diff options
Diffstat (limited to '20211-0.txt')
| -rw-r--r-- | 20211-0.txt | 9201 |
1 files changed, 9201 insertions, 0 deletions
diff --git a/20211-0.txt b/20211-0.txt new file mode 100644 index 0000000..71122d7 --- /dev/null +++ b/20211-0.txt @@ -0,0 +1,9201 @@ +Project Gutenberg's Die schönsten Geschichten der Lagerlöf, by Selma Lagerlöf + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die schönsten Geschichten der Lagerlöf + +Author: Selma Lagerlöf + +Editor: Walter von Molo + +Translator: Marie Franzos + +Release Date: December 29, 2006 [EBook #20211] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHÖNSTEN GESCHICHTEN *** + + + + +Produced by Markus Brenner, Evelyn Kawrykow, La Monte H.P. +Yarroll and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + + + + + + Die schönsten Geschichten + der Lagerlöf + + + Ausgewählt und eingeleitet + von + Walter von Molo + + + Albert Langen, München + + + + Die Geschichten der Lagerlöf + in diesem Bande + sind von + Marie Franzos + übersetzt + + + + Ein Verzeichnis + der Werke Selma Lagerlöfs + befindet sich am Schluß + dieses Buches + + + + [Illustration: Selma Lagerlöf] + + + + +_Inhalt_ + Seite +Frau Lagerlöf von Walter von Molo 7 +Der Luftballon 13 +Herrn Arnes Schatz 37 +Reors Geschichte 110 +Das Mädchen vom Moorhof 116 +Das Schweißtuch der heiligen Veronika 177 +Die Legende vom Vogelnest 224 + + + + + +Frau Lagerlöf + + +Die reine Frau hat das innigste Verhältnis zur Dichtkunst. Ihre +seelische Veranlagung und ihre dadurch bedingten Aufgaben erhalten sie +dem wahrhaft Realen, dem Mysterium des Fühlens, das die Wurzel der +Dichtkunst war und ist, näher als den Mann, der vor allem durch die Tat +und durch die Arbeit seines Kopfes wirkt, der sich im allgemeinen erst +zum Zentrum des Fühlens durchkämpfen muß. Wie den Mann die Bezwingung +des weiteren Weges stärkt und sichtet, hält die Nähe des Zieles die +Frau, die die treueste Gefolgschaft jeder Kunst ist, entweder vom +Selbstschaffen ab (meist zum Segen der Ihren!), oder sie wird, wenn sie +selbst schafft, zumeist, gerade durch ihre Weiblichkeit, der Kunst +verdorben: sie lernt nicht zu dem ihr Angeborenen zu, sie bleibt +seelische Molluske, weil ihrem Werk nicht die Knochen des unerbittlich +logischen Denkens, die innere und äußere Form, in voller Kraft +zuwachsen. Die schöpferische Frau hat drum hauptsächlich das Gebiet der +erzählenden Dichtung, deren Notwendigkeiten, in dieser Hinsicht, +verhältnismäßig gering sind. Die Frau fabuliert! Sie erhält den Glauben +an den unablässigen, unumstößlichen Sieg des Guten; sie ist, in ihrer +reinsten Erscheinung, Märchen und Sage! Alles, was der Kindersinn +sehnsüchtig sucht, ist den Frauen vorhanden! Ihr ragendstes Symbol ist +mir die genialste selbstschöpferische Frau: die Lagerlöf! Die Lagerlöf +schafft der Menschheit schönsten Besitz, Heimatliebe, Kinderliebe, +Elternliebe, Gattenliebe, Liebe, mit all ihren unendlichen +Schattierungen und Spiegelbildern in der menschlichen Seele, dichterisch +zu ragenden Monumenten um. Ihr ist das Wunder an sich Voraussetzung +alles Seins. Für sie gibt es keine »erkennende« Wissenschaft, keine +»unbelebte« Natur! Wort für Wort ist ihr die Bibel, das Buch der Bücher, +wahr; sie erhellt sie, sie übersetzt die Gläubigkeit aller Konfessionen +gefühlsmäßig in Kunst. Nach den großen Gesetzen des Welträtsels, des +gütigen Schicksals oder Gottes, reden und handeln ihr die Menschen und +Tiere. Die Flüsse, Pflanzen und Steine sind ihr Lebewesen mit Seelen. +Dieser begnadeten Frau ist das Übersinnliche Selbstverständlichkeit. +Alles Schöne geht ihr in Erfüllung. Das Jenseits lebt, es greift +entscheidend ins Dasein ein! Die Trolle, Nymphen, Kobolde, +Heinzelmännchen und Riesen leben, die Engel schweben auf und nieder, die +Brücke bildend für die bedrängten, erlösten Seelen, der Gottessohn +steigt, immer wieder, zu uns herab, unter denen er ewig wandelt, damit +das Böse stetig Gutes schafft. Es gibt keine Verfemten oder Narren, +keine Toren und Krüppel oder Enterbten, es gibt bloß, im schlimmsten +Falle, ein Nichtverstehen, ein Aneinandervorbeireden. Dieses menschliche +Erbübel beseitigt und führt lächelnd zur Harmonie der Liebe der Lagerlöf +großes, unbesiegliches Herz! Überall läßt sie Verzeihung und +Gerechtigkeit triumphieren, und was das Wunderbarste ist: diese +evangelische Frau steht dabei stets auf dem Boden der höchsten +Wirklichkeit! Sie reißt dem Dasein die Maske ab, sie liebt ihm die Maske +ab und – Gott sieht uns an! Mit tiefster Menschenkenntnis, mit +schärfster Charakterisierungsfähigkeit, mit rührendem Humor, mit +verzeihender Schalkhaftigkeit und nie verletzendem Sarkasmus sieht und +gestaltet sie die Lächerlichkeit, Nichtigkeit und Schurkenhaftigkeit +dieses Seins. Alles Böse und Harte schmilzt in der übermenschlichen +Liebe dieser genialen Puppenspielern zu Glück. Ihr hat nur das Leben des +Geistes Wert; sie nützt alle Register, sie läßt alle Weltstimmen +erbrausen, um die Symphonie der sinngemäßen Läuterung, des +Verbundenseins mit dem Himmel des Guten und Schönen, der uns väterlich +überwölbt, begnadet und erlöst, laut und sichtbar werden zu lassen. Es +liegt an der Stumpfheit, daß die Menschen nicht immer so gesehen werden, +wie sie der Lagerlöf erscheinen; sie sind edel, betrachtet man ihr +Wichtigstes, entkleidet aller Nebensächlichkeiten! Der großen Schwedin +Kraft und unwiderstehliche Beredsamkeit lassen jubelnd erkennend ins +Gefüge des Ganzen, des Letzten sehen. Sie setzt menschliche Seelen in +Handlung. Stets ist es der gleiche Geist, Gottes Geist, der ihr Geist +ist, der sich die Vielfalt der Körper baut! Sie formt nicht von außen +nach innen, nicht vom »Realen« zum »Romantischen«; sie formt von innerst +heraus. Ihre Gestalten sind Vollwesen, nicht Hirngespinste, Vollwesen, +geschaffen von subtilster Psychologie, geschaffen von höherer +Psychologie, als sie die größte Hirnarbeit jemals zutage zu fördern +vermag. Sie glaubt dem Wunder, weil das Wunder in ihr ist! Ihr Ich ist +legendäre Anschauung der Seele! Ihre Psychologie ist nicht schürfend, +sie ist da mit der Selbstverständlichkeit der Schöpfung. Untrennbar sind +ihr Erfindung und Tatsache verwoben. »Ich muß sterben« wird zum »Ich +darf sterben«, der Tauf- oder Hochzeitszug trifft den Leichenzug, der +wieder Tauf- und ewiger Hochzeitszug ist. Die Menschen sehen mit den +»Augen der Seele«, durch sie, daß das »Glück der Einbildung« ihr Bestes +ist, daß es nichts Schöneres gibt als das Leben, das nicht schwer und +traurig, sondern: »wunderschön« ist, lebt und versteht man es richtig! +Alles Häßliche wird ihr zum vergänglichen Entwicklungsstück, alles +Bittere ist überwindbar. Alle »Großen« sind Kinder, und alle Kinder sind +»groß«. Sie zwingt die Sehnsüchte, mitzudichten, und sie folgen ihr +freudig, weil sie überirdische Erfüllung durch sie finden. Zeitlos ist +die Dichtung der Lagerlöf, sie wandelt die Wege der Ewigkeit. Alles +Grenzende, Einengende fällt. Immer leidet das Hohe, immer leidet die +Liebe, immer leiden Mann und Weib und Eltern und Kinder, arm und reich, +doch es ist nur scheinbar; kaum steht die Lagerlöf neben ihnen, so sinkt +das Niedere, gleich »kriegen« sie sich, gleich ist Hilfe, sind Verzeihen +und Begreifen jedes Wollens da, gleich verschenkt der Reiche sein Gut, +um wahrhaft reich zu sein, gleich singt der Arme, weil er schon lange +wahrhaft reich ist. Mann und Weib sind der Lagerlöf immer dieselben! +»Sie« ist die reine Magd, blond, keusch, stolz, hochgewachsen, +helläugig, zu jeder Erlöserarbeit bereit, mag sie erst auch noch so +hohl, selbstisch und kokett gewesen sein, nie ruft das Schicksal sie +vergeblich zur Ordnung! Der Lagerlöf Frauengestalten sind mit der vollen +Reinheit, mit der verschwiegensten Sehnsucht, der unberührten, ewigen +Jungfräulichkeit gebildet! »Er« ist wild, trotzig, verwegen, untreu aus +gierig suchender Treue, aufbegehrend in der Tollpatschigkeit seines +Geschlechtes gegen die letzten Fragen, die er durch die Frau, die ihn +erlöst, erkennt. »Er« ist ein Weihnachtsmann, wie die liebenswerten +Kavaliere in »Gösta Berling« wie Gösta Berling selbst, hoch, traurig und +verliebt, kindlich, schön, ritterlich, und immer hat er »Locken« über +der »bleichen« Stirn. Er ist immer ein Stück Jesus Christus in +Verkleidung; »sie« ist immer ein Stück Gottesmutter! Der Lagerlöf +Religion ist die Religion aller Religionen; sie predigt unentwegt, ohne +Predigt, des Dichtens Axiom: kein Mensch ist ganz verdorben! Sie ist die +Toleranz selbst, die auch die wütendsten Gegner versöhnt. +Kirchengläubigen und Sozialist! Die Lagerlöf kann nicht verstehen, warum +zwischen diesen, überhaupt zwischen den Gegenpolen, zugegeben, daß sie +bestehen, Feindschaft sein soll. Sie sind doch beide nötig; sie sind +doch beide nur Handwerker des Ewigen? Sie heißen einmal Christ und +Antichrist, vielleicht ist einmal der eine ein bißchen mehr weiß und der +andere ein bißchen mehr schwarz. Du lieber Gott! sie wollen aber doch, +bloß auf verschiedene Weise, das gleiche: das Glück, die Ruhe des +Herzens! Der Lagerlöf ist’s kein Unterschied, ob die heidnischen Bilder, +ob die Heiligenbilder ins Leben herauf- oder hinuntersteigen; sie wirken +Gutes. Musik erklingt, das Chaos legt sich, alle, die bangten, weinten, +schluchzten und sich in Schmerzen wanden, beginnen zu lächeln! Die Welt +wird immer am Ende schön, heldenhaft, edel, und was das Schönste und +Edelste daran ist (ich verwende absichtlich die abgebrauchten +»unphilosophischen« Worte, die der Lagerlöf Echtheit so völlig der +Phrase entkleidet!): die Skeptischen werden besiegt, sie erkennen: wir +sind so, wenn auch leider nur für Augenblicke der Erhebung, wie uns die +Lagerlöf sieht oder selbstherrlich-demütig sehen will. Was in den +geheimsten Ecken des Ichs nistet, mag man’s nun Sentimentalität, +Familienblattgier, Kindischkeit, Leiermannrührung, Kinoseligkeit, +Kolportagegift oder wie immer nennen, das alles und noch viel mehr +regiert diese Frau souverän, völlig unbekümmert um die Entsetzensschreie +Ängstlicher, Bedenkenüberfüllter, zum Sieg. Die große Kunst der +Lagerlöf, die Inbrunst ihrer dichterischen Überredung, vermag alle +geheimen und wilden Schößlinge des Seelenbesitzes zu einer Blüte von +berauschender Fülle und Seltenheit zu treiben und zu binden. Dieser +Zusammenraffung alles Vorhandenen im Stofflichen entspricht die +Verwendung aller Darstellungsmittel. Die Technik der Lagerlöf ist, wie +der Inhalt des Gegebenen, nie Selbstzweck; beides ist Handwerkszeug, um +immer wieder den Gralsschein der Seele leuchten zu lassen. Die Lagerlöf +ist dramatisch und episch, modern, historisch und unmodern; sie +beherrscht den Dialog gleich wie die Schilderung, sie geht, wenn’s ihr +paßt, Schrittlein für Schrittlein, sie überspringt, wenn’s ihr nötig +erscheint, jeden Abgrund, sie pinselt und strichelt hin und her, sie +legt mit einem oder zwei Sätzen jeden Charakter, mag er noch so +kompliziert sein, hin. Sie findet manchmal schwer den Schritt, sie +spitzt mit geistvoller Schärfe die menschliche »Tendenz« in einen Satz. +Ihr ist nichts unmöglich, weil der erlösenden Liebe alles möglich ist! +Sie hat zu viel geschrieben und doch viel zu wenig, sie malt fast immer +die Schönheiten ihrer schwedischen Heimat, doch der Polarstern ihres +Einfühlvermögens steht über der ganzen Welt; der Stern wandert mit dem +Erlöser der Schwere! Sie ist durch und durch germanisch, doch sie dankt +dem größten Slawen, Dostojewski, das meiste! Ihre Seele ist die +schwedische Volksseele in ihrer tiefgründigen Verspieltheit, doch ihr +gehört die Welt, deren gesamte Pracht sie in sich trägt. Sie ist die +liebreichste Mutter, ohne Mutter zu sein, sie bildet die Sagen und +Märchen ihrer Heimat; es sind die allgemein gültigen, auch in unseren +Tagen in jedes Menschen Leben im letzten Sinne sich stets wiederholenden +Sagen und Märchen aller Menschen, die Sehnsucht tragen und den Himmel +suchen. Sie ist naiv und aufs äußerste raffiniert; sie ist +Unterhaltungsschriftstellerin mit der Weltanschauung und dem Können der +reifsten Kunst; sie ist die reinste Seele, die seit Goethe und Hölderlin +am Werke war! Sie ist Künstlerin, weil sie ein großer Mensch ist! Sie +löst das Rätsel, das sich unablässig in ihren Werken löst, die zum +bedeutendsten Besitze dessen gehören, was das Menschengeschlecht, zu +seiner Erderlösung, hienieden aufzubauen vermag. Sie ist die lebendige, +wirkende Summe des Göttlichen, das sich zu höchst lobt, dadurch, daß es +unverlöschbar in der Menschheit, in deren Besten, brennt! Sie ist die +Lagerlöf. + +_Frohnau_ i. d. Mark + +_Walter von Molo_ + + + + + +Der Luftballon + + +Vater und die Knaben sitzen an einem regnerischen Oktoberabend in einem +Kupee dritter Klasse, auf der Fahrt nach Stockholm. Vater ist auf seiner +Bank allein. Die Knaben sitzen ihm gegenüber, eng aneinander geschmiegt, +und lesen einen Roman von Jules Verne, der den Titel führt: Sechs Wochen +im Luftballon. Das Buch ist sehr abgegriffen. Die Knaben können es fast +auswendig und haben endlose Diskussionen darüber geführt, aber sie lesen +es immer wieder mit demselben Vergnügen, sie haben alles vergessen, um +den kühnen Luftschiffern quer über Afrika zu folgen, und sie erheben nur +selten den Blick vom Buche, um die schwedischen Landschaften zu +betrachten, die sie durchfahren. + +Die Knaben sehen einander sehr ähnlich. Sie sind von gleicher Größe, +gleich gekleidet – in graue Überröcke und blaue Schulmützen –, sie haben +alle beide große träumerische Augen und kleine Stumpfnasen. Sie sind +immer gut Freund, gehen immer miteinander, kümmern sich nicht um andre +Kinder und sprechen immer von Erfindungen und Entdeckungsfahrten. Der +Begabung nach sind sie recht verschieden geartet. Lennart, der ältere, +der dreizehn Jahre zählt, kommt in der Schule schwer vorwärts, und er +kann kaum in irgendeinem Gegenstande mit seiner Klasse Schritt halten. +Dafür ist er aber sehr geschickt und unternehmungslustig. Er will +Erfinder werden und beschäftigt sich beständig damit, eine Flugmaschine +zu konstruieren. Hugo ist ein Jahr jünger als Lennart, aber er begreift +leichter und ist schon in derselben Klasse wie der Bruder. Auch er +interessiert sich nicht besonders für das Lernen, hingegen ist er ein +großer Sportsmann. Skiläufer, Radfahrer und Eisläufer. Wenn er erwachsen +ist, will er auf Entdeckungsreisen gehen. Sobald Lennarts Flugmaschine +fertig ist, wird Hugo damit ausfliegen, um zu entdecken, was von der +Welt noch zu entdecken übrig ist. + +Vater ist ein großgewachsener Mann mit eingesunkner Brust, fahlem +Gesicht und schmalen, schönen Händen. Er ist nachlässig gekleidet. Seine +Hemdbrust ist zerknittert, der Rockaufhänger guckt am Halse hervor, die +Weste ist schief geknöpft, und die Strümpfe sind herabgerutscht. Er +trägt das Haar so lang, daß es auf den Rockkragen hängt, dies jedoch +nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Geschmack und Gewohnheit. + +Vater stammt aus einem alten Spielmannsgeschlecht, weit her aus dem +Bauernland, und er hat als sein besondres Erbteil zwei starke Anlagen +mitbekommen. Die eine Anlage ist eine große musikalische Begabung, und +sie trat als erstes zutage. Er besuchte die Akademie in Stockholm, +studierte dann ein paar Jahre im Ausland und machte in diesen +Studienjahren so glänzende Fortschritte, daß er selbst und seine Lehrer +erwarteten, es würde ein großer, weltberühmter Violinspieler aus ihm +werden. Er hätte sicherlich Talent genug gehabt, dieses Ziel zu +erreichen, aber es fehlte ihm an Kraft und Ausdauer. Er konnte sich +draußen in der Welt keine Stellung erkämpfen, sondern kam gar bald heim +und nahm einen Organistenposten in einer Provinzstadt an. Anfangs +schämte er sich wohl, daß er allen den in ihn gesetzten Erwartungen +nicht entsprochen hatte; aber er empfand es auch angenehm, einen sichern +Lebensunterhalt zu haben und nicht mehr die Barmherzigkeit fremder Leute +in Anspruch nehmen zu müssen. + +Kurz nachdem er die Stelle bekommen hatte, heiratete er; und einige +Jahre lang war er mit seinem Lose ganz zufrieden. Er hatte ein schönes +kleines Heim, eine frohe und glückliche Frau und zwei kleine Jungen, und +er war der Liebling der ganzen Stadt, überall gesucht und gefeiert. Aber +dann war eine Zeit gekommen, wo dies alles ihn nicht mehr zu befriedigen +schien. Er sehnte sich danach, noch einmal in die Welt hinauszuziehen +und sein Glück zu versuchen, doch fühlte er sich verpflichtet, daheim zu +bleiben, weil er nun Weib und Kind hatte. + +Vor allem war es die Frau, die ihn überredet hatte, von dieser Reise +abzustehen. Sie glaubte, daß es ihm nicht besser glücken werde als das +erstemal. Sie meinte, sie seien so glücklich, daß er nichts andres zu +erstreben brauche. Damit beging sie sicher einen Fehler, aber sie mußte +ihn auch schwer genug büßen; denn von der Zeit an kam der zweite +Familienzug bei dem Manne zum Vorschein. Da er seine Sehnsucht nach Ruhm +und Erfolg nicht stillen konnte, suchte er sich mit dem Trinken zu +trösten. + +Und es ging ihm nun so, wie es den Menschen aus seiner Familie zu gehen +pflegte: er trank ohne Besinnung und ohne Maß und kam binnen kurzem ganz +herunter. Er wurde allmählich ein ganz andrer Mensch als zuvor. Er war +nicht mehr liebenswürdig und einnehmend, sondern böse und hart. Und das +größte Unglück war, daß er einen furchtbaren Haß gegen seine Frau faßte +und sie in jeder möglichen Weise quälte, wenn er betrunken war – und +auch sonst. + +Die Knaben hatten also kein gutes Heim gehabt, und ihre Kindheit wäre +sehr unglücklich gewesen, hätten sie sich nicht eine kleine Welt für +sich selbst geschaffen, voll von Maschinenmodellen, Entdeckungsplänen +und Abenteuerbüchern. Die einzige, die zuweilen einen Blick in diese +Welt werfen durfte, war Mutter. Vater hatte nicht einmal eine Ahnung, +daß sie existierte; und auch jetzt vermag er mit den Knaben über nichts +zu sprechen, was sie interessiert. Er stört sie einmal ums andre, wenn +er fragt, ob es nicht schön wäre, Stockholm kennenzulernen, und ob sie +sich nicht freuten, mit Vater zu reisen, und dergleichen mehr. Sie +antworten sehr kurz, um sich augenblicklich wieder in das Buch zu +vertiefen. Vater jedoch fragt weiter. Er glaubt, daß die Knaben von +seiner Liebenswürdigkeit sehr entzückt sein müßten und nur zu schüchtern +wären, es zu zeigen. + +»Die haben zu lange an Mutters Schürzenband gehangen,« denkt er. »Sie +sind ängstlich und zimperlich geworden. Das wird jetzt anders werden, +wenn sie in meine Hand kommen.« + +Aber Vater täuscht sich. Daß die Knaben ihm so kurze Antworten geben, +kommt nicht von der Schüchternheit, sondern bedeutet nur, daß sie +wohlerzogen sind und ihn nicht verletzen wollen. Wenn es nicht so wäre, +würden sie ganz anders antworten. »Warum sollten wir es schön finden, +mit Vater zu reisen?« würden sie dann sagen. »Vater glaubt freilich, +etwas ganz Besondres zu sein, aber wir sehen ja, daß er nur ein +verkommner Schwächling ist. Und warum sollten wir uns darauf freuen, +Stockholm kennenzulernen? Wir wissen sehr gut, daß Vater uns nicht +mitgenommen hat, um uns eine Freude zu machen, sondern nur, um Mutter zu +kränken.« + +Es wäre klüger, wenn Vater die Knaben lesen ließe, ohne sie zu stören. +Sie sind niedergeschlagen und ängstlich, und es reizt sie, daß er so +guter Laune ist. »Nur weil er weiß, daß Mutter daheim sitzt und weint, +ist er heute so vergnügt,« flüstern sie einander zu. + +Vaters Fragen bringen es schließlich dahin, daß die Knaben nicht mehr +lesen, obgleich sie noch immer über das Buch gebeugt dasitzen. Anstatt +dessen beginnen ihre Gedanken mit großer Bitterkeit um alles zu kreisen, +was sie um Vaters willen haben leiden müssen. + +Sie erinnern sich, wie sich Vater einmal am hellichten Tage betrunken +hatte und über die Straße getorkelt kam, von einer Menge Schuljungen +verfolgt, die ihn ausspotteten. Sie rufen sich zurück, wie die andern +Jungen sie gehänselt und ihnen Spitznamen gegeben haben, weil sie einen +Vater hatten, der trank. + +Sie haben sich für Vater schämen müssen, sie mußten seinetwegen in +beständiger Angst leben; und sowie sie irgendeinen Spaß hatten, ist er +dazwischen gekommen und hat ihnen das Vergnügen verdorben. Es ist kein +kleines Sündenregister, das sie da aufstellen. Die Knaben sind sehr +sanftmütig und geduldig, aber sie fühlen einen Groll in sich aufsteigen, +der stärker und stärker wird. + +Er hätte doch begreifen müssen, daß sie ihm die große Enttäuschung nicht +verzeihen konnten, die er ihnen gestern bereitet hatte. Das war doch das +Ärgste, was er ihnen noch angetan hatte. + +Die Sache war nämlich die, daß die Mutter der Knaben sich im vorigen +Frühling entschlossen hatte, sich von deren Vater zu trennen. Mehrere +Jahre lang hatte der Mann sie auf jede erdenkliche Art verfolgt und +gepeinigt, doch sie hatte sich nicht von ihm trennen wollen, sondern war +bei ihm geblieben, damit er nicht völlig verkomme. Aber jetzt endlich +wollte sie es um der Knaben willen tun. Sie hatte beobachtet, daß der +Vater sie unglücklich machte; und sie meinte, sie müsse sie diesem Elend +entziehen und ihnen ein gutes, friedliches Heim schaffen. + +Als das Frühlingssemester zu Ende war, hatte sie die Knaben aufs Land zu +ihren Eltern geschickt und war selbst ins Ausland gereist, um so aufs +einfachste die Scheidung zu erlangen. Es war ihr freilich nicht recht +gewesen, daß es dadurch den Anschein gewann, als ob die Ehe durch ihr +Verschulden gelöst würde; aber dem hatte sie sich unterwerfen müssen. +Noch weniger zufrieden war sie damit, daß die Knaben vom Gerichte dem +Vater zugesprochen wurden, weil sie eine entlaufene Ehefrau wäre. Sie +tröstete sich freilich damit, daß er unmöglich die Absicht haben könnte, +die Kinder zu behalten; aber sie hatte doch keine rechte Ruhe mehr. + +Sobald die Scheidung durchgeführt war, war sie zurückgekommen und hatte +eine Wohnung gemietet, in der sie mit den Knaben leben wollte. Erst vor +zwei Tagen hatte sie alles fertig gehabt, so daß die Knaben zu ihr +übersiedeln konnten. Es war der glücklichste Tag, den die Kinder noch +erlebt hatten. Die ganze Wohnung bestand aus einem großen Zimmer und +einer großen Küche, aber alles war neu und fein, und Mutter hatte es so +außerordentlich behaglich eingerichtet. Das Zimmer sollte Mutter und +ihnen tagsüber als Arbeitsraum dienen, und nachts sollten die Knaben da +schlafen. Die Küche war sehr niedlich und hell. Da würden sie essen. Und +in einem kleinen Verschlag hinter der Küche hatte Mutter ihr Bett. + +Mutter hatte ihnen gesagt, daß sie sehr arm sein würden. Sie hatte eine +Stelle als Gesanglehrerin an der Mädchenschule bekommen; aber dies war +auch alles: davon mußten sie leben. Sie waren nicht in der Lage, sich +ein Dienstmädchen zu halten, sondern mußten sich allein helfen. Die +Knaben waren über das Ganze in hellstem Entzücken; vor allem darüber, +daß sie mit angreifen durften. Sie erboten sich, Holz und Wasser zu +tragen. Sie wollten die Schuhe putzen und die Betten machen. Es war ein +rechter Spaß, sich das alles auszudenken. + +Eine Kammer war da, wo Lennart alle seine Maschinen aufheben konnte. Er +selbst sollte den Schlüssel dazu haben, und kein andrer als Hugo und er +sollten sie je betreten dürfen. + +Aber nur einen einzigen Tag durften die Knaben bei Mutter glücklich +sein. Dann hatte ihnen Vater die Freude verdorben, wie er es stets getan +hatte, solange sie sich zurückerinnern konnten. Mutter hatte ihnen +erzählt, sie habe gehört, daß Vater eine Erbschaft von einigen tausend +Kronen gemacht hätte; er habe seine Stellung gekündigt und wolle nun +nach Stockholm ziehen. Mutter und sie hatten sich sehr darüber gefreut, +daß er die Stadt verließ, so daß sie ihm nicht mehr auf der Straße zu +begegnen brauchten. Aber dann war einer von Vaters Freunden mit der +Botschaft zu Mutter gekommen, daß Vater die Knaben nach Stockholm +mitnehmen wolle. + +Mutter hatte geweint und gefleht, ihre Knaben behalten zu dürfen, aber +Vaters Abgesandter hatte geantwortet, daß Vater fest entschlossen sei, +die Knaben in seine Obhut zu nehmen. Wenn sie nicht gutwillig kämen, +würde er sie durch die Polizei holen lassen. Er sagte, Mutter solle doch +das Scheidungsurteil durchlesen, da stünde es ja deutlich, daß die +Knaben dem Vater gehörten. Und das wußte Mutter ja auch. Das ließ sich +nicht leugnen. + +Vaters Freund hatte viele schöne Dinge gesagt: Vater liebe seine Jungen +und wolle sie deshalb für sich haben ... Aber die Knaben wußten, daß +Vater sie einzig und allein fortschleppte, um Mutter zu quälen. Er hatte +sich das ausgedacht, damit Mutter an der Trennung von ihm keine Freude +hätte. Sie sollte in beständiger Unruhe um die Knaben leben. Das Ganze +war nur Rache und Bosheit. + +Aber Vater hatte seinen Willen durchgesetzt, und hier waren sie nun auf +dem Wege nach Stockholm. Und ihnen gegenüber saß Vater und freute sich, +daß er Mutter unglücklich gemacht hatte. Mit jedem Augenblick, der +verging, wurde ihnen der Gedanke, daß sie bei Vater bleiben und mit ihm +leben müßten, immer widerwärtiger. Waren sie denn völlig in seiner +Gewalt? Gab es keine Rettung? + +Vater hat sich in seine Ecke zurückgelehnt, und nach einem Weilchen +schlummert er ein. Sogleich beginnen die Knaben sehr lebhaft miteinander +zu flüstern. Es wird ihnen nicht schwer, einen Entschluß zu fassen. Den +ganzen Tag haben sie, jeder für sich, nur daran gedacht, durchzubrennen. + +Sie verabreden, sich auf die Plattform schleichen und aus dem Zuge zu +springen, wenn er gerade durch einen großen Wald führe. Dann würden sie +sich an einem versteckten Plätzchen im Wald eine Hütte bauen und dort +allein leben, ohne sich irgendeinem Menschen zu zeigen. + +Während die Knaben diese Pläne schmieden, bleibt der Zug an einer +Station stehen, und eine Bäuerin, die ein kleines Kind an der Hand +führt, steigt in das Kupee. Sie ist schwarz gekleidet, trägt ein +Kopftuch und sieht gut und freundlich aus. Sie zieht dem Kleinen das +Überröckchen aus, das vom Regen naß geworden ist, und wickelt ihn in +einen Schal. Dann zieht sie ihm die Schuhe ab, trocknet die kalten +Füßchen, sucht aus einem Bündel Strümpfe und Schuhe hervor und legt sie +ihm an. Schließlich steckt sie ihm ein Bonbon zu und legt ihn auf die +Bank, den Kopf auf ihrem Schoße, damit er einschlafe. + +Bald wirft der eine, bald der andre Knabe einen Blick auf die Bäuerin, +die sich mit ihrem Kinde beschäftigt. Diese Blicke werden immer +häufiger, und plötzlich haben die Knaben, beide zugleich, Tränen in den +Augen. Nun sehen sie nicht mehr auf, sondern halten die Augen hartnäckig +niedergeschlagen. + +Es ist, als wäre zugleich mit der Bäuerin noch jemand anders, der für +alle, außer für die Knaben, unsichtbar und unmerkbar ist, in den Wagen +gekommen. Und dieser andre ist – Mutter. Die Knaben haben das Gefühl, +daß sie gekommen sei und sich zwischen sie gesetzt und ihre Hände +ergriffen habe, wie sie es noch gestern abend tat, als es sich +entschied, daß sie reisen müßten; und sie spricht ebenso zu ihnen wie +damals: »Ihr müßt mir versprechen, daß ihr Vater meinetwegen nicht gram +sein werdet. Vater hat es mir nie verzeihen können, daß ich ihn +gehindert habe, fortzureisen. Er meint, daß es meine Schuld sei, wenn +nichts aus ihm geworden ist, und wenn er trinkt. Er kann mich nie genug +strafen. Aber ihr dürft ihm deshalb nicht böse sein. Da ihr jetzt mit +Vater leben sollt, müßt ihr mir versprechen, gut gegen ihn zu sein. Ihr +dürft ihn nicht reizen, ihr müßt auf ihn achten, so gut ihr könnt. Das +müßt ihr mir versprechen; sonst weiß ich gar nicht, wie ich euch ziehen +lassen soll.« + +Und die Knaben hatten es versprochen. + +»Ihr dürft euch nicht von Vater fortschleichen! Versprecht mir das!« +hatte Mutter gesagt. + +Das hatten sie auch versprochen. + +Die Knaben sind zuverlässig, und in demselben Augenblick, wo sie daran +denken, daß sie Mutter dieses Versprechen gegeben haben, lassen sie alle +Fluchtgedanken fahren. Vater schläft noch immer, aber sie bleiben +geduldig auf ihren Plätzen sitzen. Mit verdoppeltem Eifer fangen sie +wieder zu lesen an, und ihr Freund, der gute Jules Verne, führt sie bald +aus ihren Sorgen in die Wunderwelt Afrikas. + + * * * * * + +Weit draußen in der Södervorstadt hatte Vater zwei Zimmer zu ebner Erde +gemietet, mit der Aussicht in einen engen Hof. Die Wohnung ist schon +lange in Gebrauch, sie ist von einer Familie auf die andre übergegangen, +ohne je instand gesetzt zu werden. Die Tapeten haben eine Unmenge Risse +und Flecken, die Decken sind verrußt, ein paar Fensterscheiben sind +zerbrochen, und der Küchenboden ist so ausgetreten, daß er ganz holprig +geworden ist. Ein paar Dienstmänner haben die Möbel vom Bahnhof geholt, +sie in die Zimmer getragen und sie da kunterbunt stehenlassen. Vater und +Knaben sind jetzt dabei, auszupacken. Vater steht mit hocherhobener Axt +da, um eine Kiste zu öffnen. Die Knaben packen aus einer andern Kiste +Glas und Porzellan und stellen es in den Wandschrank. Sie sind geschickt +und arbeiten eifrig, aber Vater hört nicht auf, sie zur Vorsicht zu +mahnen, und verbietet ihnen, mehr als ein Glas oder einen Teller auf +einmal zu tragen. Inzwischen geht es mit Vaters eigner Arbeit nicht +recht vorwärts. Seine Hände sind zittrig und kraftlos, und er ist schon +ganz schweißbedeckt, ohne den Deckel von der Kiste losbekommen zu +können. Er legt die Axt nieder, geht um die Kiste herum und fragt sich, +ob sie vielleicht verkehrt stehe. Da nimmt einer der Knaben die Axt und +fängt an, sie anzustemmen, doch Vater stößt ihn fort. Lennart werde doch +nicht glauben, daß er den Deckel aufbringen könne, wenn Vater selbst es +nicht zustande bringe? »Nur ein geübter Arbeiter kann diese Kiste +öffnen,« sagt Vater und nimmt Hut und Rock, um den Hausknecht zu holen. + +Kaum ist Vater zur Türe hinaus, als ihm etwas einfällt. Er begreift +plötzlich, warum er keine Kraft in den Händen hat. Es ist noch früh am +Vormittag, und er hat nichts zu sich genommen, was das Blut in Umlauf +bringt. Wenn er in ein Café ginge und einen Kognak tränke, dann würde er +seine Kraft wiederfinden und könnte sich ohne fremde Unterstützung +behelfen. Das ist viel besser, als den Hausknecht zu holen. + +Vater geht also auf die Straße, um ein Café zu suchen. Als er in die +kleine Hofwohnung zurückkehrt, ist es acht Uhr abends. + +In Vaters Jugend, als er noch auf die Akademie ging, hatte er in der +Södervorstadt gewohnt. Er war damals Mitglied eines Doppelquartetts +gewesen, das hauptsächlich aus Kontoristen und kleinen Kaufleuten +bestand und in einem Keller in der Nähe von Mosebacke seine +Zusammenkünfte abzuhalten pflegte. Vater hatte nun Lust bekommen, +nachzusehen, ob dieser kleine Keller noch existiere. Er war wirklich +noch da, und Vater hatte das Glück gehabt, ein paar von den alten +Freunden zu treffen, die da saßen und frühstückten. Sie hatten ihn mit +größter Freude begrüßt, ihn zum Frühstück eingeladen und seine Ankunft +in Stockholm auf die herzlichste Weise gefeiert. Als die Mahlzeit +schließlich beendet war, hatte Vater heimgehen wollen, um seine Möbel +auszupacken; doch die Freunde hatten ihn überredet, zu bleiben und mit +ihnen zu Mittag zu essen. Und dies hatte sich so lange hinausgezogen, +daß Vater nicht vor acht Uhr nach Hause gekommen war. Und es hatte ihn +keine geringe Überwindung gekostet, sich zu so früher Stunde von der +lustigen Gesellschaft loszureißen. + +Als Vater heimkommt, sitzen die Knaben in der Dunkelheit, denn sie haben +kein Zündholz. Vater hat ein Zündholzschächtelchen in der Tasche, und +als er ein kleines Kerzenstümpfchen angezündet hat, das glücklicherweise +mitgekommen ist, sieht er, daß die Knaben erhitzt und verstaubt sind, +aber munter und vergnügt und augenscheinlich sehr zufrieden mit ihrem +Tag. + +In den Stübchen stehen die Möbel geordnet, die Kisten sind fortgeräumt, +Stroh und Papierschnitzel fortgekehrt. Hugo macht gerade im ersten +Zimmer die Betten für die Knaben. Das zweite Zimmer soll Vaters +Schlafstube sein, und da steht sein Bett, mit so viel Sorgfalt gemacht, +wie er sich’s nur wünschen kann. + +Jetzt geht mit Vater ein eigentümlicher Umschwung vor. Als er heimkam, +war er mit sich selbst unzufrieden gewesen, weil er sich von der Arbeit +davongemacht und die Knaben ohne Speise und Trank zurückgelassen hatte. +Aber jetzt, wo er sieht, daß sie guter Laune sind, und daß ihnen nichts +abzugehen scheint, bereut er es, daß er ihrethalben seine Freunde +verlassen hat; er wird reizbar und streitsüchtig. + +Er sieht wohl, daß die Knaben stolz auf alle die Arbeit sind, die sie +geleistet haben, und daß sie erwarten, von ihm gelobt zu werden; aber +dazu ist er gar nicht geneigt. Er fragt vielmehr, wer dagewesen sei und +ihnen geholfen habe, und bittet sie, sich gefälligst zu merken, daß man +in Stockholm nichts geschenkt bekomme und der Hausknecht für alles, was +er täte, bezahlt werden müsse. Die Knaben antworten, daß sie keine Hilfe +in Anspruch genommen, sondern alles allein gemacht hätten, aber er hört +nicht auf, zu zanken. Es sei unrecht von ihnen gewesen, die große Kiste +zu öffnen. Sie hätten sich dabei etwas zuleide tun können. Er hätte +ihnen doch verboten, sie zu öffnen. Sie hätten jetzt ihm zu gehorchen. +Er sei für sie verantwortlich. + +Er nimmt die Kerze, geht in die Küche und leuchtet in die Schränke. Der +kleine Vorrat an Glas und Porzellan ist in guter Ordnung auf den +Brettern aufgestellt. + +Er prüft alles haargenau, um Anlaß zu weiterem Tadel zu finden. + +Plötzlich erblickt Vater ein paar Überreste des Abendbrots der Knaben +und beginnt sogleich zu zanken, weil sie Huhn gegessen haben. Woher sie +sich das verschafft hätten? Ob sie wie die Prinzen zu leben gedächten? +Ob sie sein Geld hinauswürfen, um Hühner zu essen? + +Dann fällt ihm ein, daß er ihnen ja kein Geld zurückgelassen hat. Er +fragt, ob sie das Huhn gestohlen hätten, und gerät ganz außer sich. + +Er spricht und ermahnt, zankt und tost, aber jetzt bekommt er von den +Knaben keine Antwort. Sie wollen ihm nicht sagen, woher sie das Huhn +haben, sondern lassen ihn austoben. Und er hält ganze Reden, ganze +Predigten, er erschöpft seine letzten Kräfte. Schließlich bittet und +bettelt er. + +»Ich beschwöre euch, sagt mir die Wahrheit! Ich will euch alles +verzeihen, was ihr auch begangen haben mögt, wenn ihr mir nur die +Wahrheit sagt.« + +Jetzt können es die Knaben nicht länger aushalten. Vater hört einen +prustenden Laut. Sie werfen die Decken ab und setzen sich auf, und er +merkt, daß sie vor unterdrücktem Lachen ganz rot im Gesicht sind. Und +während sie jetzt ungezügelt herauslachen, sagt Lennart, von beständigem +Kichern unterbrochen: »Mutter hat uns doch ein Hühnchen in den Eßkorb +gelegt, den sie uns auf die Reise mitgegeben hat.« + +Vater richtet sich auf, sieht die Knaben an, will sprechen, findet aber +keine passenden Worte. Er richtet sich noch majestätischer empor, sieht +sie mit tiefster Verachtung an und geht ohne weiteres auf sein Zimmer. + + * * * * * + +Vater hatte jetzt herausgebracht, wie geschickt die Knaben sind, und er +benützt dies, um ein Dienstmädchen zu ersparen. Morgens schickt er +Lennart in die Küche und läßt ihn Kaffee kochen, während Hugo den +Frühstückstisch deckt und Brot vom Bäcker holt. Nach dem Frühstück setzt +Vater sich auf einen Stuhl und sieht zu, wie die Knaben die Betten +machen, die Zimmer kehren und die Öfen heizen. Er gibt unaufhörlich +Befehle und kommandiert sie von einer Arbeit zur andern, nur um seine +Macht zu zeigen. Wenn das Morgenaufräumen vorüber ist, geht er aus und +bleibt den ganzen Vormittag weg. Das Mittagessen läßt er aus einer +benachbarten Kochschule holen. Dann läßt Vater die Knaben für den Abend +allein und verlangt von ihnen nichts andres, als daß sein Bett gemacht +sei, wenn er heimkommt. + +Die Knaben sind so fast den ganzen Tag allein und können sich +beschäftigen, womit sie wollen. + +Eine ihrer wichtigsten Arbeiten besteht darin, an Mutter zu schreiben. +Sie bekommen von ihr jeden Tag einen Brief, und sie schickt ihnen Papier +und Marken, damit sie ihr antworten können. + +Mutters Briefe enthalten hauptsächlich Ermahnungen, artig gegen Vater zu +sein. Sie schreibt immer, wie liebenswert Vater gewesen sei, als sie ihn +kennenlernte, und sie erzählt ihnen, wie hochstrebend und arbeitsam er +im Anfang seiner Laufbahn gewesen sei. Sie sollten zärtlich und +liebevoll gegen ihn sein. Sie dürften nie vergessen, wie unglücklich er +wäre. + +»Wenn Ihr so recht gut gegen Vater seid, dann hat er vielleicht Mitleid +mit Euch und läßt Euch wieder nach Hause zu mir kommen,« schreibt +Mutter. + +Mutter erzählt, daß sie beim Pfarrer und beim Bürgermeister gewesen sei, +um zu fragen, ob es nicht möglich wäre, die Knaben wieder zu bekommen. +Aber alle beide hätten ihr gesagt, daß es keinen Ausweg gebe. Die Knaben +müßten bei ihrem Vater bleiben. Mutter wolle gern nach Stockholm +übersiedeln, um ihre Jungen wenigstens ab und zu sehen zu können, aber +alle Menschen rieten ihr, sich zu gedulden und noch zu warten. Sie +glaubten, daß Vater die Knaben bald satt bekommen und sie wieder +heimschicken werde. Mutter wisse nicht recht, was sie tun solle. +Einerseits finde sie es schrecklich, daß ihre Knaben in Stockholm ohne +irgend jemand lebten, der sich ihrer annehme; und andrerseits wisse sie: +wenn sie ihr Heim verließe und ihre Anstellung aufgäbe, könnte sie sie +nicht bei sich aufnehmen und versorgen, falls sie frei würden. Aber zu +Weihnachten werde Mutter auf jeden Fall nach Stockholm kommen und nach +ihnen sehen. + +Die Knaben schreiben und erzählen, was sie den ganzen Tag tun, Stunde +für Stunde. Sie lassen Mutter wissen, daß sie Vater das Essen holen und +ihm das Bett machen. Sie begreift, daß sie sich bemühen, ihr zuliebe gut +gegen ihn zu sein, aber sie merkt, daß sie ihn nicht besser leiden +können als früher. + +Ihre kleinen Jungen scheinen immer einsam zu sein. Sie wohnen in einer +großen Stadt, wo es von Menschen wimmelt, aber niemand fragt nach ihnen, +niemand beachtet sie. Und vielleicht ist es noch am besten so. Wer weiß, +in was sie hineingeraten könnten, wenn sie irgendwelche Bekanntschaften +machten! + +Sie bitten sie immer, sich ihrethalben keine Sorgen zu machen. Sie +würden sich schon durchschlagen. Sie erzählen, daß sie sich die Strümpfe +stopfen und die Knöpfe annähen. Sie deuten auch an, daß Lennart mit +seiner Erfindung sehr weit gekommen sei, und sagen, daß alles gut sein +werde, sowie die fertig wäre. + +Aber Mutter lebt in beständiger Angst. Tag und Nacht sind ihre Gedanken +bei den Knaben. Tag und Nacht betet sie zu Gott, er möge über ihre +kleinen Söhne wachen, die einsam in einer großen Stadt leben, ohne +irgend jemand, der ihre Augen gegen die Lockungen der Verderbnis schützt +und ihre jungen Herzen vor der Lust zum Bösen bewahrt. + + * * * * * + +Vater und die Knaben sitzen eines Vormittags in der Oper. Einer von +Vaters früheren Kollegen, der der Hofkapelle angehört, hat ihn +eingeladen, der Probe zu einem Symphoniekonzert beizuwohnen, und Vater +hat die Knaben mitgenommen. Als das Orchester einsetzt und das Haus von +den Tonwellen erfüllt wird, gerät Vater in so heftige Bewegung, daß er +sich nicht beherrschen kann, sondern zu weinen anfängt. Er schluchzt, +schneuzt sich geräuschvoll und stöhnt einmal um das andere auf. Er legt +sich gar keinen Zwang mehr an, sondern wird so laut, daß die Spielenden +gestört werden. Ein Diener kommt und winkt ihm ab, darauf nimmt Vater +die Knaben bei der Hand und schleicht sich ohne ein Wort des +Widerspruchs hinaus, und den ganzen Heimweg hören seine Tränen nicht auf +zu fließen. + +Vater hat die Hände der Knaben in den seinen behalten und geht mit einem +Jungen an jeder Seite einher. Ganz plötzlich fangen auch die Knaben zu +weinen an. Sie verstehen nun zum ersten Male, wie Vater seine Kunst +geliebt hat. Es war entsetzlich für ihn gewesen, versoffen und verkommen +dazusitzen und andre spielen zu hören. Es war ein Jammer, daß er nicht +das geworden war, was er hätte werden sollen. Es war für Vater so, wie +es für Lennart wäre, wenn er seine Flugmaschine nie fertig brächte, oder +für Hugo, wenn er keine Entdeckungsreise machen dürfte. Zu denken, daß +sie einmal als untaugliche Greise dasitzen und sich zu Häupten prächtige +Luftschiffe dahinbrausen sehen sollten, die sie weder erfunden hätten +noch lenken dürften! + + * * * * * + +Die Jungen sitzen eines Vormittags daheim und haben ihre Bücher vor +sich. Vater hat eine Notenrolle unter den Arm genommen und ist +ausgegangen. Er hat etwas davon gemurmelt, daß er eine Musiklektion zu +geben hätte, aber die Knaben haben sich keinen Augenblick einreden +lassen, daß dies die Wahrheit sei. + +Vater ist schlechter Laune, wie er so über die Straße geht. Er hat den +Blick bemerkt, den die Knaben wechselten, als er sagte, daß er zu einer +Musiklektion ginge. »Sie werfen sich zum Richter auf über ihren Vater,« +denkt er. + +»Ich bin zu nachsichtig gegen sie. Ich hätte jedem eine Ohrfeige geben +sollen. Sicherlich hetzt ihre Mutter sie gegen mich auf.« + +»Wie wäre es, wenn ich mich ein wenig nach den Herrchen umsähe?« fährt +er fort. »Es könnte gewiß nichts schaden, sich zu überzeugen, wie sie +ihren Studien obliegen.« + +Er kehrt um, geht rasch durch den Hof, öffnet ganz leise die Türe und +steht in dem Zimmer der Knaben, ohne daß einer von ihnen ihn hätte +kommen hören. Und richtig: die Knaben fahren mit ganz roten Köpfen auf, +und Lennart reißt ängstlich ein Bündel Papiere an sich, das er in die +Schreibtischlade wirft. + +Als die Knaben ein paar Tage in Stockholm waren, da hatten sie gefragt, +in welche Schule sie gehen würden, und Vater hatte geantwortet, mit +ihrem Schulbesuch sei es jetzt aus. Er würde versuchen, einen Meister zu +finden, der sie in die Lehre nehmen wollte. Dies hatte er jedoch nie ins +Werk gesetzt, und die Knaben hatten auch nicht weiter von ihrem +Schulbesuch gesprochen. Doch nach kaum einer Woche hing in dem Zimmer +der Knaben ein Stundenplan an der Wand. Schulbücher wurden +hervorgesucht, und jeden Vormittag saßen die Knaben an einem alten +Schreibtisch und machten Aufgaben. Es war offenbar: sie hatten einen +Brief von Mutter bekommen, der sie ermahnte, auf eigne Faust zu +arbeiten, um nicht alles zu vergessen, was sie gelernt hätten. + +Als Vater jetzt so unerwartet zu ihnen hereinkommt, geht er zuerst hin +und studiert den Stundenplan. Er zieht seine Uhr heraus und vergleicht. +Mittwoch von zehn bis elf: Geographie. Dann kommt er an den Tisch heran. +»Hättet ihr in dieser Stunde nicht eigentlich Geographie?« fragt er. – +»Ja,« antworten die Knaben, flammend rot im Gesicht. – »Aber wo habt ihr +das Geographiebuch und den Atlas?« – Die Knaben werfen einen Blick auf +das Bücherbrett und sehen tödlich verlegen aus. »Wir haben noch nicht +angefangen,« sagt Lennart. – »So, so,« sagt Vater. »Ihr habt wohl etwas +andres vor.« Und er richtet sich ganz vergnügt auf. Er hat jetzt die +Oberhand, und die will er behalten, bis er die Knaben gründlich an die +Wand gedrückt hat. + +Die beiden Knaben schweigen. Seit dem Tage, da sie mit Vater in die Oper +gingen, haben sie Mitleid mit ihm, und es hat ihnen nicht soviel +Überwindung gekostet wie früher, artig gegen ihn zu sein. Aber natürlich +haben sie keinen Augenblick daran gedacht, Vater ins Vertrauen zu +ziehen. Er ist in ihrem Ansehen nicht gestiegen, wenn er ihnen auch leid +tut. + +»Habt ihr einen Brief geschrieben?« fragt Vater mit seiner strengsten +Stimme. – »Nein,« rufen die beiden Knaben wie aus einem Munde. – »Was +habt ihr denn getan?« – »Wir haben nur geplaudert.« – »Das ist nicht +wahr! Ich habe gesehen, wie Lennart etwas in die Schreibtischlade +gesteckt hat.« – Jetzt schweigen die beiden Knaben wieder. – »Nehmt es +heraus!« ruft Vater, rot vor Zorn. Er glaubt, daß die Söhne an seine +Frau geschrieben hätten; und da sie ihm den Brief nicht zeigen wollten, +stünde natürlich etwas Häßliches über ihn darin. Die Knaben rühren sich +nicht, und Vater hebt die Hand, um nach Lennart zu schlagen, der vor der +Schublade sitzt. – »Rühr’ ihn nicht an!« ruft Hugo. »Wir haben nur über +etwas gesprochen, was Lennart sich ausgedacht hat.« + +Hugo schiebt Lennart weg, reißt die Lade auf und zieht einen Bogen +Papier hervor, der mit Luftschiffen in den wunderlichsten Formen +vollgekleckst ist. »Lennart hat sich heute nacht ein neues Segel für +sein Luftschiff ausgedacht. Und darüber haben wir gesprochen.« + +Vater will ihm nicht glauben. Er beugt sich hinunter, durchsucht die +Lade, findet aber nichts andres als Bogen Papier, bedeckt mit +Zeichnungen, die Luftballons, Fallschirme, Flugmaschinen und alles andre +vorstellen, was zur Luftschiffahrt gehört. + +Zum größten Staunen der Knaben schleudert Vater dies alles nicht gleich +fort, er lacht auch nicht über ihre Versuche, sondern er betrachtet +Blatt für Blatt genau. Vater hat nämlich auch ein wenig Anlage zur +Mechanik; und er hat sich einstmals, als sein Hirn noch zu etwas taugte, +für solche Dinge interessiert. Bald beginnt er Fragen nach dem Zweck von +diesem und jenem zu stellen; und da seine Worte verraten, daß er großen +Anteil nimmt und das, was er sieht, versteht, bekämpft Lennart seine +Verlegenheit und antwortet ihm zuerst zögernd, doch allmählich mit immer +größerer Bereitwilligkeit. + +Bald sind Vater und die Kinder in eine tiefsinnige Diskussion über +Luftschiffe und Flugmaschinen vertieft. Nachdem sie so recht in Zug +gekommen sind, plaudern die Knaben unbefangen und teilen Vater alle ihre +Pläne und Träume mit. Und wenn Vater auch begreift, daß die Knaben mit +den Luftschiffen, die sie jetzt konstruieren, nicht weit fliegen können, +imponiert ihm die ganze Sache doch. Seine kleinen Söhne sprechen von +Aluminiummotoren, Äroplanen und Gleichgewichtslagen wie von den +selbstverständlichsten Dingen. Er hat sie für rechte Dummköpfe gehalten, +weil sie in der Schule nicht gut vorwärts kamen. Jetzt scheint es ihm +mit einem Male, daß sie ein paar kleine Gelehrte seien. + +Und hochfliegende Gedanken und Hoffnungen, – das versteht Vater besser +als irgend jemand. Er erkennt es wieder: er hat selbst so geträumt und +hat durchaus keine Lust, über solche Träume zu lachen. + +An diesem Vormittag geht Vater nicht mehr aus, sondern bleibt sitzen und +plaudert mit seinen Knaben, bis es Zeit ist, das Mittagessen zu holen +und den Tisch zu decken. Und da sind Vater und die Knaben zu ihrer +großen Überraschung richtig gute Freunde. + + * * * * * + +Es ist elf Uhr abends, und Vater taumelt durch die Straßen. Die kleinen +Jungen gehen neben ihm. Sie haben ihn im Wirtshaus gesucht und haben +sich dicht an die Tür gestellt, ohne ein Wort zu sagen. Vater saß allein +an einem Tisch, einen großen dunkeln Toddy vor sich, und hörte einer +Damenkapelle zu, die am andern Ende des Zimmers spielte. Nach einem +Weilchen war er unwillig aufgestanden und zu den Knaben hingegangen. +»Was soll das heißen?« hatte er gefragt. »Warum kommt ihr hierher?« – +»Du solltest doch nach Hause kommen, Vater,« sagten die Knaben. »Es ist +doch der fünfte Dezember. Du hast ja versprochen – – –« + +Da hat sich Vater erinnert, daß Lennart ihm anvertraut hatte, heute sei +Hugos Geburtstag, und daß er versprochen hätte, beizeiten nach Hause zu +kommen. Aber das hatte er ganz vergessen. Hugo erwartete sich wohl ein +Geburtstagsgeschenk von ihm, aber er hatte nicht daran gedacht, eins zu +besorgen. + +Auf jeden Fall ist er mit den Knaben gegangen, und nun wandert er, +unzufrieden mit ihnen und mit sich selbst, die Straße entlang. Als er +heimkommt, steht der Geburtstagstisch gedeckt. Die Knaben haben es +festlich machen wollen. Lennart hat Kuchen gebacken, die jetzt ein paar +Stunden alt sind und wie Lappen aussehen. Sie haben von Mutter ein +bißchen Geld bekommen, und dafür haben sie Nüsse, Mandeln und eine +Flasche Himbeersaft gekauft. + +Alle diese Herrlichkeiten haben sie nicht allein genießen wollen, +sondern haben gewartet, daß Vater heimkomme und sie mit ihnen teile. +Nachdem sie sich nun mit Vater befreundet haben, können sie ein so +großes Fest nicht ohne ihn feiern. Vater versteht das schon. Es +schmeichelt ihm, daß sie sich nach ihm gesehnt haben, und in leidlich +guter Laune läßt er sich an dem Tisch nieder. Aber halb betrunken, wie +er ist, strauchelt er, als er Platz nehmen will, er hält sich an der +Tischdecke fest, fällt zu Boden und zieht alle Herrlichkeiten mit. Als +er wieder aufsteht, sieht er, wie der Himbeersaft über den Boden strömt +und Backwerk und Konfekt zwischen Scherben von Porzellan und Glas +verstreut liegen. + +Vater wirft einen Blick auf die langen Gesichter der Knaben, läuft zur +Türe hinaus und kommt nicht vor dem Morgengrauen heim. + + * * * * * + +An einem Vormittag im Februar gehen die Knaben mit Schlittschuhen über +der Schulter durch die Straße. Sie sind nicht recht dieselben. Sie sind +mager und blaß geworden und sehen ungepflegt und nachlässig aus. Ihr +Haar ist nicht geschnitten, sie sind nicht ordentlich gewaschen, und +Strümpfe und Schuhe zeigen Löcher. Wenn sie miteinander sprechen, +brauchen sie eine Menge Gassenjungenausdrücke, und es kommt auch vor, +daß ein Fluch über ihre Lippen gleitet. + +Es ist ein Umschwung bei den Knaben eingetreten, und dies schreibt sich +von dem Abend her, an dem Vater vergaß, heimzukommen und Hugos +Geburtstag zu feiern. Es war, als hätte sie bis dahin doch die Hoffnung +aufrecht erhalten, daß eine baldige Änderung in ihrem Schicksal +eintreten würde. In der ersten Zeit hatten sie darauf gerechnet, daß +Vater ihrer bald müde werden und sie wieder heimschicken würde. Dann +hatten sie sich eingebildet, Vater würde sie liebgewinnen und um +ihretwillen zu trinken aufhören. Ja, sie hatten sich gedacht, daß Mutter +und er sich versöhnen könnten, und daß sie alle glücklich sein würden. +Aber an jenem Abend wurde es ihnen klar, daß dies alles unmöglich war. +Vater konnte nichts andres lieben als das Saufen. Wenn er auch ab und zu +einmal gut gegen sie war, so machte er sich doch eigentlich nichts aus +ihnen. + +Und eine schwere Hoffnungslosigkeit bemächtigte sich der Knaben. Nichts +könnte je anders werden. Sie würden nie von Vater loskommen. Sie hatten +das Gefühl, als wären sie verurteilt, ihr ganzes Leben lang in einem +dunkeln Gefängnis eingeschlossen zu sitzen. + +Nicht einmal ihre großen Pläne konnten sie trösten. Festgekettet, wie +sie hier saßen, könnten sie die ja nie zur Ausführung bringen. Da sie ja +doch nicht einmal etwas lernen durften ...! Sie kannten die Geschichte +der großen Männer gut genug, um zu wissen, daß jeder, der etwas +Bedeutendes leisten will, vor allem Kenntnisse braucht. + +Der härteste Schlag aber war gewesen, daß Mutter zu Weihnachten nicht zu +ihnen gekommen war. Zu Anfang des Dezembers war sie auf der Treppe +gefallen und hatte sich ein Bein gebrochen, so daß sie während der +Weihnachtsferien im Krankenhaus liegen mußte und nicht nach Stockholm +reisen konnte. Jetzt war Mutter wohl auf, aber jetzt hatte auch ihre +Schule wieder begonnen. Überdies hatte sie kein Geld zur Reise. Alles, +was sie zusammengespart hatte, war während ihrer Krankheit +draufgegangen. + +Die Knaben fühlten sich von der ganzen Welt verlassen. Es war ganz klar, +daß es ihnen nie besser gehen würde, wie sehr sie sich auch anstrengten; +und darum hatten sie so allmählich aufgehört, sich mit dem zu plagen, +was ihnen langweilig schien. Sie konnten ja ebensogut etwas tun, was +ihnen Spaß machte. + +Manchmal betteten sie ihre Betten tagelang nicht auf, und sie hörten +ganz auf, die Zimmer zu kehren. Es kam ja auf eins heraus. Es besuchte +sie ja doch niemand, um nachzusehen, wie es ihnen ginge. + +Vater kam immer tiefer herunter. Er versuchte manchmal, sich +aufzurütteln und die Knaben zur Ordnung anzuhalten, aber das waren nur +ohnmächtige Anläufe. Er vergaß seine Befehle ebenso rasch, wie er sie +gegeben hatte. + +Die Knaben hatten auch angefangen, die Vormittagsarbeit zu +vernachlässigen. Niemand hörte ihnen die Aufgaben ab; und da hatte es ja +keinen Zweck, daß sie lernten. Es war jetzt seit ein paar Tagen gutes +Eis; so machten sie sich lieber Ferien und liefen Schlittschuh, solang +es Tag war. Auf dem Eise gab es auch immer eine Menge andre Jungen, und +sie hatten mit mehreren Bekanntschaft gemacht, die auch lieber +Schlittschuh liefen als daheim saßen und lernten. + +Heute nun ist ein so wunderschöner Tag, daß sie unmöglich im Zimmer +bleiben können. Es sind nur ein paar Grad Kälte, – stille, hohe Luft und +klarer Sonnenschein. Es ist so herrliches Wetter, daß die Schulen +Eislaufferien gegeben haben. Die ganze Straße ist voll von Kindern, die +daheim waren, um ihre Schlittschuhe zu holen, und jetzt dem Eise +zueilen. + +Wie die Knaben so unter den andern Kindern einhergehen, sehen sie sehr +ernst und schwermütig aus. Kein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Ihr +Unglück ist so groß, daß sie es keinen Augenblick vergessen können. + +Als sie aufs Eis kommen, herrscht dort Leben und Bewegung. Das Ufer ist +von einer dichten Menschenmenge umsäumt, weiter draußen schwirren die +Schlittschuhläufer durcheinander wie Ameisen, deren Haufen beschädigt +worden ist; noch weiter weg sieht man einzelne schwarze Punkte, die in +blitzschneller Fahrt dahingleiten. + +Die Knaben schnallen die Schlittschuhe an und mischen sich unter die +übrigen Läufer. Sie laufen sehr gut; und wie sie so in voller Fahrt über +das Eis schießen, bekommen ihre Wangen Farbe und die Augen Glanz, doch +nicht eine Minute sehen sie froh und sorglos aus wie andre Kinder. + +Auf einmal, als sie gerade eine Wendung zum Ufer machen, erblicken sie +etwas sehr Schönes. Ein großer Luftballon kommt aus der Richtung von +Stockholm und treibt zur Ostsee hin. Er ist rot und gelb gestreift; und +als die Sonne darauf fällt, leuchtet er wie eine Feuerkugel. Die Gondel +ist mit einer Menge bunter Fähnchen geschmückt, und da der Ballon nicht +sehr hoch fliegt, ist das lebhafte Farbenspiel sehr gut zu sehen. + +Als die Knaben den Ballon erblicken, stoßen sie einen Freudenschrei aus. +Es ist das erstemal in ihrem Leben, daß sie einen großen Ballon durch +die Luft segeln sehen. Er ist viel schöner, als sie ihn sich vorgestellt +haben. Alle die Träume und Pläne, die in so vielen schweren Tagen ihr +Trost und ihre Freude waren, tauchen wieder auf, da sie ihn erblicken. +Sie bleiben stehen, um zu sehen, wie die Stricke und Leinen befestigt +sind, sie bemerken den Anker und die Sandsäcke an der Gondelkante. + +Der Ballon streicht mit scharfer Geschwindigkeit über die vereiste +Bucht. Alle Schlittschuhläufer, groß und klein durcheinander, stürzen +ihm lachend und rufend entgegen, als er sich zeigt, und eilen ihm dann +nach. Sie folgen ihm in einer langen geschwungenen Linie, wie ein +ungeheures Schlepptau. Und die Luftschiffer vergnügen sich damit, eine +Menge Papierchen in verschiedenen Farben auszuwerfen, die langsam durch +die blaue Luft flattern. + +Die Knaben sind die vordersten in der langen Reihe, die dem Ballon +nachjagt. Sie eilen voran, den Kopf zurückgeworfen, den Blick nach oben +gerichtet. Zum ersten Male, seit sie von ihrer Mutter getrennt sind, +strahlen ihre Augen von Glück. Sie sind ganz außer sich vor Entzücken +über das Luftschiff und denken an nichts anderes, als ihm solange zu +folgen wie nur möglich. + +Doch der Ballon treibt rasch dahin, und man muß schon ein guter Läufer +sein, um nicht zurückzubleiben. Die Schar, die ihm nachjagt, lichtet +sich, aber an der Spitze deren, die die Verfolgung fortsetzen, sind die +kleinen Knaben. Sie sind so eifrig, daß man auf sie aufmerksam wird. +Später sagten die Leute, es sei etwas eignes über ihnen gewesen. Sie +lachten nicht, sie riefen nicht, aber es ruhte ein Glanz der +Hingerissenheit auf ihren emporgewandten Gesichtern, als sähen sie eine +Vision. + +Der Ballon wirkt auf die Kleinen auch fast so wie ein himmlischer +Wegweiser, der käme, sie auf den rechten Pfad zurückzuführen und sie zu +lehren, ihn mit frischem Mut zu gehen. Wie die Knaben ihn erblicken, +schwellen ihre Herzen vor Sehnsucht danach, wieder an der großen +Erfindung zu arbeiten. Sie sind wieder gewiß, daß es ihnen gelingen +wird. Wenn sie nur ausharren, werden sie sich schon zum Siege +durchringen. Und der Tag wird kommen, da sie ihr eignes Luftschiff +besteigen und in den Raum hinaufschweben werden. Ja, eines Tages werden +sie dort oben hoch über den Menschen fliegen. Und ihr Luftschiff wird +weit vollkommener sein als dieses, das sie jetzt sehen. Es wird sich +lenken und drehen, senken und heben lassen, wird gegen den Wind und ohne +Wind gehen. Es wird sie durch Tage und Nächte tragen, wohin sie nur +wollen. Sie werden sich auf den höchsten Berggipfeln niederlassen, die +ödesten Wüsten durchfahren, die am schwersten zugänglichen Gegenden +erforschen. Sie werden alle Herrlichkeit der Welt sehen. + +»Wir dürfen es nicht aufgeben, Hugo,« sagt Lennart. »Es wird prächtig +sein, wenn wir nur fertig werden.« + +Vater und sein Unglück, – das ist etwas, was sie gar nichts mehr angeht. +Wer ein so großes Ziel hat wie sie, kann sich wohl nicht von etwas +Erbärmlichem hindern lassen. + +Je weiter der Ballon kommt, desto größer wird seine Geschwindigkeit. Die +Schlittschuhläufer haben nun aufgehört, ihn zu verfolgen. Die einzigen, +die die Jagd fortsetzen, sind die kleinen Knaben. Sie eilen so rasch und +leicht dahin, als hätten sie Flügel an den Füßen. + +Plötzlich entringt sich den Menschen, die auf dem Lande stehen und weit +über die Bucht schauen können, ein Schrei des Entsetzens und der Angst. +Sie sehen, wie der Ballon, noch immer von den zwei Kindern verfolgt, dem +offenen Fahrwasser zugleitet. + +»Draußen ist offenes Wasser! Offenes Wasser!« So rufen die Menschen. + +Die Schlittschuhläufer unten auf dem Eise hören die Rufe und wenden ihre +Blicke der Mündung der Bucht zu. Sie sehen, daß weit draußen ein +Streifen Wasser in der Sonne glitzert. Sie sehen auch, daß zwei kleine +Knaben gerade auf diesen Streifen zulaufen, den sie nicht bemerken, weil +sie die Augen auf den Ballon geheftet haben, ohne sie auch nur einen +Moment zur Erde zu wenden. + +Man ruft mit aller Macht, man stampft auf das Eis, Schnelläufer eilen +dahin, sie aufzuhalten. Aber die Kleinen merken nichts von alledem, wie +sie so dem Luftschiff nachjagen. Sie wissen nicht, daß sie die einzigen +sind, die es verfolgen: sie hören keine Rufe hinter sich, sie vernehmen +nicht das Wogen und Brausen des offenen Wassers vor sich. Sie sehen nur +den Ballon, der sie gleichsam mitzieht. Schon fühlt Lennart, wie sein +eignes Luftschiff sich unter ihm erhebt, und Hugo schwebt über den +geheimnisvollen Gegenden des Nordpols dahin. + +Die Leute auf dem Eise und am Strande sehen, wie rasch sich die Knaben +dem offenen Wasser nähern. Ein paar Augenblicke herrscht eine so +atemlose Spannung, daß sie weder rufen noch ein Glied rühren können. Es +liegt wie eine Verzauberung über den beiden Kindern, die in ihrem wilden +Dahinstürmen nichts merken, die dem Tode zueilen, einer strahlenden +Himmelserscheinung nach. + +Die Luftschiffer oben im Ballon haben nun auch die kleinen Knaben +bemerkt. Sie sehen, daß sie in Gefahr sind, sie schreien ihnen zu und +machen warnende Gebärden, aber die Knaben verstehen sie nicht. Als sie +sehen, daß die Luftschiffer ihnen Zeichen machen, glauben sie, jene +wollten sie in die Gondel hinaufnehmen. Sie strecken die Arme zu ihnen +empor, überglücklich in der Hoffnung, ihnen durch den strahlenden Raum +folgen zu dürfen. + +In diesem Augenblick haben die Knaben den Wasserrand erreicht, mit +emporgewendeten, freudestrahlenden Gesichtern und aufgehobenen Armen +gleiten sie ins Meer und verschwinden ohne einen Hilferuf. Die +Schlittschuhläufer, die versucht haben, sie einzuholen, stehen ein paar +Sekunden später an der Eiskante, aber die Strömung hat die Körper unter +das Eis gezogen, und keine helfende Hand kann sie erreichen. + + + + + +Herrn Arnes Schatz + +Im Pfarrhofe von Solberga + +1 + +Zur Zeit, als König Friedrich II. von Dänemark Bohuslän regierte +[1559-1588], wohnte in Marstrand ein armer Fischkrämer, der Torarin +hieß. Er war ein schwacher und geringer Mann, sein einer Arm war lahm, +so daß er weder zur Fischerei noch zum Rudern taugte. Er konnte seinen +Unterhalt nicht auf der See verdienen wie die anderen Inselbewohner, +sondern er zog umher und verkaufte eingesalzene und getrocknete Fische +an die Leute auf dem Festlande. Er war nicht viele Tage des Jahres +daheim, er zog immer von Dorf zu Dorf mit seinem Fischwagen. + +An einem Februartage, als die Dämmerung hereinbrach, kam Torarin den Weg +gefahren, der von Kunghäll nach dem Kirchspiel Solberga führte. Es war +ganz einsam und menschenleer auf dem Wege, aber Torarin brauchte sich +darum nicht Schweigen aufzuerlegen. Er hatte neben sich auf der Fuhre +einen verläßlichen Freund, mit dem er Zwiesprach pflegen konnte. Das war +ein kleiner schwarzer Hund mit buschigem Fell, den Torarin Grim nannte. +Er lag meistenteils still da, den Kopf zwischen die Beine geklemmt, und +blinzelte nur zu allem, was sein Herr sagte. Aber wenn er etwas zu hören +bekam, was ihm nicht behagte, dann stellte er sich auf der Fuhre auf, +streckte die Schnauze in die Luft und heulte ärger als ein Wolf. + +»Nun will ich dir erzählen, Grim, mein Hund,« sagte Torarin, »daß ich +heute große Neuigkeiten gehört habe. Sowohl in Kunghäll als in Kareby +sagten sie mir, daß das Meer zugefroren sei. Es ist nun eine Zeitlang +ruhiges schönes Wetter gewesen, das weißt du ja am besten, der du alle +Tage draußen gewesen bist, und das Meer soll nicht nur in den Buchten +und Sunden zugefroren sein, sondern weit hinaus ins Kattegat. Es gibt +jetzt zwischen den Schären keinen Weg für Boote und Schiffe, da ist +überall nur starkes hartes Eis, und man kann nun mit Schlitten und Pferd +bis hinaus nach Marstrand und zur Paternosterschäre fahren.« + +Alles dies hörte der Hund, und es schien ihm nicht zu mißfallen. Er lag +still da und blinzelte Torarin an. + +»Wir haben nicht mehr sonderlich viel Fische hier auf der Fuhre übrig,« +sagte Torarin gleichsam überredend. »Was würdest du nun dazu sagen, wenn +wir bei der nächsten Wegscheide einbögen und nach Westen zum Meere +führen? Wir fahren an der Solberger Kirche vorbei und hinunter nach +Ödmalsskil, und dann glaube ich nicht, daß es viel mehr als fünfviertel +Meilen Wegs nach Marstrand sind. Es wäre doch eine schöne Sache, einmal +heimkommen zu können, ohne Boot oder Fähre zu benutzen.« + +Sie fuhren über die lange Karebyer Heide, und obgleich den ganzen Tag +ruhiges Wetter gewesen war, kam jetzt ein kalter Lufthauch über die +Heide gestrichen und machte die Fahrt unbehaglich. + +»Es mag weichlich aussehen, daß wir so mitten in der besten Arbeitszeit +heimfahren,« sagte Torarin und schlug der Kälte wegen mit den Armen um +sich. »Aber wir sind nun doch viele Wochen unterwegs gewesen, du und +ich, und können es gut brauchen, ein paar Tage daheim zu sitzen und die +Kälte aus dem Körper auszutreiben.« + +Da der Hund noch immer still dalag, schien Torarin seiner Sache sicherer +zu werden, und er fuhr in zuversichtlicherem Tone fort: + +»Nun hat Mutter viele, viele Tage einsam daheim in der Hütte gesessen. +Sie sehnt sich wohl danach, uns wiederzusehen. Und in Marstrand geht es +nun im Winter hoch her. Straßen und Gäßchen, Grim, sind voll von fremden +Fischern und Kaufleuten. In den Seeschuppen gibt es jeden Abend Tanz. +Und das viele Bier, das in den Schenken fließt! Das kannst du dir gar +nicht denken.« + +Als Torarin dies sagte, beugte er sich zu dem Hunde hinab, um zu sehen, +ob er auf das hörte, was er zu ihm sprach. + +Aber da der Hund ganz wach dalag und kein Zeichen des Mißvergnügens gab, +bog Torarin in den ersten Weg ein, der nach Westen zum Meere führte. Er +knallte mit der Peitsche und ließ das Pferd rasch traben. + +»Da wir am Solberger Pfarrhof vorbeikommen,« sagte Torarin, »werde ich +wohl dort vorsprechen und fragen, ob es sicher ist, daß das Eis bis nach +Marstrand trägt. Dort müssen sie wohl darüber Bescheid wissen.« + +Torarin hatte dies mit leiser Stimme gesagt, ohne daran zu denken, ob +der Hund ihn hörte oder nicht. Aber kaum waren die Worte gesprochen, als +der Hund sich auf der Fuhre aufstellte und ein entsetzliches Geheul +ausstieß. + +Das Pferd machte einen Sprung zur Seite, und auch Torarin erschrak und +drehte sich um, um zu sehen, ob ihm Wölfe nachjagten. Aber als er +merkte, daß es Grim war, der so heulte, versuchte er ihn zu beruhigen. + +»Lieber,« sagte er zu ihm, »wie viele Male sind wir, du und ich, im +Pfarrhof von Solberga eingekehrt. Ich kann ja nicht sagen, ob Herr Arne +weiß, wie es mit dem Eise steht, aber das weiß ich sicher, daß er uns +ein gutes Abendbrot vorsetzt, ehe wir unsere Seereise antreten.« + +Doch seine Worte vermochten den Hund nicht zu beschwichtigen. Er +richtete die Schnauze empor und heulte immer furchtbarer. + +Da fehlte nicht viel, daß es Torarin unheimlich zumute geworden wäre. Es +war nun beinahe dunkel geworden, aber Torarin konnte doch die Kirche von +Solberga sehen und die weite Ebene ringsherum, die nach der Landseite +von breiten bewaldeten Höhen geschützt dalag, und von runden nackten +Felsenklippen nach dem Meere zu. Wie er da ganz mutterseelenallein über +die weite weiße Ebene fuhr, kam er sich wie ein ganz geringes und +kleines Gewürm vor, aber von den dunklen Wäldern und den öden +Felsenklippen rückten große Ungeheuer und Trolle aller Art an, die sich +nach Anbruch der Dunkelheit hinaus ins Land wagten. Und auf der ganzen +Ebene gab es sonst niemand, auf den sie sich stürzen konnten, als den +armen Torarin. + +Aber zu gleicher Zeit versuchte er den Hund zu beruhigen. + +»Lieber, was hast du gegen Herrn Arne? Er ist der reichste Mann im +Lande. Er ist aus hohem Geschlecht, und wäre er nicht Geistlicher, so +würde er ein mächtiger Anführer geworden sein.« + +Aber damit konnte er den Hund nicht zum Schweigen bringen. Da riß +Torarin die Geduld, so daß er den Hund beim Nackenfell packte und ihn +vom Wagen hinunterwarf. + +Der Hund lief ihm nicht nach, als er weiter fuhr, sondern blieb auf dem +Wege stehen und heulte, bis Torarin durch ein dunkles Tor einfuhr und in +den Hof des Pfarrhauses kam, der von vier langen niedrigen Holzbauten +eingeschlossen wurde. + + +2 + +Im Pfarrhof von Solberga saß der Pfarrer, Herr Arne, und aß sein +Abendbrot im Kreise aller seiner Hausgenossen. Es war kein Fremder +zugegen außer Torarin. + +Der Pfarrer war ein alter, weißhaariger Mann, aber er war doch noch +kräftig und hoch. Er hatte seine Gattin neben sich sitzen. Ihr hatten +die Jahre übel mitgespielt. Ihr Kopf und ihre Hände zitterten, und sie +war beinahe taub. An Herrn Arnes anderer Seite saß der Hilfspfarrer. Er +war jung und bleich und hatte ein bekümmertes Aussehen, so als ob er +alle die Gelehrsamkeit nicht tragen könnte, die er während seines +Studienjahres in Wittenberg eingesammelt hatte. + +Diese drei saßen zu oberst am Tische, gleichsam ein wenig für sich. Nach +ihnen kam Torarin, und dann die Diener. Diese waren auch alte Leute. Da +waren drei Knechte, sie hatten Kahlköpfe, ihre Rücken waren gebeugt, und +die Augen zwinkerten und tränten. Der Mägde waren nicht mehr als zwei. +Sie waren etwas jünger und rüstiger als die Knechte, aber sie schienen +doch hinfällig und voller Altersgebresten. + +Am allerweitesten unten am Tische saßen zwei Kinder. Das eine war Herrn +Arnes Sohnestochter, sie zählte nicht mehr als vierzehn Jahre. Sie war +blondhaarig und zartgliedrig, das Gesicht war noch nicht recht fertig, +aber sie sah aus, als würde sie lieblich werden. Sie hatte ein anderes +kleines Jüngferchen neben sich. Das war eine arme vater- und mutterlose +Waise, die immer im Pfarrhof lebte. Die beiden saßen dicht aneinander +geschmiegt auf der Bank, und es hatte den Anschein, als ob große +Freundschaft zwischen ihnen herrschte. + +Alle diese Leute saßen da und aßen im tiefsten Schweigen. Torarin sah +vom einen zum andern, aber keiner hatte Lust, während der Mahlzeit zu +sprechen. Alle die Alten dachten bei sich: Es ist eine große Sache, sein +Essen zu haben und nicht Not leiden oder hungern zu müssen, wie wir es +in unserm Leben oftmals mußten. Während wir essen, dürfen wir an nichts +anderes denken als daran, Gott für seine Güte zu danken. + +Da Torarin niemand hatte, mit dem er reden konnte, wanderten seine +Blicke das Zimmer hinauf und hinab. Er ließ die Augen von dem großen +Ofen, der in vielen Geschossen unten von der Eingangstüre hinaufgemauert +war, zu dem großen Himmelbette schweifen, das in der entferntesten Ecke +des Zimmers stand. Er blickte von den wandfesten Bänken, die rings um +die Stube liefen, hinauf zum Windfang an der Decke, durch den der Rauch +hinauszog und die Winterkälte hereinströmte. + +Als Torarin, der Fischkrämer, der in der kleinsten und ärmlichsten Hütte +der Schären hauste, dies alles sah, dachte er: Wenn ich ein großer Herr +wäre, wie Herr Arne, dann würde ich mich nicht damit begnügen, in einer +uralten Hütte mit einer einzigen Stube zu wohnen. Ich würde mir ein Haus +bauen mit Giebeln und vielen Gemächern, so wie der Bürgermeister und die +Ratsmänner in Marstrand es tun. + +Aber am häufigsten heftete Torarin seine Blicke auf eine große +Eichentruhe, die zu Füßen des Himmelbettes stand. Er sah sie so oft an, +weil er wußte, daß Herr Arne darin all sein Silbergeld verwahrte, und er +hatte gehört, es wäre so viel, daß es die Truhe bis hinauf zum Rande +füllte. + +Und Torarin, der so arm war, daß er fast nie einen Silberling in der +Tasche hatte, sagte zu sich selber: Ich möchte dieses Geld dennoch nicht +haben. Man sagt, Herr Arne hätte es aus den großen Klöstern genommen, +die früher einmal hier im Lande waren, und die alten Mönche hätten +prophezeit, daß dieses Geld ihn ins Unglück stürzen würde. + +Als Torarin eben in diesen Gedanken dasaß, sah er, wie die alte +Hausmutter die Hand an das Ohr hielt, um besser zu hören. Hierauf wandte +sie sich an Herrn Arne und fragte ihn: »Warum schleifen sie Messer auf +Branehög?« + +Es war eine so tiefe Stille im Zimmer, daß alle zusammenzuckten und +erschrocken aufblickten, als die alte Frau dies fragte. Als sie sahen, +daß sie dasaß und auf etwas horchte, hielten sie ihre Milchlöffel still +und strengten sich an, um zu hören. + +Eine Weile war es ganz totenstill in der Stube, aber dabei wurde die +alte Frau immer unruhiger und unruhiger. Sie legte die Hand auf Herrn +Arnes Arm und fragte ihn: »Ich weiß nicht, warum sie heute abend auf +Branehög so lange Messer schleifen?« + +Torarin sah, daß Herr Arne ihr über die Hand strich, um sie zu +beruhigen. Aber er dachte nicht daran, zu antworten, sondern aß ruhig +wie zuvor weiter. + +Die alte Frau saß noch immer da und horchte. Vor Angst traten ihr Tränen +in die Augen, und ihre Hände und ihr Kopf zitterten immer heftiger. + +Da begannen die beiden kleinen Jüngferchen, die am Tischende saßen, vor +Angst zu weinen. + +»Könnt ihr nicht hören, wie es scharrt und kratzt?« fragte die Alte. +»Könnt ihr nicht hören, wie es zischt und knirscht?« + +Herr Arne saß still und streichelte seiner Frau die Hand. Solange er +schwieg, wagte niemand sonst ein Wort zu äußern. + +Aber alle glaubten, daß die alte Hausmutter etwas höre, was entsetzlich +und unheilbringend sei. Alle fühlten, wie das Blut in ihren Adern +erstarrte. Es saß niemand am Tische, der noch einen Bissen zum Munde +führte, außer dem alten Herrn Arne selbst. + +Sie dachten daran, daß die alte Hausmutter es war, die durch viele Jahre +Sorge für das Haus getragen hatte. Sie war immer daheim auf dem Hofe +geblieben und hatte mit Klugheit und Fürsorglichkeit über Kinder und +Gesinde, über Hab und Gut und Viehstand gewacht, so daß alles gedieh. +Nun war sie abgearbeitet und steinalt, aber es war doch gewiß, daß sie +es vor allen anderen merken würde, wenn dem Hofe Gefahr drohte. + +Die alte Frau wurde immer ängstlicher und ängstlicher. Sie faltete die +Hände, und in ihrer Hilflosigkeit begann sie so bitterlich zu weinen, +daß große Tränen über die verschrumpften Wangen rollten. + +»Fragst du gar nicht danach, Arne Arneson, daß mir so bange ist?« klagte +sie. + +Herr Arne beugte sich nun zu ihr hinab und sagte: »Ich weiß nicht, wovor +du dich fürchtest.« + +»Ich fürchte mich vor den langen Messern, die sie auf Branehög +schleifen,« sagte sie. + +»Wie kannst du hören, daß sie auf Branehög Messer schleifen?« sagte Herr +Arne und lachte. »Der Hof liegt ja eine Viertelmeile Wegs von hier. Nimm +nur wieder den Löffel zur Hand und laß uns unser Abendbrot beenden.« + +Die Alte versuchte, ihr Entsetzen zu unterdrücken. Sie nahm den Löffel +und steckte ihn in die Milchschale, aber dabei zitterte ihre Hand so, +daß alle hörten, wie der Löffel an den Rand schlug. Sie legte ihn gleich +zurück. »Wie kann ich essen?« sagte sie. »Höre ich denn nicht, wie es +knirscht? Höre ich denn nicht, wie es feilt?« + +Im selben Augenblicke schob Herr Arne den Milchnapf von sich und faltete +die Hände. Alle anderen taten ein gleiches, und der Hilfsgeistliche +begann das Tischgebet zu sprechen. + +Als dieses beendet war, sah Herr Arne zu denen hinunter, die unten am +Tische saßen, und als er merkte, daß sie bleich und erschrocken +aussahen, wurde er zornig. + +Er fing mit ihnen von den Zeiten zu sprechen an, als er eben nach +Bohuslän gekommen war, um die lutherische Lehre zu predigen. Da hatten +er und seine Diener vor den Päpstlichen fliehen müssen wie gehetzte +wilde Tiere. »Haben wir nicht unsere Feinde im Hinterhalt auf uns lauern +sehen, wenn wir in das Haus Gottes zogen? Waren wir nicht aus dem +Pfarrhof vertrieben, und haben wir nicht gleich Friedlosen in den Wald +ziehen müssen? Steht es uns an, eines bösen Omens wegen den Mut zu +verlieren und zu verzweifeln?« + +Wie Herr Arne so sprach, sah er aus wie ein Recke, und die anderen +faßten frischen Mut, als sie ihn hörten. + +Das ist ja wahr, dachten sie. Gott hat Herrn Arne in den größten +Gefahren beschützt. Er hält seine Hand über ihm. Er läßt seinen Diener +nicht untergehen. + + +3 + +Als Torarin auf die Straße hinausfuhr, kam ihm sein Hund Grim entgegen +und sprang auf die Fuhre hinauf. Als Torarin sah, daß der Hund vor dem +Pfarrhof gewartet hatte, wurde er aufs neue unruhig. »Lieber, warum +stehst du den ganzen Abend hier unterm Tore? Warum gehst du nicht in die +Hütte und läßt dir einen Abendimbiß geben?« sagte er zum Hunde. »Kann +Herrn Arne etwas Böses bevorstehen? Vielleicht habe ich ihn zum +letztenmal gesehen. Aber auch ein solcher Recke wie er muß wohl einmal +sterben. Er ist nun wohl an die neunzig Jahre alt.« + +Er lenkte das Pferd auf einen Weg, der an dem Hofe Branehög vorbei hinab +nach Ödmalsskil führte. + +Als er nach Branehög kam, sah er, daß Schlitten auf dem Hofe standen und +ein Lichtschein durch die verschlossenen Fensterladen drang. + +Da sagte Torarin zu Grim. »Hier sind die Leute noch auf. Ich will +hineinfahren und fragen, ob sie heute abend hier im Hause Messer +geschliffen haben.« + +Er fuhr in den Hof, aber als er die Tür zur Stube öffnete, sah er, daß +darinnen ein Gastmahl abgehalten wurde. Auf den Bänken, den Wänden +entlang, saßen alte Männer und tranken Bier, und auf der Diele gingen +die Jungen umher und spielten und tanzten. + +Torarin sah sogleich, daß hier niemand daran dachte, seine Waffen zu +blutiger Tat zu bereiten. Er schlug die Türe wieder zu und wollte seiner +Wege gehen, aber der Herr des Hauses kam ihm nach. Er bat Torarin, zu +bleiben, da er nun einmal gekommen wäre, und zog ihn mit hinein in die +Stube. + +Torarin saß eine gute Weile in großem Behagen da und plauderte mit den +Bauern. Sie waren sehr aufgeräumt, und Torarin war es zufrieden, sich +alle düsteren Gedanken aus dem Sinne zu schlagen. + +Aber Torarin war nicht der einzige, der an diesem Abend spät zum +Gastmahl kam. Lange nachher traten ein Mann und eine Frau zur Türe +herein. Sie waren dürftig gekleidet, und sie blieben verzagt in der Ecke +zwischen der Tür und dem Herde stehen. + +Der Wirt ging sogleich zu den beiden Gästen hin. Er nahm sie beide bei +der Hand und führte sie hinauf in die Stube. Dann sagte er zu den +übrigen. »Ist es nicht wahr, was man sagt: die, die den kürzesten Weg +haben, kommen am spätesten ans Ziel? Dies sind meine nächsten Nachbarn. +Es gibt keine anderen Ansiedler hier in Branehög, als sie und mich.« + +»Sage lieber gleich, daß es keine gibt außer dir,« sagte der Mann. »Du +kannst mich nicht einen Ansiedler nennen. Ich bin nur ein armer Köhler, +den du auf deinem Boden bauen ließest.« + +Der Mann setzte sich neben Torarin, und sie begannen miteinander zu +sprechen. Der neue Ankömmling erzählte Torarin, warum er so spät zum +Gastmahl käme. Das wäre, weil sie daheim in ihrer Hütte einen Besuch +gehabt hätten, den sie nicht allein zu lassen wagten. Es wären drei +Gerbergesellen, die den ganzen Tag bei ihnen verbracht hätten. Am +Morgen, als sie gekommen wären, wären sie ermattet und krank gewesen. +Sie hätten gesagt, sie seien eine ganze Woche im Walde umhergeirrt. Aber +nachdem sie gegessen und geschlafen hätten, wären sie bald zu Kräften +gekommen, und am Abend hätten sie gefragt, welches Gehöft das reichste +und größte in der Gegend sei. Dorthin wollten sie gehen, um Arbeit zu +suchen. Die Frau hätte ihnen geantwortet, daß der Pfarrhof, wo Herr Arne +wohnte, das ansehnlichste Anwesen wäre. Da hätten sie alsogleich aus +ihren Ränzeln lange Messer gezogen und angefangen, sie zu schleifen. +Dies hätten sie eine gute Weile fortgesetzt, und dabei hätten sie so +wild ausgesehen, daß der Köhler und sein Weib nicht gewagt hätten, das +Haus zu verlassen. »Ich sehe sie noch vor mir, wie sie dasaßen und mit +ihren Messern knirschten,« sagte der Mann. »Sie sahen furchtbar aus, sie +hatten große Bärte, die sie so manchen Tag nicht gestutzt oder gepflegt +hatten, und sie waren in zottige Fellröcke gekleidet, die zerfetzt und +schmutzig waren. Ich glaubte, es seien zwei Werwölfe in die Stube +gekommen. Ich war froh, als sie sich endlich trollten.« + +Als Torarin dies hörte, erzählte er dem Köhler, was er selbst im +Pfarrhof mitgemacht hatte. + +»Also war es doch wahr, daß sie heute abend in Branehög Messer +schliffen,« sagte Torarin und lachte. Er hatte viel getrunken, weil er +so traurig und bedrückt auf den Hof gekommen war. Und so hatte er denn +versuchen müssen, sich zu trösten, so gut er konnte. »Nun bin ich wieder +froh,« sagte er, »da ich jetzt weiß, daß die Pfarrersfrau kein anderes +Vorzeichen gehört hat als ein paar Gerber, die ihre Werkzeuge in Ordnung +brachten.« + + +4 + +Lange nach Mitternacht traten ein paar Männer aus der Stube auf +Branehög, um ihre Pferde anzuschirren und heimzufahren. + +Als sie auf den Hof kamen, sahen sie im Norden eine Feuersbrunst zum +Himmel flackern. Sie eilten sogleich in die Stube zurück und riefen: +»Stehet auf! Stehet auf! Der Pfarrhof von Solberga steht in Flammen!« + +Es waren viele Leute bei dem Gastmahl, und wer ein Pferd hatte, schwang +sich darauf und eilte zum Pfarrhof, aber beinahe ebenso rasch kamen die +ans Ziel, die auf ihren eigenen flinken Füßen hinlaufen mußten. Als die +Leute zum Pfarrhof kamen, schien da kein Mensch auf zu sein, sondern +alle schienen zu schlafen, obgleich das Feuer hoch zum Himmel loderte. + +Aber es war keines der Häuser, das brannte, sondern ein großer Haufen +Reisig und Stroh und Holz, der an der Wand des alten Pfarrhauses +aufgeschichtet war. Er konnte noch nicht lange gebrannt haben. Die +Flammen hatten gerade nur das gute Zimmerholz der Wand geschwärzt und +den Schnee auf dem Strohdache zum Schmelzen gebracht. Jetzt war jedoch +das Stroh des Daches im Begriffe anzubrennen. Alle begriffen sogleich, +daß dies ein Mordbrand war. Sie fingen zu zweifeln an, ob Herr Arne und +seine Hausgenossen wirklich schliefen, oder ob ein Unglück sie getroffen +hätte. + +Aber bevor die Retter in das Haus drangen, wälzten sie mit langen +Stangen den brennenden Scheiterhaufen von der Hauswand fort und +kletterten auf das Dach und rissen das Stroh ab, das zu rauchen begonnen +hatte und nahe daran war, Feuer zu fangen. + +Dann gingen ein paar Männer auf die Haustüre zu, um einzutreten und +Herrn Arne zu wecken, aber als der, der voranging, zur Schwelle kam, +wich er zur Seite und ließ einem den Vortritt, der nach ihm kam. + +Dieser machte einen Schritt vorwärts, aber als er die Hand nach dem +Türgriff ausstrecken wollte, ging er zurück und machte jenen Platz, die +hinter ihm standen. + +Es deuchte sie eine grausige Tür, die da zu öffnen war; denn es kam ein +breiter Blutstrom unter der Schwelle hervorgerieselt, und der Türgriff +war mit Blut besudelt. + +Da ging die Türe vor ihnen auf, und Herrn Arnes Hilfsgeistlicher kam +heraus. Er taumelte auf die Männer zu, er hatte eine tiefe Wunde im +Kopfe und war blutüberströmt. Er stand einen Augenblick aufrecht und +reckte seine Hand empor, um Schweigen zu gebieten. Dann sagte er mit +röchelnder Stimme: + +»In dieser Nacht ist Herr Arne und sein ganzes Haus von drei Männern +ermordet worden, die durch den Windfang des Daches hereingeklettert +kamen und in zottige Felle gehüllt waren. Sie stürzten sich über uns her +wie wilde Tiere und töteten uns.« + +Mehr vermochte er nicht zu sagen. Er fiel vor den Füßen der Männer hin +und war tot. + +Nun traten die Leute in das Haus und fanden alles so, wie der +Hilfspfarrer gesagt hatte. + +Die große Eichentruhe, in der Herr Arne sein Geld verwahrte, war +verschwunden, und Herrn Arnes Pferd war aus dem Stalle genommen, und +sein Schlitten aus dem Schuppen. + +Es führten Schlittenspuren vom Hofe über die Pfarrhofwiesen hinab zum +Meere, und ein Dutzend Männer eilten davon, um die Mörder zu greifen. +Aber die Frauen mühten sich um die Toten und trugen sie aus der +bluttriefenden Stube hinaus in den reinen Schnee. + +Da fand man nicht alle von Herrn Arnes Hausgenossen, sondern einer +fehlte. Es war die arme Jungfrau, die Herr Arne in sein Haus aufgenommen +hatte. Da herrschte große Verwunderung, ob es ihr vielleicht geglückt +wäre, zu entfliehen, oder ob die Räuber sie mitgenommen hätten. + +Aber als sie das ganze Haus genau durchsuchten, fanden sie sie zwischen +dem großen Ofen und der Wand versteckt. Sie hatte sich während des +Kampfes dort verborgen gehalten und war ganz unversehrt. Aber sie war +vom Schrecken so mitgenommen, daß sie nicht Rede noch Antwort stehen +konnte. + + + +Auf den Brücken + +Die arme Jungfrau, die von dem Blutbade verschont geblieben war, hatte +Torarin mit nach Marstrand genommen. Er hatte ein so großes Mitleid für +sie gefaßt, daß er ihr angeboten hatte, in seiner engen Hütte zu wohnen +und Speise und Trank mit ihm und seiner Mutter zu teilen. + +Dies ist das einzige, was ich für Herrn Arne tun kann, dachte Torarin, +zum Lohn für alle die vielen Male, wo er mir meine Fische abgekauft hat +und mich an seinem Tische essen ließ. + +So arm und gering ich auch bin, dachte Torarin, ist es doch besser für +die Jungfrau, daß sie mit mir in die Stadt kommt, als wenn sie hier bei +den Bauern bleibt. In Marstrand gibt es viele reiche Bürger, und die +Jungfrau wird vielleicht bei einem von ihnen einen Dienst finden und so +ihr gutes Auskommen haben. + +In den ersten Tagen, nachdem die Jungfrau zur Stadt gekommen war, saß +sie da und weinte vom Morgen bis zum Abend. Sie jammerte über Herrn Arne +und sein Haus, und sie klagte, weil sie alle verloren hatte, die ihr +nahe standen. Am meisten jedoch wehklagte sie über ihre Milchschwester +und sagte, sie wünschte, sie hätte sich nicht an der Mauer versteckt, so +daß sie ihr in den Tod hätte folgen können. + +Torarins Mutter sagte nichts dazu, solange der Sohn daheim war. Aber als +er wieder seine Fahrt angetreten hatte, sagte sie eines Morgens zu der +Jungfrau: + +»Ich bin nicht so reich, Elsalill, daß ich dir Nahrung und Kleidung +geben kann, damit du hier mit den Händen im Schoße sitzest und deinen +Kummer hütest. Komm du mit mir hinunter auf die Brücken und lerne Fische +reinigen!« + +Da ging Elsalill mit ihr hinunter auf die Brücken und stand den ganzen +Tag unter den anderen Fischerinnen und arbeitete. + +Aber die meisten Frauen auf den Brücken waren jung und frohgemut. Sie +begannen mit Elsalill zu sprechen und fragten sie, warum sie so traurig +und stumm wäre. + +Da begann Elsalill ihnen zu erzählen, was für ein Abenteuer ihr vor +nicht mehr als drei Nächten widerfahren war. Sie erzählte von den drei +Räubern, die durch den Windfang des Daches in die Stube gedrungen waren +und alle gemordet hatten, die ihr im Leben nahe standen. + +Als Elsalill dies erzählte, fiel ein schwarzer Schatten auf den Tisch, +an dem sie stand und arbeitete. Und als sie aufsah, standen vor ihr drei +vornehme Herren, die breite Hüte mit großen Federn trugen und +Samtkleider mit großen Puffen, die mit Seide und Gold bestickt waren. + +Einer von ihnen schien der Vornehmste zu sein. Er war sehr bleich, sein +Bart war geschoren, und die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Es hatte +den Anschein, als wäre er jüngst krank gewesen. Aber sonst sah er aus +wie ein fröhlicher und kühner Kavalier, der auf den besonnten Brücken +umherging, um die Leute seine schönen Kleider und sein schönes Gesicht +sehen zu lassen. + +Elsalill hielt mit der Arbeit und mit der Erzählung inne. Sie stand mit +offenem Munde und aufgerissenen Augen da und betrachtete ihn. Und er +lächelte ihr zu. + +»Wir sind nicht hergekommen, um dich zu erschrecken, Jungfrau,« sagte +er, »und wir bitten dich, daß du auch uns gestattest, deiner Erzählung +zu lauschen.« + +Die arme Elsalill, niemals in ihrem ganzen Leben hatte sie einen solchen +Mann gesehen. Sie vermeinte, vor ihm nicht sprechen zu können. Sie +schwieg nur und sah hinunter auf ihre Arbeit. + +Da begann der Fremde noch einmal: »Sei doch nicht bange, Jungfrau. Wir +sind Schotten, die wohl an die zehn Jahre in den Diensten des Königs +Johann von Schweden gestanden haben, aber jetzt haben wir Urlaub und +wollen heimreisen. Wir sind nach Marstrand gekommen, um eine +Fahrgelegenheit nach Schottland hinüber zu finden, aber als wir +herkamen, lagen alle Sunde und Fjorde gefroren, und hier müssen wir nun +bleiben und warten. Wir haben keinerlei Beschäftigung, und darum +schlendern wir über die Brücken, um Leute zu treffen. Wir wären froh, +Jungfrau, wenn du uns deine Geschichte hören ließest.« + +Elsalill begriff, daß er so lange sprach, um ihr Zeit zu geben, ihre +Fassung wiederzuerlangen. Endlich dachte sie bei sich selber: Du mußt +doch wohl zeigen, daß du nicht zu gering bist, um mit einem hohen Herrn +zu sprechen, Elsalill! Du bist doch eine Jungfrau von guter Geburt, und +keine Fischerdirne! + +»Ich sprach nur von dem großen Blutbade im Pfarrhofe von Solberga,« +sagte Elsalill. »Es sind ihrer so viele, die davon zu erzählen wissen.« + +»Ja,« sagte der Fremde, »aber ich wußte bis jetzt nicht, daß jemand von +Herrn Arnes Leuten mit dem Leben davongekommen ist.« + +Da erzählte Elsalill noch einmal von dem Eindringen der wilden Räuber. +Sie erzählte, wie die alten Knechte sich um Herrn Arne geschart hatten, +um ihn zu schützen, und wie Herr Arne selbst sein Schwert von der Wand +gerissen hatte und auf die Räuber eingedrungen war, die aber hatten sie +alle besiegt. Und die alte Pfarrersfrau hatte das Schwert ihres Mannes +aufgehoben und war auf die Räuber losgegangen, aber sie hatten sie nur +ausgelacht und sie mit einem Holzscheit zu Boden geschlagen. Und alle +die anderen Frauen hatten sich auf die Ofenmauer verkrochen, aber als +die Männer tot waren, kamen die Mörder und rissen sie herunter und +mordeten sie. »Die letzte, die sie töteten,« sagte Elsalill, »war meine +liebe Pflegeschwester. Sie bat so flehentlich um ihr Leben, und zwei von +ihnen wollten es ihr schenken, aber der dritte sagte, alle müßten +sterben, und stach ihr sein Messer ins Herz.« + +Solange Elsalill von Mord und Blut sprach, standen die drei Männer vor +ihr still. Sie tauschten keinen Blick miteinander, aber ihre Ohren +wurden gleichsam lang vom Horchen, und ihre Augen funkelten, und +zuweilen öffneten sich ihre Lippen, so daß die Zahnreihen +hervorleuchteten. + +Elsalill stand da, die Augen voll Tränen, nicht ein einzigesmal sah sie +auf, während sie sprach. Sie sah nicht, daß der Mann vor ihr Augen und +Zähne hatte wie ein Wolf. Erst als sie zu Ende gesprochen hatte, +trocknete sie ihre Tränen und sah zu ihm auf. + +Doch als er Elsalills Augen begegnete, veränderte sich sein Gesicht +alsogleich. + +»Da du die Mörder so gut gesehen hast, Jungfrau,« sagte er, »hättest du +sie wohl sogleich wiedererkannt, wenn du ihnen begegnet wärest?« + +»Hab’ ich sie doch nicht anders gesehen als beim Schein der Kienspäne, +die sie aus dem Herde rissen, um sich beim Morden zu leuchten,« sagte +Elsalill, »aber dennoch würde ich sie mit Gottes Hilfe wohl +wiedererkennen. Und ich bete alle Tage zu Gott, daß ich ihnen begegnen +möchte.« + +»Was meinst du damit, Jungfrau?« fragte der Fremde. »Ist es nicht wahr, +daß die mörderischen Wanderer tot sind?« + +»Ja, das weiß ich wohl,« sagte Elsalill. »Die Bauern, die ihnen +nachjagten, verfolgten ihre Spuren vom Pfarrhofe bis zu einer Wake im +Eise. Bis dorthin sahen sie auf dem blanken Eisspiegel Spuren von +Schlittenkufen, Spuren von Pferdehufen, Fußstapfen von Menschen, die +harte, eisenbeschlagene Schuhe getragen hatten. Aber von der Wake +führten keine Spuren weiter über das Eis, und darum glaubten die Bauern, +daß alle tot wären.« + +»Glaubst du, Elsalill, denn nicht, daß sie tot sind?« fragte der Fremde. + +»Doch, ich glaube wohl, daß sie ertrunken sind,« sagte Elsalill, »und +dennoch bete ich jeden Tag zu Gott, daß sie entronnen sein möchten. Ich +spreche so zu Gott: Laß es so sein, daß sie nur mit Pferd und Schlitten +in die Wacke gefahren, daß sie selbst aber davongekommen sein möchten.« + +»Warum wolltest du das, Elsalill?« fragte der Fremde. + +Das zarte Mägdlein Elsalill, das warf den Kopf zurück, und ihre Augen +leuchteten: »Ich wollte wohl, daß sie lebten, damit ich sie ausfindig +machen und greifen könnte. Ich wollte, daß sie lebten, damit ich ihnen +das Herz aus der Brust reißen könnte. Ich wollte, daß sie lebten, damit +ich ihren Leib in vier Teile zerstückelt auf das Rad geflochten sähe.« + +»Wie wolltest du dies alles bewerkstelligen?« sagte der Fremde. »Du bist +ja nur so ein schwaches, kleines Jungfräulein.« + +»Wenn sie lebten,« sagte Elsalill, »dann würde ich sie schon der Strafe +zuführen. Lieber wollte ich selbst in den Tod gehen, als sie entrinnen +lassen. Sie mögen wohl stark und gewaltig sein, das weiß ich, aber mir +würden sie nicht entrinnen können.« + +Da lächelte der Fremde, aber Elsalill stampfte mit dem Fuße. + +»Wenn sie lebten, dann würde ich dessen wohl eingedenk sein, daß sie mir +mein Heim genommen haben, so daß ich jetzt eine arme Dirne bin, die auf +der kalten Brücke stehen und Fische schuppen muß. Ich würde mich dessen +erinnern, daß sie alle getötet haben, die mir nahe standen. Und +besonders würde ich mich seiner erinnern, der meine Milchschwester von +der Mauer herunterzerrte und sie mordete, die mir so hold gesinnt war.« + +Aber als die kleine zarte Jungfrau so großen Zorn zeigte, da begannen +die drei schottischen Kriegsleute zu lachen. Sie waren so lachlustig, +daß sie ihrer Wege gingen, damit Elsalill keinen Anstoß daran nähme. Sie +gingen über den Hafen ein enges Gäßchen hinauf, das zum Marktplatz +führte. Aber noch lange, nachdem sie verschwunden waren, hörte Elsalill, +wie sie aus vollem Halse lachten, höhnisch und gellend. + + + +Die Ausgesandte + +Acht Tage nach seinem Tode wurde Herr Arne in der Kirche von Solberga +beigesetzt, und an demselben Tage wurde auf dem Thingplatze von Branehög +Untersuchung über den Mord gehalten. + +Aber Herr Arne war ein wohlbekannter Mann in Bohuslän gewesen, und an +seinem Begräbnistage kamen so viele Menschen, vom Festlande wie von den +Schären, zusammen, daß es war, wie wenn ein Kriegsheer sich um seinen +Anführer sammelt. Und über die Felder zwischen der Kirche von Solberga +und Branehög wanderten so viele Leute, daß es am Abend keinen Zollbreit +Schnee gab, der nicht von Menschen niedergetreten war. + +Doch spät nachts, als alle diese Leute ihrer Wege gezogen waren, kam +Torarin, der Fischkrämer, den Weg von Branehög herauf nach Solberga +gefahren. + +Torarin hatte im Laufe des Tages mit vielen Menschen gesprochen. Wieder +und wieder hatte er von Herrn Arnes Tod erzählt. Er war auch auf dem +Thingplatze wohl verpflegt worden und hatte so manchen Bierkrug leeren +müssen, mit Wanderern, die von weither kamen. + +Torarin fühlte sich schwer und träge, er hatte sich auf seiner Fuhre +niedergelegt. Er war betrübt, daß Herr Arne dahingegangen war, und als +er in die Nähe des Pfarrhofs kam, begannen ihn noch schwerere Gedanken +zu quälen. »Grim, mein Hund,« sagte er, »wenn ich an dieses Vorzeichen +mit den Messern geglaubt hätte, hätte ich das ganze Unheil abwehren +können. Ich denke oft daran, Grim, mein Hund. Mir ist so ängstlich +zumute, ganz, als hätte ich selbst mit dazu geholfen, Herrn Arne aus der +Welt zu schaffen. Merke nun wohl, was ich sage: wenn ich das nächste Mal +so etwas höre, werde ich es glauben und mich danach richten.« + +Aber während Torarin auf dem Wagen lag und mit halbgeschlossenen Augen +vor sich hindämmerte, ging sein Pferd, wie es ihm gefiel; und als es zum +Pfarrhof von Solberga kam, da trabte es aus alter Gewohnheit in den Hof +und ging bis zur Stalltüre. Torarin wußte von nichts. Erst als das Pferd +stehen blieb, richtete er sich auf und sah sich um. Er schauderte +zusammen, als er sah, daß er sich auf dem Hofe vor einem Hause befand, +wo erst vor einer Woche so viele Menschen ermordet worden waren. + +Er griff sogleich nach den Zügeln. Er wollte das Pferd umdrehen und +wieder auf den Weg hinausfahren, aber in demselben Augenblick klopfte +ihm jemand auf die Schulter, und er sah sich um. Da stand neben ihm der +alte Olof, der Pferdeknecht, der im Pfarrhofe gedient hatte, solange +Torarin überhaupt zurückdenken konnte. + +»Hast du es so eilig, heute nacht vom Hofe wegzufahren, Torarin?« sagte +der Alte. »Komm doch lieber ins Haus hinein! Herr Arne sitzt da und +wartet auf dich.« + +Torarin gingen tausend Gedanken durch den Kopf. Er wußte nicht, ob er +träumte oder wachte. Olof, den Pferdeknecht, den er frisch und lebend +vor sich stehen sah, hatte er vor einer Woche tot neben den anderen +liegen sehen, mit einer großen Wunde im Halse. + +Torarin faßte die Zügel fester. Es deuchte ihn das Beste, rasch +fortzukommen. Aber die Hand Olofs, des Pferdeknechts, lag noch auf +seiner Schulter, und der Alte fuhr fort, in ihn zu dringen. + +Torarin grübelte hin und her, um eine Ausflucht zu finden. »Es lag mir +nicht im Sinn, Herrn Arne zu so später Stunde zu stören,« sagte er. »Das +Pferd ist hergetrabt, ohne daß ich davon wußte. Ich will jetzt +weiterfahren und mir eine Herberge für die Nacht suchen. Wenn Herr Arne +mich sprechen will, kann ich wohl morgen wiederkommen.« + +Damit beugte Torarin sich vor und schlug mit der Peitsche nach dem +Pferde, damit es sich in Bewegung setze. + +Allein im selben Augenblick stand der Pfarrhofknecht vorne beim Kopfe +des Pferdes, faßte es am Zaumzeug und zwang es, still zu stehen. »Sei +nicht halsstarrig, Torarin,« sagte der Knecht. »Herr Arne ist noch nicht +zu Bett gegangen, er sitzt da und wartet auf dich. Und du mußt doch +wissen, daß du hier ein ebenso gutes Nachtquartier finden kannst wie auf +irgendeinem anderen Hofe im Kirchspiel.« + +Da wollte Torarin antworten, daß er sich nicht damit begnügen könnte, in +einem Hause ohne Dach zu wohnen. Aber bevor er etwas sagte, warf er +einen Blick auf das Wohngebäude. Da sah er das alte Dach ebenso +wohlbehalten und ansehnlich wie vor dem Brande dastehen. Und doch hatte +Torarin noch an demselben Morgen den nackten Dachstuhl in die Luft ragen +sehen. + +Er schaute und schaute und rieb sich die Augen, aber das Pfarrhaus stand +ganz gewiß unversehrt da, mit Stroh und Schnee auf dem Dache. Durch den +Windfang sah er Rauch und Funken aufflattern. Und durch die +wohlverschlossenen Fensterladen sah er den Lichtschein hinaus auf den +Schnee fallen. + +Wer weit auf der kahlen Landstraße umherzieht, weiß sich keinen +traulicheren Anblick als den Lichtschein, der aus einer warmen Stube +dringt. Aber Torarin wurde nur noch erschrockener, als er vorher gewesen +war. Er peitschte das Pferd, so daß es sich bäumte und ausschlug. Aber +nicht um einen Schritt brachte er es von der Stalltüre fort. + +»Komm du nur mit herein, Torarin,« sagte der Stallknecht. »Ich dachte, +du wolltest doch in dieser Sache nichts mehr zu bereuen haben.« + +Nun kam es Torarin wieder in den Sinn, was er sich auf dem Wege gelobt +hatte. Und während er eben noch mit hocherhobener Peitsche auf dem Wagen +gestanden hatte, wurde er mit einem Male so zahm wie ein Lamm. + +»Sieh her, Olof, hier bin ich also!« sagte er und sprang von der Fuhre +hinunter. »Es ist wahr, daß ich in dieser Sache nichts zu bereuen haben +will. Führe mich jetzt hinein zu Herrn Arne!« + +Aber die schwersten Schritte, die Torarin noch gegangen war, waren die, +die er über den Hof zum Hause hin machte. + +Als die Tür aufging, schloß Torarin die Augen, um nicht in die Stube +sehen zu müssen. Aber er suchte sich Mut zu machen, indem er an Herrn +Arne dachte. »Er hat dir so manche gute Mahlzeit gegeben. Er hat deine +Fische gekauft, wenn auch seine eigene Vorratskammer voll war. Er ist +dir immer im Leben wohlgesinnt gewesen, und sicherlich will er dir auch +nach seinem Tode nicht schaden. Vielleicht will er einen Dienst von dir +verlangen. Du darfst nicht vergessen, Torarin, daß man Dankbarkeit +zeigen muß, auch gegen die Toten.« + +Torarin schlug die Augen auf und sah in die Stube. Da sah er den großen +Raum, ganz wie er ihn immer gesehen hatte. Er erkannte den hohen +gemauerten Ofen wieder und die gewebten Tücher, die die Wände +bekleideten. Aber er schaute viele Male von Wand zu Wand und vom Boden +zur Decke, bevor er sich ein Herz faßte und zu dem Tische und der Bank +hinsah, wo Herr Arne immer gesessen hatte. + +Aber endlich blickte er auch dorthin, und da sah er Herrn Arne selbst +leibhaftig am Tische sitzen mit seiner Gattin und dem Hilfspastor zur +Rechten und zur Linken, so wie er ihn vor acht Tagen gesehen hatte. Er +schien eben seine Mahlzeit beendigt zu haben, er hatte den Teller +zurückgeschoben, und der Löffel lag vor ihm auf dem Tische. Alle die +alten Diener und Dienerinnen saßen am Tische, aber nur eine von den +jungen Jungfrauen. + +Torarin stand lange unten an der Tür und betrachtete die, die am Tische +saßen. Sie sahen alle ängstlich und betrübt aus, und auch Herr Arne saß +schwermütig da wie die anderen und stützte das Haupt in die Hand. + +Endlich sah Torarin, daß Herr Arne den Kopf erhob. + +»Bringst du jemand Fremdes mit in die Stube, Pferdeknecht Olof?« + +»Ja,« antwortete der Knecht, »es ist Torarin, der Fischkrämer, der heute +auf dem Thing in Branehög gewesen ist.« + +Da schien Herr Arne fröhlicher auszusehen, und Torarin hörte ihn sagen. +»Tritt näher, Torarin, und laß uns die Neuigkeiten vom Thing hören! Hier +habe ich jetzt die halbe Nacht gesessen und auf dich gewartet!« + +Das alles klang so wirklich und natürlich, daß Torarin anfing, sich +immer beherzter zu fühlen. Er ging ganz mutig durch die Stube, auf Herrn +Arne zu. Er fragte sich, ob es nicht ein böser Traum gewesen wäre, daß +Herr Arne ermordet sei, und ob er nicht in Wahrheit lebte. + +Aber während Torarin durch die Stube ging, warf er aus alter Gewohnheit +einen Blick auf das Himmelbett, neben dem die große Geldtruhe zu stehen +pflegte. Aber die eisenbeschlagene Truhe stand nicht mehr auf ihrem +Platze, und als Torarin dies sah, durchlief ihn wieder ein Gruseln. + +»Nun, Torarin, sage uns, wie es heute auf dem Thing abgelaufen ist,« hub +Herr Arne an. + +Torarin suchte so zu tun, wie ihm geheißen war, und erzählte vom Thing +und von der Untersuchung, aber er konnte weder seiner Lippen noch seiner +Zunge Herr werden, sondern sprach schlecht und stammelnd. + +Herr Arne unterbrach ihn auch sogleich: »Sag’ mir nur das Wichtigste, +Torarin. Sind unsere Mörder gefunden und bestraft worden?« + +»Nein, Herr Arne,« erkühnte sich da Torarin zu antworten. »Eure Mörder +liegen auf dem Grunde des Hakefjords. Wie wollt ihr, daß jemand Rache an +ihnen nehme?« + +Als Torarin diese Antwort gab, schien in Herrn Arne wieder seine alte +Laune zu fahren, und er schlug mit der Hand hart auf den Tisch. »Was +sagst du da, Torarin? Der Amtmann auf Bohus wäre mit seinen Beiständen +und Schreibern hier gewesen und hätte Thing gehalten, und da hätte ihm +niemand sagen können, wo er meine Mörder finden soll?« + +»Nein, Herr Arne,« antwortete Torarin, »das kann ihm niemand unter den +Lebenden sagen.« + +Herr Arne saß eine Weile mit gerunzelter Stirn und blickte düster vor +sich hin. Dann wandte er sich noch einmal an Torarin. + +»Ich weiß, daß du mir ergeben bist, Torarin. Kannst du mir sagen, wie +ich Rache nehmen soll an meinen Mördern?« + +»Ich kann es wohl verstehen, Herr Arne,« sagte Torarin, »daß Ihr +wünschet, Euch an jenen zu rächen, die Euch so unsanft des Lebens +beraubt haben. Aber es gibt niemand unter uns, die wir auf Gottes grüner +Erde wandeln, der Euch da behilflich sein könnte.« + +Als Herr Arne diese Antwort erhalten hatte, versank er in tiefes +Grübeln. + +Und es entstand ein langes Stillschweigen. Nach einer Weile wagte +Torarin sich mit einer Bitte hervor. + +»Ich habe nun Euren Wunsch erfüllt, Herr Arne, und Euch gesagt, wie es +auf dem Thinge abgelaufen ist. Habt Ihr mich noch etwas zu fragen, oder +wollt Ihr mich jetzt ziehen lassen?« + +»Du sollst nicht gehen, Torarin,« sagte Herr Arne, »ehe du mir nicht +noch einmal geantwortet hast, ob keiner der Lebenden uns rächen kann.« + +»Nicht, wenn alle Männer aus Bohuslän und Norwegen zusammenkämen, um +Rache an Euern Mördern zu nehmen, würden sie imstande sein, sie zu +finden,« sagte Torarin. + +Da sprach Herr Arne: + +»Wenn die Lebenden uns nicht helfen können, müssen wir uns selber +helfen.« + +Damit begann Herr Arne mit lauter Stimme ein Vaterunser zu beten, aber +nicht auf norwegisch, sondern auf lateinisch, wie es vor seiner Zeit im +Lande der Brauch gewesen war. Und bei jedem Worte des Gebetes, das er +aussprach, wies er mit dem Finger auf einen von denen, die mit ihm am +Tische saßen. Er ging sie auf diese Weise mehrere Male durch, bis er zum +Amen kam. Aber als er dieses Wort sagte, streckte er den Finger gegen +das junge Jüngferchen aus, das seine Sohnestochter war. + +Die junge Jungfrau erhob sich allsogleich von der Bank, und Herr Arne +sagte zu ihr: »Du weißt, was du zu tun hast.« + +Da klagte die junge Jungfrau gar sehr und sagte: »Sende mich nicht mit +diesem Auftrag aus. Das ist ein zu schweres Beginnen für eine so +schwache Jungfrau wie ich.« + +»Ganz gewiß sollst du gehen,« sagte Herr Arne. »Es ist nur billig, daß +du gehst, denn du hast am meisten zu rächen. Niemandem von uns sind so +viele Jahre des Lebens geraubt worden wie dir, die die Jüngste unter uns +ist.« + +»Ich begehre nicht nach Rache an irgendeinem Menschen,« sagte die +Jungfrau. + +»Du sollst allsogleich gehen,« sagte Herr Arne, »und du wirst nicht +alleine stehen. Du weißt, daß es unter den Lebenden zwei gibt, die vor +acht Tagen hier mit uns an diesem Tische saßen.« + +Aber als Torarin Herrn Arne dieses sagen hörte, glaubte er zu verstehen, +daß Herr Arne ihn ausersähe, gegen Missetäter und Mörder zu kämpfen, und +er rief: + +»Um Gottes Barmherzigkeit willen beschwöre ich Euch, Herr Arne – – –« + +Im selben Augenblick deuchte es Torarin, daß Herr Arne und der Pfarrhof +in einen Nebel verschwänden, und er selbst sank tief hinab, als fiele er +von einer schwindelnden Höhe, und damit verlor er das Bewußtsein. + +Als er wieder zum Leben erwachte, begann der Morgen zu dämmern. Da sah +er, daß er im Hofe des Solberger Pfarrhauses auf dem Boden lag. Das +Pferd mit dem beladenen Wagen stand neben ihm, und Grim bellte und +heulte über ihm. + +»Es war alles nur ein Traum,« sagte Torarin, »nun sehe ich es ein. Der +Hof ist öde und zerstört. Ich habe weder Herrn Arne gesehen noch +irgendeinen andern. Aber ich habe mich im Traume so erschreckt, daß ich +vom Wagen heruntergestürzt bin.« + + + +Im Mondenschein + +Als vierzehn Tage seit Herrn Arnes Tod verstrichen waren, kamen ein paar +Nächte mit starkem, klarem Mondschein. Und eines Abends war Torarin +unterwegs und fuhr durch den Mondschein. Einmal ums andre hielt er das +Pferd an, als fiele es ihm schwer, den Weg zu finden. Und er fuhr doch +durch keinen irrsamen Wald, sondern über etwas, was wie eine offene +Ebene aussah, worauf sich steinige Hügel in Mengen erhoben. + +Die ganze Gegend war von weißem, schimmerndem Schnee bedeckt. Er war bei +gutem Wetter still und gleichmäßig gefallen, er lag nicht in Haufen oder +Wirbeln. So weit das Auge reichte, gab es nichts anderes als die gleiche +glatte Ebene und die gleichen steinigen Hügel. + +»Grim, mein Hund,« sagte Torarin, »wenn wir dies heute abend zum ersten +Male sähen, dann würden wir wohl glauben, daß wir über eine große Heide +zögen. Aber wir würden uns wohl darüber verwundern, daß der Boden so +eben ist und der Weg ohne Steine oder Gruben. Was ist dies für eine +Gegend, würden wir sagen, wo es weder Gräben noch Zäune gibt, und wie +kommt es, daß kein Strauch und kein Hälmchen aus dem Schnee hervorguckt? +Und warum sehen wir keine Flüsse oder Bächlein, die doch sonst selbst in +der strengsten Kälte ihre schwarzen Furchen durch die weißen Felder +ziehen?« + +Torarin ergötzte sich sehr an diesen Gedanken, und auch Grim fand +Gefallen an ihnen. Er regte sich nicht von seinem Platz auf der +Wagenladung, sondern lag still und blinzelte. + +Aber gerade, als Torarin seine Rede geschlossen hatte, fuhr er an einer +hohen Stange vorbei, an der ein Büschel festgebunden war. + +»Wenn wir hier fremd wären, Grim, mein Hund,« sagte Torarin, »dann +würden wir uns wohl fragen, was dies für eine Heide sei, wo sie +dieselben Zeichen aufstellen, wie man sie auf dem Meere benutzt. Dies +kann doch wohl nicht das Meer selber sein, würden wir schließlich sagen. +Aber das würde uns wohl ganz unmöglich vorkommen. Was so stetig und +sicher daliegt, sollte das bloßes Wasser sein? Und alle diese +Felsenhügel, die da so fest vereint ruhen, sollten es nur Inseln und +Schären sein, die durch wallende Wellen geschieden wären? Nein, wir +können es nicht glauben, daß dieses möglich sei, Grim, mein Hund.« + +Torarin lachte, und Grim lag noch immer still und regungslos. Torarin +fuhr weiter, bis er um einen hohen Felsenhügel bog. Da stieß er einen +Ausruf aus, als hätte er etwas Merkwürdiges gesehen. Er tat sehr +erstaunt, zog die Zügel an und schlug die Hände zusammen. + +»Grim, mein Hund, und du wolltest nicht glauben, daß dies das Meer sei! +Jetzt siehst du doch, was es ist. Richte dich auf, dann wirst du sehen, +daß hier vor uns ein großes Fahrzeug liegt. Du wolltest das Seezeichen +nicht kennen, aber hierin kannst du dich nicht täuschen. Jetzt kannst du +wohl nicht mehr leugnen, daß es das Meer selbst ist, worüber wir +ziehen.« + +Torarin blieb noch eine Weile stehen und betrachtete ein großes +Fahrzeug, das im Eise eingefroren dalag. Es sah ganz verirrt aus, wie es +da mit der glatten weißen Schneedecke um sich herum dalag. + +Aber als Torarin sah, daß ein schwacher Rauch aus dem Hinterteil des +Fahrzeugs aufstieg, fuhr er hin und rief den Schiffer an, um zu hören, +ob er ihm Fische abkaufen wolle. Er hatte nur noch ein paar Dorsche auf +dem Grunde seines Wagens, da er im Laufe des Tages zu allen den Schuten +gefahren war, die in den Schären eingefroren lagen, und ihnen Fische +verkauft hatte. + +Da an Bord saß der Schiffer mit seinen Leuten in trübseligster Laune. +Sie kauften dem Handelsmanne Fische ab, nicht weil sie sie gebraucht +hätten, sondern um jemanden zu haben, mit dem sie sprechen könnten. + +Als sie zu Torarin hinunter aufs Eis kamen, steckte dieser eine +unschuldige Miene auf. + +Er begann mit ihnen vom Wetter zu sprechen. »Seit Menschengedenken hat +es kein so schönes Wetter gegeben wie heuer,« sagte Torarin. »Seit +beinahe drei Wochen haben wir jetzt ruhige Luft und strenge Kälte. Das +ist anders, als wir es sonst in den Schären gewohnt sind.« + +Aber der Schiffer, der mit seiner Galeasse voll Heringstonnen dalag und +in einer Bucht nahe bei Marstrand eingefroren war, gerade als er sich +anschicken wollte, ins Meer hinaus zu steuern, sah Torarin ingrimmig an +und antwortete: + +»Ja so, das nennst du schönes Wetter?« + +»Wie sollte ich es sonst nennen?« sagte Torarin. Er sah unschuldig aus +wie ein Kind. »Der Himmel ist klar und ruhig und blau, und die Nacht ist +ebenso schön wie der Tag. Nie zuvor habe ich es erlebt, daß ich so Woche +für Woche auf dem Eise umherfahren konnte. Das Meer friert hier draußen +nicht so häufig zu, und wenn es einmal einen Winter vereist war, so kam +immer gleich ein Sturm und riß es in wenigen Stunden wieder auf.« + +Der Schiffer stand finster und verdüstert da; er antwortete gar nicht +auf Torarins Geschwätz. Da begann Torarin zu fragen, warum er sich nicht +nach Marstrand hinein begebe. »Es ist ja eine Wanderung von nicht mehr +als einer Stunde über das Eis,« sagte Torarin. + +Darauf erhielt er auch keine Antwort. Torarin begriff, daß der Mann die +Galeasse keinen Augenblick verlassen wollte, aus Furcht, nicht zur +Stelle zu sein, wenn das Eis bräche. Selten habe ich jemanden mit so +sehnsuchtskranken Augen gesehen, dachte Torarin. + +Aber der Schiffer, der nun Tag für Tag zwischen den Schären +eingeschlossen dagesessen hatte, ohne sein Segel hissen und ins Meer +hinaussteuern zu können, hatte inzwischen mancherlei Gedanken gedacht, +und er sagte zu Torarin: + +»Du, der da überall herumzieht und von allem reden hört, was sich +zuträgt, weißt du, warum Gott dieses Jahr die Wege ins Meer hinaus +solange verschließt und uns alle in Gefangenschaft hält?« + +Als er dies sagte, hörte Torarin zu lächeln auf, aber er stellte sich +unwissend und sagte: »Jetzt weiß ich nicht, wie du dies meinst.« + +»Je nun,« sagte der Schiffer, »ich lag einmal einen ganzen Monat im +Hafen von Bergen, und es blies alle Tag Gegenwind, so daß kein Schiff in +See stechen konnte. Aber an Bord von einem der Schiffe, die im Hafen +eingeschlossen waren, war ein Mann, der in Kirchen gestohlen hatte, und +er wäre entkommen, wenn der Sturm nicht gewütet hätte. Nun gelang es +ihnen, auszukundschaften, wo er sich befand, und sobald er ans Land +gebracht war, kam sogleich schönes Wetter und guter Wind. Verstehst du +nun, was ich meine, wenn ich frage, ob du weißt, warum Gott die Pforten +des Meeres verschlossen hält?« + +Torarin stand nun eine Weile schweigend da. Es sah aus, als hätte er +nicht übel Lust, mit ernsten Worten zu entgegnen. Aber er schlug es sich +aus dem Sinn und sagte: »Du wirst ganz kopfhängerisch davon, daß du hier +zwischen den Schären eingeschlossen dasitzest. Warum begibst du dich +nicht nach Marstrand? Ich will dir sagen, daß dort ein fröhliches Leben +geführt wird. Da gehen Hunderte von Fremden herum, die nichts anderes zu +tun haben, als zu tanzen und zu trinken.« + +»Warum geht es denn dort so fröhlich zu?« fragte der Schiffer. + +»Ach,« sagte Torarin, »dort sind Seeleute, deren Schiffe eingefroren +sind wie das deine. Da sind auch eine Menge Fischer, die eben ihren +Heringfang beendigt hatten, als sie durch das Eis verhindert wurden, +heimzufahren. Und da gehen vielleicht hundert schottische Söldlinge +herum, die von ihrem Kriegsdienst beurlaubt sind und hier auf die +Gelegenheit warten, heimzufahren nach Schottland. Glaubst du, daß alle +diese die Köpfe hängen ließen und die Gelegenheit verabsäumten, sich +frohe Tage zu machen?« + +»Ja, es mag wohl sein, daß die Leute sich vergnügen können, aber mir ist +es nun einmal am liebsten, hier zu warten,« sagte der Schiffer. + +Torarin warf einen raschen Blick auf ihn. Der Schiffer war ein großer +magerer Mann. Seine Augen waren hell und wasserklar, mit schwermütigem +Blick. Diesen Mann kann ich nicht froh machen, und ein andrer auch +nicht, dachte Torarin. + +Noch einmal begann der Schiffer aus freien Stücken mit ihm zu sprechen. +»Diese schottischen Krieger,« sagte er, »sind das ordentliche Leute?« + +»Sollst du sie am Ende nach Schottland hinüberführen?« sagte Torarin. + +»Ja,« sagte der Schiffer, »ich habe eine Ladung nach Edinburg, und einer +von ihnen ist eben hier bei mir gewesen und hat mich gebeten, sie +mitzunehmen. Aber ich liebe es nicht, mit solchen wilden Gesellen an +Bord zu segeln, und ich habe ihn um Bedenkzeit gebeten. Hast du etwas +über sie gehört? Glaubst du, daß ich es wagen kann, sie aufzunehmen?« + +»Ich habe nichts anderes von ihnen gehört, als daß sie tapfere Leute +sein sollen. Sicherlich kannst du sie mitnehmen.« + +Aber in demselben Augenblick, wo Torarin dies sagte, richtete sich sein +Hund auf dem Wagen auf, streckte die Schnauze in die Luft und begann zu +heulen. + +Torarin brach da sogleich das Lob der Schotten ab. + +»Was hast du nur, Grim, mein Hund?« sagte er. »Findest du, daß ich gar +zu lange auf dem Eise stille stände und die Zeit verschwätzte?« + +Er machte sich bereit, weiterzufahren. »Ja, lebt wohl, hier draußen,« +sagte er. + +Torarin fuhr durch den schmalen Sund zwischen der Kleeinsel und der +Kuhinsel nach Marstrand zu. Als er soweit gekommen war, daß er Marstrand +sehen konnte, merkte er, daß er sich nicht allein auf dem Eise befand. + +Im klaren Mondenschein sah er einen hohen Mann in stolzer Haltung über +den Schnee wandern. Er sah, daß er einen federgeschmückten Hut und reich +ausstaffierte Kleider mit weiten Puffen trug. + +»Sieh da,« sagte Torarin zu sich selbst, »da geht Sir Archie, der +Anführer der Schotten, der heute abend auf der Galeasse gewesen ist, um +sich die Überfahrt nach Schottland zu sichern.« + +Torarin war dem Manne so nahe, daß er schon seinen langen Schatten +eingeholt hatte, der hinter ihm herglitt. Sein Pferd setzte gerade die +Hufe auf die Hutfedern des Schattenbildes. + +»Grim,« sagte Torarin, »sollen wir ihn fragen, ob er mit uns in die +Stadt fahren will?« + +Der Hund begann sich sogleich aufzurichten, aber Torarin legte ihm +beschwichtigend die Hand auf den Rücken. »Sei nur ruhig, Grim, mein +Hund! Ich sehe, daß du die Schottischen nicht liebst!« + +Sir Archie hatte nicht bemerkt, daß ihm jemand so nahe war. Er ging +weiter, ohne sich umzusehen. Torarin bog ganz sachte zur Seite, um an +ihm vorbeizukommen. + +Aber im selben Augenblick gewahrte Torarin hinter dem schottischen Herrn +etwas, was noch einem zweiten Schatten glich. Er sah etwas, was lang und +dünn und grau war und über den Boden hinschwebte, ohne Fußspuren auf dem +Wege zu hinterlassen und ohne den weißen Schnee zum Knirschen zu +bringen. + +Der Schotte ging mit großen Schritten vorwärts. Er sah sich weder nach +rechts noch nach links um. Aber der graue Schatten glitt von rückwärts +an ihn heran, so nahe, daß es aussah, als wollte er ihm etwas ins Ohr +flüstern. + +Torarin fuhr behutsam vorwärts, bis er in gleiche Linie mit ihnen beiden +kam. Da sah er das Gesicht des Schotten im klaren Mondschein. Er ging +mit zusammengezogenen Augenbrauen und sah unmutig aus, als würde er von +einem Gedanken beschäftigt, der ihm Mißbehagen verursachte. + +Gerade als Torarin an ihm vorbeifuhr, drehte er sich um und blickte +hinter sich, als hätte er jemandes Anwesenheit bemerkt. + +Torarin sah deutlich, daß hinter Sir Archie eine junge Jungfrau in +schleppendem, grauem Gewande einherschlich, aber Sir Archie sah sie +nicht. Als er den Kopf wandte, stand sie regungslos still, und Sir +Archies eigener Schatten legte sich dunkel und breit über sie und +verdeckte sie. + +Sir Archie wandte sich sogleich um und setzte seine Wanderung fort, und +wieder eilte die Jungfrau herbei und ging so, als ob sie ihm etwas ins +Ohr flüstere. + +Aber als Torarin dies sah, packte ihn ein Grauen, das er nicht zu +bemeistern vermochte. Er schrie laut auf, und er hieb auf sein Pferd +ein, so daß er in vollem Galopp mit der schweißtriefenden Mähre vor der +Türe seiner Hütte anlangte. + + + +Verfolgung + +1 + +Auf jener Seite der Marstrandsinsel, die dem Schärenarchipel zugekehrt +und von einem Kranz von Inselchen geschützt war, lag die Stadt mit allen +ihren Häusern und Bauwerken. Da bewegten sich die Menschen in Straßen +und Gäßchen, da lag der Hafen, der voll von Booten und Schiffen war, da +wurden Heringe eingesalzen und Fische gereinigt, da lag die Kirche und +der Kirchhof, da waren das Rathaus und der Marktplatz, und da stand +mancher hohe Baum, der sich im Sommer grün belaubte. + +Aber auf jener Hälfte der Marstrandsinsel, die vom offenen Meere umgeben +und nicht von Inseln oder Schären geschützt wurde, gab es nichts anderes +als einsame nackte Klippen und zerklüftete Bergvorsprünge, die ins Meer +hineinragten. Da war Heidekraut mit braunen Köpfchen und stechendes +Gestrüpp von Dornenbüschen, Höhlen für Ottern und Füchse, Nester für +Eidergänse und Möwen, doch keine Wege, keine Häuser und keine Menschen. + +Torarins Hütte aber lag hoch oben auf dem Kamme der Insel, so daß sie +auf der einen Seite die Stadt hatte und auf der anderen die Wildnis. Und +wenn Elsalill die Tür öffnete, lagen vor ihr breite nackte +Felsenplatten, von denen sie weit nach Westen blicken konnte, bis zu dem +dunkeln Rande, wo das Meer offen wogte. + +Aber alle die Seeleute und Fischer, die in Marstrand eingefroren waren, +pflegten an Torarins Hütte vorbeizugehen, um die Klippen zu ersteigen +und zu sehen, ob Buchten und Sunde noch nicht angefangen hätten, ihre +Eisdecke abzuwerfen. + +Elsalill stand manches liebe Mal in der Haustür und sah ihnen nach, wie +sie dort hinaufgingen. Sie war herzenstraurig nach dem großen Kummer, +der sie getroffen hatte, und sie dachte: Mich dünkt, daß alle glücklich +sind, die etwas haben, wonach sie sich sehnen können. Aber ich habe auf +der weiten Welt nichts zu erwünschen. + +Eines Abends sah Elsalill, wie ein hochgewachsener Mann, der einen +breitrandigen Hut mit einer großen Feder trug, oben auf den +Felsenplatten stand und nach Westen übers Meer hinausblickte wie alle +die andern. Und Elsalill sah sogleich, daß der Mann Sir Archie war, der +Anführer der Schotten, der unten auf der Brücke mit ihr gesprochen +hatte. + +Als er auf dem Heimwege zur Stadt an der Hütte vorbeikam, stand Elsalill +noch immer in der Tür, und sie weinte. + +»Warum weinst du?« fragte er und blieb vor ihr stehen. + +»Ich weine, weil ich nichts habe, wonach ich mich sehnen kann,« sagte +Elsalill. »Als ich Euch auf der Klippe stehen und über das Meer +hinausblicken sah, da dachte ich: Sicherlich hat er dort oben auf der +anderen Seite des Meeres ein Heim, wohin er nun fahren will.« + +Da wurde es Sir Archie weich ums Herz, so daß er sagte: »Seit langen +Jahren hat niemand mit mir von meinem Heim gesprochen. Weiß Gott, wie es +auf meines Vaters Hof steht. Als ich siebzehn Jahre zählte, zog ich von +dort fort, um in fremden Heeren zu dienen.« + +Damit trat Sir Archie in die Hütte zu Elsalill, und er begann mit ihr +von seinem Elternhause zu reden. + +Und Elsalill saß stumm da und hörte Sir Archie lange und inbrünstig zu. +Sie fühlte sich glücklich über jedes Wort, das sie Sir Archie sagen +hörte. + +Aber als die Zeit herankam, wo Sir Archie gehen wollte, bat er Elsalill, +sie küssen zu dürfen. + +Da sagte Elsalill nein und eilte fort zur Türe, aber Sir Archie stellte +sich ihr in den Weg und wollte sie zwingen. + +In demselben Augenblick ging die Tür der Hütte auf, und die Hausmutter +kam sehr hastig herein. + +Da wich Sir Archie von Elsalill zurück. Er bot ihr nur die Hand zum +Abschied und eilte von dannen. + +Aber Torarins Mutter sagte zu Elsalill: »Es war recht von dir, daß du +mir Botschaft sandtest. Es ist nicht ziemlich für eine Jungfrau, mit +einem solchen Manne wie Sir Archie allein in der Hütte zu sein. Das +weißt du wohl: ein Söldling hat weder Ehre noch Gewissen.« + +»Ich hätte Euch Botschaft gesandt?« sagte Elsalill erstaunt. + +»Ja,« antwortete die Alte, »als ich auf der Brücke bei der Arbeit stand, +kam ein kleines Jungfräulein, das ich nie zuvor gesehen habe, und sagte, +du schicktest mir Grüße und bätest, ich solle heimkommen.« + +»Wie sah die Jungfrau aus?« fragte Elsalill. + +»Ich sah sie nicht so genau an, daß ich dir sagen könnte, wie sie +aussah,« antwortete die Alte. »Aber eines merkte ich, sie ging so leicht +über den Schnee, daß kein Laut vernehmbar war.« + +Als Elsalill dies hörte, wurde sie ganz bleich, und sie sagte: »Dann war +es wohl einer von Gottes Engeln, der Euch Kunde brachte und Euch nach +Hause führte.« + + +2 + +Ein anderes Mal saß Sir Archie in Torarins Hütte und plauderte mit +Elsalill. + +Die beiden waren allein. Sie sprachen fröhlich miteinander und waren +ganz vergnügt. + +Sir Archie saß da und sprach mit Elsalill davon, daß sie ihn nach +Schottland begleiten solle. Dort wolle er ihr ein Schloß bauen und sie +zu einer vornehmen Burgfrau machen. Er sagte ihr, sie würde hundert +Zofen unter sich haben und am Hofe des Königs tanzen. + +Elsalill saß stumm da und lauschte jedem Worte, das Sir Archie zu ihr +sagte, und sie glaubte sie alle. Und Sir Archie fand, daß er niemals ein +Mägdlein getroffen hatte, das so leicht zu betören gewesen wäre wie +Elsalill. + +Plötzlich ward Sir Archie ganz stumm und sah hinab auf seine linke Hand. + +»Was habt Ihr, Sir Archie, warum sprecht Ihr nicht weiter?« fragte +Elsalill. + +Sir Archie öffnete und schloß die Hand krampfhaft. Er wand sie hin und +her. + +»Was ist Euch, Sir Archie?« fragte Elsalill. »Ihr habt doch nicht am +Ende Schmerzen in Eurer Hand?« + +Da wendete sich Sir Archie mit verstörtem Gesicht Elsalill zu und sagte: +»Siehst du das Haar, Elsalill, das sich um meine Hand schlingt? Siehst +du die lichte Haarlocke?« + +Als er zu sprechen begann, sah die junge Jungfrau nichts, aber noch ehe +er geendet, sah sie, wie eine Schlinge aus hellem, feinem Haar sich ein +paarmal um Sir Archies Hand ringelte. + +Und die junge Jungfrau sprang entsetzt auf und rief: »Sir Archie, wessen +Haar ist dies, das Ihr um Eure Hand geschlungen habt?« + +Sir Archie blickte bestürzt und ratlos zu ihr hin. »Ich fühle, Elsalill, +daß es wirkliches Haar ist. Es legt sich kühl und weich um die Hand. +Aber wo ist es hergekommen?« + +Die Jungfrau saß da und starrte die Hand mit Augen an, die ihr aus dem +Kopfe zu treten schienen. + +»So lag meiner Milchschwester Haar um die Hand dessen geschlungen, der +sie tötete,« sagte sie. + +Aber nun begann Sir Archie zu lachen. Rasch zog er seine Hand zurück. + +»Sieh,« sagte er, »du und ich, Elsalill, wir lassen uns erschrecken wie +kleine Kinder. Es war nichts anderes als ein paar starke Sonnenstrahlen, +die durch das Fenster hereinfielen.« + +Aber die junge Jungfrau brach in Tränen aus und sagte: »Nun dünkt mich, +daß ich wieder auf der Ofenmauer läge und sähe die Mörder am Werk. Ach, +ich hoffte doch bis zuletzt, daß sie meine allerliebste Milchschwester +nicht finden würden, aber endlich kam doch einer von ihnen und zog sie +von der Mauer herunter, und als sie entfliehen wollte, da wickelte er +ihr Haar um seine Hand und hielt sie fest. Aber sie lag auf den Knien +vor ihm und sagte: ›Sieh meine Jugend an. Verschone mich! Lasse mich +wenigstens solange leben, daß ich begreifen lerne, warum ich zur Welt +gekommen bin! Ich habe dir doch nichts zuleide getan, warum willst du +mich töten? Warum willst du mir nicht das Leben gönnen?‹ Und er hörte +nicht auf sie, sondern tötete sie.« + +Als Elsalill dies sagte, stand Sir Archie mit gerunzelter Stirne da und +blickte zur Seite. + +»Ach, wenn ich dem Manne einmal begegnete!« sagte Elsalill. Sie stand +mit geballten Fäusten vor Sir Archie. + +»Du kannst dem Manne nicht begegnen,« sagte Sir Archie. »Er ist tot.« + +Aber die Jungfrau warf sich auf die Bank und schluchzte. »Sir Archie, +Sir Archie, warum habt Ihr mich dazu gebracht, an die Toten zu denken? +Den ganzen Abend und die Nacht muß ich nun weinen. Geht von mir, Sir +Archie, denn jetzt habe ich für nichts andres Sinn als für die Toten, +nun muß ich an meine Milchschwester denken, daran, wie freundlich sie +mir gewogen war.« + +Und es gelang Sir Archie nicht, sie zu trösten, und er wurde von ihren +Tränen und Klagen vertrieben und ging zu seinen Zechgenossen. + + +3 + +Sir Archie konnte nicht begreifen, warum sein Sinn stets von so trüben +Gedanken erfüllt war. Er vergaß sie nicht, wenn er bei Elsalill saß und +mit ihr plauderte, und nicht, wenn er bei seinen Kameraden war und mit +ihnen trank. Wenn er auch die Nächte in den Seeschuppen durchtanzte, +konnte er sich ihrer doch nicht entschlagen, und er entging ihnen nicht, +wenn er gleich meilenlange Strecken über das gefrorene Meer wanderte. + +»Warum muß ich stets dessen eingedenk sein, woran ich mich nicht +erinnern will?« sagte Sir Archie zu sich selbst. »Es ist mir, als +schliche jemand mir immer nach und flüsterte mir ins Ohr.« + +»Es ist mir, als spönne jemand ein Netz um mich,« sagte Sir Archie, »um +alle meine Gedanken einzufangen und mir diesen einzigen übrig zu lassen. +Ich kann den Jäger nicht sehen, der das Netz auswirft, aber ich höre +seine Schritte, wenn er mir nachschleicht.« + +»Es ist mir, als ginge ein Maler vor mir her und bemalte alles, was ich +betrachte, mit demselben Bilde,« sagte Sir Archie. »Ob ich die Blicke +zum Himmel oder zur Erde wende, so sehe ich doch nichts anderes als eine +einzige Sache.« + +»Es ist mir, als säße ein Steinklopfer auf meinem Herzen und hämmerte +einen einzigen Kummer hinein,« sagte Sir Archie »Ich kann den +Steinklopfer nicht sehen, aber Tag und Nacht höre ich, wie sein Hammer +klopft und schlägt. Du steinernes Herz, du steinernes Herz, sagt er, +jetzt mußt du nachgeben. Jetzt will ich einen Kummer in dich +hineinhämmern.« + +Sir Archie hatte zwei Freunde, Sir Philip und Sir Reginald, die ihm +allenthalben folgten. Es bekümmerte sie, daß er immer unfroh war und +nichts ihm Glück zu bringen vermochte. + +»Was fehlt dir?« pflegten sie zu sagen. »Warum sind deine Augen so +brennend, und warum sind deine Wangen so bleich?« + +Sir Archie wollte ihnen nicht sagen, was ihn quälte. Er dachte: »was +würden meine Genossen von mir denken, wenn sie erführen, daß ich mich +etwas Unmännlichem hingebe? Sie würden mir nicht mehr gehorchen, wenn +sie wüßten, daß ich von Reue über eine Tat gemartert werde, die +notwendig war.« + +Doch als sie immer mehr in ihn drangen, sagte er zu ihnen, um sie auf +falsche Fährte zu leiten: + +»Es ergeht mir in diesen Tagen so wunderlich. Da ist eine Jungfrau, die +ich erobern will, aber ich kann sie nicht erringen. Immer stellt sich +mir etwas in den Weg.« + +»Vielleicht liebt dich die Jungfrau nicht?« sagte Sir Reginald. + +»Ich glaube sicher, daß ihr Sinn mir zugeneigt ist,« sagte Sir Archie, +»aber es gibt etwas, was über ihr wacht, so daß ich sie nicht gewinnen +kann.« + +Da fingen Sir Reginald und Sir Philip zu lachen an, und sie sagten: »Die +Jungfrau wollen wir dir schon verschaffen.« – + +Am Abend kam Elsalill einsam durch das Gäßchen gegangen. Sie kam müde +von der Arbeit, und sie dachte bei sich selbst: »Dies Leben ist hart, +und es macht mir keine Freude. Es graut mir davor, den ganzen Tag +dazustehen und den Fischgeruch zu spüren. Es graut mir, wenn ich die +anderen Frauen mit so harten Stimmen lachen und scherzen höre. Es graut +mir vor den hungrigen Möwen, die über die Tische fliegen und mir die +Fischstücke aus den Händen reißen wollen. Wenn doch jemand kommen und +mich von hier fortnehmen wollte! Ich würde ihm bis ans Ende der Welt +folgen.« + +Als Elsalill an der Stelle ging, wo das Gäßchen am finstersten war, +traten Sir Reginald und Sir Philip aus dem Schatten und grüßten sie. + +»Jungfrau Elsalill!« sagten sie. »Wir bringen dir Kunde von Sir Archie. +Er liegt krank daheim in der Herberge. Er sehnt sich danach, mit dir zu +sprechen, und bittet, daß du uns zu ihm nach Hause folgen mögest.« + +Elsalill begann sich zu ängstigen, daß Sir Archie sehr krank sein +könnte, und sie kehrte sogleich mit den beiden schottischen Herren um, +die sie zu ihm führen wollten. + +Sir Philip und Sir Reginald nahmen sie in die Mitte. Sie lächelten +einander zu und dachten, daß nichts leichter sein könnte, als Elsalill +zu betören. + +Elsalill war in großer Hast und Eile. Sie lief beinahe das Gäßchen +hinab. Sir Philip und Sir Reginald mußten gewaltig ausschreiten, um ihr +folgen zu können. + +Aber als Elsalill so rasch vorwärtseilte, begann vor ihrem Fuße etwas zu +rollen. Es war etwas, was vor sie hingeworfen wurde, und sie wäre fast +darüber gestolpert. + +Was ist das, was vor meinen Füßen rollt? dachte Elsalill. Es muß ein +Stein sein, den ich aus der Erde gelöst habe und der nun den Abhang +hinunterrollt. + +Sie hatte es so eilig, zu Sir Archie zu kommen, daß sie sich nicht von +dem, was dicht vor ihren Füßen rollte, hindern lassen wollte. Sie stieß +es beiseite, aber es kam alsogleich zurück und rollte vor ihr das +Gäßchen hinunter. + +Elsalill hörte, daß es wie Silber klang, als sie es fortstieß, und sie +sah, daß es blinkte und schimmerte. + +Das ist kein gewöhnlicher Stein, dachte Elsalill. Mich dünkt, es ist +eine Silbermünze. Aber sie hatte es so eilig, zu Sir Archie zu kommen, +daß sie sich nicht die Zeit nahm, sie von der Straße aufzulesen. + +Aber wieder und wieder rollte das Ding vor ihre Füße, und sie dachte: Du +kommst rascher vorwärts, wenn du dich bückst und es aufhebst. Du kannst +es weit weg werfen, wenn es nichts ist. + +Sie beugte sich hinunter und hob es auf. Es war eine große Silbermünze, +die weiß in ihrer Hand leuchtete. + +»Was ist es, was du da auf der Straße findest, Jungfrau?« sagte Sir +Reginald. »Es leuchtet so weiß im Mondenschein.« + +Sie gingen da gerade an einem der großen Seeschuppen vorbei, wo fremde +Fischer wohnten, solange sie ihrer Beschäftigung wegen in Marstrand +waren. Vor dem Eingang hing eine Hornlaterne, die einen schwachen Schein +auf die Straße warf. + +»Laß uns sehen, was du gefunden hast, Jungfrau,« sagte Sir Philip und +blieb unter der Laterne stehen. + +Elsalill hielt die Münze zum Laternenschein empor, und kaum hatte sie +einen Blick darauf geworfen, als sie schon ausrief: »Dies ist eines von +Herrn Arnes Geldstücken! Ich erkenne es wieder. Dies ist eines von Herrn +Arnes Geldstücken!« + +»Was sagst du da, Jungfrau?« fragte Sir Reginald. »Warum sagst du, daß +dies eines von Herrn Arnes Geldstücken sei?« + +»Ich kenne es,« sagte Elsalill. »Ich habe oft gesehen, wie Herr Arne es +in der Hand hielt. Ja, sicherlich ist dies eines von Herrn Arnes +Geldstücken.« + +»Rufe nicht so laut, Jungfrau!« sagte Sir Philip. »Hier kommen schon +Leute, die herbeieilen, um zu hören, warum du so schreist.« + +Aber Elsalill achtete nicht auf Sir Philip. Sie sah, daß die Türe zu dem +Seeschuppen offen stand. Mitten im Raume brannte ein Feuer, und rings um +die Flamme saßen eine Menge Männer in ruhigem, bedächtigem Gespräche. + +Elsalill eilte zu ihnen hinein. Sie hielt die Münze hoch erhoben. + +»Horchet auf, ihr Männer alle!« rief sie. »Jetzt weiß ich, daß Herrn +Arnes Mörder am Leben sind. Seht her, ich habe eines von Herrn Arnes +Geldstücken gefunden!« + +Alle Männer wandten sich ihr zu. Da sah sie, daß Torarin, der +Fischmakler, auch im Kreise saß. + +»Womit kommst du da, Jungfrau, und was rufest du?« fragte nun Torarin. +»Wie kannst du Herrn Arnes Geldstücke von anderen Münzen unterscheiden?« + +»Ich muß wohl diese Münze von allen anderen unterscheiden können,« sagte +Elsalill. »Sie ist alt und groß, und sie hat einen Ausschnitt am Rande. +Herr Arne sagte, sie sei aus der Zeit der alten norwegischen Könige, und +niemals trennte er sich von ihr, um einen Einkauf zu bezahlen.« + +»Nun erzähle, wo du sie gefunden hast, Jungfrau,« sagte ein anderer +Fischer. + +»Ich habe sie auf der Straße gefunden, wo sie vor meinen Füßen rollte,« +sagte Elsalill »Da hat sie wohl einer der Mörder fallen lassen.« + +»Es mag wahr oder unwahr sein, was du sagst,« versetzte Torarin. »Aber +was können wir dabei tun? Wir können die Mörder nicht dadurch finden, +daß du weißt, daß sie durch eine unserer Gassen gegangen sind.« + +Die Fischer fanden, daß Torarin klug gesprochen hatte. Und sie setzten +sich wieder um das Feuer zurecht. + +»Komm du mit mir heim, Elsalill,« sagte Torarin. »Dies ist keine Stunde, +zu der eine Jungfrau auf Gassen und Märkten herumlaufen soll.« + +Als Torarin dies sagte, sah Elsalill sich nach ihren Begleitern um. Aber +Sir Reginald und Sir Philip hatten sich fortgeschlichen, ohne daß sie es +gemerkt hatte. + + + +Im Rathauskeller + +1 + +Die Wirtin des Rathauskellers zu Marstrand machte eines Morgens die +Türen auf, um Treppe und Flur zu kehren. Da sah sie eine junge Jungfrau +auf einer Treppenstufe sitzen und warten. Sie war in ein langes, graues +Gewand gekleidet, das mit einem Gürtel um den Leib zusammengenommen war. +Das Haar war licht, und es war weder aufgesteckt, noch geflochten, +sondern hing zu beiden Seiten des Gesichtes glatt hinunter. + +Als die Türe geöffnet wurde, stand sie auf und ging die Treppe in den +Flur hinunter, aber der Wirtin war es, als ginge sie wie eine, die im +Schlafe wandle. Die ganze Zeit hielt sie die Augenlider gesenkt und die +Arme hart an den Körper gepreßt. Je näher sie kam, desto mehr +verwunderte sich die Wirtin darüber, wie zart und feingliedrig sie war. +Auch ihr Gesicht war lieblich, aber es war dünn und durchsichtig, als +wäre es aus sprödem Glas geformt. + +Als sie zur Wirtin herankam, fragte sie, ob es hier einen Platz gäbe, +den sie versehen könnte, und bat, sie in Dienst zu nehmen. + +Da gedachte die Wirtin an alle die wilden Gesellen, die des Abends im +Gastzimmer zu sitzen und Bier und Wein zu trinken pflegten, und konnte +sich ein Lächeln nicht verbeißen. »Nein, hier bei uns gibt es keinen +Platz für solch ein kleines Jungfräulein wie dich,« sagte sie. + +Die Jungfrau schlug weder die Augen auf, noch machte sie sonst die +geringste Bewegung, aber sie bat abermals, sie in Dienst zu nehmen. Sie +verlange weder Kost noch Lohn, sagte sie, nur eine Arbeit wolle sie. + +»Nein,« sagte die Wirtin, »wenn meine eigene Tochter wäre wie du, ich +würde es ihr abschlagen. Ich gönne dir etwas Besseres, als bei mir zu +dienen.« + +Die junge Jungfrau ging sachte die Treppe hinauf, und die Wirtin blieb +stehen und blickte ihr nach. Da sah sie so klein und hilflos aus, daß +die Wirtin sich ihrer erbarmte. + +Sie rief sie zurück und sagte ihr: »Vielleicht läufst du größere Gefahr, +wenn du allein in Straßen und Gäßchen umhergehst, als wenn du zu mir +kommst. Du darfst einen Tag bei mir bleiben und Tassen und Teller +waschen, dann kann ich sehen, wozu du taugst.« + +Die Wirtin führte sie in ein kleines Kämmerchen, das sie hinter dem +Kellersaal eingerichtet hatte. Es war nicht größer als ein Schrank, und +da war weder ein Fenster noch ein Guckloch, sondern es bekam nur Licht +durch eine Luke in der Wand zum Schankzimmer. + +»Steh heute hier,« sagte die Wirtin zu der kleinen Jungfrau, »und spüle +alle die Tassen und Teller, die ich dir durch diese Luke reiche, dann +will ich sehen, ob ich dich in meinem Dienst behalten kann.« + +Die kleine Jungfrau ging in das Kämmerchen, und sie bewegte sich so +leise, daß es der Wirtin war, als wäre eine Tote in ihr Grab geglitten. + +Sie stand den ganzen Tag dort drinnen, mit niemandem sprach sie, und +niemals steckte sie den Kopf durch die Luke, um die Leute anzusehen, die +in dem Kellersaal aus und ein gingen. Das Essen, das man ihr gab, +berührte sie nicht. + +Niemand hörte sie beim Tellerwaschen klappern, aber wann immer die +Wirtin die Hand durch die Luke streckte, reichte sie ihr die +frischgewaschenen Tassen und Teller, auf denen kein Fleckchen war. + +Aber wenn die Wirtin sie nahm, um sie auf die Tische zu stellen, da +waren sie so kalt, daß es sie deuchte, sie müßten ihr die Haut von den +Fingern brennen. Und ihr schauderte, und sie sagte: »Es ist, als nähme +ich sie dem kalten Tode aus den Händen.« + + +2 + +Eines Tages hatte es auf den Brücken keine Fische zu reinigen gegeben, +so daß Elsalill daheim bleiben durfte. Sie saß allein in der Hütte und +spann. Es war ein tüchtiges Feuer im Herde und ziemlich hell in der +Hütte. + +Mitten in der Arbeit fühlte sie einen leichten Hauch, als striche ein +kalter Wind über ihre Stirn. Sie blickte auf, und da sah sie, daß ihre +tote Milchschwester vor ihr stand. + +Elsalill legte die Hand auf das Spinnrad, so daß es stehen blieb, und +saß still da und betrachtete ihre Milchschwester. Zuerst erschrak sie, +aber sie dachte bei sich: es steht mir nicht wohl an, mich vor meiner +Milchschwester zu fürchten. Ob sie nun tot oder lebendig ist, bin ich +doch froh, sie zu sehen. + +»Mein Liebchen,« sagte sie zu der Toten, »wünschest du etwas von mir?« + +Da sprach die andere mit einer Stimme, die ohne Stärke und Ton war: +»Schwesterchen Elsalill, ich habe mich im Gasthause verdingt, und die +Wirtin hat mich den ganzen Tag stehen und Tassen und Teller waschen +lassen. Nun, am Abend, bin ich so müde, daß ich es nicht mehr ertrage. +Ich bin nun hergekommen, um zu fragen, ob du nicht kommen und mir helfen +willst?« + +Als Elsalill dies vernahm, war es ihr, als ob ein Schleier sich über +ihren Verstand legte. Sie konnte nicht mehr denken oder wollen oder +Furcht empfinden. Sie konnte nur Freude darüber fühlen, daß sie ihre +Milchschwester wiedersah, und sie antwortete: »Ja, mein Liebchen, ich +will sogleich kommen und dir helfen.« + +Da schritt die Tote auf die Türe zu, und Elsalill folgte ihr. Aber als +sie auf der Schwelle standen, blieb ihre Milchschwester stehen und sagte +zu Elsalill: »Du mußt deinen Mantel umnehmen. Draußen weht ein heftiger +Sturm.« Und als sie dies sagte, klang ihre Stimme ein bißchen deutlicher +als früher und weniger tonlos. + +Da nahm Elsalill ihren Mantel von der Wand und hüllte sich darein. Sie +dachte bei sich selbst: Meine Milchschwester liebt mich noch. Sie will +mir nichts zuleide tun. Ich bin glücklich, ihr zu folgen, wohin sie mich +auch führen mag. + +Und sie folgte der Toten durch viele Gassen, von Torarins Hütte, die auf +einer steinigen Anhöhe lag, bis zu den ebeneren Straßen am Platze und am +Hafen. + +Die Tote ging die ganze Zeit zwei Schritte vor Elsalill. Es war ein +starker Sturm, der an diesem Abend durch die Gassen heulte, und Elsalill +merkte, wenn der Wind sehr heftig kam und sie an die Wand pressen +wollte, daß die Tote sich zwischen sie und den Wind stellte und sie, so +gut sie konnte, mit ihrem zarten Leibe schützte. + +Als sie endlich zum Rathause kamen, ging die Tote die Kellertreppe +hinunter und winkte Elsalill, ihr zu folgen. Aber als sie die Treppe +hinuntergingen, blies der Wind das Licht der Laterne aus, die im Flure +hing, und sie standen im Dunkeln. Da wußte Elsalill nicht, wohin sie +ihre Schritte wenden sollte, und die Tote mußte ihre Hand auf die +Elsalills legen, um sie zu führen. Aber die Hand der Toten war so kalt, +daß Elsalill zusammenzuckte und vor Schrecken zu zittern begann. Da +entfernte die Tote ihre Hand und wickelte sie in einen Zipfel von +Elsalills Mantel, bevor sie wieder versuchte, sie zu führen. Aber +Elsalill fühlte die Eiseskälte durch Futter und Pelzwerk. + +Nun führte die Tote Elsalill durch einen langen Gang und öffnete dann +eine Tür. Sie kamen in ein kleines, dunkles Kämmerchen, in das durch +eine Luke in der Wand ein schwacher Lichtschein fiel. Elsalill sah, daß +sie sich in einem Raume befanden, wo die Wirtin ihr Schankmädchen stehen +zu haben pflegte, um die Tassen und Teller zu waschen, die sie brauchte, +um sie den Gästen auf die Tische zu stellen. Elsalill konnte erkennen, +daß ein Wasserschaff auf einem Schemel stand, und in der Luke standen +viele Becher und Gefäße, die gespült werden sollten. + +»Willst du mir heut abend bei dieser Arbeit helfen, Elsalill?« sagte die +Tote. + +»Ja, mein Liebchen,« sagte Elsalill, »du weißt, daß ich dir bei allem +helfen will, was du begehrst.« + +Damit legte Elsalill den Mantel ab. Sie streifte ihre Ärmel auf und +machte sich an die Arbeit. + +»Willst du nun sehr ruhig und still hier sein, Elsalill, daß die Wirtin +es nicht merkt, daß ich mir eine Hilfe angeschafft habe?« + +»Ja, mein Liebchen,« sagte Elsalill, »gewiß will ich das.« + +»Ja, dann lebe wohl, Elsalill!« sagte die Tote. »Nun will ich dich nur +um eines bitten. Und das ist, daß du mir hiernach nicht allzusehr zürnen +mögest.« + +»Was soll dies bedeuten, daß du mir Lebewohl sagst?« sagte Elsalill. +»Ich will gerne jeden Abend kommen und dir helfen.« + +»Nein, öfter als heute abend brauchst du wohl nicht zu kommen,« sagte +die Tote. »Ich denke, du wirst mir heute nacht so helfen, daß dieses +Werk vollbracht ist.« + +Während sie so sprachen, hatte Elsalill sich schon über die Arbeit +gebeugt. Ein Weilchen war alles still, aber dann spürte sie einen leisen +Hauch auf der Stirne, gerade wie da, als die Tote in Torarins Hütte zu +ihr gekommen war. Da sah sie auf und merkte, daß sie allein war. Sie +begriff, was es war, das sie wie ein leises Lüftchen auf der Stirne +gespürt hatte, und sagte zu sich selbst: »Meine tote Milchschwester hat +mich auf die Stirne geküßt, ehe sie von mir schied.« + +Elsalill machte nun zuerst ihre Arbeit fertig. Sie spülte alle Schalen +und Kannen ab und trocknete sie. Dann ging sie zur Luke, um zu sehen, ob +neue hingestellt worden wären. Sie fand keine dort, und so blieb sie vor +der Luke stehen und sah hinaus in den Kellersaal. + +Es war zu einer Stunde des Tages, wo keine Gäste in den Keller zu kommen +pflegten. Die Wirtin saß nicht hinter ihrem Schanktisch, und keiner +ihrer Dienstleute befand sich in der Stube. Die einzigen, die man sah, +waren drei Männer, die am Ende eines großen Tisches saßen. Sie waren +Gäste, schienen aber hier ganz heimisch zu sein, denn einer von ihnen, +der seinen Becher geleert hatte, ging zum Schanktisch, füllte ihn aus +einem der großen Fässer, die dort aufgestapelt lagen, und setzte sich +wieder hin, um weiterzutrinken. + +Elsalill stand da, als wäre sie aus einer fremden Welt gekommen. Ihre +Gedanken weilten bei der toten Milchschwester, und sie konnte nicht +recht unterscheiden, was sie sah. Es dauerte nicht lange, bis sie +merkte, daß die drei Männer am Tische ihr wohlvertraut und lieb waren. +Denn die dort saßen, waren keine anderen als Sir Archie und seine beiden +Freunde, Sir Reginald und Sir Philip. + +In den letzten Tagen war Sir Archie nicht zu Elsalill gekommen, und sie +war froh, ihn zu sehen. Sie wollte ihm sogleich zurufen, daß sie da, +ganz in der Nähe wäre, aber da dachte sie, wie wunderlich es war, daß er +gar nicht mehr zu ihr kam, und sie verhielt sich still. Vielleicht hat +er eine andere lieb gewonnen, dachte Elsalill. Vielleicht denkt er jetzt +an sie. + +Denn Sir Archie saß ein kleines Stück von den anderen entfernt. Er saß +stumm und starrte gerade vor sich hin, ohne zu trinken. Er nahm am +Gespräche nicht teil, und wenn seine Freunde etwas zu ihm sagten, fand +er es meist nicht der Mühe wert, darauf zu antworten. + +Elsalill hörte, daß die anderen versuchten, ihn aufzumuntern. Sie +fragten ihn, warum er nicht trinke. Sie rieten ihm sogar, zu Elsalill zu +gehen und mit ihr zu plaudern, um wieder froh zu werden. + +»Ihr sollt euch nicht um mich bekümmern,« sagte Sir Archie. »Eine andere +liegt mir im Sinn. Stets sehe ich sie vor mir, und stets höre ich ihre +Stimme mir im Ohr erklingen.« + +Und Elsalill sah, daß Sir Archie dasaß und auf eine der breiten Säulen +starrte, die die Kellerdecke trugen. Nun sah sie auch, was sie früher +nicht bemerkt hatte, daß ihre Milchschwester an dieser Säule stand und +Sir Archie ansah. Sie stand ganz regungslos in ihrem grauen Gewande, und +es war nicht leicht, sie zu unterscheiden, wie sie sich da eng an die +Säule drückte. + +Elsalill stand mäuschenstill und blickte in das Gemach. Sie merkte, daß +ihre Milchschwester die Augen aufgeschlagen hatte, als sie Sir Archie +ansah. Die ganze Zeit, die sie mit Elsalill verbracht hatte, war sie mit +gesenkten Augen einhergegangen. + +Aber ihre Augen waren das einzige, was an ihr furchtbar war. Elsalill +sah, daß sie gebrochen und trübe waren. Sie waren ohne Blick, und das +Licht spiegelte sich nicht mehr in ihnen wieder. + +Nach einer Weile begann Sir Archie wieder zu wehklagen. »Ich sehe sie +immer. Sie folgt mir auf Schritt und Tritt,« sagte er. + +Er saß der Säule zugekehrt, wo die Tote stand, und starrte sie an. Aber +Elsalill begriff, daß er die Tote nicht sah. Er sprach nicht von ihr, +sondern von jemandem, der stets in seinen Gedanken war. + +Elsalill blieb an der Luke stehen und verfolgte alles, was geschah. Sie +dachte, daß sie gar zu gerne wissen wollte, wer es wäre, an den Sir +Archie beständig dachte. + +Plötzlich merkte sie, daß die Tote sich auf die Bank neben Sir Archie +gesetzt hatte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. + +Aber Sir Archie wußte noch immer nichts davon, daß sie ihm so nahe war +und daß sie dasaß und ihm ins Ohr flüsterte. Er merkte ihre Gegenwart +nur durch die furchtbare Angst, die über ihn kam. + +Elsalill sah, daß Sir Archie, nachdem die Tote ein paar Augenblicke +neben ihm gesessen und ihm ins Ohr geflüstert hatte, seinen Kopf in die +Hände sinken ließ und weinte: »Ach, hätt’ ich doch niemals die junge +Jungfrau gefunden!« sagte er. »Ich bereue nichts anderes, als daß ich +die junge Jungfrau nicht verschonte, als sie mich anflehte.« + +Die beiden anderen Schotten hörten zu trinken auf und sahen Sir Archie +erschrocken an, der solchermaßen alle Männlichkeit ablegte und sich der +Reue hingab. Ein Weilchen saßen sie ratlos da, aber dann ging einer von +ihnen zum Schanktisch hin, nahm die größte Trinkkanne, die dort stand, +und füllte sie mit rotem Wein. Dann ging er auf Sir Archie zu, schlug +ihm auf die Schulter und sagte: »Trinke, Bruderherz: Noch währt Herrn +Arnes Schatz! Solange wir die Mittel haben, uns solchen Wein zu schaffen +wie diesen, braucht der Kummer nicht Macht über uns zu gewinnen.« + +Aber in demselben Augenblick, in dem dies gesprochen war: »Trinke, +Bruderherz! Noch währt Herrn Arnes Schatz,« sah Elsalill, wie die Tote +sich von der Bank erhob und verschwand. + +Und zugleich sah Elsalill drei Männer vor sich, die große Bärte und +zottige Fellgewänder hatten und mit Herrn Arnes Leuten kämpften. Und nun +erkannte sie, daß dies die drei Männer waren, die im Keller saßen: Sir +Archie, Sir Philip und Sir Reginald. + + +3 + +Elsalill verließ das Kämmerlein, wo sie gestanden und die Becher der +Wirtin gespült hatte, und schloß sacht die Türe hinter sich zu. In dem +schmalen Gange davor blieb sie stehen. Sie lehnte sich an die Wand und +stand da wohl eine Stunde regungslos. + +Während sie so stand, dachte sie bei sich selbst: Ich kann ihn nicht +verraten. Was er auch Böses getan haben mag, ich bin ihm doch von ganzem +Herzen gut. Ich kann ihn nicht auf das Rad und an den Galgen bringen. +Ich kann nicht sehen, wie sie ihm Hand und Fuß abbrennen. + +Der Sturm, der den ganzen Tag gerast hatte, nahm zu und wurde immer +gewaltiger, je mehr der Abend vorschritt, und Elsalill hörte sein +starkes Brausen, wie sie da in der Dunkelheit stand. + +Nun ist der erste Frühlingssturm gekommen, dachte sie. Nun ist er +gekommen in aller seiner Gewalt, um das Meer frei zu machen und das Eis +zu brechen. In ein paar Tagen werden wir offenes Wasser haben, und dann +wird Sir Archie von dannen ziehen, und niemals kehrt er wieder. Er wird +keine ferneren Missetaten in diesem Lande begehen. Wozu soll es dann +frommen, daß er gefangen und gestraft wird? Weder die Toten noch die +Lebenden haben Freude daran. + +Elsalill zog den Mantel um sich. Sie dachte, daß sie heimgehen und sich +still an ihre Arbeit setzen wolle, ohne irgendeiner Menschenseele das +Geheimnis zu verraten. + +Aber bevor sie noch den Fuß erhoben hatte, um zu gehen, hatte sie auch +schon ihr Vorhaben aufgegeben und blieb stehen. + +Sie stand still und hörte den Sturm brausen. Sie dachte wieder daran, +daß es nun bald Frühling werden würde. Der Schnee würde schmelzen und +die Erde sich in Grün kleiden. + +Daß Gott sich erbarme, was wird dies für ein Frühling für mich, dachte +Elsalill. Nicht Freude noch Glück kann mir nach dieses Winters Kälte +mehr grünen. + +Es ist nur ein Jahr her, dachte sie, da war ich so glücklich, daß der +Winter zu Ende war und der Frühling kam. Ich erinnere mich an einen +Abend, der war so schön, daß es mich nicht daheim auf dem Hofe litt. Da +nahm ich mein Schwesterlein an der Hand, und wir wandelten hinaus auf +die Flur, grünes Laub zu holen, um die Ofenmauer zu schmücken. + +Sie stand da und rief sich ins Gedächtnis, wie sie und ihre +Milchschwester über einen grünen Pfad gewandert waren. Und da, neben dem +Wege, hatten sie eine kleine junge Birke gesehen, die abgehauen worden +war. Man sah es am Holze, daß sie vor einigen Tagen gefällt war. Aber +nun merkten sie, daß der arme abgehauene Baum zu grünen begonnen hatte +und daß seine Blätter sich aus den Knospen entfalteten. + +Da war ihre Milchschwester stehengeblieben und hatte sich über den Baum +gebeugt. »Ach, du armes Bäumchen,« sagte sie, »was hast du wohl Böses +begangen, daß du nicht sterben kannst, wenn du gleich abgehauen bist? +Warum mußt du deine Blätter entfalten, als ob du noch lebtest?« + +Da hatte Elsalill gelacht und ihr geantwortet: »Er grünt wohl so +lieblich, damit der, der ihn abgehauen hat, sieht, welchen Schaden er +getan hat, und Reue darüber fühlt.« + +Aber ihre Milchschwester hatte nicht gelacht. Ihr waren die Tränen in +die Augen gekommen. + +»Dies ist eine große Sünde, einen Baum in der Zeit des Knospenspringens +zu fällen, wo er so voll Kraft ist, daß er nicht sterben kann. Es ist +furchtbar für einen Toten, wenn er nicht Ruhe findet in seinem Grabe. +Die tot sind, haben nicht mehr viel Gutes zu erwarten, nicht Liebe noch +Glück kann sie erreichen. Das einzige Gute, was sie noch begehren, ist, +in stiller Ruh’ zu schlummern. Wohl muß ich weinen, wenn du sagst, daß +die Birke nicht sterben kann, weil sie an ihren Mörder denkt. Es ist +wohl das härteste Schicksal für einen, der des Lebens beraubt wurde, +nicht in Ruhe schlummern zu können, weil er seinen Mörder verfolgen muß. +Die Toten haben nichts anderes zu erstreben als einen Schlummer in +Ruhe.« + +Als Elsalill sich daran erinnerte, begann sie zu weinen und die Hände zu +ringen. + +»Meine Milchschwester findet keine Ruhe in ihrem Grabe,« sagte sie, +»wenn ich nicht meinen Geliebten verrate. Wenn ich ihr hierin nicht +beistehe, muß sie über die Erde irren, ohne Ruhe und Rast. Meine arme +Milchschwester, sie hat keinen anderen Wunsch mehr, als Ruhe in ihrem +Grabe zu finden, und die kann ich ihr nicht geben, ohne daß ich den, den +ich lieb habe, auf das Rad und an den Galgen bringe.« + + +4 + +Sir Archie trat aus dem Kellersaal und ging durch den schmalen Gang. +Jetzt war die Laterne, die an der Decke hing, wieder angezündet, und bei +ihrem Scheine sah er, daß eine junge Jungfrau dastand und sich an die +Wand lehnte. + +Sie war bleich, und sie stand so still, daß Sir Archie erschrak und +dachte: Jetzt endlich steht die Tote, die mich alle Tage verfolgt, vor +meinen Augen. + +Als Sir Archie an Elsalill vorbeikam, legte er seine Hand auf ihre, um +zu erfahren, ob es wirklich eine Tote wäre, die da stand. Und die Hand +war so kalt, daß er nicht sagen konnte, ob sie einer Toten oder einer +Lebenden angehörte. + +Aber als Sir Archie Elsalills Hand berührte, zog sie sie zurück, und da +erkannte Sir Archie Elsalill. + +Er glaubte, daß sie um seinetwillen hergekommen wäre, und er wurde sehr +froh, als er sie sah. In demselben Augenblick durchfuhr ihn ein Gedanke. +Jetzt weiß ich, was ich tun will, damit ich die Tote versöhne, und damit +sie davon ablasse, mich zu verfolgen. + +Er nahm Elsalills Hände zwischen seine und führte sie an seine Lippen. +»Gott segne dich dafür, daß du heute abend zu mir gekommen bist, +Elsalill,« sagte er. + +Aber Elsalills Herz war zu Tode betrübt. Sie konnte vor Tränen Herrn +Archie nicht einmal sagen, daß sie nicht hergekommen war, um ihn zu +treffen. + +Sir Archie stand lange schweigend da, aber die ganze Zeit über hielt er +Elsalills Hände in seinen beiden. Und je länger er so stand, desto +klarer und schöner wurde sein Gesicht. + +»Elsalill,« sagte Sir Archie, und er sprach mit großer Feierlichkeit. +»Seit mehreren Tagen bin ich nicht zu dir gekommen, weil ich von +schweren Gedanken gequält war. Sie haben mir niemals Ruhe gelassen, und +ich glaubte, daß ich auf dem Wege sei, den Verstand zu verlieren. Aber +heute abend steht es besser mit mir, und ich sehe vor meinen Augen das +Bild nicht mehr, das mich quälte. Und als ich dich hier draußen fand, da +sagte mir mein Herz, was ich tun sollte, um meiner Qual für alle Zeit +los und ledig zu werden.« + +Er beugte sich hinunter, um Elsalill in die Augen sehen zu können, aber +als sie mit gesenkten Lidern dastand, fuhr er fort: + +»Du zürnst mir, Elsalill, weil ich mehrere Tage nicht zu dir gekommen +bin. Aber ich konnte nicht kommen, denn wenn ich dich sah, wurde ich +noch mehr an das erinnert, was mich quälte. Wenn ich dich sah, mußte ich +noch mehr an eine junge Jungfrau denken, gegen die ich übel gehandelt +habe. Ich habe auch sonst gegen viele Menschen übel gehandelt, Elsalill, +aber mein Gewissen verfolgt mich um nichts anderes, als um dieses, was +ich gegen die junge Jungfrau begangen habe.« + +Als Elsalill noch immer schwieg, ergriff er wieder ihre Hände und führte +sie an seine Lippen und küßte sie. + +»Höre nun, Elsalill, was mein Herz mir sagte, als ich sah, daß du dort +draußen standest und auf mich wartetest: Du hast an einer Jungfrau +unrecht gehandelt, darum sollst du an einer anderen sühnen, was du ihr +zuleide getan hast. Du sollst sie zu deinem Weibe nehmen, und du sollst +so gut gegen sie sein, daß sie niemals Kummer fühlt. Du sollst ihr +solche Treue bewahren, daß du sie an deinem letzten Lebenstage mehr +liebst als an deinem Hochzeitstage.« + +Elsalill stand noch immer unbeweglich mit niedergeschlagenen Augen da. +Da legte Sir Archie die Hand auf ihren Kopf und richtete ihn empor. »Ich +muß wissen, Elsalill, ob du hörst, was ich sage,« sagte er. + +Da sah er, daß Elsalill so heftig weinte, daß große Tränen über ihre +Wangen rollten. + +»Warum weinst du, Elsalill?« fragte Sir Archie. + +»Ich weine, Sir Archie,« sagte Elsalill, »weil ich eine allzu große +Liebe zu Euch in meinem Herzen trage.« + +Da trat Sir Archie noch näher an Elsalill heran und legte seinen Arm um +ihren Leib. »Hörst du, wie der Sturm draußen heult?« sagte er. »Das +bedeutet, daß das Meer bald frei ist, und daß Schiffe und Fahrzeuge +wieder in mein Heimatland ziehen können. Sage mir nun, Elsalill, ob du +mir dort hinüber folgen willst, so daß ich an dir gut machen kann, was +ich an einer anderen verbrochen habe?« + +Sir Archie begann Elsalill flüsternd von dem herrlichen Leben zu +erzählen, das ihrer harrte, und Elsalill fing an, bei sich selbst zu +denken: Ach, daß ich doch nicht wüßte, was er Böses getan hat. Dann +würde ich ihm folgen und glücklich mit ihm leben. + +Sir Archie kam ihr immer näher, und als Elsalill aufblickte, sah sie, +daß sein Gesicht über sie gebeugt war, und daß er sie eben auf die +Stirne küssen wollte. Da erinnerte sie sich an die Tote, die jüngst bei +ihr gewesen war und sie geküßt hatte. Sie riß sich von Sir Archie los +und sagte: »Nein, Sir Archie, ich werde Euch niemals folgen.« + +»Doch,« sagte Sir Archie, »du mußt mir folgen, Elsalill, sonst stürze +ich ins Verderben.« + +Er begann der Jungfrau immer zärtlichere Worte zuzuflüstern, und wieder +dachte sie bei sich selbst: Wäre es nicht Gott und den Menschen +wohlgefälliger, wenn er sein böses Leben sühnen und ein rechtschaffener +Mann werden könnte? Wem frommt es wohl, wenn er gestraft und getötet +wird? + +Als Elsalill so zu denken begann, kamen ein paar Männer vorbei, die in +den Kellersaal gingen. Wie Sir Archie merkte, daß sie auf ihn und die +Jungfrau neugierige Blicke warfen, sagte er zu ihr: + +»Komm, Elsalill, ich will dich heimgeleiten. Ich will nicht, daß jemand +sieht, daß du zu mir in den Kellersaal gekommen bist.« + +Da blickte Elsalill auf, als käme es ihr plötzlich in den Sinn, daß sie +einen anderen Auftrag zu erfüllen hatte, als Sir Archie zu lauschen. +Aber ihr Herz tat ihr so weh, als sie daran dachte, sein Verbrechen zu +verraten. Wenn du ihn dem Büttel auslieferst, dann muß ich brechen, +sagte ihr Herz zu ihr. Aber Sir Archie hüllte die Jungfrau enger in +ihren Mantel und führte sie hinaus auf die Straße. Dann ging er mit ihr +bis zu Torarins Hütte. Und sie merkte, wie er sich jedesmal, wenn der +Sturm sehr ungestüm an sie heranbrauste, vor sie stellte und sie +schützte. + +Elsalill dachte die ganze Zeit, während sie so gingen: meine tote +Milchschwester wußte nichts davon, daß er sein Vergehen sühnen und ein +guter Mensch werden will. + +Sir Archie flüsterte noch immer Elsalill die holdseligen Worte ins Ohr. +Und je länger Elsalill ihm lauschte, desto größer wurde ihre Zuversicht. + +Nur damit ich Sir Archie solche Worte in mein Ohr flüstern höre, hat +mich meine Milchschwester herbeschieden, dachte sie. Sie liebt mich so +inniglich. Sie will nicht mein Unglück, sondern mein Glück. + +Und als sie vor der Hütte stehenblieben, fragte Sir Archie Elsalill noch +einmal, ob sie ihm übers Meer folgen wolle? Und Elsalill antwortete, mit +Gottes Hilfe wolle sie ihn geleiten. + + + +Die Friedlose + +Am nächsten Tage hatte der Sturm aufgehört. Es war nun mildes Wetter, +aber das konnte dem Schnee nicht viel anhaben, sondern das Meer war +ebenso verschlossen wie nur je. + +Als Elsalill am Morgen erwachte, dachte sie: Sicherlich ist es besser, +wenn ein Missetäter sich bekehrt und nach Gottes Geboten lebt, als wenn +er gestraft und getötet wird. + +Im Laufe des Tages sandte Sir Archie einen Boten zu Elsalill, der ihr +einen breiten Armreif aus Gold brachte. + +Und es beglückte Elsalill, daß Sir Archie dran gedacht hatte, ihr eine +Freude zu bereiten, und sie dankte dem Boten und empfing die Gabe. + +Aber als er gegangen war, mußte sie daran denken, daß Sir Archie diesen +Reif mit Münzen aus Herrn Arnes Schatz gekauft hatte. Sie konnte es +nicht ertragen, ihn vor Augen zu sehen, als sie daran dachte. Sie riß +ihn vom Arm und warf ihn weit von sich. + +Was für ein Leben wird das für mich werden, wenn ich stets denken muß, +daß ich von Herrn Arnes Schatz lebe, dachte sie. Wenn ich einen Bissen +zu den Lippen führe, muß ich da nicht an die geraubten Goldstücke +denken, und wenn ich ein neues Kleid bekomme, dann muß es mir in den +Ohren klingen, daß dies für unrechtmäßiges Gut gekauft ist? Jetzt sehe +ich doch, daß es mir nicht möglich ist, Sir Archie zu folgen und sein +Leben mit ihm zu leben. Ich werde es ihm sagen, wenn er zu mir kommt. + +Als der Abend anbrach, kam Sir Archie zu ihr. Er war voll Freude, denn +keinerlei böse Gedanken hatten ihn gequält, und er glaubte, dies komme +daher, weil er versprochen hatte, an einer jungen Jungfrau gut zu +machen, was er an der anderen verbrochen hatte. + +Als Elsalill ihn sah und ihn reden hörte, vermochte sie nicht, ihm zu +sagen, daß sie betrübt war und sich von ihm trennen wollte. + +Alle die Sorgen, die an ihr nagten, vergaß sie, wenn sie so saß und Sir +Archie zuhörte. + +Der nächste Tag war ein Sonntag, und da ging Elsalill zur Kirche. Sie +ging sowohl zur hohen Messe wie zum Abendgesang. + +Als sie bei der hohen Messe saß und dem Geistlichen lauschte, hörte sie +ganz in der Nähe jemanden schluchzen und weinen. + +Sie glaubte, es sei einer von jenen, die neben ihr in der Bank saßen, +aber ob sie gleich nach rechts und nach links ausblickte, so sah sie +doch nichts anderes als ruhige und feierliche Menschen. + +Gleichwohl hörte sie deutlich, daß jemand weinte, und es deuchte sie, +daß der Weinende ihr so nahe wäre, daß sie ihn erreichen müßte, wenn sie +nur die Hand ausstreckte. + +Elsalill saß da und hörte, wie es seufzte und schluchzte, und sie dachte +bei sich selbst, daß sie nie etwas gehört hatte, was so todesbetrübt +geklungen hätte. + +Wer ist es, der so tiefen Kummer trägt, daß er so bittere Tränen +vergießen muß? dachte Elsalill. + +Sie schaute sich um, und sie beugte sich über die nächste Bank vor, um +es zu sehen. Aber alle saßen stumm da, und niemandes Gesicht war von +Tränen überströmt. + +Da dachte Elsalill, daß sie wohl nicht zu fragen und zu grübeln +brauchte. Hatte sie doch vom ersten Augenblick an gewußt, wer es wäre, +der neben ihr weinte. + +»Mein Liebchen,« flüsterte sie, »warum zeigst du dich mir nicht, wie du +ehegestern tatest. Du weißt ja doch, daß ich gerne alles tun will, was +in meinen Kräften steht, um deine Tränen zu trocknen.« + +Sie horchte nach einer Antwort, aber sie erhielt keine. Sie hörte nur, +wie die Tote neben ihr schluchzte. + +Elsalill versuchte, darauf zu hören, was der Priester auf seiner Kanzel +sagte, aber sie konnte dem nicht recht folgen, was er sprach. Und sie +ward ungeduldig und flüsterte: »Ich weiß eine, die mehr Grund hat zu +weinen als sonst irgend jemand, und das bin ich selbst. Hätte meine +Milchschwester mich nicht wissen lassen, wer ihre Mörder sind, so könnte +ich hier jetzt in Lust und Freude sitzen.« + +Während sie dem Weinen lauschte, wurde sie immer erzürnter, so daß sie +dachte: Wie kann meine tote Milchschwester von mir verlangen, daß ich +den verrate, den ich lieb habe? Niemals hätte sie selbst so etwas +begehen wollen, wenn sie noch am Leben gewesen wäre. + +Sie saß in die Kirchenbank eingeschlossen, aber sie konnte sich kaum +still halten. Sie wiegte den Körper hin und her, und sie rang die Hände. +Nun wird mich dies wohl den ganzen Tag verfolgen, dachte sie. Wer weiß, +fuhr sie fort und wurde immer ängstlicher, wer weiß, ob es mir nicht +mein ganzes Leben lang folgen wird? + +Aber immer tiefer und schwerer wurde das Schluchzen, das sie neben sich +hörte, und schließlich rührte es doch ihr Herz, so daß sie selber zu +weinen anfing. + +Wer so weint, muß wohl einen furchtbar schweren Kummer tragen, dachte +sie. Dem muß wohl ein Leid auferlegt sein, das schwerer ist, als ein +Lebender fassen könnte. + +Als der Gottesdienst zu Ende war und Elsalill die Kirche verlassen +hatte, hörte sie das Schluchzen nicht mehr. Aber auf dem ganzen Heimwege +ging sie selbst daher und weinte, weil ihre Milchschwester keine Ruhe +finden konnte in ihrem Grabe. + +Aber als abends wieder Gottesdienst gehalten wurde, ging Elsalill +abermals zur Kirche, denn sie mußte wissen, ob ihre Milchschwester noch +dort säße und weinte. + +Und sowie Elsalill in die Kirche trat, hörte sie sie, und ihre Seele +erbebte in ihr, als sie das Schluchzen vernahm. Sie fühlte, daß ihre +Stärke verging, und sie hatte keinen andern Willen mehr, als der Toten +zu helfen, die friedlos unter den Menschen umherwanderte. + +Als Elsalill aus der Kirche kam, war es noch so hell, daß sie sehen +konnte, wie einer von denen, die vor ihr gingen, blutige Fußstapfen auf +dem Schnee hinterließ. + +Wer kann das sein, der so arm ist, daß er mit nackten Füßen geht und +blutige Fußspuren im Schnee hinterläßt? dachte sie. + +Alle, die vor ihr gingen, sahen aus wie wohlgestellte Leute. Sie waren +alle fein säuberlich gekleidet und hatten Schuhe an den Füßen. + +Aber die roten Fußstapfen waren nicht alt. Elsalill sah, wie sie sich in +der Schneerinde abdrückten. + +Das ist jemand, der sich auf weiten Wegen wund gegangen hat, dachte sie. +Gott lasse ihn nicht mehr lange wandern, bis er unter ein schirmend Dach +kommt und Ruhe findet. + +Sie wollte gerne wissen, wer es war, der eine so schwere Wanderung +gemacht hatte, und sie folgte den Fußstapfen, obgleich sie so von ihrem +eigenen Wege abweichen mußte. + +Aber plötzlich merkte sie, daß alle Kirchenbesucher eine andre Richtung +eingeschlagen hatten, und daß sie sich allein auf dem Wege befand. Aber +dennoch zeichneten sich noch immer die blutroten Fußstapfen vor ihr ab. + +Es ist meine arme Milchschwester, die da geht, dachte sie da, und sie +erkannte bei sich selbst, daß sie die ganze Zeit gewußt hatte, daß jene +es war. + +»Ach, mein armes Schwesterlein, ich glaubte, du wandeltest so leicht +über die Erde, daß du deinen Fuß nicht an den Boden stießest. Aber +keiner der Lebenden kann verstehen, wie schmerzensreich deine Wanderung +sein mag.« + +Die Tränen stürzten ihr in die Augen, und sie seufzte: »Daß sie doch +keine Ruhe finden kann in ihrem Grabe. Weh’ mir, daß sie hier so lange +umherirren mußte, daß ihre Füße blutig geworden sind.« + +»Bleib’ stehen, mein liebes Schwesterlein,« rief sie, »bleib’ stehen, +damit ich mit dir sprechen kann.« + +Aber als sie so rief, sah sie, wie die Fußstapfen sich noch rascher vom +Schnee abhoben, als ob die Tote ihre Schritte beschleunigte. + +»Jetzt flieht sie vor mir. Sie erwartet von mir keine Hilfe mehr,« sagte +Elsalill. + +Die blutigen Fußstapfen brachten sie ganz außer sich, und sie rief: +»Mein herzallerliebstes Schwesterlein, ich will alles tun, was du +willst, auf daß du Ruhe findest in deinem Grabe.« + +Kurz nachdem Elsalill diese Worte gesprochen hatte, kam eine +hochgewachsene Frau, die hinter ihr gegangen war, auf sie zu und legte +die Hand auf ihren Arm. + +»Wer bist du, der du hier über die Landstraße gehst und weinst und die +Hände ringst?« sagte die Frau. »Du gleichest einem kleinen Jüngferchen, +das am Freitag zu mir kam und in meine Dienste treten wollte und dann +fortblieb. Oder bist du’s vielleicht gar selber?« + +»Nein, ich bin’s nicht selber,« sagte Elsalill, »aber wenn es so ist, +wie ich meine, daß Ihr die Wirtin vom Ratskeller seid, so weiß ich, von +welcher Jungfrau Ihr sprecht.« + +»Dann mußt du mir sagen, warum sie von mir fortging und nicht +wiederkam,« sagte die Wirtin. + +»Sie ging von Euch fort,« sagte Elsalill, »weil sie nicht die Reden +aller der Missetäter hören wollte, die in Eurem Saale saßen.« + +»Wohl sitzen manche wilde Gesellen in meinem Saal, aber keine +Missetäter,« sprach die Wirtin. + +»Und doch hörte die Jungfrau, wie drei Männer, die dort saßen, +miteinander sprachen,« erwiderte Elsalill, »und einer von ihnen sagte: +›Trink, Bruderherz! Noch währt Herrn Arnes Schatz.‹« + +Als Elsalill dies gesagt hatte, dachte sie: Nun habe ich meiner +Milchschwester geholfen und erzählt, was ich gehört habe. Möge nun Gott +mir helfen, daß die Wirtin es sich nicht einfallen läßt, meinen Worten +Glauben zu schenken, dann trage ich keine Schuld. + +Aber als sie an dem Gesichte der Wirtin sah, daß sie ihr glaubte, da +erschrak sie gar sehr und wollte fliehen. + +Doch bevor sie noch einen Schritt tun konnte, hatte die schwere Hand der +Wirtin mit sicherem Griff die ihre gefaßt, so daß sie nicht entrinnen +konnte. + +»Hast du erzählen hören, daß solche Worte in meinem Kellersaal gefallen +sind, Jungfrau,« sagte die Wirtin, »dann geht es nicht an, daß du dich +aus dem Staube machst. Du mußt mir zu jenen folgen, die die Macht und +den Willen haben, die Mörder zu greifen und sie der Strafe zu +überantworten.« + + + +Sir Archies Flucht + +Elsalill kam in den Kellersaal, in ihren langen Mantel gehüllt, und ging +zu einem Tische, an dem Sir Archie saß und mit seinen Freunden zechte. +Es waren eine Menge Gäste um die Tische geschart, aber Elsalill kümmerte +sich nicht um alle die staunenden Blicke, die ihr folgten, als sie +hinging und sich an die Seite dessen setzte, dem sie gut war. Sie dachte +nur, daß sie die letzten Augenblicke, in denen Sir Archie noch seine +Freiheit hatte, mit ihm beisammen sein wollte. + +Als Sir Archie Elsalill kommen und sich neben ihm niederlassen sah, da +stand er auf und setzte sich mit ihr an einen Tisch, der weit unten im +Saale hinter einer Säule verborgen stand. Sie konnte sehen, daß es ihm +nicht gefiel, daß sie zu ihm in den Keller gekommen war, da es nicht +Brauch war, daß junge Jungfrauen sich dort sehen ließen. + +»Ich habe Euch keine lange Botschaft zu sagen, Sir Archie,« sagte +Elsalill, »aber Ihr müßt doch wissen, daß es nicht bei mir steht, Euch +in Euer Land zu folgen.« + +Als Sir Archie Elsalill dies sagen hörte, da erschrak er gar sehr, denn +er fürchtete, wenn er Elsalill verlöre, würden die bösen Gedanken wieder +Gewalt über ihn erlangen. + +»Warum willst du mir nicht folgen, Elsalill?« sagte Sir Archie. + +Elsalill saß bleich wie der Tod, ihre Gedanken waren so verwirrt, daß +sie kaum wußte, was sie ihm antwortete. + +»Es tut nicht gut, einem Landsknecht zu folgen,« sagte sie. »Niemand +weiß, ob so einer Treu’ und Gelöbnis hält.« + +Bevor Sir Archie noch antworten konnte, trat ein Seemann in den +Kellersaal. + +Er ging auf Sir Archie zu und sagte ihm, daß er von dem Schiffer der +Galeasse ausgesandt sei, die hinter der Kleeinsel eingefroren lag. Nun +ließ der Schiffer sagen, daß Sir Archie und alle seine Mannen an diesem +Abend ihre Habseligkeiten in Ordnung bringen und an Bord kommen sollten. +Der Sturm hätte sich aufs neue erhoben. Das Meer war bis weit nach +Westen frei geworden. Es könnte wohl sein, daß noch vor Tagesanbruch der +Weg nach Schottland offen wäre. + +»Du hörst, was er sagt,« sagte Sir Archie zu Elsalill. »Willst du mich +geleiten?« + +»Nein,« sagte Elsalill, »ich will Euch nicht geleiten.« + +Aber im tiefsten Herzen war sie sehr froh, denn sie dachte: Nun kann es +sich doch so fügen, daß er von dannen zieht, ehe noch die Wache kommt +und ihn greift. + +Sir Archie stand auf und ging zu Sir Philip und Sir Reginald und sprach +von der Botschaft. »Geht Ihr vor mir heim nach der Herberge,« sagte er, +»und macht alles bereit! Ich muß noch ein paar Worte mit Elsalill +sprechen.« + +Als Elsalill sah, daß Sir Archie zu ihr zurückkam, streckte sie die +Hände gegen ihn aus. »Warum kommt Ihr zurück, Sir Archie?« sagte sie. +»Warum eilet Ihr nicht hinunter zum Meere, so rasch Eure Füße Euch +tragen können?« + +Denn ihre Liebe zu Sir Archie war so groß. Sie hatte ihn wohl um ihrer +lieben Milchschwester willen verraten, aber sie wünschte nichts +sehnlicher, als daß er entrinnen möchte. + +»Nein, ich will dich zuerst noch einmal bitten, daß du mit mir kommst,« +sagte Sir Archie. + +»Ihr wißt doch, Sir Archie, daß ich Euch nicht folgen kann,« sagte +Elsalill. + +»Warum kannst du nicht?« sagte Sir Archie. »Du bist ein so einsames und +armes Mägdlein, daß keine Menschenseele danach fragt, was aus dir wird. +Aber wenn du mit mir kommst, will ich dich zu einer mächtigen Frau +machen. Ich bin ein vornehmer Mann in meinem Heimatlande. Du wirst in +Seide und Gold gekleidet gehen, und du wirst an des Königs Hof den +Reigen führen.« + +Elsalill zitterte, daß er bei ihr verweilte, während noch die Flucht +möglich war. Sie hatte kaum die Ruhe, ihm zu antworten: »Zieht nun von +hinnen, Sir Archie! Ihr sollt nicht länger verweilen, um mich zu +bitten.« + +»Ich will dir etwas sagen, Elsalill!« sagte Sir Archie und sprach mit +immer weicherer Stimme zu ihr. »Als ich dich zuerst sah, da dachte ich +nur daran, dich zu locken und zu betören. Ich habe dir so manchesmal +zuvor goldene Berge versprochen, aber seit ehegestern abend meine ich es +ehrlich mit dir. Und nun ist es mein Wille und mein Wunsch, dich zu +meinem Ehegemahl zu machen. Du kannst mir vertrauen, so wahr ich ein +Edelmann und ein Krieger bin.« + +Im selben Augenblick hörte Elsalill, daß bewaffnete Männer über den +Marktplatz vor den Keller zogen. Wenn ich ihm nun folge, dachte sie, so +kann er noch entrinnen. Ich ziehe ihn ins Verderben. Um meinetwillen +verweilt er hier so lange, daß die Wache ihn ergreifen kann. Aber ich +kann doch dem Manne nicht folgen, der alle die Meinen gemordet hat, +dachte sie. + +»Sir Archie,« sagte Elsalill, und sie hoffte, daß sie ihm Furcht +einjagen würde. »Hört Ihr nicht, daß bewaffnete Männer über den Markt +gezogen kommen?« + +»Freilich höre ich es,« sagte Sir Archie. »Es hat wohl irgendwo in einer +Schenke eine Schlägerei gegeben. Sei unbesorgt, Elsalill, es sind nur +ein paar Fischer, die über Wetter und Wind in Zank geraten sind.« + +»Sir Archie,« sagte Elsalill, »hört Ihr nicht, daß sie vor dem Rathause +haltmachen?« + +Elsalill zitterte vom Scheitel bis zur Sohle, aber Sir Archie merkte es +nicht, sondern war ganz ruhig. + +»Wo sollten sie wohl sonst haltmachen?« sagte Sir Archie. »Sie müssen +doch die Unruhestifter herführen, um sie im Rathause ins Gefängnis zu +werfen. Höre nicht auf sie, Elsalill, höre auf mich, der dich bittet, +ihm übers Meer zu folgen!« + +Aber Elsalill versuchte noch einmal, Sir Archie zu erschrecken. + +»Sir Archie,« sagte sie, »hört Ihr nicht, wie die Gewappneten die Treppe +zum Rathauskeller hinuntersteigen?« + +»Freilich höre ich es,« sagte Sir Archie, »sie kommen wohl her, um eine +Kanne Bier zu leeren, nachdem sie ihre Gefangenen in sicheren Gewahrsam +gebracht haben. Denke nicht an sie, Elsalill, sondern denke daran, daß +morgen du und ich über das freie Meer in mein teures Vaterland ziehen.« + +Aber Elsalill war leichenblaß, und sie zitterte so, daß sie kaum +sprechen konnte. + +»Sir Archie,« sagte sie, »seht Ihr nicht, wie sie dort oben beim +Schanktisch mit der Wirtin sprechen. Sie fragen sie wohl, ob einer von +denen, die sie suchen, hier zu finden sei?« + +»Sie machen wohl mit ihr aus, daß sie ihnen in dieser stürmischen Nacht +einen starken heißen Trunk brauen soll,« sagte Sir Archie. »Du sollst +nicht so sehr zittern und bangen, Elsalill. Du kannst mir ohne Furcht +folgen. Ich sage dir, wenn mein Vater mich jetzt mit dem edelsten +Fräulein in meinem Lande vermählen wollte, ich würde ihr nein sagen. +Komm du getrost mit mir übers Meer, Elsalill! Du wirst dem größten Glück +entgegenziehen.« + +Unten an der Türe versammelten sich immer mehr Landsknechte, und +Elsalill wußte vor Angst nicht mehr aus noch ein. Ich kann es nicht mit +ansehen, daß sie kommen und ihn greifen, dachte sie. Sie beugte sich zu +Sir Archie und flüsterte ihm zu: + +»Höret Ihr nicht, Sir Archie, daß die Männer die Wirtin fragen, ob Herrn +Arnes Mörder hier im Saale sind?« + +Da warf Sir Archie einen Blick durch das Gemach und sah die +Landsknechte, die mit der Wirtin sprachen. Aber er sprang nicht auf, um +zu fliehen, wie Elsalill erwartet hatte, sondern er beugte sich hinab +und sah Elsalill tief in die Augen. »Hast du, Elsalill, mich erkannt und +verraten?« fragte er. + +»Ich habe es um meiner lieben Milchschwester willen getan, auf daß sie +Ruhe finde in ihrem Grabe,« sagte Elsalill. »Gott weiß, was es mich +gekostet hat, es zu tun. Aber flieht nun, Sir Archie! Noch ist es Zeit. +Noch haben sie nicht Türen und Vorsaal verrammelt.« + +»Du Wolfsjunges!« sagte Sir Archie. »Als ich dich zum ersten Male auf +den Brücken sah, da dachte ich, daß ich dich töten sollte.« + +Aber Elsalill legte ihre Hand auf seinen Arm. »Flieht, Sir Archie, ich +kann nicht stillsitzen und sehen, wie sie kommen und Euch greifen. Wollt +Ihr nicht ohne mich fliehen, so werde ich Euch in Gottes Namen folgen. +Aber bleibt nicht länger um meinetwillen hier, Sir Archie. Alles, was +Ihr begehrt, will ich für Euch tun, wenn Ihr nur Euer Leben rettet.« + +Aber Sir Archie war jetzt sehr zornig, und er sprach hohnvoll zu +Elsalill. + +»Nun wirst du niemals, o Jungfrau, in goldgestickten Schuhen durch weite +Schloßgemächer wandeln. Nun kannst du dein Leben lang hier in Marstrand +bleiben und Heringe putzen. Niemals bekommst du einen Gatten, der Schloß +und Lehen hat, Elsalill. Dein Mann wird ein armer Fischer sein, und +deine Wohnstatt eine Hütte auf der kahlen Schäre.« + +»Höret Ihr nicht, wie sie alle Türen besetzen und mit gestreckten Lanzen +alle Eingänge bewachen?« fragte Elsalill. »Warum eilet Ihr nicht von +hinnen? Warum flieht Ihr nicht hinunter aufs Eis und verbergt Euch auf +einem Schiffe?« + +»Ich fliehe nicht, weil es mich ergötzt, mit dir Zwiesprach zu halten, +Elsalill,« sagte Sir Archie. »Denkst du auch daran, daß es jetzt mit +aller Freude für dich vorbei ist, Elsalill? Denkst du auch daran, daß es +jetzt aus ist mit meiner Hoffnung, meine Schuld zu sühnen?« + +»Sir Archie,« flüsterte Elsalill und erhob sich in ihrer großen Angst, +»jetzt sind sie bereit. Jetzt kommen sie, um Euch zu greifen. Flieht, +ach flieht! Ich will zu Euch auf das Schiff kommen, wenn Ihr nur +flieht.« + +»Du brauchst dich nicht so zu ängstigen, Elsalill,« sagte Sir Archie. +»Wir haben noch Zeit, ein weniges miteinander zu plaudern. Die +Landsknechte haben es nicht im Sinn, sich hier auf mich zu stürzen, wo +ich mich verteidigen kann. Sie wollen mich wohl auf der engen +Kellertreppe fangen. Da wollen sie mich auf ihre langen Lanzen spießen. +Das ist es ja, was du mir immer gewünscht hast, Elsalill.« + +Aber je erschrockener Elsalill sich zeigte, desto ruhiger wurde Sir +Archie. Sie flehte ihn an, zu fliehen, aber er lachte nur. + +»Du sollst nicht so sicher sein, Jungfrau, daß die Landsknechte mich +fangen können. Ich habe schon schlimmere Gefahren bestanden als diese +und bin mit heiler Haut davongekommen. Da sah es vor ein paar Monaten in +Schweden ärger für mich aus. Da hatten ein paar Verleumder König Johann +gesagt, seine schottische Garde wäre ihm nicht treu. Und der König +glaubte ihnen. Er ließ die drei Anführer in den Turm werfen, und ihre +Mannen wies er aus seinem Reich und ließ sie bewachen, bis sie über die +Grenze waren.« + +»Flieht, Sir Archie, flieht!« bat Elsalill. + +»Du sollst um meinetwillen nicht bange sein, Elsalill,« sagte Sir Archie +und lachte hart auf. »Heute abend bin ich wieder der alte, jetzt bin ich +wieder in meiner Laune von einst. Jetzt sehe ich die junge Jungfrau +nicht mehr vor meinen Augen, da weiß ich mir schon zu helfen. Ich will +dir von den dreien erzählen, die in König Johanns Gefängnis saßen. Die +schlichen sich eines Nachts, als die Wächter berauscht waren, aus dem +Turm und machten sich davon. Dann flüchteten sie zur Grenze. Aber +solange sie in des Schwedenkönigs Land wanderten, wagten sie nicht zu +verraten, wer sie waren. Sie wußten sich keinen anderen Rat, Elsalill, +sie verschafften sich Kleider aus zottigen Fellen und sagten, sie wären +Gerbergesellen, die über Land gingen, um Arbeit zu suchen.« + +Aber jetzt begann Elsalill zu merken, wie verändert Sir Archie gegen sie +war. Und sie begriff, daß er sie haßte, seit er wußte, daß sie ihn +verraten hatte. + +»Sprecht nicht so, Sir Archie!« sagte Elsalill. + +»Warum mußtest du mich betrügen, als ich dir am meisten glaubte?« sagte +Sir Archie. »Jetzt bin ich wieder so, wie ich früher war. Jetzt lasse +ich es mir nicht einfallen, jemanden zu schonen. Und jetzt wirst du +sehen, daß mir alles wieder glücken wird wie einst im Leben. Waren wir +nicht übel daran, ich und meine Genossen, als wir endlich Schweden +durchwandert hatten und hierher an die Küste kamen? Wir hatten kein +Geld, um uns ehrliche Kleider zu kaufen. Wir hatten kein Geld, um die +Überfahrt nach Schottland zu bezahlen. Wir wußten uns keinen andern Rat, +als in den Pfarrhof von Solberga einzudringen.« + +»Sprecht nicht mehr davon!« sagte Elsalill. + +»Doch, jetzt sollst du alles hören, Elsalill,« sagte Sir Archie. »Es +gibt eins, was du nicht weißt, und das ist, daß wir zuerst, als wir in +den Pfarrhof gekommen waren, zu Herrn Arne gingen, ihn weckten und ihm +sagten, daß er uns Geld geben solle. Wenn er es gutwillig täte, wollten +wir ihm nichts zuleide tun. Aber Herr Arne fing Händel mit uns an, und +da mußten wir ihn niederwerfen. Und nachdem wir ihn getötet hatten, +mußten wir auch seine Leute alle fällen.« + +Elsalill unterbrach Sir Archie nicht mehr, aber es wurde kalt und leer +in ihrem Herzen. Sie schauderte, als sie Sir Archie sah und hörte, denn +während er sprach, bekam er ein grausames, blutdürstiges Aussehen. Was +wollte ich tun? dachte sie. Bin ich toll gewesen, und habe ich den +geliebt, der alle die Meinen gemordet hat? Möge Gott mir meine Sünde +vergeben! + +»Als wir glaubten, daß alle tot seien,« sagte Sir Archie, »schleppten +wir die schwere Geldtruhe aus dem Hause. Dann legten wir ringsherum +Feuer an, damit die Menschen glaubten, Herr Arne sei verbrannt.« + +»Ich habe einen Wolf im Walde geliebt,« sagte Elsalill zu sich selbst. +»Und ihn habe ich vor der Strafe retten wollen!« + +»Aber wir fuhren aufs Eis hinunter und flohen übers Meer,« fuhr Sir +Archie fort. »Wir hatten keine Furcht, solange wir das Feuer zum Himmel +lodern sahen; aber als wir es abnehmen sahen, erschraken wir. Wir wußten +nun, daß Leute dorthin gekommen waren, die die Feuersbrunst gelöscht +hatten, und daß man uns nachsetzen könnte. Da fuhren wir ans Land +zurück, wo wir eine Flußmündung mit schwachem Eise gesehen hatten. Wir +hoben die Geldtruhe vom Schlitten und fuhren weiter, bis das Eis unter +dem Pferde brach. Da ließen wir dieses ertrinken und sprangen selbst zur +Seite. Wenn du nicht eine Jungfrau wärest, Elsalill, würdest du +begreifen, daß dies kühn gehandelt war. Wir haben uns wie Männer +benommen.« + +Jetzt war Elsalill ganz still. Sie saß da und fühlte einen brennenden +Schmerz im Herzen. Aber Sir Archie haßte sie und war es froh, sie zu +quälen. »Darauf nahmen wir unsere Gürtel und befestigten sie an der +Truhe und begannen sie zu ziehen. Aber da die Truhe Spuren auf dem Eise +hinterließ, gingen wir ans Land, rissen einer Tanne die Äste ab und +legten Tannenreisig unter die Truhe. Dann streiften wir unsere Schuhe ab +und wanderten über das Eis, ohne Spuren zu hinterlassen.« + +Sir Archie hielt inne, um einen hohnvollen Blick auf Elsalill zu werfen. + +»Obschon dies alles uns trefflich geglückt war, waren wir doch übel +dran. Wohin wir auch mit unsern blutigen Kleidern kämen, müßten wir +erkannt und ergriffen werden. Aber höre nun dies, Elsalill, so daß du es +allen jenen sagen kannst, die es unternehmen wollen, uns nachzusetzen, +damit sie verstehen, daß wir nicht zu denen gehören, die sich leicht +fangen lassen! Höre dies: als wir über das Eis in der Richtung nach +Marstrand gingen, da trafen wir auf dem Meere unsre Landsleute und +Kameraden, dieselben, die König Johann aus seinem Lande verwiesen hatte. +Sie hatten Marstrand des Eises wegen nicht verlassen können, und sie +halfen uns in unsrer Not, so daß wir zu Kleidern kamen. Seither sind wir +ohne Fährnis hier in Marstrand umhergegangen. Und keine Gefahr hätte uns +fürder bedroht, wenn du nicht treulos gewesen wärest und mich nicht +verraten hättest.« + +Elsalill saß still da, der Schmerz war zu groß für sie. Sie konnte kaum +fühlen, daß ihr Herz schlug. + +Aber Sir Archie sprang auf und rief: + +»Und auch heute abend wird uns nichts Böses widerfahren. Davon sollst du +Zeuge sein, Elsalill.« + +Und damit ergriff er Elsalill mit seinen beiden Händen und hob sie +empor. Und mit Elsalill vor sich, wie mit einem Schild, eilte Sir Archie +durch den Kellersaal dem Ausgange zu. Und die Landsknechte, die als +Wachen vor der Türe standen, streckten ihre langen Hellebarden gegen ihn +aus, aber sie konnten sie nicht gebrauchen, aus Furcht, Elsalill zu +verwunden. + +Als Sir Archie auf die enge Treppe kam, streckte er Elsalill wieder vor +sich aus. Und sie schützte ihn besser als der prächtigste Harnisch, denn +die Krieger, die dort aufgestellt waren, konnten keinen Gebrauch von +ihren Waffen machen. So kam er ein gutes Stück die Treppe hinauf, und +Elsalill fühlte, wie ihr des Himmels freie Luft entgegenwehte. + +Aber Elsalill empfand keine Liebe mehr zu Sir Archie, sondern den +tödlichsten Haß, und sie dachte nur daran, daß er ein böser Mörder war. +Und als sie nun sah, daß sie ihn mit ihrem Leibe schützte, so daß er +nahe daran war, zu entrinnen, da streckte sie ihre Hand aus und zog eine +der Lanzen, die die Krieger hielten, an sich heran und richtete sie auf +ihr Herz. Nun will ich meiner Milchschwester so dienen, daß dies Werk +endlich vollbracht sei, dachte Elsalill. Und beim nächsten Schritte, den +Sir Archie über die Treppe machte, drang die Lanze in Elsalills Herz. + +Aber da stand Sir Archie schon auf der obersten Stufe. Und die +Kriegsleute fuhren zurück, als sie sahen, daß einer von ihnen die +Jungfrau verwundet hatte. Und er eilte an ihnen vorbei. + +Als Sir Archie auf den Marktplatz kam, hörte er aus einem Gäßchen +Feldgeschrei und schottische Rufe: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Für Schottland, +für Schottland!« + +Das waren Sir Philip und Sir Reginald, die die Schotten gesammelt hatten +und nun kamen, um ihn zu retten. + +Und Sir Archie eilte ihnen entgegen, und rief mit lauter Stimme: +»Hierher! Hierher! Für Schottland! Für Schottland!« + + + +Über das Eis + +Als Sir Archie über das Eis wanderte, hielt er noch immer Elsalill im +Arm. + +Sir Philip und Sir Reginald schritten an seiner Seite. Sie wollten ihm +erzählen, wie sie den Anschlag entdeckt hatten, und wie es ihnen +geglückt war, die schwere Geldtruhe auf die Galeasse zu schaffen und +ihre Landsleute zu versammeln, aber Sir Archie achtete nicht auf sie. Er +schien einherzugehen und mit der zu sprechen, die er in seinen Armen +trug. + +»Wer ist es, den du mit dir führst?« fragte Sir Reginald. + +»Das ist Elsalill,« antwortete Sir Archie. »Ich will sie mit hinüber +nach Schottland nehmen. Ich will sie nicht hier zurücklassen. Hier würde +sie nie etwas andres sein als ein armes Fischermädchen.« + +»Nein, das kann wohl nicht dein Ernst sein,« sagte Sir Reginald. + +»Hier würde ihr niemand etwas anderes geben als Kleider aus grober +Wolle,« sagte Sir Archie, »und in einem engen Bettlein aus harten +Planken müßte sie schlafen. Ich will sie in die weichesten Kissen +betten, und aus Marmor will ich ihre Ruhestatt aufführen lassen. Ich +will sie in die kostbarsten Pelze hüllen, und ihre Füße sollen Schuhe +mit Juwelenspangen umschließen.« + +»Fürwahr, du denkst ihr große Ehren zu,« sagte Sir Reginald. + +»Ich kann sie nicht hier daheim zurücklassen,« sagte Sir Archie. »Denn +wer würde hier wohl Zeit finden, an solch ein armes kleines Ding zu +denken? In wenigen Monaten schon würde sie von allen vergessen sein. +Niemand würde sich nach ihr umsehen, niemand sie in ihrer Einsamkeit +aufsuchen. Aber wenn ich einmal meine Heimat erreiche, dann will ich ihr +dort eine schöne Wohnstatt erbauen lassen. Da soll ihr Name in den +harten Stein eingegraben sein, so daß niemand ihn vergißt. Da werde ich +selbst jeden Tag zu ihr kommen, und da wird alles so herrlich geschmückt +sein, daß die Leute von weit und breit herbeiströmen werden, um sie zu +besuchen. Da werden Tag und Nacht Kerzen und Lampen brennen, und da wird +Musik und Gesang erklingen, als wäre da ein ewiges Fest.« + +»Fürwahr, du denkst ihr große Ehren zu,« sagte Sir Reginald noch einmal. + +»Ich muß es so fügen, daß sie es gut hat,« sagte Sir Archie. »Sie ist +es, die die bösen Gedanken von mir ferne hält. Wenn ich sie verlasse, +weicht das Glück von mir.« + +Der Sturm brauste ihnen heftig entgegen, wie sie über das Eis wanderten. +Er riß Elsalills Mantel los und ließ ihn flattern wie eine Fahne. + +»Willst du mir einen Augenblick helfen, Elsalill zu tragen,« sagte Sir +Archie, »damit ich den Mantel um sie legen kann?« + +Sir Reginald empfing Elsalill in seinen Armen, aber in demselben +Augenblick erschrak er so heftig, daß er sie zwischen seinen Händen auf +das Eis hinuntergleiten ließ. + +»Ich wußte nicht, daß Elsalill tot ist,« sagte er. + + +Wellenrauschen + +Die ganze Nacht schritt der Schiffer der großen Galeasse auf dem hohen +Verdeck auf und nieder. Es war dunkel, und der Sturm pfiff um ihn her. +Er kam bald mit Schnee und bald mit Regen herangetrieben. Noch immer lag +das Eis fest und sicher rings um die Galeasse, so daß der Schiffer +eigentlich ruhig in seiner Koje hätte schlummern können. + +Aber er blieb die ganze Nacht wach. Einmal ums andre führte er die Hand +ans Ohr und horchte. + +Es war nicht leicht, zu erraten, worauf er horchte. Alle seine Leute +hatte er an Bord und auch alle die Reisenden, die er nach Schottland +bringen wollte. Die lagen jetzt alle in den Schiffsräumen und schliefen. +Keiner von ihnen führte ein Gespräch, dem der Schiffer hätte lauschen +können. + +Als der Sturm über die festgefrorene Galeasse herangeflogen kam, stürzte +er sich über das Fahrzeug, gleichsam wie aus alter Gewohnheit, um es vor +sich hin übers Meer zu treiben. Und als die Galeasse noch immer still +lag, packte sie der Sturm wieder und wieder an. Es rasselte in allen den +kleinen Eiszapfen, die im Takelwerk und an den Tauen hingen. Es knackte +und knisterte im Schiffsbug. Es knatterte in den Masten, die so gefaßt +wurden, daß sie nahe daran waren, zu zersplittern. + +Das war keine stille Nacht. Man vernahm es wie ein leichtes Knirschen in +der Luft, wenn der Schnee herangesaust kam. Man hörte Klatschen und +Plätschern, wenn der Regen niederpeitschte. + +Aber im Eise tat sich eine Spalte nach der andern auf, und dabei hörte +man ein Donnern, als lägen Kriegsschiffe im Meere, die harte Schüsse +gegeneinander lösten. + +Aber auf dies alles horchte der Schiffer nicht. + +Er ging die ganze Nacht auf und nieder, bis ein grauer Schein sich über +den Himmel verbreitete, aber er hörte dennoch nicht, was er hören +wollte. + +Endlich erklang durch die Nacht ein singendes, eintöniges Brausen, ein +wiegender, kosender Laut, wie von fernem Gesang. + +Da eilte der Schiffer quer über die Ruderbänke in der Mitte der Galeasse +zu dem hohen Aufbau im Kiel, wo seine Leute schliefen. »Steht jetzt +auf,« rief er ihnen zu, »und fasset Bootshaken und Ruder. Nun wird bald +die Stunde der Befreiung angebrochen sein. Ich höre das Brausen des +offenen Wassers. Ich höre der freien Wellen Gesang.« + +Die Männer erhoben sich alsogleich aus ihrem Schlummer. Sie standen auf +dem Posten längs der Schiffsseiten, während der Morgen langsam anbrach. + +Als es endlich so hell wurde, daß sie sehen konnten, was sich in der +Nacht zugetragen hatte, fanden sie, daß Buchten und Sunde, weit hinaus +ins Meer, offen wogten. Aber in der Bucht, in der sie eingefroren lagen, +klaffte nicht eine Spalte im Eise, fest und ungebrochen lag es da. + +Und in dem Sunde, der aus der Bucht führte, hatte sich eine hohe +Eismauer aufgetürmt. Die Wellen, die davor frei spielten, schleuderten +eine Eisscholle nach der andern hinauf. + +Draußen im Sunde wimmelte es von Segeln. Das waren alle die Fischer, die +in Marstrand eingefroren gewesen waren und jetzt von dannen eilten. Die +See ging hoch, und Eisstücke tanzten noch über die Wogen, aber die +Fischer gönnten sich wohl nicht die Zeit, auf ein ruhiges, gefahrloses +Meer zu warten, sondern traten ihre Fahrt an. Sie standen im Bug ihrer +Boote und hielten scharfen Ausguck. Die kleinen Eisstücke drängten sie +mit dem Ruder weg, aber wenn die großen kamen, rissen sie das Steuer +herum und wichen aus. Auf der Galeasse stand der Schiffer in dem +hochaufgebauten Achterteil und sah ihnen nach. Er merkte wohl, daß sie +eine beschwerliche Fahrt hatten, aber er sah auch, wie einer nach dem +andern sich durchschlug und das offene Meer erreichte. + +Und als der Schiffer die Segel über die blaue Flut gleiten sah, da +packte ihn die Sehnsucht so stark, daß seine Augen sich feuchten +wollten. + +Aber sein Schiff lag still, und vor ihm türmte sich das Eis zu einer +immer gewaltigeren Mauer auf. + +Draußen auf dem Meere schwammen nicht nur Fahrzeuge und Boote, sondern +zuweilen kamen auch kleine weiße Berge von Eis herangesegelt. Das waren +gewaltige Eisschollen, die aufeinander geschleudert worden waren und +jetzt südwärts trieben. Sie blinkten in der Morgensonne weiß wie Silber, +und zuweilen leuchteten sie so rot, als wären sie mit Rosen bestreut. + +Aber mitten durch den zischenden Sturm ertönten laute Rufe. Bald klang +es wie singende Stimmen, und bald wie schmetternde Fanfaren. Ein starker +Jubel jauchzte aus diesen Lauten. Es war so, daß einem das Herz aufging, +wenn man sie hörte. Sie kamen von einem langen Zuge von Schwänen, die +vom Süden heranflogen. + +Aber als der Schiffer die Eisberge gen Süden ziehen und die Schwäne gen +Norden fliehen sah, da kam eine solche Sehnsucht über ihn, daß er die +Hände rang. + +»Weh mir, daß ich hier weilen muß!« rief er. »Wann kommt der Eisbruch +hier in diese Bucht? Vielleicht muß ich noch viele Tage hier liegen und +warten.« + +Als er gerade so dachte, sah er einen Mann über das Eis heranfahren. Er +kam aus einem engen Sunde in der Richtung von Marstrand, und er fuhr so +ruhig über das Eis, als wüßte er nicht, daß die Wellen wieder anfingen, +Boote und Schiffe zu tragen. + +Als er an die Galeasse heranfuhr, rief er zum Schiffer hinauf: + +»Guter Freund, hast du etwas zu essen, wie du da im Eise festgefroren +liegst? Willst du mir nicht gepökelte Heringe abkaufen oder getrockneten +Kabliau oder geräucherten Aal?« + +Der Schiffer ließ es sich nicht einfallen, ihm zu antworten. Er erhob +die geballte Faust gegen ihn und fluchte. + +Da stieg der Fischkrämer von seiner Fuhre herunter. Er nahm ein Bund Heu +aus dem Schlitten und legte es dem Pferde vor. Dann erkletterte er das +Verdeck der Galeasse. + +Als er vor dem Schiffer stand, sprach er zu ihm mit großem Ernste: + +»Ich bin heute nicht hier, um Fische zu verkaufen. Aber ich weiß, daß du +ein frommer Mann bist. Darum bin ich hergekommen, um dich zu bitten, daß +du mir eine Jungfrau zur Stelle schaffest, die die schottischen Krieger +gestern mit auf das Schiff geführt haben.« + +»Ich weiß nichts davon, daß sie eine Jungfrau hierher geführt hätten,« +sagte der Schiffer. »Keine Frauenstimme habe ich in dieser Nacht an Bord +des Schiffes vernommen.« + +»Ich bin Torarin, der Fischkrämer,« sagte der andre, »du hast wohl schon +von mir gehört? Ich habe im Pfarrhof von Solberga mit Herrn Arne in +derselben Nacht zu Abend gegessen, in der er getötet wurde. Seither habe +ich Herrn Arnes Pflegetochter in meinem Hause gehabt, aber gestern nacht +wurde sie von seinen Mördern geraubt, und sie haben sie wohl mit hierher +auf das Fahrzeug gebracht.« + +»Sind Herrn Arnes Mörder an Bord meines Fahrzeugs?« rief der Schiffer +entsetzt. + +»Du siehst, daß ich ein so geringer und schwacher Mann bin,« sagte +Torarin. »Mein einer Arm ist lahm, darum fürchte ich mich, mich auf +irgendein gewagtes Vorhaben einzulassen. Ich weiß schon seit ein paar +Wochen, wer Herrn Arnes Mörder sind, aber ich wagte nicht, zu versuchen, +Rache an ihnen zu nehmen. Aber weil ich geschwiegen habe, sind sie jetzt +entkommen, und es ist ihnen geglückt, die Jungfrau fortzuführen. Doch +jetzt habe ich mir gesagt, daß ich in dieser Sache nichts mehr zu +bereuen haben will. Ich will es wenigstens versuchen, die junge Jungfrau +zu retten.« + +»Wenn Herrn Arnes Mörder hier auf dem Schiffe sind, warum kommt dann +nicht die Stadtwache heraus und greift sie?« + +»Ich habe die ganze Nacht und den ganzen Morgen gebeten und gesprochen,« +sagte Torarin. »Aber die Wache wagt sich nicht hier heraus, sie sagt, +hier wären hundert Söldlinge an Bord, und sie wage es nicht, den Kampf +mit ihnen aufzunehmen. Da dachte ich, daß ich in Gottes Namen wohl +allein herausfahren und dich bitten müßte, mir die Jungfrau zur Stelle +zu schaffen, denn ich weiß, daß du ein frommer Mann bist.« + +Aber der Schiffer sagte ihm nichts über die Jungfrau. Er dachte nur an +das andre. »Wie kannst du wissen, daß die Mörder hier an Bord sind?« +sagte er. + +Torarin wies auf eine große Eichentruhe, die zwischen den Ruderbänken +stand. + +»Ich habe diese Truhe zu oft in Herrn Arnes Haus gesehen, als daß ich +sie nicht kennen sollte,« sagte er. »Darin liegt Herrn Arnes Schatz, und +wo sein Schatz ist, da sind wohl auch seine Mörder.« + +»Diese Truhe gehört Sir Archie und seinen beiden Freunden, Sir Reginald +und Sir Philip,« sagte der Schiffer. + +»Ja,« sagte Torarin und sah den Schiffer fest an, »so ist es. Sie gehört +Sir Archie und Sir Philip und Sir Reginald.« + +Der Schiffer stand eine Weile schweigend und sah sich nach allen Seiten +um. »Wann glaubst du, daß hier in der Bucht der Eisbruch kommt?« sagte +er zu Torarin. + +»Es ist heuer wunderlich,« sagte Torarin. »In dieser Bucht pflegt das +Eis früh zu schmelzen, denn hier ist starke Strömung. Aber wie es jetzt +steht, mußt du dich in acht nehmen, daß du nicht ans Land gedrängt +wirst, wenn das Eis in Bewegung kommt.« + +»Ich denke an nichts andres,« sagte der Schiffer. + +Wieder stand er ein Weilchen stumm da. Er wandte das Gesicht dem Meere +zu. Die Morgensonne leuchtete hoch am Himmel, und die Wellen warfen +ihren Glanz zurück. Hin und wieder zogen die befreiten Schiffe, und die +Meervögel kamen mit Freudenschreien vom Süden geflogen. Die Fische +hielten sich am Wassersaum, sie machten hohe Sprünge und schnellten +glitzernd aus dem Wasser, übermütig nach der Gefangenschaft unter dem +Eise. Die Möwen, die draußen an der Eiskante Jagd gehalten hatten, kamen +jetzt in großen Scharen ans Land, um in den bekannten Revieren zu jagen. + +Der Schiffer konnte diesen Anblick nicht ertragen. »Bin ich ein Freund +von Mördern und Missetätern?« sagte er. »Soll ich mir die Augen +verschließen und nicht sehen, warum Gott meinem Fahrzeug die Pforten des +Meeres nicht auftut? Soll ich vergehen um der Ungerechten willen, die +ihre Zuflucht hierher genommen haben?« + +Und der Schiffer ging zu seinen Leuten und sagte ihnen: »Ich weiß jetzt, +warum wir hier eingeschlossen liegen müssen, während alle andern +Fahrzeuge ins Meer hinausziehen. Das ist, weil wir Mörder und Missetäter +an Bord haben.« + +Darauf begab sich der Schiffer zu den schottischen Söldlingen, die noch +im Schiffsraum lagen und schliefen. »Liebe Leute,« sagte er zu ihnen, +»verhaltet euch noch ein Weilchen still, was ihr auch für Rufen und +Lärmen an Bord hören möget! Wir müssen Gottes Geboten folgen und keine +Missetäter unter uns dulden. Wenn ihr mir gehorcht, verspreche ich euch, +daß ich euch die Truhe ausliefern will, in der Herrn Arnes Schatz ist, +und ihr sollt ihn untereinander teilen dürfen.« + +Aber zu Torarin sagte der Schiffer: »Gehe hinunter zu deinem Schlitten +und wirf deine Fische aufs Eis. Du wirst jetzt eine andere Ladung zu +führen haben.« + +Darauf brach der Schiffer mit seiner Mannschaft in die Kajüte ein, wo +Sir Archie und seine Freunde schliefen. Und sie stürzten sich über sie, +während sie noch im Schlummer lagen, um sie zu binden. + +Und als die drei Schotten sich zu verteidigen suchten, da schlugen sie +sie hart mit ihren Äxten und Spaken und sagten zu ihnen: »Ihr seid +Mörder und Missetäter. Wie, glaubtet ihr, ihr würdet eurer Strafe +entgehen? Wisset ihr nicht, daß Gott um euretwillen die Pforten des +Meeres verschlossen hält?« + +Da riefen die drei Männer laut nach ihren Kameraden, daß sie kommen +sollten und ihnen helfen. + +»Ihr sollt nicht nach ihnen rufen,« sagte der Schiffer. »Sie kommen +nicht. Sie haben Herrn Arnes Schatz zum Teilen bekommen, und sie sind +dabei, die Silbermünzen in ihren Hüten zu messen. Um dieses Geldes +willen ist dieser böse Handel geschehen, und um dieses Geldes willen +kommt nun die Strafe über euer Haupt.« + +Und ehe noch Torarin die Fische aus dem Schlitten geladen hatte, kamen +der Schiffer und seine Mannschaft zu ihm aufs Eis hinab. Sie führten in +ihrer Mitte drei Männer, die wohl gefesselt waren. Sie waren jämmerlich +geschlagen und ohnmächtig von ihren Wunden. + +»Gott hat nicht vergeblich nach mir gerufen,« sagte der Schiffer. »Sowie +ich seinen Willen verstanden habe, habe ich ihn befolgt.« + +Sie legten die Gefangenen auf Torarins Schlitten, und Torarin fuhr mit +ihnen durch enge Buchten und Sunde, wo das Eis noch festlag, nach +Marstrand. + +Aber am Nachmittage stand der Schiffer noch auf der hohen Warte seines +Fahrzeugs und blickte auf das Meer. Ringsumher war alles noch +unverändert, und die Eismauer vor dem Fahrzeug türmte sich höher und +immer höher auf. + +Als es zu dämmern begann, sah der Schiffer ein kleines Häuflein Menschen +von der Landseite her über das Eis ziehen und sich seinem Schiffe +nähern. + +Es währte lange, bis er die Kommenden so deutlich zu unterscheiden +vermochte, daß er sehen konnte, was es für Leute waren. Doch dachte er +gleich, daß sie alt und gebrechlich sein müßten, denn sie kamen nur +langsam vorwärts. + +Endlich, als sie ganz nahe waren, sah er, daß an der Spitze des Zuges +zwei Priester in Mantel und Kragen schritten. Der eine war jung und der +andre sehr alt. Hinter ihnen gingen ein paar alte Männer, die eine Bahre +trugen, und zu allerletzt kam eine alte, alte Frau, die von zwei +Dienerinnen gestützt wurde. + +Sie blieben auf dem Eise unter dem Schiffe stehen, und der alte +Geistliche sagte zum Schiffer: + +»Wir sind hergekommen, um eine junge Jungfrau zu holen, die tot ist. Die +Mörder haben gestanden, daß sie ihr Leben hingab, damit sie nicht +entrännen, und jetzt kommen wir, um sie zu holen, auf daß sie mit allen +den Ehren begraben werde, die ihr gebühren, und Ruhe unter den Ihren +finde.« + +Da wurde Elsalill gefunden und hinunter aufs Eis gebracht. Sie wurde auf +die Bahre gelegt, die die alten Männer trugen, und der alte Priester +dankte dem Schiffer und wanderte wieder an der Spitze seiner Leute dem +Lande zu. + +Aber wie sie sich wendeten, um zu gehen, sah der Schiffer, daß eine +junge Jungfrau, die er früher nicht gesehen hatte, neben der Bahre +einherging, und sie beugte sich einmal ums andre zu der Toten hinunter +und herzte sie zärtlich. + +Aber wie die Trauernden dahinschritten, brachen Sturm und Wogen hinter +ihnen herein und schleuderten das Eis empor, über das sie eben gewandert +waren. Und kaum waren sie mit Elsalill hinter einer Landzunge +verschwunden, als das Eis auch schon zersplittert war und die große +Galeasse den Weg frei hatte, hinaus ins offene Meer. + + + + + +Reors Geschichte + + +War da ein Mann, der hieß Reor. Er war aus Fuglekärr im Kirchspiel +Svarteborg und galt für den besten Schützen der Gegend. Er wurde +getauft, als König Olof die alte Lehre in Viken ausrottete, und war +fortab ein eifriger Christ. Er war von freier Geburt, aber arm, schön +aber nicht hochgewachsen, stark aber sanft. Er zähmte junge Fohlen mit +Blick und Wort allein, und er konnte mit einem einzigen Zuruf die +kleinen Vöglein an sich locken. Er hielt sich fast immer im Walde auf, +und die Natur hatte große Macht über ihn. Das Wachstum der Pflanzen und +das Knospen der Bäume, das Spiel der Hasen in den Waldlichtungen und der +Sprung des Barsches in dem abendstillen See, der Kampf der Jahreszeiten +und der Wechsel der Witterung, dies waren die Hauptgeschehnisse in +seinem Leben. Schmerz und Freude bereitete ihm derlei, und nicht das, +was sich unter den Menschen zutrug. + +Eines Tages tat der geschickte Jäger einen guten Fang. Er traf im tiefen +Waldesdickicht einen alten Bären und erlegte ihn mit einem einzigen +Schuß. Die scharfe Spitze des großen Pfeiles drang in das Herz des +Gewaltigen, und er sank dem Jäger tot zu Füßen. Es war Sommer, und der +Pelz des Bären war weder dicht noch glatt, dennoch zog der Schütze ihn +ab, rollte ihn zu einem harten Bündel zusammen und ging mit dem +Bärenfell auf dem Rücken weiter. + +Er war noch nicht lange gewandert, als er einen überaus starken +Honigduft verspürte. Der kam von den kleinen, blühenden Pflanzen, die +den Boden bedeckten. Sie wuchsen auf dünnen Stielen, hatten lichtgrüne, +glatte Blätter, die sehr schön geädert waren, und auf der Spitze des +Stengels ein kleines Büschelchen, das dicht mit weißen Blüten besetzt +war. Die kleinen Kronen waren nach winzigem Maßstabe geraten, doch aus +ihnen ragte eine kleine Bürste von Stempeln auf, deren blütenstaubgefüllte +Knöpfchen auf weißen Saiten zitterten. Reor dachte, während er so unter +ihnen einherging, daß diese Blumen, die einsam und unbemerkt im +Waldesdunkel standen, Botschaft um Botschaft, Ruf um Ruf aussandten. Der +starke honigsüße Duft war ihr Ruf, der verbreitete die Kunde ihres +Daseins weit unter die Bäume und hoch hinauf in die Wolken. Aber es lag +etwas Beängstigendes in dem schweren Duft. Die Blumen hatten ihre Becher +gefüllt und ihre Tischlein gedeckt, der geflügelten Gäste harrend, aber +niemand kam. Sie sehnten sich zu Tode in ihrer trüben Einsamkeit in dem +dunkeln, windstillen Waldesdickicht. Sie schienen schreien und jammern +zu wollen, weil die schönen Schmetterlinge nicht kamen, um bei ihnen zu +Gaste zu sein. Da wo die Blumen am dichtesten beisammen standen, deuchte +es ihn, als sängen sie zusammen ein eintöniges Lied: »Kommt, ihr schönen +Gäste, kommt heute, denn morgen sind wir tot. Morgen liegen wir auf dem +trocknen Laub.« + +Doch es sollte Reor vergönnt sein, das frohe Ende des Blumenmärchens zu +sehen. Er vernahm hinter sich ein Flattern wie das allerleiseste +Lüftchen und sah einen weißen Schmetterling im Dunkel zwischen den +dicken Stämmen umherirren. Unruhig suchend flog er hin und wieder, als +wüßte er den Weg nicht. Er war nicht allein, ein Schmetterling nach dem +andern tauchte im Dunkel auf, bis endlich ein ganzes Heer der +weißbeschwingten Honigsucher versammelt war. Aber der erste war der +Anführer, und er fand, vom Dufte geleitet, die Blumen. Nach ihm kam das +ganze Schmetterlingsheer herangestürmt. Es stürzte sich auf die +sehnsüchtigen Blumen, wie der Sieger sich auf die Beute stürzt. Wie ein +Schneefall von weißen Flügeln senkten sie sich auf sie herab. Und nun +gab es ein Fest- und Trinkgelage um jede Blume. Der Wald war voll von +stillem Jubel. + +Reor ging weiter. Doch nun war es, als folgte ihm der honigsüße Duft auf +dem Fuße, wohin er auch ging. Und er empfand, daß sich drinnen im Walde +eine Sehnsucht verbarg, stärker als die der Blumen. Daß da etwas war, +was ihn zu sich zog, so wie die Blumen die Schmetterlinge angelockt +hatten. Er ging mit einer stillen Freude im Herzen einher, so, als +harrte er eines großen unbekannten Glückes. Das einzige, was ihn +ängstigte, war, ob er auch den Weg zu diesem finden konnte, was sich +nach ihm sehnte. + +Vor ihm auf dem schmalen Pfade kroch eine weiße Schlange. Er bückte +sich, um das glückbringende Tier aufzuheben, aber die Schlange glitt ihm +aus den Händen und eilte rasch den Pfad hinauf. Da rollte sie sich +zusammen und lag still, doch als der Schütze wieder nach ihr griff, +glitt sie so glatt wie Eis zwischen seinen Fingern durch. Nun war Reor +ganz und gar darauf erpicht, das klügste der Tiere zu besitzen. Er lief +der Schlange nach, aber konnte sie nicht erreichen, und sie lockte ihn +von dem Pfade fort auf den ungebahnten Waldboden. + +Dieser war mit Föhren bestanden, und in einem Föhrenwalde findet man +selten Rasen. Aber jetzt verschwand plötzlich das trockene Moos und die +braunen Nadeln, Farrenkräuter und Preiselbeerbüsche zogen sich zurück, +und Reor fühlte seidenweiches Gras unter seinen Füßen. Über der grünen +Matte zitterten federleichte Blumenrispen auf sanftgeneigten Stengeln, +und zwischen den langen schmalen Blättern zeigten sich die kleinen, +halberblühten Blumen der Steinnelke. Es war nur eine ganz kleine Stelle, +und darüber breiteten die hochstämmigen Föhren ihre knorrigen, braunen +Äste mit dichten Nadelbüscheln. Doch zwischen diesen konnten die +Sonnenstrahlen viele Wege zur Erde finden, und es war erstickend heiß. + +Aber gerade vor dieser kleinen Wiese erhob sich eine Felswand lotrecht +aus dem Boden. Sie lag im hellen Sonnenschein, und man sah deutlich die +moosigen Steinflächen, die frischen Brüche, da wo der Winterfrost +zuletzt gewaltige Blöcke gelöst hatte, die großen Stauden Steinwurz, die +die braunen Wurzeln in erdgefüllte Spalten drängten, und die zollbreiten +Absätze, wo die Säulenflechte ihre rotgestreiften Pokale aufrichtete und +eine grasgrüne Moosart auf nadelfeinen Stiftchen die kleinen grauen +Mützen erhob, die ihre Befruchtungsorgane enthielten. + +Diese Felswand schien in allen Stücken jeder andern Felswand zu +gleichen, aber Reor bemerkte sogleich, daß er gerade vor die Giebelwand +einer Riesenbehausung gekommen war, und er entdeckte unter Moos und +Flechten die großen Angeln, auf denen das Steintor des Berges sich +drehte. + +Er glaubte jetzt, daß die Schlange sich in das Gras verkrochen habe, um +sich da zu verbergen, bis sie unbemerkt in den Felsen schlüpfen konnte, +und er gab die Hoffnung auf, sie zu fangen. Er spürte jetzt wieder den +honigsüßen Duft der sehnsüchtigen Blumen und merkte, daß hier oben unter +der Bergwand eine erstickende Hitze herrschte. Es war auch seltsam +still: kein Vogel rührte sich, keine Nadel spielte im Winde, es war, als +hielte alles den Atem an, um in unbeschreiblicher Spannung zu warten und +zu lauschen. Reor war gleichsam in ein Gemach gekommen, wo er nicht +allein war, obgleich er niemanden sah. Er hatte das Gefühl, als ob +jemand ihn beobachtete, es war ihm, als würde er erwartet. Er empfand +keine Angst, nur ein wohliger Schauer durchrieselte ihn, so, als sollte +er bald etwas überaus Schönes zu sehen bekommen. + +In diesem Augenblick gewahrte er wieder die Schlange. Sie hatte sich +nicht versteckt, sie war vielmehr auf einen der Blöcke gekrochen, die +der Frost von der Felswand abgesprengt hatte. Und dicht unter der weißen +Schlange sah er den lichten Leib eines Mädchens, das im weichen Grase +lag und schlief. Sie lag ohne andere Decke, als ein paar spinnwebdünne +Schleier, gerade als hätte sie sich dort hingeworfen, nachdem sie die +Nacht hindurch im Elfenreigen getanzt, aber die langen Grashalme und die +zitternden, federleichten Blumenrispen erhoben sich hoch über der +Schlafenden, so daß Reor nur undeutlich die weichen Linien ihres Körpers +gewahren konnte. Er trat auch nicht näher, um besser zu sehen, aber sein +gutes Messer zog er aus der Scheide und warf es zwischen das Mädchen und +die Felswand, damit die den Stahl fürchtende Riesentochter nicht in den +Berg fliehen konnte, wenn sie erwachte. + +Dann blieb er in tiefe Gedanken versunken stehen. Eines wußte er +sogleich, das Mägdlein, das hier schlief, wollte er besitzen; aber noch +war er nicht recht einig mit sich selbst, wie er gegen sie handeln +sollte. + +Doch da lauschte er, der die Sprache der Natur besser kannte als die der +Menschen, dem großen ernsten Walde und dem strengen Berge. »Sieh,« +sagten sie, »dir, der du die Wildnis liebst, geben wir unsere schöne +Tochter. Besser ziemt sie dir als die Töchter der Ebene. Reor, bist du +der edelsten Gabe würdig?« + +Da dankte er in seinem Herzen der großen wohltätigen Natur und beschloß +das Mädchen zu seiner Frau zu machen und nicht nur zu seiner Magd. Und +da er dachte, daß sie, wenn sie das Christentum und Menschensitte +angenommen hatte, sich bei dem Gedanken, daß sie so unverhüllt dagelegen +habe, schämen würde, löste er die Bärenhaut von seinem Rücken, entrollte +das steife Fell und warf den grauen zottigen Pelz des alten Bären über +sie. + +Doch als er dies tat, erdröhnte hinter der Felswand ein Lachen, vor dem +die Erde erzitterte. Es klang nicht wie Hohn, nur so, als hätte jemand +in großer Angst gewartet, der lachen mußte, als er ganz plötzlich davon +befreit wurde. Die furchtbare Stille und die drückende Hitze hatten nun +auch ein Ende. Über das Gras schwebte ein erquickender Wind, und die +Nadeln begannen ihren rauschenden Gesang. Der glückliche Jäger fühlte, +daß der ganze Wald den Atem angehalten hatte, in Unruhe, wie die Tochter +der Wildnis von dem Menschensohn behandelt werden würde. + +Die Schlange schlüpfte jetzt in das hohe Gras; aber die Schlummernde lag +in Zauberschlaf versunken und regte sich nicht. Da rollte Reor sie in +die grobe Bärenhaut, so daß nur ihr Kopf aus dem zottigen Fell +hervorguckte. Obgleich sie sicherlich eine Tochter des alten Riesen im +Berge war, war sie doch zart und fein gebaut, und der starke Schütze hob +sie in seine Arme und trug sie fort durch den Wald. + +Nach einem Weilchen fühlte er, wie jemand seinen breitrandigen Hut +abhob. Da sah er auf und merkte, daß die Riesentochter erwacht war. Sie +saß ganz ruhig in seinem Arm, aber nun wollte sie sehen, wie der Mann +aussah, der sie trug. Er ließ sie gewähren, er machte größere Schritte, +aber sagte nichts. + +Da mußte sie wohl gemerkt haben, wie heiß ihm die Sonne auf den Kopf +brannte, nachdem sie ihm den Hut abgenommen hatte. Sie hielt ihn darum +über seinen Kopf wie einen Sonnenschirm, aber sie setzte ihn ihm nicht +auf, sondern hielt ihn so, daß sie immerzu in sein Gesicht sehen konnte. +Da deuchte es ihn, daß er nichts zu fragen, nichts zu sagen brauchte. +Stumm trug er sie hinab zu seiner Mutter Hütte. Doch sein ganzes Wesen +durchbebte Glückseligkeit, und als er auf der Schwelle seines Heims +stand, da sah er, wie die weiße Schlange, die Glück ins Haus bringt, +unter die Grundmauer schlüpfte. + + + + + +Das Mädchen vom Moorhof + +1 + +Es ist in einem Thingsaal, weit draußen auf dem Lande. Am Richtertisch, +hoch oben im Saal, sitzt der Richter, ein großer, stark gebauter Mann +mit breitem, grobgeschnittenem Gesicht. Schon mehrere Stunden lang hat +er einen Fall nach dem andern entschieden, und schließlich ist etwas wie +Überdruß und Düsterkeit über ihn gekommen. Es ist schwer zu sagen, ob es +die Hitze und Schwüle im Gerichtssaal ist, die ihn bedrückt, oder die +Schuld an dieser schlechten Laune die Beschäftigung mit allen diesen +kleinlichen Zwistigkeiten trägt, die aus keinem andern Grunde entstanden +zu sein scheinen, als um die Händelsucht und Unbarmherzigkeit und +Geldgier der Menschen an den Tag zu bringen. + +Er hat gerade mit einer der letzten Verhandlungen begonnen, die heute +durchgeführt werden sollen. Es handelt sich um die Forderung eines +Erziehungsbeitrages. + +Dieser Fall ist schon am vorigen Gerichtstag verhandelt worden, und das +Protokoll des früheren Prozesses wird eben verlesen. Daraus erfährt man +fürs erste, daß die Klägerin eine arme Dienstmagd ist und der Beklagte +ein verheirateter Mann. + +Weiter geht aus dem Protokoll hervor, daß der Beklagte erklärt hat, die +Klägerin habe ihn zu Unrecht und nur aus Gewinnsucht hierher laden +lassen. Er gibt zu, daß die Klägerin eine Zeitlang auf seinem Hof in +Dienst gestanden hat; er aber habe sich während dieser Zeit in keinerlei +Liebeshändel mit ihr eingelassen, und sie habe kein Recht, irgendwelche +Unterstützung von ihm zu begehren. Die Klägerin jedoch hat an ihrer +Behauptung festgehalten; und nachdem einige Zeugen vernommen waren, ist +dem Beklagten auferlegt worden, einen Eid zu leisten, wenn er nicht +verurteilt werden wolle, der Klägerin die verlangte Unterstützung zu +zahlen. + +Beide Parteien haben sich eingefunden und stehen nebeneinander vor dem +Gerichtstisch. Die Klägerin ist sehr jung und sieht ganz verschüchtert +aus. Sie weint vor Scham und trocknet mühsam ihre Tränen mit einem +zusammengeknüllten Taschentuch; es scheint, als könne sie es nicht +auseinanderfalten. Sie trägt schwarze Kleider, die ziemlich neu und +ungetragen aussehen, aber sie sitzen so schlecht, daß man versucht ist, +zu glauben, sie habe sie sich ausgeliehen, um anständig vor Gericht +erscheinen zu können. + +Was den Beklagten anlangt, so sieht man ihm gleich an, daß er ein +wohlgestellter Mann ist. Er mag etwa vierzig Jahre alt sein und hat ein +zuversichtliches und frisches Aussehen. Wie er da vor dem Richterstuhl +steht, zeigt er eine sehr gute Haltung. Es sieht ja nicht aus, als fände +er ein besonderes Vergnügen daran, da zu stehen, aber er macht auch +durchaus keinen befangenen Eindruck. + +Als das Protokoll verlesen ist, wendet sich der Richter an den Beklagten +und fragt ihn, ob er an seinem Leugnen festhalte, und ob er bereit sei, +den Eid zu schwören. + +Auf diese Frage antwortet der Beklagte sogleich mit einem raschen Ja. Er +fängt an, in seiner Westentasche zu suchen, und holt ein Zeugnis des +Pfarrers darüber hervor, daß er die Wichtigkeit und Bedeutung des Eides +kenne und kein Hinderungsgrund für ihn vorliege, ihn zu schwören. + +Während dieser ganzen Zeit hat die Klägerin nicht aufgehört zu weinen. +Sie scheint unüberwindlich scheu zu sein und hält die Augen hartnäckig +zu Boden geschlagen. Sie hat den Blick noch nicht so weit erhoben, daß +sie dem Beklagten ins Gesicht sehen könnte. + +Als er nun sein Ja gesagt hat, zuckt sie zusammen. Sie tritt ein paar +Schritte näher an den Richterstuhl heran, als hätte sie etwas +einzuwenden; aber dann bleibt sie stehen. Es sei wohl nicht möglich, +scheint sie zu sich selbst zu sagen, er könne nicht Ja gesagt haben. – +Ich habe nicht recht gehört ... + +Indessen nimmt der Richter das Zeugnis in die Hand und gibt zugleich dem +Gerichtsdiener einen Wink. Der Gerichtsdiener tritt an den Tisch heran, +um die Bibel zu nehmen und sie vor den Beklagten hinzulegen. + +Die Klägerin hört, daß jemand an ihr vorbeigeht, und wird unruhig. Sie +zwingt sich, den Blick so weit zu heben, daß sie über den Tisch hinsehen +kann, und da bemerkt sie, daß der Gerichtsdiener die Bibel zurechtlegt. + +Noch einmal sieht es aus, als wollte sie Einspruch erheben. Aber sie +hält sich wieder zurück. – Es ist ja nicht möglich, daß er den Eid +ablegt. Der Richter muß ihn doch daran hindern. + +Der Richter war ein so kluger Mann, und er wußte gar wohl, was die Leute +in seiner Heimat dachten und fühlten. Er müßte doch wissen, wie streng +alle diese Menschen sind, sobald es sich um etwas handelt, was die Ehe +betrifft. Sie kannten keine ärgere Sünde als die, die sie begangen +hatte. Würde sie je so etwas aus sich selbst eingestanden haben, wenn es +nicht wahr gewesen wäre? Der Richter könnte wohl wissen, welche +furchtbare Verachtung sie sich zugezogen hatte. Und nicht nur Verachtung +allein, sondern auch alles mögliche Elend. Niemand wollte sie in Dienst +nehmen. Niemand wollte ihre Arbeit haben. Ihre eignen Eltern duldeten +sie kaum in ihrer Hütte, sondern sprachen jeden Tag davon, sie +hinauszuwerfen. Nein, der Richter müßte wohl begreifen, daß sie keine +Unterstützung von einem verheirateten Mann verlangt hätte, wenn ihr kein +Recht darauf zustünde. + +Der Richter könnte doch nicht glauben, daß sie in einer solchen Sache +lüge, daß sie so furchtbares Unglück auf sich herabbeschworen hätte, +wenn sie einen andern hätte anklagen können als einen verheirateten +Mann. Und wenn er dies wüßte, müßte er den Eid doch verhindern. + +Sie sieht, daß der Richter dasitzt und das Zeugnis des Pfarrers ein +paarmal durchliest. Darum fängt sie zu glauben an, daß er eingreifen +werde. + +Es ist auch richtig, daß der Richter nachdenklich aussieht. Er heftet +seine Blicke ein paarmal auf die Klägerin, aber dabei wird der Ausdruck +des Ekels und des Überdrusses, der auf seinem Gesicht ruht, immer +deutlicher. Es sieht aus, als wäre er ungünstig gegen sie gestimmt. +Selbst wenn die Klägerin die Wahrheit spricht, – sie ist ja doch eine +schlechte Person, und der Richter kann keine Teilnahme für sie +empfinden. + +Es kommt manchmal vor, daß der Richter in einen Prozeß eingreift als ein +guter und kluger Ratgeber, der die Parteien davor behütet, sich ganz und +gar zugrunde zu richten. Aber diesmal ist er müde und unlustig, und er +denkt an nichts anderes, als dem gesetzlichen Verfahren seinen Lauf zu +lassen. + +Er legt das Zeugnis hin und sagt dem Beklagten mit ein paar Worten, er +hoffe, daß dieser die verhängnisvollen Folgen eines falschen Schwurs +genau bedacht habe. Der Beklagte hört ihn mit derselben Ruhe an, die er +die ganze Zeit über an den Tag gelegt hat, und antwortet ehrerbietig und +nicht ohne Würde. + +Die Klägerin hört dies mit dem äußersten Schrecken. Sie macht ein paar +heftige Bewegungen und preßt die Hände zusammen. Nun will sie vor dem +Richterstuhl sprechen. Sie kämpft einen furchtbaren Kampf mit ihrer +Scheu und mit dem Schluchzen, das ihr die Kehle zusammenschnürt. Das +Ende ist doch, daß sie kein hörbares Wort hervorbringen kann. + +Der Eid soll also geleistet werden. Er wird ihn ablegen. Niemand wird +ihn hindern, seine Seele zu verschwören. + +Bis dahin hat sie nicht glauben können, daß es geschehen würde. Aber +jetzt packt sie die Gewißheit, daß es unmittelbar bevorsteht, daß es im +nächsten Augenblick geschehen wird. Ein Schrecken, der viel +überwältigender ist als alles, was sie bisher gekannt hat, bemächtigt +sich ihrer. Sie steht wie versteinert, sie weint nicht einmal mehr. Die +Augen erstarren ihr im Kopfe. + +Es ist also seine Absicht, sich um seines Weibes willen freizuschwören. +Aber wenn er auch einen schweren Stand mit ihr haben sollte, – deshalb +darf er doch nicht seiner Seele Seligkeit preisgeben. + +Es gibt nichts Furchtbareres als einen Meineid. Es ist etwas +Geheimnisvolles und Gräßliches um diese Sünde. Es gibt keine Gnade, +keine Vergebung für sie. Die Tore des Abgrundes öffnen sich von selbst, +wenn der Name des Meineidigen genannt wird. + +Wenn sie jetzt die Blicke zu seinem Gesicht erhoben hätte, – sie hätte +gefürchtet, es schon mit irgendeinem Zeichen der Verdammnis gebrandmarkt +zu sehen, ihm aufgeprägt von Gottes Zorn. + +Während sie so dasteht und immer größere Angst sich ihrer bemächtigt, +hat der Richter dem Beklagten gezeigt, wie er die Finger auf die Bibel +zu legen hat. Dann schlägt der Richter im Gesetzbuch nach, um die +Eidesformel zu finden. + +Als sie ihn die Finger auf das Buch legen sieht, macht sie noch einen +Schritt zum Richterstuhl hin; und es sieht aus, als wollte sie sich über +den Tisch beugen und seine Hand fortziehen. + +Aber noch wird sie von einer letzten Hoffnung zurückgehalten. Sie +glaubt, daß er jetzt im letzten Augenblick noch vom Schwur abstehen +werde. + +Der Richter hat die Seite im Gesetzbuch gefunden, nach der er gesucht +hat; und jetzt beginnt er, den Eid laut und deutlich vorzusagen. Dann +macht er eine Pause, damit der Beklagte seine Worte nachsprechen könne. +Und der Beklagte fängt wirklich an, sie nachzusprechen; aber er macht +einen kleinen Fehler, so daß der Richter von vorn anfangen muß. + +Jetzt kann sie keinen Schimmer von Hoffnung mehr haben. Jetzt weiß sie, +daß er falsch schwören, daß er Gottes Zorn für das zukünftige Leben auf +sich herabschwören will. + +Sie steht da und ringt in ihrer Hilflosigkeit die Hände. Und es ist +alles ihre Schuld, weil sie ihn verklagt hat. + +Aber sie war ja ohne Arbeit, sie hatte gehungert und gefroren. Das Kind +lag im Sterben. An wen sonst hätte sie sich um Hilfe wenden sollen? + +Nie hätte sie auch geglaubt, daß er eine so schreckliche Sünde begehen +könnte. + +Jetzt hat der Richter den Eid noch einmal vorgesprochen. In wenigen +Augenblicken wird die Tat vollbracht sein. Jene Tat, von der es keine +Umkehr gibt, die niemals gutgemacht, niemals ausgelöscht werden kann. + +Gerade als der Beklagte anfängt, den Eid nachzusprechen, stürzt sie vor, +schleudert seine ausgestreckte Hand beiseite und reißt die Bibel an +sich. + +Ein furchtbares Entsetzen hat ihr endlich Mut gegeben. Er darf seine +Seele nicht verschwören. Er darf nicht. + +Der Gerichtsdiener eilt sogleich herbei, sie zur Ordnung zu rufen und +ihr die Bibel abzunehmen. Sie hat ungeheure Angst vor allem, was mit dem +Gericht zusammenhängt, und sie glaubt, daß, was sie jetzt getan hat, sie +auf die Festung bringen werde. Aber sie gibt die Bibel nicht her. Was es +auch kosten möge, er darf den Eid nicht ablegen. Auch er, der schwören +will, läuft herbei, um das Buch zu ergreifen; aber sie leistet auch ihm +Widerstand. + +»Du darfst den Eid nicht schwören!« ruft sie. »Du darfst nicht!« + +Was jetzt vorgeht, erweckt natürlich das größte Staunen. Die +Versammelten drängen zum Richtertisch, die Geschworenen erheben sich, +der Protokollführer springt auf, das Tintenfaß in der Hand, damit es +nicht umgestürzt werde. + +Da ruft der Richter mit lauter, zorniger Stimme: »Ruhe!« und alle die +Menschen bleiben regungslos stehen. + +»Was fällt dir ein? Was hast du mit der Bibel zu schaffen?« fragt der +Richter die Klägerin mit harter und strenger Stimme. + +Nachdem sie ihrer Angst in einer Tat der Verzweiflung Luft gemacht hat, +ist ihre Beklommenheit gewichen, so daß sie antworten kann: »Er darf den +Eid nicht ablegen!« + +»Sei still und gib das Buch zurück!« ruft der Richter. Aber sie gehorcht +nicht, sondern umklammert das Buch mit beiden Händen. + +»Er darf den Eid nicht ablegen!« ruft sie mit ungezügelter Heftigkeit. + +»Ist es dir so sehr darum zu tun, den Prozeß zu gewinnen?« fragt der +Richter in immer schärferem Ton. + +»Ich will die Klage zurückziehen!« ruft sie mit lauter, schneidender +Stimme. »Ich will ihn nicht zwingen, zu schwören!« + +»Was schreist du da?« fragt der Richter. »Hast du den Verstand +verloren?« + +Sie ringt heftig nach Atem und versucht sich zu beruhigen. Sie hört +selbst, wie sie schreit. Der Richter muß wohl glauben, daß sie toll +geworden sei, weil sie, was sie will, nicht in ruhigen Worten sagen +kann. Noch einmal kämpft sie mit sich selbst, um Macht über ihre Stimme +zu erlangen, und diesmal gelingt es ihr. Sie sagt langsam, ernst, laut, +während sie dem Richter gerade ins Gesicht sieht: + +»Ich will die Klage zurückziehen. Er ist der Vater des Kindes. Aber ich +hab’ ihn noch lieb. Ich will nicht, daß er falsch schwört!« + +Sie steht aufrecht und entschlossen vor dem Richtertisch und sieht dem +Richter gerade in sein strenges Gesicht. Er sitzt da, beide Hände auf +den Tisch gestützt; und lange, lange wendet er den Blick nicht von ihr. +Während der Richter sie betrachtet, geht eine große Veränderung mit ihm +vor. Alle Schlaffheit und Mißvergnügtheit, die in seinen Zügen gelegen +hat, schwindet, und das große, grobe Gesicht wird durch die Rührung +geradezu schön. Sieh da, denkt der Richter, sieh da, so ist mein Volk. +Ich will mich nicht darüber beklagen, wo doch bei einer der Geringsten +so viel Liebe und Gottesfurcht zu finden ist. + +Plötzlich aber spürt der Richter, daß seine Augen sich mit Tränen +füllen, und da zuckt er beinahe beschämt zusammen und wirft einen +raschen Blick um sich. Da sieht er, daß die Schreiber und die +Gerichtsdiener und die ganze lange Reihe der Beisitzer sich vorgebeugt +haben, um das Mädchen anzusehen, das vor dem Richtertisch steht, die +Bibel an die Brust gepreßt. Und er sieht einen Schimmer auf ihren +Gesichtern, als hätten sie etwas richtig Schönes gesehen, das sie bis in +das tiefste Herz erfreut hat. + +Hierauf sieht der Richter auch über das versammelte Volk hin, und ihm +ist, als säßen alle diese Menschen stumm und atemlos da, als hätten sie +gerade jetzt das gehört, wonach sie sich am meisten sehnten. + +Zu allerletzt sieht der Richter den Beklagten an. Jetzt ist er es, der +mit gesenktem Kopf dasteht und zu Boden blickt. + +Der Richter wendet sich abermals an das arme Mädchen. »Es soll so sein, +wie du es willst,« sagt er. »Die Klage wird zurückgezogen,« diktiert er +dem Protokollführer. + +Der Beklagte macht eine Bewegung, als wolle er einen Einwand vorbringen. +»Was denn? Was denn?« schreit ihn der Richter an. »Hast du vielleicht +etwas dagegen?« Der Beklagte läßt den Kopf noch tiefer sinken und sagt +dann kaum hörbar: »Ach nein, es ist wohl am besten so.« + +Der Richter sitzt noch einen Augenblick still, dann schiebt er den +schweren Stuhl zurück, erhebt sich und geht um den Tisch herum zur +Klägerin hin. + +»Ich danke dir,« sagt er und reicht ihr die Hand. + +Sie hat die Bibel jetzt fortgelegt und steht da und weint und trocknet +die Tränen mit dem zusammengerollten Taschentuch. + +»Ich danke dir,« sagt der Richter noch einmal und ergreift ihre Hand so +leicht und behutsam, als wäre sie etwas gar Feines und Kostbares. + + +2 + +Niemand darf glauben, daß das Mädchen, das eine so schwere Stunde vor +dem Gerichtstisch durchgemacht hatte, selbst meinte, sie habe etwas +Rühmenswertes getan. Sie meinte im Gegenteil, daß sie vor der ganzen +Gemeinde beschämt sei. Sie begriff nicht die Ehre, die darin lag, daß +der Richter auf sie zugekommen war und ihr die Hand geschüttelt hatte. +Sie glaubte, dies bedeutete nur, daß die Verhandlung zu Ende sei, und +sie ihrer Wege gehen könne. + +Sie sah auch nicht, daß die Leute ihr freundliche Blicke zuwarfen, und +daß ihr mehrere die Hand drücken wollten. Sie schlich sich nur davon und +wollte fort. Aber unten an der Tür herrschte ein großes Gedränge. Der +Thing war zu Ende, und viele wollten wieder ins Freie. Sie drückte sich +an die Wand und war wohl die letzte, die den Thingsaal verließ. Sie +meinte, daß alle andern vor ihr hinausgehen müßten. + +Als sie endlich ins Freie kam, stand Gudmund Erlandssons Wägelchen +angespannt vor der Freitreppe. Gudmund saß darin, die Zügel in der Hand, +und schien auf jemand zu warten. Sowie er ihrer unter allem Volk, das +aus dem Thingsaal strömte, ansichtig wurde, rief er ihr zu: »Komm her, +Helga! Du kannst mit mir fahren, wir haben denselben Weg.« + +Aber obgleich sie ihren Namen hörte, – sie konnte nicht glauben, daß er +sie rief. Es war nicht möglich, daß Gudmund Erlandsson sie kutschieren +wollte. Er war der schmuckste Bursche im ganzen Kirchspiel, jung und +schön und aus gutem Hause und in Gunst bei allen Leuten. Sie konnte +nicht glauben, daß er etwas mit ihr zu tun haben wolle. + +Sie ging, das Kopftuch tief in die Stirn geschoben, und eilte an ihm +vorbei, ohne aufzusehen oder zu antworten. + +»Hörst du nicht, Helga, daß du mit mir fahren kannst?« fragte Gudmund, +und es lag ein so recht freundlicher Ton in der Stimme. Aber sie konnte +es nicht in ihren Kopf hineinbringen, daß Gudmund es gut mit ihr meine. +Sie glaubte, er wolle sie in der einen oder andern Weise verspotten und +wartete nur darauf, die Umstehenden in Kichern und Lachen ausbrechen zu +hören. Sie warf ihm einen erschrocknen und zornigen Blick zu und lief +vom Thingplatz fort, um außer Hörweite zu sein, wenn das Lachen begänne. + +Gudmund war damals noch unverheiratet und wohnte bei seinen Eltern. Der +Vater war ein kleiner Bauer. Er hatte keinen großen Hof und war nicht +vermögend, aber er konnte sorgenfrei leben. Der Sohn war zum Thing +gefahren, um einige Urkunden für seinen Vater zu holen, aber da er noch +eine andre Absicht mit seiner Fahrt verfolgte, hatte er sich sehr fein +hergerichtet. Er hatte das neue Wägelchen genommen, dessen Lackierung +keine Schramme aufwies; das Pferd hatte er gestriegelt, bis es wie Seide +glänzte, und das Sattelzeug fein geputzt. Er hatte eine schmucke, rote +Decke neben sich auf den Sitz gelegt, und sich selbst hatte er mit einem +kurzen Jagdrock, einem kleinen, grauen Filzhut und hohen Stiefeln +geputzt, in die die Hosen hineingesteckt waren. Es war wohl kein +Feiertagsgewand, aber er wußte, daß er männlich und stattlich darin +aussah. + +Als Gudmund am Morgen von daheim fortfuhr, hatte er allein im Wagen +gesessen, aber er war in angenehme Gedanken versunken, und die Zeit war +ihm nicht lang erschienen. Als er ungefähr auf halbem Wege war, fuhr er +an einem armen Mädchen vorbei, das sehr langsam ging und aussah, als +könnte es vor Müdigkeit kaum einen Fuß vor den andern setzen. Es war +Herbst, der Weg war vom Regen aufgeweicht, und Gudmund sah, wie sie bei +jedem Schritt tief in den Schmutz einsank. Er hielt an und fragte, wohin +sie gehe, und als er erfuhr, daß sie zum Thing wolle, bot er ihr an, +mitzufahren. Sie dankte und stieg rückwärts auf den Wagen, auf das +schmale Brett, an dem der Heusack festgebunden war, ganz so, als wagte +sie es nicht, die rote Decke neben Gudmund zu berühren. Es war auch +nicht seine Absicht gewesen, daß sie sich neben ihn setze. Er wußte +nicht, wer sie wäre, aber er vermutete, daß sie die Tochter irgendeines +armen Kleinhäuslers wäre, und fand, es sei wohl genug Ehre für sie, wenn +sie rückwärts aufsitzen dürfte. + +Als sie an einen Hügel kamen und das Pferd den Schritt verlangsamte +begann Gudmund zu plaudern. Er wollte wissen, wie sie heiße, und wo sie +daheim sei. Als er hörte, daß sie Helga hieß und von einem Waldgütchen +stammte, das man den Moorhof nannte, begann er unruhig zu werden. »Bist +du immer daheim gewesen oder warst du im Dienst,« fragte er. Das letzte +Jahr wäre sie daheim gewesen, früher hätte sie einen Dienstplatz gehabt. +»Bei wem denn?« fragte Gudmund sehr hastig. Und es schien ihm, als daure +es lange, bis die Antwort kam. »Im Sternhof, bei Per Martensson,« sagte +sie endlich und senkte die Stimme, als wollte sie am liebsten nicht +gehört werden. Aber Gudmund verstand sie doch. »Ja so, du bist also +die,« sagte er, sprach aber den Satz nicht zu Ende. Er wendete sich ab, +richtete sich gerade auf und sprach kein Wort mehr zu ihr. + +Gudmund versetzte dem Pferde einen Hieb nach dem andern, fluchte laut +über den schlechten Weg und schien recht schlechter Laune zu sein. Ein +Weilchen verhielt sich das Mädchen still, aber bald fühlte Gudmund seine +Hand auf seinem Arm. »Was willst du?« fragte er, ohne den Kopf zu +wenden. Ja, er solle halten, damit sie abspringen könne. »Ach, warum +denn?« sagte Gudmund in verächtlichem Tone. »Fährst du nicht gut?« – +»Ja, danke, aber ich gehe doch lieber.« Gudmund kämpfte ein wenig mit +sich selbst. Es war ärgerlich, daß er gerade an diesem Tage eine solche +wie Helga aufgefordert hatte, mitzufahren. Aber er fand doch, daß er +sie, nun er sie einmal in den Wagen genommen hatte, nicht wieder +vertreiben könnte. »Halte, Gudmund,« sagte das Mädchen noch einmal. Sie +sprach sehr bestimmt, und Gudmund zog die Zügel an. – »Wenn sie durchaus +aussteigen will,« dachte er, »brauche ich sie doch nicht zu zwingen, +gegen ihren Willen zu fahren.« Sie war schon unten auf der Straße, bevor +noch das Pferd ganz stehengeblieben war. – »Ich glaubte, du wußtest, wer +ich bin, als du mir sagtest, ich kann mitfahren,« sprach sie, »sonst +wäre ich gar nicht eingestiegen.« Gudmund sagte kurz: »Behüt Gott!« und +fuhr weiter. Sie hatte wohl Grund gehabt, zu glauben, daß er sie kenne. +Er hatte ja das Dirnlein vom Moorhof oftmals als Kind gesehen; aber sie +hatte sich verändert, seit sie herangewachsen war. Zuerst war er sehr +froh, die Reisekameradin los zu sein, aber allmählich begann er mit sich +selbst unzufrieden zu werden. Er hätte kaum anders handeln können, aber +er war nicht gern grausam gegen irgend jemand. + +Ein kleines Weilchen, nachdem Gudmund sich von Helga getrennt hatte, bog +er von der Straße ab, fuhr ein enges Gäßchen hinauf und kam zu einem +prächtigen großen Bauernhof. Als Gudmund vor dem Hause anhielt, öffnete +sich die Eingangstür, und eine der Töchter zeigte sich auf der Schwelle. +Gudmund zog den Hut und grüßte, und dabei huschte eine leichte Röte über +sein Gesicht. »Ich möchte wohl wissen, ob der Herr Amtmann daheim ist,« +sagte er. – »Nein, Vater ist zum Thing gefahren,« antwortete die +Tochter. – »So, so, ist er schon fort?« sagte Gudmund. »Ich bin +hergekommen, um zu fragen, ob der Herr Amtmann nicht mit mir fahren +möchte. Ich will auch zum Thing.« – »Ach, Vater ist immer so +überpünktlich,« klagte die Tochter. – »Es ist ja weiter kein Schade +geschehen,« sagte Gudmund. – »Vater wäre gewiß gern mit einem so +prächtigen Pferd und in einem so schmucken Wagen gefahren,« sagte das +Mädchen freundlich. Gudmund lächelte ein wenig, als er das Lob hörte. – +»Ja, da muß ich also wieder abziehen,« sagte er. – »Du willst nicht +hereinkommen, Gudmund?« – »Danke schön, Hildur, aber ich muß ja zum +Thing. Ich darf nicht zu spät kommen.« + +Gudmund fuhr nun geradeswegs zum Thinghause. Er war sehr vergnügt und +dachte nicht mehr an seine Begegnung mit Helga. Es war doch schön, daß +gerade Hildur herausgekommen war, und daß sie den Wagen und die Decke +und das Pferd und das Sattelzeug gesehen hatte. Sie hatte wohl alles +bemerkt. + +Es war das erste Mal, daß Gudmund auf einem Thing war. Er fand, daß es +da sehr viel zu hören und zu erfahren gäbe, und blieb den ganzen Tag +dort. Er saß im Thingsaal, als Helgas Sache geführt wurde, und sah, wie +sie die Bibel an sich riß und Gerichtsdienern und Richter standhielt. +Als alles zu Ende war, und der Richter Helga die Hand gedrückt hatte, +stand Gudmund hastig auf und verließ den Saal. Rasch spannte er das +Pferd vor den Wagen und fuhr zur Treppe hin. Er fand, daß Helga sehr +tapfer gewesen war, und nun wollte er sie ehren. Aber sie war so +verschüchtert, daß sie seine Absicht nicht verstand, sondern sich vor +der Ehre, die ihr zugedacht war, flüchtete. + +An demselben Tag kam Gudmund spät abends zum Moorhof. Das war ein +kleines Gehöft auf dem Abhang des bewaldeten Hügels, der das Kirchspiel +abschloß. Der Weg, der hinführte, war nur im Winter bei Schlittenbahn +fahrbar, und Gudmund hatte zu Fuß gehen müssen. Es war ihm recht sauer +geworden, vorwärts zu kommen. Fast hätte er sich an Stock und Stein die +Beine gebrochen, auch hatte er Bäche durchwaten müssen, die den Pfad an +mehreren Stellen durchschnitten. Wäre nicht Vollmond gewesen, so hätte +er überhaupt nicht hinfinden können; und er dachte, daß das ein +beschwerlicher Weg wäre, den Helga an diesem Tag hatte gehen müssen. + +Der Moorhof lag an einer ausgerodeten Stelle, etwa auf halber Höhe des +Hügels. Gudmund war noch nie dort gewesen, aber er hatte den Ort oftmals +unten vom Tale aus gesehen und kannte ihn genügend, um zu wissen, daß er +richtig gegangen war. + +Rings um die ausgerodete Stelle zog sich ein Reisigzaun, der sehr dicht +und sehr schwer zu übersteigen war. Er sollte wohl gleichsam eine Wehr +und ein Hort gegen die Wildnis sein, die das Gehöft umgab. Die Hütte +selbst stand am oberen Rand der Einzäunung. Davor breitete sich ein +abschüssiger Hof aus, mit kurzem, grünem Gras bewachsen, und unterhalb +des Hofes lagen ein paar graue Schuppen und ein Keller mit grünem +Torfdach. Es war ein geringes und ärmliches Anwesen, aber es ließ sich +nicht leugnen, daß es dort oben schön war. Das Moor, nach dem das +Gütchen seinen Namen hatte, lag irgendwo in der Nähe und sandte Nebel +empor, die sich im Mondschein prachtvoll und silberglänzend heranwälzten +und einen Kranz um den Hügel bildeten. Der höchste Gipfel ragte noch aus +dem Nebel empor. Und der Kamm, der zackig von Tannen war, zeichnete sich +scharf gegen den Himmel ab. Unten über dem Tal lag der Mondschein so +hell, daß man die Felder und Gehöfte und einen geschlängelten Bach +unterscheiden konnte, über dem der Nebel wie der leichteste Duft +schwebte. Es war nicht weit dort hinunter, aber das Seltsame war, daß +das Tal wie eine fremde Welt dalag, mit der das, was dem Wald angehörte, +nichts gemein hatte. Es war, als wenn die Menschen, die hier auf dem +Waldgut hausten, immer unter diesen Bäumen gehen müßten. Sie konnten +unten im Tale ebensowenig fortkommen wie Auerhähne und Bergeulen und +Luchse und Heidelbeerkraut. + +Gudmund ging über die Wiese auf die Hütte zu. Durch das Fenster drang +Feuerschein, die Scheiben waren nicht verhangen; er warf einen Blick +hinein, um zu sehen, ob Helga in der Hütte wäre. Auf einem Tisch am +Fenster brannte ein kleines Lämpchen, und davor saß der Hausvater und +flickte alte Schuhe. Im Hintergrunde des Zimmers neben dem Herd, auf dem +ein schwaches Feuer brannte, saß die Hausmutter. Sie hatte den +Spinnrocken vor sich, aber hatte zu arbeiten aufgehört, um mit einem +kleinen Kinde zu spielen. Sie hatte es aus der Wiege genommen, und man +hörte es bis zu Gudmund hinaus, wie sie mit ihm lachte und scherzte. Ihr +Gesicht war von vielen Runzeln durchfurcht, und sie sah strenge aus; +aber wie sie sich so über das Kind beugte, bekam ihr Gesicht einen +sanften Ausdruck, und sie lächelte dem Kleinen ebenso zärtlich zu wie +seine eigene Mutter. + +Gudmund spähte nach Helga aus, konnte sie aber in keinem Winkel der +Hütte entdecken. Da schien es ihm am besten, draußen zubleiben, bis sie +käme. Er wunderte sich, daß sie noch nicht zu Hause war. Vielleicht wäre +sie auf dem Heimweg bei Bekannten eingekehrt, sich auszuruhen und einen +Imbiß zu nehmen? Aber bald müßte sie auf jeden Fall kommen, wenn sie vor +Einbruch der Nacht unter Dach sein wollte. + +Gudmund blieb eine Weile mitten im Hof stehen und horchte nach Schritten +aus. Es war ganz ruhig. Kein Lüftchen regte sich. Es kam ihm vor, als ob +ihn nie vorher eine solche Stille umgeben hätte. Es war, als hielte der +ganze Wald den Atem an und stünde da und wartete auf etwas Merkwürdiges. + +Niemand ging durch den Wald. Kein Zweiglein wurde geknickt, und kein +Stein rollte. Helga war wohl noch lange nicht zu erwarten. »Ich möchte +wohl wissen, was sie sagen wird, wenn sie sieht, daß ich hier bin,« +dachte Gudmund. »Sie wird vielleicht schreien und in den Wald laufen und +sich die ganze Nacht nicht heimwagen.« + +Dabei fiel ihm ein, es sei doch recht sonderbar, daß er nun auf einmal +soviel mit dieser Häuslerdirne zu schaffen hatte. + +Als er vom Thing heim kam, war er wie gewöhnlich zu seiner Mutter +hineingegangen, ihr alles zu erzählen, was er während des Tages erlebt +hatte. Gudmunds Mutter war klug und hochsinnig und hatte es immer +verstanden, gegen den Sohn so zu sein, daß er noch ebensoviel Vertrauen +zu ihr hatte wie einst als Kind. Seit mehreren Jahren war sie krank und +konnte nicht gehen, Àsondern saß den ganzen Tag still in ihrem +Lehnstuhl. Es war immer eine gute Stunde für sie, wenn Gudmund von einer +Reise heimkam und ihr Neuigkeiten brachte. + +Als Gudmund nun von Helga vom Moorhof erzählte, sah er, daß die Mutter +gedankenvoll wurde. Lange saß sie stumm da und sah gerade vor sich hin. +»Es scheint doch ein guter Kern in diesem Mädchen zu stecken,« sagte sie +dann. »Man darf keinen verwerfen, weil er einmal ins Unglück gekommen +ist. Es kann wohl sein, daß sie sich dem, der ihr jetzt beistünde, +dankbar erweisen würde.« + +Gudmund begriff sogleich, woran die Mutter dachte. Sie konnte sich nicht +mehr selbst helfen, sondern mußte beständig jemand um sich haben, der +ihr zu Diensten stand. Aber es war immer schwer, jemand zu finden, der +auf diesem Platz bleiben wollte. Die Mutter war anspruchsvoll und nicht +leicht zu befriedigen, und außerdem wollten alle jungen Mägde lieber +eine andre Arbeit haben, bei der sie mehr Freiheit genossen. Nun war es +sicherlich der Mutter eingefallen, daß sie die Helga vom Moorhof in +Dienst nehmen könnte, und Gudmund fand, daß dies ein guter Vorschlag +sei. Helga würde der Mutter sicherlich sehr ergeben sein. Es wäre wohl +möglich, daß ihnen auf diese Weise für lange geholfen wäre. + +»Am schwersten wird es mit dem Kinde sein,« sagte die Mutter nach einer +Weile, und Gudmund begriff, daß sie ernsthaft an die Sache dachte. – +»Das muß wohl bei den Großeltern bleiben,« sagte Gudmund. – »Es ist +nicht ausgemacht, daß sie sich von ihm trennen will.« – »Sie wird es +sich abgewöhnen müssen, daran zu denken, was sie will und nicht will. +Ich finde, daß sie förmlich verhungert aussieht. Dort oben auf dem +Moorhof ist wohl Schmalhans Küchenmeister.« + +Darauf antwortete die Mutter nichts, sondern begann von etwas anderm zu +sprechen. Man merkte, daß ihr neue Bedenklichkeiten aufstiegen, die sie +verhinderten, einen Entschluß zu fassen. + +Gudmund begann nun zu erzählen, wie er den Amtmann auf Älvåkra +aufgesucht und Hildur getroffen hatte. Er berichtete, was sie über das +Pferd und den Wagen gesagt hatte, und es war leicht zu merken, daß er +sich der Begegnung freute. Auch die Mutter schien sehr vergnügt. Wie sie +so unbeweglich in ihrem Lehnstuhl saß, war es ihre stete Beschäftigung, +Pläne für die Zukunft des Sohnes auszuspinnen; und sie war zuerst auf +den Gedanken verfallen, daß er es versuchen solle, um die schöne +Amtmannstochter zu werben. Das war die prächtigste Heirat, die er machen +konnte. Der Amtmann war ein richtiger Großbauer. Er hatte den größten +Hof im Kirchspiel und viel Macht und viel Geld. Es war eigentlich +töricht, zu hoffen, daß er sich mit einem Eidam begnügen würde, der kein +größeres Vermögen hatte als Gudmund, aber es war immerhin möglich, daß +er sich nach dem richtete, was seine Tochter wollte. Und daß Gudmund +Hildur gewinnen könnte, wenn er nur wollte, davon war die Mutter fest +überzeugt. + +Dies war das erste Mal, daß Gudmund die Mutter merken ließ, wie der +Gedanke bei ihm Wurzel geschlagen hatte, und sie sprachen nun ein langes +und ein breites von Hildur und von allen den Reichtümern und Vorteilen, +die dem zufallen würden, der sie einmal bekäme. Aber bald stockte das +Gespräch wieder, weil die Mutter von neuem in ihre Grübeleien versunken +war. »Könntest du diese Helga nicht holen lassen? Ich möchte sie doch +sehen, bevor ich sie in meine Dienste nehme,« sagte sie schließlich. – +»Das ist schön, daß du dich ihrer annehmen willst, Mutter,« entgegnete +Gudmund und dachte bei sich: wenn die Mutter eine Pflegerin bekäme, mit +der sie zufrieden wäre, würde seine Gattin hier daheim ein behaglicheres +Leben führen. »Du wirst sehen, daß du mit dem Mädchen zufrieden sein +wirst,« fuhr er fort. – »Es ist ja auch ein gutes Werk, sich ihrer +anzunehmen,« sagte die Mutter. + +Als es zu dämmern begann, begab sich die Kranke zu Bett, und Gudmund +ging in den Stall, um die Pferde zu striegeln. Es war schönes Wetter, +die Luft war klar, und der ganze Hof lag vom Mondschein übergossen da. +Da fiel es ihm ein, daß er heute schon in den Moorhof gehen und die +Botschaft der Mutter bestellen könne. Wäre morgen schönes Wetter, dann +würde man es so eilig haben, den Hafer einzubringen, daß weder er noch +irgendein andrer Zeit hätte, hinzugehen. + +Als jetzt Gudmund vor dem Moorhof stand und horchte, hörte er zwar keine +Schritte; doch andre Laute durchschnitten in kurzen Abständen die +Stille. Es war ein stilles Klagen, ein sehr leises und ersticktes +Jammern und dann hie und da ein Aufschluchzen. Gudmund glaubte zu +merken, daß die Laute von dem Schuppen herkämen, und ging auf diesen zu. +Als er sich näherte, hörte das Schluchzen auf; aber es war offenbar, daß +sich drinnen jemand in der Holzkammer regte. Mit einem Male begriff +Gudmund, wer dort drinnen war. »Bist du es, Helga, die da drinnen sitzt +und weint?« rief er und stellte sich in die Türöffnung, damit das +Mädchen nicht entwischen könnte, ehe er mit ihm gesprochen hätte. + +Wieder wurde es ganz still. Gudmund hatte wohl recht geraten: es war +Helga, die da saß und weinte; aber sie versuchte das Schluchzen zu +unterdrücken, damit Gudmund glaubte, er habe sich verhört, und seiner +Wege ginge. Es war stockfinster in dem Schuppen, und sie wußte, daß er +sie nicht sehen konnte. + +Aber Helga war an diesem Abend in solcher Verzweiflung, daß es ihr nicht +leicht fiel, die Tränen zurückzudrängen. Sie war noch nicht in der Hütte +gewesen und hatte die Eltern noch nicht begrüßt. Sie hatte nicht den Mut +dazu gehabt. Als sie in der Dämmerung den steilen Hügel hinaufstieg und +daran dachte, daß sie den Eltern jetzt sagen müßte, sie habe keinen +Erziehungsbeitrag von Per Martensson zu erwarten, da hatte sie solche +Angst vor den harten und grausamen Worten bekommen, die sie ihr sagen +würden, daß sie es nicht wagte, hineinzugehen. Sie gedachte draußen zu +bleiben, bis sie sich zu Bett gelegt hätten; dann brauchte sie +vielleicht nicht vor dem nächsten Tage von der unglücklichen Sache zu +sprechen. Und so hatte sie sich in dem Holzschuppen versteckt. Aber +während sie so dasaß und fror und hungerte, kam es ihr erst recht zu +Bewußtsein, wie unglücklich und ausgestoßen sie war. Alle Schmach und +Angst, die sie hatte erleiden müssen, und alle Schmach und Angst, die +ihrer noch harrten, stand vor ihr und drückte sie mit Bleischwere zu +Boden. Sie weinte über sich selbst, darüber, daß sie so elend war, und +daß niemand etwas von ihr wissen wollte. Sie erinnerte sich, wie sie +einmal als Kind in einen Morast gefallen und gleich untergesunken war. +Je mehr sie sich gemüht hatte, in die Höhe zu kommen, desto tiefer war +sie gesunken. Alle Büsche und Sträucher, nach denen sie gegriffen, +hatten nachgegeben. So war es auch jetzt. Alles, wonach sie zu greifen +versuchte, um sich aufrechtzuhalten, ließ sie im Stich. Niemand wollte +ihr helfen. Damals, als sie ins Moor versinken wollte, war schließlich +ein Hirtenbub gekommen und hatte sie herausgezogen; jetzt aber kam +niemand, sie zu retten. Jetzt war es gewiß ihre Bestimmung, zugrunde zu +gehen. + +Als Helga das Moor in den Sinn kam, wurde es ihr mit einem Male klar: +das beste, was sie tun konnte, war, dorthin zu gehn, in den Schlamm +hinauszuwandern und sich einsinken und begraben zu lassen. Wenn eine so +elend wäre, daß kein Mensch etwas mit ihr zu tun haben wollte, dann +könnte sie wohl gar nichts Besseres tun als sterben. Es wäre auch für +das Kind das Beste, wenn sie fortginge; denn Helgas Mutter hatte es +gern, obgleich sie es nicht zeigen wollte, wenn Helga daheim war. Aber +wenn Helga einmal für immer aus dem Wege wäre, dann würde sich die +Großmutter des Kindes wohl so annehmen, als wäre es ihr eigenes. + +Sie begriff nicht, daß sie mitten in ihrem größten Elend etwas getan +hatte, wodurch den Leuten eine bessere Meinung über sie gegeben würde. +Ihr wurde mit jedem Augenblick gewisser, daß das Moor der einzige +Zufluchtsort für sie sei. Und je klarer sie dies einsah, desto mehr +weinte sie. + +Es war darum nicht so leicht für sie, die Tränen zu unterdrücken. Es +dauerte nicht lange, so begann sie von neuem zu schluchzen. + +Gudmund war nichts verhaßter, als wenn Weibsleute weinten. Er hatte die +größte Lust, auf und davon zu laufen; aber er sagte sich, wenn er sich +nun einmal die Mühe gemacht hätte, zur Hütte hinaufzuklettern, müßte er +seinen Auftrag auch ausführen. + +»Was ist dir denn?« sagte er in barschem Ton zu Helga. »Warum gehst du +nicht ins Haus?« – »Ach ich getraue mich nicht,« antwortete Helga, und +ihre Zähne schlugen aufeinander. »Ich getraue mich nicht.« + +»Wovor hast du denn Angst? Du hast dich doch heute morgen gegen +Gerichtsdiener und Richter tapfer gehalten. Da kannst du wohl nicht vor +deinen leiblichen Eltern Angst haben.« – »O ja, o ja, die sind viel +schlimmer als alle andern.« – »Warum sollten sie denn gerade heute so +böse sein?« – »Ich bekomme ja kein Geld.« – »Na, du bist doch ein so +tüchtiges Mädel, daß du für dich und dein Kind das Brot verdienen +kannst.« – »Ja, aber mich will doch niemand nehmen.« + +Plötzlich fiel es Helga ein, daß die Eltern ihre Stimmen hören und +herauskommen und fragen könnten, wer da spräche. Und dann wäre sie +gezwungen, ihnen alles zu erzählen. Dann könnte sie sich nicht in das +Moor retten. Und in ihrem Schrecken sprang sie auf und wollte an Gudmund +vorbeieilen. Aber er kam ihr zuvor. Er packte sie am Arm und hielt sie +fest. – »Nein! Du kommst nicht davon, bis ich nicht mit dir gesprochen +habe.« – »Laß mich gehen,« rief sie und blickte ihn wild an. – »Du +siehst aus, als wenn du ins Wasser gehen wolltest,« sagte er; denn jetzt +stand sie draußen im Mondschein, und er konnte ihr Gesicht sehen. – »Ja, +das würde wohl auch niemand etwas angehen, wenn ich das täte,« sagte +Helga und warf dabei den Kopf zurück und sah ihm gerade in die Augen. +»Heute morgen wolltest du mich nicht einmal rückwärts auf deinem Wagen +mitfahren lassen. Niemand will etwas mit mir zu tun haben. Da mußt du +doch selbst einsehen, daß es für solch ein armes Wurm, wie mich, am +besten ist, wenn ich ein Ende mache.« + +Gudmund wußte nicht, was er beginnen solle. Er wünschte sich weit weg, +aber er fühlte auch, daß er einen Menschen in solcher Verzweiflung nicht +verlassen konnte. »Hör mich jetzt an! Versprich nur, daß du anhörst, was +ich dir zu sagen habe. Dann kannst du gehen wohin du willst.« – Ja, das +versprach sie. – »Kann man hier nirgends sitzen?« + +»Drüben steht doch der Hackblock.« – »Also geh hin und setze dich und +sei still!« Sie ging ganz gehorsam hin und setzte sich. – »Weine jetzt +nicht mehr!« sagte er; denn es war ihm, als finge er an, Macht über sie +zu gewinnen. Aber das hätte er nicht sagen sollen, denn sie ließ +sogleich den Kopf in die Hände sinken und weinte heftiger denn je. + +»Weine nicht!« sagte er und war nahe daran, mit dem Fuß auf die Erde zu +stampfen. »Es gibt genug Leute, denen es schlechter geht als dir.« – +»Nein, keinem kann es schlechter gehen.« – »Du bist jung und gesund, du +solltest nur wissen, wie es meiner Mutter geht. Sie ist von Schmerzen so +geplagt, daß sie sich nicht rühren kann, aber sie klagt nie.« – »Sie ist +nicht so verlassen von allen wie ich.« – »Du bist auch nicht verlassen. +Ich habe mit Mutter über dich gesprochen, und Mutter hat mich zu dir +geschickt.« Das Schluchzen hörte auf. Man vernahm gleichsam das große +Schweigen des Waldes, als ob der den Atem anhielte und auf etwas +Wunderbares wartete. »Ich soll dir bestellen, daß du morgen zu Mutter +kommst, damit sie dich sieht. Mutter gedenkt dich zu fragen; ob du zu +uns in Dienst gehen willst.« – »Das will sie mich fragen?« – »Ja, aber +zuerst will sie dich sehen.« – »Weiß sie, daß ...?« – »Sie weiß +ebensoviel von dir wie alle andern.« + +Mit einem Schrei des Staunens und der Freude sprang das Mädchen auf, und +im nächsten Augenblick fühlte Gudmund ein paar Arme um seinen Hals. Er +erschrak förmlich, und sein erster Gedanke war, sich loszureißen. Aber +dann faßte er sich und blieb stehen. Er begriff, daß das Mädchen so +außer sich vor Freude war, daß sie nicht wußte, was sie tat; in diesem +Augenblick härte sie sich dem ärgsten Schurken an den Hals werfen +können, nur um in dem großen Glück, das über sie gekommen war, ein klein +wenig Mitgefühl zu finden. + +»Wenn sie mich bei sich aufnehmen will, dann kann ich ja am Leben +bleiben!« sagte sie und legte den Kopf an Gudmunds Brust und weinte +wieder, aber nicht so heftig wie zuvor. »Ich kann dir jetzt sagen, daß +es mir damit Ernst war, ins Moor zu gehen,« sagte sie. »Ich danke dir, +daß du gekommen bist! Du hast mir das Leben gerettet.« Gudmund hatte +bisher unbeweglich dagestanden, jetzt aber fühlte er, wie sich etwas +warm und zärtlich in ihm zu regen begann. Er hob die Hand und strich ihr +übers Haar. Da zuckte sie zusammen, als hätte er sie aus einem Traum +geweckt, und stellte sich kerzengerade vor ihn hin. »Ich danke dir, daß +du gekommen bist!« sagte sie noch einmal. Sie war flammend rot im +Gesicht geworden, und er errötete auch. + +»Ja, so kommst du also morgen zu uns,« sagte er und streckte die Hand +aus, um ihr Lebewohl zu sagen. – »Ich werde nie vergessen, daß du heute +abend zu mir gekommen bist,« sagte Helga, und die große Dankbarkeit +bekam die Oberhand über ihre Befangenheit. »Ach ja, es ist vielleicht +ganz gut, daß ich da war,« sagte er ruhig, fühlte sich aber doch recht +zufrieden mit sich selbst. »Jetzt gehst du doch ins Haus?« sagte er. – +»Ja, jetzt werde ich wohl hineingehen.« + +Gudmund hatte plötzlich eine solche Freude an Helga, wie man sie an +einem hat, dem man hat helfen können. Er stand da und zauderte und +wollte nicht gehen. »Ich möchte dich gern unter Dach und Fach sehen, +bevor ich gehe.« – »Ich dachte, sie sollten sich lieber erst +niederlegen, bevor ich hineingehe.« – »Nein, du mußt gleich gehen, damit +du etwas zu essen kriegst und unter Dach kommst,« sagte er und fand es +recht vergnüglich, so für sie zu sorgen. + +Sie ging sogleich auf die Hütte zu, und er kam mit, ganz zufrieden und +stolz, daß sie ihm gehorchte. Als sie auf der Schwelle stand, sagten sie +sich noch einmal Lebewohl. Aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht, +als sie ihm nachkam. »Bleib hier draußen stehen, bis ich drinnen bin! Es +geht leichter, wenn ich weiß, daß du draußen bist.« – »Ja,« sagte er, +»ich werde hier bleiben, bis du das Ärgste überstanden hast.« + +Nun öffnete Helga die Hüttentür, und Gudmund merkte, daß sie sie leicht +angelehnt ließ. Gleichsam, damit sie sich nicht allzu abgetrennt von dem +Helfer fühle, der dort draußen stand. Er machte sich auch kein Gewissen +daraus, alles zu hören und zu sehen, was drinnen in der Hütte geschah. + +Die Alten nickten Helga, als sie eintrat, freundlich zu. Die Mutter +legte sogleich das Kind in die Wiege, ging dann zum Schrank und holte +einen Laib Brot und eine Schale Milch und stellte sie auf den Tisch. + +»Bist du da? Setz dich und iß,« sagte sie. Dann ging sie zum Herd und +legte ein Stück Holz nach. »Ich habe das Feuer nicht ausgehen lassen, +damit du dir die Kleider trocknen und dich erwärmen kannst, wenn du +kommst. Aber iß jetzt zuerst! Das hast du wohl am nötigsten.« + +Helga war die ganze Zeit an der Tür stehengeblieben. »Ihr sollt mich +nicht so gut aufnehmen, Mutter,« sagte sie mit leiser Stimme. »Ich +bekomme kein Geld von Per. Ich habe auf die Unterstützung verzichtet.« + +»Es ist heute abend schon jemand dagewesen, der bei dem Thing war und +gehört hat, wie es dir ergangen ist,« sagte die Mutter. »Wir wissen +alles.« + +Helga blieb an der Tür stehen und machte, als wüßte sie weder aus noch +ein. + +Da legte der Vater die Arbeit nieder, schob die Brille auf die Stirn und +räusperte sich, um eine Rede zu halten, die er den ganzen Abend +überdacht hatte. »Es ist nämlich so, Helga,« sagte er: »Mutter und ich, +wir wollten immer anständige und ehrliche Leute sein. Aber dann ist es +uns vorgekommen, als ob du Unehre über uns gebracht hättest. Es war so, +als hätten wir dich nicht gelehrt, zwischen Gut und Böse zu +unterscheiden. Aber als wir nun hörten, was du heute getan hast, da +sagten wir uns, Mutter und ich, daß die Leute jetzt doch sehen können, +daß du eine ordentliche Erziehung genossen hast, und wir denken, daß wir +vielleicht auch noch Freude an dir erleben können. Und Mutter wollte +nicht, daß wir uns niederlegen, ehe du da bist, damit du doch eine +ordentliche Heimkehr hast.« + + +3 + +Helga vom Moorhof kam jetzt nach Närlunda, und da ging alles gut. Sie +war willig und anstellig und dankbar für jedes freundliche Wort, das man +ihr sagte. Sie fühlte sich immer als die Geringste und wollte sich nie +vordrängen. Es dauerte nicht lange, so hatten Herrschaft und Gesinde sie +lieb gewonnen. + +In den ersten Tagen sah es aus, als fürchte sich Gudmund, mit Helga zu +sprechen. Er hatte Angst, daß das Mädchen sich etwas einbilde, weil er +ihr zu Hilfe gekommen war. Aber dies war eine unnötige Sorge. Helga +hielt ihn für viel zu herrlich und hoch, als daß sie gewagt hätte, ihre +Blicke zu ihm zu erheben. Und Gudmund merkte auch bald, daß er sie nicht +fernzuhalten brauchte. Sie war vor ihm scheuer als vor irgend jemand. + +In demselben Herbst, da Helga nach Närlunda kam, machte Gudmund viele +Besuche bei der Familie des Amtmanns auf Älvåkra, und es wurde viel +darüber gesprochen, daß er alle Aussicht hätte, dort im Hause +Schwiegersohn zu werden. Volle Gewißheit, daß seine Werbung Erfolg +hatte, erhielten die Leute jedoch erst zu Weihnachten. Da kam der +Amtmann mit Frau und Tochter nach Närlunda, und es war ganz klar, daß +sie nur hierher gefahren waren, um zu sehen, wie es Hildur gehen würde, +wenn sie sich mit Gudmund verheiratete. + +Das war das erstemal, daß Helga das Mädchen, welches Gudmund heimführen +wollte, aus der Nähe sah. Hildur Erikstochter war noch nicht zwanzig +Jahre, aber das Merkwürdige an ihr war, daß niemand sie ansehen konnte, +ohne zu denken, welche stattliche und prächtige Hausmutter einmal aus +ihr werden würde. Sie war hochgewachsen, stark gebaut, blond und schön, +und sah aus, als wenn sie gerne für viele um sich zu sorgen hätte. Sie +war nie scheu oder verschüchtert, sondern sprach viel und schien alles +besser zu wissen als der, mit dem sie sprach. Sie war ein paar Jahre in +der Stadt zur Schule gegangen und trug die schönsten Kleider, die Helga +je gesehen hatte, aber sie machte keinen eiteln oder prunkliebenden +Eindruck. Reich und schön, wie sie war, hätte sie wohl jeden Tag einen +Mann von Stand heiraten können, aber sie sagte immer, sie wolle keine +feine Dame werden und mit den Händen im Schoß dasitzen. Sie wollte einen +Bauer heiraten und ihr Haus selbst versehen wie eine richtige Bäuerin. + +Hildur schien Helga als ein wahres Wunder. Nie hatte sie jemand gesehen, +der so prächtig aufgetreten wäre. Sie hätte nicht geglaubt, daß ein +Mensch in allen Stücken so vollkommen sein könnte. Und es däuchte sie +ein großes Glück, in Zukunft einer solchen Frau zu dienen. + +Bei dem Besuch der Amtmannsfamilie war alles gut abgelaufen; aber wenn +Helga an den Tag zurückdachte, empfand sie eine gewisse Unruhe. Als die +Fremden gekommen waren, war sie herumgegangen und hatte den Kaffee +gereicht. Wie sie nun mit den Kannen hereinkam, hatte die Frau des +Amtmanns sich zu ihrer Herrin vorgebeugt und sie gefragt, ob das nicht +das Mädchen vom Moorhof sei. Sie hatte die Stimme nicht sehr gesenkt, so +daß Helga die Frage deutlich hörte. Mutter Ingeborg hatte Ja gesagt, und +da hatte die andere etwas geantwortet, was Helga nicht hören konnte. +Aber es war so etwas gewesen, als ob sie es wunderlich fände, daß sie +eine solche Person im Hause dulde. Dies bereitete Helga sehr viel +Kummer, aber sie suchte sich damit zu trösten, daß es die Mutter und +nicht Hildur war, die diese Worte gesprochen hatte. + +An einem Sonntag im Vorfrühling fügte es sich, daß Helga und Gudmund +zusammen aus der Kirche kamen. Als sie über den Kirchenhügel wanderten, +waren sie inmitten einer großen Schar von andern Kirchenbesuchern +gegangen; aber bald bog einer nach dem andern ab, und schließlich waren +Helga und Gudmund allein. + +Da fiel es Gudmund ein, daß er seit jenem Abend auf dem Moorhof nicht +mehr mit Helga allein gewesen war, und die Erinnerung daran kam nun in +voller Stärke wieder. Recht oft während des Winters hatte er an ihre +erste Begegnung gedacht und dabei immer gefühlt, wie etwas Süßes und +Wohliges seinen Sinn durchbebte. Wenn er allein bei der Arbeit war, +pflegte er sich die ganze schöne Nacht wieder zurückzurufen: den weißen +Nebel, den starken Mondschein, die schwarze Waldeshöhe, das lichte Tal +und dann das Mädchen, das die Arme um seinen Hals geschlungen und vor +Freude geweint hatte. Je öfter er sich den Vorfall zurückrief, desto +schöner wurde er. Aber wenn Gudmund Helga daheim unter den andern in +Arbeit und Plage umhergehen sah, dann konnte er sich nur schwer +vorstellen, daß sie mit dabeigewesen war. Jetzt aber, wo er allein mit +ihr den Kirchenweg entlang ging, konnte er es nicht lassen, sich zu +wünschen, daß sie für ein Weilchen dieselbe wäre wie an jenem Abend. + +Helga begann sogleich von Hildur zu sprechen. Sie rühmte sie sehr, +sagte, daß sie das schönste und klügste Mädchen in der ganzen Umgegend +sei, und beglückwünschte Gudmund dazu, daß er eine so ausgezeichnete +Frau bekäme. »Du mußt ihr sagen, daß sie mich immer auf Närlunda bleiben +läßt,« sagte sie. »Es wird so schön sein, unter einer solchen Frau zu +dienen.« + +Gudmund lächelte über ihren Eifer, gab ihr jedoch nur einsilbige +Antworten, als wären seine Gedanken nicht recht dabei. Aber es war ja +recht, daß ihr Hildur so gut gefiel, und daß sie sich über seine Heirat +so freute. + +»Du bist diesen Winter doch gern bei uns gewesen?« fragte er. – »Ja, +gewiß. Ich kann gar nicht sagen, wie gut Mutter Ingeborg und ihr alle +gegen mich wart.« – »Hast du dich nach dem Walde gesehnt?« – »Ach ja, +anfangs wohl, aber jetzt nicht mehr.« – »Ich glaubte, wer im Wald daheim +ist, kann es nicht lassen, sich hinzusehnen.« + +Helga wendete sich halb um und sah ihn an, der auf der andern Seite des +Weges ging. Gudmund war ihr in letzter Zeit ganz fremd geworden, aber +jetzt lag etwas in seinem Tonfall und seinem Lächeln, das sie +wiedererkannte. Ja, er war doch derselbe, der in ihrer höchsten Not +gekommen war und sie gerettet hatte. Obgleich er sich mit einer andern +verheiraten wollte, war sie dessen gewiß, daß er ihr ein guter Freund +und getreuer Helfer bleiben würde. + +Es wurde ihr so leicht ums Herz; sie fühlte, daß sie Vertrauen zu ihm +haben könnte wie zu keinem andern, und es war ihr, als müßte sie ihm +alles erzählen, was ihr geschehen war, seit sie zuletzt miteinander +gesprochen hatten. »Ich will dir sagen, daß ich in den ersten Wochen auf +Närlunda eine recht schwere Zeit hatte,« begann sie. »Aber du darfst es +Mutter Ingeborg nicht wiedererzählen.« – »Wenn du willst, daß ich +schweigen soll, so schweige ich.« – »Denk’ dir nur, daß ich anfangs so +furchtbares Heimweh hatte! Ich war drauf und dran, wieder in den Wald +hinaufzulaufen.« – »Du hattest Heimweh? Ich glaubte, du wärst froh, bei +uns zu sein.« – »Ich konnte nichts dafür,« sagte sie entschuldigend. +»Ich sah wohl ein, welches Glück es für mich war, hier sein zu dürfen. +Ihr wart alle so freundlich gegen mich, und die Arbeit war nicht zu +schwer; aber ich sehnte mich doch. Irgend etwas zog und lockte und +wollte mich in den Wald zurückführen. Es war mir, als verriete ich +einen, der ein Recht auf mich hatte, wenn ich unten im Tale blieb.« + +»Das war vielleicht ...,« begann Gudmund, aber er hielt mitten im Satz +inne. – »Nein, es war nicht der Kleine, nach dem ich mich sehnte. Ich +wußte ja, daß es ihm gut ging, und daß Mutter freundlich zu ihm war. Es +war nichts Bestimmtes. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich ein wilder +Vogel, den man in einen Käfig gesperrt hat, und ich glaubte, ich müßte +sterben, wenn man mich nicht losließ.« + +»Nein, daß es dir so schlecht ging!« sagte Gudmund, und dabei lächelte +er; denn jetzt kam es ihm mit einem Male vor, als ob er sie erst +wiedererkennte. Jetzt war es, als läge nichts zwischen ihnen, sondern +als hätten sie sich erst am vorigen Abend oben auf dem Moorhof +voneinander getrennt. Helga lächelte wieder, sie fuhr jedoch fort, von +ihrer Qual zu sprechen. »Keine Nacht schlief ich,« sagte sie; »kaum +hatte ich mich niedergelegt, so begannen die Tränen zu fließen, und wenn +ich am Morgen aufstand, war das Kopfkissen ganz naß. Am Tag, wenn ich +unter euch andern herumging, konnte ich das Weinen unterdrücken; aber +sowie ich allein war, schossen mir die Tränen in die Augen.« + +»Du hast schon viel geweint in deinem Leben,« sagte Gudmund, aber sah +gar nicht mitleidig aus, als er diese Bemerkung machte. Helga war es, +als ob er die ganze Zeit mit einem unterdrückten Lachen einherginge. – +»Du kannst dir gar nicht denken, wie schlecht es mir ging,« sagte sie +und sprach immer lebhafter, in dem Bestreben, sich ihm verständlich zu +machen. »Es kam eine Sehnsucht über mich, die mich von mir selbst +forttrug. Keinen Augenblick konnte ich mich glücklich fühlen. Nichts war +schön, nichts war vergnüglich, keinen Menschen konnte ich liebgewinnen. +Ihr wart mir alle ebenso fremd wie an dem Tag, als ich zum ersten Male +in die Stube trat.« + +»Aber,« verwunderte sich Gudmund, »sagtest du nicht eben, daß du bei uns +bleiben willst?« – »Ja, gewiß sagte ich das.« – »Du sehnst dich also +jetzt nicht mehr?« – »Nein, es ist vorübergegangen. Ich bin geheilt. +Warte nur, du wirst schon hören!« + +Als sie dies sagte, kreuzte Gudmund quer über den Weg und ging an ihrer +Seite weiter. Die ganze Zeit lächelte er. Es schien ihm Freude zu +machen, sie reden zu hören; aber er legte dem, was sie erzählte, wohl +nicht viel Gewicht bei. So allmählich kam Helga in dieselbe Stimmung. Es +schien ihr, als ob alles leicht und hell würde. Der Weg von der Kirche +war lang und beschwerlich zu gehen; aber an diesem Tage wurde sie nicht +müde. Irgend etwas schien sie zu tragen. Sie fuhr fort zu erzählen, weil +sie einmal begonnen hatte; aber es war nicht mehr so wichtig für sie, +sich auszusprechen. Sie hätte ebenso vergnügt sein können, wenn sie +stumm neben ihm einhergegangen wäre. + +»Als ich am allerunglücklichsten war, bat ich Mutter Ingeborg eines +Samstagabends, mir zu erlauben, nach Hause zu gehen und über den Sonntag +daheim zu bleiben. Und als ich an diesem Abend die Hügel zum Moor +hinaufwanderte, glaubte ich felsenfest, daß ich nie mehr nach Närlunda +zurückkommen würde. Aber daheim waren Vater und Mutter so froh, daß ich +eine Stelle in einem so angesehenen Hause hatte, daß ich es nicht übers +Herz brachte, ihnen zu sagen, ich hielte es nicht aus, bei euch zu +bleiben. Sobald ich in den Wald hinaufkam, war auch alle Angst und Qual +rein verschwunden. Und es schien mir, als ob das Ganze nur eine +Einbildung gewesen wäre. Und dann war es so schwer mit dem Kind. Mutter +hatte sich seiner angenommen und es zu dem ihren gemacht. Es gehörte mir +nicht mehr. Und es war ja gut, daß es so war; aber es fiel mir doch +schwer, mich daran zu gewöhnen.« + +»Vielleicht fingst du nun gar an, dich zu uns hinunter zu sehnen?« warf +Gudmund hin. – »Ach nein. Als ich am Montag morgen erwachte und daran +dachte, daß ich jetzt gehen müßte, kam die Sehnsucht wieder über mich. +Ich lag da und weinte und ängstigte mich, denn das einzige Recht und +Richtige war doch, daß ich im Dienste blieb; aber ich hatte das Gefühl, +als müßte ich krank werden oder den Verstand verlieren, wenn ich +zurückkehrte. Aber da fiel mir plötzlich ein, was ich einmal gehört +hatte: wenn man ein wenig Asche aus dem Herd in seinem Hause nimmt und +sie dann auf den Herd im fremden Hause streut, dann wird man von seiner +Sehnsucht befreit.« – »Na, das ist ein Heilmittel, das leicht anzuwenden +ist,« sagte Gudmund. – »Ja, wenn es damit nur nicht die Bewandtnis +hätte, daß man sich nachher irgendwo anders heimisch fühlen kann. Geht +man von dem Hause weg, in das man die Asche getragen hat, dann sehnt man +sich ebensosehr dorthin zurück, als man sich früher von dort weggesehnt +hat.« – »Kann man die Asche nicht wieder dorthin mitnehmen, wohin man +geht?« – »Nein, das kann man nur einmal im Leben tun. Dann gibt es keine +Umkehr. Und darum ist es ja sehr gefährlich, so etwas zu versuchen.« + +»Ich hätte nie so etwas gewagt,« sagte Gudmund, und sie hörte sehr wohl, +daß er sie nur neckte. – »Ich hab’ es doch gewagt,« sagte Helga. »Es war +besser, als vor Mutter Ingeborg und dir, die mir helfen wollten, als +undankbar dazustehen. Ich nahm ein klein wenig Asche von daheim mit, und +wie ich nach Närlunda zurückkam, benützte ich einen Augenblick, wo +niemand in der Stube war, und streute sie auf die Herdplatte.« + +»Und jetzt glaubst du, daß die Asche dir geholfen hat?« – »Warte, du +wirst schon hören, wie es kam! Ich ging gleich an meine Arbeit und +dachte den ganzen Tag nicht mehr an die Asche. Ich sehnte mich ebenso +heftig wie früher, und alles war mir ebenso zuwider wie immer. Es war an +diesem Tage sehr viel drinnen und draußen zu tun; und als ich am Abend +im Stalle fertig war und ins Haus ging, war auf dem Herd schon das Feuer +angezündet.« + +»Jetzt bin ich aber wirklich begierig, zu hören, wie es kam,« sagte +Gudmund. – »Ja, denke nur, schon als ich über den Hof ging, kam es mir +vor, als ob im Feuerschein etwas Wohlbekanntes wäre, und als ich die Tür +öffnete, da hatte ich das Gefühl, daß ich in unsere eigene Stube kam, +und daß Vater und Mutter am Feuer saßen. Ja, dies flog nur an mir vorbei +wie ein Traum. Aber als ich wirklich hineinkam, da war ich ganz +erstaunt, wie schön und traulich es in der Stube war. Nie hatten Mutter +Ingeborg und ihr andern so freundlich ausgesehen wie an diesem Abend, +als ihr da im Feuerschein saßet. Es war ein köstliches Gefühl, +hereinzukommen, und das war sonst nie so gewesen. Ich war so erstaunt, +daß ich fast laut aufgeschrien und in die Hände geklatscht hätte. Es +schien mir, als ob ihr wie verwandelt wäret. Ihr wart mir nicht mehr +fremd, sondern ich konnte mit euch über alles reden. Du kannst dir +denken, daß ich mich freute; aber dabei mußte ich mich doch immer wieder +wundern. Ich fragte mich, ob ich denn verhext wäre, und sieh, da fiel +mir plötzlich die Asche ein, die ich auf die Herdplatte gestreut hatte.« + +»Ja, das ist seltsam,« sagte Gudmund. Er glaubte nicht im geringsten an +Zauber und Hexerei; aber es mißfiel ihm nicht, Helga von solchen Dingen +sprechen zu hören. »Jetzt ist doch die tolle Walddirne wieder zum +Vorschein gekommen,« dachte er. »Kann man begreifen, daß jemand, der so +viel durchgemacht hat, wie sie, noch so kindisch ist?« + +»Ja, gewiß war es seltsam,« sagte Helga. »Und dasselbe hat sich den +ganzen Winter hindurch wiederholt. Sowie das Feuer im Herd brannte, war +es mir ebenso behaglich, als wenn ich daheim gewesen wäre. Aber es ist +auch etwas Seltsames mit dem Feuer. Nicht mit anderm Feuer vielleicht, +aber mit Feuer, das auf einem Herde brennt, und um das sich alle +Hausgenossen Abend für Abend versammeln. Das wird, möcht’ man sagen, so +vertraut mit einem. Es spielt und tanzt vor einem und prasselt, und +manchmal ist es mürrisch und schlechter Laune. Es ist, als läge es in +seiner Macht, Traulichkeit oder Unbehagen zu verbreiten. Und nun war es +mir, als wäre das Feuer von daheim zu mir gekommen, und als gäbe es +allem hier denselben traulichen Schein wie daheim.« + +»Aber wenn du nun gezwungen wärest, aus Närlunda fortzumachen?« sagte +Gudmund. – »Dann muß ich mich all mein Lebtag danach sehnen,« erwiderte +sie, und man hörte an ihrer Stimme, daß sie dies im tiefsten Ernst +sagte. – »Ja, ich werde gewiß nicht der sein, der dich vertreibt,« sagte +Gudmund; und obgleich er lachte, lag etwas Warmes in seinem Ton. – Dann +begannen sie kein neues Gespräch, sondern wanderten stumm bis zum +Bauernhofe. Gudmund wendete zuweilen den Kopf und sah sie an, die neben +ihm ging. Sie schien sich von der schweren Zeit, die sie im vorigen Jahr +durchgemacht hatte, erholt zu haben. Jetzt hatte sie etwas Frisches und +Rosiges. Die Züge waren klein und rein, das Haar umgab den Kopf wie ein +Heiligenschein, und aus den Augen konnte man nicht recht klug werden. +Sie ging flink und leicht. Wenn sie sprach, kamen die Worte rasch +hervor, aber dennoch scheu. Sie hatte immer Angst, verlacht zu werden, +doch mußte sie heraussagen, was sie auf dem Herzen hatte. + +Gudmund fragte sich, ob er sich wünsche, daß Hildur so wäre; aber das +wollte er doch nicht. Diese Helga war nichts zum Heiraten. – + +Ein paar Wochen später erfuhr Helga, daß sie im April von Närlunda fort +müsse, weil Hildur Erikstochter nicht mit ihr unter einem Dache hausen +wollte. + +Ihre Herrschaft sagte ihr das nicht gerade heraus. Aber Mutter Ingeborg +begann davon zu sprechen, sie würden an ihrer neuen Schwiegertochter so +viel Hilfe haben, daß sie sich nicht so viele Dienstleute zu halten +brauchten. Ein andermal sagte sie wieder, sie habe von einer guten +Stelle gehört, wo es Helga viel besser gehen würde als bei ihnen. + +Helga brauchte nicht mehr zu hören: sie verstand, daß sie fort müsse, +und erklärte sogleich, daß sie gehen wolle; aber eine andere Stelle +wolle sie nicht annehmen, sondern sie kehre nach Hause zurück. + +Man merkte wohl, daß sie auf Närlunda Helga nicht aus freiem Willen +kündigten. + +Am Abschiedstage war so viel Essen aufgetischt, daß es ein förmlicher +Schmaus war, und Mutter Ingeborg steckte ihr eine solche Menge Kleider +und Schuhe zu, daß sie, die nur mit einem Bündel unter dem Arm gekommen +war, ihre Besitztümer jetzt kaum in einer Kiste unterbringen konnte. + +»Ich bekomme nie wieder eine so gute Magd wie dich in mein Haus,« sagte +Mutter Ingeborg. »Und denke nun nicht zu schlecht von mir, weil ich dich +ziehen lasse! Du weißt wohl, daß es nicht mit meinem Willen geschieht. +Ich werde dich nicht vergessen. Solange ich noch Macht habe, wirst du +keine Not leiden müssen.« + +Sie machte mit Helga ab, daß sie ihr Laken und Handtücher weben solle. +Und sie gab ihr Arbeit für mindestens ein halbes Jahr. + +Am Abschiedstage stand Gudmund im Schuppen und hackte Holz. Er kam nicht +herein, ihr Lebewohl zu sagen, obgleich das Pferd schon vor der Tür +stand. Er schien so vertieft zu sein in seine Arbeit, daß er gar nicht +merkte, was vorging. Sie mußte hinausgehen, um ihm Lebewohl zu sagen. + +Er legte die Axt hin, gab Helga die Hand, sagte etwas hastig: »Ich danke +dir für all die Zeit!« und begann dann wieder zu arbeiten. Helga hatte +sagen wollen, sie sähe ein, daß es unmöglich für ihn sei, sie zu +behalten, und daß alles ihre eigne Schuld sei. Sie selbst hätte es so +für sich eingerichtet. Aber Gudmund schlug zu, daß die Späne rings um +ihn flogen, und da konnte sie sich nicht entschließen, etwas zu sagen. + +Aber das Merkwürdigste an der ganzen Sache war, daß der Bauer selbst, +der alte Erland Erlandsson, Helga zum Moorhof hinauffuhr. + +Gudmunds Vater war ein kleines, trockenes Männchen mit kahlem Scheitel +und schönen, klugen Augen. Er war so verschlossen und schweigsam, daß er +zuweilen den ganzen Tag kein Wort sprach. Solange alles ging, wie es +gehen sollte, bemerkte man ihn gar nicht. Aber wenn etwas nicht klappte, +dann kam er immer und sagte und tat, was gesagt und getan werden mußte, +um alles wieder in Ordnung zu bringen. Er war sehr geschickt im +Rechnungführen und genoß unter den Männern des Kirchspiels großes +Vertrauen. Er bekam auch alle möglichen kommunalen Aufträge und war +angesehener als so mancher, der einen schönen Hof und großen Reichtum +besaß. + +Erland Erlandsson also fuhr Helga auf dem schlechten Wege heim und ließ +nicht zu, daß sie bei irgendeiner steilen Stelle ausstieg. Als sie auf +dem Moorhof angelangt waren, saß er lange in der Hütte und sprach mit +Helgas Eltern und erzählte ihnen, wie zufrieden er und Mutter Ingeborg +mit ihr gewesen waren. Nur weil sie jetzt nicht mehr so viele +Dienstleute brauchten, müßten sie sie nach Hause schicken. Sie hätte +gehen müssen, weil sie die Jüngste wäre. Sie hätten es unrecht gefunden, +jemand fortzuschicken, der schon lange bei ihnen diente. + +Erland Erlandssons Rede machte einen guten Eindruck, und die Eltern +bereiteten Helga einen freundlichen Empfang. Als sie dazu noch hörten, +sie hätte so große Bestellungen erhalten, daß sie sich mit ihrer Weberei +das Brot verdienen könne, waren sie es recht zufrieden, daß sie nun +daheim blieb. + + +4 + +Gudmund kam es vor, als ob er Hildur Erikstochter bis zu dem Tage +geliebt hätte, an dem sie ihm das Versprechen abgezwungen, daß Helga aus +Närlunda fort sollte. Wenigstens hatte es bis dahin niemand gegeben, den +er mehr bewundert und geachtet hätte. Kein junges Mädchen schien ihm +Hildur an die Seite gestellt werden zu können, und er war sehr stolz +darauf gewesen, daß er sie gewonnen hatte. Es war ihm auch ein lieber +Gedanke, sich die Zukunft mit ihr zusammen vorzustellen. Sie würden +reich und angesehen sein, und er hatte das sichere Gefühl, daß es sich +in dem Heim, wo Hildur das Regiment führte, gut leben lassen müßte. Er +dachte auch gern daran, daß er viel Geld haben würde, wenn er mit ihr +verheiratet wäre. Er könnte seine Wirtschaft verbessern, könnte alle +verfallnen Hütten wieder aufbauen und den Hof erweitern, so daß er ein +richtiger Großbauer würde. + +An demselben Sonntag, da er mit Helga von der Kirche heimging, war er +abends nach Älvåkra gefahren. Da hatte Hildur angefangen von Helga zu +sprechen und hatte gesagt, daß sie nicht nach Närlunda kommen wolle, ehe +die Dirne von dort fort sei. Gudmund versuchte zuerst, das Ganze als +einen Scherz fortzulachen. Aber es zeigte sich bald, daß es Hildur ernst +war. Gudmund führte Helgas Sache sehr beredt; er sagte, sie sei noch so +jung gewesen, als sie in den Dienst geschickt wurde, da sei es nicht zu +verwundern, daß sie ins Unglück gekommen wäre, wo sie an einen so +schlechten Menschen geraten war wie Per Martensson. Aber seit seine +Mutter sich ihrer angenommen, hätte sie sich immer gut betragen. »Es +kann nicht Recht sein, sie wieder hinauszustoßen,« sagte er. »Da könnte +sie ja wieder ins Elend kommen.« + +Aber Hildur hatte nicht nachgeben wollen. »Wenn das Mädchen auf Närlunda +bleibt, so komme ich nie hin,« sagte sie. »Ich kann eine solche Person +in meinem Hause nicht dulden.« – »Du weißt nicht, was du tust,« sagte +Gudmund. »Niemand hat Mutter noch so gut gepflegt wie Helga. Wir sind +alle froh, daß sie zu uns gekommen ist; früher war Mutter oft +verdrießlich und schlechter Laune.« – »Ich zwinge dich ja nicht, sie +fortzuschicken,« sagte Hildur, aber man merkte: sie war, wenn Gudmund +ihr in dieser Sache nicht den Willen täte, entschlossen, die Heirat +aufzugeben. – »Nein, es soll so sein, wie du willst,« sagte Gudmund +schließlich. Er fand, daß er Helgas wegen doch nicht seine ganze Zukunft +aufs Spiel setzen könnte. Aber er sah sehr blaß aus, als er so nachgab, +und war den ganzen Abend schweigsam und verstimmt. + +Diese Sache nun ließ Gudmund befürchten, daß Hildur vielleicht nicht +ganz so sei, wie er sie sich vorgestellt hatte. Es gefiel ihm nicht, daß +sie ihren Willen über den seinen gesetzt hatte; aber das Schlimmste war: +er konnte sich nicht verhehlen, daß sie im Unrecht war. Er sagte sich, +daß er ihr gern nachgegeben hätte, wenn sie sich großherzig gezeigt +haben würde; aber nun schien es ihm, daß sie nur kleinlich und herzlos +gewesen wäre. + +Jedesmal von da an, wenn Gudmund Hildur traf, saß er und suchte und +spähte, ob das, was er in ihr zu finden geglaubt hatte, sich wieder +zeigen würde. Nun sein Mißtrauen einmal geweckt war, dauerte es nicht +lange, und er fand manches, was nicht so war, wie er es sich gewünscht +hätte. »Sie ist wohl so eine, die zu allererst an sich selbst denkt,« +murmelte er jedesmal, wenn er sich von ihr trennte, und er fragte sich, +wie lange wohl ihre Liebe zu ihm standhalten würde, wenn man sie auf die +Probe stellte. Er suchte sich damit zu trösten, daß alle Menschen zuerst +an sich selbst dächten; aber sogleich fiel ihm Helga ein. Er sah sie vor +sich, wie sie im Thingsaal gestanden und die Bibel an sich gerissen +hatte, er hörte, wie sie rief: »Ich will die Klage zurückziehen. Ich hab +ihn noch lieb. Ich will nicht, daß er falsch schwört.« So hätte er sich +Hildur gewünscht. Helga war ihm ein Maß geworden, nach dem er die +Menschen beurteilte, – wahrlich, es gab nicht viele, die ein so +liebevolles Herz hatten. + +Von Tag zu Tag gefiel ihm Hildur weniger; aber er kam nie auf den +Gedanken, daß er von der Heirat abstehen könnte. Er suchte sich +einzureden, daß sein Mißmut nichts andres sei als leere Grillen. Vor +einigen Wochen erst hatte er sie ja für die Beste gehalten, die es gäbe. + +Wäre er noch am Anfang seiner Werbung gewesen, dann hätte er sich +vielleicht zurückgezogen. Aber jetzt waren sie schon aufgeboten, der +Hochzeitstag war bestimmt, und bei ihm daheim hatten sie bereits große +Ausbesserungen in Angriff genommen. Er wollte auch den Reichtum und die +gute Stellung, die ihn erwarteten, nicht preisgeben. Und welchen Grund +hätte er für einen Bruch anzuführen vermocht? Was er gegen Hildur +einzuwenden hatte, war so unbedeutend, daß es sich auf seinen Lippen in +Luft verwandeln würde, wenn er versuchen wollte, es auszusprechen. + +Aber das Herz war ihm oft schwer, und jedesmal, wenn er im Kirchdorf +oder in der Stadt etwas zu besorgen hatte, ließ er sich Bier oder Wein +geben, um sich eine gute Laune anzutrinken. Wenn er ein paar Flaschen +geleert hatte, war er wieder stolz auf die Heirat und zufrieden mit +Hildur. Dann begriff er gar nicht, was ihn eigentlich quäle. + +Gudmund dachte oft an Helga und empfand Sehnsicht, sie zu treffen. Aber +er glaubte, daß Helga ihn für einen schlechten Kerl halte, weil er dem +Versprechen, das er ihr freiwillig gegeben hatte, untreu geworden war, +und sie hatte ziehen lassen. Er konnte es ihr weder erklären, noch sich +rechtfertigen, und darum vermied er es, mit ihr zusammenzutreffen. + +Doch eines Morgens, als Gudmund gerade über die Straße ging, begegnete +er Helga, die im Tal gewesen war, Milch zu kaufen. Gudmund kehrte um und +schloß sich ihr an. Sie schien über seine Gesellschaft nicht gerade +erfreut zu sein, sondern schritt rasch aus, als wolle sie von ihm +fortkommen, und sagte kein Wort. Auch Gudmund schwieg, weil er nicht +recht wußte, wie er ein Gespräch einleiten solle. + +Da kam vom andern Ende der Straße ein Gefährt heran. Gudmund ging in +Gedanken versunken und bemerkte es nicht, aber Helga hatte es gesehen +und wendete sich nun plötzlich zu ihm. »Es hat keinen Zweck, daß du mit +mir weitergehst, Gudmund; denn wenn ich recht sehe, kommen da Amtmanns +aus Älvåkra gefahren.« Gudmund sah rasch auf, erkannte Pferd und Wagen +und machte eine Bewegung, als ob er umkehren wolle. Im nächsten +Augenblick jedoch richtete er sich auf und ging ruhig an Helgas Seite +weiter wie zuvor; und sie trennten sich, ohne daß er ihr ein Wort gesagt +hatte. Aber an diesem ganzen Tage war er zufriedener mit sich selbst, +als er seit lange gewesen war. + + +5 + +Es war bestimmt, daß Gudmund und Hildurs Hochzeit am zweiten +Pfingstfeiertag auf Älvåkra gefeiert werden sollte. Am Freitag vor +Pfingsten fuhr Gudmund in die Stadt, einige Einkäufe für einen +Begrüßungsschmaus zu machen, der am Tage nach der Hochzeit auf Närlunda +stattfinden sollte. In der Stadt traf er mit einigen andern jungen +Burschen aus seinem Kirchspiel zusammen. Sie wußten, daß dies Gudmunds +letzter Stadtbesuch vor der Hochzeit war, und nahmen dies zum Anlaß, ein +großes Trinkgelage zu veranstalten. Alle legten es darauf an, daß +Gudmund trinke, und es gelang ihnen schließlich, ihn ganz bewußtlos zu +machen. + +Am Samstag morgen kam er so spät nach Hause, daß sein Vater und der +Knecht schon zu ihrer Arbeit gegangen waren, und er schlief bis tief in +den Nachmittag. Als er aufstand und sich anziehen wollte, sah er, daß +sein Rock an mehreren Stellen zerrissen war. »Das sieht ja aus, als wenn +ich heute nacht eine Schlägerei gehabt hätte,« sagte er und versuchte, +sich zu besinnen, was geschehen wäre, erinnerte sich jedoch nur, daß er +gegen elf Uhr in Gesellschaft der andern aus dem Wirtshaus gegangen war, +aber wohin sie sich dann begeben hätten, das konnte er sich nicht +zurückrufen. Es war, als versuchte er, in eine große Dunkelheit +hineinzustarren. Er wußte nicht, ob sie sich nur auf den Straßen +herumgetrieben hätten, oder ob sie noch irgendwo eingekehrt wären. Er +konnte sich auch nicht erinnern, ob er selbst oder irgendein andrer sein +Pferd eingespannt hätte, und er hatte gar keine Erinnerung an die +Heimfahrt. + +Als er in die Wohnstube trat, war sie der Feiertage wegen gescheuert und +gefegt. Alle Arbeit war beendigt, und das Hausgesinde trank Kaffee. +Niemand sagte etwas über Gudmunds Ausbleiben. Es schien ein +stillschweigendes Übereinkommen zu sein, daß er in diesen letzten Wochen +die Freiheit haben solle, so zu leben, wie es ihm behagte. + +Gudmund setzte sich an den Tisch und bekam seinen Kaffee wie die andern. +Während er so dasaß und ihn aus der Schale in die Untertasse und dann +wieder in die Schale goß, um ihn abkühlen zu lassen, wurde Mutter +Ingeborg mit dem ihren fertig; sie nahm die Zeitung zur Hand, die eben +gekommen war, und begann zu lesen. Sie las Spalte für Spalte vor, und +Gudmund, der Vater und die andern saßen da und hörten zu. + +Unter anderm las sie einen Bericht vor über eine Schlägerei, die in der +vorhergehenden Nacht auf dem großen Marktplatz zwischen einer Schar +betrunkner Bauern und einigen Arbeitern stattgefunden hatte. Sobald die +Polizei sich zeigte, waren die Streitenden entflohen; nur einer von +ihnen hatte leblos auf dem Marktplatz gelegen. Man trug den Gefallenen +auf die Polizeistation, und da man keine äußere Verletzung an ihm +entdecken konnte, begann man Belebungsversuche zu machen. Alle +Bemühungen waren jedoch vergebens, und schließlich entdeckte man, daß +eine Messerklinge in seinem Kopfe stak. Es war die Klinge eines +ungewöhnlich großen Taschenmessers, die durch die Hirnschale ins Gehirn +eingedrungen und dicht am Kopfe abgebrochen war. Der Mörder war mit dem +Messerschaft entflohen, aber da die Polizei die Leute, die an der +Schlägerei beteiligt waren, genau kannte, bestand die Hoffnung, man +würde ihn bald finden. + +Während Mutter Ingeborg dies las, stellte Gudmund die Kaffeetasse hin, +fuhr mit der Hand in die Tasche, zog sein Messer hervor und warf einen +gleichgültigen Blick darauf. Aber mit einem Mal zuckte er zusammen, +drehte das Messer um und steckte es dann so hastig in die Tasche, als +hätte er sich daran verbrannt. Er rührte den Kaffee nicht mehr an, +sondern blieb lange ganz still mit einem nachdenklichen Ausdruck sitzen. +Seine Stirn legte sich in tiefe Falten. Es war deutlich zu sehen, daß er +mit aller Macht versuchte, sich über etwas klar zu werden. + +Endlich stand er auf, streckte sich, gähnte und ging langsam auf die Tür +zu. »Ich muß mir ein bißchen Bewegung machen. Ich bin den ganzen Tag +nicht aus dem Hause gewesen,« sagte er und verließ das Zimmer. + +Ungefähr gleichzeitig erhob sich auch Erland Erlandsson. Er hatte seine +Pfeife ausgeraucht und ging nun in die Kammer, sich neuen Tabak zu +holen. Als er da drinnen stand und die Pfeife stopfte, sah er Gudmund +vorübergehen. Die Fenster der Kammer gingen nicht auf den Hof, wie die +der Wohnstube, sondern auf ein kleines Gärtchen, in dem ein paar hohe +Äpfelbäume standen. Unterhalb des Gärtchens lag ein Sumpfland, wo um die +Frühlingszeit große Wasserpfützen waren, die aber im Sommer fast ganz +austrockneten. Dahin pflegte selten jemand zu gehen. Erland Erlandsson +fragte sich, was Gudmund da wohl zu suchen habe, und folgte ihm mit den +Blicken. Da sah er, wie der Sohn die Hand in die Tasche steckte, einen +Gegenstand herauszog und ihn in den Morast warf. Dann ging er durch das +kleine Gärtchen, sprang über einen Zaun und entfernte sich in der +Richtung nach der Straße. + +Sowie der Sohn außer Sehweite war, verließ Erland ebenfalls das Haus und +begab sich an den Morast. Hier watete er in den Schlamm hinaus, beugte +sich zu Boden und hob etwas auf, woran er mit dem Fuß gestoßen war. Es +war ein großes Taschenmesser, dessen größte Klinge abgebrochen war. Er +drehte es nach allen Seiten und besah es genau, während er noch immer im +Wasser stand. Dann steckte er es in die Tasche, zog es aber noch ein +paarmal heraus und betrachtete es prüfend, ehe er wieder ins Haus +zurückging. + +Gudmund kam erst heim, als sich alle schon niedergelegt hatten. Er ging +sofort zu Bett, ohne das Abendbrot zu berühren, das in der Wohnstube +aufgetischt stand. + +Erland Erlandsson und sein Weib schliefen in der Kammer. Um das +Morgengrauen glaubte Erland Schritte vor dem Fenster zu hören. Er stand +auf, zog die Gardinen zurück und sah, daß Gudmund zum Morast +hinunterging. Dort legte er Strümpfe und Schuhe ab, ging ins Wasser +hinaus und wanderte hin und her, wie einer, der etwas sucht. Das tat er +lange, dann ging er wieder an das Ufer, als wollte er seiner Wege gehen, +kehrte aber bald um und suchte weiter. Eine ganze Stunde stand der Vater +da und sah ihm zu, dann begab sich Gudmund ins Haus und legte sich +wieder schlafen. + +Am Pfingsttag sollte Gudmund zur Kirche fahren. Als er das Pferd +einzuspannen begann, kam der Vater über den Hof. »Du hast vergessen, das +Geschirr zu putzen,« sagte er, als er vorbeiging. Denn Geschirr und +Wagen waren schmutzig und ungescheuert. – »Ich hab an andre Dinge zu +denken gehabt,« sagte Gudmund mürrisch und fuhr davon, ohne etwas +dergleichen zu tun. + +Nach dem Gottesdienst begleitete Gudmund seine Braut nach Älvåkra und +blieb den ganzen Tag dort. Es kam eine Menge jungen Volkes zusammen, um +Hildurs letzten Jungfernabend zu feiern, und man tanzte bis tief in die +Nacht hinein. Es gab auch viel zu trinken, aber Gudmund rührte nichts +an. Den ganzen Abend sprach er kaum ein Wort zu irgend jemand, aber er +tanzte wild und lachte zuweilen laut und schrill auf, ohne daß jemand +wußte, worüber. + +Gudmund kam nicht vor zwei Uhr nach Hause, und sobald er das Pferd in +den Stall geführt hatte, ging er zu dem Sumpf hinter dem Hause. Er +streifte die Schuhe ab, krempelte die Hosen hinauf und watete ins +Wasser. Es war eine helle Sommernacht, und der Vater stand in dem +Kämmerchen hinter der Gardine und sah dem Sohne zu. Er sah, wie er tief +über das Wasser gebeugt einherging und suchte wie in der Nacht zuvor. +Von Zeit zu Zeit ging er wieder an das Ufer, so als verzweifelte er, +etwas zu finden, aber nach einer Weile watete er wieder in das Wasser +hinaus. Einmal ging er in den Stall und holte einen Eimer und begann +Wasser aus den kleinen Pfützen zu schöpfen, als wollte er sie +trockenlegen, aber fand es sicherlich zwecklos und stellte den Eimer +wieder weg. Er versuchte es auch mit einem Sieb. Er durchsuchte den +ganzen Sumpf damit, aber schien nichts andres heraufzubekommen als +Schlamm. Erst um die Morgenstunde kam er herein, als die Leute im Hause +sich schon zu rühren begannen. Da war er so müde und übernächtig, daß er +im Gehen schwankte, und warf sich aufs Bett, ohne die Kleider abzulegen. + +Als die Uhr acht schlug, kam der Vater und weckte ihn. Gudmund lag auf +dem Bett, die Kleider voll Schlamm und Lehm; aber der Vater fragte +nicht, was er angestellt habe, sondern sagte nur, es sei jetzt Zeit +aufzustehen, und schloß die Tür. Nach einer Weile kam Gudmund in die +Wohnstube herunter, mit den feinen Hochzeitskleidern angetan. Er war +bleich, und die Augen brannten in unruhigem Glanz, aber niemand hatte +ihn je so schön gesehen. Die Züge waren wie von einem inneren Schein +verklärt. Man glaubte einen Menschen zu sehen, der nicht mehr aus +Fleisch und Blut bestünde, sondern nur noch aus Wille und Seele. + +Unten in der Wohnstube sah es festlich aus. Die Mutter hatte ihr +schwarzes Kleid angelegt und einen schönen Seidenschal über die +Schultern gehängt, obgleich sie nicht zur Hochzeit fahren wollte. Auch +alle Dienstleute waren in ihren besten Kleidern. Über dem Herde stak +frisches Birkenlaub, auf dem Tische lag eine schöne Decke, und viele +Schüsseln standen darauf. + +Als sie gegessen hatten, las Mutter Ingeborg einen Psalm und ein Stück +aus der Bibel vor. Dann wendete sie sich an Gudmund, dankte ihm, weil er +ihr ein guter Sohn gewesen war, wünschte ihm Glück für sein zukünftiges +Leben und gab ihm ihren Segen. Mutter Ingeborg wußte ihr Worte gut zu +setzen, und Gudmund war sehr gerührt. Immer wieder traten ihm die Tränen +in die Augen, aber es gelang ihm doch, das Weinen zu unterdrücken. Auch +der Vater sprach ein paar Worte. »Es wird schwer für deine Eltern sein, +dich zu verlieren,« sagte er, und Gudmund war wieder nahe daran, in +Schluchzen auszubrechen. Auch alle Dienstleute traten vor, schüttelten +ihm die Hand und dankten ihm für die Zeit, die nun zu Ende war. +Beständig hingen Gudmund die Tränen in den Wimpern. Er räusperte sich +und machte ein paar Versuche, zu sprechen, doch brachte er kaum ein Wort +über die Lippen. + +Der Vater sollte ihn in das Haus der Braut begleiten und der Hochzeit +beiwohnen. Er ging in den Hof, spannte das Pferd ein und kam dann +wieder, um zu sagen, daß es Zeit sei, sich auf den Weg zu machen. Als +Gudmund sich in den Wagen setzte, merkte er, daß alles so spiegelblank +war, wie er es selbst immer gern gehabt hatte. Zugleich sah er auch, wie +fein der Hof herausgeputzt war; der Zufahrtsweg war frisch beschottert; +alte Holzhaufen und andres Gerümpel, das Zeit seines Lebens dort +gelegen, waren fortgeschafft. Zu beiden Seiten der Eingangstür standen +ein paar abgehauene Birken als Triumphpforte, an der Wetterfahne hing +ein großer Blumenkranz, und aus allen Fensterluken guckten lichtgrüne +Birkenreiser. Wieder war Gudmund nahe daran, in Tränen auszubrechen. Er +drückte dem Vater, der eben das Pferd in Gang setzen wollte, heftig die +Hand. Es war, als wollte er ihn von der Fahrt abhalten. »Willst du +etwas?« sagte der Vater. – »Ach nein,« sagte Gudmund. »Es ist wohl am +besten, wenn wir uns auf den Weg machen.« + +Bevor sie weit vom Hofe waren, mußte Gudmund noch einmal Abschied +nehmen. Es war Helga vom Moorhof, die an der Stelle stand und wartete, +wo der Waldpfad von ihrem Heim her auf den Weg mündete. Der Vater, der +kutschierte, hielt an, sowie er Helga erblickte. »Ich hab auf euch +gewartet, weil ich Gudmund Glück wünschen möchte,« sagte Helga. Gudmund +beugte sich aus dem Wagen und schüttelte Helga die Hand. Er glaubte zu +sehen, daß sie abgemagert war, ihre Augen waren rot gerändert. Sie lag +wohl nachts und weinte und sehnte sich nach Närlunda. Aber jetzt +trachtete sie, fröhlich auszusehen, und lächelte ihm zu. Er war wieder +sehr gerührt, konnte aber nichts sagen. Der Vater, der ja in dem Rufe +stand, daß er nicht sprach, ehe die Not am höchsten war, fiel ein: »Ich +glaube, über diesen Glückwunsch freut sich Gudmund mehr als über +irgendeinen andern.« – »Ja, das ist sicher,« sagte Gudmund. Sie +schüttelten sich noch einmal die Hand, und dann fuhr der Vater weiter. +Gudmund beugte sich aus dem Wagen und sah Helga nach. Als sie von ein +paar Bäumen verdeckt wurde, riß er plötzlich den Fußsack fort und erhob +sich, als wolle er aus dem Wagen springen. – »Willst du Helga noch etwas +sagen?« fragte der Vater. – »Nein, ach nein,« antwortete Gudmund und +setzte sich wieder zurecht. + +Sie fuhren noch eine kleine Strecke. Der Vater fuhr sehr gemächlich. Es +war, als mache es ihm Freude, so mit seinem Sohne neben sich zu fahren. +Er machte keinerlei Anstalten, rasch ans Ziel zu kommen. + +Plötzlich ließ Gudmund den Kopf auf die Schulter des Vaters sinken und +brach in heftiges Schluchzen aus. »Was ist dir?« fragte Erland und zog +die Zügel so plötzlich an, daß das Pferd mit einem Ruck stehen blieb. – +»Ja, alle sind so gut gegen mich, und ich verdien’ es nicht.« – »Du hast +doch nichts Böses getan?« – »Doch, Vater, das habe ich.« – »Das wollen +wir doch nicht glauben.« – »Ja, ich hab einen Menschen erschlagen.« + +Der Vater holte tief Atem. Es klang beinahe wie ein Seufzer der +Erleichterung; Gudmund hob erstaunt den Kopf und sah ihn an. Der Vater +ließ das Pferd wieder in Trab fallen, dann sagte er still: »Ich bin +froh, daß du es selbst gesagt hast.« – »Wußtet Ihr es denn schon, +Vater?« – »Ich sah schon Samstag abend, daß irgend etwas nicht in +Ordnung war. Und dann fand ich dein Messer im Morast.« – »Ach so, _Ihr_ +habt das Messer gefunden!« – »Ich hab es gefunden, und ich sah, daß die +eine Klinge abgebrochen war.« + +»Ja, Vater, ich weiß, daß die Klinge abgebrochen ist. Aber ich kann mir +doch nicht denken, daß ich es getan haben soll.« – »Es ist wohl im +Rausch geschehen.« – »Ich weiß nichts, ich kann mich an nichts erinnern. +Ich sehe es an meinen Kleidern, daß ich bei einer Rauferei war, und ich +weiß, daß die Messerklinge fort ist.« – »Ich verstehe, daß du es +verschweigen wolltest,« sagte der Vater. – »Ich dachte, die andern waren +gewiß ebenso sinnlos betrunken wie ich und können sich an nichts +erinnern. Es liegt vielleicht sonst kein Beweis gegen mich vor als das +Messer, und darum hab – ich es fortgeworfen.« »Ich kann mir denken, daß +du dir die Sache so zurechtgelegt hast.« – »Ihr versteht, Vater: ich +weiß nicht, wer der Tote ist; ich hab ihn vielleicht nie im Leben +gesehen. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich es getan habe. Und da +sagte ich mir, ich brauchte doch nicht für etwas zu leiden, was ich +nicht mit Willen getan habe. Aber bald sah ich ein, daß es eine Tollheit +war, das Messer in den Sumpf zu werfen. Er trocknet doch im Sommer aus, +und da kann es ein jeder finden. Darum wollte ich es gestern nacht und +heute nacht suchen.« – »Hast du gar nicht daran gedacht, zu gestehen?« – +»Nein, gestern dachte ich nur, wie ich es geheimhalten könnte, und ich +versuchte zu tanzen und vergnügt zu sein, damit mir niemand etwas +anmerkte.« – »War es deine Absicht, vor den Traualtar zu treten, ohne zu +gestehen? Das ist eine große Verantwortung. Sahst du nicht ein, daß du +Hildur und ihre Familie mit in dein Elend ziehst, wenn man dich +entdeckt?« – »Ich dachte, daß ich sie am besten verschonte, wenn ich +nichts sagte.« + +Sie fuhren im Galopp den Weg entlang. Der Vater schien es jetzt sehr +eilig zu haben, ans Ziel zu kommen. Die ganze Zeit sprach er zu dem +Sohne. Er hatte ihm vorher in seinem ganzen Leben nicht so viele Worte +gesagt. + +»Ich wüßte gerne, wodurch du andrer Meinung geworden bist,« sagte er. – +»Weil Helga kam und mir Glück wünschte. Da brach etwas Hartes in mir. +Ich war so gerührt über sie. Ich war auch heute morgen über Mutter und +über Euch gerührt, und ich wollte sprechen und sagen, daß ich eure Liebe +nicht verdiene, aber das Harte war damals noch in mir und leistete +Widerstand. Aber als Helga kam, da war es aus und geschehen. Ich meinte, +sie müßte mir eigentlich böse sein, weil ich doch schuld daran bin, daß +sie von daheim fort mußte.« + +»Nun, denke ich, wirst du mit mir einig sein, daß wir dies gleich den +Amtmann wissen lassen müssen,« sagte der Vater. – »Ja,« antwortete +Gudmund mit leiser Stimme. »Ja, gewiß,« fügte er gleich darauf lauter +und fester hinzu, »ich will Hildur nicht in mein Unglück hineinziehen. +Sie würde es mir nie verzeihen.« – »Die Älvåkraleute halten ihre Ehre +hoch, sie wie andere,« sagte der Vater, »und das magst du wissen, +Gudmund: als ich heute morgen von daheim fortfuhr, da sagte ich mir, ich +muß es dem Amtmann erzählen, wie es um dich steht, wenn du dich nicht +entschließest, es selbst zu tun. Wie hätte ich schweigend zusehen und +Hildur einen heiraten lassen können, dem jede Stunde eine Anklage wegen +Mordes droht.« + +Er klatschte mit der Peitsche und fuhr in immer rasenderem Galopp. »Das +wird das Schwerste für dich sein,« sagte er. »Wir müssen es so +einrichten, daß es bald überstanden ist. Ich denke, der Amtmann und +seine Familie werden es recht von dir finden, daß du dich selbst +angibst, und sie werden freundlich gegen dich sein.« + +Gudmund antwortete nichts. Er sah immer gequälter aus, je mehr sie sich +Älvåkra näherten. Der Vater sprach weiter, um ihm Mut zu machen. + +»Ich habe einmal eine ähnliche Geschichte gehört,« sagte er. »Ein +Bräutigam hatte einen Kameraden auf der Jagd erschossen. Es war nicht +seine Absicht gewesen, und man hatte nicht entdeckt, daß er es war, der +den tödlichen Schuß abgefeuert hatte. Aber ein paar Tage später sollte +er heiraten; und als er in das Hochzeitshaus kam, da ging er zur Braut +und sagte: ›Aus der Hochzeit kann nichts werden. Ich will dich nicht in +das Elend hineinziehen, das mich erwartet.‹ Aber sie stand schon fertig +geschmückt da, in Krone und Schleier, und sie nahm ihn bei der Hand und +führte ihn in den Saal, wo die Gäste versammelt waren und alles für die +Trauung bereit war. Und sie erzählte allen mit lauter Stimme, was ihr +der Bräutigam eben gesagt hatte. ›Dies erzähle ich, damit alle wissen, +daß du nicht falsch gegen mich gewesen bist,‹ sagte sie dann und wendete +sich an den Bräutigam. ›Aber jetzt will ich mich gleich mit dir trauen +lassen. Denn du bleibst der, der du bist, wenn du auch ins Unglück +gekommen bist; und was dich auch erwartet, das will ich gemeinsam mit +dir tragen.‹« + +Als der Vater mit seiner Erzählung zu Ende war, waren sie gerade bei der +langen Gasse angelangt, die nach Älvåkra führte. Gudmund sagte mit einem +wehmütigen Lächeln zu ihm: »So wird es uns nicht ergehen.« – »Wer weiß,« +antwortete der Vater und richtete sich im Wagen auf. Er sah den Sohn an +und mußte wieder staunen, wie schön der an diesem Tage war. »Es sollte +mich nicht wundern, wenn ihm etwas Großes und Unerwartetes widerführe,« +dachte er. + +Es sollte eine Kirchenhochzeit sein, und eine Menge Leute hatten sich +schon bei den Brautleuten versammelt, um im Hochzeitszuge mitzufahren. +Auch viele Verwandte des Amtmanns waren von weit und breit gekommen. Sie +saßen in ihrem besten Staat auf dem Flur, bereit zur Fahrt in die +Kirche. Wagen und Kutschen standen im Hof, und man hörte, wie die Pferde +im Stalle stampften, während sie gestriegelt wurden. Der Dorfspielmann +saß allein auf der Treppe der Scheuer und stimmte die Fiedel. An einem +Fenster im oberen Stockwerk stand die Braut fertig angekleidet und hielt +Ausschau, um den Bräutigam zu sehen, bevor der sie erspäht hätte. + +Erland und Gudmund stiegen aus dem Wagen und sagten sogleich, daß sie +mit Hildur und ihren Eltern allein sprechen müßten. Bald standen sie +alle in einem kleinen Zimmer, wo der Amtmann sein Schreibpult hatte. + +»Ich denke, Herr Amtmann, Sie haben in den Zeitungen von jener +Schlägerei in der Stadt gelesen, bei der ein Mensch ermordet wurde, in +der Nacht vom Freitag auf Samstag,« sagte Gudmund so rasch, als leiere +er eine Lektion herunter. – »Ja freilich habe ich davon gelesen,« sagte +der Amtmann. – »Ich war nämlich in jener Nacht in der Stadt,« fuhr +Gudmund fort. + +Jetzt kam keine Antwort. – Es wurde totenstill. Gudmund war es, als ob +alle ihn mit einem solchen Entsetzen anstarrten, daß er nicht +weitersprechen konnte. Aber der Vater kam ihm zu Hilfe. – »Gudmund war +von ein paar Freunden eingeladen. – Er hat in jener Nacht wohl zu viel +getrunken, denn als er heimkam, wußte er gar nicht, was mit ihm +geschehen war. Aber man merkte es ihm an, daß er bei einer Rauferei +gewesen war, denn seine Kleider waren zerrissen.« Gudmund sah, wie das +Entsetzen, das die andern empfanden, mit jedem Worte zunahm, aber er +selbst wurde ruhiger. Ein Gefühl des Trotzes erwachte in ihm, und er +ergriff wieder das Wort: »Als nun am Samstag abend die Zeitung kam und +ich von der Schlägerei las und von der Messerklinge, die in der +Hirnschale des Mannes stecken geblieben war, da zog ich mein Messer +hervor und sah, daß eine Klinge fehlte.« – »Das sind schlimme +Neuigkeiten, die du da bringst, Gudmund,« sagte der Amtmann. »Es wäre +richtiger gewesen, wenn du uns das gestern gesagt hättest.« – Gudmund +schwieg, und da kam ihm der Vater wieder zu Hilfe. – »Es war nicht so +leicht für Gudmund. Die Versuchung, das Ganze zu verschweigen, war sehr +groß. Er verliert sehr viel durch dieses Geständnis.« – »Ja, wir müssen +noch froh sein, daß er jetzt gesprochen hat, so daß wir nicht in das +Elend hineingezogen werden,« sagte der Amtmann bitter. + +Gudmund hielt seine Augen die ganze Zeit auf Hildur gerichtet. Sie trug +Krone und Schleier; und nun sah er, wie sie die Hand hob und eine der +großen Nadeln herauszog, die die Krone festhielten. Sie schien dies ganz +unbewußt getan zu haben. Als sie merkte, daß Gudmunds Blicke auf ihr +ruhten, steckte sie die Nadel wieder hinein. + +»Es ist ja noch gar nicht bewiesen, daß Gudmund der Schuldige ist,« +sagte der Vater, »aber ich begreife: Ihr wollt, daß die Hochzeit +aufgeschoben wird, bis wir alles aufgeklärt haben.« – »Es hat wohl wenig +Zweck, von Aufschub zu sprechen,« sagte der Amtmann. »Ich denke, Gudmund +ist seiner Sache recht sicher, und wir könnten uns wohl darüber einigen, +daß es zwischen ihm und Hildur ein für allemal aus ist.« + +Gudmund antwortete nicht gleich. Er ging zu seiner Braut hinüber und +streckte die Hand aus. Sie saß ganz regungslos da und schien ihn nicht +zu sehen. »Willst du mir nicht Lebewohl sagen, Hildur?« Jetzt sah sie +auf, und ihre großen Augen blitzten ihn kalt an. – »Hast du mit dieser +Hand das Messer geführt?« fragte sie. Gudmund antwortete ihr keine +Silbe, sondern wendete sich an den Amtmann. – »Ja, jetzt bin ich meiner +Sache sicher,« sagte er. »Es hat gar keinen Zweck, die Hochzeit +aufzuschieben.« + +Damit war die Unterredung beendet, und Gudmund und Erland gingen ihrer +Wege. Sie hatten durch mehrere Stuben und Kammern zu gehen, ehe sie +hinauskamen, und überall sahen sie Vorbereitungen zur Hochzeit. Die Tür +nach der Küche stand offen, und sie sahen, wie eine Menge Menschen in +eiliger Geschäftigkeit durcheinanderliefen. Der Duft von Braten und +Backwerk drang heraus, der ganze Herd war voll kleiner und großer Töpfe, +die Kupferkasserollen, die sonst die Wände schmückten, waren +heruntergenommen und im Gebrauch. »Ach, daß sie alle diese Zurüstungen +für meine Hochzeit machen!« dachte Gudmund, als er vorüberging. + +Er bekam Einblick in den ganzen Reichtum dieses alten Bauernhofes, wie +er so durch das Haus wanderte. Er sah den Eßsaal, wo große Tische mit +langen Reihen von Silberbechern und Kannen gedeckt waren. Er kam durch +die Kleiderkammer, wo auf dem Boden große Truhen standen und an den +Wänden Kleider in unendlicher Reihe hingen. Als er dann in den Hof +hinaustrat, sah er eine Menge alte und neue Wagen, prächtige Pferde +wurden aus dem Stall geführt und schöne Wagendecken in die Kutschen +gelegt. Er sah über ein paar Höfe, die von Scheunen, Ställen, Schuppen, +Vorratskammern und noch vielen andern Gebäuden umgeben waren. »Das alles +hätte mein sein können,« dachte er, als er sich in den Wagen setzte. + +Mit einem Male kam bittere Reue über ihn. Er wäre am liebsten aus dem +Wagen gesprungen und hineingelaufen, um ihnen zu sagen, es sei alles +nicht wahr, was er erzählt hätte. Er hätte ja nur mit ihnen spaßen und +sie erschrecken wollen. Es war doch unerhört töricht von ihm gewesen, zu +bekennen. Was nützte es, daß er gestanden hatte? Dadurch wurde die Sache +für keinen Menschen besser. Der Tote war ja tot. Nein, dieses Geständnis +hatte nichts anderes zur Folge, als daß auch er ins Verderben gestürzt +wurde. + +In den letzten Wochen hatte er diese Heirat nicht mehr so eifrig +gewünscht; aber jetzt, da er darauf verzichten mußte, fühlte er erst, +was sie wert war. Es bedeutete viel, Hildur Erikstochter und alles, was +an ihr hing, zu verlieren. Was hatte es zu sagen, daß sie eigenwillig +und selbstherrlich war! Sie war doch die erste von allen in der +Umgegend, und durch sie wäre er zu großer Macht und Ehre gekommen. + +Er trauerte jetzt nicht nur um Hildur und ihr Hab und Gut, sondern auch +um kleinere Dinge. In diesem Augenblick wäre er zur Kirche gefahren, und +alle, die ihn gesehen, hätten ihn beneidet. Und heute hätte er zu oberst +an der Hochzeitstafel gesessen. Heute wäre er mitten in Tanz und +Fröhlichkeit gewesen. Es war sein großer Glückstag, der ihm nun entging. + +Erland drehte den Kopf einmal ums andere dem Sohne zu und sah ihn an. Er +war jetzt nicht so schön und verklärt, wie er am Morgen gewesen war, +sondern saß stumpf und schwerfällig da mit erloschenem Blick. Der Vater +hätte wohl gerne gewußt, ob der Sohn sein Geständnis bereue, und er +wollte ihn danach fragen, hielt es aber doch für richtiger, zu +schweigen. + +»Wohin wollen wir jetzt fahren?« fragte Gudmund nach einer Weile. – +»Wäre es nicht das beste, gleich zu Gericht zu gehen?« – »Du mußt zuerst +nach Hause, damit du ruhen und dich ausschlafen kannst,« sagte der +Vater. »Du hast in den letzten Nächten wohl nicht viel Schlaf gefunden.« +– »Mutter wird erschrecken, wenn sie uns sieht.« – »Sie wird nicht so +erstaunt sein,« sagte der Vater, »sie weiß ebensoviel wie ich. Sie wird +sich freuen, daß du gestanden hast.« – »Ich glaube, Mutter und ihr alle +miteinander daheim seid froh, mich ins Gefängnis zu bringen,« sagte +Gudmund bitter. – »Wir wissen, daß du viel verlierst, weil du recht +gehandelt hast,« sagte der Vater, »wir können nicht anders: wir müssen +uns freuen, daß du dich selbst überwunden hast.« + +Gudmund glaubte es nicht ertragen zu können, nach Hause zu fahren und +allen den Leuten zuzuhören, die ihn rühmen würden, weil er seine Zukunft +vernichtet hatte. Er suchte einen Vorwand, um niemand treffen zu müssen, +bevor er sich mehr Ruhe erkämpft hätte. Nun fuhren sie an der Stelle +vorüber, wo der Pfad zum Moorhof abbog. »Wollt Ihr hier halten, Vater? +Ich denke, ich gehe zu Helga hinauf und spreche mit ihr.« – + +Der Vater hielt bereitwillig das Pferd an. »Komm nur, sobald du kannst, +nach Hause, damit du dich ausruhst,« sagte er. + +Gudmund schlug den Weg in den Wald ein und war bald zwischen den Bäumen +verschwunden. Er dachte nicht daran, Helga aufzusuchen. Er war nur froh, +allein zu sein, so daß er sich keinen Zwang aufzuerlegen brauchte. Er +fühlte eine unvernünftige Wut gegen alles, er stieß Steine fort, die ihm +im Wege lagen, und blieb zuweilen stehen, um einen großen Ast +abzubrechen, nur weil ein Blatt sein Gesicht gestreift hatte. Er schlug +den Weg zum Moorhof ein, ging aber an der Hütte vorbei und kletterte den +Berg hinauf. Hier wurde es ihm bald schwer, weiterzukommen. Er hatte den +Pfad verlassen; und um den nächsten Gipfel zu erreichen, mußte er über +ein breites Flußbett voll kantiger Felsblöcke gehen. Es war eine +gefährliche Wanderung über die scharfen Felskanten, und er konnte sich +Arme und Beine brechen, wenn er einen Fehltritt machte. Das wußte er +sehr wohl, aber er ging doch weiter, als mache es ihm Freude, sich einer +Gefahr auszusetzen. »Und wenn ich mich zuschanden falle, so findet mich +hier oben niemand,« dachte er. »Aber was tut das? Ich kann ebensogut +hier liegen und sterben wie jahrelang hinter Gefängnismauern sitzen.« + +Doch alles ging gut ab, und ein paar Minuten später stand er auf der +Höhe. Über den Berg war einmal ein Waldbrand hingegangen. Die oberste +Spitze war noch kahl, und von dort hatte man eine meilenweite Aussicht. +Er sah Täler und Seen, dunkle Wälder und fruchtbare Äcker, Kirchen und +Herrenhöfe, kleine Bauernhütten und große Dörfer. Weit in der Ferne lag +die Stadt, in einen weißen Schleier von Sonnenrauch gehüllt, aus dem ein +paar funkelnde Türme aufragten. Durch die Täler schlängelten sich Wege, +und ein Eisenbahnzug rollte am Waldessaume vorbei. Es war ein ganzes +Reich, was er da sah. + +Er warf sich zu Boden, hielt aber den Blick noch immer auf die weite +Fernsicht geheftet. Es war etwas Stolzes und Großes in dieser Landschaft +vor ihm, und er empfand sich selbst und seine Sorgen als klein und +unbedeutend. + +Ihm kam eine Erinnerung aus seiner Kindheit. Wenn er damals gelesen +hatte, daß der Versucher Jesus auf einen hohen Berg geführt und ihm alle +Herrlichkeit der Welt gezeigt hätte, so war er immer der Meinung +gewesen, die beiden müßten hier oben auf dem Gipfel gestanden haben ... +Und er sprach die alten Worte vor sich hin: Dies alles will ich dir +geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. + +Da kam es ihm plötzlich vor, als sei ihm selbst in diesen letzten Tagen +eine solche Versuchung entgegengetreten. Wahrlich, hatte ihn nicht der +Versucher auf einen hohen Berg geführt und ihm alle Herrlichkeit der +Macht und des Reichtums gezeigt? »Verschweige nur das Böse, das du getan +hast,« sagte er, »und ich will dir dies alles geben.« Wie Gudmund daran +dachte, kam ein klein wenig Befriedigung über ihn. »Ich habe ja nein +geantwortet,« sagte er; und plötzlich begriff er, worum es sich für ihn +gehandelt hatte. Wenn er geschwiegen hätte, wäre er dann nicht all sein +Lebtag verurteilt gewesen, den Versucher anzubeten? Ein scheuer, +mutloser Mann wäre er geworden, ein Sklave von Hab und Gut. Die Furcht +vor der Entdeckung hätte stets auf ihm gelastet. Nie mehr hätte er sich +als ein freier Mann fühlen können. + +Eine große Ruhe kam über Gudmund. Er wurde ganz glücklich, weil er +einsah, daß er recht gehandelt hatte. Wenn er an die vergangenen Tage +zurückdachte, schien es ihm, daß er in einer großen Dunkelheit getappt +hätte. Es war wunderbar, daß er sich zuletzt doch zurechtgefunden hatte. +Er fragte sich selbst, wie es zugegangen sei, daß er nicht in der Irre +gegangen war. »Ich danke es dem, daß sie daheim alle so gut gegen mich +waren,« dachte er, »und die beste Hilfe war doch, daß Helga kam und mir +Glück wünschte.« + +Er blieb noch eine Weile oben auf dem Gipfel liegen, aber bald sagte er +sich, er müsse zu Vater und Mutter heimgehen und ihnen sagen, daß er den +Frieden mit sich selbst gefunden hätte. Als er nun aufstand, um zu +gehen, bemerkte er, daß ein Stück weiter unten Helga auf einem +Felsenvorsprung saß. + +Sie hatte dort nicht die große weite Aussicht – nur ein kleines +Stückchen des Tales war für sie sichtbar. Es war die Gegend, wo Närlunda +lag, und sie sah vermutlich ein Stück des Hofes. Als Gudmund sie +erblickte, fühlte er, wie sein Herz, das den ganzen Tag mühsam und +ängstlich gearbeitet hatte, leicht und fröhlich zu klopfen begann, und +zu gleicher Zeit durchzuckte ihn ein so starkes Glücksgefühl, daß er +stehen blieb und über sich selbst staunte. + +»Was ist mir denn? Was ist das? Was ist das?« dachte er, während das +Blut durch seinen Körper strömte und das Glück ihn mit solcher Macht +packte, daß er es beinahe schmerzhaft empfand. Endlich sagte er mit +erstaunter Stimme zu sich selbst: »Aber ich hab ja sie lieb! Nein, daß +ich das bisher gar nicht wußte!« + +Es packte ihn mit der Stärke eines befreiten Wasserfalls. Er war die +ganze Zeit, solange er sie kannte, gebunden gewesen. Alles, was ihn zu +ihr hinzog, hatte er zurückgedrängt. Jetzt erst war er frei von dem +Gedanken, eine andre zu heiraten, hatte er die Freiheit, sie zu lieben. + +»Helga!« rief er und begann zugleich den Abhang zu ihr +hinunterzuklettern. Sie wendete sich mit einem erschrockenen Aufschrei +um. »Hab keine Angst! Ich bin es nur.« – »Aber bist du denn nicht in der +Kirche und wirst getraut?« – »Ach nein, aus der Hochzeit wird nichts. +Sie will mich nicht haben, Helga.« + +Helga richtete sich auf. Sie preßte die Hand aufs Herz und schloß die +Augen. Sie dachte in diesem Augenblick wohl, daß es nicht Gudmund sei, +der da kam. Ihre Augen und Ohren müßten hier im Walde verhext worden +sein. Aber schön und herrlich war es doch, daß er sich zeigte, wenn auch +nur als Traumerscheinung; und sie schloß die Augen und blieb regungslos +stehen, um das Trugbild noch ein paar Augenblicke festzuhalten. + +Aber Gudmund war wild und toll von der großen Liebe, die in ihm +aufgelodert war. Sobald er zu Helga heruntergekommen war, schlang er die +Arme um sie und küßte sie, und sie ließ es geschehen; denn sie war ganz +betäubt und benommen vor Überraschung. Es war ja zu wunderbar, daß er, +der gerade jetzt in der Kirche stehen sollte, zur Seite seiner Braut, +wirklich hierher in den Wald gekommen war. Dieser Geist oder +Doppelgänger von ihm, der zu ihr gekommen war, mochte sie immerhin +küssen. + +Aber in dem Augenblick, da Gudmund Helga küßte, wachte sie auf und stieß +ihn von sich. Und nun begann sie ihn mit Fragen zu überschütten. Ob er +es wirklich selbst sei? Was er im Walde zu tun hätte? Ob ein Unglück +geschehen? Warum man die Hochzeit aufgeschoben hätte? Ob Hildur krank +sei? Ob den Pfarrer in der Kirche der Schlag gerührt hätte? + +Gudmund wollte mit ihr von nichts anderm auf der Welt sprechen als von +seiner Liebe; aber sie zwang ihn, zu erzählen, wie alles zugegangen war. +Während er sprach, saß sie still da und hörte mit tiefer Andacht zu. + +Sie unterbrach ihn nicht, bis er von der abgebrochnen Klinge erzählte. +Da fuhr sie auf und fragte, ob es sein gewöhnliches Messer sei, das er +gehabt hätte, als sie noch auf Närlunda diente. + +»Ja, gerade das war es,« sagte er. – »Wieviel Klingen waren denn +abgebrochen?« fragte sie. – »Nicht mehr als eine.« + +In Helgas Kopf begann es zu arbeiten. Sie saß mit gerunzelter Stirn da +und suchte sich an etwas zu erinnern. Wie war es doch? Ja gewiß. Sie +entsann sich deutlich, daß sie sich dieses Messer an dem Tage, bevor sie +fortging, von ihm ausgeliehen hatte, um Holz zu spalten; dabei hatte sie +es zerbrochen, aber sie war nicht dazu gekommen, es ihm zu sagen. Er war +ihr damals immer ausgewichen und hatte nicht mit ihr sprechen wollen. +Und nun hatte er das Messer wohl seitdem in der Tasche gehabt und gar +nicht bemerkt, daß es zerbrochen war. + +Sie hob den Kopf und wollte ihm dies eben sagen; doch er erzählte weiter +von seinem Besuch heute morgen im Hochzeitshaus, und sie wollte ihn zu +Ende kommen lassen. Als sie hörte, wie er von Hildur geschieden war, +erschien ihr dies als ein so furchtbares Unglück, daß sie ihn mit +Vorwürfen überhäufte. »Das ist deine eigne Schuld,« sagte sie. »Da kommt +ihr, du und dein Vater, angefahren und erschreckt sie zu Tode mit der +furchtbaren Botschaft. So hätte sie nicht geantwortet, wenn sie bei +Sinnen gewesen wäre. Ich will dir eines sagen: ich glaube, sie bereut es +schon in diesem Augenblick.« – »Meinethalben mag sie bereuen, soviel sie +will,« sagte Gudmund. »Ich weiß jetzt, daß sie eine ist, die immer nur +an sich selbst denkt. Ich bin froh, daß ich sie los bin.« + +Helga preßte die Lippen aufeinander, damit ihr das große Geheimnis nicht +entschlüpfe. Sie hatte viel zu denken. Es handelte sich nicht nur darum, +Gudmund von dem Morde reinzuwaschen. Es herrschte ja auch Feindschaft +zwischen Gudmund und seiner Braut. Könnte sie nicht versuchen, die +beiden mit Hilfe dessen, was sie wußte, zu versöhnen? + +Wieder saß sie stumm da und grübelte, bis Gudmund davon zu sprechen +begann, daß er seinen Sinn jetzt ihr zugewandt hätte. + +Aber das erschien ihr als das größte Unglück, das ihm an diesem Tage +widerfahren war. Schlimm war es schon, daß die vorteilhafte Heirat zu +scheitern drohte, noch schlimmer aber, daß er um eine wie sie werben +wollte. »Nein, so etwas darfst du mir nicht sagen,« rief sie und sprang +plötzlich auf. – »Warum soll ich es dir nicht sagen?« fragte Gudmund und +erblaßte. »Ist es mit dir vielleicht gerade so wie mit Hildur? Hast du +Angst vor mir?« – »Nein, nicht deshalb.« Sie wollte ihm erklären, daß er +in sein eigenes Verderben renne, aber er hörte ihr gar nicht zu. – »Ich +habe gehört, daß es früher einmal Frauen gab, die den Männern zur Seite +standen, wenn sie in Not kamen; aber heute trifft man solche Frauen +nicht mehr.« Helga erzitterte. Sie hätte die Arme um seinen Hals +schlingen wollen, aber sie verhielt sich still. Heute mußte sie +vernünftig sein. – »Es ist ja wahr, ich hätte dich nicht an demselben +Tage, wo ich ins Gefängnis soll, bitten dürfen, mein Weib zu werden. +Aber der Gedanke, daß du auf mich warten würdest, bis ich wieder frei +wäre, hätte mich all das Schwere mit leichtem Mut erdulden lassen.« – +»Ich bin es nicht, die auf dich warten soll, Gudmund.« – »Alle Menschen +werden mich jetzt als einen Missetäter betrachten, als einen, der sich +besäuft und mordet. Ach, wenn es nur eine gäbe, die mich mit Liebe +ansehen könnte! Das würde mich besser aufrechterhalten als alles andre.« +– »Du weißt, daß ich nie etwas andres als Gutes von dir denken werde, +Gudmund.« + +Helga war sehr still. Gudmunds Bitten wurden fast zu viel für sie. Sie +wußte gar nicht, wie sie ihm entkommen sollte. Aber Gudmund verstand +nichts, sondern begann zu glauben, daß er sich geirrt habe. Sie könnte +nicht dasselbe für ihn empfinden wie er für sie. Er kam ganz dicht an +sie heran und sah sie an, als wollte er mitten durch sie hindurchsehen. +»Sitzest du nicht gerade auf diesem Felsen hier, um nach Närlunda +hinunterzusehen?« – »Ja, das tu ich.« – »Sehnst du dich nicht Tag und +Nacht hin?« – »Ja. Aber ich sehne mich nicht nach einem Menschen.« – +»Und mich magst du gar nicht?« – »O ja, aber ich will dich nicht +heiraten.« – »Wen hast du denn gern?« – Helga schwieg. – »Per +Martensson?« – »Ja, ihm hab ich gesagt, daß ich ihn gern habe,« sagte +sie und war ganz zermartert. + +Gudmund blieb ein Weilchen stehen und sah sie mit ergrimmtem Gesicht an. +»Dann also lebewohl! Jetzt gehen wir getrennte Wege, du und ich,« sagte +er, und damit machte er einen gewaltigen Sprung von dem Stein zum +nächsten Felsabsatz und verschwand unter den Bäumen. + + +6 + +Kaum war Gudmund verschwunden, als Helga auf einem andern Wege den Berg +hinuntereilte. Sie lief am Moorhof vorbei, ohne stehenzubleiben und +eilte dann, so rasch sie konnte, über die Waldhügel hinunter auf den +Weg. Im ersten Bauernhof, den sie erreichte, bat sie die Inwohner, ihr +Pferd und Fuhrwerk zu leihen, damit sie nach Älvåkra fahren könnte. Sie +sagte, es gälte das Leben, daß sie hinkäme, und versprach, dafür zu +zahlen. Die Dorfleute waren schon heimgekommen und hatten von der +unterbliebenen Hochzeit erzählt. Alle waren sehr bewegt und mitleidig, +und man wollte Helga die Hilfe nicht verweigern, da sie eine wichtige +Botschaft für die Leute auf Älvåkra zu haben schien. + +In Älvåkra saß Hildur Erikstochter in einer kleinen Kammer im oberen +Stockwerk, wo sie ihr Brautkleid abgelegt hatte. Die Mutter und ein paar +andre Bäuerinnen waren um sie. Hildur weinte nicht, aber sie war +ungewöhnlich still und blaß; es sah aus, als würde sie jeden Augenblick +krank hinsinken. Die Frauen sprachen die ganze Zeit von Gudmund. Alle +tadelten ihn und schienen es als ein Glück für Hildur anzusehen, daß sie +von ihm befreit war. Einige meinten, Gudmund habe wenig Rücksicht auf +die Schwiegereltern gezeigt. Er hätte ihnen schon am Pfingsttage sagen +müssen, wie es um ihn stand. Andre sagten, wem ein so großes Glück +bevorstünde, der müßte besser auf sich achten. Und einige +beglückwünschten Hildur, daß sie dem Schicksal entging, einen zu +heiraten, der sich so sinnlos betrinken konnte, daß er nicht mehr wußte, +was er tat. + +Mitten unter diesen Reden schien Hildur ungeduldig zu werden; sie stand +auf, um das Zimmer zu verlassen. Sowie sie zur Tür hinaus war, kam ihre +beste Freundin, ein junges Bauernmädchen, und flüsterte ihr zu: »Unten +ist jemand, der mit dir sprechen will.« – »Ist es Gudmund?« fragte +Hildur, und ein Strahl des Lebens leuchtete in ihren Augen auf. – »Nein, +aber, ich glaube, eine Botschaft von ihm. Sie will, was sie auszurichten +hat, keinem als nur dir selbst sagen.« Nun hatte Hildur den ganzen Tag +dagesessen und gedacht, daß jemand kommen müsse, der diesem Elend ein +Ende machte. Sie konnte es gar nicht begreifen, daß ein so schreckliches +Unglück sie treffen sollte. Sie meinte, es müsse etwas geschehen, das es +ihr möglich machte, Krone und Kranz wieder aufzusetzen, mit dem +Hochzeitszug zur Kirche zu fahren und getraut zu werden. Als sie nun von +einer Botschaft Gudmunds hörte, wurde sie ganz eifrig und lief eilends +zu Helga hinaus, die vor der Kirchentür stand und auf sie wartete. + +Hildur wunderte sich wohl, daß Gudmund Helga zu ihr schickte, aber sie +dachte, er hätte vielleicht heute am Feiertag keine andre Botin +gefunden, und begrüßte sie freundlich. + +Sie winkte Helga, ihr in die Milchkammer zu folgen, die drüben auf der +andern Längsseite des Hofes lag. »Ich weiß keinen andern Ort, wo wir +allein sprechen können,« sagte sie. »Wir haben noch das Haus voll +Leute.« + +Sobald sie drinnen waren, trat Helga dicht an Hildur heran und sah ihr +ins Gesicht. »Bevor ich etwas sage, muß ich erst wissen, ob du Gudmund +lieb hast, Hildur.« Hildur zuckte vor Empörung zusammen. Es war ihr eine +Qual, mit Helga auch nur ein einziges Wort wechseln zu müssen, und sie +hatte wahrlich keine Lust, sie zu ihrer Vertrauten zu machen. Aber nun +war die Not am höchsten, und so zwang sie sich, zu antworten: »Warum, +glaubst du, hätte ich ihn sonst heiraten wollen?« – »Ich meine, ob du +ihn noch lieb hast, Hildur?« – Hildur wurde wie zu Stein, aber unter dem +forschenden Blick der andern konnte sie nicht lügen. – »Vielleicht habe +ich ihn noch nie so lieb gehabt wie heute,« sagte sie, jedoch so leise, +daß man glauben konnte, es täte ihr weh, die Worte auszusprechen. + +»Dann komm gleich mit mir,« sagte Helga. »Ich habe drunten auf der +Straße einen Wagen stehen. Du brauchst dich nur fertig zu machen, dann +können wir gleich nach Närlunda fahren.« – »Wozu soll es gut sein, daß +ich hinfahre?« fragte Hildur. – »Du mußt hinfahren und sagen, daß du +Gudmund angehören willst, Hildur, was er auch getan haben mag, und daß +du treu auf ihn warten wirst, während er im Gefängnis sitzt.« – »Warum +soll ich das sagen?« – »Damit alles zwischen euch wieder gut wird.« – +»Aber das ist ja unmöglich. Ich will doch keinen heiraten, der im +Gefängnis gesessen hat.« + +Helga prallte ein paar Schritt zurück, so als wäre sie an eine Mauer +gestoßen. Aber sie faßte rasch wieder Mut. Sie konnte ja begreifen, daß, +wer mächtig und reich war wie Hildur, so denken mußte. »Ich wäre nicht +hierher gekommen und hätte dich nicht gebeten, nach Närlunda zu fahren, +wenn ich nicht wüßte, daß Gudmund unschuldig ist,« sagte sie. Jetzt war +es Hildur, die einen Schritt von Helga forttrat. – »Weißt du das, oder +ist es nur etwas, was du glaubst?« – »Es wäre besser, wenn wir uns +gleich in den Wagen setzten, dann könnte ich es dir unterwegs erzählen, +Hildur.« – »Nein, erst mußt du mir alles sagen. Ich muß wissen, was ich +tue.« Helga war so voll brennenden Eifers, daß sie kaum stillstehen +konnte, aber sie mußte sich doch bequemen, Hildur zu erzählen, woher sie +wüßte, daß nicht Gudmund der Täter sei. »Hast du das Gudmund nicht +gleich gesagt?« – »Nein, ich sage es jetzt dir, Hildur. Kein andrer weiß +es.« – »Und warum kommst du mit dieser Nachricht zu mir?« – »Damit es +zwischen euch wieder gut werde. Auch er wird wohl bald erfahren, daß er +nichts Böses getan hat, aber ich will, daß du wie von selbst zu ihm +kommst, Hildur, und es gut machst.« – »Ich soll nicht sagen, daß ich von +seiner Schuldlosigkeit weiß?« – »Du sollst ganz von selbst kommen, +Hildur, und ihm nie verraten, daß ich mit dir gesprochen habe. Sonst +verzeiht er dir nie, was du ihm heute morgen gesagt hast.« + +Hildur hörte schweigend zu. Es lag etwas in diesen Worten, was ihr noch +nie im Leben begegnet war, und sie war bemüht, es sich klarzumachen. +»Weißt du, daß ich es war, die verlangte, daß du aus Närlunda +fortkommst?« – »Ich weiß wohl, daß es nicht die Leute auf Närlunda +waren, die mich forthaben wollten.« – »Ich kann gar nicht verstehen, daß +du heute zu mir kommst und mir helfen willst.« – »Wenn du jetzt nur +mitkommst, Hildur, so kann alles gut werden!« Aber Hildur sah Helga an, +noch immer in dieselben Grübeleien versunken. – »Vielleicht hat Gudmund +dich lieb,« warf sie hin. Aber nun riß Helga die Geduld. – »Was hätte er +denn an mir!« sagte sie heftig, »du weißt doch, Hildur, daß ich nichts +andres bin als eine arme Häuslerdirne, und das ist noch nicht einmal das +Allerschlimmste.« + +Die beiden jungen Mädchen schlichen sich unbemerkt aus dem Haus und +saßen bald im Wagen. Helga kutschierte, und sie schonte das Pferd nicht, +sondern ließ es rasch traben. Sie waren beide stumm. Hildur saß da und +sah Helga an. Es war, als könne sie sich nicht genug über sie wundern, +und als dächte sie mehr an sie als an irgend etwas andres. + +Als sie in die Nähe des Hofes kamen, übergab Helga Hildur die Zügel. +»Jetzt sollst du allein hinfahren, Hildur, und mit Gudmund sprechen. Ich +komme in einer Weile nach und erzähle die Geschichte mit dem Messer. +Aber du darfst Gudmund kein Wort davon sagen, Hildur, daß ich dich +geholt habe.« + +Gudmund saß in der Wohnstube auf Närlunda neben Mutter Ingeborg und +sprach mit ihr. Der Vater saß etwas abseits und rauchte. Er sah +zufrieden aus und sagte kein Wort. Man merkte, er war der Meinung, jetzt +gehe alles, wie es sollte, so daß er nicht einzugreifen brauchte. + +»Ich wüßte wohl gerne, Mutter, was Ihr gesagt haben würdet, wenn Ihr +Helga als Schwiegertochter bekommen hättet,« sagte Gudmund. Mutter +Ingeborg hob den Kopf und antwortete mit fester Stimme: »Ich werde jede +Schwiegertochter mit Freuden aufnehmen, wenn ich nur weiß, daß sie dich +so lieb hat, wie eine Frau ihren Mann liebhaben soll.« + +Kaum war dies gesagt, als sie Hildur Erikstochter in den Hof einfahren +sahen. Sie kam gleich darauf ins Haus und war ganz anders als sonst. Sie +trat nicht in ihrer gewohnten zuversichtlichen Art in das Zimmer, +sondern es sah fast aus, als wolle sie unten an der Tür stehenbleiben +wie ein armes Bettelmädchen. + +Sie kam jedoch heran und gab Mutter Ingeborg und Erland die Hand. Dann +wendete sie sich an Gudmund. »Mit dir will ich ein paar Worte sprechen.« +Gudmund stand auf, und sie gingen in die Kammer. Er stellte Hildur einen +Stuhl hin, aber sie setzte sich nicht. Sie war ganz rot vor +Verlegenheit, und die Worte kamen langsam und scheu über ihre Lippen: +»Ich war wohl – – ja, es war vielleicht zu hart, was ich heute morgen +sagte.« – »Ach, wir haben dich damit so plötzlich überfallen,« sagte +Gudmund. Sie wurde noch röter und beschämter. »Ich hätte es mir besser +überlegen sollen. Wir könnten – es sollte doch – –« – »Es ist schon am +besten, wie es ist, Hildur. Darüber ist nichts mehr zu reden; aber es +ist schön, daß du gekommen bist.« + +Sie schlug die Hände vors Gesicht, holte sehr tief Atem, daß es klang +wie ein Schluchzen, hob dann aber den Kopf wieder. »Nein,« sagte sie. +»Es geht nicht. Ich will nicht, daß du mich für besser hältst, als ich +bin. Jemand kam zu mir und sagte, daß du unschuldig bist, und riet mir, +hierher zu eilen und alles wieder gutzumachen. Und ich sollte nicht +sagen, daß ich schon weiß, daß du unschuldig bist. Denn dann würdest du +nicht soviel daran finden, daß ich komme. Jetzt sage ich dir: ich +wünschte, ich wäre selbst auf den Gedanken gekommen. Doch so war es +nicht. Aber ich habe mich den ganzen Tag nach dir gesehnt und gewünscht, +daß es wieder gut zwischen uns werden könnte. Und wie es auch kommen +mag: eins will ich dir sagen, ich freue mich, daß du unschuldig bist.« + +»Wer hat dir denn diesen Rat gegeben, Hildur?« fragte Gudmund. – »Das +darf ich nicht sagen.« – »Ich wundere mich, daß es jemand weiß. Vater +kommt eben jetzt vom Bürgermeister. Er hat in die Stadt telegraphiert. +Und es ist die Antwort gekommen, daß der wahre Täter schon gefunden +ist.« + +Als Gudmund dies sagte, fühlte Hildur, wie die Beine unter ihr +zitterten, und sie setzte sich rasch nieder. Es wurde ihr ganz angst, +weil Gudmund so ruhig und freundlich war, und sie begann zu verstehen, +daß er ganz außerhalb ihrer Macht war. »Ich sehe schon, du kannst es +nicht vergessen, Gudmund, wie ich heute vormittag gewesen bin.« – »O +doch, das kann ich dir schon verzeihen, Hildur,« sagte er in demselben +ruhigen Ton. »Davon wollen wir nie mehr sprechen.« + +Sie erzitterte, schlug die Augen nieder und saß da, als wartete sie auf +etwas. »Es ist nur ein großes Glück, Hildur,« sagte er und kam heran und +ergriff ihre Hand, »daß es zwischen uns aus ist. Denn heute ist es mir +klar geworden, daß ich eine andre lieb habe. Ich glaube, ich hatte sie +schon lange lieb, aber ich weiß es erst seit heute.« – »Wer ist die, die +du lieb hast, Gudmund,« kam es tonlos von Hildurs Lippen. – »Das kommt +ja auf eins heraus. Ich werde sie nicht heiraten, denn sie hat mich +nicht lieb. Aber eine andre kann ich nicht nehmen.« + +Hildur hob den Kopf. Es war nicht leicht, zu sagen, was in ihr vorging. +Aber sie fühlte in diesem Augenblick, daß sie, die Großbauerntochter, +mit all ihrem Reiz und allem ihrem Hab und Gut nichts für Gudmund +bedeutete. Und sie war stolz und wollte nicht von ihm scheiden, ohne ihm +zu zeigen, daß sie ihren Wert in sich hatte, abgesehen von allem +Äußerlichen. + +»Ich will, Gudmund, daß du mir sagst, ob es Helga vom Moorhof ist, die +du gern hast.« + +Gudmund stand schweigend da. »Denn wenn es Helga ist, dann weiß ich, daß +sie dich lieb hat. Sie kam zu mir und lehrte mich, was ich tun sollte, +damit es zwischen uns wieder gut würde. Sie wußte, daß du unschuldig +bist, aber sie sagte es nicht dir, sondern ließ es mich zuerst wissen.« +– Gudmund sah ihr fest in die Augen. »Findest du darin ein Zeichen, daß +sie eine große Liebe für mich hat?« – »Dessen kannst du sicher sein, +Gudmund. Das kann ich bezeugen. Niemand in der Welt kann dich lieber +haben als sie.« Er ging hastig durch das Zimmer. Dann blieb er vor +Hildur stehen. »Aber du? Warum sagst du mir das?« – »Ich will Helga an +Edelmut nicht nachstehen.« – »Ach, Hildur, Hildur!« sagte er, legte die +Hand auf die Schultern und schüttelte sie, um seiner Rührung Luft zu +machen. »Du weißt nicht, nein, du weißt nicht, wie gut ich dir in +diesem Augenblick bin. Du weißt nicht, wie glücklich du mich gemacht +hast – – –« + + * * * * * + +Helga saß am Wegrand und wartete. Sie saß da, das Kinn in die Hand +gestützt und sah zu Boden. Sie sah Gudmund und Hildur vor sich und +dachte, wie glücklich sie jetzt sein müßten. + +Während sie so dasaß, kam ein Knecht aus Närlunda vorüber. Als er sie +sah, blieb er stehen. »Du hast doch von Gudmund gehört, Helga?« – Ja, +das hatte sie. – »Die ganze Geschichte ist ja gar nicht wahr. Der +richtige Täter ist schon verhaftet.« – »Ich wußte, daß es nicht wahr +sein konnte,« sagte Helga. + +Dann ging der Mann, aber Helga blieb am Wegrand sitzen wie zuvor. Ja so, +drüben wußten sie es schon. Sie brauchte gar nicht nach Närlunda zu +gehen, um es zu erzählen. + +Sie fühlte sich so wunderlich ausgeschlossen. Vorhin erst war sie so +eifrig gewesen. Sie hatte gar nicht an sich selbst gedacht, nur daran, +daß Gudmunds und Hildurs Hochzeit zustande kommen müsse. Aber jetzt erst +stand es ihr vor Augen, wie einsam sie war. Und es war schwer, für die, +die man lieb hatte, nichts sein zu dürfen. Jetzt brauchte Gudmund sie +nicht, und ihr eigenes Kind hatte ihre Mutter zu dem ihren gemacht. Sie +gönnte ihr kaum, daß sie es ansah. + +Sie dachte daran, daß sie aufstehen und nach Hause gehen müsse. Aber die +Hügel erschienen ihr so steil und schwer zu ersteigen. Sie wußte gar +nicht, wie sie hinaufkommen solle. + +Da kam ein Wagen aus Närlunda. Hildur und Gudmund saßen darin. Jetzt +führen sie wohl nach Älvåkra, um zu sagen, daß sie sich ausgesöhnt +hätten. Und morgen fände dann die Hochzeit statt. + +Als sie Helga erblickten, hielten sie an. Gudmund gab Hildur die Zügel +und sprang heraus. Hildur nickte Helga zu und fuhr weiter. + +Gudmund blieb auf dem Wege vor Helga stehen. »Ich bin froh, daß du hier +sitzest, Helga,« sagte er. »Ich glaubte, ich müßte nach dem Moorhof +hinaufgehen, um dich zu treffen.« + +Er sagte dies heftig, beinahe hart, und dabei hielt er ihre Hand fest +umklammert, und sie sah es seinen Augen an, daß er jetzt wußte, wie es +um sie stand. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr entfliehen. + + + + + +Das Schweißtuch der heiligen Veronika + +I + +In einem der letzten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius begab es +sich, daß ein armer Winzer und sein Weib sich in einer einsamen Hütte +hoch oben in den Sabiner Bergen niederließen. Sie waren Fremdlinge und +lebten in der größten Einsamkeit, ohne je den Besuch eines Menschen zu +empfangen. Aber eines Morgens, als der Arbeiter seine Türe öffnete, fand +er zu seinem Staunen, daß eine alte Frau zusammengekauert auf der +Schwelle saß. Sie war in einen schlichten, grauen Mantel gehüllt und sah +aus, als wäre sie sehr arm. Und dennoch erschien sie ihm, als sie sich +erhob und ihm entgegentrat, so ehrfurchtgebietend, daß er daran denken +mußte, was die Sagen von Göttinnen erzählen, die in der Gestalt einer +alten Frau die Menschen heimsuchen. + +»Mein Freund,« sagte die Alte zu dem Winzer, »wundere dich nicht +darüber, daß ich heute nacht auf deiner Schwelle geschlafen habe. Meine +Eltern haben in dieser Hütte gewohnt, und hier wurde ich vor fast +neunzig Jahren geboren. Ich hatte erwartet, sie leer und verlassen zu +finden. Ich wußte nicht, daß aufs neue Menschen Besitz davon ergriffen +hatten.« + +»Ich wundere mich nicht, daß du glaubtest, daß eine Hütte, die so hoch +zwischen diesen einsamen Felsen liegt, leer und verlassen stehen würde,« +sagte der Winzer. »Aber ich und mein Weib, wir sind aus einem fernen +Lande, und wir armen Fremdlinge haben keine bessere Wohnstätte finden +können. Und dir, die nach der langen Wanderung, die du in deinem hohen +Alter unternommen hast, müde und hungrig sein muß, dürfte es +willkommener sein, daß die Hütte von Menschen bewohnt ist, anstatt von +den Wölfen der Sabiner Berge. Du findest jetzt doch ein Bett drinnen, um +darauf zu ruhen, sowie eine Schale Ziegenmilch und einen Laib Brot, wenn +du damit vorlieb nehmen willst.« + +Die Alte lächelte ein wenig, aber dieses Lächeln war so flüchtig, daß es +den Ausdruck schweren Kummers nicht zu zerstreuen vermochte, der auf +ihrem Gesicht ruhte. »Ich habe meine ganze Jugend hier oben in den +Bergen verlebt,« sagte sie. »Ich habe die Kunst noch nicht verlernt, +einen Wolf aus seiner Höhle zu vertreiben.« + +Und sie sah wirklich so stark und kräftig aus, daß der Arbeiter nicht +daran zweifelte, daß sie trotz ihres hohen Alters noch Stärke genug +besäße, um es mit den wilden Tieren des Waldes aufzunehmen. + +Er wiederholte jedoch sein Anerbieten, und die Alte trat in die Hütte +ein. Sie ließ sich zu der Mahlzeit der armen Leute nieder und nahm ohne +Zögern daran teil. Aber obgleich sie sehr zufrieden damit schien, grobes +in Milch aufgeweichtes Brot essen zu dürfen, dachten doch der Mann und +die Frau: Woher kann diese alte Wanderin kommen? Sie hat gewiß öfter +Fasane von Silberschüsseln gespeist, als Ziegenmilch aus irdenen Schalen +getrunken. + +Zuweilen erhob sie die Augen vom Tische und sah sich um, als wolle sie +versuchen, sich wieder in der Hütte zurechtzufinden. Die dürftige +Behausung mit den nackten Lehmwänden und dem gestampften Boden war +sicherlich nicht sehr verändert. Sie zeigte sogar ihren Wirtsleuten, daß +an der Wand noch ein paar Spuren von Hunden und Hirschen sichtbar waren, +die ihr Vater dorthin gezeichnet hatte, um seinen kleinen Kindern eine +Freude zu machen. Und hoch oben auf einem Brett glaubte sie die Scherben +eines Tongefäßes zu sehen, in das sie selbst einst Milch zu melken +pflegte. + +Aber der Mann und sein Weib dachten bei sich selbst: Es mag freilich +wahr sein, daß sie in dieser Hütte geboren ist, aber sie hat doch im +Leben so manches andere zu bestellen gehabt als Ziegen melken und Butter +und Käse bereiten. + +Sie merkten auch, daß sie oft mit ihren Gedanken weit weg war und daß +sie jedesmal, wenn sie wieder zu sich selbst zurückkam, schwer und +kummervoll seufzte. + +Endlich erhob sie sich von der Mahlzeit. Sie dankte freundlich für die +Gastfreundschaft, die sie genossen hatte, und ging auf die Tür zu. + +Aber da däuchte sie den Winzer so beklagenswert einsam und arm, daß er +ausrief: »Wenn ich mich nicht irre, war es keineswegs deine Absicht, als +du gestern nacht heraufstiegst, diese Hütte so bald zu verlassen. Wenn +du wirklich so arm bist, wie es den Anschein hat, dann wird es wohl +deine Meinung gewesen sein, alle die Jahre, die du noch zu leben hast, +hierzubleiben. Aber jetzt willst du gehen, weil wir, mein Weib und ich, +schon von der Hütte Besitz genommen haben.« + +Die Alte leugnete nicht, daß er richtig geraten hatte. »Aber diese +Hütte, die so viele Jahre verlassen gestanden hat, gehört dir ebensogut +wie mir,« sagte sie. »Ich habe kein Recht, dich von hier zu vertreiben.« + +»Es ist aber doch deiner Eltern Hütte,« sagte der Winzer, »und du hast +sicherlich mehr Anspruch darauf als ich. Wir sind überdies jung, und du +bist alt. Darum sollst du bleiben, und wir werden gehen.« + +Als die Alte diese Worte hörte, war sie ganz erstaunt. Sie wendete sich +auf der Schwelle um und starrte den Mann an, als wenn sie nicht +verstünde, was er mit seinen Worten meinte. + +Aber nun mischte sich das junge Weib ins Gespräch. + +»Wenn ich mitzureden hätte,« sagte sie zu dem Manne, »würde ich dich +bitten, diese alte Frau zu fragen, ob sie uns nicht als ihre Kinder +ansehen und uns erlauben will, bei ihr zu bleiben und sie zu pflegen. +Welchen Nutzen hätte sie davon, wenn wir ihr diese elende Hütte +schenkten und sie dann allein ließen? Es wäre furchtbar für sie, einsam +in der Wildnis zu hausen. Und wovon sollte sie leben? Es wäre dasselbe, +als wollten wir sie dem Hungertode preisgeben.« + +Aber die Alte trat auf den Mann und die Frau zu und betrachtete sie +prüfend. »Warum sprecht ihr so?« fragte sie. »Warum beweist ihr mir +Barmherzigkeit? Ihr seid doch Fremde.« + +Da antwortete ihr die junge Frau: »Darum, weil uns selbst einmal die +große Barmherzigkeit begegnet ist.« + + +II + +So kam es, daß die alte Frau in der Hütte des Winzers wohnte, und sie +faßte große Freundschaft für die jungen Menschen. Aber dennoch sagte sie +ihnen niemals, woher sie kam oder wer sie war, und sie begriffen, daß +sie es nicht gut aufgenommen hätte, wenn sie sie danach gefragt hätten. + +Aber eines Abends, als die Arbeit getan war und sie alle drei auf der +großen, flachen Felsplatte saßen, die vor dem Eingang lag, und ihr +Abendbrot verzehrten, erblickten sie einen alten Mann, der den Pfad +heranstieg. + +Es war ein hoher, kräftig gebauter Mann mit so breiten Schultern wie ein +Ringer. Sein Gesicht trug einen düstern, herben Ausdruck. Die Stirn +ragte über den tiefliegenden Augen vor, und die Linien des Mundes +drückten Bitterkeit und Verachtung aus. Er ging in gerader Haltung und +mit raschen Bewegungen. + +Der Mann trug ein schlichtes Gewand, und der Winzer dachte, sobald er +ihn erblickt hatte: Das ist ein alter Legionär, einer, der seinen +Abschied aus dem Dienste bekommen hat und nun auf der Wanderung nach +seiner Heimat begriffen ist. + +Als der Fremde an die Essenden herangekommen war, blieb er wie +unschlüssig stehen. Der Arbeiter, der wußte, daß der Weg ein kleines +Stück oberhalb der Hütte ein Ende hatte, legte den Löffel nieder und +rief ihm zu: »Hast du dich verirrt, Fremdling, daß du hierher zu dieser +Hütte kommst? Niemand pflegt sich die Mühe zu machen, hier +heraufzuklettern, es sei denn, er hätte eine Botschaft an einen von uns, +die wir hier wohnen.« + +Während er so fragte, trat der Fremdling näher. »Ja, es ist so, wie du +sagst,« antwortete er, »ich habe den Weg verloren, und jetzt weiß ich +nicht, wohin ich meine Schritte lenken soll. Wenn du mich hier ein +Weilchen ruhen läßt und mir dann sagst, welchen Weg ich gehen muß, um zu +einem Landgut zu kommen, will ich dir dankbar sein.« + +Mit diesen Worten ließ er sich auf einem der Steine nieder, die vor der +Hütte lagen. Die junge Frau fragte ihn, ob er nicht an ihrer Mahlzeit +teilnehmen wolle, doch dies lehnte er mit einem Lächeln ab. Hingegen +zeigte es sich, daß er sehr geneigt war, mit ihnen zu plaudern, indes +sie aßen. Er fragte die jungen Menschen nach ihrer Lebensweise und ihrer +Arbeit, und sie antworteten ihm fröhlich und rückhaltlos. + +Aber auf einmal wendete sich der Arbeiter an den Fremden und begann ihn +auszufragen: »Du siehst, wie abgeschieden und einsam wir leben,« sagte +er. »Es ist wohl schon ein Jahr her, seit ich mit andern als Hirten und +Winzern gesprochen habe. Kannst du, der ja wohl aus irgendeinem +Feldlager kommt, uns nicht ein wenig von Rom und vom Kaiser erzählen?« + +Kaum hatte der Mann dies gesagt, als die junge Frau merkte, wie die Alte +ihm einen warnenden Blick zuwarf und mit der Hand das Zeichen machte, +das bedeutet, man möge wohl auf seiner Hut sein mit dem, was man sage. + +Der Fremdling antwortete dann aber ganz freundlich: »Ich sehe, daß du +mich für einen Legionär hältst, und du hast wirklich nicht so ganz +unrecht, obgleich ich schon vor langer Zeit den Dienst verlassen habe. +Unter der Regierung des Tiberius hat es nicht viel Arbeit für uns +Kriegsleute gegeben. Und er war doch einmal ein großer Feldherr. Das war +die Zeit seines Glückes. Jetzt hat er nichts anderes im Sinn, als sich +vor Verschwörungen zu hüten. In Rom sprechen alle Menschen davon, daß er +vorige Woche, nur auf den allerleisesten Verdacht hin, den Senator +Titius greifen und hinrichten ließ.« + +»Der arme Kaiser, er weiß nicht mehr, was er tut,« rief die junge Frau. +Sie rang die Hände und schüttelte bedauernd und staunend das Haupt. + +»Du hast wirklich recht,« sagte der Fremdling, während ein Zug tiefster +Düsterkeit über sein Gesicht ging. »Tiberius weiß, daß alle Menschen ihn +hassen, und dies treibt ihn noch zum Wahnsinn.« + +»Was sagst du da?« rief die Frau. »Warum sollten wir ihn hassen? Wir +beklagen ja nur, daß er nicht mehr ein so großer Kaiser ist wie am +Anfang seiner Regierung.« + +»Du irrst dich,« sagte der Fremde. »Alle Menschen verachten und hassen +Tiberius. Warum sollten sie es nicht? Er ist ja nur ein grausamer, +schonungsloser Tyrann. Und in Rom glaubt man, daß er in Zukunft noch +unverbesserlicher sein wird als bisher.« + +»Hat sich denn etwas ereignet, was ihn zu einem noch ärgern Ungeheuer +machen könnte, als er schon ist?« fragte der Mann. + +Als er dies sagte, merkte die Frau, daß die Alte ihm abermals ein +warnendes Zeichen machte, aber so verstohlen, daß er es nicht sehen +konnte. + +Der Fremdling antwortete freundlich, aber gleichzeitig huschte ein +eigentümliches Lächeln um seine Lippen. + +»Du hast vielleicht gehört, daß Tiberius bis jetzt in seiner Umgebung +einen Freund gehabt hatte, dem er vertrauen konnte und der ihm immer die +Wahrheit sagte. Alle andern, die an seinem Hofe leben, sind Glücksjäger +und Heuchler, die seine bösen und hinterlistigen Handlungen ebenso +preisen wie seine guten und vortrefflichen. Es hat aber doch, wie +gesagt, ein Wesen gegeben, das niemals fürchtete, ihn wissen zu lassen, +was seine Handlungen wert waren. Dieser Mensch, der mutiger war als +Senatoren und Feldherrn, war des Kaisers alte Amme, Faustina.« + +»Jawohl, ich habe von ihr reden hören,« sagte der Arbeiter. »Man sagte +mir, daß der Kaiser ihr immer große Freundschaft bewiesen habe.« + +»Ja, Tiberius wußte ihre Ergebenheit und Treue zu schätzen. Er hat diese +arme Bäuerin, die einst aus einer elenden Hütte in den Sabiner Bergen +kam, wie seine zweite Mutter behandelt. Solange er selbst in Rom weilte, +ließ er sie in einem Hause auf dem Palatin wohnen, um sie immer in +seiner Nähe zu haben. Keiner von Roms vornehmen Matronen ist es besser +ergangen als ihr. Sie wurde in einer Sänfte über die Straße getragen, +und ihre Kleidung war die einer Kaiserin. Als der Kaiser nach Capreae +übersiedelte, mußte sie ihn begleiten, und er ließ ihr dort ein Landhaus +voll Sklaven und kostbaren Hausrat kaufen.« + +»Sie hat es wahrlich gut gehabt,« sagte der Mann. + +Er war es nun, der das Gespräch mit dem Fremden allein weiterführte. Die +Frau saß stumm und beobachtete staunend die Veränderung, die mit der +Alten vorgegangen war. Seit dem Kommen des Fremden hatte sie kein Wort +gesprochen. Sie hatte ihr sanftes und freundliches Aussehen ganz +verloren. Die Schüssel hatte sie von sich geschoben und saß jetzt starr +und aufrecht, an den Türpfosten gelehnt und blickte mit strengem, +versteinertem Gesicht gerade vor sich hin. + +»Es ist des Kaisers Wille gewesen, daß sie ein glückliches Leben +genieße,« sagte der Fremdling. »Aber trotz aller seiner Wohltaten hat +nun auch sie ihn verlassen.« + +Die alte Frau zuckte bei diesen Worten zusammen, doch die Junge legte +beschwichtigend die Hand auf ihren Arm. Dann begann sie mit ihrer +warmen, milden Stimme zu sprechen. »Ich kann doch nicht glauben, daß die +alte Faustina am Hofe so glücklich gewesen ist, wie du sagst,« sagte +sie, indem sie sich an den Fremdling wendete. »Ich bin gewiß, daß sie +Tiberius so geliebt hat, als wenn er ihr eigener Sohn wäre. Ich kann mir +denken, wie stolz sie auf seine edle Jugend gewesen ist, und ich kann +auch begreifen, welch ein Kummer es für sie war, daß er sich in seinem +Alter dem Mißtrauen und der Grausamkeit überließ. Sie hat ihn sicherlich +jeden Tag ermahnt und gewarnt. Es ist furchtbar für sie gewesen, immer +vergeblich zu bitten. Schließlich hat sie es nicht mehr ertragen können, +ihn immer tiefer und tiefer sinken zu sehen.« + +Der Fremdling beugte sich überrascht ein wenig vor, als er diese Worte +vernahm. Aber das junge Weib sah nicht zu ihm auf. Sie hielt die Augen +niedergeschlagen und sprach sehr leise und demütig. + +»Du hast vielleicht recht mit dem, was du von der alten Frau sagst,« +antwortete er. »Faustina ist am Hofe wirklich nicht glücklich gewesen. +Aber es scheint doch seltsam, daß sie den Kaiser in seinem hohen Alter +verließ, nachdem sie ein ganzes Menschenleben bei ihm ausgeharrt hatte.« + +»Was sagst du da?« rief der Mann. »Hat die alte Faustina den Kaiser +verlassen?« + +»Sie hat sich, ohne daß jemand darum wußte, von Capreae weggeschlichen,« +sagte der Fremde. »Sie ist ebenso arm gegangen, wie sie gekommen war. +Sie hat nichts von allen ihren Schätzen mitgenommen.« + +»Und weiß der Kaiser wirklich nicht, wohin sie gegangen ist?« fragte die +junge Frau mit ihrer sanften Stimme. + +»Nein, niemand weiß mit Bestimmtheit, welchen Weg die Alte eingeschlagen +hat. Man hält es jedoch für wahrscheinlich, daß sie ihre Zuflucht in +ihren heimatlichen Bergen gesucht habe.« + +»Und der Kaiser weiß auch nicht, warum sie von ihm fortgegangen ist?« +fragte die junge Frau. + +»Nein, der Kaiser weiß nichts darüber. Er kann doch nicht glauben, daß +sie ihn verlassen hat, weil er einmal zu ihr sagte, sie diene ihm, um +Lohn und Gaben zu empfangen, sie, wie alle andern. Sie weiß doch, daß er +niemals an ihrer Uneigennützigkeit gezweifelt hat. Er hoffte immer noch, +daß sie freiwillig zu ihm zurückkehren würde, denn niemand weiß besser +als sie, daß er jetzt ganz ohne Freunde ist.« + +»Ich kenne sie nicht,« sagte das junge Weib, »aber ich glaube doch, daß +ich dir sagen kann, warum sie den Kaiser verlassen hat. Diese alte Frau +ist hier in diesen Bergen zu Einfachheit und Frömmigkeit erzogen worden, +und sie hat sich immer hierher zurückgesehnt. Sicherlich hätte sie +dennoch den Kaiser nie verlassen, wenn er sie nicht beleidigt hätte. +Aber ich begreife, daß sie nun hiernach, da ihre Lebenstage bald zu Ende +gehen müssen, das Recht zu haben meinte, an sich selbst zu denken. Wenn +ich eine arme Frau aus den Bergen wäre, hätte ich vermutlich ebenso +gehandelt wie sie. Ich hätte mir gedacht, daß ich genug getan hätte, +wenn ich meinem Herrn ein ganzes Leben lang gedient habe. Ich wäre +schließlich von Wohlleben und Kaisergunst fortgegangen, um meine Seele +Ehre und Gerechtigkeit kosten zu lassen, ehe sie sich von mir scheidet, +um die lange Fahrt anzutreten.« + +Der Fremdling blickte die junge Frau trüb und schwermütig an. »Du +bedenkst nicht, daß des Kaisers Treiben jetzt schrecklicher werden wird +denn je. Jetzt gibt es keinen mehr, der ihn beruhigen könnte, wenn +Mißtrauen und Menschenverachtung sich seiner bemächtigen. Denke dir +dies,« fuhr er fort und bohrte seine düstern Blicke tief in die des +jungen Weibes, »in der ganzen Welt gibt es jetzt keinen, den er nicht +haßte, keinen, den er nicht verachtete, keinen.« + +Als er diese Worte bitterer Verzweiflung aussprach, machte die Alte eine +hastige Bewegung und wendete sich ihm zu, aber die Junge sah ihm fest in +die Augen und antwortete: »Tiberius weiß, daß Faustina wieder zu ihm +kommt, wann immer er es wünscht. Aber zuerst muß sie wissen, daß ihre +alten Augen nicht mehr Laster und Schändlichkeit an seinem Hofe schauen +müssen.« + +Sie hatten sich bei diesen Worten alle erhoben, aber der Winzer und +seine Frau stellten sich vor die Alte, gleichsam um sie zu schützen. + +Der Fremdling sprach keine Silbe mehr, aber er betrachtete die Alte mit +fragenden Blicken. Ist das auch _dein_ letztes Wort? schien er sagen zu +wollen. Die Lippen der Alten zitterten, und die Worte wollten sich nicht +von ihnen lösen. + +»Wenn der Kaiser seine alte Dienerin geliebt hat, so möge er ihr auch +die Ruhe ihrer letzten Tage gönnen,« sagte die junge Frau. + +Der Fremde zögerte noch, aber plötzlich erhellte sich sein düsteres +Gesicht. »Meine Freunde,« sagte er, »was man auch von Tiberius sagen +mag, es gibt doch eines, was er besser gelernt hat, als andere, und das +ist: verzichten. Ich habe euch nur noch eines zu sagen: Wenn diese alte +Frau, von der wir gesprochen haben, diese Hütte aufsuchen sollte, so +nehmet sie gut auf! Des Kaisers Gunst ruht über jedem, der ihr +beisteht.« + +Er hüllte sich in seinen Mantel und entfernte sich auf demselben Wege, +den er gekommen war. + + +III + +Nach diesem Vorfall sprachen der Winzer und sein Weib nie mehr mit der +alten Frau vom Kaiser. Untereinander wunderten sie sich darüber, daß sie +in ihrem hohen Alter die Kraft gehabt hatte, allem dem Reichtum und der +Macht zu entsagen, an die sie gewohnt war. Ob sie nicht doch bald zu +Tiberius zurückkehren wird? fragten sie sich. Sie liebt ihn sicherlich +noch. In der Hoffnung, daß dies ihn zur Besinnung bringen und ihn +bewegen werde, sich von seiner bösen Handlungsweise zu bekehren, hat sie +ihn verlassen. + +»Ein so alter Mann wie der Kaiser wird niemals mehr ein neues Leben +beginnen,« sagte der Arbeiter. »Wie willst du seine große Verachtung der +Menschen von ihm nehmen? Wer könnte vor ihn hintreten und ihn lehren, +sie zu lieben? Bevor dies geschieht, kann er nicht von seinem Argwohn +und seiner Grausamkeit geheilt werden.« + +»Du weißt, daß es einen gibt, der dies in Wahrheit vermöchte,« sagte die +Frau. »Ich denke oft daran, wie es wäre, wenn diese beiden sich +begegneten. Aber Gottes Wege sind nicht unsre Wege.« + +Die alte Frau schien ihr früheres Leben gar nicht zu entbehren. Nach +einiger Zeit gebar das junge Weib ein Kind, und als die Alte nun dieses +zu pflegen hatte, schien sie so zufrieden zu sein, daß man glauben +konnte, sie hätte alle ihre Sorgen vergessen. + +Jedes halbe Jahr einmal pflegte sie sich in den langen grauen Mantel zu +hüllen und nach Rom hinunterzuwandern. Aber dort suchte sie keine +Menschenseele auf, sondern ging geradewegs zum Forum. Hier blieb sie vor +einem kleinen Tempel stehen, der sich auf der einen Seite des herrlich +geschmückten Platzes erhob. + +Dieser Tempel bestand eigentlich nur aus einem außergewöhnlich großen +Altar, der unter offenem Himmel auf einem marmorgepflasterten Hofe +stand. Auf der Höhe des Altars thronte Fortuna, die Göttin des Glücks, +und an seinem Fuße sah man eine Bildsäule des Tiberius. Rund um den Hof +erhoben sich Gebäude für die Priester, Vorratskammern für Brennholz und +Ställe für die Opfertiere. + +Die Wanderung der alten Faustina erstreckte sich niemals weiter als bis +zu diesem Tempel, den die aufzusuchen pflegten, die um Glück für +Tiberius beten wollten. Wenn sie einen Blick hineingeworfen und gesehen +hatte, daß die Göttin und die Kaiserstatue mit Blumen bekränzt waren, +daß das Opferfeuer loderte und Scharen ehrfürchtiger Anbeter vor dem +Altare versammelt waren, und wenn sie vernommen hatte, daß die leisen +Hymnen der Priester ringsumher erklangen, dann kehrte sie um und begab +sich wieder in die Berge. + +So erfuhr sie, ohne einen Menschen fragen zu müssen, daß Tiberius noch +unter den Lebenden weilte und daß es ihm wohl erging. + +Als sie diese Wanderung zum drittenmal antrat, harrte ihrer eine +Überraschung. Als sie sich dem kleinen Tempel näherte, fand sie ihn +verödet und leer. Kein Feuer flammte vor dem Bilde, und kein einziger +Anbeter war davor zu sehen. Ein paar trockene Kränze hingen noch an der +einen Seite des Altars, aber dies war alles, was von seiner früheren +Herrlichkeit zeugte. Die Priester waren verschwunden, und die +Kaiserstatue, die ohne Hüter dastand, war beschädigt und mit Schmutz +beworfen. + +Die alte Frau wendete sich an den ersten Besten, der vorüberging. »Was +hat dies zu bedeuten?« fragte sie. »Ist Tiberius tot? Haben wir einen +andern Kaiser?« + +»Nein,« antwortete der Römer, »Tiberius ist noch Kaiser, aber wir haben +aufgehört, für ihn zu beten. Unsere Gebete können ihm nicht mehr +frommen.« + +»Mein Freund,« sagte die Alte, »ich wohne weit von hier in den Bergen, +wo man nichts davon erfährt, was sich draußen in der Welt zuträgt. +Willst du mir nicht sagen, welches Unglück den Kaiser getroffen hat?« + +»Das furchtbarste Unglück,« erwiderte der Mann. »Er ist von einer +Krankheit befallen worden, die bisher in Italien unbekannt war, die aber +im Morgenlande häufig sein soll. Seit diese Seuche über den Kaiser +gekommen ist, hat sich sein Gesicht verwandelt, seine Stimme ist wie die +Stimme eines grunzenden Tiers, und seine Zehen und Finger werden +zerfressen. Und gegen diese Krankheit soll es kein Mittel geben. Man +glaubt, daß er in ein paar Wochen tot sein wird, wenn er aber nicht +stirbt, so muß man ihn absetzen, denn ein so kranker, elender Mann kann +nicht weiter regieren. Du begreifst also, daß sein Schicksal besiegelt +ist. Es nützt nichts, die Götter um Glück für ihn anzuflehen. Und es +lohnt sich auch nicht,« fügte er mit leisem Lächeln hinzu. »Niemand hat +von ihm noch etwas zu fürchten oder zu hoffen. Warum sollten wir uns +also um seinetwillen Mühe machen?« + +Er grüßte und ging, doch die Alte blieb wie betäubt stehen. + +Zum erstenmal in ihrem Leben brach sie zusammen und sah aus wie eine, +die das Alter besiegt hat. Sie stand mit gebeugtem Rücken und zitterndem +Kopfe da, und mit Händen, die kraftlos in der Luft tasteten. + +Sie sehnte sich, von dieser Stelle fortzukommen, aber sie hob die Füße +nur langsam und bewegte sich strauchelnd vorwärts. Sie sah sich um, um +etwas zu finden, was sie als Stab gebrauchen könnte. + +Nach einigen Augenblicken gelang es ihr doch, mit ungeheurer +Willensanstrengung die Mattigkeit zurückzudrängen. Sie richtete sich +wieder empor und zwang sich, mit festen Schritten durch die +menschenerfüllten Gassen zu gehen. + + +IV + +Eine Woche später wanderte die alte Faustina die steilen Abhänge der +Insel Capreae hinan. Es war ein heißer Tag, und das furchtbare Gefühl +des Alters und der Mattigkeit überkam sie wieder, während sie die +geschlängelten Pfade und die in die Felsen gehauenen Stufen erklomm, die +zu der Villa des Tiberius führten. + +Dieses Gefühl steigerte sich noch, als sie zu merken anfing, wie sehr +sich alles während der Zeit, die sie fern gewesen war, verändert hatte. +Früher waren immer große Scharen von Menschen diese Treppen hinauf- und +heruntergeeilt. Es hatte hier von Senatoren gewimmelt, die sich von +riesigen Lybiern tragen ließen; von Sendboten aus den Provinzen, die von +langen Sklavenzügen geleitet ankamen; von Stellensuchenden und von +vornehmen Männern, die eingeladen waren, an den Festen des Kaisers +teilzunehmen. + +Aber heute waren diese Treppen und Gänge ganz verödet. Die graugrünen +Eidechsen waren die einzigen lebenden Wesen, die die alte Frau auf ihrem +Wege bemerkte. + +Sie staunte, daß alles bereits zu verfallen schien. Die Krankheit des +Kaisers konnte höchstens ein paar Monate gedauert haben, und doch war +schon Unkraut in den Spalten zwischen den Marmorfliesen emporgewuchert. +Edle Gewächse in schönen Vasen waren schon vertrocknet, und mutwillige +Zerstörer, denen niemand Einhalt getan hatte, hatten an ein paar Stellen +die Balustrade niedergebrochen. + +Aber am allerseltsamsten deuchte sie doch die völlige Menschenleere. +Wenn es auch Fremdlingen verboten war, sich auf der Insel sehen zu +lassen, so mußten sie doch wohl noch da sein, diese unendlichen Scharen +von Kriegsknechten und Sklaven, von Tänzerinnen und Musikanten, von +Köchen und Tafeldeckern, von Palastwachen und Gartenarbeitern, die zum +Haushalt des Kaisers gehörten. + +Erst als Faustina die oberste Terrasse erreichte, erblickte sie ein paar +alte Sklaven, die auf den Treppenstufen vor der Villa saßen. Als sie +sich ihnen näherte, erhoben sie sich und neigten sich vor ihr. + +»Sei gegrüßt, Faustina,« sagte der eine. »Ein Gott schickt dich, um +unser Unglück zu lindern.« + +»Was ist dies, Milo?« fragte Faustina. »Warum ist es hier so öde? Man +hat mir doch gesagt, daß Tiberius noch auf Capreae weile?« + +»Der Kaiser hat alle seine Sklaven vertrieben, weil er den Verdacht +hegt, einer von uns habe ihm vergifteten Wein zu trinken gegeben, und +dies habe die Krankheit hervorgerufen. Er hätte auch mich und Tito +fortgejagt, wenn wir uns nicht geweigert hätten, ihm zu gehorchen. Und +du weißt doch, daß wir unser ganzes Leben lang dem Kaiser und seiner +Mutter gedient haben.« + +»Ich frage nicht nur nach Sklaven,« sagte Faustina. »Wo sind die +Senatoren und Feldherrn? Wo sind des Kaisers Vertraute und alle +schmeichelnden Speichellecker?« + +»Tiberius will sich nicht mehr vor Fremden zeigen,« sagte der Sklave. +»Der Senator Lucius und Macro, der Anführer der Leibwache, kommen jeden +Tag her und nehmen seine Befehle entgegen. Sonst darf sich ihm niemand +nahen.« + +Faustina hatte die Treppe erstiegen, um in das Landhaus einzutreten. Der +Sklave schritt ihr voran, und im Gehen fragte sie ihn: + +»Was sagen die Ärzte über Tiberii Krankheit?« + +»Keiner von ihnen versteht diese Krankheit zu behandeln. Sie wissen +nicht einmal, ob sie rasch oder langsam tötet. Aber eins kann ich dir +sagen, Faustina, daß Tiberius sterben muß, wenn er sich weiter weigert, +Nahrung zu sich zu nehmen, aus Furcht, daß sie vergiftet sein könnte. +Und ich weiß, daß ein kranker Mann es nicht aushalten kann, Tag und +Nacht zu wachen, wie der Kaiser tut, aus Angst, im Schlafe ermordet zu +werden. Wenn er dir vertrauen will wie in frühern Tagen, wird es dir +vielleicht gelingen, ihn zum Essen und Schlafen zu bewegen. Damit kannst +du sein Leben um viele Tage verlängern.« + +Der Sklave führte Faustina durch mehrere Gänge und Höfe zu einer +Terrasse, auf der Tiberius sich aufzuhalten pflegte, um die Aussicht +über die schönen Meeresbuchten und den stolzen Vesuv zu genießen. + +Als Faustina die Terrasse betrat, sah sie dort ein grausiges Wesen mit +aufgeschwollenem Gesicht und tierischen Zügen. Seine Hände und Füße +waren mit weißen Binden umwickelt, aber aus den Banden kamen halb +abgefressene Finger und Zehen hervor. Und die Kleider dieses Menschen +waren staubig und besudelt. Man sah, daß er nicht imstande war, aufrecht +zu gehen, sondern über die Terrasse hatte kriechen müssen. Er lag mit +geschlossenen Augen am äußersten Ende der Balustrade und regte sich +nicht, als der Sklave und Faustina herankamen. Doch Faustina flüsterte +dem Sklaven, der ihr voranschritt, zu: »Aber, Milo, wie kann sich ein +solcher Mensch hier auf der Kaiserterrasse aufhalten? Eile dich, ihn von +hier fortzuschaffen!« + +Aber kaum hatte sie dies gesagt, als sie sah, wie der Sklave sich vor +dem liegenden, elenden Menschen tief zur Erde neigte. + +»Cäsar Tiberius,« sagte er, »endlich habe ich dir frohe Kunde zu +bringen.« + +Zugleich wendete sich der Sklave an Faustina, prallte aber betroffen +zurück und konnte kein Wort mehr hervorbringen. + +Er sah nicht mehr die stolze Matrone, die so stolz ausgesehen hatte, daß +man erwarten konnte, ihr Alter werde dem einer Sibylle gleichkommen. In +diesem Augenblick war sie in kraftloser Greisenhaftigkeit +zusammengesunken, und der Sklave sah ein gebeugtes Mütterchen mit trübem +Blick und tastenden Händen vor sich. + +Denn wohl hatte man Faustina gesagt, daß der Kaiser furchtbar verändert +sei, aber sie hatte doch keinen Augenblick aufgehört, sich ihn als den +kräftigen Mann zu denken, der er gewesen war, als sie ihn das letzte Mal +gesehen hatte. Sie hatte auch jemand sagen hören, daß diese Krankheit +langsam wirke, und daß sie Jahre brauche, um einen Menschen zu +verwandeln. Aber hier war sie mit solcher Heftigkeit vorgeschritten, daß +sie den Kaiser in wenigen Monden schon unkenntlich gemacht hatte. + +Sie wankte auf den Kaiser zu. Sie vermochte nicht zu sprechen, sondern +stand stumm neben ihm und weinte. + +»Bist du endlich gekommen, Faustina?« sagte er, ohne die Augen zu +öffnen. »Ich lag da und wähnte, du stündest hier und weintest über mich. +Ich wage nicht aufzublicken, aus Furcht, daß dies nur ein Trugbild +gewesen sein könnte.« + +Da setzte sich die Alte neben ihn. Sie hob seinen Kopf empor und bettete +ihn in ihren Schoß. + +Aber Tiberius blieb still liegen, ohne sie anzusehen. Ein Gefühl süßen +Friedens erfüllte ihn, und im nächsten Augenblicke versank er in ruhigen +Schlummer. + + +V + +Einige Wochen später wanderte einer der Sklaven des Kaisers der einsamen +Hütte in den Sabiner Bergen zu. Der Abend brach an, und der Winzer und +seine Frau standen in ihrer Tür und sahen die Sonne im fernen Westen +sinken. Der Sklave bog vom Wege ab und kam heran und grüßte sie. Dann +zog er einen schweren Beutel hervor, der ihm im Gürtel stak und legte +ihn dem Manne in die Hand. + +»Dieses schickt dir Faustina, die alte Frau, der du Barmherzigkeit +erwiesen hast,« sagte der Sklave. »Sie läßt dir sagen, du mögest dir für +dieses Geld einen eignen Weinberg kaufen und dir eine Wohnung erbauen, +die nicht so hoch oben in den Lüften liegt, wie die Horste der Adler.« + +»Die alte Faustina lebt also wirklich noch?« sagte der Mann. »Wir haben +sie in Klüften und Sümpfen gesucht. Als sie nicht zu uns zurückkehrte, +glaubte ich, sie hätte in diesen elenden Bergen den Tod gefunden.« + +»Erinnerst du dich nicht,« fiel die Frau ein, »daß ich nicht glauben +wollte, daß sie tot sei? Habe ich dir nicht gesagt, sie würde zum Kaiser +zurückgekehrt sein?« + +»Ja,« gab der Mann zu, »so sagtest du wirklich, und ich freue mich, daß +du recht behalten hast, nicht nur, weil Faustina dadurch reich genug +geworden ist, um uns aus unsrer Armut zu retten, sondern auch um des +armen Kaisers willen.« + +Der Sklave wollte nun sogleich Abschied nehmen, um bewohnte Gegenden zu +erreichen, bevor die Dunkelheit anbräche, aber dies ließen die beiden +Eheleute nicht zu. »Du mußt bis zum Morgen bei uns bleiben,« sagten sie, +»wir können dich nicht ziehen lassen, ehe du uns alles erzählt hast, was +Faustina widerfahren ist. Warum ist sie zum Kaiser zurückgekehrt? Wie +war ihre Begegnung? Sind sie nun glücklich, daß sie wieder vereint +sind?« + +Der Sklave gab ihren Bitten nach. Er trat mit ihnen in die Hütte, und +beim Abendbrot erzählte er von der Krankheit des Kaisers und Faustinas +Rückkehr. + +Als der Sklave seine Erzählung beendet hatte, sah er, wie der Mann und +die Frau regungslos und staunend sitzenblieben. Ihre Blicke waren zu +Boden geschlagen, gleichsam, um die Erregung nicht zu verraten, die sich +ihrer bemächtigt hatte. + +Endlich sah der Mann auf und sagte zu seinem Weibe: »Glaubst du nicht, +daß dies eine Fügung Gottes ist?« + +»Ja,« sagte die Frau, »sicherlich hat uns der Herr um dessentwillen über +das Meer in diese Hütte gesendet. Gewiß war dies seine Absicht, als er +die alte Frau an unsre Tür führte.« + +Sowie die Frau diese Worte gesprochen hatte, wendete sich der Winzer +wieder an den Sklaven. + +»Freund,« sagte er zu ihm. »Du sollst Faustina eine Botschaft von mir +bringen! Sag ihr dies, Wort für Wort! Solches kündet dir dein Freund, +der Winzer aus den Sabiner Bergen. Du hast die junge Frau gesehen, die +mein Weib ist. Schien sie dir nicht hold in Schönheit und blühend in +Gesundheit? Und doch hat diese junge Frau einmal an derselben Krankheit +gelitten, die nun Tiberius befallen hat.« + +Der Sklave machte eine Bewegung des Staunens, aber der Winzer fuhr mit +immer größerm Nachdruck fort. + +»Wenn Faustina sich weigert, meinen Worten Glauben zu schenken, so sag +ihr, daß meine Frau und ich aus Palästina in Asien stammen, einem Lande, +wo diese Krankheit häufig vorkommt. Und dort ist ein Gesetz, daß die +Aussätzigen aus Städten und Dörfern vertrieben werden und auf öden +Plätzen wohnen und ihre Zuflucht in Gräbern und Felsenhöhlen suchen +müssen. Sage Faustina, daß mein Weib von kranken Eltern stammt und in +einer Felsenhöhle geboren wurde. Und solange sie noch ein Kind war, war +sie gesund, aber als sie zur Jungfrau heranwuchs, wurde sie von der +Krankheit befallen.« + +Als der Winzer dies gesagt hatte, neigte der Sklave freundlich lächelnd +das Haupt und sagte zu ihm: »Wie willst du, daß Faustina dies glaube? +Sie hat ja deine Frau in ihrer Gesundheit und Blüte gesehen? Und sie +weiß ja, daß es kein Heilmittel gegen diese Krankheit gibt.« + +Doch der Mann erwiderte: »Es wäre das beste für sie, wenn sie mir +glauben wollte. Aber ich bin auch nicht ohne Zeugen. Sie möge +Kundschafter hinüber nach Nazareth in Galiläa senden. Da wird jeder +Mensch meine Aussage bestätigen!« + +»Ist deine Frau vielleicht durch das Wunderwerk irgendeines Gottes +geheilt worden?« fragte der Sklave. + +»Ja,« antwortete der Arbeiter, »wie du sagst, so ist es. Eines Tages +verbreitete sich das Gerücht unter den Kranken, die in der Wildnis +wohnten: ›Sehet, es ist ein großer Prophet erstanden, in der Stadt +Nazareth in Galiläa. Er ist voll der Kraft von Gottes Geist, und er kann +eure Krankheit heilen, wenn er nur seine Hand auf eure Stirn legt.‹ Aber +die Kranken, die in ihrem Elend lagen, wollten nicht glauben, daß dieses +Gerücht Wahrheit sei. ›Uns kann niemand heilen,‹ sagten sie. ›Seit den +Tagen der großen Propheten hat niemand einen von uns aus seinem Unglück +retten können.‹ + +Aber es war eine unter ihnen, die glaubte, und diese eine war eine +Jungfrau. Sie ging von den andern fort, um den Weg in die Stadt Nazareth +zu suchen, wo der Prophet weilte. Und eines Tages, als sie über weite +Ebnen wanderte, begegnete sie einem Manne, der hochgewachsen war und ein +bleiches Gesicht hatte, und dessen Haar in blanken, schwarzen Locken +lag. Seine dunkeln Augen leuchteten gleich Sternen und zogen sie zu ihm +hin. Aber bevor sie sich noch begegneten, rief sie ihm zu: ›Komm mir +nicht nahe, denn ich bin eine Unreine, aber sage mir, wo kann ich den +Propheten aus Nazareth finden?‹ Aber der Mann fuhr fort, ihr +entgegenzugehen, und als er dicht vor ihr stand, sagte er: – ›Warum +suchest du den Propheten aus Nazareth?‹ – ›Ich suche ihn, auf daß er +seine Hand auf meine Stirn lege und mich von meiner Krankheit heile.‹ Da +trat der Mann heran und legte seine Hand auf ihre Stirn. – Aber sie +sprach zu ihm: ›Was frommt es mir, daß du deine Hand auf meine Stirn +legst? Du bist doch kein Prophet?‹ – Da lächelte er ihr zu und sagte: +›Gehe jetzt zur Stadt, die dort auf dem Bergesabhang liegt und zeige +dich den Priestern.‹ + +Die Kranke dachte bei sich selbst: Er treibt seinen Spott mit mir, weil +ich glaube, daß ich geheilt werden kann. Von ihm kann ich nicht +erfahren, was ich wissen will. Und sie ging weiter. Gleich darauf sah +sie einen Mann, der zur Jagd auszog, über das weite Feld reiten. Als er +ihr so nah gekommen war, daß er sie hören konnte, rief sie ihm zu: +›Komme nicht zu mir her, denn ich bin eine Unreine, aber sage mir, wo +ich den Propheten aus Nazareth finden kann?‹ – ›Was willst du von dem +Propheten?‹ fragte sie der Mann und ritt langsam auf sie zu. – ›Ich will +nur, daß er seine Hand auf meine Stirn lege und mich gesund mache von +meiner Krankheit.‹ Aber der Mann ritt noch näher. – ›Von welcher +Krankheit willst du geheilt werden?‹ sagte er. ›Du bedarfst doch keines +Arztes.‹ – ›Siehst du nicht, daß ich eine Unreine bin?‹ sagte sie. ›Ich +stamme von kranken Eltern und bin in einer Felsenhöhle geboren.‹ Aber +der Mann ließ sich nicht abhalten, auf sie zuzureiten, denn sie war hold +und lieblich, wie eine eben erblühte Blume. – ›Du bist die schönste +Jungfrau im Lande Juda,‹ rief er. – ›Treibe nicht auch du deinen Spott +mit mir,‹ sagte sie. ›Ich weiß, daß meine Züge zerfressen sind und meine +Stimme wie das Heulen eines wilden Tieres klingt.‹ Aber er sah ihr tief +in die Augen und sprach zu ihr: ›Deine Stimme ist klingend wie die +Stimme des Frühlingsbächleins, wenn es über Kieselsteine rieselt, und +dein Gesicht ist glatt wie ein Tuch aus weicher Seide.‹ + +Zugleich ritt er so nahe an sie heran, daß sie ihr Gesicht in den +blanken Beschlägen sehen konnte, die seinen Sattel zierten. ›Du sollst +dich hier spiegeln,‹ sagte er. Sie tat es, und sie sah ein Gesicht, das +zart und weich war, wie ein eben entfalteter Schmetterlingsflügel. – +›Was ist dies, was ich sehe?‹ sagte sie. ›Das ist nicht mein Gesicht.‹ +›Doch, es ist dein Gesicht,‹ sagte der Reiter. – ›Aber meine Stimme, +klingt sie nicht röchelnd? Klingt sie nicht, wie wenn Wagen über einen +steinigen Weg gezogen werden?‹ – ›Nein, sie klingt wie die süßesten +Weisen eines Harfenspielers,‹ sagte der Reiter. + +Sie wendete sich und wies über den Weg. ›Weißt du, wer der Mann ist, der +eben jetzt zwischen den zwei Eichen verschwindet?‹ fragte sie den +Reiter. ›Er ist es, nach dem du vorhin fragtest, der Prophet aus +Nazareth,‹ sagte der Mann. Da schlug sie staunend die Hände zusammen, +und ihre Augen füllten sich mit Tränen. ›Oh, du Heiliger! Oh, du Träger +von Gottes Macht!‹ rief sie. ›Du hast mich geheilt!‹ + +Aber der Reiter hob sie in den Sattel und führte sie zu der Stadt auf +dem Bergesabhang und ging mit ihr zu den Ältesten und Priestern und +berichtete ihnen, wie er sie gefunden hatte. Sie befragten ihn genau +nach allem, aber als sie hörten, daß die Jungfrau in der Wildnis von +kranken Eltern geboren war, da wollten sie nicht glauben, daß sie +geheilt sei. ›Gehe dorthin zurück, von wannen du gekommen bist,‹ sagten +sie. ›Wenn du krank warst, mußt du es dein ganzes Leben lang bleiben. Du +sollst nicht hierher in die Stadt kommen, um uns andre mit deiner +Krankheit anzustecken!‹ + +Sie sagte zu ihnen: ›Ich weiß, daß ich gesund bin, denn der Prophet aus +Nazareth hat seine Hand auf meine Stirn gelegt.‹ + +Als sie dies hörten, riefen sie: ›Wer ist er, daß er die Unreinen rein +machen könnte? Alles dies ist ein Blendwerk böser Geister. Kehre zurück +zu den Deinen, auf daß du nicht uns alle ins Verderben stürzest!‹ + +Sie wollten sie nicht für geheilt erklären, und sie verboten ihr, in der +Stadt zu verweilen. Sie verordneten, daß jeglicher, der ihr Schutz +gewähre, gleichfalls als unrein erklärt werde. + +Als die Priester dieses Urteil gefällt hatten, sagte die junge Jungfrau +zu dem Manne, der sie draußen auf dem Felde gefunden hatte: ›Wohin soll +ich mich wenden? Muß ich zurück in die Wildnis zu den Kranken gehen?‹ + +Aber der Mann hob sie wieder auf sein Pferd und sprach zu ihr: ›Nein +wahrlich, du sollst nicht zu den Kranken in ihre Felshöhlen gehen, +sondern wir beide wollen fortziehen, über das Meer in ein andres Land, +wo es nicht Gesetze gibt für Reine und Unreine.‹ Und sie – – –« + +Aber als der Winzer in seiner Erzählung so weit gekommen war, erhob sich +der Sklave und fiel ihm in die Rede. »Du brauchst mir nichts mehr zu +erzählen,« sagte er. »Stehe lieber auf und führe mich ein Stück Weges, +du, der die Berge kennt, damit ich noch in dieser Nacht meine Heimfahrt +antreten kann und nicht bis zum Morgen zu warten brauche. Der Kaiser und +Faustina können deine Nachrichten nicht einen Augenblick zu früh +erfahren.« + +Als der Winzer dem Sklaven das Geleit gegeben hatte und wieder in die +Hütte heimkam, fand er seine Frau noch wach. + +»Ich kann nicht schlafen,« sagte sie, »ich denke daran, daß diese beiden +sich begegnen werden. Er, der alle Menschen liebt, und er, der sie haßt. +Es ist, als müßte diese Begegnung die Welt aus ihrer Bahn schleudern.« + + +VI + +Die alte Faustina war in dem fernen Palästina, auf dem Wege nach +Jerusalem. Sie hatte nicht gewollt, daß der Auftrag, den Propheten zu +suchen und ihn zum Kaiser zu führen, einem andern als ihr anvertraut +werde. Sicherlich hatte sie bei sich selbst gedacht: Was wir von diesem +fremden Manne verlangen, ist etwas, was wir ihm weder durch Gewalt noch +durch Gaben entlocken können. Aber vielleicht gewährt er es uns, wenn +jemand ihm zu Füßen fällt und ihm sagt, in welcher Not sich der Kaiser +befindet. Und wer kann die rechte Fürbitte für Tiberius tun, wenn nicht +die, die unter seinem Unglück ebenso schwer leidet wie er selbst. + +Die Hoffnung, Tiberius vielleicht retten zu können, hatte die alte Frau +verjüngt. Ohne Schwierigkeit hatte sie die lange Seereise nach Joppe +überstanden, und auf der Fahrt nach Jerusalem bediente sie sich nicht +eines Tragsessels, sondern sie ritt. Sie schien die beschwerliche Reise +ebenso leicht zu ertragen, wie die edeln Römer, die Krieger und die +Sklaven, die ihr Gefolge bildeten. + +Diese Fahrt von Joppe nach Jerusalem erfüllte das Herz der alten Frau +mit Freude und lichter Hoffnung. Es war die Zeit des Frühlings, und die +Ebene von Saron, die sie auf der ersten Tagesreise durchritten hatten, +war ein einziger leuchtender Blumenteppich gewesen. Auch auf der Fahrt +des zweiten Tages, als sie in die Berge von Judäa eindrangen, verließen +die Blumen sie nicht. Alle die vielförmigen Hügel, zwischen denen der +Weg sich durchschlängelte, waren mit Obstbäumen bepflanzt, die in +reichster Blüte standen. Und wenn die Reisenden es müde wurden, die +weißrosigen Blüten der Aprikosen und Pfirsichbäume zu betrachten, +konnten sie ihre Augen erquicken, indem sie sie auf dem jungen Weinlaub +ruhen ließen, das aus den schwarzbraunen Reben hervorquoll und dessen +Wachstum so rasch war, daß man es mit den Augen verfolgen zu können +meinte. + +Aber nicht nur Blumen und Frühlingsgrün machten die Wanderung lieblich. +Der größte Reiz wurde ihr von allen den Menschenscharen verliehen, die +an diesem Morgen auf dem Wege nach Jerusalem waren. Von allen Wegen und +Stegen, von einsamen Höhen und aus den fernsten Winkeln der Ebene kamen +Wandrer. Wenn sie die Straße nach Jerusalem erreicht hatten, schlossen +sich die einzelnen Reisenden zu großen Scharen zusammen und zogen unter +frohem Jubel dahin. Rings um einen alten Mann, der auf einem +schaukelnden Kamele ritt, gingen seine Söhne und Töchter, seine Eidame +und Schwiegertöchter, und alle seine Enkelkinder. Es war ein so großes +Geschlecht, daß es ein ganzes kleines Heer bildete. Eine alte Mutter, +die zu schwach war, um zu gehen, hatten die Söhne auf ihre Arme gehoben, +und sie ließ sich stolz durch die ehrfürchtig zur Seite weichenden +Scharen tragen + +Das war in Wahrheit ein Morgen, der selbst den Betrübtesten mit Freude +erfüllen konnte. Der Himmel war freilich nicht klar, sondern mit einer +dünnen weißgrauen Wolkenschicht überzogen, aber keinem der Wandrer kam +es in den Sinn, sich zu beklagen, daß der harte Glanz der Sonne gedämpft +war. Unter diesem verschleierten Himmel strömten die Wohlgerüche der +blühenden Bäume und des jungen Laubes nicht so rasch wie sonst in den +weiten Raum, sondern sie verweilten über Wegen und Fluren. Und dieser +schöne Tag, der mit seinem schwachen Licht und seinen reglosen Winden an +die Ruhe und den Frieden der Nacht gemahnte, schien allen den +vorwärtseilenden Menschenscharen etwas von seinem Wesen mitzuteilen, so +daß sie fröhlich, aber doch weihevoll weiterzogen, mit gedämpfter Stimme +uralte Hymnen singend, oder auf seltsamen, altertümlichen Instrumenten +spielend, aus denen Töne kamen, die gleich dem Summen der Mücken oder +dem Zirpen der Heimchen waren. + +Wie die alte Faustina zwischen allen diesen Menschen dahinritt, wurde +auch sie von ihrem Eifer und ihrer Freude mitgerissen. Sie trieb ihren +Zelter zu größerer Eile, während sie zu einem jungen Römer, der sich an +ihrer Seite hielt, sagte: »Mir träumte heute nacht, daß ich Tiberius +sähe und er mich bäte, die Reise ja nicht aufzuschieben, sondern gerade +heute nach Jerusalem zu ziehen. Mich dünkt, die Götter wollten mir eine +Mahnung schicken, es nicht zu verabsäumen, an diesem schönen Morgen +hinzuwandern.« + +Als sie diese Worte sprach, hatten sie gerade die höchste Höhe eines +langgestreckten Bergrückens erreicht, und dort hielt sie unwillkürlich +an. Vor ihr lag ein großer, tiefer Talkessel, von schönen Anhöhen +umkränzt, und aus der dunkeln, schattigen Tiefe dieses Tales hob sich +der gewaltige Fels, der auf seinem Gipfel die Stadt Jerusalem trug. + +Aber das enge Bergstädtchen, das mit seinen Mauern und Türmen, einem +krönenden Geschmeide gleich, auf der flachen Höhe des Felsens lag, war +an diesem Tage tausendfältig vergrößert. Alle die rings um das Tal +ansteigenden Höhen waren von bunten Zelten und einem Gewühl von Menschen +bedeckt. + +Es wurde Faustina klar, daß die ganze Bevölkerung des Landes sich in +Jerusalem sammelte, um irgendein großes Fest zu feiern. Die entfernter +Wohnenden waren schon angelangt und hatten ihre Zelte aufgeschlagen. Die +hingegen in der Nachbarschaft der Stadt wohnten, waren noch im Anzuge. +Alle die lichten Bergeshöhen hinunter sah man sie kommen, gleich einem +ununterbrochenen Strome von weißen Gewändern, Gesängen und Festesfreude. + +Lange überschaute die alte Frau diese heranströmenden Menschenmengen und +die langen Zeltreihen. Dann sagte sie zu dem jungen Römer, der an ihrer +Seite ritt: + +»Wahrlich, Sulpicius, das ganze Volk muß nach Jerusalem gekommen sein.« + +»Es ist in Wirklichkeit so,« antwortete der Römer, der von Tiberius +ausersehen worden war, Faustina zu geleiten, weil er mehrere Jahre lang +in Judäa gelebt hatte. »Sie feiern jetzt das große Frühlingsfest, und da +ziehen alle Menschen, jung und alt, nach Jerusalem.« + +Faustina besann sich keinen Augenblick. »Ich freue mich, daß wir an dem +Tage in diese Stadt gekommen sind, wo das Volk seinen Feiertag begeht,« +sagte sie. »Dies kann nichts andres bedeuten, als daß die Götter unsere +Fahrt beschützen. Hältst du es nicht für wahrscheinlich, daß er, den wir +suchen, der Prophet aus Nazareth, auch nach Jerusalem gekommen ist, um +an dem Feste teilzunehmen?« + +»Du hast wirklich recht, Faustina,« sagte der Römer. »Er ist vermutlich +hier in Jerusalem. Dies ist in Wahrheit eine Fügung der Götter. So stark +und kräftig du auch bist, du kannst dich doch glücklich preisen, wenn du +nicht die lange, beschwerliche Reise nach Galiläa hinauf machen mußt.« + +Er ritt sogleich auf ein paar Wandrer zu, die eben vorbeizogen und +fragte sie, ob sie glaubten, daß der Prophet aus Nazareth sich in +Jerusalem befinde. + +»Wir haben ihn jedes Jahr um diese Zeit dort gesehen,« antwortete einer +der Wandersleute. »Sicherlich ist er auch dieses Jahr gekommen, denn er +ist ein frommer und gerechter Mann.« + +Eine Frau streckte die Hand aus und wies auf eine Höhe, die östlich von +der Stadt lag. »Siehst du diesen Bergabhang, der mit Olivenbäumen +bewachsen ist?« sagte sie. »Dort pflegen die Galiläer ihre Zelte +aufzuschlagen, und da erhältst du die sichersten Nachrichten über den, +den du suchst.« + +Sie zogen weiter, einen geschlängelten Pfad bis in die Tiefe des Tales +hinunter und begannen dann, den Berg Zion emporzureiten, um die Stadt +auf seinem Gipfel zu erreichen. + +Der steil ansteigende Weg war hier von niedrigen Mauern umsäumt, und auf +ihnen saßen und lagen eine unzählige Menge Bettler und Krüppel, die die +Barmherzigkeit der Reisenden anriefen. + +Während der langsamen Fahrt kam eine der jüdischen Frauen auf Faustina +zu. »Sieh dort,« sagte sie und wies auf einen Bettler, der auf der Mauer +saß, »dies ist ein galiläischer Mann. Ich erinnere mich, ihn unter den +Jüngern des Propheten gesehen zu haben. Er kann dir sagen, wo der zu +finden ist, den du suchst.« + +Faustina ritt mit Sulpicius auf den Mann zu, den man ihr gezeigt hatte. +Es war ein armer alter Mann mit großem, graugesprenkeltem Barte. Sein +Gesicht war von Hitze und Sonnenschein gebräunt, und seine Hände waren +schwielig von der Arbeit. Er begehrte keine Almosen, sondern schien im +Gegenteil so tief in kummervolle Gedanken versunken zu sein, daß er +nicht einmal zu den Vorüberziehenden aufsah. + +Er hörte auch nicht, daß Sulpicius ihn ansprach, sondern dieser mußte +seine Frage ein paarmal wiederholen. + +»Mein Freund, man hat mir gesagt, daß du ein Galiläer seist. Ich bitte +dich, sage mir, wo kann ich den Propheten aus Nazareth finden?« + +Der Galiläer fuhr heftig zusammen und sah sich verwirrt um. Aber als er +endlich begriff, was man von ihm verlangte, geriet er in einen Zorn, in +den sich Entsetzen mischte. »Was sagst du da?« brach er los. »Warum +fragst du mich nach dem Manne? Ich weiß nichts von ihm. Ich bin kein +Galiläer.« + +Die jüdische Frau mischte sich jetzt ins Gespräch. »Ich habe dich doch +mit ihm gesehen,« fiel sie ein. »Hege keine Furcht, sondern sage dieser +vornehmen Römerin, die die Freundin des Kaisers ist, wo sie ihn schnell +finden kann.« + +Aber der erschrockene Jäger wurde immer erbitterter. »Sind heute alle +Menschen wahnsinnig geworden?« rief er. »Sind sie von einem bösen Geiste +besessen, da sie einer um den andern kommen und mich nach diesem Manne +fragen? Warum will mir niemand glauben, wenn ich sage, daß ich den +Propheten nicht kenne? Ich bin nicht aus seinem Lande gekommen. Ich habe +ihn niemals gesehen.« + +Seine Heftigkeit zog die Aufmerksamkeit auf ihn, und ein paar Bettler, +die neben ihm auf der Mauer saßen, begannen gleichfalls seine Worte zu +bestreiten. + +»Freilich hast du zu seinen Jüngern gehört,« sagten sie. »Wir wissen +alle, daß du mit ihm aus Galiläa gekommen bist.« + +Aber der Mann streckte beide Arme zum Himmel empor und rief: »Ich habe +es heute in Jerusalem nicht aushalten können um dieses Mannes willen, +und jetzt lassen sie mich nicht einmal hier draußen unter den Bettlern +in Frieden. Warum wollt ihr mir nicht glauben, wenn ich euch sage, daß +ich ihn nie gesehen habe?« + +Faustina wendete sich mit einem Achselzucken ab. »Laß uns weiterziehen,« +sagte sie. »Dieser Mann ist ja wahnsinnig. Von ihm können wir nichts +erfahren.« + +Sie zogen weiter, den Bergeshang hinauf. Faustina war nicht mehr als +zwei Schritte vom Stadttor entfernt, als die israelitische Frau, die ihr +hatte helfen wollen, den Propheten zu finden, ihr zurief, sie solle sich +in acht nehmen. Sie zog die Zügel an und sah, daß dicht vor den Füßen +der Pferde ein Mann auf dem Wege lag. Wie er da im Staube ausgestreckt +lag, gerade da, wo das Gedränge am lebhaftesten wogte, mußte man es ein +Wunder nennen, daß er nicht schon von Tieren oder Menschen +niedergetreten war. + +Der Mann lag auf dem Rücken und starrte mit erloschenen, glanzlosen +Blicken empor. Er regte sich nicht, obgleich die Kamele ihre schweren +Füße dicht neben ihm niedersetzten. Er war ärmlich gekleidet und +überdies mit Staub und Erde besudelt. Ja, er hatte so viel Sand über +sich geschüttet, daß er aussah, als suche er sich zu verbergen, um +leichter überritten oder niedergetreten zu werden. + +»Was ist dies? Warum liegt dieser Mann hier auf dem Wege?« fragte +Faustina. + +In demselben Augenblicke begann der Liegende die Vorübergehenden +anzurufen. »Bei eurer Barmherzigkeit, Brüder und Schwestern, führet eure +Pferde und Lasttiere über mich hin! Weichet mir nicht aus! Zertretet +mich zu Staub! Ich habe unschuldig Blut verraten. Zertretet mich zu +Staub!« + +Sulpicius faßte Faustinas Pferd am Zügel und führte es zur Seite. »Das +ist ein Sünder, der Buße tun will,« sagte er. »Lasse dich dadurch nicht +aufhalten. Diese Leute sind wunderlich, und man muß sie ihre eignen Wege +gehen lassen.« + +Der Mann auf dem Wege fuhr fort zu rufen: »Setzet eure Fersen auf mein +Herz! Lasset die Kamele meine Brust zertreten und den Esel seine Hufe in +meine Augen versenken!« + +Aber Faustina brachte es nicht über sich, an diesem Elenden +vorbeizureiten, ohne zu versuchen, ob sie ihn nicht bewegen könnte, +aufzusehen. Sie hielt noch immer neben ihm. + +Die israelitische Frau, die ihr schon einmal hatte dienen wollen, +drängte sich jetzt wieder an sie heran. »Dieser Mann hat auch zu den +Jüngern des Propheten gehört,« sagte sie. »Willst du, daß ich ihn nach +seinem Meister frage?« + +Faustina nickte, und die Frau beugte sich über den Liegenden. + +»Was habt ihr Galiläer an diesem Tage mit euerm Meister gemacht?« fragte +sie. »Ich treffe euch zerstreut auf Wegen und Stegen, aber ihn sehe ich +nirgends.« + +Aber als sie so fragte, richtete sich der Mann, der im Straßenstaube +lag, auf seine Knie empor. »Was für ein böser Geist hat dir eingegeben, +mich nach ihm zu fragen?« sagte er mit einer Stimme, die voll +Verzweiflung war. »Du siehst ja, daß ich mich in den Straßenstaub +geworfen habe, um zertreten zu werden. Ist dir das nicht genug? Mußt du +noch kommen und mich fragen, was ich mit ihm angefangen habe?« + +»Ich verstehe nicht, was du mir vorwirfst,« sagte die Frau. »Ich wollte +ja nur wissen, wo dein Meister ist.« + +Als sie die Frage wiederholte, sprang der Mann auf und steckte beide +Zeigefinger in die Ohren. + +»Wehe dir, daß du mich nicht in Frieden sterben lassen kannst,« rief er. +Er bahnte sich einen Weg durch das Volk, das sich vor dem Tore drängte, +und stürzte, vor Entsetzen brüllend, von dannen, während seine +zerfetzten Kleider ihn gleich dunkeln Flügeln umflatterten. + +»Es will mich bedünken, daß wir zu einem Volke von Narren gekommen +sind,« sagte Faustina, als sie den Mann fliehen sah. Sie war durch den +Anblick der Schüler des Propheten ganz niedergeschlagen. Konnte ein +Mann, der solche Tollhäusler zu seinen Begleitern zählte, imstande sein, +etwas für den Kaiser zu tun? + +Auch die israelitische Frau schaute betrübt drein, und sie sprach mit +großem Ernste zu Faustina: »Herrscherin, zögere nicht, den aufzusuchen, +den du finden willst. Ich fürchte, es ist ihm etwas Böses zugestoßen, da +seine Jünger so von Sinnen sind und es nicht ertragen, von ihm reden zu +hören.« + +Faustina und ihr Gefolge ritten endlich durch die Torwölbung und kamen +in enge, dunkle Gassen, die von Menschen wimmelten. Es erschien beinahe +unmöglich, durch die Stadt zu kommen. Einmal ums andere mußten die +Reiter haltmachen. Vergebens suchten Sklaven und Kriegsknechte einen Weg +zu bahnen. Die Menschen hörten nicht auf, sich in einem dichten und +unaufhaltsamen Strome vorbeizuwälzen. + +»Wahrlich,« sagte die alte Frau zu Sulpicius, »Roms Straßen sind stille +Lustgärten im Vergleiche zu diesen Gassen.« + +Sulpicius sah bald, daß fast unübersteigliche Schwierigkeiten ihrer +harrten. + +»In diesen überfüllten Gassen ist es beinahe leichter zu gehen als zu +reiten,« sagte er. »Wenn du nicht allzu müde bist, würde ich dir raten, +zu Fuße zum Palaste des Landpflegers zu gehen. Er liegt freilich weit +weg, aber wenn wir hinreiten wollen, kommen wir sicherlich nicht vor +Mitternacht ans Ziel.« + +Faustina ging sogleich auf den Vorschlag ein. Sie stieg vom Pferde und +überließ es der Obhut eines Sklaven. Dann begannen die reisenden Römer +die Stadt zu Fuß zu durchwandern. + +Dies gelang ihnen weit besser. Sie drangen ziemlich rasch bis zum Herzen +der Stadt vor, und Sulpicius zeigte Faustina gerade eine halbwegs breite +Straße, die sie bald erreichen mußten. + +»Sieh dort, Faustina,« sagte er, »wenn wir erst in dieser Straße sind, +sind wir bald am Ziele. Sie führt uns geradeswegs zu unserer Herberge.« + +Aber als sie eben in diese Straße einbiegen wollten, begegnete ihnen das +größte Hindernis. + +Es begab sich, daß in demselben Augenblick, wo Faustina die Straße +erreichte, die sich vom Palaste des Landpflegers zur Pforte der +Gerechtigkeit und nach Golgatha erstreckte, ein Gefangener vorbeigeführt +wurde, der gekreuzigt werden sollte. + +Ihm voran eilte eine Schar junger, wilder Menschen, die die Hinrichtung +mit ansehen wollten. Sie jagten in ungestümem Laufe durch die Straße, +streckten die Arme verzückt in die Höhe und stießen ein unverständliches +Geheul aus, in ihrer Freude, etwas zu schauen, was sie nicht alle Tage +zu sehen bekamen. + +Nach ihnen kamen Scharen von Menschen in schleppenden Gewändern, die zu +den Ersten und Vornehmsten der Stadt zu gehören schienen. Hinter denen +wanderten Frauen, von denen viele tränenüberströmte Gesichter hatten. +Eine Anzahl Arme und Krüppel schritten vorbei und stießen Schreie aus, +die in die Ohren gellten. + +»O Gott!« riefen sie, »rette ihn! Sende deinen Engel und rette ihn! +Schicke einen Helfer in seiner äußersten Not!« + +Endlich kamen ein paar römische Kriegsknechte auf großen Pferden. Sie +wachten darüber, daß niemand aus dem Volke zu dem Gefangenen hinstürze +oder ihn zu befreien versuche. + +Gleich hinter ihnen schritten die Henkersknechte, die den Mann, der +gekreuzigt werden sollte, zu führen hatten. Sie hatten ihm ein großes, +schweres Kreuz aus Holz über die Schulter gelegt, aber er war zu schwach +für diese Bürde. Sie drückte ihn, daß sein Körper ganz zu Boden gebeugt +wurde. Er hielt den Kopf so tief gesenkt, daß niemand sein Gesicht sehen +konnte. + +Faustina stand in der Mündung des kleinen Nebengäßchens und sah die +schwere Wanderung des Todgeweihten an. Mit Staunen gewahrte sie, daß er +einen Purpurmantel trug und daß eine Dornenkrone auf sein Haupt gedrückt +war. + +»Wer ist dieser Mann?« fragte sie. + +Einer der Umstehenden erwiderte: »Das ist einer, der sich zum Kaiser +machen wollte.« + +»Dann muß er den Tod um einer Sache willen leiden, die wenig +erstrebenswert ist,« sagte die alte Frau wehmütig. + +Der Verurteilte wankte unter dem Kreuze. Immer langsamer schritt er +vorwärts. Die Henkersknechte hatten einen Strick um seinen Leib +geschlungen, und sie begannen daran zu ziehen, um ihn zu größerer Eile +anzutreiben. Aber als sie an dem Stricke zogen, fiel der Mann hin und +blieb mit dem Kreuze über sich liegen. + +Da entstand ein großer Aufruhr. Die römischen Reiter hatten die größte +Mühe, das Volk zurückzuhalten. Sie zückten ihre Schwerter gegen ein paar +Frauen, die herbeieilten und den Gefallenen aufzurichten bemüht waren. +Die Henkersknechte suchten ihn durch Schläge und Stöße zu zwingen, daß +er aufstehe, allein er vermochte es nicht, wegen des Kreuzes. Endlich +ergriffen ein paar von ihnen das Kreuz, um es fortzuheben. + +Da richtete er das Haupt empor, und die alte Faustina konnte sein +Gesicht sehen. Die Wangen trugen Striemen von Schlägen, und von seiner +Stirn, die die Dornenkrone verwundet hatte, perlten ein paar +Bluttropfen. Das Haar hing in wirren Büscheln, klebrig von Schweiß und +Blut. Sein Mund war hart geschlossen, aber seine Lippen zitterten, als +kämpften sie, um einen Schrei zurückzudrängen. Die Augen starrten +tränenvoll und beinahe erloschen vor Qual und Mattigkeit. + +Aber hinter dem Gesichte dieses halbtoten Menschen sah die Alte +gleichsam in einer Vision ein schönes und bleiches Gesicht mit +herrlichen, majestätischen Augen und milden Zügen, und sie ward +plötzlich von Trauer und Rührung über das Unglück und die Erniedrigung +dieses fremden Mannes ergriffen. + +»O du armer Mensch, was hat man dir getan?« rief sie und trat ihm einen +Schritt entgegen, während ihre Augen sich mit Tränen füllten. Sie vergaß +ihre eigene Sorge und Unruhe über dieses gequälten Menschen Not. Ihr +war, als müßte ihr Herz vor Mitleid zerspringen. Sie wollte gleich den +andern Frauen hineilen, um ihn den Schergen zu entreißen. + +Der Gefangene sah, wie sie auf ihn zukam, und er kroch näher an sie +heran. Es war, als erwarte er bei ihr Schutz gegen alle zu finden, die +ihn verfolgten und quälten. Er umfaßte ihre Knie. Er schmiegte sich an +sie wie ein Kind, das sich zu seiner Mutter rettet. + +Die Alte beugte sich über ihn, und während ihre Tränen strömten, fühlte +sie die seligste Freude darüber, daß er gekommen war und bei ihr Schutz +gesucht hatte. Sie legte ihren Arm um seinen Hals, und so wie eine +Mutter zu allererst die Tränen aus den Augen des Kindes trocknet, so +legte sie ihr Schweißtuch aus kühlem, feinem Linnen auf sein Gesicht, um +die Tränen und das Blut fortzuwischen. + +Aber in diesem Augenblick waren die Henkersknechte mit dem Heben des +Kreuzes fertig. Sie kamen und rissen den Gefangenen mit sich. Ungeduldig +wegen des Aufenthalts, schleppten sie ihn in wilder Hast fort. Der +Todgeweihte stöhnte auf, als er von der Freistatt fortgeführt wurde, die +er gefunden hatte; aber er leistete keinen Widerstand. + +Jedoch Faustina umklammerte ihn, um ihn zurückzuhalten, und als ihre +schwachen, alten Hände nichts vermochten und sie ihn fortführen sah, war +es ihr, als hätte ihr jemand ihr eigenes Kind entrissen, und sie rief: +»Nein, nein! Nehmt ihn mir nicht! Er darf nicht sterben! Er darf nicht!« + +Sie empfand den furchtbarsten Schmerz und Groll, weil man ihn +fortführte. Sie wollte ihm nacheilen. Sie wollte mit den Schergen +kämpfen und ihn ihnen entreißen. + +Aber bei dem ersten Schritte, den sie machte, wurde sie von Schwindel +und Ohnmacht befallen. Sulpicius beeilte sich, seinen Arm um sie zu +legen, um sie vor dem Fallen zu bewahren. + +Auf der einen Seite der Gasse sah er einen kleinen, dunkeln Laden, und +dort hinein trug er sie. Da war weder Stuhl noch Bank, aber der Kaufmann +war ein barmherziger Mann. Er schleppte eine Matte herbei und bereitete +der Alten ein Lager auf dem Steinboden. + +Sie war nicht besinnungslos, aber ein so starker Schwindel hatte sie +befallen, daß sie sich nicht aufrecht halten konnte, sondern sich +niederlegen mußte. + +»Sie hat heute eine lange Wanderung hinter sich, und der Lärm und das +Gedränge in der Stadt sind ihr zu viel geworden,« sagte Sulpicius zu dem +Kaufmanne. »Sie ist sehr alt, und keiner ist so stark, daß das Alter ihn +nicht schließlich niederwerfen könnte.« + +»Dies ist auch für jemand, der nicht alt ist, ein schwerer Tag,« sagte +der Kaufmann. »Die Luft ist fast zu drückend beim Atmen. Es sollte mich +nicht Wunder nehmen, wenn wir ein schweres Unwetter bekämen.« + +Sulpicius beugte sich über die Alte. Sie war eingeschlummert und +schlief, mit ruhigen, regelmäßigen Atemzügen nach der Ermüdung und der +Gemütsbewegung. + +Er ging und stellte sich in die Ladentür, um die Volksmenge zu +beobachten, während er auf ihr Erwachen wartete. + + +VII + +Der römische Landpfleger in Jerusalem hatte eine junge Frau, und in der +Nacht vor dem Tage, an dem Faustina in die Stadt einzog, lag die und +träumte. + +Sie träumte, daß sie auf dem Dache ihres Hauses stünde und auf den +großen, schönen Hofplan niedersähe, der nach der Sitte des Morgenlandes +mit Marmor ausgelegt und mit edeln Gewächsen bepflanzt war. + +Aber auf dem Hofe sah sie alle Kranken und Blinden und Lahmen +versammelt, die es auf der Welt gab. Sie sah die Pestkranken vor sich, +mit beulengeschwollenen Körpern, die Aussätzigen mit zerfressenen +Gesichtern, die Lahmen, die sich nicht zu rühren vermochten, sondern +hilflos auf der Erde lagen, und alle Elenden, die sich in Qualen und +Schmerzen krümmten. + +Und sie drängten sich alle zum Eingange, um in das Haus zu kommen, und +einige der Vordersten klopften mit harten Schlägen an die Tür des +Palastes. + +Endlich sah sie, daß ein Sklave die Türe öffnete und auf die Schwelle +trat, und sie hörte, wie er fragte, was sie wollten. + +Da antworteten sie ihm und sprachen: »Wir suchen den großen Propheten, +den Gott auf die Erde gesandt hat. Wo ist der Prophet aus Nazareth, er, +der aller Qualen Herr ist? Wo ist er, der uns von allen unsern Leiden +erlösen kann?« + +Da antwortete der Sklave in stolzem, gleichgültigem Tone, so wie +Palastdiener zu tun pflegen, wenn sie arme Fremdlinge abweisen. + +»Es hilft euch nichts, nach dem großen Propheten zu suchen. Pilatus hat +ihn getötet.« + +Da erhob sich unter allen den Kranken ein Trauern und Jammern und +Zähneknirschen, so daß sie nicht ertragen konnte, es zu hören. Ihr Herz +wurde von Mitleid zerrissen, und Tränen strömten aus ihren Augen. Aber +wie sie so zu weinen anfing, war sie erwacht. + +Wieder war sie eingeschlummert und wieder träumte sie, daß sie auf dem +Dache ihres Hauses stünde und auf den großen Hof hinabsähe, der so weit +war wie ein Marktplatz. + +Und siehe da, der Hof war voll von allen Menschen, die wahnsinnig und +toll waren und von bösen Geistern besessen. Und sie sah solche, die +nackt waren und solche, die sich in ihr langes Haar hüllten, und solche, +die sich Kronen aus Stroh geflochten hatten und Mäntel aus Gras, und +sich für Könige hielten, und solche, die auf dem Boden krochen und Tiere +zu sein wähnten, und solche, die beständig über einen Kummer weinten, +den sie nicht zu nennen vermochten, und solche, die schwere Steine +heranschleppten, die sie für Gold ausgaben, und solche, die glaubten, +daß die bösen Dämonen aus ihrem Munde sprächen. + +Sie sah, wie alle diese Leute sich zum Tore des Palastes drängten; und +die zuvorderst standen, klopften und pochten, um Einlaß zu finden. + +Endlich tat sich die Tür auf, und ein Sklave trat auf die Schwelle und +fragte sie: »Was ist euer Begehr?« + +Da begannen sie alle zu rufen und zu sagen: »Wo ist der große Prophet +aus Nazareth, er, der von Gott gesandt ist und der unsere Seele und +unsere Vernunft wiedergeben soll?« + +Sie hörte, wie der Sklave ihnen im gleichgültigsten Tone antwortete: + +»Es führt zu nichts, daß ihr nach dem großen Propheten sucht. Pilatus +hat ihn getötet.« + +Als dies Wort gesprochen war, stießen alle die Wahnsinnigen einen Schrei +aus, der dem Brüllen wilder Tiere gleich war, und in ihrer Verzweiflung +begannen sie, sich selbst zu zerfleischen, daß das Blut auf die Steine +floß. Und da sie, die träumte, all ihr Elend sah, begann sie die Hände +zu ringen und zu jammern. Und ihr eigener Jammer hatte sie aufgeweckt. + +Aber wieder war sie eingeschlummert, und wieder befand sie sich im +Traume auf dem Dache ihres Hauses. Und rings um sie her saßen ihre +Sklavinnen, die ihr auf der Zimbel und der Laute vorspielten, und die +Mandelbäume streuten ihre weißen Blütenblätter über sie hin, und die +Blumen der Kletterrosen dufteten. + +Während sie da saß, sprach eine Stimme zu ihr: »Geh zu der Balustrade, +die dein Dach umgibt, und sieh hinunter auf deinen Hof.« + +Aber im Traume weigerte sie sich und sagte: »Ich will nicht noch mehr +von jenen sehen, die sich heute nacht auf meinem Hofe drängen.« + +In demselben Augenblick hörte sie von dort ein Rasseln von Ketten und +ein Pochen schwerer Hämmer und ein Klopfen von Holz, das gegen Holz +schlug. Ihre Sklavinnen hörten zu singen und zu spielen auf und eilten +zum Dachgeländer und sahen hinab. Und auch sie konnte nicht still sitzen +bleiben, sondern sie ging hin und sah auf den Hof hinunter. + +Da sah sie, daß der Hof ihres Hauses von allen armen Gefangenen erfüllt +war, die es auf der Welt gab. Sie sah die Leute, die sonst in dunkeln +Kerkerlöchern mit schweren Eisenketten gefesselt lagen. Sie sah die +Leute, die in den dunkeln Gruben arbeiteten, ihre Hämmer schleppend, +herankommen, und die, die Ruderer auf den Kriegsfahrzeugen waren, kamen +mit ihren schweren, eisengeschmiedeten Rudern. Und die, die verurteilt +waren, gekreuzigt zu werden, kamen und schleppten ihre Kreuze, und die, +die geköpft werden sollten, kamen mit ihren Beilen. Sie sah die, die als +Sklaven nach fremden Ländern geführt worden waren und deren Augen vor +Heimweh brannten. Sie sah alle elenden Sklaven, die gleich Lasttieren +arbeiten mußten und deren Rücken blutig waren von Geißelhieben. + +Alle diese unglücklichen Menschen riefen wie aus einem einzigen Munde +und sprachen: »Öffne, öffne!« + +Da trat der Sklave, der den Eingang bewachte, zur Tür hinaus, und er +fragte sie: »Was ist euer Begehr?« + +Und sie antworteten wie die andern: »Wir suchen den großen Propheten aus +Nazareth, der auf die Erde gekommen ist, um den Gefangenen ihre Freiheit +und den Sklaven ihr Glück wiederzugeben.« + +Der Sklave antwortete ihnen in müdem und gleichgültigem Tone: »Ihr könnt +ihn hier nicht finden. Pilatus hat ihn getötet.« + +Als dies Wort gesprochen war, däuchte es sie, die träumte, daß sich +unter allen diesen Unglücklichen ein solcher Ausbruch der Lästerung und +des Hohnes erhebe, daß sie vernahm, wie Erde und Himmel erzitterten. Sie +selbst war starr vor Schrecken, und ein solches Beben durchfuhr ihren +Körper, daß sie erwachte. + +Als sie ganz wach war, setzte sie sich im Bette auf und sagte zu sich +selbst: Ich will nicht mehr träumen. Jetzt will ich mich die ganze Nacht +wachhalten, um nichts mehr von diesem Entsetzlichen sehen zu müssen. + +Aber beinahe in demselben Augenblick, wo sie dies gedacht hatte, hatte +der Schlummer sie aufs neue überwältigt, und sie hatte ihren Kopf auf +das Kissen gelegt und war eingeschlummert. + +Wieder träumte sie, daß sie auf dem Dache ihres Hauses säße, und ihr +kleines Söhnlein liefe dort oben auf und ab und spielte Ball. + +Da hörte sie eine Stimme, die zu ihr sprach: »Geh zur Balustrade, die +das Dach umgibt, und sieh, wer die sind, die auf dem Hofe stehen und +warten.« + +Aber sie, die träumte, sagte zu sich selbst: »Ich habe in dieser Nacht +genug Elend gesehen. Mehr kann ich nicht ertragen. Ich will bleiben, wo +ich bin.« + +In demselben Augenblick warf ihr Söhnlein seinen Ball so, daß er über +die Balustrade fiel, und das Kind eilte hin und kletterte auf das +Gitterwerk. Da erschrak sie und lief hinzu und erfaßte das Kind. + +Aber dabei warf sie einen Blick hinunter, und noch einmal sah sie, daß +der Hof voller Menschen war. + +Aber dort in dem Hofe waren alle Menschen der Erde, die im Kriege +verwundet worden waren. Sie kamen mit verstümmelten Körpern, mit +abgehauenen Gliedern und großen, offenen Wunden, aus denen das Blut +strömte, so daß der ganze Hof davon überschwemmt wurde. + +Und neben ihnen drängten sich dort alle Menschen der Erde, die ihre +Lieben auf dem Schlachtfelde verloren hatten. Es waren die Vaterlosen, +die ihre Verteidiger betrauerten, und die jungen Frauen, die nach ihren +Geliebten riefen, und die Alten, die nach ihren Söhnen seufzten. + +Die vordersten von ihnen drängten zur Tür, und der Türsteher kam wie +früher und öffnete. + +Er fragte alle diese Leute, die in Fehden und Kämpfen verwundet worden +waren: »Was sucht ihr in diesem Hause?« + +Und sie antworteten: »Wir suchen den großen Propheten aus Nazareth, der +Krieg und Streit verbieten und Frieden auf Erden bringen wird. Wir +suchen ihn, der die Lanzen zu Sensen machen wird und die Schwerter zu +Rebenmessern.« + +Da antwortete der Sklave ein wenig ungeduldig: »Kommt doch nicht mehr, +um mich zu quälen! Ich habe es schon oft genug gesagt. Der große Prophet +ist nicht hier. Pilatus hat ihn getötet.« + +Damit schloß er das Tor. Aber sie, die träumte, dachte an allen den +Jammer, der nun ausbrechen mußte. »Ich will ihn nicht hören,« sagte sie +und stürzte von der Balustrade fort. In demselben Augenblicke war sie +erwacht. Und da hatte sie gesehen, daß sie in ihrer Angst aus dem Bette +gesprungen war, hinunter auf den kalten Steinboden. + +Wieder hatte sie gedacht, daß sie in dieser Nacht nicht mehr träumen +wollte, und wieder hatte der Schlummer sie überwältigt, so daß sie die +Augen schloß und zu träumen begann. + +Noch einmal saß sie auf dem Dache ihres Hauses, und neben ihr stand ihr +Mann. Und sie erzählte ihm von ihren Träumen, und er trieb seinen Spott +mit ihr. Da hörte sie wieder eine Stimme, die zu ihr sagte: »Geh und +sieh die Menschen, die auf deinem Hofe warten.« + +Aber die dachte: Ich will sie nicht schauen. Ich habe heute nacht genug +Unglückliche gesehen. + +In demselben Augenblick hörte sie drei harte Schläge an das Tor, und ihr +Mann ging zur Balustrade, um zu sehen, wer es wäre, der Einlaß in sein +Haus begehrte. + +Aber kaum hatte er sich über das Geländer gebeugt, als er auch schon +seiner Frau winkte, sie solle zu ihm kommen. + +»Kennst du diesen Mann nicht?« sagte er und wies hinunter. + +Als sie in den Hof hinuntersah, fand sie, daß er von Reitern und Pferden +erfüllt war. Sklaven waren damit beschäftigt, Eseln und Kamelen ihre +Bürden abzuladen. Es sah aus, als wäre ein vornehmer Reisender +angekommen. + +An der Eingangstür stand der Fremde. Es war ein hochgewachsener alter +Mann mit breiten Schultern und trüber, düstrer Miene. + +Die Träumerin erkannte den Fremdling sogleich, und sie flüsterte ihrem +Manne zu: »Das ist Cäsar Tiberius, der nach Jerusalem gekommen ist. Es +kann kein anderer sein.« + +»Auch ich glaube ihn zu erkennen,« sagte ihr Mann und legte gleichzeitig +den Finger auf den Mund, zum Zeichen, daß sie stillschweigen und darauf +horchen solle, was unten auf dem Hofe gesprochen würde. + +Sie sahen, daß der Türhüter herauskam und den Fremden fragte: »Wer ist +es, den du suchst?« + +Und der Reisende antwortete: »Ich suche den großen Propheten aus +Nazareth, der mit Gottes wundertätiger Kraft begabt ist. Kaiser Tiberius +ruft ihn, auf daß er ihn von einer entsetzlichen Krankheit befreie, die +kein anderer Arzt zu heilen vermag.« + +Als er gesprochen hatte, neigte sich der Sklave sehr demütig, und sagte: +»Herr, zürne nicht, aber dein Wunsch kann nicht erfüllt werden.« + +Da wendete sich der Kaiser an seine Sklaven, die unten im Hofe warteten, +und gab ihnen einen Befehl. + +Da eilten die Sklaven herbei, einige hatten die Hände voll Geschmeide, +andere hielten Schalen voll Perlen, wieder andere schleppten Säcke mit +Goldmünzen. + +Der Kaiser wendete sich an den Sklaven, der die Pforte bewachte und +sagte: »Dies alles soll ihm gehören, wenn er Tiberius beisteht. Damit +kann er allen Armen der Erde Reichtum schenken.« + +Aber der Türhüter neigte sich noch tiefer denn zuvor und sagte: »Herr, +zürne deinem Diener nicht, aber dein Verlangen kann nicht erfüllt +werden.« + +Da winkte der Kaiser noch einmal seinen Sklaven, und ein paar von ihnen +eilten mit einem reich bestickten Gewande herbei, auf dem ein +Brustschild aus Juwelen erglänzte. + +Und der Kaiser sprach zu dem Sklaven: »Sieh hier: was ich ihm biete, ist +die Macht über das Judenland. Er soll sein Volk als der höchste Richter +lenken. Möge er mir nun zuerst folgen und Tiberius heilen.« + +Aber der Sklave neigte sich noch tiefer zur Erde und sagte: »Herr, es +steht nicht in meiner Macht, dir zu helfen!« + +Da winkte der Kaiser noch einmal, und seine Sklaven eilten mit einem +goldenen Stirnreif und einem Purpurmantel herbei. + +»Sieh,« sagte er, »dies ist des Kaisers Wille: er gelobt, ihn zu seinem +Erben zu ernennen und ihm die Herrschaft über die Welt zu geben. Er soll +die Macht haben, die ganze Erde nach dem Willen seines Gottes zu +regieren. Möge er zuerst nur seine Hand ausstrecken und Tiberius +heilen!« + +Da warf sich der Sklave vor den Füßen des Kaisers zu Boden und sagte mit +wehklagender Stimme: »Herr, es steht nicht in meiner Macht, dir zu +gehorchen. Er, den du suchst, ist nicht mehr. Pilatus hat ihn getötet.« + + +VIII + +Als die junge Frau erwachte, war es schon voller, klarer Tag, und ihre +Sklavinnen standen da und warteten, um ihr beim Ankleiden behilflich zu +sein. + +Sie war sehr schweigsam, während sie sich anziehen ließ, aber endlich +fragte sie die Sklavin, die ihr Haar strählte, ob ihr Mann schon +aufgestanden sei. Da erfuhr sie, daß er gerufen worden war, um über +einen Verbrecher zu Gericht zu sitzen. + +»Ich würde gern mit ihm sprechen,« sagte die junge Frau. + +»Herrin,« sagte die Sklavin, »dies wird sich mitten in der Untersuchung +schwer bewerkstelligen lassen. Wir werden dir Nachricht geben, sowie sie +beendigt ist.« + +Sie saß nun schweigend, bis sie fertig angekleidet war. Dann fragte sie: +»Hat jemand von Euch von dem Propheten aus Nazareth sprechen hören?« + +»Der Prophet aus Nazareth, das ist ein jüdischer Wundertäter,« +antwortete eine der Sklavinnen sogleich. + +»Es ist seltsam, Gebieterin, daß du gerade heute nach ihm fragst,« sagte +eine andere der Sklavinnen. »Er ist es eben, den die Juden hierher in +den Palast geführt haben, damit der Landpfleger ihn verhöre.« + +Sie bat sie, alsogleich zu gehen und sich zu erkundigen, wessen er +angeklagt werde, und eine der Sklavinnen entfernte sich. Als sie +zurückkehrte, sagte sie: »Sie beschuldigen ihn, daß er sich zum König +über dieses Land machen wolle, und sie rufen den Landpfleger an, er möge +ihn kreuzigen lassen.« + +Aber als des Landpflegers Frau dies hörte, erschrak sie gar sehr und +sagte: »Ich muß mit meinem Manne sprechen, sonst geschieht heute hier +ein furchtbares Unglück.« + +Als die Sklavinnen ihr noch einmal sagten, daß dies unmöglich sei, da +begann sie zu zittern und zu weinen. Und eine von ihnen wurde gerührt +und sagte: »Wenn du dem Landpfleger eine geschriebene Botschaft senden +willst, so will ich versuchen, sie ihm zu überbringen.« + +Da nahm sie alsogleich einen Stift und schrieb einige Worte auf ein +Wachstäfelchen, und dieses wurde dem Pilatus gegeben. + +Aber ihn selber traf sie den ganzen Tag über nicht allein, denn als er +die Juden fortgeschickt hatte und sie den Verurteilten zum Richtplatz +führten, war die Stunde für die Mahlzeit angebrochen, und zu dieser +hatte Pilatus einige von den Römern eingeladen, die sich zu dieser Zeit +in Jerusalem aufhielten. Es waren der Anführer der Truppen und ein +junger Lehrer der Beredsamkeit und noch einige andere. + +Dieses Mahl war nicht sehr fröhlich, denn die Frau des Landpflegers saß +die ganze Zeit über stumm und niedergeschlagen, ohne an dem Gespräche +teilzunehmen. + +Als die Tischgäste fragten, ob sie krank oder betrübt sei, erzählte der +Landpfleger lachend von der Botschaft, die sie ihm am Morgen gesandt +hatte. Und er neckte sie, weil sie geglaubt hatte, ein römischer +Landpfleger würde sich in seinen Urteilen von den Träumen eines Weibes +lenken lassen. + +Sie antwortete still und traurig: »Wahrlich, dies war kein Traum, +sondern eine Warnung, die von den Göttern kam. Du hättest den Mann +wenigstens diesen einen Tag noch leben lassen sollen.« + +Sie sahen, daß sie ernstlich betrübt war. Sie wollte sich nicht trösten +lassen, wie sehr sich die Tafelgäste auch bemühten, sie durch ein +unterhaltendes Gespräch diese leeren Hirngespinste vergessen zu lassen. + +Aber nach einer Weile erhob einer von ihnen den Kopf und sagte: »Was ist +dies? Haben wir so lange bei Tisch gesessen, daß der Tag schon zur Neige +gegangen ist?« + +Alle sahen nun auf, und sie merkten, daß eine schwache Dämmerung sich +über die Natur senkte. Es war vor allem seltsam zu sehen, wie das ganze +bunte Farbenspiel, das über allen Dingen und Wesen gebreitet liegt, +sacht erlosch, so daß alles einfarbig grau erschien. + +Gleich allem andern verloren auch ihre eigenen Gesichter die Farbe. »Wir +sehen wirklich wie Tote aus,« sagte der junge Schönredner mit einem +Schauer. »Unsre Wangen sind ja grau und unsre Lippen schwarz.« + +Während diese Dunkelheit immer tiefer wurde, nahm auch das Entsetzen der +jungen Frau zu. »Ach, mein Freund,« rief sie schließlich, »erkennst du +auch jetzt nicht, daß die Unsterblichen dich warnen wollen? Sie zürnen, +weil du einen heiligen und unschuldigen Mann zum Tode verurteilt hast. +Ich denke mir, wenn er jetzt auch schon ans Kreuz geschlagen sein muß, +kann er doch sicherlich noch nicht verblichen sein. Laß ihn vom Kreuze +nehmen! Ich will mit meinen eignen Händen seiner Wunden pflegen. Erlaube +nur, daß er ins Leben zurückgerufen werde.« + +Aber Pilatus antwortete lachend: »Sicherlich hast du recht damit, daß +dies ein Zeichen der Götter ist. Aber keineswegs lassen sie die Sonne +ihren Schein verlieren, weil ein jüdischer Irrlehrer zum Kreuzestode +verurteilt ist. Vielmehr können wir erwarten, daß wichtige Ereignisse +eintreten werden, die das ganze Reich betreffen. Wer kann wissen, wie +lange der alte Tiberius – – –« + +Er vollendete den Satz nicht, denn die Dunkelheit war so tief geworden, +daß er nicht einmal den Weinbecher sehen konnte, der vor ihm stand. Er +unterbrach sich daher, um den Sklaven zu befehlen, eiligst ein paar +Lampen hereinzubringen. + +Als es so hell geworden war, daß er die Gesichter seiner Gäste sehen +konnte, mußte er die Verstimmung bemerken, die sich ihrer bemächtigt +hatte. + +»Sieh doch,« sagte er ein wenig unmutig zu seiner Gattin, »nun scheint +es dir wirklich gelungen zu sein, die Tafelfreude mit deinen Träumen zu +verscheuchen. Aber wenn es schon durchaus so sein muß, daß du heute an +nichts andres denken kannst, dann laß uns lieber hören, was du geträumt +hast. Erzähl es uns, und wir wollen versuchen, den Sinn zu deuten!« + +Dazu war die junge Frau sofort bereit. Und während sie Traumgesicht auf +Traumgesicht erzählte, wurden die Gäste immer ernster. Sie hörten auf, +ihre Becher zu leeren, und ihre Stirnen zogen sich kraus. Der einzige, +der noch immer lachte und alles einen Wahnwitz nannte, war der +Landpfleger selbst. + +Als die Erzählung zu Ende war, sagte der junge Rhetor: »Wahrlich, dies +ist doch mehr als ein Traum, denn ich sah heute zwar nicht den Kaiser, +aber seine alte Freundin Faustina in die Stadt einziehen. Es nimmt mich +nur wunder, daß sie sich nicht schon im Palaste des Landpflegers gezeigt +hat.« + +»Es geht ja wirklich das Gerücht, daß der Kaiser von einer entsetzlichen +Krankheit befallen sei,« bemerkte der Anführer der Truppen. »Es scheint +auch mir möglich, daß der Traum deiner Gattin eine Warnung von den +Göttern sein kann.« + +»Es liegt nichts Unglaubliches darin, daß Tiberius einen Boten nach dem +Propheten ausgesandt hat, um ihn an sein Krankenlager zu rufen,« stimmte +der junge Rhetor ein. + +Der Anführer wendete sich mit tiefem Ernst an Pilatus: »Wenn der Kaiser +wirklich den Einfall gehabt hat, diesen Wundertäter zu sich rufen zu +lassen, dann wäre es besser für dich und für uns alle, wenn er ihn +lebend träfe.« + +Pilatus antwortete halb zürnend: »Ist es diese Dunkelheit, die euch zu +Kindern gemacht hat? Mann könnte glauben, ihr wäret alle in Traumdeuter +und Propheten verwandelt.« + +Aber der Hauptmann ließ nicht ab, in ihn zu dringen: »Es wäre vielleicht +nicht so unmöglich, das Leben des Mannes zu retten, wenn du einen +eiligen Boten abschicktest.« + +»Ihr wollt mich wohl zum Gespött der Leute machen,« antwortete der +Landpfleger. »Sagt selbst, was sollte in diesem Lande aus Recht und +Ordnung werden, wenn man erführe, daß der Landpfleger einen Verbrecher +begnadigt, weil seine Frau einen bösen Traum geträumt hat?« + +»Es ist doch Wahrheit und kein Traum, daß ich Faustina in Jerusalem +gesehen habe,« sagte der junge Rhetor. + +»Ich nehme es auf mich, mein Vergehen vor dem Kaiser zu verantworten,« +sagte Pilatus. »Er wird begreifen, daß dieser Schwärmer, der sich +widerstandslos von meinen Knechten mißhandeln ließ, nicht die Macht +gehabt hätte, ihm zu helfen.« + +In demselben Augenblick, wo diese Worte ausgesprochen wurden, wurde das +Haus von einem Getöse erschüttert, das wie heftig grollender Donner +klang, und ein Erdbeben ließ den Boden erzittern. Der Palast des +Landpflegers blieb unversehrt stehen, aber unmittelbar nach dem Erdbeben +vernahm man von allen Seiten das entsetzeneinflößende Krachen von +einstürzenden Häusern und fallenden Säulen. + +Sowie eine Menschenstimme sich Gehör verschaffen konnte, rief der +Landpfleger einen Sklaven zu sich. + +»Eile zum Richtplatz und befiehl in meinem Namen, daß der Prophet aus +Nazareth vom Kreuze genommen werde!« + +Der Sklave eilte von dannen. Die Tischgesellschaft begab sich vom +Speisesaale in das Peristyl, um unter offnem Himmel zu sein, falls das +Erdbeben sich wiederholen sollte. Niemand wagte ein Wort zu sagen, +während sie der Rückkehr des Sklaven harrten. + +Dieser kam sehr bald wieder. Er blieb vor dem Landpfleger stehen. + +»Du hast ihn am Leben gefunden?« fragte dieser. + +»Herr, er war verschieden, und in demselben Augenblick, wo er seinen +Geist aufgab, geschah das Erdbeben.« + +Kaum hatte er dies gesagt, als ein paar harte Schläge am äußeren Tor +ertönten. Als sie diese Schläge hörten, zuckten alle zusammen und +sprangen empor, als wäre wieder ein Erdbeben losgebrochen. + +Gleich darauf erschien ein Sklave. + +»Es sind die edle Faustina und Sulpicius, des Kaisers Verwandter. Sie +sind gekommen, um dich zu bitten, du mögest ihnen helfen, den Propheten +aus Nazareth zu finden.« + +Ein leises Gemurmel ging durch das Peristyl, und leichte Schritte wurden +hörbar. Als der Landpfleger sich umsah, merkte er, daß seine Freunde von +ihm zurückgewichen waren, wie von einem, der dem Unglück verfallen ist. + + +IX + +Die alte Faustina war in Capreae ans Land gestiegen und hatte den Kaiser +aufgesucht. Sie erzählte ihm ihre Geschichte, und während sie sprach, +wagte sie kaum ihn anzusehen. Während ihrer Abwesenheit hatte die +Krankheit furchtbare Fortschritte gemacht, und sie dachte bei sich +selbst: »Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wäre, so hätten sie +mich sterben lassen, bevor ich diesem armen, gequälten Menschen sagen +mußte, daß alle Hoffnung vorüber ist.« + +Zu ihrem Staunen hörte ihr Tiberius aber mit der größten +Gleichgültigkeit zu. Als sie ihm erzählte, daß der große Wundertäter am +selben Tage gekreuzigt worden war, an dem sie in Jerusalem anlangte, und +wie nahe sie daran gewesen war, ihn zu retten, da begann sie unter der +Schwere ihrer Enttäuschung zu weinen. Aber Tiberius sagte nur: »Du +grämst dich also wirklich darüber. Ach, Faustina, ein ganzes Leben in +Rom hat dir also den Glauben an Zauberer und Wundertäter nicht benommen, +den du in deiner Kindheit in den Sabinerbergen eingesogen hast.« + +Da sah die Alte ein, daß Tiberius nie Hilfe von dem Propheten aus +Nazareth erwartet hatte. + +»Warum ließest du mich dann diese Fahrt in das ferne Land machen, wenn +du sie die ganze Zeit über für fruchtlos hieltest?« + +»Du bist mein einziger Freund,« sagte der Kaiser. »Warum sollte ich dir +eine Bitte abschlagen, solange es noch in meiner Macht steht, sie zu +gewähren?« + +Aber die Alte wollte sich nicht darein schicken, daß der Kaiser sie zum +Besten gehalten hatte. + +»Siehst du, das ist deine alte Hinterlist,« sagte sie aufbrausend. »Das +ist es eben, was ich am wenigsten an dir leiden kann.« + +»Du hättest nicht zu mir zurückkehren sollen,« sagte Tiberius. »Du +hättest in deinen Bergen bleiben müssen.« + +Für einen Augenblick sah es aus, als würden die beiden, die so oft +aneinandergeraten waren, wieder in ein Wortgefecht geraten, aber der +Groll der Alten verflog sogleich. Die Zeiten waren vorüber, wo sie +ernstlich mit dem Kaiser hatte hadern können. Sie senkte die Stimme +wieder. Doch konnte sie nicht ganz und gar von jedem Versuche, recht zu +behalten, abstehen. + +»Aber dieser Mann war wirklich ein Prophet,« sagte sie. »Ich habe ihn +gesehen. Als seine Augen den meinen begegneten, glaubte ich, er sei ein +Gott. Ich war wahnsinnig, daß ich ihn in den Tod gehen ließ.« + +»Ich bin froh, daß du ihn sterben ließest,« sagte Tiberius. »Er war ein +Majestätsverbrecher und Aufrührer.« + +Faustina war wieder nahe daran, in Zorn zu geraten. + +»Ich habe mit vielen seiner Freunde in Jerusalem über ihn gesprochen,« +sagte sie. »Er hat die Verbrechen nicht begangen, deren er bezichtigt +wurde.« + +»Wenn er auch nicht gerade diese Verbrechen begangen hat, so war er doch +darum gewiß nicht besser als irgendein andrer,« sagte der Kaiser müde. +»Wo ist der Mensch, der in seinem Leben nicht tausendmal den Tod +verdient hätte?« + +Aber diese Worte des Kaisers bestimmten Faustina, etwas zu tun, weswegen +sie bis dahin unschlüssig gewesen war. »Ich will dir doch eine Probe +seiner Macht geben,« sagte sie. »Ich sagte dir vorhin, daß ich mein +Schweißtuch auf sein Gesicht legte. Es ist dasselbe Tuch, das ich jetzt +in meiner Hand halte. Willst du es einen Augenblick betrachten?« + +Sie breitete das Schweißtuch vor dem Kaiser aus, und er sah darauf den +schattenhaften Umriß eines Menschengesichtes abgezeichnet. + +Die Stimme der Alten zitterte vor Rührung, als sie fortfuhr: »Dieser +Mann sah, daß ich ihn liebte. Ich weiß nicht, durch welche Macht er +imstande war, mir sein Bild zu hinterlassen. Aber meine Augen füllen +sich mit Tränen, da ich es sehe.« + +Der Kaiser beugte sich vor und betrachtete dieses Bild, das aus Blut und +Tränen und den schwarzen Schatten des Schmerzes gemacht schien. So +allmählich trat das ganze Gesicht vor ihm hervor, wie es in das +Schweißtuch eingedrückt war. Er sah die Bluttropfen auf der Stirn, die +stechende Dornenkrone, das Haar, das klebrig von Blut war, und den Mund, +dessen Lippen im Leid zu beben schienen. + +Er beugte sich immer tiefer zu dem Bilde hinunter. Immer klarer trat das +Gesicht hervor. Aus den schattenhaften Linien sah er mit einem Male die +Augen gleichsam in verborgenem Leben strahlen. Und während sie zu ihm +von dem furchtbarsten Leid sprachen, zeigten sie ihm zugleich eine +Reinheit und Hoheit, wie er sie nie zuvor geschaut hatte. + +Er lag auf seiner Ruhebank und sog dieses Bild mit den Augen ein. »Ist +dies ein Mensch?« fragte er sacht und leise. »Ist dies ein Mensch?« + +Wieder lag er still und betrachtete das Bild. Die Tränen begannen über +seine Wangen zu strömen. »Ich traure über deinen Tod, du Unbekannter,« +flüsterte er. + +»Faustina,« rief er endlich, »warum ließest du diesen Mann sterben? Er +hätte mich geheilt.« + +Und wieder versank er in die Betrachtung des Bildes. + +»Du Mensch,« sagte er nach einer Weile. »Wenn ich nicht mein Heil von +dir empfangen kann, so kann ich dich doch rächen. Meine Hand wird schwer +auf denen ruhen, die dich mir gestohlen haben.« + +Wieder lag er lange Zeit schweigend, dann aber ließ er sich zu Boden +gleiten und sank vor dem Bilde auf die Knie. + +»Du bist der Mensch,« sagte er. »Du bist, was ich nie zu sehen gehofft +habe.« Und er deutete auf sich selbst, sein zerstörtes Gesicht und seine +zerfressenen Hände. »Ich und alle andern, wir sind wilde Tiere und +Ungeheuer, aber du bist der Mensch.« + +Er neigte den Kopf so tief vor dem Bilde, daß er die Erde berührte. +»Erbarme dich meiner, du Unbekannter!« sagte er, und seine Tränen +benetzten die Steine. + +»Wenn du am Leben geblieben wärest, so hätte dein bloßer Anblick mich +geheilt,« sagte er. + +Die arme alte Frau erschrak darüber, was sie getan hatte. Es wäre klüger +gewesen, dem Kaiser das Bild nicht zu zeigen, dachte sie. Sie hatte von +Anfang an gefürchtet, daß sein Schmerz allzu groß sein würde, wenn er es +sähe. + +Und in ihrer Verzweiflung über den Kummer des Kaisers riß sie das Bild +an sich, gleichsam, um es seinem Blick zu entziehen. + +Da sah der Kaiser auf. Und siehe da, seine Gesichtszüge waren +verwandelt, und er war, wie er vor der Krankheit gewesen war. Es war, +als hätte diese ihre Wurzel und Nahrung in dem Hasse und der +Menschenverachtung gehabt, die in seinem Herzen gewohnt hatten: und sie +hatte in demselben Augenblick entfliehen müssen, in dem er Liebe und +Mitleid gefühlt hatte. + + * * * * * + +Aber am nächsten Tage sendete Tiberius drei Boten aus. + +Der erste Bote ging nach Rom und befahl, daß der Senat eine Untersuchung +anstelle, wie der Landpfleger in Palästina sein Amt verwalte, und ihn +bestrafe, wenn es sich erweisen solle, daß er das Volk unterdrücke und +Unschuldige zum Tode verurteile. + +Der zweite Bote wurde zu dem Winzer und seiner Frau geschickt, um ihnen +zu danken und sie für den Rat zu belohnen, den sie dem Kaiser gegeben +hatten, und um ihnen zugleich zu sagen, wie alles abgelaufen war. Als +sie alles bis zu Ende gehört hatten, weinten sie still, und der Mann +sagte: »Ich weiß, daß ich meiner Lebtag darüber nachgrübeln werde, was +geschehen wäre, wenn diese beiden sich begegnet wären.« Aber die Frau +erwiderte: »Es konnte nicht anders kommen. Es war ein zu großer Gedanke, +daß diese beiden sich begegnen sollten. Gott der Herr wußte, daß die +Welt ihn nicht zu ertragen vermochte.« + +Der dritte Bote ging nach Palästina und brachte von dort einige von Jesu +Jüngern nach Capreae, und diese begannen hier die Lehre zu verkünden, +die der Gekreuzigte gepredigt hatte. + +Als diese Lehrer in Capreae anlangten, lag die alte Faustina auf dem +Totenbette. Aber sie konnten sie noch vor ihrem Tode zu der Jüngerin des +großen Propheten machen und sie taufen. Und in der Taufe wurde sie +Veronika genannt, weil es ihr beschieden gewesen war, den Menschen das +wahre Bild ihres Erlösers zu bringen. + + + + + +Die Legende vom Vogelnest + + +Hatto, der Eremit, stand in der Einöde und betete zu Gott. Es stürmte, +und sein langer Bart und sein zottiges Haar flatterte um ihn, so wie die +windgepeitschten Grasbüschel die Zinnen einer alten Ruine umflattern. +Doch er strich sich nicht das Haar aus den Augen, noch steckte er den +Bart in den Gürtel, denn er hielt die Arme zum Gebet erhoben. Seit +Sonnenaufgang streckte er seine knochigen behaarten Arme zum Himmel +empor, eben so unermüdlich wie ein Baum seine Zweige ausstreckt, und so +wollte er bis zum Abend stehen bleiben. Er hatte etwas Großes zu +erbitten. + +Er war ein Mann, der viel von der Arglist und Bosheit der Welt erfahren +hatte. Er hatte selbst verfolgt und gequält, und Verfolgung und Qualen +anderer waren ihm zuteil geworden, mehr als sein Herz ertragen konnte. +Darum zog er hinaus auf die große Heide, grub sich eine Höhle am +Flußufer und wurde ein heiliger Mann, dessen Gebete an Gottes Thron +Gehör fanden. + +Hatto, der Eremit, stand am Flußgestade vor seiner Höhle und betete das +große Gebet seines Lebens. Er betete zu Gott, den Tag des Jüngsten +Gerichts über diese böse Welt hereinbrechen zu lassen. Er rief die +posaunenblasenden Engel an, die das Ende der Herrschaft der Sünde +verkünden sollten. Er rief nach den Wellen des Blutmeers, um die +Ungerechtigkeit zu ertränken. Er rief nach der Pest, auf daß sie die +Kirchhöfe mit Leichenhaufen erfülle. + +Rings um ihn war die öde Heide. Aber eine kleine Strecke weiter oben am +Flußufer stand eine alte Weide mit kurzem Stamm, der oben zu einem +großen, kopfähnlichen Knollen anschwoll, aus dem neue, frischgrüne +Zweige hervorwuchsen. Jeden Herbst wurden ihr von den Bewohnern des +holzarmen Flachlandes diese frischen Jahresschößlinge geraubt. Jeden +Frühling trieb der Baum neue geschmeidige Zweige, und an stürmischen +Tagen sah man sie um den Baum flattern und wehen, so wie Haar und Bart +um Hatto, den Eremiten, flatterten. + +Das Bachstelzenpaar, das sein Nest oben auf dem Stamm der Weide zwischen +den emporsprießenden Zweigen zu bauen pflegte, hatte gerade an diesem +Tage mit seiner Arbeit beginnen wollen. Aber zwischen den heftig +peitschenden Zweigen fanden die Vögel keine Ruhe. Sie kamen mit +Binsenhalmen und Wurzelfäserchen und vorjährigem Riedgras geflogen, aber +sie mußten unverrichteter Dinge umkehren. Da bemerkten sie den alten +Hatto, der eben Gott anflehte, den Sturm siebenmal heftiger werden zu +lassen, damit das Nest der kleinen Vöglein fortgefegt und der Adlerhorst +zerstört werde. + +Natürlich kann kein heute Lebender sich vorstellen, wie bemoost und +vertrocknet und knorrig und schwarz und menschenunähnlich solch ein +alter Heidebewohner sein konnte. Die Haut lag so stramm über Stirn und +Wangen, daß sein Kopf fast einem Totenschädel glich, und nur an einem +kleinen Aufleuchten tief in den Augenhöhlen, sah man, daß er Leben +besaß. Und die vertrockneten Muskeln gaben dem Körper keine Rundung, der +emporgestreckte nackte Arm bestand vielmehr nur aus ein paar schmalen +Knochen, die mit verrunzelter, harter, rindenähnlicher Haut überzogen +waren. Er trug einen alten, eng anliegenden, schwarzen Mantel. Er war +braungebrannt von der Sonne und schwarz von Schmutz. Nur sein Haar und +sein Bart waren licht, hatten sie doch Regen und Sonnenschein +bearbeitet, bis sie dieselbe graugrüne Farbe angenommen hatten, wie die +Unterseite der Weidenblätter. + +Die Vögel, die umherflatterten und einen Platz für ihr Nest suchten, +hielten Hatto, den Eremiten, auch für eine alte Weide, die ebenso wie +die andre durch Axt und Säge in ihrem Himmelssterben gehemmt worden war. +Sie umkreisten ihn viele Male, flogen weg und kamen zurück, merkten sich +den Weg zu ihm, berechneten seine Lage im Hinblick auf Raubvögel und +Stürme, fanden sie recht unvorteilhaft, aber entschieden sich doch für +ihn, wegen seiner Nähe zum Flusse und dem Riedgras, ihrer Vorratskammer +und ihrem Speicher. Eines der Vögelchen schoß pfeilschnell herab und +legte sein Wurzelfäserchen in die ausgestreckte Hand des Eremiten. + +Der Sturm hatte gerade aufgehört, so daß das Wurzelfäserchen ihm nicht +sogleich aus der Hand gerissen wurde, aber in den Gebeten des Eremiten +gab es kein Aufhören. »Mögest du bald kommen, o Herr, und diese Welt des +Verderbens vernichten, auf daß die Menschen sich nicht mit noch mehr +Sünden beladen. Möchtest du die Ungebornen vom Leben erlösen! Für die +Lebenden gibt es keine Erlösung.« + +Nun setzte der Sturm wieder ein, und das Wurzelfäserchen flatterte aus +der großen, knochigen Hand des Eremiten fort. Aber die Vögel kamen +wieder und versuchten die Grundpfeiler des neuen Heims zwischen seine +Finger einzukeilen. Da legte sich plötzlich ein plumper, schmutziger +Daumen über die Halme und hielt sie fest, und vier Finger wölbten sich +über die Handfläche, so daß eine friedliche Nische entstand, in der man +bauen konnte. Doch der Eremit fuhr in seinen Gebeten fort. + +»Herr, wo sind die Feuerwolken, die Sodom verheerten? Wann öffnest du +des Himmels Schleusen, die die Arche zum Berge Ararat erhoben? Ist das +Maß deiner Geduld nicht erschöpft und die Schale deiner Gnade leer? O +Herr, wann kommst du aus deinem sich spaltenden Himmel?« + +Und vor Hatto, dem Eremiten, tauchten die Fiebervisionen vom Tag des +Jüngsten Gerichtes auf. Der Boden erbebte, der Himmel glühte. Unter dem +roten Firmament sah er schwarze Wolken fliehender Vögel; über den Boden +wälzte sich eine Schar flüchtender Tiere. Doch während seine Seele von +diesen Fiebervisionen erfüllt war, begannen seine Augen dem Flug der +kleinen Vögel zu folgen, die blitzschnell hin und her flogen und mit +einem vergnügten kleinen Piepsen ein neues Hälmchen in das Nest fügten. + +Der Alte ließ es sich nicht einfallen, sich zu rühren. Er hatte das +Gelübde getan, den ganzen Tag stillstehend mit emporgestreckten Händen +zu beten, um so unsern Herrn zu zwingen, ihn zu erhören. Je matter sein +Körper wurde, desto lebendiger wurden die Gesichte, die sein Hirn +erfüllten. Er hörte die Mauern der Städte zusammenbrechen und die +Wohnungen der Menschen einstürzen. Schreiende, entsetzte Volkshaufen +eilten an ihm vorbei, und ihnen nach jagten die Engel der Rache und der +Vernichtung, hohe, silbergepanzerte Gestalten mit strengem, schönen +Antlitz, auf schwarzen Rossen reitend und Geißeln schwingend, die aus +weißen Blitzen geflochten waren. + +Die kleinen Bachstelzen bauten und zimmerten fleißig den ganzen Tag, und +die Arbeit machte große Fortschritte. Auf dieser hügeligen Heide mit +ihrem steifen Riedgras und an diesem Flußufer mit seinem Schilf und +seinen Binsen war kein Mangel an Baustoff. Sie fanden weder Zeit zur +Mittagsrast noch zur Vesperruhe. Glühend vor Eifer und Vergnügen flogen +sie hin und her, und ehe der Abend anbrach, waren sie schon beim +Dachfirst angelangt. + +Aber ehe der Abend anbrach, hatten sich die Blicke des Eremiten mehr und +mehr auf sie geheftet. Er folgte ihnen auf ihrer Fahrt, er schalt sie +aus, wenn sie sich dumm anstellten, er ärgerte sich, wenn der Wind ihnen +Schaden tat, und am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn sie sich +ein bißchen ausruhten. + +So sank die Sonne, und die Vögel suchten ihre vertrauten Ruhestätten im +Schilf auf. + +Wer abends über die Heide geht, muß sich herabbeugen, so daß sein +Gesicht in gleicher Höhe mit den Erdhügelchen ist, dann wird er sehen, +wie sich ein wunderliches Bild von dem lichten Abendhimmel abzeichnet. +Eulen mit großen, runden Flügeln huschen über das Feld, unsichtbar für +den, der aufrecht steht. Nattern ringeln sich heran, geschmeidig, +behend, die schmalen Köpfchen auf schwanähnlich gebogenen Hälsen +erhoben. Große Kröten kriechen träge vorbei. Hasen und Wasserratten +fliehen vor den Raubtieren, und der Fuchs springt nach einer Fledermaus, +die Mücken über den Fluß jagt. Es ist, als hätte jedes Erdhügelchen +Leben bekommen. Doch unterdessen schlafen die kleinen Vögelchen auf dem +schwanken Schilf, geborgen vor allem Bösen auf diesen Ruhestätten, denen +kein Feind nahen kann, ohne daß das Wasser ausplätschert oder das Schilf +zittert und sie aufweckt. + +Als der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst, die Ereignisse +des gestrigen Tages seien ein schöner Traum gewesen. + +Sie hatten ihre Merkzeichen gemacht und flogen geradeswegs auf ihr Nest +zu, aber das war verschwunden. Sie guckten suchend über die Heide hin +und erhoben sich gerade in die Luft um zu spähen. Keine Spur von einem +Nest oder einem Baum. Schließlich setzten sie sich auf ein paar Steine +am Flußufer und grübelten nach. Sie wippten mit dem langen Schwanz und +drehten das Köpfchen. Wohin war Baum und Nest gekommen? + +Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreit über den Waldgürtel auf +dem jenseitigen Flußufer erhoben, als ihr Baum gewandert kam und sich +auf denselben Platz stellte, den er am vorigen Tage eingenommen. Er war +ebenso schwarz und knorrig wie damals und trug ihr Nest auf der Spitze +von etwas, was wohl ein dürrer, aufrecht ragender Ast sein mußte. + +Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne weiter über die +vielen Wunder der Natur nachzugrübeln. + +Hatto, der Eremit, der die kleinen Kinder von seiner Höhle fortscheuchte +und ihnen sagte, es wäre besser für sie, wenn sie niemals das Licht der +Sonne gesehen hätten, er, der in den Schlamm hinausstürzte, um den +fröhlichen jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den Fluß +hinaufruderten, Verwünschungen nachzuschleudern; er, vor dessen bösem +Blick die Hirten der Heide ihre Herden behüteten, kehrte nicht zu seinem +Platz am Fluß zurück, den kleinen Vögeln zuliebe. Aber er wußte, daß +nicht nur jeder Buchstabe in den heiligen Büchern seine verborgene +mystische Bedeutung hat, sondern auch alles, was Gott in der Natur +geschehen läßt. Jetzt hatte er herausgefunden, was es bedeuten konnte, +daß die Bachstelzchen ihr Nest in seiner Hand bauten; Gott wollte, daß +er mit erhobenen Armen betend dastehen sollte, bis die Vögel ihre Jungen +aufgezogen hatten, und vermochte er dies, so sollte er erhört werden. + +Doch an diesem Tage sah er immer weniger Visionen des Jüngsten +Gerichtes. Anstatt dessen folgte er immer eifriger mit seinen Blicken +den Vögeln. Er sah das Nest rasch vollendet. Die kleinen Baumeister +flatterten rund herum und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine +Moosflechten von der wirklichen Weide und klebten sie außen an, das +sollte anstatt Tünche oder Farbe sein. Sie holten das feinste Wollgras, +und das Weibchen nahm Flaum von seiner eignen Brust und bekleidete das +Nest innen damit, das war die Einrichtung und Möblierung. + +Die Bauern, die die verderbliche Macht fürchteten, die die Gebete des +Eremiten an Gottes Thron haben konnten, pflegten ihm Brot und Milch zu +bringen, um seinen Groll zu besänftigen. Sie kamen auch jetzt und fanden +ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand. + +»Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt,« sagten sie und +fürchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern hoben den Milcheimer an +seine Lippen und führten ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und +getrunken hatte, verjagte er die Menschen mit bösen Worten, aber sie +lächelten nur über seine Verwünschungen. + +Sein Körper war schon lange seines Willens Diener geworden. Durch Hunger +und Schläge, durch tagelanges Knien und wochenlange Nachtwachen hatte er +ihn Gehorsam gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine Arme tage- +und wochenlang emporgestreckt, und während das Bachstelzenweibchen auf +den Eiern lag und das Nest nicht mehr verließ, suchte er nicht einmal +nachts seine Höhle auf. Er lernte es, sitzend mit emporgestreckten Armen +zu schlafen, unter den Freunden der Wüste gibt es so manche, die noch +größere Dinge vollbracht haben. + +Er gewöhnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen, die über den +Rand des Nestes zu ihm hinabblickten. Er achtete auf Hagel und Regen und +schützte das Nest so gut er konnte. + +Eines Tages kann das Weibchen seinen Wachtposten verlassen. Beide +Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des Nestes, wippen mit den Schwänzchen +und beratschlagen und sehen seelenvergnügt aus, obgleich das ganze Nest +von einem ängstlichen Piepsen erfüllt scheint. Nach einem kleinen +Weilchen ziehen sie auf die allerverwegenste Mückenjagd aus. + +Eine Mücke nach der andern wird gefangen und heimgebracht für das, was +oben in seiner Hand piepst. Und als das Futter kommt, da piepsen sie am +allerärgsten. Den frommen Mann stört das Piepsen in seinen Gebeten. + +Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab, die beinahe die +Gabe, sich zu rühren, verloren haben, und seine kleinen Glutaugen +starren in das Nest herab. + +Niemals hatte er etwas so hilflos Häßliches und Armseliges gesehen: +kleine, nackte Körperchen mit ein paar spärlichen Fläumchen, keine +Augen, keine Flugkraft, eigentlich nur sechs große, aufgerissene +Schnäbel. + +Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie gerade so leiden +wie sie waren. Die Alten hatte er ja niemals von dem großen Untergang +ausgenommen, aber wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch +Vernichtung zu erlösen, da machte er eine stillschweigende Ausnahme für +diese sechs Schutzlosen. + +Wenn die Bäuerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann dankte er ihnen nicht +mit Verwünschungen. Da er für die Kleinen dort oben notwendig war, +freute er sich, daß die Leute ihn nicht verhungern ließen. + +Bald guckten den ganzen Tag sechs runde Köpfchen über den Nestrand. Des +alten Hatto Arm sank immer häufiger zu seinen Augen hernieder. Er sah +die Federn aus der roten Haut sprießen, die Augen sich öffnen, die +Körperformen sich runden. Glückliche Erben der Schönheit, die die Natur +den beflügelten Bewohnern der Luft geschenkt, entwickelten sie bald ihre +Anmut. + +Und unterdessen kamen die Gebete um die große Vernichtung immer +zögernder über Hattos Lippen. Er glaubte Gottes Zusicherung zu haben, +daß sie hereinbrechen würde, wenn die kleinen Vögelchen flügge waren. +Nun stand er da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht vor Gottvater. +Denn diese sechs Kleinen, die er beschützt und behütet hatte, konnte er +nicht opfern. + +Früher war es etwas andres gewesen, als er noch nichts hatte, was sein +eigen war. Die Liebe zu den Kleinen und Schutzlosen, die jedes kleine +Kind die großen, gefährlichen Menschen lehren muß, kam über ihn und +machte ihn unschlüssig. + +Manchmal wollte er das ganze Nest in den Fluß schleudern, denn er +meinte, daß die beneidenswert sind, die ohne Sorgen und Sünden sterben +dürfen. Mußte er die Kleinen nicht vor Raubtieren und Kälte, vor Hunger +und den mannigfaltigen Heimsuchungen des Lebens bewahren? Aber gerade +als er noch so dachte, kam der Sperber auf das Nest herabgesaust, um die +Jungen zu töten. Da ergriff Hatto den Kühnen mit seiner linken Hand, +schwang ihn im Kreise über seinem Kopf und schleuderte ihn mit der Kraft +des Zornes in den Fluß. + +Und der Tag kam, an dem die Kleinen flügge waren. Eines der +Bachstelzchen mühte sich drinnen im Nest, die Jungen auf den Rand +hinauszuschieben, während das andre herumflog und ihnen zeigte, wie +leicht es war, wenn sie es nur zu versuchen wagten. Und als die Jungen +sich hartnäckig fürchteten, da flogen die beiden Alten fort, und zeigten +ihnen ihre allerschönste Fliegekunst. Mit den Flügeln schlagend, +beschrieben sie verschiedene Windungen, oder sie stiegen auch gerade in +die Höhe wie Lerchen oder hielten sich mit heftig zitternden Schwingen +still in der Luft. + +Aber als die Jungen noch immer eigensinnig bleiben, kann Hatto es nicht +lassen, sich in die Sache einzumischen. Er gibt ihnen einen behutsamen +Puff mit dem Finger, und damit ist alles entschieden. Heraus fliegen +sie, zitternd und unsicher, die Luft peitschend wie Fledermäuse, sie +sinken, aber erheben sich wieder, begreifen, worin die Kunst besteht, +und verwenden sie dazu, so rasch als möglich das Nest wieder zu +erreichen. Die Alten kommen stolz und jubelnd zu ihnen zurück, und der +alte Hatto schmunzelt. + +Er hatte doch in der Sache den Ausschlag gegeben. + +Er grübelte nun in vollem Ernst nach, ob es für unsern Herrgott nicht +auch einen Ausweg geben konnte. + +Vielleicht, wenn man es so recht bedachte, hielt Gottvater diese Erde +wie ein großes Vogelnest in seiner Rechten, und vielleicht hatte er +Liebe zu denen gefaßt, die dort wohnen und hausen, zu allen schutzlosen +Kindern der Erde. Vielleicht erbarmte er sich ihrer, die er zu +vernichten gelobt hatte, so wie sich der Eremit der kleinen Vögel +erbarmte. + +Freilich waren die Vögel des Eremiten um vieles besser als unsers +Herrgotts Menschen, aber er konnte doch begreifen, daß Gottvater dennoch +ein Herz für sie hatte. + +Am nächsten Tage stand das Vogelnest leer, und die Bitterkeit der +Einsamkeit bemächtigte sich des Eremiten. Langsam sank sein Arm an +seiner Seite herab, und es deuchte ihn, daß die ganze Natur den Atem +anhielt, um dem Dröhnen der Posaune des Jüngsten Gerichts zu lauschen. +Doch in demselben Augenblick kamen alle Bachstelzen zurück und setzten +sich ihm auf Haupt und Schultern, denn sie hatten gar keine Angst vor +ihm. Da zuckte ein Lichtstrahl durch das verwirrte Hirn des alten Hatto. +Er hatte ja den Arm gesenkt, ihn jeden Tag gesenkt, um die Vögel +anzusehen. + +Und wie er da stand, von allen sechs Jungen umflattert und umgaukelt, +nickte er jemandem, den er nicht sah, vergnügt zu. »Du bist frei,« sagte +er, »du bist frei. Ich hielt mein Wort nicht, und so brauchst du auch +deines nicht zu halten.« + +Und es war ihm, als hörten die Berge zu zittern auf und als legte sich +der Fluß gemächlich in seinem Bett zur Ruhe. + + + + + +Früher erschienen im gleichen Verlage: + + ++Selma Lagerlöf+ + ++Gesammelte Werke+ + +Einzige autorisierte deutsche Original-Ausgabe in zehn Bänden + +Einband von _Alphons Woelfle_ + +Mit einem Bilde der Dichterin von _Carl Larsson_ + +In 10 Leinenbänden 38,50 Mark + +In 10 Halbfranzbänden 55 Mark + + + +_Carl Busse_ schreibt in »_Velhagen & Klasings Monatsheften_«: +Gleichzeitig ist eine hübsche Gesamtausgabe ihrer Werke erschienen, und +sie enthält jene prachtvollen Schöpfungen, vor denen man unvergeßliche +Stunden verbringt ... Die Eindrücke, die man aus diesen Werken mitnimmt, +gehören zu den größten, die die moderne Literatur überhaupt vermittelt. + +_Tägliche Rundschau, Berlin_: Man könnte Schnitzlers Werke wohl in +seiner Bibliothek entbehren, die von Selma Lagerlöf kaum. Ein Born von +unerschöpflich schönen Märchenstunden ist in diesen zehn braunen Bänden +vorhanden. Eine Schar von zehn Freunden. Was soll in Kürze über sie hier +gesagt werden. Sie sind helle, köstliche _deutsche Dichtung_. + +_Ostdeutsche Rundschau, Wien_: ... einer Dichterin, die zu den wenigen +gehört, die auch noch in kommenden Jahrhunderten genannt werden. + + ++In Einzelausgaben+ + +sind früher von Selma Lagerlöf im gleichen Verlage erschienen: + + +Jerusalem I (In Dalarne), Roman, 15. Auflage + +Jerusalem II (Im heiligen Land), Roman, 14. Aufl. + +Gösta Berling, Roman, 16. Auflage + +Eine Herrenhofsage, Roman, 8. Auflage + +Die Wunder des Antichrist, Roman, 5. Auflage + +Liljecronas Heimat, Roman, 12. Auflage + +Jans Heimweh, Roman, 15. Auflage + +Herrn Arnes Schatz, Erzählung, 4. Auflage + +Der Fuhrmann des Todes, Erzählung, 10. Auflage + +Christuslegenden, 18. Auflage + +Legenden und Erzählungen, 5. Auflage + +Die Königinnen von Kungahälla, Erzähl., 6. Aufl. + +Unsichtbare Bande, Erzählungen, 3. Auflage + +Ein Stück Lebensgeschichte, Erzählungen, 9. Auflage + +Trolle und Menschen, Erzählungen, 7. Auflage + +Schwester Olives Geschichte, Erzählungen, 5. Auflage + +Die sieben Todsünden, Ausgew. Erzähl., 8. Auflage + +Wunderbare Reise, Ein Kinderbuch, 27. Auflage + + ++Selma Lagerlöf+ + ++Gösta Berling+ + + +Roman 16. Auflage + +Geheftet 4 Mark, gebunden in Leinen 5,50 Mark, in Leder 7 Mark + + +_Hermann Hesse in der »Neuen Züricher Zeitung«_: Alle, die schon ein +Lagerlöfsches Buch gelesen haben, werden in eigenem Antrieb jedes neue +Werk der Dichterin auffinden und lesen. Ihre früheren Schöpfungen, +obenan der herrliche »Gösta Berling«, sind Ereignisse gewesen, und jede +von ihnen bedeutete eine Bereicherung der Weltliteratur. Damit möchte +ich freilich nicht gesagt haben, der Wert dieser Dichtungen sei ein +ausschließlich oder auch nur vorwiegend »literarischer«. An guter +Literatur in diesem Sinn leiden wir ja keinen Mangel. Aber die Werke der +Schwedin sind so voll von rein menschlichem Wert, so voll Wärme, Tiefe, +Herzlichkeit und lauterem Gefühl, daß man beim Lesen, wenigstens beim +erstmaligen Lesen, gar nicht daran denkt, ihren literarischen Qualitäten +die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Erst nachträglich merkt man +dann, wieviel erstaunliche Kunst dahinter steckt. So ist es ja bei allen +echten Dichterwerken – man verliert sich an sie wie an eine Naturgewalt +... Und erst viel später, beim zweiten und dritten Wiederlesen, freut +sich der ruhiger gewordene Sinn auch am Entdecken des Künstlerischen, am +Einzelnen wie an der Organisation des Ganzen, und geht mit immer neuen +Freuden den unzähligen großen und kleinen Schönheiten nach. + +_Berliner Tageblatt_: »Gösta Berling« gehört der Weltliteratur an. Die +ganze düster-wilde Kraft der nordischen Mythologie offenbart sich hier. +Auch dies ist ein Buch, in dem Wunder genug geschehen; aber wenn die +Dichterin uns hier einmal treuherzig anspricht: »Ihr Kinder später +Zeiten! Ich verlange ja nicht, daß jemand diese alten Geschichten +glauben soll,« so kann man ihr ehrlich entgegenhalten, daß sie diese +alten Geschichten vermöge ihrer Kunst, die hier auf ihrer Höhe steht, +glaubhaft dargestellt hat. Man glaubt ihr diesen Gösta Berling, diesen +prächtigen Don Juan, den Haupthelden des Kavalierhauses mit den zwölf +sonderbaren Insassen, der zum Leben verurteilt ist und Anderer Leben +vernichtet ... Mit virtuoser Selbstverständlichkeit verwebt sie +Alltägliches mit Märchenhaftem ... + + ++Selma Lagerlöf+ + ++Jerusalem+ + + +Roman Zwei Bände + +I. In Dalarne 15. Auflage + +Geheftet 3,50 Mark, in Leinen gebunden 5 Mark + +II. Im heiligen Lande 14. Auflage + +Geheftet 4 Mark, in Leinen gebunden 5,50 Mark + + +_Neue Züricher Zeitung_: Wenn ich Selma Lagerlöf lese, habe ich das +Gefühl, das mich als Kind bei den Märchen überkam, die seltsame +Spannung: Was wird wohl Wunderbares noch geschehen? Diese Spannung +empfinde ich bei jeder ihrer kleinen Erzählungen, bei jedem Kapitel +ihrer größeren Werke. Sie beginnt ganz schlicht und einfach, als ob sie +das Alltäglichste erzählen wollte. Gleichgültig läßt man sich mitnehmen, +aber bald horcht man auf und wird gespannt und lauscht, – und mir ist es +dann immer, als ob ich jetzt etwas erfahren sollte, wonach ich schon +lange gesucht: die Lösung eines ewigen Rätsels, ein Großes, Tiefes, +Geheimnisvolles. Hinter jeder ihrer Erzählungen steht ein Teil dieses +ewig Großen, allgemein Gültigen, ein Stück tiefste Welterkenntnis, eine +Offenbarung. In letzter Linie wohl eine Offenbarung ihres eigenen +wunderbaren Wesens, ihrer Persönlichkeit, die von einem geradezu +mythischem Reichtum ist. – In der Heimat wurzelt die Kunst der +Dichterin, aber sie ist merkwürdig vielseitig und reich. Eine große +Sehnsucht treibt sie aus dem Norden nach dem Süden ... Oskar Levertin +meint, noch nie sei der Süden in so verliebtem Sonnenlicht gesehen, so +bezaubernd, mit einer solchen Stimmung von Paradiesesfrühling +geschildert worden. + +_Hamburger Fremdenblatt_: Wer zum ersten Male in ein Buch von Selma +Lagerlöf hineinblickt, fühlt sich von einem tiefen Staunen erfaßt, das +bald in Bewunderung übergeht. Schon auf der ersten Seite des Buches +tritt dem Leser jener große Zug entgegen, der alle Werke von Bedeutung +charakterisiert und den man trotzdem sehr schwer definieren kann. Die +hohe Einfachheit und Schönheit des Stils, die von verhaltener Kraft +getragene Ruhe der Schilderung und der weite, freie Blick, alles dies +erinnert an die besten Werke der Weltliteratur. Alle Lichtseiten des +Buches werden aber übertroffen von der Kunst und Tiefe der +Menschenzeichnung. + + ++Selma Lagerlöf+ + ++Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen+ + +Ein Kinderbuch + +Folgende Neuauflagen sind erschienen: + +Vollständig unillustrierte Ausgabe in zwei Bänden + +10. Tausend + +Geheftet 5 Mark, in Leinen gebunden 8 Mark + +Vollständig illustrierte Ausgabe in einem Bande + +Mit 8 farbigen Vollbildern und 95 Textillustrationen + +von _Wilhelm Schulz_ + +7. Tausend + +Geheftet 7,50 Mark, in Leinen gebunden 10 Mark + +Die ursprünglich dreibändige Ausgabe, die eine sehr große Verbreitung +gefunden hat, ist vergriffen und wird nicht mehr neu aufgelegt. + + +_Freisinnige Zeitung, Berlin_: Diese »Wunderbare Reise« ist ein +Märchenbuch, wie es sein muß, ein solches, nach dem die Großen nicht +minder gern immer wieder greifen werden als unsere Kleinen. Wenn irgend +jemand, so ist Selma Lagerlöf dazu berufen, uns Märchen zu erzählen, die +ebensowohl für die Kinderseelen passen, wie auch den Gereifteren +genügen. Aber ist es denn ein Märchenbuch? Ein Junge wird in ein +Wichtelmännchen verwandelt, und die Tiere reden. Aber doch glauben wir +kein Märchen zu lesen. Nein, wir lesen überhaupt nicht, wir sind selbst +mitten dabei, wir erleben mit Nils Holgersson und allen den Tieren alle +die Abenteuer auf der Reise durch Schweden. Und es kommt uns vor, als +könnte alles gar nicht anders sein. Das ist, weil Selma Lagerlöfs +Dichterhand uns mitverzaubert hat, ... Beseelung der Natur, das ist das +Geheimnis, das uns dieses Buch der Selma Lagerlöf zu einem köstlichen +Besitz macht. + + ++Selma Lagelöf+ + ++Jans Heimweh+ + +Roman 15. Auflage + +Geheftet 4 Mark, in Leinen gebunden 6 Mark + + +_Otto Stoeßl im »Tag«_: ... Keines anderen Dichters Wort besitzt heute +so viel ausströmende Menschheitskraft, segnende Menschenliebe, werbende +Güte, eratmende Gotteskindschaft, als der Nachtigallenruf dieser +wunderbaren Frau: Selma Lagerlöf. + +_München-Augsburger Abendzeitung_: Rührender, erschütternder kann die +von dem einfachen Menschen scheu verborgene Liebe zu seinem Kinde, die +er schier vor sich selbst verbirgt, nicht geschildert werden: es drückt +sich darin die erwärmendste Menschenliebe und eine vollendete +Seelenkunde aus. Als erhöhender Vorzug kommt eine unendlich schlichte +Darstellung, deren geläuterte Kunst man gar nicht merkt, dazu. In der +Ausmalung der engen Umgebung, in der diese Menschheitstragödie sich +abspielt, wie in der Landschaftsschilderung zeigt die Verfasserin ihre +bekannte hohe Kunst. Alles ist zu einer wundervollen Einheit +zusammengestimmt, aus der sich jene tief herzbewegende Wirkung des +Buches ergibt. _Stirius_. + +_Daheim, Berlin_: Von allen Weihnachtsbüchern, die es zu empfehlen gibt, +muß leidigerweise das Werk einer Ausländerin weit voranstehen. Aber +diese Ausländerin ist nicht nur stammverwandten Bluts – sie ist auch +eine Dichterin, die sich eben durch ihr nordisches Menschentum +dichterisch über den Hader der Nationen hinaushebt und nicht einem Volk +mehr, sondern der Menschheit angehört. über allem Gefühl für das +Vaterland hilft der Krieg in seinen größten Augenblicken dem +Menschlichen zum Recht; über alle literarische Richtungen, Meinungen, +Absichten und künstlerischen Ziele hinweg tritt in diesem Buch das +Menschliche so köstlich, rein und selig-erfüllt ans Licht, wie es einst +aus Gottes Herzen in die Menschenseele hineinfloß. Es handelt sich um +den Roman »Jans Heimweh« von Selma Lagerlöf. Es ist nicht patriotisch, +und dennoch muß man es gestehen: in unserm großen, geistig so +fruchtbaren und gesegneten Deutschland haben wir kaum einen lebenden +Schriftsteller, der auch nur entfernt das tiefe Herz der Schwedin +aufwöge ... + + +Druck von Hesse & Becker in Leipzig + +Buchbinderarbeit von E. A. Enders in Leipzig + + + * * * * * + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +p 10: »Er« ist wild, trotzig, verwegen, -> »Er« (Anführungszeichen ergänzt) +p 60: neben ihm der alte Olaf, der Pferdeknecht -> Olof +p 71: Er dachte: »was würden meine Genossen (Anführungszeichen ergänzt) +p 87: wie sie ihm Hund und Fuß abbrennen -> Hand +p 90: Da kannst mir vertrauen -> Du +p 130: stand Gudmund Erlandsons -> Erlandssons +p 156: und empfand Sehnsicht -> Sehnsucht +p 158: Während Mutter Jungeborg -> Ingeborg +p 173: Ich weiß jetzt -> »Ich weiß jetzt (Anführungszeichen ergänzt) +p 175: »Du weißt nicht, nein, du weißt nicht (Anführungszeichen ergänzt) +p 177: »Jetzt war es -> Jetzt war es (Anführungszeichen entfernt) +p 178: Jetzt sollst du allein ... habe. -> »Jetzt sollst du allein ... +habe.« (Anführungszeichen ergänzt) +p 200: Uns kann niemend heilen -> niemand +p 219: »Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wäre (Anführungszeichen ergänzt) +p 223: Wahrlich, dies -> »Wahrlich, dies (Anführungszeichen ergänzt) + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung +wurden prinzipiell beibehalten. + +Formatierung: + +Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert: _text_ +Fettgedruckter Text wurde mit Pluszeichen markiert: +text+ + + + + +Transcriber’s Notes: + +The table below lists all corrections applied to the original text. + +p 10: »Er« ist wild, trotzig, verwegen, -> »Er« [added closing quote] +p 60: neben ihm der alte Olaf, der Pferdeknecht -> Olof +p 71: Er dachte: »was würden meine Genossen [added opening quote] +p 87: wie sie ihm Hund und Fuß abbrennen -> Hand +p 90: Da kannst mir vertrauen -> Du +p 130: stand Gudmund Erlandsons -> Erlandssons +p 156: und empfand Sehnsicht -> Sehnsucht +p 158: Während Mutter Jungeborg -> Ingeborg +p 173: Ich weiß jetzt -> »Ich weiß jetzt [added opening quote] +p 175: »Du weißt nicht, nein, du weißt nicht [added opening quote] +p 177: »Jetzt war es -> Jetzt war es [removed opening quote] +p 178: Jetzt sollst du allein ... habe. -> »Jetzt sollst du allein ... +habe.« [added opening and closing quotes] +p 200: Uns kann niemend heilen -> niemand +p 219: »Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wäre [added opening quote] +p 223: Wahrlich, dies -> »Wahrlich, dies [added opening quote] + +The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have +been maintained. + +Formatting: + +Spaced Text (gesperrt) was marked using Underscore: _text_ +Bold Text was marked using Plus Sign: +text+ + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die schönsten Geschichten der Lagerlöf, by +Selma Lagerlöf + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHÖNSTEN GESCHICHTEN *** + +***** This file should be named 20211-0.txt or 20211-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/0/2/1/20211/ + +Produced by Markus Brenner, Evelyn Kawrykow, La Monte H.P. +Yarroll and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
