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+Project Gutenberg's Iphigenie auf Tauris, by Johann Wolfgang von Goethe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Iphigenie auf Tauris
+
+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Posting Date: January 29, 2009 [EBook #2054]
+Release Date: January, 2000
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IPHIGENIE AUF TAURIS ***
+
+
+
+
+Produced by Michael Pullen.
+
+
+
+
+
+
+
+Iphigenie auf Tauris.
+
+Ein Schauspiel.
+
+
+Johann Wolfgang von Goethe
+
+
+
+ Personen:
+
+ Iphigenie.
+ Thoas, König der Taurier.
+ Orest.
+ Pylades.
+ Arkas.
+ --
+ Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel
+
+
+
+ Erster Aufzug.
+
+
+ Erster Auftritt.
+
+ Iphigenie.
+ Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
+ Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines,
+ Wie in der Göttin stilles Heiligthum
+ Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,
+ Als wenn ich sie zum erstenmal beträte,
+ Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.
+ So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen
+ Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;
+ Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.
+ Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten,
+ Und an dem Ufer steh' ich lange Tage
+ Das Land der Griechen mit der Seele suchend;
+ Und gegen meine Seufzer bringt die Welle
+ Nur dumpfe Töne brausend mir herüber.
+ Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern
+ Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram
+ Das nächste Glück vor seinen Lippen weg,
+ Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken
+ Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne
+ Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo
+ Sich Mitgeborne spielend fest und fester
+ Mit sanften Banden an einander knüpften,
+ Ich rechte mit den Göttern nicht; allein
+ Der Frauen Zustand ist beklagenswerth.
+ Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann
+ Und in der Fremde weiß er sich zu helfen.
+ Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg!
+ Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.
+ Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück!
+ Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen,
+ Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar
+ Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt!
+ So hält mich Thoas hier, ein edler Mann,
+ In ernsten, heil'gen Sklavenbanden fest.
+ O wie beschämt gesteh' ich, daß ich dir
+ Mit stillem Widerwillen diene, Göttin,
+ Dir meiner Retterin! Mein Leben sollte
+ Zu freiem Dienste dir gewidmet sein.
+ Auch hab' ich stets auf dich gehofft und hoffe
+ Noch jetzt auf dich, Diana, die du mich,
+ Des größten Königes verstoßne Tochter,
+ In deinen heil'gen sanften Arm genommen.
+ Ja, Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann,
+ Den du, die Tochter fordernd, ängstigtest,
+ Wenn du den göttergleichen Agamemnon,
+ Der dir sein Liebstes zum Altare brachte,
+ Von Troja's umgewandten Mauern rühmlich
+ Nach seinem Vaterland zurück begleitet,
+ Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn,
+ Die schönen Schätze, wohl erhalten hast;
+ So gib auch mich den Meinen endlich wieder,
+ Und rette mich, die du vom Tod errettet,
+ Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode!
+
+
+ Zweiter Auftritt.
+
+ Iphigenie. Arkas.
+
+
+ Arkas.
+ Der König sendet mich hierher und beut
+ Der Priesterin Dianens Gruß und Heil.
+ Dieß ist der Tag, da Tauris seiner Göttin
+ Für wunderbare neue Siege dankt.
+ Ich eile vor dem König und dem Heer,
+ Zu melden, daß er kommt und daß es naht.
+
+ Iphigenie.
+ Wir sind bereit sie würdig zu empfangen,
+ Und unsre Göttin sieht willkommnem Opfer
+ Von Thoas Hand mit Gnadenblick entgegen.
+
+ Arkas.
+ O fänd' ich auch den Blick der Priesterin,
+ Der werthen, vielgeehrten, deinen Blick,
+ O, heil'ge Jungfrau, heller, leuchtender,
+ Uns allen gutes Zeichen! Noch bedeckt
+ Der Gram geheimnisvoll dein Innerstes;
+ Vergebens harren wir schon Jahre lang
+ Auf ein vertraulich Wort aus deiner Brust.
+ So lang ich dich an dieser Stätte kenne,
+ Ist dieß der Blick, vor dem ich immer schaudre;
+ Und wie mit Eisenbanden bleibt die Seele
+ In's Innerste des Busens dir geschmiedet.
+
+ Iphigenie.
+ Wie's der Vertriebnen, der Verwais'ten ziemt.
+
+ Arkas.
+ Scheinst du dir hier vertrieben und verwais't?
+
+ Iphigenie.
+ Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?
+
+ Arkas.
+ Und dir ist fremd das Vaterland geworden.
+
+ Iphigenie.
+ Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt
+ In erster Jugend, da sich kaum die Seele
+ An Vater, Mutter und Geschwister band;
+ Die neuen Schößlinge, gesellt und lieblich,
+ Vom Fuß der alten Stämme himmelwärts
+ Zu dringen strebten; leider faßte da
+ Ein fremder Fluch mich an und trennte mich
+ Von den Geliebten, riß das schöne Band
+ Mit ehrner Faust entzwei. Sie war dahin,
+ Der Jugend beste Freude, das Gedeihn
+ Der ersten Jahre. Selbst gerettet, war
+ Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust
+ Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf.
+
+ Arkas.
+ Wenn du dich so unglücklich nennen willst,
+ So darf ich dich auch wohl undankbar nennen.
+
+ Iphigenie.
+ Dank habt ihr stets.
+
+ Arkas.
+ Doch nicht den reinen Dank,
+ Um dessentwillen man die Wohlthat thut;
+ Den frohen Blick, der ein zufriednes Leben
+ Und ein geneigtes Herz dem Wirthe zeigt.
+ Als dich ein tief geheimnißvolles Schicksal
+ Vor so viel Jahren diesem Tempel brachte,
+ Kam Thoas dir, als einer Gottgegebnen,
+ Mit Ehrfurcht und mit Neigung zu begegnen,
+ Und dieses Ufer ward dir hold und freundlich,
+ Das jedem Fremden sonst voll Grausens war,
+ Weil niemand unser Reich vor dir betrat,
+ Der an Dianens heil'gen Stufen nicht,
+ Nach altem Brauch, ein blutig Opfer, fiel.
+
+ Iphigenie.
+ Frei athmen macht das Leben nicht allein.
+ Welch Leben ist's das an der heil'gen Stätte,
+ Gleich einem Schatten um sein eigen Grab,
+ Ich nur vertrauern muß? Und nenn' ich das
+ Ein fröhlich selbstbewußtes Leben, wenn
+ Uns jeder Tag, vergebens hingeträumt,
+ Zu jenen grauen Tagen vorbereitet,
+ Die an dem Ufer Lethe's selbstvergessend,
+ Die Trauerschaar der Abgeschiednen feiert?
+ Ein unnütz Leben ist ein früher Tod;
+ Dieß Frauenschicksal ist vor allen meines.
+
+ Arkas.
+ Den edeln Stolz daß du dir selbst nicht g'nügest,
+ Verzeih' ich dir, so sehr ich dich bedaure;
+ Er raubet den Genuß des Lebens dir.
+ Du hast hier nichts gethan seit deiner Ankunft?
+ Wer hat des König trüben Sinn erheitert?
+ Wer hat den alten grausamen Gebrauch,
+ Daß am Altar Dianens jeder Fremde
+ Sein Leben blutend läßt, von Jahr zu Jahr,
+ Mit sanfter Überredung aufgehalten,
+ Und die Gefangnen vom gewissen Tod
+ In's Vaterland so oft zurückgeschickt?
+ Hat nicht Diane, statt erzürnt zu sein,
+ Daß sie der blut'gen alten Opfer mangelt,
+ Dein sanft Gebet in reichem Maß erhört?
+ Umschwebt mit frohem Fluge nicht der Sieg
+ Das Heer? und eilt er nicht sogar voraus?
+ Und fühlt nicht jeglicher ein besser Loos,
+ Seitdem der König, der uns weis' und tapfer
+ So lang geführet, nun sich auch der Milde
+ In deiner Gegenwart erfreut und uns
+ Des schweigenden Gehorsams Pflicht erleichtert?
+ Das nennst du unnütz, wenn von deinem Wesen
+ Auf Tausende herab ein Balsam träufelt?
+ Wenn du dem Volke, dem ein Gott dich brachte,
+ Des neuen Glückes ew'ge Quelle wirst,
+ Und an dem unwirthbaren Todes-Ufer
+ Dem Fremden Heil und Rückkehr zubereitest?
+
+ Iphigenie.
+ Das Wenige verschwindet leicht dem Blick,
+ Der vorwärts sieht, wie viel noch übrig bleibt.
+
+ Arkas.
+ Doch lobst du den, der was er thut nicht schätzt?
+
+ Iphigenie.
+ Man tadelt den, der seine Thaten wägt.
+
+ Arkas.
+ Auch den, der wahren Werth zu stolz nicht achtet,
+ Wie den, der falschen Werth zu eitel hebt.
+ Glaub' mir und hör' auf eines Mannes Wort,
+ Der Treu und redlich dir ergeben ist:
+ Wenn heut der König mit dir redet, so
+ Erleichtr' ihm was er dir zu sagen denkt.
+
+ Iphigenie.
+ Du ängstest mich mit jedem guten Worte;
+ Oft wich ich seinem Antrag mühsam aus.
+
+ Arkas.
+ Bedenke was du thust und was dir nützt.
+ Seitdem der König seinen Sohn verloren,
+ Vertraut er wenigen der Seinen mehr,
+ Und diesen wenigen nicht mehr wie sonst.
+ Mißgünstig sieht er jedes Edeln Sohn
+ Als seines Reiches Folger an, er fürchtet
+ Ein einsam hülflos Alter, ja vielleicht
+ Verwegnen Aufstand und frühzeit'gen Tod.
+ Der Scythe setzt in's Reden keinen Vorzug,
+ Am wenigsten der König. Er, der nur
+ Gewohnt ist zu befehlen und zu thun,
+ Kennt nicht die Kunst, von weitem ein Gespräch
+ Nach seiner Absicht langsam fein zu lenken.
+ Erschwer's ihm nicht durch ein rückhaltend Weigern,
+ Durch ein vorsetzlich Mißverstehen. Geh
+ Gefällig ihm den halben Weg entgegen.
+
+ Iphigenie.
+ Soll ich beschleunigen was mich bedroht?
+
+ Arkas.
+ Willst du sein Werben eine Drohung nennen?
+
+ Iphigenie.
+ Es ist die schrecklichste von allen mir.
+
+ Arkas.
+ Gib ihm für seine Neigung nur Vertraun.
+
+ Iphigenie.
+ Wenn er von Furcht erst meine Seele lös't.
+
+ Arkas.
+ Warum verschweigst du deine Herkunft ihm?
+
+ Iphigenie.
+ Weil einer Priesterin Geheimniß ziemt.
+
+ Arkas.
+ Dem König sollte nichts Geheimniß sein;
+ Und ob er's gleich nicht fordert, fühlt er's doch
+ Und fühlt es tief in seiner großen Seele,
+ Daß du sorgfältig dich vor ihm verwahrst.
+
+ Iphigenie.
+ Nährt er Verdruß und Unmuth gegen mich?
+
+ Arkas.
+ So scheint es fast. Zwar schweigt er auch von dir;
+ Doch haben hingeworfne Worte mich
+ Belehrt, daß seine Seele fest den Wunsch
+ Ergriffen hat dich zu besitzen. Laß,
+ O überlaß ihn nicht sich selbst! damit
+ In seinem Busen nicht der Unmuth reife
+ Und dir Entsetzen bringe, du zu spät
+ An meinen treuen Rath mit Reue denkest.
+
+ Iphigenie.
+ Wie? Sinnt der König, was kein edler Mann,
+ Der seinen Namen liebt und dem Verehrung
+ Der Himmlischen den Busen Bändiget,
+ Je denken sollte? Sinnt er vom Altar
+ Mich in sein Bette mit Gewalt zu ziehn?
+ So ruf' ich alle Götter und vor allen
+ Dianen, die entschloss'ne Göttin, an,
+ Die ihren Schutz der Priesterin gewiß
+ Und Jungfrau einer Jungfrau gern gewährt.
+
+ Arkas.
+ Sei ruhig! Ein gewaltsam neues Blut
+ Treibt nicht den König, solche Jünglingsthat
+ Verwegen auszuüben. Wie er sinnt,
+ Befürcht' ich andern harten Schluß von ihm,
+ Den unaufhaltbar er vollenden wird:
+ Denn seine Seel' ist fest und unbeweglich.
+ Drum bitt' ich dich, vertrau' ihm, sei ihm dankbar,
+ Wenn du ihm weiter nichts gewähren kannst.
+
+ Iphigenie.
+ O sage was dir weiter noch bekannt ist.
+
+ Arkas.
+ Erfahr's von ihm. Ich seh' den König kommen;
+ Du ehrst ihn, und dich heißt dein eigen Herz,
+ Ihm freundlich und vertraulich zu begegnen.
+ Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort
+ Der Frauen weit geführt.
+
+ Iphigenie (allein).
+ Zwar seh' ich nicht,
+ Wie ich dem Rath des Treuen folgen soll;
+ Doch folg' ich gern der Pflicht, dem Könige
+ Für seine Wohlthat gutes Wort zu geben,
+ Und wünsche mir, daß ich dem Mächtigen,
+ Was ihm gefällt, mit Wahrheit sagen möge.
+
+
+ Dritter Auftritt.
+
+ Iphigenie. Thoas.
+
+ Iphigenie.
+ Mit königlichen Gütern segne dich
+ Die Göttin! Sie gewähre Sieg und Ruhm
+ Und Reichthum und das Wohl der Deinigen
+ Und jedes frommen Wunsches Fülle dir!
+ Daß, der du über viele sorgend herrschest,
+ Du auch vor vielen seltnes Glück genießest.
+
+ Thoas.
+ Zufrieden wär' ich wenn mein Volk mich rühmte:
+ Was ich erwarb, genießen andre mehr
+ Als ich. Der ist am glücklichsten, er sei
+ Ein König oder ein Geringer, dem
+ In seinem Hause Wohl bereitet ist.
+ Du nahmest Theil an meinen tiefen Schmerzen,
+ Als mir das Schwert der Feinde meinen Sohn,
+ Den letzten, besten, von der Seite riß.
+ So lang die Rache meinen Geist besaß,
+ Empfand ich nicht die Öde meiner Wohnung;
+ Doch jetzt, da ich befriedigt wiederkehre,
+ Ihr Reich zerstört, mein Sohn gerochen ist,
+ Bleibt mir zu Hause nichts das mich ergetze.
+ Der fröhliche Gehorsam, den ich sonst
+ Aus einem jeden Auge blicken sah,
+ Ist nun von Sorg' und Unmuth still gedämpft.
+ Ein jeder sinnt was künftig werden wird,
+ Und folgt dem Kinderlosen, weil er muß.
+ Nun komm' ich heut in diesen Tempel, den
+ Ich oft betrat, um Sieg zu bitten und
+ Für Sieg zu danken. Einen alten Wunsch
+ Trag' ich im Busen, der auch dir nicht fremd
+ Noch unerwartet ist: ich hoffe, dich,
+ Zum Segen meines Volks und mir zum Segen,
+ Als Braut in meine Wohnung einzuführen.
+
+ Iphigenie.
+ Der Unbekannten bietest du zu viel,
+ O König, an. Es steht die Flüchtige
+ Beschämt vor dir, die nichts an diesem Ufer
+ Als Schutz und Ruhe sucht, die du ihr gabst.
+
+ Thoas.
+ Daß du in das Geheimniß deiner Ankunft
+ Vor mir wie vor dem Letzten stets dich hüllest,
+ Wär' unter keinem Volke recht und gut.
+ Dieß Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz
+ Gebietet's und die Noth. Allein von dir,
+ Die jedes frommen Rechts genießt, ein wohl
+ Von uns empfangner Gast, nach eignem Sinn
+ Und Willen ihres Tages sich erfreut,
+ Von dir hofft' ich Vertrauen, das der Wirth
+ Für seine Treue wohl erwarten darf.
+
+ Iphigenie.
+ Verbarg ich meiner Eltern Namen und
+ Mein Haus, o König, war's Verlegenheit,
+ Nicht Mißtraun. Den vielleicht, ach wüßtest du
+ Wer vor dir steht, und welch verwünschtes Haupt
+ Du nährst und schützest, ein Entsetzen faßte
+ Dein großes Herz mit seltnem Schauer an,
+ Und statt die Seite deines Thrones mir
+ Zu bieten, triebest du mich vor der Zeit
+ Aus deinem Reiche; stießest mich vielleicht,
+ Eh' zu den Meinen frohe Rückkehr mir
+ Und meiner Wandrung Ende zugedacht ist,
+ Dem Elend zu, das jeden Schweifenden,
+ Von seinem Haus Vertriebnen überall
+ Mit kalter fremder Schreckenshand erwartet.
+
+ Thoas.
+ Was auch der Rath der Götter mit dir sei,
+ Und was sie deinem Haus und dir gedenken;
+ So fehlt es doch, seitdem du bei uns wohnst
+ Und eines frommen Gastes Recht genießest,
+ An Segen nicht, der mir von oben kommt.
+ Ich möchte schwer zu überreden sein,
+ Daß ich an dir ein schuldvoll Haupt beschütze.
+
+ Iphigenie.
+ Dir bringt die Wohlthat Segen, nicht der Gast.
+
+ Thoas.
+ Was man Verruchten thut wird nicht gesegnet.
+ Drum endige dein Schweigen und dein Weigern;
+ Es fordert dieß kein ungerechter Mann.
+ Die Göttin übergab dich meinen Händen;
+ Wie du ihr heilig warst, so warst du's mir.
+ Auch sei ihr Wink noch künftig mein Gesetz:
+ Wenn du nach Hause Rückkehr hoffen kannst,
+ So sprech' ich dich von aller Fordrung los.
+ Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt,
+ Und ist dein Stamm vertrieben, oder durch
+ Ein ungeheures Unheil ausgelöscht,
+ So bist du mein durch mehr als Ein Gesetz.
+ Sprich offen! und du weißt, ich halte Wort.
+
+ Iphigenie.
+ Vom alten Bande löset ungern sich
+ Die Zunge los, ein lang verschwiegenes
+ Geheimniß endlich zu entdecken; denn
+ Einmal vertraut, verläßt es ohne Rückkehr
+ Des tiefen Herzens sichre Wohnung, schadet,
+ Wie es die Götter wollen, oder nützt.
+ Vernimm! ich bin aus Tantalus Geschlecht.
+
+ Thoas.
+ Du sprichst ein großes Wort gelassen aus.
+ Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt
+ Als einen ehmals Hochbegnadigten
+ Der Götter kennt? Ist's jener Tantalus,
+ Den Jupiter zu Rath und Tafel zog,
+ An dessen alterfahrnen, vielen Sinn
+ Verknüpfenden Gesprächen Götter selbst,
+ Wie an Orakelsprüchen, sich ergetzten?
+
+ Iphigenie.
+ Er ist es; aber Götter sollten nicht
+ Mit Menschen, wie mit ihres Gleichen, wandeln;
+ Das sterbliche Geschlecht ist viel zu schwach
+ In ungewohnter Höhe nicht zu schwindeln.
+ Unedel war er nicht und kein Verräther;
+ Allein zum Knecht zu groß, und zum Gesellen
+ Des großen Donnrers nur ein Mensch. So war
+ Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht
+ War streng, und Dichter singen: Übermuth
+ Und Untreu' stürzten ihn von Jovis Tisch
+ Zur Schmach des alten Tartarus hinab.
+ Ach und sein ganz Geschlecht trug ihren Haß!
+
+ Thoas.
+ Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne?
+
+ Iphigenie.
+ Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen
+ Kraftvolles Mark war seiner Söhn' und Enkel
+ Gewisses Erbtheil; doch es schmiedete
+ Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band.
+ Rath, Mäßigung und Weisheit und Geduld
+ Verbarg er ihrem scheuen düstern Blick;
+ Zur Wuth ward ihnen jegliche Begier,
+ Und gränzenlos drang ihre Wuth umher.
+ Schon Pelops, der Gewaltig-wollende,
+ Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb
+ Sich durch Verrath und Mord das schönste Weib,
+ Önomaus Erzeugte, Hippodamien.
+ Sie bringt den Wünschen des Gemahls zwei Söhne,
+ Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie
+ Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn
+ Aus einem andern Bette wachsend an.
+ Der Haß verbindet sie, und heimlich wagt
+ Das Paar im Brudermord die erste That.
+ Der Vater wähnet Hippodamien
+ Die Mörderin, und grimmig fordert er
+ Von ihr den Sohn zurück, und sie entleibt
+ Sich selbst--
+
+ Thoas.
+ Du schweigest? Fahre fort zu reden!
+ Laß dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich!
+
+ Iphigenie.
+ Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt,
+ Der froh von ihren Thaten, ihrer Größe
+ Den Hörer unterhält, und still sich freuend
+ An's Ende dieser schönen Reihe sich
+ Geschlossen sieht! Denn es erzeugt nicht gleich
+ Ein Haus den Halbgott noch das Ungeheuer;
+ Erst eine Reihe Böser oder Guter
+ Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude
+ Der Welt hervor.--Nach ihres Vaters Tode
+ Gebieten Atreus und Thyest der Stadt,
+ Gemeinsam-herrschend. Lange konnte nicht
+ Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest
+ Des Bruders Bette. Rächend treibet Atreus
+ Ihn aus dem Reiche. Tückisch hatte schon
+ Thyest, auf schwere Thaten sinnend, lange
+ Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich
+ Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen.
+ Dem füllet er die Brust mit Wuth und Rache
+ Und sendet ihn zur Königsstadt, daß er
+ Im Oheim seinen eignen Vater morde.
+ Des Jünglings Vorsatz wird entdeckt: der König
+ Straft grausam den gesandten Mörder, wähnend,
+ Er tödte seines Bruders Sohn. Zu spät
+ Erfährt er, wer vor seinen trunknen Augen
+ Gemartert stirbt; und die Begier der Rache
+ Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still
+ Auf unerhörte That. Er scheint gelassen
+ Gleichgültig und versöhnt, und lockt den Bruder
+ Mit seinen beiden Söhnen in das Reich
+ Zurück, ergreift die Knaben, schlachtet sie,
+ Und setzt die ekle schaudervolle Speise
+ Dem Vater bei dem ersten Mahle vor.
+ Und da Thyest an seinem Fleische sich
+ Gesättigt, eine Wehmuth ihn ergreift,
+ Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme
+ Der Knaben an des Saales Thüre schon
+ Zu hören glaubt, wirft Atreus grinsend
+ Ihm Haupt und Füße der Erschlagnen hin.--
+ Du wendest schaudernd dein Gesicht, o König:
+ So wendete die Sonn' ihr Antlitz weg
+ Und ihren Wagen aus dem ewg'en Gleise.
+ Dieß sind die Ahnherrn deiner Priesterin;
+ Und viel unseliges Geschick der Männer,
+ Viel Thaten des verworrnen Sinnes deckt
+ Die Nacht mit schweren Fittigen und läßt
+ Uns nur die grauenvolle Dämmrung sehn.
+
+ Thoas.
+ Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug
+ Der Gräuel! Sage nun, durch welch ein Wunder
+ Von diesem wilden Stamme du entsprangst.
+
+ Iphigenie.
+ Des Altreus Ält'ster Sohn war Agamemnon:
+ Er ist mein Vater. Doch ich darf es sagen,
+ In ihm hab' ich seit meiner ersten Zeit
+ Ein Muster des vollkommnen Manns gesehn.
+ Ihm brachte Klytämnestra mich, den Erstling
+ Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte
+ Der König, und es war dem Hause Tantals
+ Die lang entbehrte Rast gewährt. Allein
+ Es mangelte dem Glück der Eltern noch
+ Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfüllt,
+ Daß zwischen beiden Schwestern nun Orest
+ Der Liebling wuchs, als neues Übel schon
+ Dem sichern Hause zubereitet war.
+ Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen,
+ Der, um den Raub der schönsten Frau zu rächen,
+ Die ganze Macht der Fürsten Griechenlands
+ Um Trojens Mauern lagerte. Ob sie
+ Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel
+ Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater führte
+ Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie
+ Auf günst'gen Wind vergebens: denn Diane,
+ Erzürnt auf ihren großen Führer, hielt
+ Die Eilenden zurück und forderte
+ Durch Kalchas Mund des Königs ält'ste Tochter.
+ Sie lockten mit der Mutter mich in's Lager;
+ Sie rissen mich vor den Altar und weihten
+ Der Göttin dieses Haupt. Sie war versöhnt:
+ Sie wollte nicht mein Blut und hüllte rettend
+ In eine Wolke mich; in diesem Tempel
+ Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder.
+ Ich bin es selbst, bin Iphigenie,
+ Des Altreus Enkel, Agamemnons Tochter,
+ Der Göttin Eigenthum, die mit dir spricht.
+
+ Thoas.
+ Mehr Vorzug und Vertrauen geb' ich nicht
+ Der Königstochter als der Unbekannten.
+ Ich wiederhole meinen ersten Antrag:
+ Komm, folge mir, und theile was ich habe.
+
+ Iphigenie.
+ Wie darf ich solchen Schritt, o König, wagen?
+ Hat nicht die Göttin, die mich rettete,
+ Allein das Recht auf mein geweihtes Leben?
+ Sie hat für mich den Schutzort ausgesucht,
+ Und sie bewahrt mich einem Vater, den
+ Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht
+ Zur schönsten Freude seines Alters hier.
+ Vielleicht ist mir die frohe Rückkehr nah;
+ Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, hätte
+ Mich wider ihren Willen hier gefesselt?
+ Ein Zeichen bat ich, wenn ich bleiben sollte.
+
+ Thoas.
+ Das Zeichen ist, daß du noch hier verweilst.
+ Such' Ausflucht solcher Art nicht ängstlich auf.
+ Man spricht vergebens viel, um zu versagen;
+ Der andre hört von allem nur das Nein.
+
+ Iphigenie.
+ Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen;
+ Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt.
+ Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater,
+ Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen
+ Mit ängstlichen Gefühlen sehnen muß?
+ Daß in den alten Hallen, wo die Trauer
+ Noch manchmal stille meinen Namen lispelt,
+ Die Freude, wie um eine Neugeborne,
+ Den schönsten Kranz von Säul an Säulen schlinge.
+ O sendetest du mich auf Schiffen hin!
+ Du gäbest mir und allen neues Leben.
+
+ Thoas.
+ So kehr' zurück! Thu' was dein Herz dich heißt,
+ Und höre nicht die Stimme guten Raths
+ Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib
+ Dich hin dem Triebe, der dich zügellos
+ Ergreift und dahin oder dorthin reißt.
+ Wenn ihnen eine Lust im Busen brennt,
+ Hält vom Verräther sie kein heilig Band,
+ Der sie dem Vater oder dem Gemahl
+ Aus langbewährten, treuen Armen lockt;
+ Und schweigt in ihrer Brust die rasche Gluth,
+ So dringt auf sie vergebens treu und mächtig
+ Der Überredung goldne Zunge los.
+
+ Iphigenie.
+ Gedenk', o König, deines edeln Wortes!
+ Willst du mein Zutraun so erwiedern? Du
+ Schienst vorbereitet alles zu vernehmen.
+
+ Thoas.
+ Auf's Ungehoffte war ich nicht bereitet;
+ Doch sollt' ich's auch erwarten: wußt' ich nicht,
+ Daß ich mit einem Weibe handeln ging?
+
+ Iphigenie.
+ Schilt nicht, o König, unser arm Geschlecht.
+ Nicht herrlich wie die euern, aber nicht
+ Unedel sind die Waffen eines Weibes.
+ Glaub' es, darin bin ich dir vorzuziehn,
+ Daß ich dein Glück mehr als du selber kenne.
+ Du wähnest, unbekannt mit dir und mir,
+ Ein näher Band werd' uns zum Glück vereinen.
+ Voll guten Muthes wie voll guten Willens
+ Dringst du in mich, daß ich mich fügen soll;
+ Und hier dank' ich den Göttern, daß sie mir
+ Die Festigkeit gegeben, dieses Bündniß
+ Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt.
+
+ Thoas.
+ Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz.
+
+ Iphigenie.
+ Sie reden nur durch unser Herz zu uns.
+
+ Thoas.
+ Und hab' Ich, sie zu hören, nicht das Recht?
+
+ Iphigenie.
+ Es überbraust der Sturm die zarte Stimme.
+
+ Thoas.
+ Die Priesterin vernimmt sie wohl allein?
+
+ Iphigenie.
+ Vor allen andern merke sie der Fürst.
+
+ Thoas.
+ Dein heilig Amt und dein geerbtes Recht
+ An Jovis Tisch bringt dich den Göttern näher,
+ Als einen erdgebornen Wilden.
+
+ Iphigenie.
+ So
+ Büß' ich nun das Vertraun, das du erzwangst.
+
+ Thoas.
+ Ich bin ein Mensch; und besser ist's, wir enden.
+ So bleibe denn mein Wort: Sei Priesterin
+ Der Göttin, wie sie dich erkoren hat;
+ Doch mir verzeih' Diane, daß ich ihr,
+ Bisher mit Unrecht und mit innerm Vorwurf,
+ Die alten Opfer vorenthalten habe.
+ Kein Fremder nahet glücklich unserm Ufer;
+ Von Alters her ist ihm der Tod gewiß.
+ Nur du hast mich mit einer Freundlichkeit,
+ In der ich bald der zarten Tochter Liebe,
+ Bald stille Neigung einer Braut zu sehn
+ Mich tief erfreute, wie mit Zauberbanden
+ Gefesselt, daß ich meiner Pflicht vergaß.
+ Du hattest mir die Sinnen eingewiegt,
+ Das Murren meines Volks vernahm ich nicht;
+ Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes
+ Frühzeit'gem Tode lauter über mich.
+ Um deinetwillen halt' ich länger nicht
+ Die Menge, die das Opfer dringend fordert.
+
+ Iphigenie.
+ Um meinetwillen hab ich's nie begehrt.
+ Der mißversteht die Himmlischen, der sie
+ Blutgierig wähnt; er dichtet ihnen nur
+ Dir eignen grausamen Begierden an.
+ Entzog die Göttin mich nicht selbst dem Priester?
+ Ihr war mein Dienst willkommner, als mein Tod.
+
+ Thoas.
+ Es ziemt sich nicht für uns, den heiligen
+ Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft
+ Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken.
+ Thu' deine Pflicht, ich werde meine thun.
+ Zwei Fremde, die wir in des Ufers Höhlen
+ Versteckt gefunden, und die meinem Lande
+ Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand.
+ Mit diesen nehme deine Göttin wieder
+ Ihr erstes, rechtes, lang entbehrtes Opfer!
+ Ich sende sie hierher; du weißt den Dienst.
+
+
+ Vierter Auftritt.
+
+ Iphigenie (allein).
+ Du hast Wolken, gnädige Retterin,
+ Einzuhüllen unschuldig Verfolgte,
+ Und auf Winden dem ehrnen Geschick sie
+ Aus den Armen, über das Meer,
+ Über der Erde weiteste Strecken
+ Und wohin es dir gut dünkt zu tragen.
+ Weise bist du und siehest das Künftige;
+ Nicht vorüber ist dir das Vergangne,
+ Und dein Blick ruht über den Deinen
+ Wie dein Licht, das Leben der Nächte,
+ Über der Erde ruhet und waltet.
+ O enthalte vom Blut meine Hände!
+ Nimmer bringt es Segen und Ruhe;
+ Und die Gestalt des zufällig Ermordeten
+ Wird auf des traurig-unwilligen Mörders
+ Böse Stunden lauern und schrecken.
+ Denn die Unsterblichen lieben der Menschen
+ Weit verbreitete gute Geschlechter,
+ Und sie fristen das flüchtige Leben
+ Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne
+ Ihres eigenen, ewigen Himmels
+ Mitgenießendes fröhliches Anschaun
+ Eine Weile gönnen und lassen.
+
+
+
+ Zweiter Aufzug.
+
+
+ Erster Auftritt.
+
+ Orest. Pylades.
+
+ Orest.
+ Es ist der Weg des Todes, den wir treten:
+ Mit jedem Schritt wird meine Seele stiller.
+ Als ich Apollen bat, das gräßliche
+ Geleit der Rachegeister von der Seite
+ Mir abzunehmen, schien er Hülf' und Rettung
+ Im Tempel seiner vielgeliebten Schwester,
+ Die über Tauris herrscht, mit hoffnungsreichen
+ Gewissen Götterworten zu versprechen;
+ Und nun erfüllet sich's, daß alle Noth
+ Mit meinem Leben völlig enden soll.
+ Wie leicht wird's mir, dem eine Götterhand
+ Das Herz zusammendrückt, den Sinn betäubt,
+ Dem schönen Licht der Sonne zu entsagen.
+ Und sollen Atreus Enkel in der Schlacht
+ Ein siegbekröntes Ende nicht gewinnen;
+ Soll ich wie meine Ahnen, wie mein Vater,
+ Als Opferthier im Jammertode bluten:
+ So sei es! Besser hier vor dem Altar,
+ Als im verworfnen Winkel, wo die Netze
+ Der nahverwandte Meuchelmörder stellt.
+ Laßt mir so lange Ruh, ihr Unterird'schen,
+ Die nach dem Blut ihr, das von meinen Tritten
+ Hernieder träufelnd meinen Pfad bezeichnet,
+ Wie losgelass'ne Hunde spürend hetzt.
+ Laßt mich, ich komme bald zu euch hinab;
+ Das Licht des Tags soll euch nicht sehn, noch mich.
+ Der Erde schöner grüner Teppich soll
+ Kein Tummelplatz für Larven sein. Dort unten
+ Such' ich euch auf: dort bindet alle dann
+ Ein gleich Geschick in ew'ge matte Nacht.
+ Nur dich, mein Pylades, dich, meiner Schuld
+ Und meines Banns unschuldigen Genossen,
+ Wie ungern nehm' ich dich in jenes Trauerland
+ Frühzeitig mit! Dein Leben oder Tod
+ Gibt mir allein noch Hoffnung oder Furcht.
+
+ Pylades.
+ Ich bin noch nicht, Orest, wie du bereit,
+ In jenes Schattenreich hinabzugehn.
+ Ich sinne noch, durch die verworrnen Pfade,
+ Die nach der schwarzen Nacht zu führen scheinen,
+ Uns zu dem Leben wieder aufzuwinden.
+ Ich denke nicht den Tod; ich sinn' und horche,
+ Ob nicht zu irgend einer frohen Flucht
+ Die Götter Rath und Wege zubereiten.
+ Der Tod, gefürchtet oder ungefürchtet,
+ Kommt unaufhaltsam. Wenn die Priesterin
+ Schon, unsre Locken weihend abzuschneiden,
+ Die Hand erhebt, soll dein' und meine Rettung
+ Mein einziger Gedanke sein. Erhebe
+ Von diesem Unmuth deine Seele; zweifelnd
+ Beschleunigest du die Gefahr. Apoll
+ Gab uns das Wort: im Heiligthum der Schwester
+ Sei Trost und Hülf' und Rückkehr dir bereitet.
+ Der Götter Worte sind nicht doppelsinnig,
+ Wie der Gedrückte sie im Unmuth wähnt.
+
+ Orest.
+ Des Lebens dunkle Decke breitete
+ Die Mutter schon mir um das zarte Haupt,
+ Und so wuchs ich herauf, ein Ebenbild
+ Des Vaters, und es war mein stummer Blick
+ Ein bittrer Vorwurf ihr und ihrem Buhlen.
+ Wie oft, wenn still Elektra, meine Schwester,
+ Am Feuer in der tiefen Halle saß,
+ Drängt' ich beklommen mich an ihren Schoos,
+ Und starrte, wie sie bitter weinte, sie
+ Mit großen Augen an. Dann sagte sie
+ Von unserm hohen Vater viel: wie sehr
+ Verlangt' ich ihn zu sehn, bei ihm zu sein!
+ Mich wünscht' ich bald nach Troja, ihn bald her.
+ Es kam der Tag--
+
+ Pylades.
+ O laß von jener Stunde
+ Sich Höllengeister nächtlich unterhalten!
+ Uns gebe die Erinnrung schöner Zeit
+ Zu frischem Heldenlaufe neue Kraft.
+ Die Götter brauchen manchen guten Mann
+ Zu ihrem Dienst auf dieser weiten Erde.
+ Sie haben noch auf dich gezählt; sie gaben
+ Dich nicht dem Vater zum Geleite mit,
+ Da er unwillig nach dem Orcus ging.
+
+ Orest.
+ O, wär' ich, seinen Saum ergreifend, ihm
+ Gefolgt!
+
+ Pylades.
+ So haben die, die dich erhielten,
+ Für mich gesorgt: denn was ich worden wäre,
+ Wenn du nicht lebtest, kann ich mir nicht denken;
+ Da ich mit dir und deinetwillen nur
+ Seit meiner Kindheit leb' und leben mag.
+
+ Orest.
+ Erinnre mich nicht jener schönen Tage,
+ Da mir dein Haus die freie Stätte gab,
+ Dein edler Vater klug und liebevoll
+ Die halberstarrte junge Blüthe pflegte;
+ Da du ein immer munterer Geselle,
+ Gleich einem leichten bunten Schmetterling
+ Um eine dunkle Blume, jeden Tag
+ Um mich mit neuem Leben gaukeltest,
+ Mir deine Lust in meine Seele spieltest,
+ Daß ich, vergessend meiner Noth, mit dir
+ In rascher Jugend hingerissen schwärmte.
+
+ Pylades.
+ Da fing mein Leben an, als ich dich liebte.
+
+ Orest.
+ Sag: meine Noth begann, und du sprichst wahr.
+ Das ist das Ängstliche von meinem Schicksal,
+ Daß ich, wie ein verpesteter Vertriebner,
+ Geheimen Schmerz und Tod im Busen trage;
+ Daß, wo ich den gesund'sten Ort betrete,
+ Gar bald um mich die blühenden Gesichter
+ Den Schmerzenszug langsamen Tod's verrathen.
+
+ Pylades.
+ Der Nächste wär' ich diesen Tod zu sterben,
+ Wenn je dein Hauch, Orest, vergiftete.
+ Bin ich nicht immer noch voll Muth und Lust?
+ Und Lust und Liebe sind die Fittige
+ Zu großen Thaten.
+
+ Orest.
+ Große Thaten? Ja,
+ Ich weiß die Zeit, da wir sie vor uns sahn!
+ Wenn wir zusammen oft dem Wilde nach
+ Durch Berg' und Thäler rannten und dereinst
+ An Brust und Faust dem hohen Ahnherrn gleich
+ Mit Keul' und Schwert dem Ungeheuer so,
+ Dem Räuber auf der Spur zu jagen hofften;
+ Und dann wir Abends an der weiten See
+ Uns aneinander lehnend ruhig saßen,
+ Die Wellen bis zu unsern Füssen spielten,
+ Die Welt so weit, so offen vor uns lag;
+ Da fuhr wohl Einer manchmal nach dem Schwert,
+ Und künft'ge Thaten drangen wie die Sterne
+ Rings um uns her unzählig aus der Nacht.
+
+ Pylades.
+ Unendlich ist das Werk, das zu vollführen
+ Die Seele dringt. Wir möchten jede That
+ So groß gleich thun, als wie sie wächs't und wird,
+ Wenn Jahre lang durch Länder und Geschlechter
+ Der Mund der Dichter sie vermehrend wälzt.
+ Es klingt so schön was unsre Väter thaten,
+ Wenn es in stillen Abendschatten ruhend
+ Der Jüngling mit dem Ton der Harfe schlürft;
+ Und was wir thun ist, wie es ihnen war,
+ Voll Müh' und eitel Stückwerk!
+ So laufen wir nach dem, was vor uns flieht,
+ Und achten nicht des Weges den wir treten,
+ und sehen neben uns der Ahnherrn Tritte
+ Und ihres Erdelebens Spuren kaum.
+ Wir eilen immer ihrem Schatten nach,
+ Der göttergleich in einer weiten Ferne
+ Der Berge Haupt auf goldnen Wolken krönt.
+ Ich halte nichts von dem, der von sich denkt
+ Wie ihn das Volk vielleicht erheben möchte.
+ Allein, o Jüngling, danke du den Göttern,
+ Daß sie so früh durch dich so viel gethan.
+
+ Orest.
+ Wenn sie dem Menschen frohe That bescheren
+ Daß er ein Unheil von den Seinen wendet,
+ Daß er sein Reich vermehrt, die Gränzen sichert,
+ Und alte Feinde fallen oder fliehn;
+ Dann mag er danken! denn ihm hat ein Gott
+ Des Lebens erste, letzte Lust gegönnt.
+ Mich haben sie zum Schlächter auserkoren,
+ Zum Mörder meiner doch verehrten Mutter,
+ Und, eine Schandthat schändlich rächend, mich
+ Durch ihren Wink zu Grund' gerichtet. Glaube,
+ Sie haben es auf Tantals Haus gerichtet,
+ Und ich, der Letzte, soll nicht schuldlos, soll
+ Nicht ehrenvoll vergehn.
+
+ Pylades.
+ Die Götter rächen
+ Der Väter Missethat nicht an dem Sohn;
+ Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt
+ Sich seinen Lohn mit seiner That hinweg.
+ Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch.
+
+ Orest.
+ Uns führt ihr Segen, dünkt mich, nicht hierher.
+
+ Pylades.
+ Doch wenigstens der hohen Götter Wille.
+
+ Orest.
+ So ist's ihr Wille denn, der uns verderbt.
+
+ Pylades.
+ Thu' was sie dir gebieten und erwarte.
+ Bringst du die Schwester zu Apollen hin,
+ Und wohnen beide dann vereint zu Delphi,
+ Verehrt von einem Volk das edel denkt;
+ So wird für diese That das hohe Paar
+ Dir gnädig sein, sie werden aus der Hand
+ Der Unterird'schen dich erretten. Schon
+ In diesen heil'gen Hain wagt keine sich.
+
+ Orest.
+ So hab' ich wenigstens geruh'gen Tod.
+
+ Pylades.
+ Ganz anders denk' ich, und nicht ungeschickt
+ Hab' ich das schon Geschehne mit dem Künft'gen
+ Verbunden und im stillen ausgelegt.
+ Vielleicht reift in der Götter Rath schon lange
+ Das große Werk. Diana sehnet sich
+ Von diesem rauhen Ufer der Barbaren
+ Und ihren blut'gen Menschenopfern weg.
+ Wir waren zu der schönen That bestimmt,
+ Uns wird sie auferlegt, und seltsam sind
+ Wir an der Pforte schon gezwungen hier.
+
+ Orest.
+ Mit seltner Kunst flichtst du der Götter Rath
+ Und deine Wünsche klug in Eins zusammen.
+
+ Pylades.
+ Was ist des Menschen Klugheit, wenn sie nicht
+ Auf Jener Willen droben achtend lauscht?
+ Zu einer schweren That beruft ein Gott
+ Den edeln Mann, der viel verbrach, und legt
+ Ihm auf was uns unmöglich scheint zu enden.
+ Es siegt der Held, und büßend dienet er
+ Den Göttern und der Welt, die ihn verehrt.
+
+ Orest.
+ Bin ich bestimmt zu leben und zu handeln,
+ So nehm' ein Gott von meiner schweren Stirn
+ Den Schwindel weg, der auf dem schlüpfrigen,
+ Mit Mutterblut besprengten Pfade fort
+ Mich zu den Todten reißt. Er trockne gnädig
+ Die Quelle, die, mir aus der Mutter Wunden
+ Entgegen sprudelnd, ewig mich befleckt.
+
+ Pylades.
+ Erwart' es ruhiger! Du mehrst das Übel
+ Und nimmst das Amt der Furien auf dich.
+ Laß mich nur sinnen, bleibe still! Zuletzt,
+ Bedarf's zur That vereinter Kräfte, dann
+ Ruf' ich dich auf, und beide schreiten wir
+ Mit überlegter Kühnheit zur Vollendung.
+
+ Orest.
+ Ich hör' Ulyssen reden.
+
+ Pylades.
+ Spotte nicht.
+ Ein jeglicher muß seinen Helden wählen,
+ Dem er die Wege zum Olymp hinauf
+ Sich nacharbeitet. Laß es mich gestehn:
+ Mir scheinen List und Klugheit nicht den Mann
+ Zu schänden, der sich kühnen Thaten weiht.
+
+ Orest.
+ Ich schätze den, der tapfer ist und g'rad.
+
+ Pylades.
+ Drum hab' ich keinen Rath von dir verlangt.
+ Schon ist ein Schritt gethan. Von unsern Wächtern
+ Hab' ich bisher gar vieles ausgelockt.
+ Ich weiß, ein fremdes, göttergleiches Weib
+ Hält jenes blutige Gesetz gefesselt;
+ Ein reines Herz und Weihrauch und Gebet
+ Bringt sie den Göttern dar. Man rühmet hoch
+ Die Gütige; man glaubet, sie entspringe
+ vom Stamm der Amazonen, sei geflohn,
+ Um einem großen Unheil zu entgehn.
+
+ Orest.
+ Es scheint, ihr lichtes Reich verlor die Kraft
+ Durch des Verbrechers Nähe, den der Fluch
+ Wie eine breite Nacht verfolgt und deckt.
+ Die fromme Blutgier lös't den alten Brauch
+ Von seinen Fesseln los, uns zu verderben.
+ Der wilde Sinn des Königs tödtet uns;
+ Ein Weib wird uns nicht retten, wenn er zürnt.
+
+ Pylades.
+ Wohl uns, daß es ein Weib ist! denn ein Mann,
+ Der beste selbst, gewöhnet seinen Geist
+ An Grausamkeit und macht sich auch zuletzt
+ Aus dem, was er verabscheut, ein Gesetz,
+ Wird aus Gewohnheit hart und fast unkenntlich.
+ Allein ein Weib bleibt stät auf Einem Sinn
+ Den sie gefaßt. Du rechnest sicherer
+ Auf sie im Guten wie im Bösen.--Still!
+ Sie kommt; laß uns allein. Ich darf nicht gleich
+ Ihr unsre Namen nennen, unser Schicksal
+ Nicht ohne Rückhalt ihr vertraun. Du gehst,
+ Und eh' sie mit dir spricht, treff' ich dich noch.
+
+
+ Zweiter Auftritt.
+
+ Iphigenie. Pylades.
+
+
+ Iphigenie.
+ Woher du seist und kommst, o Fremdling, sprich!
+ Mir scheint es, daß ich eher einem Griechen
+ Als einem Scythen dich vergleichen soll.
+ (Sie nimmt ihm die Ketten ab.)
+ Gefährlich ist die Freiheit, die ich gebe;
+ Die Götter wenden ab was euch bedroht!
+
+ Pylades.
+ O süße Stimme! Vielwillkommner Ton
+ Der Muttersprach' in einem fremden Lande!
+ Des väterlichen Hafens blaue Berge
+ Seh' ich Gefangner neu willkommen wieder
+ Vor meinen Augen. Laß dir diese Freude
+ Versichern, daß auch ich ein Grieche bin!
+ Vergessen hab' ich einen Augenblick,
+ Wie sehr ich dein bedarf, und meinen Geist
+ Der herrlichen Erscheinung zugewendet.
+ O sage, wenn dir dein Verhängniß nicht
+ Die Lippe schließt, aus welchem unsrer Stämme
+ Du deine göttergleiche Herkunft zählst.
+
+ Iphigenie.
+ Die Priesterin, von ihrer Göttin selbst
+ Gewählet und geheiligt, spricht mit dir.
+ Das laß dir g'nügen; sage, wer du seist
+ Und welch unselig-waltendes Geschick
+ Mit dem Gefährten dich hierher gebracht.
+
+ Pylades.
+ Leicht kann ich dir erzählen, welch ein Übel
+ Mit lastender Gesellschaft uns verfolgt.
+ O könntest du der Hoffnung frohen Blick
+ Uns auch so leicht, du Göttliche, gewähren!
+ Aus Kreta sind wir, Söhne des Adrasts:
+ Ich bin der jüngste, Cephalus genannt,
+ Und er Laodamas, der älteste
+ Des Hauses. Zwischen uns stand rauh und wild
+ Ein mittlerer, und trennte schon im Spiel
+ Der ersten Jugend Einigkeit und Lust.
+ Gelassen folgten wir der Mutter Worten,
+ So lang des Vaters Kraft vor Troja stritt;
+ Doch als er beutereich zurücke kam
+ Und kurz darauf verschied, da trennte bald
+ Der Streit um Reich und Erbe die Geschwister.
+ Ich neigte mich zum ält'sten. Er erschlug
+ Den Bruder. Um der Blutschuld willen treibt
+ Die Furie gewaltig ihn umher.
+ Doch diesem wilden Ufer sendet uns
+ Apoll, der Delphische, mit Hoffnung zu.
+ Im Tempel seiner Schwester hieß er uns
+ Der Hülfe segensvolle Hand erwarten.
+ Gefangen sind wir und hierher gebracht,
+ Und dir als Opfer dargestellt. Du weißt's.
+
+ Iphigenie.
+ Fiel Troja? Theurer Mann, versichr' es mir.
+
+ Pylades.
+ Es liegt. O sichre du uns Rettung zu!
+ Beschleunige die Hülfe, die ein Gott
+ Versprach. Erbarme meines Bruders dich.
+ O sag' ihm bald ein gutes holdes Wort;
+ Doch schone seiner wenn du mit ihm sprichst,
+ Das bitt' ich eifrig: denn es wird gar leicht
+ Durch Freud' und Schmerz und durch Erinnerung
+ Sein Innerstes ergriffen und zerrüttet.
+ Ein fieberhafter Wahnsinn fällt ihn an,
+ Und seine schöne freie Seele wird
+ Den Furien zum Raube hingegeben.
+
+ Iphigenie.
+ So groß dein Unglück ist, beschwör' ich dich,
+ Vergiß es, bis du mir genug gethan.
+
+ Pylades.
+ Die hohe Stadt, die zehen lange Jahre
+ Dem ganzen Heer der Griechen widerstand,
+ Liegt nun im Schutte, steigt nicht wieder auf.
+ Doch manche Gräber unsrer Besten heißen
+ Uns an das Ufer der Barbaren denken.
+ Achill liegt dort mit seinem schönen Freunde.
+
+ Iphigenie.
+ So seid ihr Götterbilder auch zu Staub!
+
+ Pylades.
+ Auch Palamedes, Ajax Telamons,
+ Sie sahn des Vaterlandes Tag nicht wieder.
+
+ Iphigenie.
+ Er schweigt von meinem Vater, nennt ihn nicht
+ Mit den Erschlagnen. Ja! er lebt mir noch!
+ Ich werd' ihn sehn! O hoffe, liebes Herz!
+
+ Pylades.
+ Doch selig sind die Tausende, die starben
+ Den bittersüßen Tod von Feindes Hand!
+ Denn wüste Schrecken und ein traurig Ende
+ Hat den Rückkehrenden statt des Triumphs
+ Ein feindlich aufgebrachter Gott bereitet.
+ Kommt denn der Menschen Stimme nicht zu euch?
+ So weit sie reicht, trägt sie den Ruf umher
+ Von unerhörten Thaten die geschahn.
+ So ist der Jammer, der Mycenens Hallen
+ Mit immer wiederholten Seufzern füllt,
+ Dir ein Geheimniß? Klytämnestra hat
+ Mit Hülf' Ägisthens den Gemahl berückt,
+ Am Tage seiner Rückkehr ihn ermordet!--
+ Ja, du verehrest dieses Königs Haus!
+ Ich seh' es, deine Brust bekämpft vergebens
+ Das unerwartet ungeheure Wort.
+ Bist du die Tochter eines Freundes? bist
+ Du nachbarlich in dieser Stadt geboren?
+ Verbirg es nicht und rechne mir's nicht zu,
+ Daß ich der Erste diese Gräuel melde.
+
+ Iphigenie.
+ Sag' an, wie ward die schwere That vollbracht?
+
+ Pylades.
+ Am Tage seiner Ankunft, da dir König
+ Vom Bad erquickt und ruhig, sein Gewand
+ Aus der Gemahlin Hand verlangend, stieg,
+ Warf die Verderbliche ein faltenreich
+ Und künstlich sich verwirrendes Gewebe
+ Ihm auf die Schultern, um das edle Haupt;
+ Und da er wie von einem Netze sich
+ Vergebens zu entwickeln strebte, schlug
+ Ägisth ihn, der Verräther, und verhüllt
+ Ging zu den Todten dieser große Fürst.
+
+ Iphigenie.
+ Und welchen Lohn erhielt der Mitverschworne?
+
+ Pylades.
+ Ein Reich und Bette, das er schon besaß.
+
+ Iphigenie.
+ So trieb zur Schandthat eine böse Lust?
+
+ Pylades.
+ Und einer alten Rache tief Gefühl.
+
+ Iphigenie.
+ Und wie beleidigte der König sie?
+
+ Pylades.
+ Mit schwerer That, die, wenn Entschuldigung
+ Des Mordes wäre, sie entschuldigte.
+ Nach Aulis lockt' er sie und brachte dort,
+ Als eine Gottheit sich der Griechen Fahrt
+ Mit ungstümen Winden widersetzte,
+ Die ält'ste Tochter, Iphigenien,
+ Vor den Altar Dianens, und sie fiel
+ Ein blutig Opfer für der Griechen Heil.
+ Dieß, sagt man, hat ihr einen Widerwillen
+ So tief in's Herz geprägt, daß sie dem Werben
+ Ägisthens sich ergab und den Gemahl
+ Mit Netzen des Verderbens selbst umschlang.
+
+ Iphigenie (sich verhüllend).
+ Es ist genug. Du wirst mich wiedersehn.
+
+ Pylades (allein).
+ Von dem Geschick des Königs-Hauses scheint
+ Sie tief gerührt. Wer sie auch immer sei,
+ So hat sie selbst den König wohl gekannt
+ Und ist, zu unserm Glück, aus hohem Hause
+ Hierher verkauft. Nur stille, liebes Herz,
+ Und laß dem Stern der Hoffnung, der uns blinkt,
+ Mit frohem Muth uns klug entgegen steuern.
+
+
+
+ Dritter Aufzug.
+
+
+ Erster Auftritt.
+
+ Iphigenie. Orest.
+
+ Iphigenie.
+ Unglücklicher, ich löse deine Bande
+ Zum Zeichen eines schmerzlichern Geschicks.
+ Die Freiheit, die das Heiligthum gewährt,
+ Ist, wie der letzte lichte Lebensblick
+ Des schwer Erkrankten, Todesbote. Noch
+ Kann ich es mir und darf es mir nicht sagen,
+ Daß ihr verloren seid! Wie könnt' ich euch
+ Mit mörderischer Hand dem Tode weihen?
+ Und niemand, wer es sei, darf euer Haupt,
+ So lang ich Priesterin Dianens bin,
+ Berühren. Doch verweigr' ich jene Pflicht,
+ Wie sie der aufgebrachte König fordert;
+ So wählt er eine meiner Jungfraun mir
+ Zur Folgerin, und ich vermag alsdann
+ Mit heißem Wunsch allein euch beizustehn.
+ O werther Landsmann! Selbst der letzte Knecht,
+ Der an den Herd der Vatergötter streifte,
+ Ist uns in fremdem Lande hoch willkommen:
+ Wie soll ich euch genug mit Freud' und Segen
+ Empfangen, die ihr mir das Bild der Helden,
+ Die ich von Eltern her verehren lernte,
+ Entgegen bringet und das innre Herz
+ Mit neuer schöner Hoffnung schmeichelnd labet!
+
+ Orest.
+ Verbirgst du deinen Namen, deine Herkunft
+ Mit klugem Vorsatz? oder darf ich wissen,
+ Wer mir, gleich einer Himmlischen, begegnet?
+
+ Iphigenie.
+ Du sollst mich kennen. Jetzo sag' mir an,
+ Was ich nur halb von deinem Bruder hörte,
+ Das Ende derer, die von Troja kehrend
+ Ein hartes unerwartetes Geschick
+ Auf ihrer Wohnung Schwelle stumm empfing.
+ Zwar ward ich jung an diesen Strand geführt;
+ Doch wohl erinnr' ich mich des scheuen Blicks,
+ Den ich mit Staunen und mit Bangigkeit
+ Auf jene Helden warf. Sie zogen aus,
+ Als hätte der Olymp sich aufgethan
+ Und die Gestalten der erlauchten Vorwelt
+ Zum Schrecken Ilions herabgesendet,
+ Und Agamemnon war vor allen herrlich!
+ O sage mir! Er fiel, sein Haus betretend,
+ Durch seiner Frauen und Ägisthens Tücke?
+
+ Orest.
+ Du sagst's!
+
+ Iphigenie.
+ Weh dir, unseliges Mycen!
+ So haben Tantals Enkel Fluch auf Fluch
+ Mit vollen wilden Händen ausgesät!
+ Und gleich dem Unkraut, wüste Häupter schüttelnd
+ Und tausendfält'gen Samen um sich streuend,
+ Den Kindeskindern nahverwandte Mörder
+ Zur ew'gen Wechselwuth erzeugt! Enthülle,
+ Was von der Rede deines Bruders schnell
+ Die Finsterniß des Schreckens mir verdeckte.
+ Wie ist des großen Stammes letzter Sohn,
+ Das holde Kind, bestimmt des Vaters Rächer
+ Dereinst zu sein, wie ist Orest dem Tage
+ Des Bluts entgangen? Hat ein gleich Geschick
+ Mit des Avernus Netzen ihn umschlungen?
+ Ist er gerettet? Lebt er? Lebt Elektra?
+
+ Orest.
+ Sie leben.
+
+ Iphigenie.
+ Goldne Sonne, leihe mir
+ Die schönsten Strahlen, lege sie zum Dank
+ Vor Jovis Thron! denn ich bin arm und stumm.
+
+ Orest.
+ Bist du gastfreundlich diesem Königs-Hause,
+ Bist du mit nähern Banden ihm verbunden,
+ Wie deine schöne Freude mir verräth:
+ So bändige dein Herz und halt' es fest!
+ Denn unerträglich muß dem Fröhlichen
+ Ein jäher Rückfall in die Schmerzen sein.
+ Du weißt nur, merk' ich, Agamemnons Tod.
+
+ Iphigenie.
+ Hab' ich an dieser Nachricht nicht genug?
+
+ Orest.
+ Du hast des Gräuels Hälfte nur erfahren.
+
+ Iphigenie.
+ Was fürcht' ich noch? Orest, Elektra leben.
+
+ Orest.
+ Und fürchtest du für Klytämnestren nichts?
+
+ Iphigenie.
+ Sie rettet weder Hoffnung, weder Furcht.
+
+ Orest.
+ Auch schied sie aus dem Land der Hoffnung ab.
+
+ Iphigenie.
+ Vergoß sie reuig wüthend selbst ihr Blut?
+
+ Orest.
+ Nein, doch ihr eigen Blut gab ihr den Tod.
+
+ Iphigenie.
+ Sprich deutlicher, daß ich nicht länger sinne.
+ Die Ungewißheit schlägt mir tausendfältig
+ Die dunkeln Schwingen um das bange Haupt.
+
+ Orest.
+ So haben mich die Götter ausersehn
+ Zum Boten einer That, die ich so gern
+ In's klanglos-dumpfe Höhlenreich der Nacht
+ Verbergen möchte? Wider meinen Willen
+ Zwingt mich dein holder Mund; allein er darf
+ Auch etwas Schmerzlichs fordern und erhält's.
+ Am Tage, da der Vater fiel, verbarg
+ Elektra rettend ihren Bruder: Strophius,
+ Des Vaters Schwäher, nahm ihn willig auf,
+ Erzog ihn neben seinem eignen Sohne,
+ Der, Pylades genannt, die schönsten Bande
+ Der Freundschaft um den Angekommnen knüpfte.
+ Und wie sie wuchsen, wuchs in ihrer Seele
+ Die brennende Begier des Königs Tod
+ Zu rächen. Unversehen, fremd gekleidet,
+ Erreichen sie Mycen, als brächten sie
+ Die Trauernachricht von Orestens Tode
+ Mit seiner Asche. Wohl empfänget sie
+ Die Königin; sie treten in das Haus.
+ Elektren gibt Orest sich zu erkennen;
+ Sie bläs't der Rache Feuer in ihm auf,
+ Das vor der Mutter heil'ger Gegenwart
+ In sich zurückgebrannt war. Stille führt
+ Sie ihn zum Orte, wo sein Vater fiel,
+ Wo eine alte leichte Spur des frech
+ Vergoss'nen Blutes oftgewaschnen Boden
+ Mit blassen ahndungsvollen Streifen färbte.
+ Mit ihrer Feuerzunge schilderte
+ Sie jeden Umstand der verruchten That,
+ Ihr knechtisch elend durchgebrachtes Leben,
+ Den Übermuth der glücklichen Verräther,
+ Und die Gefahren, die nun der Geschwister
+ Von einer stiefgewordnen Mutter warteten.--
+ Hier drang sie jenen alten Dolch ihm auf,
+ Der schon in Tantals Hause grimmig wüthete,
+ Und Klytämnestra fiel durch Sohnes Hand.
+
+ Iphigenie.
+ Unsterbliche, die ihr den reinen Tag
+ Auf immer neuen Wolken selig lebet,
+ Habt ihr nur darum mich so manches Jahr
+ Von Menschen abgesondert, mich so nah
+ Bei euch gehalten, mir die kindliche
+ Beschäftigung, des heil'gen Feuers Gluth
+ Zu nähren aufgetragen, meine Seele
+ Der Flamme gleich in ew'ger frommer Klarheit
+ Zu euern Wohnungen hinaufgezogen,
+ Daß ich nur meines Hauses Gräuel später
+ Und tiefer fühlen sollte? Sage mir
+ Vom Unglücksel'gen! sprich mir von Orest!--
+
+ Orest.
+ O, könnte man von seinem Tode sprechen!
+ Wie gährend stieg aus der Erschlagnen Blut
+ Der Mutter Geist
+ Und ruft der Nacht uralten Töchtern zu:
+ "Laßt nicht den Muttermörder entfliehn!
+ Verfolgt den Verbrecher! Euch ist er geweiht!"
+ Sie horchen auf, es schaut ihr hohler Blick
+ Mit der Begier des Adlers um sich her.
+ Sie rühren sich in ihren schwarzen Höhlen,
+ Und aus den Winkeln schleichen ihre Gefährten,
+ Der Zweifel und die Reue, leis herbei.
+ Vor ihnen steigt ein Dampf vom Acheron;
+ In seinen Wolkenkreisen wälzet sich
+ Die ewige Betrachtung des Geschehnen
+ Verwirrend um des Schuld'gen Haupt umher
+ Und sie, berechtigt zum Verderben, treten
+ Der gottbesäten Erde schönen Boden,
+ Von dem ein alter Fluch sie längst verbannte.
+ Den Flüchtigen verfolgt ihr schneller Fuß;
+ Sie geben nur um neu zu schrecken Rast.
+
+ Iphigenie.
+ Unseliger, du bist in gleichem Fall,
+ Und fühlst was er, der arme Flüchtling, leidet!
+
+ Orest.
+ Was sagst du mir? was wähnst du gleichen Fall?
+
+ Iphigenie.
+ Dich drückt ein Brudermord wie jenen; mir
+ Vertraute dieß dein jüngster Bruder schon.
+
+ Orest.
+ Ich kann nicht leiden, daß du große Seele
+ Mit einem falschen Wort betrogen werdest.
+ Ein lügenhaft Gewebe knüpf' ein Fremder
+ Dem Fremden, sinnreich und der List gewohnt,
+ Zur Falle vor die Füße; zwischen uns
+ Sei Wahrheit!
+ Ich bin Orest! und dieses schuld'ge Haupt
+ Senkt nach der Grube sich und sucht den Tod;
+ In jeglicher Gestalt sei er willkommen!
+ Wer du auch seist, so wünsch' ich Rettung dir
+ Und meinem Freunde; mir wünsch' ich sie nicht.
+ Du scheinst hier wider Willen zu verweilen;
+ Erfindet Rath zur Flucht und laßt mich hier.
+ Es stürze mein entseelter Leib vom Fels,
+ Es rauche bis zum Meer hinab mein Blut,
+ Und bringe Fluch dem Ufer der Barbaren!
+ Geht ihr, daheim im schönen Griechenland
+ Ein neues Leben freundlich anzufangen.
+ (Er entfernt sich.)
+
+ Iphigenie.
+ So steigst du denn, Erfüllung, schönste Tochter
+ Des größten Vaters, endlich zu mir nieder!
+ Wie ungeheuer steht dein Bild vor mir!
+ Kaum reicht mein Blick dir an die Hände, die
+ Mit Furcht und Segenskränzen angefüllt
+ Die Schätze des Olympus niederbringen.
+ Wie man den König an dem Übermaß
+ Der Gaben kennt: denn ihm muß wenig scheinen
+ Was Tausenden schon Reichthum ist; so kennt
+ Man euch, ihr Götter, an gesparten, lang
+ Und weise zubereiteten Geschenken.
+ Denn ihr allein wißt was uns frommen kann,
+ Und schaut der Zukunft ausgedehntes Reich,
+ Wenn jedes Abends Stern- und Nebelhülle
+ Die Aussicht uns verdeckt. Gelassen hört
+ Ihr unser Flehn, das um Beschleunigung
+ Euch kindisch bittet; aber eure Hand
+ Bricht unreif nie die goldnen Himmelsfrüchte;
+ Und wehe dem, der ungeduldig sie
+ Ertrotzend saure Speise sich zum Tod
+ Genießt. O laßt das lang erwartete,
+ Noch kaum gedachte Glück nicht, wie den Schatten
+ Des abgeschiednen Freundes, eitel mir
+ Und dreifach schmerzlicher vorübergehn!
+
+ Orest (tritt wieder zu ihr).
+ Rufst du die Götter an für dich und Pylades,
+ So nenne meinen Namen nicht mit eurem.
+ Du rettest den Verbrecher nicht, zu dem
+ Du dich gesellst, und theilest Fluch und Noth.
+
+ Iphigenie.
+ Mein Schicksal ist an deines fest gebunden.
+
+ Orest.
+ Mit nichten! Laß allein und unbegleitet
+ Mich zu den Todten gehn. Verhülltest du
+ In deinen Schleier selbst den Schuldigen;
+ Du birgst ihn nicht vor'm Blick der Immerwachen,
+ Und deine Gegenwart, du Himmlische,
+ Drängt sie nur seitwärts und verscheucht sie nicht.
+ Sie dürfen mit den ehrnen frechen Füßen
+ Des heil'gen Waldes Boden nicht betreten;
+ Doch hör' ich aus der Ferne hier und da
+ Ihr gräßliches Gelächter. Wölfe harren
+ So um den Baum, auf den ein Reisender
+ Sich rettete. Da draußen ruhen sie
+ Gelagert; und verlass' ich diesen Hain,
+ Dann steigen sie, die Schlangenhäupter schüttelnd,
+ Von allen Seiten Staub erregend auf
+ Und treiben ihre Beute vor sich her.
+
+ Iphigenie.
+ Kannst du, Orest, ein freundlich Wort vernehmen?
+
+ Orest.
+ Spar' es für einen Freund der Götter auf.
+
+ Iphigenie.
+ Sie geben dir zu neuer Hoffnung Licht.
+
+ Orest.
+ Durch Rauch und Qualm seh' ich den matten Schein
+ Des Todtenflusses mir zur Hölle leuchten.
+
+ Iphigenie.
+ Hast du Elektren, Eine Schwester nur?
+
+ Orest.
+ Die Eine kannt' ich; doch die ält'ste nahm
+ Ihr gut Geschick, das uns so schrecklich schien,
+ Bei Zeiten aus dem Elend unsers Hauses.
+ O laß dein Fragen, und geselle dich
+ Nicht auch zu den Erinnyen; sie blasen
+ Mir schadenfroh die Asche von der Seele,
+ Und leiden nicht, daß sich die letzten Kohlen
+ Von unsers Hauses Schreckensbrande still
+ In mir verglimmen. Soll die Gluth denn ewig,
+ Vorsätzlich angefacht, mit Höllenschwefel
+ Genährt, mir auf der Seele marternd brennen?
+
+ Iphigenie.
+ Ich bringe süßes Rauchwerk in die Flamme.
+ O laß den reinen Hauch der Liebe dir
+ Die Gluth des Busens leise wehend kühlen.
+ Orest, mein Theurer, kannst du nicht vernehmen?
+ Hat das Geleit der Schreckensgötter so
+ Das Blut in deinen Adern aufgetrocknet?
+ Schleicht, wie vom Haupt der gräßlichen Gorgone,
+ Versteinernd dir ein Zauber durch die Glieder?
+ O wenn vergoss'nen Mutterblutes Stimme
+ Zur Höll' hinab mit dumpfen Tönen ruft;
+ Soll nicht der reinen Schwester Segenswort
+ Hülfreiche Götter von Olympus rufen?
+
+ Orest.
+ Es ruft! es ruft! So willst du mein Verderben!
+ Verbirgt in dir sich eine Rachegöttin?
+ Wer bist du, deren Stimme mir entsetzlich
+ Das Innerste in seinen Tiefen wendet?
+
+ Iphigenie.
+ Es zeigt sich dir im tiefsten Herzen an:
+ Orest, ich bin's! Sieh Iphigenien!
+ Ich lebe!
+
+ Orest.
+ Du!
+
+ Iphigenie.
+ Mein Bruder!
+
+ Orest.
+ Laß! Hinweg!
+ Ich rathe dir, berühre nicht die Locken!
+ Wie von Kreusa's Brautkleid zündet sich
+ Ein unauslöschlich Feuer von mir fort.
+ Laß mich! Wie Hercules will ich Unwürd'ger
+ Den Tod voll Schmach, in mich verschlossen, sterben.
+
+ Iphigenie.
+ Du wirst nicht untergehn! O daß ich nur
+ Ein ruhig Wort von dir vernehmen könnte!
+ O löse meine Zweifel, laß des Glückes,
+ Des lang erflehten, mich auch sicher werden.
+ Es wälzet sich ein Rad von Freud' und Schmerz
+ Durch meine Seele. Von dem fremden Manne
+ Entfernet mich ein Schauer; doch es reißt
+ Mein Innerstes gewaltig mich zum Bruder.
+
+ Orest.
+ Ist hier Lyäens Tempel? und ergreift
+ Unbändig-heil'ge Wuth die Priesterin?
+
+ Iphigenie.
+ O höre mich! O sieh mich an, wie mir
+ Nach einer langen Zeit das Herz sich öffnet,
+ Der Seligkeit, dem Liebsten, was die Welt
+ Noch für mich tragen kann, das Haupt zu küssen,
+ Mit meinen Armen, die den leeren Winden
+ Nur ausgebreitet waren, dich zu fassen!
+ O laß mich! Laß mich! Denn es quillet heller
+ Nicht vom Parnaß die ew'ge Quelle sprudelnd
+ Von Fels zu Fels in's goldne Thal hinab,
+ Wie Freude mir vom Herzen wallend fließt,
+ Und wie ein selig Meer mich rings umfängt.
+ Orest! Orest! Mein Bruder!
+
+ Orest.
+ Schöne Nymphe,
+ Ich traue dir und deinem Schmeicheln nicht.
+ Diana fordert strenge Dienerinnen
+ Und rächet das entweihte Heiligthum.
+ Entferne deinen Arm von meiner Brust!
+ Und wenn du einen Jüngling rettend lieben,
+ Das schöne Glück ihm zärtlich bieten willst,
+ So wende meinem Freunde dein Gemüth,
+ Dem würd'gern Manne zu. Er irrt umher
+ Auf jenem Felsenpfade; such' ihn auf,
+ Weis' ihn zurecht und schone meiner.
+
+ Iphigenie.
+ Fasse
+ Dich, Bruder, und erkenne die Gefundne!
+ Schilt einer Schwester reine Himmelsfreude
+ Nicht unbesonnene, strafbare Lust.
+ O nehmt den Wahn ihm von dem starren Auge,
+ Daß uns der Augenblick der höchsten Freude
+ Nicht dreifach elend mache! Sie ist hier,
+ Die längst verlorne Schwester. Vom Altar
+ Riß mich die Göttin weg und rettete
+ Hierher mich in ihr eigen Heiligthum.
+ Gefangen bist du, dargestellt zum Opfer,
+ Und findest in der Priesterin die Schwester.
+
+ Orest.
+ Unselige! So mag die Sonne denn
+ Die letzten Gräuel unsers Hauses sehn!
+ Ist nicht Elektra hier? damit auch sie
+ Mit uns zu Grunde gehe, nicht ihr Leben
+ Zu schwererem Geschick und Leiden friste.
+ Gut, Priesterin! Ich folge zum Altar:
+ Der Brudermord ist hergebrachte Sitte
+ Des alten Stammes; und ich danke, Götter,
+ Daß ihr mich ohne Kinder auszurotten
+ Beschlossen habt. Und laß dir rathen, habe
+ Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne;
+ Komm, folge mir in's dunkle Reich hinab!
+ Wie sich vom Schwefelpfuhl erzeugte Drachen
+ Bekämpfend die verwandte Brut verschlingen,
+ Zerstört sich selbst das wüthende Geschlect;
+ Komm kinderlos und schuldlos mit hinab!
+ Du siehst mich mit Erbarmen an? Laß ab!
+ Mit solchen Blicken suchte Klytämnestra
+ Sich einen Weg nach ihres Sohnes Herzen;
+ Doch sein geschwungner Arm traf ihre Brust.
+ Die Mutter fiel!--Tritt auf, unwill'ger Geist!
+ Im Kreis geschlossen tretet an, ihr Furien,
+ Und wohnet dem willkommnen Schauspiel bei,
+ Dem letzten, gräßlichsten, das ihr bereitet!
+ Nicht Haß und Rache schärfen ihren Dolch;
+ Die liebevolle Schwester wird zur That
+ Gezwungen. Weine nicht! Du hast nicht Schuld.
+ Seit meinen ersten Jahren hab' ich nichts
+ Geliebt, wie ich dich lieben könnte, Schwester.
+ Ja, schwinge deinen Stahl, verschone nicht,
+ Zerreiße diesen Busen, und eröffne
+ Den Strömen die hier sieden einen Weg!
+ (Er sinkt in Ermattung.)
+
+ Iphigenie.
+ Allein zu tragen dieses Glück und Elend
+ Vermag ich nicht.--Wo bist du, Pylades?
+ Wo find' ich deine Hülfe, theurer Mann?
+ (Sie entfernt sich suchend.)
+
+
+ Zweiter Auftritt.
+
+ Orest
+ (aus seiner Betäubung erwachend und sich aufrichtend).
+
+ Noch Einen! reiche mir aus Lethe's Fluthen
+ Den letzten kühlen Becher der Erquickung!
+ Bald ist der Krampf des Lebens aus dem Busen
+ Hinweggespült; bald fließet still mein Geist,
+ Der Quelle des Vergessens hingegeben,
+ Zu euch, ihr Schatten, in die ew'gen Nebel.
+ Gefällig laßt in eurer Ruhe sich
+ Den umgetriebnen Sohn der Erde laben!--
+ Welch ein Gelispel hör' ich in den Zweigen,
+ Welch ein Geräusch aus jener Dämmrung säuseln?--
+ Sie kommen schon, den neuen Gast zu sehn!
+ Wer ist die Schaar, die herrlich mit einander
+ Wie ein versammelt Fürstenhaus sich freut?
+ Sie gehen friedlich, Alt' und Junge, Männer
+ Mit Weibern; göttergleich und ähnlich scheinen
+ Die wandelnden Gestalten. Ja, sie sind's,
+ Die Ahnherrn meines Hauses!--Mit Thyesten
+ Geht Atreus in vertraulichen Gesprächen;
+ Die Knaben schlüpfen scherzend um sie her.
+ Ist keine Feindschaft hier mehr unter euch?
+ Verlosch die Rache wie das Licht der Sonne?
+ So bin auch ich willkommen, und ich darf
+ In euern feierlichen Zug mich mischen.
+ Willkommen, Väter! euch grüßt Orest,
+ Von euerm Stamme der letzte Mann;
+ Was ihr gesät, hat er geerntet:
+ Mit Fluch beladen stieg er herab,
+ Doch leichter träget sich hier jede Bürde:
+ Nehmt ihn, o nehmt ihn in euern Kreis!--
+ Dich, Atreus, ehr' ich, auch dich Thyesten:
+ Wir sind hier alle der Feindschaft los.--
+ Zeigt mir den Vater, den ich nur einmal
+ Im Leben sah!--Bist du's, mein Vater?
+ Und führst die Mutter vertraut mit dir?
+ Darf Klytämnestra die hand dir reichen;
+ So darf Orest auch zu ihr treten
+ Und darf ihr sagen: sieh deinen Sohn!--
+ Seht euern Sohn! Heißt ihn willkommen.
+ Auf Erden war in unserm Hause
+ Der Gruß des Mordes gewisse Losung,
+ Und das Geschlect des alten Tantalus
+ Hat seine Freuden jenseits der Nacht.
+ Ihr ruft: Willkommen! und nehmt mich auf!
+ O führt zum Alten, zum Ahnherrn mich!
+ Wo ist der Alte? daß ich ihn sehe,
+ Das theure Haupt, das vielverehrte,
+ Das mit den Göttern zu Rathe saß.
+ Ihr scheint zu zaudern, euch wegzuwenden?
+ Was ist es? Leidet der Göttergleiche?
+ Weh mir! es haben die Übermächt'gen
+ Der Heldenbrust grausame Qualen
+ Mit ehrnen Ketten fest aufgeschmiedet.
+
+
+ Dritter Auftritt.
+
+ Orest. Iphigenie. Pylades.
+
+ Orest.
+ Seid ihr auch schon herabgekommen?
+ Wohl Schwester dir! Noch fehlt Elektra:
+ Ein güt'ger Gott send' uns die Eine
+ Mit sanften Pfeilen auch schnell herab.
+ Dich, armer Freund, muß ich bedauern!
+ Komm mit! komm mit! zu Pluto's Thron,
+ Als neue Gäste den Wirth zu grüßen.
+
+ Iphigenie.
+ Geschwister, die ihr an dem weiten Himmel
+ Das schöne Licht bei Tag und Nacht herauf
+ Den Menschen bringet, und den Abgeschiednen
+ Nicht leuchten dürfet, rettet uns Geschwister!
+ Du liebst, Diane, deinen holden Bruder
+ Vor allem, was dir Erd' und Himmel bietet,
+ Und wendest dein jungfräulich Angesicht
+ Nach seinem ew'gen Lichte sehnend still.
+ O laß den einz'gen Spätgefundnen mir
+ Nicht in der Finsterniß des Wahnsinns rasen!
+ Und ist dein Wille, da du hier mich bargst,
+ Nunmehr vollendet, willst du mir durch ihn
+ Und ihm durch mich die sel'ge Hülfe geben;
+ So lös' ihn von den Banden jenes Fluchs,
+ Daß nicht die theure Zeit der Rettung schwinde.
+
+ Pylades.
+ Erkennst du uns und diesen heil'gen Hain
+ Und dieses Licht, das nicht den Todten leuchtet?
+ Fühlst du den Arm des Freundes und der Schwester,
+ Die dich noch fest, noch lebend halten? Faß
+ Uns kräftig an; wir sind nicht leere Schatten.
+ Merk' auf mein Wort! Vernimm es! Raffe dich
+ Zusammen! Jeder Augenblick ist theuer,
+ Und unsre Rückkehr hängt an zarten Fäden,
+ Die, scheint es, eine günst'ge Parze spinnt.
+
+ Orest (zu Iphigenien).
+ Laß mich zum Erstenmal mit freiem Herzen
+ In deinen Armen reine Freude haben!
+ Ihr Götter, die mit flammender Gewalt
+ Ihr schwere Wolken aufzuzehren wandelt,
+ Und gnädig-ernst den lang erflehten Regen
+ Mit Donnerstimmen und mit Windesbrausen
+ In wilden Strömen auf die Erde schüttet,
+ Doch bald der Menschen grausendes Erwarten
+ In Segen auflös't und das bange Staunen
+ In Freudeblick und lauten Dank verwandelt,
+ Wenn in den Tropfen frischerquickter Blätter
+ Die neue Sonne tausendfach sich spiegelt,
+ Und Iris freundlich bunt mit leichter Hand
+ Den grauen Flor der letzten Wolken trennt;
+ O laßt mich auch in meiner Schwester Armen,
+ An meines Freundes Brust, was ihr mir gönnt
+ Mit vollem Dank genießen und behalten.
+ Es löset sich der Fluch, mir sagt's das Herz.
+ Die Eumeniden ziehn, ich höre sie,
+ Zum Tartarus und schlagen hinter sich
+ Die ehrnen Thore fernabdonnernd zu.
+ Die Erde dampft erquickenden Geruch
+ Und ladet mich auf ihren Flächen ein,
+ Nach Lebensfreud' und großer That zu jagen.
+
+ Pylades.
+ Versäumt die Zeit nicht, die gemessen ist!
+ Der Wind der unsre Segel schwellt, er bringe
+ Erst unsre volle Freude zum Olymp.
+ Kommt! Es bedarf hier schnellen Rath und Schluß.
+
+
+
+ Vierter Aufzug.
+
+
+ Erster Auftritt.
+
+ Iphigenie.
+ Denken die Himmlischen
+ Einem der Erdgebornen
+ Viele Verwirrungen zu,
+ Und bereiten sie ihm
+ Von der Freude zu Schmerzen
+ Und von Schmerzen zur Freude
+ Tief-erschütternden Übergang;
+ Dann erziehen sie ihm
+ In der Nähe der Stadt,
+ Oder am fernen Gestade,
+ Daß in Stunden der Noth
+ Auch die Hülfe bereit sei,
+ Einen ruhigen Freund.
+ O segnet, Götter, unsern Pylades
+ Und was er immer unternehmen mag!
+ Er ist der Arm des Jünglings in der Schlacht,
+ Des Greises leuchtend Aug' in der Versammlung:
+ Denn seine Seel' ist stille; sie bewahrt
+ Der Ruhe heil'ges unerschöpftes Gut,
+ Und den Umhergetriebnen reichet er
+ Aus ihren Tiefen Rath und Hülfe. Mich
+ Riß er vom Bruder los; den staunt' ich an
+ Und immer wieder an, und konnte mir
+ Das Glück nicht eigen machen, ließ ihn nicht
+ Aus meinen Armen los, und fühlte nicht
+ Die Nähe der Gefahr die uns umgibt.
+ Jetzt gehn sie ihren Anschlag auszuführen
+ Der See zu, wo das Schiff mit den Gefährten
+ In einer Bucht versteckt auf's Zeichen lauert,
+ Und haben kluges Wort mir in den Mund
+ Gegeben, mich gelehrt was ich dem König
+ Antworte, wenn er sendet und das Opfer
+ Mir dringender gebietet. Ach! ich sehe wohl,
+ Ich muß mich leiten lassen wie ein Kind.
+ Ich habe nicht gelernt zu hinterhalten
+ Noch jemand etwas abzulisten. Weh!
+ O weh der Lüge! Sie befreiet nicht,
+ Wie jedes andre wahrgesprochne Wort,
+ Die Brust; sie macht uns nicht getrost, sie ängstet
+ Den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt,
+ Ein losgedruckter Pfeil, von einem Gotte
+ Gewendet und versagend, sich zurück
+ Und trifft den Schützen. Sorg' auf Sorge schwankt
+ Mir durch die Brust. Es greift die Furie
+ Vielleicht den Bruder auf dem Boden wieder
+ Des ungeweihten Ufers grimmig an.
+ Entdeckt man sie vielleicht? Mich dünkt, ich höre
+ Gewaffnete sich nahen!--Hier!--Der Bote
+ Kommt von dem Könige mit schnellem Schritt,
+ Es schlägt mein Herz, es trübt sich meine Seele,
+ Da ich des Mannes Angesicht erblicke,
+ Dem ich mit falschem Wort begegnen soll.
+
+
+ Zweiter Auftritt.
+
+
+ Iphigenie. Arkas.
+
+ Arkas.
+ Beschleunige das Opfer, Priesterin!
+ Der König wartet und es harrt das Volk.
+
+ Iphigenie.
+ Ich folgte meiner Pflicht und deinem Wink,
+ Wenn unvermuthet nicht ein Hinderniß
+ Sich zwischen mich und die Erfüllung stellte.
+
+ Arkas.
+ Was ist's, das den Befehl des Königs hindert?
+
+ Iphigenie.
+ Der Zufall, dessen wir nicht Meister sind.
+
+ Arkas.
+ So sage mir's, daß ich's ihm schnell vermelde:
+ Denn er beschloß bei sich der beiden Tod.
+
+ Iphigenie.
+ Die Götter haben ihn noch nicht beschlossen.
+ Der ält'ste dieser Männer trägt die Schuld
+ Des nahverwandten Bluts, das er vergoß.
+ Die Furien verfolgen seinen Pfad,
+ Ja in dem innern Tempel faßte selbst
+ Das Übel ihn, und seine Gegenwart
+ Entheiligte die reine Stätte. Nun
+ Eil' ich mit meinen Jungfraun, an dem Meere
+ Der Göttin Bild mit frischer Welle netzend,
+ Geheimnißvolle Weihe zu begehn.
+ Es störe niemand unsern stillen Zug!
+
+ Arkas.
+ Ich melde dieses neue Hinderniß
+ Dem Könige geschwind; beginne du
+ Das heil'ge Werk nicht eh' bis er's erlaubt.
+
+ Iphigenie.
+ Dieß ist allein der Priestrin überlassen.
+
+ Arkas.
+ Solch seltnen Fall soll auch der König wissen.
+
+ Iphigenie.
+ Sein Rath wie sein Befehl verändert nichts.
+
+ Arkas.
+ Oft wird der Mächtige zum Schein gefragt.
+
+ Iphigenie.
+ Erdringe nicht, was ich versagen sollte.
+
+ Arkas.
+ Versage nicht, was gut und nützlich ist.
+
+ Iphigenie.
+ Ich gebe nach, wenn du nicht säumen willst.
+
+ Arkas.
+ Schnell bin ich mit der Nachricht in dem Lager,
+ Und schnell mit seinen Worten hier zurück.
+ O könnt' ich ihm noch eine Botschaft bringen,
+ Die alles lös'te, was uns jetzt verwirrt:
+ Denn du hast nicht des Treuen Rath geachtet.
+
+ Iphigenie.
+ Was ich vermochte, hab' ich gern gethan.
+
+ Arkas.
+ Noch änderst du den Sinn zur rechten Zeit.
+
+ Iphigenie.
+ Das steht nun einmal nicht in unsrer Macht.
+
+ Arkas.
+ Du hältst unmöglich, was dir Mühe kostet.
+
+ Iphigenie.
+ Dir scheint es möglich, weil der Wunsch dich trügt.
+
+ Arkas.
+ Willst du denn alles so gelassen wagen?
+
+ Iphigenie.
+ Ich hab' es in der Götter Hand gelegt.
+
+ Arkas.
+ Sie pflegen Menschen menschlich zu erretten.
+
+ Iphigenie.
+ Auf ihren Fingerzeig kömmt alles an.
+
+ Arkas.
+ Ich sage dir, es liegt in deiner Hand.
+ Des Königs aufgebrachter Sinn allein
+ Bereitet diesen Fremden bittern Tod.
+ Das Heer entwöhnte längst vom harten Opfer
+ Und von dem blut'gen Dienste sein Gemüth.
+ Ja, mancher, den ein widriges Geschick
+ An fremdes Ufer trug, empfand es selbst,
+ Wie göttergleich dem armen Irrenden,
+ Umhergetrieben an der fremden Gränze,
+ Ein freundlich Menschenangesicht begegnet.
+ O wende nicht von uns was du vermagst!
+ Du endest leicht was du begonnen hast:
+ Denn nirgends baut die Milde, die herab
+ In menschlicher Gestalt vom Himmel kommt,
+ Ein Reich sich schneller, als wo trüb und wild
+ Ein neues Volk, voll Leben, Muth und Kraft,
+ Sich selbst und banger Ahnung überlassen,
+ Des Menschenlebens schwere Bürden trägt.
+
+ Iphigenie.
+ Erschüttre meine Seele nicht, die du
+ Nach deinem Willen nicht bewegen kannst.
+
+ Arkas.
+ So lang es Zeit ist, schont man weder Mühe
+ Noch eines guten Wortes Wiederholung.
+
+ Iphigenie.
+ Du machst dir Müh und mir erregst du Schmerzen:
+ Vergebens beides: darum laß mich nun.
+
+ Arkas.
+ Die Schmerzen sind's, die ich zu Hülfe rufe:
+ Denn es sind Freunde, Gutes rathen sie.
+
+ Iphigenie.
+ Sie fassen meine Seele mit Gewalt,
+ Doch tilgen sie den Widerwillen nicht.
+
+ Arkas.
+ Fühlt eine schöne Seele Widerwillen
+ Für eine Wohlthat, die der Edle reicht?
+
+ Iphigenie.
+ Ja, wenn der Edle, was sich nicht geziemt,
+ Statt meines Dankes mich erwerben will.
+
+ Arkas.
+ Wer keine Neigung fühlt, dem mangelt es
+ An einem Worte der Entschuld'gung nie.
+ Dem Fürsten sag' ich an, was hier geschehn.
+ O wiederholtest du in deiner Seele,
+ Wie edel er sich gegen dich betrug
+ Von deiner Ankunft an bis diesen Tag.
+
+
+ Dritter Auftritt.
+
+ Iphigenie (allein).
+
+ Von dieses Mannes Rede fühl' ich mir
+ Zur ungelegnen Zeit das Herz im Busen
+ Auf einmal umgewendet. Ich erschrecke!--
+ Denn wie die Fluth mit schnellen Strömen wachsend
+ Die Felsen überspült, die in dem Sand
+ Am Ufer liegen: so bedeckte ganz
+ Ein Freudenstrom mein Innerstes. Ich hielt
+ In meinen Armen das Unmögliche.
+ Es schien sich eine Wolke wieder sanft
+ Um mich zu legen, von der Erde mich
+ Empor zu heben und in jenen Schlummer
+ Mich einzuwiegen, den die gute Göttin
+ Um meine Schläfe legte, da ihr Arm
+ Mich rettend faßte.--Meinen Bruder
+ Ergriff das Herz mit einziger Gewalt:
+ Ich horchte nur auf seines Freundes Rath;
+ Nur sie zu retten drang die Seele vorwärts.
+ Und wie den Klippen einer wüsten Insel
+ Der Schiffer gern den Rücken wendet: so
+ Lag Tauris hinter mir. Nun hat die Stimme
+ Des treuen Manns mich wieder aufgeweckt,
+ Daß ich auch Menschen hier verlasse, mich
+ Erinnert. Doppelt wird mir der Betrug
+ Verhaßt. O bleibe ruhig, meine Seele!
+ Beginnst du nun zu schwanken und zu zweifeln?
+ Den festen Boden deiner Einsamkeit
+ Mußt du verlassen! Wieder eingeschifft
+ Ergreifen dich die Wellen schaukelnd, trüb
+ Und bang verkennest du die Welt und dich.
+
+
+ Vierter Auftritt.
+
+ Iphigenie. Pylades.
+
+ Pylades.
+ Wo ist sie? daß ich ihr mit schnellen Worten
+ Die frohe Botschaft unsrer Rettung bringe!
+
+ Iphigenie.
+ Du siehst mich hier voll Sorgen und Erwartung
+ Des sichern Trostes, den du mir versprichst.
+
+ Pylades.
+ Dein Bruder ist geheilt! Den Felsenboden
+ Des ungeweihten Ufers und den Sand
+ Betraten wir mit fröhlichen Gesprächen;
+ Der Hain blieb hinter uns, wir merkten's nicht.
+ Und herrlicher und immer herrlicher
+ Umloderte der Jugend schöne Flamme
+ Sein lockig Haupt; sein volles Auge glühte
+ Von Muth und Hoffnung, und sein freies Herz
+ Ergab sich ganz der Freude, ganz der Lust,
+ Dich, seine Retterin, und mich zu retten.
+
+ Iphigenie.
+ Gesegnet seist du, und es möge nie
+ Von deiner Lippe, die so Gutes sprach,
+ Der Ton des Leidens und der Klage tönen!
+
+ Pylades.
+ Ich bringe mehr als das; denn schön begleitet,
+ Gleich einem Fürsten, pflegt das Glück zu nahn.
+ Auch die Gefährten haben wir gefunden.
+ In einer Felsenbucht verbargen sie
+ Das Schiff und saßen traurig und erwartend.
+ Sie sahen deinen Bruder, und es regten
+ Sich alle jauchzend, und sie baten dringend
+ Der Abfahrt Stunde zu beschleunigen.
+ Es sehnet jede Faust sich nach dem Ruder,
+ Und selbst ein Wind erhob vom Lande lispelnd,
+ Von allen gleich bemerkt, die holden Schwingen.
+ Drum laß uns eilen, führe mich zum Tempel,
+ Laß mich das Heiligthum betreten, laß
+ Mich unsrer Wünsche Ziel verehrend fassen.
+ Ich bin allein genug, der Göttin Bild
+ Auf wohl geübten Schultern wegzutragen;
+ Wie sehn' ich mich nach der erwünschten Last!
+
+ (Er geht gegen den Tempel unter den letzten Worten,
+ ohne zu bemerken, daß Iphigenie nicht folgt; endlich
+ kehrt er sich um.)
+
+ Du stehst und zauderst--Sage mir--Du schweigst!
+ Du scheinst verworren! Widersetzet sich
+ Ein neues Unheil unserm Glück? Sag' an!
+ Hast du dem Könige das kluge Wort
+ Vermelden lassen, das wir abgeredet?
+
+ Iphigenie.
+ Ich habe, theurer Mann; doch wirst du schelten.
+ Ein schweigender Verweis war mir dein Anblick.
+ Des Königs Bote kam, und wie du es
+ Mir in den Mund gelegt, so sagt' ich's ihm.
+ Er schien zu staunen, und verlangte dringend
+ Die seltne Feier erst dem Könige
+ Zu melden, seinen Willen zu vernehmen;
+ Und nun erwart' ich seine Wiederkehr.
+
+ Pylades.
+ Weh uns! Erneuert schwebt nun die Gefahr
+ Um unsre Schläfe! Warum hast du nicht
+ In's Priesterrecht dich weislich eingehüllt?
+
+ Iphigenie.
+ Als eine Hülle hab' ich's nie gebraucht.
+
+ Pylades.
+ So wirst du, reine Seele, dich und uns
+ Zu Grunde richten. Warum dacht' ich nicht
+ Auf diesen Fall voraus, und lehrte dich
+ Auch dieser Fordrung auszuweichen!
+
+ Iphigenie.
+ Schilt
+ Nur mich, die Schuld ist mein, ich fühl' es wohl;
+ Doch konnt' ich anders nicht dem Mann begegnen,
+ Der mit Vernunft und Ernst von mir verlangte,
+ Was ihm mein Herz als Recht gestehen mußte.
+
+ Pylades.
+ Gefährlicher zieht sich's zusammen; doch auch so
+ Laß uns nicht zagen, oder unbesonnen
+ Und übereilt uns selbst verrathen. Ruhig
+ Erwarte du die Wiederkunft des Boten,
+ Und dann steh fest, er bringe was er will:
+ Denn solcher Weihung Feier anzuordnen
+ Gehört der Priesterin und nicht dem König.
+ Und fordert er den fremden Mann zu sehn,
+ Der von dem Wahnsinn schwer belastet ist;
+ So lehn' es ab, als hieltest du uns beide
+ Im Tempel wohl verwahrt. So schaff' uns Luft,
+ Daß wir auf's eiligste, den heil'gen Schatz
+ Dem rauh unwürd'gen Volk entwendend, fliehn.
+ Die besten Zeichen sendet uns Apoll,
+ Und, eh' wir die Bedingung fromm erfüllen,
+ Erfüllt er göttlich sein Versprechen schon.
+ Orest ist frei, geheilt!--Mit dem Befreiten
+ O führet uns hinüber, günst'ge Winde,
+ Zur Felsen-Insel die der Gott bewohnt;
+ Dann nach Mycen, daß es lebendig werde,
+ Daß von der Asche des verloschnen Herdes
+ Die Vatergötter fröhlich sich erheben,
+ Und schönes Feuer ihre Wohnungen
+ Umleuchte! Deine Hand soll ihnen Weihrauch
+ Zuerst aus goldnen Schalen streuen. Du
+ Bringst über jene Schwelle Heil und Leben wieder,
+ Entsühnst den Fluch und schmückest neu die Deinen
+ Mit frischen Lebensblüthen herrlich aus.
+
+ Iphigenie.
+ Vernehm' ich dich, so wendet sich, o Theurer,
+ Wie sich die Blume nach der Sonne wendet,
+ Die Seele, von dem Strahle deiner Worte
+ Getroffen, sich dem süßen Troste nach.
+ Wie köstlich ist des gegenwärt'gen Freundes
+ Gewisse Rede, deren Himmelskraft
+ Ein Einsamer entbehrt und still versinkt.
+ Denn langsam reift, verschlossen in dem Busen,
+ Gedank' ihm und Entschluß; die Gegenwart
+ Des Liebenden entwickelte sie leicht.
+
+ Pylades.
+ Leb' wohl! Die Freunde will ich nun geschwind
+ Beruhigen, die sehnlich wartend harren.
+ Dann komm' ich schnell zurück und lausche hier
+ Im Felsenbusch versteckt auf deinen Wink--
+ Was sinnest du? Auf einmal überschwebt
+ Ein stiller Trauerzug die freie Stirne.
+
+ Iphigenie.
+ Verzeih! Wie leichte Wolken vor der Sonne,
+ So zieht mir vor der Seele leichte Sorge
+ Und Bangigkeit vorüber.
+
+ Pylades.
+ Fürchte nicht!
+ Betrüglich schloß die Furcht mit der Gefahr
+ Ein enges Bündniß; beide sind Gesellen.
+
+ Iphigenie.
+ Die Sorge nenn' ich edel, die mich warnt,
+ Den König, der mein zweiter Vater ward,
+ Nicht tückisch zu betrügen, zu berauben.
+
+ Pylades.
+ Der deinen Bruder schlachtet, dem entfliehst du.
+
+ Iphigenie.
+ Es ist derselbe, der mir Gutes that.
+
+ Pylades.
+ Das ist nicht Undank, was die Noth gebeut.
+
+ Iphigenie.
+ Es bleibt wohl Undank; nur die Noth entschuldigt.
+
+ Pylades.
+ Vor Göttern und vor Menschen dich gewiß.
+
+ Iphigenie.
+ Allein mein eigen Herz ist nicht befriedigt.
+
+ Pylades.
+ Zu strenge Fordrung ist verborgner Stolz.
+
+ Iphigenie.
+ Ich untersuche nicht, ich fühle nur.
+
+ Pylades.
+ Fühlst du dich recht, so mußt du dich verehren.
+
+ Iphigenie.
+ Ganz unbefleckt genießt sich nur das Herz.
+
+ Pylades.
+ So hast du dich im Tempel wohl bewahrt;
+ Das Leben lehrt uns, weniger mit uns
+ Und andern strenge sein; du lernst es auch.
+ So wunderbar ist dieß Geschlecht gebildet,
+ So vielfach ist's verschlungen und verknüpft,
+ Daß keiner in sich selbst, noch mit den andern
+ Sich rein und unverworren halten kann.
+ Auch sind wir nicht bestellt uns selbst zu richten;
+ Zu wandeln und auf seinen Weg zu sehen
+ Ist eines Menschen erste, nächste Pflicht:
+ Denn selten schätzt er recht was er gethan,
+ Und was er thut weiß er fast nie zu schätzen.
+
+ Iphigenie.
+ Fast überred'st du mich zu deiner Meinung.
+
+ Pylades.
+ Braucht's Überredung, wo die Wahl versagt ist?
+ Den Bruder, dich, und einen Freund zu retten
+ Ist nur Ein Weg; fragt sich's ob wir ihn gehen?
+
+ Iphigenie.
+ O laß mich zaudern! denn du thätest selbst
+ Ein solches Unrecht keinem Mann gelassen,
+ Dem du für Wohlthat dich verpflichtet hieltest.
+
+ Pylades.
+ Wenn wir zu Grunde gehen, wartet dein
+ Ein härtrer Vorwurf, der Verzweiflung trägt.
+ Man sieht, du bist nicht an Verlust gewohnt,
+ Da du dem großen Übel zu entgehen
+ Ein falsches Wort nicht einmal opfern willst.
+
+ Iphigenie.
+ O trüg' ich doch ein männlich Herz in mir!
+ Das, wenn es einen kühnen Vorsatz hegt,
+ Vor jeder andern Stimme sich verschließt.
+
+ Pylades.
+ Du weigerst dich umsonst; die ehrne Hand
+ Der Noth gebietet, und ihr ernster Wink
+ Ist oberstes Gesetz, dem Götter selbst
+ Sich unterwerfen müssen. Schweigend herrscht
+ Des ew'gen Schicksals unberathne Schwester.
+ Was sie dir auferlegt, das trage: thu'
+ Was sie gebeut. Das Andre weißt du. Bald
+ Komm' ich zurück, aus deiner heil'gen Hand
+ Der Rettung schönes Siegel zu empfangen.
+
+
+ Fünfter Auftritt.
+
+ Iphigenie (allein).
+ Ich muß ihm folgen: denn die Meinigen
+ Seh' ich in dringender Gefahr. Doch ach!
+ Mein eigen Schicksal macht mir bang und bänger.
+ O soll ich nicht die stille Hoffnung retten,
+ Die in der Einsamkeit ich schön genährt?
+ Soll dieser Fluch denn ewig walten? Soll
+ Nie dieß Geschlecht mit einem neuen Segen
+ Sich wieder heben?--Nimmt doch alles ab!
+ Das beste Glück, des Lebens schönste Kraft
+ Ermattet endlich, warum nicht der Fluch?
+ So hofft' ich denn vergebens, hier verwahrt,
+ Von meines Hauses Schicksal abgeschieden,
+ Dereinst mit reiner Hand und reinem Herzen
+ Die schwer befleckte Wohnung zu entsühnen!
+ Kaum wird in meinen Armen mir ein Bruder
+ Vom grimm'gen Übel wundervoll und schnell
+ Geheilt, kaum naht ein lang erflehtes Schiff,
+ Mich in den Port der Vaterwelt zu leiten,
+ So legt die taube Noth ein doppelt Laster
+ Mit ehrner Hand mir auf: das heilige
+ Mir anvertraute, viel verehrte Bild
+ Zu rauben und den Mann zu hintergehn,
+ Dem ich mein Leben und mein Schicksal danke.
+ O daß in meinem Busen nicht zuletzt
+ Ein Widerwille keime! der Titanen
+ Der alten Götter tiefer Haß auf euch,
+ Olympier, nicht auch die zarte Brust
+ Mit Geierklauen fasse! Rettet mich
+ Und rettet euer Bild in meiner Seele!
+
+ Vor meinen Ohren tönt das alte Lied--
+ Vergessen hatt' ich's und vergaß es gern--
+ Das Lied der Parzen, das sie grausend sangen,
+ Als Tantalus vom goldnen Stuhle fiel:
+ Sie litten mit dem edeln Freunde; grimmig
+ War ihre Brust, und furchtbar ihr Gesang.
+ In unsrer Jugend sang's die Amme mir
+ Und den Geschwistern vor, ich merkt es wohl.
+
+ Es fürchte die Götter
+ Das Menschengeschlecht!
+ Sie halten die Herrschaft
+ In ewigen Händen,
+ Und können sie brauchen
+ Wie's ihnen gefällt.
+
+ Der fürchte sie doppelt,
+ Den je sie erheben!
+ Auf Klippen und Wolken
+ Sind Stühle bereitet
+ Um goldene Tische.
+
+ Erhebet ein Zwist sich:
+ So stürzen die Gäste
+ Geschmäht und geschändet
+ In nächtliche Tiefen,
+ Und harren vergebens,
+ Im Finstern gebunden,
+ Gerechten Gerichtes.
+
+ Sie aber, sie bleiben
+ In ewigen Festen
+ An goldenen Tischen.
+ Sie schreiten vom Berge
+ Zu Bergen hinüber:
+ Aus Schlünden der Tiefe
+ Dampft ihnen der Athem
+ Erstickter Titanen,
+ Gleich Opfergerüchen,
+ Ein leichtes Gewölke.
+
+ Es wenden die Herrscher
+ Ihr segnendes Auge
+ Von ganzen Geschlechtern,
+ Und meiden, im Enkel
+ Die ehmals geliebten
+ Still redenden Züge
+ Des Ahnherrn zu sehn.
+
+ So sangen die Parzen;
+ Es horcht der Verbannte
+ In nächtlichen Höhlen
+ Der Alte die Lieder,
+ Denkt Kinder und Enkel
+ Und schüttelt das Haupt.
+
+
+
+ Fünfter Aufzug.
+
+
+ Erster Auftritt.
+
+ Thoas. Arkas.
+
+ Arkas.
+ Verwirrt muß ich gestehn, daß ich nicht weiß,
+ Wohin ich meinen Argwohn richten soll.
+ Sind's die Gefangnen, die auf ihre Flucht
+ Verstohlen sinnen? Ist's die Priesterin,
+ Die ihnen hilft? Es mehrt sich das Gerücht:
+ Das Schiff, das diese beiden hergebracht,
+ Sei irgend noch in einer Bucht versteckt.
+ Und jenes Mannes Wahnsinn, diese Weihe,
+ Der heil'ge Vorwand dieser Zögrung, rufen
+ Den Argwohn lauter und die Vorsicht auf.
+
+ Thoas.
+ Es komme schnell die Priesterin herbei!
+ Dann geht, durchsucht das Ufer scharf und schnell
+ Vom Vorgebirge bis zum Hain der Göttin.
+ Verschonet seine heil'gen Tiefen, legt
+ Bedächt'gen Hinterhalt und greift sie an;
+ Wo ihr sie findet, faßt sie wie ihr pflegt.
+
+
+ Zweiter Auftritt.
+
+ Thoas (allein).
+
+ Entsetzlich wechselt mir der Grimm im Busen;
+ Erst gegen sie, die ich so heilig hielt;
+ Dann gegen mich, der ich sie zum Verrath
+ Durch Nachsicht und durch Güte bildete.
+ Zur Sklaverei gewöhnt der Mensch sich gut
+ Und lernet leicht gehorchen, wenn man ihn
+ Der Freiheit ganz beraubt. Ja, wäre sie
+ In meiner Ahnherrn rohe Hand gefallen,
+ Und hätte sie der heil'ge Grimm verschont:
+ Sie wäre froh gewesen, sich allein
+ Zu retten, hätte dankbar ihr Geschick
+ Erkannt und fremdes Blut vor dem Altar
+ Vergossen, hätte Pflicht genannt
+ Was Noth war. Nun lockt meine Güte
+ In ihrer Brust verwegnen Wunsch herauf.
+ Vergebens hofft' ich, sie mir zu verbinden;
+ Sie sinnt sich nun ein eigen Schicksal aus.
+ Durch Schmeichelei gewann sie mir das Herz:
+ Nun widersteh' ich der; so sucht sie sich
+ Den Weg durch List und Trug, und meine Güte
+ Scheint ihr ein alt verjährtes Eigenthum.
+
+
+ Dritter Auftritt.
+
+ Iphigenie. Thoas.
+
+ Iphigenie.
+ Du forderst mich! was bringt dich zu uns her?
+
+ Thoas.
+ Du schiebst das Opfer auf; sag' an, warum?
+
+ Iphigenie.
+ Ich hab' an Arkas alles klar erzählt.
+
+ Thoas.
+ Von dir möcht' ich es weiter noch vernehmen.
+
+ Iphigenie.
+ Die Göttin gibt dir Frist zur Überlegung.
+
+ Thoas.
+ Sie scheint dir selbst gelegen, diese Frist.
+
+ Iphigenie.
+ Wenn dir das Herz zum grausamen Entschluß
+ Verhärtet ist: so solltest du nicht kommen!
+ Ein König, der Unmenschliches verlangt,
+ Find't Diener g'nug, die gegen Gnad' und Lohn
+ Den halben Fluch der That begierig fassen;
+ Doch seine Gegenwart bleibt unbefleckt.
+ Er sinnt den Tod in einer schweren Wolke,
+ Und seine Boten bringen flammendes
+ Verderben auf des Armen Haupt hinab;
+ Er aber schwebt durch seine Höhen ruhig,
+ Ein unerreichter Gott, im Sturme fort.
+
+ Thoas.
+ Die heil'ge Lippe tönt ein wildes Lied.
+
+ Iphigenie.
+ Nicht Priesterin! nur Agamemnons Tochter.
+ Der Unbekannten Wort verehrtest du;
+ Der Fürstin willst du rasch gebieten? Nein!
+ Von Jugend auf hab' ich gelernt gehorchen,
+ Erst meinen Eltern und dann einer Gottheit,
+ Und folgsam fühlt' ich immer meine Seele
+ Am schönsten frei; allein dem harten Worte,
+ Dem rauhen Ausspruch eines Mannes mich
+ Zu fügen, lernt' ich weder dort noch hier.
+
+ Thoas.
+ Ein alt Gesetz, nicht ich, gebietet dir.
+
+ Iphigenie.
+ Wir fassen ein Gesetz begierig an,
+ Das unsrer Leidenschaft zur Waffe dient.
+ Ein andres spricht zu mir, ein älteres,
+ Mich dir zu widersetzen, das Gebot,
+ Dem jeder Fremde heilig ist.
+
+ Thoas.
+ Es scheinen die Gefangnen dir sehr nah
+ Am Herzen: denn vor Antheil und Bewegung
+ Vergissest du der Klugheit erstes Wort,
+ Daß man den Mächtigen nicht reizen soll.
+
+ Iphigenie.
+ Red' oder schweig' ich, immer kannst du wissen,
+ Was mir im Herzen ist und immer bleibt.
+ Lös't die Erinnerung des gleichen Schicksals
+ Nicht ein verschloss'nes Herz zum Mitleid auf?
+ Wie mehr denn meins! In ihnen seh' ich mich.
+ Ich habe vor'm Altare selbst gezittert,
+ Und feierlich umgab der frühe Tod
+ Die Knieende; das Messer zuckte schon,
+ Den lebenvollen Busen zu durchbohren;
+ Mein Innerstes entsetzte wirbelnd sich,
+ Mein Auge brach, und--ich fand mich gerettet.
+ Sind wir, was Götter gnädig uns gewährt,
+ Unglücklichen nicht zu erstatten schuldig?
+ Du weißt es, kennst mich, und du willst mich zwingen!
+
+ Thoas.
+ Gehorche deinem Dienste, nicht dem Herrn.
+
+ Iphigenie.
+ Laß ab! Beschönige nicht die Gewalt,
+ Die sich der Schwachheit eines Weibes freut.
+ Ich bin so frei geboren als ein Mann.
+ Stünd' Agamemnons Sohn dir gegenüber,
+ Und du verlangtest was sich nicht gebührt:
+ So hat auch Er ein Schwert und einen Arm,
+ Die Rechte seines Busens zu verteid'gen.
+ Ich habe nichts als Worte, und es ziemt
+ Dem edeln Mann, der Frauen Wort zu achten.
+
+ Thoas.
+ Ich acht' es mehr als eines Bruders Schwert.
+
+ Iphigenie.
+ Das Loos der Waffen wechselt hin und her:
+ Kein kluger Streiter hält den Feind gering.
+ Auch ohne Hülfe gegen Trutz und Härte
+ Hat die Natur den Schwachen nicht gelassen.
+ Sie gab zur List ihm Freude, lehrt' ihn Künste;
+ Bald weicht er aus, verspätet und umgeht.
+ Ja, der Gewaltige verdient, daß man sie übt.
+
+ Thoas.
+ Die Vorsicht stellt der List sich klug entgegen.
+
+ Iphigenie.
+ Und eine reine Seele braucht sie nicht.
+
+ Thoas.
+ Sprich unbehutsam nicht dein eigen Urtheil.
+
+ Iphigenie.
+ O sähest du wie meine Seele kämpft,
+ Ein bös Geschick, das sie ergreifen will,
+ Im ersten Anfall muthig abzutreiben!
+ So steh' ich denn hier wehrlos gegen dich?
+ Die schöne Bitte, den anmuth'gen Zweig,
+ In einer Frauen Hand gewaltiger
+ Als Schwert und Waffe, stößest du zurück:
+ Was bleibt mir nun, mein Innres zu verteid'gen?
+ Ruf' ich die Göttin um ein Wunder an?
+ Ist keine Kraft in meiner Seele Tiefen?
+
+ Thoas.
+ Es scheint, der beiden Fremden Schicksal macht
+ Unmäßig dich besorgt. Wer sind sie? sprich,
+ Für die dein Geist gewaltig sich erhebt?
+
+ Iphigenie.
+ Sie sind--sie scheinen--für Griechen halt' ich sie.
+
+ Thoas.
+ Landsleute sind es? und sie haben wohl
+ Der Rückkehr schönes Bild in dir erneut?
+
+ Iphigenie (nach einigem Stillschweigen).
+ Hat denn zur unerhörten That der Mann
+ Allein das Recht? Drückt denn Unmögliches
+ Nur Er an die gewalt'ge Heldenbrust?
+ Was nennt man groß? Was hebt die Seele schaudernd
+ Dem immer wiederholenden Erzähler?
+ Als was mit unwahrscheinlichem Erfolg
+ Der Muthigste begann. Der in der Nacht
+ Allein das Heer des Feindes überschleicht,
+ Wie unversehen eine Flamme wüthend
+ Die Schlafenden, Erwachenden ergreift,
+ Zuletzt gedrängt von den Ermunterten
+ Auf Feindes Pferden, doch mit Beute kehrt,
+ Wird der allein gepriesen? der allein,
+ Der, einen sichern Weg verachtend, kühn
+ Gebirg' und Wälder durchzustreifen geht,
+ Daß er von Räubern eine Gegend säubre?
+ Ist uns nichts übrig? Muß ein zartes Weib
+ Sich ihres angebornen Rechts entäußern,
+ Wild gegen Wilde sein, wie Amazonen
+ Das Recht des Schwerts euch rauben und mit Blute
+ Die Unterdrückung rächen? Auf und ab
+ Steigt in der Brust ein kühnes Unternehmen:
+ Ich werde großem Vorwurf nicht entgehn,
+ Noch schwerem Übel wenn es mir mißlingt;
+ Allein Euch leg' ich's auf die Kniee! Wenn
+ Ihr wahrhaft seid, wie ihr gepriesen werdet;
+ So zeigt's durch euern Beistand und verherrlicht
+ Durch mich die Wahrheit!--Ja, vernimm, o König,
+ Es wird ein heimlicher Betrug geschmiedet;
+ Vergebens fragst du den Gefangnen nach;
+ Sie sind hinweg und suchen ihre Freunde,
+ Die mit dem Schiff am Ufer warten, auf.
+ Der ält'ste, den das Übel hier ergriffen
+ Und nun verlassen hat--es ist Orest,
+ Mein Bruder, und der andre sein Vertrauter,
+ Sein Jugendfreund, mit Namen Pylades.
+ Apoll schickt sie von Delphi diesem Ufer
+ Mit göttlichen Befehlen zu, das Bild
+ Dianens wegzurauben und zu ihm
+ Die Schwester hinzubringen, und dafür
+ Verspricht er dem von Furien Verfolgten,
+ Des Mutterblutes Schuldigen, Befreiung.
+ Uns beide hab' ich nun, die Überbliebnen
+ Von Tantals Haus, in deine Hand gelegt:
+ Verdirb uns--wenn du darfst.
+
+ Thoas.
+ Du glaubst, es höre
+ Der rohe Scythe, der Barbar, die Stimme
+ Der Wahrheit und der Menschlichkeit, die Atreus,
+ Der Grieche, nicht vernahm?
+
+ Iphigenie.
+ Es hört sie jeder,
+ Geboren unter jedem Himmel, dem
+ Des Lebens Quelle durch den Busen rein
+ Und ungehindert fließt.--Was sinnst du mir,
+ O König, schweigend in der tiefen Seele?
+ Ist es Verderben? so tödte mich zuerst!
+ Denn nun empfind' ich, da uns keine Rettung
+ Mehr übrig bleibt, die gräßliche Gefahr,
+ Worein ich die Geliebten übereilt
+ Vorsetzlich stürzte. Weh! ich werde sie
+ Gebunden vor mir sehn! Mit welchen Blicken
+ Kann ich von meinem Bruder Abschied nehmen,
+ Den ich ermorde? Nimmer kann ich ihm
+ Mehr in die vielgeliebten Augen schaun!
+
+ Thoas.
+ So haben die Betrüger künstlich-dichtend
+ Der lang Verschloss'nen, ihre Wünsche leicht
+ Und willig Glaubenden, ein solch Gespinnst
+ Um's Haupt geworfen!
+
+ Iphigenie.
+ Nein! o König, nein!
+ Ich könnte hintergangen werden; diese
+ Sind treu und wahr. Wirst du sie anders finden,
+ So laß sie fallen und verstoße mich,
+ Verbanne mich zur Strafe meiner Thorheit
+ An einer Klippen-Insel traurig Ufer.
+ Ist aber dieser Mann der lang erflehte,
+ Geliebte Bruder: so entlaß uns, sei
+ Auch den Geschwistern wie der Schwester freundlich!
+ Mein Vater fiel durch seiner Frauen Schuld,
+ Und sie durch ihren Sohn. Die letzte Hoffnung
+ Von Atreus Stamme ruht auf ihm allein.
+ Laß mich mit reinem Herzen, reiner Hand,
+ Hinübergehn und unser Haus entsühnen.
+ Du hältst mir Wort!--Wenn zu den Meinen je
+ Mir Rückkehr zubereitet wäre, schwurst
+ Du mich zu lassen; und sie ist es nun.
+ Ein König sagt nicht, wie gemeine Menschen,
+ Verlegen zu, daß er den Bittenden
+ Auf einen Augenblick entferne; noch
+ Verspricht er auf den Fall, den er nicht hofft:
+ Dann fühlt er erst die Höhe seiner Würde,
+ Wenn er den Harrenden beglücken kann.
+
+ Thoas.
+ Unwillig, wie sich Feuer gegen Wasser
+ Im Kampfe wehrt und gischend seinen Feind
+ Zu Tilgen sucht, so wehret sich der Zorn
+ In meinem Busen gegen deine Worte.
+
+ Iphigenie.
+ O laß die Gnade, wie das heil'ge Licht
+ Der stillen Opferflamme, mir, umkränzt
+ Von Lobgesang und Dank und Freude, lodern.
+
+ Thoas.
+ Wie oft besänftigte mich diese Stimme!
+
+ Iphigenie.
+ O reiche mir die Hand zum Friedenszeichen.
+
+ Thoas.
+ Du forderst viel in einer kurzen Zeit.
+
+ Iphigenie.
+ Um Gut's zu thun braucht's keiner Überlegung.
+
+ Thoas.
+ Sehr viel! denn auch dem Guten folgt das Übel.
+
+ Iphigenie.
+ Der Zweifel ist's, der Gutes böse macht.
+ Bedenke nicht; gewähre, wie du's fühlst.
+
+
+ Vierter Auftritt.
+
+ Orest (gewaffnet). Die Vorigen.
+
+ Orest (nach der Scene gekehrt).
+ Verdoppelt eure Kräfte! Haltet sie
+ Zurück! nur wenig Augenblicke! Weicht
+ Der Menge nicht, und deckt den Weg zum Schiffe
+ Mir und der Schwester.
+ (Zu Iphigenien ohne den König zu sehen.)
+ Komm, wir sind verrathen.
+ Geringer Raum bleibt uns zur Flucht. Geschwind!
+ (Er erblickt den König.)
+
+ Thoas (nach dem Schwerte greifend).
+ In meiner Gegenwart führt ungestraft
+ Kein Mann das nackte Schwert.
+
+ Iphigenie.
+ Entheiliget
+ Der Göttin Wohnung nicht durch Wuth und Mord.
+ Gebietet euerm Volke Stillstand, höret
+ Die Priesterin, die Schwester.
+
+ Orest.
+ Sage mir!
+ Wer ist es, der uns droht?
+
+ Iphigenie.
+ Verehr' in ihm
+ Den König, der mein zweiter Vater ward!
+ Verzeih mir, Bruder! doch mein kindlich Herz
+ Hat unser ganz Geschick in seine Hand
+ Gelegt. Gestanden hab' ich euern Anschlag
+ Und meine Seele vom Verrath gerettet.
+
+ Orest.
+ Will er die Rückkehr friedlich uns gewähren?
+
+ Iphigenie.
+ Dein blinkend Schwert verbietet mir die Antwort.
+
+ Orest (der das Schwert einsteckt).
+ So sprich! Du siehst, ich horche deinen Worten.
+
+
+ Fünfter Auftritt.
+
+ Die Vorigen. Pylades. (Bald nach ihm) Arkas.
+
+ (Beide mit bloßen Schwertern.)
+
+ Pylades.
+ Verweilet nicht! Die letzte Kräfte raffen
+ Die Unsrigen zusammen; weichend werden
+ Sie nach der See langsam zurückgedrängt.
+ Welch ein Gespräch der Fürsten find' ich hier!
+ Dieß ist des Königes verehrtes Haupt!
+
+ Arkas.
+ Gelassen, wie es dir, o König, ziemt,
+ Stehst du den Feinden gegenüber. Gleich
+ Ist die Verwegenheit bestraft; es weicht
+ Und fällt ihr Anhang, und ihr Schiff ist unser.
+ Ein Wort von dir, so steht's in Flammen.
+
+ Thoas.
+ Geh!
+ Gebiete Stillstand meinem Volke! keiner
+ Beschädige den Feind, so lang wir reden.
+ (Arkas ab.)
+
+ Orest.
+ Ich nehm' es an. Geh, sammle, treuer Freund,
+ Den Rest des Volkes; harret still, welch Ende
+ Die Götter unsern Thaten zubereiten.
+ (Pylades ab.)
+
+
+ Sechster Auftritt.
+
+ Iphigenie. Thoas. Orest.
+
+ Iphigenie.
+ Befreit von Sorge mich, eh' ihr zu sprechen
+ Beginnet. Ich befürchte bösen Zwist,
+ Wenn du, o König, nicht der Billigkeit
+ Gelinde Stimme hörest; du, mein Bruder,
+ Der raschen Jugend nicht gebieten willst.
+
+ Thoas.
+ Ich halte meinen Zorn, wie es dem Ältern
+ Geziemt, zurück. Antworte mir! Womit
+ Bezeugst du, daß du Agamemnons Sohn
+ Und Dieser Bruder bist?
+
+ Orest.
+ Hier ist das Schwert,
+ Mit dem er Troja's tapfre Männer schlug.
+ Dies nahm ich seinem Mörder ab und bat
+ Die Himmlischen, den Mut und Arm, das Glück
+ Des großen Königes mir zu verleihn,
+ Und einen schönern Tod mir zu gewähren.
+ Wähl' einen aus den Edeln deines Heers
+ Und stelle mir den Besten gegenüber.
+ So weit die Erde Heldensöhne nährt,
+ Ist keinem Fremdling dies Gesuch verweigert.
+
+ Thoas.
+ Dies Vorrecht hat die alte Sitte nie
+ Dem Fremden hier gestattet.
+
+ Orest.
+ So beginne
+ Die neue Sitte denn von dir und mir!
+ Nachahmend heiliget ein ganzes Volk
+ Die edle That der Herrscher zum Gesetz.
+ Und laß mich nicht allein für unsre Freiheit,
+ Laß mich, den Fremden, für die Fremden kämpfen.
+ Fall ich, so ist ihr Urtheil mit dem meinen
+ Gesprochen; aber gönnet mir das Glück,
+ Zu überwinden, so betrete nie
+ Ein Mann dies Ufer, dem der schnelle Blick
+ Hülfreicher Liebe nicht begegnet, und
+ Getröstet scheide jeglicher hinweg!
+
+ Thoas.
+ Nicht unwerth scheinest du, o Jüngling, mir
+ Der Ahnherrn, deren du dich rühmst, zu sein.
+ Groß ist die Zahl der edeln, tapfern Männer,
+ Die mich begleiten; doch ich stehe selbst
+ In meinen Jahren noch dem Feinde, bin
+ Bereit, mit dir der Waffen Loos zu wagen.
+
+ Iphigenie.
+ Mit nichten! Dieses blutigen Beweises
+ Bedarf es nicht, o König! Laßt die Hand
+ Vom Schwerte! Denkt an mich und mein Geschick.
+ Der rasche Kampf verewigt einen Mann:
+ Er falle gleich, so preiset ihn das Lied.
+ Allein die Thränen, die unendlichen
+ Der überbliebnen, der verlass'nen Frau
+ Zählt keine Nachwelt, und der Dichter schweigt
+ Von tausend durchgeweinten Tag- und Nächten,
+ Wo eine stille Seele den verlornen,
+ Rasch abgeschiednen Freund vergebens sich
+ Zurückzurufen bangt und sich verzehrt.
+ Mich selbst hat eine Sorge gleich gewarnt,
+ Daß der Betrug nicht eines Räubers mich
+ Vom sichern Schutzort reiße, mich der Knechtschaft
+ Verrathe. Fleißig hab ich sie befragt,
+ Nach jedem Umstand mich erkundigt, Zeichen
+ Gefordert, und gewiß ist nun mein Herz.
+ Sieh hier an seiner rechten Hand das Mahl
+ Wie von drei Sternen, das am Tage schon,
+ Da er geboren ward, sich zeigte, das
+ Auf schwere That, mit dieser Faust zu üben,
+ Der Priester deutete. Dann überzeugt
+ Mich doppelt diese Schramme, die ihm hier
+ Die Augenbraune spaltet. Als ein Kind
+ Ließ ihn Elektra, rasch und unvorsichtig
+ Nach ihrer Art, aus ihren Armen stürzen.
+ Er schlug auf einen Dreifuß auf--Er ist's--
+ Soll ich dir noch die Ähnlichkeit des Vaters,
+ Soll ich das innre Jauchzen meines Herzens
+ Dir auch als Zeugen der Versichrung nennen?
+
+ Thoas.
+ Und hübe deine Rede jeden Zweifel
+ Und bändigt' ich den Zorn in meiner Brust:
+ So würden doch die Waffen zwischen uns
+ Entscheiden müssen; Frieden seh' ich nicht.
+ Sie sind gekommen, du bekennest selbst,
+ Das heil'ge Bild der Göttin mir zu rauben.
+ Glaubt ihr, ich sehe dies gelassen an?
+ Der Grieche wendet oft sein lüstern Auge
+ Den fernen Schätzen der Barbaren zu,
+ Dem goldnen Felle, Pferden, schönen Töchtern;
+ Doch führte sie Gewalt und List nicht immer
+ Mit den erlangten Gütern glücklich heim.
+
+ Orest.
+ Das Bild, o König, soll uns nicht entzweien!
+ Jetzt kennen wir den Irrthum, den ein Gott
+ Wie einen Schleier um das Haupt uns legte,
+ Da er den Weg hierher uns wandern hieß.
+ Um Rath und um Befreiung bat ich ihn
+ Von dem Geleit der Furien; er sprach:
+ "Bringst du die Schwester, die an Tauris Ufer
+ Im Heiligthume wider Willen bleibt,
+ Nach Griechenland, so löset sich der Fluch."
+ Wir legten's von Apollens Schwester aus,
+ Und er gedachte dich! Die strengen Bande
+ Sind nun gelös't; du bist den Deinen wieder,
+ Du Heilige, geschenkt. Von dir berührt,
+ War ich geheilt; in deinen Armen faßte
+ Das Übel mich mit allen seinen Klauen
+ Zum letztenmal und schüttelte das Mark
+ Entsetzlich mir zusammen; dann entfloh's
+ Wie eine Schlange zu der Höhle. Neu
+ Genieß ich nun durch dich das weite Licht
+ Des Tages. Schön und herrlich zeigt sich mir
+ Der Göttin Rath. Gleich einem heil'gen Bilde,
+ Daran der Stadt unwandelbar Geschick
+ Durch ein geheimes Götterwort gebannt ist,
+ Nahm sie dich weg, dich Schützerin des Hauses;
+ Bewahrte dich in einer heil'gen Stille
+ Zum Segen deines Bruders und der Deinen.
+ Da alle Rettung auf der weiten Erde
+ Verloren schien, gibst du uns alles wieder.
+ Laß deine Seele sich zum Frieden wenden,
+ O König! Hindre nicht, daß sie die Weihe
+ Des väterlichen Hauses nun vollbringe,
+ Mich der entsühnten Halle wiedergebe,
+ Mir auf das Haupt die alte Krone drücke!
+ Vergilt den Segen, den sie dir gebracht,
+ Und laß des nähern Rechtes mich genießen!
+ Gewalt und List, der Männer höchster Ruhm,
+ Wird durch die Wahrheit dieser hohen Seele
+ Beschämt, und reines kindliches Vertrauen
+ Zu einem edeln Manne wird belohnt.
+
+ Iphigenie.
+ Denk' an dein Wort, und laß durch diese Rede
+ Aus einem g'raden, treuen Munde dich
+ Bewegen! Sieh uns an! Du hast nicht oft
+ Zu solcher edeln That Gelegenheit.
+ Versagen kannst du's nicht; gewähr' es bald!
+
+ Thoas.
+ So geht!
+
+ Iphigenie.
+ Nicht so, mein König! Ohne Segen,
+ In Widerwillen scheid' ich nicht von dir.
+ Verbann' uns nicht! Ein freundlich Gastrecht walte
+ Von dir zu uns: so sind wir nicht auf ewig
+ Getrennt und abgeschieden. Werth und theuer,
+ Wie mir mein Vater war, so bist du's mir,
+ Und dieser Eindruck bleibt in meiner Seele.
+ Bringt der Geringste deines Volkes je
+ Den Ton der Stimme mir in's Ohr zurück,
+ Den ich an euch gewohnt zu hören bin,
+ Und seh' ich an dem Ärmsten eure Tracht:
+ Empfangen will ich ihn wie einen Gott,
+ Ich will ihm selbst ein Lager zubereiten,
+ Auf einen Stuhl ihn an das Feuer laden,
+ Und nur nach dir und deinem Schicksal fragen.
+ O geben dir die Götter deiner Thaten
+ Und deiner Milde wohlverdienten Lohn!
+ Leb' wohl! O wende dich zu uns und gib
+ Ein holdes Wort des Abschieds mir zurück!
+ Dann schwellt der Wind die Segel sanfter an,
+ Und Thränen fließen lindernder vom Auge
+ Des Scheidenden. Leb' wohl! und reiche mir
+ Zum Pfand der alten Freundschaft deine Rechte.
+
+ Thoas.
+ Lebt wohl!
+
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+
+
+
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+
+
+End of Project Gutenberg's Iphigenie auf Tauris, by Johann Wolfgang von Goethe
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IPHIGENIE AUF TAURIS ***
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
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+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #2054 (https://www.gutenberg.org/ebooks/2054)
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--- /dev/null
+++ b/old/iphgn09.txt
@@ -0,0 +1,3275 @@
+Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe
+#4 in our series by Johann Wolfgang von Goethe
+
+Labelled version iphgn09.txt and .zip, as we need some practice.
+
+
+Copyright laws are changing all over the world, be sure to check
+the copyright laws for your country before posting these files!!
+
+Please take a look at the important information in this header.
+We encourage you to keep this file on your own disk, keeping an
+electronic path open for the next readers. Do not remove this.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**Etexts Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*These Etexts Prepared By Hundreds of Volunteers and Donations*
+
+Information on contacting Project Gutenberg to get Etexts, and
+further information is included below. We need your donations.
+
+
+Iphigenie auf Tauris
+Ein Schauspiel
+
+Johann Wolfgang von Goethe
+
+January, 2000 [Etext #2054]
+
+
+Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe
+*****This file should be named iphgn09.txt or iphgn09.zip******
+
+Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, iphgn10.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, iphgn11a.txt
+
+
+This Project Gutenberg Etext was prepared by Michael Pullen
+Globaltraveler5565@yahoo.com
+
+Project Gutenberg Etexts are usually created from multiple editions,
+all of which are in the Public Domain in the United States, unless a
+copyright notice is included. Therefore, we usually do NOT keep any
+of these books in compliance with any particular paper edition.
+
+
+We are now trying to release all our books one month in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+
+Please note: neither this list nor its contents are final till
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so. To be sure you have an
+up to date first edition [xxxxx10x.xxx] please check file sizes
+in the first week of the next month. Since our ftp program has
+a bug in it that scrambles the date [tried to fix and failed] a
+look at the file size will have to do, but we will try to see a
+new copy has at least one byte more or less.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. This
+projected audience is one hundred million readers. If our value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour this year as we release thirty-six text
+files per month, or 432 more Etexts in 1999 for a total of 2000+
+If these reach just 10% of the computerized population, then the
+total should reach over 200 billion Etexts given away this year.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext
+Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion]
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only ~5% of the present number of computer users.
+
+At our revised rates of production, we will reach only one-third
+of that goal by the end of 2001, or about 3,333 Etexts unless we
+manage to get some real funding; currently our funding is mostly
+from Michael Hart's salary at Carnegie-Mellon University, and an
+assortment of sporadic gifts; this salary is only good for a few
+more years, so we are looking for something to replace it, as we
+don't want Project Gutenberg to be so dependent on one person.
+
+We need your donations more than ever!
+
+
+All donations should be made to "Project Gutenberg/CMU": and are
+tax deductible to the extent allowable by law. (CMU = Carnegie-
+Mellon University).
+
+For these and other matters, please mail to:
+
+Project Gutenberg
+P. O. Box 2782
+Champaign, IL 61825
+
+When all other email fails. . .try our Executive Director:
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+hart@pobox.com forwards to hart@prairienet.org and archive.org
+if your mail bounces from archive.org, I will still see it, if
+it bounces from prairienet.org, better resend later on. . . .
+
+We would prefer to send you this information by email.
+
+******
+
+To access Project Gutenberg etexts, use any Web browser
+to view http://promo.net/pg. This site lists Etexts by
+author and by title, and includes information about how
+to get involved with Project Gutenberg. You could also
+download our past Newsletters, or subscribe here. This
+is one of our major sites, please email hart@pobox.com,
+for a more complete list of our various sites.
+
+To go directly to the etext collections, use FTP or any
+Web browser to visit a Project Gutenberg mirror (mirror
+sites are available on 7 continents; mirrors are listed
+at http://promo.net/pg).
+
+Mac users, do NOT point and click, typing works better.
+
+Example FTP session:
+
+ftp sunsite.unc.edu
+login: anonymous
+password: your@login
+cd pub/docs/books/gutenberg
+cd etext90 through etext99
+dir [to see files]
+get or mget [to get files. . .set bin for zip files]
+GET GUTINDEX.?? [to get a year's listing of books, e.g., GUTINDEX.99]
+GET GUTINDEX.ALL [to get a listing of ALL books]
+
+***
+
+**Information prepared by the Project Gutenberg legal advisor**
+
+(Three Pages)
+
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
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+
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+
+
+
+
+
+Iphigenie auf Tauris
+Ein Schauspiel
+
+Johann Wolfgang von Goethe
+
+Personen:
+
+Iphigenie.
+Thoas, König der Taurier.
+Orest.
+Pylades.
+Arkas.
+--
+Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel
+
+
+
+Erster Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Iphigenie.
+Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
+Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines,
+Wie in der Göttin stilles Heiligthum
+Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,
+Als wenn ich sie zum erstenmal beträte,
+Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.
+So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen
+Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;
+Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.
+Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten,
+Und an dem Ufer steh' ich lange Tage
+Das Land der Griechen mit der Seele suchend;
+Und gegen meine Seufzer bringt die Welle
+Nur dumpfe Töne brausend mir herüber.
+Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern
+Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram
+Das nächste Glück vor seinen Lippen weg,
+Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken
+Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne
+Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo
+Sich Mitgeborne spielend fest und fester
+Mit sanften Banden an einander knüpften,
+Ich rechte mit den Göttern nicht; allein
+Der Frauen Zustand ist beklagenswerth.
+Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann
+Und in der Fremde weiß er sich zu helfen.
+Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg!
+Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.
+Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück!
+Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen,
+Ist Pflicht und Troft; wie elend, wenn sie gar
+Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt!
+So hält mich Thoas hier, ein edler Mann,
+In ernsten, heil'gen Sklavenbanden fest.
+O wie beschämt gesteh' ich, daß ich dir
+Mit stillem Widerwillen diene, Göttin,
+Dir meiner Retterin! Mein Leben sollte
+Zu freiem Dienste dir gewidmet sein.
+Auch hab' ich stets auf dich gehofft und hoffe
+Noch jetzt auf dich, Diana, die du mich,
+Des größten Königes verstoßne Tochter,
+In deinen heil'gen sanften Arm genommen.
+Ja. Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann,
+Den du, die Tochter fordernd, ängstigtest,
+Wenn du den göttergleichen Agamemnon,
+Der dir sein Liebstes zum Altare brachte,
+Von Troja's umgewandten Mauern rühmlich
+Nach seinem Vaterland zurück begleitet,
+Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn,
+Die schönen Schätze, wohl erhalten hast;
+So gib auch mich den Meinen endlich wieder,
+Und rette mich, die du vom Tod errettet,
+Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode!
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+Iphigenie. Arkas.
+
+
+Arkas.
+Der König sendet mich hierher und beut
+Der Priesterin Dianens Gruß und Heil.
+Dieß ist der Tag, da Tauris seiner Göttin
+Für wunderbare neue Siege dankt.
+Ich eile vor dem König und dem Heer,
+Zu melden, daß er kommt und daß es naht.
+
+Iphigenie.
+Wir sind bereit sie würdig zu empfangen,
+Und unsre Göttin sieht willkommnem Opfer
+Von Thoas Hand mit Gnadenblick entgegen.
+
+Arkas.
+O fänd' ich auch den Blick der Priesterin,
+Der werthen, vielgeehrten, deinen Blick,
+O, heil'ge Jungfrau, heller, leuchtender,
+Uns allen gutes Zeichen! Noch bedeckt
+Der Gram geheimnisvoll dein Innerstes;
+Vergebens harren wir schon Jahre lang
+Auf ein vertraulich Wort aus deiner Brust.
+So lang ich dich an dieser Stätte kenne,
+Ist dieß der Blick, vor dem ich immer schaudre;
+Und wie mit Eisenbanden bleibt die Seele
+In's Innerste des Busens dir geschmiedet.
+
+Iphigenie.
+Wie's der Vertriebnen, der Verwaif'ten ziemt.
+
+Arkas.
+Scheinst du dir hier vertrieben und verwaif't?
+
+Iphigenie.
+Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?
+
+Arkas.
+Und dir ist fremd das Vaterland geworden.
+
+Iphigenie.
+Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt
+In erster Jugend, da sich kaum die Seele
+An Vater, Mutter und Geschwister band;
+Die neuen Schößlinge, gesellt und lieblich,
+Vom Fuß der alten Stämme himmelwärts
+Zu dringen strebten; leider faßte da
+Ein fremder Fluch mich an und trennte mich
+Von den Geliebten, riß das schöne Band
+Mit ehrner Faust entzwei. Sie war dahin,
+Der Jugend beste Freude, das Gedeihn
+Der ersten Jahre. Selbst gerettet, war
+Ich nur ein Schatten mir, und frische Luft
+Des Lebens Blüht in mir nicht wieder auf.
+
+Arkas.
+Wenn du dich so unglücklich nennen willst,
+So darf ich dich auch wohl undankbar nennen.
+
+Iphigenie.
+Dank habt ihr stets.
+
+Arkas.
+ Doch nicht den reinen Dank,
+Um dessentwillen man die Wohlthat thut;
+Den frohen Blick, der ein zufriednes Leben
+Und ein geneigtes Herz dem Wirthe zeigt.
+Als dich ein tief geheimnißvolles Schicksal
+Vor so viel Jahren diesem Tempel brachte,
+Kam Thoas dir, als einer Gottgegebnen,
+Mit Ehrfurcht und mit Neigung zu begegnen,
+Und dieses Ufer ward dir hold und freundlich,
+Das jedem Fremden sonst voll Grausens war,
+Weil niemand unser Reich vor dir betrat,
+Der an Dianens heil'gen Stufen nicht,
+Nach altem Brauch, ein blutig Opfer, fiel.
+
+Iphigenie.
+Frei athmen macht das Leben nicht allein.
+Welch Leben ist's das an der heil'gen Stätte,
+Gleich einem Schatten um sein eigen Grab.
+Ich nur vertrauern muß? Und nenn' ich das
+Ein fröhlich selbstbewußtes Leben, wenn
+Uns jeder Tag, vergebens hingeträumt,
+Zu jenen grauen Tagen vorbereitet,
+Die an dem Ufer Lethe's selbstvergessend,
+Die Trauerschaar der Abgeschiednen feiert?
+Ein unnütz Leben ist ein früher Tod;
+Dieß Frauenschicksal ist vor allen meines.
+
+Arkas.
+Den edeln Stolz daß du dir selbst nicht g'nügest,
+Verzeih' ich dir, so sehr ich dich bedaure;
+Er raubet den Genuß des Lebens dir.
+Du hast hier nichts gethan seit diener Ankunft?
+Wer hat des König trüben Sinn erheitert?
+Wer hat den alten grausamen Gebrauch,
+Daß am Altar Dianens jeder Fremde
+Sein Leben blutend läßt, von Jahr zu Jahr,
+Mit sanfter Überredung aufgehalten,
+Und die Gefangnen vom gewissen Tod
+In's Vaterland so oft zurückgeschickt?
+Hat nicht Diane, statt erzürnt zu sein,
+Daß sie der blut'gen alten Opfer mangelt,
+Dein sanft Gebet in reichem Maß erhört?
+Umschwebt mit frohem Fluge nicht der Sieg
+Das Herr? und eilt er nicht sogar woraus?
+Und fühlt nicht jeglicher ein besser Loos,
+Seitdem der König, der uns weis' und tapfer
+So lang geführet, nun sich auch der Milde
+In deiner Gegenwart erfreut und uns
+Des schweigenden Gehorsams Pflicht erleichtert?
+Das nennst du unnütz, wenn von deinem Wesen
+Auf Tausende herab ein Balsam träufelt?
+Wenn du dem Volke, dem ein Gott dich brachte,
+Des neuen Glückes ew'ge Quelle wirst,
+Und an dem unwirthbaren Todes-Ufer
+Dem Fremden Heil und Rückkehr zubereitest?
+
+Iphigenie.
+Das Wenige verschwindet leicht dem Blick,
+Der vorwärts sieht, wie viel noch übrig bleibt.
+
+Arkas.
+Doch lobst du den, der was er thut nicht schätzt?
+
+Iphigenie.
+Man tadelt den, der seine Thaten wägt.
+
+Arkas.
+Auch den, der wahren Werth zu stolz nicht achtet,
+Wie den, der falschen Werth zu eitel hebt.
+Glaub' mir und hör' auf eines Mannes Wort,
+Der Treu und redlich dir ergeben ist:
+Wenn heut der König mit dir redet, so
+Erleichtr' ihm was er dir zu sagen dankt.
+
+Iphigenie.
+Du ängstest mich mit jedem guten Worte;
+Oft mich ich seinem Antrag mühsam aus.
+
+Arkas.
+Bedenke was du thust und was dir nützt.
+Seitdem der König seinen Sohn verloren,
+Vertraut er wenigen der Seinen mehr,
+Und diesen wenigen nicht mehr wie sonst.
+Mißgünstig sieht er jedes Edeln Sohn
+Als seines Reiches Folger an, er fürchtet
+Ein einsam hülflos Alter, ja vielleicht
+Verwegnen Aufstand und frühzeit'gen Tod.
+Der Scythe setzt in's Reden keinen Vorzug,
+Am wenigsten der König. Er, der nur
+Gewohnt ist zu befehlen und zu thun,
+Kennt nicht die Kunst, von weitem ein Gespräch
+Nach seiner Absicht langsam sein zu lenken.
+Erschwer's ihm nicht durch ein rückhaltend Weigern,
+Durch ein vorsetzlich Mißverstehen. Geh
+Gefällig ihm den halben Weg entgegen.
+
+Iphigenie.
+Soll ich beschleunigen was mich bedroht?
+
+Arkas.
+Willst du sein Werben eine Drohung nennen?
+
+Iphigenie.
+Es ist die schrecklichste von allen mir.
+
+Arkas.
+Gib ihm für seine Neigung nur Vertraun.
+
+Iphigenie.
+Wenn er von Furcht erst meine Seele lös't.
+
+Arkas.
+Warum verschweigst du deine Herkunft ihm?
+
+Iphigenie.
+Weil einer Priesterin Geheimniß ziemt.
+
+Arkas.
+Dem König sollte nichts Geheimniß sein;
+Und ob er's gleich nicht fordert, fühlt er's doch
+Und fühlt es tief in seiner großen Seele,
+Daß du sorgfältig dich vor ihm verwahrst.
+
+Iphigenie.
+Nährt er Verdruß und Unmuth gegen mich?
+
+Arkas.
+So scheint es fast. Zwar schweigt er auch von dir;
+Doch haben hingeworfne Worte mich
+Belehrt, daß seine Seele fest den Wunsch
+Ergriffen hat dich zu besitzen. Laß,
+O überlaß ihn nicht sich selbst! damit
+In seinem Busen nicht der Unmuth reife
+Und dir Entsetzen bringe, du zu spät
+An meinen treuen Rath mit Reue denkest.
+
+Iphigenie.
+Wie? Sinnt der König, was kein edler Mann,
+Der seinen Namen liebt und dem Verehrung
+Der Himmlischen den Busen Bändiget,
+Je denken sollte? Sinnt er vom Altar
+Mich in sein Bette mit Gewalt zu ziehn?
+So ruf' ich alle Götter und vor allen
+Dianen, die entschloss'ne Göttin, an,
+Die ihren Schutz der Priesterin gewiß
+Und Jungfrau einer Jungfrau gern gewährt.
+
+Arkas.
+Sei ruhig! Ein gewaltsam neues Blut
+Treibt nicht den König, solche Jünglingsthat
+Verwegen auszuüben. Wie er sinnt,
+Befürcht' ich andern harten Schluß von ihm,
+Den unaufhaltbar er vollenden wird:
+Denn seine Seel' ist fest und unbeweglich.
+Drum bitt' ich dich, vertrau' ihm, sei ihm dankbar,
+Wenn du ihm weiter nichts gewähren kannst.
+
+Iphigenie.
+O sage was dir weiter noch bekannt ist.
+
+Arkas.
+Erfahr's von ihm. Ich seh' den König kommen;
+DU ehrst ihn, und dich heißt dein eigen Herz,
+Ihm freundlich und vertraulich zu begegnen.
+Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort
+Der Frauen weit geführt.
+
+Iphigenie.
+ Zwar seh' ich nicht,
+Wie ich dem Rath des Treuen folgen soll;
+Doch folg' ich gern der Pflicht, dem Könige
+Für seine Wohlthat gutes Wort zu geben,
+Und wünsche mir, daß ich dem Mächtigen,
+Was ihm gefällt, mit Wahrheit sagen möge.
+
+
+Dritter Auftritt.
+
+Iphigenie. Thoas.
+
+Iphigenie.
+Mit königlichen Gütern segne dich
+Die Göttin! Sie gewähre Sieg und Ruhm
+Und Reichthum und das Wohl der Deinigen
+Und jedes frommen Wunsches Fülle dir!
+Daß, der du über viele sorgend herrschest,
+Du auch vor vielen seltnes Glück genießest.
+
+Thoas.
+Zufrieden wär' ich wenn mein Volk mich rühmte:
+Was ich erwarb, genießen andre mehr
+Als ich. Der ist am glücklichsten, er sei
+Ein König oder ein Geringer, dem
+In seinem Hause Wohl bereitet ist.
+Du nahmest Theil an meinen tiefen Schmerzen,
+Als mir das Schwert der Feinde meinen Sohn,
+Den letzten, besten, von der Seite riß.
+So lang die Rache meinen Geist besaß,
+Empfand ich nicht die Öde meiner Wohnung;
+Doch jetzt, da ich befriedigt wiederkehre,
+Ihr Reich zerstört, mein Sohn gerochen ist,
+Bleibt mir zu Hause nichts das mich ergetze.
+Der fröhliche Gehorsam, den ich sonst
+Aus einem jeden Auge blicken sah,
+Ist nun von Sorg' und Unmuth still gedämpft.
+Ein jeder sinnt was künftig werden wird,
+Und folgt dem Kinderlosen, weil er muß.
+Nun komm' ich heut in diesen Tempel, den
+Ich oft betrat, um Sieg zu bitten und
+Für Sieg zu danken. Einen alten Wunsch
+Trag' ich im Busen, der auch dir nicht fremd
+Noch unerwartet ist: ich hoffe, dich,
+Zum Segen meines Volks und mir zum Segen,
+Als Braut in meine Wohnung einzuführen.
+
+Iphigenie.
+Der Unbekannten bietest du zu viel,
+O König, an. Es steht die Flüchtige
+Beschämt vor dir, die nichts an diesem Ufer
+Als Schutz und Ruhe sucht, die du ihr gabst.
+
+Thoas.
+Daß du in das Geheimniß deiner Ankunft
+Vor mir wie vor dem Letzten stets dich hüllest,
+Wär' unter keinem Volke recht und gut.
+Dieß Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz
+Gebietet's und die Noth. Allein von dir,
+Die jedes frommen Rechts genießt, ein wohl
+Von uns empfangner Gast, nach eignem Sinn
+Und Willen ihres Tages sich erfreut,
+Von dir hofft' ich Vertrauen, das der Wirth
+Für seine Treue wohl erwarten darf.
+
+Iphigenie.
+Verbarg ich meiner Eltern Namen und
+Mein Haus, o König, war's Verlegenheit,
+Nicht Mißtraun. Den vielleicht, ach wüßtest du
+Wer vor dir steht, und welch verwünschtes Haupt
+Du nährst und schützest, ein Entsetzen feßte
+Dein großes Herz mit seltnem Schauer an,
+Und statt die Seite deines Thrones mir
+Zu bieten, triebest du mich vor der Zeit
+Aus deinem reiche; stießest mich vielleicht,
+Eh' zu den Meinen frohe Rückkehr mir
+Und meiner Wandrung Ende zugedacht ist,
+Dem Elend zu, das jeden Schweifenden,
+Von seinem Haus Vertriebnen überall
+Mit kalter fremder Schreckenshand erwartet.
+
+Thoas.
+Was auch der Rath der Götter mit dir sei,
+Und was sie deinem Haus und dir gedenken;
+So fehlt es doch, seitdem du bei uns wohnst
+Und eines frommen Gastes Recht genießest,
+An Segen nicht, der mir von oben kommt.
+Ich möchte schwer zu überreden sein,
+Daß ich an dir ein schuldvoll Haupt beschütze.
+
+Iphigenie.
+Dir bringt die Wohlthat Segen, nicht der Gast.
+
+Thoas.
+Was man Verruchten thut wird nicht gesegnet.
+Drum endige dein Schweigen und dein Weigern;
+Es fordert dieß kein ungerechter Mann.
+Die Göttin übergab dich meinen Händen;
+Wie du ihr heilig warst, so warst du's mir.
+Auch sei ihr Wink noch künftig mein Gesetz;
+Wenn du nach Hause Rückkehr hoffen kannst,
+So sprech' ich dich von aller Fordrung los.
+Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt,
+Und ist dein Stamm vertrieben, oder durch
+Ein ungeheures Unheil ausgelöscht,
+So bist du mein durch mehr als Ein Gesetz.
+Sprich offen! und du weißt, ich halte Wort.
+
+Iphigenie.
+Vom alten Bande löset ungern sich
+Die Zunge los, ein lang verschwiegenes
+Geheimniß endlich zu entdecken; denn
+Einmal vertraut, verläßt es ohne Rückkehr
+Dies tiefen Herzens sichre Wohnung, schadet,
+Wie es die Götter wollen, oder nützt.
+Vernimm! ich bin aus Tantalus Geschlecht.
+
+Thoas.
+Du sprichst ein großes Wort gelassen aus.
+Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt
+Als einen ehmals Hochbegnadigten
+Der Götter kennt> Ist's jener Tantalus,
+Den Jupiter zu Rath und Tafel zog,
+An dessen alterfehrnen, vielen Sinn
+Verknüpfenden Gesprächen Götter selbst,
+Wie an Orakelsprüchen, sich ergetzten?
+
+Iphigenie.
+Er ist es; aber Götter sollten nicht
+Mit Menschen, wie mit ihres Gleichen, wandeln;
+Das sterbliche Geschlect ist viel zu schwach
+In ungewohnter Höhe nicht zu schwindeln.
+Unedel war er nicht und kein Verräther;
+Allein zum Knecht zu groß, und zum Gesellen
+Des großen Donnrers nur ein Mensch. So war
+Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht
+War streng, und Dichter singen: Übermuth
+Und Untreu' stürzten ihn von Jovis Tisch
+Zur Schmach des alten Tartarus hinab.
+Ach und sein ganz Geschlect trug ihren Haß!
+
+Thoas.
+Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne?
+
+Iphigenie.
+Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen
+Kraftvolles Mark war seiner Söhn' und Enkel
+Gewisses Erbtheil; doch es schmiedete
+Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band.
+Rath, Mäßigung und Weisheit und Geduld
+Verbarg er ihrem scheuen düstern Blick;
+Zur Wuth ward ihnen jegliche Begier,
+Und gränzenlos drang ihre Wuth umher.
+Schon Pelops, der Gewaltig-wollende,
+Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb
+Sich durch Verrath und Mard das schönste Weib,
+Önomaus Erzeugte, Hippodamien.
+Sie bringt den Wünschen des Gemahls zwei Söne,
+Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie
+Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn
+Aus einem andern Bette wachsend an.
+Der Haß verbindet sie, und heimlich wagt
+Das Paar im Brudermord die erste That.
+Die Mörderin, und grimmig fordert er
+Von ihr den Sohn zurück, und sie entleibt
+Sich selbst --
+
+Thoas.
+ Du schweigest? Fahre fort zu reden!
+Laß dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich!
+
+Iphigenie.
+Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt,
+Der froh von ihren Thaten, ihrer Größe
+Den Hörer unterhält, und still sich freuend
+An's Ende dieser schönen Reihe sich
+Geschlossen sieht! Denn es erzeugt nicht gleich
+Ein Haus den Halbgott noch das Ungeheuer;
+Erst eine Reihe Böser oder Guter
+Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude
+Der Welt hervor.--Nach ihres Vaters Tode
+Gebieten Atreus und Thyest der Stadt,
+Gemeinsam-herrschend. Lange konnte nicht
+Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest
+Des Bruders Bette. Rächend treibet Atreus
+Ihn aus dem Reiche. Tückisch hatte schon
+Thyest, auf schwere Thaten sinnend, lange
+Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich
+Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen.
+Dem füllet er die Brust mit Wuth und Rache
+Und sendet ihn zur Königsstadt, daß er
+Im Oheim seinen eignen Vater morde.
+Des Jünglings Vorsatz wird entdeckt: der König
+Straft grausam den gesandten Mörder, wähnend,
+Er tödte seines Bruders Sohn. Zu spät
+Erfährt er, wer vor seinen trunknen Augen
+Gemartert stirbt; und die Begier der Rache
+Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still
+Auf unerbörte That. Er scheint gelassen
+Gleichgültig und versöhnt, und lockt den Bruder
+Mit seinen beiden Söhnen in das Reich
+Zurück, ergreift die Knaben, schlachtet sie,
+Und setzt die ekle schaudervolle Spiese
+Dem Vater bei dem ersten Mahle vor.
+Und da Thyest an seinem Fleische sich
+Gesättigt, eine Wehmuth ihn ergreift,
+Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme
+Der Knaben an des Saales Thüre schon
+Zu hören glaubt, wirft Atreus grinsend
+Ihm Haupt und Füße der Erschlagnen hin.--
+Du wendest schaudernd dein Gesicht, o König:
+So wendete die Sonn' ihr Antlitz weg
+Und ihren Wagen aus dem ewg'en Gleise.
+Dieß sind die Ahnherrn deiner Priesterin;
+Und viel unseliges Geschick der Männer,
+Viel Thaten die verworrnen Sinnes deckt
+Die Nacht mit schweren Fittigen und läßt
+Uns nur die grauenvolle Dämmrung sehn.
+
+Thoas.
+Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug
+Der Gräuel! Sage nun, durch welch ein Wunder
+Von diesem wilden Stamme du entsprangst.
+
+Iphigenie.
+Des Altreus Ält'ster Sohn war Agamemnon:
+Er ist mein Vater. Doch ich darf es sagen,
+In ihm hab' ich seit meiner ersten Zeit
+Ein Muster des vollkommnen Manns gesehn.
+Ihm brachte Klytämnestra mich, den Erstling
+Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte
+Der König, und es war dem Hause Tantals
+Die lang entbehrte Rast gewährt. Allein
+Es mangelte dem Glück der Eltern noch
+Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfüllt,
+Daß zwischen beiden Schwestern nun Orest
+Der Liebling wuchs, als neues Übel schon
+Dem sichern Hause zubereitet war.
+Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen,
+Der, um den Raub der schönsten Frau zu rächen,
+Die ganze Macht der Fürsten Griechenlands
+Um Trocknen Mauern lagerte. Ob sie
+Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel
+Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater führte
+Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie
+Auf günst'gen Wind vergebens: denn Diane,
+Erzürnt auf ihren großen Führer, hielt
+Die Eilenden zurück und forderte
+Durch Kalchas Mund des Königs ält'ste Tochter.
+Sie lockten mit der Mutter mich in's Lager;
+Sie rissen mich vor den Altar und weihten
+Der Göttin dieses Haupt. Sie war versöhnt:
+Sie wollte nicht mein Blut und hüllte rettend
+In eine Wolke mich; in diesem Tempel
+Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder.
+Ich bin es selbst, bin Iphigenie,
+Des Altreus Enkel, Agamemnons Tochter,
+Der Göttin Eigenthum, die mit dir spricht.
+
+Thoas.
+Mehr Vorzug und Vertrauen geb' ich nicht
+Der Königstochter als der Unbekannten.
+Ich wiederhole meinen ersten Antrag:
+Komm, folge mir, und theile was ich habe.
+
+Iphigenie.
+wie darf ich solchen Schritt, o König, wagen?
+Hat nicht die Göttin, die mich rettete,
+Allein das Recht auf mein geweihtes Leben?
+Sie hat für mich den Schutzort ausgesucht,
+Und sie bewahrt mich einem Vater, den
+Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht
+Zur schönsten Freude seines Alters hier.
+Vielleicht ist mir die frohe Rückkehr nah;
+Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, hätte
+Mich wider ihren Willen hier gefesselt?
+Ein Zeichen hat ich, wenn ich bleiben sollte.
+
+Thoas.
+Das Zeichen ist, daß du noch hier verweilst.
+Such' Ausflucht solcher Art nicht ängstlich auf.
+Man spricht vergebens viel, um zu versagen;
+Der andre hört von allem nur das Nein.
+
+Iphigenie.
+Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen;
+Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt.
+Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater,
+Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen
+Mit ängstlichen Gefühlen sehnen muß?
+Daß in den alten Hallen, wo die Trauer
+Noch manchmal stille meinen Namen lispelt,
+Die Freude, wie um eine Neugeborne,
+Den schönsten Kranz von Säul an Säulen schlinge.
+O sendetest du mich auf Schiffen hin!
+Du gäbest mir und allen neues Leben.
+
+Thoas.
+So kehr' zurück! Thu' was dein Herz dich heißt,
+Und höre nicht die Stimme guten Raths
+Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib
+Dich hin dem Triebe, der dich zügellos
+Ergreift und dahin oder dorthin reißt.
+Wenn ihnen eine Luft im Busen brennt,
+Hält vom Verräther sie kein heilig Band,
+Der sie dem VAter oder dem Gemahl
+Aus langbewährten, treuen Armen lockt;
+Und schweigt in ihrer Brust die rasche Gluth,
+So dringt auf sie vergebens treu und mächtig
+Der Überredung goldne Zunge los.
+
+Iphigenie.
+Gedenk', o König, deines edeln Wortes!
+Willst du mein Zutraun so erwiedern? Du
+Schienst vorbereitet alles zu vernehmen.
+
+Thoas.
+Auf's Ungehoffte war ich nicht bereitet;
+Doch sollt' ich's auch erwarten: wußt' ich nicht,
+Daß ich mit einem Weibe handeln ging?
+
+Iphigenie.
+Schilt nicht, o König, unser arm Geschlect.
+Nicht herrlich wie die euern, aber nicht
+Unedel sind die Waffen eines Weibes.
+Glaub' es, darin bin ich dir vorzuziehn,
+Daß ich dein Glück mehr als du selber kenne.
+Du wähnest, unbekannt mit dir und mir,
+Ein näher Band werd' uns zum Glück vereinen.
+Voll guten Muthes wie voll guten Willens
+Dringst du in mich, daß ich mich fügen soll;
+Und hier dank' ich den Göttern, daß sie mir
+Die Festigkeit gegeben, dieses Bündniß
+Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt.
+
+Thoas.
+Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz.
+
+Iphigenie.
+Sie reden nur durch unser Herz zu uns.
+
+Thoas.
+Und hab' Ich, sie zu hören, nicht das Recht?
+
+Iphigenie.
+Es überbraust der Sturm die zarte Stimme.
+
+Thoas.
+Die Priesterin vernimmt sie wohl allein?
+
+Iphigenie.
+Vor allen andern merke sie der Fürst.
+
+Thoas.
+Dein heilig Amt und dein geerbtes Recht
+An Jovis Tisch bringt dich den Göttern näher,
+Als einen erdgebornen Wilden.
+
+Iphigenie.
+ So
+Büß' ich nun das Vertraun, das du erzwangst.
+
+Thoas.
+Ich bin ein Mensch; und besser ist's, wir enden.
+So bleibe denn mein Wort: Sei Priesterin
+Der Göttin, wie sie dich erkoren hat;
+Doch mir verzeih' Diane, daß ich ihr,
+Bisher mit Unrecht und mit innerm Vorwurf,
+Die alten Opfer vorenthalten habe.
+Kein Fremder nahet glücklich unserm Ufer;
+Von Alters her ist ihm der Tod gewiß.
+Nur du hast mich mit einer Freundlichkeit,
+In der ich bald der zarten Tochter Liebe,
+Bald stille Neigung einer Braut zu sehn
+Mich tief erfreute, wie mit Zauberbanden
+Gefesselt, daß ich meiner Pflicht vergaß.
+Du hattest mir die Sinnen eingewiegt,
+Das Murren meines Volks vernahm ich nicht;
+Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes
+Frühzeit'gem Tode lauter über mich.
+Um deinetwillen halt' ich länger nicht
+Die Menge, die das Opfer dringend sordert.
+
+Iphigenie.
+Um meinetwillen hab ich's nie begehrt.
+Der mißversteht die Himmlischen, der sie
+Blutgierig wähnt; er dichtet ihnen nur
+Dir eignen grausamen Begierden an.
+Entzog die Göttin mich nicht selbst dem Priester?
+Ihr war mein Dienst willkommner, als mein Tod.
+
+Thoas.
+Es ziemt sich nicht für uns, den heiligen
+Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft
+Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken.
+Thu' deine Pflicht, ich werde meine thun.
+Zwei Fremde, die wir in des Ufers Höhlen
+Versteckt gefunden, und die meinem Lande
+Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand.
+Mit diesen nehme deine Göttin wieder
+Ihr erstes, richtes, lang entbehrtes Opfer!
+Ich sende sie hierher; du weißt den Dienst.
+
+
+Vierter Auftritt.
+
+Iphigenie (allein).
+Du hast Wolken, gnädige Retterin,
+Einzuhüllen unschuldig Verfolgte,
+Und auf Winden dem ehrnen geschick sie
+Aus den Armen, über das Meer,
+Über der Erde weiteste Strecken
+Und wohin es dir gut dünkt zu tragen.
+Weise bist du und siehest das Künstige;
+Nicht vorüber ist dir das Vergangne,
+Und dein Blick ruht über den Deinen
+Wie dein Licht, das Leben der Nächte,
+Über der Erde ruhet und waltet.
+O enthalte vom Blut meine Hände!
+Nimmer bringt es Segen und Ruhe;
+Und die Gestalt des zufällig Ermordeten
+Wird auf des traurig-unwilligen Mörders
+Böse Stunden lauern und schrecken.
+Den die Unsterblichen lieben der Menschen
+Weit verbreitete gute Geschlechter,
+Und sie fristen das flüchtige Leben
+Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne
+Ihres eigenen, ewigen Himmels
+Mitgenießendes fröhliches Anschaun
+Eine Weile gönnen und lassen.
+
+
+
+Zweiter Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Orest. Pylades.
+
+Orest.
+Es ist der Weg des Todes, den wir treten:
+Mit jedem schritt wird meine Seele stiller.
+Als ich Apollen bat, das gräßliche
+Geleit der Rachegeister von der Seite
+Mir abzunehmen, schien er Hülf' und Rettung
+Im Tempel seiner vielgeliebten Schwester,
+Die über Tauris herrscht, mit hoffnungsreichen
+Gewissen Götterworten zu versprechen;
+Und nun erfüllet sich's, daß alle Noth
+Mit meinem Leben wöllig enden soll.
+Wie leicht wird's mir, dem eine Götterhand
+Das Herz zusammendrückt, den Sinn betäubt,
+Dem schönen Licht der Sonne zu entsagen.
+Und sollen Atreus Enkel in der Schlacht
+Ein siegbekröntes Ende nicht gewinnen;
+Soll ich wie meine Ahnen, wie mein Vater,
+Als Opferthier im Jammertode bluten:
+So sei es! Besser hier vor dem Altar,
+Als im verworfnen Winkel, wo die Netze
+Der nahverwandte Meuchelmörder stellt.
+Laßt mir so lange Ruh, ihr Unterird'schen,
+Die nach dem Blut ihr, das von meinen Tritten
+Hernieder träufelnd meinen Pfad bezeichnet,
+Wie losgelass'ne Hunde spürend hetzt.
+Laßt mich, ich komme bald zu euch hinab;
+Das Licht des Tags soll euch nicht sehn, noch mich.
+Der Erde schöner grüner Teppich soll
+Kein Tummelplatz für Larven sein. Dort unten
+Such' ich euch auf: dort bindet alle dann
+Ein gleich Geschick in ew'ge matte Nacht.
+Nur dich, mein Pylades, dich, meiner Schuld
+Und meines Banns unschuldigen Genossen,
+Wie ungern nehm' ich dich in jenes Trauerland
+Frühzeitig mit! Dein Leben oder Tod
+Gibst mir allein noch Hoffnung oder Furcht.
+
+Pylades.
+Ich bin noch nicht, Orest, wie du bereit,
+In jenes Schattenreich hinabzugehn.
+Ich sinne noch, durch die verworrnen Pfade,
+Die nach der schwarzen Nacht zu führen scheinen,
+Uns zu dem Leben wieder aufzuwinden.
+Ich denke nicht den Tod; ich sinn' und horche,
+Ob nicht zu irgend einer frohen Flucht
+Die Götter Rath und Wege zubereiten.
+Der Tod, gefürchtet oder ungefürchtet,
+Kommt unaufholtsam. Wenn die Priesterin
+Schon, unsre Locken weihend abzuschneiden,
+Die Hand erhebt, soll dein' und meine Rettung
+Mein einziger Gedanke sein. Erhebe
+Von diesem Unmuth deine Seele; zweifelnd
+Beschleunigest du die Gefahr. Apoll
+Gab uns das Wort: im Heiligthum der Schwester
+Sei Trost und Hülf' und Rückkehr dir bereitet.
+Der Götter Worte sind nicht doppelsinnig,
+Wie der Gedrückte sie im Unmuth wähnt.
+
+Orest.
+Des Lebens dunkle Decke breitete
+Die Mutter schon mir um das zarte Haupt,
+Und so wuchs ich herauf, ein Ebenbild
+Des Vaters, und es war mein stummer Blick
+Ein bittrer Vorwurf ihr und ihrem Buhlen.
+Wie oft, wenn still Elektra, meine Schwester,
+Am Feuer in der tiefen Halle saß,
+Drängt' ich beklommen mich an ihren Schoos,
+Und starrte, wie sie bitter weinte, sie
+Mit großen Augen an. Dann sagte sie
+Von unserm hohen Vater viel: wie sehr
+Verlangt' ich ihn zu sehn, bei ihm zu sein!
+Mich wünscht' ich bald nach Troja, ihn bald her.
+Es kam der Tag--
+
+Pylades.
+ O laß von jener Stunde
+Sich Höllengeister nächtlich unterhalten!
+Uns gebe die Erinnrung schöner Zeit
+Zu frischem Heldenlaufe neue Kraft.
+Die Götter brauchen manchen guten Mann
+Zu ihrem Dienst auf dieser weiten Erde.
+Sie haben noch auf dich gezählt; sie gaben
+Dich nicht dem Vater zum Geleite mit,
+Da er unwillig nach dem Orcus ging.
+
+Orest.
+O, wär' ich, seinen Saum ergreifend, ihm
+Gefolgt!
+
+Pylades.
+ So haben die, die dich erhielten,
+Für mich geforgt: denn was ich worden wäre,
+Wenn du nicht lebtest, kann ich mir nicht denken;
+Da ich mit dir und deinetwillen nur
+Seit meiner Kindheit leb' und leben mag.
+
+Orest.
+Erinnre mich nicht jener schönen Tage,
+Da mir dein Haus die freie Stätte gab,
+Dein edler Vater klug und liebevoll
+Die halberstarrte junge Blüthe pflegte;
+Da du ein immer munterer Geselle,
+Gleich einem leichten bunten Schmetterling
+Um eine dunkle Blume, jeden Tag
+Um mich mit neuem Leben gaukeltest,
+Mir deine Luft in meine Seele spieltest,
+Daß ich, vergessend meiner Noth, mit dir
+In rascher Jugend hingerissen schwärmte.
+
+Pylades.
+Da fing mein Leben an, als ich dich liebte.
+
+Orest.
+Sag: meine Noth begann, und du sprichst wahr.
+Das ist das Ängstliche von meinem Schicksal,
+Daß ich, wie ein verpesteter Vertriebner,
+Geheimen Schmerz und Tod im Busen trage;
+Daß, wo ich den gefund'sten Ort betrete,
+War bald um mich die blühenden Gesichter
+Den schmerzenszug langsamen Tod's verrathen.
+
+Pylades.
+Der Nächste wär' ich diesen Tod zu sterben,
+Wenn je dein Hauch, Orest, vergistete.
+Bin ich nicht immer noch voll Muth und Luft?
+Zu großen Thaten.
+
+Orest.
+ Große Thaten? Ja,
+Ich weiß die Zeit, da wir sie vor uns sahn!
+Wenn wir zusammen oft dem Wilde nach
+Durch Berg' und Thäler rannten und dereinst
+An Brust und Faust dem hohen Ahnherrn gleich
+Mit Keul' und Schwert dem Ungeheuer so,
+Dem Räuber auf der Spur zu jagen hofften;
+Und dann wir Abends an der weiten See
+Uns aneinander lehnend ruhig saßen,
+Die Wellen bis zu unsern Füssen spielten,
+Die Welt so weit, so offen vor uns lag;
+Da fuhr wohl Einer manchmal nach dem Schwert,
+Und künft'ge Thaten drangen wie die Sterne
+Rings um uns der unzählig aus der Nacht.
+
+Pylades.
+Unendlich ist das Werk, das zu vollführen
+Die Seele dringt. Wir möchten jede That
+So groß gleich thun, als wie sie wächs't und wird,
+Wenn Jahre lang durch Länder und Geschlechter
+Der Mund der Dichter sie vermehrend wälzt.
+Es klingt so schön was unsre Väter thaten,
+Wenn es in stillen Abendschatten ruhend
+Der Jüngling mit dem Ton der Harfe schlürft;
+Und was wir thun ist, wie es ihnen war,
+Voll Müh' und eitel Stückwerk!
+So laufen wir nach dem, was vor uns flieht,
+Und achten nicht des Weges den wir treten,
+und sehen neben uns der Ahnherrn Tritte
+Und ihres Erdelebens Spuren kaum.
+Wir eilen immer ihrem Schatten nach,
+Der göttergleich in einer weiten Ferne
+Der Berge Haupt auf goldnen Wolken krönt.
+Ich halte nichts von dem, der von sich denkt
+Wie ihn das Volk vielleicht erheben möchte.
+Allein, o Jüngling, danke du den Göttern,
+Daß sie so früh durch dich so viel gethan.
+
+Orest.
+Wenn sie dem Menschen frohe That bescheren
+Daß er ein Unheil von den Seinen wendet,
+Daß er sein Reich vermehrt, die Gränzen sichert,
+Und alte Feinde fallen oder fliehn;
+Dann mag er danken! denn ihm hat ein Gott
+Des Lebens erste, letzte Luft gegönnt.
+Mich haben sie zum Schlächter auserkoren,
+Zum Mörder meiner doch verehrten Mutter,
+Und, eine Schandthat schändlich rächend, mich
+Durch ihren Wink zu Grund' gerichtet. Glaube,
+Sie haben es auf Tantals Haus gerichtet,
+Und ich, der Letzte, soll nicht schuldlos, soll
+Nicht ehrenvoll vergehn.
+
+Pylades.
+ Die Götter rächen
+Der Väter Missethat nicht an dem Sohn;
+Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt
+Sich seinen Lohn mit seiner That hinweg.
+Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch.
+
+Orest.
+Uns führt ihr Segen, dünkt mich, nicht hierher.
+
+Pylades.
+Doch wenigstens der hohen Götter Wille.
+
+Orest.
+So ist's ihr Wille denn, der uns verderbt.
+
+Pylades.
+Thu' was sie dir gebieten und erwarte.
+Bringst du die Schwester zu Apollen hin,
+Und wohnen beide dann vereint zu Delphi,
+Verehrt von einem Volk das edel denkt;
+So wird für diese That das hohe Paar
+Dir Gnädig sein, sie werden aus der Hand
+Der Unterird'schen dich erretten. Schon
+In diesen heil'gen Hain wagt keine sich.
+
+Orest.
+So hab' ich wenigstens geruh'gen Tod.
+
+Pylades.
+Ganz anders denk' ich, und nicht ungeschickt
+Hab' ich das schon Geschehne mit dem Künft'gen
+Verbunden und im stillen ausgelegt.
+Vielleicht reift in der Götter Rath schon lange
+Das große Werk. Diana sehnet sich
+Von diesem rauhen Ufer der Barbaren
+Und ihren blut'gen Menschenopfern weg.
+Wir waren zu der schönen That bestimmt,
+Uns wird sie auferlegt, und seltsam sind
+Wir an der Pforte schon gezwungen hier.
+
+Orest.
+Mit seltner Kunst flichtst du der Götter Rath
+Und deine Wünsche klug in Eins zusammen.
+
+Pylades.
+Was ist des Menschen Klugheit, wenn sie nicht
+Auf Jener Willen droben achtend lauscht?
+Zu einer schweren That beruft ein Gott
+Den edeln Mann, der viel verbrach, und legt
+Ihm auf was uns unmöglich scheint zu enden.
+Es siegt der Held, und büßend dienet er
+Den Göttern und der Welt, die ihn verehrt.
+
+Orest.
+Bin ich bestimmt zu leben und zu handeln,
+So nehm' ein Gott von meiner schweren Stirn
+Den Schwindel weg, der auf dem schlüpfrigen,
+Mit Mutterblut besprengten Pfade fort
+Mich zu den Todten reißt. Er trockne gnädig
+Die Quelle, die, mir aus der Mutter Wunden
+Entgegen sprudelnd, ewig mich befleckt.
+
+Pylades.
+Erwart' es ruhiger! Du mehrst das Übel
+Und nimmst das Amt der Furien auf dich.
+Laß mich nur sinnen, bleibe still! Zuletzt,
+Bedarf's zur That vereinter Kräfte, dann
+Laß mich nur sinnen, bleibe still! Zuletzt,
+Bedarf's zur That vereinter Kräfte, dann
+Ruf' ich dich auf, und beide schreiten wir
+Mit überlegter Kühnheit zur Vollendung.
+
+Orest.
+Ich hör' Ulyssen reden.
+
+Pylades.
+ Spotte nicht.
+Ein jeglicher muß seinen Helden wählen,
+Dem er die Wege zum Olymp hinauf
+Sich nacharbeitet. Laß es mich gestehn:
+Mir scheinen List und Klugheit nicht den Mann
+Zu schänden, der sich kühnen Thaten weiht.
+
+Orest.
+Ich schätze den, der tapfer ist und g'rad.
+
+Pylades.
+Drum hab' ich keinen Rath von dir verlangt.
+Schon ist ein schritt gethan. Von unsern Wächtern
+Hab' ich bisher gar vieles ausgelockt.
+Ich weiß, ein fremdes, göttergleiches Weib
+Hält jenes blutige Gesetz gefesselt;
+Ein reines Herz und Weihrauch und Gebet
+Bringt sie den Göttern dar. Man rühmet hoch
+Die Gütige; man glaubet, sie entspringe
+vom Stamm der Amazonen, sei geflohn,
+Um einem großen Unheil zu entgehn.
+
+Orest.
+Es scheint, ihr lichtes Reich verlor die Kraft
+Durch des Verbrechers Nähe, den der Fluch
+Wie eine breite Nacht verfolgt und deckt.
+Die fromme Blutgier lös't den alten Brauch
+Von seinen Fesseln los, uns zu verderben.
+Der wilde Sinn des Königs tödtet uns;
+Ein Weib wird uns nicht retten, wenn er zürnt.
+
+Pylades.
+Wohl uns, daß es ein Weib ist! denn ein Mann,
+Der beste selbst, gewöhnet seinen Geist
+An Grausamkeit und macht sich auch zuletzt
+Aus dem, was er verabscheut, ein Gesetz,
+Wird aus Gewohnheit hart und fast unkenntlich.
+Allein ein Weib bleibt stät auf Einem Sinn
+Den sie gefaßt. Du rechnest sicherer
+Auf sie im Guten wie im Bösen.--Still!
+Sie kommt; laß uns allein. Ich darf nicht gleich
+Ihr unsre Namen nennen, unser Schicksal
+Nicht ohne Rückhalt ihr vertraun. Du gehst,
+Und eh' sie mit dir spricht, treff' ich dich noch.
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+Iphigenie. Pylades.
+
+
+Iphigenie.
+Woher du seist und kommst, o Fremdling, sprich!
+Mir scheint es, daß ich eher einem Griechen
+Als einem Scythen dich vergleichen soll.
+ (Sie nimmt ihm die Ketten ab.)
+Gefährlich ist die Freiheit, die ich gebe;
+Die Götter wenden ab was euch bedroht!
+
+Pylades.
+O süße Stimme! Vielwillkommner Ton
+Der Muttersprach' in einem fremden Lande!
+Des väterlichen Hafens blaue Berge
+Seh' ich Gefangner neu willkommen wieder
+Vor meinen Augen. Laß dir diese Freude
+Versichern, daß auch ich ein Grieche bin!
+Vergessen hab' ich einen Augenblick,
+Wie sehr ich dein bedarf, und meinen Geist
+Der herrlichen Erscheinung zugewendet.
+O sage, wenn dir dein Verhängniß nicht
+Die Lippe schließt, aus welchem unsrer Stämme
+Du deine göttergleich Herkunft zählst.
+
+Iphigenie.
+Die Priesterin, von ihrer Göttin selbst
+Gewählet und geheiligt, spricht mit dir.
+Das laß dir g'nügen; sage, wer du seist
+Und welch unselig-waltendes Geschick
+Mit dem Gefährten dich hierher gebracht.
+
+Pylades.
+Leicht kann ich dir erzählen, welch ein Übel
+Mit lastender Gesellschaft uns verfolgt.
+O könntest du der Hoffnung frohen Blick
+Uns auch so leicht, du Göttliche, gewähren!
+Aus Kreta sind wir, Söhne des Adrasts:
+Ich bin der jüngste, Cephalus genannt,
+Und er Laodamas, der älteste
+Des Hauses. Zwischen uns stand rauh und wild
+Ein mittlerer, und trennte schon im Spiel
+Der ersten Jugend Einigkeit und Luft.
+Gelassen folgten wir der Mutter Worten,
+So lang des Vaters Kraft vor Troja stritt;
+Doch als er beuterich zurücke kam
+Und kurz darauf verschied, da trennte bald
+Der Streit um Reich und Erbe die Geschwister.
+Ich neigte mich zum ält'sten. Er erschlug
+Den Bruder. Um der Blutschuld willen treibt
+Die Furie gewaltig ihn umher.
+Doch diesem wilden Ufer sendet uns
+Apoll, der Delphische, mit Hoffnung zu.
+Im Tempel seiner Schwester hieß er uns
+Der Hülfe segensvolle Hand erwarten.
+Gefangen sind wir und hierher gebracht,
+Und dir als Opfer dargestellt. Du weißt's.
+
+Iphigenie.
+Fiel Troja? Theurer Mann, versichr' es mir.
+
+Pylades.
+Es liegt. O sichre du uns Rettung zu!
+Beschleunige die Hülfe, die ein Gott
+Versprach. Erbarme meines Bruders dich.
+O sag' ihm bald ein gutes holdes Wort;
+Doch schone seiner wenn du mit ihm sprichst,
+Das bitt' ich eifrig: denn es wird gar leicht
+Durch Freud' und Schmerz und durch Erinnerung
+Sein Innerstes ergriffen und zerrüttet.
+Ein fieberhafter Wahnsinn fällt ihn an,
+Und seine schöne freie Seele wird
+Den Furien zum Raube hingegeben.
+
+Iphigenie.
+So groß dein Unglück ist, beschwör' ich dich,
+Vergiß es, bis du mir genug gethan.
+
+Pylades.
+Die hohe Stadt, die zehen lange Jahre
+Dem ganzen Heer der Griechen widerstand,
+Liegt nun im Schutte, steigt nicht wieder auf.
+Doch manche Gräber unsrer Besten heißen
+Uns an das Ufer der Barbaren denken.
+Achill liegt dort mit seinem schönen Freunde.
+
+Iphigenie.
+So seid ihr Götterbilder auch zu Staub!
+
+Pylades.
+Auch Palamedes, Ajar Telamons,
+Sie sahn des Vaterlandes Tag nicht Wieder.
+
+Iphigenie.
+Er schweigt von meinem Vater, nennt ihn nicht
+Mit den Erschlagnen. Ja! er lebt mir noch!
+Ich werd' ihn sehn! O hoffe, liebes Herz!
+
+Pylades.
+Doch selig sind die Tausende, die starben
+Den bittersüßen Tod von Feindes Hand!
+Denn wüste Schrecken und ein traurig Ende
+Hat den Rückkehrenden statt des Triumphs
+Ein feindlich aufgebrachter Gott bereitet.
+Kommt den der Menschen Stimme nicht zu euch?
+So weit sie reicht, trägt sie den Ruf umher
+Von unerhörten Thaten die geschahn.
+So ist der Jammer, der Mycenens Hallen
+Mit immer wiederholten Seufzern füllt,
+Dir ein Geheimniß? Klytämnestra hat
+Mit Hülf' Ägisthens den Gemahl berückt,
+Am Tage seiner Rückkehr ihn ermordet!--
+Ja, du verehrest dieses Königs Haus!
+Ich seh' es, deine Brust bekämpft vergebens
+Das unerwartet ungeheure Wort.
+Bist du die tochter eines Freundes? bist
+Du nochbarlich in dieser Stadt geboren?
+Verbirg es nicht und rechne mir's nicht zu,
+Daß ich der Erste diese Gräuel melde.
+
+Iphigenie.
+Sag' an, wie ward die schwere That vollbracht?
+
+Pylades.
+Am Tage siener Ankunft, da dir König
+Vom Bad erquickt und ruhig, sein Gewand
+Aus der Gemahlin Hand verlangend, stieg,
+Warf die Verderbliche ein faltenreich
+Und künstlich sich verwirrendes Gewebe
+Ihm auf die Schultern, um das edle Haupt;
+Und da er wie von einem Retze sich
+Vergebens zu entwickeln strebte, schlug
+Ägisth ihn, der Verräther, und verhüllt
+Ging zu den Todten dieser große Fürst.
+
+Iphigenie.
+Und welchen Lohn erhielt der Mitverschworne?
+
+Pylades.
+Ein Reich und Bette, das er schon besaß.
+
+Iphigenie.
+So trieb zur Schandthat eine böse Lust?
+
+Pylades.
+Und einer alten Rache tief Gefühl.
+
+Iphigenie.
+Und wie beleidigte der König sie?
+
+Pylades.
+Mit schwerer That, die, wenn Entschuldigung
+Des Mordes wäre, sie entschuldigte.
+Nach Aulis lockt' er sie und brachte dort,
+Als eine Gottheit sich der Griechen Fahrt
+Mit ungstümen Winden widersetzte,
+Die ält'ste Tochter, Iphigenien,
+Vor den Altar Dianens, und sie fiel
+Ein blutig Opfer für der Griechen Heil.
+Dieß, sagt man, hat ihr einen Widerwillen
+So tief in's Herz geprägt, daß sie dem Werben
+Ägisthens sich ergab und den Gemahl
+Mit Netzen des Verderbens selbst umschlang.
+
+Iphigenie (sich verhüllend).
+Es ist genug. Du wirst mich wiedersehn.
+
+Pylades.
+Von dem Geschick des Königs-Hauses scheint
+Sie tief gerührt. Wer sie auch immer sei,
+So hat sie selbst den König wohl gekannt
+Und ist, zu unserm Glück, aus hohem Hause
+Hierher verkauft. Nur stille, liebes Herz,
+Und laß dem Stern der Hoffnung, der uns blinkt,
+Mit frohem Muth uns klug entgegen steuern.
+
+
+
+Dritter Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Iphigenie. Orest.
+
+Iphigenie.
+Unglücklicher, ich löse deine Bande
+Zum Zeichen eines schmerzlichern Geschicks.
+Die Freiheit, die das Heiligthum gewährt,
+Ist, wie der letzte lichte Lebensblick
+Des schwer Erkrankten, Todesbote. Noch
+Kann ich es mir und darf es mir nicht sagen,
+Daß ihr verloren seid! Wie könnt' ich euch
+Mit mörderischer Hand dem Tode weihen?
+Und niemand, wer es sei, darf euer Haupt,
+So lang ich Priesterin Dianens bin,
+Berühren. Doch verweigr' ich jene Pflicht,
+Wie sie der aufgebrachte König fordert;
+So wählt er eine meiner Jungfraun mir
+Zur Folgerin, und ich vermag alsdann
+Mit heißem Wunsch allein euch beizustehn.
+O werther Landsmann! Selbst der letzte Knecht,
+Der an den Herd der Vatergötter streifte,
+Ist uns in fremdem Lande hoch willkommen:
+Wie soll ich euch genug mit Freud' und Segen
+Empfangen, die ihr mir das Bild der Helden,
+Die ich von Eltern her verehren lernte,
+Entgegen bringet und das innre Herz
+Mit neuer schöner Hoffnung schmeichelnd labet!
+
+Orest.
+Verbirgst du deinen Namen, deine Herkunft
+Mit klugem Vorsatz? oder darf ich wissen,
+Wer mir, gleich einer Himmlischen, begegnet?
+
+Iphigenie.
+Du sollst mich kennen. Jetzo sag' mir an,
+Was ich nur halb von deinem Bruder hörte,
+Das Ende derer, die von Troja kehrend
+Ein hartes unerwartetes Geschick
+Auf ihrer Wohnung Schwelle stumm empfing.
+Zwar ward ich jung an diesen Strand geführt;
+Doch wohl erinnr' ich mich des scheuen Blicks,
+Den ich mit Staunen und mit Bangigkeit
+Auf jene Helden warf. Sie zogen aus,
+Als hätte der Olymp sich aufgethan
+Und die Gestalten der erlauchten Vorwelt
+Zum Schrecken Ilions herabgesendet,
+Und Agamemnon war vor allen herrlich!
+O sage mir! Er fiel, sein Haus betretend,
+Durch seiner Frauen und Ägisthens Tücke?
+
+Orest.
+Du sagst's!
+
+Iphigenie.
+ Weh dir, unseliges Mycen!
+So haben Tantals Enkel Fluch auf Fluch
+Mit vollen wilden Händen ausgesät!
+Und gleich dem Unkraut, wüste Häupter schüttelnd
+Und tausendfält'gen Samen um sich streuend,
+Den Kindeskindern nahverwandte Mörder
+Zur ew'gen Wechselwuth erzeugt! Enthülle,
+Was von der Rede deines Bruders schnell
+Die Finsterniß des Schreckens mir verdeckte.
+Wie ist des großen Stammes letzter Sohn,
+Das holde Kind, bestimmt des Vaters Rächer
+Dereinst zu sein, wie ist Orest dem Tage
+Des Bluts entgangen? Hat ein gleich Geschick
+Mit des Avernus Netzen ihn umschlungen?
+Ist er gerettet? Lebt er? Lebt Elektra?
+
+Orest.
+Sie leben.
+
+Iphigenie.
+ Goldne Sonne, leihe mir
+Die schönsten Strahlen, lege sie zum Dank
+Vor Jovis Thron! denn ich bin arm und stumm.
+
+Orest.
+Bist du gastfreundlich diesem Königs-Hause,
+Bist du mit nähern Banden ihm verbunden,
+Wie deine schöne Freude mir verräth:
+So bändige dein Herz und halt' es fest!
+Denn unerträglich muß dem Fröhlichen
+Ein jäher Rückfall in die Schmerzen sein.
+Du weißt nur, merk' ich, Agamemnons Tod.
+
+Iphigenie.
+Hab' ich an dieser Nachricht nicht genug?
+
+Orest.
+Du hast des Gräuels Hälfte nur erfahren.
+
+Iphigenie.
+Was fürcht' ich noch? Orest, Elektra leben.
+
+Orest.
+Und fürchtest du für Klytämnestren nichts?
+
+Iphigenie.
+Sie rettet weder Hoffnung, weder Furcht.
+
+Orest.
+Auch schied sie aus dem Land der Hoffnung ab.
+
+Iphigenie.
+Vergoß sie reuig wüthend selbst ihr Blut?
+
+Orest.
+Nein, doch ihr eigen Blut gab ihr den Tod.
+
+Iphigenie.
+Sprich deutlicher, daß ich nicht länger sinne.
+Die Ungewißheit schlägt mir tausendfältig
+Die dunkeln Schwingen um das bange Haupt.
+
+Orest.
+So haben mich die Götter ausersehn
+Zum Boten einer That, die ich so gern
+In's klanglos-dumpfe Höhlenreich der Nacht
+Verbergen möchte? Wider meinen Willen
+Zwingt mich dein holder Mund; allein er darf
+Auch etwas Schmerzlichs fordern und erhält's.
+Am Tage, da der Vater fiel, verbarg
+Elektra rettend ihren Bruder: Strophius,
+Des Vaters Schwäher, nahm ihn willig auf,
+Erzog ihn neben seinem eignen Sohne,
+Der, Pylades genannt, die schönsten Bande
+Der Freundschaft um den Angekommnen knüpfte.
+Und wie sie wuchsen, wuchs in ihrer Seele
+Die brennende Begier des Königs Tod
+Zu rächen. Unversehen, fremd gekleidet,
+Erreichen sie Mycen, als brächten sie
+Die Trauernachricht von Orestens Tode
+Mit seiner Asche. Wohl empfäanget sie
+Die Königin; sie treten in das Haus.
+Elektren gibt Orest sich zu erkennen;
+Sie bläs't der Rache Feuer in ihm auf,
+Das vor der Mutter heil'ger Gegenwart
+In sich zurückgebrannt war. Stille führt
+Sie ihn zum Orte, wo sein Vater fiel,
+Wo eine alte leichte Spur des frech
+Vergoss'nen Blutes oftgewaschnen Boden
+Mit blassen ahndungsvollen Streifen färbte.
+Mit ihrer Feuerzunge schilderte
+Sie jeden Umstand der verruchten That,
+Ihr knechtisch elend durchgebrachtes Leben,
+Den Übermuth der glücklichen Verräther,
+Und die gefahren, die nun der Geschwister
+Von einer stiefgewordnen Mutter warteten.--
+Hier drang sie jenen alten Dolch ihm auf,
+Der schon in Tantals Hause grimmig wüthete,
+Und Klytämnestra fiel durch Sohnes Hand.
+
+Iphigenie.
+Unsterbliche, die ihr den reinen Tag
+Auf immer neuen Wolken selig lebet,
+Habt ihr nur darum mich so manches Jahr
+Von Menschen abgesondert, mich so nah
+Bei euch gehalten, mir die kindliche
+Beschäftigung, des heil'gen Feuers Gluth
+Zu nähren aufgetragen, meine Seele
+Der Flamme gleich in ew'ger frommer Klarheit
+Zu euern Wohnungen hinaufgezogen,
+Daß ich nur meines Hauses Gräuel später
+Und tiefer fühlen sollte? Sage mir
+Vom Unglücksel'gen! sprich mir von Orest!--
+
+Orest.
+O, könnte man von seinem Tode sprechen!
+Wie gährend stieg aus der Erschlagnen Blut
+Der Mutter Geist
+Und ruft der Nacht uralten Töchtern zu:
+"Laßt nicht den Muttermörder entfliehn!
+Verfolgt den Verbrecher! Euch ist er geweiht!"
+Sie horchen auf, es schaut ihr hohler Blick
+Mit der Begier des Adlers um sich her.
+Sie rühren sich in ihren schwarzen Höhlen,
+Und aus den winkeln schleichen ihre Gefährten,
+Der Zweifel und die Reue, leis herbei.
+Vor ihnen steigt ein Dampf vom Acheron;
+In seinen Wolkenkreisen wälzet sich
+Die ewige Betrachtung des Geschehnen
+Verwirrend um des Schuld'gen Haupt umher
+Und sie, berechtigt zum Verderben, treten
+Der gottbesäten Erde schönen Boden,
+Von dem ein alter Fluch sie längst verbannte.
+Den Flüchtigen verfolgt ihr schneller Fuß;
+Sie geben nur um neu zu schrecken Rast.
+
+Iphigenie.
+Unseliger, du bist in gleichem Fall,
+Und fühlst was er, der arme Flüchtling, leidet!
+
+Orest.
+Was sagst du mir? was wähnst du gleichen Fall?
+
+Iphigenie.
+Dich drückt ein Brudermord wie jenen; mir
+Vertraute dieß dein jüngster Bruder schon.
+
+Orest.
+Ich kann nicht leiden, daß du große Seele
+Mit einem falschen Wort betrogen werdest.
+Ein lügenhaft Gewebe knüpf' ein Fremder
+Dem Fremden, sinnreich und der List gewohnt,
+Zur Falle vor die Füße; zwischen uns
+Sei Wahrheit!
+Ich bin Orest! und dieses schuld'ge Haupt
+Senkt nach der Grube sich und sucht den Tod;
+In jeglicher Gestalt sei er willkommen!
+Wer du auch seist, so wünsch' ich Rettung dir
+Und meinem Freunde; mir wünsch' ich sie nicht.
+Du scheinst hier wider Willen zu verweilen;
+Erfindet Rath zur Flucht und laßt mich hier.
+Es stürze mein entseelter Leib vom Fels,
+Es rauche bis zum Meer hinab mein Blut,
+Und bringe Fluch dem Ufer der Barbaren!
+Geht ihr, daheim im schönen Griechenland
+Ein neues Leben Freundlich anzufangen.
+ (Er entfernt sich.)
+
+Iphigenie.
+So steigst du denn, Erfüllung, schönste Tochter
+Des größten Vaters, endlich zu mir nieder!
+Wie ungeheuer steht dein Bild vor mir!
+Kaum reicht mein Blick dir an die Hände, die
+Mit Fürchte und Segenskränzen angefüllt
+Die Schätze des Olympus niederbringer.
+Wie man den König an dem Übermaß
+Der Gaben kennt: denn ihm muß wenig scheinen
+Was Tausenden schon Reichthum ist; so kennt
+Man euch, ihr Götter, an gesparten, lang
+Und weise zubereiteten Geschenken.
+Denn ihr allein wißt was uns frommen kann,
+Und schaut der Zukunft ausgedehntes Reich,
+Wenn jedes Abends Stern- und Nebelhülle
+Die Aussicht uns verdeckt. Gelassen hört
+Ihr unser Flehn, das um Beschleunigung
+Euch kindisch bittet; aber eure Hand
+Bricht unreif nie die goldnen Himmelsfrüchte;
+Und wehe dem, der ungeduldig sie
+Ertrotzend saure Spiese sich zum Tod
+Genießt. O laßt das lang erwartete,
+Noch kaum gedachte Glück nicht, wie den Schatten
+Des abgeschiednen Freundes, eitel mir
+Und dreifach schmerzlicher vorübergehn!
+
+Orest (tritt wieder zu ihr).
+Rufst du die Götter an für dich und Pylades,
+So nenne meinen Namen nicht mit eurem.
+Du rettest den Verbrecher nicht, zu dem
+Du dich gesellst, und theilest Fluch und Noth.
+
+Iphigenie.
+Mein Schicksal ist an deines fest gebunden.
+
+Orest.
+Mit nichten! Laß allein und unbegleitet
+Mich zu den Todten gehn. Verhülltest du
+In deinen Schleier selbst den Schuldigen;
+Du birgst ihn nicht vor'm Blick der Immerwachen,
+Und deine Gegenwart, du Himmlische,
+Drängt sie nur seitwärts und verscheucht sie nicht.
+Sie dürfen mit den ehrnen frechen Füßen
+Des heil'gen Waldes Boden nicht betreten;
+Doch hör' ich aus der Ferne hier und da
+Ihr gräßliches Gelächter. Wölfe harren
+So um den Baum, auf den ein Reisender
+Sich rettete. Da draußen ruhen sie
+Gelagert; und verlass' ich diesen Hain,
+Dann steigen sie, die Schlangenhäupter schüttelnd,
+Von allen Seiten Staub erregend auf
+Und treiben ihre Beute vor sich her.
+
+Iphigenie.
+Kannst du, Orest, ein freundlich Wort vernehmen?
+
+Orest.
+Spar' es für einen Freund der Götter auf.
+
+Iphigenie.
+Sie geben dir zu neuer Hoffnung Licht.
+
+Orest.
+Durch Rauch und Qualm seh' ich den matten Schein
+Des Todtenflusses mir zur Hölle leuchten.
+
+Iphigenie.
+Hast du Elektren, Eine Schwester nur?
+
+Orest.
+Die Eine kannt' ich; doch die ält'ste nahm
+Ihr gut Geschick, das uns so schrecklich schien,
+Bei Zeiten aus dem Elend unsers Hauses.
+O laß dein Fragen, und geselle dich
+Nicht auch zu den Erinnyen; sie blasen
+Mir schadenfroh die Asche von der Seele,
+Und leiden nicht, daß sich die letzten Kohlen
+Von unsers Hauses Schreckensbrande still
+In mir verglimmen. Soll die Gluth denn ewig,
+Vorsätzlich angefacht, mit Höllenschwefel
+Genährt, mir auf der Selle marternd brennen?
+
+Iphigenie.
+Ich bringe füßes Rauchwerk in die Flamme.
+O laß den reinen Hauch der Liebe dir
+Die Gluth des Busens leise wehend kühlen.
+Orest, mein Theurer, kannst du nicht vernehmen?
+Hat das Geleit der Schreckensgötter so
+Das Blut in deinen Adern aufgetrocknet?
+Scheicht, wie vom Haupt der gräßlichen Gorgone,
+Versteinernd dir ein Zauber durch die Glieder?
+O wenn vergoss'nen Mutterblutes Stimme
+Zur Höll' hinab mit dumpfen Tönen ruft;
+Soll nicht der reinen Schwester Segenswort
+Hülfreiche Götter von Olympus rufen?
+
+Orest.
+Es ruft! es ruft! So willst du mein Verderben!
+Verbirgt in dir sich eine Rachegöttin?
+Wer bist du, deren Stimme mir entsetzlich
+Das Innerste in seinen Tiefen wendet?
+
+Iphigenie.
+Es zeigt sich dir im tiefsten Herzen an:
+Orest, ich bin's! Sieh Iphigenien!
+Ich lebe!
+
+Orest.
+ Du!
+
+Iphigenie.
+ Mein Bruder!
+
+Orest.
+ Laß! Hinweg!
+Ich rathe dir, berühre nicht die Locken!
+Wie von Kreusa's Brautkleid zündet sich
+Ein unauslöschlich Feuer von mir fort.
+Laß mich! Wie Hercules will ich Unwürd'ger
+Den Tod voll Schmach, in mich verschlossen, sterben.
+
+Iphigenie.
+Du wirst mich untergehn! O daß ich nur
+Ein ruhig Wort von dir vernehmen könnte!
+O löße meine Zweifel, laß des Glückes,
+Des lang erflehten, mich auch sicher werden.
+Es wälzet sich ein Rad von Freud' und Schmerz
+Durch meine Seele. Von dem fremden Manne
+Entfernet mich ein Schauer; doch es reißt
+Mein Innerstes gewaltig mich zum Bruder.
+
+Orest.
+Ist hier Lyäens Tempel? und ergreift
+Unbändig-heil'ge Wuth die Priesterin?
+
+Iphigenie.
+O höre mich! O sieh mich an, wie mir
+Nach einer langen Zeit das Herz sich öffnet,
+Der Seligkeit, dem Liebsten, was die Welt
+Noch für mich tragen kann, das Haupt zu küssen,
+Mit meinen Armen, die den leeren Winden
+Nur ausgebreitet waren, dich zu fassen!
+O laß mich! Laß mich! Denn es quillet heller
+Nicht vom Parnaß die ew'ge Quelle sprudelnd
+Von Fels zu Fels in's goldne Thal hinab,
+Wie Freude mir vom Herzen wallend fließt,
+Und wie ein selig Meer mich rings umfängt.
+Orest! Orest! Mein Bruder!
+
+Orest.
+ Schöne Nymphe,
+Ich traue dir und deinem Schmeicheln nicht.
+Diana fordert strenge Dienerinnen
+Und rächet das entweihte Heiligthum.
+Entferne deinen Arm von meiner Brust!
+Und wenn du einen Jüngling rettend lieben,
+Das schöne Glück ihm zärtlich bieten willst,
+So wende meinem Freunde dein Gemüth,
+Dem würd'gern Manne zu. Er irrt umher
+Auf jenem Felsenpfade; such' ihn auf,
+Weis' ihn zurecht und schone meiner.
+
+Iphigenie.
+ Fasse
+Dich, Bruder, und erkenne die Gefundne!
+Schilt einer Schwester reine Himmelsfreude
+Nicht unbesonnene, strafbare Luft.
+O nehmt den Wahn ihm von dem sterren Auge,
+Daß uns der Augenblick der höchsten Freude
+Nicht dreifach elend mache! Sie ist hier,
+Die längst verlorne Schwester. Vom Altar
+Riß mich die Göttin weg und rettete
+Hierher mich in ihr eigen Heiligthum.
+Gefangen bist du, dargestellt zum Opfer,
+Und findest in der Priesterin die Schwester.
+
+Orest.
+Unselige! So mag die Sonne denn
+Die letzten Gräuel unsers Hauses sehn!
+Ist nicht Elektra hier? damit auch sie
+Mit uns zu Grunde gehe, nicht ihr Leben
+Zu schwererem Geschick und Leiden friste.
+Gut, Priesterin! Ich folge zum Altar:
+Der Brudermord ist hergebrachte Sitte
+Des alten Stammes; und ich danke, Götter,
+Daß ihr mich ohne Kinder auszurotten
+Beschlossen habt. Und laß dir rathen, habe
+Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne;
+Komm, folge mir in's dunkle Reich hinab!
+Wie sich vom Schwefelpfuhl erzeugte Drachen
+Bekämpfend die verwandte Brut verschlingen,
+Zerstört sich selbst das wüthende Geschlect;
+Komm kinderlos und schuldlos mit hinab!
+Du siehst mich mit Erbarmen an? Laß ab!
+Mit solchen Blicken suchte Klytämnestra
+Sich einen Weg nach ihres Sohnes Herzen;
+Doch sein geschwungner Arm traf ihre Brust.
+Die Mutter fiel!--Tritt auf, unwill'ger Geist!
+Im Kreis geschlossen tretet an, ihr Furien,
+Und wohnet dem willkommnen Schauspiel bei,
+Dem letzten, gräßlichsten, das ihr bereitet!
+Nicht Haß und Rache schärfen ihren Dolch;
+Die liebevolle Schwester wird zur That
+Gezwungen. Weine nicht! Du hast nicht Schuld.
+Seit meinen ersten Jahren hab' ich nichts
+Geliebt, wie ich dich lieben könnte, Schwester.
+Ja, schwinge deinen Stahl, verschone nicht,
+Zerreiße diesen Busen, und eröffne
+Den Strömen die hier sieden einen Weg!
+ (Er sinkt in Ermattung.)
+
+Iphigenie.
+Allein zu tragen dieses Glück und Elend
+Vermag ich nicht.--Wo bist du, Pylades?
+Wo find' ich deine Hülfe, theurer Mann?
+ (Sie entfernt sich suchend.)
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+Orest
+(aus seiner Betäubung erwachend und sich aufrichtend).
+
+Noch Einen! reiche mir aus Lethe's Fluthen
+Den letzten kühlen Becher der Erquickung!
+Bald ist der Krampf des Lebens aus dem Busen
+Hinweggespült; bald fließet still mein Geist,
+Der quelle des Vergessens hingegeben,
+Zu euch, ihr Schatten, in die ew'gen Nebel.
+Gefällig laßt in eurer Ruhe sich
+Den umgetriebnen Sohn der Erde laben!--
+Welch ein Gelispel hör' ich in den Zweigen,
+Welch ein Geräusch aus jener Dämmrung säuseln?--
+Sie kommen schon, den neuen Gast zu sehn!
+Wer ist die Schaar, die herrlich mit einander
+Wie ein versammelt Fürstenhaus sich freut?
+Sie gehen friedlich, Alt' und Junge, Männer
+Mit Weibern; göttergleich und ähnlich scheinen
+Die wandelnden Gestalten. Ja, sie sind's,
+Die Ahnherrn meines Hauses!--Mit Thyesten
+Geht Atreus in vertraulichen Gesprächen;
+Die Knaben schlüpfen scherzend um sie her.
+Ist keine Feindschaft hier mehr unter euch?
+Verlosch die Rache wie das Licht der Sonne?
+So bin auch ich willkommen, und ich darf
+In euern feierlichen Zug mich mischen.
+Willkommen, Väter! euch grüßt Orest,
+Von euerm Stamme der letzte Mann;
+Was ihr gesät, hat er geerntet:
+Mit Fluch beladen stieg er herab,
+Doch leichter träget sich hier jede Bürde:
+Nehmt ihn, o nehmt ihn in euern Kreis!--
+Dich, Altreus, ehr' ich, auch dich Thyesten:
+Wir sind hier alle der Feindschaft los.--
+Zeigt mir den Vater, den ich nur einmal
+Im Leben sah!--Bist du's, mein Vater?
+Und führst die Mutter vertraut mit dir?
+Darf Klytämnestra die hand dir reichen;
+So darf Orest auch zu ihr treten
+Und darf ihr sagen: sieh deinen Sohn!--
+Seht euern Sohn! Heißt ihn willkommen.
+Auf Erden war in unserm Hause
+Der Gruß des Mordes gewisse Losung,
+Und das Geschlect des alten Tantalus
+Hat seine Freuden jenseits der Nacht.
+Ihr ruft: Willkommen! und nehmt mich auf!
+O führt zum Alten, zum Ahnherrn mich!
+Wo ist der Alte? daß ich ihn sehe,
+Das theure Haupt, das vielverehrte,
+Das mit den Göttern zu Rathe saß.
+Ihr scheint zu zaudern, euch wegzuwenden?
+Was ist es? leidet der Göttergleiche?
+Weh mir! es haben die Übermächt'gen
+Der Heldenbrust grausame Qualen
+Mit ehrnen Ketten fest aufgeschmiedet.
+
+
+Dritter Auftritt.
+
+Orest. Iphigenie. Pylades.
+
+Orest.
+Seid ihr auch schon herabgekommen?
+Wohl Schwester dir! Noch fehlt Elektra:
+Ein güt'ger Gott send' uns die Eine
+Mit sanften Pfeilen auch schnell herab.
+Dich, armer Freund, muß ich bedauern!
+Komm mit! komm mit! zu Pluto's Thron,
+Als neue Gäste den Wirth zu grüßen.
+
+Iphigenie.
+Geschwister, die ihr an dem weiten Himmel
+Das schöne Licht bei Tag und Nacht herauf
+Den Menschen bringet, und den Abgeschiednen
+Nicht leuchten dürfet, rettet uns Geschwister!
+Du liebst, Diane, deinen holden Bruder
+Vor allem, was dir Erd' und Himmel bietet,
+Und wendest dein jungfräulich Angesicht
+Nach seinem ew'gen Lichte sehnend still.
+O laß den einz'gen Spätgefundnen mir
+Nicht in der Finsterniß des Wahnsinns rasen!
+Und ist dein Wille, da du hier mich bargst,
+Nunmehr vollendet, willst du mir durch ihn
+Und ihm durch mich die sel'ge Hülfe geben;
+So lös' ihn von den Banden jenes Fluchs,
+Daß nicht die theure Zeit der Rettung schwinde.
+
+Pylades.
+Erkennst du uns und diesen heil'gen Hain
+Und dieses Licht, das nicht den Todten leuchtet?
+Fühlst du den Arm des Freundes und der Schwester,
+Die dich noch fest, noch lebend halten? Faß
+Uns kräftig an; wir sind nicht leere Schatten.
+Merk' auf mein Wort! Vernimm es! Raffe dich
+Zusammen! Jeder Augenblick ist theuer,
+Und unsre Rückkehr hängt an zarten Fäden,
+Die, scheint es, eine günst'ge Parze spinnt.
+
+Orest.
+Laß mich zum Erstenmal mit freiem Herzen
+In deinen Armen reine Freude haben!
+Ihr Götter, die mit flammender Gewalt
+Ihr schwere Wolken aufzuzehren wandelt,
+Und gnädig-ernst den lang erflehten Regen
+Mit Donnerstimmen und mit Windesbrausen
+In wilden Strömen auf die Erde schüttet,
+Doch bald der Menschen grausendes Erwarten
+In Segen auflös't und das bange Staunen
+In Freudeblick und lauten Dank verwandelt,
+Wenn in den Tropfen frischerquickter Blätter
+Die neue Sonne tausendfach sich spiegelt,
+Und Iris freundlich bunt mit leichter Hand
+Den grauen Flor der letzten Wolken trennt;
+O laßt mich auch in meiner Schwester Armen,
+An meines Freundes Brust, was ihr mir gönnt
+Mit vollem Dank genießen und behalten.
+Es löset sich der Fluch, mir sagt's das Herz.
+Die Eumeniden ziehn, ich höre sie,
+Zum Tartarus und schlagen hinter sich
+Die ehrnen Thore fernabdonnernd zu.
+Die Erde dampft erquickenden Geruch
+Und ladet mich auf ihren Flächen ein,
+Nach Lebensfreud' und großer That zu jagen.
+
+Pylades.
+Versäumt die Zeit nicht, die gemessen ist!
+Der Wind der unsre Segel schwellt, er bringe
+Erst unsre volle Freude zum Olymp.
+Kommt! Es bedarf hier schnellen Rath und Schluß.
+
+
+
+Vierter Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Iphigenie.
+Denken die Himmlischen
+Einem der Erdgebornen
+Viele Verwirrungen zu,
+Und bereiten sie ihm
+Von der Freude zu Schmerzen
+Und von Schmerzen zur Freude
+Tief-erschütternden Übergang;
+Dann erziehen sie ihm
+In der Nähe der Stadt,
+Oder am fernen Gestade,
+Daß in Stunden der Noth
+Auch die Hülfe bereit sei,
+Einen ruhigen Freund.
+O segnet, Götter, unsern Pylades
+Und was er immer unternehmen mag!
+Er ist der Arm des Jünglings in der Schlacht,
+Des Greises leuchtend Aug' in der Versammlung:
+Denn seine Seel' ist stille; sie bewahrt
+Der Ruhe heil'ges unerschöpftes Gut,
+Und den Umhergetriebnen reichet er
+Aus ihren Tiefen Rath und Hülfe. Mich
+Riß er vom Bruder los; den staunt' ich an
+Und immer wieder an, und konnte mir
+Das Glück nicht eigen machen, ließ ihn nicht
+Aus meinen Armen los, und fühlte nicht
+Die Nähe der Gefahr die uns umgibt.
+Jetzt gehn sie ihren Anschlag auszuführen
+Der See zu, wo das Schiff mit den Gefährten
+In einer Bucht versteckt auf's Zeichen lauert,
+Und haben kluges Wort mir in den Mund
+Gegeben, mich gelehrt was ich dem König
+Antworte, wenn er sendet und das Opfer
+Mir dringender gebietet. Ach! ich sehe wohl,
+Ich muß mich leiten lassen wie ein Kind.
+Ich habe nicht gelernt zu hinterhalten
+Noch jemand etwas abzulisten. Weh!
+O weh der Lüge! Sie befreiet nicht,
+Wie jedes andre wahrgesprochne Wort,
+Die Brust; sie macht uns nicht getrost, sie ängstet
+Den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt,
+Ein losgedruckter Pfeil, von einem Gotte
+Gewendet und versagend, sich zurück
+Und trifft den Schützen. Sorg' auf Sorge schwankt
+Mir durch die Brust. Es greift die Furie
+Vielleicht den Bruder auf dem Boden wieder
+Des ungeweihten Ufers grimmig an.
+Entdeckt man sie vielleicht? Mich dünkt, ich höre
+Gewaffnete sich nahen!--Hier!--Der Bote
+Kommt von dem Könige mit schnellem Schritt,
+Es schlägt mein Herz, es trübt sich meine Seele,
+Da ich des Mannes Angesicht erblicke,
+Dem ich mit falschem Wort begegnen soll.
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+
+Iphigenie. Arkas.
+
+Arkas.
+Beschleunige das Opfer, Priesterin!
+Der König wartet und es harrt das Volk.
+
+Iphigenie.
+Ich folgte meiner Pflicht und deinem Wink,
+Wenn unvermuthet nicht ein Hinderniß
+Sich zwischen mich und die Erfüllung stellte.
+
+Arkas.
+Was ist's, das den Befehl des Königs hindert?
+
+Iphigenie.
+Der Zufall, dessen wir nicht Meister sind.
+
+Arkas.
+So sage mir's, daß ich's ihm schnell vermelde:
+Denn er beschloß bei sich der beiden Tod.
+
+Iphigenie.
+Die Götter haben ihn noch nicht beschlossen.
+Der ält'ste dieser Männer trägt die Schuld
+Des nahverwandten Bluts, das er vergoß.
+Die Furien verfolgen seinen Pfad,
+Ja in dem innern Tempel faßte selbst
+Das Übel ihn, und seine Gegenwart
+Entheiligte die reine Stätte. Nun
+Eil' ich mit meinen Jungfraun, an dem Meere
+Der Göttin Bild mit frischer Welle netzend,
+Geheimnißvolle Weihe zu begehn.
+Es störe niemand unsern stillen Zug!
+
+Arkas.
+Ich melde dieses neue Hinderniß
+Dem Könige geschwind; beginne du
+Das heil'ge Werk nicht eh' bis er's erlaubt.
+
+Iphigenie.
+Dieß ist allein der Priestrin überlassen.
+
+Arkas.
+Solch seltnen Fall soll auch der König wissen.
+
+Iphigenie.
+Sein Rath wie sein Befehl verändert nichts.
+
+Arkas.
+Oft wird der Mächtige zum Schein gefragt.
+
+Iphigenie.
+Erdringe nicht, was ich versagen sollte.
+
+Arkas.
+Versage nicht, was gut und nützlich ist.
+
+Iphigenie.
+Ich gebe nach, wenn du nicht säumen willst.
+
+Arkas.
+Schnell bin ich mit der Nachricht in dem Lager,
+Und schnell mit seinen Worten hier zurück.
+O könnt' ich ihm noch eine Botschaft bringen,
+Die alles lös'te, was uns jetzt verwirrt:
+Denn du hast nicht des Treuen Rath geachtet.
+
+Iphigenie.
+Was ich vermochte, hab' ich gern gethan.
+
+Arkas.
+Noch änderst du den Sinn zur rechten Zeit.
+
+Iphigenie.
+Das steht nun einmal nicht in unsrer Macht.
+
+Arkas.
+Du hältst unmöglich, was dir Mühe kostet.
+
+Iphigenie.
+Dir scheint es möglich, weil der Wunsch dich trügt.
+
+Arkas.
+Willst du denn alles so gelassen wagen?
+
+Iphigenie.
+Ich hab' es in der Götter Hand gelegt.
+
+Arkas.
+Sie pflegen Menschen menschlich zu erretten.
+
+Iphigenie.
+Auf ihren Fingerzeig kömmt alles an.
+
+Arkas.
+Ich sage dir, es liegt in deiner Hand.
+Des Königs aufgebrachter Sinn allein
+Bereitet diesen Fremden bittern Tod.
+Das Heer entwöhnte längst vom harten Opfer
+Und von dem blut'gen Dienste sein Gemüth.
+Ja, mancher, den ein widriges Geschick
+An fremdes Ufer trug, empfand es selbst,
+Wie göttergleich dem armen Irrenden,
+Umhergetrieben an der fremden Gränze,
+Ein freundlich Menschenangesicht begegnet.
+O wende nicht von uns was du vermagst!
+Du endest leicht was du begonnen hast:
+Denn nirgends baut die Milde, die herab
+In menschlicher Gestalt vom Himmel kommt,
+Ein Reich sich schneller, als wo trüb und wild
+Ein neues Volk, voll Leben, Muth und Kraft,
+Sich selbst und banger Ahnung überlassen,
+Des Menschenlebens schwere Bürden trägt.
+
+Iphigenie.
+Erschüttre meine Seele nicht, die du
+Nach deinem Willen nicht bewegen kannst.
+
+Arkas.
+So lang es Zeit ist, schont man weder Mühe
+Noch eines guten Wortes Wiederholung.
+
+Iphigenie.
+Du machst dir Müh und mir erregst du Schmerzen:
+Vergebens beides: darum laß mich nun.
+
+Arkas.
+Die Schmerzen sind's, die ich zu Hülfe rufe:
+Denn es sind Freunde, Gutes rathen sie.
+
+Iphigenie.
+Sie fassen meine Seele mit Gewalt,
+Doch tilgen sie den Widerwillen nicht.
+
+Arkas.
+Fühlt eine schöne Seele Widerwillen
+Für eine Wohlthat, die der Edle reicht?
+
+Iphigenie.
+Ja, wenn der Edle, was sich nicht geziemt,
+Statt meines Dankes mich erwerben will.
+
+Arkas.
+Wer keine Neigung fühlt, dem mangelt es
+An einem Worte der Entschuld'gung nie.
+Dem Fürsten sag' ich an, was hier geschehn.
+O wiederholtest du in deiner Seele,
+Wie edel er sich gegen dich betrug
+Von deiner Ankunft an bis diesen Tag.
+
+
+Dritter Auftritt.
+
+Iphigenie (allein).
+
+Von dieses Mannes Rede fühl' ich mir
+Zur ungelegnen Zeit das Herz im Busen
+Auf einmal umgewendet. Ich erschrecke!--
+Denn wie die Fluth mit schnellen Strömen wachsend
+Die Felsen überspült, die in dem Sand
+Am Ufer liegen: so bedeckte ganz
+Ein Freudenstrom mein Innerstes. Ich hielt
+In meinen Armen das Unmögliche.
+Es schien sich eine Wolke wieder sanft
+Um mich zu legen, von der Erde mich
+Empor zu heben und in jenen Schlummer
+Mich einzuwiegen, den die gute Göttin
+Um meine Schläfe legte, da ihr Arm
+Mich rettend faßte.--Meinen Bruder
+Ergriff das Herz mit einziger Gewalt:
+Ich horchte nur auf seines Freundes Rath;
+Nur sie zu retten drang die Seele vorwärts.
+Und wie den Klippen einer wüsten Insel
+Der Schiffer gern den Rücken wendet: so
+Lag Tauris hinter mir. Nun hat die Stimme
+Des treuen Manns mich wieder aufgeweckt,
+Daß ich auch Menschen hier verlasse, mich
+Erinnert. Doppelt wird mir der Betrug
+Verhaßt. O bleibe ruhig, meine Seele!
+Beginnst du nun zu schwanken und zu zweifeln?
+Den festen Boden deiner Einsamkeit
+Mußt du verlassen! wieder eingeschifft
+Ergreifen dich die Wellen schaukelnd, trüb
+Und bang verkennest du die Welt und dich.
+
+
+Vierter Auftritt.
+
+Iphigenie. Pylades.
+
+Pylades.
+Wo ist sie? daß ich ihr mit schnellen Worten
+Die frohe Botschaft unsrer Rettung bringe!
+
+Iphigenie.
+Du siehst mich hier voll Sorgen und Erwartung
+Des sichern Trostes, den du mir versprichst.
+
+Pylades.
+Dein Bruder ist geheilt! Den Felsenboden
+Des ungeweihten Ufers und den Sand
+Betraten wir mit fröhlichen Gesprächen;
+Der Hain blieb hinter uns, wir merkten's nicht.
+Und herrlicher und immer herrlicher
+Umloderte der Jugend schöne Flamme
+Sein lockig Haupt; sein volles Auge glühte
+Von Muth und Hoffnung, und sein freies Herz
+Ergab sich ganz der Freude, ganz der Lust,
+Dich, seine Retterin, und mich zu retten.
+
+Iphigenie.
+Gesegnet seist du, und es möge nie
+Von deiner Lippe, die so Gutes sprach,
+Der Ton des Leidens und der Klage tönen!
+
+Pylades.
+Ich bringe mehr als das; denn schön begleitet,
+Gleich einem Fürsten, pflegt das Glück zu nahn,
+Auch die Gefährten haben wir gefunden.
+In einer Felsenbucht verbargen sie
+Das Schiff und saßen traurig und erwartend.
+Sie sahen deinen Bruder, und es regten
+Sich alle jauchzend, und sie baten dringend
+Der Abfahrt Stunde zu beschleunigen.
+Es sehnet jede Faust sich nach dem Ruder,
+Und selbst ein Wind erhob vom Lande lispelnd,
+Von allen gleich bemerkt, die holden Schwingen.
+Drum laß uns eilen, führe mich zum Tempel,
+Laß mich das Heiligthum betreten, laß
+Mich unsrer Wünsche Ziel verehrend fassen.
+Ich bin allein genug, der Göttin Bild
+Auf wohl geübten Schultern wegzutragen;
+Wie sehn' ich mich nach der erwünschten Last!
+
+(Er geht gegen den Tempel unter den letzten Worten,
+ohne zu bemerken, daß Iphigenie nicht solgt; endlich
+kehrt er sich um)
+
+Du stehst und zauderst--Sage mir--Du schweigst!
+Du scheinst verworren! Widersetzet sich
+Ein neues Unheil unserm Glück? Sag' an!
+Hast du dem Könige das kluge Wort
+Vermelden lassen, das wir abgeredet?
+
+Iphigenie.
+Ich habe, theurer Mann; doch wirst du schelten.
+Ein schweigender Verweis war mir dein Anblick.
+Des Königs Bote kam, und wie du es
+Mir in den Mund gelegt, so sagt' ich's ihm.
+Er schien zu staunen, und verlangte dringend
+Die seltne Feier erst dem Könige
+Zu melden, seinen Willen zu vernehmen;
+Und nun erwart' ich seine Wiederkehr.
+
+Pylades.
+Weh uns! Erneuert schwebt nun die Gefahr
+Um unsre Schläfe! Warum hast du nicht
+In's Priesterecht dich weislich eingehüllt?
+
+Iphigenie.
+Als eine Hülle hab' ich's nie gebraucht.
+
+Pylades.
+So wirst du, reine Seele, dich und uns
+Zu Grunde richten. Warum dacht' ich nicht
+Auf diesen Fall voraus, und lehrte dich
+Auch dieser Fordrung auszuweichen!
+
+Iphigenie.
+ Schilt
+Nur mich, die Schuld ist mein, ich fühl' es wohl;
+Doch konnt' ich anders nicht dem Mann begegnen,
+Der mit Vernunft und Ernst von mir verlangte,
+Was ihm mein Herz als Recht gestehen mußte.
+
+Pylades.
+Gefährlicher zieht sich's zusammen; doch auch so
+Laß uns nicht zagen, oder unbesonnen
+Und übereilt uns selbst verrathen. Ruhig
+Erwarte du die Wiederkunft des Boten,
+Und dann steh fest, er bringe was er will:
+Denn solcher Weihung Feier anzuordnen
+Gehört der Priesterin und nicht dem König.
+Und fordert er den fremden Mann zu sehn,
+Der von dem Wahnsinn schwer belastet ist;
+So lehn' es ab, als hieltest du uns beide
+Im Tempel wohl verwahrt. So schaff' uns Luft,
+Daß wir auf's eiligste, den heil'gen Schatz
+Dem rauh unwürd'gen Volk entwendend, fliehn.
+Die besten Zeichen sendet uns Apoll,
+Und, eh' wir die Bedingung fromm erfüllen,
+Erfüllt er göttlich sein Versprechen schon.
+Orest ist frei, geheilt!--Mit dem Befreiten
+O führet uns hinüber, günst'ge Winde,
+Zur Felsen-Insel die der Gott bewohnt;
+Dann nach Mycen, daß es lebendig werde,
+Daß von der Asche des verloschnen Herdes
+Die Vatergötter fröhlich sich erheben,
+Und schönes Feuer ihre Wohnungen
+Umleuchte! Deine Hand soll ihnen Weihrauch
+Zuerst aus goldnen Schalen streuen. Du
+Bringst über jene Schwelle Heil und Leben wieder,
+Entfühnst den Fluch und schmückest neu die Deinen
+Mit frischen Lebensblüthen herrlich aus.
+
+Iphigenie.
+Vernehm' ich dich, so wendet sich, o Theurer,
+Wie sich die Blume nach der Sonne wendet,
+Die Seele, von dem Strahle deiner Worte
+Getroffen, sich dem füßen Troste nach.
+Wie köstlich ist des gegenwärt'gen Freundes
+Gewisse Rede, deren Himmelskraft
+Ein Einsamer entbehrt und still verfinkt.
+Denn langsam reift, verschlossen in dem Busen,
+Gedank' ihm und Entschluß; die Gegenwart
+Des Liebenden entwickelte sie leicht.
+
+Pylades.
+Leb' wohl! Die Freunde will ich nun geschwind
+Beruhigen, die sehnlich wartend harren.
+Dann komm' ich schnell zurück und lausche hier
+Im Felsenbusch versteckt auf deinen Wink--
+Was sinnest du? Auf einmal überschwebt
+Ein stiller Trauerzug die freie Stirne.
+
+Iphigenie.
+Verzeih! Wie leicht Wolken vor der Sonne,
+So zieht mir vor der Seele leichte Sorge
+Und Bangigkeit vorüber.
+
+Pylades.
+ Fürchte nicht!
+Betrüglich schloß die Furcht mit der Gefahr
+Ein enges Bündniß; beide sind Gesellen.
+
+Iphigenie.
+Die Sorge nenn' ich edel, die mich warnt,
+Den König, der mein zweiter Vater ward,
+Nicht tückish zu betrügen, zu berauben.
+
+Pylades.
+Der deinen Bruder schlachtet, dem entfliehst du.
+
+Iphigenie.
+Es ist derselbe, der mir Gutes that.
+
+Pylades.
+Das ist nicht Undank, was die Noth gebeut.
+
+Iphigenie.
+Es bleibt wohl Undank; nur die Noth entschuldigt.
+
+Pylades.
+Vor Göttern und vor Menschen dich gewiß.
+
+Iphigenie.
+Allein mein eigen Herz ist nicht befriedigt.
+
+Pylades.
+Zu strenge Fordrung ist verborgner Stolz.
+
+Iphigenie.
+Ich untersuche nicht, ich fühle nur.
+
+Pylades.
+Fühlst du dich recht, so mußt du dich verehren.
+
+Iphigenie.
+Ganz unbefleckt genießt sich nur das Herz.
+
+Pylades.
+So hast du dich im Tempel wohl bewahrt;
+Da Leben lehrt uns, weniger mit uns
+Und andern strenge sein; du lernst es auch.
+So wunderbar ist dieß Geschlect gebildet,
+So vielfach ist's verschlungen und verknüpft,
+Daß keiner in sich selbst, noch mit den andern
+Sich rein und unverworren halten kann.
+Auch sind wir nicht bestellt uns selbst zu richten;
+Zu wandeln und auf seinen Weg zu sehen
+Ist eines Menschen erste, nächste Pflicht:
+Denn selten schätzt er recht was er gethan,
+Und was er thut weiß er fast nie zu schätzen.
+
+Iphigenie.
+Fast überred'st du mich zu deiner Meinung.
+
+Pylades.
+Braucht's Überredung, wo die Wahl versagt ist?
+Den Bruder, dich, und einen Freund zu retten
+Ist nur Ein Weg; fragt sich's ob wir ihn gehen?
+
+Iphigenie.
+O laß mich zaudern! denn du thätest selbst
+Ein solches Unrecht keinem Mann gelassen,
+Dem du für Wohlthat dich verpflichtet hieltest.
+
+Pylades.
+Wenn wir zu Grunde gehen, wartet dein
+Ein härtrer Vorwurf, der Verzweiflung trägt.
+Man sieht, du bist nicht an Verlust gewohnt,
+Da du dem großen Übel zu entgehen
+Ein falsches Wort nicht einmal opfern willst.
+
+Iphigenie.
+O trüg' ich doch ein männlich Herz in mir!
+Das, wenn es einen kühnen Vorsatz hegt,
+Vor jeder andern Stimme sich verschließt.
+
+Pylades.
+Du weigerst dich umsonst; die ehrne Hand
+Der Noth gebietet, und ihr ernster Wink
+Ist oberstes Gesetz, dem Götter selbst
+Sich unterwerfen müssen. Schweigend herrscht
+Des ew'gen Schicksals unberathne Schwester.
+Was sie dir auferlegt, das trage: thu'
+Was sie gebeut. Das Andre weißt du. Bald
+Komm' ich zurück, aus deiner heil'gen Hand
+Der Rettung schönes Siegel zu empfangen.
+
+
+Fünfter Auftritt.
+
+Iphigenie (allein).
+Ich muß ihm folgen: denn die Meinigen
+Seh' ich in dringender Gefahr. Doch ach!
+Mein eigen Schicksal macht mir bang und bänger.
+O soll ich nicht die stille Hoffnung retten,
+Die in der Einsamkeit ich schön genährt?
+Soll dieser Fluch denn ewig walten? Soll
+Nie dieß Geschlect mit einem neuen Segen
+Sich wieder heben?--Nimmt doch alles ab!
+Das beste Glück, des Lebens schönste Kraft
+Ermattet endlich, warum nicht der Fluch?
+So hofft' ich denn vergebens, hier verwahrt,
+Von meines Hauses Schicksal abgeschieden,
+Dereinst mit reiner Hand und reinem Herzen
+Die schwer befleckte Wohnung zu entfühnen!
+Kaum wird in meinen Armen mir ein Bruder
+Vom grimm'gen Übel wundervoll und schnell
+Geheilt, kaum naht ein lang erflehtes Schiff,
+Mich in den Port der Vaterwelt zu leiten,
+So legt die taube Noth ein doppelt Laster
+Mit ehrner Hand mir auf: das heilige
+Mir anvertraute, viel verehrte Bild
+Zu rauben und den Mann zu hintergehn,
+Dem ich mein Leben und mein Schicksal danke.
+O daß in meinem Busen nicht zuletzt
+Ein Widerwille keime! der titanen
+Der alten Götter tiefer Haß auf euch,
+Olympier, nicht auch die zarte Brust
+Mit Geierklauen fasse! Rettet mich
+Und rettet euer Bild in meiner Seele!
+
+Vor meinen Ohren tönt das alte Lied--
+Vergessen hatt' ich's und vergaß es gern--
+Das Lied der Parzen, das sie grausend sangen,
+Als Tantalus vom goldnen Stuhle fiel:
+Sie litten mit dem edeln Freunde; grimmig
+War ihre Brust, und furchtbar ihr Gesang.
+In unsrer Jugend sang's die Amme mir
+Und den Geschwistern vor, ich merkt es wohl.
+
+ Es fürchte die Götter
+ Das Menschengeschlect!
+ Sie halten die Herrschaft
+ In ewigen Händen,
+ Und können sie brauchen
+ Wie's ihnen gefällt.
+
+ Der Fürchte sie doppelt,
+ Den je sie erheben!
+ Auf Klippen und Wolken
+ Sind Stühle bereitet
+ Um goldene Tische.
+
+ Erhebet ein Zwist sich:
+ So stürzen die Gäste
+ Geschmäht und geschändet
+ In nächtliche Tiefen,
+ Und harren vergebens,
+ Im Finstern gebunden,
+ Gerechten Gerechtes.
+
+ Sie aber, sie bleiben
+ In ewigen Festen
+ An goldenen Tischen.
+ sie schreiten vom Berge
+ Zu Bergen hinüber:
+ Aus Schlünden der Tiefe
+ Dampft ihnen der Athem
+ Erstickter Titanen,
+ Gleich Opfergerüchen,
+
+ Ein leichtes Gewölke.
+
+ Es wenden die Herrscher
+ Ihr segnendes Auge
+ Von ganzen Geschlechtern,
+ Und meiden, im Enkel
+ Die ehmals Geliebten
+ Still redenden Züge
+ Des Ahnherrn zu sehn.
+
+ So sangen die Parzen;
+ Es horcht der Verbannte
+ In nächtlichen Höhlen
+ Der Alte die Lieder,
+ Denkt Kinder und Enkel
+ Und schüttelt das Haupt.
+
+
+
+Fünfter Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Thoas. Arkas.
+
+Arkas.
+Verwirrt muß ich gestehn, daß ich nicht weiß,
+Wohin ich meinen Argwohn richten soll.
+Sind's die Gefangnen, die auf ihre Flucht
+Verstohlen sinnen? Ist's die Priesterin,
+Die ihnen hilft? Es mehrt sich das Gerücht:
+Das Schiff, das diese beiden hergebracht,
+Sei irgend noch in einer Bucht versteckt.
+Und jenes Mannes Wahnsinn, diese Weihe,
+Der heil'ge Vorwand dieser Zögrung, rufen
+Den Argwohn lauter und die Vorsicht auf.
+
+Thoas.
+Es komme schnell die Priesterin herbei!
+Dann geht, durchsucht das Ufer scharf und schnell
+Vom Vorgebirge bis zum Hain der Göttin.
+Verschonet seine heil'gen Tiefen, legt
+Bedächt'gen Hinterhalt und greift sie an;
+Wo ihr sie findet, faßt sie wie ihr pflegt.
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+Thoas (allein).
+
+Entsetzlich wechselt mir der Grimm im Busen;
+Erst gegen sie, die ich so heilig hielt;
+Dann gegen mich, der ich sie zum Verrath
+Durch nachsicht und durch Güte bildete.
+Zur Sklaverei gewöhnt der Mensch sich gut
+Und lernet leicht gehorchen, wenn man ihn
+Der Freiheit ganz beraubt. Ja, wäre sie
+In meiner Ahnherrn rohe Hand gefallen,
+Und hätte sie der heil'ge Grimm verschont:
+Sie wäre froh gewesen, sich allein
+Zu retten, hätte dankbar ihr Geschick
+Erkannt und fremdes Blut vor dem Altar
+Vergossen, hätte Pflicht genannt
+Was Noth war. Nun lockt meine Güte
+In ihrer Brust verwegnen Wunsch herauf.
+Vergebens hofft' ich, sie mir zu verbinden;
+Sie sinnt sich nun ein eigen Schicksal aus.
+Durch Schmeichelei gewann sie mir das Herz:
+Nun widersteh' ich der; so sucht sie sich
+Den Weg durch List und Trug, und meine Güte
+Scheint ihr ein alt verjährtes Eigenthum.
+
+
+Dritter Auftritt.
+
+Iphigenie. Thoas.
+
+Iphigenie.
+Du sorderst mich! was bringt dich zu uns her?
+
+Thoas.
+Du schiebst das Opfer auf; sag' an, warum?
+
+Iphigenie.
+Ich hab' an Arkas alles klar erzählt.
+
+Thoas.
+Von dir möcht' ich es weiter noch vernehmen.
+
+Iphigenie.
+Die Göttin gibt dir Frist zur Überlegung.
+
+Thoas.
+Sie scheint dir selbst gelegen, diese Frist.
+
+Iphigenie.
+Wenn dir das Herz zum grausamen Entschluß
+Verhärtet ist: so solltest du nicht kommen!
+Ein König, der Unmenschliches verlangt,
+Find't Diener g'nug, die gegen Gnag' und Lohn
+Den halben Fluch der That begierig fassen;
+Doch seine Gegenwart bleibt unbefleckt.
+Er sinnt den Tod in einer schweren Wolke,
+Und seine Boten bringen flammendes
+Verderben auf des Armen Haupt hinab;
+Er aber schwebt durch seine Höhen ruhig,
+Ein unerreichter Gott, im Sturme fort.
+
+Thoas.
+Die heil'ge Lippe tönt ein wildes Lied.
+
+Iphigenie.
+Nicht Priesterin! nur Agamemnons Tochter.
+Der Unbekannten Wort verehrtest du;
+Der Fürstin willst du rasch gebieten? Nein!
+Von Jugend auf hab' ich gelernt gehorchen,
+Erst meinen Eltern und dann einer Gottheit,
+Und folgsam fühlt' ich immer meine Seele
+Am schönsten frei; allein dem harten Worte,
+Dem rauhen Ausspruch eines Mannes mich
+Zu fügen, lernt' ich weder dort noch hier.
+
+Thoas.
+Ein alt Gesetz, nicht ich, gebietet dir.
+
+Iphigenie.
+Wir fassen ein Gesetz begierig an,
+Das unsrer Leidenschaft zur Waffe dient.
+Ein andres spricht zu mir, ein älteres,
+Mich dir zu widersetzen, das Gebot,
+Dem jeder Fremde heilig ist.
+
+Thoas.
+Es scheinen die Gefangnen dir sehr nah
+Am Herzen: denn vor Antheil und Bewegung
+Vergissest du der Klugheit erstes Wort,
+Daß man den Mächtigen nicht reizen soll.
+
+Iphigenie.
+Red' oder schweig' ich, immer kannst du wissen,
+Was mir im Herzen ist und immer bleibt.
+Lös't die Erinnerung des gleichen Schicksals
+Nicht ein verschloss'nes Herz zum Mitleid auf?
+Wie mehr denn meins! In ihnen seh' ich mich.
+Ich habe vor'm Altare selbst gezittert,
+Und feierlich umgab der frühe Tod
+Die Knieende; da Messer zuckte schon,
+Den lebenvollen Busen zu durchbohren;
+Mein Innerstes entsetzte wirbelnd sich,
+Mein Auge brach, und--ich fand mich gerettet.
+Sind wir, was Götter gnädig uns gewährt,
+Unglücklichen nicht zu erstatten schuldig?
+Du weißt es, kennst mich, und du willst mich zwingen!
+
+Thoas.
+Gehorche deinem Dienste, nicht dem Herrn.
+
+Iphigenie.
+Laß ab! Beschönige nicht die Gewalt,
+Die sich der Schwachheit eines Weibes freut.
+Ich bin so frei geboren als ein Mann.
+Stünd' Agamemnons Sohn dir gegenüber,
+Und du verlangtest was sich nicht gebührt:
+So hat auch Er ein Schwert und einen Arm,
+Die Rechte seines Busens zu verteid'gen.
+Ich habe nichts als Worte, und es ziemt
+Dem edeln Mann, der Frauen Wort zu achten.
+
+Thoas.
+Ich acht' es mehr als eines Bruders Schwert.
+
+Iphigenie.
+Das Loos der Waffen wechselt hin und her:
+Kein kluger Streiter hält den Feind gering.
+Auch ohne Hülfe gegen Trutz und Härte
+Hat die Natur den Schwachen nicht gelassen.
+Sie gab zur List ihm Freude, lehrt' ihn Künste;
+Bald weicht er aus, verspätet und umgeht.
+Ja, der gewaltige verdient, daß man sie übt.
+
+Thoas.
+Die Vorsicht stellt der List sich klug entgegen.
+
+Iphigenie.
+Und eine reine Seele braucht sie nicht.
+
+Thoas.
+Sprich unbehutsam nicht dein eigen Urtheil.
+
+Iphigenie.
+O sähest du wie meine Seele kämpft,
+Ein bös Geschick, das sie ergreifen will,
+Im ersten Anfall muthig abzutreiben!
+So steh' ich denn hier wehrlos gegen dich?
+Die schöne Bitte, den anmuth'gen Zweig,
+In einer Frauen Hand Gewaltiger
+Als Schwert und Waffe, stößest du zurück:
+Was bleibt mir nun, mein Innres zu verteid'gen?
+Ruf' ich die Göttin um ein Wunder an?
+Ist keine Kraft in meiner Seele Tiefen?
+
+Thoas.
+Es scheint, der beiden Fremden Schicksal nacht
+Unmäßig dich besorgt. Wer sind sie? sprich,
+Für die dein Geist gewaltig sich erhebt?
+
+Iphigenie.
+Sie sind--sie scheinen--für Griechen halt' ich sie.
+
+Thoas.
+Landsleute sind es? und sie haben wohl
+Der Rückkehr schönes Bild in dir erneut?
+
+Iphigenie (nach einigem Stillschweigen).
+Hat denn zur unerhörten That der Mann
+Allein das Recht? Drückt denn Unmögliches
+Nur Er an die gewalt'ge Heldenbrust?
+Was nennt man groß? Was hebt die Seele schaudernd
+Dem immer wiederholenden Erzähler?
+Als was mit unwahrscheinlichem Erfolg
+Der Muthigste begann. Der in der Nacht
+Allein das Heer des Feindes überschleicht,
+Wie unversehen eine Flamme wüthend
+Die Schlafenden, Erwachenden ergreift,
+Zuletzt gedrängt von den Ermunterten
+Auf Feindes Pferden, doch mit Beute kehrt,
+Wird der allein gepriesen? der allein,
+Der, einen sichern Weg verachtend, kühn
+Gebirg' und Wälder durchzustreifen geht,
+Daß er von Räubern eine Gegend säubre?
+Ist uns nichts übrig? Muß ein zartes Weib
+Sich ihres angebornen Rechts entäußern,
+Wild gegen Wilde sein, wie Amazonen
+Das Recht des Schwerts euch rauben und mit Blute
+Die Unterdrückung rächen? Auf und ab
+Steigt in der Brust ein kühnes Unternehmen:
+Ich werde großem Vorwurf nicht entgehn,
+Noch schwerem Übel wenn es mir mißlingt;
+Allein Euch leg' ich's auf die Kniee! Wenn
+Ihr wahrhaft seid, wie ihr gepriesen werdet;
+So zeigt's durch euern Beistand und verherrlicht
+Durch mich die Wahrheit!--Ja, vernimm, o König,
+Es wird ein heimlicher Betrug geschmiedet;
+Vergebens fragst du den Gefangnen nach;
+Sie sind hinweg und suchen ihre Freunde,
+Die mit dem Schiff am Ufer warten, auf.
+Der ält'ste, den das Übel hier ergriffen
+Und nun verlassen hat--es ist Orest,
+Mein Bruder, und der andre sein Vertrauter,
+Sein Jugendfreund, mit Namen Pylades.
+Apoll schickt sie von Delphi diesem Ufer
+Mit göttlichen Befehlen zu, das Bild
+Dianens wegzurauben und zu ihm
+Die Schwester hinzubringen, und dafür
+Verspricht er dem von Furien Verfolgten,
+Des Mutterblutes Schuldigen, Befreiung.
+Uns beide hab' ich nun, die Überbliebnen
+Von Tantals Haus, in deine Hand gelegt:
+Verdirb uns--wenn du darfst.
+
+Thoas.
+ Du glaubst, es höre
+Der rohe Scythe, der Barbar, die Stimme
+Der Wahrheit und der Menschlichkeit, die Atreus,
+Der Grieche, nicht vernahm?
+
+Iphigenie.
+ Es hört sie jeder,
+Geboren unter jedem Himmel, dem
+Des Lebens Quelle durch den Busen rein
+Und ungehindert fließt.--Was sinnst du mir,
+O König, schweigend in der tiefen Seele?
+Ist es Verderben? so tödte mich zuerst!
+Dem nun empfind' ich, da uns keine Rettung
+Mehr übrig bleibt, die gräßliche Gefahr,
+Worein ich die Geliebten übereilt
+Vorsetzlich stürzte. Weh! ich werde sie
+Gebunden vor mir sehn! Mit welchen Blicken
+Kann ich von meinem Bruder Abschied nehmen,
+Den ich ermorde? Nimmer kann ich ihm
+Mehr in die vielgeliebten Augen schaun!
+
+Thoas.
+So haben die Betrüger künstlich-dichtend
+Der lang Verschloss'nen, ihre Wünsche leicht
+Und willig Glaubenden, ein solch Gespinnst
+Um's Haupt geworfen!
+
+Iphigenie.
+ Nein! o König, nein!
+Ich könnte hintergangen werden; diese
+Sind treu und wahr. Wirst du sie anders finden,
+So laß sie fallen und verstoße mich,
+Verbanne mich zur Strafe meiner Thorheit
+An einer Klippen-Insel traurig Ufer.
+Ist aber dieser Mann der lang erflehte,
+Geliebte Bruder: so entlaß uns, sei
+Auch den Geschwistern wie der Schwester freundlich!
+Mein Vater fiel durch seiner Frauen Schuld,
+Und sie durch ihren Sohn. Die letzte Hoffnung
+Von Atreus Stamme ruht auf ihm allein.
+Laß mich mit reinem Herzen, reiner Hand,
+Hinübergehn und unser Haus entsühnen.
+Du hältst mir Wort!--Wenn zu den Meinen je
+Mir Rückkehr zubereitet wäre, schwurst
+Du mich zu lassen; und sie ist es nun.
+Ein König sagt nicht, wie gemeine Menschen,
+Verlegen zu, daß er den Bittenden
+Auf einen Augenblick entferne; noch
+Verspricht er auf den Fall, den er nicht hofft:
+Dann fühlt er erst die Höhe seiner Würde,
+Wenn er den Harrenden beglücken kann.
+
+Thoas.
+Unwillig, wie sich Feuer gegen Wasser
+Im Kampfe wehrt und gischend seinen Feind
+Zu Tilgen sucht, so wehret sich der Zorn
+In meinem Busen gegen deine Worte.
+
+Iphigenie.
+O laß die Gnade, wie das heil'ge Licht
+Der stillen Opferflamme, mir, umkränzt
+Von Lobgesang und Dank und Freude, lodern.
+
+Thoas.
+Wie oft besänftigte mich diese Stimme!
+
+Iphigenie.
+O reiche mir die Hand zum Friedenszeichen.
+
+Thoas.
+Du forderst viel in einer kurzen Zeit.
+
+Iphigenie.
+Um Gut's zu thun braucht's keiner Überlegung.
+
+Thoas.
+Sehr viel! denn auch dem Guten solgt das Übel.
+
+Iphigenie.
+Der Zweifel ist's, der Gutes böse macht.
+Bedenke nicht; gewähre, wie du's fühlst.
+
+
+Vierter Auftritt.
+
+Orest (gewaffnet). Die Vorigen.
+
+Orest (nach der Scene gekehrt).
+Verdoppelt eure Kräfte! Haltet sie
+Zurück! nur wenig Augenblicke! Weicht
+Der Menge nicht, und deckt den Weg zum Schiffe
+Mir und der Schwester.
+ (Zu Iphigenien ohne den König zu sehen.)
+ Komm, wir sind verrathen.
+Geringer Raum bleibt uns zur Flucht. Geschwind!
+ (Er erblickt den König.)
+
+Thoas (nach dem Schwerte greifend).
+In meiner Gegenwart führt ungestraft
+Kein Mann das nackte Schwert.
+
+Iphigenie.
+ Entheiliget
+Der Göttin Wohnung nicht durch Wuth und Mord.
+Gebietet euerm Volke Stillstand, höret
+Die Priesterin, die Schwester.
+
+Orest.
+ Sage mir!
+Wer ist es, der uns droht?
+Iphigenie.
+ Verehr' in ihm
+Den König, der mein zweiter Vater ward!
+Verzeih mir, Bruder! doch mein kindlich Herz
+Hat unser ganz Geschick in seine Hand
+Gelegt. Gestanden hab' ich euern Auschlag
+Und meine Seele vom Verrath gerettet.
+
+Orest.
+Will er die Rückkehr friedlich uns gewähren?
+
+Iphigenie.
+Dein blinkend Schwert verbietet mir die Antwort.
+
+Orest (der das Schwert einsteckt).
+So sprich! Du siehst, ich horche deinen Worten.
+
+
+Fünfter Auftritt.
+
+Die Vorigen. Pylades. Bald nach ihm Arkas.
+
+(Beide mit bloßen Schwertern.)
+
+Pylades.
+Verweilet nicht! Die letzte Kräfte raffen
+Die Unsrigen zusammen; weichend werden
+Sie nach der See langsam zurückgedrängt.
+Welch ein Gespräch der Fürsten sind' ich hier!
+Dieß ist des Königes verehrtes Haupt!
+
+Arkas.
+Gelassen, wie es dir, o König, ziemt,
+Stehst du den Feinden gegenüber. Gleich
+Ist die Verwegenheit bestraft; es weicht
+Und fällt ihr Anhang, und ihr Schiff ist unser.
+Ein Wort von dir, so steht's in Flammen.
+
+Thoas.
+ Geh!
+Gebiete Stillstand meinem Volke! keiner
+Beschädige den Feind, so lang wir reden.
+ (Arkas ab.)
+
+Orest.
+Ich nehm' es an. Geh, sammle, treuer Freund,
+Den Rest des Volkes; harret still, welch Ende
+Die Götter unsern Thaten zubereiten.
+ (Pylades ab.)
+
+
+Sechster Auftritt.
+
+Iphigenie. Thoas. Orest.
+
+Iphigenie.
+Befreit von Sorge mich, eh' ihr zu sprechen
+Beginnet. Ich befürchte bösen Zwist,
+Wenn du, o König, nicht der Billigkeit
+Gelinde Stimme hörest; du, mein Bruder,
+Der raschen Jugend nicht gebieten willst.
+
+Thoas.
+Ich halte meinen Zorn, wie es dem Ältern
+Geziemt, zurück. Antworte mir! Womit
+Bezeugst du, daß du Agamemnons Sohn
+Und Dieser Bruder bist?
+
+Orest.
+ Hier ist das Schwert,
+Mit dem er Troja's tapfre Männer schlug.
+Dies nahm ich seinem Mörder ab und bat
+Die Himmlischen, den Mut und Arm, das Glück
+Des großen Königes mir zu verleihn,
+Und einen schönern Tod mir zu gewähren.
+Wähl' einen aus den Edeln deines Heers
+Und stelle mir den Besten gegenüber.
+So weit die Erde Heldensöhne nährt,
+Ist keinem Fremdling dies Gesuch verweigert.
+
+Thoas.
+Dies Vorrecht hat die alte Sitte nie
+Dem Fremden hier gestattet.
+
+Orest.
+ So beginne
+Die neue Sitte denn von dir und mir!
+Nachahmend heiliget ein ganzes Volk
+Die edle That der Herrscher zum Gesetz.
+Und laß mich nicht allein für unsre Freiheit,
+Laß mich, den Fremden, für die Fremden kämpfen.
+Fall ich, so ist ihr Urtheil mit dem meinen
+Gesprochen; aber gönnet mir das Glück,
+Zu überwinden, so betrete nie
+Ein Mann dies Ufer, dem der schnelle Blick
+Hülfreicher Liebe nicht begegnet, und
+Getröstet scheide jeglicher hinweg!
+
+Thoas.
+Nicht unwerth scheinest du, o Jüngling, mir
+Der Ahnherrn, deren du dich rühmst, zu sein.
+Groß ist die Zahl der edeln, tapfern Männer,
+Die mich begleiten; doch ich stehe selbst
+In meinen Jahren noch dem Feinde, bin
+Bereit, mit dir der Waffen Loos zu wagen.
+
+Iphigenie.
+Mit nichten! Dieses blutigen Beweises
+Bedarf es nicht, o König! Laßt die Hand
+Vom Schwerte! Denkt an mich und mein Geschick.
+Der rasche Kampf verewigt einen Mann:
+Er falle gleich, so preiset ihn das Lied.
+Allein die Thränen, die unendlichen
+Der überbliebnen, der verlass'nen Frau
+Zählt keine Nachwelt, und der Dichter schweigt
+Von tausend durchgeweinten Tag- und Nächten,
+Wo eine stille Seele den verlornen,
+Rasch abgeschiednen Freund vergebens sich
+Zurückzurufen bangt und sich verzehrt.
+Mich selbst hat eine Sorge gleich gewarnt,
+Daß der Betrug nicht eines Räubers mich
+Vom sichern Schutzort reiße, mich der Knechtschaft
+Verrathe. Fleißig hab ich sie befragt,
+Nach jedem Umstand mich erkundigt, Zeichen
+Gefordert, und gewiß ist nun mein Herz.
+Sieh hier an seiner rechten Hand das Mahl
+Wie von drei Sternen, das am Tage schon,
+Da er geboren ward, sich zeigte, das
+Auf schwere That, mit dieser Faust zu üben,
+Der Priester deutete. Dann überzeugt
+Mich doppelt diese Schramme, die ihm hier
+Die Augenbraune spaltet. Als ein Kind
+Ließ ihn Elektra, rasch und unvorsichtig
+Nach ihrer Art, aus ihren Armen stürzen.
+Er schlug auf einen Dreifuß auf--Er ist's--
+Soll ich dir noch die Ähnlichkeit des Vaters,
+Soll ich das innre Jauchzen meines Herzens
+Dir auch als Zeugen der Versichrung nennen?
+
+Thoas.
+Und hübe deine Rede jeden Zweifel
+Und bändigt' ich den Zorn in meiner Brust:
+So würden doch die Waffen zwischen uns
+Entscheiden müssen; Frieden seh' ich nicht.
+Sie sind gekommen, du bekennest selbst,
+Das heil'ge Bild der Göttin mir zu rauben.
+Glaubt ihr, ich sehe dies gelassen an?
+Der Grieche wendet oft sein lüstern Auge
+Den fernen Schätzen der Barbaren zu,
+Dem goldnen Felle, Pferden, schönen Töchtern;
+Doch führte sie Gewalt und List nicht immer
+Mit den erlangten Gütern glücklich heim.
+
+Orest.
+Das Bild, o König, soll uns nicht entzweien!
+Jetzt kennen wir den Irrthum, den ein Gott
+Wie einen Schleier um das Haupt uns legte,
+Da er den Weg hierher uns wandern hieß.
+Um Rath und um Befreiung bat ich ihn
+Von dem Geleit der Furien; er sprach:
+"Bringst du die Schwester, die an Tauris Ufer
+Im Heiligthume wider Willen bleibt,
+Nach Griechenland, so löset sich der Fluch."
+Wir legten's von Apollens Schwester aus,
+Und er gedachte _dich_! Die strengen Bande
+Sind nun gelös't; du bist den Deinen wieder,
+Du Heilige, geschenkt. Von dir berührt,
+War ich geheilt; in deinen Armen faßte
+Das Übel mich mit allen seinen Klauen
+Zum letztenmal und schüttelte das Mark
+Entsetzlich mir zusammen; dann entfloh's
+Wie eine Schlange zu der Höhle. Neu
+Genieß ich nun durch dich das weite Licht
+Des Tages. Schön und herrlich zeigt sich mir
+Der Göttin Rath. Gleich einem heil'gen Bilde,
+Daran der Stadt unwandelbar Geschick
+Durch ein geheimes Götterwort gebannt ist,
+Nahm sie dich weg, dich Schützerin des Hauses;
+Bewahrte dich in einer heil'gen Stille
+Zum Segen deines Bruders und der Deinen.
+Da alle Rettung auf der weiten Erde
+Verloren schien, gibst du uns alles wieder.
+Laß deine Seele sich zum Frieden wenden,
+O König! Hindre nicht, daß sie die Weihe
+Des väterlichen Hauses nun vollbringe,
+Mich der entsühnten Halle wiedergebe,
+Mir auf das Haupt die alte Krone drücke!
+Vergilt den Segen, den sie dir gebracht,
+Und laß des nähern Rechtes mich genießen!
+Gewalt und List, der Männer höchster Ruhm,
+Wird durch die Wahrheit dieser hohen Seele
+Beschämt, und reines kindliches Vertrauen
+Zu einem edeln Manne wird belohnt.
+
+Iphigenie.
+Denk' an dein Wort, und laß durch diese Rede
+Aus einem g'raden, treuen Munde dich
+Bewegen! Sieh uns an! Du hast nicht oft
+Zu solcher edeln That Gelegenheit.
+Versagen kannst du's nicht; gewähr' es bald!
+
+Thoas.
+So geht!
+
+Iphigenie.
+ Nicht so, mein König! Ohne Segen,
+In Widerwillen scheid' ich nicht von dir.
+Verbann' uns nicht! Ein freundlich Gastrecht walte
+Von dir zu uns: so sind wir nicht auf ewig
+Getrennt und abgeschieden. Werth und theuer,
+Wie mir mein Vater war, so bist du's mir,
+Und dieser Eindruck bleibt in meiner Seele.
+Bringt der Geringste deines Volkes je
+Den Ton der Stimme mir in's Ohr zurück,
+Den ich an euch gewohnt zu hören bin,
+Und seh' ich an dem Ärmsten eure Tracht:
+Empfangen will ich ihn wie einen Gott,
+Ich will ihm selbst ein Lager zubereiten,
+Auf einen Stuhl ihn an das Feuer laden,
+Und nur nach dir und deinem Schicksal fragen.
+O geben dir die Götter deiner Thaten
+Und deiner Milde wohlverdienten Lohn!
+Leb' wohl! O wende dich zu uns und gib
+Ein holdes Wort des Abschieds mir zurück!
+Dann schwellt der Wind die Segel sanfter an,
+Und Thränen fließen lindernder vom Auge
+Des Scheidenden. Leb' wohl! und reiche mir
+Zum Pfand der alten Freundschaft deine Rechte.
+
+Thoas.
+Lebt wohl!
+
+
+
+
+
+Ende dieser Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris,
+End of Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe
+
diff --git a/old/iphgn09.zip b/old/iphgn09.zip
new file mode 100644
index 0000000..7f62f94
--- /dev/null
+++ b/old/iphgn09.zip
Binary files differ
diff --git a/old/iphgn10.txt b/old/iphgn10.txt
new file mode 100644
index 0000000..15a84d4
--- /dev/null
+++ b/old/iphgn10.txt
@@ -0,0 +1,3273 @@
+Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe
+#4 in our series by Johann Wolfgang von Goethe
+
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+Copyright laws are changing all over the world, be sure to check
+the copyright laws for your country before posting these files!!
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+We encourage you to keep this file on your own disk, keeping an
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+
+*These Etexts Prepared By Hundreds of Volunteers and Donations*
+
+Information on contacting Project Gutenberg to get Etexts, and
+further information is included below. We need your donations.
+
+
+Iphigenie auf Tauris
+Ein Schauspiel
+
+by Johann Wolfgang von Goethe
+
+January, 2000 [Etext #2054]
+
+
+Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe
+*****This file should be named iphgn10.txt or iphgn10.zip******
+
+Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, iphgn11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, iphgn10a.txt
+
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+This Project Gutenberg Etext was prepared by Michael Pullen
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+
+Project Gutenberg Etexts are usually created from multiple editions,
+all of which are in the Public Domain in the United States, unless a
+copyright notice is included. Therefore, we usually do NOT keep any
+of these books in compliance with any particular paper edition.
+
+
+We are now trying to release all our books one month in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+
+Please note: neither this list nor its contents are final till
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so. To be sure you have an
+up to date first edition [xxxxx10x.xxx] please check file sizes
+in the first week of the next month. Since our ftp program has
+a bug in it that scrambles the date [tried to fix and failed] a
+look at the file size will have to do, but we will try to see a
+new copy has at least one byte more or less.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. This
+projected audience is one hundred million readers. If our value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour this year as we release thirty-six text
+files per month, or 432 more Etexts in 1999 for a total of 2000+
+If these reach just 10% of the computerized population, then the
+total should reach over 200 billion Etexts given away this year.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext
+Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion]
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only ~5% of the present number of computer users.
+
+At our revised rates of production, we will reach only one-third
+of that goal by the end of 2001, or about 3,333 Etexts unless we
+manage to get some real funding; currently our funding is mostly
+from Michael Hart's salary at Carnegie-Mellon University, and an
+assortment of sporadic gifts; this salary is only good for a few
+more years, so we are looking for something to replace it, as we
+don't want Project Gutenberg to be so dependent on one person.
+
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+
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+All donations should be made to "Project Gutenberg/CMU": and are
+tax deductible to the extent allowable by law. (CMU = Carnegie-
+Mellon University).
+
+For these and other matters, please mail to:
+
+Project Gutenberg
+P. O. Box 2782
+Champaign, IL 61825
+
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+This Project Gutenberg Etext was prepared by Michael Pullen
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+
+
+
+
+Iphigenie auf Tauris.
+Ein Schauspiel.
+
+Johann Wolfgang von Goethe
+
+Personen:
+
+Iphigenie.
+Thoas, König der Taurier.
+Orest.
+Pylades.
+Arkas.
+--
+Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel
+
+
+
+Erster Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Iphigenie.
+Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
+Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines,
+Wie in der Göttin stilles Heiligthum
+Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,
+Als wenn ich sie zum erstenmal beträte,
+Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.
+So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen
+Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;
+Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.
+Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten,
+Und an dem Ufer steh' ich lange Tage
+Das Land der Griechen mit der Seele suchend;
+Und gegen meine Seufzer bringt die Welle
+Nur dumpfe Töne brausend mir herüber.
+Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern
+Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram
+Das nächste Glück vor seinen Lippen weg,
+Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken
+Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne
+Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo
+Sich Mitgeborne spielend fest und fester
+Mit sanften Banden an einander knüpften,
+Ich rechte mit den Göttern nicht; allein
+Der Frauen Zustand ist beklagenswerth.
+Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann
+Und in der Fremde weiß er sich zu helfen.
+Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg!
+Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.
+Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück!
+Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen,
+Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar
+Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt!
+So hält mich Thoas hier, ein edler Mann,
+In ernsten, heil'gen Sklavenbanden fest.
+O wie beschämt gesteh' ich, daß ich dir
+Mit stillem Widerwillen diene, Göttin,
+Dir meiner Retterin! Mein Leben sollte
+Zu freiem Dienste dir gewidmet sein.
+Auch hab' ich stets auf dich gehofft und hoffe
+Noch jetzt auf dich, Diana, die du mich,
+Des größten Königes verstoßne Tochter,
+In deinen heil'gen sanften Arm genommen.
+Ja, Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann,
+Den du, die Tochter fordernd, ängstigtest,
+Wenn du den göttergleichen Agamemnon,
+Der dir sein Liebstes zum Altare brachte,
+Von Troja's umgewandten Mauern rühmlich
+Nach seinem Vaterland zurück begleitet,
+Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn,
+Die schönen Schätze, wohl erhalten hast;
+So gib auch mich den Meinen endlich wieder,
+Und rette mich, die du vom Tod errettet,
+Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode!
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+Iphigenie. Arkas.
+
+
+Arkas.
+Der König sendet mich hierher und beut
+Der Priesterin Dianens Gruß und Heil.
+Dieß ist der Tag, da Tauris seiner Göttin
+Für wunderbare neue Siege dankt.
+Ich eile vor dem König und dem Heer,
+Zu melden, daß er kommt und daß es naht.
+
+Iphigenie.
+Wir sind bereit sie würdig zu empfangen,
+Und unsre Göttin sieht willkommnem Opfer
+Von Thoas Hand mit Gnadenblick entgegen.
+
+Arkas.
+O fänd' ich auch den Blick der Priesterin,
+Der werthen, vielgeehrten, deinen Blick,
+O, heil'ge Jungfrau, heller, leuchtender,
+Uns allen gutes Zeichen! Noch bedeckt
+Der Gram geheimnisvoll dein Innerstes;
+Vergebens harren wir schon Jahre lang
+Auf ein vertraulich Wort aus deiner Brust.
+So lang ich dich an dieser Stätte kenne,
+Ist dieß der Blick, vor dem ich immer schaudre;
+Und wie mit Eisenbanden bleibt die Seele
+In's Innerste des Busens dir geschmiedet.
+
+Iphigenie.
+Wie's der Vertriebnen, der Verwais'ten ziemt.
+
+Arkas.
+Scheinst du dir hier vertrieben und verwais't?
+
+Iphigenie.
+Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?
+
+Arkas.
+Und dir ist fremd das Vaterland geworden.
+
+Iphigenie.
+Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt
+In erster Jugend, da sich kaum die Seele
+An Vater, Mutter und Geschwister band;
+Die neuen Schößlinge, gesellt und lieblich,
+Vom Fuß der alten Stämme himmelwärts
+Zu dringen strebten; leider faßte da
+Ein fremder Fluch mich an und trennte mich
+Von den Geliebten, riß das schöne Band
+Mit ehrner Faust entzwei. Sie war dahin,
+Der Jugend beste Freude, das Gedeihn
+Der ersten Jahre. Selbst gerettet, war
+Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust
+Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf.
+
+Arkas.
+Wenn du dich so unglücklich nennen willst,
+So darf ich dich auch wohl undankbar nennen.
+
+Iphigenie.
+Dank habt ihr stets.
+
+Arkas.
+ Doch nicht den reinen Dank,
+Um dessentwillen man die Wohlthat thut;
+Den frohen Blick, der ein zufriednes Leben
+Und ein geneigtes Herz dem Wirthe zeigt.
+Als dich ein tief geheimnißvolles Schicksal
+Vor so viel Jahren diesem Tempel brachte,
+Kam Thoas dir, als einer Gottgegebnen,
+Mit Ehrfurcht und mit Neigung zu begegnen,
+Und dieses Ufer ward dir hold und freundlich,
+Das jedem Fremden sonst voll Grausens war,
+Weil niemand unser Reich vor dir betrat,
+Der an Dianens heil'gen Stufen nicht,
+Nach altem Brauch, ein blutig Opfer, fiel.
+
+Iphigenie.
+Frei athmen macht das Leben nicht allein.
+Welch Leben ist's das an der heil'gen Stätte,
+Gleich einem Schatten um sein eigen Grab,
+Ich nur vertrauern muß? Und nenn' ich das
+Ein fröhlich selbstbewußtes Leben, wenn
+Uns jeder Tag, vergebens hingeträumt,
+Zu jenen grauen Tagen vorbereitet,
+Die an dem Ufer Lethe's selbstvergessend,
+Die Trauerschaar der Abgeschiednen feiert?
+Ein unnütz Leben ist ein früher Tod;
+Dieß Frauenschicksal ist vor allen meines.
+
+Arkas.
+Den edeln Stolz daß du dir selbst nicht g'nügest,
+Verzeih' ich dir, so sehr ich dich bedaure;
+Er raubet den Genuß des Lebens dir.
+Du hast hier nichts gethan seit deiner Ankunft?
+Wer hat des König trüben Sinn erheitert?
+Wer hat den alten grausamen Gebrauch,
+Daß am Altar Dianens jeder Fremde
+Sein Leben blutend läßt, von Jahr zu Jahr,
+Mit sanfter Überredung aufgehalten,
+Und die Gefangnen vom gewissen Tod
+In's Vaterland so oft zurückgeschickt?
+Hat nicht Diane, statt erzürnt zu sein,
+Daß sie der blut'gen alten Opfer mangelt,
+Dein sanft Gebet in reichem Maß erhört?
+Umschwebt mit frohem Fluge nicht der Sieg
+Das Heer? und eilt er nicht sogar voraus?
+Und fühlt nicht jeglicher ein besser Loos,
+Seitdem der König, der uns weis' und tapfer
+So lang geführet, nun sich auch der Milde
+In deiner Gegenwart erfreut und uns
+Des schweigenden Gehorsams Pflicht erleichtert?
+Das nennst du unnütz, wenn von deinem Wesen
+Auf Tausende herab ein Balsam träufelt?
+Wenn du dem Volke, dem ein Gott dich brachte,
+Des neuen Glückes ew'ge Quelle wirst,
+Und an dem unwirthbaren Todes-Ufer
+Dem Fremden Heil und Rückkehr zubereitest?
+
+Iphigenie.
+Das Wenige verschwindet leicht dem Blick,
+Der vorwärts sieht, wie viel noch übrig bleibt.
+
+Arkas.
+Doch lobst du den, der was er thut nicht schätzt?
+
+Iphigenie.
+Man tadelt den, der seine Thaten wägt.
+
+Arkas.
+Auch den, der wahren Werth zu stolz nicht achtet,
+Wie den, der falschen Werth zu eitel hebt.
+Glaub' mir und hör' auf eines Mannes Wort,
+Der Treu und redlich dir ergeben ist:
+Wenn heut der König mit dir redet, so
+Erleichtr' ihm was er dir zu sagen denkt.
+
+Iphigenie.
+Du ängstest mich mit jedem guten Worte;
+Oft wich ich seinem Antrag mühsam aus.
+
+Arkas.
+Bedenke was du thust und was dir nützt.
+Seitdem der König seinen Sohn verloren,
+Vertraut er wenigen der Seinen mehr,
+Und diesen wenigen nicht mehr wie sonst.
+Mißgünstig sieht er jedes Edeln Sohn
+Als seines Reiches Folger an, er fürchtet
+Ein einsam hülflos Alter, ja vielleicht
+Verwegnen Aufstand und frühzeit'gen Tod.
+Der Scythe setzt in's Reden keinen Vorzug,
+Am wenigsten der König. Er, der nur
+Gewohnt ist zu befehlen und zu thun,
+Kennt nicht die Kunst, von weitem ein Gespräch
+Nach seiner Absicht langsam fein zu lenken.
+Erschwer's ihm nicht durch ein rückhaltend Weigern,
+Durch ein vorsetzlich Mißverstehen. Geh
+Gefällig ihm den halben Weg entgegen.
+
+Iphigenie.
+Soll ich beschleunigen was mich bedroht?
+
+Arkas.
+Willst du sein Werben eine Drohung nennen?
+
+Iphigenie.
+Es ist die schrecklichste von allen mir.
+
+Arkas.
+Gib ihm für seine Neigung nur Vertraun.
+
+Iphigenie.
+Wenn er von Furcht erst meine Seele lös't.
+
+Arkas.
+Warum verschweigst du deine Herkunft ihm?
+
+Iphigenie.
+Weil einer Priesterin Geheimniß ziemt.
+
+Arkas.
+Dem König sollte nichts Geheimniß sein;
+Und ob er's gleich nicht fordert, fühlt er's doch
+Und fühlt es tief in seiner großen Seele,
+Daß du sorgfältig dich vor ihm verwahrst.
+
+Iphigenie.
+Nährt er Verdruß und Unmuth gegen mich?
+
+Arkas.
+So scheint es fast. Zwar schweigt er auch von dir;
+Doch haben hingeworfne Worte mich
+Belehrt, daß seine Seele fest den Wunsch
+Ergriffen hat dich zu besitzen. Laß,
+O überlaß ihn nicht sich selbst! damit
+In seinem Busen nicht der Unmuth reife
+Und dir Entsetzen bringe, du zu spät
+An meinen treuen Rath mit Reue denkest.
+
+Iphigenie.
+Wie? Sinnt der König, was kein edler Mann,
+Der seinen Namen liebt und dem Verehrung
+Der Himmlischen den Busen Bändiget,
+Je denken sollte? Sinnt er vom Altar
+Mich in sein Bette mit Gewalt zu ziehn?
+So ruf' ich alle Götter und vor allen
+Dianen, die entschloss'ne Göttin, an,
+Die ihren Schutz der Priesterin gewiß
+Und Jungfrau einer Jungfrau gern gewährt.
+
+Arkas.
+Sei ruhig! Ein gewaltsam neues Blut
+Treibt nicht den König, solche Jünglingsthat
+Verwegen auszuüben. Wie er sinnt,
+Befürcht' ich andern harten Schluß von ihm,
+Den unaufhaltbar er vollenden wird:
+Denn seine Seel' ist fest und unbeweglich.
+Drum bitt' ich dich, vertrau' ihm, sei ihm dankbar,
+Wenn du ihm weiter nichts gewähren kannst.
+
+Iphigenie.
+O sage was dir weiter noch bekannt ist.
+
+Arkas.
+Erfahr's von ihm. Ich seh' den König kommen;
+Du ehrst ihn, und dich heißt dein eigen Herz,
+Ihm freundlich und vertraulich zu begegnen.
+Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort
+Der Frauen weit geführt.
+
+Iphigenie (allein).
+ Zwar seh' ich nicht,
+Wie ich dem Rath des Treuen folgen soll;
+Doch folg' ich gern der Pflicht, dem Könige
+Für seine Wohlthat gutes Wort zu geben,
+Und wünsche mir, daß ich dem Mächtigen,
+Was ihm gefällt, mit Wahrheit sagen möge.
+
+
+Dritter Auftritt.
+
+Iphigenie. Thoas.
+
+Iphigenie.
+Mit königlichen Gütern segne dich
+Die Göttin! Sie gewähre Sieg und Ruhm
+Und Reichthum und das Wohl der Deinigen
+Und jedes frommen Wunsches Fülle dir!
+Daß, der du über viele sorgend herrschest,
+Du auch vor vielen seltnes Glück genießest.
+
+Thoas.
+Zufrieden wär' ich wenn mein Volk mich rühmte:
+Was ich erwarb, genießen andre mehr
+Als ich. Der ist am glücklichsten, er sei
+Ein König oder ein Geringer, dem
+In seinem Hause Wohl bereitet ist.
+Du nahmest Theil an meinen tiefen Schmerzen,
+Als mir das Schwert der Feinde meinen Sohn,
+Den letzten, besten, von der Seite riß.
+So lang die Rache meinen Geist besaß,
+Empfand ich nicht die Öde meiner Wohnung;
+Doch jetzt, da ich befriedigt wiederkehre,
+Ihr Reich zerstört, mein Sohn gerochen ist,
+Bleibt mir zu Hause nichts das mich ergetze.
+Der fröhliche Gehorsam, den ich sonst
+Aus einem jeden Auge blicken sah,
+Ist nun von Sorg' und Unmuth still gedämpft.
+Ein jeder sinnt was künftig werden wird,
+Und folgt dem Kinderlosen, weil er muß.
+Nun komm' ich heut in diesen Tempel, den
+Ich oft betrat, um Sieg zu bitten und
+Für Sieg zu danken. Einen alten Wunsch
+Trag' ich im Busen, der auch dir nicht fremd
+Noch unerwartet ist: ich hoffe, dich,
+Zum Segen meines Volks und mir zum Segen,
+Als Braut in meine Wohnung einzuführen.
+
+Iphigenie.
+Der Unbekannten bietest du zu viel,
+O König, an. Es steht die Flüchtige
+Beschämt vor dir, die nichts an diesem Ufer
+Als Schutz und Ruhe sucht, die du ihr gabst.
+
+Thoas.
+Daß du in das Geheimniß deiner Ankunft
+Vor mir wie vor dem Letzten stets dich hüllest,
+Wär' unter keinem Volke recht und gut.
+Dieß Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz
+Gebietet's und die Noth. Allein von dir,
+Die jedes frommen Rechts genießt, ein wohl
+Von uns empfangner Gast, nach eignem Sinn
+Und Willen ihres Tages sich erfreut,
+Von dir hofft' ich Vertrauen, das der Wirth
+Für seine Treue wohl erwarten darf.
+
+Iphigenie.
+Verbarg ich meiner Eltern Namen und
+Mein Haus, o König, war's Verlegenheit,
+Nicht Mißtraun. Den vielleicht, ach wüßtest du
+Wer vor dir steht, und welch verwünschtes Haupt
+Du nährst und schützest, ein Entsetzen faßte
+Dein großes Herz mit seltnem Schauer an,
+Und statt die Seite deines Thrones mir
+Zu bieten, triebest du mich vor der Zeit
+Aus deinem Reiche; stießest mich vielleicht,
+Eh' zu den Meinen frohe Rückkehr mir
+Und meiner Wandrung Ende zugedacht ist,
+Dem Elend zu, das jeden Schweifenden,
+Von seinem Haus Vertriebnen überall
+Mit kalter fremder Schreckenshand erwartet.
+
+Thoas.
+Was auch der Rath der Götter mit dir sei,
+Und was sie deinem Haus und dir gedenken;
+So fehlt es doch, seitdem du bei uns wohnst
+Und eines frommen Gastes Recht genießest,
+An Segen nicht, der mir von oben kommt.
+Ich möchte schwer zu überreden sein,
+Daß ich an dir ein schuldvoll Haupt beschütze.
+
+Iphigenie.
+Dir bringt die Wohlthat Segen, nicht der Gast.
+
+Thoas.
+Was man Verruchten thut wird nicht gesegnet.
+Drum endige dein Schweigen und dein Weigern;
+Es fordert dieß kein ungerechter Mann.
+Die Göttin übergab dich meinen Händen;
+Wie du ihr heilig warst, so warst du's mir.
+Auch sei ihr Wink noch künftig mein Gesetz:
+Wenn du nach Hause Rückkehr hoffen kannst,
+So sprech' ich dich von aller Fordrung los.
+Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt,
+Und ist dein Stamm vertrieben, oder durch
+Ein ungeheures Unheil ausgelöscht,
+So bist du mein durch mehr als Ein Gesetz.
+Sprich offen! und du weißt, ich halte Wort.
+
+Iphigenie.
+Vom alten Bande löset ungern sich
+Die Zunge los, ein lang verschwiegenes
+Geheimniß endlich zu entdecken; denn
+Einmal vertraut, verläßt es ohne Rückkehr
+Des tiefen Herzens sichre Wohnung, schadet,
+Wie es die Götter wollen, oder nützt.
+Vernimm! ich bin aus Tantalus Geschlecht.
+
+Thoas.
+Du sprichst ein großes Wort gelassen aus.
+Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt
+Als einen ehmals Hochbegnadigten
+Der Götter kennt? Ist's jener Tantalus,
+Den Jupiter zu Rath und Tafel zog,
+An dessen alterfahrnen, vielen Sinn
+Verknüpfenden Gesprächen Götter selbst,
+Wie an Orakelsprüchen, sich ergetzten?
+
+Iphigenie.
+Er ist es; aber Götter sollten nicht
+Mit Menschen, wie mit ihres Gleichen, wandeln;
+Das sterbliche Geschlecht ist viel zu schwach
+In ungewohnter Höhe nicht zu schwindeln.
+Unedel war er nicht und kein Verräther;
+Allein zum Knecht zu groß, und zum Gesellen
+Des großen Donnrers nur ein Mensch. So war
+Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht
+War streng, und Dichter singen: Übermuth
+Und Untreu' stürzten ihn von Jovis Tisch
+Zur Schmach des alten Tartarus hinab.
+Ach und sein ganz Geschlecht trug ihren Haß!
+
+Thoas.
+Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne?
+
+Iphigenie.
+Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen
+Kraftvolles Mark war seiner Söhn' und Enkel
+Gewisses Erbtheil; doch es schmiedete
+Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band.
+Rath, Mäßigung und Weisheit und Geduld
+Verbarg er ihrem scheuen düstern Blick;
+Zur Wuth ward ihnen jegliche Begier,
+Und gränzenlos drang ihre Wuth umher.
+Schon Pelops, der Gewaltig-wollende,
+Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb
+Sich durch Verrath und Mord das schönste Weib,
+Önomaus Erzeugte, Hippodamien.
+Sie bringt den Wünschen des Gemahls zwei Söhne,
+Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie
+Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn
+Aus einem andern Bette wachsend an.
+Der Haß verbindet sie, und heimlich wagt
+Das Paar im Brudermord die erste That.
+Der Vater wähnet Hippodamien
+Die Mörderin, und grimmig fordert er
+Von ihr den Sohn zurück, und sie entleibt
+Sich selbst--
+
+Thoas.
+ Du schweigest? Fahre fort zu reden!
+Laß dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich!
+
+Iphigenie.
+Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt,
+Der froh von ihren Thaten, ihrer Größe
+Den Hörer unterhält, und still sich freuend
+An's Ende dieser schönen Reihe sich
+Geschlossen sieht! Denn es erzeugt nicht gleich
+Ein Haus den Halbgott noch das Ungeheuer;
+Erst eine Reihe Böser oder Guter
+Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude
+Der Welt hervor.--Nach ihres Vaters Tode
+Gebieten Atreus und Thyest der Stadt,
+Gemeinsam-herrschend. Lange konnte nicht
+Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest
+Des Bruders Bette. Rächend treibet Atreus
+Ihn aus dem Reiche. Tückisch hatte schon
+Thyest, auf schwere Thaten sinnend, lange
+Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich
+Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen.
+Dem füllet er die Brust mit Wuth und Rache
+Und sendet ihn zur Königsstadt, daß er
+Im Oheim seinen eignen Vater morde.
+Des Jünglings Vorsatz wird entdeckt: der König
+Straft grausam den gesandten Mörder, wähnend,
+Er tödte seines Bruders Sohn. Zu spät
+Erfährt er, wer vor seinen trunknen Augen
+Gemartert stirbt; und die Begier der Rache
+Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still
+Auf unerhörte That. Er scheint gelassen
+Gleichgültig und versöhnt, und lockt den Bruder
+Mit seinen beiden Söhnen in das Reich
+Zurück, ergreift die Knaben, schlachtet sie,
+Und setzt die ekle schaudervolle Speise
+Dem Vater bei dem ersten Mahle vor.
+Und da Thyest an seinem Fleische sich
+Gesättigt, eine Wehmuth ihn ergreift,
+Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme
+Der Knaben an des Saales Thüre schon
+Zu hören glaubt, wirft Atreus grinsend
+Ihm Haupt und Füße der Erschlagnen hin.--
+Du wendest schaudernd dein Gesicht, o König:
+So wendete die Sonn' ihr Antlitz weg
+Und ihren Wagen aus dem ewg'en Gleise.
+Dieß sind die Ahnherrn deiner Priesterin;
+Und viel unseliges Geschick der Männer,
+Viel Thaten des verworrnen Sinnes deckt
+Die Nacht mit schweren Fittigen und läßt
+Uns nur die grauenvolle Dämmrung sehn.
+
+Thoas.
+Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug
+Der Gräuel! Sage nun, durch welch ein Wunder
+Von diesem wilden Stamme du entsprangst.
+
+Iphigenie.
+Des Altreus Ält'ster Sohn war Agamemnon:
+Er ist mein Vater. Doch ich darf es sagen,
+In ihm hab' ich seit meiner ersten Zeit
+Ein Muster des vollkommnen Manns gesehn.
+Ihm brachte Klytämnestra mich, den Erstling
+Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte
+Der König, und es war dem Hause Tantals
+Die lang entbehrte Rast gewährt. Allein
+Es mangelte dem Glück der Eltern noch
+Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfüllt,
+Daß zwischen beiden Schwestern nun Orest
+Der Liebling wuchs, als neues Übel schon
+Dem sichern Hause zubereitet war.
+Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen,
+Der, um den Raub der schönsten Frau zu rächen,
+Die ganze Macht der Fürsten Griechenlands
+Um Trojens Mauern lagerte. Ob sie
+Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel
+Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater führte
+Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie
+Auf günst'gen Wind vergebens: denn Diane,
+Erzürnt auf ihren großen Führer, hielt
+Die Eilenden zurück und forderte
+Durch Kalchas Mund des Königs ält'ste Tochter.
+Sie lockten mit der Mutter mich in's Lager;
+Sie rissen mich vor den Altar und weihten
+Der Göttin dieses Haupt. Sie war versöhnt:
+Sie wollte nicht mein Blut und hüllte rettend
+In eine Wolke mich; in diesem Tempel
+Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder.
+Ich bin es selbst, bin Iphigenie,
+Des Altreus Enkel, Agamemnons Tochter,
+Der Göttin Eigenthum, die mit dir spricht.
+
+Thoas.
+Mehr Vorzug und Vertrauen geb' ich nicht
+Der Königstochter als der Unbekannten.
+Ich wiederhole meinen ersten Antrag:
+Komm, folge mir, und theile was ich habe.
+
+Iphigenie.
+Wie darf ich solchen Schritt, o König, wagen?
+Hat nicht die Göttin, die mich rettete,
+Allein das Recht auf mein geweihtes Leben?
+Sie hat für mich den Schutzort ausgesucht,
+Und sie bewahrt mich einem Vater, den
+Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht
+Zur schönsten Freude seines Alters hier.
+Vielleicht ist mir die frohe Rückkehr nah;
+Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, hätte
+Mich wider ihren Willen hier gefesselt?
+Ein Zeichen bat ich, wenn ich bleiben sollte.
+
+Thoas.
+Das Zeichen ist, daß du noch hier verweilst.
+Such' Ausflucht solcher Art nicht ängstlich auf.
+Man spricht vergebens viel, um zu versagen;
+Der andre hört von allem nur das Nein.
+
+Iphigenie.
+Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen;
+Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt.
+Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater,
+Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen
+Mit ängstlichen Gefühlen sehnen muß?
+Daß in den alten Hallen, wo die Trauer
+Noch manchmal stille meinen Namen lispelt,
+Die Freude, wie um eine Neugeborne,
+Den schönsten Kranz von Säul an Säulen schlinge.
+O sendetest du mich auf Schiffen hin!
+Du gäbest mir und allen neues Leben.
+
+Thoas.
+So kehr' zurück! Thu' was dein Herz dich heißt,
+Und höre nicht die Stimme guten Raths
+Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib
+Dich hin dem Triebe, der dich zügellos
+Ergreift und dahin oder dorthin reißt.
+Wenn ihnen eine Lust im Busen brennt,
+Hält vom Verräther sie kein heilig Band,
+Der sie dem Vater oder dem Gemahl
+Aus langbewährten, treuen Armen lockt;
+Und schweigt in ihrer Brust die rasche Gluth,
+So dringt auf sie vergebens treu und mächtig
+Der Überredung goldne Zunge los.
+
+Iphigenie.
+Gedenk', o König, deines edeln Wortes!
+Willst du mein Zutraun so erwiedern? Du
+Schienst vorbereitet alles zu vernehmen.
+
+Thoas.
+Auf's Ungehoffte war ich nicht bereitet;
+Doch sollt' ich's auch erwarten: wußt' ich nicht,
+Daß ich mit einem Weibe handeln ging?
+
+Iphigenie.
+Schilt nicht, o König, unser arm Geschlecht.
+Nicht herrlich wie die euern, aber nicht
+Unedel sind die Waffen eines Weibes.
+Glaub' es, darin bin ich dir vorzuziehn,
+Daß ich dein Glück mehr als du selber kenne.
+Du wähnest, unbekannt mit dir und mir,
+Ein näher Band werd' uns zum Glück vereinen.
+Voll guten Muthes wie voll guten Willens
+Dringst du in mich, daß ich mich fügen soll;
+Und hier dank' ich den Göttern, daß sie mir
+Die Festigkeit gegeben, dieses Bündniß
+Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt.
+
+Thoas.
+Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz.
+
+Iphigenie.
+Sie reden nur durch unser Herz zu uns.
+
+Thoas.
+Und hab' Ich, sie zu hören, nicht das Recht?
+
+Iphigenie.
+Es überbraust der Sturm die zarte Stimme.
+
+Thoas.
+Die Priesterin vernimmt sie wohl allein?
+
+Iphigenie.
+Vor allen andern merke sie der Fürst.
+
+Thoas.
+Dein heilig Amt und dein geerbtes Recht
+An Jovis Tisch bringt dich den Göttern näher,
+Als einen erdgebornen Wilden.
+
+Iphigenie.
+ So
+Büß' ich nun das Vertraun, das du erzwangst.
+
+Thoas.
+Ich bin ein Mensch; und besser ist's, wir enden.
+So bleibe denn mein Wort: Sei Priesterin
+Der Göttin, wie sie dich erkoren hat;
+Doch mir verzeih' Diane, daß ich ihr,
+Bisher mit Unrecht und mit innerm Vorwurf,
+Die alten Opfer vorenthalten habe.
+Kein Fremder nahet glücklich unserm Ufer;
+Von Alters her ist ihm der Tod gewiß.
+Nur du hast mich mit einer Freundlichkeit,
+In der ich bald der zarten Tochter Liebe,
+Bald stille Neigung einer Braut zu sehn
+Mich tief erfreute, wie mit Zauberbanden
+Gefesselt, daß ich meiner Pflicht vergaß.
+Du hattest mir die Sinnen eingewiegt,
+Das Murren meines Volks vernahm ich nicht;
+Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes
+Frühzeit'gem Tode lauter über mich.
+Um deinetwillen halt' ich länger nicht
+Die Menge, die das Opfer dringend fordert.
+
+Iphigenie.
+Um meinetwillen hab ich's nie begehrt.
+Der mißversteht die Himmlischen, der sie
+Blutgierig wähnt; er dichtet ihnen nur
+Dir eignen grausamen Begierden an.
+Entzog die Göttin mich nicht selbst dem Priester?
+Ihr war mein Dienst willkommner, als mein Tod.
+
+Thoas.
+Es ziemt sich nicht für uns, den heiligen
+Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft
+Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken.
+Thu' deine Pflicht, ich werde meine thun.
+Zwei Fremde, die wir in des Ufers Höhlen
+Versteckt gefunden, und die meinem Lande
+Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand.
+Mit diesen nehme deine Göttin wieder
+Ihr erstes, rechtes, lang entbehrtes Opfer!
+Ich sende sie hierher; du weißt den Dienst.
+
+
+Vierter Auftritt.
+
+Iphigenie (allein).
+Du hast Wolken, gnädige Retterin,
+Einzuhüllen unschuldig Verfolgte,
+Und auf Winden dem ehrnen Geschick sie
+Aus den Armen, über das Meer,
+Über der Erde weiteste Strecken
+Und wohin es dir gut dünkt zu tragen.
+Weise bist du und siehest das Künftige;
+Nicht vorüber ist dir das Vergangne,
+Und dein Blick ruht über den Deinen
+Wie dein Licht, das Leben der Nächte,
+Über der Erde ruhet und waltet.
+O enthalte vom Blut meine Hände!
+Nimmer bringt es Segen und Ruhe;
+Und die Gestalt des zufällig Ermordeten
+Wird auf des traurig-unwilligen Mörders
+Böse Stunden lauern und schrecken.
+Denn die Unsterblichen lieben der Menschen
+Weit verbreitete gute Geschlechter,
+Und sie fristen das flüchtige Leben
+Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne
+Ihres eigenen, ewigen Himmels
+Mitgenießendes fröhliches Anschaun
+Eine Weile gönnen und lassen.
+
+
+
+Zweiter Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Orest. Pylades.
+
+Orest.
+Es ist der Weg des Todes, den wir treten:
+Mit jedem Schritt wird meine Seele stiller.
+Als ich Apollen bat, das gräßliche
+Geleit der Rachegeister von der Seite
+Mir abzunehmen, schien er Hülf' und Rettung
+Im Tempel seiner vielgeliebten Schwester,
+Die über Tauris herrscht, mit hoffnungsreichen
+Gewissen Götterworten zu versprechen;
+Und nun erfüllet sich's, daß alle Noth
+Mit meinem Leben völlig enden soll.
+Wie leicht wird's mir, dem eine Götterhand
+Das Herz zusammendrückt, den Sinn betäubt,
+Dem schönen Licht der Sonne zu entsagen.
+Und sollen Atreus Enkel in der Schlacht
+Ein siegbekröntes Ende nicht gewinnen;
+Soll ich wie meine Ahnen, wie mein Vater,
+Als Opferthier im Jammertode bluten:
+So sei es! Besser hier vor dem Altar,
+Als im verworfnen Winkel, wo die Netze
+Der nahverwandte Meuchelmörder stellt.
+Laßt mir so lange Ruh, ihr Unterird'schen,
+Die nach dem Blut ihr, das von meinen Tritten
+Hernieder träufelnd meinen Pfad bezeichnet,
+Wie losgelass'ne Hunde spürend hetzt.
+Laßt mich, ich komme bald zu euch hinab;
+Das Licht des Tags soll euch nicht sehn, noch mich.
+Der Erde schöner grüner Teppich soll
+Kein Tummelplatz für Larven sein. Dort unten
+Such' ich euch auf: dort bindet alle dann
+Ein gleich Geschick in ew'ge matte Nacht.
+Nur dich, mein Pylades, dich, meiner Schuld
+Und meines Banns unschuldigen Genossen,
+Wie ungern nehm' ich dich in jenes Trauerland
+Frühzeitig mit! Dein Leben oder Tod
+Gibt mir allein noch Hoffnung oder Furcht.
+
+Pylades.
+Ich bin noch nicht, Orest, wie du bereit,
+In jenes Schattenreich hinabzugehn.
+Ich sinne noch, durch die verworrnen Pfade,
+Die nach der schwarzen Nacht zu führen scheinen,
+Uns zu dem Leben wieder aufzuwinden.
+Ich denke nicht den Tod; ich sinn' und horche,
+Ob nicht zu irgend einer frohen Flucht
+Die Götter Rath und Wege zubereiten.
+Der Tod, gefürchtet oder ungefürchtet,
+Kommt unaufhaltsam. Wenn die Priesterin
+Schon, unsre Locken weihend abzuschneiden,
+Die Hand erhebt, soll dein' und meine Rettung
+Mein einziger Gedanke sein. Erhebe
+Von diesem Unmuth deine Seele; zweifelnd
+Beschleunigest du die Gefahr. Apoll
+Gab uns das Wort: im Heiligthum der Schwester
+Sei Trost und Hülf' und Rückkehr dir bereitet.
+Der Götter Worte sind nicht doppelsinnig,
+Wie der Gedrückte sie im Unmuth wähnt.
+
+Orest.
+Des Lebens dunkle Decke breitete
+Die Mutter schon mir um das zarte Haupt,
+Und so wuchs ich herauf, ein Ebenbild
+Des Vaters, und es war mein stummer Blick
+Ein bittrer Vorwurf ihr und ihrem Buhlen.
+Wie oft, wenn still Elektra, meine Schwester,
+Am Feuer in der tiefen Halle saß,
+Drängt' ich beklommen mich an ihren Schoos,
+Und starrte, wie sie bitter weinte, sie
+Mit großen Augen an. Dann sagte sie
+Von unserm hohen Vater viel: wie sehr
+Verlangt' ich ihn zu sehn, bei ihm zu sein!
+Mich wünscht' ich bald nach Troja, ihn bald her.
+Es kam der Tag--
+
+Pylades.
+ O laß von jener Stunde
+Sich Höllengeister nächtlich unterhalten!
+Uns gebe die Erinnrung schöner Zeit
+Zu frischem Heldenlaufe neue Kraft.
+Die Götter brauchen manchen guten Mann
+Zu ihrem Dienst auf dieser weiten Erde.
+Sie haben noch auf dich gezählt; sie gaben
+Dich nicht dem Vater zum Geleite mit,
+Da er unwillig nach dem Orcus ging.
+
+Orest.
+O, wär' ich, seinen Saum ergreifend, ihm
+Gefolgt!
+
+Pylades.
+ So haben die, die dich erhielten,
+Für mich gesorgt: denn was ich worden wäre,
+Wenn du nicht lebtest, kann ich mir nicht denken;
+Da ich mit dir und deinetwillen nur
+Seit meiner Kindheit leb' und leben mag.
+
+Orest.
+Erinnre mich nicht jener schönen Tage,
+Da mir dein Haus die freie Stätte gab,
+Dein edler Vater klug und liebevoll
+Die halberstarrte junge Blüthe pflegte;
+Da du ein immer munterer Geselle,
+Gleich einem leichten bunten Schmetterling
+Um eine dunkle Blume, jeden Tag
+Um mich mit neuem Leben gaukeltest,
+Mir deine Lust in meine Seele spieltest,
+Daß ich, vergessend meiner Noth, mit dir
+In rascher Jugend hingerissen schwärmte.
+
+Pylades.
+Da fing mein Leben an, als ich dich liebte.
+
+Orest.
+Sag: meine Noth begann, und du sprichst wahr.
+Das ist das Ängstliche von meinem Schicksal,
+Daß ich, wie ein verpesteter Vertriebner,
+Geheimen Schmerz und Tod im Busen trage;
+Daß, wo ich den gesund'sten Ort betrete,
+Gar bald um mich die blühenden Gesichter
+Den Schmerzenszug langsamen Tod's verrathen.
+
+Pylades.
+Der Nächste wär' ich diesen Tod zu sterben,
+Wenn je dein Hauch, Orest, vergiftete.
+Bin ich nicht immer noch voll Muth und Lust?
+Und Lust und Liebe sind die Fittige
+Zu großen Thaten.
+
+Orest.
+ Große Thaten? Ja,
+Ich weiß die Zeit, da wir sie vor uns sahn!
+Wenn wir zusammen oft dem Wilde nach
+Durch Berg' und Thäler rannten und dereinst
+An Brust und Faust dem hohen Ahnherrn gleich
+Mit Keul' und Schwert dem Ungeheuer so,
+Dem Räuber auf der Spur zu jagen hofften;
+Und dann wir Abends an der weiten See
+Uns aneinander lehnend ruhig saßen,
+Die Wellen bis zu unsern Füssen spielten,
+Die Welt so weit, so offen vor uns lag;
+Da fuhr wohl Einer manchmal nach dem Schwert,
+Und künft'ge Thaten drangen wie die Sterne
+Rings um uns her unzählig aus der Nacht.
+
+Pylades.
+Unendlich ist das Werk, das zu vollführen
+Die Seele dringt. Wir möchten jede That
+So groß gleich thun, als wie sie wächs't und wird,
+Wenn Jahre lang durch Länder und Geschlechter
+Der Mund der Dichter sie vermehrend wälzt.
+Es klingt so schön was unsre Väter thaten,
+Wenn es in stillen Abendschatten ruhend
+Der Jüngling mit dem Ton der Harfe schlürft;
+Und was wir thun ist, wie es ihnen war,
+Voll Müh' und eitel Stückwerk!
+So laufen wir nach dem, was vor uns flieht,
+Und achten nicht des Weges den wir treten,
+und sehen neben uns der Ahnherrn Tritte
+Und ihres Erdelebens Spuren kaum.
+Wir eilen immer ihrem Schatten nach,
+Der göttergleich in einer weiten Ferne
+Der Berge Haupt auf goldnen Wolken krönt.
+Ich halte nichts von dem, der von sich denkt
+Wie ihn das Volk vielleicht erheben möchte.
+Allein, o Jüngling, danke du den Göttern,
+Daß sie so früh durch dich so viel gethan.
+
+Orest.
+Wenn sie dem Menschen frohe That bescheren
+Daß er ein Unheil von den Seinen wendet,
+Daß er sein Reich vermehrt, die Gränzen sichert,
+Und alte Feinde fallen oder fliehn;
+Dann mag er danken! denn ihm hat ein Gott
+Des Lebens erste, letzte Lust gegönnt.
+Mich haben sie zum Schlächter auserkoren,
+Zum Mörder meiner doch verehrten Mutter,
+Und, eine Schandthat schändlich rächend, mich
+Durch ihren Wink zu Grund' gerichtet. Glaube,
+Sie haben es auf Tantals Haus gerichtet,
+Und ich, der Letzte, soll nicht schuldlos, soll
+Nicht ehrenvoll vergehn.
+
+Pylades.
+ Die Götter rächen
+Der Väter Missethat nicht an dem Sohn;
+Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt
+Sich seinen Lohn mit seiner That hinweg.
+Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch.
+
+Orest.
+Uns führt ihr Segen, dünkt mich, nicht hierher.
+
+Pylades.
+Doch wenigstens der hohen Götter Wille.
+
+Orest.
+So ist's ihr Wille denn, der uns verderbt.
+
+Pylades.
+Thu' was sie dir gebieten und erwarte.
+Bringst du die Schwester zu Apollen hin,
+Und wohnen beide dann vereint zu Delphi,
+Verehrt von einem Volk das edel denkt;
+So wird für diese That das hohe Paar
+Dir gnädig sein, sie werden aus der Hand
+Der Unterird'schen dich erretten. Schon
+In diesen heil'gen Hain wagt keine sich.
+
+Orest.
+So hab' ich wenigstens geruh'gen Tod.
+
+Pylades.
+Ganz anders denk' ich, und nicht ungeschickt
+Hab' ich das schon Geschehne mit dem Künft'gen
+Verbunden und im stillen ausgelegt.
+Vielleicht reift in der Götter Rath schon lange
+Das große Werk. Diana sehnet sich
+Von diesem rauhen Ufer der Barbaren
+Und ihren blut'gen Menschenopfern weg.
+Wir waren zu der schönen That bestimmt,
+Uns wird sie auferlegt, und seltsam sind
+Wir an der Pforte schon gezwungen hier.
+
+Orest.
+Mit seltner Kunst flichtst du der Götter Rath
+Und deine Wünsche klug in Eins zusammen.
+
+Pylades.
+Was ist des Menschen Klugheit, wenn sie nicht
+Auf Jener Willen droben achtend lauscht?
+Zu einer schweren That beruft ein Gott
+Den edeln Mann, der viel verbrach, und legt
+Ihm auf was uns unmöglich scheint zu enden.
+Es siegt der Held, und büßend dienet er
+Den Göttern und der Welt, die ihn verehrt.
+
+Orest.
+Bin ich bestimmt zu leben und zu handeln,
+So nehm' ein Gott von meiner schweren Stirn
+Den Schwindel weg, der auf dem schlüpfrigen,
+Mit Mutterblut besprengten Pfade fort
+Mich zu den Todten reißt. Er trockne gnädig
+Die Quelle, die, mir aus der Mutter Wunden
+Entgegen sprudelnd, ewig mich befleckt.
+
+Pylades.
+Erwart' es ruhiger! Du mehrst das Übel
+Und nimmst das Amt der Furien auf dich.
+Laß mich nur sinnen, bleibe still! Zuletzt,
+Bedarf's zur That vereinter Kräfte, dann
+Ruf' ich dich auf, und beide schreiten wir
+Mit überlegter Kühnheit zur Vollendung.
+
+Orest.
+Ich hör' Ulyssen reden.
+
+Pylades.
+ Spotte nicht.
+Ein jeglicher muß seinen Helden wählen,
+Dem er die Wege zum Olymp hinauf
+Sich nacharbeitet. Laß es mich gestehn:
+Mir scheinen List und Klugheit nicht den Mann
+Zu schänden, der sich kühnen Thaten weiht.
+
+Orest.
+Ich schätze den, der tapfer ist und g'rad.
+
+Pylades.
+Drum hab' ich keinen Rath von dir verlangt.
+Schon ist ein Schritt gethan. Von unsern Wächtern
+Hab' ich bisher gar vieles ausgelockt.
+Ich weiß, ein fremdes, göttergleiches Weib
+Hält jenes blutige Gesetz gefesselt;
+Ein reines Herz und Weihrauch und Gebet
+Bringt sie den Göttern dar. Man rühmet hoch
+Die Gütige; man glaubet, sie entspringe
+vom Stamm der Amazonen, sei geflohn,
+Um einem großen Unheil zu entgehn.
+
+Orest.
+Es scheint, ihr lichtes Reich verlor die Kraft
+Durch des Verbrechers Nähe, den der Fluch
+Wie eine breite Nacht verfolgt und deckt.
+Die fromme Blutgier lös't den alten Brauch
+Von seinen Fesseln los, uns zu verderben.
+Der wilde Sinn des Königs tödtet uns;
+Ein Weib wird uns nicht retten, wenn er zürnt.
+
+Pylades.
+Wohl uns, daß es ein Weib ist! denn ein Mann,
+Der beste selbst, gewöhnet seinen Geist
+An Grausamkeit und macht sich auch zuletzt
+Aus dem, was er verabscheut, ein Gesetz,
+Wird aus Gewohnheit hart und fast unkenntlich.
+Allein ein Weib bleibt stät auf Einem Sinn
+Den sie gefaßt. Du rechnest sicherer
+Auf sie im Guten wie im Bösen.--Still!
+Sie kommt; laß uns allein. Ich darf nicht gleich
+Ihr unsre Namen nennen, unser Schicksal
+Nicht ohne Rückhalt ihr vertraun. Du gehst,
+Und eh' sie mit dir spricht, treff' ich dich noch.
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+Iphigenie. Pylades.
+
+
+Iphigenie.
+Woher du seist und kommst, o Fremdling, sprich!
+Mir scheint es, daß ich eher einem Griechen
+Als einem Scythen dich vergleichen soll.
+ (Sie nimmt ihm die Ketten ab.)
+Gefährlich ist die Freiheit, die ich gebe;
+Die Götter wenden ab was euch bedroht!
+
+Pylades.
+O süße Stimme! Vielwillkommner Ton
+Der Muttersprach' in einem fremden Lande!
+Des väterlichen Hafens blaue Berge
+Seh' ich Gefangner neu willkommen wieder
+Vor meinen Augen. Laß dir diese Freude
+Versichern, daß auch ich ein Grieche bin!
+Vergessen hab' ich einen Augenblick,
+Wie sehr ich dein bedarf, und meinen Geist
+Der herrlichen Erscheinung zugewendet.
+O sage, wenn dir dein Verhängniß nicht
+Die Lippe schließt, aus welchem unsrer Stämme
+Du deine göttergleiche Herkunft zählst.
+
+Iphigenie.
+Die Priesterin, von ihrer Göttin selbst
+Gewählet und geheiligt, spricht mit dir.
+Das laß dir g'nügen; sage, wer du seist
+Und welch unselig-waltendes Geschick
+Mit dem Gefährten dich hierher gebracht.
+
+Pylades.
+Leicht kann ich dir erzählen, welch ein Übel
+Mit lastender Gesellschaft uns verfolgt.
+O könntest du der Hoffnung frohen Blick
+Uns auch so leicht, du Göttliche, gewähren!
+Aus Kreta sind wir, Söhne des Adrasts:
+Ich bin der jüngste, Cephalus genannt,
+Und er Laodamas, der älteste
+Des Hauses. Zwischen uns stand rauh und wild
+Ein mittlerer, und trennte schon im Spiel
+Der ersten Jugend Einigkeit und Lust.
+Gelassen folgten wir der Mutter Worten,
+So lang des Vaters Kraft vor Troja stritt;
+Doch als er beutereich zurücke kam
+Und kurz darauf verschied, da trennte bald
+Der Streit um Reich und Erbe die Geschwister.
+Ich neigte mich zum ält'sten. Er erschlug
+Den Bruder. Um der Blutschuld willen treibt
+Die Furie gewaltig ihn umher.
+Doch diesem wilden Ufer sendet uns
+Apoll, der Delphische, mit Hoffnung zu.
+Im Tempel seiner Schwester hieß er uns
+Der Hülfe segensvolle Hand erwarten.
+Gefangen sind wir und hierher gebracht,
+Und dir als Opfer dargestellt. Du weißt's.
+
+Iphigenie.
+Fiel Troja? Theurer Mann, versichr' es mir.
+
+Pylades.
+Es liegt. O sichre du uns Rettung zu!
+Beschleunige die Hülfe, die ein Gott
+Versprach. Erbarme meines Bruders dich.
+O sag' ihm bald ein gutes holdes Wort;
+Doch schone seiner wenn du mit ihm sprichst,
+Das bitt' ich eifrig: denn es wird gar leicht
+Durch Freud' und Schmerz und durch Erinnerung
+Sein Innerstes ergriffen und zerrüttet.
+Ein fieberhafter Wahnsinn fällt ihn an,
+Und seine schöne freie Seele wird
+Den Furien zum Raube hingegeben.
+
+Iphigenie.
+So groß dein Unglück ist, beschwör' ich dich,
+Vergiß es, bis du mir genug gethan.
+
+Pylades.
+Die hohe Stadt, die zehen lange Jahre
+Dem ganzen Heer der Griechen widerstand,
+Liegt nun im Schutte, steigt nicht wieder auf.
+Doch manche Gräber unsrer Besten heißen
+Uns an das Ufer der Barbaren denken.
+Achill liegt dort mit seinem schönen Freunde.
+
+Iphigenie.
+So seid ihr Götterbilder auch zu Staub!
+
+Pylades.
+Auch Palamedes, Ajax Telamons,
+Sie sahn des Vaterlandes Tag nicht wieder.
+
+Iphigenie.
+Er schweigt von meinem Vater, nennt ihn nicht
+Mit den Erschlagnen. Ja! er lebt mir noch!
+Ich werd' ihn sehn! O hoffe, liebes Herz!
+
+Pylades.
+Doch selig sind die Tausende, die starben
+Den bittersüßen Tod von Feindes Hand!
+Denn wüste Schrecken und ein traurig Ende
+Hat den Rückkehrenden statt des Triumphs
+Ein feindlich aufgebrachter Gott bereitet.
+Kommt denn der Menschen Stimme nicht zu euch?
+So weit sie reicht, trägt sie den Ruf umher
+Von unerhörten Thaten die geschahn.
+So ist der Jammer, der Mycenens Hallen
+Mit immer wiederholten Seufzern füllt,
+Dir ein Geheimniß? Klytämnestra hat
+Mit Hülf' Ägisthens den Gemahl berückt,
+Am Tage seiner Rückkehr ihn ermordet!--
+Ja, du verehrest dieses Königs Haus!
+Ich seh' es, deine Brust bekämpft vergebens
+Das unerwartet ungeheure Wort.
+Bist du die Tochter eines Freundes? bist
+Du nachbarlich in dieser Stadt geboren?
+Verbirg es nicht und rechne mir's nicht zu,
+Daß ich der Erste diese Gräuel melde.
+
+Iphigenie.
+Sag' an, wie ward die schwere That vollbracht?
+
+Pylades.
+Am Tage seiner Ankunft, da dir König
+Vom Bad erquickt und ruhig, sein Gewand
+Aus der Gemahlin Hand verlangend, stieg,
+Warf die Verderbliche ein faltenreich
+Und künstlich sich verwirrendes Gewebe
+Ihm auf die Schultern, um das edle Haupt;
+Und da er wie von einem Netze sich
+Vergebens zu entwickeln strebte, schlug
+Ägisth ihn, der Verräther, und verhüllt
+Ging zu den Todten dieser große Fürst.
+
+Iphigenie.
+Und welchen Lohn erhielt der Mitverschworne?
+
+Pylades.
+Ein Reich und Bette, das er schon besaß.
+
+Iphigenie.
+So trieb zur Schandthat eine böse Lust?
+
+Pylades.
+Und einer alten Rache tief Gefühl.
+
+Iphigenie.
+Und wie beleidigte der König sie?
+
+Pylades.
+Mit schwerer That, die, wenn Entschuldigung
+Des Mordes wäre, sie entschuldigte.
+Nach Aulis lockt' er sie und brachte dort,
+Als eine Gottheit sich der Griechen Fahrt
+Mit ungstümen Winden widersetzte,
+Die ält'ste Tochter, Iphigenien,
+Vor den Altar Dianens, und sie fiel
+Ein blutig Opfer für der Griechen Heil.
+Dieß, sagt man, hat ihr einen Widerwillen
+So tief in's Herz geprägt, daß sie dem Werben
+Ägisthens sich ergab und den Gemahl
+Mit Netzen des Verderbens selbst umschlang.
+
+Iphigenie (sich verhüllend).
+Es ist genug. Du wirst mich wiedersehn.
+
+Pylades (allein).
+Von dem Geschick des Königs-Hauses scheint
+Sie tief gerührt. Wer sie auch immer sei,
+So hat sie selbst den König wohl gekannt
+Und ist, zu unserm Glück, aus hohem Hause
+Hierher verkauft. Nur stille, liebes Herz,
+Und laß dem Stern der Hoffnung, der uns blinkt,
+Mit frohem Muth uns klug entgegen steuern.
+
+
+
+Dritter Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Iphigenie. Orest.
+
+Iphigenie.
+Unglücklicher, ich löse deine Bande
+Zum Zeichen eines schmerzlichern Geschicks.
+Die Freiheit, die das Heiligthum gewährt,
+Ist, wie der letzte lichte Lebensblick
+Des schwer Erkrankten, Todesbote. Noch
+Kann ich es mir und darf es mir nicht sagen,
+Daß ihr verloren seid! Wie könnt' ich euch
+Mit mörderischer Hand dem Tode weihen?
+Und niemand, wer es sei, darf euer Haupt,
+So lang ich Priesterin Dianens bin,
+Berühren. Doch verweigr' ich jene Pflicht,
+Wie sie der aufgebrachte König fordert;
+So wählt er eine meiner Jungfraun mir
+Zur Folgerin, und ich vermag alsdann
+Mit heißem Wunsch allein euch beizustehn.
+O werther Landsmann! Selbst der letzte Knecht,
+Der an den Herd der Vatergötter streifte,
+Ist uns in fremdem Lande hoch willkommen:
+Wie soll ich euch genug mit Freud' und Segen
+Empfangen, die ihr mir das Bild der Helden,
+Die ich von Eltern her verehren lernte,
+Entgegen bringet und das innre Herz
+Mit neuer schöner Hoffnung schmeichelnd labet!
+
+Orest.
+Verbirgst du deinen Namen, deine Herkunft
+Mit klugem Vorsatz? oder darf ich wissen,
+Wer mir, gleich einer Himmlischen, begegnet?
+
+Iphigenie.
+Du sollst mich kennen. Jetzo sag' mir an,
+Was ich nur halb von deinem Bruder hörte,
+Das Ende derer, die von Troja kehrend
+Ein hartes unerwartetes Geschick
+Auf ihrer Wohnung Schwelle stumm empfing.
+Zwar ward ich jung an diesen Strand geführt;
+Doch wohl erinnr' ich mich des scheuen Blicks,
+Den ich mit Staunen und mit Bangigkeit
+Auf jene Helden warf. Sie zogen aus,
+Als hätte der Olymp sich aufgethan
+Und die Gestalten der erlauchten Vorwelt
+Zum Schrecken Ilions herabgesendet,
+Und Agamemnon war vor allen herrlich!
+O sage mir! Er fiel, sein Haus betretend,
+Durch seiner Frauen und Ägisthens Tücke?
+
+Orest.
+Du sagst's!
+
+Iphigenie.
+ Weh dir, unseliges Mycen!
+So haben Tantals Enkel Fluch auf Fluch
+Mit vollen wilden Händen ausgesät!
+Und gleich dem Unkraut, wüste Häupter schüttelnd
+Und tausendfält'gen Samen um sich streuend,
+Den Kindeskindern nahverwandte Mörder
+Zur ew'gen Wechselwuth erzeugt! Enthülle,
+Was von der Rede deines Bruders schnell
+Die Finsterniß des Schreckens mir verdeckte.
+Wie ist des großen Stammes letzter Sohn,
+Das holde Kind, bestimmt des Vaters Rächer
+Dereinst zu sein, wie ist Orest dem Tage
+Des Bluts entgangen? Hat ein gleich Geschick
+Mit des Avernus Netzen ihn umschlungen?
+Ist er gerettet? Lebt er? Lebt Elektra?
+
+Orest.
+Sie leben.
+
+Iphigenie.
+ Goldne Sonne, leihe mir
+Die schönsten Strahlen, lege sie zum Dank
+Vor Jovis Thron! denn ich bin arm und stumm.
+
+Orest.
+Bist du gastfreundlich diesem Königs-Hause,
+Bist du mit nähern Banden ihm verbunden,
+Wie deine schöne Freude mir verräth:
+So bändige dein Herz und halt' es fest!
+Denn unerträglich muß dem Fröhlichen
+Ein jäher Rückfall in die Schmerzen sein.
+Du weißt nur, merk' ich, Agamemnons Tod.
+
+Iphigenie.
+Hab' ich an dieser Nachricht nicht genug?
+
+Orest.
+Du hast des Gräuels Hälfte nur erfahren.
+
+Iphigenie.
+Was fürcht' ich noch? Orest, Elektra leben.
+
+Orest.
+Und fürchtest du für Klytämnestren nichts?
+
+Iphigenie.
+Sie rettet weder Hoffnung, weder Furcht.
+
+Orest.
+Auch schied sie aus dem Land der Hoffnung ab.
+
+Iphigenie.
+Vergoß sie reuig wüthend selbst ihr Blut?
+
+Orest.
+Nein, doch ihr eigen Blut gab ihr den Tod.
+
+Iphigenie.
+Sprich deutlicher, daß ich nicht länger sinne.
+Die Ungewißheit schlägt mir tausendfältig
+Die dunkeln Schwingen um das bange Haupt.
+
+Orest.
+So haben mich die Götter ausersehn
+Zum Boten einer That, die ich so gern
+In's klanglos-dumpfe Höhlenreich der Nacht
+Verbergen möchte? Wider meinen Willen
+Zwingt mich dein holder Mund; allein er darf
+Auch etwas Schmerzlichs fordern und erhält's.
+Am Tage, da der Vater fiel, verbarg
+Elektra rettend ihren Bruder: Strophius,
+Des Vaters Schwäher, nahm ihn willig auf,
+Erzog ihn neben seinem eignen Sohne,
+Der, Pylades genannt, die schönsten Bande
+Der Freundschaft um den Angekommnen knüpfte.
+Und wie sie wuchsen, wuchs in ihrer Seele
+Die brennende Begier des Königs Tod
+Zu rächen. Unversehen, fremd gekleidet,
+Erreichen sie Mycen, als brächten sie
+Die Trauernachricht von Orestens Tode
+Mit seiner Asche. Wohl empfänget sie
+Die Königin; sie treten in das Haus.
+Elektren gibt Orest sich zu erkennen;
+Sie bläs't der Rache Feuer in ihm auf,
+Das vor der Mutter heil'ger Gegenwart
+In sich zurückgebrannt war. Stille führt
+Sie ihn zum Orte, wo sein Vater fiel,
+Wo eine alte leichte Spur des frech
+Vergoss'nen Blutes oftgewaschnen Boden
+Mit blassen ahndungsvollen Streifen färbte.
+Mit ihrer Feuerzunge schilderte
+Sie jeden Umstand der verruchten That,
+Ihr knechtisch elend durchgebrachtes Leben,
+Den Übermuth der glücklichen Verräther,
+Und die Gefahren, die nun der Geschwister
+Von einer stiefgewordnen Mutter warteten.--
+Hier drang sie jenen alten Dolch ihm auf,
+Der schon in Tantals Hause grimmig wüthete,
+Und Klytämnestra fiel durch Sohnes Hand.
+
+Iphigenie.
+Unsterbliche, die ihr den reinen Tag
+Auf immer neuen Wolken selig lebet,
+Habt ihr nur darum mich so manches Jahr
+Von Menschen abgesondert, mich so nah
+Bei euch gehalten, mir die kindliche
+Beschäftigung, des heil'gen Feuers Gluth
+Zu nähren aufgetragen, meine Seele
+Der Flamme gleich in ew'ger frommer Klarheit
+Zu euern Wohnungen hinaufgezogen,
+Daß ich nur meines Hauses Gräuel später
+Und tiefer fühlen sollte? Sage mir
+Vom Unglücksel'gen! sprich mir von Orest!--
+
+Orest.
+O, könnte man von seinem Tode sprechen!
+Wie gährend stieg aus der Erschlagnen Blut
+Der Mutter Geist
+Und ruft der Nacht uralten Töchtern zu:
+"Laßt nicht den Muttermörder entfliehn!
+Verfolgt den Verbrecher! Euch ist er geweiht!"
+Sie horchen auf, es schaut ihr hohler Blick
+Mit der Begier des Adlers um sich her.
+Sie rühren sich in ihren schwarzen Höhlen,
+Und aus den Winkeln schleichen ihre Gefährten,
+Der Zweifel und die Reue, leis herbei.
+Vor ihnen steigt ein Dampf vom Acheron;
+In seinen Wolkenkreisen wälzet sich
+Die ewige Betrachtung des Geschehnen
+Verwirrend um des Schuld'gen Haupt umher
+Und sie, berechtigt zum Verderben, treten
+Der gottbesäten Erde schönen Boden,
+Von dem ein alter Fluch sie längst verbannte.
+Den Flüchtigen verfolgt ihr schneller Fuß;
+Sie geben nur um neu zu schrecken Rast.
+
+Iphigenie.
+Unseliger, du bist in gleichem Fall,
+Und fühlst was er, der arme Flüchtling, leidet!
+
+Orest.
+Was sagst du mir? was wähnst du gleichen Fall?
+
+Iphigenie.
+Dich drückt ein Brudermord wie jenen; mir
+Vertraute dieß dein jüngster Bruder schon.
+
+Orest.
+Ich kann nicht leiden, daß du große Seele
+Mit einem falschen Wort betrogen werdest.
+Ein lügenhaft Gewebe knüpf' ein Fremder
+Dem Fremden, sinnreich und der List gewohnt,
+Zur Falle vor die Füße; zwischen uns
+Sei Wahrheit!
+Ich bin Orest! und dieses schuld'ge Haupt
+Senkt nach der Grube sich und sucht den Tod;
+In jeglicher Gestalt sei er willkommen!
+Wer du auch seist, so wünsch' ich Rettung dir
+Und meinem Freunde; mir wünsch' ich sie nicht.
+Du scheinst hier wider Willen zu verweilen;
+Erfindet Rath zur Flucht und laßt mich hier.
+Es stürze mein entseelter Leib vom Fels,
+Es rauche bis zum Meer hinab mein Blut,
+Und bringe Fluch dem Ufer der Barbaren!
+Geht ihr, daheim im schönen Griechenland
+Ein neues Leben freundlich anzufangen.
+ (Er entfernt sich.)
+
+Iphigenie.
+So steigst du denn, Erfüllung, schönste Tochter
+Des größten Vaters, endlich zu mir nieder!
+Wie ungeheuer steht dein Bild vor mir!
+Kaum reicht mein Blick dir an die Hände, die
+Mit Furcht und Segenskränzen angefüllt
+Die Schätze des Olympus niederbringen.
+Wie man den König an dem Übermaß
+Der Gaben kennt: denn ihm muß wenig scheinen
+Was Tausenden schon Reichthum ist; so kennt
+Man euch, ihr Götter, an gesparten, lang
+Und weise zubereiteten Geschenken.
+Denn ihr allein wißt was uns frommen kann,
+Und schaut der Zukunft ausgedehntes Reich,
+Wenn jedes Abends Stern- und Nebelhülle
+Die Aussicht uns verdeckt. Gelassen hört
+Ihr unser Flehn, das um Beschleunigung
+Euch kindisch bittet; aber eure Hand
+Bricht unreif nie die goldnen Himmelsfrüchte;
+Und wehe dem, der ungeduldig sie
+Ertrotzend saure Speise sich zum Tod
+Genießt. O laßt das lang erwartete,
+Noch kaum gedachte Glück nicht, wie den Schatten
+Des abgeschiednen Freundes, eitel mir
+Und dreifach schmerzlicher vorübergehn!
+
+Orest (tritt wieder zu ihr).
+Rufst du die Götter an für dich und Pylades,
+So nenne meinen Namen nicht mit eurem.
+Du rettest den Verbrecher nicht, zu dem
+Du dich gesellst, und theilest Fluch und Noth.
+
+Iphigenie.
+Mein Schicksal ist an deines fest gebunden.
+
+Orest.
+Mit nichten! Laß allein und unbegleitet
+Mich zu den Todten gehn. Verhülltest du
+In deinen Schleier selbst den Schuldigen;
+Du birgst ihn nicht vor'm Blick der Immerwachen,
+Und deine Gegenwart, du Himmlische,
+Drängt sie nur seitwärts und verscheucht sie nicht.
+Sie dürfen mit den ehrnen frechen Füßen
+Des heil'gen Waldes Boden nicht betreten;
+Doch hör' ich aus der Ferne hier und da
+Ihr gräßliches Gelächter. Wölfe harren
+So um den Baum, auf den ein Reisender
+Sich rettete. Da draußen ruhen sie
+Gelagert; und verlass' ich diesen Hain,
+Dann steigen sie, die Schlangenhäupter schüttelnd,
+Von allen Seiten Staub erregend auf
+Und treiben ihre Beute vor sich her.
+
+Iphigenie.
+Kannst du, Orest, ein freundlich Wort vernehmen?
+
+Orest.
+Spar' es für einen Freund der Götter auf.
+
+Iphigenie.
+Sie geben dir zu neuer Hoffnung Licht.
+
+Orest.
+Durch Rauch und Qualm seh' ich den matten Schein
+Des Todtenflusses mir zur Hölle leuchten.
+
+Iphigenie.
+Hast du Elektren, Eine Schwester nur?
+
+Orest.
+Die Eine kannt' ich; doch die ält'ste nahm
+Ihr gut Geschick, das uns so schrecklich schien,
+Bei Zeiten aus dem Elend unsers Hauses.
+O laß dein Fragen, und geselle dich
+Nicht auch zu den Erinnyen; sie blasen
+Mir schadenfroh die Asche von der Seele,
+Und leiden nicht, daß sich die letzten Kohlen
+Von unsers Hauses Schreckensbrande still
+In mir verglimmen. Soll die Gluth denn ewig,
+Vorsätzlich angefacht, mit Höllenschwefel
+Genährt, mir auf der Seele marternd brennen?
+
+Iphigenie.
+Ich bringe süßes Rauchwerk in die Flamme.
+O laß den reinen Hauch der Liebe dir
+Die Gluth des Busens leise wehend kühlen.
+Orest, mein Theurer, kannst du nicht vernehmen?
+Hat das Geleit der Schreckensgötter so
+Das Blut in deinen Adern aufgetrocknet?
+Schleicht, wie vom Haupt der gräßlichen Gorgone,
+Versteinernd dir ein Zauber durch die Glieder?
+O wenn vergoss'nen Mutterblutes Stimme
+Zur Höll' hinab mit dumpfen Tönen ruft;
+Soll nicht der reinen Schwester Segenswort
+Hülfreiche Götter von Olympus rufen?
+
+Orest.
+Es ruft! es ruft! So willst du mein Verderben!
+Verbirgt in dir sich eine Rachegöttin?
+Wer bist du, deren Stimme mir entsetzlich
+Das Innerste in seinen Tiefen wendet?
+
+Iphigenie.
+Es zeigt sich dir im tiefsten Herzen an:
+Orest, ich bin's! Sieh Iphigenien!
+Ich lebe!
+
+Orest.
+ Du!
+
+Iphigenie.
+ Mein Bruder!
+
+Orest.
+ Laß! Hinweg!
+Ich rathe dir, berühre nicht die Locken!
+Wie von Kreusa's Brautkleid zündet sich
+Ein unauslöschlich Feuer von mir fort.
+Laß mich! Wie Hercules will ich Unwürd'ger
+Den Tod voll Schmach, in mich verschlossen, sterben.
+
+Iphigenie.
+Du wirst nicht untergehn! O daß ich nur
+Ein ruhig Wort von dir vernehmen könnte!
+O löse meine Zweifel, laß des Glückes,
+Des lang erflehten, mich auch sicher werden.
+Es wälzet sich ein Rad von Freud' und Schmerz
+Durch meine Seele. Von dem fremden Manne
+Entfernet mich ein Schauer; doch es reißt
+Mein Innerstes gewaltig mich zum Bruder.
+
+Orest.
+Ist hier Lyäens Tempel? und ergreift
+Unbändig-heil'ge Wuth die Priesterin?
+
+Iphigenie.
+O höre mich! O sieh mich an, wie mir
+Nach einer langen Zeit das Herz sich öffnet,
+Der Seligkeit, dem Liebsten, was die Welt
+Noch für mich tragen kann, das Haupt zu küssen,
+Mit meinen Armen, die den leeren Winden
+Nur ausgebreitet waren, dich zu fassen!
+O laß mich! Laß mich! Denn es quillet heller
+Nicht vom Parnaß die ew'ge Quelle sprudelnd
+Von Fels zu Fels in's goldne Thal hinab,
+Wie Freude mir vom Herzen wallend fließt,
+Und wie ein selig Meer mich rings umfängt.
+Orest! Orest! Mein Bruder!
+
+Orest.
+ Schöne Nymphe,
+Ich traue dir und deinem Schmeicheln nicht.
+Diana fordert strenge Dienerinnen
+Und rächet das entweihte Heiligthum.
+Entferne deinen Arm von meiner Brust!
+Und wenn du einen Jüngling rettend lieben,
+Das schöne Glück ihm zärtlich bieten willst,
+So wende meinem Freunde dein Gemüth,
+Dem würd'gern Manne zu. Er irrt umher
+Auf jenem Felsenpfade; such' ihn auf,
+Weis' ihn zurecht und schone meiner.
+
+Iphigenie.
+ Fasse
+Dich, Bruder, und erkenne die Gefundne!
+Schilt einer Schwester reine Himmelsfreude
+Nicht unbesonnene, strafbare Lust.
+O nehmt den Wahn ihm von dem starren Auge,
+Daß uns der Augenblick der höchsten Freude
+Nicht dreifach elend mache! Sie ist hier,
+Die längst verlorne Schwester. Vom Altar
+Riß mich die Göttin weg und rettete
+Hierher mich in ihr eigen Heiligthum.
+Gefangen bist du, dargestellt zum Opfer,
+Und findest in der Priesterin die Schwester.
+
+Orest.
+Unselige! So mag die Sonne denn
+Die letzten Gräuel unsers Hauses sehn!
+Ist nicht Elektra hier? damit auch sie
+Mit uns zu Grunde gehe, nicht ihr Leben
+Zu schwererem Geschick und Leiden friste.
+Gut, Priesterin! Ich folge zum Altar:
+Der Brudermord ist hergebrachte Sitte
+Des alten Stammes; und ich danke, Götter,
+Daß ihr mich ohne Kinder auszurotten
+Beschlossen habt. Und laß dir rathen, habe
+Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne;
+Komm, folge mir in's dunkle Reich hinab!
+Wie sich vom Schwefelpfuhl erzeugte Drachen
+Bekämpfend die verwandte Brut verschlingen,
+Zerstört sich selbst das wüthende Geschlect;
+Komm kinderlos und schuldlos mit hinab!
+Du siehst mich mit Erbarmen an? Laß ab!
+Mit solchen Blicken suchte Klytämnestra
+Sich einen Weg nach ihres Sohnes Herzen;
+Doch sein geschwungner Arm traf ihre Brust.
+Die Mutter fiel!--Tritt auf, unwill'ger Geist!
+Im Kreis geschlossen tretet an, ihr Furien,
+Und wohnet dem willkommnen Schauspiel bei,
+Dem letzten, gräßlichsten, das ihr bereitet!
+Nicht Haß und Rache schärfen ihren Dolch;
+Die liebevolle Schwester wird zur That
+Gezwungen. Weine nicht! Du hast nicht Schuld.
+Seit meinen ersten Jahren hab' ich nichts
+Geliebt, wie ich dich lieben könnte, Schwester.
+Ja, schwinge deinen Stahl, verschone nicht,
+Zerreiße diesen Busen, und eröffne
+Den Strömen die hier sieden einen Weg!
+ (Er sinkt in Ermattung.)
+
+Iphigenie.
+Allein zu tragen dieses Glück und Elend
+Vermag ich nicht.--Wo bist du, Pylades?
+Wo find' ich deine Hülfe, theurer Mann?
+ (Sie entfernt sich suchend.)
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+Orest
+(aus seiner Betäubung erwachend und sich aufrichtend).
+
+Noch Einen! reiche mir aus Lethe's Fluthen
+Den letzten kühlen Becher der Erquickung!
+Bald ist der Krampf des Lebens aus dem Busen
+Hinweggespült; bald fließet still mein Geist,
+Der Quelle des Vergessens hingegeben,
+Zu euch, ihr Schatten, in die ew'gen Nebel.
+Gefällig laßt in eurer Ruhe sich
+Den umgetriebnen Sohn der Erde laben!--
+Welch ein Gelispel hör' ich in den Zweigen,
+Welch ein Geräusch aus jener Dämmrung säuseln?--
+Sie kommen schon, den neuen Gast zu sehn!
+Wer ist die Schaar, die herrlich mit einander
+Wie ein versammelt Fürstenhaus sich freut?
+Sie gehen friedlich, Alt' und Junge, Männer
+Mit Weibern; göttergleich und ähnlich scheinen
+Die wandelnden Gestalten. Ja, sie sind's,
+Die Ahnherrn meines Hauses!--Mit Thyesten
+Geht Atreus in vertraulichen Gesprächen;
+Die Knaben schlüpfen scherzend um sie her.
+Ist keine Feindschaft hier mehr unter euch?
+Verlosch die Rache wie das Licht der Sonne?
+So bin auch ich willkommen, und ich darf
+In euern feierlichen Zug mich mischen.
+Willkommen, Väter! euch grüßt Orest,
+Von euerm Stamme der letzte Mann;
+Was ihr gesät, hat er geerntet:
+Mit Fluch beladen stieg er herab,
+Doch leichter träget sich hier jede Bürde:
+Nehmt ihn, o nehmt ihn in euern Kreis!--
+Dich, Atreus, ehr' ich, auch dich Thyesten:
+Wir sind hier alle der Feindschaft los.--
+Zeigt mir den Vater, den ich nur einmal
+Im Leben sah!--Bist du's, mein Vater?
+Und führst die Mutter vertraut mit dir?
+Darf Klytämnestra die hand dir reichen;
+So darf Orest auch zu ihr treten
+Und darf ihr sagen: sieh deinen Sohn!--
+Seht euern Sohn! Heißt ihn willkommen.
+Auf Erden war in unserm Hause
+Der Gruß des Mordes gewisse Losung,
+Und das Geschlect des alten Tantalus
+Hat seine Freuden jenseits der Nacht.
+Ihr ruft: Willkommen! und nehmt mich auf!
+O führt zum Alten, zum Ahnherrn mich!
+Wo ist der Alte? daß ich ihn sehe,
+Das theure Haupt, das vielverehrte,
+Das mit den Göttern zu Rathe saß.
+Ihr scheint zu zaudern, euch wegzuwenden?
+Was ist es? Leidet der Göttergleiche?
+Weh mir! es haben die Übermächt'gen
+Der Heldenbrust grausame Qualen
+Mit ehrnen Ketten fest aufgeschmiedet.
+
+
+Dritter Auftritt.
+
+Orest. Iphigenie. Pylades.
+
+Orest.
+Seid ihr auch schon herabgekommen?
+Wohl Schwester dir! Noch fehlt Elektra:
+Ein güt'ger Gott send' uns die Eine
+Mit sanften Pfeilen auch schnell herab.
+Dich, armer Freund, muß ich bedauern!
+Komm mit! komm mit! zu Pluto's Thron,
+Als neue Gäste den Wirth zu grüßen.
+
+Iphigenie.
+Geschwister, die ihr an dem weiten Himmel
+Das schöne Licht bei Tag und Nacht herauf
+Den Menschen bringet, und den Abgeschiednen
+Nicht leuchten dürfet, rettet uns Geschwister!
+Du liebst, Diane, deinen holden Bruder
+Vor allem, was dir Erd' und Himmel bietet,
+Und wendest dein jungfräulich Angesicht
+Nach seinem ew'gen Lichte sehnend still.
+O laß den einz'gen Spätgefundnen mir
+Nicht in der Finsterniß des Wahnsinns rasen!
+Und ist dein Wille, da du hier mich bargst,
+Nunmehr vollendet, willst du mir durch ihn
+Und ihm durch mich die sel'ge Hülfe geben;
+So lös' ihn von den Banden jenes Fluchs,
+Daß nicht die theure Zeit der Rettung schwinde.
+
+Pylades.
+Erkennst du uns und diesen heil'gen Hain
+Und dieses Licht, das nicht den Todten leuchtet?
+Fühlst du den Arm des Freundes und der Schwester,
+Die dich noch fest, noch lebend halten? Faß
+Uns kräftig an; wir sind nicht leere Schatten.
+Merk' auf mein Wort! Vernimm es! Raffe dich
+Zusammen! Jeder Augenblick ist theuer,
+Und unsre Rückkehr hängt an zarten Fäden,
+Die, scheint es, eine günst'ge Parze spinnt.
+
+Orest (zu Iphigenien).
+Laß mich zum Erstenmal mit freiem Herzen
+In deinen Armen reine Freude haben!
+Ihr Götter, die mit flammender Gewalt
+Ihr schwere Wolken aufzuzehren wandelt,
+Und gnädig-ernst den lang erflehten Regen
+Mit Donnerstimmen und mit Windesbrausen
+In wilden Strömen auf die Erde schüttet,
+Doch bald der Menschen grausendes Erwarten
+In Segen auflös't und das bange Staunen
+In Freudeblick und lauten Dank verwandelt,
+Wenn in den Tropfen frischerquickter Blätter
+Die neue Sonne tausendfach sich spiegelt,
+Und Iris freundlich bunt mit leichter Hand
+Den grauen Flor der letzten Wolken trennt;
+O laßt mich auch in meiner Schwester Armen,
+An meines Freundes Brust, was ihr mir gönnt
+Mit vollem Dank genießen und behalten.
+Es löset sich der Fluch, mir sagt's das Herz.
+Die Eumeniden ziehn, ich höre sie,
+Zum Tartarus und schlagen hinter sich
+Die ehrnen Thore fernabdonnernd zu.
+Die Erde dampft erquickenden Geruch
+Und ladet mich auf ihren Flächen ein,
+Nach Lebensfreud' und großer That zu jagen.
+
+Pylades.
+Versäumt die Zeit nicht, die gemessen ist!
+Der Wind der unsre Segel schwellt, er bringe
+Erst unsre volle Freude zum Olymp.
+Kommt! Es bedarf hier schnellen Rath und Schluß.
+
+
+
+Vierter Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Iphigenie.
+Denken die Himmlischen
+Einem der Erdgebornen
+Viele Verwirrungen zu,
+Und bereiten sie ihm
+Von der Freude zu Schmerzen
+Und von Schmerzen zur Freude
+Tief-erschütternden Übergang;
+Dann erziehen sie ihm
+In der Nähe der Stadt,
+Oder am fernen Gestade,
+Daß in Stunden der Noth
+Auch die Hülfe bereit sei,
+Einen ruhigen Freund.
+O segnet, Götter, unsern Pylades
+Und was er immer unternehmen mag!
+Er ist der Arm des Jünglings in der Schlacht,
+Des Greises leuchtend Aug' in der Versammlung:
+Denn seine Seel' ist stille; sie bewahrt
+Der Ruhe heil'ges unerschöpftes Gut,
+Und den Umhergetriebnen reichet er
+Aus ihren Tiefen Rath und Hülfe. Mich
+Riß er vom Bruder los; den staunt' ich an
+Und immer wieder an, und konnte mir
+Das Glück nicht eigen machen, ließ ihn nicht
+Aus meinen Armen los, und fühlte nicht
+Die Nähe der Gefahr die uns umgibt.
+Jetzt gehn sie ihren Anschlag auszuführen
+Der See zu, wo das Schiff mit den Gefährten
+In einer Bucht versteckt auf's Zeichen lauert,
+Und haben kluges Wort mir in den Mund
+Gegeben, mich gelehrt was ich dem König
+Antworte, wenn er sendet und das Opfer
+Mir dringender gebietet. Ach! ich sehe wohl,
+Ich muß mich leiten lassen wie ein Kind.
+Ich habe nicht gelernt zu hinterhalten
+Noch jemand etwas abzulisten. Weh!
+O weh der Lüge! Sie befreiet nicht,
+Wie jedes andre wahrgesprochne Wort,
+Die Brust; sie macht uns nicht getrost, sie ängstet
+Den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt,
+Ein losgedruckter Pfeil, von einem Gotte
+Gewendet und versagend, sich zurück
+Und trifft den Schützen. Sorg' auf Sorge schwankt
+Mir durch die Brust. Es greift die Furie
+Vielleicht den Bruder auf dem Boden wieder
+Des ungeweihten Ufers grimmig an.
+Entdeckt man sie vielleicht? Mich dünkt, ich höre
+Gewaffnete sich nahen!--Hier!--Der Bote
+Kommt von dem Könige mit schnellem Schritt,
+Es schlägt mein Herz, es trübt sich meine Seele,
+Da ich des Mannes Angesicht erblicke,
+Dem ich mit falschem Wort begegnen soll.
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+
+Iphigenie. Arkas.
+
+Arkas.
+Beschleunige das Opfer, Priesterin!
+Der König wartet und es harrt das Volk.
+
+Iphigenie.
+Ich folgte meiner Pflicht und deinem Wink,
+Wenn unvermuthet nicht ein Hinderniß
+Sich zwischen mich und die Erfüllung stellte.
+
+Arkas.
+Was ist's, das den Befehl des Königs hindert?
+
+Iphigenie.
+Der Zufall, dessen wir nicht Meister sind.
+
+Arkas.
+So sage mir's, daß ich's ihm schnell vermelde:
+Denn er beschloß bei sich der beiden Tod.
+
+Iphigenie.
+Die Götter haben ihn noch nicht beschlossen.
+Der ält'ste dieser Männer trägt die Schuld
+Des nahverwandten Bluts, das er vergoß.
+Die Furien verfolgen seinen Pfad,
+Ja in dem innern Tempel faßte selbst
+Das Übel ihn, und seine Gegenwart
+Entheiligte die reine Stätte. Nun
+Eil' ich mit meinen Jungfraun, an dem Meere
+Der Göttin Bild mit frischer Welle netzend,
+Geheimnißvolle Weihe zu begehn.
+Es störe niemand unsern stillen Zug!
+
+Arkas.
+Ich melde dieses neue Hinderniß
+Dem Könige geschwind; beginne du
+Das heil'ge Werk nicht eh' bis er's erlaubt.
+
+Iphigenie.
+Dieß ist allein der Priestrin überlassen.
+
+Arkas.
+Solch seltnen Fall soll auch der König wissen.
+
+Iphigenie.
+Sein Rath wie sein Befehl verändert nichts.
+
+Arkas.
+Oft wird der Mächtige zum Schein gefragt.
+
+Iphigenie.
+Erdringe nicht, was ich versagen sollte.
+
+Arkas.
+Versage nicht, was gut und nützlich ist.
+
+Iphigenie.
+Ich gebe nach, wenn du nicht säumen willst.
+
+Arkas.
+Schnell bin ich mit der Nachricht in dem Lager,
+Und schnell mit seinen Worten hier zurück.
+O könnt' ich ihm noch eine Botschaft bringen,
+Die alles lös'te, was uns jetzt verwirrt:
+Denn du hast nicht des Treuen Rath geachtet.
+
+Iphigenie.
+Was ich vermochte, hab' ich gern gethan.
+
+Arkas.
+Noch änderst du den Sinn zur rechten Zeit.
+
+Iphigenie.
+Das steht nun einmal nicht in unsrer Macht.
+
+Arkas.
+Du hältst unmöglich, was dir Mühe kostet.
+
+Iphigenie.
+Dir scheint es möglich, weil der Wunsch dich trügt.
+
+Arkas.
+Willst du denn alles so gelassen wagen?
+
+Iphigenie.
+Ich hab' es in der Götter Hand gelegt.
+
+Arkas.
+Sie pflegen Menschen menschlich zu erretten.
+
+Iphigenie.
+Auf ihren Fingerzeig kömmt alles an.
+
+Arkas.
+Ich sage dir, es liegt in deiner Hand.
+Des Königs aufgebrachter Sinn allein
+Bereitet diesen Fremden bittern Tod.
+Das Heer entwöhnte längst vom harten Opfer
+Und von dem blut'gen Dienste sein Gemüth.
+Ja, mancher, den ein widriges Geschick
+An fremdes Ufer trug, empfand es selbst,
+Wie göttergleich dem armen Irrenden,
+Umhergetrieben an der fremden Gränze,
+Ein freundlich Menschenangesicht begegnet.
+O wende nicht von uns was du vermagst!
+Du endest leicht was du begonnen hast:
+Denn nirgends baut die Milde, die herab
+In menschlicher Gestalt vom Himmel kommt,
+Ein Reich sich schneller, als wo trüb und wild
+Ein neues Volk, voll Leben, Muth und Kraft,
+Sich selbst und banger Ahnung überlassen,
+Des Menschenlebens schwere Bürden trägt.
+
+Iphigenie.
+Erschüttre meine Seele nicht, die du
+Nach deinem Willen nicht bewegen kannst.
+
+Arkas.
+So lang es Zeit ist, schont man weder Mühe
+Noch eines guten Wortes Wiederholung.
+
+Iphigenie.
+Du machst dir Müh und mir erregst du Schmerzen:
+Vergebens beides: darum laß mich nun.
+
+Arkas.
+Die Schmerzen sind's, die ich zu Hülfe rufe:
+Denn es sind Freunde, Gutes rathen sie.
+
+Iphigenie.
+Sie fassen meine Seele mit Gewalt,
+Doch tilgen sie den Widerwillen nicht.
+
+Arkas.
+Fühlt eine schöne Seele Widerwillen
+Für eine Wohlthat, die der Edle reicht?
+
+Iphigenie.
+Ja, wenn der Edle, was sich nicht geziemt,
+Statt meines Dankes mich erwerben will.
+
+Arkas.
+Wer keine Neigung fühlt, dem mangelt es
+An einem Worte der Entschuld'gung nie.
+Dem Fürsten sag' ich an, was hier geschehn.
+O wiederholtest du in deiner Seele,
+Wie edel er sich gegen dich betrug
+Von deiner Ankunft an bis diesen Tag.
+
+
+Dritter Auftritt.
+
+Iphigenie (allein).
+
+Von dieses Mannes Rede fühl' ich mir
+Zur ungelegnen Zeit das Herz im Busen
+Auf einmal umgewendet. Ich erschrecke!--
+Denn wie die Fluth mit schnellen Strömen wachsend
+Die Felsen überspült, die in dem Sand
+Am Ufer liegen: so bedeckte ganz
+Ein Freudenstrom mein Innerstes. Ich hielt
+In meinen Armen das Unmögliche.
+Es schien sich eine Wolke wieder sanft
+Um mich zu legen, von der Erde mich
+Empor zu heben und in jenen Schlummer
+Mich einzuwiegen, den die gute Göttin
+Um meine Schläfe legte, da ihr Arm
+Mich rettend faßte.--Meinen Bruder
+Ergriff das Herz mit einziger Gewalt:
+Ich horchte nur auf seines Freundes Rath;
+Nur sie zu retten drang die Seele vorwärts.
+Und wie den Klippen einer wüsten Insel
+Der Schiffer gern den Rücken wendet: so
+Lag Tauris hinter mir. Nun hat die Stimme
+Des treuen Manns mich wieder aufgeweckt,
+Daß ich auch Menschen hier verlasse, mich
+Erinnert. Doppelt wird mir der Betrug
+Verhaßt. O bleibe ruhig, meine Seele!
+Beginnst du nun zu schwanken und zu zweifeln?
+Den festen Boden deiner Einsamkeit
+Mußt du verlassen! Wieder eingeschifft
+Ergreifen dich die Wellen schaukelnd, trüb
+Und bang verkennest du die Welt und dich.
+
+
+Vierter Auftritt.
+
+Iphigenie. Pylades.
+
+Pylades.
+Wo ist sie? daß ich ihr mit schnellen Worten
+Die frohe Botschaft unsrer Rettung bringe!
+
+Iphigenie.
+Du siehst mich hier voll Sorgen und Erwartung
+Des sichern Trostes, den du mir versprichst.
+
+Pylades.
+Dein Bruder ist geheilt! Den Felsenboden
+Des ungeweihten Ufers und den Sand
+Betraten wir mit fröhlichen Gesprächen;
+Der Hain blieb hinter uns, wir merkten's nicht.
+Und herrlicher und immer herrlicher
+Umloderte der Jugend schöne Flamme
+Sein lockig Haupt; sein volles Auge glühte
+Von Muth und Hoffnung, und sein freies Herz
+Ergab sich ganz der Freude, ganz der Lust,
+Dich, seine Retterin, und mich zu retten.
+
+Iphigenie.
+Gesegnet seist du, und es möge nie
+Von deiner Lippe, die so Gutes sprach,
+Der Ton des Leidens und der Klage tönen!
+
+Pylades.
+Ich bringe mehr als das; denn schön begleitet,
+Gleich einem Fürsten, pflegt das Glück zu nahn.
+Auch die Gefährten haben wir gefunden.
+In einer Felsenbucht verbargen sie
+Das Schiff und saßen traurig und erwartend.
+Sie sahen deinen Bruder, und es regten
+Sich alle jauchzend, und sie baten dringend
+Der Abfahrt Stunde zu beschleunigen.
+Es sehnet jede Faust sich nach dem Ruder,
+Und selbst ein Wind erhob vom Lande lispelnd,
+Von allen gleich bemerkt, die holden Schwingen.
+Drum laß uns eilen, führe mich zum Tempel,
+Laß mich das Heiligthum betreten, laß
+Mich unsrer Wünsche Ziel verehrend fassen.
+Ich bin allein genug, der Göttin Bild
+Auf wohl geübten Schultern wegzutragen;
+Wie sehn' ich mich nach der erwünschten Last!
+
+(Er geht gegen den Tempel unter den letzten Worten,
+ohne zu bemerken, daß Iphigenie nicht folgt; endlich
+kehrt er sich um.)
+
+Du stehst und zauderst--Sage mir--Du schweigst!
+Du scheinst verworren! Widersetzet sich
+Ein neues Unheil unserm Glück? Sag' an!
+Hast du dem Könige das kluge Wort
+Vermelden lassen, das wir abgeredet?
+
+Iphigenie.
+Ich habe, theurer Mann; doch wirst du schelten.
+Ein schweigender Verweis war mir dein Anblick.
+Des Königs Bote kam, und wie du es
+Mir in den Mund gelegt, so sagt' ich's ihm.
+Er schien zu staunen, und verlangte dringend
+Die seltne Feier erst dem Könige
+Zu melden, seinen Willen zu vernehmen;
+Und nun erwart' ich seine Wiederkehr.
+
+Pylades.
+Weh uns! Erneuert schwebt nun die Gefahr
+Um unsre Schläfe! Warum hast du nicht
+In's Priesterrecht dich weislich eingehüllt?
+
+Iphigenie.
+Als eine Hülle hab' ich's nie gebraucht.
+
+Pylades.
+So wirst du, reine Seele, dich und uns
+Zu Grunde richten. Warum dacht' ich nicht
+Auf diesen Fall voraus, und lehrte dich
+Auch dieser Fordrung auszuweichen!
+
+Iphigenie.
+ Schilt
+Nur mich, die Schuld ist mein, ich fühl' es wohl;
+Doch konnt' ich anders nicht dem Mann begegnen,
+Der mit Vernunft und Ernst von mir verlangte,
+Was ihm mein Herz als Recht gestehen mußte.
+
+Pylades.
+Gefährlicher zieht sich's zusammen; doch auch so
+Laß uns nicht zagen, oder unbesonnen
+Und übereilt uns selbst verrathen. Ruhig
+Erwarte du die Wiederkunft des Boten,
+Und dann steh fest, er bringe was er will:
+Denn solcher Weihung Feier anzuordnen
+Gehört der Priesterin und nicht dem König.
+Und fordert er den fremden Mann zu sehn,
+Der von dem Wahnsinn schwer belastet ist;
+So lehn' es ab, als hieltest du uns beide
+Im Tempel wohl verwahrt. So schaff' uns Luft,
+Daß wir auf's eiligste, den heil'gen Schatz
+Dem rauh unwürd'gen Volk entwendend, fliehn.
+Die besten Zeichen sendet uns Apoll,
+Und, eh' wir die Bedingung fromm erfüllen,
+Erfüllt er göttlich sein Versprechen schon.
+Orest ist frei, geheilt!--Mit dem Befreiten
+O führet uns hinüber, günst'ge Winde,
+Zur Felsen-Insel die der Gott bewohnt;
+Dann nach Mycen, daß es lebendig werde,
+Daß von der Asche des verloschnen Herdes
+Die Vatergötter fröhlich sich erheben,
+Und schönes Feuer ihre Wohnungen
+Umleuchte! Deine Hand soll ihnen Weihrauch
+Zuerst aus goldnen Schalen streuen. Du
+Bringst über jene Schwelle Heil und Leben wieder,
+Entsühnst den Fluch und schmückest neu die Deinen
+Mit frischen Lebensblüthen herrlich aus.
+
+Iphigenie.
+Vernehm' ich dich, so wendet sich, o Theurer,
+Wie sich die Blume nach der Sonne wendet,
+Die Seele, von dem Strahle deiner Worte
+Getroffen, sich dem süßen Troste nach.
+Wie köstlich ist des gegenwärt'gen Freundes
+Gewisse Rede, deren Himmelskraft
+Ein Einsamer entbehrt und still versinkt.
+Denn langsam reift, verschlossen in dem Busen,
+Gedank' ihm und Entschluß; die Gegenwart
+Des Liebenden entwickelte sie leicht.
+
+Pylades.
+Leb' wohl! Die Freunde will ich nun geschwind
+Beruhigen, die sehnlich wartend harren.
+Dann komm' ich schnell zurück und lausche hier
+Im Felsenbusch versteckt auf deinen Wink--
+Was sinnest du? Auf einmal überschwebt
+Ein stiller Trauerzug die freie Stirne.
+
+Iphigenie.
+Verzeih! Wie leichte Wolken vor der Sonne,
+So zieht mir vor der Seele leichte Sorge
+Und Bangigkeit vorüber.
+
+Pylades.
+ Fürchte nicht!
+Betrüglich schloß die Furcht mit der Gefahr
+Ein enges Bündniß; beide sind Gesellen.
+
+Iphigenie.
+Die Sorge nenn' ich edel, die mich warnt,
+Den König, der mein zweiter Vater ward,
+Nicht tückisch zu betrügen, zu berauben.
+
+Pylades.
+Der deinen Bruder schlachtet, dem entfliehst du.
+
+Iphigenie.
+Es ist derselbe, der mir Gutes that.
+
+Pylades.
+Das ist nicht Undank, was die Noth gebeut.
+
+Iphigenie.
+Es bleibt wohl Undank; nur die Noth entschuldigt.
+
+Pylades.
+Vor Göttern und vor Menschen dich gewiß.
+
+Iphigenie.
+Allein mein eigen Herz ist nicht befriedigt.
+
+Pylades.
+Zu strenge Fordrung ist verborgner Stolz.
+
+Iphigenie.
+Ich untersuche nicht, ich fühle nur.
+
+Pylades.
+Fühlst du dich recht, so mußt du dich verehren.
+
+Iphigenie.
+Ganz unbefleckt genießt sich nur das Herz.
+
+Pylades.
+So hast du dich im Tempel wohl bewahrt;
+Das Leben lehrt uns, weniger mit uns
+Und andern strenge sein; du lernst es auch.
+So wunderbar ist dieß Geschlecht gebildet,
+So vielfach ist's verschlungen und verknüpft,
+Daß keiner in sich selbst, noch mit den andern
+Sich rein und unverworren halten kann.
+Auch sind wir nicht bestellt uns selbst zu richten;
+Zu wandeln und auf seinen Weg zu sehen
+Ist eines Menschen erste, nächste Pflicht:
+Denn selten schätzt er recht was er gethan,
+Und was er thut weiß er fast nie zu schätzen.
+
+Iphigenie.
+Fast überred'st du mich zu deiner Meinung.
+
+Pylades.
+Braucht's Überredung, wo die Wahl versagt ist?
+Den Bruder, dich, und einen Freund zu retten
+Ist nur Ein Weg; fragt sich's ob wir ihn gehen?
+
+Iphigenie.
+O laß mich zaudern! denn du thätest selbst
+Ein solches Unrecht keinem Mann gelassen,
+Dem du für Wohlthat dich verpflichtet hieltest.
+
+Pylades.
+Wenn wir zu Grunde gehen, wartet dein
+Ein härtrer Vorwurf, der Verzweiflung trägt.
+Man sieht, du bist nicht an Verlust gewohnt,
+Da du dem großen Übel zu entgehen
+Ein falsches Wort nicht einmal opfern willst.
+
+Iphigenie.
+O trüg' ich doch ein männlich Herz in mir!
+Das, wenn es einen kühnen Vorsatz hegt,
+Vor jeder andern Stimme sich verschließt.
+
+Pylades.
+Du weigerst dich umsonst; die ehrne Hand
+Der Noth gebietet, und ihr ernster Wink
+Ist oberstes Gesetz, dem Götter selbst
+Sich unterwerfen müssen. Schweigend herrscht
+Des ew'gen Schicksals unberathne Schwester.
+Was sie dir auferlegt, das trage: thu'
+Was sie gebeut. Das Andre weißt du. Bald
+Komm' ich zurück, aus deiner heil'gen Hand
+Der Rettung schönes Siegel zu empfangen.
+
+
+Fünfter Auftritt.
+
+Iphigenie (allein).
+Ich muß ihm folgen: denn die Meinigen
+Seh' ich in dringender Gefahr. Doch ach!
+Mein eigen Schicksal macht mir bang und bänger.
+O soll ich nicht die stille Hoffnung retten,
+Die in der Einsamkeit ich schön genährt?
+Soll dieser Fluch denn ewig walten? Soll
+Nie dieß Geschlecht mit einem neuen Segen
+Sich wieder heben?--Nimmt doch alles ab!
+Das beste Glück, des Lebens schönste Kraft
+Ermattet endlich, warum nicht der Fluch?
+So hofft' ich denn vergebens, hier verwahrt,
+Von meines Hauses Schicksal abgeschieden,
+Dereinst mit reiner Hand und reinem Herzen
+Die schwer befleckte Wohnung zu entsühnen!
+Kaum wird in meinen Armen mir ein Bruder
+Vom grimm'gen Übel wundervoll und schnell
+Geheilt, kaum naht ein lang erflehtes Schiff,
+Mich in den Port der Vaterwelt zu leiten,
+So legt die taube Noth ein doppelt Laster
+Mit ehrner Hand mir auf: das heilige
+Mir anvertraute, viel verehrte Bild
+Zu rauben und den Mann zu hintergehn,
+Dem ich mein Leben und mein Schicksal danke.
+O daß in meinem Busen nicht zuletzt
+Ein Widerwille keime! der Titanen
+Der alten Götter tiefer Haß auf euch,
+Olympier, nicht auch die zarte Brust
+Mit Geierklauen fasse! Rettet mich
+Und rettet euer Bild in meiner Seele!
+
+Vor meinen Ohren tönt das alte Lied--
+Vergessen hatt' ich's und vergaß es gern--
+Das Lied der Parzen, das sie grausend sangen,
+Als Tantalus vom goldnen Stuhle fiel:
+Sie litten mit dem edeln Freunde; grimmig
+War ihre Brust, und furchtbar ihr Gesang.
+In unsrer Jugend sang's die Amme mir
+Und den Geschwistern vor, ich merkt es wohl.
+
+ Es fürchte die Götter
+ Das Menschengeschlecht!
+ Sie halten die Herrschaft
+ In ewigen Händen,
+ Und können sie brauchen
+ Wie's ihnen gefällt.
+
+ Der fürchte sie doppelt,
+ Den je sie erheben!
+ Auf Klippen und Wolken
+ Sind Stühle bereitet
+ Um goldene Tische.
+
+ Erhebet ein Zwist sich:
+ So stürzen die Gäste
+ Geschmäht und geschändet
+ In nächtliche Tiefen,
+ Und harren vergebens,
+ Im Finstern gebunden,
+ Gerechten Gerichtes.
+
+ Sie aber, sie bleiben
+ In ewigen Festen
+ An goldenen Tischen.
+ Sie schreiten vom Berge
+ Zu Bergen hinüber:
+ Aus Schlünden der Tiefe
+ Dampft ihnen der Athem
+ Erstickter Titanen,
+ Gleich Opfergerüchen,
+ Ein leichtes Gewölke.
+
+ Es wenden die Herrscher
+ Ihr segnendes Auge
+ Von ganzen Geschlechtern,
+ Und meiden, im Enkel
+ Die ehmals geliebten
+ Still redenden Züge
+ Des Ahnherrn zu sehn.
+
+ So sangen die Parzen;
+ Es horcht der Verbannte
+ In nächtlichen Höhlen
+ Der Alte die Lieder,
+ Denkt Kinder und Enkel
+ Und schüttelt das Haupt.
+
+
+
+Fünfter Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Thoas. Arkas.
+
+Arkas.
+Verwirrt muß ich gestehn, daß ich nicht weiß,
+Wohin ich meinen Argwohn richten soll.
+Sind's die Gefangnen, die auf ihre Flucht
+Verstohlen sinnen? Ist's die Priesterin,
+Die ihnen hilft? Es mehrt sich das Gerücht:
+Das Schiff, das diese beiden hergebracht,
+Sei irgend noch in einer Bucht versteckt.
+Und jenes Mannes Wahnsinn, diese Weihe,
+Der heil'ge Vorwand dieser Zögrung, rufen
+Den Argwohn lauter und die Vorsicht auf.
+
+Thoas.
+Es komme schnell die Priesterin herbei!
+Dann geht, durchsucht das Ufer scharf und schnell
+Vom Vorgebirge bis zum Hain der Göttin.
+Verschonet seine heil'gen Tiefen, legt
+Bedächt'gen Hinterhalt und greift sie an;
+Wo ihr sie findet, faßt sie wie ihr pflegt.
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+Thoas (allein).
+
+Entsetzlich wechselt mir der Grimm im Busen;
+Erst gegen sie, die ich so heilig hielt;
+Dann gegen mich, der ich sie zum Verrath
+Durch Nachsicht und durch Güte bildete.
+Zur Sklaverei gewöhnt der Mensch sich gut
+Und lernet leicht gehorchen, wenn man ihn
+Der Freiheit ganz beraubt. Ja, wäre sie
+In meiner Ahnherrn rohe Hand gefallen,
+Und hätte sie der heil'ge Grimm verschont:
+Sie wäre froh gewesen, sich allein
+Zu retten, hätte dankbar ihr Geschick
+Erkannt und fremdes Blut vor dem Altar
+Vergossen, hätte Pflicht genannt
+Was Noth war. Nun lockt meine Güte
+In ihrer Brust verwegnen Wunsch herauf.
+Vergebens hofft' ich, sie mir zu verbinden;
+Sie sinnt sich nun ein eigen Schicksal aus.
+Durch Schmeichelei gewann sie mir das Herz:
+Nun widersteh' ich der; so sucht sie sich
+Den Weg durch List und Trug, und meine Güte
+Scheint ihr ein alt verjährtes Eigenthum.
+
+
+Dritter Auftritt.
+
+Iphigenie. Thoas.
+
+Iphigenie.
+Du forderst mich! was bringt dich zu uns her?
+
+Thoas.
+Du schiebst das Opfer auf; sag' an, warum?
+
+Iphigenie.
+Ich hab' an Arkas alles klar erzählt.
+
+Thoas.
+Von dir möcht' ich es weiter noch vernehmen.
+
+Iphigenie.
+Die Göttin gibt dir Frist zur Überlegung.
+
+Thoas.
+Sie scheint dir selbst gelegen, diese Frist.
+
+Iphigenie.
+Wenn dir das Herz zum grausamen Entschluß
+Verhärtet ist: so solltest du nicht kommen!
+Ein König, der Unmenschliches verlangt,
+Find't Diener g'nug, die gegen Gnad' und Lohn
+Den halben Fluch der That begierig fassen;
+Doch seine Gegenwart bleibt unbefleckt.
+Er sinnt den Tod in einer schweren Wolke,
+Und seine Boten bringen flammendes
+Verderben auf des Armen Haupt hinab;
+Er aber schwebt durch seine Höhen ruhig,
+Ein unerreichter Gott, im Sturme fort.
+
+Thoas.
+Die heil'ge Lippe tönt ein wildes Lied.
+
+Iphigenie.
+Nicht Priesterin! nur Agamemnons Tochter.
+Der Unbekannten Wort verehrtest du;
+Der Fürstin willst du rasch gebieten? Nein!
+Von Jugend auf hab' ich gelernt gehorchen,
+Erst meinen Eltern und dann einer Gottheit,
+Und folgsam fühlt' ich immer meine Seele
+Am schönsten frei; allein dem harten Worte,
+Dem rauhen Ausspruch eines Mannes mich
+Zu fügen, lernt' ich weder dort noch hier.
+
+Thoas.
+Ein alt Gesetz, nicht ich, gebietet dir.
+
+Iphigenie.
+Wir fassen ein Gesetz begierig an,
+Das unsrer Leidenschaft zur Waffe dient.
+Ein andres spricht zu mir, ein älteres,
+Mich dir zu widersetzen, das Gebot,
+Dem jeder Fremde heilig ist.
+
+Thoas.
+Es scheinen die Gefangnen dir sehr nah
+Am Herzen: denn vor Antheil und Bewegung
+Vergissest du der Klugheit erstes Wort,
+Daß man den Mächtigen nicht reizen soll.
+
+Iphigenie.
+Red' oder schweig' ich, immer kannst du wissen,
+Was mir im Herzen ist und immer bleibt.
+Lös't die Erinnerung des gleichen Schicksals
+Nicht ein verschloss'nes Herz zum Mitleid auf?
+Wie mehr denn meins! In ihnen seh' ich mich.
+Ich habe vor'm Altare selbst gezittert,
+Und feierlich umgab der frühe Tod
+Die Knieende; das Messer zuckte schon,
+Den lebenvollen Busen zu durchbohren;
+Mein Innerstes entsetzte wirbelnd sich,
+Mein Auge brach, und--ich fand mich gerettet.
+Sind wir, was Götter gnädig uns gewährt,
+Unglücklichen nicht zu erstatten schuldig?
+Du weißt es, kennst mich, und du willst mich zwingen!
+
+Thoas.
+Gehorche deinem Dienste, nicht dem Herrn.
+
+Iphigenie.
+Laß ab! Beschönige nicht die Gewalt,
+Die sich der Schwachheit eines Weibes freut.
+Ich bin so frei geboren als ein Mann.
+Stünd' Agamemnons Sohn dir gegenüber,
+Und du verlangtest was sich nicht gebührt:
+So hat auch Er ein Schwert und einen Arm,
+Die Rechte seines Busens zu verteid'gen.
+Ich habe nichts als Worte, und es ziemt
+Dem edeln Mann, der Frauen Wort zu achten.
+
+Thoas.
+Ich acht' es mehr als eines Bruders Schwert.
+
+Iphigenie.
+Das Loos der Waffen wechselt hin und her:
+Kein kluger Streiter hält den Feind gering.
+Auch ohne Hülfe gegen Trutz und Härte
+Hat die Natur den Schwachen nicht gelassen.
+Sie gab zur List ihm Freude, lehrt' ihn Künste;
+Bald weicht er aus, verspätet und umgeht.
+Ja, der Gewaltige verdient, daß man sie übt.
+
+Thoas.
+Die Vorsicht stellt der List sich klug entgegen.
+
+Iphigenie.
+Und eine reine Seele braucht sie nicht.
+
+Thoas.
+Sprich unbehutsam nicht dein eigen Urtheil.
+
+Iphigenie.
+O sähest du wie meine Seele kämpft,
+Ein bös Geschick, das sie ergreifen will,
+Im ersten Anfall muthig abzutreiben!
+So steh' ich denn hier wehrlos gegen dich?
+Die schöne Bitte, den anmuth'gen Zweig,
+In einer Frauen Hand gewaltiger
+Als Schwert und Waffe, stößest du zurück:
+Was bleibt mir nun, mein Innres zu verteid'gen?
+Ruf' ich die Göttin um ein Wunder an?
+Ist keine Kraft in meiner Seele Tiefen?
+
+Thoas.
+Es scheint, der beiden Fremden Schicksal macht
+Unmäßig dich besorgt. Wer sind sie? sprich,
+Für die dein Geist gewaltig sich erhebt?
+
+Iphigenie.
+Sie sind--sie scheinen--für Griechen halt' ich sie.
+
+Thoas.
+Landsleute sind es? und sie haben wohl
+Der Rückkehr schönes Bild in dir erneut?
+
+Iphigenie (nach einigem Stillschweigen).
+Hat denn zur unerhörten That der Mann
+Allein das Recht? Drückt denn Unmögliches
+Nur Er an die gewalt'ge Heldenbrust?
+Was nennt man groß? Was hebt die Seele schaudernd
+Dem immer wiederholenden Erzähler?
+Als was mit unwahrscheinlichem Erfolg
+Der Muthigste begann. Der in der Nacht
+Allein das Heer des Feindes überschleicht,
+Wie unversehen eine Flamme wüthend
+Die Schlafenden, Erwachenden ergreift,
+Zuletzt gedrängt von den Ermunterten
+Auf Feindes Pferden, doch mit Beute kehrt,
+Wird der allein gepriesen? der allein,
+Der, einen sichern Weg verachtend, kühn
+Gebirg' und Wälder durchzustreifen geht,
+Daß er von Räubern eine Gegend säubre?
+Ist uns nichts übrig? Muß ein zartes Weib
+Sich ihres angebornen Rechts entäußern,
+Wild gegen Wilde sein, wie Amazonen
+Das Recht des Schwerts euch rauben und mit Blute
+Die Unterdrückung rächen? Auf und ab
+Steigt in der Brust ein kühnes Unternehmen:
+Ich werde großem Vorwurf nicht entgehn,
+Noch schwerem Übel wenn es mir mißlingt;
+Allein Euch leg' ich's auf die Kniee! Wenn
+Ihr wahrhaft seid, wie ihr gepriesen werdet;
+So zeigt's durch euern Beistand und verherrlicht
+Durch mich die Wahrheit!--Ja, vernimm, o König,
+Es wird ein heimlicher Betrug geschmiedet;
+Vergebens fragst du den Gefangnen nach;
+Sie sind hinweg und suchen ihre Freunde,
+Die mit dem Schiff am Ufer warten, auf.
+Der ält'ste, den das Übel hier ergriffen
+Und nun verlassen hat--es ist Orest,
+Mein Bruder, und der andre sein Vertrauter,
+Sein Jugendfreund, mit Namen Pylades.
+Apoll schickt sie von Delphi diesem Ufer
+Mit göttlichen Befehlen zu, das Bild
+Dianens wegzurauben und zu ihm
+Die Schwester hinzubringen, und dafür
+Verspricht er dem von Furien Verfolgten,
+Des Mutterblutes Schuldigen, Befreiung.
+Uns beide hab' ich nun, die Überbliebnen
+Von Tantals Haus, in deine Hand gelegt:
+Verdirb uns--wenn du darfst.
+
+Thoas.
+ Du glaubst, es höre
+Der rohe Scythe, der Barbar, die Stimme
+Der Wahrheit und der Menschlichkeit, die Atreus,
+Der Grieche, nicht vernahm?
+
+Iphigenie.
+ Es hört sie jeder,
+Geboren unter jedem Himmel, dem
+Des Lebens Quelle durch den Busen rein
+Und ungehindert fließt.--Was sinnst du mir,
+O König, schweigend in der tiefen Seele?
+Ist es Verderben? so tödte mich zuerst!
+Denn nun empfind' ich, da uns keine Rettung
+Mehr übrig bleibt, die gräßliche Gefahr,
+Worein ich die Geliebten übereilt
+Vorsetzlich stürzte. Weh! ich werde sie
+Gebunden vor mir sehn! Mit welchen Blicken
+Kann ich von meinem Bruder Abschied nehmen,
+Den ich ermorde? Nimmer kann ich ihm
+Mehr in die vielgeliebten Augen schaun!
+
+Thoas.
+So haben die Betrüger künstlich-dichtend
+Der lang Verschloss'nen, ihre Wünsche leicht
+Und willig Glaubenden, ein solch Gespinnst
+Um's Haupt geworfen!
+
+Iphigenie.
+ Nein! o König, nein!
+Ich könnte hintergangen werden; diese
+Sind treu und wahr. Wirst du sie anders finden,
+So laß sie fallen und verstoße mich,
+Verbanne mich zur Strafe meiner Thorheit
+An einer Klippen-Insel traurig Ufer.
+Ist aber dieser Mann der lang erflehte,
+Geliebte Bruder: so entlaß uns, sei
+Auch den Geschwistern wie der Schwester freundlich!
+Mein Vater fiel durch seiner Frauen Schuld,
+Und sie durch ihren Sohn. Die letzte Hoffnung
+Von Atreus Stamme ruht auf ihm allein.
+Laß mich mit reinem Herzen, reiner Hand,
+Hinübergehn und unser Haus entsühnen.
+Du hältst mir Wort!--Wenn zu den Meinen je
+Mir Rückkehr zubereitet wäre, schwurst
+Du mich zu lassen; und sie ist es nun.
+Ein König sagt nicht, wie gemeine Menschen,
+Verlegen zu, daß er den Bittenden
+Auf einen Augenblick entferne; noch
+Verspricht er auf den Fall, den er nicht hofft:
+Dann fühlt er erst die Höhe seiner Würde,
+Wenn er den Harrenden beglücken kann.
+
+Thoas.
+Unwillig, wie sich Feuer gegen Wasser
+Im Kampfe wehrt und gischend seinen Feind
+Zu Tilgen sucht, so wehret sich der Zorn
+In meinem Busen gegen deine Worte.
+
+Iphigenie.
+O laß die Gnade, wie das heil'ge Licht
+Der stillen Opferflamme, mir, umkränzt
+Von Lobgesang und Dank und Freude, lodern.
+
+Thoas.
+Wie oft besänftigte mich diese Stimme!
+
+Iphigenie.
+O reiche mir die Hand zum Friedenszeichen.
+
+Thoas.
+Du forderst viel in einer kurzen Zeit.
+
+Iphigenie.
+Um Gut's zu thun braucht's keiner Überlegung.
+
+Thoas.
+Sehr viel! denn auch dem Guten folgt das Übel.
+
+Iphigenie.
+Der Zweifel ist's, der Gutes böse macht.
+Bedenke nicht; gewähre, wie du's fühlst.
+
+
+Vierter Auftritt.
+
+Orest (gewaffnet). Die Vorigen.
+
+Orest (nach der Scene gekehrt).
+Verdoppelt eure Kräfte! Haltet sie
+Zurück! nur wenig Augenblicke! Weicht
+Der Menge nicht, und deckt den Weg zum Schiffe
+Mir und der Schwester.
+ (Zu Iphigenien ohne den König zu sehen.)
+ Komm, wir sind verrathen.
+Geringer Raum bleibt uns zur Flucht. Geschwind!
+ (Er erblickt den König.)
+
+Thoas (nach dem Schwerte greifend).
+In meiner Gegenwart führt ungestraft
+Kein Mann das nackte Schwert.
+
+Iphigenie.
+ Entheiliget
+Der Göttin Wohnung nicht durch Wuth und Mord.
+Gebietet euerm Volke Stillstand, höret
+Die Priesterin, die Schwester.
+
+Orest.
+ Sage mir!
+Wer ist es, der uns droht?
+
+Iphigenie.
+ Verehr' in ihm
+Den König, der mein zweiter Vater ward!
+Verzeih mir, Bruder! doch mein kindlich Herz
+Hat unser ganz Geschick in seine Hand
+Gelegt. Gestanden hab' ich euern Anschlag
+Und meine Seele vom Verrath gerettet.
+
+Orest.
+Will er die Rückkehr friedlich uns gewähren?
+
+Iphigenie.
+Dein blinkend Schwert verbietet mir die Antwort.
+
+Orest (der das Schwert einsteckt).
+So sprich! Du siehst, ich horche deinen Worten.
+
+
+Fünfter Auftritt.
+
+Die Vorigen. Pylades. (Bald nach ihm) Arkas.
+
+(Beide mit bloßen Schwertern.)
+
+Pylades.
+Verweilet nicht! Die letzte Kräfte raffen
+Die Unsrigen zusammen; weichend werden
+Sie nach der See langsam zurückgedrängt.
+Welch ein Gespräch der Fürsten find' ich hier!
+Dieß ist des Königes verehrtes Haupt!
+
+Arkas.
+Gelassen, wie es dir, o König, ziemt,
+Stehst du den Feinden gegenüber. Gleich
+Ist die Verwegenheit bestraft; es weicht
+Und fällt ihr Anhang, und ihr Schiff ist unser.
+Ein Wort von dir, so steht's in Flammen.
+
+Thoas.
+ Geh!
+Gebiete Stillstand meinem Volke! keiner
+Beschädige den Feind, so lang wir reden.
+ (Arkas ab.)
+
+Orest.
+Ich nehm' es an. Geh, sammle, treuer Freund,
+Den Rest des Volkes; harret still, welch Ende
+Die Götter unsern Thaten zubereiten.
+ (Pylades ab.)
+
+
+Sechster Auftritt.
+
+Iphigenie. Thoas. Orest.
+
+Iphigenie.
+Befreit von Sorge mich, eh' ihr zu sprechen
+Beginnet. Ich befürchte bösen Zwist,
+Wenn du, o König, nicht der Billigkeit
+Gelinde Stimme hörest; du, mein Bruder,
+Der raschen Jugend nicht gebieten willst.
+
+Thoas.
+Ich halte meinen Zorn, wie es dem Ältern
+Geziemt, zurück. Antworte mir! Womit
+Bezeugst du, daß du Agamemnons Sohn
+Und Dieser Bruder bist?
+
+Orest.
+ Hier ist das Schwert,
+Mit dem er Troja's tapfre Männer schlug.
+Dies nahm ich seinem Mörder ab und bat
+Die Himmlischen, den Mut und Arm, das Glück
+Des großen Königes mir zu verleihn,
+Und einen schönern Tod mir zu gewähren.
+Wähl' einen aus den Edeln deines Heers
+Und stelle mir den Besten gegenüber.
+So weit die Erde Heldensöhne nährt,
+Ist keinem Fremdling dies Gesuch verweigert.
+
+Thoas.
+Dies Vorrecht hat die alte Sitte nie
+Dem Fremden hier gestattet.
+
+Orest.
+ So beginne
+Die neue Sitte denn von dir und mir!
+Nachahmend heiliget ein ganzes Volk
+Die edle That der Herrscher zum Gesetz.
+Und laß mich nicht allein für unsre Freiheit,
+Laß mich, den Fremden, für die Fremden kämpfen.
+Fall ich, so ist ihr Urtheil mit dem meinen
+Gesprochen; aber gönnet mir das Glück,
+Zu überwinden, so betrete nie
+Ein Mann dies Ufer, dem der schnelle Blick
+Hülfreicher Liebe nicht begegnet, und
+Getröstet scheide jeglicher hinweg!
+
+Thoas.
+Nicht unwerth scheinest du, o Jüngling, mir
+Der Ahnherrn, deren du dich rühmst, zu sein.
+Groß ist die Zahl der edeln, tapfern Männer,
+Die mich begleiten; doch ich stehe selbst
+In meinen Jahren noch dem Feinde, bin
+Bereit, mit dir der Waffen Loos zu wagen.
+
+Iphigenie.
+Mit nichten! Dieses blutigen Beweises
+Bedarf es nicht, o König! Laßt die Hand
+Vom Schwerte! Denkt an mich und mein Geschick.
+Der rasche Kampf verewigt einen Mann:
+Er falle gleich, so preiset ihn das Lied.
+Allein die Thränen, die unendlichen
+Der überbliebnen, der verlass'nen Frau
+Zählt keine Nachwelt, und der Dichter schweigt
+Von tausend durchgeweinten Tag- und Nächten,
+Wo eine stille Seele den verlornen,
+Rasch abgeschiednen Freund vergebens sich
+Zurückzurufen bangt und sich verzehrt.
+Mich selbst hat eine Sorge gleich gewarnt,
+Daß der Betrug nicht eines Räubers mich
+Vom sichern Schutzort reiße, mich der Knechtschaft
+Verrathe. Fleißig hab ich sie befragt,
+Nach jedem Umstand mich erkundigt, Zeichen
+Gefordert, und gewiß ist nun mein Herz.
+Sieh hier an seiner rechten Hand das Mahl
+Wie von drei Sternen, das am Tage schon,
+Da er geboren ward, sich zeigte, das
+Auf schwere That, mit dieser Faust zu üben,
+Der Priester deutete. Dann überzeugt
+Mich doppelt diese Schramme, die ihm hier
+Die Augenbraune spaltet. Als ein Kind
+Ließ ihn Elektra, rasch und unvorsichtig
+Nach ihrer Art, aus ihren Armen stürzen.
+Er schlug auf einen Dreifuß auf--Er ist's--
+Soll ich dir noch die Ähnlichkeit des Vaters,
+Soll ich das innre Jauchzen meines Herzens
+Dir auch als Zeugen der Versichrung nennen?
+
+Thoas.
+Und hübe deine Rede jeden Zweifel
+Und bändigt' ich den Zorn in meiner Brust:
+So würden doch die Waffen zwischen uns
+Entscheiden müssen; Frieden seh' ich nicht.
+Sie sind gekommen, du bekennest selbst,
+Das heil'ge Bild der Göttin mir zu rauben.
+Glaubt ihr, ich sehe dies gelassen an?
+Der Grieche wendet oft sein lüstern Auge
+Den fernen Schätzen der Barbaren zu,
+Dem goldnen Felle, Pferden, schönen Töchtern;
+Doch führte sie Gewalt und List nicht immer
+Mit den erlangten Gütern glücklich heim.
+
+Orest.
+Das Bild, o König, soll uns nicht entzweien!
+Jetzt kennen wir den Irrthum, den ein Gott
+Wie einen Schleier um das Haupt uns legte,
+Da er den Weg hierher uns wandern hieß.
+Um Rath und um Befreiung bat ich ihn
+Von dem Geleit der Furien; er sprach:
+"Bringst du die Schwester, die an Tauris Ufer
+Im Heiligthume wider Willen bleibt,
+Nach Griechenland, so löset sich der Fluch."
+Wir legten's von Apollens Schwester aus,
+Und er gedachte dich! Die strengen Bande
+Sind nun gelös't; du bist den Deinen wieder,
+Du Heilige, geschenkt. Von dir berührt,
+War ich geheilt; in deinen Armen faßte
+Das Übel mich mit allen seinen Klauen
+Zum letztenmal und schüttelte das Mark
+Entsetzlich mir zusammen; dann entfloh's
+Wie eine Schlange zu der Höhle. Neu
+Genieß ich nun durch dich das weite Licht
+Des Tages. Schön und herrlich zeigt sich mir
+Der Göttin Rath. Gleich einem heil'gen Bilde,
+Daran der Stadt unwandelbar Geschick
+Durch ein geheimes Götterwort gebannt ist,
+Nahm sie dich weg, dich Schützerin des Hauses;
+Bewahrte dich in einer heil'gen Stille
+Zum Segen deines Bruders und der Deinen.
+Da alle Rettung auf der weiten Erde
+Verloren schien, gibst du uns alles wieder.
+Laß deine Seele sich zum Frieden wenden,
+O König! Hindre nicht, daß sie die Weihe
+Des väterlichen Hauses nun vollbringe,
+Mich der entsühnten Halle wiedergebe,
+Mir auf das Haupt die alte Krone drücke!
+Vergilt den Segen, den sie dir gebracht,
+Und laß des nähern Rechtes mich genießen!
+Gewalt und List, der Männer höchster Ruhm,
+Wird durch die Wahrheit dieser hohen Seele
+Beschämt, und reines kindliches Vertrauen
+Zu einem edeln Manne wird belohnt.
+
+Iphigenie.
+Denk' an dein Wort, und laß durch diese Rede
+Aus einem g'raden, treuen Munde dich
+Bewegen! Sieh uns an! Du hast nicht oft
+Zu solcher edeln That Gelegenheit.
+Versagen kannst du's nicht; gewähr' es bald!
+
+Thoas.
+So geht!
+
+Iphigenie.
+ Nicht so, mein König! Ohne Segen,
+In Widerwillen scheid' ich nicht von dir.
+Verbann' uns nicht! Ein freundlich Gastrecht walte
+Von dir zu uns: so sind wir nicht auf ewig
+Getrennt und abgeschieden. Werth und theuer,
+Wie mir mein Vater war, so bist du's mir,
+Und dieser Eindruck bleibt in meiner Seele.
+Bringt der Geringste deines Volkes je
+Den Ton der Stimme mir in's Ohr zurück,
+Den ich an euch gewohnt zu hören bin,
+Und seh' ich an dem Ärmsten eure Tracht:
+Empfangen will ich ihn wie einen Gott,
+Ich will ihm selbst ein Lager zubereiten,
+Auf einen Stuhl ihn an das Feuer laden,
+Und nur nach dir und deinem Schicksal fragen.
+O geben dir die Götter deiner Thaten
+Und deiner Milde wohlverdienten Lohn!
+Leb' wohl! O wende dich zu uns und gib
+Ein holdes Wort des Abschieds mir zurück!
+Dann schwellt der Wind die Segel sanfter an,
+Und Thränen fließen lindernder vom Auge
+Des Scheidenden. Leb' wohl! und reiche mir
+Zum Pfand der alten Freundschaft deine Rechte.
+
+Thoas.
+Lebt wohl!
+
+
+
+
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+Ende dieser Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris,
+End of Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe
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@@ -0,0 +1,3282 @@
+Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe
+#4 in our series by Johann Wolfgang von Goethe
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+Iphigenie auf Tauris
+Ein Schauspiel
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+by Johann Wolfgang von Goethe
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+January, 2000 [Etext #2054]
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+Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe
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+The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so. To be sure you have an
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. This
+projected audience is one hundred million readers. If our value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour this year as we release thirty-six text
+files per month, or 432 more Etexts in 1999 for a total of 2000+
+If these reach just 10% of the computerized population, then the
+total should reach over 200 billion Etexts given away this year.
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+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext
+Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion]
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only ~5% of the present number of computer users.
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+At our revised rates of production, we will reach only one-third
+of that goal by the end of 2001, or about 3,333 Etexts unless we
+manage to get some real funding; currently our funding is mostly
+from Michael Hart's salary at Carnegie-Mellon University, and an
+assortment of sporadic gifts; this salary is only good for a few
+more years, so we are looking for something to replace it, as we
+don't want Project Gutenberg to be so dependent on one person.
+
+We need your donations more than ever!
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+All donations should be made to "Project Gutenberg/CMU": and are
+tax deductible to the extent allowable by law. (CMU = Carnegie-
+Mellon University).
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+Champaign, IL 61825
+
+When all other email fails. . .try our Executive Director:
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+hart@pobox.com forwards to hart@prairienet.org and archive.org
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+
+
+
+
+Iphigenie auf Tauris.
+Ein Schauspiel.
+
+Johann Wolfgang von Goethe
+
+Personen:
+
+Iphigenie.
+Thoas, Koenig der Taurier.
+Orest.
+Pylades.
+Arkas.
+--
+Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel
+
+
+
+Erster Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Iphigenie.
+Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
+Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines,
+Wie in der Goettin stilles Heiligthum
+Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefuehl,
+Als wenn ich sie zum erstenmal betraete,
+Und es gewoehnt sich nicht mein Geist hierher.
+So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen
+Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;
+Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.
+Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten,
+Und an dem Ufer steh' ich lange Tage
+Das Land der Griechen mit der Seele suchend;
+Und gegen meine Seufzer bringt die Welle
+Nur dumpfe Toene brausend mir herueber.
+Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern
+Ein einsam Leben fuehrt! Ihm zehrt der Gram
+Das naechste Glueck vor seinen Lippen weg,
+Ihm schwaermen abwaerts immer die Gedanken
+Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne
+Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo
+Sich Mitgeborne spielend fest und fester
+Mit sanften Banden an einander knuepften,
+Ich rechte mit den Goettern nicht; allein
+Der Frauen Zustand ist beklagenswerth.
+Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann
+Und in der Fremde weiss er sich zu helfen.
+Ihn freuet der Besitz; ihn kroent der Sieg!
+Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.
+Wie eng-gebunden ist des Weibes Glueck!
+Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen,
+Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar
+Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt!
+So haelt mich Thoas hier, ein edler Mann,
+In ernsten, heil'gen Sklavenbanden fest.
+O wie beschaemt gesteh' ich, dass ich dir
+Mit stillem Widerwillen diene, Goettin,
+Dir meiner Retterin! Mein Leben sollte
+Zu freiem Dienste dir gewidmet sein.
+Auch hab' ich stets auf dich gehofft und hoffe
+Noch jetzt auf dich, Diana, die du mich,
+Des groessten Koeniges verstossne Tochter,
+In deinen heil'gen sanften Arm genommen.
+Ja, Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann,
+Den du, die Tochter fordernd, aengstigtest,
+Wenn du den goettergleichen Agamemnon,
+Der dir sein Liebstes zum Altare brachte,
+Von Troja's umgewandten Mauern ruehmlich
+Nach seinem Vaterland zurueck begleitet,
+Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn,
+Die schoenen Schaetze, wohl erhalten hast;
+So gib auch mich den Meinen endlich wieder,
+Und rette mich, die du vom Tod errettet,
+Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode!
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+Iphigenie. Arkas.
+
+
+Arkas.
+Der Koenig sendet mich hierher und beut
+Der Priesterin Dianens Gruss und Heil.
+Diess ist der Tag, da Tauris seiner Goettin
+Fuer wunderbare neue Siege dankt.
+Ich eile vor dem Koenig und dem Heer,
+Zu melden, dass er kommt und dass es naht.
+
+Iphigenie.
+Wir sind bereit sie wuerdig zu empfangen,
+Und unsre Goettin sieht willkommnem Opfer
+Von Thoas Hand mit Gnadenblick entgegen.
+
+Arkas.
+O faend' ich auch den Blick der Priesterin,
+Der werthen, vielgeehrten, deinen Blick,
+O, heil'ge Jungfrau, heller, leuchtender,
+Uns allen gutes Zeichen! Noch bedeckt
+Der Gram geheimnisvoll dein Innerstes;
+Vergebens harren wir schon Jahre lang
+Auf ein vertraulich Wort aus deiner Brust.
+So lang ich dich an dieser Staette kenne,
+Ist diess der Blick, vor dem ich immer schaudre;
+Und wie mit Eisenbanden bleibt die Seele
+In's Innerste des Busens dir geschmiedet.
+
+Iphigenie.
+Wie's der Vertriebnen, der Verwais'ten ziemt.
+
+Arkas.
+Scheinst du dir hier vertrieben und verwais't?
+
+Iphigenie.
+Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?
+
+Arkas.
+Und dir ist fremd das Vaterland geworden.
+
+Iphigenie.
+Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt
+In erster Jugend, da sich kaum die Seele
+An Vater, Mutter und Geschwister band;
+Die neuen Schoesslinge, gesellt und lieblich,
+Vom Fuss der alten Staemme himmelwaerts
+Zu dringen strebten; leider fasste da
+Ein fremder Fluch mich an und trennte mich
+Von den Geliebten, riss das schoene Band
+Mit ehrner Faust entzwei. Sie war dahin,
+Der Jugend beste Freude, das Gedeihn
+Der ersten Jahre. Selbst gerettet, war
+Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust
+Des Lebens blueht in mir nicht wieder auf.
+
+Arkas.
+Wenn du dich so ungluecklich nennen willst,
+So darf ich dich auch wohl undankbar nennen.
+
+Iphigenie.
+Dank habt ihr stets.
+
+Arkas.
+ Doch nicht den reinen Dank,
+Um dessentwillen man die Wohlthat thut;
+Den frohen Blick, der ein zufriednes Leben
+Und ein geneigtes Herz dem Wirthe zeigt.
+Als dich ein tief geheimnissvolles Schicksal
+Vor so viel Jahren diesem Tempel brachte,
+Kam Thoas dir, als einer Gottgegebnen,
+Mit Ehrfurcht und mit Neigung zu begegnen,
+Und dieses Ufer ward dir hold und freundlich,
+Das jedem Fremden sonst voll Grausens war,
+Weil niemand unser Reich vor dir betrat,
+Der an Dianens heil'gen Stufen nicht,
+Nach altem Brauch, ein blutig Opfer, fiel.
+
+Iphigenie.
+Frei athmen macht das Leben nicht allein.
+Welch Leben ist's das an der heil'gen Staette,
+Gleich einem Schatten um sein eigen Grab,
+Ich nur vertrauern muss? Und nenn' ich das
+Ein froehlich selbstbewusstes Leben, wenn
+Uns jeder Tag, vergebens hingetraeumt,
+Zu jenen grauen Tagen vorbereitet,
+Die an dem Ufer Lethe's selbstvergessend,
+Die Trauerschaar der Abgeschiednen feiert?
+Ein unnuetz Leben ist ein frueher Tod;
+Diess Frauenschicksal ist vor allen meines.
+
+Arkas.
+Den edeln Stolz dass du dir selbst nicht g'nuegest,
+Verzeih' ich dir, so sehr ich dich bedaure;
+Er raubet den Genuss des Lebens dir.
+Du hast hier nichts gethan seit deiner Ankunft?
+Wer hat des Koenig trueben Sinn erheitert?
+Wer hat den alten grausamen Gebrauch,
+Dass am Altar Dianens jeder Fremde
+Sein Leben blutend laesst, von Jahr zu Jahr,
+Mit sanfter ueberredung aufgehalten,
+Und die Gefangnen vom gewissen Tod
+In's Vaterland so oft zurueckgeschickt?
+Hat nicht Diane, statt erzuernt zu sein,
+Dass sie der blut'gen alten Opfer mangelt,
+Dein sanft Gebet in reichem Mass erhoert?
+Umschwebt mit frohem Fluge nicht der Sieg
+Das Heer? und eilt er nicht sogar voraus?
+Und fuehlt nicht jeglicher ein besser Loos,
+Seitdem der Koenig, der uns weis' und tapfer
+So lang gefuehret, nun sich auch der Milde
+In deiner Gegenwart erfreut und uns
+Des schweigenden Gehorsams Pflicht erleichtert?
+Das nennst du unnuetz, wenn von deinem Wesen
+Auf Tausende herab ein Balsam traeufelt?
+Wenn du dem Volke, dem ein Gott dich brachte,
+Des neuen Glueckes ew'ge Quelle wirst,
+Und an dem unwirthbaren Todes-Ufer
+Dem Fremden Heil und Rueckkehr zubereitest?
+
+Iphigenie.
+Das Wenige verschwindet leicht dem Blick,
+Der vorwaerts sieht, wie viel noch uebrig bleibt.
+
+Arkas.
+Doch lobst du den, der was er thut nicht schaetzt?
+
+Iphigenie.
+Man tadelt den, der seine Thaten waegt.
+
+Arkas.
+Auch den, der wahren Werth zu stolz nicht achtet,
+Wie den, der falschen Werth zu eitel hebt.
+Glaub' mir und hoer' auf eines Mannes Wort,
+Der Treu und redlich dir ergeben ist:
+Wenn heut der Koenig mit dir redet, so
+Erleichtr' ihm was er dir zu sagen denkt.
+
+Iphigenie.
+Du aengstest mich mit jedem guten Worte;
+Oft wich ich seinem Antrag muehsam aus.
+
+Arkas.
+Bedenke was du thust und was dir nuetzt.
+Seitdem der Koenig seinen Sohn verloren,
+Vertraut er wenigen der Seinen mehr,
+Und diesen wenigen nicht mehr wie sonst.
+Missguenstig sieht er jedes Edeln Sohn
+Als seines Reiches Folger an, er fuerchtet
+Ein einsam huelflos Alter, ja vielleicht
+Verwegnen Aufstand und fruehzeit'gen Tod.
+Der Scythe setzt in's Reden keinen Vorzug,
+Am wenigsten der Koenig. Er, der nur
+Gewohnt ist zu befehlen und zu thun,
+Kennt nicht die Kunst, von weitem ein Gespraech
+Nach seiner Absicht langsam fein zu lenken.
+Erschwer's ihm nicht durch ein rueckhaltend Weigern,
+Durch ein vorsetzlich Missverstehen. Geh
+Gefaellig ihm den halben Weg entgegen.
+
+Iphigenie.
+Soll ich beschleunigen was mich bedroht?
+
+Arkas.
+Willst du sein Werben eine Drohung nennen?
+
+Iphigenie.
+Es ist die schrecklichste von allen mir.
+
+Arkas.
+Gib ihm fuer seine Neigung nur Vertraun.
+
+Iphigenie.
+Wenn er von Furcht erst meine Seele loes't.
+
+Arkas.
+Warum verschweigst du deine Herkunft ihm?
+
+Iphigenie.
+Weil einer Priesterin Geheimniss ziemt.
+
+Arkas.
+Dem Koenig sollte nichts Geheimniss sein;
+Und ob er's gleich nicht fordert, fuehlt er's doch
+Und fuehlt es tief in seiner grossen Seele,
+Dass du sorgfaeltig dich vor ihm verwahrst.
+
+Iphigenie.
+Naehrt er Verdruss und Unmuth gegen mich?
+
+Arkas.
+So scheint es fast. Zwar schweigt er auch von dir;
+Doch haben hingeworfne Worte mich
+Belehrt, dass seine Seele fest den Wunsch
+Ergriffen hat dich zu besitzen. Lass,
+O ueberlass ihn nicht sich selbst! damit
+In seinem Busen nicht der Unmuth reife
+Und dir Entsetzen bringe, du zu spaet
+An meinen treuen Rath mit Reue denkest.
+
+Iphigenie.
+Wie? Sinnt der Koenig, was kein edler Mann,
+Der seinen Namen liebt und dem Verehrung
+Der Himmlischen den Busen Baendiget,
+Je denken sollte? Sinnt er vom Altar
+Mich in sein Bette mit Gewalt zu ziehn?
+So ruf' ich alle Goetter und vor allen
+Dianen, die entschloss'ne Goettin, an,
+Die ihren Schutz der Priesterin gewiss
+Und Jungfrau einer Jungfrau gern gewaehrt.
+
+Arkas.
+Sei ruhig! Ein gewaltsam neues Blut
+Treibt nicht den Koenig, solche Juenglingsthat
+Verwegen auszuueben. Wie er sinnt,
+Befuercht' ich andern harten Schluss von ihm,
+Den unaufhaltbar er vollenden wird:
+Denn seine Seel' ist fest und unbeweglich.
+Drum bitt' ich dich, vertrau' ihm, sei ihm dankbar,
+Wenn du ihm weiter nichts gewaehren kannst.
+
+Iphigenie.
+O sage was dir weiter noch bekannt ist.
+
+Arkas.
+Erfahr's von ihm. Ich seh' den Koenig kommen;
+Du ehrst ihn, und dich heisst dein eigen Herz,
+Ihm freundlich und vertraulich zu begegnen.
+Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort
+Der Frauen weit gefuehrt.
+
+Iphigenie (allein).
+ Zwar seh' ich nicht,
+Wie ich dem Rath des Treuen folgen soll;
+Doch folg' ich gern der Pflicht, dem Koenige
+Fuer seine Wohlthat gutes Wort zu geben,
+Und wuensche mir, dass ich dem Maechtigen,
+Was ihm gefaellt, mit Wahrheit sagen moege.
+
+
+Dritter Auftritt.
+
+Iphigenie. Thoas.
+
+Iphigenie.
+Mit koeniglichen Guetern segne dich
+Die Goettin! Sie gewaehre Sieg und Ruhm
+Und Reichthum und das Wohl der Deinigen
+Und jedes frommen Wunsches Fuelle dir!
+Dass, der du ueber viele sorgend herrschest,
+Du auch vor vielen seltnes Glueck geniessest.
+
+Thoas.
+Zufrieden waer' ich wenn mein Volk mich ruehmte:
+Was ich erwarb, geniessen andre mehr
+Als ich. Der ist am gluecklichsten, er sei
+Ein Koenig oder ein Geringer, dem
+In seinem Hause Wohl bereitet ist.
+Du nahmest Theil an meinen tiefen Schmerzen,
+Als mir das Schwert der Feinde meinen Sohn,
+Den letzten, besten, von der Seite riss.
+So lang die Rache meinen Geist besass,
+Empfand ich nicht die oede meiner Wohnung;
+Doch jetzt, da ich befriedigt wiederkehre,
+Ihr Reich zerstoert, mein Sohn gerochen ist,
+Bleibt mir zu Hause nichts das mich ergetze.
+Der froehliche Gehorsam, den ich sonst
+Aus einem jeden Auge blicken sah,
+Ist nun von Sorg' und Unmuth still gedaempft.
+Ein jeder sinnt was kuenftig werden wird,
+Und folgt dem Kinderlosen, weil er muss.
+Nun komm' ich heut in diesen Tempel, den
+Ich oft betrat, um Sieg zu bitten und
+Fuer Sieg zu danken. Einen alten Wunsch
+Trag' ich im Busen, der auch dir nicht fremd
+Noch unerwartet ist: ich hoffe, dich,
+Zum Segen meines Volks und mir zum Segen,
+Als Braut in meine Wohnung einzufuehren.
+
+Iphigenie.
+Der Unbekannten bietest du zu viel,
+O Koenig, an. Es steht die Fluechtige
+Beschaemt vor dir, die nichts an diesem Ufer
+Als Schutz und Ruhe sucht, die du ihr gabst.
+
+Thoas.
+Dass du in das Geheimniss deiner Ankunft
+Vor mir wie vor dem Letzten stets dich huellest,
+Waer' unter keinem Volke recht und gut.
+Diess Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz
+Gebietet's und die Noth. Allein von dir,
+Die jedes frommen Rechts geniesst, ein wohl
+Von uns empfangner Gast, nach eignem Sinn
+Und Willen ihres Tages sich erfreut,
+Von dir hofft' ich Vertrauen, das der Wirth
+Fuer seine Treue wohl erwarten darf.
+
+Iphigenie.
+Verbarg ich meiner Eltern Namen und
+Mein Haus, o Koenig, war's Verlegenheit,
+Nicht Misstraun. Den vielleicht, ach wuesstest du
+Wer vor dir steht, und welch verwuenschtes Haupt
+Du naehrst und schuetzest, ein Entsetzen fasste
+Dein grosses Herz mit seltnem Schauer an,
+Und statt die Seite deines Thrones mir
+Zu bieten, triebest du mich vor der Zeit
+Aus deinem Reiche; stiessest mich vielleicht,
+Eh' zu den Meinen frohe Rueckkehr mir
+Und meiner Wandrung Ende zugedacht ist,
+Dem Elend zu, das jeden Schweifenden,
+Von seinem Haus Vertriebnen ueberall
+Mit kalter fremder Schreckenshand erwartet.
+
+Thoas.
+Was auch der Rath der Goetter mit dir sei,
+Und was sie deinem Haus und dir gedenken;
+So fehlt es doch, seitdem du bei uns wohnst
+Und eines frommen Gastes Recht geniessest,
+An Segen nicht, der mir von oben kommt.
+Ich moechte schwer zu ueberreden sein,
+Dass ich an dir ein schuldvoll Haupt beschuetze.
+
+Iphigenie.
+Dir bringt die Wohlthat Segen, nicht der Gast.
+
+Thoas.
+Was man Verruchten thut wird nicht gesegnet.
+Drum endige dein Schweigen und dein Weigern;
+Es fordert diess kein ungerechter Mann.
+Die Goettin uebergab dich meinen Haenden;
+Wie du ihr heilig warst, so warst du's mir.
+Auch sei ihr Wink noch kuenftig mein Gesetz:
+Wenn du nach Hause Rueckkehr hoffen kannst,
+So sprech' ich dich von aller Fordrung los.
+Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt,
+Und ist dein Stamm vertrieben, oder durch
+Ein ungeheures Unheil ausgeloescht,
+So bist du mein durch mehr als Ein Gesetz.
+Sprich offen! und du weisst, ich halte Wort.
+
+Iphigenie.
+Vom alten Bande loeset ungern sich
+Die Zunge los, ein lang verschwiegenes
+Geheimniss endlich zu entdecken; denn
+Einmal vertraut, verlaesst es ohne Rueckkehr
+Des tiefen Herzens sichre Wohnung, schadet,
+Wie es die Goetter wollen, oder nuetzt.
+Vernimm! ich bin aus Tantalus Geschlecht.
+
+Thoas.
+Du sprichst ein grosses Wort gelassen aus.
+Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt
+Als einen ehmals Hochbegnadigten
+Der Goetter kennt? Ist's jener Tantalus,
+Den Jupiter zu Rath und Tafel zog,
+An dessen alterfahrnen, vielen Sinn
+Verknuepfenden Gespraechen Goetter selbst,
+Wie an Orakelspruechen, sich ergetzten?
+
+Iphigenie.
+Er ist es; aber Goetter sollten nicht
+Mit Menschen, wie mit ihres Gleichen, wandeln;
+Das sterbliche Geschlecht ist viel zu schwach
+In ungewohnter Hoehe nicht zu schwindeln.
+Unedel war er nicht und kein Verraether;
+Allein zum Knecht zu gross, und zum Gesellen
+Des grossen Donnrers nur ein Mensch. So war
+Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht
+War streng, und Dichter singen: uebermuth
+Und Untreu' stuerzten ihn von Jovis Tisch
+Zur Schmach des alten Tartarus hinab.
+Ach und sein ganz Geschlecht trug ihren Hass!
+
+Thoas.
+Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne?
+
+Iphigenie.
+Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen
+Kraftvolles Mark war seiner Soehn' und Enkel
+Gewisses Erbtheil; doch es schmiedete
+Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band.
+Rath, Maessigung und Weisheit und Geduld
+Verbarg er ihrem scheuen duestern Blick;
+Zur Wuth ward ihnen jegliche Begier,
+Und graenzenlos drang ihre Wuth umher.
+Schon Pelops, der Gewaltig-wollende,
+Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb
+Sich durch Verrath und Mord das schoenste Weib,
+oenomaus Erzeugte, Hippodamien.
+Sie bringt den Wuenschen des Gemahls zwei Soehne,
+Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie
+Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn
+Aus einem andern Bette wachsend an.
+Der Hass verbindet sie, und heimlich wagt
+Das Paar im Brudermord die erste That.
+Der Vater waehnet Hippodamien
+Die Moerderin, und grimmig fordert er
+Von ihr den Sohn zurueck, und sie entleibt
+Sich selbst--
+
+Thoas.
+ Du schweigest? Fahre fort zu reden!
+Lass dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich!
+
+Iphigenie.
+Wohl dem, der seiner Vaeter gern gedenkt,
+Der froh von ihren Thaten, ihrer Groesse
+Den Hoerer unterhaelt, und still sich freuend
+An's Ende dieser schoenen Reihe sich
+Geschlossen sieht! Denn es erzeugt nicht gleich
+Ein Haus den Halbgott noch das Ungeheuer;
+Erst eine Reihe Boeser oder Guter
+Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude
+Der Welt hervor.--Nach ihres Vaters Tode
+Gebieten Atreus und Thyest der Stadt,
+Gemeinsam-herrschend. Lange konnte nicht
+Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest
+Des Bruders Bette. Raechend treibet Atreus
+Ihn aus dem Reiche. Tueckisch hatte schon
+Thyest, auf schwere Thaten sinnend, lange
+Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich
+Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen.
+Dem fuellet er die Brust mit Wuth und Rache
+Und sendet ihn zur Koenigsstadt, dass er
+Im Oheim seinen eignen Vater morde.
+Des Juenglings Vorsatz wird entdeckt: der Koenig
+Straft grausam den gesandten Moerder, waehnend,
+Er toedte seines Bruders Sohn. Zu spaet
+Erfaehrt er, wer vor seinen trunknen Augen
+Gemartert stirbt; und die Begier der Rache
+Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still
+Auf unerhoerte That. Er scheint gelassen
+Gleichgueltig und versoehnt, und lockt den Bruder
+Mit seinen beiden Soehnen in das Reich
+Zurueck, ergreift die Knaben, schlachtet sie,
+Und setzt die ekle schaudervolle Speise
+Dem Vater bei dem ersten Mahle vor.
+Und da Thyest an seinem Fleische sich
+Gesaettigt, eine Wehmuth ihn ergreift,
+Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme
+Der Knaben an des Saales Thuere schon
+Zu hoeren glaubt, wirft Atreus grinsend
+Ihm Haupt und Fuesse der Erschlagnen hin.--
+Du wendest schaudernd dein Gesicht, o Koenig:
+So wendete die Sonn' ihr Antlitz weg
+Und ihren Wagen aus dem ewg'en Gleise.
+Diess sind die Ahnherrn deiner Priesterin;
+Und viel unseliges Geschick der Maenner,
+Viel Thaten des verworrnen Sinnes deckt
+Die Nacht mit schweren Fittigen und laesst
+Uns nur die grauenvolle Daemmrung sehn.
+
+Thoas.
+Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug
+Der Graeuel! Sage nun, durch welch ein Wunder
+Von diesem wilden Stamme du entsprangst.
+
+Iphigenie.
+Des Altreus aelt'ster Sohn war Agamemnon:
+Er ist mein Vater. Doch ich darf es sagen,
+In ihm hab' ich seit meiner ersten Zeit
+Ein Muster des vollkommnen Manns gesehn.
+Ihm brachte Klytaemnestra mich, den Erstling
+Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte
+Der Koenig, und es war dem Hause Tantals
+Die lang entbehrte Rast gewaehrt. Allein
+Es mangelte dem Glueck der Eltern noch
+Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfuellt,
+Dass zwischen beiden Schwestern nun Orest
+Der Liebling wuchs, als neues uebel schon
+Dem sichern Hause zubereitet war.
+Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen,
+Der, um den Raub der schoensten Frau zu raechen,
+Die ganze Macht der Fuersten Griechenlands
+Um Trojens Mauern lagerte. Ob sie
+Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel
+Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater fuehrte
+Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie
+Auf guenst'gen Wind vergebens: denn Diane,
+Erzuernt auf ihren grossen Fuehrer, hielt
+Die Eilenden zurueck und forderte
+Durch Kalchas Mund des Koenigs aelt'ste Tochter.
+Sie lockten mit der Mutter mich in's Lager;
+Sie rissen mich vor den Altar und weihten
+Der Goettin dieses Haupt. Sie war versoehnt:
+Sie wollte nicht mein Blut und huellte rettend
+In eine Wolke mich; in diesem Tempel
+Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder.
+Ich bin es selbst, bin Iphigenie,
+Des Altreus Enkel, Agamemnons Tochter,
+Der Goettin Eigenthum, die mit dir spricht.
+
+Thoas.
+Mehr Vorzug und Vertrauen geb' ich nicht
+Der Koenigstochter als der Unbekannten.
+Ich wiederhole meinen ersten Antrag:
+Komm, folge mir, und theile was ich habe.
+
+Iphigenie.
+Wie darf ich solchen Schritt, o Koenig, wagen?
+Hat nicht die Goettin, die mich rettete,
+Allein das Recht auf mein geweihtes Leben?
+Sie hat fuer mich den Schutzort ausgesucht,
+Und sie bewahrt mich einem Vater, den
+Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht
+Zur schoensten Freude seines Alters hier.
+Vielleicht ist mir die frohe Rueckkehr nah;
+Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, haette
+Mich wider ihren Willen hier gefesselt?
+Ein Zeichen bat ich, wenn ich bleiben sollte.
+
+Thoas.
+Das Zeichen ist, dass du noch hier verweilst.
+Such' Ausflucht solcher Art nicht aengstlich auf.
+Man spricht vergebens viel, um zu versagen;
+Der andre hoert von allem nur das Nein.
+
+Iphigenie.
+Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen;
+Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt.
+Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater,
+Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen
+Mit aengstlichen Gefuehlen sehnen muss?
+Dass in den alten Hallen, wo die Trauer
+Noch manchmal stille meinen Namen lispelt,
+Die Freude, wie um eine Neugeborne,
+Den schoensten Kranz von Saeul an Saeulen schlinge.
+O sendetest du mich auf Schiffen hin!
+Du gaebest mir und allen neues Leben.
+
+Thoas.
+So kehr' zurueck! Thu' was dein Herz dich heisst,
+Und hoere nicht die Stimme guten Raths
+Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib
+Dich hin dem Triebe, der dich zuegellos
+Ergreift und dahin oder dorthin reisst.
+Wenn ihnen eine Lust im Busen brennt,
+Haelt vom Verraether sie kein heilig Band,
+Der sie dem Vater oder dem Gemahl
+Aus langbewaehrten, treuen Armen lockt;
+Und schweigt in ihrer Brust die rasche Gluth,
+So dringt auf sie vergebens treu und maechtig
+Der ueberredung goldne Zunge los.
+
+Iphigenie.
+Gedenk', o Koenig, deines edeln Wortes!
+Willst du mein Zutraun so erwiedern? Du
+Schienst vorbereitet alles zu vernehmen.
+
+Thoas.
+Auf's Ungehoffte war ich nicht bereitet;
+Doch sollt' ich's auch erwarten: wusst' ich nicht,
+Dass ich mit einem Weibe handeln ging?
+
+Iphigenie.
+Schilt nicht, o Koenig, unser arm Geschlecht.
+Nicht herrlich wie die euern, aber nicht
+Unedel sind die Waffen eines Weibes.
+Glaub' es, darin bin ich dir vorzuziehn,
+Dass ich dein Glueck mehr als du selber kenne.
+Du waehnest, unbekannt mit dir und mir,
+Ein naeher Band werd' uns zum Glueck vereinen.
+Voll guten Muthes wie voll guten Willens
+Dringst du in mich, dass ich mich fuegen soll;
+Und hier dank' ich den Goettern, dass sie mir
+Die Festigkeit gegeben, dieses Buendniss
+Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt.
+
+Thoas.
+Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz.
+
+Iphigenie.
+Sie reden nur durch unser Herz zu uns.
+
+Thoas.
+Und hab' Ich, sie zu hoeren, nicht das Recht?
+
+Iphigenie.
+Es ueberbraust der Sturm die zarte Stimme.
+
+Thoas.
+Die Priesterin vernimmt sie wohl allein?
+
+Iphigenie.
+Vor allen andern merke sie der Fuerst.
+
+Thoas.
+Dein heilig Amt und dein geerbtes Recht
+An Jovis Tisch bringt dich den Goettern naeher,
+Als einen erdgebornen Wilden.
+
+Iphigenie.
+ So
+Buess' ich nun das Vertraun, das du erzwangst.
+
+Thoas.
+Ich bin ein Mensch; und besser ist's, wir enden.
+So bleibe denn mein Wort: Sei Priesterin
+Der Goettin, wie sie dich erkoren hat;
+Doch mir verzeih' Diane, dass ich ihr,
+Bisher mit Unrecht und mit innerm Vorwurf,
+Die alten Opfer vorenthalten habe.
+Kein Fremder nahet gluecklich unserm Ufer;
+Von Alters her ist ihm der Tod gewiss.
+Nur du hast mich mit einer Freundlichkeit,
+In der ich bald der zarten Tochter Liebe,
+Bald stille Neigung einer Braut zu sehn
+Mich tief erfreute, wie mit Zauberbanden
+Gefesselt, dass ich meiner Pflicht vergass.
+Du hattest mir die Sinnen eingewiegt,
+Das Murren meines Volks vernahm ich nicht;
+Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes
+Fruehzeit'gem Tode lauter ueber mich.
+Um deinetwillen halt' ich laenger nicht
+Die Menge, die das Opfer dringend fordert.
+
+Iphigenie.
+Um meinetwillen hab ich's nie begehrt.
+Der missversteht die Himmlischen, der sie
+Blutgierig waehnt; er dichtet ihnen nur
+Dir eignen grausamen Begierden an.
+Entzog die Goettin mich nicht selbst dem Priester?
+Ihr war mein Dienst willkommner, als mein Tod.
+
+Thoas.
+Es ziemt sich nicht fuer uns, den heiligen
+Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft
+Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken.
+Thu' deine Pflicht, ich werde meine thun.
+Zwei Fremde, die wir in des Ufers Hoehlen
+Versteckt gefunden, und die meinem Lande
+Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand.
+Mit diesen nehme deine Goettin wieder
+Ihr erstes, rechtes, lang entbehrtes Opfer!
+Ich sende sie hierher; du weisst den Dienst.
+
+
+Vierter Auftritt.
+
+Iphigenie (allein).
+Du hast Wolken, gnaedige Retterin,
+Einzuhuellen unschuldig Verfolgte,
+Und auf Winden dem ehrnen Geschick sie
+Aus den Armen, ueber das Meer,
+ueber der Erde weiteste Strecken
+Und wohin es dir gut duenkt zu tragen.
+Weise bist du und siehest das Kuenftige;
+Nicht vorueber ist dir das Vergangne,
+Und dein Blick ruht ueber den Deinen
+Wie dein Licht, das Leben der Naechte,
+ueber der Erde ruhet und waltet.
+O enthalte vom Blut meine Haende!
+Nimmer bringt es Segen und Ruhe;
+Und die Gestalt des zufaellig Ermordeten
+Wird auf des traurig-unwilligen Moerders
+Boese Stunden lauern und schrecken.
+Denn die Unsterblichen lieben der Menschen
+Weit verbreitete gute Geschlechter,
+Und sie fristen das fluechtige Leben
+Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne
+Ihres eigenen, ewigen Himmels
+Mitgeniessendes froehliches Anschaun
+Eine Weile goennen und lassen.
+
+
+
+Zweiter Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Orest. Pylades.
+
+Orest.
+Es ist der Weg des Todes, den wir treten:
+Mit jedem Schritt wird meine Seele stiller.
+Als ich Apollen bat, das graessliche
+Geleit der Rachegeister von der Seite
+Mir abzunehmen, schien er Huelf' und Rettung
+Im Tempel seiner vielgeliebten Schwester,
+Die ueber Tauris herrscht, mit hoffnungsreichen
+Gewissen Goetterworten zu versprechen;
+Und nun erfuellet sich's, dass alle Noth
+Mit meinem Leben voellig enden soll.
+Wie leicht wird's mir, dem eine Goetterhand
+Das Herz zusammendrueckt, den Sinn betaeubt,
+Dem schoenen Licht der Sonne zu entsagen.
+Und sollen Atreus Enkel in der Schlacht
+Ein siegbekroentes Ende nicht gewinnen;
+Soll ich wie meine Ahnen, wie mein Vater,
+Als Opferthier im Jammertode bluten:
+So sei es! Besser hier vor dem Altar,
+Als im verworfnen Winkel, wo die Netze
+Der nahverwandte Meuchelmoerder stellt.
+Lasst mir so lange Ruh, ihr Unterird'schen,
+Die nach dem Blut ihr, das von meinen Tritten
+Hernieder traeufelnd meinen Pfad bezeichnet,
+Wie losgelass'ne Hunde spuerend hetzt.
+Lasst mich, ich komme bald zu euch hinab;
+Das Licht des Tags soll euch nicht sehn, noch mich.
+Der Erde schoener gruener Teppich soll
+Kein Tummelplatz fuer Larven sein. Dort unten
+Such' ich euch auf: dort bindet alle dann
+Ein gleich Geschick in ew'ge matte Nacht.
+Nur dich, mein Pylades, dich, meiner Schuld
+Und meines Banns unschuldigen Genossen,
+Wie ungern nehm' ich dich in jenes Trauerland
+Fruehzeitig mit! Dein Leben oder Tod
+Gibt mir allein noch Hoffnung oder Furcht.
+
+Pylades.
+Ich bin noch nicht, Orest, wie du bereit,
+In jenes Schattenreich hinabzugehn.
+Ich sinne noch, durch die verworrnen Pfade,
+Die nach der schwarzen Nacht zu fuehren scheinen,
+Uns zu dem Leben wieder aufzuwinden.
+Ich denke nicht den Tod; ich sinn' und horche,
+Ob nicht zu irgend einer frohen Flucht
+Die Goetter Rath und Wege zubereiten.
+Der Tod, gefuerchtet oder ungefuerchtet,
+Kommt unaufhaltsam. Wenn die Priesterin
+Schon, unsre Locken weihend abzuschneiden,
+Die Hand erhebt, soll dein' und meine Rettung
+Mein einziger Gedanke sein. Erhebe
+Von diesem Unmuth deine Seele; zweifelnd
+Beschleunigest du die Gefahr. Apoll
+Gab uns das Wort: im Heiligthum der Schwester
+Sei Trost und Huelf' und Rueckkehr dir bereitet.
+Der Goetter Worte sind nicht doppelsinnig,
+Wie der Gedrueckte sie im Unmuth waehnt.
+
+Orest.
+Des Lebens dunkle Decke breitete
+Die Mutter schon mir um das zarte Haupt,
+Und so wuchs ich herauf, ein Ebenbild
+Des Vaters, und es war mein stummer Blick
+Ein bittrer Vorwurf ihr und ihrem Buhlen.
+Wie oft, wenn still Elektra, meine Schwester,
+Am Feuer in der tiefen Halle sass,
+Draengt' ich beklommen mich an ihren Schoos,
+Und starrte, wie sie bitter weinte, sie
+Mit grossen Augen an. Dann sagte sie
+Von unserm hohen Vater viel: wie sehr
+Verlangt' ich ihn zu sehn, bei ihm zu sein!
+Mich wuenscht' ich bald nach Troja, ihn bald her.
+Es kam der Tag--
+
+Pylades.
+ O lass von jener Stunde
+Sich Hoellengeister naechtlich unterhalten!
+Uns gebe die Erinnrung schoener Zeit
+Zu frischem Heldenlaufe neue Kraft.
+Die Goetter brauchen manchen guten Mann
+Zu ihrem Dienst auf dieser weiten Erde.
+Sie haben noch auf dich gezaehlt; sie gaben
+Dich nicht dem Vater zum Geleite mit,
+Da er unwillig nach dem Orcus ging.
+
+Orest.
+O, waer' ich, seinen Saum ergreifend, ihm
+Gefolgt!
+
+Pylades.
+ So haben die, die dich erhielten,
+Fuer mich gesorgt: denn was ich worden waere,
+Wenn du nicht lebtest, kann ich mir nicht denken;
+Da ich mit dir und deinetwillen nur
+Seit meiner Kindheit leb' und leben mag.
+
+Orest.
+Erinnre mich nicht jener schoenen Tage,
+Da mir dein Haus die freie Staette gab,
+Dein edler Vater klug und liebevoll
+Die halberstarrte junge Bluethe pflegte;
+Da du ein immer munterer Geselle,
+Gleich einem leichten bunten Schmetterling
+Um eine dunkle Blume, jeden Tag
+Um mich mit neuem Leben gaukeltest,
+Mir deine Lust in meine Seele spieltest,
+Dass ich, vergessend meiner Noth, mit dir
+In rascher Jugend hingerissen schwaermte.
+
+Pylades.
+Da fing mein Leben an, als ich dich liebte.
+
+Orest.
+Sag: meine Noth begann, und du sprichst wahr.
+Das ist das aengstliche von meinem Schicksal,
+Dass ich, wie ein verpesteter Vertriebner,
+Geheimen Schmerz und Tod im Busen trage;
+Dass, wo ich den gesund'sten Ort betrete,
+Gar bald um mich die bluehenden Gesichter
+Den Schmerzenszug langsamen Tod's verrathen.
+
+Pylades.
+Der Naechste waer' ich diesen Tod zu sterben,
+Wenn je dein Hauch, Orest, vergiftete.
+Bin ich nicht immer noch voll Muth und Lust?
+Und Lust und Liebe sind die Fittige
+Zu grossen Thaten.
+
+Orest.
+ Grosse Thaten? Ja,
+Ich weiss die Zeit, da wir sie vor uns sahn!
+Wenn wir zusammen oft dem Wilde nach
+Durch Berg' und Thaeler rannten und dereinst
+An Brust und Faust dem hohen Ahnherrn gleich
+Mit Keul' und Schwert dem Ungeheuer so,
+Dem Raeuber auf der Spur zu jagen hofften;
+Und dann wir Abends an der weiten See
+Uns aneinander lehnend ruhig sassen,
+Die Wellen bis zu unsern Fuessen spielten,
+Die Welt so weit, so offen vor uns lag;
+Da fuhr wohl Einer manchmal nach dem Schwert,
+Und kuenft'ge Thaten drangen wie die Sterne
+Rings um uns her unzaehlig aus der Nacht.
+
+Pylades.
+Unendlich ist das Werk, das zu vollfuehren
+Die Seele dringt. Wir moechten jede That
+So gross gleich thun, als wie sie waechs't und wird,
+Wenn Jahre lang durch Laender und Geschlechter
+Der Mund der Dichter sie vermehrend waelzt.
+Es klingt so schoen was unsre Vaeter thaten,
+Wenn es in stillen Abendschatten ruhend
+Der Juengling mit dem Ton der Harfe schluerft;
+Und was wir thun ist, wie es ihnen war,
+Voll Mueh' und eitel Stueckwerk!
+So laufen wir nach dem, was vor uns flieht,
+Und achten nicht des Weges den wir treten,
+und sehen neben uns der Ahnherrn Tritte
+Und ihres Erdelebens Spuren kaum.
+Wir eilen immer ihrem Schatten nach,
+Der goettergleich in einer weiten Ferne
+Der Berge Haupt auf goldnen Wolken kroent.
+Ich halte nichts von dem, der von sich denkt
+Wie ihn das Volk vielleicht erheben moechte.
+Allein, o Juengling, danke du den Goettern,
+Dass sie so frueh durch dich so viel gethan.
+
+Orest.
+Wenn sie dem Menschen frohe That bescheren
+Dass er ein Unheil von den Seinen wendet,
+Dass er sein Reich vermehrt, die Graenzen sichert,
+Und alte Feinde fallen oder fliehn;
+Dann mag er danken! denn ihm hat ein Gott
+Des Lebens erste, letzte Lust gegoennt.
+Mich haben sie zum Schlaechter auserkoren,
+Zum Moerder meiner doch verehrten Mutter,
+Und, eine Schandthat schaendlich raechend, mich
+Durch ihren Wink zu Grund' gerichtet. Glaube,
+Sie haben es auf Tantals Haus gerichtet,
+Und ich, der Letzte, soll nicht schuldlos, soll
+Nicht ehrenvoll vergehn.
+
+Pylades.
+ Die Goetter raechen
+Der Vaeter Missethat nicht an dem Sohn;
+Ein jeglicher, gut oder boese, nimmt
+Sich seinen Lohn mit seiner That hinweg.
+Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch.
+
+Orest.
+Uns fuehrt ihr Segen, duenkt mich, nicht hierher.
+
+Pylades.
+Doch wenigstens der hohen Goetter Wille.
+
+Orest.
+So ist's ihr Wille denn, der uns verderbt.
+
+Pylades.
+Thu' was sie dir gebieten und erwarte.
+Bringst du die Schwester zu Apollen hin,
+Und wohnen beide dann vereint zu Delphi,
+Verehrt von einem Volk das edel denkt;
+So wird fuer diese That das hohe Paar
+Dir gnaedig sein, sie werden aus der Hand
+Der Unterird'schen dich erretten. Schon
+In diesen heil'gen Hain wagt keine sich.
+
+Orest.
+So hab' ich wenigstens geruh'gen Tod.
+
+Pylades.
+Ganz anders denk' ich, und nicht ungeschickt
+Hab' ich das schon Geschehne mit dem Kuenft'gen
+Verbunden und im stillen ausgelegt.
+Vielleicht reift in der Goetter Rath schon lange
+Das grosse Werk. Diana sehnet sich
+Von diesem rauhen Ufer der Barbaren
+Und ihren blut'gen Menschenopfern weg.
+Wir waren zu der schoenen That bestimmt,
+Uns wird sie auferlegt, und seltsam sind
+Wir an der Pforte schon gezwungen hier.
+
+Orest.
+Mit seltner Kunst flichtst du der Goetter Rath
+Und deine Wuensche klug in Eins zusammen.
+
+Pylades.
+Was ist des Menschen Klugheit, wenn sie nicht
+Auf Jener Willen droben achtend lauscht?
+Zu einer schweren That beruft ein Gott
+Den edeln Mann, der viel verbrach, und legt
+Ihm auf was uns unmoeglich scheint zu enden.
+Es siegt der Held, und buessend dienet er
+Den Goettern und der Welt, die ihn verehrt.
+
+Orest.
+Bin ich bestimmt zu leben und zu handeln,
+So nehm' ein Gott von meiner schweren Stirn
+Den Schwindel weg, der auf dem schluepfrigen,
+Mit Mutterblut besprengten Pfade fort
+Mich zu den Todten reisst. Er trockne gnaedig
+Die Quelle, die, mir aus der Mutter Wunden
+Entgegen sprudelnd, ewig mich befleckt.
+
+Pylades.
+Erwart' es ruhiger! Du mehrst das uebel
+Und nimmst das Amt der Furien auf dich.
+Lass mich nur sinnen, bleibe still! Zuletzt,
+Bedarf's zur That vereinter Kraefte, dann
+Ruf' ich dich auf, und beide schreiten wir
+Mit ueberlegter Kuehnheit zur Vollendung.
+
+Orest.
+Ich hoer' Ulyssen reden.
+
+Pylades.
+ Spotte nicht.
+Ein jeglicher muss seinen Helden waehlen,
+Dem er die Wege zum Olymp hinauf
+Sich nacharbeitet. Lass es mich gestehn:
+Mir scheinen List und Klugheit nicht den Mann
+Zu schaenden, der sich kuehnen Thaten weiht.
+
+Orest.
+Ich schaetze den, der tapfer ist und g'rad.
+
+Pylades.
+Drum hab' ich keinen Rath von dir verlangt.
+Schon ist ein Schritt gethan. Von unsern Waechtern
+Hab' ich bisher gar vieles ausgelockt.
+Ich weiss, ein fremdes, goettergleiches Weib
+Haelt jenes blutige Gesetz gefesselt;
+Ein reines Herz und Weihrauch und Gebet
+Bringt sie den Goettern dar. Man ruehmet hoch
+Die Guetige; man glaubet, sie entspringe
+vom Stamm der Amazonen, sei geflohn,
+Um einem grossen Unheil zu entgehn.
+
+Orest.
+Es scheint, ihr lichtes Reich verlor die Kraft
+Durch des Verbrechers Naehe, den der Fluch
+Wie eine breite Nacht verfolgt und deckt.
+Die fromme Blutgier loes't den alten Brauch
+Von seinen Fesseln los, uns zu verderben.
+Der wilde Sinn des Koenigs toedtet uns;
+Ein Weib wird uns nicht retten, wenn er zuernt.
+
+Pylades.
+Wohl uns, dass es ein Weib ist! denn ein Mann,
+Der beste selbst, gewoehnet seinen Geist
+An Grausamkeit und macht sich auch zuletzt
+Aus dem, was er verabscheut, ein Gesetz,
+Wird aus Gewohnheit hart und fast unkenntlich.
+Allein ein Weib bleibt staet auf Einem Sinn
+Den sie gefasst. Du rechnest sicherer
+Auf sie im Guten wie im Boesen.--Still!
+Sie kommt; lass uns allein. Ich darf nicht gleich
+Ihr unsre Namen nennen, unser Schicksal
+Nicht ohne Rueckhalt ihr vertraun. Du gehst,
+Und eh' sie mit dir spricht, treff' ich dich noch.
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+Iphigenie. Pylades.
+
+
+Iphigenie.
+Woher du seist und kommst, o Fremdling, sprich!
+Mir scheint es, dass ich eher einem Griechen
+Als einem Scythen dich vergleichen soll.
+ (Sie nimmt ihm die Ketten ab.)
+Gefaehrlich ist die Freiheit, die ich gebe;
+Die Goetter wenden ab was euch bedroht!
+
+Pylades.
+O suesse Stimme! Vielwillkommner Ton
+Der Muttersprach' in einem fremden Lande!
+Des vaeterlichen Hafens blaue Berge
+Seh' ich Gefangner neu willkommen wieder
+Vor meinen Augen. Lass dir diese Freude
+Versichern, dass auch ich ein Grieche bin!
+Vergessen hab' ich einen Augenblick,
+Wie sehr ich dein bedarf, und meinen Geist
+Der herrlichen Erscheinung zugewendet.
+O sage, wenn dir dein Verhaengniss nicht
+Die Lippe schliesst, aus welchem unsrer Staemme
+Du deine goettergleiche Herkunft zaehlst.
+
+Iphigenie.
+Die Priesterin, von ihrer Goettin selbst
+Gewaehlet und geheiligt, spricht mit dir.
+Das lass dir g'nuegen; sage, wer du seist
+Und welch unselig-waltendes Geschick
+Mit dem Gefaehrten dich hierher gebracht.
+
+Pylades.
+Leicht kann ich dir erzaehlen, welch ein uebel
+Mit lastender Gesellschaft uns verfolgt.
+O koenntest du der Hoffnung frohen Blick
+Uns auch so leicht, du Goettliche, gewaehren!
+Aus Kreta sind wir, Soehne des Adrasts:
+Ich bin der juengste, Cephalus genannt,
+Und er Laodamas, der aelteste
+Des Hauses. Zwischen uns stand rauh und wild
+Ein mittlerer, und trennte schon im Spiel
+Der ersten Jugend Einigkeit und Lust.
+Gelassen folgten wir der Mutter Worten,
+So lang des Vaters Kraft vor Troja stritt;
+Doch als er beutereich zuruecke kam
+Und kurz darauf verschied, da trennte bald
+Der Streit um Reich und Erbe die Geschwister.
+Ich neigte mich zum aelt'sten. Er erschlug
+Den Bruder. Um der Blutschuld willen treibt
+Die Furie gewaltig ihn umher.
+Doch diesem wilden Ufer sendet uns
+Apoll, der Delphische, mit Hoffnung zu.
+Im Tempel seiner Schwester hiess er uns
+Der Huelfe segensvolle Hand erwarten.
+Gefangen sind wir und hierher gebracht,
+Und dir als Opfer dargestellt. Du weisst's.
+
+Iphigenie.
+Fiel Troja? Theurer Mann, versichr' es mir.
+
+Pylades.
+Es liegt. O sichre du uns Rettung zu!
+Beschleunige die Huelfe, die ein Gott
+Versprach. Erbarme meines Bruders dich.
+O sag' ihm bald ein gutes holdes Wort;
+Doch schone seiner wenn du mit ihm sprichst,
+Das bitt' ich eifrig: denn es wird gar leicht
+Durch Freud' und Schmerz und durch Erinnerung
+Sein Innerstes ergriffen und zerruettet.
+Ein fieberhafter Wahnsinn faellt ihn an,
+Und seine schoene freie Seele wird
+Den Furien zum Raube hingegeben.
+
+Iphigenie.
+So gross dein Unglueck ist, beschwoer' ich dich,
+Vergiss es, bis du mir genug gethan.
+
+Pylades.
+Die hohe Stadt, die zehen lange Jahre
+Dem ganzen Heer der Griechen widerstand,
+Liegt nun im Schutte, steigt nicht wieder auf.
+Doch manche Graeber unsrer Besten heissen
+Uns an das Ufer der Barbaren denken.
+Achill liegt dort mit seinem schoenen Freunde.
+
+Iphigenie.
+So seid ihr Goetterbilder auch zu Staub!
+
+Pylades.
+Auch Palamedes, Ajax Telamons,
+Sie sahn des Vaterlandes Tag nicht wieder.
+
+Iphigenie.
+Er schweigt von meinem Vater, nennt ihn nicht
+Mit den Erschlagnen. Ja! er lebt mir noch!
+Ich werd' ihn sehn! O hoffe, liebes Herz!
+
+Pylades.
+Doch selig sind die Tausende, die starben
+Den bittersuessen Tod von Feindes Hand!
+Denn wueste Schrecken und ein traurig Ende
+Hat den Rueckkehrenden statt des Triumphs
+Ein feindlich aufgebrachter Gott bereitet.
+Kommt denn der Menschen Stimme nicht zu euch?
+So weit sie reicht, traegt sie den Ruf umher
+Von unerhoerten Thaten die geschahn.
+So ist der Jammer, der Mycenens Hallen
+Mit immer wiederholten Seufzern fuellt,
+Dir ein Geheimniss? Klytaemnestra hat
+Mit Huelf' aegisthens den Gemahl berueckt,
+Am Tage seiner Rueckkehr ihn ermordet!--
+Ja, du verehrest dieses Koenigs Haus!
+Ich seh' es, deine Brust bekaempft vergebens
+Das unerwartet ungeheure Wort.
+Bist du die Tochter eines Freundes? bist
+Du nachbarlich in dieser Stadt geboren?
+Verbirg es nicht und rechne mir's nicht zu,
+Dass ich der Erste diese Graeuel melde.
+
+Iphigenie.
+Sag' an, wie ward die schwere That vollbracht?
+
+Pylades.
+Am Tage seiner Ankunft, da dir Koenig
+Vom Bad erquickt und ruhig, sein Gewand
+Aus der Gemahlin Hand verlangend, stieg,
+Warf die Verderbliche ein faltenreich
+Und kuenstlich sich verwirrendes Gewebe
+Ihm auf die Schultern, um das edle Haupt;
+Und da er wie von einem Netze sich
+Vergebens zu entwickeln strebte, schlug
+aegisth ihn, der Verraether, und verhuellt
+Ging zu den Todten dieser grosse Fuerst.
+
+Iphigenie.
+Und welchen Lohn erhielt der Mitverschworne?
+
+Pylades.
+Ein Reich und Bette, das er schon besass.
+
+Iphigenie.
+So trieb zur Schandthat eine boese Lust?
+
+Pylades.
+Und einer alten Rache tief Gefuehl.
+
+Iphigenie.
+Und wie beleidigte der Koenig sie?
+
+Pylades.
+Mit schwerer That, die, wenn Entschuldigung
+Des Mordes waere, sie entschuldigte.
+Nach Aulis lockt' er sie und brachte dort,
+Als eine Gottheit sich der Griechen Fahrt
+Mit ungstuemen Winden widersetzte,
+Die aelt'ste Tochter, Iphigenien,
+Vor den Altar Dianens, und sie fiel
+Ein blutig Opfer fuer der Griechen Heil.
+Diess, sagt man, hat ihr einen Widerwillen
+So tief in's Herz gepraegt, dass sie dem Werben
+aegisthens sich ergab und den Gemahl
+Mit Netzen des Verderbens selbst umschlang.
+
+Iphigenie (sich verhuellend).
+Es ist genug. Du wirst mich wiedersehn.
+
+Pylades (allein).
+Von dem Geschick des Koenigs-Hauses scheint
+Sie tief geruehrt. Wer sie auch immer sei,
+So hat sie selbst den Koenig wohl gekannt
+Und ist, zu unserm Glueck, aus hohem Hause
+Hierher verkauft. Nur stille, liebes Herz,
+Und lass dem Stern der Hoffnung, der uns blinkt,
+Mit frohem Muth uns klug entgegen steuern.
+
+
+
+Dritter Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Iphigenie. Orest.
+
+Iphigenie.
+Ungluecklicher, ich loese deine Bande
+Zum Zeichen eines schmerzlichern Geschicks.
+Die Freiheit, die das Heiligthum gewaehrt,
+Ist, wie der letzte lichte Lebensblick
+Des schwer Erkrankten, Todesbote. Noch
+Kann ich es mir und darf es mir nicht sagen,
+Dass ihr verloren seid! Wie koennt' ich euch
+Mit moerderischer Hand dem Tode weihen?
+Und niemand, wer es sei, darf euer Haupt,
+So lang ich Priesterin Dianens bin,
+Beruehren. Doch verweigr' ich jene Pflicht,
+Wie sie der aufgebrachte Koenig fordert;
+So waehlt er eine meiner Jungfraun mir
+Zur Folgerin, und ich vermag alsdann
+Mit heissem Wunsch allein euch beizustehn.
+O werther Landsmann! Selbst der letzte Knecht,
+Der an den Herd der Vatergoetter streifte,
+Ist uns in fremdem Lande hoch willkommen:
+Wie soll ich euch genug mit Freud' und Segen
+Empfangen, die ihr mir das Bild der Helden,
+Die ich von Eltern her verehren lernte,
+Entgegen bringet und das innre Herz
+Mit neuer schoener Hoffnung schmeichelnd labet!
+
+Orest.
+Verbirgst du deinen Namen, deine Herkunft
+Mit klugem Vorsatz? oder darf ich wissen,
+Wer mir, gleich einer Himmlischen, begegnet?
+
+Iphigenie.
+Du sollst mich kennen. Jetzo sag' mir an,
+Was ich nur halb von deinem Bruder hoerte,
+Das Ende derer, die von Troja kehrend
+Ein hartes unerwartetes Geschick
+Auf ihrer Wohnung Schwelle stumm empfing.
+Zwar ward ich jung an diesen Strand gefuehrt;
+Doch wohl erinnr' ich mich des scheuen Blicks,
+Den ich mit Staunen und mit Bangigkeit
+Auf jene Helden warf. Sie zogen aus,
+Als haette der Olymp sich aufgethan
+Und die Gestalten der erlauchten Vorwelt
+Zum Schrecken Ilions herabgesendet,
+Und Agamemnon war vor allen herrlich!
+O sage mir! Er fiel, sein Haus betretend,
+Durch seiner Frauen und aegisthens Tuecke?
+
+Orest.
+Du sagst's!
+
+Iphigenie.
+ Weh dir, unseliges Mycen!
+So haben Tantals Enkel Fluch auf Fluch
+Mit vollen wilden Haenden ausgesaet!
+Und gleich dem Unkraut, wueste Haeupter schuettelnd
+Und tausendfaelt'gen Samen um sich streuend,
+Den Kindeskindern nahverwandte Moerder
+Zur ew'gen Wechselwuth erzeugt! Enthuelle,
+Was von der Rede deines Bruders schnell
+Die Finsterniss des Schreckens mir verdeckte.
+Wie ist des grossen Stammes letzter Sohn,
+Das holde Kind, bestimmt des Vaters Raecher
+Dereinst zu sein, wie ist Orest dem Tage
+Des Bluts entgangen? Hat ein gleich Geschick
+Mit des Avernus Netzen ihn umschlungen?
+Ist er gerettet? Lebt er? Lebt Elektra?
+
+Orest.
+Sie leben.
+
+Iphigenie.
+ Goldne Sonne, leihe mir
+Die schoensten Strahlen, lege sie zum Dank
+Vor Jovis Thron! denn ich bin arm und stumm.
+
+Orest.
+Bist du gastfreundlich diesem Koenigs-Hause,
+Bist du mit naehern Banden ihm verbunden,
+Wie deine schoene Freude mir verraeth:
+So baendige dein Herz und halt' es fest!
+Denn unertraeglich muss dem Froehlichen
+Ein jaeher Rueckfall in die Schmerzen sein.
+Du weisst nur, merk' ich, Agamemnons Tod.
+
+Iphigenie.
+Hab' ich an dieser Nachricht nicht genug?
+
+Orest.
+Du hast des Graeuels Haelfte nur erfahren.
+
+Iphigenie.
+Was fuercht' ich noch? Orest, Elektra leben.
+
+Orest.
+Und fuerchtest du fuer Klytaemnestren nichts?
+
+Iphigenie.
+Sie rettet weder Hoffnung, weder Furcht.
+
+Orest.
+Auch schied sie aus dem Land der Hoffnung ab.
+
+Iphigenie.
+Vergoss sie reuig wuethend selbst ihr Blut?
+
+Orest.
+Nein, doch ihr eigen Blut gab ihr den Tod.
+
+Iphigenie.
+Sprich deutlicher, dass ich nicht laenger sinne.
+Die Ungewissheit schlaegt mir tausendfaeltig
+Die dunkeln Schwingen um das bange Haupt.
+
+Orest.
+So haben mich die Goetter ausersehn
+Zum Boten einer That, die ich so gern
+In's klanglos-dumpfe Hoehlenreich der Nacht
+Verbergen moechte? Wider meinen Willen
+Zwingt mich dein holder Mund; allein er darf
+Auch etwas Schmerzlichs fordern und erhaelt's.
+Am Tage, da der Vater fiel, verbarg
+Elektra rettend ihren Bruder: Strophius,
+Des Vaters Schwaeher, nahm ihn willig auf,
+Erzog ihn neben seinem eignen Sohne,
+Der, Pylades genannt, die schoensten Bande
+Der Freundschaft um den Angekommnen knuepfte.
+Und wie sie wuchsen, wuchs in ihrer Seele
+Die brennende Begier des Koenigs Tod
+Zu raechen. Unversehen, fremd gekleidet,
+Erreichen sie Mycen, als braechten sie
+Die Trauernachricht von Orestens Tode
+Mit seiner Asche. Wohl empfaenget sie
+Die Koenigin; sie treten in das Haus.
+Elektren gibt Orest sich zu erkennen;
+Sie blaes't der Rache Feuer in ihm auf,
+Das vor der Mutter heil'ger Gegenwart
+In sich zurueckgebrannt war. Stille fuehrt
+Sie ihn zum Orte, wo sein Vater fiel,
+Wo eine alte leichte Spur des frech
+Vergoss'nen Blutes oftgewaschnen Boden
+Mit blassen ahndungsvollen Streifen faerbte.
+Mit ihrer Feuerzunge schilderte
+Sie jeden Umstand der verruchten That,
+Ihr knechtisch elend durchgebrachtes Leben,
+Den uebermuth der gluecklichen Verraether,
+Und die Gefahren, die nun der Geschwister
+Von einer stiefgewordnen Mutter warteten.--
+Hier drang sie jenen alten Dolch ihm auf,
+Der schon in Tantals Hause grimmig wuethete,
+Und Klytaemnestra fiel durch Sohnes Hand.
+
+Iphigenie.
+Unsterbliche, die ihr den reinen Tag
+Auf immer neuen Wolken selig lebet,
+Habt ihr nur darum mich so manches Jahr
+Von Menschen abgesondert, mich so nah
+Bei euch gehalten, mir die kindliche
+Beschaeftigung, des heil'gen Feuers Gluth
+Zu naehren aufgetragen, meine Seele
+Der Flamme gleich in ew'ger frommer Klarheit
+Zu euern Wohnungen hinaufgezogen,
+Dass ich nur meines Hauses Graeuel spaeter
+Und tiefer fuehlen sollte? Sage mir
+Vom Ungluecksel'gen! sprich mir von Orest!--
+
+Orest.
+O, koennte man von seinem Tode sprechen!
+Wie gaehrend stieg aus der Erschlagnen Blut
+Der Mutter Geist
+Und ruft der Nacht uralten Toechtern zu:
+"Lasst nicht den Muttermoerder entfliehn!
+Verfolgt den Verbrecher! Euch ist er geweiht!"
+Sie horchen auf, es schaut ihr hohler Blick
+Mit der Begier des Adlers um sich her.
+Sie ruehren sich in ihren schwarzen Hoehlen,
+Und aus den Winkeln schleichen ihre Gefaehrten,
+Der Zweifel und die Reue, leis herbei.
+Vor ihnen steigt ein Dampf vom Acheron;
+In seinen Wolkenkreisen waelzet sich
+Die ewige Betrachtung des Geschehnen
+Verwirrend um des Schuld'gen Haupt umher
+Und sie, berechtigt zum Verderben, treten
+Der gottbesaeten Erde schoenen Boden,
+Von dem ein alter Fluch sie laengst verbannte.
+Den Fluechtigen verfolgt ihr schneller Fuss;
+Sie geben nur um neu zu schrecken Rast.
+
+Iphigenie.
+Unseliger, du bist in gleichem Fall,
+Und fuehlst was er, der arme Fluechtling, leidet!
+
+Orest.
+Was sagst du mir? was waehnst du gleichen Fall?
+
+Iphigenie.
+Dich drueckt ein Brudermord wie jenen; mir
+Vertraute diess dein juengster Bruder schon.
+
+Orest.
+Ich kann nicht leiden, dass du grosse Seele
+Mit einem falschen Wort betrogen werdest.
+Ein luegenhaft Gewebe knuepf' ein Fremder
+Dem Fremden, sinnreich und der List gewohnt,
+Zur Falle vor die Fuesse; zwischen uns
+Sei Wahrheit!
+Ich bin Orest! und dieses schuld'ge Haupt
+Senkt nach der Grube sich und sucht den Tod;
+In jeglicher Gestalt sei er willkommen!
+Wer du auch seist, so wuensch' ich Rettung dir
+Und meinem Freunde; mir wuensch' ich sie nicht.
+Du scheinst hier wider Willen zu verweilen;
+Erfindet Rath zur Flucht und lasst mich hier.
+Es stuerze mein entseelter Leib vom Fels,
+Es rauche bis zum Meer hinab mein Blut,
+Und bringe Fluch dem Ufer der Barbaren!
+Geht ihr, daheim im schoenen Griechenland
+Ein neues Leben freundlich anzufangen.
+ (Er entfernt sich.)
+
+Iphigenie.
+So steigst du denn, Erfuellung, schoenste Tochter
+Des groessten Vaters, endlich zu mir nieder!
+Wie ungeheuer steht dein Bild vor mir!
+Kaum reicht mein Blick dir an die Haende, die
+Mit Furcht und Segenskraenzen angefuellt
+Die Schaetze des Olympus niederbringen.
+Wie man den Koenig an dem uebermass
+Der Gaben kennt: denn ihm muss wenig scheinen
+Was Tausenden schon Reichthum ist; so kennt
+Man euch, ihr Goetter, an gesparten, lang
+Und weise zubereiteten Geschenken.
+Denn ihr allein wisst was uns frommen kann,
+Und schaut der Zukunft ausgedehntes Reich,
+Wenn jedes Abends Stern- und Nebelhuelle
+Die Aussicht uns verdeckt. Gelassen hoert
+Ihr unser Flehn, das um Beschleunigung
+Euch kindisch bittet; aber eure Hand
+Bricht unreif nie die goldnen Himmelsfruechte;
+Und wehe dem, der ungeduldig sie
+Ertrotzend saure Speise sich zum Tod
+Geniesst. O lasst das lang erwartete,
+Noch kaum gedachte Glueck nicht, wie den Schatten
+Des abgeschiednen Freundes, eitel mir
+Und dreifach schmerzlicher voruebergehn!
+
+Orest (tritt wieder zu ihr).
+Rufst du die Goetter an fuer dich und Pylades,
+So nenne meinen Namen nicht mit eurem.
+Du rettest den Verbrecher nicht, zu dem
+Du dich gesellst, und theilest Fluch und Noth.
+
+Iphigenie.
+Mein Schicksal ist an deines fest gebunden.
+
+Orest.
+Mit nichten! Lass allein und unbegleitet
+Mich zu den Todten gehn. Verhuelltest du
+In deinen Schleier selbst den Schuldigen;
+Du birgst ihn nicht vor'm Blick der Immerwachen,
+Und deine Gegenwart, du Himmlische,
+Draengt sie nur seitwaerts und verscheucht sie nicht.
+Sie duerfen mit den ehrnen frechen Fuessen
+Des heil'gen Waldes Boden nicht betreten;
+Doch hoer' ich aus der Ferne hier und da
+Ihr graessliches Gelaechter. Woelfe harren
+So um den Baum, auf den ein Reisender
+Sich rettete. Da draussen ruhen sie
+Gelagert; und verlass' ich diesen Hain,
+Dann steigen sie, die Schlangenhaeupter schuettelnd,
+Von allen Seiten Staub erregend auf
+Und treiben ihre Beute vor sich her.
+
+Iphigenie.
+Kannst du, Orest, ein freundlich Wort vernehmen?
+
+Orest.
+Spar' es fuer einen Freund der Goetter auf.
+
+Iphigenie.
+Sie geben dir zu neuer Hoffnung Licht.
+
+Orest.
+Durch Rauch und Qualm seh' ich den matten Schein
+Des Todtenflusses mir zur Hoelle leuchten.
+
+Iphigenie.
+Hast du Elektren, Eine Schwester nur?
+
+Orest.
+Die Eine kannt' ich; doch die aelt'ste nahm
+Ihr gut Geschick, das uns so schrecklich schien,
+Bei Zeiten aus dem Elend unsers Hauses.
+O lass dein Fragen, und geselle dich
+Nicht auch zu den Erinnyen; sie blasen
+Mir schadenfroh die Asche von der Seele,
+Und leiden nicht, dass sich die letzten Kohlen
+Von unsers Hauses Schreckensbrande still
+In mir verglimmen. Soll die Gluth denn ewig,
+Vorsaetzlich angefacht, mit Hoellenschwefel
+Genaehrt, mir auf der Seele marternd brennen?
+
+Iphigenie.
+Ich bringe suesses Rauchwerk in die Flamme.
+O lass den reinen Hauch der Liebe dir
+Die Gluth des Busens leise wehend kuehlen.
+Orest, mein Theurer, kannst du nicht vernehmen?
+Hat das Geleit der Schreckensgoetter so
+Das Blut in deinen Adern aufgetrocknet?
+Schleicht, wie vom Haupt der graesslichen Gorgone,
+Versteinernd dir ein Zauber durch die Glieder?
+O wenn vergoss'nen Mutterblutes Stimme
+Zur Hoell' hinab mit dumpfen Toenen ruft;
+Soll nicht der reinen Schwester Segenswort
+Huelfreiche Goetter von Olympus rufen?
+
+Orest.
+Es ruft! es ruft! So willst du mein Verderben!
+Verbirgt in dir sich eine Rachegoettin?
+Wer bist du, deren Stimme mir entsetzlich
+Das Innerste in seinen Tiefen wendet?
+
+Iphigenie.
+Es zeigt sich dir im tiefsten Herzen an:
+Orest, ich bin's! Sieh Iphigenien!
+Ich lebe!
+
+Orest.
+ Du!
+
+Iphigenie.
+ Mein Bruder!
+
+Orest.
+ Lass! Hinweg!
+Ich rathe dir, beruehre nicht die Locken!
+Wie von Kreusa's Brautkleid zuendet sich
+Ein unausloeschlich Feuer von mir fort.
+Lass mich! Wie Hercules will ich Unwuerd'ger
+Den Tod voll Schmach, in mich verschlossen, sterben.
+
+Iphigenie.
+Du wirst nicht untergehn! O dass ich nur
+Ein ruhig Wort von dir vernehmen koennte!
+O loese meine Zweifel, lass des Glueckes,
+Des lang erflehten, mich auch sicher werden.
+Es waelzet sich ein Rad von Freud' und Schmerz
+Durch meine Seele. Von dem fremden Manne
+Entfernet mich ein Schauer; doch es reisst
+Mein Innerstes gewaltig mich zum Bruder.
+
+Orest.
+Ist hier Lyaeens Tempel? und ergreift
+Unbaendig-heil'ge Wuth die Priesterin?
+
+Iphigenie.
+O hoere mich! O sieh mich an, wie mir
+Nach einer langen Zeit das Herz sich oeffnet,
+Der Seligkeit, dem Liebsten, was die Welt
+Noch fuer mich tragen kann, das Haupt zu kuessen,
+Mit meinen Armen, die den leeren Winden
+Nur ausgebreitet waren, dich zu fassen!
+O lass mich! Lass mich! Denn es quillet heller
+Nicht vom Parnass die ew'ge Quelle sprudelnd
+Von Fels zu Fels in's goldne Thal hinab,
+Wie Freude mir vom Herzen wallend fliesst,
+Und wie ein selig Meer mich rings umfaengt.
+Orest! Orest! Mein Bruder!
+
+Orest.
+ Schoene Nymphe,
+Ich traue dir und deinem Schmeicheln nicht.
+Diana fordert strenge Dienerinnen
+Und raechet das entweihte Heiligthum.
+Entferne deinen Arm von meiner Brust!
+Und wenn du einen Juengling rettend lieben,
+Das schoene Glueck ihm zaertlich bieten willst,
+So wende meinem Freunde dein Gemueth,
+Dem wuerd'gern Manne zu. Er irrt umher
+Auf jenem Felsenpfade; such' ihn auf,
+Weis' ihn zurecht und schone meiner.
+
+Iphigenie.
+ Fasse
+Dich, Bruder, und erkenne die Gefundne!
+Schilt einer Schwester reine Himmelsfreude
+Nicht unbesonnene, strafbare Lust.
+O nehmt den Wahn ihm von dem starren Auge,
+Dass uns der Augenblick der hoechsten Freude
+Nicht dreifach elend mache! Sie ist hier,
+Die laengst verlorne Schwester. Vom Altar
+Riss mich die Goettin weg und rettete
+Hierher mich in ihr eigen Heiligthum.
+Gefangen bist du, dargestellt zum Opfer,
+Und findest in der Priesterin die Schwester.
+
+Orest.
+Unselige! So mag die Sonne denn
+Die letzten Graeuel unsers Hauses sehn!
+Ist nicht Elektra hier? damit auch sie
+Mit uns zu Grunde gehe, nicht ihr Leben
+Zu schwererem Geschick und Leiden friste.
+Gut, Priesterin! Ich folge zum Altar:
+Der Brudermord ist hergebrachte Sitte
+Des alten Stammes; und ich danke, Goetter,
+Dass ihr mich ohne Kinder auszurotten
+Beschlossen habt. Und lass dir rathen, habe
+Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne;
+Komm, folge mir in's dunkle Reich hinab!
+Wie sich vom Schwefelpfuhl erzeugte Drachen
+Bekaempfend die verwandte Brut verschlingen,
+Zerstoert sich selbst das wuethende Geschlect;
+Komm kinderlos und schuldlos mit hinab!
+Du siehst mich mit Erbarmen an? Lass ab!
+Mit solchen Blicken suchte Klytaemnestra
+Sich einen Weg nach ihres Sohnes Herzen;
+Doch sein geschwungner Arm traf ihre Brust.
+Die Mutter fiel!--Tritt auf, unwill'ger Geist!
+Im Kreis geschlossen tretet an, ihr Furien,
+Und wohnet dem willkommnen Schauspiel bei,
+Dem letzten, graesslichsten, das ihr bereitet!
+Nicht Hass und Rache schaerfen ihren Dolch;
+Die liebevolle Schwester wird zur That
+Gezwungen. Weine nicht! Du hast nicht Schuld.
+Seit meinen ersten Jahren hab' ich nichts
+Geliebt, wie ich dich lieben koennte, Schwester.
+Ja, schwinge deinen Stahl, verschone nicht,
+Zerreisse diesen Busen, und eroeffne
+Den Stroemen die hier sieden einen Weg!
+ (Er sinkt in Ermattung.)
+
+Iphigenie.
+Allein zu tragen dieses Glueck und Elend
+Vermag ich nicht.--Wo bist du, Pylades?
+Wo find' ich deine Huelfe, theurer Mann?
+ (Sie entfernt sich suchend.)
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+Orest
+(aus seiner Betaeubung erwachend und sich aufrichtend).
+
+Noch Einen! reiche mir aus Lethe's Fluthen
+Den letzten kuehlen Becher der Erquickung!
+Bald ist der Krampf des Lebens aus dem Busen
+Hinweggespuelt; bald fliesset still mein Geist,
+Der Quelle des Vergessens hingegeben,
+Zu euch, ihr Schatten, in die ew'gen Nebel.
+Gefaellig lasst in eurer Ruhe sich
+Den umgetriebnen Sohn der Erde laben!--
+Welch ein Gelispel hoer' ich in den Zweigen,
+Welch ein Geraeusch aus jener Daemmrung saeuseln?--
+Sie kommen schon, den neuen Gast zu sehn!
+Wer ist die Schaar, die herrlich mit einander
+Wie ein versammelt Fuerstenhaus sich freut?
+Sie gehen friedlich, Alt' und Junge, Maenner
+Mit Weibern; goettergleich und aehnlich scheinen
+Die wandelnden Gestalten. Ja, sie sind's,
+Die Ahnherrn meines Hauses!--Mit Thyesten
+Geht Atreus in vertraulichen Gespraechen;
+Die Knaben schluepfen scherzend um sie her.
+Ist keine Feindschaft hier mehr unter euch?
+Verlosch die Rache wie das Licht der Sonne?
+So bin auch ich willkommen, und ich darf
+In euern feierlichen Zug mich mischen.
+Willkommen, Vaeter! euch gruesst Orest,
+Von euerm Stamme der letzte Mann;
+Was ihr gesaet, hat er geerntet:
+Mit Fluch beladen stieg er herab,
+Doch leichter traeget sich hier jede Buerde:
+Nehmt ihn, o nehmt ihn in euern Kreis!--
+Dich, Atreus, ehr' ich, auch dich Thyesten:
+Wir sind hier alle der Feindschaft los.--
+Zeigt mir den Vater, den ich nur einmal
+Im Leben sah!--Bist du's, mein Vater?
+Und fuehrst die Mutter vertraut mit dir?
+Darf Klytaemnestra die hand dir reichen;
+So darf Orest auch zu ihr treten
+Und darf ihr sagen: sieh deinen Sohn!--
+Seht euern Sohn! Heisst ihn willkommen.
+Auf Erden war in unserm Hause
+Der Gruss des Mordes gewisse Losung,
+Und das Geschlect des alten Tantalus
+Hat seine Freuden jenseits der Nacht.
+Ihr ruft: Willkommen! und nehmt mich auf!
+O fuehrt zum Alten, zum Ahnherrn mich!
+Wo ist der Alte? dass ich ihn sehe,
+Das theure Haupt, das vielverehrte,
+Das mit den Goettern zu Rathe sass.
+Ihr scheint zu zaudern, euch wegzuwenden?
+Was ist es? Leidet der Goettergleiche?
+Weh mir! es haben die uebermaecht'gen
+Der Heldenbrust grausame Qualen
+Mit ehrnen Ketten fest aufgeschmiedet.
+
+
+Dritter Auftritt.
+
+Orest. Iphigenie. Pylades.
+
+Orest.
+Seid ihr auch schon herabgekommen?
+Wohl Schwester dir! Noch fehlt Elektra:
+Ein guet'ger Gott send' uns die Eine
+Mit sanften Pfeilen auch schnell herab.
+Dich, armer Freund, muss ich bedauern!
+Komm mit! komm mit! zu Pluto's Thron,
+Als neue Gaeste den Wirth zu gruessen.
+
+Iphigenie.
+Geschwister, die ihr an dem weiten Himmel
+Das schoene Licht bei Tag und Nacht herauf
+Den Menschen bringet, und den Abgeschiednen
+Nicht leuchten duerfet, rettet uns Geschwister!
+Du liebst, Diane, deinen holden Bruder
+Vor allem, was dir Erd' und Himmel bietet,
+Und wendest dein jungfraeulich Angesicht
+Nach seinem ew'gen Lichte sehnend still.
+O lass den einz'gen Spaetgefundnen mir
+Nicht in der Finsterniss des Wahnsinns rasen!
+Und ist dein Wille, da du hier mich bargst,
+Nunmehr vollendet, willst du mir durch ihn
+Und ihm durch mich die sel'ge Huelfe geben;
+So loes' ihn von den Banden jenes Fluchs,
+Dass nicht die theure Zeit der Rettung schwinde.
+
+Pylades.
+Erkennst du uns und diesen heil'gen Hain
+Und dieses Licht, das nicht den Todten leuchtet?
+Fuehlst du den Arm des Freundes und der Schwester,
+Die dich noch fest, noch lebend halten? Fass
+Uns kraeftig an; wir sind nicht leere Schatten.
+Merk' auf mein Wort! Vernimm es! Raffe dich
+Zusammen! Jeder Augenblick ist theuer,
+Und unsre Rueckkehr haengt an zarten Faeden,
+Die, scheint es, eine guenst'ge Parze spinnt.
+
+Orest (zu Iphigenien).
+Lass mich zum Erstenmal mit freiem Herzen
+In deinen Armen reine Freude haben!
+Ihr Goetter, die mit flammender Gewalt
+Ihr schwere Wolken aufzuzehren wandelt,
+Und gnaedig-ernst den lang erflehten Regen
+Mit Donnerstimmen und mit Windesbrausen
+In wilden Stroemen auf die Erde schuettet,
+Doch bald der Menschen grausendes Erwarten
+In Segen aufloes't und das bange Staunen
+In Freudeblick und lauten Dank verwandelt,
+Wenn in den Tropfen frischerquickter Blaetter
+Die neue Sonne tausendfach sich spiegelt,
+Und Iris freundlich bunt mit leichter Hand
+Den grauen Flor der letzten Wolken trennt;
+O lasst mich auch in meiner Schwester Armen,
+An meines Freundes Brust, was ihr mir goennt
+Mit vollem Dank geniessen und behalten.
+Es loeset sich der Fluch, mir sagt's das Herz.
+Die Eumeniden ziehn, ich hoere sie,
+Zum Tartarus und schlagen hinter sich
+Die ehrnen Thore fernabdonnernd zu.
+Die Erde dampft erquickenden Geruch
+Und ladet mich auf ihren Flaechen ein,
+Nach Lebensfreud' und grosser That zu jagen.
+
+Pylades.
+Versaeumt die Zeit nicht, die gemessen ist!
+Der Wind der unsre Segel schwellt, er bringe
+Erst unsre volle Freude zum Olymp.
+Kommt! Es bedarf hier schnellen Rath und Schluss.
+
+
+
+Vierter Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Iphigenie.
+Denken die Himmlischen
+Einem der Erdgebornen
+Viele Verwirrungen zu,
+Und bereiten sie ihm
+Von der Freude zu Schmerzen
+Und von Schmerzen zur Freude
+Tief-erschuetternden uebergang;
+Dann erziehen sie ihm
+In der Naehe der Stadt,
+Oder am fernen Gestade,
+Dass in Stunden der Noth
+Auch die Huelfe bereit sei,
+Einen ruhigen Freund.
+O segnet, Goetter, unsern Pylades
+Und was er immer unternehmen mag!
+Er ist der Arm des Juenglings in der Schlacht,
+Des Greises leuchtend Aug' in der Versammlung:
+Denn seine Seel' ist stille; sie bewahrt
+Der Ruhe heil'ges unerschoepftes Gut,
+Und den Umhergetriebnen reichet er
+Aus ihren Tiefen Rath und Huelfe. Mich
+Riss er vom Bruder los; den staunt' ich an
+Und immer wieder an, und konnte mir
+Das Glueck nicht eigen machen, liess ihn nicht
+Aus meinen Armen los, und fuehlte nicht
+Die Naehe der Gefahr die uns umgibt.
+Jetzt gehn sie ihren Anschlag auszufuehren
+Der See zu, wo das Schiff mit den Gefaehrten
+In einer Bucht versteckt auf's Zeichen lauert,
+Und haben kluges Wort mir in den Mund
+Gegeben, mich gelehrt was ich dem Koenig
+Antworte, wenn er sendet und das Opfer
+Mir dringender gebietet. Ach! ich sehe wohl,
+Ich muss mich leiten lassen wie ein Kind.
+Ich habe nicht gelernt zu hinterhalten
+Noch jemand etwas abzulisten. Weh!
+O weh der Luege! Sie befreiet nicht,
+Wie jedes andre wahrgesprochne Wort,
+Die Brust; sie macht uns nicht getrost, sie aengstet
+Den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt,
+Ein losgedruckter Pfeil, von einem Gotte
+Gewendet und versagend, sich zurueck
+Und trifft den Schuetzen. Sorg' auf Sorge schwankt
+Mir durch die Brust. Es greift die Furie
+Vielleicht den Bruder auf dem Boden wieder
+Des ungeweihten Ufers grimmig an.
+Entdeckt man sie vielleicht? Mich duenkt, ich hoere
+Gewaffnete sich nahen!--Hier!--Der Bote
+Kommt von dem Koenige mit schnellem Schritt,
+Es schlaegt mein Herz, es truebt sich meine Seele,
+Da ich des Mannes Angesicht erblicke,
+Dem ich mit falschem Wort begegnen soll.
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+
+Iphigenie. Arkas.
+
+Arkas.
+Beschleunige das Opfer, Priesterin!
+Der Koenig wartet und es harrt das Volk.
+
+Iphigenie.
+Ich folgte meiner Pflicht und deinem Wink,
+Wenn unvermuthet nicht ein Hinderniss
+Sich zwischen mich und die Erfuellung stellte.
+
+Arkas.
+Was ist's, das den Befehl des Koenigs hindert?
+
+Iphigenie.
+Der Zufall, dessen wir nicht Meister sind.
+
+Arkas.
+So sage mir's, dass ich's ihm schnell vermelde:
+Denn er beschloss bei sich der beiden Tod.
+
+Iphigenie.
+Die Goetter haben ihn noch nicht beschlossen.
+Der aelt'ste dieser Maenner traegt die Schuld
+Des nahverwandten Bluts, das er vergoss.
+Die Furien verfolgen seinen Pfad,
+Ja in dem innern Tempel fasste selbst
+Das uebel ihn, und seine Gegenwart
+Entheiligte die reine Staette. Nun
+Eil' ich mit meinen Jungfraun, an dem Meere
+Der Goettin Bild mit frischer Welle netzend,
+Geheimnissvolle Weihe zu begehn.
+Es stoere niemand unsern stillen Zug!
+
+Arkas.
+Ich melde dieses neue Hinderniss
+Dem Koenige geschwind; beginne du
+Das heil'ge Werk nicht eh' bis er's erlaubt.
+
+Iphigenie.
+Diess ist allein der Priestrin ueberlassen.
+
+Arkas.
+Solch seltnen Fall soll auch der Koenig wissen.
+
+Iphigenie.
+Sein Rath wie sein Befehl veraendert nichts.
+
+Arkas.
+Oft wird der Maechtige zum Schein gefragt.
+
+Iphigenie.
+Erdringe nicht, was ich versagen sollte.
+
+Arkas.
+Versage nicht, was gut und nuetzlich ist.
+
+Iphigenie.
+Ich gebe nach, wenn du nicht saeumen willst.
+
+Arkas.
+Schnell bin ich mit der Nachricht in dem Lager,
+Und schnell mit seinen Worten hier zurueck.
+O koennt' ich ihm noch eine Botschaft bringen,
+Die alles loes'te, was uns jetzt verwirrt:
+Denn du hast nicht des Treuen Rath geachtet.
+
+Iphigenie.
+Was ich vermochte, hab' ich gern gethan.
+
+Arkas.
+Noch aenderst du den Sinn zur rechten Zeit.
+
+Iphigenie.
+Das steht nun einmal nicht in unsrer Macht.
+
+Arkas.
+Du haeltst unmoeglich, was dir Muehe kostet.
+
+Iphigenie.
+Dir scheint es moeglich, weil der Wunsch dich truegt.
+
+Arkas.
+Willst du denn alles so gelassen wagen?
+
+Iphigenie.
+Ich hab' es in der Goetter Hand gelegt.
+
+Arkas.
+Sie pflegen Menschen menschlich zu erretten.
+
+Iphigenie.
+Auf ihren Fingerzeig koemmt alles an.
+
+Arkas.
+Ich sage dir, es liegt in deiner Hand.
+Des Koenigs aufgebrachter Sinn allein
+Bereitet diesen Fremden bittern Tod.
+Das Heer entwoehnte laengst vom harten Opfer
+Und von dem blut'gen Dienste sein Gemueth.
+Ja, mancher, den ein widriges Geschick
+An fremdes Ufer trug, empfand es selbst,
+Wie goettergleich dem armen Irrenden,
+Umhergetrieben an der fremden Graenze,
+Ein freundlich Menschenangesicht begegnet.
+O wende nicht von uns was du vermagst!
+Du endest leicht was du begonnen hast:
+Denn nirgends baut die Milde, die herab
+In menschlicher Gestalt vom Himmel kommt,
+Ein Reich sich schneller, als wo trueb und wild
+Ein neues Volk, voll Leben, Muth und Kraft,
+Sich selbst und banger Ahnung ueberlassen,
+Des Menschenlebens schwere Buerden traegt.
+
+Iphigenie.
+Erschuettre meine Seele nicht, die du
+Nach deinem Willen nicht bewegen kannst.
+
+Arkas.
+So lang es Zeit ist, schont man weder Muehe
+Noch eines guten Wortes Wiederholung.
+
+Iphigenie.
+Du machst dir Mueh und mir erregst du Schmerzen:
+Vergebens beides: darum lass mich nun.
+
+Arkas.
+Die Schmerzen sind's, die ich zu Huelfe rufe:
+Denn es sind Freunde, Gutes rathen sie.
+
+Iphigenie.
+Sie fassen meine Seele mit Gewalt,
+Doch tilgen sie den Widerwillen nicht.
+
+Arkas.
+Fuehlt eine schoene Seele Widerwillen
+Fuer eine Wohlthat, die der Edle reicht?
+
+Iphigenie.
+Ja, wenn der Edle, was sich nicht geziemt,
+Statt meines Dankes mich erwerben will.
+
+Arkas.
+Wer keine Neigung fuehlt, dem mangelt es
+An einem Worte der Entschuld'gung nie.
+Dem Fuersten sag' ich an, was hier geschehn.
+O wiederholtest du in deiner Seele,
+Wie edel er sich gegen dich betrug
+Von deiner Ankunft an bis diesen Tag.
+
+
+Dritter Auftritt.
+
+Iphigenie (allein).
+
+Von dieses Mannes Rede fuehl' ich mir
+Zur ungelegnen Zeit das Herz im Busen
+Auf einmal umgewendet. Ich erschrecke!--
+Denn wie die Fluth mit schnellen Stroemen wachsend
+Die Felsen ueberspuelt, die in dem Sand
+Am Ufer liegen: so bedeckte ganz
+Ein Freudenstrom mein Innerstes. Ich hielt
+In meinen Armen das Unmoegliche.
+Es schien sich eine Wolke wieder sanft
+Um mich zu legen, von der Erde mich
+Empor zu heben und in jenen Schlummer
+Mich einzuwiegen, den die gute Goettin
+Um meine Schlaefe legte, da ihr Arm
+Mich rettend fasste.--Meinen Bruder
+Ergriff das Herz mit einziger Gewalt:
+Ich horchte nur auf seines Freundes Rath;
+Nur sie zu retten drang die Seele vorwaerts.
+Und wie den Klippen einer wuesten Insel
+Der Schiffer gern den Ruecken wendet: so
+Lag Tauris hinter mir. Nun hat die Stimme
+Des treuen Manns mich wieder aufgeweckt,
+Dass ich auch Menschen hier verlasse, mich
+Erinnert. Doppelt wird mir der Betrug
+Verhasst. O bleibe ruhig, meine Seele!
+Beginnst du nun zu schwanken und zu zweifeln?
+Den festen Boden deiner Einsamkeit
+Musst du verlassen! Wieder eingeschifft
+Ergreifen dich die Wellen schaukelnd, trueb
+Und bang verkennest du die Welt und dich.
+
+
+Vierter Auftritt.
+
+Iphigenie. Pylades.
+
+Pylades.
+Wo ist sie? dass ich ihr mit schnellen Worten
+Die frohe Botschaft unsrer Rettung bringe!
+
+Iphigenie.
+Du siehst mich hier voll Sorgen und Erwartung
+Des sichern Trostes, den du mir versprichst.
+
+Pylades.
+Dein Bruder ist geheilt! Den Felsenboden
+Des ungeweihten Ufers und den Sand
+Betraten wir mit froehlichen Gespraechen;
+Der Hain blieb hinter uns, wir merkten's nicht.
+Und herrlicher und immer herrlicher
+Umloderte der Jugend schoene Flamme
+Sein lockig Haupt; sein volles Auge gluehte
+Von Muth und Hoffnung, und sein freies Herz
+Ergab sich ganz der Freude, ganz der Lust,
+Dich, seine Retterin, und mich zu retten.
+
+Iphigenie.
+Gesegnet seist du, und es moege nie
+Von deiner Lippe, die so Gutes sprach,
+Der Ton des Leidens und der Klage toenen!
+
+Pylades.
+Ich bringe mehr als das; denn schoen begleitet,
+Gleich einem Fuersten, pflegt das Glueck zu nahn.
+Auch die Gefaehrten haben wir gefunden.
+In einer Felsenbucht verbargen sie
+Das Schiff und sassen traurig und erwartend.
+Sie sahen deinen Bruder, und es regten
+Sich alle jauchzend, und sie baten dringend
+Der Abfahrt Stunde zu beschleunigen.
+Es sehnet jede Faust sich nach dem Ruder,
+Und selbst ein Wind erhob vom Lande lispelnd,
+Von allen gleich bemerkt, die holden Schwingen.
+Drum lass uns eilen, fuehre mich zum Tempel,
+Lass mich das Heiligthum betreten, lass
+Mich unsrer Wuensche Ziel verehrend fassen.
+Ich bin allein genug, der Goettin Bild
+Auf wohl geuebten Schultern wegzutragen;
+Wie sehn' ich mich nach der erwuenschten Last!
+
+(Er geht gegen den Tempel unter den letzten Worten,
+ohne zu bemerken, dass Iphigenie nicht folgt; endlich
+kehrt er sich um.)
+
+Du stehst und zauderst--Sage mir--Du schweigst!
+Du scheinst verworren! Widersetzet sich
+Ein neues Unheil unserm Glueck? Sag' an!
+Hast du dem Koenige das kluge Wort
+Vermelden lassen, das wir abgeredet?
+
+Iphigenie.
+Ich habe, theurer Mann; doch wirst du schelten.
+Ein schweigender Verweis war mir dein Anblick.
+Des Koenigs Bote kam, und wie du es
+Mir in den Mund gelegt, so sagt' ich's ihm.
+Er schien zu staunen, und verlangte dringend
+Die seltne Feier erst dem Koenige
+Zu melden, seinen Willen zu vernehmen;
+Und nun erwart' ich seine Wiederkehr.
+
+Pylades.
+Weh uns! Erneuert schwebt nun die Gefahr
+Um unsre Schlaefe! Warum hast du nicht
+In's Priesterrecht dich weislich eingehuellt?
+
+Iphigenie.
+Als eine Huelle hab' ich's nie gebraucht.
+
+Pylades.
+So wirst du, reine Seele, dich und uns
+Zu Grunde richten. Warum dacht' ich nicht
+Auf diesen Fall voraus, und lehrte dich
+Auch dieser Fordrung auszuweichen!
+
+Iphigenie.
+ Schilt
+Nur mich, die Schuld ist mein, ich fuehl' es wohl;
+Doch konnt' ich anders nicht dem Mann begegnen,
+Der mit Vernunft und Ernst von mir verlangte,
+Was ihm mein Herz als Recht gestehen musste.
+
+Pylades.
+Gefaehrlicher zieht sich's zusammen; doch auch so
+Lass uns nicht zagen, oder unbesonnen
+Und uebereilt uns selbst verrathen. Ruhig
+Erwarte du die Wiederkunft des Boten,
+Und dann steh fest, er bringe was er will:
+Denn solcher Weihung Feier anzuordnen
+Gehoert der Priesterin und nicht dem Koenig.
+Und fordert er den fremden Mann zu sehn,
+Der von dem Wahnsinn schwer belastet ist;
+So lehn' es ab, als hieltest du uns beide
+Im Tempel wohl verwahrt. So schaff' uns Luft,
+Dass wir auf's eiligste, den heil'gen Schatz
+Dem rauh unwuerd'gen Volk entwendend, fliehn.
+Die besten Zeichen sendet uns Apoll,
+Und, eh' wir die Bedingung fromm erfuellen,
+Erfuellt er goettlich sein Versprechen schon.
+Orest ist frei, geheilt!--Mit dem Befreiten
+O fuehret uns hinueber, guenst'ge Winde,
+Zur Felsen-Insel die der Gott bewohnt;
+Dann nach Mycen, dass es lebendig werde,
+Dass von der Asche des verloschnen Herdes
+Die Vatergoetter froehlich sich erheben,
+Und schoenes Feuer ihre Wohnungen
+Umleuchte! Deine Hand soll ihnen Weihrauch
+Zuerst aus goldnen Schalen streuen. Du
+Bringst ueber jene Schwelle Heil und Leben wieder,
+Entsuehnst den Fluch und schmueckest neu die Deinen
+Mit frischen Lebensbluethen herrlich aus.
+
+Iphigenie.
+Vernehm' ich dich, so wendet sich, o Theurer,
+Wie sich die Blume nach der Sonne wendet,
+Die Seele, von dem Strahle deiner Worte
+Getroffen, sich dem suessen Troste nach.
+Wie koestlich ist des gegenwaert'gen Freundes
+Gewisse Rede, deren Himmelskraft
+Ein Einsamer entbehrt und still versinkt.
+Denn langsam reift, verschlossen in dem Busen,
+Gedank' ihm und Entschluss; die Gegenwart
+Des Liebenden entwickelte sie leicht.
+
+Pylades.
+Leb' wohl! Die Freunde will ich nun geschwind
+Beruhigen, die sehnlich wartend harren.
+Dann komm' ich schnell zurueck und lausche hier
+Im Felsenbusch versteckt auf deinen Wink--
+Was sinnest du? Auf einmal ueberschwebt
+Ein stiller Trauerzug die freie Stirne.
+
+Iphigenie.
+Verzeih! Wie leichte Wolken vor der Sonne,
+So zieht mir vor der Seele leichte Sorge
+Und Bangigkeit vorueber.
+
+Pylades.
+ Fuerchte nicht!
+Betrueglich schloss die Furcht mit der Gefahr
+Ein enges Buendniss; beide sind Gesellen.
+
+Iphigenie.
+Die Sorge nenn' ich edel, die mich warnt,
+Den Koenig, der mein zweiter Vater ward,
+Nicht tueckisch zu betruegen, zu berauben.
+
+Pylades.
+Der deinen Bruder schlachtet, dem entfliehst du.
+
+Iphigenie.
+Es ist derselbe, der mir Gutes that.
+
+Pylades.
+Das ist nicht Undank, was die Noth gebeut.
+
+Iphigenie.
+Es bleibt wohl Undank; nur die Noth entschuldigt.
+
+Pylades.
+Vor Goettern und vor Menschen dich gewiss.
+
+Iphigenie.
+Allein mein eigen Herz ist nicht befriedigt.
+
+Pylades.
+Zu strenge Fordrung ist verborgner Stolz.
+
+Iphigenie.
+Ich untersuche nicht, ich fuehle nur.
+
+Pylades.
+Fuehlst du dich recht, so musst du dich verehren.
+
+Iphigenie.
+Ganz unbefleckt geniesst sich nur das Herz.
+
+Pylades.
+So hast du dich im Tempel wohl bewahrt;
+Das Leben lehrt uns, weniger mit uns
+Und andern strenge sein; du lernst es auch.
+So wunderbar ist diess Geschlecht gebildet,
+So vielfach ist's verschlungen und verknuepft,
+Dass keiner in sich selbst, noch mit den andern
+Sich rein und unverworren halten kann.
+Auch sind wir nicht bestellt uns selbst zu richten;
+Zu wandeln und auf seinen Weg zu sehen
+Ist eines Menschen erste, naechste Pflicht:
+Denn selten schaetzt er recht was er gethan,
+Und was er thut weiss er fast nie zu schaetzen.
+
+Iphigenie.
+Fast ueberred'st du mich zu deiner Meinung.
+
+Pylades.
+Braucht's ueberredung, wo die Wahl versagt ist?
+Den Bruder, dich, und einen Freund zu retten
+Ist nur Ein Weg; fragt sich's ob wir ihn gehen?
+
+Iphigenie.
+O lass mich zaudern! denn du thaetest selbst
+Ein solches Unrecht keinem Mann gelassen,
+Dem du fuer Wohlthat dich verpflichtet hieltest.
+
+Pylades.
+Wenn wir zu Grunde gehen, wartet dein
+Ein haertrer Vorwurf, der Verzweiflung traegt.
+Man sieht, du bist nicht an Verlust gewohnt,
+Da du dem grossen uebel zu entgehen
+Ein falsches Wort nicht einmal opfern willst.
+
+Iphigenie.
+O trueg' ich doch ein maennlich Herz in mir!
+Das, wenn es einen kuehnen Vorsatz hegt,
+Vor jeder andern Stimme sich verschliesst.
+
+Pylades.
+Du weigerst dich umsonst; die ehrne Hand
+Der Noth gebietet, und ihr ernster Wink
+Ist oberstes Gesetz, dem Goetter selbst
+Sich unterwerfen muessen. Schweigend herrscht
+Des ew'gen Schicksals unberathne Schwester.
+Was sie dir auferlegt, das trage: thu'
+Was sie gebeut. Das Andre weisst du. Bald
+Komm' ich zurueck, aus deiner heil'gen Hand
+Der Rettung schoenes Siegel zu empfangen.
+
+
+Fuenfter Auftritt.
+
+Iphigenie (allein).
+Ich muss ihm folgen: denn die Meinigen
+Seh' ich in dringender Gefahr. Doch ach!
+Mein eigen Schicksal macht mir bang und baenger.
+O soll ich nicht die stille Hoffnung retten,
+Die in der Einsamkeit ich schoen genaehrt?
+Soll dieser Fluch denn ewig walten? Soll
+Nie diess Geschlecht mit einem neuen Segen
+Sich wieder heben?--Nimmt doch alles ab!
+Das beste Glueck, des Lebens schoenste Kraft
+Ermattet endlich, warum nicht der Fluch?
+So hofft' ich denn vergebens, hier verwahrt,
+Von meines Hauses Schicksal abgeschieden,
+Dereinst mit reiner Hand und reinem Herzen
+Die schwer befleckte Wohnung zu entsuehnen!
+Kaum wird in meinen Armen mir ein Bruder
+Vom grimm'gen uebel wundervoll und schnell
+Geheilt, kaum naht ein lang erflehtes Schiff,
+Mich in den Port der Vaterwelt zu leiten,
+So legt die taube Noth ein doppelt Laster
+Mit ehrner Hand mir auf: das heilige
+Mir anvertraute, viel verehrte Bild
+Zu rauben und den Mann zu hintergehn,
+Dem ich mein Leben und mein Schicksal danke.
+O dass in meinem Busen nicht zuletzt
+Ein Widerwille keime! der Titanen
+Der alten Goetter tiefer Hass auf euch,
+Olympier, nicht auch die zarte Brust
+Mit Geierklauen fasse! Rettet mich
+Und rettet euer Bild in meiner Seele!
+
+Vor meinen Ohren toent das alte Lied--
+Vergessen hatt' ich's und vergass es gern--
+Das Lied der Parzen, das sie grausend sangen,
+Als Tantalus vom goldnen Stuhle fiel:
+Sie litten mit dem edeln Freunde; grimmig
+War ihre Brust, und furchtbar ihr Gesang.
+In unsrer Jugend sang's die Amme mir
+Und den Geschwistern vor, ich merkt es wohl.
+
+ Es fuerchte die Goetter
+ Das Menschengeschlecht!
+ Sie halten die Herrschaft
+ In ewigen Haenden,
+ Und koennen sie brauchen
+ Wie's ihnen gefaellt.
+
+ Der fuerchte sie doppelt,
+ Den je sie erheben!
+ Auf Klippen und Wolken
+ Sind Stuehle bereitet
+ Um goldene Tische.
+
+ Erhebet ein Zwist sich:
+ So stuerzen die Gaeste
+ Geschmaeht und geschaendet
+ In naechtliche Tiefen,
+ Und harren vergebens,
+ Im Finstern gebunden,
+ Gerechten Gerichtes.
+
+ Sie aber, sie bleiben
+ In ewigen Festen
+ An goldenen Tischen.
+ Sie schreiten vom Berge
+ Zu Bergen hinueber:
+ Aus Schluenden der Tiefe
+ Dampft ihnen der Athem
+ Erstickter Titanen,
+ Gleich Opfergeruechen,
+ Ein leichtes Gewoelke.
+
+ Es wenden die Herrscher
+ Ihr segnendes Auge
+ Von ganzen Geschlechtern,
+ Und meiden, im Enkel
+ Die ehmals geliebten
+ Still redenden Zuege
+ Des Ahnherrn zu sehn.
+
+ So sangen die Parzen;
+ Es horcht der Verbannte
+ In naechtlichen Hoehlen
+ Der Alte die Lieder,
+ Denkt Kinder und Enkel
+ Und schuettelt das Haupt.
+
+
+
+Fuenfter Aufzug.
+
+
+Erster Auftritt.
+
+Thoas. Arkas.
+
+Arkas.
+Verwirrt muss ich gestehn, dass ich nicht weiss,
+Wohin ich meinen Argwohn richten soll.
+Sind's die Gefangnen, die auf ihre Flucht
+Verstohlen sinnen? Ist's die Priesterin,
+Die ihnen hilft? Es mehrt sich das Geruecht:
+Das Schiff, das diese beiden hergebracht,
+Sei irgend noch in einer Bucht versteckt.
+Und jenes Mannes Wahnsinn, diese Weihe,
+Der heil'ge Vorwand dieser Zoegrung, rufen
+Den Argwohn lauter und die Vorsicht auf.
+
+Thoas.
+Es komme schnell die Priesterin herbei!
+Dann geht, durchsucht das Ufer scharf und schnell
+Vom Vorgebirge bis zum Hain der Goettin.
+Verschonet seine heil'gen Tiefen, legt
+Bedaecht'gen Hinterhalt und greift sie an;
+Wo ihr sie findet, fasst sie wie ihr pflegt.
+
+
+Zweiter Auftritt.
+
+Thoas (allein).
+
+Entsetzlich wechselt mir der Grimm im Busen;
+Erst gegen sie, die ich so heilig hielt;
+Dann gegen mich, der ich sie zum Verrath
+Durch Nachsicht und durch Guete bildete.
+Zur Sklaverei gewoehnt der Mensch sich gut
+Und lernet leicht gehorchen, wenn man ihn
+Der Freiheit ganz beraubt. Ja, waere sie
+In meiner Ahnherrn rohe Hand gefallen,
+Und haette sie der heil'ge Grimm verschont:
+Sie waere froh gewesen, sich allein
+Zu retten, haette dankbar ihr Geschick
+Erkannt und fremdes Blut vor dem Altar
+Vergossen, haette Pflicht genannt
+Was Noth war. Nun lockt meine Guete
+In ihrer Brust verwegnen Wunsch herauf.
+Vergebens hofft' ich, sie mir zu verbinden;
+Sie sinnt sich nun ein eigen Schicksal aus.
+Durch Schmeichelei gewann sie mir das Herz:
+Nun widersteh' ich der; so sucht sie sich
+Den Weg durch List und Trug, und meine Guete
+Scheint ihr ein alt verjaehrtes Eigenthum.
+
+
+Dritter Auftritt.
+
+Iphigenie. Thoas.
+
+Iphigenie.
+Du forderst mich! was bringt dich zu uns her?
+
+Thoas.
+Du schiebst das Opfer auf; sag' an, warum?
+
+Iphigenie.
+Ich hab' an Arkas alles klar erzaehlt.
+
+Thoas.
+Von dir moecht' ich es weiter noch vernehmen.
+
+Iphigenie.
+Die Goettin gibt dir Frist zur ueberlegung.
+
+Thoas.
+Sie scheint dir selbst gelegen, diese Frist.
+
+Iphigenie.
+Wenn dir das Herz zum grausamen Entschluss
+Verhaertet ist: so solltest du nicht kommen!
+Ein Koenig, der Unmenschliches verlangt,
+Find't Diener g'nug, die gegen Gnad' und Lohn
+Den halben Fluch der That begierig fassen;
+Doch seine Gegenwart bleibt unbefleckt.
+Er sinnt den Tod in einer schweren Wolke,
+Und seine Boten bringen flammendes
+Verderben auf des Armen Haupt hinab;
+Er aber schwebt durch seine Hoehen ruhig,
+Ein unerreichter Gott, im Sturme fort.
+
+Thoas.
+Die heil'ge Lippe toent ein wildes Lied.
+
+Iphigenie.
+Nicht Priesterin! nur Agamemnons Tochter.
+Der Unbekannten Wort verehrtest du;
+Der Fuerstin willst du rasch gebieten? Nein!
+Von Jugend auf hab' ich gelernt gehorchen,
+Erst meinen Eltern und dann einer Gottheit,
+Und folgsam fuehlt' ich immer meine Seele
+Am schoensten frei; allein dem harten Worte,
+Dem rauhen Ausspruch eines Mannes mich
+Zu fuegen, lernt' ich weder dort noch hier.
+
+Thoas.
+Ein alt Gesetz, nicht ich, gebietet dir.
+
+Iphigenie.
+Wir fassen ein Gesetz begierig an,
+Das unsrer Leidenschaft zur Waffe dient.
+Ein andres spricht zu mir, ein aelteres,
+Mich dir zu widersetzen, das Gebot,
+Dem jeder Fremde heilig ist.
+
+Thoas.
+Es scheinen die Gefangnen dir sehr nah
+Am Herzen: denn vor Antheil und Bewegung
+Vergissest du der Klugheit erstes Wort,
+Dass man den Maechtigen nicht reizen soll.
+
+Iphigenie.
+Red' oder schweig' ich, immer kannst du wissen,
+Was mir im Herzen ist und immer bleibt.
+Loes't die Erinnerung des gleichen Schicksals
+Nicht ein verschloss'nes Herz zum Mitleid auf?
+Wie mehr denn meins! In ihnen seh' ich mich.
+Ich habe vor'm Altare selbst gezittert,
+Und feierlich umgab der fruehe Tod
+Die Knieende; das Messer zuckte schon,
+Den lebenvollen Busen zu durchbohren;
+Mein Innerstes entsetzte wirbelnd sich,
+Mein Auge brach, und--ich fand mich gerettet.
+Sind wir, was Goetter gnaedig uns gewaehrt,
+Ungluecklichen nicht zu erstatten schuldig?
+Du weisst es, kennst mich, und du willst mich zwingen!
+
+Thoas.
+Gehorche deinem Dienste, nicht dem Herrn.
+
+Iphigenie.
+Lass ab! Beschoenige nicht die Gewalt,
+Die sich der Schwachheit eines Weibes freut.
+Ich bin so frei geboren als ein Mann.
+Stuend' Agamemnons Sohn dir gegenueber,
+Und du verlangtest was sich nicht gebuehrt:
+So hat auch Er ein Schwert und einen Arm,
+Die Rechte seines Busens zu verteid'gen.
+Ich habe nichts als Worte, und es ziemt
+Dem edeln Mann, der Frauen Wort zu achten.
+
+Thoas.
+Ich acht' es mehr als eines Bruders Schwert.
+
+Iphigenie.
+Das Loos der Waffen wechselt hin und her:
+Kein kluger Streiter haelt den Feind gering.
+Auch ohne Huelfe gegen Trutz und Haerte
+Hat die Natur den Schwachen nicht gelassen.
+Sie gab zur List ihm Freude, lehrt' ihn Kuenste;
+Bald weicht er aus, verspaetet und umgeht.
+Ja, der Gewaltige verdient, dass man sie uebt.
+
+Thoas.
+Die Vorsicht stellt der List sich klug entgegen.
+
+Iphigenie.
+Und eine reine Seele braucht sie nicht.
+
+Thoas.
+Sprich unbehutsam nicht dein eigen Urtheil.
+
+Iphigenie.
+O saehest du wie meine Seele kaempft,
+Ein boes Geschick, das sie ergreifen will,
+Im ersten Anfall muthig abzutreiben!
+So steh' ich denn hier wehrlos gegen dich?
+Die schoene Bitte, den anmuth'gen Zweig,
+In einer Frauen Hand gewaltiger
+Als Schwert und Waffe, stoessest du zurueck:
+Was bleibt mir nun, mein Innres zu verteid'gen?
+Ruf' ich die Goettin um ein Wunder an?
+Ist keine Kraft in meiner Seele Tiefen?
+
+Thoas.
+Es scheint, der beiden Fremden Schicksal macht
+Unmaessig dich besorgt. Wer sind sie? sprich,
+Fuer die dein Geist gewaltig sich erhebt?
+
+Iphigenie.
+Sie sind--sie scheinen--fuer Griechen halt' ich sie.
+
+Thoas.
+Landsleute sind es? und sie haben wohl
+Der Rueckkehr schoenes Bild in dir erneut?
+
+Iphigenie (nach einigem Stillschweigen).
+Hat denn zur unerhoerten That der Mann
+Allein das Recht? Drueckt denn Unmoegliches
+Nur Er an die gewalt'ge Heldenbrust?
+Was nennt man gross? Was hebt die Seele schaudernd
+Dem immer wiederholenden Erzaehler?
+Als was mit unwahrscheinlichem Erfolg
+Der Muthigste begann. Der in der Nacht
+Allein das Heer des Feindes ueberschleicht,
+Wie unversehen eine Flamme wuethend
+Die Schlafenden, Erwachenden ergreift,
+Zuletzt gedraengt von den Ermunterten
+Auf Feindes Pferden, doch mit Beute kehrt,
+Wird der allein gepriesen? der allein,
+Der, einen sichern Weg verachtend, kuehn
+Gebirg' und Waelder durchzustreifen geht,
+Dass er von Raeubern eine Gegend saeubre?
+Ist uns nichts uebrig? Muss ein zartes Weib
+Sich ihres angebornen Rechts entaeussern,
+Wild gegen Wilde sein, wie Amazonen
+Das Recht des Schwerts euch rauben und mit Blute
+Die Unterdrueckung raechen? Auf und ab
+Steigt in der Brust ein kuehnes Unternehmen:
+Ich werde grossem Vorwurf nicht entgehn,
+Noch schwerem uebel wenn es mir misslingt;
+Allein Euch leg' ich's auf die Kniee! Wenn
+Ihr wahrhaft seid, wie ihr gepriesen werdet;
+So zeigt's durch euern Beistand und verherrlicht
+Durch mich die Wahrheit!--Ja, vernimm, o Koenig,
+Es wird ein heimlicher Betrug geschmiedet;
+Vergebens fragst du den Gefangnen nach;
+Sie sind hinweg und suchen ihre Freunde,
+Die mit dem Schiff am Ufer warten, auf.
+Der aelt'ste, den das uebel hier ergriffen
+Und nun verlassen hat--es ist Orest,
+Mein Bruder, und der andre sein Vertrauter,
+Sein Jugendfreund, mit Namen Pylades.
+Apoll schickt sie von Delphi diesem Ufer
+Mit goettlichen Befehlen zu, das Bild
+Dianens wegzurauben und zu ihm
+Die Schwester hinzubringen, und dafuer
+Verspricht er dem von Furien Verfolgten,
+Des Mutterblutes Schuldigen, Befreiung.
+Uns beide hab' ich nun, die ueberbliebnen
+Von Tantals Haus, in deine Hand gelegt:
+Verdirb uns--wenn du darfst.
+
+Thoas.
+ Du glaubst, es hoere
+Der rohe Scythe, der Barbar, die Stimme
+Der Wahrheit und der Menschlichkeit, die Atreus,
+Der Grieche, nicht vernahm?
+
+Iphigenie.
+ Es hoert sie jeder,
+Geboren unter jedem Himmel, dem
+Des Lebens Quelle durch den Busen rein
+Und ungehindert fliesst.--Was sinnst du mir,
+O Koenig, schweigend in der tiefen Seele?
+Ist es Verderben? so toedte mich zuerst!
+Denn nun empfind' ich, da uns keine Rettung
+Mehr uebrig bleibt, die graessliche Gefahr,
+Worein ich die Geliebten uebereilt
+Vorsetzlich stuerzte. Weh! ich werde sie
+Gebunden vor mir sehn! Mit welchen Blicken
+Kann ich von meinem Bruder Abschied nehmen,
+Den ich ermorde? Nimmer kann ich ihm
+Mehr in die vielgeliebten Augen schaun!
+
+Thoas.
+So haben die Betrueger kuenstlich-dichtend
+Der lang Verschloss'nen, ihre Wuensche leicht
+Und willig Glaubenden, ein solch Gespinnst
+Um's Haupt geworfen!
+
+Iphigenie.
+ Nein! o Koenig, nein!
+Ich koennte hintergangen werden; diese
+Sind treu und wahr. Wirst du sie anders finden,
+So lass sie fallen und verstosse mich,
+Verbanne mich zur Strafe meiner Thorheit
+An einer Klippen-Insel traurig Ufer.
+Ist aber dieser Mann der lang erflehte,
+Geliebte Bruder: so entlass uns, sei
+Auch den Geschwistern wie der Schwester freundlich!
+Mein Vater fiel durch seiner Frauen Schuld,
+Und sie durch ihren Sohn. Die letzte Hoffnung
+Von Atreus Stamme ruht auf ihm allein.
+Lass mich mit reinem Herzen, reiner Hand,
+Hinuebergehn und unser Haus entsuehnen.
+Du haeltst mir Wort!--Wenn zu den Meinen je
+Mir Rueckkehr zubereitet waere, schwurst
+Du mich zu lassen; und sie ist es nun.
+Ein Koenig sagt nicht, wie gemeine Menschen,
+Verlegen zu, dass er den Bittenden
+Auf einen Augenblick entferne; noch
+Verspricht er auf den Fall, den er nicht hofft:
+Dann fuehlt er erst die Hoehe seiner Wuerde,
+Wenn er den Harrenden begluecken kann.
+
+Thoas.
+Unwillig, wie sich Feuer gegen Wasser
+Im Kampfe wehrt und gischend seinen Feind
+Zu Tilgen sucht, so wehret sich der Zorn
+In meinem Busen gegen deine Worte.
+
+Iphigenie.
+O lass die Gnade, wie das heil'ge Licht
+Der stillen Opferflamme, mir, umkraenzt
+Von Lobgesang und Dank und Freude, lodern.
+
+Thoas.
+Wie oft besaenftigte mich diese Stimme!
+
+Iphigenie.
+O reiche mir die Hand zum Friedenszeichen.
+
+Thoas.
+Du forderst viel in einer kurzen Zeit.
+
+Iphigenie.
+Um Gut's zu thun braucht's keiner ueberlegung.
+
+Thoas.
+Sehr viel! denn auch dem Guten folgt das uebel.
+
+Iphigenie.
+Der Zweifel ist's, der Gutes boese macht.
+Bedenke nicht; gewaehre, wie du's fuehlst.
+
+
+Vierter Auftritt.
+
+Orest (gewaffnet). Die Vorigen.
+
+Orest (nach der Scene gekehrt).
+Verdoppelt eure Kraefte! Haltet sie
+Zurueck! nur wenig Augenblicke! Weicht
+Der Menge nicht, und deckt den Weg zum Schiffe
+Mir und der Schwester.
+ (Zu Iphigenien ohne den Koenig zu sehen.)
+ Komm, wir sind verrathen.
+Geringer Raum bleibt uns zur Flucht. Geschwind!
+ (Er erblickt den Koenig.)
+
+Thoas (nach dem Schwerte greifend).
+In meiner Gegenwart fuehrt ungestraft
+Kein Mann das nackte Schwert.
+
+Iphigenie.
+ Entheiliget
+Der Goettin Wohnung nicht durch Wuth und Mord.
+Gebietet euerm Volke Stillstand, hoeret
+Die Priesterin, die Schwester.
+
+Orest.
+ Sage mir!
+Wer ist es, der uns droht?
+
+Iphigenie.
+ Verehr' in ihm
+Den Koenig, der mein zweiter Vater ward!
+Verzeih mir, Bruder! doch mein kindlich Herz
+Hat unser ganz Geschick in seine Hand
+Gelegt. Gestanden hab' ich euern Anschlag
+Und meine Seele vom Verrath gerettet.
+
+Orest.
+Will er die Rueckkehr friedlich uns gewaehren?
+
+Iphigenie.
+Dein blinkend Schwert verbietet mir die Antwort.
+
+Orest (der das Schwert einsteckt).
+So sprich! Du siehst, ich horche deinen Worten.
+
+
+Fuenfter Auftritt.
+
+Die Vorigen. Pylades. (Bald nach ihm) Arkas.
+
+(Beide mit blossen Schwertern.)
+
+Pylades.
+Verweilet nicht! Die letzte Kraefte raffen
+Die Unsrigen zusammen; weichend werden
+Sie nach der See langsam zurueckgedraengt.
+Welch ein Gespraech der Fuersten find' ich hier!
+Diess ist des Koeniges verehrtes Haupt!
+
+Arkas.
+Gelassen, wie es dir, o Koenig, ziemt,
+Stehst du den Feinden gegenueber. Gleich
+Ist die Verwegenheit bestraft; es weicht
+Und faellt ihr Anhang, und ihr Schiff ist unser.
+Ein Wort von dir, so steht's in Flammen.
+
+Thoas.
+ Geh!
+Gebiete Stillstand meinem Volke! keiner
+Beschaedige den Feind, so lang wir reden.
+ (Arkas ab.)
+
+Orest.
+Ich nehm' es an. Geh, sammle, treuer Freund,
+Den Rest des Volkes; harret still, welch Ende
+Die Goetter unsern Thaten zubereiten.
+ (Pylades ab.)
+
+
+Sechster Auftritt.
+
+Iphigenie. Thoas. Orest.
+
+Iphigenie.
+Befreit von Sorge mich, eh' ihr zu sprechen
+Beginnet. Ich befuerchte boesen Zwist,
+Wenn du, o Koenig, nicht der Billigkeit
+Gelinde Stimme hoerest; du, mein Bruder,
+Der raschen Jugend nicht gebieten willst.
+
+Thoas.
+Ich halte meinen Zorn, wie es dem aeltern
+Geziemt, zurueck. Antworte mir! Womit
+Bezeugst du, dass du Agamemnons Sohn
+Und Dieser Bruder bist?
+
+Orest.
+ Hier ist das Schwert,
+Mit dem er Troja's tapfre Maenner schlug.
+Dies nahm ich seinem Moerder ab und bat
+Die Himmlischen, den Mut und Arm, das Glueck
+Des grossen Koeniges mir zu verleihn,
+Und einen schoenern Tod mir zu gewaehren.
+Waehl' einen aus den Edeln deines Heers
+Und stelle mir den Besten gegenueber.
+So weit die Erde Heldensoehne naehrt,
+Ist keinem Fremdling dies Gesuch verweigert.
+
+Thoas.
+Dies Vorrecht hat die alte Sitte nie
+Dem Fremden hier gestattet.
+
+Orest.
+ So beginne
+Die neue Sitte denn von dir und mir!
+Nachahmend heiliget ein ganzes Volk
+Die edle That der Herrscher zum Gesetz.
+Und lass mich nicht allein fuer unsre Freiheit,
+Lass mich, den Fremden, fuer die Fremden kaempfen.
+Fall ich, so ist ihr Urtheil mit dem meinen
+Gesprochen; aber goennet mir das Glueck,
+Zu ueberwinden, so betrete nie
+Ein Mann dies Ufer, dem der schnelle Blick
+Huelfreicher Liebe nicht begegnet, und
+Getroestet scheide jeglicher hinweg!
+
+Thoas.
+Nicht unwerth scheinest du, o Juengling, mir
+Der Ahnherrn, deren du dich ruehmst, zu sein.
+Gross ist die Zahl der edeln, tapfern Maenner,
+Die mich begleiten; doch ich stehe selbst
+In meinen Jahren noch dem Feinde, bin
+Bereit, mit dir der Waffen Loos zu wagen.
+
+Iphigenie.
+Mit nichten! Dieses blutigen Beweises
+Bedarf es nicht, o Koenig! Lasst die Hand
+Vom Schwerte! Denkt an mich und mein Geschick.
+Der rasche Kampf verewigt einen Mann:
+Er falle gleich, so preiset ihn das Lied.
+Allein die Thraenen, die unendlichen
+Der ueberbliebnen, der verlass'nen Frau
+Zaehlt keine Nachwelt, und der Dichter schweigt
+Von tausend durchgeweinten Tag- und Naechten,
+Wo eine stille Seele den verlornen,
+Rasch abgeschiednen Freund vergebens sich
+Zurueckzurufen bangt und sich verzehrt.
+Mich selbst hat eine Sorge gleich gewarnt,
+Dass der Betrug nicht eines Raeubers mich
+Vom sichern Schutzort reisse, mich der Knechtschaft
+Verrathe. Fleissig hab ich sie befragt,
+Nach jedem Umstand mich erkundigt, Zeichen
+Gefordert, und gewiss ist nun mein Herz.
+Sieh hier an seiner rechten Hand das Mahl
+Wie von drei Sternen, das am Tage schon,
+Da er geboren ward, sich zeigte, das
+Auf schwere That, mit dieser Faust zu ueben,
+Der Priester deutete. Dann ueberzeugt
+Mich doppelt diese Schramme, die ihm hier
+Die Augenbraune spaltet. Als ein Kind
+Liess ihn Elektra, rasch und unvorsichtig
+Nach ihrer Art, aus ihren Armen stuerzen.
+Er schlug auf einen Dreifuss auf--Er ist's--
+Soll ich dir noch die aehnlichkeit des Vaters,
+Soll ich das innre Jauchzen meines Herzens
+Dir auch als Zeugen der Versichrung nennen?
+
+Thoas.
+Und huebe deine Rede jeden Zweifel
+Und baendigt' ich den Zorn in meiner Brust:
+So wuerden doch die Waffen zwischen uns
+Entscheiden muessen; Frieden seh' ich nicht.
+Sie sind gekommen, du bekennest selbst,
+Das heil'ge Bild der Goettin mir zu rauben.
+Glaubt ihr, ich sehe dies gelassen an?
+Der Grieche wendet oft sein luestern Auge
+Den fernen Schaetzen der Barbaren zu,
+Dem goldnen Felle, Pferden, schoenen Toechtern;
+Doch fuehrte sie Gewalt und List nicht immer
+Mit den erlangten Guetern gluecklich heim.
+
+Orest.
+Das Bild, o Koenig, soll uns nicht entzweien!
+Jetzt kennen wir den Irrthum, den ein Gott
+Wie einen Schleier um das Haupt uns legte,
+Da er den Weg hierher uns wandern hiess.
+Um Rath und um Befreiung bat ich ihn
+Von dem Geleit der Furien; er sprach:
+"Bringst du die Schwester, die an Tauris Ufer
+Im Heiligthume wider Willen bleibt,
+Nach Griechenland, so loeset sich der Fluch."
+Wir legten's von Apollens Schwester aus,
+Und er gedachte dich! Die strengen Bande
+Sind nun geloes't; du bist den Deinen wieder,
+Du Heilige, geschenkt. Von dir beruehrt,
+War ich geheilt; in deinen Armen fasste
+Das uebel mich mit allen seinen Klauen
+Zum letztenmal und schuettelte das Mark
+Entsetzlich mir zusammen; dann entfloh's
+Wie eine Schlange zu der Hoehle. Neu
+Geniess ich nun durch dich das weite Licht
+Des Tages. Schoen und herrlich zeigt sich mir
+Der Goettin Rath. Gleich einem heil'gen Bilde,
+Daran der Stadt unwandelbar Geschick
+Durch ein geheimes Goetterwort gebannt ist,
+Nahm sie dich weg, dich Schuetzerin des Hauses;
+Bewahrte dich in einer heil'gen Stille
+Zum Segen deines Bruders und der Deinen.
+Da alle Rettung auf der weiten Erde
+Verloren schien, gibst du uns alles wieder.
+Lass deine Seele sich zum Frieden wenden,
+O Koenig! Hindre nicht, dass sie die Weihe
+Des vaeterlichen Hauses nun vollbringe,
+Mich der entsuehnten Halle wiedergebe,
+Mir auf das Haupt die alte Krone druecke!
+Vergilt den Segen, den sie dir gebracht,
+Und lass des naehern Rechtes mich geniessen!
+Gewalt und List, der Maenner hoechster Ruhm,
+Wird durch die Wahrheit dieser hohen Seele
+Beschaemt, und reines kindliches Vertrauen
+Zu einem edeln Manne wird belohnt.
+
+Iphigenie.
+Denk' an dein Wort, und lass durch diese Rede
+Aus einem g'raden, treuen Munde dich
+Bewegen! Sieh uns an! Du hast nicht oft
+Zu solcher edeln That Gelegenheit.
+Versagen kannst du's nicht; gewaehr' es bald!
+
+Thoas.
+So geht!
+
+Iphigenie.
+ Nicht so, mein Koenig! Ohne Segen,
+In Widerwillen scheid' ich nicht von dir.
+Verbann' uns nicht! Ein freundlich Gastrecht walte
+Von dir zu uns: so sind wir nicht auf ewig
+Getrennt und abgeschieden. Werth und theuer,
+Wie mir mein Vater war, so bist du's mir,
+Und dieser Eindruck bleibt in meiner Seele.
+Bringt der Geringste deines Volkes je
+Den Ton der Stimme mir in's Ohr zurueck,
+Den ich an euch gewohnt zu hoeren bin,
+Und seh' ich an dem aermsten eure Tracht:
+Empfangen will ich ihn wie einen Gott,
+Ich will ihm selbst ein Lager zubereiten,
+Auf einen Stuhl ihn an das Feuer laden,
+Und nur nach dir und deinem Schicksal fragen.
+O geben dir die Goetter deiner Thaten
+Und deiner Milde wohlverdienten Lohn!
+Leb' wohl! O wende dich zu uns und gib
+Ein holdes Wort des Abschieds mir zurueck!
+Dann schwellt der Wind die Segel sanfter an,
+Und Thraenen fliessen lindernder vom Auge
+Des Scheidenden. Leb' wohl! und reiche mir
+Zum Pfand der alten Freundschaft deine Rechte.
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+Thoas.
+Lebt wohl!
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