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+Project Gutenberg's Die schönsten Geschichten der Lagerlöf, by Selma Lagerlöf
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die schönsten Geschichten der Lagerlöf
+
+Author: Selma Lagerlöf
+
+Editor: Walter von Molo
+
+Translator: Marie Franzos
+
+Release Date: December 29, 2006 [EBook #20211]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHÖNSTEN GESCHICHTEN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner, Evelyn Kawrykow, La Monte H.P.
+Yarroll and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Die schönsten Geschichten
+ der Lagerlöf
+
+
+ Ausgewählt und eingeleitet
+ von
+ Walter von Molo
+
+
+ Albert Langen, München
+
+
+
+ Die Geschichten der Lagerlöf
+ in diesem Bande
+ sind von
+ Marie Franzos
+ übersetzt
+
+
+
+ Ein Verzeichnis
+ der Werke Selma Lagerlöfs
+ befindet sich am Schluß
+ dieses Buches
+
+
+
+ [Illustration: Selma Lagerlöf]
+
+
+
+
+_Inhalt_
+ Seite
+Frau Lagerlöf von Walter von Molo 7
+Der Luftballon 13
+Herrn Arnes Schatz 37
+Reors Geschichte 110
+Das Mädchen vom Moorhof 116
+Das Schweißtuch der heiligen Veronika 177
+Die Legende vom Vogelnest 224
+
+
+
+
+
+Frau Lagerlöf
+
+
+Die reine Frau hat das innigste Verhältnis zur Dichtkunst. Ihre
+seelische Veranlagung und ihre dadurch bedingten Aufgaben erhalten sie
+dem wahrhaft Realen, dem Mysterium des Fühlens, das die Wurzel der
+Dichtkunst war und ist, näher als den Mann, der vor allem durch die Tat
+und durch die Arbeit seines Kopfes wirkt, der sich im allgemeinen erst
+zum Zentrum des Fühlens durchkämpfen muß. Wie den Mann die Bezwingung
+des weiteren Weges stärkt und sichtet, hält die Nähe des Zieles die
+Frau, die die treueste Gefolgschaft jeder Kunst ist, entweder vom
+Selbstschaffen ab (meist zum Segen der Ihren!), oder sie wird, wenn sie
+selbst schafft, zumeist, gerade durch ihre Weiblichkeit, der Kunst
+verdorben: sie lernt nicht zu dem ihr Angeborenen zu, sie bleibt
+seelische Molluske, weil ihrem Werk nicht die Knochen des unerbittlich
+logischen Denkens, die innere und äußere Form, in voller Kraft
+zuwachsen. Die schöpferische Frau hat drum hauptsächlich das Gebiet der
+erzählenden Dichtung, deren Notwendigkeiten, in dieser Hinsicht,
+verhältnismäßig gering sind. Die Frau fabuliert! Sie erhält den Glauben
+an den unablässigen, unumstößlichen Sieg des Guten; sie ist, in ihrer
+reinsten Erscheinung, Märchen und Sage! Alles, was der Kindersinn
+sehnsüchtig sucht, ist den Frauen vorhanden! Ihr ragendstes Symbol ist
+mir die genialste selbstschöpferische Frau: die Lagerlöf! Die Lagerlöf
+schafft der Menschheit schönsten Besitz, Heimatliebe, Kinderliebe,
+Elternliebe, Gattenliebe, Liebe, mit all ihren unendlichen
+Schattierungen und Spiegelbildern in der menschlichen Seele, dichterisch
+zu ragenden Monumenten um. Ihr ist das Wunder an sich Voraussetzung
+alles Seins. Für sie gibt es keine »erkennende« Wissenschaft, keine
+»unbelebte« Natur! Wort für Wort ist ihr die Bibel, das Buch der Bücher,
+wahr; sie erhellt sie, sie übersetzt die Gläubigkeit aller Konfessionen
+gefühlsmäßig in Kunst. Nach den großen Gesetzen des Welträtsels, des
+gütigen Schicksals oder Gottes, reden und handeln ihr die Menschen und
+Tiere. Die Flüsse, Pflanzen und Steine sind ihr Lebewesen mit Seelen.
+Dieser begnadeten Frau ist das Übersinnliche Selbstverständlichkeit.
+Alles Schöne geht ihr in Erfüllung. Das Jenseits lebt, es greift
+entscheidend ins Dasein ein! Die Trolle, Nymphen, Kobolde,
+Heinzelmännchen und Riesen leben, die Engel schweben auf und nieder, die
+Brücke bildend für die bedrängten, erlösten Seelen, der Gottessohn
+steigt, immer wieder, zu uns herab, unter denen er ewig wandelt, damit
+das Böse stetig Gutes schafft. Es gibt keine Verfemten oder Narren,
+keine Toren und Krüppel oder Enterbten, es gibt bloß, im schlimmsten
+Falle, ein Nichtverstehen, ein Aneinandervorbeireden. Dieses menschliche
+Erbübel beseitigt und führt lächelnd zur Harmonie der Liebe der Lagerlöf
+großes, unbesiegliches Herz! Überall läßt sie Verzeihung und
+Gerechtigkeit triumphieren, und was das Wunderbarste ist: diese
+evangelische Frau steht dabei stets auf dem Boden der höchsten
+Wirklichkeit! Sie reißt dem Dasein die Maske ab, sie liebt ihm die Maske
+ab und – Gott sieht uns an! Mit tiefster Menschenkenntnis, mit
+schärfster Charakterisierungsfähigkeit, mit rührendem Humor, mit
+verzeihender Schalkhaftigkeit und nie verletzendem Sarkasmus sieht und
+gestaltet sie die Lächerlichkeit, Nichtigkeit und Schurkenhaftigkeit
+dieses Seins. Alles Böse und Harte schmilzt in der übermenschlichen
+Liebe dieser genialen Puppenspielern zu Glück. Ihr hat nur das Leben des
+Geistes Wert; sie nützt alle Register, sie läßt alle Weltstimmen
+erbrausen, um die Symphonie der sinngemäßen Läuterung, des
+Verbundenseins mit dem Himmel des Guten und Schönen, der uns väterlich
+überwölbt, begnadet und erlöst, laut und sichtbar werden zu lassen. Es
+liegt an der Stumpfheit, daß die Menschen nicht immer so gesehen werden,
+wie sie der Lagerlöf erscheinen; sie sind edel, betrachtet man ihr
+Wichtigstes, entkleidet aller Nebensächlichkeiten! Der großen Schwedin
+Kraft und unwiderstehliche Beredsamkeit lassen jubelnd erkennend ins
+Gefüge des Ganzen, des Letzten sehen. Sie setzt menschliche Seelen in
+Handlung. Stets ist es der gleiche Geist, Gottes Geist, der ihr Geist
+ist, der sich die Vielfalt der Körper baut! Sie formt nicht von außen
+nach innen, nicht vom »Realen« zum »Romantischen«; sie formt von innerst
+heraus. Ihre Gestalten sind Vollwesen, nicht Hirngespinste, Vollwesen,
+geschaffen von subtilster Psychologie, geschaffen von höherer
+Psychologie, als sie die größte Hirnarbeit jemals zutage zu fördern
+vermag. Sie glaubt dem Wunder, weil das Wunder in ihr ist! Ihr Ich ist
+legendäre Anschauung der Seele! Ihre Psychologie ist nicht schürfend,
+sie ist da mit der Selbstverständlichkeit der Schöpfung. Untrennbar sind
+ihr Erfindung und Tatsache verwoben. »Ich muß sterben« wird zum »Ich
+darf sterben«, der Tauf- oder Hochzeitszug trifft den Leichenzug, der
+wieder Tauf- und ewiger Hochzeitszug ist. Die Menschen sehen mit den
+»Augen der Seele«, durch sie, daß das »Glück der Einbildung« ihr Bestes
+ist, daß es nichts Schöneres gibt als das Leben, das nicht schwer und
+traurig, sondern: »wunderschön« ist, lebt und versteht man es richtig!
+Alles Häßliche wird ihr zum vergänglichen Entwicklungsstück, alles
+Bittere ist überwindbar. Alle »Großen« sind Kinder, und alle Kinder sind
+»groß«. Sie zwingt die Sehnsüchte, mitzudichten, und sie folgen ihr
+freudig, weil sie überirdische Erfüllung durch sie finden. Zeitlos ist
+die Dichtung der Lagerlöf, sie wandelt die Wege der Ewigkeit. Alles
+Grenzende, Einengende fällt. Immer leidet das Hohe, immer leidet die
+Liebe, immer leiden Mann und Weib und Eltern und Kinder, arm und reich,
+doch es ist nur scheinbar; kaum steht die Lagerlöf neben ihnen, so sinkt
+das Niedere, gleich »kriegen« sie sich, gleich ist Hilfe, sind Verzeihen
+und Begreifen jedes Wollens da, gleich verschenkt der Reiche sein Gut,
+um wahrhaft reich zu sein, gleich singt der Arme, weil er schon lange
+wahrhaft reich ist. Mann und Weib sind der Lagerlöf immer dieselben!
+»Sie« ist die reine Magd, blond, keusch, stolz, hochgewachsen,
+helläugig, zu jeder Erlöserarbeit bereit, mag sie erst auch noch so
+hohl, selbstisch und kokett gewesen sein, nie ruft das Schicksal sie
+vergeblich zur Ordnung! Der Lagerlöf Frauengestalten sind mit der vollen
+Reinheit, mit der verschwiegensten Sehnsucht, der unberührten, ewigen
+Jungfräulichkeit gebildet! »Er« ist wild, trotzig, verwegen, untreu aus
+gierig suchender Treue, aufbegehrend in der Tollpatschigkeit seines
+Geschlechtes gegen die letzten Fragen, die er durch die Frau, die ihn
+erlöst, erkennt. »Er« ist ein Weihnachtsmann, wie die liebenswerten
+Kavaliere in »Gösta Berling« wie Gösta Berling selbst, hoch, traurig und
+verliebt, kindlich, schön, ritterlich, und immer hat er »Locken« über
+der »bleichen« Stirn. Er ist immer ein Stück Jesus Christus in
+Verkleidung; »sie« ist immer ein Stück Gottesmutter! Der Lagerlöf
+Religion ist die Religion aller Religionen; sie predigt unentwegt, ohne
+Predigt, des Dichtens Axiom: kein Mensch ist ganz verdorben! Sie ist die
+Toleranz selbst, die auch die wütendsten Gegner versöhnt.
+Kirchengläubigen und Sozialist! Die Lagerlöf kann nicht verstehen, warum
+zwischen diesen, überhaupt zwischen den Gegenpolen, zugegeben, daß sie
+bestehen, Feindschaft sein soll. Sie sind doch beide nötig; sie sind
+doch beide nur Handwerker des Ewigen? Sie heißen einmal Christ und
+Antichrist, vielleicht ist einmal der eine ein bißchen mehr weiß und der
+andere ein bißchen mehr schwarz. Du lieber Gott! sie wollen aber doch,
+bloß auf verschiedene Weise, das gleiche: das Glück, die Ruhe des
+Herzens! Der Lagerlöf ist’s kein Unterschied, ob die heidnischen Bilder,
+ob die Heiligenbilder ins Leben herauf- oder hinuntersteigen; sie wirken
+Gutes. Musik erklingt, das Chaos legt sich, alle, die bangten, weinten,
+schluchzten und sich in Schmerzen wanden, beginnen zu lächeln! Die Welt
+wird immer am Ende schön, heldenhaft, edel, und was das Schönste und
+Edelste daran ist (ich verwende absichtlich die abgebrauchten
+»unphilosophischen« Worte, die der Lagerlöf Echtheit so völlig der
+Phrase entkleidet!): die Skeptischen werden besiegt, sie erkennen: wir
+sind so, wenn auch leider nur für Augenblicke der Erhebung, wie uns die
+Lagerlöf sieht oder selbstherrlich-demütig sehen will. Was in den
+geheimsten Ecken des Ichs nistet, mag man’s nun Sentimentalität,
+Familienblattgier, Kindischkeit, Leiermannrührung, Kinoseligkeit,
+Kolportagegift oder wie immer nennen, das alles und noch viel mehr
+regiert diese Frau souverän, völlig unbekümmert um die Entsetzensschreie
+Ängstlicher, Bedenkenüberfüllter, zum Sieg. Die große Kunst der
+Lagerlöf, die Inbrunst ihrer dichterischen Überredung, vermag alle
+geheimen und wilden Schößlinge des Seelenbesitzes zu einer Blüte von
+berauschender Fülle und Seltenheit zu treiben und zu binden. Dieser
+Zusammenraffung alles Vorhandenen im Stofflichen entspricht die
+Verwendung aller Darstellungsmittel. Die Technik der Lagerlöf ist, wie
+der Inhalt des Gegebenen, nie Selbstzweck; beides ist Handwerkszeug, um
+immer wieder den Gralsschein der Seele leuchten zu lassen. Die Lagerlöf
+ist dramatisch und episch, modern, historisch und unmodern; sie
+beherrscht den Dialog gleich wie die Schilderung, sie geht, wenn’s ihr
+paßt, Schrittlein für Schrittlein, sie überspringt, wenn’s ihr nötig
+erscheint, jeden Abgrund, sie pinselt und strichelt hin und her, sie
+legt mit einem oder zwei Sätzen jeden Charakter, mag er noch so
+kompliziert sein, hin. Sie findet manchmal schwer den Schritt, sie
+spitzt mit geistvoller Schärfe die menschliche »Tendenz« in einen Satz.
+Ihr ist nichts unmöglich, weil der erlösenden Liebe alles möglich ist!
+Sie hat zu viel geschrieben und doch viel zu wenig, sie malt fast immer
+die Schönheiten ihrer schwedischen Heimat, doch der Polarstern ihres
+Einfühlvermögens steht über der ganzen Welt; der Stern wandert mit dem
+Erlöser der Schwere! Sie ist durch und durch germanisch, doch sie dankt
+dem größten Slawen, Dostojewski, das meiste! Ihre Seele ist die
+schwedische Volksseele in ihrer tiefgründigen Verspieltheit, doch ihr
+gehört die Welt, deren gesamte Pracht sie in sich trägt. Sie ist die
+liebreichste Mutter, ohne Mutter zu sein, sie bildet die Sagen und
+Märchen ihrer Heimat; es sind die allgemein gültigen, auch in unseren
+Tagen in jedes Menschen Leben im letzten Sinne sich stets wiederholenden
+Sagen und Märchen aller Menschen, die Sehnsucht tragen und den Himmel
+suchen. Sie ist naiv und aufs äußerste raffiniert; sie ist
+Unterhaltungsschriftstellerin mit der Weltanschauung und dem Können der
+reifsten Kunst; sie ist die reinste Seele, die seit Goethe und Hölderlin
+am Werke war! Sie ist Künstlerin, weil sie ein großer Mensch ist! Sie
+löst das Rätsel, das sich unablässig in ihren Werken löst, die zum
+bedeutendsten Besitze dessen gehören, was das Menschengeschlecht, zu
+seiner Erderlösung, hienieden aufzubauen vermag. Sie ist die lebendige,
+wirkende Summe des Göttlichen, das sich zu höchst lobt, dadurch, daß es
+unverlöschbar in der Menschheit, in deren Besten, brennt! Sie ist die
+Lagerlöf.
+
+_Frohnau_ i. d. Mark
+
+_Walter von Molo_
+
+
+
+
+
+Der Luftballon
+
+
+Vater und die Knaben sitzen an einem regnerischen Oktoberabend in einem
+Kupee dritter Klasse, auf der Fahrt nach Stockholm. Vater ist auf seiner
+Bank allein. Die Knaben sitzen ihm gegenüber, eng aneinander geschmiegt,
+und lesen einen Roman von Jules Verne, der den Titel führt: Sechs Wochen
+im Luftballon. Das Buch ist sehr abgegriffen. Die Knaben können es fast
+auswendig und haben endlose Diskussionen darüber geführt, aber sie lesen
+es immer wieder mit demselben Vergnügen, sie haben alles vergessen, um
+den kühnen Luftschiffern quer über Afrika zu folgen, und sie erheben nur
+selten den Blick vom Buche, um die schwedischen Landschaften zu
+betrachten, die sie durchfahren.
+
+Die Knaben sehen einander sehr ähnlich. Sie sind von gleicher Größe,
+gleich gekleidet – in graue Überröcke und blaue Schulmützen –, sie haben
+alle beide große träumerische Augen und kleine Stumpfnasen. Sie sind
+immer gut Freund, gehen immer miteinander, kümmern sich nicht um andre
+Kinder und sprechen immer von Erfindungen und Entdeckungsfahrten. Der
+Begabung nach sind sie recht verschieden geartet. Lennart, der ältere,
+der dreizehn Jahre zählt, kommt in der Schule schwer vorwärts, und er
+kann kaum in irgendeinem Gegenstande mit seiner Klasse Schritt halten.
+Dafür ist er aber sehr geschickt und unternehmungslustig. Er will
+Erfinder werden und beschäftigt sich beständig damit, eine Flugmaschine
+zu konstruieren. Hugo ist ein Jahr jünger als Lennart, aber er begreift
+leichter und ist schon in derselben Klasse wie der Bruder. Auch er
+interessiert sich nicht besonders für das Lernen, hingegen ist er ein
+großer Sportsmann. Skiläufer, Radfahrer und Eisläufer. Wenn er erwachsen
+ist, will er auf Entdeckungsreisen gehen. Sobald Lennarts Flugmaschine
+fertig ist, wird Hugo damit ausfliegen, um zu entdecken, was von der
+Welt noch zu entdecken übrig ist.
+
+Vater ist ein großgewachsener Mann mit eingesunkner Brust, fahlem
+Gesicht und schmalen, schönen Händen. Er ist nachlässig gekleidet. Seine
+Hemdbrust ist zerknittert, der Rockaufhänger guckt am Halse hervor, die
+Weste ist schief geknöpft, und die Strümpfe sind herabgerutscht. Er
+trägt das Haar so lang, daß es auf den Rockkragen hängt, dies jedoch
+nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Geschmack und Gewohnheit.
+
+Vater stammt aus einem alten Spielmannsgeschlecht, weit her aus dem
+Bauernland, und er hat als sein besondres Erbteil zwei starke Anlagen
+mitbekommen. Die eine Anlage ist eine große musikalische Begabung, und
+sie trat als erstes zutage. Er besuchte die Akademie in Stockholm,
+studierte dann ein paar Jahre im Ausland und machte in diesen
+Studienjahren so glänzende Fortschritte, daß er selbst und seine Lehrer
+erwarteten, es würde ein großer, weltberühmter Violinspieler aus ihm
+werden. Er hätte sicherlich Talent genug gehabt, dieses Ziel zu
+erreichen, aber es fehlte ihm an Kraft und Ausdauer. Er konnte sich
+draußen in der Welt keine Stellung erkämpfen, sondern kam gar bald heim
+und nahm einen Organistenposten in einer Provinzstadt an. Anfangs
+schämte er sich wohl, daß er allen den in ihn gesetzten Erwartungen
+nicht entsprochen hatte; aber er empfand es auch angenehm, einen sichern
+Lebensunterhalt zu haben und nicht mehr die Barmherzigkeit fremder Leute
+in Anspruch nehmen zu müssen.
+
+Kurz nachdem er die Stelle bekommen hatte, heiratete er; und einige
+Jahre lang war er mit seinem Lose ganz zufrieden. Er hatte ein schönes
+kleines Heim, eine frohe und glückliche Frau und zwei kleine Jungen, und
+er war der Liebling der ganzen Stadt, überall gesucht und gefeiert. Aber
+dann war eine Zeit gekommen, wo dies alles ihn nicht mehr zu befriedigen
+schien. Er sehnte sich danach, noch einmal in die Welt hinauszuziehen
+und sein Glück zu versuchen, doch fühlte er sich verpflichtet, daheim zu
+bleiben, weil er nun Weib und Kind hatte.
+
+Vor allem war es die Frau, die ihn überredet hatte, von dieser Reise
+abzustehen. Sie glaubte, daß es ihm nicht besser glücken werde als das
+erstemal. Sie meinte, sie seien so glücklich, daß er nichts andres zu
+erstreben brauche. Damit beging sie sicher einen Fehler, aber sie mußte
+ihn auch schwer genug büßen; denn von der Zeit an kam der zweite
+Familienzug bei dem Manne zum Vorschein. Da er seine Sehnsucht nach Ruhm
+und Erfolg nicht stillen konnte, suchte er sich mit dem Trinken zu
+trösten.
+
+Und es ging ihm nun so, wie es den Menschen aus seiner Familie zu gehen
+pflegte: er trank ohne Besinnung und ohne Maß und kam binnen kurzem ganz
+herunter. Er wurde allmählich ein ganz andrer Mensch als zuvor. Er war
+nicht mehr liebenswürdig und einnehmend, sondern böse und hart. Und das
+größte Unglück war, daß er einen furchtbaren Haß gegen seine Frau faßte
+und sie in jeder möglichen Weise quälte, wenn er betrunken war – und
+auch sonst.
+
+Die Knaben hatten also kein gutes Heim gehabt, und ihre Kindheit wäre
+sehr unglücklich gewesen, hätten sie sich nicht eine kleine Welt für
+sich selbst geschaffen, voll von Maschinenmodellen, Entdeckungsplänen
+und Abenteuerbüchern. Die einzige, die zuweilen einen Blick in diese
+Welt werfen durfte, war Mutter. Vater hatte nicht einmal eine Ahnung,
+daß sie existierte; und auch jetzt vermag er mit den Knaben über nichts
+zu sprechen, was sie interessiert. Er stört sie einmal ums andre, wenn
+er fragt, ob es nicht schön wäre, Stockholm kennenzulernen, und ob sie
+sich nicht freuten, mit Vater zu reisen, und dergleichen mehr. Sie
+antworten sehr kurz, um sich augenblicklich wieder in das Buch zu
+vertiefen. Vater jedoch fragt weiter. Er glaubt, daß die Knaben von
+seiner Liebenswürdigkeit sehr entzückt sein müßten und nur zu schüchtern
+wären, es zu zeigen.
+
+»Die haben zu lange an Mutters Schürzenband gehangen,« denkt er. »Sie
+sind ängstlich und zimperlich geworden. Das wird jetzt anders werden,
+wenn sie in meine Hand kommen.«
+
+Aber Vater täuscht sich. Daß die Knaben ihm so kurze Antworten geben,
+kommt nicht von der Schüchternheit, sondern bedeutet nur, daß sie
+wohlerzogen sind und ihn nicht verletzen wollen. Wenn es nicht so wäre,
+würden sie ganz anders antworten. »Warum sollten wir es schön finden,
+mit Vater zu reisen?« würden sie dann sagen. »Vater glaubt freilich,
+etwas ganz Besondres zu sein, aber wir sehen ja, daß er nur ein
+verkommner Schwächling ist. Und warum sollten wir uns darauf freuen,
+Stockholm kennenzulernen? Wir wissen sehr gut, daß Vater uns nicht
+mitgenommen hat, um uns eine Freude zu machen, sondern nur, um Mutter zu
+kränken.«
+
+Es wäre klüger, wenn Vater die Knaben lesen ließe, ohne sie zu stören.
+Sie sind niedergeschlagen und ängstlich, und es reizt sie, daß er so
+guter Laune ist. »Nur weil er weiß, daß Mutter daheim sitzt und weint,
+ist er heute so vergnügt,« flüstern sie einander zu.
+
+Vaters Fragen bringen es schließlich dahin, daß die Knaben nicht mehr
+lesen, obgleich sie noch immer über das Buch gebeugt dasitzen. Anstatt
+dessen beginnen ihre Gedanken mit großer Bitterkeit um alles zu kreisen,
+was sie um Vaters willen haben leiden müssen.
+
+Sie erinnern sich, wie sich Vater einmal am hellichten Tage betrunken
+hatte und über die Straße getorkelt kam, von einer Menge Schuljungen
+verfolgt, die ihn ausspotteten. Sie rufen sich zurück, wie die andern
+Jungen sie gehänselt und ihnen Spitznamen gegeben haben, weil sie einen
+Vater hatten, der trank.
+
+Sie haben sich für Vater schämen müssen, sie mußten seinetwegen in
+beständiger Angst leben; und sowie sie irgendeinen Spaß hatten, ist er
+dazwischen gekommen und hat ihnen das Vergnügen verdorben. Es ist kein
+kleines Sündenregister, das sie da aufstellen. Die Knaben sind sehr
+sanftmütig und geduldig, aber sie fühlen einen Groll in sich aufsteigen,
+der stärker und stärker wird.
+
+Er hätte doch begreifen müssen, daß sie ihm die große Enttäuschung nicht
+verzeihen konnten, die er ihnen gestern bereitet hatte. Das war doch das
+Ärgste, was er ihnen noch angetan hatte.
+
+Die Sache war nämlich die, daß die Mutter der Knaben sich im vorigen
+Frühling entschlossen hatte, sich von deren Vater zu trennen. Mehrere
+Jahre lang hatte der Mann sie auf jede erdenkliche Art verfolgt und
+gepeinigt, doch sie hatte sich nicht von ihm trennen wollen, sondern war
+bei ihm geblieben, damit er nicht völlig verkomme. Aber jetzt endlich
+wollte sie es um der Knaben willen tun. Sie hatte beobachtet, daß der
+Vater sie unglücklich machte; und sie meinte, sie müsse sie diesem Elend
+entziehen und ihnen ein gutes, friedliches Heim schaffen.
+
+Als das Frühlingssemester zu Ende war, hatte sie die Knaben aufs Land zu
+ihren Eltern geschickt und war selbst ins Ausland gereist, um so aufs
+einfachste die Scheidung zu erlangen. Es war ihr freilich nicht recht
+gewesen, daß es dadurch den Anschein gewann, als ob die Ehe durch ihr
+Verschulden gelöst würde; aber dem hatte sie sich unterwerfen müssen.
+Noch weniger zufrieden war sie damit, daß die Knaben vom Gerichte dem
+Vater zugesprochen wurden, weil sie eine entlaufene Ehefrau wäre. Sie
+tröstete sich freilich damit, daß er unmöglich die Absicht haben könnte,
+die Kinder zu behalten; aber sie hatte doch keine rechte Ruhe mehr.
+
+Sobald die Scheidung durchgeführt war, war sie zurückgekommen und hatte
+eine Wohnung gemietet, in der sie mit den Knaben leben wollte. Erst vor
+zwei Tagen hatte sie alles fertig gehabt, so daß die Knaben zu ihr
+übersiedeln konnten. Es war der glücklichste Tag, den die Kinder noch
+erlebt hatten. Die ganze Wohnung bestand aus einem großen Zimmer und
+einer großen Küche, aber alles war neu und fein, und Mutter hatte es so
+außerordentlich behaglich eingerichtet. Das Zimmer sollte Mutter und
+ihnen tagsüber als Arbeitsraum dienen, und nachts sollten die Knaben da
+schlafen. Die Küche war sehr niedlich und hell. Da würden sie essen. Und
+in einem kleinen Verschlag hinter der Küche hatte Mutter ihr Bett.
+
+Mutter hatte ihnen gesagt, daß sie sehr arm sein würden. Sie hatte eine
+Stelle als Gesanglehrerin an der Mädchenschule bekommen; aber dies war
+auch alles: davon mußten sie leben. Sie waren nicht in der Lage, sich
+ein Dienstmädchen zu halten, sondern mußten sich allein helfen. Die
+Knaben waren über das Ganze in hellstem Entzücken; vor allem darüber,
+daß sie mit angreifen durften. Sie erboten sich, Holz und Wasser zu
+tragen. Sie wollten die Schuhe putzen und die Betten machen. Es war ein
+rechter Spaß, sich das alles auszudenken.
+
+Eine Kammer war da, wo Lennart alle seine Maschinen aufheben konnte. Er
+selbst sollte den Schlüssel dazu haben, und kein andrer als Hugo und er
+sollten sie je betreten dürfen.
+
+Aber nur einen einzigen Tag durften die Knaben bei Mutter glücklich
+sein. Dann hatte ihnen Vater die Freude verdorben, wie er es stets getan
+hatte, solange sie sich zurückerinnern konnten. Mutter hatte ihnen
+erzählt, sie habe gehört, daß Vater eine Erbschaft von einigen tausend
+Kronen gemacht hätte; er habe seine Stellung gekündigt und wolle nun
+nach Stockholm ziehen. Mutter und sie hatten sich sehr darüber gefreut,
+daß er die Stadt verließ, so daß sie ihm nicht mehr auf der Straße zu
+begegnen brauchten. Aber dann war einer von Vaters Freunden mit der
+Botschaft zu Mutter gekommen, daß Vater die Knaben nach Stockholm
+mitnehmen wolle.
+
+Mutter hatte geweint und gefleht, ihre Knaben behalten zu dürfen, aber
+Vaters Abgesandter hatte geantwortet, daß Vater fest entschlossen sei,
+die Knaben in seine Obhut zu nehmen. Wenn sie nicht gutwillig kämen,
+würde er sie durch die Polizei holen lassen. Er sagte, Mutter solle doch
+das Scheidungsurteil durchlesen, da stünde es ja deutlich, daß die
+Knaben dem Vater gehörten. Und das wußte Mutter ja auch. Das ließ sich
+nicht leugnen.
+
+Vaters Freund hatte viele schöne Dinge gesagt: Vater liebe seine Jungen
+und wolle sie deshalb für sich haben ... Aber die Knaben wußten, daß
+Vater sie einzig und allein fortschleppte, um Mutter zu quälen. Er hatte
+sich das ausgedacht, damit Mutter an der Trennung von ihm keine Freude
+hätte. Sie sollte in beständiger Unruhe um die Knaben leben. Das Ganze
+war nur Rache und Bosheit.
+
+Aber Vater hatte seinen Willen durchgesetzt, und hier waren sie nun auf
+dem Wege nach Stockholm. Und ihnen gegenüber saß Vater und freute sich,
+daß er Mutter unglücklich gemacht hatte. Mit jedem Augenblick, der
+verging, wurde ihnen der Gedanke, daß sie bei Vater bleiben und mit ihm
+leben müßten, immer widerwärtiger. Waren sie denn völlig in seiner
+Gewalt? Gab es keine Rettung?
+
+Vater hat sich in seine Ecke zurückgelehnt, und nach einem Weilchen
+schlummert er ein. Sogleich beginnen die Knaben sehr lebhaft miteinander
+zu flüstern. Es wird ihnen nicht schwer, einen Entschluß zu fassen. Den
+ganzen Tag haben sie, jeder für sich, nur daran gedacht, durchzubrennen.
+
+Sie verabreden, sich auf die Plattform schleichen und aus dem Zuge zu
+springen, wenn er gerade durch einen großen Wald führe. Dann würden sie
+sich an einem versteckten Plätzchen im Wald eine Hütte bauen und dort
+allein leben, ohne sich irgendeinem Menschen zu zeigen.
+
+Während die Knaben diese Pläne schmieden, bleibt der Zug an einer
+Station stehen, und eine Bäuerin, die ein kleines Kind an der Hand
+führt, steigt in das Kupee. Sie ist schwarz gekleidet, trägt ein
+Kopftuch und sieht gut und freundlich aus. Sie zieht dem Kleinen das
+Überröckchen aus, das vom Regen naß geworden ist, und wickelt ihn in
+einen Schal. Dann zieht sie ihm die Schuhe ab, trocknet die kalten
+Füßchen, sucht aus einem Bündel Strümpfe und Schuhe hervor und legt sie
+ihm an. Schließlich steckt sie ihm ein Bonbon zu und legt ihn auf die
+Bank, den Kopf auf ihrem Schoße, damit er einschlafe.
+
+Bald wirft der eine, bald der andre Knabe einen Blick auf die Bäuerin,
+die sich mit ihrem Kinde beschäftigt. Diese Blicke werden immer
+häufiger, und plötzlich haben die Knaben, beide zugleich, Tränen in den
+Augen. Nun sehen sie nicht mehr auf, sondern halten die Augen hartnäckig
+niedergeschlagen.
+
+Es ist, als wäre zugleich mit der Bäuerin noch jemand anders, der für
+alle, außer für die Knaben, unsichtbar und unmerkbar ist, in den Wagen
+gekommen. Und dieser andre ist – Mutter. Die Knaben haben das Gefühl,
+daß sie gekommen sei und sich zwischen sie gesetzt und ihre Hände
+ergriffen habe, wie sie es noch gestern abend tat, als es sich
+entschied, daß sie reisen müßten; und sie spricht ebenso zu ihnen wie
+damals: »Ihr müßt mir versprechen, daß ihr Vater meinetwegen nicht gram
+sein werdet. Vater hat es mir nie verzeihen können, daß ich ihn
+gehindert habe, fortzureisen. Er meint, daß es meine Schuld sei, wenn
+nichts aus ihm geworden ist, und wenn er trinkt. Er kann mich nie genug
+strafen. Aber ihr dürft ihm deshalb nicht böse sein. Da ihr jetzt mit
+Vater leben sollt, müßt ihr mir versprechen, gut gegen ihn zu sein. Ihr
+dürft ihn nicht reizen, ihr müßt auf ihn achten, so gut ihr könnt. Das
+müßt ihr mir versprechen; sonst weiß ich gar nicht, wie ich euch ziehen
+lassen soll.«
+
+Und die Knaben hatten es versprochen.
+
+»Ihr dürft euch nicht von Vater fortschleichen! Versprecht mir das!«
+hatte Mutter gesagt.
+
+Das hatten sie auch versprochen.
+
+Die Knaben sind zuverlässig, und in demselben Augenblick, wo sie daran
+denken, daß sie Mutter dieses Versprechen gegeben haben, lassen sie alle
+Fluchtgedanken fahren. Vater schläft noch immer, aber sie bleiben
+geduldig auf ihren Plätzen sitzen. Mit verdoppeltem Eifer fangen sie
+wieder zu lesen an, und ihr Freund, der gute Jules Verne, führt sie bald
+aus ihren Sorgen in die Wunderwelt Afrikas.
+
+ * * * * *
+
+Weit draußen in der Södervorstadt hatte Vater zwei Zimmer zu ebner Erde
+gemietet, mit der Aussicht in einen engen Hof. Die Wohnung ist schon
+lange in Gebrauch, sie ist von einer Familie auf die andre übergegangen,
+ohne je instand gesetzt zu werden. Die Tapeten haben eine Unmenge Risse
+und Flecken, die Decken sind verrußt, ein paar Fensterscheiben sind
+zerbrochen, und der Küchenboden ist so ausgetreten, daß er ganz holprig
+geworden ist. Ein paar Dienstmänner haben die Möbel vom Bahnhof geholt,
+sie in die Zimmer getragen und sie da kunterbunt stehenlassen. Vater und
+Knaben sind jetzt dabei, auszupacken. Vater steht mit hocherhobener Axt
+da, um eine Kiste zu öffnen. Die Knaben packen aus einer andern Kiste
+Glas und Porzellan und stellen es in den Wandschrank. Sie sind geschickt
+und arbeiten eifrig, aber Vater hört nicht auf, sie zur Vorsicht zu
+mahnen, und verbietet ihnen, mehr als ein Glas oder einen Teller auf
+einmal zu tragen. Inzwischen geht es mit Vaters eigner Arbeit nicht
+recht vorwärts. Seine Hände sind zittrig und kraftlos, und er ist schon
+ganz schweißbedeckt, ohne den Deckel von der Kiste losbekommen zu
+können. Er legt die Axt nieder, geht um die Kiste herum und fragt sich,
+ob sie vielleicht verkehrt stehe. Da nimmt einer der Knaben die Axt und
+fängt an, sie anzustemmen, doch Vater stößt ihn fort. Lennart werde doch
+nicht glauben, daß er den Deckel aufbringen könne, wenn Vater selbst es
+nicht zustande bringe? »Nur ein geübter Arbeiter kann diese Kiste
+öffnen,« sagt Vater und nimmt Hut und Rock, um den Hausknecht zu holen.
+
+Kaum ist Vater zur Türe hinaus, als ihm etwas einfällt. Er begreift
+plötzlich, warum er keine Kraft in den Händen hat. Es ist noch früh am
+Vormittag, und er hat nichts zu sich genommen, was das Blut in Umlauf
+bringt. Wenn er in ein Café ginge und einen Kognak tränke, dann würde er
+seine Kraft wiederfinden und könnte sich ohne fremde Unterstützung
+behelfen. Das ist viel besser, als den Hausknecht zu holen.
+
+Vater geht also auf die Straße, um ein Café zu suchen. Als er in die
+kleine Hofwohnung zurückkehrt, ist es acht Uhr abends.
+
+In Vaters Jugend, als er noch auf die Akademie ging, hatte er in der
+Södervorstadt gewohnt. Er war damals Mitglied eines Doppelquartetts
+gewesen, das hauptsächlich aus Kontoristen und kleinen Kaufleuten
+bestand und in einem Keller in der Nähe von Mosebacke seine
+Zusammenkünfte abzuhalten pflegte. Vater hatte nun Lust bekommen,
+nachzusehen, ob dieser kleine Keller noch existiere. Er war wirklich
+noch da, und Vater hatte das Glück gehabt, ein paar von den alten
+Freunden zu treffen, die da saßen und frühstückten. Sie hatten ihn mit
+größter Freude begrüßt, ihn zum Frühstück eingeladen und seine Ankunft
+in Stockholm auf die herzlichste Weise gefeiert. Als die Mahlzeit
+schließlich beendet war, hatte Vater heimgehen wollen, um seine Möbel
+auszupacken; doch die Freunde hatten ihn überredet, zu bleiben und mit
+ihnen zu Mittag zu essen. Und dies hatte sich so lange hinausgezogen,
+daß Vater nicht vor acht Uhr nach Hause gekommen war. Und es hatte ihn
+keine geringe Überwindung gekostet, sich zu so früher Stunde von der
+lustigen Gesellschaft loszureißen.
+
+Als Vater heimkommt, sitzen die Knaben in der Dunkelheit, denn sie haben
+kein Zündholz. Vater hat ein Zündholzschächtelchen in der Tasche, und
+als er ein kleines Kerzenstümpfchen angezündet hat, das glücklicherweise
+mitgekommen ist, sieht er, daß die Knaben erhitzt und verstaubt sind,
+aber munter und vergnügt und augenscheinlich sehr zufrieden mit ihrem
+Tag.
+
+In den Stübchen stehen die Möbel geordnet, die Kisten sind fortgeräumt,
+Stroh und Papierschnitzel fortgekehrt. Hugo macht gerade im ersten
+Zimmer die Betten für die Knaben. Das zweite Zimmer soll Vaters
+Schlafstube sein, und da steht sein Bett, mit so viel Sorgfalt gemacht,
+wie er sich’s nur wünschen kann.
+
+Jetzt geht mit Vater ein eigentümlicher Umschwung vor. Als er heimkam,
+war er mit sich selbst unzufrieden gewesen, weil er sich von der Arbeit
+davongemacht und die Knaben ohne Speise und Trank zurückgelassen hatte.
+Aber jetzt, wo er sieht, daß sie guter Laune sind, und daß ihnen nichts
+abzugehen scheint, bereut er es, daß er ihrethalben seine Freunde
+verlassen hat; er wird reizbar und streitsüchtig.
+
+Er sieht wohl, daß die Knaben stolz auf alle die Arbeit sind, die sie
+geleistet haben, und daß sie erwarten, von ihm gelobt zu werden; aber
+dazu ist er gar nicht geneigt. Er fragt vielmehr, wer dagewesen sei und
+ihnen geholfen habe, und bittet sie, sich gefälligst zu merken, daß man
+in Stockholm nichts geschenkt bekomme und der Hausknecht für alles, was
+er täte, bezahlt werden müsse. Die Knaben antworten, daß sie keine Hilfe
+in Anspruch genommen, sondern alles allein gemacht hätten, aber er hört
+nicht auf, zu zanken. Es sei unrecht von ihnen gewesen, die große Kiste
+zu öffnen. Sie hätten sich dabei etwas zuleide tun können. Er hätte
+ihnen doch verboten, sie zu öffnen. Sie hätten jetzt ihm zu gehorchen.
+Er sei für sie verantwortlich.
+
+Er nimmt die Kerze, geht in die Küche und leuchtet in die Schränke. Der
+kleine Vorrat an Glas und Porzellan ist in guter Ordnung auf den
+Brettern aufgestellt.
+
+Er prüft alles haargenau, um Anlaß zu weiterem Tadel zu finden.
+
+Plötzlich erblickt Vater ein paar Überreste des Abendbrots der Knaben
+und beginnt sogleich zu zanken, weil sie Huhn gegessen haben. Woher sie
+sich das verschafft hätten? Ob sie wie die Prinzen zu leben gedächten?
+Ob sie sein Geld hinauswürfen, um Hühner zu essen?
+
+Dann fällt ihm ein, daß er ihnen ja kein Geld zurückgelassen hat. Er
+fragt, ob sie das Huhn gestohlen hätten, und gerät ganz außer sich.
+
+Er spricht und ermahnt, zankt und tost, aber jetzt bekommt er von den
+Knaben keine Antwort. Sie wollen ihm nicht sagen, woher sie das Huhn
+haben, sondern lassen ihn austoben. Und er hält ganze Reden, ganze
+Predigten, er erschöpft seine letzten Kräfte. Schließlich bittet und
+bettelt er.
+
+»Ich beschwöre euch, sagt mir die Wahrheit! Ich will euch alles
+verzeihen, was ihr auch begangen haben mögt, wenn ihr mir nur die
+Wahrheit sagt.«
+
+Jetzt können es die Knaben nicht länger aushalten. Vater hört einen
+prustenden Laut. Sie werfen die Decken ab und setzen sich auf, und er
+merkt, daß sie vor unterdrücktem Lachen ganz rot im Gesicht sind. Und
+während sie jetzt ungezügelt herauslachen, sagt Lennart, von beständigem
+Kichern unterbrochen: »Mutter hat uns doch ein Hühnchen in den Eßkorb
+gelegt, den sie uns auf die Reise mitgegeben hat.«
+
+Vater richtet sich auf, sieht die Knaben an, will sprechen, findet aber
+keine passenden Worte. Er richtet sich noch majestätischer empor, sieht
+sie mit tiefster Verachtung an und geht ohne weiteres auf sein Zimmer.
+
+ * * * * *
+
+Vater hatte jetzt herausgebracht, wie geschickt die Knaben sind, und er
+benützt dies, um ein Dienstmädchen zu ersparen. Morgens schickt er
+Lennart in die Küche und läßt ihn Kaffee kochen, während Hugo den
+Frühstückstisch deckt und Brot vom Bäcker holt. Nach dem Frühstück setzt
+Vater sich auf einen Stuhl und sieht zu, wie die Knaben die Betten
+machen, die Zimmer kehren und die Öfen heizen. Er gibt unaufhörlich
+Befehle und kommandiert sie von einer Arbeit zur andern, nur um seine
+Macht zu zeigen. Wenn das Morgenaufräumen vorüber ist, geht er aus und
+bleibt den ganzen Vormittag weg. Das Mittagessen läßt er aus einer
+benachbarten Kochschule holen. Dann läßt Vater die Knaben für den Abend
+allein und verlangt von ihnen nichts andres, als daß sein Bett gemacht
+sei, wenn er heimkommt.
+
+Die Knaben sind so fast den ganzen Tag allein und können sich
+beschäftigen, womit sie wollen.
+
+Eine ihrer wichtigsten Arbeiten besteht darin, an Mutter zu schreiben.
+Sie bekommen von ihr jeden Tag einen Brief, und sie schickt ihnen Papier
+und Marken, damit sie ihr antworten können.
+
+Mutters Briefe enthalten hauptsächlich Ermahnungen, artig gegen Vater zu
+sein. Sie schreibt immer, wie liebenswert Vater gewesen sei, als sie ihn
+kennenlernte, und sie erzählt ihnen, wie hochstrebend und arbeitsam er
+im Anfang seiner Laufbahn gewesen sei. Sie sollten zärtlich und
+liebevoll gegen ihn sein. Sie dürften nie vergessen, wie unglücklich er
+wäre.
+
+»Wenn Ihr so recht gut gegen Vater seid, dann hat er vielleicht Mitleid
+mit Euch und läßt Euch wieder nach Hause zu mir kommen,« schreibt
+Mutter.
+
+Mutter erzählt, daß sie beim Pfarrer und beim Bürgermeister gewesen sei,
+um zu fragen, ob es nicht möglich wäre, die Knaben wieder zu bekommen.
+Aber alle beide hätten ihr gesagt, daß es keinen Ausweg gebe. Die Knaben
+müßten bei ihrem Vater bleiben. Mutter wolle gern nach Stockholm
+übersiedeln, um ihre Jungen wenigstens ab und zu sehen zu können, aber
+alle Menschen rieten ihr, sich zu gedulden und noch zu warten. Sie
+glaubten, daß Vater die Knaben bald satt bekommen und sie wieder
+heimschicken werde. Mutter wisse nicht recht, was sie tun solle.
+Einerseits finde sie es schrecklich, daß ihre Knaben in Stockholm ohne
+irgend jemand lebten, der sich ihrer annehme; und andrerseits wisse sie:
+wenn sie ihr Heim verließe und ihre Anstellung aufgäbe, könnte sie sie
+nicht bei sich aufnehmen und versorgen, falls sie frei würden. Aber zu
+Weihnachten werde Mutter auf jeden Fall nach Stockholm kommen und nach
+ihnen sehen.
+
+Die Knaben schreiben und erzählen, was sie den ganzen Tag tun, Stunde
+für Stunde. Sie lassen Mutter wissen, daß sie Vater das Essen holen und
+ihm das Bett machen. Sie begreift, daß sie sich bemühen, ihr zuliebe gut
+gegen ihn zu sein, aber sie merkt, daß sie ihn nicht besser leiden
+können als früher.
+
+Ihre kleinen Jungen scheinen immer einsam zu sein. Sie wohnen in einer
+großen Stadt, wo es von Menschen wimmelt, aber niemand fragt nach ihnen,
+niemand beachtet sie. Und vielleicht ist es noch am besten so. Wer weiß,
+in was sie hineingeraten könnten, wenn sie irgendwelche Bekanntschaften
+machten!
+
+Sie bitten sie immer, sich ihrethalben keine Sorgen zu machen. Sie
+würden sich schon durchschlagen. Sie erzählen, daß sie sich die Strümpfe
+stopfen und die Knöpfe annähen. Sie deuten auch an, daß Lennart mit
+seiner Erfindung sehr weit gekommen sei, und sagen, daß alles gut sein
+werde, sowie die fertig wäre.
+
+Aber Mutter lebt in beständiger Angst. Tag und Nacht sind ihre Gedanken
+bei den Knaben. Tag und Nacht betet sie zu Gott, er möge über ihre
+kleinen Söhne wachen, die einsam in einer großen Stadt leben, ohne
+irgend jemand, der ihre Augen gegen die Lockungen der Verderbnis schützt
+und ihre jungen Herzen vor der Lust zum Bösen bewahrt.
+
+ * * * * *
+
+Vater und die Knaben sitzen eines Vormittags in der Oper. Einer von
+Vaters früheren Kollegen, der der Hofkapelle angehört, hat ihn
+eingeladen, der Probe zu einem Symphoniekonzert beizuwohnen, und Vater
+hat die Knaben mitgenommen. Als das Orchester einsetzt und das Haus von
+den Tonwellen erfüllt wird, gerät Vater in so heftige Bewegung, daß er
+sich nicht beherrschen kann, sondern zu weinen anfängt. Er schluchzt,
+schneuzt sich geräuschvoll und stöhnt einmal um das andere auf. Er legt
+sich gar keinen Zwang mehr an, sondern wird so laut, daß die Spielenden
+gestört werden. Ein Diener kommt und winkt ihm ab, darauf nimmt Vater
+die Knaben bei der Hand und schleicht sich ohne ein Wort des
+Widerspruchs hinaus, und den ganzen Heimweg hören seine Tränen nicht auf
+zu fließen.
+
+Vater hat die Hände der Knaben in den seinen behalten und geht mit einem
+Jungen an jeder Seite einher. Ganz plötzlich fangen auch die Knaben zu
+weinen an. Sie verstehen nun zum ersten Male, wie Vater seine Kunst
+geliebt hat. Es war entsetzlich für ihn gewesen, versoffen und verkommen
+dazusitzen und andre spielen zu hören. Es war ein Jammer, daß er nicht
+das geworden war, was er hätte werden sollen. Es war für Vater so, wie
+es für Lennart wäre, wenn er seine Flugmaschine nie fertig brächte, oder
+für Hugo, wenn er keine Entdeckungsreise machen dürfte. Zu denken, daß
+sie einmal als untaugliche Greise dasitzen und sich zu Häupten prächtige
+Luftschiffe dahinbrausen sehen sollten, die sie weder erfunden hätten
+noch lenken dürften!
+
+ * * * * *
+
+Die Jungen sitzen eines Vormittags daheim und haben ihre Bücher vor
+sich. Vater hat eine Notenrolle unter den Arm genommen und ist
+ausgegangen. Er hat etwas davon gemurmelt, daß er eine Musiklektion zu
+geben hätte, aber die Knaben haben sich keinen Augenblick einreden
+lassen, daß dies die Wahrheit sei.
+
+Vater ist schlechter Laune, wie er so über die Straße geht. Er hat den
+Blick bemerkt, den die Knaben wechselten, als er sagte, daß er zu einer
+Musiklektion ginge. »Sie werfen sich zum Richter auf über ihren Vater,«
+denkt er.
+
+»Ich bin zu nachsichtig gegen sie. Ich hätte jedem eine Ohrfeige geben
+sollen. Sicherlich hetzt ihre Mutter sie gegen mich auf.«
+
+»Wie wäre es, wenn ich mich ein wenig nach den Herrchen umsähe?« fährt
+er fort. »Es könnte gewiß nichts schaden, sich zu überzeugen, wie sie
+ihren Studien obliegen.«
+
+Er kehrt um, geht rasch durch den Hof, öffnet ganz leise die Türe und
+steht in dem Zimmer der Knaben, ohne daß einer von ihnen ihn hätte
+kommen hören. Und richtig: die Knaben fahren mit ganz roten Köpfen auf,
+und Lennart reißt ängstlich ein Bündel Papiere an sich, das er in die
+Schreibtischlade wirft.
+
+Als die Knaben ein paar Tage in Stockholm waren, da hatten sie gefragt,
+in welche Schule sie gehen würden, und Vater hatte geantwortet, mit
+ihrem Schulbesuch sei es jetzt aus. Er würde versuchen, einen Meister zu
+finden, der sie in die Lehre nehmen wollte. Dies hatte er jedoch nie ins
+Werk gesetzt, und die Knaben hatten auch nicht weiter von ihrem
+Schulbesuch gesprochen. Doch nach kaum einer Woche hing in dem Zimmer
+der Knaben ein Stundenplan an der Wand. Schulbücher wurden
+hervorgesucht, und jeden Vormittag saßen die Knaben an einem alten
+Schreibtisch und machten Aufgaben. Es war offenbar: sie hatten einen
+Brief von Mutter bekommen, der sie ermahnte, auf eigne Faust zu
+arbeiten, um nicht alles zu vergessen, was sie gelernt hätten.
+
+Als Vater jetzt so unerwartet zu ihnen hereinkommt, geht er zuerst hin
+und studiert den Stundenplan. Er zieht seine Uhr heraus und vergleicht.
+Mittwoch von zehn bis elf: Geographie. Dann kommt er an den Tisch heran.
+»Hättet ihr in dieser Stunde nicht eigentlich Geographie?« fragt er. –
+»Ja,« antworten die Knaben, flammend rot im Gesicht. – »Aber wo habt ihr
+das Geographiebuch und den Atlas?« – Die Knaben werfen einen Blick auf
+das Bücherbrett und sehen tödlich verlegen aus. »Wir haben noch nicht
+angefangen,« sagt Lennart. – »So, so,« sagt Vater. »Ihr habt wohl etwas
+andres vor.« Und er richtet sich ganz vergnügt auf. Er hat jetzt die
+Oberhand, und die will er behalten, bis er die Knaben gründlich an die
+Wand gedrückt hat.
+
+Die beiden Knaben schweigen. Seit dem Tage, da sie mit Vater in die Oper
+gingen, haben sie Mitleid mit ihm, und es hat ihnen nicht soviel
+Überwindung gekostet wie früher, artig gegen ihn zu sein. Aber natürlich
+haben sie keinen Augenblick daran gedacht, Vater ins Vertrauen zu
+ziehen. Er ist in ihrem Ansehen nicht gestiegen, wenn er ihnen auch leid
+tut.
+
+»Habt ihr einen Brief geschrieben?« fragt Vater mit seiner strengsten
+Stimme. – »Nein,« rufen die beiden Knaben wie aus einem Munde. – »Was
+habt ihr denn getan?« – »Wir haben nur geplaudert.« – »Das ist nicht
+wahr! Ich habe gesehen, wie Lennart etwas in die Schreibtischlade
+gesteckt hat.« – Jetzt schweigen die beiden Knaben wieder. – »Nehmt es
+heraus!« ruft Vater, rot vor Zorn. Er glaubt, daß die Söhne an seine
+Frau geschrieben hätten; und da sie ihm den Brief nicht zeigen wollten,
+stünde natürlich etwas Häßliches über ihn darin. Die Knaben rühren sich
+nicht, und Vater hebt die Hand, um nach Lennart zu schlagen, der vor der
+Schublade sitzt. – »Rühr’ ihn nicht an!« ruft Hugo. »Wir haben nur über
+etwas gesprochen, was Lennart sich ausgedacht hat.«
+
+Hugo schiebt Lennart weg, reißt die Lade auf und zieht einen Bogen
+Papier hervor, der mit Luftschiffen in den wunderlichsten Formen
+vollgekleckst ist. »Lennart hat sich heute nacht ein neues Segel für
+sein Luftschiff ausgedacht. Und darüber haben wir gesprochen.«
+
+Vater will ihm nicht glauben. Er beugt sich hinunter, durchsucht die
+Lade, findet aber nichts andres als Bogen Papier, bedeckt mit
+Zeichnungen, die Luftballons, Fallschirme, Flugmaschinen und alles andre
+vorstellen, was zur Luftschiffahrt gehört.
+
+Zum größten Staunen der Knaben schleudert Vater dies alles nicht gleich
+fort, er lacht auch nicht über ihre Versuche, sondern er betrachtet
+Blatt für Blatt genau. Vater hat nämlich auch ein wenig Anlage zur
+Mechanik; und er hat sich einstmals, als sein Hirn noch zu etwas taugte,
+für solche Dinge interessiert. Bald beginnt er Fragen nach dem Zweck von
+diesem und jenem zu stellen; und da seine Worte verraten, daß er großen
+Anteil nimmt und das, was er sieht, versteht, bekämpft Lennart seine
+Verlegenheit und antwortet ihm zuerst zögernd, doch allmählich mit immer
+größerer Bereitwilligkeit.
+
+Bald sind Vater und die Kinder in eine tiefsinnige Diskussion über
+Luftschiffe und Flugmaschinen vertieft. Nachdem sie so recht in Zug
+gekommen sind, plaudern die Knaben unbefangen und teilen Vater alle ihre
+Pläne und Träume mit. Und wenn Vater auch begreift, daß die Knaben mit
+den Luftschiffen, die sie jetzt konstruieren, nicht weit fliegen können,
+imponiert ihm die ganze Sache doch. Seine kleinen Söhne sprechen von
+Aluminiummotoren, Äroplanen und Gleichgewichtslagen wie von den
+selbstverständlichsten Dingen. Er hat sie für rechte Dummköpfe gehalten,
+weil sie in der Schule nicht gut vorwärts kamen. Jetzt scheint es ihm
+mit einem Male, daß sie ein paar kleine Gelehrte seien.
+
+Und hochfliegende Gedanken und Hoffnungen, – das versteht Vater besser
+als irgend jemand. Er erkennt es wieder: er hat selbst so geträumt und
+hat durchaus keine Lust, über solche Träume zu lachen.
+
+An diesem Vormittag geht Vater nicht mehr aus, sondern bleibt sitzen und
+plaudert mit seinen Knaben, bis es Zeit ist, das Mittagessen zu holen
+und den Tisch zu decken. Und da sind Vater und die Knaben zu ihrer
+großen Überraschung richtig gute Freunde.
+
+ * * * * *
+
+Es ist elf Uhr abends, und Vater taumelt durch die Straßen. Die kleinen
+Jungen gehen neben ihm. Sie haben ihn im Wirtshaus gesucht und haben
+sich dicht an die Tür gestellt, ohne ein Wort zu sagen. Vater saß allein
+an einem Tisch, einen großen dunkeln Toddy vor sich, und hörte einer
+Damenkapelle zu, die am andern Ende des Zimmers spielte. Nach einem
+Weilchen war er unwillig aufgestanden und zu den Knaben hingegangen.
+»Was soll das heißen?« hatte er gefragt. »Warum kommt ihr hierher?« –
+»Du solltest doch nach Hause kommen, Vater,« sagten die Knaben. »Es ist
+doch der fünfte Dezember. Du hast ja versprochen – – –«
+
+Da hat sich Vater erinnert, daß Lennart ihm anvertraut hatte, heute sei
+Hugos Geburtstag, und daß er versprochen hätte, beizeiten nach Hause zu
+kommen. Aber das hatte er ganz vergessen. Hugo erwartete sich wohl ein
+Geburtstagsgeschenk von ihm, aber er hatte nicht daran gedacht, eins zu
+besorgen.
+
+Auf jeden Fall ist er mit den Knaben gegangen, und nun wandert er,
+unzufrieden mit ihnen und mit sich selbst, die Straße entlang. Als er
+heimkommt, steht der Geburtstagstisch gedeckt. Die Knaben haben es
+festlich machen wollen. Lennart hat Kuchen gebacken, die jetzt ein paar
+Stunden alt sind und wie Lappen aussehen. Sie haben von Mutter ein
+bißchen Geld bekommen, und dafür haben sie Nüsse, Mandeln und eine
+Flasche Himbeersaft gekauft.
+
+Alle diese Herrlichkeiten haben sie nicht allein genießen wollen,
+sondern haben gewartet, daß Vater heimkomme und sie mit ihnen teile.
+Nachdem sie sich nun mit Vater befreundet haben, können sie ein so
+großes Fest nicht ohne ihn feiern. Vater versteht das schon. Es
+schmeichelt ihm, daß sie sich nach ihm gesehnt haben, und in leidlich
+guter Laune läßt er sich an dem Tisch nieder. Aber halb betrunken, wie
+er ist, strauchelt er, als er Platz nehmen will, er hält sich an der
+Tischdecke fest, fällt zu Boden und zieht alle Herrlichkeiten mit. Als
+er wieder aufsteht, sieht er, wie der Himbeersaft über den Boden strömt
+und Backwerk und Konfekt zwischen Scherben von Porzellan und Glas
+verstreut liegen.
+
+Vater wirft einen Blick auf die langen Gesichter der Knaben, läuft zur
+Türe hinaus und kommt nicht vor dem Morgengrauen heim.
+
+ * * * * *
+
+An einem Vormittag im Februar gehen die Knaben mit Schlittschuhen über
+der Schulter durch die Straße. Sie sind nicht recht dieselben. Sie sind
+mager und blaß geworden und sehen ungepflegt und nachlässig aus. Ihr
+Haar ist nicht geschnitten, sie sind nicht ordentlich gewaschen, und
+Strümpfe und Schuhe zeigen Löcher. Wenn sie miteinander sprechen,
+brauchen sie eine Menge Gassenjungenausdrücke, und es kommt auch vor,
+daß ein Fluch über ihre Lippen gleitet.
+
+Es ist ein Umschwung bei den Knaben eingetreten, und dies schreibt sich
+von dem Abend her, an dem Vater vergaß, heimzukommen und Hugos
+Geburtstag zu feiern. Es war, als hätte sie bis dahin doch die Hoffnung
+aufrecht erhalten, daß eine baldige Änderung in ihrem Schicksal
+eintreten würde. In der ersten Zeit hatten sie darauf gerechnet, daß
+Vater ihrer bald müde werden und sie wieder heimschicken würde. Dann
+hatten sie sich eingebildet, Vater würde sie liebgewinnen und um
+ihretwillen zu trinken aufhören. Ja, sie hatten sich gedacht, daß Mutter
+und er sich versöhnen könnten, und daß sie alle glücklich sein würden.
+Aber an jenem Abend wurde es ihnen klar, daß dies alles unmöglich war.
+Vater konnte nichts andres lieben als das Saufen. Wenn er auch ab und zu
+einmal gut gegen sie war, so machte er sich doch eigentlich nichts aus
+ihnen.
+
+Und eine schwere Hoffnungslosigkeit bemächtigte sich der Knaben. Nichts
+könnte je anders werden. Sie würden nie von Vater loskommen. Sie hatten
+das Gefühl, als wären sie verurteilt, ihr ganzes Leben lang in einem
+dunkeln Gefängnis eingeschlossen zu sitzen.
+
+Nicht einmal ihre großen Pläne konnten sie trösten. Festgekettet, wie
+sie hier saßen, könnten sie die ja nie zur Ausführung bringen. Da sie ja
+doch nicht einmal etwas lernen durften ...! Sie kannten die Geschichte
+der großen Männer gut genug, um zu wissen, daß jeder, der etwas
+Bedeutendes leisten will, vor allem Kenntnisse braucht.
+
+Der härteste Schlag aber war gewesen, daß Mutter zu Weihnachten nicht zu
+ihnen gekommen war. Zu Anfang des Dezembers war sie auf der Treppe
+gefallen und hatte sich ein Bein gebrochen, so daß sie während der
+Weihnachtsferien im Krankenhaus liegen mußte und nicht nach Stockholm
+reisen konnte. Jetzt war Mutter wohl auf, aber jetzt hatte auch ihre
+Schule wieder begonnen. Überdies hatte sie kein Geld zur Reise. Alles,
+was sie zusammengespart hatte, war während ihrer Krankheit
+draufgegangen.
+
+Die Knaben fühlten sich von der ganzen Welt verlassen. Es war ganz klar,
+daß es ihnen nie besser gehen würde, wie sehr sie sich auch anstrengten;
+und darum hatten sie so allmählich aufgehört, sich mit dem zu plagen,
+was ihnen langweilig schien. Sie konnten ja ebensogut etwas tun, was
+ihnen Spaß machte.
+
+Manchmal betteten sie ihre Betten tagelang nicht auf, und sie hörten
+ganz auf, die Zimmer zu kehren. Es kam ja auf eins heraus. Es besuchte
+sie ja doch niemand, um nachzusehen, wie es ihnen ginge.
+
+Vater kam immer tiefer herunter. Er versuchte manchmal, sich
+aufzurütteln und die Knaben zur Ordnung anzuhalten, aber das waren nur
+ohnmächtige Anläufe. Er vergaß seine Befehle ebenso rasch, wie er sie
+gegeben hatte.
+
+Die Knaben hatten auch angefangen, die Vormittagsarbeit zu
+vernachlässigen. Niemand hörte ihnen die Aufgaben ab; und da hatte es ja
+keinen Zweck, daß sie lernten. Es war jetzt seit ein paar Tagen gutes
+Eis; so machten sie sich lieber Ferien und liefen Schlittschuh, solang
+es Tag war. Auf dem Eise gab es auch immer eine Menge andre Jungen, und
+sie hatten mit mehreren Bekanntschaft gemacht, die auch lieber
+Schlittschuh liefen als daheim saßen und lernten.
+
+Heute nun ist ein so wunderschöner Tag, daß sie unmöglich im Zimmer
+bleiben können. Es sind nur ein paar Grad Kälte, – stille, hohe Luft und
+klarer Sonnenschein. Es ist so herrliches Wetter, daß die Schulen
+Eislaufferien gegeben haben. Die ganze Straße ist voll von Kindern, die
+daheim waren, um ihre Schlittschuhe zu holen, und jetzt dem Eise
+zueilen.
+
+Wie die Knaben so unter den andern Kindern einhergehen, sehen sie sehr
+ernst und schwermütig aus. Kein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Ihr
+Unglück ist so groß, daß sie es keinen Augenblick vergessen können.
+
+Als sie aufs Eis kommen, herrscht dort Leben und Bewegung. Das Ufer ist
+von einer dichten Menschenmenge umsäumt, weiter draußen schwirren die
+Schlittschuhläufer durcheinander wie Ameisen, deren Haufen beschädigt
+worden ist; noch weiter weg sieht man einzelne schwarze Punkte, die in
+blitzschneller Fahrt dahingleiten.
+
+Die Knaben schnallen die Schlittschuhe an und mischen sich unter die
+übrigen Läufer. Sie laufen sehr gut; und wie sie so in voller Fahrt über
+das Eis schießen, bekommen ihre Wangen Farbe und die Augen Glanz, doch
+nicht eine Minute sehen sie froh und sorglos aus wie andre Kinder.
+
+Auf einmal, als sie gerade eine Wendung zum Ufer machen, erblicken sie
+etwas sehr Schönes. Ein großer Luftballon kommt aus der Richtung von
+Stockholm und treibt zur Ostsee hin. Er ist rot und gelb gestreift; und
+als die Sonne darauf fällt, leuchtet er wie eine Feuerkugel. Die Gondel
+ist mit einer Menge bunter Fähnchen geschmückt, und da der Ballon nicht
+sehr hoch fliegt, ist das lebhafte Farbenspiel sehr gut zu sehen.
+
+Als die Knaben den Ballon erblicken, stoßen sie einen Freudenschrei aus.
+Es ist das erstemal in ihrem Leben, daß sie einen großen Ballon durch
+die Luft segeln sehen. Er ist viel schöner, als sie ihn sich vorgestellt
+haben. Alle die Träume und Pläne, die in so vielen schweren Tagen ihr
+Trost und ihre Freude waren, tauchen wieder auf, da sie ihn erblicken.
+Sie bleiben stehen, um zu sehen, wie die Stricke und Leinen befestigt
+sind, sie bemerken den Anker und die Sandsäcke an der Gondelkante.
+
+Der Ballon streicht mit scharfer Geschwindigkeit über die vereiste
+Bucht. Alle Schlittschuhläufer, groß und klein durcheinander, stürzen
+ihm lachend und rufend entgegen, als er sich zeigt, und eilen ihm dann
+nach. Sie folgen ihm in einer langen geschwungenen Linie, wie ein
+ungeheures Schlepptau. Und die Luftschiffer vergnügen sich damit, eine
+Menge Papierchen in verschiedenen Farben auszuwerfen, die langsam durch
+die blaue Luft flattern.
+
+Die Knaben sind die vordersten in der langen Reihe, die dem Ballon
+nachjagt. Sie eilen voran, den Kopf zurückgeworfen, den Blick nach oben
+gerichtet. Zum ersten Male, seit sie von ihrer Mutter getrennt sind,
+strahlen ihre Augen von Glück. Sie sind ganz außer sich vor Entzücken
+über das Luftschiff und denken an nichts anderes, als ihm solange zu
+folgen wie nur möglich.
+
+Doch der Ballon treibt rasch dahin, und man muß schon ein guter Läufer
+sein, um nicht zurückzubleiben. Die Schar, die ihm nachjagt, lichtet
+sich, aber an der Spitze deren, die die Verfolgung fortsetzen, sind die
+kleinen Knaben. Sie sind so eifrig, daß man auf sie aufmerksam wird.
+Später sagten die Leute, es sei etwas eignes über ihnen gewesen. Sie
+lachten nicht, sie riefen nicht, aber es ruhte ein Glanz der
+Hingerissenheit auf ihren emporgewandten Gesichtern, als sähen sie eine
+Vision.
+
+Der Ballon wirkt auf die Kleinen auch fast so wie ein himmlischer
+Wegweiser, der käme, sie auf den rechten Pfad zurückzuführen und sie zu
+lehren, ihn mit frischem Mut zu gehen. Wie die Knaben ihn erblicken,
+schwellen ihre Herzen vor Sehnsucht danach, wieder an der großen
+Erfindung zu arbeiten. Sie sind wieder gewiß, daß es ihnen gelingen
+wird. Wenn sie nur ausharren, werden sie sich schon zum Siege
+durchringen. Und der Tag wird kommen, da sie ihr eignes Luftschiff
+besteigen und in den Raum hinaufschweben werden. Ja, eines Tages werden
+sie dort oben hoch über den Menschen fliegen. Und ihr Luftschiff wird
+weit vollkommener sein als dieses, das sie jetzt sehen. Es wird sich
+lenken und drehen, senken und heben lassen, wird gegen den Wind und ohne
+Wind gehen. Es wird sie durch Tage und Nächte tragen, wohin sie nur
+wollen. Sie werden sich auf den höchsten Berggipfeln niederlassen, die
+ödesten Wüsten durchfahren, die am schwersten zugänglichen Gegenden
+erforschen. Sie werden alle Herrlichkeit der Welt sehen.
+
+»Wir dürfen es nicht aufgeben, Hugo,« sagt Lennart. »Es wird prächtig
+sein, wenn wir nur fertig werden.«
+
+Vater und sein Unglück, – das ist etwas, was sie gar nichts mehr angeht.
+Wer ein so großes Ziel hat wie sie, kann sich wohl nicht von etwas
+Erbärmlichem hindern lassen.
+
+Je weiter der Ballon kommt, desto größer wird seine Geschwindigkeit. Die
+Schlittschuhläufer haben nun aufgehört, ihn zu verfolgen. Die einzigen,
+die die Jagd fortsetzen, sind die kleinen Knaben. Sie eilen so rasch und
+leicht dahin, als hätten sie Flügel an den Füßen.
+
+Plötzlich entringt sich den Menschen, die auf dem Lande stehen und weit
+über die Bucht schauen können, ein Schrei des Entsetzens und der Angst.
+Sie sehen, wie der Ballon, noch immer von den zwei Kindern verfolgt, dem
+offenen Fahrwasser zugleitet.
+
+»Draußen ist offenes Wasser! Offenes Wasser!« So rufen die Menschen.
+
+Die Schlittschuhläufer unten auf dem Eise hören die Rufe und wenden ihre
+Blicke der Mündung der Bucht zu. Sie sehen, daß weit draußen ein
+Streifen Wasser in der Sonne glitzert. Sie sehen auch, daß zwei kleine
+Knaben gerade auf diesen Streifen zulaufen, den sie nicht bemerken, weil
+sie die Augen auf den Ballon geheftet haben, ohne sie auch nur einen
+Moment zur Erde zu wenden.
+
+Man ruft mit aller Macht, man stampft auf das Eis, Schnelläufer eilen
+dahin, sie aufzuhalten. Aber die Kleinen merken nichts von alledem, wie
+sie so dem Luftschiff nachjagen. Sie wissen nicht, daß sie die einzigen
+sind, die es verfolgen: sie hören keine Rufe hinter sich, sie vernehmen
+nicht das Wogen und Brausen des offenen Wassers vor sich. Sie sehen nur
+den Ballon, der sie gleichsam mitzieht. Schon fühlt Lennart, wie sein
+eignes Luftschiff sich unter ihm erhebt, und Hugo schwebt über den
+geheimnisvollen Gegenden des Nordpols dahin.
+
+Die Leute auf dem Eise und am Strande sehen, wie rasch sich die Knaben
+dem offenen Wasser nähern. Ein paar Augenblicke herrscht eine so
+atemlose Spannung, daß sie weder rufen noch ein Glied rühren können. Es
+liegt wie eine Verzauberung über den beiden Kindern, die in ihrem wilden
+Dahinstürmen nichts merken, die dem Tode zueilen, einer strahlenden
+Himmelserscheinung nach.
+
+Die Luftschiffer oben im Ballon haben nun auch die kleinen Knaben
+bemerkt. Sie sehen, daß sie in Gefahr sind, sie schreien ihnen zu und
+machen warnende Gebärden, aber die Knaben verstehen sie nicht. Als sie
+sehen, daß die Luftschiffer ihnen Zeichen machen, glauben sie, jene
+wollten sie in die Gondel hinaufnehmen. Sie strecken die Arme zu ihnen
+empor, überglücklich in der Hoffnung, ihnen durch den strahlenden Raum
+folgen zu dürfen.
+
+In diesem Augenblick haben die Knaben den Wasserrand erreicht, mit
+emporgewendeten, freudestrahlenden Gesichtern und aufgehobenen Armen
+gleiten sie ins Meer und verschwinden ohne einen Hilferuf. Die
+Schlittschuhläufer, die versucht haben, sie einzuholen, stehen ein paar
+Sekunden später an der Eiskante, aber die Strömung hat die Körper unter
+das Eis gezogen, und keine helfende Hand kann sie erreichen.
+
+
+
+
+
+Herrn Arnes Schatz
+
+Im Pfarrhofe von Solberga
+
+1
+
+Zur Zeit, als König Friedrich II. von Dänemark Bohuslän regierte
+[1559-1588], wohnte in Marstrand ein armer Fischkrämer, der Torarin
+hieß. Er war ein schwacher und geringer Mann, sein einer Arm war lahm,
+so daß er weder zur Fischerei noch zum Rudern taugte. Er konnte seinen
+Unterhalt nicht auf der See verdienen wie die anderen Inselbewohner,
+sondern er zog umher und verkaufte eingesalzene und getrocknete Fische
+an die Leute auf dem Festlande. Er war nicht viele Tage des Jahres
+daheim, er zog immer von Dorf zu Dorf mit seinem Fischwagen.
+
+An einem Februartage, als die Dämmerung hereinbrach, kam Torarin den Weg
+gefahren, der von Kunghäll nach dem Kirchspiel Solberga führte. Es war
+ganz einsam und menschenleer auf dem Wege, aber Torarin brauchte sich
+darum nicht Schweigen aufzuerlegen. Er hatte neben sich auf der Fuhre
+einen verläßlichen Freund, mit dem er Zwiesprach pflegen konnte. Das war
+ein kleiner schwarzer Hund mit buschigem Fell, den Torarin Grim nannte.
+Er lag meistenteils still da, den Kopf zwischen die Beine geklemmt, und
+blinzelte nur zu allem, was sein Herr sagte. Aber wenn er etwas zu hören
+bekam, was ihm nicht behagte, dann stellte er sich auf der Fuhre auf,
+streckte die Schnauze in die Luft und heulte ärger als ein Wolf.
+
+»Nun will ich dir erzählen, Grim, mein Hund,« sagte Torarin, »daß ich
+heute große Neuigkeiten gehört habe. Sowohl in Kunghäll als in Kareby
+sagten sie mir, daß das Meer zugefroren sei. Es ist nun eine Zeitlang
+ruhiges schönes Wetter gewesen, das weißt du ja am besten, der du alle
+Tage draußen gewesen bist, und das Meer soll nicht nur in den Buchten
+und Sunden zugefroren sein, sondern weit hinaus ins Kattegat. Es gibt
+jetzt zwischen den Schären keinen Weg für Boote und Schiffe, da ist
+überall nur starkes hartes Eis, und man kann nun mit Schlitten und Pferd
+bis hinaus nach Marstrand und zur Paternosterschäre fahren.«
+
+Alles dies hörte der Hund, und es schien ihm nicht zu mißfallen. Er lag
+still da und blinzelte Torarin an.
+
+»Wir haben nicht mehr sonderlich viel Fische hier auf der Fuhre übrig,«
+sagte Torarin gleichsam überredend. »Was würdest du nun dazu sagen, wenn
+wir bei der nächsten Wegscheide einbögen und nach Westen zum Meere
+führen? Wir fahren an der Solberger Kirche vorbei und hinunter nach
+Ödmalsskil, und dann glaube ich nicht, daß es viel mehr als fünfviertel
+Meilen Wegs nach Marstrand sind. Es wäre doch eine schöne Sache, einmal
+heimkommen zu können, ohne Boot oder Fähre zu benutzen.«
+
+Sie fuhren über die lange Karebyer Heide, und obgleich den ganzen Tag
+ruhiges Wetter gewesen war, kam jetzt ein kalter Lufthauch über die
+Heide gestrichen und machte die Fahrt unbehaglich.
+
+»Es mag weichlich aussehen, daß wir so mitten in der besten Arbeitszeit
+heimfahren,« sagte Torarin und schlug der Kälte wegen mit den Armen um
+sich. »Aber wir sind nun doch viele Wochen unterwegs gewesen, du und
+ich, und können es gut brauchen, ein paar Tage daheim zu sitzen und die
+Kälte aus dem Körper auszutreiben.«
+
+Da der Hund noch immer still dalag, schien Torarin seiner Sache sicherer
+zu werden, und er fuhr in zuversichtlicherem Tone fort:
+
+»Nun hat Mutter viele, viele Tage einsam daheim in der Hütte gesessen.
+Sie sehnt sich wohl danach, uns wiederzusehen. Und in Marstrand geht es
+nun im Winter hoch her. Straßen und Gäßchen, Grim, sind voll von fremden
+Fischern und Kaufleuten. In den Seeschuppen gibt es jeden Abend Tanz.
+Und das viele Bier, das in den Schenken fließt! Das kannst du dir gar
+nicht denken.«
+
+Als Torarin dies sagte, beugte er sich zu dem Hunde hinab, um zu sehen,
+ob er auf das hörte, was er zu ihm sprach.
+
+Aber da der Hund ganz wach dalag und kein Zeichen des Mißvergnügens gab,
+bog Torarin in den ersten Weg ein, der nach Westen zum Meere führte. Er
+knallte mit der Peitsche und ließ das Pferd rasch traben.
+
+»Da wir am Solberger Pfarrhof vorbeikommen,« sagte Torarin, »werde ich
+wohl dort vorsprechen und fragen, ob es sicher ist, daß das Eis bis nach
+Marstrand trägt. Dort müssen sie wohl darüber Bescheid wissen.«
+
+Torarin hatte dies mit leiser Stimme gesagt, ohne daran zu denken, ob
+der Hund ihn hörte oder nicht. Aber kaum waren die Worte gesprochen, als
+der Hund sich auf der Fuhre aufstellte und ein entsetzliches Geheul
+ausstieß.
+
+Das Pferd machte einen Sprung zur Seite, und auch Torarin erschrak und
+drehte sich um, um zu sehen, ob ihm Wölfe nachjagten. Aber als er
+merkte, daß es Grim war, der so heulte, versuchte er ihn zu beruhigen.
+
+»Lieber,« sagte er zu ihm, »wie viele Male sind wir, du und ich, im
+Pfarrhof von Solberga eingekehrt. Ich kann ja nicht sagen, ob Herr Arne
+weiß, wie es mit dem Eise steht, aber das weiß ich sicher, daß er uns
+ein gutes Abendbrot vorsetzt, ehe wir unsere Seereise antreten.«
+
+Doch seine Worte vermochten den Hund nicht zu beschwichtigen. Er
+richtete die Schnauze empor und heulte immer furchtbarer.
+
+Da fehlte nicht viel, daß es Torarin unheimlich zumute geworden wäre. Es
+war nun beinahe dunkel geworden, aber Torarin konnte doch die Kirche von
+Solberga sehen und die weite Ebene ringsherum, die nach der Landseite
+von breiten bewaldeten Höhen geschützt dalag, und von runden nackten
+Felsenklippen nach dem Meere zu. Wie er da ganz mutterseelenallein über
+die weite weiße Ebene fuhr, kam er sich wie ein ganz geringes und
+kleines Gewürm vor, aber von den dunklen Wäldern und den öden
+Felsenklippen rückten große Ungeheuer und Trolle aller Art an, die sich
+nach Anbruch der Dunkelheit hinaus ins Land wagten. Und auf der ganzen
+Ebene gab es sonst niemand, auf den sie sich stürzen konnten, als den
+armen Torarin.
+
+Aber zu gleicher Zeit versuchte er den Hund zu beruhigen.
+
+»Lieber, was hast du gegen Herrn Arne? Er ist der reichste Mann im
+Lande. Er ist aus hohem Geschlecht, und wäre er nicht Geistlicher, so
+würde er ein mächtiger Anführer geworden sein.«
+
+Aber damit konnte er den Hund nicht zum Schweigen bringen. Da riß
+Torarin die Geduld, so daß er den Hund beim Nackenfell packte und ihn
+vom Wagen hinunterwarf.
+
+Der Hund lief ihm nicht nach, als er weiter fuhr, sondern blieb auf dem
+Wege stehen und heulte, bis Torarin durch ein dunkles Tor einfuhr und in
+den Hof des Pfarrhauses kam, der von vier langen niedrigen Holzbauten
+eingeschlossen wurde.
+
+
+2
+
+Im Pfarrhof von Solberga saß der Pfarrer, Herr Arne, und aß sein
+Abendbrot im Kreise aller seiner Hausgenossen. Es war kein Fremder
+zugegen außer Torarin.
+
+Der Pfarrer war ein alter, weißhaariger Mann, aber er war doch noch
+kräftig und hoch. Er hatte seine Gattin neben sich sitzen. Ihr hatten
+die Jahre übel mitgespielt. Ihr Kopf und ihre Hände zitterten, und sie
+war beinahe taub. An Herrn Arnes anderer Seite saß der Hilfspfarrer. Er
+war jung und bleich und hatte ein bekümmertes Aussehen, so als ob er
+alle die Gelehrsamkeit nicht tragen könnte, die er während seines
+Studienjahres in Wittenberg eingesammelt hatte.
+
+Diese drei saßen zu oberst am Tische, gleichsam ein wenig für sich. Nach
+ihnen kam Torarin, und dann die Diener. Diese waren auch alte Leute. Da
+waren drei Knechte, sie hatten Kahlköpfe, ihre Rücken waren gebeugt, und
+die Augen zwinkerten und tränten. Der Mägde waren nicht mehr als zwei.
+Sie waren etwas jünger und rüstiger als die Knechte, aber sie schienen
+doch hinfällig und voller Altersgebresten.
+
+Am allerweitesten unten am Tische saßen zwei Kinder. Das eine war Herrn
+Arnes Sohnestochter, sie zählte nicht mehr als vierzehn Jahre. Sie war
+blondhaarig und zartgliedrig, das Gesicht war noch nicht recht fertig,
+aber sie sah aus, als würde sie lieblich werden. Sie hatte ein anderes
+kleines Jüngferchen neben sich. Das war eine arme vater- und mutterlose
+Waise, die immer im Pfarrhof lebte. Die beiden saßen dicht aneinander
+geschmiegt auf der Bank, und es hatte den Anschein, als ob große
+Freundschaft zwischen ihnen herrschte.
+
+Alle diese Leute saßen da und aßen im tiefsten Schweigen. Torarin sah
+vom einen zum andern, aber keiner hatte Lust, während der Mahlzeit zu
+sprechen. Alle die Alten dachten bei sich: Es ist eine große Sache, sein
+Essen zu haben und nicht Not leiden oder hungern zu müssen, wie wir es
+in unserm Leben oftmals mußten. Während wir essen, dürfen wir an nichts
+anderes denken als daran, Gott für seine Güte zu danken.
+
+Da Torarin niemand hatte, mit dem er reden konnte, wanderten seine
+Blicke das Zimmer hinauf und hinab. Er ließ die Augen von dem großen
+Ofen, der in vielen Geschossen unten von der Eingangstüre hinaufgemauert
+war, zu dem großen Himmelbette schweifen, das in der entferntesten Ecke
+des Zimmers stand. Er blickte von den wandfesten Bänken, die rings um
+die Stube liefen, hinauf zum Windfang an der Decke, durch den der Rauch
+hinauszog und die Winterkälte hereinströmte.
+
+Als Torarin, der Fischkrämer, der in der kleinsten und ärmlichsten Hütte
+der Schären hauste, dies alles sah, dachte er: Wenn ich ein großer Herr
+wäre, wie Herr Arne, dann würde ich mich nicht damit begnügen, in einer
+uralten Hütte mit einer einzigen Stube zu wohnen. Ich würde mir ein Haus
+bauen mit Giebeln und vielen Gemächern, so wie der Bürgermeister und die
+Ratsmänner in Marstrand es tun.
+
+Aber am häufigsten heftete Torarin seine Blicke auf eine große
+Eichentruhe, die zu Füßen des Himmelbettes stand. Er sah sie so oft an,
+weil er wußte, daß Herr Arne darin all sein Silbergeld verwahrte, und er
+hatte gehört, es wäre so viel, daß es die Truhe bis hinauf zum Rande
+füllte.
+
+Und Torarin, der so arm war, daß er fast nie einen Silberling in der
+Tasche hatte, sagte zu sich selber: Ich möchte dieses Geld dennoch nicht
+haben. Man sagt, Herr Arne hätte es aus den großen Klöstern genommen,
+die früher einmal hier im Lande waren, und die alten Mönche hätten
+prophezeit, daß dieses Geld ihn ins Unglück stürzen würde.
+
+Als Torarin eben in diesen Gedanken dasaß, sah er, wie die alte
+Hausmutter die Hand an das Ohr hielt, um besser zu hören. Hierauf wandte
+sie sich an Herrn Arne und fragte ihn: »Warum schleifen sie Messer auf
+Branehög?«
+
+Es war eine so tiefe Stille im Zimmer, daß alle zusammenzuckten und
+erschrocken aufblickten, als die alte Frau dies fragte. Als sie sahen,
+daß sie dasaß und auf etwas horchte, hielten sie ihre Milchlöffel still
+und strengten sich an, um zu hören.
+
+Eine Weile war es ganz totenstill in der Stube, aber dabei wurde die
+alte Frau immer unruhiger und unruhiger. Sie legte die Hand auf Herrn
+Arnes Arm und fragte ihn: »Ich weiß nicht, warum sie heute abend auf
+Branehög so lange Messer schleifen?«
+
+Torarin sah, daß Herr Arne ihr über die Hand strich, um sie zu
+beruhigen. Aber er dachte nicht daran, zu antworten, sondern aß ruhig
+wie zuvor weiter.
+
+Die alte Frau saß noch immer da und horchte. Vor Angst traten ihr Tränen
+in die Augen, und ihre Hände und ihr Kopf zitterten immer heftiger.
+
+Da begannen die beiden kleinen Jüngferchen, die am Tischende saßen, vor
+Angst zu weinen.
+
+»Könnt ihr nicht hören, wie es scharrt und kratzt?« fragte die Alte.
+»Könnt ihr nicht hören, wie es zischt und knirscht?«
+
+Herr Arne saß still und streichelte seiner Frau die Hand. Solange er
+schwieg, wagte niemand sonst ein Wort zu äußern.
+
+Aber alle glaubten, daß die alte Hausmutter etwas höre, was entsetzlich
+und unheilbringend sei. Alle fühlten, wie das Blut in ihren Adern
+erstarrte. Es saß niemand am Tische, der noch einen Bissen zum Munde
+führte, außer dem alten Herrn Arne selbst.
+
+Sie dachten daran, daß die alte Hausmutter es war, die durch viele Jahre
+Sorge für das Haus getragen hatte. Sie war immer daheim auf dem Hofe
+geblieben und hatte mit Klugheit und Fürsorglichkeit über Kinder und
+Gesinde, über Hab und Gut und Viehstand gewacht, so daß alles gedieh.
+Nun war sie abgearbeitet und steinalt, aber es war doch gewiß, daß sie
+es vor allen anderen merken würde, wenn dem Hofe Gefahr drohte.
+
+Die alte Frau wurde immer ängstlicher und ängstlicher. Sie faltete die
+Hände, und in ihrer Hilflosigkeit begann sie so bitterlich zu weinen,
+daß große Tränen über die verschrumpften Wangen rollten.
+
+»Fragst du gar nicht danach, Arne Arneson, daß mir so bange ist?« klagte
+sie.
+
+Herr Arne beugte sich nun zu ihr hinab und sagte: »Ich weiß nicht, wovor
+du dich fürchtest.«
+
+»Ich fürchte mich vor den langen Messern, die sie auf Branehög
+schleifen,« sagte sie.
+
+»Wie kannst du hören, daß sie auf Branehög Messer schleifen?« sagte Herr
+Arne und lachte. »Der Hof liegt ja eine Viertelmeile Wegs von hier. Nimm
+nur wieder den Löffel zur Hand und laß uns unser Abendbrot beenden.«
+
+Die Alte versuchte, ihr Entsetzen zu unterdrücken. Sie nahm den Löffel
+und steckte ihn in die Milchschale, aber dabei zitterte ihre Hand so,
+daß alle hörten, wie der Löffel an den Rand schlug. Sie legte ihn gleich
+zurück. »Wie kann ich essen?« sagte sie. »Höre ich denn nicht, wie es
+knirscht? Höre ich denn nicht, wie es feilt?«
+
+Im selben Augenblicke schob Herr Arne den Milchnapf von sich und faltete
+die Hände. Alle anderen taten ein gleiches, und der Hilfsgeistliche
+begann das Tischgebet zu sprechen.
+
+Als dieses beendet war, sah Herr Arne zu denen hinunter, die unten am
+Tische saßen, und als er merkte, daß sie bleich und erschrocken
+aussahen, wurde er zornig.
+
+Er fing mit ihnen von den Zeiten zu sprechen an, als er eben nach
+Bohuslän gekommen war, um die lutherische Lehre zu predigen. Da hatten
+er und seine Diener vor den Päpstlichen fliehen müssen wie gehetzte
+wilde Tiere. »Haben wir nicht unsere Feinde im Hinterhalt auf uns lauern
+sehen, wenn wir in das Haus Gottes zogen? Waren wir nicht aus dem
+Pfarrhof vertrieben, und haben wir nicht gleich Friedlosen in den Wald
+ziehen müssen? Steht es uns an, eines bösen Omens wegen den Mut zu
+verlieren und zu verzweifeln?«
+
+Wie Herr Arne so sprach, sah er aus wie ein Recke, und die anderen
+faßten frischen Mut, als sie ihn hörten.
+
+Das ist ja wahr, dachten sie. Gott hat Herrn Arne in den größten
+Gefahren beschützt. Er hält seine Hand über ihm. Er läßt seinen Diener
+nicht untergehen.
+
+
+3
+
+Als Torarin auf die Straße hinausfuhr, kam ihm sein Hund Grim entgegen
+und sprang auf die Fuhre hinauf. Als Torarin sah, daß der Hund vor dem
+Pfarrhof gewartet hatte, wurde er aufs neue unruhig. »Lieber, warum
+stehst du den ganzen Abend hier unterm Tore? Warum gehst du nicht in die
+Hütte und läßt dir einen Abendimbiß geben?« sagte er zum Hunde. »Kann
+Herrn Arne etwas Böses bevorstehen? Vielleicht habe ich ihn zum
+letztenmal gesehen. Aber auch ein solcher Recke wie er muß wohl einmal
+sterben. Er ist nun wohl an die neunzig Jahre alt.«
+
+Er lenkte das Pferd auf einen Weg, der an dem Hofe Branehög vorbei hinab
+nach Ödmalsskil führte.
+
+Als er nach Branehög kam, sah er, daß Schlitten auf dem Hofe standen und
+ein Lichtschein durch die verschlossenen Fensterladen drang.
+
+Da sagte Torarin zu Grim. »Hier sind die Leute noch auf. Ich will
+hineinfahren und fragen, ob sie heute abend hier im Hause Messer
+geschliffen haben.«
+
+Er fuhr in den Hof, aber als er die Tür zur Stube öffnete, sah er, daß
+darinnen ein Gastmahl abgehalten wurde. Auf den Bänken, den Wänden
+entlang, saßen alte Männer und tranken Bier, und auf der Diele gingen
+die Jungen umher und spielten und tanzten.
+
+Torarin sah sogleich, daß hier niemand daran dachte, seine Waffen zu
+blutiger Tat zu bereiten. Er schlug die Türe wieder zu und wollte seiner
+Wege gehen, aber der Herr des Hauses kam ihm nach. Er bat Torarin, zu
+bleiben, da er nun einmal gekommen wäre, und zog ihn mit hinein in die
+Stube.
+
+Torarin saß eine gute Weile in großem Behagen da und plauderte mit den
+Bauern. Sie waren sehr aufgeräumt, und Torarin war es zufrieden, sich
+alle düsteren Gedanken aus dem Sinne zu schlagen.
+
+Aber Torarin war nicht der einzige, der an diesem Abend spät zum
+Gastmahl kam. Lange nachher traten ein Mann und eine Frau zur Türe
+herein. Sie waren dürftig gekleidet, und sie blieben verzagt in der Ecke
+zwischen der Tür und dem Herde stehen.
+
+Der Wirt ging sogleich zu den beiden Gästen hin. Er nahm sie beide bei
+der Hand und führte sie hinauf in die Stube. Dann sagte er zu den
+übrigen. »Ist es nicht wahr, was man sagt: die, die den kürzesten Weg
+haben, kommen am spätesten ans Ziel? Dies sind meine nächsten Nachbarn.
+Es gibt keine anderen Ansiedler hier in Branehög, als sie und mich.«
+
+»Sage lieber gleich, daß es keine gibt außer dir,« sagte der Mann. »Du
+kannst mich nicht einen Ansiedler nennen. Ich bin nur ein armer Köhler,
+den du auf deinem Boden bauen ließest.«
+
+Der Mann setzte sich neben Torarin, und sie begannen miteinander zu
+sprechen. Der neue Ankömmling erzählte Torarin, warum er so spät zum
+Gastmahl käme. Das wäre, weil sie daheim in ihrer Hütte einen Besuch
+gehabt hätten, den sie nicht allein zu lassen wagten. Es wären drei
+Gerbergesellen, die den ganzen Tag bei ihnen verbracht hätten. Am
+Morgen, als sie gekommen wären, wären sie ermattet und krank gewesen.
+Sie hätten gesagt, sie seien eine ganze Woche im Walde umhergeirrt. Aber
+nachdem sie gegessen und geschlafen hätten, wären sie bald zu Kräften
+gekommen, und am Abend hätten sie gefragt, welches Gehöft das reichste
+und größte in der Gegend sei. Dorthin wollten sie gehen, um Arbeit zu
+suchen. Die Frau hätte ihnen geantwortet, daß der Pfarrhof, wo Herr Arne
+wohnte, das ansehnlichste Anwesen wäre. Da hätten sie alsogleich aus
+ihren Ränzeln lange Messer gezogen und angefangen, sie zu schleifen.
+Dies hätten sie eine gute Weile fortgesetzt, und dabei hätten sie so
+wild ausgesehen, daß der Köhler und sein Weib nicht gewagt hätten, das
+Haus zu verlassen. »Ich sehe sie noch vor mir, wie sie dasaßen und mit
+ihren Messern knirschten,« sagte der Mann. »Sie sahen furchtbar aus, sie
+hatten große Bärte, die sie so manchen Tag nicht gestutzt oder gepflegt
+hatten, und sie waren in zottige Fellröcke gekleidet, die zerfetzt und
+schmutzig waren. Ich glaubte, es seien zwei Werwölfe in die Stube
+gekommen. Ich war froh, als sie sich endlich trollten.«
+
+Als Torarin dies hörte, erzählte er dem Köhler, was er selbst im
+Pfarrhof mitgemacht hatte.
+
+»Also war es doch wahr, daß sie heute abend in Branehög Messer
+schliffen,« sagte Torarin und lachte. Er hatte viel getrunken, weil er
+so traurig und bedrückt auf den Hof gekommen war. Und so hatte er denn
+versuchen müssen, sich zu trösten, so gut er konnte. »Nun bin ich wieder
+froh,« sagte er, »da ich jetzt weiß, daß die Pfarrersfrau kein anderes
+Vorzeichen gehört hat als ein paar Gerber, die ihre Werkzeuge in Ordnung
+brachten.«
+
+
+4
+
+Lange nach Mitternacht traten ein paar Männer aus der Stube auf
+Branehög, um ihre Pferde anzuschirren und heimzufahren.
+
+Als sie auf den Hof kamen, sahen sie im Norden eine Feuersbrunst zum
+Himmel flackern. Sie eilten sogleich in die Stube zurück und riefen:
+»Stehet auf! Stehet auf! Der Pfarrhof von Solberga steht in Flammen!«
+
+Es waren viele Leute bei dem Gastmahl, und wer ein Pferd hatte, schwang
+sich darauf und eilte zum Pfarrhof, aber beinahe ebenso rasch kamen die
+ans Ziel, die auf ihren eigenen flinken Füßen hinlaufen mußten. Als die
+Leute zum Pfarrhof kamen, schien da kein Mensch auf zu sein, sondern
+alle schienen zu schlafen, obgleich das Feuer hoch zum Himmel loderte.
+
+Aber es war keines der Häuser, das brannte, sondern ein großer Haufen
+Reisig und Stroh und Holz, der an der Wand des alten Pfarrhauses
+aufgeschichtet war. Er konnte noch nicht lange gebrannt haben. Die
+Flammen hatten gerade nur das gute Zimmerholz der Wand geschwärzt und
+den Schnee auf dem Strohdache zum Schmelzen gebracht. Jetzt war jedoch
+das Stroh des Daches im Begriffe anzubrennen. Alle begriffen sogleich,
+daß dies ein Mordbrand war. Sie fingen zu zweifeln an, ob Herr Arne und
+seine Hausgenossen wirklich schliefen, oder ob ein Unglück sie getroffen
+hätte.
+
+Aber bevor die Retter in das Haus drangen, wälzten sie mit langen
+Stangen den brennenden Scheiterhaufen von der Hauswand fort und
+kletterten auf das Dach und rissen das Stroh ab, das zu rauchen begonnen
+hatte und nahe daran war, Feuer zu fangen.
+
+Dann gingen ein paar Männer auf die Haustüre zu, um einzutreten und
+Herrn Arne zu wecken, aber als der, der voranging, zur Schwelle kam,
+wich er zur Seite und ließ einem den Vortritt, der nach ihm kam.
+
+Dieser machte einen Schritt vorwärts, aber als er die Hand nach dem
+Türgriff ausstrecken wollte, ging er zurück und machte jenen Platz, die
+hinter ihm standen.
+
+Es deuchte sie eine grausige Tür, die da zu öffnen war; denn es kam ein
+breiter Blutstrom unter der Schwelle hervorgerieselt, und der Türgriff
+war mit Blut besudelt.
+
+Da ging die Türe vor ihnen auf, und Herrn Arnes Hilfsgeistlicher kam
+heraus. Er taumelte auf die Männer zu, er hatte eine tiefe Wunde im
+Kopfe und war blutüberströmt. Er stand einen Augenblick aufrecht und
+reckte seine Hand empor, um Schweigen zu gebieten. Dann sagte er mit
+röchelnder Stimme:
+
+»In dieser Nacht ist Herr Arne und sein ganzes Haus von drei Männern
+ermordet worden, die durch den Windfang des Daches hereingeklettert
+kamen und in zottige Felle gehüllt waren. Sie stürzten sich über uns her
+wie wilde Tiere und töteten uns.«
+
+Mehr vermochte er nicht zu sagen. Er fiel vor den Füßen der Männer hin
+und war tot.
+
+Nun traten die Leute in das Haus und fanden alles so, wie der
+Hilfspfarrer gesagt hatte.
+
+Die große Eichentruhe, in der Herr Arne sein Geld verwahrte, war
+verschwunden, und Herrn Arnes Pferd war aus dem Stalle genommen, und
+sein Schlitten aus dem Schuppen.
+
+Es führten Schlittenspuren vom Hofe über die Pfarrhofwiesen hinab zum
+Meere, und ein Dutzend Männer eilten davon, um die Mörder zu greifen.
+Aber die Frauen mühten sich um die Toten und trugen sie aus der
+bluttriefenden Stube hinaus in den reinen Schnee.
+
+Da fand man nicht alle von Herrn Arnes Hausgenossen, sondern einer
+fehlte. Es war die arme Jungfrau, die Herr Arne in sein Haus aufgenommen
+hatte. Da herrschte große Verwunderung, ob es ihr vielleicht geglückt
+wäre, zu entfliehen, oder ob die Räuber sie mitgenommen hätten.
+
+Aber als sie das ganze Haus genau durchsuchten, fanden sie sie zwischen
+dem großen Ofen und der Wand versteckt. Sie hatte sich während des
+Kampfes dort verborgen gehalten und war ganz unversehrt. Aber sie war
+vom Schrecken so mitgenommen, daß sie nicht Rede noch Antwort stehen
+konnte.
+
+
+
+Auf den Brücken
+
+Die arme Jungfrau, die von dem Blutbade verschont geblieben war, hatte
+Torarin mit nach Marstrand genommen. Er hatte ein so großes Mitleid für
+sie gefaßt, daß er ihr angeboten hatte, in seiner engen Hütte zu wohnen
+und Speise und Trank mit ihm und seiner Mutter zu teilen.
+
+Dies ist das einzige, was ich für Herrn Arne tun kann, dachte Torarin,
+zum Lohn für alle die vielen Male, wo er mir meine Fische abgekauft hat
+und mich an seinem Tische essen ließ.
+
+So arm und gering ich auch bin, dachte Torarin, ist es doch besser für
+die Jungfrau, daß sie mit mir in die Stadt kommt, als wenn sie hier bei
+den Bauern bleibt. In Marstrand gibt es viele reiche Bürger, und die
+Jungfrau wird vielleicht bei einem von ihnen einen Dienst finden und so
+ihr gutes Auskommen haben.
+
+In den ersten Tagen, nachdem die Jungfrau zur Stadt gekommen war, saß
+sie da und weinte vom Morgen bis zum Abend. Sie jammerte über Herrn Arne
+und sein Haus, und sie klagte, weil sie alle verloren hatte, die ihr
+nahe standen. Am meisten jedoch wehklagte sie über ihre Milchschwester
+und sagte, sie wünschte, sie hätte sich nicht an der Mauer versteckt, so
+daß sie ihr in den Tod hätte folgen können.
+
+Torarins Mutter sagte nichts dazu, solange der Sohn daheim war. Aber als
+er wieder seine Fahrt angetreten hatte, sagte sie eines Morgens zu der
+Jungfrau:
+
+»Ich bin nicht so reich, Elsalill, daß ich dir Nahrung und Kleidung
+geben kann, damit du hier mit den Händen im Schoße sitzest und deinen
+Kummer hütest. Komm du mit mir hinunter auf die Brücken und lerne Fische
+reinigen!«
+
+Da ging Elsalill mit ihr hinunter auf die Brücken und stand den ganzen
+Tag unter den anderen Fischerinnen und arbeitete.
+
+Aber die meisten Frauen auf den Brücken waren jung und frohgemut. Sie
+begannen mit Elsalill zu sprechen und fragten sie, warum sie so traurig
+und stumm wäre.
+
+Da begann Elsalill ihnen zu erzählen, was für ein Abenteuer ihr vor
+nicht mehr als drei Nächten widerfahren war. Sie erzählte von den drei
+Räubern, die durch den Windfang des Daches in die Stube gedrungen waren
+und alle gemordet hatten, die ihr im Leben nahe standen.
+
+Als Elsalill dies erzählte, fiel ein schwarzer Schatten auf den Tisch,
+an dem sie stand und arbeitete. Und als sie aufsah, standen vor ihr drei
+vornehme Herren, die breite Hüte mit großen Federn trugen und
+Samtkleider mit großen Puffen, die mit Seide und Gold bestickt waren.
+
+Einer von ihnen schien der Vornehmste zu sein. Er war sehr bleich, sein
+Bart war geschoren, und die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Es hatte
+den Anschein, als wäre er jüngst krank gewesen. Aber sonst sah er aus
+wie ein fröhlicher und kühner Kavalier, der auf den besonnten Brücken
+umherging, um die Leute seine schönen Kleider und sein schönes Gesicht
+sehen zu lassen.
+
+Elsalill hielt mit der Arbeit und mit der Erzählung inne. Sie stand mit
+offenem Munde und aufgerissenen Augen da und betrachtete ihn. Und er
+lächelte ihr zu.
+
+»Wir sind nicht hergekommen, um dich zu erschrecken, Jungfrau,« sagte
+er, »und wir bitten dich, daß du auch uns gestattest, deiner Erzählung
+zu lauschen.«
+
+Die arme Elsalill, niemals in ihrem ganzen Leben hatte sie einen solchen
+Mann gesehen. Sie vermeinte, vor ihm nicht sprechen zu können. Sie
+schwieg nur und sah hinunter auf ihre Arbeit.
+
+Da begann der Fremde noch einmal: »Sei doch nicht bange, Jungfrau. Wir
+sind Schotten, die wohl an die zehn Jahre in den Diensten des Königs
+Johann von Schweden gestanden haben, aber jetzt haben wir Urlaub und
+wollen heimreisen. Wir sind nach Marstrand gekommen, um eine
+Fahrgelegenheit nach Schottland hinüber zu finden, aber als wir
+herkamen, lagen alle Sunde und Fjorde gefroren, und hier müssen wir nun
+bleiben und warten. Wir haben keinerlei Beschäftigung, und darum
+schlendern wir über die Brücken, um Leute zu treffen. Wir wären froh,
+Jungfrau, wenn du uns deine Geschichte hören ließest.«
+
+Elsalill begriff, daß er so lange sprach, um ihr Zeit zu geben, ihre
+Fassung wiederzuerlangen. Endlich dachte sie bei sich selber: Du mußt
+doch wohl zeigen, daß du nicht zu gering bist, um mit einem hohen Herrn
+zu sprechen, Elsalill! Du bist doch eine Jungfrau von guter Geburt, und
+keine Fischerdirne!
+
+»Ich sprach nur von dem großen Blutbade im Pfarrhofe von Solberga,«
+sagte Elsalill. »Es sind ihrer so viele, die davon zu erzählen wissen.«
+
+»Ja,« sagte der Fremde, »aber ich wußte bis jetzt nicht, daß jemand von
+Herrn Arnes Leuten mit dem Leben davongekommen ist.«
+
+Da erzählte Elsalill noch einmal von dem Eindringen der wilden Räuber.
+Sie erzählte, wie die alten Knechte sich um Herrn Arne geschart hatten,
+um ihn zu schützen, und wie Herr Arne selbst sein Schwert von der Wand
+gerissen hatte und auf die Räuber eingedrungen war, die aber hatten sie
+alle besiegt. Und die alte Pfarrersfrau hatte das Schwert ihres Mannes
+aufgehoben und war auf die Räuber losgegangen, aber sie hatten sie nur
+ausgelacht und sie mit einem Holzscheit zu Boden geschlagen. Und alle
+die anderen Frauen hatten sich auf die Ofenmauer verkrochen, aber als
+die Männer tot waren, kamen die Mörder und rissen sie herunter und
+mordeten sie. »Die letzte, die sie töteten,« sagte Elsalill, »war meine
+liebe Pflegeschwester. Sie bat so flehentlich um ihr Leben, und zwei von
+ihnen wollten es ihr schenken, aber der dritte sagte, alle müßten
+sterben, und stach ihr sein Messer ins Herz.«
+
+Solange Elsalill von Mord und Blut sprach, standen die drei Männer vor
+ihr still. Sie tauschten keinen Blick miteinander, aber ihre Ohren
+wurden gleichsam lang vom Horchen, und ihre Augen funkelten, und
+zuweilen öffneten sich ihre Lippen, so daß die Zahnreihen
+hervorleuchteten.
+
+Elsalill stand da, die Augen voll Tränen, nicht ein einzigesmal sah sie
+auf, während sie sprach. Sie sah nicht, daß der Mann vor ihr Augen und
+Zähne hatte wie ein Wolf. Erst als sie zu Ende gesprochen hatte,
+trocknete sie ihre Tränen und sah zu ihm auf.
+
+Doch als er Elsalills Augen begegnete, veränderte sich sein Gesicht
+alsogleich.
+
+»Da du die Mörder so gut gesehen hast, Jungfrau,« sagte er, »hättest du
+sie wohl sogleich wiedererkannt, wenn du ihnen begegnet wärest?«
+
+»Hab’ ich sie doch nicht anders gesehen als beim Schein der Kienspäne,
+die sie aus dem Herde rissen, um sich beim Morden zu leuchten,« sagte
+Elsalill, »aber dennoch würde ich sie mit Gottes Hilfe wohl
+wiedererkennen. Und ich bete alle Tage zu Gott, daß ich ihnen begegnen
+möchte.«
+
+»Was meinst du damit, Jungfrau?« fragte der Fremde. »Ist es nicht wahr,
+daß die mörderischen Wanderer tot sind?«
+
+»Ja, das weiß ich wohl,« sagte Elsalill. »Die Bauern, die ihnen
+nachjagten, verfolgten ihre Spuren vom Pfarrhofe bis zu einer Wake im
+Eise. Bis dorthin sahen sie auf dem blanken Eisspiegel Spuren von
+Schlittenkufen, Spuren von Pferdehufen, Fußstapfen von Menschen, die
+harte, eisenbeschlagene Schuhe getragen hatten. Aber von der Wake
+führten keine Spuren weiter über das Eis, und darum glaubten die Bauern,
+daß alle tot wären.«
+
+»Glaubst du, Elsalill, denn nicht, daß sie tot sind?« fragte der Fremde.
+
+»Doch, ich glaube wohl, daß sie ertrunken sind,« sagte Elsalill, »und
+dennoch bete ich jeden Tag zu Gott, daß sie entronnen sein möchten. Ich
+spreche so zu Gott: Laß es so sein, daß sie nur mit Pferd und Schlitten
+in die Wacke gefahren, daß sie selbst aber davongekommen sein möchten.«
+
+»Warum wolltest du das, Elsalill?« fragte der Fremde.
+
+Das zarte Mägdlein Elsalill, das warf den Kopf zurück, und ihre Augen
+leuchteten: »Ich wollte wohl, daß sie lebten, damit ich sie ausfindig
+machen und greifen könnte. Ich wollte, daß sie lebten, damit ich ihnen
+das Herz aus der Brust reißen könnte. Ich wollte, daß sie lebten, damit
+ich ihren Leib in vier Teile zerstückelt auf das Rad geflochten sähe.«
+
+»Wie wolltest du dies alles bewerkstelligen?« sagte der Fremde. »Du bist
+ja nur so ein schwaches, kleines Jungfräulein.«
+
+»Wenn sie lebten,« sagte Elsalill, »dann würde ich sie schon der Strafe
+zuführen. Lieber wollte ich selbst in den Tod gehen, als sie entrinnen
+lassen. Sie mögen wohl stark und gewaltig sein, das weiß ich, aber mir
+würden sie nicht entrinnen können.«
+
+Da lächelte der Fremde, aber Elsalill stampfte mit dem Fuße.
+
+»Wenn sie lebten, dann würde ich dessen wohl eingedenk sein, daß sie mir
+mein Heim genommen haben, so daß ich jetzt eine arme Dirne bin, die auf
+der kalten Brücke stehen und Fische schuppen muß. Ich würde mich dessen
+erinnern, daß sie alle getötet haben, die mir nahe standen. Und
+besonders würde ich mich seiner erinnern, der meine Milchschwester von
+der Mauer herunterzerrte und sie mordete, die mir so hold gesinnt war.«
+
+Aber als die kleine zarte Jungfrau so großen Zorn zeigte, da begannen
+die drei schottischen Kriegsleute zu lachen. Sie waren so lachlustig,
+daß sie ihrer Wege gingen, damit Elsalill keinen Anstoß daran nähme. Sie
+gingen über den Hafen ein enges Gäßchen hinauf, das zum Marktplatz
+führte. Aber noch lange, nachdem sie verschwunden waren, hörte Elsalill,
+wie sie aus vollem Halse lachten, höhnisch und gellend.
+
+
+
+Die Ausgesandte
+
+Acht Tage nach seinem Tode wurde Herr Arne in der Kirche von Solberga
+beigesetzt, und an demselben Tage wurde auf dem Thingplatze von Branehög
+Untersuchung über den Mord gehalten.
+
+Aber Herr Arne war ein wohlbekannter Mann in Bohuslän gewesen, und an
+seinem Begräbnistage kamen so viele Menschen, vom Festlande wie von den
+Schären, zusammen, daß es war, wie wenn ein Kriegsheer sich um seinen
+Anführer sammelt. Und über die Felder zwischen der Kirche von Solberga
+und Branehög wanderten so viele Leute, daß es am Abend keinen Zollbreit
+Schnee gab, der nicht von Menschen niedergetreten war.
+
+Doch spät nachts, als alle diese Leute ihrer Wege gezogen waren, kam
+Torarin, der Fischkrämer, den Weg von Branehög herauf nach Solberga
+gefahren.
+
+Torarin hatte im Laufe des Tages mit vielen Menschen gesprochen. Wieder
+und wieder hatte er von Herrn Arnes Tod erzählt. Er war auch auf dem
+Thingplatze wohl verpflegt worden und hatte so manchen Bierkrug leeren
+müssen, mit Wanderern, die von weither kamen.
+
+Torarin fühlte sich schwer und träge, er hatte sich auf seiner Fuhre
+niedergelegt. Er war betrübt, daß Herr Arne dahingegangen war, und als
+er in die Nähe des Pfarrhofs kam, begannen ihn noch schwerere Gedanken
+zu quälen. »Grim, mein Hund,« sagte er, »wenn ich an dieses Vorzeichen
+mit den Messern geglaubt hätte, hätte ich das ganze Unheil abwehren
+können. Ich denke oft daran, Grim, mein Hund. Mir ist so ängstlich
+zumute, ganz, als hätte ich selbst mit dazu geholfen, Herrn Arne aus der
+Welt zu schaffen. Merke nun wohl, was ich sage: wenn ich das nächste Mal
+so etwas höre, werde ich es glauben und mich danach richten.«
+
+Aber während Torarin auf dem Wagen lag und mit halbgeschlossenen Augen
+vor sich hindämmerte, ging sein Pferd, wie es ihm gefiel; und als es zum
+Pfarrhof von Solberga kam, da trabte es aus alter Gewohnheit in den Hof
+und ging bis zur Stalltüre. Torarin wußte von nichts. Erst als das Pferd
+stehen blieb, richtete er sich auf und sah sich um. Er schauderte
+zusammen, als er sah, daß er sich auf dem Hofe vor einem Hause befand,
+wo erst vor einer Woche so viele Menschen ermordet worden waren.
+
+Er griff sogleich nach den Zügeln. Er wollte das Pferd umdrehen und
+wieder auf den Weg hinausfahren, aber in demselben Augenblick klopfte
+ihm jemand auf die Schulter, und er sah sich um. Da stand neben ihm der
+alte Olof, der Pferdeknecht, der im Pfarrhofe gedient hatte, solange
+Torarin überhaupt zurückdenken konnte.
+
+»Hast du es so eilig, heute nacht vom Hofe wegzufahren, Torarin?« sagte
+der Alte. »Komm doch lieber ins Haus hinein! Herr Arne sitzt da und
+wartet auf dich.«
+
+Torarin gingen tausend Gedanken durch den Kopf. Er wußte nicht, ob er
+träumte oder wachte. Olof, den Pferdeknecht, den er frisch und lebend
+vor sich stehen sah, hatte er vor einer Woche tot neben den anderen
+liegen sehen, mit einer großen Wunde im Halse.
+
+Torarin faßte die Zügel fester. Es deuchte ihn das Beste, rasch
+fortzukommen. Aber die Hand Olofs, des Pferdeknechts, lag noch auf
+seiner Schulter, und der Alte fuhr fort, in ihn zu dringen.
+
+Torarin grübelte hin und her, um eine Ausflucht zu finden. »Es lag mir
+nicht im Sinn, Herrn Arne zu so später Stunde zu stören,« sagte er. »Das
+Pferd ist hergetrabt, ohne daß ich davon wußte. Ich will jetzt
+weiterfahren und mir eine Herberge für die Nacht suchen. Wenn Herr Arne
+mich sprechen will, kann ich wohl morgen wiederkommen.«
+
+Damit beugte Torarin sich vor und schlug mit der Peitsche nach dem
+Pferde, damit es sich in Bewegung setze.
+
+Allein im selben Augenblick stand der Pfarrhofknecht vorne beim Kopfe
+des Pferdes, faßte es am Zaumzeug und zwang es, still zu stehen. »Sei
+nicht halsstarrig, Torarin,« sagte der Knecht. »Herr Arne ist noch nicht
+zu Bett gegangen, er sitzt da und wartet auf dich. Und du mußt doch
+wissen, daß du hier ein ebenso gutes Nachtquartier finden kannst wie auf
+irgendeinem anderen Hofe im Kirchspiel.«
+
+Da wollte Torarin antworten, daß er sich nicht damit begnügen könnte, in
+einem Hause ohne Dach zu wohnen. Aber bevor er etwas sagte, warf er
+einen Blick auf das Wohngebäude. Da sah er das alte Dach ebenso
+wohlbehalten und ansehnlich wie vor dem Brande dastehen. Und doch hatte
+Torarin noch an demselben Morgen den nackten Dachstuhl in die Luft ragen
+sehen.
+
+Er schaute und schaute und rieb sich die Augen, aber das Pfarrhaus stand
+ganz gewiß unversehrt da, mit Stroh und Schnee auf dem Dache. Durch den
+Windfang sah er Rauch und Funken aufflattern. Und durch die
+wohlverschlossenen Fensterladen sah er den Lichtschein hinaus auf den
+Schnee fallen.
+
+Wer weit auf der kahlen Landstraße umherzieht, weiß sich keinen
+traulicheren Anblick als den Lichtschein, der aus einer warmen Stube
+dringt. Aber Torarin wurde nur noch erschrockener, als er vorher gewesen
+war. Er peitschte das Pferd, so daß es sich bäumte und ausschlug. Aber
+nicht um einen Schritt brachte er es von der Stalltüre fort.
+
+»Komm du nur mit herein, Torarin,« sagte der Stallknecht. »Ich dachte,
+du wolltest doch in dieser Sache nichts mehr zu bereuen haben.«
+
+Nun kam es Torarin wieder in den Sinn, was er sich auf dem Wege gelobt
+hatte. Und während er eben noch mit hocherhobener Peitsche auf dem Wagen
+gestanden hatte, wurde er mit einem Male so zahm wie ein Lamm.
+
+»Sieh her, Olof, hier bin ich also!« sagte er und sprang von der Fuhre
+hinunter. »Es ist wahr, daß ich in dieser Sache nichts zu bereuen haben
+will. Führe mich jetzt hinein zu Herrn Arne!«
+
+Aber die schwersten Schritte, die Torarin noch gegangen war, waren die,
+die er über den Hof zum Hause hin machte.
+
+Als die Tür aufging, schloß Torarin die Augen, um nicht in die Stube
+sehen zu müssen. Aber er suchte sich Mut zu machen, indem er an Herrn
+Arne dachte. »Er hat dir so manche gute Mahlzeit gegeben. Er hat deine
+Fische gekauft, wenn auch seine eigene Vorratskammer voll war. Er ist
+dir immer im Leben wohlgesinnt gewesen, und sicherlich will er dir auch
+nach seinem Tode nicht schaden. Vielleicht will er einen Dienst von dir
+verlangen. Du darfst nicht vergessen, Torarin, daß man Dankbarkeit
+zeigen muß, auch gegen die Toten.«
+
+Torarin schlug die Augen auf und sah in die Stube. Da sah er den großen
+Raum, ganz wie er ihn immer gesehen hatte. Er erkannte den hohen
+gemauerten Ofen wieder und die gewebten Tücher, die die Wände
+bekleideten. Aber er schaute viele Male von Wand zu Wand und vom Boden
+zur Decke, bevor er sich ein Herz faßte und zu dem Tische und der Bank
+hinsah, wo Herr Arne immer gesessen hatte.
+
+Aber endlich blickte er auch dorthin, und da sah er Herrn Arne selbst
+leibhaftig am Tische sitzen mit seiner Gattin und dem Hilfspastor zur
+Rechten und zur Linken, so wie er ihn vor acht Tagen gesehen hatte. Er
+schien eben seine Mahlzeit beendigt zu haben, er hatte den Teller
+zurückgeschoben, und der Löffel lag vor ihm auf dem Tische. Alle die
+alten Diener und Dienerinnen saßen am Tische, aber nur eine von den
+jungen Jungfrauen.
+
+Torarin stand lange unten an der Tür und betrachtete die, die am Tische
+saßen. Sie sahen alle ängstlich und betrübt aus, und auch Herr Arne saß
+schwermütig da wie die anderen und stützte das Haupt in die Hand.
+
+Endlich sah Torarin, daß Herr Arne den Kopf erhob.
+
+»Bringst du jemand Fremdes mit in die Stube, Pferdeknecht Olof?«
+
+»Ja,« antwortete der Knecht, »es ist Torarin, der Fischkrämer, der heute
+auf dem Thing in Branehög gewesen ist.«
+
+Da schien Herr Arne fröhlicher auszusehen, und Torarin hörte ihn sagen.
+»Tritt näher, Torarin, und laß uns die Neuigkeiten vom Thing hören! Hier
+habe ich jetzt die halbe Nacht gesessen und auf dich gewartet!«
+
+Das alles klang so wirklich und natürlich, daß Torarin anfing, sich
+immer beherzter zu fühlen. Er ging ganz mutig durch die Stube, auf Herrn
+Arne zu. Er fragte sich, ob es nicht ein böser Traum gewesen wäre, daß
+Herr Arne ermordet sei, und ob er nicht in Wahrheit lebte.
+
+Aber während Torarin durch die Stube ging, warf er aus alter Gewohnheit
+einen Blick auf das Himmelbett, neben dem die große Geldtruhe zu stehen
+pflegte. Aber die eisenbeschlagene Truhe stand nicht mehr auf ihrem
+Platze, und als Torarin dies sah, durchlief ihn wieder ein Gruseln.
+
+»Nun, Torarin, sage uns, wie es heute auf dem Thing abgelaufen ist,« hub
+Herr Arne an.
+
+Torarin suchte so zu tun, wie ihm geheißen war, und erzählte vom Thing
+und von der Untersuchung, aber er konnte weder seiner Lippen noch seiner
+Zunge Herr werden, sondern sprach schlecht und stammelnd.
+
+Herr Arne unterbrach ihn auch sogleich: »Sag’ mir nur das Wichtigste,
+Torarin. Sind unsere Mörder gefunden und bestraft worden?«
+
+»Nein, Herr Arne,« erkühnte sich da Torarin zu antworten. »Eure Mörder
+liegen auf dem Grunde des Hakefjords. Wie wollt ihr, daß jemand Rache an
+ihnen nehme?«
+
+Als Torarin diese Antwort gab, schien in Herrn Arne wieder seine alte
+Laune zu fahren, und er schlug mit der Hand hart auf den Tisch. »Was
+sagst du da, Torarin? Der Amtmann auf Bohus wäre mit seinen Beiständen
+und Schreibern hier gewesen und hätte Thing gehalten, und da hätte ihm
+niemand sagen können, wo er meine Mörder finden soll?«
+
+»Nein, Herr Arne,« antwortete Torarin, »das kann ihm niemand unter den
+Lebenden sagen.«
+
+Herr Arne saß eine Weile mit gerunzelter Stirn und blickte düster vor
+sich hin. Dann wandte er sich noch einmal an Torarin.
+
+»Ich weiß, daß du mir ergeben bist, Torarin. Kannst du mir sagen, wie
+ich Rache nehmen soll an meinen Mördern?«
+
+»Ich kann es wohl verstehen, Herr Arne,« sagte Torarin, »daß Ihr
+wünschet, Euch an jenen zu rächen, die Euch so unsanft des Lebens
+beraubt haben. Aber es gibt niemand unter uns, die wir auf Gottes grüner
+Erde wandeln, der Euch da behilflich sein könnte.«
+
+Als Herr Arne diese Antwort erhalten hatte, versank er in tiefes
+Grübeln.
+
+Und es entstand ein langes Stillschweigen. Nach einer Weile wagte
+Torarin sich mit einer Bitte hervor.
+
+»Ich habe nun Euren Wunsch erfüllt, Herr Arne, und Euch gesagt, wie es
+auf dem Thinge abgelaufen ist. Habt Ihr mich noch etwas zu fragen, oder
+wollt Ihr mich jetzt ziehen lassen?«
+
+»Du sollst nicht gehen, Torarin,« sagte Herr Arne, »ehe du mir nicht
+noch einmal geantwortet hast, ob keiner der Lebenden uns rächen kann.«
+
+»Nicht, wenn alle Männer aus Bohuslän und Norwegen zusammenkämen, um
+Rache an Euern Mördern zu nehmen, würden sie imstande sein, sie zu
+finden,« sagte Torarin.
+
+Da sprach Herr Arne:
+
+»Wenn die Lebenden uns nicht helfen können, müssen wir uns selber
+helfen.«
+
+Damit begann Herr Arne mit lauter Stimme ein Vaterunser zu beten, aber
+nicht auf norwegisch, sondern auf lateinisch, wie es vor seiner Zeit im
+Lande der Brauch gewesen war. Und bei jedem Worte des Gebetes, das er
+aussprach, wies er mit dem Finger auf einen von denen, die mit ihm am
+Tische saßen. Er ging sie auf diese Weise mehrere Male durch, bis er zum
+Amen kam. Aber als er dieses Wort sagte, streckte er den Finger gegen
+das junge Jüngferchen aus, das seine Sohnestochter war.
+
+Die junge Jungfrau erhob sich allsogleich von der Bank, und Herr Arne
+sagte zu ihr: »Du weißt, was du zu tun hast.«
+
+Da klagte die junge Jungfrau gar sehr und sagte: »Sende mich nicht mit
+diesem Auftrag aus. Das ist ein zu schweres Beginnen für eine so
+schwache Jungfrau wie ich.«
+
+»Ganz gewiß sollst du gehen,« sagte Herr Arne. »Es ist nur billig, daß
+du gehst, denn du hast am meisten zu rächen. Niemandem von uns sind so
+viele Jahre des Lebens geraubt worden wie dir, die die Jüngste unter uns
+ist.«
+
+»Ich begehre nicht nach Rache an irgendeinem Menschen,« sagte die
+Jungfrau.
+
+»Du sollst allsogleich gehen,« sagte Herr Arne, »und du wirst nicht
+alleine stehen. Du weißt, daß es unter den Lebenden zwei gibt, die vor
+acht Tagen hier mit uns an diesem Tische saßen.«
+
+Aber als Torarin Herrn Arne dieses sagen hörte, glaubte er zu verstehen,
+daß Herr Arne ihn ausersähe, gegen Missetäter und Mörder zu kämpfen, und
+er rief:
+
+»Um Gottes Barmherzigkeit willen beschwöre ich Euch, Herr Arne – – –«
+
+Im selben Augenblick deuchte es Torarin, daß Herr Arne und der Pfarrhof
+in einen Nebel verschwänden, und er selbst sank tief hinab, als fiele er
+von einer schwindelnden Höhe, und damit verlor er das Bewußtsein.
+
+Als er wieder zum Leben erwachte, begann der Morgen zu dämmern. Da sah
+er, daß er im Hofe des Solberger Pfarrhauses auf dem Boden lag. Das
+Pferd mit dem beladenen Wagen stand neben ihm, und Grim bellte und
+heulte über ihm.
+
+»Es war alles nur ein Traum,« sagte Torarin, »nun sehe ich es ein. Der
+Hof ist öde und zerstört. Ich habe weder Herrn Arne gesehen noch
+irgendeinen andern. Aber ich habe mich im Traume so erschreckt, daß ich
+vom Wagen heruntergestürzt bin.«
+
+
+
+Im Mondenschein
+
+Als vierzehn Tage seit Herrn Arnes Tod verstrichen waren, kamen ein paar
+Nächte mit starkem, klarem Mondschein. Und eines Abends war Torarin
+unterwegs und fuhr durch den Mondschein. Einmal ums andre hielt er das
+Pferd an, als fiele es ihm schwer, den Weg zu finden. Und er fuhr doch
+durch keinen irrsamen Wald, sondern über etwas, was wie eine offene
+Ebene aussah, worauf sich steinige Hügel in Mengen erhoben.
+
+Die ganze Gegend war von weißem, schimmerndem Schnee bedeckt. Er war bei
+gutem Wetter still und gleichmäßig gefallen, er lag nicht in Haufen oder
+Wirbeln. So weit das Auge reichte, gab es nichts anderes als die gleiche
+glatte Ebene und die gleichen steinigen Hügel.
+
+»Grim, mein Hund,« sagte Torarin, »wenn wir dies heute abend zum ersten
+Male sähen, dann würden wir wohl glauben, daß wir über eine große Heide
+zögen. Aber wir würden uns wohl darüber verwundern, daß der Boden so
+eben ist und der Weg ohne Steine oder Gruben. Was ist dies für eine
+Gegend, würden wir sagen, wo es weder Gräben noch Zäune gibt, und wie
+kommt es, daß kein Strauch und kein Hälmchen aus dem Schnee hervorguckt?
+Und warum sehen wir keine Flüsse oder Bächlein, die doch sonst selbst in
+der strengsten Kälte ihre schwarzen Furchen durch die weißen Felder
+ziehen?«
+
+Torarin ergötzte sich sehr an diesen Gedanken, und auch Grim fand
+Gefallen an ihnen. Er regte sich nicht von seinem Platz auf der
+Wagenladung, sondern lag still und blinzelte.
+
+Aber gerade, als Torarin seine Rede geschlossen hatte, fuhr er an einer
+hohen Stange vorbei, an der ein Büschel festgebunden war.
+
+»Wenn wir hier fremd wären, Grim, mein Hund,« sagte Torarin, »dann
+würden wir uns wohl fragen, was dies für eine Heide sei, wo sie
+dieselben Zeichen aufstellen, wie man sie auf dem Meere benutzt. Dies
+kann doch wohl nicht das Meer selber sein, würden wir schließlich sagen.
+Aber das würde uns wohl ganz unmöglich vorkommen. Was so stetig und
+sicher daliegt, sollte das bloßes Wasser sein? Und alle diese
+Felsenhügel, die da so fest vereint ruhen, sollten es nur Inseln und
+Schären sein, die durch wallende Wellen geschieden wären? Nein, wir
+können es nicht glauben, daß dieses möglich sei, Grim, mein Hund.«
+
+Torarin lachte, und Grim lag noch immer still und regungslos. Torarin
+fuhr weiter, bis er um einen hohen Felsenhügel bog. Da stieß er einen
+Ausruf aus, als hätte er etwas Merkwürdiges gesehen. Er tat sehr
+erstaunt, zog die Zügel an und schlug die Hände zusammen.
+
+»Grim, mein Hund, und du wolltest nicht glauben, daß dies das Meer sei!
+Jetzt siehst du doch, was es ist. Richte dich auf, dann wirst du sehen,
+daß hier vor uns ein großes Fahrzeug liegt. Du wolltest das Seezeichen
+nicht kennen, aber hierin kannst du dich nicht täuschen. Jetzt kannst du
+wohl nicht mehr leugnen, daß es das Meer selbst ist, worüber wir
+ziehen.«
+
+Torarin blieb noch eine Weile stehen und betrachtete ein großes
+Fahrzeug, das im Eise eingefroren dalag. Es sah ganz verirrt aus, wie es
+da mit der glatten weißen Schneedecke um sich herum dalag.
+
+Aber als Torarin sah, daß ein schwacher Rauch aus dem Hinterteil des
+Fahrzeugs aufstieg, fuhr er hin und rief den Schiffer an, um zu hören,
+ob er ihm Fische abkaufen wolle. Er hatte nur noch ein paar Dorsche auf
+dem Grunde seines Wagens, da er im Laufe des Tages zu allen den Schuten
+gefahren war, die in den Schären eingefroren lagen, und ihnen Fische
+verkauft hatte.
+
+Da an Bord saß der Schiffer mit seinen Leuten in trübseligster Laune.
+Sie kauften dem Handelsmanne Fische ab, nicht weil sie sie gebraucht
+hätten, sondern um jemanden zu haben, mit dem sie sprechen könnten.
+
+Als sie zu Torarin hinunter aufs Eis kamen, steckte dieser eine
+unschuldige Miene auf.
+
+Er begann mit ihnen vom Wetter zu sprechen. »Seit Menschengedenken hat
+es kein so schönes Wetter gegeben wie heuer,« sagte Torarin. »Seit
+beinahe drei Wochen haben wir jetzt ruhige Luft und strenge Kälte. Das
+ist anders, als wir es sonst in den Schären gewohnt sind.«
+
+Aber der Schiffer, der mit seiner Galeasse voll Heringstonnen dalag und
+in einer Bucht nahe bei Marstrand eingefroren war, gerade als er sich
+anschicken wollte, ins Meer hinaus zu steuern, sah Torarin ingrimmig an
+und antwortete:
+
+»Ja so, das nennst du schönes Wetter?«
+
+»Wie sollte ich es sonst nennen?« sagte Torarin. Er sah unschuldig aus
+wie ein Kind. »Der Himmel ist klar und ruhig und blau, und die Nacht ist
+ebenso schön wie der Tag. Nie zuvor habe ich es erlebt, daß ich so Woche
+für Woche auf dem Eise umherfahren konnte. Das Meer friert hier draußen
+nicht so häufig zu, und wenn es einmal einen Winter vereist war, so kam
+immer gleich ein Sturm und riß es in wenigen Stunden wieder auf.«
+
+Der Schiffer stand finster und verdüstert da; er antwortete gar nicht
+auf Torarins Geschwätz. Da begann Torarin zu fragen, warum er sich nicht
+nach Marstrand hinein begebe. »Es ist ja eine Wanderung von nicht mehr
+als einer Stunde über das Eis,« sagte Torarin.
+
+Darauf erhielt er auch keine Antwort. Torarin begriff, daß der Mann die
+Galeasse keinen Augenblick verlassen wollte, aus Furcht, nicht zur
+Stelle zu sein, wenn das Eis bräche. Selten habe ich jemanden mit so
+sehnsuchtskranken Augen gesehen, dachte Torarin.
+
+Aber der Schiffer, der nun Tag für Tag zwischen den Schären
+eingeschlossen dagesessen hatte, ohne sein Segel hissen und ins Meer
+hinaussteuern zu können, hatte inzwischen mancherlei Gedanken gedacht,
+und er sagte zu Torarin:
+
+»Du, der da überall herumzieht und von allem reden hört, was sich
+zuträgt, weißt du, warum Gott dieses Jahr die Wege ins Meer hinaus
+solange verschließt und uns alle in Gefangenschaft hält?«
+
+Als er dies sagte, hörte Torarin zu lächeln auf, aber er stellte sich
+unwissend und sagte: »Jetzt weiß ich nicht, wie du dies meinst.«
+
+»Je nun,« sagte der Schiffer, »ich lag einmal einen ganzen Monat im
+Hafen von Bergen, und es blies alle Tag Gegenwind, so daß kein Schiff in
+See stechen konnte. Aber an Bord von einem der Schiffe, die im Hafen
+eingeschlossen waren, war ein Mann, der in Kirchen gestohlen hatte, und
+er wäre entkommen, wenn der Sturm nicht gewütet hätte. Nun gelang es
+ihnen, auszukundschaften, wo er sich befand, und sobald er ans Land
+gebracht war, kam sogleich schönes Wetter und guter Wind. Verstehst du
+nun, was ich meine, wenn ich frage, ob du weißt, warum Gott die Pforten
+des Meeres verschlossen hält?«
+
+Torarin stand nun eine Weile schweigend da. Es sah aus, als hätte er
+nicht übel Lust, mit ernsten Worten zu entgegnen. Aber er schlug es sich
+aus dem Sinn und sagte: »Du wirst ganz kopfhängerisch davon, daß du hier
+zwischen den Schären eingeschlossen dasitzest. Warum begibst du dich
+nicht nach Marstrand? Ich will dir sagen, daß dort ein fröhliches Leben
+geführt wird. Da gehen Hunderte von Fremden herum, die nichts anderes zu
+tun haben, als zu tanzen und zu trinken.«
+
+»Warum geht es denn dort so fröhlich zu?« fragte der Schiffer.
+
+»Ach,« sagte Torarin, »dort sind Seeleute, deren Schiffe eingefroren
+sind wie das deine. Da sind auch eine Menge Fischer, die eben ihren
+Heringfang beendigt hatten, als sie durch das Eis verhindert wurden,
+heimzufahren. Und da gehen vielleicht hundert schottische Söldlinge
+herum, die von ihrem Kriegsdienst beurlaubt sind und hier auf die
+Gelegenheit warten, heimzufahren nach Schottland. Glaubst du, daß alle
+diese die Köpfe hängen ließen und die Gelegenheit verabsäumten, sich
+frohe Tage zu machen?«
+
+»Ja, es mag wohl sein, daß die Leute sich vergnügen können, aber mir ist
+es nun einmal am liebsten, hier zu warten,« sagte der Schiffer.
+
+Torarin warf einen raschen Blick auf ihn. Der Schiffer war ein großer
+magerer Mann. Seine Augen waren hell und wasserklar, mit schwermütigem
+Blick. Diesen Mann kann ich nicht froh machen, und ein andrer auch
+nicht, dachte Torarin.
+
+Noch einmal begann der Schiffer aus freien Stücken mit ihm zu sprechen.
+»Diese schottischen Krieger,« sagte er, »sind das ordentliche Leute?«
+
+»Sollst du sie am Ende nach Schottland hinüberführen?« sagte Torarin.
+
+»Ja,« sagte der Schiffer, »ich habe eine Ladung nach Edinburg, und einer
+von ihnen ist eben hier bei mir gewesen und hat mich gebeten, sie
+mitzunehmen. Aber ich liebe es nicht, mit solchen wilden Gesellen an
+Bord zu segeln, und ich habe ihn um Bedenkzeit gebeten. Hast du etwas
+über sie gehört? Glaubst du, daß ich es wagen kann, sie aufzunehmen?«
+
+»Ich habe nichts anderes von ihnen gehört, als daß sie tapfere Leute
+sein sollen. Sicherlich kannst du sie mitnehmen.«
+
+Aber in demselben Augenblick, wo Torarin dies sagte, richtete sich sein
+Hund auf dem Wagen auf, streckte die Schnauze in die Luft und begann zu
+heulen.
+
+Torarin brach da sogleich das Lob der Schotten ab.
+
+»Was hast du nur, Grim, mein Hund?« sagte er. »Findest du, daß ich gar
+zu lange auf dem Eise stille stände und die Zeit verschwätzte?«
+
+Er machte sich bereit, weiterzufahren. »Ja, lebt wohl, hier draußen,«
+sagte er.
+
+Torarin fuhr durch den schmalen Sund zwischen der Kleeinsel und der
+Kuhinsel nach Marstrand zu. Als er soweit gekommen war, daß er Marstrand
+sehen konnte, merkte er, daß er sich nicht allein auf dem Eise befand.
+
+Im klaren Mondenschein sah er einen hohen Mann in stolzer Haltung über
+den Schnee wandern. Er sah, daß er einen federgeschmückten Hut und reich
+ausstaffierte Kleider mit weiten Puffen trug.
+
+»Sieh da,« sagte Torarin zu sich selbst, »da geht Sir Archie, der
+Anführer der Schotten, der heute abend auf der Galeasse gewesen ist, um
+sich die Überfahrt nach Schottland zu sichern.«
+
+Torarin war dem Manne so nahe, daß er schon seinen langen Schatten
+eingeholt hatte, der hinter ihm herglitt. Sein Pferd setzte gerade die
+Hufe auf die Hutfedern des Schattenbildes.
+
+»Grim,« sagte Torarin, »sollen wir ihn fragen, ob er mit uns in die
+Stadt fahren will?«
+
+Der Hund begann sich sogleich aufzurichten, aber Torarin legte ihm
+beschwichtigend die Hand auf den Rücken. »Sei nur ruhig, Grim, mein
+Hund! Ich sehe, daß du die Schottischen nicht liebst!«
+
+Sir Archie hatte nicht bemerkt, daß ihm jemand so nahe war. Er ging
+weiter, ohne sich umzusehen. Torarin bog ganz sachte zur Seite, um an
+ihm vorbeizukommen.
+
+Aber im selben Augenblick gewahrte Torarin hinter dem schottischen Herrn
+etwas, was noch einem zweiten Schatten glich. Er sah etwas, was lang und
+dünn und grau war und über den Boden hinschwebte, ohne Fußspuren auf dem
+Wege zu hinterlassen und ohne den weißen Schnee zum Knirschen zu
+bringen.
+
+Der Schotte ging mit großen Schritten vorwärts. Er sah sich weder nach
+rechts noch nach links um. Aber der graue Schatten glitt von rückwärts
+an ihn heran, so nahe, daß es aussah, als wollte er ihm etwas ins Ohr
+flüstern.
+
+Torarin fuhr behutsam vorwärts, bis er in gleiche Linie mit ihnen beiden
+kam. Da sah er das Gesicht des Schotten im klaren Mondschein. Er ging
+mit zusammengezogenen Augenbrauen und sah unmutig aus, als würde er von
+einem Gedanken beschäftigt, der ihm Mißbehagen verursachte.
+
+Gerade als Torarin an ihm vorbeifuhr, drehte er sich um und blickte
+hinter sich, als hätte er jemandes Anwesenheit bemerkt.
+
+Torarin sah deutlich, daß hinter Sir Archie eine junge Jungfrau in
+schleppendem, grauem Gewande einherschlich, aber Sir Archie sah sie
+nicht. Als er den Kopf wandte, stand sie regungslos still, und Sir
+Archies eigener Schatten legte sich dunkel und breit über sie und
+verdeckte sie.
+
+Sir Archie wandte sich sogleich um und setzte seine Wanderung fort, und
+wieder eilte die Jungfrau herbei und ging so, als ob sie ihm etwas ins
+Ohr flüstere.
+
+Aber als Torarin dies sah, packte ihn ein Grauen, das er nicht zu
+bemeistern vermochte. Er schrie laut auf, und er hieb auf sein Pferd
+ein, so daß er in vollem Galopp mit der schweißtriefenden Mähre vor der
+Türe seiner Hütte anlangte.
+
+
+
+Verfolgung
+
+1
+
+Auf jener Seite der Marstrandsinsel, die dem Schärenarchipel zugekehrt
+und von einem Kranz von Inselchen geschützt war, lag die Stadt mit allen
+ihren Häusern und Bauwerken. Da bewegten sich die Menschen in Straßen
+und Gäßchen, da lag der Hafen, der voll von Booten und Schiffen war, da
+wurden Heringe eingesalzen und Fische gereinigt, da lag die Kirche und
+der Kirchhof, da waren das Rathaus und der Marktplatz, und da stand
+mancher hohe Baum, der sich im Sommer grün belaubte.
+
+Aber auf jener Hälfte der Marstrandsinsel, die vom offenen Meere umgeben
+und nicht von Inseln oder Schären geschützt wurde, gab es nichts anderes
+als einsame nackte Klippen und zerklüftete Bergvorsprünge, die ins Meer
+hineinragten. Da war Heidekraut mit braunen Köpfchen und stechendes
+Gestrüpp von Dornenbüschen, Höhlen für Ottern und Füchse, Nester für
+Eidergänse und Möwen, doch keine Wege, keine Häuser und keine Menschen.
+
+Torarins Hütte aber lag hoch oben auf dem Kamme der Insel, so daß sie
+auf der einen Seite die Stadt hatte und auf der anderen die Wildnis. Und
+wenn Elsalill die Tür öffnete, lagen vor ihr breite nackte
+Felsenplatten, von denen sie weit nach Westen blicken konnte, bis zu dem
+dunkeln Rande, wo das Meer offen wogte.
+
+Aber alle die Seeleute und Fischer, die in Marstrand eingefroren waren,
+pflegten an Torarins Hütte vorbeizugehen, um die Klippen zu ersteigen
+und zu sehen, ob Buchten und Sunde noch nicht angefangen hätten, ihre
+Eisdecke abzuwerfen.
+
+Elsalill stand manches liebe Mal in der Haustür und sah ihnen nach, wie
+sie dort hinaufgingen. Sie war herzenstraurig nach dem großen Kummer,
+der sie getroffen hatte, und sie dachte: Mich dünkt, daß alle glücklich
+sind, die etwas haben, wonach sie sich sehnen können. Aber ich habe auf
+der weiten Welt nichts zu erwünschen.
+
+Eines Abends sah Elsalill, wie ein hochgewachsener Mann, der einen
+breitrandigen Hut mit einer großen Feder trug, oben auf den
+Felsenplatten stand und nach Westen übers Meer hinausblickte wie alle
+die andern. Und Elsalill sah sogleich, daß der Mann Sir Archie war, der
+Anführer der Schotten, der unten auf der Brücke mit ihr gesprochen
+hatte.
+
+Als er auf dem Heimwege zur Stadt an der Hütte vorbeikam, stand Elsalill
+noch immer in der Tür, und sie weinte.
+
+»Warum weinst du?« fragte er und blieb vor ihr stehen.
+
+»Ich weine, weil ich nichts habe, wonach ich mich sehnen kann,« sagte
+Elsalill. »Als ich Euch auf der Klippe stehen und über das Meer
+hinausblicken sah, da dachte ich: Sicherlich hat er dort oben auf der
+anderen Seite des Meeres ein Heim, wohin er nun fahren will.«
+
+Da wurde es Sir Archie weich ums Herz, so daß er sagte: »Seit langen
+Jahren hat niemand mit mir von meinem Heim gesprochen. Weiß Gott, wie es
+auf meines Vaters Hof steht. Als ich siebzehn Jahre zählte, zog ich von
+dort fort, um in fremden Heeren zu dienen.«
+
+Damit trat Sir Archie in die Hütte zu Elsalill, und er begann mit ihr
+von seinem Elternhause zu reden.
+
+Und Elsalill saß stumm da und hörte Sir Archie lange und inbrünstig zu.
+Sie fühlte sich glücklich über jedes Wort, das sie Sir Archie sagen
+hörte.
+
+Aber als die Zeit herankam, wo Sir Archie gehen wollte, bat er Elsalill,
+sie küssen zu dürfen.
+
+Da sagte Elsalill nein und eilte fort zur Türe, aber Sir Archie stellte
+sich ihr in den Weg und wollte sie zwingen.
+
+In demselben Augenblick ging die Tür der Hütte auf, und die Hausmutter
+kam sehr hastig herein.
+
+Da wich Sir Archie von Elsalill zurück. Er bot ihr nur die Hand zum
+Abschied und eilte von dannen.
+
+Aber Torarins Mutter sagte zu Elsalill: »Es war recht von dir, daß du
+mir Botschaft sandtest. Es ist nicht ziemlich für eine Jungfrau, mit
+einem solchen Manne wie Sir Archie allein in der Hütte zu sein. Das
+weißt du wohl: ein Söldling hat weder Ehre noch Gewissen.«
+
+»Ich hätte Euch Botschaft gesandt?« sagte Elsalill erstaunt.
+
+»Ja,« antwortete die Alte, »als ich auf der Brücke bei der Arbeit stand,
+kam ein kleines Jungfräulein, das ich nie zuvor gesehen habe, und sagte,
+du schicktest mir Grüße und bätest, ich solle heimkommen.«
+
+»Wie sah die Jungfrau aus?« fragte Elsalill.
+
+»Ich sah sie nicht so genau an, daß ich dir sagen könnte, wie sie
+aussah,« antwortete die Alte. »Aber eines merkte ich, sie ging so leicht
+über den Schnee, daß kein Laut vernehmbar war.«
+
+Als Elsalill dies hörte, wurde sie ganz bleich, und sie sagte: »Dann war
+es wohl einer von Gottes Engeln, der Euch Kunde brachte und Euch nach
+Hause führte.«
+
+
+2
+
+Ein anderes Mal saß Sir Archie in Torarins Hütte und plauderte mit
+Elsalill.
+
+Die beiden waren allein. Sie sprachen fröhlich miteinander und waren
+ganz vergnügt.
+
+Sir Archie saß da und sprach mit Elsalill davon, daß sie ihn nach
+Schottland begleiten solle. Dort wolle er ihr ein Schloß bauen und sie
+zu einer vornehmen Burgfrau machen. Er sagte ihr, sie würde hundert
+Zofen unter sich haben und am Hofe des Königs tanzen.
+
+Elsalill saß stumm da und lauschte jedem Worte, das Sir Archie zu ihr
+sagte, und sie glaubte sie alle. Und Sir Archie fand, daß er niemals ein
+Mägdlein getroffen hatte, das so leicht zu betören gewesen wäre wie
+Elsalill.
+
+Plötzlich ward Sir Archie ganz stumm und sah hinab auf seine linke Hand.
+
+»Was habt Ihr, Sir Archie, warum sprecht Ihr nicht weiter?« fragte
+Elsalill.
+
+Sir Archie öffnete und schloß die Hand krampfhaft. Er wand sie hin und
+her.
+
+»Was ist Euch, Sir Archie?« fragte Elsalill. »Ihr habt doch nicht am
+Ende Schmerzen in Eurer Hand?«
+
+Da wendete sich Sir Archie mit verstörtem Gesicht Elsalill zu und sagte:
+»Siehst du das Haar, Elsalill, das sich um meine Hand schlingt? Siehst
+du die lichte Haarlocke?«
+
+Als er zu sprechen begann, sah die junge Jungfrau nichts, aber noch ehe
+er geendet, sah sie, wie eine Schlinge aus hellem, feinem Haar sich ein
+paarmal um Sir Archies Hand ringelte.
+
+Und die junge Jungfrau sprang entsetzt auf und rief: »Sir Archie, wessen
+Haar ist dies, das Ihr um Eure Hand geschlungen habt?«
+
+Sir Archie blickte bestürzt und ratlos zu ihr hin. »Ich fühle, Elsalill,
+daß es wirkliches Haar ist. Es legt sich kühl und weich um die Hand.
+Aber wo ist es hergekommen?«
+
+Die Jungfrau saß da und starrte die Hand mit Augen an, die ihr aus dem
+Kopfe zu treten schienen.
+
+»So lag meiner Milchschwester Haar um die Hand dessen geschlungen, der
+sie tötete,« sagte sie.
+
+Aber nun begann Sir Archie zu lachen. Rasch zog er seine Hand zurück.
+
+»Sieh,« sagte er, »du und ich, Elsalill, wir lassen uns erschrecken wie
+kleine Kinder. Es war nichts anderes als ein paar starke Sonnenstrahlen,
+die durch das Fenster hereinfielen.«
+
+Aber die junge Jungfrau brach in Tränen aus und sagte: »Nun dünkt mich,
+daß ich wieder auf der Ofenmauer läge und sähe die Mörder am Werk. Ach,
+ich hoffte doch bis zuletzt, daß sie meine allerliebste Milchschwester
+nicht finden würden, aber endlich kam doch einer von ihnen und zog sie
+von der Mauer herunter, und als sie entfliehen wollte, da wickelte er
+ihr Haar um seine Hand und hielt sie fest. Aber sie lag auf den Knien
+vor ihm und sagte: ›Sieh meine Jugend an. Verschone mich! Lasse mich
+wenigstens solange leben, daß ich begreifen lerne, warum ich zur Welt
+gekommen bin! Ich habe dir doch nichts zuleide getan, warum willst du
+mich töten? Warum willst du mir nicht das Leben gönnen?‹ Und er hörte
+nicht auf sie, sondern tötete sie.«
+
+Als Elsalill dies sagte, stand Sir Archie mit gerunzelter Stirne da und
+blickte zur Seite.
+
+»Ach, wenn ich dem Manne einmal begegnete!« sagte Elsalill. Sie stand
+mit geballten Fäusten vor Sir Archie.
+
+»Du kannst dem Manne nicht begegnen,« sagte Sir Archie. »Er ist tot.«
+
+Aber die Jungfrau warf sich auf die Bank und schluchzte. »Sir Archie,
+Sir Archie, warum habt Ihr mich dazu gebracht, an die Toten zu denken?
+Den ganzen Abend und die Nacht muß ich nun weinen. Geht von mir, Sir
+Archie, denn jetzt habe ich für nichts andres Sinn als für die Toten,
+nun muß ich an meine Milchschwester denken, daran, wie freundlich sie
+mir gewogen war.«
+
+Und es gelang Sir Archie nicht, sie zu trösten, und er wurde von ihren
+Tränen und Klagen vertrieben und ging zu seinen Zechgenossen.
+
+
+3
+
+Sir Archie konnte nicht begreifen, warum sein Sinn stets von so trüben
+Gedanken erfüllt war. Er vergaß sie nicht, wenn er bei Elsalill saß und
+mit ihr plauderte, und nicht, wenn er bei seinen Kameraden war und mit
+ihnen trank. Wenn er auch die Nächte in den Seeschuppen durchtanzte,
+konnte er sich ihrer doch nicht entschlagen, und er entging ihnen nicht,
+wenn er gleich meilenlange Strecken über das gefrorene Meer wanderte.
+
+»Warum muß ich stets dessen eingedenk sein, woran ich mich nicht
+erinnern will?« sagte Sir Archie zu sich selbst. »Es ist mir, als
+schliche jemand mir immer nach und flüsterte mir ins Ohr.«
+
+»Es ist mir, als spönne jemand ein Netz um mich,« sagte Sir Archie, »um
+alle meine Gedanken einzufangen und mir diesen einzigen übrig zu lassen.
+Ich kann den Jäger nicht sehen, der das Netz auswirft, aber ich höre
+seine Schritte, wenn er mir nachschleicht.«
+
+»Es ist mir, als ginge ein Maler vor mir her und bemalte alles, was ich
+betrachte, mit demselben Bilde,« sagte Sir Archie. »Ob ich die Blicke
+zum Himmel oder zur Erde wende, so sehe ich doch nichts anderes als eine
+einzige Sache.«
+
+»Es ist mir, als säße ein Steinklopfer auf meinem Herzen und hämmerte
+einen einzigen Kummer hinein,« sagte Sir Archie »Ich kann den
+Steinklopfer nicht sehen, aber Tag und Nacht höre ich, wie sein Hammer
+klopft und schlägt. Du steinernes Herz, du steinernes Herz, sagt er,
+jetzt mußt du nachgeben. Jetzt will ich einen Kummer in dich
+hineinhämmern.«
+
+Sir Archie hatte zwei Freunde, Sir Philip und Sir Reginald, die ihm
+allenthalben folgten. Es bekümmerte sie, daß er immer unfroh war und
+nichts ihm Glück zu bringen vermochte.
+
+»Was fehlt dir?« pflegten sie zu sagen. »Warum sind deine Augen so
+brennend, und warum sind deine Wangen so bleich?«
+
+Sir Archie wollte ihnen nicht sagen, was ihn quälte. Er dachte: »was
+würden meine Genossen von mir denken, wenn sie erführen, daß ich mich
+etwas Unmännlichem hingebe? Sie würden mir nicht mehr gehorchen, wenn
+sie wüßten, daß ich von Reue über eine Tat gemartert werde, die
+notwendig war.«
+
+Doch als sie immer mehr in ihn drangen, sagte er zu ihnen, um sie auf
+falsche Fährte zu leiten:
+
+»Es ergeht mir in diesen Tagen so wunderlich. Da ist eine Jungfrau, die
+ich erobern will, aber ich kann sie nicht erringen. Immer stellt sich
+mir etwas in den Weg.«
+
+»Vielleicht liebt dich die Jungfrau nicht?« sagte Sir Reginald.
+
+»Ich glaube sicher, daß ihr Sinn mir zugeneigt ist,« sagte Sir Archie,
+»aber es gibt etwas, was über ihr wacht, so daß ich sie nicht gewinnen
+kann.«
+
+Da fingen Sir Reginald und Sir Philip zu lachen an, und sie sagten: »Die
+Jungfrau wollen wir dir schon verschaffen.« –
+
+Am Abend kam Elsalill einsam durch das Gäßchen gegangen. Sie kam müde
+von der Arbeit, und sie dachte bei sich selbst: »Dies Leben ist hart,
+und es macht mir keine Freude. Es graut mir davor, den ganzen Tag
+dazustehen und den Fischgeruch zu spüren. Es graut mir, wenn ich die
+anderen Frauen mit so harten Stimmen lachen und scherzen höre. Es graut
+mir vor den hungrigen Möwen, die über die Tische fliegen und mir die
+Fischstücke aus den Händen reißen wollen. Wenn doch jemand kommen und
+mich von hier fortnehmen wollte! Ich würde ihm bis ans Ende der Welt
+folgen.«
+
+Als Elsalill an der Stelle ging, wo das Gäßchen am finstersten war,
+traten Sir Reginald und Sir Philip aus dem Schatten und grüßten sie.
+
+»Jungfrau Elsalill!« sagten sie. »Wir bringen dir Kunde von Sir Archie.
+Er liegt krank daheim in der Herberge. Er sehnt sich danach, mit dir zu
+sprechen, und bittet, daß du uns zu ihm nach Hause folgen mögest.«
+
+Elsalill begann sich zu ängstigen, daß Sir Archie sehr krank sein
+könnte, und sie kehrte sogleich mit den beiden schottischen Herren um,
+die sie zu ihm führen wollten.
+
+Sir Philip und Sir Reginald nahmen sie in die Mitte. Sie lächelten
+einander zu und dachten, daß nichts leichter sein könnte, als Elsalill
+zu betören.
+
+Elsalill war in großer Hast und Eile. Sie lief beinahe das Gäßchen
+hinab. Sir Philip und Sir Reginald mußten gewaltig ausschreiten, um ihr
+folgen zu können.
+
+Aber als Elsalill so rasch vorwärtseilte, begann vor ihrem Fuße etwas zu
+rollen. Es war etwas, was vor sie hingeworfen wurde, und sie wäre fast
+darüber gestolpert.
+
+Was ist das, was vor meinen Füßen rollt? dachte Elsalill. Es muß ein
+Stein sein, den ich aus der Erde gelöst habe und der nun den Abhang
+hinunterrollt.
+
+Sie hatte es so eilig, zu Sir Archie zu kommen, daß sie sich nicht von
+dem, was dicht vor ihren Füßen rollte, hindern lassen wollte. Sie stieß
+es beiseite, aber es kam alsogleich zurück und rollte vor ihr das
+Gäßchen hinunter.
+
+Elsalill hörte, daß es wie Silber klang, als sie es fortstieß, und sie
+sah, daß es blinkte und schimmerte.
+
+Das ist kein gewöhnlicher Stein, dachte Elsalill. Mich dünkt, es ist
+eine Silbermünze. Aber sie hatte es so eilig, zu Sir Archie zu kommen,
+daß sie sich nicht die Zeit nahm, sie von der Straße aufzulesen.
+
+Aber wieder und wieder rollte das Ding vor ihre Füße, und sie dachte: Du
+kommst rascher vorwärts, wenn du dich bückst und es aufhebst. Du kannst
+es weit weg werfen, wenn es nichts ist.
+
+Sie beugte sich hinunter und hob es auf. Es war eine große Silbermünze,
+die weiß in ihrer Hand leuchtete.
+
+»Was ist es, was du da auf der Straße findest, Jungfrau?« sagte Sir
+Reginald. »Es leuchtet so weiß im Mondenschein.«
+
+Sie gingen da gerade an einem der großen Seeschuppen vorbei, wo fremde
+Fischer wohnten, solange sie ihrer Beschäftigung wegen in Marstrand
+waren. Vor dem Eingang hing eine Hornlaterne, die einen schwachen Schein
+auf die Straße warf.
+
+»Laß uns sehen, was du gefunden hast, Jungfrau,« sagte Sir Philip und
+blieb unter der Laterne stehen.
+
+Elsalill hielt die Münze zum Laternenschein empor, und kaum hatte sie
+einen Blick darauf geworfen, als sie schon ausrief: »Dies ist eines von
+Herrn Arnes Geldstücken! Ich erkenne es wieder. Dies ist eines von Herrn
+Arnes Geldstücken!«
+
+»Was sagst du da, Jungfrau?« fragte Sir Reginald. »Warum sagst du, daß
+dies eines von Herrn Arnes Geldstücken sei?«
+
+»Ich kenne es,« sagte Elsalill. »Ich habe oft gesehen, wie Herr Arne es
+in der Hand hielt. Ja, sicherlich ist dies eines von Herrn Arnes
+Geldstücken.«
+
+»Rufe nicht so laut, Jungfrau!« sagte Sir Philip. »Hier kommen schon
+Leute, die herbeieilen, um zu hören, warum du so schreist.«
+
+Aber Elsalill achtete nicht auf Sir Philip. Sie sah, daß die Türe zu dem
+Seeschuppen offen stand. Mitten im Raume brannte ein Feuer, und rings um
+die Flamme saßen eine Menge Männer in ruhigem, bedächtigem Gespräche.
+
+Elsalill eilte zu ihnen hinein. Sie hielt die Münze hoch erhoben.
+
+»Horchet auf, ihr Männer alle!« rief sie. »Jetzt weiß ich, daß Herrn
+Arnes Mörder am Leben sind. Seht her, ich habe eines von Herrn Arnes
+Geldstücken gefunden!«
+
+Alle Männer wandten sich ihr zu. Da sah sie, daß Torarin, der
+Fischmakler, auch im Kreise saß.
+
+»Womit kommst du da, Jungfrau, und was rufest du?« fragte nun Torarin.
+»Wie kannst du Herrn Arnes Geldstücke von anderen Münzen unterscheiden?«
+
+»Ich muß wohl diese Münze von allen anderen unterscheiden können,« sagte
+Elsalill. »Sie ist alt und groß, und sie hat einen Ausschnitt am Rande.
+Herr Arne sagte, sie sei aus der Zeit der alten norwegischen Könige, und
+niemals trennte er sich von ihr, um einen Einkauf zu bezahlen.«
+
+»Nun erzähle, wo du sie gefunden hast, Jungfrau,« sagte ein anderer
+Fischer.
+
+»Ich habe sie auf der Straße gefunden, wo sie vor meinen Füßen rollte,«
+sagte Elsalill »Da hat sie wohl einer der Mörder fallen lassen.«
+
+»Es mag wahr oder unwahr sein, was du sagst,« versetzte Torarin. »Aber
+was können wir dabei tun? Wir können die Mörder nicht dadurch finden,
+daß du weißt, daß sie durch eine unserer Gassen gegangen sind.«
+
+Die Fischer fanden, daß Torarin klug gesprochen hatte. Und sie setzten
+sich wieder um das Feuer zurecht.
+
+»Komm du mit mir heim, Elsalill,« sagte Torarin. »Dies ist keine Stunde,
+zu der eine Jungfrau auf Gassen und Märkten herumlaufen soll.«
+
+Als Torarin dies sagte, sah Elsalill sich nach ihren Begleitern um. Aber
+Sir Reginald und Sir Philip hatten sich fortgeschlichen, ohne daß sie es
+gemerkt hatte.
+
+
+
+Im Rathauskeller
+
+1
+
+Die Wirtin des Rathauskellers zu Marstrand machte eines Morgens die
+Türen auf, um Treppe und Flur zu kehren. Da sah sie eine junge Jungfrau
+auf einer Treppenstufe sitzen und warten. Sie war in ein langes, graues
+Gewand gekleidet, das mit einem Gürtel um den Leib zusammengenommen war.
+Das Haar war licht, und es war weder aufgesteckt, noch geflochten,
+sondern hing zu beiden Seiten des Gesichtes glatt hinunter.
+
+Als die Türe geöffnet wurde, stand sie auf und ging die Treppe in den
+Flur hinunter, aber der Wirtin war es, als ginge sie wie eine, die im
+Schlafe wandle. Die ganze Zeit hielt sie die Augenlider gesenkt und die
+Arme hart an den Körper gepreßt. Je näher sie kam, desto mehr
+verwunderte sich die Wirtin darüber, wie zart und feingliedrig sie war.
+Auch ihr Gesicht war lieblich, aber es war dünn und durchsichtig, als
+wäre es aus sprödem Glas geformt.
+
+Als sie zur Wirtin herankam, fragte sie, ob es hier einen Platz gäbe,
+den sie versehen könnte, und bat, sie in Dienst zu nehmen.
+
+Da gedachte die Wirtin an alle die wilden Gesellen, die des Abends im
+Gastzimmer zu sitzen und Bier und Wein zu trinken pflegten, und konnte
+sich ein Lächeln nicht verbeißen. »Nein, hier bei uns gibt es keinen
+Platz für solch ein kleines Jungfräulein wie dich,« sagte sie.
+
+Die Jungfrau schlug weder die Augen auf, noch machte sie sonst die
+geringste Bewegung, aber sie bat abermals, sie in Dienst zu nehmen. Sie
+verlange weder Kost noch Lohn, sagte sie, nur eine Arbeit wolle sie.
+
+»Nein,« sagte die Wirtin, »wenn meine eigene Tochter wäre wie du, ich
+würde es ihr abschlagen. Ich gönne dir etwas Besseres, als bei mir zu
+dienen.«
+
+Die junge Jungfrau ging sachte die Treppe hinauf, und die Wirtin blieb
+stehen und blickte ihr nach. Da sah sie so klein und hilflos aus, daß
+die Wirtin sich ihrer erbarmte.
+
+Sie rief sie zurück und sagte ihr: »Vielleicht läufst du größere Gefahr,
+wenn du allein in Straßen und Gäßchen umhergehst, als wenn du zu mir
+kommst. Du darfst einen Tag bei mir bleiben und Tassen und Teller
+waschen, dann kann ich sehen, wozu du taugst.«
+
+Die Wirtin führte sie in ein kleines Kämmerchen, das sie hinter dem
+Kellersaal eingerichtet hatte. Es war nicht größer als ein Schrank, und
+da war weder ein Fenster noch ein Guckloch, sondern es bekam nur Licht
+durch eine Luke in der Wand zum Schankzimmer.
+
+»Steh heute hier,« sagte die Wirtin zu der kleinen Jungfrau, »und spüle
+alle die Tassen und Teller, die ich dir durch diese Luke reiche, dann
+will ich sehen, ob ich dich in meinem Dienst behalten kann.«
+
+Die kleine Jungfrau ging in das Kämmerchen, und sie bewegte sich so
+leise, daß es der Wirtin war, als wäre eine Tote in ihr Grab geglitten.
+
+Sie stand den ganzen Tag dort drinnen, mit niemandem sprach sie, und
+niemals steckte sie den Kopf durch die Luke, um die Leute anzusehen, die
+in dem Kellersaal aus und ein gingen. Das Essen, das man ihr gab,
+berührte sie nicht.
+
+Niemand hörte sie beim Tellerwaschen klappern, aber wann immer die
+Wirtin die Hand durch die Luke streckte, reichte sie ihr die
+frischgewaschenen Tassen und Teller, auf denen kein Fleckchen war.
+
+Aber wenn die Wirtin sie nahm, um sie auf die Tische zu stellen, da
+waren sie so kalt, daß es sie deuchte, sie müßten ihr die Haut von den
+Fingern brennen. Und ihr schauderte, und sie sagte: »Es ist, als nähme
+ich sie dem kalten Tode aus den Händen.«
+
+
+2
+
+Eines Tages hatte es auf den Brücken keine Fische zu reinigen gegeben,
+so daß Elsalill daheim bleiben durfte. Sie saß allein in der Hütte und
+spann. Es war ein tüchtiges Feuer im Herde und ziemlich hell in der
+Hütte.
+
+Mitten in der Arbeit fühlte sie einen leichten Hauch, als striche ein
+kalter Wind über ihre Stirn. Sie blickte auf, und da sah sie, daß ihre
+tote Milchschwester vor ihr stand.
+
+Elsalill legte die Hand auf das Spinnrad, so daß es stehen blieb, und
+saß still da und betrachtete ihre Milchschwester. Zuerst erschrak sie,
+aber sie dachte bei sich: es steht mir nicht wohl an, mich vor meiner
+Milchschwester zu fürchten. Ob sie nun tot oder lebendig ist, bin ich
+doch froh, sie zu sehen.
+
+»Mein Liebchen,« sagte sie zu der Toten, »wünschest du etwas von mir?«
+
+Da sprach die andere mit einer Stimme, die ohne Stärke und Ton war:
+»Schwesterchen Elsalill, ich habe mich im Gasthause verdingt, und die
+Wirtin hat mich den ganzen Tag stehen und Tassen und Teller waschen
+lassen. Nun, am Abend, bin ich so müde, daß ich es nicht mehr ertrage.
+Ich bin nun hergekommen, um zu fragen, ob du nicht kommen und mir helfen
+willst?«
+
+Als Elsalill dies vernahm, war es ihr, als ob ein Schleier sich über
+ihren Verstand legte. Sie konnte nicht mehr denken oder wollen oder
+Furcht empfinden. Sie konnte nur Freude darüber fühlen, daß sie ihre
+Milchschwester wiedersah, und sie antwortete: »Ja, mein Liebchen, ich
+will sogleich kommen und dir helfen.«
+
+Da schritt die Tote auf die Türe zu, und Elsalill folgte ihr. Aber als
+sie auf der Schwelle standen, blieb ihre Milchschwester stehen und sagte
+zu Elsalill: »Du mußt deinen Mantel umnehmen. Draußen weht ein heftiger
+Sturm.« Und als sie dies sagte, klang ihre Stimme ein bißchen deutlicher
+als früher und weniger tonlos.
+
+Da nahm Elsalill ihren Mantel von der Wand und hüllte sich darein. Sie
+dachte bei sich selbst: Meine Milchschwester liebt mich noch. Sie will
+mir nichts zuleide tun. Ich bin glücklich, ihr zu folgen, wohin sie mich
+auch führen mag.
+
+Und sie folgte der Toten durch viele Gassen, von Torarins Hütte, die auf
+einer steinigen Anhöhe lag, bis zu den ebeneren Straßen am Platze und am
+Hafen.
+
+Die Tote ging die ganze Zeit zwei Schritte vor Elsalill. Es war ein
+starker Sturm, der an diesem Abend durch die Gassen heulte, und Elsalill
+merkte, wenn der Wind sehr heftig kam und sie an die Wand pressen
+wollte, daß die Tote sich zwischen sie und den Wind stellte und sie, so
+gut sie konnte, mit ihrem zarten Leibe schützte.
+
+Als sie endlich zum Rathause kamen, ging die Tote die Kellertreppe
+hinunter und winkte Elsalill, ihr zu folgen. Aber als sie die Treppe
+hinuntergingen, blies der Wind das Licht der Laterne aus, die im Flure
+hing, und sie standen im Dunkeln. Da wußte Elsalill nicht, wohin sie
+ihre Schritte wenden sollte, und die Tote mußte ihre Hand auf die
+Elsalills legen, um sie zu führen. Aber die Hand der Toten war so kalt,
+daß Elsalill zusammenzuckte und vor Schrecken zu zittern begann. Da
+entfernte die Tote ihre Hand und wickelte sie in einen Zipfel von
+Elsalills Mantel, bevor sie wieder versuchte, sie zu führen. Aber
+Elsalill fühlte die Eiseskälte durch Futter und Pelzwerk.
+
+Nun führte die Tote Elsalill durch einen langen Gang und öffnete dann
+eine Tür. Sie kamen in ein kleines, dunkles Kämmerchen, in das durch
+eine Luke in der Wand ein schwacher Lichtschein fiel. Elsalill sah, daß
+sie sich in einem Raume befanden, wo die Wirtin ihr Schankmädchen stehen
+zu haben pflegte, um die Tassen und Teller zu waschen, die sie brauchte,
+um sie den Gästen auf die Tische zu stellen. Elsalill konnte erkennen,
+daß ein Wasserschaff auf einem Schemel stand, und in der Luke standen
+viele Becher und Gefäße, die gespült werden sollten.
+
+»Willst du mir heut abend bei dieser Arbeit helfen, Elsalill?« sagte die
+Tote.
+
+»Ja, mein Liebchen,« sagte Elsalill, »du weißt, daß ich dir bei allem
+helfen will, was du begehrst.«
+
+Damit legte Elsalill den Mantel ab. Sie streifte ihre Ärmel auf und
+machte sich an die Arbeit.
+
+»Willst du nun sehr ruhig und still hier sein, Elsalill, daß die Wirtin
+es nicht merkt, daß ich mir eine Hilfe angeschafft habe?«
+
+»Ja, mein Liebchen,« sagte Elsalill, »gewiß will ich das.«
+
+»Ja, dann lebe wohl, Elsalill!« sagte die Tote. »Nun will ich dich nur
+um eines bitten. Und das ist, daß du mir hiernach nicht allzusehr zürnen
+mögest.«
+
+»Was soll dies bedeuten, daß du mir Lebewohl sagst?« sagte Elsalill.
+»Ich will gerne jeden Abend kommen und dir helfen.«
+
+»Nein, öfter als heute abend brauchst du wohl nicht zu kommen,« sagte
+die Tote. »Ich denke, du wirst mir heute nacht so helfen, daß dieses
+Werk vollbracht ist.«
+
+Während sie so sprachen, hatte Elsalill sich schon über die Arbeit
+gebeugt. Ein Weilchen war alles still, aber dann spürte sie einen leisen
+Hauch auf der Stirne, gerade wie da, als die Tote in Torarins Hütte zu
+ihr gekommen war. Da sah sie auf und merkte, daß sie allein war. Sie
+begriff, was es war, das sie wie ein leises Lüftchen auf der Stirne
+gespürt hatte, und sagte zu sich selbst: »Meine tote Milchschwester hat
+mich auf die Stirne geküßt, ehe sie von mir schied.«
+
+Elsalill machte nun zuerst ihre Arbeit fertig. Sie spülte alle Schalen
+und Kannen ab und trocknete sie. Dann ging sie zur Luke, um zu sehen, ob
+neue hingestellt worden wären. Sie fand keine dort, und so blieb sie vor
+der Luke stehen und sah hinaus in den Kellersaal.
+
+Es war zu einer Stunde des Tages, wo keine Gäste in den Keller zu kommen
+pflegten. Die Wirtin saß nicht hinter ihrem Schanktisch, und keiner
+ihrer Dienstleute befand sich in der Stube. Die einzigen, die man sah,
+waren drei Männer, die am Ende eines großen Tisches saßen. Sie waren
+Gäste, schienen aber hier ganz heimisch zu sein, denn einer von ihnen,
+der seinen Becher geleert hatte, ging zum Schanktisch, füllte ihn aus
+einem der großen Fässer, die dort aufgestapelt lagen, und setzte sich
+wieder hin, um weiterzutrinken.
+
+Elsalill stand da, als wäre sie aus einer fremden Welt gekommen. Ihre
+Gedanken weilten bei der toten Milchschwester, und sie konnte nicht
+recht unterscheiden, was sie sah. Es dauerte nicht lange, bis sie
+merkte, daß die drei Männer am Tische ihr wohlvertraut und lieb waren.
+Denn die dort saßen, waren keine anderen als Sir Archie und seine beiden
+Freunde, Sir Reginald und Sir Philip.
+
+In den letzten Tagen war Sir Archie nicht zu Elsalill gekommen, und sie
+war froh, ihn zu sehen. Sie wollte ihm sogleich zurufen, daß sie da,
+ganz in der Nähe wäre, aber da dachte sie, wie wunderlich es war, daß er
+gar nicht mehr zu ihr kam, und sie verhielt sich still. Vielleicht hat
+er eine andere lieb gewonnen, dachte Elsalill. Vielleicht denkt er jetzt
+an sie.
+
+Denn Sir Archie saß ein kleines Stück von den anderen entfernt. Er saß
+stumm und starrte gerade vor sich hin, ohne zu trinken. Er nahm am
+Gespräche nicht teil, und wenn seine Freunde etwas zu ihm sagten, fand
+er es meist nicht der Mühe wert, darauf zu antworten.
+
+Elsalill hörte, daß die anderen versuchten, ihn aufzumuntern. Sie
+fragten ihn, warum er nicht trinke. Sie rieten ihm sogar, zu Elsalill zu
+gehen und mit ihr zu plaudern, um wieder froh zu werden.
+
+»Ihr sollt euch nicht um mich bekümmern,« sagte Sir Archie. »Eine andere
+liegt mir im Sinn. Stets sehe ich sie vor mir, und stets höre ich ihre
+Stimme mir im Ohr erklingen.«
+
+Und Elsalill sah, daß Sir Archie dasaß und auf eine der breiten Säulen
+starrte, die die Kellerdecke trugen. Nun sah sie auch, was sie früher
+nicht bemerkt hatte, daß ihre Milchschwester an dieser Säule stand und
+Sir Archie ansah. Sie stand ganz regungslos in ihrem grauen Gewande, und
+es war nicht leicht, sie zu unterscheiden, wie sie sich da eng an die
+Säule drückte.
+
+Elsalill stand mäuschenstill und blickte in das Gemach. Sie merkte, daß
+ihre Milchschwester die Augen aufgeschlagen hatte, als sie Sir Archie
+ansah. Die ganze Zeit, die sie mit Elsalill verbracht hatte, war sie mit
+gesenkten Augen einhergegangen.
+
+Aber ihre Augen waren das einzige, was an ihr furchtbar war. Elsalill
+sah, daß sie gebrochen und trübe waren. Sie waren ohne Blick, und das
+Licht spiegelte sich nicht mehr in ihnen wieder.
+
+Nach einer Weile begann Sir Archie wieder zu wehklagen. »Ich sehe sie
+immer. Sie folgt mir auf Schritt und Tritt,« sagte er.
+
+Er saß der Säule zugekehrt, wo die Tote stand, und starrte sie an. Aber
+Elsalill begriff, daß er die Tote nicht sah. Er sprach nicht von ihr,
+sondern von jemandem, der stets in seinen Gedanken war.
+
+Elsalill blieb an der Luke stehen und verfolgte alles, was geschah. Sie
+dachte, daß sie gar zu gerne wissen wollte, wer es wäre, an den Sir
+Archie beständig dachte.
+
+Plötzlich merkte sie, daß die Tote sich auf die Bank neben Sir Archie
+gesetzt hatte und ihm etwas ins Ohr flüsterte.
+
+Aber Sir Archie wußte noch immer nichts davon, daß sie ihm so nahe war
+und daß sie dasaß und ihm ins Ohr flüsterte. Er merkte ihre Gegenwart
+nur durch die furchtbare Angst, die über ihn kam.
+
+Elsalill sah, daß Sir Archie, nachdem die Tote ein paar Augenblicke
+neben ihm gesessen und ihm ins Ohr geflüstert hatte, seinen Kopf in die
+Hände sinken ließ und weinte: »Ach, hätt’ ich doch niemals die junge
+Jungfrau gefunden!« sagte er. »Ich bereue nichts anderes, als daß ich
+die junge Jungfrau nicht verschonte, als sie mich anflehte.«
+
+Die beiden anderen Schotten hörten zu trinken auf und sahen Sir Archie
+erschrocken an, der solchermaßen alle Männlichkeit ablegte und sich der
+Reue hingab. Ein Weilchen saßen sie ratlos da, aber dann ging einer von
+ihnen zum Schanktisch hin, nahm die größte Trinkkanne, die dort stand,
+und füllte sie mit rotem Wein. Dann ging er auf Sir Archie zu, schlug
+ihm auf die Schulter und sagte: »Trinke, Bruderherz: Noch währt Herrn
+Arnes Schatz! Solange wir die Mittel haben, uns solchen Wein zu schaffen
+wie diesen, braucht der Kummer nicht Macht über uns zu gewinnen.«
+
+Aber in demselben Augenblick, in dem dies gesprochen war: »Trinke,
+Bruderherz! Noch währt Herrn Arnes Schatz,« sah Elsalill, wie die Tote
+sich von der Bank erhob und verschwand.
+
+Und zugleich sah Elsalill drei Männer vor sich, die große Bärte und
+zottige Fellgewänder hatten und mit Herrn Arnes Leuten kämpften. Und nun
+erkannte sie, daß dies die drei Männer waren, die im Keller saßen: Sir
+Archie, Sir Philip und Sir Reginald.
+
+
+3
+
+Elsalill verließ das Kämmerlein, wo sie gestanden und die Becher der
+Wirtin gespült hatte, und schloß sacht die Türe hinter sich zu. In dem
+schmalen Gange davor blieb sie stehen. Sie lehnte sich an die Wand und
+stand da wohl eine Stunde regungslos.
+
+Während sie so stand, dachte sie bei sich selbst: Ich kann ihn nicht
+verraten. Was er auch Böses getan haben mag, ich bin ihm doch von ganzem
+Herzen gut. Ich kann ihn nicht auf das Rad und an den Galgen bringen.
+Ich kann nicht sehen, wie sie ihm Hand und Fuß abbrennen.
+
+Der Sturm, der den ganzen Tag gerast hatte, nahm zu und wurde immer
+gewaltiger, je mehr der Abend vorschritt, und Elsalill hörte sein
+starkes Brausen, wie sie da in der Dunkelheit stand.
+
+Nun ist der erste Frühlingssturm gekommen, dachte sie. Nun ist er
+gekommen in aller seiner Gewalt, um das Meer frei zu machen und das Eis
+zu brechen. In ein paar Tagen werden wir offenes Wasser haben, und dann
+wird Sir Archie von dannen ziehen, und niemals kehrt er wieder. Er wird
+keine ferneren Missetaten in diesem Lande begehen. Wozu soll es dann
+frommen, daß er gefangen und gestraft wird? Weder die Toten noch die
+Lebenden haben Freude daran.
+
+Elsalill zog den Mantel um sich. Sie dachte, daß sie heimgehen und sich
+still an ihre Arbeit setzen wolle, ohne irgendeiner Menschenseele das
+Geheimnis zu verraten.
+
+Aber bevor sie noch den Fuß erhoben hatte, um zu gehen, hatte sie auch
+schon ihr Vorhaben aufgegeben und blieb stehen.
+
+Sie stand still und hörte den Sturm brausen. Sie dachte wieder daran,
+daß es nun bald Frühling werden würde. Der Schnee würde schmelzen und
+die Erde sich in Grün kleiden.
+
+Daß Gott sich erbarme, was wird dies für ein Frühling für mich, dachte
+Elsalill. Nicht Freude noch Glück kann mir nach dieses Winters Kälte
+mehr grünen.
+
+Es ist nur ein Jahr her, dachte sie, da war ich so glücklich, daß der
+Winter zu Ende war und der Frühling kam. Ich erinnere mich an einen
+Abend, der war so schön, daß es mich nicht daheim auf dem Hofe litt. Da
+nahm ich mein Schwesterlein an der Hand, und wir wandelten hinaus auf
+die Flur, grünes Laub zu holen, um die Ofenmauer zu schmücken.
+
+Sie stand da und rief sich ins Gedächtnis, wie sie und ihre
+Milchschwester über einen grünen Pfad gewandert waren. Und da, neben dem
+Wege, hatten sie eine kleine junge Birke gesehen, die abgehauen worden
+war. Man sah es am Holze, daß sie vor einigen Tagen gefällt war. Aber
+nun merkten sie, daß der arme abgehauene Baum zu grünen begonnen hatte
+und daß seine Blätter sich aus den Knospen entfalteten.
+
+Da war ihre Milchschwester stehengeblieben und hatte sich über den Baum
+gebeugt. »Ach, du armes Bäumchen,« sagte sie, »was hast du wohl Böses
+begangen, daß du nicht sterben kannst, wenn du gleich abgehauen bist?
+Warum mußt du deine Blätter entfalten, als ob du noch lebtest?«
+
+Da hatte Elsalill gelacht und ihr geantwortet: »Er grünt wohl so
+lieblich, damit der, der ihn abgehauen hat, sieht, welchen Schaden er
+getan hat, und Reue darüber fühlt.«
+
+Aber ihre Milchschwester hatte nicht gelacht. Ihr waren die Tränen in
+die Augen gekommen.
+
+»Dies ist eine große Sünde, einen Baum in der Zeit des Knospenspringens
+zu fällen, wo er so voll Kraft ist, daß er nicht sterben kann. Es ist
+furchtbar für einen Toten, wenn er nicht Ruhe findet in seinem Grabe.
+Die tot sind, haben nicht mehr viel Gutes zu erwarten, nicht Liebe noch
+Glück kann sie erreichen. Das einzige Gute, was sie noch begehren, ist,
+in stiller Ruh’ zu schlummern. Wohl muß ich weinen, wenn du sagst, daß
+die Birke nicht sterben kann, weil sie an ihren Mörder denkt. Es ist
+wohl das härteste Schicksal für einen, der des Lebens beraubt wurde,
+nicht in Ruhe schlummern zu können, weil er seinen Mörder verfolgen muß.
+Die Toten haben nichts anderes zu erstreben als einen Schlummer in
+Ruhe.«
+
+Als Elsalill sich daran erinnerte, begann sie zu weinen und die Hände zu
+ringen.
+
+»Meine Milchschwester findet keine Ruhe in ihrem Grabe,« sagte sie,
+»wenn ich nicht meinen Geliebten verrate. Wenn ich ihr hierin nicht
+beistehe, muß sie über die Erde irren, ohne Ruhe und Rast. Meine arme
+Milchschwester, sie hat keinen anderen Wunsch mehr, als Ruhe in ihrem
+Grabe zu finden, und die kann ich ihr nicht geben, ohne daß ich den, den
+ich lieb habe, auf das Rad und an den Galgen bringe.«
+
+
+4
+
+Sir Archie trat aus dem Kellersaal und ging durch den schmalen Gang.
+Jetzt war die Laterne, die an der Decke hing, wieder angezündet, und bei
+ihrem Scheine sah er, daß eine junge Jungfrau dastand und sich an die
+Wand lehnte.
+
+Sie war bleich, und sie stand so still, daß Sir Archie erschrak und
+dachte: Jetzt endlich steht die Tote, die mich alle Tage verfolgt, vor
+meinen Augen.
+
+Als Sir Archie an Elsalill vorbeikam, legte er seine Hand auf ihre, um
+zu erfahren, ob es wirklich eine Tote wäre, die da stand. Und die Hand
+war so kalt, daß er nicht sagen konnte, ob sie einer Toten oder einer
+Lebenden angehörte.
+
+Aber als Sir Archie Elsalills Hand berührte, zog sie sie zurück, und da
+erkannte Sir Archie Elsalill.
+
+Er glaubte, daß sie um seinetwillen hergekommen wäre, und er wurde sehr
+froh, als er sie sah. In demselben Augenblick durchfuhr ihn ein Gedanke.
+Jetzt weiß ich, was ich tun will, damit ich die Tote versöhne, und damit
+sie davon ablasse, mich zu verfolgen.
+
+Er nahm Elsalills Hände zwischen seine und führte sie an seine Lippen.
+»Gott segne dich dafür, daß du heute abend zu mir gekommen bist,
+Elsalill,« sagte er.
+
+Aber Elsalills Herz war zu Tode betrübt. Sie konnte vor Tränen Herrn
+Archie nicht einmal sagen, daß sie nicht hergekommen war, um ihn zu
+treffen.
+
+Sir Archie stand lange schweigend da, aber die ganze Zeit über hielt er
+Elsalills Hände in seinen beiden. Und je länger er so stand, desto
+klarer und schöner wurde sein Gesicht.
+
+»Elsalill,« sagte Sir Archie, und er sprach mit großer Feierlichkeit.
+»Seit mehreren Tagen bin ich nicht zu dir gekommen, weil ich von
+schweren Gedanken gequält war. Sie haben mir niemals Ruhe gelassen, und
+ich glaubte, daß ich auf dem Wege sei, den Verstand zu verlieren. Aber
+heute abend steht es besser mit mir, und ich sehe vor meinen Augen das
+Bild nicht mehr, das mich quälte. Und als ich dich hier draußen fand, da
+sagte mir mein Herz, was ich tun sollte, um meiner Qual für alle Zeit
+los und ledig zu werden.«
+
+Er beugte sich hinunter, um Elsalill in die Augen sehen zu können, aber
+als sie mit gesenkten Lidern dastand, fuhr er fort:
+
+»Du zürnst mir, Elsalill, weil ich mehrere Tage nicht zu dir gekommen
+bin. Aber ich konnte nicht kommen, denn wenn ich dich sah, wurde ich
+noch mehr an das erinnert, was mich quälte. Wenn ich dich sah, mußte ich
+noch mehr an eine junge Jungfrau denken, gegen die ich übel gehandelt
+habe. Ich habe auch sonst gegen viele Menschen übel gehandelt, Elsalill,
+aber mein Gewissen verfolgt mich um nichts anderes, als um dieses, was
+ich gegen die junge Jungfrau begangen habe.«
+
+Als Elsalill noch immer schwieg, ergriff er wieder ihre Hände und führte
+sie an seine Lippen und küßte sie.
+
+»Höre nun, Elsalill, was mein Herz mir sagte, als ich sah, daß du dort
+draußen standest und auf mich wartetest: Du hast an einer Jungfrau
+unrecht gehandelt, darum sollst du an einer anderen sühnen, was du ihr
+zuleide getan hast. Du sollst sie zu deinem Weibe nehmen, und du sollst
+so gut gegen sie sein, daß sie niemals Kummer fühlt. Du sollst ihr
+solche Treue bewahren, daß du sie an deinem letzten Lebenstage mehr
+liebst als an deinem Hochzeitstage.«
+
+Elsalill stand noch immer unbeweglich mit niedergeschlagenen Augen da.
+Da legte Sir Archie die Hand auf ihren Kopf und richtete ihn empor. »Ich
+muß wissen, Elsalill, ob du hörst, was ich sage,« sagte er.
+
+Da sah er, daß Elsalill so heftig weinte, daß große Tränen über ihre
+Wangen rollten.
+
+»Warum weinst du, Elsalill?« fragte Sir Archie.
+
+»Ich weine, Sir Archie,« sagte Elsalill, »weil ich eine allzu große
+Liebe zu Euch in meinem Herzen trage.«
+
+Da trat Sir Archie noch näher an Elsalill heran und legte seinen Arm um
+ihren Leib. »Hörst du, wie der Sturm draußen heult?« sagte er. »Das
+bedeutet, daß das Meer bald frei ist, und daß Schiffe und Fahrzeuge
+wieder in mein Heimatland ziehen können. Sage mir nun, Elsalill, ob du
+mir dort hinüber folgen willst, so daß ich an dir gut machen kann, was
+ich an einer anderen verbrochen habe?«
+
+Sir Archie begann Elsalill flüsternd von dem herrlichen Leben zu
+erzählen, das ihrer harrte, und Elsalill fing an, bei sich selbst zu
+denken: Ach, daß ich doch nicht wüßte, was er Böses getan hat. Dann
+würde ich ihm folgen und glücklich mit ihm leben.
+
+Sir Archie kam ihr immer näher, und als Elsalill aufblickte, sah sie,
+daß sein Gesicht über sie gebeugt war, und daß er sie eben auf die
+Stirne küssen wollte. Da erinnerte sie sich an die Tote, die jüngst bei
+ihr gewesen war und sie geküßt hatte. Sie riß sich von Sir Archie los
+und sagte: »Nein, Sir Archie, ich werde Euch niemals folgen.«
+
+»Doch,« sagte Sir Archie, »du mußt mir folgen, Elsalill, sonst stürze
+ich ins Verderben.«
+
+Er begann der Jungfrau immer zärtlichere Worte zuzuflüstern, und wieder
+dachte sie bei sich selbst: Wäre es nicht Gott und den Menschen
+wohlgefälliger, wenn er sein böses Leben sühnen und ein rechtschaffener
+Mann werden könnte? Wem frommt es wohl, wenn er gestraft und getötet
+wird?
+
+Als Elsalill so zu denken begann, kamen ein paar Männer vorbei, die in
+den Kellersaal gingen. Wie Sir Archie merkte, daß sie auf ihn und die
+Jungfrau neugierige Blicke warfen, sagte er zu ihr:
+
+»Komm, Elsalill, ich will dich heimgeleiten. Ich will nicht, daß jemand
+sieht, daß du zu mir in den Kellersaal gekommen bist.«
+
+Da blickte Elsalill auf, als käme es ihr plötzlich in den Sinn, daß sie
+einen anderen Auftrag zu erfüllen hatte, als Sir Archie zu lauschen.
+Aber ihr Herz tat ihr so weh, als sie daran dachte, sein Verbrechen zu
+verraten. Wenn du ihn dem Büttel auslieferst, dann muß ich brechen,
+sagte ihr Herz zu ihr. Aber Sir Archie hüllte die Jungfrau enger in
+ihren Mantel und führte sie hinaus auf die Straße. Dann ging er mit ihr
+bis zu Torarins Hütte. Und sie merkte, wie er sich jedesmal, wenn der
+Sturm sehr ungestüm an sie heranbrauste, vor sie stellte und sie
+schützte.
+
+Elsalill dachte die ganze Zeit, während sie so gingen: meine tote
+Milchschwester wußte nichts davon, daß er sein Vergehen sühnen und ein
+guter Mensch werden will.
+
+Sir Archie flüsterte noch immer Elsalill die holdseligen Worte ins Ohr.
+Und je länger Elsalill ihm lauschte, desto größer wurde ihre Zuversicht.
+
+Nur damit ich Sir Archie solche Worte in mein Ohr flüstern höre, hat
+mich meine Milchschwester herbeschieden, dachte sie. Sie liebt mich so
+inniglich. Sie will nicht mein Unglück, sondern mein Glück.
+
+Und als sie vor der Hütte stehenblieben, fragte Sir Archie Elsalill noch
+einmal, ob sie ihm übers Meer folgen wolle? Und Elsalill antwortete, mit
+Gottes Hilfe wolle sie ihn geleiten.
+
+
+
+Die Friedlose
+
+Am nächsten Tage hatte der Sturm aufgehört. Es war nun mildes Wetter,
+aber das konnte dem Schnee nicht viel anhaben, sondern das Meer war
+ebenso verschlossen wie nur je.
+
+Als Elsalill am Morgen erwachte, dachte sie: Sicherlich ist es besser,
+wenn ein Missetäter sich bekehrt und nach Gottes Geboten lebt, als wenn
+er gestraft und getötet wird.
+
+Im Laufe des Tages sandte Sir Archie einen Boten zu Elsalill, der ihr
+einen breiten Armreif aus Gold brachte.
+
+Und es beglückte Elsalill, daß Sir Archie dran gedacht hatte, ihr eine
+Freude zu bereiten, und sie dankte dem Boten und empfing die Gabe.
+
+Aber als er gegangen war, mußte sie daran denken, daß Sir Archie diesen
+Reif mit Münzen aus Herrn Arnes Schatz gekauft hatte. Sie konnte es
+nicht ertragen, ihn vor Augen zu sehen, als sie daran dachte. Sie riß
+ihn vom Arm und warf ihn weit von sich.
+
+Was für ein Leben wird das für mich werden, wenn ich stets denken muß,
+daß ich von Herrn Arnes Schatz lebe, dachte sie. Wenn ich einen Bissen
+zu den Lippen führe, muß ich da nicht an die geraubten Goldstücke
+denken, und wenn ich ein neues Kleid bekomme, dann muß es mir in den
+Ohren klingen, daß dies für unrechtmäßiges Gut gekauft ist? Jetzt sehe
+ich doch, daß es mir nicht möglich ist, Sir Archie zu folgen und sein
+Leben mit ihm zu leben. Ich werde es ihm sagen, wenn er zu mir kommt.
+
+Als der Abend anbrach, kam Sir Archie zu ihr. Er war voll Freude, denn
+keinerlei böse Gedanken hatten ihn gequält, und er glaubte, dies komme
+daher, weil er versprochen hatte, an einer jungen Jungfrau gut zu
+machen, was er an der anderen verbrochen hatte.
+
+Als Elsalill ihn sah und ihn reden hörte, vermochte sie nicht, ihm zu
+sagen, daß sie betrübt war und sich von ihm trennen wollte.
+
+Alle die Sorgen, die an ihr nagten, vergaß sie, wenn sie so saß und Sir
+Archie zuhörte.
+
+Der nächste Tag war ein Sonntag, und da ging Elsalill zur Kirche. Sie
+ging sowohl zur hohen Messe wie zum Abendgesang.
+
+Als sie bei der hohen Messe saß und dem Geistlichen lauschte, hörte sie
+ganz in der Nähe jemanden schluchzen und weinen.
+
+Sie glaubte, es sei einer von jenen, die neben ihr in der Bank saßen,
+aber ob sie gleich nach rechts und nach links ausblickte, so sah sie
+doch nichts anderes als ruhige und feierliche Menschen.
+
+Gleichwohl hörte sie deutlich, daß jemand weinte, und es deuchte sie,
+daß der Weinende ihr so nahe wäre, daß sie ihn erreichen müßte, wenn sie
+nur die Hand ausstreckte.
+
+Elsalill saß da und hörte, wie es seufzte und schluchzte, und sie dachte
+bei sich selbst, daß sie nie etwas gehört hatte, was so todesbetrübt
+geklungen hätte.
+
+Wer ist es, der so tiefen Kummer trägt, daß er so bittere Tränen
+vergießen muß? dachte Elsalill.
+
+Sie schaute sich um, und sie beugte sich über die nächste Bank vor, um
+es zu sehen. Aber alle saßen stumm da, und niemandes Gesicht war von
+Tränen überströmt.
+
+Da dachte Elsalill, daß sie wohl nicht zu fragen und zu grübeln
+brauchte. Hatte sie doch vom ersten Augenblick an gewußt, wer es wäre,
+der neben ihr weinte.
+
+»Mein Liebchen,« flüsterte sie, »warum zeigst du dich mir nicht, wie du
+ehegestern tatest. Du weißt ja doch, daß ich gerne alles tun will, was
+in meinen Kräften steht, um deine Tränen zu trocknen.«
+
+Sie horchte nach einer Antwort, aber sie erhielt keine. Sie hörte nur,
+wie die Tote neben ihr schluchzte.
+
+Elsalill versuchte, darauf zu hören, was der Priester auf seiner Kanzel
+sagte, aber sie konnte dem nicht recht folgen, was er sprach. Und sie
+ward ungeduldig und flüsterte: »Ich weiß eine, die mehr Grund hat zu
+weinen als sonst irgend jemand, und das bin ich selbst. Hätte meine
+Milchschwester mich nicht wissen lassen, wer ihre Mörder sind, so könnte
+ich hier jetzt in Lust und Freude sitzen.«
+
+Während sie dem Weinen lauschte, wurde sie immer erzürnter, so daß sie
+dachte: Wie kann meine tote Milchschwester von mir verlangen, daß ich
+den verrate, den ich lieb habe? Niemals hätte sie selbst so etwas
+begehen wollen, wenn sie noch am Leben gewesen wäre.
+
+Sie saß in die Kirchenbank eingeschlossen, aber sie konnte sich kaum
+still halten. Sie wiegte den Körper hin und her, und sie rang die Hände.
+Nun wird mich dies wohl den ganzen Tag verfolgen, dachte sie. Wer weiß,
+fuhr sie fort und wurde immer ängstlicher, wer weiß, ob es mir nicht
+mein ganzes Leben lang folgen wird?
+
+Aber immer tiefer und schwerer wurde das Schluchzen, das sie neben sich
+hörte, und schließlich rührte es doch ihr Herz, so daß sie selber zu
+weinen anfing.
+
+Wer so weint, muß wohl einen furchtbar schweren Kummer tragen, dachte
+sie. Dem muß wohl ein Leid auferlegt sein, das schwerer ist, als ein
+Lebender fassen könnte.
+
+Als der Gottesdienst zu Ende war und Elsalill die Kirche verlassen
+hatte, hörte sie das Schluchzen nicht mehr. Aber auf dem ganzen Heimwege
+ging sie selbst daher und weinte, weil ihre Milchschwester keine Ruhe
+finden konnte in ihrem Grabe.
+
+Aber als abends wieder Gottesdienst gehalten wurde, ging Elsalill
+abermals zur Kirche, denn sie mußte wissen, ob ihre Milchschwester noch
+dort säße und weinte.
+
+Und sowie Elsalill in die Kirche trat, hörte sie sie, und ihre Seele
+erbebte in ihr, als sie das Schluchzen vernahm. Sie fühlte, daß ihre
+Stärke verging, und sie hatte keinen andern Willen mehr, als der Toten
+zu helfen, die friedlos unter den Menschen umherwanderte.
+
+Als Elsalill aus der Kirche kam, war es noch so hell, daß sie sehen
+konnte, wie einer von denen, die vor ihr gingen, blutige Fußstapfen auf
+dem Schnee hinterließ.
+
+Wer kann das sein, der so arm ist, daß er mit nackten Füßen geht und
+blutige Fußspuren im Schnee hinterläßt? dachte sie.
+
+Alle, die vor ihr gingen, sahen aus wie wohlgestellte Leute. Sie waren
+alle fein säuberlich gekleidet und hatten Schuhe an den Füßen.
+
+Aber die roten Fußstapfen waren nicht alt. Elsalill sah, wie sie sich in
+der Schneerinde abdrückten.
+
+Das ist jemand, der sich auf weiten Wegen wund gegangen hat, dachte sie.
+Gott lasse ihn nicht mehr lange wandern, bis er unter ein schirmend Dach
+kommt und Ruhe findet.
+
+Sie wollte gerne wissen, wer es war, der eine so schwere Wanderung
+gemacht hatte, und sie folgte den Fußstapfen, obgleich sie so von ihrem
+eigenen Wege abweichen mußte.
+
+Aber plötzlich merkte sie, daß alle Kirchenbesucher eine andre Richtung
+eingeschlagen hatten, und daß sie sich allein auf dem Wege befand. Aber
+dennoch zeichneten sich noch immer die blutroten Fußstapfen vor ihr ab.
+
+Es ist meine arme Milchschwester, die da geht, dachte sie da, und sie
+erkannte bei sich selbst, daß sie die ganze Zeit gewußt hatte, daß jene
+es war.
+
+»Ach, mein armes Schwesterlein, ich glaubte, du wandeltest so leicht
+über die Erde, daß du deinen Fuß nicht an den Boden stießest. Aber
+keiner der Lebenden kann verstehen, wie schmerzensreich deine Wanderung
+sein mag.«
+
+Die Tränen stürzten ihr in die Augen, und sie seufzte: »Daß sie doch
+keine Ruhe finden kann in ihrem Grabe. Weh’ mir, daß sie hier so lange
+umherirren mußte, daß ihre Füße blutig geworden sind.«
+
+»Bleib’ stehen, mein liebes Schwesterlein,« rief sie, »bleib’ stehen,
+damit ich mit dir sprechen kann.«
+
+Aber als sie so rief, sah sie, wie die Fußstapfen sich noch rascher vom
+Schnee abhoben, als ob die Tote ihre Schritte beschleunigte.
+
+»Jetzt flieht sie vor mir. Sie erwartet von mir keine Hilfe mehr,« sagte
+Elsalill.
+
+Die blutigen Fußstapfen brachten sie ganz außer sich, und sie rief:
+»Mein herzallerliebstes Schwesterlein, ich will alles tun, was du
+willst, auf daß du Ruhe findest in deinem Grabe.«
+
+Kurz nachdem Elsalill diese Worte gesprochen hatte, kam eine
+hochgewachsene Frau, die hinter ihr gegangen war, auf sie zu und legte
+die Hand auf ihren Arm.
+
+»Wer bist du, der du hier über die Landstraße gehst und weinst und die
+Hände ringst?« sagte die Frau. »Du gleichest einem kleinen Jüngferchen,
+das am Freitag zu mir kam und in meine Dienste treten wollte und dann
+fortblieb. Oder bist du’s vielleicht gar selber?«
+
+»Nein, ich bin’s nicht selber,« sagte Elsalill, »aber wenn es so ist,
+wie ich meine, daß Ihr die Wirtin vom Ratskeller seid, so weiß ich, von
+welcher Jungfrau Ihr sprecht.«
+
+»Dann mußt du mir sagen, warum sie von mir fortging und nicht
+wiederkam,« sagte die Wirtin.
+
+»Sie ging von Euch fort,« sagte Elsalill, »weil sie nicht die Reden
+aller der Missetäter hören wollte, die in Eurem Saale saßen.«
+
+»Wohl sitzen manche wilde Gesellen in meinem Saal, aber keine
+Missetäter,« sprach die Wirtin.
+
+»Und doch hörte die Jungfrau, wie drei Männer, die dort saßen,
+miteinander sprachen,« erwiderte Elsalill, »und einer von ihnen sagte:
+›Trink, Bruderherz! Noch währt Herrn Arnes Schatz.‹«
+
+Als Elsalill dies gesagt hatte, dachte sie: Nun habe ich meiner
+Milchschwester geholfen und erzählt, was ich gehört habe. Möge nun Gott
+mir helfen, daß die Wirtin es sich nicht einfallen läßt, meinen Worten
+Glauben zu schenken, dann trage ich keine Schuld.
+
+Aber als sie an dem Gesichte der Wirtin sah, daß sie ihr glaubte, da
+erschrak sie gar sehr und wollte fliehen.
+
+Doch bevor sie noch einen Schritt tun konnte, hatte die schwere Hand der
+Wirtin mit sicherem Griff die ihre gefaßt, so daß sie nicht entrinnen
+konnte.
+
+»Hast du erzählen hören, daß solche Worte in meinem Kellersaal gefallen
+sind, Jungfrau,« sagte die Wirtin, »dann geht es nicht an, daß du dich
+aus dem Staube machst. Du mußt mir zu jenen folgen, die die Macht und
+den Willen haben, die Mörder zu greifen und sie der Strafe zu
+überantworten.«
+
+
+
+Sir Archies Flucht
+
+Elsalill kam in den Kellersaal, in ihren langen Mantel gehüllt, und ging
+zu einem Tische, an dem Sir Archie saß und mit seinen Freunden zechte.
+Es waren eine Menge Gäste um die Tische geschart, aber Elsalill kümmerte
+sich nicht um alle die staunenden Blicke, die ihr folgten, als sie
+hinging und sich an die Seite dessen setzte, dem sie gut war. Sie dachte
+nur, daß sie die letzten Augenblicke, in denen Sir Archie noch seine
+Freiheit hatte, mit ihm beisammen sein wollte.
+
+Als Sir Archie Elsalill kommen und sich neben ihm niederlassen sah, da
+stand er auf und setzte sich mit ihr an einen Tisch, der weit unten im
+Saale hinter einer Säule verborgen stand. Sie konnte sehen, daß es ihm
+nicht gefiel, daß sie zu ihm in den Keller gekommen war, da es nicht
+Brauch war, daß junge Jungfrauen sich dort sehen ließen.
+
+»Ich habe Euch keine lange Botschaft zu sagen, Sir Archie,« sagte
+Elsalill, »aber Ihr müßt doch wissen, daß es nicht bei mir steht, Euch
+in Euer Land zu folgen.«
+
+Als Sir Archie Elsalill dies sagen hörte, da erschrak er gar sehr, denn
+er fürchtete, wenn er Elsalill verlöre, würden die bösen Gedanken wieder
+Gewalt über ihn erlangen.
+
+»Warum willst du mir nicht folgen, Elsalill?« sagte Sir Archie.
+
+Elsalill saß bleich wie der Tod, ihre Gedanken waren so verwirrt, daß
+sie kaum wußte, was sie ihm antwortete.
+
+»Es tut nicht gut, einem Landsknecht zu folgen,« sagte sie. »Niemand
+weiß, ob so einer Treu’ und Gelöbnis hält.«
+
+Bevor Sir Archie noch antworten konnte, trat ein Seemann in den
+Kellersaal.
+
+Er ging auf Sir Archie zu und sagte ihm, daß er von dem Schiffer der
+Galeasse ausgesandt sei, die hinter der Kleeinsel eingefroren lag. Nun
+ließ der Schiffer sagen, daß Sir Archie und alle seine Mannen an diesem
+Abend ihre Habseligkeiten in Ordnung bringen und an Bord kommen sollten.
+Der Sturm hätte sich aufs neue erhoben. Das Meer war bis weit nach
+Westen frei geworden. Es könnte wohl sein, daß noch vor Tagesanbruch der
+Weg nach Schottland offen wäre.
+
+»Du hörst, was er sagt,« sagte Sir Archie zu Elsalill. »Willst du mich
+geleiten?«
+
+»Nein,« sagte Elsalill, »ich will Euch nicht geleiten.«
+
+Aber im tiefsten Herzen war sie sehr froh, denn sie dachte: Nun kann es
+sich doch so fügen, daß er von dannen zieht, ehe noch die Wache kommt
+und ihn greift.
+
+Sir Archie stand auf und ging zu Sir Philip und Sir Reginald und sprach
+von der Botschaft. »Geht Ihr vor mir heim nach der Herberge,« sagte er,
+»und macht alles bereit! Ich muß noch ein paar Worte mit Elsalill
+sprechen.«
+
+Als Elsalill sah, daß Sir Archie zu ihr zurückkam, streckte sie die
+Hände gegen ihn aus. »Warum kommt Ihr zurück, Sir Archie?« sagte sie.
+»Warum eilet Ihr nicht hinunter zum Meere, so rasch Eure Füße Euch
+tragen können?«
+
+Denn ihre Liebe zu Sir Archie war so groß. Sie hatte ihn wohl um ihrer
+lieben Milchschwester willen verraten, aber sie wünschte nichts
+sehnlicher, als daß er entrinnen möchte.
+
+»Nein, ich will dich zuerst noch einmal bitten, daß du mit mir kommst,«
+sagte Sir Archie.
+
+»Ihr wißt doch, Sir Archie, daß ich Euch nicht folgen kann,« sagte
+Elsalill.
+
+»Warum kannst du nicht?« sagte Sir Archie. »Du bist ein so einsames und
+armes Mägdlein, daß keine Menschenseele danach fragt, was aus dir wird.
+Aber wenn du mit mir kommst, will ich dich zu einer mächtigen Frau
+machen. Ich bin ein vornehmer Mann in meinem Heimatlande. Du wirst in
+Seide und Gold gekleidet gehen, und du wirst an des Königs Hof den
+Reigen führen.«
+
+Elsalill zitterte, daß er bei ihr verweilte, während noch die Flucht
+möglich war. Sie hatte kaum die Ruhe, ihm zu antworten: »Zieht nun von
+hinnen, Sir Archie! Ihr sollt nicht länger verweilen, um mich zu
+bitten.«
+
+»Ich will dir etwas sagen, Elsalill!« sagte Sir Archie und sprach mit
+immer weicherer Stimme zu ihr. »Als ich dich zuerst sah, da dachte ich
+nur daran, dich zu locken und zu betören. Ich habe dir so manchesmal
+zuvor goldene Berge versprochen, aber seit ehegestern abend meine ich es
+ehrlich mit dir. Und nun ist es mein Wille und mein Wunsch, dich zu
+meinem Ehegemahl zu machen. Du kannst mir vertrauen, so wahr ich ein
+Edelmann und ein Krieger bin.«
+
+Im selben Augenblick hörte Elsalill, daß bewaffnete Männer über den
+Marktplatz vor den Keller zogen. Wenn ich ihm nun folge, dachte sie, so
+kann er noch entrinnen. Ich ziehe ihn ins Verderben. Um meinetwillen
+verweilt er hier so lange, daß die Wache ihn ergreifen kann. Aber ich
+kann doch dem Manne nicht folgen, der alle die Meinen gemordet hat,
+dachte sie.
+
+»Sir Archie,« sagte Elsalill, und sie hoffte, daß sie ihm Furcht
+einjagen würde. »Hört Ihr nicht, daß bewaffnete Männer über den Markt
+gezogen kommen?«
+
+»Freilich höre ich es,« sagte Sir Archie. »Es hat wohl irgendwo in einer
+Schenke eine Schlägerei gegeben. Sei unbesorgt, Elsalill, es sind nur
+ein paar Fischer, die über Wetter und Wind in Zank geraten sind.«
+
+»Sir Archie,« sagte Elsalill, »hört Ihr nicht, daß sie vor dem Rathause
+haltmachen?«
+
+Elsalill zitterte vom Scheitel bis zur Sohle, aber Sir Archie merkte es
+nicht, sondern war ganz ruhig.
+
+»Wo sollten sie wohl sonst haltmachen?« sagte Sir Archie. »Sie müssen
+doch die Unruhestifter herführen, um sie im Rathause ins Gefängnis zu
+werfen. Höre nicht auf sie, Elsalill, höre auf mich, der dich bittet,
+ihm übers Meer zu folgen!«
+
+Aber Elsalill versuchte noch einmal, Sir Archie zu erschrecken.
+
+»Sir Archie,« sagte sie, »hört Ihr nicht, wie die Gewappneten die Treppe
+zum Rathauskeller hinuntersteigen?«
+
+»Freilich höre ich es,« sagte Sir Archie, »sie kommen wohl her, um eine
+Kanne Bier zu leeren, nachdem sie ihre Gefangenen in sicheren Gewahrsam
+gebracht haben. Denke nicht an sie, Elsalill, sondern denke daran, daß
+morgen du und ich über das freie Meer in mein teures Vaterland ziehen.«
+
+Aber Elsalill war leichenblaß, und sie zitterte so, daß sie kaum
+sprechen konnte.
+
+»Sir Archie,« sagte sie, »seht Ihr nicht, wie sie dort oben beim
+Schanktisch mit der Wirtin sprechen. Sie fragen sie wohl, ob einer von
+denen, die sie suchen, hier zu finden sei?«
+
+»Sie machen wohl mit ihr aus, daß sie ihnen in dieser stürmischen Nacht
+einen starken heißen Trunk brauen soll,« sagte Sir Archie. »Du sollst
+nicht so sehr zittern und bangen, Elsalill. Du kannst mir ohne Furcht
+folgen. Ich sage dir, wenn mein Vater mich jetzt mit dem edelsten
+Fräulein in meinem Lande vermählen wollte, ich würde ihr nein sagen.
+Komm du getrost mit mir übers Meer, Elsalill! Du wirst dem größten Glück
+entgegenziehen.«
+
+Unten an der Türe versammelten sich immer mehr Landsknechte, und
+Elsalill wußte vor Angst nicht mehr aus noch ein. Ich kann es nicht mit
+ansehen, daß sie kommen und ihn greifen, dachte sie. Sie beugte sich zu
+Sir Archie und flüsterte ihm zu:
+
+»Höret Ihr nicht, Sir Archie, daß die Männer die Wirtin fragen, ob Herrn
+Arnes Mörder hier im Saale sind?«
+
+Da warf Sir Archie einen Blick durch das Gemach und sah die
+Landsknechte, die mit der Wirtin sprachen. Aber er sprang nicht auf, um
+zu fliehen, wie Elsalill erwartet hatte, sondern er beugte sich hinab
+und sah Elsalill tief in die Augen. »Hast du, Elsalill, mich erkannt und
+verraten?« fragte er.
+
+»Ich habe es um meiner lieben Milchschwester willen getan, auf daß sie
+Ruhe finde in ihrem Grabe,« sagte Elsalill. »Gott weiß, was es mich
+gekostet hat, es zu tun. Aber flieht nun, Sir Archie! Noch ist es Zeit.
+Noch haben sie nicht Türen und Vorsaal verrammelt.«
+
+»Du Wolfsjunges!« sagte Sir Archie. »Als ich dich zum ersten Male auf
+den Brücken sah, da dachte ich, daß ich dich töten sollte.«
+
+Aber Elsalill legte ihre Hand auf seinen Arm. »Flieht, Sir Archie, ich
+kann nicht stillsitzen und sehen, wie sie kommen und Euch greifen. Wollt
+Ihr nicht ohne mich fliehen, so werde ich Euch in Gottes Namen folgen.
+Aber bleibt nicht länger um meinetwillen hier, Sir Archie. Alles, was
+Ihr begehrt, will ich für Euch tun, wenn Ihr nur Euer Leben rettet.«
+
+Aber Sir Archie war jetzt sehr zornig, und er sprach hohnvoll zu
+Elsalill.
+
+»Nun wirst du niemals, o Jungfrau, in goldgestickten Schuhen durch weite
+Schloßgemächer wandeln. Nun kannst du dein Leben lang hier in Marstrand
+bleiben und Heringe putzen. Niemals bekommst du einen Gatten, der Schloß
+und Lehen hat, Elsalill. Dein Mann wird ein armer Fischer sein, und
+deine Wohnstatt eine Hütte auf der kahlen Schäre.«
+
+»Höret Ihr nicht, wie sie alle Türen besetzen und mit gestreckten Lanzen
+alle Eingänge bewachen?« fragte Elsalill. »Warum eilet Ihr nicht von
+hinnen? Warum flieht Ihr nicht hinunter aufs Eis und verbergt Euch auf
+einem Schiffe?«
+
+»Ich fliehe nicht, weil es mich ergötzt, mit dir Zwiesprach zu halten,
+Elsalill,« sagte Sir Archie. »Denkst du auch daran, daß es jetzt mit
+aller Freude für dich vorbei ist, Elsalill? Denkst du auch daran, daß es
+jetzt aus ist mit meiner Hoffnung, meine Schuld zu sühnen?«
+
+»Sir Archie,« flüsterte Elsalill und erhob sich in ihrer großen Angst,
+»jetzt sind sie bereit. Jetzt kommen sie, um Euch zu greifen. Flieht,
+ach flieht! Ich will zu Euch auf das Schiff kommen, wenn Ihr nur
+flieht.«
+
+»Du brauchst dich nicht so zu ängstigen, Elsalill,« sagte Sir Archie.
+»Wir haben noch Zeit, ein weniges miteinander zu plaudern. Die
+Landsknechte haben es nicht im Sinn, sich hier auf mich zu stürzen, wo
+ich mich verteidigen kann. Sie wollen mich wohl auf der engen
+Kellertreppe fangen. Da wollen sie mich auf ihre langen Lanzen spießen.
+Das ist es ja, was du mir immer gewünscht hast, Elsalill.«
+
+Aber je erschrockener Elsalill sich zeigte, desto ruhiger wurde Sir
+Archie. Sie flehte ihn an, zu fliehen, aber er lachte nur.
+
+»Du sollst nicht so sicher sein, Jungfrau, daß die Landsknechte mich
+fangen können. Ich habe schon schlimmere Gefahren bestanden als diese
+und bin mit heiler Haut davongekommen. Da sah es vor ein paar Monaten in
+Schweden ärger für mich aus. Da hatten ein paar Verleumder König Johann
+gesagt, seine schottische Garde wäre ihm nicht treu. Und der König
+glaubte ihnen. Er ließ die drei Anführer in den Turm werfen, und ihre
+Mannen wies er aus seinem Reich und ließ sie bewachen, bis sie über die
+Grenze waren.«
+
+»Flieht, Sir Archie, flieht!« bat Elsalill.
+
+»Du sollst um meinetwillen nicht bange sein, Elsalill,« sagte Sir Archie
+und lachte hart auf. »Heute abend bin ich wieder der alte, jetzt bin ich
+wieder in meiner Laune von einst. Jetzt sehe ich die junge Jungfrau
+nicht mehr vor meinen Augen, da weiß ich mir schon zu helfen. Ich will
+dir von den dreien erzählen, die in König Johanns Gefängnis saßen. Die
+schlichen sich eines Nachts, als die Wächter berauscht waren, aus dem
+Turm und machten sich davon. Dann flüchteten sie zur Grenze. Aber
+solange sie in des Schwedenkönigs Land wanderten, wagten sie nicht zu
+verraten, wer sie waren. Sie wußten sich keinen anderen Rat, Elsalill,
+sie verschafften sich Kleider aus zottigen Fellen und sagten, sie wären
+Gerbergesellen, die über Land gingen, um Arbeit zu suchen.«
+
+Aber jetzt begann Elsalill zu merken, wie verändert Sir Archie gegen sie
+war. Und sie begriff, daß er sie haßte, seit er wußte, daß sie ihn
+verraten hatte.
+
+»Sprecht nicht so, Sir Archie!« sagte Elsalill.
+
+»Warum mußtest du mich betrügen, als ich dir am meisten glaubte?« sagte
+Sir Archie. »Jetzt bin ich wieder so, wie ich früher war. Jetzt lasse
+ich es mir nicht einfallen, jemanden zu schonen. Und jetzt wirst du
+sehen, daß mir alles wieder glücken wird wie einst im Leben. Waren wir
+nicht übel daran, ich und meine Genossen, als wir endlich Schweden
+durchwandert hatten und hierher an die Küste kamen? Wir hatten kein
+Geld, um uns ehrliche Kleider zu kaufen. Wir hatten kein Geld, um die
+Überfahrt nach Schottland zu bezahlen. Wir wußten uns keinen andern Rat,
+als in den Pfarrhof von Solberga einzudringen.«
+
+»Sprecht nicht mehr davon!« sagte Elsalill.
+
+»Doch, jetzt sollst du alles hören, Elsalill,« sagte Sir Archie. »Es
+gibt eins, was du nicht weißt, und das ist, daß wir zuerst, als wir in
+den Pfarrhof gekommen waren, zu Herrn Arne gingen, ihn weckten und ihm
+sagten, daß er uns Geld geben solle. Wenn er es gutwillig täte, wollten
+wir ihm nichts zuleide tun. Aber Herr Arne fing Händel mit uns an, und
+da mußten wir ihn niederwerfen. Und nachdem wir ihn getötet hatten,
+mußten wir auch seine Leute alle fällen.«
+
+Elsalill unterbrach Sir Archie nicht mehr, aber es wurde kalt und leer
+in ihrem Herzen. Sie schauderte, als sie Sir Archie sah und hörte, denn
+während er sprach, bekam er ein grausames, blutdürstiges Aussehen. Was
+wollte ich tun? dachte sie. Bin ich toll gewesen, und habe ich den
+geliebt, der alle die Meinen gemordet hat? Möge Gott mir meine Sünde
+vergeben!
+
+»Als wir glaubten, daß alle tot seien,« sagte Sir Archie, »schleppten
+wir die schwere Geldtruhe aus dem Hause. Dann legten wir ringsherum
+Feuer an, damit die Menschen glaubten, Herr Arne sei verbrannt.«
+
+»Ich habe einen Wolf im Walde geliebt,« sagte Elsalill zu sich selbst.
+»Und ihn habe ich vor der Strafe retten wollen!«
+
+»Aber wir fuhren aufs Eis hinunter und flohen übers Meer,« fuhr Sir
+Archie fort. »Wir hatten keine Furcht, solange wir das Feuer zum Himmel
+lodern sahen; aber als wir es abnehmen sahen, erschraken wir. Wir wußten
+nun, daß Leute dorthin gekommen waren, die die Feuersbrunst gelöscht
+hatten, und daß man uns nachsetzen könnte. Da fuhren wir ans Land
+zurück, wo wir eine Flußmündung mit schwachem Eise gesehen hatten. Wir
+hoben die Geldtruhe vom Schlitten und fuhren weiter, bis das Eis unter
+dem Pferde brach. Da ließen wir dieses ertrinken und sprangen selbst zur
+Seite. Wenn du nicht eine Jungfrau wärest, Elsalill, würdest du
+begreifen, daß dies kühn gehandelt war. Wir haben uns wie Männer
+benommen.«
+
+Jetzt war Elsalill ganz still. Sie saß da und fühlte einen brennenden
+Schmerz im Herzen. Aber Sir Archie haßte sie und war es froh, sie zu
+quälen. »Darauf nahmen wir unsere Gürtel und befestigten sie an der
+Truhe und begannen sie zu ziehen. Aber da die Truhe Spuren auf dem Eise
+hinterließ, gingen wir ans Land, rissen einer Tanne die Äste ab und
+legten Tannenreisig unter die Truhe. Dann streiften wir unsere Schuhe ab
+und wanderten über das Eis, ohne Spuren zu hinterlassen.«
+
+Sir Archie hielt inne, um einen hohnvollen Blick auf Elsalill zu werfen.
+
+»Obschon dies alles uns trefflich geglückt war, waren wir doch übel
+dran. Wohin wir auch mit unsern blutigen Kleidern kämen, müßten wir
+erkannt und ergriffen werden. Aber höre nun dies, Elsalill, so daß du es
+allen jenen sagen kannst, die es unternehmen wollen, uns nachzusetzen,
+damit sie verstehen, daß wir nicht zu denen gehören, die sich leicht
+fangen lassen! Höre dies: als wir über das Eis in der Richtung nach
+Marstrand gingen, da trafen wir auf dem Meere unsre Landsleute und
+Kameraden, dieselben, die König Johann aus seinem Lande verwiesen hatte.
+Sie hatten Marstrand des Eises wegen nicht verlassen können, und sie
+halfen uns in unsrer Not, so daß wir zu Kleidern kamen. Seither sind wir
+ohne Fährnis hier in Marstrand umhergegangen. Und keine Gefahr hätte uns
+fürder bedroht, wenn du nicht treulos gewesen wärest und mich nicht
+verraten hättest.«
+
+Elsalill saß still da, der Schmerz war zu groß für sie. Sie konnte kaum
+fühlen, daß ihr Herz schlug.
+
+Aber Sir Archie sprang auf und rief:
+
+»Und auch heute abend wird uns nichts Böses widerfahren. Davon sollst du
+Zeuge sein, Elsalill.«
+
+Und damit ergriff er Elsalill mit seinen beiden Händen und hob sie
+empor. Und mit Elsalill vor sich, wie mit einem Schild, eilte Sir Archie
+durch den Kellersaal dem Ausgange zu. Und die Landsknechte, die als
+Wachen vor der Türe standen, streckten ihre langen Hellebarden gegen ihn
+aus, aber sie konnten sie nicht gebrauchen, aus Furcht, Elsalill zu
+verwunden.
+
+Als Sir Archie auf die enge Treppe kam, streckte er Elsalill wieder vor
+sich aus. Und sie schützte ihn besser als der prächtigste Harnisch, denn
+die Krieger, die dort aufgestellt waren, konnten keinen Gebrauch von
+ihren Waffen machen. So kam er ein gutes Stück die Treppe hinauf, und
+Elsalill fühlte, wie ihr des Himmels freie Luft entgegenwehte.
+
+Aber Elsalill empfand keine Liebe mehr zu Sir Archie, sondern den
+tödlichsten Haß, und sie dachte nur daran, daß er ein böser Mörder war.
+Und als sie nun sah, daß sie ihn mit ihrem Leibe schützte, so daß er
+nahe daran war, zu entrinnen, da streckte sie ihre Hand aus und zog eine
+der Lanzen, die die Krieger hielten, an sich heran und richtete sie auf
+ihr Herz. Nun will ich meiner Milchschwester so dienen, daß dies Werk
+endlich vollbracht sei, dachte Elsalill. Und beim nächsten Schritte, den
+Sir Archie über die Treppe machte, drang die Lanze in Elsalills Herz.
+
+Aber da stand Sir Archie schon auf der obersten Stufe. Und die
+Kriegsleute fuhren zurück, als sie sahen, daß einer von ihnen die
+Jungfrau verwundet hatte. Und er eilte an ihnen vorbei.
+
+Als Sir Archie auf den Marktplatz kam, hörte er aus einem Gäßchen
+Feldgeschrei und schottische Rufe: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Für Schottland,
+für Schottland!«
+
+Das waren Sir Philip und Sir Reginald, die die Schotten gesammelt hatten
+und nun kamen, um ihn zu retten.
+
+Und Sir Archie eilte ihnen entgegen, und rief mit lauter Stimme:
+»Hierher! Hierher! Für Schottland! Für Schottland!«
+
+
+
+Über das Eis
+
+Als Sir Archie über das Eis wanderte, hielt er noch immer Elsalill im
+Arm.
+
+Sir Philip und Sir Reginald schritten an seiner Seite. Sie wollten ihm
+erzählen, wie sie den Anschlag entdeckt hatten, und wie es ihnen
+geglückt war, die schwere Geldtruhe auf die Galeasse zu schaffen und
+ihre Landsleute zu versammeln, aber Sir Archie achtete nicht auf sie. Er
+schien einherzugehen und mit der zu sprechen, die er in seinen Armen
+trug.
+
+»Wer ist es, den du mit dir führst?« fragte Sir Reginald.
+
+»Das ist Elsalill,« antwortete Sir Archie. »Ich will sie mit hinüber
+nach Schottland nehmen. Ich will sie nicht hier zurücklassen. Hier würde
+sie nie etwas andres sein als ein armes Fischermädchen.«
+
+»Nein, das kann wohl nicht dein Ernst sein,« sagte Sir Reginald.
+
+»Hier würde ihr niemand etwas anderes geben als Kleider aus grober
+Wolle,« sagte Sir Archie, »und in einem engen Bettlein aus harten
+Planken müßte sie schlafen. Ich will sie in die weichesten Kissen
+betten, und aus Marmor will ich ihre Ruhestatt aufführen lassen. Ich
+will sie in die kostbarsten Pelze hüllen, und ihre Füße sollen Schuhe
+mit Juwelenspangen umschließen.«
+
+»Fürwahr, du denkst ihr große Ehren zu,« sagte Sir Reginald.
+
+»Ich kann sie nicht hier daheim zurücklassen,« sagte Sir Archie. »Denn
+wer würde hier wohl Zeit finden, an solch ein armes kleines Ding zu
+denken? In wenigen Monaten schon würde sie von allen vergessen sein.
+Niemand würde sich nach ihr umsehen, niemand sie in ihrer Einsamkeit
+aufsuchen. Aber wenn ich einmal meine Heimat erreiche, dann will ich ihr
+dort eine schöne Wohnstatt erbauen lassen. Da soll ihr Name in den
+harten Stein eingegraben sein, so daß niemand ihn vergißt. Da werde ich
+selbst jeden Tag zu ihr kommen, und da wird alles so herrlich geschmückt
+sein, daß die Leute von weit und breit herbeiströmen werden, um sie zu
+besuchen. Da werden Tag und Nacht Kerzen und Lampen brennen, und da wird
+Musik und Gesang erklingen, als wäre da ein ewiges Fest.«
+
+»Fürwahr, du denkst ihr große Ehren zu,« sagte Sir Reginald noch einmal.
+
+»Ich muß es so fügen, daß sie es gut hat,« sagte Sir Archie. »Sie ist
+es, die die bösen Gedanken von mir ferne hält. Wenn ich sie verlasse,
+weicht das Glück von mir.«
+
+Der Sturm brauste ihnen heftig entgegen, wie sie über das Eis wanderten.
+Er riß Elsalills Mantel los und ließ ihn flattern wie eine Fahne.
+
+»Willst du mir einen Augenblick helfen, Elsalill zu tragen,« sagte Sir
+Archie, »damit ich den Mantel um sie legen kann?«
+
+Sir Reginald empfing Elsalill in seinen Armen, aber in demselben
+Augenblick erschrak er so heftig, daß er sie zwischen seinen Händen auf
+das Eis hinuntergleiten ließ.
+
+»Ich wußte nicht, daß Elsalill tot ist,« sagte er.
+
+
+Wellenrauschen
+
+Die ganze Nacht schritt der Schiffer der großen Galeasse auf dem hohen
+Verdeck auf und nieder. Es war dunkel, und der Sturm pfiff um ihn her.
+Er kam bald mit Schnee und bald mit Regen herangetrieben. Noch immer lag
+das Eis fest und sicher rings um die Galeasse, so daß der Schiffer
+eigentlich ruhig in seiner Koje hätte schlummern können.
+
+Aber er blieb die ganze Nacht wach. Einmal ums andre führte er die Hand
+ans Ohr und horchte.
+
+Es war nicht leicht, zu erraten, worauf er horchte. Alle seine Leute
+hatte er an Bord und auch alle die Reisenden, die er nach Schottland
+bringen wollte. Die lagen jetzt alle in den Schiffsräumen und schliefen.
+Keiner von ihnen führte ein Gespräch, dem der Schiffer hätte lauschen
+können.
+
+Als der Sturm über die festgefrorene Galeasse herangeflogen kam, stürzte
+er sich über das Fahrzeug, gleichsam wie aus alter Gewohnheit, um es vor
+sich hin übers Meer zu treiben. Und als die Galeasse noch immer still
+lag, packte sie der Sturm wieder und wieder an. Es rasselte in allen den
+kleinen Eiszapfen, die im Takelwerk und an den Tauen hingen. Es knackte
+und knisterte im Schiffsbug. Es knatterte in den Masten, die so gefaßt
+wurden, daß sie nahe daran waren, zu zersplittern.
+
+Das war keine stille Nacht. Man vernahm es wie ein leichtes Knirschen in
+der Luft, wenn der Schnee herangesaust kam. Man hörte Klatschen und
+Plätschern, wenn der Regen niederpeitschte.
+
+Aber im Eise tat sich eine Spalte nach der andern auf, und dabei hörte
+man ein Donnern, als lägen Kriegsschiffe im Meere, die harte Schüsse
+gegeneinander lösten.
+
+Aber auf dies alles horchte der Schiffer nicht.
+
+Er ging die ganze Nacht auf und nieder, bis ein grauer Schein sich über
+den Himmel verbreitete, aber er hörte dennoch nicht, was er hören
+wollte.
+
+Endlich erklang durch die Nacht ein singendes, eintöniges Brausen, ein
+wiegender, kosender Laut, wie von fernem Gesang.
+
+Da eilte der Schiffer quer über die Ruderbänke in der Mitte der Galeasse
+zu dem hohen Aufbau im Kiel, wo seine Leute schliefen. »Steht jetzt
+auf,« rief er ihnen zu, »und fasset Bootshaken und Ruder. Nun wird bald
+die Stunde der Befreiung angebrochen sein. Ich höre das Brausen des
+offenen Wassers. Ich höre der freien Wellen Gesang.«
+
+Die Männer erhoben sich alsogleich aus ihrem Schlummer. Sie standen auf
+dem Posten längs der Schiffsseiten, während der Morgen langsam anbrach.
+
+Als es endlich so hell wurde, daß sie sehen konnten, was sich in der
+Nacht zugetragen hatte, fanden sie, daß Buchten und Sunde, weit hinaus
+ins Meer, offen wogten. Aber in der Bucht, in der sie eingefroren lagen,
+klaffte nicht eine Spalte im Eise, fest und ungebrochen lag es da.
+
+Und in dem Sunde, der aus der Bucht führte, hatte sich eine hohe
+Eismauer aufgetürmt. Die Wellen, die davor frei spielten, schleuderten
+eine Eisscholle nach der andern hinauf.
+
+Draußen im Sunde wimmelte es von Segeln. Das waren alle die Fischer, die
+in Marstrand eingefroren gewesen waren und jetzt von dannen eilten. Die
+See ging hoch, und Eisstücke tanzten noch über die Wogen, aber die
+Fischer gönnten sich wohl nicht die Zeit, auf ein ruhiges, gefahrloses
+Meer zu warten, sondern traten ihre Fahrt an. Sie standen im Bug ihrer
+Boote und hielten scharfen Ausguck. Die kleinen Eisstücke drängten sie
+mit dem Ruder weg, aber wenn die großen kamen, rissen sie das Steuer
+herum und wichen aus. Auf der Galeasse stand der Schiffer in dem
+hochaufgebauten Achterteil und sah ihnen nach. Er merkte wohl, daß sie
+eine beschwerliche Fahrt hatten, aber er sah auch, wie einer nach dem
+andern sich durchschlug und das offene Meer erreichte.
+
+Und als der Schiffer die Segel über die blaue Flut gleiten sah, da
+packte ihn die Sehnsucht so stark, daß seine Augen sich feuchten
+wollten.
+
+Aber sein Schiff lag still, und vor ihm türmte sich das Eis zu einer
+immer gewaltigeren Mauer auf.
+
+Draußen auf dem Meere schwammen nicht nur Fahrzeuge und Boote, sondern
+zuweilen kamen auch kleine weiße Berge von Eis herangesegelt. Das waren
+gewaltige Eisschollen, die aufeinander geschleudert worden waren und
+jetzt südwärts trieben. Sie blinkten in der Morgensonne weiß wie Silber,
+und zuweilen leuchteten sie so rot, als wären sie mit Rosen bestreut.
+
+Aber mitten durch den zischenden Sturm ertönten laute Rufe. Bald klang
+es wie singende Stimmen, und bald wie schmetternde Fanfaren. Ein starker
+Jubel jauchzte aus diesen Lauten. Es war so, daß einem das Herz aufging,
+wenn man sie hörte. Sie kamen von einem langen Zuge von Schwänen, die
+vom Süden heranflogen.
+
+Aber als der Schiffer die Eisberge gen Süden ziehen und die Schwäne gen
+Norden fliehen sah, da kam eine solche Sehnsucht über ihn, daß er die
+Hände rang.
+
+»Weh mir, daß ich hier weilen muß!« rief er. »Wann kommt der Eisbruch
+hier in diese Bucht? Vielleicht muß ich noch viele Tage hier liegen und
+warten.«
+
+Als er gerade so dachte, sah er einen Mann über das Eis heranfahren. Er
+kam aus einem engen Sunde in der Richtung von Marstrand, und er fuhr so
+ruhig über das Eis, als wüßte er nicht, daß die Wellen wieder anfingen,
+Boote und Schiffe zu tragen.
+
+Als er an die Galeasse heranfuhr, rief er zum Schiffer hinauf:
+
+»Guter Freund, hast du etwas zu essen, wie du da im Eise festgefroren
+liegst? Willst du mir nicht gepökelte Heringe abkaufen oder getrockneten
+Kabliau oder geräucherten Aal?«
+
+Der Schiffer ließ es sich nicht einfallen, ihm zu antworten. Er erhob
+die geballte Faust gegen ihn und fluchte.
+
+Da stieg der Fischkrämer von seiner Fuhre herunter. Er nahm ein Bund Heu
+aus dem Schlitten und legte es dem Pferde vor. Dann erkletterte er das
+Verdeck der Galeasse.
+
+Als er vor dem Schiffer stand, sprach er zu ihm mit großem Ernste:
+
+»Ich bin heute nicht hier, um Fische zu verkaufen. Aber ich weiß, daß du
+ein frommer Mann bist. Darum bin ich hergekommen, um dich zu bitten, daß
+du mir eine Jungfrau zur Stelle schaffest, die die schottischen Krieger
+gestern mit auf das Schiff geführt haben.«
+
+»Ich weiß nichts davon, daß sie eine Jungfrau hierher geführt hätten,«
+sagte der Schiffer. »Keine Frauenstimme habe ich in dieser Nacht an Bord
+des Schiffes vernommen.«
+
+»Ich bin Torarin, der Fischkrämer,« sagte der andre, »du hast wohl schon
+von mir gehört? Ich habe im Pfarrhof von Solberga mit Herrn Arne in
+derselben Nacht zu Abend gegessen, in der er getötet wurde. Seither habe
+ich Herrn Arnes Pflegetochter in meinem Hause gehabt, aber gestern nacht
+wurde sie von seinen Mördern geraubt, und sie haben sie wohl mit hierher
+auf das Fahrzeug gebracht.«
+
+»Sind Herrn Arnes Mörder an Bord meines Fahrzeugs?« rief der Schiffer
+entsetzt.
+
+»Du siehst, daß ich ein so geringer und schwacher Mann bin,« sagte
+Torarin. »Mein einer Arm ist lahm, darum fürchte ich mich, mich auf
+irgendein gewagtes Vorhaben einzulassen. Ich weiß schon seit ein paar
+Wochen, wer Herrn Arnes Mörder sind, aber ich wagte nicht, zu versuchen,
+Rache an ihnen zu nehmen. Aber weil ich geschwiegen habe, sind sie jetzt
+entkommen, und es ist ihnen geglückt, die Jungfrau fortzuführen. Doch
+jetzt habe ich mir gesagt, daß ich in dieser Sache nichts mehr zu
+bereuen haben will. Ich will es wenigstens versuchen, die junge Jungfrau
+zu retten.«
+
+»Wenn Herrn Arnes Mörder hier auf dem Schiffe sind, warum kommt dann
+nicht die Stadtwache heraus und greift sie?«
+
+»Ich habe die ganze Nacht und den ganzen Morgen gebeten und gesprochen,«
+sagte Torarin. »Aber die Wache wagt sich nicht hier heraus, sie sagt,
+hier wären hundert Söldlinge an Bord, und sie wage es nicht, den Kampf
+mit ihnen aufzunehmen. Da dachte ich, daß ich in Gottes Namen wohl
+allein herausfahren und dich bitten müßte, mir die Jungfrau zur Stelle
+zu schaffen, denn ich weiß, daß du ein frommer Mann bist.«
+
+Aber der Schiffer sagte ihm nichts über die Jungfrau. Er dachte nur an
+das andre. »Wie kannst du wissen, daß die Mörder hier an Bord sind?«
+sagte er.
+
+Torarin wies auf eine große Eichentruhe, die zwischen den Ruderbänken
+stand.
+
+»Ich habe diese Truhe zu oft in Herrn Arnes Haus gesehen, als daß ich
+sie nicht kennen sollte,« sagte er. »Darin liegt Herrn Arnes Schatz, und
+wo sein Schatz ist, da sind wohl auch seine Mörder.«
+
+»Diese Truhe gehört Sir Archie und seinen beiden Freunden, Sir Reginald
+und Sir Philip,« sagte der Schiffer.
+
+»Ja,« sagte Torarin und sah den Schiffer fest an, »so ist es. Sie gehört
+Sir Archie und Sir Philip und Sir Reginald.«
+
+Der Schiffer stand eine Weile schweigend und sah sich nach allen Seiten
+um. »Wann glaubst du, daß hier in der Bucht der Eisbruch kommt?« sagte
+er zu Torarin.
+
+»Es ist heuer wunderlich,« sagte Torarin. »In dieser Bucht pflegt das
+Eis früh zu schmelzen, denn hier ist starke Strömung. Aber wie es jetzt
+steht, mußt du dich in acht nehmen, daß du nicht ans Land gedrängt
+wirst, wenn das Eis in Bewegung kommt.«
+
+»Ich denke an nichts andres,« sagte der Schiffer.
+
+Wieder stand er ein Weilchen stumm da. Er wandte das Gesicht dem Meere
+zu. Die Morgensonne leuchtete hoch am Himmel, und die Wellen warfen
+ihren Glanz zurück. Hin und wieder zogen die befreiten Schiffe, und die
+Meervögel kamen mit Freudenschreien vom Süden geflogen. Die Fische
+hielten sich am Wassersaum, sie machten hohe Sprünge und schnellten
+glitzernd aus dem Wasser, übermütig nach der Gefangenschaft unter dem
+Eise. Die Möwen, die draußen an der Eiskante Jagd gehalten hatten, kamen
+jetzt in großen Scharen ans Land, um in den bekannten Revieren zu jagen.
+
+Der Schiffer konnte diesen Anblick nicht ertragen. »Bin ich ein Freund
+von Mördern und Missetätern?« sagte er. »Soll ich mir die Augen
+verschließen und nicht sehen, warum Gott meinem Fahrzeug die Pforten des
+Meeres nicht auftut? Soll ich vergehen um der Ungerechten willen, die
+ihre Zuflucht hierher genommen haben?«
+
+Und der Schiffer ging zu seinen Leuten und sagte ihnen: »Ich weiß jetzt,
+warum wir hier eingeschlossen liegen müssen, während alle andern
+Fahrzeuge ins Meer hinausziehen. Das ist, weil wir Mörder und Missetäter
+an Bord haben.«
+
+Darauf begab sich der Schiffer zu den schottischen Söldlingen, die noch
+im Schiffsraum lagen und schliefen. »Liebe Leute,« sagte er zu ihnen,
+»verhaltet euch noch ein Weilchen still, was ihr auch für Rufen und
+Lärmen an Bord hören möget! Wir müssen Gottes Geboten folgen und keine
+Missetäter unter uns dulden. Wenn ihr mir gehorcht, verspreche ich euch,
+daß ich euch die Truhe ausliefern will, in der Herrn Arnes Schatz ist,
+und ihr sollt ihn untereinander teilen dürfen.«
+
+Aber zu Torarin sagte der Schiffer: »Gehe hinunter zu deinem Schlitten
+und wirf deine Fische aufs Eis. Du wirst jetzt eine andere Ladung zu
+führen haben.«
+
+Darauf brach der Schiffer mit seiner Mannschaft in die Kajüte ein, wo
+Sir Archie und seine Freunde schliefen. Und sie stürzten sich über sie,
+während sie noch im Schlummer lagen, um sie zu binden.
+
+Und als die drei Schotten sich zu verteidigen suchten, da schlugen sie
+sie hart mit ihren Äxten und Spaken und sagten zu ihnen: »Ihr seid
+Mörder und Missetäter. Wie, glaubtet ihr, ihr würdet eurer Strafe
+entgehen? Wisset ihr nicht, daß Gott um euretwillen die Pforten des
+Meeres verschlossen hält?«
+
+Da riefen die drei Männer laut nach ihren Kameraden, daß sie kommen
+sollten und ihnen helfen.
+
+»Ihr sollt nicht nach ihnen rufen,« sagte der Schiffer. »Sie kommen
+nicht. Sie haben Herrn Arnes Schatz zum Teilen bekommen, und sie sind
+dabei, die Silbermünzen in ihren Hüten zu messen. Um dieses Geldes
+willen ist dieser böse Handel geschehen, und um dieses Geldes willen
+kommt nun die Strafe über euer Haupt.«
+
+Und ehe noch Torarin die Fische aus dem Schlitten geladen hatte, kamen
+der Schiffer und seine Mannschaft zu ihm aufs Eis hinab. Sie führten in
+ihrer Mitte drei Männer, die wohl gefesselt waren. Sie waren jämmerlich
+geschlagen und ohnmächtig von ihren Wunden.
+
+»Gott hat nicht vergeblich nach mir gerufen,« sagte der Schiffer. »Sowie
+ich seinen Willen verstanden habe, habe ich ihn befolgt.«
+
+Sie legten die Gefangenen auf Torarins Schlitten, und Torarin fuhr mit
+ihnen durch enge Buchten und Sunde, wo das Eis noch festlag, nach
+Marstrand.
+
+Aber am Nachmittage stand der Schiffer noch auf der hohen Warte seines
+Fahrzeugs und blickte auf das Meer. Ringsumher war alles noch
+unverändert, und die Eismauer vor dem Fahrzeug türmte sich höher und
+immer höher auf.
+
+Als es zu dämmern begann, sah der Schiffer ein kleines Häuflein Menschen
+von der Landseite her über das Eis ziehen und sich seinem Schiffe
+nähern.
+
+Es währte lange, bis er die Kommenden so deutlich zu unterscheiden
+vermochte, daß er sehen konnte, was es für Leute waren. Doch dachte er
+gleich, daß sie alt und gebrechlich sein müßten, denn sie kamen nur
+langsam vorwärts.
+
+Endlich, als sie ganz nahe waren, sah er, daß an der Spitze des Zuges
+zwei Priester in Mantel und Kragen schritten. Der eine war jung und der
+andre sehr alt. Hinter ihnen gingen ein paar alte Männer, die eine Bahre
+trugen, und zu allerletzt kam eine alte, alte Frau, die von zwei
+Dienerinnen gestützt wurde.
+
+Sie blieben auf dem Eise unter dem Schiffe stehen, und der alte
+Geistliche sagte zum Schiffer:
+
+»Wir sind hergekommen, um eine junge Jungfrau zu holen, die tot ist. Die
+Mörder haben gestanden, daß sie ihr Leben hingab, damit sie nicht
+entrännen, und jetzt kommen wir, um sie zu holen, auf daß sie mit allen
+den Ehren begraben werde, die ihr gebühren, und Ruhe unter den Ihren
+finde.«
+
+Da wurde Elsalill gefunden und hinunter aufs Eis gebracht. Sie wurde auf
+die Bahre gelegt, die die alten Männer trugen, und der alte Priester
+dankte dem Schiffer und wanderte wieder an der Spitze seiner Leute dem
+Lande zu.
+
+Aber wie sie sich wendeten, um zu gehen, sah der Schiffer, daß eine
+junge Jungfrau, die er früher nicht gesehen hatte, neben der Bahre
+einherging, und sie beugte sich einmal ums andre zu der Toten hinunter
+und herzte sie zärtlich.
+
+Aber wie die Trauernden dahinschritten, brachen Sturm und Wogen hinter
+ihnen herein und schleuderten das Eis empor, über das sie eben gewandert
+waren. Und kaum waren sie mit Elsalill hinter einer Landzunge
+verschwunden, als das Eis auch schon zersplittert war und die große
+Galeasse den Weg frei hatte, hinaus ins offene Meer.
+
+
+
+
+
+Reors Geschichte
+
+
+War da ein Mann, der hieß Reor. Er war aus Fuglekärr im Kirchspiel
+Svarteborg und galt für den besten Schützen der Gegend. Er wurde
+getauft, als König Olof die alte Lehre in Viken ausrottete, und war
+fortab ein eifriger Christ. Er war von freier Geburt, aber arm, schön
+aber nicht hochgewachsen, stark aber sanft. Er zähmte junge Fohlen mit
+Blick und Wort allein, und er konnte mit einem einzigen Zuruf die
+kleinen Vöglein an sich locken. Er hielt sich fast immer im Walde auf,
+und die Natur hatte große Macht über ihn. Das Wachstum der Pflanzen und
+das Knospen der Bäume, das Spiel der Hasen in den Waldlichtungen und der
+Sprung des Barsches in dem abendstillen See, der Kampf der Jahreszeiten
+und der Wechsel der Witterung, dies waren die Hauptgeschehnisse in
+seinem Leben. Schmerz und Freude bereitete ihm derlei, und nicht das,
+was sich unter den Menschen zutrug.
+
+Eines Tages tat der geschickte Jäger einen guten Fang. Er traf im tiefen
+Waldesdickicht einen alten Bären und erlegte ihn mit einem einzigen
+Schuß. Die scharfe Spitze des großen Pfeiles drang in das Herz des
+Gewaltigen, und er sank dem Jäger tot zu Füßen. Es war Sommer, und der
+Pelz des Bären war weder dicht noch glatt, dennoch zog der Schütze ihn
+ab, rollte ihn zu einem harten Bündel zusammen und ging mit dem
+Bärenfell auf dem Rücken weiter.
+
+Er war noch nicht lange gewandert, als er einen überaus starken
+Honigduft verspürte. Der kam von den kleinen, blühenden Pflanzen, die
+den Boden bedeckten. Sie wuchsen auf dünnen Stielen, hatten lichtgrüne,
+glatte Blätter, die sehr schön geädert waren, und auf der Spitze des
+Stengels ein kleines Büschelchen, das dicht mit weißen Blüten besetzt
+war. Die kleinen Kronen waren nach winzigem Maßstabe geraten, doch aus
+ihnen ragte eine kleine Bürste von Stempeln auf, deren blütenstaubgefüllte
+Knöpfchen auf weißen Saiten zitterten. Reor dachte, während er so unter
+ihnen einherging, daß diese Blumen, die einsam und unbemerkt im
+Waldesdunkel standen, Botschaft um Botschaft, Ruf um Ruf aussandten. Der
+starke honigsüße Duft war ihr Ruf, der verbreitete die Kunde ihres
+Daseins weit unter die Bäume und hoch hinauf in die Wolken. Aber es lag
+etwas Beängstigendes in dem schweren Duft. Die Blumen hatten ihre Becher
+gefüllt und ihre Tischlein gedeckt, der geflügelten Gäste harrend, aber
+niemand kam. Sie sehnten sich zu Tode in ihrer trüben Einsamkeit in dem
+dunkeln, windstillen Waldesdickicht. Sie schienen schreien und jammern
+zu wollen, weil die schönen Schmetterlinge nicht kamen, um bei ihnen zu
+Gaste zu sein. Da wo die Blumen am dichtesten beisammen standen, deuchte
+es ihn, als sängen sie zusammen ein eintöniges Lied: »Kommt, ihr schönen
+Gäste, kommt heute, denn morgen sind wir tot. Morgen liegen wir auf dem
+trocknen Laub.«
+
+Doch es sollte Reor vergönnt sein, das frohe Ende des Blumenmärchens zu
+sehen. Er vernahm hinter sich ein Flattern wie das allerleiseste
+Lüftchen und sah einen weißen Schmetterling im Dunkel zwischen den
+dicken Stämmen umherirren. Unruhig suchend flog er hin und wieder, als
+wüßte er den Weg nicht. Er war nicht allein, ein Schmetterling nach dem
+andern tauchte im Dunkel auf, bis endlich ein ganzes Heer der
+weißbeschwingten Honigsucher versammelt war. Aber der erste war der
+Anführer, und er fand, vom Dufte geleitet, die Blumen. Nach ihm kam das
+ganze Schmetterlingsheer herangestürmt. Es stürzte sich auf die
+sehnsüchtigen Blumen, wie der Sieger sich auf die Beute stürzt. Wie ein
+Schneefall von weißen Flügeln senkten sie sich auf sie herab. Und nun
+gab es ein Fest- und Trinkgelage um jede Blume. Der Wald war voll von
+stillem Jubel.
+
+Reor ging weiter. Doch nun war es, als folgte ihm der honigsüße Duft auf
+dem Fuße, wohin er auch ging. Und er empfand, daß sich drinnen im Walde
+eine Sehnsucht verbarg, stärker als die der Blumen. Daß da etwas war,
+was ihn zu sich zog, so wie die Blumen die Schmetterlinge angelockt
+hatten. Er ging mit einer stillen Freude im Herzen einher, so, als
+harrte er eines großen unbekannten Glückes. Das einzige, was ihn
+ängstigte, war, ob er auch den Weg zu diesem finden konnte, was sich
+nach ihm sehnte.
+
+Vor ihm auf dem schmalen Pfade kroch eine weiße Schlange. Er bückte
+sich, um das glückbringende Tier aufzuheben, aber die Schlange glitt ihm
+aus den Händen und eilte rasch den Pfad hinauf. Da rollte sie sich
+zusammen und lag still, doch als der Schütze wieder nach ihr griff,
+glitt sie so glatt wie Eis zwischen seinen Fingern durch. Nun war Reor
+ganz und gar darauf erpicht, das klügste der Tiere zu besitzen. Er lief
+der Schlange nach, aber konnte sie nicht erreichen, und sie lockte ihn
+von dem Pfade fort auf den ungebahnten Waldboden.
+
+Dieser war mit Föhren bestanden, und in einem Föhrenwalde findet man
+selten Rasen. Aber jetzt verschwand plötzlich das trockene Moos und die
+braunen Nadeln, Farrenkräuter und Preiselbeerbüsche zogen sich zurück,
+und Reor fühlte seidenweiches Gras unter seinen Füßen. Über der grünen
+Matte zitterten federleichte Blumenrispen auf sanftgeneigten Stengeln,
+und zwischen den langen schmalen Blättern zeigten sich die kleinen,
+halberblühten Blumen der Steinnelke. Es war nur eine ganz kleine Stelle,
+und darüber breiteten die hochstämmigen Föhren ihre knorrigen, braunen
+Äste mit dichten Nadelbüscheln. Doch zwischen diesen konnten die
+Sonnenstrahlen viele Wege zur Erde finden, und es war erstickend heiß.
+
+Aber gerade vor dieser kleinen Wiese erhob sich eine Felswand lotrecht
+aus dem Boden. Sie lag im hellen Sonnenschein, und man sah deutlich die
+moosigen Steinflächen, die frischen Brüche, da wo der Winterfrost
+zuletzt gewaltige Blöcke gelöst hatte, die großen Stauden Steinwurz, die
+die braunen Wurzeln in erdgefüllte Spalten drängten, und die zollbreiten
+Absätze, wo die Säulenflechte ihre rotgestreiften Pokale aufrichtete und
+eine grasgrüne Moosart auf nadelfeinen Stiftchen die kleinen grauen
+Mützen erhob, die ihre Befruchtungsorgane enthielten.
+
+Diese Felswand schien in allen Stücken jeder andern Felswand zu
+gleichen, aber Reor bemerkte sogleich, daß er gerade vor die Giebelwand
+einer Riesenbehausung gekommen war, und er entdeckte unter Moos und
+Flechten die großen Angeln, auf denen das Steintor des Berges sich
+drehte.
+
+Er glaubte jetzt, daß die Schlange sich in das Gras verkrochen habe, um
+sich da zu verbergen, bis sie unbemerkt in den Felsen schlüpfen konnte,
+und er gab die Hoffnung auf, sie zu fangen. Er spürte jetzt wieder den
+honigsüßen Duft der sehnsüchtigen Blumen und merkte, daß hier oben unter
+der Bergwand eine erstickende Hitze herrschte. Es war auch seltsam
+still: kein Vogel rührte sich, keine Nadel spielte im Winde, es war, als
+hielte alles den Atem an, um in unbeschreiblicher Spannung zu warten und
+zu lauschen. Reor war gleichsam in ein Gemach gekommen, wo er nicht
+allein war, obgleich er niemanden sah. Er hatte das Gefühl, als ob
+jemand ihn beobachtete, es war ihm, als würde er erwartet. Er empfand
+keine Angst, nur ein wohliger Schauer durchrieselte ihn, so, als sollte
+er bald etwas überaus Schönes zu sehen bekommen.
+
+In diesem Augenblick gewahrte er wieder die Schlange. Sie hatte sich
+nicht versteckt, sie war vielmehr auf einen der Blöcke gekrochen, die
+der Frost von der Felswand abgesprengt hatte. Und dicht unter der weißen
+Schlange sah er den lichten Leib eines Mädchens, das im weichen Grase
+lag und schlief. Sie lag ohne andere Decke, als ein paar spinnwebdünne
+Schleier, gerade als hätte sie sich dort hingeworfen, nachdem sie die
+Nacht hindurch im Elfenreigen getanzt, aber die langen Grashalme und die
+zitternden, federleichten Blumenrispen erhoben sich hoch über der
+Schlafenden, so daß Reor nur undeutlich die weichen Linien ihres Körpers
+gewahren konnte. Er trat auch nicht näher, um besser zu sehen, aber sein
+gutes Messer zog er aus der Scheide und warf es zwischen das Mädchen und
+die Felswand, damit die den Stahl fürchtende Riesentochter nicht in den
+Berg fliehen konnte, wenn sie erwachte.
+
+Dann blieb er in tiefe Gedanken versunken stehen. Eines wußte er
+sogleich, das Mägdlein, das hier schlief, wollte er besitzen; aber noch
+war er nicht recht einig mit sich selbst, wie er gegen sie handeln
+sollte.
+
+Doch da lauschte er, der die Sprache der Natur besser kannte als die der
+Menschen, dem großen ernsten Walde und dem strengen Berge. »Sieh,«
+sagten sie, »dir, der du die Wildnis liebst, geben wir unsere schöne
+Tochter. Besser ziemt sie dir als die Töchter der Ebene. Reor, bist du
+der edelsten Gabe würdig?«
+
+Da dankte er in seinem Herzen der großen wohltätigen Natur und beschloß
+das Mädchen zu seiner Frau zu machen und nicht nur zu seiner Magd. Und
+da er dachte, daß sie, wenn sie das Christentum und Menschensitte
+angenommen hatte, sich bei dem Gedanken, daß sie so unverhüllt dagelegen
+habe, schämen würde, löste er die Bärenhaut von seinem Rücken, entrollte
+das steife Fell und warf den grauen zottigen Pelz des alten Bären über
+sie.
+
+Doch als er dies tat, erdröhnte hinter der Felswand ein Lachen, vor dem
+die Erde erzitterte. Es klang nicht wie Hohn, nur so, als hätte jemand
+in großer Angst gewartet, der lachen mußte, als er ganz plötzlich davon
+befreit wurde. Die furchtbare Stille und die drückende Hitze hatten nun
+auch ein Ende. Über das Gras schwebte ein erquickender Wind, und die
+Nadeln begannen ihren rauschenden Gesang. Der glückliche Jäger fühlte,
+daß der ganze Wald den Atem angehalten hatte, in Unruhe, wie die Tochter
+der Wildnis von dem Menschensohn behandelt werden würde.
+
+Die Schlange schlüpfte jetzt in das hohe Gras; aber die Schlummernde lag
+in Zauberschlaf versunken und regte sich nicht. Da rollte Reor sie in
+die grobe Bärenhaut, so daß nur ihr Kopf aus dem zottigen Fell
+hervorguckte. Obgleich sie sicherlich eine Tochter des alten Riesen im
+Berge war, war sie doch zart und fein gebaut, und der starke Schütze hob
+sie in seine Arme und trug sie fort durch den Wald.
+
+Nach einem Weilchen fühlte er, wie jemand seinen breitrandigen Hut
+abhob. Da sah er auf und merkte, daß die Riesentochter erwacht war. Sie
+saß ganz ruhig in seinem Arm, aber nun wollte sie sehen, wie der Mann
+aussah, der sie trug. Er ließ sie gewähren, er machte größere Schritte,
+aber sagte nichts.
+
+Da mußte sie wohl gemerkt haben, wie heiß ihm die Sonne auf den Kopf
+brannte, nachdem sie ihm den Hut abgenommen hatte. Sie hielt ihn darum
+über seinen Kopf wie einen Sonnenschirm, aber sie setzte ihn ihm nicht
+auf, sondern hielt ihn so, daß sie immerzu in sein Gesicht sehen konnte.
+Da deuchte es ihn, daß er nichts zu fragen, nichts zu sagen brauchte.
+Stumm trug er sie hinab zu seiner Mutter Hütte. Doch sein ganzes Wesen
+durchbebte Glückseligkeit, und als er auf der Schwelle seines Heims
+stand, da sah er, wie die weiße Schlange, die Glück ins Haus bringt,
+unter die Grundmauer schlüpfte.
+
+
+
+
+
+Das Mädchen vom Moorhof
+
+1
+
+Es ist in einem Thingsaal, weit draußen auf dem Lande. Am Richtertisch,
+hoch oben im Saal, sitzt der Richter, ein großer, stark gebauter Mann
+mit breitem, grobgeschnittenem Gesicht. Schon mehrere Stunden lang hat
+er einen Fall nach dem andern entschieden, und schließlich ist etwas wie
+Überdruß und Düsterkeit über ihn gekommen. Es ist schwer zu sagen, ob es
+die Hitze und Schwüle im Gerichtssaal ist, die ihn bedrückt, oder die
+Schuld an dieser schlechten Laune die Beschäftigung mit allen diesen
+kleinlichen Zwistigkeiten trägt, die aus keinem andern Grunde entstanden
+zu sein scheinen, als um die Händelsucht und Unbarmherzigkeit und
+Geldgier der Menschen an den Tag zu bringen.
+
+Er hat gerade mit einer der letzten Verhandlungen begonnen, die heute
+durchgeführt werden sollen. Es handelt sich um die Forderung eines
+Erziehungsbeitrages.
+
+Dieser Fall ist schon am vorigen Gerichtstag verhandelt worden, und das
+Protokoll des früheren Prozesses wird eben verlesen. Daraus erfährt man
+fürs erste, daß die Klägerin eine arme Dienstmagd ist und der Beklagte
+ein verheirateter Mann.
+
+Weiter geht aus dem Protokoll hervor, daß der Beklagte erklärt hat, die
+Klägerin habe ihn zu Unrecht und nur aus Gewinnsucht hierher laden
+lassen. Er gibt zu, daß die Klägerin eine Zeitlang auf seinem Hof in
+Dienst gestanden hat; er aber habe sich während dieser Zeit in keinerlei
+Liebeshändel mit ihr eingelassen, und sie habe kein Recht, irgendwelche
+Unterstützung von ihm zu begehren. Die Klägerin jedoch hat an ihrer
+Behauptung festgehalten; und nachdem einige Zeugen vernommen waren, ist
+dem Beklagten auferlegt worden, einen Eid zu leisten, wenn er nicht
+verurteilt werden wolle, der Klägerin die verlangte Unterstützung zu
+zahlen.
+
+Beide Parteien haben sich eingefunden und stehen nebeneinander vor dem
+Gerichtstisch. Die Klägerin ist sehr jung und sieht ganz verschüchtert
+aus. Sie weint vor Scham und trocknet mühsam ihre Tränen mit einem
+zusammengeknüllten Taschentuch; es scheint, als könne sie es nicht
+auseinanderfalten. Sie trägt schwarze Kleider, die ziemlich neu und
+ungetragen aussehen, aber sie sitzen so schlecht, daß man versucht ist,
+zu glauben, sie habe sie sich ausgeliehen, um anständig vor Gericht
+erscheinen zu können.
+
+Was den Beklagten anlangt, so sieht man ihm gleich an, daß er ein
+wohlgestellter Mann ist. Er mag etwa vierzig Jahre alt sein und hat ein
+zuversichtliches und frisches Aussehen. Wie er da vor dem Richterstuhl
+steht, zeigt er eine sehr gute Haltung. Es sieht ja nicht aus, als fände
+er ein besonderes Vergnügen daran, da zu stehen, aber er macht auch
+durchaus keinen befangenen Eindruck.
+
+Als das Protokoll verlesen ist, wendet sich der Richter an den Beklagten
+und fragt ihn, ob er an seinem Leugnen festhalte, und ob er bereit sei,
+den Eid zu schwören.
+
+Auf diese Frage antwortet der Beklagte sogleich mit einem raschen Ja. Er
+fängt an, in seiner Westentasche zu suchen, und holt ein Zeugnis des
+Pfarrers darüber hervor, daß er die Wichtigkeit und Bedeutung des Eides
+kenne und kein Hinderungsgrund für ihn vorliege, ihn zu schwören.
+
+Während dieser ganzen Zeit hat die Klägerin nicht aufgehört zu weinen.
+Sie scheint unüberwindlich scheu zu sein und hält die Augen hartnäckig
+zu Boden geschlagen. Sie hat den Blick noch nicht so weit erhoben, daß
+sie dem Beklagten ins Gesicht sehen könnte.
+
+Als er nun sein Ja gesagt hat, zuckt sie zusammen. Sie tritt ein paar
+Schritte näher an den Richterstuhl heran, als hätte sie etwas
+einzuwenden; aber dann bleibt sie stehen. Es sei wohl nicht möglich,
+scheint sie zu sich selbst zu sagen, er könne nicht Ja gesagt haben. –
+Ich habe nicht recht gehört ...
+
+Indessen nimmt der Richter das Zeugnis in die Hand und gibt zugleich dem
+Gerichtsdiener einen Wink. Der Gerichtsdiener tritt an den Tisch heran,
+um die Bibel zu nehmen und sie vor den Beklagten hinzulegen.
+
+Die Klägerin hört, daß jemand an ihr vorbeigeht, und wird unruhig. Sie
+zwingt sich, den Blick so weit zu heben, daß sie über den Tisch hinsehen
+kann, und da bemerkt sie, daß der Gerichtsdiener die Bibel zurechtlegt.
+
+Noch einmal sieht es aus, als wollte sie Einspruch erheben. Aber sie
+hält sich wieder zurück. – Es ist ja nicht möglich, daß er den Eid
+ablegt. Der Richter muß ihn doch daran hindern.
+
+Der Richter war ein so kluger Mann, und er wußte gar wohl, was die Leute
+in seiner Heimat dachten und fühlten. Er müßte doch wissen, wie streng
+alle diese Menschen sind, sobald es sich um etwas handelt, was die Ehe
+betrifft. Sie kannten keine ärgere Sünde als die, die sie begangen
+hatte. Würde sie je so etwas aus sich selbst eingestanden haben, wenn es
+nicht wahr gewesen wäre? Der Richter könnte wohl wissen, welche
+furchtbare Verachtung sie sich zugezogen hatte. Und nicht nur Verachtung
+allein, sondern auch alles mögliche Elend. Niemand wollte sie in Dienst
+nehmen. Niemand wollte ihre Arbeit haben. Ihre eignen Eltern duldeten
+sie kaum in ihrer Hütte, sondern sprachen jeden Tag davon, sie
+hinauszuwerfen. Nein, der Richter müßte wohl begreifen, daß sie keine
+Unterstützung von einem verheirateten Mann verlangt hätte, wenn ihr kein
+Recht darauf zustünde.
+
+Der Richter könnte doch nicht glauben, daß sie in einer solchen Sache
+lüge, daß sie so furchtbares Unglück auf sich herabbeschworen hätte,
+wenn sie einen andern hätte anklagen können als einen verheirateten
+Mann. Und wenn er dies wüßte, müßte er den Eid doch verhindern.
+
+Sie sieht, daß der Richter dasitzt und das Zeugnis des Pfarrers ein
+paarmal durchliest. Darum fängt sie zu glauben an, daß er eingreifen
+werde.
+
+Es ist auch richtig, daß der Richter nachdenklich aussieht. Er heftet
+seine Blicke ein paarmal auf die Klägerin, aber dabei wird der Ausdruck
+des Ekels und des Überdrusses, der auf seinem Gesicht ruht, immer
+deutlicher. Es sieht aus, als wäre er ungünstig gegen sie gestimmt.
+Selbst wenn die Klägerin die Wahrheit spricht, – sie ist ja doch eine
+schlechte Person, und der Richter kann keine Teilnahme für sie
+empfinden.
+
+Es kommt manchmal vor, daß der Richter in einen Prozeß eingreift als ein
+guter und kluger Ratgeber, der die Parteien davor behütet, sich ganz und
+gar zugrunde zu richten. Aber diesmal ist er müde und unlustig, und er
+denkt an nichts anderes, als dem gesetzlichen Verfahren seinen Lauf zu
+lassen.
+
+Er legt das Zeugnis hin und sagt dem Beklagten mit ein paar Worten, er
+hoffe, daß dieser die verhängnisvollen Folgen eines falschen Schwurs
+genau bedacht habe. Der Beklagte hört ihn mit derselben Ruhe an, die er
+die ganze Zeit über an den Tag gelegt hat, und antwortet ehrerbietig und
+nicht ohne Würde.
+
+Die Klägerin hört dies mit dem äußersten Schrecken. Sie macht ein paar
+heftige Bewegungen und preßt die Hände zusammen. Nun will sie vor dem
+Richterstuhl sprechen. Sie kämpft einen furchtbaren Kampf mit ihrer
+Scheu und mit dem Schluchzen, das ihr die Kehle zusammenschnürt. Das
+Ende ist doch, daß sie kein hörbares Wort hervorbringen kann.
+
+Der Eid soll also geleistet werden. Er wird ihn ablegen. Niemand wird
+ihn hindern, seine Seele zu verschwören.
+
+Bis dahin hat sie nicht glauben können, daß es geschehen würde. Aber
+jetzt packt sie die Gewißheit, daß es unmittelbar bevorsteht, daß es im
+nächsten Augenblick geschehen wird. Ein Schrecken, der viel
+überwältigender ist als alles, was sie bisher gekannt hat, bemächtigt
+sich ihrer. Sie steht wie versteinert, sie weint nicht einmal mehr. Die
+Augen erstarren ihr im Kopfe.
+
+Es ist also seine Absicht, sich um seines Weibes willen freizuschwören.
+Aber wenn er auch einen schweren Stand mit ihr haben sollte, – deshalb
+darf er doch nicht seiner Seele Seligkeit preisgeben.
+
+Es gibt nichts Furchtbareres als einen Meineid. Es ist etwas
+Geheimnisvolles und Gräßliches um diese Sünde. Es gibt keine Gnade,
+keine Vergebung für sie. Die Tore des Abgrundes öffnen sich von selbst,
+wenn der Name des Meineidigen genannt wird.
+
+Wenn sie jetzt die Blicke zu seinem Gesicht erhoben hätte, – sie hätte
+gefürchtet, es schon mit irgendeinem Zeichen der Verdammnis gebrandmarkt
+zu sehen, ihm aufgeprägt von Gottes Zorn.
+
+Während sie so dasteht und immer größere Angst sich ihrer bemächtigt,
+hat der Richter dem Beklagten gezeigt, wie er die Finger auf die Bibel
+zu legen hat. Dann schlägt der Richter im Gesetzbuch nach, um die
+Eidesformel zu finden.
+
+Als sie ihn die Finger auf das Buch legen sieht, macht sie noch einen
+Schritt zum Richterstuhl hin; und es sieht aus, als wollte sie sich über
+den Tisch beugen und seine Hand fortziehen.
+
+Aber noch wird sie von einer letzten Hoffnung zurückgehalten. Sie
+glaubt, daß er jetzt im letzten Augenblick noch vom Schwur abstehen
+werde.
+
+Der Richter hat die Seite im Gesetzbuch gefunden, nach der er gesucht
+hat; und jetzt beginnt er, den Eid laut und deutlich vorzusagen. Dann
+macht er eine Pause, damit der Beklagte seine Worte nachsprechen könne.
+Und der Beklagte fängt wirklich an, sie nachzusprechen; aber er macht
+einen kleinen Fehler, so daß der Richter von vorn anfangen muß.
+
+Jetzt kann sie keinen Schimmer von Hoffnung mehr haben. Jetzt weiß sie,
+daß er falsch schwören, daß er Gottes Zorn für das zukünftige Leben auf
+sich herabschwören will.
+
+Sie steht da und ringt in ihrer Hilflosigkeit die Hände. Und es ist
+alles ihre Schuld, weil sie ihn verklagt hat.
+
+Aber sie war ja ohne Arbeit, sie hatte gehungert und gefroren. Das Kind
+lag im Sterben. An wen sonst hätte sie sich um Hilfe wenden sollen?
+
+Nie hätte sie auch geglaubt, daß er eine so schreckliche Sünde begehen
+könnte.
+
+Jetzt hat der Richter den Eid noch einmal vorgesprochen. In wenigen
+Augenblicken wird die Tat vollbracht sein. Jene Tat, von der es keine
+Umkehr gibt, die niemals gutgemacht, niemals ausgelöscht werden kann.
+
+Gerade als der Beklagte anfängt, den Eid nachzusprechen, stürzt sie vor,
+schleudert seine ausgestreckte Hand beiseite und reißt die Bibel an
+sich.
+
+Ein furchtbares Entsetzen hat ihr endlich Mut gegeben. Er darf seine
+Seele nicht verschwören. Er darf nicht.
+
+Der Gerichtsdiener eilt sogleich herbei, sie zur Ordnung zu rufen und
+ihr die Bibel abzunehmen. Sie hat ungeheure Angst vor allem, was mit dem
+Gericht zusammenhängt, und sie glaubt, daß, was sie jetzt getan hat, sie
+auf die Festung bringen werde. Aber sie gibt die Bibel nicht her. Was es
+auch kosten möge, er darf den Eid nicht ablegen. Auch er, der schwören
+will, läuft herbei, um das Buch zu ergreifen; aber sie leistet auch ihm
+Widerstand.
+
+»Du darfst den Eid nicht schwören!« ruft sie. »Du darfst nicht!«
+
+Was jetzt vorgeht, erweckt natürlich das größte Staunen. Die
+Versammelten drängen zum Richtertisch, die Geschworenen erheben sich,
+der Protokollführer springt auf, das Tintenfaß in der Hand, damit es
+nicht umgestürzt werde.
+
+Da ruft der Richter mit lauter, zorniger Stimme: »Ruhe!« und alle die
+Menschen bleiben regungslos stehen.
+
+»Was fällt dir ein? Was hast du mit der Bibel zu schaffen?« fragt der
+Richter die Klägerin mit harter und strenger Stimme.
+
+Nachdem sie ihrer Angst in einer Tat der Verzweiflung Luft gemacht hat,
+ist ihre Beklommenheit gewichen, so daß sie antworten kann: »Er darf den
+Eid nicht ablegen!«
+
+»Sei still und gib das Buch zurück!« ruft der Richter. Aber sie gehorcht
+nicht, sondern umklammert das Buch mit beiden Händen.
+
+»Er darf den Eid nicht ablegen!« ruft sie mit ungezügelter Heftigkeit.
+
+»Ist es dir so sehr darum zu tun, den Prozeß zu gewinnen?« fragt der
+Richter in immer schärferem Ton.
+
+»Ich will die Klage zurückziehen!« ruft sie mit lauter, schneidender
+Stimme. »Ich will ihn nicht zwingen, zu schwören!«
+
+»Was schreist du da?« fragt der Richter. »Hast du den Verstand
+verloren?«
+
+Sie ringt heftig nach Atem und versucht sich zu beruhigen. Sie hört
+selbst, wie sie schreit. Der Richter muß wohl glauben, daß sie toll
+geworden sei, weil sie, was sie will, nicht in ruhigen Worten sagen
+kann. Noch einmal kämpft sie mit sich selbst, um Macht über ihre Stimme
+zu erlangen, und diesmal gelingt es ihr. Sie sagt langsam, ernst, laut,
+während sie dem Richter gerade ins Gesicht sieht:
+
+»Ich will die Klage zurückziehen. Er ist der Vater des Kindes. Aber ich
+hab’ ihn noch lieb. Ich will nicht, daß er falsch schwört!«
+
+Sie steht aufrecht und entschlossen vor dem Richtertisch und sieht dem
+Richter gerade in sein strenges Gesicht. Er sitzt da, beide Hände auf
+den Tisch gestützt; und lange, lange wendet er den Blick nicht von ihr.
+Während der Richter sie betrachtet, geht eine große Veränderung mit ihm
+vor. Alle Schlaffheit und Mißvergnügtheit, die in seinen Zügen gelegen
+hat, schwindet, und das große, grobe Gesicht wird durch die Rührung
+geradezu schön. Sieh da, denkt der Richter, sieh da, so ist mein Volk.
+Ich will mich nicht darüber beklagen, wo doch bei einer der Geringsten
+so viel Liebe und Gottesfurcht zu finden ist.
+
+Plötzlich aber spürt der Richter, daß seine Augen sich mit Tränen
+füllen, und da zuckt er beinahe beschämt zusammen und wirft einen
+raschen Blick um sich. Da sieht er, daß die Schreiber und die
+Gerichtsdiener und die ganze lange Reihe der Beisitzer sich vorgebeugt
+haben, um das Mädchen anzusehen, das vor dem Richtertisch steht, die
+Bibel an die Brust gepreßt. Und er sieht einen Schimmer auf ihren
+Gesichtern, als hätten sie etwas richtig Schönes gesehen, das sie bis in
+das tiefste Herz erfreut hat.
+
+Hierauf sieht der Richter auch über das versammelte Volk hin, und ihm
+ist, als säßen alle diese Menschen stumm und atemlos da, als hätten sie
+gerade jetzt das gehört, wonach sie sich am meisten sehnten.
+
+Zu allerletzt sieht der Richter den Beklagten an. Jetzt ist er es, der
+mit gesenktem Kopf dasteht und zu Boden blickt.
+
+Der Richter wendet sich abermals an das arme Mädchen. »Es soll so sein,
+wie du es willst,« sagt er. »Die Klage wird zurückgezogen,« diktiert er
+dem Protokollführer.
+
+Der Beklagte macht eine Bewegung, als wolle er einen Einwand vorbringen.
+»Was denn? Was denn?« schreit ihn der Richter an. »Hast du vielleicht
+etwas dagegen?« Der Beklagte läßt den Kopf noch tiefer sinken und sagt
+dann kaum hörbar: »Ach nein, es ist wohl am besten so.«
+
+Der Richter sitzt noch einen Augenblick still, dann schiebt er den
+schweren Stuhl zurück, erhebt sich und geht um den Tisch herum zur
+Klägerin hin.
+
+»Ich danke dir,« sagt er und reicht ihr die Hand.
+
+Sie hat die Bibel jetzt fortgelegt und steht da und weint und trocknet
+die Tränen mit dem zusammengerollten Taschentuch.
+
+»Ich danke dir,« sagt der Richter noch einmal und ergreift ihre Hand so
+leicht und behutsam, als wäre sie etwas gar Feines und Kostbares.
+
+
+2
+
+Niemand darf glauben, daß das Mädchen, das eine so schwere Stunde vor
+dem Gerichtstisch durchgemacht hatte, selbst meinte, sie habe etwas
+Rühmenswertes getan. Sie meinte im Gegenteil, daß sie vor der ganzen
+Gemeinde beschämt sei. Sie begriff nicht die Ehre, die darin lag, daß
+der Richter auf sie zugekommen war und ihr die Hand geschüttelt hatte.
+Sie glaubte, dies bedeutete nur, daß die Verhandlung zu Ende sei, und
+sie ihrer Wege gehen könne.
+
+Sie sah auch nicht, daß die Leute ihr freundliche Blicke zuwarfen, und
+daß ihr mehrere die Hand drücken wollten. Sie schlich sich nur davon und
+wollte fort. Aber unten an der Tür herrschte ein großes Gedränge. Der
+Thing war zu Ende, und viele wollten wieder ins Freie. Sie drückte sich
+an die Wand und war wohl die letzte, die den Thingsaal verließ. Sie
+meinte, daß alle andern vor ihr hinausgehen müßten.
+
+Als sie endlich ins Freie kam, stand Gudmund Erlandssons Wägelchen
+angespannt vor der Freitreppe. Gudmund saß darin, die Zügel in der Hand,
+und schien auf jemand zu warten. Sowie er ihrer unter allem Volk, das
+aus dem Thingsaal strömte, ansichtig wurde, rief er ihr zu: »Komm her,
+Helga! Du kannst mit mir fahren, wir haben denselben Weg.«
+
+Aber obgleich sie ihren Namen hörte, – sie konnte nicht glauben, daß er
+sie rief. Es war nicht möglich, daß Gudmund Erlandsson sie kutschieren
+wollte. Er war der schmuckste Bursche im ganzen Kirchspiel, jung und
+schön und aus gutem Hause und in Gunst bei allen Leuten. Sie konnte
+nicht glauben, daß er etwas mit ihr zu tun haben wolle.
+
+Sie ging, das Kopftuch tief in die Stirn geschoben, und eilte an ihm
+vorbei, ohne aufzusehen oder zu antworten.
+
+»Hörst du nicht, Helga, daß du mit mir fahren kannst?« fragte Gudmund,
+und es lag ein so recht freundlicher Ton in der Stimme. Aber sie konnte
+es nicht in ihren Kopf hineinbringen, daß Gudmund es gut mit ihr meine.
+Sie glaubte, er wolle sie in der einen oder andern Weise verspotten und
+wartete nur darauf, die Umstehenden in Kichern und Lachen ausbrechen zu
+hören. Sie warf ihm einen erschrocknen und zornigen Blick zu und lief
+vom Thingplatz fort, um außer Hörweite zu sein, wenn das Lachen begänne.
+
+Gudmund war damals noch unverheiratet und wohnte bei seinen Eltern. Der
+Vater war ein kleiner Bauer. Er hatte keinen großen Hof und war nicht
+vermögend, aber er konnte sorgenfrei leben. Der Sohn war zum Thing
+gefahren, um einige Urkunden für seinen Vater zu holen, aber da er noch
+eine andre Absicht mit seiner Fahrt verfolgte, hatte er sich sehr fein
+hergerichtet. Er hatte das neue Wägelchen genommen, dessen Lackierung
+keine Schramme aufwies; das Pferd hatte er gestriegelt, bis es wie Seide
+glänzte, und das Sattelzeug fein geputzt. Er hatte eine schmucke, rote
+Decke neben sich auf den Sitz gelegt, und sich selbst hatte er mit einem
+kurzen Jagdrock, einem kleinen, grauen Filzhut und hohen Stiefeln
+geputzt, in die die Hosen hineingesteckt waren. Es war wohl kein
+Feiertagsgewand, aber er wußte, daß er männlich und stattlich darin
+aussah.
+
+Als Gudmund am Morgen von daheim fortfuhr, hatte er allein im Wagen
+gesessen, aber er war in angenehme Gedanken versunken, und die Zeit war
+ihm nicht lang erschienen. Als er ungefähr auf halbem Wege war, fuhr er
+an einem armen Mädchen vorbei, das sehr langsam ging und aussah, als
+könnte es vor Müdigkeit kaum einen Fuß vor den andern setzen. Es war
+Herbst, der Weg war vom Regen aufgeweicht, und Gudmund sah, wie sie bei
+jedem Schritt tief in den Schmutz einsank. Er hielt an und fragte, wohin
+sie gehe, und als er erfuhr, daß sie zum Thing wolle, bot er ihr an,
+mitzufahren. Sie dankte und stieg rückwärts auf den Wagen, auf das
+schmale Brett, an dem der Heusack festgebunden war, ganz so, als wagte
+sie es nicht, die rote Decke neben Gudmund zu berühren. Es war auch
+nicht seine Absicht gewesen, daß sie sich neben ihn setze. Er wußte
+nicht, wer sie wäre, aber er vermutete, daß sie die Tochter irgendeines
+armen Kleinhäuslers wäre, und fand, es sei wohl genug Ehre für sie, wenn
+sie rückwärts aufsitzen dürfte.
+
+Als sie an einen Hügel kamen und das Pferd den Schritt verlangsamte
+begann Gudmund zu plaudern. Er wollte wissen, wie sie heiße, und wo sie
+daheim sei. Als er hörte, daß sie Helga hieß und von einem Waldgütchen
+stammte, das man den Moorhof nannte, begann er unruhig zu werden. »Bist
+du immer daheim gewesen oder warst du im Dienst,« fragte er. Das letzte
+Jahr wäre sie daheim gewesen, früher hätte sie einen Dienstplatz gehabt.
+»Bei wem denn?« fragte Gudmund sehr hastig. Und es schien ihm, als daure
+es lange, bis die Antwort kam. »Im Sternhof, bei Per Martensson,« sagte
+sie endlich und senkte die Stimme, als wollte sie am liebsten nicht
+gehört werden. Aber Gudmund verstand sie doch. »Ja so, du bist also
+die,« sagte er, sprach aber den Satz nicht zu Ende. Er wendete sich ab,
+richtete sich gerade auf und sprach kein Wort mehr zu ihr.
+
+Gudmund versetzte dem Pferde einen Hieb nach dem andern, fluchte laut
+über den schlechten Weg und schien recht schlechter Laune zu sein. Ein
+Weilchen verhielt sich das Mädchen still, aber bald fühlte Gudmund seine
+Hand auf seinem Arm. »Was willst du?« fragte er, ohne den Kopf zu
+wenden. Ja, er solle halten, damit sie abspringen könne. »Ach, warum
+denn?« sagte Gudmund in verächtlichem Tone. »Fährst du nicht gut?« –
+»Ja, danke, aber ich gehe doch lieber.« Gudmund kämpfte ein wenig mit
+sich selbst. Es war ärgerlich, daß er gerade an diesem Tage eine solche
+wie Helga aufgefordert hatte, mitzufahren. Aber er fand doch, daß er
+sie, nun er sie einmal in den Wagen genommen hatte, nicht wieder
+vertreiben könnte. »Halte, Gudmund,« sagte das Mädchen noch einmal. Sie
+sprach sehr bestimmt, und Gudmund zog die Zügel an. – »Wenn sie durchaus
+aussteigen will,« dachte er, »brauche ich sie doch nicht zu zwingen,
+gegen ihren Willen zu fahren.« Sie war schon unten auf der Straße, bevor
+noch das Pferd ganz stehengeblieben war. – »Ich glaubte, du wußtest, wer
+ich bin, als du mir sagtest, ich kann mitfahren,« sprach sie, »sonst
+wäre ich gar nicht eingestiegen.« Gudmund sagte kurz: »Behüt Gott!« und
+fuhr weiter. Sie hatte wohl Grund gehabt, zu glauben, daß er sie kenne.
+Er hatte ja das Dirnlein vom Moorhof oftmals als Kind gesehen; aber sie
+hatte sich verändert, seit sie herangewachsen war. Zuerst war er sehr
+froh, die Reisekameradin los zu sein, aber allmählich begann er mit sich
+selbst unzufrieden zu werden. Er hätte kaum anders handeln können, aber
+er war nicht gern grausam gegen irgend jemand.
+
+Ein kleines Weilchen, nachdem Gudmund sich von Helga getrennt hatte, bog
+er von der Straße ab, fuhr ein enges Gäßchen hinauf und kam zu einem
+prächtigen großen Bauernhof. Als Gudmund vor dem Hause anhielt, öffnete
+sich die Eingangstür, und eine der Töchter zeigte sich auf der Schwelle.
+Gudmund zog den Hut und grüßte, und dabei huschte eine leichte Röte über
+sein Gesicht. »Ich möchte wohl wissen, ob der Herr Amtmann daheim ist,«
+sagte er. – »Nein, Vater ist zum Thing gefahren,« antwortete die
+Tochter. – »So, so, ist er schon fort?« sagte Gudmund. »Ich bin
+hergekommen, um zu fragen, ob der Herr Amtmann nicht mit mir fahren
+möchte. Ich will auch zum Thing.« – »Ach, Vater ist immer so
+überpünktlich,« klagte die Tochter. – »Es ist ja weiter kein Schade
+geschehen,« sagte Gudmund. – »Vater wäre gewiß gern mit einem so
+prächtigen Pferd und in einem so schmucken Wagen gefahren,« sagte das
+Mädchen freundlich. Gudmund lächelte ein wenig, als er das Lob hörte. –
+»Ja, da muß ich also wieder abziehen,« sagte er. – »Du willst nicht
+hereinkommen, Gudmund?« – »Danke schön, Hildur, aber ich muß ja zum
+Thing. Ich darf nicht zu spät kommen.«
+
+Gudmund fuhr nun geradeswegs zum Thinghause. Er war sehr vergnügt und
+dachte nicht mehr an seine Begegnung mit Helga. Es war doch schön, daß
+gerade Hildur herausgekommen war, und daß sie den Wagen und die Decke
+und das Pferd und das Sattelzeug gesehen hatte. Sie hatte wohl alles
+bemerkt.
+
+Es war das erste Mal, daß Gudmund auf einem Thing war. Er fand, daß es
+da sehr viel zu hören und zu erfahren gäbe, und blieb den ganzen Tag
+dort. Er saß im Thingsaal, als Helgas Sache geführt wurde, und sah, wie
+sie die Bibel an sich riß und Gerichtsdienern und Richter standhielt.
+Als alles zu Ende war, und der Richter Helga die Hand gedrückt hatte,
+stand Gudmund hastig auf und verließ den Saal. Rasch spannte er das
+Pferd vor den Wagen und fuhr zur Treppe hin. Er fand, daß Helga sehr
+tapfer gewesen war, und nun wollte er sie ehren. Aber sie war so
+verschüchtert, daß sie seine Absicht nicht verstand, sondern sich vor
+der Ehre, die ihr zugedacht war, flüchtete.
+
+An demselben Tag kam Gudmund spät abends zum Moorhof. Das war ein
+kleines Gehöft auf dem Abhang des bewaldeten Hügels, der das Kirchspiel
+abschloß. Der Weg, der hinführte, war nur im Winter bei Schlittenbahn
+fahrbar, und Gudmund hatte zu Fuß gehen müssen. Es war ihm recht sauer
+geworden, vorwärts zu kommen. Fast hätte er sich an Stock und Stein die
+Beine gebrochen, auch hatte er Bäche durchwaten müssen, die den Pfad an
+mehreren Stellen durchschnitten. Wäre nicht Vollmond gewesen, so hätte
+er überhaupt nicht hinfinden können; und er dachte, daß das ein
+beschwerlicher Weg wäre, den Helga an diesem Tag hatte gehen müssen.
+
+Der Moorhof lag an einer ausgerodeten Stelle, etwa auf halber Höhe des
+Hügels. Gudmund war noch nie dort gewesen, aber er hatte den Ort oftmals
+unten vom Tale aus gesehen und kannte ihn genügend, um zu wissen, daß er
+richtig gegangen war.
+
+Rings um die ausgerodete Stelle zog sich ein Reisigzaun, der sehr dicht
+und sehr schwer zu übersteigen war. Er sollte wohl gleichsam eine Wehr
+und ein Hort gegen die Wildnis sein, die das Gehöft umgab. Die Hütte
+selbst stand am oberen Rand der Einzäunung. Davor breitete sich ein
+abschüssiger Hof aus, mit kurzem, grünem Gras bewachsen, und unterhalb
+des Hofes lagen ein paar graue Schuppen und ein Keller mit grünem
+Torfdach. Es war ein geringes und ärmliches Anwesen, aber es ließ sich
+nicht leugnen, daß es dort oben schön war. Das Moor, nach dem das
+Gütchen seinen Namen hatte, lag irgendwo in der Nähe und sandte Nebel
+empor, die sich im Mondschein prachtvoll und silberglänzend heranwälzten
+und einen Kranz um den Hügel bildeten. Der höchste Gipfel ragte noch aus
+dem Nebel empor. Und der Kamm, der zackig von Tannen war, zeichnete sich
+scharf gegen den Himmel ab. Unten über dem Tal lag der Mondschein so
+hell, daß man die Felder und Gehöfte und einen geschlängelten Bach
+unterscheiden konnte, über dem der Nebel wie der leichteste Duft
+schwebte. Es war nicht weit dort hinunter, aber das Seltsame war, daß
+das Tal wie eine fremde Welt dalag, mit der das, was dem Wald angehörte,
+nichts gemein hatte. Es war, als wenn die Menschen, die hier auf dem
+Waldgut hausten, immer unter diesen Bäumen gehen müßten. Sie konnten
+unten im Tale ebensowenig fortkommen wie Auerhähne und Bergeulen und
+Luchse und Heidelbeerkraut.
+
+Gudmund ging über die Wiese auf die Hütte zu. Durch das Fenster drang
+Feuerschein, die Scheiben waren nicht verhangen; er warf einen Blick
+hinein, um zu sehen, ob Helga in der Hütte wäre. Auf einem Tisch am
+Fenster brannte ein kleines Lämpchen, und davor saß der Hausvater und
+flickte alte Schuhe. Im Hintergrunde des Zimmers neben dem Herd, auf dem
+ein schwaches Feuer brannte, saß die Hausmutter. Sie hatte den
+Spinnrocken vor sich, aber hatte zu arbeiten aufgehört, um mit einem
+kleinen Kinde zu spielen. Sie hatte es aus der Wiege genommen, und man
+hörte es bis zu Gudmund hinaus, wie sie mit ihm lachte und scherzte. Ihr
+Gesicht war von vielen Runzeln durchfurcht, und sie sah strenge aus;
+aber wie sie sich so über das Kind beugte, bekam ihr Gesicht einen
+sanften Ausdruck, und sie lächelte dem Kleinen ebenso zärtlich zu wie
+seine eigene Mutter.
+
+Gudmund spähte nach Helga aus, konnte sie aber in keinem Winkel der
+Hütte entdecken. Da schien es ihm am besten, draußen zubleiben, bis sie
+käme. Er wunderte sich, daß sie noch nicht zu Hause war. Vielleicht wäre
+sie auf dem Heimweg bei Bekannten eingekehrt, sich auszuruhen und einen
+Imbiß zu nehmen? Aber bald müßte sie auf jeden Fall kommen, wenn sie vor
+Einbruch der Nacht unter Dach sein wollte.
+
+Gudmund blieb eine Weile mitten im Hof stehen und horchte nach Schritten
+aus. Es war ganz ruhig. Kein Lüftchen regte sich. Es kam ihm vor, als ob
+ihn nie vorher eine solche Stille umgeben hätte. Es war, als hielte der
+ganze Wald den Atem an und stünde da und wartete auf etwas Merkwürdiges.
+
+Niemand ging durch den Wald. Kein Zweiglein wurde geknickt, und kein
+Stein rollte. Helga war wohl noch lange nicht zu erwarten. »Ich möchte
+wohl wissen, was sie sagen wird, wenn sie sieht, daß ich hier bin,«
+dachte Gudmund. »Sie wird vielleicht schreien und in den Wald laufen und
+sich die ganze Nacht nicht heimwagen.«
+
+Dabei fiel ihm ein, es sei doch recht sonderbar, daß er nun auf einmal
+soviel mit dieser Häuslerdirne zu schaffen hatte.
+
+Als er vom Thing heim kam, war er wie gewöhnlich zu seiner Mutter
+hineingegangen, ihr alles zu erzählen, was er während des Tages erlebt
+hatte. Gudmunds Mutter war klug und hochsinnig und hatte es immer
+verstanden, gegen den Sohn so zu sein, daß er noch ebensoviel Vertrauen
+zu ihr hatte wie einst als Kind. Seit mehreren Jahren war sie krank und
+konnte nicht gehen, Àsondern saß den ganzen Tag still in ihrem
+Lehnstuhl. Es war immer eine gute Stunde für sie, wenn Gudmund von einer
+Reise heimkam und ihr Neuigkeiten brachte.
+
+Als Gudmund nun von Helga vom Moorhof erzählte, sah er, daß die Mutter
+gedankenvoll wurde. Lange saß sie stumm da und sah gerade vor sich hin.
+»Es scheint doch ein guter Kern in diesem Mädchen zu stecken,« sagte sie
+dann. »Man darf keinen verwerfen, weil er einmal ins Unglück gekommen
+ist. Es kann wohl sein, daß sie sich dem, der ihr jetzt beistünde,
+dankbar erweisen würde.«
+
+Gudmund begriff sogleich, woran die Mutter dachte. Sie konnte sich nicht
+mehr selbst helfen, sondern mußte beständig jemand um sich haben, der
+ihr zu Diensten stand. Aber es war immer schwer, jemand zu finden, der
+auf diesem Platz bleiben wollte. Die Mutter war anspruchsvoll und nicht
+leicht zu befriedigen, und außerdem wollten alle jungen Mägde lieber
+eine andre Arbeit haben, bei der sie mehr Freiheit genossen. Nun war es
+sicherlich der Mutter eingefallen, daß sie die Helga vom Moorhof in
+Dienst nehmen könnte, und Gudmund fand, daß dies ein guter Vorschlag
+sei. Helga würde der Mutter sicherlich sehr ergeben sein. Es wäre wohl
+möglich, daß ihnen auf diese Weise für lange geholfen wäre.
+
+»Am schwersten wird es mit dem Kinde sein,« sagte die Mutter nach einer
+Weile, und Gudmund begriff, daß sie ernsthaft an die Sache dachte. –
+»Das muß wohl bei den Großeltern bleiben,« sagte Gudmund. – »Es ist
+nicht ausgemacht, daß sie sich von ihm trennen will.« – »Sie wird es
+sich abgewöhnen müssen, daran zu denken, was sie will und nicht will.
+Ich finde, daß sie förmlich verhungert aussieht. Dort oben auf dem
+Moorhof ist wohl Schmalhans Küchenmeister.«
+
+Darauf antwortete die Mutter nichts, sondern begann von etwas anderm zu
+sprechen. Man merkte, daß ihr neue Bedenklichkeiten aufstiegen, die sie
+verhinderten, einen Entschluß zu fassen.
+
+Gudmund begann nun zu erzählen, wie er den Amtmann auf Älvåkra
+aufgesucht und Hildur getroffen hatte. Er berichtete, was sie über das
+Pferd und den Wagen gesagt hatte, und es war leicht zu merken, daß er
+sich der Begegnung freute. Auch die Mutter schien sehr vergnügt. Wie sie
+so unbeweglich in ihrem Lehnstuhl saß, war es ihre stete Beschäftigung,
+Pläne für die Zukunft des Sohnes auszuspinnen; und sie war zuerst auf
+den Gedanken verfallen, daß er es versuchen solle, um die schöne
+Amtmannstochter zu werben. Das war die prächtigste Heirat, die er machen
+konnte. Der Amtmann war ein richtiger Großbauer. Er hatte den größten
+Hof im Kirchspiel und viel Macht und viel Geld. Es war eigentlich
+töricht, zu hoffen, daß er sich mit einem Eidam begnügen würde, der kein
+größeres Vermögen hatte als Gudmund, aber es war immerhin möglich, daß
+er sich nach dem richtete, was seine Tochter wollte. Und daß Gudmund
+Hildur gewinnen könnte, wenn er nur wollte, davon war die Mutter fest
+überzeugt.
+
+Dies war das erste Mal, daß Gudmund die Mutter merken ließ, wie der
+Gedanke bei ihm Wurzel geschlagen hatte, und sie sprachen nun ein langes
+und ein breites von Hildur und von allen den Reichtümern und Vorteilen,
+die dem zufallen würden, der sie einmal bekäme. Aber bald stockte das
+Gespräch wieder, weil die Mutter von neuem in ihre Grübeleien versunken
+war. »Könntest du diese Helga nicht holen lassen? Ich möchte sie doch
+sehen, bevor ich sie in meine Dienste nehme,« sagte sie schließlich. –
+»Das ist schön, daß du dich ihrer annehmen willst, Mutter,« entgegnete
+Gudmund und dachte bei sich: wenn die Mutter eine Pflegerin bekäme, mit
+der sie zufrieden wäre, würde seine Gattin hier daheim ein behaglicheres
+Leben führen. »Du wirst sehen, daß du mit dem Mädchen zufrieden sein
+wirst,« fuhr er fort. – »Es ist ja auch ein gutes Werk, sich ihrer
+anzunehmen,« sagte die Mutter.
+
+Als es zu dämmern begann, begab sich die Kranke zu Bett, und Gudmund
+ging in den Stall, um die Pferde zu striegeln. Es war schönes Wetter,
+die Luft war klar, und der ganze Hof lag vom Mondschein übergossen da.
+Da fiel es ihm ein, daß er heute schon in den Moorhof gehen und die
+Botschaft der Mutter bestellen könne. Wäre morgen schönes Wetter, dann
+würde man es so eilig haben, den Hafer einzubringen, daß weder er noch
+irgendein andrer Zeit hätte, hinzugehen.
+
+Als jetzt Gudmund vor dem Moorhof stand und horchte, hörte er zwar keine
+Schritte; doch andre Laute durchschnitten in kurzen Abständen die
+Stille. Es war ein stilles Klagen, ein sehr leises und ersticktes
+Jammern und dann hie und da ein Aufschluchzen. Gudmund glaubte zu
+merken, daß die Laute von dem Schuppen herkämen, und ging auf diesen zu.
+Als er sich näherte, hörte das Schluchzen auf; aber es war offenbar, daß
+sich drinnen jemand in der Holzkammer regte. Mit einem Male begriff
+Gudmund, wer dort drinnen war. »Bist du es, Helga, die da drinnen sitzt
+und weint?« rief er und stellte sich in die Türöffnung, damit das
+Mädchen nicht entwischen könnte, ehe er mit ihm gesprochen hätte.
+
+Wieder wurde es ganz still. Gudmund hatte wohl recht geraten: es war
+Helga, die da saß und weinte; aber sie versuchte das Schluchzen zu
+unterdrücken, damit Gudmund glaubte, er habe sich verhört, und seiner
+Wege ginge. Es war stockfinster in dem Schuppen, und sie wußte, daß er
+sie nicht sehen konnte.
+
+Aber Helga war an diesem Abend in solcher Verzweiflung, daß es ihr nicht
+leicht fiel, die Tränen zurückzudrängen. Sie war noch nicht in der Hütte
+gewesen und hatte die Eltern noch nicht begrüßt. Sie hatte nicht den Mut
+dazu gehabt. Als sie in der Dämmerung den steilen Hügel hinaufstieg und
+daran dachte, daß sie den Eltern jetzt sagen müßte, sie habe keinen
+Erziehungsbeitrag von Per Martensson zu erwarten, da hatte sie solche
+Angst vor den harten und grausamen Worten bekommen, die sie ihr sagen
+würden, daß sie es nicht wagte, hineinzugehen. Sie gedachte draußen zu
+bleiben, bis sie sich zu Bett gelegt hätten; dann brauchte sie
+vielleicht nicht vor dem nächsten Tage von der unglücklichen Sache zu
+sprechen. Und so hatte sie sich in dem Holzschuppen versteckt. Aber
+während sie so dasaß und fror und hungerte, kam es ihr erst recht zu
+Bewußtsein, wie unglücklich und ausgestoßen sie war. Alle Schmach und
+Angst, die sie hatte erleiden müssen, und alle Schmach und Angst, die
+ihrer noch harrten, stand vor ihr und drückte sie mit Bleischwere zu
+Boden. Sie weinte über sich selbst, darüber, daß sie so elend war, und
+daß niemand etwas von ihr wissen wollte. Sie erinnerte sich, wie sie
+einmal als Kind in einen Morast gefallen und gleich untergesunken war.
+Je mehr sie sich gemüht hatte, in die Höhe zu kommen, desto tiefer war
+sie gesunken. Alle Büsche und Sträucher, nach denen sie gegriffen,
+hatten nachgegeben. So war es auch jetzt. Alles, wonach sie zu greifen
+versuchte, um sich aufrechtzuhalten, ließ sie im Stich. Niemand wollte
+ihr helfen. Damals, als sie ins Moor versinken wollte, war schließlich
+ein Hirtenbub gekommen und hatte sie herausgezogen; jetzt aber kam
+niemand, sie zu retten. Jetzt war es gewiß ihre Bestimmung, zugrunde zu
+gehen.
+
+Als Helga das Moor in den Sinn kam, wurde es ihr mit einem Male klar:
+das beste, was sie tun konnte, war, dorthin zu gehn, in den Schlamm
+hinauszuwandern und sich einsinken und begraben zu lassen. Wenn eine so
+elend wäre, daß kein Mensch etwas mit ihr zu tun haben wollte, dann
+könnte sie wohl gar nichts Besseres tun als sterben. Es wäre auch für
+das Kind das Beste, wenn sie fortginge; denn Helgas Mutter hatte es
+gern, obgleich sie es nicht zeigen wollte, wenn Helga daheim war. Aber
+wenn Helga einmal für immer aus dem Wege wäre, dann würde sich die
+Großmutter des Kindes wohl so annehmen, als wäre es ihr eigenes.
+
+Sie begriff nicht, daß sie mitten in ihrem größten Elend etwas getan
+hatte, wodurch den Leuten eine bessere Meinung über sie gegeben würde.
+Ihr wurde mit jedem Augenblick gewisser, daß das Moor der einzige
+Zufluchtsort für sie sei. Und je klarer sie dies einsah, desto mehr
+weinte sie.
+
+Es war darum nicht so leicht für sie, die Tränen zu unterdrücken. Es
+dauerte nicht lange, so begann sie von neuem zu schluchzen.
+
+Gudmund war nichts verhaßter, als wenn Weibsleute weinten. Er hatte die
+größte Lust, auf und davon zu laufen; aber er sagte sich, wenn er sich
+nun einmal die Mühe gemacht hätte, zur Hütte hinaufzuklettern, müßte er
+seinen Auftrag auch ausführen.
+
+»Was ist dir denn?« sagte er in barschem Ton zu Helga. »Warum gehst du
+nicht ins Haus?« – »Ach ich getraue mich nicht,« antwortete Helga, und
+ihre Zähne schlugen aufeinander. »Ich getraue mich nicht.«
+
+»Wovor hast du denn Angst? Du hast dich doch heute morgen gegen
+Gerichtsdiener und Richter tapfer gehalten. Da kannst du wohl nicht vor
+deinen leiblichen Eltern Angst haben.« – »O ja, o ja, die sind viel
+schlimmer als alle andern.« – »Warum sollten sie denn gerade heute so
+böse sein?« – »Ich bekomme ja kein Geld.« – »Na, du bist doch ein so
+tüchtiges Mädel, daß du für dich und dein Kind das Brot verdienen
+kannst.« – »Ja, aber mich will doch niemand nehmen.«
+
+Plötzlich fiel es Helga ein, daß die Eltern ihre Stimmen hören und
+herauskommen und fragen könnten, wer da spräche. Und dann wäre sie
+gezwungen, ihnen alles zu erzählen. Dann könnte sie sich nicht in das
+Moor retten. Und in ihrem Schrecken sprang sie auf und wollte an Gudmund
+vorbeieilen. Aber er kam ihr zuvor. Er packte sie am Arm und hielt sie
+fest. – »Nein! Du kommst nicht davon, bis ich nicht mit dir gesprochen
+habe.« – »Laß mich gehen,« rief sie und blickte ihn wild an. – »Du
+siehst aus, als wenn du ins Wasser gehen wolltest,« sagte er; denn jetzt
+stand sie draußen im Mondschein, und er konnte ihr Gesicht sehen. – »Ja,
+das würde wohl auch niemand etwas angehen, wenn ich das täte,« sagte
+Helga und warf dabei den Kopf zurück und sah ihm gerade in die Augen.
+»Heute morgen wolltest du mich nicht einmal rückwärts auf deinem Wagen
+mitfahren lassen. Niemand will etwas mit mir zu tun haben. Da mußt du
+doch selbst einsehen, daß es für solch ein armes Wurm, wie mich, am
+besten ist, wenn ich ein Ende mache.«
+
+Gudmund wußte nicht, was er beginnen solle. Er wünschte sich weit weg,
+aber er fühlte auch, daß er einen Menschen in solcher Verzweiflung nicht
+verlassen konnte. »Hör mich jetzt an! Versprich nur, daß du anhörst, was
+ich dir zu sagen habe. Dann kannst du gehen wohin du willst.« – Ja, das
+versprach sie. – »Kann man hier nirgends sitzen?«
+
+»Drüben steht doch der Hackblock.« – »Also geh hin und setze dich und
+sei still!« Sie ging ganz gehorsam hin und setzte sich. – »Weine jetzt
+nicht mehr!« sagte er; denn es war ihm, als finge er an, Macht über sie
+zu gewinnen. Aber das hätte er nicht sagen sollen, denn sie ließ
+sogleich den Kopf in die Hände sinken und weinte heftiger denn je.
+
+»Weine nicht!« sagte er und war nahe daran, mit dem Fuß auf die Erde zu
+stampfen. »Es gibt genug Leute, denen es schlechter geht als dir.« –
+»Nein, keinem kann es schlechter gehen.« – »Du bist jung und gesund, du
+solltest nur wissen, wie es meiner Mutter geht. Sie ist von Schmerzen so
+geplagt, daß sie sich nicht rühren kann, aber sie klagt nie.« – »Sie ist
+nicht so verlassen von allen wie ich.« – »Du bist auch nicht verlassen.
+Ich habe mit Mutter über dich gesprochen, und Mutter hat mich zu dir
+geschickt.« Das Schluchzen hörte auf. Man vernahm gleichsam das große
+Schweigen des Waldes, als ob der den Atem anhielte und auf etwas
+Wunderbares wartete. »Ich soll dir bestellen, daß du morgen zu Mutter
+kommst, damit sie dich sieht. Mutter gedenkt dich zu fragen; ob du zu
+uns in Dienst gehen willst.« – »Das will sie mich fragen?« – »Ja, aber
+zuerst will sie dich sehen.« – »Weiß sie, daß ...?« – »Sie weiß
+ebensoviel von dir wie alle andern.«
+
+Mit einem Schrei des Staunens und der Freude sprang das Mädchen auf, und
+im nächsten Augenblick fühlte Gudmund ein paar Arme um seinen Hals. Er
+erschrak förmlich, und sein erster Gedanke war, sich loszureißen. Aber
+dann faßte er sich und blieb stehen. Er begriff, daß das Mädchen so
+außer sich vor Freude war, daß sie nicht wußte, was sie tat; in diesem
+Augenblick härte sie sich dem ärgsten Schurken an den Hals werfen
+können, nur um in dem großen Glück, das über sie gekommen war, ein klein
+wenig Mitgefühl zu finden.
+
+»Wenn sie mich bei sich aufnehmen will, dann kann ich ja am Leben
+bleiben!« sagte sie und legte den Kopf an Gudmunds Brust und weinte
+wieder, aber nicht so heftig wie zuvor. »Ich kann dir jetzt sagen, daß
+es mir damit Ernst war, ins Moor zu gehen,« sagte sie. »Ich danke dir,
+daß du gekommen bist! Du hast mir das Leben gerettet.« Gudmund hatte
+bisher unbeweglich dagestanden, jetzt aber fühlte er, wie sich etwas
+warm und zärtlich in ihm zu regen begann. Er hob die Hand und strich ihr
+übers Haar. Da zuckte sie zusammen, als hätte er sie aus einem Traum
+geweckt, und stellte sich kerzengerade vor ihn hin. »Ich danke dir, daß
+du gekommen bist!« sagte sie noch einmal. Sie war flammend rot im
+Gesicht geworden, und er errötete auch.
+
+»Ja, so kommst du also morgen zu uns,« sagte er und streckte die Hand
+aus, um ihr Lebewohl zu sagen. – »Ich werde nie vergessen, daß du heute
+abend zu mir gekommen bist,« sagte Helga, und die große Dankbarkeit
+bekam die Oberhand über ihre Befangenheit. »Ach ja, es ist vielleicht
+ganz gut, daß ich da war,« sagte er ruhig, fühlte sich aber doch recht
+zufrieden mit sich selbst. »Jetzt gehst du doch ins Haus?« sagte er. –
+»Ja, jetzt werde ich wohl hineingehen.«
+
+Gudmund hatte plötzlich eine solche Freude an Helga, wie man sie an
+einem hat, dem man hat helfen können. Er stand da und zauderte und
+wollte nicht gehen. »Ich möchte dich gern unter Dach und Fach sehen,
+bevor ich gehe.« – »Ich dachte, sie sollten sich lieber erst
+niederlegen, bevor ich hineingehe.« – »Nein, du mußt gleich gehen, damit
+du etwas zu essen kriegst und unter Dach kommst,« sagte er und fand es
+recht vergnüglich, so für sie zu sorgen.
+
+Sie ging sogleich auf die Hütte zu, und er kam mit, ganz zufrieden und
+stolz, daß sie ihm gehorchte. Als sie auf der Schwelle stand, sagten sie
+sich noch einmal Lebewohl. Aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht,
+als sie ihm nachkam. »Bleib hier draußen stehen, bis ich drinnen bin! Es
+geht leichter, wenn ich weiß, daß du draußen bist.« – »Ja,« sagte er,
+»ich werde hier bleiben, bis du das Ärgste überstanden hast.«
+
+Nun öffnete Helga die Hüttentür, und Gudmund merkte, daß sie sie leicht
+angelehnt ließ. Gleichsam, damit sie sich nicht allzu abgetrennt von dem
+Helfer fühle, der dort draußen stand. Er machte sich auch kein Gewissen
+daraus, alles zu hören und zu sehen, was drinnen in der Hütte geschah.
+
+Die Alten nickten Helga, als sie eintrat, freundlich zu. Die Mutter
+legte sogleich das Kind in die Wiege, ging dann zum Schrank und holte
+einen Laib Brot und eine Schale Milch und stellte sie auf den Tisch.
+
+»Bist du da? Setz dich und iß,« sagte sie. Dann ging sie zum Herd und
+legte ein Stück Holz nach. »Ich habe das Feuer nicht ausgehen lassen,
+damit du dir die Kleider trocknen und dich erwärmen kannst, wenn du
+kommst. Aber iß jetzt zuerst! Das hast du wohl am nötigsten.«
+
+Helga war die ganze Zeit an der Tür stehengeblieben. »Ihr sollt mich
+nicht so gut aufnehmen, Mutter,« sagte sie mit leiser Stimme. »Ich
+bekomme kein Geld von Per. Ich habe auf die Unterstützung verzichtet.«
+
+»Es ist heute abend schon jemand dagewesen, der bei dem Thing war und
+gehört hat, wie es dir ergangen ist,« sagte die Mutter. »Wir wissen
+alles.«
+
+Helga blieb an der Tür stehen und machte, als wüßte sie weder aus noch
+ein.
+
+Da legte der Vater die Arbeit nieder, schob die Brille auf die Stirn und
+räusperte sich, um eine Rede zu halten, die er den ganzen Abend
+überdacht hatte. »Es ist nämlich so, Helga,« sagte er: »Mutter und ich,
+wir wollten immer anständige und ehrliche Leute sein. Aber dann ist es
+uns vorgekommen, als ob du Unehre über uns gebracht hättest. Es war so,
+als hätten wir dich nicht gelehrt, zwischen Gut und Böse zu
+unterscheiden. Aber als wir nun hörten, was du heute getan hast, da
+sagten wir uns, Mutter und ich, daß die Leute jetzt doch sehen können,
+daß du eine ordentliche Erziehung genossen hast, und wir denken, daß wir
+vielleicht auch noch Freude an dir erleben können. Und Mutter wollte
+nicht, daß wir uns niederlegen, ehe du da bist, damit du doch eine
+ordentliche Heimkehr hast.«
+
+
+3
+
+Helga vom Moorhof kam jetzt nach Närlunda, und da ging alles gut. Sie
+war willig und anstellig und dankbar für jedes freundliche Wort, das man
+ihr sagte. Sie fühlte sich immer als die Geringste und wollte sich nie
+vordrängen. Es dauerte nicht lange, so hatten Herrschaft und Gesinde sie
+lieb gewonnen.
+
+In den ersten Tagen sah es aus, als fürchte sich Gudmund, mit Helga zu
+sprechen. Er hatte Angst, daß das Mädchen sich etwas einbilde, weil er
+ihr zu Hilfe gekommen war. Aber dies war eine unnötige Sorge. Helga
+hielt ihn für viel zu herrlich und hoch, als daß sie gewagt hätte, ihre
+Blicke zu ihm zu erheben. Und Gudmund merkte auch bald, daß er sie nicht
+fernzuhalten brauchte. Sie war vor ihm scheuer als vor irgend jemand.
+
+In demselben Herbst, da Helga nach Närlunda kam, machte Gudmund viele
+Besuche bei der Familie des Amtmanns auf Älvåkra, und es wurde viel
+darüber gesprochen, daß er alle Aussicht hätte, dort im Hause
+Schwiegersohn zu werden. Volle Gewißheit, daß seine Werbung Erfolg
+hatte, erhielten die Leute jedoch erst zu Weihnachten. Da kam der
+Amtmann mit Frau und Tochter nach Närlunda, und es war ganz klar, daß
+sie nur hierher gefahren waren, um zu sehen, wie es Hildur gehen würde,
+wenn sie sich mit Gudmund verheiratete.
+
+Das war das erstemal, daß Helga das Mädchen, welches Gudmund heimführen
+wollte, aus der Nähe sah. Hildur Erikstochter war noch nicht zwanzig
+Jahre, aber das Merkwürdige an ihr war, daß niemand sie ansehen konnte,
+ohne zu denken, welche stattliche und prächtige Hausmutter einmal aus
+ihr werden würde. Sie war hochgewachsen, stark gebaut, blond und schön,
+und sah aus, als wenn sie gerne für viele um sich zu sorgen hätte. Sie
+war nie scheu oder verschüchtert, sondern sprach viel und schien alles
+besser zu wissen als der, mit dem sie sprach. Sie war ein paar Jahre in
+der Stadt zur Schule gegangen und trug die schönsten Kleider, die Helga
+je gesehen hatte, aber sie machte keinen eiteln oder prunkliebenden
+Eindruck. Reich und schön, wie sie war, hätte sie wohl jeden Tag einen
+Mann von Stand heiraten können, aber sie sagte immer, sie wolle keine
+feine Dame werden und mit den Händen im Schoß dasitzen. Sie wollte einen
+Bauer heiraten und ihr Haus selbst versehen wie eine richtige Bäuerin.
+
+Hildur schien Helga als ein wahres Wunder. Nie hatte sie jemand gesehen,
+der so prächtig aufgetreten wäre. Sie hätte nicht geglaubt, daß ein
+Mensch in allen Stücken so vollkommen sein könnte. Und es däuchte sie
+ein großes Glück, in Zukunft einer solchen Frau zu dienen.
+
+Bei dem Besuch der Amtmannsfamilie war alles gut abgelaufen; aber wenn
+Helga an den Tag zurückdachte, empfand sie eine gewisse Unruhe. Als die
+Fremden gekommen waren, war sie herumgegangen und hatte den Kaffee
+gereicht. Wie sie nun mit den Kannen hereinkam, hatte die Frau des
+Amtmanns sich zu ihrer Herrin vorgebeugt und sie gefragt, ob das nicht
+das Mädchen vom Moorhof sei. Sie hatte die Stimme nicht sehr gesenkt, so
+daß Helga die Frage deutlich hörte. Mutter Ingeborg hatte Ja gesagt, und
+da hatte die andere etwas geantwortet, was Helga nicht hören konnte.
+Aber es war so etwas gewesen, als ob sie es wunderlich fände, daß sie
+eine solche Person im Hause dulde. Dies bereitete Helga sehr viel
+Kummer, aber sie suchte sich damit zu trösten, daß es die Mutter und
+nicht Hildur war, die diese Worte gesprochen hatte.
+
+An einem Sonntag im Vorfrühling fügte es sich, daß Helga und Gudmund
+zusammen aus der Kirche kamen. Als sie über den Kirchenhügel wanderten,
+waren sie inmitten einer großen Schar von andern Kirchenbesuchern
+gegangen; aber bald bog einer nach dem andern ab, und schließlich waren
+Helga und Gudmund allein.
+
+Da fiel es Gudmund ein, daß er seit jenem Abend auf dem Moorhof nicht
+mehr mit Helga allein gewesen war, und die Erinnerung daran kam nun in
+voller Stärke wieder. Recht oft während des Winters hatte er an ihre
+erste Begegnung gedacht und dabei immer gefühlt, wie etwas Süßes und
+Wohliges seinen Sinn durchbebte. Wenn er allein bei der Arbeit war,
+pflegte er sich die ganze schöne Nacht wieder zurückzurufen: den weißen
+Nebel, den starken Mondschein, die schwarze Waldeshöhe, das lichte Tal
+und dann das Mädchen, das die Arme um seinen Hals geschlungen und vor
+Freude geweint hatte. Je öfter er sich den Vorfall zurückrief, desto
+schöner wurde er. Aber wenn Gudmund Helga daheim unter den andern in
+Arbeit und Plage umhergehen sah, dann konnte er sich nur schwer
+vorstellen, daß sie mit dabeigewesen war. Jetzt aber, wo er allein mit
+ihr den Kirchenweg entlang ging, konnte er es nicht lassen, sich zu
+wünschen, daß sie für ein Weilchen dieselbe wäre wie an jenem Abend.
+
+Helga begann sogleich von Hildur zu sprechen. Sie rühmte sie sehr,
+sagte, daß sie das schönste und klügste Mädchen in der ganzen Umgegend
+sei, und beglückwünschte Gudmund dazu, daß er eine so ausgezeichnete
+Frau bekäme. »Du mußt ihr sagen, daß sie mich immer auf Närlunda bleiben
+läßt,« sagte sie. »Es wird so schön sein, unter einer solchen Frau zu
+dienen.«
+
+Gudmund lächelte über ihren Eifer, gab ihr jedoch nur einsilbige
+Antworten, als wären seine Gedanken nicht recht dabei. Aber es war ja
+recht, daß ihr Hildur so gut gefiel, und daß sie sich über seine Heirat
+so freute.
+
+»Du bist diesen Winter doch gern bei uns gewesen?« fragte er. – »Ja,
+gewiß. Ich kann gar nicht sagen, wie gut Mutter Ingeborg und ihr alle
+gegen mich wart.« – »Hast du dich nach dem Walde gesehnt?« – »Ach ja,
+anfangs wohl, aber jetzt nicht mehr.« – »Ich glaubte, wer im Wald daheim
+ist, kann es nicht lassen, sich hinzusehnen.«
+
+Helga wendete sich halb um und sah ihn an, der auf der andern Seite des
+Weges ging. Gudmund war ihr in letzter Zeit ganz fremd geworden, aber
+jetzt lag etwas in seinem Tonfall und seinem Lächeln, das sie
+wiedererkannte. Ja, er war doch derselbe, der in ihrer höchsten Not
+gekommen war und sie gerettet hatte. Obgleich er sich mit einer andern
+verheiraten wollte, war sie dessen gewiß, daß er ihr ein guter Freund
+und getreuer Helfer bleiben würde.
+
+Es wurde ihr so leicht ums Herz; sie fühlte, daß sie Vertrauen zu ihm
+haben könnte wie zu keinem andern, und es war ihr, als müßte sie ihm
+alles erzählen, was ihr geschehen war, seit sie zuletzt miteinander
+gesprochen hatten. »Ich will dir sagen, daß ich in den ersten Wochen auf
+Närlunda eine recht schwere Zeit hatte,« begann sie. »Aber du darfst es
+Mutter Ingeborg nicht wiedererzählen.« – »Wenn du willst, daß ich
+schweigen soll, so schweige ich.« – »Denk’ dir nur, daß ich anfangs so
+furchtbares Heimweh hatte! Ich war drauf und dran, wieder in den Wald
+hinaufzulaufen.« – »Du hattest Heimweh? Ich glaubte, du wärst froh, bei
+uns zu sein.« – »Ich konnte nichts dafür,« sagte sie entschuldigend.
+»Ich sah wohl ein, welches Glück es für mich war, hier sein zu dürfen.
+Ihr wart alle so freundlich gegen mich, und die Arbeit war nicht zu
+schwer; aber ich sehnte mich doch. Irgend etwas zog und lockte und
+wollte mich in den Wald zurückführen. Es war mir, als verriete ich
+einen, der ein Recht auf mich hatte, wenn ich unten im Tale blieb.«
+
+»Das war vielleicht ...,« begann Gudmund, aber er hielt mitten im Satz
+inne. – »Nein, es war nicht der Kleine, nach dem ich mich sehnte. Ich
+wußte ja, daß es ihm gut ging, und daß Mutter freundlich zu ihm war. Es
+war nichts Bestimmtes. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich ein wilder
+Vogel, den man in einen Käfig gesperrt hat, und ich glaubte, ich müßte
+sterben, wenn man mich nicht losließ.«
+
+»Nein, daß es dir so schlecht ging!« sagte Gudmund, und dabei lächelte
+er; denn jetzt kam es ihm mit einem Male vor, als ob er sie erst
+wiedererkennte. Jetzt war es, als läge nichts zwischen ihnen, sondern
+als hätten sie sich erst am vorigen Abend oben auf dem Moorhof
+voneinander getrennt. Helga lächelte wieder, sie fuhr jedoch fort, von
+ihrer Qual zu sprechen. »Keine Nacht schlief ich,« sagte sie; »kaum
+hatte ich mich niedergelegt, so begannen die Tränen zu fließen, und wenn
+ich am Morgen aufstand, war das Kopfkissen ganz naß. Am Tag, wenn ich
+unter euch andern herumging, konnte ich das Weinen unterdrücken; aber
+sowie ich allein war, schossen mir die Tränen in die Augen.«
+
+»Du hast schon viel geweint in deinem Leben,« sagte Gudmund, aber sah
+gar nicht mitleidig aus, als er diese Bemerkung machte. Helga war es,
+als ob er die ganze Zeit mit einem unterdrückten Lachen einherginge. –
+»Du kannst dir gar nicht denken, wie schlecht es mir ging,« sagte sie
+und sprach immer lebhafter, in dem Bestreben, sich ihm verständlich zu
+machen. »Es kam eine Sehnsucht über mich, die mich von mir selbst
+forttrug. Keinen Augenblick konnte ich mich glücklich fühlen. Nichts war
+schön, nichts war vergnüglich, keinen Menschen konnte ich liebgewinnen.
+Ihr wart mir alle ebenso fremd wie an dem Tag, als ich zum ersten Male
+in die Stube trat.«
+
+»Aber,« verwunderte sich Gudmund, »sagtest du nicht eben, daß du bei uns
+bleiben willst?« – »Ja, gewiß sagte ich das.« – »Du sehnst dich also
+jetzt nicht mehr?« – »Nein, es ist vorübergegangen. Ich bin geheilt.
+Warte nur, du wirst schon hören!«
+
+Als sie dies sagte, kreuzte Gudmund quer über den Weg und ging an ihrer
+Seite weiter. Die ganze Zeit lächelte er. Es schien ihm Freude zu
+machen, sie reden zu hören; aber er legte dem, was sie erzählte, wohl
+nicht viel Gewicht bei. So allmählich kam Helga in dieselbe Stimmung. Es
+schien ihr, als ob alles leicht und hell würde. Der Weg von der Kirche
+war lang und beschwerlich zu gehen; aber an diesem Tage wurde sie nicht
+müde. Irgend etwas schien sie zu tragen. Sie fuhr fort zu erzählen, weil
+sie einmal begonnen hatte; aber es war nicht mehr so wichtig für sie,
+sich auszusprechen. Sie hätte ebenso vergnügt sein können, wenn sie
+stumm neben ihm einhergegangen wäre.
+
+»Als ich am allerunglücklichsten war, bat ich Mutter Ingeborg eines
+Samstagabends, mir zu erlauben, nach Hause zu gehen und über den Sonntag
+daheim zu bleiben. Und als ich an diesem Abend die Hügel zum Moor
+hinaufwanderte, glaubte ich felsenfest, daß ich nie mehr nach Närlunda
+zurückkommen würde. Aber daheim waren Vater und Mutter so froh, daß ich
+eine Stelle in einem so angesehenen Hause hatte, daß ich es nicht übers
+Herz brachte, ihnen zu sagen, ich hielte es nicht aus, bei euch zu
+bleiben. Sobald ich in den Wald hinaufkam, war auch alle Angst und Qual
+rein verschwunden. Und es schien mir, als ob das Ganze nur eine
+Einbildung gewesen wäre. Und dann war es so schwer mit dem Kind. Mutter
+hatte sich seiner angenommen und es zu dem ihren gemacht. Es gehörte mir
+nicht mehr. Und es war ja gut, daß es so war; aber es fiel mir doch
+schwer, mich daran zu gewöhnen.«
+
+»Vielleicht fingst du nun gar an, dich zu uns hinunter zu sehnen?« warf
+Gudmund hin. – »Ach nein. Als ich am Montag morgen erwachte und daran
+dachte, daß ich jetzt gehen müßte, kam die Sehnsucht wieder über mich.
+Ich lag da und weinte und ängstigte mich, denn das einzige Recht und
+Richtige war doch, daß ich im Dienste blieb; aber ich hatte das Gefühl,
+als müßte ich krank werden oder den Verstand verlieren, wenn ich
+zurückkehrte. Aber da fiel mir plötzlich ein, was ich einmal gehört
+hatte: wenn man ein wenig Asche aus dem Herd in seinem Hause nimmt und
+sie dann auf den Herd im fremden Hause streut, dann wird man von seiner
+Sehnsucht befreit.« – »Na, das ist ein Heilmittel, das leicht anzuwenden
+ist,« sagte Gudmund. – »Ja, wenn es damit nur nicht die Bewandtnis
+hätte, daß man sich nachher irgendwo anders heimisch fühlen kann. Geht
+man von dem Hause weg, in das man die Asche getragen hat, dann sehnt man
+sich ebensosehr dorthin zurück, als man sich früher von dort weggesehnt
+hat.« – »Kann man die Asche nicht wieder dorthin mitnehmen, wohin man
+geht?« – »Nein, das kann man nur einmal im Leben tun. Dann gibt es keine
+Umkehr. Und darum ist es ja sehr gefährlich, so etwas zu versuchen.«
+
+»Ich hätte nie so etwas gewagt,« sagte Gudmund, und sie hörte sehr wohl,
+daß er sie nur neckte. – »Ich hab’ es doch gewagt,« sagte Helga. »Es war
+besser, als vor Mutter Ingeborg und dir, die mir helfen wollten, als
+undankbar dazustehen. Ich nahm ein klein wenig Asche von daheim mit, und
+wie ich nach Närlunda zurückkam, benützte ich einen Augenblick, wo
+niemand in der Stube war, und streute sie auf die Herdplatte.«
+
+»Und jetzt glaubst du, daß die Asche dir geholfen hat?« – »Warte, du
+wirst schon hören, wie es kam! Ich ging gleich an meine Arbeit und
+dachte den ganzen Tag nicht mehr an die Asche. Ich sehnte mich ebenso
+heftig wie früher, und alles war mir ebenso zuwider wie immer. Es war an
+diesem Tage sehr viel drinnen und draußen zu tun; und als ich am Abend
+im Stalle fertig war und ins Haus ging, war auf dem Herd schon das Feuer
+angezündet.«
+
+»Jetzt bin ich aber wirklich begierig, zu hören, wie es kam,« sagte
+Gudmund. – »Ja, denke nur, schon als ich über den Hof ging, kam es mir
+vor, als ob im Feuerschein etwas Wohlbekanntes wäre, und als ich die Tür
+öffnete, da hatte ich das Gefühl, daß ich in unsere eigene Stube kam,
+und daß Vater und Mutter am Feuer saßen. Ja, dies flog nur an mir vorbei
+wie ein Traum. Aber als ich wirklich hineinkam, da war ich ganz
+erstaunt, wie schön und traulich es in der Stube war. Nie hatten Mutter
+Ingeborg und ihr andern so freundlich ausgesehen wie an diesem Abend,
+als ihr da im Feuerschein saßet. Es war ein köstliches Gefühl,
+hereinzukommen, und das war sonst nie so gewesen. Ich war so erstaunt,
+daß ich fast laut aufgeschrien und in die Hände geklatscht hätte. Es
+schien mir, als ob ihr wie verwandelt wäret. Ihr wart mir nicht mehr
+fremd, sondern ich konnte mit euch über alles reden. Du kannst dir
+denken, daß ich mich freute; aber dabei mußte ich mich doch immer wieder
+wundern. Ich fragte mich, ob ich denn verhext wäre, und sieh, da fiel
+mir plötzlich die Asche ein, die ich auf die Herdplatte gestreut hatte.«
+
+»Ja, das ist seltsam,« sagte Gudmund. Er glaubte nicht im geringsten an
+Zauber und Hexerei; aber es mißfiel ihm nicht, Helga von solchen Dingen
+sprechen zu hören. »Jetzt ist doch die tolle Walddirne wieder zum
+Vorschein gekommen,« dachte er. »Kann man begreifen, daß jemand, der so
+viel durchgemacht hat, wie sie, noch so kindisch ist?«
+
+»Ja, gewiß war es seltsam,« sagte Helga. »Und dasselbe hat sich den
+ganzen Winter hindurch wiederholt. Sowie das Feuer im Herd brannte, war
+es mir ebenso behaglich, als wenn ich daheim gewesen wäre. Aber es ist
+auch etwas Seltsames mit dem Feuer. Nicht mit anderm Feuer vielleicht,
+aber mit Feuer, das auf einem Herde brennt, und um das sich alle
+Hausgenossen Abend für Abend versammeln. Das wird, möcht’ man sagen, so
+vertraut mit einem. Es spielt und tanzt vor einem und prasselt, und
+manchmal ist es mürrisch und schlechter Laune. Es ist, als läge es in
+seiner Macht, Traulichkeit oder Unbehagen zu verbreiten. Und nun war es
+mir, als wäre das Feuer von daheim zu mir gekommen, und als gäbe es
+allem hier denselben traulichen Schein wie daheim.«
+
+»Aber wenn du nun gezwungen wärest, aus Närlunda fortzumachen?« sagte
+Gudmund. – »Dann muß ich mich all mein Lebtag danach sehnen,« erwiderte
+sie, und man hörte an ihrer Stimme, daß sie dies im tiefsten Ernst
+sagte. – »Ja, ich werde gewiß nicht der sein, der dich vertreibt,« sagte
+Gudmund; und obgleich er lachte, lag etwas Warmes in seinem Ton. – Dann
+begannen sie kein neues Gespräch, sondern wanderten stumm bis zum
+Bauernhofe. Gudmund wendete zuweilen den Kopf und sah sie an, die neben
+ihm ging. Sie schien sich von der schweren Zeit, die sie im vorigen Jahr
+durchgemacht hatte, erholt zu haben. Jetzt hatte sie etwas Frisches und
+Rosiges. Die Züge waren klein und rein, das Haar umgab den Kopf wie ein
+Heiligenschein, und aus den Augen konnte man nicht recht klug werden.
+Sie ging flink und leicht. Wenn sie sprach, kamen die Worte rasch
+hervor, aber dennoch scheu. Sie hatte immer Angst, verlacht zu werden,
+doch mußte sie heraussagen, was sie auf dem Herzen hatte.
+
+Gudmund fragte sich, ob er sich wünsche, daß Hildur so wäre; aber das
+wollte er doch nicht. Diese Helga war nichts zum Heiraten. –
+
+Ein paar Wochen später erfuhr Helga, daß sie im April von Närlunda fort
+müsse, weil Hildur Erikstochter nicht mit ihr unter einem Dache hausen
+wollte.
+
+Ihre Herrschaft sagte ihr das nicht gerade heraus. Aber Mutter Ingeborg
+begann davon zu sprechen, sie würden an ihrer neuen Schwiegertochter so
+viel Hilfe haben, daß sie sich nicht so viele Dienstleute zu halten
+brauchten. Ein andermal sagte sie wieder, sie habe von einer guten
+Stelle gehört, wo es Helga viel besser gehen würde als bei ihnen.
+
+Helga brauchte nicht mehr zu hören: sie verstand, daß sie fort müsse,
+und erklärte sogleich, daß sie gehen wolle; aber eine andere Stelle
+wolle sie nicht annehmen, sondern sie kehre nach Hause zurück.
+
+Man merkte wohl, daß sie auf Närlunda Helga nicht aus freiem Willen
+kündigten.
+
+Am Abschiedstage war so viel Essen aufgetischt, daß es ein förmlicher
+Schmaus war, und Mutter Ingeborg steckte ihr eine solche Menge Kleider
+und Schuhe zu, daß sie, die nur mit einem Bündel unter dem Arm gekommen
+war, ihre Besitztümer jetzt kaum in einer Kiste unterbringen konnte.
+
+»Ich bekomme nie wieder eine so gute Magd wie dich in mein Haus,« sagte
+Mutter Ingeborg. »Und denke nun nicht zu schlecht von mir, weil ich dich
+ziehen lasse! Du weißt wohl, daß es nicht mit meinem Willen geschieht.
+Ich werde dich nicht vergessen. Solange ich noch Macht habe, wirst du
+keine Not leiden müssen.«
+
+Sie machte mit Helga ab, daß sie ihr Laken und Handtücher weben solle.
+Und sie gab ihr Arbeit für mindestens ein halbes Jahr.
+
+Am Abschiedstage stand Gudmund im Schuppen und hackte Holz. Er kam nicht
+herein, ihr Lebewohl zu sagen, obgleich das Pferd schon vor der Tür
+stand. Er schien so vertieft zu sein in seine Arbeit, daß er gar nicht
+merkte, was vorging. Sie mußte hinausgehen, um ihm Lebewohl zu sagen.
+
+Er legte die Axt hin, gab Helga die Hand, sagte etwas hastig: »Ich danke
+dir für all die Zeit!« und begann dann wieder zu arbeiten. Helga hatte
+sagen wollen, sie sähe ein, daß es unmöglich für ihn sei, sie zu
+behalten, und daß alles ihre eigne Schuld sei. Sie selbst hätte es so
+für sich eingerichtet. Aber Gudmund schlug zu, daß die Späne rings um
+ihn flogen, und da konnte sie sich nicht entschließen, etwas zu sagen.
+
+Aber das Merkwürdigste an der ganzen Sache war, daß der Bauer selbst,
+der alte Erland Erlandsson, Helga zum Moorhof hinauffuhr.
+
+Gudmunds Vater war ein kleines, trockenes Männchen mit kahlem Scheitel
+und schönen, klugen Augen. Er war so verschlossen und schweigsam, daß er
+zuweilen den ganzen Tag kein Wort sprach. Solange alles ging, wie es
+gehen sollte, bemerkte man ihn gar nicht. Aber wenn etwas nicht klappte,
+dann kam er immer und sagte und tat, was gesagt und getan werden mußte,
+um alles wieder in Ordnung zu bringen. Er war sehr geschickt im
+Rechnungführen und genoß unter den Männern des Kirchspiels großes
+Vertrauen. Er bekam auch alle möglichen kommunalen Aufträge und war
+angesehener als so mancher, der einen schönen Hof und großen Reichtum
+besaß.
+
+Erland Erlandsson also fuhr Helga auf dem schlechten Wege heim und ließ
+nicht zu, daß sie bei irgendeiner steilen Stelle ausstieg. Als sie auf
+dem Moorhof angelangt waren, saß er lange in der Hütte und sprach mit
+Helgas Eltern und erzählte ihnen, wie zufrieden er und Mutter Ingeborg
+mit ihr gewesen waren. Nur weil sie jetzt nicht mehr so viele
+Dienstleute brauchten, müßten sie sie nach Hause schicken. Sie hätte
+gehen müssen, weil sie die Jüngste wäre. Sie hätten es unrecht gefunden,
+jemand fortzuschicken, der schon lange bei ihnen diente.
+
+Erland Erlandssons Rede machte einen guten Eindruck, und die Eltern
+bereiteten Helga einen freundlichen Empfang. Als sie dazu noch hörten,
+sie hätte so große Bestellungen erhalten, daß sie sich mit ihrer Weberei
+das Brot verdienen könne, waren sie es recht zufrieden, daß sie nun
+daheim blieb.
+
+
+4
+
+Gudmund kam es vor, als ob er Hildur Erikstochter bis zu dem Tage
+geliebt hätte, an dem sie ihm das Versprechen abgezwungen, daß Helga aus
+Närlunda fort sollte. Wenigstens hatte es bis dahin niemand gegeben, den
+er mehr bewundert und geachtet hätte. Kein junges Mädchen schien ihm
+Hildur an die Seite gestellt werden zu können, und er war sehr stolz
+darauf gewesen, daß er sie gewonnen hatte. Es war ihm auch ein lieber
+Gedanke, sich die Zukunft mit ihr zusammen vorzustellen. Sie würden
+reich und angesehen sein, und er hatte das sichere Gefühl, daß es sich
+in dem Heim, wo Hildur das Regiment führte, gut leben lassen müßte. Er
+dachte auch gern daran, daß er viel Geld haben würde, wenn er mit ihr
+verheiratet wäre. Er könnte seine Wirtschaft verbessern, könnte alle
+verfallnen Hütten wieder aufbauen und den Hof erweitern, so daß er ein
+richtiger Großbauer würde.
+
+An demselben Sonntag, da er mit Helga von der Kirche heimging, war er
+abends nach Älvåkra gefahren. Da hatte Hildur angefangen von Helga zu
+sprechen und hatte gesagt, daß sie nicht nach Närlunda kommen wolle, ehe
+die Dirne von dort fort sei. Gudmund versuchte zuerst, das Ganze als
+einen Scherz fortzulachen. Aber es zeigte sich bald, daß es Hildur ernst
+war. Gudmund führte Helgas Sache sehr beredt; er sagte, sie sei noch so
+jung gewesen, als sie in den Dienst geschickt wurde, da sei es nicht zu
+verwundern, daß sie ins Unglück gekommen wäre, wo sie an einen so
+schlechten Menschen geraten war wie Per Martensson. Aber seit seine
+Mutter sich ihrer angenommen, hätte sie sich immer gut betragen. »Es
+kann nicht Recht sein, sie wieder hinauszustoßen,« sagte er. »Da könnte
+sie ja wieder ins Elend kommen.«
+
+Aber Hildur hatte nicht nachgeben wollen. »Wenn das Mädchen auf Närlunda
+bleibt, so komme ich nie hin,« sagte sie. »Ich kann eine solche Person
+in meinem Hause nicht dulden.« – »Du weißt nicht, was du tust,« sagte
+Gudmund. »Niemand hat Mutter noch so gut gepflegt wie Helga. Wir sind
+alle froh, daß sie zu uns gekommen ist; früher war Mutter oft
+verdrießlich und schlechter Laune.« – »Ich zwinge dich ja nicht, sie
+fortzuschicken,« sagte Hildur, aber man merkte: sie war, wenn Gudmund
+ihr in dieser Sache nicht den Willen täte, entschlossen, die Heirat
+aufzugeben. – »Nein, es soll so sein, wie du willst,« sagte Gudmund
+schließlich. Er fand, daß er Helgas wegen doch nicht seine ganze Zukunft
+aufs Spiel setzen könnte. Aber er sah sehr blaß aus, als er so nachgab,
+und war den ganzen Abend schweigsam und verstimmt.
+
+Diese Sache nun ließ Gudmund befürchten, daß Hildur vielleicht nicht
+ganz so sei, wie er sie sich vorgestellt hatte. Es gefiel ihm nicht, daß
+sie ihren Willen über den seinen gesetzt hatte; aber das Schlimmste war:
+er konnte sich nicht verhehlen, daß sie im Unrecht war. Er sagte sich,
+daß er ihr gern nachgegeben hätte, wenn sie sich großherzig gezeigt
+haben würde; aber nun schien es ihm, daß sie nur kleinlich und herzlos
+gewesen wäre.
+
+Jedesmal von da an, wenn Gudmund Hildur traf, saß er und suchte und
+spähte, ob das, was er in ihr zu finden geglaubt hatte, sich wieder
+zeigen würde. Nun sein Mißtrauen einmal geweckt war, dauerte es nicht
+lange, und er fand manches, was nicht so war, wie er es sich gewünscht
+hätte. »Sie ist wohl so eine, die zu allererst an sich selbst denkt,«
+murmelte er jedesmal, wenn er sich von ihr trennte, und er fragte sich,
+wie lange wohl ihre Liebe zu ihm standhalten würde, wenn man sie auf die
+Probe stellte. Er suchte sich damit zu trösten, daß alle Menschen zuerst
+an sich selbst dächten; aber sogleich fiel ihm Helga ein. Er sah sie vor
+sich, wie sie im Thingsaal gestanden und die Bibel an sich gerissen
+hatte, er hörte, wie sie rief: »Ich will die Klage zurückziehen. Ich hab
+ihn noch lieb. Ich will nicht, daß er falsch schwört.« So hätte er sich
+Hildur gewünscht. Helga war ihm ein Maß geworden, nach dem er die
+Menschen beurteilte, – wahrlich, es gab nicht viele, die ein so
+liebevolles Herz hatten.
+
+Von Tag zu Tag gefiel ihm Hildur weniger; aber er kam nie auf den
+Gedanken, daß er von der Heirat abstehen könnte. Er suchte sich
+einzureden, daß sein Mißmut nichts andres sei als leere Grillen. Vor
+einigen Wochen erst hatte er sie ja für die Beste gehalten, die es gäbe.
+
+Wäre er noch am Anfang seiner Werbung gewesen, dann hätte er sich
+vielleicht zurückgezogen. Aber jetzt waren sie schon aufgeboten, der
+Hochzeitstag war bestimmt, und bei ihm daheim hatten sie bereits große
+Ausbesserungen in Angriff genommen. Er wollte auch den Reichtum und die
+gute Stellung, die ihn erwarteten, nicht preisgeben. Und welchen Grund
+hätte er für einen Bruch anzuführen vermocht? Was er gegen Hildur
+einzuwenden hatte, war so unbedeutend, daß es sich auf seinen Lippen in
+Luft verwandeln würde, wenn er versuchen wollte, es auszusprechen.
+
+Aber das Herz war ihm oft schwer, und jedesmal, wenn er im Kirchdorf
+oder in der Stadt etwas zu besorgen hatte, ließ er sich Bier oder Wein
+geben, um sich eine gute Laune anzutrinken. Wenn er ein paar Flaschen
+geleert hatte, war er wieder stolz auf die Heirat und zufrieden mit
+Hildur. Dann begriff er gar nicht, was ihn eigentlich quäle.
+
+Gudmund dachte oft an Helga und empfand Sehnsicht, sie zu treffen. Aber
+er glaubte, daß Helga ihn für einen schlechten Kerl halte, weil er dem
+Versprechen, das er ihr freiwillig gegeben hatte, untreu geworden war,
+und sie hatte ziehen lassen. Er konnte es ihr weder erklären, noch sich
+rechtfertigen, und darum vermied er es, mit ihr zusammenzutreffen.
+
+Doch eines Morgens, als Gudmund gerade über die Straße ging, begegnete
+er Helga, die im Tal gewesen war, Milch zu kaufen. Gudmund kehrte um und
+schloß sich ihr an. Sie schien über seine Gesellschaft nicht gerade
+erfreut zu sein, sondern schritt rasch aus, als wolle sie von ihm
+fortkommen, und sagte kein Wort. Auch Gudmund schwieg, weil er nicht
+recht wußte, wie er ein Gespräch einleiten solle.
+
+Da kam vom andern Ende der Straße ein Gefährt heran. Gudmund ging in
+Gedanken versunken und bemerkte es nicht, aber Helga hatte es gesehen
+und wendete sich nun plötzlich zu ihm. »Es hat keinen Zweck, daß du mit
+mir weitergehst, Gudmund; denn wenn ich recht sehe, kommen da Amtmanns
+aus Älvåkra gefahren.« Gudmund sah rasch auf, erkannte Pferd und Wagen
+und machte eine Bewegung, als ob er umkehren wolle. Im nächsten
+Augenblick jedoch richtete er sich auf und ging ruhig an Helgas Seite
+weiter wie zuvor; und sie trennten sich, ohne daß er ihr ein Wort gesagt
+hatte. Aber an diesem ganzen Tage war er zufriedener mit sich selbst,
+als er seit lange gewesen war.
+
+
+5
+
+Es war bestimmt, daß Gudmund und Hildurs Hochzeit am zweiten
+Pfingstfeiertag auf Älvåkra gefeiert werden sollte. Am Freitag vor
+Pfingsten fuhr Gudmund in die Stadt, einige Einkäufe für einen
+Begrüßungsschmaus zu machen, der am Tage nach der Hochzeit auf Närlunda
+stattfinden sollte. In der Stadt traf er mit einigen andern jungen
+Burschen aus seinem Kirchspiel zusammen. Sie wußten, daß dies Gudmunds
+letzter Stadtbesuch vor der Hochzeit war, und nahmen dies zum Anlaß, ein
+großes Trinkgelage zu veranstalten. Alle legten es darauf an, daß
+Gudmund trinke, und es gelang ihnen schließlich, ihn ganz bewußtlos zu
+machen.
+
+Am Samstag morgen kam er so spät nach Hause, daß sein Vater und der
+Knecht schon zu ihrer Arbeit gegangen waren, und er schlief bis tief in
+den Nachmittag. Als er aufstand und sich anziehen wollte, sah er, daß
+sein Rock an mehreren Stellen zerrissen war. »Das sieht ja aus, als wenn
+ich heute nacht eine Schlägerei gehabt hätte,« sagte er und versuchte,
+sich zu besinnen, was geschehen wäre, erinnerte sich jedoch nur, daß er
+gegen elf Uhr in Gesellschaft der andern aus dem Wirtshaus gegangen war,
+aber wohin sie sich dann begeben hätten, das konnte er sich nicht
+zurückrufen. Es war, als versuchte er, in eine große Dunkelheit
+hineinzustarren. Er wußte nicht, ob sie sich nur auf den Straßen
+herumgetrieben hätten, oder ob sie noch irgendwo eingekehrt wären. Er
+konnte sich auch nicht erinnern, ob er selbst oder irgendein andrer sein
+Pferd eingespannt hätte, und er hatte gar keine Erinnerung an die
+Heimfahrt.
+
+Als er in die Wohnstube trat, war sie der Feiertage wegen gescheuert und
+gefegt. Alle Arbeit war beendigt, und das Hausgesinde trank Kaffee.
+Niemand sagte etwas über Gudmunds Ausbleiben. Es schien ein
+stillschweigendes Übereinkommen zu sein, daß er in diesen letzten Wochen
+die Freiheit haben solle, so zu leben, wie es ihm behagte.
+
+Gudmund setzte sich an den Tisch und bekam seinen Kaffee wie die andern.
+Während er so dasaß und ihn aus der Schale in die Untertasse und dann
+wieder in die Schale goß, um ihn abkühlen zu lassen, wurde Mutter
+Ingeborg mit dem ihren fertig; sie nahm die Zeitung zur Hand, die eben
+gekommen war, und begann zu lesen. Sie las Spalte für Spalte vor, und
+Gudmund, der Vater und die andern saßen da und hörten zu.
+
+Unter anderm las sie einen Bericht vor über eine Schlägerei, die in der
+vorhergehenden Nacht auf dem großen Marktplatz zwischen einer Schar
+betrunkner Bauern und einigen Arbeitern stattgefunden hatte. Sobald die
+Polizei sich zeigte, waren die Streitenden entflohen; nur einer von
+ihnen hatte leblos auf dem Marktplatz gelegen. Man trug den Gefallenen
+auf die Polizeistation, und da man keine äußere Verletzung an ihm
+entdecken konnte, begann man Belebungsversuche zu machen. Alle
+Bemühungen waren jedoch vergebens, und schließlich entdeckte man, daß
+eine Messerklinge in seinem Kopfe stak. Es war die Klinge eines
+ungewöhnlich großen Taschenmessers, die durch die Hirnschale ins Gehirn
+eingedrungen und dicht am Kopfe abgebrochen war. Der Mörder war mit dem
+Messerschaft entflohen, aber da die Polizei die Leute, die an der
+Schlägerei beteiligt waren, genau kannte, bestand die Hoffnung, man
+würde ihn bald finden.
+
+Während Mutter Ingeborg dies las, stellte Gudmund die Kaffeetasse hin,
+fuhr mit der Hand in die Tasche, zog sein Messer hervor und warf einen
+gleichgültigen Blick darauf. Aber mit einem Mal zuckte er zusammen,
+drehte das Messer um und steckte es dann so hastig in die Tasche, als
+hätte er sich daran verbrannt. Er rührte den Kaffee nicht mehr an,
+sondern blieb lange ganz still mit einem nachdenklichen Ausdruck sitzen.
+Seine Stirn legte sich in tiefe Falten. Es war deutlich zu sehen, daß er
+mit aller Macht versuchte, sich über etwas klar zu werden.
+
+Endlich stand er auf, streckte sich, gähnte und ging langsam auf die Tür
+zu. »Ich muß mir ein bißchen Bewegung machen. Ich bin den ganzen Tag
+nicht aus dem Hause gewesen,« sagte er und verließ das Zimmer.
+
+Ungefähr gleichzeitig erhob sich auch Erland Erlandsson. Er hatte seine
+Pfeife ausgeraucht und ging nun in die Kammer, sich neuen Tabak zu
+holen. Als er da drinnen stand und die Pfeife stopfte, sah er Gudmund
+vorübergehen. Die Fenster der Kammer gingen nicht auf den Hof, wie die
+der Wohnstube, sondern auf ein kleines Gärtchen, in dem ein paar hohe
+Äpfelbäume standen. Unterhalb des Gärtchens lag ein Sumpfland, wo um die
+Frühlingszeit große Wasserpfützen waren, die aber im Sommer fast ganz
+austrockneten. Dahin pflegte selten jemand zu gehen. Erland Erlandsson
+fragte sich, was Gudmund da wohl zu suchen habe, und folgte ihm mit den
+Blicken. Da sah er, wie der Sohn die Hand in die Tasche steckte, einen
+Gegenstand herauszog und ihn in den Morast warf. Dann ging er durch das
+kleine Gärtchen, sprang über einen Zaun und entfernte sich in der
+Richtung nach der Straße.
+
+Sowie der Sohn außer Sehweite war, verließ Erland ebenfalls das Haus und
+begab sich an den Morast. Hier watete er in den Schlamm hinaus, beugte
+sich zu Boden und hob etwas auf, woran er mit dem Fuß gestoßen war. Es
+war ein großes Taschenmesser, dessen größte Klinge abgebrochen war. Er
+drehte es nach allen Seiten und besah es genau, während er noch immer im
+Wasser stand. Dann steckte er es in die Tasche, zog es aber noch ein
+paarmal heraus und betrachtete es prüfend, ehe er wieder ins Haus
+zurückging.
+
+Gudmund kam erst heim, als sich alle schon niedergelegt hatten. Er ging
+sofort zu Bett, ohne das Abendbrot zu berühren, das in der Wohnstube
+aufgetischt stand.
+
+Erland Erlandsson und sein Weib schliefen in der Kammer. Um das
+Morgengrauen glaubte Erland Schritte vor dem Fenster zu hören. Er stand
+auf, zog die Gardinen zurück und sah, daß Gudmund zum Morast
+hinunterging. Dort legte er Strümpfe und Schuhe ab, ging ins Wasser
+hinaus und wanderte hin und her, wie einer, der etwas sucht. Das tat er
+lange, dann ging er wieder an das Ufer, als wollte er seiner Wege gehen,
+kehrte aber bald um und suchte weiter. Eine ganze Stunde stand der Vater
+da und sah ihm zu, dann begab sich Gudmund ins Haus und legte sich
+wieder schlafen.
+
+Am Pfingsttag sollte Gudmund zur Kirche fahren. Als er das Pferd
+einzuspannen begann, kam der Vater über den Hof. »Du hast vergessen, das
+Geschirr zu putzen,« sagte er, als er vorbeiging. Denn Geschirr und
+Wagen waren schmutzig und ungescheuert. – »Ich hab an andre Dinge zu
+denken gehabt,« sagte Gudmund mürrisch und fuhr davon, ohne etwas
+dergleichen zu tun.
+
+Nach dem Gottesdienst begleitete Gudmund seine Braut nach Älvåkra und
+blieb den ganzen Tag dort. Es kam eine Menge jungen Volkes zusammen, um
+Hildurs letzten Jungfernabend zu feiern, und man tanzte bis tief in die
+Nacht hinein. Es gab auch viel zu trinken, aber Gudmund rührte nichts
+an. Den ganzen Abend sprach er kaum ein Wort zu irgend jemand, aber er
+tanzte wild und lachte zuweilen laut und schrill auf, ohne daß jemand
+wußte, worüber.
+
+Gudmund kam nicht vor zwei Uhr nach Hause, und sobald er das Pferd in
+den Stall geführt hatte, ging er zu dem Sumpf hinter dem Hause. Er
+streifte die Schuhe ab, krempelte die Hosen hinauf und watete ins
+Wasser. Es war eine helle Sommernacht, und der Vater stand in dem
+Kämmerchen hinter der Gardine und sah dem Sohne zu. Er sah, wie er tief
+über das Wasser gebeugt einherging und suchte wie in der Nacht zuvor.
+Von Zeit zu Zeit ging er wieder an das Ufer, so als verzweifelte er,
+etwas zu finden, aber nach einer Weile watete er wieder in das Wasser
+hinaus. Einmal ging er in den Stall und holte einen Eimer und begann
+Wasser aus den kleinen Pfützen zu schöpfen, als wollte er sie
+trockenlegen, aber fand es sicherlich zwecklos und stellte den Eimer
+wieder weg. Er versuchte es auch mit einem Sieb. Er durchsuchte den
+ganzen Sumpf damit, aber schien nichts andres heraufzubekommen als
+Schlamm. Erst um die Morgenstunde kam er herein, als die Leute im Hause
+sich schon zu rühren begannen. Da war er so müde und übernächtig, daß er
+im Gehen schwankte, und warf sich aufs Bett, ohne die Kleider abzulegen.
+
+Als die Uhr acht schlug, kam der Vater und weckte ihn. Gudmund lag auf
+dem Bett, die Kleider voll Schlamm und Lehm; aber der Vater fragte
+nicht, was er angestellt habe, sondern sagte nur, es sei jetzt Zeit
+aufzustehen, und schloß die Tür. Nach einer Weile kam Gudmund in die
+Wohnstube herunter, mit den feinen Hochzeitskleidern angetan. Er war
+bleich, und die Augen brannten in unruhigem Glanz, aber niemand hatte
+ihn je so schön gesehen. Die Züge waren wie von einem inneren Schein
+verklärt. Man glaubte einen Menschen zu sehen, der nicht mehr aus
+Fleisch und Blut bestünde, sondern nur noch aus Wille und Seele.
+
+Unten in der Wohnstube sah es festlich aus. Die Mutter hatte ihr
+schwarzes Kleid angelegt und einen schönen Seidenschal über die
+Schultern gehängt, obgleich sie nicht zur Hochzeit fahren wollte. Auch
+alle Dienstleute waren in ihren besten Kleidern. Über dem Herde stak
+frisches Birkenlaub, auf dem Tische lag eine schöne Decke, und viele
+Schüsseln standen darauf.
+
+Als sie gegessen hatten, las Mutter Ingeborg einen Psalm und ein Stück
+aus der Bibel vor. Dann wendete sie sich an Gudmund, dankte ihm, weil er
+ihr ein guter Sohn gewesen war, wünschte ihm Glück für sein zukünftiges
+Leben und gab ihm ihren Segen. Mutter Ingeborg wußte ihr Worte gut zu
+setzen, und Gudmund war sehr gerührt. Immer wieder traten ihm die Tränen
+in die Augen, aber es gelang ihm doch, das Weinen zu unterdrücken. Auch
+der Vater sprach ein paar Worte. »Es wird schwer für deine Eltern sein,
+dich zu verlieren,« sagte er, und Gudmund war wieder nahe daran, in
+Schluchzen auszubrechen. Auch alle Dienstleute traten vor, schüttelten
+ihm die Hand und dankten ihm für die Zeit, die nun zu Ende war.
+Beständig hingen Gudmund die Tränen in den Wimpern. Er räusperte sich
+und machte ein paar Versuche, zu sprechen, doch brachte er kaum ein Wort
+über die Lippen.
+
+Der Vater sollte ihn in das Haus der Braut begleiten und der Hochzeit
+beiwohnen. Er ging in den Hof, spannte das Pferd ein und kam dann
+wieder, um zu sagen, daß es Zeit sei, sich auf den Weg zu machen. Als
+Gudmund sich in den Wagen setzte, merkte er, daß alles so spiegelblank
+war, wie er es selbst immer gern gehabt hatte. Zugleich sah er auch, wie
+fein der Hof herausgeputzt war; der Zufahrtsweg war frisch beschottert;
+alte Holzhaufen und andres Gerümpel, das Zeit seines Lebens dort
+gelegen, waren fortgeschafft. Zu beiden Seiten der Eingangstür standen
+ein paar abgehauene Birken als Triumphpforte, an der Wetterfahne hing
+ein großer Blumenkranz, und aus allen Fensterluken guckten lichtgrüne
+Birkenreiser. Wieder war Gudmund nahe daran, in Tränen auszubrechen. Er
+drückte dem Vater, der eben das Pferd in Gang setzen wollte, heftig die
+Hand. Es war, als wollte er ihn von der Fahrt abhalten. »Willst du
+etwas?« sagte der Vater. – »Ach nein,« sagte Gudmund. »Es ist wohl am
+besten, wenn wir uns auf den Weg machen.«
+
+Bevor sie weit vom Hofe waren, mußte Gudmund noch einmal Abschied
+nehmen. Es war Helga vom Moorhof, die an der Stelle stand und wartete,
+wo der Waldpfad von ihrem Heim her auf den Weg mündete. Der Vater, der
+kutschierte, hielt an, sowie er Helga erblickte. »Ich hab auf euch
+gewartet, weil ich Gudmund Glück wünschen möchte,« sagte Helga. Gudmund
+beugte sich aus dem Wagen und schüttelte Helga die Hand. Er glaubte zu
+sehen, daß sie abgemagert war, ihre Augen waren rot gerändert. Sie lag
+wohl nachts und weinte und sehnte sich nach Närlunda. Aber jetzt
+trachtete sie, fröhlich auszusehen, und lächelte ihm zu. Er war wieder
+sehr gerührt, konnte aber nichts sagen. Der Vater, der ja in dem Rufe
+stand, daß er nicht sprach, ehe die Not am höchsten war, fiel ein: »Ich
+glaube, über diesen Glückwunsch freut sich Gudmund mehr als über
+irgendeinen andern.« – »Ja, das ist sicher,« sagte Gudmund. Sie
+schüttelten sich noch einmal die Hand, und dann fuhr der Vater weiter.
+Gudmund beugte sich aus dem Wagen und sah Helga nach. Als sie von ein
+paar Bäumen verdeckt wurde, riß er plötzlich den Fußsack fort und erhob
+sich, als wolle er aus dem Wagen springen. – »Willst du Helga noch etwas
+sagen?« fragte der Vater. – »Nein, ach nein,« antwortete Gudmund und
+setzte sich wieder zurecht.
+
+Sie fuhren noch eine kleine Strecke. Der Vater fuhr sehr gemächlich. Es
+war, als mache es ihm Freude, so mit seinem Sohne neben sich zu fahren.
+Er machte keinerlei Anstalten, rasch ans Ziel zu kommen.
+
+Plötzlich ließ Gudmund den Kopf auf die Schulter des Vaters sinken und
+brach in heftiges Schluchzen aus. »Was ist dir?« fragte Erland und zog
+die Zügel so plötzlich an, daß das Pferd mit einem Ruck stehen blieb. –
+»Ja, alle sind so gut gegen mich, und ich verdien’ es nicht.« – »Du hast
+doch nichts Böses getan?« – »Doch, Vater, das habe ich.« – »Das wollen
+wir doch nicht glauben.« – »Ja, ich hab einen Menschen erschlagen.«
+
+Der Vater holte tief Atem. Es klang beinahe wie ein Seufzer der
+Erleichterung; Gudmund hob erstaunt den Kopf und sah ihn an. Der Vater
+ließ das Pferd wieder in Trab fallen, dann sagte er still: »Ich bin
+froh, daß du es selbst gesagt hast.« – »Wußtet Ihr es denn schon,
+Vater?« – »Ich sah schon Samstag abend, daß irgend etwas nicht in
+Ordnung war. Und dann fand ich dein Messer im Morast.« – »Ach so, _Ihr_
+habt das Messer gefunden!« – »Ich hab es gefunden, und ich sah, daß die
+eine Klinge abgebrochen war.«
+
+»Ja, Vater, ich weiß, daß die Klinge abgebrochen ist. Aber ich kann mir
+doch nicht denken, daß ich es getan haben soll.« – »Es ist wohl im
+Rausch geschehen.« – »Ich weiß nichts, ich kann mich an nichts erinnern.
+Ich sehe es an meinen Kleidern, daß ich bei einer Rauferei war, und ich
+weiß, daß die Messerklinge fort ist.« – »Ich verstehe, daß du es
+verschweigen wolltest,« sagte der Vater. – »Ich dachte, die andern waren
+gewiß ebenso sinnlos betrunken wie ich und können sich an nichts
+erinnern. Es liegt vielleicht sonst kein Beweis gegen mich vor als das
+Messer, und darum hab – ich es fortgeworfen.« »Ich kann mir denken, daß
+du dir die Sache so zurechtgelegt hast.« – »Ihr versteht, Vater: ich
+weiß nicht, wer der Tote ist; ich hab ihn vielleicht nie im Leben
+gesehen. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich es getan habe. Und da
+sagte ich mir, ich brauchte doch nicht für etwas zu leiden, was ich
+nicht mit Willen getan habe. Aber bald sah ich ein, daß es eine Tollheit
+war, das Messer in den Sumpf zu werfen. Er trocknet doch im Sommer aus,
+und da kann es ein jeder finden. Darum wollte ich es gestern nacht und
+heute nacht suchen.« – »Hast du gar nicht daran gedacht, zu gestehen?« –
+»Nein, gestern dachte ich nur, wie ich es geheimhalten könnte, und ich
+versuchte zu tanzen und vergnügt zu sein, damit mir niemand etwas
+anmerkte.« – »War es deine Absicht, vor den Traualtar zu treten, ohne zu
+gestehen? Das ist eine große Verantwortung. Sahst du nicht ein, daß du
+Hildur und ihre Familie mit in dein Elend ziehst, wenn man dich
+entdeckt?« – »Ich dachte, daß ich sie am besten verschonte, wenn ich
+nichts sagte.«
+
+Sie fuhren im Galopp den Weg entlang. Der Vater schien es jetzt sehr
+eilig zu haben, ans Ziel zu kommen. Die ganze Zeit sprach er zu dem
+Sohne. Er hatte ihm vorher in seinem ganzen Leben nicht so viele Worte
+gesagt.
+
+»Ich wüßte gerne, wodurch du andrer Meinung geworden bist,« sagte er. –
+»Weil Helga kam und mir Glück wünschte. Da brach etwas Hartes in mir.
+Ich war so gerührt über sie. Ich war auch heute morgen über Mutter und
+über Euch gerührt, und ich wollte sprechen und sagen, daß ich eure Liebe
+nicht verdiene, aber das Harte war damals noch in mir und leistete
+Widerstand. Aber als Helga kam, da war es aus und geschehen. Ich meinte,
+sie müßte mir eigentlich böse sein, weil ich doch schuld daran bin, daß
+sie von daheim fort mußte.«
+
+»Nun, denke ich, wirst du mit mir einig sein, daß wir dies gleich den
+Amtmann wissen lassen müssen,« sagte der Vater. – »Ja,« antwortete
+Gudmund mit leiser Stimme. »Ja, gewiß,« fügte er gleich darauf lauter
+und fester hinzu, »ich will Hildur nicht in mein Unglück hineinziehen.
+Sie würde es mir nie verzeihen.« – »Die Älvåkraleute halten ihre Ehre
+hoch, sie wie andere,« sagte der Vater, »und das magst du wissen,
+Gudmund: als ich heute morgen von daheim fortfuhr, da sagte ich mir, ich
+muß es dem Amtmann erzählen, wie es um dich steht, wenn du dich nicht
+entschließest, es selbst zu tun. Wie hätte ich schweigend zusehen und
+Hildur einen heiraten lassen können, dem jede Stunde eine Anklage wegen
+Mordes droht.«
+
+Er klatschte mit der Peitsche und fuhr in immer rasenderem Galopp. »Das
+wird das Schwerste für dich sein,« sagte er. »Wir müssen es so
+einrichten, daß es bald überstanden ist. Ich denke, der Amtmann und
+seine Familie werden es recht von dir finden, daß du dich selbst
+angibst, und sie werden freundlich gegen dich sein.«
+
+Gudmund antwortete nichts. Er sah immer gequälter aus, je mehr sie sich
+Älvåkra näherten. Der Vater sprach weiter, um ihm Mut zu machen.
+
+»Ich habe einmal eine ähnliche Geschichte gehört,« sagte er. »Ein
+Bräutigam hatte einen Kameraden auf der Jagd erschossen. Es war nicht
+seine Absicht gewesen, und man hatte nicht entdeckt, daß er es war, der
+den tödlichen Schuß abgefeuert hatte. Aber ein paar Tage später sollte
+er heiraten; und als er in das Hochzeitshaus kam, da ging er zur Braut
+und sagte: ›Aus der Hochzeit kann nichts werden. Ich will dich nicht in
+das Elend hineinziehen, das mich erwartet.‹ Aber sie stand schon fertig
+geschmückt da, in Krone und Schleier, und sie nahm ihn bei der Hand und
+führte ihn in den Saal, wo die Gäste versammelt waren und alles für die
+Trauung bereit war. Und sie erzählte allen mit lauter Stimme, was ihr
+der Bräutigam eben gesagt hatte. ›Dies erzähle ich, damit alle wissen,
+daß du nicht falsch gegen mich gewesen bist,‹ sagte sie dann und wendete
+sich an den Bräutigam. ›Aber jetzt will ich mich gleich mit dir trauen
+lassen. Denn du bleibst der, der du bist, wenn du auch ins Unglück
+gekommen bist; und was dich auch erwartet, das will ich gemeinsam mit
+dir tragen.‹«
+
+Als der Vater mit seiner Erzählung zu Ende war, waren sie gerade bei der
+langen Gasse angelangt, die nach Älvåkra führte. Gudmund sagte mit einem
+wehmütigen Lächeln zu ihm: »So wird es uns nicht ergehen.« – »Wer weiß,«
+antwortete der Vater und richtete sich im Wagen auf. Er sah den Sohn an
+und mußte wieder staunen, wie schön der an diesem Tage war. »Es sollte
+mich nicht wundern, wenn ihm etwas Großes und Unerwartetes widerführe,«
+dachte er.
+
+Es sollte eine Kirchenhochzeit sein, und eine Menge Leute hatten sich
+schon bei den Brautleuten versammelt, um im Hochzeitszuge mitzufahren.
+Auch viele Verwandte des Amtmanns waren von weit und breit gekommen. Sie
+saßen in ihrem besten Staat auf dem Flur, bereit zur Fahrt in die
+Kirche. Wagen und Kutschen standen im Hof, und man hörte, wie die Pferde
+im Stalle stampften, während sie gestriegelt wurden. Der Dorfspielmann
+saß allein auf der Treppe der Scheuer und stimmte die Fiedel. An einem
+Fenster im oberen Stockwerk stand die Braut fertig angekleidet und hielt
+Ausschau, um den Bräutigam zu sehen, bevor der sie erspäht hätte.
+
+Erland und Gudmund stiegen aus dem Wagen und sagten sogleich, daß sie
+mit Hildur und ihren Eltern allein sprechen müßten. Bald standen sie
+alle in einem kleinen Zimmer, wo der Amtmann sein Schreibpult hatte.
+
+»Ich denke, Herr Amtmann, Sie haben in den Zeitungen von jener
+Schlägerei in der Stadt gelesen, bei der ein Mensch ermordet wurde, in
+der Nacht vom Freitag auf Samstag,« sagte Gudmund so rasch, als leiere
+er eine Lektion herunter. – »Ja freilich habe ich davon gelesen,« sagte
+der Amtmann. – »Ich war nämlich in jener Nacht in der Stadt,« fuhr
+Gudmund fort.
+
+Jetzt kam keine Antwort. – Es wurde totenstill. Gudmund war es, als ob
+alle ihn mit einem solchen Entsetzen anstarrten, daß er nicht
+weitersprechen konnte. Aber der Vater kam ihm zu Hilfe. – »Gudmund war
+von ein paar Freunden eingeladen. – Er hat in jener Nacht wohl zu viel
+getrunken, denn als er heimkam, wußte er gar nicht, was mit ihm
+geschehen war. Aber man merkte es ihm an, daß er bei einer Rauferei
+gewesen war, denn seine Kleider waren zerrissen.« Gudmund sah, wie das
+Entsetzen, das die andern empfanden, mit jedem Worte zunahm, aber er
+selbst wurde ruhiger. Ein Gefühl des Trotzes erwachte in ihm, und er
+ergriff wieder das Wort: »Als nun am Samstag abend die Zeitung kam und
+ich von der Schlägerei las und von der Messerklinge, die in der
+Hirnschale des Mannes stecken geblieben war, da zog ich mein Messer
+hervor und sah, daß eine Klinge fehlte.« – »Das sind schlimme
+Neuigkeiten, die du da bringst, Gudmund,« sagte der Amtmann. »Es wäre
+richtiger gewesen, wenn du uns das gestern gesagt hättest.« – Gudmund
+schwieg, und da kam ihm der Vater wieder zu Hilfe. – »Es war nicht so
+leicht für Gudmund. Die Versuchung, das Ganze zu verschweigen, war sehr
+groß. Er verliert sehr viel durch dieses Geständnis.« – »Ja, wir müssen
+noch froh sein, daß er jetzt gesprochen hat, so daß wir nicht in das
+Elend hineingezogen werden,« sagte der Amtmann bitter.
+
+Gudmund hielt seine Augen die ganze Zeit auf Hildur gerichtet. Sie trug
+Krone und Schleier; und nun sah er, wie sie die Hand hob und eine der
+großen Nadeln herauszog, die die Krone festhielten. Sie schien dies ganz
+unbewußt getan zu haben. Als sie merkte, daß Gudmunds Blicke auf ihr
+ruhten, steckte sie die Nadel wieder hinein.
+
+»Es ist ja noch gar nicht bewiesen, daß Gudmund der Schuldige ist,«
+sagte der Vater, »aber ich begreife: Ihr wollt, daß die Hochzeit
+aufgeschoben wird, bis wir alles aufgeklärt haben.« – »Es hat wohl wenig
+Zweck, von Aufschub zu sprechen,« sagte der Amtmann. »Ich denke, Gudmund
+ist seiner Sache recht sicher, und wir könnten uns wohl darüber einigen,
+daß es zwischen ihm und Hildur ein für allemal aus ist.«
+
+Gudmund antwortete nicht gleich. Er ging zu seiner Braut hinüber und
+streckte die Hand aus. Sie saß ganz regungslos da und schien ihn nicht
+zu sehen. »Willst du mir nicht Lebewohl sagen, Hildur?« Jetzt sah sie
+auf, und ihre großen Augen blitzten ihn kalt an. – »Hast du mit dieser
+Hand das Messer geführt?« fragte sie. Gudmund antwortete ihr keine
+Silbe, sondern wendete sich an den Amtmann. – »Ja, jetzt bin ich meiner
+Sache sicher,« sagte er. »Es hat gar keinen Zweck, die Hochzeit
+aufzuschieben.«
+
+Damit war die Unterredung beendet, und Gudmund und Erland gingen ihrer
+Wege. Sie hatten durch mehrere Stuben und Kammern zu gehen, ehe sie
+hinauskamen, und überall sahen sie Vorbereitungen zur Hochzeit. Die Tür
+nach der Küche stand offen, und sie sahen, wie eine Menge Menschen in
+eiliger Geschäftigkeit durcheinanderliefen. Der Duft von Braten und
+Backwerk drang heraus, der ganze Herd war voll kleiner und großer Töpfe,
+die Kupferkasserollen, die sonst die Wände schmückten, waren
+heruntergenommen und im Gebrauch. »Ach, daß sie alle diese Zurüstungen
+für meine Hochzeit machen!« dachte Gudmund, als er vorüberging.
+
+Er bekam Einblick in den ganzen Reichtum dieses alten Bauernhofes, wie
+er so durch das Haus wanderte. Er sah den Eßsaal, wo große Tische mit
+langen Reihen von Silberbechern und Kannen gedeckt waren. Er kam durch
+die Kleiderkammer, wo auf dem Boden große Truhen standen und an den
+Wänden Kleider in unendlicher Reihe hingen. Als er dann in den Hof
+hinaustrat, sah er eine Menge alte und neue Wagen, prächtige Pferde
+wurden aus dem Stall geführt und schöne Wagendecken in die Kutschen
+gelegt. Er sah über ein paar Höfe, die von Scheunen, Ställen, Schuppen,
+Vorratskammern und noch vielen andern Gebäuden umgeben waren. »Das alles
+hätte mein sein können,« dachte er, als er sich in den Wagen setzte.
+
+Mit einem Male kam bittere Reue über ihn. Er wäre am liebsten aus dem
+Wagen gesprungen und hineingelaufen, um ihnen zu sagen, es sei alles
+nicht wahr, was er erzählt hätte. Er hätte ja nur mit ihnen spaßen und
+sie erschrecken wollen. Es war doch unerhört töricht von ihm gewesen, zu
+bekennen. Was nützte es, daß er gestanden hatte? Dadurch wurde die Sache
+für keinen Menschen besser. Der Tote war ja tot. Nein, dieses Geständnis
+hatte nichts anderes zur Folge, als daß auch er ins Verderben gestürzt
+wurde.
+
+In den letzten Wochen hatte er diese Heirat nicht mehr so eifrig
+gewünscht; aber jetzt, da er darauf verzichten mußte, fühlte er erst,
+was sie wert war. Es bedeutete viel, Hildur Erikstochter und alles, was
+an ihr hing, zu verlieren. Was hatte es zu sagen, daß sie eigenwillig
+und selbstherrlich war! Sie war doch die erste von allen in der
+Umgegend, und durch sie wäre er zu großer Macht und Ehre gekommen.
+
+Er trauerte jetzt nicht nur um Hildur und ihr Hab und Gut, sondern auch
+um kleinere Dinge. In diesem Augenblick wäre er zur Kirche gefahren, und
+alle, die ihn gesehen, hätten ihn beneidet. Und heute hätte er zu oberst
+an der Hochzeitstafel gesessen. Heute wäre er mitten in Tanz und
+Fröhlichkeit gewesen. Es war sein großer Glückstag, der ihm nun entging.
+
+Erland drehte den Kopf einmal ums andere dem Sohne zu und sah ihn an. Er
+war jetzt nicht so schön und verklärt, wie er am Morgen gewesen war,
+sondern saß stumpf und schwerfällig da mit erloschenem Blick. Der Vater
+hätte wohl gerne gewußt, ob der Sohn sein Geständnis bereue, und er
+wollte ihn danach fragen, hielt es aber doch für richtiger, zu
+schweigen.
+
+»Wohin wollen wir jetzt fahren?« fragte Gudmund nach einer Weile. –
+»Wäre es nicht das beste, gleich zu Gericht zu gehen?« – »Du mußt zuerst
+nach Hause, damit du ruhen und dich ausschlafen kannst,« sagte der
+Vater. »Du hast in den letzten Nächten wohl nicht viel Schlaf gefunden.«
+– »Mutter wird erschrecken, wenn sie uns sieht.« – »Sie wird nicht so
+erstaunt sein,« sagte der Vater, »sie weiß ebensoviel wie ich. Sie wird
+sich freuen, daß du gestanden hast.« – »Ich glaube, Mutter und ihr alle
+miteinander daheim seid froh, mich ins Gefängnis zu bringen,« sagte
+Gudmund bitter. – »Wir wissen, daß du viel verlierst, weil du recht
+gehandelt hast,« sagte der Vater, »wir können nicht anders: wir müssen
+uns freuen, daß du dich selbst überwunden hast.«
+
+Gudmund glaubte es nicht ertragen zu können, nach Hause zu fahren und
+allen den Leuten zuzuhören, die ihn rühmen würden, weil er seine Zukunft
+vernichtet hatte. Er suchte einen Vorwand, um niemand treffen zu müssen,
+bevor er sich mehr Ruhe erkämpft hätte. Nun fuhren sie an der Stelle
+vorüber, wo der Pfad zum Moorhof abbog. »Wollt Ihr hier halten, Vater?
+Ich denke, ich gehe zu Helga hinauf und spreche mit ihr.« –
+
+Der Vater hielt bereitwillig das Pferd an. »Komm nur, sobald du kannst,
+nach Hause, damit du dich ausruhst,« sagte er.
+
+Gudmund schlug den Weg in den Wald ein und war bald zwischen den Bäumen
+verschwunden. Er dachte nicht daran, Helga aufzusuchen. Er war nur froh,
+allein zu sein, so daß er sich keinen Zwang aufzuerlegen brauchte. Er
+fühlte eine unvernünftige Wut gegen alles, er stieß Steine fort, die ihm
+im Wege lagen, und blieb zuweilen stehen, um einen großen Ast
+abzubrechen, nur weil ein Blatt sein Gesicht gestreift hatte. Er schlug
+den Weg zum Moorhof ein, ging aber an der Hütte vorbei und kletterte den
+Berg hinauf. Hier wurde es ihm bald schwer, weiterzukommen. Er hatte den
+Pfad verlassen; und um den nächsten Gipfel zu erreichen, mußte er über
+ein breites Flußbett voll kantiger Felsblöcke gehen. Es war eine
+gefährliche Wanderung über die scharfen Felskanten, und er konnte sich
+Arme und Beine brechen, wenn er einen Fehltritt machte. Das wußte er
+sehr wohl, aber er ging doch weiter, als mache es ihm Freude, sich einer
+Gefahr auszusetzen. »Und wenn ich mich zuschanden falle, so findet mich
+hier oben niemand,« dachte er. »Aber was tut das? Ich kann ebensogut
+hier liegen und sterben wie jahrelang hinter Gefängnismauern sitzen.«
+
+Doch alles ging gut ab, und ein paar Minuten später stand er auf der
+Höhe. Über den Berg war einmal ein Waldbrand hingegangen. Die oberste
+Spitze war noch kahl, und von dort hatte man eine meilenweite Aussicht.
+Er sah Täler und Seen, dunkle Wälder und fruchtbare Äcker, Kirchen und
+Herrenhöfe, kleine Bauernhütten und große Dörfer. Weit in der Ferne lag
+die Stadt, in einen weißen Schleier von Sonnenrauch gehüllt, aus dem ein
+paar funkelnde Türme aufragten. Durch die Täler schlängelten sich Wege,
+und ein Eisenbahnzug rollte am Waldessaume vorbei. Es war ein ganzes
+Reich, was er da sah.
+
+Er warf sich zu Boden, hielt aber den Blick noch immer auf die weite
+Fernsicht geheftet. Es war etwas Stolzes und Großes in dieser Landschaft
+vor ihm, und er empfand sich selbst und seine Sorgen als klein und
+unbedeutend.
+
+Ihm kam eine Erinnerung aus seiner Kindheit. Wenn er damals gelesen
+hatte, daß der Versucher Jesus auf einen hohen Berg geführt und ihm alle
+Herrlichkeit der Welt gezeigt hätte, so war er immer der Meinung
+gewesen, die beiden müßten hier oben auf dem Gipfel gestanden haben ...
+Und er sprach die alten Worte vor sich hin: Dies alles will ich dir
+geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.
+
+Da kam es ihm plötzlich vor, als sei ihm selbst in diesen letzten Tagen
+eine solche Versuchung entgegengetreten. Wahrlich, hatte ihn nicht der
+Versucher auf einen hohen Berg geführt und ihm alle Herrlichkeit der
+Macht und des Reichtums gezeigt? »Verschweige nur das Böse, das du getan
+hast,« sagte er, »und ich will dir dies alles geben.« Wie Gudmund daran
+dachte, kam ein klein wenig Befriedigung über ihn. »Ich habe ja nein
+geantwortet,« sagte er; und plötzlich begriff er, worum es sich für ihn
+gehandelt hatte. Wenn er geschwiegen hätte, wäre er dann nicht all sein
+Lebtag verurteilt gewesen, den Versucher anzubeten? Ein scheuer,
+mutloser Mann wäre er geworden, ein Sklave von Hab und Gut. Die Furcht
+vor der Entdeckung hätte stets auf ihm gelastet. Nie mehr hätte er sich
+als ein freier Mann fühlen können.
+
+Eine große Ruhe kam über Gudmund. Er wurde ganz glücklich, weil er
+einsah, daß er recht gehandelt hatte. Wenn er an die vergangenen Tage
+zurückdachte, schien es ihm, daß er in einer großen Dunkelheit getappt
+hätte. Es war wunderbar, daß er sich zuletzt doch zurechtgefunden hatte.
+Er fragte sich selbst, wie es zugegangen sei, daß er nicht in der Irre
+gegangen war. »Ich danke es dem, daß sie daheim alle so gut gegen mich
+waren,« dachte er, »und die beste Hilfe war doch, daß Helga kam und mir
+Glück wünschte.«
+
+Er blieb noch eine Weile oben auf dem Gipfel liegen, aber bald sagte er
+sich, er müsse zu Vater und Mutter heimgehen und ihnen sagen, daß er den
+Frieden mit sich selbst gefunden hätte. Als er nun aufstand, um zu
+gehen, bemerkte er, daß ein Stück weiter unten Helga auf einem
+Felsenvorsprung saß.
+
+Sie hatte dort nicht die große weite Aussicht – nur ein kleines
+Stückchen des Tales war für sie sichtbar. Es war die Gegend, wo Närlunda
+lag, und sie sah vermutlich ein Stück des Hofes. Als Gudmund sie
+erblickte, fühlte er, wie sein Herz, das den ganzen Tag mühsam und
+ängstlich gearbeitet hatte, leicht und fröhlich zu klopfen begann, und
+zu gleicher Zeit durchzuckte ihn ein so starkes Glücksgefühl, daß er
+stehen blieb und über sich selbst staunte.
+
+»Was ist mir denn? Was ist das? Was ist das?« dachte er, während das
+Blut durch seinen Körper strömte und das Glück ihn mit solcher Macht
+packte, daß er es beinahe schmerzhaft empfand. Endlich sagte er mit
+erstaunter Stimme zu sich selbst: »Aber ich hab ja sie lieb! Nein, daß
+ich das bisher gar nicht wußte!«
+
+Es packte ihn mit der Stärke eines befreiten Wasserfalls. Er war die
+ganze Zeit, solange er sie kannte, gebunden gewesen. Alles, was ihn zu
+ihr hinzog, hatte er zurückgedrängt. Jetzt erst war er frei von dem
+Gedanken, eine andre zu heiraten, hatte er die Freiheit, sie zu lieben.
+
+»Helga!« rief er und begann zugleich den Abhang zu ihr
+hinunterzuklettern. Sie wendete sich mit einem erschrockenen Aufschrei
+um. »Hab keine Angst! Ich bin es nur.« – »Aber bist du denn nicht in der
+Kirche und wirst getraut?« – »Ach nein, aus der Hochzeit wird nichts.
+Sie will mich nicht haben, Helga.«
+
+Helga richtete sich auf. Sie preßte die Hand aufs Herz und schloß die
+Augen. Sie dachte in diesem Augenblick wohl, daß es nicht Gudmund sei,
+der da kam. Ihre Augen und Ohren müßten hier im Walde verhext worden
+sein. Aber schön und herrlich war es doch, daß er sich zeigte, wenn auch
+nur als Traumerscheinung; und sie schloß die Augen und blieb regungslos
+stehen, um das Trugbild noch ein paar Augenblicke festzuhalten.
+
+Aber Gudmund war wild und toll von der großen Liebe, die in ihm
+aufgelodert war. Sobald er zu Helga heruntergekommen war, schlang er die
+Arme um sie und küßte sie, und sie ließ es geschehen; denn sie war ganz
+betäubt und benommen vor Überraschung. Es war ja zu wunderbar, daß er,
+der gerade jetzt in der Kirche stehen sollte, zur Seite seiner Braut,
+wirklich hierher in den Wald gekommen war. Dieser Geist oder
+Doppelgänger von ihm, der zu ihr gekommen war, mochte sie immerhin
+küssen.
+
+Aber in dem Augenblick, da Gudmund Helga küßte, wachte sie auf und stieß
+ihn von sich. Und nun begann sie ihn mit Fragen zu überschütten. Ob er
+es wirklich selbst sei? Was er im Walde zu tun hätte? Ob ein Unglück
+geschehen? Warum man die Hochzeit aufgeschoben hätte? Ob Hildur krank
+sei? Ob den Pfarrer in der Kirche der Schlag gerührt hätte?
+
+Gudmund wollte mit ihr von nichts anderm auf der Welt sprechen als von
+seiner Liebe; aber sie zwang ihn, zu erzählen, wie alles zugegangen war.
+Während er sprach, saß sie still da und hörte mit tiefer Andacht zu.
+
+Sie unterbrach ihn nicht, bis er von der abgebrochnen Klinge erzählte.
+Da fuhr sie auf und fragte, ob es sein gewöhnliches Messer sei, das er
+gehabt hätte, als sie noch auf Närlunda diente.
+
+»Ja, gerade das war es,« sagte er. – »Wieviel Klingen waren denn
+abgebrochen?« fragte sie. – »Nicht mehr als eine.«
+
+In Helgas Kopf begann es zu arbeiten. Sie saß mit gerunzelter Stirn da
+und suchte sich an etwas zu erinnern. Wie war es doch? Ja gewiß. Sie
+entsann sich deutlich, daß sie sich dieses Messer an dem Tage, bevor sie
+fortging, von ihm ausgeliehen hatte, um Holz zu spalten; dabei hatte sie
+es zerbrochen, aber sie war nicht dazu gekommen, es ihm zu sagen. Er war
+ihr damals immer ausgewichen und hatte nicht mit ihr sprechen wollen.
+Und nun hatte er das Messer wohl seitdem in der Tasche gehabt und gar
+nicht bemerkt, daß es zerbrochen war.
+
+Sie hob den Kopf und wollte ihm dies eben sagen; doch er erzählte weiter
+von seinem Besuch heute morgen im Hochzeitshaus, und sie wollte ihn zu
+Ende kommen lassen. Als sie hörte, wie er von Hildur geschieden war,
+erschien ihr dies als ein so furchtbares Unglück, daß sie ihn mit
+Vorwürfen überhäufte. »Das ist deine eigne Schuld,« sagte sie. »Da kommt
+ihr, du und dein Vater, angefahren und erschreckt sie zu Tode mit der
+furchtbaren Botschaft. So hätte sie nicht geantwortet, wenn sie bei
+Sinnen gewesen wäre. Ich will dir eines sagen: ich glaube, sie bereut es
+schon in diesem Augenblick.« – »Meinethalben mag sie bereuen, soviel sie
+will,« sagte Gudmund. »Ich weiß jetzt, daß sie eine ist, die immer nur
+an sich selbst denkt. Ich bin froh, daß ich sie los bin.«
+
+Helga preßte die Lippen aufeinander, damit ihr das große Geheimnis nicht
+entschlüpfe. Sie hatte viel zu denken. Es handelte sich nicht nur darum,
+Gudmund von dem Morde reinzuwaschen. Es herrschte ja auch Feindschaft
+zwischen Gudmund und seiner Braut. Könnte sie nicht versuchen, die
+beiden mit Hilfe dessen, was sie wußte, zu versöhnen?
+
+Wieder saß sie stumm da und grübelte, bis Gudmund davon zu sprechen
+begann, daß er seinen Sinn jetzt ihr zugewandt hätte.
+
+Aber das erschien ihr als das größte Unglück, das ihm an diesem Tage
+widerfahren war. Schlimm war es schon, daß die vorteilhafte Heirat zu
+scheitern drohte, noch schlimmer aber, daß er um eine wie sie werben
+wollte. »Nein, so etwas darfst du mir nicht sagen,« rief sie und sprang
+plötzlich auf. – »Warum soll ich es dir nicht sagen?« fragte Gudmund und
+erblaßte. »Ist es mit dir vielleicht gerade so wie mit Hildur? Hast du
+Angst vor mir?« – »Nein, nicht deshalb.« Sie wollte ihm erklären, daß er
+in sein eigenes Verderben renne, aber er hörte ihr gar nicht zu. – »Ich
+habe gehört, daß es früher einmal Frauen gab, die den Männern zur Seite
+standen, wenn sie in Not kamen; aber heute trifft man solche Frauen
+nicht mehr.« Helga erzitterte. Sie hätte die Arme um seinen Hals
+schlingen wollen, aber sie verhielt sich still. Heute mußte sie
+vernünftig sein. – »Es ist ja wahr, ich hätte dich nicht an demselben
+Tage, wo ich ins Gefängnis soll, bitten dürfen, mein Weib zu werden.
+Aber der Gedanke, daß du auf mich warten würdest, bis ich wieder frei
+wäre, hätte mich all das Schwere mit leichtem Mut erdulden lassen.« –
+»Ich bin es nicht, die auf dich warten soll, Gudmund.« – »Alle Menschen
+werden mich jetzt als einen Missetäter betrachten, als einen, der sich
+besäuft und mordet. Ach, wenn es nur eine gäbe, die mich mit Liebe
+ansehen könnte! Das würde mich besser aufrechterhalten als alles andre.«
+– »Du weißt, daß ich nie etwas andres als Gutes von dir denken werde,
+Gudmund.«
+
+Helga war sehr still. Gudmunds Bitten wurden fast zu viel für sie. Sie
+wußte gar nicht, wie sie ihm entkommen sollte. Aber Gudmund verstand
+nichts, sondern begann zu glauben, daß er sich geirrt habe. Sie könnte
+nicht dasselbe für ihn empfinden wie er für sie. Er kam ganz dicht an
+sie heran und sah sie an, als wollte er mitten durch sie hindurchsehen.
+»Sitzest du nicht gerade auf diesem Felsen hier, um nach Närlunda
+hinunterzusehen?« – »Ja, das tu ich.« – »Sehnst du dich nicht Tag und
+Nacht hin?« – »Ja. Aber ich sehne mich nicht nach einem Menschen.« –
+»Und mich magst du gar nicht?« – »O ja, aber ich will dich nicht
+heiraten.« – »Wen hast du denn gern?« – Helga schwieg. – »Per
+Martensson?« – »Ja, ihm hab ich gesagt, daß ich ihn gern habe,« sagte
+sie und war ganz zermartert.
+
+Gudmund blieb ein Weilchen stehen und sah sie mit ergrimmtem Gesicht an.
+»Dann also lebewohl! Jetzt gehen wir getrennte Wege, du und ich,« sagte
+er, und damit machte er einen gewaltigen Sprung von dem Stein zum
+nächsten Felsabsatz und verschwand unter den Bäumen.
+
+
+6
+
+Kaum war Gudmund verschwunden, als Helga auf einem andern Wege den Berg
+hinuntereilte. Sie lief am Moorhof vorbei, ohne stehenzubleiben und
+eilte dann, so rasch sie konnte, über die Waldhügel hinunter auf den
+Weg. Im ersten Bauernhof, den sie erreichte, bat sie die Inwohner, ihr
+Pferd und Fuhrwerk zu leihen, damit sie nach Älvåkra fahren könnte. Sie
+sagte, es gälte das Leben, daß sie hinkäme, und versprach, dafür zu
+zahlen. Die Dorfleute waren schon heimgekommen und hatten von der
+unterbliebenen Hochzeit erzählt. Alle waren sehr bewegt und mitleidig,
+und man wollte Helga die Hilfe nicht verweigern, da sie eine wichtige
+Botschaft für die Leute auf Älvåkra zu haben schien.
+
+In Älvåkra saß Hildur Erikstochter in einer kleinen Kammer im oberen
+Stockwerk, wo sie ihr Brautkleid abgelegt hatte. Die Mutter und ein paar
+andre Bäuerinnen waren um sie. Hildur weinte nicht, aber sie war
+ungewöhnlich still und blaß; es sah aus, als würde sie jeden Augenblick
+krank hinsinken. Die Frauen sprachen die ganze Zeit von Gudmund. Alle
+tadelten ihn und schienen es als ein Glück für Hildur anzusehen, daß sie
+von ihm befreit war. Einige meinten, Gudmund habe wenig Rücksicht auf
+die Schwiegereltern gezeigt. Er hätte ihnen schon am Pfingsttage sagen
+müssen, wie es um ihn stand. Andre sagten, wem ein so großes Glück
+bevorstünde, der müßte besser auf sich achten. Und einige
+beglückwünschten Hildur, daß sie dem Schicksal entging, einen zu
+heiraten, der sich so sinnlos betrinken konnte, daß er nicht mehr wußte,
+was er tat.
+
+Mitten unter diesen Reden schien Hildur ungeduldig zu werden; sie stand
+auf, um das Zimmer zu verlassen. Sowie sie zur Tür hinaus war, kam ihre
+beste Freundin, ein junges Bauernmädchen, und flüsterte ihr zu: »Unten
+ist jemand, der mit dir sprechen will.« – »Ist es Gudmund?« fragte
+Hildur, und ein Strahl des Lebens leuchtete in ihren Augen auf. – »Nein,
+aber, ich glaube, eine Botschaft von ihm. Sie will, was sie auszurichten
+hat, keinem als nur dir selbst sagen.« Nun hatte Hildur den ganzen Tag
+dagesessen und gedacht, daß jemand kommen müsse, der diesem Elend ein
+Ende machte. Sie konnte es gar nicht begreifen, daß ein so schreckliches
+Unglück sie treffen sollte. Sie meinte, es müsse etwas geschehen, das es
+ihr möglich machte, Krone und Kranz wieder aufzusetzen, mit dem
+Hochzeitszug zur Kirche zu fahren und getraut zu werden. Als sie nun von
+einer Botschaft Gudmunds hörte, wurde sie ganz eifrig und lief eilends
+zu Helga hinaus, die vor der Kirchentür stand und auf sie wartete.
+
+Hildur wunderte sich wohl, daß Gudmund Helga zu ihr schickte, aber sie
+dachte, er hätte vielleicht heute am Feiertag keine andre Botin
+gefunden, und begrüßte sie freundlich.
+
+Sie winkte Helga, ihr in die Milchkammer zu folgen, die drüben auf der
+andern Längsseite des Hofes lag. »Ich weiß keinen andern Ort, wo wir
+allein sprechen können,« sagte sie. »Wir haben noch das Haus voll
+Leute.«
+
+Sobald sie drinnen waren, trat Helga dicht an Hildur heran und sah ihr
+ins Gesicht. »Bevor ich etwas sage, muß ich erst wissen, ob du Gudmund
+lieb hast, Hildur.« Hildur zuckte vor Empörung zusammen. Es war ihr eine
+Qual, mit Helga auch nur ein einziges Wort wechseln zu müssen, und sie
+hatte wahrlich keine Lust, sie zu ihrer Vertrauten zu machen. Aber nun
+war die Not am höchsten, und so zwang sie sich, zu antworten: »Warum,
+glaubst du, hätte ich ihn sonst heiraten wollen?« – »Ich meine, ob du
+ihn noch lieb hast, Hildur?« – Hildur wurde wie zu Stein, aber unter dem
+forschenden Blick der andern konnte sie nicht lügen. – »Vielleicht habe
+ich ihn noch nie so lieb gehabt wie heute,« sagte sie, jedoch so leise,
+daß man glauben konnte, es täte ihr weh, die Worte auszusprechen.
+
+»Dann komm gleich mit mir,« sagte Helga. »Ich habe drunten auf der
+Straße einen Wagen stehen. Du brauchst dich nur fertig zu machen, dann
+können wir gleich nach Närlunda fahren.« – »Wozu soll es gut sein, daß
+ich hinfahre?« fragte Hildur. – »Du mußt hinfahren und sagen, daß du
+Gudmund angehören willst, Hildur, was er auch getan haben mag, und daß
+du treu auf ihn warten wirst, während er im Gefängnis sitzt.« – »Warum
+soll ich das sagen?« – »Damit alles zwischen euch wieder gut wird.« –
+»Aber das ist ja unmöglich. Ich will doch keinen heiraten, der im
+Gefängnis gesessen hat.«
+
+Helga prallte ein paar Schritt zurück, so als wäre sie an eine Mauer
+gestoßen. Aber sie faßte rasch wieder Mut. Sie konnte ja begreifen, daß,
+wer mächtig und reich war wie Hildur, so denken mußte. »Ich wäre nicht
+hierher gekommen und hätte dich nicht gebeten, nach Närlunda zu fahren,
+wenn ich nicht wüßte, daß Gudmund unschuldig ist,« sagte sie. Jetzt war
+es Hildur, die einen Schritt von Helga forttrat. – »Weißt du das, oder
+ist es nur etwas, was du glaubst?« – »Es wäre besser, wenn wir uns
+gleich in den Wagen setzten, dann könnte ich es dir unterwegs erzählen,
+Hildur.« – »Nein, erst mußt du mir alles sagen. Ich muß wissen, was ich
+tue.« Helga war so voll brennenden Eifers, daß sie kaum stillstehen
+konnte, aber sie mußte sich doch bequemen, Hildur zu erzählen, woher sie
+wüßte, daß nicht Gudmund der Täter sei. »Hast du das Gudmund nicht
+gleich gesagt?« – »Nein, ich sage es jetzt dir, Hildur. Kein andrer weiß
+es.« – »Und warum kommst du mit dieser Nachricht zu mir?« – »Damit es
+zwischen euch wieder gut werde. Auch er wird wohl bald erfahren, daß er
+nichts Böses getan hat, aber ich will, daß du wie von selbst zu ihm
+kommst, Hildur, und es gut machst.« – »Ich soll nicht sagen, daß ich von
+seiner Schuldlosigkeit weiß?« – »Du sollst ganz von selbst kommen,
+Hildur, und ihm nie verraten, daß ich mit dir gesprochen habe. Sonst
+verzeiht er dir nie, was du ihm heute morgen gesagt hast.«
+
+Hildur hörte schweigend zu. Es lag etwas in diesen Worten, was ihr noch
+nie im Leben begegnet war, und sie war bemüht, es sich klarzumachen.
+»Weißt du, daß ich es war, die verlangte, daß du aus Närlunda
+fortkommst?« – »Ich weiß wohl, daß es nicht die Leute auf Närlunda
+waren, die mich forthaben wollten.« – »Ich kann gar nicht verstehen, daß
+du heute zu mir kommst und mir helfen willst.« – »Wenn du jetzt nur
+mitkommst, Hildur, so kann alles gut werden!« Aber Hildur sah Helga an,
+noch immer in dieselben Grübeleien versunken. – »Vielleicht hat Gudmund
+dich lieb,« warf sie hin. Aber nun riß Helga die Geduld. – »Was hätte er
+denn an mir!« sagte sie heftig, »du weißt doch, Hildur, daß ich nichts
+andres bin als eine arme Häuslerdirne, und das ist noch nicht einmal das
+Allerschlimmste.«
+
+Die beiden jungen Mädchen schlichen sich unbemerkt aus dem Haus und
+saßen bald im Wagen. Helga kutschierte, und sie schonte das Pferd nicht,
+sondern ließ es rasch traben. Sie waren beide stumm. Hildur saß da und
+sah Helga an. Es war, als könne sie sich nicht genug über sie wundern,
+und als dächte sie mehr an sie als an irgend etwas andres.
+
+Als sie in die Nähe des Hofes kamen, übergab Helga Hildur die Zügel.
+»Jetzt sollst du allein hinfahren, Hildur, und mit Gudmund sprechen. Ich
+komme in einer Weile nach und erzähle die Geschichte mit dem Messer.
+Aber du darfst Gudmund kein Wort davon sagen, Hildur, daß ich dich
+geholt habe.«
+
+Gudmund saß in der Wohnstube auf Närlunda neben Mutter Ingeborg und
+sprach mit ihr. Der Vater saß etwas abseits und rauchte. Er sah
+zufrieden aus und sagte kein Wort. Man merkte, er war der Meinung, jetzt
+gehe alles, wie es sollte, so daß er nicht einzugreifen brauchte.
+
+»Ich wüßte wohl gerne, Mutter, was Ihr gesagt haben würdet, wenn Ihr
+Helga als Schwiegertochter bekommen hättet,« sagte Gudmund. Mutter
+Ingeborg hob den Kopf und antwortete mit fester Stimme: »Ich werde jede
+Schwiegertochter mit Freuden aufnehmen, wenn ich nur weiß, daß sie dich
+so lieb hat, wie eine Frau ihren Mann liebhaben soll.«
+
+Kaum war dies gesagt, als sie Hildur Erikstochter in den Hof einfahren
+sahen. Sie kam gleich darauf ins Haus und war ganz anders als sonst. Sie
+trat nicht in ihrer gewohnten zuversichtlichen Art in das Zimmer,
+sondern es sah fast aus, als wolle sie unten an der Tür stehenbleiben
+wie ein armes Bettelmädchen.
+
+Sie kam jedoch heran und gab Mutter Ingeborg und Erland die Hand. Dann
+wendete sie sich an Gudmund. »Mit dir will ich ein paar Worte sprechen.«
+Gudmund stand auf, und sie gingen in die Kammer. Er stellte Hildur einen
+Stuhl hin, aber sie setzte sich nicht. Sie war ganz rot vor
+Verlegenheit, und die Worte kamen langsam und scheu über ihre Lippen:
+»Ich war wohl – – ja, es war vielleicht zu hart, was ich heute morgen
+sagte.« – »Ach, wir haben dich damit so plötzlich überfallen,« sagte
+Gudmund. Sie wurde noch röter und beschämter. »Ich hätte es mir besser
+überlegen sollen. Wir könnten – es sollte doch – –« – »Es ist schon am
+besten, wie es ist, Hildur. Darüber ist nichts mehr zu reden; aber es
+ist schön, daß du gekommen bist.«
+
+Sie schlug die Hände vors Gesicht, holte sehr tief Atem, daß es klang
+wie ein Schluchzen, hob dann aber den Kopf wieder. »Nein,« sagte sie.
+»Es geht nicht. Ich will nicht, daß du mich für besser hältst, als ich
+bin. Jemand kam zu mir und sagte, daß du unschuldig bist, und riet mir,
+hierher zu eilen und alles wieder gutzumachen. Und ich sollte nicht
+sagen, daß ich schon weiß, daß du unschuldig bist. Denn dann würdest du
+nicht soviel daran finden, daß ich komme. Jetzt sage ich dir: ich
+wünschte, ich wäre selbst auf den Gedanken gekommen. Doch so war es
+nicht. Aber ich habe mich den ganzen Tag nach dir gesehnt und gewünscht,
+daß es wieder gut zwischen uns werden könnte. Und wie es auch kommen
+mag: eins will ich dir sagen, ich freue mich, daß du unschuldig bist.«
+
+»Wer hat dir denn diesen Rat gegeben, Hildur?« fragte Gudmund. – »Das
+darf ich nicht sagen.« – »Ich wundere mich, daß es jemand weiß. Vater
+kommt eben jetzt vom Bürgermeister. Er hat in die Stadt telegraphiert.
+Und es ist die Antwort gekommen, daß der wahre Täter schon gefunden
+ist.«
+
+Als Gudmund dies sagte, fühlte Hildur, wie die Beine unter ihr
+zitterten, und sie setzte sich rasch nieder. Es wurde ihr ganz angst,
+weil Gudmund so ruhig und freundlich war, und sie begann zu verstehen,
+daß er ganz außerhalb ihrer Macht war. »Ich sehe schon, du kannst es
+nicht vergessen, Gudmund, wie ich heute vormittag gewesen bin.« – »O
+doch, das kann ich dir schon verzeihen, Hildur,« sagte er in demselben
+ruhigen Ton. »Davon wollen wir nie mehr sprechen.«
+
+Sie erzitterte, schlug die Augen nieder und saß da, als wartete sie auf
+etwas. »Es ist nur ein großes Glück, Hildur,« sagte er und kam heran und
+ergriff ihre Hand, »daß es zwischen uns aus ist. Denn heute ist es mir
+klar geworden, daß ich eine andre lieb habe. Ich glaube, ich hatte sie
+schon lange lieb, aber ich weiß es erst seit heute.« – »Wer ist die, die
+du lieb hast, Gudmund,« kam es tonlos von Hildurs Lippen. – »Das kommt
+ja auf eins heraus. Ich werde sie nicht heiraten, denn sie hat mich
+nicht lieb. Aber eine andre kann ich nicht nehmen.«
+
+Hildur hob den Kopf. Es war nicht leicht, zu sagen, was in ihr vorging.
+Aber sie fühlte in diesem Augenblick, daß sie, die Großbauerntochter,
+mit all ihrem Reiz und allem ihrem Hab und Gut nichts für Gudmund
+bedeutete. Und sie war stolz und wollte nicht von ihm scheiden, ohne ihm
+zu zeigen, daß sie ihren Wert in sich hatte, abgesehen von allem
+Äußerlichen.
+
+»Ich will, Gudmund, daß du mir sagst, ob es Helga vom Moorhof ist, die
+du gern hast.«
+
+Gudmund stand schweigend da. »Denn wenn es Helga ist, dann weiß ich, daß
+sie dich lieb hat. Sie kam zu mir und lehrte mich, was ich tun sollte,
+damit es zwischen uns wieder gut würde. Sie wußte, daß du unschuldig
+bist, aber sie sagte es nicht dir, sondern ließ es mich zuerst wissen.«
+– Gudmund sah ihr fest in die Augen. »Findest du darin ein Zeichen, daß
+sie eine große Liebe für mich hat?« – »Dessen kannst du sicher sein,
+Gudmund. Das kann ich bezeugen. Niemand in der Welt kann dich lieber
+haben als sie.« Er ging hastig durch das Zimmer. Dann blieb er vor
+Hildur stehen. »Aber du? Warum sagst du mir das?« – »Ich will Helga an
+Edelmut nicht nachstehen.« – »Ach, Hildur, Hildur!« sagte er, legte die
+Hand auf die Schultern und schüttelte sie, um seiner Rührung Luft zu
+machen. »Du weißt nicht, nein, du weißt nicht, wie gut ich dir in
+diesem Augenblick bin. Du weißt nicht, wie glücklich du mich gemacht
+hast – – –«
+
+ * * * * *
+
+Helga saß am Wegrand und wartete. Sie saß da, das Kinn in die Hand
+gestützt und sah zu Boden. Sie sah Gudmund und Hildur vor sich und
+dachte, wie glücklich sie jetzt sein müßten.
+
+Während sie so dasaß, kam ein Knecht aus Närlunda vorüber. Als er sie
+sah, blieb er stehen. »Du hast doch von Gudmund gehört, Helga?« – Ja,
+das hatte sie. – »Die ganze Geschichte ist ja gar nicht wahr. Der
+richtige Täter ist schon verhaftet.« – »Ich wußte, daß es nicht wahr
+sein konnte,« sagte Helga.
+
+Dann ging der Mann, aber Helga blieb am Wegrand sitzen wie zuvor. Ja so,
+drüben wußten sie es schon. Sie brauchte gar nicht nach Närlunda zu
+gehen, um es zu erzählen.
+
+Sie fühlte sich so wunderlich ausgeschlossen. Vorhin erst war sie so
+eifrig gewesen. Sie hatte gar nicht an sich selbst gedacht, nur daran,
+daß Gudmunds und Hildurs Hochzeit zustande kommen müsse. Aber jetzt erst
+stand es ihr vor Augen, wie einsam sie war. Und es war schwer, für die,
+die man lieb hatte, nichts sein zu dürfen. Jetzt brauchte Gudmund sie
+nicht, und ihr eigenes Kind hatte ihre Mutter zu dem ihren gemacht. Sie
+gönnte ihr kaum, daß sie es ansah.
+
+Sie dachte daran, daß sie aufstehen und nach Hause gehen müsse. Aber die
+Hügel erschienen ihr so steil und schwer zu ersteigen. Sie wußte gar
+nicht, wie sie hinaufkommen solle.
+
+Da kam ein Wagen aus Närlunda. Hildur und Gudmund saßen darin. Jetzt
+führen sie wohl nach Älvåkra, um zu sagen, daß sie sich ausgesöhnt
+hätten. Und morgen fände dann die Hochzeit statt.
+
+Als sie Helga erblickten, hielten sie an. Gudmund gab Hildur die Zügel
+und sprang heraus. Hildur nickte Helga zu und fuhr weiter.
+
+Gudmund blieb auf dem Wege vor Helga stehen. »Ich bin froh, daß du hier
+sitzest, Helga,« sagte er. »Ich glaubte, ich müßte nach dem Moorhof
+hinaufgehen, um dich zu treffen.«
+
+Er sagte dies heftig, beinahe hart, und dabei hielt er ihre Hand fest
+umklammert, und sie sah es seinen Augen an, daß er jetzt wußte, wie es
+um sie stand. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr entfliehen.
+
+
+
+
+
+Das Schweißtuch der heiligen Veronika
+
+I
+
+In einem der letzten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius begab es
+sich, daß ein armer Winzer und sein Weib sich in einer einsamen Hütte
+hoch oben in den Sabiner Bergen niederließen. Sie waren Fremdlinge und
+lebten in der größten Einsamkeit, ohne je den Besuch eines Menschen zu
+empfangen. Aber eines Morgens, als der Arbeiter seine Türe öffnete, fand
+er zu seinem Staunen, daß eine alte Frau zusammengekauert auf der
+Schwelle saß. Sie war in einen schlichten, grauen Mantel gehüllt und sah
+aus, als wäre sie sehr arm. Und dennoch erschien sie ihm, als sie sich
+erhob und ihm entgegentrat, so ehrfurchtgebietend, daß er daran denken
+mußte, was die Sagen von Göttinnen erzählen, die in der Gestalt einer
+alten Frau die Menschen heimsuchen.
+
+»Mein Freund,« sagte die Alte zu dem Winzer, »wundere dich nicht
+darüber, daß ich heute nacht auf deiner Schwelle geschlafen habe. Meine
+Eltern haben in dieser Hütte gewohnt, und hier wurde ich vor fast
+neunzig Jahren geboren. Ich hatte erwartet, sie leer und verlassen zu
+finden. Ich wußte nicht, daß aufs neue Menschen Besitz davon ergriffen
+hatten.«
+
+»Ich wundere mich nicht, daß du glaubtest, daß eine Hütte, die so hoch
+zwischen diesen einsamen Felsen liegt, leer und verlassen stehen würde,«
+sagte der Winzer. »Aber ich und mein Weib, wir sind aus einem fernen
+Lande, und wir armen Fremdlinge haben keine bessere Wohnstätte finden
+können. Und dir, die nach der langen Wanderung, die du in deinem hohen
+Alter unternommen hast, müde und hungrig sein muß, dürfte es
+willkommener sein, daß die Hütte von Menschen bewohnt ist, anstatt von
+den Wölfen der Sabiner Berge. Du findest jetzt doch ein Bett drinnen, um
+darauf zu ruhen, sowie eine Schale Ziegenmilch und einen Laib Brot, wenn
+du damit vorlieb nehmen willst.«
+
+Die Alte lächelte ein wenig, aber dieses Lächeln war so flüchtig, daß es
+den Ausdruck schweren Kummers nicht zu zerstreuen vermochte, der auf
+ihrem Gesicht ruhte. »Ich habe meine ganze Jugend hier oben in den
+Bergen verlebt,« sagte sie. »Ich habe die Kunst noch nicht verlernt,
+einen Wolf aus seiner Höhle zu vertreiben.«
+
+Und sie sah wirklich so stark und kräftig aus, daß der Arbeiter nicht
+daran zweifelte, daß sie trotz ihres hohen Alters noch Stärke genug
+besäße, um es mit den wilden Tieren des Waldes aufzunehmen.
+
+Er wiederholte jedoch sein Anerbieten, und die Alte trat in die Hütte
+ein. Sie ließ sich zu der Mahlzeit der armen Leute nieder und nahm ohne
+Zögern daran teil. Aber obgleich sie sehr zufrieden damit schien, grobes
+in Milch aufgeweichtes Brot essen zu dürfen, dachten doch der Mann und
+die Frau: Woher kann diese alte Wanderin kommen? Sie hat gewiß öfter
+Fasane von Silberschüsseln gespeist, als Ziegenmilch aus irdenen Schalen
+getrunken.
+
+Zuweilen erhob sie die Augen vom Tische und sah sich um, als wolle sie
+versuchen, sich wieder in der Hütte zurechtzufinden. Die dürftige
+Behausung mit den nackten Lehmwänden und dem gestampften Boden war
+sicherlich nicht sehr verändert. Sie zeigte sogar ihren Wirtsleuten, daß
+an der Wand noch ein paar Spuren von Hunden und Hirschen sichtbar waren,
+die ihr Vater dorthin gezeichnet hatte, um seinen kleinen Kindern eine
+Freude zu machen. Und hoch oben auf einem Brett glaubte sie die Scherben
+eines Tongefäßes zu sehen, in das sie selbst einst Milch zu melken
+pflegte.
+
+Aber der Mann und sein Weib dachten bei sich selbst: Es mag freilich
+wahr sein, daß sie in dieser Hütte geboren ist, aber sie hat doch im
+Leben so manches andere zu bestellen gehabt als Ziegen melken und Butter
+und Käse bereiten.
+
+Sie merkten auch, daß sie oft mit ihren Gedanken weit weg war und daß
+sie jedesmal, wenn sie wieder zu sich selbst zurückkam, schwer und
+kummervoll seufzte.
+
+Endlich erhob sie sich von der Mahlzeit. Sie dankte freundlich für die
+Gastfreundschaft, die sie genossen hatte, und ging auf die Tür zu.
+
+Aber da däuchte sie den Winzer so beklagenswert einsam und arm, daß er
+ausrief: »Wenn ich mich nicht irre, war es keineswegs deine Absicht, als
+du gestern nacht heraufstiegst, diese Hütte so bald zu verlassen. Wenn
+du wirklich so arm bist, wie es den Anschein hat, dann wird es wohl
+deine Meinung gewesen sein, alle die Jahre, die du noch zu leben hast,
+hierzubleiben. Aber jetzt willst du gehen, weil wir, mein Weib und ich,
+schon von der Hütte Besitz genommen haben.«
+
+Die Alte leugnete nicht, daß er richtig geraten hatte. »Aber diese
+Hütte, die so viele Jahre verlassen gestanden hat, gehört dir ebensogut
+wie mir,« sagte sie. »Ich habe kein Recht, dich von hier zu vertreiben.«
+
+»Es ist aber doch deiner Eltern Hütte,« sagte der Winzer, »und du hast
+sicherlich mehr Anspruch darauf als ich. Wir sind überdies jung, und du
+bist alt. Darum sollst du bleiben, und wir werden gehen.«
+
+Als die Alte diese Worte hörte, war sie ganz erstaunt. Sie wendete sich
+auf der Schwelle um und starrte den Mann an, als wenn sie nicht
+verstünde, was er mit seinen Worten meinte.
+
+Aber nun mischte sich das junge Weib ins Gespräch.
+
+»Wenn ich mitzureden hätte,« sagte sie zu dem Manne, »würde ich dich
+bitten, diese alte Frau zu fragen, ob sie uns nicht als ihre Kinder
+ansehen und uns erlauben will, bei ihr zu bleiben und sie zu pflegen.
+Welchen Nutzen hätte sie davon, wenn wir ihr diese elende Hütte
+schenkten und sie dann allein ließen? Es wäre furchtbar für sie, einsam
+in der Wildnis zu hausen. Und wovon sollte sie leben? Es wäre dasselbe,
+als wollten wir sie dem Hungertode preisgeben.«
+
+Aber die Alte trat auf den Mann und die Frau zu und betrachtete sie
+prüfend. »Warum sprecht ihr so?« fragte sie. »Warum beweist ihr mir
+Barmherzigkeit? Ihr seid doch Fremde.«
+
+Da antwortete ihr die junge Frau: »Darum, weil uns selbst einmal die
+große Barmherzigkeit begegnet ist.«
+
+
+II
+
+So kam es, daß die alte Frau in der Hütte des Winzers wohnte, und sie
+faßte große Freundschaft für die jungen Menschen. Aber dennoch sagte sie
+ihnen niemals, woher sie kam oder wer sie war, und sie begriffen, daß
+sie es nicht gut aufgenommen hätte, wenn sie sie danach gefragt hätten.
+
+Aber eines Abends, als die Arbeit getan war und sie alle drei auf der
+großen, flachen Felsplatte saßen, die vor dem Eingang lag, und ihr
+Abendbrot verzehrten, erblickten sie einen alten Mann, der den Pfad
+heranstieg.
+
+Es war ein hoher, kräftig gebauter Mann mit so breiten Schultern wie ein
+Ringer. Sein Gesicht trug einen düstern, herben Ausdruck. Die Stirn
+ragte über den tiefliegenden Augen vor, und die Linien des Mundes
+drückten Bitterkeit und Verachtung aus. Er ging in gerader Haltung und
+mit raschen Bewegungen.
+
+Der Mann trug ein schlichtes Gewand, und der Winzer dachte, sobald er
+ihn erblickt hatte: Das ist ein alter Legionär, einer, der seinen
+Abschied aus dem Dienste bekommen hat und nun auf der Wanderung nach
+seiner Heimat begriffen ist.
+
+Als der Fremde an die Essenden herangekommen war, blieb er wie
+unschlüssig stehen. Der Arbeiter, der wußte, daß der Weg ein kleines
+Stück oberhalb der Hütte ein Ende hatte, legte den Löffel nieder und
+rief ihm zu: »Hast du dich verirrt, Fremdling, daß du hierher zu dieser
+Hütte kommst? Niemand pflegt sich die Mühe zu machen, hier
+heraufzuklettern, es sei denn, er hätte eine Botschaft an einen von uns,
+die wir hier wohnen.«
+
+Während er so fragte, trat der Fremdling näher. »Ja, es ist so, wie du
+sagst,« antwortete er, »ich habe den Weg verloren, und jetzt weiß ich
+nicht, wohin ich meine Schritte lenken soll. Wenn du mich hier ein
+Weilchen ruhen läßt und mir dann sagst, welchen Weg ich gehen muß, um zu
+einem Landgut zu kommen, will ich dir dankbar sein.«
+
+Mit diesen Worten ließ er sich auf einem der Steine nieder, die vor der
+Hütte lagen. Die junge Frau fragte ihn, ob er nicht an ihrer Mahlzeit
+teilnehmen wolle, doch dies lehnte er mit einem Lächeln ab. Hingegen
+zeigte es sich, daß er sehr geneigt war, mit ihnen zu plaudern, indes
+sie aßen. Er fragte die jungen Menschen nach ihrer Lebensweise und ihrer
+Arbeit, und sie antworteten ihm fröhlich und rückhaltlos.
+
+Aber auf einmal wendete sich der Arbeiter an den Fremden und begann ihn
+auszufragen: »Du siehst, wie abgeschieden und einsam wir leben,« sagte
+er. »Es ist wohl schon ein Jahr her, seit ich mit andern als Hirten und
+Winzern gesprochen habe. Kannst du, der ja wohl aus irgendeinem
+Feldlager kommt, uns nicht ein wenig von Rom und vom Kaiser erzählen?«
+
+Kaum hatte der Mann dies gesagt, als die junge Frau merkte, wie die Alte
+ihm einen warnenden Blick zuwarf und mit der Hand das Zeichen machte,
+das bedeutet, man möge wohl auf seiner Hut sein mit dem, was man sage.
+
+Der Fremdling antwortete dann aber ganz freundlich: »Ich sehe, daß du
+mich für einen Legionär hältst, und du hast wirklich nicht so ganz
+unrecht, obgleich ich schon vor langer Zeit den Dienst verlassen habe.
+Unter der Regierung des Tiberius hat es nicht viel Arbeit für uns
+Kriegsleute gegeben. Und er war doch einmal ein großer Feldherr. Das war
+die Zeit seines Glückes. Jetzt hat er nichts anderes im Sinn, als sich
+vor Verschwörungen zu hüten. In Rom sprechen alle Menschen davon, daß er
+vorige Woche, nur auf den allerleisesten Verdacht hin, den Senator
+Titius greifen und hinrichten ließ.«
+
+»Der arme Kaiser, er weiß nicht mehr, was er tut,« rief die junge Frau.
+Sie rang die Hände und schüttelte bedauernd und staunend das Haupt.
+
+»Du hast wirklich recht,« sagte der Fremdling, während ein Zug tiefster
+Düsterkeit über sein Gesicht ging. »Tiberius weiß, daß alle Menschen ihn
+hassen, und dies treibt ihn noch zum Wahnsinn.«
+
+»Was sagst du da?« rief die Frau. »Warum sollten wir ihn hassen? Wir
+beklagen ja nur, daß er nicht mehr ein so großer Kaiser ist wie am
+Anfang seiner Regierung.«
+
+»Du irrst dich,« sagte der Fremde. »Alle Menschen verachten und hassen
+Tiberius. Warum sollten sie es nicht? Er ist ja nur ein grausamer,
+schonungsloser Tyrann. Und in Rom glaubt man, daß er in Zukunft noch
+unverbesserlicher sein wird als bisher.«
+
+»Hat sich denn etwas ereignet, was ihn zu einem noch ärgern Ungeheuer
+machen könnte, als er schon ist?« fragte der Mann.
+
+Als er dies sagte, merkte die Frau, daß die Alte ihm abermals ein
+warnendes Zeichen machte, aber so verstohlen, daß er es nicht sehen
+konnte.
+
+Der Fremdling antwortete freundlich, aber gleichzeitig huschte ein
+eigentümliches Lächeln um seine Lippen.
+
+»Du hast vielleicht gehört, daß Tiberius bis jetzt in seiner Umgebung
+einen Freund gehabt hatte, dem er vertrauen konnte und der ihm immer die
+Wahrheit sagte. Alle andern, die an seinem Hofe leben, sind Glücksjäger
+und Heuchler, die seine bösen und hinterlistigen Handlungen ebenso
+preisen wie seine guten und vortrefflichen. Es hat aber doch, wie
+gesagt, ein Wesen gegeben, das niemals fürchtete, ihn wissen zu lassen,
+was seine Handlungen wert waren. Dieser Mensch, der mutiger war als
+Senatoren und Feldherrn, war des Kaisers alte Amme, Faustina.«
+
+»Jawohl, ich habe von ihr reden hören,« sagte der Arbeiter. »Man sagte
+mir, daß der Kaiser ihr immer große Freundschaft bewiesen habe.«
+
+»Ja, Tiberius wußte ihre Ergebenheit und Treue zu schätzen. Er hat diese
+arme Bäuerin, die einst aus einer elenden Hütte in den Sabiner Bergen
+kam, wie seine zweite Mutter behandelt. Solange er selbst in Rom weilte,
+ließ er sie in einem Hause auf dem Palatin wohnen, um sie immer in
+seiner Nähe zu haben. Keiner von Roms vornehmen Matronen ist es besser
+ergangen als ihr. Sie wurde in einer Sänfte über die Straße getragen,
+und ihre Kleidung war die einer Kaiserin. Als der Kaiser nach Capreae
+übersiedelte, mußte sie ihn begleiten, und er ließ ihr dort ein Landhaus
+voll Sklaven und kostbaren Hausrat kaufen.«
+
+»Sie hat es wahrlich gut gehabt,« sagte der Mann.
+
+Er war es nun, der das Gespräch mit dem Fremden allein weiterführte. Die
+Frau saß stumm und beobachtete staunend die Veränderung, die mit der
+Alten vorgegangen war. Seit dem Kommen des Fremden hatte sie kein Wort
+gesprochen. Sie hatte ihr sanftes und freundliches Aussehen ganz
+verloren. Die Schüssel hatte sie von sich geschoben und saß jetzt starr
+und aufrecht, an den Türpfosten gelehnt und blickte mit strengem,
+versteinertem Gesicht gerade vor sich hin.
+
+»Es ist des Kaisers Wille gewesen, daß sie ein glückliches Leben
+genieße,« sagte der Fremdling. »Aber trotz aller seiner Wohltaten hat
+nun auch sie ihn verlassen.«
+
+Die alte Frau zuckte bei diesen Worten zusammen, doch die Junge legte
+beschwichtigend die Hand auf ihren Arm. Dann begann sie mit ihrer
+warmen, milden Stimme zu sprechen. »Ich kann doch nicht glauben, daß die
+alte Faustina am Hofe so glücklich gewesen ist, wie du sagst,« sagte
+sie, indem sie sich an den Fremdling wendete. »Ich bin gewiß, daß sie
+Tiberius so geliebt hat, als wenn er ihr eigener Sohn wäre. Ich kann mir
+denken, wie stolz sie auf seine edle Jugend gewesen ist, und ich kann
+auch begreifen, welch ein Kummer es für sie war, daß er sich in seinem
+Alter dem Mißtrauen und der Grausamkeit überließ. Sie hat ihn sicherlich
+jeden Tag ermahnt und gewarnt. Es ist furchtbar für sie gewesen, immer
+vergeblich zu bitten. Schließlich hat sie es nicht mehr ertragen können,
+ihn immer tiefer und tiefer sinken zu sehen.«
+
+Der Fremdling beugte sich überrascht ein wenig vor, als er diese Worte
+vernahm. Aber das junge Weib sah nicht zu ihm auf. Sie hielt die Augen
+niedergeschlagen und sprach sehr leise und demütig.
+
+»Du hast vielleicht recht mit dem, was du von der alten Frau sagst,«
+antwortete er. »Faustina ist am Hofe wirklich nicht glücklich gewesen.
+Aber es scheint doch seltsam, daß sie den Kaiser in seinem hohen Alter
+verließ, nachdem sie ein ganzes Menschenleben bei ihm ausgeharrt hatte.«
+
+»Was sagst du da?« rief der Mann. »Hat die alte Faustina den Kaiser
+verlassen?«
+
+»Sie hat sich, ohne daß jemand darum wußte, von Capreae weggeschlichen,«
+sagte der Fremde. »Sie ist ebenso arm gegangen, wie sie gekommen war.
+Sie hat nichts von allen ihren Schätzen mitgenommen.«
+
+»Und weiß der Kaiser wirklich nicht, wohin sie gegangen ist?« fragte die
+junge Frau mit ihrer sanften Stimme.
+
+»Nein, niemand weiß mit Bestimmtheit, welchen Weg die Alte eingeschlagen
+hat. Man hält es jedoch für wahrscheinlich, daß sie ihre Zuflucht in
+ihren heimatlichen Bergen gesucht habe.«
+
+»Und der Kaiser weiß auch nicht, warum sie von ihm fortgegangen ist?«
+fragte die junge Frau.
+
+»Nein, der Kaiser weiß nichts darüber. Er kann doch nicht glauben, daß
+sie ihn verlassen hat, weil er einmal zu ihr sagte, sie diene ihm, um
+Lohn und Gaben zu empfangen, sie, wie alle andern. Sie weiß doch, daß er
+niemals an ihrer Uneigennützigkeit gezweifelt hat. Er hoffte immer noch,
+daß sie freiwillig zu ihm zurückkehren würde, denn niemand weiß besser
+als sie, daß er jetzt ganz ohne Freunde ist.«
+
+»Ich kenne sie nicht,« sagte das junge Weib, »aber ich glaube doch, daß
+ich dir sagen kann, warum sie den Kaiser verlassen hat. Diese alte Frau
+ist hier in diesen Bergen zu Einfachheit und Frömmigkeit erzogen worden,
+und sie hat sich immer hierher zurückgesehnt. Sicherlich hätte sie
+dennoch den Kaiser nie verlassen, wenn er sie nicht beleidigt hätte.
+Aber ich begreife, daß sie nun hiernach, da ihre Lebenstage bald zu Ende
+gehen müssen, das Recht zu haben meinte, an sich selbst zu denken. Wenn
+ich eine arme Frau aus den Bergen wäre, hätte ich vermutlich ebenso
+gehandelt wie sie. Ich hätte mir gedacht, daß ich genug getan hätte,
+wenn ich meinem Herrn ein ganzes Leben lang gedient habe. Ich wäre
+schließlich von Wohlleben und Kaisergunst fortgegangen, um meine Seele
+Ehre und Gerechtigkeit kosten zu lassen, ehe sie sich von mir scheidet,
+um die lange Fahrt anzutreten.«
+
+Der Fremdling blickte die junge Frau trüb und schwermütig an. »Du
+bedenkst nicht, daß des Kaisers Treiben jetzt schrecklicher werden wird
+denn je. Jetzt gibt es keinen mehr, der ihn beruhigen könnte, wenn
+Mißtrauen und Menschenverachtung sich seiner bemächtigen. Denke dir
+dies,« fuhr er fort und bohrte seine düstern Blicke tief in die des
+jungen Weibes, »in der ganzen Welt gibt es jetzt keinen, den er nicht
+haßte, keinen, den er nicht verachtete, keinen.«
+
+Als er diese Worte bitterer Verzweiflung aussprach, machte die Alte eine
+hastige Bewegung und wendete sich ihm zu, aber die Junge sah ihm fest in
+die Augen und antwortete: »Tiberius weiß, daß Faustina wieder zu ihm
+kommt, wann immer er es wünscht. Aber zuerst muß sie wissen, daß ihre
+alten Augen nicht mehr Laster und Schändlichkeit an seinem Hofe schauen
+müssen.«
+
+Sie hatten sich bei diesen Worten alle erhoben, aber der Winzer und
+seine Frau stellten sich vor die Alte, gleichsam um sie zu schützen.
+
+Der Fremdling sprach keine Silbe mehr, aber er betrachtete die Alte mit
+fragenden Blicken. Ist das auch _dein_ letztes Wort? schien er sagen zu
+wollen. Die Lippen der Alten zitterten, und die Worte wollten sich nicht
+von ihnen lösen.
+
+»Wenn der Kaiser seine alte Dienerin geliebt hat, so möge er ihr auch
+die Ruhe ihrer letzten Tage gönnen,« sagte die junge Frau.
+
+Der Fremde zögerte noch, aber plötzlich erhellte sich sein düsteres
+Gesicht. »Meine Freunde,« sagte er, »was man auch von Tiberius sagen
+mag, es gibt doch eines, was er besser gelernt hat, als andere, und das
+ist: verzichten. Ich habe euch nur noch eines zu sagen: Wenn diese alte
+Frau, von der wir gesprochen haben, diese Hütte aufsuchen sollte, so
+nehmet sie gut auf! Des Kaisers Gunst ruht über jedem, der ihr
+beisteht.«
+
+Er hüllte sich in seinen Mantel und entfernte sich auf demselben Wege,
+den er gekommen war.
+
+
+III
+
+Nach diesem Vorfall sprachen der Winzer und sein Weib nie mehr mit der
+alten Frau vom Kaiser. Untereinander wunderten sie sich darüber, daß sie
+in ihrem hohen Alter die Kraft gehabt hatte, allem dem Reichtum und der
+Macht zu entsagen, an die sie gewohnt war. Ob sie nicht doch bald zu
+Tiberius zurückkehren wird? fragten sie sich. Sie liebt ihn sicherlich
+noch. In der Hoffnung, daß dies ihn zur Besinnung bringen und ihn
+bewegen werde, sich von seiner bösen Handlungsweise zu bekehren, hat sie
+ihn verlassen.
+
+»Ein so alter Mann wie der Kaiser wird niemals mehr ein neues Leben
+beginnen,« sagte der Arbeiter. »Wie willst du seine große Verachtung der
+Menschen von ihm nehmen? Wer könnte vor ihn hintreten und ihn lehren,
+sie zu lieben? Bevor dies geschieht, kann er nicht von seinem Argwohn
+und seiner Grausamkeit geheilt werden.«
+
+»Du weißt, daß es einen gibt, der dies in Wahrheit vermöchte,« sagte die
+Frau. »Ich denke oft daran, wie es wäre, wenn diese beiden sich
+begegneten. Aber Gottes Wege sind nicht unsre Wege.«
+
+Die alte Frau schien ihr früheres Leben gar nicht zu entbehren. Nach
+einiger Zeit gebar das junge Weib ein Kind, und als die Alte nun dieses
+zu pflegen hatte, schien sie so zufrieden zu sein, daß man glauben
+konnte, sie hätte alle ihre Sorgen vergessen.
+
+Jedes halbe Jahr einmal pflegte sie sich in den langen grauen Mantel zu
+hüllen und nach Rom hinunterzuwandern. Aber dort suchte sie keine
+Menschenseele auf, sondern ging geradewegs zum Forum. Hier blieb sie vor
+einem kleinen Tempel stehen, der sich auf der einen Seite des herrlich
+geschmückten Platzes erhob.
+
+Dieser Tempel bestand eigentlich nur aus einem außergewöhnlich großen
+Altar, der unter offenem Himmel auf einem marmorgepflasterten Hofe
+stand. Auf der Höhe des Altars thronte Fortuna, die Göttin des Glücks,
+und an seinem Fuße sah man eine Bildsäule des Tiberius. Rund um den Hof
+erhoben sich Gebäude für die Priester, Vorratskammern für Brennholz und
+Ställe für die Opfertiere.
+
+Die Wanderung der alten Faustina erstreckte sich niemals weiter als bis
+zu diesem Tempel, den die aufzusuchen pflegten, die um Glück für
+Tiberius beten wollten. Wenn sie einen Blick hineingeworfen und gesehen
+hatte, daß die Göttin und die Kaiserstatue mit Blumen bekränzt waren,
+daß das Opferfeuer loderte und Scharen ehrfürchtiger Anbeter vor dem
+Altare versammelt waren, und wenn sie vernommen hatte, daß die leisen
+Hymnen der Priester ringsumher erklangen, dann kehrte sie um und begab
+sich wieder in die Berge.
+
+So erfuhr sie, ohne einen Menschen fragen zu müssen, daß Tiberius noch
+unter den Lebenden weilte und daß es ihm wohl erging.
+
+Als sie diese Wanderung zum drittenmal antrat, harrte ihrer eine
+Überraschung. Als sie sich dem kleinen Tempel näherte, fand sie ihn
+verödet und leer. Kein Feuer flammte vor dem Bilde, und kein einziger
+Anbeter war davor zu sehen. Ein paar trockene Kränze hingen noch an der
+einen Seite des Altars, aber dies war alles, was von seiner früheren
+Herrlichkeit zeugte. Die Priester waren verschwunden, und die
+Kaiserstatue, die ohne Hüter dastand, war beschädigt und mit Schmutz
+beworfen.
+
+Die alte Frau wendete sich an den ersten Besten, der vorüberging. »Was
+hat dies zu bedeuten?« fragte sie. »Ist Tiberius tot? Haben wir einen
+andern Kaiser?«
+
+»Nein,« antwortete der Römer, »Tiberius ist noch Kaiser, aber wir haben
+aufgehört, für ihn zu beten. Unsere Gebete können ihm nicht mehr
+frommen.«
+
+»Mein Freund,« sagte die Alte, »ich wohne weit von hier in den Bergen,
+wo man nichts davon erfährt, was sich draußen in der Welt zuträgt.
+Willst du mir nicht sagen, welches Unglück den Kaiser getroffen hat?«
+
+»Das furchtbarste Unglück,« erwiderte der Mann. »Er ist von einer
+Krankheit befallen worden, die bisher in Italien unbekannt war, die aber
+im Morgenlande häufig sein soll. Seit diese Seuche über den Kaiser
+gekommen ist, hat sich sein Gesicht verwandelt, seine Stimme ist wie die
+Stimme eines grunzenden Tiers, und seine Zehen und Finger werden
+zerfressen. Und gegen diese Krankheit soll es kein Mittel geben. Man
+glaubt, daß er in ein paar Wochen tot sein wird, wenn er aber nicht
+stirbt, so muß man ihn absetzen, denn ein so kranker, elender Mann kann
+nicht weiter regieren. Du begreifst also, daß sein Schicksal besiegelt
+ist. Es nützt nichts, die Götter um Glück für ihn anzuflehen. Und es
+lohnt sich auch nicht,« fügte er mit leisem Lächeln hinzu. »Niemand hat
+von ihm noch etwas zu fürchten oder zu hoffen. Warum sollten wir uns
+also um seinetwillen Mühe machen?«
+
+Er grüßte und ging, doch die Alte blieb wie betäubt stehen.
+
+Zum erstenmal in ihrem Leben brach sie zusammen und sah aus wie eine,
+die das Alter besiegt hat. Sie stand mit gebeugtem Rücken und zitterndem
+Kopfe da, und mit Händen, die kraftlos in der Luft tasteten.
+
+Sie sehnte sich, von dieser Stelle fortzukommen, aber sie hob die Füße
+nur langsam und bewegte sich strauchelnd vorwärts. Sie sah sich um, um
+etwas zu finden, was sie als Stab gebrauchen könnte.
+
+Nach einigen Augenblicken gelang es ihr doch, mit ungeheurer
+Willensanstrengung die Mattigkeit zurückzudrängen. Sie richtete sich
+wieder empor und zwang sich, mit festen Schritten durch die
+menschenerfüllten Gassen zu gehen.
+
+
+IV
+
+Eine Woche später wanderte die alte Faustina die steilen Abhänge der
+Insel Capreae hinan. Es war ein heißer Tag, und das furchtbare Gefühl
+des Alters und der Mattigkeit überkam sie wieder, während sie die
+geschlängelten Pfade und die in die Felsen gehauenen Stufen erklomm, die
+zu der Villa des Tiberius führten.
+
+Dieses Gefühl steigerte sich noch, als sie zu merken anfing, wie sehr
+sich alles während der Zeit, die sie fern gewesen war, verändert hatte.
+Früher waren immer große Scharen von Menschen diese Treppen hinauf- und
+heruntergeeilt. Es hatte hier von Senatoren gewimmelt, die sich von
+riesigen Lybiern tragen ließen; von Sendboten aus den Provinzen, die von
+langen Sklavenzügen geleitet ankamen; von Stellensuchenden und von
+vornehmen Männern, die eingeladen waren, an den Festen des Kaisers
+teilzunehmen.
+
+Aber heute waren diese Treppen und Gänge ganz verödet. Die graugrünen
+Eidechsen waren die einzigen lebenden Wesen, die die alte Frau auf ihrem
+Wege bemerkte.
+
+Sie staunte, daß alles bereits zu verfallen schien. Die Krankheit des
+Kaisers konnte höchstens ein paar Monate gedauert haben, und doch war
+schon Unkraut in den Spalten zwischen den Marmorfliesen emporgewuchert.
+Edle Gewächse in schönen Vasen waren schon vertrocknet, und mutwillige
+Zerstörer, denen niemand Einhalt getan hatte, hatten an ein paar Stellen
+die Balustrade niedergebrochen.
+
+Aber am allerseltsamsten deuchte sie doch die völlige Menschenleere.
+Wenn es auch Fremdlingen verboten war, sich auf der Insel sehen zu
+lassen, so mußten sie doch wohl noch da sein, diese unendlichen Scharen
+von Kriegsknechten und Sklaven, von Tänzerinnen und Musikanten, von
+Köchen und Tafeldeckern, von Palastwachen und Gartenarbeitern, die zum
+Haushalt des Kaisers gehörten.
+
+Erst als Faustina die oberste Terrasse erreichte, erblickte sie ein paar
+alte Sklaven, die auf den Treppenstufen vor der Villa saßen. Als sie
+sich ihnen näherte, erhoben sie sich und neigten sich vor ihr.
+
+»Sei gegrüßt, Faustina,« sagte der eine. »Ein Gott schickt dich, um
+unser Unglück zu lindern.«
+
+»Was ist dies, Milo?« fragte Faustina. »Warum ist es hier so öde? Man
+hat mir doch gesagt, daß Tiberius noch auf Capreae weile?«
+
+»Der Kaiser hat alle seine Sklaven vertrieben, weil er den Verdacht
+hegt, einer von uns habe ihm vergifteten Wein zu trinken gegeben, und
+dies habe die Krankheit hervorgerufen. Er hätte auch mich und Tito
+fortgejagt, wenn wir uns nicht geweigert hätten, ihm zu gehorchen. Und
+du weißt doch, daß wir unser ganzes Leben lang dem Kaiser und seiner
+Mutter gedient haben.«
+
+»Ich frage nicht nur nach Sklaven,« sagte Faustina. »Wo sind die
+Senatoren und Feldherrn? Wo sind des Kaisers Vertraute und alle
+schmeichelnden Speichellecker?«
+
+»Tiberius will sich nicht mehr vor Fremden zeigen,« sagte der Sklave.
+»Der Senator Lucius und Macro, der Anführer der Leibwache, kommen jeden
+Tag her und nehmen seine Befehle entgegen. Sonst darf sich ihm niemand
+nahen.«
+
+Faustina hatte die Treppe erstiegen, um in das Landhaus einzutreten. Der
+Sklave schritt ihr voran, und im Gehen fragte sie ihn:
+
+»Was sagen die Ärzte über Tiberii Krankheit?«
+
+»Keiner von ihnen versteht diese Krankheit zu behandeln. Sie wissen
+nicht einmal, ob sie rasch oder langsam tötet. Aber eins kann ich dir
+sagen, Faustina, daß Tiberius sterben muß, wenn er sich weiter weigert,
+Nahrung zu sich zu nehmen, aus Furcht, daß sie vergiftet sein könnte.
+Und ich weiß, daß ein kranker Mann es nicht aushalten kann, Tag und
+Nacht zu wachen, wie der Kaiser tut, aus Angst, im Schlafe ermordet zu
+werden. Wenn er dir vertrauen will wie in frühern Tagen, wird es dir
+vielleicht gelingen, ihn zum Essen und Schlafen zu bewegen. Damit kannst
+du sein Leben um viele Tage verlängern.«
+
+Der Sklave führte Faustina durch mehrere Gänge und Höfe zu einer
+Terrasse, auf der Tiberius sich aufzuhalten pflegte, um die Aussicht
+über die schönen Meeresbuchten und den stolzen Vesuv zu genießen.
+
+Als Faustina die Terrasse betrat, sah sie dort ein grausiges Wesen mit
+aufgeschwollenem Gesicht und tierischen Zügen. Seine Hände und Füße
+waren mit weißen Binden umwickelt, aber aus den Banden kamen halb
+abgefressene Finger und Zehen hervor. Und die Kleider dieses Menschen
+waren staubig und besudelt. Man sah, daß er nicht imstande war, aufrecht
+zu gehen, sondern über die Terrasse hatte kriechen müssen. Er lag mit
+geschlossenen Augen am äußersten Ende der Balustrade und regte sich
+nicht, als der Sklave und Faustina herankamen. Doch Faustina flüsterte
+dem Sklaven, der ihr voranschritt, zu: »Aber, Milo, wie kann sich ein
+solcher Mensch hier auf der Kaiserterrasse aufhalten? Eile dich, ihn von
+hier fortzuschaffen!«
+
+Aber kaum hatte sie dies gesagt, als sie sah, wie der Sklave sich vor
+dem liegenden, elenden Menschen tief zur Erde neigte.
+
+»Cäsar Tiberius,« sagte er, »endlich habe ich dir frohe Kunde zu
+bringen.«
+
+Zugleich wendete sich der Sklave an Faustina, prallte aber betroffen
+zurück und konnte kein Wort mehr hervorbringen.
+
+Er sah nicht mehr die stolze Matrone, die so stolz ausgesehen hatte, daß
+man erwarten konnte, ihr Alter werde dem einer Sibylle gleichkommen. In
+diesem Augenblick war sie in kraftloser Greisenhaftigkeit
+zusammengesunken, und der Sklave sah ein gebeugtes Mütterchen mit trübem
+Blick und tastenden Händen vor sich.
+
+Denn wohl hatte man Faustina gesagt, daß der Kaiser furchtbar verändert
+sei, aber sie hatte doch keinen Augenblick aufgehört, sich ihn als den
+kräftigen Mann zu denken, der er gewesen war, als sie ihn das letzte Mal
+gesehen hatte. Sie hatte auch jemand sagen hören, daß diese Krankheit
+langsam wirke, und daß sie Jahre brauche, um einen Menschen zu
+verwandeln. Aber hier war sie mit solcher Heftigkeit vorgeschritten, daß
+sie den Kaiser in wenigen Monden schon unkenntlich gemacht hatte.
+
+Sie wankte auf den Kaiser zu. Sie vermochte nicht zu sprechen, sondern
+stand stumm neben ihm und weinte.
+
+»Bist du endlich gekommen, Faustina?« sagte er, ohne die Augen zu
+öffnen. »Ich lag da und wähnte, du stündest hier und weintest über mich.
+Ich wage nicht aufzublicken, aus Furcht, daß dies nur ein Trugbild
+gewesen sein könnte.«
+
+Da setzte sich die Alte neben ihn. Sie hob seinen Kopf empor und bettete
+ihn in ihren Schoß.
+
+Aber Tiberius blieb still liegen, ohne sie anzusehen. Ein Gefühl süßen
+Friedens erfüllte ihn, und im nächsten Augenblicke versank er in ruhigen
+Schlummer.
+
+
+V
+
+Einige Wochen später wanderte einer der Sklaven des Kaisers der einsamen
+Hütte in den Sabiner Bergen zu. Der Abend brach an, und der Winzer und
+seine Frau standen in ihrer Tür und sahen die Sonne im fernen Westen
+sinken. Der Sklave bog vom Wege ab und kam heran und grüßte sie. Dann
+zog er einen schweren Beutel hervor, der ihm im Gürtel stak und legte
+ihn dem Manne in die Hand.
+
+»Dieses schickt dir Faustina, die alte Frau, der du Barmherzigkeit
+erwiesen hast,« sagte der Sklave. »Sie läßt dir sagen, du mögest dir für
+dieses Geld einen eignen Weinberg kaufen und dir eine Wohnung erbauen,
+die nicht so hoch oben in den Lüften liegt, wie die Horste der Adler.«
+
+»Die alte Faustina lebt also wirklich noch?« sagte der Mann. »Wir haben
+sie in Klüften und Sümpfen gesucht. Als sie nicht zu uns zurückkehrte,
+glaubte ich, sie hätte in diesen elenden Bergen den Tod gefunden.«
+
+»Erinnerst du dich nicht,« fiel die Frau ein, »daß ich nicht glauben
+wollte, daß sie tot sei? Habe ich dir nicht gesagt, sie würde zum Kaiser
+zurückgekehrt sein?«
+
+»Ja,« gab der Mann zu, »so sagtest du wirklich, und ich freue mich, daß
+du recht behalten hast, nicht nur, weil Faustina dadurch reich genug
+geworden ist, um uns aus unsrer Armut zu retten, sondern auch um des
+armen Kaisers willen.«
+
+Der Sklave wollte nun sogleich Abschied nehmen, um bewohnte Gegenden zu
+erreichen, bevor die Dunkelheit anbräche, aber dies ließen die beiden
+Eheleute nicht zu. »Du mußt bis zum Morgen bei uns bleiben,« sagten sie,
+»wir können dich nicht ziehen lassen, ehe du uns alles erzählt hast, was
+Faustina widerfahren ist. Warum ist sie zum Kaiser zurückgekehrt? Wie
+war ihre Begegnung? Sind sie nun glücklich, daß sie wieder vereint
+sind?«
+
+Der Sklave gab ihren Bitten nach. Er trat mit ihnen in die Hütte, und
+beim Abendbrot erzählte er von der Krankheit des Kaisers und Faustinas
+Rückkehr.
+
+Als der Sklave seine Erzählung beendet hatte, sah er, wie der Mann und
+die Frau regungslos und staunend sitzenblieben. Ihre Blicke waren zu
+Boden geschlagen, gleichsam, um die Erregung nicht zu verraten, die sich
+ihrer bemächtigt hatte.
+
+Endlich sah der Mann auf und sagte zu seinem Weibe: »Glaubst du nicht,
+daß dies eine Fügung Gottes ist?«
+
+»Ja,« sagte die Frau, »sicherlich hat uns der Herr um dessentwillen über
+das Meer in diese Hütte gesendet. Gewiß war dies seine Absicht, als er
+die alte Frau an unsre Tür führte.«
+
+Sowie die Frau diese Worte gesprochen hatte, wendete sich der Winzer
+wieder an den Sklaven.
+
+»Freund,« sagte er zu ihm. »Du sollst Faustina eine Botschaft von mir
+bringen! Sag ihr dies, Wort für Wort! Solches kündet dir dein Freund,
+der Winzer aus den Sabiner Bergen. Du hast die junge Frau gesehen, die
+mein Weib ist. Schien sie dir nicht hold in Schönheit und blühend in
+Gesundheit? Und doch hat diese junge Frau einmal an derselben Krankheit
+gelitten, die nun Tiberius befallen hat.«
+
+Der Sklave machte eine Bewegung des Staunens, aber der Winzer fuhr mit
+immer größerm Nachdruck fort.
+
+»Wenn Faustina sich weigert, meinen Worten Glauben zu schenken, so sag
+ihr, daß meine Frau und ich aus Palästina in Asien stammen, einem Lande,
+wo diese Krankheit häufig vorkommt. Und dort ist ein Gesetz, daß die
+Aussätzigen aus Städten und Dörfern vertrieben werden und auf öden
+Plätzen wohnen und ihre Zuflucht in Gräbern und Felsenhöhlen suchen
+müssen. Sage Faustina, daß mein Weib von kranken Eltern stammt und in
+einer Felsenhöhle geboren wurde. Und solange sie noch ein Kind war, war
+sie gesund, aber als sie zur Jungfrau heranwuchs, wurde sie von der
+Krankheit befallen.«
+
+Als der Winzer dies gesagt hatte, neigte der Sklave freundlich lächelnd
+das Haupt und sagte zu ihm: »Wie willst du, daß Faustina dies glaube?
+Sie hat ja deine Frau in ihrer Gesundheit und Blüte gesehen? Und sie
+weiß ja, daß es kein Heilmittel gegen diese Krankheit gibt.«
+
+Doch der Mann erwiderte: »Es wäre das beste für sie, wenn sie mir
+glauben wollte. Aber ich bin auch nicht ohne Zeugen. Sie möge
+Kundschafter hinüber nach Nazareth in Galiläa senden. Da wird jeder
+Mensch meine Aussage bestätigen!«
+
+»Ist deine Frau vielleicht durch das Wunderwerk irgendeines Gottes
+geheilt worden?« fragte der Sklave.
+
+»Ja,« antwortete der Arbeiter, »wie du sagst, so ist es. Eines Tages
+verbreitete sich das Gerücht unter den Kranken, die in der Wildnis
+wohnten: ›Sehet, es ist ein großer Prophet erstanden, in der Stadt
+Nazareth in Galiläa. Er ist voll der Kraft von Gottes Geist, und er kann
+eure Krankheit heilen, wenn er nur seine Hand auf eure Stirn legt.‹ Aber
+die Kranken, die in ihrem Elend lagen, wollten nicht glauben, daß dieses
+Gerücht Wahrheit sei. ›Uns kann niemand heilen,‹ sagten sie. ›Seit den
+Tagen der großen Propheten hat niemand einen von uns aus seinem Unglück
+retten können.‹
+
+Aber es war eine unter ihnen, die glaubte, und diese eine war eine
+Jungfrau. Sie ging von den andern fort, um den Weg in die Stadt Nazareth
+zu suchen, wo der Prophet weilte. Und eines Tages, als sie über weite
+Ebnen wanderte, begegnete sie einem Manne, der hochgewachsen war und ein
+bleiches Gesicht hatte, und dessen Haar in blanken, schwarzen Locken
+lag. Seine dunkeln Augen leuchteten gleich Sternen und zogen sie zu ihm
+hin. Aber bevor sie sich noch begegneten, rief sie ihm zu: ›Komm mir
+nicht nahe, denn ich bin eine Unreine, aber sage mir, wo kann ich den
+Propheten aus Nazareth finden?‹ Aber der Mann fuhr fort, ihr
+entgegenzugehen, und als er dicht vor ihr stand, sagte er: – ›Warum
+suchest du den Propheten aus Nazareth?‹ – ›Ich suche ihn, auf daß er
+seine Hand auf meine Stirn lege und mich von meiner Krankheit heile.‹ Da
+trat der Mann heran und legte seine Hand auf ihre Stirn. – Aber sie
+sprach zu ihm: ›Was frommt es mir, daß du deine Hand auf meine Stirn
+legst? Du bist doch kein Prophet?‹ – Da lächelte er ihr zu und sagte:
+›Gehe jetzt zur Stadt, die dort auf dem Bergesabhang liegt und zeige
+dich den Priestern.‹
+
+Die Kranke dachte bei sich selbst: Er treibt seinen Spott mit mir, weil
+ich glaube, daß ich geheilt werden kann. Von ihm kann ich nicht
+erfahren, was ich wissen will. Und sie ging weiter. Gleich darauf sah
+sie einen Mann, der zur Jagd auszog, über das weite Feld reiten. Als er
+ihr so nah gekommen war, daß er sie hören konnte, rief sie ihm zu:
+›Komme nicht zu mir her, denn ich bin eine Unreine, aber sage mir, wo
+ich den Propheten aus Nazareth finden kann?‹ – ›Was willst du von dem
+Propheten?‹ fragte sie der Mann und ritt langsam auf sie zu. – ›Ich will
+nur, daß er seine Hand auf meine Stirn lege und mich gesund mache von
+meiner Krankheit.‹ Aber der Mann ritt noch näher. – ›Von welcher
+Krankheit willst du geheilt werden?‹ sagte er. ›Du bedarfst doch keines
+Arztes.‹ – ›Siehst du nicht, daß ich eine Unreine bin?‹ sagte sie. ›Ich
+stamme von kranken Eltern und bin in einer Felsenhöhle geboren.‹ Aber
+der Mann ließ sich nicht abhalten, auf sie zuzureiten, denn sie war hold
+und lieblich, wie eine eben erblühte Blume. – ›Du bist die schönste
+Jungfrau im Lande Juda,‹ rief er. – ›Treibe nicht auch du deinen Spott
+mit mir,‹ sagte sie. ›Ich weiß, daß meine Züge zerfressen sind und meine
+Stimme wie das Heulen eines wilden Tieres klingt.‹ Aber er sah ihr tief
+in die Augen und sprach zu ihr: ›Deine Stimme ist klingend wie die
+Stimme des Frühlingsbächleins, wenn es über Kieselsteine rieselt, und
+dein Gesicht ist glatt wie ein Tuch aus weicher Seide.‹
+
+Zugleich ritt er so nahe an sie heran, daß sie ihr Gesicht in den
+blanken Beschlägen sehen konnte, die seinen Sattel zierten. ›Du sollst
+dich hier spiegeln,‹ sagte er. Sie tat es, und sie sah ein Gesicht, das
+zart und weich war, wie ein eben entfalteter Schmetterlingsflügel. –
+›Was ist dies, was ich sehe?‹ sagte sie. ›Das ist nicht mein Gesicht.‹
+›Doch, es ist dein Gesicht,‹ sagte der Reiter. – ›Aber meine Stimme,
+klingt sie nicht röchelnd? Klingt sie nicht, wie wenn Wagen über einen
+steinigen Weg gezogen werden?‹ – ›Nein, sie klingt wie die süßesten
+Weisen eines Harfenspielers,‹ sagte der Reiter.
+
+Sie wendete sich und wies über den Weg. ›Weißt du, wer der Mann ist, der
+eben jetzt zwischen den zwei Eichen verschwindet?‹ fragte sie den
+Reiter. ›Er ist es, nach dem du vorhin fragtest, der Prophet aus
+Nazareth,‹ sagte der Mann. Da schlug sie staunend die Hände zusammen,
+und ihre Augen füllten sich mit Tränen. ›Oh, du Heiliger! Oh, du Träger
+von Gottes Macht!‹ rief sie. ›Du hast mich geheilt!‹
+
+Aber der Reiter hob sie in den Sattel und führte sie zu der Stadt auf
+dem Bergesabhang und ging mit ihr zu den Ältesten und Priestern und
+berichtete ihnen, wie er sie gefunden hatte. Sie befragten ihn genau
+nach allem, aber als sie hörten, daß die Jungfrau in der Wildnis von
+kranken Eltern geboren war, da wollten sie nicht glauben, daß sie
+geheilt sei. ›Gehe dorthin zurück, von wannen du gekommen bist,‹ sagten
+sie. ›Wenn du krank warst, mußt du es dein ganzes Leben lang bleiben. Du
+sollst nicht hierher in die Stadt kommen, um uns andre mit deiner
+Krankheit anzustecken!‹
+
+Sie sagte zu ihnen: ›Ich weiß, daß ich gesund bin, denn der Prophet aus
+Nazareth hat seine Hand auf meine Stirn gelegt.‹
+
+Als sie dies hörten, riefen sie: ›Wer ist er, daß er die Unreinen rein
+machen könnte? Alles dies ist ein Blendwerk böser Geister. Kehre zurück
+zu den Deinen, auf daß du nicht uns alle ins Verderben stürzest!‹
+
+Sie wollten sie nicht für geheilt erklären, und sie verboten ihr, in der
+Stadt zu verweilen. Sie verordneten, daß jeglicher, der ihr Schutz
+gewähre, gleichfalls als unrein erklärt werde.
+
+Als die Priester dieses Urteil gefällt hatten, sagte die junge Jungfrau
+zu dem Manne, der sie draußen auf dem Felde gefunden hatte: ›Wohin soll
+ich mich wenden? Muß ich zurück in die Wildnis zu den Kranken gehen?‹
+
+Aber der Mann hob sie wieder auf sein Pferd und sprach zu ihr: ›Nein
+wahrlich, du sollst nicht zu den Kranken in ihre Felshöhlen gehen,
+sondern wir beide wollen fortziehen, über das Meer in ein andres Land,
+wo es nicht Gesetze gibt für Reine und Unreine.‹ Und sie – – –«
+
+Aber als der Winzer in seiner Erzählung so weit gekommen war, erhob sich
+der Sklave und fiel ihm in die Rede. »Du brauchst mir nichts mehr zu
+erzählen,« sagte er. »Stehe lieber auf und führe mich ein Stück Weges,
+du, der die Berge kennt, damit ich noch in dieser Nacht meine Heimfahrt
+antreten kann und nicht bis zum Morgen zu warten brauche. Der Kaiser und
+Faustina können deine Nachrichten nicht einen Augenblick zu früh
+erfahren.«
+
+Als der Winzer dem Sklaven das Geleit gegeben hatte und wieder in die
+Hütte heimkam, fand er seine Frau noch wach.
+
+»Ich kann nicht schlafen,« sagte sie, »ich denke daran, daß diese beiden
+sich begegnen werden. Er, der alle Menschen liebt, und er, der sie haßt.
+Es ist, als müßte diese Begegnung die Welt aus ihrer Bahn schleudern.«
+
+
+VI
+
+Die alte Faustina war in dem fernen Palästina, auf dem Wege nach
+Jerusalem. Sie hatte nicht gewollt, daß der Auftrag, den Propheten zu
+suchen und ihn zum Kaiser zu führen, einem andern als ihr anvertraut
+werde. Sicherlich hatte sie bei sich selbst gedacht: Was wir von diesem
+fremden Manne verlangen, ist etwas, was wir ihm weder durch Gewalt noch
+durch Gaben entlocken können. Aber vielleicht gewährt er es uns, wenn
+jemand ihm zu Füßen fällt und ihm sagt, in welcher Not sich der Kaiser
+befindet. Und wer kann die rechte Fürbitte für Tiberius tun, wenn nicht
+die, die unter seinem Unglück ebenso schwer leidet wie er selbst.
+
+Die Hoffnung, Tiberius vielleicht retten zu können, hatte die alte Frau
+verjüngt. Ohne Schwierigkeit hatte sie die lange Seereise nach Joppe
+überstanden, und auf der Fahrt nach Jerusalem bediente sie sich nicht
+eines Tragsessels, sondern sie ritt. Sie schien die beschwerliche Reise
+ebenso leicht zu ertragen, wie die edeln Römer, die Krieger und die
+Sklaven, die ihr Gefolge bildeten.
+
+Diese Fahrt von Joppe nach Jerusalem erfüllte das Herz der alten Frau
+mit Freude und lichter Hoffnung. Es war die Zeit des Frühlings, und die
+Ebene von Saron, die sie auf der ersten Tagesreise durchritten hatten,
+war ein einziger leuchtender Blumenteppich gewesen. Auch auf der Fahrt
+des zweiten Tages, als sie in die Berge von Judäa eindrangen, verließen
+die Blumen sie nicht. Alle die vielförmigen Hügel, zwischen denen der
+Weg sich durchschlängelte, waren mit Obstbäumen bepflanzt, die in
+reichster Blüte standen. Und wenn die Reisenden es müde wurden, die
+weißrosigen Blüten der Aprikosen und Pfirsichbäume zu betrachten,
+konnten sie ihre Augen erquicken, indem sie sie auf dem jungen Weinlaub
+ruhen ließen, das aus den schwarzbraunen Reben hervorquoll und dessen
+Wachstum so rasch war, daß man es mit den Augen verfolgen zu können
+meinte.
+
+Aber nicht nur Blumen und Frühlingsgrün machten die Wanderung lieblich.
+Der größte Reiz wurde ihr von allen den Menschenscharen verliehen, die
+an diesem Morgen auf dem Wege nach Jerusalem waren. Von allen Wegen und
+Stegen, von einsamen Höhen und aus den fernsten Winkeln der Ebene kamen
+Wandrer. Wenn sie die Straße nach Jerusalem erreicht hatten, schlossen
+sich die einzelnen Reisenden zu großen Scharen zusammen und zogen unter
+frohem Jubel dahin. Rings um einen alten Mann, der auf einem
+schaukelnden Kamele ritt, gingen seine Söhne und Töchter, seine Eidame
+und Schwiegertöchter, und alle seine Enkelkinder. Es war ein so großes
+Geschlecht, daß es ein ganzes kleines Heer bildete. Eine alte Mutter,
+die zu schwach war, um zu gehen, hatten die Söhne auf ihre Arme gehoben,
+und sie ließ sich stolz durch die ehrfürchtig zur Seite weichenden
+Scharen tragen
+
+Das war in Wahrheit ein Morgen, der selbst den Betrübtesten mit Freude
+erfüllen konnte. Der Himmel war freilich nicht klar, sondern mit einer
+dünnen weißgrauen Wolkenschicht überzogen, aber keinem der Wandrer kam
+es in den Sinn, sich zu beklagen, daß der harte Glanz der Sonne gedämpft
+war. Unter diesem verschleierten Himmel strömten die Wohlgerüche der
+blühenden Bäume und des jungen Laubes nicht so rasch wie sonst in den
+weiten Raum, sondern sie verweilten über Wegen und Fluren. Und dieser
+schöne Tag, der mit seinem schwachen Licht und seinen reglosen Winden an
+die Ruhe und den Frieden der Nacht gemahnte, schien allen den
+vorwärtseilenden Menschenscharen etwas von seinem Wesen mitzuteilen, so
+daß sie fröhlich, aber doch weihevoll weiterzogen, mit gedämpfter Stimme
+uralte Hymnen singend, oder auf seltsamen, altertümlichen Instrumenten
+spielend, aus denen Töne kamen, die gleich dem Summen der Mücken oder
+dem Zirpen der Heimchen waren.
+
+Wie die alte Faustina zwischen allen diesen Menschen dahinritt, wurde
+auch sie von ihrem Eifer und ihrer Freude mitgerissen. Sie trieb ihren
+Zelter zu größerer Eile, während sie zu einem jungen Römer, der sich an
+ihrer Seite hielt, sagte: »Mir träumte heute nacht, daß ich Tiberius
+sähe und er mich bäte, die Reise ja nicht aufzuschieben, sondern gerade
+heute nach Jerusalem zu ziehen. Mich dünkt, die Götter wollten mir eine
+Mahnung schicken, es nicht zu verabsäumen, an diesem schönen Morgen
+hinzuwandern.«
+
+Als sie diese Worte sprach, hatten sie gerade die höchste Höhe eines
+langgestreckten Bergrückens erreicht, und dort hielt sie unwillkürlich
+an. Vor ihr lag ein großer, tiefer Talkessel, von schönen Anhöhen
+umkränzt, und aus der dunkeln, schattigen Tiefe dieses Tales hob sich
+der gewaltige Fels, der auf seinem Gipfel die Stadt Jerusalem trug.
+
+Aber das enge Bergstädtchen, das mit seinen Mauern und Türmen, einem
+krönenden Geschmeide gleich, auf der flachen Höhe des Felsens lag, war
+an diesem Tage tausendfältig vergrößert. Alle die rings um das Tal
+ansteigenden Höhen waren von bunten Zelten und einem Gewühl von Menschen
+bedeckt.
+
+Es wurde Faustina klar, daß die ganze Bevölkerung des Landes sich in
+Jerusalem sammelte, um irgendein großes Fest zu feiern. Die entfernter
+Wohnenden waren schon angelangt und hatten ihre Zelte aufgeschlagen. Die
+hingegen in der Nachbarschaft der Stadt wohnten, waren noch im Anzuge.
+Alle die lichten Bergeshöhen hinunter sah man sie kommen, gleich einem
+ununterbrochenen Strome von weißen Gewändern, Gesängen und Festesfreude.
+
+Lange überschaute die alte Frau diese heranströmenden Menschenmengen und
+die langen Zeltreihen. Dann sagte sie zu dem jungen Römer, der an ihrer
+Seite ritt:
+
+»Wahrlich, Sulpicius, das ganze Volk muß nach Jerusalem gekommen sein.«
+
+»Es ist in Wirklichkeit so,« antwortete der Römer, der von Tiberius
+ausersehen worden war, Faustina zu geleiten, weil er mehrere Jahre lang
+in Judäa gelebt hatte. »Sie feiern jetzt das große Frühlingsfest, und da
+ziehen alle Menschen, jung und alt, nach Jerusalem.«
+
+Faustina besann sich keinen Augenblick. »Ich freue mich, daß wir an dem
+Tage in diese Stadt gekommen sind, wo das Volk seinen Feiertag begeht,«
+sagte sie. »Dies kann nichts andres bedeuten, als daß die Götter unsere
+Fahrt beschützen. Hältst du es nicht für wahrscheinlich, daß er, den wir
+suchen, der Prophet aus Nazareth, auch nach Jerusalem gekommen ist, um
+an dem Feste teilzunehmen?«
+
+»Du hast wirklich recht, Faustina,« sagte der Römer. »Er ist vermutlich
+hier in Jerusalem. Dies ist in Wahrheit eine Fügung der Götter. So stark
+und kräftig du auch bist, du kannst dich doch glücklich preisen, wenn du
+nicht die lange, beschwerliche Reise nach Galiläa hinauf machen mußt.«
+
+Er ritt sogleich auf ein paar Wandrer zu, die eben vorbeizogen und
+fragte sie, ob sie glaubten, daß der Prophet aus Nazareth sich in
+Jerusalem befinde.
+
+»Wir haben ihn jedes Jahr um diese Zeit dort gesehen,« antwortete einer
+der Wandersleute. »Sicherlich ist er auch dieses Jahr gekommen, denn er
+ist ein frommer und gerechter Mann.«
+
+Eine Frau streckte die Hand aus und wies auf eine Höhe, die östlich von
+der Stadt lag. »Siehst du diesen Bergabhang, der mit Olivenbäumen
+bewachsen ist?« sagte sie. »Dort pflegen die Galiläer ihre Zelte
+aufzuschlagen, und da erhältst du die sichersten Nachrichten über den,
+den du suchst.«
+
+Sie zogen weiter, einen geschlängelten Pfad bis in die Tiefe des Tales
+hinunter und begannen dann, den Berg Zion emporzureiten, um die Stadt
+auf seinem Gipfel zu erreichen.
+
+Der steil ansteigende Weg war hier von niedrigen Mauern umsäumt, und auf
+ihnen saßen und lagen eine unzählige Menge Bettler und Krüppel, die die
+Barmherzigkeit der Reisenden anriefen.
+
+Während der langsamen Fahrt kam eine der jüdischen Frauen auf Faustina
+zu. »Sieh dort,« sagte sie und wies auf einen Bettler, der auf der Mauer
+saß, »dies ist ein galiläischer Mann. Ich erinnere mich, ihn unter den
+Jüngern des Propheten gesehen zu haben. Er kann dir sagen, wo der zu
+finden ist, den du suchst.«
+
+Faustina ritt mit Sulpicius auf den Mann zu, den man ihr gezeigt hatte.
+Es war ein armer alter Mann mit großem, graugesprenkeltem Barte. Sein
+Gesicht war von Hitze und Sonnenschein gebräunt, und seine Hände waren
+schwielig von der Arbeit. Er begehrte keine Almosen, sondern schien im
+Gegenteil so tief in kummervolle Gedanken versunken zu sein, daß er
+nicht einmal zu den Vorüberziehenden aufsah.
+
+Er hörte auch nicht, daß Sulpicius ihn ansprach, sondern dieser mußte
+seine Frage ein paarmal wiederholen.
+
+»Mein Freund, man hat mir gesagt, daß du ein Galiläer seist. Ich bitte
+dich, sage mir, wo kann ich den Propheten aus Nazareth finden?«
+
+Der Galiläer fuhr heftig zusammen und sah sich verwirrt um. Aber als er
+endlich begriff, was man von ihm verlangte, geriet er in einen Zorn, in
+den sich Entsetzen mischte. »Was sagst du da?« brach er los. »Warum
+fragst du mich nach dem Manne? Ich weiß nichts von ihm. Ich bin kein
+Galiläer.«
+
+Die jüdische Frau mischte sich jetzt ins Gespräch. »Ich habe dich doch
+mit ihm gesehen,« fiel sie ein. »Hege keine Furcht, sondern sage dieser
+vornehmen Römerin, die die Freundin des Kaisers ist, wo sie ihn schnell
+finden kann.«
+
+Aber der erschrockene Jäger wurde immer erbitterter. »Sind heute alle
+Menschen wahnsinnig geworden?« rief er. »Sind sie von einem bösen Geiste
+besessen, da sie einer um den andern kommen und mich nach diesem Manne
+fragen? Warum will mir niemand glauben, wenn ich sage, daß ich den
+Propheten nicht kenne? Ich bin nicht aus seinem Lande gekommen. Ich habe
+ihn niemals gesehen.«
+
+Seine Heftigkeit zog die Aufmerksamkeit auf ihn, und ein paar Bettler,
+die neben ihm auf der Mauer saßen, begannen gleichfalls seine Worte zu
+bestreiten.
+
+»Freilich hast du zu seinen Jüngern gehört,« sagten sie. »Wir wissen
+alle, daß du mit ihm aus Galiläa gekommen bist.«
+
+Aber der Mann streckte beide Arme zum Himmel empor und rief: »Ich habe
+es heute in Jerusalem nicht aushalten können um dieses Mannes willen,
+und jetzt lassen sie mich nicht einmal hier draußen unter den Bettlern
+in Frieden. Warum wollt ihr mir nicht glauben, wenn ich euch sage, daß
+ich ihn nie gesehen habe?«
+
+Faustina wendete sich mit einem Achselzucken ab. »Laß uns weiterziehen,«
+sagte sie. »Dieser Mann ist ja wahnsinnig. Von ihm können wir nichts
+erfahren.«
+
+Sie zogen weiter, den Bergeshang hinauf. Faustina war nicht mehr als
+zwei Schritte vom Stadttor entfernt, als die israelitische Frau, die ihr
+hatte helfen wollen, den Propheten zu finden, ihr zurief, sie solle sich
+in acht nehmen. Sie zog die Zügel an und sah, daß dicht vor den Füßen
+der Pferde ein Mann auf dem Wege lag. Wie er da im Staube ausgestreckt
+lag, gerade da, wo das Gedränge am lebhaftesten wogte, mußte man es ein
+Wunder nennen, daß er nicht schon von Tieren oder Menschen
+niedergetreten war.
+
+Der Mann lag auf dem Rücken und starrte mit erloschenen, glanzlosen
+Blicken empor. Er regte sich nicht, obgleich die Kamele ihre schweren
+Füße dicht neben ihm niedersetzten. Er war ärmlich gekleidet und
+überdies mit Staub und Erde besudelt. Ja, er hatte so viel Sand über
+sich geschüttet, daß er aussah, als suche er sich zu verbergen, um
+leichter überritten oder niedergetreten zu werden.
+
+»Was ist dies? Warum liegt dieser Mann hier auf dem Wege?« fragte
+Faustina.
+
+In demselben Augenblicke begann der Liegende die Vorübergehenden
+anzurufen. »Bei eurer Barmherzigkeit, Brüder und Schwestern, führet eure
+Pferde und Lasttiere über mich hin! Weichet mir nicht aus! Zertretet
+mich zu Staub! Ich habe unschuldig Blut verraten. Zertretet mich zu
+Staub!«
+
+Sulpicius faßte Faustinas Pferd am Zügel und führte es zur Seite. »Das
+ist ein Sünder, der Buße tun will,« sagte er. »Lasse dich dadurch nicht
+aufhalten. Diese Leute sind wunderlich, und man muß sie ihre eignen Wege
+gehen lassen.«
+
+Der Mann auf dem Wege fuhr fort zu rufen: »Setzet eure Fersen auf mein
+Herz! Lasset die Kamele meine Brust zertreten und den Esel seine Hufe in
+meine Augen versenken!«
+
+Aber Faustina brachte es nicht über sich, an diesem Elenden
+vorbeizureiten, ohne zu versuchen, ob sie ihn nicht bewegen könnte,
+aufzusehen. Sie hielt noch immer neben ihm.
+
+Die israelitische Frau, die ihr schon einmal hatte dienen wollen,
+drängte sich jetzt wieder an sie heran. »Dieser Mann hat auch zu den
+Jüngern des Propheten gehört,« sagte sie. »Willst du, daß ich ihn nach
+seinem Meister frage?«
+
+Faustina nickte, und die Frau beugte sich über den Liegenden.
+
+»Was habt ihr Galiläer an diesem Tage mit euerm Meister gemacht?« fragte
+sie. »Ich treffe euch zerstreut auf Wegen und Stegen, aber ihn sehe ich
+nirgends.«
+
+Aber als sie so fragte, richtete sich der Mann, der im Straßenstaube
+lag, auf seine Knie empor. »Was für ein böser Geist hat dir eingegeben,
+mich nach ihm zu fragen?« sagte er mit einer Stimme, die voll
+Verzweiflung war. »Du siehst ja, daß ich mich in den Straßenstaub
+geworfen habe, um zertreten zu werden. Ist dir das nicht genug? Mußt du
+noch kommen und mich fragen, was ich mit ihm angefangen habe?«
+
+»Ich verstehe nicht, was du mir vorwirfst,« sagte die Frau. »Ich wollte
+ja nur wissen, wo dein Meister ist.«
+
+Als sie die Frage wiederholte, sprang der Mann auf und steckte beide
+Zeigefinger in die Ohren.
+
+»Wehe dir, daß du mich nicht in Frieden sterben lassen kannst,« rief er.
+Er bahnte sich einen Weg durch das Volk, das sich vor dem Tore drängte,
+und stürzte, vor Entsetzen brüllend, von dannen, während seine
+zerfetzten Kleider ihn gleich dunkeln Flügeln umflatterten.
+
+»Es will mich bedünken, daß wir zu einem Volke von Narren gekommen
+sind,« sagte Faustina, als sie den Mann fliehen sah. Sie war durch den
+Anblick der Schüler des Propheten ganz niedergeschlagen. Konnte ein
+Mann, der solche Tollhäusler zu seinen Begleitern zählte, imstande sein,
+etwas für den Kaiser zu tun?
+
+Auch die israelitische Frau schaute betrübt drein, und sie sprach mit
+großem Ernste zu Faustina: »Herrscherin, zögere nicht, den aufzusuchen,
+den du finden willst. Ich fürchte, es ist ihm etwas Böses zugestoßen, da
+seine Jünger so von Sinnen sind und es nicht ertragen, von ihm reden zu
+hören.«
+
+Faustina und ihr Gefolge ritten endlich durch die Torwölbung und kamen
+in enge, dunkle Gassen, die von Menschen wimmelten. Es erschien beinahe
+unmöglich, durch die Stadt zu kommen. Einmal ums andere mußten die
+Reiter haltmachen. Vergebens suchten Sklaven und Kriegsknechte einen Weg
+zu bahnen. Die Menschen hörten nicht auf, sich in einem dichten und
+unaufhaltsamen Strome vorbeizuwälzen.
+
+»Wahrlich,« sagte die alte Frau zu Sulpicius, »Roms Straßen sind stille
+Lustgärten im Vergleiche zu diesen Gassen.«
+
+Sulpicius sah bald, daß fast unübersteigliche Schwierigkeiten ihrer
+harrten.
+
+»In diesen überfüllten Gassen ist es beinahe leichter zu gehen als zu
+reiten,« sagte er. »Wenn du nicht allzu müde bist, würde ich dir raten,
+zu Fuße zum Palaste des Landpflegers zu gehen. Er liegt freilich weit
+weg, aber wenn wir hinreiten wollen, kommen wir sicherlich nicht vor
+Mitternacht ans Ziel.«
+
+Faustina ging sogleich auf den Vorschlag ein. Sie stieg vom Pferde und
+überließ es der Obhut eines Sklaven. Dann begannen die reisenden Römer
+die Stadt zu Fuß zu durchwandern.
+
+Dies gelang ihnen weit besser. Sie drangen ziemlich rasch bis zum Herzen
+der Stadt vor, und Sulpicius zeigte Faustina gerade eine halbwegs breite
+Straße, die sie bald erreichen mußten.
+
+»Sieh dort, Faustina,« sagte er, »wenn wir erst in dieser Straße sind,
+sind wir bald am Ziele. Sie führt uns geradeswegs zu unserer Herberge.«
+
+Aber als sie eben in diese Straße einbiegen wollten, begegnete ihnen das
+größte Hindernis.
+
+Es begab sich, daß in demselben Augenblick, wo Faustina die Straße
+erreichte, die sich vom Palaste des Landpflegers zur Pforte der
+Gerechtigkeit und nach Golgatha erstreckte, ein Gefangener vorbeigeführt
+wurde, der gekreuzigt werden sollte.
+
+Ihm voran eilte eine Schar junger, wilder Menschen, die die Hinrichtung
+mit ansehen wollten. Sie jagten in ungestümem Laufe durch die Straße,
+streckten die Arme verzückt in die Höhe und stießen ein unverständliches
+Geheul aus, in ihrer Freude, etwas zu schauen, was sie nicht alle Tage
+zu sehen bekamen.
+
+Nach ihnen kamen Scharen von Menschen in schleppenden Gewändern, die zu
+den Ersten und Vornehmsten der Stadt zu gehören schienen. Hinter denen
+wanderten Frauen, von denen viele tränenüberströmte Gesichter hatten.
+Eine Anzahl Arme und Krüppel schritten vorbei und stießen Schreie aus,
+die in die Ohren gellten.
+
+»O Gott!« riefen sie, »rette ihn! Sende deinen Engel und rette ihn!
+Schicke einen Helfer in seiner äußersten Not!«
+
+Endlich kamen ein paar römische Kriegsknechte auf großen Pferden. Sie
+wachten darüber, daß niemand aus dem Volke zu dem Gefangenen hinstürze
+oder ihn zu befreien versuche.
+
+Gleich hinter ihnen schritten die Henkersknechte, die den Mann, der
+gekreuzigt werden sollte, zu führen hatten. Sie hatten ihm ein großes,
+schweres Kreuz aus Holz über die Schulter gelegt, aber er war zu schwach
+für diese Bürde. Sie drückte ihn, daß sein Körper ganz zu Boden gebeugt
+wurde. Er hielt den Kopf so tief gesenkt, daß niemand sein Gesicht sehen
+konnte.
+
+Faustina stand in der Mündung des kleinen Nebengäßchens und sah die
+schwere Wanderung des Todgeweihten an. Mit Staunen gewahrte sie, daß er
+einen Purpurmantel trug und daß eine Dornenkrone auf sein Haupt gedrückt
+war.
+
+»Wer ist dieser Mann?« fragte sie.
+
+Einer der Umstehenden erwiderte: »Das ist einer, der sich zum Kaiser
+machen wollte.«
+
+»Dann muß er den Tod um einer Sache willen leiden, die wenig
+erstrebenswert ist,« sagte die alte Frau wehmütig.
+
+Der Verurteilte wankte unter dem Kreuze. Immer langsamer schritt er
+vorwärts. Die Henkersknechte hatten einen Strick um seinen Leib
+geschlungen, und sie begannen daran zu ziehen, um ihn zu größerer Eile
+anzutreiben. Aber als sie an dem Stricke zogen, fiel der Mann hin und
+blieb mit dem Kreuze über sich liegen.
+
+Da entstand ein großer Aufruhr. Die römischen Reiter hatten die größte
+Mühe, das Volk zurückzuhalten. Sie zückten ihre Schwerter gegen ein paar
+Frauen, die herbeieilten und den Gefallenen aufzurichten bemüht waren.
+Die Henkersknechte suchten ihn durch Schläge und Stöße zu zwingen, daß
+er aufstehe, allein er vermochte es nicht, wegen des Kreuzes. Endlich
+ergriffen ein paar von ihnen das Kreuz, um es fortzuheben.
+
+Da richtete er das Haupt empor, und die alte Faustina konnte sein
+Gesicht sehen. Die Wangen trugen Striemen von Schlägen, und von seiner
+Stirn, die die Dornenkrone verwundet hatte, perlten ein paar
+Bluttropfen. Das Haar hing in wirren Büscheln, klebrig von Schweiß und
+Blut. Sein Mund war hart geschlossen, aber seine Lippen zitterten, als
+kämpften sie, um einen Schrei zurückzudrängen. Die Augen starrten
+tränenvoll und beinahe erloschen vor Qual und Mattigkeit.
+
+Aber hinter dem Gesichte dieses halbtoten Menschen sah die Alte
+gleichsam in einer Vision ein schönes und bleiches Gesicht mit
+herrlichen, majestätischen Augen und milden Zügen, und sie ward
+plötzlich von Trauer und Rührung über das Unglück und die Erniedrigung
+dieses fremden Mannes ergriffen.
+
+»O du armer Mensch, was hat man dir getan?« rief sie und trat ihm einen
+Schritt entgegen, während ihre Augen sich mit Tränen füllten. Sie vergaß
+ihre eigene Sorge und Unruhe über dieses gequälten Menschen Not. Ihr
+war, als müßte ihr Herz vor Mitleid zerspringen. Sie wollte gleich den
+andern Frauen hineilen, um ihn den Schergen zu entreißen.
+
+Der Gefangene sah, wie sie auf ihn zukam, und er kroch näher an sie
+heran. Es war, als erwarte er bei ihr Schutz gegen alle zu finden, die
+ihn verfolgten und quälten. Er umfaßte ihre Knie. Er schmiegte sich an
+sie wie ein Kind, das sich zu seiner Mutter rettet.
+
+Die Alte beugte sich über ihn, und während ihre Tränen strömten, fühlte
+sie die seligste Freude darüber, daß er gekommen war und bei ihr Schutz
+gesucht hatte. Sie legte ihren Arm um seinen Hals, und so wie eine
+Mutter zu allererst die Tränen aus den Augen des Kindes trocknet, so
+legte sie ihr Schweißtuch aus kühlem, feinem Linnen auf sein Gesicht, um
+die Tränen und das Blut fortzuwischen.
+
+Aber in diesem Augenblick waren die Henkersknechte mit dem Heben des
+Kreuzes fertig. Sie kamen und rissen den Gefangenen mit sich. Ungeduldig
+wegen des Aufenthalts, schleppten sie ihn in wilder Hast fort. Der
+Todgeweihte stöhnte auf, als er von der Freistatt fortgeführt wurde, die
+er gefunden hatte; aber er leistete keinen Widerstand.
+
+Jedoch Faustina umklammerte ihn, um ihn zurückzuhalten, und als ihre
+schwachen, alten Hände nichts vermochten und sie ihn fortführen sah, war
+es ihr, als hätte ihr jemand ihr eigenes Kind entrissen, und sie rief:
+»Nein, nein! Nehmt ihn mir nicht! Er darf nicht sterben! Er darf nicht!«
+
+Sie empfand den furchtbarsten Schmerz und Groll, weil man ihn
+fortführte. Sie wollte ihm nacheilen. Sie wollte mit den Schergen
+kämpfen und ihn ihnen entreißen.
+
+Aber bei dem ersten Schritte, den sie machte, wurde sie von Schwindel
+und Ohnmacht befallen. Sulpicius beeilte sich, seinen Arm um sie zu
+legen, um sie vor dem Fallen zu bewahren.
+
+Auf der einen Seite der Gasse sah er einen kleinen, dunkeln Laden, und
+dort hinein trug er sie. Da war weder Stuhl noch Bank, aber der Kaufmann
+war ein barmherziger Mann. Er schleppte eine Matte herbei und bereitete
+der Alten ein Lager auf dem Steinboden.
+
+Sie war nicht besinnungslos, aber ein so starker Schwindel hatte sie
+befallen, daß sie sich nicht aufrecht halten konnte, sondern sich
+niederlegen mußte.
+
+»Sie hat heute eine lange Wanderung hinter sich, und der Lärm und das
+Gedränge in der Stadt sind ihr zu viel geworden,« sagte Sulpicius zu dem
+Kaufmanne. »Sie ist sehr alt, und keiner ist so stark, daß das Alter ihn
+nicht schließlich niederwerfen könnte.«
+
+»Dies ist auch für jemand, der nicht alt ist, ein schwerer Tag,« sagte
+der Kaufmann. »Die Luft ist fast zu drückend beim Atmen. Es sollte mich
+nicht Wunder nehmen, wenn wir ein schweres Unwetter bekämen.«
+
+Sulpicius beugte sich über die Alte. Sie war eingeschlummert und
+schlief, mit ruhigen, regelmäßigen Atemzügen nach der Ermüdung und der
+Gemütsbewegung.
+
+Er ging und stellte sich in die Ladentür, um die Volksmenge zu
+beobachten, während er auf ihr Erwachen wartete.
+
+
+VII
+
+Der römische Landpfleger in Jerusalem hatte eine junge Frau, und in der
+Nacht vor dem Tage, an dem Faustina in die Stadt einzog, lag die und
+träumte.
+
+Sie träumte, daß sie auf dem Dache ihres Hauses stünde und auf den
+großen, schönen Hofplan niedersähe, der nach der Sitte des Morgenlandes
+mit Marmor ausgelegt und mit edeln Gewächsen bepflanzt war.
+
+Aber auf dem Hofe sah sie alle Kranken und Blinden und Lahmen
+versammelt, die es auf der Welt gab. Sie sah die Pestkranken vor sich,
+mit beulengeschwollenen Körpern, die Aussätzigen mit zerfressenen
+Gesichtern, die Lahmen, die sich nicht zu rühren vermochten, sondern
+hilflos auf der Erde lagen, und alle Elenden, die sich in Qualen und
+Schmerzen krümmten.
+
+Und sie drängten sich alle zum Eingange, um in das Haus zu kommen, und
+einige der Vordersten klopften mit harten Schlägen an die Tür des
+Palastes.
+
+Endlich sah sie, daß ein Sklave die Türe öffnete und auf die Schwelle
+trat, und sie hörte, wie er fragte, was sie wollten.
+
+Da antworteten sie ihm und sprachen: »Wir suchen den großen Propheten,
+den Gott auf die Erde gesandt hat. Wo ist der Prophet aus Nazareth, er,
+der aller Qualen Herr ist? Wo ist er, der uns von allen unsern Leiden
+erlösen kann?«
+
+Da antwortete der Sklave in stolzem, gleichgültigem Tone, so wie
+Palastdiener zu tun pflegen, wenn sie arme Fremdlinge abweisen.
+
+»Es hilft euch nichts, nach dem großen Propheten zu suchen. Pilatus hat
+ihn getötet.«
+
+Da erhob sich unter allen den Kranken ein Trauern und Jammern und
+Zähneknirschen, so daß sie nicht ertragen konnte, es zu hören. Ihr Herz
+wurde von Mitleid zerrissen, und Tränen strömten aus ihren Augen. Aber
+wie sie so zu weinen anfing, war sie erwacht.
+
+Wieder war sie eingeschlummert und wieder träumte sie, daß sie auf dem
+Dache ihres Hauses stünde und auf den großen Hof hinabsähe, der so weit
+war wie ein Marktplatz.
+
+Und siehe da, der Hof war voll von allen Menschen, die wahnsinnig und
+toll waren und von bösen Geistern besessen. Und sie sah solche, die
+nackt waren und solche, die sich in ihr langes Haar hüllten, und solche,
+die sich Kronen aus Stroh geflochten hatten und Mäntel aus Gras, und
+sich für Könige hielten, und solche, die auf dem Boden krochen und Tiere
+zu sein wähnten, und solche, die beständig über einen Kummer weinten,
+den sie nicht zu nennen vermochten, und solche, die schwere Steine
+heranschleppten, die sie für Gold ausgaben, und solche, die glaubten,
+daß die bösen Dämonen aus ihrem Munde sprächen.
+
+Sie sah, wie alle diese Leute sich zum Tore des Palastes drängten; und
+die zuvorderst standen, klopften und pochten, um Einlaß zu finden.
+
+Endlich tat sich die Tür auf, und ein Sklave trat auf die Schwelle und
+fragte sie: »Was ist euer Begehr?«
+
+Da begannen sie alle zu rufen und zu sagen: »Wo ist der große Prophet
+aus Nazareth, er, der von Gott gesandt ist und der unsere Seele und
+unsere Vernunft wiedergeben soll?«
+
+Sie hörte, wie der Sklave ihnen im gleichgültigsten Tone antwortete:
+
+»Es führt zu nichts, daß ihr nach dem großen Propheten sucht. Pilatus
+hat ihn getötet.«
+
+Als dies Wort gesprochen war, stießen alle die Wahnsinnigen einen Schrei
+aus, der dem Brüllen wilder Tiere gleich war, und in ihrer Verzweiflung
+begannen sie, sich selbst zu zerfleischen, daß das Blut auf die Steine
+floß. Und da sie, die träumte, all ihr Elend sah, begann sie die Hände
+zu ringen und zu jammern. Und ihr eigener Jammer hatte sie aufgeweckt.
+
+Aber wieder war sie eingeschlummert, und wieder befand sie sich im
+Traume auf dem Dache ihres Hauses. Und rings um sie her saßen ihre
+Sklavinnen, die ihr auf der Zimbel und der Laute vorspielten, und die
+Mandelbäume streuten ihre weißen Blütenblätter über sie hin, und die
+Blumen der Kletterrosen dufteten.
+
+Während sie da saß, sprach eine Stimme zu ihr: »Geh zu der Balustrade,
+die dein Dach umgibt, und sieh hinunter auf deinen Hof.«
+
+Aber im Traume weigerte sie sich und sagte: »Ich will nicht noch mehr
+von jenen sehen, die sich heute nacht auf meinem Hofe drängen.«
+
+In demselben Augenblick hörte sie von dort ein Rasseln von Ketten und
+ein Pochen schwerer Hämmer und ein Klopfen von Holz, das gegen Holz
+schlug. Ihre Sklavinnen hörten zu singen und zu spielen auf und eilten
+zum Dachgeländer und sahen hinab. Und auch sie konnte nicht still sitzen
+bleiben, sondern sie ging hin und sah auf den Hof hinunter.
+
+Da sah sie, daß der Hof ihres Hauses von allen armen Gefangenen erfüllt
+war, die es auf der Welt gab. Sie sah die Leute, die sonst in dunkeln
+Kerkerlöchern mit schweren Eisenketten gefesselt lagen. Sie sah die
+Leute, die in den dunkeln Gruben arbeiteten, ihre Hämmer schleppend,
+herankommen, und die, die Ruderer auf den Kriegsfahrzeugen waren, kamen
+mit ihren schweren, eisengeschmiedeten Rudern. Und die, die verurteilt
+waren, gekreuzigt zu werden, kamen und schleppten ihre Kreuze, und die,
+die geköpft werden sollten, kamen mit ihren Beilen. Sie sah die, die als
+Sklaven nach fremden Ländern geführt worden waren und deren Augen vor
+Heimweh brannten. Sie sah alle elenden Sklaven, die gleich Lasttieren
+arbeiten mußten und deren Rücken blutig waren von Geißelhieben.
+
+Alle diese unglücklichen Menschen riefen wie aus einem einzigen Munde
+und sprachen: »Öffne, öffne!«
+
+Da trat der Sklave, der den Eingang bewachte, zur Tür hinaus, und er
+fragte sie: »Was ist euer Begehr?«
+
+Und sie antworteten wie die andern: »Wir suchen den großen Propheten aus
+Nazareth, der auf die Erde gekommen ist, um den Gefangenen ihre Freiheit
+und den Sklaven ihr Glück wiederzugeben.«
+
+Der Sklave antwortete ihnen in müdem und gleichgültigem Tone: »Ihr könnt
+ihn hier nicht finden. Pilatus hat ihn getötet.«
+
+Als dies Wort gesprochen war, däuchte es sie, die träumte, daß sich
+unter allen diesen Unglücklichen ein solcher Ausbruch der Lästerung und
+des Hohnes erhebe, daß sie vernahm, wie Erde und Himmel erzitterten. Sie
+selbst war starr vor Schrecken, und ein solches Beben durchfuhr ihren
+Körper, daß sie erwachte.
+
+Als sie ganz wach war, setzte sie sich im Bette auf und sagte zu sich
+selbst: Ich will nicht mehr träumen. Jetzt will ich mich die ganze Nacht
+wachhalten, um nichts mehr von diesem Entsetzlichen sehen zu müssen.
+
+Aber beinahe in demselben Augenblick, wo sie dies gedacht hatte, hatte
+der Schlummer sie aufs neue überwältigt, und sie hatte ihren Kopf auf
+das Kissen gelegt und war eingeschlummert.
+
+Wieder träumte sie, daß sie auf dem Dache ihres Hauses säße, und ihr
+kleines Söhnlein liefe dort oben auf und ab und spielte Ball.
+
+Da hörte sie eine Stimme, die zu ihr sprach: »Geh zur Balustrade, die
+das Dach umgibt, und sieh, wer die sind, die auf dem Hofe stehen und
+warten.«
+
+Aber sie, die träumte, sagte zu sich selbst: »Ich habe in dieser Nacht
+genug Elend gesehen. Mehr kann ich nicht ertragen. Ich will bleiben, wo
+ich bin.«
+
+In demselben Augenblick warf ihr Söhnlein seinen Ball so, daß er über
+die Balustrade fiel, und das Kind eilte hin und kletterte auf das
+Gitterwerk. Da erschrak sie und lief hinzu und erfaßte das Kind.
+
+Aber dabei warf sie einen Blick hinunter, und noch einmal sah sie, daß
+der Hof voller Menschen war.
+
+Aber dort in dem Hofe waren alle Menschen der Erde, die im Kriege
+verwundet worden waren. Sie kamen mit verstümmelten Körpern, mit
+abgehauenen Gliedern und großen, offenen Wunden, aus denen das Blut
+strömte, so daß der ganze Hof davon überschwemmt wurde.
+
+Und neben ihnen drängten sich dort alle Menschen der Erde, die ihre
+Lieben auf dem Schlachtfelde verloren hatten. Es waren die Vaterlosen,
+die ihre Verteidiger betrauerten, und die jungen Frauen, die nach ihren
+Geliebten riefen, und die Alten, die nach ihren Söhnen seufzten.
+
+Die vordersten von ihnen drängten zur Tür, und der Türsteher kam wie
+früher und öffnete.
+
+Er fragte alle diese Leute, die in Fehden und Kämpfen verwundet worden
+waren: »Was sucht ihr in diesem Hause?«
+
+Und sie antworteten: »Wir suchen den großen Propheten aus Nazareth, der
+Krieg und Streit verbieten und Frieden auf Erden bringen wird. Wir
+suchen ihn, der die Lanzen zu Sensen machen wird und die Schwerter zu
+Rebenmessern.«
+
+Da antwortete der Sklave ein wenig ungeduldig: »Kommt doch nicht mehr,
+um mich zu quälen! Ich habe es schon oft genug gesagt. Der große Prophet
+ist nicht hier. Pilatus hat ihn getötet.«
+
+Damit schloß er das Tor. Aber sie, die träumte, dachte an allen den
+Jammer, der nun ausbrechen mußte. »Ich will ihn nicht hören,« sagte sie
+und stürzte von der Balustrade fort. In demselben Augenblicke war sie
+erwacht. Und da hatte sie gesehen, daß sie in ihrer Angst aus dem Bette
+gesprungen war, hinunter auf den kalten Steinboden.
+
+Wieder hatte sie gedacht, daß sie in dieser Nacht nicht mehr träumen
+wollte, und wieder hatte der Schlummer sie überwältigt, so daß sie die
+Augen schloß und zu träumen begann.
+
+Noch einmal saß sie auf dem Dache ihres Hauses, und neben ihr stand ihr
+Mann. Und sie erzählte ihm von ihren Träumen, und er trieb seinen Spott
+mit ihr. Da hörte sie wieder eine Stimme, die zu ihr sagte: »Geh und
+sieh die Menschen, die auf deinem Hofe warten.«
+
+Aber die dachte: Ich will sie nicht schauen. Ich habe heute nacht genug
+Unglückliche gesehen.
+
+In demselben Augenblick hörte sie drei harte Schläge an das Tor, und ihr
+Mann ging zur Balustrade, um zu sehen, wer es wäre, der Einlaß in sein
+Haus begehrte.
+
+Aber kaum hatte er sich über das Geländer gebeugt, als er auch schon
+seiner Frau winkte, sie solle zu ihm kommen.
+
+»Kennst du diesen Mann nicht?« sagte er und wies hinunter.
+
+Als sie in den Hof hinuntersah, fand sie, daß er von Reitern und Pferden
+erfüllt war. Sklaven waren damit beschäftigt, Eseln und Kamelen ihre
+Bürden abzuladen. Es sah aus, als wäre ein vornehmer Reisender
+angekommen.
+
+An der Eingangstür stand der Fremde. Es war ein hochgewachsener alter
+Mann mit breiten Schultern und trüber, düstrer Miene.
+
+Die Träumerin erkannte den Fremdling sogleich, und sie flüsterte ihrem
+Manne zu: »Das ist Cäsar Tiberius, der nach Jerusalem gekommen ist. Es
+kann kein anderer sein.«
+
+»Auch ich glaube ihn zu erkennen,« sagte ihr Mann und legte gleichzeitig
+den Finger auf den Mund, zum Zeichen, daß sie stillschweigen und darauf
+horchen solle, was unten auf dem Hofe gesprochen würde.
+
+Sie sahen, daß der Türhüter herauskam und den Fremden fragte: »Wer ist
+es, den du suchst?«
+
+Und der Reisende antwortete: »Ich suche den großen Propheten aus
+Nazareth, der mit Gottes wundertätiger Kraft begabt ist. Kaiser Tiberius
+ruft ihn, auf daß er ihn von einer entsetzlichen Krankheit befreie, die
+kein anderer Arzt zu heilen vermag.«
+
+Als er gesprochen hatte, neigte sich der Sklave sehr demütig, und sagte:
+»Herr, zürne nicht, aber dein Wunsch kann nicht erfüllt werden.«
+
+Da wendete sich der Kaiser an seine Sklaven, die unten im Hofe warteten,
+und gab ihnen einen Befehl.
+
+Da eilten die Sklaven herbei, einige hatten die Hände voll Geschmeide,
+andere hielten Schalen voll Perlen, wieder andere schleppten Säcke mit
+Goldmünzen.
+
+Der Kaiser wendete sich an den Sklaven, der die Pforte bewachte und
+sagte: »Dies alles soll ihm gehören, wenn er Tiberius beisteht. Damit
+kann er allen Armen der Erde Reichtum schenken.«
+
+Aber der Türhüter neigte sich noch tiefer denn zuvor und sagte: »Herr,
+zürne deinem Diener nicht, aber dein Verlangen kann nicht erfüllt
+werden.«
+
+Da winkte der Kaiser noch einmal seinen Sklaven, und ein paar von ihnen
+eilten mit einem reich bestickten Gewande herbei, auf dem ein
+Brustschild aus Juwelen erglänzte.
+
+Und der Kaiser sprach zu dem Sklaven: »Sieh hier: was ich ihm biete, ist
+die Macht über das Judenland. Er soll sein Volk als der höchste Richter
+lenken. Möge er mir nun zuerst folgen und Tiberius heilen.«
+
+Aber der Sklave neigte sich noch tiefer zur Erde und sagte: »Herr, es
+steht nicht in meiner Macht, dir zu helfen!«
+
+Da winkte der Kaiser noch einmal, und seine Sklaven eilten mit einem
+goldenen Stirnreif und einem Purpurmantel herbei.
+
+»Sieh,« sagte er, »dies ist des Kaisers Wille: er gelobt, ihn zu seinem
+Erben zu ernennen und ihm die Herrschaft über die Welt zu geben. Er soll
+die Macht haben, die ganze Erde nach dem Willen seines Gottes zu
+regieren. Möge er zuerst nur seine Hand ausstrecken und Tiberius
+heilen!«
+
+Da warf sich der Sklave vor den Füßen des Kaisers zu Boden und sagte mit
+wehklagender Stimme: »Herr, es steht nicht in meiner Macht, dir zu
+gehorchen. Er, den du suchst, ist nicht mehr. Pilatus hat ihn getötet.«
+
+
+VIII
+
+Als die junge Frau erwachte, war es schon voller, klarer Tag, und ihre
+Sklavinnen standen da und warteten, um ihr beim Ankleiden behilflich zu
+sein.
+
+Sie war sehr schweigsam, während sie sich anziehen ließ, aber endlich
+fragte sie die Sklavin, die ihr Haar strählte, ob ihr Mann schon
+aufgestanden sei. Da erfuhr sie, daß er gerufen worden war, um über
+einen Verbrecher zu Gericht zu sitzen.
+
+»Ich würde gern mit ihm sprechen,« sagte die junge Frau.
+
+»Herrin,« sagte die Sklavin, »dies wird sich mitten in der Untersuchung
+schwer bewerkstelligen lassen. Wir werden dir Nachricht geben, sowie sie
+beendigt ist.«
+
+Sie saß nun schweigend, bis sie fertig angekleidet war. Dann fragte sie:
+»Hat jemand von Euch von dem Propheten aus Nazareth sprechen hören?«
+
+»Der Prophet aus Nazareth, das ist ein jüdischer Wundertäter,«
+antwortete eine der Sklavinnen sogleich.
+
+»Es ist seltsam, Gebieterin, daß du gerade heute nach ihm fragst,« sagte
+eine andere der Sklavinnen. »Er ist es eben, den die Juden hierher in
+den Palast geführt haben, damit der Landpfleger ihn verhöre.«
+
+Sie bat sie, alsogleich zu gehen und sich zu erkundigen, wessen er
+angeklagt werde, und eine der Sklavinnen entfernte sich. Als sie
+zurückkehrte, sagte sie: »Sie beschuldigen ihn, daß er sich zum König
+über dieses Land machen wolle, und sie rufen den Landpfleger an, er möge
+ihn kreuzigen lassen.«
+
+Aber als des Landpflegers Frau dies hörte, erschrak sie gar sehr und
+sagte: »Ich muß mit meinem Manne sprechen, sonst geschieht heute hier
+ein furchtbares Unglück.«
+
+Als die Sklavinnen ihr noch einmal sagten, daß dies unmöglich sei, da
+begann sie zu zittern und zu weinen. Und eine von ihnen wurde gerührt
+und sagte: »Wenn du dem Landpfleger eine geschriebene Botschaft senden
+willst, so will ich versuchen, sie ihm zu überbringen.«
+
+Da nahm sie alsogleich einen Stift und schrieb einige Worte auf ein
+Wachstäfelchen, und dieses wurde dem Pilatus gegeben.
+
+Aber ihn selber traf sie den ganzen Tag über nicht allein, denn als er
+die Juden fortgeschickt hatte und sie den Verurteilten zum Richtplatz
+führten, war die Stunde für die Mahlzeit angebrochen, und zu dieser
+hatte Pilatus einige von den Römern eingeladen, die sich zu dieser Zeit
+in Jerusalem aufhielten. Es waren der Anführer der Truppen und ein
+junger Lehrer der Beredsamkeit und noch einige andere.
+
+Dieses Mahl war nicht sehr fröhlich, denn die Frau des Landpflegers saß
+die ganze Zeit über stumm und niedergeschlagen, ohne an dem Gespräche
+teilzunehmen.
+
+Als die Tischgäste fragten, ob sie krank oder betrübt sei, erzählte der
+Landpfleger lachend von der Botschaft, die sie ihm am Morgen gesandt
+hatte. Und er neckte sie, weil sie geglaubt hatte, ein römischer
+Landpfleger würde sich in seinen Urteilen von den Träumen eines Weibes
+lenken lassen.
+
+Sie antwortete still und traurig: »Wahrlich, dies war kein Traum,
+sondern eine Warnung, die von den Göttern kam. Du hättest den Mann
+wenigstens diesen einen Tag noch leben lassen sollen.«
+
+Sie sahen, daß sie ernstlich betrübt war. Sie wollte sich nicht trösten
+lassen, wie sehr sich die Tafelgäste auch bemühten, sie durch ein
+unterhaltendes Gespräch diese leeren Hirngespinste vergessen zu lassen.
+
+Aber nach einer Weile erhob einer von ihnen den Kopf und sagte: »Was ist
+dies? Haben wir so lange bei Tisch gesessen, daß der Tag schon zur Neige
+gegangen ist?«
+
+Alle sahen nun auf, und sie merkten, daß eine schwache Dämmerung sich
+über die Natur senkte. Es war vor allem seltsam zu sehen, wie das ganze
+bunte Farbenspiel, das über allen Dingen und Wesen gebreitet liegt,
+sacht erlosch, so daß alles einfarbig grau erschien.
+
+Gleich allem andern verloren auch ihre eigenen Gesichter die Farbe. »Wir
+sehen wirklich wie Tote aus,« sagte der junge Schönredner mit einem
+Schauer. »Unsre Wangen sind ja grau und unsre Lippen schwarz.«
+
+Während diese Dunkelheit immer tiefer wurde, nahm auch das Entsetzen der
+jungen Frau zu. »Ach, mein Freund,« rief sie schließlich, »erkennst du
+auch jetzt nicht, daß die Unsterblichen dich warnen wollen? Sie zürnen,
+weil du einen heiligen und unschuldigen Mann zum Tode verurteilt hast.
+Ich denke mir, wenn er jetzt auch schon ans Kreuz geschlagen sein muß,
+kann er doch sicherlich noch nicht verblichen sein. Laß ihn vom Kreuze
+nehmen! Ich will mit meinen eignen Händen seiner Wunden pflegen. Erlaube
+nur, daß er ins Leben zurückgerufen werde.«
+
+Aber Pilatus antwortete lachend: »Sicherlich hast du recht damit, daß
+dies ein Zeichen der Götter ist. Aber keineswegs lassen sie die Sonne
+ihren Schein verlieren, weil ein jüdischer Irrlehrer zum Kreuzestode
+verurteilt ist. Vielmehr können wir erwarten, daß wichtige Ereignisse
+eintreten werden, die das ganze Reich betreffen. Wer kann wissen, wie
+lange der alte Tiberius – – –«
+
+Er vollendete den Satz nicht, denn die Dunkelheit war so tief geworden,
+daß er nicht einmal den Weinbecher sehen konnte, der vor ihm stand. Er
+unterbrach sich daher, um den Sklaven zu befehlen, eiligst ein paar
+Lampen hereinzubringen.
+
+Als es so hell geworden war, daß er die Gesichter seiner Gäste sehen
+konnte, mußte er die Verstimmung bemerken, die sich ihrer bemächtigt
+hatte.
+
+»Sieh doch,« sagte er ein wenig unmutig zu seiner Gattin, »nun scheint
+es dir wirklich gelungen zu sein, die Tafelfreude mit deinen Träumen zu
+verscheuchen. Aber wenn es schon durchaus so sein muß, daß du heute an
+nichts andres denken kannst, dann laß uns lieber hören, was du geträumt
+hast. Erzähl es uns, und wir wollen versuchen, den Sinn zu deuten!«
+
+Dazu war die junge Frau sofort bereit. Und während sie Traumgesicht auf
+Traumgesicht erzählte, wurden die Gäste immer ernster. Sie hörten auf,
+ihre Becher zu leeren, und ihre Stirnen zogen sich kraus. Der einzige,
+der noch immer lachte und alles einen Wahnwitz nannte, war der
+Landpfleger selbst.
+
+Als die Erzählung zu Ende war, sagte der junge Rhetor: »Wahrlich, dies
+ist doch mehr als ein Traum, denn ich sah heute zwar nicht den Kaiser,
+aber seine alte Freundin Faustina in die Stadt einziehen. Es nimmt mich
+nur wunder, daß sie sich nicht schon im Palaste des Landpflegers gezeigt
+hat.«
+
+»Es geht ja wirklich das Gerücht, daß der Kaiser von einer entsetzlichen
+Krankheit befallen sei,« bemerkte der Anführer der Truppen. »Es scheint
+auch mir möglich, daß der Traum deiner Gattin eine Warnung von den
+Göttern sein kann.«
+
+»Es liegt nichts Unglaubliches darin, daß Tiberius einen Boten nach dem
+Propheten ausgesandt hat, um ihn an sein Krankenlager zu rufen,« stimmte
+der junge Rhetor ein.
+
+Der Anführer wendete sich mit tiefem Ernst an Pilatus: »Wenn der Kaiser
+wirklich den Einfall gehabt hat, diesen Wundertäter zu sich rufen zu
+lassen, dann wäre es besser für dich und für uns alle, wenn er ihn
+lebend träfe.«
+
+Pilatus antwortete halb zürnend: »Ist es diese Dunkelheit, die euch zu
+Kindern gemacht hat? Mann könnte glauben, ihr wäret alle in Traumdeuter
+und Propheten verwandelt.«
+
+Aber der Hauptmann ließ nicht ab, in ihn zu dringen: »Es wäre vielleicht
+nicht so unmöglich, das Leben des Mannes zu retten, wenn du einen
+eiligen Boten abschicktest.«
+
+»Ihr wollt mich wohl zum Gespött der Leute machen,« antwortete der
+Landpfleger. »Sagt selbst, was sollte in diesem Lande aus Recht und
+Ordnung werden, wenn man erführe, daß der Landpfleger einen Verbrecher
+begnadigt, weil seine Frau einen bösen Traum geträumt hat?«
+
+»Es ist doch Wahrheit und kein Traum, daß ich Faustina in Jerusalem
+gesehen habe,« sagte der junge Rhetor.
+
+»Ich nehme es auf mich, mein Vergehen vor dem Kaiser zu verantworten,«
+sagte Pilatus. »Er wird begreifen, daß dieser Schwärmer, der sich
+widerstandslos von meinen Knechten mißhandeln ließ, nicht die Macht
+gehabt hätte, ihm zu helfen.«
+
+In demselben Augenblick, wo diese Worte ausgesprochen wurden, wurde das
+Haus von einem Getöse erschüttert, das wie heftig grollender Donner
+klang, und ein Erdbeben ließ den Boden erzittern. Der Palast des
+Landpflegers blieb unversehrt stehen, aber unmittelbar nach dem Erdbeben
+vernahm man von allen Seiten das entsetzeneinflößende Krachen von
+einstürzenden Häusern und fallenden Säulen.
+
+Sowie eine Menschenstimme sich Gehör verschaffen konnte, rief der
+Landpfleger einen Sklaven zu sich.
+
+»Eile zum Richtplatz und befiehl in meinem Namen, daß der Prophet aus
+Nazareth vom Kreuze genommen werde!«
+
+Der Sklave eilte von dannen. Die Tischgesellschaft begab sich vom
+Speisesaale in das Peristyl, um unter offnem Himmel zu sein, falls das
+Erdbeben sich wiederholen sollte. Niemand wagte ein Wort zu sagen,
+während sie der Rückkehr des Sklaven harrten.
+
+Dieser kam sehr bald wieder. Er blieb vor dem Landpfleger stehen.
+
+»Du hast ihn am Leben gefunden?« fragte dieser.
+
+»Herr, er war verschieden, und in demselben Augenblick, wo er seinen
+Geist aufgab, geschah das Erdbeben.«
+
+Kaum hatte er dies gesagt, als ein paar harte Schläge am äußeren Tor
+ertönten. Als sie diese Schläge hörten, zuckten alle zusammen und
+sprangen empor, als wäre wieder ein Erdbeben losgebrochen.
+
+Gleich darauf erschien ein Sklave.
+
+»Es sind die edle Faustina und Sulpicius, des Kaisers Verwandter. Sie
+sind gekommen, um dich zu bitten, du mögest ihnen helfen, den Propheten
+aus Nazareth zu finden.«
+
+Ein leises Gemurmel ging durch das Peristyl, und leichte Schritte wurden
+hörbar. Als der Landpfleger sich umsah, merkte er, daß seine Freunde von
+ihm zurückgewichen waren, wie von einem, der dem Unglück verfallen ist.
+
+
+IX
+
+Die alte Faustina war in Capreae ans Land gestiegen und hatte den Kaiser
+aufgesucht. Sie erzählte ihm ihre Geschichte, und während sie sprach,
+wagte sie kaum ihn anzusehen. Während ihrer Abwesenheit hatte die
+Krankheit furchtbare Fortschritte gemacht, und sie dachte bei sich
+selbst: »Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wäre, so hätten sie
+mich sterben lassen, bevor ich diesem armen, gequälten Menschen sagen
+mußte, daß alle Hoffnung vorüber ist.«
+
+Zu ihrem Staunen hörte ihr Tiberius aber mit der größten
+Gleichgültigkeit zu. Als sie ihm erzählte, daß der große Wundertäter am
+selben Tage gekreuzigt worden war, an dem sie in Jerusalem anlangte, und
+wie nahe sie daran gewesen war, ihn zu retten, da begann sie unter der
+Schwere ihrer Enttäuschung zu weinen. Aber Tiberius sagte nur: »Du
+grämst dich also wirklich darüber. Ach, Faustina, ein ganzes Leben in
+Rom hat dir also den Glauben an Zauberer und Wundertäter nicht benommen,
+den du in deiner Kindheit in den Sabinerbergen eingesogen hast.«
+
+Da sah die Alte ein, daß Tiberius nie Hilfe von dem Propheten aus
+Nazareth erwartet hatte.
+
+»Warum ließest du mich dann diese Fahrt in das ferne Land machen, wenn
+du sie die ganze Zeit über für fruchtlos hieltest?«
+
+»Du bist mein einziger Freund,« sagte der Kaiser. »Warum sollte ich dir
+eine Bitte abschlagen, solange es noch in meiner Macht steht, sie zu
+gewähren?«
+
+Aber die Alte wollte sich nicht darein schicken, daß der Kaiser sie zum
+Besten gehalten hatte.
+
+»Siehst du, das ist deine alte Hinterlist,« sagte sie aufbrausend. »Das
+ist es eben, was ich am wenigsten an dir leiden kann.«
+
+»Du hättest nicht zu mir zurückkehren sollen,« sagte Tiberius. »Du
+hättest in deinen Bergen bleiben müssen.«
+
+Für einen Augenblick sah es aus, als würden die beiden, die so oft
+aneinandergeraten waren, wieder in ein Wortgefecht geraten, aber der
+Groll der Alten verflog sogleich. Die Zeiten waren vorüber, wo sie
+ernstlich mit dem Kaiser hatte hadern können. Sie senkte die Stimme
+wieder. Doch konnte sie nicht ganz und gar von jedem Versuche, recht zu
+behalten, abstehen.
+
+»Aber dieser Mann war wirklich ein Prophet,« sagte sie. »Ich habe ihn
+gesehen. Als seine Augen den meinen begegneten, glaubte ich, er sei ein
+Gott. Ich war wahnsinnig, daß ich ihn in den Tod gehen ließ.«
+
+»Ich bin froh, daß du ihn sterben ließest,« sagte Tiberius. »Er war ein
+Majestätsverbrecher und Aufrührer.«
+
+Faustina war wieder nahe daran, in Zorn zu geraten.
+
+»Ich habe mit vielen seiner Freunde in Jerusalem über ihn gesprochen,«
+sagte sie. »Er hat die Verbrechen nicht begangen, deren er bezichtigt
+wurde.«
+
+»Wenn er auch nicht gerade diese Verbrechen begangen hat, so war er doch
+darum gewiß nicht besser als irgendein andrer,« sagte der Kaiser müde.
+»Wo ist der Mensch, der in seinem Leben nicht tausendmal den Tod
+verdient hätte?«
+
+Aber diese Worte des Kaisers bestimmten Faustina, etwas zu tun, weswegen
+sie bis dahin unschlüssig gewesen war. »Ich will dir doch eine Probe
+seiner Macht geben,« sagte sie. »Ich sagte dir vorhin, daß ich mein
+Schweißtuch auf sein Gesicht legte. Es ist dasselbe Tuch, das ich jetzt
+in meiner Hand halte. Willst du es einen Augenblick betrachten?«
+
+Sie breitete das Schweißtuch vor dem Kaiser aus, und er sah darauf den
+schattenhaften Umriß eines Menschengesichtes abgezeichnet.
+
+Die Stimme der Alten zitterte vor Rührung, als sie fortfuhr: »Dieser
+Mann sah, daß ich ihn liebte. Ich weiß nicht, durch welche Macht er
+imstande war, mir sein Bild zu hinterlassen. Aber meine Augen füllen
+sich mit Tränen, da ich es sehe.«
+
+Der Kaiser beugte sich vor und betrachtete dieses Bild, das aus Blut und
+Tränen und den schwarzen Schatten des Schmerzes gemacht schien. So
+allmählich trat das ganze Gesicht vor ihm hervor, wie es in das
+Schweißtuch eingedrückt war. Er sah die Bluttropfen auf der Stirn, die
+stechende Dornenkrone, das Haar, das klebrig von Blut war, und den Mund,
+dessen Lippen im Leid zu beben schienen.
+
+Er beugte sich immer tiefer zu dem Bilde hinunter. Immer klarer trat das
+Gesicht hervor. Aus den schattenhaften Linien sah er mit einem Male die
+Augen gleichsam in verborgenem Leben strahlen. Und während sie zu ihm
+von dem furchtbarsten Leid sprachen, zeigten sie ihm zugleich eine
+Reinheit und Hoheit, wie er sie nie zuvor geschaut hatte.
+
+Er lag auf seiner Ruhebank und sog dieses Bild mit den Augen ein. »Ist
+dies ein Mensch?« fragte er sacht und leise. »Ist dies ein Mensch?«
+
+Wieder lag er still und betrachtete das Bild. Die Tränen begannen über
+seine Wangen zu strömen. »Ich traure über deinen Tod, du Unbekannter,«
+flüsterte er.
+
+»Faustina,« rief er endlich, »warum ließest du diesen Mann sterben? Er
+hätte mich geheilt.«
+
+Und wieder versank er in die Betrachtung des Bildes.
+
+»Du Mensch,« sagte er nach einer Weile. »Wenn ich nicht mein Heil von
+dir empfangen kann, so kann ich dich doch rächen. Meine Hand wird schwer
+auf denen ruhen, die dich mir gestohlen haben.«
+
+Wieder lag er lange Zeit schweigend, dann aber ließ er sich zu Boden
+gleiten und sank vor dem Bilde auf die Knie.
+
+»Du bist der Mensch,« sagte er. »Du bist, was ich nie zu sehen gehofft
+habe.« Und er deutete auf sich selbst, sein zerstörtes Gesicht und seine
+zerfressenen Hände. »Ich und alle andern, wir sind wilde Tiere und
+Ungeheuer, aber du bist der Mensch.«
+
+Er neigte den Kopf so tief vor dem Bilde, daß er die Erde berührte.
+»Erbarme dich meiner, du Unbekannter!« sagte er, und seine Tränen
+benetzten die Steine.
+
+»Wenn du am Leben geblieben wärest, so hätte dein bloßer Anblick mich
+geheilt,« sagte er.
+
+Die arme alte Frau erschrak darüber, was sie getan hatte. Es wäre klüger
+gewesen, dem Kaiser das Bild nicht zu zeigen, dachte sie. Sie hatte von
+Anfang an gefürchtet, daß sein Schmerz allzu groß sein würde, wenn er es
+sähe.
+
+Und in ihrer Verzweiflung über den Kummer des Kaisers riß sie das Bild
+an sich, gleichsam, um es seinem Blick zu entziehen.
+
+Da sah der Kaiser auf. Und siehe da, seine Gesichtszüge waren
+verwandelt, und er war, wie er vor der Krankheit gewesen war. Es war,
+als hätte diese ihre Wurzel und Nahrung in dem Hasse und der
+Menschenverachtung gehabt, die in seinem Herzen gewohnt hatten: und sie
+hatte in demselben Augenblick entfliehen müssen, in dem er Liebe und
+Mitleid gefühlt hatte.
+
+ * * * * *
+
+Aber am nächsten Tage sendete Tiberius drei Boten aus.
+
+Der erste Bote ging nach Rom und befahl, daß der Senat eine Untersuchung
+anstelle, wie der Landpfleger in Palästina sein Amt verwalte, und ihn
+bestrafe, wenn es sich erweisen solle, daß er das Volk unterdrücke und
+Unschuldige zum Tode verurteile.
+
+Der zweite Bote wurde zu dem Winzer und seiner Frau geschickt, um ihnen
+zu danken und sie für den Rat zu belohnen, den sie dem Kaiser gegeben
+hatten, und um ihnen zugleich zu sagen, wie alles abgelaufen war. Als
+sie alles bis zu Ende gehört hatten, weinten sie still, und der Mann
+sagte: »Ich weiß, daß ich meiner Lebtag darüber nachgrübeln werde, was
+geschehen wäre, wenn diese beiden sich begegnet wären.« Aber die Frau
+erwiderte: »Es konnte nicht anders kommen. Es war ein zu großer Gedanke,
+daß diese beiden sich begegnen sollten. Gott der Herr wußte, daß die
+Welt ihn nicht zu ertragen vermochte.«
+
+Der dritte Bote ging nach Palästina und brachte von dort einige von Jesu
+Jüngern nach Capreae, und diese begannen hier die Lehre zu verkünden,
+die der Gekreuzigte gepredigt hatte.
+
+Als diese Lehrer in Capreae anlangten, lag die alte Faustina auf dem
+Totenbette. Aber sie konnten sie noch vor ihrem Tode zu der Jüngerin des
+großen Propheten machen und sie taufen. Und in der Taufe wurde sie
+Veronika genannt, weil es ihr beschieden gewesen war, den Menschen das
+wahre Bild ihres Erlösers zu bringen.
+
+
+
+
+
+Die Legende vom Vogelnest
+
+
+Hatto, der Eremit, stand in der Einöde und betete zu Gott. Es stürmte,
+und sein langer Bart und sein zottiges Haar flatterte um ihn, so wie die
+windgepeitschten Grasbüschel die Zinnen einer alten Ruine umflattern.
+Doch er strich sich nicht das Haar aus den Augen, noch steckte er den
+Bart in den Gürtel, denn er hielt die Arme zum Gebet erhoben. Seit
+Sonnenaufgang streckte er seine knochigen behaarten Arme zum Himmel
+empor, eben so unermüdlich wie ein Baum seine Zweige ausstreckt, und so
+wollte er bis zum Abend stehen bleiben. Er hatte etwas Großes zu
+erbitten.
+
+Er war ein Mann, der viel von der Arglist und Bosheit der Welt erfahren
+hatte. Er hatte selbst verfolgt und gequält, und Verfolgung und Qualen
+anderer waren ihm zuteil geworden, mehr als sein Herz ertragen konnte.
+Darum zog er hinaus auf die große Heide, grub sich eine Höhle am
+Flußufer und wurde ein heiliger Mann, dessen Gebete an Gottes Thron
+Gehör fanden.
+
+Hatto, der Eremit, stand am Flußgestade vor seiner Höhle und betete das
+große Gebet seines Lebens. Er betete zu Gott, den Tag des Jüngsten
+Gerichts über diese böse Welt hereinbrechen zu lassen. Er rief die
+posaunenblasenden Engel an, die das Ende der Herrschaft der Sünde
+verkünden sollten. Er rief nach den Wellen des Blutmeers, um die
+Ungerechtigkeit zu ertränken. Er rief nach der Pest, auf daß sie die
+Kirchhöfe mit Leichenhaufen erfülle.
+
+Rings um ihn war die öde Heide. Aber eine kleine Strecke weiter oben am
+Flußufer stand eine alte Weide mit kurzem Stamm, der oben zu einem
+großen, kopfähnlichen Knollen anschwoll, aus dem neue, frischgrüne
+Zweige hervorwuchsen. Jeden Herbst wurden ihr von den Bewohnern des
+holzarmen Flachlandes diese frischen Jahresschößlinge geraubt. Jeden
+Frühling trieb der Baum neue geschmeidige Zweige, und an stürmischen
+Tagen sah man sie um den Baum flattern und wehen, so wie Haar und Bart
+um Hatto, den Eremiten, flatterten.
+
+Das Bachstelzenpaar, das sein Nest oben auf dem Stamm der Weide zwischen
+den emporsprießenden Zweigen zu bauen pflegte, hatte gerade an diesem
+Tage mit seiner Arbeit beginnen wollen. Aber zwischen den heftig
+peitschenden Zweigen fanden die Vögel keine Ruhe. Sie kamen mit
+Binsenhalmen und Wurzelfäserchen und vorjährigem Riedgras geflogen, aber
+sie mußten unverrichteter Dinge umkehren. Da bemerkten sie den alten
+Hatto, der eben Gott anflehte, den Sturm siebenmal heftiger werden zu
+lassen, damit das Nest der kleinen Vöglein fortgefegt und der Adlerhorst
+zerstört werde.
+
+Natürlich kann kein heute Lebender sich vorstellen, wie bemoost und
+vertrocknet und knorrig und schwarz und menschenunähnlich solch ein
+alter Heidebewohner sein konnte. Die Haut lag so stramm über Stirn und
+Wangen, daß sein Kopf fast einem Totenschädel glich, und nur an einem
+kleinen Aufleuchten tief in den Augenhöhlen, sah man, daß er Leben
+besaß. Und die vertrockneten Muskeln gaben dem Körper keine Rundung, der
+emporgestreckte nackte Arm bestand vielmehr nur aus ein paar schmalen
+Knochen, die mit verrunzelter, harter, rindenähnlicher Haut überzogen
+waren. Er trug einen alten, eng anliegenden, schwarzen Mantel. Er war
+braungebrannt von der Sonne und schwarz von Schmutz. Nur sein Haar und
+sein Bart waren licht, hatten sie doch Regen und Sonnenschein
+bearbeitet, bis sie dieselbe graugrüne Farbe angenommen hatten, wie die
+Unterseite der Weidenblätter.
+
+Die Vögel, die umherflatterten und einen Platz für ihr Nest suchten,
+hielten Hatto, den Eremiten, auch für eine alte Weide, die ebenso wie
+die andre durch Axt und Säge in ihrem Himmelssterben gehemmt worden war.
+Sie umkreisten ihn viele Male, flogen weg und kamen zurück, merkten sich
+den Weg zu ihm, berechneten seine Lage im Hinblick auf Raubvögel und
+Stürme, fanden sie recht unvorteilhaft, aber entschieden sich doch für
+ihn, wegen seiner Nähe zum Flusse und dem Riedgras, ihrer Vorratskammer
+und ihrem Speicher. Eines der Vögelchen schoß pfeilschnell herab und
+legte sein Wurzelfäserchen in die ausgestreckte Hand des Eremiten.
+
+Der Sturm hatte gerade aufgehört, so daß das Wurzelfäserchen ihm nicht
+sogleich aus der Hand gerissen wurde, aber in den Gebeten des Eremiten
+gab es kein Aufhören. »Mögest du bald kommen, o Herr, und diese Welt des
+Verderbens vernichten, auf daß die Menschen sich nicht mit noch mehr
+Sünden beladen. Möchtest du die Ungebornen vom Leben erlösen! Für die
+Lebenden gibt es keine Erlösung.«
+
+Nun setzte der Sturm wieder ein, und das Wurzelfäserchen flatterte aus
+der großen, knochigen Hand des Eremiten fort. Aber die Vögel kamen
+wieder und versuchten die Grundpfeiler des neuen Heims zwischen seine
+Finger einzukeilen. Da legte sich plötzlich ein plumper, schmutziger
+Daumen über die Halme und hielt sie fest, und vier Finger wölbten sich
+über die Handfläche, so daß eine friedliche Nische entstand, in der man
+bauen konnte. Doch der Eremit fuhr in seinen Gebeten fort.
+
+»Herr, wo sind die Feuerwolken, die Sodom verheerten? Wann öffnest du
+des Himmels Schleusen, die die Arche zum Berge Ararat erhoben? Ist das
+Maß deiner Geduld nicht erschöpft und die Schale deiner Gnade leer? O
+Herr, wann kommst du aus deinem sich spaltenden Himmel?«
+
+Und vor Hatto, dem Eremiten, tauchten die Fiebervisionen vom Tag des
+Jüngsten Gerichtes auf. Der Boden erbebte, der Himmel glühte. Unter dem
+roten Firmament sah er schwarze Wolken fliehender Vögel; über den Boden
+wälzte sich eine Schar flüchtender Tiere. Doch während seine Seele von
+diesen Fiebervisionen erfüllt war, begannen seine Augen dem Flug der
+kleinen Vögel zu folgen, die blitzschnell hin und her flogen und mit
+einem vergnügten kleinen Piepsen ein neues Hälmchen in das Nest fügten.
+
+Der Alte ließ es sich nicht einfallen, sich zu rühren. Er hatte das
+Gelübde getan, den ganzen Tag stillstehend mit emporgestreckten Händen
+zu beten, um so unsern Herrn zu zwingen, ihn zu erhören. Je matter sein
+Körper wurde, desto lebendiger wurden die Gesichte, die sein Hirn
+erfüllten. Er hörte die Mauern der Städte zusammenbrechen und die
+Wohnungen der Menschen einstürzen. Schreiende, entsetzte Volkshaufen
+eilten an ihm vorbei, und ihnen nach jagten die Engel der Rache und der
+Vernichtung, hohe, silbergepanzerte Gestalten mit strengem, schönen
+Antlitz, auf schwarzen Rossen reitend und Geißeln schwingend, die aus
+weißen Blitzen geflochten waren.
+
+Die kleinen Bachstelzen bauten und zimmerten fleißig den ganzen Tag, und
+die Arbeit machte große Fortschritte. Auf dieser hügeligen Heide mit
+ihrem steifen Riedgras und an diesem Flußufer mit seinem Schilf und
+seinen Binsen war kein Mangel an Baustoff. Sie fanden weder Zeit zur
+Mittagsrast noch zur Vesperruhe. Glühend vor Eifer und Vergnügen flogen
+sie hin und her, und ehe der Abend anbrach, waren sie schon beim
+Dachfirst angelangt.
+
+Aber ehe der Abend anbrach, hatten sich die Blicke des Eremiten mehr und
+mehr auf sie geheftet. Er folgte ihnen auf ihrer Fahrt, er schalt sie
+aus, wenn sie sich dumm anstellten, er ärgerte sich, wenn der Wind ihnen
+Schaden tat, und am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn sie sich
+ein bißchen ausruhten.
+
+So sank die Sonne, und die Vögel suchten ihre vertrauten Ruhestätten im
+Schilf auf.
+
+Wer abends über die Heide geht, muß sich herabbeugen, so daß sein
+Gesicht in gleicher Höhe mit den Erdhügelchen ist, dann wird er sehen,
+wie sich ein wunderliches Bild von dem lichten Abendhimmel abzeichnet.
+Eulen mit großen, runden Flügeln huschen über das Feld, unsichtbar für
+den, der aufrecht steht. Nattern ringeln sich heran, geschmeidig,
+behend, die schmalen Köpfchen auf schwanähnlich gebogenen Hälsen
+erhoben. Große Kröten kriechen träge vorbei. Hasen und Wasserratten
+fliehen vor den Raubtieren, und der Fuchs springt nach einer Fledermaus,
+die Mücken über den Fluß jagt. Es ist, als hätte jedes Erdhügelchen
+Leben bekommen. Doch unterdessen schlafen die kleinen Vögelchen auf dem
+schwanken Schilf, geborgen vor allem Bösen auf diesen Ruhestätten, denen
+kein Feind nahen kann, ohne daß das Wasser ausplätschert oder das Schilf
+zittert und sie aufweckt.
+
+Als der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst, die Ereignisse
+des gestrigen Tages seien ein schöner Traum gewesen.
+
+Sie hatten ihre Merkzeichen gemacht und flogen geradeswegs auf ihr Nest
+zu, aber das war verschwunden. Sie guckten suchend über die Heide hin
+und erhoben sich gerade in die Luft um zu spähen. Keine Spur von einem
+Nest oder einem Baum. Schließlich setzten sie sich auf ein paar Steine
+am Flußufer und grübelten nach. Sie wippten mit dem langen Schwanz und
+drehten das Köpfchen. Wohin war Baum und Nest gekommen?
+
+Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreit über den Waldgürtel auf
+dem jenseitigen Flußufer erhoben, als ihr Baum gewandert kam und sich
+auf denselben Platz stellte, den er am vorigen Tage eingenommen. Er war
+ebenso schwarz und knorrig wie damals und trug ihr Nest auf der Spitze
+von etwas, was wohl ein dürrer, aufrecht ragender Ast sein mußte.
+
+Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne weiter über die
+vielen Wunder der Natur nachzugrübeln.
+
+Hatto, der Eremit, der die kleinen Kinder von seiner Höhle fortscheuchte
+und ihnen sagte, es wäre besser für sie, wenn sie niemals das Licht der
+Sonne gesehen hätten, er, der in den Schlamm hinausstürzte, um den
+fröhlichen jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den Fluß
+hinaufruderten, Verwünschungen nachzuschleudern; er, vor dessen bösem
+Blick die Hirten der Heide ihre Herden behüteten, kehrte nicht zu seinem
+Platz am Fluß zurück, den kleinen Vögeln zuliebe. Aber er wußte, daß
+nicht nur jeder Buchstabe in den heiligen Büchern seine verborgene
+mystische Bedeutung hat, sondern auch alles, was Gott in der Natur
+geschehen läßt. Jetzt hatte er herausgefunden, was es bedeuten konnte,
+daß die Bachstelzchen ihr Nest in seiner Hand bauten; Gott wollte, daß
+er mit erhobenen Armen betend dastehen sollte, bis die Vögel ihre Jungen
+aufgezogen hatten, und vermochte er dies, so sollte er erhört werden.
+
+Doch an diesem Tage sah er immer weniger Visionen des Jüngsten
+Gerichtes. Anstatt dessen folgte er immer eifriger mit seinen Blicken
+den Vögeln. Er sah das Nest rasch vollendet. Die kleinen Baumeister
+flatterten rund herum und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine
+Moosflechten von der wirklichen Weide und klebten sie außen an, das
+sollte anstatt Tünche oder Farbe sein. Sie holten das feinste Wollgras,
+und das Weibchen nahm Flaum von seiner eignen Brust und bekleidete das
+Nest innen damit, das war die Einrichtung und Möblierung.
+
+Die Bauern, die die verderbliche Macht fürchteten, die die Gebete des
+Eremiten an Gottes Thron haben konnten, pflegten ihm Brot und Milch zu
+bringen, um seinen Groll zu besänftigen. Sie kamen auch jetzt und fanden
+ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand.
+
+»Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt,« sagten sie und
+fürchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern hoben den Milcheimer an
+seine Lippen und führten ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und
+getrunken hatte, verjagte er die Menschen mit bösen Worten, aber sie
+lächelten nur über seine Verwünschungen.
+
+Sein Körper war schon lange seines Willens Diener geworden. Durch Hunger
+und Schläge, durch tagelanges Knien und wochenlange Nachtwachen hatte er
+ihn Gehorsam gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine Arme tage-
+und wochenlang emporgestreckt, und während das Bachstelzenweibchen auf
+den Eiern lag und das Nest nicht mehr verließ, suchte er nicht einmal
+nachts seine Höhle auf. Er lernte es, sitzend mit emporgestreckten Armen
+zu schlafen, unter den Freunden der Wüste gibt es so manche, die noch
+größere Dinge vollbracht haben.
+
+Er gewöhnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen, die über den
+Rand des Nestes zu ihm hinabblickten. Er achtete auf Hagel und Regen und
+schützte das Nest so gut er konnte.
+
+Eines Tages kann das Weibchen seinen Wachtposten verlassen. Beide
+Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des Nestes, wippen mit den Schwänzchen
+und beratschlagen und sehen seelenvergnügt aus, obgleich das ganze Nest
+von einem ängstlichen Piepsen erfüllt scheint. Nach einem kleinen
+Weilchen ziehen sie auf die allerverwegenste Mückenjagd aus.
+
+Eine Mücke nach der andern wird gefangen und heimgebracht für das, was
+oben in seiner Hand piepst. Und als das Futter kommt, da piepsen sie am
+allerärgsten. Den frommen Mann stört das Piepsen in seinen Gebeten.
+
+Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab, die beinahe die
+Gabe, sich zu rühren, verloren haben, und seine kleinen Glutaugen
+starren in das Nest herab.
+
+Niemals hatte er etwas so hilflos Häßliches und Armseliges gesehen:
+kleine, nackte Körperchen mit ein paar spärlichen Fläumchen, keine
+Augen, keine Flugkraft, eigentlich nur sechs große, aufgerissene
+Schnäbel.
+
+Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie gerade so leiden
+wie sie waren. Die Alten hatte er ja niemals von dem großen Untergang
+ausgenommen, aber wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch
+Vernichtung zu erlösen, da machte er eine stillschweigende Ausnahme für
+diese sechs Schutzlosen.
+
+Wenn die Bäuerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann dankte er ihnen nicht
+mit Verwünschungen. Da er für die Kleinen dort oben notwendig war,
+freute er sich, daß die Leute ihn nicht verhungern ließen.
+
+Bald guckten den ganzen Tag sechs runde Köpfchen über den Nestrand. Des
+alten Hatto Arm sank immer häufiger zu seinen Augen hernieder. Er sah
+die Federn aus der roten Haut sprießen, die Augen sich öffnen, die
+Körperformen sich runden. Glückliche Erben der Schönheit, die die Natur
+den beflügelten Bewohnern der Luft geschenkt, entwickelten sie bald ihre
+Anmut.
+
+Und unterdessen kamen die Gebete um die große Vernichtung immer
+zögernder über Hattos Lippen. Er glaubte Gottes Zusicherung zu haben,
+daß sie hereinbrechen würde, wenn die kleinen Vögelchen flügge waren.
+Nun stand er da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht vor Gottvater.
+Denn diese sechs Kleinen, die er beschützt und behütet hatte, konnte er
+nicht opfern.
+
+Früher war es etwas andres gewesen, als er noch nichts hatte, was sein
+eigen war. Die Liebe zu den Kleinen und Schutzlosen, die jedes kleine
+Kind die großen, gefährlichen Menschen lehren muß, kam über ihn und
+machte ihn unschlüssig.
+
+Manchmal wollte er das ganze Nest in den Fluß schleudern, denn er
+meinte, daß die beneidenswert sind, die ohne Sorgen und Sünden sterben
+dürfen. Mußte er die Kleinen nicht vor Raubtieren und Kälte, vor Hunger
+und den mannigfaltigen Heimsuchungen des Lebens bewahren? Aber gerade
+als er noch so dachte, kam der Sperber auf das Nest herabgesaust, um die
+Jungen zu töten. Da ergriff Hatto den Kühnen mit seiner linken Hand,
+schwang ihn im Kreise über seinem Kopf und schleuderte ihn mit der Kraft
+des Zornes in den Fluß.
+
+Und der Tag kam, an dem die Kleinen flügge waren. Eines der
+Bachstelzchen mühte sich drinnen im Nest, die Jungen auf den Rand
+hinauszuschieben, während das andre herumflog und ihnen zeigte, wie
+leicht es war, wenn sie es nur zu versuchen wagten. Und als die Jungen
+sich hartnäckig fürchteten, da flogen die beiden Alten fort, und zeigten
+ihnen ihre allerschönste Fliegekunst. Mit den Flügeln schlagend,
+beschrieben sie verschiedene Windungen, oder sie stiegen auch gerade in
+die Höhe wie Lerchen oder hielten sich mit heftig zitternden Schwingen
+still in der Luft.
+
+Aber als die Jungen noch immer eigensinnig bleiben, kann Hatto es nicht
+lassen, sich in die Sache einzumischen. Er gibt ihnen einen behutsamen
+Puff mit dem Finger, und damit ist alles entschieden. Heraus fliegen
+sie, zitternd und unsicher, die Luft peitschend wie Fledermäuse, sie
+sinken, aber erheben sich wieder, begreifen, worin die Kunst besteht,
+und verwenden sie dazu, so rasch als möglich das Nest wieder zu
+erreichen. Die Alten kommen stolz und jubelnd zu ihnen zurück, und der
+alte Hatto schmunzelt.
+
+Er hatte doch in der Sache den Ausschlag gegeben.
+
+Er grübelte nun in vollem Ernst nach, ob es für unsern Herrgott nicht
+auch einen Ausweg geben konnte.
+
+Vielleicht, wenn man es so recht bedachte, hielt Gottvater diese Erde
+wie ein großes Vogelnest in seiner Rechten, und vielleicht hatte er
+Liebe zu denen gefaßt, die dort wohnen und hausen, zu allen schutzlosen
+Kindern der Erde. Vielleicht erbarmte er sich ihrer, die er zu
+vernichten gelobt hatte, so wie sich der Eremit der kleinen Vögel
+erbarmte.
+
+Freilich waren die Vögel des Eremiten um vieles besser als unsers
+Herrgotts Menschen, aber er konnte doch begreifen, daß Gottvater dennoch
+ein Herz für sie hatte.
+
+Am nächsten Tage stand das Vogelnest leer, und die Bitterkeit der
+Einsamkeit bemächtigte sich des Eremiten. Langsam sank sein Arm an
+seiner Seite herab, und es deuchte ihn, daß die ganze Natur den Atem
+anhielt, um dem Dröhnen der Posaune des Jüngsten Gerichts zu lauschen.
+Doch in demselben Augenblick kamen alle Bachstelzen zurück und setzten
+sich ihm auf Haupt und Schultern, denn sie hatten gar keine Angst vor
+ihm. Da zuckte ein Lichtstrahl durch das verwirrte Hirn des alten Hatto.
+Er hatte ja den Arm gesenkt, ihn jeden Tag gesenkt, um die Vögel
+anzusehen.
+
+Und wie er da stand, von allen sechs Jungen umflattert und umgaukelt,
+nickte er jemandem, den er nicht sah, vergnügt zu. »Du bist frei,« sagte
+er, »du bist frei. Ich hielt mein Wort nicht, und so brauchst du auch
+deines nicht zu halten.«
+
+Und es war ihm, als hörten die Berge zu zittern auf und als legte sich
+der Fluß gemächlich in seinem Bett zur Ruhe.
+
+
+
+
+
+Früher erschienen im gleichen Verlage:
+
+
++Selma Lagerlöf+
+
++Gesammelte Werke+
+
+Einzige autorisierte deutsche Original-Ausgabe in zehn Bänden
+
+Einband von _Alphons Woelfle_
+
+Mit einem Bilde der Dichterin von _Carl Larsson_
+
+In 10 Leinenbänden 38,50 Mark
+
+In 10 Halbfranzbänden 55 Mark
+
+
+
+_Carl Busse_ schreibt in »_Velhagen & Klasings Monatsheften_«:
+Gleichzeitig ist eine hübsche Gesamtausgabe ihrer Werke erschienen, und
+sie enthält jene prachtvollen Schöpfungen, vor denen man unvergeßliche
+Stunden verbringt ... Die Eindrücke, die man aus diesen Werken mitnimmt,
+gehören zu den größten, die die moderne Literatur überhaupt vermittelt.
+
+_Tägliche Rundschau, Berlin_: Man könnte Schnitzlers Werke wohl in
+seiner Bibliothek entbehren, die von Selma Lagerlöf kaum. Ein Born von
+unerschöpflich schönen Märchenstunden ist in diesen zehn braunen Bänden
+vorhanden. Eine Schar von zehn Freunden. Was soll in Kürze über sie hier
+gesagt werden. Sie sind helle, köstliche _deutsche Dichtung_.
+
+_Ostdeutsche Rundschau, Wien_: ... einer Dichterin, die zu den wenigen
+gehört, die auch noch in kommenden Jahrhunderten genannt werden.
+
+
++In Einzelausgaben+
+
+sind früher von Selma Lagerlöf im gleichen Verlage erschienen:
+
+
+Jerusalem I (In Dalarne), Roman, 15. Auflage
+
+Jerusalem II (Im heiligen Land), Roman, 14. Aufl.
+
+Gösta Berling, Roman, 16. Auflage
+
+Eine Herrenhofsage, Roman, 8. Auflage
+
+Die Wunder des Antichrist, Roman, 5. Auflage
+
+Liljecronas Heimat, Roman, 12. Auflage
+
+Jans Heimweh, Roman, 15. Auflage
+
+Herrn Arnes Schatz, Erzählung, 4. Auflage
+
+Der Fuhrmann des Todes, Erzählung, 10. Auflage
+
+Christuslegenden, 18. Auflage
+
+Legenden und Erzählungen, 5. Auflage
+
+Die Königinnen von Kungahälla, Erzähl., 6. Aufl.
+
+Unsichtbare Bande, Erzählungen, 3. Auflage
+
+Ein Stück Lebensgeschichte, Erzählungen, 9. Auflage
+
+Trolle und Menschen, Erzählungen, 7. Auflage
+
+Schwester Olives Geschichte, Erzählungen, 5. Auflage
+
+Die sieben Todsünden, Ausgew. Erzähl., 8. Auflage
+
+Wunderbare Reise, Ein Kinderbuch, 27. Auflage
+
+
++Selma Lagerlöf+
+
++Gösta Berling+
+
+
+Roman 16. Auflage
+
+Geheftet 4 Mark, gebunden in Leinen 5,50 Mark, in Leder 7 Mark
+
+
+_Hermann Hesse in der »Neuen Züricher Zeitung«_: Alle, die schon ein
+Lagerlöfsches Buch gelesen haben, werden in eigenem Antrieb jedes neue
+Werk der Dichterin auffinden und lesen. Ihre früheren Schöpfungen,
+obenan der herrliche »Gösta Berling«, sind Ereignisse gewesen, und jede
+von ihnen bedeutete eine Bereicherung der Weltliteratur. Damit möchte
+ich freilich nicht gesagt haben, der Wert dieser Dichtungen sei ein
+ausschließlich oder auch nur vorwiegend »literarischer«. An guter
+Literatur in diesem Sinn leiden wir ja keinen Mangel. Aber die Werke der
+Schwedin sind so voll von rein menschlichem Wert, so voll Wärme, Tiefe,
+Herzlichkeit und lauterem Gefühl, daß man beim Lesen, wenigstens beim
+erstmaligen Lesen, gar nicht daran denkt, ihren literarischen Qualitäten
+die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Erst nachträglich merkt man
+dann, wieviel erstaunliche Kunst dahinter steckt. So ist es ja bei allen
+echten Dichterwerken – man verliert sich an sie wie an eine Naturgewalt
+... Und erst viel später, beim zweiten und dritten Wiederlesen, freut
+sich der ruhiger gewordene Sinn auch am Entdecken des Künstlerischen, am
+Einzelnen wie an der Organisation des Ganzen, und geht mit immer neuen
+Freuden den unzähligen großen und kleinen Schönheiten nach.
+
+_Berliner Tageblatt_: »Gösta Berling« gehört der Weltliteratur an. Die
+ganze düster-wilde Kraft der nordischen Mythologie offenbart sich hier.
+Auch dies ist ein Buch, in dem Wunder genug geschehen; aber wenn die
+Dichterin uns hier einmal treuherzig anspricht: »Ihr Kinder später
+Zeiten! Ich verlange ja nicht, daß jemand diese alten Geschichten
+glauben soll,« so kann man ihr ehrlich entgegenhalten, daß sie diese
+alten Geschichten vermöge ihrer Kunst, die hier auf ihrer Höhe steht,
+glaubhaft dargestellt hat. Man glaubt ihr diesen Gösta Berling, diesen
+prächtigen Don Juan, den Haupthelden des Kavalierhauses mit den zwölf
+sonderbaren Insassen, der zum Leben verurteilt ist und Anderer Leben
+vernichtet ... Mit virtuoser Selbstverständlichkeit verwebt sie
+Alltägliches mit Märchenhaftem ...
+
+
++Selma Lagerlöf+
+
++Jerusalem+
+
+
+Roman Zwei Bände
+
+I. In Dalarne 15. Auflage
+
+Geheftet 3,50 Mark, in Leinen gebunden 5 Mark
+
+II. Im heiligen Lande 14. Auflage
+
+Geheftet 4 Mark, in Leinen gebunden 5,50 Mark
+
+
+_Neue Züricher Zeitung_: Wenn ich Selma Lagerlöf lese, habe ich das
+Gefühl, das mich als Kind bei den Märchen überkam, die seltsame
+Spannung: Was wird wohl Wunderbares noch geschehen? Diese Spannung
+empfinde ich bei jeder ihrer kleinen Erzählungen, bei jedem Kapitel
+ihrer größeren Werke. Sie beginnt ganz schlicht und einfach, als ob sie
+das Alltäglichste erzählen wollte. Gleichgültig läßt man sich mitnehmen,
+aber bald horcht man auf und wird gespannt und lauscht, – und mir ist es
+dann immer, als ob ich jetzt etwas erfahren sollte, wonach ich schon
+lange gesucht: die Lösung eines ewigen Rätsels, ein Großes, Tiefes,
+Geheimnisvolles. Hinter jeder ihrer Erzählungen steht ein Teil dieses
+ewig Großen, allgemein Gültigen, ein Stück tiefste Welterkenntnis, eine
+Offenbarung. In letzter Linie wohl eine Offenbarung ihres eigenen
+wunderbaren Wesens, ihrer Persönlichkeit, die von einem geradezu
+mythischem Reichtum ist. – In der Heimat wurzelt die Kunst der
+Dichterin, aber sie ist merkwürdig vielseitig und reich. Eine große
+Sehnsucht treibt sie aus dem Norden nach dem Süden ... Oskar Levertin
+meint, noch nie sei der Süden in so verliebtem Sonnenlicht gesehen, so
+bezaubernd, mit einer solchen Stimmung von Paradiesesfrühling
+geschildert worden.
+
+_Hamburger Fremdenblatt_: Wer zum ersten Male in ein Buch von Selma
+Lagerlöf hineinblickt, fühlt sich von einem tiefen Staunen erfaßt, das
+bald in Bewunderung übergeht. Schon auf der ersten Seite des Buches
+tritt dem Leser jener große Zug entgegen, der alle Werke von Bedeutung
+charakterisiert und den man trotzdem sehr schwer definieren kann. Die
+hohe Einfachheit und Schönheit des Stils, die von verhaltener Kraft
+getragene Ruhe der Schilderung und der weite, freie Blick, alles dies
+erinnert an die besten Werke der Weltliteratur. Alle Lichtseiten des
+Buches werden aber übertroffen von der Kunst und Tiefe der
+Menschenzeichnung.
+
+
++Selma Lagerlöf+
+
++Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen+
+
+Ein Kinderbuch
+
+Folgende Neuauflagen sind erschienen:
+
+Vollständig unillustrierte Ausgabe in zwei Bänden
+
+10. Tausend
+
+Geheftet 5 Mark, in Leinen gebunden 8 Mark
+
+Vollständig illustrierte Ausgabe in einem Bande
+
+Mit 8 farbigen Vollbildern und 95 Textillustrationen
+
+von _Wilhelm Schulz_
+
+7. Tausend
+
+Geheftet 7,50 Mark, in Leinen gebunden 10 Mark
+
+Die ursprünglich dreibändige Ausgabe, die eine sehr große Verbreitung
+gefunden hat, ist vergriffen und wird nicht mehr neu aufgelegt.
+
+
+_Freisinnige Zeitung, Berlin_: Diese »Wunderbare Reise« ist ein
+Märchenbuch, wie es sein muß, ein solches, nach dem die Großen nicht
+minder gern immer wieder greifen werden als unsere Kleinen. Wenn irgend
+jemand, so ist Selma Lagerlöf dazu berufen, uns Märchen zu erzählen, die
+ebensowohl für die Kinderseelen passen, wie auch den Gereifteren
+genügen. Aber ist es denn ein Märchenbuch? Ein Junge wird in ein
+Wichtelmännchen verwandelt, und die Tiere reden. Aber doch glauben wir
+kein Märchen zu lesen. Nein, wir lesen überhaupt nicht, wir sind selbst
+mitten dabei, wir erleben mit Nils Holgersson und allen den Tieren alle
+die Abenteuer auf der Reise durch Schweden. Und es kommt uns vor, als
+könnte alles gar nicht anders sein. Das ist, weil Selma Lagerlöfs
+Dichterhand uns mitverzaubert hat, ... Beseelung der Natur, das ist das
+Geheimnis, das uns dieses Buch der Selma Lagerlöf zu einem köstlichen
+Besitz macht.
+
+
++Selma Lagelöf+
+
++Jans Heimweh+
+
+Roman 15. Auflage
+
+Geheftet 4 Mark, in Leinen gebunden 6 Mark
+
+
+_Otto Stoeßl im »Tag«_: ... Keines anderen Dichters Wort besitzt heute
+so viel ausströmende Menschheitskraft, segnende Menschenliebe, werbende
+Güte, eratmende Gotteskindschaft, als der Nachtigallenruf dieser
+wunderbaren Frau: Selma Lagerlöf.
+
+_München-Augsburger Abendzeitung_: Rührender, erschütternder kann die
+von dem einfachen Menschen scheu verborgene Liebe zu seinem Kinde, die
+er schier vor sich selbst verbirgt, nicht geschildert werden: es drückt
+sich darin die erwärmendste Menschenliebe und eine vollendete
+Seelenkunde aus. Als erhöhender Vorzug kommt eine unendlich schlichte
+Darstellung, deren geläuterte Kunst man gar nicht merkt, dazu. In der
+Ausmalung der engen Umgebung, in der diese Menschheitstragödie sich
+abspielt, wie in der Landschaftsschilderung zeigt die Verfasserin ihre
+bekannte hohe Kunst. Alles ist zu einer wundervollen Einheit
+zusammengestimmt, aus der sich jene tief herzbewegende Wirkung des
+Buches ergibt. _Stirius_.
+
+_Daheim, Berlin_: Von allen Weihnachtsbüchern, die es zu empfehlen gibt,
+muß leidigerweise das Werk einer Ausländerin weit voranstehen. Aber
+diese Ausländerin ist nicht nur stammverwandten Bluts – sie ist auch
+eine Dichterin, die sich eben durch ihr nordisches Menschentum
+dichterisch über den Hader der Nationen hinaushebt und nicht einem Volk
+mehr, sondern der Menschheit angehört. über allem Gefühl für das
+Vaterland hilft der Krieg in seinen größten Augenblicken dem
+Menschlichen zum Recht; über alle literarische Richtungen, Meinungen,
+Absichten und künstlerischen Ziele hinweg tritt in diesem Buch das
+Menschliche so köstlich, rein und selig-erfüllt ans Licht, wie es einst
+aus Gottes Herzen in die Menschenseele hineinfloß. Es handelt sich um
+den Roman »Jans Heimweh« von Selma Lagerlöf. Es ist nicht patriotisch,
+und dennoch muß man es gestehen: in unserm großen, geistig so
+fruchtbaren und gesegneten Deutschland haben wir kaum einen lebenden
+Schriftsteller, der auch nur entfernt das tiefe Herz der Schwedin
+aufwöge ...
+
+
+Druck von Hesse & Becker in Leipzig
+
+Buchbinderarbeit von E. A. Enders in Leipzig
+
+
+ * * * * *
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 10: »Er« ist wild, trotzig, verwegen, -> »Er« (Anführungszeichen ergänzt)
+p 60: neben ihm der alte Olaf, der Pferdeknecht -> Olof
+p 71: Er dachte: »was würden meine Genossen (Anführungszeichen ergänzt)
+p 87: wie sie ihm Hund und Fuß abbrennen -> Hand
+p 90: Da kannst mir vertrauen -> Du
+p 130: stand Gudmund Erlandsons -> Erlandssons
+p 156: und empfand Sehnsicht -> Sehnsucht
+p 158: Während Mutter Jungeborg -> Ingeborg
+p 173: Ich weiß jetzt -> »Ich weiß jetzt (Anführungszeichen ergänzt)
+p 175: »Du weißt nicht, nein, du weißt nicht (Anführungszeichen ergänzt)
+p 177: »Jetzt war es -> Jetzt war es (Anführungszeichen entfernt)
+p 178: Jetzt sollst du allein ... habe. -> »Jetzt sollst du allein ...
+habe.« (Anführungszeichen ergänzt)
+p 200: Uns kann niemend heilen -> niemand
+p 219: »Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wäre (Anführungszeichen ergänzt)
+p 223: Wahrlich, dies -> »Wahrlich, dies (Anführungszeichen ergänzt)
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
+wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Formatierung:
+
+Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert: _text_
+Fettgedruckter Text wurde mit Pluszeichen markiert: +text+
+
+
+
+
+Transcriber’s Notes:
+
+The table below lists all corrections applied to the original text.
+
+p 10: »Er« ist wild, trotzig, verwegen, -> »Er« [added closing quote]
+p 60: neben ihm der alte Olaf, der Pferdeknecht -> Olof
+p 71: Er dachte: »was würden meine Genossen [added opening quote]
+p 87: wie sie ihm Hund und Fuß abbrennen -> Hand
+p 90: Da kannst mir vertrauen -> Du
+p 130: stand Gudmund Erlandsons -> Erlandssons
+p 156: und empfand Sehnsicht -> Sehnsucht
+p 158: Während Mutter Jungeborg -> Ingeborg
+p 173: Ich weiß jetzt -> »Ich weiß jetzt [added opening quote]
+p 175: »Du weißt nicht, nein, du weißt nicht [added opening quote]
+p 177: »Jetzt war es -> Jetzt war es [removed opening quote]
+p 178: Jetzt sollst du allein ... habe. -> »Jetzt sollst du allein ...
+habe.« [added opening and closing quotes]
+p 200: Uns kann niemend heilen -> niemand
+p 219: »Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wäre [added opening quote]
+p 223: Wahrlich, dies -> »Wahrlich, dies [added opening quote]
+
+The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
+been maintained.
+
+Formatting:
+
+Spaced Text (gesperrt) was marked using Underscore: _text_
+Bold Text was marked using Plus Sign: +text+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die schönsten Geschichten der Lagerlöf, by
+Selma Lagerlöf
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHÖNSTEN GESCHICHTEN ***
+
+***** This file should be named 20211-0.txt or 20211-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/0/2/1/20211/
+
+Produced by Markus Brenner, Evelyn Kawrykow, La Monte H.P.
+Yarroll and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
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+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
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+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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