt, der sein Tier ins wei&szlig;e Revier verfolgte.
+Wenn nun aber die Fremden, die nichts von den
+armen Seelen wissen, alle Tag tanzen und Sonntag
+machen? Ich will's euch sagen: Es kommt ein m&auml;chtiges
+Ungl&uuml;ck &uuml;ber St. Peter.&laquo;</p>
+
+<p>Der Erz&auml;hler schweigt; alle erwarten, da&szlig; er wieder
+beginne &mdash; niemand redet, der B&auml;li&auml;lpler nur mahnt:
+&raquo;Erz&auml;hlt, Peter Thugi!&laquo;</p>
+
+<p>Da f&auml;hrt Peter Thugi geheimnisvoll fort:</p>
+
+<p>&raquo;Es hat eine Zeit gegeben, wo es in St. Peter so
+weltlich zuging, wie es wieder geschehen wird, wenn die
+Leute aus den Weltl&auml;ndern kommen. Alle Tage waren
+Lustbarkeiten, s&uuml;ndiges Reden und Wollust. Das war,
+als noch die Knappen im Schmelzwerk sa&szlig;en. Da hat
+im B&auml;ren jeden Abend eine Musik aufgespielt und immer
+war mit lustigen Weibsbildern Juhe und Juheien. Als
+nun die von St. Peter, die solche Weltlichkeit duldeten,
+zu Pfingsten in die Kirche kamen, sa&szlig;en in den vordersten
+B&auml;nken auf der Weiberseite zw&ouml;lf wei&szlig;e Vorstehbr&auml;ute<a name="FNanchor_20" id="FNanchor_20"></a><a href="#Footnote_20" class="fnanchor">[20]</a>,
+die niemand erkannte. Wie der Gottesdienst vor&uuml;ber
+war, schritten sie hinauf durch die Alpen zu den Firnen
+der Krone. Vor einer H&uuml;tte, die jetzt schon lang nicht<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">[Pg 102]</a></span>
+mehr steht, begegneten sie dem frommen Sennen S&auml;mi,
+der nicht mehr gehen konnte und auf der Bank bei der
+Th&uuml;re sa&szlig;. Da fragten sie ihn &auml;ngstlich, ob wohl die
+Leute von St. Peter aus ihren betr&uuml;bten und traurigen
+Gesichtern gemerkt haben, warum sie zur Kirche gekommen
+seien. Der alte S&auml;mi sp&uuml;rte aus ihrem Ton, da&szlig; es
+etwas sehr Ernstes sei und meinte, ihm k&ouml;nnen sie es
+schon verraten. Sie seien arme Seelen von der Krone,
+antworteten sie, und haben die von St. Peter warnen
+wollen, da&szlig; sie das tolle Leben im Dorf nicht l&auml;nger
+dulden. Wenn sie es aber weiter litten, so w&uuml;rde St. Peter
+von Lawinen versch&uuml;ttet, denn die vielen tausend armen
+Seelen, die jetzt mit ihren Leibern dem Firn Halt geben,
+w&uuml;rden auswandern und dann st&uuml;rze der Schnee der Krone
+aufs Dorf. Sie h&auml;tten auf ihre Bitten die Erlaubnis
+bekommen, da&szlig; sie die von St. Peter warnen d&uuml;rfen,
+er m&ouml;ge es ihnen sagen, wenn es die Leute sonst nicht
+gemerkt haben. Sie d&uuml;rfen doch nie mehr kommen und
+die Mahnung gelte f&uuml;r ewig. Erleichtert gingen die
+armen Seelen ihres Weges und sangen vor Freude, da&szlig;
+sie die Botschaft einem so braven Manne wie S&auml;mi hatten
+ausrichten k&ouml;nnen. S&auml;mi aber schickte Bericht ins Dorf
+&uuml;ber das merkw&uuml;rdige Erlebnis, und siehe da &mdash; alle die
+in der Kirche gewesen, erkannten die Vorstehbr&auml;ute. Es
+waren gestorbene M&auml;dchen von St. Peter. Die Leute
+trieben die Musikanten und die leichten Weibsbilder fort,
+und seither wei&szlig; man in unserem Dorf, was geschieht,
+wenn Wohlleben und Ueppigkeit wieder kommen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_20" id="Footnote_20"></a><a href="#FNanchor_20"><span class="label">[20]</span></a> <i>Vorstehbr&auml;ute</i>, Kommunikantinnen.</p></div>
+
+<p>Der Kreis der and&auml;chtigen Zuh&ouml;rer und Zuh&ouml;rerinnen
+schauderte.</p>
+
+<p>&raquo;Der Presi bringt noch &uuml;ber uns alle gleiches Ungl&uuml;ck<span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">[Pg 103]</a></span>
+wie &uuml;ber Seppi Blatter!&laquo; unterbrach die b&ouml;se Zunge
+des Glotterm&uuml;llers das Schweigen.</p>
+
+<p>&raquo;Pst!&laquo; klang eine Weiberstimme aus dem Hintergrund
+durch den blauen Tabaksnebel, &raquo;B&auml;lzi wei&szlig;, wie
+der Presi den Leuten ein Schlo&szlig; an den Mund legt, die
+etwas wider ihn sagen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gesellschaft h&auml;tte lieber noch mehr Geschichten
+von den Toten geh&ouml;rt und neigte nicht mehr zum Schwatzen.</p>
+
+<p>Bertha Thugi, die von der Erz&auml;hlung ihres Gro&szlig;vaters
+bewegt war, meinte: &raquo;La&szlig;t uns doch die Wildheuerfr&auml;nzi
+holen, sie wei&szlig; alle Geschichten des Gebirges,
+die von den Lebendigen sowohl wie die von den Toten,
+sie wei&szlig; die Ueberlieferungen und Sagen, sie hat manchmal
+bis um die Mitternacht erz&auml;hlt, so da&szlig; alle zitterten
+und man fast nicht mehr heimgehen durfte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fr&auml;nzi ist aber nie ungebeten erschienen, sie hat
+aus ihrem Erz&auml;hlen immer eine Kunst gemacht, die geehrt
+sein wollte. Und jetzt lehnt sie alles Erz&auml;hlen ab.
+Sie habe keine Lust mehr zum Reden. Ich verstehe es
+nach dem gro&szlig;en Ungl&uuml;ck wohl.&laquo;</p>
+
+<p>So der alte Peter Thugi, und schweigend lichtet
+sich allm&auml;hlich der Kreis, die Totensagen summen in den
+K&ouml;pfen, die Sagen Fr&auml;nzis.</p>
+
+<p>W&uuml;rdig ertr&auml;gt sie den Tod ihres Mannes. Als er
+st&uuml;rzte, hatte sich ihr wohl ein Schrei entrungen, ein
+entsetzlicher Schrei, als m&uuml;&szlig;ten auch ihr Leib und Seele
+auseinanderbrechen. Und in den ersten Tagen lebte sie
+in dumpfem Br&uuml;ten dahin. Dann aber erhob sie sich
+pl&ouml;tzlich und ging an ihre Arbeit wie sonst. Niemand
+hat sie je weinen gesehen, niemand je klagen geh&ouml;rt.
+Nur die Str&auml;hnen gebleichten Haares in der dunklen F&uuml;lle<span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">[Pg 104]</a></span>
+verrieten, da&szlig; sie gelitten hatte. Den Schmerz hatte sie
+in den unergr&uuml;ndlichen Tiefen des Glaubens begraben.</p>
+
+<p>&raquo;Vroni und Josi, tragt niemand etwas nach, es hat
+im Leiden und Sterben eures Vaters eine h&ouml;here Hand
+gewaltet, und gr&uuml;beln ist s&uuml;ndhaft.&laquo; So mahnte sie,
+wenn die Kinder vor Beelendung &uuml;ber den Tod des
+Vaters fast zerflossen.</p>
+
+<p>Ihrem kleinen Haushalt ging es seit dem schrecklichen
+Ende Seppi Blatters nicht schlechter als zu seinen
+Lebzeiten. Es war, als h&auml;tte das Ungl&uuml;ck des Vaters
+Josi, den vierzehnj&auml;hrigen, mit einem Schlage um viele
+Jahre gereift. Das freundliche Knabengesicht mit den
+klugen dunklen Augen war ernst und trotzig geworden,
+um ein L&auml;cheln gab der fr&uuml;her gespr&auml;chige Bursche nicht
+viel, menschenscheu vermied er das Dorf. Ohne da&szlig; ihm
+jemand die Notwendigkeit klar gemacht h&auml;tte, schleppte
+er im Lauf des Sommers genug Wildheu von den Planken,
+um die paar Ziegen durch den Winter zu bringen, so da&szlig;
+die Mutter manchmal mahnte: &raquo;Ueberthu dich nicht, du
+z&auml;her Bub.&laquo;</p>
+
+<p>Der Acker hatte reichlich Frucht getragen. Als man
+Anfang Winter das Korn im gro&szlig;en Backofen des Garden
+gleich f&uuml;rs ganze Jahr verbuk, da ergab es so viel gro&szlig;e
+Laibe, da&szlig; die Kinder bis zur n&auml;chsten Ernte nicht nach
+Hospel hinauszuwandern brauchten, um Mehl zu holen.</p>
+
+<p>Das war gut, woher das Geld nehmen?</p>
+
+<p>Es waren drollige Mahlzeiten, die Mutter und
+Kinder hielten. Josi, der die Stelle des Hausvaters &uuml;bernommen
+hatte, zertr&uuml;mmerte mit Hammer und Hackmesser
+das vom langen Liegen steinharte Brot. Die
+dunklen Splitter stoben nur so davon, und ebenso stoben<span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">[Pg 105]</a></span>
+sie vom K&auml;se, den noch der Vater bereitet hatte. Vroni
+fing die Brocken auf, indem sie die offenen Arme ausbreitete,
+und lachend knusperten die Kinder an den braunen
+St&uuml;cken, die dem Gestein des Gebirges zum Verwechseln
+glichen.</p>
+
+<p>&raquo;Bei&szlig;e dir keinen Zahn aus, Vroni!&laquo; scherzte Josi.
+Dann wies sie ihm ihre Perlenreihe zwischen kirschroten
+Lippen, er zeigte als Antwort sein blitzblankes Gebi&szlig;
+und zum Schlu&szlig; der Mahlzeit nahm er die Tessel, einen
+Holzstab, der auf dem Tisch lag, und schnitzte einen Kerb
+hinein, bald auf Vronis, bald auf seiner, bald auf der
+Mutter Seite, damit man wisse, wer das Tischgebet verrichtet
+hatte.</p>
+
+<p>Ein kleines, inniges Gl&uuml;ck, dem die Trauer, die es
+durchbebte, Bestand verb&uuml;rgte. So h&auml;tte man den Haushalt
+Fr&auml;nzis nennen m&ouml;gen. Die Geschichten, die sie
+nicht mehr in die Kreise der Burschen und M&auml;dchen
+tragen mochte, erz&auml;hlte sie Josi und Vroni. Dann geschah
+es wohl, da&szlig; Josi m&uuml;de vom Tag einschlief, w&auml;hrend
+Vroni gespannten Ohres lauschte.</p>
+
+<p>Oft sangen die drei das einzige Lied, zu dem sie
+eine Melodie wu&szlig;ten, den einzigen weltlichen Gesang,
+den es im Glotterthal gab. Fr&auml;nzi hatte ihn zur Zeit,
+als sie mit Seppi selig verlobt war, auf dem Markt zu
+Hospel von einem fahrenden Spielmann geh&ouml;rt und gekauft.
+Sie nannte ihn &raquo;das Kirchhoflied&laquo;. Der Sang
+lautete:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Es liegt das Dorf im Abendstrahle,<br /></span>
+<span class="i0">Die Berge gl&uuml;hen Dom an Dom,<br /></span>
+<span class="i0">Im Frieden steh'n des Kirchhofs Male,<br /></span>
+<span class="i0">In wilden Wellen rauscht der Strom<br /></span>
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">[Pg 106]</a></span></div>
+<span class="i0">An ihm dahin zur weiten See,<br /></span>
+<span class="i0">Wie klingt die Flut vor Wanderweh!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Steingenelk, die K&ouml;nigskerzen<br /></span>
+<span class="i0">Erbl&uuml;h'n voll Pracht im heiligen Rund,<br /></span>
+<span class="i0">Sie steigen aus gebroch'nen Herzen<br /></span>
+<span class="i0">Und jede Blume ist ein Mund.<br /></span>
+<span class="i0">O, wie das weint, o, wie das lacht,<br /></span>
+<span class="i0">Dem Fl&uuml;stern horcht die Sommernacht!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Des Dorfes Abgeschied'ne reden,<br /></span>
+<span class="i0">Es reden toter Bursch und Braut,<br /></span>
+<span class="i0">Man kennt und nennt im Ringe jeden &mdash;<br /></span>
+<span class="i0">Da klagt ein Kn&ouml;spchen frischbetaut:<br /></span>
+<span class="i0">'Wir sind im Thal &mdash; nur einer fehlt,<br /></span>
+<span class="i0">O, wie sich der in Heimweh qu&auml;lt.'<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Gebr&auml;unter Bursch ist fortgezogen,<br /></span>
+<span class="i0">Den Mund so rot, den Blick so hell,<br /></span>
+<span class="i0">Dahin mit Wellen und mit Wogen<br /></span>
+<span class="i0">Gewandert ist der Frohgesell,<br /></span>
+<span class="i0">Doch, als er stand an blauer See,<br /></span>
+<span class="i0">Da schrie sein Herz nach Berg und Schnee.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du armer Knabe! Schlaf am Meere!<br /></span>
+<span class="i0">Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn,<br /></span>
+<span class="i0">Sieh, Gottes sind die Sternenheere,<br /></span>
+<span class="i0">Er schickt den Tropfen, der die Stirn<br /></span>
+<span class="i0">Mit frischem Gletschergru&szlig; umsp&uuml;lt,<br /></span>
+<span class="i0">Der dir das hei&szlig;e Heimweh k&uuml;hlt!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Hatte Vroni ihr K&auml;mmerlein aufgesucht, so h&ouml;rte
+sie die Mutter noch eine Weile in der Stube hantieren.
+Das letzte war immer, da&szlig; Fr&auml;nzi die Th&uuml;re oder ein
+Fensterchen &ouml;ffnete und irgend einen Bissen auf den Tisch
+stellte. Wenn am Morgen die Kinder kamen, waren die
+Fenster verschlossen, der Bissen verschwunden.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">[Pg 107]</a></span>&raquo;Wozu das, Mutter?&laquo; fragte Vroni ahnungsvoll.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r die armen Seelen, f&uuml;r den Vater, wenn er
+unter ihnen ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Vater ist ja mit den heiligen Sakramenten in
+den Tod gegangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist sicher, da&szlig; er an den heligen Wassern nicht
+doch noch etwas gedacht oder gethan hat, was er b&uuml;&szlig;en
+mu&szlig;. Ein Tag hat tausendmal tausend Augenblicke und
+in jedem k&ouml;nnen wir zur armen Seele werden. G&auml;be
+es sonst so viele Abgeschiedene, die in die Gletscher eingefroren
+sind, da&szlig; man nicht &uuml;ber das Eis gehen kann,
+ohne da&szlig; man ihnen auf die H&auml;upter tritt? Die Krone
+ist voll Wehklagen der Frierenden, in den Gletscherspalten
+h&ouml;rt man sie weinen und diejenigen, die hoch auf den
+Bergen armen Seelen begegnet sind, werden nimmer froh,
+sie verlieren das Lachen und die roten Wangen. Ihr
+habt Abrah&auml;mi nicht mehr gekannt. Er war ein Gemsj&auml;ger.
+Einmal, als er hinter einem Felsblock auf eine
+Gemse lauerte, sah er pl&ouml;tzlich zwei arme Seelen. Die
+eine k&auml;mmte ihr welliges Haar, die andere sang, denn
+beide waren bald erl&ouml;st und freuten sich der warmen
+Sonne. Es waren vornehme Mail&auml;nderinnen, die in
+ihrem Leben vor vieler Weltfreude vergessen hatten,
+Armen Gutes zu thun. Sie erz&auml;hlten Abrah&auml;mi ihr verfehltes
+Leben so beweglich und ihre Sch&ouml;nheit war so
+gro&szlig;, da&szlig; er vor Mitleid und Liebe fast verging. Sie
+baten ihn, er m&ouml;ge im Thale nicht erz&auml;hlen, da&szlig; sie so
+schwer b&uuml;&szlig;en, denn es k&ouml;nnte sonst die Nachricht davon
+bis nach Mailand zu ihren Verwandten gelangen, und
+das w&auml;re ihnen nicht lieb. Als aber Abrah&auml;mi, der
+Gemsj&auml;ger, ins Thal kam, konnte er es nicht verschweigen,<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">[Pg 108]</a></span>
+was f&uuml;r sch&ouml;ne Frauen er auf dem Gletscher gesehen
+habe. Da wurden seine F&uuml;&szlig;e und seine Zunge lahm und
+viele Jahre sa&szlig; er so auf dem Dengelstein vor seinem
+Hause und schaute in Sehnsucht nach den Firnen der
+Krone, ob er die sch&ouml;nen Frauen nicht ersp&auml;hen m&ouml;chte.
+Eines Tages flogen zwei schneewei&szlig;e Tauben &uuml;ber das
+Thal. Das waren die erl&ouml;sten Seelen. Abrah&auml;mi mochte
+wieder aufstehen und reden, doch lachen hat er nie mehr
+m&ouml;gen, sondern immer gesagt: 'Kr&auml;nkt keine arme Seele.'&laquo;</p>
+
+<p>So erz&auml;hlte Fr&auml;nzi und in Vroni erklangen die
+Glocken des Glaubens, da&szlig; ihr ganzes Wesen erf&uuml;llt
+w&uuml;rde mit den Ahnungen der Sage. Und war Josi
+trotzig und finster, so bl&uuml;hte in ihrem frischen, von blondem
+Haar umspielten Gesicht stillinniges Leben auf.</p>
+
+<p>Wenn in der Nacht der Wind durch die Felsen
+weinte, die wei&szlig;en Nebel am mondbeschienenen Berghang
+schwebten, dann glaubte auch sie die Z&uuml;ge jener
+Toten zu sehen, die von den Gletschern ins Thal steigen
+und es durchwandeln.</p>
+
+<p>&raquo;Mutter, aber haben sie schon am Brot oder an
+der Milch ger&uuml;hrt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Vroni, die armen Seelen essen nicht und
+trinken nicht; wenn sie nur den guten Willen sehen, so
+sind sie schon satt und freuen sich, da&szlig; sie nicht vergessen
+sind, denn nichts auf der Welt thut ihnen so weh, wie
+wenn niemand ihrer gedenkt.&laquo;</p>
+
+<p>Einmal, als Vroni schon schlief, kam &uuml;ber den hohen
+flimmernden Schnee wahrhaftig eine arme Seele durch
+die Nacht geschwebt und gewandelt, eine leichte, schlanke
+Kindergestalt, doch stieg sie nicht den Alpweg herab,
+sondern huschte her&uuml;ber von der schlafenden Kirche, die<span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">[Pg 109]</a></span>
+ihren Turm gespenstisch in die n&auml;chtliche Winterlandschaft
+reckte.</p>
+
+<p>Fr&auml;nzi erschrak. Wenn man eine arme Seele sieht,
+soll man nicht neugierig sein, es kann sie kr&auml;nken. Sie
+zog sich vor der Wandelnden tief in ihr St&uuml;bchen zur&uuml;ck
+und betete den Segen.</p>
+
+<p>Da horch! Vor dem Fensterspalt bittet und bettelt
+ein s&uuml;&szlig;es, feines Stimmchen: &raquo;Fr&auml;nzi, liebe Fr&auml;nzi.
+Darf ich zu Euch hereinkommen?&laquo;</p>
+
+<p>Einen Augenblick staunt Fr&auml;nzi, dann sagt sie &uuml;berrascht:
+&raquo;Wei&szlig; Gott, das ist Binia!&laquo; Sie &ouml;ffnet die
+Th&uuml;re und zieht das schlotternde Kind, das zum Schutz
+vor der grimmigen K&auml;lte den Kirchenmantel der seligen
+Beth um die Glieder geschlagen hat, in das St&uuml;bchen.</p>
+
+<p>&raquo;Ums Himmels willen, Bini, was willst du bei dem
+harten Frost und bald um Mitternacht. Hat es im
+B&auml;ren ein Ungl&uuml;ck gegeben?&laquo;</p>
+
+<p>Da l&auml;chelt Binia leise und schalkhaft, setzt sich dicht
+zu Fr&auml;nzi auf die Bank, nimmt mit einer scheuen Liebkosung
+ihre Hand, schl&auml;gt den Blick nieder und sagt:
+&raquo;Nein, im B&auml;ren schl&auml;ft alles, nur ich habe noch gewacht
+und an mein seliges M&uuml;tterchen gedacht. Wie ich den
+Schlaf nicht habe finden k&ouml;nnen, bin ich still aufgestanden,
+die Treppe hinuntergetappt, durch das Fenster des Untergadens<a name="FNanchor_21" id="FNanchor_21"></a><a href="#Footnote_21" class="fnanchor">[21]</a>
+hinausgeklettert und bin zu Euch gekommen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_21" id="Footnote_21"></a><a href="#FNanchor_21"><span class="label">[21]</span></a> <i>Untergaden</i>, schweizerdeutsch, Vorratskammer im Erdgescho&szlig;.</p></div>
+
+<p>&raquo;O Gott und alle Heiligen! Nicht einmal recht
+angezogen bist du, k&ouml;nntest dir ja den Tod holen in
+dieser Nacht. Warum kommst auch nicht am sch&ouml;nen Tag?&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">[Pg 110]</a></span>Da verzieht sich das Gesichtchen des Kindes schmerzlich,
+z&ouml;gernd sagt es: &raquo;Ich meine, der Vater h&auml;tte es
+nicht gern, wenn er's w&uuml;&szlig;te. Und ich wei&szlig; nicht, habt
+Ihr's gern, wenn ich zu Euch komme und Vroni und
+Josi? Ich habe Euch vieles zu fragen, Fr&auml;nzi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;N&auml;rrchen, du liebes, warum sollten wir uns nicht
+freuen, wenn du kommst?&laquo; Fr&auml;nzi fuhr dem sch&uuml;chternen
+Kinde liebkosend durchs dunkle fliegende Seidenhaar.
+&raquo;Aber wenn's dein Vater nicht gern hat, so ist's doch
+gescheiter, du gehst gleich wieder heim.&laquo;</p>
+
+<p>Da glitt das Kind hinab von seinem Sitz zu den
+F&uuml;&szlig;en Fr&auml;nzis, umschlang ihre Kniee und flehte weinerlich:
+&raquo;Nein, Fr&auml;nzi, nein, sterben m&uuml;&szlig;t' ich und den
+Kopf w&uuml;rde es mir zersprengen, wenn ich jetzt nicht mit
+Euch reden k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, so la&szlig; es heraus, was so in dem armen
+K&ouml;pfchen brennt, da&szlig; es gar nicht mehr schlafen kann,&laquo;
+sagte Fr&auml;nzi mild und zog Binia zu sich empor.</p>
+
+<p>Es war aber, als blieben die Worte der Kleinen
+im Halse stecken.</p>
+
+<p>&raquo;Ist's denn etwas so Schreckliches, Bini?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Fr&auml;nzi, wie Ihr an der Wassertr&ouml;stung so ernst
+mit meinem Vater auf seiner Stube geredet habt, da
+sa&szlig; ich auf dem Ofen, ich habe alles gesehen und geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>Wunderfein erbebte das Stimmchen.</p>
+
+<p>Nun war's an Fr&auml;nzi, zu erbleichen. Sie sah das
+Kind nicht mehr, sie sah nur das furchtbare Erlebnis
+jener Stunde &mdash; entgeistert blickte sie vor sich hin. Sie
+bat: &raquo;Kind, armes Ungl&uuml;cksv&ouml;gelchen, rede, &mdash; rede! Gott
+und die Heiligen m&ouml;gen mir helfen, da&szlig; ich dir recht
+Antwort stehe. Vielleicht ist's gut, da&szlig; du gekommen bist.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">[Pg 111]</a></span>Da rann das Gest&auml;ndnis des gepre&szlig;ten und geklemmten
+Kinderherzens, erst scheu und z&ouml;gernd, gleichsam
+nur in Tropfen hervor, str&ouml;mte dann hei&szlig; und leidenschaftlich
+und unter vielen Thr&auml;nen. Nur von Josi
+sagte Binia nichts, sonst alles.</p>
+
+<p>&raquo;Du s&uuml;&szlig;er, lieber Vogel, so b&ouml;se Dinge klopfen in
+deinem Herzchen.&laquo;</p>
+
+<p>Fr&auml;nzi hatte genug zu thun, um ein klein wenig
+Ordnung in die verwirrte Kinderseele zu bringen. Sie
+l&ouml;ste Binia alle Fragen auf, nur eine konnte sie ihr nicht
+l&ouml;sen: Wie es m&ouml;glich ist, da&szlig; ein Kind Vater und
+Mutter gleich hei&szlig; liebt, da&szlig; der Vater die Mutter aber
+nicht gut leiden mag.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid sicher, da&szlig; dem Vater die Hand nicht aus dem
+Grabe wachsen wird, wie der w&uuml;ste Kaplan gesagt hat?&laquo;</p>
+
+<p>Feierlich nahm Fr&auml;nzi die Hand des Kindes und
+ihre Augen begegneten dem dunklen Sternenpaar Binias:
+&raquo;Ja. Nicht die b&ouml;se Unterschrift hat meinen seligen
+Seppi an die Wei&szlig;en Bretter gef&uuml;hrt, als ein Freiwilliger
+ist er gegangen. Es hat sich alles gewandt und
+dein Vater ist unschuldig an seinem Tod.&laquo;</p>
+
+<p>Binia dankte mit einem innigen Aufleuchten des
+Blicks: &raquo;Es ist kein Unsegen auf mir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Deine selige Mutter wacht vom Himmel &uuml;ber dir
+und jede Nacht bin auch ich in Gedanken bei dir.&laquo;</p>
+
+<p>Da k&uuml;&szlig;te Binia die arbeitsharten H&auml;nde der m&uuml;tterlichen
+Tr&ouml;sterin mit brennendem Mund.</p>
+
+<p>Noch hatte das neugierige Kind viele Fragen, die
+Antwort forderten.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr denkt, der Vater habe mich doch lieb? &mdash; O,
+Fr&auml;nzi, wenn Ihr w&uuml;&szlig;tet, wie ich ihn liebe.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">[Pg 112]</a></span>&raquo;Nat&uuml;rlich, du kleine Ungl&auml;ubige &mdash; jeder Vater
+hat in seinem Herzen ein Pl&auml;tzchen f&uuml;r sein Kind, und
+wenn es zu tiefinnerst versteckt w&auml;re! Sei liebevoll und
+dem&uuml;tig gegen den Vater; auf Kindern, die gegen ihre
+Eltern ehrf&uuml;rchtig sind, steht die Verhei&szlig;ung, da&szlig; es ihnen
+wohl ergehe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich dem&uuml;tig &mdash; das ist schwer. &mdash; Wohl, wohl,
+ich will dem&uuml;tig sein!&laquo; fl&uuml;sterte Binia mit feinem Stimmchen
+und gesenkten Lidern, &raquo;aber &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r R&auml;tsel hast du denn noch, du gr&uuml;blerisches
+Kind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe jetzt zwei M&uuml;tter, eine tote, die mir lieb
+&uuml;ber alles ist &mdash; und eine lebendige. Wie soll ich's da
+halten? Kr&auml;nke ich die tote nicht, wenn ich gut zu der
+lebendigen bin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Richte in deinem Herzen einen Altar auf f&uuml;r die
+tote, schm&uuml;cke ihn mit Blumen der Liebe; der lebendigen
+aber diene als gutes Kind, denn, Binia &mdash; Frau Cresenz
+ist eine wackere Frau.&laquo;</p>
+
+<p>Binia schwieg mit gesenktem Kopf.</p>
+
+<p>Da drang von der Kirche her&uuml;ber der Einuhrschlag,
+er mahnte Fr&auml;nzi an die schwere Stunde, wo Seppi f&uuml;r
+immer Abschied genommen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Und nun sollte ich auch dich herzlich um etwas
+bitten, V&ouml;gelchen. In grenzenlosem Leid hat dich der
+selige Seppi beschimpft. Vergieb ihm, Binia!&laquo;</p>
+
+<p>Statt jeder Antwort pre&szlig;te das Kind das K&ouml;pfchen
+an die Brust der Frau, nicht anders, als w&auml;re sie die
+Mutter.</p>
+
+<p>&raquo;O, Fr&auml;nzi, ich h&ouml;re Euer Herz &mdash; das ist so ein
+liebes, warmes Herz.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113">[Pg 113]</a></span>&raquo;Ja, aber jetzt geh' &mdash; jetzt geh', du Nachtwandlerin,
+ich kann dein Bleiben nicht mehr verantworten.&laquo; Als
+Fr&auml;nzi schon die Th&uuml;re aufschlie&szlig;en wollte, bettelte Binia:
+&raquo;Zeigt mir doch noch Vroni, wie sie schl&auml;ft &mdash; o, wie
+manchmal hat's mich an der ganzen Seele und am
+ganzen Leib zu ihr gezogen.&laquo;</p>
+
+<p>Fr&auml;nzi l&auml;chelte, sie f&uuml;hrte die Bettlerin zu Vronis
+Lager, und Binia pre&szlig;te einen Ku&szlig; auf die roten Wangen
+der Freundin, die tief atmend auf den gel&ouml;sten Str&auml;hnen
+ihres Goldhaares ruhte.</p>
+
+<p>Die Schlafende regte sich, leise traten die beiden
+n&auml;chtlichen Besucherinnen aus dem K&auml;mmerchen zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Willst Josi auch noch sehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, gern,&laquo; hauchte Binia und eine Blutwelle ergo&szlig;
+sich &uuml;ber ihr feines Gesichtchen. Sie stiegen die
+schmale Treppe empor. Im Licht, das Fr&auml;nzi durch die
+Finger auf den Schl&auml;fer fallen lie&szlig;, sah Binia die Furche
+der Willenskraft, die sich von der Stirne zur Nase Josis
+zog und das junge Gesicht schon halb m&auml;nnlich erscheinen
+lie&szlig;. &raquo;Aber sch&ouml;n,&laquo; dachte Binia bei sich selber, &raquo;ist
+Josi doch, so schlank, so braun.&laquo;</p>
+
+<p>Da fiel ihr pl&ouml;tzlich schwer aufs Gewissen, wie sie
+den arglosen Schl&auml;fer wider ihren Willen, doch ohne die
+F&auml;higkeit, den Widerruf vorzubringen, bei ihrem Vater
+verleumdet hatte; sie zitterte und sagte kleinlaut: &raquo;Fr&auml;nzi,
+ich mu&szlig; gehen! Ich dank' Euch tausendmal, liebe Fr&auml;nzi.&laquo;</p>
+
+<p>Und &uuml;ber den mondbeschienenen Schnee lief Binia
+flink wie eine Gemse dem unter schweren Winterlasten
+seufzenden Dorfe zu.</p>
+
+<p>&raquo;Ob ich's wohl noch erleben und sehen werde, wohin
+dich dein Weg f&uuml;hrt, du Kind mit den vielfragenden<span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114">[Pg 114]</a></span>
+Augen und dem R&auml;tselherzchen?&laquo; Mit diesem Gedanken
+sah Fr&auml;nzi der schlanken Gestalt nach, die in den schweren
+n&auml;chtlichen Schlagschatten der H&auml;user verschwand.</p>
+
+<p>Als Vroni am n&auml;chsten Morgen sich zu Tische setzte,
+erz&auml;hlte sie mit strahlendem Gesicht, sie habe so lebhaft
+von Binia getr&auml;umt, wie wenn sie selber bei ihr am
+Bett gestanden h&auml;tte. Mutter Fr&auml;nzi l&auml;chelte, sie weihte
+die Kinder so stark in das Geheimnis des n&auml;chtlichen
+Besuches ein, als sie f&uuml;r gut fand. Josi aber sagte: &raquo;Das
+ist mir alles gleichg&uuml;ltig, wenn mir die Giftkr&ouml;te nur
+nie mehr &uuml;ber den Weg l&auml;uft.&laquo;</p>
+
+<p>Vroni lachte und drohte mit dem Finger: &raquo;Josi,
+Josi, ich erz&auml;hle es der Mutter, was drau&szlig;en im Teufelsgarten
+geschehen ist.&laquo;</p>
+
+<p>Mit zornrotem Gesicht stand er auf: &raquo;Ich will nichts
+mehr wissen vom Kind eines schlechten Hundes, dem Vater
+selig bin ich's schuldig.&laquo; Er schlug die Th&uuml;re ins Schlo&szlig;
+und ging die Ziegen f&uuml;ttern. Fr&auml;nzi war neugierig, was
+drau&szlig;en im Teufelsgarten geschehen sei, als ihr aber
+Vroni gebeichtet hatte, sagte sie kein Wort.</p>
+
+<p>Die Geschichte machte ihr einige Tage schwer.</p>
+
+<p>F&uuml;r Vroni blieb der unerwartete n&auml;chtliche Besuch
+Binias das gro&szlig;e freudige Ereignis des Winters, sie
+hoffte, die Freundin w&uuml;rde wieder kommen, und erwartete
+sie mit wachenden Augen Abend f&uuml;r Abend.</p>
+
+<p>Binia kam aber nie wieder, Vroni und die Mutter
+bemerkten es jedoch wohl, wie sie manchmal aus der Ferne
+sehns&uuml;chtig nach ihnen und ihrem H&auml;uschen blickte, wie
+sie dann aber die Angst, sie w&uuml;rde vom Vater bemerkt,
+fortjagte.</p>
+
+<p>Um Josi stand's nicht gut.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115">[Pg 115]</a></span>Wenn er Holz im Walde sammelte, so setzte er sich
+oft auf die fertige B&uuml;rde, st&uuml;tzte den Kopf in die beiden
+H&auml;nde und im winterlichen Walde, der unter der Schneelast
+knackte, zogen mit furchtbarer Lebendigkeit die Bilder
+noch einmal vor&uuml;ber, wie sein Vater an den Wei&szlig;en
+Brettern gelitten hatte und gestorben war. Der Gram
+um den Vater machte ihn je l&auml;nger je mehr zu einem
+d&uuml;steren Groller. Der verbissene Arbeiter war zuweilen
+hart und grob gegen Vroni, finster gegen die Mutter,
+und das kleine, innige Gl&uuml;ck des Haushaltes erhielt durch
+ihn manchen Sto&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind alle, alle schuld, die von St. Peter, am
+meisten der Presi,&laquo; grollte er.</p>
+
+<p>Eines Tages ging er doch durchs Dorf und stand
+pl&ouml;tzlich vor dem verha&szlig;ten Mann. Da schrie der Presi
+ihn an. &raquo;Wie darfst du dich noch unter rechten Leuten
+zeigen, du Lausbub, du!&laquo; Jetzt war Josi im Innern mit
+dem Presi und mit denen von St. Peter fertig.</p>
+
+<p>&raquo;Besser ungerecht leiden als ungerecht thun,&laquo; erwiderte
+Fr&auml;nzi mit einem tiefen Seufzer, als der Bursche
+sein Erlebnis unter Thr&auml;nen des Zorns berichtete.</p>
+
+<p>Allein er gab sich damit nicht zufrieden, er hatte
+einen furchtbaren Ha&szlig; gegen den Presi gefa&szlig;t.</p>
+
+<p>&raquo;Anz&uuml;nden! den B&auml;ren anz&uuml;nden,&laquo; br&uuml;llte es in
+der Brust des Schwerbeleidigten, der Gedanke setzte sich
+darin fest, da&szlig;, wie gr&auml;&szlig;lich es sei, der B&auml;ren eines
+Tages verbrennen m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Aber Binia! &mdash; Bah, Binia! &mdash; Warum sollte er
+den B&auml;ren nicht anz&uuml;nden?</p>
+
+<p>Oft warf er die Z&uuml;ndh&ouml;lzchen, die er mitgenommen
+hatte, um im Wald ein Feuer anzumachen, mit zitternden<span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116">[Pg 116]</a></span>
+Fingern von sich. Aber die Furcht, da&szlig; er eines
+Tages das Entsetzliche doch thun w&uuml;rde, qu&auml;lte ihn.</p>
+
+<p>H&auml;tte Josi mit k&uuml;hlem Blut geurteilt, so w&uuml;rde er
+sich gestanden haben, da&szlig; die Leute von St. Peter den
+Groll nicht verdienten, den er auf sie warf. Sie erwiesen
+der verwaisten Familie jene Achtung und jenes stille
+Wohlwollen, das w&uuml;rdig ertragenes Ungl&uuml;ck &uuml;berall findet,
+sie verga&szlig;en es nicht, da&szlig; Seppi Blatter im Gemeindedienst
+gefallen war, und h&auml;tte es dessen bedurft, so w&uuml;rde
+Fr&auml;nzi immer die Hilfe gefunden haben, die notwendig
+gewesen w&auml;re, den kleinen Haushalt aufrecht zu erhalten.</p>
+
+<p>Zuweilen streckte der Garde das h&uuml;nenhafte Haupt
+mit einem freundlichen Gru&szlig; in die Th&uuml;re. Er war
+seit dem Tode Seppi Blatters Vormund der Kinder,
+redete aber Fr&auml;nzi nichts in die t&auml;glichen Hantierungen,
+sondern ging mit zufriedenem Knurren, einem besonderen
+Gru&szlig; an sein Patenkind Vroni und mit dem Bewu&szlig;tsein
+davon, da&szlig; da Vogtm&uuml;hen<a name="FNanchor_22" id="FNanchor_22"></a><a href="#Footnote_22" class="fnanchor">[22]</a> &uuml;berfl&uuml;ssig seien.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_22" id="Footnote_22"></a><a href="#FNanchor_22"><span class="label">[22]</span></a> <i>Vogt</i>, schweizerdeutsch, Vormund. V&ouml;gtling, M&uuml;ndel.</p></div>
+
+<p>Ein fast t&auml;glicher Gast im Haus Fr&auml;nzis war der
+stille, bl&ouml;de Eusebi, der die Gewohnheit hatte, sich auf
+einen Schemel zu setzen, nichts zu sagen, mit ein paar
+H&ouml;lzern zu spielen und zu h&ouml;ren, was geplaudert wurde.
+Da sa&szlig; der f&uuml;nfzehnj&auml;hrige Schwachkopf unbeweglich,
+aber bei jedem freundlichen Wort ging ein Aufleuchten
+&uuml;ber sein Gesicht. Vroni und Josi mochten ihn wohl
+leiden, ja jene liebte ihn schwesterlich.</p>
+
+<p>Eines Tages zog sie ihre alte Schulschiefertafel heraus
+und malte mit ihm Buchstaben. Und siehe da, die kleine
+freundliche Schulmeisterin brachte den armen Jungen, der<span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117">[Pg 117]</a></span>
+wegen Bl&ouml;dsinn die Schule nicht hatte besuchen k&ouml;nnen,
+zum Schreiben.</p>
+
+<p>&raquo;Eusebi, komm nur flei&szlig;ig zu uns, dann lehre ich
+dich alles, was ich selber kann, wir lautieren und stellen
+Rede&uuml;bungen an, bis du nicht mehr stotterst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist ein liebes V&mdash;vroneli,&laquo; stackelte er.</p>
+
+<p>Einmal, als Josi den beiden lange zugesehen und
+zugeh&ouml;rt hatte, sagte er: &raquo;Mutter, die Vroni bringt den
+Eusebi zuwege. Ganze S&auml;tze redet er mit ihr und st&ouml;&szlig;t
+nirgends mehr an.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geb's Gott!&laquo; antwortete Fr&auml;nzi.</p>
+
+<p>Auch Binia erhielt einen Spielgef&auml;hrten ins Haus.</p>
+
+<p>Th&ouml;ni Grieg war der achtzehnj&auml;hrige Neffe der Frau
+Cresenz und des Kreuzwirts in Hospel. Er hatte bis dahin
+das Kollegium in der Stadt besucht, und w&auml;re es
+nach der Ansicht seiner n&auml;chsten Verwandten gegangen,
+so h&auml;tte er Jurist werden m&uuml;ssen. Er hatte aber das
+Pech, da&szlig; er wegen loser Streiche von der Schule gewiesen
+wurde. Da beschlo&szlig; man im Familienrat, ihn
+Frau Cresenz und dem Schwager Pr&auml;sidenten zur weiteren
+Erziehung und Ausbildung zu &uuml;bergeben. Der Aufenthalt
+im abgelegenen St. Peter sollte eine empfindliche
+Strafe f&uuml;r ihn sein, die Hand des Presi war hart genug,
+den Jungen im Zaum zu halten, und dabei hatte
+er im B&auml;ren doch Gelegenheit, den Hotel-, den Fremden-
+und Postdienst kennen zu lernen.</p>
+
+<p>Der Presi machte zuerst ein schiefes Gesicht zu dem
+Erzieheramt, das ihm seine neue Verwandtschaft zudachte,
+aber um Frau Cresenz willen bi&szlig; er in den sauern Apfel.</p>
+
+<p>Und siehe da, als Th&ouml;ni kam, erwiesen sich alle
+Bef&uuml;rchtungen und jedes Mi&szlig;trauen als ungerechtfertigt.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118">[Pg 118]</a></span>Der &raquo;sch&ouml;ne Th&ouml;ni&laquo;, der &raquo;lustige Th&ouml;ni&laquo;. Bald
+klangen die Worte durchs Dorf. Er war ein schlank gewachsener,
+sauberer, anstelliger Bursche, der immer gut
+gekleidet ging, st&auml;dtische Manieren zur Schau trug und
+lebhaft und drollig zu plaudern wu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Was hast du denn gemacht, Th&ouml;ni, da&szlig; sie dich
+aus dem Kollegium gejagt haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; nicht viel, Herr Pr&auml;sident. Heimlich Bier getrunken,
+wenn ich Durst hatte, mit ein paar anderen dem
+Zeichenlehrer eine Katzenmusik gebracht und am gleichen
+Abend vor der Wohnung des Professors des Franz&ouml;sischen,
+der ein sch&ouml;nes T&ouml;chterlein hat, ein bi&szlig;chen gesungen.&laquo;</p>
+
+<p>Mit der offenherzigsten Miene der Welt machte Th&ouml;ni
+sein Bekenntnis.</p>
+
+<p>&raquo;Donnerwetter, erst achtzehnj&auml;hrig und schon die
+M&auml;dchen ansingen! Wohl, wohl, du kannst es mit der
+Zeit auf einen gr&uuml;nen Zweig bringen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi lachte laut, doch wohlwollend, denn er
+war selbst ein feuriger Bursche gewesen.</p>
+
+<p>Als gro&szlig;er achtzehnj&auml;hriger Herr &uuml;bersah Th&ouml;ni zuerst
+die dreizehnj&auml;hrige Binia halb, dann entdeckte er, da&szlig; sie
+ein allerliebstes Gesichtchen habe, er sp&uuml;rte ihr rasches,
+hei&szlig;bl&uuml;tiges Naturell heraus, und wenn ihn niemand beobachtete,
+reizte er das Kind zu seiner Unterhaltung auf
+das heftigste.</p>
+
+<p>&raquo;Du Wildkatze, weise mir deine blanken Z&auml;hne!&laquo;
+Binia wehrte sich tapfer. &raquo;O, die sind viel zu gut, als
+da&szlig; ich sie einem fortgejagten Kollegianer zeigen w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du giftige Katze!&laquo; Und der Bursche langte mit
+der Hand aus, als ob er dem M&auml;dchen eine Ohrfeige
+versetzen wollte, aber das lie&szlig; er klugerweise bleiben.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119">[Pg 119]</a></span>Ueber ihrem Zank stieg von Hospel herauf der Fr&uuml;hling
+ins Thal, die Lawinen krachten und gingen durch
+die gewohnten Runsen. Das Spiel der Klappern an den
+heligen Wassern, das winters &uuml;ber geruht hatte, erwachte
+nach einem Fr&uuml;hlingsgang des Garden wieder
+und in St. Peter stritten die Leute immer noch und
+heftiger, ob man die Fremden ins Thal kommen lassen
+wolle oder nicht.</p>
+
+<p>Der Pfarrer predigte dagegen, der Garde sprach dem
+Presi ins Gewissen, unbeirrt ging er seinen Weg; w&auml;hrend
+man stritt, kam der Sommer, und es erschienen,
+vom Kreuzwirt in Hospel dahin gewiesen, die ersten Fremden
+im B&auml;ren von St. Peter.</p>
+
+<p>Die armen Seelen gaben kein Zeichen und die der
+Krone st&uuml;rzten nicht aufs Dorf.</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120">[Pg 120]</a></span></p>
+<h2><a name="VII" id="VII"></a>VII.</h2>
+
+
+<p>&raquo;Das D&ouml;rfchen unter dem Donner der Lawinen.&laquo; &mdash;
+&raquo;Das unber&uuml;hrte Idyll, aus dem noch keine Kellnerserviette
+die Poesie gest&auml;ubt hat.&laquo; &mdash; &raquo;Das Thal des
+altert&uuml;mlichen Volkslebens und der originellen Sitten.&laquo;</p>
+
+<p>Die Schlagw&ouml;rter flogen nur so. Wie aus einem
+Taubenschlag flatterten aus dem B&auml;ren mit jedem Morgen
+G&auml;ste und G&auml;stinnen durch das Dorf auf die Maiens&auml;ssen
+und die Alpweiden und mit Blumen beladen am
+Abend zur&uuml;ck. Jeder kam sich wie ein kleiner Columbus
+vor, jede wie eine Columbussin, die Gl&uuml;cklichen verga&szlig;en
+ganz, da&szlig; sie der Kreuzwirt von Hospel nach St. Peter
+gewiesen hatte, und genossen unbeeintr&auml;chtigte Entdeckerfreuden.
+Wie hatte man die Krone, diesen k&uuml;hnen und
+gewaltigen Hochbau des Gebirges, so lang &uuml;bersehen
+k&ouml;nnen? Und die schlanke, zierliche Nadel des Bockje, auf
+dessen Spitze eine Tiergestalt zu ruhen schien, nach der
+Volkssage ein Steinbock, der auf der Flucht vor dem
+J&auml;ger auf die Spitze geraten und, als er nicht weiter
+konnte, versteinert war. Und dann das Dorf St. Peter
+mit den geheimnisvollen alten Zeichen und Runen an
+den Holzh&auml;usern, mit den Scheunen und St&auml;deln, die<span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121">[Pg 121]</a></span>
+auf gemauerten Steins&auml;ulen ruhten, so da&szlig; es beinahe
+wie ein aus alter Zeit &uuml;briggebliebener Pfahlbau aussah.</p>
+
+<p>Nicht zuletzt liebten die G&auml;ste den B&auml;ren, das Urbild
+eines alten sch&ouml;nen Bergwirtshauses, befreundeten
+sie sich mit der immer liebensw&uuml;rdigen B&auml;renwirtin, bewunderten
+sie den B&auml;renwirt, die h&uuml;nenhafte Prachterscheinung
+eines Bergbewohners, einen Mann, der, wie
+eng sein Gesichtskreis sein mochte, von fast bedr&uuml;ckender
+Gewalt des Wesens war. Wer eines F&uuml;hrers bedurfte,
+nahm den lustigen Th&ouml;ni mit, der, gef&auml;llig und kurzweilig,
+sich an das Wesen eines jeden anschmiegte und
+als ein fr&ouml;hlicher Junge von einer gewissen Bildung auch
+das Wohlwollen der Frauen geno&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Hier ist es sch&ouml;n, entz&uuml;ckend sch&ouml;n,&laquo; schw&auml;rmten die
+Sommerfrischler und fl&uuml;sterten sich zu: &raquo;Nur nicht ausbringen,
+was f&uuml;r ein Dorado wir gefunden haben, kennt
+erst die Welt St. Peter, dann seht nach, was im B&auml;ren
+die Forellen kosten.&laquo;</p>
+
+<p>Weniger zufrieden waren die D&ouml;rfler.</p>
+
+<p>Zuerst staunte man billig &uuml;ber die Weltleute, dann
+sagte man: &raquo;Wozu die Fremden? Zwar sind die Firnen
+und Gletscher der Krone noch nicht gefallen. Aber was
+noch kommen wird, wei&szlig; man nicht. Und man hat, seit
+die Welt steht, im Glotterthal zu essen gehabt, ohne ungebetene
+G&auml;ste.&laquo;</p>
+
+<p>Ueberall streckten die Sommerfrischler die K&ouml;pfe durch
+Fenster und Th&uuml;ren, sie erkundigten sich nach Dingen,
+die niemand etwas angingen als die von St. Peter selbst.
+Die fremden aufgeputzten Weiber glaubten den Frauen
+des Dorfes gute Ratschl&auml;ge &uuml;ber Wohnungsl&uuml;ftung und
+Kinderpflege geben zu sollen, sie zuckten zu manchen<span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122">[Pg 122]</a></span>
+Dingen, die sie sahen, die Schultern und liefen durch
+die Aecker und Maiens&auml;ssen, als ob das Land im Glotterthal
+herrenlos w&auml;re.</p>
+
+<p>Ein rotwangiger Springinsfeld, der sich kleidete wie
+ein Bajazz bei den Buden, die man an den M&auml;rkten zu
+Hospel sieht, stellte sich mit seinem Eisbeil vor ein paar
+Frauen, die auf dem Acker arbeiteten, und fragte: &raquo;Na,
+sagen's 'mal, wo sind denn die sch&ouml;nen Sennen und
+Sennerinnen, die vom Morgen bis zum Abend auf den
+Bergen stehen, die H&uuml;te schwenken, jauchzen und jodeln,
+und ihre Schweizerlieder singen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meint Ihr, wir seien solche Narren!&laquo; antworteten
+die Weiber, &raquo;werken m&uuml;ssen wir, da&szlig; die Rippen auseinanderbrechen
+m&ouml;chten. Aber hudlig<a name="FNanchor_23" id="FNanchor_23"></a><a href="#Footnote_23" class="fnanchor">[23]</a> sind wir nicht.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_23" id="Footnote_23"></a><a href="#FNanchor_23"><span class="label">[23]</span></a> <i>hudlig</i>, schweizerdeutsch, so viel wie ehrlos, sittlich
+geringwertig, bettelhaft.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ja, die Fremden sind ein verr&uuml;cktes Volk,&laquo; meinte
+der Fenken&auml;lpler, die dicke B&auml;li&auml;lplerin aber jammerte
+und z&uuml;rnte: &raquo;Was mir geschehen ist! Kommt, wie ich
+an nichts denke und meiner Wege gehe, so eine Nichtsnutzin
+auf mich zu und sagt: 'Frau, Ihr raucht einen
+b&ouml;sen Knaster, Ihr verderbt die reine Alpenluft &mdash; legt
+doch lieber die Pfeife weg &mdash; es schickt sich an uns Frauen
+ja gar nicht, da&szlig; wir Pfeifen rauchen.' Da habe ich
+aber &mdash; reine Alpenluft hin und reine Alpenluft her &mdash;
+ihr zu leid so genebelt, als ob die Hasen backen<a name="FNanchor_24" id="FNanchor_24"></a><a href="#Footnote_24" class="fnanchor">[24]</a> w&uuml;rden.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_24" id="Footnote_24"></a><a href="#FNanchor_24"><span class="label">[24]</span></a> &raquo;<i>Die Hasen backen</i>&laquo;, sagt das Volk, wenn nach langem starkem
+Regen die Nebel aus den W&auml;ldern steigen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Tausendmal recht habt Ihr gehabt,&laquo; erwiderte der
+Fenken&auml;lpler. &raquo;In St. Peter sind wir noch Meister &mdash;
+und wir lassen die Fremden ja im Frieden herumkalbern!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123">[Pg 123]</a></span>Schlimmer noch. Die Weiber von St. Peter wollten
+nicht mehr in den Leinenhosen, die sie sonst sommers
+&uuml;ber zur Arbeit trugen, durchs Dorf auf Alpe und Feld
+gehen. Die Fremden schauen sie so neugierig an und
+lachen &uuml;ber das Kleid, klagten sie.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich einmal einen lachen sehe, bekommt er
+Ohrfeigen,&laquo; quiekte der Glotterm&uuml;ller.</p>
+
+<p>Der Presi aber rieb sich im Herbst die H&auml;nde: &raquo;Ta-ta-ta,
+das Fremdenwesen geht gut. &mdash; Schwager Kreuzwirt,
+ich danke Euch.&laquo;</p>
+
+<p>Die D&ouml;rfler mochten schimpfen, er war hellauf, wie
+seit Jahren nicht mehr; er schlang den Arm um die
+H&uuml;fte der stattlichen Frau Cresenz: &raquo;Gut ging's!&laquo; Sie
+streifte seinen Arm ab und lachte: &raquo;Ihr seid doch kein
+J&uuml;ngling mehr, Pr&auml;sident.&laquo;</p>
+
+<p>Das Ehepaar redete sich mit &raquo;Ihr&laquo; an, die Frau
+nannte ihren Eheherrn auch nie &raquo;Presi&laquo;, sondern &raquo;Pr&auml;sident&laquo;
+und die G&auml;ste waren noch h&ouml;flicher. Sie riefen
+ihn &raquo;Herr Pr&auml;sident&laquo;. Das klang ihm freilich sch&ouml;ner
+in die Ohren als das d&ouml;rfliche &raquo;Presi&laquo;.</p>
+
+<p>Manchmal &auml;rgerte er sich, wenn Frau Cresenz wie heute
+so k&uuml;hl war, manchmal aber schmeichelte er ihr erst recht.</p>
+
+<p>&raquo;Etwas Kl&uuml;geres als Euch zu heiraten, h&auml;tte ich
+nicht thun k&ouml;nnen. Ihr seid die Wirtin, wie sie im Buche
+steht, Ihr seid freundlich mit allen G&auml;sten, doch mit
+keinem zu viel, Ihr f&uuml;hrt ein gutes Hausregiment. Aber
+wi&szlig;t, ein bi&szlig;chen z&auml;rtlicher h&auml;tte ich Euch schon gern. Habt
+Ihr denn gar nichts vom Th&ouml;ni, hinter dem mu&szlig; man
+ja immer mit dem Donnerwetter her sein, da&szlig; er nicht
+best&auml;ndig an den Sch&uuml;rzen der M&auml;gde h&auml;ngt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich mag das Scharwenzeln und Th&ouml;richtthun<span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124">[Pg 124]</a></span>
+nicht leiden. Das habe ich schon meinem seligen Ersten
+immer gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir aber geht's merkw&uuml;rdig!&laquo; erwiderte der Presi
+fast ernst. &raquo;Die Beth selig hat mich manchmal mit ihren
+braunen Augen so barmherzig angeschaut und still gebettelt,
+ich m&ouml;chte ihr etwas Liebes sagen oder mit der
+Hand &uuml;bers Haar fahren, oder sie nur ein bi&szlig;chen schlimm
+ansehen. Ich aber habe es nicht &uuml;bers Herz gebracht.
+Doch jetzt m&ouml;chte ich gern &mdash; und jetzt wollt Ihr nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Cresenz, der k&uuml;hlen Frau, wurde es bei solchen
+Gespr&auml;chen unbehaglich zu Mute, etwas hilflos sagte sie:
+&raquo;Ich schaue doch immer zum Frieden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid recht, Ihr seid mehr als recht, Pr&auml;sidentin.
+Wenn ich nur denke, wie Ihr Bini gezogen habt,
+den verlotterten Wildfang.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sagt, Pr&auml;sident, das bleibt aber eine sonderbare
+Geschichte, wie das Kind sich pl&ouml;tzlich bekehrt hat. Wi&szlig;t
+Ihr noch, es war in der Nacht kurz vor Neujahr, als
+ich immer behauptet habe, es habe gegeistert im Haus.
+Da kam am Morgen die Wildkatze geschlichen. 'Ich will
+Euch jetzt Mutter nennen und ganz artig sein.' Und
+sie schmeichelte um mich wie ein K&auml;tzchen. 'Hast dein
+Trotzherz gebrochen?' fragte ich. Da wird sie rot und
+sagt: 'Ja &mdash; die selige Mutter hat halt mit mir geredet
+und gew&uuml;nscht, da&szlig; ich Euch folge.'&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wenn die Beth selig dem Kind gute Gedanken
+giebt, so la&szlig;t sie nur durchs Haus wandeln,&laquo; lachte der
+Presi.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube selber, Bini sei enthext.&laquo;</p>
+
+<p>Das Gesicht des Presi verfinsterte sich: &raquo;Pr&auml;sidentin,
+redet nicht so dumm.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125">[Pg 125]</a></span>&raquo;He,&laquo; sagte Frau Cresenz verlegen, &raquo;die alte Susi
+lag mir, ehe sie zu ihren Verwandten nach Tremis zog,
+immer im Ohr, Bini sei vom Kaplan Johannes besprochen
+&mdash; ich solle sie von einem Kapuziner entzaubern lassen.
+Und ich habe es selber geglaubt, weil sie die erste Zeit
+gar so b&ouml;sartig gewesen ist.&laquo;</p>
+
+<p>Der gute Humor des Presi war verdorben.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Ihr m&ouml;gt ihr ja selber nicht recht ein gutes
+Wort g&ouml;nnen,&laquo; warf Frau Cresenz beklommen ein.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist etwas anderes,&laquo; schnauzte der Presi, &raquo;aber
+ich leide es nicht, da&szlig; man Bini zu einem Hexlein stempelt.&laquo;
+Er stand auf und machte einen Gang durchs Haus
+von zu unterst bis zu oberst.</p>
+
+<p>Seine Gedanken waren beim letzk&ouml;pfigen Pfaffen,
+der Binia besprochen haben sollte. Er mochte den Halbnarren
+trotz dem th&ouml;richten Gerede nicht &uuml;bel leiden.</p>
+
+<p>Kaplan Johannes, der in St. Peter nur so zugelaufen
+war, wie in einem Hause sich etwa ein herrenloser
+Hund oder eine Katze einnistet, war schlauer als
+die D&ouml;rfler allesamt. Er hatte sich die durch die Fremden
+ver&auml;nderten Verh&auml;ltnisse rasch zu nutze gemacht. Er
+lief etwas weniger den Bauern- und Alpweibern nach,
+er tauschte f&uuml;r seinen Kr&auml;uterthee, der gegen das Doggeli<a name="FNanchor_25" id="FNanchor_25"></a><a href="#Footnote_25" class="fnanchor">[25]</a>
+sch&uuml;tzen, Kreuzschmerzen vertreiben und das Lungenfieber
+heben solle, etwas seltener Brot, K&auml;se und Speck ein,
+daf&uuml;r begann er am Wege beim Schmelzwerk einen kleinen
+Mineralienhandel und verkaufte den G&auml;sten die glitzernden
+Siebensachen von Krystallen und Erzen, die man im
+Gebirge um St. Peter findet, zu ansehnlichen Preisen.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_25" id="Footnote_25"></a><a href="#FNanchor_25"><span class="label">[25]</span></a> <i>Doggeli</i>, schweizerdeutsch, Alpdr&uuml;cken.</p></div>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126">[Pg 126]</a></span>&raquo;Woher er sie nur hat?&laquo; fragte sich der Presi. Und
+dann sagte er sich: &raquo;Gelegentlich mu&szlig; man ihn doch fortschaffen.
+Am Abend gr&ouml;hlt und pl&auml;rrt der Narr im
+Schmelzwerk, da&szlig; nach Einbruch der Nacht kein Mensch
+mehr den ohnehin verrufenen Weg zu gehen wagt. Auch
+laufen von ihm immer erfundene oder wahre Geschichten,
+da&szlig; er an die Weiber ungeb&uuml;hrliche Zumutungen stelle.
+Ein widriger, <a name="corr_4" id="corr_4"></a><a href="#corr_note_4" class="correction" title="Im Originaltext &quot;umheimlicher&quot;">unheimlicher</a> Geselle ist er schon, und die
+h&auml;ufigen Anf&auml;lle von Fallsucht, die er hat, machen ihn
+nicht angenehmer. Es ist &uuml;brigens, als k&ouml;nne er sie selbst
+k&uuml;nstlich hervorrufen, sie pflegen ihn zu &uuml;berfallen, wenn
+ihm jemand eine Gabe verweigert, und blo&szlig; um das
+schreckliche Bild nicht in der Stube zu haben, schenken
+ihm manche Leute, was er begehrt. Der B&auml;li&auml;lpler hat
+freilich ein besseres Mittel erfunden. Er hatte den letzk&ouml;pfigen
+Pfaffen, als er sch&auml;umte und zappelte, mit kaltem
+Wasser &uuml;bersch&uuml;ttet. Da war der Narr heulend davongelaufen
+und nie wieder gekommen.</p>
+
+<p>&raquo;Ba! Warum den schriftenlosen Vagabunden forttreiben.
+Die Gemeinde h&auml;ngt daran, da&szlig; jemand bei
+der Lieben Frau an der Br&uuml;cke die &uuml;blichen Glockenzeichen
+giebt, dazu ist Johannes gut genug. Und der Pfarrer,
+der gegen den Fremdenverkehr gepredigt hat, mu&szlig; auch
+seinen Pfahl im Fleische haben, das ist lustig!&laquo;</p>
+
+<p>So dachte der Presi. Wie er vom Keller auf den
+Estrich gelangt war, kam ihm Binia nachgelaufen: &raquo;Vater,
+der Garde ist da.&laquo; Nun ging ein Zug der Ueberraschung
+und ehrlicher Freude &uuml;ber seine eherne Stirne und um
+seinen willensstarken Mund. Er hatte sich schon lange
+heimlich gekr&auml;nkt, da&szlig; der Garde, seit Sommerfrischler
+kamen, den B&auml;ren mied. Ohne den Garden aber, den<span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127">[Pg 127]</a></span>
+einzigen Mann im Dorfe, den er aus Herzensgrund
+achtete, konnte er fast nicht leben.</p>
+
+<p>Nun gr&uuml;&szlig;te er ihn in der gro&szlig;en Stube rasch und
+herzlich.</p>
+
+<p>&raquo;Ich mag mich halt im Sommer nicht unter die
+Fremden setzen,&laquo; knurrte der breite, schwerf&auml;llige Freund,
+&raquo;und in das neumodische geringe St&uuml;bchen ebener Erde
+m&uuml;&szlig;tet Ihr mich schon erst sp&auml;ter einmal tot hineintragen,
+lebendig gehe ich nicht &uuml;ber seine Schwelle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen wieder einmal ansto&szlig;en wie fr&uuml;her,
+nehmt die Welt, wie sie ist,&laquo; lachte der Presi. &raquo;Zum
+Wohl, Garde!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Presi,&laquo; und der Garde blinzelte belustigt, &raquo;Ihr versteht
+es, gutes Wetter zu machen.&laquo;</p>
+
+<p>Nun waren die beiden M&auml;nner im Zug. Als das
+Gespr&auml;ch eine Weile gegangen, murrte der Garde:</p>
+
+<p>&raquo;Ich geb's ja gern zu, da&szlig; unter den Fremden viele
+ehrbare und rechtschaffene Leute sind, es w&auml;re traurig,
+wenn's anders w&auml;re, aber es bleibt halt dabei, die Fremden
+verstehen uns nicht, wir sie nicht. Seit sie kommen,
+ist eine verborgene Unruhe im Dorf, niemand wei&szlig;, wo
+hinaus es will.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ta-ta-ta. Wo hinaus?&laquo; eiferte der B&auml;renwirt.
+&raquo;Da&szlig; sich die Leute an sie gew&ouml;hnen &mdash; in Grenseln
+und Serbig haben sie auch zuerst die H&auml;nde hinter den
+G&auml;sten geballt, jetzt aber stehen sie an allen Stra&szlig;en,
+verkaufen ihnen Edelwei&szlig;, tuten auf dem Alphorn und
+juheien sie an.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eben, eben,&laquo; z&uuml;rnte der Garde, &raquo;sie sind hudlig
+geworden. Presi &mdash; ich habe ruhiges Blut, aber das erste
+M&auml;dchen in St. Peter, das sich an den Weg stellt und<span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128">[Pg 128]</a></span>
+die Fremden ansingt, nehme ich bei den Z&ouml;pfen, f&uuml;hre
+es zu seiner Mutter, und der sage ich alle Schande. So
+lang ich lebe, darf unsere Gemeinde nicht hudlig werden.&laquo;</p>
+
+<p>Er schlug mit seiner Faust auf den Tisch.</p>
+
+<p>&raquo;Aber, Garde, ich will ja das auch nicht,&laquo; bes&auml;nftigte
+der B&auml;renwirt.</p>
+
+<p>&raquo;Es kommt halt von selbst, ob Ihr wollt oder nicht
+&mdash; aber das glaube ich auch,&laquo; der alte eiserne Sprecher
+lachte grimmig, &raquo;ehe das Dorf hudlig wird&laquo; &mdash; eine
+Flamme scho&szlig; aus seinen Augen &mdash; &raquo;ehe das Dorf hudlig
+wird, geschehen b&ouml;se Dinge &mdash; giebt es Aufruhr und
+Ungl&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seid doch kein Rabenvogel! Die Leute finden ja
+mit der Zeit durch die Fremden einen sch&ouml;nen Verdienst.&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde sch&uuml;ttelte den Kopf, langsam und feierlich
+sagte er: &raquo;Ihr kennt unser V&ouml;lklein. Das paktiert
+nicht, das schweigt, das seufzt und schimpft im stillen,
+das ballt die F&auml;uste im Sack, das besinnt sich siebenmalsiebenmal,
+das betet, duldet und tr&auml;gt, &mdash; aber
+wenn's ihm zuletzt aus der Seele in die Knochen f&auml;hrt,
+&mdash; dann w&uuml;rde ich mich lieber vor hundert w&uuml;tende
+Bullen stellen als vor die Gemeinde.&laquo;</p>
+
+<p>Dem Presi war nicht wohl bei dieser Rede, der
+Garde aber fuhr in seiner feierlichen Art fort:</p>
+
+<p>&raquo;Denkt Euch, es gehe einmal einer von den unseren,
+bestochen durchs Geld, mit einem Fremden auf die Krone.
+Was geschieht? In einer Nacht brennt ihm die H&uuml;tte
+nieder. Entweder es kommt nicht aus, wer der Brandstifter
+ist, dann tr&auml;gt die Gemeinde die Schande. Oder
+er kommt aus und die Landj&auml;ger holen ihn. Dann, Presi,
+w&uuml;rde ich um den B&auml;ren Sorge tragen.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129">[Pg 129]</a></span>&raquo;Garde, malt den Teufel nicht an die Wand, ich
+ertrage es nicht.&laquo; Der Presi war hastig geworden und
+verwarf aufstehend die Arme. &raquo;Keiner w&uuml;rde dem B&auml;ren
+etwas zu leide thun &mdash; keiner &mdash; als etwa der Lausbub
+der Fr&auml;nzi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die gottlose Rede nehmt zur&uuml;ck. &mdash; Josi ist ja so
+ein ehrbarer Bursche. Das habe ich aber schon lange gemerkt,
+da&szlig; Ihr Gift auf ihn habt. Jetzt frage ich als
+Vogt des Buben: Was habt Ihr wider ihn?&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde stellte sich vor den Presi, aber auch
+diesem leuchtete es b&ouml;s auf im Gesicht: &raquo;Der? &mdash; Wi&szlig;t
+Ihr, was der &uuml;ber mich gesagt hat? &mdash; Die Hand m&uuml;sse
+mir aus dem Grab wachsen! So wagt er sich an Leute
+von Amt und Ehre.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann? wo? zu wem hat er's gesagt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu Binia hat er's gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde wiegte den schweren Kopf. &raquo;Bini l&uuml;gt
+nicht. Ich will dem Donnerhagel das Hirn s&auml;ubern.&laquo;</p>
+
+<p>Mit z&uuml;ndelrotem Kopf lief er davon. Binia, die
+durchs Haus strich, hatte auf das laute Wesen der M&auml;nner
+in der K&uuml;che das Schiebefenster gegen die Stube ge&ouml;ffnet,
+um neugierig zu h&ouml;ren, was denn los sei.</p>
+
+<p>Jetzt war sie ungl&uuml;cklich, wie ein aus dem Nest gefallener
+Vogel: &raquo;Mutter &mdash; Mutter &mdash; selige Mutter.&laquo;</p>
+
+<p>Ihre H&auml;nde verkrampften sich ineinander, ihre Augen
+wurden gro&szlig;.</p>
+
+<p>Was hatte sie in einem Augenblick der Verwirrung
+Josi Schreckliches angethan!</p>
+
+<p>Wenn sie der Vater einmal wieder mit der vollen
+Lichtf&uuml;lle seiner Blicke ansah, dann peitschte sie der Gedanke,
+sie m&uuml;sse vor ihm niedersinken und sprechen: &raquo;Vater,<span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130">[Pg 130]</a></span>
+sei doch nicht so th&ouml;richt, da&szlig; du einem Kind, was es
+im Fieber geredet, glaubst. Es hat gelogen, gr&auml;&szlig;lich
+gelogen, in seiner Verwirrung. Nicht Josi Blatter, nein,
+der Kaplan Johannes hat das Entsetzliche gesagt! Und
+ich glaube es nicht &mdash; gewi&szlig; Gott, glaube ich es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>O, sie erinnerte sich wohl, was sie damals in ihren
+gro&szlig;en Schmerzen ihrer Krankheit gefaselt hatte. Die
+Erinnerung daran brannte sie wie h&ouml;llisches Feuer, aber
+jedesmal war der Entschlu&szlig; zum Bekenntnis erst im
+Werden, wenn der Blick des Vaters schon wieder eisig
+und vernichtend wie sonst geworden war.</p>
+
+<p>Er verzieh ihr jene Fieberbeichte nie.</p>
+
+<p>H&auml;tte sie die Erinnerung an das, was sie &uuml;ber Josi
+gesagt hatte, nicht immer gebrannt, so w&auml;re sie beinahe
+ein gl&uuml;ckliches Pers&ouml;nchen gewesen.</p>
+
+<p>Wie anders war's jetzt als damals, da sie die Verzweiflung
+durch die Mitternacht und den hohen Schnee
+zu Fr&auml;nzi gejagt hatte. Sie hatte das trotzige K&ouml;pfchen
+geb&auml;ndigt, nur hin und wieder ging noch ihr wildes Blut
+mit ihr durch, erlag sie noch den Anf&auml;llen schmerzlichen
+Gr&uuml;belns. Ihrer seligen Mutter hatte sie, wie Fr&auml;nzi
+ihr geraten, einen Altar im Herzen errichtet, der neuen
+gehorchte sie, ohne tiefgr&uuml;ndige Liebe zwar, aber doch in
+herzlicher Achtung.</p>
+
+<p>Oft hatte sie das Heimweh nach Fr&auml;nzi, ihr feuriges
+Herz gl&uuml;hte in ehrf&uuml;rchtiger Liebe f&uuml;r sie. Die h&auml;tte sie
+gern zur Mutter gehabt. Aber wegen des Vaters wagte
+sie nie mehr einen Besuch bei ihr.</p>
+
+<p>Klagen wollte sie nicht.</p>
+
+<p>Die immer gem&uuml;tliche k&uuml;hle Frau Cresenz, der
+L&auml;cheln und Lachen Lebensberuf war, die kaum mehr<span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131">[Pg 131]</a></span>
+wu&szlig;te, da&szlig; sie l&auml;chelte und lachte, war freundlich gegen
+sie. Sie sorgte namentlich, da&szlig; sie in Geb&auml;rde und Bewegung,
+in Redensart und Kleid so vor die G&auml;ste trat,
+wie es sich nach ihrer Meinung f&uuml;r das B&auml;rent&ouml;chterlein
+von St. Peter schickte.</p>
+
+<p>Es kamen aber immer wieder Augenblicke, wo Frau
+Cresenz die Kraft versagte. Wenn Binia ihr dunkles
+Augenpaar gro&szlig; und fragend in die Welt stellte, schalt
+sie: &raquo;Kind, schau doch anders, es wird einem angst und
+bang vor deinen sonderbaren Lichtern. Wohl, wohl, die
+sind dazu angethan, einmal das Mannsvolk verr&uuml;ckt zu
+machen.&laquo;</p>
+
+<p>Binia war es manchmal, als m&ouml;ge die Stiefmutter
+sie wegen ihrer Augen nicht leiden, aber noch unartiger
+war Frau Cresenz, wenn sie &uuml;ber kleine Herzensangelegenheiten
+mit ihr reden wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Dummes Kind, sprich nicht so geheimnisvoll &mdash;
+es ist gar nicht n&ouml;tig, da&szlig; man alles in der Welt erkernt
+und ergr&uuml;belt, es ist sogar ungesund &mdash; recht thun,
+freundlich sein mit den Leuten, hie und da auch, wenn's
+einem nicht drum ist, damit kommt man durchs Leben.&laquo;</p>
+
+<p>Wenn die neue Mutter so redete, schn&uuml;rte es Binia
+die Brust zusammen. &raquo;Freundlich sein, wenn's einem
+nicht drum ist. Das versteh' ich nicht.&laquo; Traurig sch&uuml;ttelte
+sie das K&ouml;pfchen. Diese Kunst besa&szlig; aber die Stiefmutter,
+gerade darum konnte sie dieselbe nicht von Herzen
+lieben. Sie sp&uuml;rte, es war nichts Tiefes, Kernhaftes
+in dieser glatten, liebensw&uuml;rdigen Frau.</p>
+
+<p>Da gefiel ihr der Vater in seiner rauhen Wildheit
+doch viel mehr. In ihm lag, das sp&uuml;rte auch sie, eine
+&uuml;berm&auml;chtige, ungez&uuml;gelte, wahre Kraft. Er schleuderte<span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132">[Pg 132]</a></span>
+die Beleidigungen ohne Besinnen hin, es war fast niemand
+im Dorf, den er mit einem raschen Wort nicht
+schon t&ouml;dlich verletzt hatte, aber ein voller freundlicher
+Blick aus seinen dunklen Augen, ein gutes Wort &mdash; und
+alle, die ihn ha&szlig;ten, waren entwaffnet.</p>
+
+<p>Und wie die Fremden von ihm sprachen. Sie h&ouml;rte
+immer noch den ernsten alten Doktor, der so eifrig mit
+seinem Nachbar plauderte, da&szlig; er nicht merkte, wie sie
+mit einem Gericht herzutrat:</p>
+
+<p>&raquo;Eine so gewaltige Gestalt wie der Herr Pr&auml;sident,
+glaube ich, ist fast eine Ueberlast f&uuml;r ein Dorf wie St. Peter.
+Den h&auml;tte die Geschichte brauchen k&ouml;nnen, um einen gro&szlig;en
+Bauernf&uuml;hrer aus ihm zu schnitzen.&laquo;</p>
+
+<p>Eines schnitt Binia wie ein Messer ins Herz, n&auml;mlich
+wenn der Vater mit den fremden Frauen und Kindern
+redete. Wie klang das lieb und g&uuml;tig, wie war er
+aufmerksam gegen sie. Die Kleinen und die Backfische hingen
+an ihm und einmal h&ouml;rte sie eine fremde sch&ouml;ne Tochter
+sagen: &raquo;Mama, der Herr Pr&auml;sident ist doch der herrlichste
+Mann, den wir auf unseren Reisen kennen gelernt haben.&laquo;</p>
+
+<p>Da entglitt ihr der Fr&uuml;chteteller, mit dem sie zudienend
+um die Tafel schritt.</p>
+
+<p>Sie sah, wie der Vater h&ouml;hnisch die Schulter zuckte.
+&mdash; Am Abend betete sie: &raquo;O Mutter &mdash; Mutter &mdash;
+sage ihm doch einmal im Traum, wie hei&szlig; ihn mein
+Herzchen liebt.&laquo;</p>
+
+<p>Es lag Segen auf ihrem gl&uuml;henden Wunsch. Nicht
+von heute auf morgen, aber von Sommer zu Sommer.</p>
+
+<p>Binia wuchs und bl&uuml;hte auf, die Fremden hatten
+die helle Freude an der feinen klugen Vierzehn-, dann
+F&uuml;nfzehnj&auml;hrigen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133">[Pg 133]</a></span>Wie sch&ouml;n war das Leben! Sie h&ouml;rte es gerne,
+wenn die G&auml;ste &uuml;ber allerlei plauderten und urteilten.
+Wie weit und gro&szlig; mu&szlig;te die Welt &uuml;ber Hospel hinaus
+sein. Sie wunderte sich manchmal, wie artig die vornehmen
+und gescheiten Leute zu ihr waren, besonders
+junge M&auml;dchen, die nach St. Peter kamen und ihr so
+lieb wurden, da&szlig; ihr das Wasser in die Augen scho&szlig;,
+wenn sie am Ende des Sommers wieder weggingen. Was
+aber schwatzten die klugen M&auml;nner Th&ouml;richtes zusammen.
+&raquo;Sie alpige Rose<a name="FNanchor_26" id="FNanchor_26"></a><a href="#Footnote_26" class="fnanchor">[26]</a>, Sie sonderbares Herzensm&auml;dchen
+mit dem leichten, schwebenden Gang, haben Sie eigentlich
+Ihre Augen grad in der H&ouml;lle und Ihr L&auml;cheln im
+Himmel geholt?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_26" id="Footnote_26"></a><a href="#FNanchor_26"><span class="label">[26]</span></a> <i>Alpige Rose</i>, eine Art Heckenrose, die in den Bergth&auml;lern
+w&auml;chst.</p></div>
+
+<p>Binia f&uuml;hlte es aber wohl: Wie die G&auml;ste so freundlich
+zu ihr wurden, wandte sich ihr auch die Liebe des
+Vaters in neuer W&auml;rme zu und er wurde heimlich stolz
+auf sie.</p>
+
+<p>Er kniff sie manchmal in die Wange: &raquo;Bini, fr&ouml;hlicher
+Vogel, hast du mich lieb?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Vater!&laquo; &mdash; Stirn und Wangen gl&uuml;hten wie
+Pfirsiche, ein heiliger Strahl des Gl&uuml;cks kam aus ihren
+dunklen Sternen und ihre schlanken Arme umklammerten
+ihn, bis er mit herzgewinnendem L&auml;cheln und gl&auml;nzenden
+Augen sagte: &raquo;Geh, thue deine Arbeit! Bist ein M&auml;dchen
+wie von den Tauben zusammengetragen.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt h&auml;tte sie es ihm schon verraten k&ouml;nnen, da&szlig;
+er &uuml;ber Josi ganz falsch berichtet sei. Eine dunkle Gewalt
+hielt sie indessen zur&uuml;ck, die Furcht, da&szlig; sie, sobald<span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134">[Pg 134]</a></span>
+sie den Namen des guten Jungen ausspreche, die Liebe
+des Vaters wieder verscherze. Er war so furchtbar heftig.
+Und mit angstvollem Herzen schwieg sie, die Zeit der
+Verstimmung war zu schmerzlich gewesen.</p>
+
+<p>Sie verwunderte sich, als der Garde einmal mitten
+in der Fremdenzeit in den B&auml;ren gestoffelt kam, ernst
+und zornig, wie ihr schien.</p>
+
+<p>Eine Weile sa&szlig; er mit dem Vater zusammen, sie
+h&ouml;rte aber nur die Worte: &raquo;Wenn Euch das Gewissen
+schl&auml;gt, so macht den b&ouml;sen Schimpf rasch gut &mdash; ich
+glaube &mdash; ich glaube &mdash; die Fr&auml;nzi lebt nicht mehr
+lang.&laquo;</p>
+
+<p>Elend wie noch nie eilte sie fort. Sie beobachtete
+in den folgenden Tagen den Vater. Er war still und
+tr&uuml;bselig, und am anderen kam sie gerade dazu, wie die
+Mutter zu ihm sagte: &raquo;Ihr h&auml;ttet die arme Frau wohl
+ruhig ihres Weges gehen lassen k&ouml;nnen, die ganze Gemeinde
+ist wild &uuml;ber Euch. Wozu ihr w&uuml;ste Namen nachrufen?&laquo;
+Worauf der Vater nur dumpf erwiderte: &raquo;Sie
+hat mich halt auch einmal schwer beleidigt.&laquo;</p>
+
+<p>Wie abscheulich er ist! Binia that das Herz weh,
+sie weinte im stillen, sie wu&szlig;te, da&szlig; der Vater nur so
+b&ouml;se gegen Fr&auml;nzi war, weil er sich vor ihr sch&auml;mte.</p>
+
+<p>Ihr Frohsinn litt aber nicht nur unter dem herzlichen
+Erbarmen mit Fr&auml;nzi, der lieben guten, unter
+den Selbstvorw&uuml;rfen wegen Josi, sondern auch aus Aerger
+&uuml;ber Th&ouml;ni, der mit allen M&auml;gden anb&auml;ndelte und Sp&auml;&szlig;e
+trieb, ihre Verachtung aber mit allerlei Z&auml;nkereien erwiderte.</p>
+
+<p>Er bekam als Fremdenf&uuml;hrer bald einen Mitbewerber.
+B&auml;lzi, der Wildheuer mit dem Ziegenbart, der zuerst am<span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135">[Pg 135]</a></span>
+meisten &uuml;ber die Fremden geschimpft hatte, fand, da&szlig; das
+Spazieren mit den Sommerg&auml;sten eine weniger anstrengende
+und gef&auml;hrliche Arbeit sei als das M&auml;hen des
+herrenlosen Grases auf schwindliger Felsenplanke. Wie
+h&auml;ufig ereignete es sich, da&szlig; ein spielendes Windchen das
+kaum getrocknete Heu wie eine kleine Wolke aufhob und
+auf Nimmerwiedersehen &uuml;ber alle Berge trug. Er kaufte
+sich ein neues Wams, ein Seil und einen Gletscherpickel.
+Damit stolzierte er vor dem B&auml;ren auf und ab, bot sich
+den Fremden als F&uuml;hrer an, und wenn ihn einer fragte,
+ob er auch schon auf der Spitze der Krone gestanden
+habe, sagte er im Brustton des Biedermannes: &raquo;Aber
+Herr, die kenne ich ja so gut wie die Westentasche, in
+der ich die Z&uuml;ndh&ouml;lzchen trage.&laquo;</p>
+
+<p>Es war aber ein ausdr&uuml;cklicher Befehl des Presi,
+da&szlig; man die Fremden abhalte, auf die Krone zu steigen.
+Er war fast unn&ouml;tig. Die G&auml;ste sahen es dem Salonbergf&uuml;hrer
+Th&ouml;ni und dem schlotterigen B&auml;lzi wohl an,
+da&szlig; man sich ihnen nicht f&uuml;r so gefahrvolle Bergbesteigungen
+anvertrauen durfte.</p>
+
+<p>Doch tauchten in der Sommergesellschaft oft Fremde
+mit dem vermessenen Wunsche auf, die Krone zu erklettern.</p>
+
+<p>Th&ouml;ni war im Anfang mit dem ungebetenen Partner
+nicht zufrieden, aber schon im zweiten und namentlich
+im dritten Sommer zeigte es sich, da&szlig; beide Besch&auml;ftigung
+genug fanden, besonders da Th&ouml;ni auch sonst, das eine
+Mal durch die Post, die w&auml;hrend des Sommers einen
+lebhaften Verkehr und jetzt einen Telegraphen besa&szlig;, das
+andere Mal durch die Maultiertreiberei und die Lebensmittelzufuhr
+von Hospel nach St. Peter in Anspruch genommen
+war.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136">[Pg 136]</a></span>Der Presi billigte die neue Besch&auml;ftigung B&auml;lzis
+stillschweigend, er sagte den anderen: &raquo;Seht ihr's, man
+braucht nur zuzugreifen wie der Kaplan Johannes und
+B&auml;lzi, dann hat jeder durch den Fremdenverkehr seinen
+angenehmen Verdienst.&laquo;</p>
+
+<p>Die halsstarrigen Bauern und Aelpler waren aber
+nicht zu &uuml;berreden, nur murrend, schwer und langsam
+gew&ouml;hnten sie sich daran, solange die Sommerg&auml;ste da
+waren, die Amtsgesch&auml;fte, den Vieh- und K&auml;sehandel mit
+dem Presi im unteren St&uuml;bchen zu besorgen.</p>
+
+<p>B&auml;lzi ging es einmal schlecht. Aus Rache, da&szlig; er
+sich in den Dienst der Fremden gestellt, bereiteten ihm die
+schw&auml;rmenden Nachtburschen ein kaltes Bad in der Glotter.</p>
+
+<p>Aber auch manche Vorurteile gegen die Sommerfrischler
+verschwanden im Laufe der drei Jahre, die sie
+nun schon ins Thal kamen.</p>
+
+<p>Einzelnen D&ouml;rflern begann der Zustand zu behagen,
+es war im Bergthal entschieden kurzweiliger geworden,
+und unter den G&auml;sten, die erschienen, gab es Leute, die
+sich ehrlich bem&uuml;hten, sich mit ihnen auf einen freundlichen
+Fu&szlig; zu setzen und die eigenartigen Verh&auml;ltnisse des
+Thales zu begreifen. F&uuml;r solche G&auml;ste hatten, soweit sie
+ihr Mi&szlig;trauen gegen die Fremden ablegen konnten, auch
+manche von St. Peter einiges Verst&auml;ndnis. Sogar der
+Pfarrer eiferte minder gegen sie, als er sah, da&szlig; es
+unter ihnen kenntnisreiche Bienenfreunde gab, die der
+Zeidlerei im Hochthal eine warme Wi&szlig;begier entgegen
+brachten, und die Damen bei ihm die Leinens&auml;cklein voll
+wei&szlig;en Alpenhonigs, die unter den Fenstern des Pfarrhauses
+hingen, kauften und mit gro&szlig;em Ruhm &uuml;ber seine
+G&uuml;te wiederkamen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137">[Pg 137]</a></span>Sommer um Sommer wuchs die Zahl der G&auml;ste.</p>
+
+<p>In der That! Wie viel bot dem das Glotterthal, der
+nicht nur f&uuml;r die Felsendome und Firnen der Krone, sondern
+auch f&uuml;r das Volksleben ein offenes Auge und Herz besa&szlig;.
+Da lebte ein V&ouml;lkchen, das zwar nicht die Hirtenunschuld
+zeigte, die manche Schw&auml;rmer in den abgelegenen
+Alpenth&auml;lern suchen, ein V&ouml;lklein, bei dem es so stark
+menschelte wie &uuml;berall in der Welt, das aber doch einige
+besondere Eigenschaften hatte. Diese Bauern und Aelpler
+behalfen sich in allen Dingen selbst. Unter ihnen gab es
+keine Handwerker. Maurer, Zimmermann, Schindler
+und Dachdecker, Schneider und Schuster war jeder sich
+selbst. Den Lein und die Wolle, in die man sich kleidete,
+zog, bleichte, spann und wob man selbst; das Brot
+schmeichelte man, wenn es nicht in einem Jahr ging, in
+zweien den steinichten Aeckerchen ab und ob sich die hellgoldenen
+Roggen&auml;hren kaum recht aus dem Boden reckten,
+sie gaben ein schmackhaftes dunkelbraunes Brot, und ein
+Schluck Hospeler darauf war Gottes Wohlthat. Brot
+und Wein schmeckten auch den Fremden.</p>
+
+<p>Der Presi lachte, arbeitete und es ging ihm gut.
+Bevor aber die Fremden zum viertenmal kamen, verbreitete
+sich im Dorfe die Nachricht, da&szlig; Fr&auml;nzi todkrank
+sei.</p>
+
+<p>Noch einmal sah Binia die m&uuml;tterliche Freundin,
+aber sie lag schon mit spindeld&uuml;rren H&auml;nden zu Bett und
+war bla&szlig; wie der Tod. Lieb und gut freilich war sie zu
+ihr wie immer: &raquo;Binia, liebes Kind, ich sterbe mit dem
+hei&szlig;en Wunsch, da&szlig; du gl&uuml;cklich werdest.&laquo;</p>
+
+<p>Wie entsetzlich w&uuml;tete aber der Vater, als er vernahm,
+da&szlig; Frau Cresenz, die immer eine gewisse Teilnahme<span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138">[Pg 138]</a></span>
+f&uuml;r die Witwe des zu Tode gest&uuml;rzten Wildheuers
+bewiesen hatte, sie heimlich mit ein paar Flaschen guten
+Weines zu Fr&auml;nzi geschickt hatte: &raquo;Gottes Donnerwetter!
+Da&szlig; sie mit dem Lotterbuben wieder anb&auml;ndeln kann!&laquo;</p>
+
+<p>Mi&szlig;trauisch beobachtete er sie.</p>
+
+<p>Als Fr&auml;nzi bald darauf starb, verschwamm vor den
+Augen Binias die Welt, sie dachte: &raquo;Jetzt nehmen die
+Engel Gottes die Notenbl&auml;tter zur Hand und singen zu
+ihrer Ankunft im Himmel.&laquo;</p>
+
+<p>Der Tod der armen Frau versetzte den Vater in
+g&auml;rende Aufregung. Man sp&uuml;rte es: Entsetzlich neu
+standen die Dinge, die sich vor vier Jahren zugetragen,
+vor ihm &mdash; der Abend mit Seppi Blatter &mdash; die Unterredung
+mit Fr&auml;nzi &mdash; Seppis Sturz an den Wei&szlig;en
+Brettern &mdash; das kranke Kind mit seinen tollen Worten.</p>
+
+<p>Und in der Nacht nach Fr&auml;nzis Tod hatte der Presi
+einen furchtbaren Traum.</p>
+
+<p>Mit wunderbarer Deutlichkeit sah er den jungen
+Josi Blatter und Binia hoch an den Wei&szlig;en Brettern.
+Er fragte seine Tochter: &raquo;Wie kommst auch du da hinauf?&laquo;
+Da stand pl&ouml;tzlich ein Dritter vor ihm und hob das
+Grabscheit Seppi Blatters &uuml;ber den beiden zu wuchtigem
+Schlag. Statt der richtigen Inschrift aber lautete der
+Spruch auf dem T&auml;felchen des Scheites: &raquo;Was f&uuml;r die
+heligen Wasser verbrochen worden ist, wird an den heligen
+Wassern ges&uuml;hnt.&laquo; Und unter dem Schlag des
+Scheites blutete Binia.</p>
+
+<p>Das war der Traum! Er wollte rufen: &raquo;Thut
+Binia nichts! Ich habe Seppi Blatter nicht hinaufgeschickt.&laquo;
+Da erwachte er schwei&szlig;triefend in dem Augenblick,
+als der Postbote, der alle Woche dreimal in der<span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139">[Pg 139]</a></span>
+Morgenfr&uuml;he mit den Postsachen nach Hospel ritt und
+sie am Abend von dort zur&uuml;ckbrachte, an die noch geschlossene
+Hausth&uuml;r pochte.</p>
+
+<p>Nur ein einf&auml;ltiges, widerw&auml;rtiges Tr&auml;umlein! Der
+Presi war nicht abergl&auml;ubisch, als nun aber Binia in der
+zwingenden Anmut ihrer sechzehn Jahre, frisch, mit leuchtenden
+Kinderaugen unter dunklen Wimpern, einen warmen
+&raquo;Guten Tag, Vater!&laquo; auf den Lippen, in die
+Stube schwebte, da ri&szlig; er sie st&uuml;rmisch in seine Arme,
+und als er unter der knospenden M&auml;dchenf&uuml;lle das rasche
+Pochen ihres hei&szlig;en Herzens f&uuml;hlte, durchrieselte ihn die
+Angst.</p>
+
+<p>&raquo;Binia, lieber, lieber Vogel, versprich es mir, da&szlig;
+du nie, nie mit Josi Blatter zusammenh&auml;ltst, in deinem
+ganzen Leben nie!&laquo;</p>
+
+<p>Sie brach an seiner Brust in Thr&auml;nen aus: &raquo;O
+Vater, ich hab' es dir schon lange bekennen wollen,
+Josi Blatter ist ein ehrbarer Bub. Er hat das, was
+Ihr meint, gar nicht gesagt. Gewi&szlig; Gott im Himmel
+nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Er stutzte &mdash; er starrte sie an &mdash; er ri&szlig; sie mit der
+ganzen Gewalt seines Armes von seiner Brust hinweg,
+da&szlig; die leichte Gestalt an die Wand taumelte.</p>
+
+<p>Und entsetzt kreischte er: &raquo;Schon so weit bist du,
+Seppi Blatter, da&szlig; mein Kind f&uuml;r deinen Buben l&uuml;gt?!&laquo;</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140">[Pg 140]</a></span></p>
+<h2><a name="VIII" id="VIII"></a>VIII.</h2>
+
+
+<p>Das Haus des Garden, das gleich am Eingang des
+Dorfes, etwas abseits vom Thalweg, gegen den Glottergrat
+hinausschaut, ist n&auml;chst dem B&auml;ren das stattlichste
+von St. Peter. Au&szlig;er einer Grundmauer aber, auf der
+die unterste Reihe kleiner heller Fenster ruht, ist kein
+Stein an dem Bau. Ein l&auml;ndliches, sonnenverbranntes
+Holzhaus, auf einem Brett &uuml;ber den Fenstern ein halb
+Dutzend goldener Immenst&ouml;cke, dann wieder Fenster im
+braunen, von der Sonne zerrissenen Geb&auml;lk und gleich
+dar&uuml;ber das steinbeschwerte, an den Enden durch Sparren
+fest aufs Geb&auml;lk geklammerte Schindeldach. So steht es
+da. Das gl&uuml;hende Rot der Nelkenb&uuml;sche w&auml;chst aus
+T&ouml;pfchen und Kistchen vor seinen Fenstern, verbla&szlig;te
+Malereien schm&uuml;cken seine Holzfelder, zwei gekreuzte
+Schwerter, das Hauszeichen der Zuensteinen, Winkel,
+Triangeln, Kreuze und Bundhaken, die den Aelplern in
+einer Art Geheimschrift die Gerechtsame des Hauses an
+Weide und Wasser verurkunden, auch ineinandergeschobene
+Dreiecke, Schl&uuml;ssel und Feuerschlangen, die der Bauherr
+vor hundert Jahren mit schlichter Kunst hingemalt hat,
+damit keine b&ouml;sen Geister den Eintritt in die Heimst&auml;tte
+finden.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141">[Pg 141]</a></span>Die Sorge, die nicht nach Schutzbildern fragt, ist
+aber unvermutet ins Haus getreten. Vor ein paar Wochen
+hat bei Ausbesserungsarbeiten an den heligen Wassern
+ein fallendes faules Holzst&uuml;ck den Garden am Kopf leicht
+verletzt, und vor wenigen Tagen ist aus der Wunde,
+die schon geheilt schien, die Gesichtsrose entstanden. Mit
+einem unf&ouml;rmlich verschwollenen Kopf, ein Tuch um die
+Stirne geschlagen, mit rot unterlaufenen Augen, w&auml;lzt
+sich der arme Mann und st&ouml;hnt: &raquo;Grad jetzt bei der vielen
+Arbeit &mdash; und grad jetzt, wo Fr&auml;nzi gestorben ist! Wohl,
+wohl, die werden im Gemeinderat sch&ouml;n mit den Kindern
+wirtschaften. Nicht einmal die letzte Ehre habe ich
+ihr geben k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alter, fahre doch nicht so im Bett hin und her,&laquo;
+jammert die Gardin, die hochgewachsene Frau mit dem
+verschwiegenen herben Gesicht, und frischt das Tuch mit
+Wasser an. &raquo;Es sind ja noch vier Gemeinder&auml;te. Die
+k&ouml;nnen die Gesch&auml;fte auch einmal besorgen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das macht alles der Presi &mdash; und der hat immer
+einen Zahn auf Fr&auml;nzi und ihre Haushaltung gehabt.&laquo;
+&mdash; &mdash; Einen Augenblick schlummert der Garde, dann
+f&auml;ngt er wieder an: &raquo;Du, Frau, wie ist Fr&auml;nzi eigentlich
+gestorben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie Vroni erz&auml;hlt hat, die fast nicht hat reden
+k&ouml;nnen vor Schluchzen, leicht und sch&ouml;n.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Frau &mdash; sie war ja erst ein bi&szlig;chen &uuml;ber
+vierzig &mdash; ist leicht gestorben, sagst du &mdash; leicht von
+ihren Kindern weg?&laquo; st&ouml;hnt der Garde verwundert.</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine, wie einmal das Schlimmste &uuml;berwunden
+gewesen ist. Am Morgen, bevor sie gestorben ist, hat
+sie zu den Kindern gesagt: 'Mich hat der Vater beim<span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142">[Pg 142]</a></span>
+Namen gerufen, jetzt glaube ich auf meine Seligkeit, da&szlig;
+ich sterben mu&szlig;.' Eine Predigt hat sie ihnen gehalten,
+da steht ihr die Sprache still, Josi holt den Pfarrer, sie
+nimmt die Sakramente, sie schaut ruhig vor sich hin
+und ist wie ein Licht erl&ouml;scht.&laquo;</p>
+
+<p>Einen Augenblick herrscht Ruhe. Da schl&auml;gt die
+Uhr im Arvengeh&auml;use mit langsamen hellen T&ouml;nen F&uuml;nf.</p>
+
+<p>&raquo;Schlafe jetzt, Alter,&laquo; mahnt die Gardin, &raquo;denke,
+wie's Fr&auml;nzi gegangen ist, sie hat sich im vorigen Winter bei
+der Armseelenwacht erk&auml;ltet, hat nicht dazu gesehen, da ist
+der gro&szlig;e Husten gekommen, der sie gelegt hat.&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde aber &auml;chzt und st&ouml;hnt lauter. &raquo;Eben
+jetzt beginnt im B&auml;ren die Gemeinderatssitzung, die &uuml;ber
+das Los Josis und Vronis entscheidet. Du, Frau, Vroni
+wollen wir zu uns nehmen. Sie hat's um Eusebi verdient.
+&mdash; Die ganze Schule hat sie mit ihm nachgeholt.
+Und sie ist mein Patenkind.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gardin, die stolze Frau k&auml;mpft innerlich, sie
+will nicht Ja sagen, aber den schwerkranken Mann noch
+weniger mit einem Nein aufregen.</p>
+
+<p>Zum Gl&uuml;ck schlummert er, w&auml;hrend er auf Antwort
+wartet, ein. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Nachdem Fr&auml;nzi gestorben war, schickte der Presi den
+Schreiber als Stellvertreter des erkrankten Garden in
+die Wohnung der Waisen. Dieser verrichtete bei der toten
+Fr&auml;nzi, die in den abgemagerten H&auml;nden einen Blumenstrau&szlig;
+hielt, ein Gebet, gab den Kindern ein paar k&uuml;hle
+Trostworte und sagte ihnen, sie m&ouml;chten am Tag nach
+dem Leichenbeg&auml;ngnis abends f&uuml;nf Uhr im oberen B&auml;renst&uuml;bchen
+erscheinen, damit der Gemeinderat mit ihnen
+&uuml;ber ihre Zukunft rede. Dann verst&auml;ndigte der Presi die<span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143">[Pg 143]</a></span>
+Gemeinder&auml;te, da&szlig; sie zu der anberaumten Sitzung erscheinen.
+Es kam aber, wie er ausgerechnet hatte. Die
+Gardin schickte Bericht, ihr Mann liege tief im Bett,
+man d&uuml;rfe mit ihm kaum von der Angelegenheit sprechen.
+Der Armenpfleger war mit einem Trupp Vieh ins Welschland
+hin&uuml;bergegangen und kam erst in vier oder f&uuml;nf
+Tagen zur&uuml;ck. Der Gutsverwalter, der eben das Wasser
+in seinen Weinbergen zu Hospel besorgte, erkl&auml;rte sich im
+vornherein mit den Beschl&uuml;ssen, die gefa&szlig;t w&uuml;rden, einverstanden,
+und der Kirchenvogt meldete, die Stunde sei
+f&uuml;r ihn so ungeschickt, da&szlig; er vielleicht erst etwas sp&auml;ter
+kommen k&ouml;nne. Die anderen sollen nur anfangen mit
+den Bauern zu verhandeln, die Lust h&auml;tten, Josi und
+Vroni in ihren Dienst zu nehmen.</p>
+
+<p>Im St&uuml;bchen sa&szlig;en um f&uuml;nf Uhr abends nur der
+Presi und der Schreiber, ein kleiner, alter, kahlk&ouml;pfiger
+Mann mit gro&szlig;er Hornbrille, ausgemergeltem knochigem
+Gesicht und spindeld&uuml;rren langen Fingern.</p>
+
+<p>&raquo;He, Schreiber, ist das wieder eine Sitzung. Kein
+Gemeinderat ist da!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fr&auml;nzi h&auml;tte aber auch nicht zu einer ungeschickteren
+Zeit sterben k&ouml;nnen,&laquo; erwiderte der Schreiber pfiffig,
+&raquo;jetzt, wo niemand wei&szlig;, wie der Arbeit wehren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, meint Ihr, die Geschichte komme mir gelegen,
+so grad, wo die ersten G&auml;ste eintreffen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr nehmt's eben ernst mit dem Amt, Presi!&laquo;</p>
+
+<p>Der Geschmeichelte murrte: &raquo;Ja, und des Teufels
+Dank habe ich auch. Ich mach's, und wenn die Sache
+gethan ist, geht das Schimpfen los und ganz Sankt
+Peter br&uuml;llt, ich sei ein gewaltth&auml;tiger und eigenm&auml;chtiger
+Sarras.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144">[Pg 144]</a></span>Beide lachten, dann fragte der Schreiber: &raquo;H&auml;tte
+man &uuml;ber die Kinder nicht eine Steigerung abhalten
+sollen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, damit die Leute sagen, der Presi suche immer
+nur Gelegenheiten, da&szlig; im B&auml;ren flei&szlig;ig getrunken
+werde. Ich wei&szlig; schon, was man &uuml;ber mich redet. Und
+dann? Wer k&auml;me zu dieser strengen Werkzeit an eine
+Gant? Die Kinder Fr&auml;nzis sind, denk' ich, auch nicht so
+begehrt. Im &uuml;brigen, Schreiber, k&ouml;nnt Ihr wieder gehen,
+ins Protokoll setzt einfach, ich h&auml;tte Vroni aus Liebe und
+Barmherzigkeit zu mir ins Haus genommen und Josi
+habe der Gemeinderat als Knecht zu dem fr&uuml;heren Wildheuer
+und jetzigen Bergf&uuml;hrer B&auml;lzi gegeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu B&auml;lzi!&laquo; Dem Schreiber fiel die Hornbrille von
+der Nase.</p>
+
+<p>Der Presi l&auml;chelte &uuml;berlegen.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr k&ouml;nnt eine Bemerkung in dem Sinn dazu
+setzen, B&auml;lzi sei der einzige, der sich um Josi beworben
+habe, und da er in der letzten Zeit ein ordentlicher
+Mann geworden sei, so habe der Gemeinderat aus Mitleid
+f&uuml;r seine gro&szlig;e Familie ein mildes Werk gethan und
+ihm den Buben auf Zusehen hin, wenigstens aber &uuml;ber
+den Sommer, als Knecht zum Wildheuen gegeben. So,
+jetzt k&ouml;nnt Ihr gehen, ich habe mit den Kindern besonders
+zu reden, schickt mir zuerst den Buben herein!&laquo;</p>
+
+<p>Mit einem kaum merklichen Kopfsch&uuml;tteln packte der
+Schreiber seine Sachen zusammen.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en im Flur sa&szlig;en die Geschwister in ihren
+abgestorbenen Sonntagsgew&auml;ndchen. Vor ihnen stand
+B&auml;lzi und redete, die H&auml;nde lebhaft verwerfend, auf
+Josi ein, der mit zusammengezogenen Brauen ver&auml;chtlich<span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145">[Pg 145]</a></span>
+von ihm wegschaute und ihm kein Wort erwiderte. Vroni
+hatte verweinte Augen.</p>
+
+<p>Jetzt stand Josi vor dem Presi, der &uuml;berrascht war,
+was f&uuml;r eine finstere Festigkeit im Gesicht des Achtzehnj&auml;hrigen
+lag. Neugierig glitt sein pr&uuml;fender Blick &uuml;ber
+den Burschen und dann lie&szlig; er ihn, ohne ihn anzureden,
+noch eine Weile stehen, indem er gegen das Fenster
+blickte.</p>
+
+<p>&raquo;Der Bursche,&laquo; dachte er, &raquo;ist in seiner Schlankheit
+und Kraft, mit dem braunen, gescheiten Gesicht, mit den
+Blitzaugen verdammt h&uuml;bsch. Es giebt kein wirksameres
+Mittel, die Gedanken Binias, ohne da&szlig; sie eine Ahnung
+hat, von ihm abzubringen, als da&szlig; sie ihn recht niedrig
+und in schlechter Gesellschaft sieht &mdash; grad mit B&auml;lzi.
+So viel guten Sinn hat das Kind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Presi,&laquo; unterbrach Josi, der wie auf feurigen
+Kohlen stand, die Ueberlegungen des B&auml;renwirtes, &raquo;Vroni
+und ich haben gemeint, wenn wir nur in dem H&auml;uschen
+bleiben k&ouml;nnten, wir wollten schon &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thorheiten,&laquo; schnitt ihm der Presi das Wort ab
+und ma&szlig; ihn mit dem Ausdruck des h&ouml;chsten Unwillens,
+&raquo;warte, bis ich dich etwas frage, und ein Bursch wie
+du, Josi, der &uuml;ber mich und andre die gr&ouml;&szlig;ten Gemeinheiten
+sagt, mu&szlig; einen Meister haben.&laquo;</p>
+
+<p>Mit gl&uuml;hendem Ha&szlig; betrachtete er den sauberen
+Jungen.</p>
+
+<p>Josi standen die Flammen der Entr&uuml;stung im Gesicht:
+&raquo;Herr Presi, ich wei&szlig; schon, was Ihr meint, die
+Mutter selig und der Garde haben mich dar&uuml;ber zur
+Rede gestellt, aber es ist, wei&szlig; Gott, nicht wahr! Ich
+habe es nicht gesagt.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146">[Pg 146]</a></span>&raquo;Soll ich dir jemand gegen&uuml;berstellen, der's geh&ouml;rt
+hat?&laquo; erwiderte der Presi mit kalter Verachtung. &mdash;
+&raquo;Binia hat's geh&ouml;rt, wie du es im Schmelzwerk drau&szlig;en
+gesagt hast,&laquo; f&uuml;gte er nach einem Augenblick der Ueberlegung
+bei.</p>
+
+<p>&raquo;Bini. &mdash; Bini! &mdash; &mdash; La&szlig;t Bini auf die Stube
+kommen!&laquo; Josi zitterte vor Zorn am ganzen Leib.</p>
+
+<p>&raquo;Es n&uuml;tzt nichts mehr, es ist vom Gemeinderat
+schon entschieden, da&szlig; du zu B&auml;lzi gehst.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi rief im gleichen Augenblick B&auml;lzi in die
+Stube und hielt nun beiden eine donnernde Rede, wie
+sie sich als Herr und Knecht miteinander zu vertragen
+haben. Mit einer Handbewegung entlie&szlig; er sie. Vroni
+kam an die Reihe und freundlich gew&auml;hrte der Presi dem
+versch&uuml;chterten Kind die Bitte, da&szlig; sie erst dem Garden
+Lebewohl sagen gehe, ehe sie als Magd in den B&auml;ren
+trete. &raquo;Ich lasse ihm gute Besserung w&uuml;nschen und werde
+ihn in den n&auml;chsten Tagen besuchen.&laquo;</p>
+
+<p>Josi, der starke Josi, hatte, als er mit B&auml;lzi die
+Treppe hinunterging, vor Zorn und Schrecken die Thr&auml;nen
+in den Augen, ihm war, als habe man ihm mit einem
+Hammer auf den Kopf geschlagen. B&auml;lzi aber sagte gutm&uuml;tig:
+&raquo;Greine doch nicht, wir wollen lieber einen
+Schoppen zusammen trinken und auf gute Freundschaft
+ansto&szlig;en, ich will dir gewi&szlig; kein strenger Meister sein.&laquo;
+Josi trank nicht. Als er vom Wirtstisch aufschaute, stand
+Binia mit einem Ausdruck grenzenlosen Mitleides unter
+der Th&uuml;re, fast als wolle sie auf ihn zueilen, aber er sah
+vor eigenem Leid ihre tiefe Bewegung nicht. Dumpf
+und mit erstickter Stimme rief er: &raquo;Du Giftkr&ouml;te, wie
+hast du so &uuml;ber mich l&uuml;gen k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147">[Pg 147]</a></span>&raquo;Josi!&laquo; Mit einem Schrei des Entsetzens rannte
+Binia davon.</p>
+
+<p>Vor der Th&uuml;re nahmen die Geschwister herzbeklemmenden
+Abschied voneinander. &raquo;Rede mit dem Garden!&laquo;
+mahnte und tr&ouml;stete Vroni, &raquo;er meint es gewi&szlig; gut mit
+dir.&laquo; Josi sch&uuml;ttelte aber traurig den Kopf; seit ihn der
+Garde wegen der Verleumdung des Presi scharf angefahren,
+hatte er auch zu ihm das Zutrauen verloren.
+Geheimnisvoll sagte er: &raquo;Sieh, Vroni, ich wei&szlig; schon,
+was ich thun werde.&laquo;</p>
+
+<p>B&auml;lzi dr&auml;ngte. Stolz wie ein Hahn f&uuml;hrte er seinen
+Knecht, den ersten, den er hatte, durch das Dorf, Josi
+aber lie&szlig; den Kopf h&auml;ngen, er sch&auml;mte sich seines Meisters.</p>
+
+<p>Vroni berichtete dem ungeduldigen Garden.</p>
+
+<p>&raquo;Kind, du gehst nicht als K&uuml;chenhelferin in den
+B&auml;ren,&laquo; keuchte er, &raquo;tritt in die andere Stube, ich
+halt's nicht mehr aus im Bett.&laquo;</p>
+
+<p>Sie h&ouml;rte, wie er in einer Wut aus den Federn
+sprang.</p>
+
+<p>Einige Augenblicke sp&auml;ter stand er zum Ausgehen
+ger&uuml;stet vor ihr. Aber wie? Durch schmale Spalte nur
+schauten seine rotunterlaufenen Augen, das hochgeschwollene
+Gesicht gl&auml;nzte, aus den Blasen auf den Wangen flo&szlig; das
+Wasser in den Bart und die Lippen waren aufgerissen.</p>
+
+<p>&raquo;Garde,&laquo; sagte Vroni best&uuml;rzt, &raquo;wollt Ihr nicht
+warten, bis die Gardin kommt?&laquo;</p>
+
+<p>Jammernd eilte diese zu dem schwankenden Manne
+und mahnte, er w&uuml;tete aber immer zu: &raquo;So geht's nicht
+in St. Peter, das leide ich nicht, bei meiner Seligkeit
+leide ich es nicht. Presi, ich glaube es selber, die Tatze
+mu&szlig; dir aus dem Grab wachsen. &mdash; Du bleibst bei uns,<span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148">[Pg 148]</a></span>
+Vroni, du gehst nicht in den B&auml;ren!&laquo; Liebkosend fuhr
+er ihr durchs blonde Haar.</p>
+
+<p>&raquo;O Pate,&laquo; l&auml;chelte das Kind aus allem Elend und
+die blauen Tr&auml;umeraugen ruhten voll innigen Vertrauens
+auf dem entstellten Gesicht, dann wandte sie sich fragend
+an die Gardin.</p>
+
+<p>Allein die hatte f&uuml;r nichts Gedanken, als ihren Mann
+zur&uuml;ck ins Bett zu bringen, sie hielt ihm in ihrer Not den
+Spiegel vor das Gesicht. Er fuhr erschrocken zur&uuml;ck.
+&raquo;Teufel, so sehe ich aus &mdash; da kann ich allerdings nicht
+ins Dorf gehen. Nun, ein paar Tage mag es Josi schon
+bei B&auml;lzi aushalten.&laquo;</p>
+
+<p>Die Aufregung hatte dem Kranken geschadet, er verwirrte
+sich, er kommandierte im Bett unaufh&ouml;rlich wie
+am Glottergrat, als Seppi Blatter an den Wei&szlig;en Brettern
+stand: &raquo;Drei Fu&szlig; nachgeben!&laquo; &mdash; &raquo;Links anhalten!&laquo;
+&mdash; &raquo;Zu viel!&laquo; &mdash; &raquo;Etwas rechts!&laquo; &mdash; &raquo;So ist's recht!&laquo;
+&mdash; Zwischenhinein schimpfte er auf den Presi, dann fragte
+er wieder: &raquo;Ist Vroni wirklich da &mdash; bringe sie doch
+herein, wenn sie da ist.&laquo; Mit Seufzen schickte sich die
+Gardin in den Zuwachs, den ihr Haus erfuhr.</p>
+
+<p>Als am anderen Tag der Presi durch Th&ouml;ni eine
+Nachfrage wegen Vroni schickte, erwiderte der Garde:
+&raquo;Sagt dem Presi, der Teufel werde ihn holen, bevor
+Vroni in seine K&uuml;che kommt.&laquo;</p>
+
+<p>Th&ouml;ni machte ein langes Gesicht und der Presi
+f&uuml;gte sich.</p>
+
+<p>In seiner schweren und langwierigen Krankheit lie&szlig;
+sich der Garde die n&ouml;tigen Dienste am willigsten von
+Vroni gefallen, die ihn mit ihrer sonnigen Heiterkeit
+am meisten beruhigte.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149">[Pg 149]</a></span>Sie hatte ihr sch&ouml;nes Heim.</p>
+
+<p>Ein Zug der Bed&auml;chtigkeit ging durch alles, was
+im Haus des Garden gesprochen und gethan wurde; es
+war, als sei auch in der Woche ein Abglanz vom Sonntag
+darin, und wenn die Sonne durch die Fenster schien,
+sich im blanken Kupfer- und Zinngeschirr spiegelte, war
+es Vroni feierlich zu Mut. Die B&auml;uerin, der Gro&szlig;knecht
+Meinrad, der Viehbub Bonzi und die Magd Resi, alle
+arbeiteten flei&szlig;ig, doch ohne Hast; w&auml;hrend der Garde
+krank lag, wurden Felder und Vieh grad so gut besorgt,
+wie wenn er mithelfend h&auml;tte beim Werk sein k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Eusebi hatte zum Verdru&szlig; seiner Mutter eine stille
+n&auml;rrische Freude, da&szlig; nun Vroni im Hause weilte, er
+ging dem M&auml;dchen auf Schritt und Tritt nach, sah ihm
+bei seinen Hantierungen zu und half ihm dabei.</p>
+
+<p>Und was sagte der Garde in einem der fieberfreien
+Augenblicke, die jetzt gl&uuml;cklicherweise wieder kamen, zu
+seiner Frau, die noch nicht recht wu&szlig;te, wie sich zu dem
+hereingeschneiten Gast stellen?</p>
+
+<p>&raquo;Ich finde, da&szlig; Vroni dem Haus wohl ansteht, es
+ist immer, als scheine die Sonne darein, wenn doch nur
+ihr helles Haar gl&auml;nzt.&laquo;</p>
+
+<p>An Vroni aber zehrte der heimliche Kummer um
+Josi. Sie wu&szlig;te, was es hie&szlig;, bei B&auml;lzi Knecht zu sein.
+Harte Arbeit an den Fl&uuml;hen, Aufbruch im Morgengrauen,
+Heimkehr in der Abendd&auml;mmerung und &mdash; was schlimmer
+war &mdash; wenig Brot, viel Schelte, dazu das Beispiel eines
+schlechten Haushaltes, in dem h&auml;ufig gestritten wurde.
+Denn einen wetterwendischeren Menschen als B&auml;lzi gab
+es nicht. Er konnte in einem Augenblick die Freundlichkeit
+selbst sein, im n&auml;chsten aber ein Teufel an Bosheit.<span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150">[Pg 150]</a></span>
+Dann flogen nicht nur die Worte, sondern was ihm in
+die H&auml;nde geriet. Und Josi, der starke, trotzige, lie&szlig;
+sich gewi&szlig; keine Pr&uuml;gel gefallen. Entweder gab's H&auml;ndel,
+oder Josi verdarb in guter Freundschaft mit B&auml;lzi.</p>
+
+<p>Ungef&auml;hr wie Vroni dachte Binia.</p>
+
+<p>Der wilde, schmerzvolle Zuruf des ungl&uuml;cklichen Burschen
+hatte sie gesch&uuml;ttelt und ger&uuml;ttelt.</p>
+
+<p>Vor ihrem Bett kniete sie am Abend: &raquo;Mutter &mdash;
+Mutter &mdash; ich bin schuld, da&szlig; es Josi so schlecht geht &mdash;
+Mutter, sage mir, wie kann ich das gro&szlig;e Unrecht wieder
+gut machen? &mdash; Mutter, mu&szlig; ich dem Vater folgen und
+gar nicht mehr mit Josi reden?&laquo;</p>
+
+<p>Wie sie aber auch das brennende K&ouml;pfchen qu&auml;lte,
+kam doch kein kluger Gedanke darein.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te nur eins. Seit Josi keine Mutter mehr
+hatte, stand er ihrem Herzen noch n&auml;her. Sie meinte
+immer, sie sollte ihm Fr&auml;nzi ersetzen, und sie war voll
+Liebe und Barmherzigkeit f&uuml;r ihn.</p>
+
+<p>Sie klammerte sich an den alten Glauben, da&szlig; es
+Kindern, deren Vater an den heligen Wassern gefallen
+ist, besonders gut gehe, und lie&szlig; ihre Augen leuchten:
+&raquo;Er wird schon einmal sehen, da&szlig; ich keine Giftkr&ouml;te
+bin!&laquo;</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151">[Pg 151]</a></span></p>
+<h2><a name="IX" id="IX"></a>IX.</h2>
+
+
+<p>&raquo;So geht's zu in St. Peter. Man will nicht mehr
+f&uuml;r die Hinterlassenen derer einstehen, die im Gemeindewerk
+gefallen sind. Wie wohl w&auml;re es einem wohlhabenden
+Bauern angestanden, wenn er Josi zu sich genommen
+h&auml;tte, nicht als Knechtlein, sondern als Sohn,
+wie der Garde Vroni als Tochter. Lest in den alten
+Protokollen, wie man f&uuml;r die Kinder derer, die an den
+heligen Wassern gest&uuml;rzt sind, stets besonders gut gesorgt
+hat. Und sie wurden Leute, da&szlig; es eine Freude war.
+Jetzt aber kommt ein neuer Brauch. Auf einen b&ouml;sen
+Handel legt man einen b&ouml;sen Handel, man giebt den
+Buben rechtschaffener Eltern einem Lumpen. Was wird
+Josi bei B&auml;lzi? Ein Halunke! Und was hat die Gemeinde
+davon? Die Schande!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&auml;tte ihn auch genommen, der Haushalt Blatter
+ist immer arbeitsam gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einen Gotteslohn h&auml;tte man dabei verdient. Wahrhaftig,
+man sch&auml;mt sich, wenn man denkt, da&szlig; der selige
+Seppi und die selige Fr&auml;nzi vom Himmel herunter auf
+die von St. Peter schauen.&laquo;</p>
+
+<p>So schwirrte das Gespr&auml;ch.</p>
+
+<p>Die Gemeinder&auml;te, die ihre Pflicht vers&auml;umt hatten,<span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152">[Pg 152]</a></span>
+lie&szlig;en die K&ouml;pfe h&auml;ngen und kratzten sich hinter den
+Ohren, der Presi aber hielt sich an das Haus voll Fremder
+und vermied den Verkehr mit den D&ouml;rflern.</p>
+
+<p>Er hatte auch seinen Verdru&szlig;.</p>
+
+<p>B&auml;lzi, sein Sch&uuml;tzling, war mit dem Bergf&uuml;hrerberuf
+auf eine wenig ehrenvolle Art zu Ende gekommen. Ein
+Gast vermi&szlig;te sein Taschenmesser, er sah es einige Tage
+sp&auml;ter im Besitze B&auml;lzis, der ihn auf einer kleinen Gletscherwanderung
+begleitet hatte; der Gast behauptete, sich deutlich
+zu erinnern, da&szlig; er es bei einem Imbi&szlig; am Rand
+des Eises habe liegen lassen. B&auml;lzi h&auml;tte es ihm einfach
+zur&uuml;ckgeben k&ouml;nnen, aber er wurde frech und verlangte
+einen Finderlohn. Da kam's zum Bruch, und der Presi
+hatte die Vorw&uuml;rfe seiner G&auml;ste, die nichts mehr von
+B&auml;lzi wissen wollten.</p>
+
+<p>Bald aber war es am Presi, zu lachen.</p>
+
+<p>B&auml;lzi meldete ihm durch seine Aelteste, Josi Blatter
+sei aus dem Dienst gelaufen, sie h&auml;tten zusammen ein
+Unwort gehabt.</p>
+
+<p>&raquo;Nun wird der Bursche kommen und man wird ihm
+einen neuen Dienst suchen m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>Josi Blatter stellte sich aber weder dem Vormund
+noch den Beh&ouml;rden. Niemand wu&szlig;te, wo er war, niemand
+wurde aus ihm klug.</p>
+
+<p>Das Ger&uuml;cht verbreitete sich, er treibe sich auf den
+Alpen umher. Aber wovon lebte er? Die Leute sagten:
+&raquo;Er zieht den K&uuml;hen und Ziegen heimlich die Milch aus
+dem Euter.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi h&ouml;hnte: &raquo;Da seht Ihr den Tagedieb,
+von dem Ihr mit so viel Erbarmen geredet habt. Ich
+habe den gekannt.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153">[Pg 153]</a></span>Niemand wagte mehr den Buben zu verteidigen.</p>
+
+<p>Allein die Stimmung im Dorf war auch dem Presi
+nicht g&uuml;nstig. Manchmal schien es wohl, man w&uuml;rde
+sich an die Fremden gew&ouml;hnen, aber die G&auml;ste, die wieder
+ins Thal gekommen waren, thaten und redeten so manches,
+was denen von St. Peter bis auf die Knochen ging.</p>
+
+<p>Da war ein dicker Gast, der wie ein F&auml;&szlig;chen daherkugelte
+und stets mit den Leuten reden wollte, den sie
+aber in seiner fremden Mundart nur das dritte Wort
+verstanden. Als er auf den Feldern um das Dorf die
+Histen, die Holzger&uuml;ste sah, an denen die Bauern im
+Herbst ihren Roggen zum Ausreifen aufzuh&auml;ngen pflegen,
+fragte er sp&ouml;ttisch: &raquo;Hat man denn in St. Peter so viel
+Diebe, Schelme und M&ouml;rder, da&szlig; man alle die Galgen
+braucht?&laquo;</p>
+
+<p>Nun lief das Wort. Von Scherz und Humor wu&szlig;ten
+die D&ouml;rfler nicht viel, ihr Leben war Arbeit und Andacht.
+&raquo;Wir einen Galgen? &mdash; M&ouml;rder? &mdash; Seit Matthys
+Jul hat im Glotterthal kein Mensch einen anderen get&ouml;tet.
+Und Diebe? &mdash; Wer schlie&szlig;t des Nachts die Th&uuml;re?
+<a name="corr_5" id="corr_5"></a><a href="#corr_note_5" class="correction" title="Im Originaltext &quot;kein&quot;">Kein</a> Haus als der B&auml;ren hat ein Schlo&szlig; mit Schl&uuml;ssel.
+Seit Menschengedenken ist kein Diebstahl vorgekommen;
+die Briefe, die P&auml;cklein und Wertsachen, die es zu besorgen
+giebt, legt man einfach an den Weg. Hat jemand
+schon daran ger&uuml;hrt als der Postbote, der sie aufnimmt
+und nach Hospel tr&auml;gt? Aber die Fremden wollen
+uns andere Sitten bringen! Merkt ihr, was f&uuml;r ein
+neues Leben anf&auml;ngt? B&auml;lzi hat ein Messer gestohlen,
+und Josi Blatter ist Aufr&uuml;hrer geworden, es kann schon
+so kommen, da&szlig; wir einen Galgen brauchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, der Fremde hat gewi&szlig; nur gescherzt.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154">[Pg 154]</a></span>&raquo;Dann hat er das heilige Brot beleidigt! Wer darf
+&uuml;ber die Histen, die es reifen, spa&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>Bald beleidigte irgend einer die heligen Wasser.</p>
+
+<p>&raquo;Man kann nicht schlafen, wenn der Wind thalherauf
+weht. Das tattert die ganze Nacht. Geben Sie
+doch der verfluchten Klapperschlange etwas zu fressen, da&szlig;
+das arme Vieh nicht weiter so hungerleidig sch&auml;ttert,&laquo;
+sagte ein anderer.</p>
+
+<p>Die heligen Wasser, an denen so viele wackere M&auml;nner
+zu Tod gefallen sind, die einen Flecken und f&uuml;nf D&ouml;rfer
+erhalten und ern&auml;hren, eine hungerleidige Schlange!</p>
+
+<p>Die von St. Peter bekreuzten sich. &raquo;S&uuml;nde &uuml;ber
+S&uuml;nde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die heilige Religion beleidigen sie!&laquo;</p>
+
+<p>Denn durch die M&auml;gde war es bekannt geworden,
+da&szlig; manche G&auml;ste im B&auml;ren auch am Freitag Fleisch
+essen. Der Presi und die Frau Presi gaben es also zu.</p>
+
+<p>&raquo;Merkt ihr, wenn wir solche Dinge dulden, so
+kommt Gottes Z&uuml;chtigung &uuml;ber uns. Unsere Buben
+k&ouml;nnen nicht mehr recht thun &mdash; seht Josi Blatter! Und er
+hat doch so rechtschaffene Eltern gehabt. Hudlig m&uuml;ssen
+wir durch die neue Zeit zuletzt alle werden.&laquo;</p>
+
+<p>Vom Gemeinderat ging die Weisung, jedermann,
+der Josi Blatter antreffe, m&ouml;ge ihn auffordern, da&szlig; er
+sich der Beh&ouml;rde stelle.</p>
+
+<p>&raquo;Josi Blatter, der Rebell,&laquo; dann kurzweg &raquo;der
+Rebell&laquo;. So sprach man in St. Peter. Sein Umhertreiben
+erregte Aufsehen und Aergernis. Man war es
+nicht gew&ouml;hnt, da&szlig; die jungen Leute sich dem Gehorsam
+der Beh&ouml;rden, der Kirche und der Dorfschaft entzogen.
+Dazu gesellte sich die Furcht vor Diebstahl. Aber weder<span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155">[Pg 155]</a></span>
+die Sennen, die von den Alpen kamen, noch die D&ouml;rfler
+wu&szlig;ten die Spur einer Entwendung zu melden. Es
+konnte den Rebellen auch niemand auffordern, zur&uuml;ckzukehren,
+denn man sah ihn immer nur von ferne, meist
+an den hohen Felsen &uuml;ber den Alpen, ja viele glaubten,
+es sei &uuml;berhaupt ein m&uuml;&szlig;iges Gerede, da&szlig; er sich noch
+in der Gegend aufhalte. Aber heute war es ein D&ouml;rfler,
+morgen einer der k&uuml;hneren Fremden, die hoch an den
+Fl&uuml;hen, wo Gr&uuml;nland und Wei&szlig;land sich scheiden, einen
+verd&auml;chtigen Jungen gesehen haben wollten.</p>
+
+<p>&raquo;Wir gehen nicht aus, man wei&szlig; nicht, was einem
+der geheimnisvolle Vagant anth&auml;te!&laquo; meinten die Furchtsameren,
+und unter den &auml;ngstlichen G&auml;sten kam St. Peter
+zum gro&szlig;en Aerger des Presi in den Ruf der Unsicherheit.</p>
+
+<p>Ein Diebstahl &mdash; eine Verurteilung &mdash; dann w&auml;re
+Josi Blatter f&uuml;r sein Lebtag im Thal gerichtet und alles
+zu Ende. Gef&auml;ngnis nahmen die zu St. Peter furchtbar
+ernst, es gen&uuml;gten die roten Epauletten eines Landj&auml;gers,
+der alle paar Jahre einmal ins Thal kam, um die Bewohnerschaft
+in Aufregung zu versetzen.</p>
+
+<p>Gegen Ende des Sommers erwartete der Presi
+den Rebellen des Diebstahls &uuml;berf&uuml;hren zu k&ouml;nnen. Die
+Sonne schien noch warm, die Glotter aber, deren Wasser
+stark zur&uuml;ckgegangen war, flo&szlig; klarer als sonst. Nun
+glaubte er Anzeichen daf&uuml;r zu haben, da&szlig; aus seiner
+Fischenz n&auml;chtlicherweile Forellen gestohlen w&uuml;rden. Th&ouml;ni
+und ein paar Mann legten sich in den Hinterhalt. Um
+Mitternacht watschelte es in dem Glotterbach, eine Gestalt
+b&uuml;ckte sich und langte mit den H&auml;nden in die Forellenverstecke,
+man fa&szlig;te den Dieb &mdash; B&auml;lzi!</p>
+
+<p>Ganz St. Peter lachte, da&szlig; der Presi seinen ehemaligen<span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156">[Pg 156]</a></span>
+Sch&uuml;tzling gefangen hatte, sogar mehr, als wenn
+der Rebell verhaftet worden w&auml;re, denn die Mi&szlig;gunst
+gegen den Presi war gr&ouml;&szlig;er als der Aerger &uuml;ber den
+unbotm&auml;&szlig;igen Jungen.</p>
+
+<p>Am meisten litt Vroni. Ihre letzte Hoffnung, da&szlig;
+Josi wieder auf gute Wege komme, war wie Aprilschnee
+geschmolzen, der Garde wollte nichts mehr von ihm
+h&ouml;ren, er war w&uuml;tend auf sein M&uuml;ndel. Nicht, weil Josi
+seinem Meister entlaufen war, das fand er fast selbstverst&auml;ndlich,
+aber weil er sich seinem Vormund nicht gestellt
+hatte. Von Zeit zu Zeit fragte er Vroni im Ton
+des Verh&ouml;rs, ob ihr Josi noch nie ein Zeichen seiner
+Anwesenheit gegeben.</p>
+
+<p>Das war's ja eben, was sie am tiefsten kr&auml;nkte &mdash;
+er hatte sie vergessen.</p>
+
+<p>Sie horchte flei&szlig;ig in die Nacht, ob sie ihn nicht
+ums Haus streichen h&ouml;re, aber was sie erlauschte, war
+immer nur das Klagen des Windes in den Felsen.</p>
+
+<p>Hatte er wohl das Thal verlassen und war ohne
+Abschied &uuml;ber Hospel hinaus in die weite Welt gegangen,
+wie jener Bursche im Kirchhoflied? Hinweg vom Grab
+des Vaters und der Mutter.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Gebr&auml;unter Bursch ist fortgezogen,<br /></span>
+<span class="i0">Den Mund so frisch, den Blick so hell<br /></span>
+<span class="i0">Dahin mit Wellen und mit Wogen<br /></span>
+<span class="i0">Gewandert ist der Frohgesell.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Oder war er einsam irgendwo auf den Bergen verungl&uuml;ckt?
+&mdash; Sie hoffte es fast, denn ein toter Bruder
+w&auml;re ihr lieber gewesen als einer, der in Unehren lebt.
+O, was mochten die Mutter und der brave Vater in ihrer
+Abgeschiedenheit von Josi denken.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157">[Pg 157]</a></span>Oft fielen die Thr&auml;nen um ihn auf das Armseelenmahl,
+das sie f&uuml;r die Toten r&uuml;stete. Und doch ging
+es ihr gut. Die stolze Gardin sprach zwar von oben
+herab zu ihr, behandelte sie, wenn es der Garde nicht
+sah, wie eine Magd und predigte ihr Bescheidenheit.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ja gewi&szlig; bescheiden,&laquo; dachte sie dann, &raquo;wenn
+ich nur im Haus bleiben darf.&laquo;</p>
+
+<p>Wenn sie aber besonders niedrige Dienste verrichtete,
+wenn sie die Jauchetanse an den R&uuml;cken h&auml;ngte oder den
+Mist der Schweine aus dem Stall zog, dann knurrte der
+breite Garde: &raquo;Du darfst das nicht thun, Vroni; la&szlig;
+das den anderen!&laquo;</p>
+
+<p>Eusebi freute sich dar&uuml;ber unb&auml;ndig und begann den
+Vater nachzuahmen, indem er sie von den rauhesten
+Arbeiten zur&uuml;ckhielt, die Gardin aber schmollte: &raquo;Herrgott,
+ist Vroni, weil sie blondes Haar und ein sauberes
+Gesichtchen hat, denn eine Prinze&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die ist mehr als eine Prinze&szlig;, Gardin; merkst du
+nicht, da&szlig; uns Gott das M&auml;dchen eigens zum Trost ins
+Haus geschickt hat? Sieh dein Schmerzenskind, den Eusebi,
+an. Denke, wie er noch vor zwei Jahren war und
+wie er jetzt ist. Stottert er noch? L&auml;&szlig;t er die Glieder
+noch so elend h&auml;ngen? &mdash; Nein, es ist eine Freude, wie
+der Bursche alles nachholt, was er in sechzehn Jahren
+vers&auml;umt hat.&laquo; So mahnte der Garde voll Vatergl&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Meinst du, es freue mich nicht auch?&laquo; fragte seine
+Frau, &raquo;meinst du, es freue das Mutterherz nicht am
+meisten &mdash; warum bin ich denn so viel gewallfahrtet f&uuml;r
+Eusebi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Deine Wallfahrten in Ehren, dem Burschen aber
+haben nichts als Geschwister gefehlt; doch h&auml;tten ihn sechs<span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158">[Pg 158]</a></span>
+Br&uuml;der und sechs Schwestern nicht so geweckt wie die einzige
+stille Vroni.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun &mdash; nun &mdash; ich lasse ja sie gelten, wenn sie
+nur nicht einen so geringen Bruder h&auml;tte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Daran ist der Presi schuld!&laquo;</p>
+
+<p>So tauschten Garde und Gardin ihre Meinungen.</p>
+
+<p>Nicht so bald, wie er es zu Vroni gesagt hatte, sondern
+erst gegen den Herbst hin kam der Presi zu dem
+langsam genesenden Freunde auf Besuch. Binia begleitete
+ihn. Aber zwischen den beiden M&auml;nnern war nichts als
+Streit und Zank.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der Bursche hinter die genagelte Th&uuml;r in
+der Stadt kommt, wenn St. Peter diese Schande hat
+oder wenn er, wie's den Anschein hat, verhungert an
+den Bergen modert, so liegt's auf Eurem Gewissen,
+Presi. Ich h&auml;tte mit dem Peitschenstiel auf Euch
+losgehen m&ouml;gen, als Ihr den Waisenbuben zu B&auml;lzi
+gabt.&laquo;</p>
+
+<p>Da fuhr der Presi auf: &raquo;Gott's Donnerhagel! So
+ist mir noch niemand gekommen! Garde &mdash; Garde! &mdash;
+Wi&szlig;t Ihr noch, was der Lumpenhund gesagt hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid der Presi, seid doch erhaben &uuml;ber &ouml;des Geschw&auml;tz.
+Und nun wollen wir Binia fragen, ob er' s
+wirklich gesagt hat!&laquo;</p>
+
+<p>Binia, die sich in der K&uuml;che bei Vroni leise nach
+dem verschwundenen Josi erkundigte, kam auf den Ruf
+des Presi hochrot vor die entzweiten M&auml;nner, und auf
+ihre Frage funkelte der Mut der Verzweiflung in ihren
+Sammetaugen, ihre Nasenfl&uuml;gel und Lippen bebten.</p>
+
+<p>&raquo;Vater! &mdash; Vater! &mdash; er hat's nicht gesagt &mdash; ich
+schw&ouml;r's Euch noch einmal wie am Tag nach Fr&auml;nzis<span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159">[Pg 159]</a></span>
+Tod &mdash; er hat's nicht gesagt &mdash; sondern der Kaplan Johannes.&laquo;</p>
+
+<p>Ihre Stimme klang wie ein zersprungenes Gl&ouml;ckchen,
+sie stand da wie eine kleine M&auml;rtyrerin.</p>
+
+<p>&raquo;Wie am Tag nach Fr&auml;nzis Tod,&laquo; wiederholte der
+Garde und sah den Presi mit zusammengezogenen Brauen
+scharf an.</p>
+
+<p>Da wurde der Presi bleich vor Scham und Zorn.
+&raquo;Hast du auch nicht gesagt, du wolltest Josi heiraten?&laquo;
+Er stammelte es mehr, als da&szlig; er es sprach.</p>
+
+<p>&raquo;Wohl, in meiner Verwirrung habe ich so viel geschwatzt,
+was ich nicht h&auml;tte sagen sollen.&laquo; Angstvoll und
+entschlossen zugleich sprach Binia, der Presi aber warf
+ihr einen Blick zu, als wolle er sie zu Boden schmettern.</p>
+
+<p>&raquo;Hinaus mit dir und heute nicht mehr unter meine
+Augen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r einen Mut hat das Kind,&laquo; knurrte der
+Garde beruhigend, als sich Binia gefl&uuml;chtet hatte, &raquo;Presi,
+tragt dem M&auml;dchen Sorge.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem Kaplan will ich z&uuml;nden!&laquo; schnob der Presi.</p>
+
+<p>Das kurze Gespr&auml;ch hatte dem Garden ein Licht
+aufgesteckt. Darum also ha&szlig;te der Presi Josi so grimmig,
+weil Binia ein Auge auf den h&uuml;bschen Burschen
+geworfen hatte. Er wiegte, als der Presi gegangen war,
+den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Kinder &mdash; Kinder! &mdash; Aber sie wachsen wie die
+Tannen und die Tannen sprengen mit den Wurzeln den
+Fels. Grad so die Jugend mit ihrer Liebe, es mu&szlig; nur
+eine echte sein!&laquo; Zwischen Binia und Josi lag allerdings
+nicht nur ein Fels, sondern ein Berg. Und aus Josi
+wurde der Garde nicht klug. War der Bursche wirklich<span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160">[Pg 160]</a></span>
+so empfindlich, da&szlig; er wegen eines unverdienten Donnerwetters
+seinen Vormund verleugnete?</p>
+
+<p>Da steckte ihm Vroni ein zweites Licht auf. Das
+sanfte Kind beichtete aus freien St&uuml;cken, doch als ob sie
+sich f&uuml;r ihren Bruder tief in die Erde sch&auml;men m&uuml;sse:
+&raquo;Denkt, Pate, heute ging der Kaplan mit seinem Bettelsack
+am Haus vorbei, und als er mich sah, kam er und
+sagte, Josi lasse mich gr&uuml;&szlig;en. Es gehe ihm wie einem
+Herrn.&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde wu&szlig;te jetzt, woher Kaplan Johannes
+die Mineralien f&uuml;r seinen Sommerhandel bezog.</p>
+
+<p>Der Herbst kam, die Fremden reisten von <a name="corr_6" id="corr_6"></a><a href="#corr_note_6" class="correction" title="&Uuml;berfl&uuml;ssiges Komma im Originaltext">St. Peter</a>
+fort, mit klingendem Spiel zog das Vieh von den Bergen,
+voran die mit Enzianen geschm&uuml;ckte Meisterkuh. Jetzt
+mu&szlig;te sich Josi, wenn er noch lebte, zeigen. Dem Winter,
+dem furchtbaren H&ouml;henwinter w&uuml;rde er nicht trotzen, der
+w&uuml;rde ihn schon zu den Menschen zwingen, da verlie&szlig;en
+ja selbst die armen Seelen die H&ouml;hen, &uuml;ber die der Wind
+hinpfiff, und schlichen sich nachts in die H&auml;user, und die
+ausgehungerten Gemstiere kamen zu den St&auml;deln und
+schnupperten nach dem aufgespeicherten Heu.</p>
+
+<p>In der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen gab
+Josi bestimmte Kunde seiner Anwesenheit. Auf den
+Gr&auml;bern seiner Eltern lagen am Morgen Bergastern und
+standen Kerzen, und die hatte Vroni nicht hingethan.</p>
+
+<p>Sie entz&uuml;ndete sie und es waren ihr zwei Hoffnungsflammen.</p>
+
+<p>Was litt sie um Josi immer noch! Wo sie ging
+und stand, fl&uuml;sterten die Leute: &raquo;Die Schwester des Rebellen!&laquo;
+und jetzt fragten sie: &raquo;Woher hat er das Geld
+gehabt f&uuml;r die Kerzen?&laquo; Andere tr&ouml;steten wohl: &raquo;Man<span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161">[Pg 161]</a></span>
+sieht's, da&szlig; er nicht verstockt ist, die Geschichte seines
+Vaters hat ihm nur den Kopf zerr&uuml;ttet und der Presi
+hat ihn mit seiner Sch&auml;rfe ganz um den Verstand gebracht.&laquo;
+Doch das war ein schlechter Trost.</p>
+
+<p>Der erste Schnee fiel, grimmige K&auml;lte trat ein, Josi
+erschien nicht als reum&uuml;tiger S&uuml;nder im Dorf. Da waren
+die Leute &uuml;berzeugt, da&szlig; er nun doch verhungert sei, und
+erwarteten, da&szlig; man im Fr&uuml;hling sein Gerippe in irgend
+einer Alph&uuml;tte finden werde.</p>
+
+<p>Kaplan Johannes, den der Garde einmal zur Rede
+stellte, gab zu, da&szlig; Josi eine Weile f&uuml;r ihn Krystalle gesucht
+habe, aber jetzt sei er, so versicherte er, ohne Ziel
+in die Welt gewandert.</p>
+
+<p>Das war nicht glaubw&uuml;rdig, wer in St. Peter geboren
+ist, geht nicht von St. Peter fort, eher war Josi
+aus Mangel gestorben.</p>
+
+<p>&raquo;Aber vielleicht hat ihn das Kirchhoflied verf&uuml;hrt!&laquo;
+seufzte Vroni.</p>
+
+<p>Der Presi kratzte sich im Haar: der Bube, der lieber
+verdarb als sich ergab, kam ihm unheimlich vor. &raquo;Der
+ist noch zehnmal st&auml;rker als sein Vater,&laquo; dachte er mit
+nagendem Verdru&szlig;.</p>
+
+<p>Und in den Abendgesellschaften der D&ouml;rfler lief dem
+toten Josi zu Ehren wieder die alte Kaufbriefgeschichte
+mit allerlei Verzierungen.</p>
+
+<p>Josi aber lebte &mdash; elender freilich als ein Tier &mdash;
+er lebte hart am Weg, auf dem die von St. Peter
+gingen.</p>
+
+<p>Das war sein und des letzk&ouml;pfigen Pfaffen Geheimnis.</p>
+
+<p>Schon zu Lebzeiten der Mutter, damals, als die ersten<span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162">[Pg 162]</a></span>
+Fremden gekommen waren, hatte ihm Kaplan Johannes
+aufgelauert und ihn jammernd gebeten, ihm Krystalle
+und Erze zu verschaffen, damit er sie, zu Pulver verstampft,
+in seine Arzneien mischen k&ouml;nne. &raquo;Ja, freilich,&laquo;
+lachte Josi, der vom Vater her die Fundorte der Mineralien,
+die man im Dorfe nicht mehr als Spielzeug
+sch&auml;tzte, an den Fl&uuml;hen des Bockje und der Krone kannte.
+Und er brachte dem Kaplan h&uuml;bsche St&uuml;cke, auf denen
+Tautropfen sa&szlig;en, die klar wie Thr&auml;nen sind, bl&uuml;hendes
+Gestein, wie er es grad beim Wildheuen erreichen konnte.
+<span class="antiqua">&raquo;Gracia et benedictio tibi&laquo;</span>, sprach der Einsiedler mit
+seiner hohlen tiefen Stimme und gab ihm einen funkelnden
+Franken. Seither bl&uuml;hte in tiefer Heimlichkeit vor
+der Mutter und Vroni ein kleiner Handel zwischen den
+beiden. Nicht, da&szlig; der Kaplan nun Josi f&uuml;r jeden quellklaren
+Quarz, f&uuml;r jeden braungoldenen Diamanten der
+Zinkblende, f&uuml;r jeden Brocken, auf dem die graugl&auml;nzenden
+zierlichen Bl&auml;tter des Wasserbleis sa&szlig;en, ein Geldst&uuml;ck
+gegeben h&auml;tte, meist bezahlte er, wenn er die St&uuml;cke
+mit gierigem Blick in den Sack gesteckt hatte, mit Segensw&uuml;nschen
+und geheimnisvollen Andeutungen, er w&uuml;rde
+ihn einmal zu gro&szlig;em Gl&uuml;ck f&uuml;hren. Dar&uuml;ber lachte der
+trockene Bursche, und als er sah, da&szlig; ihn der Kaplan betrog
+und die Drusen verkaufte, stellte er die Lieferungen ein.</p>
+
+<p>Allein der Laurer lie&szlig; ihn nicht mehr los. Als
+Josi den ganzen Groll und Grimm gegen den Presi und
+das Dorf im Herzen, von B&auml;lzi, der ihn nach hartem
+Tagewerk hatte schlagen wollen, fortgelaufen war, hatte
+ihn der Kaplan, der in der D&auml;mmerung mit dem Bettelsack
+von den Alpen kam, am Fu&szlig; einer graub&auml;rtigen
+Wetterl&auml;rche &uuml;berrascht.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163">[Pg 163]</a></span>Der grinsende Pfaffe, der ihm die tiefste Teilnahme
+vorspiegelte, entlockte der tobenden Brust des Fl&uuml;chtlings
+eine Beichte, die nicht vollst&auml;ndiger h&auml;tte sein k&ouml;nnen.
+Alles Elend, aller Ha&szlig; einer von einem schweren Ungl&uuml;ck
+zerschmetterten und mi&szlig;handelten Seele lag frei vor dem
+Schwarzen.</p>
+
+<p>&raquo;Sei kein Thor, Josi; stelle dich doch dem Garden
+nicht, suche mir lieber Krystalle, ich will f&uuml;r deinen
+Unterhalt sorgen. Hier oder wo wir verabreden, treffe
+ich dich jeden Tag,&laquo; &uuml;berredete der Kaplan den verirrten
+Jungen, und von dieser Stunde an bestand eine Art
+Herzensbund zwischen ihnen.</p>
+
+<p>Furcht und Trotz halfen den Ratschl&auml;gen des Kaplans,
+am folgenden Tag wurde Josi Strahler. Von den
+Felsen der Krone, wo sich sonst niemand hinwagt, brachte
+er dem Kaplan die dunklen Morione, vom Bockje die
+klaren Edelkrystalle, vom Schmelzberg die wunderfeinen
+Strahlen des Grauspie&szlig;glanzes und die zierlichen Eisenrosen,
+die im Stahlschimmer leuchten. Immer trug er
+die Leiter bei sich, die ihm fr&uuml;her zum Wildheuen gedient,
+unerm&uuml;dlich kletterte er zu den Rissen, H&ouml;hlen
+und Kammern der Felsw&auml;nde empor. Es gab aber Tage,
+oft mehrere hintereinander, an denen sich Krystalle und
+Erze wie durch einen Zauber vor ihm versteckten, an
+denen er wohl mit zerschrundenen, aber leeren H&auml;nden zu
+Kaplan Johannes kam. Doch dieser blieb g&uuml;tig, prophezeite
+ihm in geheimnisvollen Formeln reiche Ernte am
+n&auml;chsten Tage, sch&uuml;ttelte alles, was der Bettelsack E&szlig;bares
+enthielt, vor dem Hei&szlig;hunger des Burschen aus, streichelte
+ihn und sprach ihm freundlich zu, als wolle er ihn f&uuml;r
+die gro&szlig;e Einsamkeit, in der er lebte, entsch&auml;digen, und<span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164">[Pg 164]</a></span>
+manchmal war Josi, der unheimliche Kaplan habe ihn
+leidenschaftlich lieb.</p>
+
+<p>Aber das Heimweh kam. &raquo;Vroni! &mdash; Vroni!&laquo; br&uuml;llte
+es in der Brust Josis, und wenn er tief unter sich einen
+Menschen &uuml;ber die gr&uuml;ne Alpe gehen sah, so h&auml;tte er
+hinabeilen und ihn umarmen m&ouml;gen &mdash; o, alle von
+St. Peter, nur den Presi nicht.</p>
+
+<p>Kaplan Johannes sah das Heimweh, ein eigent&uuml;mliches
+L&auml;cheln ging &uuml;ber sein finsteres Gesicht: &raquo;Josi, es
+ist ein Landj&auml;ger im Dorf, der es vor dir bewachen mu&szlig;;
+denke dir, B&auml;lzis Weib hat vor dem Garden beschworen,
+da&szlig; du im Schlaf gesagt hast, du z&uuml;ndest den B&auml;ren
+und St. Peter an. Wegen Ungehorsam gegen die Beh&ouml;rden
+und Drohung auf Brandstiftung will man dich
+verhaften, und jede Nacht stehen ein paar H&auml;scher um
+das Haus des Garden im Hinterhalt, denn man denkt,
+du kommest am ehesten dorthin, weil du Vroni sehen
+m&ouml;chtest. Also h&uuml;te dich! Und noch eins! R&uuml;hre keinen
+Halm auf den Alpen an, sonst giebt es eine Treibjagd
+auf dich und die h&ouml;chsten Felsen retten dich nicht; sei
+vorsichtig, Josi. Ich f&uuml;ttere dich ja, Rabe, selbst wenn
+ich f&uuml;r mich keinen Bissen habe.&laquo;</p>
+
+<p>Josi erbla&szlig;te &mdash; zitterte &mdash; also so weit war er:
+die Landj&auml;ger suchten ihn.</p>
+
+<p>In seinem Schuldbewu&szlig;tsein durchschaute er die
+L&uuml;ge des Kaplans vom Weib B&auml;lzis, das ihn verraten
+haben solle, nicht recht, er erinnerte sich nur halb, da&szlig;
+er selbst bei der tollen Beichte unter der Wetterl&auml;rche
+etwas vom B&auml;renanz&uuml;nden gesagt hatte. Aber nur in
+der gr&auml;&szlig;lichsten Erregung.</p>
+
+<p>Nein! &mdash; nein! &mdash; Mochte ihn der Presi h&auml;ngen<span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165">[Pg 165]</a></span>
+lassen, eine Brandstiftung that er dem Andenken seiner
+Eltern nicht zu leid.</p>
+
+<p>Bald erhielt er die Best&auml;tigung dessen, was der
+Kaplan gesagt hatte, aus unverd&auml;chtiger Quelle. Er traf
+unvermutet und so, da&szlig; er nicht mehr ausweichen konnte,
+auf den Viehknecht des Bockje&auml;lplers: &raquo;Fort, Rebell,&laquo;
+lachte der gutm&uuml;tig rohe Mensch rauh und laut, &raquo;f&uuml;nfzig
+Franken erh&auml;lt, wer dich lebend oder tot ins Dorf
+bringt,&laquo; doch so, als ob er selber die f&uuml;nfzig Franken
+nicht verdienen wollte.</p>
+
+<p>Von diesem Tag an hielt sich Josi allen unsichtbar
+und lebte in den h&ouml;chsten Fl&uuml;hen.</p>
+
+<p>Was er litt! &mdash; Die N&auml;chte, die entsetzlichen N&auml;chte,
+w&auml;hrend deren er irgendwo auf einer Planke lag, mit
+ihrem ehernen Schweigen und ihrer Einsamkeit! Tief
+unten winkten die Lichter von St. Peter wie ein H&auml;uflein
+Sterne und riefen: &raquo;Komm, komm!&laquo; Und jeder
+leise Glockenklang, den die Luft zu ihm emportrug,
+schmeichelte: &raquo;Komm, komm!&laquo; Vroni nie sehen &mdash; nie
+auf den Kirchhof treten, wo Vater und Mutter begraben
+sind &mdash; nie in der Dorfkirche beten. Jedes St&uuml;ck Vieh, das
+er sah, entlockte ihm fast Thr&auml;nen, vorsichtig lief er
+hinzu, streichelte es, k&uuml;&szlig;te es und redete lieb mit ihm.
+&raquo;Gelt, wenn du ins Thal kommst, gr&uuml;&szlig;est du mir
+Vroni!&laquo;</p>
+
+<p>Im gr&auml;&szlig;lichen Alleinsein wurde Josi beinahe Philosoph.
+Er liebte seine Krystalle, die wunder- und geheimnisvollen
+Blumen des Gesteins: &raquo;Warum m&uuml;&szlig;t ihr
+so sch&ouml;n aus der Erde wachsen, du wie ein R&ouml;schen, du
+wie eine Thr&auml;ne, die ein Engel vom Himmel hat fallen
+lassen, und du wie ein Haufen Spie&szlig;e f&uuml;r den Ameisenkrieg.<span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166">[Pg 166]</a></span>
+Wer hat dich gemessen und gezirkelt, du kantiger
+Edelkrystall, wer hat dich mit Rauch gef&uuml;llt und die
+Haarstr&auml;hnen durch dich gezogen, du sch&ouml;ner Topas, und
+dich &ouml;den wei&szlig;en Stein mit Granatk&ouml;rnern bestreut wie
+die Mutter selig am Dreik&ouml;nigstage die Brotm&auml;nner mit
+Wachholderbeeren?&laquo;</p>
+
+<p>O Wunder! Selbst die Krystalle dr&auml;ngen sich wie
+Bruder und Schwester zusammen, sie suchen ihre Gespielen
+und auf manchem Stein stehen so viele, gro&szlig; und klein,
+wie wenn sich am Sonntag die D&ouml;rfler auf dem Kirchhof
+zum stillen Plaudern sammeln.</p>
+
+<p>Nur er war einsam.</p>
+
+<p>Mitten in seinem Elend ahnte er aber, da&szlig; alles
+in der Welt zum Sch&ouml;nen dr&auml;ngt, da&szlig; auch der Mensch
+leiden und sich &ouml;ffnen mu&szlig;, wie der harte Fels, der
+Krystalle zeugt. Wie ein Fels wollte er werden, wenn er
+wieder einmal als ehrlicher Bursch unter den Menschen
+w&auml;re, Krystalle guter Thaten zeugen, alles Rechte w&uuml;rde
+er thun, was Brauch und Sitte, was die Vorgesetzten
+forderten, selbst Dienste bei B&auml;lzi.</p>
+
+<p>Doch jetzt nicht ins Gef&auml;ngnis, lieber sterben!</p>
+
+<p>Der Winter naht! Seit die Fremden fort sind und
+er keine Mineralien mehr verkaufen kann, ist der Kaplan
+m&uuml;rrisch gegen ihn, er bringt ihm das Essen unregelm&auml;&szlig;ig
+und oft zu wenig. Da wei&szlig; es Josi pl&ouml;tzlich: Er
+ist der Gefangene dieses halbverr&uuml;ckten und schlechten
+Mannes, Johannes hat ihn dort unter der Wetterl&auml;rche
+verf&uuml;hrt, da&szlig; es keine Rettung mehr giebt. Und ein
+grimmiger Ha&szlig; gegen den Kaplan zuckt auf in seiner
+Brust.</p>
+
+<p>Er kann es auf den Alpen nicht mehr aushalten<span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167">[Pg 167]</a></span>
+vor K&auml;lte. Ein Ausweg! Fort von St. Peter, fort, wie
+der Bursch beim Kirchhoflied. Sterben macht nichts, nur
+nicht ehrlos eingesperrt werden. In der grauenden Fr&uuml;he
+des Tages Allerheiligen l&auml;uft er, am Schmelzwerk vorbei,
+wo Kaplan Johannes haust, das Thal hinaus. &raquo;Lebe
+wohl, seliger Vater, &mdash; lebe wohl, selige Mutter, &mdash;
+und du, liebe Vroni, mit den sch&ouml;nen blauen Augen.&laquo;</p>
+
+<p>Wie er nach Tremis kommt, tummeln sich schon
+Kinder auf der Stra&szlig;e, sie springen vor ihm schreiend
+davon: &raquo;Ein wilder Mann &mdash; ein wilder Mann!&laquo; Da
+f&auml;llt es ihm ein: Er kann nicht in die Welt, sein dunkles
+Haar h&auml;ngt ihm in Str&auml;hnen &uuml;ber die Wangen, seine
+Kleider sind Fetzen, die Schuhe zerl&ouml;chert, als ein Landstreicher
+w&uuml;rde er aufgegriffen. Auf das Geschrei der
+Kinder streckt ein altes kropfiges Weib den Kopf aus dem
+Fenster, Susi aus dem B&auml;ren. Sie erkennt ihn und
+nun regt sich doch in ihr das Mitleid und die Neugier.
+Sie ruft ihn herein.</p>
+
+<p>Sie hat schon von seinem Rebellentum geh&ouml;rt; indem
+sie ihm den Kaffee einschenkt, den er gierig trinkt, fragt
+sie ihn hundert Dinge.</p>
+
+<p>&raquo;Ist es wahr, da&szlig; du mit Bini verhext und besprochen
+bist?&laquo;</p>
+
+<p>Das behagliche St&uuml;bchen und der warme Trunk im
+Leib stimmen Josi ganz weich: &raquo;O, Susi, ich habe gewi&szlig;
+andere Sorgen &mdash; ich m&ouml;chte wieder ein rechter Mensch
+werden. Seht, morgen ist Allerseelen, und ich bin so
+arm, da&szlig; ich f&uuml;r meinen seligen Vater und die selige
+Mutter nicht einmal zwei Kerzchen kaufen kann.&laquo;</p>
+
+<p>Die tiefe Trauer, die seine Stimme durchbebte, sein
+elendes Aussehen und seine Verwilderung weckten das<span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168">[Pg 168]</a></span>
+Erbarmen Susis, sie schenkte ihm zwei Wachskerzen und
+redete ihm mit ihrer pfeifenden Stimme m&uuml;tterlich zu,
+da&szlig; er sich dem Garden stelle, es gehe ihm gewi&szlig; nicht
+so b&ouml;se.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will's thun, Susi.&laquo; Aber wie er &uuml;ber die verlassenen
+Alpen des Schmelzberges, auf denen die letzten
+Sonnenlichter des Jahres spielen, die letzten Blumen
+bl&uuml;hen, mit weitem Umweg nach St. Peter geht, k&auml;mpft
+er wieder.</p>
+
+<p>Erst tief in der Nacht schleicht er sich ins Dorf. Er
+kniet zwischen den Kreuzen an den Gr&auml;bern der Eltern
+nieder, er steckt die Kerzen und Astern auf die H&uuml;gel. Da
+kommt der Nachtw&auml;chter singend vom Oberdorf. Es ist
+der breite Brummba&szlig; des Fenken&auml;lplers, der in der
+Kehrfolge der B&uuml;rger den Dienst hat. Er m&ouml;hnt:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Es ist nicht unsere Gerechtigkeit,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; Gott uns so viel Gut's erzeigt,<br /></span>
+<span class="i0">Es ist seine Gnade und G&uuml;te,<br /></span>
+<span class="i0">Ihr lieben Heiligen sch&uuml;tzt uns vor Gefahr,<br /></span>
+<span class="i0">Vor Brand und Laue besonderbar,<br /></span>
+<span class="i0">Und dann, ihr Lieben, bitten wir noch,<br /></span>
+<span class="i0">Sperrt den Rebellen endlich ins Loch!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Der letzte Zusatz ist eine freie Erfindung des S&auml;ngers.
+Josi aber schreit: &raquo;H&ouml;rst du' s, Vater &mdash; h&ouml;rst du's,
+Mutter, so geht es mir! &mdash; Ich lasse mich aber nicht
+einsperren!&laquo;</p>
+
+<p>In wildem Weh br&uuml;llt er es und rauft das Kirchhofgras,
+als wolle er hinabfl&uuml;chten zu den Toten.</p>
+
+<p>&raquo;Das alles haben der Presi und Binia &uuml;ber mich
+gebracht.&laquo;</p>
+
+<p>Schon sieht er, wie man ihn gefesselt durch das<span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169">[Pg 169]</a></span>
+Dorf f&uuml;hrt, auf der Freitreppe steht der B&auml;renwirt mit
+einem Hohnl&auml;cheln.</p>
+
+<p>Da geht es ihm wie dem Fuchs, der vom Hunger
+gepeitscht, in die Falle kriecht, von der er wei&szlig;, da&szlig; sie
+ihn verderben wird &mdash; er flieht vom Dorf zu Kaplan
+Johannes, den er doch ha&szlig;t wie den Tod.</p>
+
+<p>Mit einem h&ouml;llischen L&auml;cheln gew&auml;hrte der Letzk&ouml;pfige
+dem Ausrei&szlig;er Schutz und Obdach in der Ruine. Den
+einzigen noch &uuml;berdachten Raum bewohnte der Einsiedler
+selbst. Da brach durch ein vergittertes Fenster das Licht
+herein. Grad neben dem Viereck, das es auf den Boden
+zeichnete, war das Lager des Schwarzen, ein Sack voll
+jener langen Flechten, die wie riesige graue B&auml;rte von
+den Aesten der alten L&auml;rchenb&auml;ume fluten, gegen&uuml;ber der
+Th&uuml;re ein dreiteiliger Altar, den ein Totensch&auml;del schm&uuml;ckte,
+davor ein Betschemel. Und von der Decke hing eine
+Ampel, in der ein Lichtfunke brannte.</p>
+
+<p>Sonst war das Gemach leer.</p>
+
+<p>Hinter ihm war ein zweites, ein niedriges Gew&ouml;lbe,
+in das man nur halbgeb&uuml;ckt kriechen konnte, wohl, wie
+die rotgebrannten Steine vermuten lie&szlig;en, ein gro&szlig;er
+alter Ofenraum.</p>
+
+<p>In diesen Verschlag wies Johannes seinen Gast. Da
+war Josi vor jeder Entdeckung sicher. Niemand wagte
+sich in die Zelle des unheimlichen Kaplans; wenn je nach
+Wochen einmal ein Weiblein ins Schmelzwerk kam, um
+ihn zu einer kranken Kuh zu holen, so pochte es drau&szlig;en
+sch&uuml;chtern an, dann trat der Einsiedler heraus, gab
+ihr mit seiner Grabesstimme den Segen und ging mit ihr.</p>
+
+<p>Er war gewi&szlig; ein unheimlicher Kauz, der Kaplan
+Johannes mit dem fahlen Gesicht und den lodernden<span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170">[Pg 170]</a></span>
+Augen. Vor seinem Altar sang er oft Lieder, die stark
+weltlich klangen, sobald aber, das glaubte Josi zu bemerken,
+Leute des Weges zogen, ging er mit wenigen
+Modulationen in einen frommen Gesang &uuml;ber, wie man
+ihn am Altar der Dorfkirche h&ouml;rte.</p>
+
+<p>Am Abend, wenn der Weg einsam war, sprach Johannes
+oft laut mit sich selbst, schnitt Grimassen, verwarf
+die Arme, geriet in einen Taumel und verga&szlig;, da&szlig;
+Josi da war.</p>
+
+<p>&raquo;Die Mauer war hoch,&laquo; erz&auml;hlte er klagend, &raquo;aber
+der Kastanienbaum war h&ouml;her. Johannes sa&szlig; darunter
+und lernte. Er lernte Tag und Nacht. Einmal aber
+im Herbst erzitterte der Kastanienbaum &uuml;ber seinem Haupt.
+Was zitterst du? Da legte Johannes das Buch nieder
+und stieg auf den Baum. Ein Ast ragte weit &uuml;ber die
+Mauer, vom Garten in einen Hof, der Ast schwankte.
+Johannes schaute &uuml;ber die Mauer. Da sah er Graziella,
+die Kastanien sch&uuml;ttelte. Sie hatte braune Arme und
+braune Augen und lachte &uuml;ber den Klostersch&uuml;ler. Eines
+Tages aber sagte sie: 'Wenn du mich lieb hast, Johannes,
+steige nur vom Baum.' An der Mauer k&uuml;&szlig;ten
+sie sich. Mehrmals. Als das Laub fiel, r&uuml;ttelte Graziella
+wieder am Ast und lockte &mdash; die Falsche. Der Sch&uuml;ler
+kletterte am Kastanienbaum &uuml;ber die Mauer, sie gab ihm
+einen Ku&szlig;, und dann warfen die Klosterbr&uuml;der ihn nieder
+&mdash; und dann&laquo; &mdash; seine Stimme hob sich zu einem klagenden,
+wiehernden Geheul &mdash; &raquo;sie haben mich im Gef&auml;ngnis
+mit kaltem Wasser begossen &mdash; sie haben sich vergriffen
+an mir, da&szlig; ich nicht mehr Johannes bin.&laquo;</p>
+
+<p>Er langte wie ein Wahnsinniger nach dem Kopf und
+hielt den Leib, als ob er Schmerzen h&auml;tte.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171">[Pg 171]</a></span>Josi graute es bei diesen Selbstgespr&auml;chen des Kaplans,
+schrecklicher war es ihm aber, wenn Johannes ihn
+zu peinigen begann.</p>
+
+<p>Immer wieder kam er auf jenen Ku&szlig; zu sprechen,
+den er im Teufelsgarten Binia gegeben.</p>
+
+<p>Ob er sie noch liebe? Ob er begehre, sie wieder zu
+k&uuml;ssen? Ob er sie einmal nackend sehen wolle? Er k&ouml;nne
+ihm mit einem Alr&auml;unchen dazu helfen. Er wisse, wo
+ein Alraun wachse, wie man die Wurzel ziehe und schneide,
+da&szlig; daraus ein kleines wunderth&auml;tiges M&auml;nnchen werde.</p>
+
+<p>Schamlos redete der Kaplan.</p>
+
+<p>Josi scho&szlig; dann das Blut in die Wangen und er
+pre&szlig;te die F&auml;uste an die Ohren &mdash; o, es war sch&ouml;n gewesen
+hoch oben in der Einsamkeit des Gebirges, das
+Gift dieses Elenden war entsetzlicher als sie.</p>
+
+<p>&raquo;Wann z&uuml;ndest du den B&auml;ren an? &mdash; Du mu&szlig;t es
+thun, solange keine G&auml;ste da sind, die S&uuml;nde w&auml;re sonst
+zu gro&szlig;. Heute ist eine so finstere Nacht, willst du denen
+in St. Peter nicht etwas hell machen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid ein Teufel, Johannes!&laquo; Da lachte der
+Kaplan widerw&auml;rtig: &raquo;Ich glaube manchmal selbst, da&szlig;
+ich der Satan bin, aber dich habe ich lieb, bleicher Knabe.
+Komm an mein Herz, S&ouml;hnchen!&laquo;</p>
+
+<p>Oft schien die Rede des Kaplans nicht nur Hohn,
+sondern als hange er mit der ganzen Seele an Josi,
+denn gerade wenn ihr Vorrat am kleinsten war, n&ouml;tigte
+er ihn zu tapferem Essen und litt selber Hunger.</p>
+
+<p>&raquo;Im Sommer aber mu&szlig;t du mir wieder Krystalle
+suchen, du mu&szlig;t mein treuer Sohn sein, du geh&ouml;rst jetzt
+zu mir, nicht zu denen von St. Peter &mdash; aber &mdash; aber &mdash;
+Knabe, wenn du mich verraten w&uuml;rdest, ich t&ouml;tete dich.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172">[Pg 172]</a></span>Er fuchtelte mit den H&auml;nden in der Luft herum
+und murmelte mit seiner hohlen Stimme lateinische Verw&uuml;nschungen.</p>
+
+<p>&raquo;Nur noch einmal die sonnige Vroni mit dem fliegenden
+Goldhaar sehen, nur noch einmal sie mit ihrer
+Glockenstimme reden h&ouml;ren.&laquo; M&uuml;de und traurig war Josi
+und ihn ekelte vor dem Kaplan.</p>
+
+<p>Aber er hatte den Mut nicht, zu Vroni zu gehen.</p>
+
+<p>Oft froren er und Johannes in der schlechtgesch&uuml;tzten
+Ruine. Der Wind, der durch die Mauern blies, verjagte
+die W&auml;rme des offenen Feuers, und wahrscheinlich w&auml;re
+Josi, der nie wie der Pfaffe in warme Bauernstuben
+kam, vor Langeweile, Abscheu und Elend gestorben, h&auml;tte
+er nicht auf den Rat des Kaplans, der darin Sch&auml;tze
+vermutete, das alte Bergwerk zu durchforschen angefangen.</p>
+
+<p>Die Entdeckungswanderungen gaben seinem Tr&uuml;bsinn
+eine Ableitung und die Tiefen des Bergwerks sch&uuml;tzten
+besser vor der K&auml;lte als jedes Herdfeuer.</p>
+
+<p>Josi l&auml;chelte zwar zu den Hoffnungen des Kaplans,
+da&szlig; er Silbererz finden werde, ungl&auml;ubig, aber er w&uuml;hlte
+sich mit gro&szlig;em Eifer durch das Gewirre von G&auml;ngen,
+Gesenken, Stollen und Weitungen. Eine m&uuml;hsame Arbeit!
+Viele G&auml;nge waren eingest&uuml;rzt, in anderen tropfte das
+Wasser und bildete kleine Teiche, die Luft war dumpf
+und feucht. Oft l&ouml;schte ein Tropfen seine Kerze aus, dann
+hatte er Arbeit genug, sich in Stunden beklemmender
+Angst wieder durch die Finsternis ans Tageslicht zu
+tappen. Wenn er wenigstens Erz gefunden h&auml;tte! Aber
+die Stollen waren w&uuml;st und leer. Nein, endlich entdeckte
+er einen Schacht mit zuckerk&ouml;rnigem Bleiglanz, der nach
+den Ueberlieferungen von St. Peter am meisten Silber<span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173">[Pg 173]</a></span>
+enthielt. Ein alter Venediger hatte dabei seinen Schlegel
+und sein Brecheisen stehen lassen. Damit machte er das
+Erz los und hatte reiche Ernte. Er h&auml;ufte den Reichtum
+f&uuml;r Kaplan Johannes, der wie er selbst den Silbergehalt
+des Erzes weit &uuml;bersch&auml;tzte, und &uuml;ber dem Tagewerk
+im Dunkel des Berges verflo&szlig; die Zeit.</p>
+
+<p>Als aber der Schnee zu schmelzen begann, der Fr&uuml;hling
+an den sonnigen Berglehnen die ersten Bl&uuml;ten hervorlockte,
+war Josi so elend zu Mut, da&szlig; der Gedanke,
+eines Tages aufgegriffen zu werden, alle Schrecken verlor.
+Die Lust, auf die Berge zu steigen, war ihm vergangen.
+Er war wund am Herzen und an den F&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>Oft sa&szlig; er im Teufelsgarten, kaum verborgen vor
+denen, die des Weges gingen, lie&szlig; die Sonne auf den
+R&uuml;cken scheinen und horchte auf das einf&ouml;rmige Klappern
+an den Wei&szlig;en Brettern.</p>
+
+<p>Er dachte an seinen Vater, an das gro&szlig;e Ungl&uuml;ck,
+aber er hatte gegen niemand einen Groll mehr, kaum
+gegen den Presi, ihm war alles gleichg&uuml;ltig.</p>
+
+<p>Warum hatten ihn die Leute nicht in die Glotter
+springen lassen?</p>
+
+<p>Einmal schlief er an der warmen Sonne ein; da
+war ihm, er rieche Veilchen, nein, eine M&uuml;cke krieche
+ihm durch den Flaum der Oberlippe, er wollte die Hand
+erheben, aber sie sank ihm bleiern zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Schon eine Weile betrachtete Binia, die wie einst
+dem Vater entgegengeritten war, den Schl&auml;fer. Zuerst
+mit m&auml;chtigem Erschrecken. Auch sie hatte geglaubt, Josi
+sei tot. Aber der Sitzende, wenn er auch bleich wie ein
+Toter war, atmete tief und ruhig. Wie namenlos arm
+war er in seinen Lumpen und Fetzen, durch die der blo&szlig;e<span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174">[Pg 174]</a></span>
+K&ouml;rper schimmerte. Zwischen dem Filz der langen Haare
+flo&szlig; das w&auml;sserige Blut offener Wunden und die Frostbeulen
+an den blo&szlig;en F&uuml;&szlig;en schw&auml;rten. Sie schluchzte
+vor Mitleid. Aber die Freude, da&szlig; sie den toten Josi
+lebendig fand, war st&auml;rker als die Trauer &uuml;ber sein
+Elend. Als sie ein paar L&auml;use lustig durch sein Haar
+spazieren sah, stutzte sie, dann kam mitten aus dem
+tiefsten Mitleid der Schalk zum Durchbruch, sie strich ihm
+mit dem Veilchenstr&auml;u&szlig;chen, das sie sich gesucht hatte,
+leicht unter der Nase hin und l&auml;chelte, als seine Hand
+sich regte, aber wieder sank.</p>
+
+<p>Noch einmal wiederholte sie das Spiel. Da scho&szlig;
+er taumelnd auf. Er that einen Schrei: &raquo;Binia!&laquo; Dann
+aber ma&szlig; er sie mit einem finsteren, ver&auml;chtlichen Blick
+und wollte gehen.</p>
+
+<p>&raquo;Schau mich doch nicht so b&ouml;se an, Josi,&laquo; bettelte
+sie mit feinem, sanftem Stimmchen, indem sie bis in
+die dunklen Haare err&ouml;tete und den Blick wie eine Schuldige
+senkte.</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du? Ich habe nichts mit dir zu thun,&laquo;
+erwiderte er mit dunklem Groll.</p>
+
+<p>&raquo;O, ich freue mich, da&szlig; du noch am Leben bist,
+Josi, gewi&szlig; freue ich mich.&laquo;</p>
+
+<p>Das t&ouml;nte so lieb, so hingebend, da&szlig; er nun doch
+aufhorchte. Er erhob sich und setzte sich in einiger Entfernung
+von Binia auf einen Stein.</p>
+
+<p>Zu nahe bei ihr wollte er nicht sein. Wie war sie
+sch&ouml;n geworden in den paar Monaten, da er sie nicht gesehen!
+Wie ein Engel, dachte er. Die R&ouml;te der Hagrose
+prangte duftig auf ihren Wangen, die gro&szlig;en,
+dunklen Augen hatten die gleiche Lebhaftigkeit wie fr&uuml;her,<span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175">[Pg 175]</a></span>
+und doch war noch etwas hinzugekommen, was fr&uuml;her
+nicht darin war. Etwas Sanftes, etwas uns&auml;glich
+Liebes, Trauliches. Wie barmherzig sie ihn ansah. Sein
+letzter Trotz zerschmolz wie Schnee an der Sonne. Und
+alles, was Kaplan Johannes H&auml;&szlig;liches gesagt hatte, war
+vor ihrer Reinheit und Sch&ouml;nheit aus seinem Ged&auml;chtnis
+entschwunden. Aber er sch&auml;mte sich wegen seines Aussehens,
+er war ganz scheu.</p>
+
+<p>Sie fanden den ungezwungenen Ton von ehemals
+nicht wieder. &raquo;Wie gro&szlig; ist Josi geworden,&laquo; dachte
+Binia, &raquo;er ist ja beinahe ein junger Mann,&laquo; und beide
+sahen sich verlegen an.</p>
+
+<p>&raquo;Wie geht es Vroni?&laquo; stotterte Josi.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr geht es gut. Hast du sie nicht am Sonntag
+hier vorbeireiten sehen?&laquo; fragte Binia. &raquo;Der Garde,
+die Gardin, Eusebi und Vroni sind zu einer Taufe nach
+Hospel geritten. Sie trug die Tracht, das H&uuml;tchen mit
+den langen Seidenb&auml;ndern und ein buntes, seidenes Brusttuch,
+dazu Geschmeide wie eine Bauerntochter. Wie uns&auml;glich
+gl&uuml;cklich wird sie sein, wenn sie h&ouml;rt, da&szlig; du lebst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie eine Bauerntochter,&laquo; dachte Josi. Er aber
+war arm wie jener Lazarus, von dem einmal der Pfarrer
+gesprochen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Was sprechen die Leute von mir. &mdash; Sagen sie,
+ich sei ein Halunke?&laquo; Er l&auml;chelte bitter.</p>
+
+<p>Binia schwieg purpurrot.</p>
+
+<p>&raquo;O, sage es nur, ich wei&szlig; es schon &mdash; aber wei&szlig;t,
+wer mich dazu gemacht hat?&laquo;</p>
+
+<p>Binia senkte den zierlichen Kopf. Nach einer langen
+Pause hauchte sie kaum h&ouml;rbar und in zitternder Scham:
+&raquo;Mein Vater.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176">[Pg 176]</a></span>&raquo;Ja, dein Vater!&laquo; best&auml;tigte Josi vorwurfsvoll.</p>
+
+<p>Ihr st&uuml;rzten die Thr&auml;nen aus den Augen, mit einer
+raschen Wendung kniete sie vor ihm.</p>
+
+<p>&raquo;O Josi! &mdash; Josi! &mdash; Ich wei&szlig;, da&szlig; ich an allem
+schuld bin. Aber &mdash; o Josi &mdash; wenn du keinen Fetzen
+auf dem Leib h&auml;ttest und noch zehnmal mehr L&auml;use auf
+dem Kopf, ich liebte dich doch!&laquo;</p>
+
+<p>Ihre molligen kleinen H&auml;nde umspannten seine ausgemergelten
+Finger, sie sah ihn so r&uuml;hrend dem&uuml;tig an
+und ihre Stimme bebte wie ein Gl&ouml;ckchen: &raquo;Ich habe
+ohne Absicht &uuml;ber dich gelogen &mdash; ich war so krank &mdash;
+aber ich will gewi&szlig; alles an dir gut machen, Josi!&laquo;</p>
+
+<p>Ihre Lippen ber&uuml;hrten seine H&auml;nde, ihre Thr&auml;nen
+liefen durch seine Finger, er wollte reden, aber er schluchzte
+nur: &raquo;Bini &mdash; Bini, wie lieb bist du mit mir.&laquo; Der
+wunderbare erste Gru&szlig; aus einer Welt, die er verloren
+hatte, ging &uuml;ber seine Kr&auml;fte.</p>
+
+<p>Da verzerrte sich Binias Gesicht: &raquo;Va &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ein Peitschenhieb sauste durch die Luft &mdash; das Blut
+str&ouml;mte &uuml;ber die Wangen Josis.</p>
+
+<p>Vor den beiden stand furchtbar der Presi. Sie hatten
+das Kommen seines Wagens &uuml;berh&ouml;rt, er hatte das Vorspanntier
+ohne H&uuml;terin getroffen und Binia gesucht.</p>
+
+<p>Einen Augenblick waltete die Ruhe grenzenloser Ueberraschung.</p>
+
+<p>Binia starrte entgeistert auf das blut&uuml;berstr&ouml;mte
+Haupt Josis. Da ri&szlig; sie der Presi hinweg.</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177">[Pg 177]</a></span></p>
+<h2><a name="X" id="X"></a>X.</h2>
+
+
+<p>Was man in St. Peter erlebte!</p>
+
+<p>Vor einigen Tagen war es gewesen. Da hatte der
+Pfarrer, der zwischen Tag und Nacht von Hospel kam,
+im Teufelsgarten ein unheimliches St&ouml;hnen geh&ouml;rt. Er
+war ihm als Diener des Herrn, der den Satan nicht
+zu f&uuml;rchten hat, nachgegangen und hatte Josi Blatter,
+den Rebellen, gefunden, den man verhungert und erfroren
+glaubte. Er hatte Anzeige beim Garden, dem Vormund
+des Burschen, gemacht, und dieser den schwerkranken, blutr&uuml;nstigen
+Jungen, der vor Entkr&auml;ftung nicht mehr gehen
+konnte, mit einem W&auml;gelchen in seine Wohnung geholt.</p>
+
+<p>Und gestern war ein neues Ereignis gekommen. Der
+Presi hatte, ohne da&szlig; er vorher mit einem Menschen davon
+gesprochen h&auml;tte, fast heimlich und &uuml;ber Nacht Binia
+aus dem Dorf fortgeschafft. Wohin? &mdash; Die B&auml;renwirtin
+erz&auml;hlte den D&ouml;rflern, die es h&ouml;ren wollten, sie
+sei in eine Erziehungsanstalt verreist, wo sie die fremden
+Sprachen lerne, die man im Verkehr mit den Sommerfrischlern
+brauche.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist aber doch seltsam,&laquo; sagten die Leute, und
+sie ergingen sich in allerlei Mutma&szlig;ungen, doch ohne die
+Ursache der pl&ouml;tzlichen Reise zu ergr&uuml;nden.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178">[Pg 178]</a></span>Und heute hatte der Gemeinderat einstimmig beschlossen,
+da&szlig; Kaplan Johannes den Gemeindebann verlassen
+m&uuml;sse, da er einem minderj&auml;hrigen jungen Menschen
+Unterschlauf gegeben und in der Auflehnung gegen
+die Beh&ouml;rden unterst&uuml;tzt habe.</p>
+
+<p>Der Pfaffe schlug ein lautes Gejammer an und eilte
+in alle H&auml;user, wo er auf Geh&ouml;r rechnen konnte. &raquo;O,
+der meineidige Rebell. Wem als mir hat es St. Peter
+zu danken, da&szlig; das Dorf noch steht. Ich schw&ouml;re es, er
+hat es an allen vier Ecken anz&uuml;nden wollen, nur mit
+den h&ouml;chsten Formeln habe ich ihm die H&auml;nde binden
+k&ouml;nnen. Aber wi&szlig;t, wi&szlig;t: Durch den Rebellen Josi
+Blatter wird fr&uuml;her oder sp&auml;ter ein Ungl&uuml;ck, wie noch
+keines erlebt worden ist, &uuml;ber das Glotterthal kommen.
+Ein Alraun hat es mir im Spiegel gezeigt: Die
+Kirchhofkreuze hat man in St. Peter ausgerissen und
+die ganze Gemeinde hat geschrieen: 'La&szlig;t uns den Uebelth&auml;ter
+erschlagen!' Und der B&auml;ren lag in Schutt und
+Asche.&laquo;</p>
+
+<p>Die Z&auml;hne der Weiber klapperten, doch die gruseligen
+Erz&auml;hlungen retteten den Kaplan nicht. Gerade die ruhigeren
+B&uuml;rger drangen darauf, da&szlig; er jetzt mit fester
+Hand aus dem Thal vertrieben w&uuml;rde: &raquo;Er macht das
+Dorf verr&uuml;ckt,&laquo; sagten sie, &raquo;denn die Weiber glauben
+ihm.&laquo; Der Presi, der sich selber z&uuml;rnte, da&szlig; er Johannes
+zu lange hatte gew&auml;hren lassen, schickte kurzerhand ein
+paar Mann nach dem Schmelzwerk, die das Ger&uuml;mpel
+des Kaplans aus der Ruine warfen und sie so weit abbrachen,
+da&szlig; sie sich nicht mehr zur bescheidensten Wohnst&auml;tte
+eignete.</p>
+
+<p>Daf&uuml;r war besonders der Pfarrer dem Presi dankbar<span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179">[Pg 179]</a></span>
+&mdash; jetzt, in alten Tagen, konnte er ungest&ouml;rt das
+Wort Gottes s&auml;en, der b&ouml;se Feind, der immer das Unkraut
+des Aberglaubens dazwischen gestreut hatte, war
+vertrieben. Zum Dank daf&uuml;r richtete der alte Priester,
+der es sonst f&uuml;r kl&uuml;ger hielt, sich nicht unmittelbar in die
+Angelegenheit der Bauern zu mischen, am Sonntag ein
+kr&auml;ftiges Wort an seine Herde und bat darin, da&szlig;
+man sich des wiedergefundenen Josi Blatter, der in aller
+Verirrung nichts B&ouml;ses gethan, in Liebe erbarme.</p>
+
+<p>Die einen hingen nun an Kaplan Johannes, die
+anderen am Pfarrer.</p>
+
+<p>Inzwischen genas Josi.</p>
+
+<p>Eines Tages sp&uuml;rte er das Gesicht Vronis &uuml;ber sich
+und er hatte einen wundersch&ouml;nen Traum: Er, Vroni,
+die Mutter und Binia sa&szlig;en auf dem Felsen &uuml;ber dem
+Haus, sie sangen: &raquo;Du armer Knabe, schlaf am Meere,&laquo;
+und die goldenen Schwingen der Abendluft brachten ein
+leises Echo von den Bergen zur&uuml;ck. Pl&ouml;tzlich aber fing
+es an zu regnen, die hei&szlig;e Erde k&uuml;hlte sich, die Blumen
+erhoben die H&auml;upter, die ganze Welt trank das k&ouml;stliche
+Na&szlig;. Der Regen kam aber nicht vom Himmel, es waren
+Thr&auml;nen Vronis!</p>
+
+<p>Ja, sie fielen auf seine Wange. Er erwachte, sah
+Vroni, l&auml;chelte, dann fielen ihm die Augen m&uuml;de wieder
+zu und er tr&auml;umte weiter.</p>
+
+<p>Als ein wackerer Mann hatte sich der Garde des
+verlorenen Sohnes erbarmt, der wiedergefunden war. Er
+schlachtete zwar kein Kalb zu seinen Ehren, aber er beruhigte
+die Gardin, die &uuml;ber den unerwarteten Familienzuwachs
+ungehalten war.</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;tte Fr&auml;nzi zehn Kinder gehabt, ich glaube, du<span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180">[Pg 180]</a></span>
+w&uuml;rdest mir alle zehn an den Tisch bringen &mdash; sind wir
+eigentlich das Waisenhaus von St. Peter?&laquo;</p>
+
+<p>Sie war kein unbarmherziges, sondern ein zu Wohlthaten
+f&uuml;r andere geneigtes Weib, das keinen Vorwurf
+der H&auml;rte auf sich kommen lie&szlig;, aber Josi litt sie nicht
+wohl. Seit man ihn gereinigt und ihm das Haar geschnitten
+hatte, war er in aller Verelendung, mit seinem
+blutroten vernarbenden Ri&szlig; &uuml;ber die Wange, der h&uuml;bschere
+Bursche als Eusebi. Und doch h&auml;tte sie auf der
+Welt nichts Lieberes gehabt als einen eigenen sch&ouml;nen
+Sohn, als ein ganzes Haus voll schmucker Kinder, Knaben
+und M&auml;dchen. Heimlich neidete sie nicht nur alle Frauen,
+die h&uuml;bsche Kinder besa&szlig;en, sondern auch der Anblick
+fremder sch&ouml;ner Jugend bereitete ihr Herzeleid.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Frau, siehst du nicht, wie Eusebi w&auml;chst und
+erwacht? Nimm den Segen nicht mit unchristlicher Rede
+von ihm. Ich habe eine Hoffnung, die ist so gro&szlig;, da&szlig;
+ich sie nicht verraten darf,&laquo; mahnte der Garde.</p>
+
+<p>&raquo;Thun wir nicht genug an Vroni?&laquo; fragte die Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Was genug ist, wei&szlig; der Herrgott &mdash; ich meine,
+bis er wieder ganz gesund ist, bleibt der arme Bursche da.&laquo;</p>
+
+<p>Murrend f&uuml;gte sich die stolze Garden.</p>
+
+<p>Vor dem Haus sa&szlig; Josi auf dem Dengelstein, er
+sonnte die sich kr&auml;ftigenden Glieder und ein uns&auml;gliches
+Gl&uuml;ck summte in seinem Kopf. Der Garde hatte sehr
+ernst und v&auml;terlich mit ihm geredet. Alles hatte er ihm
+bekennen m&uuml;ssen, was er das Jahr lang als Rebell erlebt hatte.
+Dann hatte er ihm in die Hand versprochen,
+da&szlig; er sein Leben lang nie mehr mit Kaplan Johannes
+verkehre und dem Presi nichts nachtragen wolle.</p>
+
+<p>&raquo;Nein &mdash; nein,&laquo; versicherte Josi, er war ja &uuml;bergl&uuml;cklich,<span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181">[Pg 181]</a></span>
+da&szlig; er durch den Streich des Presi wieder unter
+die rechten Menschen gekommen war.</p>
+
+<p>So viel war der grausame Hieb schon wert.</p>
+
+<p>Da schlarpte der letzk&ouml;pfige Pfaffe heran und redete
+dem Burschen, der in einem h&uuml;bschen Kleid aus einem
+alten Sonntagsgewand des Garden steckte, schmeichelnd
+zu: &raquo;Du liebes S&ouml;hnchen, komme mit mir &mdash; bei Fegunden
+baue ich eine Einsiedelei &mdash; du bist es mir f&uuml;r den
+Winter schuldig, da&szlig; du mir sommers&uuml;ber Krystalle
+suchst. Im Herbst will ich dich loslassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gebt Euch keine M&uuml;he, Johannes, mit Euch bin
+ich fertig,&laquo; erwiderte Josi, den Blick verachtungsvoll von
+seinem Peiniger wendend.</p>
+
+<p>Da w&uuml;tete der Schwarze gr&auml;&szlig;lich: &raquo;O du r&auml;udiges
+Schaf &mdash; du L&uuml;gner &mdash; du teuflischer Judas. &mdash; Deinetwegen
+werde ich aus St. Peter vertrieben &mdash; Du Satansaas!
+&mdash; du vom Teufel Gezeichneter &mdash; du ekliger D&auml;mon!
+&mdash; ich wei&szlig; es, du liebst den Balg des Presi noch,
+aber auf des Teufels Gro&szlig;mutter reite ich, wenn ihr die
+H&auml;nde nacheinander streckt, zwischen euch; meine wei&szlig;e
+Seele werfe ich daf&uuml;r hin, da&szlig; ihr nie zusammenkommt.&laquo;</p>
+
+<p>Josi l&auml;chelte &uuml;ber die Ohnmacht des Tobenden: &raquo;Thut,
+so w&uuml;st Ihr wollt, ich glaube nicht an Eure schwarze
+Kunst.&laquo;</p>
+
+<p>Mit entsetzlichen Fl&uuml;chen ging der Kaplan. Josi
+l&auml;chelte immer noch vertr&auml;umt in sich hinein. In die
+Schl&auml;frigkeit der Genesung gaukelten die lieblichsten Bilder:
+Binia und Vroni! &mdash; Vroni und Binia! Es war
+ihm, als habe die Begegnung mit Binia im Teufelsgarten
+allen seinen Gedanken eine andere Richtung gegeben, sein
+Wesen mit Licht &uuml;bergossen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182">[Pg 182]</a></span>Wie ein Engel war sie in den dunklen Kreis seines
+Elends getreten, er sch&auml;mte sich, da&szlig; er sie so viele Jahre
+in seinem Herzen nie anders als die &raquo;Giftkr&ouml;te&laquo; genannt
+hatte. Er sann allerlei sch&ouml;ne Namen aus f&uuml;r sie. Glich
+sie nicht jenem leuchtenden Krystall, den man Tautropfen
+nennt?</p>
+
+<p>&raquo;Tautr&ouml;pfchen, Tautr&ouml;pfchen, du liebes, wo bist du
+jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>In seiner Brust brannte das Mitleid mit der, die
+seinetwegen aus dem Thale hatte gehen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Der Garde hatte ihn zwar eindringlich gemahnt,
+da&szlig; er sich jeden Gedanken an Binia aus dem Kopf
+schlage, das sei &uuml;berspanntes Zeug, aber ihm klang es
+immer in den Ohren: &raquo;Wenn du keinen Fetzen auf dem
+Leib h&auml;ttest und noch zehnmal mehr L&auml;use auf dem Kopf
+&mdash; o Josi &mdash; ich liebte dich doch.&laquo; Das rauschte wie
+Orgelton durch seine Sinne; wenn es auch der Garde
+nicht ausdr&uuml;cklich gew&uuml;nscht h&auml;tte, so h&auml;tte er es schon
+um Binia gethan: er sagte keinem Menschen, woher der
+h&auml;&szlig;liche rote Strich auf seiner Wange kam.</p>
+
+<p>Daf&uuml;r mu&szlig;te er es freilich dulden, da&szlig; ihn jeder,
+der des Weges ging, mit neugieriger Scheu betrachtete
+und die Leute von St. Peter es einander zuraunten:
+&raquo;Seht, der Kaplan Johannes hat doch recht, der Teufel
+hat den Rebellen gezeichnet, damit er ihn kennt, wenn
+er ihn holen kann.&laquo;</p>
+
+<p>Die Geschichte machte dem Garden <a name="corr_7" id="corr_7"></a><a href="#corr_note_7" class="correction" title="schwerer zu schaffen">schwerer</a> als Josi
+selbst. Mit gelassener Ruhe suchte er f&uuml;r den Burschen
+bei rechtschaffenen Leuten einen neuen Dienst, erhielt aber
+&uuml;berall ausweichenden Bescheid: &raquo;Ja, als er zu B&auml;lzi
+kam, h&auml;tten wir ihn auch genommen, aber jetzt &mdash; man<span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183">[Pg 183]</a></span>
+wei&szlig; nicht, was er in dem Jahr aufgelesen hat und
+einem ins Haus bringen w&uuml;rde. Und hat er nicht St. Peter
+anz&uuml;nden wollen?&laquo;</p>
+
+<p>Doch forderte wenigstens niemand mehr, da&szlig; man
+ihn ins Gef&auml;ngnis werfe. Den breiten, schwerf&auml;lligen
+Garden aber hielt das Dorf f&uuml;r einen gutm&uuml;tigen Narren.</p>
+
+<p>Der obdachlos gewordene Kaplan Johannes ging erst
+aus der Gemeinde, als man ihn bei knappstem Futter
+einige Tage eingesperrt hatte. Sein Abschied waren
+gr&auml;&szlig;liche Fl&uuml;che auf den Presi: &raquo;Holt der Satan nicht
+ihn,&laquo; schwor er mit rollenden Augen, &raquo;so holt er sein
+Kind.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi hatte aber genug Arbeit mit den Fremden,
+die wieder nach St. Peter kamen und mit fr&ouml;hlichem
+Lachen durch das Bergthal schweiften &mdash; Schweizer,
+Deutsche, Franzosen und &mdash; der erste Engl&auml;nder. Auf
+diesen war er besonders stolz, erst die Engl&auml;nder gaben
+seiner Meinung nach einer Sommerfrische die Vornehmheit,
+die man sich w&uuml;nschte.</p>
+
+<p>Ein Lord war nun freilich George Lemmy nicht,
+aber &mdash; was fast ebensoviel bedeutete &mdash; ein Ingenieur
+der britischen Regierung in Indien.</p>
+
+<p>Er war bergsteigerm&auml;&szlig;ig gekleidet, trug Nagelschuhe,
+gr&uuml;nwollene Str&uuml;mpfe mit gew&uuml;rfeltem Muster, graue
+Kniehosen, graue Jacke und gr&uuml;nen Filz. Er war ein
+Drei&szlig;iger mit blondem, kurzgeschnittenem, zugespitztem
+Bart, gelblichem, ausgemergeltem Gesicht, prachtvollen
+Z&auml;hnen, ein Mann von beinahe schw&auml;chlichem K&ouml;rperbau,
+aber von &uuml;berraschender Energie des grauen Auges und
+der Haltung. Er wu&szlig;te immer genau, was er wollte,
+und setzte es mit einer gewissen Sch&auml;rfe durch. Und als<span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184">[Pg 184]</a></span>
+der Presi die wissenschaftlichen Apparate sah, die sich
+<a name="corr_8" id="corr_8"></a><a href="#corr_note_8" class="correction" title="Im Originaltext &quot;Georg&quot;">George</a> Lemmy nachf&uuml;hren lie&szlig;, galt es ihm f&uuml;r ausgemacht,
+da&szlig; er ein Besonderer sei.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Herr B&auml;renwirt, h&auml;tte ich gern einen vertrauensw&uuml;rdigen
+Mann oder Burschen, der nicht ganz
+auf den Kopf gefallen ist, als Tr&auml;ger und Begleiter.&laquo;
+Der Engl&auml;nder sprach sein Deutsch gut, wenn auch mit
+stark englischer Betonung.</p>
+
+<p>Der Presi stellte ihm den lustigen Th&ouml;ni Grieg zur
+Verf&uuml;gung. George Lemmy pfiff eine Melodie vor sich
+her und ma&szlig; den Burschen mit einem scharfen Blick:
+&raquo;Well, ich will ihn pr&uuml;fen!&laquo; Aber am dritten Tag kam
+er wieder: &raquo;Ich mag Th&ouml;ni nicht, er schwatzt mir zu
+viel, er ist eingebildet wie ein Hahn und schwindelt, da&szlig;
+die ganze Geographie dieser Gegend ins Wanken kommt.&laquo;</p>
+
+<p>Da machte der Presi ein langes Gesicht: Was verstand
+der frisch angekommene Engl&auml;nder von der Gegend?
+Er wagte einige Einwendungen, man sei mit Th&ouml;ni bis
+jetzt immer zufrieden gewesen, der Ingenieur aber schlug
+seine Karten auf und erkl&auml;rte dem Presi die Aufschneidereien
+Th&ouml;nis mit Heftigkeit.</p>
+
+<p>Der Presi stand und that so, als ob er auch etwas
+von den Karten verst&auml;nde, und seufzte verlegen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will mir selbst einen Mann suchen.&laquo; Damit
+klappte der Ingenieur die Karten zusammen. Er hatte
+sich beim Presi in einen gro&szlig;en Respekt gesetzt, Th&ouml;ni
+aber, der sonst so aufgeblasene junge Herr, schlich herum
+wie ein gez&uuml;chtigter Hund. Er wu&szlig;te es schon, wie oft
+er die Fremden mit den tollsten Angaben beschwindelt
+hatte. Jetzt war er an den Unrechten geraten. Und
+der Presi sah's kommen: Sein erster Engl&auml;nder fand<span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185">[Pg 185]</a></span>
+in St. Peter keinen, der mit ihm ging &mdash; er reiste
+wieder ab.</p>
+
+<p>Nein, nach einer Stunde kehrte der Ingenieur zur&uuml;ck,
+pfiff vor sich her und lachte befriedigt: &raquo;Ich habe ihn
+schon &mdash; habe ihn schon&laquo; &mdash; und rief Josi Blatter, der
+etwas z&ouml;gerte, vor dem Presi zu erscheinen, lustig zu:
+&raquo;Komm, zeige dich, Boy!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Teufel auch,&laquo; knirschte der B&auml;renwirt leis, und
+als er die rote Narbe auf der Wange des Burschen sah,
+ging ihm doch ein Stich durch die Brust.</p>
+
+<p>&raquo;Josi, ist der Garde auch einverstanden, da&szlig; Ihr
+Bergf&uuml;hrer werdet?&laquo;</p>
+
+<p>Josi war &uuml;ber zweierlei verwundert, &uuml;ber den freundlichen
+Ton, den der Presi anschlug, und dar&uuml;ber, da&szlig; er
+ihn mit &raquo;Ihr&laquo; anredete. Er stotterte es beinahe: &raquo;Ja,
+ich finde halt sonst nichts zu thun.&laquo;</p>
+
+<p>So war's! Mit schwerem Herzen hatte der Garde,
+als die Augen des Jungen hoffnungsvoll aufflammten,
+eingewilligt, da&szlig; er mit dem Fremden gehe. Nur aus
+bitterer Verlegenheit, nur weil sich niemand des Burschen
+annehmen wollte, weil die Gardin stets &uuml;ber den ungebetenen
+Kostg&auml;nger murrte, obgleich der kaum Wiedergenesene
+&uuml;berall t&uuml;chtig zugriff, wo er etwas zu thun sah.</p>
+
+<p>&raquo;Was denkt das Dorf? &mdash; Wohl, er, er, der Garde,
+helfe mit am Hudligwerden!&laquo;</p>
+
+<p>Als der Presi den Bescheid des Garden h&ouml;rte, l&auml;chelte
+er sonderbar befriedigt, aber Josis Gesicht verfinsterte
+sich, er erriet, was sein Gegner dachte, und der Engl&auml;nder
+mit den stechend klugen Augen merkte, da&szlig; die
+beiden &uuml;bers Kreuz standen. Lustig sagte er: &raquo;Bitte,
+besorgen Sie meinem Boy ein Nest, er kann, wo er bis<span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186">[Pg 186]</a></span>
+jetzt gewohnt hat, nicht bleiben. Haben Sie im B&auml;ren
+einen Schlupf f&uuml;r ihn?&laquo;</p>
+
+<p>Das war nun dem Presi doch zu viel. Er ging zu
+den armen Leuten, die in Josis Vaterhaus wohnten, und
+mietete dort f&uuml;r den Burschen das Dachk&auml;mmerchen, in
+dem er zu Lebzeiten seiner Eltern geschlafen hatte. Ein
+saurer Gang, aber der Presi wollte es mit dem Garden,
+der das H&auml;uschen und den Acker verwaltete, nicht ganz
+verderben und der grollte ihm wegen Josi schwer.</p>
+
+<p>Als er zur&uuml;ckkam, meinte Th&ouml;ni eifers&uuml;chtig: &raquo;Ihr
+werdet es doch nicht zugeben, da&szlig; der Rebell F&uuml;hrer
+wird!&laquo;</p>
+
+<p>Da schnauzte ihn der Presi an: &raquo;Ich glaube, da&szlig;
+der eher auf einen gr&uuml;nen Zweig kommt als du.&laquo;</p>
+
+<p>Th&ouml;ni hatte seine Schw&auml;chen. Das wu&szlig;ten nicht
+nur der B&auml;renwirt und seine Frau, sondern bald auch
+die G&auml;ste. Die Damen, die in der Sommerfrische waren,
+trieben h&auml;ufig ihren heimlichen Ulk mit dem fr&ouml;hlichen
+Jungen, indem sie seine kleinst&auml;dtische Galanterie herausforderten
+und dann mit ihrem Spott &uuml;ber ihn fielen.</p>
+
+<p>Das brachte den Wirtsleuten manchen stillen Aerger
+und oft donnerte der Presi: &raquo;Herrgott, Th&ouml;ni, so ziehe
+doch einmal die Bubenschuhe aus. Du bist ja der Narr
+aller.&laquo;</p>
+
+<p>Dann stellte sich der sch&ouml;ne Th&ouml;ni einige Tage beinahe
+hochm&uuml;tig gegen die Fremden, aber er erlag ihren
+Schelmereien immer wieder.</p>
+
+<p>Jetzt merkte er erst, wie wild der Presi &uuml;ber seinen
+Mi&szlig;erfolg bei dem Engl&auml;nder war, und nachdem er zuerst
+mit dem gr&ouml;&szlig;ten Hohn auf Josi Blatter gesehen, ha&szlig;te
+er ihn. Eines nur lie&szlig; ihn den Engl&auml;nder leicht verschmerzen,<span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187">[Pg 187]</a></span>
+die Lasten, die er dem Rebellen zu tragen
+aufb&uuml;rdete!</p>
+
+<p>Jeden Morgen erwartete Josi seinen Ingenieur und
+schleppte ihm die Instrumente, insbesondere den photographischen
+Apparat, nach. George Lemmy photographierte,
+indem er dazu fortw&auml;hrend pfiff, Berge, H&auml;user,
+B&auml;ume, Viehgruppen, spielende Kinder. Selten aber
+sprach er ein &uuml;berfl&uuml;ssiges oder gar ein freundliches Wort
+zu seinem Gehilfen, doch gab es in seinem Verkehr so
+viel Neues zu sehen, da&szlig; Josi das Leben &uuml;beraus kurzweilig
+erschien. Er lernte die Instrumente handhaben
+und die Furcht, sein Herr w&uuml;rde ihn eines Tages entlassen,
+verschwand vor dem begl&uuml;ckenden Gef&uuml;hl, da&szlig; er
+ihm n&uuml;tzlich sei.</p>
+
+<p>Freilich, hart genug lie&szlig; es ihm der Ingenieur werden,
+doch just, wenn er mit den letzten Kr&auml;ften noch aushielt,
+indem er an die guten Vors&auml;tze dachte, die er in
+der Einsamkeit seines Rebellentums gefa&szlig;t hatte, l&auml;chelte
+sein Herr: &raquo;Boy, ich glaube, wir arbeiten gut zusammen.&laquo;</p>
+
+<p>George Lemmy war einer von denen, die mit sich
+selbst und anderen erst zufrieden sind, wenn sie von der
+M&uuml;he des Tages am Abend zusammenbrechen.</p>
+
+<p>Eines Tages drohten ihm die von St. Peter, sie
+w&uuml;rden ihm die Bildermaschine zusammenschlagen, wenn
+er sie und ihre H&auml;user damit nicht unbehelligt lie&szlig;e; nun
+war er w&uuml;tend &uuml;ber die &raquo;Pfahlbauern&laquo;, wie er sie nannte,
+und sein Zorn wuchs noch, als der Presi, der &raquo;Oberpfahlbauer&laquo;,
+erkl&auml;rte, er k&ouml;nne ihn nicht sch&uuml;tzen, man
+m&uuml;sse die von St. Peter nehmen, wie sie seien.</p>
+
+<p>Abreisen! &mdash; Allein George Lemmy war verliebt in
+das Glotterthal und wandte nun seine Aufmerksamkeit<span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188">[Pg 188]</a></span>
+den heligen Wassern zu. Ihretwegen war er ja eigentlich
+ins Thal gewandert.</p>
+
+<p>Er war von Br&auml;ggen im Oberland nach Hospel gekommen
+und hatte dort zuf&auml;llig ein &uuml;berraschendes Volksbild
+erlebt. Ein Ausrufer gab unter Trommelschlag den
+Leuten, die aus der Kirche str&ouml;mten, bekannt, da&szlig; die
+Versteigerung eines &raquo;Baches&laquo; stattfinde. Neugierig schaute
+er zu, wie sich die Bauern in ihren halbleinenen Hosen
+und roten Westen sammelten, wie die Frauen, M&auml;dchen
+und Buben sich in ihren malerischen Trachten an die
+blumenumsponnene Kirchhofmauer lehnten, auf der Stra&szlig;e
+der Pr&auml;sident, der Garde und der Schreiber von Hospel
+Stellung nahmen und einen von den hundert F&auml;den,
+in die sich die heligen Wasser beim Flecken teilen, f&uuml;r den
+Sommer versteigerten. Sie schlugen ihn dem Meistbietenden
+zu, der damit das Recht erlangte, den Faden Woche
+um Woche w&auml;hrend drei Tagen zu benutzen. Jedes
+Angebot malte der Schreiber mit gro&szlig;en Zahlen an
+ein Scheunenthor, damit jedermann ein klares Bild
+vom Gang der Steigerung erhalte, und aus dem Eifer,
+mit dem die Bauern boten, sp&uuml;rte der Ingenieur, wie
+wichtig ihnen der Besitz des Wassers sei. Bei der Gasttafel
+sprach er mit dem Kreuzwirt dar&uuml;ber: &raquo;Warum
+versteigert man das Wasser nur f&uuml;r die ersten Tage der
+Woche?&laquo; &mdash; &raquo;Nach einem alten Gesetz geh&ouml;rt es Donnerstag,
+Freitag und Samstag jedermann, also den
+Armen.&laquo; Und sie redeten von den heligen Wassern so
+lange, bis den Ingenieur eine gro&szlig;e Neugierde daf&uuml;r
+gefa&szlig;t hatte.</p>
+
+<p>Jetzt studierte er sie. Er ma&szlig; und photographierte
+ihren Einla&szlig; am Gletscher, folgte den K&auml;nneln, bestimmte<span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189">[Pg 189]</a></span>
+an vielen Stellen zwischen St. Peter und Hospel die
+W&auml;rme des Wassers, merkte sich die Gef&auml;lle, die Wassermengen,
+die durchflossen, verpfropfte zahlreiche Wasserproben
+und zeichnete drau&szlig;en in den Reben von Hospel
+die geeichten eisernen Schaufeln und Scheiben, mit denen
+die Winzer die Verteilung des Wassers besorgen.</p>
+
+<p>Josi verstand nicht alles und sah den Zweck nicht
+f&uuml;r alles ein, was der Ingenieur that, aber er spitzte
+die Ohren und h&ouml;rte es gerne, wenn George Lemmy
+&uuml;ber die heligen Wasser sprach.</p>
+
+<p>Der Engl&auml;nder forschte nach hundert kleinen Dingen,
+und wenn ihn die anderen G&auml;ste foppend fragten, ob er
+denn nicht mehr von der gro&szlig;en Klapperschlange loskomme,
+antwortete er lachend: &raquo;Lassen Sie mich. Sie ist ein
+merkw&uuml;rdiges St&uuml;ck Bauerngenie, ein Riesenlaboratorium
+der Natur. Hier meine chemischen Ergebnisse: Die Leitung
+f&uuml;hrt in ihren Wassern jede Woche hundert Zentner
+Schlamm, darunter zehn Pfund reine Phosphors&auml;ure,
+sieben Pfund Kali und hundertf&uuml;nfzehn Pfund Bittererde.
+Stattliche D&uuml;ngerfabrik, was? Und der analytischen
+Wertung entspricht die praktische Erfahrung.
+Dr&uuml;ben am Hochpa&szlig; haben Sie die W&auml;sserwasserfuhre
+der Lissa. Als vor zwanzig Jahren ein Erdbeben sie
+auf weite Strecken zerst&ouml;rte, konnte, wie amtlich belegt
+ist, die Berggemeinde Zuenzirbeln bald nur noch f&uuml;nfzig
+St&uuml;ck Vieh erhalten, w&auml;hrend vorher zweihundert reichliche
+Weide auf ihrem Gebiet gefunden. So giebt es
+genug Nachweise, da&szlig; die sonnenwarmen Gletscherwasser
+den Ertrag des Bodens verdrei- und verf&uuml;nffachen. Lassen
+Sie also die Heligen ruhig klappern &mdash; ich erw&auml;ge sogar
+ernsthaft, ob ich der britischen Regierung nicht vorschlagen<span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190">[Pg 190]</a></span>
+will, da&szlig; sie vom Himalaja herunter in benachbarte
+Distrikte Indiens &auml;hnliche Leitungen baue.&laquo;</p>
+
+<p>W&ouml;rter, die Josi nie zuvor geh&ouml;rt, schwirrten
+ihm im Verkehr mit dem Ingenieur um den Kopf
+und die heligen Wasser schienen ihm, seit sich George
+Lemmy damit besch&auml;ftigte, selber viel wunderbarer als
+je zuvor.</p>
+
+<p>Eines Tages schritt er mit George Lemmy den
+schwindligen Weg &uuml;ber die K&auml;nnel an den Wei&szlig;en Brettern,
+und mit Staunen sahen Einheimische und Fremde
+die beiden Akrobaten an den schimmernden W&auml;nden.</p>
+
+<p>Josi war es ein unverge&szlig;licher Tag. Als er an der
+Stelle stand, wo sein Vater gest&uuml;rzt war, pochte sein
+Herz in der Brust, und als sie in der Mitte des schrecklichen
+Pfades, das in leichten Dunst getauchte Thal tief
+unter sich, eine Viertelstunde ruhten, da ging ihm der
+Mund &uuml;ber und er erz&auml;hlte dem Ingenieur das Leiden
+und Sterben des Vaters.</p>
+
+<p>George Lemmy sagte auffallend wenig dazu, er war
+und blieb der trockene Engl&auml;nder. Aber Josi f&uuml;hlte doch
+seinen Blick der Teilnahme. Erst als sie aufstanden, meinte
+Lemmy fast scherzhaft: &raquo;Josi, neunzehnj&auml;hriger Boy,
+werde Ingenieur und f&uuml;hre die Leitung sicher durch die
+Felsen. Es giebt jetzt in unserer Wissenschaft Mittel genug,
+da&szlig; man auch diese Schlange z&auml;hmt. Nicht wahr,
+das w&auml;re ein Streich f&uuml;r die Pfahlbauer von St. Peter,
+wenn es keine Wasserfron mehr g&auml;be.&laquo;</p>
+
+<p>Ein j&auml;hes Feuer flammte aus den Augen Josis.</p>
+
+<p>Er schwieg, aber vor Erregung konnte er auf der
+zweiten H&auml;lfte des schmalen Weges fast nicht gehen.</p>
+
+<p>Als sie am Abend ins Dorf zur&uuml;ckkamen, schlang<span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191">[Pg 191]</a></span>
+Vroni die Arme um den Bruder: &raquo;O, was die Leute
+sagen! Weil du unn&ouml;tig &uuml;ber die K&auml;nnel an den Wei&szlig;en
+Brettern gegangen bist, so habest du f&uuml;r die n&auml;chste
+Wassertr&ouml;stung das Los auf dich gezogen.&laquo;</p>
+
+<p>Da l&auml;chelte Josi k&uuml;hl geheimnisvoll: &raquo;Die Leute
+sagen, wenn der Tag lang ist, viele Thorheiten &mdash; aber
+ich glaube selbst, da&szlig; ich einmal wie unser Vater selig
+an die Wei&szlig;en Bretter steigen mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Vroni sah ihn erbebend an: &raquo;Josi, du bist fr&uuml;her
+ein so artiger lieber Bub gewesen, und jetzt bist du ein
+so Besonderer worden, so ein Geheimnisvoller, da&szlig; es
+mir bald wie den anderen Leuten geht, da&szlig; ich dich zu
+scheuen und zu f&uuml;rchten anfange.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sei nicht so n&auml;rrisch, Vroneli,&laquo; schmeichelte Josi
+und blickte zuf&auml;llig nach den Firnen der Krone.</p>
+
+<p>&raquo;Am Ende gehst auch noch dort hinauf, wo die
+armen Seelen hausen! Josi! Versprich es mir, da&szlig; du
+es nicht thust. Denke an den seligen Vater, denke an
+die selige Mutter!&laquo;</p>
+
+<p>Je inniger das M&auml;dchen flehte, um so finsterer zog
+der Bruder das Gesicht: &raquo;Alle Tage denke ich an sie, aber
+wenn George Lemmy es w&uuml;nscht, so gehe ich mit ihm
+auch auf die Krone. In jedem folge ich ihm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann st&uuml;rzest du dich ins Ungl&uuml;ck,&laquo; jammerte das
+M&auml;dchen. Josi aber schritt mit einem nachdenklichen
+L&auml;cheln in sein Nachtquartier.</p>
+
+<p>&raquo;Was man doch um einen so lieben Bruder f&uuml;r
+Kummer hat!&laquo; Vronis sch&ouml;ne blaue Augen wurden tr&uuml;b.
+Als indessen der Anteil des fremden Ingenieurs auch
+stark f&uuml;r die Sagen erwachte, die um die heligen Wasser
+gingen, und ihn Josi, der im Erz&auml;hlen nicht besonders<span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192">[Pg 192]</a></span>
+gewandt war, zu ihr f&uuml;hrte, da hatte sie ihre helle
+Freude an dem aufmerksamen Zuh&ouml;rer.</p>
+
+<p>Bei Vroni sa&szlig; der Fremde an der vollen Quelle.
+Dem Bruder zuliebe besiegte sie die Scheu vor ihm, und
+dem Ingenieur gefiel das blonde sch&ouml;ne M&auml;dchen, das
+seine Geschichten in der vollklingenden alten Sprache des
+Thales erz&auml;hlte, ausnehmend gut.</p>
+
+<p>Er behandelte es mit Auszeichnung. &raquo;Ein Brigante
+wie du bist, hat so ein Edelwei&szlig; zur Schwester!&laquo; scherzte
+er zu Josi.</p>
+
+<p>&raquo;Und also f&uuml;gt es Brauch und Gesetz,&laquo; erz&auml;hlte sie
+mit err&ouml;tenden Wangen, die H&auml;nde &uuml;ber das Knie geschlagen,
+&raquo;wenn ein Jungknabe ein M&auml;dchen lieb hat
+und will mit ihm ein eigenes Feuer machen, so mag er
+sich beim Garden melden, da&szlig; er ihm einen Sommer lang
+in der Bestellung der heligen Wasser zudiene und in der
+Wasserpflicht erfahren in den Stand des Hausvaters trete.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ein Jungknabe, der Knechtlein oder sonst
+geringen Standes ist, ein M&auml;dchen liebt und es vom
+Vater nicht erlangen kann, mag er die Liebe dem Garden
+darlegen und glaubhaft darthun, da&szlig; die Jungfrau
+einer Seele mit ihm sei, und legt er vor dem Garden
+und der Gemeinde das Gel&uuml;bde ab, da&szlig; er beim n&auml;chsten
+Leitungsbruch an die Wei&szlig;en Bretter steige, so soll der
+Gemeinderat Freiwerber f&uuml;r ihn werden. Will aber der
+Vater des M&auml;dchens nicht einwilligen, so sollen die Nachtbuben
+und wer will unstrafbar den Lauf haben, ihn und
+sein Haus zu verh&ouml;hnen und dem Werber zu helfen, bis
+der Vater die Jungfrau dem Jungknaben giebt.&laquo;</p>
+
+<p>Josi brannte das Gesicht, unruhig vor innerer Bewegung
+h&ouml;rte er zu, obgleich er die Satzungen schon kannte.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193">[Pg 193]</a></span>Vroni sah es wohl. &raquo;Wegen Binia,&laquo; dachte sie.</p>
+
+<p>Die Freude des Ingenieurs an Josi wuchs und er
+befreundete sich auch mit dem Garden.</p>
+
+<p>Eines Tages erfuhren die Geschwister aus dem Gespr&auml;ch
+der beiden, wer George Lemmy eigentlich sei. Er
+habe zuerst, erz&auml;hlte er, an einer Hochschule in England,
+dann zwei Jahre in der deutschen Schweiz studiert und
+auf sommerlichen Exkursionen die Bergwelt lieb gewonnen.
+Sp&auml;ter sei er nach Indien gegangen, wo schon sein
+Vater Kolonialbeamter gewesen, und dort baue er im
+Auftrag der Regierung Stra&szlig;en und Eisenbahnen. Das
+Klima sei aber unzutr&auml;glich, und nachdem er f&uuml;nf Jahre
+in dem hei&szlig;en Land gearbeitet habe, sei er gen&ouml;tigt
+gewesen, l&auml;ngeren Urlaub zu nehmen. Den Sommer
+verbringe er jetzt im Gebirge, doch nicht blo&szlig;, um die
+Sch&ouml;nheiten des Landes zu genie&szlig;en, sondern auch
+um einen oder zwei t&uuml;chtige Bergf&uuml;hrer anzuwerben.
+Er brauche die Leute als Pioniere beim Bau von Stra&szlig;en,
+die man bed&uuml;rfe, um die kleinen wilden Gebirgsv&ouml;lker,
+welche die indische Nordgrenze unsicher machen, besser bek&auml;mpfen
+zu k&ouml;nnen. Ein F&uuml;hrer, den er von fr&uuml;her her
+kenne, sei schon geworben, Felix Indergand zu Br&auml;ggen,
+und im Herbst wollen sie gemeinsam nach Indien reisen.</p>
+
+<p>&raquo;Felix Indergand kenne ich von manchem Markt,
+das ist ein rechtschaffener und einsichtiger Mann,&laquo; sagte
+der Garde. &raquo;Da habt Ihr einen T&uuml;chtigen geworben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn ich nun auch den zweiten h&auml;tte,&laquo; antwortete
+Lemmy.</p>
+
+<p>Josi taumelten die Sinne, Tag und Nacht dachte
+er nichts anderes, als ob wohl George Lemmy nicht ihn
+einladen w&uuml;rde, mit ihm nach Indien zu gehen. Was<span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194">[Pg 194]</a></span>
+w&uuml;rde er dann thun? Ein freudiges &raquo;Ja!&laquo; w&uuml;rde er
+ihm zujubeln. St. Peter war f&uuml;r ihn doch kein Boden
+mehr und kein Gl&uuml;ck. Was sollte er im Dorf beginnen,
+wenn der Ingenieur wieder abgereist war?</p>
+
+<p>Vroni ahnte die Pl&auml;ne des Bruders. Als Josi eines
+Tages freudvoll zu ihr gest&uuml;rmt kam, fragte sie erschreckt:
+&raquo;Hat dich Lemmy nach Indien angeworben, da&szlig; du so
+rote Wangen hast?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; erz&auml;hlte er hastig, &raquo;aber wei&szlig;t du, wo
+Binia ist, ich wei&szlig; es! Der Knecht des Fenken&auml;lplers
+war mit einer Viehherde im Welschland. Da hat er sie
+gesehen, wie sie mitten unter Klostersch&uuml;lerinnen ging.
+Das Kloster hei&szlig;t Santa Maria del Lago und liegt an
+einem sch&ouml;nen See. Denke, er hat mit ihr geredet,
+aber es war eine Nonne dabei &mdash; Bini l&auml;&szlig;t dich und
+mich gr&uuml;&szlig;en!&laquo;</p>
+
+<p>Josis Augen strahlten, der Gru&szlig; war f&uuml;r ihn eine
+Welt voll Sonne.</p>
+
+<p>Nun hoffte Vroni, der Gedanke an Binia werde
+Josi in St. Peter zur&uuml;ckhalten, aber &mdash; blieb er, so stieg
+er wohl bei der n&auml;chsten besten Gelegenheit f&uuml;r Binia
+an die Wei&szlig;en Bretter und fiel wie der Vater zu Tode.</p>
+
+<p>Die Kunde, da&szlig; Binia im Kloster Santa Maria
+del Lago jenseits des Hochpasses sei, erregte im Dorf
+gro&szlig;e Verwunderung, namentlich als man von Hospel aus
+erfuhr, die besondere Th&auml;tigkeit der Nonnen der frommen
+Anstalt sei die Besserung solcher M&auml;dchen aus wohlhabenden
+Familien, die sich irgend einen leichtsinnigen Streich
+hatten zu schulden kommen lassen oder auf deren Lebenswandel
+ein Makel lag. Fast mit Schaudern sprach man
+von den grausamen Mitteln, welche die frommen Damen<span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195">[Pg 195]</a></span>
+anwenden, um ihre wilden Z&ouml;glinge zu z&auml;hmen, die Dunkelzelle,
+das genagelte Scheit, auf das die S&uuml;nderinnen so
+und so viel Stunden knieen m&uuml;&szlig;ten, den Hunger, das
+Nichtschlafenlassen, das Bespritzen mit kaltem Wasser.</p>
+
+<p>Um so mehr erregte der Aufenthalt Binias an
+diesem Ort Aufsehen in St. Peter. &raquo;Was hat sie verbrochen?&laquo;
+&mdash; Dar&uuml;ber gr&uuml;belte man, und dann l&ouml;ste die
+alte Susi in Tremis den erstaunten D&ouml;rflern den Knoten:
+&raquo;Binia und Josi Blatter haben vom Kaplan Johannes
+den b&ouml;sen Segen empfangen, da&szlig; sie nicht voneinander
+lassen k&ouml;nnen. Jetzt wird sie im Kloster enthext.&laquo;</p>
+
+<p>Da man nichts Besseres wu&szlig;te, so glaubte man der
+Erz&auml;hlung der Alten. Um so mehr, als der Kaplan, der
+von seinem Fuchsbau an der Berghalde von Fegunden aus
+immer etwa heimlich nach St. Peter kam, die Thatsache
+nicht in Abrede stellte, sondern nur geheimnisvoll l&auml;chelte
+und die lodernden Augen vielsagend spielen lie&szlig;.</p>
+
+<p>Nun sah man den Rebellen, der auf einer Wange
+das Zeichen des Teufels trug, erst recht mit scheelen
+Blicken an.</p>
+
+<p>Dem Presi lag es schief, da&szlig; der Aufenthalt Binias
+bekannt geworden war, ein Schatten fiel damit auf die
+Hausehre, obgleich es um das Kloster nicht so schlimm
+stand, wie die D&ouml;rfler erz&auml;hlten. W&auml;re er nur den
+Warnungen des Kreuzwirtes in Hospel gefolgt! Von Anfang
+Sommer bis jetzt war in qu&auml;lender Gleichf&ouml;rmigkeit
+die Frage: &raquo;Wo ist denn Ihre alpige Rose, Ihr Herzensm&auml;dchen?&laquo;
+Tage um Tage, Stunde um Stunde wiedergekehrt.
+Dazu Ausdr&uuml;cke des Bedauerns, die man nur
+mit L&uuml;gen beantworten konnte. Und ihm selbst fehlte
+sie, die z&auml;rtliche Maus, das V&ouml;gelchen mit den dunklen<span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196">[Pg 196]</a></span>
+Augen, in denen eine so wunderliche Welt schimmerte.
+Die Berichte der Priorin von Santa Maria del Lago
+&uuml;ber Binia lauteten auch nicht sonderlich. Sie bete
+alle Tage zwei Stunden mit einer Schwester f&uuml;r ihre
+Besserung, aber das Kind sei klug wie eine Schlange,
+so weit es ohne Strafe durchschl&uuml;pfen k&ouml;nne, sei es immer
+bereit, sich &uuml;ber die Nonnen lustig zu machen. Und im
+Hintergrund der Briefe versteckt sah der Presi einen frommen
+Drachen, der auf eine Novize lauerte wie der Teufel
+auf eine Seele.</p>
+
+<p>Nein &mdash; nein, siebenmal nein! Keine Braut des
+Himmels wollte er, nein, er selber wollte sich freuen an
+seinem lieben Vogel, an dem z&auml;rtlichen Kind.</p>
+
+<p>Eher als den Nonnen g&auml;be er sie Josi Blatter, dem
+Rebellen.</p>
+
+<p>Aus Emp&ouml;rung &uuml;ber die sonderbare Liebeserkl&auml;rung,
+deren Zeuge er im Teufelsgarten gewesen war, hatte er
+Binia in der Meinung fortgeschafft, da&szlig; sie das siebzehnj&auml;hrige
+K&ouml;pfchen schon breche, wenn sie den furchtbaren
+Ernst seines Willens sehe. Das war wohl n&ouml;tig, denn
+Binia und Josi Blatter kamen jetzt in das Alter, wo
+der Ernst des Lebens beginnt.</p>
+
+<p>Dieser verfluchte Rebell! Er, den man schon tot
+gesagt hatte, lebte so gesund. Jeder andere w&auml;re in dem
+furchtbaren Jahr der Einsamkeit zu Grunde gegangen,
+aber gerade er nicht, sondern er ging jetzt so tr&ouml;stlich
+mit seinem Engl&auml;nder, als h&auml;tte er nie etwas anderes
+gethan. Und merkw&uuml;rdig, dachte der Presi, von dem
+Peitschenhieb, den er auf seine Wange gef&uuml;hrt, wei&szlig; im
+Dorf kein Mensch ein Wort. Der Bursche schwieg auf
+alle Fragen, woher die Narbe komme, wie das Grab, und<span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197">[Pg 197]</a></span>
+ertrug es mit lachendem Mund, wenn die Leute sagten,
+der Hinkende habe einen Hufstreich in sein Gesicht gef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Dieses Benehmen verwirrte den Presi. Ihm war
+manchmal, er m&uuml;sse H&auml;ndel mit dem Burschen anfangen,
+der schlank und gerade wie ein Bolz heranwuchs, das
+N&auml;chstliegende mit klugem Auge erfa&szlig;te, seine Tagesarbeit
+mit z&auml;her Ausdauer that und sich sonst nicht um
+die Welt scherte. Den k&ouml;nnte man, dachte er, t&ouml;ten und
+begraben, am Morgen aber st&auml;nde er wieder da in bl&uuml;hender
+Lebendigkeit und schaute, wenig redend, doch alles
+&uuml;berlegend, mit seinem gescheiten Gesicht um sich.</p>
+
+<p>Ausnehmend gut gefiel Josi der Frau Cresenz.
+&raquo;Merkt Ihr nicht, Pr&auml;sident, da&szlig; das einer ist, der einmal
+euch allen in St. Peter &uuml;ber den Kopf w&auml;chst? Ich
+w&uuml;rde den alten Span, an dem nichts ist, ruhen lassen
+und z&ouml;ge den Vorteil gegen mich. Stellt Josi Blatter
+als F&uuml;hrer ein, wir machen Staat mit ihm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, Pr&auml;sidentin!&laquo; donnerte darauf der B&auml;renwirt,
+&raquo;d&uuml;rfen mir die G&auml;ste nicht mehr selber sagen, was sie
+f&uuml;r th&ouml;richte W&uuml;nsche aushecken &mdash; m&uuml;&szlig;t Ihr ihnen als
+F&uuml;rsprecher dienen? Gott's Wetter, da wird kein Heu
+d&uuml;rr. Wo habt Ihr den Verstand?&laquo;</p>
+
+<p>Eines Tages aber entstand in St. Peter ein gro&szlig;er
+Auflauf von Einheimischen und Fremden. Auf der Spitze
+der Krone sah man zwei schwarze Punkte &mdash; zwei Bergsteiger!
+&raquo;Der Engl&auml;nder und der Rebell,&laquo; rieten die
+Leute gleich, &raquo;es sind gewi&szlig; keine anderen.&laquo; Was im
+Thal an Fernrohren aufzutreiben war, richtete sich auf
+den in erhabener Einsamkeit schwebenden Gipfel des
+reinen Firns. Seit vor f&uuml;nfunddrei&szlig;ig Jahren jener
+Naturforscher ins Thal gekommen und von der Krone<span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198">[Pg 198]</a></span>
+&uuml;ber die Schneel&uuml;cke nach St. Peter niedergestiegen war,
+hatte niemand mehr die wunderbare Spitze betreten.
+Von den Schleiern der Armenseelensage geheiligt schien
+sie den Menschen nichts weiter zu sein als ein g&ouml;ttlicher
+Altar des Lichtes, auf dem der Morgen und der Abend
+ihre Fackeln anz&uuml;ndeten, die Sterne in bleicher Mitternacht
+ruhten und arme Seelen sich b&uuml;&szlig;end auf die Freuden
+des Paradieses vorbereiteten.</p>
+
+<p>Jetzt war der Bann gebrochen. Die Fremden jubelten,
+sie schwangen den K&uuml;hnen zum Gru&szlig; m&auml;chtige
+T&uuml;cher und sahen durch die Ferngl&auml;ser, wie die zwei
+M&auml;nnchen auf der Spitze die Gr&uuml;&szlig;e erwiderten. &raquo;Ein
+patenter Bursche, dieser Boy des Ingenieurs!&laquo; widerhallte
+es im B&auml;ren.</p>
+
+<p>Die Frauen von St. Peter aber jammerten und die
+M&auml;nner tobten: &raquo;Jetzt ziehen die armen Seelen aus,
+das Dorf mu&szlig; untergehen, w&auml;re doch der Rebell im letzten
+Winter erfroren, der bringt Ungl&uuml;ck &uuml;ber das ganze Thal.&laquo;</p>
+
+<p>Die furchtbare Erregung wuchs, einzelne, die meinten,
+die Strafe des Himmels breche sofort herein, r&uuml;steten
+ihre Siebensachen zum Auszug, andere st&uuml;rmten zur Kirche:
+&raquo;L&auml;utet die heiligen Glocken, damit die armen Seelen
+bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>Der Pfarrer, der nicht an die Abgeschiedenen im
+Eise glaubte, erhob Einsprache &mdash; umsonst &mdash; die Glockenkl&auml;nge
+rauschten durchs Thal und vermehrten die Verwirrung.</p>
+
+<p>&raquo;Haben die von St. Peter schon wieder einen Heiligen
+zu verehren, den niemand kennt als sie?&laquo;</p>
+
+<p>So fragten die Fremden verwundert, der Presi und
+Frau Cresenz aber gaben ausweichenden Bescheid.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199">[Pg 199]</a></span>Vroni weinte herzlich: &raquo;Nun ist er doch gegangen!&laquo;</p>
+
+<p>Als die beiden Bergsteiger in der Abendd&auml;mmerung
+todm&uuml;de, aber mit erhobenen H&auml;uptern in das Dorf
+schritten, da ballten sich die F&auml;uste und die Zurufe der
+erz&uuml;rnten D&ouml;rfler schwirrten an Josis Ohr: &raquo;Du Teufelshund
+&mdash; w&auml;rst du doch im letzten Winter beim Kaplan
+verreckt!&laquo;</p>
+
+<p>Und hinter den H&auml;userecken hervor flogen die Steine
+um die K&ouml;pfe der beiden.</p>
+
+<p>Der Presi und der Garde gingen ihnen entgegen,
+beruhigten die schimpfenden Aelpler und Bauern, und
+ihrem Ansehen gelang es, die Tollk&uuml;hnen, ohne da&szlig; sich
+die von St. Peter an ihnen vergriffen, in den B&auml;ren
+zu f&uuml;hren.</p>
+
+<p>Da bereiteten die G&auml;ste, die eben an der Tafel sa&szlig;en,
+den Bergsteigern einen begeisterten Empfang &mdash; besonders
+Josi.</p>
+
+<p>George Lemmy nahm den Vorfall von der fr&ouml;hlichsten
+Seite, mit dem Humor seiner Rase fand er, es
+sei merk- und denkw&uuml;rdig, ein solches Abenteuer erlebt
+zu haben.</p>
+
+<p>&raquo;Bub! &mdash; Ungl&uuml;cksbub! &mdash; was hast du angestellt?
+&mdash; du bist ja deines Lebens nicht mehr sicher im Dorf,
+komm morgen zu mir, wir wollen beraten, was zu
+thun ist,&laquo; knurrte der Garde und ging, nachdem er noch
+mit dem Presi abgeredet hatte, da&szlig; Josi zur gr&ouml;&szlig;eren
+Sicherheit im B&auml;ren schlafe, mit tiefbek&uuml;mmertem Gesicht.</p>
+
+<p>Seine Worte klangen Josi, obgleich ihn die Kletterei
+fast zu Tode ersch&ouml;pft, die ganze Nacht in den Ohren
+wie die Posaunen des Gerichts.</p>
+
+<p>&raquo;Vater &mdash; Mutter,&laquo; jammerte er in sich hinein,<span class='pagenum'><a name="Page_200" id="Page_200">[Pg 200]</a></span>
+&raquo;was habe ich thun k&ouml;nnen, als mit meinem Herrn gehen.&laquo;
+Mit zerschlagenen Gliedern und matten Sinnen erschien
+er am Morgen vor dem Ingenieur.</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme mit dir zum Garden!&laquo; lachte der gutgelaunt.</p>
+
+<p>Der Presi sah, auf der Freitreppe stehend, den beiden
+nach. Er wollte sich wegen der k&uuml;hnen Bergbesteigung
+in einen gro&szlig;en Zorn auf Josi Blatter hineinreden, aber
+es gelang ihm nicht, der Mut des Burschen zwang ihn
+zu heimlicher Hochachtung vor ihm und er dachte an das
+Wort der Frau Cresenz: &raquo;Das ist einer, der euch allen
+in St. Peter &uuml;ber den Kopf w&auml;chst,&laquo; er dachte an Binia
+&mdash; und seufzte.</p>
+
+<p>Am Nachmittag kam der Garde in den B&auml;ren und
+sa&szlig; mit dem Presi lange im oberen St&uuml;bchen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe mit dem Pfarrer geredet,&laquo; berichtete der
+Garde, &raquo;er will die Leute, indem er von Haus zu Haus
+geht, zur Ruhe mahnen und am Sonntag einen Spruch,
+da&szlig; der Glaube an die armen Seelen im Eis eine wahrer
+Fr&ouml;mmigkeit widersprechende Thorheit sei, in die Predigt
+flechten. Ich aber mache mir eine Tods&uuml;nde daraus, da&szlig;
+ich Josi mit dem Ingenieur habe gehen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist ein Satan, der Rebell,&laquo; lachte der Presi,
+&raquo;ich f&uuml;rchte, er ist bald nicht mehr zu b&auml;ndigen &mdash; das
+kommt, weil Ihr ihn immer besch&uuml;tzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, ich habe ihm heute vor dem Ingenieur das
+Kapitel verlesen wie noch nie, aber nicht mit gutem Gewissen,
+Ihr und ich, wir sind verantwortlich f&uuml;r ihn und
+sein Thun. &mdash; Ihr von lange her &mdash; ich, seit ich ihm
+gestattet habe, da&szlig; er mit George Lemmy gehe. &mdash; Im
+&uuml;brigen giebt es eine Aenderung im Leben Josi Blatters<span class='pagenum'><a name="Page_201" id="Page_201">[Pg 201]</a></span>
+&mdash; ladet auf den n&auml;chsten passenden Tag den Gemeinderat
+ein. &mdash; George Lemmy, der Ingenieur, will
+ihn mit nach Indien nehmen. Wie ich den Burschen so
+recht in die Zange gefa&szlig;t habe, hat mich der Engl&auml;nder
+lachend unterbrochen: 'Unn&ouml;tige M&uuml;he!' eine Lobrede
+auf Josi gehalten und bestimmt erkl&auml;rt: 'Ich nehme ihn
+mit mir!'&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Indien!&laquo; Der Presi scho&szlig; auf. Hundert Gedanken
+kreuzten sich in seinem Kopf, am vernehmlichsten
+der: &raquo;Endlich von einem Alpdruck erl&ouml;st!&laquo;</p>
+
+<p>Er beruhigte sich aber und sagte: &raquo;Das will doch
+erwogen sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lemmy hat mir versprochen, da&szlig; er einen rechtschaffenen
+Mann aus ihm mache &mdash; einen Ingenieur,
+so weit es Josis geringe Schulbildung erlaubt &mdash; und,
+ich wei&szlig; nicht warum, ich habe ein seltsames Zutrauen
+zu dem Manne. Ich reise &uuml;brigens morgen eigens nach
+Br&auml;ggen, um mit Felix Indergand zu reden, der auch
+mit Lemmy &uuml;ber das gro&szlig;e Wasser geht. Schlaflos legt
+mich die Geschichte, aber nach allem, was geschehen ist,
+kann Josi nicht in St. Peter bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das stimmt, das stimmt!&laquo; erwiderte der Presi
+k&uuml;hl, &raquo;es ist ein verdammter Streich, den uns die beiden
+gespielt haben. Im &uuml;brigen, wie sind die Bedingungen?
+Mu&szlig; die Gemeinde etwas f&uuml;r ihn zahlen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts! Es ist freie Hin- und R&uuml;ckfahrt verabredet,
+Josi mu&szlig; wenigstens drei Jahre bleiben und wird von
+Lemmy gehalten wie jeder andere, der unter seiner
+F&uuml;hrung steht.&laquo; &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;So &mdash; sonst h&auml;tte ich vielleicht einen Beitrag dran
+gethan!&laquo; &mdash;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_202" id="Page_202">[Pg 202]</a></span>Der Garde sah ihn mit einem Blick an, der ungef&auml;hr
+sagte: &raquo;So steht es also um dein Gewissen, Presi!&laquo;</p>
+
+<p>Als er gegangen war, schritt der Presi schwer auf
+und ab: &raquo;Heimkommen, Binia! &mdash; Die Luft ist rein. &mdash;
+Seppi Blatter, wir wollen daf&uuml;r sorgen, da&szlig; dein Spiel
+verloren ist!&laquo; &mdash; Dann stutzte er: &raquo;Dieser Josi Blatter
+&mdash; der stirbt in Indien nicht. &mdash; Der kommt eines
+Tages wieder heim &mdash; und dann ist die Not um Binia
+gr&ouml;&szlig;er als jetzt. &mdash; Das Kind mu&szlig; jung heiraten.&laquo;</p>
+
+<p>Nicht lange, und die Nachricht, da&szlig; Josi mit seinem
+Engl&auml;nder in ein fernes Land gehe, flog durchs Dorf.
+Man kr&auml;nkte sich sonst in St. Peter, wenn, was bei
+Jahrzehnten nicht vorkam, ein junger B&uuml;rger in die
+Fremde zog. Nach der Meinung der D&ouml;rfler war es
+doch nirgends auf der Welt so sch&ouml;n, lebte es sich so
+gut wie zu St. Peter. Und man betrachtete jeden als
+einen Verlorenen, der sich au&szlig;er Landes begab. Josi
+Blatter, den Rebellen, aber lie&szlig; man gern ziehen. Die
+Kunde von seiner bevorstehenden Abreise beruhigte die
+Leute, und die G&auml;ste des B&auml;ren, die genu&szlig;freudige, vom
+schlichten frommen Sinn der D&ouml;rfler durch eine Welt
+anderer Anschauungen geschiedene Gesellschaft falterte unangefochten
+wie sonst durch Dorf und Feld, auf dem
+bereits die Herbstblumen zu bl&uuml;hen begannen.</p>
+
+<p>Von dem Sturm, der bei der ersten Besteigung der
+Krone das eingeborene St. Peter bewegt hatte, hatten
+sie kaum Kenntnis erlangt.</p>
+
+<p>Aus dem gro&szlig;en Thal kamen ein paar junge Bergsteiger,
+die von der &uuml;berraschenden Besteigung der Krone
+geh&ouml;rt hatten, und wollten sie mit Josi Blatter wiederholen.
+Er aber wies sie ab.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_203" id="Page_203">[Pg 203]</a></span>Th&ouml;ni indessen, der an dem Tag, wo die beiden
+den Gipfel der Krone erstiegen hatten, in Hospel gewesen
+war und nach seiner R&uuml;ckkehr mehr vom Ruhm der G&auml;ste
+als von der drohenden Haltung der Bauern reden geh&ouml;rt
+hatte, wurmte die Eifersucht auf den Rebellen bis ins Mark.</p>
+
+<p>Er lie&szlig; sich heimlich von den jungen Steigern als
+F&uuml;hrer mieten. Als ob er mit den Ehrgeizigen nur einen
+gr&ouml;&szlig;eren Spaziergang auf den Gletscher, aus dem die
+Glotter flie&szlig;t, unternehmen wollte, ging er mit ihnen
+in der Morgenfr&uuml;he weg. Erst am Nachmittag sah man
+erstaunt eine kleine Kolonne auf dem unteren Firn der
+Krone. &raquo;Die Wahnsinnigen gehen auf einem &uuml;berh&auml;ngenden
+Schneefl&uuml;gel!&laquo; riefen pl&ouml;tzlich Stimmen, und man
+hatte es kaum bemerkt, so brachen die f&uuml;nf durch die
+W&auml;chte. Zum Gl&uuml;ck kollerten sie nicht sehr tief einer
+Wand entlang, aber nun sa&szlig;en sie auf einer Felsenplanke,
+von der kein Ausweg zu sehen war. Sie schwenkten
+T&uuml;cher, da&szlig; man sie holen m&ouml;ge.</p>
+
+<p>Und sicher war eins: Mu&szlig;te das arme F&uuml;nfblatt
+dort &uuml;ber Nacht bleiben, so erfror es.</p>
+
+<p>Der Presi w&uuml;tete &uuml;ber Th&ouml;ni, er sammelte dann
+eine Hilfskarawane, und die von St. Peter lie&szlig;en sich,
+obgleich sie sich &uuml;ber den neuen Frevel wie &uuml;ber den
+ersten emp&ouml;rten und ihre Schadenfreude nicht verbargen,
+sofort herbei, die Rettung der Gesellschaft zu versuchen.
+Denn wo Menschenleben in Gefahr schwebten, waren
+sie, wie alle Leute der Berge sind: sie kannten nur die
+Pflicht der Hilfe.</p>
+
+<p>Josi war in fiebernder Erregung: &raquo;Darf ich sie
+holen? Sie erfrieren, bis die Mannschaft oben ist,&laquo;
+fragte er den Ingenieur.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_204" id="Page_204">[Pg 204]</a></span>&raquo;Well, hole die Ungl&uuml;ckseligen, Boy.&laquo; Und George
+Lemmy war, indem er die H&auml;nde in die Hosentaschen
+steckte und ein Liedchen pfiff, selber neugierig, wie der
+Bursche nun vorgehen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Eine &mdash; zwei &mdash; drei Stunden! &mdash; Man sieht ihn!
+Wo scheinbar nur glatte W&auml;nde sind, klettert der ehemalige
+Wildheuerbub wie ein Kaminfeger durch Felsenrisse,
+eilt &uuml;ber schmale Kanten, ist wieder in einem Ri&szlig;
+und klettert aufw&auml;rts!</p>
+
+<p>Ein Dutzend Fernrohre folgen ihm. &mdash; Noch eine
+Stunde &mdash; die Hilfskarawane ist erst auf den oberen
+Alpen &mdash; da schwingt sich Josi auf das Band, wo die
+f&uuml;nf armen Knaben sitzen.</p>
+
+<p>Er h&ouml;rt die Jubelrufe aus dem Thale nicht, er
+wei&szlig; nur, da&szlig; er eilen mu&szlig;, die Leute zu bergen, denn
+St. Peter liegt schon im tiefen blauen Schatten, nur
+noch an den Spitzen gl&auml;nzt die Sonne.</p>
+
+<p>&raquo;Du lausiger Rebell, dich haben wir nicht gerufen,&laquo;
+empf&auml;ngt ihn Th&ouml;ni.</p>
+
+<p>&raquo;Grieg, seid artig, sonst lass' ich Euch beim Eid
+&uuml;ber Nacht da oben hocken,&laquo; erwidert Josi.</p>
+
+<p>Die von Th&ouml;ni Schlechtgef&uuml;hrten danken ihm &uuml;berschwenglich,
+einer weint vor Freude. Josi mahnt: &raquo;Nur
+Mut! &mdash; gangbarer Fels und Schutt ist nicht weit, aber
+ein Umweg ist n&ouml;tig.&laquo;</p>
+
+<p>Er kennt die Gegend genau, er hat &uuml;ber der Planke
+manchen Tautropfen gebrochen, er l&ouml;st auch jetzt einen,
+den sein ge&uuml;bter Blick in einer kleinen H&ouml;hle entdeckt
+hat, und steckt ihn wie zum Andenken in die Westentasche.</p>
+
+<p>&raquo;Aufpassen!&laquo; ruft er. Die Lotserei beginnt, sie geht
+im Bogen und Zickzack bergauf, bergab, den greifbaren<span class='pagenum'><a name="Page_205" id="Page_205">[Pg 205]</a></span>
+Vorspr&uuml;ngen entlang. Er w&uuml;rde den halsbrecherischen
+Weg in einer Viertelstunde machen, aber er mu&szlig; den
+Erm&uuml;deten und von jedem Selbstvertrauen Verlassenen
+die F&uuml;&szlig;e einstellen, die Handgriffe zeigen, die mutlos
+werdenden Zur&uuml;ckgebliebenen nachholen, einen um den
+anderen am Seil herunterlassen, eine Stunde fieberhafter
+Anstrengung vergeht, und sie sind noch nicht am Ziel &mdash;
+die Nacht ist gesunken &mdash; aber jetzt! &mdash; endlich! &mdash;
+endlich hat die Gesellschaft ein sanftes Ger&ouml;llfeld erreicht
+&mdash; Josi will jauchzen, er kann es nicht vor Ersch&ouml;pfung.
+Heiser nur sagt er: &raquo;Ihr seid auch da, Grieg!&laquo;</p>
+
+<p>Th&ouml;ni sp&uuml;rt aber kaum den sicheren Boden, so f&auml;hrt
+er Josi an: &raquo;Du h&auml;ttest uns nicht zu holen brauchen,
+du Laushund, ich w&auml;re schon losgekommen. Den Schimpf
+machen wir einmal handgreiflich aus!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, Ihr k&ouml;nnt Euch nur melden!&laquo;</p>
+
+<p>Um drei Uhr des Morgens kamen Josi, die Geretteten
+und die Hilfskolonne im Dorfe an. Einheimische
+und Fremde wachten. Unter der Th&uuml;re des B&auml;ren,
+wo ihm der Presi mit einem Ausdruck aufrichtiger herzlicher
+Achtung entgegentrat und beide H&auml;nde reichte,
+brach er, den Jubel der Gl&uuml;ckw&uuml;nschenden in den Ohren,
+zusammen.</p>
+
+<p>Kaum hatte er sich am Morgen erholt, als ihn der
+Presi in jene Stube rufen lie&szlig;, wo sie sich nach dem
+Tod der Mutter gegen&uuml;ber gestanden hatten. Als der
+mi&szlig;trauisch dreinblickende Bursche eintrat, empfing ihn
+der B&auml;renwirt fast feierlich. Er stand auf, st&uuml;tzte die
+Linke auf das Pult und reichte ihm die Rechte: &raquo;Setzen
+wir uns! Ich bekenne, da&szlig; ich Euch eine Weile untersch&auml;tzt
+habe, Blatter, sonst h&auml;tte ich Euch nicht zu B&auml;lzi<span class='pagenum'><a name="Page_206" id="Page_206">[Pg 206]</a></span>
+gethan. Zun&auml;chst danke ich Euch, da&szlig; Ihr die f&uuml;nf geholt
+habt. Die Rettung ist ein Ehrenblatt f&uuml;r Euch.&laquo;</p>
+
+<p>Josi wurde feuerrot und verlegen, er stand bei dem
+Lob des Presi wie auf Nadeln. Der Mann, der so mit
+W&auml;rme und Achtung zu ihm sprach, war der, der ihm
+die Peitsche ins Gesicht geschlagen. Er war aber auch
+Binias Vater. Die Gedanken spannen sich ineinander
+und verwirrten ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr wollt also jetzt mit George Lemmy nach Indien.
+Das ist ein abenteuerlicher Plan. Der Gemeinderat
+hat indes einstimmig beschlossen, da&szlig; man Euch kein
+Hindernis in den Weg legen will. Im Fr&uuml;hling werdet
+Ihr ja vollj&auml;hrig und dann seid Ihr ohnehin der Vormundschaft
+entlassen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi stand auf und langte in ein Pultfach:
+&raquo;Wenn man ins Leben geht, dann ist es von besonderer
+Wichtigkeit, da&szlig; man die Freiheit, sich zu wenden und
+zu kehren hat. Die besitzt man nur mit Geld. Ich m&ouml;chte
+Euch einen Reisepfennig mitgeben. &mdash; Ihr seht, wenn
+ich gebe, bin ich nicht klein!&laquo;</p>
+
+<p>Er reichte Josi etliche Bl&auml;tter Banknoten. Der junge
+Mann fuhr auf, er wollte reden, aber das Wort blieb
+ihm in der Kehle stecken. Nur ein seltsames &raquo;Herr Presi!&laquo;
+w&uuml;rgte er hervor.</p>
+
+<p>So viel Geld hatte er nat&uuml;rlich noch nie beisammen
+gesehen, dachte der Presi, mi&szlig;verstand seine Bewegung
+und hielt sie f&uuml;r Gier.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will keinen Dank, die Bl&auml;tter sind f&uuml;r das
+Herunterholen der Jungen, es ist Rechnung und Gegenrechnung
+&mdash; nehmt sie herzhaft.&laquo;</p>
+
+<p>Eine verwirrende Liebensw&uuml;rdigkeit lag in seinem Ton.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_207" id="Page_207">[Pg 207]</a></span>&raquo;Ich will noch einmal so viel zulegen, Blatter.
+Gebt mir nur das Versprechen in die Hand &mdash; da&szlig; Ihr
+&mdash; wenn Ihr je aus Indien zur&uuml;ckkehrt &mdash; mit Binia
+nichts zu schaffen haben wollt. &mdash; &mdash; Es kann nicht
+sein &mdash; es darf nicht sein. &mdash; Ich sage es Euch in heiligem
+Ernst: Ich leide es nicht &mdash; ich leide es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>D&uuml;ster und trotzig waren seine letzten Worte.</p>
+
+<p>Nun aber brach Josi los: &raquo;Herr Presi, glaubt Ihr,
+da&szlig; ich meinen Vater sch&auml;nde? Um wie viel weniger Geld
+habt Ihr ihn in jener Nacht gekreuzigt, da&szlig; er an die
+Wei&szlig;en Bretter steige. Ihr meint, ich nehme je einen
+Rappen<a name="FNanchor_27" id="FNanchor_27"></a><a href="#Footnote_27" class="fnanchor">[27]</a> an aus Eurer Hand?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_27" id="Footnote_27"></a><a href="#FNanchor_27"><span class="label">[27]</span></a> <i>Rappen</i>, schweizerdeutsch, so viel wie ein Centime.</p></div>
+
+<p>Etwas Ergreifendes, R&uuml;hrendes lag im Zorn des
+Burschen, eine durch Bescheidenheit gez&uuml;gelte hei&szlig;e Entr&uuml;stung.</p>
+
+<p>Seppi Blatter und Fr&auml;nzi in einem, ein verdammt
+sch&ouml;ner Bursche, dachte der Presi.</p>
+
+<p>&raquo;Und Binia?&laquo; fragte er mit einem leisen Seufzer,
+schon halb verstimmt.</p>
+
+<p>In den Augen Josis loderte es, er keuchte: &raquo;Herr
+Presi, ich bin kein Hudel. Behaltet das Geld, ich behalte
+mir das Recht, das M&auml;dchen um seine Hand zu fragen,
+das mir am besten gef&auml;llt. Und im Glotterthal ist's ja
+noch so: Keine Jungfrau steht so hoch, ein ehrbarer
+Bursch darf um ihre Hand anhalten.&laquo;</p>
+
+<p>Seine Stimme bebte, der Presi lachte scharf: &raquo;Gewi&szlig;
+darf er darum anhalten &mdash; es kommt aber nicht aufs
+Fragen, sondern auf den Bescheid an, den er erh&auml;lt.
+&mdash; &mdash; Wollt Ihr das Geld, Blatter?&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_208" id="Page_208">[Pg 208]</a></span>Das letzte sprach er mit hartem, h&ouml;hnischem Klang.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Herr Presi!&laquo;</p>
+
+<p>Das t&ouml;nte nicht herausfordernd, aber als w&auml;ren die
+Worte von Granit.</p>
+
+<p>&raquo;Du Steckgrind &mdash; ein Rebell bist und bleibst du!&laquo;
+&mdash; Der Presi schrie es. &mdash; &raquo;Mit dir habe ich es gut
+gemeint. Ich habe wollen Frieden zwischen mir und dir
+machen &mdash; du bist aber ein Thor &mdash; ein wahnsinniger,
+verstockter Thor &mdash; &mdash; he, du und Binia? &mdash; Wo
+nimmt auch so ein F&ouml;tzel das Recht her, an so etwas
+zu denken?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Presi, in drei Jahren wollen wir wieder zusammen
+reden, helf' mir der Himmel, da&szlig; Ihr mich
+dann nicht mehr so verachten k&ouml;nnt.&laquo;</p>
+
+<p>Josi sagte es bescheiden &mdash; doch das Wort war
+Oel ins Feuer.</p>
+
+<p>&raquo;Gottes Heilige h&ouml;ren es &mdash; die Tatze soll mir eher
+aus dem Grabe wachsen, eher soll ein Traum, den ich
+einmal gehabt habe, in Erf&uuml;llung gehen und Binia von
+einem Gespenst erschlagen werden &mdash; als da&szlig; ihr zwei
+zusammenkommt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr redet entsetzlich!&laquo; Helle Thr&auml;nen liefen Josi
+&uuml;ber die braunen Wangen. &raquo;Lebt wohl, Herr Presi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dich m&ouml;gen in Indien die K&ouml;nigstiger fressen!&laquo;</p>
+
+<p>Er donnerte es dem Forttaumelnden nach &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr redet entsetzlich!&laquo; Dem Presi klang der Ausruf
+Josis im Ohre fort, es lag darin etwas so Wundes,
+wie wenn ein Tier aus tiefsten N&ouml;ten schreit. Aus sich
+selber wiederholte er: &raquo;Ich redete entsetzlich!&laquo; Ihm war,
+er m&uuml;sse Josi zur&uuml;ckrufen, er m&uuml;sse ihm noch etwas sagen.
+Ein seltsamer Einfall kam ihm. Er wollte zu George<span class='pagenum'><a name="Page_209" id="Page_209">[Pg 209]</a></span>
+Lemmy sprechen: &raquo;La&szlig;t mir Josi Blatter da &mdash; er pa&szlig;t
+mir als Bergf&uuml;hrer.&laquo; Eine sonderbare Empfindung durchrieselte
+ihn. Er k&ouml;nnte, war ihm, den sch&ouml;nen, gescheiten,
+rechtschaffenen, heimlich stolzen Burschen unendlich
+lieb haben &mdash; lieb wie einen Sohn, &mdash; er
+staunte, wie ihm der Gedanke angeflogen kam &mdash; er
+sperrte sich w&uuml;tend dagegen &mdash; er zitterte &mdash; er schwitzte
+und schnaufte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; noch einmal mit ihm reden! &mdash; Seppi
+Blatter &mdash; Fr&auml;nzi. &mdash; Habt ihr Gewalt &uuml;ber mein
+Herz?&laquo;</p>
+
+<p>Nach drei Tagen aber sammelte sich in der Morgenfr&uuml;he
+ein H&auml;uflein D&ouml;rfler vor dem B&auml;ren, um Josi
+Blatter, den Abenteurer, abreisen zu sehen. Der B&auml;renwirt
+stand auf der Freitreppe und winkte, wie ein Wirt
+winkt, wenn ein so angesehener Gast wie George Lemmy
+geht. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt habe ich doch nicht mit ihm geredet.&laquo; Seit
+einer Weile sa&szlig; der Presi, den Kopf st&uuml;tzend, am
+Tisch. Und w&uuml;tender &uuml;ber sich selbst als &uuml;ber Josi,
+murmelte er:</p>
+
+<p>&raquo;Binia erschlagen &mdash; nein &mdash; nein &mdash; das ist Wahnsinn.&laquo;</p>
+
+<p>Bei sich selbst war er &uuml;berzeugt, da&szlig; Josi Blatter
+in drei Jahren als Freier vor ihm st&uuml;nde.</p>
+
+<p>&raquo;Nun wohl &mdash; dann Gewalt gegen Gewalt.&laquo;</p>
+
+<p>Da kam Th&ouml;ni: &raquo;Ich f&uuml;hre das Gep&auml;ck des Engl&auml;nders
+nach Hospel!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut &mdash; doch noch etwas! Der Schwager Kreuzwirt
+f&auml;hrt Ende dieser Woche oder Anfang der n&auml;chsten
+&uuml;ber den Hochpa&szlig;. Ich lasse ihn um den gro&szlig;en Gefallen<span class='pagenum'><a name="Page_210" id="Page_210">[Pg 210]</a></span>
+ersuchen, da&szlig; er Binia aus dem Kloster heimbringt.&laquo;</p>
+
+<p>Als Th&ouml;ni gegangen war, l&auml;chelte der Presi gl&uuml;cklich:
+&raquo;Binia &mdash; wenn du schon an dem Burschen h&auml;ngst
+und th&ouml;richt bist wie alle Weiber &mdash; mein lieber Herzensvogel
+bist du doch!&laquo;</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_211" id="Page_211">[Pg 211]</a></span></p>
+<h2><a name="XI" id="XI"></a>XI.</h2>
+
+
+<p>&raquo;Josi Blatter bleibt ein verkehrter und geheimnisvoller
+Kerl bis ans Ende,&laquo; sagten die zu St. Peter, als
+sie sahen, da&szlig; er mit seinem Engl&auml;nder das Glotterthal
+nicht auf dem Weg &uuml;ber Tremis, Fegunden und Hospel
+verlie&szlig;, den doch alle ordentlichen Menschen gingen, sondern
+sich mit ihm vom Haus des Garden &uuml;ber die unwegsame
+Schneel&uuml;cke wandte.</p>
+
+<p>An der Grenze zwischen Weltland und Wei&szlig;land
+erhebt sich ein altes verwittertes Holzkreuz, bei dem die
+Hirten sommers &uuml;ber ihren Sonntagsdienst halten. Bis
+dorthin, wo man eben noch die Kirche in der tiefen
+Thalspalte sieht, begleitete Vroni ihren Bruder, bei dem
+Kreuz knieten die Geschwister nieder und verrichteten zum
+Abschied eine gemeinsame Andacht.</p>
+
+<p>Mit Thr&auml;nen in den Augen blickte Vroni Josi nach.
+Als sie aber immer noch ihr T&uuml;chlein schwenkte, da stapfte
+er schon unentwegt mit seinem Herrn in die gro&szlig;e wilde
+Gebirgseinsamkeit hinein.</p>
+
+<p>Ernst, doch unverzagt hatte er die letzten Tage verlebt.
+Sie aber war vor Schmerzen vergangen: den Vater,
+die Mutter hatte sie schon verloren &mdash; und nun verlor
+sie auch den Bruder. Sie konnte nicht glauben, da&szlig; er<span class='pagenum'><a name="Page_212" id="Page_212">[Pg 212]</a></span>
+je wieder nach St. Peter komme. In ihrem Kopf und
+in ihrem Herzen summte das Kirchhoflied:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Und als er stand an blauer See,<br /></span>
+<span class="i0">Da schrie sein Herz nach Berg und Schnee.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Sterben wird er vor Heimweh!</p>
+
+<p>W&auml;hrend seine sanfte Schwester mit den gro&szlig;en
+Blauaugen in Thr&auml;nen tr&auml;umte, was doch so ein lieber
+Bruder f&uuml;r ein b&ouml;ser Mensch sei, schritt Josi tapfer in
+die Zukunft und mit seinem Herrn quer &uuml;ber Gletscher
+und Hochgebirge. Dr&uuml;ben in einer kleinen Stadt wollten
+sie Felix Indergand, der in einigen Tagen nachzukommen
+versprochen hatte, erwarten und dann von Genua aus
+die gro&szlig;e Reise nach Indien antreten.</p>
+
+<p>Ein herrliches Wandern. Die Luft war blau und
+herbstlich still. Aus der H&ouml;he ert&ouml;nte der Ruf der Zugv&ouml;gel.
+Die vom Sommer ausgelaugten und ausgewitterten
+Gletscher lagen wie riesige Leichen da. Wenn es wahr
+w&auml;re, was die Sage behauptet, wenn die Venediger wirklich
+bei ihrer S&auml;umerei &uuml;ber die Schneel&uuml;cke in St&uuml;rmen
+und Wettern Ladungen Silbers verloren hatten, so w&uuml;rde
+man sie jetzt wohl finden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Doch Josi dachte an etwas anderes. Konnte er
+nach Indien gehen, ohne zu Binia, die er f&uuml;r ewig
+verloren hatte, lebewohl gesagt zu haben?</p>
+
+<p>Unter einem &uuml;berh&auml;ngenden Felsen, bei den Resten
+alter J&auml;gerfeuer &uuml;bernachteten sie. &raquo;Brigante, solche
+N&auml;chte unter freiem Himmel wird es auch bei unserer
+Arbeit in Indien genug geben, nur ist es dann nicht so
+still wie hier, sondern die wilden Tiere schreien und br&uuml;llen
+ringsum!&laquo;</p>
+
+<p>Allein als George Lemmy nachsah, schlief Josi schon.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_213" id="Page_213">[Pg 213]</a></span>Am Morgen standen sie auf einem m&auml;chtigen Firngrat,
+einem wunderherrlichen silbernen Wall, wo der
+Himmel so nahe schien, als k&ouml;nnte man den dunkelblauen
+Teppich mit der Hand streicheln. &raquo;Boy, wo ist jetzt das
+Glotterthal?&laquo;</p>
+
+<p>Im gewaltigen Eisland, das sich gegen Norden dehnte,
+war ein kleiner dunkler Streifen wie ein Nebelchen sichtbar.
+Da konnte es Josi kaum fassen, da&szlig; er sein ganzes
+bisheriges Leben in der schwarzen Spalte zugebracht habe.</p>
+
+<p>Dort sa&szlig; Vroni.</p>
+
+<p>Wie sonnig lag die Erde! Weithin dehnte sich im
+S&uuml;den unter ihnen, wo die Berge ausgingen, geheimnisvolle
+Bl&auml;ue. Ist das wohl das Meer? dachte Josi. Da
+wies ihn George Lemmy auf wei&szlig;e Flecken, die in der
+Bl&auml;ue schwammen, und sagte: &raquo;Das sind die italienischen
+St&auml;dte.&laquo;</p>
+
+<p>Am folgenden Tag wanderten sie einem lebendigen
+klaren Wasser entlang durch eine gr&uuml;ne Berglandschaft
+und kamen auf die sch&ouml;ne Stra&szlig;e, die vom Hochpa&szlig; herniederf&uuml;hrt.</p>
+
+<p>George Lemmy aber hinkte, er war beim Abstieg durch
+den Wald &uuml;ber eine Wurzel gestrauchelt und hatte den
+Fu&szlig; leicht verstaucht.</p>
+
+<p>Im ersten Dorf nahmen sie ein W&auml;gelchen und
+fuhren durch den goldenen Abend.</p>
+
+<p>Kirchen, Kl&ouml;ster und Schl&ouml;sser hoben ihre T&uuml;rme aus
+Kastanienhainen und in der Ferne schimmerte eine Stadt.
+Fr&ouml;hliches Volk in bunten Trachten kam ihnen entgegen,
+Landleute, die vom Markt heimzogen, riefen ihnen den
+Gru&szlig; in einer fremden Sprache zu.</p>
+
+<p>Der Kutscher, der wohl an Fremde gew&ouml;hnt war,<span class='pagenum'><a name="Page_214" id="Page_214">[Pg 214]</a></span>
+wies mit der Peitsche nach allen Sehensw&uuml;rdigkeiten und
+erkl&auml;rte den beiden in mangelhaftem Deutsch ihre Namen
+und Bedeutung.</p>
+
+<p>Jetzt blitzte ihnen ein blauer See entgegen.</p>
+
+<p>Auf einem felsigen Vorsprung erhob sich ein Kloster
+aus m&auml;chtigen B&auml;umen, unter denen ein Zickzackweg zu
+dem gro&szlig;en alten Bau hinauff&uuml;hrte. An wei&szlig;en Kapellen
+vorbei, die den Weg schm&uuml;ckten, sah man das von Epheu
+umrankte Thor und durch die B&auml;ume, die reichlich Frucht
+trugen, blitzte neben dem Kloster der See.</p>
+
+<p>&raquo;Das sehr ber&uuml;hmte Kloster Santa Maria del Lago
+mit den dreihundertj&auml;hrigen Pinien,&laquo; erkl&auml;rte der Fuhrmann.</p>
+
+<p>Da &uuml;berzwirbelte dem starken Josi das Herz.</p>
+
+<p>Gleich hinter dem H&uuml;gel, auf dem das Kloster steht,
+lag die Stadt, und vor einem kleinen netten Gasthof
+hielt nach der Weisung George Lemmys das Fuhrwerk
+an. Da &uuml;bernachteten sie.</p>
+
+<p>Als Josi am Morgen nach George Lemmy sah, lachte
+dieser: &raquo;Josi, Brigante! Ich bin also zum Ruhen verdonnert,
+der Fu&szlig; ist elend geschwollen. Ich f&uuml;rchte aber,
+da&szlig; du ein schlechter Krankenw&auml;rter bist, darum bleibe
+mir ein gutes St&uuml;ck, mehr als dieses Zimmer lang ist,
+vom Leib. Die Wirtin wird dich unten f&uuml;ttern, doch
+strecke alle Tage den Kopf einmal herein. Da hast du
+etwas Klingendes in die leere Weste und h&ouml;rst du: Wein,
+Wurst und Brot bestellt man hier zu Lande mit den
+Worten: <span class="antiqua">Preg' un po' de vin u e un cu de gin com pan!</span></p>
+
+<p>Und nun versuche einmal, wie sich' s auf eigenen
+F&uuml;&szlig;en geht.&laquo;</p>
+
+<p>Josi war gl&uuml;cklich. Einige Tage frei. Und er war<span class='pagenum'><a name="Page_215" id="Page_215">[Pg 215]</a></span>
+jetzt so nah bei Binia! Aber die Welt war ihm so fremd,
+da&szlig; er kaum wagte, sich zu r&uuml;hren. Durfte er zu dem
+Kloster hingehen und nach Binia fragen? Nein, nein!
+Der Knecht hatte es schon thun d&uuml;rfen, denn er war ein
+alter stoppelb&auml;rtiger Mann ohne alles Verd&auml;chtige. Ihm
+aber w&uuml;rde alle Welt es ansehen, da&szlig; ihn die Liebe zu
+Binia hingetrieben.</p>
+
+<p>Lange schaute er den Handwerkern zu, die unter den
+B&ouml;gen der H&auml;user das Kupfer schmiedeten, das Leder
+klopften und das Holz bearbeiteten. Ein Schneider, der
+die Brille tief auf die Nase ger&uuml;ckt hatte, sang beim
+Flicken alter Kleider. Da fiel Josi das Kirchhoflied ein,
+das er mit der Mutter, mit Vroni und Binia gesungen,
+aber freilich, wenn er an den Presi dachte, war ihm
+nicht ums Singen.</p>
+
+<p>Eine Weile sp&auml;ter strich er doch um das Klostergut
+und sang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Das Steingenelk, die K&ouml;nigskerzen<br /></span>
+<span class="i0">Erbl&uuml;hn voll Pracht im heil'gen Rund,<br /></span>
+<span class="i0">Sie steigen aus gebrochnen Herzen<br /></span>
+<span class="i0">Und jede Blume ist ein Mund!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Da horch! Wie er gegen den See hinkommt, antwortet
+jenseits der epheuumsponnenen Klostermauer eine
+silberne Stimme mit der gleichen Melodie.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;O wie das weint, o wie das lacht,<br /></span>
+<span class="i0">Dem Fl&uuml;stern horcht die Sommernacht!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Nur einige Takte, dann bricht das Lied ab. &mdash; Er
+h&ouml;rt eine keifende Frauenstimme, dann helles Lachen von
+jungen M&auml;dchen.</p>
+
+<p>Er rennt davon.</p>
+
+<p>Binia hat ihm geantwortet. Wer sollte sonst Worte<span class='pagenum'><a name="Page_216" id="Page_216">[Pg 216]</a></span>
+und Melodie kennen? In der fremden Welt hat er ihre
+Stimme geh&ouml;rt. Es wird ihm feierlich zu Mut. Gewi&szlig;
+wird er sie auch sehen.</p>
+
+<p>Aber, wie er so &uuml;berlegte, wurde er ganz traurig.
+Was n&uuml;tzte es, sie zu sehen? Er wu&szlig;te ja jetzt bestimmt
+und fest, da&szlig; sie nie zusammenkommen w&uuml;rden. Ihm war,
+der gr&auml;&szlig;liche Wunsch im Mund des Presi, Binia m&ouml;ge
+eher durch eine fremde Hand fallen, als da&szlig; sie mit ihm
+durchs Leben gehe, habe allen Segen, der auf seiner
+Liebe zu Binia ruhen k&ouml;nnte, hinweggenommen!</p>
+
+<p>Und doch war, seit er ihre Stimme geh&ouml;rt, sein
+ganzes Wesen in einem Aufruhr der Hoffnung. &mdash; Binia
+sehen! sie sehen!</p>
+
+<p>Am Abend wandte er sich an den Wirt, der einen
+gro&szlig;en wei&szlig;en Schurz &uuml;ber seine leutselige Seele und seinen
+dicken Bauch gespannt hatte und vom Viehh&auml;ndlerverkehr
+her etwas Deutsch radebrechte. Er fragte ihn, ob
+die Klostersch&uuml;lerinnen in die Stadt zur Kirche k&auml;men.</p>
+
+<p>Nein, antwortete der Gastwirt, sie h&auml;tten eine eigene
+Kirche, die Klosterfrauen k&auml;men nur an hohen Festen in
+die Stadt, aber sie besuchen mit den naschhaften M&auml;dchen
+oft den Markt. Morgen sei es Donnerstag, ja, da k&auml;men
+sie wahrscheinlich. Er m&ouml;ge um acht Uhr dort sein, wenn
+er die Verwandte sehen wolle, aber ansprechen d&uuml;rfe er
+sie nicht, dazu m&uuml;sse er sich schon im Kloster selbst anmelden.</p>
+
+<p>&raquo;Die Verwandte!&laquo; Josi l&auml;chelte ein wenig &uuml;ber die
+Vorstellung des Wirtes.</p>
+
+<p>Am Morgen war er fr&uuml;h auf dem Markt. Als es
+acht Uhr schlug, entdeckte er die kleine Klosterschule, einige
+Nonnen f&uuml;hrten die Schar M&auml;dchen, die mit braunen<span class='pagenum'><a name="Page_217" id="Page_217">[Pg 217]</a></span>
+und blonden Z&ouml;pfen einherwandelten und ihre Blicke neugierig
+&uuml;ber die Menge der auf dem Markt geh&auml;uften
+Fr&uuml;chte warfen.</p>
+
+<p>Binia war die Zierlichste und Sch&ouml;nste unter ihnen &mdash;
+so sch&ouml;n, da&szlig; er sie kaum ansehen durfte. Sie err&ouml;tete,
+sie fuhr ein wenig zusammen, als sie ihn bemerkte, dann
+schaute sie auf die andere Seite und hielt sich dicht an
+die Schar der &uuml;brigen. Sie sandte keinen Blick zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt sieht sie mich nicht einmal an,&laquo; dachte Josi,
+und sch&auml;mte sich, da&szlig; er sich so fest eingebildet hatte,
+Binia liebe ihn sterblich.</p>
+
+<p>Er war entt&auml;uscht, er wagte es nicht, der dutzendk&ouml;pfigen
+Gesellschaft, die sich in eine Gasse verlor, zu
+folgen. Unruhig und verlegen schaute er in das bunte
+fremde Gew&uuml;hl der K&auml;ufer und Verk&auml;ufer. Sollte er
+bleiben, sollte er gehen? Eine Viertelstunde, da dr&uuml;ckte
+ihm ein blasser Junge, der einen B&uuml;ndel Schuhe &uuml;ber
+die Schultern geh&auml;ngt hatte, einen Papierstreifen in die
+Hand. Der Knabe erwartete ein Trinkgeld und ging erbost
+&uuml;ber Josi, der vor lauter Neugier das Geben verga&szlig;,
+mit einem <span class="antiqua">&raquo;Brutto Tedesc&laquo;</span> davon.</p>
+
+<p>&raquo;Um elf Uhr vor der kleinen Pforte am See. Binia.&laquo;
+Josi hatte genug Arbeit, die paar Worte zu entziffern,
+das Blatt zitterte in seinen H&auml;nden. &raquo;Wohl, wohl sie
+liebt mich,&laquo; jauchzte es in ihm.</p>
+
+<p>Wie lange es nicht elf Uhr wurde!</p>
+
+<p>Pochenden Herzens stand er vor dem Pf&ouml;rtchen unter
+einem Kastanienbaum, der seine Aeste in die Flut senkte.
+Da bimmelte das Gl&ouml;cklein im Kloster; w&auml;hrend es noch
+t&ouml;nte, ging die kleine Th&uuml;r in der Epheumauer auf.</p>
+
+<p>Im hellen Sommergewand, im Bergerehut, gerade<span class='pagenum'><a name="Page_218" id="Page_218">[Pg 218]</a></span>
+so leicht und fl&uuml;chtig wie einst, huschte Binia hervor,
+eine G&auml;rtnerin hob warnend den Finger auf und rief
+ihr etwas wie eine Mahnung nach, dann schlo&szlig; sich das
+Pf&ouml;rtchen wieder.</p>
+
+<p>Man sah, wie Binia das Herzchen flog. &raquo;Josi, wie
+kommst du auch da her?&laquo; rief sie.</p>
+
+<p>Eine ziemlich verlegene Begegnung. Ihm gl&uuml;ht der
+Kopf, er wei&szlig; nichts zu sagen.</p>
+
+<p>Binia ist so sch&ouml;n, da&szlig; er es kaum wagt, ihr die
+Hand zu geben, und wie er die weichen Finger in den
+seinen h&auml;lt, da ist ihm, er halte einen jungen Vogel,
+dessen Brust er schlagen f&uuml;hlt.</p>
+
+<p>Auch Binia ist verlegen. Sie verdeckt es, indem
+sie hastig erz&auml;hlt, sie sei vom Markt, ehe es eine Aufseherin
+bemerkte, unter dem Vorwand, sie bed&uuml;rfe neuer
+Schuhe, in eine Werkst&auml;tte geschl&uuml;pft, habe dort die
+Zeile geschrieben und nach der Heimkehr die G&auml;rtnerin
+bestochen.</p>
+
+<p>Nun lachte sie schelmisch auf, fa&szlig;te Josi bei der
+Hand und zog den Willenlosen von der Klostermauer hinweg
+unter den B&auml;umen hindurch, bis sie an eine kleine
+stille Bucht kamen, wo eine Quelle in den See lief.
+Dort stand sie mit ihm still.</p>
+
+<p>&raquo;Gelt, das ist sch&ouml;n hier, Josi,&laquo; sagte sie, &raquo;der
+See und die wei&szlig;en Segel und der Duft um die Berge,
+aber im Kloster ist's h&auml;&szlig;lich!&laquo;</p>
+
+<p>Traurig erwiderte Josi: &raquo;O Binia, ich gehe jetzt in
+die weite Welt &mdash; ich gehe nach Indien. Noch einmal
+aber habe ich dich sehen wollen. &mdash; Grad wie ein Engel
+bist du ja gegen mich gewesen im Teufelsgarten und
+wei&szlig;t nicht, wie du mir dort in meiner uns&auml;glichen<span class='pagenum'><a name="Page_219" id="Page_219">[Pg 219]</a></span>
+Schmach wohlgethan hast! &mdash; Also lebe wohl, Bineli &mdash;
+ich w&uuml;nsche dir tausendmal Gl&uuml;ck und alles Gute!&laquo;</p>
+
+<p>Er streckte ihr die Hand entgegen.</p>
+
+<p>Binia machte ein sehr betr&uuml;btes und r&uuml;hrendes
+Schmollm&uuml;ndchen, das bebte, als wollte es weinen:</p>
+
+<p>&raquo;Aber Josi.&laquo;</p>
+
+<p>Da h&ouml;rten sie aus der Ferne nach ihr rufen. Pl&ouml;tzlich
+blitzte es in ihren Augen auf, sie hob sich auf die
+Zehenspitzen, sie legte die Handmuschel an den Mund,
+als wollte sie laut Antwort geben, sie l&auml;chelte aber nur:
+&raquo;Ich komme nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Josi war ganz verwundert: &raquo;Binia!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Euphemia, die alte G&auml;rtnerin, wird sich schon
+herausl&uuml;gen, da&szlig; ihr nichts geschieht. Du glaubst gar
+nicht, Josi, wie hinter diesen Mauern alle gut l&uuml;gen
+k&ouml;nnen. Ich allein kann's nicht &mdash; ich bin zu ungeschickt
+dazu.&laquo;</p>
+
+<p>Binia machte ein halb lustiges, halb verzweifeltes
+Gesicht, hielt den Fingerkn&ouml;chel an die wei&szlig;en Z&auml;hne
+und schaute den Burschen mit ihren dunklen Lichtern
+ganz komisch an. &mdash; &raquo;Josi,&laquo; schmeichelte sie, &raquo;weil du
+da bist, mag ich nicht stillsitzen, mir zappeln die F&uuml;&szlig;e,
+heute wollen wir zusammen durch Luft und Sonne laufen,
+bis das Abendrot scheint. Ich d&uuml;rste nach ein bi&szlig;chen
+Freiheit. Ich habe einen Brief vom Vater bekommen,
+da&szlig; mich morgen der Kreuzwirt von Hospel abholt, und
+ich wieder nach St. Peter zur&uuml;ckkehren kann. Da k&ouml;nnen
+mir, wenn ich ihnen auswische, die heiligen Frauen nicht
+mehr viel thun. O glaube mir, Josi, das sind furchtbar
+grausame Weiber!&laquo;</p>
+
+<p>Ein Zittern lief durch Binias schlanke Gestalt.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_220" id="Page_220">[Pg 220]</a></span>&raquo;Komm, Josi, wir wandern, ich kann jetzt gewi&szlig;
+nicht grad wieder ins Kloster hinein!&laquo;</p>
+
+<p>Sie zog ihn mit. &mdash; Die Liebe zu Binia und der
+Trotz gegen den Presi besiegten seine Vors&auml;tze. Still
+wie Fl&uuml;chtlinge gingen sie eine Weile durch B&auml;ume und
+Gestr&auml;uch, dann dem See entlang, dann planlos bergauf.
+Sie entdeckten bald, da&szlig; man sie nicht verfolge, auf der
+H&ouml;he stie&szlig; Binia einen Jauchzer aus und sie setzte sich.</p>
+
+<p>&raquo;Josi, es ist so sch&ouml;n von dir, da&szlig; du gekommen
+bist. Niemand st&ouml;rt uns in dieser fremden, sonnigen
+Welt. Ach, wie garstig, man sieht deine Narbe immer
+noch!&laquo;</p>
+
+<p>Mit feiner, liebkosender Hand glitt Binia dar&uuml;ber
+hin, er sah das Licht rosig durch ihr kleines Ohr schimmern,
+die Spitzen ihres dunklen Seidenhaares ber&uuml;hrten
+sein Gesicht und der Pfirsichflaum der Wange streifte ihn.</p>
+
+<p>Er verging fast vor Seligkeit, aber die jubelnden
+Stimmen des Gl&uuml;ckes vermochten die Sorge nicht ganz
+zu &uuml;bert&ouml;nen. &raquo;Du, Binia,&laquo; hob er etwas beklommen
+wieder an, &raquo;es ist mir gar nicht recht.&laquo; &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Was bist du f&uuml;r ein sch&ouml;ner Bursch geworden, Josi,&laquo;
+unterbrach sie ihn, &raquo;berichte mir von daheim &mdash; ich bin
+so neugierig.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend er erz&auml;hlte, gingen die feinsten Spiele
+&uuml;ber ihr Gesicht, es wurde fr&ouml;hlicher und fr&ouml;hlicher &mdash;
+als er ihr schilderte, wie er Th&ouml;ni von der Planke geholt
+hatte, klatschte sie in die H&auml;nde: &raquo;Josi, das ist
+herrlich &mdash; ich m&ouml;chte dir gern etwas Liebes anthun, aber
+ich wei&szlig; nicht was!&laquo; Und mit dem&uuml;tiger Stimme:
+&raquo;Ich wei&szlig; nicht, warum ich dich so lieb habe, Josi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sieh, grad so geht es mir mit dir, Bini!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_221" id="Page_221">[Pg 221]</a></span>&raquo;Das ist merkw&uuml;rdig,&laquo; erwiderte sie tr&auml;umerisch und
+ihre Stimme wurde wieder hoch und fein. &raquo;Am Wassertr&ouml;stungsmorgen,
+als ich sah, wie deine Mutter wegen
+meines Vaters litt, da war's, als st&auml;nde pl&ouml;tzlich in
+meiner Brust mit feurigen Buchstaben: 'Ich liebe Josi!'
+Und als der Vater mi&szlig;verstand, was ich im Fieber
+redete, als er dich ha&szlig;te, da wurde die Liebe nur gr&ouml;&szlig;er;
+als er dich zu B&auml;lzi als Knecht gab, da wuchs sie, als
+du Rebell wurdest, da starb ich fast, und als dich mein
+Vater schlug, da wu&szlig;te ich's wohl: 'Jetzt rinnt das Blut
+Josis um mich, jetzt kann ich ihn nicht mehr lassen,
+selbst um meine Seligkeit nicht! Und so ist's mit mir:
+W&uuml;rdest du sagen: 'Steige auf jenen Schneeberg', so w&uuml;rde
+ich steigen, bis ich vor M&uuml;digkeit ums&auml;nke, und w&uuml;rdest
+du befehlen: 'Schwimme &uuml;ber diesen See', so w&uuml;rde ich
+mit meinen Armen rudern, bis &mdash; du ziehst so ein finsteres
+Gesicht, Josi &mdash; ich bin ganz ungl&uuml;cklich &mdash; du
+denkst gewi&szlig;, es sei schlecht von mir, da&szlig; ich mit dir
+gehe, obgleich es mein Vater nicht gern hat &mdash; aber ich
+habe dich halt so lieb!&laquo;</p>
+
+<p>Sie senkte ihr Gesicht schalkhaft und sch&auml;mig.</p>
+
+<p>&raquo;O Binia,&laquo; antwortete er, &raquo;du hast recht &mdash; ich will
+mich mit dir an dem sch&ouml;nen Tag freuen &mdash; es ist vielleicht
+der einzige, den wir erleben.&laquo;</p>
+
+<p>Sie gingen weithin &uuml;ber die sonnigen H&uuml;gel mit
+den prangenden Herbstfarben, aber eine leise jugendliche
+Scheu schritt noch zwischen ihnen, die manches, was sie
+sagen wollten, zur&uuml;ckhielt. Um so mehr redeten ihre
+Augen. Immer und immer wieder betrachtete eins verstohlen
+das andere.</p>
+
+<p>Vor sich an einer H&ouml;he sahen sie in die welkenden<span class='pagenum'><a name="Page_222" id="Page_222">[Pg 222]</a></span>
+B&auml;ume hineingespannt die Netze eines Vogelstellers. Neugierig
+wie Kinder liefen sie hinzu und beschauten die
+malerisch h&auml;ngenden Garne. Ein halbes Dutzend Amseln
+hing mit todesbangen Blicken darin. Binia zog einen
+Vogel um den anderen vorsichtig heraus, betrachtete l&auml;chelnd
+jedes Tierchen, pre&szlig;te ihm einen Ku&szlig; auf den Schnabel
+und gab ihm die Freiheit. Die V&ouml;gel flatterten erst &auml;ngstlich,
+sp&uuml;rten dann die Befreiung, flogen in die H&ouml;he und
+freudiges Geschrei stieg aus dem reinen Blau auf die
+Erde zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Josi staunte Binia nur an: &raquo;Du herrliches Kind!
+Wenn aber der Mann k&auml;me, dem diese V&ouml;gel geh&ouml;ren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, ich habe den Nonnen manchmal den Spa&szlig;
+verdorben, und sie haben die Th&auml;terin nie erwischt. Ich
+h&auml;tte mich auch f&uuml;r ein gl&uuml;ckliches Vogelherzchen die ganze
+Woche einsperren lassen. &mdash; &mdash; Josi&laquo; &mdash; ihre Finger ber&uuml;hrten
+seine Hand &mdash; &raquo;vielleicht bin ich auch einmal
+so ein armes Schelmchen &mdash; und dann kommt jemand
+Barmherziger und l&ouml;st mich.&laquo;</p>
+
+<p>Ein Strahl ihres dunklen Auges traf ihn, ihr Mund
+aber l&auml;chelte herzgewinnend.</p>
+
+<p>&raquo;Bini, ich habe mir schon fast den Kopf zerbrochen,
+wie wir trotz dem gro&szlig;en Zorn deines Vaters zusammenkommen
+k&ouml;nnten,&laquo; stammelte Josi. &raquo;Und ich wei&szlig; es &mdash;
+es bleibt mir nichts anders &uuml;brig, als da&szlig; ich f&uuml;r unsere
+Liebe an die Wei&szlig;en Bretter steige.&laquo;</p>
+
+<p>Da lehnte sie ihr K&ouml;pfchen schluchzend an seine Brust:
+&raquo;Das willst du f&uuml;r mich thun, Josi! Nein &mdash; nein. &mdash;
+Das darfst du nicht. &mdash; Du w&uuml;rdest fallen, wie dein
+Vater gefallen ist. &mdash; Und denke an meinen Vater &mdash;
+ich habe ihn, wenn er auch manchmal w&uuml;st und b&ouml;se ist,<span class='pagenum'><a name="Page_223" id="Page_223">[Pg 223]</a></span>
+doch so stark lieb; ich m&ouml;chte nicht, da&szlig; die Nachtbuben
+k&auml;men, um dem Gemeinderat im Werben zu helfen, und
+die rasselnden Ketten um das Haus schleiften und riefen:
+'Presi, gebt die Binia heraus!' Ich glaube, da w&uuml;rde
+er auch erst recht wild &uuml;ber dich.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah ihn hilflos an.</p>
+
+<p>&raquo;Binia, so th&ouml;richt bin ich nicht. Ich plane es
+anders! Kein Mensch wei&szlig; es, was ich thun will, dir
+aber, liebes Bineli, will ich es verraten. &mdash; In drei
+Jahren komme ich wieder heim, dann will ich St. Peter
+aus der Blutfron an den Wei&szlig;en Brettern befreien. Um
+zu lernen, wie ich's angreifen mu&szlig;, gehe ich mit George
+Lemmy nach Indien.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Josi! &mdash; Du willst St. Peter aus der Blutfron
+befreien.&laquo; &mdash; Ein &uuml;berirdischer Glanz lag in ihren Augen
+und das Wort t&ouml;nte wie ein Schrei. Sie schaute ihn
+staunend an, sie pre&szlig;te seine H&auml;nde. &raquo;Josi, kannst du
+das? &mdash; Josi, ich glaube, das hat dir Gott eingegeben.
+&mdash; Ich halte dich nicht zur&uuml;ck &mdash; nein, lieber Josi, thu's
+&mdash; thu's! &mdash; Meine Gedanken sind mit dir, wenn du
+an den Brettern schaffen wirst.&laquo;</p>
+
+<p>Weiter, weiter f&uuml;hrte sie die Sonne unter Kastanienb&auml;umen
+dahin, die ihre stachlichten Fr&uuml;chte auf den Boden
+fallen lie&szlig;en. Tief unter ihnen gegen den See hin jauchzten
+die Winzer in den Reben.</p>
+
+<p>Sie sahen aber das Leuchten der Natur nicht, sie
+hatten zu viel von Brust zu Brust zu tauschen.</p>
+
+<p>Binia gl&uuml;hte f&uuml;r Josis Plan.</p>
+
+<p>&raquo;Josi, jetzt wei&szlig; ich, warum ich dich so lieb habe.
+Du hast halt ein gro&szlig;es, mutiges Herz &mdash; und als ich
+es noch nicht wu&szlig;te, habe ich es doch schon geahnt, denn<span class='pagenum'><a name="Page_224" id="Page_224">[Pg 224]</a></span>
+es strahlt aus deinen Augen. Und jetzt ist mir, ein Thor
+habe sich vor uns aufgethan, durch das unsere Liebe
+hinaus in den Fr&uuml;hling wandern kann. Es kommt alles,
+alles gut! Sieh, nur ein festes Vertrauen braucht es,
+dann werden zuletzt alle Tr&auml;ume und Wunder wahr &mdash;
+auch das unserer Liebe und unseres Gl&uuml;cks. Gewi&szlig; ist
+mein Vater der erste, der dich mit Freuden empf&auml;ngt,
+wenn du die Blutfron von St. Peter nimmst. Er hat
+Sinn f&uuml;r alles Gro&szlig;e.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bini, wenn du so redest, so fange ich selber wieder
+zu glauben und zu hoffen an &mdash; du liebes, liebes Kind.&laquo;
+Er schlang den Arm um ihre H&uuml;fte und so wanderten
+sie in heiligem Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ein herrlicher Tag,&laquo; jubelte Binia.</p>
+
+<p>Auch Josi schwamm in stiller Seligkeit. Der Gedanke
+an den Fluch des Presi verschwand vor der bl&uuml;henden
+Wirklichkeit. So sch&ouml;n hatte er sich das Leben nie
+gedacht. Wie das nur kam, da&szlig; er so allein mit Binia
+durch die lachende Welt wandern durfte? Womit hatte
+er es nur verdient? Rein wie der milde blaue Herbsthimmel
+erschien ihm sein Leben, es war ihm, als m&uuml;&szlig;te
+es nun immer so bleiben und als st&auml;nde nun die Zeit
+&uuml;ber ihm und Binia stille.</p>
+
+<p>Wie lange ist so ein gl&uuml;cklicher Tag!</p>
+
+<p>Unvermerkt lenkten sie ihre Schritte abw&auml;rts, und
+mit freundlichem Zuruf gr&uuml;&szlig;te Binia das bunte V&ouml;lklein
+der Winzer, dieses reichte ihnen daf&uuml;r Trauben und
+Pfirsiche &uuml;ber Mauern und H&auml;ge und lachte dem wandernden
+P&auml;rchen zu. Und wenn sie aus den Blicken der
+Erntenden waren, schob eines dem anderen scherzend die
+Beeren in den Mund.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_225" id="Page_225">[Pg 225]</a></span>&raquo;Ich habe gar nicht gemeint, Josi, da&szlig; du so lieb
+und artig sein k&ouml;nntest,&laquo; lachte Binia.</p>
+
+<p>Als sie zu einer weinumrankten Osteria kamen, wo
+man die Aussicht auf den Spiegel des Sees frei genie&szlig;t,
+setzten sie sich auf eine Bank im Garten. Die
+Wirtin, eine freundliche alte Frau, fragte, ob sie etwas
+zu essen und zu trinken w&uuml;nschen.</p>
+
+<p>Als aber der Wein und das Essen vor ihnen stand,
+da nippten sie nur an den Gl&auml;sern. Die Wirtin schaute
+ihnen etwas betr&uuml;bt zu und versicherte sie, da&szlig; die Speisen
+gut seien. Da langte Binia keck zu und legte ein paar
+Schnitten des r&ouml;tlichen Fleisches in den Teller Josis.
+Sie selber m&ouml;ge nichts. Und sie plauderte mit der Wirtin.</p>
+
+<p>Josi, der von der Unterhaltung nichts verstand, sah,
+wie Binia pl&ouml;tzlich ergl&uuml;hte.</p>
+
+<p>Als die Wirtin gegangen war, fragte er Binia,
+warum sie so rot geworden sei.</p>
+
+<p>Sie senkte, aufs neue err&ouml;tend, das K&ouml;pfchen, schlug
+die Augen auf und l&auml;chelte kaum merkbar: &raquo;Wenn ich's
+nur sagen d&uuml;rfte &mdash; sie &mdash; hat gefragt &mdash; ob wir Brautleute
+seien.&laquo;</p>
+
+<p>Da &uuml;bergossen sich auch Josis Wangen mit dunklem
+Rot und seine Narbe trat deutlich hervor. Z&ouml;gernd fragte
+er: &raquo;Was hast du ihr geantwortet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es hat mich halt so sch&ouml;n angemutet, da habe ich
+'Ja' gesagt.&laquo; Sie fl&uuml;sterte es mit feiner Stimme, sie
+lehnte sich zur&uuml;ck, da&szlig; er sie nicht sehen konnte, sie schmiegte
+sich so an ihn, da&szlig; ihr weiches Haar, das sich um die
+Schl&auml;fen wand, sein Ohr ber&uuml;hrte und umschlang mit
+ihrem Arm seinen Arm.</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;tte ich es nicht thun sollen, Josi?&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_226" id="Page_226">[Pg 226]</a></span>Da suchten sich ihre H&auml;nde, und als sie sich gefunden
+hatten, fl&uuml;sterte sie: &raquo;Jetzt sind wir aber auch wirklich
+Brautleute.&laquo;</p>
+
+<p>Josis Augen strahlten.</p>
+
+<p>Da trat die Wirtin wieder zu ihnen. Von einem
+noch bl&uuml;henden Stock schnitt sie die Rosen und gab sie
+Binia mit einem Gl&uuml;ckwunsch. Binia steckte die Knospen
+an die Brust und nun dr&auml;ngte sie zum Fortgehen. Sie
+wollte mit Josi allein sein.</p>
+
+<p>Das erste St&uuml;ck Weges gingen sie schweigend. Da
+sagte Binia wie im Traum: &raquo;Ringe haben wir noch
+nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dir aber ein Andenken, Bineli &mdash; einen
+Tautropfen von der Krone. 'Tautropfen' habe ich dich
+immer genannt, wenn ich an dich dachte, Bineli.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist lieb,&laquo; sagte sie leuchtenden Blicks. &raquo;Ich
+m&ouml;chte gern ein Tautropfen sein, so rein, so frisch, so
+sonnenvoll, damit ich dir immer gefalle, Josi. Ich
+habe ein Kettelchen mit einer Kapsel von meiner Mutter
+selig, darein lege ich den Tropfen. Dann ruht er
+gewi&szlig; an einer treuen Brust. &mdash; Ich gebe dir diesen
+M&auml;dchenreif &mdash; er ist zu klein f&uuml;r deinen Finger. &mdash;
+Aber trag ihn auf dir. &mdash; K&uuml;sse ihn jede Nacht und
+denke an mich.&laquo;</p>
+
+<p>Sie schmiegte sich z&auml;rtlich an ihn, er k&uuml;&szlig;te sie auf
+die Schl&auml;fe.</p>
+
+<p>Da k&uuml;&szlig;te sie ihn auf den Mund &mdash; er sie wieder.</p>
+
+<p>Auf dem See lag ein weicher Abend und h&uuml;llte die
+Welt in Licht und goldigen Duft. Binia sah in s&uuml;&szlig;er
+Tr&auml;umerei vor sich hin. &raquo;In drei Jahren kommst du
+wieder, Josi. Und ich will dir treu warten und dann<span class='pagenum'><a name="Page_227" id="Page_227">[Pg 227]</a></span>
+alle Tage hinaus gegen den Stutz schauen, ob du gegangen
+kommst.&laquo;</p>
+
+<p>In der D&auml;mmerung erreichten sie die N&auml;he der Stadt
+wieder. Binia war still. Die lange Wanderung hatte
+sie m&uuml;de gemacht und ihre tolle Entweichung aus dem
+Kloster lag nun doch schwer auf ihren Gedanken.</p>
+
+<p>&raquo;Was wird man dir anthun, arme Bini?&laquo;</p>
+
+<p>Sie zwang sich zu einem L&auml;cheln: &raquo;Auf einem kantigen
+Scheit werde ich neben der Nonne knieen m&uuml;ssen,
+welche die Nachtwache hat, und beten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, du armes Kind,&laquo; erwiderte Josi voll tiefen
+Mitleides.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich bin reich, ich denke dann immer an dich
+und an den langen sch&ouml;nen Tag.&laquo;</p>
+
+<p>Wie mild und innig das von ihren Lippen flo&szlig;.
+Josi wu&szlig;te nicht, sollte er jauchzen vor Gl&uuml;ck oder weinen,
+da&szlig; sie seinetwegen in so grausame Strafe kam.</p>
+
+<p>Am mondbegl&auml;nzten See betrachteten sie die kleinen
+Heiligt&uuml;mer noch einmal.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt sind wir verlobt,&laquo; hauchte Binia, &raquo;jetzt bin
+ich deine Braut.&laquo;</p>
+
+<p>Sie umarmten sich. Binia weinte vor Ergriffenheit,
+aber sie waren nun in die N&auml;he des Klosteraufganges
+gekommen und pl&ouml;tzlich dr&uuml;ckte sie Josi heftig die Hand
+und k&uuml;&szlig;te ihn leidenschaftlich: &raquo;Lebewohl, lieber, lieber
+Josi, wir sehen uns gewi&szlig; wieder und es kommt alles
+gut.&laquo;</p>
+
+<p>Dann ri&szlig; sie sich los, kam nach ein paar Schritten
+noch einmal zur&uuml;ck: &raquo;Josi!&laquo; Ein schmerzlicher Schrei
+aus blassem Gesicht, und dann verschwand die fl&uuml;chtige
+Gestalt im dunklen Laubengang. Josi stand und starrte<span class='pagenum'><a name="Page_228" id="Page_228">[Pg 228]</a></span>
+in die Dunkelheit, dann h&ouml;rte er den schrillen Anschlag
+der Klosterglocke. Als Binia nach einiger Zeit nicht wiederkam,
+da ri&szlig; auch er sich von der Stelle los.</p>
+
+<p>Wachte er oder tr&auml;umte er? Er k&uuml;&szlig;te das Ringlein
+Binias, er dachte so innig, so hei&szlig; an sie, die jetzt um
+ihn litt. Aber auch der Fluch des Presi peinigte ihn
+wieder.</p>
+
+<p>Als er am anderen Tag den Kopf ins Zimmer
+George Lemmys steckte, rief dieser lustig: &raquo;Boy, der Fu&szlig;
+ist schon fast besser &mdash; Felix Indergand ist da &mdash; morgen
+reisen wir!&laquo;</p>
+
+<p>Da trat Indergand, der starke, kr&auml;ftige Mann mit
+dem offenen Gesicht, unter die Th&uuml;re: &raquo;Blatter, eben
+ist der Kreuzwirt von Hospel mit seiner Nichte aus der
+Stadt gefahren.&laquo;</p>
+
+<p>Mit nassen Augen ging Josi in einen Winkel und
+faltete die H&auml;nde: &raquo;An die Wei&szlig;en Bretter f&uuml;r Binia!&laquo;
+dachte er. &raquo;Was man im Namen der heligen Wasser
+thut, das mu&szlig; unabwendbar geschehen. Ich will's glauben
+wie die zu St. Peter und dem Himmel mit einer That
+f&uuml;r den sch&ouml;nen Tag danken.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_229" id="Page_229">[Pg 229]</a></span></p>
+<h2><a name="XII" id="XII"></a>XII.</h2>
+
+
+<p>Im B&auml;ren ist es, seit die Fremden fort sind, sonnt&auml;glich
+still. Der Presi sitzt in der gro&szlig;en Stube am
+Tisch unter dem Meerweibchen, raucht seine Zigarre und
+erwartet den Garden.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en im Flur h&ouml;rt er Binias Stimme. &raquo;Wie
+sie sch&ouml;n singt!&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi hat eine aufrichtige Freude &uuml;ber die
+Wiederkehr Binias. Nicht blo&szlig; weil damit ein b&ouml;ser,
+&uuml;bereilter Streich gut gemacht ist, sondern weil der Anblick
+des M&auml;dchens sein Herz erquickt. Seine Augen
+bleiben, so oft er es sieht, an dem Kinde h&auml;ngen. Sie
+ist zwischen Siebzehn und Achtzehn und der Aufenthalt
+auf Santa Maria del Lago hat ihr nicht im geringsten
+geschadet. Sie ist frisch und sch&ouml;n, sie ist gr&ouml;&szlig;er geworden,
+die Gesichtsfarbe heller, aber sie ist kein Dorfm&auml;dchen,
+daf&uuml;r sind ihre Glieder zu zart. An der ganzen
+lieben Gestalt sieht man eigentlich nichts als die Augen,
+die unter den langen Wimpern so gro&szlig; und dunkel sind,
+die so lebendig leuchten, da&szlig; einem dar&uuml;ber ganz warm
+ums Herz wird.</p>
+
+<p>Frau Cresenz hat gesagt, Binia habe die Augen von
+ihm, vom Presi, sie sei &uuml;berhaupt sein Ebenbild, aber<span class='pagenum'><a name="Page_230" id="Page_230">[Pg 230]</a></span>
+nur so, wie ein feines junges T&auml;nnchen einer Wettertanne
+gleiche.</p>
+
+<p>Ueber diesen schmeichelhaften Vergleich l&auml;chelt er jetzt.
+Binia singt.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sie nur nicht immer dieses h&auml;&szlig;liche Kirchhoflied
+singen w&uuml;rde,&laquo; denkt er. &raquo;Aber es ist das einzige
+Lied, das sie kennt. Und das beste, sie singt. Sie hat
+es seit dem Tod der seligen Beth nie mehr gethan. Ihr
+Gesang beweist, da&szlig; ihr die Abreise Josi Blatters gleichg&uuml;ltig
+ist. Ja, das Kind wird schon noch vern&uuml;nftig,
+die Luft ist jetzt rein. Es ist gut, da&szlig; ich mit dem
+Burschen nicht mehr geredet habe.&laquo;</p>
+
+<p>Das Lied Binias bricht ab. Sie hat drau&szlig;en ein
+kleines Wortgefecht mit Th&ouml;ni. Sie zanken sich wie ehedem.</p>
+
+<p>Da kommt der Bursche in die Stube: &raquo;Es ist da
+ein Brief f&uuml;r Euch, Pr&auml;sident!&laquo; Und geht.</p>
+
+<p>Der Presi liest, &uuml;ber sein vergn&uuml;gtes Gesicht fliegen
+die Schatten tiefer und tiefer, vom Vergn&uuml;gen sieht man
+keine Spur mehr &mdash; nur zuckende Wetter.</p>
+
+<p>&raquo;Gott's Donnerhagel, da&szlig; ich es an dem Tage nicht
+merkte, wo sie &uuml;ber die Schneel&uuml;cke gingen. &mdash; Ein Telegramm
+&mdash; sie h&auml;tte im Kloster bleiben m&uuml;ssen. Ah &mdash;
+ah &mdash; eigens bereitgestellt habe ich sie ihm. O, was
+bin ich f&uuml;r ein Kalb!&laquo; So f&uuml;hrt er mit rotem Kopf das
+Selbstgespr&auml;ch und knirscht vor Wut.</p>
+
+<p>In dem Augenblick, wo der Presi so &auml;chzt, tritt der
+Garde mit schwerem Tritt in die Stube und sieht die
+Verw&uuml;stung in seinem Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Was giebt's, Presi?&laquo; Da reichte ihm dieser nur
+den Brief der Priorin von Santa Maria del Lago.
+Drau&szlig;en hatte Binia ihren Gesang wieder aufgenommen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_231" id="Page_231">[Pg 231]</a></span>Als der Garde den Brief zusammenfaltete und ruhig
+auf den Tisch legte, st&ouml;hnte der Presi: &raquo;He, das ist eine
+sch&ouml;ne Geschichte &mdash; wenn man da nicht verr&uuml;ckt wird. &mdash;
+Ich schaffe das Kind wegen dem Rebellen fort, da&szlig; sie
+einander aus den Augen sind, ich meine, es sei alles gut,
+und biete den beiden die Gelegenheit, da&szlig; sie einen ganzen
+Tag ungest&ouml;rt miteinander herumludern k&ouml;nnen. Das
+wird sch&ouml;n zu- und hergegangen sein &mdash; der lausige
+Blatter &mdash; und mein Kind!&laquo;</p>
+
+<p>Er pre&szlig;te die Pratze an die Stirne.</p>
+
+<p>&raquo;Sch&auml;mt Euch, Presi! Ihr kennt Euer Kind &mdash; ich
+kenne Josi. Da ist gewi&szlig; weniger geschehen, als wenn die
+Bursche und M&auml;dchen in Hospel drau&szlig;en auf dem Tanzplatz
+sind. Rechte Liebe ist ehrf&uuml;rchtig, eines f&uuml;r das
+andere.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist keine rechte, das ist eine schlechte. Ich mag
+halt den Wildheuerbuben nicht leiden.&laquo;</p>
+
+<p>Da legte der Garde die schwere Hand auf die seines
+Freundes und Gegners.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rt, Presi! Im Fr&uuml;hjahr vor einem Jahr, damals,
+als Fr&auml;nzi starb, habe ich mehr aus Zorn &uuml;ber
+Euch als aus Barmherzigkeit Vroni zu mir genommen.
+Und seither ist sie uns zum Segen und Sonnenschein
+geworden, da&szlig; wir nicht mehr leben k&ouml;nnten ohne sie!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das wei&szlig; das ganze Dorf, da&szlig; Ihr als alter
+Knabe verliebt seid in das J&uuml;ngferchen. Sie ist auch
+ein artiges Kind. Ihr h&auml;ttet es mir wohl in den B&auml;ren
+geben k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Mit einem h&ouml;hnischen L&auml;cheln sagt es der Presi.
+Der Garde aber fuhr in ehrlicher Entr&uuml;stung los: &raquo;Verliebt.
+&mdash; Presi, schaut, wie viel graue Haare ich habe<span class='pagenum'><a name="Page_232" id="Page_232">[Pg 232]</a></span>
+im Bart. Wi&szlig;t Ihr, wie die gekommen sind? Die stammen
+von Eusebi und meinem Weib. Schier hintersinnt
+hat es sich, da&szlig; der Bube, f&uuml;r den sie so viel gelitten
+hat und f&uuml;r den ich an die Wei&szlig;en Bretter gestiegen bin,
+als ein Bl&ouml;dling aufgewachsen ist. Wir haben keine wahre
+Lebensfreude gehabt, der Bub hat nicht erwachen wollen
+und die Gardin hat sich halb zu Tode gekr&auml;nkt, da&szlig; ihr
+just so einer als einziger beschieden war. Als er f&uuml;nfzehn
+gewesen ist, hat er immer noch nur bl&ouml;de zugeschaut,
+wie die anderen gearbeitet haben, und hat mit den Steinchen
+gespielt. Meint, Presi, das hat mir und der Gardin
+ins Herz geschnitten, wir haben oft den ganzen Tag
+gar nicht zusammen reden m&ouml;gen. Jetzt aber, seit Vroni
+da ist, ist er wie ausgewechselt. Fr&ouml;hlich sichelt er neben
+ihr oder h&auml;lt mit den Knechten die Mahd, die schwachen
+Arme sind stark geworden, er stottert kaum mehr und
+hat Freude am Reden. Das Herz geht mir auf, wenn
+ich daran denke. Lacht nur, aber es ist, wie wenn ein
+Wunder des Gl&uuml;ckes &uuml;ber den Burschen gegangen w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi streckte dem Garden hell und lustig auflachend
+die Hand hin: &raquo;Ich verstehe Euch schon, ich w&uuml;nsche
+Euch Gl&uuml;ck zur Schwiegertochter. Ich h&auml;tte einen anderen
+Geschmack gehabt, Garde.&laquo;</p>
+
+<p>Einen Augenblick verwirrte der Spott des Presi
+den Garden, dann erwiderte er ruhig: &raquo;Ich wollte gern,
+das M&auml;dchen, das artige, gute, n&auml;hme Eusebi, ich darf
+es ihm nicht zumuten &mdash; nein &mdash; nein &mdash; ich dr&auml;nge
+sie nicht zusammen. Die zwei m&uuml;ssen sich von selber
+finden.&laquo;</p>
+
+<p>Als er den Hohn sah, der &uuml;ber das sauber rasierte
+Gesicht des Presi spielte, versetzte er barsch: &raquo;Ich gebe<span class='pagenum'><a name="Page_233" id="Page_233">[Pg 233]</a></span>
+Vroni, auch wenn sie Eusebi nicht nimmt, eine Aussteuer,
+wie sie in St. Peter keine Bauerntochter bekommt,
+ich w&uuml;nsche nur, da&szlig; sie noch ein paar J&auml;hrchen bei uns
+bleibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr werdet ihr schon etwas Rechtes geben m&uuml;ssen,
+Ihr erzieht ja das Kind, als w&auml;r's vom Herrenhaus zu
+Hospel. Ist's denn richtig, da&szlig; sie eine eigene Mauleselin
+besitzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl, wohl, die besitzt sie. Ihr werdet sehen, wie
+sch&ouml;n sie auf der Blanka zur Weinlese reitet!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, wenn Armeleutekinder so verzogen werden,
+so kann's in St. Peter gut kommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Presi, seid doch still! &mdash; Eure Fremden verderben
+das Thal, da w&auml;re viel zu reden. Jetzt hat der Glotterm&uuml;ller
+auch eine Wirtschaft aufgethan. Das b&ouml;se Beispiel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, was ist denn an Vroni Besonderes,&laquo; lenkte der
+Presi ab, &raquo;da&szlig; Ihr dem Kinde ein Maultier geschenkt
+habt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist etwas geschehen, was ich nicht habe erwarten
+d&uuml;rfen, Presi. Gerade wie Josi fortgereist ist, bin ich
+mit Eusebi an die Milit&auml;reinschreibung zu Hospel geritten.
+Fast gezittert habe ich vor dem Tag und gef&uuml;rchtet,
+Eusebi werde vor Scham, da&szlig; man ihn nicht
+zum Milit&auml;r nehme, wieder ein Bl&ouml;der. Ich sitze w&auml;hrend
+der Pr&uuml;fung der Rekruten im Kreuz und mache mir tr&uuml;be
+Gedanken. Da kommt Eusebi fr&uuml;her als ich ihn erwartet
+geeilt. 'Vater,' jauchzt er, 'man hat mich angenommen.'
+Er zittert vor Seligkeit, da&szlig; er das Glas nicht
+halten kann, das ich ihm biete. Und ich kann nicht 'zum
+Wohlsein, Soldat!' sagen, so hat mich die Freude, die
+ich nicht habe zeigen wollen, gedr&uuml;ckt und gew&uuml;rgt. 'Wei&szlig;t,<span class='pagenum'><a name="Page_234" id="Page_234">[Pg 234]</a></span>
+Vater,' erz&auml;hlt er, 'wie mich so einer mit Augengl&auml;sern
+angesehen hat, ist mir immer gewesen, Vroni stehe hinter
+mir und sage mir das, was ich antworten solle.' Ich
+aber denke jetzt immer nur: 'Eusebi ist Soldat, er ist
+kein Bl&ouml;der mehr!' Ihr h&auml;ttet mir das sch&ouml;nste Heimwesen
+im Glotterthal schenken k&ouml;nnen, so gefreut h&auml;tte
+es mich nicht. Da meint Eusebi: 'Darf ich Vroni nicht
+ein Kr&auml;mlein bringen?' &mdash; 'Allerwegen,' antworte ich,
+'deine Schulmeisterin mu&szlig; einen Kram haben,' ich gehe
+zum Maultierh&auml;ndler Imahorn in Hospel und von vierzehn
+Stuten kaufe ich die sch&ouml;nste, und wie wir heimkommen,
+sage ich: 'Die ist f&uuml;r dich, Vroni, weil Eusebi
+zum Milit&auml;r angenommen worden ist!' Einem anderen,
+Presi, aber habe ich auch gedankt, ich habe zweihundert
+Franken ins Spendgut von St. Peter gelegt, und bin
+noch heute aus Vaterfreude in Vroni und in unseren
+Herrgott vernarrt.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi wiegte bei der warmen Rede des Garden
+sp&ouml;ttisch das Haupt, aber seine Stimmung war eine
+bessere geworden. Auf den Brief der Priorin deutend,
+murrte er: &raquo;Und nun meint Ihr &mdash; das ist doch Eurer
+Rede Sinn &mdash;, da&szlig; ich Josi auch auf einen Esel setzen
+soll? Die zwei achtbarsten M&auml;nner von St. Peter die
+Schwiegerv&auml;ter der Wildheuerkinder und so eine Art
+Gegenschw&auml;her!&laquo;</p>
+
+<p>Mit lachendem Hohn stie&szlig; er sein Glas an das des
+Garden. &raquo;Sagt ehrlich, wenn es Eusebi so tagt im
+oberen St&uuml;bchen, was w&auml;r's mit ihm und Binia? Der
+Bund zwischen zwei ehrenwerten Familien w&auml;re doch eine
+andere Freude als nur eine Verwandtschaft durch die
+Wildheuerkinder.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_235" id="Page_235">[Pg 235]</a></span>Man wu&szlig;te nicht recht, war es Scherz oder Ernst,
+so eigent&uuml;mlich sprach er es, der Garde aber sch&uuml;ttelte
+den m&auml;chtigen Kopf: &raquo;Etwas langsam ist halt Eusebi
+immer noch, Binia aber, das Prachtkind, ist ein rasches,
+heftiges Blut. Das pa&szlig;t wohl nicht zusammen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber zum Rebellen, der sich in den Bergen herumtreibt,
+pa&szlig;t die Rebellin, die aus dem Kloster l&auml;uft
+&mdash; &mdash; nicht wahr, Garde,&laquo; sagte der Presi halb h&ouml;hnisch,
+halb lustig.</p>
+
+<p>&raquo;Ho!&laquo; erwiderte sein Gastfreund, &raquo;ich meine, Josi
+Blatter w&auml;re mir an Eurer Statt so lieb wie Th&ouml;ni
+Grieg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ta-ta-ta, wie kommt Ihr auf Th&ouml;ni Grieg! Er
+und Binia verkehren ja wie Hund und Katze. Jetzt will
+ich aber doch die Vagantin einvernehmen. Bini &mdash; Bini!&laquo;
+&mdash; Er stand auf und rief es durch die Th&uuml;re.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen, das mit seinem Gesang aufgeh&ouml;rt
+hatte, als die beiden M&auml;nner laut geworden waren, erschien,
+nichts ahnend, mit freudestrahlendem Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Da lies diesen Brief,&laquo; sagte der Presi streng. Ein
+Blick Binias in das Schreiben, sie wurde dunkelrot und
+zitterte.</p>
+
+<p>&raquo;Was habt ihr an dem Tag gethan? &mdash; rede nur,
+der Garde darf es auch h&ouml;ren.&laquo; Es klang nicht eben
+b&ouml;s, wie es der Presi sagte.</p>
+
+<p>Binia stutzte einen Augenblick, ihre R&ouml;te ging in
+Totenbl&auml;sse &uuml;ber. Sie warf sich vor ihm auf die Kniee,
+umschlang die seinen und hauchte leise, doch fein und
+klar: &raquo;Vater, ich darf's fast nicht sagen, wie ungehorsam
+wir gewesen sind. &mdash; Josi und ich haben uns &mdash; verlobt.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi sprang auf, nahm sein Glas und warf<span class='pagenum'><a name="Page_236" id="Page_236">[Pg 236]</a></span>
+es neben die Knieende auf den Boden, da&szlig; es in hundert
+St&uuml;cke zersplitterte.</p>
+
+<p>&raquo;Und ihr meint, ich sei der Narr im Spiel!&laquo; keucht
+er heiser, taumelt und will mit den F&auml;usten auf sie los,
+aber der Garde h&auml;lt ihn: &raquo;La&szlig;t sie ausreden!&laquo; und wie
+der Presi sich nicht setzt, umspannt er ihn mit seinen
+eisernen Armen und dr&uuml;ckt ihn auf den Stuhl. &raquo;Hockt
+ab, Presi, und h&ouml;rt. Dann sprecht!&laquo;</p>
+
+<p>Binia wollte sich fl&uuml;chten. &raquo;Bleibe, Kind!&laquo; knurrte
+sie der Garde an.</p>
+
+<p>Der Presi schnaubte und zischte: &raquo;Der Hund! der
+Hund! Wie wagt er sich an dich? He, sch&ouml;ne Augen
+hast du ihm gemacht, du!&laquo;</p>
+
+<p>Wie ein Marmorbild stand Binia mit dem R&uuml;cken
+an der Wand, an die sie hingetaumelt war, nur die
+wogende Brust und die bebenden Nasenfl&uuml;gel verrieten
+das pulsierende Leben.</p>
+
+<p>&raquo;Vater &mdash; t&ouml;tet mich &mdash; aber ich sage es! &mdash; Ihr
+seid mit Fr&auml;nzi verlobt gewesen, Ihr habt sie ohne Grund
+verlassen; ich aber mu&szlig; an Josi gut machen, was Ihr
+an ihr b&ouml;s gemacht habt. Das hat mir die selige Mutter
+eingegeben; ich liebe Josi, Vater, ich kann sterben, aber
+ich lasse ihn nicht, ich habe alles geh&ouml;rt, was Ihr am
+Wassertr&ouml;stungstag mit der Fr&auml;nzi geredet habt. Da ist
+mir die Liebe gekommen.&laquo;</p>
+
+<p>Wie merkw&uuml;rdig die feine verhaltene Stimme klang,
+ein Singen war es, mehr als ein Reden, ein sonderbares
+Singen, wie wenn der Wind durch die Waldwipfel streift,
+ein Ton, als fl&uuml;stere er aus schweigender H&ouml;he.</p>
+
+<p>Die Stimme brach, die Ungl&uuml;ckliche schwankte und
+tappte der Wand entlang gegen die Th&uuml;re.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_237" id="Page_237">[Pg 237]</a></span>&raquo;Du &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Von schaumbedeckten Lippen zischte das gr&auml;&szlig;liche
+Wort, das Wort, das ein reines M&auml;dchen t&ouml;tet.</p>
+
+<p>&raquo;Presi! Ihr habt Euch vergangen!&laquo; st&ouml;&szlig;t der Garde
+mit einem Blick hervor, als wolle er sich auf ihn st&uuml;rzen.</p>
+
+<p>Der Presi r&ouml;chelte. Pl&ouml;tzlich scho&szlig; er auf und faustete.
+Dann sank er entkr&auml;ftet auf einen Stuhl &mdash;
+&auml;chzte &mdash; und nach einer Weile st&ouml;hnte er wirr: &raquo;Jetzt
+ist es klar. &mdash; Fr&auml;nzi &mdash; das hat mich immer gewundert,
+wohin das Kind an jenem Morgen aus meiner
+Stube verschwunden ist. &mdash; &mdash; Bini &mdash; Bini. &mdash; &mdash;
+Seppi Blatter &mdash; Fr&auml;nzi &mdash; ihr seid grausam gegen
+mich!&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi schwieg, nur die Lippen zitterten. Erst
+als seine Wut in eine weinerliche Wehmut &uuml;berging, die
+dem gewaltigen Mann fast komisch stand, sagte der Garde
+feierlich: &raquo;Ich will Euch eine Geschichte erz&auml;hlen, ich
+habe sie von Fr&auml;nzi.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi kr&uuml;mmte sich unter dem Namen.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rt, Presi! Auf der Burg zu Hospel sa&szlig; ein
+Ritter. Seine Tochter liebte einen Knappen. Zornig
+dar&uuml;ber lie&szlig; der Vater den J&uuml;ngling &uuml;ber den Felsen,
+auf dem die Burg stand, werfen, die Jungfrau aber
+st&uuml;rzte sich aus Verzweiflung in den Strom. Bald darauf
+machte der Ritter eine Bu&szlig;fahrt nach Rom. Als
+er &uuml;ber den Gletscher kam, da standen im Eis weit voneinander
+die armen Seelen der Liebenden. Sein T&ouml;chterlein
+l&auml;chelte. Da fragte der Ritter: 'Warum l&auml;chelst du,
+Kind, w&auml;hrend du doch so frierst?' Sie antwortete: 'O
+Vater, siehst du nicht, da&szlig; ich und mein Liebster bald
+beisammen sind?' Er sah zwischen ihnen nur das weite<span class='pagenum'><a name="Page_238" id="Page_238">[Pg 238]</a></span>
+harte Eis. Als er aber nach drei Jahren zur&uuml;ckkehrte,
+da waren die armen Seelen einander so nahe gekommen,
+da&szlig; sie sich mit den H&auml;nden erreichten. Best&uuml;rzt dar&uuml;ber,
+da&szlig; das Eis barmherziger war als er und nachgab, bereute
+er seine H&auml;rte bitterlich. Da h&ouml;rte er eines Tages
+eine Stimme vom Berg: 'Vater, trauere nicht mehr!'
+Da wu&szlig;te er, da&szlig; die gro&szlig;e Liebe das Eis ganz &uuml;berwunden
+hatte und die armen Seelen dicht beisammen
+standen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wozu das?&laquo; fragte der Presi dumpf. &raquo;An die
+armen Seelen glaube ich nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So &mdash; meinetwegen &mdash; aber glaubt Ihr, Ihr seid
+st&auml;rker als der Ritter von Hospel? &mdash; Ihr seid st&auml;rker
+als der Gletscher?&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi st&ouml;hnte.</p>
+
+<p>&raquo;Josi und Binia,&laquo; fuhr der Garde mit getragener
+Stimme fort, &raquo;es giebt kein sch&ouml;neres Paar im Glotterthale,
+aber auch nicht zwei so wilde Herzen wie sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mag aber nicht der Narr sein im Spiel,&laquo;
+st&ouml;hnte der Presi in wehem Zorn, &mdash; &raquo;ich will nicht,
+da&szlig; mein Kind nur so &uuml;ber mich hinwegschreitet. &mdash;
+Das verzeihe ich Bini nie!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Presi, das Verzeihen werdet Ihr schon lernen.
+Ich an Eurer Stelle w&uuml;rde auf ein sch&ouml;nes Alter denken.
+Wenn Ihr aber den Kopf zu stark setzt, so seht zu! Dann
+kommt der Tag, wo Ihr auf den Knieen zur Lieben Frau
+an der Br&uuml;cke rutschen w&uuml;rdet, wenn Ihr Bini nur Josi
+geben k&ouml;nntet und sie friedlich w&uuml;&szlig;tet. G&ouml;nnt ihnen beizeiten
+ein gr&uuml;nes Pl&auml;tzchen zum Gl&uuml;ck, sonst steigen auch
+sie auf die Berge und halten dort oben wie der Knappe
+und das Fr&auml;ulein Hochzeit als schuldige Seelen.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_239" id="Page_239">[Pg 239]</a></span>&raquo;Ihr meint an den Wei&szlig;en Brettern!&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi sprach es mit stieren Augen. Er zitterte
+und sein Gesicht hatte sich verzerrt.</p>
+
+<p>&raquo;Was sagt Ihr?&laquo; fragte der Garde &uuml;berrascht.</p>
+
+<p>&raquo;O Garde &mdash; es ist nur ein schrecklicher Traum,
+aber er &auml;ngstigt mich. Ich habe Binia mit blutendem
+Haupt neben dem jungen Blatter an den Wei&szlig;en Brettern
+gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herrgott im Himmel, was sagt Ihr, Presi? Das
+herrliche Kind, wie nicht alle hundert Jahre eins im
+Berglande w&auml;chst, stand blutend an den Wei&szlig;en Brettern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mein Kind, meine Bini, die ich so unendlich
+liebe und die mich so elend macht.&laquo;</p>
+
+<p>Und die Wehmut &uuml;berwog den Zorn.</p>
+
+<p>&raquo;Presi! Tr&auml;ume sind Sch&auml;ume, sagt man, der Traum
+aber kommt aus dem Gewissen &mdash; es steht b&ouml;se darin &mdash;
+macht Ordnung &mdash; an Seppi Blatter, an Fr&auml;nzi habt
+Ihr es verbrochen &mdash; macht es am Sohn gut &mdash; sp&uuml;rt
+Ihr nicht, wie das Schicksal Josis und Binias Zug um
+Zug &uuml;ber Euch ist. &mdash; Merkt Ihr es nicht, Presi? &mdash;
+Macht Ordnung!&laquo;</p>
+
+<p>Wie Hammerschl&auml;ge fallen die Worte des Garden
+auf die Brust des Presi. Er bebt, er schwitzt.</p>
+
+<p>&raquo;Wohl, ich merk' es &mdash; ich merk' es, Garde, sonst
+h&auml;tte mir das meine Binia nicht angethan &mdash; ich h&auml;tte
+den Josi Blatter nicht nach Indien gehen lassen sollen.
+&mdash; O Garde! &mdash; Mir ist, ich k&ouml;nnte ihn lieb haben.&laquo;</p>
+
+<p>Wie aus gebrochenem Leib st&ouml;hnte es der Presi.</p>
+
+<p>Schon glaubte der Garde ihn gewonnen zu haben. Da
+trat Frau Cresenz in die Stube und wischte die Scherben
+des zerschmetterten Glases zusammen. Ohne da&szlig; sie recht<span class='pagenum'><a name="Page_240" id="Page_240">[Pg 240]</a></span>
+wu&szlig;te, was vorgefallen war, jammerte sie: &raquo;Das Kind
+ist halt ganz der Vater, das kann man nicht &auml;ndern,
+das sind zwei harte K&ouml;pfe.&laquo; Und dann wandte sie sich
+an den Presi und tr&ouml;stete ihn mit fraulicher Milde, aber
+mit Worten, die nicht tief geholt waren und nicht tief
+gingen.</p>
+
+<p>Der Garde h&auml;tte viel darum gegeben, die Frau w&auml;re
+nicht gekommen oder wenigstens rasch wieder gegangen,
+als sie aber blieb, da wurde er &uuml;ber die St&ouml;rung wild
+und ging selbst.</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist eine wohlmeinende und rechtschaffene Frau,
+aber das Weib, die Mutter von unergr&uuml;ndlich tiefem
+Herzen, das an diesen Posten geh&ouml;rt, ist sie nicht.&laquo;</p>
+
+<p>So knurrte er, als er &uuml;ber die steinerne Treppe
+hinunterschritt.</p>
+
+<p>Als er am anderen Tag mit dem Presi reden wollte,
+war dieser hart wie Glas, die beiden gewaltigen M&auml;nner,
+die sich sonst so gut verstanden hatten, &uuml;berwarfen sich
+und der Verkehr von Haus zu Haus h&ouml;rte auf. Nur
+Vroni und Binia sahen sich noch zuweilen.</p>
+
+<p>&raquo;Bini ist eine Spinnerin geworden!&laquo;</p>
+
+<p>So sagten die Leute von St. Peter und streckten
+dabei den Zeigefinger gegen die Stirn. Man munkelte,
+sie sei im Kloster Madonna del Lago mi&szlig;handelt worden.
+Um den b&ouml;sen Segen, den sie und Josi von Kaplan Johannes
+empfangen haben, zu vertreiben, h&auml;tten ihr die
+Nonnen jede Nacht unter Gebet so viel Wasser, Tropfen
+um Tropfen, auf das Haupt gespritzt, da&szlig; mit dem b&ouml;sen
+Segen auch ein St&uuml;ck guter Seele von ihr gewichen sei.
+Und das suche und suche sie in Gedanken.</p>
+
+<p>Die th&ouml;richten Leute! Binia war allerdings, nachdem<span class='pagenum'><a name="Page_241" id="Page_241">[Pg 241]</a></span>
+sie aus dem Kloster gekommen, eine Weile bla&szlig; und
+wankte wie ein Schatten einher, aber nicht die Nonnen
+hatten sie, den lustigen Wildling von ehemals, zu der
+Schweigerin gemacht, die, wieviel in ihr lebte, der Welt
+nichts als die gro&szlig;en dunklen Augen wies.</p>
+
+<p>Ein einziges, gr&auml;&szlig;liches Wort des Vaters!</p>
+
+<p>Und jetzt warb er nicht um sie wie einst &mdash; er
+setzte sich nicht an ihr Bett, er fl&uuml;sterte nicht: &raquo;Meine
+Maus &mdash; mein Gemslein.&laquo; Er sagte nicht: &raquo;Du lieber,
+lieber Vogel.&laquo; Jetzt war auch keine Fr&auml;nzi mehr da,
+die ihr zu mittern&auml;chtiger Stunde das wirre K&ouml;pfchen
+zurechtsetzte.</p>
+
+<p>Droben in ihrem K&auml;mmerlein schluchzte sie: &raquo;Mutter
+&mdash; liebe tote Mutter: Es ist schrecklich &mdash; wie mich der
+Vater verachtet. &mdash; Und er ist doch so ein herrlicher
+Mann. &mdash; Und Josi mu&szlig; ich halt lieben.&laquo;</p>
+
+<p>Manchmal wu&szlig;te sie nicht, war es die Emp&ouml;rung
+gegen den Vater, war es die Liebe zu ihm, die st&auml;rker
+in ihr w&uuml;teten. Ein Blick &mdash; ein herzliches Wort &mdash; sie
+w&auml;re jubelnd an seine Brust geeilt. Aber sein Ton blieb
+kalt wie das Eis der Gletscher, sein sonnenhelles Auge
+wurde, sobald er sie erblickte, lauernd und mi&szlig;g&uuml;nstig.
+Und das entsetzliche Wort, das er ihr entgegengeschleudert
+&mdash; das sa&szlig;!</p>
+
+<p>Allein es ist nun wunderbar! In einem jungen
+Herzen kann die Hoffnung nie sterben. Dazu mu&szlig; der
+Mensch alt sein &mdash; alt &mdash; alt! Mi&szlig;handelt ein junges
+Herz, zerbrecht es. Ein Sonnenstrahl, und l&auml;chelnd liest
+es seine Scherben auf, streicht mit zitternder Hand dar&uuml;ber,
+und es ist fast das feurige Herz von zuvor.</p>
+
+<p>Wie ein T&auml;nnling ist die Jugend. Ein Stein saust<span class='pagenum'><a name="Page_242" id="Page_242">[Pg 242]</a></span>
+aus der H&ouml;he und schl&auml;gt ihm die Kerze ab, die er so
+lustig in das Spiel der Winde erhob. Was thut der
+arme T&auml;nnling? &mdash; Er richtet ein Zweiglein gerade auf,
+das w&auml;chst emsig Tag und Nacht und wird zur Kerze, und
+kaum der Forstmann erkennt noch, da&szlig; der Tanne einmal
+die Krone abgeschlagen war. Aber eine junge, kerngesunde
+Tanne mu&szlig; es sein, sonst bringt sie das Wunder
+nicht zu stande.</p>
+
+<p>Binia war eine junge, kerngesunde Tanne.</p>
+
+<p>Sie wurde die stille Wohlth&auml;terin des Dorfes und
+&uuml;bte ihren Herzensberuf mit der Frische und W&auml;rme der
+Jugend. Sie guckte mit einem guten L&auml;cheln in die
+H&uuml;tten, wo ein Weib, wo Kinder krank lagen, und plauderte
+Liebes mit ihnen. Sie gewann die Herzen und vers&ouml;hnte.
+Wenn sie fort war, lag eine Blume auf dem
+Bett oder es klang ein Wort nach, das Gl&uuml;ck verbreitete
+&mdash; und ihre gr&ouml;&szlig;te Kunst &mdash; sie wu&szlig;te jedem das, was
+er bedurfte, so zu geben, da&szlig; es kein Almosen war.</p>
+
+<p>&raquo;Redet einmal mit Binia, die wei&szlig; schon Rat,&laquo; sprach
+man im Dorf, &raquo;sie hat noch das bessere Herz als die
+selige Beth.&laquo;</p>
+
+<p>Und seltsam! Der Presi lie&szlig; sie gew&auml;hren. Wie der
+Name Josi Blatter, so schwand auch die tolle Besprechungsgeschichte
+aus den Gespr&auml;chen der Leute von St. Peter,
+sie sagten nur:</p>
+
+<p>&raquo;Wie ein Engel geht sie durchs Thal.&laquo;</p>
+
+<p>Unter den G&auml;sten war niemand, der sie nicht liebte.
+Manche junge vornehme T&ouml;chter stellten sich wie Schwestern
+zu ihr: &raquo;Binia, Sie liebes gescheites Bergkind, wenn
+wir Sie nur mit in die Stadt nehmen k&ouml;nnten, man
+bekommt ja ein hei&szlig;es Heimweh nach Ihnen.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_243" id="Page_243">[Pg 243]</a></span>Einer aber verging fast vor Eifersucht, wenn ein
+junger Herr der alpigen Rose ein R&ouml;slein schenkte.</p>
+
+<p>Th&ouml;ni Grieg!</p>
+
+<p>Die schm&auml;hliche Versteigung an der Krone, die ihn
+dem Gel&auml;chter des Dorfes preisgegeben hatte, war der
+Anla&szlig;, da&szlig; er nacheinander die Bubenschuhe, zuerst den
+einen, dann den anderen, ausgezogen hatte. Und nach
+dem gro&szlig;en Donnerwetter von damals stellte sich der
+Presi besser als je zu ihm.</p>
+
+<p>Th&ouml;ni besorgt die Post, die im Sommer wichtig
+genug war, gewissenhaft, ebenso die Zufuhr der Lebensmittel
+von Hospel und war den Fremden im Haus durch
+sein fr&ouml;hliches Temperament ein angenehmer Gesellschafter.</p>
+
+<p>Mit Binia aber zankte er sich immer noch. Und wie!</p>
+
+<p>&raquo;Mache ein anderes Gesicht gegen mich, du Wildkatze
+mit den Teufelsaugen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Th&ouml;ni, sch&auml;me dich doch, dich hat man ja von den
+Kronenplanken holen m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;rde schweigen, wenn ich wegen einem Rebellen
+in Santa Maria del Lago versorgt gewesen w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>W&uuml;tend lief Binia davon. Sie wu&szlig;te wohl, da&szlig;
+ihr der Vater mit Santa Maria del Lago einen Schimpf
+angethan hatte &mdash; einen Schimpf, den sie erst verdient
+hatte, als sie mit Josi in die prangende herbstliche Welt
+hinausgelaufen war. Aber sonderbar, der Tag gl&auml;nzte
+wie ein Stern in ihren Gedanken, sie l&auml;chelte jedesmal
+vertr&auml;umt, wenn sie seiner gedachte.</p>
+
+<p>Doch wenn sie dann vor sich hin staunte, so fuhr
+Th&ouml;ni wie ein wildes Tier dazwischen.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt denkst du schon wieder an den lausigen Rebellen.
+Ich t&ouml;te ihn, wenn er je wieder nach St. Peter<span class='pagenum'><a name="Page_244" id="Page_244">[Pg 244]</a></span>
+kommt. Binia, jetzt gieb mir einmal ein gutes Wort &mdash;
+oder &mdash; oder &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ein verzehrender Blick traf sie. Eines Tages wu&szlig;te sie
+es: Hinter seinen Beleidigungen stand die w&uuml;tende Eifersucht.</p>
+
+<p>Sie f&uuml;rchtete Th&ouml;ni und er merkte es.</p>
+
+<p>&raquo;O, ich thue dir nichts,&laquo; sagte er vorwurfsvoll,
+&raquo;aber wenn du nicht anders zu mir wirst, so stelle ich
+an mir selbst ein Ungl&uuml;ck an.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Th&ouml;ni,&laquo; erwiderte sie k&uuml;hl, &raquo;wenn du das nur &uuml;ber
+die Lippen bringst, so ist es kein Schade f&uuml;r dich. Du
+machst ja jetzt B&auml;lzis Kind den Hof.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, nur aus Verzweiflung, da&szlig; du, statt mit mir
+lieb zu sein, mich kratzen m&ouml;chtest.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann wollt' ich aber sie nicht sein!&laquo; spottete Binia.</p>
+
+<p>Sie gab ihm kein gutes Wort.</p>
+
+<p>Zwischen Th&ouml;ni und B&auml;lzis Aeltester, die im B&auml;ren
+Magd geworden war, kam es so weit, da&szlig; Frau Cresenz,
+um den Unwillen der G&auml;ste gegen die Liebeleien
+zu beschwichtigen, das sonst anstellige M&auml;dchen mitten
+im Sommer entlassen mu&szlig;te. Jeden Abend, oft noch
+sehr sp&auml;t, lief er aus dem Haus, man munkelte, zu ihr.</p>
+
+<p>Es geschah aber heimlich und hinter dem R&uuml;cken des
+Presi, und Frau Cresenz schwieg, sie f&uuml;rchtete die H&auml;ndel.</p>
+
+<p>So ging der Sommer.</p>
+
+<p>Da machte Binia in den letzten Tagen zuf&auml;llig eine
+merkw&uuml;rdige Erfahrung. Ein alter ehrbarer Schweizermann,
+der ihr sehr streng geschienen hatte, den sie aber
+doch liebte, sagte Abschied nehmend zum Vater: &raquo;Sch&ouml;n
+ist's im Glotterthal &mdash; und ein Meitli<a name="FNanchor_28" id="FNanchor_28"></a><a href="#Footnote_28" class="fnanchor">[28]</a> habt Ihr schon,<span class='pagenum'><a name="Page_245" id="Page_245">[Pg 245]</a></span>
+Herr Pr&auml;sident, da&szlig; man noch einmal jung werden
+m&ouml;chte!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_28" id="Footnote_28"></a><a href="#FNanchor_28"><span class="label">[28]</span></a> <i>Meitli</i>, schweizerdeutsch, so viel wie M&auml;dchen, Tochter.</p></div>
+
+<p>Nun horchte sie mit pochender Brust auf die Antwort
+des Vaters.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, meint Ihr, ich habe den Vogel nicht auch lieb?
+&mdash; F&uuml;r wen rackere ich mich denn? Ich h&auml;tte den Mut
+f&uuml;r das Vielerlei des Gesch&auml;ftes nicht ohne das sonnige
+Kind!&laquo;</p>
+
+<p>Das sagte der Vater, der ihr nie ein warmes Wort,
+einen vollen r&uuml;ckhaltslosen Blick gab.</p>
+
+<p>Sie mu&szlig;te an sich halten, da&szlig; sie nicht laut aufjauchzte,
+sie rannte und sprang wie ein Reh und die G&auml;ste
+fragten: &raquo;Haben Sie denn Sonntag in den Augen,
+Binia?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja freilich, das Leben ist halt sch&ouml;n!&laquo; lachte sie
+und fort war das Reh.</p>
+
+<p>&raquo;Ist das eine liebe Hexe &mdash; eine herzbezwingende
+Gestalt,&laquo; redeten die G&auml;ste hinter ihr.</p>
+
+<p>Es war im Herbst, der Vater z&auml;hlte mehrere Rollen
+Silber und Gold &mdash; er schmunzelte, er lachte, er trank
+Hospeler dazu. Dann redete er irgend etwas mit Frau
+Cresenz, die ihn bald wieder verlie&szlig;, und pl&ouml;tzlich sah
+Binia, wie er vor sich hin faustete: &raquo;Sie ist ein Affe &mdash;
+sie ist ein verdammter Affe. &mdash; Die selige Beth hat doch
+nicht immer Ja gesagt,&laquo; h&ouml;rte sie ihn murmeln.</p>
+
+<p>Binia kannte den Vater genau. Er konnte den
+Widerspruch nicht leiden, aber wenn ihm von Zeit zu
+Zeit niemand ernsthaft widersprach, so war es ihm auch
+nicht wohl. Und da&szlig; er der toten Mutter ehrenvoll gedachte,
+freute sie tausendmal.</p>
+
+<p>Heute war der Vater entschieden verstimmt &uuml;ber<span class='pagenum'><a name="Page_246" id="Page_246">[Pg 246]</a></span>
+Frau Cresenz. &raquo;Der Affe! Niemand hat man, mit dem
+man ein vern&uuml;nftiges Wort reden kann, als Th&ouml;ni.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Als Th&ouml;ni!&laquo; Binia gl&uuml;hten die Wangen vor Eifersucht,
+sie hob sich auf die Zehenspitzen und von r&uuml;ckw&auml;rts,
+so da&szlig; der Vater sie nicht sehen konnte, lief sie
+auf ihn zu, schlang die leichten Arme um ihn und dr&uuml;ckte
+ihren frischen roten Mund mit s&uuml;&szlig;em Ku&szlig; auf seinen
+Mund. &raquo;Kind! &mdash; Binia! &mdash; Was willst?&laquo; &mdash; Der
+Presi war ganz erschrocken.</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte ihn an, fr&ouml;hlich und schmerzlich zugleich,
+flehentlich und hoffnungsvoll.</p>
+
+<p>&raquo;Kehre mir das Herz nicht um mit deinem Lachen
+&mdash; ich ertrage es nicht.&laquo; Der Presi sagte es unsicher.</p>
+
+<p>&raquo;Wohl, wohl, umkehren m&ouml;cht' ich's dir, Vater, ich
+m&ouml;chte die Liebe darin sehen! Vater &mdash; ich halte es auch
+nicht mehr aus, ohne da&szlig; du ein bi&szlig;chen lieb mit mir bist.&laquo;</p>
+
+<p>Da war der harte Presi &uuml;berwunden, es ging ein
+gl&uuml;ckliches L&auml;cheln &uuml;ber sein eben noch finsteres Gesicht.
+Und er nahm ihre beiden H&auml;nde: &raquo;Ja, Vogel, ich mu&szlig;
+mit dir reden. &mdash; Du bist ja jetzt in einem Alter, wo
+man keinen Tag sicher ist, wenn ein junger Mann den
+fr&ouml;hlichen Finken einfangen will. &mdash; Kind, ich habe nur
+dich und w&uuml;nsche, da&szlig; du gl&uuml;cklich werdest. Ich gebe
+dir die Wahl frei und will dir nicht einreden, wen du
+heiraten sollst, das ist ganz deine Angelegenheit.&laquo;</p>
+
+<p>Mit rotem K&ouml;pfchen sa&szlig; Binia da &mdash; sie schluckte,
+als wollte sie etwas sagen.</p>
+
+<p>Ein mi&szlig;trauischer Blick des Vaters, dann sagte er
+streng: &raquo;Es giebt einen Namen, der in unserem Haus
+nicht mehr ausgesprochen wird. Verstehst du! &mdash; Im
+&uuml;brigen habe ich dir die Jugendthorheit verziehen.&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_247" id="Page_247">[Pg 247]</a></span>Binia steht sinnend in ihrer Kammer.</p>
+
+<p>Zwei Jahre noch &mdash; dann kommt Josi &mdash; er kommt
+wie ein Held &mdash; er tritt mit einer That vor das Volk,
+so gewaltig, wie noch keine im Bergland geschehen ist &mdash;
+er erl&ouml;st St. Peter von der Blutfron an den Wei&szlig;en
+Brettern und alle jubeln: &raquo;Josi Blatter ist gr&ouml;&szlig;er als
+Matthys Jul.&laquo;</p>
+
+<p>Und er besiegt den Vater.</p>
+
+<p>So lang will sie tapfer k&auml;mpfen, den Vater nicht
+reizen, aber Josi treu sein im Herzen.</p>
+
+<p>Und unter Thr&auml;nen l&auml;chelnd k&uuml;&szlig;te sie den Tautropfen,
+den er ihr gegeben hat.</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_248" id="Page_248">[Pg 248]</a></span></p>
+<h2><a name="XIII" id="XIII"></a>XIII.</h2>
+
+
+<p>&raquo;Pate! &mdash; Ein Brief von Josi! Er ist gesund, es
+geht ihm gut.&laquo; Mit strahlendem Gesicht jubelt es die
+sonst zur Stille geneigte Vroni und h&auml;lt den in gro&szlig;en
+ungef&uuml;gen Buchstaben gemalten Brief in zitternden H&auml;nden.
+&raquo;H&ouml;rt, wie er lautet:</p>
+
+<p>&raquo;Liebes Schwesterlein! Ich will Dir auch wieder
+einmal berichten, wie's mir geht. Es geht mir gut und
+George Lemmy ist recht mit mir, aber scharf und vom
+Schaffen kl&ouml;pft<a name="FNanchor_29" id="FNanchor_29"></a><a href="#Footnote_29" class="fnanchor">[29]</a> mir schier der R&uuml;cken. Das ist gesund.
+Wir sind jetzt an einem Berg, der hei&szlig;t Himalaja. Die
+Stadt hei&szlig;t Srinigar, aber wir sind nicht darin. Wir
+machen eine Stra&szlig;e. Liebes Vroneli, Du wirst denken,
+ich schreibe nicht sch&ouml;n. Das kommt vom Felsensprengen
+und Du mu&szlig;t nicht lachen. Thue Dich gar nicht k&uuml;mmern
+wegen mir. Bet und denk an die Mutter selig.
+&mdash; Und an den Vater selig, was ich auch thue. Es ist
+dann noch etwas wegen der Binia, aber sie hat es Dir
+gewi&szlig; schon erz&auml;hlt. Und wenn ich in der Nacht zwei
+Sternlein beisammen sehe, so sage ich: 'Du liebes Bineli
+&mdash; du liebes Vroneli'. Ich mu&szlig; manchmal in den Hemd&auml;rmel
+bei&szlig;en, sonst w&uuml;rde ich br&uuml;llen<a name="FNanchor_30" id="FNanchor_30"></a><a href="#Footnote_30" class="fnanchor">[30]</a>. Der Indergand<span class='pagenum'><a name="Page_249" id="Page_249">[Pg 249]</a></span>
+vertreibt mir etwa das Heimweh. Das Papier ist aus.
+Ich lasse das Bineli tausendmal gr&uuml;&szlig;en, Dich auch, den
+Eusebi und alle. Und ich komme dann schon wieder heim.
+Schreibe mir recht bald. Dein treuer Bruder Josi. Die
+Adresse steht auf dem Umschlag.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_29" id="Footnote_29"></a><a href="#FNanchor_29"><span class="label">[29]</span></a> <i>kl&ouml;pft</i>, schweizerdeutsch, so viel wie &raquo;bricht&laquo;.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_30" id="Footnote_30"></a><a href="#FNanchor_30"><span class="label">[30]</span></a> <i>br&uuml;llen</i>, schweizerdeutsch, &raquo;heftig weinen&laquo;.</p></div>
+
+<p>Noch am gleichen Tag schrieb Vroni einen viel
+gr&ouml;&szlig;eren Brief, als sie empfangen, an Josi. Wie in
+ihrer Hand die Feder gut lief!</p>
+
+<p>Aber &uuml;ber eine Stelle hinweg wollte sie nicht gehen,
+auf diese fielen ein paar Tropfen, die den sch&ouml;nen Brief
+fast verdarben.</p>
+
+<p>Die ungl&uuml;ckselige Liebe zu Binia! Sie wollte dem
+Bruder nichts Betr&uuml;bliches schreiben, aber sie wu&szlig;te schon,
+da&szlig; aus dieser Liebe nichts Gutes entstehen konnte. Binia
+war fast noch die Schlimmere als Josi. Auch jetzt kam
+sie gelaufen und bat und bettelte, da&szlig; sie den Brief lesen
+d&uuml;rfe. Als sie ihren Namen darin sah, wurde sie ganz
+&uuml;berstellig und tanzte mit Vroni. Und unter den Brief
+Vronis schrieb sie:</p>
+
+<p>&raquo;Tausendmal geliebter Josi! Denke nur immer an
+die zuckenden V&ouml;gel von Santa Maria del Lago und
+lasse die Hoffnung nicht fahren. Sie haben schon den
+Tod gesehen, und nun fliegen sie doch &uuml;ber Land und
+Meer. In herzlicher Liebe und Treue. Dein Bineli.&laquo;</p>
+
+<p>Vroni sah den Gru&szlig; mit Schmerzen, der trotzige
+Mut Binias, die doch mehr einer wehrlosen Blume als
+einer K&auml;mpferin glich, kam ihr wie eine Vermessenheit vor.</p>
+
+<p>Von diesem Kummer abgesehen, ging es Vroni gut.</p>
+
+<p>Wenn sie am Sonntagmorgen mit dem Garden,
+der Gardin und Eusebi im Glotterh&uuml;tchen, unter dem
+die zwei blonden Z&ouml;pfe niederhingen, mit blauen lachenden<span class='pagenum'><a name="Page_250" id="Page_250">[Pg 250]</a></span>
+Augen, das hellseidene gefranste Brusttuch &uuml;ber die
+junge F&uuml;lle gekreuzt, das silberbeschlagene Betbuch und
+den Rosmarinstrau&szlig; in den H&auml;nden, sittig die Kirchentreppe
+zum Kirchhof hinaufschritt, so fl&uuml;sterten die Leute:
+&raquo;Wenn nichts Ungeschicktes dazwischen kommt, so giebt
+die keine Wildheuerin.&laquo;</p>
+
+<p>Am h&uuml;bschesten aber war die Zwanzigj&auml;hrige wohl,
+wenn sie mit Rechen und Gabel frisch und gesund im
+Morgentau &uuml;ber die Wiesen schritt. Etwas vom stillen
+Wesen der Gardenfamilie war auf sie &uuml;bergegangen, ein
+rasches Vorw&auml;rts, ein lautes Thun war nicht ihre Sache,
+aber was sie in Ruhe that, ging ihr m&uuml;helos und anmutig
+von der Hand. Und wo sie in stillem Frohsinn mitwerkte,
+lief allen alles leicht, die Knechte sogar sagten es.</p>
+
+<p>Und sie selber w&uuml;nschte sich nichts Sch&ouml;neres, als
+das wandernde Sommerleben der Bauernleute von St.
+Peter. F&uuml;r ein paar Tage ritt man, das Notwendigste
+zum Unterhalt mitnehmend, nach Hospel in die Reben,
+wo jeder Bauer von St. Peter ein kleines Haus besa&szlig;,
+dann hielt man sich einige Tage auf der Maiens&auml;sse auf,
+um dort das Vieh grasen zu lassen oder zu heuen, wieder
+etwas sp&auml;ter arbeitete man auf dem Acker beim Dorf und
+am Sonntag ritt die Familie auf die Alpen zu Besuch.</p>
+
+<p>Da sa&szlig; der ganze Haushalt mit den Knechten vor
+der H&uuml;tte, die Glocken des Viehes klangen friedlich in
+die tiefe Stille und die Enzianen standen wie im Gebet.</p>
+
+<p>&raquo;Vroni, erz&auml;hle eine Geschichte,&laquo; sagte das eine Mal
+der Garde, das andere Mal die Gardin, selbst Bonzi,
+der Viehknecht, war ein dankbarer Zuh&ouml;rer, und mancher,
+der des Weges kam, setzte sich auch hinzu, Vronis Glockenspiel
+hatte bald eine kleine Gemeinde, darunter junge<span class='pagenum'><a name="Page_251" id="Page_251">[Pg 251]</a></span>
+h&uuml;bsche Burschen, die sich nicht blo&szlig; wegen der Geschichten
+in den Kreis dr&auml;ngten.</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist halt grad wie die Fr&auml;nzi selig, darum h&auml;lt
+sie der Garde so in Ehren.&laquo;</p>
+
+<p>So sprach man im Dorfe, und niemand war Vroni
+gram, die Burschen aber waren ihr gut.</p>
+
+<p>&raquo;Frau,&laquo; sagte der Garde, &raquo;wir m&uuml;ssen uns entscheiden.
+Es geht um das M&auml;dchen wie um frisches Brot.
+Vor vierzehn Tagen hat der Fenken&auml;lpler gefragt, ob
+sein Aeltester am Sonntag zum Mittagessen kommen
+d&uuml;rfe. Er w&uuml;rde Vroni gern einen Antrag machen.
+Heute ist der alte Peter Thugi gekommen und hat so
+eindringlich gebeten, wir m&ouml;chten sie dem jungen Peter
+geben, er sei ein so guter und ehrbarer Mann. Ich habe
+aber beiden abgewinkt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;ttest du doch lieber zugesagt,&laquo; schmollte die Gardin,
+&raquo;Vroni setzt sich sonst noch in den Kopf, sie bekomme
+Eusebi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geschehe nichts Schlimmeres!&laquo; erwiderte der Garde.</p>
+
+<p>&raquo;Und ich meine, es w&auml;re jetzt, wo Eusebi im Milit&auml;rdienst
+ist, gerade die rechte Gelegenheit, da&szlig; wir Vroni
+aus dem Haus bringen, nat&uuml;rlich in allen Ehren. Ich
+habe nichts gegen sie &mdash; es geht mir nur so stark gegen
+das Herz, da&szlig; unser einziger ein Wildheuerm&auml;dchen nehmen
+soll. H&auml;tte ich drei Buben, so k&ouml;nnte einer schon Vroni
+nehmen &mdash; aber der einzige. Wir sollten doch auch auf
+eine gute Verwandtschaft sehen! Und Eusebi ist so zuweg,
+da&szlig; er &uuml;berall anfragen darf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das th&auml;test du deinem Buben zuleide, da&szlig; du
+Vroni in seiner Abwesenheit gehen lie&szlig;est. &mdash; Nein,
+Gardin, Vroni bleibt da!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_252" id="Page_252">[Pg 252]</a></span>Mit Festigkeit erkl&auml;rte es der Garde.</p>
+
+<p>Frisch und lebensfroh kam Eusebi vom Dienst zur&uuml;ck.
+&raquo;Vater, ich habe mich furchtbar zusammennehmen m&uuml;ssen,
+da&szlig; ich immer nachgekommen bin, aber es ist gut gegangen.&laquo;
+Das sp&uuml;rte man Eusebi an. Er erz&auml;hlte seine
+Erlebnisse so hellauf, wie ihn noch nie jemand gesehen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber Eusebi,&laquo; lachte der Garde, &raquo;bei uns
+giebt's auch Neuigkeiten. Vroni bleibt wohl nicht mehr
+lang da, die Burschen im Dorf gucken sich fast die Augen
+aus nach ihr, und zwei, die ich nicht verraten will, haben
+sich schon als Freier gemeldet.&laquo;</p>
+
+<p>Vroni, die dabei stand, als der Garde so redete,
+gl&uuml;hte wie eine Rose auf: &raquo;Ich will aber keinen, ich bleibe
+bei euch, Garde. Und wer wollte sich auch im Ernst um
+mich k&uuml;mmern? Es ist mir am wohlsten, wenn ich ledig
+bleibe.&laquo;</p>
+
+<p>Sch&ouml;n war sie in ihrer tiefen Verlegenheit, wie sie,
+das Haupt gesenkt, mit zitternden Fingern an den Haften
+ihres Mieders nestelte.</p>
+
+<p>Eusebi aber ri&szlig; an seinem Schnurrb&auml;rtchen, da&szlig; es
+ihm in den zuckenden Fingern geblieben w&auml;re, w&auml;r's nicht
+so fest angewachsen gewesen. Wie unvorsichtig war es,
+denn der blonde Schnurrbart machte sein Gesicht beinahe
+h&uuml;bsch!</p>
+
+<p>Am Abend &uuml;berraschte die Gardin ihren Sohn, wie
+er bei Vroni am Herdfeuer in der K&uuml;che stand und das
+Blondhaar des abwehrenden M&auml;dchens zu streicheln versuchte
+und immer wiederholte: &raquo;Gelt, liebe Vroni, es
+ist dir doch nicht ernst, da&szlig; du ledig bleiben willst?&laquo;</p>
+
+<p>Halb freute, halb &auml;rgerte sich die Gardin. Nein,
+das war nicht mehr der scheue, bl&ouml;de Eusebi. Mit einem<span class='pagenum'><a name="Page_253" id="Page_253">[Pg 253]</a></span>
+Scheit jagte sie ihn aus der K&uuml;che und Vroni hielt sie
+eine Predigt.</p>
+
+<p>Der erwachende Eusebi warb aber so freim&uuml;tig um
+Vroni, da&szlig; ihre Stellung zwischen Sohn und Mutter
+immer schwieriger wurde und sie M&uuml;he hatte, sich in den
+Augen der Gardin untadelig zu benehmen.</p>
+
+<p>Bald aber &uuml;berschattete ein trauriges Ereignis das
+im Hause aufbl&uuml;hende sanfte Liebesspiel.</p>
+
+<p>Mehr als ein halbes Jahr, nachdem Vroni ihren
+Brief mit dem Zusatz von Binia an Josi geschickt hatte,
+mitten im tiefen Winter, kam das Schreiben, mit vielen
+Stempeln bedeckt, an zwei Stellen etwas durchschnitten,
+an sie zur&uuml;ck und auf der R&uuml;ckseite stand: <span class="antiqua">&raquo;Addressee
+died in the cholera-hospital at Srinigar.&laquo;</span> Diensteifrig
+hatte Th&ouml;ni schon die Uebersetzung auf den Umschlag
+gef&uuml;gt: &raquo;Der Adressat ist im Cholerahospital zu Srinigar
+gestorben.&laquo; Darunter stand irgend ein Stempel.</p>
+
+<p>Vroni hielt die Botschaft noch in den bebenden H&auml;nden,
+da kam schon Binia in aufgeregter Hast dahergeeilt;
+&raquo;Vroni, liebe Vroni, gelt, das ist nicht wahr, er lebt!&laquo;</p>
+
+<p>Vroni aber, die, ihrer Sinne nicht m&auml;chtig, auf einen
+Schemel gesunken war, rief immer nur, da&szlig; sich die
+W&auml;nde h&auml;tten erbarmen m&ouml;gen: &raquo;Es ist halt nach dem
+Kirchhoflied gegangen, Josi, mein Herzensbruder, ist tot
+&mdash; o, als er ging, habe ich es gewu&szlig;t, da&szlig; er sterben
+w&uuml;rde!&laquo;</p>
+
+<p>Die gro&szlig;en dunklen Augen Binias erweiterten sich
+schreckhaft.</p>
+
+<p>Das bereitwillige Eingehen auf die Todesbotschaft
+und der Zusammenbruch Vronis ersch&uuml;tterten sie mehr
+als die erste Nachricht, um ihren Mund zuckte das Weinen,<span class='pagenum'><a name="Page_254" id="Page_254">[Pg 254]</a></span>
+sie wankte hinaus in die Winterd&auml;mmerung. &raquo;Es ist
+nicht wahr! &mdash; Diejenigen, die gelobt haben, f&uuml;r die
+heligen Wasser an die Wei&szlig;en Bretter zu steigen, k&ouml;nnen
+ja nicht krank werden und nicht sterben, bis ihr Gel&uuml;bde
+erf&uuml;llt ist.&laquo;</p>
+
+<p>Im Volksglauben suchte sie Trost.</p>
+
+<p>Zuerst mi&szlig;traute auch der Garde und das ganze
+Dorf der Todesbotschaft. Hatte man Josi Blatter nicht
+schon einmal f&uuml;r tot gehalten und dann war er doch
+wieder lebendig zum Vorschein gekommen!</p>
+
+<p>&raquo;Hat er sich gemeldet?&laquo; fragte man Vroni. &raquo;Nein,
+das nicht &mdash; ich habe nichts gesehen und nichts geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann lebt er, dem n&auml;chsten Verwandten mu&szlig; sich
+ein Sterbender melden, und ginge sein Weg &uuml;ber das
+weite Meer. Vor zwei Jahren hat sich in Tremis einer,
+der in Amerika gestorben ist, seinem Bruder angezeigt.&laquo;</p>
+
+<p>Allein die Tr&ouml;stungen des Volksglaubens hielten nicht
+stand vor der herben Wirklichkeit. Der Garde nahm den
+Brief bei der ersten Gelegenheit mit in die Stadt und
+legte ihn der Post vor. Da versicherte man ihn, die
+Stempel seien echt, das Schreiben sei durchschnitten, weil
+es auf der R&uuml;ckkehr aus dem Choleragebiet ger&auml;uchert
+worden sei, und die Cholera sei eine Krankheit, die den
+gesundesten Mann in einer Stunde wegblase.</p>
+
+<p>Der Garde erbat sich aus Br&auml;ggen die Adresse
+Indergands; als sie anlangte, schrieb er an den Kameraden
+Josis, Vroni sandte noch einmal einen Brief an Josis
+eigene Adresse, es kamen aber keine Antworten, ja nicht
+einmal mehr die Briefe zur&uuml;ck, auch das gro&szlig;e amtliche
+Schreiben nicht, mit dem sich der Gemeinderat von St. Peter
+an den schweizerischen Konsul in Kalkutta wandte, und<span class='pagenum'><a name="Page_255" id="Page_255">[Pg 255]</a></span>
+unter Angabe der n&auml;heren Umst&auml;nde um einen Totenschein
+f&uuml;r Blatter ersuchte.</p>
+
+<p>Unterdessen war man schon wieder in den Sommer
+gekommen, und Vroni sagte die Totengebete f&uuml;r den
+Bruder her, und das Sch&ouml;nste deuchte sie immer das
+Kirchhoflied:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Du armer Knabe! Schlaf am Meere!<br /></span>
+<span class="i0">Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn,<br /></span>
+<span class="i0">Sieh, Gottes sind die Sternenheere,<br /></span>
+<span class="i0">Er schickt ein Tr&ouml;pfchen, das die Stirn<br /></span>
+<span class="i0">Mit frischem Gletschergru&szlig; umsp&uuml;lt<br /></span>
+<span class="i0">Und dir das hei&szlig;e Heimweh k&uuml;hlt!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Die tiefe Trauer des M&auml;dchens hielt auch im Dorf
+das Andenken an Josi Blatter noch eine Weile rege.</p>
+
+<p>In einer seltsamen Gewitterbeleuchtung erschien den
+D&ouml;rflern das kurze Leben Josis. Sein Vater war zu
+Tode gest&uuml;rzt, durch die Schuld des Presi war der Bursche
+auf einen b&ouml;sen Weg gekommen, er hatte zuletzt die armen
+Seelen beleidigt, aber schlecht war Josi doch eigentlich
+nie gewesen, gro&szlig;m&uuml;tig hatte er sogar sich selbst f&uuml;r die
+f&uuml;nf Verstiegenen in die Schanze geschlagen.</p>
+
+<p>&raquo;Ueber den Presi aber, der dieses junge Leben zu
+Grunde gerichtet hat, wird es kommen!&laquo;</p>
+
+<p>Das fl&uuml;sterte stetig durchs Dorf.</p>
+
+<p>Niemand bewies Vroni so herzliche Teilnahme wie
+Eusebi, und die Gardin wurde dar&uuml;ber eifers&uuml;chtig auf
+sie. Als eines Tages, just wie der Garde und Eusebi
+auf der Alp waren, eine leidende Fremde, die in Vronis
+blauen Augen das tiefe Gem&uuml;t entdeckt hatte, das M&auml;dchen
+als Begleiterin anstellen wollte, riet die Gardin
+Vroni dringend zu: &raquo;Du bekommst es gewi&szlig; besser als<span class='pagenum'><a name="Page_256" id="Page_256">[Pg 256]</a></span>
+bei uns &mdash; du wirst vielleicht in ein paar Jahren schon
+eine reiche Erbin!&laquo;</p>
+
+<p>Da st&uuml;rzten Vroni die Thr&auml;nen hervor. Das war
+ein Blitz aus heiterem Himmel. Vor ihrem Bett im
+K&auml;mmerlein kniete sie und schluchzte herzzerbrechend und
+stundenlang.</p>
+
+<p>Sie merkte es nicht, wie die M&auml;nner heimkamen,
+wie Eusebi, er, der Langsame, die Treppe heraufst&uuml;rmte,
+wie er etwas sch&uuml;chtern die Th&uuml;r &ouml;ffnete und in das
+K&auml;mmerchen trat, sie sp&uuml;rte es erst, als er immer noch
+etwas scheu ihr weiches blondes Haar streichelte und sagte:
+&raquo;Vroni, weine nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Eusebi, ich soll fort &mdash; und ich kann nicht. Es
+ist mir ja nirgends wohl als bei euch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sei ruhig, Vroni, ich habe dich ja lieb,&laquo; tr&ouml;stete
+er herzlich.</p>
+
+<p>Da blickte sie mitten aus den Thr&auml;nen einen Augenblick
+sonnig und gl&auml;ubig auf, aber nur einen Augenblick:</p>
+
+<p>&raquo;Eusebi, rede nicht so &mdash; du wei&szlig;t, ich bin ein
+armes M&auml;dchen, obwohl ihr mich wie eine Tochter gehalten
+habt. Es ist besser, ich gehe.&laquo;</p>
+
+<p>Da rannte Eusebi aus der Kammer: &raquo;Mutter, wenn
+Vroni fortgeht, so gehe ich auch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sei kein Narr, Eusebi,&laquo; sagte diese &uuml;berlegen und
+k&uuml;hl, &raquo;hat je ein Bauer ein Wildheuerkind geheiratet?&laquo;</p>
+
+<p>Eusebi tobte und st&uuml;rmte in die Stube: &raquo;Hast du's
+geh&ouml;rt, Vater &mdash; Vroni geht fort.&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde sa&szlig; breit am Tisch und st&uuml;tzte den Kopf
+in beide F&auml;uste: &raquo;Thorheiten &mdash; Thorheiten,&laquo; murmelte
+er vor sich hin.</p>
+
+<p>Da jagte Eusebi, der lebendig geworden, wieder<span class='pagenum'><a name="Page_257" id="Page_257">[Pg 257]</a></span>
+fort, hinauf in sein eigenes K&auml;mmerlein, kam aber bald
+zur&uuml;ck und die B&auml;uerin schlug die H&auml;nde zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Seit wann tr&auml;gt man das Sonntagsgewand zum
+Werktagsfeierabend?&laquo; spottete sie.</p>
+
+<p>&raquo;Ich trag' es, weil ich jetzt fortgehe, Mutter &mdash;
+mit Vroni zusammen suche ich einen Dienst.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gardin kannte ihren zahmen Eusebi nicht mehr,
+seine Augen blitzten nur so. Da nahm sie ein Scheit,
+drohte dem schnurrb&auml;rtigen Sohn und rief zornig: &raquo;Auf
+der Stelle legst du das Sonntaggew&auml;ndchen ab, du, &mdash;
+du &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Eusebi hatte das Scheit, das die Mutter hochhielt,
+ergriffen, mit einem Ruck warf er es weit weg: &raquo;Mutter,
+so geht es nicht mehr!&laquo;</p>
+
+<p>Da schrie die Gardin in die Stube: &raquo;Alter, h&ouml;rst
+du nichts. Eusebi will mir nicht mehr folgen. O, der
+L&uuml;mmel &mdash; der L&uuml;mmel!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, beim Eid folge ich Euch nicht mehr,&laquo; trotzte
+Eusebi, &raquo;ich gehe jetzt mit Vroni.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist der Segen und der Sonnenschein, von
+dem der Alte immer geredet hat. &mdash; Einen ungeratenen
+Buben habe ich jetzt durch sie &mdash; Garde &mdash; Garde &mdash;
+bist du taub geworden, warum hilfst du mir nicht?&laquo;
+Und sie ri&szlig; ihm die eine Armst&uuml;tze vom dicken grauen
+Haupt hinweg.</p>
+
+<p>Da merkt sie erst, wie der Garde so stark, da&szlig; er
+es nicht mehr verhalten mochte, vor sich hin lachte.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist auch das, du lachst!&laquo; Sie war verwirrt
+und w&uuml;tend.</p>
+
+<p>&raquo;Ich lache, weil der Eusebi ein Mann geworden ist.
+Ich kann dir nicht sagen, wie gut er mir jetzt gef&auml;llt.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_258" id="Page_258">[Pg 258]</a></span>Die gro&szlig;gewachsene Gardin wurde ganz zahm, ern&uuml;chtert
+grollte sie: &raquo;O, ihr w&uuml;sten M&auml;nner!&laquo;</p>
+
+<p>In dem Augenblick kam Vroni sonnt&auml;glich ger&uuml;stet
+und schluchzte: &raquo;Nur danken m&ouml;cht' ich euch f&uuml;r alles
+Liebe und Gute, aber Streit soll es meinet &mdash; &mdash;&laquo; Ihre
+Stimme erstickte.</p>
+
+<p>&raquo;So lebe wohl, liebes Vroneli,&laquo; sagte der Garde,
+nicht traurig, sondern gem&uuml;tlich, &raquo;Eusebi wird schon
+recht zu dir schauen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gardin war starr.</p>
+
+<p>Und Eusebi sagte tief bewegt: &raquo;Also lebet wohl, ich
+habe halt Vroni zu lieb, ich gehe jetzt mit ihr &mdash; beh&uuml;te
+dich Gott, Vater &mdash; beh&uuml;te dich Gott, Mutter!&laquo;</p>
+
+<p>Als er nun aber Vroni, die, ger&uuml;ttelt von Leid, die
+Stube schon verlassen hatte, folgte, da rief die Gardin
+ihrem Manne zu: &raquo;Du Rabenvater, deinen Einzigen
+l&auml;ssest du nur so in die Fremde gehen &mdash; wenn er jetzt
+ein armes Knechtlein wird &mdash; der Sohn des Garden
+von St. Peter.&laquo;</p>
+
+<p>Sie weinte aus hei&szlig;em m&uuml;tterlichem Herzen und
+der Garde knurrte: &raquo;Man mu&szlig; ihm halt dann und wann
+einen Napoleon<a name="FNanchor_31" id="FNanchor_31"></a><a href="#Footnote_31" class="fnanchor">[31]</a> schicken.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_31" id="Footnote_31"></a><a href="#FNanchor_31"><span class="label">[31]</span></a> <i>Napoleon</i>, ein Zwanzigfrankenst&uuml;ck.</p></div>
+
+<p>Da eilte die Gardin unter die Hausth&uuml;re und schrie aus
+Leibeskr&auml;ften: &raquo;Eusebi &mdash; lieber Eusebi &mdash; komm zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden Fl&uuml;chtlinge waren noch nicht weit gegangen,
+denn Vroni suchte Eusebi durchaus zu bereden,
+da&szlig; er zu den Eltern zur&uuml;ckkehre, sie wolle kein Gl&uuml;ck
+auf einen Streit bauen. Vor dem Disput mit Vroni
+aber h&ouml;rte Eusebi die Mutter nicht rufen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_259" id="Page_259">[Pg 259]</a></span>Nun schritt das junge Paar vorw&auml;rts.</p>
+
+<p>Da schrie die Gardin in ihrer Herzensangst: &raquo;Vroni!
+&mdash; liebes Vroneli &mdash; kehr um!&laquo; und wirr durcheinander:
+&raquo;Vroni &mdash; Eusebi &mdash; Vroneli &mdash; Eusebi, ums Himmels
+willen &mdash; kommt doch wieder!&laquo;</p>
+
+<p>Da stutzten die Fl&uuml;chtlinge, und jetzt ert&ouml;nte hinter
+der Mutter der fr&ouml;hliche Ruf des Vaters: &raquo;Kommt jetzt
+nur wieder!&laquo;</p>
+
+<p>Eusebi zog sein M&auml;dchen mit einem Juchschrei zur&uuml;ck;
+halb noch ergrimmt, halb ger&uuml;hrt wischte die Gardin die
+Thr&auml;nen ab und grollte dem Garden: &raquo;Ich habe nicht
+gemeint, da&szlig; du ernster Mann in deinen alten Tagen
+noch so ein Erzschalk sein k&ouml;nntest, aber drei sind st&auml;rker
+als eines, ich merke es und will mit euch in Liebe auskommen.
+Gieb sie nur zusammen.&laquo;</p>
+
+<p>Vroni lag an der Brust des Garden und der neigte
+sich auf sie und k&uuml;&szlig;te sie. &raquo;Du warst immer mein Kind,
+jetzt bist du's erst recht, du sanfte, stille Wunderth&auml;terin,
+die meinen Eusebi aus einem Thoren zu einem ganzen
+Manne gemacht hat.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gardin streckte Vroni die Hand hin und
+schluchzte:</p>
+
+<p>&raquo;In mein Herz kann ich fast niemand einlassen, das
+ist so herb, aber jetzt, Vroni, bist du drinnen &mdash; nenne
+mich Mutter und eine gute Mutter will ich dir sein!&laquo;</p>
+
+<p>In die Wohnung des Garden flutete das Abendgold.
+Feierlich bewegt stand der Alte, den funkelnden Zinnteller
+in der Hand. Er brach einen Bissen K&auml;se wie ein
+Felskl&ouml;tzchen und schenkte braungoldenen Hospeler in ein
+einziges Glas.</p>
+
+<p>&raquo;Nehmet, esset und trinket!&laquo; Er reichte die H&auml;lfte<span class='pagenum'><a name="Page_260" id="Page_260">[Pg 260]</a></span>
+des Bissens, der ein einziges St&uuml;ck gewesen war, Eusebi,
+die andere H&auml;lfte Vroni und bot ihnen das Glas.</p>
+
+<p>&raquo;Eusebius Zuensteinen und Veronika Blatter. Ich
+verlobe euch nach dem alten Brauch des Thales. Ihr
+kennt den nicht, der den K&auml;se bereitet, und den nicht,
+der den Wein gekeltert hat. V&auml;ter haben es vor mehr
+als hundert Jahren gethan und sie haben nicht gewu&szlig;t,
+f&uuml;r wen. Also sollt auch ihr thun, damit kein Geschlecht
+ohne den Segen der vorangegangenen sei. Die Ahnen
+segnen euch und w&uuml;nschen euch Gl&uuml;ck. Eusebi, Hochzeiter!
+&mdash; Vroni, &mdash; Braut!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Amen!&laquo; sprach die Gardin, die mit gefalteten
+H&auml;nden hinter den Liebenden stand.</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_261" id="Page_261">[Pg 261]</a></span></p>
+<h2><a name="XIV" id="XIV"></a>XIV.</h2>
+
+
+<p><span class="antiqua">&raquo;Died in the cholera-hospital at Srinigar!&laquo;</span> Th&ouml;ni
+jubelte das Wort wie Siegesbotschaft durch das Haus.
+Der Presi sah vergn&uuml;gt in das Spiel der Schneeflocken,
+die dicht und schwer herniederwirbelten.</p>
+
+<p>Da zog es doch pl&ouml;tzlich wie ein Seufzer durch
+seine Brust: &raquo;Ich h&auml;tte Josi Blatter in St. Peter zur&uuml;ckhalten
+sollen!&laquo;</p>
+
+<p>Wie er es wider Willen dachte, schritt vor dem
+Fenster Kaplan Johannes durch das Schneegest&ouml;ber und
+wies ihm eine drohende Grimasse.</p>
+
+<p>Die pl&ouml;tzliche Erscheinung des Halbverr&uuml;ckten, der
+seit seiner Vertreibung einen d&auml;monischen Ha&szlig; auf ihn
+und Binia warf, peinigte den Presi, ohne da&szlig; er wu&szlig;te
+warum, wie Schicksalsdrohung. Es giebt aber einen Helfer
+in der Freude und einen Sorgenbrecher im Leid.</p>
+
+<p>Die trostlose Binia &uuml;berraschte den Vater und Th&ouml;ni,
+die zusammen vom besten Hospeler zechten. Da stie&szlig; der
+schon lallende Vater sein Glas ins Leere: &raquo;Zum Wohl,
+Seppi Blatter &mdash; h&ouml;rst du, dein Bub' ist gestorben. &mdash;
+Was willst du jetzt noch?&laquo; Er lachte hellauf.</p>
+
+<p>Th&ouml;ni, der n&uuml;chterner war, folgte dem Beispiel:
+&raquo;Josi Blatter, du Laushund. &mdash; Ja so, da ist Binia. &mdash;
+Komm, trinke auch eins auf deinen toten Schatz!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_262" id="Page_262">[Pg 262]</a></span>&raquo;Sch&auml;ndet die Toten nicht.&laquo; Mit dem gellenden
+Ruf sprang sie zu den beiden M&auml;nnern und wischte die
+vor ihnen stehenden Flaschen und Gl&auml;ser mit leichtem
+Arm vom Tisch.</p>
+
+<p>&raquo;Josi lebt &mdash; er lebt!&laquo; bebte ihre Stimme. &raquo;Ihr
+k&ouml;nntet ihm sonst nicht zum Wohlsein trinken. Der Blitz
+vom Himmel w&uuml;rde in den B&auml;ren fahren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Binia, wenn du so wild bist, bist du teufelssch&ouml;n,&laquo;
+lallte Th&ouml;ni.</p>
+
+<p>Der Vater wollte &uuml;ber ihre Keckheit w&uuml;ten, aber es
+ging nicht mehr wohl an. Am anderen und in den folgenden
+Tagen sagte er kein Wort, er war stillverdrie&szlig;lich,
+und das war ein Zeichen, da&szlig; er sich selbst grollte.</p>
+
+<p>Seit Binias emp&ouml;rtem Ruf: &raquo;Er lebt!&laquo; glaubte
+auch er nicht mehr, da&szlig; Josi Blatter tot sei. Nein,
+der stand ja immer wieder auf, wenn er schon begraben
+war. Um so st&auml;rker jedoch bekr&auml;ftigte der Presi die
+Todesnachricht, wenn andere Leute darein Zweifel setzten:
+&raquo;Ta-ta-ta!&laquo; sagte er, &raquo;es giebt auf der Welt nichts Zuverl&auml;ssigeres
+als die englische Post!&laquo;</p>
+
+<p>Unterdessen begann eine seltsame Zeit f&uuml;r Binia.
+Sie mu&szlig;te an ein Wort der alten th&ouml;richten Susi denken:
+&raquo;Schlafe, schlafe, Sch&auml;fchen, wenn du gro&szlig; und ein sch&ouml;nes
+M&auml;dchen sein wirst, kommen um dich viele Burschen
+fragen.&laquo;</p>
+
+<p>Darauf hatte sie erwidert: &raquo;Ich liebe aber nur Josi.&laquo;</p>
+
+<p>Nun war beides in Erf&uuml;llung gegangen: viele Freier
+kamen, und sie liebte nur Josi.</p>
+
+<p>Gegen den Vater hatte sie Gewissensbisse. Sie f&uuml;hlte
+sich ihm hei&szlig; verpflichtet, da&szlig; er sie nicht zwingen wollte,
+irgend einem jungen Manne, der ihm gerade gefiel, die<span class='pagenum'><a name="Page_263" id="Page_263">[Pg 263]</a></span>
+Hand zu reichen. Das war ein gro&szlig;es Zugest&auml;ndnis.
+F&uuml;r Josi jedoch wollte sie die Liebe aller Freier ausschlagen,
+dar&uuml;ber w&uuml;rde er kommen. Die Todesnachricht
+auf dem Brief war gewi&szlig; ein Irrtum.</p>
+
+<p>Der erste Freier war ein ungeschlachter Holzh&auml;ndler
+aus dem Oberland. Als er sich mit ein paar Schoppen
+Hospeler Mut getrunken hatte, stie&szlig; er sie mit dem Ellenbogen
+in die Seite: &raquo;He, Kind, luge einmal meine Geldkatze
+an &mdash; was meinst &mdash; wollen wir einander heiraten?
+&mdash; Ich bin halt keiner von denen, die lange 'ich bitte
+und ich bete' stammeln und K&uuml;sse betteln &mdash; dummes
+Zeug &mdash; gerade recht geheiratet mu&szlig; sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn's nur so geht, ist leicht ledig bleiben,&laquo; lachte
+Binia.</p>
+
+<p>Der Presi war es zufrieden, da&szlig; sie den ersten, die
+nach ihrer Hand trachteten, K&ouml;rbe gab, denn es schien
+ihm nicht vornehm, da&szlig; ein M&auml;dchen gleich auf einen,
+der ihm freundlich thut, mit offenen Armen zueilt, und
+er hatte den Vogel doch am liebsten im Haus. Der Gedanke,
+sich einmal von Binia trennen zu m&uuml;ssen, fiel ihm
+schwer.</p>
+
+<p>Doch in St. Peter h&auml;tte kein junger Mann so recht
+den Mut gehabt, der Schwiegersohn des gef&uuml;rchteten Presi
+zu werden. Binia allein hielt den alten freundschaftlichen
+Verkehr mit dem Dorfe noch aufrecht. Und sie war mehr
+die Freundin der Armen und Gedr&uuml;ckten, als der wohlhabenden
+Haushaltungen mit heiratsf&auml;higen S&ouml;hnen.</p>
+
+<p>&raquo;Vater, gebt mir noch zwanzig Franken &mdash; ich habe
+keinen Rappen mehr.&laquo; Sie wu&szlig;te so drollig zu betteln.</p>
+
+<p>&raquo;Ich spare &mdash; und du verschwendest &mdash; will wieder
+einer eine Gei&szlig; kaufen?&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_264" id="Page_264">[Pg 264]</a></span>&raquo;Ja, aber wer, sag' ich dir halt nicht &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi, der nicht geizig war, lachte und gab ihr
+den Betrag. Was verschlug es? Es ging ja auch viel
+Geld ein. Und es mu&szlig;te ein leidliches Verh&auml;ltnis mit
+dem Dorf unterhalten sein.</p>
+
+<p>Die von St. Peter schauten beinahe teilnahmlos zu,
+wie die Touristen mit ihren Bergst&ouml;cken durch die Gegend
+klapperten. Besteigungen der Krone fanden jetzt jeden
+Sommer mehreremal, ja h&auml;ufig statt und der B&auml;ren
+war ein echtes, rechtes Bergsteigerquartier geworden.</p>
+
+<p>Gegen den Presi aber, der diese neue Zeit gebracht
+hatte, herrschte ein dumpfer Groll. Die D&ouml;rfler f&uuml;hlten
+sich in St. Peter wie nicht mehr zu Hause, und wenn
+die Bauern auch viel Milch und allerlei anderes zu erh&ouml;hten
+Preisen in den B&auml;ren verkaufen konnten, so
+sprachen sie doch am liebsten von der alten Zeit, wo der
+Sommer in ruhigen Pr&auml;chten durch das Thal gegangen war.</p>
+
+<p>Th&ouml;ni diente nicht mehr als Bergf&uuml;hrer, er war in
+allen Dingen die rechte Hand des Presi. An seiner Stelle
+geleiteten jetzt F&uuml;hrer von Serbig und Grenseln, Leute,
+die gemerkt hatten, da&szlig; auch in St. Peter ein sch&ouml;nes
+St&uuml;ck Geld zu verdienen sei, die Touristen auf die Berge.</p>
+
+<p>Mit Schrecken sah Binia die wachsende Freundschaft
+zwischen dem Vater und Th&ouml;ni.</p>
+
+<p>Th&ouml;ni war, so vornehm er sich gab, eigentlich doch ein
+recht gemeiner Kerl. Wenn er einen freien Augenblick
+hatte, stand er unten vor dem Haus bei den F&uuml;hrern und
+unter vielem Lachen redeten sie miteinander w&uuml;ste Dinge.</p>
+
+<p>Dann fuhr der Vater wohl mit einem &raquo;Gott's
+Sterndonnerwetter, Th&ouml;ni!&laquo; dazwischen. &mdash; Wenn er
+ihm aber in seiner handfesten Art das Kapitel verlesen<span class='pagenum'><a name="Page_265" id="Page_265">[Pg 265]</a></span>
+hatte, so ging alles langehin wieder glatt und gut, er
+hatte seine Freude an dem jungen Mann, der sich gew&auml;hlt
+wie ein Fremder kleidete, den wohlgepflegten Schnurrbart
+k&uuml;hn in die Welt stellte und seine vielen Gesch&auml;fte
+mit spielender Leichtigkeit erledigte.</p>
+
+<p>Und wie wu&szlig;te Th&ouml;ni dem Vater zu Willen zu sein
+und sich seinen Launen anzupassen! Darin war er un&uuml;bertrefflich.</p>
+
+<p>Wie eine Hornisse aber scho&szlig; er durch das Haus,
+wenn er in irgend einem Gast einen Freier f&uuml;r Binia
+witterte. Und sie kamen immer zahlreicher, die Freier;
+aus dem Unter- und Oberland kamen die reichen H&auml;ndler,
+die jungen Hotelbesitzer, und unter den G&auml;sten waren
+nicht wenige, die f&uuml;r Binia schw&auml;rmten.</p>
+
+<p>Der Vogel aber entschl&uuml;pfte. In Binias ganzem
+Wesen lag wie in ihrem schlanken Leib die Kraft st&auml;hlerner
+Geschmeidigkeit und st&auml;hlernen Widerstandes. Wo
+sie ein echtes Gef&uuml;hl sp&uuml;rte, da lohnte sie es wohl mit
+einem Blick, da&szlig; der Freier meinte, er habe in seinem
+Leben noch nichts S&uuml;&szlig;eres gesehen, aber durch alles,
+was sie that und lie&szlig;, klang es bald schelmisch, bald
+traurig: &raquo;Seht ihr nicht, da&szlig; ich frei sein will? &mdash;
+Was zwingt ihr mich, es euch zu sagen?&laquo; Wer ihr mit
+zudringlichen Huldigungen zu nahe trat, den blitzte sie
+mit einem Blick oder einem Wort nieder, da&szlig; er sich
+sch&auml;mte und zahm wurde wie ein kleines Maultier.</p>
+
+<p>Jetzt l&auml;chelte aber der Vater nicht mehr, wenn sie
+einen Freier zur&uuml;ckwies. Mi&szlig;trauisch und grimmig loderte
+es aus seinen Augen. &raquo;Kind,&laquo; stie&szlig; er hervor, &raquo;wenn
+du meinst, du k&ouml;nnest mich narren!&laquo; Und der Zorn zuckte
+um seine Brauen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_266" id="Page_266">[Pg 266]</a></span>Frau Cresenz tr&ouml;stete dann auf ihre Art.</p>
+
+<p>&raquo;Was sich zankt, das liebt sich,&laquo; meinte sie mit
+k&uuml;hlem L&auml;cheln. &raquo;Ihr werdet sehen, das Blatt zwischen
+Th&ouml;ni und Binia wendet sich. Nur sich nicht einmischen
+und nicht dr&auml;ngen.&laquo;</p>
+
+<p>Dem Presi kam eine Verbindung zwischen Th&ouml;ni
+und Binia selber nicht mehr so unsinnig vor wie damals,
+als er den Garden wegen des sonderbaren Gedankens
+ausgelacht hatte.</p>
+
+<p>Das Kind blieb dann doch in St. Peter. Sie zu
+zwingen hatte er aber das Herz nicht. Sie war ja noch
+so jung.</p>
+
+<p>Die Zeit schritt, der Tag kam, wo Eusebi und
+Vroni, das gl&uuml;ckliche Paar, Hochzeit hielten.</p>
+
+<p>So ein sch&ouml;nes Fest hatte man in St. Peter noch
+kaum erlebt. Ein junger Verwandter der Gardenfamilie
+und Binia f&uuml;hrten das Brautpaar, und wie lieblich war
+Vroni mit der niedlichen kleinen Krone auf dem blonden
+Haupt, wie h&uuml;bsch der einst so h&auml;&szlig;liche Eusebi, wie sah
+man es ihm an, da&szlig; das Gl&uuml;ck den Menschen versch&ouml;nt.</p>
+
+<p>Ans Gl&uuml;ck dachte Binia am Morgen nach der Hochzeit,
+da donnerte sie der Vater an: &raquo;He, das Wildheuerkind
+ist am Ziel! Aber deinem Spiel schaue ich jetzt nicht
+mehr zu. &mdash; Meinst du, du d&uuml;rfest um den toten Rebellen
+noch ein paar Jahre greinen. &mdash; Nichts da! Wenn
+du jetzt deinem Vater nach vielem Leid eine Freude bereiten
+willst, so zankst du dich mit Th&ouml;ni nicht mehr,
+sondern &uuml;berlegst ernstlich, ob du nicht im Frieden seine
+Frau werden k&ouml;nntest. Ich habe einen sch&ouml;nen Plan und
+daran h&auml;nge ich. Der B&auml;ren ist f&uuml;r unsere G&auml;ste zu klein
+geworden, ich baue dr&uuml;ben gegen die Maiens&auml;ssen hin ein<span class='pagenum'><a name="Page_267" id="Page_267">[Pg 267]</a></span>
+Chalet im Berneroberl&auml;nderstil, da&szlig; es mit seinen Balkonen
+ganz St. Peter &uuml;berscheint. Und nun meine ich,
+wenn Th&ouml;ni Direktor und du Frau Direktor des Hotels
+zur 'Krone' w&uuml;rdest, so w&auml;re f&uuml;r dich gesorgt und ich
+k&ouml;nnte mein Haupt ruhig niederlegen. Th&ouml;ni,&laquo; fuhr er
+fort, &raquo;ist aus guter Familie, er versteht das Gesch&auml;ft
+und ich habe ihn mit der Zeit und namentlich in diesem
+Jahr lieb gewonnen &mdash; er ist lenksam und h&ouml;rt auf
+mich.&laquo;</p>
+
+<p>Das letzte sagte der Presi mit besonderem Nachdruck.</p>
+
+<p>Binia sah den Vater nur noch durch Thr&auml;nen.</p>
+
+<p>&raquo;O, Vater,&laquo; st&ouml;hnte sie, &raquo;mir thun Kopf und Herz
+weh. &mdash; &mdash; Baue doch lieber nicht. &mdash; Denke an die
+Leute von St. Peter, die uns jetzt schon wegen der
+Fremden im B&auml;ren grollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ho, mit denen von St. Peter nehme ich es auf,&laquo;
+erwiderte er hart und es blitzte so b&ouml;s aus seinen Augen,
+da&szlig; sie verstummte.</p>
+
+<p>Th&ouml;ni zankte, w&uuml;tete, schmeichelte, er weinte vor
+ihr. &raquo;O Bini &mdash; Bini,&laquo; suchte er sie zu &uuml;berreden,
+&raquo;wir h&auml;tten's so sch&ouml;n zusammen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Th&ouml;ni, ich nehme den, der mich freut, aber nicht
+einen, der schon mit so vielen M&auml;dchen gelaufen ist.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sagte es ernst und bek&uuml;mmert &mdash; sie hatte eine
+geheime Furcht vor ihm.</p>
+
+<p>Doch war die Zeit da, wo Josi nach seinem Versprechen
+h&auml;tte zur&uuml;ckkehren m&uuml;ssen. Sie war in fieberischer
+Erregung, sie stand stundenlang am Fenster und
+schaute auf die Stra&szlig;e in den Herbstsonnenschein, sp&auml;ter
+schaute sie in die Schneeflocken und am strahlenden Dreik&ouml;nigstag<span class='pagenum'><a name="Page_268" id="Page_268">[Pg 268]</a></span>
+sah sie, wie die Kinder ihre H&auml;spel mit den
+drei papiernen Sternen drehten und h&ouml;rte ihren Ruf:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Die heiligen drei K&ouml;nige mit ihrem Stern,<br /></span>
+<span class="i0">Sie kommen von fern und suchen den Herrn!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>So hatte sie als kleines M&auml;dchen neben Josi den
+Windhaspel getragen und sich innig gefreut, wenn die
+drei Rosen, die gew&ouml;hnlich nicht spielen wollten, liefen.</p>
+
+<p>Kein Brief kam an Vroni &mdash; kein Lebenszeichen von
+Josi &mdash; er kam nicht und kam nicht. Und zum Neubau
+f&auml;llte man das Holz.</p>
+
+<p>Ja, wenn ihr dummes K&ouml;pfchen nur einsehen wollte,
+da&szlig; Josi gestorben ist. Mit Entsetzen gestand sie es sich:
+Sie sah sein liebes, offenes Gesicht nicht mehr so klar
+wie einst. Ihr war, leise und langsam senke sich ein
+feiner Nebel zwischen ihm und ihr und sein Bild weiche
+in die Ferne. Sie streckte die Arme aus nach ihm: &raquo;Josi,
+zeige mir deine schwieligen H&auml;nde &mdash; ich kann sie mir
+nicht mehr so recht vorstellen. &mdash; Josi, lache mit deinem
+trockenen und doch so herzinnigen Lachen, es klingt mir
+nicht mehr deutlich im Ohr. Mutter! &mdash; Mutter! &mdash;
+Hilf mir, da&szlig; ich nicht wanke!&laquo;</p>
+
+<p>Und ein Wunder geschah! F&uuml;r viele Wochen gab
+Th&ouml;ni Grieg manchmal sein wildes, eifers&uuml;chtiges Dr&auml;ngen
+auf, er schwieg, nur in seinen Augen lag etwas Unerkl&auml;rliches,
+etwas wie Ha&szlig; und Drohung.</p>
+
+<p>Er war nicht mehr der sch&ouml;ne Th&ouml;ni, der lustige
+Th&ouml;ni, er war ein reizbarer, &uuml;bellauniger Herr mit einem
+aufgedunsenen r&ouml;tlichen Gesicht. Sobald der Vater aus
+dem Haus gegangen war, wurde er nachl&auml;ssig und grob,
+er kam alle paar Augenblicke aus der Poststube und
+schenkte sich Wein ein. Ein paarmal fanden Frau Cresenz<span class='pagenum'><a name="Page_269" id="Page_269">[Pg 269]</a></span>
+oder Binia auch in der Ablage geleerte Flaschen. Und
+auf ihre Vorhalte grollte er: &raquo;Was hat das Weibervolk
+im Bureau zu thun, was geht euch die Poststube an?&laquo;</p>
+
+<p>Binia aber liebte die Post, besonders das Telegraphieren,
+so viel als m&ouml;glich besorgte sie mit flinken
+Fingern die Depeschen selbst.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist langweilig,&laquo; sagte sie vorwurfsvoll, &raquo;da&szlig;
+du immer die Schl&uuml;ssel ziehst. Fr&uuml;her wu&szlig;te ich alles,
+was auf der Post ging &mdash; hast du so eine Lumpenordnung,
+da&szlig; man nicht mehr hineinsehen darf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eben, gerade Ordnung habe ich, du Wildkatze,&laquo;
+h&ouml;hnte er.</p>
+
+<p>&raquo;Dann mache doch die Sendungen bereit, die noch
+liegen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehe jetzt Revolverschie&szlig;en,&laquo; trotzte er</p>
+
+<p>&raquo;Wozu brauchst du einen Revolver?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist f&uuml;r solche, die nach St. Peter kommen,
+aber nicht hergeh&ouml;ren,&laquo; lachte er seltsam.</p>
+
+<p>Binia kam ein f&uuml;rchterlicher Verdacht, aber sie wagte
+ihn kaum zu denken. &raquo;Nein, so bodenlos schlecht ist
+Th&ouml;ni doch nicht,&laquo; beruhigte sie sich selbst.</p>
+
+<p>Im &uuml;brigen scho&szlig; er, wenn er ausging, nicht immer
+mit dem Revolver, sondern sa&szlig; ebenso h&auml;ufig im Wirtsch&auml;ftchen
+des Glotterm&uuml;llers oder bei irgend einem h&uuml;bschen
+M&auml;dchen.</p>
+
+<p>Frau Cresenz und Binia, G&auml;ste und Dorf sahen es,
+der sch&ouml;ne Th&ouml;ni, der lustige Th&ouml;ni, hatte einen Wurm,
+die einen sagten im Kopf, die anderen im Leib.</p>
+
+<p>Zuletzt sah es auch der Presi: &raquo;Th&ouml;ni, du gef&auml;llst
+mir nicht mehr &mdash; wei&szlig; der Kuckuck, was du hast und
+was mit dir ist.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_270" id="Page_270">[Pg 270]</a></span>&raquo;Ich meine, man sollte jetzt einmal bauen, das
+Holz liegt schon lange genug,&laquo; gab Th&ouml;ni m&uuml;rrisch zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich wir bauen jetzt,&laquo; antwortete der Presi fest.</p>
+
+<p>Als man den ersten Spatenstich f&uuml;hrte, rief er Binia
+auf seine Stube. Er streifte sie mit forschendem, sorgenvollem
+Blick; dann hob er an: &raquo;Binia, du verlobst dich
+jetzt mit Th&ouml;ni, sp&auml;testens im Fr&uuml;hjahr heiratet ihr. Ich
+habe dir Zeit gegeben, eine Wahl nach deinem Sinn zu
+treffen, du hast sie verwirkt. Jetzt befehle ich dir!&laquo;</p>
+
+<p>Binia stand totenbla&szlig;; mutlos und versch&uuml;chtert
+wagte sie keinen Widerspruch.</p>
+
+<p>Man baute, aber im schlechtesten Zeichen. Die
+Werkleute brachten die &raquo;Krone&laquo; nicht vorw&auml;rts. Als
+h&auml;tte Gott selbst einen Zorn darauf, regnete und wetterte
+es im Glotterthal den ganzen Sommer durch und
+der Presi eilte in hundert N&ouml;ten zwischen dem B&auml;ren
+und der Baustelle hin und her. Zum erstenmal, seit
+Fremde nach St. Peter kamen, f&uuml;llte sich der B&auml;ren nicht.
+Und er w&uuml;nschte das Tr&uuml;pplein von Sommerfrischlern,
+das da war, wieder nach Hospel zur&uuml;ck und weiter. &raquo;Herr
+Pr&auml;sident,&laquo; fragten sie Tag um Tag und jede Stunde,
+&raquo;glauben Sie, wir bekommen bald sch&ouml;nes Wetter?&laquo; &mdash;
+&raquo;Ich wei&szlig; es nicht. In hundert Jahren kann der Sommer
+ja auch im Glotterthal einmal herzlich schlecht sein.&laquo; Mit
+verhaltener Wut sagte er es. Die Maulaffen! Wer litt
+mehr unter dem schlechten Wetter als er.</p>
+
+<p>Und zum erstenmal waren die Fremden mit dem
+B&auml;ren nicht zufrieden. &raquo;Der Herr Pr&auml;sident ist m&uuml;rrisch,&laquo;
+klagten sie, &raquo;Herr Grieg, der fr&uuml;her so jovial
+war, unaufmerksam und grob. Frau Cresenz l&auml;chelt so
+seelenlos wie ein Automat. Und Binia, die alpige Rose,<span class='pagenum'><a name="Page_271" id="Page_271">[Pg 271]</a></span>
+hat alle Schelmerei verloren oder dann zuckt sie so heftig
+und seltsam heraus, da&szlig; es wie ein Lachen im Fieber ist.&laquo;</p>
+
+<p>Die Freier blieben aus. Nur einer wandte sich noch
+an sie, ein junger stiller Gelehrter.</p>
+
+<p>Er hatte ihr die paar Blumen gebracht, die trotz
+dem schlechten Wetter an den Bergen gewachsen waren,
+aber sonst eine gro&szlig;e Zur&uuml;ckhaltung gegen sie beobachtet.
+Am Abend, bevor er abreiste, erst nahm er ihre Hand:
+&raquo;Fr&auml;ulein Waldisch &mdash; Binia,&laquo; sagte er tief bewegt,
+&raquo;diese Hand ist zu klein und zu mollig f&uuml;r Ihr rauhes
+Bergthal. &mdash; Kommen Sie mit mir in die Stadt &mdash;
+ich liebe Sie &mdash; werden Sie meine Braut &mdash; meine
+herzliebe Frau.&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Es war so ein gediegener Mann und redete so warm.</p>
+
+<p>Binia wurde dunkelrot und ihre Hand zitterte: &raquo;Herr
+Doktor!&laquo; Sie senkte das K&ouml;pfchen. &raquo;Ich passe nicht in
+die Stadt, ich kann ja kaum recht lesen und schreiben
+und bin ein schlichtes Bergkind.&laquo;</p>
+
+<p>Da drang er hei&szlig; in sie: &raquo;O Binia! f&uuml;r mich ist
+das genug &mdash; ich bin selbst ein einfacher Mann. Was
+Sie an Wissen nicht haben, das ersetzen Sie mir hundertmal
+mit Ihrer sonnigen Nat&uuml;rlichkeit, mit Ihrem
+klugen Auge, mit der W&auml;rme Ihres Gem&uuml;tes. Ich habe
+eine liebe alte Mutter daheim &mdash; sie ist auch schlicht
+und kann keine &uuml;berbildete Tochter brauchen.&laquo;</p>
+
+<p>Bei dem Wort &raquo;Mutter&laquo; begann Binia zu schluchzen.
+Eine Mutter! In ihrem Leben noch einmal eine Mutter.
+Das war ein st&uuml;rmischer Angriff.</p>
+
+<p>&raquo;Die oberfl&auml;chlichen Leute meinen,&laquo; fuhr der junge
+Mann fort, &raquo;Sie seien nur ein &uuml;beraus gescheites, allerliebstes
+Naturkind, aber ich will es Ihnen sagen: Sie<span class='pagenum'><a name="Page_272" id="Page_272">[Pg 272]</a></span>
+sind ein gro&szlig;es, liebeheischendes, hei&szlig;es Herz &mdash; und
+wenn ich Sie verstanden habe, wenn Sie es sind, Binia,
+so gehen Sie um Ihres eigenen Gl&uuml;cks willen nicht kalt an
+mir vorbei. Darf ich mit dem Herrn Pr&auml;sidenten reden?&laquo;</p>
+
+<p>Wie die M&auml;nnerstimme zitterte!</p>
+
+<p>&raquo;Nein &mdash; nein &mdash; Herr Doktor, nein,&laquo; erwiderte
+sie angstvoll, &raquo;ich ehre Sie &mdash; ich will Ihnen ein Geheimnis
+verraten &mdash; ich bin verlobt.&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Da ging der junge Mann in tiefer Trauer. Er
+schrieb ihr aber sp&auml;ter: &raquo;Ich wei&szlig;, was ich verloren habe,
+Sie einzige &mdash; tausend-, tausendmal Gl&uuml;ck!&laquo;</p>
+
+<p>Ueber diesen Brief weinte sie bitterlich. Sie wu&szlig;te
+es, sie h&auml;tte froh werden k&ouml;nnen mit dem Manne. Und,
+seine Hand w&auml;re Rettung vor Th&ouml;ni Grieg gewesen.</p>
+
+<p>Wozu diese wahnsinnige Treue f&uuml;r Josi? Das f&uuml;nfte
+Jahr erf&uuml;llte sich jetzt bald, da&szlig; er fortgegangen war.</p>
+
+<p>Tiefen Kummer bereitete ihr die durch das schlechte
+Sommerwetter entstandene Stimmung im Dorf.</p>
+
+<p>Wenn man nur mit dem Vater reden, ihn warnen
+d&uuml;rfte, aber er ist wie ein Pulverfa&szlig;. Man darf nicht
+an ihm r&uuml;hren. Alles mu&szlig; sich vor ihm dr&uuml;cken. Th&ouml;ni
+&mdash; Frau Cresenz &mdash; am meisten sie selbst: &raquo;Bini,&laquo; donnert
+er sie an, &raquo;Gott's Hagel &mdash; ich mache das Wetter
+nicht, lasse mich mit den K&auml;lbern im Dorf in Ruh'.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Binia,&laquo; sagten die von St. Peter, &raquo;Ihr seid ja
+lieb und gut, aber wir wollen nichts aus dem B&auml;ren,
+es klebt Ungl&uuml;ck daran,&laquo; und einige Weiber erkl&auml;rten
+es frei heraus: &raquo;Kommt uns nicht mehr ins Haus. Wenn
+Ihr schon so lieb l&auml;cheln und reden k&ouml;nnt, mit Euren
+dunklen Augen seid Ihr doch eine Hexe und der B&auml;ren
+ist das Ungl&uuml;ck von St. Peter.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_273" id="Page_273">[Pg 273]</a></span>Eine furchtbare Zeit war gekommen. Immer lagen
+Nebel an den Bergen; wenn die Sonne am Morgen
+auch ein wenig schien, so donnerten am Nachmittag doch
+wieder die Gewitter, und wenn sich die Wolken ein wenig
+lichteten, sah man neue Runsen an den Bergen. Die
+oberen Alpen wurden sp&auml;t schneefrei, ehe das Gras gewachsen
+war, deckte sie schon wieder Schnee, ein fr&uuml;her
+Reif vernichtete die Ernte und am Glottergrat r&uuml;ckte der
+Gletscher vor. Die Wildleutlaue r&uuml;stete sich!</p>
+
+<p>Not herrschte bei Menschen und Vieh, ein Angstgef&uuml;hl
+legte sich &uuml;ber das Dorf, als d&uuml;rfe es nie mehr
+auf bessere Zeiten hoffen, und der gr&auml;&szlig;liche Kaplan Johannes,
+der wieder von Fegunden heraufgekommen war,
+verlie&szlig; St. Peter nicht mehr.</p>
+
+<p>Binia wu&szlig;te es. Dieser Wahnsinnige lebte fast nur
+von dem Ha&szlig; gegen den Vater, der ihn vor Jahren hatte
+aus der Gemeinde treiben lassen. Er w&uuml;hlte und hetzte
+im Dorf mit den dunkelsten K&uuml;nsten des Aberglaubens.
+Entsetzlicher noch! Der b&ouml;se Narr hatte seine Begierde
+auf sie geworfen. Sie f&uuml;rchtete ihn wie die Taube den
+Habicht; seit er ihr letzthin zugerufen: &raquo;Jungfer, merkt
+Ihr, wie mein Korn reif wird?&laquo; zitterte sie vor ihm und
+ahnte schwere Ereignisse.</p>
+
+<p>Gewi&szlig; trieb der d&auml;monische Kaplan die von St. Peter
+zu einer th&ouml;richten That, um in einer Stunde der Verwirrung
+seine d&uuml;stere Seele an den Bildern erf&uuml;llter
+Rache zu erg&ouml;tzen.</p>
+
+<p>Ein ungeheuer peinlicher Vorfall, von dem zum Gl&uuml;ck
+der Vater selbst nichts erfuhr, trat dazu.</p>
+
+<p>Eine fremde vornehme Dame, die mit ihrem Hund
+hergekommen war, verlangte, da&szlig; man das Tier wie<span class='pagenum'><a name="Page_274" id="Page_274">[Pg 274]</a></span>
+einen Gast bediene. Th&ouml;ni, der Thor, der sich in das
+Gesicht der Dame vergaffte, gab es zu, allerdings nur
+in einem besonderen Zimmer. Die M&auml;gde hatten zu dem
+Hund &raquo;Guten Tag, Herr Walo!&laquo; zu sagen, wenn er
+auf den Stuhl sprang, ihm ein wei&szlig;es Tuch vorzubinden
+und dann je auf besonderem Teller f&uuml;nf Gerichte vorzulegen,
+zuletzt wie zu einem Gast zu sprechen: &raquo;W&uuml;nschen
+wohl gespeist zu haben, Herr Walo!&laquo; und die Dame
+&uuml;berwachte die Bedienung ihres Viehes.</p>
+
+<p>Mit flammendem Gesicht schaffte Binia Ordnung,
+aber die M&auml;gde schwatzten, und nun lief die Geschichte
+im Dorf.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt, wo wir und unser Vieh Mangel leiden,&laquo;
+staunten die Leute entsetzt.</p>
+
+<p>Kaplan Johannes trug die Erz&auml;hlung von Haus zu
+Haus: &raquo;Merkt ihr,&laquo; fragte er, &raquo;aus dem Wetter nichts?
+Geht nach Hospel, dort sind sie froh &uuml;ber den Regen,
+der dann und wann f&auml;llt. Merkt ihr nichts?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl, wohl!&laquo; erwiderten die D&ouml;rfler, &raquo;die armen
+Seelen wollen die tods&uuml;ndige V&ouml;llerei im B&auml;ren nicht,
+sie wollen den Neubau nicht, die Zwingburg, die uns
+hudlig machen soll. In den f&uuml;rchterlichen Wettern geben
+sie uns ihre Zeichen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind ja schon hudlig,&laquo; antworteten andere
+ingrimmig: &raquo;die drei Kleinsten B&auml;lzis stehen am Weg
+und strecken den Fremden die H&auml;nde um Almosen hin.
+Die Haushaltung hat nichts zu bei&szlig;en und zu brechen.
+Und noch viele m&uuml;ssen vor Elend auch zu betteln anfangen.
+Das ist das Werk des Presi.&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde mahnte zur Ruhe, der Pfarrer predigte
+gegen den Aberglauben und wies seiner Herde in Chroniken<span class='pagenum'><a name="Page_275" id="Page_275">[Pg 275]</a></span>
+nach, da&szlig; es auch fr&uuml;her schon so schlimme Jahre
+gegeben habe.</p>
+
+<p>Die D&ouml;rfler aber schrieen ihm zu: &raquo;Pfarrer, Ihr
+h&uuml;tet die heilige Religion nicht. Wi&szlig;t ihr es nicht?
+Der Presi will in dem Neubau heimlich eine Kapelle f&uuml;r
+die Ungl&auml;ubigen einrichten, wie eine zu Grenseln steht,
+und wenn Ihr nicht helft, m&uuml;ssen wir selbst Ordnung
+schaffen. Wir sind nicht gewaltth&auml;tig und den Fremden
+wollen wir nichts thun, aber wenigstens den Neubau
+dulden wir nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man mu&szlig; mit dem Presi in G&uuml;te reden!&laquo; meinten
+einige Ruhige, wie der Fenken- und der Bockje&auml;lpler.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn wir das thun,&laquo; erwiderten aber die anderen,
+&raquo;sind wir verloren. &mdash; Er ist ein alter Fuchs, er wei&szlig;
+schon, wie er zu sprechen hat, da&szlig; keiner von uns mehr
+etwas sagen kann.&laquo;</p>
+
+<p>Der Glotterm&uuml;ller hatte mit seinem Wirtsch&auml;ftchen
+gute Zeiten, aber auch in den eigenen Stuben sammelten
+sich da und dort die D&ouml;rfler.</p>
+
+<p>&raquo;Wir m&uuml;ssen es hinter den Garden stecken,&laquo; meinten
+sie, &raquo;er kommt dem Presi am ehesten bei. Der Glotterm&uuml;ller
+mu&szlig; mit ihm gehen. Der Kaplan Johannes
+auch.&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde seufzte, als Bauer um Bauer in seine
+Wohnung kam und ihm zuredete, da&szlig; er Vermittler zwischen
+der Gemeinde und dem Presi werde. &raquo;Ich bin nicht
+mehr sein Freund!&laquo; erkl&auml;rte er. &mdash; &raquo;Aber Ihr seid der
+Garde!&laquo; drangen sie in ihn. &mdash; &raquo;Dann gehe ich allein,&laquo;
+sagte er. &mdash; &raquo;Nein, wenigstens einer mu&szlig; mit,&laquo; erwiderten
+sie, &raquo;damit der Presi sp&uuml;rt, da&szlig; es Ernst gilt.&laquo;</p>
+
+<p>Nach gewaltigem Str&auml;uben f&uuml;gte sich der Garde in<span class='pagenum'><a name="Page_276" id="Page_276">[Pg 276]</a></span>
+den sauren Gang und darein, da&szlig; der Glotterm&uuml;ller ihn
+begleite.</p>
+
+<p>Es war im Herbst und nach vielen Wochen der Verd&uuml;sterung
+stand der Himmel in reinem Blau, nur hingen
+an der Krone so drohende W&auml;chten, wie man sie niemals
+zuvor gesehen. Durch das Dorf flog es von Mund
+zu Mund: &raquo;Schaut, seit die Fremden fort sind, ist der
+Himmel uns wieder wohlgesinnt.&laquo;</p>
+
+<p>W&uuml;rdig empfing der Presi die beiden Abgesandten
+von St. Peter, w&uuml;rdevoll wie ein K&ouml;nig antwortete er
+ihnen, sich mit der Hand auf sein Pult st&uuml;tzend: &raquo;Ihr
+M&auml;nner von St. Peter. Meint ihr, da&szlig; ich die Gemeinde
+weniger lieb habe als ihr? &mdash; Aber in einer th&ouml;richten
+Sache lasse ich mich nicht von euch zwingen. Wir sind
+alle freie M&auml;nner. Wir beugen uns vor nichts als vor
+den Ueberlieferungen unserer V&auml;ter und den Gesetzen des
+Landes. Ueberlieferung und Gesetz ist aber, da&szlig; jeder
+bei uns frei bauen darf, wie er will. Ich habe kein
+minderes Recht als ihr, der B&auml;ren und die Krone stehen
+unter dem Schutz des Gesetzes, der das Eigentum heiligt.
+Wer daran r&uuml;hrt, ist dem Gericht verfallen. Nicht
+anders ist es mit den Fremden, die ins Thal kommen.
+Sie sind nicht, wie ihr meint, vogelfrei, sie stehen unter
+dem Schirm m&auml;chtiger Vertr&auml;ge. Wehe dem, der die
+verletzt! Und also habe ich eine gerechte Sache, wenn
+ich ein neues Haus aufschlie&szlig;e und G&auml;ste darein f&uuml;hre,
+und ich will es euch beweisen, da&szlig; ich euerm ungerechten
+Verlangen nicht nachkomme. Th&ouml;ni &mdash; Binia!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Presi, seid barmherzig,&laquo; bat der Garde, &raquo;sonst
+ger&auml;t die Gemeinde ins Ungl&uuml;ck. Was Ihr sagt, ist wohl
+wahr &mdash; aber es ist nicht gut &mdash; es ist nicht gut.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_277" id="Page_277">[Pg 277]</a></span>Scheu kam Binia geschlichen, sie konnte den Garden
+fast nicht ansehen, Th&ouml;ni aber erschien wie ein gro&szlig;er Herr.</p>
+
+<p>&raquo;Th&ouml;ni Grieg und Binia Waldisch,&laquo; wandte sich
+der Presi stolz und feierlich an die beiden, &raquo;vor der
+Gemeinde St. Peter verlobe ich euch, auf da&szlig; ihr in
+Frieden und Gl&uuml;ck das neuerbaute Haus zur Krone
+f&uuml;hrt. Binia, hole mir Bissen und Wein, da&szlig; ich sie
+euch reiche.&laquo;</p>
+
+<p>Sie zitterte. Wie im Verscheiden sagte sie: &raquo;Nein
+&mdash; ich kann nicht, Vater.&laquo;</p>
+
+<p>Da wurde er kreidewei&szlig;: &raquo;Du Elende!&laquo; knirschte er
+mit einem entsetzlichen Blick der Wut, &raquo;vor der Gemeinde
+machst du mich zu Schanden &mdash; m&ouml;ge Gott dich daf&uuml;r
+schlagen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Glotterm&uuml;ller verlor seine Haltung und quiekte
+mit seiner hohen Weiberstimme: &raquo;Das ist ja abscheulich!
+Ich gehe, lebt wohl!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; bebte die Stimme des Presi, &raquo;sagt es dem
+Dorfe nur, was f&uuml;r eine Ungeratene ich zum Kinde habe.&laquo;</p>
+
+<p>Da nahm der Garde die Hand des Presi und mit
+Thr&auml;nen in den Augen sprach er: &raquo;Gewaltthat auf Gewaltthat!
+&mdash; S&uuml;nde auf S&uuml;nde &mdash; Presi! alter Freund
+&mdash; mu&szlig; ich es wirklich erleben, da&szlig; Ihr Euch selbst,
+Euer Kind, Euer Haus, das ganze Dorf zusammenschlagt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was, alter Freund?&laquo; erwiderte der B&auml;renwirt
+kalt und hohnvoll, &raquo;einer, der es mit den K&auml;lbern h&auml;lt,
+&mdash; ein Tropf seid Ihr, Garde!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alte M&auml;nner schlagen sich nicht. &mdash; Ihr schlagt
+Euch selbst.&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde keuchte es, er ging und in einer Ecke
+lag Binia, das H&auml;uflein Ungl&uuml;ck.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_278" id="Page_278">[Pg 278]</a></span>Am anderen Tag aber flog die Kunde von Mund
+zu Mund: &raquo;Nun hat sich Binia doch mit Th&ouml;ni Grieg
+verlobt.&laquo; Schreckliche Ger&uuml;chte waren im Umlauf. Drei
+Stunden sei der Presi auf dem Boden gelegen und habe
+mit Armen und Beinen ausgeschlagen. &raquo;Ich kann nicht
+mehr leben. Mein Kind hat mich vor der Gemeinde zu
+Schanden gemacht.&laquo; Da habe sich Binia auf ihn geworfen
+und verzweifelt gerufen: &raquo;Vater &mdash; lebe! &mdash; ich will
+Th&ouml;ni nehmen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi hatte den Sieg &uuml;ber sein Kind und die
+Abgeordneten davongetragen, aber der B&auml;ren lag in Acht
+und Bann, furchtbare Erregung und Emp&ouml;rung gegen
+ihn herrschte im Dorf.</p>
+
+<p>So kommt der Winter, ein verkehrter Winter!
+Es f&auml;llt viel Schnee, aber er h&auml;lt nicht. Die Lawinen donnern
+Tag um Tag und ihre Luftst&ouml;&szlig;e ersch&uuml;ttern die
+H&uuml;tten. Jetzt tritt endlich bittere K&auml;lte ein. Da geschieht
+ein schreckliches Wunder. Eine Windsbraut f&auml;hrt &uuml;ber
+die Krone, sie wirbelt den Firnenschnee wie Gewitterwolken
+auf, die Wolken verfinstern das Thal, sie sausen
+herab, sie drehen sich und prasseln aufs Dorf. &mdash; Die
+Glocken l&auml;uten.</p>
+
+<p>&raquo;Wohl denen, die tot sind,&laquo; schreien die Leute.
+&raquo;St. Peter geht unter &mdash; die armen Seelen ziehen aus
+&mdash; f&uuml;r die Zeit, die uns bleibt, haben wir noch genug
+zu essen, und da&szlig; unser armes Vieh an Seuchen stirbt,
+kann nichts mehr schaden.&laquo;</p>
+
+<p>Da schleicht ein Wort heimlich durch das ge&auml;ngstigte
+St. Peter, das Wort &raquo;Ahorn!&laquo; Wo sich zweie treffen,
+redet der eine geheimnisvoll von hundert Dingen, bis er
+unauff&auml;llig das Wort &raquo;Ahorn&laquo; ins Gespr&auml;ch mengen<span class='pagenum'><a name="Page_279" id="Page_279">[Pg 279]</a></span>
+kann. &raquo;Ahorn!&laquo; erwidert der Angeredete feierlich. Au&szlig;er
+dem Garden, den man immer noch einer alten Freundschaft
+f&uuml;r den Presi verd&auml;chtig h&auml;lt, dem Pfarrer und
+einigen anderen, denen man nicht traut, ist ganz St. Peter
+in einem geheimen Bund, dessen Mitglieder sich im
+Wort &raquo;Ahorn&laquo; erkennen. Wer die Losung spricht,
+wei&szlig; es: Im Namen der armen Seelen mu&szlig; der
+B&auml;ren, das S&uuml;ndenhaus, fallen und der Neubau zerst&ouml;rt
+werden. Es giebt sonst keine Rettung f&uuml;r das Dorf.
+Wen das schreckliche Los trifft, der mu&szlig; den B&auml;ren und
+die Krone anz&uuml;nden. Sonst ihm selbst &raquo;Ahorn&laquo;. Es
+giebt keinen Verr&auml;ter im Bergland. Sonst auch ihm
+&raquo;Ahorn&laquo;. Wer es aber thut, der soll, auch wenn er
+dem Gericht in die H&auml;nde f&auml;llt, in der Gemeinde nicht
+ehrlos sein, sondern alle anderen sollen f&uuml;r seinen Haushalt
+einstehen.</p>
+
+<p>Was die von St. Peter thun wollen, ist aber so
+f&uuml;rchterlich, da&szlig; sie selber davor zur&uuml;ckbeben. Sie losen
+noch nicht, erst zu &auml;u&szlig;erst soll es geschehen &mdash; gerade ehe
+die Fremden wieder erscheinen.</p>
+
+<p>&raquo;Ahorn&laquo; und Wildleutlaue! So kommt der Fr&uuml;hling.</p>
+
+<p>Der Presi und Th&ouml;ni sind nach Hospel geritten. Am
+offenen Fenster steht im Abendsonnenschein Binia und
+tr&auml;umt. Ihre W&auml;nglein sind bleich, die Augen noch
+dunkler und gr&ouml;&szlig;er als fr&uuml;her. Auf dem Kirchhof sprie&szlig;t
+das erste flaumige Gr&uuml;n und auf dem Kirschbaum, der
+sich br&auml;utlich schm&uuml;ckt, fl&ouml;tet eine Amsel.</p>
+
+<p>Eine Amsel. &mdash; Sie denkt an Santa Maria del
+Lago. &mdash; Jetzt ist sie selbst der gefangene Vogel, aber
+keine barmherzige Hand kommt und schneidet sie aus dem
+Netz.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_280" id="Page_280">[Pg 280]</a></span>Josi, dessen Bild ihr so gr&auml;&szlig;lich entschwebt ist, steht
+wieder in Klarheit vor ihr.</p>
+
+<p>Die Reue w&uuml;tet in ihrer Seele. In einer augenblicklichen
+Wallung des kindlichen Gef&uuml;hls hat sie dem
+Vater das Opfer gebracht, da&szlig; sie sich mit Th&ouml;ni verlobte.
+Ist der Vater des Opfers wert? &mdash; Nein, wie
+k&ouml;nnte er sonst die Freundschaft mit Th&ouml;ni halten, dem
+Schuft.</p>
+
+<p>Und der Vater ist ein Thor. Die Gier Th&ouml;nis
+wehrte sie ab, da kam er gerade, allerdings nicht ganz
+n&uuml;chtern, dazu. Th&ouml;ni lie&szlig; sie los, da lachte der Vater
+gl&uuml;ckselig. &raquo;Haltet euch nur, Kinder, vor mir braucht
+ihr nicht so scheu zu thun.&laquo; Und Th&ouml;ni &uuml;berredet den
+Vater, heimlich sei sie gar nicht leid zu ihm. Sie aber
+hat es noch nie dazu gebracht, Th&ouml;ni nur den kleinen
+Finger zu strecken oder sich eine Ber&uuml;hrung von ihm gefallen
+zu lassen. Allein an den mi&szlig;verstandenen Augenblick,
+an Th&ouml;nis Vorspiegelungen klammert sich der Vater
+und bet&auml;ubt sein schlechtes Gewissen.</p>
+
+<p>Ob er nun gl&uuml;cklich ist? &mdash; Nein, er ist ein armer,
+armer Mann! Er f&auml;llt aus den Kleidern, er beginnt
+zu ergrauen, er l&auml;chelt wohl dar&uuml;ber, da&szlig; kein Mensch
+den B&auml;ren betritt, aber der Ha&szlig; des Dorfes peinigt ihn,
+die Beleidigung, die er dem Garden angethan hat, t&ouml;tet
+ihn fast.</p>
+
+<p>Er k&ouml;nnte ein herrlicher Mann sein, das Dorf w&uuml;rde
+an ihm hangen, aber die Welt mag sterben, er setzt
+seinen eigenen Willen durch.</p>
+
+<p>Und sie &mdash; und sie &mdash; dieses viel zu starken Vaters
+Kind &mdash; sie ist schwach geworden &mdash; nach uns&auml;glicher
+Treue doch treulos.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_281" id="Page_281">[Pg 281]</a></span>Wie sie als Kind gethan, wenn sie hilflos war,
+bei&szlig;t sie in die Finger und schaut mit gro&szlig;en traurigen
+Augen in die sonnige Fr&uuml;hlingswelt.</p>
+
+<p>Da rennen Leute die Stra&szlig;e daher und kreischen:
+&raquo;Es ist ein Toter auferstanden &mdash; Josi Blatter, der
+Rebell!&laquo;</p>
+
+<p>Sie schreit auf &mdash; sie f&auml;llt in die Kniee, sie fl&uuml;stert:
+&raquo;Er lebt!&laquo; und vor ihr versinkt die Welt.</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_282" id="Page_282">[Pg 282]</a></span></p>
+<h2><a name="XV" id="XV"></a>XV.</h2>
+
+
+<p>Geheimnisvoll, wie er gegangen war, kam Josi
+Blatter!</p>
+
+<p>Durch den Donner der Lawinen, durch den rauschenden
+F&ouml;hnsturm des M&auml;rzen schritt er am Sp&auml;tnachmittag
+von der Schneel&uuml;cke herunter.</p>
+
+<p>Lange bevor er St. Peter erreichte, hatte man im
+Dorf den einsamen Wanderer bemerkt. &raquo;Ein Mann, ein
+Tier oder ein Gespenst!&laquo; rieten die Leute und waren
+eher geneigt, an etwas Wunderbares als an etwas Nat&uuml;rliches
+zu glauben. Was f&uuml;r ein Christ konnte um
+diese Zeit der h&ouml;chsten Gefahr &uuml;ber die Schneel&uuml;cke steigen,
+an der selbst im Hochsommer hundertfache Gefahren lauern.
+Der Wanderer aber schritt unentwegt n&auml;her und sprach
+zu den verwundert Sp&auml;henden und Harrenden: &raquo;Gr&uuml;&szlig;
+euch Gott,&laquo; gerade wie es die zu St. Peter sprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Alle Heiligen. &mdash; Das ist Josi Blatter &mdash; das ist
+der Rebell!&laquo; Die Frauen und Kinder bekreuzten sich,
+man h&ouml;rte &auml;ngstliche Stimmen: &raquo;Ist er lebendig oder
+tot?&laquo; und die abergl&auml;ubisch Erschrockenen fuhren zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te wohl lebendig sein, wie er in Nagelschuhen,
+den Rucksack &uuml;ber die Schultern geh&auml;ngt, den eisenbeschlagenen
+Bergstock in starker Hand, so fest und gelassen<span class='pagenum'><a name="Page_283" id="Page_283">[Pg 283]</a></span>
+kam. Es war, als wolle er gerade zum Kirchhof gehen,
+und in scheuer Entfernung folgten ihm die D&ouml;rfler: &raquo;Der
+ist jetzt ein sch&ouml;ner Mann geworden!&laquo; meinten einige.
+Er aber wandte sich um. &raquo;B&auml;li&auml;lplerin, wi&szlig;t Ihr, welche
+Nummer das Grabscheit meiner seligen Schwester Vroni
+hat? Ich m&ouml;chte f&uuml;r sie beten.&laquo;</p>
+
+<p>Alle, die es h&ouml;rten, schrieen auf und wichen zur&uuml;ck.
+Der junge Peter Thugi nur gr&uuml;&szlig;te ihn herzlich: &raquo;Josi,
+was denkst du? Deine Schwester Vroni ist nicht gestorben,
+sie ist ganz gesund, tritt nur ins Haus des Garden.&laquo;</p>
+
+<p>Josi wankten die Kniee; als ob er st&uuml;rzen wolle,
+pflanzte er sich an den Bergstock. Er konnte nicht reden.</p>
+
+<p>Jetzt sind sie vor der Wohnung des Garden. &raquo;Lebe
+wohl, Josi!&laquo; sagt Peter Thugi. Der murmelt aber nur
+finster: &raquo;Warum hat mir der Garde das gethan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Josi Blatter, der Rebell, ist auferstanden!&laquo; t&ouml;nt es
+wie Feuerruf durch das Dorf, halb St. Peter sammelt
+sich vor der Wohnung des Garden.</p>
+
+<p>Er sitzt mit der spinnenden Vroni in der Stube.
+Da sieht er den Auflauf. Im gleichen Augenblick pocht es
+an der Th&uuml;re und Vroni &ouml;ffnet.</p>
+
+<p>&raquo;Josi! &mdash; Alle Heiligen &mdash; Josi!&laquo; Mit blutleeren
+Wangen weicht sie zur&uuml;ck &mdash; dann st&uuml;rzt sie wieder vorw&auml;rts
+und umhalst ihn jubelnd und weinend. &raquo;Du lebst,
+Josi, &mdash; du lebst!&laquo; Allein der Ank&ouml;mmling bleibt an
+der Schwelle stehen, stellt den Bergstock nicht an die
+Wand, legt den Rucksack nicht ab, und als der Garde
+ihm entgegengeht und sagt: &raquo;Komm doch herein, Josi,&laquo;
+da bleibt er noch wie angewurzelt unter der Th&uuml;re.
+&raquo;Ja, darf ich?&laquo; fragt er gedr&uuml;ckt. &raquo;Lange eng machen
+will ich euch nicht. Ich wei&szlig; jetzt, da&szlig; ich &uuml;berz&auml;hlig bin.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_284" id="Page_284">[Pg 284]</a></span>Finster und wankend steht er an der Th&uuml;re: &raquo;Ehe
+ich eintrete,&laquo; pre&szlig;t er hervor, &raquo;mu&szlig; ich doch fragen, wie
+Ihr mir habt so einen Brief schreiben k&ouml;nnen, Garde.
+Vroni lebt und ist nicht tot! &mdash; O Vroneli, du lebst &mdash;
+du lebst!&laquo; Er will sie umarmen, aber sie tritt zur&uuml;ck
+und schl&auml;gt die H&auml;nde &uuml;ber dem Kopf zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Mutter Gottes, was Josi redet,&laquo; jammert sie. &raquo;Ich
+gestorben und der Vater einen Brief? &mdash; Josi, hat dir
+die fremde Welt das Hirn verr&uuml;ckt?&laquo; Ihre Augen nehmen
+einen schreckhaften Ausdruck an.</p>
+
+<p>Der erste, der sich in der grenzenlosen Verwirrung
+fa&szlig;t, ist der Garde: &raquo;So komm doch herein, Josi,&laquo; redet
+er ihm freundlich zu, &raquo;wir wollen &uuml;ber alles im Frieden
+reden. Vroni, jetzt hole zu essen und zu trinken, mit
+dem Wiederfortgehen dr&auml;ngt es gewi&szlig; nicht, Josi.&laquo;</p>
+
+<p>Der sitzt nun am Tisch und schluchzt in die H&auml;nde:
+&raquo;Vroni lebt!&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde ist tief ersch&uuml;ttert. &raquo;Ein Brief &mdash; ein
+Brief! sagst du, Josi.&laquo; Er langt in ein Schubfach des
+Buffert. &raquo;Da ist auch ein Brief, aus dem wir nicht klug
+geworden sind.&laquo; Josi schaut auf &mdash; er dreht und dreht
+den Brief in zitternden H&auml;nden. &raquo;Vor vier Jahren!
+Da war ich allerdings in der Gegend von Srinigar!
+Vor zweien noch. Auch die Cholera war dort. Ein paar
+hundert hat man alle Tage verscharrt. Es ist abscheulich
+drauf und drunter gegangen. Da hat mich vielleicht die
+Post nicht gleich gefunden und hat geglaubt, ich liege
+auf dem Karren. Solche Dinge sind in der gro&szlig;en Verwirrung
+vorgekommen, viele Angestellte der Post sind gestorben,
+es hat neue gegeben, und die waren nicht immer
+zuverl&auml;ssig. So ist ein Irrtum denkbar.&laquo; Er wirft einen<span class='pagenum'><a name="Page_285" id="Page_285">[Pg 285]</a></span>
+Blick in den Brief: &raquo;Und Binia hat das Wort von den
+V&ouml;geln geschrieben: 'La&szlig; die Hoffnung nicht fahren.'&laquo;
+Er erbebt.</p>
+
+<p>Vroni ist mit dem Hospeler, dem Brot und Rauchfleisch
+zur&uuml;ck, sie deckt den Tisch mit wei&szlig;em Linnen und
+der Garde sagt, indem er dem jungen Manne noch einmal
+die Hand sch&uuml;ttelt: &raquo;Josi, gottwillkommen, ich
+merke schon, es ist viel aufzukl&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>Die Geschwister, von denen eines geglaubt, das andere
+sei tot, umarmen sich wieder und wieder: &raquo;Josi, du
+lebst&laquo; &mdash; &raquo;Du lebst auch, Vroni!&laquo;</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich sagt Josi: &raquo;Aber wie so lange kein Brief
+gekommen ist, hab' ich doch wieder einen gesandt. Darauf
+ist Euer Brief, Garde, gekommen, und ich habe Euch
+noch zweimal geschrieben, aber keine Antwort erhalten.
+Ich verstehe die Welt nicht mehr.&laquo; Er langt in die Brusttasche.
+&raquo;Da ist Euer Brief, Garde!&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde liest, wird bleich, wird rot und wieder
+bleich: &raquo;Nicht selig werden will ich, wenn ich das geschrieben
+habe, so gottesl&auml;sterliche Dinge &mdash; schau! &mdash;
+schau! &mdash; Vroni!&laquo;</p>
+
+<p>Und sie liest:</p>
+
+<p>&raquo;Lieber V&ouml;gtling Josi! In gar gro&szlig;er Betr&uuml;bnis
+melden wir Dir, da&szlig; das gute, liebe Vroneli nach langem
+Leiden gestorben ist. Eine Kuh hat es im Winter sehr
+unbarmherzig auf das Herz geschlagen. Es hat sich zu
+unserem gro&szlig;en Leidwesen legen m&uuml;ssen und nimmer
+m&ouml;gen genesen. Aber Deinen Brief hat es noch mit
+mageren H&auml;ndchen gehalten und sich noch auf dem Todbett
+daran gefreut. Es ist so traurig, da&szlig; ich nicht alles
+schreiben mag. Auch sonst geschieht nichts Gutes in<span class='pagenum'><a name="Page_286" id="Page_286">[Pg 286]</a></span>
+St. Peter. Du hast damit, da&szlig; Du auf die Krone
+gingest, ein gro&szlig;es Ungl&uuml;ck angestellt. Kein Frieden, keine
+Ruhe ist mehr in der Gemeinde! Sei froh, da&szlig; Du fort
+bist! Die Bini h&auml;lt in vierzehn Tagen Hochzeit mit
+Th&ouml;ni Grieg. Wer h&auml;tte gedacht, da&szlig; sie den F&ouml;tzel
+nehme! Aber der Presi hat es halt wollen. Und das
+Vroneli hat noch am Tag, wo es gestorben ist, gesagt,
+es sei ihm recht, da&szlig; es die Hochzeit nicht mehr erlebe,
+es h&auml;tte keine Freude daran wegen Dir. Es hat Dich
+noch tausendmal gr&uuml;&szlig;en lassen. Du sollst f&uuml;r die Selige
+beten. Lebe wohl, Josi, und tr&ouml;ste Dich! Auf Wiedersehen
+kann ich nicht sagen, denn Du wirst jetzt wohl nie
+mehr nach St. Peter kommen. Hans Zuensteinen, Garde.&laquo;</p>
+
+<p>Vroni schaudert vor Entsetzen. Der Garde l&auml;uft
+w&uuml;tend hin und her: &raquo;Merkst du nicht, wer den Brief
+geschrieben hat, Vroni?&laquo; Er nimmt ihn wieder. &raquo;Gerade
+meine Buchstaben sind es im Anfang, aber zuletzt sind
+es andere.&laquo; Er w&uuml;hlt mit zitternden H&auml;nden im Buffert.
+&raquo;Da ist noch etwas Geschriebenes von Th&ouml;ni Grieg. &mdash;
+Da schau, schau! &mdash; Da am Ende hat es von seinen
+Buchstaben &mdash; du unseliger Hund! &mdash; Th&ouml;ni, du unseliger
+Hund. &mdash; Und du nennst dich nur F&ouml;tzel &mdash; und
+bist so ein Schuft!&laquo;</p>
+
+<p>Josi schluchzt: &raquo;Ich habe nicht auf die Buchstaben
+gesehen, mich hat der Brief halt gerade so anget&ouml;nt,
+als ob er von Euch w&auml;re &mdash; ich habe so viele Thr&auml;nen
+darauf vergossen. Th&ouml;ni &mdash; das hast du mir gethan! &mdash;
+Und Bini ist gewi&szlig; auch nicht sein Weib.&laquo;</p>
+
+<p>Da &ouml;ffnet sich die Th&uuml;re ein wenig, man h&ouml;rt drau&szlig;en
+Eusebis ged&auml;mpfte Stimme. &raquo;Schau nur schnell, Bini &mdash;
+er ist wirklich und wahrhaftig da &mdash; aber zittere nicht so!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_287" id="Page_287">[Pg 287]</a></span>Ein Schrei, wie wenn eine Saite sich zerfasert und
+springt: &raquo;Josi!&laquo; Binia f&auml;llt an der Schwelle nieder, sie
+st&ouml;&szlig;t gegen die Th&uuml;re und diese &ouml;ffnet sich breit.</p>
+
+<p>Josi macht eine taumelnde Bewegung gegen Binia.
+&raquo;Bineli!&laquo; schreit er in seliger Freude, aber er f&auml;hrt
+zur&uuml;ck, tonlos stammelt er: &raquo;Sie tr&auml;gt doch einen Ring!&laquo;
+Er ruft: &raquo;Geh fort, Bini, geh fort &mdash; ich halte es
+nicht aus &mdash; ich kann dich nicht ansehen &mdash; &mdash; fort,
+fort &mdash; Frau Th&ouml;ni Grieg!&laquo;</p>
+
+<p>Eine Welt voll Elend liegt in den abgerissenen
+Worten. Vroni m&uuml;ht sich um die Gest&uuml;rzte und begleitet
+sie aus dem Haus.</p>
+
+<p>Der Garde nimmt Eusebi beim Rock&auml;rmel: &raquo;Wie
+hast du auch Bini hereinbringen k&ouml;nnen,&laquo; knurrt er wild.</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben S&auml;getr&auml;mmel in der Glotter gefl&ouml;&szlig;t,
+da kommt ein Bub B&auml;lzis gesprungen: 'Josi Blatter ist
+wieder in St. Peter!' Ich renne heim, wie ich vor das
+Haus komme, stehen die Leute da &mdash; mitten unter ihnen
+wie eine arme gestorbene Seele Binia. Sie nimmt meine
+H&auml;nde. 'Ich komme gerade von daheim, ist es wahr, ist
+Josi da?' Ein Stein h&auml;tte sich ihrer erbarmen m&uuml;ssen.
+Und gebettelt hat sie: 'La&szlig; mich nur durch die Th&uuml;rspalte
+lugen wie er jetzt ist.' Ihr h&auml;ttet auch nicht
+widerstehen k&ouml;nnen, Vater!&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde knurrt wieder etwas, Eusebi h&ouml;rt es
+nicht mehr. Er hat sich zu Josi gewandt: &raquo;Josi &mdash;
+Schwager &mdash; lieber Schwager.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja so &mdash; du bist es, Eusebi!&laquo; stammelt Josi. &raquo;Dich
+habe ich nicht gleich wieder erkannt. Was bist auch f&uuml;r ein
+Mann geworden &mdash; und ich habe dich immer noch im Ged&auml;chtnis
+gehabt, wie du so ein bl&ouml;der Bub gewesen bist!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_288" id="Page_288">[Pg 288]</a></span>&raquo;Schwager!&laquo; wiederholt Eusebi.</p>
+
+<p>&raquo;Wie rufst du mir! &mdash; 'Schwager?' &mdash; das ist eine
+spa&szlig;ige Welt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t noch nicht, da&szlig; Vroneli meine Frau ist
+&mdash; meine liebe, herzige Frau.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eusebi, was sagst &mdash; Vroni, deine Frau!&laquo; Josi
+st&uuml;rzt von einer Ueberraschung in die andere.</p>
+
+<p>&raquo;Und du wei&szlig;t noch nicht,&laquo; sagt Eusebi, &raquo;da&szlig; wir
+ein so liebes, herziges Kind haben, komm und beschau's!&laquo;</p>
+
+<p>Der Gl&uuml;ckliche zieht den von allem Neuen auf den
+Kopf geschlagenen Josi in die Nebenstube: &raquo;Siehst, da
+liegt es und schl&auml;ft und wei&szlig; nicht, da&szlig; du gekommen
+bist. Es ist j&auml;hrig, und weil es gesund ist, so schl&auml;ft es
+bei allem L&auml;rm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t es?&laquo; fragt Josi.</p>
+
+<p>&raquo;Joseli hei&szlig;t es wie du und dir zu Ehren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Joseli hei&szlig;t es und mir zu Ehren,&laquo; wiederholt er
+wie in tiefem Traum.</p>
+
+<p>Der Kleine in seinem Bettchen wimmert, erwacht;
+wie er den Vater sieht, streckt er lachend die Aermchen,
+und Eusebi nimmt den Kleinen liebkosend auf den Arm:
+&raquo;Joseli!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schwager!&laquo; sagt er, &raquo;wie mich das freut &mdash; wie
+mich das freut, da&szlig; du wiedergekommen bist. Vroni hat
+so viel getrauert um dich, jetzt mein' ich, ist sie dann
+erst recht gl&uuml;cklich mit mir, wei&szlig;t, das ist eine Frau,
+wie die Fr&auml;nzi selig, wie deine Mutter &mdash; o so himmelgut.&laquo;</p>
+
+<p>Wie die beiden M&auml;nner wieder in die Wohnstube
+treten, ist Vroni, die junge Frau, eben von der Begleitung
+Binias zur&uuml;ckgekehrt und auf einen Stuhl gesunken.<span class='pagenum'><a name="Page_289" id="Page_289">[Pg 289]</a></span>
+Mit gefalteten H&auml;nden spricht sie: &raquo;Bini ist heimgegangen
+&mdash; aber was jetzt geschieht, wei&szlig; Gott!&laquo;</p>
+
+<p>Da kommt die Gardin mit den Knechten und Vroni
+ist gl&uuml;cklich, wie die Mutter Josi herzlich begegnet: &raquo;Tausend,
+was f&uuml;r ein sch&ouml;ner Mann Ihr seid! Einen so
+braunen Bart! So freie Augen! Hochgewachsen und stark.
+Und die h&auml;&szlig;liche Narbe sieht man nicht mehr.&laquo; Sie
+sch&uuml;ttete einen ganzen Korb voll neugieriger Fragen vor
+ihm aus.</p>
+
+<p>Der Garde sagt aber ernst: &raquo;Ich gehe noch ins
+Dorf, es mu&szlig; in der ersten Fr&uuml;he ein zuverl&auml;ssiger Bote
+nach Hospel auf die Post! Schweigt zun&auml;chst &uuml;ber die
+Briefe, St. Peter ist schon halb toll, wird noch das Verbrechen
+Th&ouml;nis bekannt, so haben wir den offenen Aufruhr
+gegen den B&auml;ren.&laquo; Er geht und die unaufschiebbaren
+Abendarbeiten, welche Eusebi und die Gardin in
+Anspruch nehmen, f&uuml;gen es, da&szlig; die Geschwister allein sind.</p>
+
+<p>Leise s&auml;nftigen sich die Wogen des &uuml;berraschenden
+Wiedersehens.</p>
+
+<p>Josi sitzt am Tisch und weint still vor sich hin. Der
+Sturm hat ihn &uuml;berw&auml;ltigt.</p>
+
+<p>Da streichelt ihn Vroni und fragt: &raquo;Wie hast auch
+den Heimweg wieder gefunden, Josi, nach mehr als
+f&uuml;nf Jahren?&laquo;</p>
+
+<p>Mit ger&ouml;teten Augen schaut er auf: &raquo;Ich will es
+dir nur bekennen,&laquo; erz&auml;hlt er, &raquo;ich w&auml;re nicht wieder
+gekommen, h&auml;tte mich Felix Indergand nicht mit Gewalt
+zur&uuml;ckgeschleppt. Wie zwei Br&uuml;der haben wir zusammen
+gelebt. Wenn ich fast umgekommen bin vor Weh,
+da&szlig; du gestorben seiest, und Binia an mir so schlecht gewesen
+ist, so hat er manchmal meine Hand genommen<span class='pagenum'><a name="Page_290" id="Page_290">[Pg 290]</a></span>
+und so warm geredet, da&szlig; ich ganz tr&ouml;stlich geworden
+bin. 'Was willst im fremden Land freudlos leben?'
+sagte der gute Felix, 'kreuzige dich nicht so stark, Untreu'
+ist schon vielen geschehen.' Und wenn ich von dir,
+Vroni, erz&auml;hlt habe, sagte er: 'Gerade so ist die Beate,
+mein liebes Schwesterkind zu Br&auml;ggen.' Und er meint,
+ich soll sie um ihre Hand fragen. Er dr&auml;ngte mich. Und
+nun, Vroni, gab ich ihm ein Versprechen, das mich reut,
+aber wenn man keinen lieben Menschen auf dieser Welt
+mehr zu haben meint, thut man einem guten Freunde
+viel zu Gefallen. Jedes Jahr am Fridolinstag f&auml;hrt das
+M&auml;dchen von Br&auml;ggen in die Stadt zu seinem alten
+Oheim, dem Chorherrn Fridolin Indergand, um ihm als
+Patenkind Gl&uuml;ck zu w&uuml;nschen. Also auch morgen. Und
+ich mu&szlig; ohnehin in die Stadt gehen, um nachzusehen,
+ob mein Geldlein richtig auf die Bank angewiesen worden
+ist. Da kann ich sie sehen, ohne da&szlig; sie vom Plan wei&szlig;.
+Sie mu&szlig; in Hospel &uuml;bernachten. Doch ist mir so sonderbar!
+Ich h&auml;tte schon vor drei Tagen in St. Peter
+sein k&ouml;nnen, aber ich meinte: 'Nur geschwind beten auf
+den Gr&auml;bern und durch das Dorf laufen.' &mdash; Und,
+Vroni, um die Beate k&uuml;mmere ich mich nicht &mdash; ich kann
+nicht &mdash; sieh, wer von Bini ein Reiflein hat, der hat
+keine andere mehr lieb! Immerhin will ich dem Freund
+das Versprechen halten.&laquo;</p>
+
+<p>So berichtete Josi.</p>
+
+<p>&raquo;Schon morgen willst du wieder fort, Josi, Herzensbruder?
+Sei nicht so bitter, glaube mir, Binia hat
+gr&auml;&szlig;lich um dich gelitten. Sie ist zu der Verlobung
+mit Grieg gezwungen worden.&laquo; Und in fliegenden Z&uuml;gen
+schildert ihm Vroni die Ereignisse der Zeit.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_291" id="Page_291">[Pg 291]</a></span>&raquo;Sie hat gr&auml;&szlig;lich gelitten um mich.&laquo; Tonlos sagt
+es Josi und weint.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; ich auch so flennen mu&szlig;,&laquo; stammelt er, &raquo;es
+ist ja eine Schande, wenn ein Mann greint, aber ich
+kann mich nicht wehren &mdash; ich flenne vor Freude, weil
+es dir so gut gegangen ist, Vroni, &mdash; wer h&auml;tte gedacht,
+da&szlig; Eusebi so ein Mann, wer h&auml;tte gedacht, da&szlig; wir
+die n&auml;chsten Verwandten des Garden w&uuml;rden &mdash; ich flenne,
+weil dein Kind Joseli hei&szlig;t &mdash; weil ich wieder in St. Peter
+bin, wo Vater und Mutter begraben sind. Ich weine
+aus Wut &uuml;ber Th&ouml;ni Grieg, erschlagen k&ouml;nnte ich ihn
+vor Grimm &mdash; ich weine, weil es mir das Herz vertr&uuml;delt
+und bricht, da&szlig; ich Bini wiedergesehen habe. &mdash;
+Und schmerzenreich ist sie gewesen um mich, sagst du,
+schmerzenreich und ist jetzt doch Th&ouml;nis Braut!&laquo;</p>
+
+<p>Josi hat alle Fassung verloren.</p>
+
+<p>Da kommt der Garde zur&uuml;ck. Wie er h&ouml;rt, da&szlig;
+Josi schon am Morgen in die Stadt gehen will und von
+dem Versprechen erf&auml;hrt, das er Indergand gegeben,
+seufzt er erleichtert auf. Er setzt sich Josi gegen&uuml;ber
+und nimmt seine Hand. &raquo;Ich meine,&laquo; sagt er herzlich,
+&raquo;ich sei auch dein Vater, Josi, und will offen mit dir
+reden. Wie du zu Bini standest, wei&szlig; ich und der Herrgott,
+der ins Herz sieht, wei&szlig; ebenso gut, wie schwer es
+mir wird, ihr ein Leid anzuthun. Da&szlig; du aber morgen
+die Beate Indergand sehen willst, das ist des Himmels
+Wink. K&auml;mpfe, k&auml;mpfe, Josi, gegen dein Herz! Es wird
+jetzt schon eine Aenderung im B&auml;ren geben, Th&ouml;ni Grieg
+kann nicht in St. Peter bleiben, ich k&ouml;nnte mich nicht
+z&auml;hmen, wenn ich ihn tr&auml;fe, den unseligen Hund. Was
+da aber komme, Josi, h&uuml;te dich vor Binia! Der B&auml;ren<span class='pagenum'><a name="Page_292" id="Page_292">[Pg 292]</a></span>
+wankt. Zu ma&szlig;los hat der Presi gew&uuml;tet. Ein Volksgericht
+bereitet sich vor, wie es in alten Zeiten gegeben
+hat &mdash; und, lieber Josi, ich m&ouml;chte dich, wenn der B&auml;ren
+gest&uuml;rzt ist, nicht unter den blutenden Opfern finden.
+Darum, um Gottes willen, Hand weg von Binia. So
+wenig zu ihr wie zu den Feinden des Presi &mdash; mein
+Haus soll rein bleiben von Schuld &mdash; und wenn dir die
+Beate ein wenig gef&auml;llt, so sei freundlich zu ihr. Es
+ist Gottes Hilfe zu deiner Rettung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, w&auml;re Bini nur nicht verlobt,&laquo; st&ouml;hnt Josi,
+&raquo;ich holte sie jauchzend mitten aus der Wut derer von
+St. Peter, aber ich kann nicht der Nachg&auml;nger Th&ouml;ni
+Griegs sein &mdash; nein, beim Himmel nicht &mdash; und nicht
+mit einem Stecklein k&ouml;nnte ich sie mehr anlangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Josi, geh' zur Ruhe,&laquo; mahnt Vroni, &raquo;du bebst ja
+am ganzen Leib &mdash; du bist krank.&laquo;</p>
+
+<p>Josi steht auf.</p>
+
+<p>&raquo;Noch eins, Josi,&laquo; sagt der Garde, &raquo;so schwer es
+dir und mir fallen mag &mdash; gegen das Dorf wollen wir
+&uuml;ber Th&ouml;nis That schweigen und wenigstens jetzt auch
+noch nicht vor Gericht klagen. Die Wildleutlawine hat
+sich ger&uuml;stet und das ist immer eine schwere Zeit &mdash; ein
+Wort von uns, und sie kann den B&auml;ren mit den heligen
+Wassern zusammenschlagen. Gieb mir die Hand darauf,
+Josi, da&szlig; du ruhig bist.&laquo;</p>
+
+<p>Stumm reichen sich die M&auml;nner die H&auml;nde, zuletzt
+sagt der Garde: &raquo;Mit dem Presi will ich aber morgen
+doch reden &mdash; nicht seinetwegen &mdash; aber wegen des
+armen Dorfes.&laquo;</p>
+
+<p>Zum erstenmal schlief Josi wieder in der Heimat,
+doch wirre Tr&auml;ume qu&auml;lten ihn, am meisten der, Binia<span class='pagenum'><a name="Page_293" id="Page_293">[Pg 293]</a></span>
+schwebe in irgend einer gro&szlig;en Gefahr und rufe mit
+ihrem Vogelstimmchen: &raquo;Josi &mdash; Josi &mdash; ich bitte dich &mdash;
+hilf mir.&laquo; Schreiende Amseln flogen die ganze Nacht um
+ihn und einmal war ihm, jetzt sei wirklich eine an die
+Kammerscheiben geschossen. Er wollte aufstehen, aber mit
+bleiernen Gliedern blieb er liegen. Im ersten Grauen
+des Morgens sah er ganz bestimmt etwas Wei&szlig;es vor seinem
+Fenster. Er stand auf. Ein Briefchen, durch das ein
+Faden gezogen war, hing am Fensterhaken.</p>
+
+<p>&raquo;Bini!&laquo; schrie er.</p>
+
+<p>Sie schrieb: &raquo;Ich mu&szlig; mich vor Dir rechtfertigen,
+sonst sterbe ich. Bei dem sch&ouml;nen, unverge&szlig;lichen Tag
+von Santa Maria del Lago, sei heute um Mitternacht
+im Teufelsgarten. Dein ungl&uuml;cklicher Vogel Binia.&laquo;</p>
+
+<p>Josi bi&szlig; sich auf die Lippen und sein Gesicht verfinsterte
+sich. &raquo;Thorheiten, Bini,&laquo; fl&uuml;sterte er, und
+beim fr&uuml;hen Morgenessen sagte er zu Vroni: &raquo;Schwesterlein,
+ich habe es mir &uuml;berlegt. Ich mu&szlig; wieder in
+die Fremde. Je b&auml;lder je besser. Am Sonntag noch
+wollen wir miteinander zur Kirche gehen, dann reise ich
+wieder ab.&laquo;</p>
+
+<p>Und seltsam! Vroni war &uuml;ber seine Rede wohl
+traurig, das Wasser trat ihr in die Augen, aber sie
+widersprach ihm nicht.</p>
+
+<p>Sie dachte an Binia und ihre ahnungsreiche Seele
+witterte Gefahr f&uuml;r Josi.</p>
+
+<p>Er z&ouml;gerte und z&ouml;gerte fortzugehen, er scherzte noch
+mit Joseli, der erwacht war, und dann war es immer,
+als wolle er noch etwas sagen oder fragen.</p>
+
+<p>&raquo;Du kommst gewi&szlig; zu sp&auml;t,&laquo; mahnte Vroni.</p>
+
+<p>Jetzt endlich ging er, er ging den erinnerungs-<span class='pagenum'><a name="Page_294" id="Page_294">[Pg 294]</a></span>
+und schmerzenreichen Weg &uuml;ber den Stutz hinunter, am
+Teufelsgarten und am Schmelzwerk vorbei.</p>
+
+<p>Als er zu den Wei&szlig;en Brettern aufschaute, erschrak
+er. Es rieselte wei&szlig; in den Wildleutfurren und knatterte
+in einem fort. &raquo;Gerade wie damals,&laquo; dachte er,
+&raquo;als ich mit Vroni Mehl holen ging. Aber so fr&uuml;h im
+Jahre!&laquo;</p>
+
+<p>Er dachte an den Vater &mdash; er dachte an seinen
+eigenen gro&szlig;en Plan, als ein zweiter und st&auml;rkerer Matthys
+Jul und f&uuml;r Binia die heligen Wasser den sicheren
+Weg durch die Felsen zu f&uuml;hren und St. Peter aus der
+Blutfron zu l&ouml;sen.</p>
+
+<p>In seinen sehnigen Armen zuckte das Leben, ein
+wunderbarer Anreiz lag in dem Gedanken.</p>
+
+<p>Bah &mdash; Bini ist f&uuml;r ihn verloren &mdash; er will wieder
+fort, die in St. Peter m&ouml;gen selber sehen, wie sie mit
+den heligen Wassern fertig werden.</p>
+
+<p>Im Teufelsgarten dufteten die ersten Veilchen. Eine
+wunderliche Stunde kam ihm ins Ged&auml;chtnis.</p>
+
+<p>&raquo;O Binia! &mdash; Binia!&laquo; seufzte er.</p>
+
+<p>Er hatte nicht den Mut gehabt, Vroni zu Binia zu
+schicken und ihr sagen zu lassen, sie m&ouml;chte von dem
+Stelldichein abstehen. Ein Wort, wenn auch nur zu Vroni,
+w&auml;re ihm doch wie ein schn&ouml;der Verrat am geliebten
+Bild erschienen.</p>
+
+<p>&raquo;Glaube mir, sie hat gr&auml;&szlig;lich um dich gelitten &mdash;
+sie ist zur Verlobung mit Th&ouml;ni gezwungen worden.&laquo;
+Die Worte Vronis klangen ihm in den Ohren. Und
+Binia ist in Gefahr.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann sie aber doch nicht treffen &mdash; sie ist die
+Braut Th&ouml;ni Griegs,&laquo; murmelte er, und der Gedanke<span class='pagenum'><a name="Page_295" id="Page_295">[Pg 295]</a></span>
+an Binia und an die Warnung des Garden qu&auml;lte ihn
+so, da&szlig; er im reinen Fr&uuml;hlingstag vor Weh fast starb.
+Da kam ihm Kaplan Johannes entgegen. Der Schwarze
+mit dem Bettelsack stutzte einen Augenblick &mdash; dann schlug
+er ein h&ouml;llisches widriges Lachen an. &raquo;Guten Tag, S&ouml;hnchen!
+&mdash; Bist du wieder da, du undankbares Aas!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schweige, Pfaff!&laquo; Und Josi machte eine drohende
+Bewegung mit seinem Stock.</p>
+
+<p>Ein entsetzlicher Ha&szlig; loderte aus den Augen des Verr&uuml;ckten,
+Josi aber hatte eine sonderbare Empfindung:
+&raquo;Wie wenn mir einer Gift angeworfen h&auml;tte.&laquo;</p>
+
+<p>In Tremis streckte die alte verkr&uuml;mmte Susi ihren
+Kopf aus dem Fenster. &raquo;Je, je,&laquo; lachte sie verwundert,
+&raquo;der zweimal verloren gegangene Rebell! &mdash; Jetzt seht
+Ihr aber sch&ouml;n aus. Bini mu&szlig; jetzt wohl den Th&ouml;ni
+fahren lassen. H&auml;-h&auml; h&auml;!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haltet Euer altes Maul!&laquo; rief er ihr verdrossen
+zu, er eilte vorw&auml;rts und kam in Hospel eben recht auf
+die Post.</p>
+
+<p>Der Wagen rollte das gro&szlig;e Thal entlang. Ein
+betagtes Ehepaar und ein junges M&auml;dchen teilten sich
+mit Josi in den Raum des offenen Gef&auml;hrtes. Das M&auml;dchen
+glich Vroni und war blond wie sie. Er h&ouml;rte bald,
+da&szlig; sie erst in Hospel eingestiegen sei, wo sie &uuml;bernachtet
+habe. Die drei sprachen dann aber wieder von gleichg&uuml;ltigen
+Dingen, namentlich vom Segen der heligen Wasser
+zu Hospel und den f&uuml;nf D&ouml;rfern, wo ihr erster lauer
+Strom die Aprikosen- und Pfirsichbl&uuml;ten ge&ouml;ffnet hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid von Br&auml;ggen,&laquo; wandte sich Josi h&ouml;flich
+an das M&auml;dchen, &raquo;sagt, ist Felix Indergand gut heimgekommen
+von seiner weiten Reise?&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_296" id="Page_296">[Pg 296]</a></span>&raquo;Vorgestern,&laquo; antwortete sie frisch, &raquo;kennt Ihr ihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich, freilich, warum nicht. Wir waren in Indien
+zusammen, wir haben uns erst vor wenigen Tagen
+getrennt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da seid Ihr Josi Blatter von St. Peter im
+Glotterthal?&laquo;</p>
+
+<p>Zwei h&uuml;bsche Augen richteten sich auf ihn, ein herzliches
+L&auml;cheln umspielte die Lippen des M&auml;dchens.</p>
+
+<p>&raquo;Felix,&laquo; fuhr sie fort, &raquo;hat uns viel von Euch erz&auml;hlt,
+er sagte, ohne Euch h&auml;tte er es niemals ausgehalten
+in dem fremden Land, aber wenn er fast vergangen
+sei vor Heimweh, dann habet Ihr ihn immer so
+lieb angesehen mit Euren braunen Augen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte wieder und betrachtete Josi, der unter
+ihren Blicken unruhig wurde.</p>
+
+<p>Himmel, dachte er, das ist wirklich ein frisches liebes
+M&auml;dchen.</p>
+
+<p>Bei einem der n&auml;chsten D&ouml;rfer stiegen die alten
+Leute aus &mdash; die Jugend fuhr bis in die N&auml;he der
+Stadt allein durch den Fr&uuml;hling und plauderte.</p>
+
+<p>Beate Indergand war Waise, ein stattliches Bauernheimwesen
+lastete auf ihr und ihrer Mutter, und wenn
+Josi nicht zu viel in ihre Worte legte, so dachte sie ernstlich,
+sich m&auml;nnliche Hilfe zu suchen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, in Br&auml;ggen,&laquo; scherzte er, &raquo;giebt es gewi&szlig;
+Bursche genug, die gern zu Euch in den Dienst treten,
+zu so einer Jungfrau wie Ihr, Beate.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seid doch still,&laquo; antwortete sie, &raquo;die Bursche bei
+uns lungern lieber vor den Gasth&ouml;fen herum.&laquo;</p>
+
+<p>Da stellte sich Josi, wie wenn er Lust h&auml;tte, bei
+ihr als Knecht einzutreten.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_297" id="Page_297">[Pg 297]</a></span>&raquo;Ach, geht,&laquo; sagte sie err&ouml;tend, &raquo;so ein gescheiter,
+sch&ouml;ner Mann wie Ihr, der in Indien Aufseher gewesen
+ist, wird doch nicht Knecht, das k&ouml;nnte ich gar nicht
+leiden.&laquo;</p>
+
+<p>Und sie sah ihn so sonderbar fr&ouml;hlich und g&uuml;tig,
+mit so viel Achtung an, da&szlig; er ganz verwirrt wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Kommt aber,&laquo; sprach sie, &raquo;nur sonst bald einmal
+nach Br&auml;ggen, Felix wird eine gro&szlig;e Freude haben und
+Euch alles bieten. Wir lassen Euch dann selbstverst&auml;ndlich
+ein paar Tage nicht los.&laquo;</p>
+
+<p>Sie blinzelte ihn freundlich an, dann sagte sie:
+&raquo;Ja, etwas mu&szlig; ich Euch noch erz&auml;hlen. Wie ich gestern
+mit der Post im Kreuz zu Hospel angekommen bin, sa&szlig;en
+zwei M&auml;nner von St. Peter da, der Pr&auml;sident und ein
+j&uuml;ngerer Herr, Th&ouml;ni haben sie ihn genannt. Ich frage
+sie, ob Ihr schon daheim seid. Da sagt der Pr&auml;sident:
+'Der ist ja gestorben!' der j&uuml;ngere aber wird gr&uuml;n und
+gelb wie eine Leiche und wiederholt auf spa&szlig;ige Art:
+'Ja, der ist gestorben!' Jetzt bin ich eifrig geworden und
+habe erz&auml;hlt, was ich von Felix &uuml;ber Euch wu&szlig;te: wie
+Ihr, obgleich noch so jung, geachtet und angesehen und
+Aufseher &uuml;ber mehr als hundert Arbeiter gewesen seid
+und gute Zeugnisse bekommen habt, worin steht, da&szlig;
+man Euch wieder an einen guten Posten stellen wird,
+wenn Ihr Euch wieder meldet. Die haben Mund und
+Augen aufgesperrt, der Pr&auml;sident hat vor Schlucken nichts
+sagen k&ouml;nnen als: 'So &mdash; so &mdash; &mdash; Josi Blatter &mdash; so
+&mdash; so!' Der j&uuml;ngere aber hat die Gl&auml;ser nur so gest&uuml;rzt.
+Es war ganz sonderbar. Da hat aber der Kreuzwirt
+auf einmal gesagt: 'Die Maultiere sind bereit &mdash;
+reitet heim, ihr habt ja eine gro&szlig;e Neuigkeit zu bringen.'&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_298" id="Page_298">[Pg 298]</a></span>&raquo;So lieb habt Ihr von mir geredet,&laquo; dankte Josi,
+seine Wangen gl&uuml;hten, er versprach den Besuch zu Br&auml;ggen
+und nahm ihre Hand. &raquo;Ihr seid so ein artiges M&auml;dchen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr gefallt mir auch gut &mdash; ich bin sonst nicht
+von der Art, da&szlig; einer nur meine Hand nehmen darf,
+sondern recht w&auml;hlerisch,&laquo; l&auml;chelte sie.</p>
+
+<p>Da hielt die Postkutsche im letzten Dorf, ein Mann
+stieg ein, und weil Josi und Beate nichts Gleichg&uuml;ltiges
+sprechen wollten, so wurden beide still.</p>
+
+<p>Es w&auml;re gewi&szlig; ein sch&ouml;ner Traum: Ein freundliches
+Gut im gr&uuml;nen Oberland, darauf gesegnete Arbeit, das
+Lachen eines so jungen sonnigen Weibes wie Beate, am
+Feierabend das Geplauder des liebsten Freundes, der in
+schweren Jahren genug Proben wankloser Treue abgelegt
+hat, und dazu den Frieden der Heimat.</p>
+
+<p>Josi wei&szlig; es. Aber er ist kaum allein, so bereut
+er das Versprechen, nach Br&auml;ggen zu kommen, bitterlich.
+Es w&auml;re ein Unrecht an der sonnigen, arglosen Beate,
+wenn er ihr Liebe heuchelte, w&auml;hrend er doch ein anderes
+Bild im Herzen tr&auml;gt: Binia, das feurige Herz, die
+mutvolle Seele. Da giebt es keine Rettung.</p>
+
+<p>Indem er sich Beate vorzustellen sucht, sieht er immer
+Binia, ihr gl&auml;nzendes Augenpaar, die frischen Lippen,
+das rosige Ohr und er geht mit ihr am Gestade von
+Santa Maria del Lago.</p>
+
+<p>Wie einen Diebstahl an ihr empfindet er jedes gute
+Wort, das er Beate gegeben hat.</p>
+
+<p>&raquo;Felix, ich kann dir nicht helfen!&laquo; sagt er f&uuml;r sich,
+und dann: &raquo;Bini! &mdash; Bini! &mdash; Ich komme, wenn es
+das Leben kostete, in den Teufelsgarten &mdash; ich mu&szlig; deine
+dunklen Augen sehen &mdash; deinen Ruf 'Josi' h&ouml;ren. <span class='pagenum'><a name="Page_299" id="Page_299">[Pg 299]</a></span>&mdash;
+Dann aber fort, wieder zu George Lemmy nach Indien
+&mdash; morgen schon fort &mdash; trotz Garde, Vroni und Joseli
+&mdash; fort &mdash; fort! ein einsamer heimatloser Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Wie gern w&auml;re ich f&uuml;r dich an die Wei&szlig;en Bretter
+gestiegen, aber &mdash; o Bineli &mdash; weil du mit Grieg gegangen
+bist, habe ich den Mut nicht mehr.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_300" id="Page_300">[Pg 300]</a></span></p>
+<h2><a name="XVI" id="XVI"></a>XVI.</h2>
+
+
+<p>Einen Tag zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Binia ist vom Haus des Garden wieder daheim.
+Mit verkrampften H&auml;nden sitzt sie am Rand des Bettes.
+Die dunkle Flut ihrer Haare ist ihr zu beiden Seiten
+niedergeglitten, zwei brennende Augen schauen zwischen
+den Str&auml;hnen hervor. Das Gesicht ist starr und bla&szlig;
+wie ein Steinbildnis, aber im Blick funkelt das Leben,
+str&ouml;mt die Leidenschaft. Sie st&ouml;&szlig;t einen Ton hervor,
+wie ein kleines Kind, das seufzt. Es beben die Lippen:
+&raquo;Er ist gekommen wie ein Held &mdash; er ist sch&ouml;n wie ein
+Held!&laquo;</p>
+
+<p>Dann wimmert sie und bei&szlig;t sich die Fingerkn&ouml;chel
+wund. &raquo;Wie hat er mich genannt? &mdash; Frau Th&ouml;ni
+Grieg!&laquo; Das Wort brennt sie wie eine H&ouml;lle im Herzen!
+&raquo;Es ist nicht wahr. Nein. In Ewigkeit nein. &mdash; Ich
+werde es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Sie schleudert den Reifen weit von sich.</p>
+
+<p>Sie wankt zum Schrank, sie nimmt aus einer kleinen
+bemalten Truhe ein goldenes Kettchen, sie &ouml;ffnet die Kapsel
+die daran h&auml;ngt, und ein Tautropfen gl&auml;nzt. Sie
+k&uuml;&szlig;t ihn mit gl&uuml;henden Lippen und sagt: &raquo;Wie ein<span class='pagenum'><a name="Page_301" id="Page_301">[Pg 301]</a></span>
+Tautropfen so frisch, so rein, so sonnenvoll habe ich
+wollen sein, damit ich dir immer gefalle, Josi.&laquo;</p>
+
+<p>Die Stimme erbebt zart und fein. Da merkt sie
+erst, da&szlig; ihr die Haare niedergefallen sind. Sie tritt
+vor den Spiegel und ordnet sie. Und nun l&auml;chelt sie doch.
+Sie ist wohl bla&szlig; und ihre W&auml;nglein sind schmal, aber
+ihre gew&ouml;lbte Stirn ist rein &mdash; und die Lippen sind rein.</p>
+
+<p>Und sie stammelt: &raquo;Das Herz ist rein! &mdash; Und er
+liebt mich noch &mdash; ich habe es ihm angesehen &mdash; ich will
+dem&uuml;tig sein gegen ihn &mdash; o, so dem&uuml;tig &mdash; und wenn
+er mich nicht mehr will &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ein Schrei!</p>
+
+<p>Und nun staunt sie wieder: &raquo;Wenn der Vater nicht
+will, wenn Th&ouml;ni nicht will. Sie wollen nicht!&laquo;</p>
+
+<p>K&auml;mpfen, k&auml;mpfen will sie jetzt um Josi bis ans
+Ende &mdash; gegen Th&ouml;ni &mdash; gegen den Vater &mdash; gegen
+die ganze Welt. Nein, um das einzige gro&szlig;e Gl&uuml;ck ihrer
+Liebe darf sie sich nicht betr&uuml;gen lassen.</p>
+
+<p>Und wenn sie Josi fortjagt, so will sie zu ihm hinkriechen
+und betteln: &raquo;Dulde mich bei dir!&laquo;</p>
+
+<p>Sie sinnt und nach einer Weile t&ouml;nt wieder ihr
+kleiner Schrei.</p>
+
+<p>In den fliegenden Gedanken hat sie etwas Sonderbares
+geh&ouml;rt und gesehen; die Leute haben gesagt, Josi
+habe geglaubt, Vroni sei tot. Und auf dem Tisch des
+Garden lagen zwei Briefe. &mdash; Ein alter Verdacht zuckt
+auf: &raquo;Warum hat Th&ouml;ni die Postschl&uuml;ssel immer abgezogen?&laquo;
+Ist sie hellseherisch geworden aus langer, unbegreiflicher
+Blindheit?</p>
+
+<p>&raquo;In verbrecherischer Weise hat sich Th&ouml;ni zwischen
+mich und Josi gestellt.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_302" id="Page_302">[Pg 302]</a></span>Mit einem Schlag hat sie die sichere Ueberzeugung
+gewonnen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, jetzt Kampf!&laquo; Ihre Augen flammen auf, alles
+an ihr lebt und bebt. &raquo;Du wirst sehen, Vater, du
+armer, in einen Verbrecher vernarrter Thor, wie ich
+Th&ouml;ni liebe.&laquo;</p>
+
+<p>Mit fiebergl&uuml;hendem K&ouml;pfchen schwankt sie hinab in
+die Postablage. Sie hat die Hand am Telegraphenapparat:
+&raquo;Postdirektion. In St. Peter ist ein Postverbrechen
+geschehen. Ich bitte um Untersuchung. Binia Waldisch.&laquo;
+Da l&auml;&szlig;t sie die Hand sinken &mdash; der Schrecken l&auml;hmt sie.
+Der Vater ist der Posthalter, nicht Th&ouml;ni. Hat je ein
+Kind seinen Vater den Gerichten ausgeliefert?</p>
+
+<p>Wie mit Wasser begossen schleicht sie davon. Sie
+wei&szlig; ja nicht einmal, ob ihr brennender Verdacht gerechtfertigt
+ist. Und nun noch ein furchtbarer Gedanke: &raquo;Wenn
+der Vater in seinem wilden Ha&szlig; auf Josi der Anstifter
+der Briefunterschlagungen w&auml;re?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&auml;me dich, Binia,&laquo; fl&uuml;stert sie, &raquo;so ist er nicht.
+&mdash; Unerh&ouml;rte Gewaltthaten haben dir sein Bild verdunkelt,
+aber du mu&szlig;t ihm nur in die Augen sehen, in die lieben
+und sch&ouml;nen Augen, dann siehst du einen gewaltigen
+Mann, der sich eher w&uuml;rde zerbrechen lassen, als da&szlig;
+er mit Absicht und wissentlich bei einer Schlechtigkeit
+mith&uuml;lfe. &mdash; Er ist das Opfer &mdash; armer, armer
+Vater!&laquo;</p>
+
+<p>Ehe es Morgen wird, will sie hinter den Geheimnissen
+Th&ouml;nis sein.</p>
+
+<p>Sie sieht, wie ihr die Blicke der Frau Cresenz mi&szlig;trauisch
+folgen &mdash; sie geht in ihre Kammer &mdash; &mdash; sie
+liest den Ring Th&ouml;nis knirschend auf &mdash; aber sie bringt<span class='pagenum'><a name="Page_303" id="Page_303">[Pg 303]</a></span>
+ihn nicht mehr an den Finger &mdash; sie l&auml;&szlig;t ihn in die
+Tasche gleiten.</p>
+
+<p>&raquo;Mutter,&laquo; fl&uuml;stert sie, &raquo;jetzt sollte dein armes Kind
+klug sein wie eine Schlange.&laquo;</p>
+
+<p>Sie steigt in die gro&szlig;e Wohnstube hinab &mdash; sie n&auml;ht
+&mdash; aber die Nadeln brechen und der Faden rei&szlig;t. Und
+dennoch denkt sie: &raquo;Wie ich heucheln gelernt habe! N&auml;hen
+&mdash; und das Herz zerspringt.&laquo;</p>
+
+<p>Sie denkt an alles, was sie mit Josi gemeinsam
+erlebt hat. Sie sieht die Bilder, als schaue sie in einen
+Guckkasten: den kleinen Buben, der das wilde Kind herumtr&auml;gt
+&mdash; den Ku&szlig; im Teufelsgarten &mdash; den schlafenden
+Josi, den sie mit Fr&auml;nzi beschaut &mdash; Josi, das Knechtlein,
+das zerschmettert mit B&auml;lzi geht &mdash; Josi, der unter
+dem Peitschenhieb des Vaters blutet &mdash; Josi, der zu Madonna
+del Lago erwartungsvoll vor der Gartenpforte steht.</p>
+
+<p>Wie hat sie auch nur einen Augenblick vor dem
+Zorn des Vaters schwanken, einen Augenblick glauben
+k&ouml;nnen, Josi sei tot.</p>
+
+<p>Da kommen die M&auml;nner heim.</p>
+
+<p>&raquo;Hole mir Wein, Bini, ich habe noch einen verdammten
+Durst,&laquo; johlt Th&ouml;ni, &mdash; &raquo;schau mich nicht so
+ver&auml;chtlich an, Bini, und so seltsam. So, schwillt dir
+der Kamm wieder, weil der Rebell und Halunke da ist.
+Es n&uuml;tzt dir nichts. &mdash; Am Sonntag mu&szlig; der Pfarrer
+unsere Ehe verk&uuml;ndigen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ins Bett mit dir, Th&ouml;ni,&laquo; keucht und donnert der
+Presi, der m&uuml;de und elend auf einen Stuhl gesunken ist.</p>
+
+<p>&raquo;Von Euch la&szlig; ich mich nicht mehr so anfahren,
+Presi,&laquo; mault Th&ouml;ni unter der Th&uuml;r zur&uuml;ck, &raquo;wenn ich
+im Kot bin, so seid Ihr auch drin.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_304" id="Page_304">[Pg 304]</a></span>&raquo;Geh jetzt,&laquo; sagt der Presi matt, &raquo;schlafe den Rausch
+aus. Gelt, Bini, du machst keine Thorheiten wegen des
+Rebellen!&laquo; Th&ouml;ni schwankt ohne &raquo;Gute Nacht&laquo; fort.</p>
+
+<p>Sie antwortet dem Vater nicht. Das Linnen, an
+dem sie arbeitet, ist ihr vom Scho&szlig; geglitten. Sie hat
+das letzte Wort Th&ouml;nis anders gefa&szlig;t als der Vater &mdash;
+f&uuml;r sie ist es ein Schuldbekenntnis, da&szlig; an Josi ein Verbrechen
+geschehen sei.</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehe jetzt auch zu Bett, es ist mir nicht recht
+wohl. Gute Nacht, Binia.&laquo; Der Vater sagt es so g&uuml;tig,
+wie er seit langem nicht mehr geredet hat, aber tiefbek&uuml;mmert,
+als h&auml;tte er etwas Schweres erlebt.</p>
+
+<p>Binia schl&auml;ft nicht.</p>
+
+<p>Mitten in der Nacht wandelt sie barfu&szlig; und gespensterhaft
+durch das Haus. Leicht gekleidet schleicht sie
+von ihrer Kammer durch den Gang zu Th&ouml;nis Zimmer.
+Sie lauscht eine Weile an der Th&uuml;re. Der drinnen
+schnarcht laut. Sie &ouml;ffnet die Kammer, l&auml;uft auf den
+blo&szlig;en Zehen zu Th&ouml;nis Kleidern und zieht daraus den
+Schl&uuml;sselbund, er klirrt leise, der Schl&auml;fer wendet sich
+auf die Seite, sie huscht in den Mondschatten, aber einen
+Augenblick sp&auml;ter schnarcht er weiter, sie huscht zur&uuml;ck
+durch Gang und Treppen abw&auml;rts bis zur Postablage.</p>
+
+<p>Sie entz&uuml;ndet Licht, schlie&szlig;t Pult und Truhen auf
+und findet, was sie sucht, in einer kleinen Schublade &mdash;
+Briefe &mdash; die Notschreie Josis um sein totes Schwesterlein
+und um sie.</p>
+
+<p>Sie k&uuml;&szlig;t sie &mdash; ihre Augen blitzen &mdash; ein bleiches
+L&auml;cheln geht &uuml;ber ihr Gesicht. &raquo;Darum hast du so viel
+trinken m&uuml;ssen, Th&ouml;ni, du Schuft! Aber ein Narr bist
+du wie alle, die Schlechtes thun. Sonst h&auml;ttest du die<span class='pagenum'><a name="Page_305" id="Page_305">[Pg 305]</a></span>
+Briefe vernichtet.&laquo; Aus der Ferne h&ouml;rt sie den gleichf&ouml;rmigen
+Gesang des W&auml;chters, der mit seinem Spie&szlig;
+taktm&auml;&szlig;ig auf das Stra&szlig;enpflaster schl&auml;gt. Sie l&ouml;scht
+das Licht aus, bis er vor&uuml;bergegangen ist.</p>
+
+<p>Dann entz&uuml;ndet sie es wieder. Ein jubelndes Triumphgef&uuml;hl
+steigt in ihr auf &mdash; sie will am Morgen die Briefe
+dem Vater vorlegen &mdash; Th&ouml;ni ist geschlagen, das Feld
+f&uuml;r Josi frei. &mdash; Und vor Josi will sie sich rechtfertigen
+&mdash; so bald als m&ouml;glich.</p>
+
+<p>Sie schreibt in fliegender Hast ein paar Zeilen, die
+ihn in den Teufelsgarten bestellen, steigt durch den Untergaden
+ins Freie und h&auml;ngt den Brief mit Hilfe einer
+Stange, einer Nadel und eines Fadens an die Haken
+des Fensters, hinter dem Josi schlafen mu&szlig;, und kehrt
+leis zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Alles was sie thut, thut sie wie im Traum &mdash; sie
+ist ihrer Sinne nicht m&auml;chtig, so h&auml;mmert die Brust &mdash;
+sie taumelt durchs Haus, sie tritt wieder in Th&ouml;nis Zimmer,
+sie steckt den Schl&uuml;ssel in seine Kleider, sie betrachtet
+einen Augenblick den Schl&auml;fer, sie hebt die geballte Faust:
+&raquo;Josi hast du gemartert und schl&auml;fst so gut.&laquo;</p>
+
+<p>In ihren Augen funkelt der Ha&szlig;, sie fl&uuml;stert: &raquo;Wei&szlig;
+Gott, ich k&ouml;nnte Judith sein.&laquo;</p>
+
+<p>Fort eilt sie und nun ist ihr doch, sie h&ouml;re etwas.
+&mdash; Das Entsetzen r&uuml;ttelt sie &mdash; sie hat den Vater seufzen
+geh&ouml;rt &mdash; aber sie hat nicht gewagt, sich umzusehen. War
+es nur Einbildung der gespannten Sinne, da&szlig; er unter
+der Th&uuml;r seiner Kammer stand?</p>
+
+<p>Wie eine Bilds&auml;ule lehnt sie noch im Morgenrot
+mit gefalteten H&auml;nden an ihrem Bett, bla&szlig; und aufgeregt,
+aber in furchtbarer Entschlossenheit.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_306" id="Page_306">[Pg 306]</a></span>Sie mu&szlig; mit dem Vater reden &mdash; rasch &mdash; rasch.</p>
+
+<p>Am Morgen aber meldet Frau Cresenz, der Vater
+sei krank, und wie Binia doch zu ihm heraufsteigen will,
+da fleht jene, da&szlig; sie ihm Ruhe g&ouml;nne.</p>
+
+<p>Daran h&auml;tte sich Binia nicht gekehrt, es handelte
+sich jetzt gewi&szlig; um mehr als Ruhe, aber &mdash; ihr selber
+liegen die Erregungen der Nacht wie Blei in den Gliedern
+&mdash; sie h&auml;tte die Kraft nicht, mit dem Vater zu
+reden, wie sie m&uuml;&szlig;te &mdash; sie k&ouml;nnte nur weinen.</p>
+
+<p>&raquo;Wohl, wohl,&laquo; meint Frau Cresenz, &raquo;das wird eine
+heitere Wirtschaft auf den Sommer, der Pr&auml;sident &auml;chzt,
+du bist so zitterig wie Espenlaub und von Th&ouml;ni mag
+ich schon gar nicht reden &mdash; der war heute fr&uuml;h wie
+eine Leiche &mdash; die Post hat er nicht besorgt &mdash; er hockt
+schon wieder beim Glotterm&uuml;ller und s&auml;uft. &mdash; Und ich
+&uuml;berlege, ob ich nicht fortlaufen will.&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Der Presi sitzt in seiner Stube im Lehnstuhl und
+st&ouml;hnt: &raquo;So viel Elend! &mdash; Die D&ouml;rfler drohen mit
+Aufruhr &mdash; der Garde ist wild &uuml;ber mich &mdash; die Wildleutlaue
+steht in Sicht &mdash; und nun ist auch der Rebell
+wieder da &mdash; der unheimliche Rebell, von dem man nicht
+wei&szlig;, woher er in allen Dingen seine St&auml;rke hat.&laquo;</p>
+
+<p>Wie sonderbar hat er es im Kreuz zu Hospel vernommen,
+da&szlig; der zur&uuml;ck ist. Die Br&auml;ggerin plauderte
+so harmlos, als ob sie nichts merke. Th&ouml;ni aber st&uuml;rzte
+Glas auf Glas und in seinem Rausch sagte er auf dem
+Heimritt immer nur, er werde den Rebellen t&ouml;ten.</p>
+
+<p>Er hat sich an der letzk&ouml;pfigen Aufregung Th&ouml;nis
+ge&auml;rgert &mdash; er konnte nicht schlafen vor Verdru&szlig;. &mdash;
+Da &mdash; da &mdash; h&ouml;rt er eine Th&uuml;r gehen &mdash; er streckt den
+Kopf aus dem Schlafgemach &mdash; &mdash; Binia schleicht leichtgekleidet<span class='pagenum'><a name="Page_307" id="Page_307">[Pg 307]</a></span>
+und barfu&szlig; aus Th&ouml;nis Kammer und huscht
+hin&uuml;ber, wo sie und die M&auml;gde schlafen &mdash; Bini &mdash; seine
+Bini. &mdash; Ist's m&ouml;glich &mdash; sie in der Nacht bei Th&ouml;ni &mdash;
+sie, die sich immer gegen ihn gewehrt und gesperrt hat &mdash;
+sie, das wilde und doch so keusche Blut ist so wohlfeil
+geworden.</p>
+
+<p>Er &auml;chzt &mdash; er st&ouml;hnt. &mdash; Es ist unfa&szlig;bar, da&szlig; Binia
+zu Th&ouml;ni gegangen sei, aber was das Auge sieht, glaubt
+das Herz. Er hat gestern abend einen Groll gegen ihn
+gefa&szlig;t &mdash; und die Wahrheit &mdash; er hat schon lange etwas
+gegen ihn. Wie, wenn Th&ouml;ni doch nicht der rechte Schwiegersohn
+w&auml;re? Es ist ihm furchtbar zu Mute. Er hat mit
+der Verlobung das Dorf schlagen wollen, nun ist ihm,
+er habe sich selber und Binia geschlagen. Das arme Kind
+&mdash; der liebe, lose Vogel &mdash; ob ihm nun die Wiederkehr
+Josi Blatters nicht das Herz bricht. Und in hei&szlig;en
+St&ouml;&szlig;en sp&uuml;rt der Presi, wie er Binia liebt, die arme
+Maus, die sich mit Th&ouml;ni vergessen hat. &mdash; Er m&ouml;chte
+sie schlagen vor Wut, er m&ouml;chte vor ihr niederknieen:
+&raquo;Bini, meine einzige, sage es deinem alten Vater, was
+er gesehen hat, sei nicht wahr.&laquo; Aber er kann das Kind
+nicht rufen. Vor eigener Scham. Sein Herz klagt ihn
+schreiend an: &raquo;Ich habe sie mi&szlig;handelt. Und der Mensch
+ist wie ein Pferd. Das edelste Tier wird, wenn es
+genug Schl&auml;ge bekommen hat, st&ouml;rrisch und st&uuml;rzt sich in
+den Abgrund.&laquo;</p>
+
+<p>So ist Binia gest&uuml;rzt, sein herrliches Kind &mdash; sein
+ist die Schuld &mdash; er darf ihr nicht mehr in die Augen
+sehen.</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;ge dich Gott schlagen,&laquo; hat er einmal gesagt
+&mdash; und Gott hat sie geschlagen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_308" id="Page_308">[Pg 308]</a></span>Es ist schrecklich. &mdash; Eine Umkehr giebt es nicht
+mehr, nur Eile vor dem Rebellen. Am Sonntag mu&szlig; der
+Pfarrer die Ehe Th&ouml;nis und Binias verk&uuml;ndigen. Ein
+Gl&uuml;ck ist in diesem grenzenlosen Elend: Binia wei&szlig; jetzt,
+da&szlig; das Spiel mit Josi Blatter aus ist &mdash; das ist vorbei!</p>
+
+<p>Es ist ein furchtbar bleiches L&auml;cheln der Genugthuung,
+das um die Lippen des Presi spielt.</p>
+
+<p>Josi Blatter bringt er nicht aus dem Kopf. Er
+ist in Ehren und mit guten Zeugnissen aus der weiten
+Welt zur&uuml;ckgekehrt. &mdash; &mdash; Ja, er ist halt Fr&auml;nzis Sohn,
+das ist seine geheimnisvolle Kraft.</p>
+
+<p>Der Presi keucht und schwitzt. Da pocht es, Frau
+Cresenz bringt ihm einen Brief, den der Viehh&uuml;ter Bonzi
+abgegeben hat. Er tr&auml;gt die knorrige Schrift des Garden.</p>
+
+<p>Der Presi ahnt nichts Gutes, erst als Frau Cresenz
+gegangen ist, &ouml;ffnet er das Schreiben.</p>
+
+<p>&raquo;Presi!&laquo; schreibt der Garde, &raquo;ich laufe Euch nicht
+nach, aber wenn Ihr zu mir kommen wolltet, so h&auml;tte
+ich Ernstes mit Euch zu reden. Ich habe die Beweise in
+den H&auml;nden, da&szlig; Th&ouml;ni Grieg an Josi Blatter einen
+gottlosen Brief geschrieben, die Schrift gef&auml;lscht und das
+Schreiben mit meinem Namen mi&szlig;br&auml;uchlich unterzeichnet
+hat. Ferner besitze ich von der Post in Hospel die Bescheinigung,
+da&szlig; zwei eingeschriebene Briefe, darunter
+der des Gemeinderates an den Konsul in Kalkutta, im
+Postbuch nicht vermerkt und also nicht durch Hospel gegangen
+sind. Th&ouml;ni Grieg hat also diese und andere
+unterschlagen. Ich hoffe, da&szlig; Ihr nicht Mitwisser des
+Verbrechens seid.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi liest den Brief nicht zu Ende &mdash; er neigt
+das blasse Haupt auf die Seite &mdash; seine H&auml;nde zucken<span class='pagenum'><a name="Page_309" id="Page_309">[Pg 309]</a></span>
+&mdash; er will aufstehen &mdash; es geht nicht &mdash; mit vorgelegten
+Armen l&auml;&szlig;t er den Kopf fallen. &mdash; Aus der Brust des
+Gerichteten st&ouml;hnt es, wie wenn eine gewaltige Eiche sich
+zum Falle r&uuml;stet.</p>
+
+<p>Der Sturz einer Eiche. Wer das Bild einmal gesehen
+hat, vergi&szlig;t es nie! Es seufzen tief unter der Erde
+die Wurzelgr&uuml;fte, es bebt die Krone, die V&ouml;gel flattern
+schreiend heraus, die K&auml;fer kriechen aus der Rinde und
+rennen davon, quiekend w&uuml;rgt es in den Stammfasern,
+als ob sich Jahrhunderte trennen, es ist ein Knistern und
+Brechen, ein geheimnisvolles Raunen von Abschiedsstimmen
+&mdash; das Fallen einer Eiche ist eine ganze Schlacht.</p>
+
+<p>Eine w&uuml;rgende, &auml;chzende Schlacht ist in dieser Stunde
+das Leben des Presi.</p>
+
+<p>Er zweifelt nicht. Er w&uuml;tet nicht, aber sein leises
+Zittern ist schrecklicher als ein lauter Ausbruch der Wut.</p>
+
+<p>Wenn die Eiche vor dem Falle erbebt, so sagen die
+Holzleute: &raquo;Der Baum redet!&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi redet.</p>
+
+<p>Mit zuckenden Lippen murmelt er: &raquo;Nein, Garde.
+&mdash; Gott wei&szlig; es &mdash; ich bin unschuldig &mdash; Bini &mdash; Vogel
+&mdash; meine Ehre und deine Ehre durch einen Schuft dahin.&laquo;</p>
+
+<p>Sein Wort klingt wie eine sanfte, feierliche Knabenstimme.
+Die d&uuml;nnen sp&auml;rlichen Thr&auml;nen des Alters
+rinnen &uuml;ber seine Wangen. Er merkt es erst, wie sie
+auf seine H&auml;nde fallen. Die Thr&auml;nen beelenden ihn noch
+mehr. Sechsundzwanzig Jahre hat er nicht geweint. Er
+hat es beim Tode der Beth nicht gethan, sondern das
+letzte Mal, als er Fr&auml;nzi um ihre Hand bat.</p>
+
+<p>&raquo;Fr&auml;nzi. &mdash; Seppi Blatter,&laquo; st&ouml;hnt er, &raquo;erbarmet
+euch meiner &mdash; ich gebe nach!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_310" id="Page_310">[Pg 310]</a></span>&raquo;Ich gebe nach &mdash; ich will hinter sich machen &mdash;
+zuerst mit Bini. &mdash; &mdash; Ja, wenn es ginge! Aber sie
+ist aus Th&ouml;nis Kammer gekommen!&laquo;</p>
+
+<p>Und das Wort Th&ouml;nis: &raquo;Wenn ich im Kot bin,
+seid Ihr auch drin,&laquo; t&ouml;nt in seinem Ohr wie die Posaune
+des Gerichts.</p>
+
+<p>Da murmelt er in seinen wilden Schmerzen: &raquo;F&uuml;r
+den Rebellen thut sie es schon noch,&laquo; doch er hat es
+kaum gesagt, so rauft er sich das Haar: &raquo;Nein &mdash;
+nein &mdash; das gilt nicht &mdash; das habe ich nicht gedacht.&laquo;
+Er zuckt in der gr&auml;&szlig;lichen Furcht, da&szlig; dieser eine schlechte
+Gedanke schon wieder ein neues Verh&auml;ngnis zeitige, und
+die Stunde ist da, von der der Garde gesprochen hat.
+&raquo;Auf den Knieen w&uuml;rdet Ihr zur Lieben Frau an der
+Br&uuml;cke rutschen, wenn Ihr Bini nur dem Josi geben
+k&ouml;nntet und Ihr sie friedlich w&uuml;&szlig;tet.&laquo;</p>
+
+<p>Die Stunde ist da &mdash; sie ist gekommen wie ein Dieb
+&uuml;ber Nacht.</p>
+
+<p>O, wie der wilde Presi zahm ist und betet.</p>
+
+<p>Ein sch&ouml;nes Alter. &mdash; Nein, kein sch&ouml;nes Alter. &mdash;
+Binias Augen reden: Vater, warum hast du mich in die
+Hand eines Schuftes gezwungen und ich h&auml;tte gl&uuml;cklich
+sein k&ouml;nnen mit Josi Blatter, der ehrenvoll aus der
+Fremde heimgekommen ist.</p>
+
+<p>&raquo;Frieden. &mdash; Frieden! &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Wieder sinkt sein Kopf. Er sieht es nicht, wie Frau
+Cresenz angstvoll kommt und geht. Er wei&szlig; nicht, wie
+viele Stunden er in br&uuml;tender Vernichtung sitzt, er h&ouml;rt
+es nicht, wie der wachsende F&ouml;hnsturm pfeift und an den
+Fenstern r&uuml;ttelt.</p>
+
+<p>Sein Leib ist lahm, seine Glieder sind gebrochen,<span class='pagenum'><a name="Page_311" id="Page_311">[Pg 311]</a></span>
+endlich aber steht er schwankend auf, er nimmt Rock und
+Hut und steigt die Treppe hinab. &raquo;Wo ist Bini?&laquo; fragt
+er Frau Cresenz. Er leidet furchtbare Angst um das
+Kind &mdash; es ist ihm, es schwebe in drohender Lebensgefahr
+&mdash; und doch, nein, er m&ouml;chte sie nicht sehen &mdash;
+er sch&auml;mt sich vor Binia und f&uuml;r sie.</p>
+
+<p>&raquo;Sie hat so stark den F&ouml;hn im Kopf &mdash; sie hat
+nicht mehr stehen k&ouml;nnen &mdash; sie ist in ihre Kammer gegangen,&laquo;
+jammert Frau Cresenz. &raquo;Um tausend Gotteswillen
+redet jetzt nicht mit ihr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&ouml;hn im Kopf,&laquo; grollt der Presi dumpf &mdash; &raquo;ich
+gehe jetzt zum Garden &mdash; und ich hoffe, da&szlig; mir Th&ouml;ni
+nicht begegnet &mdash; sonst mu&szlig; er sterben.&laquo;</p>
+
+<p>Das letzte sagt der Presi so fest, wie es ein Richter
+sagen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Frau Cresenz schl&auml;gt die H&auml;nde &uuml;ber dem Kopf zusammen:
+&raquo;Was giebt es auch, Pr&auml;sident, was giebt es?&laquo;</p>
+
+<p>Da schleudert er ihr den Brief des Garden vor die
+F&uuml;&szlig;e und geht.</p>
+
+<p>Allein in der D&auml;mmerung geht er nicht gleich zum
+Garden, er schwankt, ohne zu wissen, was er thut,
+hin&uuml;ber zum Neubau, steht eine Weile davor, sch&uuml;ttelt
+den Kopf und wendet sich wieder zum Gehen.</p>
+
+<p>Da h&ouml;rt er pl&ouml;tzlich ein gr&auml;&szlig;liches Lachen. Kaplan
+Johannes mit dem Bettelsack steht neben ihm. &raquo;Herr
+Presi, merkt Ihr es nicht, es kommt ein Wetter. Geht
+doch lieber zum Glotterm&uuml;ller, dort zahlt einer Wein,
+so viel man will, und erz&auml;hlt den Leuten lustige und
+traurige Geschichten aus dem B&auml;ren von St. Peter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du r&auml;udiger Pfaff!&laquo; schreit der Presi, er st&uuml;rzt
+sich auf den Kaplan und mi&szlig;handelt ihn. Unter heulenden<span class='pagenum'><a name="Page_312" id="Page_312">[Pg 312]</a></span>
+Fl&uuml;chen fl&uuml;chtet der Letzk&ouml;pfige, er droht: &raquo;Ich will
+doch einmal mit Eurer Tochter tanzen!&laquo;</p>
+
+<p>Das andere versteht der Presi nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Zu allem Elend den Hohn. Aber warum sollte
+man mich nicht auslachen, mich, den alten Thor, der sein
+Kind in die Arme eines Verbrechers gezwungen hat. Und
+der Schuft hockt noch in St. Peter? Eine Axt will ich
+nehmen und ihn erschlagen.&laquo;</p>
+
+<p>Er schwankt nun aber doch zum Garden, zu dem
+schwer beleidigten ehemaligen Freund. Bitter wie noch
+kein Gang in seinem Leben wird ihm der Besuch. &raquo;Garde,&laquo;
+keucht er, &raquo;verzeiht mir, und Josi Blatter lasse ich danken,
+da&szlig; er nicht klagt.&laquo;</p>
+
+<p>Mehr w&uuml;rgt er nicht hervor, der Garde will ihm
+die Beweise vorlegen, aber ein Blick, und der Presi
+nimmt pl&ouml;tzlich den Hut und st&uuml;rmt fort.</p>
+
+<p>Beim Garden hat er das Gl&uuml;ck gesehen, das innige
+Familiengl&uuml;ck um Vroni, in seinem Haus aber w&uuml;tet das
+Ungl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Er st&uuml;rmt durch die Nacht. Wer nicht ein D&ouml;rfler
+ist, f&auml;nde jetzt den Weg nicht. Der F&ouml;hnsturm singt an
+den Felsen ringsum, er st&ouml;hnt, er jauchzt und die Wolken
+hangen so tief ins Thal, da&szlig; sie das Dorf fast erdr&uuml;cken.
+Ferne Lawinen donnern, es regnet in starken einzelnen
+Tropfen. Jeder Regentropfen thut dem Presi im brennenden
+Gesichte wohl.</p>
+
+<p>Zuletzt kommt er doch wieder heim; der wirre Mann
+&auml;chzt: &raquo;Pr&auml;sidentin, ich mu&szlig; zu Bett &mdash; ich glaube, es
+ist meine letzte Nacht &mdash; ich habe mein Herz gewendet &mdash; aber
+ich wei&szlig; schon &mdash; es kommt noch mehr &mdash; es kommt
+noch mehr.&laquo; Gr&auml;&szlig;liche Furcht r&uuml;ttelt ihn.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_313" id="Page_313">[Pg 313]</a></span>Fr&uuml;h schon ist der B&auml;ren dunkel. Einige Stunden
+sp&auml;ter steht im Wettersturm ein Mann vor dem ungl&uuml;cklichen
+Haus, und wie es elf Uhr schl&auml;gt, &ouml;ffnet er die Th&uuml;re.</p>
+
+<p>&raquo;Bist du es, Th&ouml;ni?&laquo; kreischt Frau Cresenz, die ihn
+trotz dem Sturme geh&ouml;rt hat, angstvoll. Keine Antwort.
+Da rennt sie halb angekleidet die Treppe hinunter, Th&ouml;ni
+kommt aber schon wieder aus der Postablage und eilt
+ins Freie.</p>
+
+<p>&raquo;Th&ouml;ni, was thust du?&laquo; schreit sie angstvoll.</p>
+
+<p>&raquo;Lebt wohl, Tante, Frau Pr&auml;sident,&laquo; ruft er. &raquo;Nach
+der Postkasse fragt nicht &mdash; ich gehe nach Amerika &mdash;
+und der Revolver ist f&uuml;r Verfolger geladen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er geht den rechten Weg,&laquo; knirscht der machtlose
+Presi, der sich ans Fenster geschleppt hat.</p>
+
+<p>Eine Nacht ist eingefallen, wie man sie im Bergland
+selten erlebt.</p>
+
+<p>Der F&ouml;hn f&auml;hrt in St&ouml;&szlig;en von den Gipfeln, hei&szlig;
+im einen Augenblick, im n&auml;chsten bis ins Mark erk&auml;ltend.
+Die Wolken jagen sich, stieben schwarz und schwer &uuml;ber
+die Hausd&auml;cher dahin, die Blitze erleuchten das Thal
+taghell, die sch&auml;umenden Wasser der Glotter ergl&auml;nzen.
+Dann ist wieder pechschwarze Nacht. Jetzt spielen die
+Feuerflammen um die Krone, der Firn funkelt und
+leuchtet. Unaufh&ouml;rlich knattert der Schnee- und Eisbruch
+im Gebirg, an den Bergw&auml;nden verf&auml;ngt sich der schmetternde
+Donner, rollt und grollt, das Krachen der frischen
+Schl&auml;ge wird verst&auml;rkt durch den Wiederhall der vorangehenden
+und rings im Gebirg sind die Runsen los.
+Die Berge wanken, es ist, als ob, was tausend Jahre
+fest und starr gewesen ist, pl&ouml;tzlich lebendig w&uuml;rde und
+wandern m&uuml;sse. Es ist ein Bild wie Weltuntergang!</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_314" id="Page_314">[Pg 314]</a></span>Die Wetterglocken von St. Peter wimmern durch
+den Aufruhr der Elemente.</p>
+
+<p>In allen H&auml;usern brennt Licht, um den Tisch sammeln
+sich bleiche Gesichter, in den H&auml;nden der Beter
+beben die Kruzifixe, und selbst die Gottlosen falten die
+H&auml;nde und seufzen: &raquo;Herr! &mdash; Herr!&laquo; &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist eine Totennacht,&laquo; fl&uuml;stern die Aelpler. In
+dieser Nacht steht nach uralter Sage ein geheimnisvolles,
+im Bergland begrabenes Kriegsvolk auf und zieht zur
+Heimat. Da darf niemand ins Freie blicken, denn wer
+die Reiter sieht, wird vor Schrecken siech:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es donnern die reitenden Boten:<br /></span>
+<span class="i0">&raquo;Gebt Raum f&uuml;r das irrende Heer,<br /></span>
+<span class="i0">Es fahren, die Goten, die toten,<br /></span>
+<span class="i0">Vom Bergland ans heilige Meer.&laquo;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Frau Hulder auf leuchtendem Schimmel<br /></span>
+<span class="i0">Sprengt jauchzend den Reitern voran,<br /></span>
+<span class="i0">Sie ziehn auf der Erde, am Himmel;<br /></span>
+<span class="i0">Sie k&auml;mpfen und brechen sich Bahn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Von reisigen V&auml;tern und S&ouml;hnen,<br /></span>
+<span class="i0">Wallt klirrend der Heerzug durchs Thal, &mdash;<br /></span>
+<span class="i0">Die Trommeln, die H&ouml;rner erdr&ouml;hnen &mdash;<br /></span>
+<span class="i0">Sie reiten in brennender Qual.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schaut &mdash; allen die fahren und fliegen,<br /></span>
+<span class="i0">Str&ouml;mt aus den Wunden das Blut,<br /></span>
+<span class="i0">Die weinenden M&uuml;tter, sie wiegen<br /></span>
+<span class="i0">Im Arm die erschlagene Brut.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So reiten und ziehen die Goten,<br /></span>
+<span class="i0">Der schallende Hornruf ergellt:<br /></span>
+<span class="i0">&raquo;Hu-hoi, hu-hoi! Wir Toten<br /></span>
+<span class="i0">Sind Herren der lachenden Welt.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>In dieser Nacht schwitzt der Presi Blut: &raquo;Es kommt
+noch mehr &mdash; es kommt noch mehr!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_315" id="Page_315">[Pg 315]</a></span>Ja, Herr Presi, es kommt noch mehr.</p>
+
+<p>In dieser Nacht stehen im Teufelsgarten eng aneinander
+geschmiegt zwei Liebende. Und z&auml;rtlich spricht der
+junge Mann: &raquo;Bini, weil ich dich rein erfinde wie einen
+Tautropfen, will ich das gro&szlig;e Gel&uuml;bde meiner Jugend
+halten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Josi&laquo; &mdash; es t&ouml;nt wie ein kleiner Schrei, &raquo;Josi,
+mein Held!&laquo; Sie umarmen sich, sie k&uuml;ssen sich, sie fl&uuml;stern
+es einander selig zu, da&szlig; es kein Leben mehr giebt als
+eines im anderen.</p>
+
+<p>In dieser Nacht flieht ein Mann, den das schlechte
+Gewissen jagt, thalaus.</p>
+
+<p>Wie er am Teufelsgarten vorbeirennen will, zuckt
+eine Blitzschlange durch die Glotterschlucht und erleuchtet
+sie taghell. Er sieht das engverschlungene Paar. Aus
+dem Revolver blitzen die Sch&uuml;sse, die Kugeln zischen.
+Die Schlucht wird dunkel, am Glottergrat kracht es und
+ein gewaltiger Donner erstickt die Stimmen eines Kampfes,
+der im Teufelsgarten w&uuml;tet, und &uuml;bert&ouml;nt den Sturz
+eines Mannes, der in der Glotterschlucht versinkt.</p>
+
+<p>Im ersten Morgengrauen geht das Liebespaar bla&szlig;
+und eng aneinander geschmiegt den Stutz empor und der
+Mann fl&uuml;stert dem bebenden M&auml;dchen zu: &raquo;Arme Bini &mdash;
+das habe ich nicht gewollt &mdash; so elend m&uuml;ssen wir sein &mdash;
+nun mag uns Gott helfen.&laquo;</p>
+
+<p>Wie er es sagt, schie&szlig;t johlend Kaplan Johannes
+am Wegrand auf.</p>
+
+<p>&raquo;Hoho! &mdash; Rebell und Hexe,&laquo; lacht er drohend, &raquo;ich
+komme auch an eure Hochzeit.&laquo;</p>
+
+<p>Und w&auml;hrend des M&auml;nnerkampfes im Teufelsgarten
+ist die Wildleutlawine gegangen.</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_316" id="Page_316">[Pg 316]</a></span></p>
+<h2><a name="XVII" id="XVII"></a>XVII.</h2>
+
+
+<p>Die Wildleutlawine ist gegangen! &mdash; Man hat es
+in dem Aufruhr der Elemente zu St. Peter kaum bemerkt,
+aber der Morgen bringt die erschreckende Kunde.
+&mdash; Und heute ist Wassertr&ouml;stung &mdash; Losgemeinde! Ein
+Mann mu&szlig; auf Leben und Sterben an die Wei&szlig;en
+Bretter steigen und geheimnisvoll waltet das Los.</p>
+
+<p>Der Sturm der Nacht hat sich ges&auml;nftigt, der Himmel
+hat sich gereinigt, mit unschuldigem Kinderl&auml;cheln schaut
+er auf die Welt, und der F&ouml;hn, der gewaltige Geselle,
+schmeichelt um die ergr&uuml;nenden Berghalden wie ein verliebter
+Bursch, der von seinem M&auml;dchen Blumen bettelt.</p>
+
+<p>Die goldenen Primelsterne leuchten auf den Matten,
+die Enzianen &ouml;ffnen die blauen Augen.</p>
+
+<p>Die von St. Peter achten es nicht, die Sorge h&auml;lt
+ihre Augen. Der Tag entwickelt die alten Bilder! Aus
+der Runde reiten die Bauern auf ihren Maultieren zur
+Kirche, sie tragen die dunkle Tracht und die Frauen und
+T&ouml;chter drehen im Reiten den Rosenkranz. Finster feierliche
+Ruhe waltet, tiefer als je an einer Wassertr&ouml;stung.
+Da und dort grollt es fl&uuml;sternd: &raquo;Schon nach elf Jahren.
+Merkt Ihr es!&laquo; Und die dumpfe Antwort lautet: &raquo;Ahorn!&laquo;
+Durch die ganze Gemeinde schleicht das Wort: &raquo;In<span class='pagenum'><a name="Page_317" id="Page_317">[Pg 317]</a></span>
+zw&ouml;lf Wochen sp&auml;testens sollen B&auml;ren und Krone
+brennen.&laquo;</p>
+
+<p>Wie einsam steht der B&auml;ren, das sch&ouml;ne alte Wirtshaus!
+An die Stangen vor ihm bindet kein Bauer sein
+Maultier an. Frau Cresenz tritt ein paarmal angstvoll
+unter die Th&uuml;re, aber die Ziehenden reiten gru&szlig;los vorbei
+und stellen die Tiere vor die H&auml;user der Verwandten
+oder vor die Glotterm&uuml;hle.</p>
+
+<p>Verfemt ist der B&auml;ren! Nein! Wie die Glocken zu
+l&auml;uten anheben, schreitet wie ehemals der Gemeinderat
+in w&uuml;rdigem Zug die Freitreppe hernieder, voran der
+Weibel mit der silbernen Losurne, dann der Presi und
+der Garde, der den Federnhut, das Schwert und die
+Binde tr&auml;gt.</p>
+
+<p>Die M&auml;nner sind von der Wichtigkeit ihres Amtes
+ganz durchdrungen. Der kurze Garde ist frisch, aus dem
+grauen Bart schauen gesunde rote Wangen, die klugen
+und guten Augen unter den buschigen Brauen sind hell.
+Der Presi jedoch, der wohl um den Kopf gr&ouml;&szlig;er ist,
+schaut abgezehrt aus, und die paar m&auml;chtigen Furchen im
+glatten Gesicht scheinen noch l&auml;nger, noch tiefer geschnitten.
+Man w&uuml;rde glauben, er w&auml;re von den beiden der &auml;ltere,
+wie er aber so mit den anderen geht, mu&szlig; jeder, der
+ihn sieht, denken: &raquo;Er ist halt doch der Presi!&laquo;</p>
+
+<p>Als letzte fast treten Josi und Eusebi, die sich von
+Vroni verabschiedet haben, in die Kirche, jener ruhig,
+aber bleich. Die Neugier der D&ouml;rfler, die nach ihm sehen,
+ist ihm zuwider.</p>
+
+<p>Mit einem seltsamen sorgenden Blick begleitet Vroni
+den Bruder.</p>
+
+<p>Er hat kein Wort von Beate Indergand erz&auml;hlt,<span class='pagenum'><a name="Page_318" id="Page_318">[Pg 318]</a></span>
+bla&szlig;, m&uuml;de und stumm ist er im Lauf des Vormittags
+heimgekommen.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt geht er am Ende noch als Freiwilliger an
+die Wei&szlig;en Bretter,&laquo; denkt Vroni. &raquo;Kaum ist so ein
+lieber Bruder da, hat man schon wieder seine Qual
+um ihn.&laquo;</p>
+
+<p>Der Weibel riegelt die Th&uuml;re vor den Weibern zu,
+die betend und jammernd im Kirchhof knieen. Mitten
+unter ihnen kniet totenfahl Binia.</p>
+
+<p>Ein Zittern l&auml;uft durch ihren K&ouml;rper, mit der schmalen
+Hand st&uuml;tzt sie sich auf die Erde des Kirchhofs &mdash; auf
+den Staub der Dahingegangenen.</p>
+
+<p>&mdash; Sie zuckt. &mdash; Todesgedanken und sie ist noch
+so jung. Aber was ist nicht im Teufelsgarten Entsetzliches
+geschehen? &mdash; Und steht dort nicht l&auml;chelnd der
+gr&auml;&szlig;liche Kaplan?</p>
+
+<p>In der Kirche hat sich der Gemeinderat um den
+altert&uuml;mlichen Altar gestellt und der Presi spricht das
+Heligen-Wasser-Gebet. In den geschnitzten St&uuml;hlen harren
+hundertundsiebzehn B&uuml;rger, den dunklen Filz vor dem Gesichte,
+und beten es mit. Nun sinken die H&uuml;te und wie
+aus Erz gegossen, ein feierliches Antlitz am anderen,
+stehen die M&auml;nner. Durch die gelben, roten, blauen
+und gr&uuml;nen Scherben, welche die Heiligenfiguren in den
+Fenstern zusammensetzen, fallen die farbigen B&uuml;ndel der
+Sonne in den golddurchsponnenen Raum und zeichnen
+dem einen ein gelbes, dem anderen ein rotes, blaues
+oder gr&uuml;nes Mal auf das Kleid, und von drau&szlig;en rauschen
+die br&uuml;nstigen Gebete der Frauen.</p>
+
+<p>Nun redet der Presi und jeder sp&uuml;rt es, so sch&ouml;n,
+so warm und eindringlich hat er noch nie gesprochen.<span class='pagenum'><a name="Page_319" id="Page_319">[Pg 319]</a></span>
+Jeder denkt: &raquo;Es ist ein Elend, da&szlig; man diesem Manne
+ein Leid anthun mu&szlig;. Wie spricht er furchtlos in die
+Hundertundsiebzehn, unter denen kaum einer ist, der ihn
+nicht grimmig ha&szlig;t. Wie wenn er es nicht w&uuml;&szlig;te, so
+frei steht er da. Und doch wei&szlig; er es, er hat gewi&szlig; eine
+Ahnung vom Ahornbund. Nur nachgeben kann er nicht.
+Darum mu&szlig; man den B&auml;ren verderben.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt verk&uuml;ndet er die alten Satzungen und fragt,
+ob sich niemand freiwillig meldet.</p>
+
+<p>&raquo;So ein Knechtlein w&auml;re oder sonst einer geringen
+Standes, der liebt ein M&auml;dchen und der Vater will es
+nicht zugeben, so mag er sich melden, an die Wei&szlig;en
+Bretter steigen f&uuml;r seine Liebe und der Gemeinderat wird
+ihm Freiwerber sein!&laquo;</p>
+
+<p>Schweigen.</p>
+
+<p>&raquo;So einer w&auml;re, der h&auml;tte heimliche oder offenbare
+Schuld, will aber die heligen Wasser richten, mag er
+frei vortreten, und wenn er an die Wei&szlig;en Bretter steigt,
+so soll ihm, was er vergangen hat, nicht mehr angesehen
+sein, als es unsere Altvordern dem Matthys Jul angesehen
+haben. Gar nicht. Der Gemeinderat mag dann
+vor Gericht den Brauch des Thales darlegen und im
+Namen der Gemeinde um seine Freiheit bitten.&laquo;</p>
+
+<p>Schweigen! Der gr&auml;&szlig;liche Sturz Seppi Blatters
+lebt noch zu frisch in der Erinnerung aller. H&auml;tten die
+Gemeinder&auml;te aber vom Altar nach Josi Blatter geblickt,
+so h&auml;tten sie wohl gesehen, wie er den kalten Schwei&szlig;
+von der Stirne strich.</p>
+
+<p>&raquo;So lasset uns denn losen,&laquo; spricht der Presi.
+&raquo;Nach alter Sitte ist 77 die Loszahl. Will es jemand
+anders oder soll es gelten?&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_320" id="Page_320">[Pg 320]</a></span>Schweigen! Jeder der M&auml;nner hebt seinen Filz vor
+den Mund, das Summen des Vaterunsers f&uuml;llt den Raum.</p>
+
+<p>Der Presi hebt den Losbecher, spricht sein Gebet
+dar&uuml;ber, verschlie&szlig;t ihn mit dem silbernen Deckel, r&uuml;ttelt
+ihn und wendet ihn dreimal feierlich. Das Gleiche thun
+der Garde und die folgenden Mitglieder des Gemeinderates,
+und der letzte, der es thut, stellt den Becher wieder
+auf den Altar.</p>
+
+<p>Der Presi spricht mit lauter klarer Stimme: &raquo;In
+Gottes, in Jesu Christi, in der Jungfrau Maria, in
+St. Peters und aller Heiligen Namen &mdash; so wollen wir
+losen.&laquo; Und er hebt den Deckel der Urne ab.</p>
+
+<p>Da formt sich bankweise der Zug zum Altar. Mann
+hinter Mann schreiten sie feierlich heran, die von St. Peter,
+nur die Alten und Bresthaften bleiben zur&uuml;ck. Am Altar
+thut jeder einen Sto&szlig;seufzer, langt in die Urne, und
+von den Stufen hinunter bewegt sich der Zug zur&uuml;ck
+in die St&uuml;hle. Dort betet jeder wieder in seinen Hut
+und &ouml;ffnet sein Los. Den letzten Gliedern der Gemeinde
+folgt der Gemeinderat, und das letzte Los nimmt der
+Presi selbst.</p>
+
+<p>Langsam und feierlich vollendet sich die Zeremonie,
+kaum mit einem Laut verr&auml;t sich die grenzenlose Spannung,
+die &uuml;ber der Gemeinde liegt, denn es gilt als ein
+Zeichen der Schw&auml;che, sich hastig oder neugierig zu zeigen,
+oder Freude zu &auml;u&szlig;ern, wenn die schreckliche Zahl gl&uuml;cklich
+vorbeigegangen ist.</p>
+
+<p>Doch leuchtet jetzt manches Auge mutiger.</p>
+
+<p>&raquo;In Gottes, in Jesu Christi, in der heiligen Jungfrau
+Maria, in St. Peters und aller Heiligen Namen,
+der, den das Los getroffen hat, mag stehen bleiben.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_321" id="Page_321">[Pg 321]</a></span>Alle anderen setzen sich, nur der junge Peter Thugi
+ragt einsam aus ihnen. Jede Farbe ist aus seinem Gesicht
+gewichen.</p>
+
+<p>&raquo;Peter Thugi, habt Ihr das Los?&laquo; fragt der Presi
+feierlich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagt der junge Mann, es klingt wie ein
+Schluchzer. Seine junge Frau ist ihm k&uuml;rzlich gestorben,
+er steht mit zwei Kindern und dem alten Gro&szlig;vater
+allein, ist aber sonst fast mit dem ganzen Dorf verwandt
+und nicht mittellos.</p>
+
+<p>In einen seltsamen klagenden Laut l&ouml;st sich das Erbarmen
+der M&auml;nner aus.</p>
+
+<p>Ein feierlicher Augenblick.</p>
+
+<p>Da schnellt Josi Blatter aus der Menge auf: &raquo;Presi
+und Gemeinderat, darf ich reden?&laquo; fragt er bewegt.</p>
+
+<p>&raquo;Sprecht, Blatter,&laquo; sagt der Presi, indem er den
+jungen Mann neugierig, doch mit warmer Achtung mi&szlig;t.</p>
+
+<p>Josi err&ouml;tet und verwirrt sich unter den vielen
+Blicken, die verwundert und mi&szlig;trauisch auf ihn gerichtet
+sind.</p>
+
+<p>Will er an die Stelle Peter Thugis treten?</p>
+
+<p>Er schluckt ein paarmal; unsicher zuerst, dann immer
+fester redet er:</p>
+
+<p>&raquo;Herr Presi, ihr Gemeinder&auml;te und B&uuml;rger von
+St. Peter! Obwohl ich nur ein schlichter Mann und erst
+vor wenigen Tagen aus der Fremde zur&uuml;ckgekehrt bin,
+wage ich es, zu euch zu sprechen. Meiner Lebtag hat es
+mich beelendet, wie mein Vater selig an den Wei&szlig;en
+Brettern gefallen ist. Ich bin in der Fremde Felsensprenger
+gewesen, und wenn ihr es zugebt und mir die
+n&ouml;tige Hilfe leistet, so will ich von jetzt an bis zum<span class='pagenum'><a name="Page_322" id="Page_322">[Pg 322]</a></span>
+Allerheiligentag f&uuml;r die heligen Wasser eine Leitung durch
+die Felsen der Wei&szlig;en Bretter f&uuml;hren, da&szlig; alle K&auml;nnel
+&uuml;berfl&uuml;ssig sind, und die Blutfron von St. Peter l&ouml;sen.
+Es ist die Erf&uuml;llung eines Gel&uuml;bdes f&uuml;r ein gro&szlig;es
+Gl&uuml;ck, das ich erlebt habe, und ich thue es ohne Lohn.&laquo;</p>
+
+<p>M&auml;chtige Bewegung. Man h&ouml;rt dumpfes Murren:
+&raquo;Was er sagt, kann niemand thun!&laquo; und halblaute
+Rufe: &raquo;Prahler! &mdash; Gro&szlig;hans! &mdash; Gottesl&auml;sterer!&laquo; Der
+Presi aber donnert: &raquo;La&szlig;t ihn reden. &mdash; Josi Blatter,
+Ihr habt das Wort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es giebt jetzt ein wei&szlig;es Pulver,&laquo; f&auml;hrt Josi fort,
+&raquo;das ist wohl hundertmal st&auml;rker an Gewalt als das
+schwarze und hei&szlig;t Dynamit. Man sprengt damit die
+Wege f&uuml;r die Eisenbahnen durch die Berge, und wenn
+ihr euch drau&szlig;en in der Welt erkundigen wollt, so werdet
+ihr erfahren, da&szlig; damit Werke errichtet worden sind, gegen
+die ein Gang durch die Wei&szlig;en Bretter nur ein Spiel ist.&laquo;</p>
+
+<p>Der Bockje&auml;lpler ruft: &raquo;Einen Tunnel habe ich auch
+schon gesehen.&laquo; Andere Stimmen sagen: &raquo;H&ouml;rt &mdash; vielleicht
+hat der Plan doch H&auml;nde und F&uuml;&szlig;e,&laquo; wieder andere
+grollen: &raquo;Nichts Neues in St. Peter, wir haben am
+Alten genug.&laquo; Dritte dr&auml;ngen: &raquo;Nur reden,&laquo; und vierte
+mahnen drohend: &raquo;Nein, abhocken, Rebell.&laquo;</p>
+
+<p>So schwirren die Rufe.</p>
+
+<p>Da mahnt der Garde: &raquo;Er hat das Wort vom
+Presi!&laquo;</p>
+
+<p>Der Bockje&auml;lpler ruft: &raquo;Aber er kommt nicht durch
+die Wildleutfurren!&laquo;</p>
+
+<p>Josi Blatter f&auml;hrt fort: &raquo;Durch die Wildleutfurren
+baue ich eine Mauer, setze den Kanal darauf, dar&uuml;ber ein
+stark steiles Dach aus den dicksten Balken, dar&uuml;ber ein<span class='pagenum'><a name="Page_323" id="Page_323">[Pg 323]</a></span>
+zweites wasserdichtes aus Steinplatten, die ich mit
+Zement, einem gelben Pulver, verbinde. Ich lehne das
+Dach dicht an die Felsen der Furren, die ich ein gutes
+St&uuml;ck empor so verbauen will, da&szlig; die Lawine keinen
+Angriff findet, wenn sie kommt, und da&szlig; sie machtlos
+&uuml;ber die Steinplatten niederpoltern mu&szlig;. Tr&auml;gt man
+zu dem Werk ein wenig Sorge, so h&auml;lt es tausend Jahre.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm &mdash; es scheint, er versteht etwas!&laquo; &mdash; &raquo;La&szlig;t
+euch nicht ein, das ist Aufruhr und Tods&uuml;nde.&laquo; &mdash; &raquo;Er
+ist noch der alte Rebell,&laquo; verwirren sich die Stimmen.</p>
+
+<p>Eine unbeschreibliche Erregung herrscht in der Kirche,
+das Klopfen der ge&auml;ngstigten Frauen, das durch die
+schwere Th&uuml;re dringt, vermehrt sie.</p>
+
+<p>Josi kann vor dem L&auml;rm um ihn nicht weiter reden,
+fast hoffnungslos sitzt er ab.</p>
+
+<p>Da reckt sich der Presi machtvoll, mit funkelnden
+Augen und mit gl&uuml;hrotem Kopf vor der Gemeinde auf.
+&raquo;Ihr M&auml;nner von St. Peter,&laquo; spricht er mit zwingendem
+Klang der Stimme, &raquo;wir wollen das Angebot Josi Blatters
+nicht leicht nehmen. Er hat von den Ingenieuren
+der englischen Regierung in Indien gute Zeugnisse erhalten,
+er war der Kopf einer Abteilung von &uuml;ber hundert
+Mann. Und die Engl&auml;nder sind ein t&uuml;chtiges Volk.
+Pr&uuml;ft also das gro&szlig;herzige Anerbieten, es handelt sich,
+wenn das Werk ger&auml;t, um eine wunderbare Wohlthat
+f&uuml;r uns, unsere Kinder und Kindeskinder. Weil aber die
+Angelegenheit so wichtig ist, so meine ich, die Gemeinde
+sollte eine Abordnung in die Stadt schicken und beim
+Regierungsrat fragen, was vom Plan Josi Blatters zu
+halten sei. Ohne ihn k&ouml;nnen wir nicht vorw&auml;rts gehen,
+er m&uuml;&szlig;te auch zwischen uns und den &auml;u&szlig;eren Gemeinden<span class='pagenum'><a name="Page_324" id="Page_324">[Pg 324]</a></span>
+vermitteln, da&szlig; die heligen Wasser einen Sommer lang
+stillstehen d&uuml;rfen. Wir wollen aber rasch handeln, damit
+wir in acht Tagen wieder Gemeinde halten und entscheiden
+k&ouml;nnen, ob wir das Werk annehmen oder nicht.
+Ich wei&szlig;, da&szlig; ihr mir alle grollt, aber Gott im Himmel
+wei&szlig; es auch: Wenn ich schon nicht immer eure Ansichten
+teile, habe ich es doch immer gut mit St. Peter gemeint.
+Ich will das Amt, das ich zwanzig Jahr bekleide, vor
+euerm Groll in der Maigemeinde niederlegen. &mdash; Folgt
+nur jetzt noch einmal meinem Rat. Nehmt das Angebot
+Josi Blatters ernst, ich bitte euch herzlich darum.&laquo;</p>
+
+<p>Mit hinrei&szlig;ender W&auml;rme, mit strahlendem Auge,
+zuletzt mit einer Bescheidenheit, die die Herzen bezwang,
+hat der Presi geredet und alle verwirrt. Ist das der hochm&uuml;tige
+Mann, der dem Dorf den harten h&ouml;hnischen
+Bescheid gegeben hat?</p>
+
+<p>Sein Auge sucht Josi Blatter &mdash; ein kleines, unendlich
+sch&ouml;nes L&auml;cheln geht um seinen Mund &mdash; ein L&auml;cheln,
+bei dem Josi ist, es schmelze der Ha&szlig; aller Jahre hinweg.</p>
+
+<p>Er ist wonnig best&uuml;rzt &uuml;ber den Blick.</p>
+
+<p>Nun aber h&auml;lt der Glotterm&uuml;ller mit seiner hohen
+Weiberstimme auch eine Rede: &raquo;Nur nichts Neues. Die
+Wasserfron ist St. Peter von Gott auferlegt, da&szlig; wir nicht
+&uuml;berm&uuml;tig werden in Bosheit. Josi Blatter ist ein Aufr&uuml;hrer
+und bleibt ein Aufr&uuml;hrer, und wie fr&uuml;her gegen
+das Dorf, wendet er sich jetzt gegen Gott und seinen Himmel.
+Ich sage: Nichts Neues! &mdash; Keine Abordnung!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts Neues! &mdash; Keine Abordnung!&laquo; fielen einige
+ein, andere riefen: &raquo;Fort mit der Blutfron!&laquo;</p>
+
+<p>Peter Thugi sa&szlig; da wie ein Gerichteter, dem man
+das Leben zu schenken im Begriffe steht.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_325" id="Page_325">[Pg 325]</a></span>Mit Hilfe seiner gro&szlig;en Verwandtschaft beschlo&szlig; die
+Gemeinde, die Abordnung an den Regierungsrat zu
+schicken, und bestellte sie aus dem Glotterm&uuml;ller, zwei
+weiteren Anh&auml;ngern des Alten, dem Garden und dem
+Bockje&auml;lpler, der halb an Josi Blatter glaubte. Den
+Presi aber &uuml;berging die Gemeinde in der Wahl.</p>
+
+<p>Bis die Abordnung &uuml;ber die Antwort der Regierung
+Bericht erstatte, solle Peter Thugi bei seinem Los behaftet
+sein.</p>
+
+<p>Ein Krieg h&auml;tte das Dorf nicht mehr aufregen k&ouml;nnen
+als der erstaunliche Ausgang der Losgemeinde.</p>
+
+<p>&raquo;Der Presi,&laquo; h&ouml;hnten einige grimmig, &raquo;hat uns mit
+seiner schlangengescheiten Zunge wieder einmal erwischt.
+H&uuml;tet euch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; Josi Blatter mit seinem Gel&uuml;bde gerade auf
+die Zeit zur&uuml;ckgekehrt ist, wo die Wildleutlawine gegangen
+ist, bedeutet etwas &mdash; ein gro&szlig;es Gl&uuml;ck oder ein noch
+gr&ouml;&szlig;eres Ungl&uuml;ck,&laquo; meinten andere.</p>
+
+<p>Nach der Losgemeinde hat Eusebi noch einen Gang
+zu machen. Vroni wandelt mit Josi durch das ergr&uuml;nende
+Feld und schaut den schweigsamen Bruder mit ihren
+blauen treuen Augen traurig, doch mit grenzenloser Bewunderung
+an.</p>
+
+<p>&raquo;Josi,&laquo; sagt sie, &raquo;du bist also der Mann, der uns
+geweissagt ist in den alten Heligen-Wasser-Sagen, die
+da melden: Es wird einer kommen, der st&auml;rker ist als
+Matthys Jul, und wird St. Peter von der Blutfron
+an den Wei&szlig;en Brettern erl&ouml;sen. Du bist also der Mann,
+Josi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hoffe es!&laquo; erwidert er mit einem bleichen
+L&auml;cheln.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_326" id="Page_326">[Pg 326]</a></span>&raquo;O Josi,&laquo; versetzt sie, &raquo;es ist schwer, dieses Mannes
+Schwester zu sein &mdash; &mdash; und in den alten Sagen steht
+auch, es m&uuml;sse eine Jungfrau &uuml;ber dem Werke sterben.&laquo;</p>
+
+<p>Er zuckt heftig zusammen, er schlingt den Arm um
+die H&uuml;fte Vronis. &raquo;Ich wei&szlig; nur, da&szlig; ich mein Gel&uuml;bde
+erf&uuml;llen mu&szlig;,&laquo; sagt er ernst, &raquo;es ist f&uuml;r Binia, daf&uuml;r,
+da&szlig; sie rein und treu geblieben ist. Und wenn es sein
+mu&szlig;, sterben wir beide f&uuml;r das Werk, aber gewi&szlig; nicht
+eines allein.&laquo;</p>
+
+<p>Da sieht Vroni das gr&uuml;ne Feld nicht mehr, durch
+das Peter Thugi, der vom Los Getroffene, mit seinen
+Kleinen kommt. Er spricht zu ihnen: &raquo;Seht, das ist der
+Mann, der euren Vater retten wird;&laquo; er wendet sich zu
+den Geschwistern: &raquo;O Josi &mdash; k&ouml;nnte ich es dir einmal
+danken, was du an diesen Kleinen thun willst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du, Vroni,&laquo; sagt Josi bewegt, &raquo;und ich kann
+nicht glauben, da&szlig; ein Segen zuletzt in einem Ungl&uuml;ck
+endet. &mdash; Wenn es aber w&auml;re &mdash; so thue ich doch, was
+ich mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_327" id="Page_327">[Pg 327]</a></span></p>
+<h2><a name="XVIII" id="XVIII"></a>XVIII.</h2>
+
+
+<p>Der Presi sitzt im B&auml;ren auf seinem Zimmer, aber
+es ist nicht der Presi, der das Z&uuml;nglein der Wage wie
+schon oft in der Gemeindeversammlung mit hinrei&szlig;endem
+Wort geschwenkt hat, er ist ein alter gebrochener Mann.
+&raquo;Seppi Blatter &mdash; Fr&auml;nzi,&laquo; st&ouml;hnt er, &raquo;seid ihr jetzt mit
+mir zufrieden? &mdash; Ob das Herz entzwei kracht, ich habe
+mich gewendet &mdash; ich habe f&uuml;r euern Josi geredet &mdash; ich
+will noch mehr thun, ich will ihm zu seinem Werk helfen
+&mdash; ich will Frieden &mdash; Frieden &mdash; mit euch und eurem
+Sohne Josi &mdash; den ich geschlagen habe &mdash; den ich achte
+und liebe.&laquo;</p>
+
+<p>Seit er den jungen Mann gesehen hat, wie er sich
+in Bescheidenheit erhob, wie er mutig und mutiger redete,
+fa&szlig;t er es nicht mehr, wie er Josi Blatter jemals hat
+gram sein k&ouml;nnen. Sein Plan ist gro&szlig;. Wie er ist noch
+keiner im Bergland aufgestanden. Josi und Binia! Wenn's
+sein k&ouml;nnte &mdash; aber &mdash; &mdash; er br&uuml;tet wieder.</p>
+
+<p>Da schwankt Binia zu ihm herein, bla&szlig;, m&uuml;d und
+auf den schmalen W&auml;nglein doch einen Schimmer des
+Gl&uuml;cks.</p>
+
+<p>O, sie ist r&uuml;hrend sch&ouml;n, die blasse Binia.</p>
+
+<p>Sie nimmt die Hand des Vaters in ihre H&auml;ndchen:<span class='pagenum'><a name="Page_328" id="Page_328">[Pg 328]</a></span>
+&raquo;Vater, ich danke dir, da&szlig; du f&uuml;r Josi eingestanden bist.&laquo;
+Ein schmerzliches L&auml;cheln geht &uuml;ber ihr bleiches Antlitz.</p>
+
+<p>&raquo;Du liebst ihn noch, Vogel, Herzensvogel &mdash; gelt,
+ich kann f&uuml;r dich &mdash; und f&uuml;r Josi Blatter viel thun.&laquo;
+Sein Haupt zittert, sie sinkt vor ihm nieder &mdash; er streichelt
+ihren Scheitel: &raquo;Kind &mdash; ich m&ouml;chte Frieden machen.
+&mdash; Bini &mdash; ich m&ouml;chte noch einmal gl&uuml;cklich sein &mdash; und
+wenn es nur ein J&auml;hrchen w&auml;re. &mdash; Bini, ich wollte,
+deine Mutter lebte noch. Beth, mein guter Engel. &mdash;
+Ich w&auml;re mit ihr nicht so weit gekommen und das Hintersichkrebsen
+w&auml;re nicht so schwer. &mdash; Josi Blatter ist ein
+Mann wie ein Held &mdash; ich will f&uuml;r ihn k&auml;mpfen. Wenn
+mich die von St. Peter schon nicht in die Abordnung
+gew&auml;hlt haben, so gehe ich doch f&uuml;r ihn in die Stadt,
+und ob das Dorf mich ha&szlig;t, so bin ich vor der Regierung
+noch der Presi von St. Peter. &mdash; Soll ich gehen, Kind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Vater, ja.&laquo;</p>
+
+<p>Herzzerbrechend weint die knieende Binia.</p>
+
+<p>&raquo;Bini &mdash; Gemslein,&laquo; hebt der Presi wieder an,
+&raquo;ich kann deine blassen Wangen nicht mehr sehen &mdash; sie
+t&ouml;ten mich &mdash; Bini, bekomme rote W&auml;nglein &mdash; la&szlig; die
+Geschichte von Th&ouml;ni nur erst still werden &mdash; dann nimm
+in Gottes Namen Josi &mdash; ich habe ihn lieb &mdash; und lache
+wieder einmal mit deinem gl&uuml;cklichen Kinderlachen.&laquo;</p>
+
+<p>Binia zuckt und windet sich in Qualen des Gl&uuml;cks &mdash;
+und des Elends. Wahnsinnig k&uuml;&szlig;t sie die H&auml;nde des
+Vaters und dann schaut sie ihn an so r&uuml;hrend, so hoffnungslos.
+Und ihr Stimmchen bebt wundersam: &raquo;Vater,
+es ist zum Kinderlachen zu sp&auml;t!&laquo;</p>
+
+<p>Da wird er in gr&auml;&szlig;licher Angst pl&ouml;tzlich wieder der
+alte, b&ouml;se Presi. Er zischt sie an: &raquo;Zu sp&auml;t &mdash; Bini,<span class='pagenum'><a name="Page_329" id="Page_329">[Pg 329]</a></span>
+du hast wohl k&ouml;nnen so eine Kom&ouml;die machen, bis du
+dich zu Th&ouml;ni gefunden hast. Du bist ja doch zu weit
+mit ihm gekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &mdash;. Vater &mdash; nein!&laquo; Es t&ouml;nt wie ein zersprungenes
+Gl&ouml;cklein.</p>
+
+<p>&raquo;Warum bist du denn so bla&szlig; &mdash; so hinf&auml;llig? &mdash;
+Ich habe es ja selber gesehen, wie du aus seiner Kammer
+gekommen bist.&laquo;</p>
+
+<p>Binia wimmert nur, etwas Schweres schlie&szlig;t ihr den
+Mund. &mdash; Sie schwankt empor, sie tappt davon wie
+eine Trunkene.</p>
+
+<p>Sie ist in ihrer Kammer, sie kniet an ihrem Bett:
+&raquo;Mutter &mdash; Mutter &mdash; es ist entsetzlich &mdash; das glaubt
+der Vater &mdash; ich h&auml;tte mich mit Th&ouml;ni vergangen! &mdash;
+Und ich darf ihm die Wahrheit nicht sagen, warum ich
+mein Kinderlachen verloren habe. Er w&uuml;rde daran
+sterben.&laquo;</p>
+
+<p>Und sie wimmert, wie der Engel wimmerte, den
+man aus dem Himmel stie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Mutter &mdash; Mutter &mdash; wie sind wir ungl&uuml;cklich. &mdash;
+Aber gelt, Mutter, liebe Mutter, Josis Werk kann uns
+erl&ouml;sen &mdash; er, der so viele erl&ouml;st, kann auch uns befreien.
+Ich bin an allem schuld. &mdash; Und den gr&auml;&szlig;lichen Vorwurf
+des Vaters mu&szlig; ich tragen &mdash; Mutter &mdash; um des
+Vaters selber willen &mdash; hilf mir schweigen.&laquo;</p>
+
+<p>Was Binia noch sonst sagt, ist stammelndes Gebet.</p>
+
+<p>Der Presi aber ist noch nicht zu Ende mit seinem
+Zorn, die furchtbare Angst um Binia erzeugt seine Wut
+immer neu. Er rennt hinunter zu Frau Cresenz, er
+donnert sie an: &raquo;Was sagt Ihr eigentlich zu der Geschichte
+von den Briefen &mdash; was sagt Ihr zu dem elenden<span class='pagenum'><a name="Page_330" id="Page_330">[Pg 330]</a></span>
+Gesichtchen meiner Bini? &mdash; Wohl, wohl, Ihr habt mir
+mit Eurem Neffen einen saubern Schuft ins Haus gebracht.
+&mdash; He, Frau Cresenz &mdash; gestupst und getrieben
+habt Ihr Tag und Nacht an mir, da&szlig; ich Bini dem
+Th&ouml;ni gebe &mdash; und er hat mich getrieben, da&szlig; ich den
+verfluchten Neubau angefangen habe.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Cresenz, die k&uuml;hle und geduldige Frau, wischt
+sich, wie er nicht aufh&ouml;rt zu w&uuml;ten, mit der Sch&uuml;rze die
+Thr&auml;nen ab: &raquo;Pr&auml;sident,&laquo; sagt sie entr&uuml;stet, &raquo;ungerecht
+bleibt Ihr, bis Ihr sterbt! Ich habe auf Th&ouml;ni, den
+Speivogel, gar nicht viel gehalten. Denkt aber an den
+Wintertag, an dem Ihr mit Th&ouml;ni, aus Freude dar&uuml;ber,
+da&szlig; Blatter tot sei, wie toll getrunken und die Gl&auml;ser
+miteinander ins Leere gesto&szlig;en habt: 'Zum Wohl, Seppi
+Blatter, zum Wohl, Josi Blatter, du Laushund.' Habt
+Ihr da nicht geahnt, da&szlig; es ein Ungl&uuml;ck giebt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schweigt!&laquo; schreit der Presi entsetzt, ihm ist, als
+z&uuml;nde ihm jemand mit einer Fackel ins Gesicht; er ist
+seiner Zunge nicht m&auml;chtig, er w&uuml;rde sonst Frau Cresenz
+nicht so lange haben reden lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Als die Todesnachricht falsch war,&laquo; f&auml;hrt sie fort,
+&raquo;und Blatter wieder schrieb, da hat der Thor, der euch
+alles von den Augen absah, gemeint, es sei euch ein
+Gefallen, wenn Blatter tot bliebe. Er hat den ersten
+Brief unterschlagen, dann hat er nicht mehr r&uuml;ckw&auml;rts
+k&ouml;nnen, hat falsch geschrieben und es ist gekommen, wie's
+gekommen ist. Da&szlig; er ein Schelm und fremd geworden
+ist, daran seid Ihr schuld.&laquo;</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich versteht der Presi die Handlungsweise Th&ouml;nis.</p>
+
+<p>Er taumelt fort, er holt im Untergaden einen
+m&auml;chtigen Karst, rennt damit in der beginnenden D&auml;mmerung<span class='pagenum'><a name="Page_331" id="Page_331">[Pg 331]</a></span>
+durch das Dorf, und erschrocken sehen es die von
+St. Peter.</p>
+
+<p>&raquo;Was hat der Presi?&laquo; fragen sie, &raquo;was will er mit
+seiner Hacke?&laquo;</p>
+
+<p>Er eilt zum Neubau, der bis zum ersten Stockwerk
+gediehen ist. Mit wuchtigem Arm schl&auml;gt er die Zinken
+in Mauer und Balken, er rei&szlig;t vom Werk, um dessen
+willen er das Dorf bis ins Mark beleidigt hat, so viel
+ein, als seiner Wut nachgiebt, er lebt in der wilden Gier,
+alles zu vernichten, was ihn an den unseligen Th&ouml;ni
+mahnt. Aus scheuer Entfernung sehen ihm die ma&szlig;los
+erstaunten D&ouml;rfler zu. &raquo;Er ist letzk&ouml;pfig geworden!&laquo;
+meinen die einen, die anderen: &raquo;Nein, seht, er hat doch
+ein Herz f&uuml;r uns.&laquo; Wie er sich beobachtet sp&uuml;rt, stutzt
+er, dann ruft er den N&auml;hertretenden zu: &raquo;Nehmt von
+dem verfluchten Holz, so viel ihr wollt, verbrennt es.
+Sagt es den armen Leuten, da&szlig; sie's holen m&ouml;gen.
+Bringt eure Aexte und K&auml;rste, helft mir!&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde kommt und streckt dem Presi die Hand
+hin: &raquo;Presi, etwas Besseres habt Ihr in Euerm Leben
+nie gethan!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewendet habe ich mich, Garde,&laquo; sagt er und die
+D&ouml;rfler staunen.</p>
+
+<p>&raquo;Der Presi hat sich gewendet.&laquo; &mdash; Wenige l&auml;cheln,
+es ist kein Spott oder Hohn im Dorf, offen oder heimlich
+ist ihm jedes Herz dankbar. Wie er den Karst auf
+den Schultern mit dem Garden durch die Fr&uuml;hlingsnacht
+heimw&auml;rts schreitet, l&uuml;ften die D&ouml;rfler, die
+unter den Th&uuml;ren stehen, achtungsvoll die H&uuml;te vor
+ihrem Presi.</p>
+
+<p>&raquo;Man kann vielleicht den entsetzlichen Ahornbund<span class='pagenum'><a name="Page_332" id="Page_332">[Pg 332]</a></span>
+absch&uuml;tteln,&laquo; fl&uuml;stern sie einander zu, &raquo;und f&uuml;r St. Peter
+kommt wieder eine bessere Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>Und die Fr&uuml;hlingssterne, die zu schimmern beginnen,
+sehen den zertr&uuml;mmerten Bau, der nie ein Haus geworden
+ist.</p>
+
+<p>Seltsam! &mdash; Seit langen Jahren geht durch die
+Brust des Presi ein Hauch des Friedens &mdash; er w&uuml;tet
+nicht mehr, nur eine hei&szlig;e Wehmut um Binia schleicht
+noch durch sein Herz.</p>
+
+<p>&raquo;Wie &mdash; wenn Josi Blatter sie so stark liebte, da&szlig;
+er sie trotz allem, was vorgefallen ist, doch zu Ehren
+ann&auml;hme!&laquo; &mdash; Um Binias willen mu&szlig; er Josi Blatter
+den Weg zu seinem Werke leicht machen und den noch
+z&ouml;gernden Garden &uuml;berredet er mit dem Feuer eines
+J&uuml;nglings von der Ausf&uuml;hrbarkeit des Befreiungswerkes,
+das Josi plant.</p>
+
+<p>Ohne da&szlig; er es wei&szlig;, hat er daf&uuml;r schon das Beste
+gethan.</p>
+
+<p>Die D&ouml;rfler sagen: &raquo;Wenn das Wunder m&ouml;glich
+ist, da&szlig; der Neubau des Presi durch seine Hand zergeht, so
+ist auch das andere m&ouml;glich, da&szlig; Josi Blatters Plan gut ist.&laquo;</p>
+
+<p>Das schwer ersch&uuml;tterte Vertrauen in die Zukunft
+erwacht wieder in dem ge&auml;ngstigten Dorf.</p>
+
+<p>Es sind so wunderliche Zeitl&auml;ufte in St. Peter,
+da&szlig; man sich aus dem Verschwinden Th&ouml;ni Griegs nicht
+viel macht. Vor ein paar Jahren hat er schon gesagt,
+er gehe nach Amerika, gestern hat er es beim Glotterm&uuml;ller
+mit dem Zusatz wiederholt, es sei in der Umgebung
+des Presi nicht mehr auszuhalten. Jetzt ist er
+halt gegangen, und Binia wird froh sein.</p>
+
+<p>Einige Tage sp&auml;ter durchfliegt eine neue Kunde das<span class='pagenum'><a name="Page_333" id="Page_333">[Pg 333]</a></span>
+Dorf und nimmt alle Teilnahme so gefangen, da&szlig; die
+von St. Peter vor Spannung nicht mehr arbeiten m&ouml;gen.</p>
+
+<p>Die Regierung ist m&auml;chtig f&uuml;r den Plan Josi Blatters
+eingenommen, der ihn selbst den Herren dargelegt hat.</p>
+
+<p>Vor etwa vierzig Jahren ist einmal ein Regierungsrat
+nach St. Peter gekommen und hat der Einweihung
+einer Kirchenfahne beigewohnt. Seither hat man in der
+Stadt das stille St. Peter vergessen. Nun erlebt es das
+Dorf, da&szlig; zur zweiten Wassertr&ouml;stung zwei Regierungr&auml;te
+auf einmal kommen. Die liebensw&uuml;rdigen, gescheiten
+Herren verstehen besser zu reden als der glatzh&auml;uptige
+Glotterm&uuml;ller, der quiekende Ungl&uuml;cksrabe.</p>
+
+<p>&raquo;Josi Blatter, der gro&szlig;herzige Mann,&laquo; sagen sie,
+&raquo;soll sein Gel&uuml;bde l&ouml;sen, die Leitung nach den neuen
+technischen Grunds&auml;tzen bauen und treulich sollen ihm
+Staat und Gemeinde helfen. Der Staat liefert ihm die
+Spreng- und Baumittel, die Gemeinde mag sich zu den
+Hilfstagewerken verpflichten, die n&ouml;tig sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wenn die Regierung daf&uuml;r einsteht,&laquo; meinen
+die von St. Peter, &raquo;so ist der Plan gewi&szlig; gut,&laquo; und
+freudig zeichnen die Bauern ihre Tagewerke.</p>
+
+<p>Umsonst ruft der letzk&ouml;pfige Kaplan sein &raquo;Wehe &mdash;
+wehe &mdash; wehe!&laquo; durchs Dorf, ihm antwortet der jubelnde
+Ruf: &raquo;Ab mit der Blutfron &mdash; ab &mdash; ab! &mdash; es lebe
+Josi Blatter, der Felsensprenger! Das Werk ist f&uuml;r uns,
+unsere Kinder und Kindeskinder.&laquo;</p>
+
+<p>Eine gute That! &mdash; Sie ist selbst heiliges Wasser,
+das befruchtet. Die Ungl&uuml;ckstafeln an den Wei&szlig;en Brettern
+werden verrosten, die Losgemeinde wird eine Sage
+sein, frei giebt man die heligen Wasser in der Kinder,
+in der Enkel Hand.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_334" id="Page_334">[Pg 334]</a></span>Und der &raquo;Ahornbund&laquo; liegt am Boden.</p>
+
+<p>Josi hat die Herren aus der Stadt in den B&auml;ren
+begleiten m&uuml;ssen, aber jetzt sind sie fort.</p>
+
+<p>Zum erstenmal, seit sie vom Teufelsgarten kamen,
+sehen sich die Liebenden wieder. Es ist ein schweres
+Wiedersehen!</p>
+
+<p>Aber nun steht Binia doch so selig, so dem&uuml;tig in
+Josis Arm &mdash; und er k&uuml;&szlig;t ihren Scheitel: &raquo;Bineli &mdash;
+mein Bineli.&laquo; Und &raquo;Josi&laquo; antwortet sie.</p>
+
+<p>Sie vergessen einen Herzschlag lang eine blutende
+Wunde &mdash; sie sind am Ziel. Ihre stille Verlobung von
+Santa Maria del Lago gilt wieder und er geht jetzt an
+das Werk seiner Dankbarkeit, auf dem ihre hei&szlig;en
+Segensw&uuml;nsche ruhen.</p>
+
+<p>Aber dann freilich ist noch eine That n&ouml;tig, die
+fast schwerer als die Befreiung St. Peters von der Blutfron
+ist, die Selbsterl&ouml;sung aus einem Schein der Schuld,
+den ein &uuml;berm&auml;chtiges Verh&auml;ngnis auf sie geladen hat.</p>
+
+<p>Nur wie ein ferner Stern, der blinkt, steht jenseits
+der gro&szlig;en Dinge vor ihnen das Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Einen Herzschlag lang atmen sie auf, sie hoffen
+und ihre Augen gl&auml;nzen ineinander.</p>
+
+<p>Da kommt der Presi, sieht es &mdash; sieht es &mdash; er
+l&auml;chelt ihnen gl&uuml;cklich und mit seinem herzinnigsten Lachen
+zu, er meint ein Wunder zu erleben &mdash; er schwankt, ob
+er noch an das glauben will, was er doch mit eigenen
+Augen gesehen hat, da&szlig; Binia aus der Kammer Th&ouml;nis trat.</p>
+
+<p>Einen Blick hat sie Josi gegeben so voll W&auml;rme,
+voll Treue, voll Reinheit und Unschuld, wie ihn nur das
+M&auml;dchen findet, das sich in seiner Liebe treu, rein und
+unschuldig wei&szlig;.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_335" id="Page_335">[Pg 335]</a></span>Diese Entdeckung blitzt wie Sonne ins Vaterherz.</p>
+
+<p>Josi ist an sein Werk gegangen, dem er nun bis
+zur Vollendung mehr geh&ouml;rt als der Welt.</p>
+
+<p>Da nimmt der Presi die Hand seines Kindes: &raquo;Bini
+&mdash; Vogel &mdash; Gemslein,&laquo; dringt er in sie, &raquo;jetzt darfst
+du's deinem Vater schon sagen: Hast du Th&ouml;ni wirklich
+nie gern gehabt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du thust mir furchtbar weh, Vater!&laquo; antwortet
+sie schamvoll, &raquo;glaubst du, ich d&uuml;rfte einem so herrlichen
+Mann wie meinem Josi in die Augen sehen, wenn ich
+mich nicht treu w&uuml;&szlig;te, meinem Josi, der nur aus Dankbarkeit
+gegen den Himmel an die Wei&szlig;en Bretter geht,
+weil er mich trotz allem Gegenschein treu erfunden hat.&laquo;
+Und im Sturm der Wallung kann sie nicht mehr schweigen.
+&raquo;Als du mich aus Th&ouml;nis Kammer kommen sahst, habe
+ich nur die Schl&uuml;ssel geholt, um mich der Briefe zu bem&auml;chtigen,
+die er unterschlagen hat, &mdash; da sind sie.&laquo;</p>
+
+<p>Sie rei&szlig;t die Notschreie Josis aus dem Mieder, legt
+sie vor den Vater und will sich fl&uuml;chten. Er aber zieht sie
+an seine Brust: &raquo;Vogel &mdash; Herzensvogel &mdash; und das hast
+du nicht gewagt, mir zu sagen, und hast mich in der
+verzehrenden Angst gelassen &mdash; du Grausame. &mdash; Aber
+jetzt rote W&auml;nglein, Kind!&laquo;</p>
+
+<p>Binia ist, das Herz zerspringe ihr, sie m&uuml;sse dem
+Vater mehr und alles verraten, sie m&uuml;sse ihm jetzt auch
+sagen: &raquo;Vater, uns ist ein Ungl&uuml;ck geschehen, hilf uns
+in entsetzlicher Not,&laquo; aber das unendliche Gl&uuml;ck, das in
+seinen Augen strahlt, schlie&szlig;t ihr den Mund.</p>
+
+<p>&raquo;O Bini &mdash; Bini,&laquo; lacht und jubelt der Presi. &raquo;Aus
+Beelendung &uuml;ber dich bin ich so r&uuml;ckw&auml;rts gekrebst &mdash; gezittert
+und gebetet habe ich, da&szlig; Josi sich doch deiner<span class='pagenum'><a name="Page_336" id="Page_336">[Pg 336]</a></span>
+erbarmen m&ouml;ge. &mdash; Und nun ist das Wunder geschehen,
+da&szlig; das Kind besser ist, als der Vater erhoffte. Jetzt
+will ich auf ein sch&ouml;nes, ruhiges Alter mit dir und Josi
+denken. &mdash; Ich mag die Unruhe nicht mehr &mdash; ich gebe
+das Fremdenwesen auf!&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi spricht es in einem Taumel des Gl&uuml;cks.
+Aber Binia weint bitterlich &mdash; sie schluchzt vor Leid:
+&raquo;O Vater, sobald Josi sein Werk vollendet hat, so wollen
+wir mit ihm von St. Peter fort in ein fernes Land
+ziehen, und dort will ich dein graues Haupt h&uuml;ten und
+pflegen.&laquo;</p>
+
+<p>Leidenschaftlich st&ouml;&szlig;t sie es hervor.</p>
+
+<p>&raquo;Ein sonderbarer Gedanke, Kind. Hat ihn dir Josi
+eingegeben?&laquo; fragt er ernst und erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Vater, ich mir selbst!&laquo; bebt ihr Mund.</p>
+
+<p>&raquo;Was denkst du,&laquo; spricht er nach einigem Besinnen,
+&raquo;ich kann nicht fort von St. Peter. Wer so lange in
+St. Peter gelebt hat wie ich, mu&szlig; in St. Peter sterben.&laquo; &mdash;</p>
+
+<p>Da schaut sie ihn in unendlicher Hilflosigkeit an
+und geht.</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist ein merkw&uuml;rdiges Kind, jetzt wie fr&uuml;her,&laquo;
+denkt der Presi, aber er ist selig &uuml;ber das Bekenntnis,
+das sie ihm abgelegt hat. Er baut Pl&auml;ne des Gl&uuml;cks
+f&uuml;r Binia, f&uuml;r Josi, f&uuml;r sich. Er ist beinahe wieder der
+alte Feuerkopf.</p>
+
+<p>Und er sch&uuml;ttelt den Kopf: &raquo;Wie ich so lange habe
+ein Narr sein und Josi widerstehen k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pr&auml;sident,&laquo; meint Frau Cresenz, &raquo;wir sollten doch
+langsam auf unsere Vorbereitungen f&uuml;r den Sommer
+denken, wenn Ihr die Krone aufgegeben habt, so werden
+wir um so mehr zum B&auml;ren sehen m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_337" id="Page_337">[Pg 337]</a></span>Er lacht sie nur seltsam an und sagt: &raquo;Ja, Pr&auml;sidentin,
+ich gehe morgen nach Hospel hinaus zu Malermeister
+Serbiger. Er mu&szlig; mir eine gro&szlig;e Tafel malen,
+auf der steht: 'Pension und Hotel zum B&auml;ren in St. Peter
+sind geschlossen', und die Tafel lasse ich auf zwei hohe
+Pf&auml;hle am Eingang des Glotterwegs aufstellen. Auch
+schicke ich einen gedruckten Brief an alle fr&uuml;heren G&auml;ste,
+da&szlig; ich das Fremdenwesen aus Altersr&uuml;cksichten aufgegeben
+habe.&laquo;</p>
+
+<p>Sprachlos schl&auml;gt Frau Cresenz die H&auml;nde &uuml;ber dem
+Kopf zusammen, dann aber jammert sie: &raquo;Wenn Ihr
+das thut, so gehe ich aus dem Haus &mdash; ich bin es nicht
+anders gew&ouml;hnt, als da&szlig; ich im Sommer eine Pension
+leite &mdash; und bedenkt doch, Pr&auml;sident, wie man Euch, wenn
+Ihr jetzt dem Dorf so stark nachgebt, auslachen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott's Donner, Pr&auml;sidentin,&laquo; z&uuml;rnt er, &raquo;ob ein
+paar K&auml;lber lachen oder nicht, darauf kommt es mir
+nicht an, aber Euer Neffe, Herr Th&ouml;ni, hat mir das
+Sommerleben verleidet &mdash; ich will jetzt ein wenig gl&uuml;cklich
+sein.&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Frau Cresenz aber ist ungl&uuml;cklich &mdash; eines Tages
+erscheint der Kreuzwirt von Hospel im B&auml;ren, die M&auml;nner
+rechnen im Frieden die Reingewinne aus den B&uuml;chern
+des Gasthofes w&auml;hrend der zehn letzten Jahre aus, ein
+Drittel der Summe zahlt der Presi Frau Cresenz in
+Banknoten vor und legt aus eigenen St&uuml;cken noch tausend
+Franken darauf: &raquo;Da, Pr&auml;sidentin, ist Euer Anteil.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gro&szlig;mut in Dingen des Geldes gef&auml;llt dem
+Kreuzwirt. &raquo;Schwager,&laquo; sagt er, &raquo;es thut mir leid, da&szlig;
+es so ungeschickt hat gehen m&uuml;ssen. W&auml;re ich bei den
+Hospelern gewesen, die den Zigarren rauchenden Th&ouml;ni<span class='pagenum'><a name="Page_338" id="Page_338">[Pg 338]</a></span>
+hoch auf der Post &uuml;ber den Pa&szlig; haben fahren sehen,
+h&auml;tte ich ihn heruntergelangt und ihm eine Tracht Ohrfeigen
+mit nach Amerika gegeben, dem Lausbuben, der
+seinen n&auml;chsten Verwandten nicht einmal ein Lebewohl
+und 'Es ist mir leid' gesagt hat.&laquo;</p>
+
+<p>Binia, die den Rechnenden eben noch eine Erfrischung
+bringt, mu&szlig; sich an der Stuhllehne des Vaters halten.</p>
+
+<p>&raquo;Th&ouml;ni &uuml;ber den Pa&szlig; gefahren!&laquo; staunt sie. Ja,
+ist denn das schreckliche Erlebnis im Teufelsgarten, das
+ihr Tag und Nacht mit f&uuml;rchterlicher Deutlichkeit vor
+den Sinnen steht, nur ein b&ouml;ser Traum?</p>
+
+<p>Herzlich dankt sie der Stiefmutter, die nie hart
+gegen sie gewesen ist, und der Kreuzwirt und Frau Cresenz
+reiten gerade so vom B&auml;ren, wie sie vor elf Jahren
+zugeritten sind.</p>
+
+<p>Eine ziemlich friedliche Ehe, die auf ein gemeinsames
+bl&uuml;hendes Gesch&auml;ft aufgebaut worden ist, hat ein
+friedliches Ende gefunden.</p>
+
+<p>Der Presi ist wieder da angekommen, wo er vor
+elf Jahren stand, der B&auml;ren ist wieder ein Dorfwirtshaus
+&mdash; mit Binia und einer Magd haust er allein.</p>
+
+<p>Aber er ist es zufrieden, er sp&uuml;rt nichts von Heimweh
+nach dem lebhaften Treiben der fr&uuml;heren Sommer,
+nach dem k&uuml;hlen L&auml;cheln der Frau Cresenz, er lebt ganz
+in Binia, dem wiedergefundenen Kinde.</p>
+
+<p>Und der B&auml;ren ist nicht &ouml;de. Aus der weiten Umgegend
+kommen Leute, die von dem Wunderwerk geh&ouml;rt
+haben, das an den Wei&szlig;en Brettern im Glotterthal
+ausgef&uuml;hrt wird. Sie reden bei ihrem Schoppen Kluges
+und Th&ouml;richtes dar&uuml;ber. Thun sie das letztere, dann zuckt
+es um die Brauen des Presi: &raquo;Ta-ta-ta, wenn jemand<span class='pagenum'><a name="Page_339" id="Page_339">[Pg 339]</a></span>
+von einer Sache nichts versteht, so soll er nicht dar&uuml;ber
+sprechen, letzte Woche sind die Ingenieure der Regierung
+dagewesen, sie sagen, das Werk sei vortrefflich.&laquo;</p>
+
+<p>Auch die D&ouml;rfler kommen wieder in den B&auml;ren, wie
+eine ferne dr&uuml;ckende Sage liegt der &raquo;Ahorn&laquo; hinter ihnen;
+sie begegnen dem Presi mit jener Hochachtung, die das
+besch&auml;mte Unrecht f&uuml;r den Gegner hat, der edel nachgiebt,
+sie freuen sich &uuml;ber den Sommer, der wie einst in friedlichen
+Pr&auml;chten ins Thal zieht.</p>
+
+<p>Der Garde und der Presi, die wieder vers&ouml;hnten
+Freunde, sprechen mit wahrer Erhebung von Josis Werk.</p>
+
+<p>In der gr&ouml;&szlig;eren Wildleutfurre ist die Mauer schon
+erstellt, die Leitung darauf gelegt, das Schutzdach aus
+Holz und Stein gebaut, die Furre selbst hochhin ausgeebnet
+und in der kleineren Wildleutfurre geht die Arbeit
+auch bald zu Ende. An einem Kranseil, das vom Glotterweg
+bis in die entlegene H&ouml;he der heligen Wasser reicht,
+steigen Hilfsarbeiter, schweben die H&ouml;lzer, die Deckplatten,
+die Zements&auml;cke zu Josi, dem Befreier, empor.</p>
+
+<p>Dynamitfuhre um Dynamitfuhre kommt und Josi
+baut jetzt den Wasserweg durch die Wei&szlig;en Bretter selbst.
+Er ist von der Sonne braun gesengt, er ist abgezehrt
+von der Arbeit, aber er liebt die M&uuml;he und die gro&szlig;e
+best&auml;ndige Lebensgefahr, die sein Werk mit sich bringt.
+Wer um Sonnenaufgang von St. Peter nach Hospel geht,
+h&ouml;rt sein H&auml;mmern in der fernen H&ouml;he, wer gegen
+Sonnenuntergang von dort zur&uuml;ckkehrt, h&ouml;rt es noch.
+Wenn das Ave-Maria-Gl&ouml;cklein von St. Peter verklungen
+ist, wenn das letzte Sonnenrot an den Firnen zergeht,
+dann hallen seine Sprengsch&uuml;sse durch das Thal. Im
+Wiederhall ert&ouml;nen die Bergw&auml;nde; heraus, herein durch<span class='pagenum'><a name="Page_340" id="Page_340">[Pg 340]</a></span>
+das Gebirge rollt das Echo, und wenn man es schon
+lange gestorben glaubt, erwacht es noch einmal grollend
+in einem fernen Schlund des Gebirges.</p>
+
+<p>&raquo;Zum Wohl, Garde, trinken wir eins auf Josi!&laquo;
+lacht der B&auml;renwirt.</p>
+
+<p>&raquo;Presi, jetzt werdet Ihr wohl keine b&ouml;sen Tr&auml;ume
+mehr haben,&laquo; erwidert der Garde froh.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich fasse es nicht mehr, wie ich mich einmal
+&uuml;ber ein dummes Tr&auml;umchen habe &auml;ngstigen k&ouml;nnen,&laquo;
+sagt der Presi, um den eine ganz neue Welt gesponnen
+ist. &raquo;Ich z&auml;hle im Kalender die Tage bis zu Allerheiligen,
+bis im B&auml;ren Hochzeitsleben jauchzt.&laquo;</p>
+
+<p>Ein hoffnungsvolles L&auml;cheln geht &uuml;ber das Gesicht
+des Presi. Wie der Garde aber nach Hause stoffelt, seufzt
+er und ist nachdenklich. Auch er z&auml;hlt die Tage bis
+Allerheiligen, aber aus einem anderen Grund.</p>
+
+<p>Mehr denn zehn Jahre hat der Presi gew&uuml;tet in
+Gewaltsamkeit und Ungerechtigkeit wie ein Uebermensch.
+Eines Tages nun f&auml;llt ihm ein, gl&uuml;cklich zu sein. Aber
+steht die Vergangenheit nicht drohend hinter diesem Gl&uuml;ck?
+Und um den Liebesbund Josis und Binias schwebt auch
+etwas so Uebermenschliches, um diese r&uuml;hrende Hingabe,
+um diese hohe Treue von langen Jahren her. Kommen
+wohl Josi und Binia, das herrliche Paar, wie noch keines
+im Bergland gewachsen ist, ein Held der That und eine
+Heldin der Treue, zum Ziel?</p>
+
+<p>So fragt sich der Garde sorgenvoll und traut dem
+Dorffrieden nicht.</p>
+
+<p>Josis Werk ist zu schwer, zu wuchtig f&uuml;r das kleine
+St. Peter. Wohl hat es, als die Regierung seinen Plan
+gutgehei&szlig;en hat, Josi zugejauchzt, und wenn einzelne<span class='pagenum'><a name="Page_341" id="Page_341">[Pg 341]</a></span>
+Gegner wie der Glotterm&uuml;ller &uuml;brig blieben, so schwiegen
+sie. Aber seit dem Tag, da die von der Regierung gesandte
+Dynamitfuhre kam, regte sich im Volk wieder abergl&auml;ubische
+Furcht. Alle, selbst die Frauen, eilten damals
+hinaus in den Teufelsgarten, um den Pulverwagen
+zu sehen. Das von vier Gendarmen bewachte Fuhrwerk,
+das eine schwarze Fahne mit der Aufschrift &raquo;Dynamit&laquo;
+trug, erschreckte sie aber. Es sei ein m&auml;chtiger Sarg gewesen,
+jammerten sie, umsonst erkl&auml;rten die milit&auml;rpflichtigen
+M&auml;nner, es sei ein Milit&auml;rcaisson, die Vorstellung
+des Sarges ist geblieben. Und ein Sarg bedeutet
+Ungl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Die Weiber wollten nicht mehr zugeben, da&szlig; die
+M&auml;nner, Br&uuml;der und S&ouml;hne die zugesagten Arbeiten
+leisten, einzelne B&uuml;rger zahlen die versprochenen Tagewerke
+in Geld, andere bleiben einfach aus, die Hilfe, die
+Josi braucht, fehlt.</p>
+
+<p>Er stand mit seinem so gl&uuml;cklich begonnenen Werk
+allein und in der gro&szlig;en Verlegenheit erbat sich der Gemeinderat
+Ersatz von der Regierung. Unter der F&uuml;hrung
+eines Aufsehers kam wirklich eine Schar Hilfsarbeiter
+ins Thal und richtete sich im Schmelzwerk wohnlich ein,
+aber die Kolonne, die hell und dunkel gestreifte Kleider
+trug und in der es verwegene, rohe Gesichter genug gab,
+gefiel denen von St. Peter nicht.</p>
+
+<p>Das Wort &raquo;Zuchthausstr&auml;flinge&laquo; flog durch das Dorf,
+es erzeugte einen Sturm der Furcht und Erbitterung,
+denn Sitte war es bis jetzt gewesen, da&szlig; an den heligen
+Wassern nur r&uuml;hren durfte, wer in b&uuml;rgerlichen Rechten
+und Ehren stand, und selbst der bed&auml;chtige und n&uuml;chterne
+Garde wurde zornig &uuml;ber den Schimpf, den die Regierung<span class='pagenum'><a name="Page_342" id="Page_342">[Pg 342]</a></span>
+den heligen Wassern durch die Entsendung der
+Str&auml;flingskolonne angethan. Der Gemeinderat ersuchte
+die Herren um die Zur&uuml;ckziehung der Mannschaft. Die
+Str&auml;flinge verlie&szlig;en das Glotterthal, daf&uuml;r berichtete
+die Regierung zur&uuml;ck, die von St. Peter m&ouml;gen nun selber
+zuschauen, wie sie mit dem Werk an den Wei&szlig;en Brettern
+fertig w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Als der Bescheid im Dorf bekannt wurde, war man
+gewaltig emp&ouml;rt: &raquo;Das sind die Herren, die so sch&ouml;n
+haben reden k&ouml;nnen &mdash; jetzt wollen sie nichts mehr wissen
+von dem Verbrechen, das an den Wei&szlig;en Brettern begangen
+wird.&laquo;</p>
+
+<p>Ueber das Dynamit, das Josi bei seinen Sprengungen
+brauchte, kamen immer entsetzlichere Ger&uuml;chte in Umlauf.</p>
+
+<p>Eine Spur &raquo;Teufelssalz&laquo;, so gro&szlig; wie eine Prise,
+sei so stark, da&szlig; man damit einen ganzen Berg in den
+Himmel sprengen k&ouml;nne, die K&ouml;nigs- und F&uuml;rstenm&ouml;rder
+brauchen es, aber bevor es einer anwenden k&ouml;nne, m&uuml;sse
+er schon einen Menschen umgebracht haben, sonst w&uuml;rde
+ihm das Salz die H&auml;nde durchfressen. Josi Blatter jedoch
+&mdash; das haben einige zuverl&auml;ssige M&auml;nner gesehen &mdash;
+ist so gefeit, da&szlig; er die Patronen in den S&auml;cken und
+Taschen seines Kleides herumtr&auml;gt, ohne da&szlig; ihm das
+mindeste geschieht.</p>
+
+<p>Also mu&szlig; auch er jemand get&ouml;tet haben.</p>
+
+<p>Das Gewand voll Teufelssalz, so sagen die D&ouml;rfler,
+steigt er am Sonntag von den heligen Wassern hernieder
+nach St. Peter &mdash; und bis auf wenige haben sie alle
+ein Grauen vor dem gelassenen Mann, der sich um sie
+nicht k&uuml;mmert.</p>
+
+<p>Sein erstes ist ein &raquo;guter Tag&laquo; in dem B&auml;ren,<span class='pagenum'><a name="Page_343" id="Page_343">[Pg 343]</a></span>
+dann geht er, den Br&auml;uchen des Thales treu, zur Kirche,
+nach dem Gottesdienst zum Garden und Vroni und
+bleibt bei ihnen in den Nachmittag hinein. Allein eine
+Hoffnung Vronis geht nicht in Erf&uuml;llung. Sie hat gemeint,
+er w&uuml;rde ihr nun viele merkw&uuml;rdige Dinge aus
+dem Wunderland Indien erz&auml;hlen, aber es ist, als w&auml;re
+das Schweigen der Einsamkeit, in der er die Woche lang
+arbeitet, auf ihn &uuml;bergegangen, nur sein Blick ist warm,
+sein trockenes L&auml;cheln herzinnig wie immer, und gegen&uuml;ber
+allen Sorgen des Garden um das Werk bewahrt
+er eine stille, freudige Zuversicht. &raquo;Auch ohne Hilfsarbeiter,&laquo;
+versichert er, &raquo;werde ich es auf Allerheiligen
+vollenden.&laquo; Am liebsten spielt und scherzt er mit Joseli,
+man sieht es, das B&uuml;blein ist ihm lieb, und wenn Vroni
+den beiden zuschaut, dann erkennt sie in Josi, dem unheimlich
+starken Mann, den tr&ouml;stlichen Knaben wieder,
+mit dem sie und Binia die Jugend durchlacht und durchspielt
+haben.</p>
+
+<p>Am Nachmittag geht Josi in den B&auml;ren zu Binia.</p>
+
+<p>Bebendes Gl&uuml;ck! &mdash; Ohne diese Stunden m&uuml;&szlig;te
+Binia sterben wie ein Vogel ohne Sonne und Luft. O,
+wie ist der Vater lieb zu Josi, wie verstehen sich die
+beiden M&auml;nner gut, der alte Feuerkopf und der junge
+ruhige Mann.</p>
+
+<p>Der Presi ist noch viel st&auml;rker f&uuml;r Josi als je f&uuml;r
+Th&ouml;ni ungl&uuml;ckseligen Angedenkens eingenommen. Die
+beste Flasche aus dem Keller und der beste Bissen aus
+der K&uuml;che des B&auml;ren wandern mit Bonzi, dem Viehh&uuml;ter,
+der Vronis l&auml;ndliches Essen auf die Arbeitsst&auml;tte Josis
+schafft, zu den heligen Wassern empor. Und bei jeder
+Sendung des Vaters liegt ein Wort von Binia!</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_344" id="Page_344">[Pg 344]</a></span>&raquo;Herzlieber Josi! &mdash; Es hat manchmal Zeiten gegeben,
+wo ich mir den Kopf zerbrach, wozu denn die
+ungest&uuml;me, th&ouml;richte Bini auf der Welt sei? &mdash; Jetzt
+aber wei&szlig; ich es. Um den herrlichsten Mann im Bergland
+ein wenig gl&uuml;cklich zu machen. Wenn es kein Mensch
+wei&szlig;, so zerspringt mein Herz doch schier vor Stolz, da&szlig;
+du wegen der tollen, unn&uuml;tzen Bini die Blutfron von
+St. Peter nimmst. Wenn ich schon gestorben bin, so
+denk' ich es doch noch: Josi hat es f&uuml;r mich gethan.
+Und ich wei&szlig; es, du bist stark, so stark, da&szlig; du auch
+uns erl&ouml;sest. Lieber Josi, du thust nichts, wobei nicht
+mein Herz und meine Seele w&auml;ren!&laquo;</p>
+
+<p>Von ihm kam zwar kein Brief zur&uuml;ck, aber wenn
+es dunkel geworden war, sah man in einem der Felsenfenster,
+die Josi von seinem Tunnel her gegen das Thal
+ge&ouml;ffnet hatte, ein Licht.</p>
+
+<p>Das bedeutet: &raquo;Gute Nacht, liebe Bini!&laquo; Und
+wenn das Licht schon lang verschwunden ist, so steht
+sie noch am Fenster, staunt in die Stille und denkt mit
+gefalteten H&auml;nden an Josi.</p>
+
+<p>Was im Teufelsgarten geschehen ist, kommt ihr nicht
+mehr so gr&auml;&szlig;lich vor, da&szlig; sie deswegen nicht ein wenig
+l&auml;cheln d&uuml;rfte, wenn sie an Josi denkt. Es ist kein Verbrechen,
+es ist nicht einmal eine That des Zorns, es
+ist nur ein Ungl&uuml;ck geschehen. Welche M&auml;&szlig;igung hat
+Josi in dem entsetzlichen Kampf bewiesen, wie &uuml;bermenschlich
+ruhig ist er darin geblieben. Sie hat sich vor ihm
+gerechtfertigt, sie steht selig in seinem Arm. Da zuckt
+ein langer Blitz auf und ab, in &uuml;berirdischem Licht ergl&auml;nzen
+die Firnen des Glottergrats und vor ihnen steht
+Th&ouml;ni. Die Kugeln seines Revolvers zischen um ihre<span class='pagenum'><a name="Page_345" id="Page_345">[Pg 345]</a></span>
+K&ouml;pfe. Sie schreit. Im gleichen Augenblick aber hat
+Josi auch schon die Waffe aus Th&ouml;nis Hand auf den
+Weg geschlagen. Dann liegt Dunkelheit in der Schlucht.
+Wie aber wieder eine Blitzrute durch das Thal f&auml;hrt,
+ist Th&ouml;ni in der Macht Josis, der ihm die Arme eisern
+umklammert h&auml;lt. &raquo;Grieg,&laquo; ruft er, &raquo;sei vern&uuml;nftig und
+la&szlig; uns in Ruhe, du wei&szlig;t, da&szlig; ich &auml;ltere Rechte auf
+Binia habe als du. Ich klage wegen der Briefe nicht gegen
+dich, aber gieb Frieden.&laquo; Und sie kniet vor dem gefesselten
+Burschen, sie fleht: &raquo;Th&ouml;ni, um Gottes willen, mache
+dich und uns nicht ungl&uuml;cklich!&laquo; Er faucht eine Weile
+unter Josis &uuml;berlegener Kraft, dann st&ouml;hnt er: &raquo;La&szlig;t
+los, la&szlig;t los, Blatter, &mdash; ich gebe nach!&laquo; Da giebt ihn
+Josi frei, der Ungl&uuml;ckliche rafft im Fliehen seinen Revolver
+auf, er eilt &uuml;ber die Br&uuml;cke, aber wie sie noch
+stehen, kehrt er mit der frisch geladenen Waffe zur&uuml;ck und
+schie&szlig;t wahnsinnig in die Finsternis. Ein Blitz &mdash; Dunkelheit.
+Josi eilt auf Th&ouml;ni los, der will fliehen, wieder
+ein Blitz, da rennt der Fl&uuml;chtling quer &uuml;ber die Stra&szlig;e
+und der Irrende versinkt vor ihren Augen in die Glotterschlucht.
+Aus ungl&uuml;cklichem Herzen schreit Josi: &raquo;Grieg,
+kann ich Euch helfen, wo seid Ihr?&laquo; Keine Antwort &mdash;
+die Wildleutlaue geht &mdash; sie erleben einen langen, langen
+Augenblick, wo sie meinen, das Weltende sei da. Und
+wie sie ihrer Sinne wieder m&auml;chtig sind, suchen sie voll
+Verzweiflung Th&ouml;ni &mdash; k&ouml;nnen aber keine Spur mehr
+von ihm entdecken. Ein Ungl&uuml;ck ist geschehen, aber kein
+Verbrechen! &mdash; Es ist an Josi nichts Ungerechtes &mdash; es
+war nur so gr&auml;&szlig;lich zu sehen, wie Th&ouml;ni versank.</p>
+
+<p>Josi war in jenem grauenden Morgen ganz untr&ouml;stlich.
+Er wollte den Fall anzeigen, dann besann er sich<span class='pagenum'><a name="Page_346" id="Page_346">[Pg 346]</a></span>
+wieder. &raquo;Zuerst kommt das Gel&uuml;bde &mdash; dann das Recht
+der Menschen.&laquo;</p>
+
+<p>So ist's gegangen. Warum sollten sie nicht doch
+noch gl&uuml;cklich werden k&ouml;nnen &mdash; ihre Gewissen sind rein.
+Aber fort &mdash; fort von St. Peter. Hier kommen sie vor
+dem Schrecken jener Nacht doch nie mehr zur Ruhe. In
+der Fremde aber ist es schon m&ouml;glich, da&szlig; sie ihr Kinderlachen
+wiederfindet.</p>
+
+<p>Mit vorsichtigem Wort tippt sie Tag um Tag am
+Vater, da&szlig; er den B&auml;ren verkaufe, da&szlig; er mit ihr und
+Josi in die Ferne ziehe: &raquo;Alles hier mahnt mich an
+Th&ouml;ni,&laquo; redet sie ihm mit flehenden Augen zu, &raquo;aber
+ich verspreche es dir, Vater, drau&szlig;en will ich wieder lachen
+wie ein Kind und gl&uuml;cklich &mdash; o so gl&uuml;cklich sein!&laquo;</p>
+
+<p>Und seltsam! &mdash; Die Furcht vor Th&ouml;ni wirkt ansteckend
+auf den Presi, ihm ist, er m&uuml;sse dem Geflohenen
+noch ein Opfer bringen, er beginnt sich den Verkauf des
+B&auml;ren zu &uuml;berlegen, und w&auml;hrend der Bann der schrecklichen
+Nacht langsam von Binia weicht, schleicht es sich
+langsam, aber mit aller Macht ins Bewu&szlig;tsein des Presi,
+da&szlig; er mit Th&ouml;ni noch nicht fertig ist.</p>
+
+<p>Manchmal ist es Binia, sie m&uuml;sse den Vater &uuml;ber
+das schreckliche Ereignis der Wetternacht ins Vertrauen
+ziehen, aber dann hat sie wieder das sonderbare Gef&uuml;hl,
+sie w&uuml;rde ihm die letzte Ruhe rauben, er wei&szlig; es ja nicht,
+da&szlig; sie, getrieben von der Uebergewalt einer grenzenlosen
+Liebe, die selbst die Toten nicht f&uuml;rchtet, drau&szlig;en
+im Teufelsgarten gewesen ist.</p>
+
+<p>Einmal, als Josi wiederkam, brachte er die &uuml;berraschende
+Kunde mit, da&szlig; sein Werk zu mehr als zwei
+Dritteln vollendet sei und man jetzt auf der n&auml;heren<span class='pagenum'><a name="Page_347" id="Page_347">[Pg 347]</a></span>
+Seite ohne Gefahr in den Felsengang eintreten und durch
+die Felsen der ersten zwei Bretter und &uuml;ber die Wildleutfurren
+wandeln k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Da gab ihm Bini einen gl&uuml;henden Ku&szlig;: und ihr
+kleiner Schrei: &raquo;Josi, mein Held!&laquo; verriet ihre Freude
+&uuml;ber die Meldung.</p>
+
+<p>Sie und der Vater beschlossen, Josi am anderen
+Tag an den Wei&szlig;en Brettern einen Besuch zu machen.</p>
+
+<p>Da klangen die Kirchenglocken.</p>
+
+<p>Als sie aber mit gesenktem K&ouml;pfchen, das Betbuch,
+das wei&szlig;e T&uuml;chlein und den Rosmarinzweig in den
+H&auml;nden, sittsam die Kirchhoftreppe emporschritt, wichen
+links und rechts die Frauen zur&uuml;ck: &raquo;Das Teufelsm&auml;dchen
+&mdash; das dem Rebellen den Daumen h&auml;lt!&laquo;</p>
+
+<p>Der &uuml;berraschten Binia entglitt das Betbuch und
+es fiel zu Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Seht ihr es, da&szlig; sie eine Teufelin ist, sie kann
+das Betbuch nicht mehr halten,&laquo; riefen die Weiber.</p>
+
+<p>Vroni hob der Erschrockenen das silberbeschlagene
+B&uuml;chlein auf: &raquo;Binia, ich bleibe bei dir!&laquo;</p>
+
+<p>Weiter ging Binia den Dornenweg, doch jetzt erhobenen
+Hauptes, mit gl&uuml;henden Wangen, blitzenden
+Augen. &raquo;Vroni,&laquo; sagte sie, &raquo;gehe von mir, es k&ouml;nnte
+auch dir schaden.&laquo;</p>
+
+<p>Sie tritt in die Kirche, sie will sich in die kleine
+Bank setzen, wo das Wappen der seligen Mutter, ein
+Steinbock, gemalt ist. Da tritt die Glotterm&uuml;llerin, das
+h&auml;&szlig;liche, scheinheilige Weib, vor sie, speit mit zahnlosem
+Mund vor ihr aus, weist mit dem Zeigefinger auf den
+nassen Fleck am Boden und sagt: &raquo;Das bannt &mdash; dar&uuml;ber
+hinaus kommst du nicht, Hexe!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_348" id="Page_348">[Pg 348]</a></span>Und richtig, Binia weicht zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;He, seht,&laquo; schreit die Glotterm&uuml;llerin, &raquo;sie ist eine
+Teufelin &mdash; ja, sie h&auml;lt dem Rebellen an den Wei&szlig;en
+Brettern wirklich und wahrhaftig den Hexendaumen.&laquo;</p>
+
+<p>Da ist Josi pl&ouml;tzlich an Binias Seite. Ihm ist es
+nicht besser ergangen. Die M&auml;nner haben die F&auml;uste
+gegen ihn geballt. Nun reicht er ihr vor der ganzen
+Gemeinde die Hand: &raquo;Komm, Binia, wir gehen wieder,&laquo;
+und den Kopf zur&uuml;ckwerfend, sagt er: &raquo;Sch&auml;mt euch, ihr
+Unvern&uuml;nftigen von St. Peter!&laquo;</p>
+
+<p>Damit wendet sich das Paar.</p>
+
+<p>Am Altar steht aber schon, das wei&szlig;e Heilandskreuz
+auf der dunklen Soutane, der greise Pfarrer. Er erhebt
+das kleine Handkruzifix, tritt schwankend vor und spricht
+mit der gebrechlichen, meckernden Stimme und dem wackelnden
+Kopfe des hohen Alters:</p>
+
+<p>&raquo;Josi Blatter und Binia Waldisch, im Namen Gottes
+und aller Heiligen, bleibet! Ich sch&uuml;tze euch mit dem
+heiligen Kreuz. Ihr aber von St. Peter, h&uuml;tet euch. In
+euern H&uuml;tten und H&auml;usern geht ein alter heidnischer
+Teufelsglaube um, der nach Opfern schreit, ihr seid eine
+unchristliche r&auml;udige Rotte geworden und gehorcht dem
+Baalspfaffen Johannes mehr als der heiligen Kirche.
+Ich, euer rechtm&auml;&szlig;iger Pfarrer, sage euch: Wenn ihr,
+ihr Tollen von St. Peter, nicht aufh&ouml;rt mit eurer Bosheit,
+so lege ich die Siegel der Kirche an dieses Gotteshaus,
+an eure Glocken, ich verweigere euch die Sakramente
+und ein christliches Grab, leben und sterben sollt
+ihr wie das wilde Getier. Wer von euch am Aberglauben
+h&auml;ngen bleiben will, verlasse jetzt gleich das Gotteshaus.&laquo;</p>
+
+<p>In seinen Stuhl zur&uuml;ckgesunken erwartete der alte<span class='pagenum'><a name="Page_349" id="Page_349">[Pg 349]</a></span>
+Priester, seine Gebete murmelnd, die Wirkung seiner
+Worte, doch auf der Seite der M&auml;nner sah er nichts
+als finsteren Trotz, auf der Seite der Frauen herrschte
+das Heulen der Furcht. Erst nach einer Weile begann
+er, noch zitternd vor Erregung, den Gottesdienst.</p>
+
+<p>Als der Presi h&ouml;rte, was f&uuml;r einen Schimpf man
+seinen Kindern zugef&uuml;gt hatte, w&uuml;tete und tobte er gegen
+das Dorf wie in alter Zeit: &raquo;Keiner au&szlig;er dem Garden
+bekommt im B&auml;ren mehr einen Trunk, von heute an ist
+er kein Wirtshaus mehr!&laquo; Dem Pfarrer aber, seinem
+ehemaligen Feind, ging er mannlich danken.</p>
+
+<p>Am anderen Tag stieg er, den gr&uuml;nen Asersack<a name="FNanchor_32" id="FNanchor_32"></a><a href="#Footnote_32" class="fnanchor">[32]</a>
+an der knorrigen Hand, mit Binia hinauf durch die
+Alpen, wo das Vieh zum Abzug r&uuml;stete. Es war ein
+sonniger und klarer Tag, Binia hatte wieder rote W&auml;nglein,
+ihr gl&uuml;ckliches Kinderlachen erwachte f&uuml;r einen Augenblick
+wieder und l&auml;utete &uuml;ber die Enzianen dahin und im
+Arm trug sie die Bergastern, um das Werk Josis zu
+schm&uuml;cken.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_32" id="Footnote_32"></a><a href="#FNanchor_32"><span class="label">[32]</span></a> <i>Asersack</i>, schweizerdeutsch, Sack f&uuml;r den Mundvorrat.</p></div>
+
+<p>Der Presi baute Luftschl&ouml;sser. Ja, den B&auml;ren will
+er verkaufen auf die Zeit, wo Josi sein Gel&uuml;bde gel&ouml;st
+hat, seine Kapitalien fl&uuml;ssig machen und dann dem Zug
+des Gl&uuml;ckes und der Liebe folgen. &raquo;Josi,&laquo; sagt er zu
+Binia, &raquo;wird in der weiten Welt schon ein sch&ouml;nes Pl&auml;tzchen
+f&uuml;r uns wissen. Unter dem th&ouml;richten Volk von
+St. Peter ist es mir verleidet.&laquo;</p>
+
+<p>Sie erreichten die H&ouml;he der heligen Wasser, sie standen
+am Eingang der Wei&szlig;en Bretter, wo die tr&uuml;be Flut,
+die aus dem Hintergrund des Thales kam, durch einen<span class='pagenum'><a name="Page_350" id="Page_350">[Pg 350]</a></span>
+K&auml;nnel abgelenkt in eine Runse flo&szlig; und in lustigen B&auml;chlein
+in die blauen Tiefen des Glotterthals niedersch&auml;umte.</p>
+
+<p>Mit heiligem Schauer betrat Binia den Felsengang
+Josis, der sich mannshoch w&ouml;lbte, und der Presi betrachtete
+das Werk in Bewunderung. Anderthalb Fu&szlig;
+breit und einen Fu&szlig; tief zog sich am Grund des Stollens
+der neue W&auml;sserwassergraben dahin, neben ihm ein gen&uuml;gend
+breiter erh&ouml;hter Felsenweg f&uuml;r den Garden, die
+W&auml;nde waren mit Hammer und Mei&szlig;el ausgeglichen und
+die Risse des Gesteins mit Zement ausgegossen. Da und
+dort fiel durch ein Felsenfenster ein B&uuml;ndel Tageslicht
+in das stille, halbdunkle Gestein. Nun schritten sie unter
+dem Balkendach der Wildleutfurre, weiter durch das
+mittlere Wei&szlig;e Brett, wieder &uuml;ber die Wildleutfurre &mdash;
+da sieh &mdash; da horch &mdash; im Dunkel vor ihnen gl&uuml;ht ein
+roter Lichtfunke und t&ouml;nt Hammerschlag. An das Gestein
+hingekn&auml;uelt arbeitet Josi im Schein der Grubenlampe.</p>
+
+<p>Ein kleiner Ruf Binias &mdash; er l&auml;&szlig;t das Werkzeug
+fallen: &raquo;Bini &mdash; meine Bini &mdash; Vater gottwillkommen!&laquo;</p>
+
+<p>Die sch&ouml;ne, feine Bini hat Josi zu Ehren ihr bestes
+Kleid angezogen, sie steht, in den H&auml;nden den Strohhut,
+um den sie zum Schutz ein wei&szlig;es T&uuml;chlein geschlagen
+hat, dem&uuml;tig ergl&uuml;hend vor dem bestaubten Felsensprenger,
+der im schlechtesten Gewand bei der Arbeit ist.</p>
+
+<p>&raquo;Da errichtest du wirklich ein Werk der Wohlfahrt
+f&uuml;r die Ewigkeit, Josi,&laquo; gr&uuml;&szlig;t der Presi im Vaterstolz.</p>
+
+<p>Ein paar Stunden weilt der freundliche Besuch in
+der sonnigen H&ouml;he. Am Eingang des Felsenkanals sitzen
+die Liebenden mit dem Presi, der sein Reises&auml;cklein auspackt,
+und die Gl&auml;ser der dreie klingen auf gl&uuml;ckliche Vollendung
+des Werkes zusammen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_351" id="Page_351">[Pg 351]</a></span>Ueber das Glotterthal sind die blauen Schleier des
+Nachmittags hingegossen, die Bergwelt mit ihren Firnen
+steht weit im Kreise still und feierlich in Verkl&auml;rung
+da, Haupt an Haupt, Firn an Firn, am erhabensten die
+Krone.</p>
+
+<p>&raquo;Josi,&laquo; fl&uuml;stert Binia und ihr weiches dunkles Haar
+streift ihn, &raquo;heute ist es sch&ouml;n wie zu Santa Maria del
+Lago &mdash; es ist so sch&ouml;n, da&szlig; man vor Gl&uuml;ck sterben
+k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>Da rollt es von der Krone dumpf &mdash; ein seltsames
+Zeichen im Herbst, wo sonst die Gletscher friedlich sind.
+Aber man lebt eben in einem Jahr, wo die Natur ausgleicht,
+was der vorausgegangene schlechte Sommer zu
+viel an Schnee auf das Gebirge geh&auml;uft hat. Darum
+schaffen und donnern die Gletscher bis sp&auml;t ins Jahr hinein.</p>
+
+<p>Gl&uuml;ckselig steigen Vater und Tochter von der Leitung,
+von dem Werk, wie es sonst keines im Berglande
+giebt, durch den Abendnebelflor des Herbstes zu Thal
+und h&ouml;ren noch den jauchzenden Nachruf Josis. Den
+anderen Tag ist der Presi drau&szlig;en in Hospel und unterhandelt
+mit dem Kreuzwirt, der bei der Ausrechnung mit
+Frau Cresenz ein gieriges Auge auf den B&auml;ren geworfen
+hat und im eigenen Vorteil den Fremdenverkehr im
+Glotterthal aufrecht erhalten will, am dritten geht er in
+die Stadt und tritt mit starken Einschl&auml;gen alle Kapitalbriefe
+gegen Bargeld an die Bank ab.</p>
+
+<p>Inzwischen erlebt aber Binia etwas, was der Mutigen
+beinahe die letzte Hoffnung raubt.</p>
+
+<p>Die Magd kommt weinend gelaufen, sie macht das
+Kreuz vor ihr und sagt: &raquo;Ihr seid eine Hexe und haltet
+es mit dem Teufel &mdash; ich gehe jetzt gleich aus dem Haus.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_352" id="Page_352">[Pg 352]</a></span>&raquo;Aber Cleophi, seid nicht n&auml;rrisch!&laquo; Und Binia
+l&auml;chelt ihr g&uuml;tig zu.</p>
+
+<p>&raquo;Wohl, wohl, Ihr seid eine Teufelin &mdash; der Kaplan
+und selbst die alte Susi in Tremis sagten es und Kinder
+haben ja im Teufelsgarten den Ring Eures ehemaligen
+Verlobten gefunden, den Ring, mit dem Ihr Euch in
+der Totennacht dem Satan angelobt habt. Kaplan Johannes
+geht mit ihm durchs Dorf, alles wei&szlig; es: Es
+scheint nur, da&szlig; Euer Liebster das Werk an den Wei&szlig;en
+Brettern selber baue, er schafft aber nicht, er thut nur
+so am Tag, und in der Nacht baut es der Teufel.
+Daf&uuml;r m&uuml;&szlig;t Ihr mit dem Satan siebenmal um das
+Bockje reiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geht, Cleophi, geht &mdash; da ist Euer Lohn.&laquo;</p>
+
+<p>Totenbla&szlig; steht Binia. Sie hat bei dem Kampf
+im Teufelsgarten Th&ouml;ni den Ring vor die F&uuml;&szlig;e geworfen.
+Jetzt ist er in den H&auml;nden des gr&auml;&szlig;lichen Kaplans,
+und nun ist er ein neues Mittel f&uuml;r den Verr&uuml;ckten,
+gegen sie zu hetzen. Und wird man nicht, wie man den
+Ring gefunden hat, Th&ouml;ni finden?</p>
+
+<p>Sie bei&szlig;t hilflos in die Fingerkn&ouml;chel: &raquo;Warum
+hat uns denn der Himmel vor den Kugeln Th&ouml;nis bewahrt,
+wenn Josi und ich an einem Schein von Schuld
+und am Aberglauben des Dorfes sterben sollen?&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde, der mit Peter Thugi das Wasserrad,
+das in die Leitung eingeschaltet werden soll, auf den
+Berg schaffte, hat Josi das Versprechen abgenommen,
+da&szlig; er die paar Wochen, die noch zur Vollendung n&ouml;tig
+sind, an den Wei&szlig;en Brettern bleibe. Er kommt nicht
+mehr zu Thal. Auch der Garde ist im tiefsten Herzen
+&uuml;berzeugt, da&szlig; Josis Werk gut ist, aber er kennt die<span class='pagenum'><a name="Page_353" id="Page_353">[Pg 353]</a></span>
+furchtbare Emp&ouml;rung im Dorf. Wo er zum Guten redet,
+begegnet er h&ouml;hnischem, kaltem L&auml;cheln und drohendem
+Schweigen, die Gemeinde horcht nur noch auf den b&ouml;sen
+verr&uuml;ckten Kaplan Johannes.</p>
+
+<p>Eine Weile hat ihr allerdings die wohlgemeinte
+Warnung und Drohung des Pfarrers Z&uuml;gel angelegt,
+aber jetzt knurren die D&ouml;rfler: &raquo;Der Alte wagt es nicht,
+uns die Kirche zu verschlie&szlig;en, wir wollen ihn schon meistern,&laquo;
+und die Weiber hangen an Kaplan Johannes.
+&raquo;Er hat ein besseres Herz f&uuml;r uns als der Pfarrer, der
+nichts von unseren alten heiligen Sagen wissen will.&laquo;
+Und wenn ein Halbvern&uuml;nftiger noch den Einwurf erhebt,
+man wolle doch nicht so stark zu einem Verr&uuml;ckten
+halten, sonst komme man gewi&szlig; an ein b&ouml;ses Ziel, antworten
+die anderen: &raquo;Kaplan Johannes ist schon n&auml;rrisch,
+aber gerade denen, die Gott etwas geschlagen hat, giebt
+er daf&uuml;r besondere Weisheiten. Der Kaplan Johannes
+sieht und wei&szlig; mehr als sieben Pfarrer.&laquo;</p>
+
+<p>Er hat gute Zeiten, sein Bettelsack ist immer voll,
+wo er geht, rufen die Weiber: &raquo;Kommt doch ein wenig
+zu uns herein, Johannes!&laquo; Klagt ein Bauer: &raquo;Meine
+K&uuml;he fressen nicht mehr und geben keine Milch,&laquo; so antwortet
+Johannes: &raquo;Merkt Ihr es, merkt Ihr es! Das
+kommt vom Teufelssalz. Das ganze Thal riecht nach
+Schwefel.&laquo; Nun sp&uuml;ren auch die D&ouml;rfler den Geruch.
+In irgend einem Haus ist eine schwere Geburt. &raquo;Seht
+Ihr,&laquo; fl&uuml;stern es die Frauen einander zu, &raquo;die Kinder
+k&ouml;nnen nicht mehr zur Welt kommen. Das r&uuml;hrt vom
+Sprengen her!&laquo;</p>
+
+<p>Die von St. Peter sp&uuml;ren es kaum, wie der Kaplan
+ein Netz des Aberglaubens um sie zieht.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_354" id="Page_354">[Pg 354]</a></span>Und pl&ouml;tzlich geht die feste Sage unter denen von
+St. Peter, es sei eine wei&szlig;e arme Seele durch das Dorf
+gewandelt und habe dreimal gerufen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;O weh, o weh &mdash; am Teufelssalz<br /></span>
+<span class="i0">Stirbt dieser Tage Jung's und Alt's!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>So in drei N&auml;chten!</p>
+
+<p>Und warum rollen die Gletscher im Herbst, wo sie
+doch sonst schweigen? Das bedeutet: &raquo;Am letzten Weinmonat
+geht St. Peter mit Menschen und Vieh unter.
+In dem Augenblick, wo der Wasserhammer der neuen
+Leitung einsetzt, verlassen die erz&uuml;rnten armen Seelen
+die Krone, die Firnen fallen mit so schrecklichem Donner
+auf das Dorf, da&szlig; das blo&szlig;e H&ouml;ren schon t&ouml;tet!&laquo;</p>
+
+<p>Drei M&auml;nner nur noch, der Presi, der Garde und
+der Pfarrer, und einige stille, wie Eusebi und Peter
+Thugi, glauben an Josis Werk.</p>
+
+<p>Die Regierung hat sich &uuml;brigens auch nicht ganz
+von dem Werk zur&uuml;ckgezogen, wie sie drohte, sie meldet,
+sie hoffe, die Leute von St. Peter haben sich, da das
+Werk einen so erfreulichen Fortgang nehme, wegen des
+Dynamites beruhigt, und lade den Gemeinderat ein, auf
+den Tag der Vollendung, den letzten Weinmonat, ein
+h&uuml;bsches Gemeindefestchen zu Ehren Josi Blatters zu veranstalten.
+Sie wolle sich dabei vertreten lassen und ersuche
+Josi Blatter, da&szlig; er die letzten rettenden Sch&uuml;sse
+auf diesen Tag verspare, an dem man, w&auml;hrend im
+Thal die Glocken l&auml;uten, in feierlicher Prozession an die
+Wei&szlig;en Bretter ziehen wolle.</p>
+
+<p>Dazu sch&uuml;tteln der Garde und der Presi wehm&uuml;tig
+und ungl&auml;ubig die greisen H&auml;upter, aber es ist gut, wenn
+auf diesen Tag jemand von der Regierung kommt <span class='pagenum'><a name="Page_355" id="Page_355">[Pg 355]</a></span>&mdash;
+vielleicht ist dann ein Mann der Staatsgewalt am n&ouml;tigsten
+&mdash; es wird der Tag sein, wo in St. Peter der Aufruhr
+losbricht, denn so sind die Leute des Thales &mdash; sie warten
+in der Voraussetzung, da&szlig; doch irgend noch ein Ereignis
+geschehen und ihre That &uuml;berfl&uuml;ssig machen k&ouml;nnte,
+den letzten Augenblick zum Handeln ab.</p>
+
+<p>Aber dann &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>In diesen Tagen der &auml;u&szlig;ersten Spannung, die durch
+die Stille des Dorfes noch unheimlicher wurde, sagte der
+Presi einmal zu Binia: &raquo;Der Garde hat mich gefragt,
+wie denn dein Ring, der jetzt denen im Dorf so viel
+zu reden giebt, in den Teufelsgarten gekommen sei. Ich
+habe geantwortet, du habest ihn Th&ouml;ni zur&uuml;ckgegeben
+und er habe ihn wohl auf der Flucht fortgeworfen. Ist
+es so?&laquo;</p>
+
+<p>Ahnungslos fragt der Presi, Binia aber schwankt
+vor Entsetzen. Sie wagt es nicht mehr, dem Vater das
+gr&auml;&szlig;liche Geheimnis l&auml;nger vorzuenthalten. Jeder der
+sch&ouml;nen Herbsttage, die kommen und gehen, vermehrt die
+Gefahr, da&szlig; Th&ouml;nis Leiche gefunden werde, denn die
+Wasser der Glotter flie&szlig;en immer sp&auml;rlicher und immer
+klarer, und der arme Vater darf doch nicht unger&uuml;stet
+von der Entdeckung der Leiche &uuml;berrascht werden.</p>
+
+<p>Z&ouml;gernd legte sie, die H&auml;nde gefaltet, die Augen
+auf den Boden geheftet, mit leiser und feiner Stimme
+die furchtbare Beichte ab. Als sie erz&auml;hlt, wie sie Josi
+in den Teufelsgarten bestellt habe und dann heimlich durch
+die Wetternacht dort hinausgegangen sei, da lodern die
+Augen des Presi noch einmal in alter Zornglut auf und
+mit b&ouml;ser Stimme sagt er: &raquo;Gott's Donner! Du giebst
+es mir recht zu schmecken, da&szlig; du immer ein Trotzkopf<span class='pagenum'><a name="Page_356" id="Page_356">[Pg 356]</a></span>
+gegen deinen Vater gewesen bist. Da kommt ja eine
+h&ouml;llische Geschichte aus.&laquo;</p>
+
+<p>Binia nimmt seine Hand, sie beichtet mit dem Mut
+der Verzweiflung. Pl&ouml;tzlich wird der rote Kopf des Presi
+bla&szlig;. Weil sie vor ihm in die Kniee sinkt und schreit:</p>
+
+<p>&raquo;So ist's gegangen! verzeihe mir, Vater &mdash; verzeihe
+mir!&laquo; da zieht er sie mit zitternden Armen empor
+und pre&szlig;t die leichte, sch&ouml;ne Gestalt seines Kindes st&uuml;rmisch
+an seine breite Brust.</p>
+
+<p>&raquo;Bini &mdash; arme Bini,&laquo; st&ouml;hnt er, &raquo;da ist nichts zu
+verzeihen &mdash; du bist den Weg gegangen, den du hast
+gehen m&uuml;ssen, und es ist geschehen, was hat geschehen
+m&uuml;ssen. &mdash; Es ist Schicksal &mdash; &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Seine Stimme bricht schluchzend ab und pl&ouml;tzlich
+f&uuml;hlt Binia, wie zwei warme Thr&auml;nen &uuml;ber die Wangen
+des Mannes rollen, den sie nie zuvor hat weinen gesehen.
+In m&auml;chtiger Bewegung halten sich Vater und Kind umschlungen,
+eine Stille waltete in dem Gemach, als ginge
+ein Engel auf leisen Sohlen an den zweien vorbei.</p>
+
+<p>So halten sie sich in Gl&uuml;ck und Elend lange, lange.</p>
+
+<p>Das Leben des Presi hat durch die Beichte Binias
+einen Sto&szlig; erhalten wie noch nie.</p>
+
+<p>Er findet den Mut nicht, in der gr&auml;&szlig;lichen Angelegenheit
+irgend etwas zu thun. Er klammert sich an
+die Hoffnung, Th&ouml;nis Leiche w&uuml;rde schon deswegen nicht
+gefunden, weil sie niemand suche. Ein halbes Jahr ist
+jetzt vor&uuml;ber, seit die That geschehen ist, und niemand
+k&uuml;mmert sich um Th&ouml;ni mehr. Ist es nicht bei Ungl&uuml;cksf&auml;llen
+schon h&auml;ufig genug vorgekommen, da&szlig; man mit
+dem gr&ouml;&szlig;ten Eifer die Leichen solcher, die in die Glotter
+gest&uuml;rzt sind, nicht mehr hat finden k&ouml;nnen? Entweder<span class='pagenum'><a name="Page_357" id="Page_357">[Pg 357]</a></span>
+lagen sie in den Schl&uuml;nden der Schlucht verborgen oder
+der m&auml;chtige Wasserschwall des Sommers hatte sie weiter
+geschwemmt und in den Strom hinausgef&uuml;hrt. So mochte
+es auch mit der Leiche Th&ouml;nis gegangen sein.</p>
+
+<p>Viel mehr als die Angst vor einer Entdeckung qu&auml;len
+den Presi die Erinnerungen an Th&ouml;ni, das Bewu&szlig;tsein,
+da&szlig; er die Verantwortung f&uuml;r das ungl&uuml;ckliche Leben
+tr&auml;gt.</p>
+
+<p>&raquo;Th&ouml;ni, der mir alles von den Augen absah, hat
+gemeint, es sei mir ein Gefallen, wenn Josi tot bliebe.
+Er hat den ersten Brief unterschlagen, dann hat er nicht
+mehr r&uuml;ckw&auml;rts gehen k&ouml;nnen, hat falsch geschrieben, und
+es ist gekommen, wie's hat kommen m&uuml;ssen. Da&szlig; er ein
+Schelm und fremd geworden ist, daran bin ich schuld.&laquo;</p>
+
+<p>Das t&ouml;nt ihm unaufh&ouml;rlich durch die Sinne.</p>
+
+<p>Das Schrecklichste aber! Er glaubt nicht daran, da&szlig;
+Th&ouml;ni selber in die Glotter gelaufen sei. Es klingt so
+unglaubw&uuml;rdig. Sein Kind redet es sich nur so ein, um
+nicht in dem Gedanken, sie liebe einen Totschl&auml;ger, umzukommen
+&mdash; &mdash; aber der Presi wagt es nicht, sie noch
+einmal dar&uuml;ber zu fragen &mdash; nein &mdash; nein &mdash; er zittert
+nur davor, eines Tages k&ouml;nnte in Josi doch die Selbstanklage
+erwachen, wie sie in seiner Brust erwacht ist,
+und es w&uuml;rde die zwei, die nicht ohne einander leben
+k&ouml;nnen, trennen.</p>
+
+<p>Ein Fluch des Ungl&uuml;cks ginge dann von ihm und
+seinen Gewaltthaten noch in das folgende Geschlecht
+hinein.</p>
+
+<p>Das sinnt der Presi in entsetzlicher Furcht. Er
+glaubt nicht mehr an ein sch&ouml;nes Alter, aber wenn er
+die dunklen Augen Binias traurig auf sich gerichtet sieht,<span class='pagenum'><a name="Page_358" id="Page_358">[Pg 358]</a></span>
+so l&auml;chelt er sie mit seinem w&auml;rmsten L&auml;cheln an, hebt
+den gebeugten R&uuml;cken und meint vor ihr verbergen zu
+k&ouml;nnen, wie rasch er zusammenf&auml;llt und aus den Kleidern
+schwindet.</p>
+
+<p>O, es ist r&uuml;hrend, wie sich der alte Mann zu verstellen
+sucht, da&szlig; Binia nicht sehe, wie er hoffnungslos
+leidet.</p>
+
+<p>Hoffnungslos! &mdash; Nein, wenn er sein herrliches
+Kind sich anschaut, wie es mutig und geduldig seine
+Leiden tr&auml;gt, wie es auf Josi wie auf einen Felsen baut,
+glaubt und harrt, dann ist auch ihm, der Held der heligen
+Wasser sei so stark, da&szlig; er selbst das Ereignis in der
+Glotterschlucht besiege.</p>
+
+<p>Um den Vater m&uuml;ht sich Binia treu und hingebungsvoll,
+sie sinnt Tag und Nacht nur dar&uuml;ber, wie
+sie den Gram von seiner Stirne scheuche.</p>
+
+<p>&raquo;Kind &mdash; Herzensvogel,&laquo; sagt er, &raquo;wie bist du mit
+deinem Vater lieb.&laquo;</p>
+
+<p>Seine Auswanderungspl&auml;ne hat er aufgegeben &mdash;
+in St. Peter hat er gelebt, in St. Peter will er sterben
+&mdash; steigt Josi von seinem Werk herunter, so wird er
+ihm sagen: &raquo;Nimm meine Binia &mdash; schenke ihr Gl&uuml;ck,
+viel Gl&uuml;ck &mdash; zieht fort &mdash; mein Segen begleitet euch &mdash;
+ich aber erwarte mein letztes St&uuml;ndlein in St. Peter.&laquo;</p>
+
+<p>In drei Tagen wird Josi kommen, aber niemand
+wagt auch nur das bescheidenste Festchen vorzubereiten.
+Der Handel um den B&auml;ren stockt. Aus Scheu vor Frau
+Cresenz, aus der Furcht vor dem eigenen Gewissen, aus
+Sorge, es k&ouml;nnte in seiner Abwesenheit Binia ein Leid
+geschehen, wagt es der Presi nicht mehr, nach Hospel
+hinauszugehen. Die ganze blinde Wut des Volksaberglaubens<span class='pagenum'><a name="Page_359" id="Page_359">[Pg 359]</a></span>
+hat sich auf das arme Kind geworfen, sie erf&auml;hrt
+Beleidigungen, wo sie geht und wo sie steht, und
+die D&ouml;rfler schlagen das Kreuz und speien vor ihr.</p>
+
+<p>Der Verkauf des B&auml;ren w&uuml;rde die Aufregung im
+Dorf noch steigern.</p>
+
+<p>Er hat einen furchtbaren Groll auf die von St. Peter,
+aber &auml;ndern kann er an der entsetzlichen Lage nichts, er
+vertraut nur auf die heilige Scheu, die denn doch jeder
+im Dorfe hat, ein Leben anzutasten. Nein, das thun
+sie nicht, obwohl sie entsetzlich sind in ihrem drohenden
+Schweigen.</p>
+
+<p>Was geschehen mag, er wird noch einmal als Presi
+auf seinem Posten stehen &mdash; und so stark sein, da&szlig; er
+sie b&auml;ndigt. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Ja, Presi, Ihr werdet Euch schon noch einmal auf
+den Posten stellen m&uuml;ssen &mdash; in St. Peter stehen die
+Dinge b&ouml;s.</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_360" id="Page_360">[Pg 360]</a></span></p>
+<h2><a name="XIX" id="XIX"></a>XIX.</h2>
+
+
+<p>Ein neuer Ahornbund ist entstanden, furchtbarer als
+der erste, so furchtbar, da&szlig; ihn niemand auszuf&uuml;hren
+wagt und jeder zittert vor dem Los, das ihn treffen k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Ehe der Hammer an den Wei&szlig;en Brettern schl&auml;gt,
+mu&szlig; zur Rettung St. Peters ein Mord begangen sein.
+Josi Blatter, der sich gegen den Himmel gewendet hat,
+mu&szlig; fallen, die armen Seelen auf der Krone m&uuml;ssen
+vers&ouml;hnt werden.</p>
+
+<p>In der Nacht halten die M&auml;nner seitab vom Dorf
+unter Wetterl&auml;rchen ihre ernsten Beratungen. Leichten
+Herzens thun sie den Schritt nicht, jeder ist ganz durchdrungen
+von dem Gedanken, was f&uuml;r eine schreckliche That
+ein Mord ist. Seit Matthys Jul, der fern im D&auml;mmerschein
+der Sage steht, hat im Glotterthale kein Mann
+einen anderen get&ouml;tet. Es ist aber doch besser, es falle
+nur einer, nur Josi Blatter, der Rebell, als da&szlig; das
+ganze Dorf untergehe.</p>
+
+<p>Nicht Josi Blatter ist der Retter von St. Peter,
+sondern der ist es, der ihn erschl&auml;gt.</p>
+
+<p>Man kann ihn aber nicht erschlagen, er ist droben
+in den Felsen, er steht in einem schmalen Gang, in dem
+nur ein Mann auf einmal gehen kann, und er ist Herr<span class='pagenum'><a name="Page_361" id="Page_361">[Pg 361]</a></span>
+des Teufelssalzes, er ist mit dem Satan im Bund, und
+wenn Hunderte gegen ihn streiten, so &uuml;berw&auml;ltigt er sie
+mit einer einzigen Patrone, die er nach dem n&auml;chsten
+Stein schleudert.</p>
+
+<p>Die M&auml;nner stehen ratlos. Nur noch zwei Tage,
+dann wird der Hammer von den Wei&szlig;en Brettern schlagen.</p>
+
+<p>Seit man Binias Ring gefunden hat, ist Kaplan
+Johannes dem Schicksal Th&ouml;nis auf der Spur. Warum
+sind Josi Blatter und Binia Waldisch in der Wetternacht
+&uuml;ber den Stutz heraufgekommen, in der Nacht, wo Th&ouml;ni
+Grieg geflohen ist? Warum haben seine Verwandten in
+Hospel nie die geringste Nachricht von ihm bekommen?
+Er klettert Tag um Tag an den Felsenufern der Glotter
+und sp&auml;ht in die Wasser.</p>
+
+<p>Heute hat Johannes in einem Felsenschlund beim
+Bildhaus an der Grenze von Tremis, in dem das Wasser
+quirlt und brodelt, etwas auftauchen sehen, was ein
+Bein und ein Schuh sein k&ouml;nnte &mdash; nein, was ein Bein
+und ein Schuh ist.</p>
+
+<p>Wie die M&auml;nner von ihren heimlichen Beratungen
+heimkommen, herrscht unter den Weibern schon Wehklagen:
+es stehe einer au&szlig;erhalb der Br&uuml;cke in der Glotter,
+er strecke den Arm gegen die Wei&szlig;en Bretter und st&ouml;hne
+immer nur: &raquo;Der dort oben &mdash; der dort oben&laquo; &mdash; und
+hinterher seufzte er: &raquo;Und Binia Waldisch!&laquo;</p>
+
+<p>Abergl&auml;ubisches Entsetzen f&uuml;llt das Dorf. Es ist
+kein Schlaf in St. Peter &mdash; nur Beten und Gejammer:
+&raquo;Warum haben wir den Bau an den Wei&szlig;en Brettern
+zugegeben, warum haben wir uns durch den Presi verf&uuml;hren
+lassen?&laquo; Und dazu die dumpfe Antwort: &raquo;Auf
+ihn und sein Kind mag es kommen.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_362" id="Page_362">[Pg 362]</a></span>In der Nacht sinkt ein dichter kalter Nebel ins Thal,
+ehe der Tag d&auml;mmert, klopft der Mesner schreckensbleich
+an die Th&uuml;ren: &raquo;Ich kann nicht zur Fr&uuml;hmesse l&auml;uten,
+es steht einer in wei&szlig;em Gewand an der Kirchenth&uuml;re!&laquo;</p>
+
+<p>Mit ihren Laternen gehen die D&ouml;rfler in festgeschlossener
+Schar zum Gotteshaus.</p>
+
+<p>Es steht keiner an der Kirchenth&uuml;re, aber ein gro&szlig;er
+Zettel klebt daran, sie lesen ihn mit Entsetzen und die
+Frauen fahren kreischend zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Gerechte B&uuml;rger von St. Peter!&laquo; hei&szlig;t es auf dem
+Blatt. &raquo;Ich, Th&ouml;ni Grieg, klage es euch. Aus den
+Wassern der Glotter schreie ich seit dem Fridolinstag um
+ein ehrliches Begr&auml;bnis in geweihter Erde, w&auml;hrend mein
+Blut s&uuml;ndig an den Wei&szlig;en Brettern vermauert wird.
+Ihr kennt meine M&ouml;rder. Begrabt mich und schafft
+Gerechtigkeit. Die armen Seelen wissen, was ich leide,
+und ziehen aus.&laquo;</p>
+
+<p>Das Dorf ist ratlos, das Grauen liegt allen in den
+Gliedern, einer raunt es dem anderen zu: &raquo;Wenn die
+Toten zu schreiben anfangen, dann ist es Zeit, da&szlig; wir
+handeln.&laquo;</p>
+
+<p>Da schlarpt Kaplan Johannes mit lodernden Augen
+heran. &raquo;Seht ihr, die Toten reden! Was wollt ihr
+mehr? Ich will euch etwas sagen, aber die Zunge soll
+dem verdorren, der Satan soll dem ins Blut fahren,
+der mich verr&auml;t. Bevor ihr den Mord am Rebellen
+s&uuml;hnen k&ouml;nnt, m&uuml;&szlig;t ihr Binia Waldisch, die Teufelin,
+schlagen; erst wenn sie im Blute liegt, ist er schwach und
+leicht zu bew&auml;ltigen. Wozu der Schrecken, wozu das
+Erbarmen? Lest, wie sie Th&ouml;ni get&ouml;tet und sein Blut
+nach der Stadt gebracht haben, damit man das Teufelssalz<span class='pagenum'><a name="Page_363" id="Page_363">[Pg 363]</a></span>
+hat bereiten k&ouml;nnen. Die erste Schuldige ist Binia
+Waldisch, die Tochter des Presi; sie m&uuml;&szlig;t ihr schlagen,
+sonst geht St. Peter unter.&laquo;</p>
+
+<p>Die M&auml;nner schaudern: &raquo;Das thun wir, so wahr
+uns Gott helfe, nicht. Mann gegen Mann, so ist's in
+den alten Zeiten gehalten worden, aber eine Jungfrau
+t&ouml;tet, selbst wenn sie eine Teufelin w&auml;re, keiner. Eher
+mag St. Peter untergehen.&laquo;</p>
+
+<p>Da rollt der Gletscher.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rt ihr's &mdash; St. Peter geht unter!&laquo; wehklagen
+die Frauen, und der Kaplan l&auml;chelt: &raquo;Ihr k&ouml;nnt die
+Hexe mit weltlichen Waffen nicht umbringen, die heiligen
+Grabkreuze m&uuml;&szlig;t ihr aus der Erde rei&szlig;en und sie damit
+schlagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Johannes,&laquo; grollen die M&auml;nner und ballen gegen
+ihn die F&auml;uste, &raquo;seid Ihr der Satan, der uns ins Ungl&uuml;ck
+bringen will? Eine Jungfrau mit Grabkreuzen erschlagen!
+Das ist unerh&ouml;rt im Bergland. Th&auml;ten wir
+das unseren heiligen Toten zu leid, da&szlig; wir ihre stillen
+Gr&auml;ber sch&auml;nden, so gesch&auml;he es uns gerecht, wenn unser
+alter Pfarrer uns das Gotteshaus verschl&ouml;sse und die
+Glocken bannte. Dann m&uuml;&szlig;ten wir ja auch zu Grunde
+gehen, es giebt ja genug Meldungen im Gebirge, wie
+D&ouml;rfer vergangen sind, denen die Kirche den Segen entzogen
+hat. Die Weiber sind unfruchtbar geworden, der
+Sohn hat das Beil gegen den Vater erhoben, wie die
+W&ouml;lfe haben sich die Bewohner zerrissen und die letzten
+sich in Verzweiflung &uuml;ber die Felsen gest&uuml;rzt. Kaplan &mdash;
+Ihr wollt uns zu Grunde richten &mdash; seht Euch vor, wenn
+Ihr uns schlecht ratet, so seid Ihr der erste, den wir
+erschlagen.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_364" id="Page_364">[Pg 364]</a></span>Da hat der Kaplan einen Anfall der Fallsucht, wie
+er ihn selbst hervorrufen kann. Er st&uuml;rzt, er zuckt, er
+sch&auml;umt, er schreit.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist seiner selbst nicht mehr m&auml;chtig, jetzt redet
+Gott aus ihm,&laquo; mahnt der Glotterm&uuml;ller und streckt die
+gefalteten H&auml;nde zum Himmel. Was aber Johannes
+spricht, ist entsetzlich: &raquo;Th&ouml;ni Grieg &mdash; du mu&szlig;t aufstehen,
+sie m&uuml;ssen einen Toten zeugen h&ouml;ren, da&szlig; St. Peter
+untergeht.&laquo;</p>
+
+<p>Ja, wenn ein Toter aufersteht, wenn Th&ouml;ni Grieg
+in der Glotter liegt, so wollen sie dem Kaplan glauben
+und das Entsetzliche thun, Binia Waldisch, die M&ouml;rderin,
+erschlagen.</p>
+
+<p>W&auml;hrend aber die D&ouml;rfler auf dem Kirchhof noch
+beraten, ert&ouml;nt der Ruf: &raquo;Der Pfarrer kommt &mdash; der
+Pfarrer!&laquo;</p>
+
+<p>Da springt der Kaplan auf: &raquo;Er will euch &uuml;berreden.
+&mdash; Eilt an die Glotter und seht. &mdash; Vor dem
+Bildhaus zu Tremis schwimmt Th&ouml;ni Grieg in der
+Schlucht.&laquo;</p>
+
+<p>Halb in Groll, halb in Furcht und Scham flieht
+die Gemeinde vor ihrem Pfarrer. Er liest den Anschlag
+an der Kirchenth&uuml;re, sein wei&szlig;es Haupt zittert, er stammelt:
+&raquo;Jetzt mu&szlig; ich Wort halten!&laquo; Weinend schleicht
+der alte trostlose Mann ins Pfarrhaus zur&uuml;ck. &raquo;Sie
+haben sich dem Baalspfaffen ergeben, sie haben sich von
+der heiligen Kirche gewandt, wohlan, so mu&szlig; ich mein
+Wort halten.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_365" id="Page_365">[Pg 365]</a></span></p>
+<h2><a name="XX" id="XX"></a>XX.</h2>
+
+
+<p>Mann, Weib und Kind sind durch die Nebel des
+kalten Herbstmorgens, der schon an den Winter mahnt,
+&uuml;ber den Stutz hinab thalaus geeilt, aber Kaplan Johannes
+ist nicht mehr bei ihnen.</p>
+
+<p>Sie m&ouml;gen Th&ouml;ni Grieg selbst suchen, das Entsetzen
+wird um so gr&ouml;&szlig;er sein, wenn sie ihn finden.</p>
+
+<p>Der Garde weilt beim Presi: &raquo;Binia retten, was
+auch geschehen sei, auf eine blutige That darf keine
+blutige That folgen. Und die Gier des Verr&uuml;ckten trachtet
+nach dem Kind. Gebt sie in meine Obhut &mdash; Presi &mdash;
+ich b&uuml;rge f&uuml;r sie. &mdash; Aber rasch &mdash; rasch &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi sp&uuml;rt die bittere Not der Stunde: &raquo;Wohin
+wollt Ihr mit ihr, Garde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich geleite sie auf den Berg, da&szlig; sie zu Josi gehe.
+Dort ist sie sicher; wenn er will, kommt keine Maus in
+seinen Gang, und bis am Morgen ist auch schon Mannschaft
+zum Schutz beider an den Wei&szlig;en Brettern. &mdash;
+Presi, telegraphiert in die &auml;u&szlig;eren Gemeinden um Hilfe.&laquo;</p>
+
+<p>Der Presi will es thun &mdash; er kommt kreidewei&szlig; aus
+der Postablage zur&uuml;ck &mdash; der Draht ist abgeschnitten.</p>
+
+<p>&raquo;Dann holt Eusebi die Mannschaften &mdash; ein paar
+Stunden sp&auml;ter sind sie doch da &mdash; nur ein Verbrechen<span class='pagenum'><a name="Page_366" id="Page_366">[Pg 366]</a></span>
+darf nicht geschehen &mdash; eher m&ouml;gen unsere H&auml;user zerst&ouml;rt
+werden.&laquo;</p>
+
+<p>In dem sonst so schwerf&auml;lligen Garden lebt und
+bebt alles, die klugen und guten Augen unter den buschigen
+Brauen spr&uuml;hen Feuer, er ist wieder jung.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, zu Josi!&laquo; klingt das Stimmchen der erschrockenen
+Binia fein und traumhaft und ihre Finger spielen, ohne
+da&szlig; sie es wei&szlig;, mit dem Tautropfen, den sie aus der
+Kapsel des Halskettchens geholt hat. &raquo;Komm mit mir,
+Vater, es ist mir so angst um dich, wir wollen uns nicht
+trennen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie kniet vor ihm, er aber antwortet fast streng:
+&raquo;Heute geh&ouml;rt der Presi in die Gemeinde, das wei&szlig;t du,
+Kind!&laquo; Dann in &uuml;berstr&ouml;mendem Gef&uuml;hl: &raquo;Geh, Binia!
+&mdash; Auf Wiedersehen, Herzensvogel &mdash; gr&uuml;&szlig;e mir Josi.&laquo;
+Er rei&szlig;t sie an seine Brust: &raquo;Liebe Bini &mdash; sollte es
+anders kommen &mdash; sollte ich morgen nicht mehr leben &mdash;
+doch wenn nur du lebst &mdash; ich habe einmal einen sonderbaren
+Traum gehabt &mdash; aber ich glaube nicht mehr daran
+&mdash; geh zu Josi &mdash; geh in Gottes Namen.&laquo;</p>
+
+<p>Mit sanfter Gewalt l&ouml;st der Garde die schluchzende
+Binia aus den Armen des Vaters: &raquo;Ich will dich f&uuml;hren,
+Binia! &mdash; Komm &mdash; komm.&laquo;</p>
+
+<p>Vater und Kind nehmen Abschied wie f&uuml;r die
+Ewigkeit.</p>
+
+<p>Der Garde f&uuml;hrt Binia im kalten, dichten Nebel
+durchs &ouml;de Dorf gegen die Alpen empor. Er redet herzlich
+zu der Schwankenden, die doch tapfer geblieben ist:
+&raquo;Und nun, Binia,&laquo; fragt er, &raquo;was f&uuml;r eine Bewandtnis
+hat es mit der furchtbaren Anklage, die gegen dich und
+Josi erhoben wird &mdash;&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_367" id="Page_367">[Pg 367]</a></span>Da beichtet sie dem alten Freund, wie sie dem Vater
+gebeichtet hat.</p>
+
+<p>&raquo;Binia!&laquo; sagt der Garde stillstehend und fa&szlig;t ihre
+beiden H&auml;nde: &raquo;Jemand anders als du k&ouml;nnte es mir nicht
+vorgeben, da&szlig; der betrunkene Th&ouml;ni selber in die Glotter
+gelaufen ist &mdash; aber wenn es einen Menschen giebt, dem
+ich glaube, so bist du es, denn du hast, wo andere gestrauchelt
+w&auml;ren, immer den Mut der Wahrheit besessen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sehen sich in die Augen, der Garde und Binia.
+O, sie hat es wohl gef&uuml;hlt, da&szlig; der Vater ihrer Erz&auml;hlung
+nicht ganz vertraute, und nun ist sie endlich
+gl&uuml;cklich, da&szlig; wenigstens der Garde sie in ihrem tiefen
+Elend versteht.</p>
+
+<p>Noch zuckt ein Strahl der Hoffnung, da&szlig; alles gut
+kommen werde, durch ihre Brust, da aber taucht Kaplan
+Johannes gespenstisch aus dem Nebel auf und lacht sein
+gr&auml;&szlig;lichstes Lachen: &raquo;Wir tanzen doch, Jungfrau &mdash; wir
+tanzen an den Wei&szlig;en Brettern!&laquo;</p>
+
+<p>Irrsinnige Gier lodert in seinen Blicken.</p>
+
+<p>Ehe der Garde sich auf ihn st&uuml;rzen kann, verschwindet
+er so rasch, wie er aufgetaucht ist, im Nebel.</p>
+
+<p>Binia zittert und der Garde mu&szlig; sie wohl oder
+&uuml;bel noch ein gutes St&uuml;ck begleiten.</p>
+
+<p>Da dringt das helle Tageslicht durch das Grau &mdash;
+es liegt unter ihnen &mdash; eine blasse Sonne scheint durch
+wei&szlig;e Wolken &mdash; &uuml;ber das Gebirge ziehen dunklere Streifen
+und B&auml;nke her &mdash; es r&uuml;stet zum Schneien &mdash; aber in der
+Felsenh&ouml;he winkt der sichere Hort.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;rchte dich nicht, Binia,&laquo; mahnt der Garde, &raquo;gewi&szlig;
+geht eher St. Peter unter, als da&szlig; deinem Haupt
+ein Leid geschieht.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_368" id="Page_368">[Pg 368]</a></span>Hoch oben trennen sie sich. &mdash; Binia geht langsam,
+Schritt f&uuml;r Schritt, sie steigt in die falbe, schweigende
+Ein&ouml;de &mdash; sie ist auf der Flucht &mdash; ihre Lippen zittern:
+&raquo;Zu Josi!&laquo;</p>
+
+<p>Einen Augenblick noch sah ihr der Garde nach, dann
+wendete er sich in Selbstvorw&uuml;rfen: &raquo;Der Mensch meint,
+er mache ein Ding gut, und er macht es b&ouml;se. &mdash; Es
+w&auml;re in diesem Augenblick viel wert, wenn das Dorf
+w&uuml;&szlig;te, was f&uuml;r ein Verbrechen Th&ouml;ni Grieg an Josi
+begangen hat.&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Eusebi ist auf dem Weg nach Hilfe und der Garde
+eilt zu den D&ouml;rflern hinaus, die die Leiche in der Glotter
+suchen. Vielleicht bringt er sie im letzten Augenblick zur
+Vernunft.</p>
+
+<p>Im B&auml;ren aber k&auml;mpft ein alter, einsamer Mann,
+er k&auml;mpft wie der angeschossene Adler, der j&auml;her als je
+zuvor gegen den Himmel steigt. Er k&auml;mpft wie die
+Forelle an der Angel, die auf den Grund des Wassers
+schie&szlig;t und sich in Schlamm und Kies verbohrt. Aber
+der Adler f&auml;llt rauschend in die Hochgebirgstannen, die
+Forelle verliert die Kraft und mu&szlig; aufw&auml;rts steigen.</p>
+
+<p>Der Presi wei&szlig; es: er ist der Adler &mdash; er ist die
+Forelle &mdash; seine Stunde ist da.</p>
+
+<p>Er sitzt und betet &mdash; er blickt &uuml;ber sein Leben &mdash;
+er sieht alle seine Missethaten gegen Fr&auml;nzi und Seppi
+Blatter &mdash; gegen die selige Beth &mdash; gegen Josi &mdash; gegen
+Binia &mdash; und er hat Th&ouml;ni auf dem Gewissen. Eine
+furchtbare Angst um Binia &uuml;berf&auml;llt ihn. Sie ist wohl
+sicher in Josis Felsenwerk &mdash; aber er h&auml;tte sie nicht gehen
+lassen sollen &mdash; in seiner grenzenlosen Verlassenheit gewinnt
+der alte Traum Macht &uuml;ber ihn &mdash; und er wei&szlig;<span class='pagenum'><a name="Page_369" id="Page_369">[Pg 369]</a></span>
+jetzt, wer der dritte ist, der am Haupt seines Kindes
+r&uuml;hren wird &mdash; es ist der schreckliche Kaplan, der den
+Ha&szlig; gegen ihn und eine verbrecherische Leidenschaft f&uuml;r
+das Kind in einer Blutthat ertr&auml;nken m&ouml;chte.</p>
+
+<p>Er sollte jetzt der Presi sein &mdash; er sollte handeln &mdash;
+sollte reden &mdash; aber die Kraft versagt. &mdash; Das Dorf ist
+totenstill &mdash; er wei&szlig; nicht, was drau&szlig;en an der Glotter
+geschieht &mdash; wie Binia ihr Ziel erreicht. &mdash; Die Furcht
+l&auml;hmt ihn und kein Mensch k&uuml;mmert sich um ihn.</p>
+
+<p>Doch, die bebende Vroni steckt den Kopf herein und
+harrt den langen Tag als Samariterin bei ihm aus.</p>
+
+<p>Sie kommen so furchtbar lange nicht, die den toten
+Th&ouml;ni bringen. Mittag. &mdash; Abend. &mdash; Da naht endlich
+der traurige Zug, in dessen Mitte die Leiche auf einer
+Bahre liegt.</p>
+
+<p>Die M&auml;nner des Gebirges haben die H&uuml;te gezogen,
+finster und gemessen schreiten sie und reden nichts.</p>
+
+<p>Noch einmal ist ihr furchtbarer Entschlu&szlig;, den sie
+nur im h&ouml;chsten Taumel des Schreckens fa&szlig;ten, ersch&uuml;ttert
+worden.</p>
+
+<p>Denn der Garde hat geredet, er hat allen, die sehen
+wollten, den falschen, entsetzlichen Brief Th&ouml;nis gezeigt,
+und das Mitleid mit dem, der in der Glotter lag, ist
+dahin. &mdash; H&auml;tte ihn Josi erschlagen, man k&ouml;nnte nichts
+dawider haben.</p>
+
+<p>Nein, sie k&ouml;nnen Binia nichts thun &mdash; selbst das
+entstellte Gesicht Th&ouml;nis, den man unter unendlichen
+M&uuml;hen aus den Tiefen der Glotter geholt hat, giebt ihnen
+den Mut nicht mehr.</p>
+
+<p>Da ziehen die Sprengsch&uuml;sse Josis lang hinhallend
+durch das Gebirge und die Donnerschl&auml;ge von den Wei&szlig;en<span class='pagenum'><a name="Page_370" id="Page_370">[Pg 370]</a></span>
+Brettern jagen die Furcht neu in die vom Totenfund
+erregten Herzen, die wie unter dem Bann einer h&ouml;heren
+F&uuml;gung stehen. Morgen schl&auml;gt der Hammer &mdash; morgen
+fallen die Lawinen von der Krone &mdash; morgen geht St. Peter
+unter.</p>
+
+<p>Die F&auml;uste ballen sich, die Blicke steigen drohend
+gegen die Felsen empor. &raquo;Der braucht wohl noch zu
+sprengen,&laquo; knirschen die M&auml;nner, &raquo;in dieser Nacht mu&szlig;
+doch noch das Gericht ergehen.&laquo;</p>
+
+<p>Wohin mit der Leiche? &mdash; Auf den Kirchhof. Die
+Bahre steht. Um sie knieen im sinkenden Abend die
+D&ouml;rfler.</p>
+
+<p>Von der Freitreppe des B&auml;ren schreitet im Sonntagsstaat
+w&uuml;rdig und feierlich der Presi, der den schrecklichen
+Anfall vom Morgen &uuml;berwunden hat. Zitternd,
+doch hochaufgerichtet steigt er langsam zum Kirchhof empor
+und scheu geben die D&ouml;rfler Raum.</p>
+
+<p>Er zieht den Hut, tritt an die Bahre und nimmt
+die schneewei&szlig;e Hand des Ertrunkenen. Ruhig spricht
+er, so da&szlig; es alle h&ouml;ren k&ouml;nnen: &raquo;Th&ouml;ni Grieg, du
+wei&szlig;t es, da&szlig; ich dich erschlagen habe, da&szlig; Josi und Binia
+unschuldig sind. &mdash; Garde und Gemeinde, ich ergebe
+mich euch als der M&ouml;rder Th&ouml;ni Griegs!&laquo;</p>
+
+<p>So spricht der Presi!</p>
+
+<p>Was er erwartet, erf&uuml;llt sich aber nicht. Das Volk
+st&uuml;rzt sich nicht auf ihn, sondern stutzt in Verwirrung
+und Hohngel&auml;chter erschallt ringsum. Die Rede des Garden
+und des Presi widersprechen sich. &mdash; Der Garde schluchzt
+laut auf: &raquo;O Presi, was habt Ihr gesagt!&laquo; Er f&auml;llt
+seinem Freund an die Brust.</p>
+
+<p>Ein unbeschreiblicher Aufruhr entsteht. Die D&ouml;rfler<span class='pagenum'><a name="Page_371" id="Page_371">[Pg 371]</a></span>
+schreien: &raquo;Sie spielen Kom&ouml;die &mdash; der Garde drau&szlig;en,
+der Presi hier &mdash; sie l&uuml;gen &mdash; Josi Blatter und Binia
+Waldisch sind die M&ouml;rder. &mdash; Die F&uuml;hrer der Gemeinde
+sind auch des Teufels und mit ihnen gegen uns verschworen.&laquo;</p>
+
+<p>Zu diesem Aufruhr kommt von der Kirchenth&uuml;re
+her&uuml;ber ein zweiter &mdash; ein entsetzliches Geschrei: &raquo;Wehe
+St. Peter &mdash; wehe &mdash; wehe &mdash; wir sind exkommuniziert.&laquo;</p>
+
+<p>Ein Blitz, der in den Kirchhof gefahren w&auml;re, h&auml;tte
+die Verwirrung nicht vermehren k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Wo am Morgen die Schrift des Kaplans hing,
+klebt eine andere. Der <a name="corr_9" id="corr_9"></a><a href="#corr_note_9" class="correction" title="Im Originaltext &quot;Pfarerr&quot;">Pfarrer</a> schreibt:</p>
+
+<p>&raquo;An die r&auml;udige heidnische Rotte von St. Peter.
+Im Namen der heiligen Kirche sind die Siegel an dieses
+Gotteshaus gelegt. Wer sie bricht, der sei einem Selbstm&ouml;rder
+gleich geachtet, wer am Strang der Glocke zieht,
+den soll die Religion nicht lossprechen in seinem Sterben,
+und wer in der heiligen Erde w&uuml;hlt, soll selbst kein geweihtes
+Grab finden. Das soll so lang gelten, als ihr
+nicht mit dem rechtm&auml;&szlig;igen Pfarrer Frieden macht und
+von dem Baalspfaffen Johannes und seinem Teufelsglauben
+la&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>Darunter steht das Pfarramtssiegel. &mdash; Die Leiche
+Th&ouml;ni Griegs ist &uuml;ber dem Schrecken, den die neue Botschaft
+erregt, vergessen. Man sucht den Pfarrer, man
+findet ihn nicht, in aller Heimlichkeit hat der alte gekr&auml;nkte
+Mann das Thal verlassen, einige, die an der
+Glotter standen, haben ihn sogar gesehen.</p>
+
+<p>Da liegt ein Toter, der begraben sein sollte, und
+&uuml;bermorgen ist Allerheiligen &mdash; dann Allerseelen! Kirche
+und Kirchhof aber sind gesperrt.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_372" id="Page_372">[Pg 372]</a></span>Nun r&uuml;ttelt und sch&uuml;ttelt das Entsetzen ein ganzes
+Dorf.</p>
+
+<p>&raquo;Die Regierung hat uns ins Elend gef&uuml;hrt, unsere
+alten Vorsteher l&uuml;gen uns an, die Kirche giebt uns auf
+&mdash; und alles kommt vom Rebellen und der Hexe &mdash; den
+M&ouml;rdern. &mdash; Gut, wenn man will, da&szlig; wir wilde Tiere
+werden, so wollen wir wilde Tiere sein und uns unseres
+Lebens wehren &mdash; der Rebell und die Hexe m&uuml;ssen
+sterben.&laquo;</p>
+
+<p>So rasen die von St. Peter.</p>
+
+<p>Der Presi schwankt, wie er sieht, da&szlig; seine Selbstaufopferung
+nichts hilft, davon &mdash; die D&ouml;rfler beachten
+es im Aufruhr kaum &mdash; der Garde will reden &mdash; aber
+ihm antwortet der hundertstimmige Ruf kreischender Weiber
+und tobender M&auml;nner: &raquo;Wir wollen nichts mehr von
+euch &mdash; ihr seid alle Verr&auml;ter.&laquo;</p>
+
+<p>Die neblige Herbstnacht ist hereingesunken &mdash; das
+Grauen w&auml;chst.</p>
+
+<p>Da schwingt sich Kaplan Johannes mit einer qualmenden
+Kienfackel auf die Bahre und beleuchtet das zerwaschene
+Gesicht des Toten; der Ruf l&auml;uft durch die
+dunklen Gruppen: &raquo;Wir haben niemand mehr, der sich
+unser erbarmt, als Johannes &mdash; Kaplan, f&uuml;hrt uns &mdash;
+sagt uns, was sollen wir thun?&laquo;</p>
+
+<p>Der Schwarze l&auml;chelt h&ouml;llisch: &raquo;Erschlagt die Teufelin
+und den Rebellen &mdash; sie ist bei ihm an den Wei&szlig;en
+Brettern, ich &ouml;ffne euch den Weg.&laquo;</p>
+
+<p>Da ruft der alte greise Peter Thugi: &raquo;Ergebt euch
+nicht in die Gewalt des Schwarzen &mdash; ihr werdet es
+bereuen.&laquo;</p>
+
+<p>Im gleichen Augenblick aber ert&ouml;nt ein seltsames<span class='pagenum'><a name="Page_373" id="Page_373">[Pg 373]</a></span>
+klirrendes Ger&auml;usch durch den Kirchhof. Alle erschaudern.
+Wahnsinnige Weiber haben die ersten Kreuze ausgerissen.
+Die M&auml;nner knirschen dumpf: &raquo;Jetzt k&ouml;nnen wir nicht
+mehr zur&uuml;ck &mdash; vorw&auml;rts also &mdash; wir m&uuml;ssen Totschl&auml;ger
+sein!&laquo;</p>
+
+<p>Das vom Entsetzen ger&uuml;ttelte Dorf r&uuml;stet sich zum
+schrecklichen Auszug an die Wei&szlig;en Bretter, die Grabkreuze
+klirren durch die Nacht. Hinter Kaplan Johannes,
+der das Kreuz Seppi Blatters an sich gerissen hat und
+den Weg mit seiner Kienfackel beleuchtet, zieht die heulende,
+betende Schar, die sich der H&ouml;lle ergeben hat.
+Sie hat aber das Dorf kaum verlassen, da r&ouml;ten sich die
+n&auml;chtlichen Nebel und schon rennen die Ausziehenden
+schreiend zur&uuml;ck: &raquo;Es brennt in St. Peter. &mdash; Feurio!
+&mdash; Feurio!&laquo;</p>
+
+<p>Die unbestimmt in die Nebel flutende, wogende,
+wachsende Glut rei&szlig;t alle ins Dorf zur&uuml;ck. &mdash; &raquo;Vielleicht
+ist es unser Haus &mdash; vielleicht ist es unser Vieh, das
+verbrennt,&laquo; jammern sie; es scheint durch die schwelenden
+Nebel, als stehe das ganze Dorf in Flammen.</p>
+
+<p>Fluchend sieht es der Kaplan, wie seine Herde die
+Kreuze von sich wirft und zu ihren H&auml;usern rennt.</p>
+
+<p>Wie die Erschrockenen aber zur&uuml;ckkommen, brennt
+der B&auml;ren, steigen die Lohen schon prasselnd durch das
+Dach in die Nebel empor. Der B&auml;ren, das alte sch&ouml;ne
+Haus, der Stolz von St. Peter, das Wahrzeichen des
+Dorfes, brennt. Sie stehen ersch&uuml;ttert davor &mdash; und ihre
+erste Eingebung ist: retten &mdash; helfen, &mdash; das Gewissen
+f&uuml;r die b&uuml;rgerliche Pflicht erwacht.</p>
+
+<p>Wie aber einige zur Kirche hinauf eilen und die
+Sturmglocken ziehen wollen, prallen sie wieder an die<span class='pagenum'><a name="Page_374" id="Page_374">[Pg 374]</a></span>
+Siegel des Pfarrers. Es brennt und man darf nicht
+l&auml;uten.</p>
+
+<p>Die Verzweiflung packt das Dorf. &mdash; Die Leiche
+Th&ouml;ni Griegs, die noch auf dem Kirchhof steht, steigert
+das Entsetzen. Das Brandlicht fliegt &uuml;ber sie und giebt
+den Z&uuml;gen einen Schein des Lebens. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Wer hat den B&auml;ren angez&uuml;ndet?&laquo; &mdash; &raquo;Ein Voreiliger
+vom Ahorn!&laquo; So redet ihnen das schlechte Gewissen
+ein. &raquo;Wo ist der Presi? Wenn er im Haus verbrennte?&laquo;
+&mdash; Einige Beherzte steigen in den Bau, er ist
+nicht darin.</p>
+
+<p>Da predigt von der Kirchhofmauer herunter der
+schwarze Kaplan, der schrecklich im Schein der Flammen
+steht, mit seiner hohlen Grabesstimme: &raquo;Meine fromme
+Gemeinde. Dich rufen heiligere Pflichten &mdash; wir m&uuml;ssen
+Teufelst&ouml;ter sein &mdash; folgt ihr mir, so wird zu Allerheiligen
+ein erl&ouml;sendes Wunder f&uuml;r alle geschehen, die
+mit mir sind &mdash; folgt ihr mir nicht, so seid ihr um
+Mitternacht schon in der Gewalt des Feindes &mdash; der
+Presi ist auf dem besten Tier nach Hospel geritten und
+bietet die &auml;u&szlig;eren D&ouml;rfer gegen uns auf. Er hat das
+Haus angez&uuml;ndet, um uns aufzuhalten.&laquo;</p>
+
+<p>Das erste glauben die D&ouml;rfler, das letzte nicht, denn
+zu sehr hat der Presi sein sch&ouml;nes Heim geliebt.</p>
+
+<p>Das Entsetzen steigt. &mdash; Mord und Feuersbrunst
+in der Gemeinde &mdash; und morgen milit&auml;rische Besetzung
+oder Untergang. &mdash; Dazu den Zorn und die Strafen
+der Kirche.</p>
+
+<p>Der Brand, dem man nicht wehrt, wirft seine rauschenden
+Funkengarben auf das Dorf, Frauen und Kinder
+flehen die M&auml;nner auf den Knieen an, da&szlig; sie das Dorf<span class='pagenum'><a name="Page_375" id="Page_375">[Pg 375]</a></span>
+retten, der Garde mahnt mit Thr&auml;nen in den Augen
+zur Vernunft.</p>
+
+<p>Endlich, endlich arbeitet die Feuerspritze, er kommandiert,
+Wasserstrahlen fliegen auf die Kirche und die
+n&auml;chsten H&auml;user. Die Nacht ist windstill, die riesige Lohe
+des B&auml;ren verflie&szlig;t wie eine feurige Wolke im Nebel,
+die gewaltigen Mauern halten stand, aber aus den berstenden
+Fenstern zischen die Flammen und zerst&ouml;ren die
+alten Jagdtroph&auml;en am Dachgeb&auml;lk und prasselnd f&auml;llt
+das graue B&auml;renhaupt auf die Stra&szlig;e und zersplittert.</p>
+
+<p>Aus dem Erdgescho&szlig; ist einiges gerettet worden und
+nun schreit B&auml;lzi: &raquo;Der Wein! der Wein! La&szlig;t uns
+doch den Wein holen!&laquo;</p>
+
+<p>Er dringt mit einigen Burschen in den Keller, sie
+w&auml;lzen die F&auml;sser auf die Stra&szlig;e, und da man sich wegen
+der steigenden Hitze zur&uuml;ckziehen mu&szlig;, zum Kirchhof hinauf.</p>
+
+<p>Die Flaschen, Kr&uuml;ge, Becher und Gl&auml;ser kreisen.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn doch St. Peter untergehen mu&szlig;,&laquo; gr&ouml;hlen
+die M&auml;nner, &raquo;so wollen wir noch trinken. Zum Wohl &mdash;
+zum Wohl!&laquo;</p>
+
+<p>Ein gr&auml;&szlig;liches Bild! Der Brand nimmt schon ab,
+die Gefahr f&uuml;r das Dorf ist vorbei, der B&auml;ren ist ein
+riesiger gl&uuml;hender Ofen, auf dem Kirchhof aber beraten
+die Trunkenen zwischen betenden Frauen und schreienden
+Kindern, was sie jetzt anfangen wollen.</p>
+
+<p>Einen Augenblick ist es, als siege die Vernunft, der
+Garde und noch einige haben sich auf den Kaplan geworfen,
+haben ihn gefesselt und wollten den Tobenden
+abf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Da fliegt eine Nachricht herbei, die den letzten Funken
+der Besinnung l&ouml;scht: &raquo;Wir sind verraten. &mdash; Die wehrf&auml;hige<span class='pagenum'><a name="Page_376" id="Page_376">[Pg 376]</a></span>
+Mannschaft der vorderen D&ouml;rfer ist im Anzug &mdash;
+sie sind schon an der Br&uuml;cke &mdash; sie helfen dem Rebellen
+&mdash; sie sind gegen die von St. Peter.&laquo;</p>
+
+<p>Die Best&uuml;rzten bitten, drohen, sie k&auml;mpfen, sie
+machen den gebundenen Kaplan Johannes mit Gewalt
+frei: &raquo;Er allein kann uns jetzt helfen!&laquo; rufen sie. Er
+aber schreit, das Grabkreuz Seppi Blatters wieder ergreifend:
+&raquo;Vertraut mir, ihr Frommen. &mdash; Zu Allerheiligen
+erl&ouml;se ich euch alle &mdash; denn ich bin nicht Kaplan
+Johannes, wie ihr meint &mdash; sondern ich bin St. Peter,
+euer Schutzpatron, ich richte unter euch meine Kirche ein &mdash;
+und wer in den Himmel kommen will, folgt mir!&laquo;</p>
+
+<p>Der helle Wahnsinn steht in den Augen des Schrecklichen,
+der sein Grabkreuz schwingt &mdash; die H&auml;lfte der
+D&ouml;rfler weicht &uuml;ber die Gottesl&auml;sterung entsetzt von ihm
+zur&uuml;ck: &raquo;Wir haben uns einem Narren ergeben!&laquo; stammeln
+sie.</p>
+
+<p>Zwanzig, drei&szlig;ig Frauen aber, die noch in Furcht
+und Entsetzen an ihn glauben, scharen sich um ihn, eine
+Zahl M&auml;nner ahmen das Beispiel nach, doch viele unter
+ihnen verhalten sich schweigsam und drohend: &raquo;Wir gehen
+mit,&laquo; knurren sie finster, &raquo;denn nach allem, was sich ereignet
+hat, k&ouml;nnen wir nicht mehr zur&uuml;ck, aber wenn
+er uns ins Ungl&uuml;ck f&uuml;hrt, ist er der erste, der fallen
+mu&szlig;.&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Siegesgewi&szlig; l&auml;chelt der wahnsinnige Kaplan: &raquo;Kommt,
+kommt, ihr Getreuen &mdash; an den Wei&szlig;en Brettern wird
+sich das Gl&uuml;ck der Gemeinde erf&uuml;llen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch Ihr, Peter Thugi?&laquo; &mdash; Der Garde, der den
+Mut verloren hat, sagt es traurig und vorwurfsvoll. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Garde,&laquo; erwidert der junge Mann, &raquo;wenn Josi<span class='pagenum'><a name="Page_377" id="Page_377">[Pg 377]</a></span>
+oder Binia ein H&auml;rchen gekr&uuml;mmt wird, so kehre ich
+nicht zur&uuml;ck zu meinen Kleinen &mdash; mich sch&auml;mt das Leben
+an, wenn er untergehen soll, der mich gerettet hat!&laquo;</p>
+
+<p>Der Zug der Verzweiflung zieht, w&auml;hrend es leise
+zu schneien beginnt, in die Nacht.</p>
+
+<p>Umsonst hat der Garde noch einmal geredet &mdash; jetzt
+sitzt er still in seiner Wohnung und weint &uuml;ber seine verirrte
+Gemeinde.</p>
+
+<p>Vroni steht tr&ouml;stend bei ihm, aber ihr ist todesangst
+um Binia. Die alte Sage!</p>
+
+<p>Eusebi kommt so lange mit der Hilfe nicht.</p>
+
+<p>Da horch! Gleichm&auml;&szlig;ige, taktfeste Schritte von M&auml;nnern
+schallen von der Stra&szlig;e, die sich mit dem Flaum
+des fallenden Schnees bedeckt. In guter Ordnung r&uuml;ckt
+die waffenf&auml;hige Mannschaft der &auml;u&szlig;eren D&ouml;rfer in
+St. Peter ein, die Befehle t&ouml;nen ruhig durch die Nacht,
+im Haus des Garden atmet man auf aus grimmiger Not.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist mein Mann, Eusebi Zuensteinen?&laquo; fragt
+Vroni die Ankommenden.</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem ersten Zug der Unsrigen ist er vor dem
+Dorf an die Wei&szlig;en Bretter empor geschwenkt. &mdash; Josi
+Blatter darf nichts geschehen,&laquo; antworten die M&auml;nner.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en im Lande wei&szlig; man es: Das Werk Josi
+Blatters ist gut. Mit denen von St. Peter aber, die
+man schon lange als harte, abergl&auml;ubische K&ouml;pfe kennt,
+mu&szlig; man scharf rechnen, sie haben mit dem, was heute
+geschehen ist, die Ehre des ganzen Berglandes beleidigt.</p>
+
+<p>Da&szlig; Josi Blatter, der Held der heligen Wasser,
+ein M&ouml;rder sei, will niemand glauben; da&szlig; die von
+St. Peter sich unter die Anf&uuml;hrung des verr&uuml;ckten Kaplans
+stellten, den man als einen gemeingef&auml;hrlichen Vagabunden<span class='pagenum'><a name="Page_378" id="Page_378">[Pg 378]</a></span>
+kennt, da&szlig; sie nach dem Leben eines durch seine Rechtschaffenheit
+und Sch&ouml;nheit bekannten M&auml;dchens trachten,
+erf&uuml;llt die Mannschaft mit solcher Wut, da&szlig; die F&uuml;hrer
+M&uuml;he haben, sie von un&uuml;berlegten Thaten gegen die
+D&ouml;rfler zur&uuml;ckzuhalten.</p>
+
+<p>Morgen wird aber ja schon die gerichtliche Untersuchung
+walten, bis in die Stadt ist man durch Eusebi
+und den Pfarrer &uuml;ber den Plan derer von St. Peter
+unterrichtet und emp&ouml;rt.</p>
+
+<p>Wenn den zwei Liebenden ein Leid gesch&auml;he, wehe
+dann dem Dorf.</p>
+
+<p>Nun aber sind die M&auml;nner entt&auml;uscht &mdash; in St. Peter
+brennen nur wenige Lichter &mdash; wo sie eintreten, treffen
+sie nur betende Frauen &mdash; aber keinen Mann, der Auskunft
+&uuml;ber die Ereignisse des Tages g&auml;be.</p>
+
+<p>Endlich greifen sie einen auf &mdash; den betrunkenen
+B&auml;lzi, der in seinem Rausch den schrecklichen Ahornbund
+verr&auml;t. Sie sperren den Gefesselten in die Gemeindescheune.</p>
+
+<p>Da bringen einige von jenen, die mit Eusebi an
+die Wei&szlig;en Bretter emporgestiegen sind, auf einer Notbahre
+von Tannenreisern einen Mann. Die erste falsche
+Nachricht sagt, es sei Josi Blatter, der erschlagen worden
+sei, aber es ist der Presi, der machtlos r&ouml;chelt.</p>
+
+<p>&raquo;Wohin mit ihm?&laquo; fragen die Tr&auml;ger. &mdash; &raquo;In
+mein Haus,&laquo; erwidert der ersch&uuml;tterte Garde, und wie
+er in das Gesicht seines Freundes blickt, da wei&szlig; er, da&szlig;
+er einen vor sich hat, der nicht mehr lange leben wird.</p>
+
+<p>Auf dem Weg zu seinen Kindern ist der Presi hilflos
+zusammengesunken.</p>
+
+<p>Da liegt er nun in der Kammer des Garden, aber<span class='pagenum'><a name="Page_379" id="Page_379">[Pg 379]</a></span>
+er kann nicht sterben: &raquo;Mein Traum,&laquo; st&ouml;hnt er, &raquo;mein
+entsetzlicher Traum &mdash; dazu die alte Sage, da&szlig; eine
+Jungfrau bluten mu&szlig;, ehe St. Peter von der Wasserfron
+erl&ouml;st ist. Garde, seht Ihr nicht &mdash; meine arme Bini
+blutet.&laquo;</p>
+
+<p>In schrecklichen Gesichtern lebt der Sterbende.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nicht selig werden, es sei denn, ich wisse
+meine Bini mit Josi gl&uuml;cklich und da&szlig; er unschuldig ist.
+Nur kein Fluch von mir in ein folgendes Geschlecht. &mdash;
+Seppi Blatter &mdash; Fr&auml;nzi &mdash; macht es mir nicht zu streng.&laquo;</p>
+
+<p>Der Garde h&auml;lt die Hand des Bebenden, selbst ein
+ungl&uuml;cklicher Mann, f&uuml;hlt er verzehrendes Mitleid mit
+ihm und tr&ouml;stet: &raquo;O Presi &mdash; es leben allerdings m&auml;chtige
+Wahrheiten in den alten Sagen, in Tr&auml;umen wohnt
+tiefer Sinn, aber glaubt, eine Vatertreue, wie die Eure,
+vermag die verh&auml;ngten Schicksale zu brechen. Es wird
+Euch vor Gott gro&szlig; angesehen sein, da&szlig; Ihr Euer Kind
+in dem Augenblick, wo Ihr seiner bedurftet, dahin ziehen
+lie&szlig;et, wo seine Sicherheit und sein Gl&uuml;ck liegen, &mdash;
+da&szlig; Ihr die Folgen einer ungl&uuml;cklichen Stunde vor dem
+erregten Volk selber tragen wolltet, &mdash; da&szlig; Ihr Eure
+letzte Kraft dahin wandtet, wo Ihr glaubtet, Eure Kinder
+h&auml;tten Eures Schutzes n&ouml;tig. Presi, gebt die Hoffnung
+nicht auf.&laquo;</p>
+
+<p>So tr&ouml;stet der treue Freund feierlich und unabl&auml;ssig
+und zitternd horcht der Presi.</p>
+
+<p>Der Garde, der es sp&uuml;rt, wie das Leben seines
+Freundes schwinden will, sagt: &raquo;Ihr habt mehr gethan
+&mdash; um sie zu retten, habt Ihr das Haus, das Euch lieb
+war wie Euer Leben, in Brand gesteckt. Bekennt es nur!&laquo;</p>
+
+<p>Aber der Sterbende verzerrt sein Gesicht und knirscht.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_380" id="Page_380">[Pg 380]</a></span>Mit tiefem Kummer sieht es der Garde: Sein
+Freund ist noch der alte Presi. Er w&uuml;rde, wenn er seine
+Kinder nicht mehr s&auml;he, mit einem schrecklichen Geheimnis
+ins Grab steigen und auf St. Peter den Verdacht
+der Brandstiftung ruhen lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Bekennt Ihr,&laquo; fragt der Garde, &raquo;wenn Josi und
+Binia unversehrt durch diese Th&uuml;re treten?&laquo;</p>
+
+<p>Da schluchzt der Presi, aber er schweigt.</p>
+
+<p>&raquo;Josi und Binia sind unschuldig &mdash; es kann ihnen
+nichts geschehen &mdash; jetzt nicht und vor Gericht nicht &mdash;
+ich werde mit ihnen k&auml;mpfen &mdash; sie m&uuml;ssen gl&uuml;cklich
+werden, die so viel gelitten haben!&laquo;</p>
+
+<p>So mahnt und tr&ouml;stet der Garde, und aus seiner
+vollen Brust str&ouml;mt der Glaube in die Brust des Presi
+&uuml;ber, ergebungs- und hoffnungsvoll erwartet er, w&auml;hrend
+seine Pulse schon schw&auml;cher und schw&auml;cher gehen, die Botschaft
+von den Wei&szlig;en Brettern.</p>
+
+<p>Ehe er wei&szlig;, wie es sich an den heligen Wassern
+entschieden hat, kann er nicht sterben.</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_381" id="Page_381">[Pg 381]</a></span></p>
+<h2><a name="XXI" id="XXI"></a>XXI.</h2>
+
+
+<p>&raquo;Zu Josi!&laquo; Durch die letzten Bergastern, durch die
+&ouml;den herbstfalben Weiden schwankt Binia langsam empor
+&mdash; empor &mdash; sie folgt, ohne da&szlig; sie es wei&szlig;, dem Weg,
+den sie mit dem Vater gegangen ist. Oft steht sie still,
+dann greift ihr Fu&szlig;, indem sie fl&uuml;stert: &raquo;Zu Josi!&laquo;
+wieder mechanisch aus. Dann blickt sie wieder zur&uuml;ck in
+die Nebel: &raquo;Vater &mdash; Vater!&laquo; Die Kindesliebe zieht sie
+zur&uuml;ck. Doch sie geht wieder vorw&auml;rts. Alle ihre Regungen
+sind aber fast nur Traum und die Stimmen sonniger
+Vergangenheit reden lauter in ihr als die Gegenwart.</p>
+
+<p>Zu viel hat sie gelitten und leidet sie noch. Da
+erreicht sie die Stelle, wo die heligen Wasser vom Ger&ouml;ll
+auf die Wei&szlig;en Bretter &uuml;bergehen. Ein seltsamer Gedanke
+kommt ihr: In ihrem Schutz kann mir und Josi
+nichts geschehen! &mdash; Aber die alte Sage &mdash; sie bebt.
+Wird sie f&uuml;r Josis Werk sterben m&uuml;ssen?</p>
+
+<p>Sie wandelt durch den Felsengang, da gl&auml;nzt tief
+im Hintergrund ein Licht.</p>
+
+<p>&raquo;Josi!&laquo; Er mei&szlig;elt am Boden hingekniet und sieht
+sie nicht. &raquo;Josi!&laquo; schreit sie.</p>
+
+<p>Er f&auml;hrt auf und l&auml;&szlig;t den Hammer fallen. &raquo;Bini!&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_382" id="Page_382">[Pg 382]</a></span>
+Er umarmt sie. Im flackernden Grubenlicht sieht er
+nicht, wie bleich sie ist.</p>
+
+<p>&raquo;Bini &mdash; dich hat in dieser Stunde Gott zu mir
+gef&uuml;hrt. Engel &mdash; du kommst, um mein Werk zu segnen
+&mdash; die Leitung vollendet sich. &mdash; Schau! &mdash; Durch dieses
+Bohrloch blitzt von dr&uuml;ben schon der Tag.&laquo;</p>
+
+<p>In seinem abgezehrten Gesicht sieht sie eine fast &uuml;berirdische
+Freude, sie schluchzt: &raquo;Josi, der Kaplan Johannes
+hat in der Glotter Th&ouml;ni Grieg gefunden &mdash; mein Leben
+ist im Dorf verwirkt &mdash; meine letzte Zuflucht bist du.&laquo;</p>
+
+<p>Sie legt ihre kleinen H&auml;nde in seine gro&szlig;en arbeitsharten
+und neigt ihr K&ouml;pfchen auf seine Schulter und
+weint bitterlich.</p>
+
+<p>Da k&uuml;&szlig;t er sie auf den Scheitel: &raquo;Sei ruhig, liebes
+Bineli &mdash; du wei&szlig;t es, ich habe Th&ouml;ni Grieg nicht zu
+f&uuml;rchten &mdash; mit uns ist die Wahrheit &mdash; sei nicht so
+traurig; wie du einst zu mir, so sage ich heute zu dir:
+Glaube, vertraue &mdash; das Gl&uuml;ck wird doch noch wahr.&laquo;</p>
+
+<p>Er steht vor ihr im Vollgef&uuml;hl des vollendeten Werkes.
+Und nun ert&ouml;nt ihr kleiner Schrei: &raquo;Josi, mein Held!&laquo;</p>
+
+<p>Binia geht es wundersam &mdash; Bei Josi, dem starken
+Manne, der ihr milde zul&auml;chelt, sinkt alles Schwere, was
+sie erlebt hat, wie ein w&uuml;ster schwerer Traum von ihr.
+Ihr ist, an seiner Seite k&ouml;nnte sie einem ganzen Schwarm
+von Feinden entgegengehen, und selbst wenn alle so gr&auml;&szlig;lich
+wie Kaplan Johannes w&auml;ren, w&uuml;rde ihr kein Leid
+geschehen.</p>
+
+<p>Mit gl&auml;nzenden Augen schaut sie Josi an.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du Mut, Bini?&laquo; l&auml;chelt er. &raquo;Zeige es mir. &mdash;
+Ich w&auml;re gl&uuml;cklich, wenn du mit deiner lieben Hand die
+letzten Sch&uuml;sse entz&uuml;nden wolltest. Das w&auml;re mir ein<span class='pagenum'><a name="Page_383" id="Page_383">[Pg 383]</a></span>
+gr&ouml;&szlig;eres Fest, als wenn morgen die Regierung nach
+St. Peter k&auml;me und mich unter Glockengel&auml;ute vom Berg
+holte. &mdash; Wozu das? &mdash; F&uuml;r dich ist's ja gebaut und
+gethan! &mdash; Weihe es, Binia!&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Sein ermunternder Blick ruht auf ihr. Er schiebt
+die Patronen in die L&ouml;cher und setzt die Z&uuml;nder auf.
+&raquo;Hier und hier &mdash; hier und hier &mdash; da und da.&laquo;</p>
+
+<p>Dem&uuml;tig und mutig nimmt sie die Lunte und legt
+sie an die Z&uuml;nder, die leise zu summen beginnen.</p>
+
+<p>&raquo;Zur&uuml;ck, so weit ich dich f&uuml;hre, und sei stark, Bini.&laquo;</p>
+
+<p>Josi z&auml;hlt. &mdash; &raquo;Jetzt.&laquo; &mdash; Es kracht. &mdash; Ein Donnerwetter
+geht durch die Felsen, als ob das ganze Gebirge
+st&uuml;rzen m&uuml;sse &mdash; jauchzend reicht Josi Binia die Hand:
+&raquo;Gott segne den neuen Lauf der heligen Wasser &mdash; die
+Blutfron ist gel&ouml;st!&laquo;</p>
+
+<p>Ueber das Nebelmeer unter ihnen rollt der Hall und
+rollt zur&uuml;ck. &mdash; Der Rauch zieht an ihnen vorbei und
+durch das Thor herein, das sich ge&ouml;ffnet hat, gl&auml;nzt ein
+Schein des Abendrotes, das &uuml;ber Tremis steht.</p>
+
+<p>Mit wuchtigen Hieben gl&auml;ttet Josi die Stelle. Doch
+nach einiger Zeit sagt er zu dem M&auml;dchen, das am Rand
+des Wassergrabens kauert und ihm bewundernd zuschaut:
+&raquo;F&uuml;r heute Feierabend &mdash; Bini &mdash; dir zu Ehren.&laquo;</p>
+
+<p>Da wird sie wieder etwas &auml;ngstlich: &raquo;O, Josi! &mdash;
+wir sollten fliehen. &mdash; Wir sind selbst hier oben nicht
+sicher &mdash; es ist mir, es geschehe Schreckliches in St. Peter!&laquo;</p>
+
+<p>Sie dr&auml;ngt sich schmeichelnd und Schutz suchend an
+den strahlenden Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Fliehen! &mdash; Ich f&uuml;rchte mich nicht vor denen von
+St. Peter. Und den Vater verlassen wir nicht, Bini.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O mein Vater, &mdash; mein armer Vater! &mdash; Nein <span class='pagenum'><a name="Page_384" id="Page_384">[Pg 384]</a></span>&mdash;
+gelt, lieber Josi, wir verlassen ihn nicht! &mdash; Wir wollen
+wieder zu ihm niedersteigen,&laquo; fleht sie.</p>
+
+<p>&raquo;Sieh, Bini,&laquo; antwortet er tr&ouml;stlich, &raquo;wir haben
+einen geraden Weg, den m&uuml;ssen wir gehen: Bevor die
+Wasser laufen, scheiden wir nicht von den Wei&szlig;en Brettern
+&mdash; bevor wir wissen, ob der Vater nicht doch mit
+uns kommen will, gehen wir nicht von St. Peter &mdash;
+und bevor ich mich nicht vor dem Gericht von jedem
+Verdacht wegen Th&ouml;ni Grieg gereinigt habe, wirst du
+nicht mein Weib &mdash; dann aber Gl&uuml;ck zu, mein herzlieber,
+reiner Tautropfen.&laquo;</p>
+
+<p>Weich und dem&uuml;tig erwidert sie: &raquo;Dein Weg ist
+mein Weg, Josi!&laquo;</p>
+
+<p>In weltferner Einsamkeit hoch &uuml;ber den Menschen
+halten sie Feierabend. Ueber dem grauen Nebel der Tiefe,
+der wie ein See in die Berge gegossen liegt, geht der
+Tag zur R&uuml;ste, sie sehen nicht und h&ouml;ren nicht, wie unter
+ihnen in St. Peter der Aufruhr braust, sie sehen auch
+die Sterne nicht, denn Schneewolken ziehen schwerer und
+schwerer &uuml;ber das Gebirg &mdash; zwischen lauter Wolken sind
+sie mit ihrer Liebe allein.</p>
+
+<p>Josi hat von lange her eine Felsennische heimelig
+eingerichtet, da flackert jetzt ein Feuer, die Milch, die der
+pflichttreue Bonzi wie sonst heraufgeschafft hat, siedet im
+Topf; auf einem Teppich, der &uuml;ber eine Felsenbank
+gelegt ist, sitzt das Paar Wange an Wange und in der
+stillen Felsenheimlichkeit vergi&szlig;t es die armseligen Menschen,
+die sich in den Qualen des Aberglaubens winden,
+und nichts bleibt ihnen bewu&szlig;t als ihre starke Liebe.
+Alle St&uuml;rme sind zur Stille gekommen, die Seelen der
+Gehetzten ruhen in seligem Traum.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_385" id="Page_385">[Pg 385]</a></span>&raquo;Josi,&laquo; erbebt die Stimme Binias fein und weich,
+&raquo;eine alte Sage geht, da&szlig; &uuml;ber der Befreiung St. Peters
+aus der Blutfron eine Jungfrau sterben mu&szlig; &mdash; sie hat
+mir meinen Gang zu dir schwer gemacht &mdash; aber jetzt
+ist mir, es w&auml;re mir leicht, das Leben f&uuml;r dich und dein
+Werk hinzugeben!&laquo;</p>
+
+<p>Und in unendlicher Treue hangen ihre Augen an ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Rede nicht so &mdash;, Bini,&laquo; erwidert er sanft, &raquo;nein,
+wir wandern ins Leben &mdash; du und ich &mdash; und wir wollen
+unserer Liebe im Frieden froh werden und schaffen, bis
+es Abend ist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ins Leben!&laquo; wiederholt sie traumhaft.</p>
+
+<p>Er streichelt ihr dunkles Haar, m&uuml;de l&auml;&szlig;t sie das
+K&ouml;pfchen an seine Brust sinken, lange Leiden fordern
+Ausl&ouml;sung, und sorglich bettet er die in einen bleiernen
+Schlaf Versunkene in die Felsenecke. &mdash; Das Feuerchen
+flackert und beleuchtet zwei Friedliche. &mdash;</p>
+
+<p>Etwas Sonderbares weckt Josi aus seinem halben
+Schlummer. Ihm fehlt in der Morgenfr&uuml;he das leise
+Klingen der Glocke von St. Peter, und pl&ouml;tzlich erinnert
+er sich, da&szlig; er es auch am Abend nicht geh&ouml;rt hat. Nun
+wird er doch unruhig. Ist in St. Peter so Schlimmes
+geschehen, da&szlig; der alte Pfarrer seine Drohung wahr gemacht
+hat?</p>
+
+<p>Besorgt z&uuml;ndet er in das Gesicht der schlafenden
+Binia. Sie l&auml;chelt innig im Traum und von ihren
+Lippen zittern die Worte: &raquo;Die V&ouml;gel, sie fliegen &uuml;ber
+Land und Meer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlafe, armes Kind, das so viel erduldet hat,
+schlafe &mdash; das Rauschen der Wasser, das Schlagen des
+Hammers mag dich wecken.&laquo; Er geht leise davon, er<span class='pagenum'><a name="Page_386" id="Page_386">[Pg 386]</a></span>
+schreitet sein Werk ab, im Schein der Lampe legt er da
+und dort noch Hand an, er setzt am &auml;u&szlig;eren Ende der
+Leitung das kleine zierliche Wasserrad ein, das den Merkhammer
+treiben soll.</p>
+
+<p>Es schneit ruhig und feierlich, die Flocken fallen
+leis und weich ins Morgengrauen und tiefe Stille waltet
+ringsum. Da ist ihm doch, er h&ouml;re Stimmen aus der
+Tiefe und klirrende T&ouml;ne &mdash; aber so unbestimmt, da&szlig;
+er nicht klug daraus wird, was er h&ouml;rt.</p>
+
+<p>Er wandert rasch, die ruhig schlafende Binia im
+Vorbeigehen betrachtend, das ganze Werk zur&uuml;ck &mdash; er
+lenkt den Auslaufk&auml;nnel am Eingang der Felsen vom
+Abgrund zur&uuml;ck und hinein in die neue Leitung.</p>
+
+<p>Eilig str&ouml;men die Wasser.</p>
+
+<p>Da horch! &mdash; Stimmen schwellen im Schneegest&ouml;ber
+&mdash; eine Schar Gestalten, die &mdash; sonderbar genug &mdash; Grabkreuze
+tragen &mdash; M&auml;nner und Weiber tauchen gespenstisch
+in den Flocken auf &mdash; er erkennt den schwarzen Kaplan
+&mdash; er h&ouml;rt die hohe Stimme des Glotterm&uuml;llers: &raquo;Wir
+m&uuml;ssen sie totschlagen, ehe das Rad geht &mdash; vorw&auml;rts!&laquo;</p>
+
+<p>Josi stellt sich ruhig einige Schritte vor dem Eingang
+seines Werkes auf, aber seine Hand langt in die
+Tasche und seine Augen funkeln.</p>
+
+<p>Die Schar steht vor ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Halt &mdash; oder ich sprenge euch alle samt und sonders
+in die Luft.&laquo; Hochaufgerichtet, eine Dynamitpatrone
+in der erhobenen Hand, donnert er es ihnen entgegen. &mdash;
+Die M&auml;nner stutzen, aber Kaplan Johannes ruft: &raquo;Die
+heiligen Kreuze sind st&auml;rker als das teuflische Salz!&laquo; &mdash;
+Und er will mit dem erhobenen schweren Grabkreuz in
+wahnsinniger Wut auf Josi los.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_387" id="Page_387">[Pg 387]</a></span>Da geschieht etwas Entsetzliches.</p>
+
+<p>Aus dem Felsengang st&uuml;rzt Binia &mdash; sie st&uuml;rmt an
+Josi vorbei &mdash; sie l&auml;uft unter das erhobene Kreuz des
+Kaplans &mdash; sie schreit flehentlich: &raquo;Schlagt mich, Kaplan
+&mdash; aber t&ouml;tet meinen Josi nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Schon saust das Kreuz gegen das junge sch&ouml;ne Haupt
+hernieder und &raquo;Josi!&laquo; schreit Binia in Todesnot.</p>
+
+<p>Da sinkt der Kaplan selbst.</p>
+
+<p>Er st&ouml;hnt unter den F&auml;usten Peter Thugis, der ihn
+im letzten Augenblick niedergerissen hat.</p>
+
+<p>Einige der verdutzten M&auml;nner machen Miene, dem
+Schwarzen zu helfen, aber jetzt ist Josi neben der in die
+Kniee gesunkenen blassen Binia, er h&auml;lt in finsterer Entschlossenheit
+die Patrone hoch und sein funkelnder Blick hat
+den Stein schon ersp&auml;ht, an den er sie schleudern k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>&raquo;Die Waffen weg, oder ihr fliegt!&laquo; schreit er.</p>
+
+<p>Ein furchtbarer Augenblick, ein Mann gegen einen
+Schwarm &mdash; einzelne der Gestalten tauchen, wie Gespenster
+verschwinden, in das Schneegest&ouml;ber zur&uuml;ck. &mdash;
+Die schwarzen Kreuze und Scheiter fallen in den wei&szlig;en,
+reinen Schnee.</p>
+
+<p>Nur der Glotterm&uuml;ller mit einem kleinen H&auml;uflein
+steht noch, aber sie wagen keine That.</p>
+
+<p>Da horch &mdash; der Hammer schl&auml;gt &mdash; er schl&auml;gt rasch
+und rascher, laut und lauter &mdash; und rings im Gebirgskreis
+bleibt es still &mdash; die Lawinen fallen nicht &mdash; es
+schneit nur leise und feierlich. &mdash; Die letzten Kreuze
+sinken &mdash; aus der Tiefe t&ouml;nt der Ruf: &raquo;Josi, wir kommen
+&mdash; Josi, halte aus &mdash; die Hilfe ist da!&laquo; &mdash; Es ist
+Eusebi, der ruft. &mdash; Und durch den Schnee blitzen schon
+Waffen und Wehr.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_388" id="Page_388">[Pg 388]</a></span>Wie Peter Thugi die erl&ouml;senden Zurufe h&ouml;rt, l&auml;&szlig;t
+seine Faust etwas von dem sich windenden Kaplan. Der
+kann entfliehen und springt in gewaltigen S&auml;tzen bergw&auml;rts.
+Hinter ihm die letzten Kreuztr&auml;ger.</p>
+
+<p>Um Josi, der die halb ohnm&auml;chtige Binia im Arm
+h&auml;lt, und Peter Thugi, den Freund, steht die Entsatzmannschaft,
+und Eusebi Zuensteinen vergie&szlig;t die hellen
+Thr&auml;nen der Freude, da&szlig; sein Schwager gerettet ist.</p>
+
+<p>Josi dankt Peter auf den Knieen f&uuml;r die rettende That.</p>
+
+<p>&raquo;Wer sollte es besser wissen, Josi,&laquo; erwidert Thugi,
+&raquo;was du f&uuml;r St. Peter gethan hast, als ich.&laquo;</p>
+
+<p>And&auml;chtig horchen die hundert M&auml;nner dem Schlagen
+des Hammers und sch&uuml;tteln Josi und Binia die Hand.</p>
+
+<p>Ein sonderbarer Zug bewegt sich in dem fallenden
+Schnee thalw&auml;rts. &mdash; In der Mitte geht Josi, nicht wie
+ein Held, sondern wie ein Geschlagener &mdash; er wei&szlig; es,
+er mu&szlig; mit Binia an ein Sterbebett treten. Und Binia
+schluchzt herzzerbrechend. Aber da&szlig; sie noch gehen kann,
+ist ein Wunder.</p>
+
+<p>Wer ist der gr&ouml;&szlig;ere, Josi, der die Blutfron von
+St. Peter genommen hat, oder der Presi, der Vater,
+der bis in den Tod f&uuml;r sein Kind gek&auml;mpft hat?</p>
+
+<p>Ja, ja, arme Bini, ruhige Jahre werden dir nun
+wohl thun, denn zuletzt verliert auch der Stahl seine
+Biegsamkeit und bricht.</p>
+
+<p>Sie sehen den verw&uuml;steten B&auml;ren; Josi ist bereit,
+noch heute den Gerichtsbeamten, die schon einger&uuml;ckt
+sind, Rede und Antwort zu stehen.</p>
+
+<p>Das Paar tritt in die Wohnung des Garden &mdash; es
+sinkt an das Bett des Presi.</p>
+
+<p>Man hat ihm die Fenster &ouml;ffnen m&uuml;ssen, damit er<span class='pagenum'><a name="Page_389" id="Page_389">[Pg 389]</a></span>
+das Schlagen des neuen Hammers an den Wei&szlig;en Brettern
+h&ouml;rt. Seitdem ist er ruhig und nun richtet er sich
+auf vom Lager. Er schluchzt &mdash; die d&uuml;nnen Thr&auml;nen
+flie&szlig;en &uuml;ber seine abgeh&auml;rmten Wangen. &mdash; &raquo;Seppi
+Blatter &mdash; Fr&auml;nzi &mdash; ihr habt mir's nicht zu streng gemacht.
+&mdash; &mdash; Und Josi, wenn du wegen Th&ouml;ni Grieg
+etwas auf dem Gewissen hast, &mdash; so nehme ich es dir ab.&laquo;</p>
+
+<p>Da antwortet Josi: &raquo;Nein, Vater, ich bin frei von
+Schuld. Th&ouml;ni Grieg ist zehn Schritt vor mir gest&uuml;rzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Garde, ich habe den B&auml;ren angez&uuml;ndet,&laquo; spricht
+der Presi laut, dann murmelt er: &raquo;Und St. Peter habe
+ich lieb gehabt. &mdash; Seid gl&uuml;cklich &mdash; Josi &mdash; Bini.&laquo;
+Einen Blick uns&auml;glicher Liebe noch wendet er auf das
+Paar &mdash; er sinkt zur&uuml;ck und der Todesengel schwebt durch
+das Haus.</p>
+
+
+
+<hr class="full"/>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_390" id="Page_390">[Pg 390]</a></span></p>
+<h2><a name="XXII" id="XXII"></a>XXII.</h2>
+
+
+<p>Ein Trauerspiel im Bergland. Was die von St. Peter
+gethan haben, erscheint dem Bergvolke selbst, erscheint
+der Welt unbegreiflich. Das Dorf wollte den schlagen,
+der ihm die gr&ouml;&szlig;te Wohlthat erwiesen hat, den es mit
+Ehren wie seinen Erl&ouml;ser feiern sollte. Unbegreiflich? &mdash;
+Als ob der Wechselruf &raquo;Hosianna!&laquo; und &raquo;Kreuziget ihn!&laquo;
+nicht die Jahrhunderte herab durch die Bl&auml;tter der Geschichte
+jauchzte und klagte. Als ob es nicht bis in die
+bl&uuml;hende Gegenwart hinein der Beispiele genug g&auml;be,
+wo nicht nur ein kleines, weltfernes Dorf, sondern gro&szlig;e
+m&auml;chtige, gebildete V&ouml;lker sich unter dem Druck eines
+Zwangsgedankens verwirren und eine Weile den Weg
+der Vernunft nicht finden k&ouml;nnen. Als ob die Gestalt des
+b&ouml;sen Narren, des Kaplans Johannes, der hetzend die
+dunklen Regungen der Volksseele mi&szlig;braucht, nicht &uuml;berall
+auf der Lauer stehe, um seinen Bettelsack aus der allgemeinen
+Verirrung zu f&uuml;llen und seine n&auml;chtliche Seele
+in den Bildern des Schreckens schwelgen zu lassen. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>In bebender Zerknirschung liegt St. Peter.</p>
+
+<p>Jahrhunderte hat sein V&ouml;lklein unter dem Donner
+der Lawinen friedlich und still gelebt, Geschlecht um Geschlecht
+hat mannlich getragen, was eine &uuml;berm&auml;chtige
+Natur an Gefahren und blutenden Opfern &uuml;ber sein Dasein<span class='pagenum'><a name="Page_391" id="Page_391">[Pg 391]</a></span>
+verh&auml;ngte. Im Scho&szlig; des stillen Lebens bl&uuml;hten
+innige Sitten und Br&auml;uche, die Wunderblume der Sage
+hielt ihre Kelche offen und atmete ihre D&uuml;fte aus. Da
+f&uuml;hrte ein Feuerkopf die Unruhe, die Hast einer neuen
+Zeit in die Enge des Thales, in die Schmalheit der
+Volksanschauungen. Die D&ouml;rfler sahen, was Eltern und
+Altvordern gro&szlig; und heilig gegolten, von einem Schwarm
+leichter Menschen, der kein Verst&auml;ndnis f&uuml;r ihr eigenartiges
+F&uuml;hlen besa&szlig;, mi&szlig;achtet, in den Stimmen der
+Lawinen h&ouml;rten die Ge&auml;ngstigten den Zorn des Himmels
+reden. Und siehe da &mdash; die Wunderblume der Sage
+vergiftete ihren Duft. In Fleisch und Knochen schlich
+sich, von einem geheimnisvollen Narren vertragen, das
+Fieber des Aberglaubens.</p>
+
+<p>Die Stimmung ist vorbereitet. &mdash; Da geschieht das
+Unfa&szlig;bare, da&szlig; einer vom Dorf das Verh&auml;ngnis l&ouml;sen
+will, das wie Gottes Z&uuml;chtigung dar&uuml;ber schwebt &mdash; da
+ereignet sich das Schreckliche, da&szlig; ein verborgener Mord,
+so glaubt das V&ouml;lklein, ans Tageslicht kommt &mdash; eine
+tragische Folge der Umst&auml;nde schaltet alle Hemmungen der
+Vernunft aus.</p>
+
+<p>So hat das Entsetzliche geschehen k&ouml;nnen! &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Zwei Abgesandte der Regierung sind da; der Hammer
+an der rettenden Leitung schl&auml;gt, von einem Fest
+zur Einweihung des Werkes spricht niemand.</p>
+
+<p>Eine unheimliche Stille br&uuml;tet &uuml;ber St. Peter. M&auml;chtiger
+als die ernsten Patrouillen, die das Dorf auf und
+ab schreiten, spricht es in die Gewissen, da&szlig; das sch&ouml;ne
+alte Haus zum B&auml;ren in schwarzen Ruinen aus der
+wei&szlig;en feierlichen Schneelandschaft ragt. St. Peter ist
+ohne den B&auml;ren nicht mehr St. Peter.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_392" id="Page_392">[Pg 392]</a></span>Wer hat die Flamme hineingeworfen? &mdash; In der
+Gemeindescheune halten die herbeigeeilten Gerichtsbeh&ouml;rden
+an einem Tisch die Verh&ouml;re, zu denen ihnen der Verrat
+B&auml;lzis die Unterlagen bietet. Mit finsteren, trotzigen
+Mienen kommt Bauer um Bauer und antwortet auf die
+Fragen. Da&szlig; er Kreuze aus dem Kirchhof ausgerissen
+hat, giebt jeder zu. Den Ahornbund aber verr&auml;t keiner.
+Und keiner nennt den Brandstifter, die Untersuchungsbeamten
+aber bestehen darauf, da&szlig; es irgend einer vom
+Bunde sei, und halten den Verdacht auf den Presi f&uuml;r
+eine Ausflucht. Sie fassen einen hei&szlig;en Groll gegen das
+verstockte Dorf und drohen mit langen Einquartierungen
+auf Kosten der Gemeinde.</p>
+
+<p>Da tritt ersch&uuml;ttert der Garde herein: &raquo;Ich kann
+euch die Untersuchung erleichtern. Keiner von denen,
+die ihr verh&ouml;rt habt, hat den B&auml;ren angez&uuml;ndet. Das
+hat ein Vater f&uuml;r sein Kind gethan. Ich sage es euch
+im Auftrage des Presi Peter Waldisch, der soeben gestorben
+ist.&laquo;</p>
+
+<p>O, die da sitzen und die Not eines Dorfes schreiben,
+sie haben den Presi schon gekannt, den gewaltth&auml;tigen
+Mann, der, die anderen alle um Hauptesl&auml;nge &uuml;berragend,
+nie klein gewesen in seinem Zorn, aber auch so gro&szlig; in
+seiner Liebe, da&szlig; ihm die That wohl zuzutrauen ist.</p>
+
+<p>Sie sprechen bewegt: &raquo;Immer war er der Presi &mdash;
+sich selbst getreu bis in den Tod &mdash; in der Enge der
+Berge, wo der gewaltige Mann &uuml;berall anstie&szlig;, hat er
+werden m&uuml;ssen, wie er war &mdash; in der Welt aber w&auml;re
+er nach Kopf und Herz ein Gro&szlig;er geworden &mdash; denn
+Kernholz, aus dem das Volk seine starken F&uuml;hrer schnitzt,
+war an ihm von der Sohle bis zum Scheitel.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_393" id="Page_393">[Pg 393]</a></span>W&auml;hrend sie noch fl&uuml;sternd dem toten Presi ihr Kr&auml;nzlein
+winden, tritt Josi Blatter an den Tisch und w&uuml;nscht
+wegen Th&ouml;ni Grieg verh&ouml;rt zu werden. Ruhig und fest
+erz&auml;hlt er den Hergang im Teufelsgarten, ruhig und fest
+antwortet er auf die Kreuz- und Querfragen, die Gesichter
+der Untersuchenden, die zuerst wohlwollend auf den
+Helden der heligen Wasser blickten, werden ernst. Die
+Darstellung klingt unglaubw&uuml;rdig.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr besteht darauf, da&szlig; es nicht Totschlag in Notwehr
+war?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bestehe darauf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr habt das Werk an den Wei&szlig;en Brettern
+nicht zur S&uuml;hne gebaut?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, meiner Braut Binia Waldisch zu Ehren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr verzichtet auf die altgebr&auml;uchliche Rechtswohlthat,
+die seit Matthys Jul denen zugebilligt wird, die
+f&uuml;r die heligen Wasser an die Wei&szlig;en Bretter steigen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verzichte!&laquo;</p>
+
+<p>Josi steht &mdash; es geht nicht anders &mdash; unter der
+Anklage, in Notwehr Th&ouml;ni Grieg erschlagen zu haben &mdash;
+aber wenigstens so hart sind die M&auml;nner des Gerichtes nicht,
+da&szlig; sie ihm eine Haft auferlegen. Sein Ehrenwort, sich der
+Untersuchung immer zur Verf&uuml;gung zu halten, gen&uuml;gt.</p>
+
+<p>Kaplan Johannes ist nicht zur&uuml;ckgekehrt. Von seinen
+eigenen Anh&auml;ngern zuletzt in die Enge getrieben, hat er
+sich auf die Felsen gefl&uuml;chtet, die vom Neuschnee schl&uuml;pfrig
+waren, er ist gest&uuml;rzt und erst im Fr&uuml;hjahr hat man seinen
+zerschmetterten Leichnam in einem Abgrund gefunden.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Untersuchung &uuml;ber die Vorf&auml;lle in
+St. Peter, die mehrere Tage in Anspruch nimmt, ist der
+alte Pfarrer zur&uuml;ckgekommen und hat seine Siegel von<span class='pagenum'><a name="Page_394" id="Page_394">[Pg 394]</a></span>
+der Kirche genommen. St. Peter kann seine Toten begraben,
+heute in aller Stille Th&ouml;ni Grieg, morgen in
+herzlicher Trauer den Presi, der den D&ouml;rflern nie bewunderungsw&uuml;rdiger
+schien als in seinem Tod. Man
+hat die Kreuze und Scheiter des Kirchhofs gesammelt und
+wieder in die Gr&auml;ber gesteckt. Der Pfarrer hat sie neu
+geweiht, und wie nun die Glocken zum Begr&auml;bnis des
+Presi wieder erklingen, da geht ein aufschluchzendes Weinen
+der Zerknirschung, doch auch neue Lebenshoffnung durch
+das Dorf.</p>
+
+<p>Am Schlu&szlig; der Grabpredigt sagt der alte Pfarrer:
+&raquo;Ich wei&szlig;, da&szlig; auch ich schuldig bin und euch nicht h&auml;tte
+verlassen sollen, und vor den Beh&ouml;rden der Kirche will
+ich f&uuml;r euch um ein gn&auml;diges Urteil bitten. Ich lasse
+euch als Verm&auml;chtnis meiner Amtsth&auml;tigkeit, die ich
+niederlege, die Schl&uuml;ssel zum Gotteshaus und den Glocken
+zur&uuml;ck. Hoffentlich f&uuml;r ewig. &mdash; Eine junge starke Kraft
+m&ouml;ge euch besser f&uuml;hren, als es mir altem kraftlosen
+Manne gelungen ist!&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Langsam schreitet der Proze&szlig;, es ist, als k&ouml;nne sich
+das arme Dorf nicht mehr erheben aus seiner Schande,
+als m&uuml;sse es daran zu Grunde gehen.</p>
+
+<p>Wie aber vor dem Volk des Berglandes die Gestalten
+Josi Blatters und Th&ouml;ni Griegs durch die Untersuchung
+in immer sch&auml;rferen Umrissen erscheinen, wie der gef&auml;lschte
+Brief Th&ouml;nis bekannt wird, wie man den Leidensgang
+und die hohe Treue der Liebenden erf&auml;hrt, da fliegen ihnen
+alle Herzen zu, der gerechte Sinn des Volkes erwacht.
+&raquo;Selbst wenn er eine That des Zornes begangen h&auml;tte,&laquo;
+spricht das Volk, &raquo;m&uuml;&szlig;te er freigesprochen werden, sie
+w&auml;re Gottes Gericht &uuml;ber den Schuft.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_395" id="Page_395">[Pg 395]</a></span>Es ist aber keine That des Zornes geschehen. &mdash;
+Und f&uuml;r Josi und Binia spricht mit gl&uuml;hendem Feuer
+der Garde, der Ehrenmann des Dorfes, der in aller
+Verwirrung wie ein Fels des Rechtes dagestanden ist.</p>
+
+<p>Tausend Umst&auml;nde zeugen f&uuml;r das Paar.</p>
+
+<p>Im Winter noch steigt Josi ein paarmal zu seinem
+Werk empor, pr&uuml;ft es, vollendet noch da und dort etwas
+&mdash; sobald er aber das gerichtliche Verfahren hinter sich
+hat, will er mit Binia &uuml;ber das Meer ziehen und in
+einem fernen Erdenwinkel Gl&uuml;ck und Vergessen suchen.</p>
+
+<p>Eines Tages aber erh&auml;lt er den Besuch seines Freundes
+Felix Indergand. Der spricht nicht mehr von Beate,
+dagegen redet er Josi herzlich zu: &raquo;Ziehe nicht fort,
+Josi! &mdash; Siehe, wer zwischen den Bergen geboren ist,
+findet nur zwischen den Bergen das volle Lebensgl&uuml;ck.
+Wir beide haben es erfahren, wie &ouml;de und leer das Herz
+in der Fremde bleibt, das deckt alle Liebe nicht zu. Thue
+es deiner herrlichen Braut nicht an, das Bergkind w&uuml;rde
+in der Ferne rasch welken. Komm, wenn du doch nicht
+zu St. Peter bleiben magst, zu uns ins gr&uuml;ne Oberland,
+ich will ein G&uuml;tchen f&uuml;r dich erhandeln. Dort lebe in
+meiner N&auml;he und sei gl&uuml;cklich mit deinem Weib.&laquo;</p>
+
+<p>Josi geht die warme Rede seines Freundes zu Herzen
+&mdash; er willigt ein.</p>
+
+<p>Endlich, wie schon die ersten Fr&uuml;hlingsblumen bl&uuml;hen,
+ist der Gerichtstag f&uuml;r ihn und die von St. Peter da,
+das Landvolk ist wie an einem Markttag auf der Fahrt
+in die Stadt.</p>
+
+<p>Die Trib&uuml;nen des Gerichtssaales sind gef&uuml;llt und
+zweimal entsteht eine m&auml;chtige Bewegung unter den
+Zuschauern.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_396" id="Page_396">[Pg 396]</a></span>Das erste Mal, wie eine hoheitsvolle jugendliche
+Gestalt in tiefer Trauer als Zeugin vor die Schranken
+tritt. Manchmal, wenn ihre Liebe zu Josi vor der Menge
+zur Sprache kommt, erbebt sie, Blutwelle um Blutwelle
+geht &uuml;ber das feine Gesicht und hilflos fragt sie: &raquo;Ja,
+mu&szlig; ich das auch sagen?&laquo; Auf manche harmlose Fragen
+antwortet sie in so hei&szlig;er Scham, dann mit einem
+blitzenden Wahrheitsmut, da&szlig; die Schauer der Ergriffenheit
+durch den Zuschauerraum gehen.</p>
+
+<p>&raquo;Der Garde von St. Peter hat recht,&laquo; fl&uuml;stert sich
+die Menge zu, &raquo;Binia Waldisch kann keine Unwahrheit
+sagen!&laquo;</p>
+
+<p>Und dann, wie ein eben eingetroffener Brief aus
+Indien zur Verlesung kommt:</p>
+
+<p>&raquo;Josi Blatter, &uuml;ber den Sie mich gerichtlich anfragen,
+hat sich in f&uuml;nf Jahren als ein Mann ohne das
+geringste Falsch bew&auml;hrt. Er ist so fest und treu wie
+Ihre Berge, und die wanken nicht. Sie w&uuml;rden eine
+Schmach auf Ihr Land laden, wenn Sie ihm nicht vollen
+Glauben schenken und einen Makel auf ihm ruhen lie&szlig;en.
+George Lemmy, Oberingenieur der britischen Regierung
+in Indien.&laquo;</p>
+
+<p>Ein St&uuml;ndchen sp&auml;ter ist der volle Freispruch da.</p>
+
+<p>Ein kleiner, schluchzender Schrei bebt durch den Saal:
+&raquo;Josi, mein Held,&laquo; und Hunderte schluchzen mit und ein
+Jubelruf pflanzt sich fort durch die Stra&szlig;en der Stadt.</p>
+
+<p>&raquo;So geht ihr nun ins Oberland, ihr Vielgepr&uuml;ften!&laquo;
+sagt der Garde, der mit Vroni und Eusebi dem Paar
+die H&auml;nde reicht, &raquo;wenn zwei gl&uuml;cklich werden k&ouml;nnen auf
+dieser wandelbaren Erde &mdash; so seid ihr es, ihr hei&szlig;en
+Herzen von unwandelbarer Treue.&laquo; &mdash;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_397" id="Page_397">[Pg 397]</a></span>Auch St. Peter hat keinen b&ouml;sen Tag.</p>
+
+<p>Die Richter wissen, da&szlig; es jetzt nicht gilt, das arme,
+verirrte, von einem Wahnsinnigen verf&uuml;hrte Dorf, f&uuml;r
+das der alte ehrw&uuml;rdige Garde mit Thr&auml;nen in den
+Augen bittet, noch tiefer in Ungl&uuml;ck und Schande zu
+dr&uuml;cken, sondern zu beruhigen und zu vers&ouml;hnen, sie legen
+leichte Strafen auf die Grabsch&auml;nder, und willig tragen
+die D&ouml;rfler das verh&auml;ngte Ma&szlig;. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Wie ein reinigendes Gewitter haben der &raquo;b&ouml;se Tag&laquo;
+und seine Folgen auf die von St. Peter gewirkt. Ein
+Jahrhundert ruhiger Entwickelung h&auml;tte die Sinnesart
+des V&ouml;lkleins nicht so ge&auml;ndert und geweckt wie der
+Sturm.</p>
+
+<p>Und sonderbar, wie sich das Urteil &uuml;ber den toten
+Presi gewendet hat. Seinen einst so verha&szlig;ten Namen
+nennt man in St. Peter in gl&uuml;hender Ehrfurcht. Vor
+dem frommen Glauben der Bergleute hat nicht Peter
+Thugi, der j&uuml;ngere, im letzten Augenblick den Schlag
+des Kaplans vom Haupt Binias gewandt. Nein, aus
+dem alten Fluch, da&szlig; eine Jungfrau &uuml;ber der Befreiung
+St. Peters von der Wasserfron an den Wei&szlig;en Brettern
+sterben m&uuml;sse, hat sie die Aufopferung des Presi gerettet;
+indem er selber in den Tod ging, sch&uuml;tzte er das Leben
+seines Kindes und bewahrte das Dorf vor noch entsetzlicherem
+Ungl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Als ein Held erl&ouml;sender Vatertreue steht er im Ged&auml;chtnis
+des Berglandes.</p>
+
+<p>Sogar sein Werk, die Einf&uuml;hrung des Fremdenverkehrs
+in das Thal, ist nicht untergegangen. Ein Jahr
+stand der B&auml;ren als eine Ruine da. Dann kam denen
+von St. Peter die Ruine und die Ruhe der Sommer,<span class='pagenum'><a name="Page_398" id="Page_398">[Pg 398]</a></span>
+die man so geliebt hatte, wie eine Anklage vor. Die
+Gemeinde w&uuml;nschte, da&szlig; das Haus von einem t&uuml;chtigen
+Wirt wieder aufgebaut w&uuml;rde. Die Fremden falterten
+darauf wie einst durch das Glotterthal und die Bev&ouml;lkerung
+hat nichts wider sie einzuwenden.</p>
+
+<p>Von den alten Sagen spricht niemand mehr gern,
+wie man die sch&ouml;nen einst geliebt hat, verabscheut man sie.</p>
+
+<p>In einem Thal des Oberlandes aber lebt ein junges
+Ehepaar in halber Verborgenheit und tiefem Frieden.</p>
+
+<p>Nach einigen Jahren indes findet doch ein kleiner
+Zug von M&auml;nnern, an ihrer Spitze Hans Zuensteinen,
+der alte Garde, und der j&uuml;ngere Thugi, der neue Garde,
+den Weg in den Winkel des Gl&uuml;cks.</p>
+
+<p>Die M&auml;nner drehen vor Josi Blatter und seiner
+sch&ouml;nen jungen Frau verlegen die H&uuml;te und der alte
+Garde spricht: &raquo;Josi Blatter, es ist vieles anders geworden
+in unserem Dorf, aber den rechten Frieden und die rechte
+Freudigkeit haben wir noch nicht. Es ist uns, St. Peter
+sei noch nicht ganz aufgerichtet, so lange du und Binia
+uns fehlen. Wir wissen, da&szlig; dein Werk gut ist, die Gemeinde
+will dich in Ehren halten und zum Zeichen haben
+dich gestern die hundertzwanzig B&uuml;rger von St. Peter
+einstimmig zu ihrem Presi gew&auml;hlt. Denn ich bin alt
+und den Aemtern nicht mehr gewachsen. Wir brauchen
+einen starken, aufrechten Mann. Josi, versage uns die
+Freude und Ehre nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Die anderen best&auml;tigen die warme Rede: &raquo;So ist
+es, wir bitten dich.&laquo;</p>
+
+<p>Josi will antworten, aber er kann nicht &mdash; er geht
+zur Th&uuml;re hinaus &mdash; in einer stillen Ecke schluchzt er:
+&raquo;H&ouml;rt ihr es, Vater &mdash; Mutter &mdash; ich, euer verachteter<span class='pagenum'><a name="Page_399" id="Page_399">[Pg 399]</a></span>
+Bub, Presi von St. Peter.&laquo; &mdash; Wie er sich aber gefa&szlig;t
+hat und den M&auml;nnern sein &raquo;Nein&laquo; entgegenbringen will,
+da f&auml;llt ihm Binia um den Hals: &raquo;Josi, ja, wir wollen
+nach St. Peter zur&uuml;ckkehren, dessen Kinder wir sind und
+wo die Gr&auml;ber der Eltern liegen. Ich stelle mich zu den
+M&auml;nnern.&laquo;</p>
+
+<p>Mit einem Jawort ziehen sie.</p>
+
+<p>In St. Peter waltet Josi Blatter seit vielen Jahren
+als Presi in St&auml;rke und Weisheit. Das Dorf hat sich
+vollends aus seiner Schande erhoben, es bl&uuml;ht unter
+seiner F&uuml;hrung und unter dem Segen des guten Beispiels,
+das die feine Binia den Frauen von St. Peter
+giebt.</p>
+
+<p>Die Blutfron an den Wei&szlig;en Brettern, der Lostag,
+die Schreckensarbeit des K&auml;nnellegens t&ouml;nt einem jungen
+Geschlecht wie eine Sage ins Ohr und langsam verrosten
+in der Kapelle zur Lieben Frau die Ungl&uuml;ckstafeln. Das
+Werk Josis hat sich bew&auml;hrt. Die Wildleutlaue mag
+donnernd gehen, die heligen Wasser flie&szlig;en, sie rauschen
+und spenden Segen.</p>
+
+<hr/>
+<p class="center">
+Druck der<br />
+Union Deutsche Verlagsgesellschaft<br />
+in Stuttgart<br />
+</p>
+<hr/>
+
+<p class="center">Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger<br />
+Stuttgart und Berlin</p>
+<hr class="full"/>
+
+<div class="small">
+<p class="center">Geh. = Geheftet, Lnbd. = Leinenband, Ledbd. = Lederband,
+Hlbfrzbd. = Halbfranzband</p>
+
+<table class="basic" cellspacing="0" cellpadding="0" summary="Verlagsverzeichnis">
+<tr>
+<td><i>Althof, Paul</i><br />(Alice Gurschner),</td><td>Die wunderbare Br&uuml;cke und andere Geschichten</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Das verlorene Wort. Roman</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Andreas-Salom&eacute;, Lou</i>,</td><td>Fenitschka &mdash; Eine Ausschweifung. Zwei Erz&auml;hlungen</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Ma. Ein Portr&auml;t. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Menschenkinder. Novellensammlung. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Ruth. Erz&auml;hlung. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Aus fremder Seele. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Im Zwischenland. F&uuml;nf Geschichten. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Anzengruber, Ludwig</i>,</td><td>Letzte Dorfg&auml;nge. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Wolken und Sunn'schein. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Arminius, W.</i>,</td><td>Der Weg zur Erkenntnis. Roman</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13. 2. u. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Auerbach, Berthold</i>,</td><td>S&auml;mtliche Schwarzw&auml;lder Dorfgeschichten. Volks-Ausg. in 10 Bdn.</td>
+<td class="right">Geh. M. 10.&mdash;, in 5 Lnbdn. M. 13.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Barf&uuml;&szlig;ele. Erz&auml;hlung. 40. u. 41. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Auf der H&ouml;he. Roman. Volks-Ausg. in 4 Bdn.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, in 2 Lnbdn. M. 6.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Das Landhaus am Rhein. Roman. Volks-Ausgabe in 4 B&auml;nden</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, in 2 Lnbdn. M. 6.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Drei einzige T&ouml;chter. Novellen. Min.-Ausg. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">In Leinenband M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Waldfried. Vaterl. Familiengeschichte. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 6.&mdash;, Lnbd. M. 7.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Baumbach, Rudolf</i>,</td><td>Erz&auml;hlungen und M&auml;rchen. 15. u. 16. Tsd.</td>
+<td class="right">Lnbd. M. 3.&mdash;, Ledbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Es war einmal. M&auml;rchen. 15. u. 16. Tsd.</td>
+<td class="right">Lnbd. M. 3.80, Ledbd. M. 5.80</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Aus der Jugendzeit. 9. Tsd.</td>
+<td class="right">Lnbd. M. 6.20, Ledbd. M. 8.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Neue M&auml;rchen. 8. Tsd.</td>
+<td class="right">Lnbd. M. 4.&mdash;, Ledbd. M. 6.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Sommerm&auml;rchen. 38. u. 39. Tsd.</td>
+<td class="right">Lnbd. M. 4.20, Ledbd. M. 6.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Bertsch, Hugo</i>,</td><td>Bilderbogen aus meinem Leben. 2. u. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Bob, der Sonderling. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Geschwister. Mit Vorwort von Adolf Milbrandt. 10. u. 11. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>B&ouml;hlau, Helene</i>,</td><td>Salin Kaliske. Novellen. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Boy-Ed, Ida</i>,</td><td>Die s&auml;ende Hand. Roman. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Um Helena. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Ein k&ouml;niglicher Kaufmann. Hanseatischer Roman. 8.-10. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die gro&szlig;e Stimme. Novellen. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>B&uuml;low, Frieda v.</i>,</td><td>Kara. Roman</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Burckhard, Max</i>,</td><td>Simon Thums. Roman. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Busse Carl</i>,</td><td>Die Sch&uuml;ler von Polajewo. Novellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Tr&auml;ume. Mit Illustrationen von Kunz Meyer</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.60, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Im polnischen Wind. Ostm&auml;rkische Geschichten</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Dove, A.</i>,</td><td>Caracosa. Roman. 2 B&auml;nde. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 7.&mdash;, in 2 Lnbdn. M. 9.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Ebner-Eschenbach,<br />Marie v.</i>,</td><td>Bo&#x17E;ena. Erz&auml;hl. 8. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Erz&auml;hlungen. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Margarete. 6. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Ebner-Eschenbach,<br />Moriz v.</i>,</td><td><span class="antiqua">Hypnosis perennis</span> &mdash; Ein Wunder des h. Sebastian. Zwei Wien. Gesch.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Eckstein, Ernst</i>,</td><td>Nero. Roman. 8. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 5.&mdash;, Lnbd. M. 6.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>El-Correi</i>,</td><td>Das Tal des Traumes (<span class="antiqua">Val di sogno</span>). Roman. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Am stillen Ufer. Roman vom Gardasee</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Engel, Eduard</i>,</td><td>Paraskew&uacute;la u. a. Novellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Fontane, Theodor</i>,</td><td>Ellernklipp. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Grete Minde. 7. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Quitt. Roman. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Vor dem Sturm. Roman. 11. u. 12. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Unwiederbringlich. Roman. 5. u. 6. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Franzos, K. E.</i>,</td><td>Der Gott des alten Doktors. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Juden von Barnow. Geschichten. 8. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bde. 6. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 6.&mdash;, in 1 Lnbd. M. 7.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Ungeschickte Leute. Geschichten. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Junge Liebe. Novellen. 4. Aufl. Min.-Ausg.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der kleine Martin. Erz&auml;hlung. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 1.&mdash;, Lnbd. M. 2.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Moschko von Parma. Erz&auml;hlung. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Neue Novellen. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Tragische Novellen. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der Pojaz. Eine Gesch. a. d. Osten. 6.-8. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der Pr&auml;sident. Erz&auml;hlung. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Reise nach dem Schicksal. Erz&auml;hlg. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Schatten. Erz&auml;hlung. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Judith Trachtenberg. Erz&auml;hlung. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bde. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 6.&mdash;, in 2 Lnbdn. M. 8.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Fulda, L.</i>,</td><td>Lebensfragmente. Novellen. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Gleichen-Ru&szlig;wurm,<br />A. v.</i>,</td><td>Vergeltung. Roman</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Grasberger, H.</i>,</td><td>Aus der ewigen Stadt. Novellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.20</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Grimm, Herman</i>,</td><td>Un&uuml;berwindliche M&auml;chte. Roman. 2 B&auml;nde. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 8.&mdash;, in 2 Lnbdn. M. 10.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Novellen. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Grisebach, Ed.</i>,</td><td>Kin-ku-ki-kuan. Chines. Novellenbuch</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Haushofer, Max</i>,</td><td>Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits. Ein moderner Totentanz. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Heer, J. C.</i>,</td><td>Joggeli. Geschichte e. Jugend. 16. u. 17. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der K&ouml;nig der Bernina. Roman. 51.-55. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der K&ouml;nig der Bernina. Roman. 50. (Jubil.-) Aufl. Mit Portr&auml;t</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Laubgewind. Roman. 33.-36. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Felix Notvest. Roman. 17.-20. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>An heiligen Wassern. Roman. 51.-54. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der Wetterwart. Roman. 45.-50. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Heilborn, Ernst</i>,</td><td>Kleefeld. Roman</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Herzog, Rudolf</i>,</td><td>Der Abenteurer. Roman. Mit Portr&auml;t. 26.-30. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der Adjutant. Roman. 5. u. 6. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman. 14.-18. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Es gibt ein Gl&uuml;ck ... Novellen. 6.-10. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Hanseaten. Roman. 41.-45. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Das Lebenslied. Roman. 32.-36. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die vom Niederrhein. Roman. 26.-30. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der alten Sehnsucht Lied. Erz&auml;hlungen. 8. u. 9. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Wiskottens. Roman. 66.-70. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Wiskottens. Roman. 50. (Jubil&auml;ums-) Aufl. Mit Portr&auml;t</td>
+<td class="right">Geh. M. 6.&mdash;, Lnbd. M. 7.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Das goldene Zeitalter. Roman. 5. u. 6. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Heyse, Paul</i>,</td><td>L'Arrabbiata. Novelle. 12. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 1.20, Lnbd. M. 2.40</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>L'Arrabbiata und andere Novellen. 9. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Buch der Freundschaft. Novellen. 7. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Geburt der Venus. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>In der Geisterstunde. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>&Uuml;ber allen Gipfeln. Roman. 10. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Das Haus &raquo;Zum unglaubigen Thomas&laquo; und andere Novellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Kinder der Welt. Roman. 2 Bde. 23.-25. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.80, Lnbd. M. 6.80</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Helldunkles Leben. Novellen. 2.-4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Himmlische u. irdische Liebe u. a. Novellen. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Neue M&auml;rchen. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Marthas Briefe an Maria. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 1.&mdash;, Lnbd. M. 2.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Melusine und andere Novellen. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Menschen und Schicksale. Charakterbilder. 2.-4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Ninon und andere Novellen. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Novellen. Auswahl f&uuml;rs Haus. 3 B&auml;nde. 12. u. 13. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 7.50, in 3 Lnbdn. M. 10.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Novellen vom Gardasee. 6. u. 7. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Meraner Novellen. 11. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Neue Novellen. Min.-Ausgabe. 6. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Im Paradiese. Roman. 2 Bde. 13. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.80, in 2. Lnbdn. M. 6.80</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Das R&auml;tsel des Lebens. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 5.&mdash;, Lnbd. M. 6.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der Roman der Stiftsdame. 13. u. 14. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der Sohn seines Vaters u. a. Novellen. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Crone St&auml;udlin. Roman. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Gegen den Strom. Eine weltliche Klostergeschichte. 5. u. 6. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Moralische Unm&ouml;glichkeiten u. a. Nov. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Victoria regia und andere Novellen. 2.-4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Villa Falconieri und andere Novellen. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Aus den Vorbergen. Vier Novellen. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 5.&mdash;, Lnbd. M. 6.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Vroni und andere Novellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Unverge&szlig;bare Worte u. a. Novellen. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Xaverl und andere Novellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Hillern, Wilhelmine v.</i>,</td><td>Der Gewaltigste. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>'s Reis am Weg. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 1.50, Lnbd. M. 2.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Ein Sklave der Freiheit. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 5.&mdash;, Lnbd. M. 6.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Hobrecht, Max</i>,</td><td>Von der Ostgrenze. Drei Nov.</td>
+<td class="right">Geh. M. 5.&mdash;, Lnbd. M. 6.20</td>
+</tr><tr>
+<td><i>H&ouml;cker, Paul Oskar</i>,</td><td>V&auml;terchen. Roman</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Hofe, Ernst v.</i>,</td><td>Sehnsucht. Roman</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Hoffmann, Hans</i>,</td><td>Bozener M&auml;rchen. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Ostseem&auml;rchen. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Holm, Adolf</i>,</td><td>Holsteinische Gew&auml;chse</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>K&ouml;st und Kinnerbeer. Und sowat mehr. Zwei Erz&auml;hlungen</td>
+<td class="right">Lnbd. M. 2.40</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Hopfen, Hans</i>,</td><td>Der letzte Hieb. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Huch, Ricarda</i>,</td><td>Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem J&uuml;ngeren. Roman. 9. u. 10. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td>&nbsp;</td><td>Jugenderinnerungen eines alten Mannes, s. <i>K&uuml;gelgen</i></td>
+</tr><tr>
+<td><i>Junghans, Sophie</i>,</td><td>Schwertlilie. Roman. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Kaiser, Isabelle</i>,</td><td>Seine Majest&auml;t! Novellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Wenn die Sonne untergeht. Novellen. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Keller, Gottfried</i>,</td><td>Der gr&uuml;ne Heinrich. Roman. 3 B&auml;nde. 56.-60. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 9.&mdash;, Lnbd. M. 11.40,<br />Hlbfrzbd. M. 15.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Martin Salander. Roman. 39-43. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 3.80,<br />Hlbfrzbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Leute von Seldwyla. 2 B&auml;nde. 64.-68. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 6.&mdash;, Lnbd. M. 7.60,<br />Hlbfrzbd. M. 10.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Z&uuml;richer Novellen. 58.-62. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 3.80,<br />Hlbfrzbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Das Sinngedicht. Novellen. Sieben Legenden. 50.-54. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 3.80,<br />Hlbfrzbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Sieben Legenden. Miniatur-Ausg. 7. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.30, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erz&auml;hlung. Miniatur-Ausg. 7. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.30, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Kossak, Marg.</i>,</td><td>Krone des Lebens. Nord. Novellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>K&uuml;gelgen, Wilhelm v.</i>,</td><td>Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Original-Ausg. 25. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 1.80, Lnbd. M. 2.40</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Kurz, Isolde</i>,</td><td>Unsere Carlotta. Erz&auml;hlung</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Italienische Erz&auml;hlungen</td>
+<td class="right">Lnbd. M. 5.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Frutti di Mare. Zwei Erz&auml;hlungen</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Genesung. Sein Todfeind. Gedankenschuld. Drei Erz&auml;hlungen</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Florentiner Novellen. 4. u. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Phantasieen und M&auml;rchen</td>
+<td class="right">Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der florentinischen Renaissance. 5. u. 6. Aufl. Mit 16 Abbildungen</td>
+<td class="right">Geh. M. 5.&mdash;, Lnbd. M. 6.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Laistner, Ludwig</i>,</td><td>Novellen aus alter Zeit</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Langmann, Philipp</i>,</td><td>Realistische Erz&auml;hlungen</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Leben und Musik. Roman</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Ein junger Mann von 1895 u. and. Novellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Verflogene Rufe. Novellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Lilienfein, Heinrich</i>,</td><td>Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Lindau, Paul</i>,</td><td>Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 B&auml;nde. 5. u. 6. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 6.&mdash;, in 1 Lnbd. M. 7.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Arme M&auml;dchen. Roman. 10. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Spitzen. Roman. 9. u. 10. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der Zug nach dem Westen. Roman. 11. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Mauthner, Fritz</i>,</td><td>Hypatia. Roman. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Aus dem M&auml;rchenbuch der Wahrheit. Fabeln und Gedichte in Prosa. 2. Aufl. von &raquo;<i>L&uuml;genohr</i>&laquo;</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Meyer-F&ouml;rster, Wilh.</i>,</td><td>Eldena. Roman. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Meyerhof-Hildeck, Leonie</i>,&nbsp;&nbsp;</td><td>Das Ewig-Lebendige. Roman. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>T&ouml;chter der Zeit. M&uuml;nchner Roman</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Muellenbach, E.</i><br />(Lenbach),</td><td>Abseits. Erz&auml;hlungen</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Aphrodite und andere Novellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Vom hei&szlig;en Stein. Roman</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Niessen-Deiters, Leonore</i>,</td><td>Leute mit und ohne Frack. Erz&auml;hlungen und Skizzen. Buchschmuck von <i>Hans Deiters</i></td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Im Liebesfalle. Buchschmuck von <i>Hans Deiters</i></td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Mitmenschen. Buchschmuck von <i>Hans Deiters</i></td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Olfers, Marie v.</i>,</td><td>Neue Novellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Vernunftheirat und andere Novellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Pantenius, Th. H.</i>,</td><td>Kurl&auml;ndische Geschichten. 2. Tsd.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Petri, Julius</i>,</td><td>Pater peccavi! Roman</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>du Prel, Karl</i>,</td><td>Das Kreuz am Ferner. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 5.&mdash;, Lnbd. M. 6.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Proel&szlig;, Joh.</i>,</td><td>Bilderst&uuml;rmer! Roman. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Raberti, Rubert</i>,</td><td>Immaculata. Roman. 2 Bde.</td>
+<td class="right">Geh. M. 8.&mdash;, in 2 Lnbdn. M. 10.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Redwitz, O. v.</i>,</td><td>Haus Wartenberg. Roman. 7. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Hymen. Ein Roman. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Riehl, W. H.</i>,</td><td>Aus der Ecke. Novellen. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Am Feierabend. Sechs Novellen. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Lebensr&auml;tsel. F&uuml;nf Novellen. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 6.&mdash;, Lnbd. M. 7.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Kulturgeschichtliche Novellen. 6. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Neues Novellenbuch. 3. Aufl. (6. Abdruck)</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Roquette, Otto</i>,</td><td>Das Buchstabierbuch der Leidenschaft. Roman. 2 B&auml;nde</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, in 1 Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Saitschick, R.</i>,</td><td>Aus der Tiefe. Ein Lebensbuch</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Seidel, Heinrich</i>,</td><td>Leberecht H&uuml;hnchen. Gesamtausgabe. 7. Aufl. (36.-40. Tsd.)</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Vorstadtgeschichten. Gesamtausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. (4. u. 5. Tsd.)</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Vorstadtgeschichten. Gesamtausgabe. 2. Reihe</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Heimatgeschichten. Gesamtausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. (3. Tsd.)</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Heimatgeschichten. Gesamtausgabe. 2. Reihe</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Phantasiest&uuml;cke. Gesamtausgabe</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamtausgabe</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande. 3 B&auml;nde. 9. Tsd.</td>
+<td class="right">Geh. je M. 3.&mdash;, Lnbd. je M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Winterm&auml;rchen. 2 B&auml;nde. 4. Tsd.</td>
+<td class="right">Geh. je M. 3.&mdash;, Lnbd. je M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Ludolf Marcipanis und anderes. Aus dem Nachlasse herausg. von <i>H. W. Seidel</i>. 2. Tsd.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Skowronnek, R.</i>,</td><td>Der Bruchhof. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Stegemann, Hermann</i>,</td><td>Der Gebieter. Roman</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Stille Wasser. Roman</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Stratz, Rudolph</i>,</td><td>Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer Studentin. 9. u. 10. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Buch der Liebe. Sechs Novellen. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die ewige Burg. Roman. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>F&uuml;r Dich. Roman. 16.-20. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Ich harr' des Gl&uuml;cks. Novellen. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Gib mir die Hand. Roman. 6.-9. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Herzblut. Roman. 13.-15. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der du von dem Himmel bist. Roman. 6. u. 7. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die t&ouml;richte Jungfrau. Roman. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der arme Konrad. Roman. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Montblanc. Roman. 6. u. 7. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Du bist die Ruh'. Roman. 6.-8. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der wei&szlig;e Tod. Roman aus der Gletscherwelt. 16.-18. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Es war ein Traum. Berl. Novellen. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die letzte Wahl. Roman. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Sudermann, Hermann</i>,</td><td>Es war. Roman. 47.-49. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 5.&mdash;, Lnbd. M. 6.&mdash;,<br />Hlbfrzbd. M. 6.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Geschwister. Zwei Novellen. 30.-34. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50,<br />Hlbfrzbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Jolanthes Hochzeit. Erz&auml;hlung. 28.-30. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;,<br />Hlbfrzbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der Katzensteg. Rom. 76.-80. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50,<br />Hlbfrzbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Das Hohe Lied. Rom. 51.-55. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 5.&mdash;, Lnbd. M. 6.&mdash;,<br />Hlbfrzbd. M. 7.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Frau Sorge. Roman. 116.-125. Aufl. Mit Jugendbildnis</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50,<br />Hlbfrzbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Frau Sorge. Roman. 100. (Jubil.-) Aufl. Mit Portr&auml;t. Buchschmuck von <i>J. B. Eissarz</i></td>
+<td class="right">Geh. M. 5.&mdash;, Lnbd. M. 6.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 33. u. 34. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;,<br />Hlbfrzbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Telmann, Konrad</i>,</td><td>Trinacria</td>
+<td class="right">Geb. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Trojan, Johannes</i>,</td><td>Das Wustrower K&ouml;nigsschie&szlig;en u. a. Humoresken. 2. u. 3. verm. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.&mdash;, Lnbd. M. 3.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Vo&szlig;, Richard</i>,</td><td>Alpentrag&ouml;die. Roman aus dem Engadin. 5. u. 6. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>R&ouml;mische Dorfgeschichten. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Du mein Italien! Aus meinem r&ouml;mischen Leben. 2. u. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Richards Junge (Der Sch&ouml;nheitssucher). Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 5.&mdash;, Lnbd. M. 6.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Widmann, J. V.</i>,</td><td>Touristennovellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Wilbrandt, Adolf</i>,</td><td>Adams S&ouml;hne. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Das lebende Bild u. a. Geschichten. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>D&auml;monen u. andere Geschichten. 3. u. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der Dornenweg. Roman. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Erika. Das Kind. Erz&auml;hlungen. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Fesseln. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Feuerblumen. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Franz. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die gl&uuml;ckliche Frau. Roman. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Fridolins heimliche Ehe. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Schleichendes Gift. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Hermann Ifinger. Roman. 6. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Irma. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Ein Mecklenburger. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Meister Amor. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Novellen</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td><span class="antiqua">Opus 23</span> u. andere Geschichten. 1. u. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Osterinsel. Roman. 5. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Vater Robinson. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Familie Roland. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Rothenburger. Roman. 8. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Der S&auml;nger. Roman. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Sommerf&auml;den. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Am Strom der Zeit. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Vater und Sohn u. andere Geschichten. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Villa Maria. Roman. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Gro&szlig;e Zeiten u. andere Geschichten. 3. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Wildenbruch, E. v.</i>,</td><td>Schwester-Seele. Roman. 18. u. 19. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Worms, C.</i>,</td><td>Aus roter D&auml;mmerung. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Erdkinder. Roman. 4. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Die Stillen im Lande. Drei Erz&auml;hl. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>Thoms friert. Roman. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 4.&mdash;, Lnbd. M. 5.&mdash;</td>
+</tr><tr>
+<td class="ind">&mdash;&#x201E;&mdash;</td><td>&Uuml;berschwemmung. Eine balt. Gesch. 2. Aufl.</td>
+<td class="right">Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50</td>
+</tr><tr>
+<td><i>Zimmermann, M. G.</i>,</td><td>Tante Eulalia's Romfahrt</td>
+<td class="right">Geh. M. 3.&mdash;, Lnbd. M. 4.&mdash;</td>
+</tr>
+</table>
+</div>
+
+<hr class="full" />
+
+<div class="notes">
+<h3><a name="tn_bottom" id="tn_bottom"></a>Korrekturen und Anmerkungen zur Transkription:
+<span class="totop"><a href="#tn_top">Zum Anfang</a></span></h3>
+
+<p><a name="corr_note_1" id="corr_note_1"></a>
+<a href="#corr_1"><span class="label">1.</span></a> Fehlender Punkt nach &quot;ernst&quot; im Original.</p>
+
+<p><a name="corr_note_2" id="corr_note_2"></a>
+<a href="#corr_2"><span class="label">2.</span></a> Im Original wird an dieser Stelle Euesbis Stottern durch
+ Trennstriche angezeigt; hier und im Weiteren in lange
+ Bindestriche umge&auml;ndert.</p>
+
+<p><a name="corr_note_3" id="corr_note_3"></a>
+<a href="#corr_3"><span class="label">3.</span></a> Fehlendes Anf&uuml;hrungszeichen vor &quot;Verzeih&quot; im Originaltext.</p>
+
+<p><a name="corr_note_4" id="corr_note_4"></a>
+<a href="#corr_4"><span class="label">4.</span></a> Im Originaltext "umheimlicher", korrigiert zu "unheimlicher".</p>
+
+<p><a name="corr_note_5" id="corr_note_5"></a>
+<a href="#corr_5"><span class="label">5.</span></a> Im Originaltext "kein", korrigiert zu "Kein".</p>
+
+<p><a name="corr_note_6" id="corr_note_6"></a>
+<a href="#corr_6"><span class="label">6.</span></a> &Uuml;berfl&uuml;ssiges Komma im Originaltext nach &quot; St. Peter&quot;; gel&ouml;scht.</p>
+
+<p><a name="corr_note_7" id="corr_note_7"></a>
+<a href="#corr_7"><span class="label">7.</span></a> Nach "schwerer" scheint "zu schaffen" zu fehlen.</p>
+
+<p><a name="corr_note_8" id="corr_note_8"></a>
+<a href="#corr_8"><span class="label">8.</span></a> Im Originaltext "Georg", korrigiert zu "George".</p>
+
+<p><a name="corr_note_9" id="corr_note_9"></a>
+<a href="#corr_9"><span class="label">9.</span></a> Im Originaltext "Pfarerr", korrigiert zu "Pfarrer".</p>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="pg" />
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AN HEILIGEN WASSERN***</p>
+<p>******* This file should be named 20786-h.txt or 20786-h.zip *******</p>
+<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br />
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/2/0/7/8/20786">http://www.gutenberg.org/2/0/7/8/20786</a></p>
+<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.</p>
+
+<p>Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
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+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
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+distribution of electronic works, by using or distributing this work
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
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+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+<a href="http://www.gutenberg.org">http://www.gutenberg.org</a>
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
+
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/etext06/">http://www.gutenberg.org/dirs/etext06/</a>
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+http://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL">http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL</a>
+
+*** END: FULL LICENSE ***
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