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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/2054-8.txt b/2054-8.txt new file mode 100644 index 0000000..e4abbd3 --- /dev/null +++ b/2054-8.txt @@ -0,0 +1,3381 @@ +Project Gutenberg's Iphigenie auf Tauris, by Johann Wolfgang von Goethe + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Iphigenie auf Tauris + +Author: Johann Wolfgang von Goethe + +Posting Date: January 29, 2009 [EBook #2054] +Release Date: January, 2000 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IPHIGENIE AUF TAURIS *** + + + + +Produced by Michael Pullen. + + + + + + + +Iphigenie auf Tauris. + +Ein Schauspiel. + + +Johann Wolfgang von Goethe + + + + Personen: + + Iphigenie. + Thoas, König der Taurier. + Orest. + Pylades. + Arkas. + -- + Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel + + + + Erster Aufzug. + + + Erster Auftritt. + + Iphigenie. + Heraus in eure Schatten, rege Wipfel + Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines, + Wie in der Göttin stilles Heiligthum + Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl, + Als wenn ich sie zum erstenmal beträte, + Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher. + So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen + Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe; + Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd. + Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten, + Und an dem Ufer steh' ich lange Tage + Das Land der Griechen mit der Seele suchend; + Und gegen meine Seufzer bringt die Welle + Nur dumpfe Töne brausend mir herüber. + Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern + Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram + Das nächste Glück vor seinen Lippen weg, + Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken + Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne + Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo + Sich Mitgeborne spielend fest und fester + Mit sanften Banden an einander knüpften, + Ich rechte mit den Göttern nicht; allein + Der Frauen Zustand ist beklagenswerth. + Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann + Und in der Fremde weiß er sich zu helfen. + Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg! + Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet. + Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück! + Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen, + Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar + Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt! + So hält mich Thoas hier, ein edler Mann, + In ernsten, heil'gen Sklavenbanden fest. + O wie beschämt gesteh' ich, daß ich dir + Mit stillem Widerwillen diene, Göttin, + Dir meiner Retterin! Mein Leben sollte + Zu freiem Dienste dir gewidmet sein. + Auch hab' ich stets auf dich gehofft und hoffe + Noch jetzt auf dich, Diana, die du mich, + Des größten Königes verstoßne Tochter, + In deinen heil'gen sanften Arm genommen. + Ja, Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann, + Den du, die Tochter fordernd, ängstigtest, + Wenn du den göttergleichen Agamemnon, + Der dir sein Liebstes zum Altare brachte, + Von Troja's umgewandten Mauern rühmlich + Nach seinem Vaterland zurück begleitet, + Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn, + Die schönen Schätze, wohl erhalten hast; + So gib auch mich den Meinen endlich wieder, + Und rette mich, die du vom Tod errettet, + Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode! + + + Zweiter Auftritt. + + Iphigenie. Arkas. + + + Arkas. + Der König sendet mich hierher und beut + Der Priesterin Dianens Gruß und Heil. + Dieß ist der Tag, da Tauris seiner Göttin + Für wunderbare neue Siege dankt. + Ich eile vor dem König und dem Heer, + Zu melden, daß er kommt und daß es naht. + + Iphigenie. + Wir sind bereit sie würdig zu empfangen, + Und unsre Göttin sieht willkommnem Opfer + Von Thoas Hand mit Gnadenblick entgegen. + + Arkas. + O fänd' ich auch den Blick der Priesterin, + Der werthen, vielgeehrten, deinen Blick, + O, heil'ge Jungfrau, heller, leuchtender, + Uns allen gutes Zeichen! Noch bedeckt + Der Gram geheimnisvoll dein Innerstes; + Vergebens harren wir schon Jahre lang + Auf ein vertraulich Wort aus deiner Brust. + So lang ich dich an dieser Stätte kenne, + Ist dieß der Blick, vor dem ich immer schaudre; + Und wie mit Eisenbanden bleibt die Seele + In's Innerste des Busens dir geschmiedet. + + Iphigenie. + Wie's der Vertriebnen, der Verwais'ten ziemt. + + Arkas. + Scheinst du dir hier vertrieben und verwais't? + + Iphigenie. + Kann uns zum Vaterland die Fremde werden? + + Arkas. + Und dir ist fremd das Vaterland geworden. + + Iphigenie. + Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt + In erster Jugend, da sich kaum die Seele + An Vater, Mutter und Geschwister band; + Die neuen Schößlinge, gesellt und lieblich, + Vom Fuß der alten Stämme himmelwärts + Zu dringen strebten; leider faßte da + Ein fremder Fluch mich an und trennte mich + Von den Geliebten, riß das schöne Band + Mit ehrner Faust entzwei. Sie war dahin, + Der Jugend beste Freude, das Gedeihn + Der ersten Jahre. Selbst gerettet, war + Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust + Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf. + + Arkas. + Wenn du dich so unglücklich nennen willst, + So darf ich dich auch wohl undankbar nennen. + + Iphigenie. + Dank habt ihr stets. + + Arkas. + Doch nicht den reinen Dank, + Um dessentwillen man die Wohlthat thut; + Den frohen Blick, der ein zufriednes Leben + Und ein geneigtes Herz dem Wirthe zeigt. + Als dich ein tief geheimnißvolles Schicksal + Vor so viel Jahren diesem Tempel brachte, + Kam Thoas dir, als einer Gottgegebnen, + Mit Ehrfurcht und mit Neigung zu begegnen, + Und dieses Ufer ward dir hold und freundlich, + Das jedem Fremden sonst voll Grausens war, + Weil niemand unser Reich vor dir betrat, + Der an Dianens heil'gen Stufen nicht, + Nach altem Brauch, ein blutig Opfer, fiel. + + Iphigenie. + Frei athmen macht das Leben nicht allein. + Welch Leben ist's das an der heil'gen Stätte, + Gleich einem Schatten um sein eigen Grab, + Ich nur vertrauern muß? Und nenn' ich das + Ein fröhlich selbstbewußtes Leben, wenn + Uns jeder Tag, vergebens hingeträumt, + Zu jenen grauen Tagen vorbereitet, + Die an dem Ufer Lethe's selbstvergessend, + Die Trauerschaar der Abgeschiednen feiert? + Ein unnütz Leben ist ein früher Tod; + Dieß Frauenschicksal ist vor allen meines. + + Arkas. + Den edeln Stolz daß du dir selbst nicht g'nügest, + Verzeih' ich dir, so sehr ich dich bedaure; + Er raubet den Genuß des Lebens dir. + Du hast hier nichts gethan seit deiner Ankunft? + Wer hat des König trüben Sinn erheitert? + Wer hat den alten grausamen Gebrauch, + Daß am Altar Dianens jeder Fremde + Sein Leben blutend läßt, von Jahr zu Jahr, + Mit sanfter Überredung aufgehalten, + Und die Gefangnen vom gewissen Tod + In's Vaterland so oft zurückgeschickt? + Hat nicht Diane, statt erzürnt zu sein, + Daß sie der blut'gen alten Opfer mangelt, + Dein sanft Gebet in reichem Maß erhört? + Umschwebt mit frohem Fluge nicht der Sieg + Das Heer? und eilt er nicht sogar voraus? + Und fühlt nicht jeglicher ein besser Loos, + Seitdem der König, der uns weis' und tapfer + So lang geführet, nun sich auch der Milde + In deiner Gegenwart erfreut und uns + Des schweigenden Gehorsams Pflicht erleichtert? + Das nennst du unnütz, wenn von deinem Wesen + Auf Tausende herab ein Balsam träufelt? + Wenn du dem Volke, dem ein Gott dich brachte, + Des neuen Glückes ew'ge Quelle wirst, + Und an dem unwirthbaren Todes-Ufer + Dem Fremden Heil und Rückkehr zubereitest? + + Iphigenie. + Das Wenige verschwindet leicht dem Blick, + Der vorwärts sieht, wie viel noch übrig bleibt. + + Arkas. + Doch lobst du den, der was er thut nicht schätzt? + + Iphigenie. + Man tadelt den, der seine Thaten wägt. + + Arkas. + Auch den, der wahren Werth zu stolz nicht achtet, + Wie den, der falschen Werth zu eitel hebt. + Glaub' mir und hör' auf eines Mannes Wort, + Der Treu und redlich dir ergeben ist: + Wenn heut der König mit dir redet, so + Erleichtr' ihm was er dir zu sagen denkt. + + Iphigenie. + Du ängstest mich mit jedem guten Worte; + Oft wich ich seinem Antrag mühsam aus. + + Arkas. + Bedenke was du thust und was dir nützt. + Seitdem der König seinen Sohn verloren, + Vertraut er wenigen der Seinen mehr, + Und diesen wenigen nicht mehr wie sonst. + Mißgünstig sieht er jedes Edeln Sohn + Als seines Reiches Folger an, er fürchtet + Ein einsam hülflos Alter, ja vielleicht + Verwegnen Aufstand und frühzeit'gen Tod. + Der Scythe setzt in's Reden keinen Vorzug, + Am wenigsten der König. Er, der nur + Gewohnt ist zu befehlen und zu thun, + Kennt nicht die Kunst, von weitem ein Gespräch + Nach seiner Absicht langsam fein zu lenken. + Erschwer's ihm nicht durch ein rückhaltend Weigern, + Durch ein vorsetzlich Mißverstehen. Geh + Gefällig ihm den halben Weg entgegen. + + Iphigenie. + Soll ich beschleunigen was mich bedroht? + + Arkas. + Willst du sein Werben eine Drohung nennen? + + Iphigenie. + Es ist die schrecklichste von allen mir. + + Arkas. + Gib ihm für seine Neigung nur Vertraun. + + Iphigenie. + Wenn er von Furcht erst meine Seele lös't. + + Arkas. + Warum verschweigst du deine Herkunft ihm? + + Iphigenie. + Weil einer Priesterin Geheimniß ziemt. + + Arkas. + Dem König sollte nichts Geheimniß sein; + Und ob er's gleich nicht fordert, fühlt er's doch + Und fühlt es tief in seiner großen Seele, + Daß du sorgfältig dich vor ihm verwahrst. + + Iphigenie. + Nährt er Verdruß und Unmuth gegen mich? + + Arkas. + So scheint es fast. Zwar schweigt er auch von dir; + Doch haben hingeworfne Worte mich + Belehrt, daß seine Seele fest den Wunsch + Ergriffen hat dich zu besitzen. Laß, + O überlaß ihn nicht sich selbst! damit + In seinem Busen nicht der Unmuth reife + Und dir Entsetzen bringe, du zu spät + An meinen treuen Rath mit Reue denkest. + + Iphigenie. + Wie? Sinnt der König, was kein edler Mann, + Der seinen Namen liebt und dem Verehrung + Der Himmlischen den Busen Bändiget, + Je denken sollte? Sinnt er vom Altar + Mich in sein Bette mit Gewalt zu ziehn? + So ruf' ich alle Götter und vor allen + Dianen, die entschloss'ne Göttin, an, + Die ihren Schutz der Priesterin gewiß + Und Jungfrau einer Jungfrau gern gewährt. + + Arkas. + Sei ruhig! Ein gewaltsam neues Blut + Treibt nicht den König, solche Jünglingsthat + Verwegen auszuüben. Wie er sinnt, + Befürcht' ich andern harten Schluß von ihm, + Den unaufhaltbar er vollenden wird: + Denn seine Seel' ist fest und unbeweglich. + Drum bitt' ich dich, vertrau' ihm, sei ihm dankbar, + Wenn du ihm weiter nichts gewähren kannst. + + Iphigenie. + O sage was dir weiter noch bekannt ist. + + Arkas. + Erfahr's von ihm. Ich seh' den König kommen; + Du ehrst ihn, und dich heißt dein eigen Herz, + Ihm freundlich und vertraulich zu begegnen. + Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort + Der Frauen weit geführt. + + Iphigenie (allein). + Zwar seh' ich nicht, + Wie ich dem Rath des Treuen folgen soll; + Doch folg' ich gern der Pflicht, dem Könige + Für seine Wohlthat gutes Wort zu geben, + Und wünsche mir, daß ich dem Mächtigen, + Was ihm gefällt, mit Wahrheit sagen möge. + + + Dritter Auftritt. + + Iphigenie. Thoas. + + Iphigenie. + Mit königlichen Gütern segne dich + Die Göttin! Sie gewähre Sieg und Ruhm + Und Reichthum und das Wohl der Deinigen + Und jedes frommen Wunsches Fülle dir! + Daß, der du über viele sorgend herrschest, + Du auch vor vielen seltnes Glück genießest. + + Thoas. + Zufrieden wär' ich wenn mein Volk mich rühmte: + Was ich erwarb, genießen andre mehr + Als ich. Der ist am glücklichsten, er sei + Ein König oder ein Geringer, dem + In seinem Hause Wohl bereitet ist. + Du nahmest Theil an meinen tiefen Schmerzen, + Als mir das Schwert der Feinde meinen Sohn, + Den letzten, besten, von der Seite riß. + So lang die Rache meinen Geist besaß, + Empfand ich nicht die Öde meiner Wohnung; + Doch jetzt, da ich befriedigt wiederkehre, + Ihr Reich zerstört, mein Sohn gerochen ist, + Bleibt mir zu Hause nichts das mich ergetze. + Der fröhliche Gehorsam, den ich sonst + Aus einem jeden Auge blicken sah, + Ist nun von Sorg' und Unmuth still gedämpft. + Ein jeder sinnt was künftig werden wird, + Und folgt dem Kinderlosen, weil er muß. + Nun komm' ich heut in diesen Tempel, den + Ich oft betrat, um Sieg zu bitten und + Für Sieg zu danken. Einen alten Wunsch + Trag' ich im Busen, der auch dir nicht fremd + Noch unerwartet ist: ich hoffe, dich, + Zum Segen meines Volks und mir zum Segen, + Als Braut in meine Wohnung einzuführen. + + Iphigenie. + Der Unbekannten bietest du zu viel, + O König, an. Es steht die Flüchtige + Beschämt vor dir, die nichts an diesem Ufer + Als Schutz und Ruhe sucht, die du ihr gabst. + + Thoas. + Daß du in das Geheimniß deiner Ankunft + Vor mir wie vor dem Letzten stets dich hüllest, + Wär' unter keinem Volke recht und gut. + Dieß Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz + Gebietet's und die Noth. Allein von dir, + Die jedes frommen Rechts genießt, ein wohl + Von uns empfangner Gast, nach eignem Sinn + Und Willen ihres Tages sich erfreut, + Von dir hofft' ich Vertrauen, das der Wirth + Für seine Treue wohl erwarten darf. + + Iphigenie. + Verbarg ich meiner Eltern Namen und + Mein Haus, o König, war's Verlegenheit, + Nicht Mißtraun. Den vielleicht, ach wüßtest du + Wer vor dir steht, und welch verwünschtes Haupt + Du nährst und schützest, ein Entsetzen faßte + Dein großes Herz mit seltnem Schauer an, + Und statt die Seite deines Thrones mir + Zu bieten, triebest du mich vor der Zeit + Aus deinem Reiche; stießest mich vielleicht, + Eh' zu den Meinen frohe Rückkehr mir + Und meiner Wandrung Ende zugedacht ist, + Dem Elend zu, das jeden Schweifenden, + Von seinem Haus Vertriebnen überall + Mit kalter fremder Schreckenshand erwartet. + + Thoas. + Was auch der Rath der Götter mit dir sei, + Und was sie deinem Haus und dir gedenken; + So fehlt es doch, seitdem du bei uns wohnst + Und eines frommen Gastes Recht genießest, + An Segen nicht, der mir von oben kommt. + Ich möchte schwer zu überreden sein, + Daß ich an dir ein schuldvoll Haupt beschütze. + + Iphigenie. + Dir bringt die Wohlthat Segen, nicht der Gast. + + Thoas. + Was man Verruchten thut wird nicht gesegnet. + Drum endige dein Schweigen und dein Weigern; + Es fordert dieß kein ungerechter Mann. + Die Göttin übergab dich meinen Händen; + Wie du ihr heilig warst, so warst du's mir. + Auch sei ihr Wink noch künftig mein Gesetz: + Wenn du nach Hause Rückkehr hoffen kannst, + So sprech' ich dich von aller Fordrung los. + Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt, + Und ist dein Stamm vertrieben, oder durch + Ein ungeheures Unheil ausgelöscht, + So bist du mein durch mehr als Ein Gesetz. + Sprich offen! und du weißt, ich halte Wort. + + Iphigenie. + Vom alten Bande löset ungern sich + Die Zunge los, ein lang verschwiegenes + Geheimniß endlich zu entdecken; denn + Einmal vertraut, verläßt es ohne Rückkehr + Des tiefen Herzens sichre Wohnung, schadet, + Wie es die Götter wollen, oder nützt. + Vernimm! ich bin aus Tantalus Geschlecht. + + Thoas. + Du sprichst ein großes Wort gelassen aus. + Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt + Als einen ehmals Hochbegnadigten + Der Götter kennt? Ist's jener Tantalus, + Den Jupiter zu Rath und Tafel zog, + An dessen alterfahrnen, vielen Sinn + Verknüpfenden Gesprächen Götter selbst, + Wie an Orakelsprüchen, sich ergetzten? + + Iphigenie. + Er ist es; aber Götter sollten nicht + Mit Menschen, wie mit ihres Gleichen, wandeln; + Das sterbliche Geschlecht ist viel zu schwach + In ungewohnter Höhe nicht zu schwindeln. + Unedel war er nicht und kein Verräther; + Allein zum Knecht zu groß, und zum Gesellen + Des großen Donnrers nur ein Mensch. So war + Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht + War streng, und Dichter singen: Übermuth + Und Untreu' stürzten ihn von Jovis Tisch + Zur Schmach des alten Tartarus hinab. + Ach und sein ganz Geschlecht trug ihren Haß! + + Thoas. + Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne? + + Iphigenie. + Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen + Kraftvolles Mark war seiner Söhn' und Enkel + Gewisses Erbtheil; doch es schmiedete + Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band. + Rath, Mäßigung und Weisheit und Geduld + Verbarg er ihrem scheuen düstern Blick; + Zur Wuth ward ihnen jegliche Begier, + Und gränzenlos drang ihre Wuth umher. + Schon Pelops, der Gewaltig-wollende, + Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb + Sich durch Verrath und Mord das schönste Weib, + Önomaus Erzeugte, Hippodamien. + Sie bringt den Wünschen des Gemahls zwei Söhne, + Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie + Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn + Aus einem andern Bette wachsend an. + Der Haß verbindet sie, und heimlich wagt + Das Paar im Brudermord die erste That. + Der Vater wähnet Hippodamien + Die Mörderin, und grimmig fordert er + Von ihr den Sohn zurück, und sie entleibt + Sich selbst-- + + Thoas. + Du schweigest? Fahre fort zu reden! + Laß dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich! + + Iphigenie. + Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt, + Der froh von ihren Thaten, ihrer Größe + Den Hörer unterhält, und still sich freuend + An's Ende dieser schönen Reihe sich + Geschlossen sieht! Denn es erzeugt nicht gleich + Ein Haus den Halbgott noch das Ungeheuer; + Erst eine Reihe Böser oder Guter + Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude + Der Welt hervor.--Nach ihres Vaters Tode + Gebieten Atreus und Thyest der Stadt, + Gemeinsam-herrschend. Lange konnte nicht + Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest + Des Bruders Bette. Rächend treibet Atreus + Ihn aus dem Reiche. Tückisch hatte schon + Thyest, auf schwere Thaten sinnend, lange + Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich + Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen. + Dem füllet er die Brust mit Wuth und Rache + Und sendet ihn zur Königsstadt, daß er + Im Oheim seinen eignen Vater morde. + Des Jünglings Vorsatz wird entdeckt: der König + Straft grausam den gesandten Mörder, wähnend, + Er tödte seines Bruders Sohn. Zu spät + Erfährt er, wer vor seinen trunknen Augen + Gemartert stirbt; und die Begier der Rache + Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still + Auf unerhörte That. Er scheint gelassen + Gleichgültig und versöhnt, und lockt den Bruder + Mit seinen beiden Söhnen in das Reich + Zurück, ergreift die Knaben, schlachtet sie, + Und setzt die ekle schaudervolle Speise + Dem Vater bei dem ersten Mahle vor. + Und da Thyest an seinem Fleische sich + Gesättigt, eine Wehmuth ihn ergreift, + Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme + Der Knaben an des Saales Thüre schon + Zu hören glaubt, wirft Atreus grinsend + Ihm Haupt und Füße der Erschlagnen hin.-- + Du wendest schaudernd dein Gesicht, o König: + So wendete die Sonn' ihr Antlitz weg + Und ihren Wagen aus dem ewg'en Gleise. + Dieß sind die Ahnherrn deiner Priesterin; + Und viel unseliges Geschick der Männer, + Viel Thaten des verworrnen Sinnes deckt + Die Nacht mit schweren Fittigen und läßt + Uns nur die grauenvolle Dämmrung sehn. + + Thoas. + Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug + Der Gräuel! Sage nun, durch welch ein Wunder + Von diesem wilden Stamme du entsprangst. + + Iphigenie. + Des Altreus Ält'ster Sohn war Agamemnon: + Er ist mein Vater. Doch ich darf es sagen, + In ihm hab' ich seit meiner ersten Zeit + Ein Muster des vollkommnen Manns gesehn. + Ihm brachte Klytämnestra mich, den Erstling + Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte + Der König, und es war dem Hause Tantals + Die lang entbehrte Rast gewährt. Allein + Es mangelte dem Glück der Eltern noch + Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfüllt, + Daß zwischen beiden Schwestern nun Orest + Der Liebling wuchs, als neues Übel schon + Dem sichern Hause zubereitet war. + Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen, + Der, um den Raub der schönsten Frau zu rächen, + Die ganze Macht der Fürsten Griechenlands + Um Trojens Mauern lagerte. Ob sie + Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel + Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater führte + Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie + Auf günst'gen Wind vergebens: denn Diane, + Erzürnt auf ihren großen Führer, hielt + Die Eilenden zurück und forderte + Durch Kalchas Mund des Königs ält'ste Tochter. + Sie lockten mit der Mutter mich in's Lager; + Sie rissen mich vor den Altar und weihten + Der Göttin dieses Haupt. Sie war versöhnt: + Sie wollte nicht mein Blut und hüllte rettend + In eine Wolke mich; in diesem Tempel + Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder. + Ich bin es selbst, bin Iphigenie, + Des Altreus Enkel, Agamemnons Tochter, + Der Göttin Eigenthum, die mit dir spricht. + + Thoas. + Mehr Vorzug und Vertrauen geb' ich nicht + Der Königstochter als der Unbekannten. + Ich wiederhole meinen ersten Antrag: + Komm, folge mir, und theile was ich habe. + + Iphigenie. + Wie darf ich solchen Schritt, o König, wagen? + Hat nicht die Göttin, die mich rettete, + Allein das Recht auf mein geweihtes Leben? + Sie hat für mich den Schutzort ausgesucht, + Und sie bewahrt mich einem Vater, den + Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht + Zur schönsten Freude seines Alters hier. + Vielleicht ist mir die frohe Rückkehr nah; + Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, hätte + Mich wider ihren Willen hier gefesselt? + Ein Zeichen bat ich, wenn ich bleiben sollte. + + Thoas. + Das Zeichen ist, daß du noch hier verweilst. + Such' Ausflucht solcher Art nicht ängstlich auf. + Man spricht vergebens viel, um zu versagen; + Der andre hört von allem nur das Nein. + + Iphigenie. + Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen; + Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt. + Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater, + Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen + Mit ängstlichen Gefühlen sehnen muß? + Daß in den alten Hallen, wo die Trauer + Noch manchmal stille meinen Namen lispelt, + Die Freude, wie um eine Neugeborne, + Den schönsten Kranz von Säul an Säulen schlinge. + O sendetest du mich auf Schiffen hin! + Du gäbest mir und allen neues Leben. + + Thoas. + So kehr' zurück! Thu' was dein Herz dich heißt, + Und höre nicht die Stimme guten Raths + Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib + Dich hin dem Triebe, der dich zügellos + Ergreift und dahin oder dorthin reißt. + Wenn ihnen eine Lust im Busen brennt, + Hält vom Verräther sie kein heilig Band, + Der sie dem Vater oder dem Gemahl + Aus langbewährten, treuen Armen lockt; + Und schweigt in ihrer Brust die rasche Gluth, + So dringt auf sie vergebens treu und mächtig + Der Überredung goldne Zunge los. + + Iphigenie. + Gedenk', o König, deines edeln Wortes! + Willst du mein Zutraun so erwiedern? Du + Schienst vorbereitet alles zu vernehmen. + + Thoas. + Auf's Ungehoffte war ich nicht bereitet; + Doch sollt' ich's auch erwarten: wußt' ich nicht, + Daß ich mit einem Weibe handeln ging? + + Iphigenie. + Schilt nicht, o König, unser arm Geschlecht. + Nicht herrlich wie die euern, aber nicht + Unedel sind die Waffen eines Weibes. + Glaub' es, darin bin ich dir vorzuziehn, + Daß ich dein Glück mehr als du selber kenne. + Du wähnest, unbekannt mit dir und mir, + Ein näher Band werd' uns zum Glück vereinen. + Voll guten Muthes wie voll guten Willens + Dringst du in mich, daß ich mich fügen soll; + Und hier dank' ich den Göttern, daß sie mir + Die Festigkeit gegeben, dieses Bündniß + Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt. + + Thoas. + Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz. + + Iphigenie. + Sie reden nur durch unser Herz zu uns. + + Thoas. + Und hab' Ich, sie zu hören, nicht das Recht? + + Iphigenie. + Es überbraust der Sturm die zarte Stimme. + + Thoas. + Die Priesterin vernimmt sie wohl allein? + + Iphigenie. + Vor allen andern merke sie der Fürst. + + Thoas. + Dein heilig Amt und dein geerbtes Recht + An Jovis Tisch bringt dich den Göttern näher, + Als einen erdgebornen Wilden. + + Iphigenie. + So + Büß' ich nun das Vertraun, das du erzwangst. + + Thoas. + Ich bin ein Mensch; und besser ist's, wir enden. + So bleibe denn mein Wort: Sei Priesterin + Der Göttin, wie sie dich erkoren hat; + Doch mir verzeih' Diane, daß ich ihr, + Bisher mit Unrecht und mit innerm Vorwurf, + Die alten Opfer vorenthalten habe. + Kein Fremder nahet glücklich unserm Ufer; + Von Alters her ist ihm der Tod gewiß. + Nur du hast mich mit einer Freundlichkeit, + In der ich bald der zarten Tochter Liebe, + Bald stille Neigung einer Braut zu sehn + Mich tief erfreute, wie mit Zauberbanden + Gefesselt, daß ich meiner Pflicht vergaß. + Du hattest mir die Sinnen eingewiegt, + Das Murren meines Volks vernahm ich nicht; + Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes + Frühzeit'gem Tode lauter über mich. + Um deinetwillen halt' ich länger nicht + Die Menge, die das Opfer dringend fordert. + + Iphigenie. + Um meinetwillen hab ich's nie begehrt. + Der mißversteht die Himmlischen, der sie + Blutgierig wähnt; er dichtet ihnen nur + Dir eignen grausamen Begierden an. + Entzog die Göttin mich nicht selbst dem Priester? + Ihr war mein Dienst willkommner, als mein Tod. + + Thoas. + Es ziemt sich nicht für uns, den heiligen + Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft + Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken. + Thu' deine Pflicht, ich werde meine thun. + Zwei Fremde, die wir in des Ufers Höhlen + Versteckt gefunden, und die meinem Lande + Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand. + Mit diesen nehme deine Göttin wieder + Ihr erstes, rechtes, lang entbehrtes Opfer! + Ich sende sie hierher; du weißt den Dienst. + + + Vierter Auftritt. + + Iphigenie (allein). + Du hast Wolken, gnädige Retterin, + Einzuhüllen unschuldig Verfolgte, + Und auf Winden dem ehrnen Geschick sie + Aus den Armen, über das Meer, + Über der Erde weiteste Strecken + Und wohin es dir gut dünkt zu tragen. + Weise bist du und siehest das Künftige; + Nicht vorüber ist dir das Vergangne, + Und dein Blick ruht über den Deinen + Wie dein Licht, das Leben der Nächte, + Über der Erde ruhet und waltet. + O enthalte vom Blut meine Hände! + Nimmer bringt es Segen und Ruhe; + Und die Gestalt des zufällig Ermordeten + Wird auf des traurig-unwilligen Mörders + Böse Stunden lauern und schrecken. + Denn die Unsterblichen lieben der Menschen + Weit verbreitete gute Geschlechter, + Und sie fristen das flüchtige Leben + Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne + Ihres eigenen, ewigen Himmels + Mitgenießendes fröhliches Anschaun + Eine Weile gönnen und lassen. + + + + Zweiter Aufzug. + + + Erster Auftritt. + + Orest. Pylades. + + Orest. + Es ist der Weg des Todes, den wir treten: + Mit jedem Schritt wird meine Seele stiller. + Als ich Apollen bat, das gräßliche + Geleit der Rachegeister von der Seite + Mir abzunehmen, schien er Hülf' und Rettung + Im Tempel seiner vielgeliebten Schwester, + Die über Tauris herrscht, mit hoffnungsreichen + Gewissen Götterworten zu versprechen; + Und nun erfüllet sich's, daß alle Noth + Mit meinem Leben völlig enden soll. + Wie leicht wird's mir, dem eine Götterhand + Das Herz zusammendrückt, den Sinn betäubt, + Dem schönen Licht der Sonne zu entsagen. + Und sollen Atreus Enkel in der Schlacht + Ein siegbekröntes Ende nicht gewinnen; + Soll ich wie meine Ahnen, wie mein Vater, + Als Opferthier im Jammertode bluten: + So sei es! Besser hier vor dem Altar, + Als im verworfnen Winkel, wo die Netze + Der nahverwandte Meuchelmörder stellt. + Laßt mir so lange Ruh, ihr Unterird'schen, + Die nach dem Blut ihr, das von meinen Tritten + Hernieder träufelnd meinen Pfad bezeichnet, + Wie losgelass'ne Hunde spürend hetzt. + Laßt mich, ich komme bald zu euch hinab; + Das Licht des Tags soll euch nicht sehn, noch mich. + Der Erde schöner grüner Teppich soll + Kein Tummelplatz für Larven sein. Dort unten + Such' ich euch auf: dort bindet alle dann + Ein gleich Geschick in ew'ge matte Nacht. + Nur dich, mein Pylades, dich, meiner Schuld + Und meines Banns unschuldigen Genossen, + Wie ungern nehm' ich dich in jenes Trauerland + Frühzeitig mit! Dein Leben oder Tod + Gibt mir allein noch Hoffnung oder Furcht. + + Pylades. + Ich bin noch nicht, Orest, wie du bereit, + In jenes Schattenreich hinabzugehn. + Ich sinne noch, durch die verworrnen Pfade, + Die nach der schwarzen Nacht zu führen scheinen, + Uns zu dem Leben wieder aufzuwinden. + Ich denke nicht den Tod; ich sinn' und horche, + Ob nicht zu irgend einer frohen Flucht + Die Götter Rath und Wege zubereiten. + Der Tod, gefürchtet oder ungefürchtet, + Kommt unaufhaltsam. Wenn die Priesterin + Schon, unsre Locken weihend abzuschneiden, + Die Hand erhebt, soll dein' und meine Rettung + Mein einziger Gedanke sein. Erhebe + Von diesem Unmuth deine Seele; zweifelnd + Beschleunigest du die Gefahr. Apoll + Gab uns das Wort: im Heiligthum der Schwester + Sei Trost und Hülf' und Rückkehr dir bereitet. + Der Götter Worte sind nicht doppelsinnig, + Wie der Gedrückte sie im Unmuth wähnt. + + Orest. + Des Lebens dunkle Decke breitete + Die Mutter schon mir um das zarte Haupt, + Und so wuchs ich herauf, ein Ebenbild + Des Vaters, und es war mein stummer Blick + Ein bittrer Vorwurf ihr und ihrem Buhlen. + Wie oft, wenn still Elektra, meine Schwester, + Am Feuer in der tiefen Halle saß, + Drängt' ich beklommen mich an ihren Schoos, + Und starrte, wie sie bitter weinte, sie + Mit großen Augen an. Dann sagte sie + Von unserm hohen Vater viel: wie sehr + Verlangt' ich ihn zu sehn, bei ihm zu sein! + Mich wünscht' ich bald nach Troja, ihn bald her. + Es kam der Tag-- + + Pylades. + O laß von jener Stunde + Sich Höllengeister nächtlich unterhalten! + Uns gebe die Erinnrung schöner Zeit + Zu frischem Heldenlaufe neue Kraft. + Die Götter brauchen manchen guten Mann + Zu ihrem Dienst auf dieser weiten Erde. + Sie haben noch auf dich gezählt; sie gaben + Dich nicht dem Vater zum Geleite mit, + Da er unwillig nach dem Orcus ging. + + Orest. + O, wär' ich, seinen Saum ergreifend, ihm + Gefolgt! + + Pylades. + So haben die, die dich erhielten, + Für mich gesorgt: denn was ich worden wäre, + Wenn du nicht lebtest, kann ich mir nicht denken; + Da ich mit dir und deinetwillen nur + Seit meiner Kindheit leb' und leben mag. + + Orest. + Erinnre mich nicht jener schönen Tage, + Da mir dein Haus die freie Stätte gab, + Dein edler Vater klug und liebevoll + Die halberstarrte junge Blüthe pflegte; + Da du ein immer munterer Geselle, + Gleich einem leichten bunten Schmetterling + Um eine dunkle Blume, jeden Tag + Um mich mit neuem Leben gaukeltest, + Mir deine Lust in meine Seele spieltest, + Daß ich, vergessend meiner Noth, mit dir + In rascher Jugend hingerissen schwärmte. + + Pylades. + Da fing mein Leben an, als ich dich liebte. + + Orest. + Sag: meine Noth begann, und du sprichst wahr. + Das ist das Ängstliche von meinem Schicksal, + Daß ich, wie ein verpesteter Vertriebner, + Geheimen Schmerz und Tod im Busen trage; + Daß, wo ich den gesund'sten Ort betrete, + Gar bald um mich die blühenden Gesichter + Den Schmerzenszug langsamen Tod's verrathen. + + Pylades. + Der Nächste wär' ich diesen Tod zu sterben, + Wenn je dein Hauch, Orest, vergiftete. + Bin ich nicht immer noch voll Muth und Lust? + Und Lust und Liebe sind die Fittige + Zu großen Thaten. + + Orest. + Große Thaten? Ja, + Ich weiß die Zeit, da wir sie vor uns sahn! + Wenn wir zusammen oft dem Wilde nach + Durch Berg' und Thäler rannten und dereinst + An Brust und Faust dem hohen Ahnherrn gleich + Mit Keul' und Schwert dem Ungeheuer so, + Dem Räuber auf der Spur zu jagen hofften; + Und dann wir Abends an der weiten See + Uns aneinander lehnend ruhig saßen, + Die Wellen bis zu unsern Füssen spielten, + Die Welt so weit, so offen vor uns lag; + Da fuhr wohl Einer manchmal nach dem Schwert, + Und künft'ge Thaten drangen wie die Sterne + Rings um uns her unzählig aus der Nacht. + + Pylades. + Unendlich ist das Werk, das zu vollführen + Die Seele dringt. Wir möchten jede That + So groß gleich thun, als wie sie wächs't und wird, + Wenn Jahre lang durch Länder und Geschlechter + Der Mund der Dichter sie vermehrend wälzt. + Es klingt so schön was unsre Väter thaten, + Wenn es in stillen Abendschatten ruhend + Der Jüngling mit dem Ton der Harfe schlürft; + Und was wir thun ist, wie es ihnen war, + Voll Müh' und eitel Stückwerk! + So laufen wir nach dem, was vor uns flieht, + Und achten nicht des Weges den wir treten, + und sehen neben uns der Ahnherrn Tritte + Und ihres Erdelebens Spuren kaum. + Wir eilen immer ihrem Schatten nach, + Der göttergleich in einer weiten Ferne + Der Berge Haupt auf goldnen Wolken krönt. + Ich halte nichts von dem, der von sich denkt + Wie ihn das Volk vielleicht erheben möchte. + Allein, o Jüngling, danke du den Göttern, + Daß sie so früh durch dich so viel gethan. + + Orest. + Wenn sie dem Menschen frohe That bescheren + Daß er ein Unheil von den Seinen wendet, + Daß er sein Reich vermehrt, die Gränzen sichert, + Und alte Feinde fallen oder fliehn; + Dann mag er danken! denn ihm hat ein Gott + Des Lebens erste, letzte Lust gegönnt. + Mich haben sie zum Schlächter auserkoren, + Zum Mörder meiner doch verehrten Mutter, + Und, eine Schandthat schändlich rächend, mich + Durch ihren Wink zu Grund' gerichtet. Glaube, + Sie haben es auf Tantals Haus gerichtet, + Und ich, der Letzte, soll nicht schuldlos, soll + Nicht ehrenvoll vergehn. + + Pylades. + Die Götter rächen + Der Väter Missethat nicht an dem Sohn; + Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt + Sich seinen Lohn mit seiner That hinweg. + Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch. + + Orest. + Uns führt ihr Segen, dünkt mich, nicht hierher. + + Pylades. + Doch wenigstens der hohen Götter Wille. + + Orest. + So ist's ihr Wille denn, der uns verderbt. + + Pylades. + Thu' was sie dir gebieten und erwarte. + Bringst du die Schwester zu Apollen hin, + Und wohnen beide dann vereint zu Delphi, + Verehrt von einem Volk das edel denkt; + So wird für diese That das hohe Paar + Dir gnädig sein, sie werden aus der Hand + Der Unterird'schen dich erretten. Schon + In diesen heil'gen Hain wagt keine sich. + + Orest. + So hab' ich wenigstens geruh'gen Tod. + + Pylades. + Ganz anders denk' ich, und nicht ungeschickt + Hab' ich das schon Geschehne mit dem Künft'gen + Verbunden und im stillen ausgelegt. + Vielleicht reift in der Götter Rath schon lange + Das große Werk. Diana sehnet sich + Von diesem rauhen Ufer der Barbaren + Und ihren blut'gen Menschenopfern weg. + Wir waren zu der schönen That bestimmt, + Uns wird sie auferlegt, und seltsam sind + Wir an der Pforte schon gezwungen hier. + + Orest. + Mit seltner Kunst flichtst du der Götter Rath + Und deine Wünsche klug in Eins zusammen. + + Pylades. + Was ist des Menschen Klugheit, wenn sie nicht + Auf Jener Willen droben achtend lauscht? + Zu einer schweren That beruft ein Gott + Den edeln Mann, der viel verbrach, und legt + Ihm auf was uns unmöglich scheint zu enden. + Es siegt der Held, und büßend dienet er + Den Göttern und der Welt, die ihn verehrt. + + Orest. + Bin ich bestimmt zu leben und zu handeln, + So nehm' ein Gott von meiner schweren Stirn + Den Schwindel weg, der auf dem schlüpfrigen, + Mit Mutterblut besprengten Pfade fort + Mich zu den Todten reißt. Er trockne gnädig + Die Quelle, die, mir aus der Mutter Wunden + Entgegen sprudelnd, ewig mich befleckt. + + Pylades. + Erwart' es ruhiger! Du mehrst das Übel + Und nimmst das Amt der Furien auf dich. + Laß mich nur sinnen, bleibe still! Zuletzt, + Bedarf's zur That vereinter Kräfte, dann + Ruf' ich dich auf, und beide schreiten wir + Mit überlegter Kühnheit zur Vollendung. + + Orest. + Ich hör' Ulyssen reden. + + Pylades. + Spotte nicht. + Ein jeglicher muß seinen Helden wählen, + Dem er die Wege zum Olymp hinauf + Sich nacharbeitet. Laß es mich gestehn: + Mir scheinen List und Klugheit nicht den Mann + Zu schänden, der sich kühnen Thaten weiht. + + Orest. + Ich schätze den, der tapfer ist und g'rad. + + Pylades. + Drum hab' ich keinen Rath von dir verlangt. + Schon ist ein Schritt gethan. Von unsern Wächtern + Hab' ich bisher gar vieles ausgelockt. + Ich weiß, ein fremdes, göttergleiches Weib + Hält jenes blutige Gesetz gefesselt; + Ein reines Herz und Weihrauch und Gebet + Bringt sie den Göttern dar. Man rühmet hoch + Die Gütige; man glaubet, sie entspringe + vom Stamm der Amazonen, sei geflohn, + Um einem großen Unheil zu entgehn. + + Orest. + Es scheint, ihr lichtes Reich verlor die Kraft + Durch des Verbrechers Nähe, den der Fluch + Wie eine breite Nacht verfolgt und deckt. + Die fromme Blutgier lös't den alten Brauch + Von seinen Fesseln los, uns zu verderben. + Der wilde Sinn des Königs tödtet uns; + Ein Weib wird uns nicht retten, wenn er zürnt. + + Pylades. + Wohl uns, daß es ein Weib ist! denn ein Mann, + Der beste selbst, gewöhnet seinen Geist + An Grausamkeit und macht sich auch zuletzt + Aus dem, was er verabscheut, ein Gesetz, + Wird aus Gewohnheit hart und fast unkenntlich. + Allein ein Weib bleibt stät auf Einem Sinn + Den sie gefaßt. Du rechnest sicherer + Auf sie im Guten wie im Bösen.--Still! + Sie kommt; laß uns allein. Ich darf nicht gleich + Ihr unsre Namen nennen, unser Schicksal + Nicht ohne Rückhalt ihr vertraun. Du gehst, + Und eh' sie mit dir spricht, treff' ich dich noch. + + + Zweiter Auftritt. + + Iphigenie. Pylades. + + + Iphigenie. + Woher du seist und kommst, o Fremdling, sprich! + Mir scheint es, daß ich eher einem Griechen + Als einem Scythen dich vergleichen soll. + (Sie nimmt ihm die Ketten ab.) + Gefährlich ist die Freiheit, die ich gebe; + Die Götter wenden ab was euch bedroht! + + Pylades. + O süße Stimme! Vielwillkommner Ton + Der Muttersprach' in einem fremden Lande! + Des väterlichen Hafens blaue Berge + Seh' ich Gefangner neu willkommen wieder + Vor meinen Augen. Laß dir diese Freude + Versichern, daß auch ich ein Grieche bin! + Vergessen hab' ich einen Augenblick, + Wie sehr ich dein bedarf, und meinen Geist + Der herrlichen Erscheinung zugewendet. + O sage, wenn dir dein Verhängniß nicht + Die Lippe schließt, aus welchem unsrer Stämme + Du deine göttergleiche Herkunft zählst. + + Iphigenie. + Die Priesterin, von ihrer Göttin selbst + Gewählet und geheiligt, spricht mit dir. + Das laß dir g'nügen; sage, wer du seist + Und welch unselig-waltendes Geschick + Mit dem Gefährten dich hierher gebracht. + + Pylades. + Leicht kann ich dir erzählen, welch ein Übel + Mit lastender Gesellschaft uns verfolgt. + O könntest du der Hoffnung frohen Blick + Uns auch so leicht, du Göttliche, gewähren! + Aus Kreta sind wir, Söhne des Adrasts: + Ich bin der jüngste, Cephalus genannt, + Und er Laodamas, der älteste + Des Hauses. Zwischen uns stand rauh und wild + Ein mittlerer, und trennte schon im Spiel + Der ersten Jugend Einigkeit und Lust. + Gelassen folgten wir der Mutter Worten, + So lang des Vaters Kraft vor Troja stritt; + Doch als er beutereich zurücke kam + Und kurz darauf verschied, da trennte bald + Der Streit um Reich und Erbe die Geschwister. + Ich neigte mich zum ält'sten. Er erschlug + Den Bruder. Um der Blutschuld willen treibt + Die Furie gewaltig ihn umher. + Doch diesem wilden Ufer sendet uns + Apoll, der Delphische, mit Hoffnung zu. + Im Tempel seiner Schwester hieß er uns + Der Hülfe segensvolle Hand erwarten. + Gefangen sind wir und hierher gebracht, + Und dir als Opfer dargestellt. Du weißt's. + + Iphigenie. + Fiel Troja? Theurer Mann, versichr' es mir. + + Pylades. + Es liegt. O sichre du uns Rettung zu! + Beschleunige die Hülfe, die ein Gott + Versprach. Erbarme meines Bruders dich. + O sag' ihm bald ein gutes holdes Wort; + Doch schone seiner wenn du mit ihm sprichst, + Das bitt' ich eifrig: denn es wird gar leicht + Durch Freud' und Schmerz und durch Erinnerung + Sein Innerstes ergriffen und zerrüttet. + Ein fieberhafter Wahnsinn fällt ihn an, + Und seine schöne freie Seele wird + Den Furien zum Raube hingegeben. + + Iphigenie. + So groß dein Unglück ist, beschwör' ich dich, + Vergiß es, bis du mir genug gethan. + + Pylades. + Die hohe Stadt, die zehen lange Jahre + Dem ganzen Heer der Griechen widerstand, + Liegt nun im Schutte, steigt nicht wieder auf. + Doch manche Gräber unsrer Besten heißen + Uns an das Ufer der Barbaren denken. + Achill liegt dort mit seinem schönen Freunde. + + Iphigenie. + So seid ihr Götterbilder auch zu Staub! + + Pylades. + Auch Palamedes, Ajax Telamons, + Sie sahn des Vaterlandes Tag nicht wieder. + + Iphigenie. + Er schweigt von meinem Vater, nennt ihn nicht + Mit den Erschlagnen. Ja! er lebt mir noch! + Ich werd' ihn sehn! O hoffe, liebes Herz! + + Pylades. + Doch selig sind die Tausende, die starben + Den bittersüßen Tod von Feindes Hand! + Denn wüste Schrecken und ein traurig Ende + Hat den Rückkehrenden statt des Triumphs + Ein feindlich aufgebrachter Gott bereitet. + Kommt denn der Menschen Stimme nicht zu euch? + So weit sie reicht, trägt sie den Ruf umher + Von unerhörten Thaten die geschahn. + So ist der Jammer, der Mycenens Hallen + Mit immer wiederholten Seufzern füllt, + Dir ein Geheimniß? Klytämnestra hat + Mit Hülf' Ägisthens den Gemahl berückt, + Am Tage seiner Rückkehr ihn ermordet!-- + Ja, du verehrest dieses Königs Haus! + Ich seh' es, deine Brust bekämpft vergebens + Das unerwartet ungeheure Wort. + Bist du die Tochter eines Freundes? bist + Du nachbarlich in dieser Stadt geboren? + Verbirg es nicht und rechne mir's nicht zu, + Daß ich der Erste diese Gräuel melde. + + Iphigenie. + Sag' an, wie ward die schwere That vollbracht? + + Pylades. + Am Tage seiner Ankunft, da dir König + Vom Bad erquickt und ruhig, sein Gewand + Aus der Gemahlin Hand verlangend, stieg, + Warf die Verderbliche ein faltenreich + Und künstlich sich verwirrendes Gewebe + Ihm auf die Schultern, um das edle Haupt; + Und da er wie von einem Netze sich + Vergebens zu entwickeln strebte, schlug + Ägisth ihn, der Verräther, und verhüllt + Ging zu den Todten dieser große Fürst. + + Iphigenie. + Und welchen Lohn erhielt der Mitverschworne? + + Pylades. + Ein Reich und Bette, das er schon besaß. + + Iphigenie. + So trieb zur Schandthat eine böse Lust? + + Pylades. + Und einer alten Rache tief Gefühl. + + Iphigenie. + Und wie beleidigte der König sie? + + Pylades. + Mit schwerer That, die, wenn Entschuldigung + Des Mordes wäre, sie entschuldigte. + Nach Aulis lockt' er sie und brachte dort, + Als eine Gottheit sich der Griechen Fahrt + Mit ungstümen Winden widersetzte, + Die ält'ste Tochter, Iphigenien, + Vor den Altar Dianens, und sie fiel + Ein blutig Opfer für der Griechen Heil. + Dieß, sagt man, hat ihr einen Widerwillen + So tief in's Herz geprägt, daß sie dem Werben + Ägisthens sich ergab und den Gemahl + Mit Netzen des Verderbens selbst umschlang. + + Iphigenie (sich verhüllend). + Es ist genug. Du wirst mich wiedersehn. + + Pylades (allein). + Von dem Geschick des Königs-Hauses scheint + Sie tief gerührt. Wer sie auch immer sei, + So hat sie selbst den König wohl gekannt + Und ist, zu unserm Glück, aus hohem Hause + Hierher verkauft. Nur stille, liebes Herz, + Und laß dem Stern der Hoffnung, der uns blinkt, + Mit frohem Muth uns klug entgegen steuern. + + + + Dritter Aufzug. + + + Erster Auftritt. + + Iphigenie. Orest. + + Iphigenie. + Unglücklicher, ich löse deine Bande + Zum Zeichen eines schmerzlichern Geschicks. + Die Freiheit, die das Heiligthum gewährt, + Ist, wie der letzte lichte Lebensblick + Des schwer Erkrankten, Todesbote. Noch + Kann ich es mir und darf es mir nicht sagen, + Daß ihr verloren seid! Wie könnt' ich euch + Mit mörderischer Hand dem Tode weihen? + Und niemand, wer es sei, darf euer Haupt, + So lang ich Priesterin Dianens bin, + Berühren. Doch verweigr' ich jene Pflicht, + Wie sie der aufgebrachte König fordert; + So wählt er eine meiner Jungfraun mir + Zur Folgerin, und ich vermag alsdann + Mit heißem Wunsch allein euch beizustehn. + O werther Landsmann! Selbst der letzte Knecht, + Der an den Herd der Vatergötter streifte, + Ist uns in fremdem Lande hoch willkommen: + Wie soll ich euch genug mit Freud' und Segen + Empfangen, die ihr mir das Bild der Helden, + Die ich von Eltern her verehren lernte, + Entgegen bringet und das innre Herz + Mit neuer schöner Hoffnung schmeichelnd labet! + + Orest. + Verbirgst du deinen Namen, deine Herkunft + Mit klugem Vorsatz? oder darf ich wissen, + Wer mir, gleich einer Himmlischen, begegnet? + + Iphigenie. + Du sollst mich kennen. Jetzo sag' mir an, + Was ich nur halb von deinem Bruder hörte, + Das Ende derer, die von Troja kehrend + Ein hartes unerwartetes Geschick + Auf ihrer Wohnung Schwelle stumm empfing. + Zwar ward ich jung an diesen Strand geführt; + Doch wohl erinnr' ich mich des scheuen Blicks, + Den ich mit Staunen und mit Bangigkeit + Auf jene Helden warf. Sie zogen aus, + Als hätte der Olymp sich aufgethan + Und die Gestalten der erlauchten Vorwelt + Zum Schrecken Ilions herabgesendet, + Und Agamemnon war vor allen herrlich! + O sage mir! Er fiel, sein Haus betretend, + Durch seiner Frauen und Ägisthens Tücke? + + Orest. + Du sagst's! + + Iphigenie. + Weh dir, unseliges Mycen! + So haben Tantals Enkel Fluch auf Fluch + Mit vollen wilden Händen ausgesät! + Und gleich dem Unkraut, wüste Häupter schüttelnd + Und tausendfält'gen Samen um sich streuend, + Den Kindeskindern nahverwandte Mörder + Zur ew'gen Wechselwuth erzeugt! Enthülle, + Was von der Rede deines Bruders schnell + Die Finsterniß des Schreckens mir verdeckte. + Wie ist des großen Stammes letzter Sohn, + Das holde Kind, bestimmt des Vaters Rächer + Dereinst zu sein, wie ist Orest dem Tage + Des Bluts entgangen? Hat ein gleich Geschick + Mit des Avernus Netzen ihn umschlungen? + Ist er gerettet? Lebt er? Lebt Elektra? + + Orest. + Sie leben. + + Iphigenie. + Goldne Sonne, leihe mir + Die schönsten Strahlen, lege sie zum Dank + Vor Jovis Thron! denn ich bin arm und stumm. + + Orest. + Bist du gastfreundlich diesem Königs-Hause, + Bist du mit nähern Banden ihm verbunden, + Wie deine schöne Freude mir verräth: + So bändige dein Herz und halt' es fest! + Denn unerträglich muß dem Fröhlichen + Ein jäher Rückfall in die Schmerzen sein. + Du weißt nur, merk' ich, Agamemnons Tod. + + Iphigenie. + Hab' ich an dieser Nachricht nicht genug? + + Orest. + Du hast des Gräuels Hälfte nur erfahren. + + Iphigenie. + Was fürcht' ich noch? Orest, Elektra leben. + + Orest. + Und fürchtest du für Klytämnestren nichts? + + Iphigenie. + Sie rettet weder Hoffnung, weder Furcht. + + Orest. + Auch schied sie aus dem Land der Hoffnung ab. + + Iphigenie. + Vergoß sie reuig wüthend selbst ihr Blut? + + Orest. + Nein, doch ihr eigen Blut gab ihr den Tod. + + Iphigenie. + Sprich deutlicher, daß ich nicht länger sinne. + Die Ungewißheit schlägt mir tausendfältig + Die dunkeln Schwingen um das bange Haupt. + + Orest. + So haben mich die Götter ausersehn + Zum Boten einer That, die ich so gern + In's klanglos-dumpfe Höhlenreich der Nacht + Verbergen möchte? Wider meinen Willen + Zwingt mich dein holder Mund; allein er darf + Auch etwas Schmerzlichs fordern und erhält's. + Am Tage, da der Vater fiel, verbarg + Elektra rettend ihren Bruder: Strophius, + Des Vaters Schwäher, nahm ihn willig auf, + Erzog ihn neben seinem eignen Sohne, + Der, Pylades genannt, die schönsten Bande + Der Freundschaft um den Angekommnen knüpfte. + Und wie sie wuchsen, wuchs in ihrer Seele + Die brennende Begier des Königs Tod + Zu rächen. Unversehen, fremd gekleidet, + Erreichen sie Mycen, als brächten sie + Die Trauernachricht von Orestens Tode + Mit seiner Asche. Wohl empfänget sie + Die Königin; sie treten in das Haus. + Elektren gibt Orest sich zu erkennen; + Sie bläs't der Rache Feuer in ihm auf, + Das vor der Mutter heil'ger Gegenwart + In sich zurückgebrannt war. Stille führt + Sie ihn zum Orte, wo sein Vater fiel, + Wo eine alte leichte Spur des frech + Vergoss'nen Blutes oftgewaschnen Boden + Mit blassen ahndungsvollen Streifen färbte. + Mit ihrer Feuerzunge schilderte + Sie jeden Umstand der verruchten That, + Ihr knechtisch elend durchgebrachtes Leben, + Den Übermuth der glücklichen Verräther, + Und die Gefahren, die nun der Geschwister + Von einer stiefgewordnen Mutter warteten.-- + Hier drang sie jenen alten Dolch ihm auf, + Der schon in Tantals Hause grimmig wüthete, + Und Klytämnestra fiel durch Sohnes Hand. + + Iphigenie. + Unsterbliche, die ihr den reinen Tag + Auf immer neuen Wolken selig lebet, + Habt ihr nur darum mich so manches Jahr + Von Menschen abgesondert, mich so nah + Bei euch gehalten, mir die kindliche + Beschäftigung, des heil'gen Feuers Gluth + Zu nähren aufgetragen, meine Seele + Der Flamme gleich in ew'ger frommer Klarheit + Zu euern Wohnungen hinaufgezogen, + Daß ich nur meines Hauses Gräuel später + Und tiefer fühlen sollte? Sage mir + Vom Unglücksel'gen! sprich mir von Orest!-- + + Orest. + O, könnte man von seinem Tode sprechen! + Wie gährend stieg aus der Erschlagnen Blut + Der Mutter Geist + Und ruft der Nacht uralten Töchtern zu: + "Laßt nicht den Muttermörder entfliehn! + Verfolgt den Verbrecher! Euch ist er geweiht!" + Sie horchen auf, es schaut ihr hohler Blick + Mit der Begier des Adlers um sich her. + Sie rühren sich in ihren schwarzen Höhlen, + Und aus den Winkeln schleichen ihre Gefährten, + Der Zweifel und die Reue, leis herbei. + Vor ihnen steigt ein Dampf vom Acheron; + In seinen Wolkenkreisen wälzet sich + Die ewige Betrachtung des Geschehnen + Verwirrend um des Schuld'gen Haupt umher + Und sie, berechtigt zum Verderben, treten + Der gottbesäten Erde schönen Boden, + Von dem ein alter Fluch sie längst verbannte. + Den Flüchtigen verfolgt ihr schneller Fuß; + Sie geben nur um neu zu schrecken Rast. + + Iphigenie. + Unseliger, du bist in gleichem Fall, + Und fühlst was er, der arme Flüchtling, leidet! + + Orest. + Was sagst du mir? was wähnst du gleichen Fall? + + Iphigenie. + Dich drückt ein Brudermord wie jenen; mir + Vertraute dieß dein jüngster Bruder schon. + + Orest. + Ich kann nicht leiden, daß du große Seele + Mit einem falschen Wort betrogen werdest. + Ein lügenhaft Gewebe knüpf' ein Fremder + Dem Fremden, sinnreich und der List gewohnt, + Zur Falle vor die Füße; zwischen uns + Sei Wahrheit! + Ich bin Orest! und dieses schuld'ge Haupt + Senkt nach der Grube sich und sucht den Tod; + In jeglicher Gestalt sei er willkommen! + Wer du auch seist, so wünsch' ich Rettung dir + Und meinem Freunde; mir wünsch' ich sie nicht. + Du scheinst hier wider Willen zu verweilen; + Erfindet Rath zur Flucht und laßt mich hier. + Es stürze mein entseelter Leib vom Fels, + Es rauche bis zum Meer hinab mein Blut, + Und bringe Fluch dem Ufer der Barbaren! + Geht ihr, daheim im schönen Griechenland + Ein neues Leben freundlich anzufangen. + (Er entfernt sich.) + + Iphigenie. + So steigst du denn, Erfüllung, schönste Tochter + Des größten Vaters, endlich zu mir nieder! + Wie ungeheuer steht dein Bild vor mir! + Kaum reicht mein Blick dir an die Hände, die + Mit Furcht und Segenskränzen angefüllt + Die Schätze des Olympus niederbringen. + Wie man den König an dem Übermaß + Der Gaben kennt: denn ihm muß wenig scheinen + Was Tausenden schon Reichthum ist; so kennt + Man euch, ihr Götter, an gesparten, lang + Und weise zubereiteten Geschenken. + Denn ihr allein wißt was uns frommen kann, + Und schaut der Zukunft ausgedehntes Reich, + Wenn jedes Abends Stern- und Nebelhülle + Die Aussicht uns verdeckt. Gelassen hört + Ihr unser Flehn, das um Beschleunigung + Euch kindisch bittet; aber eure Hand + Bricht unreif nie die goldnen Himmelsfrüchte; + Und wehe dem, der ungeduldig sie + Ertrotzend saure Speise sich zum Tod + Genießt. O laßt das lang erwartete, + Noch kaum gedachte Glück nicht, wie den Schatten + Des abgeschiednen Freundes, eitel mir + Und dreifach schmerzlicher vorübergehn! + + Orest (tritt wieder zu ihr). + Rufst du die Götter an für dich und Pylades, + So nenne meinen Namen nicht mit eurem. + Du rettest den Verbrecher nicht, zu dem + Du dich gesellst, und theilest Fluch und Noth. + + Iphigenie. + Mein Schicksal ist an deines fest gebunden. + + Orest. + Mit nichten! Laß allein und unbegleitet + Mich zu den Todten gehn. Verhülltest du + In deinen Schleier selbst den Schuldigen; + Du birgst ihn nicht vor'm Blick der Immerwachen, + Und deine Gegenwart, du Himmlische, + Drängt sie nur seitwärts und verscheucht sie nicht. + Sie dürfen mit den ehrnen frechen Füßen + Des heil'gen Waldes Boden nicht betreten; + Doch hör' ich aus der Ferne hier und da + Ihr gräßliches Gelächter. Wölfe harren + So um den Baum, auf den ein Reisender + Sich rettete. Da draußen ruhen sie + Gelagert; und verlass' ich diesen Hain, + Dann steigen sie, die Schlangenhäupter schüttelnd, + Von allen Seiten Staub erregend auf + Und treiben ihre Beute vor sich her. + + Iphigenie. + Kannst du, Orest, ein freundlich Wort vernehmen? + + Orest. + Spar' es für einen Freund der Götter auf. + + Iphigenie. + Sie geben dir zu neuer Hoffnung Licht. + + Orest. + Durch Rauch und Qualm seh' ich den matten Schein + Des Todtenflusses mir zur Hölle leuchten. + + Iphigenie. + Hast du Elektren, Eine Schwester nur? + + Orest. + Die Eine kannt' ich; doch die ält'ste nahm + Ihr gut Geschick, das uns so schrecklich schien, + Bei Zeiten aus dem Elend unsers Hauses. + O laß dein Fragen, und geselle dich + Nicht auch zu den Erinnyen; sie blasen + Mir schadenfroh die Asche von der Seele, + Und leiden nicht, daß sich die letzten Kohlen + Von unsers Hauses Schreckensbrande still + In mir verglimmen. Soll die Gluth denn ewig, + Vorsätzlich angefacht, mit Höllenschwefel + Genährt, mir auf der Seele marternd brennen? + + Iphigenie. + Ich bringe süßes Rauchwerk in die Flamme. + O laß den reinen Hauch der Liebe dir + Die Gluth des Busens leise wehend kühlen. + Orest, mein Theurer, kannst du nicht vernehmen? + Hat das Geleit der Schreckensgötter so + Das Blut in deinen Adern aufgetrocknet? + Schleicht, wie vom Haupt der gräßlichen Gorgone, + Versteinernd dir ein Zauber durch die Glieder? + O wenn vergoss'nen Mutterblutes Stimme + Zur Höll' hinab mit dumpfen Tönen ruft; + Soll nicht der reinen Schwester Segenswort + Hülfreiche Götter von Olympus rufen? + + Orest. + Es ruft! es ruft! So willst du mein Verderben! + Verbirgt in dir sich eine Rachegöttin? + Wer bist du, deren Stimme mir entsetzlich + Das Innerste in seinen Tiefen wendet? + + Iphigenie. + Es zeigt sich dir im tiefsten Herzen an: + Orest, ich bin's! Sieh Iphigenien! + Ich lebe! + + Orest. + Du! + + Iphigenie. + Mein Bruder! + + Orest. + Laß! Hinweg! + Ich rathe dir, berühre nicht die Locken! + Wie von Kreusa's Brautkleid zündet sich + Ein unauslöschlich Feuer von mir fort. + Laß mich! Wie Hercules will ich Unwürd'ger + Den Tod voll Schmach, in mich verschlossen, sterben. + + Iphigenie. + Du wirst nicht untergehn! O daß ich nur + Ein ruhig Wort von dir vernehmen könnte! + O löse meine Zweifel, laß des Glückes, + Des lang erflehten, mich auch sicher werden. + Es wälzet sich ein Rad von Freud' und Schmerz + Durch meine Seele. Von dem fremden Manne + Entfernet mich ein Schauer; doch es reißt + Mein Innerstes gewaltig mich zum Bruder. + + Orest. + Ist hier Lyäens Tempel? und ergreift + Unbändig-heil'ge Wuth die Priesterin? + + Iphigenie. + O höre mich! O sieh mich an, wie mir + Nach einer langen Zeit das Herz sich öffnet, + Der Seligkeit, dem Liebsten, was die Welt + Noch für mich tragen kann, das Haupt zu küssen, + Mit meinen Armen, die den leeren Winden + Nur ausgebreitet waren, dich zu fassen! + O laß mich! Laß mich! Denn es quillet heller + Nicht vom Parnaß die ew'ge Quelle sprudelnd + Von Fels zu Fels in's goldne Thal hinab, + Wie Freude mir vom Herzen wallend fließt, + Und wie ein selig Meer mich rings umfängt. + Orest! Orest! Mein Bruder! + + Orest. + Schöne Nymphe, + Ich traue dir und deinem Schmeicheln nicht. + Diana fordert strenge Dienerinnen + Und rächet das entweihte Heiligthum. + Entferne deinen Arm von meiner Brust! + Und wenn du einen Jüngling rettend lieben, + Das schöne Glück ihm zärtlich bieten willst, + So wende meinem Freunde dein Gemüth, + Dem würd'gern Manne zu. Er irrt umher + Auf jenem Felsenpfade; such' ihn auf, + Weis' ihn zurecht und schone meiner. + + Iphigenie. + Fasse + Dich, Bruder, und erkenne die Gefundne! + Schilt einer Schwester reine Himmelsfreude + Nicht unbesonnene, strafbare Lust. + O nehmt den Wahn ihm von dem starren Auge, + Daß uns der Augenblick der höchsten Freude + Nicht dreifach elend mache! Sie ist hier, + Die längst verlorne Schwester. Vom Altar + Riß mich die Göttin weg und rettete + Hierher mich in ihr eigen Heiligthum. + Gefangen bist du, dargestellt zum Opfer, + Und findest in der Priesterin die Schwester. + + Orest. + Unselige! So mag die Sonne denn + Die letzten Gräuel unsers Hauses sehn! + Ist nicht Elektra hier? damit auch sie + Mit uns zu Grunde gehe, nicht ihr Leben + Zu schwererem Geschick und Leiden friste. + Gut, Priesterin! Ich folge zum Altar: + Der Brudermord ist hergebrachte Sitte + Des alten Stammes; und ich danke, Götter, + Daß ihr mich ohne Kinder auszurotten + Beschlossen habt. Und laß dir rathen, habe + Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne; + Komm, folge mir in's dunkle Reich hinab! + Wie sich vom Schwefelpfuhl erzeugte Drachen + Bekämpfend die verwandte Brut verschlingen, + Zerstört sich selbst das wüthende Geschlect; + Komm kinderlos und schuldlos mit hinab! + Du siehst mich mit Erbarmen an? Laß ab! + Mit solchen Blicken suchte Klytämnestra + Sich einen Weg nach ihres Sohnes Herzen; + Doch sein geschwungner Arm traf ihre Brust. + Die Mutter fiel!--Tritt auf, unwill'ger Geist! + Im Kreis geschlossen tretet an, ihr Furien, + Und wohnet dem willkommnen Schauspiel bei, + Dem letzten, gräßlichsten, das ihr bereitet! + Nicht Haß und Rache schärfen ihren Dolch; + Die liebevolle Schwester wird zur That + Gezwungen. Weine nicht! Du hast nicht Schuld. + Seit meinen ersten Jahren hab' ich nichts + Geliebt, wie ich dich lieben könnte, Schwester. + Ja, schwinge deinen Stahl, verschone nicht, + Zerreiße diesen Busen, und eröffne + Den Strömen die hier sieden einen Weg! + (Er sinkt in Ermattung.) + + Iphigenie. + Allein zu tragen dieses Glück und Elend + Vermag ich nicht.--Wo bist du, Pylades? + Wo find' ich deine Hülfe, theurer Mann? + (Sie entfernt sich suchend.) + + + Zweiter Auftritt. + + Orest + (aus seiner Betäubung erwachend und sich aufrichtend). + + Noch Einen! reiche mir aus Lethe's Fluthen + Den letzten kühlen Becher der Erquickung! + Bald ist der Krampf des Lebens aus dem Busen + Hinweggespült; bald fließet still mein Geist, + Der Quelle des Vergessens hingegeben, + Zu euch, ihr Schatten, in die ew'gen Nebel. + Gefällig laßt in eurer Ruhe sich + Den umgetriebnen Sohn der Erde laben!-- + Welch ein Gelispel hör' ich in den Zweigen, + Welch ein Geräusch aus jener Dämmrung säuseln?-- + Sie kommen schon, den neuen Gast zu sehn! + Wer ist die Schaar, die herrlich mit einander + Wie ein versammelt Fürstenhaus sich freut? + Sie gehen friedlich, Alt' und Junge, Männer + Mit Weibern; göttergleich und ähnlich scheinen + Die wandelnden Gestalten. Ja, sie sind's, + Die Ahnherrn meines Hauses!--Mit Thyesten + Geht Atreus in vertraulichen Gesprächen; + Die Knaben schlüpfen scherzend um sie her. + Ist keine Feindschaft hier mehr unter euch? + Verlosch die Rache wie das Licht der Sonne? + So bin auch ich willkommen, und ich darf + In euern feierlichen Zug mich mischen. + Willkommen, Väter! euch grüßt Orest, + Von euerm Stamme der letzte Mann; + Was ihr gesät, hat er geerntet: + Mit Fluch beladen stieg er herab, + Doch leichter träget sich hier jede Bürde: + Nehmt ihn, o nehmt ihn in euern Kreis!-- + Dich, Atreus, ehr' ich, auch dich Thyesten: + Wir sind hier alle der Feindschaft los.-- + Zeigt mir den Vater, den ich nur einmal + Im Leben sah!--Bist du's, mein Vater? + Und führst die Mutter vertraut mit dir? + Darf Klytämnestra die hand dir reichen; + So darf Orest auch zu ihr treten + Und darf ihr sagen: sieh deinen Sohn!-- + Seht euern Sohn! Heißt ihn willkommen. + Auf Erden war in unserm Hause + Der Gruß des Mordes gewisse Losung, + Und das Geschlect des alten Tantalus + Hat seine Freuden jenseits der Nacht. + Ihr ruft: Willkommen! und nehmt mich auf! + O führt zum Alten, zum Ahnherrn mich! + Wo ist der Alte? daß ich ihn sehe, + Das theure Haupt, das vielverehrte, + Das mit den Göttern zu Rathe saß. + Ihr scheint zu zaudern, euch wegzuwenden? + Was ist es? Leidet der Göttergleiche? + Weh mir! es haben die Übermächt'gen + Der Heldenbrust grausame Qualen + Mit ehrnen Ketten fest aufgeschmiedet. + + + Dritter Auftritt. + + Orest. Iphigenie. Pylades. + + Orest. + Seid ihr auch schon herabgekommen? + Wohl Schwester dir! Noch fehlt Elektra: + Ein güt'ger Gott send' uns die Eine + Mit sanften Pfeilen auch schnell herab. + Dich, armer Freund, muß ich bedauern! + Komm mit! komm mit! zu Pluto's Thron, + Als neue Gäste den Wirth zu grüßen. + + Iphigenie. + Geschwister, die ihr an dem weiten Himmel + Das schöne Licht bei Tag und Nacht herauf + Den Menschen bringet, und den Abgeschiednen + Nicht leuchten dürfet, rettet uns Geschwister! + Du liebst, Diane, deinen holden Bruder + Vor allem, was dir Erd' und Himmel bietet, + Und wendest dein jungfräulich Angesicht + Nach seinem ew'gen Lichte sehnend still. + O laß den einz'gen Spätgefundnen mir + Nicht in der Finsterniß des Wahnsinns rasen! + Und ist dein Wille, da du hier mich bargst, + Nunmehr vollendet, willst du mir durch ihn + Und ihm durch mich die sel'ge Hülfe geben; + So lös' ihn von den Banden jenes Fluchs, + Daß nicht die theure Zeit der Rettung schwinde. + + Pylades. + Erkennst du uns und diesen heil'gen Hain + Und dieses Licht, das nicht den Todten leuchtet? + Fühlst du den Arm des Freundes und der Schwester, + Die dich noch fest, noch lebend halten? Faß + Uns kräftig an; wir sind nicht leere Schatten. + Merk' auf mein Wort! Vernimm es! Raffe dich + Zusammen! Jeder Augenblick ist theuer, + Und unsre Rückkehr hängt an zarten Fäden, + Die, scheint es, eine günst'ge Parze spinnt. + + Orest (zu Iphigenien). + Laß mich zum Erstenmal mit freiem Herzen + In deinen Armen reine Freude haben! + Ihr Götter, die mit flammender Gewalt + Ihr schwere Wolken aufzuzehren wandelt, + Und gnädig-ernst den lang erflehten Regen + Mit Donnerstimmen und mit Windesbrausen + In wilden Strömen auf die Erde schüttet, + Doch bald der Menschen grausendes Erwarten + In Segen auflös't und das bange Staunen + In Freudeblick und lauten Dank verwandelt, + Wenn in den Tropfen frischerquickter Blätter + Die neue Sonne tausendfach sich spiegelt, + Und Iris freundlich bunt mit leichter Hand + Den grauen Flor der letzten Wolken trennt; + O laßt mich auch in meiner Schwester Armen, + An meines Freundes Brust, was ihr mir gönnt + Mit vollem Dank genießen und behalten. + Es löset sich der Fluch, mir sagt's das Herz. + Die Eumeniden ziehn, ich höre sie, + Zum Tartarus und schlagen hinter sich + Die ehrnen Thore fernabdonnernd zu. + Die Erde dampft erquickenden Geruch + Und ladet mich auf ihren Flächen ein, + Nach Lebensfreud' und großer That zu jagen. + + Pylades. + Versäumt die Zeit nicht, die gemessen ist! + Der Wind der unsre Segel schwellt, er bringe + Erst unsre volle Freude zum Olymp. + Kommt! Es bedarf hier schnellen Rath und Schluß. + + + + Vierter Aufzug. + + + Erster Auftritt. + + Iphigenie. + Denken die Himmlischen + Einem der Erdgebornen + Viele Verwirrungen zu, + Und bereiten sie ihm + Von der Freude zu Schmerzen + Und von Schmerzen zur Freude + Tief-erschütternden Übergang; + Dann erziehen sie ihm + In der Nähe der Stadt, + Oder am fernen Gestade, + Daß in Stunden der Noth + Auch die Hülfe bereit sei, + Einen ruhigen Freund. + O segnet, Götter, unsern Pylades + Und was er immer unternehmen mag! + Er ist der Arm des Jünglings in der Schlacht, + Des Greises leuchtend Aug' in der Versammlung: + Denn seine Seel' ist stille; sie bewahrt + Der Ruhe heil'ges unerschöpftes Gut, + Und den Umhergetriebnen reichet er + Aus ihren Tiefen Rath und Hülfe. Mich + Riß er vom Bruder los; den staunt' ich an + Und immer wieder an, und konnte mir + Das Glück nicht eigen machen, ließ ihn nicht + Aus meinen Armen los, und fühlte nicht + Die Nähe der Gefahr die uns umgibt. + Jetzt gehn sie ihren Anschlag auszuführen + Der See zu, wo das Schiff mit den Gefährten + In einer Bucht versteckt auf's Zeichen lauert, + Und haben kluges Wort mir in den Mund + Gegeben, mich gelehrt was ich dem König + Antworte, wenn er sendet und das Opfer + Mir dringender gebietet. Ach! ich sehe wohl, + Ich muß mich leiten lassen wie ein Kind. + Ich habe nicht gelernt zu hinterhalten + Noch jemand etwas abzulisten. Weh! + O weh der Lüge! Sie befreiet nicht, + Wie jedes andre wahrgesprochne Wort, + Die Brust; sie macht uns nicht getrost, sie ängstet + Den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt, + Ein losgedruckter Pfeil, von einem Gotte + Gewendet und versagend, sich zurück + Und trifft den Schützen. Sorg' auf Sorge schwankt + Mir durch die Brust. Es greift die Furie + Vielleicht den Bruder auf dem Boden wieder + Des ungeweihten Ufers grimmig an. + Entdeckt man sie vielleicht? Mich dünkt, ich höre + Gewaffnete sich nahen!--Hier!--Der Bote + Kommt von dem Könige mit schnellem Schritt, + Es schlägt mein Herz, es trübt sich meine Seele, + Da ich des Mannes Angesicht erblicke, + Dem ich mit falschem Wort begegnen soll. + + + Zweiter Auftritt. + + + Iphigenie. Arkas. + + Arkas. + Beschleunige das Opfer, Priesterin! + Der König wartet und es harrt das Volk. + + Iphigenie. + Ich folgte meiner Pflicht und deinem Wink, + Wenn unvermuthet nicht ein Hinderniß + Sich zwischen mich und die Erfüllung stellte. + + Arkas. + Was ist's, das den Befehl des Königs hindert? + + Iphigenie. + Der Zufall, dessen wir nicht Meister sind. + + Arkas. + So sage mir's, daß ich's ihm schnell vermelde: + Denn er beschloß bei sich der beiden Tod. + + Iphigenie. + Die Götter haben ihn noch nicht beschlossen. + Der ält'ste dieser Männer trägt die Schuld + Des nahverwandten Bluts, das er vergoß. + Die Furien verfolgen seinen Pfad, + Ja in dem innern Tempel faßte selbst + Das Übel ihn, und seine Gegenwart + Entheiligte die reine Stätte. Nun + Eil' ich mit meinen Jungfraun, an dem Meere + Der Göttin Bild mit frischer Welle netzend, + Geheimnißvolle Weihe zu begehn. + Es störe niemand unsern stillen Zug! + + Arkas. + Ich melde dieses neue Hinderniß + Dem Könige geschwind; beginne du + Das heil'ge Werk nicht eh' bis er's erlaubt. + + Iphigenie. + Dieß ist allein der Priestrin überlassen. + + Arkas. + Solch seltnen Fall soll auch der König wissen. + + Iphigenie. + Sein Rath wie sein Befehl verändert nichts. + + Arkas. + Oft wird der Mächtige zum Schein gefragt. + + Iphigenie. + Erdringe nicht, was ich versagen sollte. + + Arkas. + Versage nicht, was gut und nützlich ist. + + Iphigenie. + Ich gebe nach, wenn du nicht säumen willst. + + Arkas. + Schnell bin ich mit der Nachricht in dem Lager, + Und schnell mit seinen Worten hier zurück. + O könnt' ich ihm noch eine Botschaft bringen, + Die alles lös'te, was uns jetzt verwirrt: + Denn du hast nicht des Treuen Rath geachtet. + + Iphigenie. + Was ich vermochte, hab' ich gern gethan. + + Arkas. + Noch änderst du den Sinn zur rechten Zeit. + + Iphigenie. + Das steht nun einmal nicht in unsrer Macht. + + Arkas. + Du hältst unmöglich, was dir Mühe kostet. + + Iphigenie. + Dir scheint es möglich, weil der Wunsch dich trügt. + + Arkas. + Willst du denn alles so gelassen wagen? + + Iphigenie. + Ich hab' es in der Götter Hand gelegt. + + Arkas. + Sie pflegen Menschen menschlich zu erretten. + + Iphigenie. + Auf ihren Fingerzeig kömmt alles an. + + Arkas. + Ich sage dir, es liegt in deiner Hand. + Des Königs aufgebrachter Sinn allein + Bereitet diesen Fremden bittern Tod. + Das Heer entwöhnte längst vom harten Opfer + Und von dem blut'gen Dienste sein Gemüth. + Ja, mancher, den ein widriges Geschick + An fremdes Ufer trug, empfand es selbst, + Wie göttergleich dem armen Irrenden, + Umhergetrieben an der fremden Gränze, + Ein freundlich Menschenangesicht begegnet. + O wende nicht von uns was du vermagst! + Du endest leicht was du begonnen hast: + Denn nirgends baut die Milde, die herab + In menschlicher Gestalt vom Himmel kommt, + Ein Reich sich schneller, als wo trüb und wild + Ein neues Volk, voll Leben, Muth und Kraft, + Sich selbst und banger Ahnung überlassen, + Des Menschenlebens schwere Bürden trägt. + + Iphigenie. + Erschüttre meine Seele nicht, die du + Nach deinem Willen nicht bewegen kannst. + + Arkas. + So lang es Zeit ist, schont man weder Mühe + Noch eines guten Wortes Wiederholung. + + Iphigenie. + Du machst dir Müh und mir erregst du Schmerzen: + Vergebens beides: darum laß mich nun. + + Arkas. + Die Schmerzen sind's, die ich zu Hülfe rufe: + Denn es sind Freunde, Gutes rathen sie. + + Iphigenie. + Sie fassen meine Seele mit Gewalt, + Doch tilgen sie den Widerwillen nicht. + + Arkas. + Fühlt eine schöne Seele Widerwillen + Für eine Wohlthat, die der Edle reicht? + + Iphigenie. + Ja, wenn der Edle, was sich nicht geziemt, + Statt meines Dankes mich erwerben will. + + Arkas. + Wer keine Neigung fühlt, dem mangelt es + An einem Worte der Entschuld'gung nie. + Dem Fürsten sag' ich an, was hier geschehn. + O wiederholtest du in deiner Seele, + Wie edel er sich gegen dich betrug + Von deiner Ankunft an bis diesen Tag. + + + Dritter Auftritt. + + Iphigenie (allein). + + Von dieses Mannes Rede fühl' ich mir + Zur ungelegnen Zeit das Herz im Busen + Auf einmal umgewendet. Ich erschrecke!-- + Denn wie die Fluth mit schnellen Strömen wachsend + Die Felsen überspült, die in dem Sand + Am Ufer liegen: so bedeckte ganz + Ein Freudenstrom mein Innerstes. Ich hielt + In meinen Armen das Unmögliche. + Es schien sich eine Wolke wieder sanft + Um mich zu legen, von der Erde mich + Empor zu heben und in jenen Schlummer + Mich einzuwiegen, den die gute Göttin + Um meine Schläfe legte, da ihr Arm + Mich rettend faßte.--Meinen Bruder + Ergriff das Herz mit einziger Gewalt: + Ich horchte nur auf seines Freundes Rath; + Nur sie zu retten drang die Seele vorwärts. + Und wie den Klippen einer wüsten Insel + Der Schiffer gern den Rücken wendet: so + Lag Tauris hinter mir. Nun hat die Stimme + Des treuen Manns mich wieder aufgeweckt, + Daß ich auch Menschen hier verlasse, mich + Erinnert. Doppelt wird mir der Betrug + Verhaßt. O bleibe ruhig, meine Seele! + Beginnst du nun zu schwanken und zu zweifeln? + Den festen Boden deiner Einsamkeit + Mußt du verlassen! Wieder eingeschifft + Ergreifen dich die Wellen schaukelnd, trüb + Und bang verkennest du die Welt und dich. + + + Vierter Auftritt. + + Iphigenie. Pylades. + + Pylades. + Wo ist sie? daß ich ihr mit schnellen Worten + Die frohe Botschaft unsrer Rettung bringe! + + Iphigenie. + Du siehst mich hier voll Sorgen und Erwartung + Des sichern Trostes, den du mir versprichst. + + Pylades. + Dein Bruder ist geheilt! Den Felsenboden + Des ungeweihten Ufers und den Sand + Betraten wir mit fröhlichen Gesprächen; + Der Hain blieb hinter uns, wir merkten's nicht. + Und herrlicher und immer herrlicher + Umloderte der Jugend schöne Flamme + Sein lockig Haupt; sein volles Auge glühte + Von Muth und Hoffnung, und sein freies Herz + Ergab sich ganz der Freude, ganz der Lust, + Dich, seine Retterin, und mich zu retten. + + Iphigenie. + Gesegnet seist du, und es möge nie + Von deiner Lippe, die so Gutes sprach, + Der Ton des Leidens und der Klage tönen! + + Pylades. + Ich bringe mehr als das; denn schön begleitet, + Gleich einem Fürsten, pflegt das Glück zu nahn. + Auch die Gefährten haben wir gefunden. + In einer Felsenbucht verbargen sie + Das Schiff und saßen traurig und erwartend. + Sie sahen deinen Bruder, und es regten + Sich alle jauchzend, und sie baten dringend + Der Abfahrt Stunde zu beschleunigen. + Es sehnet jede Faust sich nach dem Ruder, + Und selbst ein Wind erhob vom Lande lispelnd, + Von allen gleich bemerkt, die holden Schwingen. + Drum laß uns eilen, führe mich zum Tempel, + Laß mich das Heiligthum betreten, laß + Mich unsrer Wünsche Ziel verehrend fassen. + Ich bin allein genug, der Göttin Bild + Auf wohl geübten Schultern wegzutragen; + Wie sehn' ich mich nach der erwünschten Last! + + (Er geht gegen den Tempel unter den letzten Worten, + ohne zu bemerken, daß Iphigenie nicht folgt; endlich + kehrt er sich um.) + + Du stehst und zauderst--Sage mir--Du schweigst! + Du scheinst verworren! Widersetzet sich + Ein neues Unheil unserm Glück? Sag' an! + Hast du dem Könige das kluge Wort + Vermelden lassen, das wir abgeredet? + + Iphigenie. + Ich habe, theurer Mann; doch wirst du schelten. + Ein schweigender Verweis war mir dein Anblick. + Des Königs Bote kam, und wie du es + Mir in den Mund gelegt, so sagt' ich's ihm. + Er schien zu staunen, und verlangte dringend + Die seltne Feier erst dem Könige + Zu melden, seinen Willen zu vernehmen; + Und nun erwart' ich seine Wiederkehr. + + Pylades. + Weh uns! Erneuert schwebt nun die Gefahr + Um unsre Schläfe! Warum hast du nicht + In's Priesterrecht dich weislich eingehüllt? + + Iphigenie. + Als eine Hülle hab' ich's nie gebraucht. + + Pylades. + So wirst du, reine Seele, dich und uns + Zu Grunde richten. Warum dacht' ich nicht + Auf diesen Fall voraus, und lehrte dich + Auch dieser Fordrung auszuweichen! + + Iphigenie. + Schilt + Nur mich, die Schuld ist mein, ich fühl' es wohl; + Doch konnt' ich anders nicht dem Mann begegnen, + Der mit Vernunft und Ernst von mir verlangte, + Was ihm mein Herz als Recht gestehen mußte. + + Pylades. + Gefährlicher zieht sich's zusammen; doch auch so + Laß uns nicht zagen, oder unbesonnen + Und übereilt uns selbst verrathen. Ruhig + Erwarte du die Wiederkunft des Boten, + Und dann steh fest, er bringe was er will: + Denn solcher Weihung Feier anzuordnen + Gehört der Priesterin und nicht dem König. + Und fordert er den fremden Mann zu sehn, + Der von dem Wahnsinn schwer belastet ist; + So lehn' es ab, als hieltest du uns beide + Im Tempel wohl verwahrt. So schaff' uns Luft, + Daß wir auf's eiligste, den heil'gen Schatz + Dem rauh unwürd'gen Volk entwendend, fliehn. + Die besten Zeichen sendet uns Apoll, + Und, eh' wir die Bedingung fromm erfüllen, + Erfüllt er göttlich sein Versprechen schon. + Orest ist frei, geheilt!--Mit dem Befreiten + O führet uns hinüber, günst'ge Winde, + Zur Felsen-Insel die der Gott bewohnt; + Dann nach Mycen, daß es lebendig werde, + Daß von der Asche des verloschnen Herdes + Die Vatergötter fröhlich sich erheben, + Und schönes Feuer ihre Wohnungen + Umleuchte! Deine Hand soll ihnen Weihrauch + Zuerst aus goldnen Schalen streuen. Du + Bringst über jene Schwelle Heil und Leben wieder, + Entsühnst den Fluch und schmückest neu die Deinen + Mit frischen Lebensblüthen herrlich aus. + + Iphigenie. + Vernehm' ich dich, so wendet sich, o Theurer, + Wie sich die Blume nach der Sonne wendet, + Die Seele, von dem Strahle deiner Worte + Getroffen, sich dem süßen Troste nach. + Wie köstlich ist des gegenwärt'gen Freundes + Gewisse Rede, deren Himmelskraft + Ein Einsamer entbehrt und still versinkt. + Denn langsam reift, verschlossen in dem Busen, + Gedank' ihm und Entschluß; die Gegenwart + Des Liebenden entwickelte sie leicht. + + Pylades. + Leb' wohl! Die Freunde will ich nun geschwind + Beruhigen, die sehnlich wartend harren. + Dann komm' ich schnell zurück und lausche hier + Im Felsenbusch versteckt auf deinen Wink-- + Was sinnest du? Auf einmal überschwebt + Ein stiller Trauerzug die freie Stirne. + + Iphigenie. + Verzeih! Wie leichte Wolken vor der Sonne, + So zieht mir vor der Seele leichte Sorge + Und Bangigkeit vorüber. + + Pylades. + Fürchte nicht! + Betrüglich schloß die Furcht mit der Gefahr + Ein enges Bündniß; beide sind Gesellen. + + Iphigenie. + Die Sorge nenn' ich edel, die mich warnt, + Den König, der mein zweiter Vater ward, + Nicht tückisch zu betrügen, zu berauben. + + Pylades. + Der deinen Bruder schlachtet, dem entfliehst du. + + Iphigenie. + Es ist derselbe, der mir Gutes that. + + Pylades. + Das ist nicht Undank, was die Noth gebeut. + + Iphigenie. + Es bleibt wohl Undank; nur die Noth entschuldigt. + + Pylades. + Vor Göttern und vor Menschen dich gewiß. + + Iphigenie. + Allein mein eigen Herz ist nicht befriedigt. + + Pylades. + Zu strenge Fordrung ist verborgner Stolz. + + Iphigenie. + Ich untersuche nicht, ich fühle nur. + + Pylades. + Fühlst du dich recht, so mußt du dich verehren. + + Iphigenie. + Ganz unbefleckt genießt sich nur das Herz. + + Pylades. + So hast du dich im Tempel wohl bewahrt; + Das Leben lehrt uns, weniger mit uns + Und andern strenge sein; du lernst es auch. + So wunderbar ist dieß Geschlecht gebildet, + So vielfach ist's verschlungen und verknüpft, + Daß keiner in sich selbst, noch mit den andern + Sich rein und unverworren halten kann. + Auch sind wir nicht bestellt uns selbst zu richten; + Zu wandeln und auf seinen Weg zu sehen + Ist eines Menschen erste, nächste Pflicht: + Denn selten schätzt er recht was er gethan, + Und was er thut weiß er fast nie zu schätzen. + + Iphigenie. + Fast überred'st du mich zu deiner Meinung. + + Pylades. + Braucht's Überredung, wo die Wahl versagt ist? + Den Bruder, dich, und einen Freund zu retten + Ist nur Ein Weg; fragt sich's ob wir ihn gehen? + + Iphigenie. + O laß mich zaudern! denn du thätest selbst + Ein solches Unrecht keinem Mann gelassen, + Dem du für Wohlthat dich verpflichtet hieltest. + + Pylades. + Wenn wir zu Grunde gehen, wartet dein + Ein härtrer Vorwurf, der Verzweiflung trägt. + Man sieht, du bist nicht an Verlust gewohnt, + Da du dem großen Übel zu entgehen + Ein falsches Wort nicht einmal opfern willst. + + Iphigenie. + O trüg' ich doch ein männlich Herz in mir! + Das, wenn es einen kühnen Vorsatz hegt, + Vor jeder andern Stimme sich verschließt. + + Pylades. + Du weigerst dich umsonst; die ehrne Hand + Der Noth gebietet, und ihr ernster Wink + Ist oberstes Gesetz, dem Götter selbst + Sich unterwerfen müssen. Schweigend herrscht + Des ew'gen Schicksals unberathne Schwester. + Was sie dir auferlegt, das trage: thu' + Was sie gebeut. Das Andre weißt du. Bald + Komm' ich zurück, aus deiner heil'gen Hand + Der Rettung schönes Siegel zu empfangen. + + + Fünfter Auftritt. + + Iphigenie (allein). + Ich muß ihm folgen: denn die Meinigen + Seh' ich in dringender Gefahr. Doch ach! + Mein eigen Schicksal macht mir bang und bänger. + O soll ich nicht die stille Hoffnung retten, + Die in der Einsamkeit ich schön genährt? + Soll dieser Fluch denn ewig walten? Soll + Nie dieß Geschlecht mit einem neuen Segen + Sich wieder heben?--Nimmt doch alles ab! + Das beste Glück, des Lebens schönste Kraft + Ermattet endlich, warum nicht der Fluch? + So hofft' ich denn vergebens, hier verwahrt, + Von meines Hauses Schicksal abgeschieden, + Dereinst mit reiner Hand und reinem Herzen + Die schwer befleckte Wohnung zu entsühnen! + Kaum wird in meinen Armen mir ein Bruder + Vom grimm'gen Übel wundervoll und schnell + Geheilt, kaum naht ein lang erflehtes Schiff, + Mich in den Port der Vaterwelt zu leiten, + So legt die taube Noth ein doppelt Laster + Mit ehrner Hand mir auf: das heilige + Mir anvertraute, viel verehrte Bild + Zu rauben und den Mann zu hintergehn, + Dem ich mein Leben und mein Schicksal danke. + O daß in meinem Busen nicht zuletzt + Ein Widerwille keime! der Titanen + Der alten Götter tiefer Haß auf euch, + Olympier, nicht auch die zarte Brust + Mit Geierklauen fasse! Rettet mich + Und rettet euer Bild in meiner Seele! + + Vor meinen Ohren tönt das alte Lied-- + Vergessen hatt' ich's und vergaß es gern-- + Das Lied der Parzen, das sie grausend sangen, + Als Tantalus vom goldnen Stuhle fiel: + Sie litten mit dem edeln Freunde; grimmig + War ihre Brust, und furchtbar ihr Gesang. + In unsrer Jugend sang's die Amme mir + Und den Geschwistern vor, ich merkt es wohl. + + Es fürchte die Götter + Das Menschengeschlecht! + Sie halten die Herrschaft + In ewigen Händen, + Und können sie brauchen + Wie's ihnen gefällt. + + Der fürchte sie doppelt, + Den je sie erheben! + Auf Klippen und Wolken + Sind Stühle bereitet + Um goldene Tische. + + Erhebet ein Zwist sich: + So stürzen die Gäste + Geschmäht und geschändet + In nächtliche Tiefen, + Und harren vergebens, + Im Finstern gebunden, + Gerechten Gerichtes. + + Sie aber, sie bleiben + In ewigen Festen + An goldenen Tischen. + Sie schreiten vom Berge + Zu Bergen hinüber: + Aus Schlünden der Tiefe + Dampft ihnen der Athem + Erstickter Titanen, + Gleich Opfergerüchen, + Ein leichtes Gewölke. + + Es wenden die Herrscher + Ihr segnendes Auge + Von ganzen Geschlechtern, + Und meiden, im Enkel + Die ehmals geliebten + Still redenden Züge + Des Ahnherrn zu sehn. + + So sangen die Parzen; + Es horcht der Verbannte + In nächtlichen Höhlen + Der Alte die Lieder, + Denkt Kinder und Enkel + Und schüttelt das Haupt. + + + + Fünfter Aufzug. + + + Erster Auftritt. + + Thoas. Arkas. + + Arkas. + Verwirrt muß ich gestehn, daß ich nicht weiß, + Wohin ich meinen Argwohn richten soll. + Sind's die Gefangnen, die auf ihre Flucht + Verstohlen sinnen? Ist's die Priesterin, + Die ihnen hilft? Es mehrt sich das Gerücht: + Das Schiff, das diese beiden hergebracht, + Sei irgend noch in einer Bucht versteckt. + Und jenes Mannes Wahnsinn, diese Weihe, + Der heil'ge Vorwand dieser Zögrung, rufen + Den Argwohn lauter und die Vorsicht auf. + + Thoas. + Es komme schnell die Priesterin herbei! + Dann geht, durchsucht das Ufer scharf und schnell + Vom Vorgebirge bis zum Hain der Göttin. + Verschonet seine heil'gen Tiefen, legt + Bedächt'gen Hinterhalt und greift sie an; + Wo ihr sie findet, faßt sie wie ihr pflegt. + + + Zweiter Auftritt. + + Thoas (allein). + + Entsetzlich wechselt mir der Grimm im Busen; + Erst gegen sie, die ich so heilig hielt; + Dann gegen mich, der ich sie zum Verrath + Durch Nachsicht und durch Güte bildete. + Zur Sklaverei gewöhnt der Mensch sich gut + Und lernet leicht gehorchen, wenn man ihn + Der Freiheit ganz beraubt. Ja, wäre sie + In meiner Ahnherrn rohe Hand gefallen, + Und hätte sie der heil'ge Grimm verschont: + Sie wäre froh gewesen, sich allein + Zu retten, hätte dankbar ihr Geschick + Erkannt und fremdes Blut vor dem Altar + Vergossen, hätte Pflicht genannt + Was Noth war. Nun lockt meine Güte + In ihrer Brust verwegnen Wunsch herauf. + Vergebens hofft' ich, sie mir zu verbinden; + Sie sinnt sich nun ein eigen Schicksal aus. + Durch Schmeichelei gewann sie mir das Herz: + Nun widersteh' ich der; so sucht sie sich + Den Weg durch List und Trug, und meine Güte + Scheint ihr ein alt verjährtes Eigenthum. + + + Dritter Auftritt. + + Iphigenie. Thoas. + + Iphigenie. + Du forderst mich! was bringt dich zu uns her? + + Thoas. + Du schiebst das Opfer auf; sag' an, warum? + + Iphigenie. + Ich hab' an Arkas alles klar erzählt. + + Thoas. + Von dir möcht' ich es weiter noch vernehmen. + + Iphigenie. + Die Göttin gibt dir Frist zur Überlegung. + + Thoas. + Sie scheint dir selbst gelegen, diese Frist. + + Iphigenie. + Wenn dir das Herz zum grausamen Entschluß + Verhärtet ist: so solltest du nicht kommen! + Ein König, der Unmenschliches verlangt, + Find't Diener g'nug, die gegen Gnad' und Lohn + Den halben Fluch der That begierig fassen; + Doch seine Gegenwart bleibt unbefleckt. + Er sinnt den Tod in einer schweren Wolke, + Und seine Boten bringen flammendes + Verderben auf des Armen Haupt hinab; + Er aber schwebt durch seine Höhen ruhig, + Ein unerreichter Gott, im Sturme fort. + + Thoas. + Die heil'ge Lippe tönt ein wildes Lied. + + Iphigenie. + Nicht Priesterin! nur Agamemnons Tochter. + Der Unbekannten Wort verehrtest du; + Der Fürstin willst du rasch gebieten? Nein! + Von Jugend auf hab' ich gelernt gehorchen, + Erst meinen Eltern und dann einer Gottheit, + Und folgsam fühlt' ich immer meine Seele + Am schönsten frei; allein dem harten Worte, + Dem rauhen Ausspruch eines Mannes mich + Zu fügen, lernt' ich weder dort noch hier. + + Thoas. + Ein alt Gesetz, nicht ich, gebietet dir. + + Iphigenie. + Wir fassen ein Gesetz begierig an, + Das unsrer Leidenschaft zur Waffe dient. + Ein andres spricht zu mir, ein älteres, + Mich dir zu widersetzen, das Gebot, + Dem jeder Fremde heilig ist. + + Thoas. + Es scheinen die Gefangnen dir sehr nah + Am Herzen: denn vor Antheil und Bewegung + Vergissest du der Klugheit erstes Wort, + Daß man den Mächtigen nicht reizen soll. + + Iphigenie. + Red' oder schweig' ich, immer kannst du wissen, + Was mir im Herzen ist und immer bleibt. + Lös't die Erinnerung des gleichen Schicksals + Nicht ein verschloss'nes Herz zum Mitleid auf? + Wie mehr denn meins! In ihnen seh' ich mich. + Ich habe vor'm Altare selbst gezittert, + Und feierlich umgab der frühe Tod + Die Knieende; das Messer zuckte schon, + Den lebenvollen Busen zu durchbohren; + Mein Innerstes entsetzte wirbelnd sich, + Mein Auge brach, und--ich fand mich gerettet. + Sind wir, was Götter gnädig uns gewährt, + Unglücklichen nicht zu erstatten schuldig? + Du weißt es, kennst mich, und du willst mich zwingen! + + Thoas. + Gehorche deinem Dienste, nicht dem Herrn. + + Iphigenie. + Laß ab! Beschönige nicht die Gewalt, + Die sich der Schwachheit eines Weibes freut. + Ich bin so frei geboren als ein Mann. + Stünd' Agamemnons Sohn dir gegenüber, + Und du verlangtest was sich nicht gebührt: + So hat auch Er ein Schwert und einen Arm, + Die Rechte seines Busens zu verteid'gen. + Ich habe nichts als Worte, und es ziemt + Dem edeln Mann, der Frauen Wort zu achten. + + Thoas. + Ich acht' es mehr als eines Bruders Schwert. + + Iphigenie. + Das Loos der Waffen wechselt hin und her: + Kein kluger Streiter hält den Feind gering. + Auch ohne Hülfe gegen Trutz und Härte + Hat die Natur den Schwachen nicht gelassen. + Sie gab zur List ihm Freude, lehrt' ihn Künste; + Bald weicht er aus, verspätet und umgeht. + Ja, der Gewaltige verdient, daß man sie übt. + + Thoas. + Die Vorsicht stellt der List sich klug entgegen. + + Iphigenie. + Und eine reine Seele braucht sie nicht. + + Thoas. + Sprich unbehutsam nicht dein eigen Urtheil. + + Iphigenie. + O sähest du wie meine Seele kämpft, + Ein bös Geschick, das sie ergreifen will, + Im ersten Anfall muthig abzutreiben! + So steh' ich denn hier wehrlos gegen dich? + Die schöne Bitte, den anmuth'gen Zweig, + In einer Frauen Hand gewaltiger + Als Schwert und Waffe, stößest du zurück: + Was bleibt mir nun, mein Innres zu verteid'gen? + Ruf' ich die Göttin um ein Wunder an? + Ist keine Kraft in meiner Seele Tiefen? + + Thoas. + Es scheint, der beiden Fremden Schicksal macht + Unmäßig dich besorgt. Wer sind sie? sprich, + Für die dein Geist gewaltig sich erhebt? + + Iphigenie. + Sie sind--sie scheinen--für Griechen halt' ich sie. + + Thoas. + Landsleute sind es? und sie haben wohl + Der Rückkehr schönes Bild in dir erneut? + + Iphigenie (nach einigem Stillschweigen). + Hat denn zur unerhörten That der Mann + Allein das Recht? Drückt denn Unmögliches + Nur Er an die gewalt'ge Heldenbrust? + Was nennt man groß? Was hebt die Seele schaudernd + Dem immer wiederholenden Erzähler? + Als was mit unwahrscheinlichem Erfolg + Der Muthigste begann. Der in der Nacht + Allein das Heer des Feindes überschleicht, + Wie unversehen eine Flamme wüthend + Die Schlafenden, Erwachenden ergreift, + Zuletzt gedrängt von den Ermunterten + Auf Feindes Pferden, doch mit Beute kehrt, + Wird der allein gepriesen? der allein, + Der, einen sichern Weg verachtend, kühn + Gebirg' und Wälder durchzustreifen geht, + Daß er von Räubern eine Gegend säubre? + Ist uns nichts übrig? Muß ein zartes Weib + Sich ihres angebornen Rechts entäußern, + Wild gegen Wilde sein, wie Amazonen + Das Recht des Schwerts euch rauben und mit Blute + Die Unterdrückung rächen? Auf und ab + Steigt in der Brust ein kühnes Unternehmen: + Ich werde großem Vorwurf nicht entgehn, + Noch schwerem Übel wenn es mir mißlingt; + Allein Euch leg' ich's auf die Kniee! Wenn + Ihr wahrhaft seid, wie ihr gepriesen werdet; + So zeigt's durch euern Beistand und verherrlicht + Durch mich die Wahrheit!--Ja, vernimm, o König, + Es wird ein heimlicher Betrug geschmiedet; + Vergebens fragst du den Gefangnen nach; + Sie sind hinweg und suchen ihre Freunde, + Die mit dem Schiff am Ufer warten, auf. + Der ält'ste, den das Übel hier ergriffen + Und nun verlassen hat--es ist Orest, + Mein Bruder, und der andre sein Vertrauter, + Sein Jugendfreund, mit Namen Pylades. + Apoll schickt sie von Delphi diesem Ufer + Mit göttlichen Befehlen zu, das Bild + Dianens wegzurauben und zu ihm + Die Schwester hinzubringen, und dafür + Verspricht er dem von Furien Verfolgten, + Des Mutterblutes Schuldigen, Befreiung. + Uns beide hab' ich nun, die Überbliebnen + Von Tantals Haus, in deine Hand gelegt: + Verdirb uns--wenn du darfst. + + Thoas. + Du glaubst, es höre + Der rohe Scythe, der Barbar, die Stimme + Der Wahrheit und der Menschlichkeit, die Atreus, + Der Grieche, nicht vernahm? + + Iphigenie. + Es hört sie jeder, + Geboren unter jedem Himmel, dem + Des Lebens Quelle durch den Busen rein + Und ungehindert fließt.--Was sinnst du mir, + O König, schweigend in der tiefen Seele? + Ist es Verderben? so tödte mich zuerst! + Denn nun empfind' ich, da uns keine Rettung + Mehr übrig bleibt, die gräßliche Gefahr, + Worein ich die Geliebten übereilt + Vorsetzlich stürzte. Weh! ich werde sie + Gebunden vor mir sehn! Mit welchen Blicken + Kann ich von meinem Bruder Abschied nehmen, + Den ich ermorde? Nimmer kann ich ihm + Mehr in die vielgeliebten Augen schaun! + + Thoas. + So haben die Betrüger künstlich-dichtend + Der lang Verschloss'nen, ihre Wünsche leicht + Und willig Glaubenden, ein solch Gespinnst + Um's Haupt geworfen! + + Iphigenie. + Nein! o König, nein! + Ich könnte hintergangen werden; diese + Sind treu und wahr. Wirst du sie anders finden, + So laß sie fallen und verstoße mich, + Verbanne mich zur Strafe meiner Thorheit + An einer Klippen-Insel traurig Ufer. + Ist aber dieser Mann der lang erflehte, + Geliebte Bruder: so entlaß uns, sei + Auch den Geschwistern wie der Schwester freundlich! + Mein Vater fiel durch seiner Frauen Schuld, + Und sie durch ihren Sohn. Die letzte Hoffnung + Von Atreus Stamme ruht auf ihm allein. + Laß mich mit reinem Herzen, reiner Hand, + Hinübergehn und unser Haus entsühnen. + Du hältst mir Wort!--Wenn zu den Meinen je + Mir Rückkehr zubereitet wäre, schwurst + Du mich zu lassen; und sie ist es nun. + Ein König sagt nicht, wie gemeine Menschen, + Verlegen zu, daß er den Bittenden + Auf einen Augenblick entferne; noch + Verspricht er auf den Fall, den er nicht hofft: + Dann fühlt er erst die Höhe seiner Würde, + Wenn er den Harrenden beglücken kann. + + Thoas. + Unwillig, wie sich Feuer gegen Wasser + Im Kampfe wehrt und gischend seinen Feind + Zu Tilgen sucht, so wehret sich der Zorn + In meinem Busen gegen deine Worte. + + Iphigenie. + O laß die Gnade, wie das heil'ge Licht + Der stillen Opferflamme, mir, umkränzt + Von Lobgesang und Dank und Freude, lodern. + + Thoas. + Wie oft besänftigte mich diese Stimme! + + Iphigenie. + O reiche mir die Hand zum Friedenszeichen. + + Thoas. + Du forderst viel in einer kurzen Zeit. + + Iphigenie. + Um Gut's zu thun braucht's keiner Überlegung. + + Thoas. + Sehr viel! denn auch dem Guten folgt das Übel. + + Iphigenie. + Der Zweifel ist's, der Gutes böse macht. + Bedenke nicht; gewähre, wie du's fühlst. + + + Vierter Auftritt. + + Orest (gewaffnet). Die Vorigen. + + Orest (nach der Scene gekehrt). + Verdoppelt eure Kräfte! Haltet sie + Zurück! nur wenig Augenblicke! Weicht + Der Menge nicht, und deckt den Weg zum Schiffe + Mir und der Schwester. + (Zu Iphigenien ohne den König zu sehen.) + Komm, wir sind verrathen. + Geringer Raum bleibt uns zur Flucht. Geschwind! + (Er erblickt den König.) + + Thoas (nach dem Schwerte greifend). + In meiner Gegenwart führt ungestraft + Kein Mann das nackte Schwert. + + Iphigenie. + Entheiliget + Der Göttin Wohnung nicht durch Wuth und Mord. + Gebietet euerm Volke Stillstand, höret + Die Priesterin, die Schwester. + + Orest. + Sage mir! + Wer ist es, der uns droht? + + Iphigenie. + Verehr' in ihm + Den König, der mein zweiter Vater ward! + Verzeih mir, Bruder! doch mein kindlich Herz + Hat unser ganz Geschick in seine Hand + Gelegt. Gestanden hab' ich euern Anschlag + Und meine Seele vom Verrath gerettet. + + Orest. + Will er die Rückkehr friedlich uns gewähren? + + Iphigenie. + Dein blinkend Schwert verbietet mir die Antwort. + + Orest (der das Schwert einsteckt). + So sprich! Du siehst, ich horche deinen Worten. + + + Fünfter Auftritt. + + Die Vorigen. Pylades. (Bald nach ihm) Arkas. + + (Beide mit bloßen Schwertern.) + + Pylades. + Verweilet nicht! Die letzte Kräfte raffen + Die Unsrigen zusammen; weichend werden + Sie nach der See langsam zurückgedrängt. + Welch ein Gespräch der Fürsten find' ich hier! + Dieß ist des Königes verehrtes Haupt! + + Arkas. + Gelassen, wie es dir, o König, ziemt, + Stehst du den Feinden gegenüber. Gleich + Ist die Verwegenheit bestraft; es weicht + Und fällt ihr Anhang, und ihr Schiff ist unser. + Ein Wort von dir, so steht's in Flammen. + + Thoas. + Geh! + Gebiete Stillstand meinem Volke! keiner + Beschädige den Feind, so lang wir reden. + (Arkas ab.) + + Orest. + Ich nehm' es an. Geh, sammle, treuer Freund, + Den Rest des Volkes; harret still, welch Ende + Die Götter unsern Thaten zubereiten. + (Pylades ab.) + + + Sechster Auftritt. + + Iphigenie. Thoas. Orest. + + Iphigenie. + Befreit von Sorge mich, eh' ihr zu sprechen + Beginnet. Ich befürchte bösen Zwist, + Wenn du, o König, nicht der Billigkeit + Gelinde Stimme hörest; du, mein Bruder, + Der raschen Jugend nicht gebieten willst. + + Thoas. + Ich halte meinen Zorn, wie es dem Ältern + Geziemt, zurück. Antworte mir! Womit + Bezeugst du, daß du Agamemnons Sohn + Und Dieser Bruder bist? + + Orest. + Hier ist das Schwert, + Mit dem er Troja's tapfre Männer schlug. + Dies nahm ich seinem Mörder ab und bat + Die Himmlischen, den Mut und Arm, das Glück + Des großen Königes mir zu verleihn, + Und einen schönern Tod mir zu gewähren. + Wähl' einen aus den Edeln deines Heers + Und stelle mir den Besten gegenüber. + So weit die Erde Heldensöhne nährt, + Ist keinem Fremdling dies Gesuch verweigert. + + Thoas. + Dies Vorrecht hat die alte Sitte nie + Dem Fremden hier gestattet. + + Orest. + So beginne + Die neue Sitte denn von dir und mir! + Nachahmend heiliget ein ganzes Volk + Die edle That der Herrscher zum Gesetz. + Und laß mich nicht allein für unsre Freiheit, + Laß mich, den Fremden, für die Fremden kämpfen. + Fall ich, so ist ihr Urtheil mit dem meinen + Gesprochen; aber gönnet mir das Glück, + Zu überwinden, so betrete nie + Ein Mann dies Ufer, dem der schnelle Blick + Hülfreicher Liebe nicht begegnet, und + Getröstet scheide jeglicher hinweg! + + Thoas. + Nicht unwerth scheinest du, o Jüngling, mir + Der Ahnherrn, deren du dich rühmst, zu sein. + Groß ist die Zahl der edeln, tapfern Männer, + Die mich begleiten; doch ich stehe selbst + In meinen Jahren noch dem Feinde, bin + Bereit, mit dir der Waffen Loos zu wagen. + + Iphigenie. + Mit nichten! Dieses blutigen Beweises + Bedarf es nicht, o König! Laßt die Hand + Vom Schwerte! Denkt an mich und mein Geschick. + Der rasche Kampf verewigt einen Mann: + Er falle gleich, so preiset ihn das Lied. + Allein die Thränen, die unendlichen + Der überbliebnen, der verlass'nen Frau + Zählt keine Nachwelt, und der Dichter schweigt + Von tausend durchgeweinten Tag- und Nächten, + Wo eine stille Seele den verlornen, + Rasch abgeschiednen Freund vergebens sich + Zurückzurufen bangt und sich verzehrt. + Mich selbst hat eine Sorge gleich gewarnt, + Daß der Betrug nicht eines Räubers mich + Vom sichern Schutzort reiße, mich der Knechtschaft + Verrathe. Fleißig hab ich sie befragt, + Nach jedem Umstand mich erkundigt, Zeichen + Gefordert, und gewiß ist nun mein Herz. + Sieh hier an seiner rechten Hand das Mahl + Wie von drei Sternen, das am Tage schon, + Da er geboren ward, sich zeigte, das + Auf schwere That, mit dieser Faust zu üben, + Der Priester deutete. Dann überzeugt + Mich doppelt diese Schramme, die ihm hier + Die Augenbraune spaltet. Als ein Kind + Ließ ihn Elektra, rasch und unvorsichtig + Nach ihrer Art, aus ihren Armen stürzen. + Er schlug auf einen Dreifuß auf--Er ist's-- + Soll ich dir noch die Ähnlichkeit des Vaters, + Soll ich das innre Jauchzen meines Herzens + Dir auch als Zeugen der Versichrung nennen? + + Thoas. + Und hübe deine Rede jeden Zweifel + Und bändigt' ich den Zorn in meiner Brust: + So würden doch die Waffen zwischen uns + Entscheiden müssen; Frieden seh' ich nicht. + Sie sind gekommen, du bekennest selbst, + Das heil'ge Bild der Göttin mir zu rauben. + Glaubt ihr, ich sehe dies gelassen an? + Der Grieche wendet oft sein lüstern Auge + Den fernen Schätzen der Barbaren zu, + Dem goldnen Felle, Pferden, schönen Töchtern; + Doch führte sie Gewalt und List nicht immer + Mit den erlangten Gütern glücklich heim. + + Orest. + Das Bild, o König, soll uns nicht entzweien! + Jetzt kennen wir den Irrthum, den ein Gott + Wie einen Schleier um das Haupt uns legte, + Da er den Weg hierher uns wandern hieß. + Um Rath und um Befreiung bat ich ihn + Von dem Geleit der Furien; er sprach: + "Bringst du die Schwester, die an Tauris Ufer + Im Heiligthume wider Willen bleibt, + Nach Griechenland, so löset sich der Fluch." + Wir legten's von Apollens Schwester aus, + Und er gedachte dich! Die strengen Bande + Sind nun gelös't; du bist den Deinen wieder, + Du Heilige, geschenkt. Von dir berührt, + War ich geheilt; in deinen Armen faßte + Das Übel mich mit allen seinen Klauen + Zum letztenmal und schüttelte das Mark + Entsetzlich mir zusammen; dann entfloh's + Wie eine Schlange zu der Höhle. Neu + Genieß ich nun durch dich das weite Licht + Des Tages. Schön und herrlich zeigt sich mir + Der Göttin Rath. Gleich einem heil'gen Bilde, + Daran der Stadt unwandelbar Geschick + Durch ein geheimes Götterwort gebannt ist, + Nahm sie dich weg, dich Schützerin des Hauses; + Bewahrte dich in einer heil'gen Stille + Zum Segen deines Bruders und der Deinen. + Da alle Rettung auf der weiten Erde + Verloren schien, gibst du uns alles wieder. + Laß deine Seele sich zum Frieden wenden, + O König! Hindre nicht, daß sie die Weihe + Des väterlichen Hauses nun vollbringe, + Mich der entsühnten Halle wiedergebe, + Mir auf das Haupt die alte Krone drücke! + Vergilt den Segen, den sie dir gebracht, + Und laß des nähern Rechtes mich genießen! + Gewalt und List, der Männer höchster Ruhm, + Wird durch die Wahrheit dieser hohen Seele + Beschämt, und reines kindliches Vertrauen + Zu einem edeln Manne wird belohnt. + + Iphigenie. + Denk' an dein Wort, und laß durch diese Rede + Aus einem g'raden, treuen Munde dich + Bewegen! Sieh uns an! Du hast nicht oft + Zu solcher edeln That Gelegenheit. + Versagen kannst du's nicht; gewähr' es bald! + + Thoas. + So geht! + + Iphigenie. + Nicht so, mein König! Ohne Segen, + In Widerwillen scheid' ich nicht von dir. + Verbann' uns nicht! Ein freundlich Gastrecht walte + Von dir zu uns: so sind wir nicht auf ewig + Getrennt und abgeschieden. Werth und theuer, + Wie mir mein Vater war, so bist du's mir, + Und dieser Eindruck bleibt in meiner Seele. + Bringt der Geringste deines Volkes je + Den Ton der Stimme mir in's Ohr zurück, + Den ich an euch gewohnt zu hören bin, + Und seh' ich an dem Ärmsten eure Tracht: + Empfangen will ich ihn wie einen Gott, + Ich will ihm selbst ein Lager zubereiten, + Auf einen Stuhl ihn an das Feuer laden, + Und nur nach dir und deinem Schicksal fragen. + O geben dir die Götter deiner Thaten + Und deiner Milde wohlverdienten Lohn! + Leb' wohl! O wende dich zu uns und gib + Ein holdes Wort des Abschieds mir zurück! + Dann schwellt der Wind die Segel sanfter an, + Und Thränen fließen lindernder vom Auge + Des Scheidenden. Leb' wohl! und reiche mir + Zum Pfand der alten Freundschaft deine Rechte. + + Thoas. + Lebt wohl! + + + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Iphigenie auf Tauris, by Johann Wolfgang von Goethe + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IPHIGENIE AUF TAURIS *** + +***** This file should be named 2054-8.txt or 2054-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/0/5/2054/ + +Produced by Michael Pullen. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..bb17499 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #2054 (https://www.gutenberg.org/ebooks/2054) diff --git a/old/iphgn09.txt b/old/iphgn09.txt new file mode 100644 index 0000000..3c62ae1 --- /dev/null +++ b/old/iphgn09.txt @@ -0,0 +1,3275 @@ +Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe +#4 in our series by Johann Wolfgang von Goethe + +Labelled version iphgn09.txt and .zip, as we need some practice. + + +Copyright laws are changing all over the world, be sure to check +the copyright laws for your country before posting these files!! + +Please take a look at the important information in this header. +We encourage you to keep this file on your own disk, keeping an +electronic path open for the next readers. Do not remove this. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**Etexts Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*These Etexts Prepared By Hundreds of Volunteers and Donations* + +Information on contacting Project Gutenberg to get Etexts, and +further information is included below. We need your donations. + + +Iphigenie auf Tauris +Ein Schauspiel + +Johann Wolfgang von Goethe + +January, 2000 [Etext #2054] + + +Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe +*****This file should be named iphgn09.txt or iphgn09.zip****** + +Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, iphgn10.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, iphgn11a.txt + + +This Project Gutenberg Etext was prepared by Michael Pullen +Globaltraveler5565@yahoo.com + +Project Gutenberg Etexts are usually created from multiple editions, +all of which are in the Public Domain in the United States, unless a +copyright notice is included. Therefore, we usually do NOT keep any +of these books in compliance with any particular paper edition. + + +We are now trying to release all our books one month in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. + +Please note: neither this list nor its contents are final till +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. To be sure you have an +up to date first edition [xxxxx10x.xxx] please check file sizes +in the first week of the next month. Since our ftp program has +a bug in it that scrambles the date [tried to fix and failed] a +look at the file size will have to do, but we will try to see a +new copy has at least one byte more or less. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. This +projected audience is one hundred million readers. If our value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour this year as we release thirty-six text +files per month, or 432 more Etexts in 1999 for a total of 2000+ +If these reach just 10% of the computerized population, then the +total should reach over 200 billion Etexts given away this year. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext +Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion] +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only ~5% of the present number of computer users. + +At our revised rates of production, we will reach only one-third +of that goal by the end of 2001, or about 3,333 Etexts unless we +manage to get some real funding; currently our funding is mostly +from Michael Hart's salary at Carnegie-Mellon University, and an +assortment of sporadic gifts; this salary is only good for a few +more years, so we are looking for something to replace it, as we +don't want Project Gutenberg to be so dependent on one person. + +We need your donations more than ever! + + +All donations should be made to "Project Gutenberg/CMU": and are +tax deductible to the extent allowable by law. (CMU = Carnegie- +Mellon University). + +For these and other matters, please mail to: + +Project Gutenberg +P. O. Box 2782 +Champaign, IL 61825 + +When all other email fails. . .try our Executive Director: +Michael S. Hart <hart@pobox.com> +hart@pobox.com forwards to hart@prairienet.org and archive.org +if your mail bounces from archive.org, I will still see it, if +it bounces from prairienet.org, better resend later on. . . . + +We would prefer to send you this information by email. + +****** + +To access Project Gutenberg etexts, use any Web browser +to view http://promo.net/pg. This site lists Etexts by +author and by title, and includes information about how +to get involved with Project Gutenberg. You could also +download our past Newsletters, or subscribe here. This +is one of our major sites, please email hart@pobox.com, +for a more complete list of our various sites. + +To go directly to the etext collections, use FTP or any +Web browser to visit a Project Gutenberg mirror (mirror +sites are available on 7 continents; mirrors are listed +at http://promo.net/pg). + +Mac users, do NOT point and click, typing works better. + +Example FTP session: + +ftp sunsite.unc.edu +login: anonymous +password: your@login +cd pub/docs/books/gutenberg +cd etext90 through etext99 +dir [to see files] +get or mget [to get files. . .set bin for zip files] +GET GUTINDEX.?? [to get a year's listing of books, e.g., GUTINDEX.99] +GET GUTINDEX.ALL [to get a listing of ALL books] + +*** + +**Information prepared by the Project Gutenberg legal advisor** + +(Three Pages) + + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? 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FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS*Ver.04.29.93*END* + + + + + +This Project Gutenberg Etext was prepared by Michael Pullen +Globaltraveler5565@yahoo.com + + + + + +Iphigenie auf Tauris +Ein Schauspiel + +Johann Wolfgang von Goethe + +Personen: + +Iphigenie. +Thoas, König der Taurier. +Orest. +Pylades. +Arkas. +-- +Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel + + + +Erster Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Iphigenie. +Heraus in eure Schatten, rege Wipfel +Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines, +Wie in der Göttin stilles Heiligthum +Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl, +Als wenn ich sie zum erstenmal beträte, +Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher. +So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen +Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe; +Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd. +Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten, +Und an dem Ufer steh' ich lange Tage +Das Land der Griechen mit der Seele suchend; +Und gegen meine Seufzer bringt die Welle +Nur dumpfe Töne brausend mir herüber. +Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern +Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram +Das nächste Glück vor seinen Lippen weg, +Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken +Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne +Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo +Sich Mitgeborne spielend fest und fester +Mit sanften Banden an einander knüpften, +Ich rechte mit den Göttern nicht; allein +Der Frauen Zustand ist beklagenswerth. +Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann +Und in der Fremde weiß er sich zu helfen. +Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg! +Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet. +Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück! +Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen, +Ist Pflicht und Troft; wie elend, wenn sie gar +Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt! +So hält mich Thoas hier, ein edler Mann, +In ernsten, heil'gen Sklavenbanden fest. +O wie beschämt gesteh' ich, daß ich dir +Mit stillem Widerwillen diene, Göttin, +Dir meiner Retterin! Mein Leben sollte +Zu freiem Dienste dir gewidmet sein. +Auch hab' ich stets auf dich gehofft und hoffe +Noch jetzt auf dich, Diana, die du mich, +Des größten Königes verstoßne Tochter, +In deinen heil'gen sanften Arm genommen. +Ja. Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann, +Den du, die Tochter fordernd, ängstigtest, +Wenn du den göttergleichen Agamemnon, +Der dir sein Liebstes zum Altare brachte, +Von Troja's umgewandten Mauern rühmlich +Nach seinem Vaterland zurück begleitet, +Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn, +Die schönen Schätze, wohl erhalten hast; +So gib auch mich den Meinen endlich wieder, +Und rette mich, die du vom Tod errettet, +Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode! + + +Zweiter Auftritt. + +Iphigenie. Arkas. + + +Arkas. +Der König sendet mich hierher und beut +Der Priesterin Dianens Gruß und Heil. +Dieß ist der Tag, da Tauris seiner Göttin +Für wunderbare neue Siege dankt. +Ich eile vor dem König und dem Heer, +Zu melden, daß er kommt und daß es naht. + +Iphigenie. +Wir sind bereit sie würdig zu empfangen, +Und unsre Göttin sieht willkommnem Opfer +Von Thoas Hand mit Gnadenblick entgegen. + +Arkas. +O fänd' ich auch den Blick der Priesterin, +Der werthen, vielgeehrten, deinen Blick, +O, heil'ge Jungfrau, heller, leuchtender, +Uns allen gutes Zeichen! Noch bedeckt +Der Gram geheimnisvoll dein Innerstes; +Vergebens harren wir schon Jahre lang +Auf ein vertraulich Wort aus deiner Brust. +So lang ich dich an dieser Stätte kenne, +Ist dieß der Blick, vor dem ich immer schaudre; +Und wie mit Eisenbanden bleibt die Seele +In's Innerste des Busens dir geschmiedet. + +Iphigenie. +Wie's der Vertriebnen, der Verwaif'ten ziemt. + +Arkas. +Scheinst du dir hier vertrieben und verwaif't? + +Iphigenie. +Kann uns zum Vaterland die Fremde werden? + +Arkas. +Und dir ist fremd das Vaterland geworden. + +Iphigenie. +Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt +In erster Jugend, da sich kaum die Seele +An Vater, Mutter und Geschwister band; +Die neuen Schößlinge, gesellt und lieblich, +Vom Fuß der alten Stämme himmelwärts +Zu dringen strebten; leider faßte da +Ein fremder Fluch mich an und trennte mich +Von den Geliebten, riß das schöne Band +Mit ehrner Faust entzwei. Sie war dahin, +Der Jugend beste Freude, das Gedeihn +Der ersten Jahre. Selbst gerettet, war +Ich nur ein Schatten mir, und frische Luft +Des Lebens Blüht in mir nicht wieder auf. + +Arkas. +Wenn du dich so unglücklich nennen willst, +So darf ich dich auch wohl undankbar nennen. + +Iphigenie. +Dank habt ihr stets. + +Arkas. + Doch nicht den reinen Dank, +Um dessentwillen man die Wohlthat thut; +Den frohen Blick, der ein zufriednes Leben +Und ein geneigtes Herz dem Wirthe zeigt. +Als dich ein tief geheimnißvolles Schicksal +Vor so viel Jahren diesem Tempel brachte, +Kam Thoas dir, als einer Gottgegebnen, +Mit Ehrfurcht und mit Neigung zu begegnen, +Und dieses Ufer ward dir hold und freundlich, +Das jedem Fremden sonst voll Grausens war, +Weil niemand unser Reich vor dir betrat, +Der an Dianens heil'gen Stufen nicht, +Nach altem Brauch, ein blutig Opfer, fiel. + +Iphigenie. +Frei athmen macht das Leben nicht allein. +Welch Leben ist's das an der heil'gen Stätte, +Gleich einem Schatten um sein eigen Grab. +Ich nur vertrauern muß? Und nenn' ich das +Ein fröhlich selbstbewußtes Leben, wenn +Uns jeder Tag, vergebens hingeträumt, +Zu jenen grauen Tagen vorbereitet, +Die an dem Ufer Lethe's selbstvergessend, +Die Trauerschaar der Abgeschiednen feiert? +Ein unnütz Leben ist ein früher Tod; +Dieß Frauenschicksal ist vor allen meines. + +Arkas. +Den edeln Stolz daß du dir selbst nicht g'nügest, +Verzeih' ich dir, so sehr ich dich bedaure; +Er raubet den Genuß des Lebens dir. +Du hast hier nichts gethan seit diener Ankunft? +Wer hat des König trüben Sinn erheitert? +Wer hat den alten grausamen Gebrauch, +Daß am Altar Dianens jeder Fremde +Sein Leben blutend läßt, von Jahr zu Jahr, +Mit sanfter Überredung aufgehalten, +Und die Gefangnen vom gewissen Tod +In's Vaterland so oft zurückgeschickt? +Hat nicht Diane, statt erzürnt zu sein, +Daß sie der blut'gen alten Opfer mangelt, +Dein sanft Gebet in reichem Maß erhört? +Umschwebt mit frohem Fluge nicht der Sieg +Das Herr? und eilt er nicht sogar woraus? +Und fühlt nicht jeglicher ein besser Loos, +Seitdem der König, der uns weis' und tapfer +So lang geführet, nun sich auch der Milde +In deiner Gegenwart erfreut und uns +Des schweigenden Gehorsams Pflicht erleichtert? +Das nennst du unnütz, wenn von deinem Wesen +Auf Tausende herab ein Balsam träufelt? +Wenn du dem Volke, dem ein Gott dich brachte, +Des neuen Glückes ew'ge Quelle wirst, +Und an dem unwirthbaren Todes-Ufer +Dem Fremden Heil und Rückkehr zubereitest? + +Iphigenie. +Das Wenige verschwindet leicht dem Blick, +Der vorwärts sieht, wie viel noch übrig bleibt. + +Arkas. +Doch lobst du den, der was er thut nicht schätzt? + +Iphigenie. +Man tadelt den, der seine Thaten wägt. + +Arkas. +Auch den, der wahren Werth zu stolz nicht achtet, +Wie den, der falschen Werth zu eitel hebt. +Glaub' mir und hör' auf eines Mannes Wort, +Der Treu und redlich dir ergeben ist: +Wenn heut der König mit dir redet, so +Erleichtr' ihm was er dir zu sagen dankt. + +Iphigenie. +Du ängstest mich mit jedem guten Worte; +Oft mich ich seinem Antrag mühsam aus. + +Arkas. +Bedenke was du thust und was dir nützt. +Seitdem der König seinen Sohn verloren, +Vertraut er wenigen der Seinen mehr, +Und diesen wenigen nicht mehr wie sonst. +Mißgünstig sieht er jedes Edeln Sohn +Als seines Reiches Folger an, er fürchtet +Ein einsam hülflos Alter, ja vielleicht +Verwegnen Aufstand und frühzeit'gen Tod. +Der Scythe setzt in's Reden keinen Vorzug, +Am wenigsten der König. Er, der nur +Gewohnt ist zu befehlen und zu thun, +Kennt nicht die Kunst, von weitem ein Gespräch +Nach seiner Absicht langsam sein zu lenken. +Erschwer's ihm nicht durch ein rückhaltend Weigern, +Durch ein vorsetzlich Mißverstehen. Geh +Gefällig ihm den halben Weg entgegen. + +Iphigenie. +Soll ich beschleunigen was mich bedroht? + +Arkas. +Willst du sein Werben eine Drohung nennen? + +Iphigenie. +Es ist die schrecklichste von allen mir. + +Arkas. +Gib ihm für seine Neigung nur Vertraun. + +Iphigenie. +Wenn er von Furcht erst meine Seele lös't. + +Arkas. +Warum verschweigst du deine Herkunft ihm? + +Iphigenie. +Weil einer Priesterin Geheimniß ziemt. + +Arkas. +Dem König sollte nichts Geheimniß sein; +Und ob er's gleich nicht fordert, fühlt er's doch +Und fühlt es tief in seiner großen Seele, +Daß du sorgfältig dich vor ihm verwahrst. + +Iphigenie. +Nährt er Verdruß und Unmuth gegen mich? + +Arkas. +So scheint es fast. Zwar schweigt er auch von dir; +Doch haben hingeworfne Worte mich +Belehrt, daß seine Seele fest den Wunsch +Ergriffen hat dich zu besitzen. Laß, +O überlaß ihn nicht sich selbst! damit +In seinem Busen nicht der Unmuth reife +Und dir Entsetzen bringe, du zu spät +An meinen treuen Rath mit Reue denkest. + +Iphigenie. +Wie? Sinnt der König, was kein edler Mann, +Der seinen Namen liebt und dem Verehrung +Der Himmlischen den Busen Bändiget, +Je denken sollte? Sinnt er vom Altar +Mich in sein Bette mit Gewalt zu ziehn? +So ruf' ich alle Götter und vor allen +Dianen, die entschloss'ne Göttin, an, +Die ihren Schutz der Priesterin gewiß +Und Jungfrau einer Jungfrau gern gewährt. + +Arkas. +Sei ruhig! Ein gewaltsam neues Blut +Treibt nicht den König, solche Jünglingsthat +Verwegen auszuüben. Wie er sinnt, +Befürcht' ich andern harten Schluß von ihm, +Den unaufhaltbar er vollenden wird: +Denn seine Seel' ist fest und unbeweglich. +Drum bitt' ich dich, vertrau' ihm, sei ihm dankbar, +Wenn du ihm weiter nichts gewähren kannst. + +Iphigenie. +O sage was dir weiter noch bekannt ist. + +Arkas. +Erfahr's von ihm. Ich seh' den König kommen; +DU ehrst ihn, und dich heißt dein eigen Herz, +Ihm freundlich und vertraulich zu begegnen. +Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort +Der Frauen weit geführt. + +Iphigenie. + Zwar seh' ich nicht, +Wie ich dem Rath des Treuen folgen soll; +Doch folg' ich gern der Pflicht, dem Könige +Für seine Wohlthat gutes Wort zu geben, +Und wünsche mir, daß ich dem Mächtigen, +Was ihm gefällt, mit Wahrheit sagen möge. + + +Dritter Auftritt. + +Iphigenie. Thoas. + +Iphigenie. +Mit königlichen Gütern segne dich +Die Göttin! Sie gewähre Sieg und Ruhm +Und Reichthum und das Wohl der Deinigen +Und jedes frommen Wunsches Fülle dir! +Daß, der du über viele sorgend herrschest, +Du auch vor vielen seltnes Glück genießest. + +Thoas. +Zufrieden wär' ich wenn mein Volk mich rühmte: +Was ich erwarb, genießen andre mehr +Als ich. Der ist am glücklichsten, er sei +Ein König oder ein Geringer, dem +In seinem Hause Wohl bereitet ist. +Du nahmest Theil an meinen tiefen Schmerzen, +Als mir das Schwert der Feinde meinen Sohn, +Den letzten, besten, von der Seite riß. +So lang die Rache meinen Geist besaß, +Empfand ich nicht die Öde meiner Wohnung; +Doch jetzt, da ich befriedigt wiederkehre, +Ihr Reich zerstört, mein Sohn gerochen ist, +Bleibt mir zu Hause nichts das mich ergetze. +Der fröhliche Gehorsam, den ich sonst +Aus einem jeden Auge blicken sah, +Ist nun von Sorg' und Unmuth still gedämpft. +Ein jeder sinnt was künftig werden wird, +Und folgt dem Kinderlosen, weil er muß. +Nun komm' ich heut in diesen Tempel, den +Ich oft betrat, um Sieg zu bitten und +Für Sieg zu danken. Einen alten Wunsch +Trag' ich im Busen, der auch dir nicht fremd +Noch unerwartet ist: ich hoffe, dich, +Zum Segen meines Volks und mir zum Segen, +Als Braut in meine Wohnung einzuführen. + +Iphigenie. +Der Unbekannten bietest du zu viel, +O König, an. Es steht die Flüchtige +Beschämt vor dir, die nichts an diesem Ufer +Als Schutz und Ruhe sucht, die du ihr gabst. + +Thoas. +Daß du in das Geheimniß deiner Ankunft +Vor mir wie vor dem Letzten stets dich hüllest, +Wär' unter keinem Volke recht und gut. +Dieß Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz +Gebietet's und die Noth. Allein von dir, +Die jedes frommen Rechts genießt, ein wohl +Von uns empfangner Gast, nach eignem Sinn +Und Willen ihres Tages sich erfreut, +Von dir hofft' ich Vertrauen, das der Wirth +Für seine Treue wohl erwarten darf. + +Iphigenie. +Verbarg ich meiner Eltern Namen und +Mein Haus, o König, war's Verlegenheit, +Nicht Mißtraun. Den vielleicht, ach wüßtest du +Wer vor dir steht, und welch verwünschtes Haupt +Du nährst und schützest, ein Entsetzen feßte +Dein großes Herz mit seltnem Schauer an, +Und statt die Seite deines Thrones mir +Zu bieten, triebest du mich vor der Zeit +Aus deinem reiche; stießest mich vielleicht, +Eh' zu den Meinen frohe Rückkehr mir +Und meiner Wandrung Ende zugedacht ist, +Dem Elend zu, das jeden Schweifenden, +Von seinem Haus Vertriebnen überall +Mit kalter fremder Schreckenshand erwartet. + +Thoas. +Was auch der Rath der Götter mit dir sei, +Und was sie deinem Haus und dir gedenken; +So fehlt es doch, seitdem du bei uns wohnst +Und eines frommen Gastes Recht genießest, +An Segen nicht, der mir von oben kommt. +Ich möchte schwer zu überreden sein, +Daß ich an dir ein schuldvoll Haupt beschütze. + +Iphigenie. +Dir bringt die Wohlthat Segen, nicht der Gast. + +Thoas. +Was man Verruchten thut wird nicht gesegnet. +Drum endige dein Schweigen und dein Weigern; +Es fordert dieß kein ungerechter Mann. +Die Göttin übergab dich meinen Händen; +Wie du ihr heilig warst, so warst du's mir. +Auch sei ihr Wink noch künftig mein Gesetz; +Wenn du nach Hause Rückkehr hoffen kannst, +So sprech' ich dich von aller Fordrung los. +Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt, +Und ist dein Stamm vertrieben, oder durch +Ein ungeheures Unheil ausgelöscht, +So bist du mein durch mehr als Ein Gesetz. +Sprich offen! und du weißt, ich halte Wort. + +Iphigenie. +Vom alten Bande löset ungern sich +Die Zunge los, ein lang verschwiegenes +Geheimniß endlich zu entdecken; denn +Einmal vertraut, verläßt es ohne Rückkehr +Dies tiefen Herzens sichre Wohnung, schadet, +Wie es die Götter wollen, oder nützt. +Vernimm! ich bin aus Tantalus Geschlecht. + +Thoas. +Du sprichst ein großes Wort gelassen aus. +Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt +Als einen ehmals Hochbegnadigten +Der Götter kennt> Ist's jener Tantalus, +Den Jupiter zu Rath und Tafel zog, +An dessen alterfehrnen, vielen Sinn +Verknüpfenden Gesprächen Götter selbst, +Wie an Orakelsprüchen, sich ergetzten? + +Iphigenie. +Er ist es; aber Götter sollten nicht +Mit Menschen, wie mit ihres Gleichen, wandeln; +Das sterbliche Geschlect ist viel zu schwach +In ungewohnter Höhe nicht zu schwindeln. +Unedel war er nicht und kein Verräther; +Allein zum Knecht zu groß, und zum Gesellen +Des großen Donnrers nur ein Mensch. So war +Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht +War streng, und Dichter singen: Übermuth +Und Untreu' stürzten ihn von Jovis Tisch +Zur Schmach des alten Tartarus hinab. +Ach und sein ganz Geschlect trug ihren Haß! + +Thoas. +Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne? + +Iphigenie. +Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen +Kraftvolles Mark war seiner Söhn' und Enkel +Gewisses Erbtheil; doch es schmiedete +Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band. +Rath, Mäßigung und Weisheit und Geduld +Verbarg er ihrem scheuen düstern Blick; +Zur Wuth ward ihnen jegliche Begier, +Und gränzenlos drang ihre Wuth umher. +Schon Pelops, der Gewaltig-wollende, +Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb +Sich durch Verrath und Mard das schönste Weib, +Önomaus Erzeugte, Hippodamien. +Sie bringt den Wünschen des Gemahls zwei Söne, +Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie +Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn +Aus einem andern Bette wachsend an. +Der Haß verbindet sie, und heimlich wagt +Das Paar im Brudermord die erste That. +Die Mörderin, und grimmig fordert er +Von ihr den Sohn zurück, und sie entleibt +Sich selbst -- + +Thoas. + Du schweigest? Fahre fort zu reden! +Laß dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich! + +Iphigenie. +Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt, +Der froh von ihren Thaten, ihrer Größe +Den Hörer unterhält, und still sich freuend +An's Ende dieser schönen Reihe sich +Geschlossen sieht! Denn es erzeugt nicht gleich +Ein Haus den Halbgott noch das Ungeheuer; +Erst eine Reihe Böser oder Guter +Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude +Der Welt hervor.--Nach ihres Vaters Tode +Gebieten Atreus und Thyest der Stadt, +Gemeinsam-herrschend. Lange konnte nicht +Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest +Des Bruders Bette. Rächend treibet Atreus +Ihn aus dem Reiche. Tückisch hatte schon +Thyest, auf schwere Thaten sinnend, lange +Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich +Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen. +Dem füllet er die Brust mit Wuth und Rache +Und sendet ihn zur Königsstadt, daß er +Im Oheim seinen eignen Vater morde. +Des Jünglings Vorsatz wird entdeckt: der König +Straft grausam den gesandten Mörder, wähnend, +Er tödte seines Bruders Sohn. Zu spät +Erfährt er, wer vor seinen trunknen Augen +Gemartert stirbt; und die Begier der Rache +Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still +Auf unerbörte That. Er scheint gelassen +Gleichgültig und versöhnt, und lockt den Bruder +Mit seinen beiden Söhnen in das Reich +Zurück, ergreift die Knaben, schlachtet sie, +Und setzt die ekle schaudervolle Spiese +Dem Vater bei dem ersten Mahle vor. +Und da Thyest an seinem Fleische sich +Gesättigt, eine Wehmuth ihn ergreift, +Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme +Der Knaben an des Saales Thüre schon +Zu hören glaubt, wirft Atreus grinsend +Ihm Haupt und Füße der Erschlagnen hin.-- +Du wendest schaudernd dein Gesicht, o König: +So wendete die Sonn' ihr Antlitz weg +Und ihren Wagen aus dem ewg'en Gleise. +Dieß sind die Ahnherrn deiner Priesterin; +Und viel unseliges Geschick der Männer, +Viel Thaten die verworrnen Sinnes deckt +Die Nacht mit schweren Fittigen und läßt +Uns nur die grauenvolle Dämmrung sehn. + +Thoas. +Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug +Der Gräuel! Sage nun, durch welch ein Wunder +Von diesem wilden Stamme du entsprangst. + +Iphigenie. +Des Altreus Ält'ster Sohn war Agamemnon: +Er ist mein Vater. Doch ich darf es sagen, +In ihm hab' ich seit meiner ersten Zeit +Ein Muster des vollkommnen Manns gesehn. +Ihm brachte Klytämnestra mich, den Erstling +Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte +Der König, und es war dem Hause Tantals +Die lang entbehrte Rast gewährt. Allein +Es mangelte dem Glück der Eltern noch +Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfüllt, +Daß zwischen beiden Schwestern nun Orest +Der Liebling wuchs, als neues Übel schon +Dem sichern Hause zubereitet war. +Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen, +Der, um den Raub der schönsten Frau zu rächen, +Die ganze Macht der Fürsten Griechenlands +Um Trocknen Mauern lagerte. Ob sie +Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel +Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater führte +Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie +Auf günst'gen Wind vergebens: denn Diane, +Erzürnt auf ihren großen Führer, hielt +Die Eilenden zurück und forderte +Durch Kalchas Mund des Königs ält'ste Tochter. +Sie lockten mit der Mutter mich in's Lager; +Sie rissen mich vor den Altar und weihten +Der Göttin dieses Haupt. Sie war versöhnt: +Sie wollte nicht mein Blut und hüllte rettend +In eine Wolke mich; in diesem Tempel +Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder. +Ich bin es selbst, bin Iphigenie, +Des Altreus Enkel, Agamemnons Tochter, +Der Göttin Eigenthum, die mit dir spricht. + +Thoas. +Mehr Vorzug und Vertrauen geb' ich nicht +Der Königstochter als der Unbekannten. +Ich wiederhole meinen ersten Antrag: +Komm, folge mir, und theile was ich habe. + +Iphigenie. +wie darf ich solchen Schritt, o König, wagen? +Hat nicht die Göttin, die mich rettete, +Allein das Recht auf mein geweihtes Leben? +Sie hat für mich den Schutzort ausgesucht, +Und sie bewahrt mich einem Vater, den +Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht +Zur schönsten Freude seines Alters hier. +Vielleicht ist mir die frohe Rückkehr nah; +Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, hätte +Mich wider ihren Willen hier gefesselt? +Ein Zeichen hat ich, wenn ich bleiben sollte. + +Thoas. +Das Zeichen ist, daß du noch hier verweilst. +Such' Ausflucht solcher Art nicht ängstlich auf. +Man spricht vergebens viel, um zu versagen; +Der andre hört von allem nur das Nein. + +Iphigenie. +Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen; +Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt. +Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater, +Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen +Mit ängstlichen Gefühlen sehnen muß? +Daß in den alten Hallen, wo die Trauer +Noch manchmal stille meinen Namen lispelt, +Die Freude, wie um eine Neugeborne, +Den schönsten Kranz von Säul an Säulen schlinge. +O sendetest du mich auf Schiffen hin! +Du gäbest mir und allen neues Leben. + +Thoas. +So kehr' zurück! Thu' was dein Herz dich heißt, +Und höre nicht die Stimme guten Raths +Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib +Dich hin dem Triebe, der dich zügellos +Ergreift und dahin oder dorthin reißt. +Wenn ihnen eine Luft im Busen brennt, +Hält vom Verräther sie kein heilig Band, +Der sie dem VAter oder dem Gemahl +Aus langbewährten, treuen Armen lockt; +Und schweigt in ihrer Brust die rasche Gluth, +So dringt auf sie vergebens treu und mächtig +Der Überredung goldne Zunge los. + +Iphigenie. +Gedenk', o König, deines edeln Wortes! +Willst du mein Zutraun so erwiedern? Du +Schienst vorbereitet alles zu vernehmen. + +Thoas. +Auf's Ungehoffte war ich nicht bereitet; +Doch sollt' ich's auch erwarten: wußt' ich nicht, +Daß ich mit einem Weibe handeln ging? + +Iphigenie. +Schilt nicht, o König, unser arm Geschlect. +Nicht herrlich wie die euern, aber nicht +Unedel sind die Waffen eines Weibes. +Glaub' es, darin bin ich dir vorzuziehn, +Daß ich dein Glück mehr als du selber kenne. +Du wähnest, unbekannt mit dir und mir, +Ein näher Band werd' uns zum Glück vereinen. +Voll guten Muthes wie voll guten Willens +Dringst du in mich, daß ich mich fügen soll; +Und hier dank' ich den Göttern, daß sie mir +Die Festigkeit gegeben, dieses Bündniß +Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt. + +Thoas. +Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz. + +Iphigenie. +Sie reden nur durch unser Herz zu uns. + +Thoas. +Und hab' Ich, sie zu hören, nicht das Recht? + +Iphigenie. +Es überbraust der Sturm die zarte Stimme. + +Thoas. +Die Priesterin vernimmt sie wohl allein? + +Iphigenie. +Vor allen andern merke sie der Fürst. + +Thoas. +Dein heilig Amt und dein geerbtes Recht +An Jovis Tisch bringt dich den Göttern näher, +Als einen erdgebornen Wilden. + +Iphigenie. + So +Büß' ich nun das Vertraun, das du erzwangst. + +Thoas. +Ich bin ein Mensch; und besser ist's, wir enden. +So bleibe denn mein Wort: Sei Priesterin +Der Göttin, wie sie dich erkoren hat; +Doch mir verzeih' Diane, daß ich ihr, +Bisher mit Unrecht und mit innerm Vorwurf, +Die alten Opfer vorenthalten habe. +Kein Fremder nahet glücklich unserm Ufer; +Von Alters her ist ihm der Tod gewiß. +Nur du hast mich mit einer Freundlichkeit, +In der ich bald der zarten Tochter Liebe, +Bald stille Neigung einer Braut zu sehn +Mich tief erfreute, wie mit Zauberbanden +Gefesselt, daß ich meiner Pflicht vergaß. +Du hattest mir die Sinnen eingewiegt, +Das Murren meines Volks vernahm ich nicht; +Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes +Frühzeit'gem Tode lauter über mich. +Um deinetwillen halt' ich länger nicht +Die Menge, die das Opfer dringend sordert. + +Iphigenie. +Um meinetwillen hab ich's nie begehrt. +Der mißversteht die Himmlischen, der sie +Blutgierig wähnt; er dichtet ihnen nur +Dir eignen grausamen Begierden an. +Entzog die Göttin mich nicht selbst dem Priester? +Ihr war mein Dienst willkommner, als mein Tod. + +Thoas. +Es ziemt sich nicht für uns, den heiligen +Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft +Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken. +Thu' deine Pflicht, ich werde meine thun. +Zwei Fremde, die wir in des Ufers Höhlen +Versteckt gefunden, und die meinem Lande +Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand. +Mit diesen nehme deine Göttin wieder +Ihr erstes, richtes, lang entbehrtes Opfer! +Ich sende sie hierher; du weißt den Dienst. + + +Vierter Auftritt. + +Iphigenie (allein). +Du hast Wolken, gnädige Retterin, +Einzuhüllen unschuldig Verfolgte, +Und auf Winden dem ehrnen geschick sie +Aus den Armen, über das Meer, +Über der Erde weiteste Strecken +Und wohin es dir gut dünkt zu tragen. +Weise bist du und siehest das Künstige; +Nicht vorüber ist dir das Vergangne, +Und dein Blick ruht über den Deinen +Wie dein Licht, das Leben der Nächte, +Über der Erde ruhet und waltet. +O enthalte vom Blut meine Hände! +Nimmer bringt es Segen und Ruhe; +Und die Gestalt des zufällig Ermordeten +Wird auf des traurig-unwilligen Mörders +Böse Stunden lauern und schrecken. +Den die Unsterblichen lieben der Menschen +Weit verbreitete gute Geschlechter, +Und sie fristen das flüchtige Leben +Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne +Ihres eigenen, ewigen Himmels +Mitgenießendes fröhliches Anschaun +Eine Weile gönnen und lassen. + + + +Zweiter Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Orest. Pylades. + +Orest. +Es ist der Weg des Todes, den wir treten: +Mit jedem schritt wird meine Seele stiller. +Als ich Apollen bat, das gräßliche +Geleit der Rachegeister von der Seite +Mir abzunehmen, schien er Hülf' und Rettung +Im Tempel seiner vielgeliebten Schwester, +Die über Tauris herrscht, mit hoffnungsreichen +Gewissen Götterworten zu versprechen; +Und nun erfüllet sich's, daß alle Noth +Mit meinem Leben wöllig enden soll. +Wie leicht wird's mir, dem eine Götterhand +Das Herz zusammendrückt, den Sinn betäubt, +Dem schönen Licht der Sonne zu entsagen. +Und sollen Atreus Enkel in der Schlacht +Ein siegbekröntes Ende nicht gewinnen; +Soll ich wie meine Ahnen, wie mein Vater, +Als Opferthier im Jammertode bluten: +So sei es! Besser hier vor dem Altar, +Als im verworfnen Winkel, wo die Netze +Der nahverwandte Meuchelmörder stellt. +Laßt mir so lange Ruh, ihr Unterird'schen, +Die nach dem Blut ihr, das von meinen Tritten +Hernieder träufelnd meinen Pfad bezeichnet, +Wie losgelass'ne Hunde spürend hetzt. +Laßt mich, ich komme bald zu euch hinab; +Das Licht des Tags soll euch nicht sehn, noch mich. +Der Erde schöner grüner Teppich soll +Kein Tummelplatz für Larven sein. Dort unten +Such' ich euch auf: dort bindet alle dann +Ein gleich Geschick in ew'ge matte Nacht. +Nur dich, mein Pylades, dich, meiner Schuld +Und meines Banns unschuldigen Genossen, +Wie ungern nehm' ich dich in jenes Trauerland +Frühzeitig mit! Dein Leben oder Tod +Gibst mir allein noch Hoffnung oder Furcht. + +Pylades. +Ich bin noch nicht, Orest, wie du bereit, +In jenes Schattenreich hinabzugehn. +Ich sinne noch, durch die verworrnen Pfade, +Die nach der schwarzen Nacht zu führen scheinen, +Uns zu dem Leben wieder aufzuwinden. +Ich denke nicht den Tod; ich sinn' und horche, +Ob nicht zu irgend einer frohen Flucht +Die Götter Rath und Wege zubereiten. +Der Tod, gefürchtet oder ungefürchtet, +Kommt unaufholtsam. Wenn die Priesterin +Schon, unsre Locken weihend abzuschneiden, +Die Hand erhebt, soll dein' und meine Rettung +Mein einziger Gedanke sein. Erhebe +Von diesem Unmuth deine Seele; zweifelnd +Beschleunigest du die Gefahr. Apoll +Gab uns das Wort: im Heiligthum der Schwester +Sei Trost und Hülf' und Rückkehr dir bereitet. +Der Götter Worte sind nicht doppelsinnig, +Wie der Gedrückte sie im Unmuth wähnt. + +Orest. +Des Lebens dunkle Decke breitete +Die Mutter schon mir um das zarte Haupt, +Und so wuchs ich herauf, ein Ebenbild +Des Vaters, und es war mein stummer Blick +Ein bittrer Vorwurf ihr und ihrem Buhlen. +Wie oft, wenn still Elektra, meine Schwester, +Am Feuer in der tiefen Halle saß, +Drängt' ich beklommen mich an ihren Schoos, +Und starrte, wie sie bitter weinte, sie +Mit großen Augen an. Dann sagte sie +Von unserm hohen Vater viel: wie sehr +Verlangt' ich ihn zu sehn, bei ihm zu sein! +Mich wünscht' ich bald nach Troja, ihn bald her. +Es kam der Tag-- + +Pylades. + O laß von jener Stunde +Sich Höllengeister nächtlich unterhalten! +Uns gebe die Erinnrung schöner Zeit +Zu frischem Heldenlaufe neue Kraft. +Die Götter brauchen manchen guten Mann +Zu ihrem Dienst auf dieser weiten Erde. +Sie haben noch auf dich gezählt; sie gaben +Dich nicht dem Vater zum Geleite mit, +Da er unwillig nach dem Orcus ging. + +Orest. +O, wär' ich, seinen Saum ergreifend, ihm +Gefolgt! + +Pylades. + So haben die, die dich erhielten, +Für mich geforgt: denn was ich worden wäre, +Wenn du nicht lebtest, kann ich mir nicht denken; +Da ich mit dir und deinetwillen nur +Seit meiner Kindheit leb' und leben mag. + +Orest. +Erinnre mich nicht jener schönen Tage, +Da mir dein Haus die freie Stätte gab, +Dein edler Vater klug und liebevoll +Die halberstarrte junge Blüthe pflegte; +Da du ein immer munterer Geselle, +Gleich einem leichten bunten Schmetterling +Um eine dunkle Blume, jeden Tag +Um mich mit neuem Leben gaukeltest, +Mir deine Luft in meine Seele spieltest, +Daß ich, vergessend meiner Noth, mit dir +In rascher Jugend hingerissen schwärmte. + +Pylades. +Da fing mein Leben an, als ich dich liebte. + +Orest. +Sag: meine Noth begann, und du sprichst wahr. +Das ist das Ängstliche von meinem Schicksal, +Daß ich, wie ein verpesteter Vertriebner, +Geheimen Schmerz und Tod im Busen trage; +Daß, wo ich den gefund'sten Ort betrete, +War bald um mich die blühenden Gesichter +Den schmerzenszug langsamen Tod's verrathen. + +Pylades. +Der Nächste wär' ich diesen Tod zu sterben, +Wenn je dein Hauch, Orest, vergistete. +Bin ich nicht immer noch voll Muth und Luft? +Zu großen Thaten. + +Orest. + Große Thaten? Ja, +Ich weiß die Zeit, da wir sie vor uns sahn! +Wenn wir zusammen oft dem Wilde nach +Durch Berg' und Thäler rannten und dereinst +An Brust und Faust dem hohen Ahnherrn gleich +Mit Keul' und Schwert dem Ungeheuer so, +Dem Räuber auf der Spur zu jagen hofften; +Und dann wir Abends an der weiten See +Uns aneinander lehnend ruhig saßen, +Die Wellen bis zu unsern Füssen spielten, +Die Welt so weit, so offen vor uns lag; +Da fuhr wohl Einer manchmal nach dem Schwert, +Und künft'ge Thaten drangen wie die Sterne +Rings um uns der unzählig aus der Nacht. + +Pylades. +Unendlich ist das Werk, das zu vollführen +Die Seele dringt. Wir möchten jede That +So groß gleich thun, als wie sie wächs't und wird, +Wenn Jahre lang durch Länder und Geschlechter +Der Mund der Dichter sie vermehrend wälzt. +Es klingt so schön was unsre Väter thaten, +Wenn es in stillen Abendschatten ruhend +Der Jüngling mit dem Ton der Harfe schlürft; +Und was wir thun ist, wie es ihnen war, +Voll Müh' und eitel Stückwerk! +So laufen wir nach dem, was vor uns flieht, +Und achten nicht des Weges den wir treten, +und sehen neben uns der Ahnherrn Tritte +Und ihres Erdelebens Spuren kaum. +Wir eilen immer ihrem Schatten nach, +Der göttergleich in einer weiten Ferne +Der Berge Haupt auf goldnen Wolken krönt. +Ich halte nichts von dem, der von sich denkt +Wie ihn das Volk vielleicht erheben möchte. +Allein, o Jüngling, danke du den Göttern, +Daß sie so früh durch dich so viel gethan. + +Orest. +Wenn sie dem Menschen frohe That bescheren +Daß er ein Unheil von den Seinen wendet, +Daß er sein Reich vermehrt, die Gränzen sichert, +Und alte Feinde fallen oder fliehn; +Dann mag er danken! denn ihm hat ein Gott +Des Lebens erste, letzte Luft gegönnt. +Mich haben sie zum Schlächter auserkoren, +Zum Mörder meiner doch verehrten Mutter, +Und, eine Schandthat schändlich rächend, mich +Durch ihren Wink zu Grund' gerichtet. Glaube, +Sie haben es auf Tantals Haus gerichtet, +Und ich, der Letzte, soll nicht schuldlos, soll +Nicht ehrenvoll vergehn. + +Pylades. + Die Götter rächen +Der Väter Missethat nicht an dem Sohn; +Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt +Sich seinen Lohn mit seiner That hinweg. +Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch. + +Orest. +Uns führt ihr Segen, dünkt mich, nicht hierher. + +Pylades. +Doch wenigstens der hohen Götter Wille. + +Orest. +So ist's ihr Wille denn, der uns verderbt. + +Pylades. +Thu' was sie dir gebieten und erwarte. +Bringst du die Schwester zu Apollen hin, +Und wohnen beide dann vereint zu Delphi, +Verehrt von einem Volk das edel denkt; +So wird für diese That das hohe Paar +Dir Gnädig sein, sie werden aus der Hand +Der Unterird'schen dich erretten. Schon +In diesen heil'gen Hain wagt keine sich. + +Orest. +So hab' ich wenigstens geruh'gen Tod. + +Pylades. +Ganz anders denk' ich, und nicht ungeschickt +Hab' ich das schon Geschehne mit dem Künft'gen +Verbunden und im stillen ausgelegt. +Vielleicht reift in der Götter Rath schon lange +Das große Werk. Diana sehnet sich +Von diesem rauhen Ufer der Barbaren +Und ihren blut'gen Menschenopfern weg. +Wir waren zu der schönen That bestimmt, +Uns wird sie auferlegt, und seltsam sind +Wir an der Pforte schon gezwungen hier. + +Orest. +Mit seltner Kunst flichtst du der Götter Rath +Und deine Wünsche klug in Eins zusammen. + +Pylades. +Was ist des Menschen Klugheit, wenn sie nicht +Auf Jener Willen droben achtend lauscht? +Zu einer schweren That beruft ein Gott +Den edeln Mann, der viel verbrach, und legt +Ihm auf was uns unmöglich scheint zu enden. +Es siegt der Held, und büßend dienet er +Den Göttern und der Welt, die ihn verehrt. + +Orest. +Bin ich bestimmt zu leben und zu handeln, +So nehm' ein Gott von meiner schweren Stirn +Den Schwindel weg, der auf dem schlüpfrigen, +Mit Mutterblut besprengten Pfade fort +Mich zu den Todten reißt. Er trockne gnädig +Die Quelle, die, mir aus der Mutter Wunden +Entgegen sprudelnd, ewig mich befleckt. + +Pylades. +Erwart' es ruhiger! Du mehrst das Übel +Und nimmst das Amt der Furien auf dich. +Laß mich nur sinnen, bleibe still! Zuletzt, +Bedarf's zur That vereinter Kräfte, dann +Laß mich nur sinnen, bleibe still! Zuletzt, +Bedarf's zur That vereinter Kräfte, dann +Ruf' ich dich auf, und beide schreiten wir +Mit überlegter Kühnheit zur Vollendung. + +Orest. +Ich hör' Ulyssen reden. + +Pylades. + Spotte nicht. +Ein jeglicher muß seinen Helden wählen, +Dem er die Wege zum Olymp hinauf +Sich nacharbeitet. Laß es mich gestehn: +Mir scheinen List und Klugheit nicht den Mann +Zu schänden, der sich kühnen Thaten weiht. + +Orest. +Ich schätze den, der tapfer ist und g'rad. + +Pylades. +Drum hab' ich keinen Rath von dir verlangt. +Schon ist ein schritt gethan. Von unsern Wächtern +Hab' ich bisher gar vieles ausgelockt. +Ich weiß, ein fremdes, göttergleiches Weib +Hält jenes blutige Gesetz gefesselt; +Ein reines Herz und Weihrauch und Gebet +Bringt sie den Göttern dar. Man rühmet hoch +Die Gütige; man glaubet, sie entspringe +vom Stamm der Amazonen, sei geflohn, +Um einem großen Unheil zu entgehn. + +Orest. +Es scheint, ihr lichtes Reich verlor die Kraft +Durch des Verbrechers Nähe, den der Fluch +Wie eine breite Nacht verfolgt und deckt. +Die fromme Blutgier lös't den alten Brauch +Von seinen Fesseln los, uns zu verderben. +Der wilde Sinn des Königs tödtet uns; +Ein Weib wird uns nicht retten, wenn er zürnt. + +Pylades. +Wohl uns, daß es ein Weib ist! denn ein Mann, +Der beste selbst, gewöhnet seinen Geist +An Grausamkeit und macht sich auch zuletzt +Aus dem, was er verabscheut, ein Gesetz, +Wird aus Gewohnheit hart und fast unkenntlich. +Allein ein Weib bleibt stät auf Einem Sinn +Den sie gefaßt. Du rechnest sicherer +Auf sie im Guten wie im Bösen.--Still! +Sie kommt; laß uns allein. Ich darf nicht gleich +Ihr unsre Namen nennen, unser Schicksal +Nicht ohne Rückhalt ihr vertraun. Du gehst, +Und eh' sie mit dir spricht, treff' ich dich noch. + + +Zweiter Auftritt. + +Iphigenie. Pylades. + + +Iphigenie. +Woher du seist und kommst, o Fremdling, sprich! +Mir scheint es, daß ich eher einem Griechen +Als einem Scythen dich vergleichen soll. + (Sie nimmt ihm die Ketten ab.) +Gefährlich ist die Freiheit, die ich gebe; +Die Götter wenden ab was euch bedroht! + +Pylades. +O süße Stimme! Vielwillkommner Ton +Der Muttersprach' in einem fremden Lande! +Des väterlichen Hafens blaue Berge +Seh' ich Gefangner neu willkommen wieder +Vor meinen Augen. Laß dir diese Freude +Versichern, daß auch ich ein Grieche bin! +Vergessen hab' ich einen Augenblick, +Wie sehr ich dein bedarf, und meinen Geist +Der herrlichen Erscheinung zugewendet. +O sage, wenn dir dein Verhängniß nicht +Die Lippe schließt, aus welchem unsrer Stämme +Du deine göttergleich Herkunft zählst. + +Iphigenie. +Die Priesterin, von ihrer Göttin selbst +Gewählet und geheiligt, spricht mit dir. +Das laß dir g'nügen; sage, wer du seist +Und welch unselig-waltendes Geschick +Mit dem Gefährten dich hierher gebracht. + +Pylades. +Leicht kann ich dir erzählen, welch ein Übel +Mit lastender Gesellschaft uns verfolgt. +O könntest du der Hoffnung frohen Blick +Uns auch so leicht, du Göttliche, gewähren! +Aus Kreta sind wir, Söhne des Adrasts: +Ich bin der jüngste, Cephalus genannt, +Und er Laodamas, der älteste +Des Hauses. Zwischen uns stand rauh und wild +Ein mittlerer, und trennte schon im Spiel +Der ersten Jugend Einigkeit und Luft. +Gelassen folgten wir der Mutter Worten, +So lang des Vaters Kraft vor Troja stritt; +Doch als er beuterich zurücke kam +Und kurz darauf verschied, da trennte bald +Der Streit um Reich und Erbe die Geschwister. +Ich neigte mich zum ält'sten. Er erschlug +Den Bruder. Um der Blutschuld willen treibt +Die Furie gewaltig ihn umher. +Doch diesem wilden Ufer sendet uns +Apoll, der Delphische, mit Hoffnung zu. +Im Tempel seiner Schwester hieß er uns +Der Hülfe segensvolle Hand erwarten. +Gefangen sind wir und hierher gebracht, +Und dir als Opfer dargestellt. Du weißt's. + +Iphigenie. +Fiel Troja? Theurer Mann, versichr' es mir. + +Pylades. +Es liegt. O sichre du uns Rettung zu! +Beschleunige die Hülfe, die ein Gott +Versprach. Erbarme meines Bruders dich. +O sag' ihm bald ein gutes holdes Wort; +Doch schone seiner wenn du mit ihm sprichst, +Das bitt' ich eifrig: denn es wird gar leicht +Durch Freud' und Schmerz und durch Erinnerung +Sein Innerstes ergriffen und zerrüttet. +Ein fieberhafter Wahnsinn fällt ihn an, +Und seine schöne freie Seele wird +Den Furien zum Raube hingegeben. + +Iphigenie. +So groß dein Unglück ist, beschwör' ich dich, +Vergiß es, bis du mir genug gethan. + +Pylades. +Die hohe Stadt, die zehen lange Jahre +Dem ganzen Heer der Griechen widerstand, +Liegt nun im Schutte, steigt nicht wieder auf. +Doch manche Gräber unsrer Besten heißen +Uns an das Ufer der Barbaren denken. +Achill liegt dort mit seinem schönen Freunde. + +Iphigenie. +So seid ihr Götterbilder auch zu Staub! + +Pylades. +Auch Palamedes, Ajar Telamons, +Sie sahn des Vaterlandes Tag nicht Wieder. + +Iphigenie. +Er schweigt von meinem Vater, nennt ihn nicht +Mit den Erschlagnen. Ja! er lebt mir noch! +Ich werd' ihn sehn! O hoffe, liebes Herz! + +Pylades. +Doch selig sind die Tausende, die starben +Den bittersüßen Tod von Feindes Hand! +Denn wüste Schrecken und ein traurig Ende +Hat den Rückkehrenden statt des Triumphs +Ein feindlich aufgebrachter Gott bereitet. +Kommt den der Menschen Stimme nicht zu euch? +So weit sie reicht, trägt sie den Ruf umher +Von unerhörten Thaten die geschahn. +So ist der Jammer, der Mycenens Hallen +Mit immer wiederholten Seufzern füllt, +Dir ein Geheimniß? Klytämnestra hat +Mit Hülf' Ägisthens den Gemahl berückt, +Am Tage seiner Rückkehr ihn ermordet!-- +Ja, du verehrest dieses Königs Haus! +Ich seh' es, deine Brust bekämpft vergebens +Das unerwartet ungeheure Wort. +Bist du die tochter eines Freundes? bist +Du nochbarlich in dieser Stadt geboren? +Verbirg es nicht und rechne mir's nicht zu, +Daß ich der Erste diese Gräuel melde. + +Iphigenie. +Sag' an, wie ward die schwere That vollbracht? + +Pylades. +Am Tage siener Ankunft, da dir König +Vom Bad erquickt und ruhig, sein Gewand +Aus der Gemahlin Hand verlangend, stieg, +Warf die Verderbliche ein faltenreich +Und künstlich sich verwirrendes Gewebe +Ihm auf die Schultern, um das edle Haupt; +Und da er wie von einem Retze sich +Vergebens zu entwickeln strebte, schlug +Ägisth ihn, der Verräther, und verhüllt +Ging zu den Todten dieser große Fürst. + +Iphigenie. +Und welchen Lohn erhielt der Mitverschworne? + +Pylades. +Ein Reich und Bette, das er schon besaß. + +Iphigenie. +So trieb zur Schandthat eine böse Lust? + +Pylades. +Und einer alten Rache tief Gefühl. + +Iphigenie. +Und wie beleidigte der König sie? + +Pylades. +Mit schwerer That, die, wenn Entschuldigung +Des Mordes wäre, sie entschuldigte. +Nach Aulis lockt' er sie und brachte dort, +Als eine Gottheit sich der Griechen Fahrt +Mit ungstümen Winden widersetzte, +Die ält'ste Tochter, Iphigenien, +Vor den Altar Dianens, und sie fiel +Ein blutig Opfer für der Griechen Heil. +Dieß, sagt man, hat ihr einen Widerwillen +So tief in's Herz geprägt, daß sie dem Werben +Ägisthens sich ergab und den Gemahl +Mit Netzen des Verderbens selbst umschlang. + +Iphigenie (sich verhüllend). +Es ist genug. Du wirst mich wiedersehn. + +Pylades. +Von dem Geschick des Königs-Hauses scheint +Sie tief gerührt. Wer sie auch immer sei, +So hat sie selbst den König wohl gekannt +Und ist, zu unserm Glück, aus hohem Hause +Hierher verkauft. Nur stille, liebes Herz, +Und laß dem Stern der Hoffnung, der uns blinkt, +Mit frohem Muth uns klug entgegen steuern. + + + +Dritter Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Iphigenie. Orest. + +Iphigenie. +Unglücklicher, ich löse deine Bande +Zum Zeichen eines schmerzlichern Geschicks. +Die Freiheit, die das Heiligthum gewährt, +Ist, wie der letzte lichte Lebensblick +Des schwer Erkrankten, Todesbote. Noch +Kann ich es mir und darf es mir nicht sagen, +Daß ihr verloren seid! Wie könnt' ich euch +Mit mörderischer Hand dem Tode weihen? +Und niemand, wer es sei, darf euer Haupt, +So lang ich Priesterin Dianens bin, +Berühren. Doch verweigr' ich jene Pflicht, +Wie sie der aufgebrachte König fordert; +So wählt er eine meiner Jungfraun mir +Zur Folgerin, und ich vermag alsdann +Mit heißem Wunsch allein euch beizustehn. +O werther Landsmann! Selbst der letzte Knecht, +Der an den Herd der Vatergötter streifte, +Ist uns in fremdem Lande hoch willkommen: +Wie soll ich euch genug mit Freud' und Segen +Empfangen, die ihr mir das Bild der Helden, +Die ich von Eltern her verehren lernte, +Entgegen bringet und das innre Herz +Mit neuer schöner Hoffnung schmeichelnd labet! + +Orest. +Verbirgst du deinen Namen, deine Herkunft +Mit klugem Vorsatz? oder darf ich wissen, +Wer mir, gleich einer Himmlischen, begegnet? + +Iphigenie. +Du sollst mich kennen. Jetzo sag' mir an, +Was ich nur halb von deinem Bruder hörte, +Das Ende derer, die von Troja kehrend +Ein hartes unerwartetes Geschick +Auf ihrer Wohnung Schwelle stumm empfing. +Zwar ward ich jung an diesen Strand geführt; +Doch wohl erinnr' ich mich des scheuen Blicks, +Den ich mit Staunen und mit Bangigkeit +Auf jene Helden warf. Sie zogen aus, +Als hätte der Olymp sich aufgethan +Und die Gestalten der erlauchten Vorwelt +Zum Schrecken Ilions herabgesendet, +Und Agamemnon war vor allen herrlich! +O sage mir! Er fiel, sein Haus betretend, +Durch seiner Frauen und Ägisthens Tücke? + +Orest. +Du sagst's! + +Iphigenie. + Weh dir, unseliges Mycen! +So haben Tantals Enkel Fluch auf Fluch +Mit vollen wilden Händen ausgesät! +Und gleich dem Unkraut, wüste Häupter schüttelnd +Und tausendfält'gen Samen um sich streuend, +Den Kindeskindern nahverwandte Mörder +Zur ew'gen Wechselwuth erzeugt! Enthülle, +Was von der Rede deines Bruders schnell +Die Finsterniß des Schreckens mir verdeckte. +Wie ist des großen Stammes letzter Sohn, +Das holde Kind, bestimmt des Vaters Rächer +Dereinst zu sein, wie ist Orest dem Tage +Des Bluts entgangen? Hat ein gleich Geschick +Mit des Avernus Netzen ihn umschlungen? +Ist er gerettet? Lebt er? Lebt Elektra? + +Orest. +Sie leben. + +Iphigenie. + Goldne Sonne, leihe mir +Die schönsten Strahlen, lege sie zum Dank +Vor Jovis Thron! denn ich bin arm und stumm. + +Orest. +Bist du gastfreundlich diesem Königs-Hause, +Bist du mit nähern Banden ihm verbunden, +Wie deine schöne Freude mir verräth: +So bändige dein Herz und halt' es fest! +Denn unerträglich muß dem Fröhlichen +Ein jäher Rückfall in die Schmerzen sein. +Du weißt nur, merk' ich, Agamemnons Tod. + +Iphigenie. +Hab' ich an dieser Nachricht nicht genug? + +Orest. +Du hast des Gräuels Hälfte nur erfahren. + +Iphigenie. +Was fürcht' ich noch? Orest, Elektra leben. + +Orest. +Und fürchtest du für Klytämnestren nichts? + +Iphigenie. +Sie rettet weder Hoffnung, weder Furcht. + +Orest. +Auch schied sie aus dem Land der Hoffnung ab. + +Iphigenie. +Vergoß sie reuig wüthend selbst ihr Blut? + +Orest. +Nein, doch ihr eigen Blut gab ihr den Tod. + +Iphigenie. +Sprich deutlicher, daß ich nicht länger sinne. +Die Ungewißheit schlägt mir tausendfältig +Die dunkeln Schwingen um das bange Haupt. + +Orest. +So haben mich die Götter ausersehn +Zum Boten einer That, die ich so gern +In's klanglos-dumpfe Höhlenreich der Nacht +Verbergen möchte? Wider meinen Willen +Zwingt mich dein holder Mund; allein er darf +Auch etwas Schmerzlichs fordern und erhält's. +Am Tage, da der Vater fiel, verbarg +Elektra rettend ihren Bruder: Strophius, +Des Vaters Schwäher, nahm ihn willig auf, +Erzog ihn neben seinem eignen Sohne, +Der, Pylades genannt, die schönsten Bande +Der Freundschaft um den Angekommnen knüpfte. +Und wie sie wuchsen, wuchs in ihrer Seele +Die brennende Begier des Königs Tod +Zu rächen. Unversehen, fremd gekleidet, +Erreichen sie Mycen, als brächten sie +Die Trauernachricht von Orestens Tode +Mit seiner Asche. Wohl empfäanget sie +Die Königin; sie treten in das Haus. +Elektren gibt Orest sich zu erkennen; +Sie bläs't der Rache Feuer in ihm auf, +Das vor der Mutter heil'ger Gegenwart +In sich zurückgebrannt war. Stille führt +Sie ihn zum Orte, wo sein Vater fiel, +Wo eine alte leichte Spur des frech +Vergoss'nen Blutes oftgewaschnen Boden +Mit blassen ahndungsvollen Streifen färbte. +Mit ihrer Feuerzunge schilderte +Sie jeden Umstand der verruchten That, +Ihr knechtisch elend durchgebrachtes Leben, +Den Übermuth der glücklichen Verräther, +Und die gefahren, die nun der Geschwister +Von einer stiefgewordnen Mutter warteten.-- +Hier drang sie jenen alten Dolch ihm auf, +Der schon in Tantals Hause grimmig wüthete, +Und Klytämnestra fiel durch Sohnes Hand. + +Iphigenie. +Unsterbliche, die ihr den reinen Tag +Auf immer neuen Wolken selig lebet, +Habt ihr nur darum mich so manches Jahr +Von Menschen abgesondert, mich so nah +Bei euch gehalten, mir die kindliche +Beschäftigung, des heil'gen Feuers Gluth +Zu nähren aufgetragen, meine Seele +Der Flamme gleich in ew'ger frommer Klarheit +Zu euern Wohnungen hinaufgezogen, +Daß ich nur meines Hauses Gräuel später +Und tiefer fühlen sollte? Sage mir +Vom Unglücksel'gen! sprich mir von Orest!-- + +Orest. +O, könnte man von seinem Tode sprechen! +Wie gährend stieg aus der Erschlagnen Blut +Der Mutter Geist +Und ruft der Nacht uralten Töchtern zu: +"Laßt nicht den Muttermörder entfliehn! +Verfolgt den Verbrecher! Euch ist er geweiht!" +Sie horchen auf, es schaut ihr hohler Blick +Mit der Begier des Adlers um sich her. +Sie rühren sich in ihren schwarzen Höhlen, +Und aus den winkeln schleichen ihre Gefährten, +Der Zweifel und die Reue, leis herbei. +Vor ihnen steigt ein Dampf vom Acheron; +In seinen Wolkenkreisen wälzet sich +Die ewige Betrachtung des Geschehnen +Verwirrend um des Schuld'gen Haupt umher +Und sie, berechtigt zum Verderben, treten +Der gottbesäten Erde schönen Boden, +Von dem ein alter Fluch sie längst verbannte. +Den Flüchtigen verfolgt ihr schneller Fuß; +Sie geben nur um neu zu schrecken Rast. + +Iphigenie. +Unseliger, du bist in gleichem Fall, +Und fühlst was er, der arme Flüchtling, leidet! + +Orest. +Was sagst du mir? was wähnst du gleichen Fall? + +Iphigenie. +Dich drückt ein Brudermord wie jenen; mir +Vertraute dieß dein jüngster Bruder schon. + +Orest. +Ich kann nicht leiden, daß du große Seele +Mit einem falschen Wort betrogen werdest. +Ein lügenhaft Gewebe knüpf' ein Fremder +Dem Fremden, sinnreich und der List gewohnt, +Zur Falle vor die Füße; zwischen uns +Sei Wahrheit! +Ich bin Orest! und dieses schuld'ge Haupt +Senkt nach der Grube sich und sucht den Tod; +In jeglicher Gestalt sei er willkommen! +Wer du auch seist, so wünsch' ich Rettung dir +Und meinem Freunde; mir wünsch' ich sie nicht. +Du scheinst hier wider Willen zu verweilen; +Erfindet Rath zur Flucht und laßt mich hier. +Es stürze mein entseelter Leib vom Fels, +Es rauche bis zum Meer hinab mein Blut, +Und bringe Fluch dem Ufer der Barbaren! +Geht ihr, daheim im schönen Griechenland +Ein neues Leben Freundlich anzufangen. + (Er entfernt sich.) + +Iphigenie. +So steigst du denn, Erfüllung, schönste Tochter +Des größten Vaters, endlich zu mir nieder! +Wie ungeheuer steht dein Bild vor mir! +Kaum reicht mein Blick dir an die Hände, die +Mit Fürchte und Segenskränzen angefüllt +Die Schätze des Olympus niederbringer. +Wie man den König an dem Übermaß +Der Gaben kennt: denn ihm muß wenig scheinen +Was Tausenden schon Reichthum ist; so kennt +Man euch, ihr Götter, an gesparten, lang +Und weise zubereiteten Geschenken. +Denn ihr allein wißt was uns frommen kann, +Und schaut der Zukunft ausgedehntes Reich, +Wenn jedes Abends Stern- und Nebelhülle +Die Aussicht uns verdeckt. Gelassen hört +Ihr unser Flehn, das um Beschleunigung +Euch kindisch bittet; aber eure Hand +Bricht unreif nie die goldnen Himmelsfrüchte; +Und wehe dem, der ungeduldig sie +Ertrotzend saure Spiese sich zum Tod +Genießt. O laßt das lang erwartete, +Noch kaum gedachte Glück nicht, wie den Schatten +Des abgeschiednen Freundes, eitel mir +Und dreifach schmerzlicher vorübergehn! + +Orest (tritt wieder zu ihr). +Rufst du die Götter an für dich und Pylades, +So nenne meinen Namen nicht mit eurem. +Du rettest den Verbrecher nicht, zu dem +Du dich gesellst, und theilest Fluch und Noth. + +Iphigenie. +Mein Schicksal ist an deines fest gebunden. + +Orest. +Mit nichten! Laß allein und unbegleitet +Mich zu den Todten gehn. Verhülltest du +In deinen Schleier selbst den Schuldigen; +Du birgst ihn nicht vor'm Blick der Immerwachen, +Und deine Gegenwart, du Himmlische, +Drängt sie nur seitwärts und verscheucht sie nicht. +Sie dürfen mit den ehrnen frechen Füßen +Des heil'gen Waldes Boden nicht betreten; +Doch hör' ich aus der Ferne hier und da +Ihr gräßliches Gelächter. Wölfe harren +So um den Baum, auf den ein Reisender +Sich rettete. Da draußen ruhen sie +Gelagert; und verlass' ich diesen Hain, +Dann steigen sie, die Schlangenhäupter schüttelnd, +Von allen Seiten Staub erregend auf +Und treiben ihre Beute vor sich her. + +Iphigenie. +Kannst du, Orest, ein freundlich Wort vernehmen? + +Orest. +Spar' es für einen Freund der Götter auf. + +Iphigenie. +Sie geben dir zu neuer Hoffnung Licht. + +Orest. +Durch Rauch und Qualm seh' ich den matten Schein +Des Todtenflusses mir zur Hölle leuchten. + +Iphigenie. +Hast du Elektren, Eine Schwester nur? + +Orest. +Die Eine kannt' ich; doch die ält'ste nahm +Ihr gut Geschick, das uns so schrecklich schien, +Bei Zeiten aus dem Elend unsers Hauses. +O laß dein Fragen, und geselle dich +Nicht auch zu den Erinnyen; sie blasen +Mir schadenfroh die Asche von der Seele, +Und leiden nicht, daß sich die letzten Kohlen +Von unsers Hauses Schreckensbrande still +In mir verglimmen. Soll die Gluth denn ewig, +Vorsätzlich angefacht, mit Höllenschwefel +Genährt, mir auf der Selle marternd brennen? + +Iphigenie. +Ich bringe füßes Rauchwerk in die Flamme. +O laß den reinen Hauch der Liebe dir +Die Gluth des Busens leise wehend kühlen. +Orest, mein Theurer, kannst du nicht vernehmen? +Hat das Geleit der Schreckensgötter so +Das Blut in deinen Adern aufgetrocknet? +Scheicht, wie vom Haupt der gräßlichen Gorgone, +Versteinernd dir ein Zauber durch die Glieder? +O wenn vergoss'nen Mutterblutes Stimme +Zur Höll' hinab mit dumpfen Tönen ruft; +Soll nicht der reinen Schwester Segenswort +Hülfreiche Götter von Olympus rufen? + +Orest. +Es ruft! es ruft! So willst du mein Verderben! +Verbirgt in dir sich eine Rachegöttin? +Wer bist du, deren Stimme mir entsetzlich +Das Innerste in seinen Tiefen wendet? + +Iphigenie. +Es zeigt sich dir im tiefsten Herzen an: +Orest, ich bin's! Sieh Iphigenien! +Ich lebe! + +Orest. + Du! + +Iphigenie. + Mein Bruder! + +Orest. + Laß! Hinweg! +Ich rathe dir, berühre nicht die Locken! +Wie von Kreusa's Brautkleid zündet sich +Ein unauslöschlich Feuer von mir fort. +Laß mich! Wie Hercules will ich Unwürd'ger +Den Tod voll Schmach, in mich verschlossen, sterben. + +Iphigenie. +Du wirst mich untergehn! O daß ich nur +Ein ruhig Wort von dir vernehmen könnte! +O löße meine Zweifel, laß des Glückes, +Des lang erflehten, mich auch sicher werden. +Es wälzet sich ein Rad von Freud' und Schmerz +Durch meine Seele. Von dem fremden Manne +Entfernet mich ein Schauer; doch es reißt +Mein Innerstes gewaltig mich zum Bruder. + +Orest. +Ist hier Lyäens Tempel? und ergreift +Unbändig-heil'ge Wuth die Priesterin? + +Iphigenie. +O höre mich! O sieh mich an, wie mir +Nach einer langen Zeit das Herz sich öffnet, +Der Seligkeit, dem Liebsten, was die Welt +Noch für mich tragen kann, das Haupt zu küssen, +Mit meinen Armen, die den leeren Winden +Nur ausgebreitet waren, dich zu fassen! +O laß mich! Laß mich! Denn es quillet heller +Nicht vom Parnaß die ew'ge Quelle sprudelnd +Von Fels zu Fels in's goldne Thal hinab, +Wie Freude mir vom Herzen wallend fließt, +Und wie ein selig Meer mich rings umfängt. +Orest! Orest! Mein Bruder! + +Orest. + Schöne Nymphe, +Ich traue dir und deinem Schmeicheln nicht. +Diana fordert strenge Dienerinnen +Und rächet das entweihte Heiligthum. +Entferne deinen Arm von meiner Brust! +Und wenn du einen Jüngling rettend lieben, +Das schöne Glück ihm zärtlich bieten willst, +So wende meinem Freunde dein Gemüth, +Dem würd'gern Manne zu. Er irrt umher +Auf jenem Felsenpfade; such' ihn auf, +Weis' ihn zurecht und schone meiner. + +Iphigenie. + Fasse +Dich, Bruder, und erkenne die Gefundne! +Schilt einer Schwester reine Himmelsfreude +Nicht unbesonnene, strafbare Luft. +O nehmt den Wahn ihm von dem sterren Auge, +Daß uns der Augenblick der höchsten Freude +Nicht dreifach elend mache! Sie ist hier, +Die längst verlorne Schwester. Vom Altar +Riß mich die Göttin weg und rettete +Hierher mich in ihr eigen Heiligthum. +Gefangen bist du, dargestellt zum Opfer, +Und findest in der Priesterin die Schwester. + +Orest. +Unselige! So mag die Sonne denn +Die letzten Gräuel unsers Hauses sehn! +Ist nicht Elektra hier? damit auch sie +Mit uns zu Grunde gehe, nicht ihr Leben +Zu schwererem Geschick und Leiden friste. +Gut, Priesterin! Ich folge zum Altar: +Der Brudermord ist hergebrachte Sitte +Des alten Stammes; und ich danke, Götter, +Daß ihr mich ohne Kinder auszurotten +Beschlossen habt. Und laß dir rathen, habe +Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne; +Komm, folge mir in's dunkle Reich hinab! +Wie sich vom Schwefelpfuhl erzeugte Drachen +Bekämpfend die verwandte Brut verschlingen, +Zerstört sich selbst das wüthende Geschlect; +Komm kinderlos und schuldlos mit hinab! +Du siehst mich mit Erbarmen an? Laß ab! +Mit solchen Blicken suchte Klytämnestra +Sich einen Weg nach ihres Sohnes Herzen; +Doch sein geschwungner Arm traf ihre Brust. +Die Mutter fiel!--Tritt auf, unwill'ger Geist! +Im Kreis geschlossen tretet an, ihr Furien, +Und wohnet dem willkommnen Schauspiel bei, +Dem letzten, gräßlichsten, das ihr bereitet! +Nicht Haß und Rache schärfen ihren Dolch; +Die liebevolle Schwester wird zur That +Gezwungen. Weine nicht! Du hast nicht Schuld. +Seit meinen ersten Jahren hab' ich nichts +Geliebt, wie ich dich lieben könnte, Schwester. +Ja, schwinge deinen Stahl, verschone nicht, +Zerreiße diesen Busen, und eröffne +Den Strömen die hier sieden einen Weg! + (Er sinkt in Ermattung.) + +Iphigenie. +Allein zu tragen dieses Glück und Elend +Vermag ich nicht.--Wo bist du, Pylades? +Wo find' ich deine Hülfe, theurer Mann? + (Sie entfernt sich suchend.) + + +Zweiter Auftritt. + +Orest +(aus seiner Betäubung erwachend und sich aufrichtend). + +Noch Einen! reiche mir aus Lethe's Fluthen +Den letzten kühlen Becher der Erquickung! +Bald ist der Krampf des Lebens aus dem Busen +Hinweggespült; bald fließet still mein Geist, +Der quelle des Vergessens hingegeben, +Zu euch, ihr Schatten, in die ew'gen Nebel. +Gefällig laßt in eurer Ruhe sich +Den umgetriebnen Sohn der Erde laben!-- +Welch ein Gelispel hör' ich in den Zweigen, +Welch ein Geräusch aus jener Dämmrung säuseln?-- +Sie kommen schon, den neuen Gast zu sehn! +Wer ist die Schaar, die herrlich mit einander +Wie ein versammelt Fürstenhaus sich freut? +Sie gehen friedlich, Alt' und Junge, Männer +Mit Weibern; göttergleich und ähnlich scheinen +Die wandelnden Gestalten. Ja, sie sind's, +Die Ahnherrn meines Hauses!--Mit Thyesten +Geht Atreus in vertraulichen Gesprächen; +Die Knaben schlüpfen scherzend um sie her. +Ist keine Feindschaft hier mehr unter euch? +Verlosch die Rache wie das Licht der Sonne? +So bin auch ich willkommen, und ich darf +In euern feierlichen Zug mich mischen. +Willkommen, Väter! euch grüßt Orest, +Von euerm Stamme der letzte Mann; +Was ihr gesät, hat er geerntet: +Mit Fluch beladen stieg er herab, +Doch leichter träget sich hier jede Bürde: +Nehmt ihn, o nehmt ihn in euern Kreis!-- +Dich, Altreus, ehr' ich, auch dich Thyesten: +Wir sind hier alle der Feindschaft los.-- +Zeigt mir den Vater, den ich nur einmal +Im Leben sah!--Bist du's, mein Vater? +Und führst die Mutter vertraut mit dir? +Darf Klytämnestra die hand dir reichen; +So darf Orest auch zu ihr treten +Und darf ihr sagen: sieh deinen Sohn!-- +Seht euern Sohn! Heißt ihn willkommen. +Auf Erden war in unserm Hause +Der Gruß des Mordes gewisse Losung, +Und das Geschlect des alten Tantalus +Hat seine Freuden jenseits der Nacht. +Ihr ruft: Willkommen! und nehmt mich auf! +O führt zum Alten, zum Ahnherrn mich! +Wo ist der Alte? daß ich ihn sehe, +Das theure Haupt, das vielverehrte, +Das mit den Göttern zu Rathe saß. +Ihr scheint zu zaudern, euch wegzuwenden? +Was ist es? leidet der Göttergleiche? +Weh mir! es haben die Übermächt'gen +Der Heldenbrust grausame Qualen +Mit ehrnen Ketten fest aufgeschmiedet. + + +Dritter Auftritt. + +Orest. Iphigenie. Pylades. + +Orest. +Seid ihr auch schon herabgekommen? +Wohl Schwester dir! Noch fehlt Elektra: +Ein güt'ger Gott send' uns die Eine +Mit sanften Pfeilen auch schnell herab. +Dich, armer Freund, muß ich bedauern! +Komm mit! komm mit! zu Pluto's Thron, +Als neue Gäste den Wirth zu grüßen. + +Iphigenie. +Geschwister, die ihr an dem weiten Himmel +Das schöne Licht bei Tag und Nacht herauf +Den Menschen bringet, und den Abgeschiednen +Nicht leuchten dürfet, rettet uns Geschwister! +Du liebst, Diane, deinen holden Bruder +Vor allem, was dir Erd' und Himmel bietet, +Und wendest dein jungfräulich Angesicht +Nach seinem ew'gen Lichte sehnend still. +O laß den einz'gen Spätgefundnen mir +Nicht in der Finsterniß des Wahnsinns rasen! +Und ist dein Wille, da du hier mich bargst, +Nunmehr vollendet, willst du mir durch ihn +Und ihm durch mich die sel'ge Hülfe geben; +So lös' ihn von den Banden jenes Fluchs, +Daß nicht die theure Zeit der Rettung schwinde. + +Pylades. +Erkennst du uns und diesen heil'gen Hain +Und dieses Licht, das nicht den Todten leuchtet? +Fühlst du den Arm des Freundes und der Schwester, +Die dich noch fest, noch lebend halten? Faß +Uns kräftig an; wir sind nicht leere Schatten. +Merk' auf mein Wort! Vernimm es! Raffe dich +Zusammen! Jeder Augenblick ist theuer, +Und unsre Rückkehr hängt an zarten Fäden, +Die, scheint es, eine günst'ge Parze spinnt. + +Orest. +Laß mich zum Erstenmal mit freiem Herzen +In deinen Armen reine Freude haben! +Ihr Götter, die mit flammender Gewalt +Ihr schwere Wolken aufzuzehren wandelt, +Und gnädig-ernst den lang erflehten Regen +Mit Donnerstimmen und mit Windesbrausen +In wilden Strömen auf die Erde schüttet, +Doch bald der Menschen grausendes Erwarten +In Segen auflös't und das bange Staunen +In Freudeblick und lauten Dank verwandelt, +Wenn in den Tropfen frischerquickter Blätter +Die neue Sonne tausendfach sich spiegelt, +Und Iris freundlich bunt mit leichter Hand +Den grauen Flor der letzten Wolken trennt; +O laßt mich auch in meiner Schwester Armen, +An meines Freundes Brust, was ihr mir gönnt +Mit vollem Dank genießen und behalten. +Es löset sich der Fluch, mir sagt's das Herz. +Die Eumeniden ziehn, ich höre sie, +Zum Tartarus und schlagen hinter sich +Die ehrnen Thore fernabdonnernd zu. +Die Erde dampft erquickenden Geruch +Und ladet mich auf ihren Flächen ein, +Nach Lebensfreud' und großer That zu jagen. + +Pylades. +Versäumt die Zeit nicht, die gemessen ist! +Der Wind der unsre Segel schwellt, er bringe +Erst unsre volle Freude zum Olymp. +Kommt! Es bedarf hier schnellen Rath und Schluß. + + + +Vierter Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Iphigenie. +Denken die Himmlischen +Einem der Erdgebornen +Viele Verwirrungen zu, +Und bereiten sie ihm +Von der Freude zu Schmerzen +Und von Schmerzen zur Freude +Tief-erschütternden Übergang; +Dann erziehen sie ihm +In der Nähe der Stadt, +Oder am fernen Gestade, +Daß in Stunden der Noth +Auch die Hülfe bereit sei, +Einen ruhigen Freund. +O segnet, Götter, unsern Pylades +Und was er immer unternehmen mag! +Er ist der Arm des Jünglings in der Schlacht, +Des Greises leuchtend Aug' in der Versammlung: +Denn seine Seel' ist stille; sie bewahrt +Der Ruhe heil'ges unerschöpftes Gut, +Und den Umhergetriebnen reichet er +Aus ihren Tiefen Rath und Hülfe. Mich +Riß er vom Bruder los; den staunt' ich an +Und immer wieder an, und konnte mir +Das Glück nicht eigen machen, ließ ihn nicht +Aus meinen Armen los, und fühlte nicht +Die Nähe der Gefahr die uns umgibt. +Jetzt gehn sie ihren Anschlag auszuführen +Der See zu, wo das Schiff mit den Gefährten +In einer Bucht versteckt auf's Zeichen lauert, +Und haben kluges Wort mir in den Mund +Gegeben, mich gelehrt was ich dem König +Antworte, wenn er sendet und das Opfer +Mir dringender gebietet. Ach! ich sehe wohl, +Ich muß mich leiten lassen wie ein Kind. +Ich habe nicht gelernt zu hinterhalten +Noch jemand etwas abzulisten. Weh! +O weh der Lüge! Sie befreiet nicht, +Wie jedes andre wahrgesprochne Wort, +Die Brust; sie macht uns nicht getrost, sie ängstet +Den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt, +Ein losgedruckter Pfeil, von einem Gotte +Gewendet und versagend, sich zurück +Und trifft den Schützen. Sorg' auf Sorge schwankt +Mir durch die Brust. Es greift die Furie +Vielleicht den Bruder auf dem Boden wieder +Des ungeweihten Ufers grimmig an. +Entdeckt man sie vielleicht? Mich dünkt, ich höre +Gewaffnete sich nahen!--Hier!--Der Bote +Kommt von dem Könige mit schnellem Schritt, +Es schlägt mein Herz, es trübt sich meine Seele, +Da ich des Mannes Angesicht erblicke, +Dem ich mit falschem Wort begegnen soll. + + +Zweiter Auftritt. + + +Iphigenie. Arkas. + +Arkas. +Beschleunige das Opfer, Priesterin! +Der König wartet und es harrt das Volk. + +Iphigenie. +Ich folgte meiner Pflicht und deinem Wink, +Wenn unvermuthet nicht ein Hinderniß +Sich zwischen mich und die Erfüllung stellte. + +Arkas. +Was ist's, das den Befehl des Königs hindert? + +Iphigenie. +Der Zufall, dessen wir nicht Meister sind. + +Arkas. +So sage mir's, daß ich's ihm schnell vermelde: +Denn er beschloß bei sich der beiden Tod. + +Iphigenie. +Die Götter haben ihn noch nicht beschlossen. +Der ält'ste dieser Männer trägt die Schuld +Des nahverwandten Bluts, das er vergoß. +Die Furien verfolgen seinen Pfad, +Ja in dem innern Tempel faßte selbst +Das Übel ihn, und seine Gegenwart +Entheiligte die reine Stätte. Nun +Eil' ich mit meinen Jungfraun, an dem Meere +Der Göttin Bild mit frischer Welle netzend, +Geheimnißvolle Weihe zu begehn. +Es störe niemand unsern stillen Zug! + +Arkas. +Ich melde dieses neue Hinderniß +Dem Könige geschwind; beginne du +Das heil'ge Werk nicht eh' bis er's erlaubt. + +Iphigenie. +Dieß ist allein der Priestrin überlassen. + +Arkas. +Solch seltnen Fall soll auch der König wissen. + +Iphigenie. +Sein Rath wie sein Befehl verändert nichts. + +Arkas. +Oft wird der Mächtige zum Schein gefragt. + +Iphigenie. +Erdringe nicht, was ich versagen sollte. + +Arkas. +Versage nicht, was gut und nützlich ist. + +Iphigenie. +Ich gebe nach, wenn du nicht säumen willst. + +Arkas. +Schnell bin ich mit der Nachricht in dem Lager, +Und schnell mit seinen Worten hier zurück. +O könnt' ich ihm noch eine Botschaft bringen, +Die alles lös'te, was uns jetzt verwirrt: +Denn du hast nicht des Treuen Rath geachtet. + +Iphigenie. +Was ich vermochte, hab' ich gern gethan. + +Arkas. +Noch änderst du den Sinn zur rechten Zeit. + +Iphigenie. +Das steht nun einmal nicht in unsrer Macht. + +Arkas. +Du hältst unmöglich, was dir Mühe kostet. + +Iphigenie. +Dir scheint es möglich, weil der Wunsch dich trügt. + +Arkas. +Willst du denn alles so gelassen wagen? + +Iphigenie. +Ich hab' es in der Götter Hand gelegt. + +Arkas. +Sie pflegen Menschen menschlich zu erretten. + +Iphigenie. +Auf ihren Fingerzeig kömmt alles an. + +Arkas. +Ich sage dir, es liegt in deiner Hand. +Des Königs aufgebrachter Sinn allein +Bereitet diesen Fremden bittern Tod. +Das Heer entwöhnte längst vom harten Opfer +Und von dem blut'gen Dienste sein Gemüth. +Ja, mancher, den ein widriges Geschick +An fremdes Ufer trug, empfand es selbst, +Wie göttergleich dem armen Irrenden, +Umhergetrieben an der fremden Gränze, +Ein freundlich Menschenangesicht begegnet. +O wende nicht von uns was du vermagst! +Du endest leicht was du begonnen hast: +Denn nirgends baut die Milde, die herab +In menschlicher Gestalt vom Himmel kommt, +Ein Reich sich schneller, als wo trüb und wild +Ein neues Volk, voll Leben, Muth und Kraft, +Sich selbst und banger Ahnung überlassen, +Des Menschenlebens schwere Bürden trägt. + +Iphigenie. +Erschüttre meine Seele nicht, die du +Nach deinem Willen nicht bewegen kannst. + +Arkas. +So lang es Zeit ist, schont man weder Mühe +Noch eines guten Wortes Wiederholung. + +Iphigenie. +Du machst dir Müh und mir erregst du Schmerzen: +Vergebens beides: darum laß mich nun. + +Arkas. +Die Schmerzen sind's, die ich zu Hülfe rufe: +Denn es sind Freunde, Gutes rathen sie. + +Iphigenie. +Sie fassen meine Seele mit Gewalt, +Doch tilgen sie den Widerwillen nicht. + +Arkas. +Fühlt eine schöne Seele Widerwillen +Für eine Wohlthat, die der Edle reicht? + +Iphigenie. +Ja, wenn der Edle, was sich nicht geziemt, +Statt meines Dankes mich erwerben will. + +Arkas. +Wer keine Neigung fühlt, dem mangelt es +An einem Worte der Entschuld'gung nie. +Dem Fürsten sag' ich an, was hier geschehn. +O wiederholtest du in deiner Seele, +Wie edel er sich gegen dich betrug +Von deiner Ankunft an bis diesen Tag. + + +Dritter Auftritt. + +Iphigenie (allein). + +Von dieses Mannes Rede fühl' ich mir +Zur ungelegnen Zeit das Herz im Busen +Auf einmal umgewendet. Ich erschrecke!-- +Denn wie die Fluth mit schnellen Strömen wachsend +Die Felsen überspült, die in dem Sand +Am Ufer liegen: so bedeckte ganz +Ein Freudenstrom mein Innerstes. Ich hielt +In meinen Armen das Unmögliche. +Es schien sich eine Wolke wieder sanft +Um mich zu legen, von der Erde mich +Empor zu heben und in jenen Schlummer +Mich einzuwiegen, den die gute Göttin +Um meine Schläfe legte, da ihr Arm +Mich rettend faßte.--Meinen Bruder +Ergriff das Herz mit einziger Gewalt: +Ich horchte nur auf seines Freundes Rath; +Nur sie zu retten drang die Seele vorwärts. +Und wie den Klippen einer wüsten Insel +Der Schiffer gern den Rücken wendet: so +Lag Tauris hinter mir. Nun hat die Stimme +Des treuen Manns mich wieder aufgeweckt, +Daß ich auch Menschen hier verlasse, mich +Erinnert. Doppelt wird mir der Betrug +Verhaßt. O bleibe ruhig, meine Seele! +Beginnst du nun zu schwanken und zu zweifeln? +Den festen Boden deiner Einsamkeit +Mußt du verlassen! wieder eingeschifft +Ergreifen dich die Wellen schaukelnd, trüb +Und bang verkennest du die Welt und dich. + + +Vierter Auftritt. + +Iphigenie. Pylades. + +Pylades. +Wo ist sie? daß ich ihr mit schnellen Worten +Die frohe Botschaft unsrer Rettung bringe! + +Iphigenie. +Du siehst mich hier voll Sorgen und Erwartung +Des sichern Trostes, den du mir versprichst. + +Pylades. +Dein Bruder ist geheilt! Den Felsenboden +Des ungeweihten Ufers und den Sand +Betraten wir mit fröhlichen Gesprächen; +Der Hain blieb hinter uns, wir merkten's nicht. +Und herrlicher und immer herrlicher +Umloderte der Jugend schöne Flamme +Sein lockig Haupt; sein volles Auge glühte +Von Muth und Hoffnung, und sein freies Herz +Ergab sich ganz der Freude, ganz der Lust, +Dich, seine Retterin, und mich zu retten. + +Iphigenie. +Gesegnet seist du, und es möge nie +Von deiner Lippe, die so Gutes sprach, +Der Ton des Leidens und der Klage tönen! + +Pylades. +Ich bringe mehr als das; denn schön begleitet, +Gleich einem Fürsten, pflegt das Glück zu nahn, +Auch die Gefährten haben wir gefunden. +In einer Felsenbucht verbargen sie +Das Schiff und saßen traurig und erwartend. +Sie sahen deinen Bruder, und es regten +Sich alle jauchzend, und sie baten dringend +Der Abfahrt Stunde zu beschleunigen. +Es sehnet jede Faust sich nach dem Ruder, +Und selbst ein Wind erhob vom Lande lispelnd, +Von allen gleich bemerkt, die holden Schwingen. +Drum laß uns eilen, führe mich zum Tempel, +Laß mich das Heiligthum betreten, laß +Mich unsrer Wünsche Ziel verehrend fassen. +Ich bin allein genug, der Göttin Bild +Auf wohl geübten Schultern wegzutragen; +Wie sehn' ich mich nach der erwünschten Last! + +(Er geht gegen den Tempel unter den letzten Worten, +ohne zu bemerken, daß Iphigenie nicht solgt; endlich +kehrt er sich um) + +Du stehst und zauderst--Sage mir--Du schweigst! +Du scheinst verworren! Widersetzet sich +Ein neues Unheil unserm Glück? Sag' an! +Hast du dem Könige das kluge Wort +Vermelden lassen, das wir abgeredet? + +Iphigenie. +Ich habe, theurer Mann; doch wirst du schelten. +Ein schweigender Verweis war mir dein Anblick. +Des Königs Bote kam, und wie du es +Mir in den Mund gelegt, so sagt' ich's ihm. +Er schien zu staunen, und verlangte dringend +Die seltne Feier erst dem Könige +Zu melden, seinen Willen zu vernehmen; +Und nun erwart' ich seine Wiederkehr. + +Pylades. +Weh uns! Erneuert schwebt nun die Gefahr +Um unsre Schläfe! Warum hast du nicht +In's Priesterecht dich weislich eingehüllt? + +Iphigenie. +Als eine Hülle hab' ich's nie gebraucht. + +Pylades. +So wirst du, reine Seele, dich und uns +Zu Grunde richten. Warum dacht' ich nicht +Auf diesen Fall voraus, und lehrte dich +Auch dieser Fordrung auszuweichen! + +Iphigenie. + Schilt +Nur mich, die Schuld ist mein, ich fühl' es wohl; +Doch konnt' ich anders nicht dem Mann begegnen, +Der mit Vernunft und Ernst von mir verlangte, +Was ihm mein Herz als Recht gestehen mußte. + +Pylades. +Gefährlicher zieht sich's zusammen; doch auch so +Laß uns nicht zagen, oder unbesonnen +Und übereilt uns selbst verrathen. Ruhig +Erwarte du die Wiederkunft des Boten, +Und dann steh fest, er bringe was er will: +Denn solcher Weihung Feier anzuordnen +Gehört der Priesterin und nicht dem König. +Und fordert er den fremden Mann zu sehn, +Der von dem Wahnsinn schwer belastet ist; +So lehn' es ab, als hieltest du uns beide +Im Tempel wohl verwahrt. So schaff' uns Luft, +Daß wir auf's eiligste, den heil'gen Schatz +Dem rauh unwürd'gen Volk entwendend, fliehn. +Die besten Zeichen sendet uns Apoll, +Und, eh' wir die Bedingung fromm erfüllen, +Erfüllt er göttlich sein Versprechen schon. +Orest ist frei, geheilt!--Mit dem Befreiten +O führet uns hinüber, günst'ge Winde, +Zur Felsen-Insel die der Gott bewohnt; +Dann nach Mycen, daß es lebendig werde, +Daß von der Asche des verloschnen Herdes +Die Vatergötter fröhlich sich erheben, +Und schönes Feuer ihre Wohnungen +Umleuchte! Deine Hand soll ihnen Weihrauch +Zuerst aus goldnen Schalen streuen. Du +Bringst über jene Schwelle Heil und Leben wieder, +Entfühnst den Fluch und schmückest neu die Deinen +Mit frischen Lebensblüthen herrlich aus. + +Iphigenie. +Vernehm' ich dich, so wendet sich, o Theurer, +Wie sich die Blume nach der Sonne wendet, +Die Seele, von dem Strahle deiner Worte +Getroffen, sich dem füßen Troste nach. +Wie köstlich ist des gegenwärt'gen Freundes +Gewisse Rede, deren Himmelskraft +Ein Einsamer entbehrt und still verfinkt. +Denn langsam reift, verschlossen in dem Busen, +Gedank' ihm und Entschluß; die Gegenwart +Des Liebenden entwickelte sie leicht. + +Pylades. +Leb' wohl! Die Freunde will ich nun geschwind +Beruhigen, die sehnlich wartend harren. +Dann komm' ich schnell zurück und lausche hier +Im Felsenbusch versteckt auf deinen Wink-- +Was sinnest du? Auf einmal überschwebt +Ein stiller Trauerzug die freie Stirne. + +Iphigenie. +Verzeih! Wie leicht Wolken vor der Sonne, +So zieht mir vor der Seele leichte Sorge +Und Bangigkeit vorüber. + +Pylades. + Fürchte nicht! +Betrüglich schloß die Furcht mit der Gefahr +Ein enges Bündniß; beide sind Gesellen. + +Iphigenie. +Die Sorge nenn' ich edel, die mich warnt, +Den König, der mein zweiter Vater ward, +Nicht tückish zu betrügen, zu berauben. + +Pylades. +Der deinen Bruder schlachtet, dem entfliehst du. + +Iphigenie. +Es ist derselbe, der mir Gutes that. + +Pylades. +Das ist nicht Undank, was die Noth gebeut. + +Iphigenie. +Es bleibt wohl Undank; nur die Noth entschuldigt. + +Pylades. +Vor Göttern und vor Menschen dich gewiß. + +Iphigenie. +Allein mein eigen Herz ist nicht befriedigt. + +Pylades. +Zu strenge Fordrung ist verborgner Stolz. + +Iphigenie. +Ich untersuche nicht, ich fühle nur. + +Pylades. +Fühlst du dich recht, so mußt du dich verehren. + +Iphigenie. +Ganz unbefleckt genießt sich nur das Herz. + +Pylades. +So hast du dich im Tempel wohl bewahrt; +Da Leben lehrt uns, weniger mit uns +Und andern strenge sein; du lernst es auch. +So wunderbar ist dieß Geschlect gebildet, +So vielfach ist's verschlungen und verknüpft, +Daß keiner in sich selbst, noch mit den andern +Sich rein und unverworren halten kann. +Auch sind wir nicht bestellt uns selbst zu richten; +Zu wandeln und auf seinen Weg zu sehen +Ist eines Menschen erste, nächste Pflicht: +Denn selten schätzt er recht was er gethan, +Und was er thut weiß er fast nie zu schätzen. + +Iphigenie. +Fast überred'st du mich zu deiner Meinung. + +Pylades. +Braucht's Überredung, wo die Wahl versagt ist? +Den Bruder, dich, und einen Freund zu retten +Ist nur Ein Weg; fragt sich's ob wir ihn gehen? + +Iphigenie. +O laß mich zaudern! denn du thätest selbst +Ein solches Unrecht keinem Mann gelassen, +Dem du für Wohlthat dich verpflichtet hieltest. + +Pylades. +Wenn wir zu Grunde gehen, wartet dein +Ein härtrer Vorwurf, der Verzweiflung trägt. +Man sieht, du bist nicht an Verlust gewohnt, +Da du dem großen Übel zu entgehen +Ein falsches Wort nicht einmal opfern willst. + +Iphigenie. +O trüg' ich doch ein männlich Herz in mir! +Das, wenn es einen kühnen Vorsatz hegt, +Vor jeder andern Stimme sich verschließt. + +Pylades. +Du weigerst dich umsonst; die ehrne Hand +Der Noth gebietet, und ihr ernster Wink +Ist oberstes Gesetz, dem Götter selbst +Sich unterwerfen müssen. Schweigend herrscht +Des ew'gen Schicksals unberathne Schwester. +Was sie dir auferlegt, das trage: thu' +Was sie gebeut. Das Andre weißt du. Bald +Komm' ich zurück, aus deiner heil'gen Hand +Der Rettung schönes Siegel zu empfangen. + + +Fünfter Auftritt. + +Iphigenie (allein). +Ich muß ihm folgen: denn die Meinigen +Seh' ich in dringender Gefahr. Doch ach! +Mein eigen Schicksal macht mir bang und bänger. +O soll ich nicht die stille Hoffnung retten, +Die in der Einsamkeit ich schön genährt? +Soll dieser Fluch denn ewig walten? Soll +Nie dieß Geschlect mit einem neuen Segen +Sich wieder heben?--Nimmt doch alles ab! +Das beste Glück, des Lebens schönste Kraft +Ermattet endlich, warum nicht der Fluch? +So hofft' ich denn vergebens, hier verwahrt, +Von meines Hauses Schicksal abgeschieden, +Dereinst mit reiner Hand und reinem Herzen +Die schwer befleckte Wohnung zu entfühnen! +Kaum wird in meinen Armen mir ein Bruder +Vom grimm'gen Übel wundervoll und schnell +Geheilt, kaum naht ein lang erflehtes Schiff, +Mich in den Port der Vaterwelt zu leiten, +So legt die taube Noth ein doppelt Laster +Mit ehrner Hand mir auf: das heilige +Mir anvertraute, viel verehrte Bild +Zu rauben und den Mann zu hintergehn, +Dem ich mein Leben und mein Schicksal danke. +O daß in meinem Busen nicht zuletzt +Ein Widerwille keime! der titanen +Der alten Götter tiefer Haß auf euch, +Olympier, nicht auch die zarte Brust +Mit Geierklauen fasse! Rettet mich +Und rettet euer Bild in meiner Seele! + +Vor meinen Ohren tönt das alte Lied-- +Vergessen hatt' ich's und vergaß es gern-- +Das Lied der Parzen, das sie grausend sangen, +Als Tantalus vom goldnen Stuhle fiel: +Sie litten mit dem edeln Freunde; grimmig +War ihre Brust, und furchtbar ihr Gesang. +In unsrer Jugend sang's die Amme mir +Und den Geschwistern vor, ich merkt es wohl. + + Es fürchte die Götter + Das Menschengeschlect! + Sie halten die Herrschaft + In ewigen Händen, + Und können sie brauchen + Wie's ihnen gefällt. + + Der Fürchte sie doppelt, + Den je sie erheben! + Auf Klippen und Wolken + Sind Stühle bereitet + Um goldene Tische. + + Erhebet ein Zwist sich: + So stürzen die Gäste + Geschmäht und geschändet + In nächtliche Tiefen, + Und harren vergebens, + Im Finstern gebunden, + Gerechten Gerechtes. + + Sie aber, sie bleiben + In ewigen Festen + An goldenen Tischen. + sie schreiten vom Berge + Zu Bergen hinüber: + Aus Schlünden der Tiefe + Dampft ihnen der Athem + Erstickter Titanen, + Gleich Opfergerüchen, + + Ein leichtes Gewölke. + + Es wenden die Herrscher + Ihr segnendes Auge + Von ganzen Geschlechtern, + Und meiden, im Enkel + Die ehmals Geliebten + Still redenden Züge + Des Ahnherrn zu sehn. + + So sangen die Parzen; + Es horcht der Verbannte + In nächtlichen Höhlen + Der Alte die Lieder, + Denkt Kinder und Enkel + Und schüttelt das Haupt. + + + +Fünfter Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Thoas. Arkas. + +Arkas. +Verwirrt muß ich gestehn, daß ich nicht weiß, +Wohin ich meinen Argwohn richten soll. +Sind's die Gefangnen, die auf ihre Flucht +Verstohlen sinnen? Ist's die Priesterin, +Die ihnen hilft? Es mehrt sich das Gerücht: +Das Schiff, das diese beiden hergebracht, +Sei irgend noch in einer Bucht versteckt. +Und jenes Mannes Wahnsinn, diese Weihe, +Der heil'ge Vorwand dieser Zögrung, rufen +Den Argwohn lauter und die Vorsicht auf. + +Thoas. +Es komme schnell die Priesterin herbei! +Dann geht, durchsucht das Ufer scharf und schnell +Vom Vorgebirge bis zum Hain der Göttin. +Verschonet seine heil'gen Tiefen, legt +Bedächt'gen Hinterhalt und greift sie an; +Wo ihr sie findet, faßt sie wie ihr pflegt. + + +Zweiter Auftritt. + +Thoas (allein). + +Entsetzlich wechselt mir der Grimm im Busen; +Erst gegen sie, die ich so heilig hielt; +Dann gegen mich, der ich sie zum Verrath +Durch nachsicht und durch Güte bildete. +Zur Sklaverei gewöhnt der Mensch sich gut +Und lernet leicht gehorchen, wenn man ihn +Der Freiheit ganz beraubt. Ja, wäre sie +In meiner Ahnherrn rohe Hand gefallen, +Und hätte sie der heil'ge Grimm verschont: +Sie wäre froh gewesen, sich allein +Zu retten, hätte dankbar ihr Geschick +Erkannt und fremdes Blut vor dem Altar +Vergossen, hätte Pflicht genannt +Was Noth war. Nun lockt meine Güte +In ihrer Brust verwegnen Wunsch herauf. +Vergebens hofft' ich, sie mir zu verbinden; +Sie sinnt sich nun ein eigen Schicksal aus. +Durch Schmeichelei gewann sie mir das Herz: +Nun widersteh' ich der; so sucht sie sich +Den Weg durch List und Trug, und meine Güte +Scheint ihr ein alt verjährtes Eigenthum. + + +Dritter Auftritt. + +Iphigenie. Thoas. + +Iphigenie. +Du sorderst mich! was bringt dich zu uns her? + +Thoas. +Du schiebst das Opfer auf; sag' an, warum? + +Iphigenie. +Ich hab' an Arkas alles klar erzählt. + +Thoas. +Von dir möcht' ich es weiter noch vernehmen. + +Iphigenie. +Die Göttin gibt dir Frist zur Überlegung. + +Thoas. +Sie scheint dir selbst gelegen, diese Frist. + +Iphigenie. +Wenn dir das Herz zum grausamen Entschluß +Verhärtet ist: so solltest du nicht kommen! +Ein König, der Unmenschliches verlangt, +Find't Diener g'nug, die gegen Gnag' und Lohn +Den halben Fluch der That begierig fassen; +Doch seine Gegenwart bleibt unbefleckt. +Er sinnt den Tod in einer schweren Wolke, +Und seine Boten bringen flammendes +Verderben auf des Armen Haupt hinab; +Er aber schwebt durch seine Höhen ruhig, +Ein unerreichter Gott, im Sturme fort. + +Thoas. +Die heil'ge Lippe tönt ein wildes Lied. + +Iphigenie. +Nicht Priesterin! nur Agamemnons Tochter. +Der Unbekannten Wort verehrtest du; +Der Fürstin willst du rasch gebieten? Nein! +Von Jugend auf hab' ich gelernt gehorchen, +Erst meinen Eltern und dann einer Gottheit, +Und folgsam fühlt' ich immer meine Seele +Am schönsten frei; allein dem harten Worte, +Dem rauhen Ausspruch eines Mannes mich +Zu fügen, lernt' ich weder dort noch hier. + +Thoas. +Ein alt Gesetz, nicht ich, gebietet dir. + +Iphigenie. +Wir fassen ein Gesetz begierig an, +Das unsrer Leidenschaft zur Waffe dient. +Ein andres spricht zu mir, ein älteres, +Mich dir zu widersetzen, das Gebot, +Dem jeder Fremde heilig ist. + +Thoas. +Es scheinen die Gefangnen dir sehr nah +Am Herzen: denn vor Antheil und Bewegung +Vergissest du der Klugheit erstes Wort, +Daß man den Mächtigen nicht reizen soll. + +Iphigenie. +Red' oder schweig' ich, immer kannst du wissen, +Was mir im Herzen ist und immer bleibt. +Lös't die Erinnerung des gleichen Schicksals +Nicht ein verschloss'nes Herz zum Mitleid auf? +Wie mehr denn meins! In ihnen seh' ich mich. +Ich habe vor'm Altare selbst gezittert, +Und feierlich umgab der frühe Tod +Die Knieende; da Messer zuckte schon, +Den lebenvollen Busen zu durchbohren; +Mein Innerstes entsetzte wirbelnd sich, +Mein Auge brach, und--ich fand mich gerettet. +Sind wir, was Götter gnädig uns gewährt, +Unglücklichen nicht zu erstatten schuldig? +Du weißt es, kennst mich, und du willst mich zwingen! + +Thoas. +Gehorche deinem Dienste, nicht dem Herrn. + +Iphigenie. +Laß ab! Beschönige nicht die Gewalt, +Die sich der Schwachheit eines Weibes freut. +Ich bin so frei geboren als ein Mann. +Stünd' Agamemnons Sohn dir gegenüber, +Und du verlangtest was sich nicht gebührt: +So hat auch Er ein Schwert und einen Arm, +Die Rechte seines Busens zu verteid'gen. +Ich habe nichts als Worte, und es ziemt +Dem edeln Mann, der Frauen Wort zu achten. + +Thoas. +Ich acht' es mehr als eines Bruders Schwert. + +Iphigenie. +Das Loos der Waffen wechselt hin und her: +Kein kluger Streiter hält den Feind gering. +Auch ohne Hülfe gegen Trutz und Härte +Hat die Natur den Schwachen nicht gelassen. +Sie gab zur List ihm Freude, lehrt' ihn Künste; +Bald weicht er aus, verspätet und umgeht. +Ja, der gewaltige verdient, daß man sie übt. + +Thoas. +Die Vorsicht stellt der List sich klug entgegen. + +Iphigenie. +Und eine reine Seele braucht sie nicht. + +Thoas. +Sprich unbehutsam nicht dein eigen Urtheil. + +Iphigenie. +O sähest du wie meine Seele kämpft, +Ein bös Geschick, das sie ergreifen will, +Im ersten Anfall muthig abzutreiben! +So steh' ich denn hier wehrlos gegen dich? +Die schöne Bitte, den anmuth'gen Zweig, +In einer Frauen Hand Gewaltiger +Als Schwert und Waffe, stößest du zurück: +Was bleibt mir nun, mein Innres zu verteid'gen? +Ruf' ich die Göttin um ein Wunder an? +Ist keine Kraft in meiner Seele Tiefen? + +Thoas. +Es scheint, der beiden Fremden Schicksal nacht +Unmäßig dich besorgt. Wer sind sie? sprich, +Für die dein Geist gewaltig sich erhebt? + +Iphigenie. +Sie sind--sie scheinen--für Griechen halt' ich sie. + +Thoas. +Landsleute sind es? und sie haben wohl +Der Rückkehr schönes Bild in dir erneut? + +Iphigenie (nach einigem Stillschweigen). +Hat denn zur unerhörten That der Mann +Allein das Recht? Drückt denn Unmögliches +Nur Er an die gewalt'ge Heldenbrust? +Was nennt man groß? Was hebt die Seele schaudernd +Dem immer wiederholenden Erzähler? +Als was mit unwahrscheinlichem Erfolg +Der Muthigste begann. Der in der Nacht +Allein das Heer des Feindes überschleicht, +Wie unversehen eine Flamme wüthend +Die Schlafenden, Erwachenden ergreift, +Zuletzt gedrängt von den Ermunterten +Auf Feindes Pferden, doch mit Beute kehrt, +Wird der allein gepriesen? der allein, +Der, einen sichern Weg verachtend, kühn +Gebirg' und Wälder durchzustreifen geht, +Daß er von Räubern eine Gegend säubre? +Ist uns nichts übrig? Muß ein zartes Weib +Sich ihres angebornen Rechts entäußern, +Wild gegen Wilde sein, wie Amazonen +Das Recht des Schwerts euch rauben und mit Blute +Die Unterdrückung rächen? Auf und ab +Steigt in der Brust ein kühnes Unternehmen: +Ich werde großem Vorwurf nicht entgehn, +Noch schwerem Übel wenn es mir mißlingt; +Allein Euch leg' ich's auf die Kniee! Wenn +Ihr wahrhaft seid, wie ihr gepriesen werdet; +So zeigt's durch euern Beistand und verherrlicht +Durch mich die Wahrheit!--Ja, vernimm, o König, +Es wird ein heimlicher Betrug geschmiedet; +Vergebens fragst du den Gefangnen nach; +Sie sind hinweg und suchen ihre Freunde, +Die mit dem Schiff am Ufer warten, auf. +Der ält'ste, den das Übel hier ergriffen +Und nun verlassen hat--es ist Orest, +Mein Bruder, und der andre sein Vertrauter, +Sein Jugendfreund, mit Namen Pylades. +Apoll schickt sie von Delphi diesem Ufer +Mit göttlichen Befehlen zu, das Bild +Dianens wegzurauben und zu ihm +Die Schwester hinzubringen, und dafür +Verspricht er dem von Furien Verfolgten, +Des Mutterblutes Schuldigen, Befreiung. +Uns beide hab' ich nun, die Überbliebnen +Von Tantals Haus, in deine Hand gelegt: +Verdirb uns--wenn du darfst. + +Thoas. + Du glaubst, es höre +Der rohe Scythe, der Barbar, die Stimme +Der Wahrheit und der Menschlichkeit, die Atreus, +Der Grieche, nicht vernahm? + +Iphigenie. + Es hört sie jeder, +Geboren unter jedem Himmel, dem +Des Lebens Quelle durch den Busen rein +Und ungehindert fließt.--Was sinnst du mir, +O König, schweigend in der tiefen Seele? +Ist es Verderben? so tödte mich zuerst! +Dem nun empfind' ich, da uns keine Rettung +Mehr übrig bleibt, die gräßliche Gefahr, +Worein ich die Geliebten übereilt +Vorsetzlich stürzte. Weh! ich werde sie +Gebunden vor mir sehn! Mit welchen Blicken +Kann ich von meinem Bruder Abschied nehmen, +Den ich ermorde? Nimmer kann ich ihm +Mehr in die vielgeliebten Augen schaun! + +Thoas. +So haben die Betrüger künstlich-dichtend +Der lang Verschloss'nen, ihre Wünsche leicht +Und willig Glaubenden, ein solch Gespinnst +Um's Haupt geworfen! + +Iphigenie. + Nein! o König, nein! +Ich könnte hintergangen werden; diese +Sind treu und wahr. Wirst du sie anders finden, +So laß sie fallen und verstoße mich, +Verbanne mich zur Strafe meiner Thorheit +An einer Klippen-Insel traurig Ufer. +Ist aber dieser Mann der lang erflehte, +Geliebte Bruder: so entlaß uns, sei +Auch den Geschwistern wie der Schwester freundlich! +Mein Vater fiel durch seiner Frauen Schuld, +Und sie durch ihren Sohn. Die letzte Hoffnung +Von Atreus Stamme ruht auf ihm allein. +Laß mich mit reinem Herzen, reiner Hand, +Hinübergehn und unser Haus entsühnen. +Du hältst mir Wort!--Wenn zu den Meinen je +Mir Rückkehr zubereitet wäre, schwurst +Du mich zu lassen; und sie ist es nun. +Ein König sagt nicht, wie gemeine Menschen, +Verlegen zu, daß er den Bittenden +Auf einen Augenblick entferne; noch +Verspricht er auf den Fall, den er nicht hofft: +Dann fühlt er erst die Höhe seiner Würde, +Wenn er den Harrenden beglücken kann. + +Thoas. +Unwillig, wie sich Feuer gegen Wasser +Im Kampfe wehrt und gischend seinen Feind +Zu Tilgen sucht, so wehret sich der Zorn +In meinem Busen gegen deine Worte. + +Iphigenie. +O laß die Gnade, wie das heil'ge Licht +Der stillen Opferflamme, mir, umkränzt +Von Lobgesang und Dank und Freude, lodern. + +Thoas. +Wie oft besänftigte mich diese Stimme! + +Iphigenie. +O reiche mir die Hand zum Friedenszeichen. + +Thoas. +Du forderst viel in einer kurzen Zeit. + +Iphigenie. +Um Gut's zu thun braucht's keiner Überlegung. + +Thoas. +Sehr viel! denn auch dem Guten solgt das Übel. + +Iphigenie. +Der Zweifel ist's, der Gutes böse macht. +Bedenke nicht; gewähre, wie du's fühlst. + + +Vierter Auftritt. + +Orest (gewaffnet). Die Vorigen. + +Orest (nach der Scene gekehrt). +Verdoppelt eure Kräfte! Haltet sie +Zurück! nur wenig Augenblicke! Weicht +Der Menge nicht, und deckt den Weg zum Schiffe +Mir und der Schwester. + (Zu Iphigenien ohne den König zu sehen.) + Komm, wir sind verrathen. +Geringer Raum bleibt uns zur Flucht. Geschwind! + (Er erblickt den König.) + +Thoas (nach dem Schwerte greifend). +In meiner Gegenwart führt ungestraft +Kein Mann das nackte Schwert. + +Iphigenie. + Entheiliget +Der Göttin Wohnung nicht durch Wuth und Mord. +Gebietet euerm Volke Stillstand, höret +Die Priesterin, die Schwester. + +Orest. + Sage mir! +Wer ist es, der uns droht? +Iphigenie. + Verehr' in ihm +Den König, der mein zweiter Vater ward! +Verzeih mir, Bruder! doch mein kindlich Herz +Hat unser ganz Geschick in seine Hand +Gelegt. Gestanden hab' ich euern Auschlag +Und meine Seele vom Verrath gerettet. + +Orest. +Will er die Rückkehr friedlich uns gewähren? + +Iphigenie. +Dein blinkend Schwert verbietet mir die Antwort. + +Orest (der das Schwert einsteckt). +So sprich! Du siehst, ich horche deinen Worten. + + +Fünfter Auftritt. + +Die Vorigen. Pylades. Bald nach ihm Arkas. + +(Beide mit bloßen Schwertern.) + +Pylades. +Verweilet nicht! Die letzte Kräfte raffen +Die Unsrigen zusammen; weichend werden +Sie nach der See langsam zurückgedrängt. +Welch ein Gespräch der Fürsten sind' ich hier! +Dieß ist des Königes verehrtes Haupt! + +Arkas. +Gelassen, wie es dir, o König, ziemt, +Stehst du den Feinden gegenüber. Gleich +Ist die Verwegenheit bestraft; es weicht +Und fällt ihr Anhang, und ihr Schiff ist unser. +Ein Wort von dir, so steht's in Flammen. + +Thoas. + Geh! +Gebiete Stillstand meinem Volke! keiner +Beschädige den Feind, so lang wir reden. + (Arkas ab.) + +Orest. +Ich nehm' es an. Geh, sammle, treuer Freund, +Den Rest des Volkes; harret still, welch Ende +Die Götter unsern Thaten zubereiten. + (Pylades ab.) + + +Sechster Auftritt. + +Iphigenie. Thoas. Orest. + +Iphigenie. +Befreit von Sorge mich, eh' ihr zu sprechen +Beginnet. Ich befürchte bösen Zwist, +Wenn du, o König, nicht der Billigkeit +Gelinde Stimme hörest; du, mein Bruder, +Der raschen Jugend nicht gebieten willst. + +Thoas. +Ich halte meinen Zorn, wie es dem Ältern +Geziemt, zurück. Antworte mir! Womit +Bezeugst du, daß du Agamemnons Sohn +Und Dieser Bruder bist? + +Orest. + Hier ist das Schwert, +Mit dem er Troja's tapfre Männer schlug. +Dies nahm ich seinem Mörder ab und bat +Die Himmlischen, den Mut und Arm, das Glück +Des großen Königes mir zu verleihn, +Und einen schönern Tod mir zu gewähren. +Wähl' einen aus den Edeln deines Heers +Und stelle mir den Besten gegenüber. +So weit die Erde Heldensöhne nährt, +Ist keinem Fremdling dies Gesuch verweigert. + +Thoas. +Dies Vorrecht hat die alte Sitte nie +Dem Fremden hier gestattet. + +Orest. + So beginne +Die neue Sitte denn von dir und mir! +Nachahmend heiliget ein ganzes Volk +Die edle That der Herrscher zum Gesetz. +Und laß mich nicht allein für unsre Freiheit, +Laß mich, den Fremden, für die Fremden kämpfen. +Fall ich, so ist ihr Urtheil mit dem meinen +Gesprochen; aber gönnet mir das Glück, +Zu überwinden, so betrete nie +Ein Mann dies Ufer, dem der schnelle Blick +Hülfreicher Liebe nicht begegnet, und +Getröstet scheide jeglicher hinweg! + +Thoas. +Nicht unwerth scheinest du, o Jüngling, mir +Der Ahnherrn, deren du dich rühmst, zu sein. +Groß ist die Zahl der edeln, tapfern Männer, +Die mich begleiten; doch ich stehe selbst +In meinen Jahren noch dem Feinde, bin +Bereit, mit dir der Waffen Loos zu wagen. + +Iphigenie. +Mit nichten! Dieses blutigen Beweises +Bedarf es nicht, o König! Laßt die Hand +Vom Schwerte! Denkt an mich und mein Geschick. +Der rasche Kampf verewigt einen Mann: +Er falle gleich, so preiset ihn das Lied. +Allein die Thränen, die unendlichen +Der überbliebnen, der verlass'nen Frau +Zählt keine Nachwelt, und der Dichter schweigt +Von tausend durchgeweinten Tag- und Nächten, +Wo eine stille Seele den verlornen, +Rasch abgeschiednen Freund vergebens sich +Zurückzurufen bangt und sich verzehrt. +Mich selbst hat eine Sorge gleich gewarnt, +Daß der Betrug nicht eines Räubers mich +Vom sichern Schutzort reiße, mich der Knechtschaft +Verrathe. Fleißig hab ich sie befragt, +Nach jedem Umstand mich erkundigt, Zeichen +Gefordert, und gewiß ist nun mein Herz. +Sieh hier an seiner rechten Hand das Mahl +Wie von drei Sternen, das am Tage schon, +Da er geboren ward, sich zeigte, das +Auf schwere That, mit dieser Faust zu üben, +Der Priester deutete. Dann überzeugt +Mich doppelt diese Schramme, die ihm hier +Die Augenbraune spaltet. Als ein Kind +Ließ ihn Elektra, rasch und unvorsichtig +Nach ihrer Art, aus ihren Armen stürzen. +Er schlug auf einen Dreifuß auf--Er ist's-- +Soll ich dir noch die Ähnlichkeit des Vaters, +Soll ich das innre Jauchzen meines Herzens +Dir auch als Zeugen der Versichrung nennen? + +Thoas. +Und hübe deine Rede jeden Zweifel +Und bändigt' ich den Zorn in meiner Brust: +So würden doch die Waffen zwischen uns +Entscheiden müssen; Frieden seh' ich nicht. +Sie sind gekommen, du bekennest selbst, +Das heil'ge Bild der Göttin mir zu rauben. +Glaubt ihr, ich sehe dies gelassen an? +Der Grieche wendet oft sein lüstern Auge +Den fernen Schätzen der Barbaren zu, +Dem goldnen Felle, Pferden, schönen Töchtern; +Doch führte sie Gewalt und List nicht immer +Mit den erlangten Gütern glücklich heim. + +Orest. +Das Bild, o König, soll uns nicht entzweien! +Jetzt kennen wir den Irrthum, den ein Gott +Wie einen Schleier um das Haupt uns legte, +Da er den Weg hierher uns wandern hieß. +Um Rath und um Befreiung bat ich ihn +Von dem Geleit der Furien; er sprach: +"Bringst du die Schwester, die an Tauris Ufer +Im Heiligthume wider Willen bleibt, +Nach Griechenland, so löset sich der Fluch." +Wir legten's von Apollens Schwester aus, +Und er gedachte _dich_! Die strengen Bande +Sind nun gelös't; du bist den Deinen wieder, +Du Heilige, geschenkt. Von dir berührt, +War ich geheilt; in deinen Armen faßte +Das Übel mich mit allen seinen Klauen +Zum letztenmal und schüttelte das Mark +Entsetzlich mir zusammen; dann entfloh's +Wie eine Schlange zu der Höhle. Neu +Genieß ich nun durch dich das weite Licht +Des Tages. Schön und herrlich zeigt sich mir +Der Göttin Rath. Gleich einem heil'gen Bilde, +Daran der Stadt unwandelbar Geschick +Durch ein geheimes Götterwort gebannt ist, +Nahm sie dich weg, dich Schützerin des Hauses; +Bewahrte dich in einer heil'gen Stille +Zum Segen deines Bruders und der Deinen. +Da alle Rettung auf der weiten Erde +Verloren schien, gibst du uns alles wieder. +Laß deine Seele sich zum Frieden wenden, +O König! Hindre nicht, daß sie die Weihe +Des väterlichen Hauses nun vollbringe, +Mich der entsühnten Halle wiedergebe, +Mir auf das Haupt die alte Krone drücke! +Vergilt den Segen, den sie dir gebracht, +Und laß des nähern Rechtes mich genießen! +Gewalt und List, der Männer höchster Ruhm, +Wird durch die Wahrheit dieser hohen Seele +Beschämt, und reines kindliches Vertrauen +Zu einem edeln Manne wird belohnt. + +Iphigenie. +Denk' an dein Wort, und laß durch diese Rede +Aus einem g'raden, treuen Munde dich +Bewegen! Sieh uns an! Du hast nicht oft +Zu solcher edeln That Gelegenheit. +Versagen kannst du's nicht; gewähr' es bald! + +Thoas. +So geht! + +Iphigenie. + Nicht so, mein König! Ohne Segen, +In Widerwillen scheid' ich nicht von dir. +Verbann' uns nicht! Ein freundlich Gastrecht walte +Von dir zu uns: so sind wir nicht auf ewig +Getrennt und abgeschieden. Werth und theuer, +Wie mir mein Vater war, so bist du's mir, +Und dieser Eindruck bleibt in meiner Seele. +Bringt der Geringste deines Volkes je +Den Ton der Stimme mir in's Ohr zurück, +Den ich an euch gewohnt zu hören bin, +Und seh' ich an dem Ärmsten eure Tracht: +Empfangen will ich ihn wie einen Gott, +Ich will ihm selbst ein Lager zubereiten, +Auf einen Stuhl ihn an das Feuer laden, +Und nur nach dir und deinem Schicksal fragen. +O geben dir die Götter deiner Thaten +Und deiner Milde wohlverdienten Lohn! +Leb' wohl! O wende dich zu uns und gib +Ein holdes Wort des Abschieds mir zurück! +Dann schwellt der Wind die Segel sanfter an, +Und Thränen fließen lindernder vom Auge +Des Scheidenden. Leb' wohl! und reiche mir +Zum Pfand der alten Freundschaft deine Rechte. + +Thoas. +Lebt wohl! + + + + + +Ende dieser Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, +End of Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe + diff --git a/old/iphgn09.zip b/old/iphgn09.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..7f62f94 --- /dev/null +++ b/old/iphgn09.zip diff --git a/old/iphgn10.txt b/old/iphgn10.txt new file mode 100644 index 0000000..15a84d4 --- /dev/null +++ b/old/iphgn10.txt @@ -0,0 +1,3273 @@ +Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe +#4 in our series by Johann Wolfgang von Goethe + + +Copyright laws are changing all over the world, be sure to check +the copyright laws for your country before posting these files!! + +Please take a look at the important information in this header. +We encourage you to keep this file on your own disk, keeping an +electronic path open for the next readers. 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Therefore, we usually do NOT keep any +of these books in compliance with any particular paper edition. + + +We are now trying to release all our books one month in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. + +Please note: neither this list nor its contents are final till +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. To be sure you have an +up to date first edition [xxxxx10x.xxx] please check file sizes +in the first week of the next month. 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[10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion] +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only ~5% of the present number of computer users. + +At our revised rates of production, we will reach only one-third +of that goal by the end of 2001, or about 3,333 Etexts unless we +manage to get some real funding; currently our funding is mostly +from Michael Hart's salary at Carnegie-Mellon University, and an +assortment of sporadic gifts; this salary is only good for a few +more years, so we are looking for something to replace it, as we +don't want Project Gutenberg to be so dependent on one person. + +We need your donations more than ever! + + +All donations should be made to "Project Gutenberg/CMU": and are +tax deductible to the extent allowable by law. (CMU = Carnegie- +Mellon University). + +For these and other matters, please mail to: + +Project Gutenberg +P. O. 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FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS*Ver.04.29.93*END* + + + + + +This Project Gutenberg Etext was prepared by Michael Pullen +Globaltraveler5565@yahoo.com + + + + + +Iphigenie auf Tauris. +Ein Schauspiel. + +Johann Wolfgang von Goethe + +Personen: + +Iphigenie. +Thoas, König der Taurier. +Orest. +Pylades. +Arkas. +-- +Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel + + + +Erster Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Iphigenie. +Heraus in eure Schatten, rege Wipfel +Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines, +Wie in der Göttin stilles Heiligthum +Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl, +Als wenn ich sie zum erstenmal beträte, +Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher. +So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen +Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe; +Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd. +Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten, +Und an dem Ufer steh' ich lange Tage +Das Land der Griechen mit der Seele suchend; +Und gegen meine Seufzer bringt die Welle +Nur dumpfe Töne brausend mir herüber. +Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern +Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram +Das nächste Glück vor seinen Lippen weg, +Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken +Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne +Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo +Sich Mitgeborne spielend fest und fester +Mit sanften Banden an einander knüpften, +Ich rechte mit den Göttern nicht; allein +Der Frauen Zustand ist beklagenswerth. +Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann +Und in der Fremde weiß er sich zu helfen. +Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg! +Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet. +Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück! +Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen, +Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar +Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt! +So hält mich Thoas hier, ein edler Mann, +In ernsten, heil'gen Sklavenbanden fest. +O wie beschämt gesteh' ich, daß ich dir +Mit stillem Widerwillen diene, Göttin, +Dir meiner Retterin! Mein Leben sollte +Zu freiem Dienste dir gewidmet sein. +Auch hab' ich stets auf dich gehofft und hoffe +Noch jetzt auf dich, Diana, die du mich, +Des größten Königes verstoßne Tochter, +In deinen heil'gen sanften Arm genommen. +Ja, Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann, +Den du, die Tochter fordernd, ängstigtest, +Wenn du den göttergleichen Agamemnon, +Der dir sein Liebstes zum Altare brachte, +Von Troja's umgewandten Mauern rühmlich +Nach seinem Vaterland zurück begleitet, +Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn, +Die schönen Schätze, wohl erhalten hast; +So gib auch mich den Meinen endlich wieder, +Und rette mich, die du vom Tod errettet, +Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode! + + +Zweiter Auftritt. + +Iphigenie. Arkas. + + +Arkas. +Der König sendet mich hierher und beut +Der Priesterin Dianens Gruß und Heil. +Dieß ist der Tag, da Tauris seiner Göttin +Für wunderbare neue Siege dankt. +Ich eile vor dem König und dem Heer, +Zu melden, daß er kommt und daß es naht. + +Iphigenie. +Wir sind bereit sie würdig zu empfangen, +Und unsre Göttin sieht willkommnem Opfer +Von Thoas Hand mit Gnadenblick entgegen. + +Arkas. +O fänd' ich auch den Blick der Priesterin, +Der werthen, vielgeehrten, deinen Blick, +O, heil'ge Jungfrau, heller, leuchtender, +Uns allen gutes Zeichen! Noch bedeckt +Der Gram geheimnisvoll dein Innerstes; +Vergebens harren wir schon Jahre lang +Auf ein vertraulich Wort aus deiner Brust. +So lang ich dich an dieser Stätte kenne, +Ist dieß der Blick, vor dem ich immer schaudre; +Und wie mit Eisenbanden bleibt die Seele +In's Innerste des Busens dir geschmiedet. + +Iphigenie. +Wie's der Vertriebnen, der Verwais'ten ziemt. + +Arkas. +Scheinst du dir hier vertrieben und verwais't? + +Iphigenie. +Kann uns zum Vaterland die Fremde werden? + +Arkas. +Und dir ist fremd das Vaterland geworden. + +Iphigenie. +Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt +In erster Jugend, da sich kaum die Seele +An Vater, Mutter und Geschwister band; +Die neuen Schößlinge, gesellt und lieblich, +Vom Fuß der alten Stämme himmelwärts +Zu dringen strebten; leider faßte da +Ein fremder Fluch mich an und trennte mich +Von den Geliebten, riß das schöne Band +Mit ehrner Faust entzwei. Sie war dahin, +Der Jugend beste Freude, das Gedeihn +Der ersten Jahre. Selbst gerettet, war +Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust +Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf. + +Arkas. +Wenn du dich so unglücklich nennen willst, +So darf ich dich auch wohl undankbar nennen. + +Iphigenie. +Dank habt ihr stets. + +Arkas. + Doch nicht den reinen Dank, +Um dessentwillen man die Wohlthat thut; +Den frohen Blick, der ein zufriednes Leben +Und ein geneigtes Herz dem Wirthe zeigt. +Als dich ein tief geheimnißvolles Schicksal +Vor so viel Jahren diesem Tempel brachte, +Kam Thoas dir, als einer Gottgegebnen, +Mit Ehrfurcht und mit Neigung zu begegnen, +Und dieses Ufer ward dir hold und freundlich, +Das jedem Fremden sonst voll Grausens war, +Weil niemand unser Reich vor dir betrat, +Der an Dianens heil'gen Stufen nicht, +Nach altem Brauch, ein blutig Opfer, fiel. + +Iphigenie. +Frei athmen macht das Leben nicht allein. +Welch Leben ist's das an der heil'gen Stätte, +Gleich einem Schatten um sein eigen Grab, +Ich nur vertrauern muß? Und nenn' ich das +Ein fröhlich selbstbewußtes Leben, wenn +Uns jeder Tag, vergebens hingeträumt, +Zu jenen grauen Tagen vorbereitet, +Die an dem Ufer Lethe's selbstvergessend, +Die Trauerschaar der Abgeschiednen feiert? +Ein unnütz Leben ist ein früher Tod; +Dieß Frauenschicksal ist vor allen meines. + +Arkas. +Den edeln Stolz daß du dir selbst nicht g'nügest, +Verzeih' ich dir, so sehr ich dich bedaure; +Er raubet den Genuß des Lebens dir. +Du hast hier nichts gethan seit deiner Ankunft? +Wer hat des König trüben Sinn erheitert? +Wer hat den alten grausamen Gebrauch, +Daß am Altar Dianens jeder Fremde +Sein Leben blutend läßt, von Jahr zu Jahr, +Mit sanfter Überredung aufgehalten, +Und die Gefangnen vom gewissen Tod +In's Vaterland so oft zurückgeschickt? +Hat nicht Diane, statt erzürnt zu sein, +Daß sie der blut'gen alten Opfer mangelt, +Dein sanft Gebet in reichem Maß erhört? +Umschwebt mit frohem Fluge nicht der Sieg +Das Heer? und eilt er nicht sogar voraus? +Und fühlt nicht jeglicher ein besser Loos, +Seitdem der König, der uns weis' und tapfer +So lang geführet, nun sich auch der Milde +In deiner Gegenwart erfreut und uns +Des schweigenden Gehorsams Pflicht erleichtert? +Das nennst du unnütz, wenn von deinem Wesen +Auf Tausende herab ein Balsam träufelt? +Wenn du dem Volke, dem ein Gott dich brachte, +Des neuen Glückes ew'ge Quelle wirst, +Und an dem unwirthbaren Todes-Ufer +Dem Fremden Heil und Rückkehr zubereitest? + +Iphigenie. +Das Wenige verschwindet leicht dem Blick, +Der vorwärts sieht, wie viel noch übrig bleibt. + +Arkas. +Doch lobst du den, der was er thut nicht schätzt? + +Iphigenie. +Man tadelt den, der seine Thaten wägt. + +Arkas. +Auch den, der wahren Werth zu stolz nicht achtet, +Wie den, der falschen Werth zu eitel hebt. +Glaub' mir und hör' auf eines Mannes Wort, +Der Treu und redlich dir ergeben ist: +Wenn heut der König mit dir redet, so +Erleichtr' ihm was er dir zu sagen denkt. + +Iphigenie. +Du ängstest mich mit jedem guten Worte; +Oft wich ich seinem Antrag mühsam aus. + +Arkas. +Bedenke was du thust und was dir nützt. +Seitdem der König seinen Sohn verloren, +Vertraut er wenigen der Seinen mehr, +Und diesen wenigen nicht mehr wie sonst. +Mißgünstig sieht er jedes Edeln Sohn +Als seines Reiches Folger an, er fürchtet +Ein einsam hülflos Alter, ja vielleicht +Verwegnen Aufstand und frühzeit'gen Tod. +Der Scythe setzt in's Reden keinen Vorzug, +Am wenigsten der König. Er, der nur +Gewohnt ist zu befehlen und zu thun, +Kennt nicht die Kunst, von weitem ein Gespräch +Nach seiner Absicht langsam fein zu lenken. +Erschwer's ihm nicht durch ein rückhaltend Weigern, +Durch ein vorsetzlich Mißverstehen. Geh +Gefällig ihm den halben Weg entgegen. + +Iphigenie. +Soll ich beschleunigen was mich bedroht? + +Arkas. +Willst du sein Werben eine Drohung nennen? + +Iphigenie. +Es ist die schrecklichste von allen mir. + +Arkas. +Gib ihm für seine Neigung nur Vertraun. + +Iphigenie. +Wenn er von Furcht erst meine Seele lös't. + +Arkas. +Warum verschweigst du deine Herkunft ihm? + +Iphigenie. +Weil einer Priesterin Geheimniß ziemt. + +Arkas. +Dem König sollte nichts Geheimniß sein; +Und ob er's gleich nicht fordert, fühlt er's doch +Und fühlt es tief in seiner großen Seele, +Daß du sorgfältig dich vor ihm verwahrst. + +Iphigenie. +Nährt er Verdruß und Unmuth gegen mich? + +Arkas. +So scheint es fast. Zwar schweigt er auch von dir; +Doch haben hingeworfne Worte mich +Belehrt, daß seine Seele fest den Wunsch +Ergriffen hat dich zu besitzen. Laß, +O überlaß ihn nicht sich selbst! damit +In seinem Busen nicht der Unmuth reife +Und dir Entsetzen bringe, du zu spät +An meinen treuen Rath mit Reue denkest. + +Iphigenie. +Wie? Sinnt der König, was kein edler Mann, +Der seinen Namen liebt und dem Verehrung +Der Himmlischen den Busen Bändiget, +Je denken sollte? Sinnt er vom Altar +Mich in sein Bette mit Gewalt zu ziehn? +So ruf' ich alle Götter und vor allen +Dianen, die entschloss'ne Göttin, an, +Die ihren Schutz der Priesterin gewiß +Und Jungfrau einer Jungfrau gern gewährt. + +Arkas. +Sei ruhig! Ein gewaltsam neues Blut +Treibt nicht den König, solche Jünglingsthat +Verwegen auszuüben. Wie er sinnt, +Befürcht' ich andern harten Schluß von ihm, +Den unaufhaltbar er vollenden wird: +Denn seine Seel' ist fest und unbeweglich. +Drum bitt' ich dich, vertrau' ihm, sei ihm dankbar, +Wenn du ihm weiter nichts gewähren kannst. + +Iphigenie. +O sage was dir weiter noch bekannt ist. + +Arkas. +Erfahr's von ihm. Ich seh' den König kommen; +Du ehrst ihn, und dich heißt dein eigen Herz, +Ihm freundlich und vertraulich zu begegnen. +Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort +Der Frauen weit geführt. + +Iphigenie (allein). + Zwar seh' ich nicht, +Wie ich dem Rath des Treuen folgen soll; +Doch folg' ich gern der Pflicht, dem Könige +Für seine Wohlthat gutes Wort zu geben, +Und wünsche mir, daß ich dem Mächtigen, +Was ihm gefällt, mit Wahrheit sagen möge. + + +Dritter Auftritt. + +Iphigenie. Thoas. + +Iphigenie. +Mit königlichen Gütern segne dich +Die Göttin! Sie gewähre Sieg und Ruhm +Und Reichthum und das Wohl der Deinigen +Und jedes frommen Wunsches Fülle dir! +Daß, der du über viele sorgend herrschest, +Du auch vor vielen seltnes Glück genießest. + +Thoas. +Zufrieden wär' ich wenn mein Volk mich rühmte: +Was ich erwarb, genießen andre mehr +Als ich. Der ist am glücklichsten, er sei +Ein König oder ein Geringer, dem +In seinem Hause Wohl bereitet ist. +Du nahmest Theil an meinen tiefen Schmerzen, +Als mir das Schwert der Feinde meinen Sohn, +Den letzten, besten, von der Seite riß. +So lang die Rache meinen Geist besaß, +Empfand ich nicht die Öde meiner Wohnung; +Doch jetzt, da ich befriedigt wiederkehre, +Ihr Reich zerstört, mein Sohn gerochen ist, +Bleibt mir zu Hause nichts das mich ergetze. +Der fröhliche Gehorsam, den ich sonst +Aus einem jeden Auge blicken sah, +Ist nun von Sorg' und Unmuth still gedämpft. +Ein jeder sinnt was künftig werden wird, +Und folgt dem Kinderlosen, weil er muß. +Nun komm' ich heut in diesen Tempel, den +Ich oft betrat, um Sieg zu bitten und +Für Sieg zu danken. Einen alten Wunsch +Trag' ich im Busen, der auch dir nicht fremd +Noch unerwartet ist: ich hoffe, dich, +Zum Segen meines Volks und mir zum Segen, +Als Braut in meine Wohnung einzuführen. + +Iphigenie. +Der Unbekannten bietest du zu viel, +O König, an. Es steht die Flüchtige +Beschämt vor dir, die nichts an diesem Ufer +Als Schutz und Ruhe sucht, die du ihr gabst. + +Thoas. +Daß du in das Geheimniß deiner Ankunft +Vor mir wie vor dem Letzten stets dich hüllest, +Wär' unter keinem Volke recht und gut. +Dieß Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz +Gebietet's und die Noth. Allein von dir, +Die jedes frommen Rechts genießt, ein wohl +Von uns empfangner Gast, nach eignem Sinn +Und Willen ihres Tages sich erfreut, +Von dir hofft' ich Vertrauen, das der Wirth +Für seine Treue wohl erwarten darf. + +Iphigenie. +Verbarg ich meiner Eltern Namen und +Mein Haus, o König, war's Verlegenheit, +Nicht Mißtraun. Den vielleicht, ach wüßtest du +Wer vor dir steht, und welch verwünschtes Haupt +Du nährst und schützest, ein Entsetzen faßte +Dein großes Herz mit seltnem Schauer an, +Und statt die Seite deines Thrones mir +Zu bieten, triebest du mich vor der Zeit +Aus deinem Reiche; stießest mich vielleicht, +Eh' zu den Meinen frohe Rückkehr mir +Und meiner Wandrung Ende zugedacht ist, +Dem Elend zu, das jeden Schweifenden, +Von seinem Haus Vertriebnen überall +Mit kalter fremder Schreckenshand erwartet. + +Thoas. +Was auch der Rath der Götter mit dir sei, +Und was sie deinem Haus und dir gedenken; +So fehlt es doch, seitdem du bei uns wohnst +Und eines frommen Gastes Recht genießest, +An Segen nicht, der mir von oben kommt. +Ich möchte schwer zu überreden sein, +Daß ich an dir ein schuldvoll Haupt beschütze. + +Iphigenie. +Dir bringt die Wohlthat Segen, nicht der Gast. + +Thoas. +Was man Verruchten thut wird nicht gesegnet. +Drum endige dein Schweigen und dein Weigern; +Es fordert dieß kein ungerechter Mann. +Die Göttin übergab dich meinen Händen; +Wie du ihr heilig warst, so warst du's mir. +Auch sei ihr Wink noch künftig mein Gesetz: +Wenn du nach Hause Rückkehr hoffen kannst, +So sprech' ich dich von aller Fordrung los. +Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt, +Und ist dein Stamm vertrieben, oder durch +Ein ungeheures Unheil ausgelöscht, +So bist du mein durch mehr als Ein Gesetz. +Sprich offen! und du weißt, ich halte Wort. + +Iphigenie. +Vom alten Bande löset ungern sich +Die Zunge los, ein lang verschwiegenes +Geheimniß endlich zu entdecken; denn +Einmal vertraut, verläßt es ohne Rückkehr +Des tiefen Herzens sichre Wohnung, schadet, +Wie es die Götter wollen, oder nützt. +Vernimm! ich bin aus Tantalus Geschlecht. + +Thoas. +Du sprichst ein großes Wort gelassen aus. +Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt +Als einen ehmals Hochbegnadigten +Der Götter kennt? Ist's jener Tantalus, +Den Jupiter zu Rath und Tafel zog, +An dessen alterfahrnen, vielen Sinn +Verknüpfenden Gesprächen Götter selbst, +Wie an Orakelsprüchen, sich ergetzten? + +Iphigenie. +Er ist es; aber Götter sollten nicht +Mit Menschen, wie mit ihres Gleichen, wandeln; +Das sterbliche Geschlecht ist viel zu schwach +In ungewohnter Höhe nicht zu schwindeln. +Unedel war er nicht und kein Verräther; +Allein zum Knecht zu groß, und zum Gesellen +Des großen Donnrers nur ein Mensch. So war +Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht +War streng, und Dichter singen: Übermuth +Und Untreu' stürzten ihn von Jovis Tisch +Zur Schmach des alten Tartarus hinab. +Ach und sein ganz Geschlecht trug ihren Haß! + +Thoas. +Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne? + +Iphigenie. +Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen +Kraftvolles Mark war seiner Söhn' und Enkel +Gewisses Erbtheil; doch es schmiedete +Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band. +Rath, Mäßigung und Weisheit und Geduld +Verbarg er ihrem scheuen düstern Blick; +Zur Wuth ward ihnen jegliche Begier, +Und gränzenlos drang ihre Wuth umher. +Schon Pelops, der Gewaltig-wollende, +Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb +Sich durch Verrath und Mord das schönste Weib, +Önomaus Erzeugte, Hippodamien. +Sie bringt den Wünschen des Gemahls zwei Söhne, +Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie +Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn +Aus einem andern Bette wachsend an. +Der Haß verbindet sie, und heimlich wagt +Das Paar im Brudermord die erste That. +Der Vater wähnet Hippodamien +Die Mörderin, und grimmig fordert er +Von ihr den Sohn zurück, und sie entleibt +Sich selbst-- + +Thoas. + Du schweigest? Fahre fort zu reden! +Laß dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich! + +Iphigenie. +Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt, +Der froh von ihren Thaten, ihrer Größe +Den Hörer unterhält, und still sich freuend +An's Ende dieser schönen Reihe sich +Geschlossen sieht! Denn es erzeugt nicht gleich +Ein Haus den Halbgott noch das Ungeheuer; +Erst eine Reihe Böser oder Guter +Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude +Der Welt hervor.--Nach ihres Vaters Tode +Gebieten Atreus und Thyest der Stadt, +Gemeinsam-herrschend. Lange konnte nicht +Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest +Des Bruders Bette. Rächend treibet Atreus +Ihn aus dem Reiche. Tückisch hatte schon +Thyest, auf schwere Thaten sinnend, lange +Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich +Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen. +Dem füllet er die Brust mit Wuth und Rache +Und sendet ihn zur Königsstadt, daß er +Im Oheim seinen eignen Vater morde. +Des Jünglings Vorsatz wird entdeckt: der König +Straft grausam den gesandten Mörder, wähnend, +Er tödte seines Bruders Sohn. Zu spät +Erfährt er, wer vor seinen trunknen Augen +Gemartert stirbt; und die Begier der Rache +Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still +Auf unerhörte That. Er scheint gelassen +Gleichgültig und versöhnt, und lockt den Bruder +Mit seinen beiden Söhnen in das Reich +Zurück, ergreift die Knaben, schlachtet sie, +Und setzt die ekle schaudervolle Speise +Dem Vater bei dem ersten Mahle vor. +Und da Thyest an seinem Fleische sich +Gesättigt, eine Wehmuth ihn ergreift, +Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme +Der Knaben an des Saales Thüre schon +Zu hören glaubt, wirft Atreus grinsend +Ihm Haupt und Füße der Erschlagnen hin.-- +Du wendest schaudernd dein Gesicht, o König: +So wendete die Sonn' ihr Antlitz weg +Und ihren Wagen aus dem ewg'en Gleise. +Dieß sind die Ahnherrn deiner Priesterin; +Und viel unseliges Geschick der Männer, +Viel Thaten des verworrnen Sinnes deckt +Die Nacht mit schweren Fittigen und läßt +Uns nur die grauenvolle Dämmrung sehn. + +Thoas. +Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug +Der Gräuel! Sage nun, durch welch ein Wunder +Von diesem wilden Stamme du entsprangst. + +Iphigenie. +Des Altreus Ält'ster Sohn war Agamemnon: +Er ist mein Vater. Doch ich darf es sagen, +In ihm hab' ich seit meiner ersten Zeit +Ein Muster des vollkommnen Manns gesehn. +Ihm brachte Klytämnestra mich, den Erstling +Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte +Der König, und es war dem Hause Tantals +Die lang entbehrte Rast gewährt. Allein +Es mangelte dem Glück der Eltern noch +Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfüllt, +Daß zwischen beiden Schwestern nun Orest +Der Liebling wuchs, als neues Übel schon +Dem sichern Hause zubereitet war. +Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen, +Der, um den Raub der schönsten Frau zu rächen, +Die ganze Macht der Fürsten Griechenlands +Um Trojens Mauern lagerte. Ob sie +Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel +Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater führte +Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie +Auf günst'gen Wind vergebens: denn Diane, +Erzürnt auf ihren großen Führer, hielt +Die Eilenden zurück und forderte +Durch Kalchas Mund des Königs ält'ste Tochter. +Sie lockten mit der Mutter mich in's Lager; +Sie rissen mich vor den Altar und weihten +Der Göttin dieses Haupt. Sie war versöhnt: +Sie wollte nicht mein Blut und hüllte rettend +In eine Wolke mich; in diesem Tempel +Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder. +Ich bin es selbst, bin Iphigenie, +Des Altreus Enkel, Agamemnons Tochter, +Der Göttin Eigenthum, die mit dir spricht. + +Thoas. +Mehr Vorzug und Vertrauen geb' ich nicht +Der Königstochter als der Unbekannten. +Ich wiederhole meinen ersten Antrag: +Komm, folge mir, und theile was ich habe. + +Iphigenie. +Wie darf ich solchen Schritt, o König, wagen? +Hat nicht die Göttin, die mich rettete, +Allein das Recht auf mein geweihtes Leben? +Sie hat für mich den Schutzort ausgesucht, +Und sie bewahrt mich einem Vater, den +Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht +Zur schönsten Freude seines Alters hier. +Vielleicht ist mir die frohe Rückkehr nah; +Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, hätte +Mich wider ihren Willen hier gefesselt? +Ein Zeichen bat ich, wenn ich bleiben sollte. + +Thoas. +Das Zeichen ist, daß du noch hier verweilst. +Such' Ausflucht solcher Art nicht ängstlich auf. +Man spricht vergebens viel, um zu versagen; +Der andre hört von allem nur das Nein. + +Iphigenie. +Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen; +Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt. +Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater, +Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen +Mit ängstlichen Gefühlen sehnen muß? +Daß in den alten Hallen, wo die Trauer +Noch manchmal stille meinen Namen lispelt, +Die Freude, wie um eine Neugeborne, +Den schönsten Kranz von Säul an Säulen schlinge. +O sendetest du mich auf Schiffen hin! +Du gäbest mir und allen neues Leben. + +Thoas. +So kehr' zurück! Thu' was dein Herz dich heißt, +Und höre nicht die Stimme guten Raths +Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib +Dich hin dem Triebe, der dich zügellos +Ergreift und dahin oder dorthin reißt. +Wenn ihnen eine Lust im Busen brennt, +Hält vom Verräther sie kein heilig Band, +Der sie dem Vater oder dem Gemahl +Aus langbewährten, treuen Armen lockt; +Und schweigt in ihrer Brust die rasche Gluth, +So dringt auf sie vergebens treu und mächtig +Der Überredung goldne Zunge los. + +Iphigenie. +Gedenk', o König, deines edeln Wortes! +Willst du mein Zutraun so erwiedern? Du +Schienst vorbereitet alles zu vernehmen. + +Thoas. +Auf's Ungehoffte war ich nicht bereitet; +Doch sollt' ich's auch erwarten: wußt' ich nicht, +Daß ich mit einem Weibe handeln ging? + +Iphigenie. +Schilt nicht, o König, unser arm Geschlecht. +Nicht herrlich wie die euern, aber nicht +Unedel sind die Waffen eines Weibes. +Glaub' es, darin bin ich dir vorzuziehn, +Daß ich dein Glück mehr als du selber kenne. +Du wähnest, unbekannt mit dir und mir, +Ein näher Band werd' uns zum Glück vereinen. +Voll guten Muthes wie voll guten Willens +Dringst du in mich, daß ich mich fügen soll; +Und hier dank' ich den Göttern, daß sie mir +Die Festigkeit gegeben, dieses Bündniß +Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt. + +Thoas. +Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz. + +Iphigenie. +Sie reden nur durch unser Herz zu uns. + +Thoas. +Und hab' Ich, sie zu hören, nicht das Recht? + +Iphigenie. +Es überbraust der Sturm die zarte Stimme. + +Thoas. +Die Priesterin vernimmt sie wohl allein? + +Iphigenie. +Vor allen andern merke sie der Fürst. + +Thoas. +Dein heilig Amt und dein geerbtes Recht +An Jovis Tisch bringt dich den Göttern näher, +Als einen erdgebornen Wilden. + +Iphigenie. + So +Büß' ich nun das Vertraun, das du erzwangst. + +Thoas. +Ich bin ein Mensch; und besser ist's, wir enden. +So bleibe denn mein Wort: Sei Priesterin +Der Göttin, wie sie dich erkoren hat; +Doch mir verzeih' Diane, daß ich ihr, +Bisher mit Unrecht und mit innerm Vorwurf, +Die alten Opfer vorenthalten habe. +Kein Fremder nahet glücklich unserm Ufer; +Von Alters her ist ihm der Tod gewiß. +Nur du hast mich mit einer Freundlichkeit, +In der ich bald der zarten Tochter Liebe, +Bald stille Neigung einer Braut zu sehn +Mich tief erfreute, wie mit Zauberbanden +Gefesselt, daß ich meiner Pflicht vergaß. +Du hattest mir die Sinnen eingewiegt, +Das Murren meines Volks vernahm ich nicht; +Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes +Frühzeit'gem Tode lauter über mich. +Um deinetwillen halt' ich länger nicht +Die Menge, die das Opfer dringend fordert. + +Iphigenie. +Um meinetwillen hab ich's nie begehrt. +Der mißversteht die Himmlischen, der sie +Blutgierig wähnt; er dichtet ihnen nur +Dir eignen grausamen Begierden an. +Entzog die Göttin mich nicht selbst dem Priester? +Ihr war mein Dienst willkommner, als mein Tod. + +Thoas. +Es ziemt sich nicht für uns, den heiligen +Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft +Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken. +Thu' deine Pflicht, ich werde meine thun. +Zwei Fremde, die wir in des Ufers Höhlen +Versteckt gefunden, und die meinem Lande +Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand. +Mit diesen nehme deine Göttin wieder +Ihr erstes, rechtes, lang entbehrtes Opfer! +Ich sende sie hierher; du weißt den Dienst. + + +Vierter Auftritt. + +Iphigenie (allein). +Du hast Wolken, gnädige Retterin, +Einzuhüllen unschuldig Verfolgte, +Und auf Winden dem ehrnen Geschick sie +Aus den Armen, über das Meer, +Über der Erde weiteste Strecken +Und wohin es dir gut dünkt zu tragen. +Weise bist du und siehest das Künftige; +Nicht vorüber ist dir das Vergangne, +Und dein Blick ruht über den Deinen +Wie dein Licht, das Leben der Nächte, +Über der Erde ruhet und waltet. +O enthalte vom Blut meine Hände! +Nimmer bringt es Segen und Ruhe; +Und die Gestalt des zufällig Ermordeten +Wird auf des traurig-unwilligen Mörders +Böse Stunden lauern und schrecken. +Denn die Unsterblichen lieben der Menschen +Weit verbreitete gute Geschlechter, +Und sie fristen das flüchtige Leben +Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne +Ihres eigenen, ewigen Himmels +Mitgenießendes fröhliches Anschaun +Eine Weile gönnen und lassen. + + + +Zweiter Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Orest. Pylades. + +Orest. +Es ist der Weg des Todes, den wir treten: +Mit jedem Schritt wird meine Seele stiller. +Als ich Apollen bat, das gräßliche +Geleit der Rachegeister von der Seite +Mir abzunehmen, schien er Hülf' und Rettung +Im Tempel seiner vielgeliebten Schwester, +Die über Tauris herrscht, mit hoffnungsreichen +Gewissen Götterworten zu versprechen; +Und nun erfüllet sich's, daß alle Noth +Mit meinem Leben völlig enden soll. +Wie leicht wird's mir, dem eine Götterhand +Das Herz zusammendrückt, den Sinn betäubt, +Dem schönen Licht der Sonne zu entsagen. +Und sollen Atreus Enkel in der Schlacht +Ein siegbekröntes Ende nicht gewinnen; +Soll ich wie meine Ahnen, wie mein Vater, +Als Opferthier im Jammertode bluten: +So sei es! Besser hier vor dem Altar, +Als im verworfnen Winkel, wo die Netze +Der nahverwandte Meuchelmörder stellt. +Laßt mir so lange Ruh, ihr Unterird'schen, +Die nach dem Blut ihr, das von meinen Tritten +Hernieder träufelnd meinen Pfad bezeichnet, +Wie losgelass'ne Hunde spürend hetzt. +Laßt mich, ich komme bald zu euch hinab; +Das Licht des Tags soll euch nicht sehn, noch mich. +Der Erde schöner grüner Teppich soll +Kein Tummelplatz für Larven sein. Dort unten +Such' ich euch auf: dort bindet alle dann +Ein gleich Geschick in ew'ge matte Nacht. +Nur dich, mein Pylades, dich, meiner Schuld +Und meines Banns unschuldigen Genossen, +Wie ungern nehm' ich dich in jenes Trauerland +Frühzeitig mit! Dein Leben oder Tod +Gibt mir allein noch Hoffnung oder Furcht. + +Pylades. +Ich bin noch nicht, Orest, wie du bereit, +In jenes Schattenreich hinabzugehn. +Ich sinne noch, durch die verworrnen Pfade, +Die nach der schwarzen Nacht zu führen scheinen, +Uns zu dem Leben wieder aufzuwinden. +Ich denke nicht den Tod; ich sinn' und horche, +Ob nicht zu irgend einer frohen Flucht +Die Götter Rath und Wege zubereiten. +Der Tod, gefürchtet oder ungefürchtet, +Kommt unaufhaltsam. Wenn die Priesterin +Schon, unsre Locken weihend abzuschneiden, +Die Hand erhebt, soll dein' und meine Rettung +Mein einziger Gedanke sein. Erhebe +Von diesem Unmuth deine Seele; zweifelnd +Beschleunigest du die Gefahr. Apoll +Gab uns das Wort: im Heiligthum der Schwester +Sei Trost und Hülf' und Rückkehr dir bereitet. +Der Götter Worte sind nicht doppelsinnig, +Wie der Gedrückte sie im Unmuth wähnt. + +Orest. +Des Lebens dunkle Decke breitete +Die Mutter schon mir um das zarte Haupt, +Und so wuchs ich herauf, ein Ebenbild +Des Vaters, und es war mein stummer Blick +Ein bittrer Vorwurf ihr und ihrem Buhlen. +Wie oft, wenn still Elektra, meine Schwester, +Am Feuer in der tiefen Halle saß, +Drängt' ich beklommen mich an ihren Schoos, +Und starrte, wie sie bitter weinte, sie +Mit großen Augen an. Dann sagte sie +Von unserm hohen Vater viel: wie sehr +Verlangt' ich ihn zu sehn, bei ihm zu sein! +Mich wünscht' ich bald nach Troja, ihn bald her. +Es kam der Tag-- + +Pylades. + O laß von jener Stunde +Sich Höllengeister nächtlich unterhalten! +Uns gebe die Erinnrung schöner Zeit +Zu frischem Heldenlaufe neue Kraft. +Die Götter brauchen manchen guten Mann +Zu ihrem Dienst auf dieser weiten Erde. +Sie haben noch auf dich gezählt; sie gaben +Dich nicht dem Vater zum Geleite mit, +Da er unwillig nach dem Orcus ging. + +Orest. +O, wär' ich, seinen Saum ergreifend, ihm +Gefolgt! + +Pylades. + So haben die, die dich erhielten, +Für mich gesorgt: denn was ich worden wäre, +Wenn du nicht lebtest, kann ich mir nicht denken; +Da ich mit dir und deinetwillen nur +Seit meiner Kindheit leb' und leben mag. + +Orest. +Erinnre mich nicht jener schönen Tage, +Da mir dein Haus die freie Stätte gab, +Dein edler Vater klug und liebevoll +Die halberstarrte junge Blüthe pflegte; +Da du ein immer munterer Geselle, +Gleich einem leichten bunten Schmetterling +Um eine dunkle Blume, jeden Tag +Um mich mit neuem Leben gaukeltest, +Mir deine Lust in meine Seele spieltest, +Daß ich, vergessend meiner Noth, mit dir +In rascher Jugend hingerissen schwärmte. + +Pylades. +Da fing mein Leben an, als ich dich liebte. + +Orest. +Sag: meine Noth begann, und du sprichst wahr. +Das ist das Ängstliche von meinem Schicksal, +Daß ich, wie ein verpesteter Vertriebner, +Geheimen Schmerz und Tod im Busen trage; +Daß, wo ich den gesund'sten Ort betrete, +Gar bald um mich die blühenden Gesichter +Den Schmerzenszug langsamen Tod's verrathen. + +Pylades. +Der Nächste wär' ich diesen Tod zu sterben, +Wenn je dein Hauch, Orest, vergiftete. +Bin ich nicht immer noch voll Muth und Lust? +Und Lust und Liebe sind die Fittige +Zu großen Thaten. + +Orest. + Große Thaten? Ja, +Ich weiß die Zeit, da wir sie vor uns sahn! +Wenn wir zusammen oft dem Wilde nach +Durch Berg' und Thäler rannten und dereinst +An Brust und Faust dem hohen Ahnherrn gleich +Mit Keul' und Schwert dem Ungeheuer so, +Dem Räuber auf der Spur zu jagen hofften; +Und dann wir Abends an der weiten See +Uns aneinander lehnend ruhig saßen, +Die Wellen bis zu unsern Füssen spielten, +Die Welt so weit, so offen vor uns lag; +Da fuhr wohl Einer manchmal nach dem Schwert, +Und künft'ge Thaten drangen wie die Sterne +Rings um uns her unzählig aus der Nacht. + +Pylades. +Unendlich ist das Werk, das zu vollführen +Die Seele dringt. Wir möchten jede That +So groß gleich thun, als wie sie wächs't und wird, +Wenn Jahre lang durch Länder und Geschlechter +Der Mund der Dichter sie vermehrend wälzt. +Es klingt so schön was unsre Väter thaten, +Wenn es in stillen Abendschatten ruhend +Der Jüngling mit dem Ton der Harfe schlürft; +Und was wir thun ist, wie es ihnen war, +Voll Müh' und eitel Stückwerk! +So laufen wir nach dem, was vor uns flieht, +Und achten nicht des Weges den wir treten, +und sehen neben uns der Ahnherrn Tritte +Und ihres Erdelebens Spuren kaum. +Wir eilen immer ihrem Schatten nach, +Der göttergleich in einer weiten Ferne +Der Berge Haupt auf goldnen Wolken krönt. +Ich halte nichts von dem, der von sich denkt +Wie ihn das Volk vielleicht erheben möchte. +Allein, o Jüngling, danke du den Göttern, +Daß sie so früh durch dich so viel gethan. + +Orest. +Wenn sie dem Menschen frohe That bescheren +Daß er ein Unheil von den Seinen wendet, +Daß er sein Reich vermehrt, die Gränzen sichert, +Und alte Feinde fallen oder fliehn; +Dann mag er danken! denn ihm hat ein Gott +Des Lebens erste, letzte Lust gegönnt. +Mich haben sie zum Schlächter auserkoren, +Zum Mörder meiner doch verehrten Mutter, +Und, eine Schandthat schändlich rächend, mich +Durch ihren Wink zu Grund' gerichtet. Glaube, +Sie haben es auf Tantals Haus gerichtet, +Und ich, der Letzte, soll nicht schuldlos, soll +Nicht ehrenvoll vergehn. + +Pylades. + Die Götter rächen +Der Väter Missethat nicht an dem Sohn; +Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt +Sich seinen Lohn mit seiner That hinweg. +Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch. + +Orest. +Uns führt ihr Segen, dünkt mich, nicht hierher. + +Pylades. +Doch wenigstens der hohen Götter Wille. + +Orest. +So ist's ihr Wille denn, der uns verderbt. + +Pylades. +Thu' was sie dir gebieten und erwarte. +Bringst du die Schwester zu Apollen hin, +Und wohnen beide dann vereint zu Delphi, +Verehrt von einem Volk das edel denkt; +So wird für diese That das hohe Paar +Dir gnädig sein, sie werden aus der Hand +Der Unterird'schen dich erretten. Schon +In diesen heil'gen Hain wagt keine sich. + +Orest. +So hab' ich wenigstens geruh'gen Tod. + +Pylades. +Ganz anders denk' ich, und nicht ungeschickt +Hab' ich das schon Geschehne mit dem Künft'gen +Verbunden und im stillen ausgelegt. +Vielleicht reift in der Götter Rath schon lange +Das große Werk. Diana sehnet sich +Von diesem rauhen Ufer der Barbaren +Und ihren blut'gen Menschenopfern weg. +Wir waren zu der schönen That bestimmt, +Uns wird sie auferlegt, und seltsam sind +Wir an der Pforte schon gezwungen hier. + +Orest. +Mit seltner Kunst flichtst du der Götter Rath +Und deine Wünsche klug in Eins zusammen. + +Pylades. +Was ist des Menschen Klugheit, wenn sie nicht +Auf Jener Willen droben achtend lauscht? +Zu einer schweren That beruft ein Gott +Den edeln Mann, der viel verbrach, und legt +Ihm auf was uns unmöglich scheint zu enden. +Es siegt der Held, und büßend dienet er +Den Göttern und der Welt, die ihn verehrt. + +Orest. +Bin ich bestimmt zu leben und zu handeln, +So nehm' ein Gott von meiner schweren Stirn +Den Schwindel weg, der auf dem schlüpfrigen, +Mit Mutterblut besprengten Pfade fort +Mich zu den Todten reißt. Er trockne gnädig +Die Quelle, die, mir aus der Mutter Wunden +Entgegen sprudelnd, ewig mich befleckt. + +Pylades. +Erwart' es ruhiger! Du mehrst das Übel +Und nimmst das Amt der Furien auf dich. +Laß mich nur sinnen, bleibe still! Zuletzt, +Bedarf's zur That vereinter Kräfte, dann +Ruf' ich dich auf, und beide schreiten wir +Mit überlegter Kühnheit zur Vollendung. + +Orest. +Ich hör' Ulyssen reden. + +Pylades. + Spotte nicht. +Ein jeglicher muß seinen Helden wählen, +Dem er die Wege zum Olymp hinauf +Sich nacharbeitet. Laß es mich gestehn: +Mir scheinen List und Klugheit nicht den Mann +Zu schänden, der sich kühnen Thaten weiht. + +Orest. +Ich schätze den, der tapfer ist und g'rad. + +Pylades. +Drum hab' ich keinen Rath von dir verlangt. +Schon ist ein Schritt gethan. Von unsern Wächtern +Hab' ich bisher gar vieles ausgelockt. +Ich weiß, ein fremdes, göttergleiches Weib +Hält jenes blutige Gesetz gefesselt; +Ein reines Herz und Weihrauch und Gebet +Bringt sie den Göttern dar. Man rühmet hoch +Die Gütige; man glaubet, sie entspringe +vom Stamm der Amazonen, sei geflohn, +Um einem großen Unheil zu entgehn. + +Orest. +Es scheint, ihr lichtes Reich verlor die Kraft +Durch des Verbrechers Nähe, den der Fluch +Wie eine breite Nacht verfolgt und deckt. +Die fromme Blutgier lös't den alten Brauch +Von seinen Fesseln los, uns zu verderben. +Der wilde Sinn des Königs tödtet uns; +Ein Weib wird uns nicht retten, wenn er zürnt. + +Pylades. +Wohl uns, daß es ein Weib ist! denn ein Mann, +Der beste selbst, gewöhnet seinen Geist +An Grausamkeit und macht sich auch zuletzt +Aus dem, was er verabscheut, ein Gesetz, +Wird aus Gewohnheit hart und fast unkenntlich. +Allein ein Weib bleibt stät auf Einem Sinn +Den sie gefaßt. Du rechnest sicherer +Auf sie im Guten wie im Bösen.--Still! +Sie kommt; laß uns allein. Ich darf nicht gleich +Ihr unsre Namen nennen, unser Schicksal +Nicht ohne Rückhalt ihr vertraun. Du gehst, +Und eh' sie mit dir spricht, treff' ich dich noch. + + +Zweiter Auftritt. + +Iphigenie. Pylades. + + +Iphigenie. +Woher du seist und kommst, o Fremdling, sprich! +Mir scheint es, daß ich eher einem Griechen +Als einem Scythen dich vergleichen soll. + (Sie nimmt ihm die Ketten ab.) +Gefährlich ist die Freiheit, die ich gebe; +Die Götter wenden ab was euch bedroht! + +Pylades. +O süße Stimme! Vielwillkommner Ton +Der Muttersprach' in einem fremden Lande! +Des väterlichen Hafens blaue Berge +Seh' ich Gefangner neu willkommen wieder +Vor meinen Augen. Laß dir diese Freude +Versichern, daß auch ich ein Grieche bin! +Vergessen hab' ich einen Augenblick, +Wie sehr ich dein bedarf, und meinen Geist +Der herrlichen Erscheinung zugewendet. +O sage, wenn dir dein Verhängniß nicht +Die Lippe schließt, aus welchem unsrer Stämme +Du deine göttergleiche Herkunft zählst. + +Iphigenie. +Die Priesterin, von ihrer Göttin selbst +Gewählet und geheiligt, spricht mit dir. +Das laß dir g'nügen; sage, wer du seist +Und welch unselig-waltendes Geschick +Mit dem Gefährten dich hierher gebracht. + +Pylades. +Leicht kann ich dir erzählen, welch ein Übel +Mit lastender Gesellschaft uns verfolgt. +O könntest du der Hoffnung frohen Blick +Uns auch so leicht, du Göttliche, gewähren! +Aus Kreta sind wir, Söhne des Adrasts: +Ich bin der jüngste, Cephalus genannt, +Und er Laodamas, der älteste +Des Hauses. Zwischen uns stand rauh und wild +Ein mittlerer, und trennte schon im Spiel +Der ersten Jugend Einigkeit und Lust. +Gelassen folgten wir der Mutter Worten, +So lang des Vaters Kraft vor Troja stritt; +Doch als er beutereich zurücke kam +Und kurz darauf verschied, da trennte bald +Der Streit um Reich und Erbe die Geschwister. +Ich neigte mich zum ält'sten. Er erschlug +Den Bruder. Um der Blutschuld willen treibt +Die Furie gewaltig ihn umher. +Doch diesem wilden Ufer sendet uns +Apoll, der Delphische, mit Hoffnung zu. +Im Tempel seiner Schwester hieß er uns +Der Hülfe segensvolle Hand erwarten. +Gefangen sind wir und hierher gebracht, +Und dir als Opfer dargestellt. Du weißt's. + +Iphigenie. +Fiel Troja? Theurer Mann, versichr' es mir. + +Pylades. +Es liegt. O sichre du uns Rettung zu! +Beschleunige die Hülfe, die ein Gott +Versprach. Erbarme meines Bruders dich. +O sag' ihm bald ein gutes holdes Wort; +Doch schone seiner wenn du mit ihm sprichst, +Das bitt' ich eifrig: denn es wird gar leicht +Durch Freud' und Schmerz und durch Erinnerung +Sein Innerstes ergriffen und zerrüttet. +Ein fieberhafter Wahnsinn fällt ihn an, +Und seine schöne freie Seele wird +Den Furien zum Raube hingegeben. + +Iphigenie. +So groß dein Unglück ist, beschwör' ich dich, +Vergiß es, bis du mir genug gethan. + +Pylades. +Die hohe Stadt, die zehen lange Jahre +Dem ganzen Heer der Griechen widerstand, +Liegt nun im Schutte, steigt nicht wieder auf. +Doch manche Gräber unsrer Besten heißen +Uns an das Ufer der Barbaren denken. +Achill liegt dort mit seinem schönen Freunde. + +Iphigenie. +So seid ihr Götterbilder auch zu Staub! + +Pylades. +Auch Palamedes, Ajax Telamons, +Sie sahn des Vaterlandes Tag nicht wieder. + +Iphigenie. +Er schweigt von meinem Vater, nennt ihn nicht +Mit den Erschlagnen. Ja! er lebt mir noch! +Ich werd' ihn sehn! O hoffe, liebes Herz! + +Pylades. +Doch selig sind die Tausende, die starben +Den bittersüßen Tod von Feindes Hand! +Denn wüste Schrecken und ein traurig Ende +Hat den Rückkehrenden statt des Triumphs +Ein feindlich aufgebrachter Gott bereitet. +Kommt denn der Menschen Stimme nicht zu euch? +So weit sie reicht, trägt sie den Ruf umher +Von unerhörten Thaten die geschahn. +So ist der Jammer, der Mycenens Hallen +Mit immer wiederholten Seufzern füllt, +Dir ein Geheimniß? Klytämnestra hat +Mit Hülf' Ägisthens den Gemahl berückt, +Am Tage seiner Rückkehr ihn ermordet!-- +Ja, du verehrest dieses Königs Haus! +Ich seh' es, deine Brust bekämpft vergebens +Das unerwartet ungeheure Wort. +Bist du die Tochter eines Freundes? bist +Du nachbarlich in dieser Stadt geboren? +Verbirg es nicht und rechne mir's nicht zu, +Daß ich der Erste diese Gräuel melde. + +Iphigenie. +Sag' an, wie ward die schwere That vollbracht? + +Pylades. +Am Tage seiner Ankunft, da dir König +Vom Bad erquickt und ruhig, sein Gewand +Aus der Gemahlin Hand verlangend, stieg, +Warf die Verderbliche ein faltenreich +Und künstlich sich verwirrendes Gewebe +Ihm auf die Schultern, um das edle Haupt; +Und da er wie von einem Netze sich +Vergebens zu entwickeln strebte, schlug +Ägisth ihn, der Verräther, und verhüllt +Ging zu den Todten dieser große Fürst. + +Iphigenie. +Und welchen Lohn erhielt der Mitverschworne? + +Pylades. +Ein Reich und Bette, das er schon besaß. + +Iphigenie. +So trieb zur Schandthat eine böse Lust? + +Pylades. +Und einer alten Rache tief Gefühl. + +Iphigenie. +Und wie beleidigte der König sie? + +Pylades. +Mit schwerer That, die, wenn Entschuldigung +Des Mordes wäre, sie entschuldigte. +Nach Aulis lockt' er sie und brachte dort, +Als eine Gottheit sich der Griechen Fahrt +Mit ungstümen Winden widersetzte, +Die ält'ste Tochter, Iphigenien, +Vor den Altar Dianens, und sie fiel +Ein blutig Opfer für der Griechen Heil. +Dieß, sagt man, hat ihr einen Widerwillen +So tief in's Herz geprägt, daß sie dem Werben +Ägisthens sich ergab und den Gemahl +Mit Netzen des Verderbens selbst umschlang. + +Iphigenie (sich verhüllend). +Es ist genug. Du wirst mich wiedersehn. + +Pylades (allein). +Von dem Geschick des Königs-Hauses scheint +Sie tief gerührt. Wer sie auch immer sei, +So hat sie selbst den König wohl gekannt +Und ist, zu unserm Glück, aus hohem Hause +Hierher verkauft. Nur stille, liebes Herz, +Und laß dem Stern der Hoffnung, der uns blinkt, +Mit frohem Muth uns klug entgegen steuern. + + + +Dritter Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Iphigenie. Orest. + +Iphigenie. +Unglücklicher, ich löse deine Bande +Zum Zeichen eines schmerzlichern Geschicks. +Die Freiheit, die das Heiligthum gewährt, +Ist, wie der letzte lichte Lebensblick +Des schwer Erkrankten, Todesbote. Noch +Kann ich es mir und darf es mir nicht sagen, +Daß ihr verloren seid! Wie könnt' ich euch +Mit mörderischer Hand dem Tode weihen? +Und niemand, wer es sei, darf euer Haupt, +So lang ich Priesterin Dianens bin, +Berühren. Doch verweigr' ich jene Pflicht, +Wie sie der aufgebrachte König fordert; +So wählt er eine meiner Jungfraun mir +Zur Folgerin, und ich vermag alsdann +Mit heißem Wunsch allein euch beizustehn. +O werther Landsmann! Selbst der letzte Knecht, +Der an den Herd der Vatergötter streifte, +Ist uns in fremdem Lande hoch willkommen: +Wie soll ich euch genug mit Freud' und Segen +Empfangen, die ihr mir das Bild der Helden, +Die ich von Eltern her verehren lernte, +Entgegen bringet und das innre Herz +Mit neuer schöner Hoffnung schmeichelnd labet! + +Orest. +Verbirgst du deinen Namen, deine Herkunft +Mit klugem Vorsatz? oder darf ich wissen, +Wer mir, gleich einer Himmlischen, begegnet? + +Iphigenie. +Du sollst mich kennen. Jetzo sag' mir an, +Was ich nur halb von deinem Bruder hörte, +Das Ende derer, die von Troja kehrend +Ein hartes unerwartetes Geschick +Auf ihrer Wohnung Schwelle stumm empfing. +Zwar ward ich jung an diesen Strand geführt; +Doch wohl erinnr' ich mich des scheuen Blicks, +Den ich mit Staunen und mit Bangigkeit +Auf jene Helden warf. Sie zogen aus, +Als hätte der Olymp sich aufgethan +Und die Gestalten der erlauchten Vorwelt +Zum Schrecken Ilions herabgesendet, +Und Agamemnon war vor allen herrlich! +O sage mir! Er fiel, sein Haus betretend, +Durch seiner Frauen und Ägisthens Tücke? + +Orest. +Du sagst's! + +Iphigenie. + Weh dir, unseliges Mycen! +So haben Tantals Enkel Fluch auf Fluch +Mit vollen wilden Händen ausgesät! +Und gleich dem Unkraut, wüste Häupter schüttelnd +Und tausendfält'gen Samen um sich streuend, +Den Kindeskindern nahverwandte Mörder +Zur ew'gen Wechselwuth erzeugt! Enthülle, +Was von der Rede deines Bruders schnell +Die Finsterniß des Schreckens mir verdeckte. +Wie ist des großen Stammes letzter Sohn, +Das holde Kind, bestimmt des Vaters Rächer +Dereinst zu sein, wie ist Orest dem Tage +Des Bluts entgangen? Hat ein gleich Geschick +Mit des Avernus Netzen ihn umschlungen? +Ist er gerettet? Lebt er? Lebt Elektra? + +Orest. +Sie leben. + +Iphigenie. + Goldne Sonne, leihe mir +Die schönsten Strahlen, lege sie zum Dank +Vor Jovis Thron! denn ich bin arm und stumm. + +Orest. +Bist du gastfreundlich diesem Königs-Hause, +Bist du mit nähern Banden ihm verbunden, +Wie deine schöne Freude mir verräth: +So bändige dein Herz und halt' es fest! +Denn unerträglich muß dem Fröhlichen +Ein jäher Rückfall in die Schmerzen sein. +Du weißt nur, merk' ich, Agamemnons Tod. + +Iphigenie. +Hab' ich an dieser Nachricht nicht genug? + +Orest. +Du hast des Gräuels Hälfte nur erfahren. + +Iphigenie. +Was fürcht' ich noch? Orest, Elektra leben. + +Orest. +Und fürchtest du für Klytämnestren nichts? + +Iphigenie. +Sie rettet weder Hoffnung, weder Furcht. + +Orest. +Auch schied sie aus dem Land der Hoffnung ab. + +Iphigenie. +Vergoß sie reuig wüthend selbst ihr Blut? + +Orest. +Nein, doch ihr eigen Blut gab ihr den Tod. + +Iphigenie. +Sprich deutlicher, daß ich nicht länger sinne. +Die Ungewißheit schlägt mir tausendfältig +Die dunkeln Schwingen um das bange Haupt. + +Orest. +So haben mich die Götter ausersehn +Zum Boten einer That, die ich so gern +In's klanglos-dumpfe Höhlenreich der Nacht +Verbergen möchte? Wider meinen Willen +Zwingt mich dein holder Mund; allein er darf +Auch etwas Schmerzlichs fordern und erhält's. +Am Tage, da der Vater fiel, verbarg +Elektra rettend ihren Bruder: Strophius, +Des Vaters Schwäher, nahm ihn willig auf, +Erzog ihn neben seinem eignen Sohne, +Der, Pylades genannt, die schönsten Bande +Der Freundschaft um den Angekommnen knüpfte. +Und wie sie wuchsen, wuchs in ihrer Seele +Die brennende Begier des Königs Tod +Zu rächen. Unversehen, fremd gekleidet, +Erreichen sie Mycen, als brächten sie +Die Trauernachricht von Orestens Tode +Mit seiner Asche. Wohl empfänget sie +Die Königin; sie treten in das Haus. +Elektren gibt Orest sich zu erkennen; +Sie bläs't der Rache Feuer in ihm auf, +Das vor der Mutter heil'ger Gegenwart +In sich zurückgebrannt war. Stille führt +Sie ihn zum Orte, wo sein Vater fiel, +Wo eine alte leichte Spur des frech +Vergoss'nen Blutes oftgewaschnen Boden +Mit blassen ahndungsvollen Streifen färbte. +Mit ihrer Feuerzunge schilderte +Sie jeden Umstand der verruchten That, +Ihr knechtisch elend durchgebrachtes Leben, +Den Übermuth der glücklichen Verräther, +Und die Gefahren, die nun der Geschwister +Von einer stiefgewordnen Mutter warteten.-- +Hier drang sie jenen alten Dolch ihm auf, +Der schon in Tantals Hause grimmig wüthete, +Und Klytämnestra fiel durch Sohnes Hand. + +Iphigenie. +Unsterbliche, die ihr den reinen Tag +Auf immer neuen Wolken selig lebet, +Habt ihr nur darum mich so manches Jahr +Von Menschen abgesondert, mich so nah +Bei euch gehalten, mir die kindliche +Beschäftigung, des heil'gen Feuers Gluth +Zu nähren aufgetragen, meine Seele +Der Flamme gleich in ew'ger frommer Klarheit +Zu euern Wohnungen hinaufgezogen, +Daß ich nur meines Hauses Gräuel später +Und tiefer fühlen sollte? Sage mir +Vom Unglücksel'gen! sprich mir von Orest!-- + +Orest. +O, könnte man von seinem Tode sprechen! +Wie gährend stieg aus der Erschlagnen Blut +Der Mutter Geist +Und ruft der Nacht uralten Töchtern zu: +"Laßt nicht den Muttermörder entfliehn! +Verfolgt den Verbrecher! Euch ist er geweiht!" +Sie horchen auf, es schaut ihr hohler Blick +Mit der Begier des Adlers um sich her. +Sie rühren sich in ihren schwarzen Höhlen, +Und aus den Winkeln schleichen ihre Gefährten, +Der Zweifel und die Reue, leis herbei. +Vor ihnen steigt ein Dampf vom Acheron; +In seinen Wolkenkreisen wälzet sich +Die ewige Betrachtung des Geschehnen +Verwirrend um des Schuld'gen Haupt umher +Und sie, berechtigt zum Verderben, treten +Der gottbesäten Erde schönen Boden, +Von dem ein alter Fluch sie längst verbannte. +Den Flüchtigen verfolgt ihr schneller Fuß; +Sie geben nur um neu zu schrecken Rast. + +Iphigenie. +Unseliger, du bist in gleichem Fall, +Und fühlst was er, der arme Flüchtling, leidet! + +Orest. +Was sagst du mir? was wähnst du gleichen Fall? + +Iphigenie. +Dich drückt ein Brudermord wie jenen; mir +Vertraute dieß dein jüngster Bruder schon. + +Orest. +Ich kann nicht leiden, daß du große Seele +Mit einem falschen Wort betrogen werdest. +Ein lügenhaft Gewebe knüpf' ein Fremder +Dem Fremden, sinnreich und der List gewohnt, +Zur Falle vor die Füße; zwischen uns +Sei Wahrheit! +Ich bin Orest! und dieses schuld'ge Haupt +Senkt nach der Grube sich und sucht den Tod; +In jeglicher Gestalt sei er willkommen! +Wer du auch seist, so wünsch' ich Rettung dir +Und meinem Freunde; mir wünsch' ich sie nicht. +Du scheinst hier wider Willen zu verweilen; +Erfindet Rath zur Flucht und laßt mich hier. +Es stürze mein entseelter Leib vom Fels, +Es rauche bis zum Meer hinab mein Blut, +Und bringe Fluch dem Ufer der Barbaren! +Geht ihr, daheim im schönen Griechenland +Ein neues Leben freundlich anzufangen. + (Er entfernt sich.) + +Iphigenie. +So steigst du denn, Erfüllung, schönste Tochter +Des größten Vaters, endlich zu mir nieder! +Wie ungeheuer steht dein Bild vor mir! +Kaum reicht mein Blick dir an die Hände, die +Mit Furcht und Segenskränzen angefüllt +Die Schätze des Olympus niederbringen. +Wie man den König an dem Übermaß +Der Gaben kennt: denn ihm muß wenig scheinen +Was Tausenden schon Reichthum ist; so kennt +Man euch, ihr Götter, an gesparten, lang +Und weise zubereiteten Geschenken. +Denn ihr allein wißt was uns frommen kann, +Und schaut der Zukunft ausgedehntes Reich, +Wenn jedes Abends Stern- und Nebelhülle +Die Aussicht uns verdeckt. Gelassen hört +Ihr unser Flehn, das um Beschleunigung +Euch kindisch bittet; aber eure Hand +Bricht unreif nie die goldnen Himmelsfrüchte; +Und wehe dem, der ungeduldig sie +Ertrotzend saure Speise sich zum Tod +Genießt. O laßt das lang erwartete, +Noch kaum gedachte Glück nicht, wie den Schatten +Des abgeschiednen Freundes, eitel mir +Und dreifach schmerzlicher vorübergehn! + +Orest (tritt wieder zu ihr). +Rufst du die Götter an für dich und Pylades, +So nenne meinen Namen nicht mit eurem. +Du rettest den Verbrecher nicht, zu dem +Du dich gesellst, und theilest Fluch und Noth. + +Iphigenie. +Mein Schicksal ist an deines fest gebunden. + +Orest. +Mit nichten! Laß allein und unbegleitet +Mich zu den Todten gehn. Verhülltest du +In deinen Schleier selbst den Schuldigen; +Du birgst ihn nicht vor'm Blick der Immerwachen, +Und deine Gegenwart, du Himmlische, +Drängt sie nur seitwärts und verscheucht sie nicht. +Sie dürfen mit den ehrnen frechen Füßen +Des heil'gen Waldes Boden nicht betreten; +Doch hör' ich aus der Ferne hier und da +Ihr gräßliches Gelächter. Wölfe harren +So um den Baum, auf den ein Reisender +Sich rettete. Da draußen ruhen sie +Gelagert; und verlass' ich diesen Hain, +Dann steigen sie, die Schlangenhäupter schüttelnd, +Von allen Seiten Staub erregend auf +Und treiben ihre Beute vor sich her. + +Iphigenie. +Kannst du, Orest, ein freundlich Wort vernehmen? + +Orest. +Spar' es für einen Freund der Götter auf. + +Iphigenie. +Sie geben dir zu neuer Hoffnung Licht. + +Orest. +Durch Rauch und Qualm seh' ich den matten Schein +Des Todtenflusses mir zur Hölle leuchten. + +Iphigenie. +Hast du Elektren, Eine Schwester nur? + +Orest. +Die Eine kannt' ich; doch die ält'ste nahm +Ihr gut Geschick, das uns so schrecklich schien, +Bei Zeiten aus dem Elend unsers Hauses. +O laß dein Fragen, und geselle dich +Nicht auch zu den Erinnyen; sie blasen +Mir schadenfroh die Asche von der Seele, +Und leiden nicht, daß sich die letzten Kohlen +Von unsers Hauses Schreckensbrande still +In mir verglimmen. Soll die Gluth denn ewig, +Vorsätzlich angefacht, mit Höllenschwefel +Genährt, mir auf der Seele marternd brennen? + +Iphigenie. +Ich bringe süßes Rauchwerk in die Flamme. +O laß den reinen Hauch der Liebe dir +Die Gluth des Busens leise wehend kühlen. +Orest, mein Theurer, kannst du nicht vernehmen? +Hat das Geleit der Schreckensgötter so +Das Blut in deinen Adern aufgetrocknet? +Schleicht, wie vom Haupt der gräßlichen Gorgone, +Versteinernd dir ein Zauber durch die Glieder? +O wenn vergoss'nen Mutterblutes Stimme +Zur Höll' hinab mit dumpfen Tönen ruft; +Soll nicht der reinen Schwester Segenswort +Hülfreiche Götter von Olympus rufen? + +Orest. +Es ruft! es ruft! So willst du mein Verderben! +Verbirgt in dir sich eine Rachegöttin? +Wer bist du, deren Stimme mir entsetzlich +Das Innerste in seinen Tiefen wendet? + +Iphigenie. +Es zeigt sich dir im tiefsten Herzen an: +Orest, ich bin's! Sieh Iphigenien! +Ich lebe! + +Orest. + Du! + +Iphigenie. + Mein Bruder! + +Orest. + Laß! Hinweg! +Ich rathe dir, berühre nicht die Locken! +Wie von Kreusa's Brautkleid zündet sich +Ein unauslöschlich Feuer von mir fort. +Laß mich! Wie Hercules will ich Unwürd'ger +Den Tod voll Schmach, in mich verschlossen, sterben. + +Iphigenie. +Du wirst nicht untergehn! O daß ich nur +Ein ruhig Wort von dir vernehmen könnte! +O löse meine Zweifel, laß des Glückes, +Des lang erflehten, mich auch sicher werden. +Es wälzet sich ein Rad von Freud' und Schmerz +Durch meine Seele. Von dem fremden Manne +Entfernet mich ein Schauer; doch es reißt +Mein Innerstes gewaltig mich zum Bruder. + +Orest. +Ist hier Lyäens Tempel? und ergreift +Unbändig-heil'ge Wuth die Priesterin? + +Iphigenie. +O höre mich! O sieh mich an, wie mir +Nach einer langen Zeit das Herz sich öffnet, +Der Seligkeit, dem Liebsten, was die Welt +Noch für mich tragen kann, das Haupt zu küssen, +Mit meinen Armen, die den leeren Winden +Nur ausgebreitet waren, dich zu fassen! +O laß mich! Laß mich! Denn es quillet heller +Nicht vom Parnaß die ew'ge Quelle sprudelnd +Von Fels zu Fels in's goldne Thal hinab, +Wie Freude mir vom Herzen wallend fließt, +Und wie ein selig Meer mich rings umfängt. +Orest! Orest! Mein Bruder! + +Orest. + Schöne Nymphe, +Ich traue dir und deinem Schmeicheln nicht. +Diana fordert strenge Dienerinnen +Und rächet das entweihte Heiligthum. +Entferne deinen Arm von meiner Brust! +Und wenn du einen Jüngling rettend lieben, +Das schöne Glück ihm zärtlich bieten willst, +So wende meinem Freunde dein Gemüth, +Dem würd'gern Manne zu. Er irrt umher +Auf jenem Felsenpfade; such' ihn auf, +Weis' ihn zurecht und schone meiner. + +Iphigenie. + Fasse +Dich, Bruder, und erkenne die Gefundne! +Schilt einer Schwester reine Himmelsfreude +Nicht unbesonnene, strafbare Lust. +O nehmt den Wahn ihm von dem starren Auge, +Daß uns der Augenblick der höchsten Freude +Nicht dreifach elend mache! Sie ist hier, +Die längst verlorne Schwester. Vom Altar +Riß mich die Göttin weg und rettete +Hierher mich in ihr eigen Heiligthum. +Gefangen bist du, dargestellt zum Opfer, +Und findest in der Priesterin die Schwester. + +Orest. +Unselige! So mag die Sonne denn +Die letzten Gräuel unsers Hauses sehn! +Ist nicht Elektra hier? damit auch sie +Mit uns zu Grunde gehe, nicht ihr Leben +Zu schwererem Geschick und Leiden friste. +Gut, Priesterin! Ich folge zum Altar: +Der Brudermord ist hergebrachte Sitte +Des alten Stammes; und ich danke, Götter, +Daß ihr mich ohne Kinder auszurotten +Beschlossen habt. Und laß dir rathen, habe +Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne; +Komm, folge mir in's dunkle Reich hinab! +Wie sich vom Schwefelpfuhl erzeugte Drachen +Bekämpfend die verwandte Brut verschlingen, +Zerstört sich selbst das wüthende Geschlect; +Komm kinderlos und schuldlos mit hinab! +Du siehst mich mit Erbarmen an? Laß ab! +Mit solchen Blicken suchte Klytämnestra +Sich einen Weg nach ihres Sohnes Herzen; +Doch sein geschwungner Arm traf ihre Brust. +Die Mutter fiel!--Tritt auf, unwill'ger Geist! +Im Kreis geschlossen tretet an, ihr Furien, +Und wohnet dem willkommnen Schauspiel bei, +Dem letzten, gräßlichsten, das ihr bereitet! +Nicht Haß und Rache schärfen ihren Dolch; +Die liebevolle Schwester wird zur That +Gezwungen. Weine nicht! Du hast nicht Schuld. +Seit meinen ersten Jahren hab' ich nichts +Geliebt, wie ich dich lieben könnte, Schwester. +Ja, schwinge deinen Stahl, verschone nicht, +Zerreiße diesen Busen, und eröffne +Den Strömen die hier sieden einen Weg! + (Er sinkt in Ermattung.) + +Iphigenie. +Allein zu tragen dieses Glück und Elend +Vermag ich nicht.--Wo bist du, Pylades? +Wo find' ich deine Hülfe, theurer Mann? + (Sie entfernt sich suchend.) + + +Zweiter Auftritt. + +Orest +(aus seiner Betäubung erwachend und sich aufrichtend). + +Noch Einen! reiche mir aus Lethe's Fluthen +Den letzten kühlen Becher der Erquickung! +Bald ist der Krampf des Lebens aus dem Busen +Hinweggespült; bald fließet still mein Geist, +Der Quelle des Vergessens hingegeben, +Zu euch, ihr Schatten, in die ew'gen Nebel. +Gefällig laßt in eurer Ruhe sich +Den umgetriebnen Sohn der Erde laben!-- +Welch ein Gelispel hör' ich in den Zweigen, +Welch ein Geräusch aus jener Dämmrung säuseln?-- +Sie kommen schon, den neuen Gast zu sehn! +Wer ist die Schaar, die herrlich mit einander +Wie ein versammelt Fürstenhaus sich freut? +Sie gehen friedlich, Alt' und Junge, Männer +Mit Weibern; göttergleich und ähnlich scheinen +Die wandelnden Gestalten. Ja, sie sind's, +Die Ahnherrn meines Hauses!--Mit Thyesten +Geht Atreus in vertraulichen Gesprächen; +Die Knaben schlüpfen scherzend um sie her. +Ist keine Feindschaft hier mehr unter euch? +Verlosch die Rache wie das Licht der Sonne? +So bin auch ich willkommen, und ich darf +In euern feierlichen Zug mich mischen. +Willkommen, Väter! euch grüßt Orest, +Von euerm Stamme der letzte Mann; +Was ihr gesät, hat er geerntet: +Mit Fluch beladen stieg er herab, +Doch leichter träget sich hier jede Bürde: +Nehmt ihn, o nehmt ihn in euern Kreis!-- +Dich, Atreus, ehr' ich, auch dich Thyesten: +Wir sind hier alle der Feindschaft los.-- +Zeigt mir den Vater, den ich nur einmal +Im Leben sah!--Bist du's, mein Vater? +Und führst die Mutter vertraut mit dir? +Darf Klytämnestra die hand dir reichen; +So darf Orest auch zu ihr treten +Und darf ihr sagen: sieh deinen Sohn!-- +Seht euern Sohn! Heißt ihn willkommen. +Auf Erden war in unserm Hause +Der Gruß des Mordes gewisse Losung, +Und das Geschlect des alten Tantalus +Hat seine Freuden jenseits der Nacht. +Ihr ruft: Willkommen! und nehmt mich auf! +O führt zum Alten, zum Ahnherrn mich! +Wo ist der Alte? daß ich ihn sehe, +Das theure Haupt, das vielverehrte, +Das mit den Göttern zu Rathe saß. +Ihr scheint zu zaudern, euch wegzuwenden? +Was ist es? Leidet der Göttergleiche? +Weh mir! es haben die Übermächt'gen +Der Heldenbrust grausame Qualen +Mit ehrnen Ketten fest aufgeschmiedet. + + +Dritter Auftritt. + +Orest. Iphigenie. Pylades. + +Orest. +Seid ihr auch schon herabgekommen? +Wohl Schwester dir! Noch fehlt Elektra: +Ein güt'ger Gott send' uns die Eine +Mit sanften Pfeilen auch schnell herab. +Dich, armer Freund, muß ich bedauern! +Komm mit! komm mit! zu Pluto's Thron, +Als neue Gäste den Wirth zu grüßen. + +Iphigenie. +Geschwister, die ihr an dem weiten Himmel +Das schöne Licht bei Tag und Nacht herauf +Den Menschen bringet, und den Abgeschiednen +Nicht leuchten dürfet, rettet uns Geschwister! +Du liebst, Diane, deinen holden Bruder +Vor allem, was dir Erd' und Himmel bietet, +Und wendest dein jungfräulich Angesicht +Nach seinem ew'gen Lichte sehnend still. +O laß den einz'gen Spätgefundnen mir +Nicht in der Finsterniß des Wahnsinns rasen! +Und ist dein Wille, da du hier mich bargst, +Nunmehr vollendet, willst du mir durch ihn +Und ihm durch mich die sel'ge Hülfe geben; +So lös' ihn von den Banden jenes Fluchs, +Daß nicht die theure Zeit der Rettung schwinde. + +Pylades. +Erkennst du uns und diesen heil'gen Hain +Und dieses Licht, das nicht den Todten leuchtet? +Fühlst du den Arm des Freundes und der Schwester, +Die dich noch fest, noch lebend halten? Faß +Uns kräftig an; wir sind nicht leere Schatten. +Merk' auf mein Wort! Vernimm es! Raffe dich +Zusammen! Jeder Augenblick ist theuer, +Und unsre Rückkehr hängt an zarten Fäden, +Die, scheint es, eine günst'ge Parze spinnt. + +Orest (zu Iphigenien). +Laß mich zum Erstenmal mit freiem Herzen +In deinen Armen reine Freude haben! +Ihr Götter, die mit flammender Gewalt +Ihr schwere Wolken aufzuzehren wandelt, +Und gnädig-ernst den lang erflehten Regen +Mit Donnerstimmen und mit Windesbrausen +In wilden Strömen auf die Erde schüttet, +Doch bald der Menschen grausendes Erwarten +In Segen auflös't und das bange Staunen +In Freudeblick und lauten Dank verwandelt, +Wenn in den Tropfen frischerquickter Blätter +Die neue Sonne tausendfach sich spiegelt, +Und Iris freundlich bunt mit leichter Hand +Den grauen Flor der letzten Wolken trennt; +O laßt mich auch in meiner Schwester Armen, +An meines Freundes Brust, was ihr mir gönnt +Mit vollem Dank genießen und behalten. +Es löset sich der Fluch, mir sagt's das Herz. +Die Eumeniden ziehn, ich höre sie, +Zum Tartarus und schlagen hinter sich +Die ehrnen Thore fernabdonnernd zu. +Die Erde dampft erquickenden Geruch +Und ladet mich auf ihren Flächen ein, +Nach Lebensfreud' und großer That zu jagen. + +Pylades. +Versäumt die Zeit nicht, die gemessen ist! +Der Wind der unsre Segel schwellt, er bringe +Erst unsre volle Freude zum Olymp. +Kommt! Es bedarf hier schnellen Rath und Schluß. + + + +Vierter Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Iphigenie. +Denken die Himmlischen +Einem der Erdgebornen +Viele Verwirrungen zu, +Und bereiten sie ihm +Von der Freude zu Schmerzen +Und von Schmerzen zur Freude +Tief-erschütternden Übergang; +Dann erziehen sie ihm +In der Nähe der Stadt, +Oder am fernen Gestade, +Daß in Stunden der Noth +Auch die Hülfe bereit sei, +Einen ruhigen Freund. +O segnet, Götter, unsern Pylades +Und was er immer unternehmen mag! +Er ist der Arm des Jünglings in der Schlacht, +Des Greises leuchtend Aug' in der Versammlung: +Denn seine Seel' ist stille; sie bewahrt +Der Ruhe heil'ges unerschöpftes Gut, +Und den Umhergetriebnen reichet er +Aus ihren Tiefen Rath und Hülfe. Mich +Riß er vom Bruder los; den staunt' ich an +Und immer wieder an, und konnte mir +Das Glück nicht eigen machen, ließ ihn nicht +Aus meinen Armen los, und fühlte nicht +Die Nähe der Gefahr die uns umgibt. +Jetzt gehn sie ihren Anschlag auszuführen +Der See zu, wo das Schiff mit den Gefährten +In einer Bucht versteckt auf's Zeichen lauert, +Und haben kluges Wort mir in den Mund +Gegeben, mich gelehrt was ich dem König +Antworte, wenn er sendet und das Opfer +Mir dringender gebietet. Ach! ich sehe wohl, +Ich muß mich leiten lassen wie ein Kind. +Ich habe nicht gelernt zu hinterhalten +Noch jemand etwas abzulisten. Weh! +O weh der Lüge! Sie befreiet nicht, +Wie jedes andre wahrgesprochne Wort, +Die Brust; sie macht uns nicht getrost, sie ängstet +Den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt, +Ein losgedruckter Pfeil, von einem Gotte +Gewendet und versagend, sich zurück +Und trifft den Schützen. Sorg' auf Sorge schwankt +Mir durch die Brust. Es greift die Furie +Vielleicht den Bruder auf dem Boden wieder +Des ungeweihten Ufers grimmig an. +Entdeckt man sie vielleicht? Mich dünkt, ich höre +Gewaffnete sich nahen!--Hier!--Der Bote +Kommt von dem Könige mit schnellem Schritt, +Es schlägt mein Herz, es trübt sich meine Seele, +Da ich des Mannes Angesicht erblicke, +Dem ich mit falschem Wort begegnen soll. + + +Zweiter Auftritt. + + +Iphigenie. Arkas. + +Arkas. +Beschleunige das Opfer, Priesterin! +Der König wartet und es harrt das Volk. + +Iphigenie. +Ich folgte meiner Pflicht und deinem Wink, +Wenn unvermuthet nicht ein Hinderniß +Sich zwischen mich und die Erfüllung stellte. + +Arkas. +Was ist's, das den Befehl des Königs hindert? + +Iphigenie. +Der Zufall, dessen wir nicht Meister sind. + +Arkas. +So sage mir's, daß ich's ihm schnell vermelde: +Denn er beschloß bei sich der beiden Tod. + +Iphigenie. +Die Götter haben ihn noch nicht beschlossen. +Der ält'ste dieser Männer trägt die Schuld +Des nahverwandten Bluts, das er vergoß. +Die Furien verfolgen seinen Pfad, +Ja in dem innern Tempel faßte selbst +Das Übel ihn, und seine Gegenwart +Entheiligte die reine Stätte. Nun +Eil' ich mit meinen Jungfraun, an dem Meere +Der Göttin Bild mit frischer Welle netzend, +Geheimnißvolle Weihe zu begehn. +Es störe niemand unsern stillen Zug! + +Arkas. +Ich melde dieses neue Hinderniß +Dem Könige geschwind; beginne du +Das heil'ge Werk nicht eh' bis er's erlaubt. + +Iphigenie. +Dieß ist allein der Priestrin überlassen. + +Arkas. +Solch seltnen Fall soll auch der König wissen. + +Iphigenie. +Sein Rath wie sein Befehl verändert nichts. + +Arkas. +Oft wird der Mächtige zum Schein gefragt. + +Iphigenie. +Erdringe nicht, was ich versagen sollte. + +Arkas. +Versage nicht, was gut und nützlich ist. + +Iphigenie. +Ich gebe nach, wenn du nicht säumen willst. + +Arkas. +Schnell bin ich mit der Nachricht in dem Lager, +Und schnell mit seinen Worten hier zurück. +O könnt' ich ihm noch eine Botschaft bringen, +Die alles lös'te, was uns jetzt verwirrt: +Denn du hast nicht des Treuen Rath geachtet. + +Iphigenie. +Was ich vermochte, hab' ich gern gethan. + +Arkas. +Noch änderst du den Sinn zur rechten Zeit. + +Iphigenie. +Das steht nun einmal nicht in unsrer Macht. + +Arkas. +Du hältst unmöglich, was dir Mühe kostet. + +Iphigenie. +Dir scheint es möglich, weil der Wunsch dich trügt. + +Arkas. +Willst du denn alles so gelassen wagen? + +Iphigenie. +Ich hab' es in der Götter Hand gelegt. + +Arkas. +Sie pflegen Menschen menschlich zu erretten. + +Iphigenie. +Auf ihren Fingerzeig kömmt alles an. + +Arkas. +Ich sage dir, es liegt in deiner Hand. +Des Königs aufgebrachter Sinn allein +Bereitet diesen Fremden bittern Tod. +Das Heer entwöhnte längst vom harten Opfer +Und von dem blut'gen Dienste sein Gemüth. +Ja, mancher, den ein widriges Geschick +An fremdes Ufer trug, empfand es selbst, +Wie göttergleich dem armen Irrenden, +Umhergetrieben an der fremden Gränze, +Ein freundlich Menschenangesicht begegnet. +O wende nicht von uns was du vermagst! +Du endest leicht was du begonnen hast: +Denn nirgends baut die Milde, die herab +In menschlicher Gestalt vom Himmel kommt, +Ein Reich sich schneller, als wo trüb und wild +Ein neues Volk, voll Leben, Muth und Kraft, +Sich selbst und banger Ahnung überlassen, +Des Menschenlebens schwere Bürden trägt. + +Iphigenie. +Erschüttre meine Seele nicht, die du +Nach deinem Willen nicht bewegen kannst. + +Arkas. +So lang es Zeit ist, schont man weder Mühe +Noch eines guten Wortes Wiederholung. + +Iphigenie. +Du machst dir Müh und mir erregst du Schmerzen: +Vergebens beides: darum laß mich nun. + +Arkas. +Die Schmerzen sind's, die ich zu Hülfe rufe: +Denn es sind Freunde, Gutes rathen sie. + +Iphigenie. +Sie fassen meine Seele mit Gewalt, +Doch tilgen sie den Widerwillen nicht. + +Arkas. +Fühlt eine schöne Seele Widerwillen +Für eine Wohlthat, die der Edle reicht? + +Iphigenie. +Ja, wenn der Edle, was sich nicht geziemt, +Statt meines Dankes mich erwerben will. + +Arkas. +Wer keine Neigung fühlt, dem mangelt es +An einem Worte der Entschuld'gung nie. +Dem Fürsten sag' ich an, was hier geschehn. +O wiederholtest du in deiner Seele, +Wie edel er sich gegen dich betrug +Von deiner Ankunft an bis diesen Tag. + + +Dritter Auftritt. + +Iphigenie (allein). + +Von dieses Mannes Rede fühl' ich mir +Zur ungelegnen Zeit das Herz im Busen +Auf einmal umgewendet. Ich erschrecke!-- +Denn wie die Fluth mit schnellen Strömen wachsend +Die Felsen überspült, die in dem Sand +Am Ufer liegen: so bedeckte ganz +Ein Freudenstrom mein Innerstes. Ich hielt +In meinen Armen das Unmögliche. +Es schien sich eine Wolke wieder sanft +Um mich zu legen, von der Erde mich +Empor zu heben und in jenen Schlummer +Mich einzuwiegen, den die gute Göttin +Um meine Schläfe legte, da ihr Arm +Mich rettend faßte.--Meinen Bruder +Ergriff das Herz mit einziger Gewalt: +Ich horchte nur auf seines Freundes Rath; +Nur sie zu retten drang die Seele vorwärts. +Und wie den Klippen einer wüsten Insel +Der Schiffer gern den Rücken wendet: so +Lag Tauris hinter mir. Nun hat die Stimme +Des treuen Manns mich wieder aufgeweckt, +Daß ich auch Menschen hier verlasse, mich +Erinnert. Doppelt wird mir der Betrug +Verhaßt. O bleibe ruhig, meine Seele! +Beginnst du nun zu schwanken und zu zweifeln? +Den festen Boden deiner Einsamkeit +Mußt du verlassen! Wieder eingeschifft +Ergreifen dich die Wellen schaukelnd, trüb +Und bang verkennest du die Welt und dich. + + +Vierter Auftritt. + +Iphigenie. Pylades. + +Pylades. +Wo ist sie? daß ich ihr mit schnellen Worten +Die frohe Botschaft unsrer Rettung bringe! + +Iphigenie. +Du siehst mich hier voll Sorgen und Erwartung +Des sichern Trostes, den du mir versprichst. + +Pylades. +Dein Bruder ist geheilt! Den Felsenboden +Des ungeweihten Ufers und den Sand +Betraten wir mit fröhlichen Gesprächen; +Der Hain blieb hinter uns, wir merkten's nicht. +Und herrlicher und immer herrlicher +Umloderte der Jugend schöne Flamme +Sein lockig Haupt; sein volles Auge glühte +Von Muth und Hoffnung, und sein freies Herz +Ergab sich ganz der Freude, ganz der Lust, +Dich, seine Retterin, und mich zu retten. + +Iphigenie. +Gesegnet seist du, und es möge nie +Von deiner Lippe, die so Gutes sprach, +Der Ton des Leidens und der Klage tönen! + +Pylades. +Ich bringe mehr als das; denn schön begleitet, +Gleich einem Fürsten, pflegt das Glück zu nahn. +Auch die Gefährten haben wir gefunden. +In einer Felsenbucht verbargen sie +Das Schiff und saßen traurig und erwartend. +Sie sahen deinen Bruder, und es regten +Sich alle jauchzend, und sie baten dringend +Der Abfahrt Stunde zu beschleunigen. +Es sehnet jede Faust sich nach dem Ruder, +Und selbst ein Wind erhob vom Lande lispelnd, +Von allen gleich bemerkt, die holden Schwingen. +Drum laß uns eilen, führe mich zum Tempel, +Laß mich das Heiligthum betreten, laß +Mich unsrer Wünsche Ziel verehrend fassen. +Ich bin allein genug, der Göttin Bild +Auf wohl geübten Schultern wegzutragen; +Wie sehn' ich mich nach der erwünschten Last! + +(Er geht gegen den Tempel unter den letzten Worten, +ohne zu bemerken, daß Iphigenie nicht folgt; endlich +kehrt er sich um.) + +Du stehst und zauderst--Sage mir--Du schweigst! +Du scheinst verworren! Widersetzet sich +Ein neues Unheil unserm Glück? Sag' an! +Hast du dem Könige das kluge Wort +Vermelden lassen, das wir abgeredet? + +Iphigenie. +Ich habe, theurer Mann; doch wirst du schelten. +Ein schweigender Verweis war mir dein Anblick. +Des Königs Bote kam, und wie du es +Mir in den Mund gelegt, so sagt' ich's ihm. +Er schien zu staunen, und verlangte dringend +Die seltne Feier erst dem Könige +Zu melden, seinen Willen zu vernehmen; +Und nun erwart' ich seine Wiederkehr. + +Pylades. +Weh uns! Erneuert schwebt nun die Gefahr +Um unsre Schläfe! Warum hast du nicht +In's Priesterrecht dich weislich eingehüllt? + +Iphigenie. +Als eine Hülle hab' ich's nie gebraucht. + +Pylades. +So wirst du, reine Seele, dich und uns +Zu Grunde richten. Warum dacht' ich nicht +Auf diesen Fall voraus, und lehrte dich +Auch dieser Fordrung auszuweichen! + +Iphigenie. + Schilt +Nur mich, die Schuld ist mein, ich fühl' es wohl; +Doch konnt' ich anders nicht dem Mann begegnen, +Der mit Vernunft und Ernst von mir verlangte, +Was ihm mein Herz als Recht gestehen mußte. + +Pylades. +Gefährlicher zieht sich's zusammen; doch auch so +Laß uns nicht zagen, oder unbesonnen +Und übereilt uns selbst verrathen. Ruhig +Erwarte du die Wiederkunft des Boten, +Und dann steh fest, er bringe was er will: +Denn solcher Weihung Feier anzuordnen +Gehört der Priesterin und nicht dem König. +Und fordert er den fremden Mann zu sehn, +Der von dem Wahnsinn schwer belastet ist; +So lehn' es ab, als hieltest du uns beide +Im Tempel wohl verwahrt. So schaff' uns Luft, +Daß wir auf's eiligste, den heil'gen Schatz +Dem rauh unwürd'gen Volk entwendend, fliehn. +Die besten Zeichen sendet uns Apoll, +Und, eh' wir die Bedingung fromm erfüllen, +Erfüllt er göttlich sein Versprechen schon. +Orest ist frei, geheilt!--Mit dem Befreiten +O führet uns hinüber, günst'ge Winde, +Zur Felsen-Insel die der Gott bewohnt; +Dann nach Mycen, daß es lebendig werde, +Daß von der Asche des verloschnen Herdes +Die Vatergötter fröhlich sich erheben, +Und schönes Feuer ihre Wohnungen +Umleuchte! Deine Hand soll ihnen Weihrauch +Zuerst aus goldnen Schalen streuen. Du +Bringst über jene Schwelle Heil und Leben wieder, +Entsühnst den Fluch und schmückest neu die Deinen +Mit frischen Lebensblüthen herrlich aus. + +Iphigenie. +Vernehm' ich dich, so wendet sich, o Theurer, +Wie sich die Blume nach der Sonne wendet, +Die Seele, von dem Strahle deiner Worte +Getroffen, sich dem süßen Troste nach. +Wie köstlich ist des gegenwärt'gen Freundes +Gewisse Rede, deren Himmelskraft +Ein Einsamer entbehrt und still versinkt. +Denn langsam reift, verschlossen in dem Busen, +Gedank' ihm und Entschluß; die Gegenwart +Des Liebenden entwickelte sie leicht. + +Pylades. +Leb' wohl! Die Freunde will ich nun geschwind +Beruhigen, die sehnlich wartend harren. +Dann komm' ich schnell zurück und lausche hier +Im Felsenbusch versteckt auf deinen Wink-- +Was sinnest du? Auf einmal überschwebt +Ein stiller Trauerzug die freie Stirne. + +Iphigenie. +Verzeih! Wie leichte Wolken vor der Sonne, +So zieht mir vor der Seele leichte Sorge +Und Bangigkeit vorüber. + +Pylades. + Fürchte nicht! +Betrüglich schloß die Furcht mit der Gefahr +Ein enges Bündniß; beide sind Gesellen. + +Iphigenie. +Die Sorge nenn' ich edel, die mich warnt, +Den König, der mein zweiter Vater ward, +Nicht tückisch zu betrügen, zu berauben. + +Pylades. +Der deinen Bruder schlachtet, dem entfliehst du. + +Iphigenie. +Es ist derselbe, der mir Gutes that. + +Pylades. +Das ist nicht Undank, was die Noth gebeut. + +Iphigenie. +Es bleibt wohl Undank; nur die Noth entschuldigt. + +Pylades. +Vor Göttern und vor Menschen dich gewiß. + +Iphigenie. +Allein mein eigen Herz ist nicht befriedigt. + +Pylades. +Zu strenge Fordrung ist verborgner Stolz. + +Iphigenie. +Ich untersuche nicht, ich fühle nur. + +Pylades. +Fühlst du dich recht, so mußt du dich verehren. + +Iphigenie. +Ganz unbefleckt genießt sich nur das Herz. + +Pylades. +So hast du dich im Tempel wohl bewahrt; +Das Leben lehrt uns, weniger mit uns +Und andern strenge sein; du lernst es auch. +So wunderbar ist dieß Geschlecht gebildet, +So vielfach ist's verschlungen und verknüpft, +Daß keiner in sich selbst, noch mit den andern +Sich rein und unverworren halten kann. +Auch sind wir nicht bestellt uns selbst zu richten; +Zu wandeln und auf seinen Weg zu sehen +Ist eines Menschen erste, nächste Pflicht: +Denn selten schätzt er recht was er gethan, +Und was er thut weiß er fast nie zu schätzen. + +Iphigenie. +Fast überred'st du mich zu deiner Meinung. + +Pylades. +Braucht's Überredung, wo die Wahl versagt ist? +Den Bruder, dich, und einen Freund zu retten +Ist nur Ein Weg; fragt sich's ob wir ihn gehen? + +Iphigenie. +O laß mich zaudern! denn du thätest selbst +Ein solches Unrecht keinem Mann gelassen, +Dem du für Wohlthat dich verpflichtet hieltest. + +Pylades. +Wenn wir zu Grunde gehen, wartet dein +Ein härtrer Vorwurf, der Verzweiflung trägt. +Man sieht, du bist nicht an Verlust gewohnt, +Da du dem großen Übel zu entgehen +Ein falsches Wort nicht einmal opfern willst. + +Iphigenie. +O trüg' ich doch ein männlich Herz in mir! +Das, wenn es einen kühnen Vorsatz hegt, +Vor jeder andern Stimme sich verschließt. + +Pylades. +Du weigerst dich umsonst; die ehrne Hand +Der Noth gebietet, und ihr ernster Wink +Ist oberstes Gesetz, dem Götter selbst +Sich unterwerfen müssen. Schweigend herrscht +Des ew'gen Schicksals unberathne Schwester. +Was sie dir auferlegt, das trage: thu' +Was sie gebeut. Das Andre weißt du. Bald +Komm' ich zurück, aus deiner heil'gen Hand +Der Rettung schönes Siegel zu empfangen. + + +Fünfter Auftritt. + +Iphigenie (allein). +Ich muß ihm folgen: denn die Meinigen +Seh' ich in dringender Gefahr. Doch ach! +Mein eigen Schicksal macht mir bang und bänger. +O soll ich nicht die stille Hoffnung retten, +Die in der Einsamkeit ich schön genährt? +Soll dieser Fluch denn ewig walten? Soll +Nie dieß Geschlecht mit einem neuen Segen +Sich wieder heben?--Nimmt doch alles ab! +Das beste Glück, des Lebens schönste Kraft +Ermattet endlich, warum nicht der Fluch? +So hofft' ich denn vergebens, hier verwahrt, +Von meines Hauses Schicksal abgeschieden, +Dereinst mit reiner Hand und reinem Herzen +Die schwer befleckte Wohnung zu entsühnen! +Kaum wird in meinen Armen mir ein Bruder +Vom grimm'gen Übel wundervoll und schnell +Geheilt, kaum naht ein lang erflehtes Schiff, +Mich in den Port der Vaterwelt zu leiten, +So legt die taube Noth ein doppelt Laster +Mit ehrner Hand mir auf: das heilige +Mir anvertraute, viel verehrte Bild +Zu rauben und den Mann zu hintergehn, +Dem ich mein Leben und mein Schicksal danke. +O daß in meinem Busen nicht zuletzt +Ein Widerwille keime! der Titanen +Der alten Götter tiefer Haß auf euch, +Olympier, nicht auch die zarte Brust +Mit Geierklauen fasse! Rettet mich +Und rettet euer Bild in meiner Seele! + +Vor meinen Ohren tönt das alte Lied-- +Vergessen hatt' ich's und vergaß es gern-- +Das Lied der Parzen, das sie grausend sangen, +Als Tantalus vom goldnen Stuhle fiel: +Sie litten mit dem edeln Freunde; grimmig +War ihre Brust, und furchtbar ihr Gesang. +In unsrer Jugend sang's die Amme mir +Und den Geschwistern vor, ich merkt es wohl. + + Es fürchte die Götter + Das Menschengeschlecht! + Sie halten die Herrschaft + In ewigen Händen, + Und können sie brauchen + Wie's ihnen gefällt. + + Der fürchte sie doppelt, + Den je sie erheben! + Auf Klippen und Wolken + Sind Stühle bereitet + Um goldene Tische. + + Erhebet ein Zwist sich: + So stürzen die Gäste + Geschmäht und geschändet + In nächtliche Tiefen, + Und harren vergebens, + Im Finstern gebunden, + Gerechten Gerichtes. + + Sie aber, sie bleiben + In ewigen Festen + An goldenen Tischen. + Sie schreiten vom Berge + Zu Bergen hinüber: + Aus Schlünden der Tiefe + Dampft ihnen der Athem + Erstickter Titanen, + Gleich Opfergerüchen, + Ein leichtes Gewölke. + + Es wenden die Herrscher + Ihr segnendes Auge + Von ganzen Geschlechtern, + Und meiden, im Enkel + Die ehmals geliebten + Still redenden Züge + Des Ahnherrn zu sehn. + + So sangen die Parzen; + Es horcht der Verbannte + In nächtlichen Höhlen + Der Alte die Lieder, + Denkt Kinder und Enkel + Und schüttelt das Haupt. + + + +Fünfter Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Thoas. Arkas. + +Arkas. +Verwirrt muß ich gestehn, daß ich nicht weiß, +Wohin ich meinen Argwohn richten soll. +Sind's die Gefangnen, die auf ihre Flucht +Verstohlen sinnen? Ist's die Priesterin, +Die ihnen hilft? Es mehrt sich das Gerücht: +Das Schiff, das diese beiden hergebracht, +Sei irgend noch in einer Bucht versteckt. +Und jenes Mannes Wahnsinn, diese Weihe, +Der heil'ge Vorwand dieser Zögrung, rufen +Den Argwohn lauter und die Vorsicht auf. + +Thoas. +Es komme schnell die Priesterin herbei! +Dann geht, durchsucht das Ufer scharf und schnell +Vom Vorgebirge bis zum Hain der Göttin. +Verschonet seine heil'gen Tiefen, legt +Bedächt'gen Hinterhalt und greift sie an; +Wo ihr sie findet, faßt sie wie ihr pflegt. + + +Zweiter Auftritt. + +Thoas (allein). + +Entsetzlich wechselt mir der Grimm im Busen; +Erst gegen sie, die ich so heilig hielt; +Dann gegen mich, der ich sie zum Verrath +Durch Nachsicht und durch Güte bildete. +Zur Sklaverei gewöhnt der Mensch sich gut +Und lernet leicht gehorchen, wenn man ihn +Der Freiheit ganz beraubt. Ja, wäre sie +In meiner Ahnherrn rohe Hand gefallen, +Und hätte sie der heil'ge Grimm verschont: +Sie wäre froh gewesen, sich allein +Zu retten, hätte dankbar ihr Geschick +Erkannt und fremdes Blut vor dem Altar +Vergossen, hätte Pflicht genannt +Was Noth war. Nun lockt meine Güte +In ihrer Brust verwegnen Wunsch herauf. +Vergebens hofft' ich, sie mir zu verbinden; +Sie sinnt sich nun ein eigen Schicksal aus. +Durch Schmeichelei gewann sie mir das Herz: +Nun widersteh' ich der; so sucht sie sich +Den Weg durch List und Trug, und meine Güte +Scheint ihr ein alt verjährtes Eigenthum. + + +Dritter Auftritt. + +Iphigenie. Thoas. + +Iphigenie. +Du forderst mich! was bringt dich zu uns her? + +Thoas. +Du schiebst das Opfer auf; sag' an, warum? + +Iphigenie. +Ich hab' an Arkas alles klar erzählt. + +Thoas. +Von dir möcht' ich es weiter noch vernehmen. + +Iphigenie. +Die Göttin gibt dir Frist zur Überlegung. + +Thoas. +Sie scheint dir selbst gelegen, diese Frist. + +Iphigenie. +Wenn dir das Herz zum grausamen Entschluß +Verhärtet ist: so solltest du nicht kommen! +Ein König, der Unmenschliches verlangt, +Find't Diener g'nug, die gegen Gnad' und Lohn +Den halben Fluch der That begierig fassen; +Doch seine Gegenwart bleibt unbefleckt. +Er sinnt den Tod in einer schweren Wolke, +Und seine Boten bringen flammendes +Verderben auf des Armen Haupt hinab; +Er aber schwebt durch seine Höhen ruhig, +Ein unerreichter Gott, im Sturme fort. + +Thoas. +Die heil'ge Lippe tönt ein wildes Lied. + +Iphigenie. +Nicht Priesterin! nur Agamemnons Tochter. +Der Unbekannten Wort verehrtest du; +Der Fürstin willst du rasch gebieten? Nein! +Von Jugend auf hab' ich gelernt gehorchen, +Erst meinen Eltern und dann einer Gottheit, +Und folgsam fühlt' ich immer meine Seele +Am schönsten frei; allein dem harten Worte, +Dem rauhen Ausspruch eines Mannes mich +Zu fügen, lernt' ich weder dort noch hier. + +Thoas. +Ein alt Gesetz, nicht ich, gebietet dir. + +Iphigenie. +Wir fassen ein Gesetz begierig an, +Das unsrer Leidenschaft zur Waffe dient. +Ein andres spricht zu mir, ein älteres, +Mich dir zu widersetzen, das Gebot, +Dem jeder Fremde heilig ist. + +Thoas. +Es scheinen die Gefangnen dir sehr nah +Am Herzen: denn vor Antheil und Bewegung +Vergissest du der Klugheit erstes Wort, +Daß man den Mächtigen nicht reizen soll. + +Iphigenie. +Red' oder schweig' ich, immer kannst du wissen, +Was mir im Herzen ist und immer bleibt. +Lös't die Erinnerung des gleichen Schicksals +Nicht ein verschloss'nes Herz zum Mitleid auf? +Wie mehr denn meins! In ihnen seh' ich mich. +Ich habe vor'm Altare selbst gezittert, +Und feierlich umgab der frühe Tod +Die Knieende; das Messer zuckte schon, +Den lebenvollen Busen zu durchbohren; +Mein Innerstes entsetzte wirbelnd sich, +Mein Auge brach, und--ich fand mich gerettet. +Sind wir, was Götter gnädig uns gewährt, +Unglücklichen nicht zu erstatten schuldig? +Du weißt es, kennst mich, und du willst mich zwingen! + +Thoas. +Gehorche deinem Dienste, nicht dem Herrn. + +Iphigenie. +Laß ab! Beschönige nicht die Gewalt, +Die sich der Schwachheit eines Weibes freut. +Ich bin so frei geboren als ein Mann. +Stünd' Agamemnons Sohn dir gegenüber, +Und du verlangtest was sich nicht gebührt: +So hat auch Er ein Schwert und einen Arm, +Die Rechte seines Busens zu verteid'gen. +Ich habe nichts als Worte, und es ziemt +Dem edeln Mann, der Frauen Wort zu achten. + +Thoas. +Ich acht' es mehr als eines Bruders Schwert. + +Iphigenie. +Das Loos der Waffen wechselt hin und her: +Kein kluger Streiter hält den Feind gering. +Auch ohne Hülfe gegen Trutz und Härte +Hat die Natur den Schwachen nicht gelassen. +Sie gab zur List ihm Freude, lehrt' ihn Künste; +Bald weicht er aus, verspätet und umgeht. +Ja, der Gewaltige verdient, daß man sie übt. + +Thoas. +Die Vorsicht stellt der List sich klug entgegen. + +Iphigenie. +Und eine reine Seele braucht sie nicht. + +Thoas. +Sprich unbehutsam nicht dein eigen Urtheil. + +Iphigenie. +O sähest du wie meine Seele kämpft, +Ein bös Geschick, das sie ergreifen will, +Im ersten Anfall muthig abzutreiben! +So steh' ich denn hier wehrlos gegen dich? +Die schöne Bitte, den anmuth'gen Zweig, +In einer Frauen Hand gewaltiger +Als Schwert und Waffe, stößest du zurück: +Was bleibt mir nun, mein Innres zu verteid'gen? +Ruf' ich die Göttin um ein Wunder an? +Ist keine Kraft in meiner Seele Tiefen? + +Thoas. +Es scheint, der beiden Fremden Schicksal macht +Unmäßig dich besorgt. Wer sind sie? sprich, +Für die dein Geist gewaltig sich erhebt? + +Iphigenie. +Sie sind--sie scheinen--für Griechen halt' ich sie. + +Thoas. +Landsleute sind es? und sie haben wohl +Der Rückkehr schönes Bild in dir erneut? + +Iphigenie (nach einigem Stillschweigen). +Hat denn zur unerhörten That der Mann +Allein das Recht? Drückt denn Unmögliches +Nur Er an die gewalt'ge Heldenbrust? +Was nennt man groß? Was hebt die Seele schaudernd +Dem immer wiederholenden Erzähler? +Als was mit unwahrscheinlichem Erfolg +Der Muthigste begann. Der in der Nacht +Allein das Heer des Feindes überschleicht, +Wie unversehen eine Flamme wüthend +Die Schlafenden, Erwachenden ergreift, +Zuletzt gedrängt von den Ermunterten +Auf Feindes Pferden, doch mit Beute kehrt, +Wird der allein gepriesen? der allein, +Der, einen sichern Weg verachtend, kühn +Gebirg' und Wälder durchzustreifen geht, +Daß er von Räubern eine Gegend säubre? +Ist uns nichts übrig? Muß ein zartes Weib +Sich ihres angebornen Rechts entäußern, +Wild gegen Wilde sein, wie Amazonen +Das Recht des Schwerts euch rauben und mit Blute +Die Unterdrückung rächen? Auf und ab +Steigt in der Brust ein kühnes Unternehmen: +Ich werde großem Vorwurf nicht entgehn, +Noch schwerem Übel wenn es mir mißlingt; +Allein Euch leg' ich's auf die Kniee! Wenn +Ihr wahrhaft seid, wie ihr gepriesen werdet; +So zeigt's durch euern Beistand und verherrlicht +Durch mich die Wahrheit!--Ja, vernimm, o König, +Es wird ein heimlicher Betrug geschmiedet; +Vergebens fragst du den Gefangnen nach; +Sie sind hinweg und suchen ihre Freunde, +Die mit dem Schiff am Ufer warten, auf. +Der ält'ste, den das Übel hier ergriffen +Und nun verlassen hat--es ist Orest, +Mein Bruder, und der andre sein Vertrauter, +Sein Jugendfreund, mit Namen Pylades. +Apoll schickt sie von Delphi diesem Ufer +Mit göttlichen Befehlen zu, das Bild +Dianens wegzurauben und zu ihm +Die Schwester hinzubringen, und dafür +Verspricht er dem von Furien Verfolgten, +Des Mutterblutes Schuldigen, Befreiung. +Uns beide hab' ich nun, die Überbliebnen +Von Tantals Haus, in deine Hand gelegt: +Verdirb uns--wenn du darfst. + +Thoas. + Du glaubst, es höre +Der rohe Scythe, der Barbar, die Stimme +Der Wahrheit und der Menschlichkeit, die Atreus, +Der Grieche, nicht vernahm? + +Iphigenie. + Es hört sie jeder, +Geboren unter jedem Himmel, dem +Des Lebens Quelle durch den Busen rein +Und ungehindert fließt.--Was sinnst du mir, +O König, schweigend in der tiefen Seele? +Ist es Verderben? so tödte mich zuerst! +Denn nun empfind' ich, da uns keine Rettung +Mehr übrig bleibt, die gräßliche Gefahr, +Worein ich die Geliebten übereilt +Vorsetzlich stürzte. Weh! ich werde sie +Gebunden vor mir sehn! Mit welchen Blicken +Kann ich von meinem Bruder Abschied nehmen, +Den ich ermorde? Nimmer kann ich ihm +Mehr in die vielgeliebten Augen schaun! + +Thoas. +So haben die Betrüger künstlich-dichtend +Der lang Verschloss'nen, ihre Wünsche leicht +Und willig Glaubenden, ein solch Gespinnst +Um's Haupt geworfen! + +Iphigenie. + Nein! o König, nein! +Ich könnte hintergangen werden; diese +Sind treu und wahr. Wirst du sie anders finden, +So laß sie fallen und verstoße mich, +Verbanne mich zur Strafe meiner Thorheit +An einer Klippen-Insel traurig Ufer. +Ist aber dieser Mann der lang erflehte, +Geliebte Bruder: so entlaß uns, sei +Auch den Geschwistern wie der Schwester freundlich! +Mein Vater fiel durch seiner Frauen Schuld, +Und sie durch ihren Sohn. Die letzte Hoffnung +Von Atreus Stamme ruht auf ihm allein. +Laß mich mit reinem Herzen, reiner Hand, +Hinübergehn und unser Haus entsühnen. +Du hältst mir Wort!--Wenn zu den Meinen je +Mir Rückkehr zubereitet wäre, schwurst +Du mich zu lassen; und sie ist es nun. +Ein König sagt nicht, wie gemeine Menschen, +Verlegen zu, daß er den Bittenden +Auf einen Augenblick entferne; noch +Verspricht er auf den Fall, den er nicht hofft: +Dann fühlt er erst die Höhe seiner Würde, +Wenn er den Harrenden beglücken kann. + +Thoas. +Unwillig, wie sich Feuer gegen Wasser +Im Kampfe wehrt und gischend seinen Feind +Zu Tilgen sucht, so wehret sich der Zorn +In meinem Busen gegen deine Worte. + +Iphigenie. +O laß die Gnade, wie das heil'ge Licht +Der stillen Opferflamme, mir, umkränzt +Von Lobgesang und Dank und Freude, lodern. + +Thoas. +Wie oft besänftigte mich diese Stimme! + +Iphigenie. +O reiche mir die Hand zum Friedenszeichen. + +Thoas. +Du forderst viel in einer kurzen Zeit. + +Iphigenie. +Um Gut's zu thun braucht's keiner Überlegung. + +Thoas. +Sehr viel! denn auch dem Guten folgt das Übel. + +Iphigenie. +Der Zweifel ist's, der Gutes böse macht. +Bedenke nicht; gewähre, wie du's fühlst. + + +Vierter Auftritt. + +Orest (gewaffnet). Die Vorigen. + +Orest (nach der Scene gekehrt). +Verdoppelt eure Kräfte! Haltet sie +Zurück! nur wenig Augenblicke! Weicht +Der Menge nicht, und deckt den Weg zum Schiffe +Mir und der Schwester. + (Zu Iphigenien ohne den König zu sehen.) + Komm, wir sind verrathen. +Geringer Raum bleibt uns zur Flucht. Geschwind! + (Er erblickt den König.) + +Thoas (nach dem Schwerte greifend). +In meiner Gegenwart führt ungestraft +Kein Mann das nackte Schwert. + +Iphigenie. + Entheiliget +Der Göttin Wohnung nicht durch Wuth und Mord. +Gebietet euerm Volke Stillstand, höret +Die Priesterin, die Schwester. + +Orest. + Sage mir! +Wer ist es, der uns droht? + +Iphigenie. + Verehr' in ihm +Den König, der mein zweiter Vater ward! +Verzeih mir, Bruder! doch mein kindlich Herz +Hat unser ganz Geschick in seine Hand +Gelegt. Gestanden hab' ich euern Anschlag +Und meine Seele vom Verrath gerettet. + +Orest. +Will er die Rückkehr friedlich uns gewähren? + +Iphigenie. +Dein blinkend Schwert verbietet mir die Antwort. + +Orest (der das Schwert einsteckt). +So sprich! Du siehst, ich horche deinen Worten. + + +Fünfter Auftritt. + +Die Vorigen. Pylades. (Bald nach ihm) Arkas. + +(Beide mit bloßen Schwertern.) + +Pylades. +Verweilet nicht! Die letzte Kräfte raffen +Die Unsrigen zusammen; weichend werden +Sie nach der See langsam zurückgedrängt. +Welch ein Gespräch der Fürsten find' ich hier! +Dieß ist des Königes verehrtes Haupt! + +Arkas. +Gelassen, wie es dir, o König, ziemt, +Stehst du den Feinden gegenüber. Gleich +Ist die Verwegenheit bestraft; es weicht +Und fällt ihr Anhang, und ihr Schiff ist unser. +Ein Wort von dir, so steht's in Flammen. + +Thoas. + Geh! +Gebiete Stillstand meinem Volke! keiner +Beschädige den Feind, so lang wir reden. + (Arkas ab.) + +Orest. +Ich nehm' es an. Geh, sammle, treuer Freund, +Den Rest des Volkes; harret still, welch Ende +Die Götter unsern Thaten zubereiten. + (Pylades ab.) + + +Sechster Auftritt. + +Iphigenie. Thoas. Orest. + +Iphigenie. +Befreit von Sorge mich, eh' ihr zu sprechen +Beginnet. Ich befürchte bösen Zwist, +Wenn du, o König, nicht der Billigkeit +Gelinde Stimme hörest; du, mein Bruder, +Der raschen Jugend nicht gebieten willst. + +Thoas. +Ich halte meinen Zorn, wie es dem Ältern +Geziemt, zurück. Antworte mir! Womit +Bezeugst du, daß du Agamemnons Sohn +Und Dieser Bruder bist? + +Orest. + Hier ist das Schwert, +Mit dem er Troja's tapfre Männer schlug. +Dies nahm ich seinem Mörder ab und bat +Die Himmlischen, den Mut und Arm, das Glück +Des großen Königes mir zu verleihn, +Und einen schönern Tod mir zu gewähren. +Wähl' einen aus den Edeln deines Heers +Und stelle mir den Besten gegenüber. +So weit die Erde Heldensöhne nährt, +Ist keinem Fremdling dies Gesuch verweigert. + +Thoas. +Dies Vorrecht hat die alte Sitte nie +Dem Fremden hier gestattet. + +Orest. + So beginne +Die neue Sitte denn von dir und mir! +Nachahmend heiliget ein ganzes Volk +Die edle That der Herrscher zum Gesetz. +Und laß mich nicht allein für unsre Freiheit, +Laß mich, den Fremden, für die Fremden kämpfen. +Fall ich, so ist ihr Urtheil mit dem meinen +Gesprochen; aber gönnet mir das Glück, +Zu überwinden, so betrete nie +Ein Mann dies Ufer, dem der schnelle Blick +Hülfreicher Liebe nicht begegnet, und +Getröstet scheide jeglicher hinweg! + +Thoas. +Nicht unwerth scheinest du, o Jüngling, mir +Der Ahnherrn, deren du dich rühmst, zu sein. +Groß ist die Zahl der edeln, tapfern Männer, +Die mich begleiten; doch ich stehe selbst +In meinen Jahren noch dem Feinde, bin +Bereit, mit dir der Waffen Loos zu wagen. + +Iphigenie. +Mit nichten! Dieses blutigen Beweises +Bedarf es nicht, o König! Laßt die Hand +Vom Schwerte! Denkt an mich und mein Geschick. +Der rasche Kampf verewigt einen Mann: +Er falle gleich, so preiset ihn das Lied. +Allein die Thränen, die unendlichen +Der überbliebnen, der verlass'nen Frau +Zählt keine Nachwelt, und der Dichter schweigt +Von tausend durchgeweinten Tag- und Nächten, +Wo eine stille Seele den verlornen, +Rasch abgeschiednen Freund vergebens sich +Zurückzurufen bangt und sich verzehrt. +Mich selbst hat eine Sorge gleich gewarnt, +Daß der Betrug nicht eines Räubers mich +Vom sichern Schutzort reiße, mich der Knechtschaft +Verrathe. Fleißig hab ich sie befragt, +Nach jedem Umstand mich erkundigt, Zeichen +Gefordert, und gewiß ist nun mein Herz. +Sieh hier an seiner rechten Hand das Mahl +Wie von drei Sternen, das am Tage schon, +Da er geboren ward, sich zeigte, das +Auf schwere That, mit dieser Faust zu üben, +Der Priester deutete. Dann überzeugt +Mich doppelt diese Schramme, die ihm hier +Die Augenbraune spaltet. Als ein Kind +Ließ ihn Elektra, rasch und unvorsichtig +Nach ihrer Art, aus ihren Armen stürzen. +Er schlug auf einen Dreifuß auf--Er ist's-- +Soll ich dir noch die Ähnlichkeit des Vaters, +Soll ich das innre Jauchzen meines Herzens +Dir auch als Zeugen der Versichrung nennen? + +Thoas. +Und hübe deine Rede jeden Zweifel +Und bändigt' ich den Zorn in meiner Brust: +So würden doch die Waffen zwischen uns +Entscheiden müssen; Frieden seh' ich nicht. +Sie sind gekommen, du bekennest selbst, +Das heil'ge Bild der Göttin mir zu rauben. +Glaubt ihr, ich sehe dies gelassen an? +Der Grieche wendet oft sein lüstern Auge +Den fernen Schätzen der Barbaren zu, +Dem goldnen Felle, Pferden, schönen Töchtern; +Doch führte sie Gewalt und List nicht immer +Mit den erlangten Gütern glücklich heim. + +Orest. +Das Bild, o König, soll uns nicht entzweien! +Jetzt kennen wir den Irrthum, den ein Gott +Wie einen Schleier um das Haupt uns legte, +Da er den Weg hierher uns wandern hieß. +Um Rath und um Befreiung bat ich ihn +Von dem Geleit der Furien; er sprach: +"Bringst du die Schwester, die an Tauris Ufer +Im Heiligthume wider Willen bleibt, +Nach Griechenland, so löset sich der Fluch." +Wir legten's von Apollens Schwester aus, +Und er gedachte dich! Die strengen Bande +Sind nun gelös't; du bist den Deinen wieder, +Du Heilige, geschenkt. Von dir berührt, +War ich geheilt; in deinen Armen faßte +Das Übel mich mit allen seinen Klauen +Zum letztenmal und schüttelte das Mark +Entsetzlich mir zusammen; dann entfloh's +Wie eine Schlange zu der Höhle. Neu +Genieß ich nun durch dich das weite Licht +Des Tages. Schön und herrlich zeigt sich mir +Der Göttin Rath. Gleich einem heil'gen Bilde, +Daran der Stadt unwandelbar Geschick +Durch ein geheimes Götterwort gebannt ist, +Nahm sie dich weg, dich Schützerin des Hauses; +Bewahrte dich in einer heil'gen Stille +Zum Segen deines Bruders und der Deinen. +Da alle Rettung auf der weiten Erde +Verloren schien, gibst du uns alles wieder. +Laß deine Seele sich zum Frieden wenden, +O König! Hindre nicht, daß sie die Weihe +Des väterlichen Hauses nun vollbringe, +Mich der entsühnten Halle wiedergebe, +Mir auf das Haupt die alte Krone drücke! +Vergilt den Segen, den sie dir gebracht, +Und laß des nähern Rechtes mich genießen! +Gewalt und List, der Männer höchster Ruhm, +Wird durch die Wahrheit dieser hohen Seele +Beschämt, und reines kindliches Vertrauen +Zu einem edeln Manne wird belohnt. + +Iphigenie. +Denk' an dein Wort, und laß durch diese Rede +Aus einem g'raden, treuen Munde dich +Bewegen! Sieh uns an! Du hast nicht oft +Zu solcher edeln That Gelegenheit. +Versagen kannst du's nicht; gewähr' es bald! + +Thoas. +So geht! + +Iphigenie. + Nicht so, mein König! Ohne Segen, +In Widerwillen scheid' ich nicht von dir. +Verbann' uns nicht! Ein freundlich Gastrecht walte +Von dir zu uns: so sind wir nicht auf ewig +Getrennt und abgeschieden. Werth und theuer, +Wie mir mein Vater war, so bist du's mir, +Und dieser Eindruck bleibt in meiner Seele. +Bringt der Geringste deines Volkes je +Den Ton der Stimme mir in's Ohr zurück, +Den ich an euch gewohnt zu hören bin, +Und seh' ich an dem Ärmsten eure Tracht: +Empfangen will ich ihn wie einen Gott, +Ich will ihm selbst ein Lager zubereiten, +Auf einen Stuhl ihn an das Feuer laden, +Und nur nach dir und deinem Schicksal fragen. +O geben dir die Götter deiner Thaten +Und deiner Milde wohlverdienten Lohn! +Leb' wohl! O wende dich zu uns und gib +Ein holdes Wort des Abschieds mir zurück! +Dann schwellt der Wind die Segel sanfter an, +Und Thränen fließen lindernder vom Auge +Des Scheidenden. Leb' wohl! und reiche mir +Zum Pfand der alten Freundschaft deine Rechte. + +Thoas. +Lebt wohl! + + + + + +Ende dieser Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, +End of Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe + diff --git a/old/iphgn10.zip b/old/iphgn10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..02d001f --- /dev/null +++ b/old/iphgn10.zip diff --git a/old/iphgn107.txt b/old/iphgn107.txt new file mode 100644 index 0000000..5945c0f --- /dev/null +++ b/old/iphgn107.txt @@ -0,0 +1,3282 @@ +Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe +#4 in our series by Johann Wolfgang von Goethe + +This is the 7 bit version, without accents. +Please see file iphgn10.zip or .txt for the accented version. + + +Copyright laws are changing all over the world, be sure to check +the copyright laws for your country before posting these files!! + +Please take a look at the important information in this header. +We encourage you to keep this file on your own disk, keeping an +electronic path open for the next readers. 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Therefore, we usually do NOT keep any +of these books in compliance with any particular paper edition. + + +We are now trying to release all our books one month in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. + +Please note: neither this list nor its contents are final till +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. To be sure you have an +up to date first edition [xxxxx10x.xxx] please check file sizes +in the first week of the next month. Since our ftp program has +a bug in it that scrambles the date [tried to fix and failed] a +look at the file size will have to do, but we will try to see a +new copy has at least one byte more or less. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. This +projected audience is one hundred million readers. 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[10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion] +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only ~5% of the present number of computer users. + +At our revised rates of production, we will reach only one-third +of that goal by the end of 2001, or about 3,333 Etexts unless we +manage to get some real funding; currently our funding is mostly +from Michael Hart's salary at Carnegie-Mellon University, and an +assortment of sporadic gifts; this salary is only good for a few +more years, so we are looking for something to replace it, as we +don't want Project Gutenberg to be so dependent on one person. + +We need your donations more than ever! + + +All donations should be made to "Project Gutenberg/CMU": and are +tax deductible to the extent allowable by law. (CMU = Carnegie- +Mellon University). + +For these and other matters, please mail to: + +Project Gutenberg +P. O. 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FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS*Ver.04.29.93*END* + + + + + +This Project Gutenberg Etext was prepared by Michael Pullen +Globaltraveler5565@yahoo.com + + + + + +This is the 7 bit version, without accents. +Please see file iphgn10.zip or .txt for the accented version. + + + + + +Iphigenie auf Tauris. +Ein Schauspiel. + +Johann Wolfgang von Goethe + +Personen: + +Iphigenie. +Thoas, Koenig der Taurier. +Orest. +Pylades. +Arkas. +-- +Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel + + + +Erster Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Iphigenie. +Heraus in eure Schatten, rege Wipfel +Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines, +Wie in der Goettin stilles Heiligthum +Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefuehl, +Als wenn ich sie zum erstenmal betraete, +Und es gewoehnt sich nicht mein Geist hierher. +So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen +Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe; +Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd. +Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten, +Und an dem Ufer steh' ich lange Tage +Das Land der Griechen mit der Seele suchend; +Und gegen meine Seufzer bringt die Welle +Nur dumpfe Toene brausend mir herueber. +Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern +Ein einsam Leben fuehrt! Ihm zehrt der Gram +Das naechste Glueck vor seinen Lippen weg, +Ihm schwaermen abwaerts immer die Gedanken +Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne +Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo +Sich Mitgeborne spielend fest und fester +Mit sanften Banden an einander knuepften, +Ich rechte mit den Goettern nicht; allein +Der Frauen Zustand ist beklagenswerth. +Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann +Und in der Fremde weiss er sich zu helfen. +Ihn freuet der Besitz; ihn kroent der Sieg! +Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet. +Wie eng-gebunden ist des Weibes Glueck! +Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen, +Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar +Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt! +So haelt mich Thoas hier, ein edler Mann, +In ernsten, heil'gen Sklavenbanden fest. +O wie beschaemt gesteh' ich, dass ich dir +Mit stillem Widerwillen diene, Goettin, +Dir meiner Retterin! Mein Leben sollte +Zu freiem Dienste dir gewidmet sein. +Auch hab' ich stets auf dich gehofft und hoffe +Noch jetzt auf dich, Diana, die du mich, +Des groessten Koeniges verstossne Tochter, +In deinen heil'gen sanften Arm genommen. +Ja, Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann, +Den du, die Tochter fordernd, aengstigtest, +Wenn du den goettergleichen Agamemnon, +Der dir sein Liebstes zum Altare brachte, +Von Troja's umgewandten Mauern ruehmlich +Nach seinem Vaterland zurueck begleitet, +Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn, +Die schoenen Schaetze, wohl erhalten hast; +So gib auch mich den Meinen endlich wieder, +Und rette mich, die du vom Tod errettet, +Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode! + + +Zweiter Auftritt. + +Iphigenie. Arkas. + + +Arkas. +Der Koenig sendet mich hierher und beut +Der Priesterin Dianens Gruss und Heil. +Diess ist der Tag, da Tauris seiner Goettin +Fuer wunderbare neue Siege dankt. +Ich eile vor dem Koenig und dem Heer, +Zu melden, dass er kommt und dass es naht. + +Iphigenie. +Wir sind bereit sie wuerdig zu empfangen, +Und unsre Goettin sieht willkommnem Opfer +Von Thoas Hand mit Gnadenblick entgegen. + +Arkas. +O faend' ich auch den Blick der Priesterin, +Der werthen, vielgeehrten, deinen Blick, +O, heil'ge Jungfrau, heller, leuchtender, +Uns allen gutes Zeichen! Noch bedeckt +Der Gram geheimnisvoll dein Innerstes; +Vergebens harren wir schon Jahre lang +Auf ein vertraulich Wort aus deiner Brust. +So lang ich dich an dieser Staette kenne, +Ist diess der Blick, vor dem ich immer schaudre; +Und wie mit Eisenbanden bleibt die Seele +In's Innerste des Busens dir geschmiedet. + +Iphigenie. +Wie's der Vertriebnen, der Verwais'ten ziemt. + +Arkas. +Scheinst du dir hier vertrieben und verwais't? + +Iphigenie. +Kann uns zum Vaterland die Fremde werden? + +Arkas. +Und dir ist fremd das Vaterland geworden. + +Iphigenie. +Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt +In erster Jugend, da sich kaum die Seele +An Vater, Mutter und Geschwister band; +Die neuen Schoesslinge, gesellt und lieblich, +Vom Fuss der alten Staemme himmelwaerts +Zu dringen strebten; leider fasste da +Ein fremder Fluch mich an und trennte mich +Von den Geliebten, riss das schoene Band +Mit ehrner Faust entzwei. Sie war dahin, +Der Jugend beste Freude, das Gedeihn +Der ersten Jahre. Selbst gerettet, war +Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust +Des Lebens blueht in mir nicht wieder auf. + +Arkas. +Wenn du dich so ungluecklich nennen willst, +So darf ich dich auch wohl undankbar nennen. + +Iphigenie. +Dank habt ihr stets. + +Arkas. + Doch nicht den reinen Dank, +Um dessentwillen man die Wohlthat thut; +Den frohen Blick, der ein zufriednes Leben +Und ein geneigtes Herz dem Wirthe zeigt. +Als dich ein tief geheimnissvolles Schicksal +Vor so viel Jahren diesem Tempel brachte, +Kam Thoas dir, als einer Gottgegebnen, +Mit Ehrfurcht und mit Neigung zu begegnen, +Und dieses Ufer ward dir hold und freundlich, +Das jedem Fremden sonst voll Grausens war, +Weil niemand unser Reich vor dir betrat, +Der an Dianens heil'gen Stufen nicht, +Nach altem Brauch, ein blutig Opfer, fiel. + +Iphigenie. +Frei athmen macht das Leben nicht allein. +Welch Leben ist's das an der heil'gen Staette, +Gleich einem Schatten um sein eigen Grab, +Ich nur vertrauern muss? Und nenn' ich das +Ein froehlich selbstbewusstes Leben, wenn +Uns jeder Tag, vergebens hingetraeumt, +Zu jenen grauen Tagen vorbereitet, +Die an dem Ufer Lethe's selbstvergessend, +Die Trauerschaar der Abgeschiednen feiert? +Ein unnuetz Leben ist ein frueher Tod; +Diess Frauenschicksal ist vor allen meines. + +Arkas. +Den edeln Stolz dass du dir selbst nicht g'nuegest, +Verzeih' ich dir, so sehr ich dich bedaure; +Er raubet den Genuss des Lebens dir. +Du hast hier nichts gethan seit deiner Ankunft? +Wer hat des Koenig trueben Sinn erheitert? +Wer hat den alten grausamen Gebrauch, +Dass am Altar Dianens jeder Fremde +Sein Leben blutend laesst, von Jahr zu Jahr, +Mit sanfter ueberredung aufgehalten, +Und die Gefangnen vom gewissen Tod +In's Vaterland so oft zurueckgeschickt? +Hat nicht Diane, statt erzuernt zu sein, +Dass sie der blut'gen alten Opfer mangelt, +Dein sanft Gebet in reichem Mass erhoert? +Umschwebt mit frohem Fluge nicht der Sieg +Das Heer? und eilt er nicht sogar voraus? +Und fuehlt nicht jeglicher ein besser Loos, +Seitdem der Koenig, der uns weis' und tapfer +So lang gefuehret, nun sich auch der Milde +In deiner Gegenwart erfreut und uns +Des schweigenden Gehorsams Pflicht erleichtert? +Das nennst du unnuetz, wenn von deinem Wesen +Auf Tausende herab ein Balsam traeufelt? +Wenn du dem Volke, dem ein Gott dich brachte, +Des neuen Glueckes ew'ge Quelle wirst, +Und an dem unwirthbaren Todes-Ufer +Dem Fremden Heil und Rueckkehr zubereitest? + +Iphigenie. +Das Wenige verschwindet leicht dem Blick, +Der vorwaerts sieht, wie viel noch uebrig bleibt. + +Arkas. +Doch lobst du den, der was er thut nicht schaetzt? + +Iphigenie. +Man tadelt den, der seine Thaten waegt. + +Arkas. +Auch den, der wahren Werth zu stolz nicht achtet, +Wie den, der falschen Werth zu eitel hebt. +Glaub' mir und hoer' auf eines Mannes Wort, +Der Treu und redlich dir ergeben ist: +Wenn heut der Koenig mit dir redet, so +Erleichtr' ihm was er dir zu sagen denkt. + +Iphigenie. +Du aengstest mich mit jedem guten Worte; +Oft wich ich seinem Antrag muehsam aus. + +Arkas. +Bedenke was du thust und was dir nuetzt. +Seitdem der Koenig seinen Sohn verloren, +Vertraut er wenigen der Seinen mehr, +Und diesen wenigen nicht mehr wie sonst. +Missguenstig sieht er jedes Edeln Sohn +Als seines Reiches Folger an, er fuerchtet +Ein einsam huelflos Alter, ja vielleicht +Verwegnen Aufstand und fruehzeit'gen Tod. +Der Scythe setzt in's Reden keinen Vorzug, +Am wenigsten der Koenig. Er, der nur +Gewohnt ist zu befehlen und zu thun, +Kennt nicht die Kunst, von weitem ein Gespraech +Nach seiner Absicht langsam fein zu lenken. +Erschwer's ihm nicht durch ein rueckhaltend Weigern, +Durch ein vorsetzlich Missverstehen. Geh +Gefaellig ihm den halben Weg entgegen. + +Iphigenie. +Soll ich beschleunigen was mich bedroht? + +Arkas. +Willst du sein Werben eine Drohung nennen? + +Iphigenie. +Es ist die schrecklichste von allen mir. + +Arkas. +Gib ihm fuer seine Neigung nur Vertraun. + +Iphigenie. +Wenn er von Furcht erst meine Seele loes't. + +Arkas. +Warum verschweigst du deine Herkunft ihm? + +Iphigenie. +Weil einer Priesterin Geheimniss ziemt. + +Arkas. +Dem Koenig sollte nichts Geheimniss sein; +Und ob er's gleich nicht fordert, fuehlt er's doch +Und fuehlt es tief in seiner grossen Seele, +Dass du sorgfaeltig dich vor ihm verwahrst. + +Iphigenie. +Naehrt er Verdruss und Unmuth gegen mich? + +Arkas. +So scheint es fast. Zwar schweigt er auch von dir; +Doch haben hingeworfne Worte mich +Belehrt, dass seine Seele fest den Wunsch +Ergriffen hat dich zu besitzen. Lass, +O ueberlass ihn nicht sich selbst! damit +In seinem Busen nicht der Unmuth reife +Und dir Entsetzen bringe, du zu spaet +An meinen treuen Rath mit Reue denkest. + +Iphigenie. +Wie? Sinnt der Koenig, was kein edler Mann, +Der seinen Namen liebt und dem Verehrung +Der Himmlischen den Busen Baendiget, +Je denken sollte? Sinnt er vom Altar +Mich in sein Bette mit Gewalt zu ziehn? +So ruf' ich alle Goetter und vor allen +Dianen, die entschloss'ne Goettin, an, +Die ihren Schutz der Priesterin gewiss +Und Jungfrau einer Jungfrau gern gewaehrt. + +Arkas. +Sei ruhig! Ein gewaltsam neues Blut +Treibt nicht den Koenig, solche Juenglingsthat +Verwegen auszuueben. Wie er sinnt, +Befuercht' ich andern harten Schluss von ihm, +Den unaufhaltbar er vollenden wird: +Denn seine Seel' ist fest und unbeweglich. +Drum bitt' ich dich, vertrau' ihm, sei ihm dankbar, +Wenn du ihm weiter nichts gewaehren kannst. + +Iphigenie. +O sage was dir weiter noch bekannt ist. + +Arkas. +Erfahr's von ihm. Ich seh' den Koenig kommen; +Du ehrst ihn, und dich heisst dein eigen Herz, +Ihm freundlich und vertraulich zu begegnen. +Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort +Der Frauen weit gefuehrt. + +Iphigenie (allein). + Zwar seh' ich nicht, +Wie ich dem Rath des Treuen folgen soll; +Doch folg' ich gern der Pflicht, dem Koenige +Fuer seine Wohlthat gutes Wort zu geben, +Und wuensche mir, dass ich dem Maechtigen, +Was ihm gefaellt, mit Wahrheit sagen moege. + + +Dritter Auftritt. + +Iphigenie. Thoas. + +Iphigenie. +Mit koeniglichen Guetern segne dich +Die Goettin! Sie gewaehre Sieg und Ruhm +Und Reichthum und das Wohl der Deinigen +Und jedes frommen Wunsches Fuelle dir! +Dass, der du ueber viele sorgend herrschest, +Du auch vor vielen seltnes Glueck geniessest. + +Thoas. +Zufrieden waer' ich wenn mein Volk mich ruehmte: +Was ich erwarb, geniessen andre mehr +Als ich. Der ist am gluecklichsten, er sei +Ein Koenig oder ein Geringer, dem +In seinem Hause Wohl bereitet ist. +Du nahmest Theil an meinen tiefen Schmerzen, +Als mir das Schwert der Feinde meinen Sohn, +Den letzten, besten, von der Seite riss. +So lang die Rache meinen Geist besass, +Empfand ich nicht die oede meiner Wohnung; +Doch jetzt, da ich befriedigt wiederkehre, +Ihr Reich zerstoert, mein Sohn gerochen ist, +Bleibt mir zu Hause nichts das mich ergetze. +Der froehliche Gehorsam, den ich sonst +Aus einem jeden Auge blicken sah, +Ist nun von Sorg' und Unmuth still gedaempft. +Ein jeder sinnt was kuenftig werden wird, +Und folgt dem Kinderlosen, weil er muss. +Nun komm' ich heut in diesen Tempel, den +Ich oft betrat, um Sieg zu bitten und +Fuer Sieg zu danken. Einen alten Wunsch +Trag' ich im Busen, der auch dir nicht fremd +Noch unerwartet ist: ich hoffe, dich, +Zum Segen meines Volks und mir zum Segen, +Als Braut in meine Wohnung einzufuehren. + +Iphigenie. +Der Unbekannten bietest du zu viel, +O Koenig, an. Es steht die Fluechtige +Beschaemt vor dir, die nichts an diesem Ufer +Als Schutz und Ruhe sucht, die du ihr gabst. + +Thoas. +Dass du in das Geheimniss deiner Ankunft +Vor mir wie vor dem Letzten stets dich huellest, +Waer' unter keinem Volke recht und gut. +Diess Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz +Gebietet's und die Noth. Allein von dir, +Die jedes frommen Rechts geniesst, ein wohl +Von uns empfangner Gast, nach eignem Sinn +Und Willen ihres Tages sich erfreut, +Von dir hofft' ich Vertrauen, das der Wirth +Fuer seine Treue wohl erwarten darf. + +Iphigenie. +Verbarg ich meiner Eltern Namen und +Mein Haus, o Koenig, war's Verlegenheit, +Nicht Misstraun. Den vielleicht, ach wuesstest du +Wer vor dir steht, und welch verwuenschtes Haupt +Du naehrst und schuetzest, ein Entsetzen fasste +Dein grosses Herz mit seltnem Schauer an, +Und statt die Seite deines Thrones mir +Zu bieten, triebest du mich vor der Zeit +Aus deinem Reiche; stiessest mich vielleicht, +Eh' zu den Meinen frohe Rueckkehr mir +Und meiner Wandrung Ende zugedacht ist, +Dem Elend zu, das jeden Schweifenden, +Von seinem Haus Vertriebnen ueberall +Mit kalter fremder Schreckenshand erwartet. + +Thoas. +Was auch der Rath der Goetter mit dir sei, +Und was sie deinem Haus und dir gedenken; +So fehlt es doch, seitdem du bei uns wohnst +Und eines frommen Gastes Recht geniessest, +An Segen nicht, der mir von oben kommt. +Ich moechte schwer zu ueberreden sein, +Dass ich an dir ein schuldvoll Haupt beschuetze. + +Iphigenie. +Dir bringt die Wohlthat Segen, nicht der Gast. + +Thoas. +Was man Verruchten thut wird nicht gesegnet. +Drum endige dein Schweigen und dein Weigern; +Es fordert diess kein ungerechter Mann. +Die Goettin uebergab dich meinen Haenden; +Wie du ihr heilig warst, so warst du's mir. +Auch sei ihr Wink noch kuenftig mein Gesetz: +Wenn du nach Hause Rueckkehr hoffen kannst, +So sprech' ich dich von aller Fordrung los. +Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt, +Und ist dein Stamm vertrieben, oder durch +Ein ungeheures Unheil ausgeloescht, +So bist du mein durch mehr als Ein Gesetz. +Sprich offen! und du weisst, ich halte Wort. + +Iphigenie. +Vom alten Bande loeset ungern sich +Die Zunge los, ein lang verschwiegenes +Geheimniss endlich zu entdecken; denn +Einmal vertraut, verlaesst es ohne Rueckkehr +Des tiefen Herzens sichre Wohnung, schadet, +Wie es die Goetter wollen, oder nuetzt. +Vernimm! ich bin aus Tantalus Geschlecht. + +Thoas. +Du sprichst ein grosses Wort gelassen aus. +Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt +Als einen ehmals Hochbegnadigten +Der Goetter kennt? Ist's jener Tantalus, +Den Jupiter zu Rath und Tafel zog, +An dessen alterfahrnen, vielen Sinn +Verknuepfenden Gespraechen Goetter selbst, +Wie an Orakelspruechen, sich ergetzten? + +Iphigenie. +Er ist es; aber Goetter sollten nicht +Mit Menschen, wie mit ihres Gleichen, wandeln; +Das sterbliche Geschlecht ist viel zu schwach +In ungewohnter Hoehe nicht zu schwindeln. +Unedel war er nicht und kein Verraether; +Allein zum Knecht zu gross, und zum Gesellen +Des grossen Donnrers nur ein Mensch. So war +Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht +War streng, und Dichter singen: uebermuth +Und Untreu' stuerzten ihn von Jovis Tisch +Zur Schmach des alten Tartarus hinab. +Ach und sein ganz Geschlecht trug ihren Hass! + +Thoas. +Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne? + +Iphigenie. +Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen +Kraftvolles Mark war seiner Soehn' und Enkel +Gewisses Erbtheil; doch es schmiedete +Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band. +Rath, Maessigung und Weisheit und Geduld +Verbarg er ihrem scheuen duestern Blick; +Zur Wuth ward ihnen jegliche Begier, +Und graenzenlos drang ihre Wuth umher. +Schon Pelops, der Gewaltig-wollende, +Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb +Sich durch Verrath und Mord das schoenste Weib, +oenomaus Erzeugte, Hippodamien. +Sie bringt den Wuenschen des Gemahls zwei Soehne, +Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie +Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn +Aus einem andern Bette wachsend an. +Der Hass verbindet sie, und heimlich wagt +Das Paar im Brudermord die erste That. +Der Vater waehnet Hippodamien +Die Moerderin, und grimmig fordert er +Von ihr den Sohn zurueck, und sie entleibt +Sich selbst-- + +Thoas. + Du schweigest? Fahre fort zu reden! +Lass dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich! + +Iphigenie. +Wohl dem, der seiner Vaeter gern gedenkt, +Der froh von ihren Thaten, ihrer Groesse +Den Hoerer unterhaelt, und still sich freuend +An's Ende dieser schoenen Reihe sich +Geschlossen sieht! Denn es erzeugt nicht gleich +Ein Haus den Halbgott noch das Ungeheuer; +Erst eine Reihe Boeser oder Guter +Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude +Der Welt hervor.--Nach ihres Vaters Tode +Gebieten Atreus und Thyest der Stadt, +Gemeinsam-herrschend. Lange konnte nicht +Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest +Des Bruders Bette. Raechend treibet Atreus +Ihn aus dem Reiche. Tueckisch hatte schon +Thyest, auf schwere Thaten sinnend, lange +Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich +Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen. +Dem fuellet er die Brust mit Wuth und Rache +Und sendet ihn zur Koenigsstadt, dass er +Im Oheim seinen eignen Vater morde. +Des Juenglings Vorsatz wird entdeckt: der Koenig +Straft grausam den gesandten Moerder, waehnend, +Er toedte seines Bruders Sohn. Zu spaet +Erfaehrt er, wer vor seinen trunknen Augen +Gemartert stirbt; und die Begier der Rache +Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still +Auf unerhoerte That. Er scheint gelassen +Gleichgueltig und versoehnt, und lockt den Bruder +Mit seinen beiden Soehnen in das Reich +Zurueck, ergreift die Knaben, schlachtet sie, +Und setzt die ekle schaudervolle Speise +Dem Vater bei dem ersten Mahle vor. +Und da Thyest an seinem Fleische sich +Gesaettigt, eine Wehmuth ihn ergreift, +Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme +Der Knaben an des Saales Thuere schon +Zu hoeren glaubt, wirft Atreus grinsend +Ihm Haupt und Fuesse der Erschlagnen hin.-- +Du wendest schaudernd dein Gesicht, o Koenig: +So wendete die Sonn' ihr Antlitz weg +Und ihren Wagen aus dem ewg'en Gleise. +Diess sind die Ahnherrn deiner Priesterin; +Und viel unseliges Geschick der Maenner, +Viel Thaten des verworrnen Sinnes deckt +Die Nacht mit schweren Fittigen und laesst +Uns nur die grauenvolle Daemmrung sehn. + +Thoas. +Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug +Der Graeuel! Sage nun, durch welch ein Wunder +Von diesem wilden Stamme du entsprangst. + +Iphigenie. +Des Altreus aelt'ster Sohn war Agamemnon: +Er ist mein Vater. Doch ich darf es sagen, +In ihm hab' ich seit meiner ersten Zeit +Ein Muster des vollkommnen Manns gesehn. +Ihm brachte Klytaemnestra mich, den Erstling +Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte +Der Koenig, und es war dem Hause Tantals +Die lang entbehrte Rast gewaehrt. Allein +Es mangelte dem Glueck der Eltern noch +Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfuellt, +Dass zwischen beiden Schwestern nun Orest +Der Liebling wuchs, als neues uebel schon +Dem sichern Hause zubereitet war. +Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen, +Der, um den Raub der schoensten Frau zu raechen, +Die ganze Macht der Fuersten Griechenlands +Um Trojens Mauern lagerte. Ob sie +Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel +Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater fuehrte +Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie +Auf guenst'gen Wind vergebens: denn Diane, +Erzuernt auf ihren grossen Fuehrer, hielt +Die Eilenden zurueck und forderte +Durch Kalchas Mund des Koenigs aelt'ste Tochter. +Sie lockten mit der Mutter mich in's Lager; +Sie rissen mich vor den Altar und weihten +Der Goettin dieses Haupt. Sie war versoehnt: +Sie wollte nicht mein Blut und huellte rettend +In eine Wolke mich; in diesem Tempel +Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder. +Ich bin es selbst, bin Iphigenie, +Des Altreus Enkel, Agamemnons Tochter, +Der Goettin Eigenthum, die mit dir spricht. + +Thoas. +Mehr Vorzug und Vertrauen geb' ich nicht +Der Koenigstochter als der Unbekannten. +Ich wiederhole meinen ersten Antrag: +Komm, folge mir, und theile was ich habe. + +Iphigenie. +Wie darf ich solchen Schritt, o Koenig, wagen? +Hat nicht die Goettin, die mich rettete, +Allein das Recht auf mein geweihtes Leben? +Sie hat fuer mich den Schutzort ausgesucht, +Und sie bewahrt mich einem Vater, den +Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht +Zur schoensten Freude seines Alters hier. +Vielleicht ist mir die frohe Rueckkehr nah; +Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, haette +Mich wider ihren Willen hier gefesselt? +Ein Zeichen bat ich, wenn ich bleiben sollte. + +Thoas. +Das Zeichen ist, dass du noch hier verweilst. +Such' Ausflucht solcher Art nicht aengstlich auf. +Man spricht vergebens viel, um zu versagen; +Der andre hoert von allem nur das Nein. + +Iphigenie. +Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen; +Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt. +Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater, +Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen +Mit aengstlichen Gefuehlen sehnen muss? +Dass in den alten Hallen, wo die Trauer +Noch manchmal stille meinen Namen lispelt, +Die Freude, wie um eine Neugeborne, +Den schoensten Kranz von Saeul an Saeulen schlinge. +O sendetest du mich auf Schiffen hin! +Du gaebest mir und allen neues Leben. + +Thoas. +So kehr' zurueck! Thu' was dein Herz dich heisst, +Und hoere nicht die Stimme guten Raths +Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib +Dich hin dem Triebe, der dich zuegellos +Ergreift und dahin oder dorthin reisst. +Wenn ihnen eine Lust im Busen brennt, +Haelt vom Verraether sie kein heilig Band, +Der sie dem Vater oder dem Gemahl +Aus langbewaehrten, treuen Armen lockt; +Und schweigt in ihrer Brust die rasche Gluth, +So dringt auf sie vergebens treu und maechtig +Der ueberredung goldne Zunge los. + +Iphigenie. +Gedenk', o Koenig, deines edeln Wortes! +Willst du mein Zutraun so erwiedern? Du +Schienst vorbereitet alles zu vernehmen. + +Thoas. +Auf's Ungehoffte war ich nicht bereitet; +Doch sollt' ich's auch erwarten: wusst' ich nicht, +Dass ich mit einem Weibe handeln ging? + +Iphigenie. +Schilt nicht, o Koenig, unser arm Geschlecht. +Nicht herrlich wie die euern, aber nicht +Unedel sind die Waffen eines Weibes. +Glaub' es, darin bin ich dir vorzuziehn, +Dass ich dein Glueck mehr als du selber kenne. +Du waehnest, unbekannt mit dir und mir, +Ein naeher Band werd' uns zum Glueck vereinen. +Voll guten Muthes wie voll guten Willens +Dringst du in mich, dass ich mich fuegen soll; +Und hier dank' ich den Goettern, dass sie mir +Die Festigkeit gegeben, dieses Buendniss +Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt. + +Thoas. +Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz. + +Iphigenie. +Sie reden nur durch unser Herz zu uns. + +Thoas. +Und hab' Ich, sie zu hoeren, nicht das Recht? + +Iphigenie. +Es ueberbraust der Sturm die zarte Stimme. + +Thoas. +Die Priesterin vernimmt sie wohl allein? + +Iphigenie. +Vor allen andern merke sie der Fuerst. + +Thoas. +Dein heilig Amt und dein geerbtes Recht +An Jovis Tisch bringt dich den Goettern naeher, +Als einen erdgebornen Wilden. + +Iphigenie. + So +Buess' ich nun das Vertraun, das du erzwangst. + +Thoas. +Ich bin ein Mensch; und besser ist's, wir enden. +So bleibe denn mein Wort: Sei Priesterin +Der Goettin, wie sie dich erkoren hat; +Doch mir verzeih' Diane, dass ich ihr, +Bisher mit Unrecht und mit innerm Vorwurf, +Die alten Opfer vorenthalten habe. +Kein Fremder nahet gluecklich unserm Ufer; +Von Alters her ist ihm der Tod gewiss. +Nur du hast mich mit einer Freundlichkeit, +In der ich bald der zarten Tochter Liebe, +Bald stille Neigung einer Braut zu sehn +Mich tief erfreute, wie mit Zauberbanden +Gefesselt, dass ich meiner Pflicht vergass. +Du hattest mir die Sinnen eingewiegt, +Das Murren meines Volks vernahm ich nicht; +Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes +Fruehzeit'gem Tode lauter ueber mich. +Um deinetwillen halt' ich laenger nicht +Die Menge, die das Opfer dringend fordert. + +Iphigenie. +Um meinetwillen hab ich's nie begehrt. +Der missversteht die Himmlischen, der sie +Blutgierig waehnt; er dichtet ihnen nur +Dir eignen grausamen Begierden an. +Entzog die Goettin mich nicht selbst dem Priester? +Ihr war mein Dienst willkommner, als mein Tod. + +Thoas. +Es ziemt sich nicht fuer uns, den heiligen +Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft +Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken. +Thu' deine Pflicht, ich werde meine thun. +Zwei Fremde, die wir in des Ufers Hoehlen +Versteckt gefunden, und die meinem Lande +Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand. +Mit diesen nehme deine Goettin wieder +Ihr erstes, rechtes, lang entbehrtes Opfer! +Ich sende sie hierher; du weisst den Dienst. + + +Vierter Auftritt. + +Iphigenie (allein). +Du hast Wolken, gnaedige Retterin, +Einzuhuellen unschuldig Verfolgte, +Und auf Winden dem ehrnen Geschick sie +Aus den Armen, ueber das Meer, +ueber der Erde weiteste Strecken +Und wohin es dir gut duenkt zu tragen. +Weise bist du und siehest das Kuenftige; +Nicht vorueber ist dir das Vergangne, +Und dein Blick ruht ueber den Deinen +Wie dein Licht, das Leben der Naechte, +ueber der Erde ruhet und waltet. +O enthalte vom Blut meine Haende! +Nimmer bringt es Segen und Ruhe; +Und die Gestalt des zufaellig Ermordeten +Wird auf des traurig-unwilligen Moerders +Boese Stunden lauern und schrecken. +Denn die Unsterblichen lieben der Menschen +Weit verbreitete gute Geschlechter, +Und sie fristen das fluechtige Leben +Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne +Ihres eigenen, ewigen Himmels +Mitgeniessendes froehliches Anschaun +Eine Weile goennen und lassen. + + + +Zweiter Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Orest. Pylades. + +Orest. +Es ist der Weg des Todes, den wir treten: +Mit jedem Schritt wird meine Seele stiller. +Als ich Apollen bat, das graessliche +Geleit der Rachegeister von der Seite +Mir abzunehmen, schien er Huelf' und Rettung +Im Tempel seiner vielgeliebten Schwester, +Die ueber Tauris herrscht, mit hoffnungsreichen +Gewissen Goetterworten zu versprechen; +Und nun erfuellet sich's, dass alle Noth +Mit meinem Leben voellig enden soll. +Wie leicht wird's mir, dem eine Goetterhand +Das Herz zusammendrueckt, den Sinn betaeubt, +Dem schoenen Licht der Sonne zu entsagen. +Und sollen Atreus Enkel in der Schlacht +Ein siegbekroentes Ende nicht gewinnen; +Soll ich wie meine Ahnen, wie mein Vater, +Als Opferthier im Jammertode bluten: +So sei es! Besser hier vor dem Altar, +Als im verworfnen Winkel, wo die Netze +Der nahverwandte Meuchelmoerder stellt. +Lasst mir so lange Ruh, ihr Unterird'schen, +Die nach dem Blut ihr, das von meinen Tritten +Hernieder traeufelnd meinen Pfad bezeichnet, +Wie losgelass'ne Hunde spuerend hetzt. +Lasst mich, ich komme bald zu euch hinab; +Das Licht des Tags soll euch nicht sehn, noch mich. +Der Erde schoener gruener Teppich soll +Kein Tummelplatz fuer Larven sein. Dort unten +Such' ich euch auf: dort bindet alle dann +Ein gleich Geschick in ew'ge matte Nacht. +Nur dich, mein Pylades, dich, meiner Schuld +Und meines Banns unschuldigen Genossen, +Wie ungern nehm' ich dich in jenes Trauerland +Fruehzeitig mit! Dein Leben oder Tod +Gibt mir allein noch Hoffnung oder Furcht. + +Pylades. +Ich bin noch nicht, Orest, wie du bereit, +In jenes Schattenreich hinabzugehn. +Ich sinne noch, durch die verworrnen Pfade, +Die nach der schwarzen Nacht zu fuehren scheinen, +Uns zu dem Leben wieder aufzuwinden. +Ich denke nicht den Tod; ich sinn' und horche, +Ob nicht zu irgend einer frohen Flucht +Die Goetter Rath und Wege zubereiten. +Der Tod, gefuerchtet oder ungefuerchtet, +Kommt unaufhaltsam. Wenn die Priesterin +Schon, unsre Locken weihend abzuschneiden, +Die Hand erhebt, soll dein' und meine Rettung +Mein einziger Gedanke sein. Erhebe +Von diesem Unmuth deine Seele; zweifelnd +Beschleunigest du die Gefahr. Apoll +Gab uns das Wort: im Heiligthum der Schwester +Sei Trost und Huelf' und Rueckkehr dir bereitet. +Der Goetter Worte sind nicht doppelsinnig, +Wie der Gedrueckte sie im Unmuth waehnt. + +Orest. +Des Lebens dunkle Decke breitete +Die Mutter schon mir um das zarte Haupt, +Und so wuchs ich herauf, ein Ebenbild +Des Vaters, und es war mein stummer Blick +Ein bittrer Vorwurf ihr und ihrem Buhlen. +Wie oft, wenn still Elektra, meine Schwester, +Am Feuer in der tiefen Halle sass, +Draengt' ich beklommen mich an ihren Schoos, +Und starrte, wie sie bitter weinte, sie +Mit grossen Augen an. Dann sagte sie +Von unserm hohen Vater viel: wie sehr +Verlangt' ich ihn zu sehn, bei ihm zu sein! +Mich wuenscht' ich bald nach Troja, ihn bald her. +Es kam der Tag-- + +Pylades. + O lass von jener Stunde +Sich Hoellengeister naechtlich unterhalten! +Uns gebe die Erinnrung schoener Zeit +Zu frischem Heldenlaufe neue Kraft. +Die Goetter brauchen manchen guten Mann +Zu ihrem Dienst auf dieser weiten Erde. +Sie haben noch auf dich gezaehlt; sie gaben +Dich nicht dem Vater zum Geleite mit, +Da er unwillig nach dem Orcus ging. + +Orest. +O, waer' ich, seinen Saum ergreifend, ihm +Gefolgt! + +Pylades. + So haben die, die dich erhielten, +Fuer mich gesorgt: denn was ich worden waere, +Wenn du nicht lebtest, kann ich mir nicht denken; +Da ich mit dir und deinetwillen nur +Seit meiner Kindheit leb' und leben mag. + +Orest. +Erinnre mich nicht jener schoenen Tage, +Da mir dein Haus die freie Staette gab, +Dein edler Vater klug und liebevoll +Die halberstarrte junge Bluethe pflegte; +Da du ein immer munterer Geselle, +Gleich einem leichten bunten Schmetterling +Um eine dunkle Blume, jeden Tag +Um mich mit neuem Leben gaukeltest, +Mir deine Lust in meine Seele spieltest, +Dass ich, vergessend meiner Noth, mit dir +In rascher Jugend hingerissen schwaermte. + +Pylades. +Da fing mein Leben an, als ich dich liebte. + +Orest. +Sag: meine Noth begann, und du sprichst wahr. +Das ist das aengstliche von meinem Schicksal, +Dass ich, wie ein verpesteter Vertriebner, +Geheimen Schmerz und Tod im Busen trage; +Dass, wo ich den gesund'sten Ort betrete, +Gar bald um mich die bluehenden Gesichter +Den Schmerzenszug langsamen Tod's verrathen. + +Pylades. +Der Naechste waer' ich diesen Tod zu sterben, +Wenn je dein Hauch, Orest, vergiftete. +Bin ich nicht immer noch voll Muth und Lust? +Und Lust und Liebe sind die Fittige +Zu grossen Thaten. + +Orest. + Grosse Thaten? Ja, +Ich weiss die Zeit, da wir sie vor uns sahn! +Wenn wir zusammen oft dem Wilde nach +Durch Berg' und Thaeler rannten und dereinst +An Brust und Faust dem hohen Ahnherrn gleich +Mit Keul' und Schwert dem Ungeheuer so, +Dem Raeuber auf der Spur zu jagen hofften; +Und dann wir Abends an der weiten See +Uns aneinander lehnend ruhig sassen, +Die Wellen bis zu unsern Fuessen spielten, +Die Welt so weit, so offen vor uns lag; +Da fuhr wohl Einer manchmal nach dem Schwert, +Und kuenft'ge Thaten drangen wie die Sterne +Rings um uns her unzaehlig aus der Nacht. + +Pylades. +Unendlich ist das Werk, das zu vollfuehren +Die Seele dringt. Wir moechten jede That +So gross gleich thun, als wie sie waechs't und wird, +Wenn Jahre lang durch Laender und Geschlechter +Der Mund der Dichter sie vermehrend waelzt. +Es klingt so schoen was unsre Vaeter thaten, +Wenn es in stillen Abendschatten ruhend +Der Juengling mit dem Ton der Harfe schluerft; +Und was wir thun ist, wie es ihnen war, +Voll Mueh' und eitel Stueckwerk! +So laufen wir nach dem, was vor uns flieht, +Und achten nicht des Weges den wir treten, +und sehen neben uns der Ahnherrn Tritte +Und ihres Erdelebens Spuren kaum. +Wir eilen immer ihrem Schatten nach, +Der goettergleich in einer weiten Ferne +Der Berge Haupt auf goldnen Wolken kroent. +Ich halte nichts von dem, der von sich denkt +Wie ihn das Volk vielleicht erheben moechte. +Allein, o Juengling, danke du den Goettern, +Dass sie so frueh durch dich so viel gethan. + +Orest. +Wenn sie dem Menschen frohe That bescheren +Dass er ein Unheil von den Seinen wendet, +Dass er sein Reich vermehrt, die Graenzen sichert, +Und alte Feinde fallen oder fliehn; +Dann mag er danken! denn ihm hat ein Gott +Des Lebens erste, letzte Lust gegoennt. +Mich haben sie zum Schlaechter auserkoren, +Zum Moerder meiner doch verehrten Mutter, +Und, eine Schandthat schaendlich raechend, mich +Durch ihren Wink zu Grund' gerichtet. Glaube, +Sie haben es auf Tantals Haus gerichtet, +Und ich, der Letzte, soll nicht schuldlos, soll +Nicht ehrenvoll vergehn. + +Pylades. + Die Goetter raechen +Der Vaeter Missethat nicht an dem Sohn; +Ein jeglicher, gut oder boese, nimmt +Sich seinen Lohn mit seiner That hinweg. +Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch. + +Orest. +Uns fuehrt ihr Segen, duenkt mich, nicht hierher. + +Pylades. +Doch wenigstens der hohen Goetter Wille. + +Orest. +So ist's ihr Wille denn, der uns verderbt. + +Pylades. +Thu' was sie dir gebieten und erwarte. +Bringst du die Schwester zu Apollen hin, +Und wohnen beide dann vereint zu Delphi, +Verehrt von einem Volk das edel denkt; +So wird fuer diese That das hohe Paar +Dir gnaedig sein, sie werden aus der Hand +Der Unterird'schen dich erretten. Schon +In diesen heil'gen Hain wagt keine sich. + +Orest. +So hab' ich wenigstens geruh'gen Tod. + +Pylades. +Ganz anders denk' ich, und nicht ungeschickt +Hab' ich das schon Geschehne mit dem Kuenft'gen +Verbunden und im stillen ausgelegt. +Vielleicht reift in der Goetter Rath schon lange +Das grosse Werk. Diana sehnet sich +Von diesem rauhen Ufer der Barbaren +Und ihren blut'gen Menschenopfern weg. +Wir waren zu der schoenen That bestimmt, +Uns wird sie auferlegt, und seltsam sind +Wir an der Pforte schon gezwungen hier. + +Orest. +Mit seltner Kunst flichtst du der Goetter Rath +Und deine Wuensche klug in Eins zusammen. + +Pylades. +Was ist des Menschen Klugheit, wenn sie nicht +Auf Jener Willen droben achtend lauscht? +Zu einer schweren That beruft ein Gott +Den edeln Mann, der viel verbrach, und legt +Ihm auf was uns unmoeglich scheint zu enden. +Es siegt der Held, und buessend dienet er +Den Goettern und der Welt, die ihn verehrt. + +Orest. +Bin ich bestimmt zu leben und zu handeln, +So nehm' ein Gott von meiner schweren Stirn +Den Schwindel weg, der auf dem schluepfrigen, +Mit Mutterblut besprengten Pfade fort +Mich zu den Todten reisst. Er trockne gnaedig +Die Quelle, die, mir aus der Mutter Wunden +Entgegen sprudelnd, ewig mich befleckt. + +Pylades. +Erwart' es ruhiger! Du mehrst das uebel +Und nimmst das Amt der Furien auf dich. +Lass mich nur sinnen, bleibe still! Zuletzt, +Bedarf's zur That vereinter Kraefte, dann +Ruf' ich dich auf, und beide schreiten wir +Mit ueberlegter Kuehnheit zur Vollendung. + +Orest. +Ich hoer' Ulyssen reden. + +Pylades. + Spotte nicht. +Ein jeglicher muss seinen Helden waehlen, +Dem er die Wege zum Olymp hinauf +Sich nacharbeitet. Lass es mich gestehn: +Mir scheinen List und Klugheit nicht den Mann +Zu schaenden, der sich kuehnen Thaten weiht. + +Orest. +Ich schaetze den, der tapfer ist und g'rad. + +Pylades. +Drum hab' ich keinen Rath von dir verlangt. +Schon ist ein Schritt gethan. Von unsern Waechtern +Hab' ich bisher gar vieles ausgelockt. +Ich weiss, ein fremdes, goettergleiches Weib +Haelt jenes blutige Gesetz gefesselt; +Ein reines Herz und Weihrauch und Gebet +Bringt sie den Goettern dar. Man ruehmet hoch +Die Guetige; man glaubet, sie entspringe +vom Stamm der Amazonen, sei geflohn, +Um einem grossen Unheil zu entgehn. + +Orest. +Es scheint, ihr lichtes Reich verlor die Kraft +Durch des Verbrechers Naehe, den der Fluch +Wie eine breite Nacht verfolgt und deckt. +Die fromme Blutgier loes't den alten Brauch +Von seinen Fesseln los, uns zu verderben. +Der wilde Sinn des Koenigs toedtet uns; +Ein Weib wird uns nicht retten, wenn er zuernt. + +Pylades. +Wohl uns, dass es ein Weib ist! denn ein Mann, +Der beste selbst, gewoehnet seinen Geist +An Grausamkeit und macht sich auch zuletzt +Aus dem, was er verabscheut, ein Gesetz, +Wird aus Gewohnheit hart und fast unkenntlich. +Allein ein Weib bleibt staet auf Einem Sinn +Den sie gefasst. Du rechnest sicherer +Auf sie im Guten wie im Boesen.--Still! +Sie kommt; lass uns allein. Ich darf nicht gleich +Ihr unsre Namen nennen, unser Schicksal +Nicht ohne Rueckhalt ihr vertraun. Du gehst, +Und eh' sie mit dir spricht, treff' ich dich noch. + + +Zweiter Auftritt. + +Iphigenie. Pylades. + + +Iphigenie. +Woher du seist und kommst, o Fremdling, sprich! +Mir scheint es, dass ich eher einem Griechen +Als einem Scythen dich vergleichen soll. + (Sie nimmt ihm die Ketten ab.) +Gefaehrlich ist die Freiheit, die ich gebe; +Die Goetter wenden ab was euch bedroht! + +Pylades. +O suesse Stimme! Vielwillkommner Ton +Der Muttersprach' in einem fremden Lande! +Des vaeterlichen Hafens blaue Berge +Seh' ich Gefangner neu willkommen wieder +Vor meinen Augen. Lass dir diese Freude +Versichern, dass auch ich ein Grieche bin! +Vergessen hab' ich einen Augenblick, +Wie sehr ich dein bedarf, und meinen Geist +Der herrlichen Erscheinung zugewendet. +O sage, wenn dir dein Verhaengniss nicht +Die Lippe schliesst, aus welchem unsrer Staemme +Du deine goettergleiche Herkunft zaehlst. + +Iphigenie. +Die Priesterin, von ihrer Goettin selbst +Gewaehlet und geheiligt, spricht mit dir. +Das lass dir g'nuegen; sage, wer du seist +Und welch unselig-waltendes Geschick +Mit dem Gefaehrten dich hierher gebracht. + +Pylades. +Leicht kann ich dir erzaehlen, welch ein uebel +Mit lastender Gesellschaft uns verfolgt. +O koenntest du der Hoffnung frohen Blick +Uns auch so leicht, du Goettliche, gewaehren! +Aus Kreta sind wir, Soehne des Adrasts: +Ich bin der juengste, Cephalus genannt, +Und er Laodamas, der aelteste +Des Hauses. Zwischen uns stand rauh und wild +Ein mittlerer, und trennte schon im Spiel +Der ersten Jugend Einigkeit und Lust. +Gelassen folgten wir der Mutter Worten, +So lang des Vaters Kraft vor Troja stritt; +Doch als er beutereich zuruecke kam +Und kurz darauf verschied, da trennte bald +Der Streit um Reich und Erbe die Geschwister. +Ich neigte mich zum aelt'sten. Er erschlug +Den Bruder. Um der Blutschuld willen treibt +Die Furie gewaltig ihn umher. +Doch diesem wilden Ufer sendet uns +Apoll, der Delphische, mit Hoffnung zu. +Im Tempel seiner Schwester hiess er uns +Der Huelfe segensvolle Hand erwarten. +Gefangen sind wir und hierher gebracht, +Und dir als Opfer dargestellt. Du weisst's. + +Iphigenie. +Fiel Troja? Theurer Mann, versichr' es mir. + +Pylades. +Es liegt. O sichre du uns Rettung zu! +Beschleunige die Huelfe, die ein Gott +Versprach. Erbarme meines Bruders dich. +O sag' ihm bald ein gutes holdes Wort; +Doch schone seiner wenn du mit ihm sprichst, +Das bitt' ich eifrig: denn es wird gar leicht +Durch Freud' und Schmerz und durch Erinnerung +Sein Innerstes ergriffen und zerruettet. +Ein fieberhafter Wahnsinn faellt ihn an, +Und seine schoene freie Seele wird +Den Furien zum Raube hingegeben. + +Iphigenie. +So gross dein Unglueck ist, beschwoer' ich dich, +Vergiss es, bis du mir genug gethan. + +Pylades. +Die hohe Stadt, die zehen lange Jahre +Dem ganzen Heer der Griechen widerstand, +Liegt nun im Schutte, steigt nicht wieder auf. +Doch manche Graeber unsrer Besten heissen +Uns an das Ufer der Barbaren denken. +Achill liegt dort mit seinem schoenen Freunde. + +Iphigenie. +So seid ihr Goetterbilder auch zu Staub! + +Pylades. +Auch Palamedes, Ajax Telamons, +Sie sahn des Vaterlandes Tag nicht wieder. + +Iphigenie. +Er schweigt von meinem Vater, nennt ihn nicht +Mit den Erschlagnen. Ja! er lebt mir noch! +Ich werd' ihn sehn! O hoffe, liebes Herz! + +Pylades. +Doch selig sind die Tausende, die starben +Den bittersuessen Tod von Feindes Hand! +Denn wueste Schrecken und ein traurig Ende +Hat den Rueckkehrenden statt des Triumphs +Ein feindlich aufgebrachter Gott bereitet. +Kommt denn der Menschen Stimme nicht zu euch? +So weit sie reicht, traegt sie den Ruf umher +Von unerhoerten Thaten die geschahn. +So ist der Jammer, der Mycenens Hallen +Mit immer wiederholten Seufzern fuellt, +Dir ein Geheimniss? Klytaemnestra hat +Mit Huelf' aegisthens den Gemahl berueckt, +Am Tage seiner Rueckkehr ihn ermordet!-- +Ja, du verehrest dieses Koenigs Haus! +Ich seh' es, deine Brust bekaempft vergebens +Das unerwartet ungeheure Wort. +Bist du die Tochter eines Freundes? bist +Du nachbarlich in dieser Stadt geboren? +Verbirg es nicht und rechne mir's nicht zu, +Dass ich der Erste diese Graeuel melde. + +Iphigenie. +Sag' an, wie ward die schwere That vollbracht? + +Pylades. +Am Tage seiner Ankunft, da dir Koenig +Vom Bad erquickt und ruhig, sein Gewand +Aus der Gemahlin Hand verlangend, stieg, +Warf die Verderbliche ein faltenreich +Und kuenstlich sich verwirrendes Gewebe +Ihm auf die Schultern, um das edle Haupt; +Und da er wie von einem Netze sich +Vergebens zu entwickeln strebte, schlug +aegisth ihn, der Verraether, und verhuellt +Ging zu den Todten dieser grosse Fuerst. + +Iphigenie. +Und welchen Lohn erhielt der Mitverschworne? + +Pylades. +Ein Reich und Bette, das er schon besass. + +Iphigenie. +So trieb zur Schandthat eine boese Lust? + +Pylades. +Und einer alten Rache tief Gefuehl. + +Iphigenie. +Und wie beleidigte der Koenig sie? + +Pylades. +Mit schwerer That, die, wenn Entschuldigung +Des Mordes waere, sie entschuldigte. +Nach Aulis lockt' er sie und brachte dort, +Als eine Gottheit sich der Griechen Fahrt +Mit ungstuemen Winden widersetzte, +Die aelt'ste Tochter, Iphigenien, +Vor den Altar Dianens, und sie fiel +Ein blutig Opfer fuer der Griechen Heil. +Diess, sagt man, hat ihr einen Widerwillen +So tief in's Herz gepraegt, dass sie dem Werben +aegisthens sich ergab und den Gemahl +Mit Netzen des Verderbens selbst umschlang. + +Iphigenie (sich verhuellend). +Es ist genug. Du wirst mich wiedersehn. + +Pylades (allein). +Von dem Geschick des Koenigs-Hauses scheint +Sie tief geruehrt. Wer sie auch immer sei, +So hat sie selbst den Koenig wohl gekannt +Und ist, zu unserm Glueck, aus hohem Hause +Hierher verkauft. Nur stille, liebes Herz, +Und lass dem Stern der Hoffnung, der uns blinkt, +Mit frohem Muth uns klug entgegen steuern. + + + +Dritter Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Iphigenie. Orest. + +Iphigenie. +Ungluecklicher, ich loese deine Bande +Zum Zeichen eines schmerzlichern Geschicks. +Die Freiheit, die das Heiligthum gewaehrt, +Ist, wie der letzte lichte Lebensblick +Des schwer Erkrankten, Todesbote. Noch +Kann ich es mir und darf es mir nicht sagen, +Dass ihr verloren seid! Wie koennt' ich euch +Mit moerderischer Hand dem Tode weihen? +Und niemand, wer es sei, darf euer Haupt, +So lang ich Priesterin Dianens bin, +Beruehren. Doch verweigr' ich jene Pflicht, +Wie sie der aufgebrachte Koenig fordert; +So waehlt er eine meiner Jungfraun mir +Zur Folgerin, und ich vermag alsdann +Mit heissem Wunsch allein euch beizustehn. +O werther Landsmann! Selbst der letzte Knecht, +Der an den Herd der Vatergoetter streifte, +Ist uns in fremdem Lande hoch willkommen: +Wie soll ich euch genug mit Freud' und Segen +Empfangen, die ihr mir das Bild der Helden, +Die ich von Eltern her verehren lernte, +Entgegen bringet und das innre Herz +Mit neuer schoener Hoffnung schmeichelnd labet! + +Orest. +Verbirgst du deinen Namen, deine Herkunft +Mit klugem Vorsatz? oder darf ich wissen, +Wer mir, gleich einer Himmlischen, begegnet? + +Iphigenie. +Du sollst mich kennen. Jetzo sag' mir an, +Was ich nur halb von deinem Bruder hoerte, +Das Ende derer, die von Troja kehrend +Ein hartes unerwartetes Geschick +Auf ihrer Wohnung Schwelle stumm empfing. +Zwar ward ich jung an diesen Strand gefuehrt; +Doch wohl erinnr' ich mich des scheuen Blicks, +Den ich mit Staunen und mit Bangigkeit +Auf jene Helden warf. Sie zogen aus, +Als haette der Olymp sich aufgethan +Und die Gestalten der erlauchten Vorwelt +Zum Schrecken Ilions herabgesendet, +Und Agamemnon war vor allen herrlich! +O sage mir! Er fiel, sein Haus betretend, +Durch seiner Frauen und aegisthens Tuecke? + +Orest. +Du sagst's! + +Iphigenie. + Weh dir, unseliges Mycen! +So haben Tantals Enkel Fluch auf Fluch +Mit vollen wilden Haenden ausgesaet! +Und gleich dem Unkraut, wueste Haeupter schuettelnd +Und tausendfaelt'gen Samen um sich streuend, +Den Kindeskindern nahverwandte Moerder +Zur ew'gen Wechselwuth erzeugt! Enthuelle, +Was von der Rede deines Bruders schnell +Die Finsterniss des Schreckens mir verdeckte. +Wie ist des grossen Stammes letzter Sohn, +Das holde Kind, bestimmt des Vaters Raecher +Dereinst zu sein, wie ist Orest dem Tage +Des Bluts entgangen? Hat ein gleich Geschick +Mit des Avernus Netzen ihn umschlungen? +Ist er gerettet? Lebt er? Lebt Elektra? + +Orest. +Sie leben. + +Iphigenie. + Goldne Sonne, leihe mir +Die schoensten Strahlen, lege sie zum Dank +Vor Jovis Thron! denn ich bin arm und stumm. + +Orest. +Bist du gastfreundlich diesem Koenigs-Hause, +Bist du mit naehern Banden ihm verbunden, +Wie deine schoene Freude mir verraeth: +So baendige dein Herz und halt' es fest! +Denn unertraeglich muss dem Froehlichen +Ein jaeher Rueckfall in die Schmerzen sein. +Du weisst nur, merk' ich, Agamemnons Tod. + +Iphigenie. +Hab' ich an dieser Nachricht nicht genug? + +Orest. +Du hast des Graeuels Haelfte nur erfahren. + +Iphigenie. +Was fuercht' ich noch? Orest, Elektra leben. + +Orest. +Und fuerchtest du fuer Klytaemnestren nichts? + +Iphigenie. +Sie rettet weder Hoffnung, weder Furcht. + +Orest. +Auch schied sie aus dem Land der Hoffnung ab. + +Iphigenie. +Vergoss sie reuig wuethend selbst ihr Blut? + +Orest. +Nein, doch ihr eigen Blut gab ihr den Tod. + +Iphigenie. +Sprich deutlicher, dass ich nicht laenger sinne. +Die Ungewissheit schlaegt mir tausendfaeltig +Die dunkeln Schwingen um das bange Haupt. + +Orest. +So haben mich die Goetter ausersehn +Zum Boten einer That, die ich so gern +In's klanglos-dumpfe Hoehlenreich der Nacht +Verbergen moechte? Wider meinen Willen +Zwingt mich dein holder Mund; allein er darf +Auch etwas Schmerzlichs fordern und erhaelt's. +Am Tage, da der Vater fiel, verbarg +Elektra rettend ihren Bruder: Strophius, +Des Vaters Schwaeher, nahm ihn willig auf, +Erzog ihn neben seinem eignen Sohne, +Der, Pylades genannt, die schoensten Bande +Der Freundschaft um den Angekommnen knuepfte. +Und wie sie wuchsen, wuchs in ihrer Seele +Die brennende Begier des Koenigs Tod +Zu raechen. Unversehen, fremd gekleidet, +Erreichen sie Mycen, als braechten sie +Die Trauernachricht von Orestens Tode +Mit seiner Asche. Wohl empfaenget sie +Die Koenigin; sie treten in das Haus. +Elektren gibt Orest sich zu erkennen; +Sie blaes't der Rache Feuer in ihm auf, +Das vor der Mutter heil'ger Gegenwart +In sich zurueckgebrannt war. Stille fuehrt +Sie ihn zum Orte, wo sein Vater fiel, +Wo eine alte leichte Spur des frech +Vergoss'nen Blutes oftgewaschnen Boden +Mit blassen ahndungsvollen Streifen faerbte. +Mit ihrer Feuerzunge schilderte +Sie jeden Umstand der verruchten That, +Ihr knechtisch elend durchgebrachtes Leben, +Den uebermuth der gluecklichen Verraether, +Und die Gefahren, die nun der Geschwister +Von einer stiefgewordnen Mutter warteten.-- +Hier drang sie jenen alten Dolch ihm auf, +Der schon in Tantals Hause grimmig wuethete, +Und Klytaemnestra fiel durch Sohnes Hand. + +Iphigenie. +Unsterbliche, die ihr den reinen Tag +Auf immer neuen Wolken selig lebet, +Habt ihr nur darum mich so manches Jahr +Von Menschen abgesondert, mich so nah +Bei euch gehalten, mir die kindliche +Beschaeftigung, des heil'gen Feuers Gluth +Zu naehren aufgetragen, meine Seele +Der Flamme gleich in ew'ger frommer Klarheit +Zu euern Wohnungen hinaufgezogen, +Dass ich nur meines Hauses Graeuel spaeter +Und tiefer fuehlen sollte? Sage mir +Vom Ungluecksel'gen! sprich mir von Orest!-- + +Orest. +O, koennte man von seinem Tode sprechen! +Wie gaehrend stieg aus der Erschlagnen Blut +Der Mutter Geist +Und ruft der Nacht uralten Toechtern zu: +"Lasst nicht den Muttermoerder entfliehn! +Verfolgt den Verbrecher! Euch ist er geweiht!" +Sie horchen auf, es schaut ihr hohler Blick +Mit der Begier des Adlers um sich her. +Sie ruehren sich in ihren schwarzen Hoehlen, +Und aus den Winkeln schleichen ihre Gefaehrten, +Der Zweifel und die Reue, leis herbei. +Vor ihnen steigt ein Dampf vom Acheron; +In seinen Wolkenkreisen waelzet sich +Die ewige Betrachtung des Geschehnen +Verwirrend um des Schuld'gen Haupt umher +Und sie, berechtigt zum Verderben, treten +Der gottbesaeten Erde schoenen Boden, +Von dem ein alter Fluch sie laengst verbannte. +Den Fluechtigen verfolgt ihr schneller Fuss; +Sie geben nur um neu zu schrecken Rast. + +Iphigenie. +Unseliger, du bist in gleichem Fall, +Und fuehlst was er, der arme Fluechtling, leidet! + +Orest. +Was sagst du mir? was waehnst du gleichen Fall? + +Iphigenie. +Dich drueckt ein Brudermord wie jenen; mir +Vertraute diess dein juengster Bruder schon. + +Orest. +Ich kann nicht leiden, dass du grosse Seele +Mit einem falschen Wort betrogen werdest. +Ein luegenhaft Gewebe knuepf' ein Fremder +Dem Fremden, sinnreich und der List gewohnt, +Zur Falle vor die Fuesse; zwischen uns +Sei Wahrheit! +Ich bin Orest! und dieses schuld'ge Haupt +Senkt nach der Grube sich und sucht den Tod; +In jeglicher Gestalt sei er willkommen! +Wer du auch seist, so wuensch' ich Rettung dir +Und meinem Freunde; mir wuensch' ich sie nicht. +Du scheinst hier wider Willen zu verweilen; +Erfindet Rath zur Flucht und lasst mich hier. +Es stuerze mein entseelter Leib vom Fels, +Es rauche bis zum Meer hinab mein Blut, +Und bringe Fluch dem Ufer der Barbaren! +Geht ihr, daheim im schoenen Griechenland +Ein neues Leben freundlich anzufangen. + (Er entfernt sich.) + +Iphigenie. +So steigst du denn, Erfuellung, schoenste Tochter +Des groessten Vaters, endlich zu mir nieder! +Wie ungeheuer steht dein Bild vor mir! +Kaum reicht mein Blick dir an die Haende, die +Mit Furcht und Segenskraenzen angefuellt +Die Schaetze des Olympus niederbringen. +Wie man den Koenig an dem uebermass +Der Gaben kennt: denn ihm muss wenig scheinen +Was Tausenden schon Reichthum ist; so kennt +Man euch, ihr Goetter, an gesparten, lang +Und weise zubereiteten Geschenken. +Denn ihr allein wisst was uns frommen kann, +Und schaut der Zukunft ausgedehntes Reich, +Wenn jedes Abends Stern- und Nebelhuelle +Die Aussicht uns verdeckt. Gelassen hoert +Ihr unser Flehn, das um Beschleunigung +Euch kindisch bittet; aber eure Hand +Bricht unreif nie die goldnen Himmelsfruechte; +Und wehe dem, der ungeduldig sie +Ertrotzend saure Speise sich zum Tod +Geniesst. O lasst das lang erwartete, +Noch kaum gedachte Glueck nicht, wie den Schatten +Des abgeschiednen Freundes, eitel mir +Und dreifach schmerzlicher voruebergehn! + +Orest (tritt wieder zu ihr). +Rufst du die Goetter an fuer dich und Pylades, +So nenne meinen Namen nicht mit eurem. +Du rettest den Verbrecher nicht, zu dem +Du dich gesellst, und theilest Fluch und Noth. + +Iphigenie. +Mein Schicksal ist an deines fest gebunden. + +Orest. +Mit nichten! Lass allein und unbegleitet +Mich zu den Todten gehn. Verhuelltest du +In deinen Schleier selbst den Schuldigen; +Du birgst ihn nicht vor'm Blick der Immerwachen, +Und deine Gegenwart, du Himmlische, +Draengt sie nur seitwaerts und verscheucht sie nicht. +Sie duerfen mit den ehrnen frechen Fuessen +Des heil'gen Waldes Boden nicht betreten; +Doch hoer' ich aus der Ferne hier und da +Ihr graessliches Gelaechter. Woelfe harren +So um den Baum, auf den ein Reisender +Sich rettete. Da draussen ruhen sie +Gelagert; und verlass' ich diesen Hain, +Dann steigen sie, die Schlangenhaeupter schuettelnd, +Von allen Seiten Staub erregend auf +Und treiben ihre Beute vor sich her. + +Iphigenie. +Kannst du, Orest, ein freundlich Wort vernehmen? + +Orest. +Spar' es fuer einen Freund der Goetter auf. + +Iphigenie. +Sie geben dir zu neuer Hoffnung Licht. + +Orest. +Durch Rauch und Qualm seh' ich den matten Schein +Des Todtenflusses mir zur Hoelle leuchten. + +Iphigenie. +Hast du Elektren, Eine Schwester nur? + +Orest. +Die Eine kannt' ich; doch die aelt'ste nahm +Ihr gut Geschick, das uns so schrecklich schien, +Bei Zeiten aus dem Elend unsers Hauses. +O lass dein Fragen, und geselle dich +Nicht auch zu den Erinnyen; sie blasen +Mir schadenfroh die Asche von der Seele, +Und leiden nicht, dass sich die letzten Kohlen +Von unsers Hauses Schreckensbrande still +In mir verglimmen. Soll die Gluth denn ewig, +Vorsaetzlich angefacht, mit Hoellenschwefel +Genaehrt, mir auf der Seele marternd brennen? + +Iphigenie. +Ich bringe suesses Rauchwerk in die Flamme. +O lass den reinen Hauch der Liebe dir +Die Gluth des Busens leise wehend kuehlen. +Orest, mein Theurer, kannst du nicht vernehmen? +Hat das Geleit der Schreckensgoetter so +Das Blut in deinen Adern aufgetrocknet? +Schleicht, wie vom Haupt der graesslichen Gorgone, +Versteinernd dir ein Zauber durch die Glieder? +O wenn vergoss'nen Mutterblutes Stimme +Zur Hoell' hinab mit dumpfen Toenen ruft; +Soll nicht der reinen Schwester Segenswort +Huelfreiche Goetter von Olympus rufen? + +Orest. +Es ruft! es ruft! So willst du mein Verderben! +Verbirgt in dir sich eine Rachegoettin? +Wer bist du, deren Stimme mir entsetzlich +Das Innerste in seinen Tiefen wendet? + +Iphigenie. +Es zeigt sich dir im tiefsten Herzen an: +Orest, ich bin's! Sieh Iphigenien! +Ich lebe! + +Orest. + Du! + +Iphigenie. + Mein Bruder! + +Orest. + Lass! Hinweg! +Ich rathe dir, beruehre nicht die Locken! +Wie von Kreusa's Brautkleid zuendet sich +Ein unausloeschlich Feuer von mir fort. +Lass mich! Wie Hercules will ich Unwuerd'ger +Den Tod voll Schmach, in mich verschlossen, sterben. + +Iphigenie. +Du wirst nicht untergehn! O dass ich nur +Ein ruhig Wort von dir vernehmen koennte! +O loese meine Zweifel, lass des Glueckes, +Des lang erflehten, mich auch sicher werden. +Es waelzet sich ein Rad von Freud' und Schmerz +Durch meine Seele. Von dem fremden Manne +Entfernet mich ein Schauer; doch es reisst +Mein Innerstes gewaltig mich zum Bruder. + +Orest. +Ist hier Lyaeens Tempel? und ergreift +Unbaendig-heil'ge Wuth die Priesterin? + +Iphigenie. +O hoere mich! O sieh mich an, wie mir +Nach einer langen Zeit das Herz sich oeffnet, +Der Seligkeit, dem Liebsten, was die Welt +Noch fuer mich tragen kann, das Haupt zu kuessen, +Mit meinen Armen, die den leeren Winden +Nur ausgebreitet waren, dich zu fassen! +O lass mich! Lass mich! Denn es quillet heller +Nicht vom Parnass die ew'ge Quelle sprudelnd +Von Fels zu Fels in's goldne Thal hinab, +Wie Freude mir vom Herzen wallend fliesst, +Und wie ein selig Meer mich rings umfaengt. +Orest! Orest! Mein Bruder! + +Orest. + Schoene Nymphe, +Ich traue dir und deinem Schmeicheln nicht. +Diana fordert strenge Dienerinnen +Und raechet das entweihte Heiligthum. +Entferne deinen Arm von meiner Brust! +Und wenn du einen Juengling rettend lieben, +Das schoene Glueck ihm zaertlich bieten willst, +So wende meinem Freunde dein Gemueth, +Dem wuerd'gern Manne zu. Er irrt umher +Auf jenem Felsenpfade; such' ihn auf, +Weis' ihn zurecht und schone meiner. + +Iphigenie. + Fasse +Dich, Bruder, und erkenne die Gefundne! +Schilt einer Schwester reine Himmelsfreude +Nicht unbesonnene, strafbare Lust. +O nehmt den Wahn ihm von dem starren Auge, +Dass uns der Augenblick der hoechsten Freude +Nicht dreifach elend mache! Sie ist hier, +Die laengst verlorne Schwester. Vom Altar +Riss mich die Goettin weg und rettete +Hierher mich in ihr eigen Heiligthum. +Gefangen bist du, dargestellt zum Opfer, +Und findest in der Priesterin die Schwester. + +Orest. +Unselige! So mag die Sonne denn +Die letzten Graeuel unsers Hauses sehn! +Ist nicht Elektra hier? damit auch sie +Mit uns zu Grunde gehe, nicht ihr Leben +Zu schwererem Geschick und Leiden friste. +Gut, Priesterin! Ich folge zum Altar: +Der Brudermord ist hergebrachte Sitte +Des alten Stammes; und ich danke, Goetter, +Dass ihr mich ohne Kinder auszurotten +Beschlossen habt. Und lass dir rathen, habe +Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne; +Komm, folge mir in's dunkle Reich hinab! +Wie sich vom Schwefelpfuhl erzeugte Drachen +Bekaempfend die verwandte Brut verschlingen, +Zerstoert sich selbst das wuethende Geschlect; +Komm kinderlos und schuldlos mit hinab! +Du siehst mich mit Erbarmen an? Lass ab! +Mit solchen Blicken suchte Klytaemnestra +Sich einen Weg nach ihres Sohnes Herzen; +Doch sein geschwungner Arm traf ihre Brust. +Die Mutter fiel!--Tritt auf, unwill'ger Geist! +Im Kreis geschlossen tretet an, ihr Furien, +Und wohnet dem willkommnen Schauspiel bei, +Dem letzten, graesslichsten, das ihr bereitet! +Nicht Hass und Rache schaerfen ihren Dolch; +Die liebevolle Schwester wird zur That +Gezwungen. Weine nicht! Du hast nicht Schuld. +Seit meinen ersten Jahren hab' ich nichts +Geliebt, wie ich dich lieben koennte, Schwester. +Ja, schwinge deinen Stahl, verschone nicht, +Zerreisse diesen Busen, und eroeffne +Den Stroemen die hier sieden einen Weg! + (Er sinkt in Ermattung.) + +Iphigenie. +Allein zu tragen dieses Glueck und Elend +Vermag ich nicht.--Wo bist du, Pylades? +Wo find' ich deine Huelfe, theurer Mann? + (Sie entfernt sich suchend.) + + +Zweiter Auftritt. + +Orest +(aus seiner Betaeubung erwachend und sich aufrichtend). + +Noch Einen! reiche mir aus Lethe's Fluthen +Den letzten kuehlen Becher der Erquickung! +Bald ist der Krampf des Lebens aus dem Busen +Hinweggespuelt; bald fliesset still mein Geist, +Der Quelle des Vergessens hingegeben, +Zu euch, ihr Schatten, in die ew'gen Nebel. +Gefaellig lasst in eurer Ruhe sich +Den umgetriebnen Sohn der Erde laben!-- +Welch ein Gelispel hoer' ich in den Zweigen, +Welch ein Geraeusch aus jener Daemmrung saeuseln?-- +Sie kommen schon, den neuen Gast zu sehn! +Wer ist die Schaar, die herrlich mit einander +Wie ein versammelt Fuerstenhaus sich freut? +Sie gehen friedlich, Alt' und Junge, Maenner +Mit Weibern; goettergleich und aehnlich scheinen +Die wandelnden Gestalten. Ja, sie sind's, +Die Ahnherrn meines Hauses!--Mit Thyesten +Geht Atreus in vertraulichen Gespraechen; +Die Knaben schluepfen scherzend um sie her. +Ist keine Feindschaft hier mehr unter euch? +Verlosch die Rache wie das Licht der Sonne? +So bin auch ich willkommen, und ich darf +In euern feierlichen Zug mich mischen. +Willkommen, Vaeter! euch gruesst Orest, +Von euerm Stamme der letzte Mann; +Was ihr gesaet, hat er geerntet: +Mit Fluch beladen stieg er herab, +Doch leichter traeget sich hier jede Buerde: +Nehmt ihn, o nehmt ihn in euern Kreis!-- +Dich, Atreus, ehr' ich, auch dich Thyesten: +Wir sind hier alle der Feindschaft los.-- +Zeigt mir den Vater, den ich nur einmal +Im Leben sah!--Bist du's, mein Vater? +Und fuehrst die Mutter vertraut mit dir? +Darf Klytaemnestra die hand dir reichen; +So darf Orest auch zu ihr treten +Und darf ihr sagen: sieh deinen Sohn!-- +Seht euern Sohn! Heisst ihn willkommen. +Auf Erden war in unserm Hause +Der Gruss des Mordes gewisse Losung, +Und das Geschlect des alten Tantalus +Hat seine Freuden jenseits der Nacht. +Ihr ruft: Willkommen! und nehmt mich auf! +O fuehrt zum Alten, zum Ahnherrn mich! +Wo ist der Alte? dass ich ihn sehe, +Das theure Haupt, das vielverehrte, +Das mit den Goettern zu Rathe sass. +Ihr scheint zu zaudern, euch wegzuwenden? +Was ist es? Leidet der Goettergleiche? +Weh mir! es haben die uebermaecht'gen +Der Heldenbrust grausame Qualen +Mit ehrnen Ketten fest aufgeschmiedet. + + +Dritter Auftritt. + +Orest. Iphigenie. Pylades. + +Orest. +Seid ihr auch schon herabgekommen? +Wohl Schwester dir! Noch fehlt Elektra: +Ein guet'ger Gott send' uns die Eine +Mit sanften Pfeilen auch schnell herab. +Dich, armer Freund, muss ich bedauern! +Komm mit! komm mit! zu Pluto's Thron, +Als neue Gaeste den Wirth zu gruessen. + +Iphigenie. +Geschwister, die ihr an dem weiten Himmel +Das schoene Licht bei Tag und Nacht herauf +Den Menschen bringet, und den Abgeschiednen +Nicht leuchten duerfet, rettet uns Geschwister! +Du liebst, Diane, deinen holden Bruder +Vor allem, was dir Erd' und Himmel bietet, +Und wendest dein jungfraeulich Angesicht +Nach seinem ew'gen Lichte sehnend still. +O lass den einz'gen Spaetgefundnen mir +Nicht in der Finsterniss des Wahnsinns rasen! +Und ist dein Wille, da du hier mich bargst, +Nunmehr vollendet, willst du mir durch ihn +Und ihm durch mich die sel'ge Huelfe geben; +So loes' ihn von den Banden jenes Fluchs, +Dass nicht die theure Zeit der Rettung schwinde. + +Pylades. +Erkennst du uns und diesen heil'gen Hain +Und dieses Licht, das nicht den Todten leuchtet? +Fuehlst du den Arm des Freundes und der Schwester, +Die dich noch fest, noch lebend halten? Fass +Uns kraeftig an; wir sind nicht leere Schatten. +Merk' auf mein Wort! Vernimm es! Raffe dich +Zusammen! Jeder Augenblick ist theuer, +Und unsre Rueckkehr haengt an zarten Faeden, +Die, scheint es, eine guenst'ge Parze spinnt. + +Orest (zu Iphigenien). +Lass mich zum Erstenmal mit freiem Herzen +In deinen Armen reine Freude haben! +Ihr Goetter, die mit flammender Gewalt +Ihr schwere Wolken aufzuzehren wandelt, +Und gnaedig-ernst den lang erflehten Regen +Mit Donnerstimmen und mit Windesbrausen +In wilden Stroemen auf die Erde schuettet, +Doch bald der Menschen grausendes Erwarten +In Segen aufloes't und das bange Staunen +In Freudeblick und lauten Dank verwandelt, +Wenn in den Tropfen frischerquickter Blaetter +Die neue Sonne tausendfach sich spiegelt, +Und Iris freundlich bunt mit leichter Hand +Den grauen Flor der letzten Wolken trennt; +O lasst mich auch in meiner Schwester Armen, +An meines Freundes Brust, was ihr mir goennt +Mit vollem Dank geniessen und behalten. +Es loeset sich der Fluch, mir sagt's das Herz. +Die Eumeniden ziehn, ich hoere sie, +Zum Tartarus und schlagen hinter sich +Die ehrnen Thore fernabdonnernd zu. +Die Erde dampft erquickenden Geruch +Und ladet mich auf ihren Flaechen ein, +Nach Lebensfreud' und grosser That zu jagen. + +Pylades. +Versaeumt die Zeit nicht, die gemessen ist! +Der Wind der unsre Segel schwellt, er bringe +Erst unsre volle Freude zum Olymp. +Kommt! Es bedarf hier schnellen Rath und Schluss. + + + +Vierter Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Iphigenie. +Denken die Himmlischen +Einem der Erdgebornen +Viele Verwirrungen zu, +Und bereiten sie ihm +Von der Freude zu Schmerzen +Und von Schmerzen zur Freude +Tief-erschuetternden uebergang; +Dann erziehen sie ihm +In der Naehe der Stadt, +Oder am fernen Gestade, +Dass in Stunden der Noth +Auch die Huelfe bereit sei, +Einen ruhigen Freund. +O segnet, Goetter, unsern Pylades +Und was er immer unternehmen mag! +Er ist der Arm des Juenglings in der Schlacht, +Des Greises leuchtend Aug' in der Versammlung: +Denn seine Seel' ist stille; sie bewahrt +Der Ruhe heil'ges unerschoepftes Gut, +Und den Umhergetriebnen reichet er +Aus ihren Tiefen Rath und Huelfe. Mich +Riss er vom Bruder los; den staunt' ich an +Und immer wieder an, und konnte mir +Das Glueck nicht eigen machen, liess ihn nicht +Aus meinen Armen los, und fuehlte nicht +Die Naehe der Gefahr die uns umgibt. +Jetzt gehn sie ihren Anschlag auszufuehren +Der See zu, wo das Schiff mit den Gefaehrten +In einer Bucht versteckt auf's Zeichen lauert, +Und haben kluges Wort mir in den Mund +Gegeben, mich gelehrt was ich dem Koenig +Antworte, wenn er sendet und das Opfer +Mir dringender gebietet. Ach! ich sehe wohl, +Ich muss mich leiten lassen wie ein Kind. +Ich habe nicht gelernt zu hinterhalten +Noch jemand etwas abzulisten. Weh! +O weh der Luege! Sie befreiet nicht, +Wie jedes andre wahrgesprochne Wort, +Die Brust; sie macht uns nicht getrost, sie aengstet +Den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt, +Ein losgedruckter Pfeil, von einem Gotte +Gewendet und versagend, sich zurueck +Und trifft den Schuetzen. Sorg' auf Sorge schwankt +Mir durch die Brust. Es greift die Furie +Vielleicht den Bruder auf dem Boden wieder +Des ungeweihten Ufers grimmig an. +Entdeckt man sie vielleicht? Mich duenkt, ich hoere +Gewaffnete sich nahen!--Hier!--Der Bote +Kommt von dem Koenige mit schnellem Schritt, +Es schlaegt mein Herz, es truebt sich meine Seele, +Da ich des Mannes Angesicht erblicke, +Dem ich mit falschem Wort begegnen soll. + + +Zweiter Auftritt. + + +Iphigenie. Arkas. + +Arkas. +Beschleunige das Opfer, Priesterin! +Der Koenig wartet und es harrt das Volk. + +Iphigenie. +Ich folgte meiner Pflicht und deinem Wink, +Wenn unvermuthet nicht ein Hinderniss +Sich zwischen mich und die Erfuellung stellte. + +Arkas. +Was ist's, das den Befehl des Koenigs hindert? + +Iphigenie. +Der Zufall, dessen wir nicht Meister sind. + +Arkas. +So sage mir's, dass ich's ihm schnell vermelde: +Denn er beschloss bei sich der beiden Tod. + +Iphigenie. +Die Goetter haben ihn noch nicht beschlossen. +Der aelt'ste dieser Maenner traegt die Schuld +Des nahverwandten Bluts, das er vergoss. +Die Furien verfolgen seinen Pfad, +Ja in dem innern Tempel fasste selbst +Das uebel ihn, und seine Gegenwart +Entheiligte die reine Staette. Nun +Eil' ich mit meinen Jungfraun, an dem Meere +Der Goettin Bild mit frischer Welle netzend, +Geheimnissvolle Weihe zu begehn. +Es stoere niemand unsern stillen Zug! + +Arkas. +Ich melde dieses neue Hinderniss +Dem Koenige geschwind; beginne du +Das heil'ge Werk nicht eh' bis er's erlaubt. + +Iphigenie. +Diess ist allein der Priestrin ueberlassen. + +Arkas. +Solch seltnen Fall soll auch der Koenig wissen. + +Iphigenie. +Sein Rath wie sein Befehl veraendert nichts. + +Arkas. +Oft wird der Maechtige zum Schein gefragt. + +Iphigenie. +Erdringe nicht, was ich versagen sollte. + +Arkas. +Versage nicht, was gut und nuetzlich ist. + +Iphigenie. +Ich gebe nach, wenn du nicht saeumen willst. + +Arkas. +Schnell bin ich mit der Nachricht in dem Lager, +Und schnell mit seinen Worten hier zurueck. +O koennt' ich ihm noch eine Botschaft bringen, +Die alles loes'te, was uns jetzt verwirrt: +Denn du hast nicht des Treuen Rath geachtet. + +Iphigenie. +Was ich vermochte, hab' ich gern gethan. + +Arkas. +Noch aenderst du den Sinn zur rechten Zeit. + +Iphigenie. +Das steht nun einmal nicht in unsrer Macht. + +Arkas. +Du haeltst unmoeglich, was dir Muehe kostet. + +Iphigenie. +Dir scheint es moeglich, weil der Wunsch dich truegt. + +Arkas. +Willst du denn alles so gelassen wagen? + +Iphigenie. +Ich hab' es in der Goetter Hand gelegt. + +Arkas. +Sie pflegen Menschen menschlich zu erretten. + +Iphigenie. +Auf ihren Fingerzeig koemmt alles an. + +Arkas. +Ich sage dir, es liegt in deiner Hand. +Des Koenigs aufgebrachter Sinn allein +Bereitet diesen Fremden bittern Tod. +Das Heer entwoehnte laengst vom harten Opfer +Und von dem blut'gen Dienste sein Gemueth. +Ja, mancher, den ein widriges Geschick +An fremdes Ufer trug, empfand es selbst, +Wie goettergleich dem armen Irrenden, +Umhergetrieben an der fremden Graenze, +Ein freundlich Menschenangesicht begegnet. +O wende nicht von uns was du vermagst! +Du endest leicht was du begonnen hast: +Denn nirgends baut die Milde, die herab +In menschlicher Gestalt vom Himmel kommt, +Ein Reich sich schneller, als wo trueb und wild +Ein neues Volk, voll Leben, Muth und Kraft, +Sich selbst und banger Ahnung ueberlassen, +Des Menschenlebens schwere Buerden traegt. + +Iphigenie. +Erschuettre meine Seele nicht, die du +Nach deinem Willen nicht bewegen kannst. + +Arkas. +So lang es Zeit ist, schont man weder Muehe +Noch eines guten Wortes Wiederholung. + +Iphigenie. +Du machst dir Mueh und mir erregst du Schmerzen: +Vergebens beides: darum lass mich nun. + +Arkas. +Die Schmerzen sind's, die ich zu Huelfe rufe: +Denn es sind Freunde, Gutes rathen sie. + +Iphigenie. +Sie fassen meine Seele mit Gewalt, +Doch tilgen sie den Widerwillen nicht. + +Arkas. +Fuehlt eine schoene Seele Widerwillen +Fuer eine Wohlthat, die der Edle reicht? + +Iphigenie. +Ja, wenn der Edle, was sich nicht geziemt, +Statt meines Dankes mich erwerben will. + +Arkas. +Wer keine Neigung fuehlt, dem mangelt es +An einem Worte der Entschuld'gung nie. +Dem Fuersten sag' ich an, was hier geschehn. +O wiederholtest du in deiner Seele, +Wie edel er sich gegen dich betrug +Von deiner Ankunft an bis diesen Tag. + + +Dritter Auftritt. + +Iphigenie (allein). + +Von dieses Mannes Rede fuehl' ich mir +Zur ungelegnen Zeit das Herz im Busen +Auf einmal umgewendet. Ich erschrecke!-- +Denn wie die Fluth mit schnellen Stroemen wachsend +Die Felsen ueberspuelt, die in dem Sand +Am Ufer liegen: so bedeckte ganz +Ein Freudenstrom mein Innerstes. Ich hielt +In meinen Armen das Unmoegliche. +Es schien sich eine Wolke wieder sanft +Um mich zu legen, von der Erde mich +Empor zu heben und in jenen Schlummer +Mich einzuwiegen, den die gute Goettin +Um meine Schlaefe legte, da ihr Arm +Mich rettend fasste.--Meinen Bruder +Ergriff das Herz mit einziger Gewalt: +Ich horchte nur auf seines Freundes Rath; +Nur sie zu retten drang die Seele vorwaerts. +Und wie den Klippen einer wuesten Insel +Der Schiffer gern den Ruecken wendet: so +Lag Tauris hinter mir. Nun hat die Stimme +Des treuen Manns mich wieder aufgeweckt, +Dass ich auch Menschen hier verlasse, mich +Erinnert. Doppelt wird mir der Betrug +Verhasst. O bleibe ruhig, meine Seele! +Beginnst du nun zu schwanken und zu zweifeln? +Den festen Boden deiner Einsamkeit +Musst du verlassen! Wieder eingeschifft +Ergreifen dich die Wellen schaukelnd, trueb +Und bang verkennest du die Welt und dich. + + +Vierter Auftritt. + +Iphigenie. Pylades. + +Pylades. +Wo ist sie? dass ich ihr mit schnellen Worten +Die frohe Botschaft unsrer Rettung bringe! + +Iphigenie. +Du siehst mich hier voll Sorgen und Erwartung +Des sichern Trostes, den du mir versprichst. + +Pylades. +Dein Bruder ist geheilt! Den Felsenboden +Des ungeweihten Ufers und den Sand +Betraten wir mit froehlichen Gespraechen; +Der Hain blieb hinter uns, wir merkten's nicht. +Und herrlicher und immer herrlicher +Umloderte der Jugend schoene Flamme +Sein lockig Haupt; sein volles Auge gluehte +Von Muth und Hoffnung, und sein freies Herz +Ergab sich ganz der Freude, ganz der Lust, +Dich, seine Retterin, und mich zu retten. + +Iphigenie. +Gesegnet seist du, und es moege nie +Von deiner Lippe, die so Gutes sprach, +Der Ton des Leidens und der Klage toenen! + +Pylades. +Ich bringe mehr als das; denn schoen begleitet, +Gleich einem Fuersten, pflegt das Glueck zu nahn. +Auch die Gefaehrten haben wir gefunden. +In einer Felsenbucht verbargen sie +Das Schiff und sassen traurig und erwartend. +Sie sahen deinen Bruder, und es regten +Sich alle jauchzend, und sie baten dringend +Der Abfahrt Stunde zu beschleunigen. +Es sehnet jede Faust sich nach dem Ruder, +Und selbst ein Wind erhob vom Lande lispelnd, +Von allen gleich bemerkt, die holden Schwingen. +Drum lass uns eilen, fuehre mich zum Tempel, +Lass mich das Heiligthum betreten, lass +Mich unsrer Wuensche Ziel verehrend fassen. +Ich bin allein genug, der Goettin Bild +Auf wohl geuebten Schultern wegzutragen; +Wie sehn' ich mich nach der erwuenschten Last! + +(Er geht gegen den Tempel unter den letzten Worten, +ohne zu bemerken, dass Iphigenie nicht folgt; endlich +kehrt er sich um.) + +Du stehst und zauderst--Sage mir--Du schweigst! +Du scheinst verworren! Widersetzet sich +Ein neues Unheil unserm Glueck? Sag' an! +Hast du dem Koenige das kluge Wort +Vermelden lassen, das wir abgeredet? + +Iphigenie. +Ich habe, theurer Mann; doch wirst du schelten. +Ein schweigender Verweis war mir dein Anblick. +Des Koenigs Bote kam, und wie du es +Mir in den Mund gelegt, so sagt' ich's ihm. +Er schien zu staunen, und verlangte dringend +Die seltne Feier erst dem Koenige +Zu melden, seinen Willen zu vernehmen; +Und nun erwart' ich seine Wiederkehr. + +Pylades. +Weh uns! Erneuert schwebt nun die Gefahr +Um unsre Schlaefe! Warum hast du nicht +In's Priesterrecht dich weislich eingehuellt? + +Iphigenie. +Als eine Huelle hab' ich's nie gebraucht. + +Pylades. +So wirst du, reine Seele, dich und uns +Zu Grunde richten. Warum dacht' ich nicht +Auf diesen Fall voraus, und lehrte dich +Auch dieser Fordrung auszuweichen! + +Iphigenie. + Schilt +Nur mich, die Schuld ist mein, ich fuehl' es wohl; +Doch konnt' ich anders nicht dem Mann begegnen, +Der mit Vernunft und Ernst von mir verlangte, +Was ihm mein Herz als Recht gestehen musste. + +Pylades. +Gefaehrlicher zieht sich's zusammen; doch auch so +Lass uns nicht zagen, oder unbesonnen +Und uebereilt uns selbst verrathen. Ruhig +Erwarte du die Wiederkunft des Boten, +Und dann steh fest, er bringe was er will: +Denn solcher Weihung Feier anzuordnen +Gehoert der Priesterin und nicht dem Koenig. +Und fordert er den fremden Mann zu sehn, +Der von dem Wahnsinn schwer belastet ist; +So lehn' es ab, als hieltest du uns beide +Im Tempel wohl verwahrt. So schaff' uns Luft, +Dass wir auf's eiligste, den heil'gen Schatz +Dem rauh unwuerd'gen Volk entwendend, fliehn. +Die besten Zeichen sendet uns Apoll, +Und, eh' wir die Bedingung fromm erfuellen, +Erfuellt er goettlich sein Versprechen schon. +Orest ist frei, geheilt!--Mit dem Befreiten +O fuehret uns hinueber, guenst'ge Winde, +Zur Felsen-Insel die der Gott bewohnt; +Dann nach Mycen, dass es lebendig werde, +Dass von der Asche des verloschnen Herdes +Die Vatergoetter froehlich sich erheben, +Und schoenes Feuer ihre Wohnungen +Umleuchte! Deine Hand soll ihnen Weihrauch +Zuerst aus goldnen Schalen streuen. Du +Bringst ueber jene Schwelle Heil und Leben wieder, +Entsuehnst den Fluch und schmueckest neu die Deinen +Mit frischen Lebensbluethen herrlich aus. + +Iphigenie. +Vernehm' ich dich, so wendet sich, o Theurer, +Wie sich die Blume nach der Sonne wendet, +Die Seele, von dem Strahle deiner Worte +Getroffen, sich dem suessen Troste nach. +Wie koestlich ist des gegenwaert'gen Freundes +Gewisse Rede, deren Himmelskraft +Ein Einsamer entbehrt und still versinkt. +Denn langsam reift, verschlossen in dem Busen, +Gedank' ihm und Entschluss; die Gegenwart +Des Liebenden entwickelte sie leicht. + +Pylades. +Leb' wohl! Die Freunde will ich nun geschwind +Beruhigen, die sehnlich wartend harren. +Dann komm' ich schnell zurueck und lausche hier +Im Felsenbusch versteckt auf deinen Wink-- +Was sinnest du? Auf einmal ueberschwebt +Ein stiller Trauerzug die freie Stirne. + +Iphigenie. +Verzeih! Wie leichte Wolken vor der Sonne, +So zieht mir vor der Seele leichte Sorge +Und Bangigkeit vorueber. + +Pylades. + Fuerchte nicht! +Betrueglich schloss die Furcht mit der Gefahr +Ein enges Buendniss; beide sind Gesellen. + +Iphigenie. +Die Sorge nenn' ich edel, die mich warnt, +Den Koenig, der mein zweiter Vater ward, +Nicht tueckisch zu betruegen, zu berauben. + +Pylades. +Der deinen Bruder schlachtet, dem entfliehst du. + +Iphigenie. +Es ist derselbe, der mir Gutes that. + +Pylades. +Das ist nicht Undank, was die Noth gebeut. + +Iphigenie. +Es bleibt wohl Undank; nur die Noth entschuldigt. + +Pylades. +Vor Goettern und vor Menschen dich gewiss. + +Iphigenie. +Allein mein eigen Herz ist nicht befriedigt. + +Pylades. +Zu strenge Fordrung ist verborgner Stolz. + +Iphigenie. +Ich untersuche nicht, ich fuehle nur. + +Pylades. +Fuehlst du dich recht, so musst du dich verehren. + +Iphigenie. +Ganz unbefleckt geniesst sich nur das Herz. + +Pylades. +So hast du dich im Tempel wohl bewahrt; +Das Leben lehrt uns, weniger mit uns +Und andern strenge sein; du lernst es auch. +So wunderbar ist diess Geschlecht gebildet, +So vielfach ist's verschlungen und verknuepft, +Dass keiner in sich selbst, noch mit den andern +Sich rein und unverworren halten kann. +Auch sind wir nicht bestellt uns selbst zu richten; +Zu wandeln und auf seinen Weg zu sehen +Ist eines Menschen erste, naechste Pflicht: +Denn selten schaetzt er recht was er gethan, +Und was er thut weiss er fast nie zu schaetzen. + +Iphigenie. +Fast ueberred'st du mich zu deiner Meinung. + +Pylades. +Braucht's ueberredung, wo die Wahl versagt ist? +Den Bruder, dich, und einen Freund zu retten +Ist nur Ein Weg; fragt sich's ob wir ihn gehen? + +Iphigenie. +O lass mich zaudern! denn du thaetest selbst +Ein solches Unrecht keinem Mann gelassen, +Dem du fuer Wohlthat dich verpflichtet hieltest. + +Pylades. +Wenn wir zu Grunde gehen, wartet dein +Ein haertrer Vorwurf, der Verzweiflung traegt. +Man sieht, du bist nicht an Verlust gewohnt, +Da du dem grossen uebel zu entgehen +Ein falsches Wort nicht einmal opfern willst. + +Iphigenie. +O trueg' ich doch ein maennlich Herz in mir! +Das, wenn es einen kuehnen Vorsatz hegt, +Vor jeder andern Stimme sich verschliesst. + +Pylades. +Du weigerst dich umsonst; die ehrne Hand +Der Noth gebietet, und ihr ernster Wink +Ist oberstes Gesetz, dem Goetter selbst +Sich unterwerfen muessen. Schweigend herrscht +Des ew'gen Schicksals unberathne Schwester. +Was sie dir auferlegt, das trage: thu' +Was sie gebeut. Das Andre weisst du. Bald +Komm' ich zurueck, aus deiner heil'gen Hand +Der Rettung schoenes Siegel zu empfangen. + + +Fuenfter Auftritt. + +Iphigenie (allein). +Ich muss ihm folgen: denn die Meinigen +Seh' ich in dringender Gefahr. Doch ach! +Mein eigen Schicksal macht mir bang und baenger. +O soll ich nicht die stille Hoffnung retten, +Die in der Einsamkeit ich schoen genaehrt? +Soll dieser Fluch denn ewig walten? Soll +Nie diess Geschlecht mit einem neuen Segen +Sich wieder heben?--Nimmt doch alles ab! +Das beste Glueck, des Lebens schoenste Kraft +Ermattet endlich, warum nicht der Fluch? +So hofft' ich denn vergebens, hier verwahrt, +Von meines Hauses Schicksal abgeschieden, +Dereinst mit reiner Hand und reinem Herzen +Die schwer befleckte Wohnung zu entsuehnen! +Kaum wird in meinen Armen mir ein Bruder +Vom grimm'gen uebel wundervoll und schnell +Geheilt, kaum naht ein lang erflehtes Schiff, +Mich in den Port der Vaterwelt zu leiten, +So legt die taube Noth ein doppelt Laster +Mit ehrner Hand mir auf: das heilige +Mir anvertraute, viel verehrte Bild +Zu rauben und den Mann zu hintergehn, +Dem ich mein Leben und mein Schicksal danke. +O dass in meinem Busen nicht zuletzt +Ein Widerwille keime! der Titanen +Der alten Goetter tiefer Hass auf euch, +Olympier, nicht auch die zarte Brust +Mit Geierklauen fasse! Rettet mich +Und rettet euer Bild in meiner Seele! + +Vor meinen Ohren toent das alte Lied-- +Vergessen hatt' ich's und vergass es gern-- +Das Lied der Parzen, das sie grausend sangen, +Als Tantalus vom goldnen Stuhle fiel: +Sie litten mit dem edeln Freunde; grimmig +War ihre Brust, und furchtbar ihr Gesang. +In unsrer Jugend sang's die Amme mir +Und den Geschwistern vor, ich merkt es wohl. + + Es fuerchte die Goetter + Das Menschengeschlecht! + Sie halten die Herrschaft + In ewigen Haenden, + Und koennen sie brauchen + Wie's ihnen gefaellt. + + Der fuerchte sie doppelt, + Den je sie erheben! + Auf Klippen und Wolken + Sind Stuehle bereitet + Um goldene Tische. + + Erhebet ein Zwist sich: + So stuerzen die Gaeste + Geschmaeht und geschaendet + In naechtliche Tiefen, + Und harren vergebens, + Im Finstern gebunden, + Gerechten Gerichtes. + + Sie aber, sie bleiben + In ewigen Festen + An goldenen Tischen. + Sie schreiten vom Berge + Zu Bergen hinueber: + Aus Schluenden der Tiefe + Dampft ihnen der Athem + Erstickter Titanen, + Gleich Opfergeruechen, + Ein leichtes Gewoelke. + + Es wenden die Herrscher + Ihr segnendes Auge + Von ganzen Geschlechtern, + Und meiden, im Enkel + Die ehmals geliebten + Still redenden Zuege + Des Ahnherrn zu sehn. + + So sangen die Parzen; + Es horcht der Verbannte + In naechtlichen Hoehlen + Der Alte die Lieder, + Denkt Kinder und Enkel + Und schuettelt das Haupt. + + + +Fuenfter Aufzug. + + +Erster Auftritt. + +Thoas. Arkas. + +Arkas. +Verwirrt muss ich gestehn, dass ich nicht weiss, +Wohin ich meinen Argwohn richten soll. +Sind's die Gefangnen, die auf ihre Flucht +Verstohlen sinnen? Ist's die Priesterin, +Die ihnen hilft? Es mehrt sich das Geruecht: +Das Schiff, das diese beiden hergebracht, +Sei irgend noch in einer Bucht versteckt. +Und jenes Mannes Wahnsinn, diese Weihe, +Der heil'ge Vorwand dieser Zoegrung, rufen +Den Argwohn lauter und die Vorsicht auf. + +Thoas. +Es komme schnell die Priesterin herbei! +Dann geht, durchsucht das Ufer scharf und schnell +Vom Vorgebirge bis zum Hain der Goettin. +Verschonet seine heil'gen Tiefen, legt +Bedaecht'gen Hinterhalt und greift sie an; +Wo ihr sie findet, fasst sie wie ihr pflegt. + + +Zweiter Auftritt. + +Thoas (allein). + +Entsetzlich wechselt mir der Grimm im Busen; +Erst gegen sie, die ich so heilig hielt; +Dann gegen mich, der ich sie zum Verrath +Durch Nachsicht und durch Guete bildete. +Zur Sklaverei gewoehnt der Mensch sich gut +Und lernet leicht gehorchen, wenn man ihn +Der Freiheit ganz beraubt. Ja, waere sie +In meiner Ahnherrn rohe Hand gefallen, +Und haette sie der heil'ge Grimm verschont: +Sie waere froh gewesen, sich allein +Zu retten, haette dankbar ihr Geschick +Erkannt und fremdes Blut vor dem Altar +Vergossen, haette Pflicht genannt +Was Noth war. Nun lockt meine Guete +In ihrer Brust verwegnen Wunsch herauf. +Vergebens hofft' ich, sie mir zu verbinden; +Sie sinnt sich nun ein eigen Schicksal aus. +Durch Schmeichelei gewann sie mir das Herz: +Nun widersteh' ich der; so sucht sie sich +Den Weg durch List und Trug, und meine Guete +Scheint ihr ein alt verjaehrtes Eigenthum. + + +Dritter Auftritt. + +Iphigenie. Thoas. + +Iphigenie. +Du forderst mich! was bringt dich zu uns her? + +Thoas. +Du schiebst das Opfer auf; sag' an, warum? + +Iphigenie. +Ich hab' an Arkas alles klar erzaehlt. + +Thoas. +Von dir moecht' ich es weiter noch vernehmen. + +Iphigenie. +Die Goettin gibt dir Frist zur ueberlegung. + +Thoas. +Sie scheint dir selbst gelegen, diese Frist. + +Iphigenie. +Wenn dir das Herz zum grausamen Entschluss +Verhaertet ist: so solltest du nicht kommen! +Ein Koenig, der Unmenschliches verlangt, +Find't Diener g'nug, die gegen Gnad' und Lohn +Den halben Fluch der That begierig fassen; +Doch seine Gegenwart bleibt unbefleckt. +Er sinnt den Tod in einer schweren Wolke, +Und seine Boten bringen flammendes +Verderben auf des Armen Haupt hinab; +Er aber schwebt durch seine Hoehen ruhig, +Ein unerreichter Gott, im Sturme fort. + +Thoas. +Die heil'ge Lippe toent ein wildes Lied. + +Iphigenie. +Nicht Priesterin! nur Agamemnons Tochter. +Der Unbekannten Wort verehrtest du; +Der Fuerstin willst du rasch gebieten? Nein! +Von Jugend auf hab' ich gelernt gehorchen, +Erst meinen Eltern und dann einer Gottheit, +Und folgsam fuehlt' ich immer meine Seele +Am schoensten frei; allein dem harten Worte, +Dem rauhen Ausspruch eines Mannes mich +Zu fuegen, lernt' ich weder dort noch hier. + +Thoas. +Ein alt Gesetz, nicht ich, gebietet dir. + +Iphigenie. +Wir fassen ein Gesetz begierig an, +Das unsrer Leidenschaft zur Waffe dient. +Ein andres spricht zu mir, ein aelteres, +Mich dir zu widersetzen, das Gebot, +Dem jeder Fremde heilig ist. + +Thoas. +Es scheinen die Gefangnen dir sehr nah +Am Herzen: denn vor Antheil und Bewegung +Vergissest du der Klugheit erstes Wort, +Dass man den Maechtigen nicht reizen soll. + +Iphigenie. +Red' oder schweig' ich, immer kannst du wissen, +Was mir im Herzen ist und immer bleibt. +Loes't die Erinnerung des gleichen Schicksals +Nicht ein verschloss'nes Herz zum Mitleid auf? +Wie mehr denn meins! In ihnen seh' ich mich. +Ich habe vor'm Altare selbst gezittert, +Und feierlich umgab der fruehe Tod +Die Knieende; das Messer zuckte schon, +Den lebenvollen Busen zu durchbohren; +Mein Innerstes entsetzte wirbelnd sich, +Mein Auge brach, und--ich fand mich gerettet. +Sind wir, was Goetter gnaedig uns gewaehrt, +Ungluecklichen nicht zu erstatten schuldig? +Du weisst es, kennst mich, und du willst mich zwingen! + +Thoas. +Gehorche deinem Dienste, nicht dem Herrn. + +Iphigenie. +Lass ab! Beschoenige nicht die Gewalt, +Die sich der Schwachheit eines Weibes freut. +Ich bin so frei geboren als ein Mann. +Stuend' Agamemnons Sohn dir gegenueber, +Und du verlangtest was sich nicht gebuehrt: +So hat auch Er ein Schwert und einen Arm, +Die Rechte seines Busens zu verteid'gen. +Ich habe nichts als Worte, und es ziemt +Dem edeln Mann, der Frauen Wort zu achten. + +Thoas. +Ich acht' es mehr als eines Bruders Schwert. + +Iphigenie. +Das Loos der Waffen wechselt hin und her: +Kein kluger Streiter haelt den Feind gering. +Auch ohne Huelfe gegen Trutz und Haerte +Hat die Natur den Schwachen nicht gelassen. +Sie gab zur List ihm Freude, lehrt' ihn Kuenste; +Bald weicht er aus, verspaetet und umgeht. +Ja, der Gewaltige verdient, dass man sie uebt. + +Thoas. +Die Vorsicht stellt der List sich klug entgegen. + +Iphigenie. +Und eine reine Seele braucht sie nicht. + +Thoas. +Sprich unbehutsam nicht dein eigen Urtheil. + +Iphigenie. +O saehest du wie meine Seele kaempft, +Ein boes Geschick, das sie ergreifen will, +Im ersten Anfall muthig abzutreiben! +So steh' ich denn hier wehrlos gegen dich? +Die schoene Bitte, den anmuth'gen Zweig, +In einer Frauen Hand gewaltiger +Als Schwert und Waffe, stoessest du zurueck: +Was bleibt mir nun, mein Innres zu verteid'gen? +Ruf' ich die Goettin um ein Wunder an? +Ist keine Kraft in meiner Seele Tiefen? + +Thoas. +Es scheint, der beiden Fremden Schicksal macht +Unmaessig dich besorgt. Wer sind sie? sprich, +Fuer die dein Geist gewaltig sich erhebt? + +Iphigenie. +Sie sind--sie scheinen--fuer Griechen halt' ich sie. + +Thoas. +Landsleute sind es? und sie haben wohl +Der Rueckkehr schoenes Bild in dir erneut? + +Iphigenie (nach einigem Stillschweigen). +Hat denn zur unerhoerten That der Mann +Allein das Recht? Drueckt denn Unmoegliches +Nur Er an die gewalt'ge Heldenbrust? +Was nennt man gross? Was hebt die Seele schaudernd +Dem immer wiederholenden Erzaehler? +Als was mit unwahrscheinlichem Erfolg +Der Muthigste begann. Der in der Nacht +Allein das Heer des Feindes ueberschleicht, +Wie unversehen eine Flamme wuethend +Die Schlafenden, Erwachenden ergreift, +Zuletzt gedraengt von den Ermunterten +Auf Feindes Pferden, doch mit Beute kehrt, +Wird der allein gepriesen? der allein, +Der, einen sichern Weg verachtend, kuehn +Gebirg' und Waelder durchzustreifen geht, +Dass er von Raeubern eine Gegend saeubre? +Ist uns nichts uebrig? Muss ein zartes Weib +Sich ihres angebornen Rechts entaeussern, +Wild gegen Wilde sein, wie Amazonen +Das Recht des Schwerts euch rauben und mit Blute +Die Unterdrueckung raechen? Auf und ab +Steigt in der Brust ein kuehnes Unternehmen: +Ich werde grossem Vorwurf nicht entgehn, +Noch schwerem uebel wenn es mir misslingt; +Allein Euch leg' ich's auf die Kniee! Wenn +Ihr wahrhaft seid, wie ihr gepriesen werdet; +So zeigt's durch euern Beistand und verherrlicht +Durch mich die Wahrheit!--Ja, vernimm, o Koenig, +Es wird ein heimlicher Betrug geschmiedet; +Vergebens fragst du den Gefangnen nach; +Sie sind hinweg und suchen ihre Freunde, +Die mit dem Schiff am Ufer warten, auf. +Der aelt'ste, den das uebel hier ergriffen +Und nun verlassen hat--es ist Orest, +Mein Bruder, und der andre sein Vertrauter, +Sein Jugendfreund, mit Namen Pylades. +Apoll schickt sie von Delphi diesem Ufer +Mit goettlichen Befehlen zu, das Bild +Dianens wegzurauben und zu ihm +Die Schwester hinzubringen, und dafuer +Verspricht er dem von Furien Verfolgten, +Des Mutterblutes Schuldigen, Befreiung. +Uns beide hab' ich nun, die ueberbliebnen +Von Tantals Haus, in deine Hand gelegt: +Verdirb uns--wenn du darfst. + +Thoas. + Du glaubst, es hoere +Der rohe Scythe, der Barbar, die Stimme +Der Wahrheit und der Menschlichkeit, die Atreus, +Der Grieche, nicht vernahm? + +Iphigenie. + Es hoert sie jeder, +Geboren unter jedem Himmel, dem +Des Lebens Quelle durch den Busen rein +Und ungehindert fliesst.--Was sinnst du mir, +O Koenig, schweigend in der tiefen Seele? +Ist es Verderben? so toedte mich zuerst! +Denn nun empfind' ich, da uns keine Rettung +Mehr uebrig bleibt, die graessliche Gefahr, +Worein ich die Geliebten uebereilt +Vorsetzlich stuerzte. Weh! ich werde sie +Gebunden vor mir sehn! Mit welchen Blicken +Kann ich von meinem Bruder Abschied nehmen, +Den ich ermorde? Nimmer kann ich ihm +Mehr in die vielgeliebten Augen schaun! + +Thoas. +So haben die Betrueger kuenstlich-dichtend +Der lang Verschloss'nen, ihre Wuensche leicht +Und willig Glaubenden, ein solch Gespinnst +Um's Haupt geworfen! + +Iphigenie. + Nein! o Koenig, nein! +Ich koennte hintergangen werden; diese +Sind treu und wahr. Wirst du sie anders finden, +So lass sie fallen und verstosse mich, +Verbanne mich zur Strafe meiner Thorheit +An einer Klippen-Insel traurig Ufer. +Ist aber dieser Mann der lang erflehte, +Geliebte Bruder: so entlass uns, sei +Auch den Geschwistern wie der Schwester freundlich! +Mein Vater fiel durch seiner Frauen Schuld, +Und sie durch ihren Sohn. Die letzte Hoffnung +Von Atreus Stamme ruht auf ihm allein. +Lass mich mit reinem Herzen, reiner Hand, +Hinuebergehn und unser Haus entsuehnen. +Du haeltst mir Wort!--Wenn zu den Meinen je +Mir Rueckkehr zubereitet waere, schwurst +Du mich zu lassen; und sie ist es nun. +Ein Koenig sagt nicht, wie gemeine Menschen, +Verlegen zu, dass er den Bittenden +Auf einen Augenblick entferne; noch +Verspricht er auf den Fall, den er nicht hofft: +Dann fuehlt er erst die Hoehe seiner Wuerde, +Wenn er den Harrenden begluecken kann. + +Thoas. +Unwillig, wie sich Feuer gegen Wasser +Im Kampfe wehrt und gischend seinen Feind +Zu Tilgen sucht, so wehret sich der Zorn +In meinem Busen gegen deine Worte. + +Iphigenie. +O lass die Gnade, wie das heil'ge Licht +Der stillen Opferflamme, mir, umkraenzt +Von Lobgesang und Dank und Freude, lodern. + +Thoas. +Wie oft besaenftigte mich diese Stimme! + +Iphigenie. +O reiche mir die Hand zum Friedenszeichen. + +Thoas. +Du forderst viel in einer kurzen Zeit. + +Iphigenie. +Um Gut's zu thun braucht's keiner ueberlegung. + +Thoas. +Sehr viel! denn auch dem Guten folgt das uebel. + +Iphigenie. +Der Zweifel ist's, der Gutes boese macht. +Bedenke nicht; gewaehre, wie du's fuehlst. + + +Vierter Auftritt. + +Orest (gewaffnet). Die Vorigen. + +Orest (nach der Scene gekehrt). +Verdoppelt eure Kraefte! Haltet sie +Zurueck! nur wenig Augenblicke! Weicht +Der Menge nicht, und deckt den Weg zum Schiffe +Mir und der Schwester. + (Zu Iphigenien ohne den Koenig zu sehen.) + Komm, wir sind verrathen. +Geringer Raum bleibt uns zur Flucht. Geschwind! + (Er erblickt den Koenig.) + +Thoas (nach dem Schwerte greifend). +In meiner Gegenwart fuehrt ungestraft +Kein Mann das nackte Schwert. + +Iphigenie. + Entheiliget +Der Goettin Wohnung nicht durch Wuth und Mord. +Gebietet euerm Volke Stillstand, hoeret +Die Priesterin, die Schwester. + +Orest. + Sage mir! +Wer ist es, der uns droht? + +Iphigenie. + Verehr' in ihm +Den Koenig, der mein zweiter Vater ward! +Verzeih mir, Bruder! doch mein kindlich Herz +Hat unser ganz Geschick in seine Hand +Gelegt. Gestanden hab' ich euern Anschlag +Und meine Seele vom Verrath gerettet. + +Orest. +Will er die Rueckkehr friedlich uns gewaehren? + +Iphigenie. +Dein blinkend Schwert verbietet mir die Antwort. + +Orest (der das Schwert einsteckt). +So sprich! Du siehst, ich horche deinen Worten. + + +Fuenfter Auftritt. + +Die Vorigen. Pylades. (Bald nach ihm) Arkas. + +(Beide mit blossen Schwertern.) + +Pylades. +Verweilet nicht! Die letzte Kraefte raffen +Die Unsrigen zusammen; weichend werden +Sie nach der See langsam zurueckgedraengt. +Welch ein Gespraech der Fuersten find' ich hier! +Diess ist des Koeniges verehrtes Haupt! + +Arkas. +Gelassen, wie es dir, o Koenig, ziemt, +Stehst du den Feinden gegenueber. Gleich +Ist die Verwegenheit bestraft; es weicht +Und faellt ihr Anhang, und ihr Schiff ist unser. +Ein Wort von dir, so steht's in Flammen. + +Thoas. + Geh! +Gebiete Stillstand meinem Volke! keiner +Beschaedige den Feind, so lang wir reden. + (Arkas ab.) + +Orest. +Ich nehm' es an. Geh, sammle, treuer Freund, +Den Rest des Volkes; harret still, welch Ende +Die Goetter unsern Thaten zubereiten. + (Pylades ab.) + + +Sechster Auftritt. + +Iphigenie. Thoas. Orest. + +Iphigenie. +Befreit von Sorge mich, eh' ihr zu sprechen +Beginnet. Ich befuerchte boesen Zwist, +Wenn du, o Koenig, nicht der Billigkeit +Gelinde Stimme hoerest; du, mein Bruder, +Der raschen Jugend nicht gebieten willst. + +Thoas. +Ich halte meinen Zorn, wie es dem aeltern +Geziemt, zurueck. Antworte mir! Womit +Bezeugst du, dass du Agamemnons Sohn +Und Dieser Bruder bist? + +Orest. + Hier ist das Schwert, +Mit dem er Troja's tapfre Maenner schlug. +Dies nahm ich seinem Moerder ab und bat +Die Himmlischen, den Mut und Arm, das Glueck +Des grossen Koeniges mir zu verleihn, +Und einen schoenern Tod mir zu gewaehren. +Waehl' einen aus den Edeln deines Heers +Und stelle mir den Besten gegenueber. +So weit die Erde Heldensoehne naehrt, +Ist keinem Fremdling dies Gesuch verweigert. + +Thoas. +Dies Vorrecht hat die alte Sitte nie +Dem Fremden hier gestattet. + +Orest. + So beginne +Die neue Sitte denn von dir und mir! +Nachahmend heiliget ein ganzes Volk +Die edle That der Herrscher zum Gesetz. +Und lass mich nicht allein fuer unsre Freiheit, +Lass mich, den Fremden, fuer die Fremden kaempfen. +Fall ich, so ist ihr Urtheil mit dem meinen +Gesprochen; aber goennet mir das Glueck, +Zu ueberwinden, so betrete nie +Ein Mann dies Ufer, dem der schnelle Blick +Huelfreicher Liebe nicht begegnet, und +Getroestet scheide jeglicher hinweg! + +Thoas. +Nicht unwerth scheinest du, o Juengling, mir +Der Ahnherrn, deren du dich ruehmst, zu sein. +Gross ist die Zahl der edeln, tapfern Maenner, +Die mich begleiten; doch ich stehe selbst +In meinen Jahren noch dem Feinde, bin +Bereit, mit dir der Waffen Loos zu wagen. + +Iphigenie. +Mit nichten! Dieses blutigen Beweises +Bedarf es nicht, o Koenig! Lasst die Hand +Vom Schwerte! Denkt an mich und mein Geschick. +Der rasche Kampf verewigt einen Mann: +Er falle gleich, so preiset ihn das Lied. +Allein die Thraenen, die unendlichen +Der ueberbliebnen, der verlass'nen Frau +Zaehlt keine Nachwelt, und der Dichter schweigt +Von tausend durchgeweinten Tag- und Naechten, +Wo eine stille Seele den verlornen, +Rasch abgeschiednen Freund vergebens sich +Zurueckzurufen bangt und sich verzehrt. +Mich selbst hat eine Sorge gleich gewarnt, +Dass der Betrug nicht eines Raeubers mich +Vom sichern Schutzort reisse, mich der Knechtschaft +Verrathe. Fleissig hab ich sie befragt, +Nach jedem Umstand mich erkundigt, Zeichen +Gefordert, und gewiss ist nun mein Herz. +Sieh hier an seiner rechten Hand das Mahl +Wie von drei Sternen, das am Tage schon, +Da er geboren ward, sich zeigte, das +Auf schwere That, mit dieser Faust zu ueben, +Der Priester deutete. Dann ueberzeugt +Mich doppelt diese Schramme, die ihm hier +Die Augenbraune spaltet. Als ein Kind +Liess ihn Elektra, rasch und unvorsichtig +Nach ihrer Art, aus ihren Armen stuerzen. +Er schlug auf einen Dreifuss auf--Er ist's-- +Soll ich dir noch die aehnlichkeit des Vaters, +Soll ich das innre Jauchzen meines Herzens +Dir auch als Zeugen der Versichrung nennen? + +Thoas. +Und huebe deine Rede jeden Zweifel +Und baendigt' ich den Zorn in meiner Brust: +So wuerden doch die Waffen zwischen uns +Entscheiden muessen; Frieden seh' ich nicht. +Sie sind gekommen, du bekennest selbst, +Das heil'ge Bild der Goettin mir zu rauben. +Glaubt ihr, ich sehe dies gelassen an? +Der Grieche wendet oft sein luestern Auge +Den fernen Schaetzen der Barbaren zu, +Dem goldnen Felle, Pferden, schoenen Toechtern; +Doch fuehrte sie Gewalt und List nicht immer +Mit den erlangten Guetern gluecklich heim. + +Orest. +Das Bild, o Koenig, soll uns nicht entzweien! +Jetzt kennen wir den Irrthum, den ein Gott +Wie einen Schleier um das Haupt uns legte, +Da er den Weg hierher uns wandern hiess. +Um Rath und um Befreiung bat ich ihn +Von dem Geleit der Furien; er sprach: +"Bringst du die Schwester, die an Tauris Ufer +Im Heiligthume wider Willen bleibt, +Nach Griechenland, so loeset sich der Fluch." +Wir legten's von Apollens Schwester aus, +Und er gedachte dich! Die strengen Bande +Sind nun geloes't; du bist den Deinen wieder, +Du Heilige, geschenkt. Von dir beruehrt, +War ich geheilt; in deinen Armen fasste +Das uebel mich mit allen seinen Klauen +Zum letztenmal und schuettelte das Mark +Entsetzlich mir zusammen; dann entfloh's +Wie eine Schlange zu der Hoehle. Neu +Geniess ich nun durch dich das weite Licht +Des Tages. Schoen und herrlich zeigt sich mir +Der Goettin Rath. Gleich einem heil'gen Bilde, +Daran der Stadt unwandelbar Geschick +Durch ein geheimes Goetterwort gebannt ist, +Nahm sie dich weg, dich Schuetzerin des Hauses; +Bewahrte dich in einer heil'gen Stille +Zum Segen deines Bruders und der Deinen. +Da alle Rettung auf der weiten Erde +Verloren schien, gibst du uns alles wieder. +Lass deine Seele sich zum Frieden wenden, +O Koenig! Hindre nicht, dass sie die Weihe +Des vaeterlichen Hauses nun vollbringe, +Mich der entsuehnten Halle wiedergebe, +Mir auf das Haupt die alte Krone druecke! +Vergilt den Segen, den sie dir gebracht, +Und lass des naehern Rechtes mich geniessen! +Gewalt und List, der Maenner hoechster Ruhm, +Wird durch die Wahrheit dieser hohen Seele +Beschaemt, und reines kindliches Vertrauen +Zu einem edeln Manne wird belohnt. + +Iphigenie. +Denk' an dein Wort, und lass durch diese Rede +Aus einem g'raden, treuen Munde dich +Bewegen! Sieh uns an! Du hast nicht oft +Zu solcher edeln That Gelegenheit. +Versagen kannst du's nicht; gewaehr' es bald! + +Thoas. +So geht! + +Iphigenie. + Nicht so, mein Koenig! Ohne Segen, +In Widerwillen scheid' ich nicht von dir. +Verbann' uns nicht! Ein freundlich Gastrecht walte +Von dir zu uns: so sind wir nicht auf ewig +Getrennt und abgeschieden. Werth und theuer, +Wie mir mein Vater war, so bist du's mir, +Und dieser Eindruck bleibt in meiner Seele. +Bringt der Geringste deines Volkes je +Den Ton der Stimme mir in's Ohr zurueck, +Den ich an euch gewohnt zu hoeren bin, +Und seh' ich an dem aermsten eure Tracht: +Empfangen will ich ihn wie einen Gott, +Ich will ihm selbst ein Lager zubereiten, +Auf einen Stuhl ihn an das Feuer laden, +Und nur nach dir und deinem Schicksal fragen. +O geben dir die Goetter deiner Thaten +Und deiner Milde wohlverdienten Lohn! +Leb' wohl! O wende dich zu uns und gib +Ein holdes Wort des Abschieds mir zurueck! +Dann schwellt der Wind die Segel sanfter an, +Und Thraenen fliessen lindernder vom Auge +Des Scheidenden. Leb' wohl! und reiche mir +Zum Pfand der alten Freundschaft deine Rechte. + +Thoas. +Lebt wohl! + + + + + +Ende dieser Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, +End of Project Gutenberg Etext Iphigenie auf Tauris, Johann von Goethe + diff --git a/old/iphgn107.zip b/old/iphgn107.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..307c1a6 --- /dev/null +++ b/old/iphgn107.zip |
