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+The Project Gutenberg EBook of Gebete für Israeliten, by A. A. Wolff
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Gebete für Israeliten
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+Author: A. A. Wolff
+
+Release Date: November 16, 2006 [EBook #19823]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEBETE FÜR ISRAELITEN ***
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+
+Produced by Chuck Greif, Mrs. L. Buchsbaum and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ Gebete für Israeliten
+ zum Gebrauche beim
+ Gottesdienste, im Hause und auf dem Friedhofe
+
+ von
+
+ Prof. Dr. A. A. Wolff,
+ Oberrabbiner in Kopenhagen.
+ R. v. D.
+
+ Fünfte vermehrte und verbesserte Auflage.
+ Frankfurt a. M.
+ Verlag von J. Kauffmann.
+ 1908.
+
+ Druck von M. Lehrberger & Co., Rödelheim.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichnis.
+
+
+Zu Hause ehe man ins Gotteshaus geht
+Nach dem Eintritt ins Gotteshaus
+Desgleichen
+
+I. Gebete nach den vorgeschriebenen täglichen
+Gebeten zu lesen
+
+Allgemeines Morgengebet
+Allgemeines Abendgebet
+
+II. Gebete für jeden Tag der Woche
+
+Am Sonntag.
+
+Morgengebet
+Betrachtung über 1. B. M. 1, 3.-4.
+Abendgebet
+
+Am Montag.
+
+Morgengebet
+Betrachtung über 1. B. M. 1, 6.-8.
+Abendgebet
+
+Am Dienstag.
+
+Morgengebet
+Betrachtung über 1. B. M. 1, 9.-13.
+Abendgebet
+
+Am Mittwoch.
+
+Morgengebet
+Betrachtung über 1. B. M. 1, 14.-19.
+Abendgebet
+ Seite
+Am Donnerstag.
+
+Morgengebet
+Betrachtung über 1. B. M. 1, 20.-23.
+Abendgebet
+
+Am Freitag.
+
+Morgengebet
+Betrachtung über 1. B. M. 1, 24.-31.
+Abendgebet
+
+Am Sonnabend.
+
+Am Sabbat-Morgen
+Beim Ausheben der Thora am Sabbat
+Bei der Verkündigung des Neumondes
+Ein anderes Gebet bei der Verkündigung des Neumondes
+Am Sabbat-Nachmittag
+Am Neumondstage
+Am Sabbat-Abend
+
+III. Gebete an den Feiertagen
+
+Abendgebet an den drei Festen: Peßach, Schabuoth
+(Wochen-) und Succoth (Laubhüttenfest)
+Morgengebet für den ersten und zweiten Tag des
+Peßachfestes
+Ein anderes Gebet für den Peßachmorgen
+Morgengebet an den beiden letzten Tagen des Peßachfestes
+Morgengebet am Wochenfeste
+
+Am Neujahrsfest.
+
+Am Vorabend des Festes
+Am Neujahrstag
+Beim Schofarblasen
+
+Am großen Versöhnungsfeste.
+
+Zu Anfang des Abendgottesdienstes (Kol nidre)
+Zum Morgengottesdienst (Schacharis)
+Beim Mittagsgebet (Mussaph)
+Beim Nachmittagsgebet (Mincha)
+Zum Schlußgebet (Neïlah)
+
+Am Laubhüttenfest (Succoth)
+
+Desgleichen als Erntefest
+Am Schlußfeste (Schemini Azeres)
+Am Freudenfeste über die Thora (Simchas Thora)
+Am Feste der Tempelweihe (Chanuka, Lichterfest)
+Am Purimfest
+Am Tage der Zerstörung des Tempels (Tischoh b'ab)
+Schlußgebet beim Gottesdienste (Olenu)
+Die Hausfrau, wenn sie Chala nimmt
+Die Hausfrau, wenn sie die Sabbatlicher oder die
+Festlichter anzündet
+
+IV. Gelegenheitsgebete
+
+Am Geburtstage
+Am Verlobungstage
+Am Hochzeitstage
+In einer glücklichen Ehe, jährlich am Hochzeitstage
+In einer kinderlosen Ehe
+In der Schwangerschaft
+Vor der Niederkunft
+Nach der Niederkunft
+Bei der Beschneidung
+Eine Wöhnerin beim ersten Gang ins Gotteshaus
+Ebenso nach der Geburt eines totgeborenen Kindes
+Eine Ehegattin
+Eine Tochter für die Eltern
+Im Witwenstande
+Eine Waise
+Im Alter
+Bei der Fortreise von der Heimat
+Für einen Abwesenden, der auf der Reise ist
+Zusatz für ein Kind, das auf der Reise ist
+Gebete in jeder Art der Not und Seelenangst
+
+Gebete in Krankheit
+
+Eine Kranke
+In bedenklicher Krankheit
+Desgleichen in Bibelversen
+Vor einer gefährlichen Operation
+Fürbitte für einen Kranken
+Der Kinder Gebet für einen kranken Vater oder eine
+kranke Mutter
+Dankgebet nach überstandener Krankheit
+Gebet in einem Krankheitsfalle (Nach dem Hebräischen)
+Gebet für einen andern Kranken
+
+Gebete während einer ansteckenden Krankheit
+
+Bei Ausbreitung der Krankheit
+Gebet um Mut
+Tröstung
+Ergebenheit in Gottes Willen
+Gebet um das Morgen und Abendgebet im Gotteshause
+oder daheim zu beschließen
+Desgleichen
+
+Gebete auf dem Friedhofe
+
+Über die Sitte, die Grabstellen zu besuchen und dort
+zu beten
+Am Jahrestage des Todes eines der Eltern
+Desgleichen
+Am Grabe des Vaters am Jahrestage
+ " " der Mutter " "
+ " " eines Kindes
+ " " des Mannes
+ " " eines gefallenen Vaterlandsverteidigers
+ " " " Verwandten
+Am Ereb Rôsch Haschonoh
+
+Dankgebet bei Vollendung eines Werkes
+
+Anhang.
+
+Esehu Mekômon (Betrachtung über die Opfer)
+Bame Madlikin (Freitagabendbetrachtung)
+Pittum hak'tôres (Betrachtung zum Mussaphgebet)
+
+
+
+
+Zu Hause, ehe man ins Gotteshaus geht.
+
+»Israel! bereite dich vor, vor deinen
+Gott zu treten.«(Amos 4, 12.)
+
+
+Es dürstet meine Seele nach dir, o Gott, nach dir, dem lebendigen Gott,
+und ich will eilen nach deinem Heiligtume, wo dein Name angebetet wird,
+wo deine Gemeinde sich versammelt, um dich anzurufen, dir zu danken,
+dich zu loben und dich zu preisen. O! bereits auf dem Wege dahin läutere
+du meinen Sinn, heilige du meinen Geist, und zünde du in meiner Brust
+die Andachtsflamme an, die mich und meine Brüder an der heiligen, dir
+geweihten Stätte durchglühen soll. Denn wohl weiß ich, daß du, den die
+Himmel und aller Himmel Himmel nicht umfassen, nicht in dem Hause
+wohnest, das von Menschenhänden erbaut worden, daß du, dessen
+Herrlichkeit Himmel und Erde erfüllt, mir überall nahe bist, wo ich auch
+sein mag; wohl weiß ich, daß das fromme Gebet, welches meine Seele in
+meiner Einsamkeit stillen Kammer zu dir empor sendet, auch Gnade und
+Erhörung vor dir findet, aber auch dies weiß ich, daß der Geist des
+wahren Gebets, der nicht persönliches Wohl, sondern das Wohl und Heil
+aller sucht, der nicht bloß das Glück und die Wohlfahrt der Erde,
+sondern auch das Nahen des himmlischen Reiches erfleht, der nichts
+begehrt, nichts fordert, sondern nur im Glauben und in der Erkenntnis
+sein Höchstes findet und sein treues Bekenntnis dieses Glaubens vor
+aller Welt ablegen möchte;--ich weiß, daß dieser Geist des wahren Gebets
+mir fehlen würde, so dessen Flamme, die zuerst in der Mitte der
+Gottesgemeinde angefacht wurde, nicht auch in ihr stets Nahrung fände.
+Was ich glaube, und um was ich bete, und wonach mein Herz sich sehnt,
+soll ja nicht in meinem Innern verborgen bleiben, es soll ja auch als
+ein freudiges Zeugnis auf meinen Lippen hervortreten und vor der Welt,
+so wie vor anderen Glaubensbrüdern von mir als meines Lebens Schild und
+als ein köstlicher Schatz gepriesen werden. Ach, sind ja leider so
+viele, welche in Leichtsinn hinleben, so daß sie die Bande lösen, die
+sie mit der Gemeinde innigst verbinden sollten, und welche jedes
+Kennzeichen auslöschen, das sie an ihren väterlichen Glauben erinnern
+könnte; aber desto mehr will ich die Stätte aufsuchen, wo Israeliten
+sich sammeln, um dich in jüdischer Weise zu verehren. Schon dies, daß
+mein Gang nach dem Bethause gerichtet ist, schon dies soll ein Zeugnis
+sein, das ich vor der Welt ablege, daß ich zu dieser heiligen
+Gemeinschaft gehöre, und daß ich über den Spott und Hohn erhaben bin,
+womit jene, die sich die Weisen der Welt nennen, auf diejenigen sehen,
+die dich, o Ewiger, nach ihrer Väter Weise verehren. Und wie sehr wird
+nicht meine Andacht, meine fromme Sehnsucht durch den Gedanken erhöht:
+Ich stehe nicht allein mit meinem Gebet vor dir, stehe nicht allein mit
+der Glaubensschar, die sich da versammelt, sondern stehe mit dieser als
+ein Glied der ganzen Gemeinde Israels da; denn wunderbar hast du, o
+Herr, es so gefügt, daß meine Glaubensgenossen fast überall, in heißer
+wie in kalter Zone, da, wo ihnen die Sonne der Freiheit zulächelt, wie
+dort, wo sie unter Druck seufzen, daß sie fast überall sich doch vor dir
+zur selbigen Zeit und Stunde sammeln und dieselben bedeutungsvollen,
+Vertrauen und Demut atmenden Worte ihren Lippen entströmen lassen, so
+daß ein Laut in gemeinsamer Andacht und Seelenerhebung zu deinem Thron
+von dem ganzen jüdischen Volke emporsteigt. Nein, nicht allein stehe ich
+da; denn unzählige der hingeschwundenen Geschlechter erheben sich
+gleichsam vor meinem andächtigen Blick von ihren Ruhestätten, sowohl
+die, welche in unterirdischen Höhlen, als die, welche unter klarem
+Himmelszelte auf ihren Wanderungen dieselben Gebete gebetet, ja mit
+diesen auf den Lippen ihr Leben aushauchten, indem sie den Märtyrertod
+erlitten;--mit allen diesen fühle ich mich vereint, indem ich die Worte
+ausspreche, die prophetische Zungen verkündigt, die heilige, von deinem
+Geist beseelte Sänger gesungen, und die so viele Zeitalter hindurch uns
+unter so mannigfaltigen Versuchungen und Prüfungen die Reinheit unserer
+heiligen Lehre, sowie die Einfalt und Eintracht im Glauben in unsrer
+Mitte bewahrt haben.--O, so leite du denn meine Schritte, wenn ich in
+dein Haus wandere, so stärke du meinen Geist, daß er dort von solchen
+Vorsätzen erfüllt werde, solche Eindrücke empfange und bewahre, daß nie
+das innige Verlangen, dein Haus aufzusuchen, von mir weiche, und auch
+nicht die Überzeugung und Gewißheit mir verloren gehe, daß du an solch
+gemeinsamer Anbetung Wohlgefallen habest. Stärke du mich, o Gott, auf
+daß mein Glaube dem gleiche, der den Vater der Gläubigen beseelte, als
+er sein Opfer dir brachte, und gib mir Kraft, daß ich, wie er die
+Raubvögel,[1] die trüben Zweifel, die verkehrten Einwendungen
+verscheuche, wenn sie meine Andacht mir rauben wollen; laß darum mein
+Auge dort in deinem Hause nur auf das achten, was mich erheben und zur
+Andacht stimmen kann. Laß mich erkennen, daß du uns nach unserm Herzen
+und unsern Gesinnungen richtest, auf daß Frömmigkeit mich leite, Andacht
+mich entflamme, und meine Schritte dir wohlgefallen, wenn ich in
+zahlreicher Versammlung dich anbete;[2] ja sende mir, Vater im Himmel,
+dein Licht und deine Wahrheit, daß sie mich führen und leiten nach
+deinem heiligen Berge und zu deiner Wohnung.[3]
+
+Amen!
+
+[Fußnote 1: Buch Mosis 15.]
+
+[Fußnote 2: Ps. 26, 12.]
+
+[Fußnote 3: Ps. 43.]
+
+
+
+
+Nach dem Eintritt ins Gotteshaus.
+
+
+2. Wie überwältigt werde ich von Gefühlen des Dankes und der Ehrfurcht,
+indem ich an dieser Stätte weile, Gefühle des Dankes, daß du, o Gott, es
+dem Sohne des Staubes gestattest, sich zu dir zu erheben, daß du in
+deiner Liebe ihn selbst dazu aufgefordert »dein Antlitz zu suchen«, daß
+du uns eine Stätte gegeben hast, wo du deine Herrlichkeit unter uns
+thronen lassen willst.--O Unendlicher, welche Ehrfurcht durchbebet mich,
+daß ich, ein Kind des Staubes, Zutritt zu deinem Hause habe und mich
+dir, dem Allheiligen, nähern kann, daß ich vor dich alles bringen darf,
+was mein Herz beschwert, zu dir für mein Wohl und das Wohl der Meinen,
+für die Gläubigen und mit ihnen, ja für die ganze Menschheit beten kann!
+So hast du in deiner Güte uns gesegnet und uns erhoben. O, laß mich
+dieser deiner Gnade nimmer vergessen und laß mich während meines Betens
+stets eingedenk sein, vor wem ich stehe, auf daß du mich würdig findest,
+ein Träger deines Geistes zu sein. Entferne du von mir jeden fremden und
+unseligen Gedanken, daß weder die Lust der Welt noch ihr Schmerz den
+reinen Aufschwung der Seele hindere. O, daß alle, die mit mir hier
+versammelt sind, voll Demut dich in einem Geiste anbeten, und wir so
+eine echt israelitische, heilige Brudergemeinde bilden möchten, über
+welche du selbst »den Geist des Gebetes und der Gnade« ausgegossen!
+
+Amen!
+
+
+
+
+Ein anderes Gebet.
+
+
+3. So hast du, mein Gott, mich gestärkt und gewürdigt, dein Haus zu
+betreten, wo alles mir verkündigt:»Hier ist die Pforte des Herrn,
+Gerechte treten da ein;«[4] o, daß ich zu diesen mich zählen dürfte!
+Ach, daß dein Himmel mir offen stünde, wenn ich aus ganzer Seele dich im
+Gebete suche! O, gewähre mir Verzeihung, daß ich rein werde, erschaffe
+in mir ein reines Herz, verjünge ein festes Gemüt in meinem Innern, auf
+daß jedes Wort, das über meine Lippen geht, mich in heilige Gemeinschaft
+mit dir bringe! Erhebe mich über die Lust und den Schmerz der Welt,
+befreie mich von jeder Sorge und jedem Kummer, auf daß ich mich in dir
+und mit dir fühle, glückselig wie die Geister des Himmels in deiner
+Anbetung, und auf daß ich es mit ganzer Seele empfinde, »wie köstlich
+deine Huld den Menschenkindern ist, die im Schatten deiner Fittige sich
+bergen, auf daß ich an deines Hauses Segen mich labe und an dem Strome
+deiner Gnade mich erquicke«.[5] Laß mich auch diesen Segen mit hinaus
+aus diesem Hause nehmen, daß ich überall deine heilige Nähe fühle und
+überall dir zum Wohlgefallen lebe!
+
+Amen!
+
+[Fußnote 4: Ps. 118, 20.]
+
+[Fußnote 5: Ps. 36, 8. 9.]
+
+
+
+
+I. Gebete nach den vorgeschriebenen täglichen Gebeten zu lesen.
+
+
+
+
+
+Allgemeines Morgengebet.
+
+Dein, o Herr, ist der Tag. (Ps. 74, 16.)
+
+
+4. Alliebender Vater im Himmel! Wie kann ich dir genug für all deine
+Güte danken, die du mit jedem Morgen mir erneuerst. Deine Gnade hat über
+mich wiederum diese Nacht gewacht und mir in erquickendem Schlafe neue
+Kraft und Stärke geschenkt! Während viele sie in Kummer und Unruhe haben
+zubringen müssen, hast du über mich und die Meinigen gewacht! Gesund und
+froh grüße ich wiederum diese Morgenstunde und freue mich des Anblicks
+meiner Teuren und Lieben. O, ich bin zu gering für all die Gnade und für
+all die Treue, die du mir erweisest, und doch drängt es mich, dich
+anzuflehen, daß du auch heute mir deine Gnade und deinen Beistand
+schenkest. Laß auch diesen Tag mir Segen bringen und mich zu dir führen.
+Dir seien meine Gedanken alle geheiligt, in deinem Namen werde mein
+Tagewerk durchgeführt! Leite du mich mit deiner Hand, auf daß ich nicht
+strauchle und von deinen göttlichen Geboten nicht weiche, daß ich mit
+Gewissenhaftigkeit die Pflichten meines Berufes übe und stets eingedenk
+sei, daß du einst mich zur Rechenschaft ziehen wirst für jegliche
+Stunde, die versäumt worden. Läutere du darum mein Herz und breite über
+meine Seele den stillen Frieden aus, auf daß ich der Kämpfe nicht achte,
+die du uns in unserem Berufe auferlegst, und nicht ermatte unter den
+Mühen und Beschwerden, die mit diesem verbunden sind! Erneuere stets die
+Liebe zu dir in meinem Innern, auf daß ich dich suche und dir diene mit
+allen meinen Kräften! Laß mich unter meinen Mitmenschen mit einem
+liebenden Sinn wandeln, der niemanden beleidigt und der zum Verzeihen
+bereit ist, so daß ich sanftmütig und versöhnlich gegen jedermann sei,
+dem ich heute begegne! Gedenk, o Gott, daß ich Staub bin, und laß mich
+frei sein von schweren Prüfungen. So du aber in deiner Weisheit es für
+gut findest, solche über mich zu verhängen, dann halte du mich aufrecht
+mit deiner Rechten, und leite du mich mit deinem Rate, auf daß ich nicht
+wanke und nicht verzage.»Gott, mein Gott, leite meine Schritte nach
+deinem Worte, sei mein Schild, meine Zuflucht den ganzen Tag; Lob und
+Preis dir in aller Ewigkeit!«[6]
+
+Amen!
+
+
+
+
+Allgemeines Abendgebet.
+
+Dein, o Herr, ist auch die Nacht. (Ps. 74, 16.)
+
+
+5. Mein Gott! der Tag ist dahin; ich suche Erholung nach der Arbeit
+desselben, und bevor ich mich den Armen des Schlafes übergebe, führt mir
+die Stille der Nacht noch einmal alles vor die Seele, was ich heute
+gesehen und erlebt, alles, was ich heute getan und vollbracht habe. Ach!
+wie könnt' ich dir für die vielen Wohltaten genugsam danken, die du
+heute wiederum mir und allen denen, die mir lieb und teuer sind,
+erwiesen hast. Du hast nicht nur über meine Schritte gewacht, vor
+Gefahren mich beschirmt, zu meinem Werke mich gestärkt, und mit allem
+mich gesegnet, dessen ich bedarf, sondern du hast auch mit so mancher
+Gabe mich erfreut, mit so mancher Freude mich erquickt; aber auch selbst
+durch das, was mir für einen Augenblick Kummer und Schmerz verursachte,
+hast du mich zu dir hingezogen und mich innerlich glückselig gemacht. O!
+wie demütiget es mich, wenn ich alles dessen gedenke und dann vor meiner
+Seele alles das vorüberziehen lasse, was ich heute gedacht und getan.
+Wie oft habe ich nicht dein vergessen, wie oft wurde ich nicht von
+sündiger Lust erfüllt, für die meine Seele keinen Raum gehabt, wenn der
+Gedanke, daß du allgegenwärtig seiest, und daß du mein Inneres
+erforschest, mich ganz erfüllt hätte; ach, und wie wenig geben die
+Werke, die ich vollführt, wohl Zeugnis davon, daß ich von Liebe zu dir
+beseelt bin, die mich eifrig und treu in meinem Berufe, unverdrossen
+und liebevoll gegen meinen Nächsten hätte machen sollen. O, reuevoll
+schaue ich auf den verflossenen Tag zurück, und mit aufrichtiger Buße
+flehe ich um deine väterliche Vergebung. Ich will daher selbst, ehe mein
+Auge sich zum Schlafe schließt, allen denen vergeben, die mir zuwider
+gehandelt, und mich zu kränken und zu verletzen gesucht haben. Nimm du
+mich in deinen gnädigen Schutz, schenke mir und den Meinigen nächtliche
+Ruhe, daß wir durch einen ungestörten und erquickenden Schlaf für den
+kommenden Tag gestärkt werden, der dir durch einen gerechten und frommen
+Wandel geheiligt sein möge! Ja, laß die Nacht ihren erquickenden
+Schatten über alle ausbreiten, daß der Müde und Bekümmerte Kraft und
+Trost und der Gekränkte und Leidende Beruhigung und Stärkung in dem
+Segen des Schlafes finde; und jedem, der auf dem Schmerzenslager
+stöhnend klagt, der in Krankheit oder Bekümmernis ängstlich fragt:»Ist
+wohl die Nacht bald vorbei?«[7] dem führe lindernde Hoffnung, Geduld und
+inniges Vertrauen auf dich zu, auf dich, für den »die Nacht leuchtet
+gleich dem Tage!« Bewahre mich vor Gefahr und Unglück und laß mich nach
+der Erquickung der Nacht mit dem innigen Verlangen, dir zu dienen,
+erwachen!»In deine Hand befehle ich meinen Geist, du beschirmst mich,
+wahrhafter und gnädiger Gott!«[8]
+
+Amen!
+
+[Fußnote 6: Ps. 25, 5.]
+
+[Fußnote 7: Jes. 21, 11.]
+
+[Fußnote 8: Ps. 139, 12.]
+
+
+
+
+II. Gebete für jeden Tag der Woche.
+
+
+
+
+Am Sonntage.
+
+
+
+
+Morgengebet.
+
+
+6. Eine neue Woche hast du, o gnadenvoller Vater, für mich erscheinen
+lassen, und eine neue Zeit schenkst du mir wieder, um für mein Wohl zu
+leben und zu wirken. O, so beseele mich denn mit Ernst und Freudigkeit,
+auf daß ich das Werk vollführe, das du mir angewiesen. Laß mich die neue
+Woche damit beginnen, daß ich die heiligen Vorsätze ausführe, die ich
+gestern gefaßt habe, laß es mir trotz meiner Schwäche gelingen, durch
+meine Fürsorge und Arbeit das Wohl meiner Brüder zu fördern und zum
+Wohle der menschlichen Gesellschaft mitzuwirken. Verleihe mir vor allem
+deinen Beistand, daß ich denen ein gutes Beispiel gebe, in deren Mitte
+ich wirke; stärke mich, daß ich auf reinen Wandel achte, jedes meiner
+Worte wohl bedenke und auf jede meiner Handlungen wohl aufmerksam sei,
+und in der Freude wie im Schmerze mich als ein gottesfürchtiges und
+gottergebenes Kind zeige, das stets deinen Willen zu erfüllen sucht.
+Stehe mir zur Seite bei den Mühen und Arbeiten dieser Woche, daß die
+Mühsal des Tages mir zum Segen werde, und die Freuden, die du mir
+bereitest, mich unaufhörlich erinnern an den Dank, den ich dir schulde.
+Stärke mich, daß ich die Widerwärtigkeiten und Unannehmlichkeiten
+duldend ertrage und selbst denen mich liebevoll erweise, die mich in
+dieser Woche zu betrüben suchen. Lehre mich deine Weisheit anbeten und
+deine Güte auch in der schmerzlichen Stunde preisen, die dein Wille mir
+auferlegen sollte, und jede glückliche, freudenreiche Stunde im
+Irdischen erinnere mich an die Ewigkeit, der ich entgegengehe. Herr!»laß
+mit jedem Morgen mich deine Gnade erfahren; denn auf dich hoffe ich; tue
+mir den Weg kund, den ich zu wandern habe, denn es sehnt sich mein Herz
+nach dir!«[9]
+
+Amen.
+
+[Fußnote 9: Ps. 143, 8.]
+
+
+
+
+Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 3-4.
+
+
+7. Allmächtiger, allweiser Schöpfer! Am ersten Schöpfungstage nähert
+sich meine Seele dir und danket dir, daß du die Finsternis hast
+schwinden lassen und wiederum, wie einst, da du über die leblose Natur
+das: »Werde Licht!« riefst, mich von deinem Licht umstrahlt sein läßt,
+das allem um mich her Kraft spendet und Reiz verleiht. Ach Herr, mein
+Gott! du, der du so unendlich bist, der du dich hüllest in Licht wie in
+ein Gewand (Ps. 104), zerstreue du die Finsternis, die noch über so
+viele ausgebreitet ist, auf daß das Licht der Liebe die Herzen aller
+Lebenden erleuchte und erwärme! Hilf du mir, daß ich den Weg des Lichtes
+wandre, daß kein trüber Zweifel meine Seele umschleiere, keine
+Versuchung mich auf die dunkle Bahn des Lasters führe. Laß deine Gnade
+und Huld mir und den Meinigen zu teil werden, auf daß wir unser
+tägliches Brot finden und es in Freuden genießen. Erleuchte mich mit
+deinem Lichte und deiner Wahrheit, daß sie mich leiten, dich zu suchen,
+dir zu dienen mit allem, was ich in dieser Woche vornehme, daß keiner
+meiner Gedanken und keine meiner Taten das Licht des Tages zu scheuen
+nötig habe. Verschone mich und die Meinigen von großen Sorgen, die den
+Sinn beschweren, ihn niederdrücken und irre leiten. Und so zuweilen die
+Aussichten trübe sind, und Angst mein Herz beschleicht, dann laß mich
+eingedenk sein, daß du gnädig und barmherzig bist, und daß den Frommen
+ein Licht in der Finsternis aufstrahlt (Ps. 112); laß mich eingedenk
+sein, daß wir hienieden nicht das volle Licht schauen können, daß es
+aber in der Ewigkeit herrlich für diejenigen strahlen wird, die dich in
+Wahrheit anbeten. So nimm mich denn in deinen Schutz, und möge all mein
+Streben in dieser Woche dazu beitragen, daß ich einst würdig werde,
+dieses Licht zu schauen,--»sei mir gnädig, segne mich und laß das Licht
+deines Antlitzes mir leuchten!«[10]
+
+Amen!
+
+
+
+
+Abendgebet.
+
+
+8. Wiederum habe ich einen Tag verlebt, an welchem du mir so viele
+Beweise deiner väterlichen Fürsorge und deiner rettenden Gnade gegeben,
+daß ich tief fühle, was ich dir schulde, und es tief erkenne, wie wenig
+ich so viel Güte verdient habe. O! mein Gott, gehe nicht ins Gericht mit
+mir; denn vor dir ist kein Lebender gerecht, sondern vergib in deiner
+Langmut und Barmherzigkeit meine Sünden, meine Vergehen und Irrtümer,
+die ich mir im Laufe des Tages habe zu schulden kommen lassen. Erhöre
+meine Seufzer, die ich in Demut emporsende, auf daß ich getrost mich zur
+Ruhe legen, und nun zur Zeit, wo aller menschliche Beistand schlummert,
+auf deinen Schutz vertrauen kann. O du, vor dem die Nacht hell ist wie
+der Tag, sei du mein Beschützer in jeglicher Gefahr, das Licht meiner
+Seele in der schaurigen Finsternis, bewahre mich vor den Schrecknissen
+der Nacht, halte jegliche Krankheit von meinem Lager fern, und laß
+deinen Geist mich beseelen, auch wenn ich schlummere, auf daß ich neue
+Kraft gewinne, um die Kämpfe des Lebens zu bestehen, und gestärkt werde,
+deinen Willen zu erfüllen. Erbarme dich der Menschenkinder und laß bald
+die Nacht vor deinem himmlischen Lichte weichen, das Friede und Liebe
+auf der ganzen Erde verbreitet; halte deine Hand über die, die unter dem
+Dache meines Hauses schlafen, daß niemand sündige, niemand strauchle!
+Dir empfehle ich alle meine Lieben, nahe und ferne, laß mich in Frieden
+schlafen und wohl und gesund wieder erwachen, um dich zu loben und zu
+preisen, daß du warst die Hilfe meines Antlitzes, mein Schild, mein
+Gott.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 10: Ps. 67, 2.]
+
+
+
+
+Am Montag.
+
+
+
+
+Morgengebet.
+
+
+9. So bin ich denn wieder erwacht, ich rege mich und lebe in dir, du
+Lebensspender, allgütiger Gott! Ach, mit welch drückenden Gedanken begab
+ich mich zur Ruhe! Kaum hoffte und erwartete ich, von den mannigfachen
+Sorgen befreit zu werden, die auf meinem Herzen lasteten und meine Seele
+so unruhig machten; aber du bereitetest mir einen erquickenden Schlaf,
+und mit den Schatten der Nacht, die vor dem Lichte des Morgens weichen,
+war alles, was mich drückte, verschwunden. Nun fühle ich mich wie neu
+geschaffen und schaue mit Vertrauen auf zu deiner unendlichen Güte, die
+über mich wachet. Unschlüssig war ich und fürchtete den kommenden Tag;
+aber siehe, es ist als ob du im Laufe der Nacht Entschlossenheit meiner
+Seele eingegeben hättest, daß ich mit neuer Lust und freudigem Mute
+heute wieder an mein Werk gehe. O, möchte doch mein Vertrauen auf dich
+nie wanken, o, möchte es mich doch auch heute zu meinem Werke begleiten,
+daß ich, was mir auch heute begegne, doch stets eingedenk bleibe und mit
+ergebenem Sinne erkenne, daß du der Herr bist, und daß du tuest, was gut
+in deinen Augen ist! Verleihe mir aber auch die Kraft, in meinem Streben
+und Wirken würdig zu bleiben, das Auge zu dir erheben zu dürfen, daß ich
+stets auf deine väterliche Hilfe und auf deinen Schutz vertraue, daß
+kein falsches Vertrauen sich in mein Herz schleiche, und daß ich nicht
+durch unermüdliches Jagen nach den vergänglichen Dingen, durch
+Eigennutz, Genußsucht oder Eitelkeit das Glück und den Segen verscherze,
+den du allen denen verheißen, die ihre Hoffnung auf dich setzen. So
+stärke mich denn, daß ich arbeite, ohne zu ermüden, daß ich mit
+dankbarem Sinn jede Freude genieße, die du mir schenktest, und ich zum
+Segen wirke! Laß mich nie Ärgernis und Anstoß verursachen, sondern in
+der Zeit als einen leben, der die Ewigkeit vor Augen hat! O, du ewiger
+Gott, sei mir gnädig, segne und bewahre mich! Ja, ich will nicht
+verzagen; denn meine Hilfe kommt von dir, der du geschaffen Himmel und
+Erde.
+
+Amen
+
+
+
+
+Betrachtung über 1. B. M. 1, 6-8.
+
+
+10. Allmächtiger Schöpfer, alliebender Gott! Ich danke dir, daß du mich
+wieder den zweiten Wochentag hast schauen lassen den Himmel, der sich
+noch über mir wölbt, wie du ihn einst am zweiten Schöpfungstage über die
+Erde ausgespannt hast. So leuchtete sofort deine Herrlichkeit über dem
+Staube, daß wir dadurch erinnert würden, daß die Seligkeit des Himmels
+das Ziel für den Erdenkampf sei, und in der Ruhe und in dem Frieden, der
+von dem sichtbaren Himmelsbogen widerstrahlt, spiegelt sich für den
+Menschen der selige Friede des unsichtbaren Himmels ab. Bei aller Not
+und Sorge des Lebens soll der Mensch zum Himmel empor schauen und dort
+die Tröstung und Erquickung suchen, die die Erde nicht zu gewähren
+vermag, und in den Versuchungen der Welt, in ihrem Kampf und Streit soll
+er von deinem Himmel Kraft und Freiheit holen. Aber darf auch ich wohl
+meinen Blick zum Himmel erheben?--O, nur der kann freudig empor in die
+Höhe sehen, der das tut, was dir wohlgefällig ist! Hab ich dieses getan?
+War ich stets eingedenk, daß ich überall in deinem Heiligtum bin, da
+überall der Himmel über mir ausgebreitet ist, der deine Herrlichkeit Tag
+für Tag verkündet? Habe ich mich wohl auf Geistesschwingen zum Himmel
+gehoben, während mein Fuß zur Erde gestellt war--leuchtete ein Himmel
+der Liebe aus meinem Auge, wenn ich mit meinen Menschenbrüdern
+verkehrte? O Gott, sei mit mir heute, daß ich jede Versuchung besiege,
+jede sündige Lust bezwinge, und daß jeder meiner Gedanken, jedes meiner
+Worte und jede meiner Taten von der Klarheit des Himmels widerscheine,
+daß mein Wandel dir wohlgefalle, und die Liebe des Himmels mich einst
+verkläre bei dir, du, mein Gott, dessen Huld so erhaben ist, wie der
+Himmel über der Erde, du, der du meine Sünden vergibst und mich krönest
+mit Barmherzigkeit und Gnade.[11]
+
+Amen!
+
+
+
+
+Abendgebet.
+
+
+11. Wie, o Gott, soll ich dir danken für alle Wohltaten, die du mir
+heute erwiesen? O, nicht nur, daß du in Gnade deine Hand über mich
+gehalten und mich das tägliche Brot für mich und die Meinigen hast
+finden lassen--nein, sieh in reichlichem Maße hast du mir dasselbe
+vergönnt, und vorzüglich danke ich dir für die besondere Tröstung und
+Ermunterung, die mich heute so unerwartet erquickt hat. Ach wie
+glücklich machte mich nicht der geringste Dank, den ich durch deine
+Gnade erntete und die Freude, die der eine und andere meiner Mitwanderer
+hier im Leben, mir, gewiß nach deiner gütigen Eingebung, bereitet hat.
+Nein! ich kann mich nicht in die Arme des Schlafes werfen, ohne dich um
+Vergebung zu bitten, daß ich so oft über die Bürden des Lebens und über
+den Undank und die Verkennung der Welt geseufzt habe! Sah ich nicht
+heute, wie hoch mein Herz sich freute und sich freuen mußte bei dem
+geringsten Dank, bei dem aufmunternden Lohne, den ich zuweilen erntete,
+und wie solch' selige Augenblicke gerade in Stunden der Ermüdung und
+Erschlaffung eintreten! Und wenn ich noch bedenke die himmlischen
+Augenblicke, in welchen es mir vergönnt war, die Hände der Schwachen,
+die Knie der Wankenden zu stärken, wo ich durch deinen Beistand es
+vermochte, zu trösten und zu beruhigen, durch meine Anerkennung der
+Wirksamkeit anderer imstande war, sie zu erneuetem Fleiße
+anzuspornen,--o, dann überströmt mein Herz von Dank und Freude; ich will
+nicht mehr klagen, ich will jede Stunde recht benutzen, um so meine
+Mitmenschen zu erfreuen, auf daß auch ihre Seelen Ruhe in dir finden.
+Stärke mich hierzu, o mein Gott, dazu empfehle ich meinen Geist deinem
+Schutze!
+
+Amen!
+
+[Fußnote 11: Ps. 103, 3.]
+
+
+
+
+Am Dienstag.
+
+
+
+
+Morgengebet.
+
+
+12. Allgütiger Gott! Nimm das Morgenopfer meines Herzens als Dank
+entgegen für die neuen Beweise deiner Gnade, die du mir in der
+verflossenen Nacht gegeben. Ach, wie viele haben diese nicht in Unruhe
+und Kummer verbracht, und von wie vieler Lager wurde nicht der Schlaf
+durch Angst und Sorge verscheucht; ich aber wurde verschont, die
+Meinigen hast du beschirmt! o, wie wenig habe ich doch so viele Gnade
+verdient! So manchen Morgen erwachte ich nur mit neuen Wünschen und
+vergaß es, wie sehr du mich bereits gesegnet, und wie vielen Dank ich
+dir schulde; doch heute steht deine Güte mir vor Augen, und o, wie
+glücklich macht mich dieser Gedanke! Ach, wie wenige fühlen doch das
+Gute, das sie unablässig von deiner Hand empfangen, und wie innig muß
+ich dir nicht danken, daß du durch deine heilige Lehre in mir die
+Erkenntnis deiner Wohltaten geweckt hast! Und wenn ich ganz von deiner
+göttlichen Lehre erfüllt wäre, o wie glücklich würde ich mich dann noch
+fühlen, welch ein Born der Freude würde da unaufhörlich aus derselben
+für mich fließen, selbst dann, wenn Kummer und Sorgen mich umgeben,
+welche Seligkeit würde ich dann nicht aus jedem Gebote schöpfen, das ich
+erfülle! O, du Ewiger! laß diesen Tag mich dem großen Ziele näher
+bringen, dem ich nachstreben soll! Sei mit mir in all meinen
+Bestrebungen, hilf mir in meiner Schwäche, erleuchte mich in meiner
+Unwissenheit, umgürte mich mit der Kraft des Willens, laß meine Seele
+alles in Klarheit schauen, mein Herz alles Edle und Heilige mit Wärme
+umfassen! Rüste mich aus mit Standhaftigkeit und lege an diesem Tage
+reichen Segen in meine Arbeit. Bewahre du, Ewiger, meinen Ausgang und
+meinen Eingang, o, entziehe mir nicht deine Barmherzigkeit, sondern laß
+deine Gnade und Treue mich stets beschirmen!
+
+Amen!
+
+
+
+
+Betrachtung über 1. B. M. 1, 9-13.
+
+
+13. Wie könnte ich wohl am dritten Tage der Woche mein Auge der
+Herrlichkeit des Tages öffnen, ohne dir für deine unendliche Güte zu
+danken, mit welcher du die Erde erfüllt hast und sie mit jedem Morgen
+aufs neue erfüllst? An diesem Tage, so ließest du uns in der
+Schöpfungsgeschichte verkünden, riefst du Gras, Kräuter und Bäume
+hervor, die Frucht und Samen tragen, jegliches nach seiner Art. So hast
+du, allgütiger Gott, für jedes lebende Geschöpf seinen Bedarf bereitet,
+bevor es noch ins Dasein gerufen war, so hast du auch an mich gedacht,
+bevor ich noch das Tageslicht schaute, hast liebevolle Wesen bestellt,
+die für mich sorgten, die mich kleideten und ernährten, mich erzogen und
+leiteten, und die Erde, sie ist voll deiner Gaben. O, wie könnte ich da
+verzagen und bekümmert fragen: woher soll ich Brot für meinen
+Lebensunterhalt nehmen? O, getrost bete ich zu dir: Gib mir und den
+Meinigen unser tägliches Brot, daß wir nie der Gabe eines Menschen
+bedürfen, erhalte uns in Genügsamkeit, daß wir in bescheidenem und
+prunklosem Wandel uns glücklich fühlen, jeglicher in seinem Berufe und
+jeglicher in seinem Stande. Wache über die Bedürftigen und Notleidenden
+und gewähre mir die Seligkeit, ihnen wie ein herrlicher Baum zu sein,
+der Schutz und Erquickung über sie ausbreitet, ja, laß mich wie ein Baum
+sein, der an den Wasserbächen deines göttlichen Wortes gepflanzt, reiche
+Früchte trägt, und dessen Blätter nie welken. Laß, o Herr, mein Streben
+und Wirken dir wohlgefällig sein und auch meinen Mitmenschen. Möchte
+mein Sinn von dem Licht aus der Höhe erfüllt werden, und meine Rede wie
+stärkende, erquickende Nahrung jedem sein, der darauf hört.--O, du, der
+du nie den Gerechten verläßt und es ihm nie an Brot mangeln läßt, erhöre
+mich und laß mich heute stark im Guten sein, errette mich von jeglicher
+Sünde, auf daß du auch über mein Werk heute wie bei der Schöpfung sagen
+könntest: »es war gut«,[12] gut für das zeitliche und gut für das ewige
+Leben.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 12: Buch Moses 1, 12]
+
+
+
+
+Abendgebet.
+
+
+14. Der Tag ist dahin gegangen, o, so schnell, so sehr schnell bei
+Arbeit und Freude und unter deinem beschirmenden Segen, allbarmherziger
+Gott und Vater! Und nun, da mein Tagewerk zu Ende ist, so kommt mir so
+vieles in den Sinn, was ich vornehmen wollte, aber zu tun vergessen,
+vieles, mit dem ich mich beschäftigt habe, aber nicht auf die rechte
+Weise, so manches Wort, das ich gesprochen, das ich entweder lieber gar
+nicht ausgesprochen haben möchte, oder doch nicht so, wie ich es getan,
+mancher Mensch, dem ich begegnet, aber ohne darauf zu achten, wie
+nützlich er für mich und ich für ihn hätte sein können. Ach ich muß
+gestehen, wenn ich auch nur an eitlen Gewinn und eitle Lust denken
+wollte:--könnte ich meinen Tag aufs neue beginnen, so würde ich meine
+Zeit anders einteilen, so würde ich ganz anders mich verhalten; vieles,
+was geschehen, würde ich ungetan lassen, vieles, was unterlassen ist,
+würde ich zur Ausführung bringen--und wie viel mehr erst, wenn ich an
+das Werk meines Seelenheils denke. O, muß ich nicht fürchten, daß es
+einst, wenn mein ganzer Lebenstag dahingeschwunden ist, für mich so sein
+wird, wie in dieser Stunde, muß ich nicht, weil es noch Zeit ist,
+bestrebt sein, daß mein Lebenstag nicht vergeudet werde? Darum nähere
+ich mich dir, mein Gott, mit dem Gebete:»tue mir kund den Weg, den ich
+gehen soll, lehre mich nach deinem Willen handeln, dein gütiger Geist
+führe mich Tag und Nacht auf die rechte Bahn!«[13] Laß mich auch in
+dieser Nacht deine Güte erfahren, bewache, erquicke und segne sowohl
+mich, als alle die Meinigen, und laß die Ruhe der Nacht aufs neue mir
+Kraft schenken, um gegen alles zu kämpfen, was im Streite ist mit der
+hohen Bestimmung meines Daseins, mit dem Werk, das ich zu vollführen
+habe.»Herr! dein will ich gedenken, wenn ich auf meinem Lager liege,
+über dich sinne ich in den Nachtwachen, meine Seele hängt an dir, deine
+Rechte unterstützt mich.« Amen!
+
+[Fußnote 13: Ps. 143, 8. 9.]
+
+
+
+
+Am Mittwoch.
+
+
+
+
+Morgengebet.
+
+
+15.»Wenn ich auf meinem Lager bin, so denke ich an dich, o Gott, und
+wenn ich erwache, spreche ich von dir, denn du bist mir eine Hilfe, und
+im Schatten deiner Flügel fühle ich mich so sicher«,[14] früh suche ich
+darum dich, und meine Seele dürstet nach dir, mein Gott. Ach, möchte
+doch meine Seele dir anhängen, und möchte deine Rechte mich unterstützen
+den ganzen Tag und mich leiten und aufrecht halten, wo ich auch wandre,
+und mit wem ich auch verkehre. Ich möchte so gern mit Milde und Sanftmut
+unter meinen Brüdern wandern, aber feindlich Gesinnte, Haßerfüllte,
+Lieblose, denen ich begegne, könnten so leicht meinen Zorn aufflammen
+lassen; ich möchte so gerne einen innigen, festen Glauben an den Tag
+legen, aber Leichtsinnige und Gleichgültige könnten meinen Eifer kühlen,
+und Scheinheilige all meinem frommen Streben in den Weg treten; es wird
+so schwer, die heilige Flamme auf dem Altar des Herzens vom Morgen bis
+zum Abend rein und jedes fremde Feuer fern zu halten; es wird so schwer,
+einen schuldfreien und heitern Sinn zu bewahren; die Freuden, die deine
+Güte uns bereitet, so zu genießen, daß keine sündhafte Neigung oder Lust
+in die Seele dringe, und daß diejenigen, welche auf uns sehen, nicht in
+ihrem Urteile über uns irre geleitet werden; es ist so schwer,
+Freundlichkeit und Ernst, Nachsicht und Duldung mit unerschütterlicher
+Festigkeit im Glauben zu vereinen. Wie leicht artet nicht ein
+freundlicher, nachgiebiger Sinn zu einer eitlen Lust aus, den Menschen
+zu gefallen! Wenn ich den Beifall der Welt ernte, so macht es mich so
+hochmütig und stolz, und weniger vermag ich ihre Kälte, ihren Spott oder
+ihre Geringschätzung zu ertragen, sie erbittert meinen Geist und lähmt
+meine Kraft, und doch soll ich im Kampfe nicht schwanken und nicht
+verzagen. Sieh! darum bitte ich: Herr, lehre mich deine Wege erkennen
+und leite mich auf die rechten Pfade, nicht nur meiner selbst wegen,
+sondern auch derentwegen, die auf mich schauen, und mit denen ich heute
+verkehre, ja meiner Freunde und Verwandten und meiner Hausgenossen
+wegen. Möchte ich in der Freude sowohl als im Schmerze, den du in deiner
+Weisheit mir zusendest, mich als echter Israelit bewähren, der dein
+göttliches Gebot in seinem Herzen trägt, daß all mein Wirken auf Erden
+ein himmlisches Gepräge an sich trage und Zeugnis gebe von meinem
+Streben, an deinem Reiche zu bauen. Laß einen freundlichen himmlischen
+Strahl sowohl meine Lust als meine Arbeit beleuchten, laß den Tau des
+Himmels auch bei der Mühe und Hitze des Tages mich erquicken, in dem
+Kampfe des Lebens mich stärken und zu jeglicher Zeit mein Herz erfreuen!
+O, so verlaß mich nicht, mein Gott, sondern segne mich und die Meinen
+heute, laß mich nicht verzagen, wenn du mich väterlich züchtigest;
+sondern lege in meine Seele das rechte kindliche Vertrauen zu dir, und
+gib, daß mein Wandel der Lobgesang wird, womit ich unablässig dich
+preise.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 14: Ps. 63, 7. 8.]
+
+
+
+
+Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 14-19.
+
+
+16. Herr, allweiser, allgütiger Schöpfer! Ich danke dir, daß du mich
+diesen vierten Tag der Woche hast erleben lassen, den Tag, der aus der
+Schöpfungszeit Zeugnis gibt von deiner unendlichen Weisheit und Macht,
+mit welcher du die Gestirne auf ihren Bahnen leitest, die Sonne, den
+Mond und die zahllosen leuchtenden Welten, daß sie mit himmlischem
+Glanze für uns leuchten, die Erde erwärmen und befruchten und in den
+dunklen Nächten Wege auf dem öden Meere zeigen, ja daß sie uns dienen,
+um unsere Wanderungstage zu zählen und unsere festlichen Zeiten zu
+bestimmen. Sieh, du hast ihnen Ziel und Grenze gesetzt, daß sie nicht
+von ihren Bahnen weichen, sondern jeder Himmelskörper seinem
+vorgeschriebenen Gesetz folgt und nicht hinein schreitet in den Kreis
+eines andern; wenn er verschwunden zu sein scheint, so leuchtet er in
+einer anderen Welt oder beginnt aufs neue seinen Lauf, um deine
+Herrlichkeit an dem unermeßlichen Himmelsgewölbe zu verkünden. O, mein
+Gott!»wenn ich anschaue den Himmel, deiner Hände Werk, den Mond und die
+Sterne, die du geschaffen,--was ist ein Sterblicher, daß du sein
+gedenkst und der Menschensohn, daß du auf ihn achtest?«[15] Und doch bin
+ja auch ich von dir bestimmt, ein Glied in der Kette des All zu sein,
+und auch meiner Bahn hast du Gesetz angeordnet, dem ich folgen soll, und
+das ich nicht überschreiten darf. Ach, wie oft habe ich gerade den Weg
+verlassen, der mir vorgezeichnet ward, wie oft unternahm ich nicht
+gerade das, wozu ich nicht berufen war, und durchkreuzte da die Bahn
+eines andern und richtete da Verwirrung an, wo ich über Gottes Ordnung
+und Gesetz wachen sollte! O! ich will darum zum Himmel empor schauen und
+zu seinem strahlenden Heere, daß ich von ihnen lerne, für meine Brüder
+zu leuchten, und sie mit der vollen Liebe meines Herzens zu erwärmen;
+daß ich vom Monde lerne, Erquickung, Trost und Friede in trübe und
+angstvolle Seelen zu bringen, von der Sonne, die für alle, auch für die
+Ungerechten aufgeht, lerne auch Sündern Mitleid zu zeigen und sie auf
+den rechten Weg zurückzubringen! Aber, o mein Gott! was vermag ich ohne
+deinen Beistand? Darum bitte ich dich: stärke mich in meinem Vorsatz,
+hilf mir, männlich gegen alle Versuchungen zu kämpfen, stehe mir bei,
+daß ich unermüdlich in der Erfüllung meines Berufes sei! Dein Geist und
+Wort zerstreue, der Sonne gleich, jede Wolke, die meine Umgebung
+verdunkeln will! Ja, all mein Tun und Wirken sei so, daß ich hoffen
+darf, einst, wenn ich meinen Lauf hienieden vollendet, einzugehen in das
+wahre himmlische Licht bei dir in der Ewigkeit.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 15: Ps. 8, 4. 5.]
+
+
+
+
+Abendgebet.
+
+
+17. Allbarmherziger Vater! Auch diesen Tag habe ich unter deinem Schutz
+und Segen glücklich zu Ende gebracht und deiner Obhut meine Seele und
+meinen Leib anempfohlen; ja, in meinem Nachtgebet habe ich, wie es dem
+Israeliten geziemt, bevor ich mich zur Ruhe begab, mich zu dir zu
+erheben gesucht. Aber ach, je mehr ich mich selbst durchforschte, desto
+mehr werde ich innerlich betrübt, indem ich mich des Gedankens nicht
+erwehren kann, meine Aufgabe nicht erfüllt zu haben; denn ich habe das
+heilige Bekenntnis des Israeliten abgelegt:»daß du der einzige, ewige
+Gott bist«; aber habe ich auch heute dies in der Tat und in der Wahrheit
+bewiesen, daß es das Bedürfnis meines Herzens war, dir für alles zu
+danken, was mich erquickt, und deinen Namen zu preisen, und dich als den
+Einzigen, Alliebenden anzubeten, bei allem, was mir widerfahren? Und
+ich habe die Grundlage für die heiligsten Verpflichtungen meines Lebens
+ausgesprochen, »daß ich dich lieben soll mit ganzer Seele, mit ganzem
+Herzen, mit all meinem Vermögen«, aber wie oft hat nicht die Liebe zur
+Welt mich dich vergessen lassen, und wie wenig war ich bereit, aus Liebe
+zu dir alles zu opfern? Ja, in unerschütterlicher Liebe zu dir soll ich
+meinen Nächsten lieben; aber wie schwach glühte doch eine solche
+Liebesflamme in meinem Innern! Selbst wenn ich mich liebevoll gegen
+meine Mitmenschen zeigte, war es doch zuweilen eine Scheinliebe und
+nicht die heilige Flamme, die unaufhörlich auf dem Altar des Herzens
+brennen soll. Durch mein Wort und mein Beispiel soll ich den Meinigen
+(meinen Kindern, meinem Hausgesinde, meinen Freunden und meinen
+Angehörigen) dein Wort einschärfen, aber bald wurde ich durch Eitelkeit
+und Hochmut irre geleitet, bald verschloß Geiz, Zorn oder Neid das Herz
+und die Hand; denn das Feuer der Leidenschaft brennt in meiner Brust und
+betört meinen Geist. Und wenn ich sehe, wie wenig noch die Welt dich,
+den Einzigen, kennt und anbetet, und wie wenig Liebe zu dir in der
+Menschen Brust lebt, wie wenig sie sich in gegenseitiger Liebe äußert,
+ach, da muß ich fast verzagen; ich gedenke meiner Sünden und der Schlaf
+weicht von meinem Lager. Woher, o Gott, soll ich Kraft nehmen, um im
+Kampfe zu bestehen? Und doch--mein Nachtgebet hat mich ja belehrt, daß
+ein zerknirschtes Herz dir wohlgefällig ist, hat mich auch belehrt, auf
+wen ich meine Hoffnung setzen soll: Herr, auf dich allein!»Du stehst zu
+meiner Rechten: Wer wie du![16] so barmherzig, du bist meine Stärke[17]
+du bist mein Licht[18] und du bist mein Arzt[19] sowohl für Leib als
+Geist; deine Herrlichkeit umschwebt mich. Zuversichtlich spreche ich
+darum:»auf deine Hilfe hoffe ich, ja, ich warte in Geduld auf deine
+Hilfe und beuge mich in Demut vor dir, o Herr[20], der du über mich
+wachen und mich wecken wirst,
+
+Amen!
+
+[Fußnote 16: Michael]
+
+[Fußnote 17: Gavriel]
+
+[Fußnote 18: Uriel]
+
+
+
+
+Am Donnerstag.
+
+
+
+
+Morgengebet.
+
+
+18. Herr, mein Gott und Vater!»Du erneuerst jeden Morgen deine Güte
+gegen mich, und deine Barmherzigkeit ist unendlich.« Darum erhebe ich in
+der frühen Morgenstunde dankend meine Stimme zu dir, indem ich fühle und
+erkenne, daß deine wachende Vorsehung in den Stunden der Finsternis
+meinen Geist bewacht und mich aus dem Schlummer der Nacht zu neuem Leben
+geweckt hat. O! möchte doch auch mein besseres Wesen mit jedem Morgen
+sich erneuern, und möchte ich bei meinem Tagewerk nie verzagen, sondern
+es vollenden, ohne zu ermatten; möchte ich doch jeden Tag mit neuer Lust
+auf dein göttliches Wort lauschen und aus deiner heiligen Lehre
+Seligkeit schöpfen; möchten doch alle guten Kräfte, die du in mich
+gelegt, jeden Morgen sich erneuern, so daß ich nie müde werde, meinem
+Bruder zu helfen, ihn zu erquicken, zu trösten und zu unterstützen, nie
+müde werde, Sanftmut und Geduld gegen meine Freunde zu zeigen, und nie
+aufhöre, Gutes denen zu erweisen, die mich hassen, und diejenigen zu
+segnen, die mir fluchen; möchte doch ein liebevoller Geist jeden Tag in
+mir erneuert werden, daß ich demütig und liebevoll gegen die Armen, mild
+und nachsichtig gegen meine Diener mich zeige; ja, laß mich auch heute
+aufs neue Kraft gewinnen, um gegen die Sünde, meinen ärgsten Feind, zu
+kämpfen! Möge sich stets auch mein kindliches Vertrauen erneuern, mit
+dem ich meinen Weg deiner väterlichen Fürsorge empfehle! O, erhöre mich
+denn, Allgütiger! wenn ich dich bitte, mir die Ausführung dieses meines
+heiligen Vorsatzes zu erleichtern. Laß keine drückende Sorge mir die
+Freudigkeit in meinem täglichen Berufe rauben; stärke meinen Körper, daß
+meine Seele sich frei zu dir erheben kann;»entbiete mir deine Engel,
+mich zu behüten auf meinen Wegen, daß mein Fuß nicht strauchle;« laß in
+jeder zeitlichen Freude sich für meine Seele die ewige, selige Wonne
+abspiegeln und laß mich froh sein mit den Frohen! Segne, o Gott, Volk
+und Land, segne alle, die mir lieb und teuer sind! Leite mich nach
+deinem Rat, und nimm mich einst auf zur ewigen Seligkeit.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 19: Rephael]
+
+[Fußnote 20: lyshu'atcha (Auf deine Hilfe u. s. w.)]
+
+
+
+
+Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 20-23.
+
+
+19. Mein Gott und Vater! Nimm mit Wohlgefallen meinen kindlichen Dank
+dafür entgegen, daß ich diese Nacht sicher unter deinem Schutz geruht
+habe und mich wieder umgeben sehe von deinen Wohltaten, von den
+unzähligen Geschöpfen, die du ins Leben gerufen, deren Anblick Ruhe in
+die geängstigte Seele mir senkt und mein Herz mit Bewunderung erfüllt.
+Heute ist ja der Tag, an dem in der Schöpfungszeit das Weltmeer mit
+einem unzähligen Gewimmel kleiner und großer Tiere sich füllte und die
+Luft mit dem zahllosen Geflügel, das unter der Wölbung des Himmels
+fliegt.»Alle erwarten ihre Nahrung von dir, und du sättigst sie mit
+allem Guten.«[21] O, wie kann ich da noch fürchten, daß du mich
+vergebens um deine guten Gaben vom Himmel beten lassen solltest, wenn
+ich nur treu arbeite, um sie zu gewinnen! Sieh', wie zahllos und wie
+mannigfaltig sind nicht die lebendigen Geschöpfe des Himmels und des
+Meeres, und doch bilden sie alle einen großen Einklang, um deine
+Herrlichkeit zu verkünden; ist nicht das geringste bunte Würmchen eben
+so wundervoll wie das starke Tier im Walde, und preisen nicht die
+Millionen Geschöpfe im Wassertropfen eben so sehr deine Allmacht und
+Wahrheit wie der Wallfisch im Meere? O, sollte ich da verstummen und
+nicht beständig meinen Lobgesang darbringen, sollte ich nicht durch mein
+Leben, durch mein Tun deine Herrlichkeit verkünden? Ach Herr! segne du
+mich, daß meine Gedanken geläutert werden, und meine Taten dir gefallen.
+Sieh, der Fisch schwimmt so lebensfroh im Meere, aber, wenn im nächsten
+Augenblick ein Fischer ihn heraufzieht, da erlischt das Leben, so weiß
+auch ich, daß der Fischer stets sein Netz und seine Angel nach den
+Menschenkindern auswirft, um sie von dir, der Quelle alles Lebens, fort
+und hin in den Tod zu führen; ach möchte ich doch der Lockspeise der
+Welt Widerstand entgegenzusetzen stark genug sein und mich von den
+lebenden Wassern nähren, die aus deiner himmlischen Lehre strömen! Laß
+mich deiner Liebe eingedenk sein, die meine Väter auf »Adlerfittigen«,
+getragen, und wenn die Sorge meinen Sinn umwölkt, wenn Leiden mich
+treffen und Feindschaft mich verfolgt, oder wenn Verführungen mich
+umringen, o, laß mich da auf die Vögel des Himmels sehen, die ihre Zeit
+kennen, und laß mich von ihnen lernen, daß der Tag kommen wird, wo ich
+dorthin zurückwandern werde, wo eine wärmere Sonne scheint, und Freude,
+Wonne und Herrlichkeit weilt bei dir in aller Ewigkeit.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 21: Ps. 145, 15.]
+
+
+
+
+Abendgebet.
+
+
+20. Durch deinen Beistand, allgütiger Gott, habe ich wiederum meinen Tag
+zu Ende gebracht, und wie deine Güte mich heute vor jedem Unglück
+bewahrt hat, so wirst du mir auch Erquickung in meiner nächtlichen Ruhe
+verleihen. Im Schlaf will ich alle Mühe und Beschwerden, jeden Kummer
+und jeden Schmerz vergessen. So wird deine ewige Liebe nicht müde, mir
+Gutes zu erweisen, und doch erkenne ich dies so wenig. Ja, muß ich nicht
+in dieser Stunde deiner Güte danken, daß, während du die Stille der
+Nacht um mich her verbreitest und meinem müden Körper Ruhe schenkst, du
+auch alles Toben der Leidenschaft und der Angst und Sorge in meiner
+Brust verstummen läßt und meiner Seele Ruhe gibst? O »so wehet dein
+schützendes Panier in Liebe über meinem Haupte«,[22] und nur im
+Vertrauen auf diese Liebe wage ich es, dich zu bitten, mir Ruhe und
+Erholung in dieser Nacht zu schenken. Denn sollte ich Rechenschaft über
+das Werk des verschwundenen Tages ablegen, o, dann müßte ich ausrufen:
+»Herr! gehe nicht ins Gericht mit mir!«--Ach, die Stille auf Erden sagt
+mir:»Du wachest in deiner Wohnung!« Je weniger das Irdische meinen Geist
+zerstreut und meine Gedanken verwirret, desto tiefer fühle ich meinen
+Abstand von dir, doch ich weiß, du gedenkst, daß ich Staub bin und
+erbarmst dich über mich wie ein liebender Vater, ich weiß, daß du gern
+den Seufzer deines reuigen Kindes hörst und das erfüllst, was es
+begehret. O, so verlaß mich nicht, du Israels Hüter, in dieser Nacht.
+Breite aus das Banner deiner Liebe über mich (meine Gattin, meine
+Kinder, meine Eltern u. s. w.); bewahre unsere Stadt vor allen
+Schrecken, und erquicke mich mit einem ruhigen Schlafe, daß ich morgen
+mit erfrischter Kraft erwache zu deiner Ehre. Nimm auch deinen Geist
+nicht von mir, und laß mich noch lange Zeugnis ablegen, daß »deine Gnade,
+o Herr, von Ewigkeit zu Ewigkeit währt denen, die dich fürchten, und
+deine Huld ihren Kindeskindern«.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 22: Hohelied 2, 4.]
+
+
+
+
+Am Freitag.
+
+
+
+
+Morgengebet.
+
+
+21.»Preise meine Seele den Herrn und vergiß nicht alle seine
+Wohltaten!« so will ich heute, am letzten Arbeitstage der Woche, den Dank
+meines Herzens vor dir, Alliebender, aussprechen. Denn du hast mich
+diese Morgenstunde schauen lassen, und die ganze Woche hindurch habe
+ichs erfahren, daß»du mir am Tage deine Güte entbietest und deine Liebe
+über mich des Nachts wacht«; ja! ein Tag bezeugt es dem andern, und die
+Nacht verkündet es der Nacht.--Jede Tat, die mir gelungen, jedes Wort,
+das mich erfreut, jede Kraft zur Arbeit, die ich in mir gefühlt, und
+jeder Lohn, den ich empfangen, war ein unverdienter Segen aus deiner
+Hand, und selbst dann, wenn meine Seele in Sorge, Mißmut und in
+Bekümmernis eingehüllt war, wenn ich seufzte über andere und über mich
+selbst klagte, über Mangel an Kraft in der Stunde der Sorge, die du über
+mich verhängt, oder die ich mit meinem trauernden Bruder trug, selbst
+dann warst du, o Gott! mir ja nahe mit deinem Trost, und ich fühlte
+deinen Geist, wie er bei mir weilte, und die Nacht mit all ihrer
+Dunkelheit schien dem hellen Tage gleich für meine Seele, die von deiner
+unendlichen Liebe berührt wurde. O Ewiger! wie soll ich dir für alles
+dieses danken, nun da die Woche bald zu Ende ist? Muß nicht das
+Bewußtsein, daß ich nicht in deinen Augen gewesen, was ich sein sollte,
+schwer auf meinem Herzen lasten? Ja, so schnell schwand die Woche
+hin, »eine kurze Spanne Zeit sind meine Tage vor dir, und mein Leben ist
+wie nichts«, so schnell schwand die Woche hin, daß ich meine
+Vergänglichkeit fühlen und die Pilgerzeit auf Erden, die du mir
+zugemessen, benutzen muß. Ja, Herr, ich setze meine Hoffnung auf dich;
+befreie mich von all meinen Sünden, leite du mich, daß ich am letzten
+Arbeitstage der Woche zu deinem Wohlgefallen lebe, daß ich heute demütig
+ergeben und dankbar gegen dich sei, liebevoll und versöhnlich gegen
+meinen Nächsten mich zeige und mich als treuer und fleißiger Arbeiter in
+deinem Dienst bewähre, wie es dem ziemet, der nach deinem Namen genannt
+ist. (5. B. M. 28, 10.) Ja, möchte ich mit Recht noch Jude genannt
+werden, daß das Zepter nicht aus meiner Hand weiche, ich vielmehr
+Herrschaft über alle bösen Mächte gewinne, die um mich her ihr Lager
+aufschlagen, so daß die Gleichgültigkeit der Welt mich nicht schlaff und
+lässig in deinem Dienst mache, und ihr Widerstand oder ihr Spott mich
+nicht in meinem Glauben erschüttern; o, laß mich die Woche damit
+schließen, daß ich den Kampf gegen den Verführer in meiner eigenen Brust
+bestehe, daß der Name Israelit, Kämpfer für das Göttliche, mir mit Recht
+gegeben sei, und mir seliger Lohn werde, wenn ich vom Kampfplatz der
+Erde zu ewiger Sabbatruhe im Himmel abgerufen werde.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 24-31.
+
+
+22. Dir, ewiger Quell des Lebens, dir danke ich am letzten Arbeitstage
+dieser Woche, daß du mich so wunderbar erschaffen, und daß du mich bis
+zu dieser Stunde so treu und sicher bewahrt hast! Dieser Tag war es ja,
+an dem du in der Schöpfungszeit alle lebenden Tiere auf der Erde
+geschaffen und zuletzt den Menschen, daß er herrsche über die Fische des
+Meeres und die Vögel des Himmels und alles, was da lebt und sich regt
+auf Erden. Ja, du hast den Menschen verherrlicht, indem du kund getan,
+daß er nach deinem Bild und dir ähnlich geschaffen ist;»nur um ein
+Geringes hast du ihn den Engeln nachgesetzt, und mit Ehre und Würde hast
+du ihn gekrönt.«[23] Von dir erhielt ich die Kraft des Geistes, mich
+über die Vergänglichkeit zu erheben und die Macht, mir die Erde
+untertänig zu machen, sie zu verschönen und zu verherrlichen, aber auch
+Macht, um die irdischen Begierden und die wilden Lüste des Fleisches in
+mir zu bezwingen. O, mein Gott, ich kann Herrscher sein über den rauhen,
+widerstrebenden Erdboden, über die wildesten Tiere, die in der Wüste
+rasen, über die zügellosen, lieblosen Naturen in der Menschenwelt und
+über die unbändigen Leidenschaften, die hier in meiner eigenen Brust
+sich regen! Ja, ich bin in deinem Bilde geschaffen, ich kann denken,
+glauben und beten und im Geiste mich zu dir emporschwingen; ich kann die
+Macht der Begierden brechen, mit Liebe jeden widerstrebenden Geist
+besiegen, mit Selbstverleugnung und Versöhnlichkeit jede lieblose
+Gesinnung bezwingen, und mit Gedanken der Ewigkeit, die in meine
+Seele--dein Ebenbild--niedergelegt sind, kann ich Ruhe und Frieden in
+angstvollen Stunden und unter schweren Schicksalen gewinnen.--Aber, o
+mein Gott! je höher du mich erhöhet hast, desto tiefer werde ich
+gedemütigt, und sehe beschämt auf alles, was ich in der verflossenen
+Woche getan und gedacht habe. Nicht war ich in meinem Denken, Sprechen
+und Streben so wie es dem geziemt, der in deinem Bilde geschaffen; ich
+habe es ausgelöscht, so daß es kaum noch kenntlich, daß kaum noch in mir
+wahrzunehmen ist, daß ich das Meisterwerk deiner Schöpfung bin. O, möge
+dieser Gedanke neue Kraft meinem Geiste verleihen, und sei du selbst mit
+mir, daß ich als Ebenbild des ewigen Vaters aller Geister nicht meinen
+Sinn auf eitles Streben richte, nicht an den leeren Freuden der Erde
+hänge und nicht von zeitlichen Bekümmernissen geängstigt werde! Möchte
+ich mit echter Liebe die heiligen Bande, die mich mit meiner Familie
+(meinem Gatten, meiner Gattin, meinen Freunden usw.) vereinen, noch
+fester knüpfen, daß ich sanftmütig und geduldig unter meinen Mitmenschen
+wandere. Laß mich eingedenk sein, daß das Leben, wie der heutige Tag,
+nur eine Vorbereitung zur Sabbatruhe, jener seligen Ruhezeit bei dir,
+ist, und daß daher von mir unermüdliche, beständige Arbeit und
+Wachsamkeit gefordert wird. Und wenn ich zweifeln sollte, weil ich nicht
+die Frucht des Fleißes und den Segen der frommen Tat schaue, o, dann laß
+mich erkennen, daß der Lohn erst nach vollendeter Arbeit genossen werden
+soll, wenn der Sabbat sich einstellt. O du, der du mich geschaffen hast
+zu deiner Verherrlichung, hilf du mir auch, daß ich dir aufrichtig diene
+und mein Lebenswerk vollende, und daß ich vorwärts schreite von Kraft zu
+Kraft, bis ich einst gewürdigt werde, zu schauen dein Antlitz in der
+Ewigkeit.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 23: Ps. 8, 6.]
+
+
+
+
+Abendgebet.
+
+
+23. Alliebender Vater! Schau wieder auf dein Kind, das seinen Dank
+stammeln will, daß du es diesen heiligen Abend hast erleben und diesen
+herrlichen Tag hast sehen lassen, der das Ziel der sechs Schöpfungstage
+war, daß dein vollendetes Werk von uns geschaut, und deine Allmacht von
+dem Wesen angebetet werden sollte, das du in deinem Ebenbild geschaffen.
+Und so der Mensch im Laufe der Woche dieses dein Bild entheiligt hat,
+suche er an diesem Tage es wieder zu heiligen und Seelenfrieden und Ruhe
+nach der Anstrengung der Tage zu finden, und hebe seinen Blick vom
+Staube empor zu dir! O, mein Gott! Wie soll ich alle deine Güte preisen
+und von deiner Gnade sprechen, die über mir gewaltet hat? Wer bin ich,
+und was ist mein Haus, daß du mich der Sabbatfeier teilhaftig werden
+läßt, die du zur Heiligung des Menschen eingesetzt hast! O, möchte ich
+doch mit dem rechten Geist erfüllt werden, den heiligen Tag nach deinem
+Willen zu feiern. Schenke mir und den Meinigen volle Erquickung diese
+Nacht, daß wir sicher ruhen, und daß unsre Seele gestärkt werde, die
+himmlische Wonne zu genießen, die aus dem beseligenden Quell des Sabbats
+strömt, daß unsre Seele Ruhe und Frieden finde in dir, o Gott und
+Erlöser.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Am Sonnabend.
+
+
+
+
+Am Sabbat-Morgen.
+
+
+24. Jeden Morgen fühlte ich den Drang, mich dir, Allgütiger, zu nähern,
+mit jedem neu erscheinenden Tage habe ich dir mein Dankopfer
+dargebracht;--und je mehr ich dadurch zu einem Leben in dir und mit dir
+geheiligt worden, je mehr ich dadurch gelernt, mitten unter den
+täglichen Arbeiten mich festlich gestimmt zu fühlen, desto mehr wird
+mein Inneres auch in dieser heiligen Morgenstunde zu dir emporgehoben.
+Ja, wenn ich alle Tage der Woche den Dank meines Herzens ausgesprochen
+für die zeitlichen Güter, die du mir schenktest, um wie viel mehr muß
+ich diesen an diesem Tag verkünden, den du zum Heil und zur Heiligung
+unseres Geistes bestimmt und zur Erinnerung deines Namens eingesetzt
+hast, und den du dadurch geheiligt, daß du ihn ein Bundeszeichen
+nanntest zwischen dir, dem Unendlichen, und Israel, deinem treuen
+Diener. An diesem Tage kann und soll ich jegliches Erdenjoch von mir
+werfen, von jeder drückenden Last dieser Welt mich befreien und über
+jeglichen Kummer und Schmerz des Lebens mich erheben; an diesem Tag soll
+alles in mir von höherer Freude erfüllt sein, und alles um mich her
+himmlische Wonne atmen, ja in Wahrheit ein seliger Tag! Dazu hast du uns
+ja deine heilige Lehre (Thora) gegeben, daß wir darin an diesem Tage
+lesen und forschen, damit wir in Gotteserkenntnis wachsen und in allen
+guten Gesinnungen gestärkt werden, damit wir das Leben in dir erneuern
+und in deiner Wahrheit beharren. O, so verleihe mir deine Gnade und
+bewahre mich vor vorsätzlicher und unvorsätzlicher Entweihung dieses
+Tages, laß deinen Geist auf mir ruhen, auf daß ich all die Herrlichkeit
+deiner göttlichen Lehre schaue und begreife, und stärke mich, daß ich
+den Sabbat auf die rechte Weise feiere und auch im Herzen meines Bruders
+rechten Sabbatsinn erwecke!--Ich will in meinem eignen Hause unter
+meinen Hausgenossen zeigen, daß ich das himmlische Kleinod zu schätzen
+weiß, welches ich im Sabbat besitze, auf daß sie sehen, wie glücklich
+und froh es mich macht. Und diesen Sinn will ich in der andächtigen
+Versammlung der Gemeinde zu stärken suchen, wo dein Name für die
+Herrlichkeit dieses Tages gepriesen wird. O Ewiger, laß diesen Tag um
+mich her Frieden und Freude ausbreiten; laß ihn jeglichem Kranken
+Erquickung und allen Betrübten Trost bringen, laß ihn die Irrenden auf
+den Pfad der Seligkeit führen, und laß ihn mich in einen immer innigeren
+Verkehr mit dir bringen und mir Seelenruhe und himmlischen Frieden
+schenken, der dem gleicht, welchen diejenigen jenseits genießen, die
+nach einem frommen Wandel hienieden von dir in die Wohnung der Seligen
+gerufen werden.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Beim Ausheben der Thora am Sabbat.
+
+
+25. Dein, o Herr, ist alle Größe; was unser Auge und unser Gedanke
+durchmessen kann, ist nichts vor dir. Dein, o Herr, ist alle Macht; alle
+Wesen und alle Welten sind von deinem Willen abhängig, dir dienen alle
+Kräfte der Natur und gehorchen deinem Winke. Dein, o Herr, ist alle
+Herrlichkeit; der Himmel und die Erde und alles, was sie schmücket, ist
+dein Werk. Dein, o Herr, ist alle Majestät, die sich offenbaret in den
+Wolken droben, auf der Feste der Erde und in den Fluten des Meeres. Du
+bist König, dein ist die Herrschaft von Ewigkeit zu Ewigkeit. Erhebet
+den Ewigen, unsern Gott, und beuget euch zum Staube vor ihm; denn er ist
+heilig. Erhebet den Ewigen, unsern Gott, und beuget euch vor dem Berge
+seiner Herrlichkeit; denn heilig ist der Ewige, unser Gott.
+
+O Vater der Barmherzigkeit! Erbarme dich des Volkes deiner Treuen,
+gedenke deines Bundes mit den festen Säulen der Glaubenstreue. Hüte
+unsere Seele vor bösen Stunden; laß an uns nicht herannahen böse
+Begierde und Versuchung, sei immerdar unser Retter aus Gefahren und
+erfülle die Wünsche unseres Herzens, so sie dir angenehm sind.
+
+Amen!
+
+
+
+
+
+Bei der Verkündigung des Neumondes.[24]
+
+
+26. Gott, Schöpfer und Herr der Welt! Gib, daß der kommende neue Monat
+uns langes Leben und Segen, Ruhe und Friede, Glück und Wohlfahrt bringe.
+Gewähre uns Nahrung und Unterhalt aus deiner vollen, offenen und milden
+Hand und bewahre uns vor jeder Sorge und jeder Not. Erhalte uns in Liebe
+und Anhänglichkeit zu dir, und lasse uns größer werden an Tugend und
+Weisheit. Behüte uns in deiner Gnade vor allen bösen Zufällen, und
+erfülle die frommen Wunsche unseres Herzens, wenn sie zu unserm Heile
+sind.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 24: Neumondsgebet siehe S. 36.]
+
+
+
+
+Ein anderes Gebet bei der Verkündigung des Neumondes.
+
+
+27. Mein Gott! Laß mich den Anfang und das Ende des kommenden Monats
+erleben in Kraft und Gesundheit! Sende mir (meinen Eltern) deinen
+Beistand, daß ich (sie) an ihm für meine (ihre) Bedürfnisse zu sorgen
+vermag (vermögen) in Redlichkeit und Ehren! Halte fern von mir und den
+Meinigen Gefährdung und Beschämung! Mögen die Wünsche meines Herzens in
+ihm erfüllet werden, so sie dir, o Herr, wohlgefallen. Dein Reich der
+Wahrheit und der Liebe werde im Laufe desselben gefördert, auf daß die
+Zeit der frohen Verheißung immer näher an uns heranrücke: ein Vater im
+Himmel, eine Bruderfamilie auf Erden!
+
+Amen!
+
+
+
+
+Am Sabbat-Nachmittag.
+
+
+28. Laß mich abermals dir danken, o du Allgütiger, für diesen schönen
+Tag, den du der Ruhe geweiht hast, und an dem meine ganze Seele in dir
+Ruhe finden soll. Keine Sorge und kein Schmerz beunruhigen mich; denn
+dieser Tag erinnert mich ja daran, daß du die Welt aus nichts
+erschaffen, und er verkündigt mir deine Allmacht und deine Weisheit: wie
+sollte ich da mich nicht getrost deiner Leitung und Führung
+überlassen?--Du bist ja mit mir, was sollte ich da fürchten? Und kann
+nicht auch das mich über den Sklavensinn der Welt emporheben, daß ich
+gedenke, daß du uns aus dem Sklavenjoche Ägyptens befreit hast, auf daß
+wir deine Diener wurden? Ja, in dir soll meine Seele Ruhe finden, und
+sie soll aus der Fülle deiner Liebe schöpfen, auf daß ich einen jeden
+hoch schätzen lerne, der in deinem Bilde geschaffen worden, daß auch
+seine Seele heute Erquickung finde. Ja, selbst die vernunftlosen Tiere
+sollen heute Ruhe genießen. In dir ruhen soll meine Seele, und du hast
+mich ja selbst gelehrt, wie deine Ruhe recht gefeiert werde; denn am
+Sabbat ertönte ja dein Wort vom Sinai, durch welches das Reich des
+Lichtes weithin über die Erde sich ausbreitete. Ja, und wenn ich auch
+heute nichts an irdischen Schätzen gewinne, welch ein großer Reichtum
+ist mir doch im Sabbat zuteil geworden! Ist er es ja, der meine Seele
+von der Mühe des Lebens befreit, ein wahres Bild des ewigen Sabbats, an
+dem der Geist eine heilige, himmlische Ruhe in dir genießen soll.--O,
+mein Dank steige zu Gott empor! und du mein Gott, »durchforsche mich und
+prüfe meine Gedanken, und bin ich auf schlechtem Wege, so leite du mich
+auf den rechten Pfad hin«, auf daß ich dir in aller Ewigkeit danke.
+Gepriesen werde dein Name, Hallelujah!
+
+Amen!
+
+
+
+
+Am Neumondstage.
+
+
+29. Du Gnadenreicher! Den ersten Tag eines jeden Monats hast du--wie
+unsere frommen Väter uns gelehrt--zur Sündenvergebung bestimmt, und
+ehemals, als noch auf Zion der heilige Tempel prangte, wurden an diesem
+Tage Sühnopfer dargebracht, und der Reumütige fand Vergebung. Der Tempel
+steht nicht mehr, und Opfer sind nicht mehr der Ausdruck unserer Reue
+und Hingebung, aber unser Gebet ist uns geblieben, der Dienst des
+Herzens, der an allen Orten dir wohlgefällig ist. So nimm denn das
+Opfer meines Herzens wohlgefällig auf, erhöre das Flehen, womit ich mich
+am heutigen Tage reuevoll dir nahe, und vergib mir meine Sünden, die ich
+im verflossenen Monat gegen dich und meine Nebenmenschen begangen habe.
+Ich erkenne, o Herr! daß ich von meiner Bestimmung abgewichen bin, wenn
+ich gefehlt habe; ich sehe es ein, daß früher oder später Vorwurf und
+Kummer mein ganzes Leben verbittern müßten, und fasse darum den festen
+Vorsatz, mit dem neuen Monate meinen Lebenswandel ganz so einzurichten,
+wie es dein heiliges Gesetz befiehlt. O Vater, der du an Reue und Buße
+Wohlgefallen hast, stehe mir bei, daß ich jederzeit über mein Herz
+wache, daß ich immer mehr Wahrheit und Tugend erstrebe und alle meine
+Gedanken und Handlungen richte auf das eine Ziel: heilig zu werden, wie
+du heilig bist.--Wache über mich und alle meine Angehörigen auch in
+diesem Monate, auf daß er uns werde zur Freude und Wonne, zum Segen und
+Frieden.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Sabbat-Abend.
+
+
+30. Alliebender Vater! Der herrliche Tag, mit welchem die Woche
+schließt, ist zu Ende, und ehe ich mich zur Ruhe niederlege, um wieder
+zur Arbeit der kommenden Woche gestärkt zu werden, durchforsche ich nun
+mein Inneres, ob der heutige Tag auch heilige Eindrücke auf mich
+zurückgelassen und mich in Wahrheit dir näher gebracht hat. O! du hast
+mich heute so mannigfaltig gesegnet, an Leib wie an Geist, und deine
+Güte hat mir sowohl irdisches als himmlisches Manna bereitet! Ich
+schöpfte ja aus dem Quell deiner Liebe durch alles, was ich von der
+milden Hand der Natur empfangen, durch alles, was ich in dem Kreis
+meines eigenen Hauses genossen, durch das festliche Mahl und noch mehr
+in der Andachtsstunde durch dein göttliches Wort. Aber ach, mein Gott!
+habe ich dir in Wahrheit all meinen Dank gezollt? Wie manchen Vorwand
+habe ich benutzt, um mich allem zu entziehen, wozu mich der Tag rufen
+sollte; wie ließ ich doch kleinliche Sorgen und Freuden mich davon
+abhalten, dich und dein Haus aufzusuchen; warum hatte ich Zeit zu allem,
+und nicht zu dem, was der Sabbat mir auferlegt? Und selbst im Verkehr
+mit dir--wie lau war gleichwohl meine Andacht, wie zerstreut waren meine
+Gedanken, während ich deinen Namen anrief; wie wenig wurde ich beim
+Hören deiner Worte entflammt! Verzeihe mir, o ewiger Vater, und entziehe
+mir deine Gnade nicht! Auch den frommen Vorsatz rechnest du ja dem
+schwachen Menschen als Tugend an, auch der gute Wille gilt ja vor dir
+als eine wohlgefällige Tat! Gib du mir Kraft, diese zu vollführen,
+erneue in mir mit der neuen Woche einen festen Geist, und lege eine neue
+liebreiche Gesinnung in mein Herz, ein neues inniges Verlangen, dir
+anzugehören! Bewahre mich und die Meinigen in dieser Nacht und stärke
+mich, daß ich morgen neu gestärkt zu dem Werk eile, das du mir
+angewiesen für die Tage meiner irdischen Wallfahrt, laß deine Huld und
+Gnade mir zuteil werden, daß ich mich vorbereite zu einem seligen Ende.
+
+Amen!
+
+
+
+
+III. Gebete an den Feiertagen.
+
+
+
+
+Abendgebet an den drei Festen: Peßach, Schabuoth (Wochen-) und Succoth
+(Laubhüttenfest).
+
+
+31. Allgütiger und allheiliger Gott! Ich danke dir, daß du mich diesen
+Abend hast erleben lassen, daß ich wiederum ein heiliges Fest feiern
+kann, welches mich erinnert, wie du in deiner Weisheit den Kreislauf der
+Zeiten geordnet und wie du, o Allmächtiger! alles zu seiner Zeit
+geschaffen hast,--ein Fest, das mir deine mächtigen Wunder der Tage der
+Vergangenheit ins Gedächtnis ruft, deine Wohltaten gegen unsere Väter,
+wie du ihnen Hilfe sandtest, sie leitetest und führtest, Wohltaten, die
+sowohl das Heil Israels als auch das der Menschheit überhaupt gefördert
+haben. Ich danke dir, daß du mich dieses heilige Fest hast erleben
+lassen, das meine Gotteserkenntnis bewähren, meinen Glaubensbund
+erneuern und mich in demselben befestigen soll, und das mich an deine
+ewigen Verheißungen erinnert, die du an jede Festzeit geknüpft hast. Ja,
+ich danke dir, daß du, das unvollkommene Wesen des Menschen
+berücksichtigend, dieses dein Fest eingesetzt hast, damit die heilige
+Glaubensflamme in uns allen lebendig erhalten werde. O, möchte doch
+alles sowohl in mir als um mich her das heilige Festgewand anlegen,
+möchte ich in dieser Nacht mich von deinem väterlichen Schutze
+umschattet fühlen, möchte ich sowohl, als alle, die mir angehören, von
+dem seligen Gefühl ergriffen werden, mit welchen das Fest jeden erfüllen
+sollte. Bewahre mich und meine Lieben vor allem, was den Frieden der
+Nacht und des Festes stören könnte, und laß mich morgen in der
+versammelten Gemeinde festliche Freude und festliche Erbauung mit all
+denen genießen, die dich suchen, deine Güte empfinden und dich anbeten,
+dich, der du »in Gnade und Barmherzigkeit festliche Erinnerungstage für
+deine Wunder eingesetzt hast«,[25] O sprich zu mir:»Du bist mein Diener,
+von dem ich gepriesen werde.«[26] Gepriesen sei dein Name in Ewigkeit.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 25: Ps. 111, 4.]
+
+[Fußnote 26: Jes. 49, 3.]
+
+
+
+
+Morgengebet für den ersten und zweiten Tag des Peßachfestes.
+
+
+32. Mit Dank erhebe ich mein Herz zu dir, o Ewiger, daß du in der
+kalten, dunkeln Nacht des Winters mir Schutz gewesen bist, daß die
+Winterzeit nun dahingegangen, und milde Lüfte mich wieder anwehen.
+Alles, was im Schlummer gelegen, ist wiederum erwacht, die gefesselt
+gewesene Natur ist wieder befreit. O, mein Gott, rührt sich wohl auch in
+mir dieses neue Leben? Bin auch ich frei geworden und wandre nicht mehr
+in der schmählichen Knechtschaft der Welt? Hat nicht die himmlische Saat
+in meiner Brust auch im Schlafe gelegen vor der Kälte der Welt, wie die
+Saat des Ackers vor dem Winterfrost? Habe ich wohl in den vielen langen
+Nächten nach dem himmlischen Lichte in deinem heiligen Gesetze gesucht,
+in stiller Zurückgezogenheit über dein Wort geforscht und die dunkle
+Tiefe meines eigenen Herzens bei dem klaren Lichte deiner Lehre
+untersucht? Oder habe ich vielmehr durch allerlei irdische Lust und
+Freude nur noch mehr jedes höhere Gefühl in mir in Schlaf versenkt und
+durch die Menge weltlicher Zerstreuungen den klaren Funken von deinem
+Geiste, der in mir noch geglommen, völlig ausgelöscht? Habe ich nicht
+manchmal Kälte und Unwetter nur als Vorwand vorgeschützt, um dein Haus
+nicht zu besuchen? O! dieses Fest ist es, das mir solche mahnende
+Erinnerungen gibt. An diesem Tage war es ja, daß du unsere Väter aus dem
+Joche Ägyptens erlöstest, daß ihr Geist von dem Sklavensinne befreit
+ward, und sie anfingen, als freies Volk zu leben und sich als solches zu
+fühlen, daß sie sich dazu erhoben, deine Diener zu sein. Im Glauben an
+dich traten sie ihre große Wanderung durch die Erdenwüste an, damit sie,
+dem Lichte gleich, in der Finsternis der Welt leuchten sollten, um
+sowohl in den Freuden als auch in den Leiden des irdischen Lebens,
+deinen Namen zu verehren und anzubeten, und das Lamm zu sein, welches
+seine Unschuld und Reinheit bewahrt und gerne das Opfer der Welt sein
+will, aber auch selbst der Priester ist, der es darbringt, um das Werk
+zu vollbringen, das du Israel aufgetragen: dein Reich auszubreiten, und
+es zu befestigen. O, ich fühle, wie weit entfernt ich noch davon bin,
+ein würdiges Glied in Israels Gemeinde, wie weit entfernt davon, dein
+freigeborner Sohn zu sein, der das Joch der Welt abgeworfen, und dein
+Diener, der sich von jedem Joche des Vorurteils frei gemacht und weder
+von dem hohlen Wesen des Unglaubens, noch von den Irrtümern des
+Aberglaubens gefesselt ist. Ach, der Sauerteig der Sünde füllt noch
+meine Brust, und Eitelkeit, Wollust und Habsucht betören mich. O, möchte
+ich doch, indem ich den Sauerteig aus meinem Hause forträume, auch
+meinen Sinn läutern! Ja, ich will an diesem Feste meinen Lebenstag aufs
+neue beginnen und mich selbst wieder zum Glauben erwecken. Ich will die
+Erinnerungen aus den Tagen meiner Kindheit auffrischen, da fromme Eltern
+an diesem Feste die gute Saat in meine Seele ausstreuten; ich will mir
+Israels wunderbare Leitung wieder vor die Seele rufen, von der Zeit an,
+da es durch deine kräftige Hand, o Gott! aus Ägypten geführt worden, bis
+auf diesen Tag, um immer mehr zu erkennen, daß es unter deiner
+väterlichen Obhut steht, daß es aber noch nicht seinen hohen Beruf
+erfüllt und daß jedes Mitglied der Gemeinde Israels dir und seinem hohen
+Berufe sein Leben und seine Kraft weihen soll. Aber was ich auch
+will,--nichts vermag ich doch ohne deinen gnädigen Beistand. Dein Geist
+sei mit mir und den Meinigen in dieser festlichen Zeit, daß wir sie
+feiern zu deinem Wohlgefallen, zur Verherrlichung deines Namens.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Ein anderes Gebet für den Peßachmorgen.
+
+
+33. Wie lange auch der Winter gewährt, wie viele Sehnsuchtsseufzer in
+den dunkeln Nächten zu deinem Himmel emporgestiegen, so habe ich doch
+unter deinem Schutze, Allbarmherziger, den Anbruch der milden Jahreszeit
+erlebt. So gedenke ich auch heute, daß durch deine Güte auf gleiche
+Weise vor Jahrtausenden die Morgenröte der Freiheit für das
+Menschengeschlecht anbrach. Du beriefest Israel, deinen Erstgeborenen,
+eine Gemeinde zu deiner Anbetung zu bilden, damit die Nacht des
+Heidentums nach und nach verschwinde, und alle Unterdrückung aufhöre.
+Ja, lange hatten meine Vorfahren in Druck und Elend geschmachtet und
+viele hatten schon jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben, ja, hatten
+schon aufgegeben den Glauben an die Verheißungen, die ihnen von
+Geschlecht zu Geschlecht überliefert waren; doch die Stunde der
+Errettung kam, und sie kam früher, als selbst die Gläubigsten geahnt
+hatten, sie kam in der tiefsten Finsternis der Nacht.--O, ich sehe wohl,
+noch seufzt die Welt unter dem Joche der Knechtschaft, noch bekämpfen
+Völker einander mit blutigen Waffen, noch herrschen die Schrecken des
+Krieges und noch werden wir von Eigennutz getrieben. Menschenfurcht hält
+noch den Geist gebunden und völlig machen wir uns zu Sklaven törichter
+Eitelkeit, und Gold und Ehre und Macht sind die Götzen, die die Menge
+anbetet, und Laster und Leidenschaften üben eine mächtige Herrschaft
+aus, sowohl über das ganze Menschengeschlecht, als über jeden Einzelnen.
+Doch du, »dessen Name von Ewigkeit zu Ewigkeit währt, und der du unser
+Erlöser bist«, du wirst dennoch endlich die Erlösung kommen lassen, so
+gewiß, als du sie verheißen hast. Du wirst die Zeit kommen lassen, in
+der »alle in Freundschaft mit einander wohnen, die Schwerter zu
+Pflugscharen schmieden werden und das Kind mit der Schlange
+spielet«,[27] da das Gift der Sünde von ihr genommen sein wird. Diese
+Hoffnung soll das Fest in meiner Brust erneuern, und ich weiß, daß auch
+mir ein wenig Kraft verliehen worden, in deinem Dienste für das Kommen
+deines Reiches zu arbeiten. O, Herr! laß mich denn das Joch brechen, das
+noch auf mir lastet, laß mich von Hochmut und sündiger Lust gereinigt
+werden, und laß mich erkennen, daß nichts auf Erden mir als Eigentum
+angehört, sondern daß mein Besitz ein anvertrautes Gut, ein Darlehen von
+dir ist. Um nun von diesem Bewußtsein durchdrungen zu werden, wird ja
+auch in Israel jede erste Gabe des Lebens dir geheiligt, deshalb gehört
+dir ja die erste Erntefrucht des Jahres, und brachten eben ja am
+heutigen Tage unsere Väter das heilige Omer als Opfer der Erstlinge dir
+dar. So will ich denn gedenken, daß alles eine unverdiente Gabe aus
+deiner Hand ist, und wie sehr ich auch dafür gearbeitet habe, so ist
+doch nur der Genuß, wie von dem eines nur zur Benutzung anvertrauten
+Gutes mir davon gestattet, die Seele aber darf nicht daran hängen; denn
+es ist ja alles eitel und nichtig, die Seele aber schufst du für das
+Ewige, und der hat schon jetzt das ewige Leben, der nur an dir festhält.
+Gib, o du mein himmlischer Vater, daß ich in solcher Hoffnung an diesem
+Feste wachse und wecke sie bei allen meinen Brüdern, ja laß die
+zuversichtliche Erwartung bald das Menschengeschlecht erfüllen, daß
+einst der Tag erscheine, »da der Herr einzig sein wird und sein Name
+einzig.« Amen!
+
+[Fußnote 27: Jes. 2, 4; Micha 4, 1--3, Jes. 11, 8.]
+
+
+
+
+Morgengebet an den beiden letzten Tagen des Peßachfestes.
+
+(2. B. M. 24, 15.)
+
+
+34. Wo ist wohl die Wohnung eines Frommen, in der man nicht heute mit
+Freuden Siegesgesänge anstimmt:»die Rechte des Herrn ist erhaben, die
+Rechte des Herrn hat das Siegeswerk vollbracht!« O, auch mein Haus soll
+von Siegesgesang erschallen und von Dank für deine wunderbare Hilfe, da
+Israel so kurz nach der Befreiungsstunde, am Rande des Verderbens
+stehend, nur im Aufblick zu dir, im Gebete, Mut und Rettung fand. Auch
+hier in meinem Hause soll ein Dankfest gefeiert werden, dafür, daß du an
+diesem Tage »den Glauben an dich und an Moses, deinen Diener, in den
+Herzen unserer Väter befestigt hast. Und hat es nicht auch in meinem
+eignen Leben so manche Stunde der Gefahr gegeben, in der ich oder einer
+der Meinigen gleichsam über einem Abgrunde schwebte, so manchen
+angstvollen Augenblick, in welchem ich verzagte und nicht fest in meinem
+Glauben war? Doch du halfst mir und du stärktest meinen schwachen
+Glauben! O, indem ich dir nun danke, will ich auch nicht vergessen an
+diesem Dankfest denen zu danken, die du als Werkzeug gewählt hast, mir
+zu helfen, mich zu stärken und zu trösten oder auch zu belehren. Wenn so
+viele, weit entfernt solches anzuerkennen, undankbar sind, so will ich
+in der Feststunde mir aufs neue die Pflicht der Dankbarkeit und
+Erkenntlichkeit ins Gedächtnis rufen, will auf meinen Vater (meine
+Mutter, meine Gattin, meine Kinder usw.) mit Dank für all das Gute, das
+mir von seiner (ihrer) Hand zuteil geworden, hinblicken und will mit
+Tränen der Dankbarkeit aller meiner Wohltäter gedenken, wenn sie auch
+schon im Grabe schlummern; ja, derer will ich gedenken, die mich als
+Kind in ihre zärtlichen Arme geschlossen und meine Jugend geleitet
+haben; meines Lehrers, der meinen Geist erleuchtet und mir den Weg des
+Lebens gezeigt hat, und aller, die mir jemals Rat erteilt und mit ihrem
+Beistande mich in meinem Berufe unterstützt haben. Gib mir, o, Ewiger,
+Gelegenheit und Kraft, ihnen allen meinen Dank durch die Tat beweisen zu
+können! Und wenn ich so viele teure Wesen vermisse, denen ich nichts von
+der Schuld meiner Dankbarkeit habe abtragen können, wenn vielleicht
+einer meiner Brüder gerade zur Festzeit den Verlust eines Freundes,
+eines Gönners oder Helfers beklagt, wenn der eine oder andere sich
+einsam und verlassen fühlt, o! so laß in seiner wie in meiner Seele das
+trostreiche Wort laut ertönen:»Stehe still und sieh die Hilfe des
+Herrn!« Denn du, o Herr, bist ewig und immer, und ewig lenkst du meinen
+Weg. Dir will ich stets aus ganzem Herzen danken, und deinen Namen will
+ich ehren in aller Ewigkeit.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Morgengebet am Wochenfeste.
+
+
+35. Ewiger, hochgepriesener, einziger Gott!--O! wie könnte ich heute
+deinen heiligen Namen aussprechen, ohne dir zugleich dafür zu danken,
+daß du den Menschenkindern dich offenbart und deinen heiligen Willen
+ihnen kund getan hast. Du hast ja zu ewigem Angedenken daran dieses Fest
+der Gesetzgebung und der Offenbarung eingesetzt! Deine größte Liebe
+gegen die Sterblichen zeigtest du an jenem Tage, da du uns deinen
+väterlichen Willen kund getan, da du das Himmlische dem Geschlechte der
+Erde offenbartest, daß wir es erkennen und des himmlischen Reiches
+teilhaftig werden. Auch ich bin dazu berufen und kann zu den Glücklichen
+und Seligen gezählt werden; auch für mich hast du deine Worte verkündet.
+Ja, ihre Herrlichkeit leuchtet der ganzen Welt; obschon unbewußt lebt,
+und atmet sie in derselben, und würde sie ohne dein ewigstrahlendes
+Licht in Finsternis eingehüllt sein. So soll denn der Unglauben eben so
+wenig wie der Aberglauben Herrschaft über mich gewinnen. Aber ach! wenn
+ich mich im Lichte deines geoffenbarten Wortes prüfe, muß ich da nicht
+beschämt bekennen, daß es in mir oft verdunkelt worden und nicht in
+voller Kraft in all meinem Denken und Tun widerstrahlte? Nahm ich nicht
+oft den Schein für die Wahrheit und Menschenklugheit und Blendwerk oder
+meine eigenen törichten Meinungen für Gotteserkenntnis, und Vorurteil
+für Überzeugung?--War ich wohl fest in deinem Gesetze zu allen Zeiten,
+daß es mit Flammenschrift auf den Tafeln meines Herzens eingeschrieben
+stand als ein ewiges Bundeszeugnis, als ein Zeugnis meiner Treue und
+meines Strebens, dich und deinen Willen immer klarer zu erkennen? War
+ich nicht zuweilen hartnäckig und rühmte mich da der Festigkeit, oder
+hielt ich nicht zuweilen die Zweifel, die sich in meiner Brust erhoben
+und das Schwanken meines Geistes für Fortschritt? Darum bitte ich dich,
+du, »dessen Wort ewig ist, dessen Wahrheit fest steht von Geschlecht zu
+Geschlecht«, o, leite meine Schritte auf die Bahn deines Wortes, daß ich
+nie davon weiche, weder zur Rechten noch zur Linken, und laß nicht die
+Sünde und das Verderben Macht über mich gewinnen! Laß mich erkennen,
+daß »der Mensch nicht vom Brote allein lebt, sondern von allem dem, was
+aus deinem Munde kommt«,[28] und wecke in mir ein beständiges Verlangen
+nach diesem Lebensbrot, daß deine Zeugnisse mein ewiges Erbteil seien,
+meines Herzens wahre Freude, meiner Seele Seligkeit.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 28: 5. Buch Mosis 8, 3.]
+
+36. Heute, da ich der höchsten und heiligsten Gabe gedenke, mit welcher
+du, mein Gott, vom Sinai aus deine Menschenkinder begnadigt hast,--wie
+danke ich dir da, daß ich Israels Glauben bekenne! Wie hilflos und
+verlassen würde ich sein, wollte ich Licht und Leitung bei den Weisen
+der Welt suchen, die so oft einander widersprechen, und von denen der
+eine niederreißt, was der andere als ein unerschütterliches Gebäude
+aufgerichtet. Ja, ich danke dir, mein Gott, daß ich ein Israelit bin,
+und ich die heiligen Stammväter und alle Propheten, die du mit deinem
+heiligen Geiste erfülltest, zu Leitsternen für mich auf meiner Bahn
+habe, und daß du auch für mich das Wort leuchten ließest, welches du
+selbst in deiner Gnade kund getan hast, das Wort, das felsenfest allen
+Stürmen der Zeit Widerstand geleistet, und das der Spott der
+Leichtsinnigen, die Geringschätzung der Weltlichgesinnten nicht zu
+erschüttern vermocht hat. Ja, wohl muß ich meines Glaubens wegen
+zuweilen Kummer und Beschwerden erdulden, und wo ich als ernster
+Israelit nach deinem Gesetze und deiner Lehre wandern will, da werde ich
+oft von außen und von innen von Feinden bedrängt;»denn die, welche an
+deinem Worte festhalten und in seinem reinen Geiste wandern, müssen oft
+unter Kedars Hütten wohnen, unter denen, die den himmlischen Frieden
+hassen.« Aber du läßt mich die Wahrheit deiner himmlischen Lehre
+erkennen, und nicht weltliche Freuden und nicht irdische Bande sind es,
+die mich an sie binden; denn du hast sie als Preis für mannigfältige
+Kämpfe gegeben, und gerade unter diesen soll sie ihre Gotteskraft
+beweisen. O, so stärke mich denn, wie du unsere Vorfahren gestärkt, daß
+ich dieses Kleinod wie meinen Augapfel bewahre und es auf die kommenden
+Geschlechter vererbe. Laß seine Herrlichkeit immer mehr mir strahlen,
+und laß mich darin unablässig für mich und für alle die Meinigen Leben
+und Licht, Trost und Frieden finden.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Am Neujahrsfest (Rosch Haschana).
+
+
+
+
+Am Vorabend des Festes.
+
+
+37. Herr, unveränderlicher, ewiglebender Gott! sieh gnadenvoll nieder
+auf dein Kind, das kaum sich aufrecht zu erhalten vermag unter den
+wechselnden Gefühlen, die es an diesem heiligen Abend überwältigen, der
+das hingeschwundene Jahr von dem neuen trennt, welches sich aufzurollen
+beginnt. Denn erscheine ich mir doch fast selbst ein Wunder, wenn ich
+mir alles in Erinnerung zurückrufe, was mir in dem dahingeschwundenen
+Jahre widerfahren und begegnet: Freuden und Sorgen, Erquickungen und
+Bekümmernisse, Leiden und Momente des Glücks. Ja, jede Stunde, jeder
+Augenblick gab das Zeugnis, daß du mich auf den Armen deiner Liebe
+trägst, daß deine Huld mich umschwebt. Und ach! wie wenig habe ich all
+dieser Güte entsprochen, wie oft verzagte ich, und wie oft strauchelte
+ich! Und sehe ich hin auf die vielen Wünsche und Erwartungen, die sich
+nun in meiner Brust regen, und die ich nun vor dir für die kommende Zeit
+aussprechen will, o Herr und Vater, wo soll ich da beginnen und wo
+enden? O du, der du den Gedanken kennst, ehe er noch ausgesprochen wird,
+du weißt ja, wessen ich bedarf, und was zu meinem Wohle und dem Wohle
+der Meinen dienen kann. Darum empfehle ich mich deinem gnädigen Schutze
+und bitte nur um dieses: laß mich mit dem hingeschwundenen Jahre auch
+aller meiner Sünden ledig werden, und laß für mich ein Jahr beginnen,
+welches in Wahrheit ein neues ist, ein Jahr, in welchem ich mehr und
+mehr deine Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe erkenne, ein Jahr, das von
+Anfang bis zum Ende Zeugnis gebe von meinem eifrigen Streben, dir zu
+gefallen, und von meiner Hingebung an deine väterliche Leitung. Und so
+will ich denn getrost das neue Jahr antreten, denn ich weiß, daß du,
+Allgütiger, mir nahe bist, und daß du mein Gebet erhörest.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Neujahrstag.
+
+
+38.»Lobsinge dem Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes
+getan hat«, das ist mein erster Gedanke, mein erstes Gefühl an diesem
+Tage. Und dieses Sinnen taucht nicht in meinem Innern auf, ohne daß
+meine ganze Seele sich zu der Bitte erhebt:»Mein Gott, vergib mir meine
+Sünden!« Denn ich weiß es gar wohl, daß ich alle Zeit vor deinem
+Angesichte stehe, und daß dein Auge mir folgt auf allen meinen Wegen.
+Aber heute, da ich so vieler Wohltaten mich erinnere, die du in einer
+langen Reihe von Tagen mir erwiesen hast, wie oft du meine Seele mit
+Freude erfülltest, mir Stunden schenktest, in denen ich mich so
+glücklich fühlte, wie oft du mir halfst bei meiner Arbeit, mich
+erfreutest durch den Anblick meiner Lieben, durch die Umgebung
+liebevoller Herzen und froher, freundlicher Gesichter, mich stärktest in
+schweren Augenblicken, mich Trost und Linderung finden ließest unter
+Schmerz und Sorge, ja mir so oft helfend zur Seite standest, mich, wenn
+die Versuchung mir nahte, und ich nahe daran war zu wanken, aufrecht
+hieltest in meiner Schwäche--heute muß ich die Last aller meiner Sünden
+um vieles schwerer fühlen, und all meine Schuld tritt mir vor die Seele.
+Jeder Tag, jede Stunde des verflossenen Jahres klagt mich ob meiner
+Versäumnisse an; wie oft habe ich nicht meine Pflicht vergessen, meinen
+Beruf als Mensch, als Israelit! Heute, da ich nicht nur so viele deiner
+Wohltaten gegen mich vergessen habe, sondern auch so manchen sündigen
+Gedanken, so manche unrechte Tat, die ich mir habe zuschulden kommen
+lassen, heute fühle ich es mit Furcht und Beben, daß ich von dir
+gerichtet werden soll, dir, dem Allwissenden, der all mein Tun und
+Lassen kennt, dem auch die verborgensten Gedanken meines Herzens
+offenbar sind und dessen Auge die Tat sieht, die keinen irdischen Zeugen
+hatte; o ja, heute erkenne ich vollkommen, wie ich all deiner Güte und
+Barmherzigkeit nicht wert gewesen bin. Und stehe ich nicht heute vor
+einer unbekannten Zukunft? Wie zahlreich sind meine Wünsche, wie
+mannigfaltig meine Hoffnungen, die ich an die kommenden Tage knüpfe, und
+wie erbebe ich bei dem Gedanken, was sie vielleicht für mich oder für
+diejenigen in ihrem Schoße bergen, die ich mehr noch liebe als mich
+selbst! O, wie konnte ich wohl der Zukunft vertrauensvoll entgegen
+sehen, wenn nicht deine Verzeihung mir würde auf meinem neuen Wege. O
+Allgütiger! Nimm mich und die Meinen in deine treue Hut, laß deine Gnade
+mir leuchten in dem neuen Jahre, unterstütze mich darin, daß ich das
+Gute übe, hilf mir, jede sündige Lust zu überwinden. Halte fern von mir
+jede Versuchung, und wenn du mir Kämpfe auferlegst, so verleihe du mir
+auch die Kraft, siegreich aus ihnen hervorzugehen, und stärke mich, Haß
+und Neid, Rachsucht und der Sinne Lust zu bezwingen durch eine innige
+Liebe zu dir. Erneuere du selbst in mir das feste Vertrauen auf deine
+Hülfe, daß ich fest stehen möge im Glauben, und lehre mich, an jedem
+Tage mit neuen Liedern dir zu lobsingen, und deinen heiligen Namen zu
+preisen.
+
+Amen!
+
+39.»Herr Gott, tausend Jahre sind ja vor dir, wie der Tag, der gestern
+vergangen ist, aber unsere Tage fahren dahin wie Rauch und verschwinden
+wie Schatten«,[29] und ehe wir es merken, stehen wir vor den Pforten der
+Ewigkeit. So haben wir, ich und die Meinen, heute wiederum ein Jahr
+zurückgelegt, wir stehen an der Schwelle eines neuen, und wir wissen
+nicht, wie viele unter uns am heutigen Tage vielleicht zum letzten Male
+die Neujahrssonne aufgehen sehen. O, mein Vater, ich habe so viele, die
+meinem Herzen wert und teuer sind, und denen ich so gerne noch eine
+Weile meine volle Liebe erweisen möchte, o, erhalte du sie doch am Leben
+und schenke ihnen Freude und Segen! Erhalte am Leben (meine alten
+Eltern, meinen teuren Vater, meine geliebte Mutter, meinen guten treuen
+Gatten usw.) breite deine schirmende Hand aus über (meinen Großvater,
+meine Großmutter, meinen Bruder, meine Schwester, Geschwister,
+Wohltäter, Freunde usw.) O, himmlischer Vater, von ganzem Herzen bete
+ich auch zu dir für die, welche ich mit mütterlicher Liebe umfasse: o,
+laß meine Söhne und Töchter leben, und laß dieses Jahr ihnen Glück und
+Frieden bringen, führe du sie den richtigen Weg, daß auch meine Seele
+sich darüber freuen möge; verleihe du ihnen Kraft und Gesundheit; laß
+sie erzogen werden und aufwachsen in deiner Furcht und Erkenntnis, dir
+zum Wohlgefallen und den Menschen.--Allerbarmer! auch für mich wage ich
+zu beten, wie sehr ich auch erkenne, daß ich sündenbelastet bin. O,
+verleihe du mir Stärke! Solltest du in diesem Jahre meiner Seele
+gebieten, zu dir einzukehren, so laß sie dahinziehen in Frieden, ist es
+aber dein Wille, mir noch ein Lebensjahr zu schenken, so laß es zum
+Segen für mich werden. Ja, solltest du es mir vergönnen, die Tage zu
+erleben, »da des Hauses Wächter erzittern, die Stützen sich beugen und
+der Blick umdunkelt wird!«[30] »so verwirf mich nicht, mein Gott, in
+meinem hohen Alter und verlaß mich nicht, wenn mein Haar grau wird und
+meine Kräfte abnehmen!«[31] Und wenn die Freude an dieser Welt mir
+schwindet, so laß du die Freude an dir und die Sehnsucht nach deinem
+Himmel um so stärker in meinem Innern werden. Ach Herr! stärke mich, daß
+weder Glück noch Unglück, weder Freud noch Leid mich von dir entfernen
+möge, daß alles dazu diene, mich meiner Vollendung näher zu bringen, und
+daß auch ich dereinst ein freundliches Andenken hinterlassen möge, und
+mein Gedächtnis in Segen bleibe.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 29: Ps. 90.]
+
+
+
+
+Beim Schofarblasen.
+
+
+40. Dir, o allmächtiger und liebreicher Gott, will ich huldigen als dem
+König der Welt! Deshalb ruft mich heute Schofars (der Posaunen) Schall
+auf zum Kampfe wider den Feind, der in meiner eignen Brust hauset,
+siehe, alle die verflossenen Zeiten mit ihren denkwürdigen Begebenheiten
+ziehen an meiner Seele vorüber, indem mein Ohr auf diese Töne lauscht.
+Im Geiste sehe ich des Widders Horn vom Gebüsch festgehalten, mich daran
+erinnernd, wie jener Patriarch die schwere Prüfung bestanden. Ach Herr,
+wie oft seufzte ich doch, selbst bei dem Geringsten das mich heimsuchte;
+wie werde ich bestehen, wenn du beschlossen haben solltest, meine Treue
+auf gleiche Art zu prüfen? Und im Geiste höre ich gleichsam das Wort des
+Bundes, wie es verkündigt wird unter Posaunenschall, und ich erbebe;
+denn mit zerknirschtem Herzen muß ich es bekennen: Ich habe deinen
+heiligen Bund nicht gehalten. Es ist mir, als ob der Propheten gewaltige
+Stimme, ihre Warnungsrufe und Ermahnungen, ihre Predigt zur Buße und
+Umkehr und die Verkündigung des mahnenden Gerichts in dieser Stunde an
+mein Ohr dringe, und ich erbebe. O Ewiger! laß diese Töne mich aus
+meinem Schlummer wecken, laß sie mich mit Reue erfüllen über die Tage
+der Vergangenheit, welche ich nicht für das ewige Leben benutzt habe,
+aber auch zugleich mit dem Trost, daß du als ein huldreicher Herr mit
+Erbarmen auf deinen bußfertigen Diener herabschauen, und daß du, ein
+gütiger Vater, dein reuiges Kind in Liebe wieder zu Gnaden aufnehmen
+wirst. Stärke mich in der Prüfungszeit, laß mich widerstehen allen
+Versuchungen der Welt, laß mich siegen über die sündige Lust und
+verachten den Spott der Ungläubigen. Ja, laß diese Stunde gnadenbringend
+sein für mein Herz und meine Seele, daß ich von dieser Zeit an wandern
+möge in dem Lichte deines Angesichtes.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 30: Koheleth 12, 3. ff.]
+
+[Fußnote 31: Ps. 71. 9.]
+
+
+
+
+Am großen Versöhnungsfeste (Jom hakippurim).
+
+
+
+
+Zu Anfang des Abendgottesdienstes (Kol nidre).
+
+
+41. Barmherziger Vater! Wie erbebt mein Herz, wie zittert meine Seele,
+da ich mich dir an diesem heiligen Abend nahe, da des Himmels Tore sich
+vor dem bußfertigen Sünder, der um Versöhnung bittet, auftun. So will
+ich denn mit all meinen Gedanken dich suchen und bei dir weilen, und mit
+aufrichtigen Worten der Reue deine Verzeihung mir erflehen. Ach Herr!
+Treten nicht meine Gedanken und Reden vor deinem Richterstuhle wider
+mich auf? Wer vermöchte alle sündigen Gedanken zählen, die in meiner
+Seele aufgestiegen; und wie oft hatten nicht unlautere, habsüchtige,
+rachgierige Wünsche und Begierden in meiner Brust sich geregt! Es
+tauchen verlangende Gedanken in meinem Herzen auf, vor denen ich selbst
+erschrecken muß, und doch habe ich ihnen damals Raum gegeben, anstatt
+sie zu verscheuchen, und habe so oft meine Seele mit ihnen
+befleckt!--Herr! Herr! Wie könnte ich wohl ohne Erröten meine Gedanken
+jetzt zu dir erheben, und wie darf ich es wagen, meine Lippen jetzt zum
+Gebet zu öffnen, da ich doch weiß, wie oft dieselben Lippen sich schon
+zur Schmeichelei oder zum Spott, zu Verleumdung, Hohn und Kränkung
+öffneten! O ewiger Richter! Ich habe leichtsinnige, zweideutige,
+heuchlerische, falsche, verführerische und unlautere Worte geredet,
+Worte die dich und dein Gesetz schmähten! Ich habe unüberlegt
+Versprechungen gemacht, die ich nicht gehalten habe! Ach ich erinnere
+mich in dieser Stunde nicht nur der leeren Versprechungen, die ich
+meinen Nächsten gegeben, sondern ich denke auch daran, wie oft ich
+gelobt habe, mein Leben dir, mein Gott, zu weihen, und in Zucht und
+Rechtschaffenheit vor dir zu wandeln, wie oft ich gelobt habe, deine
+Gebote zu halten, und mich und mein ganzes Wirken zu heiligen, und daß
+ich, ach, nicht minder oft mein Gelübde dir gebrochen habe! Darf da
+derselbe Mund nun wagen, um Gnade zu bitten, der so oft die Sprache, die
+Gabe deiner Gnade mißbraucht hat? Ach, ich will an die Pforte deiner
+Gnade anpochen und um Eingang flehen, und sieh! die Schlüssel, welche du
+mir gabst, des Himmels Tore mir zu öffnen, und mir den Weg zu dir zu
+bahnen: »Gedanken und Worte«, die treten anklagend wider mich auf. O! so
+vergib mir vor allen Dingen, was ich bis auf diese Stunde in Gedanken
+und Worten gesündigt! Sieh, Allgütiger, die tiefe Trauer, welche mich
+ergreift, und verbirg die Menge meiner Sünden unter dem Mantel deines
+Erbarmens: reinige meine Seele von unlauteren Gedanken und laß die Glut
+der Andacht hier in deinem Heiligtum alles Unlautere meines Geistes
+verzehren! Laß meines Herzens Angst und Reue »eine glühende Kohle von
+deinem heiligen Altar« sein, die meinen Mund berührt, während mich deine
+Zusage tröstet:»Siehe! diese hat deine Lippen berührt, dein Vergehen ist
+getilgt, und deine Sünde soll gesühnt sein!«[32] Vergib mir jedes
+übereilte Wort, das ich gesagt habe, und lehre mich von dieser Stunde
+an, meine lose Zunge zügeln; vergib mir die unbedachten Versprechungen,
+die ich gegeben habe, und erfülle mich mit der Gewißheit, daß du ein
+huldvoller Vater bist, der seinen Kindern gerne vergibt. Ja laß mich dir
+danken, daß du mich diesen Tag hast erleben lassen, und laß mich ihn vom
+Abend bis zum Abend dazu benutzen, durch Gebet und Buße in innerliche
+Gemeinschaft mit dir zu treten.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Zum Morgengottesdienst (Schacharis).
+
+
+42.»Herr! Herr! allmächtiger, barmherziger und gnädiger Gott,
+langmütiger und von großer Güte und Treue, der die Liebe bewahrt bis ins
+tausendste Geschlecht, Übertretungen und Sünden vergibt und doch nichts
+ungestraft läßt!«[33] Du unerschöpflicher Quell der Gnade! ich beuge
+mich vor dir in den Staub und bete deinen Namen mit unendlichem Danke
+an, denn du hast mir diesen Tag zur Rettung meiner Seele geschenkt. Was
+wäre ich doch, und wie sollte ich die schwere Bürde aller meiner Sünden
+tragen können, wenn du nicht diesen heiligen Tag dazu bestimmt hättest,
+sie von mir zu nehmen, von meinen Übertretungen mich zu reinigen und
+meine Schuld zu sühnen, oder wie könnte ich mich davor retten, tiefer
+und tiefer zu sinken, wenn ich nicht durch Fasten, Gebet und Buße am
+heutigen Tage an alle meine Sündenschuld erinnert würde, und deine
+liebende Vaterstimme mich heute nicht von meinem Irrweg zurückriefe und
+mir den Tag des Gerichts vor Augen stellte, der einst für jeden
+Sterblichen erscheinen wird, aber mir auch zugleich wiederum deine Gnade
+zeigte, die gerne verzeiht und mir zuruft, daß ich, »dich suchen und
+leben soll«. Wohl weiß ich, o Gott, daß du stets alle meine Wege
+schaust, und daß deine Stimme mich ohne Unterlaß zu warnen sucht, aber
+das ist ja gerade mein Vergehen, daß ich darauf nicht achte. Ja gewiß,
+meiner Sünden Menge würde zuletzt allen Frieden und jegliche Ruhe aus
+meiner Brust verjagen, sie würde mich tiefer und tiefer ins Verderben
+stürzen und niemals zur Prüfung meiner selbst kommen lassen, wenn du
+nicht diesen großen Sabbat[34] eingesetzt hättest, der meiner Seele den
+heiligsten Frieden und die seligste Ruhe verschaffen soll. Siehe, indem
+ich diesen heiligen Tag in deinem Heiligtum zubringe, so werde ich daran
+erinnert, daß ich selbst heilig sein soll, denn du, o Gott, bist heilig
+und in deinem Lichte soll ich mich, meinen Sinn und meinen Wandel
+läutern.--Ach, Herr, wenn ich alle meine Versündigungen bekennen wollte,
+wo sollte ich da anfangen und wo aufhören? O! so oft ich an diesem Tage
+mit der Gemeinde das Sündenbekenntnis (Viduj) widerhole, so laß mich
+tief in das Innere meines Herzens schauen und mich selbst prüfen, ob die
+Sünden mich nicht in ihr Garn gelockt haben. Laß mich untersuchen, ob
+ich auch unverrückbar ein sittlich heiliges Ziel bei all meinem Tun und
+Handeln vor Augen habe, das ich vor den Menschen dereinst zeigen und mir
+selber auch gegenüber stellen darf, wenn ich im Gebete vor deinem
+Angesicht stehe. Schaue gnädig auf die Tränen meiner Reue herab, und laß
+die Zerknirschung meines Herzens dir ein angenehmes Sühnopfer sein.
+Schenke mir deine Verzeihung für jedes Mal, daß ich meine Pflicht als
+Mensch (als Mutter, Tochter, Schwester, Verwandte usw.), als Israelitin
+versäumt habe, vergib mir, daß ich so oft die Menschen mehr als dich
+gefürchtet habe, verzeihe mir, daß ich rasch zur Lust der Welt und
+zögernd zu deinem Dienste, daß ich eifrig zum Schlechten und langsam zum
+Guten, verschwenderisch für den Genuß und geizig für Wohltaten gewesen
+bin. Gerechter Gott! Verfahre nicht mit mir nach meinen Sünden, sondern
+nach deiner großen Barmherzigkeit welche gern vergibt. Ja, erbarme dich
+über mich und hilf mir in deiner Liebe, daß ich an diesem Tage der
+Versöhnung von neuem geheiligt werde; führe du mich selbst zurück auf
+deinem Wege, daß ich zum Guten und zur Wahrheit Umkehr halten möge, denn
+du bist Herr, mein Gott.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 32: Jesaias, Kap. 6.]
+
+[Fußnote 33: 2. Buch Mosis, 34, 6. ff.]
+
+[Fußnote 34: Schabbos Schabboßaun.]
+
+
+
+
+Beim Mittagsgebet (Mussaph).
+
+
+43. Je länger ich heute in deinem Haus verweile, Allheiliger, je mehr
+ich mich selbst betrachte, indem die Quelle jeder Sinneslust gehemmt
+ist, und das Brausen der Leidenschaften in meiner Brust erstirbt, je
+klarer ich mir bewußt werde, daß ich hier vor deinem ewigen
+Richterstuhle stehe, wo nicht nur die Sünden, welche alle Welt sieht und
+verurteilt, mir vorgehalten werden, sondern wo eine jede sündige
+Neigung, jede gottlose Begierde, jedes unnütze Wort, ja selbst die
+geringste Versäumnis in der Ausübung des Guten, die ich mir habe zu
+schulden kommen lassen, als Zeugen gegen mich auftreten, mich ohne
+Schonung vor dich zu Gericht bringen, dem alles offenbar ist, und mich
+meiner Selbsttäuschung entreißen, die meinen Geist sonst gefangen hält,
+um so mehr muß ich wieder und wieder dein Erbarmen anflehen: O, vergib,
+vergib mir, Allbarmherziger, wende mir deine Gnade wieder zu, daß ich in
+meinen Sünden nicht verderben muß! Aber darf ich mein Angesicht wohl zu
+dir erheben und deine Verzeihung mir erflehen, so lange noch die Stimme
+eines gekränkten Bruders meine Stimme übertönt, und so lange dies mein
+Herz noch nicht erfüllt ist mit »der Liebe, welche alle Vergehen
+zudeckt«?[35] Über wie manchen habe ich nicht in Blindheit und
+Leidenschaft ein ungerechtes Urteil gefällt, wie oft habe ich meines
+Nächsten Absicht verkannt, wie oft ihm feindlich entgegengestrebt! Herr!
+soweit ich meiner eigenen Lieblosigkeit Sünde kenne, will ich mich
+bestreben das Meinige zu tun, um meines Bruders, meiner Schwester
+Verzeihung zu erlangen, aber, ach, wie viel habe ich nicht vergessen,
+wie manche sind nicht von mir geschieden, ohne daß ich damals ihre
+Verzeihung erhielt oder sie jetzt noch erhalten könnte. So laß mich denn
+vor deinem Angesicht für mein Vergehen, das ich gegen diese begangen
+habe, Abbitte tun. Dein ewiger Geist, der in ihnen wirkt, tilge meine
+Schuld in ihrem Andenken. Und mich, o Herr, mich erfülle du mit dem
+reinen Geiste der Versöhnung. O, ich will allen Groll und allen Haß aus
+meiner Seele ausmerzen! Ich will jede Kränkung für nicht geschehen
+erachten und jedes Versehen gegen mich verzeihen, und wenn jemand auch
+noch so schlecht gegen mich und die Meinigen gehandelt hätte, und wer
+versucht hat, mir zu schaden und meine Ehre zu beflecken, ja, Herr,
+selbst meinem Todfeinde, ich will ihnen allen verzeihen, und sollte es
+mir schwer fallen, so will ich mich daran erinnern, daß gegen mich sich
+doch keiner so schwer vergangen hat, als ich mich gegen dich,
+Allgütiger, versündigt habe, und daß ich doch auf deine Verzeihung
+hoffe, weil du meine Schwäche kennst, und will mir ins Bewußtsein rufen,
+daß meines Bruders Versehen gegen mich auch aus derselben Quelle der
+Schwäche und des bösen Willens fließen. Ich will eingedenk sein dessen,
+was unsere Weisen sagen, daß wir von dir mit demselben Maß gemessen
+werden, mit dem wir andere messen und andere richten, und daß[36] des
+Menschen schönster Schmuck darin besteht, alle Verschuldung zu übersehen
+und zu vergessen!--O gnadenreicher Richter! so schaue denn herab auf
+meine Seele, die erfüllt ist mit Gefühlen der Vergebung, in der ein
+himmlischer Friede wohnt, den kein bitteres Gefühl gegen irgend einen
+Menschen mehr stört! Erhöre du auch meine Bitte um Vergebung meiner
+Sünden und erfülle meinen Geist mit der beseligenden Verkündigung:
+»Heute sollen deine Übertretungen getilgt werden und du sollst rein sein
+von allen deinen Sünden wider den Ewigen.«[37] Mit diesem Trost will ich
+mich heute vor dir in den Staub niederwerfen, vor dir, der du selbst
+verzeihst und gerne die Vergehen tilgst.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 35: Spr. Sal. 10, 13.]
+
+
+
+
+Beim Nachmittagsgebet (Mincha[38]).
+
+
+44. Hilf, o Ewiger, denn der Frommen Anzahl ist geschwunden und der
+Gläubigen sind wenig, erhöre mein Gebet für die Sünder, welche frech
+ihr Haupt erheben, und vergib die schweren Übertretungen, die so
+zahlreich und häufig sind. Ach, der Himmel umdunkelt sich vor meinen
+Blicken, wenn ich daran denke, wie schamlos Wollust und Unmäßigkeit
+auftreten und die jungen Seelen bestricken, wie sie die schönsten
+Verhältnisse vergiften, das Wohl der Familien untergraben und so manche
+den wilden, unmäßigen Lüsten zum Opfer fallen lassen, während sie
+zugleich ihre Laster unter beschönigenden Namen verbergen, oder wenn ich
+an den Trotz gedenke, mit dem man deine Gebote übertritt, dein mildes
+himmlisches Joch verhöhnt, ja sich sogar rühmt, es abgeworfen, und dafür
+das Joch auf sich genommen zu haben, welches die Welt in ihrer
+Verderbnis geschmiedet hat! O du, mein Gott, dessen Barmherzigkeit kein
+Ende nimmt, ich bitte dich: Vergib meinen Brüdern ihren Abfall und ihre
+Schuld, gehe nicht mit ihnen ins Gericht und strafe uns nicht in deinem
+Zorn um ihrer Übertretung willen! Und doch, darf ich wohl eine Fürbitte
+für die Sünder zu dir emporsenden, ohne daß mich mein eigenes Gewissen
+als Teilnehmer an ihren Vergehen anklagt? Wie oft bin ich es vielleicht
+gewesen, der Veranlassung zum Sündigen gab, oder habe ich stets
+hinreichend meine Abscheu vor dem Laster zu erkennen gegeben und all den
+Kummer sehen lassen, von dem ich ergriffen wurde, wenn die Sünde ohne
+Erröten auftrat? War meine Betrübnis nicht viel größer über den
+geringsten Verlust an zeitlichen Gütern, als darüber, daß sich die
+Frechheit und die Ruchlosigkeit meinen Blicken darstellten, oder daß ich
+sah, wie eine Menschenseele verloren ging! Entflammte mein Zorn nicht
+weit mehr über die geringste Beleidigung, die mir widerfuhr, als wenn
+ich Zeuge war, wie dein Name und dein Haus entweiht wurden! Ach,
+Herr, »flossen Tränenströme aus meinen Augen, weil deine Gesetze nicht
+beobachtet wurden? Wurde ich von Kummer verzehrt, weil deine Worte
+vergessen wurden?[39] Habe ich freimütig dich und deine Lehre bekannt,
+wenn der Gottlosen Hohn mich mit Schmerz erfüllte?« O, es ist so schwer,
+ohne Fehler zu wandeln, selbst wenn auch der Edlen und Heiligen Beispiel
+mir stets voranleuchtet, wenn meine Augen jederzeit sehen, allenthalben,
+was dir verhaßt ist, und mein Ohr beständig hört, was Sinne und Gedanken
+irreleitet und stört. O du, »der du dich über uns erbarmest, wie ein
+Vater über seine Kinder«, laß deine Gnade groß sein gegen die sündige
+Welt und hilf mir, mit Sorgfalt alles zu vermeiden, was mir zu einer
+Schlinge werden könnte. Errette mich bei den ernsten und heiligen
+Erinnerungen dieses Tages, o Herr, errette auch (meine Kinder, meine
+Angehörigen, meine Verwandten und Freunde, meine Dienstboten), daß kein
+sündiger Umgang sie von dir entfernen möge.»Läutere mich, o Allgütiger,
+erforsche mein Herz, prüfe meine Gedanken, sieh, ob der Weg, den ich
+wandle, zum Verderben, führt, und leite mich auf den Weg zur
+Ewigkeit!«[40] Möchten alle Sünder bedenken, wie nahe ihnen ihr Ende
+ist, wie bald das Leben ihnen verronnen, daß sie zur Zerknirschung
+geführt werden und zu dir umkehren möchten.»Verwirf mich nicht vor
+deinem Angesichte, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir, sondern
+laß mich deiner Gnade wieder froh werden, und schenke mir einen neuen
+und willigen Geist, daß ich den Übertretern deine Wege kund tue, und die
+Sünder sich zu dir bekehren möchten.«[41]
+
+[Fußnote 36: Spr. Sal. 19. 11.]
+
+[Fußnote 37: 3. B. M. 16, 30.]
+
+[Fußnote 38: Nach dem Thora-Lesen, 3 B. Mos. 18]
+
+[Fußnote 39: Ps. 119, 139.]
+
+[Fußnote 40: Ps. 139, 23.]
+
+[Fußnote 41: Ps. 51.]
+
+
+
+
+Zum Schlußgebet (Neïlah).
+
+
+45. Vater, barmherziger Vater im Himmel! Es ist die letzte Stunde des
+heiligen Tages, welche jetzt naht. O, daß doch meine ganze Seele in
+diesem Augenblick sich von der Erde hin zu dir erheben möchte, als ob
+des Lebens letzte Stunde mir erschienen sei. Mit Gebet und Buße habe ich
+nun heute die Gelüste und Begierden meines Leibes besiegt, und doch, wie
+leicht ist nicht die Sehnsucht nach des Lebens Lust selbst mitten in
+meiner Andacht bei mir wach geworden, und selbst während ich reuevoll
+meine Sünden bekannte, konnte das Verlangen nach ihnen in meiner Brust
+nicht erstickt werden; ja, ja, vielleicht hat mich sogar der Wunsch
+erfüllt, daß dieser Tag schon überstanden sein möchte, gerade als ob
+dieser Tag an sich durch Fasten und Buße mir Ablaß für meine Sünden
+verschaffen könnte, und als ob ich alsdann frei wieder den Weg meiner
+alten Verirrungen betreten könnte, wenn er geendet habe. O, laß mich
+deshalb noch einmal aus allen meinen Kräften meine Gedanken und mein
+Inneres läutern, und laß meine heißen Tränen die Aufrichtigkeit meiner
+Reue bezeugen und dir ein angenehmes Sühnopfer sein, mit dem ich meines
+Herzens Gelübde besiegele, daß ich dich stets vor Augen haben will, und
+daß die Erinnerung an diesen Tag mit unverlöschbarer Schrift in die
+Tafeln meines Herzens eingegraben und mir nahe sein soll in jeder Stunde
+der Versuchung.--Herr! Zürne mir nicht, daß ich noch dieses letzte Mal
+zu dir bete; die Schatten des Abends breiten sich schon aus, und die
+dunklen Schatten meiner Sünden verfolgen mich; ich will sie verjagen und
+noch einmal meine Schuld bekennen, ich will an die Türe deiner Gnade
+anklopfen und deinen Namen anrufen, du einziger, ewiglebender Gott! Ich
+will mich unter dieser Anrufung dir heiligen mit Leib und Seele, und
+ich gelobe feierlichst, mich selbst in Liebe zu opfern. O, laß mich
+deiner Gnade Stimme vernehmen:»Ich, ich selbst tilge deine Übertretungen
+und will deine Sünden vergessen«[42] O laß meine Seele beim Ende dieses
+Tages mit heiliger Freude erfüllt sein, daß sie jubeln könne:»Selig,
+selig ist der, dem seine Übertretung vergeben und dessen Sünde getilgt
+ist! Selig ist der Mensch, dem der Herr seine Schuld nicht anrechnet,
+und selig der Geist, den der Herr von der Last seiner Sünden befreit
+hat!«[43]--Ja, laß meine erlöste Seele deinen Namen in alle Ewigkeit
+lobpreisen, du, mein Herr und mein Gott.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Am Laubhüttenfest (Succoth).
+
+
+46. Herrscher der Welt, der du die Liebe bist! Heute erinnere ich mich,
+wie wunderbar du unsere Väter durch die Wüste führtest, da du sie in
+Hütten wohnen ließest, und vertrauensvoll rufe ich aus:»Der Herr ist
+mein Hirte, mir wird nichts mangeln«[44] O, Dank sei dir gebracht, daß
+du mir dieses Freudenfest verliehen hast, das mich jedes Jahr in der
+Zuversicht bestärken soll, niemals vor der unbekannten Zukunft mich zu
+ängstigen, und niemals mich von den mannigfachen Sorgen überwältigen zu
+lassen, die ja oft in den Menschenherzen auftauchen. Denn meine Hütte
+ist in deinem Namen erbaut, und wenn ich auch jetzt nichts sähe als die
+öde Wildnis, so weiß ich doch, daß du dein Manna herniederfallen lassen
+kannst, daß du mir alles, dessen ich bedarf, verleihen und daß du deinen
+Schatten ausbreiten kannst über meine Wohnung. Und, wenn auch Stürme
+tosen und sie umzustürzen drohen, so will ich doch mit frohem Mute
+durch die Wölbung der Laubhütte zu deinem Himmel aufschauen, der seine
+Strahlen in meine Wohnung hernieder sendet und ich will mein Vertrauen
+auf dich setzen, der gerade unter den brausenden Stürmen die Saaten
+reifen läßt und den Bäumen die Kraft gibt, Frucht zu tragen, und der da
+will, daß auch der innere Mensch unter den Stürmen der Geschicke und der
+Zeit reifen und Kraft gewinnen soll, edle Frucht zu tragen. Aber auch
+daran will ich heute denken, daß gerade dieses Fest dazu eingesetzt ist,
+mich an die Pflicht zu erinnern, auch eine gebührende Sorge für meinen
+Körper zu hegen, und ich will froh sein, daß ich mich zu einem Glauben
+bekenne, der nicht von mir fordert, daß ich mein Fleisch mit
+selbstverursachten Martern peinige oder mir jede Freude versage, die du
+auf meinem Wege mir erblühen läßt, noch daß ich ganz der Welt entsagen
+und abgeschieden von ihr leben soll; nein, vielmehr einen Glauben, der
+gerade will und mich durch diese Feier dazu auffordert, daß ich die
+Freuden der Erde mit meinen Verwandten und Freunden genießen soll und
+mich »freuen all des Guten, das du mir gegeben hast«, so daß jeder
+sinnliche Genuß dadurch geheiligt wird, daß er in dir genossen wird und
+so, daß ich mich selber bei allem, was meinen Leib erquickt und freut,
+in deinem Dienste fühle, als einer, der dein heiliges Gebot erfüllt. So
+gib denn du, mein Gott, daß so selbst jede irdische Lust, die du mir
+bereitest, mich dir näher führen und daß ich, indem mein Vertrauen auf
+dich gekräftigt wird, erfahren möge, daß»wer auf dich baut, mit Gnade
+umgeben werden und sein Haus und seine Hütte in Frieden stehen
+soll«.[45]
+
+Amen!
+
+[Fußnote 42: Jes. 43, 25.]
+
+[Fußnote 43: Ps. 32.]
+
+[Fußnote 44: Ps. 23, 1.]
+
+[Fußnote 45: Ps. 32, 10.]
+
+
+
+
+Am Laubhüttenfest als Erntefest.[46]
+
+
+47. Ewiger, der du sowohl in der Höhe als in der Tiefe die verborgenen
+Quellen öffnest und aus unerschöpflicher Fülle Segen niederströmen läßt
+über alle Geschöpfe, dir bringen jetzt alle ihren Dank, weil ihre
+Vorratskammern wiederum gefüllt sind,--wie könnte ich da allein
+schweigen? Sollte ich dir meinen Dank nicht bringen, der du deine milde
+Hand aufgetan und allem, was lebt, seine Nahrung gegeben hast? Nein, und
+wenn auch alle Welt schwiege, ich müßte doch in dieser Stunde die Stimme
+meiner Dankbarkeit erheben, denn du hast ja selber dieses Fest in deiner
+Güte dazu geweiht, daß es in der Brust des Israeliten die Stimme des
+Dankes wecken soll, auf daß, wie unsere Väter in der Wüste jeden Tag der
+Woche, so auch wir jetzt zu diesen festlichen Stunden erkennen, daß das
+Brot vom Himmel kommt, und daß wir nicht sein sollen wie diejenigen,
+welche über die Gabe den allgütigen Geber vergessen. Und kann ich auch
+nicht wie der Landmann zur Erntezeit, in meine Scheuern gehen, um den
+reichen Segen zu sehen, so hast du doch mir und den Meinen eine nicht
+minder reiche Ernte verliehen. Die Tat, welche ich vollführe, der Beruf,
+den ich erfülle, das ist ja der Acker, den ich pflüge und besäe, und wie
+reich hast du mich ernten lassen! Und hätte ich auch nur wenig geerntet,
+flossen auch die Quellen der Nahrung nur spärlich, so ist doch selbst
+dieses Geringe eine unverdiente Gabe aus deiner Hand. Aufs neue wird mir
+die Gewißheit, daß du deinen Bund hältst, »daß Saat und Ernte niemals
+aufhören und der Fleißige gesegnet werden soll.« Wieder habe ich
+tausende von Erquickungen empfangen, und jede einzelne von ihnen lehrte
+mich, daß, »wenn auch junge Löwen schmachten und hungern, so soll doch
+denen, die dich von ganzem Herzen suchen, nichts Gutes mangeln«.[47] So
+will ich mich denn heute in diesem Troste freuen, und ich will meine
+Freude erhöhen, indem ich Freude nah und fern verbreite, und meinen Dank
+will ich dir dadurch beweisen, daß ich jedem meiner Brüder und jeder
+meiner Schwestern mit freundlichem Angesicht, mit mildem, wohltätigem
+Sinn entgegenkommen will, daß auch ihr Dank für alles, womit du uns
+gesegnet hast, zu dir aufsteige. Nun bitte ich dich, allen schöne,
+festliche Tage zu bereiten, ich bitte dich, Frieden und Freude über mich
+und mein Haus auszubreiten, daß es von deinem Lob beständig widerhallen
+möge. Geheiliget sei dein Name!
+
+Amen!
+
+[Fußnote 46: Einsammlungsfest 2. Mos. 23, 16, 34. 22.--5. Mos. 16, 13.]
+
+48. Dir danke ich, o mein Gott, daß dein Name nahe ist, und daß, der du
+deine hohe Wohnung dir im Himmel erbaut hast, du auch deinen Bund auf
+Erden gegründet und deine Hütte unter den Kindern der Menschen
+aufgeschlagen hast, daß auch mein Leben in der Gemeinschaft der Frommen
+geheiligt wird. Denn heute ist es ja das Fest, welches du dereinst
+angeordnet hast, um dem gemeinsamen Leben der Gläubigen Nahrung zu
+geben, und noch jetzt ist es diesem Zweck geweiht; und wie vormals alle
+diejenigen an ihm vereinigt wurden, welche in zahlreichen Scharen zur
+heiligen Stadt hinzogen, deinen Namen zu preisen und deiner Lehre zu
+lauschen, auf daß sie neu belebt würden und mit des Glaubens heiligen
+Gaben in ihre Häuser heimkehrten, also umschlingt dasselbe Fest noch
+immer mit einem heiligen Band alle diejenigen, die über die weite Erde
+zerstreut und zersplittert sind, aber eine geistige Gemeinschaft sich
+bewahrt haben. Es verbindet uns alle als Brüder im Glauben, die wenig
+Begabten mit den an Kenntnis Reichen, und die, welche durch ihre frommen
+und edlen Handlungen sich einen Namen und guten Ruf erworben haben, mit
+denen, die nur wenig vollführt, aber doch zur Gründung des Himmelreiches
+auf Erden mitgewirkt haben, wenn sie nur treu geblieben sind und sich
+dem heiligen Bund von ganzem Herzen angeschlossen haben. Es sind ja
+nicht nur die Mächtigen und Großen, die hie und da nur spärlich zu
+finden sind, durch welche die Aufgabe, die du deinem Volke gestellt
+hast, erfüllt werden soll; auch nicht allein diejenigen, welche die
+Menschen dazu bestellt haben, deinen Weinberg zu hüten und zu pflegen,
+nein, es sind auch diejenigen, welche mit geringen Kräften Stein auf
+Stein zu dem heiligen Bau tragen, die Geringen, welche in einfältiger
+Frömmigkeit das Ihrige zu seinem Wachstum beitragen, und überall sich
+finden, wo der Lebensstrom deiner Lehre fließt, gleich der
+unansehnlichen Weide, die an jedem Strom wächst und die ganze Erde
+ziert, während die Palme nur ein Schmuck der südlichen Länder ist. O
+Gott, laß auch mich ein lebendiges Glied in diesem Bunde sein, mich, der
+ich mit ganzem Herzen mich deiner Gemeinde anschließe; und kann ich auch
+nichts Großes wirken, so erfülle mich doch mit der freudigen Gewißheit,
+daß selbst durch das Wenige, welches ich beizutragen vermag, das Ganze
+und Große auch gefördert werde. Stärke mich in dem Vorsatz, mit
+Bereitwilligkeit mein Scherflein für alles zu geben, was zum Bedarf der
+Gemeinde sowohl, wie deines Hauses dient, und für alles, was die
+Gemeinschaft mit dir fördert. Und Herr, mit Sorgfalt will ich alles
+vermeiden, was Zwistigkeit erregen könnte, und was dazu dienen möchte,
+das Band zu lösen, welches uns alle in einem Gedanken und in einem Sinne
+vereinen soll. Laß nun dieses Fest über mich und die Meinigen seine
+erquickenden Schatten breiten, daß ich von seiner Freude gesättigt
+werde, als von dem Vorgeschmack der Seligkeit.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 47: Ps. 31, 11.]
+
+
+
+
+Am Schlußfeste (Schemini Azeres).
+
+
+49. Ewiger Gott! Das Fest und die Natur vereinen sich, um mir zu
+predigen;»Alles ist eitel, alles ist ganz eitel!«[48] Wohin ich jetzt
+meine Blicke wende, überall in der Natur treten mir die Zeichen der
+Vergänglichkeit entgegen. Die Schönheit der Ebene ist geschwunden, der
+Schmuck der Fluren ist dahingewelkt, auf dürre, welke Blätter tritt mein
+Fuß, und ich fühle mich tief von dem Gedanken ergriffen:»Des Menschen
+Leben ist wie Gras, er blüht wie eine Blume des Feldes, ein Wind fährt
+darüber hin und sie ist nicht mehr und ihre Stätte kennt man nicht
+länger;«[49] bald welkt die Schönheit des Lebens dahin, ach, gar bald
+werde ich dastehen wie ein entlaubter Baum, von dem Blatt nach Blatt
+herunterfällt. Und wird mir nicht dasselbe von diesem heiligen
+Schlußfest gepredigt, das mich daran erinnern soll, wie bald meine Tage
+zu Ende sind und mein Tagewerk abgeschlossen werden soll? Noch einmal
+will ich mich in dir und vor deinem Angesichte freuen, o Ewiger, und in
+meiner Seele alle die beseligenden Eindrücke sammeln, welche diese
+vielen Festtage auf mich gemacht haben, und ich will mich hüten, daß ich
+nichts von der mir noch vergönnten Zeit verliere. So will ich mich denn
+beeilen, ehe des Lebens Winter herannaht und die Kräfte mir versagen,
+das zu vollführen, wozu ich berufen worden bin, und ich will die wenigen
+Tage, welche mir zugemessen sind, noch mehr dazu benutzen, ein Leben zu
+führen, dir angenehm und den Menschen segenbringend. Mein himmlischer
+Vater! Nimm das Opfer meines Herzens gnädig an, das fromme Gelübde, daß
+ich in dem Vergänglichen das Ewige erfassen will, damit ich einst, wenn
+du mich rufst, ein Schlußfest bei dir in Seligkeit und ewiger Freude
+feiern möge.
+
+Amen!
+
+
+[Fußnote 48: Prediger Sal. 1, 2.]
+
+[Fußnote 49: Ps. 103, 15-16.]
+
+
+
+
+Am Freudenfeste über die Thora (Simchas Thora).
+
+
+50.»Das Gras verdorrt und die Blumen welken dahin, aber dein Wort, o
+Gott, bleibt in alle Ewigkeit.«[50] Das ist mein Freudenruf, mein Psalm,
+mein Lobgesang, mit dem ich mich dir am heutigen Tage, an dem Israel die
+heilige Thora beendigt und von neuem wieder beginnt, nahe. Alles
+Irdische vergeht, nur dein Wort besteht in Ewigkeit, und die, welche es
+uns verkündigt haben, leben ewig in unserer Erinnerung. Das flammende
+Wort, welches Moses Lippen entströmte, ist die unvergängliche
+Richtschnur unseres Lebens, ein ewiges, das aller Zeiten Stürme doch
+nicht zu vernichten vermochten. O Vater, ich danke dir, daß dieses Wort
+des Lebens noch mein Eigentum ist, und daß ich es rein und unverfälscht
+besitze, wie es ursprünglich lautete. Ich danke dir, daß du mir den
+Zugang zu demselben eröffnet hast, ja, du hast es ja einem jeden
+Israeliten zur Pflicht gemacht, sich recht vertraut damit zu machen, in
+seine Tiefen einzudringen und Leben und Geist daraus zu schöpfen, die
+Wahrheit darin zu suchen, zur Liebe dadurch erwärmt zu werden, und
+Trost und selige Hoffnung darin zu finden. Ich danke dir, daß du in den
+24 Büchern der heiligen Schrift (Thora, Nebiim und Kethubim) auch mir
+die reine Quelle des Lebens für alle Zeiten und Geschlechter hast
+strömen lassen. Und indem ich dir für deine geschriebene Lehre danke,
+sende ich auch meinen Dank für die mündliche zu dir empor, welche uns
+den Inhalt der Schrift erst verstehen und richtig erfassen läßt. O, mein
+Gott, wie oft habe ich nicht dieses dein Wort gering geachtet, wie oft
+eine Gelegenheit versäumt, darin belehrt zu werden oder die Zeit
+verschlafen, da ich seiner Verkündigung lauschen sollte, während ich
+meine beste Zeit für Schriften vergeudete, welche den Geist beflecken
+und Herz wie Sinn verderben! O lehre du selbst mich den Schatz hüten,
+den du mir geschenkt hast, daß ich in Zukunft möchte sagen können:»Ich
+hasse Fabel und Tand, aber ich liebe deine Lehre!«[51] Die langen
+Winterabende will ich dir weihen, indem ich bei deinem heiligen Wort
+verweile, ich will aufmerken auf die mündlichen Auslegungen desselben
+und dahin eilen, wo ich es in lebendiger Verkündigung hören kann, daß
+meine Seele errettet werde.[52] Ich will ein waches Auge über alle die
+Meinigen haben, daß sie nicht die giftigen Bücher lesen, welche ihre
+Gedanken beflecken und will sie den Wert deines Wortes erkennen lassen,
+welches uns von dem Irdischen zum Himmlischen emporhebt. Nun breite du
+deinen Frieden über mich und die Meinigen aus, den Frieden, welcher
+denen versprochen ist, die dein Wort lieben, daß ich niemals straucheln
+möge und meine Seele in dir lebe und dich in alle Ewigkeit preise.[53]
+
+Amen!
+
+[Fußnote 50: Jes. 40, 8.]
+
+[Fußnote 51: Ps. 119, 113, 163.]
+
+[Fußnote 52: Jes. 55, 3.]
+
+[Fußnote 53: Ps. 119, 175.]
+
+
+
+
+Am Feste der Tempelweihe (Chanuka, Lichterfest).
+
+
+51. Lieber Gott! Wie soll ich dir genugsam danken und dich preisen für
+all die Freude und all die Hoffnung, welche mir aus den Lichtern
+entgegenstrahlen, die wir in diesen Tagen zum Gedächtnis an den Kampf
+der Makkabäer anzünden, die für das höchste Gut, für den Glauben,
+stritten; zum Gedächtnis an den Sieg, welchen du sie gewinnen ließest,
+zum Gedächtnis an die Märtyrer, die um des Glaubens willen, und um das
+ewige Leben zu retten, freudig in den Tod gingen. So hast du Israel
+nicht nur dazu erkoren, deinen Bund zu schließen und deine Gotteslehre
+zu bewahren, sondern du hast es auch dazu gewürdigt, das erste Volk zu
+sein, welches ein Beispiel zur Nachahmung gegeben, für die höchsten und
+heiligsten Güter des Menschen, für die Freiheit des Glaubens und des
+Geistes zu kämpfen und alles Irdische zu verachten, wenn der Glaube in
+Gefahr schwebt, ja bereitwillig selbst lieber das Leben opfern, als die
+heilige Überzeugung aufzugeben. Das erzählt uns ja die Geschichte
+unseres Festes, wie unsere Väter in jenen Schreckenszeiten allen
+Drohungen und Verlockungen trotzten; wie sowohl Frauen als Männer,
+sowohl Greise als Kinder standhaft alle Marter ertrugen; wie sie den
+Scheiterhaufen bestiegen und selbst im Tode noch ihren Glauben
+bezeugten. Und wenn auch alles dem Glauben Israels den Untergang
+verkündete, so ging er doch durch deine allmächtige Hilfe gerade aus
+jenen Tagen siegreich hervor, und du hast aller Welt gezeigt, daß die
+Kraft des Geistes mächtiger ist, als gewaltige Heere. O Herr! Ich danke
+dir, daß die Zeit der blutigen Verfolgung um des Glaubens willen ein
+Ende genommen hat; aber ach, mein Gott! wie oft sind nicht Hohn und
+Spott weit schneidendere und giftigere Waffen, und selbst die
+Mutigsten, die sich nicht fürchten würden, für den Glauben in den Tod zu
+gehen, zittern vor der Verachtung der Welt und den Pfeilen des Spottes.
+Wie viele sind nicht dem Falle ausgesetzt durch die Schlinge, welche der
+Versucher ihrer Frömmigkeit legt, wenn er ihnen sowohl zuflüstert, als
+auch laut entgegenruft, daß sie noch in einer veralteten Lehre befangen
+sind, und wie muß es nicht mein Herz mit Sorgen und Bekümmernis
+erfüllen, wenn ich die Lässigkeit im Glauben sehe, die überall
+hervortritt und mich fast fürchten läßt, daß derselbe ganz auf Erden
+untergehen könnte.--Doch nein, nein! Indem ich der Zeit der Makkabäer
+gedenke, will ich mich zugleich daran erinnern, wie oft das Verderben
+gedroht hat, wie oft es geschienen, als ob das heilige Licht des
+Glaubens erlöschen sollte, und doch flammte es von neuem auf und
+strahlte nur um so klarer und heller. Ich will beim Anblick dieser
+Lichter meinen Eifer entflammen und meine Treue in deinem Dienste
+stärken, sowohl ich, wie auch mein Haus, ja, ich will auf die Fahne
+meines Lebens die Inschrift setzen:»Wer unter den Mächtigen kann sich
+vergleichen mit dir«, und sicher und ruhig werde ich im Glauben
+wandeln.»Ewiger, du bist mein Licht und meine Hilfe, wen sollte ich da
+wohl fürchten? Du bist die Kraft meines Lebens, vor wem sollte mir da
+wohl grauen? Höre mein Flehen, sei mir gnädig und erhöre mich.«[54]
+
+Amen!
+
+
+
+
+Am Purimfest.
+
+
+52.»Mein Mund lobsinge dem Herrn und preise ihn unter vielen, denn er
+steht zur Rechten des Unschuldigen, um ihn von denen zu erretten, die
+seine Seele richteten.«[55]
+
+»Du machst des Listigen Anschläge zu schanden, so daß sie keine Macht
+haben, ihre Absicht auszuführen, du fängst die Boshaften in ihrer
+eigenen Tücke und vereitelst die Pläne des Bösen.«[56] So errettetest du
+ja unsere Väter von Tod und Verderben, als der Mächtige die Unschuldigen
+anklagte und in gekränktem Hochmut einen Plan schmiedete, deine Treuen
+aus dem Lande zu vertilgen. Du, Israels Schirmherr, der niemals
+schlummert und niemals schläft, du ließest die Ruhe das Lager jenes
+Königs fliehen, du öffnetest sein Auge, den Anschlag des Verräters zu
+erkennen; ja du hattest schon zuvor das Mittel zur Errettung Israels
+bereit, jene fromme Seele, die ihr Leben opfern wollte, für das Heil
+ihres Volkes! So wurde selbst das schlimme Los uns zu Glück und Ehre, du
+ließest es zu Israels Rettung und Wohl fallen, und »die Sorge ward in
+Glück, der Kummer verwandelt in Freude.«--O, weshalb erschrecke ich da,
+wenn schlimme Nachricht mein Ohr erreicht, weshalb erbeben die Menschen,
+wenn von Ruchlosen Pläne gegen ihr Wohl geschmiedet werden? Du regierst
+ja alles, du lenkst jeden Anschlag zu seinem Ausgang und löst die
+Verwickelungen des Lebens, und die Schandtat des Bösen muß ebenso gut
+meinem Wohle dienen, als die Segnungen der Edlen und Frommen. So werde
+meine Seele denn froh in dir, und Freude umgebe mich diesen Tag. So weit
+ich vermag, will ich den Unterdrückten auch selber helfen, und meine
+Freude mir dadurch erhöhen, ich will mit meinen Gaben manchen Armen
+unterstützen, und mein Hallelujah soll den ganzen Tag vor dir
+erschallen.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 54: Ps. 27.]
+
+[Fußnote 55: Ps. 109, 30.]
+
+53. Mein Gott! Mein Mund vermag nicht all den Dank und all die Freude
+auszudrücken, die mein Herz fühlt, so oft dieser Tag der Errettung
+wiederkehrt.»Wenn du nicht mit uns gewesen wärest, als die Menschen sich
+wider uns erhoben, so hätten die Gottlosen uns in ihrem Zorn
+verschlungen. Ihr Glück würde dann wie die Wellen in rasendem Sturm uns
+überflutet haben. Dir sei Lob und Preis, o Gott, der uns nicht zu einem
+Raub ihrer Zähne werden ließ. Wir entgingen unsern Verfolgern; denn
+unsere Hilfe ruht in dem Namen des Allmächtigen, der Himmel und Erde
+erschaffen hat.«[57]--Zu allen Zeiten und überall hast du, unser Vater,
+uns beschirmt; und dieser Tag ruft uns nicht nur den Sieg Israels über
+Haman ins Gedächtnis, sondern alle die Ereignisse, da deine Vorsehung
+unsere Väter errettet hat, da du ihre Betrübnis in Jubel, den Ruf ihrer
+Angst und ihres Schmerzes in Tränen der Freude und der Dankbarkeit
+verwandelt hast. Ja sicherlich, Herr unser Gott, Israel ist ein lebendes
+Zeugnis deiner ewigen Treue:»Die, welche auf dich hoffen, sollen niemals
+zu schanden werden.« Israel wurde verachtet und gedemütigt, aber sein
+Vertrauen auf dich war stärker als seine Leiden, und du hattest Mitleid
+mit seinem Schmerze; hellere und freundlichere Tage sind ja gefolgt auf
+die Zeit des Hasses und der Verfolgung. Allvaters Stimme hat den Geist
+aller seiner Kinder durchdrungen, ihre Herzen erreicht, und Israel
+findet überall unter den Nachkommen seiner Unterdrücker nunmehr Brüder.
+Ja, die Erinnerung an das, was unsere Väter gelitten haben, erhöht in
+unsern Herzen nur die Freude über unser Vaterland, das all unsere Wunden
+geheilt hat, all unsere Schmach getilgt und unserm Glauben seine
+Freiheit und seinen Glanz zurückgegeben hat. Gelobt seiest du, unser
+Gott, unser Erretter! O, daß doch das Bewußtsein all der Freuden, die
+wir in diesem unsern Geburtslande genießen, unsere Herzen zu
+brüderlicher und liebevoller Gesinnung gegen alle Menschen, unsere
+Brüder, erwecken möchte!--Sei gelobt, du Ewiger, unser Gott, für all die
+Wunder, welche du an unsern Vätern vollführt hast und für den ewigen
+Schutz, den du ihren Kindern angedeihen läßt.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 56: Ijob. 5. 12, 13.]
+
+[Fußnote 57: Ps. 124.]
+
+
+
+
+Am Tage der Zerstörung des Tempels (Tischoh b'ab).
+
+
+54. O du, dessen Liebe ohne Ende ist und dessen Barmherzigkeit ohne
+Grenzen, heute werde ich erinnert an die Stunde, »da du Israels Schmuck
+vom Himmel zur Erde stürztest und am Tage der Heimsuchung den Schemel
+deiner Füße nicht achtetest,«[58] und meine Bitte wird von Wehmut
+erfüllt, und Sorgen erfassen mein Herz. Wie könnte es auch anders sein?
+Ist nicht das gerade das Große und Erhabene der heiligen Gedächtnistage
+meines Glaubens, daß ich nicht nur die glücklichen Zeiten, die Tage der
+Errettung, des Sieges und der Freude mir vor die Seele rufen soll,
+sondern auch jene, die ein trauriges Zeugnis für die Sünde und den
+Abfall der Väter ablegen, wie sie es selbst verschuldeten, daß du nicht
+einmal dein Heiligtum schontest, welches über alle Ebenen der Welt sein
+Licht verbreiten sollte, daß »Zion, von wo die Thora ausgehen sollte, wie
+ein Acker gepflügt wird, und daß Jerusalem, die Stätte, welche zur
+Verkündigung deines Namens geheiligt war, zu einem Steinhaufen
+wurde.«[59] Mit Sorgen stimme ich in die Klage des Propheten ein:»Unsere
+Väter haben gesündigt und sind nicht mehr, und wir tragen ihre
+Sünde.«[60] Sie hörten nicht auf den Ruf deiner Gnade, und vergebens
+zeigtest du ihnen deine Langmut; ja, sie gruben sich mit eigner Hand ihr
+Grab, indem sie gegen einander wüteten und sich durch eigenen Streit in
+die Hände ihrer Feinde gaben. Da wurde der heilige Bau zerschmettert und
+zermalmte in seinem Falle alle, die ihm anhingen. Ach Herr! Bitterlich
+weine ich über diesen Fall, und um so bitterer, weil die Sünden der
+damaligen Zeit noch immer unter uns herrschen. Aber »je mehr ich mir das
+Innerliche zu Herzen nehme, um so fester ist auch meine Hoffnung,«[61]
+und je tiefer meine Sorge ist, um so gewisser ist auch mein Vertrauen
+auf dich und deinen Trost. Ja, so gewiß, wie jenes Gotteswort in
+Erfüllung ging, welches dem sündigen Volke seinen Untergang verkündigte,
+und daß die Tage des Zornes kommen sollten, so gewiß wird auch jene Zeit
+erscheinen, wo es wieder zu Gnaden aufgenommen wird und sich erfüllt,
+was der Prophet verkündet:»Und in den letzten Tagen soll es geschehen,
+da soll der Tempelberg des Herrn über alle Höhen erhoben werden, und
+alle Völker sollen dahin strömen und sagen: Kommet! laßt uns
+hinaufziehen zu dem Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs, auf daß er uns
+seine Wege lehre, daß wir in seinen Fußtapfen wandern mögen, und Freude
+soll über alle sich verbreiten, die in Sorgen leben ob seines
+Falles.«[62] Ewiger! stärke du mich in dieser meiner Hoffnung und laß
+mein Leben ein Zeugnis davon sein, daß ich Wahrheit und Frieden liebe.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 58: Klagelieder 2, 1.]
+
+[Fußnote 59: Micha 3, 12.]
+
+[Fußnote 60: Klagelieder 5, 7.]
+
+[Fußnote 61: Klagelieder 3, 21.]
+
+[Fußnote 62: Micha 4.]
+
+
+
+
+Schlußgebet beim Gottesdienste (Olenu).
+
+
+55. Uns geziemt es dich zu loben und dich zu verehren, o Herr des
+Weltalls, und deine Größe und Herrlichkeit zu bezeugen, da du uns
+berufen hast, deine Worte und deine Taten in der Übung frommer Werke zu
+verkünden und dich durch unseren Lebenswandel zu heiligen. Darum
+verneigen wir uns ehrfurchtsvoll vor dir, und bekennen dich als den
+Herrn des Himmels und der Erde. Ja wir hoffen auf dich und glauben in
+fester und unerschütterlicher Treue, daß deine Größe und Allmacht, o
+Gott, immer mehr erkannt werde und sich sichtbar verbreite nach allen
+Richtungen der Erde, damit aller Irrtum hienieden verschwinde und alle
+Wesen erkennen, daß du nur allein Gott und Herr bist über alle
+erschaffenen Dinge. Alsdann werden alle Bewohner des Weltalls vor dir
+sich neigen und deiner Herrschaft sich willig unterwerfen, deinen Namen
+die Ehre geben und so den wahren Frieden allseitig hienieden begründen.
+So lehren ja auch deine Propheten mit ihrem hellen Seherblicke in die
+Zukunft.»Gottes Reich ist ein ewig dauerndes.« Und an anderer Stelle
+heißt es:»Und Gott wird König sein über die ganze Erde, alsdann wird
+der Ewige einzig sein und sein Name einzig.«!
+
+Amen!
+
+
+
+
+Die Hausfrau, wenn sie Chala nimmt.
+
+
+56. Wie du einst unsere Väter in der Wüste speistest und sie am Tage
+alles zum Unterhalte ihres Lebens finden ließest, dessen sie bedurften,
+so bist du, o mein Gott, mit meinem Gatten, (meines Hauses Versorger)
+gewesen und hast seinen Fleiß gesegnet, daß wir den Unterhalt unseres
+Lebens nicht entbehren. Bevor nun der heilige Tag beginnt, will ich nach
+Vorschrift auf bildliche Weise dir meinen Dank darbringen, und als ein
+echtes Weib Israels will ich unsern Glauben bekennen, daß selbst jeder
+sinnliche Genuß, den du uns gewährst, durch fromme Gedanken geheiligt
+werden soll. Denn du ließest es zum hohen Beruf des Weibes werden, den
+Segen des Glaubens in das schöne Heim zu bringen; ihr legtest du die
+Pflicht auf, das tägliche Brot zu heiligen. O, mein Gott, so laß es denn
+dir gedeckt sein, was ich bereite, und segne du unsers Lebens Brot.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Die Hausfrau, wenn sie die Sabbatlichter oder die Festlichter anzündet.
+
+
+57. Freude soll alle Zeit in Israels Wohnungen leuchten; das
+israelitische Weib soll die Wolke der Bekümmernis zerstreuen, die sich
+zeitweilig über den Gatten ausbreitet und den häuslichen Kreis
+verdunkelt. Mit dem warmen und reinen Glauben in ihrer Brust soll sie
+trösten, ermuntern und erquicken. O! habe Dank, o Vater, daß ich jetzt
+wieder an meinen schönen und heiligen Beruf dadurch erinnert werde, daß
+ich die Sabbat-(Fest-)Lichter anzünde, durch aufopfernde Tätigkeit,
+Freude zu verbreiten und das Licht des Glaubens zu bewahren.
+
+Amen!
+
+
+
+IV. Gelegenheitsgebete.
+
+
+
+
+I. Am Geburtstage.
+
+
+Aus meines Herzens tiefstem Grunde sende ich heute mein Gebet zu dir
+empor, allgütiger Gott und Vater, dessen Huld und Gnade über mich
+gewacht und heute mich in mein (--) Lebensjahr treten läßt. Leben und
+Liebe hast du mir zuteil werden lassen und deine Vorsehung hat meinen
+Geist bewahrt. Ja, ich bin allzu schwach und zu geringe, um dir meinen
+Dank auszusprechen für jeden Segen, mit dem du mich begnadigt hast seit
+der Stunde, da ich zum ersten Male das Licht der Welt erblickte.--Es
+kommen heute meine Lieben mit ihren Glückwünschen mir entgegen, aber ach
+Herr, der du Herz und Nieren untersuchst, kann ich wohl diese Wünsche
+für meine Zukunft hören, ohne daß mein Herz mir Vorwürfe macht für die
+Zeiten, welche vergangen sind? Kann ich mir selbst Glück wünschen, weil
+ich älter geworden, wenn die Erfahrungen und Prüfungen des Lebens mich
+nicht weiser, besser und frommer gemacht? Wenn ich heute auf die
+dahingeschwundenen Geburtstage schaue, die ich bereits erlebt habe, und
+wenn ich an die vielen Hoffnungen denke, die sich an jene knüpften, an
+die Erwartungen, mit welchen meine Eltern mich umarmten, und ich da mich
+selbst frage: Habe ich diese Hoffnungen und Erwartungen erfüllt? Habe
+ich den Arbeitstag, den der Herr der Zeiten mir vergönnte, mit Eifer und
+im Dienste des Allheiligen angewendet, so daß ich auf seinen Beifall und
+auf seinen Lohn hoffen darf, wenn die Abendstunde kommt? O mein Gott,
+was darf ich dann antworten?--Sieh, du hast in diesem Jahre mir in
+deiner Gnade viel Freude gesendet, und in deiner Weisheit hast du mich
+mit Schmerzen heimgesucht,--alles, um mich zu erinnern, daß ich unter
+deiner väterlichen Leitung stehe, und daß ich nur ein Pilger bin, der
+einen mühsamen Weg zu wandern hat, bevor er die himmlische Heimat
+erreicht. Dunkel ist für mich der Weg, den ich noch zurückzulegen habe,
+aber du, dessen Auge mich geschaut vom Lebensanfang, und in dessen Buch
+alle meine Lebenstage verzeichnet waren, ehe ich noch da war,[63] nimm
+du mich ferner in deinen Schutz, beschirme und segne alle, die mir teuer
+sind, und bilde du mein Herz nach deinem Wohlgefallen! O, daß ich in der
+festen Überzeugung gestärkt werde, daß mir keine Bürde auferlegt wird,
+zu der du mir nicht auch die Kraft verleihest, sie zu tragen, und daß
+ich Tag und Nacht eingedenk sein möchte, daß alles Fleisch Gras ist, daß
+hingegen jegliche Tat auf Erden, selbst die geringste, eine Saat ist,
+die ihre Früchte in der Ewigkeit trägt; ja daß ich dessen stets
+eingedenk sein möchte, auf daß ich meine Hoffnung nicht auf das
+Vergängliche baue, und nimmer verzage und verzweifle unter
+Widerwärtigkeit und Unglück, sondern selbst in Leiden und Schmerzen mich
+dir dankbar zeige; daß die Überzeugung mich stets beselige, daß dein
+gütiger Geist mich überall leitet, segnet und stärkt, und daß deine Huld
+und Gnade mich erfüllt und bewahrt, auf daß ich dir treu bleibe im Leben
+und im Tode.--Ja, du bist der Gott meines Herzens, getrost übergebe ich
+mich deiner Hand und fürchte nichts, du, Herr, bist meine Stärke, dir
+lobsinge ich, du bist meine Hilfe und meine Zuflucht, in dir findet
+meine Seele Heil in aller Ewigkeit.
+
+Amen!
+
+
+
+
+II. Am Verlobungstage.
+
+
+Herr, du mein Fels, meine Zuflucht, leite du mich und führe du mich um
+deines Namens willen! Entschieden ist es heute worden, wem mein Herz
+angehört, an wen ich mein ferneres Geschick knüpfen, mit wem ich durchs
+Leben wandern soll. Allzu schwach bin ich, o Herr, und allzu
+kurzsichtig, um das Innere eines anderen Menschen zu durchschauen, oder
+um zu wissen, was in den kommenden Tagen zu meinem wahren Heil und Wohl
+dienen kann und soll, darum sende ich mein Gebet zu dir empor: O laß
+deinen Segen auf meiner Wahl ruhen! Gib, daß der, welcher mir heute sein
+Gelübde gegeben, solches nicht leichtsinnig getan haben möge, sondern
+zuvor, wie ich, zu Rat gegangen sei, nicht blos mit den Angehörigen,
+sondern vor allem mit dir, mein Gott. Laß die kommenden Tage von dir
+gesegnet sein, daß eine reine und lautere Liebe, die auf Gottesfurcht
+gegründet ist, in unsern Herzen Wurzel schlage. Ja, Allgütiger, du, der
+du mit so vieler Huld meinen Weg gebahnt und mich mit so vieler Gnade
+umgeben hast, laß diese Tage für mich eine Vorbereitungszeit sein, daß
+ich, wenn die Zeit nahet, vor deinen Augen würdig gefunden werde, den
+Bund der Ehe zu schließen. O, sei du mein Hirt und Leiter, und führe
+mich auf den rechten Weg um deines Namens willen.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 63: Ps. 139, 16.]
+
+
+
+
+III. Am Hochzeitstage.
+
+
+Gekommen ist nun der Tag, an dem der Bund meines Herzens in deinem Namen
+besiegelt werden soll, du ewiger, alliebender Vater, der Tag, der das
+Weh und Wohl meiner ganzen Zukunft in seinem Schoße trägt. O, wie könnte
+ich mich wohl dem heiligen Augenblick nähern, wie könnte ich hintreten,
+um dem Auserwählten meines Herzens meine Hand zu reichen, ohne dir zuvor
+zu danken für all deine väterliche Güte gegen mich, für deinen Schutz
+bis auf diesen Tag, für die geliebten Wesen, mit welchen du mich bisher
+umgeben, und die mit Zärtlichkeit und Sorgfalt über mich gewacht und
+mich geleitet haben, ja, ohne dir dafür zu danken, daß du mich den hast
+finden lassen, mit dem ich die wechselnden Geschicke des Lebens teilen
+soll, ohne dir zu danken für die himmlische, beseligende Freude, die
+mich nun umströmt, da das Band der Ehe uns verbinden soll. Wie könnte
+ich wohl all deine Güte empfangen und bereits heute die heiligen
+Pflichten der Ehe übernehmen, die der Ehestand mir auferlegt, wenn ich
+nicht zuvor mit reuigem Sinne mein Herz vor dir ausschütte, ehe ich den
+wichtigsten und meine ganze Zukunft entscheidenden Schritt meines Lebens
+tun und dich um deine gnadenvolle Vergebung bitte. Wenn ich aber in
+dieser Stunde meinen Blick auf die hingeschwundene Zeit richte, o welche
+schwere Klage erhebt sich da in meiner eigenen Brust gegen mich!
+Sündenvoll waren meine Gedanken, und meine Taten, wie wenig konnten sie
+dir wohlgefallen. Habe ich wohl gelebt, wie ich sollte? Habe ich als
+Kind von ganzem Herzen Vater und Mutter geehrt? Habe ich die weisen
+Lehren meiner Lehrer befolgt? Habe ich als Israelitin in meiner Jugend
+an meinen Schöpfer gedacht und mit Wärme meinen Glauben umfaßt? O,
+vergib sowohl mir, Allgütiger, als der Seele, die nun mit der meinigen
+sich verbinden soll, jedes Vergehen und Versehen. Sieh auf uns in Gnade,
+wenn wir nun einander vor deinem Antlitze im Geiste gegenseitig das
+Gelübde der Treue geben, und laß deinen Segen mit diesem Bunde sein.
+Heilige unsere Liebe in der Liebe zu dir, daß wir, indem wir dich
+lieben, unsere gegenseitige Hingebung und Liebe nähren und stärken.
+Höre, o Gott, mein Gelübde, das ich hier ablege. In glücklichen, wie in
+trüben Tagen, will ich eine treue Gattin sein, die Geduld, Kraft und
+Selbstverleugnung zeigt, die als echte Israelitin durch den Glauben an
+dich stark ist, alles zu besiegen, auch sich selbst; stark ist, alles
+für den zu tragen und zu dulden, den ihre Seele auserkoren hat. Gib,
+daß wir, die von dieser Stunde ab mit einander wandern sollen, in
+Sanftmut und Milde einander begegnen, und uns gegenseitig unsere
+Schwächen in Liebe nachsehen! Ja, sei du mit uns, daß wir einander zum
+Heil und Segen werden, und daß durch diesen unsern Bund dein Name
+verherrlicht werde. Dazu hilfst du uns, o Gott.
+
+Amen!
+
+
+
+
+IV. In einer glücklichen Ehe.
+
+(Jährlich am Hochzeitstage.)
+
+
+Unendliche Liebe! Allgütiger Gott! Was kann wohl mit dem Glücke
+verglichen werden, das du mich hast finden lassen, indem du mir die
+Glückseligkeit meiner Ehe zuteil werden ließest!--Wo fände ich wohl ein
+irdisches Gut, das höheren Wert hätte, als das, welches du mir in meinem
+teuren Gatten verliehen hast, mit dem ich des Lebens Freuden und Leiden
+teile. Mit jedem Tage lerne ich mehr und mehr schätzen, was ich an ihm
+besitze, als Ratgeber und Helfer; wie versüßte er mir sogar des Lebens
+bittere Stunden, wie hielt er mich unter mancherlei Prüfungen aufrecht!
+O, mein Gott, jedes Jahr, das verfließt, knüpft uns noch fester an
+einander; in den freudigen, wie in den kummervollen Tagen bewahrheitet
+es sich immer mehr an uns, daß Liebe ein Paradies voll Segnungen ist,
+die so schön, so friedlich und freudenvoll. Ja, ich fühle alle
+Segnungen, die der Besitz eines treuen Gatten in sich schließt.
+Alliebender, wodurch habe ich so viel Glück verdient? Und doch soll auch
+dieses mich so beglückende Band einmal zerrissen werden, und dann wird
+die Stunde der Rechenschaft kommen, da du mich fragen wirst, ob ich die
+Zeit des Glücks auch dazu benützt habe, selbst geheiligt zu werden und
+die Seele zu heiligen, welche du mit mir vereinigt hast. Deshalb, o
+Ewiger, bitte ich dich, indem ich dir für all mein Glück danke, erhalte
+in uns denselben liebevollen treuen Sinn, laß uns die freundliche
+Fürsorge für einander verdoppeln, wie unsere innerliche Ergebenheit
+gegen einander, und gib mir Kraft, meinen teuren Ehegatten nicht nur zu
+beglücken, sondern auch zu veredeln und zu heiligen, daß wir, in
+Frömmigkeit vereint, dereinst in den Wohnungen der Seligen mit einander
+das Glück und den Frieden der Seligkeit genießen mögen. Wache über uns,
+daß wir einander in Hoffnung und Treue unter den Sorgen des Lebens
+stärken mögen, und daß wir in des Lebens frohen Tagen vor deinem
+Angesichte wandeln. Halte deine schirmende Hand über meinen geliebten
+Ehegatten, und laß mich ihm lange, lange noch Freude bereiten. Ewig
+danke ich dir, du reicher Gott voll Gnaden und mein allmächtiger
+Beschützer.
+
+Amen!
+
+
+
+
+V. In einer kinderlosen Ehe.
+
+
+Ewiger!»Kinder sind ja deine Himmelsgabe und Leibesfrucht eine Segnung,
+die von deiner Hand kommt!«[64] Wie sollte ich da nicht von ganzer Seele
+wünschen, mit Kindern gesegnet zu werden, die meines Herzens Freude sein
+und zu deiner Ehre erzogen werden sollten? O Herr! Wie der Vorzeit
+fromme Väter und Mütter bitte ich dich, mir diesen Segen zu verleihen,
+und mich noch Mutterfreuden genießen zu lassen. Aber wenn es in deinem
+unwandelbaren Rat beschlossen ist, mir dieses Glück zu versagen, so
+erfülle mein Herz mit innerlicher Ergebung in deinen Willen und mit
+vermehrter Liebe zu meinem Gatten, daß ich darin zehnfältigen Ersatz
+finde. Es sei ferne von mir, meinen Trost in dem Gedanken zu suchen,
+welch' eine schwere Bürde oft die Erziehung und die Versorgung der
+Kinder ist, wie viel Kummer sie nicht selten verursachen,--dient doch
+das gerade zu der Eltern Heil, o Herr! da diese erst aus der Mühe und
+Sorge, die ihnen ihre Kinder machen, erkennen, welchen Dank sie ihren
+Eltern schuldig sind.--In dieser meiner Sehnsucht nach Kindern will ich
+einen väterlichen Wink erkennen, den du mir gibst, die mir verliehenen
+irdischen Kräfte und Besitztümer zum Wohle derer anzuwenden, die in
+Bedrängnis sind. Ich will meinen Beistand der Kinderschar des Armen
+zuwenden, ich will ihnen zur Erkenntnis der heiligen Lehre förderlich
+sein, daß sie zur Rechtschaffenheit und Gottesfurcht aufwachsen, ich
+will den Verwaisten eine Mutter sein und reichen Beitrag spenden zum
+Besten jeder Wohltätigkeit, wie zu deinem heiligen Hause. Ich will in
+Frömmigkeit und Liebe wandeln, daß ich dadurch vielleicht eine Seele zur
+Tugend, zur Wahrheit und zum Glauben führen kann, daß sie geistig zu
+meinem Kinde werden möge. Ach Herr! Stärke mich in diesem Vorsatz und
+gib mir Kraft, ihn auszuführen, daß jene Worte, die du den Propheten
+verkündigen ließest, einst wie himmlischer Gesang vor meinen Ohren
+erschallen mögen:»So spricht der Herr zu den Unfruchtbaren, welche meine
+Sabbattage halten und wählen, was mir angenehm, und an meinem Bunde
+festhalten,--diesen will ich in meinem Hause und in meinen Mauern Hand
+und Namen geben, was da besser ist, als Söhne und Töchter; einen ewigen
+Namen gebe ich ihm, der nicht ausgetilgt werden soll.«[65] Ja, o Gott,
+gib mir einen ewigen Namen im Buche des Lebens, und ich fühle mich
+getröstet.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 64: Psalm 127, 3.]
+
+[Fußnote 65: Es. 56, 5-10.]
+
+
+
+
+VI. In der Schwangerschaft.
+
+
+Heiliger, allmächtiger Schöpfer, allbarmherziger Vater im Himmel! Ich
+danke dir für die beseligende Hoffnung, mit der du mich begnadigt hast.
+Wie glücklich hast du mich gemacht, indem du mir des Weibes höchste
+Freude verliehest, die Gewißheit, daß ich Mutter werden soll! Siehe,
+schon hast du mir des Weibes höchste und heiligste Pflicht auferlegt,
+mütterliche Fürsorge für den noch Ungeborenen zu hegen. O, was vermag
+ich ohne dich! Erhöre deshalb mein Gebet: Laß auch für mich das Wort
+gesprochen sein, welches du einst Israel verkünden ließest: »Gesegnet
+sei die Frucht deines Leibes!«[66] Hüte du meine Schritte, daß das Kind,
+welches ich unter meinem Herzen trage, jeder Gefahr entgehen möge;
+beschirme mich um des Kindes willen, daß nicht Schrecken noch Angst,
+nicht Furcht noch Aufregung mir nahe. Stärke mich darin, über mich
+selbst zu wachen, daß nicht der Mutter Unvorsichtigkeit, törichter Genuß
+oder sündiger Wandel schon dem Ungeborenen schaden möge. Ja, je mehr ich
+mir bewußt bin, daß selbst meine Gedanken und Gefühle auf den Sprößling
+hier unter meinem Herzen ihre Wirkung ausüben, um so mehr bitte ich
+dich, mir dazu helfen zu wollen, daß ich mich selbst beherrschen
+möge.--O Herr! Durch Frömmigkeit will ich diese Tage heiligen, bis ich
+sie überstanden habe, durch Gebet und fromme Werke will ich meine Seele
+erheben und reinigen, und treulich will ich deine Wege wandeln.--Schenke
+du mir nun einen ruhigen Sinn, unerschütterlich im Vertrauen auf deine
+unendliche Vatergüte, daß ich fröhlichen, getrosten Mutes und guter
+Hoffnung der Stunde der Entscheidung entgegen gehe, in dem
+zuversichtlichen Glauben, daß»den, der sich auf dich verläßt, deine
+Gnade umgeben soll.«[67]
+
+Amen!
+
+[Fußnote 66: 5. Mos. 28, 3.]
+
+
+
+
+VII. Vor der Niederkunft.
+
+
+Lieber Gott, du Gott der Gnade! Siehe, die Zeit nähert sich, daß ich
+gebären soll, und ich weiß, daß du in deiner Weisheit meinem Geschlecht
+bestimmt hast, daß wir in Schmerzen gebären sollen; o, willig unterwerfe
+ich mich deinem Vaterwillen; doch bitte ich: Vergilt' mir nicht nach
+meinen Sünden, sondern laß dein Erbarmen über mich wachen; stärke mich,
+daß ich in Kraft gebären möge, sei mir nahe mit deiner Hilfe, daß mein
+Herz bald froh werde, wenn ich den Neugeborenen gesund und frisch
+erblicke. Laß mich deine freundliche Stimme hören, die mir zuruft:
+»fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; bebe nicht, denn ich bin dein
+Gott; ich stärke dich, ich helfe dir und stütze dich mit meiner Rechten,
+ich selbst erlöse dich!«[68] Ja, Ewiger, du bist meine Stütze, meine
+feste Burg, meine Zuflucht in der Not, zu dir will ich mit Andacht
+aufschauen, daß du mir Kraft gebest, die Schmerzen der Geburt zu
+ertragen, du, meine ganze Hoffnung.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 67: Ps. 32, 10.]
+
+[Fußnote 68: Jes. 41, 10. 43, 1.]
+
+
+
+
+VIII. Nach der Niederkunft.
+
+
+Laß den schwachen Dank der Beglückten zu deinem Thron aufsteigen, du
+Beschützer meines Lebens, mein geliebter Vater im Himmel! daß du mich
+erhört und dein starker Arm mich unterstützt hat.»Von meinem ganzen
+Herzen will ich dir danken und alle deine Wunder verkünden, ja ich will
+froh sein und mich freuen in dir, und deinen Namen will ich lobsingen,
+dem Namen des Allerhöchsten.« Amen!
+
+
+
+
+IX. Bei der Beschneidung.
+
+
+Sieben Schöpfungstage sind nun glücklich über dem Leben meines
+neugeborenen Knaben verronnen, und heute am achten soll es nach deinem
+unverbrüchlichen Gesetz, o du Allheiliger, »der du deinen Bund und dein
+Erbarmen denen bewahrst, die dich lieben und deine Gebote halten«, vor
+dich gebracht werden und das Siegel der Gnade durch die Beschneidung
+erhalten; heute soll er in den ewigen Gnadenbund aufgenommen werden, den
+du mit Abraham und seinen Nachkommen geschlossen hast, daß sie zum Segen
+werden sollen für alle Geschlechter der Erde und das himmlische Reich
+erwerben.--O, nimm dieses mein Kind gnädig an, daß es treu dem Bunde
+leben möge, laß den geringen und rasch verschwundenen Schmerz, den es
+erleiden soll, eine Erinnerung und ein Zeichen sein, daß das Hohe und
+Ewige nur durch Mühe und Schmerzen erreicht werden kann, daß der Mensch
+sich das Himmelreich nur erringen kann, indem er gegen die Lust des
+Fleisches streitet, und daß ein treuer Israelit bereit sein soll, mit
+Leben und Blut für seinen Glauben zu kämpfen, daß er deinen Namen
+heilige. Beschütze mein Kind von dieser Stunde an, daß es wohl gedeihen
+und kräftig wachsen möge, für das Zeitliche, wie für das Ewige gesegnet,
+dir zur Ehre und mir und meinem Gatten zur Freude.
+
+Amen!
+
+
+
+
+X. Eine Wöchnerin beim ersten Gang ins Gotteshaus.
+
+
+»Gehet ein zu Gottes Tor mit Danksagungen und in seinen Vorhof mit
+Lobsingen! Dankt ihm und preiset seinen Namen!« So ermahnt mich eine
+heilige Stimme, und es ist ja nur durch deine väterliche Güte, o Gott,
+daß ich heute wieder deinem Hause nahen kann. Hast du selbst ja geboten,
+daß jede glückliche Wöchnerin, nachdem sie ihre Gesundheit
+wiedergewonnen hat, deinem Altar mit Dank und Sühnopfer,[69] mit Gebet
+und frommen Gelübden sich nahen soll. Und wie sehr muß ich dir nicht
+danken, nicht nur für deine Gabe, für das Kind, das du mir geschenkt
+hast, sondern auch für deine Hilfe und deinen Beistand, für die Kraft,
+die du mir verliehen hast, alle Schmerzen zu ertragen, für deinen Schutz
+in der Stunde der Gefahr und für meine Genesung, daß ich wieder vor dein
+Angesicht treten kann und mit meinem Gatten dir meinen Dank zu bringen
+im Stande bin. O, womit habe ich doch so viel Gnade verdient! ach, hab'
+ich mich denn nicht oft und schwer gegen dich versündigt, bin ich nicht
+manches Mal verzagt und schwach in meinem Vertrauen auf dich gewesen;
+wie oft versäumte ich nicht meine Pflicht, die du mir auferlegt hast? O
+Herr, vergib mir und halte mich auch fernerhin in deiner väterlichen
+Gnade. Laß mich mein Kind deinem Schutze anbefehlen (bei einem Mädchen
+füge man hier hinzu: und wie es heute vor dir in deinem Hause genannt
+wird, so zeichne du es in das Buch des Lebens ein, daß seines Namens
+Unvergänglichkeit zu wahrem Schmuck und wahrer Ehre ihm gereiche); wache
+du über das Neugeborene, stärke du mich, an ihm die Mutterpflicht
+vollkommen zu erfüllen. Ja, mit mütterlicher Sorge will ich mein Kind
+pflegen und ihm meine ganze Obhut widmen, und gerne selbst Entbehrung
+auf mich nehmen zu seinem Wohlergehen. Segne, o Herr, auch das Streben
+meines Gatten, den Lebensunterhalt uns zu erwerben, und sobald die
+Schwingen des Geistes sich bei dem Säugling zu entfalten beginnen, so
+soll es unsere größte Sorge sein, ihn zum Guten zu lenken und ihn mit
+Abscheu gegen alles zu erfüllen, was böse ist, daß es bei Zeiten deinen
+Namen kennen lerne und in Gottesfurcht und Tugend aufwachse. Ewiger, dir
+will ich angehören; o, laß deinen Segen von deinem Hause zu meinem Herd
+mir folgen, und laß meinen häuslichen Kreis früh und spät von herzlichem
+Dank widerhallen für all das Glück, welches du mir zuerteilt hast.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 69: 3. Mos. 12.]
+
+
+
+
+XI. Beim ersten Gang ins Gotteshaus nach der Geburt eines totgeborenen
+Kindes.
+
+
+Blicke gnädig herab, o, du allweiser und gerechter Schöpfer, auf deine
+Dienerin, die sich dir in Demut und Anbetung naht, um dir zu danken,
+weil du ihr das Leben erhalten, und ihr Stärke verliehen hast, daß sie
+wieder in die Versammlung der Gläubigen hat kommen können, um deinen
+Namen zu preisen. Ist mein Herz auch noch betrübt darüber, daß das Kind,
+welches ich zur Welt brachte, nicht des Lebens Tag gesehen hat, und
+meine so lange gehegte Hoffnung sich nicht erfüllte, so weiß ich doch,
+daß eine Israelitin deinen Namen lobt, magst du nur geben oder
+nehmen.[70] O, höre mich, Allerbarmer! Wenn ich durch eigene
+Unvorsichtigkeit es bewirkt habe, daß mein Kind hienieden nicht das
+Licht der Welt sehen sollte, o, so bedenke meine Schwäche und vergib
+mir; rechne mir es nicht als Sünde an, sondern schone meiner um deiner
+großen Barmherzigkeit willen. Aber war es in deiner unwandelbaren
+Weisheit so beschlossen, daß ich die Mutterfreuden ahnen, aber nicht
+genießen sollte, o, so lehre mich, mein Los in Geduld tragen, und flöße
+mir den Trost ein, daß dieses Kind in der Stunde, wo es zur Welt kommen
+sollte, bereits bestimmt war zu einem seligeren Zustand einzugehen, ohne
+den Kampf der Welt bestehen zu müssen, ohne ihre Sorge und Qual kennen
+zu lernen, und daß es dereinst in der Ewigkeit mir die Schmerzen
+erstatten soll, mit denen ich es getragen und geboren habe, ohne durch
+sein Leben beglückt zu werden. O Allgütiger, laß mit meines Herzens Dank
+meine Bitte um reichen Segen vereinen, laß die Freude wieder in meiner
+Seele erwachen, und laß mich Freude und Glück über meinen teuren Gatten
+ausbreiten.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 70: Ijob. 1, 21.]
+
+
+
+
+XII. Eine Ehegattin.
+
+
+Allgütiger! du, dessen Antlitz in Gnade über alle leuchtet, die dich
+fürchten, o, blicke in Gnaden herab auf mich, daß ich in dem Lichte
+deines Angesichtes wandeln und von dir beschirmt werden möge.
+
+O! breite die Schwingen deiner Barmherzigkeit über meinen Gatten und
+meine Kinder aus. Sei mit ihm, den mein Herz liebt auf allen seinen
+Wegen, behüte ihn vor Krankheit, Schmerz und Kummer, erhalte ihm die
+Lust und Liebe zu seinem Geschäfte, und laß keine Sorgen ihm sein Leben
+verbittern. Lehre mich, ständig an dem Vorsatz festzuhalten, ihm ein
+freundliches Heim zu bereiten, so daß er am liebsten bei mir an unserm
+gemeinschaftlichen Herd verweile, und häuslicher Friede und Freude ihm
+von demselben entgegenstrahlen möge, und daß unser schönster Genuß der
+sei, mit unsern Kindern in freundlicher und milder Vertraulichkeit bei
+einander zu sitzen.
+
+Laß uns niemals die hohen und heiligen Pflichten vergessen, welche wir
+gegen die Kinder zu erfüllen haben, mit denen du uns gesegnet hast. O,
+laß uns nicht nur für ihre leibliche Wohlfahrt Sorge tragen, sondern in
+und durch unsere Gebete ihren Seelenfrieden deiner Obhut anbefehlen.
+Ach, lieber Vater im Himmel! das ist doch der Eltern heiligstes, aber
+auch zugleich schwerstes Wirken in der Brust ihrer Kinder die
+Gottesfurcht zu wecken und des Glaubens reine Flamme anzufachen, zu
+hüten und zu nähren. So hilf uns denn, daß wir uns fern von törichter
+Weichlichkeit halten, und daß wir mit Freundlichkeit und liebevollem
+Ernst ihnen die nötigen Ermahnungen und Erinnerungen geben, daß wir
+einträchtig einander bei dieser Arbeit in deinem Dienste uns zur Seite
+stehen mögen! Mit Tränen befehle ich dir meine Kinder, daß keines von
+ihnen mißraten möge, und mein Herz durch Sünde wider dich verwunde!
+Bewahre sie vor schlechten Freunden, und laß Vater und Mutter ihnen eine
+Leuchte sein, die ihnen auf ihren Wegen leuchte, daß sie nicht fallen;
+aber wenn sie im Gewirr des Lebens verführt werden, ach, so laß du die
+Erinnerung an uns sie wieder zurück auf deinen Weg führen! Herr, setze
+du eine Schutzwehr um unser Haus, daß es von keiner Schlechtigkeit
+befleckt werde. Laß deinen Namen über unsere Wohnung genannt sein zum
+Leben und zur Seligkeit.
+
+Amen!
+
+
+
+
+XIII. Eine Tochter für die Eltern.
+
+
+Unsichtbarer, alliebender Gott! Wie soll ich dir danken für die
+unendliche Liebe, die du mir bewiesen hast und mir noch jeden Augenblick
+erweist, und deren Strahlen sich in der Freundlichkeit und Liebe
+abspiegeln, womit mich die umfangen, welche mir das Leben gegeben haben.
+Ach ja, mein geliebter Vater, meine teure Mutter sind mir wie zwei
+Engel, denen du befohlen hast, daß sie mich hüten sollen auf dem Wege,
+daß sie mich auf ihren Armen tragen und alle meine Schritte bewahren
+sollen, die sowohl für mein zeitliches, wie für mein geistiges Wohl
+Sorge tragen. Welche Segnung hast du nicht durch sie über mich
+ausgebreitet, wo gibt es wohl Eltern, die mit größerer Obhut für ihre
+Kinder sorgen könnten? Versagen sie sich nicht alles, um mir nur Freude
+und Glück zu bereiten? O mein Gott! indem ich dafür meines Herzens
+wärmsten Dank emporsende, bitte ich dich zugleich: Belohne du sie für
+alles mit deinem reichsten Segen. Verleihe ihnen viele und lange
+Lebenstage, daß sie noch lange meines Lebens Schmuck und Ehre seien;
+bewahre ihnen die Gesundheit und bereite ihnen eine Fülle der Freude.
+Laß sie in der Liebe und in der Hingebung ihrer Söhne und Töchter Ersatz
+für alle Bekümmernisse eines Vaters und einer Mutter finden, Ersatz für
+jeden mühevollen Tag und jede schlaflose Nacht, die wir ihnen bereitet
+haben. O, möchte es auch in mein Los fallen, ihnen Freude zu bereiten!
+Stärke mich, auf einen jeden Wink ihrer Hand acht zu geben, in Liebe und
+Gehorsam auf ihre Warnungen und Ermahnungen zu hören, und nach meinem
+ganzen Vermögen ihnen Freude zu bereiten. Erleichtere ihnen jede Bürde,
+und gib, daß sie selbst in ihrem hohen Alter, glücklich im Schutz der
+Liebe ihrer Kinder und Kindeskinder lebend, dir für deine gnadenreiche
+Führung bei vollen Geisteskräften danken mögen.
+
+Amen!
+
+
+
+
+XIV. Im Witwenstande.
+
+
+Allerbarmer, du, »der du gerecht bist in allen deinen Wegen und
+barmherzig in allen deinen Handlungen,« blicke in Gnaden auf eine tief
+betrübte Seele herab, die ihre Zuflucht zu dir nimmt. Jetzt stehe ich,
+verlassen von dem, der meine Stütze, mein Trost und mein Ratgeber war;
+jetzt muß ich alle Bürden des Lebens allein tragen und den vermissen,
+der mich durch sein ermunterndes Wort stärken konnte, mich in der Hitze
+des Tages erquickte und, wenn das Dunkel der Nacht meinen Geist
+erschreckte, mir Licht verbreitete;--ach, meines Herzens Angst ist groß,
+und es wird mir schwer, kindliche Ergebung in deinen Willen zu zeigen.
+O, so errette du mich selbst aus meiner Not, lege den beseligenden Trost
+deines Wortes in meine Seele und zeige dich mir als den rechten Helfer.
+Sieh, hier bin ich mit den Kindern, die du mir gegeben hast, o, laß mich
+in Gnaden erfahren, daß du in Wahrheit »der Witwen Verteidiger und
+Beschützer und der Verwaisten Vater« bist! Stärke mich, daß ich unter den
+doppelten Verpflichtungen nicht erliege, die auf mir ruhen, sondern daß
+ich vielmehr mit Geduld »in fester Hoffnung und lebendigem Glauben für
+dein Haus sorge«, im Vertrauen darauf, daß die, »so mit Tränen säen,
+dereinst mit Freuden ernten« sollen. Erbarme dich meiner Kinder; hilf und
+rette, beschütze und segne uns. Ja, o Ewiger, »sei du meine Stärke,
+meine Burg und mein Fels, auf dich hoffe ich und mir ist geholfen.« Amen!
+
+
+
+
+XV. Eine Waise.
+
+
+Ewiger, gerechter Gott! hart ist die Prüfung, die du mir auferlegt hast,
+ich bin elend und verlassen; denn meinen Vater, den du mir zum treuen
+Führer und Versorger gabst und meine Mutter, deren Obhut und Liebe mich
+zu dir leiten sollte, ich sehe sie nicht mehr!--Ach, wo soll ich denn
+jetzt hingehen, wo Trost und Rat suchen? O, wie sehr habe ich mich nicht
+versündigt, daß ich das Glück, einen lieben Vater, eine liebe Mutter zu
+besitzen, nicht hinreichend zu würdigen wußte, und daß ich nicht dankbar
+genug war für alles, was du mir in ihnen gegeben hast. Ach, wie einsam
+und niedergeschlagen fühle ich mich jetzt! O, du selbst, Allgütiger!
+öffne du mir den Schatz deines Trostes! Noch hast du ja niemals eine
+Seele verlassen, welche dich nicht verließ, sondern du halfst dem
+Elenden, der dich um deinen Beistand bat, und auch mir wirst du helfen.
+Du verkündigst mir in deinem Worte, daß, »wenn auch Vater und Mutter
+mich verlassen haben, so willst du dich, mein ewiger Gott und Vater,
+doch meiner annehmen.« Leite mich denn und führe mich; laß im Geiste mich
+stets umschwebt fühlen von jenen geliebten und verklärten Seelen, und
+laß mich durch einen gottesfürchtigen Wandel ihr Andenken ehren und
+ihnen so den schuldigen Dank darbringen. Sei du nun selbst mein Vater,
+der mich auf den Armen seiner Liebe trägt und mir den Bedarf des Lebens
+spendet. O gib, daß die Menschen, die sich freundlich an Stelle meiner
+Eltern meiner annehmen, auch Sorge tragen für das Wohl meiner Seele,
+und vergilt du ihnen all das Gute, welches sie in deinem Namen mir
+erweisen. Wohne du in meinem Herzen, und lenke meinen Weg so, daß ich
+mit Recht mich dein Kind nennen kann, mein himmlischer Vater, das
+Wohlgefallen vor dir und in den Augen der Menschen findet. Erhöre mein
+und aller Waisen Gebet; o gnadenreicher Gott, du ewiger Helfer.
+
+Amen!
+
+
+
+
+XVI. Im Alter.
+
+
+Treuer, ewig lebendiger Gott, »der den Müden Kraft verleiht und dem
+Ohnmächtigen große Stärke,« du, der versprochen hat, bis zum Alter mit
+uns zu sein, o, du hast gnädig diese Zusage für mich gehalten, und ich
+bringe dir meinen Dank, »daß du mich von meiner Jugend an geleitet und
+mich mit Barmherzigkeit und Gnade umgeben hast, bis ich alt geworden
+bin.--O, verlaß mich denn nun auch jetzt nicht, da ich fühle, daß meine
+Kräfte schwinden und meine Sinne stumpf werden.»Erinnere dich der Sünden
+und Übertretungen meiner Jugend nicht, aber gedenke meiner nach deinem
+Erbarmen um deiner Liebe willen.«[71] Verleihe mir Kraft, die Bürden des
+Alters mit Geduld zu tragen, und laß mich durch fromme Ergebung für
+alle, die um mich her wohnen, eine lebendige Ermahnung sein. Und je
+schwächer meines Leibes Augen werden, um so mehr laß mich den Blick nach
+Innen wenden, daß ich mein Inneres läutere und in den Gedanken an dich
+Ruhe gewinne. Ja, laß es mir in den paar Tagen, die mir noch zugemessen
+sind, glücken, dem jüngeren Geschlecht ein gutes Beispiel zu geben, daß
+die Worte, welche ich rede, zur Verherrlichung deines Namens dienen
+mögen, und die Handlungen, welche ich vollbringe, ein Zeugnis seien der
+Reinheit und Treue meines Glaubens und der Liebe in meinem Herzen. Und
+stärke so mich in des Lebens letztem Streit, daß ich dann deutlich den
+Ruf deiner Liebe vernehme:»Fürchte nichts, denn ich erlöse dich; ich
+rufe dich bei deinem Namen, denn du bist mein,« und daß ich noch mit
+meinem letzten Atemzug deinen Namen bekennen und preisen möge.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 71: Ps. 25, 7.]
+
+
+
+
+XVII. Bei der Fortreise von der Heimat.
+
+
+Allgütiger Gott, der du unsere Schritte lenkst und einem jeden Menschen
+seinen Weg bahnst, laß mich in deinem Namen diese Reise antreten und
+beendigen. Sei du in deiner Gnade mein Begleiter, daß ich sicher wandern
+und Ziel und Zweck erreichen möge. Beschütze mich auf meinem Wege, daß
+mich kein Unheil treffe, entferne jede Gefahr von mir, jedes Hindernis,
+daß ich meine Reise gesund und rasch zurücklege, daß ich ungestört
+ausziehen und in Frieden wieder heimkehren könne. Aber während ich in
+der Ferne bin, nimm du meine Lieben (meinen Vater, Mutter, meinen Mann,
+meine Kinder usw.) in deinen Schutz, daß ich sie in Freuden wieder
+umarmen kann, wenn ich zurückgekehrt bin. Deine Rechte leite mich, wo
+ich auch gehe, und dein Gotteswort sei mir ein leuchtender Stern auf
+meinem Pfade. Es preise dich mein Mund und stimme froh an als
+Wanderlied:»Gottes Name ist eine feste Burg, in ihm pilgert der Fromme
+und ist geschützt.«[72]
+
+Amen!
+
+[Fußnote 72: Spr. Sal. 18, 10.]
+
+
+
+
+XVIII. Für einen Abwesenden, der auf der Reise ist.
+
+
+Lieber Gott! Mit Vertrauen wende ich mich an dich, um dich um deinen
+Schutz für den zu bitten, mit dem meine Seele so fest verbunden ist, für
+meinen teuren Gatten (meinen Vater usw.), der so fern von seiner Heimat
+ist. Wie meine Gedanken bei ihm verweilen, so wache du über ihn auf
+allen seinen Wegen; wenn er reist und wenn er sich ausruht, so sei du
+sein Beschützer und sein Schirmer, schütze ihn vor des Tages Hitze und
+den Gefahren der Nacht, halte jedes Übel fern von ihm und laß all sein
+Vorhaben gelingen. Führe du, von dem allein alle Hilfe und aller Segen
+kommt, ihn glücklich zurück, und wir wollen dich einmütig preisen und
+dir danken, du Gott der Barmherzigkeit, mein Schild, auf den ich mich
+verlasse.
+
+Amen!
+
+
+
+
+XIX. Wenn ein Kind auf Reisen ist, füge man hinzu:
+
+
+Ewiger, du, vor dessen Angesicht meine Väter gewandelt sind, du, der du
+bis auf diesen Tag mein Hüter gewesen bist, segne du mein Kind auf
+seinem Wege und laß deinen Engel ihn (sie) leiten, daß er (sie)
+Wohlgefallen vor deinen und der Menschen Augen finden möge. Führe ihn
+(sie) sicher und ruhig, wo er (sie) vielleicht einen gefährlichen Weg
+wandelt, laß ihn (sie) an Kenntnis, Einsicht und nützlicher Erfahrung
+wachsen, daß sein (ihr) Werk gesegnet werde. Lenke seinen (ihren) Fuß
+auf den Pfad der Frommen, wo Leben und Wahrheit ist, daß er (sie) nicht
+auf den Weg des Unrechts gerate, und daß er (sie) den Versuchungen und
+Verführungen entgehe, die seine (ihre) Tugend und seinen (ihren)
+Glauben bedrohen. Laß seinen (ihren) Gedanken oft die Erinnerungen und
+Ermahnungen vorschweben, die ich ihm (ihr) gegeben habe, lenke oft seine
+(ihre) Schritte in dein Haus, daß er (sie) in der Versammlung der
+Gemeinde dich anbete und das Bekenntnis seines (ihres) Glaubens
+erneuere, daß meine Seele dereinst, sei es hier auf Erden oder dort in
+der Ewigkeit, Freude an ihm (ihr) habe.»Auf dich, o Gott, setze ich alle
+meine Hoffnung, du wirst mich erhören.« Amen!
+
+
+
+
+XX. Gebete in jeder Art der Not und Seelenangst.
+
+(Heimlicher Kummer, Verfolgung, Verleumdung, Untreue der Freunde und
+Anfechtungen.)
+
+
+1. O, Gott der Liebe, der du so oft meine Gebete erhört hast, verstoße
+mich nicht von deinem Angesichte, wenn ich in heimlicher Bekümmernis und
+Betrübnis mich zu dir wende. Du allein kennst meine Sorge; du kennst die
+Angst, die mich erdrücken will, und du weißt, was es ist, das mich
+quält. Du weißt, unter welcher Bürde mein Herz seufzt, und du bist Zeuge
+meiner Tränen, die ich heimlich weine; denn du bist es ja, der selber
+mir diese Prüfung geschickt hat. O du, mein Gott, »auf den ich von Jugend
+an meine Sorge geworfen habe,« sei du dann auch mein Trost und hilf mir.
+Sei mir nicht ferne, sondern komm und stehe mir bei, o Herr, mein
+Helfer, daß ich dir danken möge, wenn die Betrübnis von meiner leidenden
+Seele wieder gewichen ist.
+
+Amen!
+
+2.»Wie lange, Herr, willst du mich so ganz vergessen? Wie lange willst
+du dein Angesicht vor mir verbergen? Wie lange soll ich in meiner Seele
+sorgen und tägliche Trauer in meinem Herzen fühlen?«[73] Vergebens
+wende ich mich zur Rechten und vergebens zur Linken; ach Herr, mein
+Gott, die Menschen sind nur schlechte Tröster, die fassen meinen Schmerz
+nicht und wollen meine Klagen nicht hören, ja, selbst die, auf deren
+Freundschaft ich rechnete, sind mir untreu geworden, und ihre Gunst und
+Hingebung war nur auf flüchtigem Sand gebaut. O du, der du ewig derselbe
+bist, »mein Herz bringt vor dich dein eigen Wort.«»Suche mein
+Angesicht!« Nun suche ich dein Angesicht, Herr, und du hast ja gelobt,
+daß du den nicht verlassen willst, der dir vertraut, und daß du deine
+Hand nicht von ihm ziehen willst; o, so laß mich deine väterliche Liebe
+zu mir auch in der Züchtigung erkennen, und »ich will schweigen und
+meinen Mund nicht auftun, denn du bist es ja, der es getan hat.«[74]
+Ja »ich will stille sein und auf dich hoffen und dadurch wahre Stärke
+gewinnen.«[75] O, so zeige mir deine Gnade wieder; sprich zu mir:»Ich
+bin bei dir in der Not; fürchte dich nicht, zage nicht, denn ich bin
+dein Gott, ich stärke und erhalte dich.« Amen!
+
+[Fußnote 73: Ps. 13, 1-2.]
+
+[Fußnote 74: Ps. 27, 8.]
+
+[Fußnote 75: Ps. 39, 9.]
+
+3. Ewiger,[76] du bist mein Licht und meine Seligkeit, vor wem sollte
+ich mich da fürchten? Du bist meines Lebens Kraft, o Herr, vor wem
+sollte mir wohl grauen? Laß nur meine Feinde sich wider mich erheben und
+wider meine Seele stürmen; denn sie werden stürzen. Wenn auch rings um
+mich her Heere lagern, so soll mein Herz doch nicht verzagen; denn du
+birgst mich in deiner Hütte in der schlimmen Zeit, und du öffnest deine
+feste Burg mir als Zufluchtsstätte, daß ich ruhig und sicher leben kann
+trotz aller Gefahr. Böse Zungen erheben sich wider mich und suchen mit
+ihren giftigen Pfeilen mich zu treffen; aber du, o Gott, bist mein
+Schild, so daß ich frei mein Haupt erheben kann, und du willst mich zu
+Ehren bringen. O, so laß mich denn deine Gnade im Land der Lebenden
+erfahren; laß mich ruhig meinen Weg wandeln und erfülle meine Seele mit
+Geduld, daß ich auf dich vertraue, daß ich nicht verzage, und daß auch
+dieses Ungemach meinem Geist zum Frommen und zur Rettung diene.»Laß
+jedes unfreundliche Urteil, das über mich gefällt wird, jede Verkennung,
+die mich trifft, eine ernstliche Erinnerung daran sein, daß ich einst
+zur Rechenschaft gefordert werden soll, so daß ich Selbstprüfung über
+meinen Sinn und meinen Wandel anstelle; laß mich einen Beweis darin
+sehen, »daß ich Wohlgefallen vor deinen Augen gefunden habe,« und stärke
+mich so in der sicheren Hoffnung, »daß du mich hier auf Erden erhältst
+und mich einst zu ewiger Seligkeit bei dir erheben wirst.«[77]
+
+Amen!
+
+[Fußnote 76: Nach Ps. 27.]
+
+[Fußnote 77: Ps. 41, 12-13.]
+
+4. Trübe Gedanken umdunkeln meine Seele, und Angst und Verwirrung
+überkommen mich. Ach Herr, was hab' ich doch getan, daß ich keinen
+Frieden finden kann? Es ist, als wenn am Tage böse Geister mich bei
+allen meinen Handlungen verfolgten und als ob sie bei Nacht mein stilles
+Lager umschwebten und sich eindrängten, wenn ich meine Seele zu dir
+erheben will. Vergebens kämpfe ich, alle die bösen und schrecklichen
+Vorstellungen zu verjagen, aber es gibt nichts, das mich erretten
+kann.»O, so erhöre du mein Flehen, und laß mein banges Seufzen nicht
+unerhört von dir zurückkehren,« du, Allmächtiger, denn du allein nur
+kannst alle meine Plagen enden. O, sei mir nicht ferne, sondern gib mir
+durch deinen Geist Kraft, diesen finstern und bösen Gedanken zu
+widerstehen. Auf dich setze ich meine ganze Hoffnung, ach, laß sie nicht
+zu schanden werden, sondern laß das Licht deines Angesichtes mir
+leuchten, wenn die bösen Stunden kommen, daß ich mich von deiner
+Vaterliebe umgeben fühle und errettet werde.
+
+Amen!
+
+
+
+
+XXI. Gebete in Krankheit.
+
+
+
+Eine Kranke.
+
+
+1. Ewiger, der du lauter Erbarmen und Wahrheit bist, gar vielfach sind
+die Wege, auf denen du den Menschen zu dir ziehst, wenn wir nur wüßten,
+uns ihrer mit Nutzen zu bedienen. Lange hast du in deiner Güte mir
+gesunde Tage geschenkt; ach, vielleicht habe ich dir nicht genugsam
+dafür gedankt; vielleicht habe ich die Kräfte meines Körpers nicht
+gebraucht, wie ich sollte, und habe nicht geachtet der Seufzer und
+Klagen der Leidenden, daß ich ihnen zur Hilfe eilte und ihre Not
+linderte; vielleicht achtete ich die eitlen Güter zu hoch;--siehe, da
+führst du mich jetzt andere Wege. Krankheit hat meinen Leib ergriffen
+und in Schmerzen liege ich danieder auf meinem Lager und wälze mich hin
+und her in der schlaflosen Nacht und finde am Tage keine Ruhe. Du, der
+du nur das Gute willst, hast mich vielleicht von Krankheit heimsuchen
+lassen, damit ich, der in den Zerstreuungen der Welt sich verlor, mein
+eigenes Herz läutere und prüfe und auf des Schmerzes hartem Lager lernen
+sollte, dich zu suchen. Siehe des Fiebers Glut, die mich verzehrt, soll
+mich vielleicht an meine Lauheit und Kälte in deinem Dienste erinnern,
+in dem Beruf, den ich erfüllen sollte, in der Anbetung deines Namens,
+und der brennende Durst meiner Zunge an die Versäumnis, die ich mir zu
+schulden kommen ließ, daß ich nicht täglich den Labetrunk aus der
+reichen Quelle deines Wortes schöpfte. Der eiskalte Schauer, der mich
+schüttelt, soll vielleicht die glühende Leidenschaft strafen, mit der
+ich die Befriedigung meiner Fleischeslust suchte, und diese Schwäche und
+Ohnmacht soll meine Härte gegen die Schwachen und Bedrängten strafen,
+denen ich keine hilfreiche Hand reichte; mein Bedürfnis nach der Pflege
+und den Beistand anderer soll meine Seele mit Scham über all mein
+törichtes Selbstvertrauen und meinen eitlen Stolz erfüllen, mit denen
+ich geringschätzend auf andere herabsah. O Herr, ich unterwerfe mich mit
+Ergebung deinem Willen und bitte nur: Gehe nicht hart mit mir ins
+Gericht, sondern laß mich deine Gnade erfahren. Habe ich mich
+versündigt, und ich verdiene deine Züchtigung, o, so erbarme dich über
+mich, wie ein Vater, der sein Kind züchtigt; flöße mir den Trost
+ein, »daß der Herr mich wohl züchtigt, aber mich nicht dem Tode
+überliefert.«[78] Mache du selbst, o mein Vater, mein Krankenlager zu
+einer Schule der Weisheit für mich und laß durch die Leiden meines
+Leibes meine Seele genesen. Herr, ich werfe mich in deine Arme, stärke
+mich, lehre mich mein Inneres läutern und mich mit meinem ganzen Herzen
+zu dir zu wenden; schenke sowohl mir Geduld in den Stunden der
+Schmerzen, als auch denen, die mich freundlich pflegen;»vergib mir alle
+meine Sünden, und laß mich deine Gnade wieder schauen, die so groß ist
+über den Staubgeborenen,« und ein Wandel, der dir gefällt, soll Zeugnis
+davon sein, daß die Krankheit mich auf den rechten Weg zurückgeführt
+hat, wie er in den Tagen der Gesundheit von denen betreten werden soll,
+die »dich suchen und lieben.« Amen!
+
+[Fußnote 78: Ps. 118, 18.]
+
+
+
+
+Besonders in bedenklicher Krankheit.
+
+
+2. Alliebender, ewiger Vater, du, »der alle Sünden vergibt und alle
+Krankheiten heilt,«[79] auf mein Krankenlager niedergestreckt, sende ich
+meine Gebete hinauf zu dir, o, sende mir Linderung und stehe mir bei in
+der Stunde der Gefahr! Du, »der kein Wohlgefallen an dem Tod des Sünders
+findet, sondern darin, daß er auf seinem Wege umkehre und lebe«, o, laß
+es dein Wille sein, mir die Gaben der Gesundheit wieder zu geben, daß
+ich noch in dem Lande der Lebenden wirken möge. Ach, ich bitte dich
+nicht wegen meiner, nein, vielmehr um derer willen, die so innig an mir
+hängen, und deren Herzen bluten würden, wenn du mich abriefest. (Ich
+bitte dich um meines geliebten Gatten willen, um meiner unmündigen
+Kinder willen, ich bitte dich um meiner alten Eltern willen, um der
+heiligen Pflichten willen, die ich zu vollführen habe, errette mich!)
+Ich weiß, daß die Menschen nichts vermögen, und daß alle irdische Kunst
+und Wissenschaft nichts nützt, wenn du nicht, o himmlischer Arzt, die
+Genesung von oben sendest. Ach, so laß es dir denn gefallen, mich zu
+retten; o, sei mir gnädig und heile meine Seele; denn ich habe wider
+dich gesündigt![80] Sollen meine Leiden noch lange währen, so sei du mir
+nahe mit deinem Geiste, laß ihn am Tage über mich schweben und mir
+Stärkung und Kühlung zufächeln und laß ihn in der Nacht um mich sein,
+daß fromme Gedanken mir die Stunden der Dunkelheit verkürzen, und die
+Schmerzen durch die Gewißheit, daß sie die Mittel meiner Seelenrettung
+seien, gelindert werden. Aber sollte es der Wille deiner
+unerforschlichen Weisheit sein, mich abzurufen, o, so erfülle meine
+Seele mit Gedanken der Ewigkeit und stärke mich in meinem letzten Kampf
+durch die Gewißheit des Trostes, daß du mein Leben an dem Grabe erlösen
+und mich mit Gnade und Barmherzigkeit[81] krönen willst, daß du, der du
+alles versorgst, was da lebt, in deiner Fürsorge dich der Meinen
+annehmen und sie in den Schutz deiner Fittige nehmen mögest. Herr tue
+mit mir nach deinem Willen!»Heile mich und ich bin geheilt, hilf mir und
+mir ist geholfen, denn du bist mein Hort.«[82] Du wirst mich erlösen,
+Herr, du treuer Gott.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 79: Ps. 103, 3.]
+
+[Fußnote 80: Ps. 41, 5.]
+
+[Fußnote 81: Ps. 103, 4.]
+
+[Fußnote 82: Jer. 17, 14.]
+
+
+
+
+Bei derselben Veranlassung in Bibelversen.
+
+
+3. Aus der Tiefe ruf ich zu dir, o Herr, neige dein Ohr meinem Rufe, du
+Ewiger, höre meine Klage und mein Flehen. Schwer ruht deine Hand auf
+mir, und meine Schmerzen suchen mich heim alle Zeit; von Angst und
+Seufzer wird mein Fleisch verzehrt. Am Tage verschmachte ich, und viele
+leidenvolle Nächte fallen in mein Los; o Allerbarmer, sieh meinen Jammer
+und mein Elend. Wie Mutterlose, niedergeschlagen und verlassen, stehen
+meine Kinder um mein Lager, und ich sehe Tränen die Wangen meines Gatten
+netzen, wie sehr er es auch vor mir verbirgt. Ach Herr, warum so lange?
+Am Tage rufe ich zu dir, aber ich bekomme keine Antwort und in der Nacht
+höre ich nicht auf zu flehen. Wie ein Sklave, der nach Schatten seufzt
+und wie ein Taglöhner, der sich nach der Ruhe des Abends sehnt, habe ich
+Monate (Wochen) in Kampf und Schmerzen zugebracht. O Herr, lindre meine
+Not und mein Leiden! Sollte keine Heilkraft in Gilead sein, du ewiger
+Arzt, daß ich errettet würde? Ja, gewiß, wer auf dich hofft, ist nicht
+verlassen! Du wirst in deiner Güte mich stützen und alle meine Krankheit
+heben. Du hast mich ja so oft große Bedrängnis, Angst und Not schauen
+lassen und mich doch aufs neue belebt und mich aus dem Abgrund der Erde
+emporgezogen. Ja, ich sagte in meiner Qual: Ich bin vor deinen Augen
+verstoßen; aber du hörtest meine verborgene Stimme, da ich zu dir rief,
+und du tröstetest mich wieder. Und wenn auch noch mehr Weinen uns
+bevorsteht, so werden ich und die Meinen am Ende doch deine Hilfe
+erfahren, und »die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.« Ja, du
+wirst mich von aller Sorge befreien, unter den Frommen hienieden oder
+bei den Verklärten dort; ja, ich soll deine Taten verkünden!
+
+Amen!
+
+
+
+
+Vor einer gefährlichen Operation.
+
+
+4. Mein Gott, meine Stärke und meine Hoffnung!»Du, in dessen Hand die
+Seelen aller Lebenden und der Geist ist, der das Fleisch eines jeden
+Menschen belebt, « du hast mir heute eine Stunde gesandt, voller
+Schmerzen und Gefahr, in der versucht werden soll, mir meine Gesundheit
+zurück zu gewinnen, (in der ich ein Glied meines Körpers verlieren soll,
+um wo möglich mir dadurch das Leben zu erhalten), o, sei mir denn mit
+deiner Liebe in diesen Augenblicken nahe. Stärke meinen Mut und lehre
+mich den schwersten Schmerz in dem Gedanken ertragen, daß du es bist,
+der »sowohl Wunden schlägt als auch sie verbindet,« daß deine Weisheit es
+also beschlossen hat und es deshalb zu meinem Heile dienen soll. Ach,
+daß du mich deines Beistandes und Trostes in diesem Kampfe würdig
+hieltest! Vergib mir, o, vergib mir alle meine Sünden, (hier lese man
+das Sündenbekenntsis, Oschamnu), laß meine Seele zu dieser Stunde sich
+mit aller Welt versöhnen und laß mich alle Bitterkeit aus meinem Herzen
+tilgen! Laß mich erfahren, daß»nur eine kleine Stunde über deinen Zorn
+verrinnt, aber das Leben deine Lust ist. Du verläßt den Menschen nur
+eine kurze Weile, aber du nimmst dich seiner mit großem Erbarmen wieder
+an.« Rufe mir ins Gedächtnis, wie viele sich den schwersten Martern
+unterworfen, um deinen Namen zu heiligen, und durch ihren festen Glauben
+sich die Herrschaft über den Schmerz errungen haben, wie viele Mut und
+Standhaftigkeit in den herbsten Leiden zeigten und unter deinem Segen
+für ihre fromme Standhaftigkeit durch eine freundliche Zukunft belohnt
+worden sind. Laß die Liebe und das Vertrauen zu dir, Allgütiger und
+Allbarmherziger, mich keinen Augenblick verlassen; laß deine Rechte mich
+halten. Nun wohlan denn! in deinem Namen!»In deine Hände befehle ich
+meinen Geist« mit meinem irdischen Leibe. Gott ist mit mir, ich fürchte
+mich nicht! Schéma Jisroel Adônai Elôhenu Adônai Echod!--Höre Israel,
+der Herr unser Gott ist ein einziger Gott! Gelobt sei er in alle
+Ewigkeit!
+
+Amen!
+
+
+
+
+Fürbitte für einen Kranken.
+
+
+5. Herr! du selber hast gesagt:»Rufe mich an in der Not, so will ich
+dich erretten, und du sollst mich preisen.« O, laß denn das Gebet meines
+bekümmerten Herzens zu dir aufsteigen. Bei dir sollte ich wohl Stärke
+finden unter der schweren Krankheit, die meinen lieben... (hier wird
+der Name des Kranken genannt) an das Lager fesselt. Wohl weiß ich, daß
+deine Wege nicht unsere Wege und daß die Ratschlüsse deiner Weisheit
+unerforschlich sind und verborgen unserer Kurzsichtigkeit, und daß auch
+diese Schmerzen, unter denen der Teure leidet, von dir gesandt sind;
+aber ich weiß auch, daß du gnädig auf die herniederblickst, die in ihrer
+Angst zu dir rufen, und daß die Tränen, die meinen Augen entströmen, dir
+nicht mißfallen.--Du, der du selbst uns hast verkünden lassen, daß du
+unser Arzt sein willst, wenn wir auf deinen Wegen wandeln, o, vergib dem
+Kranken alle seine Übertretungen, tilge das Andenken seiner Sünden und
+laß es dein Willen sein, daß mein....... wieder rasch geheilt werden und
+noch lange leben möge zur Verherrlichung deines Namens. Lindre sein
+(ihr) Leiden und laß ihn (sie) Erquickung und Ruhe finden. Erhöre die
+Gebete, die er (sie) zu dir sendet und schenke mir ihn (sie) wieder, daß
+ich dir danken möge, mein Helfer und Gott.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Der Kinder Gebet für einen kranken Vater oder eine kranke Mutter.[83]
+
+
+6.»Erhöre, o Gott, mein heißes Gebet, und schweige nicht zu meinen
+Tränen,«[84] siehe den Kummer meiner Seele und mein angsterfülltes Herz!
+Denn ach, die Güter meines Lebens sind in steter Gefahr, mein Vater
+(meine Mutter) liegt auf dem Krankenbette!--O Herr, welche Wehmut erfaßt
+mich, da ich ihn (sie) leiden sehe, wie graut mir vor dem Gedanken ihn
+(sie) zu verlieren.»Strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich
+nicht in deinem Groll,«[85] sondern vergib mir alle meine Sünden und
+sende mir Hilfe von deinem Himmel. O Herr nimm meinen Vater (meine
+Mutter) nicht von mir. Vergib mir alles, worin ich mich gegen ihn (sie)
+vergangen habe, und laß ihn (sie) noch den Tag erleben, wo ich ihm (ihr)
+meine ganze kindliche Liebe und Hingebung beweisen kann. O Herr, errette
+ihn (sie) um deines heiligen Namens willen, »du, mein Gott, der ein Gott
+der Errettung ist, der Herr, der Ewige, der vom Tode errettet,«[86] und
+erfülle so für mich (und meine Geschwister) deine Zusage, daß dein Name
+nicht von uns weichen und der Bund deines Friedens dem Geschlechte der
+Frommen erhalten werden soll.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 83: Dieses Gebet kann auch von einer Gattin für den Gatten bei
+dessen Krankheit gebetet werden, wenn die Worte darnach verändert
+werden.]
+
+[Fußnote 84: Ps. 39, 13.]
+
+[Fußnote 85: Ps. 6, 3.]
+
+[Fußnote 86: Ps. 68, 21.]
+
+
+
+
+Dankgebet nach einer überstandenen Krankheit.
+
+
+7.»Wie soll ich dir danken, o Herr, für alle deine Wohltaten,«[87] daß
+du nicht nach meinen Sünden mit mir verfahren und mir nicht nach meinen
+Missetaten vergolten, sondern dich über mich erbarmt hast, wie ein Vater
+sich über seine Kinder erbarmt? Wie soll ich dir danken, daß du meine
+Stütze in all meiner Schwäche warst!»Siehe, ich kam der Pforte des Todes
+nahe; da rief ich zu dir, und du sandtest mir dein Wort und heiltest
+mich.«[88] O, laß den geringen Dank meines Herzens für jede Linderung,
+für jede Tröstung und Erquickung als ein Rauchopfer zu dir
+emporsteigen.»Ja, Du gabst mich dem Leben zurück, und alle Tage meines
+Lebens will ich dir dafür danken, indem ich demütig deine Wege wandle
+und stetig mir vergegenwärtigen will, daß du es gewesen, der mich aus
+dieser Gefahr und Seelenangst errettet hast.« Verleihe mir deinen
+Beistand zur Erfüllung meiner Gelübde, daß ich mein Leben deinem Dienste
+weihe (und der Erziehung meiner Kinder in deiner Furcht) und deinen
+Namen und deine Güte vor meinem Geschlechte preise. Laß mich stets mit
+einem dankbaren Sinn mich aller Hilfe, Teilnahme und Tröstungen
+erinnern, welche treue Verwandte und Freunde mir auf meinem Krankenlager
+zuteil werden ließen, und alle Freundlichkeit und Sorgfalt und Geduld,
+die selbst bezahlte Diener mir bewiesen. Jetzt habe ich vollkommen das
+Weh der Krankheit kennen gelernt; jetzt verstehe ich den Schmerz der
+Armen, welche auf dem Siechbette seufzen; ach wollest du, o Gott, mir
+deinen Geist und deine Kraft mir dazu verleihen, sie zu pflegen, ihren
+sinkenden Mut aufrecht zu halten und ihre Hoffnung durch dein Wort zu
+beleben! O, Allbarmherziger, laß meine Krankheit meinen Geist geläutert
+und mich von den Sünden gereinigt haben, daß ich auch ferner deines
+väterlichen Schutzes würdig sein möge! Behüte du meine Wege, und niemals
+wird meine Seele aufhören, dir Lob und Dank und Preis zu bringen.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 87: Ps. 103, 31.]
+
+[Fußnote 88: Ps. 107, 17-22.]
+
+
+
+
+Gebet für Kranke. (Nach dem Hebräischen)
+
+In einem Krankheitsfalle bete man folgende Schriftstellen:
+
+Ein Leidender,
+wenn er verschmachtet und seine Klage ausschüttet vor dem Herrn.
+
+(Ps. 102, 1.)
+
+
+8. Herr! o höre mein Gebet und laß meine Klage vor dich kommen; verbirg
+dein Angesicht nicht vor mir, sondern neige dein Ohr mir zu in der
+Stunde der Not, und erhöre mich rasch an dem Tage, da ich zu dir rufe.
+Ja, zu dir, o Herr, bete ich; demütig flehe ich zu dir; o, sei du auch
+mein Schild, erhebe mein Haupt und erhöre mich von deinem heiligen
+Berge. O, höre mich, wenn ich bete, du mein gerechter Gott, der mich in
+der Not errettet, sei mir gnädig und erhöre mein Gebet. Lausche meiner
+wehmütigen Klage, o mein König und Gott, denn zu dir bete ich. In meiner
+Not rufe ich zum Herrn, bete zu meinem Gott, und er hört meine Stimme
+von seinem hohen Himmel; meine demütige Bitte erreicht sein Ohr. Ja,
+höre meine Stimme, o Herr, nun ich dich anrufe, sei mir gnädig, und
+erhöre mich. Ich rufe zu Gott und der Herr errettet mich. Höre, o Herr,
+meinen Ruf und lausche meinem Gebet. Sei mir gnädig, o Herr, den ganzen
+Tag rufe ich zu dir; erfülle die Seele deines Dieners mit Freude, denn
+zu dir, o Herr, erhebt sich mein Geist, und du, o Herr, bist gut und
+gnädig und erbarmst dich über den, der dich anruft. Mit lauter Stimme
+bete ich zum Herrn, und ich schütte vor ihm meine Klage aus und erzähle
+ihm meine Drangsale. Herr, du kennst mein Sehnen und mein Seufzer ist
+dir nicht verborgen, o erinnere dich nicht meiner Jugendsünden, sondern
+sei gnadenreich gegen mich um deiner Güte willen, o Herr! Reinige mich
+von meinen Sünden, läutere mich von meiner Schuld. Ja, gedenke nicht der
+Sünden meiner Vorzeit, sondern laß dein Erbarmen mir rasch zuteil
+werden, denn ich bin sehr elend. Um deines Namens willen, o Herr, vergib
+mir meine Sünden, denn sie sind sehr schwer, und wolltest du nach der
+Sünde bestrafen, o Herr, wer könnte da vor dir bestehen? Behandle uns
+nicht nach unserer Schuld und strafe uns nicht nach unserer Sünde. Und
+zeugen unsere Sünden wider uns, o Herr, so achte nicht darauf, um deines
+Namens willen, denn ich kenne meine Sünden und bin bekümmert ob der
+Schuld meiner Vergehen. Errette mich von den Folgen aller meiner
+Übertretungen, daß ich nicht zum Spott der Toren werde. Ich bitte, o
+Herr, sei mir gnädig, heile meine Seele, denn ich habe wider dich
+gesündigt; sei mir gnädig in deiner Barmherzigkeit und tilge meine
+Schuld in deinem unendlichen Erbarmen, denn ich bekenne meine Schuld und
+habe stets meine Sünden vor Augen. Ja, so wende dein Angesicht von
+meiner Schuld ab und tilge meine Sünde. Ich muß erliegen unter meiner
+Sündenschuld, aber vergib du sie mir, denn du Allbarmherziger vergibst
+die Schuld und vernichtest nicht; so manches Mal hast du deinen Zorn
+besänftigt, o, so laß deinen Groll denn auch über mich nicht entflammen!
+Hilf mir, errettender Gott, um der Ehre deines Namens willen. Hätte ich
+auch Unrechtes in meinem Herzen gedacht, in dem Wahn, daß du es nicht
+wissest, du, der Allwissende, o Gott, so höre doch nur auf meine betende
+Stimme: Strafe mich nicht in deinem Zorn, o Herr, denn ich welke dahin;
+heile mich Herr, denn meine Glieder werden matt und meine Seele ist gar
+müde! Ach Herr! Wie lange soll es währen? Wende dich wieder zu mir, o
+Herr! Rette meine Seele, hilf mir um deiner Gnade willen, meine Augen
+schauen mit Sehnsucht aus nach deiner Hilfe, nach der Vergebung deiner
+Gnade; o laß dein Erbarmen sich mir nahen, o Herr, sende mir die Hilfe,
+die du versprochen hast. Ich will wieder umkehren zu dem Herrn, denn er
+verwundet wohl, aber er heilt auch wieder, und wie er verletzt, so
+verbindet er auch. Ja, du, o Herr, bist barmherzig und gnädig, schenke
+deinem Diener Kraft und hilf dem Kinde deiner Dienerin. Schütze mich vor
+Not, umgib mich mit dem Jubel der Errettung. Vertraue dem Herrn auf
+ewig, denn der Herr ist der ewige Fels. Der Herr gibt seinem Volk den
+Sieg und segnet es mit Frieden. Gott der Heerscharen! Glücklich ist der
+Mensch, der sein Vertrauen auf dich setzt; Herr, errette mich, mein
+König! erhöre mich, wenn ich zu dir rufe. Herr der Welt! Ich weiß, daß
+dein Urteil gerecht ist: Du hast mich vor deinen Richterstuhl gerufen,
+aber ich bin nicht rein vor dir, und keiner kann mich vor dir
+rechtfertigen. Aber du willst meine schlafende Seele retten, daß sie
+sich wende zu dir; o siehe ich trete vor dich im Vertrauen auf deine
+heilige Zusage, daß ich durch Gebet mir Linderung und Errettung bereiten
+soll, um gerechtfertigt vor deinen Richterstuhl treten zu können. O,
+wende du in deiner großen Gnade das strenge Urteil von mir ab und
+befiehl dem Engel des Verderbens, daß seine Hand von mir ablasse! Vergib
+mir alle meine Schuld in deiner großen Barmherzigkeit, denn ich halte
+Umkehr und tue Buße und sehe vollkommen meine Schuld ein und bereue sie
+von ganzer Seele. Siehe, mein Herz wird von Scham erfüllt und mein
+Angesicht wird rot vor Beschämung, denn ich habe gar sehr gesündigt, und
+deshalb eile ich, zu dir zurückzukehren. Schaue denn, o Herr, meine Not
+an und rechne sie mir zur Versöhnung; o, wache über mich und alle Meinen
+und sprich: Es sei genug! Im Namen des Ewigen! Laß doch meine Leiden ihr
+Ende nehmen und wende mein Los zum Guten und sende mir und allen Kranken
+in Israel baldige Heilung. Zeige mir ein Zeichen der Errettung und
+erbarme dich über mich um deiner Gnade willen, denn deine Barmherzigkeit
+ist so hoch wie der Himmel, und deine Treue reicht weiter, denn die
+Wolken gehen. O Herr! Ewig will ich dir dann danken und deine Wunder
+verkünden. Ich beuge mich in Demut vor dir, und ehre deinen Namen.
+Gelobt seist du, o Herr, in aller Ewigkeit.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Betet man für einen andern, so füge man hinzu:
+
+
+Erbarme dich über meinen kranken (Gatten, Sohn usw.), denn du bist
+barmherzig und gnädig, und sende ihm (ihr) und allen Kranken in Israel
+vollkommene Genesung. Herr, zeige mir ein Zeichen der Errettung zum
+Guten, erbarme dich über mich um deines Namens willen, denn deine Güte
+und Treue reichen hinauf zum Himmel und so weit die Wolken gehen. Ewig
+will ich dir dann danken und alle deine Wunder verkünden. Gelobt seist
+du, o Herr, in aller Ewigkeit[89].
+
+Amen!
+
+
+
+
+XXII. Gebete während einer ansteckenden Krankheit.
+
+ Gebt dem Herrn, Eurem Gott, die Ehre, bevor er es finster werden
+ läßt, und bevor eure Füße anstoßen gegen die dunkle Höhe. (Jer. 13,
+ 16.)
+
+
+1. Allmächtiger Gott! Du erinnerst uns Menschenkinder daran, daß wir
+Staub und Asche sind; denn über unsere Stadt ist die schlimme Zeit
+hereingebrochen, von der es heißt: « Das Volk soll geängstigt werden und
+umhergehen wie Blinde, weil es gegen mich gesündigt hat«(Zeph. 1, 17).
+Ach, schon hören wir das Seufzen der Angst und bemerken die Zeichen des
+Schreckens auf dem Antlitz vieler Leute, während unser Inneres bebt und
+fragt: wer kann oder wird uns doch retten? Wir tappen umher in der
+Finsternis, die sich über uns gelagert hat.--O du, dessen Barmherzigkeit
+ohne Ende ist, dessen Güte sich mit jedem Morgen erneuert, sieh unsere
+Bekümmernis, öffne unsere Augen und lehre uns begreifen, daß du es bist,
+der Allbarmherzige, der diese Zeit über uns geschickt hat, auf daß wir
+unsere Ohnmacht erkennen und uns überzeugen, daß du dich gegen dein
+sündiges Kind als ein lieber Vater zeigst, der es wieder in Gnaden
+annehmen will. Sende uns deinen Geist, daß diese Zeit der Heimsuchung zu
+unserer Heiligung diene; denn ach, wir müssen bekennen, daß wir dich
+lange nicht über alles in der Welt geliebt haben, wie wir es dir
+schulden. Nicht auf dich haben wir unser Vertrauen gesetzt, sondern auf
+vergängliche Dinge, auf schwache Menschen. Eitelkeit und Habsucht,
+Hochmut und Haß, Neid und Wollust beherrschen uns. O lieber Gott, laß
+uns deine Güte in dieser schlimmen Schickung erkennen, daß sie uns
+läutere und reinige, und laß sie auch mich also rühren, daß ich zu dir
+wieder mit getrostem Mute aufschauen kann, wie ein Kind zu seinem Vater,
+in der Gewißheit, »daß du mich nur strafst, aber nicht auch dem Tode
+hingibst.« O du, der du gut bist und gerne vergibst, der du Erbarmen
+gegen den zeigst, der dich anruft, o vergib mir meine Sünden und laß
+mich deine Vaterstimme hören, die mir zuruft:»Du bist nicht verlassen,
+ich bin bei dir in der Not, ich will mich über dich erbarmen und will
+dich aus derselben erlösen!« Erschaffe in mir ein reines Herz und einen
+neuen, beständigen Geist erneuere in meinem Innern. Du, der du mein
+Vater bist, mein ewiger Erlöser, gelobt sei dein Name.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 89: Ps. 57, 11. 108, 2.]
+
+
+
+
+Gebet um Mut.
+
+ Wenn ich mitten in Angst wandere, so erquickst du mich. (Ps. 138,
+ 1.)
+
+
+2.»Zu dir, o Gott, rufe ich, und bete, o, laß mein Seufzen nicht
+unerhört zurückkehren.« Dich suche ich auf in dieser Zeit der Not und
+nach dir strecke ich meine Hand aus in der Nacht, wenn nichts meine
+bange Seele erquicken will, denn rings um mich her verbreitet der Tod
+seine Schrecken, und der Mut verläßt mich. O, mein Vater, du bist bisher
+mit mir gewesen, verlaß mich auch jetzt nicht, sondern erneuere in mir
+deine gnadenreiche Verheißung:»Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir
+in der Not; verzage nicht, ich bin dein Helfer; ich stärke dich und
+behüte dich, ich unterstütze dich mit der Hand meiner
+Gerechtigkeit.« Flöße mir Mut ein, daß ich, umringt von den Schrecknissen
+des Todes, sicher ausrufen möge:»Der Herr ist mit mir, deshalb fürchte
+ich nichts!« O, nicht nur um meinetwillen sondern auch für die, welche
+verzagt und in des Todes Ängsten wandeln, bitte ich dich: gib mir Mut,
+daß ich sie in ihrer Furcht beruhigen, daß ich zur Hilfe eilen könne, wo
+jemand niedersinken will, und daß ich ihre angsterfüllten Herzen stärken
+könne.--Ich bitte um Mut und Kraft für die, deren Beruf es ist, die
+Kranken zu besuchen, daß sie auf dich vertrauen und es erfahren, wie »du
+ihren Mut und ihre Kraft vermehrst, daß sie gehen und nicht ermatten,
+daß sie laufen und nicht müde werden!« Wir sind ja in deiner Hand, wie
+sehr wir auch bedroht sind, und nichts kann uns widerfahren, ohne daß es
+von dir geschickt ist, und niemand stirbt, bevor seine Zeit verflossen,
+die du ihm zugemessen hast! Soll ich da Furcht hegen in den bösen Tagen,
+in denen meine Treue ja recht geprüft werden soll, wenn ich glaube, daß
+es ein weiser und liebevoller Lenker ist, dessen Augen offen sind über
+den Wegen aller Menschenkinder, und der über Leben und Gesundheit eines
+jeden wacht; wenn ich glaube, daß « wir einen Gott haben, der da hilft, und
+den Herrn, der vom Tode errettet!« O, Herr, vergib mir meine sündige
+Schwäche, laß mich schöpfen aus der Quelle des Lebens, aus der
+Gottesfurcht und den Schlingen des Todes entgehen. So sei denn ruhig,
+meine Seele; weshalb bist du so niedergebeugt und stürmst in mir? Warte
+auf den Herrn, denn ich soll ihm noch danken, daß er mein Helfer war! O
+Herr, stärke mich, durch Unerschrockenheit deinen Namen zu verherrlichen
+und ihn vor den kommenden Geschlechtern zu preisen. Zeige dich gütig
+gegen mich, daß ich leben möge und deine Gebote halte.
+
+Amen!
+
+
+
+
+
+Tröstung.
+
+ Gott, wir hören deine Stimme durch die Welt erschallen--und
+ beben:--o Ewiger, erhalte deine Geschöpfe, denke im Zorn daran,
+ dich zu erbarmen, bevor die Jahre verrinnen, daß der Himmel mit
+ deiner Herrlichkeit erfüllt und die Erde deines Ruhmes werde. (Hab.
+ 3.)
+
+
+3. Der Herr ist meine Stärke, mein Schild! Auf ihn hofft mein Herz, und
+mir ist geholfen; deshalb freut sich mein Geist, und auch meine Glieder
+wohnen in Sicherheit. Wenn auch ein Unwetter rast, und giftige Dünste
+sich ausbreiten, mein Herz fürchtet sich doch nicht, denn der Herr
+stillt das brausende Meer und das Getöse der verheerenden Wogen. Ja, du,
+Herr! hältst deine Hand über mich, daß kein Übel mich vernichte, wie
+groß und gewaltig es auch sei. In deiner Hand, o Ewiger, ruhen ja meine
+Lebenstage; welche Gefahr kann mir wohl drohen, wenn du mein Felsen
+bist, an dem ich mich festhalte? Du bist ja mein Hirt, dessen Stab mich
+leitet; du birgst mich in deiner Hütte zu der schlimmen Zeit und
+bewahrst mich und alle die Meinigen vor Krankheit und Plage; denn wenn
+du auch im Himmel thronst, so schaust du doch mit holdem Vaterblick auf
+deine Menschenkinder herab. Du scheinst sie wohl für eine kleine Stunde
+zu verlassen, aber wendest dich ihnen bald in deiner großen
+Barmherzigkeit wieder zu. Deshalb will ich auf dich bauen, daß du mich
+wie mit einer Mauer von Feuerflammen umgibst und mich errettest, daß ich
+alle deine Wundertaten verkünden kann.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Ergebenheit in Gottes Willen.
+
+ Und sie riefen zum Herrn in ihrer Not, und er half ihnen aus ihrer
+ Angst. (Ps. 107, 13.)
+
+
+4. Umgeben von den Schrecknissen des Todes, umringt von den Ängsten der
+Drangsale und der Betrübnis, sucht mein bekümmertes Herz dich, du Herr
+des Lebens und des Todes, der die Stunde bestimmt hat, in der wir von
+hier scheiden sollen, und ich bete zu dir, daß du meine Seele mit
+Ergebung in deinen Willen erfüllen mögest, so daß ich vertrauensvoll
+mich dir hingebe und spreche:»Siehe, hier bin ich, Allgütiger, tue mit
+mir, wie dir am besten scheint!«(1. Sam. 15, 26.) Ach rings um mich her
+rast ja die verheerende Krankheit, und der kalte Flügelschlag des Todes
+trifft so viele, die noch so frisch und froh ins Leben dreinschauen; er
+schont weder das Alter, noch die kraftvolle Jugend. Was kann da mein
+Herz stärken, wenn es verzagen und verzweifeln will, als nur allein der
+Gedanke, daß meine Zukunft, mein Schicksal in deiner lieben Hand ruht?
+Du hast mir das Leben verliehen, und in deiner Macht steht es, dasselbe
+wieder zurückzunehmen, aber gewiß wirst du es nicht tun, ohne daß auch
+darin deine Liebe, deine Gnade sich mir offenbart.»Herr, in deine Hand
+befehle ich meinen Geist; du wirst mich erlösen, wenn du es für gut
+findest, du wahrhaftiger, getreuer Gott!«--Mit Sorgfalt will ich mich
+vor allem hüten, wodurch ich leichtsinnig mein Leben in Gefahr bringen
+könnte, und will suchen, dasselbe durch Mäßigkeit, durch Ordnung in
+meinem Lebenswandel, durch einen wohlzufriedenen und ruhigen Sinn und
+durch die Kunst und Klugheit des Arztes zu beschützen. Aber ich will
+auch bereit sein, von hier zu scheiden und mich deshalb im Geiste mit
+allen versöhnen, die irgendwie mich gekränkt oder beleidigt haben, und
+ich will alle äußeren und inneren Angelegenheiten meines Lebens ordnen
+und eine innige Gemeinschaft mit dir suchen, daß ich nicht unvorbereitet
+vor dein Angesicht treten möge, wenn du mich zur Ewigkeit rufen
+solltest.--Allgütiger! deinem Schutze und deiner Leitung befehle ich
+mich und diejenigen, welche mir lieb und teuer sind. Dir überantworte
+ich mein und ihr zeitweiliges und ewiges Wohl, und mein Herz ist ruhig
+und gefaßt. Weshalb sollte mir vor dem Tode und seiner vernichtenden
+Hand grauen? Mein Leben und meine Seligkeit ist ja in deiner Hand und
+wird von deiner Liebe behütet, die stärker ist als der Tod. Deshalb
+verzage nicht, meine Seele, sondern befiehl dem Herrn deine Wege und
+hoffe auf ihn, denn er wird's wohl machen.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Gebet um das Morgen-und Abendgebet im Gotteshause oder daheim zu
+beschließen.
+
+
+5. Herrscher der Welt! Ewiger, barmherziger Gott, der voll Güte und
+Erbarmen ist, und in dessen Hand die Seelen aller Lebendigen ruhen, o,
+gehe nicht ins Gericht mit uns, denn kein Menschenkind kann sich vor dir
+rechtfertigen. Wie sollen wir, o Allmächtiger, unsere Schuld abbitten,
+und womit uns vor dir verantworten? Wenn du uns unsere Sünde anrechnen
+willst, wer könnte da vor deinem Zorn bestehen, aber erhöre uns um
+deines heiligen Namens willen und blicke gnädig vom Himmel auf uns
+nieder und laß mein und aller Gebete, die in dieser Zeit zu dir
+aufsteigen, dir angenehm sein wie das reinste Rauchopfer, welches uns in
+früheren Tagen deine Versöhnung und Errettung gewann. Vergib und
+verzeihe diesem Volke seine Sünden in deinem großen Erbarmen, o du, der
+du allen denen nahe bist, die dich in Wahrheit anrufen! Neige dein Ohr
+unserer heißen Bitte und wende jede Krankheit und Seuche von uns ab;
+errette alle, die in dieser Stadt und diesem Lande wohnen von Pest und
+Plage! Laß deine Barmherzigkeit über uns alle, nah und fern, wachen, und
+sende deinen Engel vor uns her, daß wir unerschrocken im Vertrauen auf
+dich wandeln, und keine Plage sich unserer Wohnung nähere; heile uns, so
+sind wir geheilt, hilf uns, so ist uns geholfen, denn du allein bist
+unser Ruhm und unsere Zuflucht. Allerbarmer, treuer Arzt, alliebender
+Vater! verbirg dein Angesicht nicht vor uns, sondern lausche in unserer
+Not auf unsern Angstruf; schweige nicht zu unsern Tränen und züchtige
+uns nicht in deinem Zorne; suche uns nicht heim in deinem Grimme, verlaß
+uns nicht in unserem Kummer, verwirf uns nicht, wenn unsere Kräfte
+schwinden, sondern erinnere dich deiner unendlichen Güte und behalte
+zurück das schlimme Verhängnis; stärke die Schwachen, daß unsere Herzen
+mit Mut erfüllt werden, und sei uns gnädig um deines heiligen Namens
+willen. O, eile uns zu Hilfe, daß wir nicht unter dem Drucke der Leiden
+erliegen, befreie uns von allem Bösen, und laß uns nicht unerhört von
+deinem Angesichte gehen, sondern laß dein Antlitz uns in Gnade leuchten,
+auf daß ich und wir alle uns deiner Hilfe freuen und durch deine Rettung
+froh werden mögen.
+
+Amen!
+
+ Danach lese man abwechselnd 2 von folgenden Psalmen Davids. 6. 20.
+ 23. 25. 27. 30. 32. 33. 34. 38. 41. 88. 86. 90. 91. 102. 103. 116.
+ 118. 121. 130. 143.
+
+
+
+
+Ein anderes Gebet, um die Morgen-und Abendandacht zu beschließen.
+
+
+6. Alliebender Vater! getreuer Gott, der du in deiner Langmut uns unsere
+Sünden vergibst und alle unsere Krankheiten heilst, der du unser Leben
+vom Grabe errettest und uns mit Güte und Barmherzigkeit krönst, o, neige
+dein Ohr meinem und aller Gebet in dieser Zeit der Heimsuchung und sende
+Heilung für mein zerknirschtes Herz! In Demut bekenne ich vor dir, daß
+meine Sünden groß und zahlreich sind, ach, und daß keiner von uns vor
+dir würde bestehen können, wenn du uns unsere Schuld anrechnen wolltest;
+aber du vergiltst uns nicht nach unseren Missetaten! Denn so hoch der
+Himmel über der Erde ist, so hoch erhebt sich deine Gnade über uns; du
+erbarmst dich ja über uns, wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt,
+o laß denn deine Güte mit uns sein und zeige uns das Zeichen der
+Errettung! Hilf uns unter allen schlimmen Heimsuchungen, unter all den
+schweren Schickungen und Strafgerichten, welche du über die Welt
+verhängst; sei uns nahe, während wir beten, zerteile die dunkle Wolke,
+die sich über uns gelagert hat, und entferne von uns jede Krankheit und
+Plage, ja errette uns von der bösen Seuche, die sich über so viele Lande
+verbreitet hat! O, nimm dieses Unheil fort von deiner Erde und laß das
+Verderben unsere Wohnung nicht erreichen; befreie uns von aller Angst,
+vor der Pest, die im Dunkel einherschleicht, und vor der Plage, die in
+der hellen Mittagsstunde Verderben bringt. Erfülle an uns deine
+Zusage, »daß du denjenigen Speise und Trank segnen und von denen jede
+Krankheit abwenden willst, die dir dienen! Und sind wir auch nicht
+würdig, erhört zu werden, o, so tue es um der Unmündigen und Säuglinge
+willen, die dein Reich auf Erden befestigen sollen, und die nicht
+gesündigt haben! O, siehe unsere Reue, höre auf unser Seufzen, und laß
+es uns erfahren, daß du keine schlimme Krankheit über uns kommen lassen
+willst, wenn wir deiner Stimme gehorchen und tun, was recht vor deinen
+Augen ist und deine Gebote halten, denn du, Allwissender, Ewiger, bist
+unser Arzt! O, so heile denn mein zerknirschtes Herz, heile die Wunden
+aller! Erbarme dich über alle diejenigen, welche von Bekümmernis, Leiden
+oder Schmerzen ergriffen sind, sei allen denen nahe, die da krank sind,
+unterstütze sie auf ihrem Lager, laß sie gesunden, verlängere die Zahl
+ihrer Tage und schenke ihnen wieder ein freudenreiches Jahr! Laß die
+Stimmen des Frohsinnes in unserem Lande wieder laut werden, laß die
+Stunde der Freude aufs neue für diese Stadt erscheinen, daß wir in dein
+Haus eilen und dir Dankopfer für die Errettung, die du uns gesandt hast,
+darbringen können. Schenke mir und schenke uns allen Leben und Kraft,
+deinen Namen zu preisen und zu bekennen, daß auch dieser bittere Kelch
+zu unserm Seelenfrieden gedient, uns vom Verderben gerettet hat; denn »du
+warfst alle unsere Sünden hinter uns.« O, laß die Worte meines Mundes,
+die Gedanken meines Herzens dir gefallen, Herr, mein Erretter.
+
+Amen!
+
+
+
+
+XXIII. Gebete auf dem Friedhof.
+
+Über die Sitte, die Grabstellen zu besuchen und dort zu beten.
+
+»Siehe, ich lege dir Leben und Tod vor, wähle das Leben!«(5. B.
+ Mos. 30, 15. 19)
+
+ So lauten die Worte der Schrift: Wähle das Leben, denn alle Lehren
+ und Gebote in der heiligen Thora gehen nur auf das Leben (Ezech.
+ 20, 11.), und des Glaubens Kraft soll sich für das Leben und in
+ demselben wirksam zeigen.
+
+
+Diese Worte geben uns den Grund dafür an, warum der Israelit seine
+Heiligtümer nicht auf Grabeswölbungen baut, nicht das Tote zum Grund für
+die Saat des Glaubens wählt und keinen Reliquien-Dienst kennt; und wie
+hoch er auch den entseelten Leichnam achtet, als die Hülle, die einst
+gewürdigt gewesen ist, den göttlichen Geist zu tragen, so daß die
+Geringschätzung einer Leiche als Gotteslästerung bezeichnet wird
+(Berachoth 19), so verbietet seine Religion doch, eine Leiche zur Schau
+zu stellen oder Prunk mit derselben zu entfalten, um der Eitelkeit
+Nahrung zu geben, wenn die Verwesung schon davon zeugt, daß sie eine
+Beute des Grabes ist.
+
+Bei jedem Todesfall soll das Gefühl von dem Ernst des Lebens und seinem
+raschen Entschwinden bei uns geweckt werden, so daß wir aufs neue unser
+Dasein zur nützlichen Wirksamkeit unter den Menschen heiligen, zu einem
+heiligen Wandel vor dem Unsichtbaren, und wenn man auch die Stätten
+bezeichnen soll, wo teure Entschlafene ruhen (Ezech. 39, 15.), so soll
+es doch nicht durch kostbare Denkmäler geschehen; denn gute Werke sind
+die schönsten Monumente, welche die Hinterbliebenen für die Verklärten
+errichten und edle Handlungen die schönsten Blumen, die auf ihren
+Grabeshügeln gepflanzt werden.[90]
+
+[Fußnote 90: Wenn man in der späteren Zeit auch auf jüdischen
+Friedhöfen prachtvolle Grabmäler, sogar mit heidnischen Sinnbildern
+geschmückt, hervorragen sieht, so kann man nur beklagen, daß der
+erhabene Geist der jüdischen Religion so wenig erkannt wird; denn dieser
+gebietet einen bescheidenen Wandel im Leben, um wie viel mehr verbietet
+er also das Entgegengesetzte im Grabe. Man muß beklagen, daß die
+Kurzsichtigen nicht einsehen wollen, daß alle diese Denkmäler zuletzt
+verwittern werden, so daß niemand die Stätte mehr kennt, wo sie
+gestanden haben. Wie viel besser, wenn die Summen, welche darauf
+verwendet worden sind, zu Wohltaten gespendet worden wären. Und ist es
+auch nur eine geringe Summe, so könnte doch die Rente davon einer armen
+Familie jährlich eine frohe Woche verschaffen, und da würden
+Freudentränen als dankbare Beweise dem Gedächtnisse eines längst
+Entschlafenen fließen.]
+
+Wenn es demnach eine uralte Sitte ist, an gewissen Tagen im Jahre die
+Gräber zu besuchen, besonders, wenn der Tag wiederkehrt, an dem man
+einen seiner Verwandten verloren hat, oder wenn Sorgen und Bekümmernis
+unsern Sinn darniederdrücken,[91] so ist es eine Selbstfolge, daß eine
+jede abergläubische Vorstellung davon fern gehalten werden muß, jene
+schwärmerischen Gedanken, als ob man mit den Toten verkehren oder sie
+sogar anbeten könne, was ganz und gar wider die Grundsätze unserer
+erhabenen Religion streitet (5. Mos. 18, 9. 11.); denn die, denen Gott
+sich offenbart hat, heißt es bei den Propheten (Jes. 8, 19.), die sollen
+sich zu ihm wenden, der einen jeden erhört, der ihn in Wahrheit anruft,
+und nicht die Toten für die Lebenden fragen.
+
+[Fußnote 91: Cir. Taanith. Fol. 16 u. 23, wonach in älteren Zeiten die
+ganze Gemeinde in Zeiten der Bedrängnis, z. B. bei Mißernte, in
+Kriegszeiten, u. s. w. sich auf dem Friedhofe zum Gebet versammelte.]
+
+Nein! Ganz andere Gesichtspunkte sind es, von denen aus der Besuch der
+Gräber bei den Juden verstanden und begriffen werden soll. Zuerst und
+vor allen Dingen soll er den Namen Gottes heiligen und es laut
+verkünden, daß der Allgütige gerecht ist, wie unerforschlich auch seine
+Wege sind. Dort legt er, wenn einer seiner Lieben zur Erde getragen
+wird, das Bekenntnis ab, daß des Allmächtigen Schöpfers Werk vollkommen
+und alle seine Wege gerecht sind (5. Mos. 32, 4). Je mehr es uns in dem
+schweren Augenblick, wo der Leichnam eines unserer Lieben versenkt wird,
+vorkommen könnte, als ob manches Menschen Dasein unvollendet geblieben
+sei, und wir in der Bitterkeit des Schmerzes versucht werden könnten,
+Gottes Gerechtigkeit zu bezweifeln, destomehr sollen wir unsere wahre
+Ergebenheit in Gottes Willen, unsern unverrückbaren Glauben beweisen,
+und indem wir der künftigen Welt gedenken, es bekennen, daß der Herr
+gerecht ist. Und diesen Glauben sollen wir jedesmal stärken, da wir die
+Gräber besuchen.
+
+Sowohl das Leben als der Tod scheinen uns in Wahrheit rätselhaft. Wir
+sehen hier nicht nur Menschen jeden Alters und Standes bestattet, und
+scheinen oft Grund zu der Frage zu haben, weshalb es diesen oder jenen
+treffen mußte, sondern wir sehen auch solche, deren Wirksamkeit uns von
+der größten Wichtigkeit zu sein schien, in der Blüte der Jugend
+fortgerissen, während die, welche nach unserer Meinung für die Welt ganz
+entbehrlich waren, erst hochbetagt zu den Ihrigen versammelt wurden.
+Mütter wurden von den Kindern fortgerissen, während diese noch der
+mütterlichen Pflege bedürftig waren, und die Hoffnung der Zukunft, die
+lebendige Jugend, ging den Weg alles Fleisches, während schwächliche
+Greise erst spät ihr Haupt zur Ruhe legten. Aber je rätselhafter hier
+uns alles erscheint, desto innerlicher sollen wir das Wort des Glaubens
+erfassen, daß der Herr wohl wunderbar in seinem Rate ist, aber doch
+herrlich in seiner Tat, und daß das, was er geschaffen hat, vollkommen
+ist, und das, was uns als gestorben erscheint, begonnen hat, seiner
+Vollendung entgegenzugehen. Denn beide Welten stehen in Verbindung mit
+einander; das ewige Leben nimmt seinen Anfang schon mit diesem, und was
+der Unerforschliche bestimmt, muß gerecht sein.
+
+Bereits hier auf Erden nimmt das ewige Leben seinen Anfang, und gerade
+dieser Gedanke ist es, der dadurch lebendig in uns werden soll, daß wir
+die Grabstellen der Entschlafenen besuchen,[92] wo aller Stolz und alle
+Eitelkeit uns verlassen sollen und die Macht der Sinnlichkeit gebrochen
+wird. Nur allzu leicht vergessen wir unsere wahre Bestimmung im Taumel
+des Lebens, allzu leicht betrachten wir Reichtum, Ehre und Vergnügungen
+als die Güter, welche wir zumeist erstreben sollen, als ob sie uns
+niemals entfliehen würden, aber hier auf dem Friedhof:
+
+»Hier zeiget deutlich uns das Grab,
+Wie Glanz und Reichtum nichts als Staub,
+Der Jugend Blüten fallen ab,
+Und Weltenruhm welkt hin wie Laub!«
+
+Hier sehen wir wie schnell alle Herrlichkeit verschwindet,
+wie der Ehrgeizige mitten in seinem hochstrebenden Vorhaben
+gehemmt wird, und die stolzesten Pläne im Nu
+vernichtet sind. Und hier, wo Groß und Klein gleich sind,
+(Ijob 3, 19.), wo wir erfahren, daß deren Namen im
+Dunkeln verborgen bleiben (Pred. 6, 14.), die mit Eitelkeit
+kommen und im Finstern gehen, hier beschließen
+wir, im Licht zu wandeln und nach einem guten Namen
+zu streben (Pred. 7, 1.), denn der Mensch in all seiner
+Herrlichkeit ist nichts, wenn er nicht durch seine Taten
+und Handlungen darnach strebt, das ewige Leben zu erreichen.
+
+[Fußnote 92: Der Friedhof wird deshalb nicht nur das Haus der
+Gräber (Beit Hakvarot]) sondern auch das Haus der Lebenden (Beit Hachayim)
+(Beit Olam)] genannt oder das Haus der Ewigkeit.]
+
+Und zu einem solchen Streben soll der Gang nach
+den Gräbern uns entflammen. Wir sind die Arbeiter, die
+der Herr in seinen Weinberg gestellt, daß sie ihr Tagewerk
+verrichten sollen; ob wir früh oder spät davon abberufen
+werden, das ist nicht unsere Sache, nur das ist unsere
+Sache, daß wir vollführen, so viel wir vermögen. Aber
+der Tag ist kurz, und die Arbeit ist groß (Ijob 7, 1-6),
+und nur allzu oft glauben wir, daß noch Zeit genug ist,
+zur Tätigkeit und zur Umkehr. O, hier werden wir erinnert,
+wie viele Menschen in ihrer Blütezeit starben,
+wie wenige auch nur einen Teil ihres Berufes haben
+erfüllen können, wie wenige, deren Arbeit für die Zeit
+genügte, die ihnen zugemessen war; hier werden wir daran
+erinnert, daß das irdische Leben dahinfährt wie ein Schatten,
+und wir werden zu eifriger Tätigkeit ermuntert, die Zeit
+zu benutzen, ehe sie verronnen ist.
+
+Wie viel tragen hierzu nicht die Gedanken an den
+frommen und wohltätigen Wandel der Verklärten bei!
+Wohl sollen wir uns im Leben nach Vorbildern umschauen
+und ihnen nachzuahmen suchen; aber so lange die Hülle
+des Staubes die Seele umgibt, bemerken wir nur zu leicht
+die Mängel, die an jener kleben. Erst wenn wir die
+irdische Gestalt nicht mehr sehen, dann steht die lautere
+Tugend der Heimgegangenen, ihrer Seele reiner Adel klar
+vor unseren Blicken; rein ist jetzt unsere Liebe zu ihnen,
+und mit größerer Liebe umfassen wir am Grabe die Teuren,
+über deren Gegenwart wir uns noch freuen können, und
+wir erfahren in Wahrheit, »daß das Gedächtnis der Frommen
+zum Segen ist.« Denn unser Sinn weilt nicht nur
+bei den auf dem Friedhof schlummernden Abgeschiedenen,
+sondern auch bei den schon längst Heimgegangenen, bei allen
+Vätern und Müttern, den Propheten und Märtyrern, den
+Lehrern und Führern, die einstmals gelebt haben und deren
+Andenken uns heilig ist. Nicht als ob wir an sie dächten,
+wie an Heilige, die angebetet werden sollten, denn des
+größten Propheten Moses Grab wurde gerade verborgen,
+damit es nicht ein Gegenstand abergläubischer Anbetung
+und Wallfahrt werde, sondern wir gedenken ihrer hier,
+um uns ins Gedächtnis zu rufen, wie sie für die Wahrheit
+gelitten und gestritten haben, um uns zu erinnern an die
+Verfolgungen, die sie um des Glaubens willen geduldet
+haben, wir gedenken ihrer, weil ihr Leben ein Zeugnis
+für die Unsterblichkeit ablegt. Hier erinnern wir uns auch
+der Liebe, welche die Heimgegangenen zu uns hegten, während
+sie noch in der Hülle des Staubes wandelten, einer Liebe,
+die gewiß im Reich der Ewigkeit erhöht werden muß, die
+bei uns die Überzeugung eines Wiedersehens jenseits des
+Grabes weckt, und Balsam in das wunde Herz träufelt.
+Ja, der Gang zum Grabe soll uns besonders Tröstung
+und Frieden verschaffen, wenn der Weg des Lebens rauh
+wird, wenn irdisches Weh uns ergreift und unsre Seele
+Ruhe sucht.
+
+
+
+
+Am Jahrestage des Todes eines der Eltern.
+
+
+1. Herr des Lebens und des Todes, der du dem
+Menschen das Leben gibst und ihn zur bestimmten Zeit und
+Stunde wieder abrufst, hier stehe ich vor dir an dieser
+Stätte, die eines der teuersten Güter meines Lebens in
+sich birgt; hier liegen meines teuren Vaters (meiner
+geliebten Mutter) Gebeine; hier schläfst du den ewigen
+Schlaf, du, dem (der) ich meines Lebens ganzes Glück
+schulde, du meines Herzens schönster Schmuck, meiner Seele
+kostbarster Schatz. O! erst jetzt, da ich dich für immer
+vermisse, fühle ich, was du mir gewesen bist, was ich für
+dich hätte sein sollen, o, wie oft habe ich schon als Kind
+deine treue Liebe verkannt, mit Undank dir deine freundliche
+Fürsorge vergolten. Siehe, deshalb will ich hier an deinem
+Grabe meine Reue vor Gott aussprechen, daß er mir
+vergeben möge, so ich gegen dich gefehlt habe, will ihn
+bitten, daß er über deine Asche Frieden walten lassen möge,
+und ihm geloben, daß ich, da ich dich verloren habe, noch
+nach deinem Tode die Pflichten kindlicher Liebe gegen dich
+dadurch erfüllen will, daß ich deinen Namen stets in Ehren
+halte. O Gott! stärke du mich, daß ich fest am Glauben
+halte, daß ich als frommer und gottesfürchtiger Israelit
+(meinen..........) im Himmel Freude bereiten
+möge, verleihe mir Kraft, daß ich mir ein reines Herz
+bewahre, um das Andenken (meines....) durch gute
+Werke und durch gottgefällige Handlungen zu verewigen.
+Und wenn du mich einst aus diesem Leben abrufst, laß
+mich dann ohne Scham vor die Seele treten können, die
+jetzt bei dir weilt. Dazu sei dieser Todestag mir eine Triebfeder,
+o himmlischer Vater, gewähre mir, was ich von dir
+erbitte, o Gott. Ich bete für die Errettung der Seele meines
+gestorbenen (.........), laß ihn (sie) in den
+Bund des Lebens aufgenommen sein, laß den frommen
+Entschluß, den ich heute fasse, dir wohlgefallen und nimm
+mich einst in Gnaden auf.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Ein anderes Gebet bei derselben Veranlassung.
+
+
+2. Herr, o allgütiger Vater im Himmel, hier bei
+diesem stillen, bescheidenen Grabeshügel, der die Asche
+eines so teuern Verwandten bedeckt, hier erhebe ich, dein
+schwaches, sterbliches Kind, mein zerknirschtes Herz zu
+deinem Himmel, wo die unsterblichen Seelen, deren Staub
+hier ruht, wie die Sterne leuchten. O Gott der Liebe!
+gedenke mit väterlichem Erbarmen der Seele, an deren
+Scheiden dieser Tag mich mit so tief innerlicher Wehmut
+erinnert. Noch schwebt mir die wehevolle Stunde vor, da
+du diese teure Seele (meinen Vater, meine Mutter) von
+mir riefst. Ach, wie ganz anders war doch mein Leben,
+da sie noch als mein leuchtendes Vorbild hier auf Erden
+wandelten; wie manche Freude haben sie mir bereitet!
+Wie oft stärkten sie mich durch ihren weisen Rat! O!
+ich erinnere mich ferner, welche Hoffnung (der liebe Vater,
+die gute Mutter) auf mich setzte, wie ich voll Hoffnung
+zu ihm, (ihr) aufschaute, wie ich darnach strebte, seines
+(ihres) Alters Stütze zu sein, und wie er (sie) so rasch von
+meiner Seite hinweggerissen wurde, ehe diese Hoffnungen noch
+in Erfüllung gehen konnten. Doch mein Glaube lehrt mich, daß,
+was du Allmächtiger tust, gerecht, weise und heilbringend ist,
+er belebt mich mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen jenseits
+des Grabes, wo mir offenbar werden soll, daß des Menschen
+höheres Hoffen erfüllt wird. O, vergönne mir denn heute,
+daß ich mich deinem Throne nähere und dich um Kraft dazu
+anflehe, daß es mir glücke, auf meiner Pilgerreise etwas zu
+wirken, das von dem frommen Geist zeugen möge, den der
+Heimgegangene in meiner Seele gepflegt hat. Stehe mir
+bei, daß ich die Gaben, welche du mir verliehen hast, dazu
+anwende, durch meine Handlungen dem Verklärten ein ewiges
+Angedenken in der Gemeinde zu gründen. O, Herr leite
+mich, daß meine Wege dir gefallen mögen, und nimm
+mich zuletzt mit Ehren auf.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Am Grabe des Vaters, am Jahrestage seines Todes.
+
+
+3. An diesem Tage, der mich so lebhaft an die Sorge
+erinnert, die mein Herz erfüllte, als du zur Ewigkeit abgerufen
+wurdest und nur der Gedanke an die Unsterblichkeit,
+den du, mein heimgegangener Vater, mir eingeprägt hast,
+mir Trost verleihen konnte,--an diesem Tage nahe ich
+mich deinem Staube, um meinem niemals genügend ausgesprochenen
+Dank zu äußern, den ich dir für all deine
+väterliche Fürsorge, die du mir mit so vieler Aufopferung
+bewiesen hast, schuldig bin. Der alliebende Vergelter wird
+dort gewiß deine Seele dafür belohnen, und sie wird
+himmlische Freude und Glückseligkeit in dem Bewußtsein
+finden, daß dein Kind darnach strebt, den Weg der Frommen
+zu gehen, auf dem es die Vollkommenheit erreichen kann.
+Dein Andenken soll mir deshalb stets heilig und unvergeßlich
+sein; oft will ich der guten Lehre, der liebevollen
+Ermahnungen und nützlichen Warnungen mich erinnern,
+die ich aus deinem Munde empfangen habe. Wenn die
+Versuchung kommen sollte, will ich mich damit wider sie
+kräftigen und sie besiegen, daß ich mich frage: entspricht
+deine Handlung wohl der frommen Weisung, die du von
+deinem Vater erhalten, stimmt sie mit seinem rühmlichen
+und wohltätigen Wandel überein? Würde er sie billigen
+können und ihr seine Zustimmung verleihen? Würdest du
+ihn nicht damit betrübt und das Herz verwundet haben,
+welches stets für dein Wohl schlug? Ja, geliebter Entschlafener!
+Dein Leben soll mir ein leuchtendes Vorbild
+auf meiner irdischen Laufbahn sein. Ich will der unerschütterlichen
+Standhaftigkeit gedenken, mit der du an
+deinem Glauben hieltest, der innigen Teilnahme, mit der
+du dich in der Schar der Betenden einfandest, der Sparsamkeit,
+die du bewiesest, wenn es die Genüsse des Lebens
+galt, und der Freigebigkeit, womit du den Bedrängten
+halfest. O, du Allmächtiger im Himmel! der du gewiß
+der Seele meines verstorbenen Vaters das Reich der Ewigkeit
+aufgetan hast, laß auch meinen Wandel mehr und mehr
+dazu beitragen, daß sie froh werde, dein Angesicht in voller
+Klarheit zu schauen; erhöre die verklärte Seele, wenn sie
+vor deinem Thron ihre Fürbitte für mich niederlegt.
+Zeige du mir den Weg des Lebens, denn bei dir ist die
+Quelle des Lebens, in deinem Lichte sollen wir Licht
+und Seligkeit schauen in Ewigkeit.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Am Grabe der Mutter, am Jahrestage ihres Todes.
+
+
+4. Mutter! Liebe Mutter! Das Kind, welches du
+einst unter deinem Herzen getragen und das du so treulich
+mit innigster Liebe gepflegt hast, als du noch unter den
+Sterblichen wandeltest, dieses dein Kind kommt an diesem
+heiligen Gedächtnistage zu deinem Grabe, indem Tränen
+der Wehmut und der Liebe seine Augen füllen. O, daß
+dein Geist dorten wahrnehme die dankbaren Gefühle, die
+mich in diesem Augenblick durchströmen. Ach, wie wenig
+war ich doch imstande, meine kindliche Erkenntlichkeit dir
+zu beweisen; kaum verstand ich die mütterliche Liebe zu
+schätzen. Aber seit ich dich nicht mehr habe, habe ich erst
+recht die Größe meines Verlustes kennen gelernt, seit der
+Zeit, da du nicht mehr auf Erden wandelst, werde ich
+täglich daran erinnert, wie viel Dank ich deiner mütterlichen
+Fürsorge schulde, wie du Selbstverleugnung übtest,
+um das Glück und Wohl deines Kindes zu fördern. Ich
+weiß nicht, wie ich meine Schuld bezahlen soll, außer daß
+ich mich bestrebe so zu leben, daß ein Jeder, der meinen
+Wandel auf Erden sieht, ausrufen muß:»Heil dem Weibe,
+das ihn geboren hat,« und daß ich so deinen Namen mit
+Ruhm verewige. Deine Seele sei ein unsichtbarer Engel,
+der mich stets umschwebe, mich von Sünden und Lastern
+fern halte, und mich stets an die heilige Andacht erinnere,
+mit welcher du in deinem Heim, wie im Gotteshause zu
+dem Herrn betetest, sodaß mein Herz dadurch fromm
+und mein Sinn milde werde.--Und du, himmlischer
+Vater, der so gerne die Gebete seiner Kinder erhört, o!
+erhöre mich, wenn ich bete: schenke meiner heimgegangenen
+Mutter dort, wo nur Liebe und Friede herrscht, jene
+beseligende Wonne, die du deinen Heiligen bereitet hast,
+zu denen auch sie ja sicher zählt, daß sie es wissen, wenn
+ihre Nachkommen in Reinheit und Frömmigkeit vor dir
+wandeln. Stärke mich dazu, daß ich einst, wenn die Bande
+des Staubes fallen, und der Geist zu dir emporsteigt,
+mit heiliger Freude einer seligen Wiedervereinigung mit
+meiner verklärten Mutter und allen Edlen, die bei dir
+sind, gewiß sein kann. Dein Name sei gepriesen in aller
+Ewigkeit.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Am Grabe eines Kindes.
+
+
+5. Allweiser! du, dessen Gedanken weit hinausreichen
+über die unseren, vergib, wenn mein betrübtes Herz hier
+am Grabe eines geliebten Kindes seufzt, an das meine
+Seele so fest geknüpft, das meines Lebens Stolz, Freude
+und Hoffnung war. Ach, so oft ich mich seiner Asche
+nähere, werden die traurigen Betrachtungen erneuert, die
+sein Verlust verursachte; ach, welch freudige Aussichten
+wurden durch seinen Tod vernichtet, welche Hoffnungen
+mit ihm bestattet! Doch es ist deine Weisheit, erhabenes
+Wesen, das ich anbete; du weißt ja besser, als die schwachen
+Sterblichen, was zu ihrem Heile dient. Die fernste Zukunft
+liegt ja vor deinem Blicke offen da, und du kennst die
+Tage deiner Frommen, wenn sie zum ewigen Erbe und
+Lohn erfüllt sind. (Ps. 36, 18.) Du wolltest vielleicht
+meinen so früh heimgegangenen Liebling vor großen Gefahren
+und Versuchungen, vor unzähligen Beschwerden
+bewahren. Wohl rinnen meine Tränen bei dem Gedanken,
+daß ich niemals mehr hier auf der Erde dem begegnen soll,
+was meine Augenweide war, aber ich will in dem Gedanken
+Trost suchen, daß die Unschuldigen, welche früh sterben,
+doch lange gelebt haben; denn ihre Prüfungszeit war bald
+vorüber, ihre Seele gefiel dem Ewigen, deshalb beeilte
+er sich, dieselbe von dem sündigen Leib zu befreien und sie
+dorthin zu versetzen, wo sie besser der Vollkommenheit
+entgegenreisen kann. Ich will Trost in der Überzeugung
+finden, daß ich durch Ergebenheit in deinen Willen deinen
+Namen heiligen soll, du Heiliger!--O, mein geliebtes
+Kind, sehe ich dich auch nicht mehr um mich, ewig will
+ich dich doch mein nennen und in der Hoffnung leben, daß
+ich dich einst verklärt unter den Engeln in der Ewigkeit
+wiedersehen werde. O, wenn ich nur nichts versäumt
+habe in der Ausbildung deines unvergänglichen Geistes!
+(Dein frühzeitiger Tod soll mich noch mehr bestimmen,
+deine Geschwister nicht nur für die Welt, sondern auch
+für den Himmel zu erziehen, indem ich in ihrem Herzen
+den Glauben befestige und so dieselben zur Seligkeit vorbereite.)
+O Herr! vergib mir, wenn ich je meine mütterlichen
+Pflichten vergessen habe, und laß die teure Seele, die jetzt
+bei dir ist, schon mehr und mehr deinem Reiche entgegenreisen!
+Erhöre mich, o himmlischer Vater, und laß Trost,
+Ruhe und Seligkeit mein Inneres erfüllen, so daß ich freudig
+deinen Namen in aller Ewigkeit preisen kann.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Eine Witwe am Grabe ihres Mannes.
+
+
+6. Friede sei mit deinem Staube, du meines Lebens
+leitender Stern, du meiner Kinder Versorger und
+Führer![93] Ach, wenn auch viele Tage verflossen sind, seit der Allweise
+in seinem unerforschlichen Ratschluß dich von mir rief,
+so fühle ich doch jedesmal, wenn ich mich deiner Ruhestätte
+nähere, meinen tiefen Schmerz und erinnere mich mit süßer
+Wehmut unseres glücklichen Zusammenlebens, von dem
+Augenblick an, da du mir freundlich entgegen lächeltest und
+den Frühling meines Lebens mir verherrlichtest, da deine
+Gedanken nur darauf zielten, mir Glück und Frieden zu
+bereiten, für das Wohl unserer Kinder zu sorgen, bis zu
+der Stunde, da dein Auge brach, und das Licht, das mein
+Haus erhellte, verdunkelt wurde, und Sorge und Bekümmernis
+für meine Kleinen mein Herz überwältigten.
+O, ich kann nicht ohne Tränen fragen: weshalb, o Herr,
+sollte er mir genommen werden? Aber gerade dieser Schmerz
+über deinen Verlust löst sich in dem seligen Bewußtsein
+auf, daß du mir nahe bist! Ja, ich habe, ich besitze dich
+noch. In meines Herzens Tiefe schließe ich dich ein, denn
+das, was uns vereinigt hat, ist unsterblich. Das leibliche
+Auge sieht dich nicht mehr, aber mein geistiges Auge erblickt
+dich noch, und es ist mir, als ob deine ermunternde
+Stimme mich stärke. Zeige du mich hin zu ihm, der den
+Witwen ein Führer und den Vaterlosen ein Vater ist,
+der die heimsucht, welche er liebt, und dessen Wege all zu
+erhaben sind, als daß wir Sterbliche sie verstehen könnten,
+die aber sicherlich zum Guten führen. Ja, Allheiliger!
+Stärke mich zur Ergebung in deinen heiligen Willen,
+gieße Balsam in mein wundes Herz, vergib mir meine
+Sünden und erbarme dich über meine Kinder. Gib mir
+Kraft sie zu allem Guten zu erziehen, und wecke du in
+ihrem Innern eine fromme Denkungsart, daß sie dir um
+Wohlgefallen, mir zur Freude und meinem heimgegangenen
+Gatten zum rühmlichen Gedächtnis werden möchten.
+Beschirme die Tage meiner Zukunft und gedenke stets der
+teuren Seele, deren Verlust ich beweine, zum Guten und
+zur ewigen Glückseligkeit.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 93: Wenn sie keine Kinder hat, muß natürlich alles, was darauf
+hindeutet, aus diesem Gebet weggelassen werden.]
+
+
+
+
+Am Grabe eines gefallenen Vaterlandsverteidigers.
+
+
+7. Mit Ehrfurcht und Dankbarkeit nahe ich mich diesem
+Grabe, o Ewiger! wo der Staub dessen ruht, der heldenmütig
+sein Leben geopfert hat, um des Vaterlands Recht
+und Wohlfahrt zu schützen. O, Allgerechter, wie sein Andenken
+ewig teuer ist und sein muß für einen jeden, der
+es aufrichtig mit seinem Volke und Vaterlande meint, und
+wie seine Ruhestätte allezeit von den Tränen heiligster
+Erinnerung benetzt werden wird, so belohne du ihn dort
+für seine fromme Tat, wo allein wahre Treue und Aufopferung
+für die Mitmenschen vollkommen belohnt werden
+kann. Ja, du, der du hier schlummerst, du hast es gezeigt,
+daß, so kostbar auch das Gut des Lebens ist, doch noch ein
+höheres Gut vorhanden ist, für das man jenes hingeben
+muß. Du täuschtest das Vertrauen nicht, das man in der
+Stunde der Gefahr auf dich setzte; unerschrocken tratest du
+dem Tode entgegen, und welch süße Bande dich auch fesselten,
+du rissest dich von ihnen los und kämpftest mit Mut und
+Kraft, wie die Helden des Altertums, sicher, daß nur
+der vergängliche Teil des Menschen überwunden werden
+und fallen kann, der unvergängliche aber siegen muß. An
+deinem Grabe soll sich die Jugend für Vaterlandsliebe
+begeistern, soll der Mut in den Söhnen des Landes entflammt
+werden, ja, hier will ich mich begeistern, jedes Opfer, das
+in meinen Kräften steht, für das Vaterland, für die Brüder,
+für die Gemeinde zu bringen. Hier will ich lernen, für
+meinen Glauben zu dulden und zu streiten, hier will ich
+als ein treuer Bürger lernen, alles zu bekämpfen, was dem
+Wohle des Vaterlandes schaden kann, und als ein wahrhafter
+Diener Gottes in jedem Kampfe für mein himmlisches
+Vaterland bis zum Letzten ausharren. Hilf du mir, Allheiliger,
+daß meine Seele den Tod der Gerechten sterben
+und mein Ende dem der Frommen gleichen möge. Sei
+mit mir, Allgegenwärtiger, und laß meinen Wandel dir
+stets wohlgefallen.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Beim Grabe eines Verwandten.
+
+(Nach einem älteren hebräischen Gebet.)
+
+
+8. Hier an dieser Stätte, wo der Gedanke an ihn,
+der zum Tode wie zum Leben führt, in unserm Innern
+lebendig wird, hier erhebe ich meinen Geist zu dem Unendlichen
+und sage: mein Gott, du mein teuerstes Gut, das
+mir über alles geht, nächst dir strebt meine Sehnsucht nach
+jenen wahrhaft Frommen, welche jetzt die Erde deckt, und
+hier weilt die Asche eines mir teuren Körpers;
+
+Mutter oder Großmutter
+am Grabe
+eines Kindes:
+
+Siehe, ich deine Mutter, welche
+dich (geboren), gepflegt und geliebt
+hat, mit treuer mütterlicher Sorge
+mit inniger Zuneigung,
+
+ * * * * *
+
+Kinder oder Enkel
+am Grabe der Eltern
+oder der Großeltern:
+
+Siehe, ich deine Tochter (Enkelin),
+die durch die heiligen Banden
+des Blutes mit dir verbunden ist;
+
+ * * * * *
+
+Am Grabe eines
+Ehegatten:
+
+Siehe, ich, deine treue Gattin,
+welche dich innigst liebt!
+
+ * * * * *
+
+Am Grabe eines
+Bruders oder eines
+sonstigen Angehörigen:
+
+Siehe, ich deine Schwester,
+(Schwiegertochter, Freundin, Schülerin
+usw.)
+
+ * * * * *
+
+besuche deinen Grabeshügel! Ehre sei Gott in der Höhe!
+Friede mit deinem Staub! Die Freude der Seligkeit mit
+deiner Seele! Innige Liebe zu dir, die eben so warm ist,
+als damals, wo du noch am Leben warst, durchdringt mich,
+führte mich hierher zu deiner Ruhestätte, wo ich vor dem
+Gott der Geister meine Seele ausschütten und ihn bitten
+will, dir gnädig zu sein und deine Seele im Eden im Verein
+mit deiner Stammväter verklärten Seelen zu erfreuen,
+daß du in Seligkeit das ewige Gut genießen mögest, das
+Er seinen Frommen vorbehalten hat. Mögest du von dem
+Tau der Seligkeit im ewigen Leben erquickt werden, wie
+der Tau des Himmels die Pflanze erquickt.--Und sollte
+in jenem Leben die Liebe, welche einst dein Herz bewegt
+hat, denn aufhören können? Nein, so innig, wie ich deiner
+gedenke, und wie meine Gebete für deine Seligkeit aufsteigen,
+eben so innig gedenkt deine Seele der meinigen,
+wünscht mir alles Gute und betet für meine Wohlfahrt zu
+dem Allerbarmer. O, daß unsere gemeinsamen Gebete ihm
+wohlgefallen möchten, und er in seiner Güte alles Böse von
+mir und allen deinen Angehörigen abwenden wollte. Gott
+der Liebe! du, in dessen Hand die Seelen aller Toten und
+Lebendigen stehen, erhöre unsere Gebete, die zum Throne
+deiner Herrlichkeit aufsteigen, segne mich, daß ich ein dir
+wohlgefälliges Leben führen möge, zur Ehre und zum Ruhm
+für den, dessen ich heute gedenke, und daß ich also glücklich
+hier auf Erden sei und einst selig werde dort in der
+Ewigkeit, wenn ich in das göttliche Reich bei dir aufgenommen
+werde, mein Vater und mein Richter.
+
+Amen!
+
+
+
+
+Am legten Tage im Jahre. (Ereb Rôsch Haschonoh.)
+
+Herr! tue mir mein Ende kund, und was das Maß meiner Tage
+sei, daß ich erkenne, wie vergänglich ich bin.
+
+
+10. Nach uralter heiliger Sitte besuche ich am letzten
+Tage des Jahres die Stätte, wo viele Grabhügel an
+längst vergangene Geschlechter und die frisch aufgeworfenen
+an die Teuren erinnern, die in diesem Jahre entschlafen
+sind. Wie könnte ich wohl an diesem Tag, der so lebhaft
+den Gedanken an des Lebens Vergänglichkeit erweckt, und
+der mich dazu auffordert, Rechenschaft darüber abzulegen,
+wie weit ich mich der erhabenen Bestimmung meines
+Lebens genähert habe und in Glauben und Tugend vor
+dem Herrn gewandelt bin,--wo könnte ich besser eine
+erhebende, versöhnende Stunde zubringen, als hier, wo
+ich meinen Blick auf diejenigen richte, welche in diesen
+Gräbern ruhen, ach, zum Teil solche, die nach dem Eitlen
+jagten und ihre Befriedigung in dem Zeitlichen suchten,
+und die nun Moder bedeckt, oder wenn ich am Grabe
+derjenigen weile, welche in ihrem vergänglichen Leben das
+Ewige suchten und nun die Fülle der Freude bei dem
+Unendlichen genießen. Ach Herr, da fragt mein Geist:
+unter welchen von diesen werde ich einst gefunden werden,
+wenn des Lebens letzter Tag gekommen ist? Hier trete
+ich deshalb hervor und ergreife das Ewige; denn hier,
+wo ich von Tod und Moder umgeben bin, verliert alles
+Gold seinen Schein, alle Ehre ihre Strahlen, alles Ansehen
+bei den Menschen seine Macht, alle Schönheit ihren
+Zauber, alle Sinneslust ihren Reiz; hier fühle ich tief,
+daß meinen Tagen ein Ziel gesetzt ist, daß ich von hier
+fort muß, und meine Tage wie ein Schatten sind. Ach
+sollten sie wirklich dahin schwinden, ohne etwas Licht über
+meinen irdischen Wandel zu verbreiten, ohne daß sie ein
+Andenken zum Segen hinterließen?--Ach, der Strom
+der Zeit eilt so rasch dahin und reißt auf seinem schnellen
+Wege alles mit sich fort, was mir teuer und wert ist!
+Wie manche Freunde habe ich schon verloren, wie mancher
+ging fort im Jugendalter, wie mancher, der sein Ende
+noch nicht erwartete, und heute ruft mir die Erinnerung
+daran zu: auch deine Stunde kann unerwartet kommen;
+willst du unvorbereitet vor den Allerheiligsten treten?
+Ja, ich will heute mit Tränen eurer in der Ewigkeit
+gedenken, die meines Lebens Ehre und Schmuck waren,
+eurer, meine Eltern usw. (ob euer Staub nun hier ruht,
+oder weit entfernt in fremder Erde); Jahre sind darüber
+hingegangen, seit ich euch verloren habe, und die Hoffnung
+auf Wiedersehen war mein einziger Trost; aber habe
+ich auch so gelebt, daß der Gedanke an eine Wiedervereinigung
+mit euch mich mit himmlischer Freude erfüllen
+kann? Könnte ich euch mit einem sündhaften Sinn gegenübertreten,
+mit einem unreinen Herzen mich der ewigen
+Klarheit nähern, welche die Frommen umgibt? O! indem
+ich euch heute meine Tränen der Erinnerung weihe, will
+ich über meine Sünden weinen, will ich im Vorausgefühl
+meines endlichen Heimganges alles abwerfen, was mich
+als Menschen entwürdigt, was mir nicht ziemt als Israelit;
+ich will die Ketten brechen, welche mich an das Zeitliche
+fesseln und den Wahn bannen, als sei das, was die Welt
+mir bietet, etwas Beständiges, und ich will mich bestreben,
+dir anzuhangen, du Ewiger und Unwandelbarer!--Allerbarmer!
+vergib mir meine Sünden und meine Übertretungen
+und stärke mich in meinem frommen Vorsatz,
+behüte mich vor einem jeden Fehltritt, der Beschämung
+über meine Tage bringen könnte; schirme mich wider jede
+Versuchung, daß weder Eitelkeit noch Habsucht, noch Ehrgeiz
+Macht über mich gewinne, sondern daß ich, geleitet
+von deiner heiligen Lehre, so rein werden möge, als ich
+an dem Tage war, da ich geboren wurde. Laß die frommen
+Handlungen meiner teuren Seligen meine Fürsprecher
+sein vor deinem heiligen Throne, auf daß meine Gebete
+für das neue Jahr erhört werden. Laß, o Quell der
+Liebe, meine (meines Gatten, meiner Kinder usw.) Buße
+dir wohlgefallen und verleihe uns ein Jahr voll Segen
+und Glück, ein Jahr, in dem deine Versprechungen an
+Israel zu seinem und der ganzen Menschheit Heil sich
+erfüllen mögen. Bewahre mich und die Meinen vor
+Drangsal und Not, vor Armut und Schande, auf daß wir
+mit freiem Geiste dir dienen können. Laß mich und meine
+Lieben erfahren, »daß ich noch deine Segnungen im Lande
+der Lebenden sehen soll«(Ps. 27, 15.), »daß ich noch in
+dem Lichte der Lebendigen vor deinem Angesichte wandeln
+soll«(Ps. 56, 14.). Deine Gnade sei mit mir und allen, welche
+dich mit einem treuen Herzen anbeten, daß wir auf unserer
+Pilgerreise noch viel Gutes wirken können und ein Wohlgefallen
+bei dir finden in alle Ewigkeit.
+
+Amen!
+
+
+
+
+XXIV. Schluß
+
+
+
+
+Dankgebet bei Vollendung eines Werkes.
+
+
+Ewiger, allgütiger Gott! Wie ich in deinem Namen
+diese Arbeit begonnen habe, so laß mich sie auch damit
+schließen, daß ich zu dir aufschaue und dir meinen Dank
+für deinen Beistand darbringe. Du warst es ja, der die
+Gedanken in meine Seele legte, und dein allmächtiger
+Schutz hielt meine Kraft aufrecht, es war dein Geist, der
+mich trieb, so daß ich stets mit Freudigkeit und Lust zur
+Arbeit schritt. O, wie oft verzagte ich, wie oft erfüllte
+sich meine Seele mit Furcht, daß ich mein Vorhaben nicht
+zu vollenden vermögen würde, und siehe, da hörte ich
+gleichsam eine erweckende Stimme von oben; mein Geist
+belebte sich aufs neue, und du erfreutest mein Herz dadurch,
+daß meine Arbeit gedieh und vorwärts schritt.--O, nimm
+mein Dankopfer an;»denn es stammt ja alles von dir,
+und was ich selbst von dir empfangen habe, das gebe ich
+dir wieder zurück.«[94] Nun erhöre du denn mein Gebet,
+daß du diesem Werke dein Siegel aufdrücken wollest, auf
+daß es für viele zu einem Segen werde. Gelobt seist du,
+o Herr, in Ewigkeit.
+
+Amen!
+
+[Fußnote 94: 1. Chron. 29, 14]
+
+
+
+
+XXV. Anhang.
+
+
+
+
+Esehu Mekômon.
+
+(Betrachtung über die Opfer, anstatt einer Übersetzung).
+
+
+Meine Gedanken, o Herr, weilen bei den Opfergesetzen,
+welche du unsern Vätern gabst, und mein
+Herz wird voll des Dankes, indem ich deine Gnade erkenne,
+daß du durch diese deine Gebote hast Israel fest an
+dich knüpfen wollen; mögen sie deshalb mir auch zur
+Richtschnur dienen bei der Anbetung deines heiligen
+Namens. Wenn nun gleichwohl auch bei mir der tiefere
+Sinn verborgen ist, und ich die göttlichen Geheimnisse
+nicht zu erforschen vermag, die mit den Opfern, welche
+du befahlst, verbunden sind, und nicht ergründen kann,
+weshalb du sie mit so vielen Vorschriften anordnetest,
+und wie sie dazu dienen sollen, den Sohn des Staubes
+mit dir, dem Unendlichen, zu vereinen, ihn deiner Gnade
+gewiß zu machen, denn »dir gehört das Verborgene, o
+Ewiger, aber was du offenbart hast, ist für uns«,[95] und
+wie herrlich ist nicht das, was uns offenbart worden ist!
+Wenn ich all der Scheußlichkeit gedenke, die mit der Opfermahlzeit
+der Heiden verbunden war, durch welche sie ihre
+Schuld sühnen wollten, wie sie von dem Blute des Opfers
+tranken und sich zu Wollust und Blutdurst reizten, wie
+sie Menschenleben opferten, während sie das Tier als
+heilig betrachteten, o, wie könnte ich da wohl anders, als
+erkennen, daß bei Israels Opfer alles nur dazu dienen
+sollte, die Reinheit des Glaubes zu beschützen, Sittlichkeit
+und Gerechtigkeit zu wahren und alles fern zu halten,
+was Sinnenlust und törichten Aberglauben fördern könnte.
+Deshalb verbotest du in deiner Weisheit jeden Gebrauch
+des Blutes, verbotest jedem, der unrein war, zu opfern,
+deshalb konnte eine absichtlich begangene Sünde nicht
+durch ein Opfer gesühnt werden, deshalb mußten die Vergehen
+wider den Nächsten erst gut gemacht werden, bevor
+das Opfer gebracht werden konnte. Ja, du lehrtest uns,
+daß ein Opfer für sich allein nichts nützt, wenn es
+nicht in Wahrheit von einem innern frommen Sinne zeugt,
+und du und deine Propheten straften die, welche da
+meinten, daß sie durch Darbringung eines Opfers allein
+geheiligt werden könnten. Du ließest deine Propheten
+verkündigen, »daß Gehorsam besser als Opfer ist«,[96] daß
+»Opfer bei einem sündigen Wandel dir zuwider sind«,[97]
+daß du Wohlgefallen an der Liebe findest, und nicht am
+Opfer, und »daß die Erkenntnis deiner mehr ist, als
+Brandopfer.«[98]
+
+[Fußnote 95: 5. Mos. 29, 28.]
+
+[Fußnote 96: 1. Sam. 15, 22. Ps. 40, 7. Spr. Sal. 21, 3.]
+
+[Fußnote 97: Spr. Sal. 15, 8. Es. 11-17 Jer 6, 21. Amos 5, 22.]
+
+[Fußnote 98: Hos. 6, 6]
+
+Aber besonders sind es die täglichen Opfer,
+welche den Männern der großen Synode[99] zum Muster
+dienten bei der Anordnung des »Morgen-und Abendgottesdienstes«,
+deren ich gedenken soll, und während ich
+mich an ihr Wesen und an ihre Bedeutung erinnere, erwecke
+ich in meinem Innern eine wahrhafte Erbauung
+und die Sehnsucht darnach, dich beständig und richtig
+durch meine Gebete zu verehren. Da tritt mir denn zuerst
+der Gedanke entgegen, daß es--ein Opfer war, und
+daß mein Gebet deshalb auch ein Opfer sein soll. Ja,
+ich will im Gebet mich selbst zum Opfer darbringen,
+will mich mit all meinen Wünschen, meinen Gelüsten und
+Sehnen, mit all meiner Furcht und all meinem Hoffen
+ganz und ohne Rückhalt dir hingeben, und wie das tägliche
+Opfer ganz dargebracht wurde, so will ich jeden
+Morgen und jeden Abend, wenn ich zu dir bete, mich
+dir auch ganz hingeben und mich völlig deinem Willen
+unterordnen.[100]
+
+[Fußnote 99: Ansche keneseth hagdolo (ecclesia magna) setzten im Hinblick
+auf die ständigen Opfer das Schacharith--, Mincha--, und
+Maarib Gebet für jeden Tag, das Mussaph--Gebet für Sabbat-und
+Festtage und das Neïlah--Gebet für den Versöhnungstag ein.]
+
+[Fußnote 100: Taanith 27. Sanhedrin 43.]
+
+Jenes Opfer konnte von keinem dargebracht werden,
+der nicht vollständig rein war, der nicht durch seinen
+Willen alle störenden Gedanken zu beherrschen und unangefochten
+von der äußeren Welt, ganz mit seiner vollen
+Seele sich der heiligen Handlung hinzugeben vermochte;
+denn das Opfer wurde verworfen, wenn nicht sein eigentlicher
+Zweck, die rechte Andacht, den Opfernden erfüllte.
+So will denn auch ich mich zuvor prüfen, ob ich rein bin,
+ob ich würdig bin, vor dich, den Allheiligen hinzutreten,
+will deshalb zuvor Buße tun, will mich von allen weltlichen
+Gedanken losreißen, will die tierischen Triebe in
+mir töten und den irdischen Sinn abwerfen, jedesmal
+da ich vor dich hintrete, da ich vor deinem Angesicht in
+meinem, wie in der ganzen Gemeinde Namen erscheine.
+
+Denn das tägliche Opfer wurde ja im Namen der
+ganzen israelitischen Gemeinde gebracht und sollte dazu
+dienen, was man so oft vergißt, für all das Gute zu
+danken, das beständig in so reicher Fülle dem Menschen
+zuteil wird; dir dafür zu danken, daß du über ihn in
+der Nacht wachtest und ihm neues Leben schenktest, wenn
+des Morgens Licht ihn auf seinem Lager weckte, und daß
+du ihn den ganzen Tag alles finden läßt, dessen er bedarf.
+Dieses Opfer sollte in Israels Heiligtum ein Lamm sein,
+das dir als Dankopfer dargebracht wurde, der du
+durch den Schlummer der Nacht alle gestärkt,
+und wiederum am Abend, wenn es dunkelt als Dankopfer
+für den glücklich verlebten Tag.
+
+Und es war begleitet von einem Speiseopfer,
+wohl um für das Brot zu danken, welches der Mensch
+wiederum gefunden hatte, für Kraft und Schönheit
+des Körpers, was durch das Öl bezeichnet wurde, für
+die Gabe und den Vorzug des Geistes, was
+bildlich der Wein andeutete. So will auch ich, o Herr,
+jeden Morgen und jeden Abend deiner Wundertaten
+eingedenk sein und dir danken, weil du meinen Geist und
+meinen Körper erhältst, so will auch ich dir für alle zeitlichen
+Güter, die du mir verleihst, für die Sonne,
+welche ihre Strahlen auf meinen Weg sendet, für den
+erquickenden Schatten der Nacht, wie für das
+himmlische Licht, das Wort des Lebens, welches du
+mir gegeben hast, das Dankopfer meines Gebets darbringen.
+
+Aber das tägliche Opfer war ja auch ein Sühnopfer,
+welches täglich für die Gesamtheit Israels,
+wie für den Einzelnen, dargebracht werden sollte, nicht
+offenbare Vergehungen, sondern für diejenigen, deren der
+Mensch sich schuldig macht, ohne daß er sie sich zur Sünde
+anrechnet, und so sollte täglich das Bewußtsein der
+Sünde in der Brust des Israeliten geweckt werden.
+Dein, o Herr! ist der Tag und dein, o Herr! ist die
+Nacht, und beständig sollen wir dich vor Augen haben;
+unsere Arbeit wie unsere Ruhe soll von dem Gedanken
+an dich begleitet sein. Aber, wenn der Schlummer der
+Nacht uns in seine Arme schließen will, bevor der Schlaf
+unsere Sinne und Gedanken gebunden hält, da denken
+wir nicht an dich, da benutzen wir die ruhigen Augenblicke
+nicht dazu, dich zu erkennen und zu suchen; und in
+des Tages geschäftigem Treiben richten sich nicht die Gedanken
+auf dich, und wir vergessen es, deiner zu gedenken.
+Deshalb soll am Morgen ein Opfer gebracht werden
+für die Sünde der Nacht und am Abend für des
+Tages Sünde. Aber außerdem kann die ganze Gemeinde
+auch dem nicht entgehen, daß sie beständig sündigt,
+und jede einzelne Seele ist mitschuldig der Sündenschuld
+der großen Gesamtheit, und wer sich für unschuldig hält
+wie ein Lamm, ist sündig. Aber was ehemals das
+tägliche Opfer für mich wirkte, das soll jetzt durch mein
+tägliches Gebet erreicht werden, daß ich nicht in Leichtsinn
+wandeln möge, sondern das Bewußtsein der Sünde in
+mir wecke, die Erkenntnis dessen, wie weit meine Gedanken
+und Handlungen, meine Arbeit und meine Ruhe,
+im Großen wie im Kleinen von der Pflicht Israels abweichen,
+sodaß ich jeden Morgen und jeden Abend aufs
+neue geheiligt werde und den Vorsatz fasse, deinem Dienste
+zu leben, o Herr! ob ich nun meinen Erwerb mir
+suche, oder danach trachte, meines Hauses oder
+meines Namens Ansehen zu erweitern, oder ob ich
+in Freude und Frohsinn weile, wo der Wein des
+Menschen Herz erfreut.
+
+Und endlich sollte das tägliche Opfer von Beständigkeit
+im Glauben und in Gottergebenheit ein
+Zeugnis sein, und jeden Morgen und jeden Abend sollten
+Israels Kinder die Lebendigkeit dieses Glaubens zu erkennen
+geben, ob nun das Glück ihnen zulächelte oder ob
+Unglück sie in das Dunkel der Nacht hüllte. Ebenso
+will auch ich es früh und spät an den Tag
+legen, daß, welches Schicksal du mir auch sendest, ich
+stets mit Vertrauen mich dir nähern will und es soll
+stets nach Vorschrift am Morgen und am Abend geschehen;
+und indem ich mich an die heilige Ordnung binde, will
+ich den Geist des Gebetes in mir wecken und bewahren.
+Denn wenn auch die Pflicht zu beten, das Opfer des
+Herzens darzubringen, nicht an Ort oder Zeit gebunden
+ist, sondern wir stets und überall beten sollen, so oft wir
+uns dazu gedrungen fühlen, so sollen wir doch zu den
+festgesetzten Zeiten beten, wenn auch unser Herz uns nicht
+dazu drängt, weil wir sonst in dem Gewirre der Welt
+vielleicht niemals dazu veranlaßt würden. Aber gerade
+durch das tägliche Gebet, dadurch, daß wir mit aller
+Kraft unseres Willens darnach streben, von dem Geiste
+des Gebetes durchdrungen zu werden, sollen wir die
+Unlust zum Gebete überwinden, die Hindernisse besiegen,
+welche sich zwischen dich und uns stellen, o Gott, und
+den Geist der Welt ertöten, der uns den höchsten Schatz
+unserer Seele rauben will,--die Anbetung deines
+Wesens.
+
+So will ich denn dir mein tägliches Opfer darbringen,
+mein Gott, will meinen Willen dir ergeben, will jeden
+Morgen meinen Dank zu dir aufsteigen lassen und mich
+deiner Leitung anvertrauen und mich jeden Abend sorglos
+deiner Führung hingeben. Ich will Kränkungen ertragen,
+will das Schlechte nicht vergelten, das mir zugefügt wird,
+will um deinen Schutz bitten für alle, die auf Erden
+wandeln, will darnach streben von jeder sündigen Lust
+mich zu reinigen, will fest in meinem Glauben verharren,
+und will, wenn auch die Menge der Versuchungen mich
+umringt, wie manchen Kampf ich auch zu bestehen habe,
+meine Standhaftigkeit als Israelit zeigen, der nicht
+nach dem Lohne und der Ehre der Welt trachtet, sondern
+allein darnach strebt, dir wohlzugefallen und der gewiß
+ist, daß du den errettest, der dir beständig dient.[101]
+
+[Fußnote 101: Dan. 6, 27.]
+
+
+
+
+XXVI. Freitagabendbetrachtung.
+
+
+
+
+Bame madlikin.
+
+(Eine Betrachtung anstatt der Übersetzung.)
+
+
+Der letzte Tag in dieser Woche nähert sich seinem Ende und wieder
+schließt mit ihm ein Abschnitt meines Lebens ab, in dem ich deine Güte
+erfahren habe, du, mein Schöpfer, während ich meiner häuslichen
+Tätigkeit oblag. Die heilige Stunde ist nahe, mit welcher der Sabbat
+beginnt, der dazu da ist und da sein soll, eine heilige Ruhe in dir zu
+suchen und zu finden, indem ich auf das hinblicke, was du für mich
+vollführst hast, und indem ich prüfe, was ich vollbracht, und mit
+welcher Gesinnung ich gehandelt habe.
+
+O, schaue ich hin auf deine Liebe und Güte gegen mich in den sechs
+verflogenen Tagen, wie kann ich da Worte finden dir zu danken, der du
+wiederum das Werk der Schöpfung vor meinen Augen erneuert hast, der du
+am Tage deine Gnade über mich ausströmen und mich bei Nacht in deinem
+Schatten weilen ließest und der du mich mit so unendlich vielen
+Gnadenbeweisen, Wohltaten und Segnungen überschüttest hast, daß ich sie
+nicht zu zählen vermag! Du hast dich über mich erbarmt, mich jeden Tag
+zu meiner Tätigkeit gestärkt und hast mich durch so vieles erfreut; Du
+warst in trüben Stunden meine Kraft und mein Schild und du hieltest mich
+aufrecht im Unglück. O Herr! Ich bin nicht wert so großer Güte; denn
+gedenke ich meiner Aufgabe, die mir in diesen Tagen der Arbeit zu
+vollführen auferlegt war,--ach, wie oft war ich da nicht schlaff und
+nachlässig; wie oft vergaß ich nicht in meiner Tätigkeit zu dir
+aufzuschauen, zu wirken und zu schaffen, wie einer, der sich in deinem
+Dienste fühlt, der bei all seinem Tun dich stets vor Augen hat, daß er
+den rechten Weg nicht verliere und dir wohlgefalle. Ich weiß, daß ich
+leben soll, um das Wohl meiner Mitmenschen zu fördern und mit
+liebevollem Sinne ihnen Wohltaten zu erweisen; ach, und ich erkenne wie
+viel eigennützige und eitle Zwecke mich noch gebunden halten. Als
+Israelitin soll ich, was auch mein Beruf sei, beweisen, daß ich von
+einem Glauben beseelt bin, der voll Ergebung und Geduld ist, und deshalb
+ein Leben führen, das allen denen, die mir nahe stehen,
+heilbringend sei,--aber wie wenig schwebte solch ein Ziel mir bei all
+meinem Wirken vor!
+
+Wohl habe ich in der vergangenen Woche Zeit gefunden zu allem, was mein
+Herz begehrte, aber habe nicht, so wie ich sollte, mich bestrebt, mich
+als ein Glied der Genossenschaft zu beweisen, welche dein offenbartes
+Wort bewahren und das Licht, das göttliche Licht, der Welt leuchtend
+erhalten soll, und wenn ich auch einige flüchtige Augenblicke dazu
+anwandte, so konnte das doch nur wenig bedeuten für den, welchem die
+Sorge für die Bedürfnisse des Lebens keine Zeit lassen, frei zu atmen
+und an deine heiligen Wahrheiten zu denken. O Herr, deshalb bete ich zu
+dir: laß den heiligen Sabbat mir anbrechen, daß er meiner Seele Frieden
+bringe, auf daß ich deine unendliche Güte erkennen möge und aufs neue zu
+allem Guten erglühen und dazu beseelt werden möge, im Verein mit deinen
+wahren Anbetern dir zu dienen, den Glauben zu pflegen, zu fördern, was
+der Gesamtheit zum besten dient, mich allem fern zu halten, was den
+Israeliten entheiligt und mit neuer Lust aus der Quelle des Lebens zu
+schöpfen, in deinem Wort zu forschen, daß es mich in deiner Wahrheit
+stärke und wie eine reine Flamme voller Klarheit über die Erde
+leuchte und mich auf meinem Pilgerwege begleite, bis ich es in
+Herrlichkeit aufleuchten sehe, wenn die ewige Sabbatruhe kommt, wo
+seliger Friede und himmlische Ruhe mich bei dir erwarten!
+
+Amen!
+
+
+
+
+XXVII. Betrachtung zum Mussaphgebet.
+
+ (Das Nachfolgende ist ein Abschnitt aus dem Talmud (Tractat
+ Kritôth), welches die Art und Weise behandelt, in der das
+ Rauchopfer zubereitet wird. Anstatt einer wortgetreuen Übersetzung
+ wird folgendes Gebet gegeben).
+
+Pittum hak'tôres.
+
+
+So nähert sich denn die Zeit des Verweilens in deinem Hause ihrem Ende,
+und die angeordneten Gebete haben wir verrichtet; aber ach, wie mancher
+Augenblick weckte nicht einen Gedanken in uns, der wider den Geist des
+wahren Gebetes stritt! Wie oft regten sich nicht sündige Gefühle in
+unserer Brust; wie oft störten wir durch unser Benehmen nicht die
+Andacht anderer, wie oft wankten wir nicht beim Gebet im Glauben an
+Erhörung; wie oft ärgerten wir uns nicht über die Herrlichkeit und den
+Glanz der Gottlosen und ließen den Nächsten, ließen den Abgefallenen aus
+unserm Gebete ausgeschlossen sein, so daß unsere Anbetung dir nicht zum
+Wohlgefallen sein konnte! Deshalb, o Allerbarmer, wollen wir des
+Rauchopfers gedenken, das vormals im Heiligtum dir zu einem
+wohlgefälligen Dufte dargebracht wurde, auf daß es alles Widerliche vom
+Opfer entferne. Wir wollen uns an die vier Hauptbestandteile des
+Räucherwerks erinnern, daß jede Andachtsträne, die heute floß, wie ein
+Balsamtropfen sein, jeden bekümmerten Sinn heilen und von wahrer
+und innerlicher Buße hervorgerufen sein möge; daß des Herzens harte
+Schale zermalmt werde, und wir keinen Zweifel nähren mögen, daß du
+das Gebet eines zerknirschten Herzens[102] nicht verachtest. Und wir
+wollen uns erinnern, daß man dem Weihrauch auch Galban, eine
+Substanz von unangenehmen Geruch, zusetzte, eine Erinnerung für uns
+daran, daß du selbst die Tiefgefallenen erhörst, welche bereuend ihre
+Gebete in das Gebet der Gemeinde mischen, ja eine Erinnerung daran, daß
+unsere eigene, fromme Erbauung[103] dadurch vermehrt wird, wenn wir
+diese in unser Gebet einschließen, wenn wir uns selbst zu ihnen rechnen
+und in Demut deinen Namen anflehen; eine Versicherung, daß wenn wir auch
+eine Stunde vergaßen, daß wir vor dir stehen und andachtslos hier
+weilten, du uns doch vergeben willst, wenn wir mit heiligem Sinne kommen
+und unsere Gebete wie Weihrauch zu dir aufsteigen lassen, und wenn
+wir noch zum Schluß recht innig unsern Geist zu dir erheben. O,
+Allheiliger, erhöre uns und laß unser Gebet vor dir wie ein Rauchopfer
+ein.[104]
+
+Amen!
+
+[Fußnote 102: Ps. 51, 19.]
+
+[Fußnote 103: Kritôth Fol. 6, 66.]
+
+[Fußnote 104: Ps. 141, 2.]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Gebete für Israeliten, by A. A. Wolff
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEBETE FÜR ISRAELITEN ***
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+ gbnewby@pglaf.org
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+
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+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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+
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+
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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+
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