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+The Project Gutenberg EBook of Der goldene Spiegel, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der goldene Spiegel
+ Erzählungen in einem Rahmen
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: October 24, 2006 [EBook #19611]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Der
+ goldene Spiegel
+
+
+ Erzählungen in einem Rahmen
+ von
+ Jakob Wassermann
+
+
+ Achte Auflage
+
+ S. Fischer * Verlag * Berlin
+ 1912
+
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
+ Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin.
+
+
+
+Kapitelfolge
+
+Franziska und die Freunde 1
+Was über den Spiegel beschlossen wurde 13
+Die Pest im Vintschgau 25
+Der Stationschef 47
+Geronimo de Aguilar 63
+Von Helden und ihrem Widerspiel 89
+Der Tempel von Apamea 107
+Die Gefangenen auf der Plassenburg 135
+Paterner 176
+Nimführ und Willenius 196
+Herr de Landa und Peter Hannibal Meier 212
+Begegnung 231
+Die Geschichte des Grafen Erdmann Promnitz 242
+Franziskas Erzählung 275
+Aurora 291
+Der Affe und der Spiegel 323
+
+
+
+ _Ich widme dieses Buch meiner Frau._
+
+ O thou whose face hath felt the Winter’s wind
+ Whose eye has seen the snow-clouds hung in mist,
+ And the black elm-tops ’mong the freezing stars,
+ To thee the Spring will be a harvest time.
+ O thou, whose only book has been the light
+ Of supreme darkness which thou feddest on
+ Night after night when Phoebus was away,
+ To thee the Spring shall be a triple morn,
+ O fret not after knowledge, I have none,
+ And yet my song comes native with the warmth.
+ O fret not after knowledge, I have none
+ And yet the evening listens.
+ He who saddens
+ At thought of idleness cannot be idle,
+ And he’s awake who thinks himself asleep.
+ _Keats._
+
+
+
+
+Franziska und die Freunde
+
+
+Drei junge Leute von besonderer Art lernten auf einem Ball im
+Künstlerhaus ein siebzehnjähriges Mädchen kennen, das sehr liebreizend
+war, Franziska hieß, die Schauspielkunst studierte und das Leben liebte.
+Sie trug ihre Armut wie eine vorläufige Hülle, und die Daseinsstimmung,
+in der sie sich befand, wird am besten verglichen mit der morgendlichen
+Munterkeit eines kräftigen und entschlossenen Bergsteigers.
+
+Was die jungen Männer betrifft, so waren es Söhne aus reichen und
+geehrten Familien, und sie standen in der Reihenfolge der Jahre zwischen
+dreiundzwanzig und achtundzwanzig, die der Freundschaft noch angemessen
+ist. Eine Aufzählung im Steckbriefstil mag die genauere Bekanntschaft
+mit ihnen vorbereiten. Rudolf Borsati war Arzt, mittelgroß von Figur,
+ziemlich fett, doch immerhin elegant in der Erscheinung, von Bart und
+Haar blond wie türkischer Tabak, von Gemütsart verträglich, schmiegsamen
+Geistes und in den Manieren von charaktervoller Liebenswürdigkeit. Die
+Klientel brachte ihm nur geringen Verdienst, er selbst war sein
+treuester Patient, denn er beobachtete mit aufmerksamer Hypochondrie die
+Entstehung und den Wechsel einer großen Zahl von Krankheiten in seinem
+eigenen Körper. Georg Vinzenz Lamberg, ein stattlicher, brünetter,
+passioniert aussehender Mensch, der im Gang und im Gehaben etwas
+Fürstliches hatte, eine rasche, aufsammelnde, entscheidende und
+entschiedene Selbstherrlichkeit, war Archäolog ohne Amt, Privatgelehrter
+ohne bestimmte Richtung, ein Sonderling mit leidenschaftlichen
+Neigungen, der sich zu den Dingen und den Kreaturen in ein Verhältnis
+voll Tyrannei und Abwehr begeben hatte. Am meisten auf das Äußere der
+Welt und das Tätige des Lebens gerichtet war Cajetan von Prechtl,
+deshalb hatte er auch Franziska zuerst für sich gewonnen. Er war
+angehender Diplomat, hatte Ehrgeiz, und in seinem altschmalen Gesicht
+saßen zwei dumpfglänzende Augen mit dem starken und weithinausschauenden
+Blick eines zielgewissen Schützen. Eine fantasievolle Welterfahrung war
+ihm eigen, die ebensogut auf einen Dichter wie auf einen künftigen
+Staatsmann schließen lassen konnte und durch eine seltsame
+Verschwisterung politischer und romantischer Elemente jedenfalls
+bemerkenswert war.
+
+Ihm glückte es, dem Direktor eines der ersten Theater für Franziska
+Teilnahme einzuflößen. Ihr Debüt war ein Triumph. Die Poesie ihres
+Lächelns, ihrer Geberde, ihrer Haltung verlieh der mittelmäßigen Komödie
+einen Schein von Tiefsinn und Elan, und selbst diejenigen, die ihre
+Schönheit auf Kosten ihrer Begabung lobten, räumten ein, daß hier
+persönlicher Zauber wie Genie wirke. Borsati fand sein Gemüt bewegter,
+als er dem jüngeren Freund gestehen mochte, aber Cajetans
+wechselsüchtiges Herz hatte sich unlängst für eine andere entzündet, und
+nachdem sich die Beiden gegeneinander ausgesprochen, gelang es Borsati
+bald, Franziskas Gunst zu erwerben. Er erhob sie, indem er sie trug,
+und förderte sie, indem er ihr huldigte. Es war ein zartes Verhältnis
+und voll Kameraderie, doch konnte es den Lebensdurst des jungen Mädchens
+weder befriedigen, noch verringern; ihr war immer, als ob sie viel, als
+ob sie alles versäumte, und je mehr sie zur Frau reifte, je ungestümer
+fühlte sie sich aufgefordert, dem Ruf ihrer gestaltlosen, aber feurigen
+Träume zu folgen.
+
+An einem bestimmten Abend in jeder Woche fanden sich Cajetan und Georg
+Vinzenz bei Franziska und Borsati ein, und bei gutem Essen und
+vortrefflichen Weinen verplauderten sie oft die halbe Nacht. Eines Tages
+brachte Borsati einen fremden jungen Mann zu diesem Symposion mit, einen
+Menschen von nicht sehr gepflegtem Äußeren und eckigem Betragen, der
+sich Heinrich Hadwiger nannte und Ingenieur war. Von den befremdeten
+Gefährten später unter sechs Augen zur Rede gestellt, erklärte Borsati,
+daß er Hadwiger schätze, und daß ihn ihre hochmütige Zurückhaltung nur
+desto schätzenswerter erscheinen lasse. Seiner Jugend und feindseligen
+Widerständen zum Trotz hatte Hadwiger den Auftrag erhalten, eine der
+neuen Gebirgsbahnen im Süden des Reichs zu bauen, und sein kühnes
+Projekt bildete das Staunen der Kenner. Aus den dürftigen Verhältnissen
+eines westfälischen Kohlendorfes stammend, war alles was er besaß und
+vorstellte, Errungenschaft eines ungeheuren Fleißes und einer
+beispiellosen Willenskraft. Anfänglich der schlecht besoldete Beamte
+einer englischen Maschinenfabrik, hatte er sich zu einer heiklen Mission
+freiwillig gemeldet und wurde nach Ägypten und nach Brasilien
+geschickt, um die damals neuen Dampfpflüge einzuführen, was erst nach
+großen Schwierigkeiten und abenteuerlichen Mühsalen gelang. Ein
+Brückenbau im Staate Illinois hatte ihn berühmt gemacht, und er zählte
+nun zu den Ersten seines Fachs. Soviel wußte man von ihm, doch ohne
+Zweifel war in seiner Vergangenheit etwas, was er nicht mitteilen mochte
+und was ihn verfolgte, das verriet sein Auge und sein Schweigen.
+
+Bald brauchte Hadwiger inmitten der Freunde nicht nur geduldet zu
+werden, er wurde Freund mit ihnen. Freilich war sein Gefühl bisweilen
+beengt; ein Mensch, der einmal ums Brot gekämpft hat, trägt Narben im
+Gemüt, die im Kreise der Sorglosen heimlich zu bluten beginnen. Seine
+schwankende Stimmung ließ auf eine unzufriedene Seele schließen, sein
+rascher Haß nötigte zur Vorsicht gegen sein Urteil. Manchmal erregte er
+Gelächter, häufiger ein Lächeln. Wie die meisten Emporkömmlinge war er
+naiv und selbstgefällig, und er konnte sich in einer so umfassenden
+Weise loben, daß den Zuhörern bei allem Respekt das Herz im Leibe
+lachte.
+
+Auch Franziska fand ihn spaßhaft, doch ließ sie sich seine wachsende
+Verehrung immer lieber gefallen. Er gehörte nach ihrer Meinung nicht zu
+den Männern, die man liebt; seine tiefe Anhänglichkeit belohnte sie
+durch Vertrauen. Als er des Bahnbaues wegen die Stadt verlassen hatte,
+blieb sie im Briefwechsel mit ihm. Cajetan befand sich um diese Zeit bei
+der Botschaft in Washington, und Lamberg, dessen Vater unlängst
+gestorben war, ging für einige Monate auf Reisen. Inzwischen löste sich
+der Bund Franziskas mit Borsati ohne Lärm noch Katastrophe, etwa wie ein
+schöner Spaziergang endet, und obwohl sie nach der Rückkunft der andern
+Freunde gern und oft an den regelmäßigen Zusammenkünften teilnahm,
+führte sie ihr Leben fern von ihnen. Hie und da deutete ein Wort, ein
+Ausruf, eine Klage das Ermattende und Verzehrende ihrer Existenz an,
+doch bewahrte sie stets die ihr eigentümliche Heiterkeit und
+Leichtigkeit. Sie war schön; schön geworden, was mehr besagen will, als
+schlechthin schön. Voller Beseelung Auge, Hand und Schritt, voll Reife
+und Bewußtsein; Eitelkeit zeigte sie nur im Kleinen und Scherzhaften, im
+Ganzen Maß und Haltung, erworbene Würde, natürlichen Adel. Sie war eine
+jener Frauen, bei deren Anblick einem Manne das Herz still steht. Sie
+hatte etwas von der Wahrheit der Elemente, und etwas vom Glanz und der
+rührenden Einsamkeit der großen Kunstwerke. Leben und Erlebnis hatte sie
+geläutert und erhoben, so wie sie manche Andere trüben und erniedrigen.
+Gleichwohl verschwendete sie sich; zum Genuß vorbestimmt, genoß sie
+umsomehr, je mehr ein begierdevolles Sinnenwesen sich ihr unter
+verführerischen Formen nahte. Sie bewegte sich in der großen Welt, als
+ob sie darin geboren wäre; die Außenseite ihres Daseins war ohne
+Geheimnis, man erzählte sich von ihr in allen Salons und Kaffeehäusern;
+was sie hinriß, was sie spannte, bezauberte, in Atem hielt, war den
+Freunden, insbesondere Borsati und Hadwiger, ein Rätsel und das
+Offensichtliche wie das Verborgene gab ihnen Anlaß zu Befürchtungen
+aller Art, zumal es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stand. Als
+Hadwiger einst sie zur Besinnung bringen wollte, versicherte sie ihm,
+daß sie selbst kaum wisse, wovon sie getrieben werde; vielleicht sei es
+der Tod; jeder Gedanke an den Tod jage sie wilder ins Leben hinein. Vor
+Jahren habe sie auf einer Bauernhochzeit getanzt, während im Dorf die
+Häuser zu brennen angefangen; Weiber und Männer seien fortgeeilt, doch
+sie habe einem Geiger ein Goldstück hingeworfen, damit er weiter spiele
+und mit ihrem Tänzer sich noch herumgeschwungen, bis der Feuerschein
+dicht an den Fenstern lohte.
+
+So plauderte sie beim Probieren eines Hutes, und Hadwiger ging von ihr,
+weil sie so leer erregt zu ihm sprach wie in der Pause zwischen zwei
+Tänzen. Dann rief sie ihn wieder, in der Pause zwischen zwei Tänzen,
+schloß schwesterlich ihr Herz auf und nährte sein verschwiegenes
+Mitgefühl in ungewollter Grausamkeit.
+
+Eines Tages gab sie die Rolle der Marianne in Goethes Geschwistern.
+Lamberg war im Theater, und ihm schien es, als rede sie von der Szene
+herab zu ihm allein. Eine gewisse hinschleppende Müdigkeit verwischte
+das Liebliche der Figur und verlieh ihr einen unwillkommenen Zug von
+Wehmut. Darüber ärgerte sich Lamberg. Nach der Vorstellung erwartete er
+Franziska am Bühnenausgang. Ihr schuldbewußtes Lächeln machte seine
+Strafpredigt überflüssig. Es war etwas Trauriges an ihr wie an einer
+Winterrose, die das offene Fenster scheuen muß. Lamberg führte sie in
+sein Haus, bewirtete sie, und seine unerwartete Wärme ergriff Franziska.
+Es war eine schöne Sommernacht, sie wandelten im Garten, scherzten und
+philosophierten. Schließlich erzählte sie ihm, daß der Fürst Armansperg,
+Majoratsherr, Besitzer eines Hundertmillionenvermögens, Herr auf
+Günderau, Weilburg und Schloß Gamming, um ihre Hand angehalten habe.
+Seine Angehörigen, trostlos über diesen Entschluß, setzten alles daran,
+ihn an der Ausführung zu hindern, und sie selbst sei durch deren Ränke
+und Intrigen zu unverschuldeten Leiden verurteilt. Lamberg erwähnte, daß
+er den Fürsten vom Sehen kenne; eines der Armanspergschen Güter lag
+unweit von seinem Landhaus im Gebirge. Er schätze ihn auf sechzig, traue
+ihm aber Entschiedenheit genug zu, um einer Familien-Revolution die
+Spitze bieten zu können.
+
+Noch einmal vergessen; um Eros willen noch einmal; die unbeschwerte
+Seele dem Gott entgegentragen: kurze Stunden. Er mag die Stunden zählen
+und sein heitres Antlitz verschleiern, wenn der Morgen dämmert; dann
+sende er den Schlaf, und die nüchterne Sonne erfüllte ihn mit Trauer um
+so viel Lust, die gewesen ist. »Wer weiß, ob ich dich überhaupt liebe,«
+sagte Franziska; »vielleicht wollt’ ich mich nur überzeugen, ob ein
+wirkliches Menschenherz in dir steckt.« – »Kann man davon Gewißheit
+erlangen?« versetzte er in seiner stets auf Entfernung bedachten Art.
+Und sie wieder: »Blut und Atem sind auch schon etwas, wenn man sie
+spürt. Verbirg dich nicht so in deiner Kühle, denn du bist nicht so
+stark wie du dich stellst.«
+
+Kurz darnach tauchte in den höheren Zirkeln der Gesellschaft ein Mann
+auf, der sich Riccardo Troyer nannte, von vielen als ein Däne, von
+andern als ein Italiener bezeichnet wurde, und dessen Reichtum durch
+eine verschwenderische Lebensführung unbezweifelbar schien. Man rühmte
+seine verlockenden Umgangsformen, und der Eindruck seines reckenhaften
+Körperbaues werde durch ein Gebrechen kaum verringert, hieß es; er hinke
+nämlich, wie Lord Byron, sei aber, wie Lord Byron, dabei ein vollendeter
+Reiter, Schwimmer und Fechter. Wem der Hinweis auf ein romantisches
+Genie von hundertjähriger Berühmtheit nicht zusagen wollte, dem wurde
+versichert, daß Riccardo Troyer an moderner Prägung nichts zu wünschen
+übrig lasse, da er durch Börsen- und Minenspekulationen großen Stils zu
+seinem Vermögen gekommen sei. Legenden von Ehebrüchen und Entführungen,
+denen eine mißtrauenswerte Gewöhnlichkeit anhaftete, wurden behend
+verbreitet, von Selbstmorden junger Frauen und Mädchen mittelst Wasser,
+Gift, Fenstersturz und Leuchtgas, und die obere Menschheitsregion, die
+sich so argwöhnisch gegen einen einheimischen Frack vom vorigen Jahre
+verhält, stand geblendet vor diesem ausländischen der letzten Mode, der
+von einem Zauberkünstler ohnegleichen getragen wurde; nicht einmal die
+Kunde von allerlei verwegenen Geldtransaktionen und Wechselgeschäften
+konnte die Glorie des Fremdlings beeinträchtigen.
+
+Zur Zeit, als das Gerücht den Namen Franziskas mit dem des Abenteurers
+vorsichtig zu verbinden begann, weilte Lamberg seit Wochen auf dem Land.
+Er hatte die Freunde ermuntert, ihn zu besuchen, und Ende August, da der
+lästige Schwarm der Sommerfrischler schon verschwunden war, trafen alle
+ein. Cajetan war, drei Tage vor den andern, aus Rom gekommen und wohnte
+bei Lamberg, Borsati und Hadwiger logierten in einem entzückenden
+kleinen Hotel unten am Seeufer, eine Wegviertelstunde von Lambergs Villa
+entfernt. Es war an einem Nachmittag, die Freunde saßen teetrinkend im
+Gartenhaus unter mächtigen Ahornbäumen, und Cajetan hatte eben erzählt,
+daß er bei der Gräfin Seewald, der Schwester des Fürsten Armansperg,
+eine Visite gemacht und Franziska dort gesehen und flüchtig gesprochen
+habe, als sie selbst den Wiesenweg heraufkam, in ihrer herrlich
+aufrechten Haltung, mit dem blauseidenen Überwurf und dem bunten Hut wie
+eine wandelnde Blume anzusehn. Sie begrüßte die Freunde, sie nahm Platz,
+begehrte Tee zu trinken und plauderte in der lebhaft erregten Art, die
+innere Unruhe und Hast verbergen will. »Wie steht es nun? wirst du uns
+also verlassen?« fragte Borsati mit zärtlichem Vorwurf. Franziska
+erwiderte weich: »Ihr sollt ein Andenken von mir haben.« – »Wir haben es
+immer,« versicherte Borsati galant. Sie ließ den erinnerungsvollen Blick
+in seinen Augen ruhen und wiederholte: »Ihr sollt ein Andenken von mir
+haben.«
+
+Sie hatte schon Abschied genommen, flüchtiger als die Gelegenheit zu
+fordern schien, da kehrte sie noch einmal zurück und sagte: »Wollt ihr
+heute übers Jahr wieder hier versammelt sein? Wollt ihr das? Dann
+verspreche ich euch, zu kommen.« Die Freunde sahen einander verwundert
+an, doch Franziska fuhr fort: »Heut ist der erste September, – also
+übers Jahr am gleichen Tage bin ich wieder hier, und vorher werdet ihr
+mich wohl kaum sehen. Halten wir die Verabredung, machen wir’s wie die
+Brüder im Märchen, sagt ja und ich gehe froher von euch weg.«
+
+»Muß es denn am selben Tag sein?« fragte Cajetan.
+
+»Gewiß, nur dann ist es bindend,« versetzte sie.
+
+Das Versprechen ward von jedem in ihre Hand geleistet und sie ging.
+Alle schauten ihr betroffen und teilnahmsvoll nach, wie sie fast
+fliegend rasch den umgrünten Pfad hinuntereilte. Sie fuhr am nächsten
+Tag in die Stadt zurück, und kaum eine Woche war vergangen, so brachten
+alle Zeitungen die Neuigkeit, daß Franziska, die schöne Schauspielerin,
+mit Riccardo Troyer verschwunden sei. Die Nachricht verursachte schon
+deshalb Bestürzung, weil man die Heirat Franziskas mit dem Fürsten
+Armansperg als nahe bevorstehend betrachtet und das Gewagte einer
+solchen Verbindung hatte vergessen wollen. Man wußte zu sagen, daß der
+Fürst außer sich und nur mit Mühe verhindert worden sei, den Abenteurer
+polizeilich verfolgen zu lassen. Er war auf das Ereignis nicht im
+mindesten gefaßt gewesen, einzelne Warnungen hatte er verächtlich
+aufgenommen, doch von der Stunde ab zog er sich von der Welt zurück und
+lebte einsam.
+
+Während alles dies sich abspielte, erhielt Lamberg ein Paket und einen
+Brief Franziskas. Der Brief berührte die eingetretene Schicksalswendung
+mit keiner Silbe und war so kurz wie er überhaupt nur sein konnte. »Ich
+gebe euch, Georg Vinzenz, Heinrich, Rudolf und Cajetan zum Abschied und
+zur Erinnerung den goldnen Spiegel der Aphrodite, den mir ein teurer und
+nun verstorbener Freund geschenkt hat. Ich hab euch einmal davon
+erzählt, schlecht wie mir scheint, sonst wäret ihr gekommen, um das
+wunderbare Ding anzuschauen. Der Spiegel soll keinem gehören und jedem,
+keiner soll ein Vorrecht darauf haben, weil ihr mir alle gleich wert
+seid und es eine frohe Empfindung für mich ist, ihn als ein Sinnbild
+meiner Liebe und Dankbarkeit in eurem Besitz zu wissen. Lebt wohl,
+vergeßt euer Versprechen nicht und denkt zuweilen an euer Geschöpf, eure
+Schwester, eure ewig getreue Franziska.«
+
+Der Spiegel war in der Tat ein ausgezeichnet schönes Stück. Er war um
+das Jahr 1820 in den Ruinen eines kretischen Palastes aufgefunden
+worden, kam in die berühmte Sammlung Diatopulos und gelangte fünfzig
+Jahre später in die Hände des Herzogs von Casale. Im Jahre 1905, nach
+dem Tod des Herzogs, wurde, um dessen Schuldenlast zu tilgen, der
+Spiegel nebst vielen andern Kunstobjekten zu Paris versteigert, und dort
+hatte ihn der unbekannte Verehrer Franziskas erworben.
+
+Die Freunde einigten sich dahin, daß jeder von ihnen den Spiegel für die
+Dauer von drei Monaten unter seinem Dach beherbergen sollte. Wären sie
+nicht Männer von Geschmack und Geist gewesen, so hätte Franziskas Gabe
+leicht Ärgernis stiften können. Keiner hatte Sicherheit; an wen die
+Reihe kam, der war zum voraus verstimmt über die Scheinhaftigkeit seines
+Rechts. Gemeinhin macht der Besitz die Dinge fremder; hier, wo der
+Gewinn schon den Verlust bedingte, hielt Ungewißheit das stets wieder
+entgleitende Gut doppelt lebendig. Hätte Franziska das Geschenk einem
+unter ihnen zugesprochen, so wäre für die andern keine Beunruhigung
+erwachsen, und der Erwählte hätte den Frieden der Gleichgiltigkeit nicht
+lange entbehrt. So wurde das Beschenkt- und Beraubtwerden zur gleichviel
+bedeutenden Pein.
+
+Franziska blieb wie verschollen. Unter ihren zahlreichen Bekannten
+hatte niemand von ihr gehört, und der Urlaub, den sie vom Theater
+genommen, war längst überschritten. Es hieß, der Fürst Armansperg habe
+über Riccardo Troyer weitläufige Nachforschungen anstellen lassen, die
+zu einem bedenklichen Ergebnis geführt hätten. Auch davon wurde es
+allgemach still. Im Juli hielt sich Hadwiger einige Zeit in Paris auf
+und hörte, daß Troyer während des spanisch-marokkanischen Kriegs als
+Agent einer englischen Gewehrfabrik in Madrid tätig gewesen, daß er
+Betrügereien verübt und aus dem Land gejagt worden sei. Hadwiger konnte
+nicht vergessen; er war nicht fähig, sich ins Unwiderrufliche zu finden.
+Er grollte der Fügung, sein Gemüt war verdunkelt, und um der
+Gedankenspiele enthoben zu sein, arbeitete er Tag und Nacht.
+
+So ging das kleine und das große Leben weiter. Im Juli bezog Lamberg
+seine Villa im Gebirg. Mit einer Köchin, dem Diener Emil und einem Affen
+verließ er die Stadt. Den Affen hatte er vor kurzem von einem
+holländischen Kaufmann erhalten und war förmlich verliebt in ihn. Es war
+ein junger Baam oder Schimpanse, der die Größe eines achtjährigen Knaben
+hatte. Durch die Unterhaltungen mit dem sich selbst ernst nehmenden Tier
+erlangte er Einblick in die Fülle schönen Humors, von welcher der sich
+selbst ernst nehmende Mensch umgeben ist.
+
+In der letzten Woche des August trafen Hadwiger, Borsati und Cajetan
+ein. Sie wohnten diesmal alle drei in dem Gasthaus am See, da Cajetan
+nicht begünstigt zu sein wünschte und das lieblich barocke Hotelchen
+ebensoviele Bequemlichkeiten bot wie Lambergs Junggesellenheim.
+
+
+
+
+Was über den Spiegel beschlossen wurde
+
+
+Sieben Seen, zwischen Felsen und Wälder düster gebettet die einen, im
+Schutz freundlicher Hänge leuchtend die andern, konnte das Auge des
+Betrachters von jedem beherrschenden Gipfel aus erblicken. Wege zogen
+hügelauf- und abwärts; feste weiße Wege; durchschnitten und umgürteten
+die langgestreckten Dörfer, begleiteten lärmende Bäche, verloren sich in
+Wiesen, schlüpften über Brücken und Stege und klommen windungsreich an
+den kraftvoll gestalteten Bergen empor. Hier ein Garten, daneben eine
+Wildnis, da eine Ruine, drüben eine gewaltige Wand, im Norden kahle
+Steinriesen, im Süden ein erhabenes Gletscherhaupt; so wurde das Bild
+geschlossen, das harmonisch im einzelnen wie groß im ganzen war.
+
+Dem Gletscher fern gegenüber, um die ganze Weite eines Tals, eines
+ausgedehnten Plateaus und einer tiefen Senkung hinter dem Plateau von
+ihm entfernt, lag die Villa Lambergs. Der Mond stand am Himmel, und
+durch die offenen Fenster drangen die eifrig sprechenden Stimmen in die
+Stille der Landschaft, die durch die vereinfachenden Linien der Nacht
+geisterhaft entrückt schien. Das Abendessen war vorüber, Borsati,
+Cajetan und Lamberg saßen noch am Tisch, Hadwiger ging in sichtlicher
+Aufregung hin und her. Er nahm es den Freunden übel, daß sie so
+gleichmütig waren, – denn heute war der Tag, für den Franziska sie alle
+zum Stelldichein gebeten hatte. Sie war nicht gekommen, und es bestand
+wenig Grund zu der Hoffnung, daß sie noch kommen würde, jetzt, in den
+Stunden der Nacht. Wer weiß, wo sie ist; wer weiß, ob sie lebt, dachte
+er bekümmert. Dann grübelte er darüber nach, wie er es anfangen könnte,
+um das Gespräch auf die Erwägungen zu lenken, die ihn so schmerzhaft
+beschäftigten. Hatte er doch während der Dauer eines Jahres diesem Tag
+entgegengelebt, nichts weiter, und das Wort Franziskas war ihm für beide
+Teile als so unwiderruflich erschienen, daß kein Zweifel sich in sein
+Zutrauen mischte. Nun war es Abend, und es war ein Tag vergangen wie
+viele andere Tage vor ihm. Warum sprechen sie nicht von ihr? dachte er;
+ist es Verstellung oder Kälte? Das, was sie Haltung nennen oder jene
+Herzensglätte, die sie mir oft so fremd macht?
+
+Er blieb vor dem goldenen Spiegel stehen, der auf seiner Runde seit
+einigen Wochen zu Lamberg zurückgekehrt war, und betrachtete in dumpfer
+Verlorenheit das Wunder aus alter Zeit.
+
+Es war eine kreisrunde Scheibe aus ermattetem Gold; sie wurde mit
+hocherhobenen Armen von der Figur einer Göttin getragen, die auf einer
+köstlich gearbeiteten Schildkröte stand. Die Rückseite der Scheibe
+zeigte die Figur eines Jünglings, offenbar eines Narzissos, der in
+lässig schöner Art auf einem Felsblock saß, zwei lange Stäbe im rechten
+Arm und in kaum angedeutetem, nur mit wenigen Strichen graviertem Wasser
+die Umrisse seines Bildes beschaute. Tief am Rand war in griechischen
+Lettern das Wort Leäna eingeritzt, welches der Name der Hetäre sein
+mochte, die einst den Spiegel als Eigentum besessen hatte. Das ganze
+Kunstwerk war ungefähr zwei Handlängen hoch.
+
+Cajetan erhob sich, trat zu Hadwiger und legte den Arm mit jovialer
+Geberde auf dessen Schulter. »Die weibliche Figur steht unvergleichlich
+da«, sagte er. »Sie trägt wirklich; jeder einzelne Muskel ihres Körpers
+trägt. Finden Sie nicht, Heinrich? Dabei ist doch Leichtigkeit in der
+Bewegung, wie man etwas hält, dessen Besitz die Kräfte erhöht.«
+
+»Es ist eine edle Form«, bestätigte Lamberg, »und um zu ermessen, wie
+die Alten solche Dinge gearbeitet haben, muß man nur die Schildkröte
+ansehn. Welche Feinheit! Da fehlt kein Zug der Natur und doch gibt sie
+vor allem die Idee eines Postaments.«
+
+»Man ist überzeugt, daß die Last für diesen Panzer gar nicht wiegt«,
+versetzte Cajetan.
+
+»Mich dünkt bisweilen«, warf Borsati ein, »daß sich das Gesicht der
+Aphrodite durch einen fahleren Glanz von der Färbung des übrigen Gusses
+abhebt.«
+
+Lamberg erwiderte, er habe es auch schon beobachtet. »Nur weiß ich eben
+nicht, was daran die Zeit verschuldet hat«, fuhr er fort. »Bekannt ist
+jedenfalls, daß der Bildhauer Silanion Silber in das Erz mischte, aus
+dem das Antlitz der Jokaste bestand, um durch die bleichere Schattierung
+den Tod anzudeuten. Und um die Raserei des Athanas auszudrücken, tat
+Aristonidas Eisen in die Masse, wodurch er eine charakteristische
+Rostfarbe erzeugte. Sieht es nicht aus, als ob die Züge der Venus von
+einem imaginären Mond bestrahlt seien?«
+
+Hadwiger, der für diese Erörterungen wenig Interesse bewies, sah nach
+der Uhr. Lamberg fing den Blick auf und lächelte. »Warum lächeln Sie?«
+fragte ihn Hadwiger stirnrunzelnd. – »Wo ich Ungeduld bemerke, muß ich
+stets lächeln«, antwortete Lamberg mit herzlichem Ton. – »Und Sie
+empfinden keine? Sie erwarten nichts?« Lamberg schüttelte den Kopf. –
+»Und ihr erwartet auch nichts?« wandte sich Hadwiger schüchtern und
+erstaunt an die andern beiden. »Ich habe Franziskas Wunsch schon damals
+für eine Laune gehalten«, bekannte Cajetan. – »Warum sind Sie dann
+gekommen?« fragte Hadwiger fast schroff. – »Erstens, weil ich mit
+Vergnügen hier bin, zweitens, weil ich durch mein gegebenes Wort
+genötigt war, die Laune ernst zu nehmen«, war die Erwiderung. – »Und Sie
+auch, Rudolf?« – »Ich glaube nie an Programme und bin mißtrauisch gegen
+Verabredungen, weil sie fesseln und meist einseitig verpflichten«, sagte
+Borsati.
+
+Cajetan brachte das Gespräch auf Riccardo Troyer. Er war dem
+berüchtigten Ausländer mehrmals in der Gesellschaft begegnet und rühmte
+ihn als einen Mann von großer Welt, der einer souveränen Macht über die
+Menschen in jedem Fall und bis zur Frivolität sicher sei und, ob er nun
+geächtet oder bewundert werde, Merkmale einer dämonischen Besonderheit
+so deutlich an sich trage, daß man sich seinem Einfluß nicht entziehen
+könne. Borsati tadelte das Wort von der dämonischen Besonderheit als
+einen jugendlichen Galimathias; nach seiner Erfahrung seien die
+sogenannten dämonischen Menschen unverschämte Komödianten, sonst nichts.
+Aber Cajetan fuhr unbeirrt fort und sagte, er habe das Wesen nicht
+begriffen, das um Franziskas letzte Liaison gemacht worden, zumal die
+Ehe mit dem alten Armansperg keineswegs zu gutem Ende hätte führen
+können.
+
+»Aber nie zuvor hat sie sich weggeworfen«, rief Hadwiger aus.
+
+»Sie hat es auch in diesem Fall nicht getan«, antwortete Cajetan ernst
+und bestimmt. »Eine Frau wie sie folgt untrüglichen Instinkten, und
+selbst wenn sie den Weg ins Verderben wählt, liegt mehr Schicksal darin
+als wir ahnen. Sie hat sich niemals weggeworfen, das ist wahr. Wer sich
+hingibt, kann sich nicht wegwerfen, und es existiert eine Treue gegen
+das Gefühl, die von höherem Rang ist als die Treue gegen die Person.«
+
+Es war elf Uhr geworden, und die drei Hotelbewohner verabschiedeten sich
+von Lamberg. Dieser stand auf dem Balkon und lauschte noch lange ihren
+in der Nacht verhallenden Stimmen. Weit drunten auf der Landstraße
+rasselte ein Wagen. Georg Vinzenz trat ins Freie, befühlte das Gras und,
+da er es trocken fand, prophezeite er im stillen für den morgigen Tag
+schlechtes Wetter. Er ging dann in das obere Stockwerk des Hauses,
+öffnete die Tür zu einer dunklen Kammer und rief: »Quäcola!« Das war der
+Name, den er dem Schimpansen gegeben hatte. Das Tier ließ einen
+freudigen kleinen Schrei hören. Lamberg riegelte den Käfig auf, und der
+Affe folgte ihm aus dem Gemach, die Treppe hinab, in das beleuchtete
+Speisezimmer. Er setzte sich mit schlau betonter Bravheit und blickte
+lüstern nach einer mit Früchten gefüllten Schale, die auf dem Tische
+stand. Lamberg nickte und der Affe langte zu, ergriff eine Pflaume und
+biß hinein. Indessen hatte sich das Rollen jenes fernen Wagens genähert,
+Georg Vinzenz lauschte, eilte ans Fenster, hierauf vor die Türe, die
+Kutsche hielt, und Franziskas bleiches Gesicht sah aus dem Schlag. Georg
+Vinzenz begrüßte sie voll stummer Überraschung, und, nachdem er den
+Diener gerufen, damit er das Gepäck versorge, führte er sie ins Haus.
+»Du bist pünktlich wie ein Mitternachtsgespenst«, sagte er lächelnd und
+forschte in ihren Zügen, ob sie zu einem so scherzhaften Gesprächsbeginn
+aufgelegt sei. Sie erwiderte, an dem Gespensterhaften trüge nur die
+Eisenbahn schuld, und da sie eine weite Reise hinter sich habe, sei es
+unvermeidlich gewesen, daß sie erst in der Nacht ans Ziel gelangt sei.
+»Aber warum hast du mich nicht benachrichtigt?« fragte er, und als sie
+verwundert schien, fügte er rasch hinzu: »Ich hätte dich sonst am
+Bahnhof erwartet.«
+
+Sie trug ein dunkles Gewand. Ihre Sprache war leiser geworden, die Hand,
+die sie beim ersten Gruß in die seine gelegt, schmaler, kälter und
+schwerer. Der Mund sah wie von vielen vergeblichen Worten ermüdet aus,
+und unter den übermäßig strahlenden Augen befanden sich zwei fahle
+Schatten. Lamberg schaute sie immer aufmerksamer an, sie wich unter
+seinem Blick, sie erkundigte sich, ob sie einige Tage in seinem Hause
+bleiben könne, und nachdem er eifrig bejaht hatte, ergriff sie mit
+beiden Händen seine Rechte und stammelte bittend: »Aber frag’ mich
+nicht! Nur nicht fragen!«
+
+Er merkte selbst, wie wichtig es sei, nicht zu fragen. Das war nicht
+mehr Franziska; nicht mehr die schalkhafte, sprühende Franziska, die
+lebenshungrige. Es war eine Satte, eine Sieche, eine Hinfällige, eine
+mit letzten Kräften sich aufrecht Haltende, und ihr war eine Rast
+notwendig. Wie sie auf das Sopha hinfiel, den Kopf in die Arme wühlte
+und schluchzte! So hätte die unverwandelte Franziska niemals geweint;
+nicht durch Tränen, höchstens durch Lachen hätte sie Quäcola, den
+Schimpansen, zu einer bestürzten Flucht in den Winkel des Zimmers
+veranlaßt.
+
+Lamberg ging umher und dachte: hinter diesem Jammer liegen dunkle
+Wirklichkeiten. Aber er fragte mit keinem Blick seines Auges. Es wird
+die Stunde kommen, wo es ihr Herz zersprengt, wenn sie schweigt, sagte
+er sich. Seinem sanften Zuspruch gelang es, sie zu beruhigen.
+
+Sie saßen noch lange beisammen in dieser Nacht. Der Heuduft von den
+Wiesen, die Harzgerüche aus dem Wald, das weitheraufklingende Rauschen
+der Traun, all das trug dazu bei, daß sie sich sammeln und besinnen
+konnte, denn sie glich einem Menschen, der aus schweren Träumen erwacht
+ist.
+
+Lamberg teilte ihr mit, daß die andern Freunde hier seien, daß sie den
+Abend bei ihm zugebracht. Franziska hatte den goldenen Spiegel von
+seinem Gestell gehoben und blickte zerstreut auf das matte Metall der
+Scheibe. Plötzlich trat eine erschrockene Spannung auf ihre Züge, und
+sie flüsterte beengt: »Werden sie mich nicht fragen?« Lamberg, der zum
+offenen Fenster gegangen war, entgegnete, ohne sich umzukehren: »Nein,
+Franzi, sie werden nicht fragen.«
+
+Franziska seufzte und ließ den Kopf sinken. So blieben sie eine Weile,
+die Frau mit dem goldenen Spiegel, der junge Mann, in den Mond schauend,
+und der Affe in taktvoll beflissener Aufmerksamkeit zwischen ihnen
+beiden.
+
+Am folgenden Morgen ging Lamberg zu den Freunden ins Hotel, um sie von
+der Ankunft Franziskas zu benachrichtigen und was er an Aufklärung für
+geboten hielt, mit der ihm eigenen Mischung von Bestimmtheit und
+Diskretion zu äußern. Es wurde vereinbart, daß die Freunde erst am Abend
+kommen sollten, damit Franziska den Tag über ruhen könne. Daß man sie zu
+begrüßen hatte, als wenn nichts geschehen wäre, ohne fordernde Neugier
+mit ihr sprechen müsse, war selbstverständlich und die Art und Weise dem
+Takt jedes Einzelnen überlassen.
+
+Mittags umwölkte sich der Himmel, und als nach Anbruch der Dunkelheit
+die drei zu Lamberg kamen, regnete es schon seit einigen Stunden.
+Franziska spielte mit Quäcola Ball, der dabei eine erquickende Gravität
+entfaltete; so oft der Ball zu Boden fiel, fletschte er wütend die Zähne
+und blickte seine Partnerin mit vorwurfsvollem Erstaunen an. »Wir lieben
+uns, wir zwei«, sagte Franziska zu den Freunden, indes der Affe von
+Lamberg aus dem Zimmer geführt wurde; »Quäcola ist mein letzter
+Anbeter.«
+
+Während des Abendessens ließ nur Hadwiger die wünschenswerte Haltung
+vermissen. Stumm saß er da und betrachtete das hingewelkte Geschöpf, ein
+Opfer unbekannter Schicksale, so daß Franziska, gerührt und verwirrt,
+ihm einmal lächelnd die Hand reichte. Doch gleich darauf nahm sie an dem
+lebhaften Gespräch der andern teil, sprach von Paris, von Marseille,
+von Rom, als ob sie allein dort gewesen und eine mißlungene
+Vergnügungsreise gemacht hätte. Als die Tafel aufgehoben war, legte sich
+Franziska auf die Ottomane, und fröstelnd bedeckte sie sich von den
+Füßen bis zum Hals mit einem dunkelhaarigen Schal.
+
+Die jungen Männer hatten im Halbkreis um sie her Platz genommen, und
+Borsati, der Franziskas Augen auf dem goldenen Spiegel ruhen sah,
+bemerkte gegen sie scherzhaft übertreibend, es hätte nicht viel gefehlt,
+so wäre um das Geschenk Unfrieden entstanden. Lamberg griff das Thema
+mit Behagen auf und schilderte Cajetans spitz-leutseliges
+Diplomatenwesen, Rudolfs cholerische Ungeduld, die so oft ihre Hülle von
+abgeklärter Mäßigung zerriß und Heinrich Hadwigers finstern Neid mit
+vieler Laune, denn er war witzig wie Figaro.
+
+»Georg macht es wie gewisse Diebe«, sagte Cajetan lachend, »indem sie
+fliehen, schreien sie: haltet den Dieb. Wer war und ist am meisten in
+den Spiegel verliebt, mein Teurer? Im übrigen ist meine Meinung noch
+immer die, daß es kindisch ist, eine solche Kostbarkeit von Wohnung zu
+Wohnung zu schleppen,« fügte er ernst hinzu. »Jede Hausfrau wird
+zugeben, daß ihre Möbel durch häufigen Umzug beschädigt werden, und mich
+dünkt, daß auch das schöne Kunstwerk davon Schaden erleidet, vielleicht
+nur geistig, wenn ihr den Ausdruck erlaubt. Es gleicht beinahe einem
+Diamantring, der immer wieder an der Hand eines andern glänzt.«
+
+»Lassen wir doch das Los entscheiden«, meinte Hadwiger plump, ein Wort,
+das der Entrüstung Lambergs und der schweigenden Verachtung der beiden
+andern anheimfiel.
+
+»Ganz ohne Verdienst hoffen Sie zum unumschränkten Besitzer werden zu
+können?« fragte Lamberg mit vernichtendem Hohn.
+
+»Meine Möglichkeit ist nicht größer als die Ihre«, versetzte Hadwiger
+bestürzt. »Ohne Verdienst? was heißt das? Soll der Spiegel eine Prämie
+für Leistungen werden? Wir können uns aneinander nicht messen.«
+
+»Sagen Sie das aus Anmaßung oder aus Bescheidenheit?« erkundigte sich
+Borsati lächelnd.
+
+»Was denkt unsere ausgezeichnete Franziska über den Fall?« fragte
+Cajetan.
+
+»Als echte Frau müßte sie den Spruch abgeben: wer mich am besten liebt,
+soll den Spiegel behalten«, entgegnete Borsati.
+
+»Also ein weiblicher König Lear«, sagte Franziska sanft. »Dabei kommt
+die Cordelia am schlechtesten weg. Wenn ihr euch in den Haaren liegt,
+meine lieben Freunde, so muß ich wirklich glauben, daß mein Geschenk
+eine Torheit war. Aber ich kenne euch, ihr seid wie die Advokaten, die
+sich vor Gericht mörderisch beschimpfen und dann gemütlich miteinander
+zum Frühstück gehn. Soll ich einen Vorschlag machen? Nun gut. Ihr habt
+doch so manches erlebt, so vieles gehört und gesehen, ihr habt doch
+immer, wenn wir zusammen geplaudert haben, allerlei Amüsantes und
+Merkwürdiges zu berichten gewußt. So erzählt doch! Erzählt doch
+Geschichten! Wir haben ja wenigstens acht oder zehn Abende vor uns, so
+lang werdet ihr doch bleiben, hoff ich, und wer die schönste Geschichte
+erzählt, oder die sonderbarste oder die menschlichste, eine, bei der wir
+alle fühlen, daß uns tiefer nichts ergreifen kann, der soll den Spiegel
+bekommen. Vielleicht liebt mich der am meisten, der die schönste
+Geschichte erzählt, wer weiß. Und vielleicht, eines Tages, wer weiß,
+vielleicht gibt es eine Geschichte, die auch mich zum Erzählen bringt –«
+Sie hielt inne und sah mit zuckendem Gesicht empor.
+
+Alle schwiegen. »Ich denk’ es mir herrlich«, fuhr Franziska mit einiger
+Hast fort, als wolle sie ihre letzten Worte übertönen; »immer spricht
+eine Stimme, spricht von der Welt, von den Menschen, von Dingen, die
+weit weg und vergangen sind. Ich liege da und lausche, und ihr zaubert
+mir spannende Ereignisse vor, habt Freude daran, reizt einander,
+überbietet einander, – laßt euch doch nicht bitten, sagt ja! Fangt an!«
+
+Wieder entstand ein Schweigen. »Ich halte das für ein verzweifeltes
+Unternehmen«, murmelte endlich Hadwiger mit der Miene eines Menschen,
+von dem Unmögliches gefordert wird.
+
+»Nicht verzweifelt, aber etwas problematisch«, schränkte Borsati ein;
+»wer wird nicht dabei an den Spiegel denken?«
+
+»Wer an den Spiegel denkt, kann uns nichts zu erzählen haben«,
+antwortete Lamberg und fügte mit Bedeutung hinzu: »Bei solchem Anlaß
+darf man niemals an den Spiegel denken.«
+
+»Bravo, Georg!« rief Cajetan. »Ich sehe, Sie fangen schon Feuer. In
+Ihren Augen malen sich schon die Bilder aus wundersamen Geschichten.
+Nicht an den Spiegel denken, das ist es! Als Richter gleichen wir dann
+nicht den Zuhörern im Theater, denen ein müßiges Händeklatschen über
+einen unklar gespürten Eindruck hinweghilft, sondern wir krönen den
+Verkündiger eines Schicksals als Tatzeugen. Ich sehe keine
+Schwierigkeit, nicht einmal eine Verlegenheit. Es wird vieles sein, was
+uns aneifert; das Wort ist ja ein großer Verführer.«
+
+
+
+
+Die Pest im Vintschgau
+
+
+Der Diener Emil brachte den Kaffee, und nachdem jeder seine Tasse
+ausgetrunken hatte, sagte Borsati: »Wenn ich im Geist zurückschaue,
+fällt mir ja dies und jenes auf, was des Berichtens wert wäre, aber wo
+ich selbst beteiligt bin, stört mich die Nähe, und wo es nicht der Fall
+ist, bin ich ungewiß, ob ich überzeugend oder wahr sein kann.«
+
+»Wir sind nicht einmal wahr, wenn wir Vorfälle aus unserm eigenen Leben
+erzählen, um wie viel weniger, wenn es sich um fremde Erlebnisse
+handelt«, erwiderte Lamberg. »Ja, man lügt mehr, wenn man über sich
+selbst die Wahrheit sagt, als wenn man andere in erfundene Geschicke
+stellt.«
+
+»Wir wollen Sachlichkeiten und keine Sentiments«, versetzte Cajetan
+mißbilligend. »Jeder ist dann so wahr, wie seine Augen oder sein
+Gedächtnis wahr sind. Ich bin nicht größer als mein Wuchs. Wer sich
+größer macht, wird ausgezischt. Die Welt ist vom Grund bis zum Rand
+erfüllt mit den seltsamsten Begebenheiten, und die seltsamste wird wahr,
+wenn man ein Gesicht sieht, ein lebendiges Gesicht.«
+
+»Famos. Ich will möglichst viel schöne Gesichter sehn«, sagte Franziska
+und nahm eine Miene des Bereitseins an.
+
+»Jedes Gesicht ist schön im Erleiden des besondern Schicksals, zu dem
+sein Träger bestimmt ist«, entgegnete Lamberg.
+
+»Darf ich etwas Ketzerisches sagen?« begann Franziska wieder; »ich
+finde, daß der Sinn für die Schönheit immer geringer wird; man sucht
+stets noch etwas Anderes daneben, Seele oder Geist oder Genie, etwas,
+das mit der Schönheit gar nichts zu schaffen hat und einem nur den
+Geschmack verdirbt.«
+
+»Es scheint in der Tat, daß man in früheren Zeiten die Schönheit mehr um
+ihrer selbst willen geachtet hat«, antwortete Lamberg. »Auch wurde ihr
+eine höhere Wichtigkeit zuerkannt. So wird von einer vornehmen Marquise
+berichtet, deren Name mir entfallen ist, und die im Alter von
+siebenundzwanzig Jahren an der Schwindsucht starb, daß sie die letzten
+Monate ihres Lebens auf einem Ruhebett zubrachte und beständig einen
+Spiegel in der Hand hielt, um die Verwüstungen zu beobachten, die die
+Krankheit in ihrem Gesicht erzeugte. Schließlich ließ sie die Fenster
+dicht verhängen, kein Mensch durfte mehr zu ihr, und sie duldete kein
+anderes Licht als die Lampe eines Teekessels.«
+
+»Sogar das Volk besaß einen echten Enthusiasmus für die Schönheit
+hochgestellter Frauen«, sagte Cajetan. »Im Jahre 1750 verdiente sich ein
+Londoner Schuster eine Menge Geld dadurch, daß er für einen Penny den
+Schuh sehen ließ, den er für die Herzogin von Hamilton verfertigt hatte.
+Und als dieselbe Herzogin auf ihre Güter reiste, blieben vor einem
+Wirtshaus in Yorkshire, wo sie wohnte, mehrere hundert Menschen die
+ganze Nacht über auf der Straße, um sie am nächsten Morgen in ihre
+Karosse steigen zu sehen und die besten Plätze dabei zu haben.«
+
+»Demgemäß äußerte sich dann auch die Verliebtheit der Männer«, nahm
+Georg Vinzenz abermals das Wort; »ein Jüngling in einer burgundischen
+Stadt war von der Schönheit seiner Geliebten so hingerissen, daß er nach
+dem ersten Stelldichein, das sie ihm bewilligt hatte, in allem Ernst
+erklärte, er werde sich die Augen ausstechen, wie es die Pilger von
+Mekka bisweilen tun, wenn sie das Grabmal des Propheten gesehen haben,
+um ihre Blicke von nun ab vor Entweihung zu schützen.«
+
+»Das muß ein Bramarbas gewesen sein«, behauptete Borsati; »ich glaube
+ihm nicht eine Silbe.«
+
+»Warum?« versetzte Cajetan. »Wir können uns kaum eine Vorstellung von
+der Energie und Glut machen, mit denen man sich damals einer
+Leidenschaft hingab.«
+
+Borsati zuckte die Achseln. »Mag sein, daß er’s getan hätte«, sagte er,
+»was wir erdenken können, kann auch geschehn. Ich wehre mich nur
+dagegen, daß man aus unserer Zeit die großen Empfindungen hinausredet,
+um eine nur durch die Ferne reizvolle Vergangenheit mit ihnen zu
+schmücken. Allerdings sehen die Leidenschaften, deren Zeugen wir selbst
+werden, anders aus als die mit dem Galeriestaub der Überlieferung, und
+ihre Verfeinerung oder Verdünnung auf der einen Seite bedingt meist ein
+finsteres und brutales Gegenspiel.«
+
+Zum Beweis erzählte er folgende Geschichte.
+
+
+»Vor zwei Jahren war ich auf einem mährischen Gut zu Gast. Man kannte
+mich in der nahgelegenen Stadt, und weil der ansässige Arzt über Land
+gefahren war, wurde ich eines Abends, ziemlich spät, in das Wirtshaus
+gerufen, wo ein junger Mann lag, der sich durch einen Pistolenschuß in
+die Lunge tödlich verletzt hatte. Der Fall war hoffnungslos, Linderung
+der Schmerzen war alles, was zu tun übrig blieb. Am folgenden Morgen saß
+ich lange an seinem Bett, er hatte Vertrauen zu mir gefaßt und enthüllte
+mir, was ihn zu der Tat getrieben. Er war Student, fünfundzwanzig Jahre
+alt, Sohn vermögender Eltern. Bis zu seinem einundzwanzigsten Jahr hatte
+er, ich gebrauche seine eigenen Worte, gelebt wie ein Tier;
+leichtsinnig, verschwenderisch und in gewissenloser Verprassung von Zeit
+und Kräften. Sein Gemüt, ursprünglich zarter Regungen durchaus fähig,
+war verhärtet und abgerieben durch den beständigen Umgang mit Dirnen.
+Die Atmosphäre gemeiner Kneipen war ihm Bedürfnis und die
+Zudringlichkeit käuflicher Weiber Gewohnheit geworden. Er wußte kaum,
+wie anständige Frauen sprechen, und in unreifer Überhebung sah er in
+diesem Treiben die Krone der Freiheit. Da geschah es, daß er auf einer
+Ferienreise in ein vielbesuchtes Hotel kam und auf dem Schreibtisch
+seines Zimmers einen Brief fand, der unter Löschblättern lag,
+unvollendet und sicher dort vergessen worden war. Er gab mir den Brief
+zu lesen, den er wie einen Talisman von der Stunde ab immer bei sich
+getragen, der sein Leben verändert und zuletzt noch seinen Tod
+verschuldet hatte. Wie der Inhalt zu schließen erlaubte, war das
+Schreiben von einem jungen Mädchen und an einen Freund gerichtet. Man
+kann sich etwas Ergreifenderes nicht denken. Furcht vor Armut und
+Schande, vor völliger Verlassenheit, Beteuerung vergeblicher
+Anstrengungen, Züge menschlicher Habsucht, Härte und Niedertracht,
+entdeckt von einem Wesen, das gläubig war und das noch immer, obwohl
+mit schwindendem Gefühl, auf eine wohlmeinende Vorsehung baute, das war
+der Text in dürren Worten, die nichts von der tiefen und natürlichen
+Beredsamkeit eines verzweifelnden Herzens ahnen lassen. Die Frage nach
+der Unbekannten war umsonst, sie war nicht einmal gemeldet worden, die
+Bediensteten des Hauses konnten ihm keinerlei Auskunft geben und wiesen
+auf den großen Verkehr nächtigender Gäste hin. Anhaltspunkte über Namen
+und Wohnort enthielt der Brief nicht, und dem jungen Mann war zumut, als
+hätte er eine Stimme von einem unerreichbaren Stern vernommen. Es
+ergriff ihn eine brennende Unruhe, und durch Sehnsucht wurde er geradezu
+entnervt. Daß der Brief zu ihm gelangt war, erschien ihm als Fügung und
+Aufforderung zugleich; daß es eine Frau in der Welt gab, die so
+beschaffen war, so zu empfinden, so zu leiden vermochte, war ihm neu und
+erschütterte die Fundamente seines Lebens. Er studierte den Brief wie
+ein Egyptolog einen Papyrus, suchte Hindeutungen auf einen bestimmten
+Dialekt, auf eine bestimmte Sphäre der Existenz. Jede Silbe, jeder
+Federzug wurde ihm allmählich so vertraut, daß sich ein Charakterbild
+der Schreiberin immer fester gestaltete, daß er ein Antlitz sah, die
+Geberde, das Auge, daß er die Stimme zu hören glaubte, eine Stimme, die
+ihn ohne Unterlaß rief. Er reiste von einer Stadt in die andere,
+wanderte tagelang durch Straßen, um Gesichter von Frauen und Mädchen zu
+finden, die dem erträumten Gesicht der Unbekannten ähnlich sein konnten,
+ging zu Wahrsagerinnen und Kartenlegerinnen, veröffentlichte Inserate
+in den Zeitungen und entfremdete sich seinen Freunden, seinen Eltern,
+seiner Heimat, seinem Beruf. In fatalistischem Wahn sagte er sich: unter
+den Millionen, die diesen Teil der Erde bevölkern, lebt sie; es ist
+meine Bestimmung, sie zu treffen; warum sollte ich nicht, wenn ich alle
+meine Sinne in der Begierde sammle? Unter den Tausenden, an denen ich
+täglich vorübergehe, weiß vielleicht einer von ihr; mein Wille muß so
+stark, mein Gefühl so elementar, mein Instinkt so untrüglich werden, daß
+ich den einen spüre und mir durch die Millionen einen Weg zu ihr bahne;
+mißlingt es, so bin ich ein Zwitterding und nicht wert, geboren zu sein.
+Im Verlauf der Jahre wurde er schwermütig, auch ermattete wohl das
+Ungestüm seines Verlangens; es läßt sich ja denken, daß sich die Natur
+einer so beständigen Anspannung der Seelenkräfte widersetzt. Nur sein
+Wandertrieb wurde nicht geringer, und so kam er denn auf einer Fahrt vom
+Norden her in jenen mährischen Ort, wo er den Zug verließ, weil ihm
+plötzlich vor der abendlichen Ankunft in der großen Stadt, vielem Licht,
+vielem Lärm und vielen Menschen graute. Während er traurig und müde
+durch die dunklen Gassen schlich, gewahrte er am Fenster eines ziemlich
+abgelegenen Hauses ein altes Weib, das den Sims belagert hielt und ihn
+einzutreten bat. Er folgte willenlos und ohne Bedacht, als sei er an dem
+Punkt seines Lebenskreises angelangt, von dem er einst ausgegangen. In
+der Stube sah er sich einigen Mädchen gegenüber, denen er ohne Anteil
+beim Wein Gesellschaft leistete, und unter denen eine durch stumme
+Lockung ihn seiner Apathie zu entreißen vermochte, so daß er mit ihr
+ging. Es war alles so still in mir, sagte er, und als ich die elende
+Treppe hinaufstieg, war es, wie wenn dies nur eine Sinnestäuschung sei
+und ich in Wirklichkeit hinuntergezogen würde, immer tiefer bis ans
+letzte Ende der Welt. Als er das Mädchen bezahlen wollte, entfiel seiner
+Ledertasche der Brief; ein totes Ding, das leben und sprechen wollte,
+das den Augenblick der Entscheidung abgewartet hatte wie ein
+geheimnisvoller Richter. Das Mädchen bückt sich, nimmt den Brief in die
+Hand, wirft einen neugierigen Blick darauf, stutzt, wiederholt den
+Blick, schaut den jungen Mann an, eine Frage drängt sich auf ihre
+Lippen, ein Schatten auf ihre Stirn, er will ihr den Brief entreißen, da
+erweckt ihr Benehmen seine Aufmerksamkeit, er wird gleichsam wach,
+erkundigt sich in überstürzten Worten, ob sie die Schrift kenne, sie
+entfaltet das Papier, liest, Erinnerung überzittert ihre Stirn, durch
+Schminke, Elend und den Aufputz des Lasters hindurch zuckt eine Flamme
+von Bewußtsein, sie stürzt auf die Kniee, lachend ringt sie die Arme,
+und die ganze Unwiederbringlichkeit eines reinen Daseins schreit aus
+einem zertrümmerten und verfaulten als Gelächter empor. Nur noch vier
+Worte: Du bist’s? Ich bin’s! Dann eilte der junge Mensch hinweg und kurz
+darauf fiel der tötende Schuß.«
+
+
+Die Zuhörer blickten vor sich nieder. Nach einer Weile sagte Cajetan:
+»Schade, daß ich den Brief auf Treu und Glauben hinnehmen muß. Könnt’
+ich ihn lesen oder hören, so würde mir der junge Mensch verständlicher
+werden. Es hat sein Mißliches, lieber Rudolf, bei so wichtigen
+Dokumenten auf den Kredit zu bauen, den man genießt. Freilich bleibt ja
+die Verkettung der Umstände noch immer erstaunlich genug –«
+
+»Es will mir nur nicht in den Sinn«, unterbrach ihn Franziska, »daß eine
+Person, die einen derartigen Brief zu schreiben imstande ist, in drei
+oder vier Jahren so tief sinken kann.«
+
+»Drei oder vier Jahre Not?« rief Hadwiger. »Das verwandelt, Franzi, das
+verwandelt! Ich habe in London eine Frau gekannt, die ihren Mann, ihre
+Söhne und ihren Reichtum verloren hatte. Zu Anfang eines Jahres hatte
+sie in einem der Paläste am Trafalgar-Square gewohnt, im Herbst
+desselben Jahres wurde sie in einer unterirdischen Morphiumhöhle, einer
+schauerlichen Katakombe des Lasters, erstochen.«
+
+»Ja, was ist dann das, was man Charakter nennt?« fragte Franziska
+kopfschüttelnd.
+
+»Die Tugend der Ungeprüften«, versetzte Hadwiger schroff.
+
+»Nun, so in Bausch und Bogen möcht ich diesen Ausspruch doch nicht
+gelten lassen«, fiel Borsati vermittelnd ein. »Es gibt –«
+
+»Was? Eine Tugend? Gibt es eine Tugend, wenn man hungert? In den großen
+Städten nicht. In den Romanen vielleicht. Not bricht Eisen, heißt es.
+Aber sie bricht auch, und viel bälder noch, das Herz und den Verstand.«
+
+»Und doch gibt es Seelen, die sich bewahren«, sagte Borsati ruhig. »Und
+es muß sie geben, sonst würde ja die Idee der Sittlichkeit zur Lüge.«
+
+Plötzlich erschallte aus dem oberen Stockwerk ein kreischendes
+Geschrei, dem ein Gepolter wie von umstürzenden Stühlen und das dumpfe
+Brummen einer Männerstimme folgte. »Quäcola verübt Unfug«, sagte Lamberg
+lächelnd und erhob sich, um der Ursache des Lärms nachzuforschen.
+Cajetan begleitete ihn aufregungslustig.
+
+Dem Affen war es zur Nachtruhe zu früh gewesen, und da er die Tür seines
+Käfigs unversperrt fand, hatte er sich ins erleuchtete Badezimmer
+begeben, war in die Wanne gestiegen, hatte den Hahn geöffnet und zu
+seinem Entsetzen eine Wasserflut auf den Pelz bekommen. Emil eilte mit
+dem Besen herbei, um ihn zu züchtigen, Quäcola war triefend und zitternd
+vor ihm geflohen, und nun standen Tier und Mensch einander gegenüber,
+jenes zähnefletschend und schuldbewußt, die Backen in possierlicher
+Schnellbewegung, dieser mit der Würde des gekränkten Hausgeistes,
+rachsüchtig und entschlossen. Als Lamberg auf den Plan trat, wandte sich
+der Schimpanse mit höchst entrüsteten und den Diener anklagenden
+Gebärden zu ihm, Emil jedoch gab seinem Unwillen durch Worte Ausdruck.
+»Gnädiger Herr, mit der Bestie ist nicht zu wirtschaften«, sagte er. –
+»Sie müssen ihn belehren und erziehen«, antwortete Lamberg gefaßt. – »Da
+ist Hopfen und Malz verloren, so lang ihn der gnädige Herr so
+verwöhnen«, war die Entgegnung. »’s ist ein falscher, treuloser Geselle,
+das ist er, ich verstehe mich auf –« Schon wollte er sagen: auf
+Menschen, verschluckte aber die unpassende Bezeichnung und starrte
+melancholisch auf seinen Besen.
+
+Lamberg schlichtete den Streit. Er überredete Quäcola, dem Diener die
+Hand zu reichen, der aber wich zurück wie ein Offizier, dem man das
+Ansinnen stellt, mit seinem Degen eine Maus aufzuspießen. Heftig
+gestikulierend ließ sich der Schimpanse in den Käfig führen; er wurde
+mit Leintüchern trocken gerieben, und nach einer Viertelstunde war
+Frieden. Cajetan hatte sich über die Szene sehr ergötzt, und Georg gab,
+als sie zu den andern zurückgekehrt waren, eine so vortrefflich
+nachahmende Schilderung von dem Benehmen des Tieres, daß alle in lautes
+Gelächter ausbrachen.
+
+»Nicht immer spielen Affen eine so heitere Rolle«, sagte Lamberg
+schließlich. »Das Volk scheint sie sogar als verderbliche Dämonen zu
+betrachten. Ich lebte einmal einige Sommerwochen auf der Malser Heide,
+und ein junger Förster, mit dem ich häufig im Gebirg wanderte, erzählte
+mir die Geschichte eines Liebespaares aus jener Gegend, bei der ein Affe
+zur Verkörperung des Fatums wurde.«
+
+»Laß hören«, rief Franziska, und Lamberg begann:
+
+
+Im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts war der Vintschgau ein nicht viel
+einsameres und karger bevölkertes Tal als heute. Die begrenzenden
+Bergwände sind steil und waldlos; durch die zahlreichen Seitentäler
+blicken hochgetürmte Gipfel: Mut- und Rötelspitze, Texel, Schwarz- und
+Trübwand, Lodner und Tschigat und der majestätische Laaser Stock.
+Braunes und gelbes Felsgestein ist allenthalben emporgezackt, auf den
+Hangwiesen leuchten die Blumensterne alpiner Flora, schwarze Ziegen
+grasen bis hoch hinauf in den Mulden, schmalhüftige Rinder brüllen über
+die ganze Weite der Senkung einander zu, gischtweiße Wasserfälle
+donnern in die Etsch, das aufgerissene Dunkel langer Engpässe und
+gewundener Schluchten läßt im Innern der Gebirge tiefere
+Abgeschiedenheit ahnen, und auf dem zerklüfteten Gestein sieht man von
+Meile zu Meile uralte Schlösser. Der Sommer bringt den Mandelbaum und
+die Edelkastanie zum Blühen, und bis zu der Stelle, wo das
+Schlandernauntal mündet, schlingt sich die Weinrebe um die schwärzlichen
+Moränen. Aber der Winter ist selbst im untern Tal hart; es heißt, daß
+die krankhafte Langeweile vom Oktober bis zum April fast alle
+Regierungsbeamten zu Morphinisten macht. Die Poststraße von Finstermünz
+übers Stilfser Joch ist acht Monate hindurch verschneit; nur nach Meran
+führt ein bequemer Weg, aber dort wohnt leichtes Volk, das viel lacht
+und wenig denkt. Im Vintschgau denkt man viel; seine Menschen sind
+hager, schweigsam, wachsam und seit dreihundert Jahren in ihrem Wesen
+kaum verwandelt.
+
+Man sollte glauben, daß Jugend und Schönheit nicht von Belang sind in
+einer Welt, wo die herrische Natur während der längsten Dauer des Jahres
+ihre Geschöpfe in so strenger Zucht bindet. Trotzdem hat sich bis heute
+die Nachricht von einer leidenschaftlichen Begebenheit erhalten,
+vielleicht der außerordentlichen Umstände wegen, die damit verknüpft
+waren. Die Geschichte spielt zwischen den feindlichen Familien Ladurner
+und Tappeiner, die bei Schlanders in zwei Dörfern rechts und links der
+Etsch wohnten, die Ladurner in Goldrein, unterhalb Kastell Schanz und
+Schloß Annaberg, die Tappeiner in Morter an der Mündung des reißenden
+Plimabachs. Die Zwietracht bestand schon seit mehreren Geschlechtern und
+niemand kannte die Ursache; einige sagten, eine böswillig zerstörte
+Brücke sei der Anlaß gewesen, andere behaupteten, Uneinigkeiten über
+Jagdbefugnisse. Ich will mich nicht dabei aufhalten, jedenfalls war es
+der richtige scheele, eiserne Bauernhaß, wo Blut gegen Blut steht.
+
+Man hat oft erfahren, auch die Dichtung bezeugt es, daß gerade die
+überlieferte Feindseligkeit zwischen nah beieinanderwohnenden Familien
+plötzlich und in natürlichem Widerpart gegen eingefleischte schlechte
+Instinkte einen Bund zweier Herzen hervorbringt und das Element der
+Liebe sich gegen das des Hasses stellt. Und wenn hier die Lösung der
+Geschehnisse den Hassern aus der Hand gerissen wurde, geschah es nicht,
+weil die Liebe stärker war, sondern weil eine allgemeine Vernichtung den
+Untergang der Liebenden begleitete.
+
+Am Pfingstsonntag des Jahres 1614 hatte auf dem Marktplatz in Schlanders
+eine Truppe von Gauklern ihr Zelt aufgeschlagen. Es waren Italiener, die
+einen Taschenspieler, einen Seiltänzer, einen Wunderdoktor, einen
+Athleten und vor allem eine Gorilla-Äffin bei sich hatten. Diese Äffin
+erregte teils Neugier, teils Furcht, da sie ungeachtet ihrer
+Menschenähnlichkeit in Gebärden und Verrichtungen doch eine unsägliche
+Wildheit merken ließ. Jene Leute selbst waren des Tieres, das sie erst
+vor kurzem von maurischen Kaufleuten in Venedig erhandelt hatten, noch
+keineswegs sicher und legten es bei Nacht in Ketten.
+
+Im Gedränge um den abgesteckten Platz waren drei Ladurnerburschen und
+der junge Franz Tappeiner, der sich in Gesellschaft einiger Kameraden
+aus Morter befand, aneinandergeraten, und es sah aus, als ob es nicht
+bei drohenden Mienen und Augenblitzen sein Bewenden haben sollte, als
+die junge Romild Ladurner ihrem Vetter die Hand auf den Arm legte und
+zum Frieden mahnte. Als Franz Tappeiner das Mädchen gewahrte, das feste
+Schultern und Zähne wie ein junger Hund hatte, trat er einen Schritt auf
+sie zu, denn er hatte sie vorher nie gesehen, und ihre Erscheinung rief
+auf seinem frischen Gesicht ein unendliches Erstaunen hervor. Sie hielt
+seinem Betrachten stand, und ihre Augen blickten starr wie die des
+Adlers, bis sie der Vetter, der Unheil witterte, bei der Hand packte und
+hinwegzog. Der junge Tappeiner drängte den Ladurnern nach, indem er sich
+wie ein Schwimmer durch die Menge arbeitete, und als er hinter Romild
+wieder an dem Strick angelangt war, der die Zuschauer von dem fahrenden
+Volk trennte, produzierte sich gerade die Gorilla-Äffin im Gewand eines
+vornehmen Fräuleins, wandelte knixend auf und ab und wehte mit einem
+florentinischen Fächer ihrem haarigen Gesicht Kühlung zu.
+
+Die Bauern kicherten und grinsten vor Verwunderung. Auf einmal hielt die
+Äffin inne, ließ die glühend unruhigen Augen über die versammelten Köpfe
+schweifen, und in ihren Mienen war die diabolisch freche Überlegenheit
+eines Wesens, das, einer Riesenkraft bewußt, es dennoch vorzieht, sich
+in spielerischer Tücke zu verstellen. Da blieben ihre Blicke auf dem
+Antlitz der jungen Romild haften; das zarte Menschengebild schien es ihr
+anzutun, sie fletschte in grauenhafter Zärtlichkeit die Zähne, verließ
+mit einem Sprung das Podium, wobei der seidene Rock an einem Nagel
+hängen blieb und zerfetzt wurde, und streckte den überlangen Arm aus, um
+das Mädchen zu betasten. Mit einem einzigen Schreckensschrei wich die
+ganze Menschenmasse zurück, nur Romild verharrte wie eingewurzelt auf
+der Stelle; in derselben Sekunde griff eine Faust nach dem Handgelenk
+des Gorilla; es war Franz Tappeiner, der trotz seiner knabenhaften Jugend
+als ein Mensch von großer Stärke galt und den knöchern-schmächtigen Arm
+des furchtbaren Tieres leichterdings meistern zu können glaubte. Aber
+sogleich spürte er den eigenen Arm so gewaltig umklammert, daß er
+stöhnend in die Kniee brach. Im Nu war ein leerer Raum um ihn und Romild
+entstanden, den die Äffin durch heiser bellende Schreie vergrößerte, und
+Männer und Weiber begannen in fast lautlosem Gewühl zu fliehen. Die
+bestürzten Gaukler, die sich um ihren Verdienst gebracht sahen, liefen
+beschwörend hinterdrein, nur der Seiltänzer hatte Geistesgegenwart
+genug, den dicken Strick, der unter den Röcken der Äffin am Knöchel
+eines Fußes befestigt war, zu packen und um einen Pflock zu schlingen.
+Aus einem Fensterchen des Reisewagens der Bande schaute das bleiche
+Gesicht eines jungen kranken Frauenzimmers in die heillose Verwirrung.
+Wahrscheinlich kannte sie ein beeinflussendes Zeichen, denn kaum hatte
+sie den Mund zum Ruf geöffnet, so drehte sich das Gorillaweib um,
+trottete wie ein gescholtener Hund auf die Estrade zurück, kauerte mit
+gekreuzten Beinen nieder und stierte, die Kinnladen leer bewegend, in
+boshafter Nachdenklichkeit am Firstkranz der Häuser empor. Indessen
+ging der Wunderdoktor auf Franz zu, hieß ihn den Rock ausziehen, wusch
+das Blut von der Wunde, die sich oberhalb des Ellenbogens zeigte und
+schmierte eine nach Honig riechende Salbe darauf. Romild war
+verschwunden. Das heftige Durcheinander-Reden seiner Begleiter, die sich
+wieder zu ihm gefunden hatten, hörte Franz kaum, sondern wartete nur auf
+eine Gelegenheit, um sich ihrer zu entledigen. Doch mußte er sich
+gedulden, bis die Dunkelheit angebrochen war, dann eilte er wie fliehend
+an Gärten und Schänken vorüber, wo überall an rasch gezimmerten Tischen
+und Bänken die Vintschgauer beim Wein saßen und das aufregende Ereignis
+beredeten. Die Goldreiner Leute waren gewöhnlich im Postwirtshaus, und
+wie er dort am Tor stand und in die fackelbeleuchtete Halle spähte, fiel
+ein Schatten über ihn, und aufschauend sah er Romild neben sich. Das
+glitzernde Augenpaar eines alten Bauern von der Ladurner Sippe verfolgte
+die Beiden in blödem Entsetzen, als sie schweigend den Torweg verließen
+und im Abend, rätselhaft gesellt, verschwanden.
+
+Sie gingen am Hang der schwarzgeballten Berge talabwärts, Romilds Dorf
+entgegen; sie hatten die gleiche Empfindung von Gefahr, und als sich zur
+Linken eine Schlucht öffnete, folgten sie ohne gegenseitige
+Verständigung einwillig dem wirbelnden Bach nach oben. In der Höhe
+hellte sich die Nacht, in der Tiefe versank die Etsch als schimmerndes
+Band, und das Firmament wehte wie eine bestickte Fahne über ihren
+Köpfen. Anrückende Felsen machten den Uferpfad ungangbar, und sie
+schlugen die Richtung nach einem kleinen Joch ein, wo das Kirchlein von
+St. Martin am Kofl stand. Vor der Kapelle ließen sie sich nieder und
+beteten, darnach küßten sie einander und nannten sich zum erstenmal bei
+Namen. Statt ins Dorf zurück, marschierten sie tiefer ins Gebirge
+hinein, um sich ein Hochzeitslager zu suchen, und Romilds stolzer Gang
+und die gerade Haupthaltung, die bei den Mädchen dieser Gegend vom
+Tragen schwerer Wassergefäße herrührt, verwandelten sich in frauenhafte
+Lässigkeit und lauschendes Anschmiegen. Als die bläulichen Ferner des
+Angelusgletschers über dem Tannen- und Felsendunkel aufrückten, ward
+ihnen fast heimatfremd zumute, und sie schlossen ihre Augen einer Welt,
+die so berückend und traumhaft sein wollte, wie sie selbst einander
+waren.
+
+Die am Morgen aus dem Tal herauftönenden Kirchenglocken trieben sie zur
+Flucht vom Lager, und sie kamen zu einer Sennhütte, wo sie Milch und
+Brot empfingen. Dann wanderten sie weiter, und mittags und abends
+stillten sie den Hunger von dem Vorrat, den ihnen der Senner gegeben,
+und den sie an den folgenden Tagen erneuerten. Wenn die Nacht kam,
+glaubten sie Himmel und Sonne nur einen Augenblick gesehen zu haben,
+weil ihnen die Finsternis erwünscht und natürlich war. So lebten sie,
+ich weiß nicht wie lange, gleich verirrten Kindern, völlig ineinander
+geschmiedet, ohne Erinnerung an Vergangenes, ohne Erwägung der Zukunft,
+leidenschaftlich in Trotz und Furcht, denn die Angst vor dem, was sie
+bei den Menschen erwartete, hielt sie in der Einsamkeit fest. Eines
+Tages nun kam ein Hirt auf sie zu, der sie schon von weitem mit
+Verwunderung betrachtet hatte. Er erkannte sie, stand scheu vor ihnen
+und machte ein böses Gesicht. Sie fragten ihn, was sich drunten im Gau
+ereignet habe, und er erzählte, daß die Goldreiner schon am
+Pfingstmontag über den Fluß gegangen seien, um die in Morter wegen der
+entführten Jungfrau zur Rechenschaft zu ziehen. Die aber hätten die
+Beschuldigung zurückgewiesen und im Gegenteil die andern verklagt, daß
+sie an dem jungen Tappeiner sich vergangen hätten. Die Redeschlacht habe
+so lange gedauert, bis die von Morter zu Hirschfängern und Flinten
+gegriffen, um die Eindringlinge zu verjagen. Am nächsten Tag sei das
+Gerücht gegangen und wurde bald Gewißheit, daß zu Schlanders die Pest
+ausgebrochen sei; der Affe, den die welschen Gaukler mit sich geführt,
+habe die Krankheit eingeschleppt. Ein großes Sterben habe begonnen; von
+feindlichen Unternehmungen zwischen beiden Dörfern sei nicht mehr die
+Rede, und man glaube, die Äffin habe die beiden jungen Leute auf
+geheimnisvolle Weise verhext. »Folgt meinem Rat«, so schloß der Alte,
+»und geht hinunter zu den Euern, damit der Zauber geendet wird.«
+
+Franz und Romild gehorchten. Schaudernd machten sie sich auf, um
+heimzuwandern. Alles Glück hatte sich in Traurigkeit verkehrt, und das
+längst; seit der ersten Umarmung hatten sie keine Freude genossen, aus
+der nicht grauenhaft das Bild der Äffin aufgetaucht wäre. In der
+Dämmerung langten sie unten an; noch ein Umschlingen, ein Druck der
+heißen Hände, noch ein Anschauen und Zurückschauen, dann ging jedes
+seinen Weg.
+
+Auf den Fluren war tiefe Stille. In keinem Haus brannte Licht, und alle
+Tore waren verschlossen. Als Franz das Dorf betrat, grüßte ihn kein
+vertrautes Gesicht, überall war die gleiche Dunkelheit und Ruhe. Er
+klopfte ans Haus, nichts rührte sich. Erst als er den bekannten Pfiff
+erschallen ließ, raschelte es hinter den Läden. Das Fenster wurde
+geöffnet, und das fahle Gesicht seiner Mutter blickte ihn an. Ihr Schrei
+rief Vater und Bruder herzu, man ließ ihn ein, aber da er auf alle
+Fragen nur halbe Antwort gab und schließlich verstummte, betrachteten
+sie ihn ängstlich wie ein Gespenst. Die neueste Kunde war, daß die Äffin
+den Gauklern entlaufen sei, und sich im Tal herumtreibe; wer ihr nah
+komme, der werde von der Pest ergriffen, die von Naturns und Kastelbell
+bis Eyrs hinauf Hunderte von Menschen schon hinweggerafft habe.
+Schweigend lauschte der Heimgekehrte, und diese anscheinende
+Teilnahmslosigkeit brachte den Bruder in Wut. Er schrieb ihm alle Schuld
+zu; »hättest du das Affenweib nicht berührt, so wäre das Land verschont
+geblieben«, rief er, »und weil du mit einer Ladurnerin davon gegangen
+bist, darum ist ein Fluch auf dir, und wir müssen verderben«. Plötzlich
+stieß die Schwester einen gellenden Angstruf aus und stammelte, sie habe
+die grinsende Affenfratze am Fenster gewahrt, das noch offen war. Die
+Mutter warf sich Franz zu Füßen und beschwor ihn, von dem Mädchen zu
+lassen. Er wandte sich bebend ab, verstand kaum den Zusammenhang, wollte
+hinwegeilen und hielt schon die Klinke in der Faust, da rief ihn die
+Schwester fieberhaft bettelnd zurück, und er nahm wahr, daß die
+Krankheit sie gepackt hatte, denn ihr Gesicht sah bleiern aus wie das
+jenes Frauenzimmers, das aus dem Wagen der Gaukler geschaut. Er setzte
+sich an den Tisch und weinte. Am Morgen hatte sie die Beulen unter den
+Armen, das Fleisch zerging unter der Haut, und als sie starb, hatten
+ihre Züge den Ausdruck der Gorilla-Äffin.
+
+In den Ställen hungerten Kühe und Ochsen; ihr Gebrüll war der einzige
+Laut des Lebens. Nachbarn hüteten sich, einander vor die Augen zu
+kommen. Der Himmel schien erblindet, die Luft verwest. Gefürchtet war
+der Tag, Schatten und Abend gemieden, Wasser und Wind totbringend. Von
+Dorf zu Dorf zogen die Mönche vom Karthäuserkloster in Neuratheis,
+segneten die Leichen vor den Haustoren und trösteten die rasenden
+Kranken. Es ging kein Wanderer mehr auf der Landstraße, es tönte kein
+Posthorn mehr, die Hirten blieben auf den Almen, kein Glockenecho brach
+sich an den Bergen. Aus Furcht vor dem Affen wurden die Fenster verhängt
+und die Türen verriegelt, so daß in den ungelüfteten Stuben die Seuche
+doppelt leichtes Spiel hatte. Nach der Schwester sah Franz den Bruder
+erliegen, und am Dreifaltigkeitssonntag spürte der Vater den ersten
+Frost. Als die Sonne untergegangen war, pochte es ans Fenster, die
+Mutter schlug vor Grausen die Hände zusammen und kreischte: »Das Tier!
+Das Tier!« Es pochte abermals, da öffnete Franz den Laden und erblickte
+eine Gestalt, die jetzt unter dem Ahornbaum am Brunnen stand. Er
+erkannte Romild, die aus dem zinnernen Becher mit der Gier einer
+Gehetzten Wasser trank. Drei Sprünge, und er war draußen, der Hofhund
+winselte matt um seine Knie. Schluchzend vor Jubel, daß er noch lebte,
+zog ihn das Mädchen bis zum Rand des ausgetrockneten Bachs. Sie hatte
+noch immer die herrisch-gerade Haltung, doch ihre azurgeäderte Haut war
+entfärbt von überstandenen Leiden vieler Art. Die Ihrigen hatten sie
+beschimpft wie eine Ehrlose, der Vater hatte sie geschlagen, aber nun
+kam sie von einem Haus der Toten und Todgeweihten; der Liebeswille hatte
+sie getrieben, den schauerlichen Gang übers Tal zu wagen, und da stand
+sie, flüchtig und zitternd, dennoch beglückt. »Wir wollen uns ein
+Zeichen geben«, schlug sie vor; »wenn die Nacht kommt, steckst du eine
+brennende Fackel übers Dach, ein gleiches will auch ich tun, so wissen
+wir doch täglich voneinander, daß wir leben«. Franz war damit
+einverstanden; die Häuser beider Familien waren so gelegen, daß ein
+Feuersignal von einem zum andern wahrgenommen werden konnte.
+
+So geschah es. Jeden Abend um die zehnte Stunde flammte von Goldrein und
+von Morter aus ein brennendes Scheit übers Tal: wie zwei irdische
+Sterne, die einander grüßen. Aber schon am vierten Tag fühlte sich Franz
+sterbensmatt, und bevor er im Fieber die Besinnung verlor, zwang er der
+Mutter, deren Herz schon erstorben und hoffnungslos war, das Versprechen
+ab, an seiner Statt das Flammenzeichen zu geben. Die Greisin übte diese
+Pflicht treu, und nur der Untergang einer Welt vermochte ihr Gewissen zu
+betäuben, denn was lag jetzt noch an Zuchtlosigkeit und Entehrung. Aber
+als der Einzige und Letzte des Stammes langsam zu genesen anfing, fand
+sie sich belohnt, und sie bekehrte sich zu der Meinung, daß Gott diesen
+Bund begünstigte, denn es gab nur wenige, die, von der Pest einmal
+erfaßt, wieder ins Dasein treten durften. Am neunten Tag war er
+imstande, das Bett zu verlassen; zwei Tage später versuchte er, nach
+Goldrein zu wandern, doch am Fluß überfiel ihn die wiederkehrende
+Schwäche des Kränklings, und er mußte von seinem Vorhaben abstehen.
+Nachdem er den ersten Schein des nächtlichen Fackelbrandes vom
+Ladurnerhof gewahrt, indes die Mutter willig über seinem Haupt die Lohe
+hinausreckte, fiel er in einen gesundenden Schlaf. Und wieder zwei Tage
+später machte er sich kraftvoller auf den Weg, und er wählte den Abend
+hiezu, weil er sich bei hellem Licht der Beachtung der feindseligen
+Sippe nicht aussetzen wollte. Er wußte nicht, daß es keine Feinde mehr
+dort drüben gab und daß der Gau entvölkert war.
+
+Die Dunkelheit war längst eingebrochen, als er über die Brücke ging, und
+er entnahm dem Aussehn des Sternenhimmels die Stunde. Noch sah er die
+Fackel nicht, so daß er wähnte, die nahen Häuser des Dorfs entzögen sie
+seinem Auge. Aber plötzlich flammte sie auf; die Straße noch, der Platz,
+und nun das Haus. Er pochte; er rief, erst leise, dann laut. Da ihm
+keine Stimme antwortete, auch kein Schritt hörbar wurde, öffnete er
+ungeduldig die Türe und eilte ermattend durch den finstern Gang, der ihn
+zu einer niedrig gewölbten Küche führte. An der linken Seite befand sich
+ein vergittertes Fenster; durch dieses Fenster wurde die Fackel
+hinausgehalten, und ihr Schein erhellte düster und mit beweglichen
+Schatten rückstrahlend den Raum. Aber es war nicht Romild, in deren
+Händen das Holz brannte, sondern es war die Gorilla-Äffin. Das Tier
+kauerte am Fenster, zähnefletschend und mit den Lippen in gräßlicher
+Possierlichkeit schmatzend. Die Gebärde sinnloser Nachahmung, die sich
+im Hinausstrecken des Armes mit dem brennenden Scheit kundgab, war noch
+schrecklicher als der Anblick des entseelten Mädchenkörpers, der knapp
+vor den Beinen des Gorilla über die Herdsteine hingebreitet lag, die
+Gewänder halb vom Leib gerissen, die schneeige Haut blutbesudelt, der
+Hals wie gebrochen zur Seite geneigt, die toten Augen weit geöffnet und
+von der Kohlenglut unterm Rost mit täuschendem Leben bestrahlt. Franz
+Tappeiner stürzte nieder wie einer, dem der Schädel gespalten wird. Der
+Affe schleuderte die Fackel weg, packte den Wehrlosen und zerbrach ihm
+mit einer spielenden Gleichgiltigkeit das Genick. Dann begann er
+abermals, stumpfsinnig wie die Nacht, die Bewegungen der schönen Romild
+nachzuahmen, die er überfallen haben mochte, während sie, im Fieber
+vielleicht, dem Geliebten das sehnsüchtig erwartete Zeichen gab. Es war
+aber in seinen großen Urwaldaugen die instinktvolle Melancholie der
+Kreatur, die von weiter Ferne ahnt, was Verhängnis und Menschenschmerz
+bedeuten, jedoch in ihren Handlungen nur das willenlose Werkzeug eines
+unerforschlichen Schicksals bleibt.
+
+Die Pestplage soll damit ihr Ende erreicht haben.
+
+Sicher ist, daß die Äffin, als kurz hernach Regengüsse eintraten,
+während welcher sie, von Bauern und Hirten verfolgt, durchs Martelltal
+irrte, bei einem Ausbruch des Stausees am Zufallferner von den eisigen
+Fluten erfaßt wurde und elend ersoff.
+
+
+
+
+Der Stationschef
+
+
+»Den Affen lob ich mir, das ist ein Affe nach meinem Herzen, so einen
+Affen möcht ich haben,« sagte Cajetan, indem er sich die Hände rieb,
+»der macht einen doch ordentlich gruseln, ist nicht so harmloser
+Philister wie gewisse Quäcolas.«
+
+»Die Gorillas gelten ja für so gefährliche Tiere, daß man die Männchen
+gar nicht in der Gefangenschaft halten kann,« sagte Hadwiger. »Ich habe
+ein einziges Mal ein gefangnes Männchen gesehen; es war dermaßen wild,
+daß mich eine Gänsehaut überlief, als ich in seine infernalische Fratze
+blickte.«
+
+»Das Geheimnisvollste auf der Welt ist für mich ein Tier«, äußerte sich
+Borsati. »Wenn mich ein Hund anschaut, ist mir, als ob sämtliche
+Philosophen bloß Schwätzer gewesen wären. Beobachtet doch das Pferd, das
+mit einer unergründlich tiefen Geduld seinen Karren zieht; oder die
+erhabene Gleichgiltigkeit, mit der eine Katze an euch vorüberschleicht;
+oder die Kuh, wie furchtlos verwundert euch das braune Auge mißt! Wart
+ihr einmal Zeuge, wie ein Kalb zur Schlachtbank gezerrt wurde? Wenn ich
+für das Wort Verzweiflung ein Bild geben sollte, ich könnte kein anderes
+wählen als dieses Schauspiel. Während meiner Studienjahre befand sich
+auf der psychiatrischen Klinik ein Knabe namens Martin Egger, den ein
+wahrhaft indisches Gefühl für Tiere in den Wahnsinn getrieben hatte. Dem
+Willen seines Vaters gehorsam, hatte er die Metzgerei erlernen müssen.
+So lange er das Fleisch nur auszutragen hatte, ging es leidlich; er
+hatte ein angenehmes Betragen, ein frisches, rotbackiges Gesicht,
+freundliche blaue Augen, und alle Kunden hatten ihn gern. Als er zum
+erstenmal schlachten sollte, vermochte er den Hieb nicht zu führen und
+brach in Tränen aus. Er wurde gezüchtigt, entlief von der Lehrstelle und
+beschwor den Vater, daß er ihn ein anderes Handwerk treiben lasse;
+seinen Lieblingswunsch, studieren zu dürfen, wagte er gar nicht zu
+verraten. Aber er mußte zurück, mit Schimpf und Spott nötigte man ihn
+ins Schlachthaus, und er wurde gezwungen, ein Kälbchen zu schlagen. Sie
+führten ihm den Arm und er schlug zu, ungeachtet ihn das Tier um
+Erbarmen flehte, denn er war überzeugt, daß eine Seele in der Kreatur
+wohne, und das brechende Auge bezichtigte ihn des Mordes. Da man ihn von
+seiner Torheit heilen wollte, ward ihm keine Ruhe vergönnt und Tag für
+Tag mußte er nun ausführen, was so zerstörend auf sein Gemüt wirkte. Die
+ganze Erde wurde ihm zur Blutbank, er konnte nicht mehr essen und nicht
+mehr schlafen, seine Wangen wurden bleich, sein rascher Knabenschritt
+hinfällig, er spürte Ekel, wenn er sich selbst berührte, dünkte sich
+überall verfolgt von dem vorwurfsvollen Glanz brechender Tieraugen, und
+in seiner Bedrängnis wußte er keine andere Hilfe mehr als den
+Branntwein. Unter elendem Gesindel saß er nächtelang in den
+Schnapsbutiken der Vorstadt, bald kindisch schluchzend, bald trübsinnig
+vor sich hinstarrend. Sein Geist blieb für immer umnachtet.«
+
+»Daraus könnte man eine Legende machen«, sagte Georg Vinzenz, »und ich
+würde sie ›der junge Hirt‹ nennen. Wie rein und wie edel zeigt sich
+hier die Menschennatur! Vielleicht hätte eine Belehrung, ein befreiendes
+Wort genügt, um den Knaben aus seiner Verstrickung zu retten. Wie gering
+wir auch sind, wir können immer noch für Geringere zur Vorsehung
+werden.«
+
+Borsati schüttelte den Kopf. »Das glaube ich so ohne weiteres nicht«,
+erwiderte er. »Wenn der vorgezeichnete Weg uns nicht in die Existenz des
+Nebenmenschen führt und uns selbst zu Schicksalsbeteiligten macht,
+können wir keinen Einfluß haben. Worte sind Luft.«
+
+»Mir fällt es auf, daß der Knabe studieren wollte«, sagte Cajetan.
+»Studieren, das war für ihn doch keine Wirklichkeit, sondern das Symbol
+für ein höheres Leben. Ich denke mir in solchen Menschen eine
+fantastische Sehnsucht, die in einem Begriff Ruhe findet, dessen
+armseligen Sinn sie nicht spüren.«
+
+»Und doch könnte ein Arago oder Newton oder Helmholtz an dem Knaben zu
+grunde gegangen sein«, versetzte Hadwiger.
+
+»Möglich; aber keimen denn alle Samenkörner, die auf den Acker geworfen
+werden? Die Natur verfährt darin mit einer Willkür, deren Sinn uns nie
+enträtselt werden wird. Aus einem leidenschaftlichen Liebesbund läßt sie
+eine Krämerseele entstehen, und aus einer Dutzendehe erzeugt sie mitten
+unter vierzehn Kindern einen großen Mann. Überall gibt es unentwickelte
+und im Ansatz verdorbene Eroberer, Erfinder und Entdecker. Im Dunkel der
+Irrungen sammeln sich die Kräfte für den Erwählten. Es wimmelt rings um
+uns von Suchenden, die ihr Ziel nicht erreichen. Wer weiß, wie vielen
+Tamerlans und Attilas ich täglich begegne. Dieselben Elemente, die den
+Helden erhaben machen und das Angesicht der Zeiten durch ihn verwandeln,
+wirken bei ihren zwerghaften Ebenbildern niedrig und verbrecherisch.
+Erinnert ihr euch an das Eisenbahn-Unglück bei Porto-Clementino? Es
+passierte, während ich in Italien war, und wurde auf die Tat eines
+bürgerlichen Nero zurückgeführt.«
+
+Da niemand die Begebenheit kannte, begann Cajetan zu erzählen.
+
+
+Auf einer unbedeutenden Station zwischen Pisa und Rom, an der
+Eisenbahnstrecke, die durch die gemiedenen Maremmen führt, lebte ein
+gewisser Antonio Varga als Amtsvorstand. Er war durch die vorübergehende
+Protektion eines Priors zu diesem Posten gekommen, und als er ihn einmal
+innehatte, blieb er dort vergessen. Sein Vater war Türhüter im Vatikan;
+nicht einer von den strahlenden Schweizern, sondern ein bescheidenerer
+Würdenträger, obschon hinreichend farbig angetan und stattlich zu
+betrachten. Wenn der junge Antonio seinen Vater besuchte, ging er voll
+Ehrfurcht durch die Hallen, blieb aufgeregt vor den Portalen stehen, um
+vornehme Leute an sich vorüberwandeln zu lassen, und einst wurde er
+erwischt, als er sich in ein Prunkgemach geschlichen hatte und mit
+Entzücken den Möbelstoff eines Sessels betastete. Wenn er vor einem Haus
+eine Karosse warten sah, verweilte er, bis der Herr oder die Dame
+erschien, und zu allen Tageszeiten trieb er sich in der Nähe der großen
+Hotels herum, auch vor den Museen und Kirchen, um die Fremden zu
+betrachten, die er mit erfundenen Namen und Titeln belegte, keineswegs
+um zu prahlen, denn es gab keinen Menschen, den er jemals eines
+vertraulichen Wortes würdigte, sondern um sich in eingebildete
+Beziehungen zu einer Welt zu setzen, nach der er das glühendste
+Verlangen hegte. Ob es nun die Säle des Vatikans oder die königlichen
+Gärten oder die nächtlich erleuchteten Fenster eines Palastes am Corso
+oder die Ringe an der Hand einer schönen Frau oder die Orden auf der
+Rockbrust eines Generals waren, stets empfand er beim Anblick von
+Dingen, die an Macht, Herrschaft und Reichtum erinnerten, den Groll
+eines Menschen, der um den rechtmäßigen Genuß seines Eigentums betrogen
+wird. Er hatte keinen Freund, an allen Männern stieß ihn die
+Genügsamkeit und Ergebenheit ab; keine Geliebte, da ihm die Mädchen aus
+dem Volk durch Tracht und Wesen verächtlich waren und er sich in den
+verwegensten Träumen gefiel, in denen er nur mit Gräfinnen und
+Herzoginnen, und zwar in einer grausamen, kalten und stolzen Weise
+verkehrte. Er hatte die Manie, bunte Stoffe, Hutbänder, Photographieen
+von Leuten der großen Gesellschaft, ferner Visitenkarten mit erlauchten
+Namen, Spitzenreste, Stiche aus Modenblättern und einzelne Handschuhe,
+die er vor einem Ballsaal oder einem Bazar aufgelesen, zu sammeln, und
+durch diese Schwäche verwandelte er das billige Mietszimmer, das er
+bewohnte, in eine Schaubude, einen Triumph der Abgeschmacktheit.
+
+Die Sumpföde der Maremmen, wohin er sich im Alter von dreißig Jahren
+versetzt sah, raubte ihm die Möglichkeit, seine bisherigen Neigungen zu
+befriedigen, und drängte den ohnehin finstern und reizbaren Mann so
+tief in sich selbst zurück, daß er auch in seiner dienstfreien Zeit
+verschmähte, die traurige Wüstenei zu verlassen. Er durchstreifte die
+menschenleere Gegend, lag stundenlang am Meeresufer und heftete die
+Blicke, die voll von unerforschlichen Wünschen und Vorsätzen waren, ins
+Weite hinaus. Abends beschäftigte er sich mit seiner seltsamen Sammlung,
+breitete die Stücke auf einen Tisch vor sich aus und betrachtete die
+nichtigen Gegenstände mit der Freude eines Geizhalses, der vor seinen
+Schätzen und Wertpapieren sitzt.
+
+Es verkehrt auf dieser Bahnlinie ein Luxuszug, der eine Verbindung
+zwischen Paris und Neapel herstellt und am Morgen nach Süden, am Abend
+nach Norden fährt. Eines Tages ereignete es sich, daß ein Streckenwärter
+diesem Zug das Haltesignal gab; sein Weib hatte in der Nacht vorher ein
+Kind geboren, lag in einem tödlichen Fieber, und da meilenweit im
+Umkreis keine ärztliche Hilfe zu haben war und der Posten behütet werden
+mußte, so griff er zu dem verzweifelten Mittel, den Zug zum Stehen zu
+bringen, weil er hoffte, daß unter den Passagieren ein Arzt sein würde.
+Aber das Wagnis war umsonst, die Fahrgäste durften nicht gestört werden,
+der Beunruhigung war ohnehin schon zu viel, und es schien ein Glück, daß
+der Zugführer eine menschliche Regung verspürte und es dabei bewendet
+sein ließ, den Vorfall schriftlich an den Stationschef Varga zu melden,
+wobei er den Wächter, dessen Frau nach einigen Stunden starb, am meisten
+geschont zu haben wähnte. Dies war ein Irrtum. Antonio Varga raste, und
+seiner Darstellung wie seiner Forderung bei der Behörde war es
+zuzuschreiben, daß der Unglückliche binnen kurzer Frist von Haus und
+Brotstelle gejagt wurde.
+
+Man hatte natürlich angenommen, daß er den Frevel eines
+pflichtvergessenen Beamten gestraft wissen wollte. Solches konnte er
+glauben machen, aber der geheime und schreckliche Grund seines Wütens
+war, daß der Wächter etwas getan, wozu er selbst sich täglich und von
+Tag zu Tag unwiderstehlicher versucht fühlte. Der Luxuszug hielt nicht
+bei der kleinen Station; zur vorgezeichneten Minute tauchte er fern in
+der Ebene auf, die Schienen knatterten, der Boden zitterte, donnernd
+fuhr er in einem Luftwirbel daher und vorüber, um alsbald im Dunst der
+Ferne zu verschwinden. Erregender war es am Abend; die gleißend hellen
+Fenster durchblitzten für die Dauer von fünf Sekunden den einsamen
+Perron und ließen die Öllampen in den Laternen doppelt jämmerlich
+erscheinen; schwarze Menschenkörper bewegten sich geisterhaft, träg und
+schnell zugleich, hinter den Scheiben, und Antonio Varga dachte an
+Perlenketten und Geschmeide, die sie trugen, an die rauschenden Gewänder
+in ihren Koffern, an ihre hochmütigen Blicke, ihre gepflegten Hände, an
+ihre Feste, ihre Liebeleien, ihre Spiele, ihre geschmückten Häuser, und
+die Erbitterung über diese glänzende und satte Welt, die so unhemmbar an
+ihm vorüberrollte, ihn so durstig stehen ließ, wuchs mit solcher Gewalt,
+daß er den Gedanken einer Rache nicht mehr verdrängen konnte. Gepeinigt
+von seinem düstern Trieb sagte er sich: kann ich nicht zu euch gelangen,
+so will ich euch zu mir zwingen, und wie Knechte und Bettler sollt ihr
+vor mir liegen. Eines Abends war der Güterzug aus Genua verspätet
+eingetroffen und mußte, um dem Luxuszug die Fahrt freizugeben, auf ein
+totes Geleise rangiert werden. Bevor die Verschiebung beendet war, kam
+der andere Zug in Sicht. Nun sollte das Haltesignal gestellt werden, und
+da die Hilfsbeamten auf dem Bahnkörper beschäftigt waren, eilte Antonio
+Varga in das Offizio. Anstatt so schnell zu handeln wie es die Situation
+gebot, zögerte er am Apparat. Er hob den Arm und ließ ihn wieder sinken;
+er ward sich dessen bewußt, wie viel Leben und Schicksal an der einzigen
+Bewegung seiner Hand hing, und eine nie empfundene aber vorgeahnte Lust
+erfüllte ihn. Sein Herz klopfte reiner, sein Blut floß kühler, und als
+das unheimlich krachende Getöse der aufeinanderstürzenden Wagen
+erschallte, verließ er den Raum, schritt durch die fliehenden und
+wehklagenden Bediensteten und stand alsbald mit verschränkten Armen
+neben dem ungeheuren Trümmerplatz. Emporprasselnde Flammen beleuchteten
+die letzten Zuckungen derselben Menschen, deren Leben er Jahr um Jahr
+mit seinem Haß und seiner vergeblichen Begierde verfolgt hatte. Während
+er den Anblick genoß wie ein Feldherr die Ruinen einer erstürmten
+Festung und drüben beim Stationshaus Arbeiter und Beamte noch wie
+gelähmt verharrten, traf eine rührende Stimme sein Ohr. Den Lauten
+nachgehend, gewahrte er nach wenigen Schritten ein Mädchen von
+außerordentlicher Schönheit, das Gesicht von jener Lieblichkeit des
+Schnitts und jener Zartheit der Färbung, wie man es fast nur bei den
+Engländerinnen findet; ihr Leib war zwischen Metall- und Holzteilen so
+eingepreßt, daß der keuchende Atem mit Blut vermischt aus dem Munde
+drang und die schönen Augen bald gebrochen sein mußten. Mit einer Geste
+trunkener Angst, in einem holden Wahnsinn des Schmerzes streckte das
+Mädchen die Arme aus, als ob es sagen wollte: umfange mich, halte mich,
+gib mir, was meine Jugend entbehren mußte; in ihrem Blick war eine Glut,
+die die strengen Züge und die adeligen Lippen Lügen strafte und dem Tode
+selbst noch ein kurzes Stück Leben abzuringen schien. Antonio Varga
+schauderte, und indem er das Haupt der Sterbenden sanft auf seine Kniee
+bettete, mehr vermochte er zu ihrer Erleichterung nicht zu tun, ergriff
+ihn zum erstenmal in seinem Leben ein Bedürfnis nach dem andern
+Menschen, nach Hingabe, eine Ahnung von Liebe. Als das Mädchen tot war,
+entzog er sich dem Gewühl der um Hilfe und Rettung bemühten Leute, ging
+in seine Stube, verfaßte eine Beichte seiner Untat, ein ziemlich
+pedantisches Schriftstück, und nachdem er die Rechnung mit der
+Menschheit in gewohnter Sorgfalt aufgestellt hatte, beglich er sie
+sogleich und erhängte sich. Das macht die großen Verbrecher am Ende doch
+klein, daß sie unter ihren Handlungen zusammenbrechen, nicht bloß, weil
+sie das irdische Gericht fürchten, sondern weil ihr Geist zu schwächlich
+ist, um das Antlitz einer Wirklichkeit zu ertragen und ihre Seele zu
+verkümmert, um einer Verantwortung gewachsen zu sein.
+
+
+»Ich möchte von einem solchen Scheusal am liebsten nichts hören«, sagte
+Franziska; »wie ungerecht geht es doch zu in der Welt! Der arme
+Streckenwächter darf nicht den Arzt finden, der ihm sein kleines
+häusliches Glück erhalten könnte, und dieser Unhold zaubert durch ein
+Werk des Grauens ein Geschöpf an seine Seite, dessen Zärtlichkeit
+zwischen Tod und Leben mich beinah weinen macht, weil soviel wahres
+Frauentum darin liegt.«
+
+»Und ein tiefer Sinn«, fügte Lamberg hinzu; »Luzifer wird durch den
+Engel erlöst.«
+
+»Man erkennt aus alledem, wie verworren angelegt und wie unergründlich
+die Charaktere sind, die man in oberflächlichem Sinn als einfache
+bezeichnet«, bemerkte Borsati. »Der sogenannte einfache Mensch steht dem
+Schicksal am nächsten, ist ihm wie auch den verborgenen Kräften und
+Instinkten seiner eigenen Natur am hilflosesten verfallen. Der höher
+geartete spielt schon, kombiniert, ist vorbereitet durch Erkenntnis oder
+ermüdet durch seine Fähigkeit zum Miterleben. Er sammelt die Erfahrungen
+derer, die eingreifen und zermalmt werden.«
+
+»Gerade im kleinen Beamten stecken oft die niedrigsten und
+gefährlichsten Leidenschaften«, versetzte Cajetan; »welche Verworfenheit
+zeigt sich oft an einem simplen Dorfschullehrer, was für eine berechnete
+Tücke an manchem Gerichtsfunktionär auf dem Land! Stellen wir uns vor,
+daß der biedere Herr mit dem roten Kopf und den hastigen Augen, der da
+im Wirtshaus sitzt und seine Zehnhellerzigarre zerbeißt, weil das bloße
+Saugen des Gifts ihm nicht genügt, stellen wir uns vor, daß plötzlich
+die soziale Kette, die sich um ihn schlingt, abfiele, seine Machtgelüste
+ungehemmt sich betätigen dürften, – das Land würde rauchen von den
+Opfern, die seine Eitelkeit, seine Dummheit, sein Ehrgeiz und sein
+Fanatismus fordern würden.«
+
+»Es gibt ein Beispiel von einer derartigen Entfesselung eines gemeinen
+Strebers«, sagte Lamberg; »Collot d’Herbois war ein mittelmäßiger
+Schauspieler in Lyon. Er wurde in jeder Rolle, die er auf dem Theater
+spielte, erbarmungslos ausgezischt. Nun sind ja schlechte Komödianten,
+die ausgezischt werden, keine Seltenheit, aber in den meisten Fällen
+müssen sie ihre Erbitterung und Enttäuschung ertragen lernen. Mit Collot
+d’Herbois aber wollte das Geschick offenbar einmal demonstrieren, was
+ein durchgefallener Mime zu tun imstande ist, wenn er für die erlittenen
+Niederlagen Rache nehmen darf. Beim Ausbruch der Revolution ging
+d’Herbois nach Paris und wurde in den Nationalkonvent gewählt. Sobald es
+anging, ließ er sich nach Lyon versetzen, und dort begann er nun sein
+Strafgericht. Er brachte sämtliche Kritiker und Zeitungsredakteure aufs
+Schafott, verschonte nicht seinen früheren Direktor, seine Kollegen, die
+die Gunst der Theaterbesucher erfahren hatten, die einflußreichen
+Personen der Gesellschaft, Leute, die ihm irgend einmal durch Wort oder
+Blick ihr Mißfallen bezeigt hatten, und mit dem Souffleur und dem
+Kassierer des Theaters ließ er am selben Tag einen Freund hinrichten,
+der ihm während seiner Bühnenlaufbahn bisweilen Ratschläge erteilt und
+nützliche Winke gegeben hatte. Bei den Sitzungen und der Verkündigung
+der Verdikte trug er ein majestätisches Benehmen zur Schau, und seine
+Tiraden waren ebenso talentlos wie jemals auf der Szene, nur war er
+gegen das Ausgezischtwerden vollkommen gesichert.«
+
+»Dem ist einmal in Erfüllung gegangen, wovon sonst Millionen ihre
+geheimsten Wünsche nähren«, rief Lamberg lachend.
+
+»So schlecht denkst du von den Schauspielern, Georg?« fragte Franziska
+traurig.
+
+»Nein, meine Liebe, überhaupt!« antwortete Lamberg. »Zweifellos ist
+jedenfalls, daß ein Mensch, dessen Ehrgeiz größer ist als seine
+Begabung, lasterhaft werden muß.«
+
+»Dieser Collot d’Herbois erinnert mich an die Rache eines Invaliden aus
+dem deutsch-französischen Krieg, der auch die erhoffte Anerkennung
+seiner Verdienste nicht finden konnte«, sagte Borsati. »Bei Mars la Tour
+rettete er als gemeiner Soldat eine ganze Batterie, indem er, mehr aus
+Angst denn aus Mut, mit einer Kanonenputzstange wie toll um sich hieb
+und die Angreifer so lange in Schach hielt, bis Verstärkung kam. Er
+wurde schwer verwundet, und da seine Tat die höchste militärische
+Belohnung forderte, wurde er für bewiesene Tapferkeit vor dem Feind mit
+einer Medaille ausgezeichnet, deren Rang bedingt, daß alle Posten vor
+dem Träger salutieren und alle Wachen ins Gewehr treten. Als Krüppel in
+die Heimat zurückgekehrt, bewarb er sich um die Stelle eines
+Nachtwächters. Wie verständlich, wünschte man nicht einen Nachtwächter,
+der nur im Besitz eines einzigen Beines war, und wollte ihm ein minder
+anstrengendes, ja sogar würdevolleres und einträglicheres Amt
+verschaffen. Aber nein, er hatte den Ehrgeiz, Nachtwächter zu werden,
+denn er hatte eine schöne Baßstimme und gefiel sich in dem Gedanken, das
+Liedchen von der Zeitlichkeit und Ewigkeit und drohenden Gefahren mit
+jeder Glockenstunde melodisch zu Gehör zu bringen. Ärgerlich über die
+Verweigerung lag er tagsüber in den Bierhäusern und zog zu allgemeinem
+Verdruß acht- bis zehnmal, immer an der Spitze eines unflätig brüllenden
+Pöbelhaufens, an der Hauptwache vorbei, wo dann der Posten die Soldaten
+ins Gewehr rufen mußte, um dem hochdekorierten Querulanten die
+vorschriftsmäßige Ehrung zu erweisen. Die Sache ging durch viele
+Instanzen, man konnte sich aber schließlich doch nicht anders helfen,
+als daß man dem rebellischen Kriegsmann seinen Willen erfüllte. Und ich
+glaube, er tutet und singt noch jetzt allnächtlich zum Vergnügen der
+Bürger und zur Zufriedenheit der hohen Behörde.«
+
+Borsatis ruhige Art, die ohne vordringende Ironie war, vermochte den
+Zuhörern selbst mit einer so simplen Begebenheit noch ein Lächeln
+abzuschmeicheln. Es kam dann die Rede wieder auf die Ehrgeizigen, da
+Franziska, als hänge sie nicht nur mit geistiger Teilnahme an dem Thema,
+noch einige Fragen stellte. Beim Austausch der Meinungen fiel Hadwigers
+Schweigsamkeit mehr auf als am Beginn des Abends, und obwohl er in einer
+bescheidenen Haltung schweigsam war, lastete seine Abkehr vom Gespräch
+auf den Freunden, und sie hatten nicht so sehr das Gefühl, einen stummen
+Kritiker fürchten zu müssen, als das andere, daß er sich die
+Bequemlichkeit des Zuhörens gar zu billig verschaffte. Nur Franziska
+ahnte in seinem Verhalten achtenswertere Gründe, empfand einen
+heimlichen Schmerz mit ihm, eine Sorge, ein schwermütiges Zurückschauen,
+ja, böses Gewissen gegenüber der leichten Stunde, und sie faßte den
+Vorsatz, ihn so mild wie möglich aus seiner Stille zu treiben,
+allerdings nicht mehr heute; heute war sie müd.
+
+Cajetan hatte eine einleuchtende Darstellung vom Wesen des Ehrgeizes
+gegeben, denn die menschlichen Eigenschaften waren für sein Auge, was
+dem Chemiker ein Präparat unter dem Mikroskop ist. Zum Schluß sprang er
+auf, klatschte in die Hände und sagte entzückt, er habe auf einer Reise
+in Mexiko, die er vor zwei Jahren von den Staaten aus unternommen, eine
+Geschichte gehört, in der ein ehrgeiziger Charakter durch wundervolle
+Fügung zur Einsicht in das Trügerische seiner Ziele kommt. Er habe die
+Geschichte, die ihm ein sehr gebildeter junger Kreole erzählt, nie
+vergessen können, »und wenn es erlaubt ist,« schloß er mit drolliger
+Koketterie, »will ich sie morgen an den Mann bringen, – Verzeihung, auch
+an die Frau.«
+
+Lamberg richtete sich auf und sagte langsam und mit Gewicht: »Man lobe
+die Geschichte erst, nachdem sie erzählt ist; man lobe sie auch nicht
+selbst, sondern lasse sie von andern loben, vorausgesetzt, daß sie es
+verdient.«
+
+In bester Laune trennten sich die drei Hotelbewohner von Lamberg und
+Franziska, und da es inzwischen zu regnen aufgehört hatte, tauschten sie
+unterwegs ihre Ansichten über die Freundin aus. Keinem erschien sie als
+die, die sie ehedem gewesen, alle waren mitbedrückt von den Erlebnissen,
+welche sie so angsterfüllt verbarg. Mit liebevoller Politik, meinte
+Cajetan, müsse dieser Zustand von Scheu und Leiden beseitigt werden, und
+es gelte nur, den Augenblick zu finden, in dessen Macht sie Herrin des
+Vergangenen werden und neues Vertrauen zu sich selbst gewinnen könne.
+Hadwiger entgegnete, daß ihn ihr Aussehen, ihre körperliche Verfassung
+bekümmere. Hierzu nickte Borsati und fragte, ob man nicht den Fürsten,
+der doch am Ort sei, von ihrer Anwesenheit verständigen solle, da
+vielleicht die besondere Art dieses Mannes eine Ermunterung für
+Franziska herbeiführen könne, am Ende auch eine willige Rückkehr in eine
+ehemals begehrte Welt. Sehr bedächtig antwortete Cajetan, darin müsse
+man mit Vorsicht zu Werk gehen. Er habe der Gräfin Seewald seinen Besuch
+zugedacht und werde bei dieser Gelegenheit erspähen, welchen Schritt man
+wagen und wie weit man gehen dürfe.
+
+Am folgenden Morgen war leidlich gutes Wetter; als Cajetan zur Villa
+Lambergs ging, traf er Georg und Franziska, die eben von einem kleinen
+Spaziergang aus dem Wald zurückkamen. Franziska war totenbleich und
+schleppte sich an Lambergs Arm mühselig dahin. Cajetan stützte sie
+gleichfalls, und so gelangten sie bis zum Haus. Quäcola saß vor der
+Türe, blätterte mit konfusen und wichtigtuerischen Geberden in einer
+Zeitung, und vor ihm lag ein in Fetzen gerissenes Buch. Emil, die Hände
+in den Hosentaschen, betrachtete das Tier mit ingrimmigem Mißfallen,
+woraus sich aber der Schimpanse nicht im mindesten etwas machte, sondern
+fortfuhr, in wüster Geschwindigkeit das Zeitungspapier zu wenden. Ein
+mattes Lächeln erschien auf Franziskas Gesicht, und sie sagte: »Wenn das
+mit den beiden gut ausgeht, dann haben wir Glück gehabt, Georg.« Kaum
+wurde Quäcola ihrer ansichtig, so erhob er sich, verbeugte sich und gab
+dem Diener mit einer frech vornehmen Handbewegung zu verstehen, daß er
+sich entfernen solle. Emil schüttelte den Kopf, und seine Miene zeigte
+den Ausdruck ungeheuchelten Kummers.
+
+Als Franziska sich zu Bett begeben hatte, teilte Cajetan dem Freund mit,
+daß er zu Armanspergs gehen wolle und fragte, ob er vor dem Fürsten
+erwähnen solle, daß Franziska hier sei. Lamberg bat ihn, es vorläufig zu
+unterlassen. Franziska fühle sich in der Schuld des Mannes, sie habe von
+einem herrlichen Brief erzählt, den der Fürst vor Monaten an sie
+gerichtet, als er durch geheime Sendlinge ihren Aufenthalt erfahren
+hatte, und sie sei durch den bloßen Gedanken beunruhigt, daß sie sich
+einst doch noch werde stellen müssen, wenn sie in mutigeren Stimmungen
+mit einer Zukunft überhaupt rechnen zu dürfen glaubte. Es sei zwischen
+den beiden Menschen irgend etwas Undurchschaubares, und ein fremder
+Wille könne da nur zerstörend eingreifen.
+
+Eine Stunde später fing es wieder aus endlosen Wolkenmassen zu regnen
+an. Grauer, zerfaserter Flaum umschwamm die Häupter und Rücken der
+Berge, die harten Wege wurden weich, als seien sie aufgekocht worden,
+die talwärts rinnenden Wasser schwollen an, und alles war so klein, so
+naß, so dürftig, wie wenn die Natur auf Prunk und Feiertäglichkeit für
+immer hätte verzichten wollen, um sich frierend und gleichgiltig den
+unfreundlichen Elementen zu überliefern.
+
+
+
+
+Geronimo de Aguilar
+
+
+Franziska erholte sich im Verlauf des Tages, und als alle bei der
+abendlichen Lampe wieder versammelt waren, begann Cajetan seine
+versprochene Erzählung wie folgt.
+
+
+Zur Zeit, als das Auftauchen unbekannter Welten die Geister des alten
+Europa bewegte, lebte in Spanien ein verarmter Edelmann namens Geronimo
+de Aguilar, ein ruheloser Charakter, der, seit die Taten des Christoph
+Columbus und anderer Helden von sich reden gemacht, nur den einzigen
+Willen hatte, es jenen Männern gleichzutun. Aber da war guter Rat teuer.
+Als Matrose oder Soldat oder selbst als untergeordneter Offizier auf
+einem Schiff zu dienen, erlaubte Geronimos Stolz nicht, und um die
+Leitung auch nur der kleinsten Expedition zu bekommen, mußte man
+entweder Geld oder mächtige Gönner haben. So blieb nichts übrig, als
+sich in Geduld zu fassen, obgleich Geronimo sich mit Recht sagte, daß
+jede Stunde kostbar sei und jeder verstrichene Tag ihn einer
+unwiederbringlichen Möglichkeit beraube. Er brachte seine schlaflosen
+Nächte über alten Folianten und neuen Landkarten zu, halb rasend vor
+ohnmächtiger Ruhmsucht und Tatbegier, und von morgens bis abends
+beschwatzte er Freunde und Bekannte, saß in den Vorzimmern hoher und
+höchster Herren, reichte Bittschriften und gelehrte Auseinandersetzungen
+ein, und mit jeder fehlgeschlagenen Hoffnung wurde er rabiater, mit
+jeder lässigen Vertröstung um so leidenschaftlicher besessen.
+
+»Beim Herzen Marias«, sagte er, »was der Glückspilz Columbus erreicht
+hat, ist noch nichts, und wenn man mich gewähren läßt, will ich zeigen,
+daß es nichts ist; ich will euch die Atlantis der Alten wiederfinden,
+will Länder erobern, in denen es mehr Gold gibt als bei uns
+Pflastersteine, und bringe eure Schiffe so mit Schätzen beladen zurück,
+daß ihr den Kindern Kleinodien zum spielen geben könnt, wie sie jetzt im
+königlichen Tresor bewacht werden. Aber säumt nicht länger, denn die
+Zeit ist trächtig.«
+
+Derlei glühende Reden führte er häufig, bei denen seine schwarzen Augen
+brannten, als ob der ganze Mensch mit Feuer angefüllt sei. Viele hielten
+ihn natürlich für einen Prahler, andere glaubten ihn vom Teufel behext,
+aber es gab auch Leute, die der Meinung Ausdruck gaben, daß es den
+Versuch wohl lohnen könnte, ihn übers Meer zu schicken, und daß ein
+Mann, der die Kraft zu großen Geschäften in sich spüre, nicht mit der
+Bescheidenheit eines Schulmeisters davon zu sprechen nötig habe. Eines
+Tages ließ ihn der Graf Callinjos, ein ehemaliger Kämmerer, der vom Hof
+verbannt war, ein reicher Herr und Sonderling, zu sich kommen, und indem
+er auf einen mit Goldstücken bedeckten Tisch hinwies, sagte er: »Hier
+sind zehntausend Pesetas. Ich habe, Sennor de Aguilar, von Ihren Plänen
+und Absichten vernommen und bin gewillt, diese Summe zu opfern. Rüsten
+Sie damit die Brigantine Elena aus, die mein Eigentum ist und im Hafen
+von Cadix vor Anker liegt. Ich gebe Ihnen eine Frist von drei Jahren.
+Höre ich bis dahin nichts von Ihnen, so erachte ich Schiff, Geld und
+Mannschaft für verloren. Kommen Sie aber unverrichteter Dinge zurück, so
+sind Sie durch den Verlauf des Unternehmens nicht nur als lächerlicher
+Rodomont entlarvt, sondern ich werde auch Mittel finden, Sie für Ihren
+Übermut und Dünkel zu bestrafen.«
+
+Bei jedem andern Anlaß hätte eine solche Sprache Geronimos Blut in
+Wallung versetzt; in diesem Augenblick empfand er nur überschwängliche
+Freude; er nahm stumm die Hand des Grafen, beugte sich nieder und
+drückte sie an seine Lippen. Und so redselig, aufgelöst, hitzig und wild
+man Geronimo bisher gesehen hatte, so schweigsam, kalt, gesammelt und
+maßvoll zeigte er sich jetzt. Bei der Bemannung und Befrachtung des
+Schiffes wußte er zu nutzen, was seine Vorgänger durch Erfolge wie
+Mißlingen ihn gelehrt, und in allem bewies er so viel Vernunft und
+Tüchtigkeit, daß des verwunderten Lobes über ihn kein Ende war. Zu
+Anfang des Herbstes waren die Vorbereitungen beendet, und an einem
+klaren Oktobermorgen lichtete die Brigantine die Anker und stach in See,
+begleitet von den Zurufen des am Hafen versammelten Volks. Geronimo
+stand am Heck des Schiffes, und er zuckte auf wie eine Flamme, als ihm
+das Vaterland den letzten Gruß schickte. Er ließ kein Herz zurück, kein
+Gut, keinen Freund, nicht einmal einen Hund. Er war allein, er wußte es,
+und er bedauerte es nicht. Eingesponnen in seine berauschenden Visionen,
+hatte er seit langem nichts mehr übrig für Beziehungen zärtlicher Art.
+
+Die Brigg lief trefflich vor dem Wind, und mit wachsender Erwartung
+lenkten alle den Blick nach dem geheimnisvollen Westen. Selbst die rohen
+Matrosen spürten einen abergläubischen Schauder, als jene Sterne
+niedriger stiegen und dann verschwanden, mit denen sie seit ihrer
+Kindheit vertraut waren, und sie wurden durch den Anblick des neuen
+Himmels, seiner unbekannten Bilder und phosphoreszierenden Wolken
+lebhaft an die Gefahren ermahnt, denen sie entgegengingen. Nur Geronimo
+dachte lediglich an den Ruhm, der seiner wartete, und, ein wahrer Midas
+des Traums, verwandelte er in Gold, was in den Bereich seiner Ahnungen
+und Hoffnungen kam, denn er wußte, daß die Reichtümer, die er gewann,
+das einzige Mittel zum Ruhm und die sicherste Bürgschaft dafür waren. Es
+befand sich ein Mönch auf dem Schiff, der schon zum zweitenmal die Fahrt
+über den Ozean machte, und auf der Insel Hispaniola gewesen war, um im
+Auftrag seines Ordens für das Christentum zu wirken. Er erzählte oft und
+mit trauriger Miene, wie grausam die Spanier in jenen paradiesischen
+Ländern gehaust, wie schnöde sie das Vertrauen der unschuldigen
+Eingeborenen hintergangen und in nimmersatter Habgier blühende Gegenden
+verwüstet hätten. Was könne das Wort des Heilands fruchten, wo Verrat,
+Mord und Plünderung die Religion der Bekehrungseifrigen als
+verabscheuenswerte Heuchelei erscheinen lasse?
+
+Geronimo hörte gleichgiltig zu. Wurde aber der Name des Columbus oder
+einer der ihm folgenden kühnen Seefahrer genannt, so ballte sich seine
+Faust, und Blässe überzog das lange Oval seines Gesichts. Denn diese
+Namen hatten eine selbstverständliche Leichtigkeit des Klanges und der
+Bildung, während sein eigener Name leblos tönte und völlig an die
+leibhafte Erscheinung gebunden war.
+
+Nun erhob sich in der sechsten Woche ein gewaltiger Sturm, der viele
+Tage lang anhielt und das Schiff aus seinem Kurs weit nach Nordwesten
+trieb. Die Mastbäume hatten gekappt werden müssen, das Steuer war
+zerbrochen, hilflos schwankte das Fahrzeug in der Strömung unbefahrener
+Meere. Als eines Morgens ein Matrose den langersehnten Landmelderuf
+ausstieß, glaubten sie sich schon gerettet, doch blickten sie voll
+Bangigkeit gegen die Küste, da sie nicht wußten, wo sie sich befanden
+und welches Los ihnen dort bevorstand. Näherkommend gewahrten sie eine
+Schrecken einflößende Brandung, und ehe sie noch beraten konnten, wie
+das drohende Verderben abzuwenden sei, stieß das Schiff gegen eine
+Felsenklippe. Der Rumpf füllte sich schnell mit Wasser, die meisten
+Leute wurden in der ersten Verwirrung von den Wogen gepackt und
+fortgespült, andere büßten das Leben ein bei der Bemühung, ein Boot klar
+zu machen, und binnen kurzer Frist war die Brigg samt ihrer Mannschaft
+vom Meer verschlungen.
+
+Vielleicht ist es der ungewöhnliche Lebens- und Tatenwille, gegen den
+selbst die Elemente machtlos sind, der solche Männer wie Geronimo aus
+Gefahren rettet, die alle Schwächeren rings um sie vernichten. Er wurde
+von einer riesigen Welle durch einen Kanal zwischen den Riffen
+geschleudert und ans Land gespült. Als er aus einer tiefen
+Bewußtlosigkeit erwachte, sah er sich von seltsam gekleideten Menschen
+umgeben. Einer gab ihm aus einem kupfernen Gefäß zu trinken, ein anderer
+half ihm, sich aufzurichten, und sie führten ihn zu einem großen Dorf.
+Durch Geberden erkundigten sie sich nach seiner Herkunft; er deutete
+nach Osten. Es traten feierlich schreitende Personen auf ihn zu, die
+Priester sein mußten, und mit Blumen und kostbaren Stoffen geschmückte,
+die er für Häuptlinge halten durfte. In melodischen Lauten sprachen sie
+ihn an. Er antwortete in der Zunge seiner Heimat, mit ausdrucksvollen
+Gesten bald zum Himmel, bald auf das Meer, bald auf seine abgerissenen
+Gewänder weisend. Am andern Tag wurde er in eine Stadt gebracht, deren
+prächtige Straßen und Märkte, Gärten, Paläste, Basteien und Treppentürme
+sein Staunen erweckten. Er ward vor den Thron eines jungen Fürsten oder
+Kaziken geleitet, der einen weiß und blauen, mit Smaragden besäten
+Mantel und an den Füßen goldverzierte Halbschuhe trug. Mit
+Freundlichkeit sah er sich von diesem begrüßt und mit kindlich anmutiger
+Neugier betrachtet. Was er vom Leben und Treiben des Volkes wahrnahm,
+gab ihm die Vorstellung gesitteter Zustände, des Reichtums und der
+Schönheit. Man ließ ihn verstehen, daß man ihn nicht als einen
+Gefangenen, sondern als einen Gast zu behandeln wünsche und führte ihn
+in ein neben dem Palast des Kaziken gelegenes Haus, wo er wohnen sollte.
+
+Geronimo wußte natürlich nicht, daß er sich in dem ungeheuren Reich der
+Azteken befand, von dem jede Provinz, auch die, an deren Küste er
+Schiffbruch gelitten, ein Königreich für sich bildete, denn keines
+Europäers Fuß hatte vor ihm dieses Land betreten. Auch wußte er kaum,
+unter welchem Himmelsstrich er war, und bisweilen hatte er das Gefühl,
+auf einen andern Stern versetzt zu sein. Alles war ihm neu und fremd,
+die Luft, die er atmete und das Kleid, das sie ihm geschenkt hatten,
+jeder Baum und jedes Tier, jedes Auge, das auf ihm verweilte, jeder
+Laut, den er vernahm. Ganz zu schweigen von der tiefen Einsamkeit, der
+er sich preisgegeben sah, der Einsamkeit eines denkenden Menschen, so
+schien es ihm, unter Barbaren, zehrte die Qual an seinem Gemüt, durch
+unüberbrückbare Meere von der Heimat getrennt zu sein. Er umfing all das
+märchenhafte Leben und Weben mit der Gier des Eroberers, beschaute das
+Wunderland mit den Sinnen und Blicken von drüben, mit der
+selbstsüchtigen Genugtuung des zurückkehrenden Siegers. Für ihn allein
+war es nichts, ein Traum, ein Spottbild. Obschon er am Ziel war, trug
+ihm dies keine Früchte, und die Welt, die er gefunden, war so lang eine
+Chimäre, bis er seinen Landsleuten und seinem Kaiser davon Nachricht
+geben konnte. Er hielt sich für den rechtmäßigen Eigentümer von allem,
+was er ringsum sah, Volk und Fürst betrachtete er insgeheim als seine
+Sklaven, und das heimtückische Schicksal, im Besitz unermeßlicher
+Schätze tatenlos den Verlauf der köstlichen Zeit abwarten zu sollen,
+versetzte ihn in solche Verzweiflung, daß er sich ganze Nächte lang in
+ohnmächtiger Wut auf seinem Lager wälzte und Gebete zum Himmel schickte,
+die mehr Lästerungen als fromme Worte enthielten.
+
+Bald nahm er wahr, daß unter den Eingeborenen ein Streit über seine
+Person herrschte. Bei aller Freundlichkeit, die man ihm erwies, sah er
+sich doch ohne Unterlaß belauert, und jeder Schritt, den er tat, wurde
+sorgsam überwacht. Aufmerksam, wie er war, und scharfsinnig geworden
+durch die Not, lernte er manches von der Sprache des Volks verstehen;
+ein paar Jünglinge, die zu seiner Bedienung bestellt waren,
+erleichterten ihm dies, und eines Tages entdeckte er, daß wunderliche
+Dinge im Werk waren und ein Verhängnis über ihm schwebte.
+
+Es gab nämlich bei den Mexikanern eine altüberlieferte Weissagung,
+derzufolge ein Sohn der Sonne, ein Gott oder Halbgott also, dereinst von
+Osten kommen würde, um das Reich zu unterwerfen. Nun waren bei der
+Ankunft Geronimos viele aus dem Stamm des Glaubens gewesen, dieser
+Fremdling sei die langverkündete Erscheinung. Daher hatte er in manchen
+Mienen eine Furcht und scheue Demut bemerkt, die ihm mehr zu denken
+gegeben hätten, wenn ihn sein eigenes Unglück weniger beschäftigt hätte.
+Nur die Priester bekämpften die Meinung über den Schiffbrüchigen mit
+Heftigkeit, und ihr vornehmster Gegengrund war, daß der Sonnensohn in
+jedem Falle glänzender und feierlicher aufgetreten wäre als dieser
+hilflos Verlassene. Es wurde eingewandt, dies möge eine List des
+Göttlichen sein, um sie in Sicherheit zu wiegen, aber die Priester
+beharrten bei ihrer Ansicht, Geronimo sei der Angehörige eines
+unbekannten Volkes, von ausgezeichneter Bildung freilich und schönen
+Leibes, von dem man jedoch Verrat befürchten müsse, von dessen
+Stammesbrüdern Gefahr drohe, und sie forderten, daß der Mann geopfert
+und sein Herz auf dem Jaspisblock zu Ehren des Kriegsgottes verbrannt
+werde.
+
+Der Fürst und seine Edlen widersetzten sich schon im Gefühl
+verpflichtender Gastfreundschaft dem Ratschluß ihrer Priester, und der
+Streit währte so lang, bis der Kazike eine Anzahl von denen, die in
+seinem Machtbezirk Rang und Stimme hatten, zu sich rief und
+folgendermaßen sprach: »Wir wollen über den Fremdling nicht mit
+Ungerechtigkeit richten. Ist er von göttlicher Herkunft, so muß er auch
+imstande sein, uns ein Zeichen seiner Göttlichkeit zu geben. Was aber,
+denkt ihr, zeugt am meisten für die Eigenschaften eines Gottes? Ich
+denke, die Kraft ist es, womit er dem gegenüber unempfindlich bleibt,
+was uns Menschliche alle unterwirft, die Liebe zum Weib, die Verführung
+der Sinne. Prüfen wir ihn; fällt er in der Versuchung, so sollen die
+Priester Recht behalten, bewährt er sich, so laßt ihn friedlich bei uns
+wohnen.«
+
+Mit dieser Rede des sanften und klugen Fürsten erklärten sich alle
+einverstanden, und sie waren überzeugt, daß er sein Vorhaben aufs
+Verständigste ausführen würde. Geronimo, obgleich er nicht erfahren
+konnte, was man mit ihm anstellen wollte, ahnte wie gesagt ein Unheil
+und seine Schlauheit gab ihm ein, an den Kaziken ein Verlangen zu
+richten, um aus der Antwort irgend einen Hinweis zu erhalten. Er warf
+sich also dem Fürsten zu Füßen und bat in den spärlichen Worten, deren
+er mächtig war, ein Schiff bauen zu dürfen. Er wußte, daß dies fast
+unmöglich war, da die Mexikaner nicht die geringste Kunde vom
+Schiffsbauwesen hatten, obwohl sie mit ihren unvollkommenen Werkzeugen
+aus Obsidian und Feuerstein in anderer Weise wahre Wunder zu stande
+brachten. Aber in seiner gesteigerten Ungeduld und Pein dachte Geronimo
+doch bisweilen daran, mit einem, wenn auch noch so gebrechlichen Boot
+eine der neuspanischen Inseln zu erreichen.
+
+»Wozu willst du ein Schiff haben, Malinche?« fragte der Fürst heiter und
+vertraut. Malinche war der Schmeichelname, den die Mexikaner für den
+düstern Fremdling erfunden hatten, und den sie späterhin, freilich oft
+flehend und bekümmert, den spanischen Heerführern gegenüber gebrauchten.
+– »Um in meine Heimat zu fahren«, antwortete Geronimo. – »Ein solches
+Schiff können wir nicht machen, das dich so weit trägt«, sagte der junge
+Herrscher. – »Befiehl nur deinen Zimmerleuten, daß sie tun, was ich sie
+lehre, und das Schiff wird gebaut werden«, gab Geronimo, bleich vor
+Erregung, zu verstehen. – »Vielleicht, wenn der Mond sich erneut«,
+entgegnete der Fürst rätselvoll und mit seiner mädchenhaften
+Liebenswürdigkeit; »heute nicht, aber vielleicht, wenn der Mond sich
+erneut.«
+
+Daraus entnahm Geronimo von ungefähr die Frist, die ihm verstattet war,
+denn der Mond stand jetzt in seinem Anfang. Er bereitete sich zu
+unablässiger Wachsamkeit vor, aber wer weiß, wie es ihm trotzdem
+ergangen wäre, wenn er nicht eines Tages, als er mit zweien der ihn
+bewachenden Diener durch die Gärten des Königs ging, einen Knaben aus
+den Klauen eines Puma errettet hätte. Das Tier war ausgebrochen und
+hatte den Knaben, der schon aus vielen Wunden blutete, überfallen. Mutig
+stürzte Geronimo hinzu, ermunterte seine Begleiter, ihre Waffen zu
+gebrauchen und vertrieb den Puma durch sein Geschrei. Am andern Tag kam
+der Vater des Knaben, ein alter und sehr kostbar gekleideter Mann, in
+sein Haus, dankte ihm bewegt, sah ihn tief und lange an, neigte sich
+plötzlich zu seinem Ohr und flüsterte: »Wenn du ein Weib berührst,
+Fremdling, bist du verloren.« Nachdem der Greis den also gewarnten
+Geronimo verlassen hatte, gab er sich selbst den Tod, weil er das
+Bewußtsein nicht ertragen konnte, seinen Fürsten verraten zu haben.
+Einige Tage später kam ein Abgesandter des Kaziken und fragte den
+Geronimo im Namen seines Herrn, ob er sich nicht mit einer von den
+Töchtern des Landes verbinden wollte. Geronimo machte eine tiefe
+Verbeugung und als Antwort schüttelte er nur ernst und verneinend den
+Kopf. Wenige Stunden hernach stellte sich ein zweiter Sendbote ein und
+verkündete, das schönste und reichste Mädchen, edelgeboren und von
+reinen Sitten, begehre, von ihm zum Weib genommen zu werden; der Fürst
+werde sicherlich erzürnt sein, wenn er diese Ehre ausschlage. Durch die
+offenbare Absichtlichkeit und Beharrlichkeit doppelt zur Vorsicht
+gemahnt, wiederholte Geronimo seine Weigerung in gleicher Form.
+
+Als er in der nächsten Nacht vom Schlaf erwachte, war er nicht wenig
+erstaunt, sich in einem andern Raum zu finden als der war, worin er sich
+zur Ruhe begeben. Es war ein von oben matt erhellter Saal, voll von
+einer bläulichen Dämmerung. Der Fußboden und die Wände waren von einem
+Teppich lebendiger Blumen bedeckt. Der Geruch, den diese Blumen
+ausströmten, hatte die eigentümliche Folge für Geronimo, daß er seine
+Gedanken lähmte und zugleich eine fieberische Begehrlichkeit in ihm
+aufregte. Die Mexikaner besaßen eine der Magie verwandte Kunst in der
+Vermischung der Blumendüfte, und sie brachten damit Wirkungen hervor,
+die sonst nur von Giften und narkotischen Getränken erzeugt werden. Auch
+liebten sie die Blumen über alles, und sie veranstalteten besondere
+Blumenfeste, wo Männer, Weiber und Kinder, mit Blumen geschmückt, in
+Prozessionen durch die Landschaft zogen.
+
+Geronimo erblickte sechzehn Jünglinge, die durch das geweitete Portal
+schritten und sich ihm näherten. Sie trugen schöne Gegenstände in den
+Händen: goldgewirkte Stoffe, goldgestickte Schuhe, Waffen, die reich
+verziert waren, ein Gefäß voll farbiger Edelsteine, ein anderes, das mit
+Perlen gefüllt war, ferner wunderbare Figürchen aus Achat und aus
+Silber, eine goldene indianische Ähre, von breiten silbernen Blättern
+umgeben, und die beiden letzten stellten einen Springbrunnen vor ihn
+hin, der einen funkelnden Goldstrahl emporwarf, während Tiere und kleine
+Vögel, ebenfalls aus Gold, an seinem Rand saßen. In atemlosem Staunen
+betrachtete Geronimo diese Dinge, und als ihm der älteste der
+Schätzebringer bedeutete, daß alles ihm gehöre, sagte er sich, daß man
+mit solchen Herrlichkeiten eine ganze spanische Provinz reich machen
+könne. Dennoch verzog er keine Miene; er hielt die geballten Fäuste auf
+der Brust und spürte ahnungsvoll die verborgene Gefahr. Nach einer Weile
+erhob er die Augen und sah an der Längswand des Raumes zwölf junge
+Mädchen mit ebenholzschwarzen Haaren; je zu dreien gesellt, kauerten sie
+auf dem Boden, und ihre Hände waren in flinker Arbeit geschäftig; dabei
+lächelten sie, als ob ihr Tun nur auf eine Täuschung ziele. Es waren
+drei Korbflechterinnen, drei Kranzwinderinnen, drei Stoffwirkerinnen und
+drei Perlenputzerinnen. Bisweilen stand eine auf und tanzte lautlos
+umher, entblößte die olivenfarbige Brust, und die andern schauten mit
+falschem, lockendem Lächeln zu. Dann sangen sie im Chor beinahe
+flüsternd eine dumpfe Melodie, bei der sie im Wechsel den Namen Tochrua
+gellend und sehnsüchtig hinausschrieen. Plötzlich schwiegen sie, die
+ganze Schar kauerte sich dicht zusammen und kroch wie ein einziger
+Körper zu seinem Lager her und sie streckten schmeichlerisch die Arme
+aus und zwölf Lippenpaare öffneten sich in einer sinnlichen Weise, und
+die Leiber schienen sich den Gewändern wie einer neblig trüben
+Flüssigkeit zu entwinden, das Fleisch leuchtete in sattem Karmin und
+strömte einen rosenartigen Geruch aus, und sie girrten wie die Tauben
+und drängten sich immer enger aneinander und fingen leise zu lachen an,
+als ob sie gekitzelt würden, und ihre Hände berührten ihn wie weiche
+kleine Tiere, da schloß er die Augen, wandte sich ab und wühlte das
+Gesicht in die Kissen. So wollte er bleiben, was auch kommen mochte, und
+da es nun ruhig ward, verfiel er in Schlaf. Als der Morgen kam, lag er
+wieder im Gemach seines Hauses. Er fühlte sich matt und zerschlagen und
+suchte der Schwäche dadurch Herr zu werden, daß er seine Gedanken
+hartnäckig über den Ozean in die Heimat schickte.
+
+In der folgenden Nacht erwachte er abermals in jenem Blumensaal. Er
+begriff nicht, wie es zuging, und vermutete, daß sie ihm betäubende
+Mittel in die Speisen oder ins Wasser mischten. Während die Blumenwände
+gestern hauptsächlich aus blauen und weißen Blüten bestanden hatten,
+waren es heute dunkelrote, aus denen wie Augen vereinzelte gelbe Dolden
+blickten. Er vernahm ein Geräusch, ähnlich fernem Trommelwirbel, dann
+erschallten die hellen Klänge eines Beckens, dann aufregende
+Lustschreie, dann ein Gelächter, dann ein gezogener Flötenton, alles in
+der Finsternis, denn das Dämmerlicht von oben war erloschen. Geronimo
+grübelte, wie er es anstellen könnte, sich zu schützen, da wurde es
+hell, und fünf zierliche Mädchen traten an sein Lager. Jedes trug einen
+Smaragd von märchenhafter Größe und unvergleichlichem Glanz. Der erste
+Smaragd hatte die Form einer Schnecke, der zweite die eines Horns, der
+dritte stellte einen Fisch mit goldenen Augen dar, der vierte war höchst
+kunstvoll zu einem Reif verarbeitet, der fünfte und schönste bildete
+eine Schale mit goldenen Füßen. Diese fünf Edelsteine boten sie ihm
+knieend dar und sagten mit Zikadenstimmen: »Das schenkt dir Tochrua, und
+das, und das, und das, und das.« Jetzt schritt durch ihren Kreis eine in
+purpurne Schleier gehüllte Frauengestalt. »Tochrua!« riefen ihr die
+Mädchen zu, und sie grüßte die Knieenden mit einer bezaubernden Stimme
+voll Metall und an den Endungen der Worte austönend wie in einem
+Schluchzen. Um den Hals und um die Brüste hatte sie Perlenketten
+geschlungen, die durch den Flor schimmerten, und sie kam nahe heran und
+sagte zu Geronimo: »Malinche, nimm mich zu dir.« Geronimo verstand es
+wohl, aber er antwortete nicht, auch regte er sich nicht. Sie breitete
+die Arme aus und die Mädchen zogen ihr liebkosend den Schleier vom
+Haupt, da gewahrte Geronimo, daß sie schön war wie ein Wunder, rot wie
+Zedernholz die Haut, die Augen schwermütig flehend, der Mund wie ein
+aufgeschnittener Pfirsich. »Malinche, nimm mich zu dir,« sagte sie, und
+immer wieder, in immer neuer Musik der Stimme.
+
+Geronimo kehrte sich erbleichend hinweg, doch jetzt drang dumpfer
+Gesang von allen Seiten, von unten, von oben an sein Ohr. Er suchte sich
+abzulenken mit Bildern, die ihm seine Wünsche vorgaukelten, mit den
+Bildern seiner Heimkehr und seines endlichen Triumphes, aber vergeblich
+kämpfte der gebundene Wille gegen das Blutfieber. Das wieder abnehmende
+Licht des Raumes zeigte ihm Tochrua als einen Schatten, jede ihrer
+langsamen Geberden erweckte eine quälende Neugier in ihm, und fast
+verlor er unter den rätselhaften Lauten, die aus der Dunkelheit drangen,
+Erinnerung und Besinnung. Der Morgen fand ihn auf seinem gewöhnlichen
+Lager erschöpft, beunruhigt und traurig. Faul schlich der Tag dahin,
+niemand besuchte ihn, schweigend eilten die Diener durch das Haus,
+Markt- und Straßenlärm erstickten auf der Schwelle, stets glaubte er
+Tochruas Augen auf sich geheftet, und ein Verlangen, das von Angst
+begleitet war, brannte unstillbar in seiner Brust. Als es Abend wurde,
+kam ein weißhaariger, magerer und finsterer Priester in sein Gemach,
+starrte ihm eine Weile forschend ins Gesicht und sagte: »Merk auf,
+Fremdling! Tochrua muß sterben, wenn du sie verschmähst.« Damit
+entfernte er sich und überließ Geronimo seiner Bestürzung.
+
+In der folgenden und in der zweitfolgenden Nacht geschah nichts.
+Geronimo wurde dessen nicht froh, er erkannte die tiefe List darin, und
+seine Ohnmacht verurteilte ihn zur Geduld. In der dritten Nacht erwachte
+er unter einer hochgewölbten Kuppel, und sein erster Blick fiel auf ein
+Liebespaar, das ganz oben zu schweben schien und sich umschlungen hielt.
+Die Kuppel stand auf Säulen in einem von blauen Flämmchen geisterhaft
+erleuchteten Garten, von dem man nur schwarze Laubmauern sah, und im
+Laub drinnen kauerten weiße stille Vögel, während auf den Wegen
+kupferfarbene Schlangen krochen oder auch stille dalagen. Geronimo
+gewahrte eine Frauenschulter, ein herauf- und hinabtauchendes Gesicht,
+das gleichsam mitten aus einer Verzückung geflohen war, dann nackte
+flüchtige Körper, die vorüberwirbelten wie Fackeln. Nichts mehr als
+dies, und es war eine stundenlang dauernde Pein. Seine Adern glühten,
+eine seltsame Vergessenheit überfiel ihn, er wünschte, daß Tochrua käme,
+rings um sein Lager häuften unsichtbare Hände Reichtümer über
+Reichtümer, die Luft war voll von Seufzern, aus der Tiefe streckten sich
+zahllose Arme nach ihm, Tänzerinnen schwebten mit schwalbenhaftem
+Zwitschern vorbei, Jünglinge huschten um die lautlos sich ergebenden,
+und die Ungreifbarkeit und schwüle Hast des ganzen Treibens versetzte
+Geronimo in feurigen Schrecken. Es fruchtete nicht, daß er die Lider
+zudrückte, er spürte die Gestalten durch die Haut, er atmete den
+verführenden Dunst, ihre Tritte raschelten, ihre Gewänder knisterten,
+auch ertönten karge Saiteninstrumente, seine Fantasie kam der
+Wirklichkeit zuvor, er zitterte vor Grauen und Begier, und so schaute er
+denn.
+
+Da war ein Kranz zuckender Figuren, Haupt an Haupt, Lende an Lende,
+ungenügendes Licht machte sie wesenloser, und auf einmal erschien vor
+den hold Zurückweichenden Tochrua gewandlos und marmorhaft. Geronimo
+richtete sich empor; es war, als ob nichts mehr ihn verhindern könne,
+die herrliche Gestalt an sich zu reißen, doch wunderlich, ihr Antlitz
+war ernst und betrübt; ein aufrichtiges Gefühl und edle Teilnahme war in
+ihren Mienen und verkündeten dem erlahmenden Geronimo das nicht
+abwendbare Verhängnis: Tod für ihn, wenn er sie nahm, Tod für sie, wenn
+er sie ließ. Da wurde er in letztem Zusammenraffen der Gefahr inne,
+schlug die Hände vors Gesicht, sank aufs Lager zurück und verblieb
+regungslos. Als die Nacht zu Ende ging und er noch einmal mit
+erleichtertem Sinn zu schauen sich entschloß, wandelte ein Zug von
+Mädchen und Knaben in weißen Gewändern, weiße Blumen in den Haaren,
+durch den Raum. Nicht zu mißkennen, daß es ein Trauergeleite war, auch
+sangen sie eine Weise, die einem Totenlied ähnelte, und klagende Stimmen
+riefen: »O Malinche! O Malinche!«
+
+Der unglückliche Geronimo sah sich dem Grenzenlosen preisgegeben, und
+der aufgereizte Zustand seines Innern verwandelte sich in eisige
+Erstarrung, als sie in der nächsten Nacht, diesmal hatten sie ihn in
+seinem Haus gelassen, den Leichnam der schönen Tochrua hereintrugen. Ein
+Sklave hielt auf einer Schüssel aus blauem Stein Tochruas Herz, das noch
+zu schlagen schien, und frisch leuchtete das Blut auf dem glänzenden
+Mineral. Kaum gespürte Tränen flossen über Geronimos Wangen, und es war
+ihm, als ob alle Triebe seines leidenschaftlichen Willens plötzlich
+gebrochen wären. Jede Wollust schwand aus seiner Brust, auch die Wollust
+des Ehrgeizes, und er empfand Gleichgiltigkeit gegen alles, was ihm
+bisher erstrebenswert geschienen. Es kam ihm vor, als sei er nur ein
+Ding, fern vom Leben und vom Tod. Es wurde ihm bewußt, daß er durch die
+vergangenen Tage und Jahre wie ein Mensch ohne Seele gerast war, und
+daß er nichts auf der Welt besessen, weil er nichts auf der Welt
+geliebt. Und welche Künste sie von nun ab ersannen, ob ihre biegsamen
+Körper durch den duftenden Opalschatten des Gemachs schwammen wie Fische
+in lauer Flut, ob sie lautlos oder singend ihre elfenhaft lockenden
+Tänze ausführten, es erregte mit nichten seine Begierde, weil der Tod
+sich in das beziehungsvolle Spiel gemengt, und auch deshalb, weil sie
+alle so lieblich waren, Männer und Frauen, und das reine Wohlgefallen
+den Brand der Sinne auslöschte.
+
+In einer Nacht weckten ihn Jünglinge und führten ihn ins Freie. Alsbald
+stand er am Fuß eines Treppenturmes, dessen breit ansteigende Stufen
+sich erst im dunklen Äther zu verlieren schienen. Geronimo stieg hinan,
+und wie er so die balsamische Nacht mit sich in die Höhe trug und sein
+befreites Auge weitum schweifen ließ, da hatte er das Gefühl, von einer
+schweren Krankheit genesen zu sein, und das berückende Schauspiel, das
+sich ihm bot, verwandelte vollends sein Herz.
+
+Nun müßt ihr euch eine mexikanische Nacht vorstellen: einen Himmel von
+überwältigender Sternenpracht, den Horizont beglüht vom Feuer der
+Vulkane, in geahnter Nähe das Meer, Palmen, aus der Dunkelheit strebend,
+den blaugrünen Schimmer des Kaktusgestrüpps, Feuerfliegen und Feuerkäfer
+durch die Zweige des Mangodickichts schwirrend, aus den Wäldern die
+Stimmen kreischender Vögel, das heisere Kläffen des Tukans, den Schrei
+des Baumpanthers und von den Tiefen der Selvas Töne kommend, die selbst
+den Eingeborenen fremdartig klingen. Als ihm auf der Plattform des
+Turmes vor einem Tempel zwei Priester entgegentraten und sich vor ihm,
+zum Zeichen, daß er die Probe bestanden, zur Erde beugten, da war es
+unumstößlicher Beschluß in Geronimo, nichts zu unternehmen, was den
+Europäern Kunde von diesem Land geben konnte.
+
+Wer durfte ihn zur Rechenschaft fordern? In der Heimat mußte man
+glauben, daß ihn das Meer verschlungen habe, und Jahrzehnte,
+Jahrhunderte mochte es dauern, so dachte er, bis ein anderer Seefahrer
+an diese Küste verschlagen wurde. Wie sonderbar! Einer entdeckt ein
+neues Land und faßt den Plan, seine Entdeckung zu verheimlichen, als ob
+es sich um einen Gegenstand handle, den man im Schrank verschließen
+kann. Geronimo glich einem Mann, der, zur Ehe mit einer ungeliebten Frau
+gezwungen, plötzlich Vorzüge des Geistes und des Körpers an ihr findet,
+die ihn veranlassen, eine geheimnisvolle Abgeschiedenheit mit ihr
+aufzusuchen, um sein unerwartetes Glück eifersüchtig zu verbergen. Nun
+liebte er diese blühende Erde, diesen indigoblauen Himmel mit einer nie
+gekannten Inbrunst; er liebte die Berge, die aus gelbem Marmor gebaut
+schienen, die undurchdringlichen Urwälder, den Bananenbaum, den
+Heuschreckenbaum, den Armadill, das Jaguarrohr, das über vierzig Fuß
+hoch wächst, und die Lianen, die ihre Ranken von Wipfel zu Wipfel
+schlingen. Die Unschuld der Eingeborenen rührte ihn umso tiefer, wenn er
+sie mit der Lasterhaftigkeit seiner Landsleute verglich, ihr anmutiges
+Schreiten, ihre Freundlichkeit und all das Triebhafte, das zwischen Tier
+und Engel ist, mit der stolzen Verdrossenheit und zweckbeladenen
+Schwere, die er in der Heimat gewohnt war zu sehen. Er erinnerte sich
+der Unbill, die er von Jugend auf in einem durch Neid, Ohnmacht und Haß
+verschlungenen Gewebe der Existenzen hatte ertragen müssen; und daß er
+dorthin hatte zurückkehren wollen, wo eine wunderlose Zeit und Natur
+ihre Geschöpfe aus Krampf und Fieber zeugte und zu unbeseeltem Halbleben
+verdammte, dünkte ihn kaum noch begreiflich.
+
+Der Fürst und seine Edlen, die nun die göttliche Art des Fremdlings
+nicht mehr bezweifelten, überhäuften ihn mit Geschenken, und Geronimo
+hinwiederum zeigte sich durch sinnreiche Ratschläge und allerlei
+Unterweisungen des Rufes würdig, den er als eine ungewöhnliche
+Erscheinung unter ihnen genoß. So vergingen Monate und Jahre, in denen
+Geronimo fast jedes Andenken an sein früheres Leben austilgte, als eines
+Tages das Gerücht eintraf, es seien an einem fernen Punkt der Küste
+viele große Schiffe gelandet und Männer mit feuerspeienden Waffen, auf
+grauenhaften Untieren sitzend, zögen der Hauptstadt des Kaisers zu.
+Geronimo erschrak, und eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich seiner.
+Er beschwor den Kaziken, ein Heer auszurüsten und die Eindringlinge zu
+bekämpfen. »Ich danke dir für deinen Rat, Malinche,« sagte der Fürst,
+»aber nun künde uns doch, ob diese Fremden deine Brüder, ob sie
+gleichfalls Söhne der Sonne sind, und was es für Tiere sein mögen, mit
+denen sie verwachsen scheinen.«
+
+Den Mexikanern waren nämlich die Pferde unbekannt, und besonders die
+Reiter darauf erregten ihr Entsetzen. Geronimo beruhigte sie nach
+Kräften, aber es war ihm klar bewußt, daß sie allesamt Verlorene waren,
+diese lieblichen, ängstlichen und abergläubischen Kinder, die bis jetzt
+in einer Verborgenheit gewohnt, welche der Gartenheimat des
+Menschengeschlechts glich. Acht Tage später überschritt er mit dem Heer
+des Kaziken den Gebirgshochpaß, der sie noch von dem Tal trennte, in dem
+die Spanier lagerten. Inzwischen hatte der Anführer der kleinen
+spanischen Schar, Don Fernando Cortez, von einigen Mexikanern, die seine
+Bundesgenossen waren, die Nachricht erhalten, daß einer seiner
+Landsleute bei dem Kaziken weilte, ob als ein Gefangener oder als Gast
+konnte er der Mitteilung nicht entnehmen. Er sandte Botschaft und ließ
+dem Fürsten ein Lösegeld bieten. Da sagte Geronimo zu seinen Freunden,
+sie möchten ihn ziehen lassen, er wolle die Spanier in ihre Gewalt
+geben. Im spanischen Lager angelangt, wurde er vor das Zelt des Fernando
+Cortez gebracht, und dieser selbst trat auf ihn zu, ein mächtig
+anzuschauender Mann, blond von Haar und Bart und mit Augen, in denen
+jeder begegnende Blick zerbrach. Geronimo war erschüttert, sich wieder
+bei den Seinen zu finden, und der Anblick der stolzen und trotzigen
+Erscheinung ihm gegenüber benahm ihm den Mut. Er wußte nicht, wie ihm
+geschah, plötzlich beugte er sich in seinem mexikanischen Kleid nieder
+und begrüßte seinen Landsmann so, wie es die mit ihm gekommenen
+Eingeborenen taten, indem er mit der Hand den Erdboden und darnach die
+Stirn berührte. Hierauf wandte er sich ab und weinte. Cortez umarmte ihn
+huldvoll, viele von den Rittern sprachen ihm kameradschaftlich zu, aber
+was sein eigentliches Herzleid ausmachte, konnten sie natürlich nicht
+wissen; für einen Zwiespalt wie den in seiner Brust gab es keine Heilung
+mehr.
+
+Da er die Muttersprache fast vergessen hatte, vermochte er seine
+merkwürdigen Erlebnisse anfangs nur stockend zu berichten. Um nicht das
+Ziel des Neides zu werden, schenkte er den neuen Gefährten vieles von
+seinen mitgebrachten Reichtümern, indessen stachelte er damit doch nur
+ihre Habsucht an, auch Cortez sagte sich wohl: wo Datteln verschenkt
+werden, sind die Palmen nicht weit. Deshalb lieh er den Einflüsterungen
+Geronimos ein williges Ohr und zog mit seiner Mannschaft über das
+Gebirge. Nun war er nebst allem andern ein Meister des listigen Wortes
+und der umgarnenden Rede, und während er erwog, wie er das Heer des
+Kaziken, das ihm den Weg nach der Hauptstadt verlegte, unschädlich
+machen könnte, wußte er unter der Maske des Wohlwollens für den jungen
+Fürsten Geronimo dahin zu beschwatzen, daß dieser sich bereit erklärte,
+den Kaziken bei Zusicherung freien Geleites und ehrenvollen Empfangs in
+das spanische Lager zu führen. Geronimo ließ sich täuschen. Er
+schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß Cortez, wenn er die Feinde in
+ihrer Übermacht erblickte, der Vernunft gehorchen und umkehren würde und
+daß ihm selbst die Verschuldung eines Blutbades und mörderischen
+Anschlags am Ende erspart blieb. So ging er also zu den Mexikanern, und
+seinem beteuernden Zuspruch, wobei er die eigene Person als Geisel
+anbot, gelang es, den zögernden Fürsten von der Gefahrlosigkeit und
+Nützlichkeit eines solchen Schrittes zu überzeugen. Kaum jedoch war der
+Fürst bei den Spaniern, so enthüllte sich der Betrug. Sein Zelt wurde
+mit Wachen umgeben, und niemand durfte ihm nahen außer Cortez und
+Geronimo, der bei den Gesprächen als Dolmetscher dienen mußte. Aufs
+äußerste bestürzt, konnte sich Geronimo nicht entschließen, an so viel
+Heimtücke zu glauben, auch versicherte ihm Cortez immer wieder, daß es
+nur eine einschüchternde Maßregel sei, um die Barbaren im Zaum zu
+halten. In der Tat wagten die Mexikaner nichts zu unternehmen, solange
+ihr Herr in der Gewalt des Spaniers war.
+
+Eines Abends zu später Stunde ging Geronimo heimlich in das Zelt des
+Kaziken, den er wie einen Bruder liebte. Der junge Fürst kauerte auf dem
+Boden; seit zwei Tagen aß und sprach er nicht mehr, und als ihn Geronimo
+ermuntern wollte, schaute er ihn nur kummervoll an wie ein Reh, wenn der
+Winter kommt. »Rede doch, Malinche, deinem Gebieter zu, daß er mir die
+Freiheit gibt,« sagte er endlich, »ich will ihm alle Schätze meines
+Palastes dafür ausliefern.« Trotz der vorgerückten Stunde suchte
+Geronimo noch den Befehlshaber auf und fand ihn zu seinem Erstaunen
+völlig geharnischt und zur Schlacht gerüstet. Er teilte ihm die Worte
+des Gefangenen mit und flehte dringlich, Cortez möge den Fürsten
+entlassen. »Eine solche Bitte ist ein Verrat an Ihrem Vaterland, Don
+Aguilar,« erwiderte Cortez hart. Da schwieg Geronimo betroffen. Verräter
+hier, Verräter dort; kein Ausweg. So war er denn verloren und verdammt.
+Zum zweiten Mal ging er in das Zelt des Kaziken und warf sich vor ihm
+nieder. Der unglückliche Fürst wußte nun genug. »Sieh, Malinche,« sagte
+er sanft und düster, indem er sein Kleid auftat und seine nackte Haut
+sehen ließ, »ich bin doch nur ein Mensch, was könntet ihr billig
+verlangen, ihr Göttlichen, von uns, die wir bloß Menschen sind?«
+
+In diesem Augenblick erscholl die spanische Schlachttrompete; Geronimo
+eilte hinaus, schon waren die Ritter hingestürmt gegen das aztekische
+Lager. Auf eine nächtliche Überrumpelung nicht gefaßt und durch das
+Schnauben, Wiehern und Galoppieren der Pferde in den ungeheuersten
+Schrecken versetzt, flohen die Mexikaner ordnungslos und wurden von den
+Verfolgern zu Tausenden niedergemacht. Als Geronimo zur Walstatt kam,
+war alles schon entschieden, und die Ritter sammelten auf, was sie an
+Gold und Kleinodien erraffen konnten. Die Erde troff von Blut, die
+Leichen der Erschlagenen waren nur so ineinandergewühlt und Geronimo,
+von einem leidenschaftlichen Gram überwältigt, verwünschte sich und sein
+ganzes Leben. Als er aber ins spanische Lager zurückkehrte und das Zelt
+des gefangenen Fürsten betrat, da lag dieser tot auf einem Teppich
+hingebreitet; ein langer Dolch hatte sein Herz durchbohrt.
+
+Cortez stellte sich sehr erzürnt über diese Tat, doch Geronimo
+durchschaute die Heuchelei und, vor Schmerz zitternd, warf er ihm einen
+Blick zu, vor dem sich selbst dieser Eherne verfärbte. Er fing an, dem
+Geronimo zu mißtrauen, und hätte ihn gern aus seiner Nähe entfernt. Nun
+erfuhr Geronimo, daß Cortez den Plan hegte, Leute nach Westen zu senden,
+die in möglichster Heimlichkeit und Stille das Land durchziehen sollten,
+um das Ufer des jenseitigen Meeres zu suchen, von dem ihm dunkle Kunde
+geworden war. Geronimo machte sich erbötig, die schwierige Aufgabe
+durchzuführen, Cortez ging mit Freuden auf seinen Vorschlag ein und
+bestimmte drei Söldner zu seiner Begleitung. Am Tag vor seiner Abreise
+verteilte Geronimo alles, was er noch an Schätzen besaß, unter seine
+Kameraden. Einem gewissen Pedro de Alvarez aber, einem ritterlichen
+Mann, vertraute er einen Edelstein im Wert von mehr als zwanzigtausend
+Pesetas an und sprach: »Wenn ihr nach Spanien kommt, so gebt dies
+Kleinod dem Grafen Callinjos in Cordova. Sagt ihm, daß er keinen
+Undankbaren gewählt hat. Sagt ihm, daß ich kein Verräter bin, wie unser
+Führer argwöhnt. Sagt ihm, daß ich dieses wunderbare Land als erster
+Spanier betreten habe, aber daß ich auf den Ruhm verzichte, der eine
+solche Tat sonst krönt. Ja, ich verachte den Ruhm, da er nichts weiter
+ist als die Einbildung und Qual eines lieblosen Herzens.«
+
+Diese Botschaft gelangte nicht an ihr Ziel. Don Alvarez fand in den
+Kämpfen der sogenannten traurigen Nacht den Tod, und der Graf Callinjos
+lag längst unter der Erde. Indessen zog Geronimo mit seinen Begleitern
+unverdrossen durch das Land nach Westen, über Bäche, Flüsse und Gebirge.
+Sie wanderten nur des Nachts und schliefen bei Tag an schwer
+zugänglichen Orten. Geronimo war stets schweigsam, und die Soldaten
+begannen ihn dieser Schweigsamkeit wegen und weil er auf keinen ihrer
+rohen Scherze, keine ihrer Prahlereien und Lügen einging, zu hassen, so
+wie sie ihrerseits ihm so tief verächtlich wurden, daß er sich weit fort
+von ihnen wünschte. Ihre Gesichter, Worte und Geberden erweckten ihm
+Ekel und Widerwillen, die andachtslose, augenlose Art, wie sie durch die
+zauberischen Gegenden schritten, umdüsterte sein Gemüt. Als sie nun nach
+vielen Wochen an die Küste eines neuen, ungeheuren Meeres kamen, da
+faßte Geronimo einen seltsamen Entschluß, den er mit großer Vorsicht
+ausführte. Gegen Abend, als seine Gefährten noch schliefen, stand er
+heimlich auf, ging ans Meeresufer, wo eine Siedlung von Fischern war,
+löste ein Kanu los, belud es mit einem wassergefüllten Kürbis und einem
+Säckchen voll Datteln, stieg hinein, schlug das brandende Wasser kräftig
+mit den Rudern und fuhr hinaus.
+
+Als die drei Spanier erwachten, sahen sie, daß er fort war. Während sie
+sich noch verwunderten, gewahrte einer das Boot, das höchstens eine
+Meile entfernt war und auf den von der untergehenden Sonne geröteten
+Wellen tanzte. Sie eilten an den Rand des Wassers und riefen so laut sie
+konnten. »Geronimo!« riefen sie wohl ein dutzendmal, »Geronimo!« Er
+hörte nicht und antwortete nicht. Bald wurde es dunkel, und sie fragten
+einander mürrisch und bestürzt: »Was mag das sein? wohin mag er
+steuern?«
+
+Ja, wohin mochte er steuern? Nach einem andern unentdeckten Land? nach
+einer glücklichen Insel? Oder nur ziellos in die Nacht und ins
+Unbekannte? Er fuhr gegen Westen, der Sonne nach, ganz allein auf dem
+einsamen Ozean. Wie lange und wie weit er gefahren ist, das weiß
+niemand.
+
+
+
+
+Von Helden und ihrem Widerspiel
+
+
+Ein langes Schweigen, die vor Spannung größer gewordenen Augen der
+Freunde und die vor Mitgefühl feuchten Franziskas belohnten den
+Erzähler.
+
+»Die Geschichte hat mir viel Vergnügen bereitet«, sagte endlich Georg
+Vinzenz. »Außerdem habe ich eine Vorliebe für alles, was von
+Schiffbrüchigen und von Reisen handelt. Man versetzt sich gern in die
+Zeit zurück, wo für den Seefahrer die Länder jenseits des Ozeans noch
+traumhafte Gebilde waren. Ich beneide einen Magelhaens um die
+Empfindung, als er nach den Bemühungen eines halben Lebens das südliche
+Amerika umsegeln konnte und endlich den Ozean jenseits des Kontinents
+erblickte. Welches Staunen, welche Freude, welche mystische Furcht! Oder
+wie mag dem Kapitän Cook zumute gewesen sein, als er zum erstenmal eine
+der herrlichen Inseln Polynesiens betrat! Wie riesenhaft geweitet muß
+diesen Männern das Bild der Erde erschienen sein, und wie seltsam muß
+sich Ahnung und Gegenwart in ihrer Phantasie verwoben haben.«
+
+Hadwiger schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie täuschen sich«,
+antwortete er. »Man tut gut daran, wenn man derart sachlichen Naturen,
+sachlich im schlimmsten wie im besten Sinn, so wenig wie möglich
+poetische Erregung zutraut. Wer in einer Arbeit steckt, für den gibt es
+keinen Märchen- oder Schönheitsreiz, davon wissen bloß die Zuschauer
+und die Dilettanten zu reden. Das wird bei den Entdeckern so sein wie
+bei den Ingenieuren und bei den Künstlern.«
+
+»Trotzdem denk’ ich mir manchmal«, entgegnete Cajetan, »ob nicht
+Christoph Columbus eine ähnliche Verwandlung erlitten haben kann wie
+dieser Geronimo de Aguilar; müde und angeekelt von seiner Heimatwelt,
+satt der Kriege, des Blutvergießens, der wucherischen Geschäfte, der
+Ränke und Lügen, war er vielleicht dem Entschluß nahe, die herrlichen
+westindischen Länder seinem König vorzuenthalten und zu verheimlichen.
+In einer tropisch kühlen Mondnacht seh ich ihn entzückt und schuldbewußt
+unter Basileen und Thalien und Heliconien am Meeresstrand schreiten. Er
+ahnt alle Folge, Zerstörung und Gewalttat; auch weiß er, daß seine
+Leute, die vom Milchglanz der Perlen und vom Feuer des Goldes geblendet
+sind, ihn zur Rückkehr zwingen werden. Doch über dem gemeinen Muß der
+Stunde erkennt er noch eine höhere Notwendigkeit, und indem er der
+Pflicht gehorcht, hört er auf, ein glücklicher Mensch zu sein. Von
+Ferdinand Cortez wird berichtet, daß ihn auf seinem Totenbett das böse
+Gewissen über die Gräuel, die er verursacht, beinahe wahnsinnig gemacht
+habe. So geschah es dem Columbus vielleicht, als er in Spanien im Kerker
+und in Ketten schmachtete.«
+
+»Eine etwas eigenwillige Idee von Columbus«, bemerkte Borsati.
+»Empfindsame Fälschung historischer Fakten; sehr zeitgemäß. Man nennt es
+Auffassung, scheint mir.«
+
+»Sie sind ein Naturalist, lieber Rudolf; alle Ärzte sind Naturalisten«,
+versetzte Cajetan eifrig. »Ich laß’ es mir nicht ausreden, daß die
+meisten Tatmenschen heimliche Schwärmer waren. Betrachtet doch einen
+Kerl wie den Franzesco Pizarro! Mit einer handvoll Leute, dem Abschaum
+der damaligen Welt, zieht er aus, um das mächtige Reich der Inkas zu
+erobern. Wenn das nicht Schwärmerei ist, was sonst?«
+
+»Es ist ihm gelungen, damit hört es auf, Schwärmerei zu sein«, warf
+Hadwiger hin.
+
+»Auch deswegen gelungen, weil jenes Volk dem Untergang geweiht war«,
+sagte Lamberg. »Was für Bilder belasten das Gedächtnis der Menschheit!
+Gibt es eine Seelenwanderung, so bin ich in irgend einer Gestalt Zeuge
+gewesen, wie der meuchlerisch überwältigte Inka in einem alten Haus
+gefangen saß, stumm in sein unbegreifliches Unglück ergeben, und wie er
+wartet, bis seine Untertanen als Lösegeld für ihn eine ganze Halle mit
+Schätzen angefüllt haben. Die Peruaner schleppten herbei, was an edlem
+Metall im Lande zu finden war: goldne Ziegel und Platten aus den
+Palästen, Becher, Wasserkannen, Kredenzteller, Zieraten, die man von den
+Tempeln gerissen hatte, und so wurde das Leben eines großen Fürsten wie
+auf einer Wage abgewogen. Als nun der Saal gefüllt war, da sagten sich
+die Spanier: was liegt an diesem Leben noch viel? Und der Inka wurde
+hingerichtet.«
+
+»Wäre nicht das schöne Vergessen«, meinte Franziska, »wäre uns immer
+gegenwärtig, was vor uns geschehen ist und was jetzt geschieht, jetzt,
+während wir sprechen, niemand könnte vor Gram und Herzeleid alt werden«.
+
+»Immerhin war Pizarro der Sendling seines Monarchen«, nahm Borsati das
+Wort, »und dadurch wurde seine Tat für die Nachwelt sakrifiziert. Nichts
+anderes kann der Grund der offiziellen Unsterblichkeit sein, ich
+vermöchte sonst nicht einzusehen, warum der Flibustierführer Henry
+Morgan nicht ebenso unsterblich ist, der um das Jahr 1685 an der Spitze
+von fünf- oder sechshundert Seeräubern das ganze spanische Mittelamerika
+samt der befestigten Stadt Panama erobert hat; ein Unternehmen, das an
+Kraft und Kühnheit seinesgleichen sucht.«
+
+
+»Das Gefühl der Legitimität hat oft etwas Geheimnisvolles«, erwiderte
+Lamberg. »Wo es verloren geht, tritt das Chaos ein. Die moralische
+Ordnung ist offenbar ein Teil unseres Organismus, der erkranken und
+zusammenbrechen muß ohne ihre stützende Macht. Dafür scheint mir eine
+Geschichte bedeutungsvoll, die sich zu jener Zeit ereignet hat, als
+England in seinen Kämpfen gegen Frankreich sich auch der gesetzlich
+verschleierten Freibeuterei bediente. Ein mit Kaperbriefen, also mit der
+Erlaubnis zum Seeraub versehenes Schiff, das nach Barbados segelte,
+griff im karibischen Meer einen französischen Kauffahrer an. Dieser
+Kauffahrer trug eine Fracht von siebenhunderttausend Gulden in barem
+Gold. Besatzung und Passagiere wurden gefangen genommen und später bei
+Trinidad ans Land gesetzt; die Schiffsprise, die zu beschädigt war, um
+in einen heimatlichen Hafen gebracht werden zu können, ward in den Grund
+gebohrt. Nun befanden sich die Matrosen des Kaperschoners wegen der
+grausamen Behandlung, die sie durch ihren Kapitän erlitten, längst in
+aufrührerischer Stimmung, der ungeheure Reichtum, den sie an Bord
+wußten, bestärkte sie in ihren meuterischen Plänen, und eines Nachts
+ermordeten sie, vom Hochbootsmann angeführt, den Kapitän und die
+Offiziere. Sie teilten das Gold unter sich auf und überließen sich
+wüsten Ausschweifungen der Trunkenheit, indes ihr kaum gesteuertes
+Schiff ziellos durch die Meere fuhr und endlich an einer unbewohnten
+Insel scheiterte. Mit ihrem Gold bepackt, vermochten sich alle zu
+retten, aber auf der Insel trafen sie keinerlei Anstalten, ein Floß zu
+bauen oder ihr Leben erträglich einzurichten, sondern der verbrecherisch
+erworbene Besitz nährte in einem jeden schleichendes Mißtrauen gegen den
+andern, und trotzdem das Gold in ihrer Lage nicht den geringsten Wert
+oder Nutzen für sie hatte, waren sie nur darauf bedacht, es vor dem Neid
+und der Habgier zu bewahren. Keiner wollte allein sein; keiner fühlte
+sich aber auch in der Gesellschaft eines Gefährten sicher. Scheinbar
+bewährte Freunde, die jahrzehntelang auf demselben Schiff gedient und in
+Not und Gefahr einander beigestanden hatten, verwandelten sich in
+unversöhnliche Hasser. Sie wagten nicht zu schlafen; an abgelegenen
+Orten wie in gegenseitiger Nähe fürchteten sie überfallen zu werden. Die
+Entbehrungen verringerten wohl ihre Kräfte, hatten aber keinen
+sänftigenden Einfluß auf das Fieber ihres Argwohns; aus bösen Blicken
+entstand Streit, aus gereizten Worten blutiger Kampf, die Toten lagen
+unbegraben an der Küste, die Überlebenden, weit entfernt, an friedliche
+Übereinkunft zu denken, rasten nur um so wilder gegeneinander, und
+endlich waren nur noch zwei übrig. Nach Stunden des Lauerns und der
+Verfolgung traten sie zum Kampf an, und der Schwächere fiel. Ohne
+Hilfsmittel, ohne genügende Nahrung, einsam, hoffnungslos und verstört,
+lebte nun der letzte, der Sieger über alle, auf dem weltentlegenen
+Eiland wie ein Tier. Er vergrub das ganze Gold unter einer Palme, deren
+Stamm er durch ein Kreuzeszeichen kenntlich machte und nachdem er die
+toten Körper seiner Gefährten dem Meer übergeben, wanderte er unablässig
+am Ufer entlang, auch quer durch das Land. In dieser Verlassenheit
+begann ihn ein Gefühl zu quälen, das er vorher nie kennen gelernt; er
+sehnte sich mit wachsender Gewalt nach einem Menschen, nach einem
+Menschengesicht, einer Menschenstimme. Er hatte Halluzinationen, in
+denen die Hingemordeten ihm begegneten und ihn freundlich anblickten,
+und seine Träume waren voll vom Lärmen, Lachen und den Zurufen seiner
+ehemaligen Kameraden. Als nach vielen Monaten ein Schiff anlief, das
+seine Wasserfässer füllen wollte, stürzte er vor die Matrosen hin und
+küßte ihnen die Hände. Von seinem Reichtum ließ er, aus Furcht, zur
+Verantwortung gezogen zu werden, nichts verlauten, auch hatte zu dieser
+Zeit das Gold nichts Wirkliches mehr für ihn. Erst als er in die Heimat
+kam, erwachte das Verlangen, doch wenn er hin und wieder scheu und
+versuchend von dem unter einer Palme vergrabenen Schatz redete, glich es
+dem Stammeln eines Halbverrückten. So schleppte er den Rest seines
+Daseins in Armut dahin, besaß etwas, was er nicht erreichen konnte und
+haderte ohnmächtig gegen eine grauenhafte Erinnerung und gegen ein
+gebrochenes Versprechen des Glücks.«
+
+
+»Seltsam«, sagte Borsati, »wie hier trotz Roheit und Bestialität die
+Leidenschaft zum Gold, gerade weil Gold so wertlos wird, mit der Macht
+einer Idee wirkt. Die meisten Menschen sind leere Gefäße; wie mit der
+niedrigsten Gier kann man sie unter Umständen auch mit dem Feuer für
+eine große Sache erfüllen.«
+
+»Das ist ja eine Hölle!« rief Franziska. »Da wird mir der Schauder noch
+verständlicher, den die Mexikaner vor den europäischen Herrschaften
+gehabt haben. Wo bleibt denn aber bei solchen Gelegenheiten die berühmte
+Kultur, von der doch bei uns immerfort die Rede ist?«
+
+»Was wir Kultur nennen«, erwiderte Cajetan, »konnte dort keine Geltung
+erlangen, wo eine natürliche Ordnung die Tugenden und Kenntnisse, die
+ihren Ursprung zumeist einer Not verdanken, überflüssig erscheinen ließ.
+Daß man den Feind mit einer Bleikugel statt mit einem Pfeil tötet, gibt
+keinen Vorrang des Geistes; das Wortchristentum, mit dem die Eroberer
+ihre Raublust maskierten, drängte edlere Einflüsse dauernd zurück, und
+worauf wir uns sonst noch viel zu gute tun, Bequemlichkeit, Luxus,
+Kunst, Glätte der Sitten, wirkt nicht so, wie es sich uns zeigt, nicht
+als Fortschritt und Erleichterung, sondern als Verwirrung und
+Bedrängnis. Dies wird durch die Geschichte einer Tahitierin bestätigt,
+die von einem Fregattenkapitän unter der Regierungszeit des vierten
+Georg nach England gebracht wurde.«
+
+»Vortrefflich«, sagte Georg Vinzenz mit Behagen; »man gebe uns Beispiele
+und wir verzichten auf alle Argumente.«
+
+
+»Die Tahitierin war ein Mädchen von ausnehmender Schönheit der
+Gesichts- und Körperbildung«, fuhr Cajetan fort, und seine Stimme verlor
+den schrillen Klang und wurde tieftönig, wie stets, wenn er ruhig
+erzählte. »Der Kapitän kleidete sie nach Art der Modedamen, richtete ihr
+ein Haus ein und ganz London wollte die Fremde sehen. Ihr Beschützer
+liebte sie, er hielt sie in ihrer neuen Umgebung für glücklich, denn in
+ihrer Heimat hatte sie zu den Ärmsten des Volkes gehört. Er gab ihr den
+Namen Anima und war nicht wenig stolz auf ihre Bescheidenheit und den
+seelenvollen Adel ihres Betragens. Anima ehrte ihn wie eine Sklavin,
+willfahrte seinen Wünschen, küßte den Damen der Aristokratie die Hände
+und als sie eines Tages an den Hof geführt wurde, bewegte sie Männer und
+Frauen, auch den König, indem sie beim Anblick der prachtvollen Säle,
+der geschmückten Menge, des Lichterglanzes und unter dem Eindruck der
+italienischen Musik lebhaft zu zittern begann und in Tränen ausbrach.
+Obwohl sie die Sprache erlernt hatte, konnte niemand erfahren, was in
+ihrem Innern vorging. Ein scharfsinniger Freund des Kapitäns meinte, sie
+werde durch Schauen verzehrt; Häuser, Monumente, Straßen, Fuhrwerke,
+Menschen, alles war in ihren Augen wie tausend Bilder in einem zu engen
+Schrein, und oft ging sie mit steif auswärtsgedrehten Handflächen vor
+sich hin, als wolle sie die Dinge von sich wegschieben. In einer Nacht
+kam der Kapitän zu ihr und fand sie auf dem Teppich des Zimmers hockend;
+eine Kerze brannte vor ihren gekreuzten Beinen auf der Erde, und sie
+schnitt sich das lange braune Haar mit einer Scheere vom Haupt. Zornig
+fragte der Kapitän, weshalb sie dies täte, sie antwortete mit weher
+Miene, der Kopf sei ihr zu schwer, sie könne ihn sonst nicht mehr
+tragen. Er schlug sie, und am andern Tag ließ er eine Perücke für sie
+anfertigen und drohte, sie noch empfindlicher zu züchtigen, wenn sie
+sich ohne Perücke den Leuten zeigte. Kurz darauf mußte der Kapitän zum
+Küstenadmiral nach Portsmouth reisen. Er nahm Anima mit, und während sie
+am Hafen spazieren gingen, deutete er auf ein großes Schiff und sagte:
+dieses Schiff fährt morgen nach Otahiti, Anima. Da drückte das Mädchen
+die Hände vor die Brust, stieß plötzlich den Schrei einer Wilden aus,
+lief zur Böschung, entledigte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit
+aller Gewänder und des falschen Haares und sprang ins Wasser, um bis zu
+jenem Schiff zu schwimmen. Der Kapitän rief Leute herbei, ein Boot
+verfolgte die Flüchtlingin und brachte sie wieder ans Land. Unter dem
+Gelächter eines elenden Pöbels wurde Anima nackt über die Gasse
+getrieben, und der wütende Kapitän trug ihre schönen Kleider und
+falschen Haare hinterdrein. In einer nahegelegenen Schenke schleppte er
+sie in eine dunkle Kammer, warf die Kleider hin, trat das Mädchen mit
+den Füßen, dann sperrte er die Türe zu und nahm den Schlüssel mit. Nach
+mehreren Stunden kehrte er zurück; streng rief er ihren Namen, und als
+sie still blieb, wurde seine Stimme zärtlicher. Aber es regte sich
+nichts. Er fuhr fort, ihr zu schmeicheln und sie zu locken, da kam sie
+endlich, noch immer unbekleidet, auf allen Vieren herangekrochen wie ein
+Hund. Was ist mit dir geschehen, Anima? rief der Kapitän ahnungsvoll,
+und da er sie in der Dämmerung kaum gewahren konnte, schrie er die
+Treppe hinunter, der Wirt möge Licht bringen. Sie stürzten mit Laternen
+herauf, und nun erwies es sich, daß die Tahitierin keine Augen mehr
+besaß. Vielleicht hatte sie in der Dunkelheit drinnen eine so
+schmerzliche und beseligende Vision der schönen Insel erblickt, auf der
+sie geboren war, daß sie mittelst der Vernichtung ihres Augenlichts,
+wozu ihr die Nadel eines Schmuckstücks gedient hatte, dieses Bild für
+immer festhalten zu können glaubte. Der Kapitän fühlte Reue und schickte
+sie mit dem im Hafen liegenden Schiff nach ihrer südlichen Heimat.«
+
+
+»Ich verstehe«, flüsterte Franziska hingenommen, »wie man das eigene
+Herz hassen kann, so auch die eigenen Augen. Aber was für ein Mensch war
+der Kapitän? Du sagst, er hätte das Mädchen geliebt? Wie man eine
+Rarität liebt, meinst du? Oder einen Papagei? Geliebt? Unsinn.«
+
+»Es ist möglich, daß er zuerst ein echtes Gefühl für sie hegte«,
+antwortete Cajetan, »und daß er später, als sie von vielen Menschen
+betrachtet und angestaunt wurde, nur noch eitel war. Er hatte sie
+vielleicht erziehen wollen und bemerkte dann, daß die Wildheit und
+Fremdheit ihr stärkster Zauber war. So bot er sie andern Augen feil, und
+die Neugier der Welt entseelte sie. In derselben Weise ist ja Caspar
+Hauser für seine uneigennützigsten Freunde gleichsam entseelt worden.«
+
+»Männer, die ein Weib erziehen wollen, sind mir immer verdächtig«, sagte
+Franziska. »Als ob ein Geschöpf nicht alles schon wäre, was es wird! Als
+ob die Erfahrung besser und reiner machen könnte! Klüger höchstens. Und
+wer klüger wird, der welkt bereits. Unsern himmlischen Teil wissen die
+Männer nicht zu nehmen, das steht einmal fest.«
+
+»Solche Versuche, Vorsehung zu spielen, beruhen meist auf einem
+Mißverständnis der menschlichen Natur«, entgegnete Borsati. »Ihr habt ja
+alle den jungen Möllenhoff gekannt. Er war ein sogenannter Idealist, das
+heißt, er glaubte an die Existenz des Guten in jedem Individuum, und da
+er durch Frauen vielfach enttäuscht worden war, verfiel er auf die
+Marotte, sich eine Gattin und Lebensgefährtin aufzuziehen. Er adoptierte
+ein zehnjähriges Mädchen von geringer Herkunft, hielt es in ländlicher
+Abgeschiedenheit, unterließ nichts, was die körperliche und geistige
+Bildung des Kindes fördern konnte, und er glaubte allen Anlaß zur
+Zufriedenheit zu haben. Er hatte seine Zukunft, die ganze Stimmung
+seines Daseins auf das Gelingen dieses Planes gesetzt, aber als seine
+Schutzbefohlene neunzehn Jahre alt war, entdeckte er, daß sie mit einem
+Gärtnerburschen und zugleich mit einem Klavierlehrer in sehr
+unzweifelhaften Beziehungen stand. Er erholte sich nicht mehr von dem
+Schlag und ist seitdem der gründlichste Menschenhasser geworden, den man
+treffen kann.«
+
+»Menschenhasser zu sein, ist stets ein wenig médiocre«, bemerkte
+Lamberg.
+
+»Sie haben vorhin das richtige Wort gesagt, Rudolf«, äußerte sich
+Cajetan. »Vorsehung spielen! Dieses Unterfangen wird in jedem Fall mit
+der härtesten Strafe bedacht. Dafür bietet eine Geschichte, die ich
+erzählen will, eine recht eindringliche Lehre.
+
+
+Frau von M., erlaubt mir, daß ich den Namen verschweige, hatte nach
+zehnjähriger Ehe ihren Gatten verloren und lebte mit ihrem einzigen Sohn
+auf einem Landgut am Rhein. Sie hatte die außerordentlichsten
+Eigenschaften als Frau sowohl wie als Mutter. Sie war schön; sie war
+sehr stolz; sie war belesen, sie hatte viel Blick, viel Geduld, eine
+reiche innere Erfahrung und eine imponierende Überlegenheit als
+Gebieterin wie als Weltdame. Sie behütete das Kind wie ihren Augapfel,
+und es war, als ob die leidenschaftliche Liebe, die sie zu ihrem Mann
+gehegt, sich mit verdoppelter Kraft und in reiner Form auf den Sohn
+übertragen hätte. Sie unterrichtete ihn selbst, sie las jedes Buch mit
+ihm, sie erforschte und kannte seine heimlichsten Gedanken, sie
+beschäftigte sich gründlich mit Medizin, um, wenn er krank würde,
+sorgfältiger als jeder Arzt die Heilung überwachen zu können, und
+betrieb sportliche Übungen, um auch bei diesen in seiner Nähe zu sein.
+Der aufwachsende Jüngling verehrte seine Mutter schwärmerisch; er
+brachte ihr ein grenzenloses Vertrauen entgegen; je mehr ein geistiges
+Bewußtsein in ihm erstarkte, je mehr wurde er, und bis in die Träume
+hinein, von ihr ergriffen. Bei der zarten Empfänglichkeit seines Gemüts
+fesselte ihn die Kunst frühzeitig; er malte und dichtete. Aber welche
+Gestalt er auch immer auf die Leinwand setzte, welches Antlitz immer, es
+war Gestalt und Antlitz seiner Mutter. In seinen Versen, die von
+schwermütigen Todesahnungen erfüllt waren, und in denen sich Welt und
+Menschen nur geisterhaft fern spiegelten, war ebenfalls die Mutter
+Gleichnis und Figur. Doch als er achtzehn Jahre alt geworden war,
+zeigte sich an ihm eine ungewöhnliche Zerstreutheit und Unruhe. Frau von
+M. wußte diesen Zustand wohl zu deuten und ging tief mit sich zu Rate.
+Im vergeblichen Schmachten sah sie das Schädliche, es war ein Suchen in
+der Finsternis. Trauernd mußte sie eine Gewalt anerkennen, die Körper
+und Geist auch des Edelsten unterwirft und unabwendbar ist wie der
+Frühlingssturm. Sie fürchtete für den Sohn die schmerzlichen Regungen
+einer Sehnsucht, die von Scham begleitet ist; das trübgestimmte Wesen
+verlangte nach einem reinigenden Feuer, wenn es nicht die Lauterkeit des
+Herzens vernichten sollte. Hier war zu handeln schwer, den Dingen ihren
+Lauf zu lassen noch schwerer. Irgend eine Frau, eine Fremde, Ungeprüfte,
+Undurchschaubare in den Bezirk dieses vergötterten Lebens treten zu
+sehen, konnte kaum in der Vorstellung ertragen werden, es zu wünschen
+oder zu befördern, schien ein Verbrechen. So führte Frau von M. einen
+jungen Menschen ins Haus, dessen Familie sie kannte, und dessen
+Eigenschaften ihr gerühmt worden waren. Seine Offenheit und Herzlichkeit
+gefielen ihr, und der junge Robert schloß sich ihm sogleich mit
+rückhaltloser Freundschaft an. Damit glaubte Frau von M. die Gefahr
+einstweilen beseitigt zu haben. Sie erfuhr die Genugtuung, daß Robert
+immer wieder zu ihr zurückkehrte; den Grund wußte sie freilich nicht, er
+sagte ihr nicht, daß er enttäuscht sei, daß er sich unter einer
+Freundschaft etwas viel Hinreißenderes gedacht, daß er erschüttert sein
+wollte, wo er bloß beschäftigt, begeistert, wo er bloß verbunden war.
+Gleichwohl begann Frau von M. zu spüren, daß dieser Mensch ein für
+allemal zur Enttäuschung verdammt sei, denn am Eingang seines Lebens
+stand eine Erfüllung und eine Harmonie, die sich in keiner Form seiner
+künftigen Existenz je wieder finden mochte. Er kehrte zu ihr zurück, das
+ist wahr; aber dumpfer, schweigsamer als vordem. Er sah den weiten Riß,
+der zwischen ihm und der Welt klaffte, vermochte er doch kaum mit den
+Menschen zu sprechen; Gewöhnung an Schönheit und Frieden, an
+Dichterwerke und inneres Schauen ließ ihn die breite, satte, lärmende
+Häßlichkeit des Alltags über jedes Maß zornig empfinden, und wenn er
+Frauen, wenn er junge Mädchen sah, deren Blick und Stimme und Antlitz
+sein Herz erzittern machte, wenn in den Nächten das Blut aufrauschte und
+jugendliche Begierde im Unbewußten wühlte, so klammerte sich sein Geist
+an die Gestalt der Mutter, und übertriebene Erwartung und überfeinerte
+Scheu hielten ihn in zwieträchtiger Schwebe zwischen Weltflucht und
+Weltsucht, zwischen Sinnenqual und Herzenspflicht. Es geschah eines
+Tages im Vorfrühjahr, daß er in das Haus seines Freundes kam, und daß er
+nur dessen Schwester antraf; der Freund selbst, seine Eltern, sogar die
+Dienstleute waren in die nahe Stadt gegangen, um einen Karnevalsfestzug
+zu sehen, und das junge Mädchen war daheim geblieben, weil eine
+Verletzung am Fuß ihr das Gehen lästig machte. Sie war siebzehn Jahre
+alt, eher dumpfen Gemüts als aufgeweckt, von vielen entgegenstrebenden
+Neigungen berückt und fast verstört, eigenwillig und seltsam. Robert
+hatte ihr nie sonderliche Beachtung geschenkt, und sie hatte ihn bloß
+angeschaut wie einen, den man erraten will, wartend und mit schwankender
+Meinung. Er wollte sich entfernen, doch etwas an ihrem Wesen bannte
+ihn. Sie saßen einander gegenüber, ohne zu sprechen, sie näherten
+einander, ohne es zu wollen, als es dämmerte, schlugen ihre Pulse
+heftig, es war, wie wenn die Natur in ihnen den gewaltigsten Magnetismus
+entfesselt hätte, und sie waren zusammengeschmiedet, ohne einander zu
+kennen, ohne einander zu lieben, ohne einander etwas zu sein.
+Unglücklich, ein Geschändeter, ein Verzweifelter, entfloh der Jüngling,
+und nachdem er sich viele Stunden lang am Strom und in den kahlen
+Weinbergen herumgetrieben hatte, betrat er spät in der Nacht das Zimmer,
+in welchem seine Mutter voll Beunruhigung auf ihn gewartet hatte. Sie
+lag auf einem Sessel und schlief; ein Buch, in dem sie gelesen, war
+ihrer Hand entfallen, ihre noch immer dunklen Haare umrahmten das noch
+immer schöne, äußerst bleiche Gesicht, verräterische Feuchtigkeit
+schimmerte auf den zuckenden Wimpern, und der schmale, zarte Körper war
+wie hineingehaucht in das mitternächtige Halblicht des Raums. So
+erblickte er sie. Er schauderte. Er starrte sie an wie einen Engel, der
+Vergeltung zu üben noch zögert. Er fühlte sich wertlos werden und sie
+über alles Irdische erhoben. Ihrem lebendigen, aus dem Schlummer
+erwachten Auge noch einmal begegnen zu sollen, war ein Gedanke, den er
+nicht ertrug. Er kniete nieder und küßte den Saum ihres Kleides; noch
+knieend riß er ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb: »Mutter!
+oder wie darf ich dich nennen! Alle meine Wege waren von deiner Liebe
+vorgezeichnet, und keinen konnte ich gehen, ohne Reue auf mich zu laden.
+So wähle ich den, wohin mir dein Gedächtnis versöhnt folgen wird. Leb
+wohl«. Ich brauche nicht die Raserei der Frau zu schildern, als sie an
+der Leiche ihres Sohnes stand. Hier endet die Pflicht des Erzählers.«
+
+
+»Menschen wie dieser Robert haben etwas Schattenhaftes«, sagte Borsati
+sinnend, »die Konflikte, in denen sie sich bewegen, sind wie aus der
+Geistersphäre. Solche tragische Verdünnung des Handelns und Aufnehmens
+ist nur in unserer Zeit möglich. Kinder, die in Furcht geboren und in
+Furcht erzogen werden, sind dem Tod von Jugend auf verschwistert. Wir
+atmen eine unheroische Luft, Freunde.«
+
+Er erhob sich und öffnete das Fenster. Der Regen flutete in lärmenden
+Strömen herab, auch blitzte es und ferner Donner rollte. Man mußte trotz
+der vorgerückten Stunde noch verweilen. »Bitte, schließ das Fenster,
+Rudolf«, rief Franziska, »ich bin wirklich nicht heroisch genug für die
+Kälte.« Hadwiger nahm seinen Stuhl, trug ihn durch das Zimmer und setzte
+sich dicht neben sie. Da er es mit der ihm eigenen mürrischen
+Ostentation tat, konnte niemand ein Lächeln unterdrücken.
+
+»Ich habe eine Frau gekannt«, begann Borsati wieder, »die zwei
+abgöttisch geliebte Kinder besaß. So glücklich sie auch war, so sehr
+wurde sie von der Angst um das Leben dieser Kinder gequält. Sie litt am
+Bazillenwahn und hatte sich ein vollkommenes System wissenschaftlichen
+Aberglaubens zurechtgemacht, worin die Bazillen ungefähr die Rollen der
+Teufel und Hexen aus früheren Jahrhunderten übernommen hatten. Ihr Mann,
+ein kräftiger und sicherer Charakter, wünschte ihr bessere Einsichten zu
+geben, doch sein Widerstand und seine Belehrungen blieben fruchtlos,
+und das Verhängnis wollte es, daß sie auf eine schreckliche Art gegen
+ihn ins Recht gesetzt wurde. Er bekam eine Halsentzündung, und die Frau
+verbot ihm, den Kindern zu nahen, was ohne Frage eine verständige
+Maßregel war. Aber der Mann, schon eingesponnen in Hader und
+Unzufriedenheit, lehnte sich auf gegen die Gespensterfurcht, wie er es
+spottend nannte. Er behauptete, daß sein Übel durchaus nicht auf ein
+Kind übertragen werden müsse, er forderte das Schicksal heraus, ein
+Verdikt gegen die Frau zu fällen und ohne zu erwägen, daß seine Tat auch
+vor einem höheren Forum nicht für beweisend gelten konnte, wenn sie
+folgenlos blieb, eilte er im Eifer des Wortstreits an das Bett eines der
+schlafenden Knaben und küßte ihn, ehe die Frau es zu verhindern
+vermochte. Es kam, wie es kommen muß, wenn die Entscheidung den
+tückischen Mächten statt den wohlwollenden zufällt. Das Kind wurde
+angesteckt und erlag der Krankheit. So eng verkettet werden dem Menschen
+Ursache und Wirkung nur gezeigt, nachdem er ihren Zusammenhang hochmütig
+geleugnet hat, und beruft er sich auf die Erfahrung, so muß unter
+Umständen auch ein Wunder dazu dienen, ihn von seiner Nichtigkeit zu
+überzeugen.«
+
+»Es ist wie beim Roulette«, sagte Cajetan; »man setzt auf Rot, und
+Schwarz gewinnt.«
+
+»Nur kann man den grünen Tisch fliehen«, fügte Lamberg hinzu, »und wenn
+nicht, setzen soviel man Lust hat; hier muß man verweilen, und der
+Bankhalter diktiert die Einsätze.«
+
+Alle sahen still bewegt vor sich hin, und es war, als blickten sie auf
+einen gemalten Vorhang, auf dem das Leben und Geschehen, welches sie für
+vergängliche Minuten in Worte gezaubert, zu Bild und Figur geworden war.
+Franziska schien am weitesten entrückt; auf dem dunklen Schal lagen ihre
+weißen Hände gekreuzt; ihre Lippen waren streng geschlossen, und die
+Augen, oben unter den Lidern schwimmend, schauten gleichsam über die
+Stirn hinaus und zurück, nicht anders als bäume sie sich gegen einen
+körperlichen Schmerz.
+
+Cajetan war der erste, der zum Aufbruch drängte. Er war ein wenig
+pedantisch in bezug auf die Schlafensstunde.
+
+
+
+
+Der Tempel von Apamea
+
+
+»Du gefällst mir nicht, Heinrich,« sagte Franziska am andern Vormittag
+zu Hadwiger, als dieser allein in die Villa kam. »Warum sperrst du dich
+so zu? Aus Trotz? Oder weißt du nichts zu erzählen? Wenn du stumm
+bleibst, wirst du den Spiegel nicht bekommen.«
+
+»Ich wußt’ es gleich, daß ich ihn nicht bekommen kann«, antwortete er.
+
+»Du gibst dir nach und gefällst dir als Aschenbrödel«, meinte Franziska.
+
+»Ich bin nicht frei genug«, versicherte Hadwiger, »ich kann die Dinge
+weder zusammen- noch auseinander halten, mir sitzt alles auf der Brust,
+und es gibt keine andre Wahl für mich als zu schweigen oder zu
+beichten.«
+
+»Zu beichten? Wie meinst du das?«
+
+»Wie es gesagt ist. Ja, ich müßte einmal aufräumen in mir; von Jahren
+sprechen, die dahinten liegen, weit dahinten, an die ich aber nicht
+denken kann, ohne daß mich eine Gänsehaut überläuft.«
+
+Franziska blickte ihn mütterlich verstehend an.
+
+»Verkleiden kann ichs nicht«, fuhr er grüblerisch fort, »und schlankweg
+das furchtbar Wahre sagen? Nein. Es paßt nicht her. Hier ist alles so
+rund, nur ich bin eckig, alle sind urban, nur ich bin störrisch. Gegen
+die Überlegenheit hilft nichts als sich unterzuordnen, sonst wird man
+sich und andern unbequem.«
+
+»Ich begreife dich«, erwiderte Franziska. »Es drückt einem das Herz ab,
+und doch macht es reich, davon zu wissen, und arm, davon zu reden.«
+
+»Wenn einer da wäre, um es für mich zu tun, hätt’ ich nichts dagegen,
+und ich könnte mich wenigstens aus dem Zimmer schleichen.«
+
+»Vielleicht zwingt es dich einmal«, sagte Franziska.
+
+»Vielleicht. Oder wenn _du_ reden wolltest«, stieß er plötzlich hervor,
+unfähig, ein glühendes Gefühl länger zu beherrschen, »du, Franzi, dann
+wollte ich –« Er brach ab, denn Franziska heftete einen bösen Blick auf
+ihn, und eine Wolke von Düsterkeit verbreitete sich über ihre Züge. Sie
+wollte aufstehen, doch Hadwiger schaute sie so flehend an, daß sie
+verblieb, die Arme auf die Kniee und den Kopf in die Hände stützte. Um
+sie abzulenken, berichtete Hadwiger zaghaft, daß die Freunde, in Sorge
+über ihre Ermattungszustände, davon gesprochen hätten, einen Spezialarzt
+aus der Stadt kommen zu lassen. Franziska schüttelte unmutig den Kopf;
+ehe sie antworten konnte, kam Lamberg mit dem Affen herein. Ihnen folgte
+Emil, der einen Teller mit Äpfeln trug.
+
+Quäcola hatte sich schon einen Apfel zugeeignet und verspeiste ihn mit
+Behagen. Neckend reichte ihm Hadwiger die offene Hand hin; das Tier
+guckte ganz nahe darauf, aber da es nichts entdecken konnte, feilte es
+ärgerlich. Dies erregte Heiterkeit, worüber Quäcolas Ärger wuchs, und er
+spuckte auf die Erde, was er von dem Apfel noch im Maul hatte. Lamberg
+wurde zornig und beschimpfte ihn, und während Emil das verdrießliche
+Geschäft des Aufräumens verrichtete, sagte er: »Gnädiger Herr, es
+kommen jetzt im Hause viele Sachen abhanden. Der Köchin fehlt eine
+Gürtelschnalle, mir selbst fehlen ein Dutzend Emailknöpfe und ein paar
+alte Münzen.« – »Ach, Sie sammeln Münzen,« erwiderte Lamberg scheinbar
+anerkennend, »Münzen und Emailknöpfe? und wen haben Sie im Verdacht?« –
+»Man kann da nur ein einziges Individuum im Verdacht haben«, sagte der
+vornehm sprechende Diener. »Ich brauche mich ja nicht näher
+auszudrücken. Sehen Sie, gnädiger Herr, jetzt hat er wieder die Antike
+zwischen den Pfoten. Er hat eine Vorliebe für das Glänzende und verrät
+sich selber.«
+
+In der Tat hatte der Affe den goldenen Spiegel genommen und starrte mit
+ernsthaft gefalteter Stirn auf die Platte, indem er offensichtlich
+Lambergs prüfende Kennermiene nachahmte. Er kniff die Augen zusammen,
+schob den Kopf zurück, streckte den Bauch vor und spitzte das Maul
+kritisch und besitzerstolz. Nach und nach gelangte die tierische Natur
+wieder zur Macht, er betastete argwöhnisch die metallene Schildkröte, –
+vielleicht erwachten bei deren Anblick Erinnerungen an seinen heimischen
+Inselstrand, – dann stellte er den Spiegel zur Erde, ließ sich auf alle
+Viere nieder und mit einer einfältigen, verschlafenen, komisch-traurigen
+Miene schien er sich zu fragen, was mit einem solchen Gerät anzufangen
+sei und wie man sich in möglichst ausgiebiger Art daran ergötzen könne.
+Als nun Emil bemerkte, daß die Herrschaften an dem Benehmen des Affen
+ihr Vergnügen hatten, malte sich in seinem Gesicht neben einem erhabenen
+Staunen über diese unbegreifliche menschliche Verirrung auch die
+lebendigste Eifersucht, und es war ihm anzusehen, daß er sich in seinem
+höheren Bewußtsein schmählich zurückgesetzt fühlte.
+
+»Quäcola!« rief Lamberg. Der Affe erhob sich, blinzelte und hüpfte
+heran.
+
+»Hast du gestohlen, Quäcola?« fragte Lamberg streng.
+
+Quäcola richtete sich empor und grinste freundlich. »Er hat nicht
+gestohlen, Emil«, entschied Lamberg kurz.
+
+»Also gilt ein Vieh mehr als ein Mensch?« erwiderte der Diener gepreßt.
+
+»Ein Vieh kann vielleicht stehlen, aber es kann nicht lügen«, sprach
+Lamberg salomonisch tief. Er holte den Spiegel, hielt ihn dem
+Schimpansen dicht vor die Nase und sagte: »Wenn du darnach noch einmal
+greifst, mein lieber Quäcola, wirst du drei Tage in deinen Käfig
+gesperrt, und Emil soll dich durchpeitschen. Merk dir’s.«
+
+Der Affe murmelte vor sich hin, doch Emil rief beschwörend: »Er versteht
+Sie nicht, gnädiger Herr! er tut nur so, ich kann Ihnen die Versicherung
+geben, daß er Sie nicht versteht.«
+
+»Das macht nichts«, entgegnete Lamberg mild, »dafür verstehe ich ihn.«
+Es war ein Glück, daß der larmoyante Emil das Zimmer verließ, denn
+Franziska und Hadwiger konnten ihre Lachlust nicht mehr bezähmen. »Mir
+ist immer, als sei Emil Quäcola eine einzige Person,« sagte Franziska,
+»und ich weiß nicht mehr, ob der Diener oder der Affe so heißt.«
+
+Es hatte die ganze Nacht hindurch geregnet und es regnete auch jetzt
+noch. Der Abfluß des Sees war zum Strom geworden, alles Erdreich war
+gelockert, in allen Rinnen schäumten die Sturzbäche, und die
+verspäteten Sommergäste hatten die Flucht ergriffen. Der Ort war leer.
+Franziska äußerte ein Bedürfnis nach Blumen, und Lamberg ließ ganze
+Körbe voll Alpenrosen ins Haus bringen. Den Nachmittag über ruhte sie,
+als gegen fünf Uhr Cajetan von der Gräfin Seewald kam, unterhielt er sie
+mit allerlei Gesellschaftsklatsch und fand sie leidlich munter. »Mir
+kommt die Welt wie gefroren vor«, sagte sie; »trotzdem ist mir nicht
+kalt. Nur wenn ich allein bin, wird mir kalt.«
+
+Sie erkundigte sich nicht nach dem Fürsten, und Cajetan sprach nicht von
+ihm. Nach Tisch gab Borsati seiner Verwunderung über die vielen
+Alpenrosen Ausdruck und sagte zu Franziska: »Du hast wohl durch die
+Geschichte des Geronimo Lust auf Blumen bekommen?«
+
+»Hast du vergessen, daß ich darin den Mexikanern nie etwas nachgegeben
+habe?« antwortete sie. »Schade, daß die Alpenrosen so wenig riechen. Und
+doch vertrag ich eigentlich für längere Dauer nur den Geruch von
+Veilchen. Heute Nacht habe ich im Traum fortwährend Veilchen gerochen.«
+
+»Angenehm«, murmelte Borsati.
+
+»Wer von euch könnte mit Worten beschreiben, wie Veilchen riechen?« fuhr
+das junge Weib fort.
+
+»Nun, – süß«, sagte Hadwiger, worauf Franziska unzufrieden den Kopf
+schüttelte.
+
+Lamberg besann sich und meinte dann: »Es ist ein lauer, kühler,
+erdig-keuscher Geruch.«
+
+»Ja, das trifft ungefähr«, rief Franziska.
+
+Borsati, der Hadwigers eifersüchtige Miene beobachtete, lachte
+plötzlich und sagte: »Mir hat heute Nacht von Hadwiger geträumt. Ich
+fuhr mit ihm nach Sibirien. Wir verloren uns in der Steppe, auf einmal
+traf ich ihn wieder, er saß in einem Wirtshaus, ich frage ihn, warum er
+so finster und unglücklich sei, da antwortet er mit seiner mürrischen
+Bestimmtheit: Jeder Mensch hat seine drei Hasen. Ich war sehr betroffen
+über diesen Ausspruch, und während ich nachdenke, steht Lamberg vor uns,
+starrt Hadwiger durchbohrend an und donnert ihm triumphierend zu: Das
+werden Sie mir beweisen! Hadwiger zuckt gleichgiltig die Achseln und
+erwidert: Es ist leider so. Ich allerdings habe nur einen Hasen. Die
+andern zwei hat der Zar von Rußland. Bei diesem Diktum bin ich vor
+Erstaunen aufgewacht.«
+
+»Gottvoll ist diese Paradoxie der Träume, die doch an irgend einem Punkt
+eine greifbare Wahrheit hat«, sagte Cajetan, nachdem die allgemeine
+Heiterkeit sich gelegt hatte. »Wenn uns ein Mensch, den wir kennen, im
+Traum erscheint, ist es manchmal, wie wenn durch ein Wort oder eine
+Geste sein moralisches Knochengerüst entblößt würde. Außer den Träumen
+dichtet nur noch Shakespeare so. Die drei Hasen sind köstlich; das haben
+Sie brav gemacht, Heinrich«, schloß er und klopfte Hadwiger anerkennend
+auf die Schulter. Dieser schmunzelte verlegen.
+
+»Neulich träumte mir Folgendes«, begann Borsati wieder; »ich liege in
+einem Zimmer über einem gewaltigen Hammerwerk. Ich höre und spüre die
+Hammerschläge, ich höre und spüre sie wie eine Drohung. Es erschallen
+gellende Schreie: zu Hilfe, zu Hilfe. Es wird ein Mädchen mit
+zerschmetterten Gliedern hereingetragen, aber ich kann die Leute nicht
+gewahren, ich sehe auch das Mädchen nicht, ich weiß nur, daß sie tot
+ist, und mich durchdringt eine atembeklemmende, sinnliche Liebe zu der
+Toten. Da scheint es mir, als ob sie lebendig würde, und zu gleicher
+Zeit dehnt sich das Zimmer aus wie ein Ballon, der mit Gas gefüllt wird.
+Ich will mit dem Mädchen sprechen, stehe auf und schließe nacheinander
+die Türen. Es zeigen sich mir immer mehr und mehr Türen, und während ich
+eine zumache, öffnen sich beständig andere von selbst. Vor Ungeduld bin
+ich dem Weinen nahe, plötzlich hält mich die weibliche Gestalt mit ihren
+Händen fest, und voll Abscheu erkenne ich einen Jüngling in ihr, der
+mich mit verderbten Blicken anstarrt.«
+
+»Mir träumte vom Weltuntergang«, erzählte Franziska; »der Himmel war
+voller Feuer, ich war mit einer großen Menschenmasse in einer engen
+Straße, und alles drängt zu einer herrlichen Bronzetür an einem
+dunkelbraunen Marmorgebäude. Ich wundere mich, daß die Menschen mehr
+neugierig als erschrocken sind, ich wundere mich, daß sie so geduldig
+warten, bis die Bronzetür aufgemacht wird, und indes glühende Steine von
+oben herunterstürzen, frage ich: warum geht man denn nicht hinein?
+Darauf antwortet mir ein eleganter Herr sehr höflich: ja, es wird erst
+um zwölf Uhr geöffnet, und es fehlen noch fünf Minuten.«
+
+»Das Gefühl der Verwunderung ist überhaupt charakteristisch für Träume«,
+sagte Lamberg. »Verwunderung, Angst und Ungeduld. Besonders Ungeduld;
+Ungeduld ist Wollust.«
+
+»Ich ging einmal mit einer Frau, die ich liebte, auf einer von beiden
+Seiten durch Mauern abgeschlossenen Chaussee«, berichtete Cajetan. »Da
+stürmt eine Herde von weißen und braunen Pferden geisterhaft flüchtig
+wie Schmetterlinge vorüber. Sie fliehen, daran ist kein Zweifel, und in
+einiger Ferne machen sie auf dem Abhang eines Hügels halt und kehrt. Ich
+sage zu der Frau: diese Pferde sind unsere verzauberten Leidenschaften,
+sieh nur, wie traurig sie herüberschauen. Plötzlich springt in
+ungeheuern Sätzen ein Tier auf uns zu, das ich kaum beschreiben kann,
+ein Mittelding zwischen Reptil und Fleischerhund, gelb, feist und
+widerlich boshaft. Im selben Augenblick kommen zwei von den Pferden
+zurück, ein weißes und ein braunes. Sie laufen mit fabelhafter
+Geschwindigkeit, beide dicht nebeneinander, und wiehern stolz. Sie
+stellen sich dem Ungeheuer in den Weg und zwingen es in einer herrlich
+plastischen Stellung, beide Köpfe gegen den Hals des Scheusals gepreßt,
+stille zu stehen. Wir haben uns in eine Mauernische geflüchtet, und ich
+weiß, daß in der nächsten Minute mein Kopf abgebissen sein wird. Ich
+überlege, wie ich es anfangen könnte, mich ritterlich zu benehmen, und
+ich habe die deutliche Empfindung, daß meine Liebe für die Frau zu Ende
+ist, weil es ihr ganz selbstverständlich scheint, daß ich mich für sie
+opfere. So heftig wird meine Erbitterung, daß ich darüber erwache.«
+
+»Ich sah im Traum eine Frau«, nahm Borsati wieder das Wort, »sie ist
+sehr schön, nur ihre Hände sind aus Terracotta. Ich frage: warum sind
+deine Hände aus Terracotta? Sie antwortet: daran sind deine Brüder
+schuld. Ich versichere ihr, daß ich keine Brüder habe, darauf nennt sie
+mich einen meineidigen Verschwender. Dieses Wort grämt mich so, daß ich
+plötzlich graue Haare bekomme, denn ich kann mich zugleich von außen
+sehen. Sie führt mich auf einen Weg, und wir kommen zu einem Spiegel. Da
+ist dein ältester Bruder, sagte sie. Nein, ich bin es selbst, erwidre
+ich. Sie lacht und wir gehen durch den Spiegel durch, und ich befinde
+mich in einer Versammlung zahlreicher Menschen. Da sind deine andern
+Brüder, sagte die Frau, und ich bemerke, daß alle diese Menschen mir
+ähnlich sehen. Ich hatte eine grauenhafte Empfindung von Verlassenheit
+unter ihnen, mir war, als ob ich unsichtbar würde, und als ich erwachte,
+war meine erste instinktive Handlung, daß ich einen Wandspiegel
+herabnahm, um mich zu betrachten.«
+
+»Ich träumte einmal eine Landschaft«, erzählte nun auch Georg Vinzenz,
+»eine purpurrote Landschaft mit einem meergrünen Himmel darüber, und in
+der Mitte eine zu unermeßlicher Höhe ansteigende Felsenstraße, die sich
+zwischen blauen Eisfeldern verlor. Beim Erwachen konnte ich nicht
+glauben, daß dies ein Traum gewesen sei, und mir schien, diese
+Landschaft sei ein mit meinem Geschick tief verbundenes Erlebnis. Ich
+suchte die Verknüpfungen, die zeitlich vor dem Traum lagen, und konnte
+nicht fassen, daß ich etwas so wahr und mit so vertrautem Auge Gesehenes
+erst seit dem Traum kennen sollte. Ich wurde mir selber fremd und
+mißtraute meiner Wahrnehmung in einer Weise, die nah an Wahnsinn
+grenzt.«
+
+»Wie meisterhaft sich oft Menschen im Traum selbst zeichnen«, sagte
+Borsati, »davon lieferte mir unlängst einer meiner Patienten den Beweis.
+Er ist ein sehr beschränkter, sehr geiziger und sehr neugieriger Mann,
+dies das Thema zu der Traum-Variation. Er erzählte mir, er habe
+geträumt, daß er ins Theater gegangen sei, obwohl er sich nicht leicht
+hätte entschließen können, einen Sitz zu kaufen. Er läßt sich nieder,
+jedoch eine kolossal dicke Dame versperrt ihm den Ausblick. Er geht auf
+einen andern Platz, da ragt eine Säule vor ihm auf. In den Traumtheatern
+ist den Menschen offenbar eine ungehemmte Bewegungsfreiheit gestattet,
+auch müssen sie so hoch sein wie die Wolkenkratzer, denn er steigt in
+den vierten, in den fünften, in den sechsten Stock, aber nirgends lassen
+ihn die Menschen durch. Ha, denkt er, ich will euch zeigen, daß ich mich
+nicht lumpen lasse und daß ich auch wer bin, geht an den Schalter und
+kauft sich eine Loge, die er freudestrahlend betritt, dabei aber
+immerfort nachdenkt, ob ihn der Billetteur nicht beim Geldwechseln
+übervorteilt habe. In dem Augenblick jedoch, wo er sich endlich dem
+Genuß des Schauspiels hingeben will, fällt der Vorhang und das Stück ist
+aus. Entzückend war in seiner Schilderung der Ärger, den ihm die
+vergebliche Geldausgabe im Traum verursacht hatte. Ich bin überzeugt, er
+hat sich noch im Wachen geärgert. Auch hat es einen eigenen Tiefsinn,
+daß er trotz seiner Neugier das Stück nicht zu sehen bekam.«
+
+»Es gibt wirkliche Erlebnisse, die fast wie Träume sind«, ließ sich
+Cajetan vernehmen. »Vor ein paar Jahren hatte ich einen Winter hindurch
+ungewöhnlich viel unter Menschen verkehrt, und Beziehungen allerlei Art
+wuchsen mir über den Kopf. Ich war müde des Redens und begab mich am
+Anfang des Sommers ins Hochgebirge. Der Ort war ziemlich entlegen, aber
+ich traf doch Bekannte, und da ich schon erregt wurde, wenn ich aus
+einem Nebenzimmer oder auf einem Spazierweg die Stimmen von Menschen
+vernahm, entschloß ich mich, mit dem Rucksack ein paar Tage lang auf die
+Berge zu wandern. In einer Mondnacht brach ich auf und marschierte
+stundenlang wie in Schlafesruhe. Als der Osten sich lichtete, sah ich
+den Gipfel vor mir, aber das Herz stockte mir vor Enttäuschung, als ich
+von weitem eine Schar von Leuten erblickte, die wie Schattenrisse gegen
+den geröteten Himmel gestellt waren und sich eifrig zu unterhalten
+schienen. In der ersehnten Einsamkeit wieder das unvermeidliche
+Geschwätz hören zu sollen, kränkte mich bitter, und da ich vom Pfad
+nicht abweichen konnte, schickte ich mich an, rasch vorüberzueilen. Ich
+kam näher, gewahrte ihre lebhaften Gesten, hörte aber keinen Laut. Sie
+bewegten die Arme, ihre Mienen waren beredt, ihre Augen glänzten, und
+alles war totenstill. Mir gruselte, als ich unter sie trat, und ich
+hatte das Gefühl, als ob mein Zorn, mein Haß sie der Zunge beraubt
+hätte. Es war eine Gesellschaft von Taubstummen.«
+
+»Das hat allerdings etwas Traumhaftes«, bestätigte Lamberg, »aber
+vieles, was mit uns geschieht, und das meiste von dem, was in der Welt
+geschieht, hat, für mich wenigstens, denselben Charakter. Je bildhafter
+und sinnlich wahrer mir Dinge oder Menschen werden, die außerhalb meiner
+Erfahrung stehen, je mehr nähern sie sich zugleich dem Traum. Ich
+kannte eine Frau, die so selbstverständlich von ihren Träumen sprach wie
+wir von unsern Eindrücken bei einem Spaziergang oder in einem Museum
+sprechen. Man braucht sich niemals eines Traumes zu erinnern, und man
+ist doch voll von Träumen, ja, was man Seele nennt, ist vielleicht nur
+das Spiel der Träume in uns, und ein Mensch ist um so seelenvoller, je
+dünner die Wand ist, die ihn von seinen Träumen scheidet. Gestalt und
+Farbe und Handlung der Träume sind dabei von geringem Belang. Der
+tiefste und mächtigste Traum mag nur ein Chaos sein, eine schwarze,
+schwere Flut, die durch die Unterwelten unserer Bewußtlosigkeit zieht.«
+
+»Schön gesagt, und ich verkenne nicht die Wahrheit dieser Bemerkung«,
+versetzte Cajetan. »Auch was Sie von dem Traumhaften der
+Weltbegebenheiten andeuten, scheint mir richtig. Ich entsinne mich der
+Erzählung eines englischen Diplomaten, wie die Kaiserin von China und
+ihr Sohn nach dem letzten Aufstand, der die Dynastie erschüttert und das
+Land in unheilvolle Parteiungen zerrissen hatte, einander gegenüber
+traten, um sich zu versöhnen. Möglich, daß er es gar nicht so
+geschildert hat, wie ich es dann sah und jetzt noch sehe, aber das Bild
+hat sich mir mit einer wundersamen Unverlöschlichkeit eingeprägt, und
+wenn ich daran denke, tue ich es wie an einen unverlöschlichen Traum.
+Sie gehen durch verschiedene Türen in ein Zimmer des Palastes; die
+Mutter wie auch der Sohn, beide haben an diesem Morgen unwissend ein
+tödliches Gift zu sich genommen, das in den Tee gemischt worden war; die
+Mutter hat den Sohn, der Sohn hat die Mutter vergiften lassen, ein
+jedes auf Drängen und Anstiften der Höflinge, von denen sie umgeben
+sind, weil die Zwietracht eine Gefahr für Monarchie und Staatsform zu
+werden drohte. So sehen sie sich denn, und der junge Kaiser wie die alte
+Kaiserin sind von Ehrfurcht gegeneinander erfüllt. Sie sind ermattet vom
+Kampf um die Herrschaft, und es ist, als habe es nur des Aug’ in
+Augschauens bedurft, um eine langverhaltene, vielleicht nie zuvor
+geäußerte menschliche Regung in ihnen zu wecken und das Andenken an
+Feindschaft, an Ehrgeiz, an Neid und an Verleumdungen zu ersticken. Sie
+sprechen nicht, sie blicken wie über einen Abgrund, der sich langsam
+schließt, zu einander hinüber, sie fühlen sich dem Lärm in eine Stille
+entronnen, die ihr Blut entzündet, und nur noch schüchtern glimmt die
+Furcht in den sehnsüchtigen Mienen, denn ein Herrscher von China ist das
+einsamste Wesen auf der Welt. Und nun bückt sich der junge Kaiser zum
+Kotau, bückt sich zur Erde und kann sich nicht mehr erheben, so
+plötzlich und mit solcher Gewalt beginnt das Gift zu wirken. Die
+Kaiserin-Mutter kniet neben ihm nieder, auch sie wird von der
+körperlichen Qual ergriffen. Sie umarmt ihren Sohn, sie bricht in Tränen
+aus, er umschlingt sie gleichfalls weinend, und sie liegen Arm in Arm,
+bis sie beide sterben.«
+
+»Unbedingt eine Szene von großer Art und wie aus einer Mythe«, bemerkte
+Borsati; »ich bin sicher, hier war schon ein stärkerer Genius an der
+Arbeit als die Wirklichkeit einer ist.«
+
+»Als ob die Wirklichkeit nicht alle Erfindungen überträfe!« rief
+Franziska.
+
+»Das wohl, aber sie kann nicht dargestellt werden, sie ist kaum faßbar,
+und indem man ihr Sinn und Bedeutung unterschiebt, wird sie schon
+Geschichte oder Gedicht.«
+
+Franziska, die eine Wendung des Gesprächs ins theoretisch Nüchterne
+fürchtete, wollte wissen, ob nicht die rätselhaften Fälle von
+Doppelexistenz eines Menschen auf den Einfluß der Träume zurückzuführen
+sei. »Ich hatte eine Kollegin,« erzählte sie, »ein junges Ding noch und
+keineswegs extravagant. Sie lebte bei ihren Eltern, aber in jedem Monat
+war sie drei bis vier Tage lang spurlos verschwunden. Alle
+Nachforschungen wußte sie mit einer Geschicklichkeit zu vereiteln, die
+man ihr kaum zutrauen wollte, und Fragen an sie zu richten war
+gefährlich, denn sie versank dann in eine Lethargie, aus der sie
+stundenlang nicht zu befreien war. Endlich stellte sich heraus, daß sie
+an den geheimnisvollen Melusinentagen in einem Elendsviertel der Stadt
+verschwand; dort ging sie zu einer Herbergsmutter, legte zerrissene und
+schmutzige Kleider an, nahm einen kranken Säugling auf den Arm und
+postierte sich als Bettlerin vor eine Kirchentüre. Wenn sie am Abend
+nicht genug Geld in die Herberge brachte, wurde sie von einem rohen Kerl
+geschlagen, und nachdem sie mehrere Tage und Nächte in solcher Weise
+gelebt hatte, erwachte sie aus ihrem dunklen Zustand, vergaß ihn
+vollständig und kehrte in ihre Häuslichkeit zurück.«
+
+»Das erinnert mich an die nicht so tragisch zugespitzte, aber recht
+merkwürdige Geschichte des alten Sinzenheim«, sagte Lamberg. »Dieser
+Sinzenheim war Kaufmann gewesen und hatte bei vorgerückten Jahren sein
+Geschäft einem Neffen überlassen. Die Rente, die er bezog, gestattete
+ihm, mit Anstand zu leben. Er hatte immer noble Passionen gehabt, doch
+nur in der Stille, jetzt ging er daran, seine Wünsche zu verwirklichen.
+Er kleidete sich wie ein Kavalier, und seine hagere, nicht unansehnliche
+Gestalt wie auch eine gewisse hochmütige Gleichgültigkeit, die er
+eingeübt, waren ihm behilflich, einen Kavalier vorzustellen. Einige
+aristokratische Bekanntschaften waren bald gemacht, und der Umstand, daß
+er Jude war und in seinem Judentum ein Hindernis auf dem Weg zur großen
+Gesellschaft fand, wurde durch eine bigotte alte Gräfin beseitigt, die
+ihn zur christlichen Religion bekehrte und Freudentränen vergoß, wenn
+sie ihn jeden Sonntag in der Kirche sah. Bald zeigte sich ein großes
+Übel; seine bürgerlichen Verhältnisse erlaubten ihm nicht, in dem
+eroberten Bezirk dauernd so zu leben, wie man um des Respekts willen
+dort leben muß, wenn man bloß ein Eindringling ist. Da er ein guter
+Rechner war, und eine tiefgewurzelte Abneigung gegen finanzielle
+Mißwirtschaft hegte, so beschloß er, seine Existenz in zwei Teile zu
+teilen. In den ersten sechs Monaten des Jahres hauste er in einer
+Mansarde am äußersten Rand der Vorstadt. Er kochte sein Frühstück
+selbst, briet sich mittags ein paar Äpfel und ging nur des Abends aus,
+um in einer elenden Kneipe warm zu essen. Um unkenntlich zu sein, ließ
+er sich den Bart wachsen, sein Anzug war schäbig, sein Gang schlotterig,
+sein Wesen voll Bescheidenheit. Was ihn aufrecht erhielt, beschäftigte
+und zerstreute, war die Erwartung der Zeit des Glanzes, das Ausspinnen
+luxuriöser Pläne, die Sehnsucht nach seinem aristokratischen Ich. Genau
+am ersten Juli begann die Wiedergeburt. Er rasierte sich, schob zwei
+Reisekoffer aus dem Winkel, kleidete sich in heiterer Laune um, fuhr im
+Wagen vor das elegante Hotel, wo er als Grandseigneur zu wohnen pflegte,
+tauchte plötzlich wieder auf den Rennplätzen und im Theater auf, reiste
+in teure und vornehme Badeorte und erzählte allen, die es hören wollten,
+von Erlebnissen in Biarritz, an der Riviera und in Ägypten, wo er
+während jener sechs Monate gewesen zu sein vorgab. Die Mansarde vertrug
+viel Geographie, von Madrid angefangen bis nach London und Petersburg,
+und das Studium verläßlicher Handbücher war belehrender als Wirklichkeit
+und Augenschein. So trieb er es eine lange Reihe von Jahren, bis er sich
+eines Tages während der Bettlerperiode ernstlich krank fühlte. Ein
+großer Schreck erfaßte ihn, daß er inmitten der künstlichen Armseligkeit
+sterben könne. Er bot seine ganze Willenskraft auf, nahm noch einmal die
+Verwandlung vor, begab sich in sein Hotel, mietete einen Diener und eine
+Pflegerin und schickte nach allen Richtungen der Windrose Einladungen,
+damit seine vermeintlichen Freunde ihn besuchen sollten. Es kam aber
+niemand außer dem Arzt, den er bezahlte, und einem ruinierten Lebemann,
+dessen ehrwürdiges Wappen er durch kleine Geldbeträge hin und wieder
+aufgeputzt hatte. Die alte Gräfin, die für sein Seelenheil besorgt war,
+erschien erst kurz vor seinem Tod. Sie brachte ihr Enkelkind mit, einen
+vierzehnjährigen, verschmitzt aussehenden Knaben, der eben die Kommunion
+erhalten hatte, und den sie infolgedessen für so sündenrein hielt, daß
+sie sich von seinem Gebet eine erlösende Wirkung auf den ehemaligen
+Juden versprach.«
+
+»Kein übler Narr«, sagte Borsati, »und kein unwahrscheinlicher. Ich
+kannte einen Baron Rümling, einen achtzigjährigen Greis, aus
+herabgekommenem Geschlecht, der in den dürftigsten Verhältnissen lebte.
+Sein wertvollster Besitz war eine Lakaienlivree, die er viele Jahre
+hindurch wie eine Reliquie aufbewahrte und zu Anfang jedes Herbstes und
+Ende jedes Frühjahrs einmal anzog, um in den Häusern vornehmer Familien,
+als sein eigener Diener maskiert, seine Namenskarte abzugeben.«
+
+Man sprach noch über ähnliche Marotten, und Cajetan erzählte eine
+Episode aus dem Leben der verwitweten Gräfin Siraly, Schloßherrin von
+Tarjan. »Die Gräfin war eine sehr sittenstrenge Dame, und alle
+weiblichen Dienstboten mußten ihr einen Eid leisten, daß sie keine
+Liebesverhältnisse eingehen würden. So nachsichtig und mütterlich sie
+diejenigen behandelte, die sich ihren tugendhaften Forderungen fügten,
+so erbarmungslos verfuhr sie mit den Wortbrüchigen, und einmal sperrte
+sie ein junges Geschöpf, das sich vergessen hatte, drei Wochen lang in
+ein unterirdisches Verließ. Das geschah nicht etwa vor hundert Jahren,
+sondern vor einem oder zwei. Einst beschloß sie, ihren Mädchen eine
+Freude zu machen, mit ihnen in die Hauptstadt zu reisen und sie ins
+Theater zu führen. Sie kamen eines Sonntags in die Stadt, und die
+imponierend und entschlossen aussehende Gräfin marschierte zum Erstaunen
+der Bevölkerung an der Spitze eines Dutzends hübscher, festlich
+gekleideter junger Frauenzimmer durch die Straßen. Wie eine Henne auf
+die Küchlein, achtete sie sorgsam darauf, daß alle hübsch beisammen
+blieben und keine einen Schritt vom Wege tat. In dem Garten eines
+Restaurants nahmen sie ihr Mittagsmahl ein, und die Gräfin war
+fortwährend beschäftigt, das zudringliche Gaffen junger und alter Herren
+durch eine Kanonade von gebieterischen und niederschmetternden Blicken
+zu erwidern. Wahrscheinlich erweckte sie dadurch doppelten Argwohn;
+plötzlich trat ein polizeilicher Funktionär an den Tisch und fragte, was
+die Dame mit den Mädchen vorhabe. Die Gräfin wurde grob, weigerte sich,
+ihren Namen anzugeben, der Funktionär zeigte sich in der Hoheit seines
+Amtes, die wütende Gräfin mußte dem Ordnungsmann auf die Wachtstube
+folgen, und sämtliche Dienerinnen wie auch ein Haufen Volks zogen
+hinterdrein. Die Gräfin befahl ihren Mädchen, sie zu erwarten, aber es
+dauerte geraume Zeit, bis der höhere Beamte erschien, dem die
+Angelegenheit übergeben worden war. Dieser erklärte der Gräfin kalt, daß
+sie im Verdacht stehe, Mädchenhandel zu treiben. Ich bin die Gräfin
+Siraly! schrie die zornige Frau. Der Beamte zuckte die Achseln und
+meinte, das sei erst zu beweisen. Beweisen? brüllte die Gräfin, deren
+Feudalbewußtsein sich bäumte, ich werde dir die Zähne in den Hals
+treten, du bissiger Spitzbube, ist das Beweis genug? Nein, Madame, war
+die Antwort. Endlich mäßigte sie ihren Grimm soweit, daß sie einen
+Vetter herbeiholen ließ, der ein hoher Offizier war und ihre Identität
+glaubhaft bezeugte, worauf man die Racheschnaubende unter vielen devoten
+Entschuldigungen entließ; sie führte auch nachher eine Reihe von
+Prozessen, konnte jedoch nichts ausrichten. Zunächst wollte sie sich
+ihrer Schutzbefohlenen versichern, aber denen war die Zeit lang
+geworden, die ganze Gesellschaft hatte das Weite gesucht und in der
+Meinung, die Frau Gräfin werde die Nacht über in Gefangenschaft bleiben
+müssen, in ein Tanzlokal begeben, um ihrer sündhaften Jugendlust zu
+fröhnen. Dabei hatte es nicht sein Bewenden, es war Frühling, die
+klösterlichen Rücksichten hielten fern vom Auge der Herrin nicht Stand,
+und das Unheil nahm seinen Lauf. Die Gräfin, nachdem sie bis zum Abend
+vergebliche Nachforschungen angestellt, fuhr in finsterer Laune auf das
+Schloß zurück, und andern Tags kamen auch die zerknirschten Flüchtlinge
+mit mehr Ausreden und Lügen als Gewissensbissen nach Hause. Sie waren
+alle recht bleich und müde, von dem ungewohnten Pflaster in der Stadt,
+wie sie sagten; und einige blieben auch bleich und müde, obwohl ihr
+körperlicher Umfang in einer auffallenden Weise zunahm, bis nach neun
+Monaten, oder auch etwas darüber, Schloß Tarjan um vier oder um fünf
+oder vielleicht auch um mehr Insassen, ich weiß es nicht genau,
+bereichert wurde. Die Gräfin erlitt eine Gemütsstörung und mußte sich
+zur Heilung ihrer Nerven in ein Seebad begeben.«
+
+»Ich habe diese Wendung erwartet und bin deshalb ein wenig enttäuscht«,
+sagte Lamberg. »Die Wirklichkeit bleibt gewöhnlich um eine Pointe
+zurück, oder sie ist uns um eine voraus. Stimmt die Gleichung, so ist
+das in mathematischer Hinsicht erfreulich, in bezug auf Lebensdinge
+macht es stutzig.«
+
+»Ich kann Ihnen nicht helfen, Georg, die Sache hat sich so zugetragen«,
+antwortete Cajetan. »Sie würden manchmal gut daran tun, die Spitze nicht
+zu überspitzen und das Stumpfe stumpf zu lassen«, fügte er etwas
+ärgerlich hinzu.
+
+»Also wünschen Sie meinen Tod?« fragte Lamberg mit entwaffnender
+Heiterkeit.
+
+»Georg will uns beschämen«, fiel Franziska ein, »er strahlt von
+Geringschätzung des Alltäglichen. Er kehrt zu den Träumen zurück.«
+
+»Er wird uns die höhere Wahrheit von Wunder und Magie verkünden«, sagte
+Cajetan versöhnt und zugleich herausfordernd. »Er liebt es, ferne Zeiten
+aufzusuchen, und ich nehme mir die Freiheit, ihn mit einem Fechtmeister
+zu vergleichen, dem zwischen vier Wänden zu eng wird für seine Kunst.
+Stimmt die Gleichung?«
+
+»Also ein Wunder, Georg, erzähl’ uns von einem Wunder!« rief Franziska.
+
+Lamberg lachte. »Das nenn’ ich einen Übermütigen aufs Glatteis führen«,
+entgegnete er. »Ihr habt den Faden abgeschnitten, und ich soll die Enden
+wieder verknoten, damit ihr mich dran ziehen könnt, wohin ihr wollt. Wie
+ist es möglich, euch zufrieden zu stellen, da ihr Ansprüche erhebt? Ein
+Wunder? Gut, es sei, ich will von einem Wunder erzählen.«
+
+
+Unter der Regierung der Söhne Constantins wurde allenthalben im
+römischen Reich, namentlich aber in Syrien und Kleinasien, das Heidentum
+nach Kräften ausgerottet. Es lebte damals in der Stadt Epiphaneia ein
+Jüngling mit Namen Chariton. Er stand allein in der Welt; sein Vater,
+seine Mutter und seine drei Brüder waren in einem blutigen Gemetzel von
+den Christen erschlagen worden. Er war noch ein Knabe gewesen, als sich
+dies ereignet hatte; ein nazarenischer Priester hatte ihn gerettet und
+mit der heiligen Taufe versehen. Als er heranwuchs, neigte sich sein
+Herz mehr und mehr den Göttern seiner Vorfahren zu, und während er die
+Regeln des aufgedrungenen Glaubens dem Scheine nach befolgte, war er im
+Geheimen von Schmerz erfüllt über die Schändung und Zerstörung der
+Tempel. Nicht als Haß konnte man bezeichnen, was er gegen die Religion
+des Heilands empfand, nicht als Frömmigkeit, was ihn trieb, unablässig
+im Lande herumzuwandern und die alten geweihten Stätten aufzusuchen; er
+war kein Held, kein Krieger, er hatte nichts von einem Fanatiker, nichts
+von einem Prediger, er war ein einfacher Mensch, schön allerdings wie
+ein Apoll, aber das Besondere an ihm war, daß seine Seele gleichsam im
+innersten Kern der Natur wohnte. Der Wind sprach zu ihm mit Stimmen; das
+Wasser war ein Wesen, der Baum ein fühlendes Geschöpf, die Nacht hatte
+ein Gesicht für ihn, und was seit tausenden von Jahren die Phantasie der
+Ahnen, die Träume der Hirten und Dichter an genienhaften Gestalten
+erzeugt, das war für ihn wirklich, das lebte in Busch und Fels, in den
+Blumen und in den Wolken. Sein liebster Aufenthalt war der
+Zypressenhain, in welchem der Tempel von Apamea lag; tausende von Adern
+des reinsten Wassers, die von jedem Berg niederrieselten, bewahrten das
+Grün der Erde und die Frische der Luft, und ein Strom von Prophezeiung,
+an Ruhm und Untrüglichkeit mit dem delphischen Orakel wetteifernd,
+entsprang der kastalischen Quelle der Daphne. Der Tempel, obwohl längst
+verlassen und beraubt, war eines der herrlichsten Gebilde des
+götterfrohen Griechenvolkes, zart trotz seiner Größe, von zauberischer
+Harmonie der Formen und seltsam gelenkig, ja anscheinend belebt, dank
+jener erlauchten Imagination und Schöpferkraft, die eine Steinmasse in
+einen Organismus zu verwandeln wußte. Eines Tages nun zog eine Horde von
+mehr als fünfhundert Mönchen von Antiochia heran, in Vernichtungswut
+versetzt durch ihren Anführer, der sich Bruder Simeon nannte, und der
+sie in einer ekstatischen Rede aufgefordert hatte, den altberühmten
+Tempel von Apamea der Erde gleich zu machen. Es waren Zönobiten und
+Anachoreten, jene frommen und rasenden Schwärmer, deren Ehrgeiz es war,
+den Menschenleib in den Zustand des Tieres herabzuwürdigen, deren
+Glieder unter martervollen Gewichten von Kreuzen und Ketten abstarben,
+und deren Sinne betäubt waren durch Wahnbilder, denn sie glaubten die
+Luft von unsichtbaren Feinden, von verzweifelten Dämonen bevölkert.
+Scheu blickten sie an den schimmernden Marmorsäulen empor, um deren
+Kapitäle kleine Vögel in lautloser Ängstlichkeit schwirrten. Architrav
+und Fries waren einer riesigen Stirn ähnlich, über die ein Schatten
+olympischen Unmuts zu schweben schien; die Rinnen zwischen den Metopen
+sahen aus wie Zornfalten, und eine von der Abenddämmerung umflossene
+Statue im Portikus schaute verächtlich nieder auf den Haufen
+verhungerter, bleicher, hohläugiger, halbnackter Männer. Diese legten
+nach kurzer Beratung Feuer in die Cella; das Dachgebälk und alles was
+den Flammen sonst Nahrung bot, verbrannte während der Nacht, und am
+Morgen war der Marmor der Säulen und Kranzleisten an vielen Stellen
+geschwärzt, aber der ganze Bau stand noch in gleicher triumphierender
+Wucht. Die Mönche zerhieben und zerschmetterten alles, was sie noch an
+Statuen, Opfergeräten und beweglichem Zierat fanden, dann fällten sie
+die Zypressen und benutzten sie als Prellbäume, um die vierundsechzig
+Säulen zu stürzen. Es war umsonst; keine der Säulen zitterte auch nur
+unter ihren leidenschaftlichen Bemühungen, vergeblich waren ihre
+Bannflüche, ihre Gebete, das Schlagen mit den Äxten, – es war, als ob
+Ratten eine Festungsmauer niederwerfen wollten. In der Nacht kam
+Chariton mit seiner Flöte vom Gestade des Meeres her. Er hatte in einem
+Dorf den Fischern gesagt, sie sollten in dieser Nacht zu Hause bleiben,
+denn es drohe ihnen der sichere Untergang, wenn sie in ihren Booten aufs
+Meer führen. Die Fischer hatten ihn zuerst verhöhnt, aber die
+prophetische Glut seiner Rede bewog sie schließlich, seiner Warnung
+Gehör zu schenken. Schon aus weiter Ferne vernahm er das Geschrei der
+Mönche und den Lärm ihrer Werkzeuge. Seit vielen Tagen war seine Seele
+von Bangigkeit beladen, der Schlaf hatte ihn geflohen, er spürte, daß
+sich im Schoß der Erde geheimnisvolle Kräfte sammelten, aber jetzt,
+während er dahinging, schien es ihm, als ob er diese Kräfte zwingen
+könne, als harrten sie nur seines Willens und seines Wortes. Dieses
+Bewußtsein rief eine stumme Verzückung in ihm hervor, und er war von dem
+Glauben durchdrungen, daß ihn die Götter mit der überirdischen Fähigkeit
+ausgestattet, um dem Zustand einer Welt ein Ende zu machen, die sich
+nur noch im Leiden gefiel. Wie Prometheus einst das Feuer zu den
+Menschen getragen hat, so will ich es wieder zu euch zurückbringen, ihr
+Götter, betete er, und sein ganzer Körper zuckte unter dem Einfluß der
+dumpfempfundenen Gewalten, von denen der Raum zwischen Himmel und Erde
+erfüllt war. Doch regte sich kein Blatt, kein Gras, keine Wolke, selbst
+die Mönche waren still geworden, als er sich genaht und kauerten
+unheimlich um den Tempel. Chariton trat lautlos unter die Säulen; es war
+ihm bekannt, daß eine unter ihnen hohl war, auch der Zugang war ihm
+vertraut; er hob eine Platte und verschwand unter dem Boden, dann stieg
+er eine Treppe im Innern der Säule empor, bis er zu einer Öffnung
+gelangte, die von außen nicht sichtbar war, und die als Schalloch
+diente. Nun fing er an, seine Flöte zu blasen; die Mönche, von denen
+viele bereits schliefen, erhoben sich und folgten den Tönen, die lockend
+und traurig waren. Es war ihnen unerklärlich, woher die Musik kam, nicht
+einmal über die Richtung vermochten sie einig zu werden, immer mehr
+strömten herzu, sie bekreuzten sich, viele weinten und sanken auf die
+Kniee, und plötzlich wurde die Dunkelheit zur tiefsten Finsternis, das
+Firmament schien zu bersten, die Säulen schwankten, ein furchtbarer
+Schrei brach aus hunderten von Kehlen, Quader um Quader löste sich, die
+Blöcke polterten krachend herab, und ein Steinmeer begrub sie alle, die
+gekommen waren, um für den Gekreuzigten gegen einen Tempel zu streiten.
+Jahrzehnte-, jahrhundertelang betrat kein menschlicher Fuß diese
+Trümmerstätte, auch meilenweit im Umkreis war das Land wie verzaubert.
+Die Wanderer, die in der Nacht vorüberzogen, hörten Flötentöne aus den
+Ruinen dringen, eine sanfte, melodische Klage, bei der sie schauderten,
+und die nur die Tiere mit rätselhafter Gewalt anzog, den Wolf, den
+Schakal, die Antilope und die wilde Katze. Und über den gebrochenen
+Säulen entstand ein üppig wucherndes Pflanzenleben, dergleichen man nie
+zuvor und an keinem andern Ort gefunden, und zu jeder Zeit des Jahres
+blühten die Rosen in solcher Fülle, daß von dem Marmor nichts mehr zu
+sehen war und die Hand, die ihn hätte entblößen wollen, von den Dornen
+zerfleischt worden wäre.
+
+
+»Ein schönes Märchen«, sagte Cajetan, »aber am schönsten sind die Rosen,
+die schließlich alles überdecken. Die Geschichte ist übrigens dem Geist
+einer andern Welt nicht fremd, in der ein Heerführer der Sonne gebieten
+konnte, still zu stehn.«
+
+»Und dem Mond im Tale Askalon«, fügte Lamberg hinzu.
+
+»Mir bedeuten diese Wunder nichts,« ließ sich Borsati vernehmen, »sie
+kommen mir grobschlächtig und ausgerechnet vor gegen die Wunder der
+täglichen Erfahrung. Das Natürliche bleibt immer das größte Wunder. Ein
+Forschungsreisender berichtet, daß er in Australien von den Ameisen sehr
+belästigt wurde, die seine wertvollen Präparate zu zerstören drohten. Um
+sich ihrer zu entledigen, wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß
+er auf den Ameisenhaufen, der sich unfern vom Lager befand, einen
+Brocken Zyankali warf, und er war überzeugt, daß die Tiere dadurch
+allesamt zugrunde gehn würden. Am andern Morgen hielt er Nachschau, und
+was war geschehen? Das giftige Mineral, das für die Ameisen ungefähr
+dieselbe Größe hatte wie der griechische Tempel für die Mönche, lag acht
+oder zehn Meter weit von dem Bau entfernt, und dazwischen war das
+Erdreich besät mit hunderttausenden von Leichen der Insekten. Sie hatten
+immer die toten Körper als Bollwerke benutzt, um den Stein weiter zu
+schieben, und unzählbare Individuen hatten sich geopfert, um den Staat
+zu retten. Dies, scheint mir, ist ein unfaßbares Wunder.«
+
+»Laßt uns nicht pedantisch an den Worten kleben«, antwortete Cajetan.
+»Ohne Wunder und Verwunderung entsteht kein tieferes Leben der Seele.
+Nennt ihr die Erfahrung, so nenn’ ich die Halluzination und das Leben in
+Bildern, die wie aus einer früheren Existenz aufsteigen. Ich komme in
+einer Vorfrühlingsnacht nach Hause, und die Tastatur eines offenen
+Klaviers grinst mir entgegen wie die Zähne eines großen schwarzen
+Totenschädels. Ich bin traurig, weil die Luft so lau und ahnungsvoll
+ist, und weil ich unnütze Stunden in langweiliger Gesellschaft verbracht
+habe. Da sehe ich plötzlich, ich seh es vor mir, wie der Ritter Kunz von
+der Rosen in der Finsternis über das Wasser des Burggrabens von Brügge
+schwimmt und wie er von vierzig Schwänen zur Umkehr gezwungen wird. Dies
+erregt mich nachhaltig und bis zur Trunkenheit, und ich verstehe auf
+einmal die Dichter, ich verstehe das geisterhaft Fremde und zugleich mir
+Zugehörige des Gedichts und der Vision. Ich glaube, solche Stunden kennt
+jeder von euch, in denen man sich auflösen möchte in allem was
+geschieht und das Bewußtsein über die Grenzen schwillt, die ihm die
+Natur gesetzt hat.«
+
+Borsati hatte sich erhoben und ging sinnend auf und ab. »Ihre Worte
+erinnern mich an eine seltsame Geschichte, die ich erzählen will«, sagte
+er stehenbleibend; »es ist darin von Dichtern die Rede und was sie ans
+Leben bindet und vom Leben trennt; sie zeigt auch, wie gewisse Wünsche,
+die wir hegen, vom Schicksal in gar zu freigebiger Weise erfüllt werden
+können, und daß es in unserer sozialen Welt Verkettungen gibt, die erst
+Wirklichkeit gewinnen mußten, um wahrscheinlich zu sein. Wie ihr
+vielleicht wißt, stammen meine Eltern aus Franken. Mein Vater hatte
+einstmals Lust, das Land wieder zu sehen und nahm mich auf die Reise
+mit; ich war noch ein ganz junger Mensch. Eines Tages, als wir von
+Würzburg aus am Main hinauffuhren, kamen wir zur Plassenburg; ich erfuhr
+bei dieser Gelegenheit, daß einer unserer Vorfahren in der
+markgräfischen Zeit Archivar auf der Plassenburg gewesen war. Erst als
+das Gebiet an Bayern fiel, wurde die Veste in das berüchtigte
+Sträflingshaus umgewandelt. Am andern Morgen besichtigten wir die Burg,
+und da erzählte mir mein Vater die Geschichte, die ich wiederzugeben
+versuchen will.«
+
+»Einen Augenblick Geduld,« rief Lamberg, »ehe Sie beginnen, soll Emil
+Feuer machen; Franziska friert.«
+
+Während Emil die Scheite in den Ofen legte, wußte er zu melden, daß sich
+die Bauern am Fluß in großer Angst vor einem Wehrbruch befänden. Der See
+stehe gefährlich hoch, und wenn es noch einen Tag weiter regne, sei das
+Schlimmste zu fürchten. Am Abhang bei der Mühle sei schon ein ganzes
+Haus herabgestürzt und von den Fluten der Traun fortgetragen worden.
+
+Es wurden einige Erfrischungen gereicht, dann fing Borsati seine
+Erzählung an.
+
+
+
+
+Die Gefangenen auf der Plassenburg
+
+
+Noch heute bietet die Plassenburg mit ihren zyklopischen Mauern, schönen
+Toren, mächtigen Türmen, zierlichen Erkern und Rundbögen einen stolzen
+Anblick. Es hausten in ihr die Grafen von Andechs, die Herzoge von Meran
+und das berühmte Geschlecht derer von Orlamünde; hier spann Markgraf
+Johann, der Alchimist, seine goldsucherischen Träume, verübte Friedrich
+der Unsinnige seine Greuel, versammelte der wilde Albrecht Alkibiades
+seine Söldnerscharen, hielt sich die Sachsenkönigin Eberhardine auf der
+Flucht vor dem schwedischen Karl versteckt, und von den Hussiten- und
+Bauernkriegen bis zur Leipziger Völkerschlacht hatten kaiserliche,
+nordische, preußische und französische Generale ihr Quartier in den
+fürstlichen Gemächern. Und plötzlich, nach all den Grafen und Baronen
+und Feldherren mit Dienertroß, Kutschen, Pferden und Jagdhunden, nach
+den prächtigen Gewändern, Puderperücken und goldenen Degen, zogen ganz
+andere Leute ein, verzweifelte Leute, entehrte Leute, enterbte Leute,
+arme Teufel, die zwischen den Kiefern des Schicksals zermalmt worden
+waren, Verführte, Beleidigte, Besessene, Abenteurer, Schwachköpfe,
+Bösewichter, und das Haus wurde zu einem Behälter des Elends, der
+Schande, der Wut, der Reue und der Hoffnungslosigkeit. Die Prunkräume
+sind zu zahllosen kleinen Zellen verbaut, und wo man vordem gescherzt,
+geschmaust, getanzt und pokuliert hatte, da ist jetzt eine Heimat der
+Seufzer und eine Stätte des Schweigens.
+
+Vor allem eine Stätte des Schweigens. Denn für die Häftlinge der
+Plassenburg bestand eine eigentümliche und furchtbare Strafverschärfung:
+es war ihnen aufs strengste verboten, miteinander zu sprechen. Sowohl im
+Arbeitssaal, als auch während des Aufenthalts im Hof hatten die Wärter
+hauptsächlich darauf zu achten, daß kein Gefangener an den andern das
+Wort richtete, und daß selbst durch Zeichen keinerlei Verständigung vor
+sich gehe. Auch in den Einzelzellen war es verboten, zu sprechen, und
+ein beständiger Wachdienst auf den Gängen hatte sich von der Einhaltung
+des Verbotes zu vergewissern. Wenn ein Sträfling eine wichtige Meldung
+zu erstatten hatte, etwa inbezug auf sein Verbrechen oder falls er sich
+krank fühlte, so genügte dem Wärter gegenüber das Aufheben der Hand; er
+wurde dann in die Kanzlei geführt, und zeigte es sich, daß er von dem
+Vorrecht in mutwilliger Weise Gebrauch gemacht, so unterlag er derselben
+Ahndung, wie wenn er unter seinen Genossen geredet hätte: der
+Kettenstrafe beim ersten Mal, der Auspeitschung bis zu hundert Streichen
+bei wiederholtem Vergehen. Daß in einem gebildeten Jahrhundert eine so
+unmenschliche Maßregel zu Recht bestand, ist kaum zu fassen; unter ihrem
+höllischen Druck sammelte sich die Verzweiflung wie ein Explosivstoff
+an, in den nur ein Funke zu fallen brauchte, um verderblich zu zünden.
+Dies geschah in der Zeit, von der ich erzählen will, in der freilich ein
+allgemein empörerischer Geist dem besondern Irrwesen zu Hilfe kam.
+
+An einem Märznachmittag des Jahres 1848 marschierten zwei wohlgekleidete
+junge Leute auf der Straße von Bayreuth nach Kulmbach. Sie hatten in
+ersterer Stadt ihr Gepäck mit dem Postwagen vorausgeschickt und
+benutzten das schöne Vorfrühlingswetter zu einer willkommenen Wanderung.
+Sie waren beide Schlesier, und beide waren sie oder gaben sie sich für
+Poeten, doch sonst hatten sie wenig Ähnlichkeit miteinander. Der eine,
+Alexander von Lobsien, war ein kleiner, blonder, blasser, schüchterner
+Jüngling, der andere, Peter Maritz mit Namen, war dick, breit, brünett,
+sehr rotbackig und äußerst lebhaft. Sie kamen von Breslau, hatten Wien
+und Prag besucht, wollten nach Weimar und von dort an den Rhein. Peter
+Maritz, ein ruheloser Kopf, hegte den Plan, nach England zu fahren, die
+damalige Zuflucht vieler Unzufriedener und Umstürzler, sein Gefährte
+besaß in Düsseldorf Verwandte, bei denen er zu Gast geladen war.
+
+Land und Leute kennen zu lernen, war bei ihrer Reise nur die
+vorgespiegelte Absicht; im Grunde waren sie, wie alle Jugend jener Tage,
+von dem Drang nach Tat und Betätigung erfüllt. In ihrer Heimat hatten
+sie sich der Geheimbündelei schuldig gemacht, das Pflaster war ihnen zu
+heiß geworden, und sie hatten das Weite gesucht, als gerade die
+Obrigkeit damit umging, sich ihrer zu versichern. Man war ihrer
+Zuvorkommenheit froh und ließ sie ungeschoren. An der Grenze von Böhmen
+hatten sie durch Zeitungsdepeschen von den Berliner Barrikadenkämpfen
+erfahren, und ihre gehobene Stimmung wurde nur durch das Bedauern
+getrübt, daß sie nicht hatten dabei sein dürfen, als das Volk nach
+langem Schmachten in Tyrannenfesseln – ich bediene mich der zeitgemäßen
+Ausdrucksweise, – sich endlich anschickte, für seine Rechte in die
+Schranken zu treten. Auch in West und Süd erhob sich alles, was nach
+Freiheit seufzte, und so war es denn schmerzlich, besonders für den
+hitzköpfigen Peter Maritz, so weit vom Spiel zu sein. Er redete
+fortwährend, lief seinem Genossen stets um fünf Schritte voraus, blieb
+dann stehen, perorierte und fuchtelte mit den Händen wie ein
+Tribünenredner. Ich sehe, ihr kennt ihn schon; er erscheint euch als ein
+harmloser Schwarmgeist, dessen Idealismus von etwas schulmeisterlichem
+Zuschnitt und dessen Berserkerwut gegen Fürsten und Pfaffen je
+unschädlicher ist, je geräuschvoller sie sich gebärdet; aber damals
+waren auch die Fantasten, die aus wohlbewußter Ferne ihre Pfeile gegen
+Thron und Altar abschossen, gefürchtet und verfemt. Peter Maritz
+zeichnete sich vorzüglich durch seine Eloquenz aus, die etwas
+Blutdürstiges und Henkermäßiges hatte; ob er jedoch nicht ein wenig feig
+war, ein wenig Prahler wie viele korpulente und rotbackige Menschen, das
+will ich unentschieden lassen. Auch den Nimbus eines Dichters hatte er
+sich ziemlich wohlfeil verschafft, indem er bei jeder Gelegenheit von
+seinen himmelstürmenden Entwürfen sprach, diejenigen, die mitunter etwas
+Fertiges sehen wollten, als elende Philister brandmarkte, und alles, was
+die Gleichstrebenden hervorbrachten, entweder mit kritischem Hohn
+verfolgte oder durch den Hinweis auf unerreichbare Vorbilder
+verkleinerte.
+
+Und wie es oft geht, daß ein Stiller und Berufener, der an sich
+zweifelt, einem Hansdampf, der von sich überzeugt ist, unbegrenzte
+Freundschaft entgegenbringt, war es auch mit Alexander von Lobsien der
+Fall. Er erblickte in Peter Maritz die Vollendung dessen, was er, sich
+selbst beargwöhnend, nicht erreichen zu können fürchtete. In seiner
+Rockbrust stak ein Manuskript; es waren Lieder und Gedichte, in denen
+mit jugendlichem Feuer die Revolution besungen wurde. Er hatte mit
+seinem Gefährten noch nie davon gesprochen und hielt die Poesien
+ängstlich verborgen, obwohl er innig wünschte, daß Peter Maritz sie
+kennen möchte. Aber ihm bangte vor der Mißbilligung des Freundes, dessen
+Urteil und unerbittliche Strenge seinen Ehrgeiz entflammten und ihm mehr
+bedeuteten als der Beifall der ganzen übrigen Welt.
+
+Die wohlgehaltene Straße, auf der sie wanderten, bot ihnen bei jeder
+Wendung einen neuen Ausblick auf das in schönen Spätnachmittagsfarben
+glänzende Land, und von einer hügeligen Erhebung über dem Main gewahrten
+sie in der nördlichen Ferne die Plassenburg und die Türme von Kulmbach.
+Versonnen schaute Alexander hinüber und sagte: »Überall da wohnen
+Menschen, und wir wissen nichts von ihnen.« – »Das ist richtig«,
+antwortete Peter Maritz; »alles das ist Botukudenland für uns. Und warum
+wissen wir nichts von ihnen? Weil wir vom Leben überhaupt zu wenig
+wissen. Ha, ich möchte mich einmal hineinstürzen, so ganz zum Ertrinken
+tief hineinstürzen, und wenn ich dann wieder auftauchte, wollt’ ich
+Dinge machen, Dinge, sag ich dir, daß der alte Goethe mit seinem Faust
+alle viere von sich strecken müßte. Gerade dir, mein lieber Alexander,
+würd’ ich so eine Schwimmtour kräftigst anraten. Du verspinnst und
+verwebst dich in dir selber, das ist gefährlich, du läßt dich von deinen
+Träumen betrügen, das Leben fehlt dir, das echte, rasende, rüttelnde
+Leben.«
+
+Alexander, von diesem Vorwurf schmerzlich getroffen, senkte den Kopf.
+»Was weißt du vom Volk?« fuhr Peter Maritz begeistert fort. »Was weißt
+du von den Millionen, die da unten in der Finsternis sich krümmen,
+während du an deinem Schreibtisch sitzest und den Federkiel kaust? Du
+wohnst bei den Schatten, sieh dich nur vor, daß du die Sonne nicht
+verschläfst. Wie es rund um mich nach Mark und Blut riecht, wie ich das
+Menschheitsfieber spüre, wie mich verlangt, die Fäuste in den gärenden
+Teig zu stemmen! Ei, Freund, das wird eine Lust werden, wenn ich von
+England aus die Peitsche über die dummen deutschen Köpfe sausen lasse!
+Erleben will ich’s, das Ungetüm von Welt, erleben!«
+
+»Erleben? Ist nicht jede Stunde ein Erleben von besonderer Art?«
+erwiderte Alexander zaghaft; »alles was das Auge hält, der Gedanke
+berührt, Sehnsucht und Liebe, Wolke und Wind, Bild und Gesicht, ist das
+_nicht_ Erleben? Aber du magst recht haben, ich bin wie der Zuschauer im
+Zirkus, und auch mich drängt es, den wilden Renner selbst zu reiten.
+Schlimm, wenn ein Poet in der Luft hängt, ein Schmuckstück bloß für die
+tätige Nation und sein Geschaffenes zur schönen Figur erstarrt. Ja, du
+hast Recht und Aberrecht, Peter, es ist ein trübseliges Schleichen um
+den Brei, seit langem spür ich’s, und mich zieht’s hinunter zu den
+Dunklen und Unbekannten, nicht um zu schauen, genug ist geschaut, genug
+gedacht. _Mit_ ihnen möcht ich sein, umstrickt von ihnen, verloren in
+ihnen.«
+
+»Es läßt sich nicht zwingen, mein Lieber«, entgegnete Maritz mit der
+Fertigkeit dessen, dem Widerspruch Gesetz ist. »Wenn es dein Fatum ist,
+geschieht’s. Doch es ist dein Fatum nicht. Deine Natur ruht auf der
+Kontemplation. Unverwandelt mußt du bleiben, und wenn die Tyrannen
+Hackfleisch aus ihren Völkern machen, du hast ewig nur deine Feder gegen
+sie, und nicht das Schwert.« – »Und du?« fragte Alexander. – »Ich? Ja,
+bei mir, siehst du, ist es doch ein wenig anders. Ich, wie soll ich dir
+das sagen, ich hab die Epoche in meinen Adern, ich platze vor Gegenwart.
+Da wälz’ ich seit Monaten einen Stoff in mir herum, Mensch! wenn ich dir
+den erzähle, da kniest du einfach.«
+
+Und Peter Maritz entwickelte in derselben hochtrabenden Suada seinen
+Stoff. Es handelte sich um einen hamletisch gestimmten Fürstensohn, der,
+mit seinem Herzen ganz beim Volk, zähneknirschend, doch tatenlos, Zeuge
+der Bedrückung eines despotischen Regiments ist. Während eines noch zu
+erfindenden Vorgangs voll Ungerechtigkeit und Felonie kommt es wie ein
+Rausch über ihn, er tötet den Vater, reißt die Gewalt an sich und
+verkündet seinen Untertanen die Menschenrechte. Bald zeigt es sich, daß
+er zu schwach ist, um die Folgen seiner Handlungen zu ertragen, ein
+jedes Gute, das er schafft, schlägt ihm zum Verderben aus, er vermag die
+Kräfte nicht zu bändigen, die er entfesselt hat und am Ende töten ihn
+die, denen er die Luft zum Atmen erst gegeben.
+
+»Was denkst du darüber?« triumphierte Peter Maritz; »das ist ein
+Stöffchen, wie es nicht bei jedem Literaturkrämer zu haben ist.«
+Alexander fand das Motiv sehr bedeutend; aber er wagte den Einwand, daß
+der Vatermord keineswegs notwendig sei, im Gegenteil, der alte König
+müsse zum Mitspieler bei der Niederlage des Sohnes werden. Peter Maritz
+war außer sich; er raufte sich die Haare; er erklärte dies für die
+größte Tölpelei, die ihm überhaupt je ins Gesicht hinein gesagt worden
+sei. Nichtsdestoweniger blieb der sanfte Alexander bei seiner Meinung,
+und streitend rückten sie in Kulmbach ein. Ihr Reisegepäck befand sich
+schon in der Torhalle des Kronengasthofs, der starkbeleibte Wirt
+begrüßte sie mit einem Mißtrauen, das den bei Dunkelheit eintreffenden
+Fußgängern nicht erspart bleiben konnte. Sein Mondgesicht erhellte sich
+rasch, als sie sich Eigentümer der beiden Koffer nannten, besonders da
+auf dem Deckel des einen der Adelscharakter seines Besitzers angedeutet
+war. Er wies ihnen die besten Zimmer an und führte die Hungrigen hierauf
+in ein Honoratiorenstübchen, das neben dem allgemeinen Gastraum lag.
+Peter Maritz hatte sich nach frischen Zeitungen erkundigt, der Wirt
+hatte mit respektvollem Witz erwidert, er könne nur mit frischem Bier
+dienen, echtem und berühmtem Kulmbacher. Ohne eine Kraftprobe ließ es
+aber Peter Maritz keinen Frieden, und mit Fanfarenstimme schmetterte er
+durch die offene Tür ins Gastzimmer: »bei der Kronen will ich nicht
+wohnen, nur im Freiheitsschein kredenzt mir den deutschen Wein!« worüber
+ein paar ehrsame Beamte, die dort zum Abendschoppen versammelt saßen,
+ein heftiger Schreck erfaßte, denn bis jetzt war ihre Stadt von allem
+Aufrührertum verschont geblieben. Flüsternd steckten sie die Köpfe
+gegeneinander.
+
+Eine Weile unterhielten sich die beiden Freunde ruhig, jedoch beim Käse
+schlug Peter Maritz ungestüm auf den Tisch und rief: »Ich kann mir nicht
+helfen, Alexander, aber es wurmt mich, daß dir mein Plan nicht besser
+einleuchtet. Wenn der Alte, der ein Tyrann vom reinsten Wasser ist,
+nicht umgebracht wird, ist der Zusammenbruch des Prinzen nicht erhaben
+genug. Wozu das ganze Brimborium, wenn alles ausgehn soll wie das
+Hornberger Schießen? Eine Revolution muß mit Fürstenblut begossen
+werden, sonst ist kein wahrer Ernst dahinter.«
+
+»Tu mit dem König, was du willst,« entgegnete Alexander maßvoll, »aber
+daß ihn der eigene Sohn töten soll, das wird den Prinzen in den Augen
+des Volks nicht ins beste Licht setzen, fürchte ich.«
+
+»Das ist eine Tat, damit rechtfertigt er sich und dadurch wird er
+schuldig«, schrie Peter Maritz. »Gerade er muß ihn ermorden; wie könnte
+ich besser die Sklaverei veranschaulichen, unter der das Land keucht?
+Kann deine empfindsame Seele nicht begreifen, was für eine grandiose
+Katastrophe das gibt?«
+
+Draußen in der Gaststube war es totenstill geworden. Der Lehrer, der
+Apotheker, der Schrannen-Inspektor, der Kreisphysikus, sie schauten
+verstört vor sich hin, der Busen zitterte ihnen unter der Hemdbrust, sie
+wagten nicht mehr, von ihrem Glas zu nippen. Der entsetzt lauschende
+Wirt machte mit den Armen flinke beschwichtigende Gesten gegen die
+heimische Kundschaft und verließ auf den Zehenspitzen das Zimmer. Ein
+paar Häuser entfernt war die Polizeiwache, und es dauerte nicht lange,
+so erschienen drei raupenhelmgeschmückte, bis an die Zähne bewaffnete
+Stadtsergeanten und begaben sich im Gänsemarsch in das Stübchen, wo die
+beiden Poeten noch immer um das Schicksal einer erdichteten Person
+rauften. Auch die Bürger und der Wirt drängten sich neugierig und
+schlotternd gegen die Schwelle. Das Donnerwort: verhaftet im Namen des
+Königs! brachte eine verschiedene Wirkung auf die Ahnungslosen hervor.
+Alexander lächelte. Peter Maritz zeigte gebieterischen Unwillen, fragte
+nach Sinn und Grund, pochte auf die ordnungsgemäß visierten Pässe. Der
+Hinweis auf den mit seinem Kumpan geführten, von Mord und Aufruhr
+qualmenden Disput fand ihn von humoristischer Überlegenheit weit
+entfernt. Er tobte und unterließ nichts, um die guten Leute in ihrem
+Argwohn zu befestigen. Endlich fielen die drei Gesetzesgewaltigen über
+ihn her und legten ihm Handschellen an.
+
+Jetzt hörte Alexander zu lächeln auf. Was er für Scherz und
+Mißverständnis gehalten, sah er ins Schlimme sich wenden. Sein
+bescheidenes Zureden, erst dem Freund, dann der Obrigkeit, fruchtete
+nicht. »Wir haben über eine Dichtung beraten«, sagte er höflich zu dem
+Apotheker, der sich am eifrigsten als Hüter des Vaterlands geberdete.
+»Nichts da, solche Vögel verstehen wir schon festzuhalten«, war die
+grobe Antwort. Er ergab sich, überzeugt, daß die Folge alles aufklären
+würde. Eine Unzahl Menschen füllte nun das Wirtshaus; Rede und Widerrede
+floß leidenschaftlich. Auf der Straße verbreitete sich das Gerücht, man
+habe zwei Königsmörder gefangen. Das Echo aufwühlender Ereignisse war
+auch zu dieser stillen Insel gelangt, Nachrichten von Fürstenabdankung,
+Bürgerschlachten und Soldatenmeutereien; so wurde man also, abends vor
+dem Schlafengehen, in den Wirbelsturm gerissen und was Beine hatte, lief
+herzu.
+
+Peter Maritz knirschte in seinen wilden Bart, auf dem mädchenhaften
+Glattgesicht Alexanders zeigte sich Betrübnis und Verwunderung. Der Gang
+zum Polizeihaus war der schaudernd-gaffenden Menge ein willkommenes
+Spektakel. Ein leidlich humaner Aktuar, den man aus dem Hirschengasthof
+geholt hatte, und der ein wenig angenebelt war, führte das erste Verhör.
+Er schien nicht übel Lust zu haben, die beiden Leute für harmlos zu
+erklären; da traten zwei gewichtige Magistratspersonen auf, die der
+Meinung waren, daß eine Haft im Polizeigefängnis, das in voriger Woche
+zur Hälfte abgebrannt war, ungenügende Sicherheit gebe, sowohl gegen die
+Mordbuben, wie sie sich ausdrückten, als auch gegen den Ansturm des
+entrüsteten Volks. Peter Maritz rief ihnen mit einem gellenden
+Demagogen-Gelächter zu: »Nur frisch drauf los! schließlich wird man auch
+in Krähwinkel Genugtuung finden für die Niedertracht und die Dummheit
+einer verrotteten Beamtenwirtschaft.« Das war zu viel. Der Aktuar wiegte
+sein Köpflein; mit Hmhm und Soso und Eiei bekehrte er sich zu der
+Ansicht, daß man derart gesinnte Individuen doch auf der Plassenburg
+internieren müsse, bis man der Regierung den Sachverhalt dargelegt und
+Befehle eingefordert habe.
+
+Eine Leibesdurchsuchung endete mit der Konfiskation eines Revolvers aus
+der Tasche von Peter Maritz. Alexander war froh, daß man sein dünnes
+Manuskriptheftchen, das er im Innenfutter des Gilets trug, nicht
+entdeckt hatte und daß man mit der willigen Ablieferung seines
+Kofferschlüssels zufrieden war. Allerdings beunruhigte ihn der Gedanke,
+daß unter seinen und des Freundes Habseligkeiten sich mancherlei
+Druckschriften befanden, die nicht dazu dienen konnten, ihre
+verdrießliche Lage rasch zu bessern.
+
+Der Transport auf die zum funkelnden Himmel getürmte, umwaldete Burg
+glich einem Volksfest. Peter Maritz schimpfte und fluchte unablässig,
+aber als sie beim Schein eines Öllämpchens vor dem aktenbeladenen Tisch
+des Wachoffiziers standen, entschloß er sich, durch Beredsamkeit ein
+Letztes zu versuchen. Es fing an wie eine Rapsodie und endete wie ein
+Pater peccavi. Alles war umsonst; der kümmerliche und verschlafene Herr
+hatte keine Ohren für einen Burschen mit Handschellen. »Zimmer Numero
+sechzig.« Das war die einzige Antwort.
+
+Also wenigstens ein Zimmer und keine Zelle; wenigstens zu zweien und
+nicht allein. Peter Maritz wurde seiner Fessel entledigt. Der Wärter
+sagte ihnen, daß das Gebot des Schweigens, das hier waltete, für sie
+nicht giltig sei, da sie noch nicht Verurteilte waren, doch müßten sie
+sich hüten, einen der Gefangenen anzusprechen. So erfuhren sie zum
+erstenmal von diesem sonderbaren Umstand, und beiden lief ein gelindes
+Zagen über die Haut. Durch hallende Korridore, an eisernen Türen vorbei
+kamen sie in den Raum, der für ihre Haft bestimmt war: vier nackte
+Wände, zwei Pritschen und ein vergittertes Fenster. Der Schlüsselträger,
+selbst zur Gewohnheit des Schweigens verpflichtet, deutete auf den
+Wasserkrug, dann schnappte das Schloß und sie waren im Finstern. »Ach
+was«, seufzte Alexander, »eine Nacht ist kurz.« – »Jawohl, wenn sie
+vorüber ist«, brummte Peter Maritz, der etwas kleinlaut zu werden
+begann. – »Na, findest du noch immer, daß dein alter König umgebracht
+werden muß?« stichelte Alexander mit einem scherzhaften Ton, der echt
+klang. – »Laß mich in Frieden«, wetterte der Dramatiker, »verdammter
+Einfall, verdammtes Land.« – »Nur ruhig Blut«, mahnte Alexander aus der
+Dunkelheit; »sollte das, was uns passiert ist, nicht auch zu dem großen
+Leben gehören, das du mir so gepriesen hast?« – »Mensch, ich glaube, du
+spottest meiner«, rief Peter Maritz wütend. – »Mit nichten, Freund. Ich
+denke eben darüber nach, wer wohl die übrigen Schloßbewohner hier sein
+mögen, und von wem uns diese Mauern rechts und links scheiden. Ich komme
+mir vor wie in die tiefste Tiefe des Menschengeschlechts entrückt, und
+wenn ich mir gegenwärtig halte, wie viel Herzen rings um uns mit aller
+Blut- und Pulseskraft nach Freiheit schmachten, dann will mich unser
+Unglück nicht mehr so groß dünken.« – »Der Geschmack ist verschieden,
+sagte der Hund, als er die Katze ins Teerfaß springen sah. Das Zeugs,
+worauf ich liege, ist steinhart, trotzdem will ich schlafen, weil ich
+sonst verrückt werden müßte vor Wut.«
+
+Kurze Zeit nach dieser übellaunigen Replik schnarchte Peter Maritz
+schon. Alexander jedoch, mit dem Gefühl des Neides und mit dem andern
+Gefühl leiser, fast noch wohlwollender Geringschätzung gegen den Freund,
+überließ sich seinen Gedanken. Er war eine jener geborenen
+Poetennaturen, denen Welt und Menschen im Guten wie im Bösen eigentlich
+nie ganz nahe kommen können, als ob ein Abgrund des Erstaunens
+dazwischen bliebe. Nur das Schauen gibt ihnen Leidenschaft, nur die
+Teilnahme über den Abgrund hinüber gibt ihnen Schicksal; zu leben wie
+die andern, von Welle zu Welle gewirbelt, würde sie zerreißen und
+entseelen. Deshalb vermochte er mit neugieriger Ruhe auf das Kommende zu
+blicken, das sich seiner Ahnung mehr als seiner Vernunft vorverkündigte.
+
+Welche Phantasie wäre auch imstande gewesen, eine Wirklichkeit wie die
+hinter diesen Mauern zu malen, ohne daß leibliche Augen gesehen hatten,
+ohne zu wissen und empfunden zu haben, was das Schweigen hier bedeutete?
+Die fünfzig oder sechzig Sträflinge, die zur Stunde in der Veste waren,
+hatten beinahe vergessen, den Verlust der Freiheit zu beklagen, hatten
+die Übeltaten vergessen, durch die sie die Gemeinschaft mit freien
+Menschen eingebüßt, und jeden erfüllte nur ein einziger Wunsch: reden zu
+dürfen. Nichts weiter als dies: reden zu dürfen. Darin unterschied sich
+der Jüngling nicht vom Greis, der Phlegmatische nicht vom Hitzigen, der
+Einfältige nicht vom Klugen, der wortkarg Veranlagte nicht vom
+Schwätzer, der Trotzige nicht vom Bereuenden. Der Neuling ertrug es
+noch; im Anfang schien es manchem leicht; um ihn war die Luft noch von
+gesprochenen Worten voll, Gehörtes und Gesagtes tönte noch in ihm. Drei
+Tage, zehn Tage, zwanzig Tage vergingen; was er zuerst kaum bedacht,
+dann nur als lästig empfunden, war noch immer nicht Qual; die Stille
+entwirrte seinen Geist, Erinnerungen stellten sich ein, ein Laut der
+Liebe, das mächtige Wort eines Richters, die Mahnung eines Priesters,
+die Bitte eines Opfers, all das gab dem Nachdenken Stoff, der
+Dunkelheit einiges Licht.
+
+Aber da wurde er gewahr, im Arbeitssaal etwa, oder beim Gottesdienst in
+der Kapelle, was in den Zügen der Jährlinge wühlte. Das Zusammensein mit
+den Genossen regte eine Frage auf; er durfte nicht fragen. Ein Geräusch
+im Haus, Stimmen aus dem Wald, Tierschreie drangen an sein Ohr; er
+durfte nicht fragen. Der Unvorsichtige sühnte schwer, wenn er sich
+vergaß. Die nicht gesprochenen Worte belasteten das Gedächtnis; wenn
+einer den andern anschaute, bewegten sie die Finger, hauchten in die
+Luft, scharrten mit den Füßen, strafften oder runzelten die Stirn,
+blinzelten oder schlossen die Augen, und diese Merkmale der Ungeduld
+bildeten eine Sprache für sich. Lief eine Maus über den Boden des
+Arbeitsraumes, so zitterten sie; die Lippen des einen rundeten sich zum
+Ruf, die des andern zum Lachen, Arme streckten sich aus, eine ungeheure
+Spannung war in ihnen, bis die Aufseher mit ihren Stäben auf die Tische
+schlugen und mit Blicken die Zungen bändigten, die sich regen wollten.
+
+In der Zelle für sich ganz leise hinzusprechen, ins leere Nichts zu
+murmeln, machte das Verbotene nur fühlbarer und befriedigte so wenig wie
+den Durstigen die Feuchtigkeit des eigenen Gaumens labt. Mit dem
+Fingernagel oder mit einem Holzspan Worte, Hieroglyphen, Köpfe in den
+Kalk der Mauern zu ritzen, steigerte das Verlangen nach dem Schall. Es
+überwand oft jedes Bedenken, jede Furcht, und mancher meldete sich zu
+einer Mitteilung. Gefragt, was es sei, erwiderten sie, vom bloßen Klang
+der Sprache entzückt, sie hätten ein neues Geständnis zu machen und
+bezichtigten sich einer Untat, die sie nie begangen hatten, nannten
+erfundene Namen, schilderten Umstände und Verwicklungen, die jeder
+Wahrscheinlichkeit entbehrten. Man war darauf gefaßt; das Abenteuerliche
+wurde schnell durchschaut, dem Ungereimten weiter nicht nachgeforscht
+und der Lügner ertrug die Strafe, froh, daß er hatte sprechen dürfen,
+daß er Worte gehört, daß man ihn verstanden, ihm geantwortet hatte.
+
+Aber in der Folge, im Verlauf der stummen Tage, Wochen und Monate
+erschien ihm seine Zunge wie ein verdorrtes Blatt, und alles rings um
+ihn wurde grauenhaft lebendig. Dies aufgezwungene Schweigen machte die
+Dinge laut; die Einsamkeit wäre den Zellenhäftlingen erträglich gewesen,
+wenn das mitteilende Wort sie an Raum und Zeit und Zeitverlauf gebunden
+hätte; nun war sie ein Schrecken. Wer kann es aushalten, immer bei sich
+selbst zu weilen? Der Sinnvollste, der Gesegnetste nicht. Was im
+Menschen innen ist, strebt nach außen, und äußere Welt soll doch nur
+Gleichnis sein. Diesen Gefangenen aber, alt und jung, schuldig oder
+minder schuldig, böse oder mißleitet, wurde alles Leben zu einem
+Draußen, einem Losgetrennten, Gespensterhaften und Geheimnisvollen, auch
+ihre Laster und ihre Wünsche, ihre Verbrechen und die Wege dazu.
+
+So dachte sich der eine den Wald, durch den er täglich vom Dorf zur
+Ziegelbrennerei gegangen war, wie eine finstere Höhle, erinnerte sich,
+obwohl Jahre seitdem verflossen waren, an gewisse Bäume, glattrindige,
+mit ausgebreiteten Wipfeln, und Gräben und Löcher im Pfad waren wie
+Furchen in einem Antlitz. Andern war ein Pferd, auf dem sie geritten,
+ein Hund, den sie abgerichtet, ein Vogelbauer vorm Fenster, eine
+Tabakspfeife, die sie besessen, ein Becher aus dem sie getrunken, der
+Winkel an einer Stadtmauer, ein Binsendickicht am Fluß, ein Kirchturm,
+ein schmutziges Kartenspiel zu beständig redendem Bild geworden, worin
+sie sich verspannen, das ihnen Brücken schlug zum ungehörten Wort. Sie
+versetzten sich in Räume, sahen mit verwunderlicher Genauigkeit alle
+Gegenstände in den Zimmern der Bürger, in Häusern, an denen sie nur
+vorübergewandert: Ofen und Spind, Sofa und Pendeluhr, Tisch und
+Bücherbrett, und alles hatte Stimme, all das erzählte, all dem
+antworteten sie, jedes Dinges Form da draußen, in fern und naher
+Vergangenheit, war Wort und Sprache.
+
+Unter diesem Mantel des Schweigens hatte die Reue keine Kraft mehr.
+Deshalb dachten sie in verbissenem Haß der Umstände, die sie einst
+überführt. Den einen hatte eine Fußspur verraten, den andern ein Knopf,
+den dritten ein Schlüssel, den vierten ein Blatt Papier, den fünften ein
+Geldstück, den sechsten ein Kind, den siebenten der Schnaps. Nun
+beschäftigte er sich tage- und nächtelang mit diesem Einzelnen, zog es
+zur Rechenschaft, fluchte ihm, sah alle Gedanken davon regiert,
+erblickte es in jedem Traum. Und die Träume waren angefüllt mit
+Gesagtem, ein Chor von Stimmen tobte darin, und sie tönten von
+nievernommenen Worten. Die Träume waren für sie was einem Kaufmann seine
+Unternehmungen, einem Seefahrer seine Reisen, einem Gärtner seine Blumen
+sind. Brach dann für einen, der seine Strafe abgesessen, die Stunde an,
+die ihn der menschlichen Gesellschaft wiedergeben sollte, so taumelte er
+schweigend hinaus zum geöffneten Tor, die Gewalt des Eigenlebens, das er
+plötzlich zu verantworten hatte, erdrückte Hirn und Brust; die
+Luftsäule, die Sonne, die Wolken brausten in seinen Ohren, es wirbelte
+ihn nur so hin, er mußte in die nächste Kneipe flüchten und trinken, und
+es soll sich ereignet haben, daß einige ihrem Leben freiwillig ein Ende
+bereiteten, nur darum, weil sie nicht gleich einen Gefährten fanden, um
+zu reden.
+
+In eine solche Welt also waren, durch Mißgeschick halbkomischer Art, die
+beiden jungen Männer verschlagen worden. Als Peter Maritz am Morgen
+erwachte, schlief Alexander noch, denn er hatte erst spät den Schlummer
+finden können. Peter rüttelte ihn, äußerte sich spöttisch über die
+Langschläferei und behauptete, er habe kein Auge schließen können. Hiezu
+schwieg Alexander. Nach einigem Herumschauen machte er den Freund
+lächelnd auf einen Spruch aufmerksam, der neben dem Fenster an die Mauer
+geschrieben war. Er lautete: »Bis hierher tat der Herr mich hilfreich
+leiten, er wird mich auch einmal vom Galgen schneiden.« Darunter hatte
+eine ungeübte Hand gekritzelt: »Wenn ich einen Galgen seh, tut mir
+gleich die Gurgel weh.« An einer anderen Stelle war ein Beil gezeichnet,
+mit den Worten: »Der Teufel hol die Hacke.« Neben der eisernen Tür war
+folgender Reim zu lesen: »Herr Gott, in deinem Scheine, laß mich nicht
+so alleine, und gib mir Gnade zu fressen, doch nicht so schmal bemessen
+wie du dem Sünder gibst, den du so innig liebst.«
+
+»Das nenn ich ein erbauliches Gemüt«, sagte Peter Maritz, »und es ist
+immerhin tröstlich zu wissen, daß wir uns unter Kollegen befinden.« Erst
+nach einer Stunde erschien der Wärter, fragte, ob sie ihre Kost bezahlen
+wollten, und nachdem sie sich dazu verstanden, besorgte er Brot, Fleisch
+und Wein. Peter Maritz forderte ungestüm, vor den Richter geführt zu
+werden; er erhielt keine Antwort. Ein neuer Wutanfall packte ihn, als
+die Tür wieder versperrt wurde; es dauerte lange, bis Alexander ihn
+beschwichtigt hatte, und dann zeigte er sich sehr niedergeschlagen.
+Alexander begab sich an das vergitterte Fenster, das einen Ausblick auf
+den Burghof verstattete, und er sah eine lautlose Kolonne von
+Sträflingen, die von einem halben Dutzend bewaffneter Aufseher geführt,
+paarweise mit langsamen Schritten über das Steinpflaster wandelten.
+
+Nie zuvor hatte er eine solche Schar wüster und trauriger Gestalten
+erblickt; bleiche, grauhäutige Männer, mit tiefen Kerben um die
+Mundwinkel, mit rauhen Haarstoppeln am Kinn, oder auch langbärtig, oder
+auch ganz glatt, wie es die geborenen Verbrecher oft sind. Die Köpfe
+waren geschoren, die Hälse meist auffallend hoch und dünn, Arme und
+Beine schlenkerten kurios. Ein Bursche ragte um Haupteshöhe über die
+andern; er schien kaum zu atmen, seine Augen waren zugekniffen, der Mund
+stand offen und hatte einen Zug von diabolischer Gemeinheit. Neben ihm
+ging ein Mensch mit einem Gesicht, das einer Schinkenkeule glich, roh,
+gedunsen, tierisch. Ein Schmalbrüstiger, Hinkender fletschte die Zähne,
+ein Rothaariger lachte stumm, ein bäurisch Ungeschlachter hatte einen
+Ausdruck idiotischer Schwermut, ein schlanker Kerl lächelte süß und
+infam. Einer sah aus wie ein Matrose, stämmig, weitblickig,
+breitgängerisch, ein anderer wie ein Soldat, ein dritter wie ein
+Geistlicher, ein vierter wie ein verkommener Roué, ein fünfter wie ein
+Schneider, doch alle nur wie Schattenbilder davon, trübsinnig und
+geisterhaft, ins Innere versunken wie in einen Schacht und nach außen
+hin nur lauschend gleich Hunden, die sich schlafend stellen und schon
+bei einem Windstoß die Ohren spitzen. Das Geräusch ihrer Schritte schien
+ihnen wohltuend; als eine Krähe schnarrend über ihren Häuptern hinzog,
+schreckten die einen zusammen, die andern hefteten starr und finster die
+Blicke empor.
+
+Alexander rief den Freund und deutete hinaus. Peter Maritz runzelte die
+Brauen und meinte, das sei eine schöne Sammlung von Charakterköpfen. Das
+Fenster war offen, die zuletzt Vorbeiziehenden hörten sprechen, ihre
+Gesichter wandten sich den zweien zu, unermeßlich erstaunt, dann
+drohend, grinsend, begierig und wild. Die Aufseher ballten drohend die
+Faust hinauf und winkten, Alexander und Peter traten bestürzt zurück.
+Lebhaft bewegt, schlug Alexander die Hände zusammen. »Was für Menschen«,
+murmelte er, »und doch Menschen!« – »Dich dauern sie wohl?« fragte Peter
+zynisch. »Spar dein Mitleid, es macht dich dort zum Schuldner, wo du
+nicht handeln kannst. Handle, reiß ihnen die Herzen auf! Treib’ sie
+gegen das Philisterpack! Freilich, da ziehst du den Schwanz ein, du
+Dichterjüngling, weil du träg bist und keine Rage in dir hast.«
+
+Alexander bebte, er griff nach seinem Manuskript, seine Augen brannten
+und mit einer Geberde schönen Zorns warf er Peter Maritz die Blätter vor
+die Füße. Ruhig bückte sich der andre darnach, ruhig fing er an zu
+lesen, schüttelte hie und da den Kopf, machte ein zweifelndes, ein
+gnädiges, ein überlegenes, ein prüfendes, ein unbestechliches Gesicht,
+und schließlich, dem Harrenden glühten schon die Sohlen, er schämte
+sich, bereute schon, schließlich sagte Peter Maritz: »Ganz hübsch. Recht
+artig. Eine gewandte Metrik und nicht ohne Originalität in der Metapher.
+Aber was sollen Verse, mein Lieber? Das ist für die Frauenzimmer. Wenn
+du ehrlich bist, mußt du zugeben, daß du ein schlechtes Gewissen dabei
+hast.« Alexander hätte weinen mögen; er verbiß seinen Schmerz,
+entgegnete aber nichts. Das Heftchen steckte er wieder in die Tasche,
+reicher an Erfahrung und um ein Gefühl ärmer, als er vor einer Stunde
+gewesen. Mit hoffnungsloser Miene grübelte er vor sich hin, während
+Peters Ungeduld beständig wuchs.
+
+Wenn man in der Stadt nicht der eintreffenden Revolutionsnachrichten aus
+dem Reich halber in Angst und Aufregung geraten wäre, hätte sich wohl
+unter den Beamten und Gerichtspersonen ein besonnener Mann gefunden, den
+die Verhaftung der beiden Reisenden bedenklich gemacht hätte. Trotz der
+verbotenen Bücher, die man in ihren Koffern entdeckt hatte, ließ der
+Aktuar den Wunsch verlauten, sie in eine minder entwürdigende Umgebung
+zu bringen. Der Beschluß darüber wurde aber vertagt, und so kam es, daß
+die unrechtmäßig Eingekerkerten in die Ereignisse der folgenden Nacht
+verwickelt wurden.
+
+Es war am Morgen ein neuer Sträfling angelangt, ein Friseur namens
+Wengiersky, der wegen Kuppelei zu zwei Jahren verurteilt war. Er hatte
+sich schon bei der Kopfschur ungeberdig benommen, und als die
+Hausordnung verlesen wurde, insonderheit der Paragraph vom Schweiggebot,
+lachte er verächtlich. Im Arbeitssaal musterte er die Kameraden mit
+flackernden Blicken, stand eine Weile mürrisch und untätig, rührte sich
+erst nach dem dreimaligen Befehl des Aufsehers, plötzlich aber schrie er
+in die Todenstille des Raums mit einer gellenden Stimme: »Brüder! wißt
+ihr auch, daß man im ganzen Land die Fürsten und Herren massakriert?
+Eine große Zeit bricht an. Es lebe die Freiheit!« Weiter kam er nicht,
+drei Aufseher stürzten sich auf ihn, und obgleich er nur ein
+schmächtiges Männchen war, hatten sie Mühe, ihn zu überwältigen. Er
+wurde sofort in Eisen gelegt.
+
+Die Sträflinge zitterten an allen Gliedern und sahen aus wie
+Verhungernde, an denen eine duftende Schüssel vorübergetragen wird. Erst
+allmählich wirkte das gehörte Wort; es gab also diese Möglichkeit, die
+bisher nur wie Fantasmagorie und Wahnsinn in den verborgensten Winkeln
+ihres Geistes gewohnt hatte? Und wenn es die Möglichkeit gab, dann
+konnte sie erfüllt werden. Sie konnte nicht nur, sie mußte. Es ging eine
+furchtbare Verständigung von Blick zu Blick vor sich. Es war fünf Uhr
+nachmittags; um halb sechs sollten sie in die Zellen zurückkehren. Die
+Wärter, den nahenden Aufruhr mehr spürend, als seiner gewiß,
+beschlossen, die Arbeitsstunde zu kürzen; auf das erste Kommando wurden
+die Werkstücke niedergelegt: Putzlappen, Nadel, Zwirn, Korbrohr, Hobel,
+Sackleinwand, auf das zweite zum Antreten, stieß auf einmal der Riese,
+Hennecke war sein Name, einen heiseren Ruf aus, warf sich über den
+ersten Aufseher, umschlang ihn und schleuderte ihn zu Boden. Im Nu
+folgten die Gefährten seinem Beispiel; keuchend und dumpf jauchzend
+schlugen sie ihre Peiniger nieder, banden sie mit Baststricken, stopften
+ihnen Knebel zwischen die Zähne, dann setzte sich Hennecke an die Spitze
+des Haufens und drang in den Korridor. Sie waren dreiunddreißig;
+vierundzwanzig befanden sich in den Zellen, fünf in Dunkelhaft. Die
+Schar teilte sich; die größere Anzahl unter dem Befehl Woltrichs, eines
+blatternarbigen Diebes, zog zur Kanzlei und zum Wachthaus, um die
+Schreiber, die Nachtaufseher, den Posten am Tor, die Wache selbst zu
+überrumpeln und unschädlich zu machen. Ein Unteroffizier, der
+verzweifelt Widerstand leistete, wurde getötet. Der Gewehre hatten sich
+die Meuterer mit umsichtiger Schnelligkeit versichert; das Haupttor
+wurde zugeschlagen und von innen abgesperrt, und die Gefesselten wurden
+in einen Keller hinuntergeschleift. Inzwischen hatte Hennecke sämtliche
+Zellen geöffnet und auch die Kettensträflinge befreit. Die ganze Horde
+wälzte sich aus dem dunklen Eingang in den Schloßhof. Hennecke fragte,
+ob einer von den Muffmaffs, wie sie die Obrigkeits- und Aufsichtsorgane
+nannten, entkommen sei, worauf der mit dem Schinkenkeulengesicht
+erwiderte, er habe einen Soldaten den Berg hinabrennen sehen. Es wurde
+beschlossen, eine Wache auszustellen, und Hennecke kommandierte einen
+Alten auf die Mauerbrüstung. Widerwillig gehorchte der, weil er sich
+ungern von den Brotlaiben, Würsten und Bierfässern trennte, welche die
+Genossen aus der Kantine herzuschleppten.
+
+Auch Peter Maritz und Alexander Lobsien waren befreit worden. Sie traten
+unter den Letzten in den Hof und duckten sich scheu in einen Winkel. Am
+liebsten hätten sie sich unsichtbar gemacht; in ihrer Zelle hätten sie
+sich wohler befunden. Das Heldenherz von Peter Maritz schrumpfte
+zusammen; er erwog die Annehmlichkeit von Gesetz und Polizei; es ist
+eine mißliche Sache mit Ideen, die in Tat umgesetzt werden, wenn man
+gerade dabei ist und mitspielen soll. Alexander hingegen war so kalt,
+wie es die Leute von Fantasie nicht selten werden, wenn sie ernstlich in
+Gefahr geraten. War doch so viel vom Leben schwadroniert worden; er
+sagte sich, daß wirkliches Erleben nur zu finden ist, wo das Leben
+abgewehrt, nicht wo es aufgesucht wird. Hier drang Geschehen und Leiden,
+Schicksal auf Schicksal gegen ihn ein wie Lichtstrahlen durch eine
+zersprengte Tür.
+
+Die anbrechende Nacht wurde den Meuterern unbequem. Ein gewisser Hahn,
+Buchbinder seines Zeichens und wegen seines Pergamentgesichts der gelbe
+Hahn geheißen, schlug vor, den Holzstoß neben dem Wachthaus anzuzünden.
+Die Scheite wurden in die Mitte des Lagers geschafft, bald flammte das
+Feuer auf und beleuchtete die ruhelosen Gestalten, die verwitterten
+Züge, kahlen Köpfe, grauen Kittel und ununterbrochen sprechenden Mäuler
+mit schwarzen, schiefen, einschichtigen oder gelbblitzenden Zähnen. Denn
+jetzt brach ein fieberhafter Redesturm los. Manche fanden nur allmählich
+den Mut; erst nippten sie wie glückselige Trinker, dann kam über alle
+der Rausch. Sie schrieen und gellten durcheinander, lachten und tobten
+grundlos, räkelten sich auf der Erde, patschten in die Hände, johlten
+unflätige Lieder oder auch ein kindisches Eiapopeia, umarmten einander,
+zerschlugen Gläser und Töpfe, rauften, fluchten, meckerten, weinten,
+pfiffen, tranken und stopften faustgroße Bissen in den Rachen.
+
+Der Alte auf der Mauerbrüstung, ein vielfach abgestrafter Wildfrevler,
+sang fortwährend ein und dieselbe Strophe: »Wie wir leben, so halten wir
+Haus, morgen ziehn wir zum Land hinaus,« immer in derselben schläfrigen
+und langgezogenen Tonart, nur um am allgemeinen Lärm teilzunehmen.
+Woltrich zählte an den Fingern auf, was er bei seinem letzten großen
+Fang gestohlen hatte: neunzig Silbergulden, zwei Armbänder, eine
+Elfenbeinkassette, ein Dutzend goldene Schaumünzen und vierzehn Uhren.
+Und strahlend rief er: vierzehn Uhren! vierzehn Uhren! als ob sie noch
+in seinem Besitz wären. Ein Mensch mit einer winzigen Nase, der heitere
+Konrad genannt, redete mit Entzücken von der Brandstiftung, die er
+begangen und wie er sich dadurch an einem wucherischen Bauern gerächt.
+Der mit dem infamen Lächeln hieß Gutschmied und war ein zu sechs Jahren
+verurteilter Hochstapler. Er war viel in der Welt herumgekommen, war
+immer vierspännig gefahren, wie er versicherte, und trug noch einen Rest
+von noblen Manieren und gravitätischem Benehmen zur Schau. Er kannte
+alle Hehler der großen Städte, verachtete die Juden und liebte den
+Kaviar. Er hatte dem Herzog von Nassau eine Mätresse abspenstig gemacht
+und einen Reichshofrat um zehntausend Taler betrogen. Er verstand sich
+auf Edelsteine und beklagte es, daß er einmal, um nicht erwischt zu
+werden, einen kostbaren Sternsaphir verschluckt habe, der nie mehr zum
+Vorschein gekommen sei.
+
+Ihn überschrie mit Kastratenstimme einer, der seiner Geliebten Gift in
+den Salat gemengt hatte. Er behauptete, nicht er habe das Weibsbild
+geschwängert, sondern der Ortsschulze; auch sei kein Gift im Salat
+gewesen, sondern Glasscherben, und gestorben sei sie, weil sie dreißig
+Jahre lang an Kolik gelitten. Ein anderer, der Sohn eines Schäfers,
+hatte ein ganzes Dorf betrogen durch die Vorspiegelung eines unter
+Ruinen vergrabenen Schatzes; den Ärmsten hatte er ihre Ersparnisse mit
+der geheimnisvollen Phrase entlockt, er müsse die bösen Geister des
+Schatzes besänftigen, und durch nächtliche Beschwörungen und feierlichen
+Hokuspokus hatte er die einfältigen Leute in eine wahre Hysterie der
+Habsucht versetzt. Und da war Hennecke, der einer umgehauenen Buche
+wegen gemordet, im Jähzorn den Nachbar erschlagen hatte; seine Gedanken
+hafteten noch immer an dem Baum, dessen Wipfel das Gemüsebeet hinter
+seinem Haus zerstört hatte. Wie ein aus Eisen gegossener Riese stand er,
+kalt und wild. Da war ein Müller, der den Knecht erstochen hatte, weil
+er die Frau verführt und der nicht müde wurde, zu schildern, wie er vom
+Wirtshaus zu früherer Stunde als sonst heimgekehrt und die Treppe
+hinaufgeschlichen und wie das ehebrecherische Weib ihm entgegengestürzt
+und wie das Kind geweint und wie der Schuft entfliehen gewollt und wie
+er den Leichnam in den Bach geworfen und wie er in den Wäldern
+herumgeirrt, sein winselndes Knäblein an der Hand. »Da griffen sie
+mich,« sagte er, »da griffen sie mich, und der Bub hatte solchen
+Hunger, daß er den Mehlstaub von meinen Ärmeln leckte.« Der gelbe Hahn
+erzählte von einer Erbschaft, die ihm hätte zukommen sollen und die sein
+Schwager an sich gerissen. Da hatte er Briefe gefälscht und Zeugen der
+Sterbestunde zum Meineid beredet. Wehmütig klang seine Trauer um das
+verlorene Erbe, Gold und Scheine zählte er auf und schwärmte, wie er
+damit hätte genießen können, wie er ein schuldenfreier Mann geworden
+wäre, den Sohn hätte er Theologie studieren lassen. Die zwei Bauern, die
+für ihn den falschen Eid geschworen, waren auch zugegen, frömmelnde und
+scheinheilige Gestalten; sie leierten Gesangbuchverse und tranken
+Schnaps. Peckatel, ein Totengräber aus dem Spessart, hatte einem
+durchreisenden Fremden den Hals abgeschnitten, und das war so
+zugegangen: er hatte zugleich den Beruf eines Barbiers versehen; da er
+aber meist Leichname rasierte, so konnte er dies Geschäft an den
+Lebendigen nur verrichten, wenn sie auf dem Rücken lagen wie Tote; als
+er nun den Fremden vor sich liegen sah, dachte er: was für einen
+schönen, glatten Hals der Mann hat, und so schnitt er den
+verführerischen Hals durch und bemächtigte sich der gefüllten Geldkatze
+seines Opfers, nur um des schönen, glatten Halses willen.
+
+Betrüger, Diebe, Straßenräuber, Erbschwindler, Kuppler, Meineidige,
+Bankrottierer und Fälscher, sie alle redeten vom Geld, priesen oder
+verfluchten das Geld, das sie bezaubert, berauscht und verraten hatte.
+
+Fern vom Feuerkreis, einsam auf einem Holzblock gekauert, saß Christian
+Eßwein, ein Mann von fünfzig Jahren, mit langem grauem Bart, durch
+Blick und Geberde eine stille Gewalt ausübend. Welch ein Dasein! Im
+Strom der bürgerlichen Existenz tauchen manchmal Figuren von heroischer
+Prägung auf, deren Weg nur darum zum Abgrund führt, weil ihnen die
+tragische Lebenshöhe fehlt; Gemeinsamkeit bindet ans Gemeine.
+
+Er hatte alles probiert, was ein Mann probieren kann, um sich und den
+Seinen Brot zu verschaffen. Er war Schmelzer, Seifensieder,
+Oblatenbäcker, Handschuhmacher, Wirt, Gärtner, Knecht, Kleinkrämer und
+Händler gewesen, aber was er auch beginnen mochte, das Unglück war stets
+hinterher. War die Wirtschaft gerade im Aufblühen, so brach die Cholera
+in der Stadt aus; hatte er zweitausend Oblaten gebacken, so kamen die
+neuen Blättchen mit der Namenschiffre in Mode, und sein Vorrat wurde
+wertlos; kaufte er Schweine für den Winter ein, weil sie billig waren,
+da der Bauer kein Futter hatte und verkaufen mußte, so hatten die
+Händler ebenfalls viele Schweine erworben und verdarben ihm die Preise;
+bewahrte er Schinken und Würste für den Sommer, so trat eine
+entsetzliche Hitze ein und verdarb alles; waren einmal Ersparnisse im
+Haus, so erkrankte die Frau und Arzt und Apotheker verschlangen das
+bißchen Geld. Er arbeitete Tag und Nacht, aber die Arbeit trug keinen
+Segen; es war als ob er von schattenhaften Feinden umstellt sei, und
+endlich lähmte ihn die Furcht vor dem Verhängnis dermaßen, daß er bei
+jedem Beginnen schon des üblen Ausgangs gewärtig war. Er war nicht
+beliebt; er verscherzte es mit der Kundschaft durch ein kurzes und allzu
+sachliches Wesen. Sein stolz verschlossener Sinn konnte von den
+Mitbürgern nicht gewürdigt werden. In seiner Familie war niemals Zwist.
+Am Abend saß er entweder beim Schachbrett, in die Lösung von Problemen
+vertieft, oder er las schöne Bücher vor, am liebsten die
+Lebensbeschreibungen seiner Helden Abd el Kader, Ibrahim Pascha und
+Napoleon. Eines Tages kaufte er ein Klassenlos, und in einer Anwandlung
+froher Laune versprach er seiner Schwägerin, die dabei war, die Hälfte
+des Gewinns, wenn das Los gezogen würde. Das Los kam mit zweihundert
+Talern heraus. Er schickte die jüngere Tochter, um das Geld abzuholen;
+sie verlor es unterwegs; es waren Staatsscheine, das Geld war hin. Kein
+Wort des Vorwurfs kam aus seinem Mund; nicht nur, daß er das Mädchen
+tröstete, sondern er bezahlte auch unter den schwersten Opfern, weil das
+Gewinnerglück bekannt geworden war und man den Verlust als schnöde
+Ausrede betrachtet hätte, seinem Versprechen gemäß hundert Taler an die
+Schwägerin.
+
+Seine beiden Töchter liebte er über alle Maßen. Er hatte sie nie zur
+Schule geschickt, sondern beide selbst unterrichtet. In ihnen
+verkörperte sich seine Lebens- und Schicksalsangst, für sie zitterte er
+vor der Zukunft. Es war Weihnachten vorüber, und nur noch ein einziger
+preußischer Taler war im Haus. Die Uhr der Jahre schien abgelaufen, die
+Zeit selber still zu stehn, Hoffnungslosigkeit verrammelte alle Wege.
+Eßwein war müd und mürb; der ewige nutzlose Kampf hatte ihn verworren
+und verzweifelt gemacht, seine Gedanken gehorchten ihm nicht mehr, böse
+Ahnungen verfinsterten seinen Geist. Am ersten Januar mußte die Miete
+für das Häuschen bezahlt werden, am ersten Januar war ein Wechsel
+fällig, der Viehhändler verlangte sein Geld für gelieferte Schweine.
+Frau und Töchter wollten leben; wovon? Das Geschäft war so gut wie
+vernichtet, alle Vorräte weg, und Eßweins Erwägungen kreisten bang um
+den einzigen Taler, den letzten Schutz vor dem Bettlertum. Er
+zergrübelte sich das Hirn nach einem Aushilfsmittel; umsonst. Eine
+schlaflose Nacht folgte der andern, und nun lagen noch drei Tage da, der
+Sonntag, der Montag und der Dienstag. Allein aus der Welt gehen durfte
+er nicht. Die Frauen preisgegeben! der Armut, der Schande, der Bosheit,
+dem Laster verfallen, hingestreckt vor dem ungerührten Schicksal,
+beleidigt, besudelt, zertreten! Vielleicht, daß die Mutter ehrenhaft ihr
+Brot finden konnte, aber die Töchter nicht; Jungfrauen, unschuldige,
+vertrauende Geschöpfe. Die eine, schön und stolz, schwermütig und weich,
+mit ihren zwanzig Jahren noch des Lebens Fülle erwartend; die
+fünfzehnjährige, vor der Zeit erblüht, heiter und anmutig, ohne Falsch,
+ohne Wissen von der Welt, was sollte aus ihnen werden? Sie werden ihre
+Käufer finden, sagte sich Eßwein, sie werden sich der Reinheit
+entwöhnen, sie werden die Hand beschmutzen, niedergeschleudert von der
+Gewalt des Elends. Wenn es Knaben gewesen wären; aber Töchter! Töchter!
+Es gibt einen Punkt, wo das Gefühl eines Vaters tyrannischer wird als
+das eines Verliebten, noch angstvoller erregt von den Drohungen des
+Geschicks. Ein Kind ist Eigentum, trotzte Eßwein, eigen Fleisch, eigen
+Blut; seine Ehre ist meine Ehre, seine Schmach die meine. So gab ihm die
+Liebe Kraft zu der furchtbaren Tat. Er schickte sein Weib mit einem
+Auftrag in das nächste Dorf, wo sie auch übernachten sollte. In
+wunderlichen Gesprächen verbrachte er mit den Töchtern den Abend; er war
+eine Art Philosoph und hatte sich vieles von den Lehren der alten
+Mystiker zu eigen gemacht. Die beiden Mädchen gingen zur Ruhe, für die
+Ewigkeit zur Ruhe. Kein lüsterner Geck soll euch nahen, rief ihnen
+Eßwein im Geiste zu, kein Unwürdiger eure keusche Brust öffnen; der
+Verrat nicht zu euch dringen, Notdurft euch nicht peinigen, die Kälte
+der Herzen euch nicht frieren machen. Wenn auch nur der entfernteste
+Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, und wenn es nicht ein Werk der Liebe
+gewesen wäre, so hätte ihm sicherlich der Mut gefehlt, als er mit der
+Schußwaffe an das Lager der Jüngsten trat, um sie noch einmal zu küssen,
+bevor er sie der Menschheit entwand. Und nun hinüber, schmerzlos
+hinüber, auch die andere, nicht minder geliebte hinüber, dann zum Ende
+mit dem eigenen Dasein. Aber die Kugel traf das Herz nicht. Er sank
+nieder, er atmete noch, er lebte weiter; du stirbst nicht, du kannst
+nicht sterben, das Schicksal läßt dich nicht aus seiner Faust, schrie es
+in ihm. Das Auftauchen von Menschen, die Wochen der Heilung; Haft,
+Gericht, Verhör, das alles war ein einziger schwarzer Traum, bis endlich
+das ersehnte Todesurteil verkündet wurde. Schuldig konnte er sich nicht
+finden, aber den Tod wünschte er mit allen Kräften seiner Seele herbei.
+Und »das Schicksal läßt mich nicht!« schluchzte er erschüttert, als ihm
+der Richter die Begnadigung des Königs vorlas. »Am Leben bleiben!« rief
+er; »gezüchtigt durch Zuchthaus für eine solche Tat, die dem Himmel
+selber abgerungen war! Eingekerkert mit dem Abschaum der Kreaturen!« Er
+wollte sich durch Verhungern töten, aber die körperlichen
+Erniedrigungen, denen er sich dadurch aussetzte, zwangen ihn, dieser
+Absicht zu entsagen.
+
+Jetzt, hervorgezerrt aus dem Frieden seiner Zelle, trug er die ganze
+Beschwer und Finsternis der Vergangenheit um sich, und während die
+andern gegeneinander sprachen, redete es in ihm. Es war etwas
+Aufgerissenes in seinem Gesicht; es wehte Todesluft um ihn. Vielleicht
+fühlte er in dieser Stunde, daß er ein Verbrechen begangen, erkannte das
+Einzige, Einmalige, Unwiederbringliche und Heilige des Lebens und daß er
+kein Recht besessen, den Fügungen Gottes vorzugreifen. Die Sträflinge
+beachteten ihn kaum; sie wichen ihm in Wort und Blick aus. In Alexanders
+Nähe erzählte Wengiersky einem gewissen Deininger, der wegen
+Kurpfuscherei verurteilt war, Eßweins Geschichte so verzerrt und böse,
+wie eben der seelenlose Klatsch berichtet, denn er war aus derselben
+Stadt wie Eßwein und hatte alles sozusagen miterlebt.
+
+Alexander bedurfte der Auslegung nicht und spürte die Wahrheit hinter
+dem Gehechel. Schicksale haben ihren Geruch wie Leiber. War er denn
+nicht dazu da, sie zu empfinden? Nannte sich Dichter als einer, der
+schaut, mit tiefen Augen? Die Elenden schauen, ihren Krampf, ihre Not,
+ihre zum Häßlichen entstellte Sehnsucht, ihre Schreie von unten auf
+hören, ihr unterirdisches Dasein wissen? Und was sie scheidet von den
+Oberen, nennt es Verbrechen, diesen Zufall einer Stunde, diese unlösbare
+Verworrenheit eines dunklen Geistes und armen Herzens, nennt so den
+Trotz der Verfolgten, den Zwang der Besessenen, den Irrtum der
+Gewaltsamen; was sie niedergeworfen hat, ist auch in mir, wächst, will
+und seufzt in mir, umflutet mir den Traum, lemurisch groß. O, wie sie
+leben, dachte Alexander versunken; und wie ich sie alle gewahre, diese
+und hinter ihnen andre, ihre Brüder und Schwestern, ihre Ahnen und ihre
+Kinder, diese und die draußen, den Landmann am Pflug, den Drechsler an
+seiner Bank, den Schuster vor der Wasserkugel, den Schmied am Windbalg,
+den Maurer an der Mörtelgrube, den Bergknappen im Schacht, den
+Uhrmacher, die Lupe am Aug’ und auf die Rädchen lugend, den Schlächter
+und sein Beil, den Holzfäller im Wald, den Boten, der Briefe bringt, den
+Drucker am Setzkasten, den Fischer auf dem Meer, den Hirten bei der
+Herde; die vielen Schweigsamen, die keine Worte haben, alle die unten
+sind, weil sie keine Worte haben, und die nach den Oberen verlangen,
+nach den Mächtigen, die mächtig sind, weil sie Worte haben, ihnen
+deswegen dienen, weil sie Worte haben, sie deshalb zu vernichten
+trachten, weil sie Worte haben. Denn Worte haben bedeutet: Wissen,
+Schätze, Ehre, Kraft und Sieg haben. Worte bedeuten Leben. Und diese
+haben keine Worte, fuhr der junge Dichter zu grübeln fort, ich aber
+besitze die Worte und bin ihnen das Begehrte und die Gefahr zugleich.
+Doch nur fern von ihnen besitze ich die Worte, mitten unter ihnen bin
+ich stumm; was sie reden, ist Stummheit für mich, was ich rede,
+Stummheit für sie. Verstünden wir einander, es wäre der Schrecken aller
+Schrecken; sie würden mir aus der Brust zu reißen suchen, was Gott ihnen
+versagt hat, sie würden mich zermalmen in ihrer Wut. Ich muß fern von
+ihnen bleiben, um nicht zermalmt zu werden. Wirklich leben, heißt
+zermalmt werden von denen, die stumm sind.
+
+Indessen war die Aufregung der Meuterer beständig gewachsen. Der Lärm
+war ohrenzerreißend. Offenbar ahnten sie, daß die Herrlichkeit nicht
+lange dauern könne, und wiewohl ihnen Wengiersky immer von neuem
+versichert hatte, im deutschen Reich gehe jetzt alles drunter und
+drüber, auch das Militär sei rebellisch, war ihnen keineswegs geheuer
+zumut, und sie entfesselten sich mit doppelter Gier. In einen Ruf war
+ein Erlebnis gepreßt; einer berauschte sich am Außersichsein des Andern;
+Prahlerei klang wie Beichte, Hohn wie Reue; sie brüsteten sich mit
+Roheiten und schlechtes Gewissen schimmerte wie fahle Haut durch einen
+zerfetzten Rock. Daß sie gehungert, damit schmückten sie sich; daß sie
+hinterm Busch gelegen mit einem Mädchen, war heldenhaft; daß sie den
+Richter belogen, gezahlte Arbeit nicht vollendet, daß ein niedriger
+Schurkenstreich nie ans Licht gekommen, darüber lachten sie sich toll.
+Der eine schwärmte von einem Kalbsbraten, den er auf der Kirmes
+verzehrt, der andre von Wohlleben und Jungferieren, der dritte
+plätscherte förmlich in Unflätigkeiten; einer hüpfte mit beiden Füßen
+und gluckste nach Hennenart; zwei, die schon betrunken waren, hatten
+einander umhalst und wimmerten dabei; ein krüppelhafter Bursche stieß
+Gotteslästerungen aus; Hennecke erzählte, daß er einst einen Bocksbart,
+in die Haut eines schwarzen Katers gewickelt, am Hals getragen, um sich
+stich- und schußfest zu machen; der Schatzgräber sprach von der
+Zauberblume Efdamanila, mit der man alles Gold in der Erde finden
+könne; der Hochstapler, dessen Hirn ein Sammelsurium geschwollener
+Romanfloskeln war, schilderte ein Liebesabenteuer mit einer Fürstin, der
+er dann die Diamanten gestohlen hatte. Der heitere Konrad fragte
+vielleicht zwanzigmal, ob jemand die Geschichte des Majors Knatterich
+kenne, der sich in Sachsen für den russischen Kaiser ausgegeben.
+Dazwischen hörte man Worte, wie: »ich wills ihm schon geben, wie
+Johannes dem Herodes will ichs ihm eintränken«; oder: »dem Amtmann hab
+ich einen glupischen Streich angetan, der dreht sich im Sarg noch ’rum,
+wenn er meinen Namen hört.« Unmöglich, dies Höllenwesen zu beschreiben;
+Alexander Lobsien gefror das Mark in den Knochen, und schaudernd dachte
+er: das alles enthältst du, Leben, du Nußschale, du ungeheures Meer!
+Peter Maritz zitterte wie Espenlaub; mit leiser Stimme sprach ihm
+Alexander Mut zu. Er erwiderte: »Ein Hundsfott hat Mut. Ein Kerl, der
+auf sich hält, kann hier keinen Mut haben. Es ist des Teufels mit der
+bürgerlichen Gesellschaft, daß ihr solche Geschwüre am Körper wachsen.
+Mut, wo mirs an die Nieren geht? Ein Hundsfott hat Mut.«
+
+Auf einmal stürzte ein gewisser Jamnitzer, seines Zeichens Friseur wie
+Wengiersky, ein schwerer Verbrecher, ein Mörder, der die Manie gehabt,
+seine Opfer zu frisieren, wenn sie tot vor ihm lagen, und der nur
+deshalb, als kranker Geist, dem Strick entgangen war, dieser Jamnitzer
+also stürzte aus dem Tor des Gefängnishauses und wies mit Geberden voll
+Entsetzen zurück ins Finstere. »Der Eßwein,« keuchte er, »der Eßwein.«
+
+Urplötzlich ward es stille. Nur der Alte auf der Mauerbrüstung leierte
+seinen blöden Gesang weiter. Dann schwieg auch der. Die Sträflinge
+erhoben sich und drängten sich zusammen. Haupt um Haupt stieg aus dem
+Feuerkreis, und die vielen feuchtglitzernden Augen fragten angstvoll,
+was geschehen sei. Jamnitzer deutete mit beiden Armen in die Halle; der
+Adamsapfel an seinem hohlen Hals bebte schluckend auf und ab.
+
+Sie ahnten; der Unheimliche, war er nun endlich zu seinen Töchtern
+entronnen? Er, dem auch die Freiheit Gefangenschaft war, der die Worte
+verschmähte, dem keine Mitteilung mehr hatte dienen können? Alexander,
+als er die wilden, tiergleichen Menschengesichter lauschend und
+feuerglühend dicht nebeneinander sah, verlor allen inneren Halt, er
+taumelte gegen das offene Tor, und ein Schrei entrang sich seiner Kehle.
+Peter Maritz packte ihn und preßte die Hand um seinen Arm, aber es war
+schon zu spät; sechzig Augenpaare veränderten die Richtung ihres Blicks
+und hefteten die Aufmerksamkeit gegen die beiden, die sie auf einmal als
+Fremde erkannten; Furcht, Mißtrauen und Haß sprühten aus ihren Mienen.
+»Es sind Spitzel;« »es sind Spione;« »wer sind sie?« »wo kommen sie
+her?« So wurde gekündet und gefragt. Die Vordersten schoben sich gegen
+sie hin. »Wer seid ihr?« gellte eine drohende Stimme aus dem Haufen. –
+»Ja, wer seid ihr?« wiederholte der Riese Hennecke; »Eier- und
+Käsebettler vielleicht? Muttersöhne und Milchmäuler?« – »Die wollen
+Hasauf spielen,« schrie Gutschmied. – »Die kommen aus einer guten
+Küche,« ein dritter. – »Die sind weich wie Papier, wenns im Wasser
+liegt,« ein vierter. »Heraus mit der Sprache, ihr Schweiger!« rief
+Hennecke und ballte die Faust.
+
+Alexander stotterte eine Erklärung, doch sie verstanden ihn nicht. Ein
+abscheuliches Durcheinanderschreien begann, voller Wut drängten alle
+näher, da trat ihnen Peter Maritz in seiner Herzensangst entgegen und
+brüllte mit Donnerstimme: »Ruhig, Brüder! Wir gehören zu euch! Wir sind
+Revolutionsleute! Wir sinds, die euch frei gemacht haben! Wir haben
+Lieder gedichtet, die den Tyrannen in die Fenster geflogen sind,
+verderblicher als Kanonenkugeln.« – »Hurrah!« heulten die Meuterer. »Her
+mit den Liedern! Zeigt uns die Lieder! Singt uns eure Lieder! Heraus
+damit!«
+
+Peter Maritz blickte seinen Gefährten flehend an. Alexanders Miene war
+verstört. Der Atem der auf ihn Eindringenden verursachte ihm Übelkeit.
+Sie forderten stürmischer, ihr argwöhnischer Haß war nicht vermindert,
+Alexander schämte sich für den Freund und fürchtete doch auch für sich,
+mechanisch zog er sein Gedichtheft aus der Tasche, schlug das erste
+Blatt um und fing an zu lesen. Die Worte widerten ihn an. Trotz jäh
+eingetretener Stille vermochte ihn keiner zu hören; die hintersten
+drängten sich wütend vor, noch war der allgemeine Grimm im Wachsen, da
+entriß Peter Maritz das Manuskript aus Alexanders Hand, stellte sich in
+große Positur und las mit schmetternder Stimme:
+
+ Ich richt euch einen Scheiterhaufen,
+ auf dem das Herz der Zeit erglüht,
+ mein Volk will ich im Blute taufen,
+ das sich umsonst im Staube müht.
+ Ich will euch Freiheitsbrücken zeigen
+ und Kronen, die der Rost zerfraß,
+ euch müssen sich die Fürsten neigen
+ und wer im Gold sich frech vermaß.
+
+ So öffnet denn die dunklen Kammern
+ und strömt hervor wie Gottes Schar,
+ es soll mich heute nicht mehr jammern,
+ daß gestern Nacht und Grausen war.
+ Auf denn, ihr Armen und Geschmähten,
+ du seufzend hingestrecktes Land,
+ genug der ungehörten Reden,
+ setzt nur das alte Haus in Brand.
+
+ Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate,
+ von eurer Not klagt Dorf und Flur,
+ den stolzen Henkern keine Gnade,
+ zerschmettert Höfling und Pandur.
+ Der Feige mag vergebens zittern,
+ der Held macht seine Brüder kühn,
+ und aus zerbrochnen Kerkergittern
+ wird neue Welt und Zeit erblühn.
+
+Eine andächtige Stille folgte. Wie Schulkinder am Lehrer, der zum
+erstenmal vom Evangelium spricht, sahen sie empor, die Zuchtlosen, die
+Gemeinen, die Verräter am Eigentum, am Leben, an sich selbst und an der
+Menschheit. Nachdem sie eine Weile wie atemlos geblieben, brach jählings
+ein Begeisterungsjubel von einer Vehemenz los, daß die Mauern der Burg
+davon erschüttert schienen. »Wer hat das gemacht?« »Eine tüchtige
+Chose.« »Ein wackeres Stück.« »Das geht wie Trompetenschmalz.«
+»Geschrieben hat er’s?« »Auf Papier steht’s geschrieben?« »Der Dicke
+hat’s gemacht?« »Nein, der Kleine.« »Wer? der Kleene?« »Der Kloane?«
+»Der Schmächtige?« »Tausendsassah.« So johlte, schrie, gellte, fragte,
+antwortete es in allen Dialekten durcheinander.
+
+Peter Maritz, auf einem leeren Faß stehend, schaute mit triumphierender
+Miene herab, denn schon hatte er sich mit Würde in seine Tyrtäos-Rolle
+gefunden, und es war ihm etwas unbequem, daß sich der Beifall des
+entflammten Publikums an Alexander richtete. Doch erschrak er, als zwei
+der aufgeregt tobenden Sträflinge den Freund emporhoben, und ihn über
+den vom Feuer lohenden Platz gegen das geschlossene Burgtor trugen. Die
+übrigen begriffen, was im Werke war;
+
+ »Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate,
+ von eurer Not klagt Dorf und Flur;
+ den stolzen Henkern keine Gnade,
+ zerschmettert Höfling und Pandur!«
+
+sangen sie in einer Melodie, die sie irgend einem Vaganten- oder
+Soldatenlied entnommen hatten. Fünf oder sechs Kerle rissen den
+hölzernen Querriegel vom Tor, die Flügel taten sich weit auseinander,
+und der berauschte, gefährliche Haufe wälzte sich ins Freie.
+
+Mit totenbleichem Gesicht hockte Alexander auf den Schultern seiner
+Träger. Gedanken von einer absurden Zerstücktheit schwirrten ihm durch
+das Hirn. Schon beim Anhören seiner Verse war es ihm zumut gewesen als
+hätte ihn Gott auf einer Lüge ertappt. Es ist alles nicht wahr, schrie
+es in ihm, ich habe euch und mich selbst betrogen. Jetzt weiß ich erst
+was ihr seid, und weiß was ich bin, aber die falschen Worte werden mich
+und euch verderben. Trug und Mißverständnis schienen ihm so
+ungeheuerlich, daß ihm die Erde wie verkehrt war, wie wenn man Häuser
+auf die Dächer baut und Kirchen über ihre Türme stülpt. Zwischen Furcht
+und Begreifen, zwischen Menschenliebe und Menschenhaß, Dichtertraum und
+Erlebnisqual schwankte sein zerrissenes und nach Wahrheit schmachtendes
+Herz, und ihm wurde kalt wie im Fieber. Lüge, Lüge, Lüge, knirschte er,
+doch in einer letzten, herrlichen Vision erblickte er ein Bild des
+Lebens, das ihn in eine Wolke geisterhaften Schweigens hüllte und ihn
+vom Schmerz der Schuld und des Irrtums befreite.
+
+Es war gelindes Wetter und Mondschein. Durch die Allee der blätterlosen
+Bäume funkelten die Lichter der Stadt herauf. Vom Hof der Plassenburg
+lohte das halbverbrannte Feuer den Davonziehenden nach, die plötzlich
+mitten in ihre aufrührerischen Gesänge hinein den Schall von
+Trommelwirbeln vernahmen. In der Raserei des Trotzes setzten sie ihren
+Weg fort. Peter Maritz, durch die Dunkelheit geschützt, war dem
+Sträflingshaufen vorausgeeilt, als er das militärische Signal gehört
+hatte. Ihm bangte um das Schicksal des Kameraden, und erleichtert
+seufzte er auf, als von fern die Helme und Bajonette aus der Nacht
+blitzten. Der Zusammenstoß erfolgte rascher als die Meuterer gedacht.
+Eine Kommandostimme befahl ihnen über einen Zwischenraum von zweihundert
+Schritten, sich zu ergeben. Sie antworteten mit einem Wolfsgeheul. Da
+prasselte die erste Gewehrsalve. Von einer Kugel durchbohrt, stürzte
+Alexander Lobsien lautlos von den Achseln seiner Träger auf das
+Schottergestein der Straße herab. Die Sträflinge wandten sich zur
+Flucht.
+
+Zwei Stunden später saß Peter Maritz unten im Leichenhaus neben dem
+Körper seines toten Freundes. Seine Betrachtungen waren sehr ernsthaft
+und nicht ohne Reue und Selbstvorwurf. Kann man besser als durch den Tod
+bezeugen, daß man gelebt? Stand hier ein Wille über dem Zufall, damit
+das versucherische Wort vom Schicksal erfüllt würde? War dies groß oder
+niedrig beschlossen? häßlich oder schön geendet? Es kommt nur auf das
+Auge an und den Sinn, der es faßt. Über den vergehenden Menschen bleibt
+die unendliche, aufgeblätterte Schönheit einer stummen Welt.
+
+
+
+
+Paterner
+
+
+Franziska hatte sich aufgerichtet und schaute Borsati, der zuletzt sehr
+schnell, sehr leidenschaftlich erzählt hatte, beinahe voll Angst ins
+Gesicht. »Ich habe in meinem ganzen Leben etwas dergleichen nie gehört«,
+murmelte sie, nachdem Borsati geendet. Cajetan sprang empor und sagte
+mit großer Lebhaftigkeit: »Außerordentlich! Es ist außerordentlich, wie
+hier ein entlegener Winkel des menschlichen Daseins in den Mittelpunkt
+der Dinge gerückt und gleichsam kosmisch beleuchtet ist. Selten war mir
+so tief bewußt, daß alles, was wir tun und treiben eine weitreichende
+Verantwortung nach vorwärts und nach rückwärts hat.« Lamberg, der mit
+raschen und wuchtigen Schritten umherging, wie stets, wenn er bewegt
+oder erregt war, sagte: »Laßt uns jetzt nicht darüber sprechen. Laßt uns
+dies aufbewahren, damit wir uns von dem Eindruck Rechenschaft geben
+können.«
+
+»Findet ihr nicht, daß er eigentlich den Spiegel verdient?« fragte
+Franziska.
+
+»Das werden wir morgen entscheiden«, gab Cajetan zur Antwort.
+
+»Ich glaube, was den Spiegel betrifft, können wir jedenfalls noch
+warten«, fügte Lamberg hinzu. »Nicht, als ob ich eifersüchtig wäre«,
+wandte er sich lächelnd und mit ausgestreckter Hand an Borsati, die
+dieser freundschaftlich ergriff und drückte, »aber ich möchte uns andern
+doch nicht den Weg verrammelt sehen. Wer weiß, wohin uns dies Beispiel
+noch treiben kann. Anfeuern ist ein schönes Wort in unserer schönen
+Sprache. Es bedeutet Licht und es bedeutet Kraft. Und wenn ich nun mein
+Gefühl überprüfe, so muß ich eines jetzt schon gestehen –«
+
+»Aha, nun kommt der kritische Pferdefuß zum Vorschein«, neckte Borsati.
+
+»Nicht Kritik«, fuhr Lamberg fort, dessen Züge und Geberden äußerst edel
+waren, wenn er in ernstem Ton redete, »beileibe nicht Kritik, das würde
+unsere famose Symphonie abscheulich stören, ich meine nur, so hinreißend
+und aufwühlend die Geschehnisse auf der Plassenburg auch sind, warm wird
+einem dabei nicht. Es kann einem heiß werden, aber nicht warm. Es geht
+mehr an die Nerven als ans Gemüt.«
+
+»Und der Mann sagt, er übe nicht Kritik«, antwortete Borsati ironisch.
+»Es ist also eine lobenswerte Handlung, wenn ich jemand unter
+Versicherung meiner Menschenfreundlichkeit erschlage?«
+
+»Dennoch hat Georg so unrecht nicht«, mischte sich Franziska in den
+Streit.
+
+»Solche Äußerungen haben etwas Gefährliches«, entschied Cajetan; »ja,
+ja, – es gibt Tränen und es gibt ein Schaudern, es gibt eine geistige
+und eine herzliche Ergriffenheit; machen wir uns nicht zu
+Splitterrichtern, indem wir wägen wollen, was gewichtlos und sondern,
+was unteilbar ist. Nerven! Was heißt das nicht alles heutzutage. Was
+wird nicht damit entschuldigt und was nicht herabgezerrt? Ich habe
+Nerven, nun ja! Und ich klinge, wenn man auf mir zu spielen versteht.
+Und ich versage, wenn man mich in pöbelhafter Weise berühren und rühren
+will. Ich halte nichts von der Sorte Gemüt, die sich ausbietet und
+billige Tränen einsammelt. Eine wahrhafte Erschütterung braucht kein
+Taschentuch zum Trocknen der Augen, und so fass’ ich es auch auf, wenn
+Beethoven einmal wundervoll bemerkt: »Künstler weinen nicht, Künstler
+sind feurig.«
+
+»Was mich an Rudolfs Erzählung gepackt hat«, ließ sich nun auch Hadwiger
+hören, »und was ich nicht sobald vergessen werde, ist das eine Wort:
+Wirklich leben heißt zermalmt werden von denen, die stumm sind. Mensch,
+wie wahr ist das! wie unbeschreiblich wahr!« Alle sahen nach ihm hin. Er
+war merklich blaß geworden, während er dies sagte, und Franziska, auf
+beide Ellbogen gestützt, beugte sich weit vornüber, wie um ihn näher zu
+betrachten, oder wie um ihn zu suchen, und in ihren Lippen, die
+geschlossen blieben, war eine seltsam zärtliche Regung, in ihren Augen
+eine schmerzliche Trauer. Borsati, der sie am besten kannte, glaubte zu
+ahnen, was in ihr vorging. Sie fühlte sich hinschwinden, und ihr
+ermüdeter Arm verlangte nach einem Halt. Dieses Herz, das so gern und so
+jubelnd geliebt, konnte sich auch in der Freundschaft zu einer Glut
+entzünden, die in der körperlichen Ohnmacht nur umso reiner strahlte.
+Oder befand er sich in einem Irrtum? War dies ein letztes Werben, ein
+letztes Vergessenwollen, ein letztes Anschmiegen, letzter Sturm und
+letzte Rast, bitter gemacht durch ein drohendes Zuspät und süß durch die
+Illusion einer Dauer?
+
+Das eingetretene Schweigen wurde durch Emil unterbrochen. Er war bei der
+Brücke gewesen und »erlaubte sich zu melden«, daß es drunten schlimm
+aussehe; im Markt habe der Bürgermeister telegraphisch um Entsendung
+eines Pionierbataillons gebeten, auch stehe die Seevilla, das kleine
+Hotel, in welchem die Freunde logierten, schon unter Wasser. Bei dieser
+Nachricht rüsteten sich Cajetan, Borsati und Hadwiger erschrocken zum
+Aufbruch. Lamberg schickte sich an, sie zu begleiten. »Wenn ihr die
+Zimmer verlassen müßt«, sagte er, »könnt ihr euer Gepäck heraufschaffen;
+die Nacht über bleibt ihr dann jedenfalls hier im Haus und morgen werden
+wir sehen, was zu tun ist. Sie gehen mit, Emil«, rief er dem Diener zu.
+Die Laternen wurden angezündet, und alsbald marschierten sie durch den
+Regen hinunter zum See. Wo eine Mulde im Wege war, stand das Wasser
+fußtief; flachgelegene Wiesenstücke waren überschwemmt; der Traunbach,
+sonst nur mit schwachem Brausen vernehmbar, erfüllte mit seinem Donner
+die ganze Landschaft.
+
+An der Brücke hatten sich ziemlich viele Menschen angesammelt und
+blickten besorgt drein. Die Finsternis lastete wie ein Klotz auf der
+Erde, und der Schein schwacher Lichter machte sie vollends
+undurchdringlich. Bauern in hohen Wasserstiefeln und mit Fackeln in den
+Händen liefen am Ufer des furchtbaren Stroms hin und her und zogen
+allerlei schwimmendes Hausgerät, das sie erfassen konnten, ans Land. Die
+Freunde eilten auf einem Pfad, den hundert Rinnsale fast ungangbar
+gemacht hatten, zur Seevilla. Der Wirt mußte bestätigen, daß Gefahr im
+Verzug sei, in den Kellern sei das Wasser vier Fuß hoch gestiegen, doch
+befürchte er nichts Schlimmeres, als daß das Haus von dem Verkehr mit
+der Außenwelt abgeschnitten werde; die Wirkung eines Wehrbruchs werde
+sich erst an den Ufern der Traun äußern und am verderblichsten im Markt,
+wo sich die Abflüsse dreier Seen vereinigen.
+
+Trotzdem es Lamberg widerriet, beschlossen die Freunde, bis zum andern
+Tag im Hotel zu bleiben. Sie gingen ruhig zu Bett, und die Nacht verlief
+ohne Störung. Am Morgen teilte ihnen der Wirt mit, daß er gezwungen sei,
+das Haus zu schließen; er deutete in den Garten, dessen Beete schon
+unter Wasser standen. Cajetan sprach in der ersten Bestürzung von
+Abreise. Der Wirt schüttelte den Kopf und erwiderte, die Chaussee zum
+Markt und zur Station sei nicht mehr passierbar, außerdem hätten die
+Eisenbahnzüge seit gestern zu verkehren aufgehört. »Demnach sind wir
+also richtig eingesperrt«, rief Borsati. – »Und wie steht es weiter
+oben? ist man in der Villa Lamberg sicher?« fragte Cajetan unruhig. –
+»Droben ist man sicher, wenn es nicht solange regnet, daß der Wald
+entwurzelt wird«, war die Antwort.
+
+Mit vieler Mühe wurde ein Wagen aufgetrieben; die Freunde hatten
+unterdeß gepackt, und eine Stunde später plätscherten die Pferde mit der
+kofferbeladenen Kutsche durchs Wasser bis zum Weganstieg. Cajetan und
+Borsati fuhren zu Lamberg, Hadwiger begab sich zur Seeklause, um bei den
+Arbeiten am Wehr womöglich Hilfe zu leisten. Wie er vermutet hatte,
+fehlte es dort an einer sachgemäßen Führung, denn der vom
+Bezirkskommando abgeschickte Ingenieur war noch nicht eingetroffen, und
+die Pioniere konnten erst am folgenden Tag zur Stelle sein. Was die
+Bauern unternahmen, war zweckdienlich, aber die Leitung eines
+Fachmannes mußte ihr Beginnen wesentlich fördern. Unter den Zuschauern
+befand sich auch der Fürst Armansperg; seine Würde, sein Ansehen, seine
+dominierende Persönlichkeit verliehen ihm das Recht der Beaufsichtigung
+und des tätigen Anteils. Hadwiger stellte sich ihm vor; der Fürst kannte
+seinen Namen und war glücklich, die Unterstützung eines Berufenen zu
+gewinnen. Die Leute folgten Hadwigers Befehlen willig, ja, im Bewußtsein
+dessen, was auf dem Spiele stand, lasen sie ihm die Worte von den Augen
+ab. Gegen Mittag kam endlich der Regierungs-Ingenieur, der allenthalben
+die größten Schwierigkeiten gefunden hatte, um durch die überschwemmten
+Gebiete ans Ziel zu gelangen; er war sichtlich gekränkt, als er einen
+Kollegen am Werke traf, dank dessen Bemühungen die größte Gefahr
+einstweilen abgewendet worden war. Hadwiger kannte die Sorte und ihre
+enge Gesinnung, er lächelte nur heimlich vor sich hin. Der Fürst hatte
+ihn scharf beobachtet und zuckte kaum merklich die Achseln. Als Hadwiger
+ging, gesellte er sich an seine Seite. »Sie haben den gleichen Weg?«
+fragte er. Hadwiger erwiderte, daß er zur Villa Lamberg gehe und daß er
+von Freunden dort erwartet werde. Ein Schatten des Nachdenkens flog über
+das gelbliche Gesicht des Fürsten, und seine angespannte Miene
+verdüsterte sich für einen Augenblick. Er sprach dann von der Ungunst
+des Wetters und wies auf einige Gipfel, auf denen frischgefallener
+Schnee eine Wendung zum Bessern verkündete. Hadwiger brachte die Rede
+auf den See-Abfluß, erklärte die ganze Anlage für mangelhaft und hielt
+eine gründliche Erneuerung für unerläßlich. Der Fürst stimmte ihm bei.
+Als er sich an der Pfadkreuzung verabschiedete, drückte er ihm die
+Hand, dankte noch einmal, und etwas in seinen stahlgrauen Augen schien
+fragen zu wollen, die gleichgiltigen Worte, die gewechselt waren,
+verleugnen zu wollen. Doch war dies nur der Eindruck einer Sekunde, und
+vielleicht stützte er sich auf eine empfindsame Täuschung.
+
+Lamberg hatte die Freunde in einem von der Villa nicht weit entfernten
+Bauernhause untergebracht, in welchem drei winzige Stübchen mit winzigen
+Betten zum Schlafen Raum genug boten. Beim gemeinschaftlichen
+Mittagessen erstattete Hadwiger Bericht über seine Begegnung mit dem
+Fürsten. Lamberg winkte ihm vergebens zu, Cajetan räusperte sich
+vergebens; da er nur auf Franziska acht hatte, übersah er die
+abmahnenden Zeichen; erst als der neben ihm sitzende Borsati ihm etwas
+unsanft auf den Fuß trat, hielt er inne, schaute sich verwundert um und
+errötete. Er bemerkte auch jetzt Franziskas veränderte Miene; sie legte
+Messer und Gabel hin, klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und sank
+förmlich in sich zusammen. Während Lamberg eilig das Thema zu wechseln
+versuchte, faßte sie sich rasch, und zu Hadwiger gewandt, sagte sie mit
+schwacher Stimme: »Du hast dich also da unten nützlich gemacht,
+Heinrich? Man vergißt eigentlich ganz, daß du dazu auf der Welt bist, um
+die Elemente zu bändigen.« Alle atmeten schon erleichtert auf; plötzlich
+jedoch erhob sie sich und ging aus dem Zimmer. Hadwiger wollte ihr
+folgen, die Freunde hielten ihn zurück. Sie hatten Mitleid mit seiner
+Ratlosigkeit und zwangen sich über den Zwischenfall einige Scherze ab.
+Hadwiger aber sagte: »So kann dies nicht weiter gehen. Was verheimlicht
+sie uns? Warum verheimlicht sie es uns? Warum verpflichtet sie uns zu
+schweigen und so zu tun als wollten wir von nichts wissen? Weshalb soll
+der Fürst nicht erwähnt werden, den sie doch während des letzten Jahres
+nicht einmal gesehen hat? Liebt sie ihn? Keineswegs! Und wenn es bloß
+der Name ist, den sie nicht hören will, der Name eines Menschen, der ihr
+nahe gestanden ist, bevor das mir unbekannte Schreckliche geschah,
+weshalb erträgt sie dann uns, unsere Gesichter und die Erinnerungen, die
+ihr unser Anblick immerfort wachrufen muß? Ich verstehe nichts von
+alledem.«
+
+Die Freunde antworteten nicht. Stumm blickten sie auf ihre Teller. Nur
+Borsati murmelte nach einer Weile: »Zeit, Zeit, Zeit.« Doch Hadwiger
+fuhr fort: »Wir müssen und müssen sie zum Sprechen bringen. Ich bin
+sicher, sie verachtet unsere Willfährigkeit, und was wir für Takt und
+Diskretion halten, erscheint ihr als Feigheit trotz der Forderung, die
+sie gestellt hat. Es bedrückt sie, sie will den Alp von der Brust
+gewälzt haben, und was sie uns sagt, ist nicht das, was sie wünscht.
+Wozu seid ihr denn so wortgewandt? so verschlagen, so zart, erfahren und
+mächtig in Worten? Da ist nichts unerreichbar, und wenn ihr wollt, so
+unternehm ich’s selber; diese Spannung, diese Vorsicht, dieses Zaudern,
+das ist ihrer und unserer nicht würdig.«
+
+»Nun, Heinrich, an Beredsamkeit fehlt es Ihnen wahrhaftig nicht«,
+entgegnete Borsati. »Dessenungeachtet warne ich Sie vor einem übereilten
+Schritt. Wir müssen Franziska schonen.« Er dämpfte seine Stimme zu einem
+Flüstern und schloß: »Ja, wir müssen sie schonen, denn ich habe Grund
+zu schlimmen, zu sehr schlimmen Befürchtungen. Genug jetzt davon. Das
+Leben dieser Frau gleicht einem Kunstwerk; freuen wir uns seiner, solang
+es möglich ist, und profanieren wir es nicht durch Mißlaune und Sorge.
+So faßt es Franziska selbst auf, glaubt es mir, und je heiterer, je
+unbefangener wir sind, je glücklicher wird sie sein, je dankbarer auch.
+Es schmeichelt ihr, in einem höhern Sinn, in einem Sinn von Reinheit,
+Schönheit und Schmerzlosigkeit.«
+
+Die Andern schauten Borsati mit Blicken voll Achtung und Zustimmung an.
+Was so selten ist unter Männern, unter Menschen überhaupt, sie ließen
+sich von der besseren Einsicht überzeugen und vermochten demgemäß zu
+handeln. Hadwiger war jedoch kaum fähig, seine Trauer zu verbergen. Bald
+nachher nahm er Mantel und Hut und wanderte in die Wälder. Erst als es
+dunkelte, kehrte er zurück. Inzwischen hatte es endlich auch zu regnen
+aufgehört. Franziska weilte noch in ihrem Zimmer, und der Schimpanse
+leistete ihr Gesellschaft. Einigemal klang ihr sonores Lachen durch das
+ganze Haus. Schon gegen sieben Uhr kam sie herunter, im weißen Kimono,
+und nahm ihren gewohnten Platz auf der Ottomane ein. Sie zeigte eine
+freundlich-neugierige Miene und ließ eine Bernsteinkette, die sie um den
+Hals trug, wohlig durch die Finger gleiten. Hadwiger küßte ihr vor
+Freude die Hand, als er sie so frisch, so gegenwärtig sah.
+
+Cajetan sagte, er könne die Plassenburger Leute nicht los werden. »Die
+Geschichte hat etwas Hinterhältiges«, meinte er, »das einen wie in
+Schuld verstrickt. Vor Jahren hörte ich einmal von einem Mörder, in
+dessen Zelle eine Schwalbe geflogen war. Er schloß eilig das Fenster, um
+das Tierchen am Fortfliegen zu hindern, fütterte es tagelang mit
+Brotkrumen und faßte eine heftige Zuneigung zu dem verirrten Geschöpf,
+das sich seinerseits an den Menschen still zu gewöhnen schien und kein
+Verlangen äußerte, dem traurigen Aufenthaltsort zu entkommen. Tagelang
+behütete der Sträfling seinen kleinen Freund, wußte ihn vor den Augen
+des Wärters zu verbergen und wenn er die Schwalbe in der Hand hielt und
+unter den Federn ihr klopfendes Herz spürte, hatte er eine Empfindung,
+die der Frömmigkeit sehr ähnlich war. Eines Tages entdeckte der Aufseher
+den kleinen Zellengenossen; er packte die Schwalbe und tötete sie mit
+einem einzigen rohen Griff. Der Häftling schrie auf wie ein Rasender,
+stürzte sich blitzschnell auf den Mann und erdrosselte ihn. Diese
+Begebenheit verfolgte mich mit denselben Gefühlen von Schuld und
+Verantwortung.«
+
+»Ein Zeichen, daß der Mensch kein vereinzeltes Wesen ist, auch wenn er
+sich so gibt, sondern daß er seiner Zugehörigkeit zum Welt- und
+Menschheitsganzen tief innerlich bewußt bleibt«, antwortete Borsati.
+
+»Der lustige Irrtum, der für die zwei Literaten so übel ausfiel,
+erinnert mich an ein Abenteuer, das ein Vetter von mir in Brüssel hatte,
+eine Art Philosoph, ein ziemlich verträumter und weltfremder Mensch«,
+erzählte Lamberg. »Er hatte eine kleine Seereise vor und kaufte bei
+einem Hutmacher eine Sportmütze. Danach ging er in den Straßen
+spazieren, und es ist nicht nebensächlich zu erwähnen, daß er beim
+Gehen stets die Hände auf dem Rücken zu halten pflegte. Ins Hotel
+zurückgekehrt, legte er den Mantel ab und langte zuvor in die Tasche, um
+ein Schnupftuch herauszunehmen. Er riß Mund und Augen vor Erstaunen auf,
+als er erst die eine, dann die andre Manteltasche vollgepfropft fand mit
+Schmuck und Geldbörsen, mit Armbändern, goldnen Uhren, Broschen,
+Brillantnadeln, Halsketten, kurz, mit einer Reihe von Gegenständen,
+deren Wert er trotz seiner verwirrten Sinne auf fünfzig- bis
+sechzigtausend Franken anschlug. Er war nicht weit davon entfernt, an
+Zauberei zu glauben, und nachdem er sich der Sachen entledigt hatte, zog
+er den Mantel wieder an und eilte neuerdings auf die Straße, um dem
+Geheimnis auf die Spur zu kommen. Es war Abend, er mußte sich durch ein
+dichtes Menschengewühl drängen und gab dabei, so gut es seine Erregung
+zuließ, auf seine Taschen acht. Und siehe da, nach wenigen Minuten
+spürte er abermals Kleinodien, Portefeuilles und Spitzentücher drinnen.
+Ihm graute vor der Unheimlichkeit des Vorgangs, er rannte in sein
+Quartier, bemerkte aber nicht, daß ihm ein Detektiv folgte, dessen
+Aufmerksamkeit er durch sein Benehmen erweckt hatte, ihn vor der Türe
+seines Zimmers anrief, sich legitimierte und sogleich ein Verhör begann.
+Die Ratlosigkeit meines Vetters war jedoch so groß, daß an seiner
+Unschuld von vornherein nicht zu zweifeln war, und der kluge Polizist
+fand auch bald die Lösung des Rätsels. Jenem Hutmacher hatte ein
+unbekannter Besteller einen auffallend gemusterten Stoff gebracht, aus
+dem er ein Dutzend Mützen anfertigen sollte. Der Stoff hatte für
+dreizehn Mützen gereicht, zwölf waren abgeliefert worden und die
+dreizehnte wurde als Extraprofit dem ersten Besten verkauft, der eine
+Reisekappe zu erstehen wünschte. Der promenierte dann als Signalmann und
+unfreiwilliger Hehler einer Bande von Taschendieben auf den Boulevards.
+Hätte er sich weniger exaltiert benommen, so hätte er durch bloßes
+Spazierengehen in einer Woche Besitzer von unermeßlichen Schätzen werden
+können.«
+
+»So macht Gewissen Memmen aus uns allen«, zitierte Borsati lachend.
+»Eine lehrreiche Anekdote, worin schlagend bewiesen wird, daß Kleider
+Leute machen.«
+
+»Ich muß wieder von den beiden Plassenburger Dichtern reden«, sagte
+Cajetan; »sie beschäftigen mich. Es ist etwas sehr Bedeutsames in der
+Rivalität zwischen Alexander und dem Bramarbas Peter Maritz, wennschon
+die Farben ein wenig gar zu dick aufgetragen sind. Die Szene, wie dieser
+Unfähige und wahrscheinlich auch Unfruchtbare die Verse deklamiert, die
+er vorher verworfen hat, und wie er, durch den Beifall berauscht,
+plötzlich sich selbst als den Schöpfer fühlt, enthält eine Wahrheit, die
+zugleich rührend und grausam ist. Wie wenig muß ein solcher Mensch der
+eigenen Kraft gewiß sein.«
+
+»Die Macht der Selbsttäuschung ist eben unendlich«, entgegnete Lamberg.
+»Ich weiß nicht, ob ihr euch an den Fall jenes berühmten Schriftstellers
+erinnert, der das Buch eines Unbekannten und Namenlosen, welches ihm
+unter vielen Manuskripten zugesandt worden war, veröffentlichte und
+nicht nur die Welt betrog, sondern auch sich selbst, denn es war ihm
+zumute, als ob er das Werk geschaffen hätte, da es ganz aus der Stimmung
+seines Geistes war und auch unter seinen Freunden und Anhängern niemand
+eine Fremdartigkeit oder Verschiedenheit bemerkte. Jahre waren
+vergangen, da trat ihm der Verfasser des Buches gegenüber und forderte
+Rechenschaft. Dieser Mann war eine Hyäne und sein Talent eine der
+teuflischen Erfindungen der Natur, die unsern Glauben an die
+Zweckmäßigkeit des irdischen Getriebes erschüttern können. Der alternde
+Schriftsteller wurde sein Opfer. Er brandschatzte sein Vermögen,
+untergrub seine Arbeitsfreude, warf sich zum tyrannischen Kritiker und
+Bearbeiter seiner Bücher auf und trieb ihn schließlich zum Selbstmord.
+Über dem Grab des Unglücklichen brach das niedrigste Gezänk aus, bei
+welchem die Ehre und der Ruf des Toten für immer vernichtet wurden und
+die Früchte eines inhaltvollen Lebens gleichsam verfaulten.«
+
+»Wie ihr wißt,« sagte Cajetan, »hat sich der unglückliche Chatterton das
+Leben genommen, weil er beschuldigt worden war, die von ihm
+veröffentlichten Balladen seien fremde Erzeugnisse, er habe die
+Handschriften in einem Kloster gefunden und die Originale vernichtet.
+Später hat sich freilich herausgestellt, daß diese von Feinden und
+Neidern verbreitete Anklage unbegründet war und daß der junge, erst
+neunzehnjährige Poet mit erstaunlicher und genialer Sicherheit den Ton
+und Rhythmus der vergangenen Zeiten getroffen hatte. Aber er hatte keine
+Waffe gegen die falsche Beschuldigung. Er hatte keinen Beweis gegen sie.
+Denkt euch, eine schöne Frau reist allein in einem fremden fernen Land,
+und sie tritt mit einer Diamantkette um den Hals in eine Gesellschaft
+und man bezichtigt sie plötzlich, daß sie die Juwelen gestohlen hätte,
+und sie hat kein Mittel, sich dagegen zu wehren als ihr Wort, ihre
+Beteuerung, – so werdet ihr noch lange nicht in die Qual von Chattertons
+Lage versetzt sein, denn im Lauf der Zeit wird die Frau ja doch
+nachweisen können, daß der Schmuck ihr Eigentum ist. Chatterton konnte
+dieses nicht; seine Wahrheit galt für Lüge; wie hätte er die Welt
+überzeugen können? Der Jüngling brach zusammen unter den schmutzigen
+Wogen der Verleumdung. Sein inneres Feuer verlosch. Er war an der
+Menschheit und an sich selbst irre geworden. Vielleicht gab es eine
+Stunde vor seinem Tode, wo er so tief an sich zweifelte, daß ihm die
+eigene Schöpfung wirklich wie ein Trugbild vorkam und er sich genarrt
+dünkte wie einer, der nicht weiß, was er getan hat und was mit ihm
+geschehen ist. Vielleicht war ihm wie einem zu spät Geborenen oder wie
+einem jener sagenhaften Schläfer, die erst nach Jahrhunderten erwachen
+und keine Heimat mehr haben, nichts was sie an die Nation und an die
+Zeit kettet und die ihre Seele verlieren müssen, weil kein Bruderauge
+sie erkennt.«
+
+»Es schadet nicht, wenn die Menschen hie und da Einblick in das
+Dämonische dieses Berufs gewinnen«, meinte Borsati. »Die großen Werke
+werden hingenommen, als ob der Himmel sie in einer freigebigen Laune
+gespendet hätte, und was an Schöpferschmerz dahinter steckt, ahnen nur
+wenige. Vielleicht soll es so sein, vielleicht ist es gut so, aber im
+allgemeinen nimmt man es doch zu seelenruhig hin, und wo ein
+außerordentlicher Mann persönlich auftritt, zeigt sich sofort das
+Element der frechen Gemütlichkeit, selbst in der Verehrung, die man ihm
+zollt. Bei Balzac heißt es einmal köstlich: der Kaufmann steht einem
+Schriftsteller immer mit gemischten Gefühlen gegenüber. Dieses
+instinktive Mißtrauen ist besonders dem Deutschen eigen.«
+
+»Daran sind aber auch die Schriftsteller schuld«, antwortete Lamberg,
+»und nicht bloß die mittelmäßigen, deren Unzahl das Land allmählig in
+eine Ablagerungsstätte von Makulatur verwandelt, sondern auch die
+besseren Köpfe. Viele von ihnen, sobald sie ihren privaten Kreis
+verlassen, bieten dem Bürger das unerfreuliche Schauspiel einer
+schrullenhaften Lebensführung und überflüssiger Extravaganzen. In ihrem
+sozialen Dasein fehlt das Bindende und Verantwortliche, und da muß eben
+der Mann aus dem Publikum zutraulich werden, wenn er sich nicht
+feindselig stimmt. Ist euch der Name Hypolit Paterner im Gedächtnis? Ein
+Dichter. Man sagt damit heutzutage wenig, aber er war ein Dichter. Sein
+Name war dem Bildungspöbel geläufig, nicht wegen seiner Leistungen,
+sondern weil er in einer zynischen Opposition gegen alles Herkommen
+lebte und seine in Weinbutiken und auf Bierbänken verbrachte Existenz
+eine für lustig geltende Herausforderung an den Bürger war. Der Alkohol
+richtete ihn zu grunde. In einem italienischen Nest starb er eines
+elenden Todes. In seinem Testament war die Bestimmung enthalten, daß
+sein Kopf abgeschnitten und in Deutschland verbrannt werden sollte; der
+übrige Körper wurde an Ort und Stelle begraben. Seine Geliebte, eine
+tüchtige und entschlossene Frauensperson, die ihn bis zur letzten Stunde
+gepflegt hatte, verpackte den präparierten Kopf in einer Hutschachtel
+und fuhr damit zur nächsten Bahnstation. Dort mußte sie mehrere Stunden
+auf den Zug warten, und sie begab sich in eine Kneipe, um ihr
+Mittagessen einzunehmen. Die Schachtel und mehreres andre Reisegepäck
+hatte sie neben sich auf Stühle verstaut. Plötzlich kam ein Facchino und
+trieb sie zur Eile. In der Hast wurde die Schachtel vergessen. Nun saßen
+in der elenden Osteria einige Fuhrleute und Knechte, die konnten nicht
+recht schlüssig werden, was mit dem zurückgelassenen Ding anzufangen
+sei; indes sie eifrig dem Chianti zusprachen, gingen sie endlich daran,
+die Schachtel zu öffnen, und da zog ein junger Mensch das Haupt des
+Dichters bei den Haaren in die Höhe und ließ es dann schreckerstarrt auf
+die Tischplatte fallen. Alle sprangen empor und flohen in
+abergläubischem Entsetzen. Draußen drückten sie ihre Gesichter an die
+Fensterscheiben, Mädchen und Frauen und viel Volk aus der Umgebung
+strömte herzu und sie spürten ein verlockendes Grausen bei der
+Betrachtung des Schädels, auf dessen wachsbleichem und melancholischem
+Petroniusgesicht ein kaum bemerkbares Spottlächeln zu schweben schien.«
+
+»Nein, nein, nein,« rief Franziska, »das will ich nicht hören, und wenn
+es passiert ist, erspart mir, darum zu wissen. Ach, wie machst du mich
+schaudern, Georg! Das ist wie ein Fieberbild.«
+
+»Ein teuflisches Epigramm auf ein ganzes Leben,« sagte Cajetan, »und
+wenn sich auch unsere liebenswerte Dame entrüstet, hier ergreift mich
+etwas gleich einem Menetekel. Wie ja oft im Hintergrund dieser
+anscheinend schnurrigen und barocken Schicksale die tiefste Finsternis
+gähnt und eine Vergeltung sich erhebt, die keine menschliche Rachsucht
+hätte ersinnen können.«
+
+»Derselbe Paterner ist es auch, dem die Geschichte mit dem Kometen
+Styriax zugeschrieben wird«, fuhr Lamberg fort, und seine heitere Miene
+versprach eine gutartige Wendung.
+
+»Paterner wohnte einmal für ein paar Monate in einer kleinen deutschen
+Stadt, und zwar in einem sogenannten Familienhotel, eine Bezeichnung,
+die schon allein seinen Ärger und seinen Hohn wachrief. Er nahm sich
+vor, die Leutchen ein wenig durcheinanderzuschütteln, und eines Abends,
+während der gemeinschaftlichen Mahlzeit, erhob er sich von seinem Sessel
+und hielt mit dem Gesicht eines Totengräbers folgende ernste Rede:
+»Meine Herrschaften, ich habe soeben ein Telegramm meines Freundes, des
+Lord Lotterbeck in San Franzisko bekommen. Lord Lotterbeck ist, wie Sie
+wissen, der bedeutendste Astronom der Gegenwart und Teleskopist an der
+Licksternwarte. Hören Sie den Wortlaut des Telegramms: ›Komet Styriax
+seit dreiundzwanzig Stunden in Sicht. Unvermeidlicher Zusammenstoß mit
+unserem Erdball heute Nacht zwölf Uhr, sieben Minuten. Ordne deine
+Angelegenheiten, bereue deine Sünden, um zwölf Uhr acht Minuten bist du
+nur noch ein Liter Wasserdampf. Letzten Gruß vom festen Aggregatzustand,
+dein Cincinatti Lotterbeck.‹ Meine Herrschaften, es ist jetzt neun Uhr.
+Sie haben noch drei Stunden sieben Minuten zu leben. Füllen Sie die
+Galgenfrist mit dem kostbarsten Inhalt, denn mit Himmel und mit Hölle
+ist es jetzt vorbei, es erwartet Sie das Nichts.« Zuerst glaubten die
+erschrockenen Zuhörer natürlich an einen üblen Spaß; als aber zwei Herren,
+es waren Freunde und Mitverschworene Paterners, Schmierenschauspieler
+aus der Nachbarschaft, ins Zimmer stürzten, und mit dem Wehgeschrei:
+Styriax kommt, wir sind verloren! die Fenster aufrissen, die Arme in die
+Luft streckten und sich so weltuntergangsmäßig verzweifelt geberdeten,
+daß sie dafür auf dem Theater mit Beifall überschüttet worden wären,
+hatte es mit der Fassung der Gesellschaft ein Ende. Die Frauen begannen
+zu schluchzen, die Männer liefen unruhig auf die Straße und kehrten
+angstschlotternd zurück; indessen hatte Paterner Punsch bereitet, zum
+Leichenschmaus, wie er sagte, und verteilte die Portionen aus der
+gefüllten Terrine. Er verkündete, zwischen hundertachtzig Minuten und
+hundertachtzig Monaten sei vom Standpunkt der Philosophie kein
+Unterschied, da doch das ganze Leben nur eine Illusion wäre, die beiden
+Schauspieler wußten auf eine raffinierte Weise die trockenen Gemüter in
+Brand zu setzen, und nach kurzer Weile ging es ähnlich zu wie unter den
+Losgelassenen auf der Plassenburg. Aus stillen, tugendhaften Damen brach
+die Lebensgier hervor, ehrsame Beamte zeigten eine Verwilderung, vor der
+selbst ein Paterner schamrot wurde, wenngleich er alle schlimme Meinung
+dadurch bestätigt fand, die sich über die Geknechteten der sozialen
+Mittelschicht in ihm angesammelt hatte. Über der Stadt draußen lastete
+ein dumpfes Schweigen; es war eine Märznacht, der Mond war von zwei
+violetten Höfen umgeben; die betörten Menschen zitterten vor der Drohung
+der Natur, haltlos schwankten sie zwischen ihrem Jammer und dem
+tierischen Entzücken über den Besitz einer wenn auch noch so kargen
+Gegenwart. Die Szene wurde gefährlich; Hysterie und Furcht führen stets
+zum Taumel der Sinne und steigern sich durch sich selbst. Solche
+Zustände kann man bei allen geistigen Epidemien beobachten, im Kleinen
+wie im Großen. Es ist als ob die eingesperrte Bestie im Käfig nur darauf
+warte, daß die Stäbe gesprengt würden, um die Ohnmacht seiner Lehrer,
+seiner Prediger, seiner Bändiger zu beweisen. Paterner hatte genug
+gesehen. Auf so reiche Belehrung innerhalb einer Komödie war er nicht
+gefaßt gewesen, und bis zum äußersten wollte er es nicht treiben. Er
+erhob sein Glas und sprach: ›teure Erdgenossen! ich erfahre soeben, daß
+sich mein Freund Lotterbeck um ein Jahrtausend verrechnet hat. Ich
+erlaube mir, Ihnen zu diesem unerwarteten Glücksfall zu gratulieren.
+Verwenden Sie diese tausend Jahre so, wie Sie die drei Stunden verwendet
+haben würden. Ich wünsche eine angenehme Bettruhe.‹ Damit verbeugte er
+sich und verschwand. Die Gäste des Familienhotels sollen am andern
+Morgen nach allen vier Himmelsgegenden auseinandergestoben sein.«
+
+»Das Histörchen ist nicht ohne Salz,« meinte Cajetan. »Aber ich muß doch
+gestehen, daß mir Figuren vom Schlag dieses Paterner unbehaglich sind.
+Ich unterschreibe alles, was Georg vorhin über das schrullenhafte
+solcher Leute geäußert hat. Das wirkt im einzelnen Fall amüsant, als
+Merkmal eines Lebensprinzips stimmt es mich herab. Man braucht deswegen
+nicht für sauertöpfisch zu gelten. Ich sage mir, so lang der Deutsche in
+seinen Künstlern immer noch Bohemiens sieht, ist auf eine edlere
+Geisteskultur nicht zu zählen. Der Bohemien ist nicht Mitkämpfer, er ist
+ein Ungesetzlicher, ein Freibeuter, ein Zufälliger. Wehe der Nation, die
+ihre Künstler nur als pflichtenlose Genießer einer gutmütig
+zugestandenen Ungebundenheit betrachtet. Die Deutschen haben keine
+Ahnung, daß der echte Künstler auch ein echter Arbeiter ist. Was für
+eine verlogene Vorstellung des Malers hat sich zum Beispiel in den
+meisten Köpfen erhalten? Freilich unter Beihilfe einer gewissen
+blümeranten Literatur, in der noch heute jeder Maler ein Sammetröckchen,
+eine fliegende Krawatte und einen Schlapphut trägt und auf seiner
+Palette das Blut zerrissener Frauenherzen in die Farben mischt. Nein, da
+ist nichts zu lachen; ich kenne Männer aus der Gesellschaft, die ganz
+insgeheim der Ansicht sind, die Kunst sei eigentlich doch nur eine
+Ausrede für Müßiggang und Donjuanerie. Welch ungeheure, ja tragische
+Konflikte gerade bei den bildenden Künstlern das Handwerk als solches
+ins Leben ruft, das kann ich am Schicksal zweier Maler darlegen. Ich
+habe den Bericht von einem genauen Freund des einen und glaube für seine
+Zuverlässigkeit bürgen zu können. Übrigens sprechen die Ereignisse für
+sich selbst.«
+
+Alle setzten sich erwartungsvoll zurecht, und Cajetan erzählte die
+Geschichte der beiden Maler.
+
+
+
+
+Nimführ und Willenius
+
+
+Als Willenius seine erste Ausstellung im Propyläensaal veranstaltete,
+war er dem engen Kreis von Fachgenossen, die in der Stille das Urteil
+über einen Künstler prägen, längst kein Unbekannter mehr. Das Publikum
+blieb der neuen Größe gegenüber frostig, aber die vom Handwerk gerieten
+aus dem Häuschen und in den Künstlerkneipen wurde von nichts anderem
+geredet. So hatte noch niemand einen Baum, eine Wiese, die Luft einer
+sommerlichen Mittagsstunde, den Schritt eines Säers, die Bewegung eines
+Holzhackers gesehen und gemalt. Man wußte nicht, was mehr zu bestaunen
+sei, die Leidenschaftlichkeit der Anschauung oder die asketische Strenge
+der Technik, die gestaltende Kraft, die alle Erscheinung auf einfachste
+Linien zurückführte, oder die Kühnheit, mit der ein hundertfältiges
+Spiel des Lichtes und der Reflexe von einem festen, ja starren Kontur
+bezwungen wurde.
+
+Jahrelang gehörte Willenius zu den täglichen Stammgästen eines kleinen
+Kaffeehauses hinter der Akademie; er hockte meist allein in einem
+Winkel, entweder mit dem Skizzenbuch beschäftigt oder stumm vor sich
+hinbrütend, wobei er aus einer englischen Pfeife rauchte. Er war ein
+langer, magerer Mensch mit bartlosem Gesicht, in welchem ein dünner,
+greisenhafter Mund und schwarze, fast glanzlose Augen saßen. In seinen
+Manieren war etwas Geschraubtes, und er grüßte die flüchtigsten
+Bekannten mit einer feierlichen Grandezza, die halb komisch, halb
+rührend war und auf viel erlittenes Elend schließen ließ. Eines Tages
+war er verschwunden, und erst geraume Zeit nachher erfuhr man, daß er
+sich irgendwo auf dem flachen Land niedergelassen habe. Dort lebte er
+mit den Bauern wie ein Bauer. Die Bedürfnisse dieses Mannes waren
+primitiv; er rechnete nicht darauf, mit seiner Arbeit mehr Geld zu
+verdienen als man unbedingt braucht, um zu vegetieren, schon deswegen
+nicht, weil ihm seine Bilder kein Vollendetes waren; sie galten ihm nur
+als Merkzeichen auf den Beginn eines ungeheuren Wegs, als Ahnungen,
+Versprechungen, Versuche, Fragmente, Visionen.
+
+Er achtete sich nicht; er liebte sich nicht; er war sich selber nichts.
+Er war ein Sklave, der Sklave eines Idols, eines Begriffs; eines Dämons,
+der den Namen Kunst führt und der seine freien Triebe und Neigungen
+verschlang. Harmloser Genuß der Stunde, Atem und Herzschlag ohne die
+Tyrannei dieses Molochs war nicht zu denken, nicht einmal ein Traum, der
+sich seinem Bann entzog. Ein Impuls von geheimnisvollster
+Beschaffenheit, ohne Ruhmsucht, ohne Eitelkeit, ohne Hang nach äußeren
+Begünstigungen; eine ununterbrochene Kette von Leiden und Opfern, ein
+ununterbrochenes Bereitsein, eine beständige krampfhafte Spannung aller
+Nerven, das war die Existenz dieses Menschen.
+
+Willenius malte seine Bilder nicht, er schleuderte sie aus sich heraus.
+Leichenblaß stand er vor der Staffelei; die Augen, gierig und angstvoll
+aufgerissen, erinnerten an die eines Sterbenden unterm Operationsmesser.
+Oft nahm er sich die Zeit nicht, die Farben auf die Palette zu bringen,
+sondern ließ sie aus der Tube gleich auf die Leinwand laufen, aus
+Furcht, daß die Lebendigkeit der innerlichen Vorstellung sich trüben
+könnte, bevor er den Ton getroffen, den er sah und fühlte. Dabei war er
+von geradezu fanatischer Ehrlichkeit gegen das Modell. Er hätte es
+vielleicht über sich gebracht, in eine Wohnung einzudringen und aus
+einem Schrank bares Geld zu stehlen; aber, abgeschreckt durch die
+Schwierigkeit der Zeichnung und Komposition, einem Weidenstrunk statt
+der vier Krümmungen, die er hatte, nur drei zu geben, das war unmöglich;
+und darin lag auch die Wurzel des blutigen Ringens, denn sein Instinkt
+sagte ihm, daß in der Kunst das Unscheinbare das Zeugende sei und daß es
+ebensowohl das Zerstörende werden müsse, wenn es sich nicht an die
+Wahrheit der einmaligen Halluzination gebunden hielt. Entweder stimmte
+die Sache, oder sie stimmte nicht; dazwischen gabs nur eines, das
+Verworfenste von allem: den Dilettantismus.
+
+Welche unsägliche Qual gewisse aufeinanderplatzende Valeurs von
+brennendrot und schmutzigbraun verursacht hatten, die nun so verwegen
+als selbstverständlich den tückisch verschleierten Halbtönen der Natur
+Einheit und Glaubhaftigkeit verliehen, davon begriffen diejenigen
+nichts, die von der Natur im Vorübergehen Kleinbild um Kleinbild
+empfingen und denen die sinnlose Zerstückelung als Reichtum erschien.
+Die nicht spürten, daß die sogenannte Natur ein Chaos ist, ein
+Sammelsurium, ein Wörterbuch, und daß jenes Schauen, welches dem
+Ungeformten eine Form abzwingt, der ungeistigen und toten Fülle durch
+Abbreviatur und Beseelung Leben schenkt, den Organismus tiefer und
+heißer in Anspruch nimmt als eine Liebesumarmung oder die Überwindung
+eines Feindes. Ja, Feind und Geliebte war die Natur; Feind und Geliebte
+war, was Wirklichkeit hieß, voller Finten und Schliche und Beirrungen,
+lügnerisch, schmeichlerisch, verführerisch und letzten Endes
+unbesiegbar. Das Auge mußte sich bis ins Innerste der Dinge bohren, und
+es durfte nicht die Epidermis beschädigen, während es das Geschäft des
+Anatomen betrieb.
+
+Als Willenius dreieinhalb Jahre in jener dörflichen Abgeschiedenheit
+gehaust hatte, beschloß er, wieder in die Stadt zu ziehen. Es hatte sich
+ein reicher Kunstfreund für seine Produkte interessiert, der Verkauf
+einiger Bilder sicherte ein mäßiges Auskommen, und er mietete ein
+geräumiges Atelier, wo er eine Anzahl seiner Studien auszuführen
+gedachte.
+
+Es war im November. Schon in den ersten Tagen hörte Willenius von einer
+Ausstellung im Künstlerverein. Ein neuer Mann, Johannes Nimführ, hatte
+dort seine Arbeiten an die Öffentlichkeit gebracht. Man erzählte sich
+wunderliche Dinge von ihm; er habe acht Jahre lang auf einer Insel im
+Südmeer gelebt und mit den Eingeborenen wie mit seinesgleichen verkehrt;
+er sei unzugänglich wie der Dalailama und nähre sich bloß von Brot und
+Äpfeln. Einige Leute wollten sich halbtot gelacht haben über die
+bengalische Kleckserei, wie sie es nannten, die Kritiker taten
+persönlich beleidigt, selbst die von der Zunft schnitten bedenkliche
+Gesichter und nur ein paar waghalsige Sonderlinge verkündeten ihre
+Begeisterung.
+
+Eines Nachmittags begab sich Willenius hin, um die Bilder anzuschauen.
+Erst schritt er langsam von Leinwand zu Leinwand, dann blieb er mit
+hängenden Armen stehen, die Fäuste geballt, den Rücken gebeugt, den Kopf
+gierig vorgestreckt, die Lippe zitternd.
+
+Es waren Landschaften. Das Meer und ein Fischerboot; südliches Meer, und
+am Strand nackte wilde Frauen; Frauen hingelagert auf ein Fell, am Stamm
+einer Palme lehnend, zu einem silbernen Fisch sich bückend; Wiese, Fels
+und Himmel simpler als ein Kind sie zeichnen würde; alles Leben in der
+Farbe; Licht, Bewegung, Umriß, Leib, Seele und Symbol, alles in der
+Farbe; keine Wirklichkeit mehr, nur Traum, und alle Wirklichkeit
+hineingeschlüpft in den Traum, so daß es ein Spiel schien, die
+Wiedergeburt einer Welt ohne Kleinlichkeit, eine Anschauung des
+Inner-Innersten, Zusammenfassung des Subtilsten, Stil ohne Manier,
+Erhabenheit ohne Finesse, die verwandelte und zur Ruhe gefrorene Natur,
+eine majestätische Synthese.
+
+Und wie waren diese Dinge gemacht! Es war, um den Verstand zu verlieren.
+Nichts von Absicht auf Komposition und Wirkung, nirgends ein unreiner
+Strich, ein Überbleibsel der Hand; keine Aufdringlichkeit der
+Gegensätze, kein Schwindel und Notbehelf mit Punktation und Perspektive.
+Ja, es war hier ein einzigartiger, und fast erschreckender Verzicht auf
+Hintergrund und Raumverhältnis geschehen, so daß der ungewohnte Blick es
+lächerlich finden konnte und nur der unschuldige das Bild, schlechthin
+das Bild zu erfassen vermochte.
+
+Willenius war wie von Krankheit befallen. Mehrere Nächte hindurch
+schlief er nicht. Er hatte nie den Wunsch gehabt, die Bekanntschaft
+irgend eines Menschen zu machen; Nimführ zu sehen und zu sprechen war
+jetzt sein ungestümstes Verlangen. Die Gelegenheit fand sich bald, da er
+täglich die Ausstellung besuchte. Nimführ, von einem jungen Maler auf
+Willenius aufmerksam gemacht, stellte sich ihm selbst vor. Er war ein
+hünenhaft gebauter Mann, sehnig wie ein Lastträger, mit langem
+gelblichem Gesicht, starken hohen Backenknochen und schütterem
+Haarwuchs.
+
+Sie gerieten in ein Gespräch, das um halb fünf Uhr nachmittags begann
+und um drei Uhr nachts in einer öden Vorstadtgasse endigte. Es war ein
+zehnstündiges Einanderbelauern und -aushorchen. Die Sicherheit des
+jüngeren Mannes beunruhigte Willenius; sein Urteil über andere Künstler
+kam aus den höchsten Regionen, wo nur die Eingeweihten sich durch
+Geheimzeichen verstehen. Er kannte Willenius’ Arbeiten; daß er sie
+schätzte, eröffnete er nur mittelbar, indem er eine berühmte Größe, die
+von der Menge bewundert, selbst von Kennern gepriesen wurde, verachtend
+daneben aufstellte wie einen Harlekin neben ein Monument. Nichts kam der
+überlegenen Ruhe gleich, mit der er seinen eigenen Mißerfolg behandelte.
+»Die Menschen sind dem Künstler zu nichts nutze«, sagte er, »Kunst ist
+das Einsamste, was es auf Erden gibt, und wo sie verstanden wird, muß
+man ihr schon mißtrauen.«
+
+Bald war es so weit, daß die beiden Männer Tag für Tag einander trafen.
+Den Silvesterabend verbrachte Nimführ in Willenius’ Atelier, und als es
+zwölf Uhr schlug, trank er Bruderschaft mit ihm. Ein zweites Atelier war
+im selben Hause frei, Nimführ bezog es. Er habe noch zwei Jahre
+ausführender Arbeit vor sich, äußerte er, dann wolle er nach Mexiko
+reisen. Willenius, vielfach angeregt durch die abendlichen
+Unterhaltungen mit dem Freund, malte täglich acht bis neun Stunden.
+Nimführ warnte ihn vor einem Mißbrauch seiner Kräfte. »Neue Einflüsse
+wollen gären, ehe sie sich in Gestalt umsetzen«, meinte er, »wer zu
+schnell verdaut, zehrt ab.«
+
+Willenius horchte auf. Neue Einflüsse? Was sollte das heißen?
+Stützbalken an einem baufälligen Haus? Er war empfindlich wie alle in
+sich selbst Verstrickten. Seine Liebe zu Nimführ, von Bewunderung und
+Ehrfurcht gezeugt und von jener nahrhaften Sachlichkeit getragen, die
+bloß unter Bauern und Künstlern existiert, vermischte sich mit Angst und
+Abwehr. Freilich war es anspornend, ihn zu beobachten, der so herrisch
+frei in seinem Bezirk waltete. Ihm waren Hand und Auge eins; was er
+schuf, löste sich souverän vom Material; was er schaute, war sein
+Eigentum. Willenius hingegen mußte die Erde erst in Stücke reißen, bevor
+sich ihm ein Ganzes gab; sein Schaffen war ein heimlicher Raub; er mußte
+die Natur überlisten, beschleichen und verraten, denn sie gewährte ihm
+von selber nichts, und vom Auge zur Hand war der Weg so weit wie vom
+Paradies zur Hölle.
+
+Nimführ erblickte darin einen Krampf. Voll höchsten Respektes vor dem
+Können des Freundes glaubte er helfen zu müssen. »Du richtest dich zu
+grund, Menschenskind«, sagte er eines Tages, »du verbeißt dich in die
+Leinwand und läßt dich von ihr fortschleppen wie von einem Raubtier.
+Schließlich erliegt dir ja die Bestie immer wieder, das ist wahr, aber
+so kann man nicht leben, dabei muß man verbluten. Und das macht einen
+Kerl von Genie klein, wenn er an den Dingen verblutet, die er schafft.
+Füttern sollen uns die Sachen, fett machen sollen sie uns, reicher
+machen, unterkriegen müssen wir sie.« Willenius sah den Freund mit
+seinen dumpfen Augen von unten herauf an und erwiderte: »Wenn der Hund
+zwei Flügel hätte, wär er ein Vogel, immerhin ein wunderlicher Vogel,
+aber er könnte fliegen. Über fundamentale Gattungsverschiedenheiten zu
+rechten, ist müßig. Laß mich nur laufen, laß mir meinen mühseligen Weg,
+und sei du froh, daß du fliegst.«
+
+Es ließ aber Nimführ nicht; er wollte diesen unterirdischen Schmied aus
+seiner drangvollen Enge befreien. Sie kamen in Streit über die pastose
+Manier, in der eine sonnengrell beschienene Ziegelwand gemalt war; über
+den Eigensinn, der sich in der Durchführung eines Wolkenkonturs gefiel;
+über das lärmende Nebeneinander von Farbenflecken auf einer
+Herbstlandschaft. Nimführ wollte dergleichen bescheidener haben, er
+wollte es maßvoller haben, kurzum, er wollte es anders haben. »Siehst
+du, Paul«, rief er einmal spät in der Nacht, »das Persönliche ists, das
+uns Leuten, wie wir da sind, das Konzept verdirbt. Wir pressen uns jeden
+Gegenstand inbrünstig an die Brust, und vor lauter Verliebtheit
+vergessen wir die Haltung, die Götterhaltung, ohne die unser bestes
+Geschöpf keine bessere Rolle spielt als ein verzogenes Kind.«
+
+Willenius runzelte die Stirn und schwieg. Haß zuckte in seinem Gesicht.
+Wer bist du und was wagst du? schien sein niedergeflammter Blick zu
+fragen. Stellst du ein Prinzip gegen meine Welt, so stell’ ich mich
+selbst gegen dein anmaßendes Verdikt. »Hast du dein Bild heute fertig
+gemacht?« erkundigte er sich nach einer Weile; »du wolltest es mir noch
+zeigen.«
+
+Als Willenius am nächsten Vormittag das Bild sah, überlief ihn ein
+Schauder. Es war ein nackter Knabe, an einen Felsblock gekauert, weiter
+nichts. Der Knabe war häßlich, der Felsblock häßlich, doch das Ganze war
+wie Seele eines Märchens, das enthüllte Geheimnis der Atlantis, ohne
+eine Spur des Pinsels hingehaucht. Willenius reichte Nimführ stumm die
+Hand. Nimführ lächelte ein bißchen geschmeichelt, und wenn er lächelte,
+hatte er Ähnlichkeit mit einer alten Frau. Dieses Lächeln durchbohrte
+Willenius wie ein Messer. Ihm war, als wolle Nimführ damit sagen:
+überspring die Kluft von einem Stern zum andern, von dir zu mir geht
+doch kein Pfad.
+
+So regte sich die brennendste Eifersucht, die je ein Bruderherz zerwühlt
+hat; Eifersucht – Wetteifersucht. Vielleicht ist schon im Mythos von
+Kain und Abel etwas von der Sehnsucht und dem Haß, dem Schmerz und der
+Liebe enthalten, aus denen sich die Eifersucht zwischen Künstlern nährt,
+von jener Qual hauptsächlich, die eher das eigene Ungenügen als das
+Verdienst des Andern zerstörend fühlbar macht. Willenius spürte sich
+gewachsen, als er begriff, daß er aus dem Kreis des Versuchens und der
+Vorbereitung treten müsse, daß er endlich ein Werk schuldig sei, obwohl
+er erkannte, daß man, um ein Werk zu geben, schamlos sein müsse,
+schamlos und kalt.
+
+Als es Sommer wurde, fing er an. Der Vorwurf war folgender: ein reifes
+Kornfeld; ein glutblauer Himmel wie an einem Tag nach Gewittern; hinter
+dem in der Fülle schwankenden Getreide zieht sich das weiße Band einer
+niedrigen Mauer, und hinter der Mauer schreitet straff eine junge Magd
+mit einem Wasserkrug auf dem Haupt. Der Vordergrund wird durch ein Beet
+roten Mohns gebildet, das die ganze Breite des Feldes besäumt. Es waren
+Gegensätze von überraschender Verwegenheit, ein Fünfklang von Blau,
+Gold, Weiß, Braun und Purpur, der von allen unreinen Zwischentönen
+befreit war. Wochen und Wochen hindurch stand Willenius täglich von
+sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags draußen und entwarf über
+dreißig Skizzen. Der Eindruck, den die zunehmende Reife des Korns
+hervorrief, übertraf alle Erwartung und ließ frühere Entwürfe immer
+wieder verblassen. Wichtig war, den rasch abblühenden Mohn festzuhalten,
+der sich nur in einem genau fixierten Frühlicht so sammetartig glänzend
+darbot, wie ihn das Bild verlangte. Von der ungeheuern Anstrengung des
+Körpers und Geistes erschöpft, wurde Willenius Ende September krank und
+mußte für dritthalb Monate jeder Arbeit entsagen. Kaum genesen und nicht
+gewarnt durch den Zusammenbruch, stürzte er sich neuerdings in
+fieberhafte Tätigkeit. Den Sommer mit Ungeduld erwartend, verbrachte er
+den Rest des Frühjahrs mit den Studien zu der weißen Mauer und zu der
+tragenden Frau, die sich immer bedeutungsvoller als ein ernstes Zeichen
+menschlichen Daseins über der farbenherrlichen Landschaft erhob.
+
+Aber nicht mit Freude erfand, gestaltete Willenius auch hier. Obwohl er
+wußte, daß dieses Werk sein Gipfel war, und daß mit wirklichem Können in
+äußerster Sammlung und Vertiefung das Innerste geben Meisterschaft und
+Vollendung heißen durfte, so verfinsterte ihn doch das Ringen um etwas,
+das gleichsam von einem Menschen stammte und nicht von Gott. Ein
+mißlungener Strich, ein Quadratmillimeter unbeseelter Fläche beschwor
+Anfälle von Melancholie und verzweifelte Skrupel über Endgültigkeit und
+Notwendigkeit des Einzelnen und des Ganzen. Daran war er gewöhnt; es
+wäre ihm nicht als Verhängnis erschienen. Aber vordem hatte er kein
+anderes Tribunal gekannt als sein erbarmungsloses Auge, seinen feurigen
+und schmerzhaften Drang, das Höchste zu leisten, was ja schon ein
+Imperativ von quälender und rätselhafter Art ist, der alles private
+Wesen austilgt, und den Menschen wie eine Magnetnadel unaufhörlich
+erschüttert sein und erzittern läßt. Nun war jedoch dieser Freund
+gekommen, dieser Feind; was sag ich, Freund, Feind, – dieser Antipode,
+dieser Aneiferer, Anstachler, dieser Unnahbare, Ungenügsame; das
+verkörperte böse Gewissen.
+
+Willenius fürchtete Nimführ, dessen Existenz ihn ein Racheakt des
+Schicksals gegen die seine dünkte; die Sphäre, in der Nimführ webte,
+hatte etwas Mysteriöses für ihn, durch ihre Helligkeit und Ruhe
+Verdächtiges. Trotzdem fühlte er sich als subalterner Geist darin, und
+wenn er sich nicht eine Kugel durch den Kopf schießen wollte, so mußte
+er lieben, bewundern – und kämpfen.
+
+Was Nimführ betrifft, so wußte er nichts von der Aufgewühltheit des
+Freundes. Hätte er darum gewußt, er hätte das Wesen mit einem
+Achselzucken, einem verwunderten Sarkasmus abgetan. Ihm war die Kunst
+eine gerechte Mutter vieler Kinder. Nebenbuhlerschaft war ihm
+unverständlich, wo er sie an andern spürte, konnte er zugeknöpft werden
+wie ein Geheimrat. Nur trübe gestimmt fand er sich bisweilen durch den
+Umgang mit Willenius; dies schreckte ihn ab, denn sich vor allen
+niederschlagenden und verzerrenden Einflüssen zu bewahren, war ein Gebot
+des Instinkts bei ihm, der sich selber in der Stille durch das Fegefeuer
+unreifer Zustände gerungen hatte.
+
+Eines Nachmittags im Juli rief ihn Willenius in sein Atelier, wo das
+nahezu fertige Bild auf der Staffelei stand, gut belichtet und
+erstaunlich aus der Farblosigkeit des Raumes hervorbrennend. Nimführ
+schaute und schaute; sehr ernst. Zweimal irrte sein Blick zur Seite; er
+fing ihn wieder hinter verkniffenen Lidern. »Donnerwetter, das ist eine
+Leistung«, sagte er endlich in einem fast bestürzten Ton. Willenius
+atmete hoch auf; die Nässe schoß ihm in die Augen; dieses Wort erlöste
+ihn.
+
+Abermals betrachtete Nimführ das Bild, trat näher, schritt zurück,
+neigte den Kopf, faltete die Stirn, nickte, zog die Lippen auseinander,
+lächelte, sagte »Teufel noch einmal«, drückte endlich dem Freund warm
+die Hand und ging. Willenius wurde stutzig. Warum geht er fort? dachte
+er voll Argwohn.
+
+Am Abend kam Nimführ wie gewöhnlich herüber, stand wieder lange vor dem
+Bild, sprach dann über gleichgültige Dinge, plötzlich aber, während er
+eine Zigarre anzündete, meinte er obenhin: »Dein Mohn sieht garnicht aus
+wie Mohn, sondern wie Blut.« Willenius zuckte zusammen. »So?« sagte er
+kurz, »ich dächte doch.« Und als Nimführ schwieg, fuhr er mit rauher
+Stimme fort: »Rede nur von der Leber weg; du hast was gegen das Bild,
+ich hab’s gleich gemerkt.«
+
+Nimführ schüttelte mit einer Miene den Kopf, als ob er sagen wollte:
+Schwatzen hat keinen Zweck. So sehr er das Werk als Maler anerkennen
+mußte, so sehr ging es ihm in der Wirkung wider das Gefühl. Es war ihm
+zu nah und zu momentan, und weil seine Phantasie nicht ins Spiel kommen
+konnte, schloß er, daß Willenius keine Phantasie besitze und daß er
+diesen Mangel durch übergroße Deutlichkeit und die gierige Preisgebung
+aller Kräfte unbewußt verhülle. Er war des prostituierenden Treibens
+satt, denn alle und alles um sich her sah er davon angefault. Er war es
+satt, die Grenzen des Metiers verwischt zu sehen in diesen aus
+Verzweiflung, Wut und Gewaltsamkeit erzeugten Produkten, in denen ganze
+Farbenknoten zur Plastik drängten. Er wollte, er konnte sich nicht
+erklären, aber Willenius bedurfte der Erklärung nicht, er empfand sie in
+seiner frierenden Brust. Er ahnte, was es heißen sollte: der Mohn sähe
+aus wie Blut.
+
+Mit großen Schritten ging er unaufhörlich hin und her. Die nach vorn
+gebogene Gestalt schwankte auf den langen Beinen, die stumpfen
+Brombeeraugen irrten ruhelos hinter den Lidern. Aus geschnürter Kehle
+fing er an zu sprechen. Vorwurf war das erste; Trotz, Herausforderung,
+Verdächtigung folgten unerbittlich. Nimführ antwortete kühl. Er
+appellierte an die Sache und bat um Sachlichkeit. Willenius, der wie
+alle schüchternen und verschlossenen Menschen im Zorn jedes Maß und
+jeden Halt verlor, schrie: »Ich pfeife auf deine Sachlichkeit. Sachlich
+bin ich, wenn ich arbeite. Jetzt fordere ich Rechenschaft von dir als
+Person. Ich bin dir im Wege; gestehs, daß ich dir im Wege bin.« Da
+versetzte Nimführ mit furchtbarer Gelassenheit: »Wie kannst du mir im
+Wege sein, da ich deinen Weg für verderblich halte, verderblicher als
+die Wege der Stümper –?«
+
+Willenius griff sich ans Herz. Das Herz stand ihm still. Er sah sich
+verloren, zum Schafott verdammt; ein Leben voller Mühsal, Kampf und
+Entbehrung wertlos geworden. Die Feuchtigkeit vertrocknete in seinem
+Gaumen; unsäglicher Haß lenkte seinen Arm, als er das scharfgeschliffene
+Messer packte, das zum Spreiselschnitzen diente, und das auf dem Tische
+lag; mit flackernden Blicken, geduckt, eilte er auf Nimführ los. Dieser
+wurde kreideweiß. Zuerst wich er zurück, dann umschloß er mit eiserner
+Faust das Handgelenk des Rasenden, wand ihm mit der Rechten das Messer
+aus den Fingern, schleuderte es in einen Winkel, hierauf ging er und
+machte die Türe nicht lauter zu als sonst.
+
+Willenius schlich an die Wand und genau dort, wohin das Messer gefallen
+war, kauerte er sich nieder. Eine halbe Stunde mochte verflossen sein,
+und er hockte immer noch da, regungslos wie ein verendendes Tier. Auf
+einmal jedoch rangen sich aus dem Tumult seines Innern die gellenden
+Worte los: »Zum Malen braucht man keine Ohren«, und blitzschnell hob er
+das Messer auf und schnitt sich damit zuerst das rechte, dann das linke
+Ohr vom Haupt. Auf die Wundflächen legte er Watte und verband sich dann
+mit einem großen roten Tuch. Er setzte eine Mütze auf, verlöschte die
+Lampe und begab sich auf die Straße. Bis zum Morgengrauen irrte er
+planlos durch die Stadt, dann begab er sich wieder ins Atelier, nahm
+Bild, Kasten und Staffelei und machte sich auf den Weg hinaus, wo der
+Acker war mit der Mauer und dem Mohnfeld. Er stellte die Leinwand auf
+und verglich. Er trat ins reife Korn und schritt langsam im Kreis herum.
+Als er zurückkehrte, um zu malen, verlor er die Mütze. Die Sonne, die
+schon hochgestiegen war, brannte auf seinen Kopf. Er malte einen
+Leichnam in den roten Mohn hinein. Die Augen gingen ihm über; nein,
+nicht einen Leichnam, es war der Tod selbst, fahl, bleiern und
+phantastisch, der Tod in einem Purpurbett. Mit jedem Pinselstrich
+verdarb er das herrliche Bild mehr; er malte die Zerstörung seiner
+eigenen Seele, den Wahnsinn, das Ende. Noch einmal leuchtete in seinem
+Blick der tiefe und strömende Glanz, der den Künstler bei der Arbeit
+bisweilen einem betenden Kind ähnlich macht, dann brach er in ein
+weitschallendes Gelächter aus, das einige Landleute herbeilockte. Diese
+führten ihn zur Stadt.
+
+Ein paar Tage später besuchte ihn Nimführ in der Anstalt, in die er
+gebracht worden war. Welch ein Genie war das, dachte er schmerzlich
+versunken, als er in das kaum zu erkennende Antlitz des Freundes
+schaute. Willenius lag im Bett und rauchte seine Pfeife. Die Augen
+schienen Nimführ zurückzuweisen und nach ihm zu verlangen, sie schienen
+ihn zu grüßen wie zwei geheimnisvolle Flammen aus einem umwölkten
+Himmel.
+
+»Wissen Sie etwas Näheres über den Anlaß, weshalb er sich so verstümmelt
+hat?« fragte der Arzt draußen.
+
+Nimführ blickte zu Boden und erwiderte mit eigentümlicher Bitterkeit:
+»Dafür habe ich nur eine einzige Erklärung; er liebte die Kunst mit
+einer verbrecherischen Leidenschaft. Er liebte die Kunst und haßte
+seinen Körper. Er vergaß, daß man auch leben muß, wenn man schaffen
+will, leben, fühlen, träumen und gegen sich selbst barmherzig sein.«
+
+Einen Monat darauf reiste Nimführ übers Meer, nach Ländern, wo es noch
+unschuldige Menschen und reine Farben gab.
+
+
+
+
+Herr de Landa und Peter Hannibal Meier
+
+
+Es war Essenszeit geworden, und bei Tisch unterhielten sich die Freunde
+hauptsächlich über die Hochwassergefahr. »Schade, wenn wir
+gezwungenermaßen hier bleiben müßten, da wir es freiwillig doch so gerne
+tun,« meinte Cajetan; »doch bin ich mit meiner Bauernstube ganz
+zufrieden, und kommt jetzt die Sonne wieder, so wird uns zur Belohnung
+der schönste Herbstbrand aus den Wäldern leuchten.«
+
+Erst nach Beendigung der Mahlzeit wurden die Eindrücke über die
+Geschichte von Nimführ und Willenius ausgetauscht. »Richtig ist«, sagte
+Borsati, »daß in den Romanen und Novellen solche Konflikte immer durch
+die Liebe verwässert werden. Es sind echte Malercharaktere, die beiden.«
+
+»Ich finde hier einen Unterschied bestätigt, den ich schon oft
+konstatiert habe,« bemerkte Hadwiger, »den Unterschied zwischen
+Ding-Naturen und Idee-Naturen. Dieser Willenius ist eine Ding-Natur,
+trotz seines wunderbaren Talents. Ja, ich möchte ihn fast einen
+Fetischisten nennen. Ich habe mit Arbeitern zu tun gehabt, die ganz
+ähnlich veranlagt waren. Ich kannte einen, der vor Eifersucht Wutanfälle
+bekam, wenn ein Kamerad Zirkel und Winkelmaß von ihm borgen wollte. Das
+Verhältnis zum Ding geht oft ins Sonderbare. Ich kannte einen
+Lokomotivführer, der sich fest einbildete, seine Maschine scheue an
+einer bestimmten Stelle vor einem Tunnel; er versah sich mit einer
+Peitsche und schlug sie wie man einen Esel schlägt, da parierte sie und
+lief ohne Stockung weiter.«
+
+»Oft bin ich als Kind vor der Schmiede gestanden,« erzählte Franziska,
+»und war völlig hingenommen von der Vorstellung, das glühende Eisen, das
+sich unterm Hammer krümmte, sei ein lebendiges Wesen, und die Funken,
+die umherspritzten, schienen mir wie sichtbare Schmerzensseufzer.«
+
+»Im Volk spielt das Feuer nicht selten die Rolle eines willensbegabten
+Geistes«, sagte Borsati. »Zu Grenchen in der Schweiz lebte ein Bauer,
+von dem behauptet wurde, er sei mit dem Feuer im Bund; dafür habe er
+sich verpflichtet, kein Weib zu berühren. Er konnte glühende Kohlen auf
+der Handfläche tragen, und eines Tags rettete er ein Mädchen aus einem
+lichterloh brennenden Haus, ohne daß ein Haar auf seinem Haupt versengt
+wurde. Da geschah es, daß er in der Johannisnacht eine hübsche Dirne
+küßte. Die Scheiterhaufen waren im Tal angezündet, er schritt über einen
+Felsgrat, um Reisig zu sammeln, plötzlich erfaßte ihn der Schwindel, er
+wankte, er stürzte herab, unterhalb der Steinwand brannte ein großes
+Feuer, er stürzte mitten in die Flammen und ging elend zugrunde.«
+
+»Bisweilen ist mir, als ob die toten Dinge an unserer Existenz irgendwie
+teil hätten«, äußerte Cajetan. »Ist euch nie aufgefallen, wie rasch ein
+Zaun zerfällt oder eine Gartenmauer abbröckelt, wenn die Besitzer
+gestorben sind? und es war vordem durchaus keine Sorgfalt auf die
+Erhaltung verwendet worden. Es gibt Leute, die eine närrische Pietät für
+die Stiefel hegen, die sie getragen, und andere, die sich von einem
+verschossenen Filzhut nicht trennen können. Gewohnheit ist dafür nur ein
+Wort, das wenig besagt.«
+
+Franziska versetzte: »In meiner Heimat lautet ein Sprichwort:
+verfallener Zaun und magerer Hund geben Kummer und Sorgen kund.«
+
+»Na, mit den Hunden stimmt das nicht so ganz«, meinte Borsati lächelnd.
+»Einer meiner Bekannten hatte einen äußerst mageren Spitz. Eines Tages
+wurde der Mensch krank und bekam die Auszehrung. Von dieser Stunde ab
+wurde der Hund auf eine erstaunliche Weise fett und immer fetter, und
+als der Herr starb, glich das rätselhafte Tier eher einem Mastschwein
+als einem Hund.«
+
+»Der Bauer in Grenchen erinnert mich an einen andern schweizerischen
+Bauern, für den ebenfalls das Feuer zum Verhängnis wurde«, ergriff
+Lamberg das Wort.
+
+
+»Es war ein junger Knecht, der die Tochter eines reichen Gütlers liebte.
+Jahrelang warb er hoffnungslos, bis endlich bei der Heimkehr von einem
+Schützenfest, wo er den Preis errungen hatte, das stolze Mädchen sich
+ihm zuneigte. In der Nacht, während er in ihrer Kammer weilte, brach auf
+dem Hof, wo er bedienstet war, Feuer aus. Alle waren beim Löschen
+beteiligt, und er kam erst, als Scheune und Haus niedergebrannt waren.
+Sein verwirrtes, ja beinahe berauschtes Betragen bestärkte den Verdacht,
+den seine Abwesenheit erregt hatte, und er wurde beschuldigt, das Feuer
+gelegt zu haben. Hätte er sich entschließen können, anzugeben, wo er die
+Nacht über geweilt, so hätte niemand an seiner Unschuld gezweifelt. Aber
+er wollte den Ruf seiner Geliebten schonen, er wußte, wie sehr sie die
+üble Nachrede fürchtete und daß sie ihm den Verrat nicht verziehen
+hätte. Seine Beteuerungen waren umsonst, und da er die Auskunft darüber
+verweigerte, wo er sich aufgehalten während der Zeit, wo das Feuer
+entstanden war, so wurde er zu fünf Jahren Kerker verurteilt. Er konnte
+es kaum glauben, daß ihm dies geschehen, denn er war ein Mensch von
+angeborener Redlichkeit, und daß er einen männlichen und edlen Charakter
+besaß, leuchtet ja durch seine Handlungsweise ein. Er saß nun im
+Zuchthaus und wartete. Seine stärkste Hoffnung war, daß die Feuersbrunst
+auf eine natürliche Ursache werde zurückgeführt werden können. Dies
+geschah nicht. Sodann meinte er, der wahre Schuldige werde sich, vom
+bösen Gewissen angetrieben, melden. Dies geschah auch nicht. Und
+schließlich wagte er zu denken, daß die stolze Bauerntochter Mitleid
+verspüren würde, daß sie so viel Unheil nicht auf ihre Seele werde laden
+wollen, daß sie mutig sich zu ihm bekennen würde, aber dies geschah am
+allerwenigsten. Als nun die fünf Jahre um waren, kam er als gebrochener
+Mensch in das heimatliche Dorf und die erste Neuigkeit, die man ihm
+mitteilte, war, daß seine Geliebte unterdessen längst geheiratet und
+auch schon zwei Kinder habe. Da verwandelte sich sein stummer Gram in
+Haß und Zorn, eines Morgens machte er sich auf, betrat das Haus der
+Bäuerin und als er ihr gegenüberstand und sie ihn fragte, was er
+begehre, denn sie erkannte ihn nicht, da überwältigte es ihn und mit
+gehobenen Fäusten schritt er auf sie los. In dem Augenblick trat das
+älteste Kind, ein Knabe, zur Tür herein. Die Bäuerin war bleich gegen
+die Schwelle gewichen, jetzt wußte sie, wer er war; sie ergriff den
+Knaben, hob ihn ein wenig empor und sagte: schau ihn dir an. Und er sah,
+daß der Knabe ihm ähnlich war an Gesicht und Haar und Augen und daß er
+auf der Wange ein großes blutiges Feuermal hatte. Schweigend kehrte er
+um und verließ das Haus. Von der Stunde ab war es aber um die Ruhe der
+Bäuerin geschehen, sie konnte den Blick ihres ehemaligen Liebhabers
+nicht vergessen. Haus und Hof gerieten ihr in Unordnung, alles ging
+einen schiefen Weg, der ganze Besitz kam in Wuchererhände, der Bauer
+mußte sich entschließen auszuwandern und, nachdem ein Jahr vergangen
+war, lief von Brasilien aus ein Brief an die Gerichtsbehörde, worin die
+seltsame Frau nicht etwa ihr wirkliches Vergehen bekannte, sondern sich
+bezichtigte, daß sie die Brandstifterin gewesen sei und daß der Knecht
+keine Schuld trage. Sie gab die einzelnen Umstände ihrer Tat, die sie
+aus einem unsinnigen Trieb nach Licht und Erregung erklärte, mit solcher
+Genauigkeit an, daß man ihr Glauben schenken mußte, aber der Knecht, den
+man gern für die erlittene Unbill entschädigt hätte, war verschwunden,
+und sein Aufenthalt konnte durch keine Bemühung entdeckt werden.«
+
+
+»Was für ein Weib!« rief Franziska verwundert. »Sie ist mir
+unverständlich. Nicht eine Regung von ihr begreife ich. Hat sie den
+Knecht geliebt? Konnte sie nur eine Nacht lang lieben? Schämte sie sich
+seiner? Und ist selbst dann eine solche Grausamkeit möglich? Unter
+Bauern ist man doch sonst nicht so furchtsam auf das Prestige der Tugend
+bedacht.«
+
+»Im allgemeinen nicht,« antwortete Lamberg, »doch beobachtet man
+zuweilen, besonders in protestantischen Ländern, eine außerordentliche
+Strenge der Lebensführung auch unter Bauern. Da ist dann ein ehernes
+Festhalten an uralten Überlieferungen, ein Puritanismus geheiligter
+Formen, der keinem Gebot der Leidenschaft unterzuordnen ist, und es läßt
+sich wohl denken, daß ein derart erzogenes Mädchen, starr und
+konservativ bis zum Äußersten, wie eben nur Frauen zu sein vermögen,
+wenn sie einmal eine Überzeugung in sich tragen, daß ein solches Mädchen
+ihr Glück und ihr Herz eher preisgibt als jene Form. Ich zweifle nicht
+daran, daß sie den Knecht geliebt hat, so tief geliebt, daß sie ihm ihre
+Jungfräulichkeit zum Opfer brachte. Und darnach fand sie sich vielleicht
+so gedemütigt, so heruntergezerrt, daß ihr keine Sühne groß genug
+erschien für den Mann wie für sie selbst. Das Brandmal auf der Wange des
+Kindes verrät mir unerhörte Kämpfe in der Seele der Mutter.«
+
+»Wenn du es so darstellst, Georg, fange ich an, die Frau anders zu
+betrachten,« versetzte Franziska sinnend. »Freilich kann man alles das
+aus den Geschehnissen heraushören, wir sind nur der Sparsamkeit entwöhnt
+und möchten das Deutliche gleich überdeutlich, – wir Frauen nämlich«,
+fügte sie entschuldigend hinzu.
+
+»Es ist klar, daß der Ehemann von alldem nichts gewußt hat«, fuhr
+Lamberg fort, »und das Zusammenleben muß etwas Beängstigendes für ihn
+gehabt haben. In dieser Sphäre sprechen sich die Menschen schwer
+gegeneinander aus, und ihre Geheimnisse wie ihre Sorgen versteinern mit
+ihnen.«
+
+»Andererseits ist eine zu große Freiheit des Aussprechens, wie sie
+unter Gebildeten zu herrschen pflegt, auch nicht geeignet, das Leben zu
+erleichtern«, wandte Cajetan ein. »Stillschweigen führt wenigstens zu
+Entscheidungen, das viele Reden stumpft die Impulse ab und begünstigt
+eine gewisse Frivolität, einen überflüssigen Trotz des Handelns. Dies
+ist eine der Hauptursachen, weshalb es so wenig glückliche Ehen gibt.
+Die Frauen spüren es nicht so, sie plätschern mit Vergnügen im Element
+des Wortes, im Mann ist Sehnsucht nach Stummheit.«
+
+»Man sollte eben eine stumme und eine redende Frau haben,« sagte
+Franziska. »So hats der Graf von Gleichen gehalten, aber ich will darauf
+schwören, daß die stumme öfter gesprochen und die redende öfter
+geschwiegen hat als ihm lieb war.«
+
+»Und doch muß es nicht so sein,« sagte Borsati; »zumindest ist mir ein
+Fall bekannt, wo eine solche Doppelehe stattgefunden hat und im
+lautersten Frieden durch viele Jahre geführt wurde. Es ist eine Idylle
+eigener Art, und es mag selten vorkommen, daß das wirkliche Leben den
+Verlauf von Schicksalen gleichsam einer alten Legende nachzeichnet.
+
+
+Herr de Landa, ein Mann von großem Reichtum, bewohnte in einem Villenort
+nahe der Stadt ein vornehmes Haus. Er war seit zehn Jahren verheiratet,
+die Ehe, aus der zwei Söhne entsprossen waren, konnte eine glückliche
+genannt werden, die Frau war ihm ergeben und hatte einen ruhigen,
+gleichmäßigen und heiteren Sinn. Eines Morgens ging Herr de Landa im
+Garten spazieren, und als er an das Gitter kam, das das
+Nachbargrundstück von dem seinen trennte, sah er drüben eine junge
+schöne Person, die seinem ehrerbietigen Gruß lächelnd dankte. Auf seine
+Erkundigung wurde ihm berichtet, daß in jenes Haus vor kurzem ein
+Witwer, ein pensionierter Oberst, ein Mann in vorgerücktem Alter
+eingezogen und daß das Mädchen seine Tochter sei. Herr de Landa wandelte
+nun täglich zu der Stelle, wo er das Fräulein zuerst gewahrt, es war
+Sommer, das schöne Geschöpf weilte tagelang im Garten, aus flüchtigen
+Grüßen wurden Gespräche, bald wandelte man gemeinsam über die Wege des
+Landaschen Parks, und ein stilles Pförtchen erleichterte die
+Zusammenkunft; Herr de Landa brachte Bücher, das Fräulein Josepha las
+sie, Herr de Landa bot sein Herz an, das Fräulein Josepha nahm es. Zu
+Anfang des Herbstes starb der Oberst, es stellte sich heraus, daß seine
+Vermögensumstände zerrüttet waren, und Josepha hätte sich einen
+Brotverdienst suchen müssen. Da erklärte ihr Herr de Landa, daß er seine
+Familie verlassen wolle, um ihr anzugehören. Das Mädchen war sehr
+bekümmert; nicht als ob sie das Gefühl des Mannes nicht erwidert hätte,
+im Gegenteil, sie liebte ihn mit der ganzen Glut ihrer Jugend, obwohl er
+um fünfzehn Jahre älter war als sie; aber in ihrer Redlichkeit sträubte
+sie sich dagegen, die Zerstörerin seines häuslichen Glücks zu sein, der
+Frau den Gatten, den Kindern ihren Vater zu rauben. Ich will dir sein,
+was du von mir forderst, sagte sie, nur laß mich nicht zur Verbrecherin
+an dir und den Deinen werden. Herr de Landa war jedoch ein zu gerader
+Mensch, um das Zwieträchtige und Unbefriedigende eines solchen
+Verhältnisses dauernd ertragen zu können, ein jäher Entschluß beendete
+sein Schwanken, und er teilte seiner Frau mit, wie die Dinge stünden.
+Diese hatte natürlich längst geahnt, längst das Schlimme nahen gefühlt;
+sie schwieg eine Weile, endlich sagte sie zu ihm: scheiden lasse ich
+mich nicht von dir, das kann ich nicht, das wäre mein Tod; wenn du aber
+nicht ohne Josepha leben kannst, so nimm sie ins Haus, ich will mit
+meinen besten Kräften versuchen, mit ihr unter einem Dach zu
+wirtschaften. Herr de Landa war sehr überrascht von diesem Vorschlag, er
+verbarg seine Bewegung und ging ohne zu antworten hinweg. Seine
+Verwunderung wuchs, als Josepha durchaus nicht entrüstet oder verletzt
+war, als er ihr von dem sonderbaren Ansinnen erzählte; tapfer blickte
+sie dem Ungemeinen ins Auge, ehe noch der Tag verfloß, begab sie sich zu
+Frau de Landa, war betroffen von deren Güte und von einer Seelengröße
+erobert, der sie nur durch Nacheiferung danken zu können glaubte. Der
+Pakt war alsbald geschlossen. Die äußere Form machte geringe
+Schwierigkeit, – Josepha war die Vertrauensdame des Hauses, die
+Schlüsselbewahrerin, während sich Frau de Landa mehr der Erziehung der
+Söhne widmete. Es gibt keine Leidenschaft, über die sich nicht endlich
+das Grau der Alltäglichkeit breitete; was anfangs abenteuerlich, ja
+gefährlich erschienen war, wurde Gewohnheit, die Empfindung des
+Problematischen wurde durch stetige und herzliche Einigkeit verdrängt,
+und so friedensvoll fügten sich die beiden Frauen in ihrem Wandel und in
+ihren Gepflogenheiten ineinander, daß sie Abend für Abend in demselben
+Zimmer an demselben Tisch saßen, Handarbeiten verfertigten, Wäsche
+ausbesserten, dabei von »ihm« sprachen, der in Gesellschaft gegangen war
+oder sich auf Reisen befand und den sie in all ihren Regungen, in Worten
+und Gedanken treu begleiteten. Auch die Söhne nahmen die Ordnung des
+Hauses als eine natürliche hin, sie dutzten Josepha und behandelten sie
+wie eine Freundin. Einundzwanzig Jahre waren verflossen, da starb Herr
+de Landa eines plötzlichen Todes. Als die schmerzlichen Tage der ersten
+Trauer vorüber waren und Frau de Landa eines Abends mit ihren Söhnen
+über deren Zukunft sprach, kam Josepha herein, trat auf den älteren Sohn
+zu, überreichte ihm die Schlüssel, die sie so lange im Besitz gehabt,
+und sagte, er möge nun nach seinem eigenen Ermessen darüber schalten,
+sie erwarte seine Befehle. Der junge Mann wußte nichts zu antworten,
+aber Frau de Landa nahm die Schlüssel aus seiner Hand und gab sie
+Josepha mit den Worten zurück: Nichts da, Josepha, es bleibt alles beim
+Alten. Und so führten die zwei Frauen ihr bisheriges Leben weiter, saßen
+wie vorher bei der abendlichen Lampe und unterhielten sich von »ihm«,
+der nun gestorben war, von seinen Tugenden und seinen Fehlern, von dem,
+was er getan und was er gesprochen und wie mancher Charakterzug in den
+Söhnen an ihn gemahne. Sie verstanden sich in jedem Blick und Laut, sie
+waren wie zwei Schwestern, die durch gemeinsam erprobte Liebe
+unverbrüchlich aneinander gebunden waren.«
+
+
+Cajetan, entzückt von der Erzählung, sagte, er habe sich das Eheleben
+des historischen oder vielmehr sagenhaften Grafen von Gleichen ziemlich
+jammervoll gedacht. »Ich sehe zwölf oder fünfzehn Kinder, niemand kennt
+sich aus, welches die Sprößlinge der Türkin und welches die der älteren
+Gemahlin sind, die zwei Frauen lassen kein gutes Haar aneinander, das
+Schloß wird für den Grafen der ungemütlichste Aufenthalt auf Erden und
+vielleicht wandert er als Greis noch einmal ins heilige Land, bloß um
+vor seiner Familie Ruhe zu finden. Aber Sie haben mich bekehrt, lieber
+Rudolf. Wenn die gräflichen Herrschaften so famose Leute waren wie diese
+de Landas, muß ich mich meiner Skepsis schämen.«
+
+»Hätte die Josepha Kinder gehabt, wer weiß, ob nicht Frau de Landa doch
+eifersüchtig geworden wäre,« bemerkte Franziska. »Ich kann mich ja in
+keine der beiden Frauen versetzen, obwohl ich mir bewußt bin, daß die
+Lockung, die für euch Männer die wesentlichste in der Liebe ist, für uns
+viel geringer ist als ihr alle vermutet. Das gröbste Weib ist darin noch
+nicht so materiell wie der zarteste Mann.«
+
+»Du lobst mir die Frauen zu sehr«, entgegnete Georg Vinzenz, »das läßt
+nur darauf schließen, daß du die Männer besser kennst. Ich gebe zu, daß
+der Mann die Sinnlichkeit sozusagen wörtlicher nimmt; umso tiefer
+befindet er sich im Einklang mit der Natur, der jede Aufbauschung und
+Verschnörkelung ihrer einfachen Triebe eigentlich lästig sein muß.
+Überhaupt, – die Männer, die Frauen, was heißt das? Ich kann mit den
+Generalbegriffen nach dem Muster französischer Maximen-Sammlungen nichts
+anfangen. Der Soundso, die Soundso, darüber läßt sich reden.«
+
+»Erinnerst du dich, Rudolf«, wandte sich Franziska an Borsati, »an die
+Geschichte eines gewissen Meier, der auch mit zwei Frauen lebte und der
+so stolz auf seinen Sohn war, den er von der rechtmäßigen Frau hatte?
+Der Sohn aber war nicht von ihm, sondern von einem Vetter, und die Frau,
+ein wunderliches Gemisch von Heldin und Sklavin, hatte den Mann aus
+Liebe hintergangen. Erinnerst du dich? Wir hörten die Geschichte vor
+Jahren, als ich in Nürnberg gastierte und du mir nachgereist warst.«
+
+Borsati nickte. »Ich erinnere mich«, antwortete er. »In der
+Gesellschaft, in der sie erzählt wurde, wollte jemand damit beweisen,
+daß der moralische Geist des gegenwärtigen deutschen Bürgertums
+gebrochen sei, und ich hatte beim besten Willen nichts anderes finden
+können als daß ein aufgeblasener Tropf vom Schicksal gebührend traktiert
+worden war.
+
+
+Peter Hannibal Meier hieß der Mann; war ein Prahler und Besserwisser,
+unverträglich wie ein Hamster und boshaft wie ein Irrwisch. Er hatte
+einen wohlhabenden Vetter in der Stadt, den Vetter Julius, wie ich ihn
+ein für allemal nennen will, und dieser Vetter Julius war mit einem
+netten, obschon nicht sehr geistreichen Mädchen verlobt. Peter Hannibal
+Meier mißgönnte dem Vetter Julius das hübsche Frauenzimmer und entschloß
+sich, sie ihm wegzuschnappen. Die gute Cilly, das war der Name des
+Mädchens, wurde von den Eigenschaften des neuen Bewerbers geblendet und
+erhoffte sich mit ihm ein weit erhabeneres Los als an der Seite des
+biedern und bescheidenen Vetter Julius. Kurz nach der Hochzeit
+entwickelte Peter Hannibal der Frau sein Eheprogramm. Er erklärte ihr,
+daß er sich sieben Söhne wünsche. Jeden dieser Söhne hatte er schon zu
+einem Beruf bestimmt und es gab einen Offizier, einen Staatsmann, einen
+Gutsbesitzer, einen Schiffsreeder und einen Superintendenten darunter.
+»Wir gründen ein neues Geschlecht«, sagte er, »eine Dynastie Meier, und
+in dreißig oder vierzig Jahren wird es hier eine Exzellenz Meier, dort
+einen Baron Meier, hier einen General Meier, dort einen Regierungsrat
+Meier geben; also spute dich, Cilly; du mußt nur wollen; wenn man
+ernstlich will, kann einem nichts mißlingen.« Der Frau war es nicht
+recht behaglich zumut, sie erkannte, daß der schwierigere Teil der
+Aufgabe ihren Schultern zufiel, und sie meinte treuherzig, daß einem der
+liebe Gott anstatt eines Sohnes auch eine Tochter bescheren könne, ein
+Argument, das Peter Hannibal geringschätzig abtat. »Ich bin mir selber
+lieber Gott genug«, sagte er frech; »tue du deine Pflicht und laß den
+lieben Gott zufrieden.« Aber Peter Hannibal Meier wurde in seiner
+Zuversicht getäuscht. Frist auf Frist verstrich; er wunderte sich; er
+fand sich beleidigt und mißachtet; er höhnte; er fragte bitter, wann
+sich die Gnädige endlich zu entschließen gedenke, und als zwei Jahre um
+waren, verließ ihn die Geduld vollends, er jagte die alte häßliche
+Köchin, die im Haus war, eines Tages davon und machte ein frisches,
+dralles Mädchen vom Land ausfindig, die seine Favoritin wurde, während
+Cilly als Aschenbrödel das neue Flitterwochenglück durch ihre
+Dienstleistungen erhöhen mußte. Wieder vergingen viele Monate, ohne daß
+sich Peter Hannibals Hoffnung auf Nachwuchs erfüllte. Inzwischen
+faulenzte er und lief in die Bierkneipen, um mit Wut gegen Bismarck zu
+politisieren, dessen geschworener Feind er war, und auch sonst die
+Weltzustände kritisch zu beleuchten. Das Kaufmannsgeschäft, das er
+betrieb, brachte nichts ein, und er ging damit um, andere Quellen des
+Reichtums zu finden. So fiel er einem berüchtigten Bauspekulanten in die
+Hände, der ihm in den verlockendsten Tönen ein Grundstück anpries, in
+dessen Besitz man innerhalb kurzer Zeit ein Vermögen erwerben könne und
+das für einen Spottpreis zu haben sei. Doch Peter Hannibal Meier, so
+lecker er auf den Köder war, vermochte das Kapital nicht aufzubringen
+und da kein Mensch sonst gewillt war, ihm Kredit einzuräumen, richtete
+er sein Augenmerk auf den Vetter Julius. Er befahl seiner erschrockenen
+Frau, zu dem ehemaligen Verlobten zu gehen und ihn um das Geld zu
+bitten. Als sie sich weigerte, drohte er, sich von ihr scheiden zu
+lassen, und verfehlte nicht, ihr die schwere Unterlassungssünde
+vorzuwerfen, die sie ihm gegenüber auf dem Gewissen hatte. »Woher weißt
+du denn so genau, daß ich die Schuld trage?« fragte die geängstete und
+gekränkte Frau, die sich selbst darnach sehnte, Mutter zu werden. Sie
+verstummte jedoch demütig vor der Miene unermeßlichen Staunens in Peter
+Hannibals Gesicht. Die Verwegenheit eines solchen Zweifels stimmte ihn
+geradezu froh, und er trällerte sein Lieblingslied, den Jungfernkranz
+aus dem Freischütz. Cilly trat den sauern Gang an. Als es Abend wurde,
+brachte sie die gewünschten siebentausend Mark und warf sich ihrem
+vergötterten Peter Hannibal schluchzend an die Brust. Einige Wochen
+später teilte sie dem Gatten mit, daß sie einem freudigen Ereignis
+entgegensehe, und ehe das Jahr verflossen war, erblickte Karl Theodor,
+der erste Meier, das Licht der Welt. Peter Hannibal nahm die
+Glückwünsche seiner Bekannten als den Dankeszoll auf, der einem
+siegreichen Helden gebührt, und wandelte in der Stadt herum mit einer
+Miene, als ob noch nie zuvor ein Mann etwas so Wunderbares vollendet
+hätte. Die Magd verlor an Gunst, Peter Hannibal wurde nicht müde, ihr
+die Tugenden seiner Cilly zu rühmen, aber die Person, verärgert und
+neidisch, konnte einen bösen Argwohn nicht verhehlen und schlich durch
+das Haus wie Jemand, der die Ursache eines Brandgeruchs sucht. Peter
+Hannibal kaufte das Stück Land, ließ es einzäunen, spazierte jeden Tag
+stundenlang, in großartige Berechnungen vertieft, auf dem sandigen Boden
+umher und fühlte sich als Grundbesitzer ebenso stolz wie als Vater eines
+verheißungsvollen Sprößlings. Die junge Magd wob indessen ihre Pläne.
+Sie wußte Cilly, die seit der Geburt des Kindes immer häufigere Anfälle
+von Melancholie hatte, so geschickt zu umschmeicheln, daß sie aus
+Hindeutungen, verlorenen Worten, Belauschung des Schweigens und des
+Schlafes der Frau ihren Verdacht bald genug bestätigt fand. Nun begann
+sie ihre Wissenschaft den Nachbarn anzuvertrauen, es wurde gemunkelt und
+geraunt, Scherzreden und Sticheleien schwirrten auf, aber Peter Hannibal
+steckte in seinem Dünkel und seiner Selbstverhimmelung wie in einem
+unverletzbaren Panzer, er hörte nichts und merkte nichts. Jetzt wurde zu
+dem giftigen Mittel gegriffen, das in der bürgerlichen Gesellschaft
+stets zur Anwendung gelangt, wenn Feigheit und Tücke sich
+verschwistern, zu anonymen Briefen. Peter Hannibal brauchte geraume
+Zeit, bis das Unfaßliche ihm bewußt wurde. Im ersten Ausbruch der
+Raserei zerschlug er in der Küche die Töpfe und Teller. Die Magd, unter
+dem Vorwand, ihn zu beruhigen, stachelte ihn noch mehr auf durch die
+Versicherung, daß Vetter Julius der Urheber der schimpflichen Gerüchte
+sei. Da zog der ergrimmte Mann seinen Sonntagsrock an, nahm eine
+Hundspeitsche und begab sich zu Vetter Julius. Geruhsam saß Vetter
+Julius auf seinem Kontorsessel, als Peter Hannibal über die Schwelle
+stürmte. Er war eine stattliche Erscheinung, hatte ein rundes, volles
+Gesicht mit einem aufgedrehten Schnurrbart, der wie ein gewichster
+Stiefel glänzte. Peter Hannibal vollführte einen mächtigen Lärm, und er
+fuchtelte dem Vetter mit der Peitsche so unbequem vor der Nase herum,
+daß dieser lammfromme Herr endlich etwas wie Zorn zu zeigen anfing. Es
+wäre ihm niemals eingefallen, die von ihm noch immer geliebte Cilly
+bloßzustellen; wie er aber diesen Menschen so vor sich stehen sah,
+dieses Sammelsurium von Prahlerei, Eigenlob, Ohnmacht und
+Selbstsicherheit, stieg ihm der Verdruß wie heißer Wein zu Kopf; er
+vergaß Rücksicht und geleistetes Versprechen, er erinnerte sich nur der
+niedergetretenen und besudelten Seele jenes Weibes, und in dürren Worten
+stellte er den Tatbestand fest; sodann verließ er das Zimmer. Peter
+Hannibal starrte wie geschlagen vor sich hin. Trotz des strömenden
+Regens wanderte er zu seinem Grundstück hinaus, und irrte dort die kreuz
+und quer gleich Timon, der von allen Freunden verraten in die Wildnis
+floh. Am nächsten Tag war er krank und lag monatelang darnieder, treu
+gepflegt von Cilly und der jungen Magd. Als er das Bett wieder verlassen
+konnte, zeigte er ein schweigsames und geheimnisvolles Betragen und
+erschien wie einer, der mit tiefem Bedacht wichtige Unternehmungen
+vorbereitet. Er fühlte sich als das Opfer eines Betrugs; es handelte
+sich gleichsam um die falsche Buchung auf einem Kontokorrent; ein Posten
+war auf Soll geschrieben worden, der von rechtswegen auf Haben stehen
+mußte. Lange erwog er das Projekt, nach Afrika zu reisen, um neue
+Diamantfelder zu entdecken; später beschäftigte er sich mit der
+Erfindung einer Maschine zum Melken der Kühe, zuletzt wollte er eine
+Zeitung gründen. Alle diese unruhigen Ideen hatten ein und dasselbe
+Ziel. Da ereignete es sich, daß eine Bahnbauanlage, deren Durchführung
+bisher nur von einigen im Zauber des Spekulantenwesens verstrickten
+Kleinbürgern ernst genommen worden, auf einmal im Landtag beschlossen
+wurde und daß Peter Hannibals Grundstück wider Erwarten im Werte stieg.
+Es handelte sich keineswegs um die fabelhafte Summe, die er einst
+geträumt, doch es war immerhin ein ansehnlicher Gewinn, den er löste. An
+einem strahlenden Sommertag trat er im Bratenrock mit weißer Kravatte,
+ein rundes Hütchen auf dem Kopf lächelnd aus seinem Haus und richtete
+den elastischen Schritt zur Wohnung des Vetters Julius. »Lieber Julius«,
+redete er den Vetter an, »du hast den traurigen Mut besessen, an der
+Legitimität meiner ehelichen und väterlichen Umstände Zweifel
+auszusprechen, die –« – »Zweifel?« unterbrach ihn Vetter Julius
+verwundert, »Zweifel waren es durchaus nicht –« – »Bitte schön«, fuhr
+Peter Hannibal schneidend fort, »du hast gezweifelt. Es ist dir aber
+nicht gelungen, meine felsenfeste Überzeugung zu erschüttern. Deine
+Argumente sind vor meinem nachprüfenden Urteil zerronnen wie Butter in
+der Pfanne. Was kannst du mir abstreiten? was kannst du mir beweisen?
+Kannst du mir beweisen, daß in den Adern meines Sohnes anderes Blut
+fließt als das meine? Nein! Also Respekt vor dem Bewußtsein eines
+Vaters, mein lieber Julius! An der Vergangenheit hast du mich
+vorübergehend irre machen können, die Zukunft kannst du mir nicht
+rauben, die speist an meinem Tisch, die wohnt in meinem Haus. Aber ich
+bin nicht gekommen, um mit dir zu philosophieren, ich bin gekommen, um
+deine materiellen Ansprüche zu befriedigen und meine idealen gegen
+fernere Ränke sicher zu stellen.« Damit entnahm Peter Hannibal seiner
+Brieftasche sieben Tausendmarkscheine, legte sie auf das zwischen ihm
+und dem sprachlosen Vetter Julius befindliche Pult, machte eine
+spöttisch-artige Verbeugung und entfernte sich hocherhobenen Hauptes.
+Vetter Julius schaute ihm mit offenem Mund nach. Er ergriff einen der
+Scheine, hielt ihn gegen das Licht und schüttelte den Kopf. Plötzlich
+aber brach er in ein dröhnendes Gelächter aus, das ihm den Atem
+versetzte und ihn zwang, Weste und Hemdkragen aufzuknöpfen. Erst als er
+ein Glas mit Kognak vermischten Wassers getrunken hatte, milderte sich
+die erstickende Heiterkeit. Auch in den nächsten Tagen passierte es ihm
+noch zu öfteren Malen, daß sich, etwa während eines Spaziergangs, sein
+ernsthaftes Nußknackergesicht jäh verzerrte, wobei er, um nicht einem
+unwiderstehlichen Kitzel nachzugeben, den Knauf des Stockes zwischen
+die Zähne schob. Jedoch das Gelächter der Kleinen bildet den Stolz der
+Großen. Peter Hannibal spürte eine so wohltuende Wonne in seiner Brust,
+daß er in einem Fleischerladen ein frisch abgestochenes Ferkel erstand,
+das der Lehrling ausweidete und mit einem Lorbeergewinde um die Ohren
+dem Käufer überreichte. »Bravo«, sagte Peter Hannibal, »Lorbeer muß
+dabei sein; Schwein und Lorbeer, das gehört zusammen.« Mit seiner
+angenehmen Last kam er zum Tor des Hauses, wo der kleine Karl Theodor
+stand, ein spinöser Bursche mit überlangen Armen und entzündeten Augen.
+Er setzte ihm den Lorbeer auf den glattgeschornen Kopf und erschien mit
+strahlendem Gesicht vor den beiden Frauen, das Schwein in der Linken,
+den Sohn an der Rechten; Cilly drückte ihm einen Kuß auf die Stirn, die
+Magd versorgte das Ferkel, dann langte Peter Hannibal die Gitarre von
+der Wand und sang mit empfindsam tremolierender Stimme das Lied vom
+Jungfernkranz. »Ich fühle mich wie neugeboren«, sagte er am Abend, bevor
+er schlafen ging; »ich habe die Menschen kennen gelernt und habe sie
+traktiert wie sie es verdienen. Peter Hannibal Meier braucht die
+Menschen nicht, er ist sich selber genug.«
+
+
+
+
+Begegnung
+
+
+»Mir tut er doch leid, dieser Peter Hannibal«, meinte Franziska; »warum,
+kann ich eigentlich kaum erklären.«
+
+»Ja, es hat etwas Rührendes, wenn die Verblendung dermaßen anwächst, daß
+sie die eigene Schwäche für Kraft erklärt und die Armseligkeit für
+Würde«, entgegnete Borsati.
+
+»Ich sehe ihn vor mir,« sagte Georg Vinzenz; »er hat eine spitze Nase
+und einen Mund mit feuchten, schmatzenden Lippen. Er schlenkert beim
+Gehen die Füße nach auswärts, und seine Stimme kräht. Beim Frühschoppen
+schimpft er auf die Regierung, aber wenn ein Minister in die Stadt
+kommt, steht er am Bahnhof und schreit Hurra. Er trägt ein Wollhemd mit
+einer angebundenen Chemisette, und seine Großmannsucht verhindert ihn
+nicht, vor reichen Leuten zu scharwenzeln.«
+
+»Trotzdem werde ich mich hüten, ihn für einen Typus gelten zu lassen,«
+fiel Cajetan ein, »das hieße dem deutschen Wesen Unrecht tun. Gerade
+Fleiß, Tüchtigkeit und selbstsichere Kraft sind es ja, die Deutschland
+haben so mächtig werden lassen.«
+
+»Tüchtigkeit!« versetzte Lamberg rasch und bitter, »es weht eine Luft
+von Tüchtigkeit im gegenwärtigen Deutschland, die einem die Brust
+beklemmt. Man ist so stolz auf das Erworbene, so sicher des Besitzes, so
+fest in Meinungen, so beweglich in Grundsätzen, so unverblümt in
+Profitwirtschaft, so grausam in der Steuertaxe, so wachsam gegen die
+Malkontenten, daß mir Tüchtigkeit just das rechte Wort dafür scheint.
+Ehemals konnte der Deutsche den Ruf eines Enthusiasten und eines
+Träumers genießen, jetzt begnügt er sich mit dem eines in allen Sätteln
+gerechten Praktikus. Nur ein innerlich freies Volk kann die Last
+nationaler Größe und die Pflicht bedeutender Repräsentation ohne Einbuße
+an innerlicher Arbeit tragen. Der Deutsche ist aber nicht frei; er ist
+in so mannigfacher Beziehung gebunden, daß selbst die wenigen großen
+Politiker, die die Nation hervorgebracht hat, eher als Rebellen wirkten
+oder als einsame Künstler denn als Führer und Vertreter einer
+Gesamtheit. Er ist so wenig frei, daß sein soziales Gefühl formlos, sein
+bürgerliches borniert und sein monarchisches servil wirkt. Bei einer
+feudalen Familie in der Provinz hatte sich vor Jahren ein hoher Herr als
+Gast angesagt. Die Leute verwendeten für die Instandsetzung des
+Schlosses und sonstige Vorbereitungen eine Summe von achtzigtausend
+Mark. Der hohe Herr kam, er ließ sichs wohl sein, er aß und trank, jagte
+und hielt Cercle, und beim Abschied, nachdem er der Hausfrau die Hand
+geküßt, äußerte er: ›Ich habe mich sehr behaglich bei Ihnen gefühlt, und
+was mich besonders erfreut hat, ist, daß alles so einfach war.‹ Dabei
+war die Familie durch die Ausgaben, die ihnen der fürstliche Besuch
+verursacht hatte, vollständig ruiniert. In England wäre dergleichen
+nicht denkbar. Dort weiß der Geringste im Volk, was ihm der Herrscher
+schuldet, und der Herrscher weiß, wie der Geringste lebt und wie er
+leben darf.«
+
+»England hat eine Gesellschaft, das macht den Unterschied«, erwiderte
+Cajetan, »das gibt dem einzelnen Rückgrat und Figur, seinem Handeln
+Gewicht und Relief. Er ist sich stets und tief bewußt, einem Ganzen
+anzugehören, das verleiht ihm als Persönlichkeit eine außerordentliche
+Konzentration, und gerade diese Konzentration ist es, die wir oder die
+der Sprachgebrauch sonderbarerweise als exzentrisch bezeichnen. Was für
+köstliche Sonderlinge! Da ist Lord Cecil Baltimore, der mit acht Frauen
+durch ganz Europa zog und niemals aufhören wollte zu reisen, um den Ort
+nicht zu wissen, wo er begraben werden würde; er ernährte die mageren
+seiner Frauen nur mit Milchspeisen, die fetten nur mit Säuren. Ein Lord
+Sandys lachte in seinem Leben ein einziges Mal, nämlich als sein bester
+Freund den Schenkel brach. Ein Sir John Germain war so unwissend, daß er
+einem Geistlichen namens Mathäus Decker ein großes Legat vermachte, weil
+er glaubte, dieser habe das Evangelium Mathäi geschrieben. Ein Lord
+Mountford berechnete alles nach Wetten; als man ihn einst fragte, ob
+seine Tochter guter Hoffnung sei, entgegnete er: auf mein Wort, das weiß
+ich nicht, ich habe nicht darauf gewettet. Lord Lovat sperrte zwei
+Dienstboten, die ohne seine Bewilligung geheiratet hatten, mit den
+Worten: »ihr sollt aneinander genug bekommen,« drei Wochen lang in einen
+Brunnenschacht. Lord Thomas, der achte Graf Pembroke, hatte die
+Seltsamkeit, alles was ihm mißfiel, für ungeschehen zu halten. Sein
+Sohn, der schon geraume Zeit mündig war und seinen eignen Kopf hatte,
+fand oft für gut, nicht nach Hause zu kommen. Mochte er sich jedoch
+herumtreiben wo und so lange er wollte, der Vater betrachtete ihn stets
+als anwesend und befahl dem Kellermeister jeden Tag mit unbeweglichem
+Ernst, Lord Herbert zum Essen zu rufen. Seine dritte Gemahlin, die er
+mit fünfundsiebzig Jahren geheiratet hatte, hielt er in strenger Zucht.
+Abends durfte sie Besuche machen, allein unter keiner Bedingung eine
+Minute länger ausbleiben als bis zehn Uhr, der Stunde, wo er zur Nacht
+speiste. Einst geschah es, daß sie die Frist nicht einhielt. Als sie
+nach Mitternacht erschien und sich voll Angst entschuldigen wollte,
+unterbrach er sie ganz ruhig mit den Worten: »Sie irren sich, meine
+Teure, blicken Sie auf die Uhr dort, es ist genau zehn Uhr, setzen wir
+uns zu Tisch.« Unter den drakonischen Gesetzen, die in seinem Hause
+galten, wurde am nachdrücklichsten das eine ausgeübt, daß jeder
+Bediente, der sich betrank, sofort entlassen werden sollte. Ein alter
+Lakai, der schon viele Dienstjahre zählte, erlaubte sich nun zuweilen,
+ein Glas über den Durst zu trinken, indem er sich auf die Nachsicht
+verließ, die in gewissen Fällen vorhandene Dinge als nicht vorhanden
+ignorierte. Einmal hatte er des Guten gar zu viel getan, und als Mylord
+durch die Halle ging, mußte sein Blick auf James fallen, der nicht bloß
+bespitzt oder leicht benebelt war, sondern sich nicht mehr auf den
+Beinen halten konnte. Mylord näherte sich ihm und sagte: »Armer Bursche,
+was fehlt dir? Du scheinst sehr krank. Laß mich deinen Puls fühlen. Gott
+behüte, er hat ein hitziges Fieber, bringt ihn sogleich zu Bett und holt
+den Arzt.« Der Arzt kam, nicht um Rat zu erteilen, denn seine
+Herrlichkeit war im Haus oberste Medizinalbehörde, sondern um Befehle zu
+vollziehen. Er mußte dem Patienten reichlich zu Ader lassen, ihm ein
+gewaltiges und schmerzhaftes Pflaster auf den Rücken kleben und ein
+tüchtiges Purgirmittel einflößen. Als die Behandlung nach einigen Tagen
+gewirkt und der alte Sünder so bleich und mager zum Vorschein kam, wie
+wenn er die schwerste Krankheit überstanden hätte, rief ihm der Lord zu:
+»O, ehrlicher James, ich freue mich, dich am Leben zu sehen. Du kannst
+von Glück sagen, daß du so glimpflich davon gekommen bist. Wäre ich
+nicht zufällig vorbeigegangen und hätte deinen Zustand erkannt, so wärst
+du jetzt schon tot. Aber James! James!« fügte er mit dem Finger drohend
+hinzu, »kein solches Fieber mehr!« Erzählenswert ist auch eine
+Geschichte über den wunderlichen Lord Beckford. Lord Beckford empfing
+niemals Besuche und nahm keine Einladungen an. Die Tore seines Parks
+waren beständig abgesperrt, und in der Nachbarschaft wurden fabelhafte
+und die Neugier aufregende Dinge über den Luxus berichtet, mit dem sein
+Haus eingerichtet sei. Einen jungen Dandy plagte die Neugier so sehr,
+daß er in der Nacht eine Leiter an die zwölf Fuß hohe Parkmauer legen
+ließ und so hinüberstieg. Er wurde entdeckt und vor den Lord gebracht,
+der ihn artig begrüßte, ihn überall herumführte und sich ihm beim
+Abschied auf das verbindlichste empfahl. Vergnügt wollte der junge Mann
+nach Hause eilen, fand aber im Garten alle Türen verschlossen und
+niemand war da, sie zu öffnen. Als er deshalb zurückkehren mußte und
+sich im Schloß Hilfe erbat, sagte man ihm, Lord Beckford ließe ihn
+ersuchen, so hinauszugehen wie er hereingekommen wäre. Kein Widerspruch
+half, er mußte sich bequemen, die Leiter wieder emporzuklettern und sie
+auf die andere Seite zu heben. Er verwünschte den boshaften
+Menschenfeind und hatte kein Verlangen mehr nach diesem verbotenen
+Paradies.«
+
+»Es ist wahr, deutsch ist all das nicht,« sagte Borsati; »weder das
+Leidenschaftliche, noch das Problematische, noch das Weltmännische sind
+deutsch. Dagegen zeichnet sich das deutsche Wesen durch einen Reichtum
+an Gemütsbeziehungen aus, der keinem andern Volk eigen ist. Auch lebten
+unter den Deutschen zu jeder Zeit Charaktere, denen nur die Glücksgunst
+fehlte, um in weiterem Kreis Vortreffliches zu wirken. Irgendwie haftet
+der Deutsche noch in verstörter Welt und bildloser Finsternis und der
+tätige, in Heiterkeit gebundene Geist ist wie durch Ahnenfluch an seiner
+Wiege erwürgt worden.«
+
+»Wenn man von deutschen Charakteren spricht,« versetzte Lamberg, »muß
+man vorzüglich unter den Edelleuten des achtzehnten Jahrhunderts Umschau
+halten. Wie in einem verwilderten Garten oft zauberhafte Blumen stehen,
+sind da Menschen emporgewachsen, die unter anderen Verhältnissen, in
+einem zuträglichen Geistesklima Außerordentliches geleistet hätten.
+Darin stimme ich Ihnen bei, Rudolf. Aber vielleicht ruht gerade im Leben
+der Dunklen und Halbdunklen die Kraft eines Volkes. Ihre Not und ihre
+Kämpfe, führen sie auch zu keinem sichtbaren Ziel, bereiten die
+Entscheidungsschlachten vor, die am hellen Tag der Geschichte geschlagen
+werden, und ihr geheimnishaftes Einzelweben ist voll von der Bestimmung
+des Ganzen, so wie jeder Wassertropfen den Ozean enthält und erklärt.
+Man kann nicht von deutschen Charakteren sprechen, ohne aus Gräbern die
+Schatten der Toten zu beschwören, heute, wo jede Zwiebel für eine
+Ananas gelten will und das Herzgold unter den Füßen des Pöbels
+zertrampelt wird.«
+
+»Ich hoffe, Georg, daß wir dies für eine Art Prolog nehmen dürfen, ich
+wünsche sehr, daß Sie uns das Bild zum Kommentar zeigen«, sagte Cajetan.
+
+»Ich habe über eine bestimmte Persönlichkeit eine Reihe von Notizen
+gesammelt,« gab Lamberg zu; »ich muß sie aber erst noch ordnen, und
+morgen bin ich bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen. Heut wäre es ohnehin zu
+spät.«
+
+Franziska nickte. Der tiefdunkelblaue Glanz ihrer Augen verriet keine
+Müdigkeit, aber ihre Züge waren abgespannt. Borsati, Hadwiger und
+Cajetan brachen nach ihrer bäuerlichen Behausung auf. Draußen im Freien
+jubelten sie, – der Mond leuchtete durch zerrissene Wolkenflöre.
+Freilich war die Luft feucht und der Boden schwammweich, doch strahlte
+wieder einmal ein Gestirn am Himmelsgewölbe, und traumhaft funkelte der
+Neuschnee von den Häuptern der Berge.
+
+Hadwiger hatte sich von Franziska die Erlaubnis erbeten, sie am folgenden
+Morgen zu einem Spazierweg abholen zu dürfen, falls es nicht regnete.
+Zwar blieb der Himmel neblig trüb, es war ein schwermütig-ahnungsvoller
+Tag, aber Franziska wollte gehen, und Hadwiger führte sie zum Fluß
+hinab. Sie beschauten die Stätten der Zerstörung, die überschwemmten
+Straßen, entwurzelten Bäume, verlassenen Häuser und Hütten und konnten
+sich lange nicht von dem Anblick der braungelb hinstürzenden Fluten
+losreißen, auf denen Stämme und Büsche schwammen, Balken und Bretter,
+Hausrat und tote Tiere. Als sie umkehrten, lehnte sich Franziska matt
+auf Hadwigers Arm. Er sprach leise; er sprach von der Liebe, die er für
+sie hegte. Sie lächelte; sie schüttelte den Kopf; sie sah ihn voll
+Bewegung an. »Wie du mich hier siehst, bin ich ohne Nein und ohne Ja,«
+sagte sie; »du bist mir viel; wie viel, das will ich nicht ergründen.
+Ich kann es nicht ergründen, weiß ich doch nicht, wo ich stehe und wohin
+ich gehe. Mit mir kann man keine Verträge, keine Abmachungen mehr
+schließen, Heinrich. Es macht mich glücklich, daß ich dich habe, das
+darfst du mir glauben.« Er schwieg, und er schwieg so, daß Franziska
+seine Hand ergriff und küßte.
+
+Plötzlich blieb sie stehen. Purpurne Glut flammte über ihr Gesicht.
+Fürst Armansperg kam ihnen entgegen. Erst sahen seine Augen ohne
+Teilnahme und ohne Ziel in die Ferne, dann erkannte er Franziska, und
+über seine an Beherrschung sicherlich gewöhnten Züge verbreitete sich
+eine Fassungslosigkeit, die Mitleid erwecken mußte. Fünf, sechs endlose
+Sekunden standen sie einander stumm gegenüber. Hierauf sagte Franziska
+rasch, daß sie seit einigen Tagen hier sei, daß sie ihm schreiben
+gewollt, daß es aber bei dem Vorsatz geblieben sei, vielleicht des
+schlechten Wetters wegen, das sie zu jedem Entschluß unlustig gemacht
+habe. Mit sichtlicher Anstrengung gelang es ihr zu plaudern, aber
+schließlich fand sie freieren Ton, die gemessene, höfliche und gütige
+Weise des Fürsten unterstützte sie darin, bald ging er an ihrer Rechten,
+und es entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch, dem niemand hätte
+anhören können, daß es eine Brücke über eine Kluft war. Hadwiger
+verwunderte sich im stillen; für ihn klang dies alles wie
+Schauspielerei; maskierte Zustände ertrug er nicht; zwischen Offenheit
+und Verstellung kannte er kein Mittleres, weil es ihm an Erziehung und
+an Milde gebrach. Auch war es ihm, als solle er Franziska verlieren, als
+beginne sie schon jetzt in eine fremde Region zu schreiten; er hätte sie
+auf die Arme heben und forttragen mögen.
+
+Der Fürst ging bis zur Villa mit und gerade als sie dort anlangten,
+verließen Lamberg, Borsati und Cajetan das Haus. Cajetan eilte auf den
+Fürsten zu, um ihn zu begrüßen, die beiden andern wurden von Franziska
+vorgestellt. Sie hatte eben von den täglichen Unterhaltungen erzählt,
+die sie pflogen, und Fürst Siegmund drückte seinen Wunsch aus, den zum
+Preis gesetzten Spiegel sehen zu dürfen. Lamberg führte ihn ins Zimmer
+und vor den goldenen Spiegel, den der Fürst lang und voll Bewunderung
+anschaute. Ehe er sich verabschiedete, lud ihn Georg Vinzenz für
+nachmittags zum Tee ein, und er gab erfreut seine Zusage.
+
+Lamberg hatte häuslichen Ärger gehabt; Emil, dessen Eifersucht gegen
+Quäcola nicht mehr zu zügeln war, hatte den Dienst aufgekündigt. Er oder
+ich, hatte Emil ausgerufen, und Lamberg hatte wider alle Gebote der
+Menschenliebe erwidert: er, denn einen Affen konnte man doch nicht in
+die rauhe Welt stoßen. Quäcola hockte auf dem Balkon und schnappte nach
+Fliegen. Er trug rote Hosen und eine blaue Jacke mit silbernen Knöpfen,
+an denen er beständig zerrte. In der Küche fand indessen zwischen Diener
+und Köchin folgender Dialog statt: Die Köchin: Das Vieh müßte man mit
+Arsenik vergeben. Emil: Hilft nichts. Es ist ein Zauberer. Es hat den
+Herrn verhext. Die Köchin: Passen Sie auf, es wird noch ein schlechtes
+Ende nehmen. Emil: Jede Nacht träum ich von ihm; es sitzt mir auf dem
+Kopf und frißt mir die Haare weg, als ob’s Gras wäre. Na, ich gehe eben,
+man hat seine Würde. Die Köchin: Ach Gott! Daß es so weit mit den
+Menschen gekommen ist. Ich bleib auch nicht in einem Haus, wo ein Affe
+das Regiment führt. Wer weiß, was einem da zustößt. Emil, mit
+weissagender Miene: Die Menschheit befindet sich auf einer schiefen
+Ebene, und so deut ich auch die Sintflut, die jetzt angebrochen ist.
+
+Um fünf Uhr kam der Fürst. Lamberg ließ den Tee in einem der oberen
+Zimmer servieren. Der Fürst hatte durchaus nicht jene kühle
+Geschmeidigkeit, die sonst bei solchen Leuten befremdend und vorsichtig
+stimmt. Seltsam, daß man keinen Augenblick das Gefühl hatte, mit einem
+alten Mann zu sprechen; er hatte etwas Scheues und Zartes, jedes seiner
+Worte schien von einer gefühlvollen Achtsamkeit beseelt, und die
+Galanterie, die er gegen Franziska an den Tag legte, war ohne alle
+Phrase, herzlich und delikat. Schon dies gewann ihm die Zuneigung der
+Freunde, und im Innern leisteten sie Franziska für manchen früheren
+Zweifel und Tadel Abbitte. Sogar Hadwiger schloß sich auf, und von
+seiner Stirne schwand die Wolke der Mißbilligung und Unruhe.
+
+Quäcola durfte seine Kunststücke zeigen; er ging auf den Hinterfüßen,
+eitel und seriös; er nahm ein Buch und las, wobei seine Miene die
+kritische Besorgnis zeigte, die er seinem Herrn abgeguckt; er fing
+Nüsse, die ihm zugeworfen wurden, und heuchelte Zorn, wenn sie zur Erde
+fielen. Als das Repertorium erschöpft war, sagte Franziska, Georg möge
+doch die Geschichte erzählen, die er gestern Abend verheißen, sie
+verspreche sich etwas Besonderes davon. Lamberg sah etwas verlegen
+drein, aber da die Freunde ihn ebenfalls darum ersuchten und der Fürst
+sich in bescheidener Erwartung schon zurechtsetzte, holte er ein Heft
+mit losen Blättern aus dem Nebenzimmer und sagte: »Einiges habe ich mir
+aufgeschrieben und werde es lesen; es ist wie eine Chronik zu
+betrachten. Was ich aus dem Gedächtnis erzähle, ist nur die Verbindung
+zwischen diesen Teilen.«
+
+Und er begann.
+
+
+
+
+Die Geschichte des Grafen Erdmann Promnitz
+
+
+Als der große Friedrich von Preußen zum erstenmal um Schlesien stritt,
+blühte dortselbst noch das alte und angesehene Geschlecht derer von
+Promnitz. Seit jenem Balthasar Promnitz, dem Fürstbischof von Breslau,
+der außer Pleß, der größten schlesischen Standesherrschaft, auch Sorau
+und Triebel in der Niederlausitz erworben hatte, gehörte die Familie zum
+höchstbegüterten Adel des Landes, und späterhin, als sie schon ein
+Haupthort des Protestantismus war, besaß sie auch Peterswalde,
+Kreppelhof, Drehna und Wetschau, lauter große Gemarkungen mit
+umfangreichem Ackerland und ausgedehnten Wäldern.
+
+Graf Erdmann, der letzte Sproß der Promnitze, galt als Kind für einen
+ausgemachten Tölpel. Zu Sorau, wo sein Vater, der sächsische
+Kabinettsminister, einen förmlichen Hof hielt mit Jagdpagen,
+Kammerhusaren, Zwergen und einer Leibgarde von hundert bärenmützigen
+Riesen, gab er die denkbar schlechteste Figur ab. Er war mißtrauisch,
+verstockt, gefräßig und faul. Wegen seiner Streitsucht hielt es kein
+Spielgenosse bei ihm aus.
+
+Eines schönen Tages machte er in Begleitung des Hoffräuleins Collobella
+und seines herrnhutischen Erziehers von Wrech einen Ausflug nach dem
+ländlichen und entlegenen Peterswalde. Die Collobella war eine immer
+noch muntere Italienerin, die der regierende Graf vor dreißig Jahren aus
+Florenz mitgebracht hatte und die aus Liebe zur Familie Promnitz
+evangelisch geworden war. Ihr war das heimliche und heimtückische Gemüt
+des Knaben ein Greuel, und sie ging ihm bei jeder Gelegenheit mit
+Vorwürfen und entrüsteten Predigten zu Leibe. Währenddem starrte der
+zwölfjährige Erdmann böse in einen Winkel, und so oft die Collobella
+einen ihrer frivolen Witze losließ, zuckte er zusammen wie ein Fisch,
+wenn man mit dem Stock ins Wasser fährt. Aus den gröberen Redensarten
+machte er sich wenig, und wenn sie ihm ein schlimmes Ende prophezeite,
+lachte er ihr ins Gesicht. Was Herrn von Wrech anbelangt, so huldigte er
+wohl äußerlich den Grundsätzen seiner Sekte, doch trug er das Herrnhuter
+Gewand mit der unverpflichtenden Sachlichkeit, mit der etwa Monsieur de
+Rohan den römischen Kardinalshut trug. Eigentlich war er ein Genüßling
+und erwartete sehnsüchtig den Tag, wo er mit seinem Zögling die übliche
+europäische Tournee antreten durfte.
+
+In einem Seitenflügel des Peterswalder Schlosses befand sich eine kleine
+Kapelle. Indes die Italienerin und Herr von Wrech Siesta hielten,
+streunte Erdmann durch die verödeten und vernachlässigten Räume und
+gelangte schließlich in jenes Kapellchen, in dem ein Bild, welches über
+dem Altar hing, seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war kaum darnach
+angetan, kirchliche Empfindungen zu wecken; wahrscheinlich hatte ein
+übereifriger Verwalter es aus einem der Säle hierherbringen lassen. Es
+stellte Adam und Eva vor dem Sündenfall dar, beide natürlich
+splitternackt, das Weib mächtig dick, den Apfel hinhaltend, und Adam
+halb weggewendet, als lausche er, zwischen beiden die Schlange, die sich
+vom Baum herunterringelte, und hinter dem grünen Wipfel ein
+kobaltblauer Himmel. Es war keine üble Arbeit und mochte die Kopie nach
+dem guten Werk eines süddeutschen Meisters sein.
+
+Graf Erdmann ward davon anders getroffen als ein gewöhnlicher und
+harmloser Beschauer. Zunächst schämte er sich vor der unanständigen
+Nacktheit der beiden Personagen derart, daß ihm der Schweiß bei den
+Haarwurzeln herausbrach. Nachdem sich sein Auge daran gewöhnt hatte, kam
+es wie eine Erleuchtung über ihn. Mit finsterem Triumph schaute er in
+das Gesicht der Eva und auf den Apfel in ihrer Hand, und er sagte zu
+sich selber: von daher stammt also das ganze Elend; deswegen ist mir so
+schnöde zumut in dieser schuldbeladenen Welt; deswegen hab’ ich immer
+ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine reichliche Mahlzeit verzehrt
+habe. Ich merke schon, worauf das hinauswill mit den Zweien, dachte er
+voll Haß; dieses fette Frauenzimmer will das einfältige Mannsbild
+beschwatzen; jetzt begreif ich erst, was die Bibel meint, jetzt weiß
+ich, was das ist: der Sündenfall. Was bist du für ein Narr und Dummkopf
+gewesen, du Menschenvater Adam!
+
+Diese letzten Worte rief er ziemlich laut vor sich hin. Da erschallte
+ein klirrendes Spottgelächter hinter ihm. Es war die Collobella. Wütend
+schritt er auf sie zu und fuhr sie an: »Geht nur allein zurück nach
+Sorau, ihr beiden, ich will hier auf Peterswalde bleiben. Ich mag das
+Luderleben nicht mehr mit ansehen, daß man dorten führt. Meine Mutter
+ist unglücklich, das weiß ich längst; längst weiß ich, daß mein Vater
+sie mit Huren betrügt. Mein Vater hätte mich nicht auf die Welt setzen
+sollen, denn was ich von dieser Welt erfahre, ekelt mich an.
+Insonderheit die Weiber ekeln mich an, drum fort mit dir, du welscher
+Haubenstock.«
+
+Die Dame Collobella lief schreiend davon und holte Herrn von Wrech zur
+Hilfe herbei. Aber Erdmann war schon wieder in seine Schweigsamkeit
+versunken. Nur weigerte er sich heharrlich, Peterswalde zu verlassen.
+Der Herrnhuter verbarg seinen Ärger. Potz Wetter überlegte er im
+Stillen, wenn mich der idiotische Teufel hier festhält, so gibts ein
+Leben, wogegen das des heiligen Antonius eine babylonische Orgie war.
+Und er beschloß, der Sache von innen her beizukommen.
+
+Dem Grafen Promnitz fiel ein Stein vom Herzen, als er vernahm, sein
+unfroher Sprößling wolle nicht mehr an den Hof zurück. »Laßt nur den
+Hamster«, sagte er zur Collobella, »der wird schon wieder nach unserer
+besetzten Tafel jappen.« Darin täuschte sich der Graf. Junker Erdmann
+kam nicht mehr nach Sorau, und seine Mutter mußte zu ihm fahren, wenn
+sie ihn sehen wollte. Allmählich wandelte die Gräfin auch ihre eigenen,
+nicht sehr erbaulichen Wege. Junker Erdmann erfuhr dies in
+ungeschminkter Weise durch Herrn von Zech, einen Emporkömmling, der es
+vom Schreiber zum geheimen Rat gebracht hatte und jeden Monat einmal in
+Peterswalde erschien, um die Wirtschaftsbücher zu inspizieren. Er
+schweifwedelte vor dem Vater und speichelleckte vor dem Sohn, weshalb
+ein Witzbold von ihm bemerkte, er hätte beständig hinten und vorne zu
+tun, und obwohl er sich mit dem herrnhutischen Präzeptor nicht vertrug,
+erlitt dieser die Unbill, daß am Sorauer Hof das Verslein in Umlauf
+gebracht wurde: Herr von Wrech und Herr von Zech schmarotzen all zwo
+beim Junker Pech. Junker Pech war der Spottname für Erdmann, erstlich
+wegen der schwarzen Kleidung, die er zu tragen pflegte, und dann wegen
+seines schwarzen Geistes.
+
+Der gute Wrech hörte allmählich auf, den Junker für blöde zu nehmen, da
+in diesem eckigen Schädel im Verfluß der Jahre ein paar Augen erwachten,
+welche die Glut eines Jakobiners und die Melancholie einer Nonne
+enthielten. Er ließ sich mit ihm in profunde theologische Disputationen
+ein, bemühte sich aber unter dem Mantel einer scheinheiligen Duldung,
+ihm die Welt lecker zu machen.
+
+Umsonst; der einsiedlerische Jüngling fürchtete die Fallstricke des
+Lasters. Nach seiner Meinung konnte die einzelne Kreatur keines Glückes
+teilhaftig werden, da sie von Adam und Evas Zeit an verdammt war, dürfe
+auch das Glück garnicht genießen, weil sie damit die Leiden der Andern
+genau um jene Summe vermehrte, der sie sich freventlich entzog. Eine so
+rabulistische Sünden-Arithmetik verdroß den Herrnhuter, und er berief
+sich auf das Erlösungswerk Jesu Christi. Da aber fuhr er schlecht; der
+Junker bewies ihm haarklein, daß das Sündenregister der Menschheit seit
+siebzehnhundertsoundsoviel Jahren dermaßen in die Länge gewachsen sei,
+daß eine demnächst zu erwartende Abrechnung nur mit einem allgemeinen
+Untergang enden könne. Herr von Wrech ließ sich nicht beirren; halb
+näselnd, halb singend rezitierte er das Lied Numero eintausendundachtzehn:
+
+ »Wenn es sollt der Welt nach gehn, blieb kein Christ auf Erden stehn,
+ Alles würd’ von ihr verderbt, was das Lamm am Kreuz vererbt.
+ Doch weil Jesus bleibt der Herr, wird es täglich herrlicher,
+ Weil der Herr zur Rechten sitzt, ist die Sache auch beschützt.«
+
+Damit brach er listig ab; jedoch Junker Erdmann fügte triumphierend den
+Schluß hinzu:
+
+ »Aber wenn sie diesen Mann erst herabgerissen han,
+ Dann wirds bös mit uns aussehn, übel wird es mit uns gehn.«
+
+Es war ein ergötzlicher Anblick, wie die beiden sich rauften, der glatte
+Epikuräer, der sich nur gerade soviel hinter der Frömmigkeit
+verschanzte, daß seine heimliche Verräterei nicht zu merken war, und der
+plumpe Jüngling mit dem dünngespaltenen Mund und dem zurücktretenden
+Profil eines traurigen Schafes.
+
+Graf Erdmann hatte einen Farbenkasten, und in müßigen Stunden
+beschäftigte er sich mit Malereien. Immer lief es darauf hinaus, daß er
+eine Eva malte; diese Eva trug ein züchtiges Gewand; sie streckte den
+Arm lüstern nach den Äpfeln aus, die an den Zweigen eines Baumes hingen,
+und eine giftgrüne Schlange züngelte gegen das von sträflichen Begierden
+erfüllte Weib.
+
+Nun ereignete sich in der Familie Promnitz ein Vorfall, der darnach
+angetan war, das Gemüt des jungen Grafen, der jetzt zwanzig Jahre alt
+geworden war, vollends zu verdüstern. Die Gräfin Callenberg, seine
+Tante, eine sechzigjährige Messalina, die die Gesellschaft der
+Mannsleute noch immer nicht entbehren mochte, weil sie bei ihnen mehr
+Gründliches fand, wie sie sagte, als bei Personen ihres Geschlechts,
+hatte ihren letzten Liebhaber, einen Franzosen namens Lefevre, aus
+gemeiner Eifersucht bei Wasser und Brot in einem Verließ ihres Schlosses
+eingemauert. Preußische Soldaten entdeckten ihn verhungert, mit langem
+Bart und irrsinnig; er starb wenige Tage nach seiner Befreiung. Die
+entrüsteten Untertanen der Gräfin überfielen sie im Bett, banden sie mit
+Stricken, warfen sie auf einen Leiterwagen und brachten sie nach Neiße,
+wo sie vor Verdruß und Zorn alsbald der Schlag rührte.
+
+Graf Erdmann verfiel bei der Kunde des Geschehnisses in solche Trübsal,
+daß Herr von Wrech um seine Gesundheit besorgt wurde; dazu kam, daß auch
+seine Mutter um jene Zeit aus Herzenskummer starb. Herr von Wrech konnte
+es nicht mehr mit ansehen, wenn der Jüngling jeden Morgen und jeden
+Abend auf die Knie stürzte und in tiefer Schwermut ausrief: »O Gott, laß
+mich ohne Schuld! bewahre mich vor Sündenschuld! Ersticke meine Gelüste
+und gib mir Frieden!« Herr von Wrech machte sich auf und gab dem
+gräflichen Vater zu verstehen, daß er seinen Sohn auf Reisen senden
+müsse, wenn er ihn vor verderblicher Geistesfäulnis zu bewahren wünsche.
+Der Graf war’s zufrieden und befahl, daß Erdmann in Begleitung des
+Herrnhuters nach Paris aufbrechen solle. Dagegen war kein Widerpart
+möglich. Graf Erdmann fügte sich mit unerwarteter Sanftmut. »Ich will
+doch sehen«, sagte er, »ob eure große Welt wirklich so groß ist. Es soll
+nicht heißen, daß ein Promnitz hinterm Ofen sitzen bleibt, weil er sich
+klüger dünkt als die Weitgereisten. Mich gelüstet nach einem andern
+Himmel, denn unserer drückt mir den Kopf wie das Dach einer Köhlerhütte
+und nach andern Menschen, denn unsere sind mir so wohlbekannt, wie die
+Verba auf mi. Aber ich fürchte, lieber Wrech, die Welt hat früher ein
+Ende, als ihr alle glaubt, wennschon es weit ist bis zu den Mongolen.
+Gefangen sind wir, und können nicht aus noch ein.«
+
+Herr von Wrech war entzückt über die Aussicht, so bald nach dem galanten
+Paris reisen zu dürfen. »Ihr seid ein genialischer Kopf, Junker«,
+antwortete er; »entweder werdet ihr ein großer General wie Prinz Eugen,
+oder ihr sterbt philosophisch wie Diogenes in einem Faß.«
+
+Drei Wochen später befand sich der Graf mit seinem Erzieher und
+Reisemarschall in dem Seinebabel, wie man sich damals ausdrückte, und wo
+es allerwegen hoch herging mit Maskenbällen, Assembleen, Glücksspielen,
+königlichen Levers, Spazierfahrten, Jagden und amorosen Abenteuern.
+Erdmann beschaute sich das glänzende Getriebe; er gab mit Anstand sein
+Geld aus und wußte Rede zu stehen. Doch benahm er sich oft recht
+sonderbar, und sein Wesen erregte die Spottlust der französischen Herren
+und Damen. Eines Tages wurde ein italienisches Ehepaar namens Concini,
+das der Spionage überführt und vom Gericht zum Tod verurteilt worden
+war, auf dem Greveplatz hingerichtet. Sie hatten einen dreizehnjährigen
+Sohn, der gut gestaltet war, einen liebenswürdigen Charakter besaß und
+trotz seiner Jugend als ausgezeichneter Tänzer auf dem Theater Furore
+gemacht hatte. Ich bin auf der Welt, um für den Übermut meines Vaters zu
+büßen, sagte der arme Knabe zu denen, die ihn ermahnten, seine
+schreckliche Lage in Geduld zu tragen. Dieses Wort kam dem Grafen
+Erdmann zu Ohren, und da er hörte, daß der Knabe den Tag der Hinrichtung
+seiner Eltern bei Frau von Hautfort verbringen würde, ließ er sich bei
+der Dame einführen und erschien gerade, als man dem Knaben Hut und
+Mantel abnahm und ihm zu essen und zu trinken bot. Nach kurzer Weile
+trat eine Prinzessin vom Hof ein, und als man ihr sagte, der junge
+Concini sei anwesend, forderte sie ihn auf zu tanzen. Der Knabe war in
+Verzweiflung, aber dem Wunsch der mächtigen Persönlichkeit mußte
+willfahrt werden, und so tanzte Jean Concini, ein jammervolles
+Schauspiel, während das Blut seines Vaters und seiner Mutter noch floß.
+Dies empörte den Grafen Erdmann; er nahm den Jüngling beiseite,
+unterhielt sich mit ihm, fand ihn aufgeweckt, ja wissensdurstig, und es
+berührte ihn eigentümlich, als ihm der Knabe im Verlauf des Gesprächs
+bebend gestand, seine höchste Begierde sei, die Astronomie zu studieren.
+Graf Erdmann überlegte sich die Sache, wandte sich an einen Hallenser
+Kaufherrn, der von Paris nach Hause reiste, und bat, er solle den Knaben
+zu einem dortigen Professor geben und ihn auf seine Kosten für die
+Universität vorbereiten lassen. In seinen Briefen an den Knaben nannte
+er ihn von da ab, halb in eigenwilliger Verballhornung seines
+ursprünglichen Namens, halb in kaustischer Anspielung auf den
+erstrebten Beruf, nur noch Hans Kosmisch, und dieser Name verblieb dem
+jungen Menschen, dem es beschieden war, dereinst in ungeahnter Weise in
+das Leben seines Beschützers einzugreifen.
+
+Die Frau von Hautfort hatte an der edlen Handlung des deutschen Grafen
+Gefallen, und sie zeigte ihm recht offensichtlich, daß es ihr nicht
+unwillkommen sei, wenn er dieses Gefallen zu benutzen verstünde. Eines
+Abends behielt sie ihn verräterisch lange in ihrem Boudoir. Zuerst
+lachte sie sich toll beim Anhören seiner moralischen Predigten, denn er
+glaubte sie zur Tugend bekehren zu sollen, endlich wurde sie des
+salbungsvollen Geschwätzes satt. Da schlüpfte eine Zofe ins Gemach und
+überreichte der Herrin einen Brief. Diese erblaßte, als sie das Billett
+gelesen hatte, und steckte es rasch in ihren Busen, der sehr schön war
+und zu ihren vorzüglichsten Reizen gehörte. »Was gibt es denn?« fragte
+Graf Erdmann, dessen Sinne sich langsam zu umnebeln begannen, und da er
+sich nicht getraute, das Billett mit der bloßen Hand aus seinem hübschen
+Asyl zu ziehen, nahm er vom Kamin die silberne Zange, mit der man das
+Holz ins Feuer tat, und wollte sich auf solche Art des Papiers
+versichern. Die Dame schrie auf und schickte ihn halb lachend, halb
+zornig von dannen. Indes er durch den matterhellten Flur zum Haustor
+schritt, trat wie aus der Erde gestiegen ein reichgekleideter Fant auf
+ihn zu, das Gesicht maskiert, die Faust am Degengriff, und verstellte
+ihm mit Woher, Wohin, wes Namens und Zwecks den Weg. Graf Erdmann blieb
+die Antworten nicht schuldig; zwei Worte, zwei Beschimpfungen, man zog
+vom Leder, kreuzte die Degen, ein Ausfall, ein Sprung, ein Schrei, ein
+Seufzer, und der Unbekannte krampfte sich am Boden. Im Nu war das Haus
+lebendig, Mägde, Diener, Kammerfrauen polterten die Stiegen herab, und
+das ganze Unglück wurde erst offenbar, als die Maske vom Antlitz des
+Getöteten fiel; es war einer der zahlreichen natürlichen Prinzen
+Frankreichs aus königlichem Geblüt. Frau von Hautfort erschien selbst,
+und in ihrer Angst beschwor sie den Grafen, auf der Stelle zu fliehen,
+denn diese Tat werde schrecklich bestraft.
+
+Aber Erdmann Promnitz war wie versteinert. Welche zierliche Gestalt,
+dachte er, den Toten anstarrend, welch anmutige Züge! Das Blut, langsam
+fließend wie Oel, benetzte seine weißen Schuhe. Die Wache kam, er wurde
+abgeführt, und am andern Morgen saß er in der Bastille.
+
+Als ein reicher Herr, obwohl vom Ausland, fanden sich Verbündete und
+Freunde genug, um eine nicht gar zu wachsame Behörde zu hintergehen. Mit
+Hülfe eines bestochenen Aufsehers wurde der Gefangene von einem
+waghalsigen Fluchtplan unterrichtet. Ein Kaminfeger drang durch den
+Schlot zu Erdmann, befestigte einen Strick um seinen Leib und zerrte ihn
+durch den Schornstein aufs Dach. Von hier war der Weg vorbereitet; an
+einer Straßenecke warteten die Postpferde. Nun wollte es das Verhängnis,
+daß zur selben Zeit, wo der Junker, vom Emporklettern erschöpft, neben
+dem Rauchfang ausruhend kauerte, unten ein feierlicher Leichenzug
+vorüberging. Erdmann fragte den Schlotfeger, wer da begraben würde, und
+die Antwort war, es sei der junge Prinz, der vor drei Tagen im Duell
+erstochen worden. Sei es, daß das Widerspiel der schwarzen Kavalkade
+und seiner und seines Führers rußgeschwärzter Erscheinung auf dem Dach
+ihm ein Gefühl grausiger Komik erweckte, sei es, daß die beengte und
+schuldbewußte Brust sich ihres Druckes nicht anders zu entledigen wußte,
+genug, Junker Erdmann brach in ein schallendes Gelächter aus, das auf
+keine Weise zu hemmen war. Drunten wurden die Leute aufmerksam. Um die
+Gefahr abzuwenden, packte der athletisch starke Schornsteinfeger den
+Grafen, den der Lachkrampf überdies wehr- und willenlos machte, hob ihn
+wie ein Kleiderbündel auf, stopfte ihn wieder in den Kamin hinein und
+ließ ihn am Seil hinunterrutschen. Da mußte der Junker, ob er mochte
+oder nicht, Arme und Beine spreizen, und er gelangte neuerdings in sein
+Gefängnis. Er streckte sich aufs Lager und blieb still und entgeistert.
+Er weigerte sich, Besuche zu empfangen oder Briefe zu lesen. Erst am
+achten Tag ließ er den Herrnhuter vor, der ihm mitteilte, man habe sich
+an den König August gewandt, damit er bei der Majestät von Frankreich
+Fürbitte tue, auch erwarte man einen Abgesandten seines Vaters zu Paris,
+der mit Gold die Befreiung aus der Bastille erwirken werde.
+
+»Es kann mich keiner mehr befreien,« murmelte Graf Erdmann trübsinnig.
+
+»Wie das, Euer Gnaden?« fragte Herr von Wrech erstaunt. Der Graf
+antwortete nicht.
+
+Was vorausgesagt war, geschah; ein Diplomat sprach bei Hofe vor, das
+Blut des Prinzen war vertrocknet, die Sache schon in Vergessenheit,
+Promnitzsches Geld tat ein übriges, und zu Ende Mai reiste Erdmann heim
+nach Peterswalde. Er führte dortselbst das allerwunderlichste Leben.
+Tagelang ritt er auf seinem Roß in den tiefen Wäldern herum und tötete
+alles Getier, das ihm vor die Flinte kam. Als eine Art von Raubschütze
+zog er weit über die Grenzen seines Gebiets, und er durfte von Glück
+sagen, daß die Förster und Hüter, die den unheimlichen Jäger nicht
+kannten, ihn mit dem Tod verschonten. Später liefen dann in Sorau große
+Rechnungen ein, und der alte Graf mußte die Wildschäden ersetzen.
+
+Niemand begriff solchen Treibens Kern und Ziel, bis Herr von Wrech, der
+sich die betrübtesten Gedanken machte, den Junker zur Rede stellte. Da
+setzte Graf Erdmann dem Herrnhuter auseinander, daß nach seiner
+Überzeugung alle Tiere einmal Menschen gewesen und zur Strafe für
+begangene Sünden also verwandelt worden seien. »Und ich,« fügte er
+düster hinzu, »ich erlöse sie durch den Tod.«
+
+Herr von Wrech schluckte seinen Unmut über die verrückte Antwort
+hinunter und erwiderte mit Augenbrauen, so hoch wie gotische Spitzbögen:
+»Verzeiht, Euer Gnaden, aber es dünkt mich ein lästerliches Vermessen,
+daß Ihr, wenn auch bloß dem lieben Vieh gegenüber, den Erlöser spielen
+wollt.«
+
+»Verachtet Ihr die Tierheit am Ende?« fragte Erdmann; »so seid Ihr wie
+ein Windhund, der keine Spur halten kann. Was er aus dem Auge verliert,
+ist dahin.« Und wie aus einem geheimnisvollen Traum heraus fuhr der Graf
+fort, mehr für sich redend als für den Andern: »Und ist eine Seele
+sündenlos geworden, so brech’ ich den Zauber. Denn es könnte sein, daß
+eine dahinirret und irret, unschuldig und herzensrein, eine Verlassene,
+eine Himmelsstumme, eine Gefährtin. Die will ich finden, die will ich
+erjagen.« Bei diesen sonderbaren Worten stahl sich der erschrockene Herr
+von Wrech schaudernd aus dem Zimmer und bekreuzigte sich, als er vor der
+Türe war.
+
+Eines Morgens, da der Graf wieder auf seinem Roß durch die Wälder
+stürmte, wurde er eines Hirsches ansichtig, den er meilenweit verfolgte.
+Plötzlich tat sich eine Lichtung auf, in deren Mitte ein dunkelgrüner
+Weiher lag. Er erblickte ein wunderbar liebliches Mädchen, das gerade
+aus dem Bad gestiegen war und im leichten Badekleid, den schwarzseidenen
+Mantel darüber, von einer Dienerin begleitet, nach dem Waldhaus am Rande
+der Lichtung schritt. Da brach der Hirsch aus dem Gehölz; sehr ermattet,
+trabte er auf die beiden Frauen zu, stutzte und, den Verfolger im Rücken
+wissend, machte er Miene, die Wehrlosen anzugreifen. Das schöne Mädchen
+schrie angstvoll auf, bei der Flucht verwickelte sich ihr Fuß in
+Wurzelwerk und knieend streckte sie die Arme gegen das nahende Tier, das
+in seiner Verzweiflung gefährlich war. Da krachte ein Schuß, Erdmann
+hatte gut gezielt, der Hirsch brach zusammen. Der Graf stieg vom Pferd,
+und als er bei dem Mädchen angelangt war, sank sie dem schwermütigen
+blassen Retter, vor Erregung schluchzend, an die Brust.
+
+Es erwies sich, daß Graf Erdmann auf die Standesherrschaft Beuthen
+geraten war, die dem Grafen Carolath gehörte; das Mädchen war die junge
+Gräfin Caroline, Erbin und einzige Tochter. Nach Peterswalde
+heimgekehrt, erschoß Junker Erdmann das Pferd, das ihn gen Beuthen
+geführt, nachdem er es zuvor mit Lilien bekränzt hatte. Es fröstelte ihn
+in seiner Einsamkeit; er kam zu öfteren Malen nach Beuthen, er wurde mit
+der jungen Gräfin vertraut, ehe sie es mit Worten waren. Worte sagten
+nichts, Erdmanns Augen sagten nichts, sein Herz schien mit der
+Leidenschaft zu ringen, er schloß sich zu, wo er konnte, scheinbar
+widerwillig gab er sich, scheinbar widerwillig ließ er sich lieben,
+scheinbar mit Angst sah er den Bund besiegelt, für jede Liebkosung
+glaubte er sühnen zu müssen. Als man zu Sorau vernahm, was im Werke war,
+beeilte sich der alte Graf, den Freiwerber zu machen, und schon im
+Herbst wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert.
+
+Kurz darauf ereignete es sich, daß der alte Graf Promnitz eines Abends
+allein auf abgehetztem Gaul auf sein Gut Triebel geritten kam, in die
+Vorhalle stürzte, die Türen verrammeln ließ und sich zitternd in den
+oberen Gemächern verbarg. Es dauerte nicht lange, so erscholl drunten
+das Geklirr zerbrochener Fenster, und fünf österreichische Husaren
+drangen ins Haus, geführt von einem racheschnaubenden Lakaien des
+Grafen, dessen junges Weib der lüsterne Alte tags zuvor entehrt hatte.
+Die wilde Horde eilte die Treppe hinauf, zertrümmerte die Tür des
+gräflichen Schlafzimmers, und mit flachen Säbeln bläuten sie so
+unbarmherzig auf seiner Gnaden herum, daß Höchstderselbe an den Folgen
+der erlittenen Verletzungen starb.
+
+Erst zwei Monate später fanden die Exequien statt, wegen denen Graf
+Erdmann die Chroniken zur Hand genommen hatte; er las sonst nur
+Kochbücher und hatte davon eine große Sammlung, in Maroquin gebunden
+und mit Goldschnitt, zu seiner Magenerbauung, wie er sagte, doch
+vielleicht mehr, um die Menschen, alle, die mit ihm lebten, über seinen
+Gemütszustand zu täuschen.
+
+Er übernahm nun die Regentschaft, aber in Wahrheit hatte das
+Promnitzsche Land von dem Tag ab keinen Herrn mehr. War Erdmann nicht
+mit der Kraft versehen, über so viele tausend Untertanen und ihre
+Verhältnisse, ja, nur über die Schafe und Rinder sich jene Gewalt
+anzumaßen, die bloß die herzliche Neigung für Gottes Welt einem Manne
+verleiht? Oder begriffen die Menschen ihn nicht als Herrn, weil sie
+seiner nicht zu bedürfen fest überzeugt waren? Und er, begriff er bei
+der Huldigung, daß so viele ihn bedürfen sollten, als deren Vertreter
+die Beamten in respektvoller Haltung und mit glühenden Gesichtern um ihn
+standen: der Hofrat, der Kanzler, der Oberhofprediger und Plebanus, die
+Diakonen, die Steuereinnehmer, die Aktuarien beim Konsistorio, die
+geheimen und offenbaren Schreiber, die Amtspfänder, Stallmeister,
+Rendanten, Küchenverweser, Förster, Jagdpagen, Bürgermeister,
+Stadtrichter, Senatoren, Schatzmeister und alles, was dem Herrn dient –?
+
+Er begriff sie nicht, es waren lauter Fordernde, und er war doch der
+große Bettelmann aller, Bettler vor Himmel und Erde, Sühnebettler,
+Liebesbettler. Und wieder täuschte er, indem er sein wahres Wesen durch
+Habsucht verhüllte und auf nichts anderes erpicht schien als auf den
+reinen Ertrag. Darum mochten sich so viele schinden, darum mochten die
+Hammerschmiede am Kupferhammer stehen, die Heideläufer sich die Füße
+wund laufen, die wilden Schweine den Fronbauern die Ernte verwüsten, –
+er war der Herr des reinen Ertrags, und der reine Ertrag war der Schild
+für seinen Kummer um ein Weib, um die, die er »entzaubert und erjagt«
+hatte, und die ihm zu irdisch war, zu ergründbar, zu menschenhaft.
+
+Die Gräfin Caroline sah wohl, wie schlimm es mit ihrem Gemahl beschaffen
+war. Als ein lebenslustiges Geschöpf war sie in die Ehe getreten und
+hing an dem Mann mit großer Liebe. Er aber schien es darauf abgesehen zu
+haben, sie zu demütigen. Er untergrub den Respekt, den sie bei den
+Dienstleuten gewärtigen mußte, sowohl durch Spott wie durch widerrufende
+Verordnungen. Freilich hatte sie wenig Talent zur Hauswirtin, besser
+verstand sie sich auf Geselligkeit und heitre Gespräche, auf
+Unterhaltung mit gebildeten Männern, aber redliche Bemühung ersetzte die
+Gabe, und unter ihren fleißigen Händen war stets alles wohlbestellt.
+Dieses mochte der Graf nicht anerkennen; er beleidigte Caroline, wenn
+sie nur den kleinsten Fehler beging, und ihre Schwächen bauschte er zu
+Lastern auf. Er würdigte ihr Gefühl nicht, er stieß die Seele, die sich
+ihm opferte, zurück. Einstmals schrieb Caroline an eine vertraute
+Freundin dies: »Seit dem Fackelgeleit in die Hochzeitskammer, was hab
+ich vom Leben und Lieben, vom Mann und vom Weib gelernt und gelitten!
+Wie oft bin ich mir inwendig zum Traum verschwunden! Aber wenn ich die
+Augen aufschlug, war ich wieder ein Weib, sein Weib! und liebte ihn! und
+wurde verachtet! und sah seine Gier nach Erlösung und sah, daß er sich
+hätte erlösen können, wenn sein Herz zurückschenkte, was man ihm gab.
+Gott, wie viel mögen die tausend und abertausend Frauen verschweigen,
+verweinen, verschmerzen! Was ist nur in ihm? weshalb ruht sein Blick oft
+so fremd und fragend auf mir? als wartete er, etwas zu empfangen, was
+ich nicht besitze. Er ist immer in Eile und niemand weiß, warum. Er ist
+immer in Gedanken und niemand weiß, was er denkt. Er ist immer umwölkt,
+immer in Groll, immer in Melancholie, immer mißtrauisch, immer verzagt
+und hat kein Auge, um die zu sehen, die für ihn zittert. Hab ich noch
+einmal im Leben eine bessere Zeit, dann sollst du von mir hören, jetzt
+stille.«
+
+Es kam keine bessere Zeit. Die Ehe war kinderlos, und Graf Erdmann
+erblickte darin einen Fingerzeig des Schicksals. Bittere Worte flogen
+hin und her, sie gruben einander die Brust auf, denn was so die rechte
+Zwietracht und mißverstehender Haß zwischen Eheleuten ist, die beständig
+einander nahe sind, einander atmen, das ist ärger als die Hölle. Der
+Graf wollte einige von seinem Vorfahr der Stadt und den Dörfern
+verliehenen Rechte wieder einziehen und setzte zum Verdruß der Bürger
+einen ungerechten Bierprozeß fort, den sein Vater begonnen. Darein
+mischte sich die Gräfin, und es entstand Streit. Caroline haßte den
+duckmäuserischen Herrnhuter, der noch immer im Hause weilte und durch
+Flur und Gemächer schlich wie der lautlose Unfried; auch darüber wuchs
+der Streit. Erdmann lud Kavaliere zu sich auf Jagden und Feste ein, und
+wenn sie kamen, war er fortgeritten oder gar betrunken, so daß die
+Gräfin vor Scham nicht wußte, was sie sagen oder tun sollte. Sie machte
+ihm Vorwürfe, erst sanft, dann leidenschaftlich; seine Ungerechtigkeit
+gegen sie rührte sie bis zu Tränen auf, es zerriß ihr das Gemüt, daß all
+ihre Liebe verschwendet sein sollte, denn geben, geben und immer geben,
+wer hat so viel, wer, der kein Engel ist? Welche Frau ertrüge es, daß
+ein Mann sich zum Herrn und Verächter der Menschheit aufwirft und den
+Willen Gottes erkannt zu haben meint und daß er dabei mit rohem Fuß ein
+anschmiegendes Herz zertritt?
+
+Er aber hatte einen Engel in ihr zu erringen geglaubt, das war es. Einen
+Engel glauben, und nur die Eva finden, die Listige, die Überlisterin,
+das hübschgestaltete Fleisch, von schlauer Grazie bewegt, das wurmte
+ihn, verfinsterte ihn, und er ward in seinen Handlungen gegen die Frau
+seiner wahren Empfindung nicht mehr inne. Was er ihr zufügte, fügte er
+sich selber zu, aber er ward dessen nicht inne. Einst bei der
+Mittagstafel beschimpfte er die Frau gröblich, weil eine Speise, die
+gereicht wurde, verdorben war. Zwei Fremde waren zugegen, die peinlich
+erstaunt vor sich hinblickten, und Herr von Wrech, der eine demütige
+Fassung zur Schau trug. Caroline erhob sich und verließ das Gemach; an
+der Schwelle konnte sie sich nicht mehr halten und weinte laut. Die
+Gäste verabschiedeten sich bald, Graf Erdmann trieb sich in finstrer
+Laune in den Wäldern herum; als es Nacht war, kehrte er heim, nahm eine
+Bibel und versuchte zu lesen. Jedoch die im Schloß herrschende Stille
+wühlte ihn noch tiefer auf, das Wort der Schrift brannte wie Feuer in
+seinem Geist und ungefähr gegen Mitternacht begab er sich, ein Lämpchen
+in der Hand tragend, in das Zimmer der Gräfin. Sie lag auf ihrem Bett
+und schlief, und lange schaute er sie an. Sie schlief ruhig wie ein
+Kind, ihre Wangen waren gerötet, und in den dunklen Augenspalten glänzte
+Feuchtigkeit. Da beugte sich Erdmann und berührte mit seinen Lippen
+ihren Mund; und kaum daß dies geschehen war, erwachte Caroline und
+blickte das Antlitz dicht vor sich voll geisterhaftem Schrecken an.
+Dieser Ausdruck, die unerwartete Wiederkehr ihres Bewußtseins, sein
+seltsam heimliches Beginnen, der Argwohn, als hätte ihn die Frau nur
+fangen und ertappen wollen, all das erhitzte ihn, er erschien sich
+gehöhnt, genarrt und verraten, er packte sie an den Haaren und riß sie
+aus dem Bett, er schleifte die Wimmernde durch die Säle, und im Flur des
+Hauses ließ er sie, preßte sich keuchend an die Wand und schlug im
+Dunkeln ein Kreuz. Caroline aber, schaudernd vor Entsetzen, erhob sich
+und flüchtete gegen die Tür des Hauses, rannte in den Hof, wo die Hunde
+anschlugen, und weiter lief sie, so weit ihre Füße sie trugen. Da machte
+sich Graf Erdmann auf und verfolgte sie in der Finsternis, koppelte die
+Hunde los und fand ihre Spur, und als er sie im Hemde, wie sie war,
+ohnmächtig neben einer Kotlache liegen sah, kauerte er sich nieder und
+blieb bei der Regungslosen, bis der Morgen graute, dann trug er sie ins
+Haus zurück. Ihr Blut erwärmte ihn, zärtlich schmiegte sich ihr Haar um
+seinen Hals, ihre Arme hingen schlaff, ihr Herz klopfte wie ein Mahner
+gegen seines, das von Finsternis, von Irrung und von unbegreiflichem
+Schmerz erfüllt war.
+
+Wenige Wochen darauf setzte der Bruder der Gräfin die Scheidung durch,
+Erdmann tat, als ob er damit zufrieden sei, und das Gericht zu Oppeln
+bestätigte sie wegen unversöhnlicher Feindschaft, »samt dem was
+anhängig«. Bis zu ihrem Tod lebte die Gräfin Caroline wie eine
+Klosterfrau, und so ist sie, reizend und wehmütig, noch heutigen Tags
+auf dem Schlosse zu Carolath im Bilde zu sehen. Erdmann Promnitz aber
+wurde von der Stunde ab, wo sich die Gräfin von ihm trennte, immer
+unruhiger und wilder. Es umgaben ihn Schmeichler, Schmauser, Schmarotzer
+und lauernde Erben. Das viele Geld vom reinen Ertrag war kaum
+hinreichend, den Verschwendungen stand zu halten, und fragte ihn einer
+seiner Vettern, was er treibe, so antwortete er, scharf skandierend:
+»Essen, trinken, schlafen, sehen und hören.« Schreckliche Träume
+zerrütteten sein Gemüt; war es Reue, was so tief sich einfraß, daß er
+den Wurm gleichsam im Innersten der Brust spürte? Als man eines Morgens
+Herrn von Wrech tot in seinem Bett fand, – er hatte von der Tafel einen
+halben Fisch in seine Kammer mitgenommen, war des Nachts hungrig
+aufgewacht, hatte ihn ohne Licht verzehrt und war an einer Gräte
+erstickt, – da beschloß der Graf, in die Fremde zu ziehen, wo er fremd
+sein und Jedermann mit Ehren fremd bleiben konnte. Gegen eine Leibrente
+von zwölftausend Talern vergab er all seinen Besitz an verwandte
+Geschlechter, und nachdem er einen im Schloßkeller von Sorau vergrabenen
+Schatz von hunderttausend Gulden an sich gebracht, zog er in die weite
+Welt, in des Herrgotts Gefängnis, wie er sagte.
+
+Zu Halle sah er nun seinen Schützling wieder, jenen Hans Kosmisch, den
+er aus dem Pariser Lasterpfuhl gerettet hatte und der inzwischen ein
+höchst gelehrter junger Mann geworden war, bei welchem das Promnitzsche
+Geld einmal fruchtbaren Boden gefunden. Hans Kosmisch lag seinem Gönner
+an, ihn nach England zu dem großen Astronomen Herschel zu schicken. Dies
+gewährte der Graf, stattete ihn reichlich aus und versprach zudem, daß
+er ihm nach seiner Rückkehr auf dem Schloßturm von Peterswalde eine
+Sternwarte einrichten wollte, denn das Gut Peterswalde hatte er sich als
+Reservat ausbedungen, mit freiem Tisch, sechs Schüsseln zu Mittag,
+freier Equipage und freier Jagd.
+
+Zweimal unternahm er den Versuch, die Gräfin Caroline wiederzusehen, die
+in der Nähe der Stadt Merseburg lebte. Die Gräfin weigerte sich, ihn zu
+empfangen. Er fuhr in den Norden und begab sich auf ein Schiff, und das
+Schiff scheiterte an der irischen Küste, und er kehrte zurück und eines
+Abends im Herbst stand er wieder vor dem Haus, in dem die Gräfin
+Caroline wohnte, und schaute lange zu den Fenstern empor, und ging
+endlich hinein und erfuhr von einem alten Weibe, daß Caroline gestorben
+war und daß man sie am Allerseelentag begraben hatte. Da lag Erdmann
+Promnitz über sieben Wochen im Bette, fast ohne sich zu rühren. Sodann
+ging er in den Merseburger Ratskeller und trank dreiundeinhalb Tage lang
+ununterbrochen Burgunderwein. In seiner Trunkenheit sah er einen
+bleichen Schatten neben sich, und ingrimmig begann er das Verslied
+Numero eintausendachtzehn zu singen:
+
+ »Wenn es sollt der Welt nachgehn, bebe! blieb kein Christ
+ auf Erden stehn, bibi!
+ alles würd’ von ihr verderbt, bebe! was das Lamm am
+ Kreuz ererbt, bibi!«
+
+Da ängstete den Wirt das blasphemische Gebaren, und er ließ den
+hochgebornen Herrn in aller Devotion auf die Straße setzen.
+
+Bald darauf wanderte er außer Landes und schlug seine Residenz zuerst in
+Kehl, dann in Straßburg auf. Er war allen Menschen unheimlich; in einer
+Nacht wurde er in Begleitung mehrerer Herren von fünf wegelagernden
+Strolchen überfallen; mit wahrer Berserkerwut und -kraft schlug er die
+ganze Bande in die Flucht. Einer der Herren fragte ihn, warum er, der
+doch so stark sei, immer furchtsam und gedrückt scheine. Er erwiderte:
+»So ist es nun einmal. Ich kann mich und euch gegen jedermann in Schutz
+nehmen, nur nicht gegen mich selbst.«
+
+Er reiste nach Paris. Dort erinnerten sich noch einige Leute seines
+Namens, und sie verbreiteten das Gerücht, der finstere und
+ausschweifende deutsche Graf werde von der Erinnerung an eine Übeltat
+gequält. Als er davon erfuhr, lachte er und sagte: »Man unterschätzt
+mich; ein Körnchen Kaviar gibt noch keine Mahlzeit.« Er suchte die
+Gesellschaft berühmter Philosophen, und stets brachte er das Gespräch
+auf Schuld und Sünde und moralische Verantwortung, aber wenn sie sich
+dann nach ihrer Weise geäußert hatten, ging er unzufrieden von ihnen
+hinweg, setzte sich eine Nacht lang in eine Spelunke, sang anstößige
+Lieder und machte sich mit allerlei wüstem Volk vertraut. Zwei Jahre
+hielt es ihn in Paris, dann pilgerte er über die Pyrenäen nach Spanien.
+Zu Valladolid sprach er mit den Gelehrten der Universität lateinisch,
+und in Escurial unterhielt er sich mit den Granden von hoher Politik,
+und in Cadix hockte er in Matrosenkneipen am Hafen, und dann fuhr er
+übers Meer nach Afrika, fand nicht Ruhe in der Wüste, nicht in den
+bunten Städten der Mauren, reiste nach Malta, lebte in Syrakus, dann in
+Rom, durchwanderte die Schweiz, war heute geizig mit Gold, warf morgen
+einem Bettler zwei Dukaten in den Hut, las einmal in den Schriften des
+Professors Kant und des Herrn von Voltaire, ein andermal im heiligen
+Augustinus oder in einem seiner Kochbücher. Grübelnd saß er an Bord der
+Schiffe, den Blick ins Wasser geheftet, schweigend und träumend schritt
+er durch die vielen Städte, und mit wunderbarer Eile ließ er seine
+Kutsche über die Landstraße donnern, als ob der Teufel hinter ihm her
+wäre. Bei Tag wünschte er, daß es Nacht sein möge, im Frühling wünschte
+er den Herbst. Dabei ward sein Kopf grau, sein Gesicht verfaltet, seine
+Gestalt gebückt, nur sein Auge nahm an Glut der Rastlosigkeit noch zu.
+Zehn Jahre, fünfzehn Jahre, zwanzig Jahre, fünfundzwanzig Jahre, wenn
+das Alter kommt, rollen die Tage, Monate und Jahre wie große und kleine
+Kugeln in beschleunigtem Fall den Berg hinunter und dem Abgrund des
+Todes zu, aber sie greifen auf, was am Wege liegt, und nehmen alles mit:
+Gram und Reue und Sehnsucht und schlechtes Gewissen.
+
+Es wird erzählt, daß der Ostgote Theoderich durch einen großen
+Fischkopf, der vor ihm auf der Tafel stand, an das verzogene Antlitz des
+hingerichteten Symmachus erinnert wurde. Die Augen starrten greulich,
+die Lippe war dem Schreckbild in die Zähne gekniffen. Den König überkam
+das Fieber, er eilte in sein Schlafgemach, ließ sich mit Decken
+verhüllen, beweinte den Frevel und starb kurz darauf in tiefem Schmerz.
+Für den Grafen Erdmann war jegliches Ding zu jeglicher Zeit ein solcher
+Fischkopf. In gewissen stillen Nächten des Südens stieg ihm ein
+schlankes Frauenfigürchen vor Augen, ein sanftes Gesicht, so daß er
+hätte fragen mögen: »Du bist so bleich um die Nase, bist du bei Leichen
+gelegen?«
+
+In Basel erhielt der Graf einen Brief von Hans Kosmisch, der nun über
+sechzehn Jahre zu Peterswalde hauste. Nachdem er von England
+zurückgekehrt war, hatte ihm sein Beschützer fünftausend Dukaten für den
+Ankauf eines Teleskops geschenkt, trotz seines Geizes, nur um diesem
+sonderbar geliebten, durch eine Laune des Schicksals ihm zugeworfenen
+Menschenkind zu willen zu sein und damit einer Wissenschaft zu dienen,
+die ihm unverständlich war wie das Hebräische und gespensterhaft wie das
+Grauen auf dem Kirchhof. Hans Kosmisch hatte einen neuen Kometen
+entdeckt und teilte dies seiner gräflichen Gnaden voll stolzer
+Genugtuung mit. Ha, dachte der Graf, da vergnügt sich einer am Feuerwerk
+der Sphären wie ein Kind am Fackelzug; mit dem Manne muß ich reden.
+
+Es war wohl auch Heimweh, was den Grafen nach Peterswalde zog. Eines
+Nachmittags im Juni polterte sein Reisewagen durch die halbverfallene
+Schloßpforte. Die Hühner stoben von dannen, Fasanen flogen auf, ein
+müder Hofhund umschlich Rosse und Räder. Nach geraumer Weile erschien
+Hans Kosmisch, im braunen spitzenbesetzten Jabot, doch ohne Perücke. Er
+war ein kleiner Mann, der ungeachtet der herannahenden Fünfzig noch
+immer knabenhaft aussah, noch immer den leichten Gang eines Tänzers
+hatte; sein Gesicht war seltsam weiß und glatt, mit durchsichtigen
+Augen, die Haare weiß wie Mehl. Als er seinen Herrn und Gönner gewahrte,
+so abgerissen, wüst und fahl, zwei Orden auf der Brust, den Anzug
+ausgefranst, mit suchenden Blicken die Wehmut und Rührung der Heimkehr
+verhehlend, da lief ein Schüttern über seine Züge, jedoch verbeugte er
+sich tief.
+
+Bei kärglichem Plaudern wurde eine frugale Abendmahlzeit genommen, und
+als es dämmerte, verließen sie die Stube und setzten sich auf eine
+uralte Steinbank im Garten. »Es wird eine schöne Nacht heute«, sagte
+Hans Kosmisch. Wie dann der Graf immer stiller und stiller wurde, machte
+er ihm den Vorschlag, das Observatorium zu besuchen. Der Alte willigte
+schweigend ein, Hans Kosmisch nahm eine Handlaterne, und sie stiegen die
+Wendeltreppe des Turmes empor. Von der Studier- und Wohnstube des
+Astronomen führte eine geländerlose Leiter auf die Plattform; in einem
+rundlichen Bretterhaus daselbst befand sich das Teleskop.
+
+»Seht, Euer Gnaden, wie feierlich das Firmament sich bestirnt hat«,
+sagte Hans Kosmisch emporweisend, »Euch zu Ehren, wie mir scheint.«
+
+Erdmann Promnitz blickte um sich, dann hinauf. Er ließ sich auf ein
+Sesselchen nieder und beugte Rumpf und Haupt zurück. Es war ein Ausruhen
+in dieser Bewegung, und sie schien unwillkürlich, gleichwohl gehorchte
+er damit dem Hinweis des Astronomen. Aber wie sein Auge das überflammte
+Himmelsgewölbe traf, seufzte er plötzlich, und ein Schauder der
+Überraschung durchrieselte seinen Körper. Es fügt sich oft, daß ein
+Mensch erst vor einem zufälligen Schauspiel, das seine zerstückte
+Aufmerksamkeit zur Sammlung zwingt, eines Weges, eines Willens, eines
+Traumes, ja endlich des bedeutsamen Sinnes schwebender Rätsel inne wird.
+Es gibt Menschen, die niemals in einer reinen Nacht den Blick nach oben
+gelenkt haben, und die erst einen hinaufzeigenden Arm brauchen, um sich
+von der verworrenen Fülle irdischer Visionen abzukehren. Dieses sind die
+Zeitgefangenen, die Fliehenden, die Gerichteten, die Knechte des Herrn,
+die Ewiggeplagten, die Erdmänner.
+
+Ein gleichsam von fernher gleitender Strahl umleuchtete das Herz des
+Grafen. »Gott grüß dich, Hans Kosmisch«, sagte er endlich. »Was für
+einem kuriosem Metier hast du dich da verschrieben! Sitzest Nacht für
+Nacht und beguckst den lebendigen Teppich. Muß auf die Dauer ein wenig
+ennuyant sein, dünkt mich.« Der alte Spott, durch Trauer glitzernd wie
+das Lächeln eines Kranken, wenn der Arzt auf die Schwelle tritt.
+
+»Ist niemals ennuyant, Euer Gnaden,« versicherte Hans Kosmisch; »ist
+auch nicht gar so bequem. Das Begucken allein tuts nicht. Da heißt es
+rechnen und aberrechnen, die Mathematik quält Euch um den Schlaf, die
+Zahlen tyrannisieren den Kopf.«
+
+»Und du hast Aare gesättiget, während ich in der Mühle die Mägde küßte,
+wie die Altvordern sagten,« murmelte der Graf gedankenvoll vor sich hin.
+»Und was ist das für ein Ding, der Komet, den du entdeckt? Wie hast du
+ihn zur Strecke gebracht? Findet man Gestirne wie neue Inseln im
+Südmeer, oder fängt man sie ein wie Füchse in der Falle? Zeig ihn mir,
+deinen Kometen.«
+
+»Ihr könnt ihn mit bloßem Auge nicht gewahren,« entgegnete der Astronom
+mit seiner italienisch runden Stimme, »auch erscheint er erst zwischen
+zwei und drei Uhr nachts im Bild der Kassiopeia.«
+
+»Und so mußt du auf ihn warten wie eine Ehefrau auf ihren schläfrigen
+Mann? Wenn das nicht Ennui heißt, will ich Trübsal benannt werden.«
+
+»Er kommt nur alle siebenundzwanzig Jahre der Menschheit zu Gesicht«,
+fuhr Hans Kosmisch mit unerschütterlichem Lehrernst fort.
+
+»Larifari, Hans Kosmisch, wie willst du das so genau wissen?«
+
+»Es läßt sich alles berechnen, Euer Gnaden. Was Euch Willkür scheint,
+läßt sich berechnen, und durch das Teleskop läßt sich vieles sehen, was
+in der Himmelsschwärze versunken ist.« Der Astronom wies auf das
+Fernrohr, und als der Graf sich erhoben hatte, richtete er die Schrauben
+für das Auge des Laien und zielte mit dem Rohr auf das Mondhorn, das
+gerade zwischen zwei Baumwipfeln eines fernen Waldes tief gegen den
+Horizont sank. Der Graf schaute hinein, fuhr aber gleich wieder zurück.
+
+»Es blendet Euer Gnaden,« meinte Hans Kosmisch versöhnlich, »doch Ihr
+werdet Euch bald gewöhnen.«
+
+Der Graf schaute wieder ins Rohr. »Verteufelte Zauberei«, sagte er;
+»oder sind es wahrhaftige Berge, die ich da sehe?«
+
+»Wahrhaftige Berge, Euer Gnaden, erloschene Vulkane, eine gestorbene
+Welt, eine Zwillingserde. Das Licht, das Ihr wahrnehmt, ist Sonnenlicht,
+die Schatten sind Sonnenschatten –«
+
+»So hat mich das Diebsgesicht des Monds bisher getäuscht? Und was ist
+das für ein dunkler Fleck, seitlich vom hellen, grau wie Katzenfell –?«
+
+»Es ist die Nacht des unbeleuchteten Planeten. Unser Erdball wirft die
+umgrenzte Finsternis dorthin.«
+
+»Unser Erdball, sagst du ... Ball! Wie das klingt. Es ist also keine
+leere Fabel? Die Welt, auf der ich stehe, mit ihren Ländern und Meeren
+und Flüssen und Städten und Kirchen und Menschen ist wirklich nur so
+eine schwimmende Kugel wie die dort?«
+
+»Wie die dort und wie viele, eine kleine nur unter den kleinen, Euer
+Gnaden. Seht, alles was so wie Leuchtwurmgetier am Himmelsbogen funkelt,
+das ist jedes für sich ein Einzelnes und Gestaltetes, und könntet Ihr
+auf einem von den Sternen weilen, so würden die andern und unser
+irdischer dazu auch wieder nur als feuriges Gesprüh euer Auge ergötzen.
+Das geschliffene Glas da löst euch den weißen Strom der Milchstraße zu
+Punkten auf, und jeder Punkt ist eine Sonne, und um jede Sonne kreisen
+Erden, und jeder hält den andern im Raum, und alle fliehen durch den
+Raum, nach geheimnisvollen Gesetzen. Ihr schaut empor, und zur selben
+Frist entstehen Welten und vergehen Welten, schwingen sich Monde um ihre
+Muttergestirne, stürzen Meteore aus der Bahn, rasen Kometen durch eine
+Unendlichkeit, für die der Menschengeist keine Begriffe hat. Richtet
+Euer Augenmerk gnädigst auf den grünlich funkelnden Stern zwei Hand
+breit von der Deichsel des Wagens. Dieses Sternes Licht braucht
+dreitausend Jahre, um zu Euch zu gelangen.«
+
+»Dreitausend Jahre«, wiederholte der Graf, flüsternd wie ein Kind, dem
+es gruselt.
+
+»Indem Ihr sein Feuer seht, seht Ihr in Wahrheit etwas, das vor
+dreitausend Jahren war, und wäret Ihr imstande, hinaufzufliegen, so
+könntet Ihr, auf die Erde rückschauend, mit sonderlich begabtem Auge von
+Folge zu Folge alles wahrnehmen, was sich seit dreitausend Jahren dahier
+begeben hat.«
+
+Graf Erdmann stierte den Astronomen entsetzt an. »Wenn dem so ist,«
+antwortete er stotternd, »wenn dem so ist, so kann ja nichts verborgen
+bleiben. Dann ist jedes meiner Worte und jede Tat, die ich getan,
+aufbewahrt. Ist es dann nicht ein Irrtum zu glauben, das Jetzt sei ein
+Jetzt? Dann wird ja alles so ungeheuer, dann muß doch die Schöpfung
+älter sein als die sechsthalbtausend Jahre der Juden...«
+
+»Euer Gnaden darf sich nicht verwirren,« fiel Hans Kosmisch mit
+listig-mildem Lächeln ein; »was Euch Religion und Bibel an Maßen geben,
+sind Verkürzungen symbolischer Art. Der Geist will die Seele nicht
+betrügen, er macht sie nur den göttlichen Geheimnissen doppelt
+verschuldet.«
+
+Der Graf hatte sich wieder auf sein Sesselchen begeben und blickte
+empor. »Das alles über mir ist Raum,« begann er wieder, und seine
+Greisenstimme klang erschüttert; »so groß, so endlos frei und herrlich
+weit, daß die Zeit, die ich gelernt, mir wie ein Bild erscheint und mein
+Name wie ein Gleichnis; und meine Qual und Sünde schrumpft mir
+zusammen, denn was sind meine sechzig Winter und Sommer unter den
+Millionen, und wie könnte der Herr über eine solche Großwelt es fertig
+bringen, Gut und Böse krämerhaft zu wägen?«
+
+Hans Kosmisch antwortete nichts, auch der Graf schwieg lange Zeit.
+Plötzlich rollten ihm zwei große Zähren über die verwitterten Backen,
+und er sagte dumpf und langsam vor sich hin: »Sie hatte kornblondes Haar
+und Augen wie das Reh; ihr Mund war sanft und ihre Hand war zärtlich.
+Sie hat mich geliebt, und sie ist tot. Wo sie auch weilen mag da oben im
+Raum, ich bin bei ihr, und was ich als Schuld gegen sie trage, bleibt
+Schuld. Sündenschuld – Liebesschuld. Aber wie denkst du dirs, Hans
+Kosmisch,« rief er auf einmal laut und schlug beide Hände vor die Brust,
+»wird mirs noch gelingen, einen Tod zu sterben, der dem Herrn der Sterne
+wohlgefällig ist?«
+
+Hans Kosmisch senkte still den Kopf. Für Gespräche so intimer Art
+fehlten ihm Mut und Lust. Er sah die Menschen nur von fern, nur von
+einer nächtlichen Warte aus, und Gefühle kundzugeben war ihm versagt
+seit den Pariser Zeiten. »Geleit mich hinunter aus deinem
+Sphärenpalast,« fuhr Graf Erdmann fort, »und leuchte mir in die Kammer.
+Heut will ich einmal geruhig schlafen und ohne böse Träume.«
+
+Der Graf verließ wenige Tage später Peterswalde und begab sich nach
+Osnabrück, wo er seines Zipperleins halber einen dort sässigen bekannten
+Arzt zu Rate zog. Er war ein anderer Mann geworden, ein gefügiger,
+milder, heiterer, obwohl auch fernerhin einsamer Mann. Ein mysteriöses
+Werk beschäftigte ihn die meiste Zeit des Tages, und in sternenhellen
+Nächten stieg er auf den Turm des Münsters, den er seinen wunderbaren
+stummen Professor nannte. Nach einem halben Jahr, im tiefen Winter,
+kehrte er nach Peterswalde zurück und lebte da friedsam weiter, ganz und
+gar mit seinem mysteriösen Werk beschäftigt. Sehr mit Grund ist bei
+alten Menschen der März als Todbringer verrufen. Eines Morgens im
+Mittmärz betrat Hans Kosmisch die Stube seines Herrn und fand ihn
+entseelt im Bette liegen. Auf dem Tische aber, gleichwie der ganzen Welt
+zur Schau, war das endlich vollendete Werk ausgebreitet.
+
+Es war ein gemaltes Bild, nicht wie von einem, der die Kunst versteht,
+sondern von einem, der mit unbeholfener und doch sicherer Hand eine
+Traumvision festzuhalten bemüht ist, – ein über alle Worte erhaben
+schönes Antlitz, ein Kopf, ja nichts als ein Gesicht mit großen, reinen,
+unaussprechlich gütigen Augen, aus denen die ergebenste Liebe quoll. Es
+fehlten nicht die Grübchen in den Wangen, die von weichem Haupthaar
+umflossen waren, und das Kinn umstand ein voller, breiter, lockiger
+Bart, der in einer Spitze endete, nicht in zweien wie ein Jesusbild.
+Dieses überirdisch göttliche Gesicht, das trotz des Bartes die genaueste
+Ähnlichkeit hatte mit dem der verstorbenen Gräfin Caroline, umrahmte
+über den Scheitel hinweg, an den Haaren herab und unter dem Bart sich
+schließend, ein Kranz von bekannten und unbekannten Blumen. Alles dies
+war ganz in Blau und Gold gemalt, und nun waren in der Weise punktierter
+Kupferstiche die Augenbrauen, die Augäpfel, die Stirne, die Lippen, der
+Bart und die Locken der Haare lauter Sternbilder, Nebelflecken, Kometen
+und Monde; in der Verschlingung einer Winde fand sich die Sonne und als
+winziger Goldpunkt die Erde. Es war als ob ein träumender Mensch,
+irgendwo im Raume ruhend, das Weltall als Gesicht begriffen hätte und
+als ob Sonne, Mond und Sterne im Innern seiner Seele zu einer geschauten
+und geheimnisvollen Einheit gelangt wären. Über dem Bildnis aber
+prangten die triumphierenden Worte:
+
+ #Ad astra.#
+
+
+
+
+Franziskas Erzählung
+
+
+Die Teilnahme, mit der die Freunde und Fürst Siegmund der Geschichte von
+dem wunderlichen Edelmann gelauscht, hatte sie nicht verhindert, die
+Erregung zu bemerken, von der Franziska mehr und mehr ergriffen schien.
+Beim Verlesen des Briefes, den die Gräfin Caroline an eine Vertraute
+geschrieben, hatte sie sich emporgerichtet, und unablässig hingen dann
+ihre Augen an den Lippen Georg Vinzenz Lambergs. Und als dieser geendet,
+warf sie sich mit dem Gesicht gegen das Polster, und das Beben der
+schlanken Gestalt verriet, daß sie mit bemitleidenswerter Anstrengung
+ihr Weinen zu ersticken suchte.
+
+Der Fürst ging zu ihr, setzte sich neben sie und faßte ihre Hand. Er
+schwieg. Borsati aber sagte: »Kann Erdmann Promnitz deinen Schmerz
+lösen, Franzi, warum sollten wir es nicht können?«
+
+Fürst Siegmund beugte sich ein wenig zu ihr herab und bat, sie möge ihn
+anschauen. Sie schüttelte den Kopf. »Keiner unter uns wünscht, daß du
+eine Wunde aufreißen sollst,« sagte der Fürst gütig und ruhig, »und mich
+selbst verlangt es nur, dich wieder so zu sehen, wie du ehedem warst.
+Ist es dir nicht möglich zu vergessen, so dünkt es mich doch gefährlich,
+wenn dich fremde Geschicke immer wieder mahnend in die eigene
+Vergangenheit zerren, und deinen Freunden hier sind diese Tränen
+vielleicht ein unverdienter Vorwurf. Was aber auch an Bewahrung oder
+Stolz im Schweigen liegt, das eine glaub mir als altem Lebensmenschen:
+es ist nicht fruchtbar, und es ist nicht fromm. Es verengert das Herz.«
+
+Da kehrte sich Franziska um, ließ den Blick sinnend über alle schweifen,
+und mit blassem Gesicht antwortete sie: »Ihr sollt es wissen. Was mich
+an der Geschichte vom Grafen Erdmann so getroffen hat, das kann ich kaum
+erklären. Nicht die Frau ist es und was sie hat ertragen müssen,
+dergleichen ist ja häufig, es bestätigt nur die Erfahrungen und wühlt
+nicht so unerwartet auf. Es ist etwas Anderes; es ist da eine Luft, ein
+Ton, eine Folge, etwas wie dumpfaufschlagende Steine, ich vermag es euch
+kaum anzudeuten, etwas über die Wahrheit der Worte hinaus, etwas, was
+wie Musik wahr ist. Und dann die Sterne! und dieser Tod! Und das Bildnis
+zuletzt! Auch ich habe von einem Bildnis zu erzählen, von nichts anderem
+eigentlich.«
+
+»Aber wie soll ich sprechen?« fuhr sie hastiger fort, betrachtete die
+aufmerksamen Gesichter der Freunde und ließ das Haupt auf die stützende
+Hand sinken, »wie soll ich das Unglaubliche schildern, euch, die ihr
+mich so gut kennt und doch nicht kennt? Vielleicht war ich damals müde;
+ja, in jeder Hinsicht müde. Ich hielt nichts mehr von mir, mein Körper
+war mir eine Last, mein Talent eine Grimasse, mein Dasein kam mir
+erbitternd nutzlos vor, ich erschien mir unsagbar einsam, und die
+Gleichgültigkeit, die einen erfüllt, wenn man stets getragen wurde und
+nie gegangen ist, war das Schlimmste. Mich verlangte nach einem Sturz,
+oder nach einem Widerstand, denn trotzdem ich kraftlos war, war ich
+zugleich verwildert. Nein, ihr habt nichts von mir gewußt; ihr wart zu
+klug, zu vornehm, zu sparsam, zu beiläufig.«
+
+Sie seufzte, und nach einer bedrückenden Pause begann sie die Ereignisse
+zu erzählen, auf die sie in so ungewöhnlicher Weise vorbereitet hatte,
+die aber mit ihren eigenen Worten nicht gut wiedergegeben werden können,
+weil das Heftige und Sprunghafte des Vortrags die Faßlichkeit
+beeinträchtigen würde.
+
+Eines Tages erhielt sie einen Brief von einer Freundin, die acht oder
+neun Jahre zuvor vom Theater weg eine glänzende aristokratische Heirat
+gemacht hatte und deren Mann im Ausland gestorben war. Die
+Zurückgekehrte wünschte Franziska zu sehen. Sie bewohnte einen kleinen
+Palast in der Metastasio-Gasse, und als die Beiden in einem
+rondellartigen Raum einander gegenüber saßen, erblickte Franziska ein
+Porträt, von dem sie aufs Wunderbarste berührt wurde. Sie konnte die
+Augen nicht von dem Gemälde losreißen, und da bisher Bilder nie tiefer
+auf sie gewirkt hatten als etwa schöne Stoffe oder Teppiche oder
+Geschmeide, geriet sie selbst in Bestürzung über den Eindruck. Auch die
+Freundin erstaunte, als Franziska sie um die Erlaubnis bat, öfter hier
+sitzen zu dürfen, um das Bild betrachten zu können. Franziska kam von da
+ab jeden Tag. Anfangs leistete ihr die Baronin Gesellschaft, dann ließ
+sie sie häufig allein. Sie war der Ansicht, daß eine trübe Erinnerung
+oder ein kürzlich erlittener Seelenschmerz Ursache des sonderbaren
+Benehmens sei, und vielleicht um Franziska auszuforschen, vielleicht um
+sie zu zerstreuen, teilte sie ihr nach einiger Zeit mit, sie habe unter
+den Papieren ihres Gatten Aufzeichnungen über die Persönlichkeit des
+Porträtierten gefunden; es sei ein schottischer Edelmann gewesen, der
+für den Gemahl einer von ihm hoffnungslos geliebten Dame sein Leben
+geopfert habe; dieser nämlich war wegen Rebellion gegen das königliche
+Haus zum Tod verurteilt worden; um die angebetete Frau vor dem
+schrecklichen Verlust zu bewahren, hatte sich der Liebende des Nachts,
+eine Stunde vor der Exekution, Eingang in die Zelle verschafft, hatte
+die Kleider mit dem Delinquenten getauscht und sich hinrichten lassen,
+ohne daß weder die Richter noch die Henker den Betrug merkten.
+
+Dies Tatsächliche oder Sagenhafte ging Franziska anscheinend nicht nahe.
+Es war sogar, als hätte sie eine Abneigung dagegen. Zu wirklich war es
+und als Wirkliches zu fern. Sie war in einem Fieber, in dem man weder
+sieht noch denkt, nur tastet. Das Bild war so unlöslich in das
+rätselhafte Weben ihrer Seele versenkt, daß es immer gegenwärtiger und
+wahrer wurde, je öfter sie es sah. Niemals kam ihr der furchtbare
+Gedanke, daß sie sich an ein Gespenst verliere, daß ihr Gemüt außerhalb
+der Ordnung der Dinge sei; es war ein Rausch, nicht zu wissen, nicht zu
+deuten, nicht umzukehren; auch ein Bewußtsein von Folge war darin, – als
+ob der Schatten zur Gestalt werden oder sie selbst zu einem Schatten
+hindorren müsse.
+
+Er wurde zur Gestalt.
+
+Herr von H., der um jene Zeit von seinem Botschafterposten zurücktrat,
+gab eine Abendgesellschaft, zu der Franziska eine Einladung erhielt.
+Obwohl sie seit Wochen solche Festlichkeiten zu besuchen vermieden
+hatte, folgte sie diesmal der Aufforderung, ohne eine Absage nur zu
+erwägen. Als sie in den Salon getreten war, sah sie bloß ein einziges
+Gesicht unter den zahlreichen; es war dasselbe Gesicht wie auf dem Bild.
+Es war, sie zweifelte nicht daran, dasselbe weiße, glatte, schmale,
+ruhige und vollkommene Antlitz mit Augen wie aus grünem Eis; es waren
+dieselben verächtlich und schmerzlich geschwungenen Lippen, es war
+dieselbe Entschlossenheit der Miene, derselbe phosphoreszierende Glanz
+auf der Stirn, dieselbe feine Knabenhand, sogar mit demselben Smaragd am
+Finger.
+
+Er ging auf Franziska zu. Hinkend kam er heran. Er hatte einen Klumpfuß,
+und seltsam, gerade dieser Körperfehler war es, der in ihr das Gefühl
+der Identität bestärkte. So wird ja oft ein Gleichnis eben durch das
+Unerwartete zwingend. Manche der Anwesenden spürten die gewitterhafte
+Spannung zwischen den beiden Menschen, als diese einander gegenüber
+standen. Franziska hatte natürlich schon von Riccardo Troyer gehört, von
+seinem Reichtum, von seinen Abenteuern, von seinem Geist; es war eine
+verführerische Kraft in ihm, durch welche er Anhänger gewann fast wie
+ein Prophet und nicht wie ein Reisender und Fremdling von unbekannter
+Herkunft. All das bedeutete ihr nichts; sie hatte nicht einmal Neugier
+empfunden.
+
+Ihre Schönheit lockte ihn sicherlich, jedoch sie spürte es kaum. Sie
+spürte sich selbst nur als eine Hingerissene und von unwiderstehlicher
+Gewalt Umschlungene. Es verlangte sie, ihn vor dem Bildnis zu sehen, und
+sie ersuchte die Baronin, die gleichfalls anwesend war, ihn für den
+folgenden Tag zum Tee zu bitten. Er kam. Sie befanden sich in dem
+Rondell, und Franziska war beglückt, als sie wahrnahm, daß ihr Auge sie
+nicht im geringsten betrogen hatte. Besonders wenn er den Blick
+emporgeschlagen auf sie heftete, hatte sie Mühe, den Lebendigen von
+seinem gemalten Ebenbild zu unterscheiden. Es verwunderte sie in
+höchstem Maß, daß weder die Baronin noch Riccardo Troyer die unheimliche
+Ähnlichkeit bemerkten, aber sie schwieg.
+
+Es war kein Zaudern in ihr, kein Zurückbeben. Sie vertraute ihm
+grenzenlos. Sie war ihm gehorsam wie ein Kind. Sie riß sich von allem
+los, was sie kettete, von Menschen und von Dingen. Nachdem es
+beschlossen war, daß sie mit ihm ins Ausland reisen würde, besuchte sie
+zum letzten Mal den Fürsten. Daß die Freunde sich bei Lamberg
+aufhielten, war ihr bekannt. Sie durfte nicht reden, sich von den
+Genossen ihrer früheren Jahre nicht verabschieden. Sie begriff das
+Verbot nicht, aber sie fügte sich; nur forderte und gab sie, in einer
+ersten trüben Ahnung, das Gelöbnis eines Zusammentreffens, und das Jahr,
+das sie als Frist setzte, erschien ihr in jener Stunde von dunklen
+Schicksalen zum voraus beschwert.
+
+In die Stadt zurückgekommen, löste sie ihren Haushalt auf. Was sie an
+Schmuck und barem Geld besaß, gab sie Riccardo. Sie wollte ihre Jungfer
+mitnehmen, ein Mädchen, das ihr seit langem sehr ergeben war, doch
+Riccardo engagierte, ohne sie zu fragen, eine andere, eine Italienerin
+und schickte die Erprobte fort. Er erstaunte bei diesem Anlaß über
+Franziskas Willfährigkeit, ja, ihre unbedingte Hingebung machte ihn
+stutzig. Man ist fester an eine Sklavin gefesselt als an eine Geliebte.
+Sie zu ernüchtern, fand er schwieriger, als er geglaubt, trotzdem er
+Übung darin besaß, Frauen, die sich weggeworfen hatten, wegzuwerfen. Er
+war kein Taschendieb, kein Hotelschwindler, kein Einbrecher, kein
+Falschspieler; sein Betrügertum war von höherer Schule. Seit zwanzig
+Jahren zog er als Rattenfänger durch die Städte. Er hatte seine Agenten,
+seine Herolde, seine bezahlten Spione, seine Helfershelfer, Kuppler und
+Kupplerinnen von den untersten bis in die obersten Schichten der
+Gesellschaft. Seine Beziehungen waren in der Tat so weitgreifend wie die
+eines Mannes der großen Politik, und meisterhaft war seine
+Geschicklichkeit, sie einerseits auszunützen, andererseits zu verbergen.
+Er war fein und verschlagen, seine Menschenkenntnis war das Resultat der
+Notwehr, seine Bildung etwa die eines internationalen Literaten. Er
+betörte durch eine vornehme und hintergründige Schweigsamkeit, durch
+blendende Einfälle, durch eine edelgehaltene Melancholie. Was er trieb,
+war Raub, Plünderung, Seelenmord auf Grund einer Faszination, die ihn
+der Verantwortlichkeit enthob und gegen die kein Paragraph des Gesetzes
+anwendbar war, da sie das Opfer in eine Schuldige und den Verbrecher
+beinahe in einen Helden verwandelte. Sein Metier forderte von ihm
+nichts, als daß er sich bewahrte, und so sah er trotz seiner fünfzig
+Jahre wie ein Mann von dreißig aus, ja bisweilen wie ein Jüngling, der
+in stürmischen Erlebnissen gereift ist.
+
+Franziska wußte nichts von seinen Geschäften und Unternehmungen, nichts
+von seinem Charakter, nichts von seinem Leben, nicht, woher er stammte.
+Der, den sie liebte, war in ihrem Innern, war ihr Werk, ihr Geschöpf. An
+ihm zu zweifeln, war sinnlos. Sie erlag einem aus Ermattung und
+übersinnlichem Durst gemengten Zustand; sie folgte einer Fata morgana
+des Herzens. Die Lust jedes Herzens ist Aufschwung. Einmal in jedem
+Dasein erreicht das Herz seinen Gipfel. Ihres, von gleichmäßigen Freuden
+eingeschläfert, war auf natürlichem Wege nicht in die Sphäre der großen
+Leidenschaft gehoben worden, und so hatte es der geknebelte Dämon, rasch
+ehe der Tod der Jugend ihn ohnmächtig werden ließ, durch Bezauberung
+getan. Der Sturz war gräßlich.
+
+Riccardo Troyer, zu scharfsinnig, um nicht zu gewahren, daß keine seiner
+Künste ihm irgend welchen Vorschub bei ihr geleistet hatte, zerbrach
+sich den Kopf über die Gründe ihrer tiefen Entflammung. Nicht immer war
+es so leicht gewesen zu täuschen, desto leichter stets, die Komödie zu
+enden, eine Verstrickte, Bereuende, Entwurzelte und nun Hilflose
+preiszugeben und, mit der Beute beladen, ein andres Jagdrevier zu
+suchen. Mit Franziska lag der Fall umgekehrt. Sie betrachtete ihn
+manchmal mit Blicken, als ob sie sich an einen wende, der hinter ihm
+stand. Unwillkürlich suchte er, unwillkürlich schaute er zurück, in die
+Luft. Es war das Merkwürdigste und Aufrüttelndste, was ihm je begegnet
+war. Franziska fühlte, daß ihn sein Gleichmut verließ. Der Nebel vor
+ihren Augen zerstreute sich, es kam ein quälendes Besinnen und
+Verwundern: bin ich es? Wer ist er? Sie wollte nicht geirrt haben. Mit
+beklagenswerter Hartnäckigkeit überredete sie sich, daß ein Irrtum
+unmöglich sei, und sie gedachte des Bildnisses wie einer sicheren
+Verheißung; es wurde heller, glühender, wirkender in der Erinnerung,
+sie klammerte sich daran als an den letzten Halt, die letzte Gewähr, und
+keine List, keine Schmeichelei, keine Drohung Riccardos konnte ihr das
+Geheimnis entreißen.
+
+Sein Argwohn wurde gleichsam materieller. Die Geduld, die sie ihm
+entgegensetzte, erbitterte ihn. Er ertrug ihre Verschlossenheit nicht.
+Ihre gegen den Unsichtbaren gerichteten Augen weckten in ihm das böse
+Gewissen. Um jeden Preis wollte er erfahren, was es damit für eine
+Bewandnis hatte. Auch ihre Körper- und Atemnähe beruhigte ihn nicht,
+auch die ließ ihn spüren, daß er nur Gefäß war, nur Hülle, Phantom. Der
+Betrüger fühlte sich betrogen, der Dieb bestohlen. Nicht eher wollte er
+sie von seiner Seite lassen, als bis sie ihn erkannt, wie er wirklich
+war, bis er den Vorhang zerrissen hatte, der zwischen ihnen hing.
+Schaudernd sah Franziska, daß er in diesem Bestreben tiefer sank als er
+zu sinken wähnte, unter sich selbst hinab, daß sie es war, die ihn dazu
+trieb, und ihre Verzweiflung war namenlos. Er wurde roh; er wurde
+pöbelhaft. Ich habe verspielt, sagte sich Franziska, und in Neapel war
+es, als sie ihren Entschluß kundgab, sich von ihm zu trennen. Seine
+grünen Augen erloschen für einen Moment. Es ist gut, antwortete er und
+ging. Am selben Abend teilte er ihr mit, daß ihn ein Telegramm nach
+Turin gerufen habe, sie möge die Ausführung ihres Vorsatzes bis zu
+seiner Rückkehr verschieben. Von Scham und Mutlosigkeit ohnehin
+benommen, willigte Franziska ein. Riccardo übergab ihr eine Kassette zur
+Aufbewahrung, die mit den herrlichsten Diamanten gefüllt war. Als er
+nach drei Tagen wiederkam, ersuchte sie ihn, er möge sie von den
+Juwelen befreien, deren Behütung ihr drückend sei. Da sie es forderte,
+begleitete er sie ins Nebenzimmer, sie sperrte den Schrank auf und griff
+nach der Kassette. Die Sinne vergingen ihr; das Kästchen war so leicht,
+daß sie sofort wußte, es war seines Inhalts beraubt. Was war das? was
+war geschehen? wie war es möglich? sie hatte die Wohnung nicht
+verlassen. An allen Gliedern zitternd überreichte sie ihm die Kassette.
+Riccardo blickte sie mit großen, starren Augen an, deren Brauen immer
+höher wurden. Er prüfte das Schloß und die Scharniere, er zog ein
+Schlüsselchen aus der Tasche und öffnete den Ebenholzdeckel; die
+Diamanten waren verschwunden. Franziska preßte die Hände vor die Brust
+und lehnte sich wortlos gegen die Wand. Indessen begab sich Riccardo
+leise pfeifend ins andere Zimmer. Als sie ihm folgte, saß er wie
+vernichtet in einem Sessel. Sie eilte ans Telephon, da sprang er auf und
+packte ihren Arm. »Man muß die Polizei benachrichtigen«, stammelte sie.
+Er lachte ihr ins Gesicht. Seine Augen durchbohrten sie. »Hältst du mich
+für gewillt, meinen Namen durch die Zeitungen schleifen zu lassen?«
+fragte er höhnisch; und wenn ich mich dazu entschließen könnte, denkst
+du, daß der Ruf in die Öffentlichkeit mir zu meinem Gut verhälfe? Gibt
+es einen Weg, so bin ich Manns genug, ihn zu finden. Immerhin steht die
+Sache so«, fuhr er kalt fort, »daß der Wert der gestohlenen Edelsteine
+den Wert deines mir anvertrauten Vermögens um das Zehnfache übersteigt;
+es handelt sich um eine Millionensumme. Ich bin ruiniert. Wundere dich
+also nicht, wenn ich dir erkläre, daß du mir mit deiner Person haftest,
+und so lange haftest, bis die Juwelen wieder in meinem Besitze sind.«
+Franziska hörte den zerschmetternden Verdacht aus diesen Worten; sie
+entgegnete nichts; die Erstarrung ihres Herzens verhinderte sie am
+Weinen. Ehe der Tag zu Ende ging, hatte Riccardo alle Vorbereitungen zur
+Abreise getroffen, und in der Nacht befanden sie sich an Bord eines
+Schiffes, das nach Marseille fuhr.
+
+Jetzt kam Schlag auf Schlag. Sie wohnten in einem Haus außerhalb der
+Stadt, in dem es bei Tage friedlich herging, aber in der Nacht kamen
+Herren aus der Stadt und blieben bis zum Morgengrauen beim Glücksspiel.
+Riccardo mußte Anlaß haben, sich zu verbergen, denn er überschritt
+wochenlang die Schwelle nicht. Wenn die Sonne emporstieg, saß er allein
+und überzählte gleichmütig seinen Gewinnst. Oft vernahm Franziska in
+ihrem Gemach heiser streitende Stimmen, und um die Marter des Lauschens
+zu mindern, wühlte sie den Kopf in viele Kissen. Einmal lag ein junger
+Mensch, aus tiefer Wunde blutend, an der Gartenmauer, und sie sah, wie
+seine Genossen ihn zu einem Automobil trugen und mit ihm fortfuhren. Ein
+andermal hinkte Riccardo zur Tür herein und befahl ihr, daß sie sich
+seinen Freunden als Wirtin präsentiere. Sie weigerte sich. Er riß sie
+mit teuflischer Kraft vom Lager herunter und hob den Arm gegen sie. Sie
+lächelte todessüchtig vor sich hin. In diesem Augenblick war die
+Erkenntnis, daß die reinste, die feurigste Regung, die sie jemals
+empfunden, sie in den ekelsten Schmutz des Lebens gezerrt, bitterer als
+alles schon Ertragene. Sie widerstrebte nicht mehr. Sie tat ein
+prangendes Kleid an und ging mit leichenblassem Gesicht hinunter. Ihr
+Anblick machte die Wüstlinge stutzig. Madame ist krank, hieß es, und
+Riccardo raste, als sich alle Gäste nach und nach entfernten. Aus Rache
+führte er gemeine Frauenzimmer ins Haus und veranstaltete Orgien des
+Trunkes und der Ausschweifung, deren Zeugin zu sein er sie zwang. Eines
+Nachts verließen sie fluchtartig diese Hölle und wandten sich nach
+Paris. Er schleppte sie in verrufene Quartiere des Lasters. Sie mußte
+mit Menschen sprechen, deren bloße Nähe sie mit Grauen erfüllte. Er
+wußte, daß er ihr Blut vergiftete. Er wollte es. Er wollte sie in den
+Abgrund des Daseins hinunterstoßen. Er haßte sie, weil er sich nicht von
+ihr lösen konnte. Er genoß ihre Schwäche. Er weidete sich an ihrem Adel,
+wenn sie neben einer Dirne saß. Er liebte es, wenn sie bittend die Hände
+faltete. Schamlos genug, ihr all dies zu bekennen, maß er ihr auch die
+ganze Schuld daran bei. »Du bist wie eine, die in finsterer Kammer ihren
+Anbeter erwartet hat und dem, der kommt, überschwängliche Wonne spendet;
+sage mir, wen du erwartet hast, sag mir dies, und ich will aufhören,
+mich und dich zu quälen; sag mir, wen du erwartet hast, und ich gehe
+meiner Wege, denn es wurmt mich schon, daß du mich so nackt gemacht
+hast.« So redete er zu ihr, sie aber schwieg. Je mehr er ihr von seiner
+Existenz verriet, je fester glaubte er sie halten, je grausamer
+erniedrigen zu müssen. Was hätte sie tun sollen, um ihre unwürdige und
+furchtbare Lage zu enden? Die Vergangenheit erschien ihr wie einem
+Verbrecher die makellose Jugend erscheint. Sie war eines Entschlusses
+nicht mehr fähig. Wohin sie griff, Schande; wohin sie blickte, Unrat.
+Vieler Menschen Geschick wird von ihrem bösen Dämon nur gestreift;
+einmal vielleicht, in einer Stunde der Besessenheit oder
+Gottverlassenheit erliegen sie dem Anti-Geist, dem Nachtmar ihrer Seele;
+sie aber, sie war mit ihm zusammengeschmiedet und ganz in seiner Gewalt.
+
+Und auch deshalb schwieg sie, weil noch weit hinten das Auge leuchtete,
+das sie verlockt, das Antlitz, das sie beglückt. Gab sie das Geheimnis
+preis, so war sie selbst leer wie die Kassette, aus der die Edelsteine
+verschwunden waren, so war jenes besudelt und wurde zur Lüge. Es geschah
+aber, daß sie im Schlummer davon sprach. Riccardo erlauschte es.
+Mysteriöse Eifersucht tobte in seiner Brust. Es war als wollte er sie
+auseinanderreißen, um es zu erfahren. Nacht für Nacht weckte er sie aus
+dem Schlaf und verlangte zu wissen. Sie befanden sich um diese Zeit
+nicht mehr in Paris, sie lebten in einer kleinen Villa an der
+bretonischen Küste, in der Nähe einer Hafenstadt. Und einmal fuhr er mit
+ihr in einem Boot auf dem Meer; es kam ein Sturm, sie wurden
+abgetrieben, sie schienen verloren. Die Wolken lasteten beinah auf ihren
+Häuptern, der Gischt spritzte sie an, Riccardo hatte die Ruder ins Boot
+gezogen, seine durchnäßten Haare hingen über das Gesicht und schweigend
+heftete er den Blick auf Franziska. Den Tod vor Augen, dumpf und
+willenlos, sagte sie: »Es gibt ein Bild von dir, das ich gesehen habe,
+bevor ich dich selber sah; wenn du es sehen könntest, würdest du alles
+begreifen, mein Leben und vielleicht auch deines, und diese Stunde, und
+was bis zu dieser Stunde geschehen ist.« Und mit kurzen Worten
+berichtete sie noch, wie und wo sie das Bild zuerst erblickt, und er
+hatte sich dicht zu ihr gebeugt, das Ohr an ihrem Mund, damit das
+Brüllen der Wogen nicht ihre Stimme verschlänge. Er schüttelte den Kopf
+und lachte spöttisch, dann griff er wieder zu dem Ruder und arbeitete
+mit Riesenkraft; sie wurden eines Fischerbootes ansichtig, näherten sich
+ihm langsam, die Fischer warfen ein Seil herüber, und nach unsäglichen
+Anstrengungen gelangten sie endlich in den Hafen.
+
+Am andern Morgen war Riccardo fort. Die italienische Dienerin sagte, er
+sei abgereist. Franziska freute sich des Friedens nicht. Sie wandelte
+ohne Rast durch die Zimmer oder schaute von den Balkonen auf das Meer.
+Es kamen Personen, die ihren Namen nicht nannten und die Riccardo zu
+sprechen wünschten. Er hatte keine Aufträge gegeben. Die Dienerin, der
+Koch und der Gärtner verließen das Haus, denn Riccardo hatte ihnen
+gekündigt und sie nur bis zu einem nahen Termin bezahlt. Franziska war
+allein. Der Eigentümer der Villa schrieb ihr, daß sie das Haus nach
+Verlauf von drei Tagen räumen müsse. Sie wartete, aber sie wußte nicht
+worauf. Am letzten Abend betrat sie das Zimmer, in dem Riccardo gewohnt.
+Sie setzte sich an ein geschnitztes Tischchen und verfiel in
+schwermütige Gedanken. Sie hatte eine Kerze vor sich hingestellt, die
+brannte langsam nieder und verlosch mit leisem Zischen. Der Schlag der
+Wellen schallte durch die offenen Fenster, und es wetterleuchtete am
+Himmel. Sie entschlummerte. Sie war müde. Seit vielen Nächten hatte sie
+des Schlafes entbehrt.
+
+War es denn ein Schlaf? Sie sah den Weg, den Riccardo genommen. Die
+Neugier, die ihn trieb, hatte etwas Geisterhaftes. Er war zu dem Bildnis
+geeilt. Er wollte das Bildnis in seinen Besitz bringen. Verkleidet ging
+er hin; sie sah ihn feilschen, hörte ihn lügen; man war froh, für das
+obskure Gemälde einen nennenswerten Preis zu erhalten, man wunderte sich
+über die Laune des Händlers. Dann stand er irgendwo vor einem Spiegel
+und daneben das Bild. Sie sah, wie er suchte, wie er grübelte, wie er
+förmlich hineinkroch in das fremde Antlitz, und wie sich seine Neugier
+in Spott verwandelte, und wie er hinübergrinste zum andern Pol der Welt,
+ins Auge des großen Liebenden, er, der große Dieb, den eine Verirrte um
+das eigene Ich bestohlen hatte.
+
+Jetzt aber öffnete sich die Tür, und er trat ein. Trug er nicht das
+Gemälde? Stellte es auf das Tischchen und lehnte den Rahmen an die
+Mauer? Er zündete eine Lampe an. Sein totenbleiches Gesicht war
+triumphierend über sie geneigt. Sein Hauch umwehte sie, seine Hand
+umtastete sie, sie schlug die Augen auf. Sie sah sein Gesicht, sie sah
+es, wie es wirklich war. Es war alt, es trug die Spuren häßlicher Sorgen
+und allerlei Art von Angst und gemeiner Beflissenheit. Eine Kruste von
+Anmut und Geist, dahinter Täuschung, Betrug und Lüge; eine Grimasse von
+Leidenschaft; die reine Form zerstört, von niedrigen Gelüsten, wie
+verbrannt, wandelvoll im Schlechten, aufgerissen bis zu einer Tiefe, in
+der noch Schmerz um das verlorene Göttliche lag, kein Zug ähnlich jenem
+Bilde, fremd, erbarmungswürdig fremd. Ihr Kummer, ihr nachdenkliches
+Erstaunen wich einem Gefühl der Freiheit, das so lange umkrampfte Herz
+konnte sich wieder dehnen, die Kette fiel von den Gelenken, sie besaß
+sich wieder, sie preßte die Stirn in die Hände und konnte weinen. Und er
+blieb stumm wie einer, der gerichtet ist, der nicht mehr zu fragen
+braucht und der einen unabänderlichen Weg geht.
+
+Es war kein Schlaf; sie hörte das hohle Aufstoßen seines Klumpfußes, als
+er sich entfernte, und später rollten draußen die Räder eines Wagens.
+Sie kauerte auf dem Teppich, und ihre Wange ruhte auf den gelösten
+Haaren. Es war kein Schlaf; die Lider öffnend, erblickte sie einen
+leeren goldenen Rahmen, der gegen die Mauer lehnte, und auf dem Boden
+das zerfetzte Porträt des schottischen Edelmanns. Sie nahm die vier
+Teile, legte sie zusammen und betrachtete sinnend das entseelte Bild. Es
+war Leinwand, mit Ölfarbe bemalt. Es glich einem Kleid, das einst von
+einem geliebten Toten getragen worden war.
+
+Ein Bauer brachte ihr Gepäck zum Bahnhof. Sie hatte noch so viel Geld,
+um in die Schweiz reisen zu können. Ein einziges Schmuckstück von
+größerem Wert war ihr geblieben, ein Ring; diesen veräußerte sie in
+Genf, und lebte zwei Monate in einem Dorf am See. Als der Sommer und
+damit das schicksalsvolle Jahr zu Ende ging, erinnerte sie sich der
+Verabredung mit den Freunden. Es war, als stiegen aus einem Abgrund der
+Vergessenheit Gestalten aus einer früheren Existenz empor. Die Mittel
+zur Reise gewann sie durch den Verkauf einiger Toiletten.
+
+Und so war sie gekommen.
+
+
+
+
+Aurora
+
+
+Es war dunkel geworden, aber keiner unter den Zuhörern wünschte das
+Licht einer Lampe. Von den unteren Räumen herauf, – sie befanden sich in
+einem Zimmer des ersten Stockwerks, das an Franziskas Schlafgemach
+stieß, – schallte die gemessene, doch wie es schien, ziemlich erregte
+Stimme Emils. Lamberg erhob sich, um ihm Ruhe zu gebieten, da trat er
+schon herein und wollte sprechen. »Der Affe«, war sein monomanisch
+erstes Wort, aber Lamberg unterbrach ihn und verwies ihn zum Schweigen.
+Er machte Licht, und trotz ihrer inneren Benommenheit und der Blendung
+ihrer Augen durch die jähe Helle fiel den Freunden das verlegene und
+unruhige Gehaben des Mannes auf. Emil wagte nichts mehr zu sagen, und
+leisetreterisch, wie es seine Art war, denn er trieb die Rücksicht bis
+an die Grenze der Untugend, verließ er das Zimmer.
+
+Fürst Siegmund hatte sich erhoben; merklich erregt wanderte er einige
+Male auf und ab; seine sonst etwas schlaffen Züge hatten einen
+gespannteren Ausdruck, die Augen unter den lässig schweren Lidern
+funkelten bisweilen hastig ins Unbestimmte hinein, und etwas
+leidenschaftlich Verhaltenes drückte sich auch in seinen Händen aus, die
+auf dem Rücken lagen, und deren Finger nervös und fest ineinander
+verflochten waren. Borsati saß ganz in sich geduckt auf seinem Stuhl.
+Die Teilnahme auf seiner Miene hatte etwas Rührendes, weil kindlich
+Befangenes; er gehörte zu jenen Naturen, denen das Mitleid für eine
+ihnen teure Person unbehaglich, fast demütigend ist, und die daher
+dieses Mitleid auf irgend eine Weise in Trotz, in Zorn, in Empörung
+gegen die Welt umsetzen. Eine solche Verwandlung war hier gehemmt durch
+das Gefühl eines kaum zu besiegenden Erstaunens, eines Erstaunens, das
+von Wißbegier entfacht war. Denn was bedeuteten die Worte, die
+Ereignisse? was erklärten sie? eines höchstens: daß die Möglichkeiten
+des menschlichen Herzens ohne Grenzen seien. Und diese Franziska, die
+aus den kleinen Umständen eines kleinen Bürgerhauses mutig und heiter
+ihren vergnüglichen Gang in die Welt angetreten hatte, die zu genießen
+und zu vergessen wußte, weil Genuß ihr Element und der beflügelte
+Wechsel, dessen anderer Name Treulosigkeit heißt, ihre Kraft war, diese
+Frau hatte im schall- und lichtlosen Bezirk eines Geisterspiels
+verbluten müssen? Was hatte sie so verfeinert? was so entherzt? was so
+in die Tiefe gezerrt? was so geadelt? Leben allein? Leben und Liebe?
+Todesgewißheit?
+
+Von ähnlichen Gedanken war sicherlich auch Lamberg bewegt, dessen
+Gesicht eine ruhige und stolze Würde nie entbehrte, wo es sich darum
+handelte, Schicksal und Menschheit vom einsamen Beobachterposten aus
+aneinander zu messen. Cajetan starrte mit seinen dumpfen Augen sonderbar
+abwesend vor sich hin. Ihm war, als habe er eine Dichtung vernommen. Das
+Geschehene war so weit, Schmerz nur eine Kunde, die Hingeschleuderte
+ergreifende Figur, Bericht von alledem Rhythmus und Melodie; wie schön
+zu wissen, im Verborgenen und Offenbaren das unerbittliche Gesetz zu
+verehren, und Wege zu schauen, auf denen die Duldenden und die
+Geopferten schritten, und andere Wege, wo die Priester und die Richter
+gingen! Sein beschäftigter Blick streifte mehrmals das Gesicht
+Hadwigers, der die Hand an der Stirn, die Lippen gepreßt, sehr bleich
+und gleichsam im Innersten verstummt, den Freunden und sich selbst
+entzogen war, und immer wieder kehrte er dann den Blick ein wenig
+erschrocken zur Erde. Franziska mochte nicht mehr länger unter dem Druck
+des Schweigens bleiben. Sie richtete sich empor, und wie sie plötzlich
+zu lächeln imstande war, erinnerte daran, daß sie eine Schauspielerin
+gewesen. Cajetan sprang auf, ging rasch zu ihr hin und küßte ihr die
+Hand. Sie blickte ihn prüfend an und schüttelte den Kopf, halb
+verwundert, halb dankbar. »Jetzt, wo ich mich so sicher unter euch
+fühle«, sagte sie, »wo jeder Tag etwas so Wahres hat, jedes Wort etwas
+so Menschliches, kommt es mir vor, als hätt ich das Jahr garnicht
+wirklich gelebt; ich spür es bloß, denken kann ichs nicht, freilich,
+glauben muß ich es. Aber wir wollen nicht darüber sprechen«, fuhr sie
+lebhafter fort, »ihr habt es hingenommen, und nun laßt es wegziehen wie
+eine Wolke.«
+
+Die Freunde erwiderten nichts. Fürst Siegmund nickte, atmete tief auf,
+vermied es aber, Franziska anzuschauen. Diese wandte den Blick gegen
+Hadwiger, und ihre Stimme hatte einen bittenden Klang, als sie sagte:
+»Heinrich, du weißt wohl nicht mehr, daß du mir einen Lohn schuldig
+geworden bist?«
+
+Hadwiger zuckte zusammen. »Was für einen Lohn?« stieß er kurz und heiser
+hervor.
+
+»Soll ich dir dein Versprechen vorhalten?« entgegnete sie mit
+erzwungener Leichtigkeit im Ton.
+
+»Ich habe dir ein Versprechen gegeben, das ist wahr«, murmelte
+Hadwiger, indem er unwillig einen Nachdruck auf das Anredewort legte.
+
+»Und doch bist du die Einlösung uns allen schuldig,« beharrte Franziska,
+»denn du hast viel geschwiegen, während wir uns verschwenderisch
+mitgeteilt haben.«
+
+»Ich habe ja nicht herausfordern, ich habe mich nur verstecken wollen,«
+gab Hadwiger unruhig zurück.
+
+»Als Herausforderung konnte es auch nicht aufgefaßt werden«, nahm
+Cajetan Partei, »aber in jeder Gesellschaft und Geselligkeit errichtet
+der Schweigende gewisse Schranken, auch genießt er dadurch, daß er sich
+niemals bloßstellt, einen Vorteil, den zu rechtfertigen seiner Einsicht
+und Courtoisie überlassen werden muß.«
+
+»Na, so kritisch hab’ ich mir meine Situation nicht vorgestellt«,
+erwiderte Hadwiger mit humoristischem Anflug. »Ich begreife überhaupt
+nicht, wie ihr auf den Verdacht kommt, daß ich etwas zu erzählen haben
+könnte.«
+
+»Jetzt windet er sich schon«, bemerkte Borsati lächelnd, »gebt acht, daß
+er nicht entschlüpft.«
+
+»Daß etwas in deinem Leben ist, wovon du niemals sprichst, noch
+gesprochen hast, das weiß ich, Heinrich«, sagte Franziska sanft. »Du
+hast es oft angedeutet, und wider Willen, scheint mir. Wir verlangen ja
+nicht ein Abenteuer, nicht eine beliebige Geschichte, auch nicht eine
+Enthüllung. Wir, oder wenigstens ich, ich möchte wissen, was es ist,
+worüber du so stumm bist, daß es förmlich aus dir schreit. Sieh, wer
+weiß, wann und ob wir je wieder so aufgeschlossen beieinander sind. Mir
+kommt vor, heute ist ein Abend, wie sie selten sind im Leben. Sprich
+nur, du sprichst zu Freunden.«
+
+»Ich hoffe nicht, daß Sie mich von dieser Bezeichnung ausschließen«,
+wandte sich der Fürst an Hadwiger; »als flüchtiger Gast habe ich
+allerdings keine Rechte, nicht einmal das Recht zu bitten, aber ich
+würde es zu schätzen verstehen, wenn Ihnen meine Anwesenheit nicht
+beengend oder störend erschiene.«
+
+»Davon kann sicher nicht die Rede sein, Fürst«, sagte Lamberg, und etwas
+spöttisch fügte er hinzu: »er wird umworben wie der große Medizinmann;
+wäre er nicht er selbst, er müßte eifersüchtig werden.«
+
+Franziska, die den Augenblick nicht günstig fand für Neckereien,
+schüttelte mit lebhaften kleinen Bewegungen den Kopf gegen ihn, und
+Lamberg verbeugte sich lächelnd, zum Beweis, daß er sie verstanden habe.
+Hadwiger bemerkte das Zwischenspiel nicht. Von allen Seiten in die Enge
+getrieben, kämpfte er noch. Während er die Lehne des Sessels mit beiden
+Händen umfaßt hielt, irrte sein Auge scheu, und die Muskeln seiner
+Wangen zuckten. Die alte Wanduhr schlug siebenmal mit kräftigen
+Schlägen. Er wartete, bis sie ausgeschlagen hatte, dann fing er an.
+
+»Was ich mitzuteilen habe, ist im Grunde nur die Geschichte einer Nacht;
+freilich einer Nacht, die länger als drei Monate dauerte. Was vorher
+geschah, kann ich nicht übergehen, auch von meiner Jugend muß ich
+einiges berichten.
+
+Ich wuchs im Kohlengebiet auf. Wenn ich zurückdenke, scheint es mir, als
+ob die Luft, die ich als Kind atmete, immer schwarz gewesen wäre. Wir
+waren neun Geschwister; sechs starben im Lauf von zwei Jahren. Meine
+Mutter überlebte dieses Morden nicht, und mein Vater nahm sich eine
+zweite Frau, die ihm und uns die Hölle heiß machte. Mein Vater war ein
+Mittelding zwischen einem Spekulanten und einem Fantasten; je nach
+seinen Projekten wechselte er seinen Beruf, und da sein praktischer
+Blick der Gewalt seiner Einbildungen mit der Zeit immer weniger
+standhalten konnte, litten wir große Not. Bei einem Streik der
+Kohlenarbeiter, wo er im Interesse der Grubenbesitzer zu wirken und zu
+vermitteln suchte, geriet er in ein Handgemenge und wurde von einem
+Schlag so unglücklich getroffen, daß er nicht mehr aufkam. Ich hatte
+einen Freiplatz in einer Ingenieur- und Maschinenbauschule. Ich sah, daß
+ich in der Heimat wenig Förderung erwarten konnte, und ich beschloß,
+nach England zu gehen, ein Vorhaben, das unerschütterlich war, obwohl
+ich nicht einmal die Mittel zur Überfahrt hatte. Ein Jahr lang arbeitete
+ich Tag und Nacht; ich kopierte Akten und Baupläne, war Austräger bei
+einer Zeitung und Gehilfe bei einem Photographen und legte Pfennig um
+Pfennig beiseite, bis ich im Besitz der Summe war, die ich zur Reise
+brauchte. Auch eine notdürftige Kenntnis der Sprache hatte ich mir
+angeeignet. Ich war achtzehn Jahre alt, als ich obdachlos in London
+herumirrte. Ein Bekannter meines Vaters hatte mir eine Empfehlung
+mitgegeben, auf diese hatte ich gebaut; sie war mir von keinem Nutzen.
+
+Die Jugend muß ihren besonderen Gott haben, anders läßt es sich nicht
+erklären, daß ich damals nicht versunken bin. Aber es ist nicht
+entschieden, ob uns überstandene Not und Entbehrungen frommen. Manche
+behaupten, es sei so. Wollte ich ins Einzelne gehen, so wäre der Abend
+zu kurz für den Bericht, auch sträubt sich vieles gegen das Wort. Ich
+sehe mich in nebligen Gassen; ich bin müde und habe kein Bett. Mit
+verschlagener Freundlichkeit redet mich ein halbwüchsiger Bursche an; er
+führt mich zu einem Tor und fragt, ob ich Geld habe. Ich zeige ihm eine
+Münze, und er nickt: das sei genug. Ich komme durch ein übelriechendes
+Stiegenhaus in eine noch übler riechende Kammer; dort sind fünf oder
+sechs Lagerstätten und mehr als ein Dutzend Burschen und Mädchen,
+darunter auch Kinder. Ich höre nicht ihre lauten und rohen Stimmen, ich
+falle auf eins der schmutzigen Betten und sogleich schwindet mir im
+Schlaf das Bewußtsein. Ich bin in eine Diebsherberge geraten. Die fünf
+Schillinge, die ich noch in der Tasche gehabt, sind am Morgen fort. Ich
+sehe mich in einem Hof nächtigen, von dem Mauern emporsteigen wie in
+einem Felsental. Ich arbeite in einem Magazin, in dem Arzneimittel
+versandt werden, und ziehe mir durch Einatmen giftiger Stoffe eine
+Krankheit zu. Ich liege im Spital an einer feuchten Wand und muß die
+Gesellschaft eines delirierenden Mulatten und eines prahlenden Krüppels
+aus Südafrika ertragen. Ein deutscher Schneider nimmt mich auf; sein
+Weib ist eine Kupplerin. Eines Nachts vernehm’ ich im Halbschlaf ein
+Schluchzen; ich finde in der Küche ein junges Mädchen. Sie liegt auf dem
+Strohsack und weint sich ihr Elend aus den Augen. Sie ist aus
+Deutschland herübergekommen, weil man ihr eine Stelle als Gouvernante
+versprochen hat. Ich führe sie beim Tagesgrauen aus dem Haus. Sie nennt
+mir die Adresse einer Verwandten, die in Whitechapel wohnt, und von der
+sie daheim als von einer respektablen Person gehört hat. Es erweist
+sich, daß sie Soubrette an einem der gemeinen Tingeltangel ist, von
+denen die ungeheure Stadt wimmelt. Mein Schützling hat eine frische,
+hübsche Stimme; man will ihr ein Asyl gewähren, wenn sie aufzutreten und
+Lieder zu singen bereit ist. Ich, nicht wissend, wovon ich leben soll,
+werde Türsteher bei demselben Etablissement. Sieben Wochen lang
+defiliert der buntaufgeputzte Auswurf der Menschheit an mir vorüber,
+meine Augen sind voll von den Grimassen des lachenden Elends, meine
+Ohren voll von herztötendem Lärm, und die süßlichen Parfüms des Lasters,
+die ich einatmen muß, machen mich nach starken Spirituosen bedürftig.
+Hinweg treibt es mich erst, als ich das zarte und liebliche Mädchen, das
+ich hergeführt, verwelken und verkommen sehe.
+
+Laßt mich nicht sagen, wo ich dann überall gewesen bin, um welch hohen
+Preis ich den jämmerlichen Bissen Brot erworben habe. Denk ich an die
+Türen, vor denen ich gestanden, die Stuben, in denen ich gewohnt, die
+Betten, in denen ich gelegen bin, oft schlaflos und oft glücklich
+eingesargt in einen Schlummer, von dem zu erwachen bitter war; denk ich
+daran, aus welchen Händen ich Lohn empfing, an die verzweifelte Plage,
+an die Müdigkeit, an das hoffnungslose Hinfließen der vielen Tage, an
+den nervenzerrüttenden Kampf gegen Schurkerei aller Art, gegen die
+Hinterlist, die sich am Armen bereichert, gegen die Taubheit, deren
+Opfer der Stumme wird, gegen die eigene Schwäche, die nicht so sehr
+Unvermögen ist als Fesselung und der Mangel rettender Zufälle; denk ich
+daran, daß ich zähneknirschend am Gitter eines festlich illuminierten
+Parks gelehnt, die Finger um die Stäbe geklammert wie ein Tier im Käfig
+tut, daß endlich Haß, unsagbarer Haß in mir aufwuchs und meine zwanzig
+Jahre gleich einem Aussatz zerstörte, – denk ich wieder daran, so will
+ich kaum glauben, daß ich noch der Mensch bin, der es gelebt hat, ich,
+der hier sitzt und es als etwas Fernes schildert.
+
+Ja, ich haßte die Menschen mit einem aus Nihilismus und Furcht
+gemischten Gefühl. Diese Millionen, ihre Anstrengungen, ihre Eile, ihr
+Wetteifer, ihre rasenden Gelüste, – sie erdrückten mich. Mir schien, daß
+alle vorhandenen Wege besetzt seien und daß ich keinen Weg mehr finden
+könne. Es war mir, als ob für mich kein Platz in der Welt sei und als ob
+mich die Fülle der Dinge sozusagen bei lebendigem Leib begraben hätte.
+Ich hatte keinen Platz und keine Luft, ich kann es nicht anders
+ausdrücken, und so war ich nur unter dem Gesetz der Trägheit nach einer
+bestimmten Richtung hin tätig. Und nicht nur die Menschen haßte ich,
+sondern auch all ihre Einrichtungen, das Zwangvolle und mich
+Erdrosselnde der gesellschaftlichen Ordnung, den Staat, die Kirche, die
+Schule, die Zeitungen, sogar die Bücher. Dies klingt entsetzlich genug,
+es weiter auszumalen, wäre vom Übel, meine Bahn schien unabänderlich zur
+Tiefe zu führen, ich war ein verlorener Mensch, und was noch an Kraft
+und natürlichem Temperament in mir steckte, das faulte gleichsam ab,
+verpestet von dem Anhauch meiner unterirdischen Existenz.
+
+Dies Wort ist nicht nur bildlich zu verstehen. Es war mir damals
+gelungen, mich wieder meinem eigentlichen Beruf zu nähern; ich hatte die
+Stelle eines zweiten Maschinisten auf einem der kleinen Themse-Dampfer.
+Der Dienst verhinderte mich, während des Tages das Licht der Oberwelt zu
+sehen, und den Abend wie den größten Teil der Nacht verbrachte ich in
+einer Taverne bei den East-India-Docks. Ich hatte um jene Zeit einen
+jungen Russen kennen gelernt und mich ihm angeschlossen. Sein Name war
+Rachotinsky. Er war Arzt gewesen und hatte fünf Jahre in der Verbannung
+am Baikalsee gelebt. Sein Vater war in der Schlüsselburg gestorben, zwei
+Schwestern und ein Bruder hatten den sibirischen Tod gefunden. Sein
+Gemüt war düster; sein Geist war von einer Rachsucht erfüllt, deren
+Übermaß ihn lähmte und deren Glut mich gleichfalls ergriff. Ich wußte
+nichts von seinen Plänen, er war trotz aller Beredsamkeit verschwiegen;
+hätte er mich zu einer Tat aufgefordert, ich hätte mich ohne Besinnen
+geopfert. In jener Taverne, wo wir uns trafen, kam er häufig mit einigen
+seiner Landsleute zusammen, und wenn sie miteinander russisch sprachen,
+merkte ich an ihren Mienen, daß sie nicht leeres Stroh, sondern volle
+Ähren droschen. Eines Abends geschah es, daß einer der russischen
+Flüchtlinge mit einer jungen Frau kam, deren vollendete Schönheit in
+dieser schmutzigen Spelunke so wirkte wie wenn ein glühender Körper
+durch eine tiefe Finsternis schwebt. Eine solche Mischung von bleich und
+schwarz, von Hoheit und Verzweiflung, von Kraft und atemlosem
+Gehetztsein hatte ich noch in keinem Gesicht gesehen. Ich kannte die
+Frau als Arbeitstier; ich kannte die Dirne; ich glaubte zu wissen, was
+eine Luxusdame sei, aber die Heldin und die Gefährtin der Helden, die
+Opferfrohe, die ihr Blut vergießt für eine Idee, von der wußte ich
+nichts. Es fiel mir auf, daß das herrliche Geschöpf tastend in den Raum
+trat. Wir erfuhren, daß sie blind war. Natalie Fedorowna war geblendet
+worden. Sie hatte einen der tückischen Machthaber und Bedrücker ihres
+Vaterlands durch einen Revolverschuß getötet. Im Gefängnis hatte man sie
+mißhandelt, ein betrunkener Offizier hatte sie zu schänden versucht und
+ihr rasender Widerstand hatte den Unhold so erbittert, daß er sie durch
+zwei seiner Kreaturen des Augenlichts berauben ließ. Das Verbrechen
+wurde in der kleinen Gouvermentsstadt ruchbar, eine allgemeine Revolte
+brach aus, ergebene Freunde befreiten das junge Mädchen, und es gelang,
+sie über die Grenze zu schaffen. Vor wenigen Stunden war sie in England
+angekommen, aber die Polizei war ihr auf den Versen, die russische
+Regierung forderte sie unter der Behauptung zurück, ihre Tat entbehre
+des politischen Motivs und sei nichts weiter als ein Akt der Eifersucht
+gewesen. Das alles erfuhr ich nur in Bruchstücken; die Russen waren
+höchst erregt, und während sie Natalie Fedorowna wie eine Schutzgarde
+umgaben, zeigten ihre Mienen äußerste Entschlossenheit. Rachotinsky,
+indem er auf einige verdächtige Gestalten hinwies, gebot ihnen
+Stillschweigen, jedoch es ereignete sich jetzt etwas sehr Sonderbares.
+In einem verräucherten Winkel der Taverne saßen zwei Männer, die durch
+ihr Aussehen und ihre Mienen meine Aufmerksamkeit schon längst erweckt
+hatten. Ihre Kleidung schien zwar verlumpt, auch in ihrem Gehaben
+unterschieden sie sich durch nichts von den Elendsgestalten, die man
+hier zu sehen gewohnt war, aber irgend etwas an ihnen, der Blick
+vielleicht, oder eine Geste und nicht zuletzt ein edler und geistiger
+Ausdruck der Züge verkündeten Menschen aus einer fremden Welt. Und so
+war es auch. Der eine von den beiden Männern begab sich in den Kreis um
+Natalie Fedorowna und redete Rachotinsky in französischer Sprache an.
+Ein tiefes Befremden und im Verfolg des Zwiegesprächs eine tiefe
+Überraschung malten sich im Gesicht des Russen. Er wandte sich an seine
+Leidensgenossen; diese verhielten sich gegen seine Worte stumm und sahen
+zur Erde. Natalie Fedorowna faltete die Hände und ließ den Kopf sinken.
+In diesem Augenblick erschien mir ihre Schönheit so hinreißend, ihr
+Leiden so über alles Maß erschütternd, daß ich mein Herz aufquellen
+fühlte, ja das Herz tat mir weh wie ein Geschwür. Ich sprang empor, ich
+trat an ihre Seite, alle schauten mich an, meine Empfindungen müssen
+derart gewesen sein, daß sie keinem verborgen bleiben konnten, denn ich
+bemerkte viel Wohlwollen in den besinnenden Mienen, und Rachotinsky
+legte den Arm um meine Schultern und sprach so mit dem Fremden weiter.
+Indessen hatte sich auch der Genosse dieses Unbekannten zu der Gruppe
+begeben, und als ich den näher ansah, gewahrte ich sofort, daß sein
+Anzug nur eine Verkleidung war, und daß durch diese Hülle der Armut eine
+angeborene Vornehmheit und gewisse unverkennbare Allüren des Mannes von
+Stand nicht verdeckt werden konnten.
+
+Ich will ohne Umschweife berichten, was über diese beiden Männer zu
+sagen ist, die in meinem Leben eine so wichtige Rolle spielten. Sir
+Allan Mirmell und sein Freund Trevanion waren Leute von großem Reichtum
+und aus alten Familien. Beide waren inmitten eines verschwenderischen
+Luxus aufgewachsen, und ihre Bildung war mehr als weltmännisch, sie war
+von sublimer Art. Man findet ein so sensitives und zugleich
+erleuchtetes, so umfassendes und zugleich beflügeltes Wesen des Geistes
+fast nur bei jungen Engländern von Rang, als ob in dieser Nation, die
+als Ganzheit so starr, so begrenzt, so voll von Vorurteilen und so bar
+der Phantasie sich zeigt, die Einzelnen, Erwählten einen umso
+bewunderungswerteren Schwung nehmen könnten. Allan Mirmell, in der Mitte
+der Dreißig stehend, war um zwölf Jahre älter als Trevanion. Er war
+durch das Leben gestürmt mit einer Begier, die nichts verschmähte,
+nichts verachtete. Er hatte in allen Ausschweifungen geschwelgt, zu
+denen das Gold, der Wille und die Passion führen. Er hatte verschwendet,
+Mut verschwendet, Liebe verschwendet, seine Gaben verschwendet. Er hatte
+alle die Übeltaten begangen, die der Leichtsinn, die Gedanken- und
+Gewissenlosigkeit, Stolz, Raubgier, Eitelkeit und innere Anarchie zu
+begehen vermögen. Ihm war kein Glück fremd; auch kein Laster; kein
+Frieden heilig; Treue hatte er nie gekannt. Im Taumel war er plötzlich
+müde geworden. Aus der Müdigkeit ward Ekel; ein Ekel, den zu beschreiben
+ich kaum wage; der das Himmelreich bespie und in der Menschenwelt eine
+Kloake sah; der natürliche Bande mit Hohn zerriß, ursprüngliche Gefühle
+mit Kälte leugnete, jede Heiterkeit zersetzte, alles was brennen
+wollte, in Asche verwandelte, sich abkehrte vom Tag und die Nacht
+suchte, die Einsamkeit und das Grauen. In dieser Gemütsverfassung hatte
+er den jungen Trevanion gefunden; unglückselige Fügung, die den Freund
+am Freund zu vernichten gewillt ist. Trevanion war zart, beinahe
+ätherisch. Er war der Sohn eines Musikers, seine Mutter war eine
+Herzogin gewesen. Er hatte in einer dünnen Luft gelebt, ohne Windstoß.
+Fähig, jede Krankheit aufzunehmen, den Miasmen eine Beute, jeden Inhalt,
+denn seine Seele war ein leeres Gefäß, das auf den Träger wartete, war
+er für Mirmell nur der geleitende Schatten und das rührende Echo aller
+Anklagen und Verdammungen.
+
+Seltsam wie diese beiden von der Höhe des Daseins kamen, zu uns
+herunter, die in ähnlichem Trotz, in ähnlichem Schmerz, in ähnlichem
+Haß, wenn schon aus anderer Ursache, gefangen waren. Dort Überfluß und
+Überdruß, hier Not und eine dumpfe Stimmung des Verzichts; die Endpunkte
+der sozialen Welt. Sensationskitzel und Lust an der Selbsterniedrigung
+treiben diese reichen und satten jungen Leute häufig zu den Schauplätzen
+des Lasters und des Elends; man findet sie in Opiumkneipen und in den
+Verbrecherasylen, und sie wissen wohl, daß sie in vielen Fällen ihr
+Leben riskieren, wenn sie nicht Meister in der Verkleidung und äußeren
+Verwandlung sind. Aber nur die Gefahr ist es, die sie berauscht. Durch
+einen Besuch in der Taverne zur roten Katze war Allan Mirmells
+Aufmerksamkeit auf Rachotinsky gelenkt worden, und er hatte
+Nachforschungen anstellen lassen, hatte später auch von ihm gelesen.
+Nächtelang beobachtete er ihn und seine Gefährten. Der Anblick dieser
+Erniedrigten und Ausgestoßenen, von denen Jeder Freiheit, Vermögen,
+Lebensgenuß und Zukunft für eine Idee hingegeben hatte, war ihm Vorwurf
+und Ansporn. Die frappante Erscheinung Natalie Fedorownas, die durch ihr
+Wesen wie durch die Aufnahme, die sie fand, alles Geschehene erraten
+ließ, bewog ihn, sich Rachotinsky zu erkennen zu geben und ihm das
+Anerbieten zu stellen, das verfolgte und leidende Mädchen in seinem Haus
+aufzunehmen, wo es Niemandem einfallen würde, sie zu suchen. Rachotinsky
+und seine Freunde überlegten den Vorschlag, der unter der Bedingung
+akzeptiert wurde, daß Rachotinsky selbst Natalie Fedorowna begleiten und
+zunächst bei ihr bleiben solle.
+
+Über die unmittelbar folgenden Ereignisse bin ich nur schlecht
+unterrichtet; auf welche Weise sich der Selbstmord Natalie Fedorownas
+zutrug, kann ich nicht sagen. Rachotinsky hatte mich zwei oder dreimal
+nach dem Landhaus Mirmells mitgenommen, und ich hatte sie gesehen. Die
+Pracht und der Luxus jenes Hauses machten keinen Eindruck auf mich; ich
+gewahrte nur sie; Tag und Nacht war sie mein einziger Gedanke. Einer der
+Russen sagte, daß der junge Trevanion sie geliebt habe; Rachotinsky
+gestand mir, daß Trevanions Stimme einen unheilvollen Zauber auf sie
+geübt habe, ihr alles Vergangene, ihren Kummer, ihre Besudelung, ihre
+Blindheit quälend zu Bewußtsein gebracht. Aber was eigentlich
+vorgegangen war, habe ich nicht erfahren können. Sicher ist nur, daß
+nach der Katastrophe der Aufenthalt der jungen Russin im Hause Mirmells
+bekannt und daß dadurch seine gesellschaftliche Situation unhaltbar
+wurde. Auf mich wirkte Natalie Fedorownas Tod verheerend; ich gab meinen
+Dienst auf und ließ mich treiben wie ein Stück Holz im Wasser. Eines
+Tages kam Rachotinsky zu mir und fragte mich, ob ich außer Landes gehen
+wolle. Mirmell, Trevanion und er seien entschlossen, der Kulturwelt den
+Rücken zu kehren; wenn ich Lust hätte, meinem entwürdigenden Dasein zu
+entfliehen, brauche er nur mein Jawort. »Früher gingen die Weltmüden in
+ein Kloster«, sagte er, »wir wollen eine Abgeschiedenheit suchen, wo die
+Natur selbst ein Bollwerk gegen den zerstörenden, frechen und lärmenden
+Sohn dieser Erde errichtet hat. Wir wollen den Tod erleben, im Tode
+leben und das Leben erkennen, Gott aufbauen in unserer Seele und nie
+mehr nach den Menschen Verlangen hegen. Unsere Entsagung wird dauernd
+sein, unser Vorsatz unverbrüchlicher als das Gelübde an einem Altar. Ich
+werbe dich für unsern Bund, dies Recht habe ich mir ausbedungen, und ich
+sehe nichts, was dich sonst retten könnte.«
+
+Ich war derselben Meinung. Ohne Hilfsquellen, dem Verhungern nahe,
+eröffneten mir diese Worte, deren mysteriösen Sinn ich zunächst wenig
+beachtete, doch die Möglichkeit zu existieren. Mirmells Schiff, eine
+stattliche Yacht, lag im Hafen von Tilbury. Ich begab mich zu Fuß
+dorthin. Rachotinsky, der mich in einem Wirtshaus erwartet hatte, führte
+mich an Bord und zu Allan Mirmell. Dieser begrüßte mich schweigend und
+bemerkte dann gegen Rachotinsky, er möge Sorge tragen, daß ich an nichts
+Mangel leide. Am andern Tag lichtete das Schiff die Anker, und es
+begann unsere sonderbare Reise, deren Ziel mir unbekannt war. Von der
+Seekrankheit verschont, wurde ich in anderer Art krank, und ich weiß
+heute noch nicht, unter welcher Krankheit ich durch so viele Wochen
+litt. Vielleicht war die Ruhe schuld, deren ich genoß. Es kommt ja vor,
+daß Leute, die sich ein ganzes Leben hindurch abgearbeitet haben,
+plötzlich sterben, wenn Mühe und Sorgen aufhören. Ich lag und schaute in
+die Luft. Hin und wieder spürte ich, daß ich weinte. Oft saßen
+Rachotinsky und Mirmell neben mir, sei es nun, daß ich auf Deck in der
+Sonne gebettet war oder bei schlechtem Wetter im Raum. Kraft seines
+mystischen und durchdringenden Geistes hatte Rachotinsky unbegrenzten
+Einfluß über Mirmell gewonnen. Allan Mirmell hatte eines der
+interessantesten Männergesichter, die ich je gesehen. Seine Züge waren
+hager und von äußerster Feinheit; seine Haut war glatt und weiß wie
+Email; das Kinn stark, die Lippen dünn wie ausgepreßte Früchte; die
+allzuklaren Augen begegneten nie dem anschauenden Blick, obwohl sie
+nicht zur Seite wichen; sie empfingen den Blick und saugten ihn auf.
+Dies war beklemmend. Trevanion zeigte sich nur selten. Er war immer in
+seiner Kabine, las oder schrieb. Rachotinsky trieb mit ihm geologische
+Studien aus Büchern und Tiefseestudien mit Hilfe des Plankton-Netzes,
+das wir an Bord hatten. Einmal stand Trevanion bei Mondschein am
+Kompaßhäuschen und starrte unbeweglich aufs Meer. Seine Knabengestalt
+ergriff mich. Doch weder ihm noch Mirmell konnte ich mich ohne eine
+knechtische Regung nähern, und dieses Überbleibsel meiner
+proletarischen Vergangenheit schleppte ich noch lange. Erst gemeinsame
+Leiden erweckten kameradschaftliche Empfindungen.
+
+Wir waren durch die Tropenmeere und durch den südlichen Teil des
+atlantischen Ozeans gefahren, dann westlich, lange westlich, dann wieder
+südwärts. Wir liefen die am Rande der Eisregion gelegene Macquarie-Insel
+an, aber Mirmells Absicht, dort eine Niederlassung zu errichten, wurde
+durch die Anwesenheit einiger Schiffe vereitelt, denn Mirmell und
+Rachotinsky waren gewillt, die Menschheit zu fliehen. Wir suchten die
+Nimrod-Insel, deren Existenz jedoch heute noch nicht sichergestellt ist,
+und als dies erfolglos war, steuerten wir in das Roß-Meer. Eisberge
+schwammen auf dem Wasser, und eines Tages war das Meer von Packeis
+bedeckt. Es öffneten sich schmale Straßen, in denen der Dampfer freie
+Fahrt hatte. Wir überquerten den fünfundsiebzigsten Grad und sahen bald
+auf allen Seiten Land, den geheimnisvollen Kontinent der Antarktis. Ich
+war um jene Zeit wieder gesund geworden. Ich wurde nicht müde, diese
+neue Welt zu betrachten; der immer bleibende Tag erstaunte mich, denn es
+war Mitte Dezember, der Sommer jener Breiten, und die Sonne ging nicht
+unter. Indessen begann die Mannschaft zu murren, und der Kapitän und der
+erste Maat wagten es, auf die Gefahren hinzuweisen, die einem Schiff,
+das für solche Exkursionen nicht geeignet war, vom Eise drohten. Mirmell
+blieb ihren Vorstellungen gegenüber taub. Es war in ihm ein Ingrimm und
+eine Lethargie, die alle praktischen Maßregeln mißachteten. Er glich dem
+Ritter der alten Sage, der sich stumm und trotzig zur Höllenfahrt
+anschickt. Daß er unbewußt dem hypnotisierenden Einfluß Rachotinskys
+unterlag, ist nicht zu bezweifeln; dieser lebte auf; sein Blick schien
+zu triumphieren, wenn er die Entfernung maß, die ihn von allem trennte,
+was ihn ehedem gefesselt hatte. Ich selbst war ihm verfallen. Ich dachte
+an seine Worte: wir wollen den Tod erleben, im Tode leben und Gott
+aufbauen in unserer Seele. Der Wille zum Untergang ließ mich schaudern,
+und mein Gemüt fing an, dem entgegenzustreben.
+
+Wir steuerten in eine weite Bucht, in der uns das feste Eis halt gebot,
+und warteten, da wir der Küste näher zu kommen hofften. Am zweiten Tag
+sprengte der Sturm die gefrorene See, und wir fuhren nahe an die Küste
+heran. Mirmell und Rachotinsky begaben sich ans Land und suchten einen
+Platz für den Bau einer Hütte und eines Vorratshauses. Es erwies sich,
+daß das Schiff mit allen Bedürfnissen für einen jahrelangen Aufenthalt
+in unzugänglicher Eisöde befrachtet war. Unter vielen Mühseligkeiten
+transportierten die Matrosen Balken und Bretter an den Strand; darnach
+die Betten, die Tische, die Stühle, die Bücher, die Kleidungsstücke, die
+Hunderte von Kohlensäcken, die zahllosen Proviantkisten mit Konserven,
+Früchten, Tee, Salz, Mehl, Gläsern und Flaschen. Als die hölzernen
+Gebäude standen und gegen die schwersten Stürme durch Steinblöcke und
+Drahtseile befestigt waren, bat der Kapitän des Schiffes Sir Allan um
+eine Unterredung. Der wackere Mann zeigte sich sehr besorgt; er glaubte
+warnen zu müssen; ohne nach den Gründen unseres Vorhabens zu forschen
+die ja auch wissenschaftlicher Art sein konnten, malte er beredt die
+Schrecken einer Überwinterung. Es handle sich nicht um eine
+Überwinterung, antwortete Mirmell schroff; er erteile ihm den Auftrag,
+nicht früher als nach Verlauf von fünf Jahren wieder an diese Küste zu
+kommen, um sich zu überzeugen, ob die Ansiedler noch am Leben seien. Der
+Kapitän war sprachlos vor Entsetzen, aber Mirmell wiederholte diesen
+Entschluß noch einmal vor der ganzen Mannschaft und verpflichtete sie
+allesamt zum Stillschweigen; so lange keine Kunde in die Welt drang,
+sollten Kapitän und Schiffsvolk die Löhnung weiter beziehen, im andern
+Fall hatte der Vermögensverwalter Sir Allans die genaue Weisung, sie zu
+entlassen. In der zweiten Woche nach unserer Ankunft waren alle Arbeiten
+beendigt, und das Schiff verließ uns. Wir standen am Rand des Eises und
+blickten ihm nach, bis es unterm Horizont verschwunden war und seine
+Dampfsäule sich mit den Wolken vermischt hatte.
+
+Hier war das Abenteuer zu Ende; das Gefühl des Unerwarteten in mir
+erloschen; alles das hörte auf, Verwunderung in mir zu erzeugen; die
+Gegenwart bändigte mich, das Unentrinnliche umschlang mich wie ein
+sichtbarer Kreis; es galt zu kämpfen, sich zu wehren, sich zu
+verantworten, zu leben. Unmöglich kann ich schildern, was in mir
+vorging, diesen Wirrwarr von Gedanken, diese Auflehnung gegen das
+Absurde, dieses Erwachen aus einem traumartigen Zustand; ich muß mich
+damit begnügen, die folgenden Ereignisse zu erzählen.
+
+Rachotinsky hatte teils durch Spekulation, teils durch Forschungen die
+Überzeugung gewonnen, daß auf dem Kontinent der Antarktis ausgebreitete
+Kohlenlager vorhanden seien, und er hatte die etwas fantastische
+Absicht, diese noch verborgenen Reichtümer aufzufinden und sie für die
+unglücklichen, bedrückten Söhne seines Vaterlands nutzbar zu machen.
+Täglich unternahm er, mit seinem Hämmerchen versehen, lange Wanderungen
+und brachte allerlei Arten von Felsgestein mit. Derselbe Mann, der die
+Gefangenschaft in den sibirischen Einöden nur mit Aufbietung seiner
+ganzen Seelenkraft ertragen hatte, war hier, in der freiwillig gewählten
+Abgeschiedenheit und vollkommenen Loslösung von der menschlichen
+Gesellschaft auf eine wunderbare Weise erglüht, und ich fragte mich
+umsonst, was es wohl sein möge, das seine Augen oft so hoffnungstrunken
+erschimmern ließ. Eindringlich widerriet er mir, mich dem Müßiggang
+hinzugeben, und in der Tat war jede unausgefüllte Stunde erschöpfend für
+Körper und Geist. Jeder hatte einen Tag, an dem er Koch und Aufwärter
+war, für das Feuer sorgen und die Hütte rein erhalten mußte. Ich
+begleitete Mirmell zu den Pinguinen, deren Eier wir sammelten, und
+Erstaunlicheres sah ich nie als diese Menschenvögel, diese
+gravitätischen, tiefsinnigen, eitlen und neugierigen Wesen innerhalb der
+gebundenen Ordnung ihres Brutstaates. Wie sie uns mißbilligen, wie sie
+uns mit dem breiten weißen Rand um ihre Augen, der einer Brille glich,
+ernsthaft musterten und unsere Gesellschaft nur mit gröblichen
+Beschimpfungen duldeten; wie sich zwei der Vornehmsten mit zeremoniöser
+Ehrfurcht gegeneinander verneigten, ehe sie ihre wichtigen Verhandlungen
+pflogen! Sie glichen den verzauberten Geschöpfen in einem Märchen so
+sehr, daß sie der Landschaft einen geheimnisvollen Reiz von Verwandlung
+gaben, etwas von Bann und Schuld und Harren auf Erlösung. Nicht selten
+schloß ich mich auch dem schweigsamen Trevanion an, der Algen,
+Diatomeen, Polypen und Schwämme aus dem Meerwasser fischte, oder in die
+kleinen vereisten Binnenseen Bohrlöcher grub, oder Wolken und Felsen
+zeichnete oder mit der Spirituslampe in die stalaktitischen Eishöhlen
+hinabstieg. Noch lieber wanderte ich allein über Schnee und Eis und
+schaute zum bleichen Himmel empor, an dem eine bleiche Sonne stand, und
+über die bleiche weiße Erde. Die dauernde Helle stumpfte das Zeitgefühl
+ab und man ging wie in der Ewigkeit, die auch keinen Wechsel von Tag und
+Nacht hat. Ich vernahm das Seufzen der Eisschraubung auf dem Meer, und
+die Klagelaute der riesenhaften Gletscher, die sich gegen den Ozean
+schoben, um ihn mit schwimmenden Bergen zu bevölkern, und diese
+gedehnten Laute klangen wie das Stöhnen eines Tieres in den Wehen der
+Geburt. Fern über mir flackerte das Feuer eines Vulkans, erhob sich wie
+ein schwarzer Riesenpilz der Rauch aus seinem Schlund; die Nähe der
+mütterlichen Weltenglut, der schöpferischen Erdflamme ließ mich
+bisweilen vergessen, daß ich ein wollender und müssender Mensch war. Ich
+erblickte den mathematisch geraden Rand der Hunderte von Meilen langen
+Eisbarre, die grün schillerte wie eine ungeheure Smaragdplatte, und im
+Süden, gegen das Ende der Welt, sah ich viele Berggipfel, zahllose
+Kuppeln, die jungfräulichen Brüsten glichen, bedeckt von dem blauen,
+durchsichtigen Schleier der Atmosphäre. Die klarsten, zartesten und
+stärksten Gedanken stiegen empor wie selbständige Geschöpfe; Natur
+hörte auf, ein Wort zu sein, hörte auf, das Andere zu sein; sie sprach
+nicht, sie gab nicht, sie behütete nicht, sie handelte nicht, sie _war_
+bloß.
+
+In immer niedrigeren Kreisen rollte der Sonnenball um unser gefrorenes
+Reich; auch an dem Steigen der Kältegrade merkten wir, daß es Winter
+wurde. Es kam die Stunde, wo die rote bebende Scheibe den bebenden
+Horizont berührte. Die Wellen des Meeres erstarrten mitten in der
+Bewegung und sahen aus wie ein Haufen wild übereinander geworfener
+Purpurtücher. Das ganze Schneegefild hinter uns ward zum Spektrum, das
+in Billionen Eiskristallen glitzerte. Hoch in der Luft glühten die
+seltenen Iriswolken, Robben und Pinguine waren verschwunden, und wir
+standen vor der Hütte, frierend bis ins Mark, und warteten, bis die
+letzten Protuberanzen der Sonne erloschen waren, – und damit alles
+Leben. Es wurde Nacht. Bitter war es jetzt um uns bestellt. Mir ahnte
+schon Übles, als, da ich Licht anzündete, Trevanion unablässig in die
+Herdflamme starrte, und zwar mit einem Ausdruck, den ich nie vergessen
+werde, einem Ausdruck kindlicher Angst und seelenvoller Besorgnis.
+
+Zweieinhalb Monate hatten wir in Eintracht gelebt. Ich darf sagen, daß
+wir einander lieb gewonnen hatten. Wir verstanden und achteten einander.
+Es wurde über vieles lebhaft und gut gesprochen, und ich verdanke dieser
+Zeit die reichsten Erfahrungen, die mannigfaltigsten Lehren und
+Aufschlüsse. Tag um Tag, Stunde für Stunde mit denselben Menschen
+dasselbe enge Haus teilen, Zeuge zu sein aller Lebensäußerungen,
+Beobachter jedes Schweigens und jeder Geberde, das heißt einander kennen
+lernen. Und schließlich kannten wir einander so genau, daß wir die Worte
+hörten, ehe sie gesagt wurden, daß wir auf dem noch unbewegten Gesicht
+die Stelle angeben konnten, wo ein Lächeln, eine Erinnerung, ein
+Unbehagen die stereotypen Falten einkerben mußten, ja, daß wir die
+Verschiedenheit in der Biegung und Länge einzelner Wimpernhaare
+gewahrten, und häufig richtete man während eines Gesprächs das Augenmerk
+gespannter auf gewisse Eigentümlichkeiten der Miene und Geste als auf
+Frage und Antwort. Jeder war dem Andern wie Glas. Der Mangel alles Neuen
+und Überraschenden weckte bisweilen Ungeduld, die sich langsam in
+stummen Hohn verwandelte. Noch bevor die große Nacht einbrach, herrschte
+oft ein bedrohliches Schweigen unter uns, aber wir konnten die
+verwundeten Nerven durch Tätigkeit im Freien beruhigen. Dies war jetzt
+unmöglich. Ohne eine Vermummung, die das Gehen sehr erschwerte, konnte
+man draußen nicht weilen, und wenn der Schneesturm wütete, war man in
+Gefahr zu ersticken, ehe man sich drei Schritte vom Haus entfernt hatte.
+Wir waren also gezwungen, ununterbrochen beisammen zu bleiben. Die
+dauernde Dunkelheit verdüsterte das Gemüt nachhaltig. Das matt
+schwelende Licht in unserm Wohnraum ward zu einem beständigen Druck auf
+das Auge und das Gehirn. Die Kälte war so fürchterlich, daß wir trotz
+unablässigen Heizens die Temperatur der Hütte nicht über drei Grad
+Reaumur brachten. Unsere Ausdünstungen und die Dämpfe der Speisen hatten
+sich an den Wänden als Eisverkleidung niedergeschlagen, und das oben
+erwärmte Eis, das in Zapfen hing, tropfte auf den Boden, der
+infolgedessen ein Morast wurde. Wenn die Fenster und Balken nicht unter
+dem Anprall des Orkans ächzten und klapperten und die auf das Dach
+geschleuderten kleinen Steine quälend und eintönig klopften, versetzte
+uns die Stille der Natur in einen Zustand, daß wir hätten schreien
+mögen, um sie zu bannen. O, diese Stille! Sie donnerte in den Ohren, sie
+ließ den eignen Herzschlag wie den Lärm aus einer Maschinenhalle
+erscheinen, sie brüllte aus der Finsternis, sie verscheuchte den Schlaf
+und verursachte angstvolle Einbildungen des Gehörs. Ich vermute, daß wir
+nur aus Furcht vor ihr zu streiten anfingen. Es waren vollständig
+sinnlose Streitereien, aus den albernsten Anlässen böswillig in die
+Breite gezerrt. Einmal wollte ich Frieden stiften, da hob Allan Mirmell
+grimmig die Faust gegen mich, Trevanion schluchzte, und Rachotinsky lief
+mit verschlungenen Händen und gefletschten Zähnen auf und ab. Und aus
+welchem Grund dies alles? Wir hatten uns nicht darüber einigen können,
+ob der Kapitän von Mirmells Schiff blaue oder graue Augen besaß. Wir
+konnten den Klang unserer Stimmen nicht mehr ertragen; ich selbst
+zitterte bei der gleichgültigsten Redewendung. Doch das wahre Inferno
+begann erst, als eines Abends, – es gab Abende, die letzten bleiernen
+Stunden verwachter Nacht-Tage, – als eines Abends Trevanion, der lesend
+am Tische saß, ein weißes Tuch über sein Gesicht hängte. Unser Anblick
+erregte ihm Ekel. Und wir andern hatten im Nu die gleiche Empfindung.
+Wir stierten wie Bestien, die sich anschickten, einander zu
+zerfleischen. Täglich um dieselbe Zeit derselbe Vorgang in gesteigerter
+Abscheulichkeit! In einer solchen Stunde wurde Trevanion von Grauen
+überwältigt, er hüllte Kopf und Rumpf in den Pelz und stürzte hinaus.
+Mich erfaßte Besorgnis um ihn und nachdem ich die nötige Schutzkleidung
+ebenfalls angelegt, folgte ich ihm. Die frische Spur vor der Hütte
+zeigte, daß er gegen den Gletscher hinaufgegangen war. Über dem Schnee
+lag eine schwache grünliche Helligkeit. Die Luft war ruhig, aber die
+Kälte fraß wie ein Brand.
+
+Plötzlich flammte der Himmel vor mir auf. Dichte Wellen von Licht
+bewegten sich von Südost nach Südwest und schienen unablässig neue
+Lichtstärken von Südost zu holen. Sie warfen blendende Strahlen zur
+Erde, und die Farben wechselten von weiß zu grün und gelb. Ich spürte
+nichts mehr von der Beschwerde des Marsches, das herrliche Phänomen gab
+mir ein Gefühl des Schwebens. Da erblickte ich Trevanion. Er schaute
+regungslos in das glühende Firmament. Mich überrieselte es eigen, als
+ich den entgeisterten Ausdruck seines Gesichts bemerkte. Er ertastete
+meine Nähe mehr als daß er mich sah; er streckte den Arm gegen das
+Südlicht und fragte flüsternd, ob ich die Gestalt gewahre. Was für eine
+Gestalt? flüsterte ich zurück. Mit ungestümer Geberde deutete er. Ich
+folgte der Richtung. Es ist ein Eisblock, sagte ich. Er preßte die Hände
+zusammen und drückte sie auf seine Brust. Natalie, hauchte er, Natalie
+ist es. Wieder überlief es mich. Wir standen auf dem Kirchhof der Welt,
+und er sah die Gespenster des Lebens. Mit einer hingebenden und
+flehentlichen Stimme nannte er unaufhörlich den Namen Natalies. Der
+Gletscher begann im Schein der Aurora rötlich zu leuchten. Und nun war
+es mir selbst, als erblickte ich ein Weib. Sie winkte mir nicht, sie zog
+mich nur hin. In ihrem Körper rann durchsichtiges Blut. Aus dem
+bläulichen Gewand erhoben sich mädchenhafte Schultern. Ihre Hände,
+obwohl an schlaffen Armen, hatten eine Geste der Abwehr. Ihr Antlitz
+enthüllte sich nur allmählich wie ein Stern aus Nebeln. Die Züge waren
+leidend, aber voll von einer unerwarteten Sinnlichkeit. Wir können sie
+nicht erreichen, sagte Trevanion, und indes er einige Schritte tat,
+schwand die Lichterscheinung dahin. Eilen wir, ein Schneesturm zieht
+auf, drängte ich ihn und wies auf einen weißlichen Dunst, der im Süden
+lag und sich mit unheimlicher Schnelligkeit ausbreitete.
+
+Man mag die übernatürlichen Kräfte skeptisch beurteilen; Man leugne oder
+erkläre sie; sicher ist, daß jeder Organismus unter bestimmten
+Voraussetzungen ihrer Einwirkung unterliegt und dann gleich einem
+Körper, der seinen Schwerpunkt verloren hat, der gewohnten Bahnen
+spottet. Wir hatten die Gemeinschaft der Menschen aufgekündigt, des
+Anrechts auf Liebe uns begeben; wir hatten nicht bedacht, daß dort, auch
+wenn sich das Geschick in Bitterkeit und Haß erfüllt, dennoch ein Strom
+schwebender Möglichkeiten den Einzelnen umgibt, Möglichkeiten der Liebe,
+und daß magnetische Berührungen seine Seele ungewußt mit dunkler
+Zuversicht nähren. Hier aber schuf ein tiefer Wille in uns das Phänomen
+der Liebe aus dem Nichts; die Verzweiflung gebar ein Schemen, das über
+uns Gericht hielt, die beleidigte Menschheit nahm Rache. Mirmell und
+Rachotinsky waren verhältnismäßig nüchterne Charaktere, und gerade sie
+wurden von der Frauengestalt im Feuerschein der Aurora australis am
+unwiderstehlichsten gepackt, denn sie sahen, was Trevanion und ich
+gesehen hatten, es brauchte kaum einen Hinweis, ihr Geist war
+vorbereitet, ihre Fantasie durch peinigende Wünsche, Wünsche des
+Schlafs, des Traums und des dumpfen Wachens, Wünsche, wie sie nur der
+kasteite Leib hegen kann, längst entschlossen, das Unfaßliche zu
+ergreifen. Es war ein erotischer Wahnsinn, der uns hintrieb. Mit Grauen
+gestehe ich, daß wir eifersüchtig aufeinander waren. Bei den folgenden
+Malen entfaltete sich der Glanz der Aurora immer glorioser. In einem
+mächtigen Bogen flammte das Licht bis zum Zenit und erreichte im
+Sternbild des Zentauren seine größte Intensität. In jeder Nacht gingen
+wir aus, um die Aurora zu sehen; schweigend und vermummt marschierte
+jeder seinen Weg. Aber allzuoft blieb das Firmament schwarz und nur das
+ferne Feuer des Vulkans lohte rauchverdüstert. Bisweilen stand in
+wolkenreiner Höhe der Mond wie eine Magnesiumlampe. Die ganze Landschaft
+glich einer Mondlandschaft. Ich fühlte mich so unirdisch, so außer mir,
+so nah den letzten Grenzen! Orion und der herrliche Sirius drehten sich
+in großem Kreis. In der siebenten Nacht erblickten wir die Aurora zum
+dritten mal. Es war milderes Wetter, und die Vision zeigte sich in
+starkem Kontur. Wir wanderten keuchend den Gletscher hinan, Trevanion
+allen voraus. Er schien mir das Wesen eines Somnambulen zu haben. Er war
+in dieser Zeit so verinnerlicht, daß sein Lächeln wie ein flüchtiger
+Aufenthalt zwischen Schlummer und Tod wirkte. In seinen Augen wohnten
+eine Anbetung, eine transzendente Leidenschaft, daß ihn zu betrachten
+schmerzlich war. Auch in den finstern Nächten suchte er weit draußen auf
+dem heimtückischen Rücken des Gletschers; einmal hörte ich ihn laut, mit
+erschütternden Tönen, schreien; er schrie nach ihr. Ihn verlangte nach
+der Umarmung der Eisjungfrau, und am Morgen sagte er zu mir: wenn sie
+nicht blind wäre, Henry, sie würde ein Mittel finden, daß ich zu ihr
+gelangen könnte. Allan Mirmell verfiel auf eine besorgniserregende Art,
+als ob ein Gift an ihm zehre. Er tappte wie ein Greis. Licht, Licht,
+murmelte er oft, wenn er aus dem Schlaf emporschrak. Die anstrengenden
+Märsche nach dem Wohnsitz der bleichen Aurora warfen ihn schließlich
+entkräftet aufs Lager. Zu meinem Entsetzen bemerkte ich auch an
+Rachotinsky alle Anzeigen einer krankhaften Melancholie. Stundenlang
+kauerte er betend auf den Knieen. Er wusch sich nicht mehr; Schmutz, Ruß
+und Unrat bedeckten ihn. Wodurch ich mich aufrecht erhielt, kann ich nur
+schwer sagen. Es war Hoffnung in mir. Diese Hoffnung wurde von Tag zu
+Tag stärker. Und es war noch etwas anderes als Hoffnung, es war
+Sehnsucht. Immer wenn ich die Aurora sah, schritt ich durch eine Halle
+aus Eissäulen, an deren Ende mich die belebte Erde grüßte. Die Blinde,
+die Unerreichbare, das zarte Gebild aus Strahlen und Kristall lehrte
+mich, daß ich mich selbst lieben solle, mich in den Menschen, mich in
+der Welt. Der Strahlenbogen, dessen eines Ende sie trug, erschien mir
+wie eine meisterlich geschwungene Brücke, die den Abgrund der
+Finsternis überwölbt. Da stand es fest in mir, daß ich Brücken über
+Abgründe bauen wollte, wirkliche, ja, wirkliche Brücken. Und während ich
+im Weglosen wanderte, dem blendenden Licht entgegen, wuchs in mir die
+Lust, Wege anzulegen, denn daß ich ehemals keine Wege mehr für mich
+gehabt, das lag daran, daß ich keine geschaffen. Das erkannte ich jetzt.
+Wege überwinden die Trägheit; je mehr Wege desto mehr Bewegung, desto
+mehr Wille, desto mehr Umwandlung. Auf den Wallfahrten zur Aurora habe
+ich den Gedanken an Brücken und Wege lieben gelernt, und dies bewahrte
+mich vor dem Verderben.
+
+In der letzten Nacht vor dem Aufgang der Sonne sah ich Trevanion zum
+letztenmal. Dämmerung lag auf dem Eis. Der Gletscher zuckte, Krämpfe in
+seinem Innern zerbogen seine kalte Hülle. Auch der Vulkan grollte, und
+die Schwefelfumarolen auf dem Gipfel waren von gelben Dünsten umzogen.
+Trevanion war an meiner Seite, als das Südlicht aufflammte, nur in
+mattem Schein freilich, bloß wie zum Abschied. Noch ehe es verblaßt war,
+rief ich Trevanion zu, wir müßten hinunter laufen, der Blizzard sei im
+Anzug. Er schüttelte den Kopf und beachtete meine Warnung nicht. Er ging
+weiter. Ich wußte nicht, ob ich ihm folgen oder mich in Sicherheit
+bringen sollte, und blieb unentschieden stehen. Der Sturm fing an zu
+brausen, da sah ich, daß Trevanion, der schon ziemlich weit oben war,
+jählings verschwand. Offenbar war eine Schneebrücke geborsten, und er
+war in die Spalte gestürzt. Ich suchte die Stelle im Gedächtnis zu
+behalten, denn nacheilen konnte ich ihm nicht, die Atmosphäre
+verfinsterte sich rasch, ich warf mich flach auf den Boden, und um nicht
+fortgeschleudert zu werden, klammerte ich meine Arme um einen Eisblock.
+Es war eine Raserei in den Elementen, die das Herz zum Stocken brachte.
+Trotzdem waren meine Gedanken nur mit Trevanion beschäftigt; es war, als
+ob sich ein Tor im geheimnisvollen Haus der Aurora geöffnet hätte, um
+ihn einzulassen. Wie lange ich regungslos und mit Anspannung aller
+Kräfte so lag, weiß ich nicht; als die Heftigkeit des Orkans geringer
+wurde, kroch ich auf Händen und Füßen gegen die Hütte hinab, und erst
+als ich den Schutz einer Felswand erreicht hatte, wagte ich mich zu
+erheben.
+
+Rachotinsky, von einem mechanischen und beinahe verbissenen
+Pflichtbewußtsein an das Lager Mirmells geschmiedet, der mit dem Tode
+rang, war nur mühsam zu überreden, mich auf den Gletscher zu begleiten.
+Wir warteten, bis der Sturm vorüber war, dann gingen wir, mit Stricken
+versehen, hinauf. Meine lauten Rufe blieben unbeantwortet. Das
+Schneetreiben hatte jede Spur verwischt. Wohl entdeckte ich in der
+Richtung, in der Trevanion verschwunden war, eine offene Spalte, aber
+sie war breit, ein bodenloser Schlund. Ich schrie hinab, ich warf den
+Strick hinab, umsonst. Da sagte Rachotinsky, der an einer mächtigen
+Eisplatte lehnte, mit heiserer Stimme: »Die Sonne«. Ein glühendes
+Segment tauchte über dem Horizont empor. Alles Land war von einem
+brennenden Scharlach übergossen.
+
+Wie viele Tage vergingen, bis das Schiff in Sicht kam, dessen entsinne
+ich mich nicht mehr. Ich entsinne mich bloß, daß ich fest überzeugt
+war, es müsse kommen, fest überzeugt, mein Schicksal sei an der Wende
+angelangt. Eine zweite antarktische Nacht hätte ich nicht überlebt. Was
+sich an Bereitschaft in mir gesammelt hatte, durfte und konnte nicht
+betrogen werden. Das Geschick ist mir verschuldet, sagte ich mir, und
+ich trotzte ihm die Entscheidung ab. Allan Mirmell war schon längst
+unter die Erde gesenkt, als sein Schiff an der Küste anlegte. Der
+Kapitän, tief besorgt um unser Los und den Entschluß seines Herrn als
+eine traurige Verirrung betrachtend, hatte es einfach riskiert, den
+erhaltenen Befehlen zuwider zu handeln. Es war hohe Zeit, daß sie kamen;
+ich war nahe daran, in Gesellschaft des schwermütigen und schweigenden
+Rachotinsky verrückt zu werden. Als ich das Deck des Schiffes betrat,
+hatte ich das Gefühl von Auferstehung. Man fragte nach unseren
+Erlebnissen. Rachotinsky konnte nicht antworten; er hatte den Verstand
+verloren. Was mich betrifft, so war ich unfähig, etwas anderes
+mitzuteilen als die äußerlichsten Vorgänge, die sich in drei Sätzen
+wiedergeben lassen. Ich habe niemals und zu keinem Menschen darüber
+gesprochen bis auf den heutigen Tag. Ich bat den Kapitän, mich in Sydney
+in Australien ans Land zu setzen, und dort habe ich mein Leben von vorn
+angefangen.«
+
+
+
+
+Der Affe und der Spiegel
+
+
+»Diese Wendung: das Leben von vorn anfangen, habe ich selten mit so
+triftigem Grund gebrauchen hören«, sagte Cajetan, als Hadwiger geendet.
+
+»Und wie wir wissen, kann er mit dem Erfolg zufrieden sein«, fügte
+Borsati hinzu, indem er einen langen milden Blick auf Hadwiger heftete.
+
+»Wie kompliziert, wie vielfältig, wie unerschöpflich, wie reich, wie
+groß ist doch das menschliche Dasein!« rief Cajetan ergriffen. »Ich
+fühle mich in einer Stimmung wie jener Bramarbas auf der Plassenburg.
+Man möchte sich manchmal wirklich zum Ertrinken tief hineinstürzen. Aber
+man muß schwimmen können, das seh ich wohl ein. Und eine umpanzerte
+Seele braucht man«.
+
+»Eine umpanzerte Seele und ein unverschlossenes Herz«, sagte Lamberg
+ernst.
+
+Hadwiger sah sie alle mit einem sonderbar glänzenden Blick an, als wolle
+er antworten: wißt ihr es denn? habt ihr es denn erfahren, ihr Reichen,
+Reichgeborenen, Verwöhnten, ihr, die ihr Zeit gehabt, Zeit und Raum,
+Freiheit und Bestimmungsrecht? Borsati erriet seinen Gedanken. »Es gibt
+auch eine mittelbare Art zu leben und zu erleben«, meinte er; »obschon
+sie nicht so zwingt, zum Entschluß nicht und zur Verwandlung nicht, ist
+sie oft doch viel schmerzlicher, – dem unverschlossenen Herzen nämlich,
+das dann so belastet, so verwundet, so zerrissen sich findet, so
+zerteilt in die wechselnden Lose, daß es nicht einmal zu einer Tat der
+Selbstbewahrung mehr die Kraft hat. Das heißt mit gefesselten Gliedern
+dem Moloch überliefert werden.«
+
+»Und ist Ihnen diese Stunde nicht wie ein Märchen?« wendete sich Fürst
+Siegmund an Hadwiger, »ist es nicht wunderbar, daß Sie hier, von einer
+freundlicheren Natur umgeben, wieder unter Freunden weilen, denen Sie
+zum erstenmal von jenen außerordentlichen und weittragenden
+Begebenheiten erzählen? Ich täusche mich vielleicht, oder ich kann
+meiner Empfindung nicht den rechten Ausdruck verleihen, aber für mich
+hat dies etwas von einer Spiegelung, etwas, das sinn- und
+bedeutungsvoller ist, als Sie selbst im Augenblick denken. Das Wort ist
+nicht immer bloß ein gesagtes Ding, es wird auch bisweilen zum Symbol
+der Erkenntnis und Erhöhung.«
+
+»Sie haben Recht, Fürst«, versetzte Cajetan, »und das ist auch weitaus
+das Schönste, was man darüber sagen kann.«
+
+»Und das Schönste, was man dafür tun kann«, ließ sich jetzt Franziska
+hören, die bis zu diesem Moment ganz verloren vor sich hingeschaut,
+»ist, daß wir ihm den goldenen Spiegel geben«.
+
+»Ein Vorschlag, der keinem Widerspruch begegnen wird«, erwiderte Lamberg
+lächelnd und quittierte mit einer reizend chevaleresken Geberde die
+stumme Zustimmung Cajetans und Borsatis. Hadwiger stand auf, errötend
+wie ein Schuljunge. »Bleiben Sie nur sitzen, Heinrich«, fuhr Georg
+Vinzenz ermahnend fort, »wir lassen uns einen solchen Anlaß zur
+Feierlichkeit nicht entgehen, und Sie müssen warten, bis Ihnen die
+Trophäe mit den gebührenden Zeremonien überreicht wird.«
+
+»Vortrefflich«, lachte der Fürst, »da bekommen wir am Ende gar noch eine
+Rede zu hören«.
+
+»Wir sind dem Spiegel zu vielem Dank verpflichtet«, fuhr Lamberg fort;
+»wer von uns kann ihn von nun ab in die Hand nehmen, ohne eine Fülle von
+Gesichten und Gestalten in ihm zu erblicken? Seine Scheibe, wie tief und
+wie seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. Sie ist
+matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und Männer, Tiere, Schiffe
+und Häuser, Seefahrer und Landflüchtige, Ritter und Knechte, Bürger und
+Bauern, Eroberer und Künstler, Liebende und Verbrecher, Sonderlinge und
+Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler und Dulder, der Zufall, der
+Traum und das Wunder, alles das ist in ihr. Keiner von uns, die wir dies
+Gewebe von Schicksalen gesponnen haben, war bemüht, den Partner zu
+übertreffen, ja, nicht einmal von einem Wetteifer war die Rede. Es war
+kein Werben, es war ein Verschenken. Und wir sprechen Ihnen, Heinrich,
+den Spiegel zu, weil Sie am meisten geschenkt haben, aus Ihrem eigenen
+Innern geschenkt. Das wollte ich noch sagen, und damit ist auch mein
+Bedürfnis nach Feierlichkeit im Grunde schon befriedigt.«
+
+Cajetan und der Fürst klatschten Beifall, Hadwiger blieb mit gesenktem
+Kopf stehen. Lamberg schritt zur Türe und drückte auf den elektrischen
+Knopf, um von Emil den Spiegel heraufholen zu lassen. Der Fürst
+verabschiedete sich indessen von Franziska. Sie sprachen mit leiser
+Stimme. Da der Diener nicht kam, läutete Lamberg noch einmal, und als
+auch dies vergeblich war, öffnete er ungehalten die Türe, um zu rufen.
+Nun erschien an Emils Statt die Köchin und teilte ihrem Herrn ziemlich
+erregt mit, der Affe sei entflohen und Emil verfolge ihn. »Entflohen? es
+ist ja Nacht«, erwiderte Lamberg und begann die verwirrte Person
+auszuforschen. Es stellte sich heraus, daß Quäcola schon am Nachmittag,
+um die Zeit, da der Fürst gekommen, den goldenen Spiegel aus dem
+Speisezimmer entwendet hatte und damit verschwunden war. Emil sei sehr
+aufgebracht gewesen und habe das Tier im ganzen Haus gesucht, in allen
+Zimmern, im Keller, auf dem Dachboden, zwei Stunden lang und ohne eine
+Spur von ihm zu finden. Schließlich sei er auf den Balkon
+hinausgetreten, und da sei nun Quäcola in einem Winkel ganz
+zusammengekauert unterm Efeu gesessen, mit einem Radmantel bedeckt, den
+er ebenfalls gestohlen, und den Spiegel in der Pfote. Emil habe
+versucht, ihm den Raub zu entreißen, doch der Affe habe ihn bösartig
+angeknurrt und sich überhaupt so betragen, daß man sich habe fürchten
+müssen. Da habe Emil die Peitsche geholt und habe die widerspenstige
+Bestie geschlagen. Quäcola habe wütend gefaucht, sich über das Geländer
+geschwungen, sei an dem Baumstamm vor dem Haus hinabgeklettert und gegen
+den Wald hinauf gerannt. Und Emil sei nun hinter ihm her.
+
+»Jetzt? in der Finsternis? im Wald?« fragte Lamberg erstaunt. Die
+Freunde, Franziska und der Fürst hatten dem Bericht mit Neugier und
+Verwunderung gelauscht. Man hielt Rat, was zu tun sei, und Lamberg
+meinte, es sei das Beste, wenn er selbst gehe, um den Flüchtling
+heimzulocken, dieser idiotische Emil habe nicht so viel Grütze im Kopf,
+um ein unschuldiges Tier harmlos zu fassen. Die andern erklärten sich
+bereit, ihm beizustehen. Fürst Siegmund äußerte lächelnd sein Bedauern
+über den Zwischenfall; er fragte, ob er Leute herüberschicken solle, die
+mit Fackeln den Wald absuchen könnten; Lamberg dankte und antwortete, er
+hoffe, daß Quäcola den Aufenthalt unter den feuchten Bäumen von selbst
+unbehaglich finden und zum Gehorsam zurückkehren werde. Voll
+Herzlichkeit drückte der Fürst allen die Hand und ging.
+
+Mit Laternen versehen, machten sich Lamberg und die drei Freunde auf den
+Weg. Als sie sich fünfzig Schritte oberhalb der Villa befanden, kam
+ihnen Emil aus dem dunkeln Forst entgegen. Er war ohne Hut oder Mütze
+und keuchte erschöpft. In der Hand trug er eine Fuhrmannspeitsche, deren
+Schnur an den Stiel gebunden war, augenscheinlich zu dem Zweck, um sie
+als Lasso benutzen zu können. Lamberg hob die Laterne gegen das Gesicht
+des Dieners, und er sah, daß es voller Blut war; Zweige und Buschwerk
+hatten ihm die Haut zerrissen. »Sie haben das Tier nicht gefunden?«
+fragte Lamberg. Der unglückliche Mensch konnte nicht reden, er zuckte
+verzweifelt die Achseln. »Und Sie wissen genau, daß Quäcola den Spiegel
+bei sich gehabt hatte, als er entwischte?« Emil nickte. »Das ist es ja
+eben«, stammelte er, »das ist ja die Niedertracht; er wollte mich in
+Schuld bringen, er wollte mich dem gnädigen Herrn verhaßt machen. Die
+Herren müssen das begreifen«, wandte er sich aufgeregt und fast
+schreiend an die Freunde, »der Schabernak war auf mich gemünzt, mich
+wollte das Vieh verderben ...«
+
+»Bis wohin haben Sie ihn verfolgt?« unterbrach Lamberg mit Unwillen den
+sich ausbreitenden Redeschwall.
+
+»Bis an die Trisselwand hinüber«, erwiderte der Diener zaghaft.
+
+»So weit?« rief Cajetan betroffen; »dann ist unsere nächtliche
+Unternehmung aussichtslos. Warten wir den morgigen Tag ab.«
+
+Trotzdem Lamberg das Vergebliche der Nachforschung zugab, wollte er noch
+einen Gang in den Wald tun. Er rief den Namen Quäcola hundertmal, und
+ein sanftes Echo antwortete ihm aus der Einsamkeit des Gebirges. Auch
+pfiff er, wie er gewohnt war, wenn er den Affen zur Gesellschaft zu
+haben wünschte. Nach einer halben Stunde kehrte er enttäuscht um und
+löschte am Waldrand die Laterne, da inzwischen der Mond aufgestiegen
+war. Sehr verspätet nahmen die Villenbewohner das Abendessen und es
+wurde nur wenig gesprochen. Lamberg war verstimmt, Franziska müde, die
+andern überließen sich ihren Betrachtungen. Der Diener hatte sich zu
+Bett begeben müssen; bei der Jagd im nassen Wald hatte er sich erkältet,
+und ein Fieberfrost schüttelte den armen Affenhasser.
+
+Am andern Morgen, nach weitläufigem Marsch über Waldpfade und
+Felsensteige entdeckten die Freunde den Affen. Er lag am Ufer des Sees,
+der Unterkörper im Wasser, der braunbehaarte Kopf zerschmettert auf
+einem Stein. Die Situation erlaubte keinen Zweifel darüber, daß er sich
+oben in den Felsen verirrt und an der überhängenden Wand herabgestürzt
+war. Lamberg setzte sich an die Seite des Leichnams und sagte: »Schaut
+doch nur sein verzogenes Gesicht an, da ist irgend ein menschlicher
+Kummer drinnen und eine menschliche Angst. Bedauernswerter Quäcola! Auch
+du hast unter der Dummheit leiden müssen, auch aus dir hat sie einen
+Märtyrer gemacht. Deine roten Höschen und dein blauer Frack sehen
+närrischer aus als du selber warst; du warst ein Sokrates unter den
+Affen, und wer weiß, was für erhabene Regungen deine Schimpansen-Seele
+beherbergt hat.«
+
+Borsati und Cajetan lächelten, Hadwiger schüttelte verwundert den Kopf.
+
+Der goldene Spiegel war und blieb verloren. Lamberg ließ die ganze
+Gegend durch Scharen von Bauernkindern absuchen, doch ohne Erfolg. Es
+mußte angenommen werden, daß während seines Sturzes dem Affen der
+Spiegel entglitten und in den See gefallen war, der an dieser Uferstelle
+sich zu einer steilen Tiefe senkte. So wurde die schöne Kostbarkeit dem
+Bestand menschlicher Schätze für immer geraubt.
+
+Hadwiger und Franziska reisten noch an demselben Abend in die Stadt
+zurück, Cajetan und Borsati erst zwei Tage darnach.
+
+
+Es steht ein kleines Landhaus in einem Garten, der zwischen Weinbergen
+sein herbstliches Laub aufflammen läßt. Es ist ein später Nachmittag,
+und die Hügel flimmern im nebligen Sonnenlicht. Aus dem Hause tönt eine
+leidenschaftlich klagende Mazurka von Chopin; am Gitter lehnen zwei
+lauschende Menschen, ein Mann und eine Frau, die einander die Hand
+gegeben haben. Und drinnen im halbdunklen Gemach liegt Franziska;
+Hadwiger, das Gesicht in die Dämmerung des Raums gewandt, blickt vom
+umleuchteten Fenster aus nach ihr hin. Sie muß sterben, die
+Liebreizende. Er weiß es. Ihm ist, als hätte sie stets vergeblich auf
+ihn gewartet und er vergeblich sie zu erreichen gestrebt. Vorüber, ach
+vorüber! Sie aber empfindet die Stunde voll, nicht nur wegen der Musik,
+die aus dem Nachbarzimmer klingt, – es ist, wie wenn ein Namenloser sie
+spielte, – sondern auch wegen der Musik, die harmonisch ihrem Innern
+entquillt. Denn es ist ihr bewußt, daß sie ihr Leben in Wahrheit zu Ende
+gelebt hat; so bis an den letzten Rand, daß es nur eines leichten
+Hinüberbeugens bedarf, und das Herz hört auf zu schlagen gleich einer
+Uhr, die nicht mehr tickt, weil die Ewigkeit beginnt. Auch ist ihr
+bewußt, daß manche trauern werden, denen sie viel gewesen ist, und
+einige weinen werden, die sie geliebt haben.
+
+
+ _Ende_
+
+
+Begonnen: April 1907 Beendet: Mai 1911
+
+
+
+
+_Werke von Jakob Wassermann_
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet 4 Mark, in
+Leinen 5 Mark.
+
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+
+Roman. Elfte Auflage. Geheftet 6 Mark, in Leinen 7 Mark 50 Pfennig.
+
+
+Der Moloch
+
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet 4 Mark, in
+Leinen 5 Mark.
+
+
+Der niegeküßte Mund – Hilperich
+
+Novellistische Studien. Geheftet 2 Mark, in Leinen 3 Mark.
+
+
+Alexander in Babylon
+
+Roman. Dritte Auflage. Geheftet 3 Mark 50 Pfennig, in Leinen 4 Mark 50
+Pfennig, in Leder 6 Mark.
+
+
+Die Schwestern
+
+Drei Novellen. Dritte Auflage. Geheftet 2 Mark, in Halbleder 3 Mark, in
+Leder 4 Mark.
+
+
+Die Masken Erwin Reiners
+
+Roman. Siebente Auflage. Geheftet 5 Mark, in Leinen 6 Mark.
+
+
+Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens
+
+Roman. Neunte Aufl. (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.)
+
+
+_S. Fischer, Verlag * Berlin_
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+
+Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, Jakob
+Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman »Die Juden von
+Zirndorf« in einer neu bearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der die
+Kürzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwürdiger Roman,
+diese »Juden von Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen
+Glaubensgenossen und über das Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere
+und zutreffendere Dinge gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die
+besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst
+verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst
+nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke,
+jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in
+dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, welches eine mit dem
+Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte
+Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende
+poetische Leistung gelungen ist.
+
+(Neue Zürcher Zeitung)
+
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+
+Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der
+Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die
+alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal,
+ihr Frauenschicksal, erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. –
+Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so
+interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.
+
+(Die Zukunft)
+
+
+Der Moloch
+
+Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die ernste Idee, die ihm zugrunde
+liegt, bedeutend durch die psychologische und gestaltende Kunst, mit der
+Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten, lebensvollen
+Gemälde gestaltet hat!... Man kann schon aus dieser gedrängten
+Inhaltsangabe ersehen, daß es sich hier vorwiegend um ein
+psychologisches Problem handelt; der Verfasser hat dieses Problem in der
+Tat auch vollständig, seinem Wesen entsprechend, psychologisch
+behandelt, und zwar in geradezu bewundernswerter Weise. Ja, so groß ist
+des Autors Kunst seelischer Schilderung, daß der Leser alle die Vorgänge
+mitzuerleben glaubt und sie in Wahrheit mitempfindet.
+
+(Berner Bund)
+
+
+Der niegeküßte Mund – Hilperich
+
+In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als
+respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer
+so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen
+Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist
+ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in
+den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie
+fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten,
+Ausführung und Andeutung zueinander stehen – alles das verrät einen in
+Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. In
+dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, daß
+man sie verschweigen darf und erklären: der künstlerisch Genießende, der
+Kenner, wird hier sein volles Genügen finden.
+
+(Die Zeit, Wien)
+
+
+Alexander in Babylon
+
+Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders
+Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt,
+dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit
+ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr
+ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende
+Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch
+pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk,
+sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum
+genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern schönsten
+deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen
+zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und
+beseelt.
+
+(Neue Freie Presse, Wien)
+
+
+Die Schwestern
+
+Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen,
+unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht,
+ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem
+Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus
+dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen.
+Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir sonst an unserem
+Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues
+Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen?
+Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwärmerei ist
+das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum,
+von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt.
+
+(Hannoverscher Kurier)
+
+
+Die Masken Erwin Reiners
+
+Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen
+Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles
+Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen
+Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal
+unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine
+Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman,
+die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.
+
+(Westermanns Monatshefte)
+
+Wassermanns Künstlertum wird immer geklärter und reifer. Der klangvolle
+Fluß der Sätze, einer altgoethischen Prosa, hat in den »Masken Erwin
+Reiners« eine souveräne Kraft und Freiheit. Die Linie der Handlung
+erhebt sich planvoll und unverwirrt, wie noch in keinem Buche
+Wassermanns.
+
+(Die Zeit, Wien)
+
+
+Druck von Poeschel & Trepte in Leipzig
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1912 bei S. Fischer erschienenen achten Auflage erstellt.
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand
+sich ursprünglich am Buchende.
+
+[Widmung]: And yet my songs comes native -> song
+p 039: chmierte -> schmierte
+p 040: ließen sie sich nieder und beten -> beteten
+p 063: von morens bis abends -> morgens
+p 063: beschwatzte er Freunde und Bekannten -> Bekannte
+p 064: mit Feuer angefülllt sei -> angefüllt
+p 109: [Anführungszeichen ergänzt] wen haben Sie im Verdacht?«
+p 136: [Trennung] die als Schall-loch diente. -> Schalloch
+p 155: Wenn du ehrlich bist, muß du -> mußt
+p 185: erinnnert mich an ein Abenteuer -> erinnert
+p 206: wie eine Magnetnagel -> Magnetnadel
+p 219: Gruß lächend dankte -> lächelnd
+p 221: Einundzwanzig Jahre waren verfloßen -> verflossen
+p 224/225: [Trennung] Inzwischen faul-lenzte er -> faulenzte
+p 232: [Anführungszeichen] äußerte er: »Ich habe ...«-> ›Ich habe ...‹
+p 246: Herr von Wrech lies sich nicht beirren -> ließ
+p 253: ließ er den Hernhuter vor -> Herrnhuter
+p 274: so dünkt es es mich -> dünkt es mich
+p 310: nicht um eine Uberwinterung -> Überwinterung
+p 316: bewegten sich von Südost noch Südwest -> nach
+p 324: etwas von einer Spiegesung -> Spiegelung
+p 324: als Sie lelbst im Augenblick denken -> selbst
+p 335: [Punkt ergänzt] durch pragmatische Verwicklungen.
+p 336: [Punkt ergänzt] zum realen Leben datieren.
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
+wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the eighth
+edition published in 1912 by S. Fischer. The table below lists all
+corrections applied to the original text. The Table of Contents was
+moved from the back of the book to the front.
+
+[Widmung]: And yet my songs comes native -> song
+p 039: chmierte -> schmierte
+p 040: ließen sie sich nieder und beten -> beteten
+p 063: von morens bis abends -> morgens
+p 063: beschwatzte er Freunde und Bekannten -> Bekannte
+p 064: mit Feuer angefülllt sei -> angefüllt
+p 109: [added quotes] wen haben Sie im Verdacht?«
+p 136: [hyphenation] die als Schall-loch diente. -> Schalloch
+p 155: Wenn du ehrlich bist, muß du -> mußt
+p 185: erinnnert mich an ein Abenteuer -> erinnert
+p 206: wie eine Magnetnagel -> Magnetnadel
+p 219: Gruß lächend dankte -> lächelnd
+p 221: Einundzwanzig Jahre waren verfloßen -> verflossen
+p 224/225: [hyphenation] Inzwischen faul-lenzte er -> faulenzte
+p 232: [nested quotes] äußerte er: »Ich habe ... «-> ›Ich habe ... ‹
+p 246: Herr von Wrech lies sich nicht beirren -> ließ
+p 253: ließ er den Hernhuter vor -> Herrnhuter
+p 274: so dünkt es es mich -> dünkt es mich
+p 310: nicht um eine Uberwinterung -> Überwinterung
+p 316: bewegten sich von Südost noch Südwest -> nach
+p 324: etwas von einer Spiegesung -> Spiegelung
+p 324: als Sie lelbst im Augenblick denken -> selbst
+p 335: [added period] durch pragmatische Verwicklungen.
+p 336: [added period] zum realen Leben datieren.
+
+The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
+been maintained.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der goldene Spiegel, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL ***
+
+***** This file should be named 19611-0.txt or 19611-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/9/6/1/19611/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+http://gutenberg.org/license).
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+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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